Kategorie: Kurt Ganser

Wörterbuch: L wie Luft

An dem Geländer der Terrasse, von der aus man einen Blick in den Park hatte, blühten üppige Büsche von Flieder und Akazien; schräge Sonnenstrahlen zuckten durch das dichte Laub und durchwebten die Luft mit seinen, goldenen Bändern. Phantastische Schattenbilder huschten auf dem Tische, der mit Delikatessen ländlicher Kochkunst bedeckt war. Die Luft war durchdrungen von dem Duft der feuchten, sonnendurchwärmten Erde, von Lindenblüten und Flieder. Im Park zwitscherten laut die Vögel; hie und da flog eine Bremse oder eine Biene heran und summte emsig besorgt um den Tisch; dann schlug die Frau mit ihrer Serviette in die Luft und verscheuchte die Kühne in den Park hinaus.

Wörterbuch: Q wie Burg Querfurt & Gebhard XIV.

Flodiho = Florian Hoffmann - Eigenes Werk Grabtumba Gebhards XIV. von Querfurt in der Burgkirche der Burg Querfurt
c Flodiho = Florian Hoffmann – Grabtumba Gebhards XIV. von Querfurt in der Burgkirche der Burg Querfurt – CC BY 3.0 – Quelle: wikipedia

 

Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch

Zu Querfurt saß ein Graf des Namens Gebhard, dessen Bruder war der heilige Bruno, der Apostel der heidnischen Preußen nächst dem heiligen Adalbert. Graf Gebhard war ein strenger und ernster Herr, starren Kopfes und raschen Handelns. Da er nun einmal eine Zeitlang aus seiner Herrschaft abwesend war, gebar ihm seine Gemahlin, eine edle Sachsin, auf dem Hause Querfurt auf einmal neun Kindlein. Über so reichen Segen erschraken sie und ihre Frauen nicht wenig und getrösteten sich von dem Grafen und Herrn nichts Guten, denn er war gar wunderlich und hatte schon zum öftern sich ungünstig über Frauen geäußert, die mehr als ein Kind, etwa zwei oder drei, zugleich geboren, nun vollends dreimal drei, das dürfte ihm schier allzu viel dünken und nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheinen. Wurden daher untereinander Rates, eines der Kindlein, das erste und stärkste, zu behalten und die acht übrigen beiseitezuschaffen, und ward einer der dienenden Frauen befohlen, die acht Kindlein in einem Kessel hinwegzutragen und den Kessel, mit Steinen beschwert, in den nahen Schloßteich zu senken. Dieser Trägerin begegnete der heilige Bruno, welcher damals in Querfurt lebte und in früher Morgenstunde bei einem schönen Quellbrunnen auf- und abwandelte und sein Gebet sprach, und da er ein Kindlein winseln hörte, fragte er, was sie trüge. Das Weib erschrak und sprach: Junge Welflin (Hündchen) – und wollte rasch vorübereilen, allein Bruno nötigte sie, den Mantel von dem Kessel aufzurücken, und sah die acht Kindlein und zwang der Frau das Geständnis ab, wem sie gehörten, die ihm nun auch die ganze Wahrheit sagte. Bruno legte ihr tiefes Schweigen auf, selbst gegen die Mutter, taufte in dem kupfernen Kessel, darin die Kindlein lagen, dieselben an dem Quellbrunnen und nannte sie insgesamt Bruno nach sich selbst, dann brachte er sie unter bei guten treuen Leuten zur Pflege und Auferziehung und hielt alles tief geheim, bis die Zeit kam, da er wieder gen Preußen zu ziehen gedachte. Der aufbehaltene neunte Knabe wurde Burkhart genannt und ward Hernachmals der Großvater Kaiser Lothars. Da nun Bruno aus dem Lande zu ziehen im Begriff stand, offenbarte er seinem Bruder das Geheimnis und nahm ihm das Versprechen ab, seiner Gemahlin jene frevelnde Tat nicht entgelten zu lassen, die nichts anderes wisse, als daß die Kindlein tot seien, und die Jahre her stets tiefe Reue und schmerzliche Betrübnis darob empfunden. Dann ließ er die acht Knäblein, eines gekleidet wie das andere, in das Schloß bringen und stellte sie den Eltern vor, da sahen sie wohl an Gestalt und Gebärden, daß sie des neunten rechte Brüderlein, und war Leid und Freud beieinander. Doch ließ Graf Gebhard seine Gemahlin nicht ganz ohne Strafe. Er ließ ihr ein Paar neue Schuhe machen, nicht von Leder, sondern von Eisen, und dieses Eisen ließ er glühend machen, und solche rote Schuhe mußte die Frau Gräfin auf eine Zeit anziehen, darum, daß sie in den kindermörderischen Rat eingewilligt. Selbige Schuhe, wie jenen Taufkessel zeigt man noch in der Kirche zu Querfurt, der Quellbrunnen wird noch heute der Brunsborn genannt, und der Teich, dahinein die Welflin gesenkt werden sollten, heißt noch bis diesen Tag der Wölfenteich.

