Kategorie: Buchkunst

Umschlag zu Berlin-Alexanderplatz | Alfred Döblin

Alle Berlin-Romane verblassen immer noch vor dem Werk eines Ostberliner Nervenarztes , Sohn eines kleinen Stettiner Schneiders: Berlin-Alexanderplatz von Alfred Döblin. Es ist große, anspruchsvolle Literatur, in vielen seiner Mittel – dem inneren Monolog, der Allgegenwärtigkeit der Stadtheit in Gestalt ihrer Ladenschilder und Reklame-Inschriften – nicht ohne James Joyce und seien Ulysses denkbar, aber dann wieder urberlinerisch und in vieler Hinsicht menschlicher, herzbewegender als das mythologische Dublin-Panorama des Iren. Von den vielen anderen Büchern des aus der Emigration als französischer Kulturoffizier und Zeitschriftenherausgeber zurückkehrenden Döblin hat keines den Erfolg jener Geschichte von Franz Biberkopf erreicht, obgleich manche Kenner seine Ausflüge in ein mythisches China oder Babylon oder gar in das utopische dritte Jahrtausend von Berge, Meere und Giganten noch höher schätzen.

Umschlagzeichnung zu dem buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter
Umschlagzeichnung zu dem Buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter

Philosophie | Plato und die Musen

Sokrates und Plato. Frontispiz von «Prognostika Sokratis basilei». Ein englisches Wahrsagebuch aus dem 13.Jahrhundert. Wahrscheinlich das Werk von Matthew Paris. Bodleian Library, Oxford. MS. Ashmole 304, fol. 31 v.

***

Plato hat nicht nur eine der schönsten Verherrlichungen der Musen geschrieben, sondern ihnen auch eine der grundsätzlichsten Absagen erteilt. Was der junge Plato liebens- und lobenswert fand, verbannte der alte Plato aus seinem «Staat». Der Dichter-Philosoph lebte einen Konflikt, der eine abendländische Konstituante darstellt: der Kampf zwischen Minerva und den Musen, zwischen der Philosophie und der Dichtung, zwischen dem Begriff und dem Bild um den ersten Platz. Ein Kampf, der auch in unserer Zeit auf beiden Seiten seine Opfer forderte.

Gedanken zur Kunst | Lorenz Stöer | Geometria et Perspectiva | Eine Frage der Körperlichkeit

Künstler stehen oft vor der Frage: Wie lässt sich dreidimensionale Körperlichkeit, wie lässt sich Raum auf der zweidimensionalen Fläche, die der Zeichner zur Verfügung hat, darstellen?

Lorenz Stöer | (S)eine Antwort auf die Frage

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Dieses Blatt (Nr. 2) aus den „geometria et perspectiva“ | Holzschnitt 1556 | Kunstsammlungen der Stadt Augsburg

Jede Linie führt den blick in die Tiefe. Links vom Monogramm LS an der Unterkante des Blattes haben die beiden Richtungen, die in den raum hineinweisen, ihren Ausgangspunkt: rechts oder links an der Pyramide vorbei. Wer – links entlang – durch die Ruine oder – rechts entlang – durch die kunstvolle Phantasiekonstruktion hindurchblickt, sieht eine Landschaft, die völlig anders wirkt als die konstruierten Hürden auf dem Wege dorthin. Bis man dort ist, dient alles nur der Herstellung von Raum; man schaut an Formen schräg entlang; die Körper verdecken einander teilweise. Sie geben Durchblicke frei; sie verkürzen sich und werden immer kleiner. Sie lassen den Blick von Stufe zu Stufe springen. Selbst die Bergketten sind sorgsam voreinander aufgereiht.

Geometria et Perspectiva |Lorenz Stöer

Titel: 2
Jahr: 1567
Größe: ?
Technik: Holzschnitt
Farbe: schwarz/weiß
Motiv: Ruinenlanschaft mit Tetraeder und Ikosaeder
Bemerkungen: 2. Holzschnitt aus einer Serie von 11

Aus dem Intro der Buchausgabe

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Das Titelblatt

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Cats Medienkommentar | Lesegenuss verzweifelt gesucht

Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden
Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden

Menschen, die in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen die Zeitung oder ein Buch lesen – dieses Bild erscheint uns heute weit weg, beinah nostalgisch. Was um uns herum in der Nähe und Ferne geschieht, erfahren wir meist auf die „moderne“ Art: schnell, kurz und vor allem kostenlos, über Online-Nachrichtendienste und Smartphone-Apps. Warum dies eben der Lauf der Zeit ist und Leser sich dennoch hin und wieder die Zeit für mehr nehmen sollten.

Eines vorweg: Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich teilweise selbst ertappt. Denn auch ich gehöre zu den „Digital Natives“, die Zettel und Stift im Prinzip „total retro“ finden und selten die Zeit einräumen (können), um ein Buch oder nur eine ganze Printzeitung mit anspruchsvollen Inhalten wirklich gründlich zu lesen. Sicher, gerade in der Literaturwissenschaft habe ich gelernt, viel, schnell und effektiv zu lesen, die wichtigsten Inhalte schnell herauszufiltern und argumentativ in die richtige Form für eine Klausur oder Hausarbeit zu bringen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn jeder einzelne Kurs im Semester mindestens die Kenntnis von drei Romanen verlangt (nachgeprüft durch „Text quizzes“ und „Textkenntnistests“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Veranstaltung). Pro Woche ein Buch – das ist für jemanden wie mich also keine Seltenheit gewesen. „Bulimielesen“ war angesagt – Plot, Charakterkonstellationen, stilistischer und struktureller Aufbau und vielleicht noch eine „Handlungsmessage“, die hinter dem Werk steht. Das alles innerhalb von viereinhalb Zeitstunden, oder auch drei Kursstunden, für die Prüfung am Ende des Semesters zusammengefasst, systematisch mit den nötigsten Informationen aufgearbeitet, seziert, analysiert. Ich glaube, mein „Leserekord“ im Laufe des Sprachen- und Literaturstudiums waren etwas mehr als 20 anspruchsvolle Literaturstücke jeder Art in Mutter- und Fremdsprache innerhalb eines Jahres. „Professionell“ gelesen, versteht sich (schließlich ist das Hauptjob eines jeden Geisteswissenschaftlers), nicht „einfach nur so“. Oder auch: Für die nächste Kursstunde „vorbereitet“. Wissenschaftliche Textauszüge zum jeweiligen Thema nun nicht mit eingerechnet. Was meinen persönlichen Seitenrekord während des Studiums und der Abschlussarbeiten angeht, habe ich niemals nachgezählt – wann hätte man auch die Zeit dafür gehabt. Vermutlich ist es einem auch irgendwann nicht mehr aufgefallen, wie viele Informationen das Hirn tagtäglich aus der Studienlektüre gespeichert, geordnet und archiviert hat. Dies wird Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen natürlich nicht anders ergangen sein – vielleicht nur über andere Mittel, Zugänge und Medien.

Schneller, kürzer, oberflächlicher

Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?
Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?

Wer schon einmal einen Roman mit einem tiefgründigen Thema und einer etwas komplizierteren Sprache in der Hand gehabt hat, weiß, dass viele davon alleine durch ihren Umfang von mehreren 100 Seiten bis hin zu vierstelligen Seitenzahlen mehr Zeit erfordern würden, als der durchschnittliche „Berufsleser“ zur Verfügung hat. Doch weil die Situation es erfordert (Deadlines warten nicht), wird genau jener „professionelle Leser“ alle Register ziehen, um die Prozesse rund um das Lesen zu vereinfachen, effektiver zu machen, auf eine Quintessenz zu reduzieren. Das schult einerseits die schnelle Auffassungsgabe, das strategische Denken in einem Gesamtzusammenhang und die geistige Flexibilität. Eine Kehrseite der Medaille: Wo nur ein Teil der Informationen zum Tragen kommt, geht auch viel verloren. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Die Konzentration auf einen bestimmten, vorgefertigten Fokus und darauf, dass die Verarbeitung nur auf ein Ziel hinausläuft (zum Beispiel eine Prüfung) lassen selten zu, dass wirklich viel im Langzeitgedächtnis hängen bleibt. Rückblickend kann ich mich nach fast drei Jahren nach dem Masterabschluss kaum noch an die Lerninhalte erinnern. Zumindest nicht an die, die ich mir eher „nebenbei“ aneignen musste. Der dritte, ziemlich triviale Nachteil des „Lesens auf Abruf“ liegt ebenso auf der Hand: Es macht einem hinterher einfach keinen Spaß mehr! Doch nicht nur bei Büchern zeigt sich der Trend, dass einfach weniger und oberflächlicher gelesen wird – auch Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind rückläufig. Und wenn Zeitungen oder Zeitschriften von der „breiten Masse“ abonniert werden, so behandeln sie meist recht oberflächliche Themen, „leichte Kost“, die von einem anstrengenden Lebensalltag ablenkt. Überhaupt – warum noch Printausgaben kaufen, wenn man doch die kurzen, knackigen Artikel aus dem grenzenlosen World Wide Web sogar kostenlos haben kann? In Anbetracht allgemeiner Freizeitknappheit und dabei steigendem Informationsbedarf eine berechtigte Fragestellung. Aber eine wichtige – für den Leser wie für den Medienschaffenden.

Der innere Leseschweinehund

Apps liefern alle Infos in ihrer kürzesten Form und bestimmen den Alltag der „Digital Natives“

Immer wieder häufen sich Klagen und Schlagzeilen, die auf einen Tenor hinauslaufen: Kinder und Jugendliche lesen zu wenig! Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ächzen unter Umsatzeinbußen und müssen sich entweder komplett einem Mainstream anpassen oder sich Marktnischen suchen. Auch der Buchhandel (vor allem der stationäre) klagt über Kundenschwund und Existenzschwierigkeiten. Aber sind wir hier wirklich so lesefaul, oder lesen viele, vor allem junge Menschen, einfach nur „anders“? Fest steht: Viele Kinder und Jugendliche haben keinen Spaß am Lesen ihrer Schullektüre, die meist aus umständlich geschriebenen „Klassikern“ wie Goethes „Werther“, Fontanes „Effi Briest“, Shakespeare oder Molière bestehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass diese Werke ursprünglich für intellektuelle Erwachsene geschrieben wurden – nicht für den Durchschnitt der Jugendlichen. Ich erinnere mich noch an einen Schüler in der Nachhilfestunde, der sich mit Shakespeares Early Modern English herumquälte und mich ziemlich ratlos fragte: „Wie soll ich denn irgendetwas verstehen, wenn schon die Sprache so komisch ist?“ In einem musste ich ihm recht geben: Die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten – gerade noch in einer Fremdsprache – muss dem durchschnittlichen, jugendlichen Leser nicht nur nicht zeitgemäß vorkommen, sondern auch stinklangweilig. Zumindest, wenn sie in der Schule aus Lehrplan- und Zeitgründen nur routinemäßig heruntergerattert wird und allein der Prüfungsvorbereitung dient. Ich selbst war vom Grundschulalter an zwar die die Beste, wenn es um Zahlen ging, aber dafür eine ziemliche Leseratte. Schwierige Bücher fand ich spannend und traute mich auch früh an den „Erwachsenenbücherschrank“ meiner Eltern heran. Mit 16 las ich „Jane Eyre“ auf Englisch und war beinahe ein wenig überrascht, als es mir mehr als zehn Jahre später im Masterstudium wieder begegnete und ich den Inhalt noch auswendig kannte. Vielleicht, weil ich es damals mit Vergnügen gelesen hatte – nicht, weil ich es musste oder ein Referat darüber halten musste. Das mit dem „Müssen“ ist nämlich auch immer so eine Sache, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ziele, die man vielleicht vorher noch als sportliche Herausforderung empfunden hat, werden auf einmal zu einer Art lästiger Pflicht. In meinem Fall möchte ich es mal „Analyseritis“ nennen – tatsächlich konnte ich bis nach Abgabe meiner Masterarbeit (und darüber hinaus) nur noch selten mit Genuss etwas lesen, ohne jede Seite im Kopf zu sezieren, sprachlich zu deuten und in irgendein erlerntes Schema einzuordnen. Mal „einfach so“ wieder einen Text zu lesen, ohne es mit einem Ziel zu verbinden – das musste ich nach dem Studium erst mühsam wieder lernen.

Z-Faktor: Was Zeit so wichtig macht

Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen
Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen

Egal ob Buch, Zeitschrift oder Zeitungsartikel, ob auf dem E-Reader, dem Tablet oder auf Papier, ob wissenschaftliche Aufsätze oder amüsante Satire: Texte brauchen vor allem Zeit, damit sie verstanden werden. Das ist manchmal schwer zu glauben oder auch einzusehen in einem digitalen Umfeld, das es uns erlaubt, bereits vorsortierte Nachrichtenmeldungen mithilfe einer Apps auf unseren Smartphones nur anhand von Überschrift und Textzusammenfassung durchzuscrollen. Und sicherlich haben sowohl analoge als auch digitale Formate, ob lang oder kurz, jeweils ihren ganz eigenen Wert und Charme. Für die schnelle Information zwischendurch mögen auch derartige Kurzmeldungen in Radio, Fernsehen oder auf Nachrichtenportalen ihren Zweck erfüllen. Dennoch kann dies nicht alles sein und die Neugierde auf Hintergründe, Überraschungen und spannende Details erfüllen. Denn manchmal lohnt es sich einfach, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Buch zu genießen oder sich wirklich über ein aktuelles Thema schlau zu machen. Mit dieser Kolumne möchte ich Sie – und auch mich selbst – dazu anregen, der Freude am Lesen wieder mehr Beachtung zu schenken. Immerhin: Wenn Sie diese Kolumne wirklich aufmerksam bis zum Ende gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt getan. Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben – und den Respekt, den Sie damit jedes Mal dem Autor erweisen.

Karl Kraus • Der Reim • Ein Essay über das Dichten

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden. 

Illustration: Idearriba
Illustration: Idearriba

Die Paarung ist vollzogen.

Zwei werden eins im Verständnis, und die Bindung, welche Gedicht heißt, ist so für alles, was noch folgen kann, zu spüren wie für alles, was vorherging; im Reim ist sie beschlossen. Landen und einverstanden: aus der Wortumgebung strömt es den zwei Gedanken zu, sie ans gemeinsame Ufer treibend. Kräfte sind es, die zu einander wollen, und münden im Reim wie im Kuß. Aber er war ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie an und gab ihnen das Vermögen, zu einander zu wollen, zu ihm selbst zu können. Er ist der Einklang, sie zusammenzuschließen, er bringt die Sphären, denen sie zugehören, zur vollkommenen Deckung. So wird er in Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, daß jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, daß sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, daß sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ist diese Möglichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten Kriteriums der »Reinheit« waltet, ja vor der solche Ansprüche überhaupt nicht geltend gemacht werden könnten. Denn nicht das Richtmaß der Form, sondern das der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare-Schlegel’schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedankenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dargestellten Sphären ihren gültigen Ausdruck findet. Der ganzen Darstellung förmlich entwunden, dem gegenseitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem Schöpfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen Region des Ausdrucks als das äußerliche Spiel, das er etwa in einer dürftigen Calderon-Übersetzung oder gar in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Notwendigkeit des Reimes muß sich in der Überwindung des Widerstands fühlbar machen, den ihm noch die nächste sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim muß geboren sein, er entspringt dem Gedankenschoß; er ist ein Geschöpf, aber er ist kein Instrument, bestimmt, einen Klang hervorzubringen, der dem Hörer etwas Gefühltes oder Gemeintes einprägsam mache. Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere theoretische Forderung als die der »Reinheit«, wiewohl dem praktischen Bedürfnis auch das notdürftigste Geklingel schon genügt. Aber selbst eine Kritik, die über den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkenntnis des Reimwesens, für die solches Niveau überhaupt nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tiefstand der Menschheit, über den sie sich mit ihrem technischen Hochflug betrügt, auf ihre dämonische Ahnungslosigkeit vor der eigenen Sprache zurückführen darf, so möchte man sich wohl von einer kulturellen Gesetzgebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hätte, die Untaten der Wortmißbraucher unter Strafsanktion zu stellen und insbesondere das Spießervergnügen an Reimereien durch die Prügelstrafe für Täter wie für Genießer gleichermaßen gefahrvoll zu machen.

Franz Seraphicus Grillparzer (1791 - 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.
Franz Seraphicus Grillparzer (1791 – 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer  Nationaldichter bezeichnet.

Entnehmen wir dem Reim »landen – einverstanden« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns denken mögen, daß es als abgeschlossene Vorstellung den Sinn eines Verses erfülle. In dem Maß der Vollkommenheit, wie hier die äußere Paarung (landen – standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu mangeln, die das tiefere Einverständnis der beiden Gedanken voraussetzt. Im Bereich der schöpferischen Möglichkeit – jenseits einer rationalen Aussage, die sich mit etwas Geklingel empfehlen läßt – wird kaum ein Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemeinschaft schließen möchten. Doch nicht an der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der äußeren Übereinstimmung umso stärker hervortritt, soll die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Vielmehr sei fühlbar gemacht, wie durch die Verkürzung des zweiten Reimworts, gerade durch eine Präzision, die den reimführenden Konsonanten mit dem Wortbeginn zusammenfallen läßt, das psychische Erlebnis, an dem der Reim Anteil hat, verkümmert wird. Widerstandslos gelangt der Reim zum Ziel der äußeren Deckung, hier, wo jede Reimhälfte isoliert schon bereitsteht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein erotisches Erfordernis, daß eine der beiden Hälften sich von ihrer sprachlichen Hülle erst löse oder gelöst werde, um die Paarung zu ermöglichen, hier die zweite, die von der reimwilligen ersten angegangen und genommen wird. Dieser, der auf die Wortenergie angewiesenen, obliegt es, das Hindernis zu überwinden, das ihr jene durch eine Verknüpfung mit ihrer sprachlichen Region entgegenstellt. Man könnte gleicherweise sagen, daß die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine Liebe, wo nichts als ein vorübergehendes Aneinander erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sich fanden«, so wäre schon ein Widerstand eingeschaltet, dessen Überwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit zuführt, die das Reimwort »fanden« als solches in der Berührung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man erst den Zuschuß, der erfolgt, wenn die eine Reimhälfte mit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit einem zweiten Wort , verbunden ist. Welch einen Anlauf hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung solcher Vorsetzungen zum Reimkörper selbst zu gelangen! Welche »Kraft« stößt, ungeachtet der Leiden, an »Leidenschaft«! Nur dort, wo die gedankliche Deckung der Sphären schon im Gleichmaß der Reimwörter vollzogen ist, wie bei »landen – stranden«, muß aus der Wortumwelt nicht jene Fördernis erwartet werden, die der Reim dem Hindernis, dem Zwang zur Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet – gestrandet« als der stärkere Reim empfunden werden mag und es sonst erst aller rhythmischen Möglichkeit und umgebenden Wortkraft bedürfen wird, um der gefälligen Glätte entgegenzuwirken, die das Ineinander der Reimpartner gefährdet. Wem es eine Enttäuschung bereiten sollte, zu erfahren, daß Angelegenheiten, von denen er bisher geglaubt hat, sie würden von einer »Inspiration« besorgt, dem nachwägenden Bewußtsein, ja der Willensbestimmung zugänglich sind, dem sei gesagt, daß ein Gedicht im höchsten Grade etwas ist, was »gemacht« werden muß, (es kommt von »poiein«); wenngleich es natürlich nur von dem gemacht werden kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sich sogar dazu entschließen, man braucht keiner andern Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, es zu machen, und innerhalb der Arbeit können dann jedes Wort hundert Erwägungen begleiten, zu deren jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu sämtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es wirklich vorkommen, daß ein Lyriker barhaupt in die Natur stürzen muß, um seinen Scheitel ihren Einwirkungen auszusetzen und eigenhändig erst den Falter zu fangen, den er besingen will, so hätte er diesen umgaukelt, er wäre ein Schwindler, und ich würde mich außerdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zustandegekommen ist.

Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht – wobei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reimworts ausschalten wollen –, so würde also das Höchstmaß der äußeren Deckung: landen – standen den den niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, den höheren: landen – verstanden, den höchsten: landen – einverstanden, weil eben hier mit einem durch den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerten Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der Reim einen stärkeren Anlauf nehmen mußte, um stärker vorhanden zu sein. Er mußte sich sogar den Ton der Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt eine geringe Diskrepanz zurück, dem Ohr den Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unähnlich dem ästhetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute kommt, ja von dem allein es sich ergänzen könnte. Das Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Möglichkeit der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn die Deckung der Sphären muß mit der der Worte so im Reim vollzogen sein, daß er auch losgelöst von der Wortreihe, die er abschließt, das Gedicht zu enthalten scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spüren läßt. Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als das Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken müssen so in ihm einverstanden sein, daß sie aus ihm in den Vers zurückentwickelt werden könnten. Herz – Schmerz, Sonne – Wonne: dergleichen war ursprünglich ein großes Gedicht, als die verkürzteste Form, die noch den Gefühls- oder Anschauungsinhalt einschließen kann. Wie viel sprachliches Schwergewicht müßte nunmehr vorgesetzt sein, um dem Gedanken die Befriedigung an solchem Ziel zu gewähren! Doch eben an der Banalität des akustischen Ornaments, zu dem das ursprüngliche Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgenützten Wort kann sich die Kraft des Künstlers bewähren: es so hinzustellen, als wäre es zum ersten Male gesagt, und so, daß der Genießer, der den Wert zum Klang erniedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vorstellung, daß der Reim in nichts als im Reim bestehe, ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und insbesondere – trotz ihren tieferen Reimen – die deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr in der Tat bloß das klingende Merkzeichen, das Signal, damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stimmung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die ihr schon vertraute und geläufige agnosziert, wieder einmal durchs Ohr ins Gemüt eingehe oder in die Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr überhaupt eine Übung bedeutet, die nicht nur nichts mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine solche geradezu ausschließt – denn sie möchte dem Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria seiner Herstellung glauben –, so vermag sie vor allem dort nicht über formale Ansprüche hinauszugelangen, wo hörbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, um ihr das, was sie ohnehin schon weiß, zu vermitteln: am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er auch die Erfüllung des schöpferischen Aktes im Reim zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mal, und reimte er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in der Liebe ästhetischer wertet als der Liebende, so auch in der Dichtung ästhetischer als der Künstler, den er mit seinem Maße mißt und erledigt. Daraus ist die Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die unerbittliche Vorstellung, daß das Gedicht umso besser sei, je mehr’s an den Zeilenenden klappt und klingt, und der Hofnarr des Pöbels umso tüchtiger, je mehr Schellen seine Kappe hat, bei noch so ärmlichem Inhalt dessen, was darunter ist.

Das erotische Prinzip

Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).
Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).

In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der Überwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedankenpaarung keinen Raum. Da gilt nur das äußere Maß und eben diesem, welches fern aller Wesenheit bloß nach dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mißreim genügen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem verpönten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, aber umso hellhöriger alles abweisen, was nur so klingt wie ein Reim, oder klingen möchte, als wäre es einer. Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen eines Dichtwerks, und wäre es das größte, nicht haltmachen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Geräusch vernommen haben, womit der Mephistopheles seinen dramatisch so fragwürdigen Abgang vollzieht und worin die Torheit, die seiner sich am Schluß »bemächtigt« – mit einer Kläglichkeit des Ausdrucks, die fast der Situation gerecht wird – einer Erfahrenheit antwortet, die sich »beschäftigt« hat. Wenn das teuflische Mißlingen hier nur durch einen Mißreim veranschaulicht werden konnte, so wäre solches immerhin gelungen. Doch ließe sich das Kapitel der Beiläufigkeiten, mit denen dichterische Werte besät sind und deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertig würde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschöpfen. Beträchtlich in diesem Zusammenhange dünkt mir die Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Bürger, der außer starken Gedichten eine ungereimt philiströse Reimlehre geschrieben hat – welche als literarhistorisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann –, nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen vermögen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei wütend, die ziemlich konsequent das Falsche für richtig und das Richtige für falsch befindet, begnügt er sich, die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium des Reimwertes aufzustellen. Somit dürfe sich nicht nur, nein, müsse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pflug auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz jedoch sein Ohr fähig war, geht daraus hervor, daß er den Mißreim des gedehnten und des geschärften Vokals zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Ungleichheit der Schlußkonsonanten zu verteidigen, das Beispiel »Harz und bewahrt’s« als tadellosen Reim gelten läßt (anstatt hier etwa »Harz und starrt’s« heranzuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die Reihe de »angefochtenen Reime« gestellt hat, »deren Richtigkeit zu retten« sei, erklärt er kaum eine halbe Seite später, »am unrichtigsten und widerwärtigsten« seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da als Beispiel: »singt und winkt«. Wozu wohl gesagt werden muß, daß, wenn der grundsätzliche Abscheu vor solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der Sympathie zuläßt, diese doch weit eher dem Präsens-Fall gebührt als dem andern, weil dort die Gleichheit der Schlußkonsonanten den Unterschied von g und k deckt, während er bei »drang« und »sank« offen und vernehmbar bleibt. Wird doch vorn feineren Gehör selbst der zwischen lang (räumlich, sprich lank) und lang‘ (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas schiebe, reimt sich also auf lang, solang‘ sie die Metapher bleibt, der die räumliche Vorstellung zugrunde liegt; sie ließe sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelöst, nicht so gut auf lang‘ reimen (höchstens im Couplet, wo die Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturistischer Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum Empfang«). Auf lang reimt sich Bank, auf lang‘ bang. Ist es also schon ein Mißgriff, den Reim »drang und sank« zu empfehlen, so ist es völlig unbegreiflich, daß er als die Ausnahme von einer Unmöglichkeit gelten soll, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus möglichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird noch dadurch bunter, daß der Reimtheoretiker neben solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum »Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder den zweifellos statthaften Reim »Berg und Werk«. Dafür ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molch und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße,wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen bessern Klang gäbe.) Doch während er eben für das »g« auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich über eine innere Disposition des Worts zum Reim, also über das worauf es ankommt, nicht die geringsten Gedanken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das nebensächlich Selbstverständliche oder das ungewichtig Unrichtige, überhaupt aufhalte, so geschieht es, um an dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzuständigkeit des Denkens über den Reim anschaulich zu machen. Wie dieser Bürger, so denkt jeder Bürger über die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu sein. Er hat natürlich ganz recht mit der Meinung, daß der Reim des gedehnten und des geschärften Vokals keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt’s«, so unbequem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung aus haben, zu einander finden können, dann möchte man doch fragen, warum »so unrein und widerwärtig als möglich« Fälle wie »schwer und Herr«, »kam und Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine Widerwärtigkeit, die sich ergibt, »wenn man geschärfte Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vor einfachen aufeinander klappt«, unter anderen Beispielen durch solche darzustellen wäre wie: »siech und Stich«, »Fläche und bräche«, »Sprache und Sache«. Wo ist da bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem verdoppelten und einem einfachen Konsonanten? Aber von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten Recht, hier die Reimmöglichkeit zu verteidigen, beweist insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als einen Fall von Unreinheit und Widerwärtigkeit hinzustellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphäre hält, die sich hier schon im Material des gewählten Beispiels beziehungsvoll erschließt. Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen »Harz und bewahrt’s« (Reimpartner, denen nachgerühmt wird, daß sie für jedes deutsche Ohr »vollkommen gleichtönend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch. Und beinahe möchte ich vermuten, daß es im Kosmos überhaupt keinen ursächlicheren Zusammenhang gibt als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tiefinnersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Töne beglaubigt. Die strengste Verpönung des vokalischen Mißreims wird bei nur einigermaßen gedanklicher Anschauung eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der Mißbildungen wie »schämen und dämmen«, »treten und beten« verweisen. Aber Bürger, der das Gesetz, daß g wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst statuiert ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar naturhafte Verbindungen wie »Tränen und sehnen«, »sehnen und stöhnen«, »Blick und Glück« höchstens als »verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstoß nimmt, ist wieder rätselhaft. »Ein Dichter von feinem Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen Gedichten, worin es auf höchste Korrektheit angesehen ist, sich erst nach allen Seiten hin drehen und wenden, und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwägen an der Erschaffung des Verses einräume und wiewohl ich es für die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach allen Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, so möchte ich mir den Prozeß doch weniger mechanisch, weniger als den einer Ansehung auf höchste Korrektheit vorstellen, vielmehr glauben, daß die Formgebundenheit zwar kein Mißlingen verzeihlich und keine Relativität begreiflich macht, daß aber der scheinbar und von außen gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und daß sich eben Blick auf Glück und Tränen auf sehnen selbst dann reimen müßten, wenn sie es nicht dürften und nicht an und für sich unbedenkliche Reime wären. Aber Beispiele für mangelnden Wohlklang sind diesem Onomatopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jägers« und Vortöner Liliencrons plötzlich wieder Reime wie »ächzen und krächzen« (wo doch der Mißklang der Reimwörter keinen Mißklang des Reimes ergibt), und in derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man ja »borcht« sagen muß und es an anderer Stelle ausdrücklich verlangt wird), und dann ein Reim – einen bessern findst du nicht – wie »nichts und Gesichts«. »Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« erscheinen ihm beleidigt durch männliche Reime wie »lieb und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vorkommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie »heben und geben«, »lieben und trieben«, »loben und toben«; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges sei »Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten«. Da kann man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man in deutschen Hotelportierlogen häufig angebracht sieht: »Wie man’s macht, ist’s nicht recht«, ohne daß einem gesagt würde, wie man’s recht machen soll, insbesondere um die Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten bei weiblichen Reimen herbeizuführen. Dagegen zeigt sich der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, haft, heit, keit, ung«: an ihnen – nämlich als männlichen Reimsilben, welche »voll betont sein müssen« – sei »in dieser Rücksicht nichts auszusetzen«, also wenn sich etwas auf Erfahrenheit reimt – aber nicht etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zusammenhang ein richtiger Reim wäre, sondern zum Beispiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die französische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Bürgers »Lenore« reimen sich sogar Verzweifelung und Vorsehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben »ig« und »ich«, noch weniger »en« (das wäre allzu französisch) : so sind ihm »Huldigen und Grazien für männliche Reime nicht tönend genug«. Eine Einsicht, die ihn freilich nicht gehindert hat, gerade diese beiden Wörter für tauglich zu halten, sich in der »Nachtfeier der Venus« auf einander männlich zu reimen.

Sie wird thronen; wir Geweihte
Werden tief ihr huldigen.
Amor thronet ihr zur Seite,
Samt den holden Grazien.

Georges Seurat - Sitzende Frau mit Regenschirm - 1884/85
Georges Seurat – Sitzende Frau mit Regenschirm – 1884/85

Wie man da überhaupt zu einem »männlichen Reim« kommen kann, ist unvorstellbar, aber Bürger hat sogar nichts dagegen, daß man »Tapferkeit und Heiterkeit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan. Mit nicht geringem Selbstbewußtsein findet, er nach all dem: »es täte not, daß das meiste«, was er da vom Reim gesagt habe, »Tag für Tag durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin sowohl den deutschen Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zugerufen würde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« Denn es ärgere weit mehr, »wenn ein so guter Dichter, als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlässiger Reimer ist«, als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling handle. Von der gleichen Empfindung für einen weit größeren Dichter beseelt, hätte diesem ein kritischer Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten müssen, wenngleich nicht die von Gottfried August Bürger, an die er sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreiflich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten« betitelt. Es dürfte der perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, daß ein wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben des Geistes zu sauer sind, von diesen redet, völlig ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Achton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf allen falschen Fährten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenngleich ablehnend, von einem »Vorschlag«, der gemacht worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen bloß ähnlich klingende Reimwörter gutzuheißen«, und im Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, daß »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, auch das Kleinste keine Kleinigkeit ist«. Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abgebrauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu ängstlich zu sein. Die Schönheit des Gedankens muß man darüber nicht aufopfern«. Es könne »sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schöner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergißt man des abgenutzten Reimes völlig«. Hie ist immerhin an das Geheimnis gerührt, dessen Enthüllung ergeben würde, daß es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin den Dichtern hätte beigebracht werden sollen und was hoffentlich kein Radio nachholen wird: weil das Problem eben darin liegt, daß zwar noch immer Liebe und Triebe ein Gedicht machen können, aber nicht die Grazien, denen wir huldigen.

Grazienreime

Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts
Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts

Einen Verdruß wie über Herrn Blumauer kann man, wie gesagt, Bürger nachempfinden, und selbst über noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja die Schillerlocke einer ganzen »ersten Periode«, geradezu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wiedersehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn sich »Blüten« zu »hienieden« findet und dergleichen mehr, was Bürger auf das mißachtete, von der »echt hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwäbisch hätte zurückführen müssen, wenn er es sich nicht selbst geleistet hätte. Dort gehen »Werke« von geringer dichterischer Höhe und »Berge« von Pathos eine Paarung ein, an der der Theoretiker Bürger freilich sogar im SinguIar Anstoß nimmt. Aber noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die herrlichen Verse von den dreimal dreißig Stufen, auf denen der Pilgrim nach der steilen Höhe steigt. (dessen Reim auf »erreicht« hier gar nicht stört und Bürgers Ansprüche befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des Drachenkampfes: »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl«. Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich nicht reimt! Nicht außen und, schlimmer, nicht innen. Um es darzutun, bedürfte es keineswegs einer so schwierigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« (‚hohe Worte machen – Lachen‘), die ich einmal vorgenommen habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung der Präposition fragwürdige Stelle, von der damals die Rede war, wird gern unvollständig zitiert, nämlich: »Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem Recht, das derjenige hat, der die Stelle nicht genau kennt und der wohl einen durchaus organischen Reim auf »verloren« angeben würde, wenn man ihn nach dem Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber: »… das mit uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein voraufgehendes »verloren ist«, sondern die Vorzeile geht männlich aus:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.

Nun wäre hier zwar eine Deckung der Sphären »geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zum Reime nichts bei, welcher vielmehr im völlig äußerlichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeitwort besteht. Wohl wären in einer Antithese von Wesenheiten auch »bist«und »ist« reimkräftig, hier haben jedoch die Reimpartner überhaupt keine andere Funktion als die, ihren Vers grammatisch abzuschließen. »bist« enthält noch etwas, aber im »ist« hat kein Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Mißklang der Reimlosigkeit: wenn etwa »geboren ward« stünde. Es ist einer jener unzähligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Fälle, wo die Überflüssigkeit des Reims durch die Erkenntnis handgreiflich wird, daß er keiner Notwendigkeit entspringt, ja der trügerische Klang bereitet dem Gehör, das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein ärgeres Mißbehagen als wenn die Stelle bloß äußerlich leer geblieben wäre. Das Recht, das eine falsche Reimtheorie auch dem »guten Dichter« gegenüber betont, darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie das All auch die eigene sprachliche Welt von der untersten bis zur höchsten Region umfaßt, hätte aus dieser in die Beiläufigkeiten nicht mehr zurückgefunden, worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Beispielen hätte Helena in jener bedeutenden Szene, wo der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschließt sich dort – »die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor« – sein innerstes Wesen!

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die Frage der Helena

»So sage denn, wie sprech‘ ich auch so schön?«

auch gleich der Reim da:

»Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehen.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –«
»Wer mitgenießt.«

Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem »Pfand« der Gegenwart Bestätigung gibt, der unvergleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«. Aber ihr Ohr ist erfüllt von dem unerhörten Erbieten des Lynkeus, der mit den Worten davonstürmt.

Vor dem Reichtum des Gesichts
Alles leer und alles nichts

also mit eben dem großartigen Reim, den Bürger als ein Beispiel in der Reihe derer anführt, die »nicht für wohlklingend geachtet werden können«, weil sie »sich zu weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der Vokal durch die Menge der über ihn her stürzenden Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des Vokals durch die über ihn her stürzenden Konsonanten die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen Lynkeus-Gedicht hörbar wird als der reine Metallton der Liebespfeile,von denen Faust sagt:

Allwärts ahn‘ ich überquer
Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.

Könnte es denn eine absolute Ästhetik des Reimes geben, abgezielt auf die Klangwürdigkeit dessen, was sich zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was doch, möchte es an und für sich noch so »unrein« wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das einzige Kriterium des Reims: daß der Gedanke in ihm seine Kraft bewährt bis zu dem Zauber, den an und für sich leeren Klang in einen vollen, den unreinen und in einen reinen zu verwandeln? So sehr, daß der Reim als die Blüte des Verses noch abgepflückt für das Element zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne nämlich, daß das Gedicht auf seiner höchsten Stufe den Einklang der gedanklichen Sphären im Reim mindestens ahnen lassen wird. Ein Schulbeispiel für das Gegenteil bei vollster lautlicher Erfüllung bildet ein Reim Georges in einem auch sonst verunglückten Gedicht (»Der Stern des Bundes«):

Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen
Der boden wieder schwoll für frische saat
Mit kränzen heimwärts zogen mann und maat:
Hat schon im schönsten gau das fest begonnen

Philipp Veit - Germania - 1834-1836
Philipp Veit – Germania – 1834-1836

Von allem orthographischen und interpunktionellen Hindernis abgeschen: nur lesbar und syntaktisch zugänglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse – welche unmöglich von »nachdern« abhängen könnten – als eingeschaltete Aussage zwischen Gedankenstrichen denkt. Aber welch einen Mißreim bedeutet dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Überraschung für die Saat, die doch von Natur höchstens auf Mahd gefaßt wäre. Wie wenig sind hier die zwei Gedanken einverstanden und wie anschaulich fügt sich das Beispiel in das Kapitel der Beiläufigkeiten, »mit denen dichterische Werte besät sind«. Und wie blinkt dieser Reim doch vor Reinheit! Ein ästhetisches Gesetz wäre dem Vorgang der Schöpfung, der im poetischen Leben kein anderer ist als im erotischen – und wundersam offenbart sich diese Identität eben in der Wortpaarung zwischen Faust und Helena –, eben nicht aufzuzwingen. Etwas anderes ist es, von den Kräften auszusagen, die da am Werke sind; und ganz und gar ohne den Anspruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu können. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann füglich nur darin bestehen, daß den Genießern des Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und damit zu einem Genuß höherer Art gewiesen wird. Und der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebundenen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich gewiß einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet.

