Kategorie: Romantik

Georg Heym ¦ Ophelia

Georg Heym ¦ Ophelia

Hughes Arthur - Ophelia -  Illustration zu William-Shakespeares-"Hamlet" 1852
Hughes Arthur – Ophelia – Illustration zu William-Shakespeares „Hamlet“ – 1852

I

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.

II

Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
trennlinie2Aus: Georg Heym – Dichtungen – 1969 – Verlag Philipp Reclam jun.

Bartholomäus Spranger • Venus und Merkur verbinden Amor die Augen • 1597

Venus und Merkur verbinden Amor die Augen - Spranger, Bartholomäus (1546-1611) - 1597 Ohne räumlichen Abstand sind die drei Figuren Venus, Amor und Merkur dem Betrachter gegenübergestellt. Die Liebesgöttin Venus und der Himmelsbote Merkur versuchen, dem sich verzweifelt wehrenden Amor eine Augenbinde anzulegen. Die rechts dargestellte Venus sucht dabei den Amorknaben zwischen ihren Beinen festzuhalten, während im Hintergrund Merkur - deutlich durch seinen Flügelhut ausgewiesen - ihn mit seiner rechten Hand am Fliehen hindert. Seine linke Hand, in der er den Heroldsstab hält, stützt sich auf die rechte Schulter der Venus. Der Bildausschnitt ist bei dieser Komposition knapp gewählt; die Bildbegrenzung schneidet die Halbfiguren stark an. Venus und Merkur versuchen, dem sich wehrenden Amor die Augen zu verbinden. Sie wollen dadurch sein unbeherrschtes Liebestreiben bändigen. Typisch für die Werke am Hof Rudolfs II. ist eine Vorliebe für mythologische Szenen gespickt mit pikanter Erotik.
Venus und Merkur verbinden Amor die Augen – Spranger, Bartholomäus (1546-1611) – 1597
Ohne räumlichen Abstand sind die drei Figuren Venus, Amor und Merkur dem Betrachter gegenübergestellt. Die Liebesgöttin Venus und der Himmelsbote Merkur versuchen, dem sich verzweifelt wehrenden Amor eine Augenbinde anzulegen. Die rechts dargestellte Venus sucht dabei den Amorknaben zwischen ihren Beinen festzuhalten, während im Hintergrund Merkur – deutlich durch seinen Flügelhut ausgewiesen – ihn mit seiner rechten Hand am Fliehen hindert. Seine linke Hand, in der er den Heroldsstab hält, stützt sich auf die rechte Schulter der Venus. Der Bildausschnitt ist bei dieser Komposition knapp gewählt; die Bildbegrenzung schneidet die Halbfiguren stark an.
Venus und Merkur versuchen, dem sich wehrenden Amor die Augen zu verbinden. Sie wollen dadurch sein unbeherrschtes Liebestreiben bändigen. Typisch für die Werke am Hof Rudolfs II. ist eine Vorliebe für mythologische Szenen gespickt mit pikanter Erotik.

 

Johann Heinrich Füssli & Emil M. Cioran • Die süße Melancholie

Füssli, Johann Heinrich - Das Schweigen
Johann Heinrich Füssli – Das Schweigen – Entstehung:   1799–1801 –  Öl auf Leinwand –  Zürich / Kunsthaus – Epoche: Romantik 

trennlinie640„Das Mißverhältnis zwischen der Unendlichkeit der Welt und der Endlichkeit des Menschen ist ein ernster Grund zur Verzweiflung; betrachtet man es indessen aus einer traumhaften Perspektive, wie sie in den melancholischen Zuständen vorkommt, so hört es auf, marternd zu sein, und die Welt erglänzt in unheimlicher und krankhafter Schönheit. … Die Welt wird als 11 Schauspiel betrachtet und der Mensch als Zuschauer, der dem Verlauf gewisser Aspekte passiv beiwohnt.“ • Emil M. Cioran [rumänischer Philosoph und einer der bedeutenden Aphoristiker]