In der Lauterburg bei Querfurt geht noch ein Spuk um, das Schlüsselweibchen genannt.

trennlinie2Gebhard XIV. von Querfurt (* zwischen 1310 und 1320; † 1383) war der Sohn von Bruno III. von Querfurt (* 1280) und Mathilde von Honstein (* 1285). Gebhard XIV. war Burgherr von Querfurt von 1356 bis 1383. Zusammen mit seinem Sohn Bruno V. von Querfurt übereignete er dem Kloster Reihnsdorf zahlreiche Einkünfte.

Die Tumba (Grabmal) des Gebhard XIV. von Querfurt

Das Grabmal des Gebhard XIV. findet sich in der Grabkapelle (aus dem 14. Jh.) der Burgkirche auf Burg Querfurt. Als skulpturales Meisterwerk wurde die Tumba im späten 14. Jahrhundert von böhmisch geprägten Bildhauern gearbeitet. Die Inschrift auf der Deckplatte der Tumba lautet:

Anno domini m. ccc. LXXXIII in nocte S. Katerinae obiit gebeard nobilis Dominus in quernfurt cuius anima requiescat in pace / Amen. Qui augmentavit Dominium Quernfurdensium cum munitionibus & castris Supra Scriptis: / Primo cum castro & oppido Quernfurt; quod / fuerat alienatum a Dominio Quernfurdensi Pluribus annis. Quod reobtinavit cum filia Domini Burckardti Domini de Mansfeldt tandem eruit Castra subscipta Karsdorff, Alstedt, Scheidingen, Carpenaw, Steinburg, Voxstedt cum eorum / attinentiis. Insuper eruit multa alia bona Villas, Census, Decimas, dotavit Altaria, & dilexit Pacem tenens. Ideo eius Anima / requiescat cum Christo in coelis / Amen.

Wörterbuch: O wie Orkan

river-1028779_1280_McLac2000trennlinie2Erinnerst du dich, wie ich dich in furchtbaren Stürmen durch den Urwald trug? Der Himmel schien auf uns niederzustürzen – um uns tanzten grüne Reifen von Blitzen, mächtige Äste der Kokospalmen barsten mit dem Krachen und Schreck einfallender Gewölbe und verlegten uns den Weg mit einer immer höher anwachsenden Mauer, ab und zu zerspaltete der Blitz einen tausendjährigen Stamm, so daß die Scheite um den Wurzelboden sich rings neigten und zu Boden fielen wie riesige Blätter von dem Kelch einer welkenden Blume. Der Orkan warf uns hoch und wieder zu Boden, wir stolperten, fielen, schlugen uns wund an den Bäumen, aber ich riß mich wieder auf, fiel, kroch auf den Knien weiter, kletterte über die Haufen gebrochener Äste, über die toten Leiber der Urbäume, aber ich ging, denn ich trug dich auf meinen Armen, und das Gewitter des Verlangens, das in mir tobte, war stärker als alle Gewitter, die jungfräuliche Urwälder vom Boden wegfegen.

Sie antwortete nichts.

 

 

Wörterbuch: H wie Holz Ω Verwirrspiel um Cockboat – Kamel und das Boot des Mannes

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Er verleugnete schamlos den Genossen seines Mißgeschicks und stieß vom algerischen Boden ab. Das Kamel beschnupperte das Wasser, dann streckte es seinen Hals weit aus, reckte und dehnte sich und sprang hinter der Barke ins Wasser und schwamm wie ein Beiboot auf den »Zuaven« zu. Sein Höcker glich einem im Wasser treibenden Flaschenkürbis und der lange Hals einem Schiffsschnabel.
Textfragment von Alphonse Daudet