Die Dichtungsart

Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemäß als die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des Dichters zum Ausdruck bringt – was doch jeder literarischen Kategorie vorbehalten bleibt –, sondern als die unmittelbarste Übertragung eines geistigen Inhalts, eines Gefühlten oder Gedachten, Angeschauten oder Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, das Erlebnis in der andern Sphäre so zu verdichten, als wäre es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltung aus rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhandenen geschöpft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher vielleicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewußtsein verdankt sie die Einschöpfung ins Vorhandene. Und zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und Versmaß auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt. Andere Sprünge als den einen, den die Rhodus-Möglichkeit gewährt, versagt die gebundene Marschrichtung des Verses. Je stärker die Bindung, desto größer die sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form – und die »neue« ist immer nur der Ausweg des Unvermögens – den psychischen Inhalt bewältigt. Der Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten des sprachlichen Erlebnisses wächst mit der Kompliziertheit der Form, während die Enge des Rahmens die wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein »Gstanzl« kunstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach’schen Tirolienne lautet:

Ungleichheit beschlossen
hat die Vorsehung wohl.
Nicht alle Genossen
hab’n a Schloß in Tirol.

so ist in die Nußschale von 24 Silben mit dem Zwang zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensätzlichkeit einer ganzen Sphäre eingegangen, und die große Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Erfordernis, daß sie von der Leichtigkeit der Form verdeckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohneweiters verantwortet würde, wäre jene hier wie sonst übliche Beschränkung der Reimkorrespondenz auf den zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermaßen widerstrebt, daß ich auch die Grundstrophe mit dem typischen Text, der doch nur den Anlaß zu lustigem Geblödel und Gejodel bietet:

Mein Vater is a Schneider
A Schneider is er,
Und wann er was schneidert,
So is’s mit der Scher‘

durch die so naheliegende Wendung verbessert habe:

Und macht er die Kleider.

Ohne die musikalische Unterstützung jedoch empfinde ich den Vierzeiler, der erst in der Schlußzeile die Vergewisserung der Harmonie bringt, förmlich als die Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine satirische Leier als ein Geräusch, weit unerträglicher als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird, während man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier gemeint ist:

Mißtönend schauerlich war die Musik.
Die Musikanten starrten
Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich
Die Adler der Standarten.

Es wäre ja in den meisten dieser Fälle – besonders in »Deutschland, ein Wintermärchen« – auch kein Gedicht, wenn es durchgereimt wäre. Aber hin und wieder hinkt sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch geförderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon einmal hervorgehobene Beispiel dartut:

Von Köllen bis Hagen kostet die Post
Fünf Taler sechs Groschen preußisch.
Die Diligence war leider besetzt
Und ich kam in die offene Beichais‘.

Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen dialektischen Grund »preußesch« sagen dürfte, hätte die Beischäs dermaßen geholpert, daß ihrem Passagier gar ein »preuscheß« nachklang. (Akustisch etwas plausibler wird der – nur in einer berühmten Satire mögliche – Reim: »Wohlfahrtsausschuß – Moschus«, zwar nicht durch einen Mauschus, aber immerhin durch einen Oschuß.) Wenn’s ebener geht und der Reim glückt, ist er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der die Post nach Deutschland läutet und zu der sich dem Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine Melodie einstellen mochte. Ich verbinde mit solchen Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, daß wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine-Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer entfesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf festen Reim zu treten, tritt darum ins Leere und kann sich sehr leicht den Versfuß verstauchen. Wenn’s gut abgeht, ist man nach der vierten Zeile angenehm überrascht. Da sich jedoch immer von neuem diese Empfindung einstellt, so stellt sich auch die einer lästigen Monotonie ein, welche von der Durchreimung eines satirischen Kapitels keineswegs zu befürchten wäre, weil der Reim dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstverständlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine Überflüssigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser aufdrängt, ist das Gefühl, daß der Verfasser sich’s noch leichter gemacht habe, als er’s ohnedies schon hatte. Ist das Reimen nur eine Handfertigkeit, dann zeigt sich dies vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr dann, wenn von Gnaden des Zufalls plötzlich doch ein Reim hineingerät, der das System verwirrt und den Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der Verfasser sonst nicht getroffen hat.

König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große, goldne Kron‘.

Mit aller Dürftigkeit im vorhandenen und im nichtvorhandenen Reim fast etwas Geschautes – das sich dann leider in die Schäkerei fortsetzt von den Kavalieren, die die Kälber sind und sich, da sie den dritten Vers füllen, nicht auf die Schafe reimen, welche bloß Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch durchgereimt:

Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh‘,
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.

Warum geht’s denn jetzt? Gewiß, dieser Reim, der sich per Zufall gefunden hat, ist – im Gegensatz zu Küh‘ und Musici – nicht einmal unorganisch; umso organischer der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrastelemente des Landschaftlichen und des Höfischen, so billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechselreim erfordern würden und erlangen müßten. Abgesehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in der die Kühe Kammermusiker, während die Kälber Kavaliere sind, und weggehört von einem Konzert, das die Vögel, deren Flöten doch nur eine Metapher sind, mit den Kühen aufführen müssen, die wirkliche Glöcklein haben, freut man sich, diese zu hören, denn sie sind ein unerwarteter Einklang mit den Böcklein, welche, ausgerechnet, Hofschauspieler sein dürfen. Im weiteren aber bleibt man wieder nur auf den Schlußreim angewiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren möchte. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes ließe sich die sprachdünne Strophe im Nu kräftigen. Man mache einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein beliebiges Wort zur Ergänzung des Verses, selbst ohne Rücksicht darauf, ob es dem Sinn gemäß wäre, und die reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und Gedicht. (Nur soll man es nicht gerade mit dem Kehrreim in »Deutschland« versuchen: ‚Sonne, du klagende Flamme!‘, der, wenngleich bloß »der Schlußreim des alten Lieds«, hier doch dichterisch empfunden und verbunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Rücksicht auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und Echtbürtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim schließt einen Sinn ab, kein Gedicht.

Worte in Versen

Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, daß ich unweit von Beichais‘ und Moschus mich selbst zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden Gedichte des VII. Bandes der »Worte in Versen« sind Beispiele für die verschiedenartige, immer stark hervortretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophenzeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und sichert sie, an den Wechsetreim anschließend, den Vorrang der Vögel vor den Menschen:

Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub,
verweht im Wald,
ihr Gebilde aus Staub,
und vergeht so bald!
Und wir sind immer.

Diese Gegenüberstellung ist durch zwei weitere Strophen (»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) fortgeführt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang – schließlich auch vor den Göttern – zum Ausdruck gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, hinzutretenden Verses, der die Besonderheit, der Erscheinung zusammenfaßt. In »lmago« ist solche Absonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten Vers bewirkt:

Bevor wir beide waren,
da haben wir uns gekannt,
es war in jenem Land,
dann schwand ich mit dem Wind.

Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens: »und immer war ich fort«, »ich gab mich überall«, »die Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen (welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht wird):

In einen Hund verliebt,
in jede Form vergafft,
mit jeder Leidenschaft
ist mir dein Herz verbunden.

Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbundensein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«, »in deinem Dank dafür«, um endlich sein Beharren bis zur Verkündung der Schöpferkraft zu steigern:

Und reiner taucht mein Bild
aus jeglicher Verschlingung,
wie du aus der Durchdringung
der Erde steigst empor.

In »Nächtliche Stunde«, wieder absondernd, gehört die ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die das Erlebnis der Arbeit über die Stufen der Nacht, des Winters und des Lebens begleitet:

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Seine Stimme ist die Eintönigkeit: widerstrebend dem Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks gemäß, die nur die bange Steigerung zuläßt: »Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling«, »Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Greuel einer Ödigkeit, die entstünde,wenn in diesem Gedicht die Schlußzeile in einem Reim auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: »wende – Ende« gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht. Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts verändert als die einander entgegengestellten Zeitmaße von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis und Sprache erreicht, eine solche Eintönigkeit aus dem Motiv heraus, daß nicht nur der Gedanke Form geworden scheint, sondern die Form den Gedanken selbst bedeutet.

Erlebte Eintönigkeit

Georg Trakl
Georg Trakl

Hat hier also die erlebte Eintönigkeit ihre Gestalt gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vorgestellten Gegensätzlichkeit alle Kraft des Eindrucks nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und die Willkür, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile läßt sie sie in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges ledig, dem sich der Künstler unterwirft, um ihn zu bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und müheloser sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, schlechte Verse zu machen. Wenn ich für solche Vorstellung Heine anführe, den für seine Folgen verantwortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht verzeihen können, so beziehe ich mich auf sein Typisches, das die Ausnahme derjenigen (späten) Gedichte selbstverständlich macht, in denen nicht die klingende Begleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehör, sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins Gefühl dringt. In der typischen und populären Heinestrophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen Geschmacks für die Pandorabüchse des Kunstmißverstandes und der Sprachverderbnis erkläre, ist der Reim so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener überflüssig und dieser nur notwendig aus Not. Er ließe sich verheimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse zu einer Langzeile, in der die Cäsur den Nichtreim ersetzt: die geistige Gestalt würde sich durch solchen Eingriff, der an Organischem unmöglich wäre, kaum verändern, aber die Leier, die diese Form so geläufig macht, auch wenn’s bloß einmal dazu klingelt, ginge verloren. Wie zwischen Trochäus und Jambus, Daktylus und Anapäst nicht der Zufall entscheidet, so bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man versuche die hier empfohlene Operation an meinen Versen »Traum«, die ich mit dem Selbstbewußtsein, das kunstkritische Untersuchungen sachlich fördert (so anstößig es, im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind für eine organische Möglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt:

Stunden gibt es, wo
mich der eigne Schritt
übereilt und nimmt
meine Seele mit.

Dieser kurze Schritt übereilt den Läufer so, daß er den aufhaltenden Reim nicht brauchen könnte, er jagt jenen fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kindheit und Liebe. Es ist alles jäh, unvermittelt, abgehackt, durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen wäre dieses Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine Wirksamkeit besteht darin, daß hinter ihm keine Cäsur steht, sondern ein Abgrund, über den er hinüberjagt. Dagegen wäre wieder das Gedicht »Jugend« mit einem reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine der Schwingen wäre gebrochen, auf denen der Flug in das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des Reims oder Nichtreims darf natürlich nicht so verstanden werden, daß sie an jeder Strophe nachweisbar sein muß. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmäßig schon gesichert, läßt nicht etwa einen plötzlichen Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im »Traum« tätig ist, gibt einem Innehalten die vollere Anschauung:

Staunend stand ich da
und ein Bergbach rinnt
und das ganze Tal
war mir wohlgesinnt.

In der langen Dehnung dieses Tals (mit allen umgebenden »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten müßte. Dann geht es wieder rapid:

Und der Wind befiehlt,
damit leichtbeschwingt
alles in der Luft
heute mir gelingt.

»Immer heißer wird’s« nun auf dieser Bahn, bis sie in den Ruhepunkt mündet:

Wär‘ mein Tag vorbei!
Wieder umgewandt
kehrt‘ ich aus der Zeit
in das lichte Land.

Noch in die Ruhe tönt es von dem eiligen Schritt.

Die Kraft des Reimes

rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw - 1906
rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw – 1906

Und hier ist auch ein Beispiel für die Kraft des Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantität gepaart sind: umgewandt – Land. (»Quantität« nicht als Lautmaß: der Silbenlänge oder -kürze, sondern als Maß der Größe des Reimwortes.) Nur daß es hier der erste Partner ist, der sich von der Fessel der Vorsilben lösen muß, um die Paarung zu ermöglichen. Aber können wir uns ihn als den aktiven Teil vorstellen und daß der andere sich dem schon geschwächten Partner ergebe? Aus dem Phänomen der Einheit, das der Reim bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umgekehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, daß die Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich stärker erfüllt ist. In dem Beispiel also, mit dem die Untersuchung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, hier aber (wo es, in der Tat »umgewandt« ist) vom zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die stärkere Belastung, die Nachzeile, die das größere Gewicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atem und Widerstand zwischen den Worten, daß sich das letzte nicht so leicht ergeben würde: darum kommt, anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie immer sich nun die Kräfte messen, um sich in den Reim zu ergeben, so wird ersichtlich, daß entweder der äußeren Quantität eine innere gegenübersteht oder daß der Unterschied auch bloß innerhalb dieser zur Geltung kommen kann. Den Widerstand, dessen Überwindung die Reimkraft nährt, wird sie nicht bloß dem Unterschied der sichtbaren, sondern auch dem der wägbaren Quantitäten verdanken. Er kann auch dem isolierten Reimkörper anhaften, vermöge der gedanklichen Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemäß dem schöpferischen Element der Sprache, das nicht allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten lebendig ist und die »sprachliche Hülle« noch aus dem Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits der äußeren Quantität, die glückliche Reimpaarung auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins Gehör dränge. Am vollkommensten aber muß die Wirkung sein, wo innere und äußere Fülle ins Treffen geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in einem äußerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung einer Erotik der Sprachwelt zwischen männlichen und weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen Geschlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung ergeben, würde diese Einteilung jeweils die Norm eines gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Natürlicher wäre die ganz andere Bedeutung, daß ein männlicher und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, dem die innere, und dieser, dem die äußere Fülle eignet. Ein anschauliches Beispiel für solches Treffen – von der rückwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« – bietet eine jener guten, manchmal leider nur beiläufig fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit Schaukal, später mit Trakl und Janowitz zu den heimischen Lyrikern gehört, die durch Zeilen wertvoller sind, als die beliebteren durch Bücher). Es war eine schöpferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu lassen:

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist,
Ist es schwer nachhause zu gehn,
Wo viermal die starre Wand ist
Und die leeren Stühle stehn.

Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! Schließlich fügen sich die Welten in den Reim wie der Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie ist hier alles Schwere des Wegs bewältigt und alles Leere am Ziel erfüllt. Die Fälle in der neueren Lyrik sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten Mitteln der Sprache nachweisen läßt. Hätte Nietzsche die Anfangsstrophe seines Krähengedichts von den folgenden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch Wiederholung zu entwerten, es wäre ein großes Gedicht stehen geblieben.

Das von einer Nährung der Reimkraft durch den Widerstand, durch die Möglichkeit von Werbung und Eroberung Gesagte wird wohl vorzüglich für die unmittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das äußere Gleichmaß der Reimkörper leicht zu einer glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr verringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die Deckung der verschiedenen Quantitäten (oder Intensitäten) das stärkere Erlebnis bewirken, und auch da wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz allen Normen der Sitte und Ästhetik seine Natur zu behaupten; denn wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst ist, so hat er noch näher zu ihr. Der »unreine Reim« – die Hände ihm zu reichen, schauert‘s den Reinen – wird für die Ächtung durch den Gewinn entschädigt sein und dem »Blick«, der ihn strafend trifft, stolz sein »Glück« entgegenhalten. Der Reimphilister (unerbittlicher als der Reim-Bürger, der in glücklichen Stunden seiner eigenen Strenge vergaß) stellt Forderungen, die in der Welt der Dichtung nicht einmal gehört werden können, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten. »Menge – enge« darf gelten, doch »Menge – Gedränge«, an und für sich schon ein Gedicht, weniger. »Sehnen und wähnen« weniger als »sehnen und dehnen«, »Ehre und Leere« eher als »Ehre und Chimäre«. Der Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei anerkannt, die eine so volle begriffliche Deckung entstellt:

Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!

Frank Wedekind
Frank Wedekind

Von der Funktion der Widerstandssilbe weiß man vollends nichts: davon, daß sich der Reim in dem Maße der Verschiedenheit dessen verstärkt, was dem Reim angegliedert ist. Diesseits aller schöpferischen Unerschöpflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermeßbar ist, ließe sich, soweit Geistiges sich der Quantität selbst entnehmen läßt, vielleicht ein Schema aufstellen. Da wäre der Reim am stärksten, wenn das isolierte Reimwort der einen Zeile dem komplizierten der andern entspricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwächer im Gleichmaß der isolierten Reimwörter: Halt und alt. Noch schwächer im Gleichmaß der komplizierten: Gehalt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mißgestalt). Am schwächsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen: behalt und Gestalt. Denn je selbständiger sich beiderseits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft entzieht er dem Reim. Im stärksten Fall dient die Vorsilbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie sich selbst an kein Gegenüber zu vergeben hat. Fehlt sie, so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je reimhafter sie selbst zu ihrem Gegenüber steht. Ein Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfährt im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz aufhebt. Erzählte etwa jemand, die menschlich saubere Persönlichkeit des österreichischen Bundespräsidenten sei irgendwo beim Händedruck mit einem Finanzpiraten beobachtet worden, und würde daraus ein Epigramm, so könnte der starke Kontrast der Sphären den Reim ergeben: »Hainisch – schweinisch«, also einen Einfall, der in der Prosa gewiß keine sonderliche Kraft hätte. Dagegen würde eine Gegenüberstellung: »Hainisch – Haifisch« einen Witz als dürftigen Reim zurücklassen. Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der Reim nicht halten. Die Verödung tritt aber auch im sogenannten männlichen Reim ein, der als solcher die Tonkraft bewahrt. »Unternimmt – überstimmt«, »übernimmt – überstimmt«: je analoger der Vorspann, auch wenn er den Ton nicht völlig abzuziehen vermag, umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ähnlichkeit der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche Schwächung des Reims ein, daß sie zur Lähmung führen kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem peinlichen Reim der zusammengesetzten Wörter, der in der Witzpoesie eine so große Rolle spielt. Am stärksten: Gestalt – Hochgewalt; schwächer: Dichtgestalt – Hochgewalt; noch schwächer: Dichtgestalt – Dichtgewalt; am schwächsten: Dichtgestalt – Richtgewalt. Oder: Gast – Sorgenlast; schwächer: Gast – Last; noch schwächer: Erdengast – Sorgenlast; am schwächsten: Morgengast – Sorgenlast. Der Zwillingsreim ist von altersher, dem Ohr und Humor widerstrebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis – Kunstgreis«, »Walhall-Wisch – Walfisch« wimmelt. Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen möchte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wirkung, übernommen:

Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Und gar: »Viehmagd – nie plagt« (unmöglich, dem »plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »niederprallt – widerhallt« (der männliche Reim macht es möglich), »weine und – Schweinehund«, »Tugendreiche – Jugendstreiche«. Besser wäre der einheitliche Viersilbenreim: Tugendreiche – Jugendreiche; nimmt man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die jeder der zweiten Reimkörper erhält, fördernd wie sonst der Vortrab, der zu einem der beiden stößt: Reiche – Jugendstreiche. Schwächer wäre: Reiche – Streiche, noch schwächer. Tugendreiche – Mädchenstreiche, und am schwächsten ist eben die Form des Originals »Tugendreiche – Jugendstreiche«, wo der Doppelreim doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenüber gelangt, und es ist in der Konkurrenz der Tonkräfte kaum möglich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu verhelfen. Dieser Doppelmißreim ist nicht etwa die Zusammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der eine stärkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer Vorstufe zu jenem »Schüttelreim«, der sein Spiel völlig außerhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die sprachtechnische Möglichkeit, die er vorstellt, durch die deutliche Wechselbeziehung der Konsonanten den Reimklängen doch ein gewisses Gleichmaß der Wirkung sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mißreim ist ferner der zweier Fremdwörter: kurieren – hofieren, weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleichartigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reimführende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneiphumoriger Ausprägung bei Heine, zumal im Namengereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« – in einer Strophe, die sich über den Reim bei Freiligrath lustig macht – und »Maßmanus«, nämlich der lateinsprechende Maßmann, auf »Grobianus«. Anders und karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung des Geschniegelten und Gebügelten, der Sphäre, die das Fremdwort als Schmuck trägt, bei Liliencron: »Vorne Jean, elegant«.) Umso stärker der Reim, wenn ein Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: führen – kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mißverhältnis der Quantitäten fördernd hinzukommt wie bei regen – bewegen, eilen – verweilen. Ein Notausgang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem Bürger im allgemeinen mit Recht meint, daß er eher der armselige heißen sollte, freilich nicht ohne selbst von ihm reichen Gebrauch zu machen:

Hilf Gott, hilf! Sich uns gnädig an!
Kind, bet‘ ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!

Oder schlimmer, weil benachbart:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach nein! – doch laß die Toten!«

Und wieder:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach! Laß sie ruhn, die Toten !«

»Wenn es die Umstände erfordern«, sagt Bürger, wohl im Bewußtsein solcher Lücken, »daß einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als daß er auch mit ebendemselben Worte bezeichnet werde«. Solches dürfen aber die Umstände nie erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern könnten, wie daß etwa plötzlich anderes Versmaß oder Prosa eintrete. Was die Umstände erfordern, hat freilich zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der künstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstände erfordert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei Verse, und dann gewiß »nichts billiger«, als ihn mit demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende zu stehen kommen muß, ist nicht einerlei Begriff, sondern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestaltungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst erfordern könnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphotion:

Bändige! bändige,
Eltern zu Liebe,
Überlebendige
Heftige Triebe!

offenbart nicht nur die Verjüngung des ältesten, sondern auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der unvergleichlichen Übereinstimmung der Sphären, in denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit des reimführenden Konsonanten, wird die Reimlosigkeit gar nicht gespürt. Es ist durch dichterische Macht ein Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint das, was zu bändigen, förmlich enthalten und entdeckt. Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, sondern zweierlei sich zu ähnlichen Wörtern finden, deren gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die Reimkraft nimmt. Vielleicht ist Bürgers Entschuldigung eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei Begriff beide ganz und gar erfüllt – mit dem Fall, wo die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das dürfen sie sein und reimen dann stärker als mit einem Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der »Lenore« vor:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum‘ und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt‘ und Flecken!

Das ist – da es so und nicht anders weitergeht – namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit »ging’s« und stärker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links und rechts«) wäre. Ein Vers könnte aber zu stärkster Wirkung auch völlig gleichlautend wiederholt sein, wie etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende Gleichnis:

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder.

Hier wäre kein Reim denkbar außer dem der Identität, dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim einer ewigen Wiederkehr.

Doch mehr noch als Identität, mehr selbst als der Übereinklang des echten Reimes kann der eingemischte Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten kommen. Von allen Schönheiten, die zu dem Wunder vom »Tibetteppich« verwoben sind (welches allein EIse Lasker-Schüler als den bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwart hervortreten ließe), ist die schönste der Schluß:

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916

Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt an das »schon«, süßes Küssen von Mund zu bunt, von lange zu Wange vermittelnd. Auf solche und andere Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse – von Richard Weiß in der Fackel Nr. 321/322 – hingewiesen worden, mit einer für jene Zeit (da zu neuem Aufschluß der Sprachprobleme wenig außer der Schrift »Heine und die Folgen« vorlag) gewiß ansehnlichen Erfassung der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenngleich vielleicht mit einer übertreibenden Ausführung der Lautbeziehungen, die im Erspüren einer Gesetzmäßigkeit wohl auch der Willkür des Betrachters Raum gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, wie »in jeder zufälligst herausgegriffenen Verbindung der mathematische Beweis höchster notwendiger Schönheit nur an der Unzulänglichkeit der Mathematik scheitern könnte«. Vielleicht auch an der Unzulänglichkeit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch mit einem Gedicht von Rilke unternommen hätte, mit welchem er Else Lasker-Schüler verglich. Während bei ihr – in den männlichsten Augenblicken des Gelingens – zwischen Wesen und Sprache nichts unerfüllt und nichts einem irdischen Maß zugänglich bleibt, so dürfte die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von Erscheinungen wie Rilke und dem größeren George – mit Niveaukünstlern und Zeitgängern wie Hofmannsthal und gar Werfel nicht zu verwechseln – doch keinem kosmischen Maß erreichbar sein. Else Lasker-Schüler, deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber auch der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen Expressionisten am Werk sind, die zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten. Trotz einer Stofflichkeit unter Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beiläufigkeit, die solches Ausschwärmen begleitet), ist ihr Schaffen wahrhaft neue lyrische Schöpfung; als solche, trotz dem Sinnenfälligsten, völlig unwegsam dem Zeitverstand. Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der Sprache keine Lücke als Unterschlupf bleibt, er anders als grinsend bestehen können? Selbst ein Publikum, das meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute ratlos vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Rätsel, das die Kunst aus der Lösung macht.

Im Wort die Welt erschaffen ist

Wie könnten aber solche Werte, wie könnte das Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der Sprache keine andere Beziehung haben, als daß sie verunreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in solchem Zustand als das höchste Gut aus einem zerstörten Leben zu retten – trotz allen greifbareren Notwendigkeiten, die es nicht mehr gäbe, hätte der Mensch zur Sprache, zum Sein zurückgefunden –, ist die schwierigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, daß der Kreis derer immer größer wird, die sich durch solche Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fühlen. Es ist Segen und Fluch in einem, daß solchen Denkens, wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes Wort, das über die Sprache gesprochen wird, deren Unendlichkeit aufschließt, handle es nun von einem Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem anderen ihrer Gebiete wäre aus eben diesem zu schöpfen, wo die Fähigkeit der Sprache, gestaltbildend und -wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mal, im Wort die Welt erschaffen ist. In solcher Region der Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend standzuhalten die höchste geistige Wachsamkeit erfordert, muß jeder Anspruch vor dem ästhetischen gelten; denn die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, betreffen beiweitem nicht den Klang, der dem Gedanken von Natur eignet und den ihm ein die Sphäre erfüllendes und noch in der Entrückung beherrschendes Gefühl zuweisen wird. Der Reim als die Übereinstimmung von Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der Technik einer zugänglichen Form noch dem Zufall einer vagen Inspiration erschließt. Er ist mehr »als eine Schallverstärkung des Gedächtnisses, als die phonetische Hilfe einer Äußerung, die sonst verloren wäre«; er ist »keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache bliebe«. Denn »die Qualität des Reimes, der an und für sich nichts ist und als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, hängt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer wird und ohne ihn etwas ganz anderes wäre«. Aber lebt er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelöst dafür zeugte. Ich könnte, was er alles vermag, was er alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen Reimen sagen, von denen man nun – um das Landen der Einverstandenen herum – alle behandelten Arten des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: daß er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre, daß er so seicht ist und so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief, daß er so neu ist und so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Und daß dem Wortbekenner das Wort ein Wunder und ein Gnadenwort ist. Denn »reimen« – bekannte ich – »kann sich nur, was sich reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum Siegel tieferen Einverständnisses nach jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben muß«.

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Quelle: Der Reim – Karl Kraus – Gesammelte Werke in drei Bänden – Band 3 – Verlag Volk und Welt 1971

Mannsbilder • Bärenhetze • Darstellung aus dem Lutrell-Psalter

Der Luttrell-Psalter ist ein illustriertes Manuskript, das zwischen 1325 und 1335 von unbekannten Schreibern und Illustratoren erstellt wurde. Es wurde von Sir Geoffrey Luttrell († 1345), einem wohlhabenden englischen Landbesitzer aus Irnham, Lincolnshire in Auftrag gegeben. Der Psalter befindet sich im Bestand der British Library in London mit der Signatur Add. MS 42130. Die British Library veröffentlichte 2006 ein Faksimile des Luttrell-Psalters.

Bärenhetze im Lutrell-Psalter

Bärenhetze im Lutrell-Psalter

Ludwig Wittgenstein • Über unsere Sprache

„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt:
Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen,
alten und neuen Häusern,
und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten;
und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte
mit geraden und regelmäßigen Straßen
und mit einförmigen Häusern.“

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Ludwig Wittgenstein

Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889 – 1951) war ein österreichisch-britischer Philosoph.
Er lieferte gewichtige Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine Hauptwerke: Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus 1921) und Philosophische Untersuchungen (1953, postum). Sie wurden zu wichtigen Bezugspunkten philosophischer Schulen: des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie.

Richard von Schaukal • Der Stil im Schreiben • Essay

Richard von Schaukal • Der Stil im Schreiben • Essay

font-705667_640Stil ist Einheit des Gesetzmäsßigen. Das Gesetzmäßige aber entspricht einem Innerlichen, das sich, wie die Seele, nicht irgendwo fassen und halten lässt, sondern sich nur bestätigt als wirklich, als ein Ens, – wobei auch der Hinweis auf das schon im Sprachlichen sich kennzeichnende »Innen«tum des »Ens« nicht versäumt werden soll. Stil ist sich bestätigendes Gesetz. Was am Stillosen beunruhigt, peinigt, ist das unbegründet Willkürliche, das Zusammenhang-, gleichsam Kern- und Keimlose, das ist Grundlose des irgendwo Beginnenden, irgendwo Endenden. Stil endigt nicht, Stil ist in sich selbst beschlossen. Stil ist nicht Ausdruck für irgend etwas, sondern Äußerung, die nur Eindruck ist.

Richard von SchaukalRStil ist auch nicht Persönlichkeit. Persönlichkeit muss sich im Stil äußern. Stil ist nicht denkbar ohne Persönlichkeit. Aber Stil ist nicht ein Schlüssel zu irgendeinem bestimmten Schlüsselloch. Es gibt persönlichen Stil. Aber das Wesentliche des Stils ist nicht die Persönlichkeit. Sie ist nur seine Farbe. Wie die Farben der Fontaine lumineuse zwar das Wasser zeigen, aber nicht das Wasser sind. Stil ist Wasser, das Elementare des Wassers, nicht seine so oder so durch Röhren geleitete und sich in einer Form flüchtig zeigende Gegenwart, sondern sein Sein. Es ist Stil denkbar auch im Dunkeln, auch verschlossen, noch nicht aus der Röhre in die Form fließend. Eines ist sicher: Stil erscheint nur in der Form. Stil ist wohl immer da, sobald er nur möglich ist; aber wenn er wirklich wird, erscheint, ist er auch bloß Form, und wenn man will, auch Farbe. Denn ohne Farbe – das ist Licht – wäre er gar nicht sichtbar. Aber »denkbar« ist Stil auch im Chaos des Elementaren, in seinem eignen Dunkel, »über sich allein«.

Das Geheimnis des Stils ist Selbstverständlichkeit. Alles Selbstverständliche hat, erscheinend, Form. Denn Form ist nichts als gesetzmäßige Äußerung, Aus-sich-selbst-Herauskommen. Aus »sich«, das heißt aus dem mathematischen Mittelpunkt, der aller Wirklichkeit Träger, Anfang und Ende ist, das ist ebenso Anfangs- und Endlosigkeit.

old-letters-436503_640Stil ist Unendlichkeit im Durchgang durch die Form. Und da wir nur die Form erfassen, das Unendliche bloß fühlen (wissen, dass es da sei), so ist Stil etwas sich selbst immer wieder Formendes, sich selbst Verwirklichendes. Ja, Stil verwirklicht sich immer wieder selbst, wie Wasser sich immer wieder selbst verwirklicht und eigentlich nur in seiner Idee wahrhaftig – transzendental – existiert. Stil ist die einzig gerechte Art der Verwirklichung des Gesetzes. Es gibt keinen annähernden Stil. Stil ist vollkommen. Es gibt kein Beinahe. Vom Beinahe leben die Literaten. Es ist das Verächtliche an Literaten, dass sie immer nur beinahe, eben noch und schon vorbei sind, nie wirklich im Sinne der Sicherheit. Ich möchte es so ausdrücken: Stil ist seiner so gewiss, dass er sich nicht erst zu manifestieren braucht. Wie Wasser, das auch nicht erst aufgegraben und in Röhren geleitet werden muss, um da zu sein. Wo Wasser ist, noch so verborgen, ist Wasserfühlenden gewiss. Wo Stil ist, ist Stilempfindenden gewiss. Äußerung ist eigentlich schon eine Demonstration. Ganz großer Stil verschmäht sogar, entdeckt zu werden. Er beruht in sich, wie Gott in sich beruht und es verschmäht, entdeckt zu werden. Freilich, wer Gott hat, weiß nichts mehr davon, dass er ihn einmal entdeckt hat.

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Stil im Schreiben. Ich fasse es kaum, was heute überhaupt als Stil gilt. Fast alles, was heute, zumal im Deutschen, geschrieben wird, ist stillos. Wie Adam nach dem Sündenfall um das Beste gebracht war, was ihm Gott gegeben hatte, die Unbewusstheit. Alles, was heute sogenannten Urteilern Stil dünkt, ist armseliges Surrogat, Versuch. Stil ist nie Versuch, sondern Sicherheit. Stil ist nicht etwa bloß Naivität, Gegenwart. Er ist die Gnadenwirkung der Ahnung.

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Richard von Schaukal – Vom Geschmack
Verlag Georg Müller – 1910

Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter. Mit vielen Intellektuellen teilte Schaukal die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, die sich in seinen Ehernen Sonetten (1915) niederschlug. Ähnlich wie Hugo von Hofmannsthal, Alexander Lernet-Holenia oder Anton Wildgans konnte er sich mit dem Untergang der Donaumonarchie nicht abfinden und verfasste als überzeugter Österreicher und Monarchist kontemplative Texte mit katholisch-philosophischer Prägung sowie biographische Erzählungen.

Richard von Schaukal • Über das Wesen des Buches & die Buchkunst • Essay

Richard von Schaukal Ξ Das Buch Ξ Ein Essay

I. Wesen 

book-863418_1280_BonnYbbxHeut, in der Ära des »Buchschmuckes« – Gott verdamm ihn! – Klage zu erheben über das Äußere neuer Bücher, mag manchem einigermaßen paradox, wenn nicht gar ungerecht erscheinen. Dennoch ist es einem zärtlichen Liebhaber schöner Buchindividuen Bedürfnis. Man täusche sich nicht. Wir haben in den letzten Jahren allerhand kostbar und aufmerksam hergestellte Bücher zu Gesicht und in die Hand bekommen. Man hat sich apart, kapriziös gegeben. Aber mich dünkt, als sei da nicht so sehr der Handlichkeit, Lesbarkeit, Dauerhaftigkeit, Schärfe, Klarheit, Gediegenheit und ehrlichen Daseinsfröhlichkeit gedient worden, als vielmehr von vornherein Sonderbarkeit und Prunk beabsichtigt gewesen. Wenn auch die richtige Überzeugung zugrunde gelegen hatte, das Buch als technisches Produkt müsse Kunstwerk, dürfe nicht gedankenloser Massenartikel sein. Ein Heer von »dekorierenden« Künstlern hat sich auf das neue Arbeitsfeld geworfen. Wir haben denn auch manch eine wertvolle Gabe urständiger Künstlerschaft erhalten, freilich weit mehr an innerlich leerer Unverfrorenheit und im ganzen blutwenig wirklich Geschmackvolles. (Wo soll denn auch ein solcher deutscher »Künstler« Geschmack herhaben? Seht ihn euch doch nur an, er ist ja selbst ein Jammerbild vom Kopf bis zu den Zehen, unerzogen, ungeschickt, ungepflegt, unbequem, zu guter Letzt noch unnatürlich!) Eines ist fast ganz außer Bereich der treibenden Absichten geblieben: dem Wesen des Buches hingebungsvoll zu dienen.

Richard von Schaukal
Richard von Schaukal

Was ist das Wesen des Buches? Papier, Format und Druck, in zweiter Linie Umschlag, Einband sind die seinem Begriffe gemäßen notwendigen Bestandteile. Ein festes, dauerhaftes, klares Papier, tunlichst edlen Materials ( Handwerk, nicht Fabrikerzeugnis wünscht sich der Bibliophile, sieht aber verzichtend ein, dass das nicht Norm sein könne), scharfer, reiner, satter, klarer, großer Druck, breitrandiges, handliches Format sind die wichtigsten Anforderungen. Dann sei des Papiers nicht gerade genug, sondern mehr, will sagen, man spare nicht mit weißen Blättern (drucke nicht – scheußlicher Missbrauch – auf die letzte Seite Anzeigen!); sie sind Schmuck und Schutz zugleich. Damit sei der Verschwendung nicht das Wort gesprochen: alles über seinen Zweck Hinausstürmende vermag den Einsichtigen nur zu ärgern. Und: man verteile die Druckmasse, den Satz, mit Rücksicht auf die bequemere Arbeit des Zeilen durcheilenden Auges sowohl als das rein räumliche Gleichgewicht der Einzelseite. Man beachte die Typen! (Ein Kapitel, in dem der neue »Buchschmuck« barbarisch, grundsatz- und kenntnislos, wirtschaftet).

Man nehme die bessern Bücher vom Anfange des 19. Jahrhunderts heran. Wie leicht liest sich das! Wie angenehm ist ihre handliche Dicke, mit wie feinem Takt ist der Rand gemessen; blendend weiss und doch nicht glänzend, blättern sich die Seiten auf. Unverwischbar prangt in schlichter Vornehmheit (der einzig echten) der schön abgesetzte Druck. Der ästhetisch veranlagte Bücherfreund verzichtet freudig auf alle gedankenlosen Vignetten und Seitenumrahmungen. Mehr: dem Unfug sollte endlich durch ein Massenaufgebot blutigsten Hohns gesteuert werden. Die Seitenzahl zwischen zwei schmalen Strichen, in gehöriger Distanz vom Text, befriedigt und genügt als Kopf. Wie schön sind die übersichtlich eingeteilten Titelblätter! Man überzeuge sich an alten Ausgaben von Goethes, Thümels, Heinses, Hoffmanns Werken. Aber ein Titelblatt von heute! Man stellt sich gleichsam auf den Kopf. Es ist der reine Affenzirkus. Statt klarer Verhältnisse – darin liegt das ganze Geheimnis – gibt man aufdringliche Allotria zum besten.

Und der Einband! Der englische Verleger überlässt das Binden dem Käufer. Er kartoniert seine Bücher oder hängt sie unbeschnitten in anspruchslose Leinenwände. Dafür sorgt er, dass Papier und Druck tadellos sich präsentieren. Die deutschen Bücher seit dem Anfang der neueren Barbarei (1870 etwa) geben sich äußerlich protzig, überladen mit wohlfeiler Goldpressung und sparen dafür an Satz und Papier. Im Einband hat die kunstgewerbliche Bewegung seit den neunziger Jahren Wandel geschaffen, meinem Empfinden nach aber das Wesen nicht begriffen. Ein einzelner gefälliger Einband von geschmackvoller Künstlerhand wiegt den Mangel an edel-stiller Mittelware nicht auf. Der Leinenband der üblichen Klassiker-Ausgaben – mit dem hass- und verachtungswürdigen Ornament – ist ein beschämendes Zeugnis für den deutschen Leser.