Wörterbuch: J wie ♠ Emil, mir juckt ’se ♠

Emil, mir juckt ’se

Ein süßes Kind, ’ne hübsche Puppe
nennt mich mein Emil jeden Tag.
Doch ab und zu hab‘ ich auch Mucken,
das ist für ihn dann eine Plag;
denn ich bin mächtig abergläubisch,
und hab‘ ich nachts einmal geträumt,
so will ich wissen gleich einstweilig
von ihm die Deutung ungesäumt.
Und wenn mir’s juckt mal in der Hand,
dann komm‘ ich gleich gerannt –
und ist’s die Linke noch dazu,
quäl‘ ich ihn ohne Ruh:

„Emil, mir juckt se,
jetzt diesen Augenblick!
Emil, mir juckt se,
ja – das bedeutet Glück!
Emil, mir juckt se,
was kann denn das bloß sein?
Ich glaub‘ mir schenkt heut‘ einer was,
ach Emil, das wär‘ fein!“

Doch nicht nur Links fühl‘ ich das Jucken,
auch Rechts spür‘ ich zu mancher Zeit:
Die rechte Hand tut mir dann jucken,
wenn ich mal komm‘ in einen Streit.
Erst kürzlich war ich im Gezeter,
mein Emil der kam später zu.
Da sprach ich: „Schau‘ mal an, da steht er,
der Kerl läßt mich nicht in Ruh –
spricht mich hier auf der Straße an,
an den, da geh‘ ich ran!“
Mein Emil sprach: „Sein ruhig bloß!“
doch ich geh‘ auf ihn los:

„Emil, mir juckt se,
der Kerl kriegt was ab!
Emil, mir juckt se,
der kriegt was, nicht zu knapp!
Emil, mir juckt se,
bei dem hilft Wichse nur!
Haust du ihn nicht, dann tue ich’s:
Dem komm ick auf die Spur!

Wir schwärmen beide für das Grüne,
und kommt die schöne Sommerszeit,
dann singt das Vöglein, summt die Biene,
da freu’n wir uns an Flur und Heid‘.
Doch können wir uns nie erquicken,
denn hinter mir sind – wie gebannt –
stets immer die verflixten Mücken,
zerstechen mir die ganze Hand!
Erst jüngst war’n wir im Wald allein,
es war so still und traut.
Wir küßten uns im Mondenschein,
da rief ich plötzlich laut:
„Auuu!

Emil! Mir juckt se!
O weh! Ein Mückenstich!
Emil! Mir juckt se!
Ist das nicht fürchterlich?
Emil! Mir juckt se!
Wie scheußlich ich das find‘!
Und gerade muß mir das passier’n,
wenn wir im Walde sind!“

trennlinie2Interpretiert u.a.Grete Wiedecke

Berliner Couplet anno 1908 – Text: R. Seel

Wörterbuch: S wie Satans Kartenpiel

Hans Holbein der Jüngere - 1538 - Tanz des Todes
Hans Holbein der Jüngere – 1538 – Tanz des Todes

In Satans Kartenspiel liegen die Karten des Fluchs und der Zerstörung Kante an Kante der Vollendung. Nur die Liebe fehlt.  – Versteht er, dass er darum vielen Menschen zum Schicksal wurde? Für den einen wurde er zum Gottersatz. Für den anderen stellte er eine verpflichtende Beziehung.

O.Simon

Wörterbuch -H wie Heinrich Himmler über Marschall Tito (Josip Broz Tito)

Fundstück bei den Recherchen zu einem Bericht über Josip Broz Tito:

Josip Broz Tito
Josip Broz Tito

Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel von Ausdauer nennen: die Ausdauer des Marschall Tito…Leider ist er unser Gegner. Den Marschalltitel hat er wirklich verdient. Wenn wir ihn jedoch erwischen, werden wir ihn auf der Stelle hinrichten. Er ist unser Feind, doch wäre ich froh, wir hätten in Deutschland ein Dutzend Titos, Männer mit solchen Führungsqualitäten, dieser Entschlossenheit und so guten Nerven, die sich nie ergeben, auch wenn sie völlig eingekreist sind.

Vor deutschen Offizieren, 1944

Besondere Anmerkung: mein Bekannter vom Archiv merkt dazu an; er überlege sich, wie dies in der Öffentlichkeit ankäme, würde dies ein amerikanischer Präsident zu einem Amtskollegen aus einem der „Schurkenstatten“ sagen….Besondere Anmerkung 2: ich hatte postwendend Lust auf eine Weißweinschorle bei Jacques…..