Der Schnitt! Ein Kapitel endlosen Jammers des Bücherfreundes. Die Kunst der glatten Schnittfarbengebung (nicht abfärbend, nicht verrinnend, einheitlich und diskret getönt) scheint wirklich abhanden gekommen zu sein. Was erlebt man da beim handwerksmässigen Buchbinder! Das dick aufgetragene Gold tut es nicht. Jedes bessere englische oder französische Buch hat einen soliden Kopfschnitt. Und was für herrliche Nuancen erfreuen den Bibliothekenspürer an älteren deutschen Ausgaben. Ich erinnere nur an den zum moirierten Grau des ehrlichen Leinwanddeckels anheimelnd abgesetzten gelben Schnitt der Kleinoktavausgabe von Goethes Werken (»Vollständige Ausgabe letzter Hand. Unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien.« 1828-1833.)

Das Kapitalband. Dass es dem Gesamtcharakter des Bucheinbandes angemessen sein müsse, scheint man nicht mehr zu begreifen. Und wie schlecht sitzen die Bogen an dem innen mit Zeitungspapier nachlässig verklebten Rückenfalz!

Das Vorsatzpapier! Weites Feld empörender Fabriksmache. (Hier hat zumal der »Insel«-Verlag in Leipzig Treffliches gezeigt.)

Das Publikum ist an dem allen schuld. Das Bedürfnis nach guter Buchware fehlt. Das Buch ist nicht mehr der ehrliche Freund des stillen Lesers. Schreiende Titelbilder räkeln sich in den Auslagenfenstern. Um jeden Preis soll der erste beste gewonnen werden. Die teuern Luxusbände sind für die Menschen da, die schon so wie so um das Wesen der Buchschönheit wissen. Für die anderen arbeitet die Dampfpresse nach »bewährter« Schablone.

II. Buchkunst

old-books-436498_1280_jarmoluk_pixabayDie schauderhafte »Buchschmuck-Bewegung« der neunziger Jahre beginnt bei uns gottlob abzuflauen. Kompromittierendes ist zwar noch reichlich vorhanden, und weit verbreitete schnöde Typen gebären sich endlos fort, aber vielfach hat man die Langweiligkeit und Geschmacklosigkeit kitschiger Ornamente, wenn nicht eingesehen, doch gefühlt, und tüchtige Firmen haben gezeigt, dass man auch in Deutschland endlich wieder an die herrliche Tradition – unsre Bücher vom Anfang bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts – mit Verständnis anzuknüpfen bereit und seelisch wie technisch in der Lage sei. Im allgemeinen freilich stehts noch recht schlimm darum. Es fehlt der ruhige Blick für das edle stille Ziel, es fehlt am Sinn für das bessere Bedürfnis. Man experimentiert noch immer, weiß nicht, worauf es ankomme.

Soll ich meinen Eindruck von der Art, wie heute von unternehmenden deutschen Verlegern Bücher gemacht werden, in ein Wort zusammenfassen, so lautet mein Tadel: unharmonisch. Es fehlt den Druckwerken, die sich auf den ersten Blick oft recht gefällig präsentieren, an der Einheit. Und nur in dieser Einheit, die Notwendigkeit verkündet, beruht das Geheimnis der wunderbaren Wirkung aller älteren deutschen und der französischen und englischen guten Publikationen. Unsere Verleger schießen fast immer übers Ziel hinaus, oder sie haben keinen Sinn für das Wesentliche. Sie fahnden unruhig nach dem neuen und originellen »Buchkünstler« und gehen an trefflichen Mustern des Bücherlebens vorüber. So machen sie immer wieder leere, tote, meist fratzenhafte Bücher. Leider sind bei uns noch immer die künstlerischen Einfälle landesüblich und werden von den nur allzu rührigen Verlegern unentwegt mit Stil verwechselt. Dieses »Künstlerische« ist überhaupt der Krebsschaden unsrer um allen Stil betrogenen Zeit, eine richtige Krätze.

book-861750_1280_BonnybbxMöchten doch die Deutschen wieder einmal bei den Franzosen in die Schule gehen, nicht etwa nur den neuesten, auch nicht den »klassischen« Alten, sondern bei denen der gleichgültigen sechziger und siebziger Jahre zum Beispiel. Eine Luxusausgabe etwa von Jouaust. Was ist der Grund der unbeschreiblich vornehmen Wirkung der Textseite? Das Verhältnis, die Ruhe, die von aller »Absicht« entbürdete Sicherheit des Geratenen. Nichts als kostbares Papier und guter Druck. Nichts sonst – aber wie verschmolzen zum Eindruck des Verehrungswürdigen!

Bei uns ist man immer auf »Kultur« aus. Welch ein Irrtum! Man hat Erziehung, das ist alles. Und die Deutschen haben Erziehung Richard von Schaukal genossen – in verschollenen Zeiten … Geht in die Kinderstube eurer Tradition, fürwitzige Kulturförderer; vielleicht lernt ihr doch noch das Gruseln! …

Zum hundertsten Male: zu einem guten Buch braucht man keinen »Buchkünstler«, sondern »bloß« – Geschmack und solide Arbeit in solidem Material. Zum Teufel mit allen »rhythmisch abgewogenen Liniaturen«; seht und schaffet das richtige Verhältnis von Satzspiegel zur Seite, von Type zum Format.

trennlinie2Richard von Schaukal – Vom Geschmack
Verlag Georg Müller – 1910

Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter. Mit vielen Intellektuellen teilte Schaukal die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, die sich in seinen Ehernen Sonetten (1915) niederschlug. Ähnlich wie Hugo von Hofmannsthal, Alexander Lernet-Holenia oder Anton Wildgans konnte er sich mit dem Untergang der Donaumonarchie nicht abfinden und verfasste als überzeugter Österreicher und Monarchist kontemplative Texte mit katholisch-philosophischer Prägung sowie biographische Erzählungen.

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus • Ein Gedankengang

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus

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Noch bevor ein Kind die gesprochene Sprache verstehen gelernt hat, beginnt es zu erzählen. Der zahnlose Greis, der nicht mehr fähig ist, neues zu lernen, neuen Sinn zu erfassen, kann dennoch vom Erzählen nicht lassen; mit schmal gewordenen, blassen Lippen murmelt er Undeutliches;. Wenn aber jemand diese Worte als zu verstehen vermag, dann kann er meisterhaft Erzähltes aus einem Munde aufnehmen, der sonst scheinbar von allem Leben, aller Liebe abgewandt ist. Denn einem Geiste, längst dem tätigen Dasein entfremdet, kann immer noch eine klare, reine Quelle entspringen; das Gedächtnis, dem die jüngsten, wirklichsten Ereignisse entgleiten, hält immer noch die ältesten Bilder in unzerstörbarer Treue und Liebe fest.
Überwiegend ursprünglich lebende Völker, wie Südseeinsulaner, Eskimos und Lappen, haben die Erzählkunst schlechthin vollendet. Dagegen sind viele gebildete, geistig hochstehende Menschen kaum in der Lage eine kleine, schlichte Erzählung zustande zu bringen. Können sie es aus dem Grund nicht, aus dem pubertierenden Jungen das Malen und Zeichnen verlernt haben, das ihnen mit vier Jahren, zum Staunen aller Erzieher, wie durch Gnade angeboren schien?

market-1154999_640Wir dürfen annehmen, dass ein jeder Mensch »von Natur« erzählen kann; schließlich machen es uns Babys bereits vor. Daher dürfen wir auch annehmen, das Erzählen nur verlernt wird. So wie der vierjährige Knabe das Malen „vergessen“ hat.
Hört man den Marktbeschickern unter dem Baldachin ihrer Schirme zu, wie sie sich die Zeit der Marktstunden mit Gesprächen vertreiben, oder lässt man vor Gericht dem Angeklagten, dem Zeugen, besonders aus den eher „bildungsfernen“ Schichten, freien Lauf mit ihren Berichten, ihren Ausbrüchen, Eindrücken und Abenteuern, da hört man oft das Leben selbst sprechen. Werden aber diese Menschen aufgefordert, das eben in voller Blüte Erzählte nieder zu schreiben, dann ergibt sich meist nichts anderes als ein flaches, gefühlsduseliges, ödes Seemannsgarn.
Es scheint, da
ss der Grad der Naivität entscheidet. Naiv, also absichtslos, ohne Rücksicht auf den Zuhörer und bisweilen ohne Rücksicht auf den Sinn, erzählt nur das Kind. Das Kind und der „Native“ haben reine Freude am Klang, am Lärm, an dem fragenden Zögern, an der aufreizenden Pause, am ruhig weitergezogenen, drei- und unendliche mal wiederholten Pendelschlag der Erzählung. Die Freude des Greises ist dagegen etwas wehmütig. Er empfindet den Durst, nochmals zu leben, in dem Augenblicke, da er nochmals sich reden hört. Er erzählt, solange er atmet. Solange er atmet, solange lebt er.

[avatar user=“JonasRehbaum“ size=“medium“ align=“right“]Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist „Die neun Pforten“ und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding.[/avatar]

Sollte man nicht annehmen, jeder Mensch könne wenigstens einen guten Bericht schreiben, nämlich den des eigenen Daseins und Dagewesenseins? Aber es sind autobiographische Bücher von Wert noch größere Seltenheiten als wertvolle Bücher überhaupt.
Es
muss also doch eine eigenartige Kunst des Erzählens geben. Oder es muss die angeborene, und wieder verlernte Kunst des Fabulierens aller Bildung, allem Schulwissen zu Trotz, wiedergefunden werden können. Man muss erzählen, naiv wie ein Kind, wissend und im Feuer geläutert wie ein Greis, aber das alles mit dem glühenden Glauben des Pubertierenden und der großen, ruhigen, tragenden Kraft des Mannes und der Frau. Die Vereinigung dieser Eigenschaften ist so selten wie die Vollendung überhaupt bei allen irdischen Kunstwerken. Regeln und Gesetze gibt es nicht.

Sich gerecht verteilen macht hier den Meister. Wer sich selbst zu sehr lauscht, der reißt wohl sein Werk von der Erde los, aber je höher er steigt, desto blendender, feuriger muss das Werk leuchten, sollen die Strahlen dann noch das Gewölk der Materie, den harten Kern des Wortes durchbrechen, um über Zeiten, über Zonen heraus zu wirken.
So sind Achill und Odysseus nicht einfach Figuren einer beliebigen Mythologie. Es sind Grundformen des menschlichen Wesens überhaupt, es ist
die Welt Heranwachsenden in Achill und die des Mannes in Odysseus. Ob nun ein einzelner oder ein Volk diese Gestalten mitentwickelt hat; sie sind nicht aus der Beobachtung einer fremden Welt entstanden, sondern dem Strom des eigenen Daseins entsprungen, dem Überfluss einer zweistromigen, einer umfassenden Seele.

 

Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert
Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert

Und sind die Buchstaben der homerischen Gedichte heute so weit verblasst, dass wir nicht mehr wissen, wie sie geklungen haben, hat sich der Sinn der homerischen Welt auch so weit verändert, dass uns die Worte Sieg, Tod, Kampf, Meer und Irrfahrt, Troja und Penelope ganz anderes bedeuten, als sie dem Schöpfer dieser Werke und ihren ersten Hörern bedeutet haben – so strahlt doch, eben über die Zone der griechischen Küste, über die Zeiten der heroischen Kämpfe, das Werk und mit ihm seine Helden, seine Meister. Denn was Homer gezeugt, getötet, lebendig gemacht, was er geschmäht und gerühmt hat, das geht tiefer als sein Gegenstand, es besteht länger als der Stein, aus dem seine Statue gebildet war.

Ganz dem Zuhörer hingegeben sein, nur mit dessen Zunge zu reden, mit dessen Vernunft zu denken, mit dessen Waage zu wägen, das macht ein Werk verständlich, eingängig und einheitlich. Solch ein Werk widerspricht sich nie. Aber so erzählen, wie der Durchschnitt der Menschen denkt und bewusst erlebt, das heißt: überhaupt nicht zu erzählen. Mit Rücksicht auf die Masse und deren Auffassung, Fassungskraft und schnell verflogener Liebe erzählen heißt, mit einem Pinsel in fließendes Wasser schreiben. Ganz ohne Sinn ist auch dies nicht. Es ist ein Geschäft, ein Beruf, und wenn man daran denkt, einer großen Anzahl von Menschen nach ihrer Arbeit und dem mühseligen Alltag ein wenig Unterhaltung zu gewähren, ist es sogar eine menschliche Berufung. In diesem Sinn soll man selbst den Kitsch nicht unterschätzen. Auch wenn es inzwischen schwerfällt, diesem zu entkommen.

iphone-926235_640Aber die Generation, aus deren Durchschnittsgefühl heraus dieser banale Erzähler erzählt, geht dahin. Schon die kommende Generation versteht die Existenz, geschweige den Erfolg solcher Werke nicht mehr, ja, man begreift nicht einmal, was die frühere Generation Schönes an diesen Werken gefunden haben mag.

Solche Werke sind so tot, dass man nie ermisst, wie sie je lebendig gewesen sein sollen. Es ist nur der mechanische Abdruck, der Restbestand der Massen darin, das Gestaltlose, künstlerisch Unerfassbare, das nie Organismus geworden ist und doch auch längst die Unschuld des rohen Stoffes eingebüßt hat. In diesem Sinne sind es traurige Momente der irdischen Vergeblichkeit, beschämend für den Sinn ihrer Zeit.

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik • Essay

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik 

Der Erfinder der Grammatik ist nicht bekannt. Dabei ist von vornherein nicht an einen einzelnen gedacht, sondern an eine Kaste, ja vielleicht an ein Volk, das als erstes seine Sprache geordnet hat. Die größten Erfinder sind namenlos. Man kennt sie nicht, wie man die Dichter der Edda, der finnischen Kalewala, der homerischen Rhapsodien, der Shakespeare-Balladen nicht kennt. Doch blickt aus diesen hohen, unnennbaren Werken der ewig wirkende Geist, aus ihnen rauscht die Seele des Schöpfers, und alles ist gesagt, wenn man das Werk nennt. Niemand wird wissen, wer der erste war, der die Pflugschar, den Bogen, den Sattel erfand. Hier liegt das Geheimnis der tiefsten, weil natürlichsten Genialität des Menschen. Hier verliert sich sein unmeßbarer Gewinn in den auf immer umschatteten Urgründen des menschlichen Werdens. Werden muß nicht immer Entwicklung nach oben bedeuten. Es ist eine ungelöste Frage, ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der auf sein Telefon, den Aeroplan, das motorlose Fliegen, das elektrische Licht und das Radio so stolz ist, auch nur einen Rest jener Urwaldgenialität besitzt, der die Menschheit ihre zwei größten Güter verdankt, die sie auf immer über das Tier erheben: die Schöpfung des Gottesbegriffs im geistigen, die Erfindung des Feuers im weltlichen Leben.
Was dem Menschen aber das Dasein unter seinesgleichen erst möglich gemacht und damit ihm alles gegeben hat, was wir Gesittung nennen, was ihn zum Spiegel der beseelten und unbeseelten Welt auserwählt, zum Prinzen der Natur geadelt hat (einem manchmal etwas aussätzigen Prinzen, aber doch einem), das ist die Sprache. Und in der Sprache ist der Schöpfer der Grammatik das, was in der Welt des sittlichen Seins der Schöpfer des ersten Gesetzes, der Heiligsprecher des ersten Tabus ist, es ist der Gründer der ersten Beschränkung, aber einer Beschränkung von ungeheurem produktivem Wert.
Eine Kritik der Grammatik ist ein Lebenswerk. Hier mögen nur kleine Anmerkungen über Bezeichnungen aus der lateinischen Grammatik folgen. Diese darf heute besondere Beachtung deshalb beanspruchen, weil sie im Augenblick fast die einzige internationale Gemeinsamkeit darstellt. Lloyd George sprach einmal in Genua von den zwei klarsten Sprachen, die allen Beschlüssen zur Grundlage dienen sollen, der französischen und der englischen. Aber es gibt ein höheres, reineres, freudigeres, es gibt ein sicherlich unerreichbares Ideal und eine höchste Forderung: daß alle Lebenden in einem einzigen Idiom sich treffen sollten. Ein solcher Sammelplatz des Geistes war die lateinische Sprache.
Der Menschengeist hat eine so unendlich zart facettierte und doch aufs schärfste präzisierende Ausdrucksform nicht wieder gefunden. In diesem Sinne hat Luthers deutsche Bibelübersetzung den entscheidenden Grenzstrich auf der Landkarte menschlicher Entwicklung als Wasserscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit gezogen. Eine Tat, die dem bäurischen Genie Luthers nicht bewußt war, aber bedeutsamer wurde als die Thesen und Antithesen an der Schloßkirche von Wittenberg. In dem Gebrauch der lateinischen Sprache, die Bildung, Humanität im Geistigen und Kultur voraussetzte, bei diesem Regelwerk von höchster, fast architektonischer Logik, das allen Hofhaltungen, allen Gesandten, Dichtern, Ärzten, Notaren, Diplomaten, Geistlichen und Gebildeten überhaupt gemeinsam war, lag das Merkmal der erwählten Zehntausend, hier waltete eine europäische Gebundenheit, ein Adel des Ausdrucks, der sich in jeder Brieffloskel bewährte. Das Latein war das »humaniora«, das heißt, ein Diplom und Siegel des höheren Menschen, etwas von dem Gelehrtenadel des chinesischen Mandarinen. Und dieser erwerbbare Adel war stark genug, um die Titel der Ahnenprobe zu lähmen, die Macht des Geldes zu mildern, die Schärfe des Schwertes vielleicht zu hemmen.
Die lebenden Sprachen reichen an Genauigkeit, an innerer Gewißheit entfernt nicht an die lateinische heran. Ein Stil wie der des Tacitus oder auch nur des Sallust ist heute nicht mehr zu erreichen. Es gibt selbst bei dem soviel zarteren Horaz Stellen von einer so zusammengepreßten Sprachgewalt, von so zwingendem Zauber, daß sich keiner diesem Bann entzieht. Was Shakespeare in seiner flammenden, hart metallisch umrissenen Sprache aus den spätlateinischen Autoren übernommen hat, läßt sich gar nicht absehen. Vieles ist so lateinisch gedacht, der Monolog Hamlets zum Beispiel, daß er mir öfter als eine Übertragung aus dem Latein als aus dem Englischen erschien, wenn ich ihn in deutscher Sprache vor mir sah.
Die Sprache beginnt bei der Grammatik. Sie endet in ihr. In der lateinischen Sprache hat sich ein Volk über sein irdisches Reich hinaus unsterblich gemacht.
Etwas Gleiches ist nur den Juden des Alten Testamentes beschieden gewesen. In der lateinischen Sprache, in ihrer Grammatik, die in unerreichter Fülle aus den Gründen und Abgründen des Gedankens quillt – wenn irgendwo, sind hier in geheimnisvoll klarer Mystik Sinn und Wort, Logik und Ausdruck, Bild und Gegenstand eins geworden.
Dies beginnt schon bei dem Ausdruck casus, Fall. Man muß das Wesen der Sprache im eigentlichen Grunde als das einer Kategorie erfassen. Man muß es sehen als abgeschwächtes, aber immer noch echtes Leben; die Sprache muß über uns wandeln wie ein verarmter Gott. Dann wird man die Wandlungsfähigkeit des Seins und des Wortes einen Fall nennen; denn hier ist ein Niedergang, und nie mehr ist die Einheit des zu Nennenden mit dem Genannten zu erreichen. Alles wandelt sich, alles sinkt, in der Hand bleiben uns Schatten nur; glücklich, der die höhere Welt über diesen Schatten ahnt.
Der erste Fall heißt lateinisch nominativus. Wir nennen einen Menschen: Dich, den Menschen; wir richten also mit dem vierten Fall unser Wort an ihn. Der Schöpfer der lateinischen Grammatik aber sagt: Jedes Wort nennt sich selbst. Jeder drückt zuerst sich selbst, dann erst die Welt aus. Der Römer setzt die Welt ihrem Klange gleich. Dies ist ja die Voraussetzung jeder Sprache, aber nicht die Voraussetzung der Welt. Deshalb ist jeder Sprachsinn an sich Widersinn. Die Sprache lügt und wir in ihr. Daß nun Menschen Namen haben, die ihnen nicht gehören, sondern nur ererbt, erheiratet, verschenkt, verborgt und an der Bühne angeschminkt, ja, sogar verloren und gestohlen werden können, dies gehört zu den vielen Paradoxen, die selbstverständlich genannt werden, weil sie niemand versteht, jeder aber an sie gewöhnt ist.
Der zweite Fall heißt genitivus, der Zeugungsfall. Sein Sinn ist: in der ganzen Welt besteht kein so inniges Band zwischen Menschen, kein so zwingendes Eigentumsverhältnis, keine so enge Hörigkeit in geistigem Sinn, keine so warme Blutnähe, kein so reiner Herzenseinklang wie zwischen Vater und Sohn, Zeuger und Gezeugtem – hier das straffste und doch mildeste Band, tiefste Verbundenheit der Generation, Ahnenliebe, Altersverehrung, Pietät und Patriarchat.
Der dritte Fall dativus: der Schenkungsfall. Die große Seele des Menschen, seine grandeur ist die schenkende Tugend, alles ist Geben, alles ist Nehmen. Hier ist das Gnadenprinzip der Menschheit aufgetan, die Urquelle aller Gemeinschaft vom ich zum du.
Der vierte Fall accusativus: Anklage, misère des Menschen, schärfstes Erfassen des Nebenmenschen in der Hand »des Gendarmen an der Gurgel des Sünders«. Das Volk der genialsten Juristen, Finder und Künder der Pandekten: wie tief aus der Seele der Römer das Recht floß, das wird hier offenbar. Denn es gibt tausend menschliche Beziehungen, die dieser Akkusativ umfassen kann. Erobern, lieben, verachten, kaufen, verkaufen, verwunden, vernichten, töten, martern, gebären, küssen, zeugen, finden, fassen, belügen und betrügen, nennen, wissen. Nichts von alledem gab dem vierten Fall den Namen. Die Anklage ist ein Grundpfeiler des sprachlichen und daher des sittlichen Seins. Keine hohle Harmonie, keine billige Erlösung, kein Verzeihen. Dieser Fall ordnet, entscheidet, richtet.
Der fünfte Fall ist der ablativus, der Fall der Fälle. Er gibt alles, bezeichnet nichts. Er ist der Wandel der Dinge. Der Schleierfall des stürzenden Stromes, die gestaltlose Wolke. Das Werk, die Wirkung, das Geheimnis, die Hand Gottes.
Ergreifend ist, wenn die lateinische Grammatik den Mittelpunkt des Satzes subjectum nennt, das Unterworfene. Welche Einsicht in das Zwangsläufige jeglicher menschlicher Existenz! Das objectum, der Gegenstand, das andere: Das ist auch nur das Hingeworfene, die daliegende Beute, das verlassene Etwas. Die Hand des von Zauberschnüren gehaltenen Subjektes langt nach dem Objekt, aber sie erfaßt es nie. Welche Philosophie in diesen Ausdrücken, deren oberflächliche Ausdeutung schon solche Tiefe bekundet. Bewunderung dem Schöpfer dieser Bezeichnungen, Normen und Gesetze, Verehrung dem namenlosen Genius der Sprache, dem Eroberer der Welt durch das Wort!

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Ernst WeißErnst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller.

Der aus einer jüdischen Familie stammende Weiß war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta Weinberg. Am 24. November 1886 starb der Vater. Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 erfolgreich die Matura (Abitur). Anschließend begann er in Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.

1911 kehrte Weiß nach Wien zurück und fand eine Anstellung im Wiedner Spital. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.

Im Juni 1913 machte Weiß die Bekanntschaft von Franz Kafka. Dieser bestätigte ihn in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und Weiß debütierte noch im selben Jahr mit seinem Roman Die Galeere.

1914 wurde Weiß zum Militär einberufen und nahm im Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.

Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u.a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. In den Jahren 1926 bis 1931 lebte und wirkte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel. Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.

1928 wurde Weiß vom Land Oberösterreich mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Außerdem gewann er im selben Jahr bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb.

Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u.a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Maß und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig.

Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A.H. nach der militärischen Niederlage in einem Reichswehrlazarett Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein KZ verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A.H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, auf der Seite der Republikaner für die Befreiung Spaniens und gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.

Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, beging er Suizid, indem er sich in der Badewanne seines Hotelzimmers die Pulsadern aufschnitt, nachdem er Gift genommen hatte. Im Alter von 57 Jahren starb Ernst Weiß am 15. Juni 1940 im nahegelegenen Krankenhaus.

Seine Selbsttötung wird literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seit seinem Tod ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Die Lage seines Grabes ist ungeklärt.

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Ernst Weiß – Die Ruhe in der Kunst – Essays
Verlag: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – 1928
1. Auflage
Hrsg.: Dieter Kliche – 1987

Felix Pirner • Das aufgehende Sprachlicht • Ein Essay über das Bildhafte in unserer Sprache

SPRACHBILDER 

Felix Pirner - Foto: Privat
Felix Pirner – Foto: Privat

Es kommt uns nur selten zum Bewusstsein, wie bildhaft unsere Muttersprache arbeitet. Man könnte versucht sein zu sagen: Wenn wir uns ausdrücken, immer wieder kommen Bilder heraus. Es bedarf meist nur eines Winks, und wir erkennen diese Bildersprache. Wenn wir unter einem Einfluss stehen, fließen neue Erkenntnisse und Einsichten in uns ein. Auch Eindrücke drücken sich in unsere Seele ein und hinterlassen dort ihre Spuren. Wenn wir etwas begreifen, hat es unser Verstand in den Griff bekommen. Wenn wir das Wort Erziehung als Herausziehen ernst nehmen, wissen wir, dass man nur erziehen kann, was in einem Menschen angelegt und veranlagt ist. Ein Grübler versucht geistig in die Tiefe zu graben. Da er aber zu keinem Ergebnis kommt, setzt er immer von neuem an und bringt es nur zu kleinen Gruben, zu Grüblein. Wenn jemand entzückt ist, so zuckt gleichsam sein Körper vor ‚ Freude. Ist er entrüstet, so hat er seine Rüstung abgelegt und steht ohne diese Fassung, also fassungslos da. Der Beschränkte bleibt in den Schranken, die ihm gemäß sind. Der Einfältige ist nur einmal gefaltet und mit den vielfältigen Kniffen nicht vertraut. Der Gescheite hat einen scharfen Geist, mit dem er die Dinge und Begriffe gut zu sondern und zu scheiden weiß; er leistet geistig, was ein anderer tut, wenn er Holzscheite spaltet oder den Scheitel auf seinem Kopf genau abteilt. Wenn wir etwas entwickeln, so wickeln wir es aus, seien es Keime, Anlagen, Bilder oder Gedanken. Wer denkt noch daran, dass in dem Wort Geselle die Vorstellung eines Saales enthalten ist? Gesellen sind demnach Menschen, die in einem Saale zusammen sind, sich gesellen. Etwas Ähnliches meint das Lehnwort Kumpan, das nur der Lateiner versteht: Es bezeichnet einen Menschen, der mit mir Brot isst (cum = mit, panis = Brot). Der Kamerad befindet sich mit mir in der gleichen Kammer (lateinisch camera = Raum mit gewölbter Decke). Der Gefährte geht mit mir auf Fahrt, und der Genosse nutzt und genießt mit mir gemeinsamen Besitz. Das Wort Kumpan zeigte, dass sich bei den aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprache entlehnten Wörtern, den Lehnwörtern, der bildhafte Kern und die bildhafte Vorstellung verdunkeln und für den, der die jeweilige fremde Sprache nicht kennt, unverstanden bleiben. So sagt z. B. das Wort Fenster, das wir von den Römern übernommen haben (fenestra), nur dem etwas, der bis auf das von den Römern aus dem Griechischen übernommene Wort „phaino“ (sichtbar machen, scheinen) zurückgeht. Wir müssten Fenster also sinngemäß mit Scheiner übersetzen.
Der Hamburger Dichter und Fremdwortgegner Philipp von Zesen (1619—1689) empfand Fenster noch als lästiges Fremdwort und wollte es deshalb durch „Tagleuchter“ ersetzt wissen. Wenn der Engländer für unser Fenster „window“ sagt, so hat er bei diesem germanischen Wort eine bildhafte Vorstellung: Sein Fenster ist ein Windauge, sein Haus hat, wie es in ältesten Zeiten der Fall war, Luken, die ihm wie Augen erscheinen, durch die der Wind herein wehen kann. Ebenso bildhaft sprachen die alten Goten vom „Augentor“.

Auch das von den Römern mit dem Steinbau übernommene Wort Mauer (lateinisch: murus) vermittelt uns keine bildhafte Vorstellung, während das germanische Wort Wand uns an das Flechtwerk der Fachwerkbauten erinnert. In Wand ist noch das Flechten, das Hin- und Herwenden der Ruten und Zweige lebendig, durch das die Wände entstanden, die dann mit Lehm verschmiert und verputzt wurden. Der bildhafte Gehalt eines Lehn- und Fremdwortes wird nur dem deutlich, der die fremde Sprache beherrscht. Wenn er aber den ursprünglichen bildhaften Gehalt ernst nehmen wollte, bekäme das so leichthin gebrauchte Fremdwort einen anderen, meist tieferen und ernsthafteren Sinn, als er uns geläufig ist. Das vielgebrauchte Wort Materie z.B. müsste er mit Mutterstoff übersetzen (lateinisch: mater = Mutter), Urgrund alles Lebendigen. Nation würde demnach den Geburtszusammenhang bezeichnen (lateinisch: natus = geboren), -also nur Menschen gemeinsamer Abstammung meinen, könnte demnach mit dem Begriff Staat nicht verwechselt werden, der oft Angehörige verschiedener Nationalitäten in sich vereinigt. Die Natur würde zur Gebärerin und Mutter alles Lebens. So fasste sie ja auch Goethe im wahren Sinne des Wortes auf. Der schon genannte Philipp von Zesen wollte das Fremdwort Natur durch „Zeugemutter“ ersetzt wissen. Wer Griechisch kann, weiß, dass der Kosmos nichts anderes als die bildhafte Vorstellung des schön Geordneten ist. Das Wort ist in diesem griechischen Sinne für uns noch in Kosmetik (Schönheitspflege) lebendig. Ein Text ist eigentlich etwas Gewebtes (lateinisch: textilis = gewebt; vgl. Textilien). Ein guter Text wäre demnach ein Gewebe von Wörtern und Sätzen, was ja auch zutrifft.

VERWANDTSCHAFTEN

Oft genügt nur ein Wink, und uns geht bei der Betrachtung von Wörtern ein Sprachlicht auf. Wir entdecken geheime oder auch offenbare Verwandtschaften und Zusammenhänge. Sobald ich weiß, dass ausmerzen mit dem Monat März zu tun hat, kann ich den Zusammenhang leicht herstellen: Im März werden die untauglichen Schafe aus der Herde ausgemerzt. Wenn ich weiß, dass werben und wirbeln (sich drehen) einer gemeinsamen Wortwurzel entstammen, sehe ich gleich den werbenden Freier vor mir, wie er sich dreht und wendet, um die Gunst seiner Erwählten zu erringen. Aber auch wer ein Gewerbe treibt, muß sich tüchtig wenden und tätig sein, muß werben, wenn er etwas erwerben will. Die süddeutsche Hausfrau sagt heute noch für Staub wischen und rein machen stöbern. Da stiebt der Staub auf, wie wenn der Stöber (Hund) das Flugwild verbellt und aufjagt, aufstöbert. Im Schneegestöber, dem leichten, flockigen Stäuben, wird dann die diesen staubigen Wörtern gemeinsame Wurzel und Bedeutung abermals deutlich.

Ein Garten war ursprünglich ein eingefriedetes Stück Land. Das Schwergewicht der Bedeutung lag also nicht auf dem Land und seinem Wachstum, sondern auf dem Schutz und der Einfriedung. Von hier aus ergibt sich dann leicht der Zusammenhang mit Gürtel und Gurt: Auch sie umschließen, grenzen ab und sichern. Der Garten ist das umgürtete Land. Unser Kindergarten entpuppt sich bei dieser Betrachtung als ein umschlossener und umhegter Bereich, in dem Kinder ungestört spielen und wachsen können.

Das Wort umhegen erinnert an den Hag, an das dichte Gebüsch und Gesträuch, das als Gehege und Hecke diente, aber auch einen umfriedeten Wald bezeichnete. Die Hexe war ihrem Namen nach eine Hecken- und Wald-Dämonin. Dem Hag und Hege-Zaun verdanken nicht nur die Hagebutten, die Heckenbutzen, ihren Namen, sondern auch der Hagestolz, der ewige Junggeselle. Sein Name hat weder mit hager noch mit stolz etwas zu tun. Er war in früheren Zeiten ein armseliger Hag-Besitzer, ein „hage-stalt“. Er hatte nicht den Herrenhof geerbt, der dem ältesten Sohne zustand, und war nur auf ein eingefriedetes Grundstück verwiesen (gestellt), eine kleine Landstelle also, die ihm nicht erlaubte zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Es gibt Wortwurzeln, die der Ursprung besonders weitverzweigter Verwandtschaften geworden sind, denen nachzugehen den Betrachter der Sprache immer von neuem reizt. So entwickelt sich aus der indogermanischen Wurzel glei, die etwas Klebriges, teils Schmieriges, teils Schlüpfriges bedeutet, eine klebrige Wortfamilie. Wenn wir den Anteil von Eiweiß im Getreidekorn Kleber nennen, dann bezeichnen wir damit eben seine Fähigkeit, einen klebrigen Teig zu bilden. Die Kleberschicht des Korns ist uns als Kleie vertraut, die wir als Kraftfutter weniger den Menschen als den Schweinen angedeihen lassen. Auch der Klei, den ein angesehener Marschbauer unter den Füßen haben muss, wie es z. B. in Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ zu lesen ist, ist der lehmige, fruchtbare Erdboden, der sich unseren Schuhen nachhaltig anhängt. Kleister als umfassender Klebestoff ergibt sich aus den Eigenschaften von Kleie und Klei. Der Familienname Kleiber meint einen Maurer, wie ja auch unser Blauspecht und Baumrutscher, der Kleiber, diesen Namen trägt, weil er den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm verklebt und vermauert. Diese Übersicht wird noch reicher, wenn wir die wortgeschichtlich mögliche Verbindung zu klettern herstellen. Klebt sich doch der Bergsteiger mit Händen und Füßen gleichsam am Felsen fest, wenn er klettert. Und darin ist er wieder der Klette verwandt, die sich mit Widerhaken jedem Streifenden anklebt. Zuletzt hat auch das Kleid in dieser Sippe seinen Platz: Es wäre dann das unserem Körper Anhaftende, während wir mit Gewand, von seiner Grundbedeutung als Gewendetes und Gefaltetes her, die Vorstellung des Weiten und Faltigen verbinden.

Zu erstaunlichen Ergebnissen kommen wir auch, wenn wir von der indogermanischen Wurzel ble oder blä ausgehen. Unser blähen und blasen leitet sich davon ab. Beiden ist die Vorstellung des Schwellens gemeinsam. Aber auch Blatt hängt damit zusammen. Wir verbinden mit Blatt wohl die Vorstellung des Schmalen, Dünnen und Flächigen (vgl. Ruderblatt, Schulterblatt, Zeitungsblatt). Dennoch entspricht dem Blatt ursprünglich eine andere Vorstellung: Es ist das Geblähte, das Ergebnis eines Sich-Entfaltens und Ausdehnens aus der Knospe. Auch die Blattern bezeichnen etwas Geblähtes, die Pocken-Bläschen, die dann ihre Narben hinterlassen. Bei einiger Überlegung verstehen wir auch, warum wir blühen und Blut in diese sprachgeschichtliche Verwandtschaft einbeziehen dürfen. Auch das Entfalten einer Blüte und Blume ist ein Schwellen und Blähen, verwandt dem Wachstumsvorgang des Blattes. Bei Blut wiederum mag die Vorstellung des Quellens bestimmend sein. Blut wäre demnach das Gequollene und wie Blüte, Blume und Blatt dem Geheimnis allen Wachstum und seiner Entfaltung auch wortgeschichtlich verbunden.

Eine fruchtbare Sippe gruppiert sich um die Wurzelsilbe ber und bar. Die Grundbedeutung tragen haben wir noch im englischen „to bear“ (tragen) und dem plattdeutschen „boren“, aber auch in der zweiten Silbe von fruchtbar: fruchttragend. Gebären heißt demnach ein Kind tragen. Gebaren ist die Art, wie ich mich trage und gebe, und die Gebärde das Zeichen, in dem mein Gebaren sichtbar wird. Die Magdeburger Börde hat ihren Namen von ihrem reiche Frucht tragenden Boden. Die Bahre ist ein Gestell, mit dem wir eine Last tragen, und die Bürde ist das Getragene, diese Last selbst. Der Zuber lautet in der alten Form „zwi-bar“, d. h. ein Gefäß mit zwei Griffen oder Henkeln zum Tragen, während der Eimer ein „ein-ber“ ist; er hat nur einen Träger. Die ursprüngliche Wurzel von Bauch ist bhu oder bhou. Sie deutet die Linie des Schwellens und die ihr entsprechende Krümmung an. Aus dieser Ursilbe entwickelt sich auch der Bug des Schiffes sowohl (ursprünglich der vordere Oberschenkel bei Tieren, vor allem bei Pferden) als auch der Buckel, ja jedes Bücken und Beugen, samt dem Bügel sind nur sprachliche Erscheinungsformen dieser geschwungenen Urlinie, die sich dann am reinsten in Bogen darstellt. Der mit dem Bogen so gerne gekoppelte Bausch (in Bausch und Bogen) bezeichnet eine wulstige Schwellung, ähnlich der ebenfalls stammverwandten Beule, und ist wiederum verwandt mit Busch und Büschel, wie wir sie allenthalben in der Landschaft finden, vor allem an Böschungen. Wenn das Meer mit einer bauchigen Schwellung in die Strandlinie eingreift, nennen wir diese gebauchte Krümmung Bucht. Im poetischen Bild wird sie zum Meeres-Busen, der ebenfalls der Ursilbe „bhu“ entstammt. Auch Bett und Beet entspringen derselben Wurzel, ja sie wurden früher in der Schreibung nicht einmal unterschieden. Dennoch bedarf es einiger Besinnung, den verwandtschaftlichen Zusammenhang ihrer Bedeutung herzustellen. Das Bett ist ursprünglich eine in die Erde gegrabene Lagerstätte, wobei das Schwergewicht auf graben liegt. So verbinden wir auch mit dem Flussbett den in das Land eingegrabenen Lauf. Der Name des Harzflüsschens Bode meint nur dieses Flussbett. Auch bei dem stammverwandten Wort Boot haben wir es mit dieser eingegrabenen Vertiefung der Bode und des Bettes zu tun. War doch das Boot anfänglich ein ausgehöhlter Baumstamm, ein sog. Einbaum. Ein Beet aber stellen wir uns meist als etwas Erhöhtes vor und vergessen, daß es ein Ergebnis des Grabens und Umgrabens ist, wie es ja auch der Wortverwandtschaft entspricht. Offenkundig ist, daß die Granne an Bart und Ähre, der Grat des Felsens und die Gräte des Fisches etwas gemeinsam haben, nämlich das Stechende und Hervorstechende. Und genau diesen Zusammenhang bestätigt die Wortverwandtschaft. Einer Wortsippe gehören auch Schere, Schar, Schäre und Scharte an. Mit der Schere verbinden wir die Vorstellung des Trennens und Zerschneidens. So ist die Schar eine von den übrigen abgetrennte Gruppe. Die Pflugschar schneidet in die Erde ein und trennt die Schollen los. Ähnlich sind die Schären abgetrennte Felsenstücke im Meer. Auch Scharten sind Einschnitte und Spalten, die wir am schartigen Werkzeug finden. Kluft und klaffen verweisen auf eine gemeinsame Wurzel mit der Bedeutung des Spaltens. Ihr entwächst auch der Kloben, ein abgespaltenes Stück Holz. Aber auch das norddeutsche Weihnachtsgebäck der Kloben, gehört hierher. Er trägt den Namen, weil er in der Mitte einen Spalt aufweist und aufgerissen ist. Wenn wir etwas auseinander klauben und ordnen, trennen und spalten wir ebenfalls das eine vom andern. Selbst der wortgeschichtlich etwas rätselhafte Klee mit seinen dreifach (im Glücksfall auch vierfach) gespaltenen Blättern wird wohl noch dieser Verwandtschaft angehören. Am Müller, der in der Mühle das Korn zu Mehl mahlt, wird wohl jedem unmittelbar deutlich, was eine Wortfamilie ist. Aber auch das alte Kornmaß, der Malter, eine bestimmte Menge von. Gemahlenem, gehört zu dieser Sippe, die sich aus der gemeinsamen Wurzel „mel“ (zerreiben) entwickelt hat. Malmen und zermalmen bezeichnen für uns den gewaltsamen Prozeß des Zerreibens. Aber auch in Mull, der uns als Torfmull besonders vertraut ist, und in Müll (ursprünglich trockener Staub), den wir in den Mülleimer kehren, spüren wir die alles zerreibende Ursilbe. „mel“ am Werke. Unser Maulwurf (eigentlich Mulwerfer) beschäftigt sich emsig mit dem lockeren, zerriebenen Erdstaub und hat somit von ihm seinen Namen. Wenn der Boden unter unseren Füßen nachgibt, wenn wir keinen festen Stand mehr haben, dann wird uns mulmig zumute, und wir machen uns aus dem Staub. Daß in dieser staubigen und mehligen Wortfamilie auch die Milbe erscheint, wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, daß die Milben (man denke nur an die Käsemilbe) zu Mehl zerkauen, was ihnen anheimfällt. Die Melde, das allenthalben wuchernde Unkraut, trägt ihren Namen, weil ihre Blätter mehlig bestaubt erscheinen. Wer nun glaubt, daß auch Mahl und Gemahl in diese Familie einzubeziehen seien, etwa aus der Vorstellung, daß wir beim Mahl mit den Zähnen malmen und mahlen, daß Gemahl und Gemahlin ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen (sollten), dessen Phantasie würde.vom Wortforscher mit Recht als unwissenschaftlich belächelt. Beide Wörter gehen nämlich auf jeweils ganz andere Wurzeln zurück. Das Mehl ist dasselbe Wort wie „mal“ in ein-mal und geht auf eine indogermanische Wurzel „me“ (messen, abmessen zurück). Mahl bezeichnete also ursprünglich den Zeitpunkt, die feste Stunde, dann die Zeit, wann gegessen wurde. Gemahl und Gemahlin gehen trotz Gleichklang wieder auf ein anderes noch im Althochdeutschen lebendiges Wort zurück: „mahal“, das ursprünglich Versammlung bedeutete, dann den in dieser Versammlung geschlossenen Vertrag, vor allem den Ehevertrag. Gemahl ist dann der durch Vertrag dem andern Zugesprochene, der Vermählte, Verlobte. Das alte Wort Mahlschatz (Brautgabe) leitet sich ebenfalls von diesem mahal, der Vertragsversammlung, ab. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß Wortbetrachtungen ohne den Blick auf die Wortgeschichte leicht ins Blaue führen können, wobei jedem so unwissenschaftlich Ausfahrenden wenigstens der Trost bleibt: Eine Fahrt ins Blaue ist immer noch besser als überhaupt keine.

AUS BAUM UND HOLZ GESCHAFFEN

Wenn wir es nicht auf Grund unserer Geschichtskenntnisse wüßten, daß unser Land ehemals, in germanischer Zeit und weit bis ins Mittelalter hinein, ein Wald- und Baumland war, dem ein hölzernes Zeitalter entsprach, so könnten wir es aus Wörtern und Wendungen ersehen, die wir, ohne ihren Sinn zu bedenken, alltäglich im Munde führen. Es scheint uns nicht weiter verwunderlich, wenn jemand sagt, er sei aus hartem oder weichem Holz geschnitzt. Diese Redewendung ist vermutlich ältesten Ursprungs und gründet in der germanischen Göttersage. Dort nämlich schaffen die Götter das erste Menschenpaar nicht aus Lehm und Erde, sondern aus zwei Baumstämmen, aus Ask und Embla (Esche und Ulme). Das Weib ist nach diesem Glauben nicht aus der Rippe des Mannes gebildet, sondern steht vom Ursprung her gleichberechtigt als eigene, selbständige Gestalt dem Mann zur Seite. Es ist verständlich, wenn der Baum als Sinnbild des Lebens erscheint und als Stammbaum weitverzweigte Geschlechterfolgen umfaßt.

Da Holz der Werkstoff der Götter für die menschliche Gestalt war (wir sprechen ja heute noch von einem stämmigen oder baumlangen Menschen), konnte man auch den Bengel (das Wort bezeichnet eigentlich grobes Knüppelholz) auf einen ebenso groben Menschen übertragen. Es ist keineswegs immer böswillig gemeint, wenn wir einen ungebärdigen jungen Menschen einen Bengel nennen. Auch wenn wir einen Halbwüchsigen als Stift bezeichnen, greifen wir zu einem Namen, der eigentlich ein staksiges, stangenartiges Gebilde aus Holz meint. Nicht anders verhält es sich mit dem Knaben, dessen Grundbedeutung ebenfalls auf ein Stück Holz, einen hölzernen Pflock verweist. Wir brauchen uns nur des Knebels zu erinnern, des Querholzes, das zum Knebeln dient, und der sprachliche Zusammenhang mit Knabe wird deutlich. Immer handelt es sich bei diesen Holz-Namen um junge, wachstumskräftige und stämmige menschliche Gestalten. Damit ließe sich auch vereinbaren, daß die Kegel, die unehelichen Kinder, die innerhalb der germanischen Familie mit heranwuchsen (deshalb „mit Kind und Kegel“), ursprünglich auch nur den Namen für einen hölzernen Pflock oder Pfahl tragen. Die Sprachwissenschaft nimmt an, daß auch der Knecht seinen Namen von einem knorrigen und knotigen Stück Holz übernommen habe.

Den höchsten Rang erreicht diese von der Sicht des Baumes her sich ergebende Namen-Reihe mit dem Stab, der wohl ursprünglich stellvertretend für den Baum und seine Lebenskraft galt. Er wird in mehrfacher Hinsicht zum Zeichen des Lebens, der Macht und damit auch des Rechtes. Vom Hirten- und Marschallstab bis zum Szepter des Herrschers reicht seine Macht und Würde stiftende Wirkung. Und wo sich Menschen zusammenfinden, in denen sich Macht und Bedeutung jeglicher Art verkörpert, so vereinen wir sie im Sinnbild des Stabes: sei es ein Generalstab oder der Mitarbeiterstab in den Unternehmungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Aber in noch umfassenderem und tiefgreifenderem Sinne wirkt sich der Vorgang der menschenschaffenden Tätigkeit der Götter in unserer Sprache aus: Das Wort schaffen selbst leitet sich von der schöpferischen Bearbeitung des Holzes ab. Ursprünglich ist dieses Schaffen ja nichts anderes als Schaben, d. h. aus Holz schneiden und schnitzen (vgl. englisch: shape =gestalten, formen). In dem geglätteten, blankgeschabten Speer-Schaft wird ein solches aus Holz geschaffenes Gebilde im Wort anschaulich. Auch das süddeutsche Schaff, der hölzerne Bottich, und der kleinere Scheffel (ein verschwundenes Hohlmaß) verraten deutlich ihre Herkunft und Be-schaffenheit. Die Holzbearbeitung als Urform allen Schaffens finden wir auch in dem Wort Ge-schäft wirksam. Ja, jede besondere Beschaffenheit (äußere und innere) von Menschen, Sachen, Gemeinschaften fasst unsere Sprache folgerichtig in der Endung schaft zusammen: Gemeinschaft, Brüderschaft, Herrschaft, Liebschaft usw. Da auch das Wort für jedes schöpferische Tun, für Schöpfer und Schöpfung, derselben Wortwurzel entwächst wie schaffen und schaben, darf man behaupten, daß der gesamte Wortbereich des Schaffens seine Heimat im Wald, seinen Bäumen und Hölzern hat. Daß dieses schöpferische Tun auch noch den Namen der Schöffen bestimmt, die einst das Recht schöpften und eine Rechtsordnung schufen, mag hier am Rande erwähnt sein. Man weiß, daß der Werkstoff Holz, ehe die steinerne Mauer von den Römern übernommen wurde, auch den Hausbau bestimmte. Selbst wenn wir uns heute in Bauten aus Beton und Glas aufhalten, so verraten doch die Zimmer, daß ihr Name aus dem hölzernen Zeitalter stammt: Zimmer bezeichnet ursprünglich nur das Bauholz, aus dem ein Raum gezimmert wurde (vgl. englisch: timber = Bauholz, Baumstamm) und dann erst diesen Raum selbst. Der Zimmermann ist für unser Gefühl auch heute noch diesem Holz werkend verbunden. Auch in dem Wort Diele erfassen wir heute noch unmittelbar den hölzernen Ursprung. Dielen sind Bretter, aus denen man nicht nur Wände fügte, man belegte mit ihnen vor allem Fußböden. Im Niederdeutschen entwickelte sich dann die Bedeutung der Diele als Hausflur. Auch wenn die Diele in unserem Neubau aus modernsten Werkstoffen bestehen sollte, ihr Name erinnert noch an Dielenbretter und Holztäfelung. Weniger offenkundig ist es, daß auch der perfekteste Selbstbedienungsladen mit seinem Namen noch an das hölzerne Zeitalter des Waldes in unserer Geschichte erinnert. Ursprünglich ist der Laden nur ein Brett oder eine Bohle (die Bettlade ist ein aus solchen Brettern gezimmerter Kasten), womit man dann auch Fenster sichern und abdichten konnte. So entstand unser Fensterladen und zuletzt der aus Brettern und Latten hergerichtete Verkaufsstand, der Verkaufsladen. Es ist tröstlich zu wissen, daß die Sprache beharrlicher ist als die Menschen, die sie „im Laufe der Zeit“ sprechen. Auch wenn wir aus Beton, Stahl und synthetischen Stoffen unsere Bauten und Werke „schaffen“: Die Sprache gibt uns allenthalben Erinnerungen und Winke, die uns veranlassen könnten, dem Holz die Ehre und den Ehrenplatz zu geben, die ihm und seinem Ursprung, dem Walde, in unserem Leben immer noch gebühren.

ALTDEUTSCHES RECHTSWESEN IN UNSERER SPRACHE

Nur wenigen wird es bekannt sein, daß eines unserer alltäglichsten und in der Bedeutung allgemeinsten Wörter in unserer Sprache sich vom germanischen Rechtswesen aus breit gemacht hat: das Ding. Ursprünglich der Termin, die bestimmte Zeit (von der indogermanischen Wurzel „ten“ her besteht ein Zusammenhang mit dem lateinischen „tempus“ Zeit), bezeichnet das Wort dann die Gerichtsverhandlung und auch den Gegenstand, der verhandelt wird. Im Laufe der Zeit meinte es jeden Gegenstand und wurde zum Allerweltswort für schlechterdings alles und nichts, für Dings und Dingsda. Nur in einigen Redewendungen wird die Grundbedeutung des Wortes für uns noch sichtbar: wenn wir jemanden verdingen, wenn wir Bedingungen stellen, uns etwas ausbedingen oder gar jemanden dingfest (für die Gerichtsverhandlung fest) machen. In der Redensart „aller guten Dinge sind drei“ wirkt die alte Rechtsgepflogenheit nach, den Angeklagten wenigstens dreimal vor die ordentliche Gerichtsversammlung zu laden. Auch in verteidigen finden wir die alte Bedeutung, wenn wir die alte Wortform „vertagedingen“ betrachten: Ich vertrete meine Sache vor dem Tageding (die Verhandlungen fanden nur am Tage statt), ich verteidige mich.

Ähnlich verhält es sich mit der Sache, die ursprünglich auch nur den Rechtshandel und Rechtsstreit bezeichnete. In unserem Sachwalter, aber auch in den Zivil- und Straf-Sachen ist noch die alte Bedeutung lebendig, wie auch im Wider-Sacher, der vor allem an den Streitcharakter des Wortes erinnert.

Neben den Richtern, Klägern und Angeklagten spielten die Schöffen eine entscheidende Rolle, die, wie ihr Namen verrät, je nach den „Umständen“ das Recht „schöpften“, gelegentlich wohl auch schufen, wobei der Umstand wörtlich als die Schar der den Gerichtsplatz Umstehenden, vor allem der Sippenangehörigen, zu verstehen ist. Jeder Mann aus diesem Umstand hatte die Befugnis, das Urteil zu Recht zu weisen, wovon sich unsere „Zurechtweisung“ herleitet. Diese Art der Urteilsiindung war eine wahrhaft umständliche Sache, und mancher mag sich gedacht haben: Warum so viele Umstände machen! — eine Redensart, die auch uns noch als Seufzer bei langwierigen Verhandlungen geläufig ist.

Haben wir es bei Ding, Sache und Umstand mit Wörtern zu tun, deren ursprüngliche Bedeutung sich im Laufe der Zeit sehr erweitert hat, so vollzog sich bei dem Worte Ehe schon sehr früh eine Verengung des Begriffs: „Ehe“ ist anfänglich das Gesetz schlechthin, wobei der Anklang an „ewig“ nicht nur lautlich, sondern auch sprachgeschichtlich zu Recht besteht. Die altdeutsche Form lautet „ewa, ewe“ und verweist auf die zeitlich unbeschränkte Dauer des Gesetzes. Die Beziehung zum lateinischen „aevum“ (Ewigkeit, Lebenszeit) besteht ebenso wie zum griechischen „aion“. Es ist verständlich, daß das Gesetz (ewa, ewe), das eine dauernde Ordnung gewährleisten sollte, in seiner Bedeutung vor allem auf das Grundgesetz der Gesellschaft, die Ehe, bezogen wurde.

Da den Menschen der germanischen Vorzeit sowohl wie denen des Mittelalters das Denken in reinen Begriffen nicht gemäß war, verlangten sie nicht nur das anschauliche Wort, sondern auch die Darstellung in sinnbildlichen Handlungen und Zeichen. Diese Art des Denkens und Anschauens schlug sich wiederum in Redewendungen und Redensarten nieder, die wir heute noch im Mund führen, selbst wenn ihr ursprünglicher Sinn uns nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Schon das Wort besitzen ist ein solcher sprachlicher Rest altdeutscher Rechtsbilder: Das Eigentumsrecht bekundete man, indem man wortwörtlich eine Sache in Besitz nahm. Nachdem z. B. die Grenze des Ackers abgesteckt war, stellte mancherorts der Käufer einen dreibeinigen Stuhl auf das Land und setzte sich darauf. So erst wurde er zum Be-Sitzer. Auch der Hammerschlag konnte den rechtsgültigen Übergang einer Sache an einen neuen Eigentümer bekräftigen, wie es heute noch bei Versteigerungen üblich ist, wenn etwas „unter den Hammer“ kommt und jemandem der „Zuschlag“ erteilt wird. Der Hammer als Symbol göttlicher Kraft und Weihe gründet im germanischen Donarkult. Dem Gotte war der Hammer als Sinnbild seiner zeugenden Kraft geweiht. In diesem Sinne diente er zur Bekräftigung von Rechtsakten. So sind uns z. B. Grenzsteine in Hammerform aus Island überliefert. Die älteste Bedeutung von Hammer ist „Fels, Stein“, woraus ja auch ursprünglich der Hammer sowohl wie der Donnerkeil des Gottes gebildet und geschliffen waren. Ein anderes uns noch geläufigeres Zeichen richterlicher Macht ist der Stab, von dessen sinnbildlicher Bedeutung wir schon im Kapitel „Aus Baum und Holz geschaffen“ hörten. Als Richterstab wird er zum Zeichen richterlicher Macht über Leben und Tod. Wenn der Richter in früheren Zeiten nach dem Todes- oder Achturteil „den Stab über jemanden brach“, so wird dieser Stab ursprünglich wohl auch das Leben des Verurteilten gemeint haben. Eine sinnbildlich weniger gefestigte, aber urkundlich besser begründete Deutung sieht darin die Beendigung des amtlichen Auftrags dem Verurteilten gegenüber. Ganz im Dienste sinnbildlicher Gebärdensprache stand im altdeutschen Rechtsleben die Hand. Der Handschlag gilt ja heute noch auf den Viehmärkten und anderswo als verbindlicher Abschluß eines „Handels“, und die Redensart „jemandem etwas in die Hand versprechen“ ist uns noch so vertraut wie jene sprachliche Gebärde feierlicher Beschwörung: Hand aufs Herz! Die Hand war aber auch das Zeichen des Schutzes, den man jemandem gewährte. Zumindest in der Sprache halten auch wir noch unsere Hand schützend über einen jungen Menschen. Das Wort für diese schützende Hand ist uns noch in Vormund und Mündel erhalten. Es lautete im Altdeutschen „die raunt“ und ist vom Indogermanischen her mit dem lateinischen „manus“ (Hand) verwandt. Diese „Mund“ ist auch in unserem meist falsch verstandenen Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ gemeint; d. h. wer seine Hand (munt = manus) schon in früher Stunde regt und fleißig arbeitet, wird reich werden. Die schützende Wirkungskraft dieser munt-Hand lebt auch noch in Eigennamen weiter: Siegmund (siegreicher Schützer), Edmund (Schützer des Erbgutes) und Egmont (Schwertschutz). Als „mundtot“ bezeichnete man früher einen Menschen, der des Rechts, als „Muntherr“ seine oder die Sache anderer zu vertreten, verlustig gegangen war. Wie die uns fremden Bräuche mittelalterlicher Gottesgerichte in der Sprache weiterleben, ist jedem so vertraut, daß hier nur einige Hinweise genügen mögen. Auch wenn wir nicht mehr glauben, daß Gott, um unsere Unschuld zu bezeugen, mit Wundertaten in ein Gerichtsverfahren eingreift, bestehen wir in der Sprache noch Feuerproben, sitzen wir wie auf glühenden Kohlen, gehen wir für jemanden durchs Feuer oder legen die Hand hinein. Selbst Gift nehmen wir noch „auf“ etwas, so sicher scheinen wir unserer gerechten Sache zu sein: Da kannst du Gift darauf nehmen! In der Erregung sind wir noch bereit, auf „Stein und Bein“ zu schwören, d. h. mit der Hand auf der steinernen Altarplatte und ihren Reliquien Eide zu leisten. Aus dem Brauchtum der Femgerichte stammt vermutlich noch unser Steckbrief. Die schriftliche Vorladung dieses geheimen Freigerichts wurde mit dem Dolch an das Tor oder den Gartenzaun des zu Ladenden festgesteckt. Unsere Redewendung „einem etwas stekken“ wird von diesem Rechtsbrauch stammen. Der Ausdruck „einem etwas anhängen“ entspricht der Gepflogenheit, dem am Pranger zur Schau gestellten Übeltäter einen Zettel oder eine Tafel anzuhängen, worauf die Schandtat zu lesen war. Wenn wir heute noch jemandem „aufs Dach steigen“, so wirkt in dieser Redensart eine symbolische Ehrenstrafe nach, die der Komik nicht entbehrte: Ehemännern, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen, stieg man in manchen Gegenden tatsächlich aufs Dach und deckte es ab. Solche Dachabdekkungen sind uns bis ins 18. Jahrhundert überliefert. Nach einem Mainzer Amtsbericht aus dem Jahre 1666 soll sich ein solcher Strafvollzug folgendermaßen abgespielt haben: Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen hatte, so nahmen sich sonderbarerweise die Bewohner des Nachbardorfes dieses Falles an. Mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen, so erzählt der Bericht, zogen sie vor des geschlagenen Mannes Haus, stiegen auf das Dach, hauten ihm den First ein und rissen ihm das Dach bis auf die vierte Latte von oben an ab. Nicht ohne Humor liest man die Deutung dieser -Strafe bei Jakob Grimm, wonach man „einen Mann, der sich dem häuslichen Unwetter so geduldig unterzogen, auch dem physischen preisgeben wollte.“ Wie tröstlich, daß dieser volksrechtliche Strafvollzug heute nur noch als ungefährliche bildliche Redensart umgeht!

RITTERLICHES SPRACHERBE

Wenn wir heute ein Ereignis ausführlich schildern, kommt es uns kaum in den Sinn, daß dieses Schildern sich von den Schilden der Ritterzeit herleitet. In germanischer Zeit waren die Schilde bunt bemalt, die Ritter trugen sie mit dem Bild ihres Wappens. Der „schiltaere“ war damals ein Wappenmaler, und erst später erweiterte sich die Tätigkeit des Schilderers auf die Wiedergabe jedes Geschehens. Am Wappen erkannte man Rang und Familie des Ritters. Darum war es wichtig zu wissen, was einer im Schilde führte, ob er Freund oder Feind war. Das galt vor allem, wenn er auf einer Reise war, wenn er als Reisiger, als Bewaffneter, zu Krieg und Fehde aufgebrochen war (vgl. englisch: to rise = sich erheben; es ist wahrscheinlich, daß der „Riese“ sich aus derselben Sprachwurzel erhob). Die Vorstellung, daß man irgendwohin aufbricht, hat sich wohl vom Zeltlager her ergeben. Deshalb brechen wir noch auf, auch wenn wir kein Zeltlager mehr auf- oder abzubrechen haben. Wenn die reisigen Ritter zur Herberge kamen, d. h. dorthin, wo das Heer Obdach und Geborgenheit fand, hängten sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit wohl ihre Schilde vor das Tor und an die Mauern. Mancher Wirt mag im Gefolge dieser ritterlichen Sitte später seiner Herberge das Schild seines Hauses und Gewerbes angehängt haben, das Wirtshausschild. Damit war aus dem ritterlichen Schild das gewerbliche geworden, das seine eigene Mehrzahl bildete: Die Schilde der ritterlichen Herren wurden ersetzt durch die Schilder der bürgerlichen Wirte, Handwerker und Kaufleute.

Sporen waren ein Zeichen ritterlicher Würde. Erst nach dem Ritterschlag durfte sie der Jungherr anlegen. Auch unsere jungen Männer verdienen sich noch die Sporen, wenn sie sich in Beruf und Amt bewähren. Ohne Kampf zu Pferde und mit der Lanze heben wir auch heute noch unsere Gegner aus dem Sattel, wenn sie nicht sattelfest und in ihrer Beweisführung stichfest sind. Einen Kameraden lassen wir ebensowenig im Stiche (liegen), wie der anständige Ritter es tat, d. h. wir helfen ihm, wenn er im hin und her des Turniers, im „Gestech“, zu Fall kommt. Das von der französischen Ritterschaft übernommene Wort Turnier ist übrigens mit unserem Turnen (wenden, drehen, vgl. englisch: to turn) sprachverwandt. Turnen (das Wort kam erst wieder durch Turnvater Jahn zu Ehren) und Turnier haben ihren gemeinsamen Ursprung in dem lateini- i sehen „tornare“ (drechseln). War während des ritterlichen Turniers einer in den Sand (Gries) gefallen, so hielt der Turnier- oder Grieswart eine Stange über den Gestürzten: eine Gebärde des Schutzes, die auch wir noch in ‚ der Sprache nachahmen, wenn wir jemandem die Stange halten. Ähnlich verhält es sich mit unserer Redensart nicht viel Aufhebens machen. Sie bezieht sich auf einen ritterlichen Brauch vor dem Zweikampf. Die Waffen lagen auf dem Boden und wurden mit bestimmten Gebärden aufgehoben, ehe man gegeneinander anging. Auch wenn wir „es“ (nämlich die Waffe) mit jemandem aufnehmen, erinnern wir uns sprachlich an diese Turniersitte. Die Ballzeremonie zu Beginn eines Fußballspieles könnten wir damit vergleichen, wie ja der Sport eine Zuflucht ritterlichen Geistes geblieben ist. Ohne viel Aufhebens aufeinander loszuschlagen, wäre auch heute noch unritterlich.

Von den zahlreichen Nachwirkungen ritterlicher Art und Lebensführung in unserer Sprache wollen wir nur noch drei Redensarten erklärend betrachten. Wenn wir heute noch eine Rede aus dem Stegreif, d. h. ohne Vorbereitung halten, so ist dieser Stegreif der Steigreif oder Steigbügel des Ritters. Wie es leidenschaftliche Autofahrer gibt, die möglichst alles vom Auto aus er- J leben und erledigen wollen (z. B. Einkauf und Kinobesuch), so konnte sich wohl auch mancher Ritter nicht entschließen, vom Pferde abzusteigen, wenn es angebracht gewesen wäre. Ohne Rücksicht auf Formen der Höflichkeit wird er Burg und Gut aus dem Steigreif verwaltet haben. Kann ein kleiner Geist dem genialen Meister das Wasser nicht reichen, dann finden wir die Erklärung solcher Rede in den Tischsitten der Ritterzeit, als man noch nicht mit der Gabel, sondern mit den Fingern aß und ein Knappe anschließend Wasser und Handtuch zum Händewaschen reichte. Wer nicht einmal diesen Dienst zu leisten berechtigt ist, wäre weniger als ein Knappe, der den Damen und Herren immerhin das Wasser reichen durfte. Daß heute noch die Frau dem Manne einen Korb geben kann (aber nicht der Mann einer Frau), diese Redensart erinnert an eine neckische Gepflogenheit des ritterlichen Minnedienstes: Burgfrouwen zogen ihren Verehrer, ihren „friedel“, wenn sich keine andere Gelegenheit zum Stelldichein bot, in einem Korbe hoch zu sich in die Kammer. Manchmal wird auch eine verschwiegene Kammerzofe nächtlicherweile mitgezogen haben, bis der kühne Raumfahrer die Zinne oder Brüstung ergreifen und sich mit eigener Kraft hinüberschwingen konnte. Ein Bild aus der berühmten Manessischen Handschrift zeigt uns einen Herrn Kristan von Hamle in solcher schwebenden Situation, während oben die Freundin eine Art Flaschenzug betätigt. Nun scheint es aber bösartige Damen gegeben zu haben, die dem nicht genehmen Bewerber einen Korb mit brüchigem Boden hinunterließen und in geeigneter Höhe den Durchfall und Absturz des Minnenden veranlaßten. Manche sollen den Herrn der Schöpfung auch in der Schwebe gelassen und nicht nur der nächtlichen Kühle, sondern auch dem nachfolgenden Spott ausgesetzt haben. Späterhin hat man einem unbequemen Verehrer wohl einen Korb ohne Boden zugehen lassen, damit er gleich wußte, was ihm blühte, wenn er es dennoch versuchen wollte. Man gab ihm also einen Korb zum Durchfallen. Deshalb ist heute jeder Korb, den man von einer Dame bekommt, nur eine bodenlose Angelegenheit.

Vermutlich hat sich diese symbolische Aktion des Durchfallen* in der folgenden Zeit auch auf andere Arten von Bewerbungen und Prüfungen übertragen, so dass wir heute bei verschiedenen Gelegenheiten durchfallen können.

MONATE UND TAGE

Der Zusammenstoß der germanischen Welt mit der römischen hat zu manchen Verwirrungen geführt, das zeigen noch unsere Monatsnamen. Sie alle nämlich sind römischer Herkunft. Soweit sie noch an römische Gottheiten erinnern, entbehren sie nicht ganz des Sinnes, wenn auch eines fremden: Der Januar gilt dem doppelköpfigen Tanus, dem Gott der Schwelle, des Aus- und Eingangs, und steht deshalb mit einigem Recht am Beginn des Jahres. Der März erinnert an den Kriegsgott Mars, für den die Germanen gewiß Verständnis hatten, der Mai an einen Jupiter Majus, einen für uns unbekannten Gott des Wachstums. Im Juni lebt der Name der jugendlich blühenden Juno, der Gemahlin Jupiters weiter. Juli und August sollten uns an Julius Cäsar und den ersten römischen Kaiser Augustus gemahnen, die Helden einer fremden Geschichte. Der Februar hat weder mit Göttern noch mit Kaisern etwas zu tun. Er ist der Fieber-Monat und war bei den Römern der Monat der Reinigung und Entsühnung. Sein Name ist die Erinnerung an diese feierlichen religiösen Übungen. April könnten wir als Monat des öffnens bezeichnen, wenn die Beziehung zum lateinischen aperire = eröffnen zutrifft. Er wäre dann der Frühlingsmonat, der die Zeit des Wachsens und Blühens eröffnet. September, Oktober, November und Dezember sind nichts als numerierte Monate und bezeichnen den siebten, achten, neunten und zehnten Monat. Sie wären für uns nur sinnvoll, wenn wir die Zählung der Römer hätten, für die das Jahr bis in die Zeit Cäsars mit dem März einsetzte. Für unsere Zählung stimmen die Nummern nicht mehr; denn wir müßten den September — den siebten Monat — November — den neunten — nennen und dann weiter für diese Monate bis zwölf zählen. Die römische Zählung ist für uns widersinnig. Aber es ist nun einmal so, daß sich in der Geschichte auch Wider- und Unsinniges durchzusetzen und zu bewahren weiß. Sinnvoller wären gewiß die alten deutschen Namen, die übrigens Karl der Große noch gebraucht wissen wollte. Sie nämlich entsprechen dem Ablauf des Jahres im Zusammenhang mit dem Naturgeschehen und der bäuerlichen Arbeit in unseren Landstrichen. Der Härtung, auch Wintermond und Eismond, erinnert an die harte Jahreszeit. Im Hornung werfen die Hirsche ihr Gehörn, ihr Geweih ab. (Ganz gesichert ist diese Erklärung freilich nicht.) Der Name des Monats Lenz leitet sich von „lang“ ab und weist darauf hin, daß sich jetzt die Tage „längen“. Der Ostermond erinnert an die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Sie gibt ja auch unserem Osterfest den Namen. Ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit und Erneuerung des Lebens sind bis auf unsere Tage der nachwuchsreiche Hase und das Ei. Wenn wir den Mai mit seinem deutschen Namen Wonnemond nennen, so dürfen wir nicht einfach an den herkömmlichen Begriff Wonne denken. Diese Wonne (oder richtiger Wünne) stand ursprünglich nur dem Vieh zu, das auf die Wünne, auf das frisch ergrünte Wiesenland getrieben wurde, um dort sein Weideglück zu genießen. Erst später erweiterte sich die Bedeutung zum gesteigerten Glück mancher Art. Der Brächet erinnert an die alte Dreifelderwirtschaft, als noch jeweils ein Drittel des bebauten Landes zur Erholung brach blieb und im Juni umgebrochen wurde.

Der Heuert ist der Heumond, in dem das Gras gemäht und getrocknet wurde, weshalb wir mit dem Wort Heu meist die Vorstellung des dürren, getrockneten Grases verbinden, was aber der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht entspricht: Heu ist das „gehauene“, also nur gemähte Gras. Der Ernting bezeichnet die Zeit der Getreideernte. Im Scheiding geht der Sommer seinem Ende entgegen. Nun heißt es Abschied nehmen von der schönen, warmen Zeit.

Ein geradezu poetischer Name ist der Gilbhard. Sein Name beschwört die Herbstfärbung des gilbenden, sich verfärbenden Waldes. Die zweite Silbe Hard (Hart) meint den Bergwald und ist uns noch in den Namen unserer Mittelgebirge erhalten: Haardt, Harz, Spessart (Spechtswald). Der Neblung verweist auf die grauen, regnerischen und nebeligen Novembertage. Der alte deutsche Name für den letzten Monat des Jahres ist, entsprechend dem Nebeneinander von heidnisch germanischer Überlieferung und jungem Christentum, doppelt überliefert. Karl der Große soll für ihn noch den Namen Christmond (auch Heiligmond) bestimmt haben. Der nordgermanische Name ist Julmond. Er lebt auch noch in Julklapp weiter. Das Wort Jul ist in seiner Bedeutung unklar. Es könnte die Zeit der Schneestürme meinen. Aber auch eine Beziehung zum Rad (vgl. englisch: wheel) ließe sich herstellen. Das Rad wäre dann ein Zeichen für die Wende des Jahres.

Mancher bedauert, daß diese recht sinnvollen und im ganzen auch verständlichen Monatsnamen verschwunden sind und für uns nur noch historische Bedeutung haben. Es wäre vergeblich, sie entgegen dem internationalen Sieg der römischen Bezeichnungen wieder hervorholen zu wollen. Wer diese zum Teil sinnlos gewordenen Namen nicht gebrauchen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Monate von eins bis zwölf zu beziffern, wie es geschieht, wenn wir abkürzend schreiben: 21. IX. 1963, 17. XI. 1964, 25. XII. 1959. Günstiger und sinnvoller als die Monatsnamen haben sich die Namen für die Tage der Woche entwickelt. Hier setzten unsere Vorfahren an die Stelle der römischen Götternamen, welche die siebentägige Planetenwoche bezeichneten, germanische Namen ein, die sich fast alle erhalten haben. Für die römischen Namen Sol und Luna konnten sie einfach die entsprechenden germanischen wählen: Sonne und Mond, Sonntag und Montag; wobei wir bedenken müssen, daß diesen Gestirnen früher noch religiöse und kultische Bedeutung zukam. An die Stelle des römischen Kriegsgottes Mars trat der germanische Kriegs- und Glanzgott Ziu (Tiu). Ursprünglich war er ein indogermanischer Himmelsgott, und sein Name ist noch in Zeus, in Jiu-piter, auch in den lateinischen Wörtern „deus“ (Gott) und „divus“ (göttlich) erhalten. Im englischen Wort für unseren Dienstag erkennen wir ihn noch deutlich: Tuesday. An die Stelle des Merkur trat der germanische Wanderergott Wodan, dessen Name sich im englischen Wednesday erhalten hat. Wir haben für den Wodanstag den Mittwoch, der die Mitte der Woche bezeichnet. Für den römischen Jupiter trat der germanische Donar (Thor) ein und gab unserem Donnerstag den Namen. Die römische Venus hat ihr germanisches Gegenstück in der Liebesgöttin Freya, der demnach der Freitag geheiligt ist. Daß heute noch der Freitag eine für Hochzeiten bevorzugter Tag ist, ist vermutlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Der römische Saturn lebt noch im englischen Saturday weiter. Im Deutschen setzte sich durch gotisch-arianische Vermittlung im Süden der hebräische Sabbattag als Samstag durch, während der Norden diesen Tag am Vorabend des Sonntags zum Sonnabend machte, zum Feierabend vor dem Sonntag.

KLANGBILDER

Die lautmalende Fähigkeit der Sprache fällt auch dem oberflächlichen Betrachter auf. Schallnachahmende (die Wissenschaft nennt sie „onomatopoetische“) Selbst- und Mitlaute scheinen die Geräusche und Klänge der Natur und Menschenwelt zu wiederholen. Jedermann ist die Wirkung dieser Wörter vertraut: trillern, klingen, wispern, wiehern, klappern, klatschen, plappern, quaken, rattern, schnarchen, summen, schnurren, pusten, meckern, krächzen usw. Man kann einwenden: Wenn solche Wörter wirklich Naturlaute nachahmen, müßten sie sich in allen Sprachen gleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Hahn schreit kikeriki, der englische cock-a-doodle-doo, der griechische kokkü, der mongolische dschordschor und der chinesische kiao. Wenn sich diese Wörter auch nicht gleichen, so ist in allen doch ein Bestreben festzustellen, dem Ruf des Hahnes im Klangbild gerecht zu werden. Die Völker und ihre Sprachen nehmen die Naturlaute verschieden auf und finden darin jeweils besondere Kennzeichen, die sie in ihrer Sprache lautlich festzuhalten versuchen. Diese schallnachahmenden Wirkungen der Sprache sind nicht immer leicht abzugrenzen von den sinnbildlichen. Wenn wir aber feststellen, daß eine Fülle von Wörtern der Bewegung mit W beginnen, dann hat dieser Laut sinnbildlichen Wert: Weg, Wasser, Waage, Wind … Das W kennzeichnet die diesen Wörtern gemeinsame Bewegung: Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, schwanken, schwellen, wallen, wandern, wenden, weben, wehen, wechseln . .. Das bewegende W in einer fast unerschöpflichen Fülle von Wörtern der Bewegung dürfte nicht mehr als Zufall angesprochen werden. Hier bestehen Zusammenhänge zwischen Wortklang und Wortbedeutung, die sinnbildlicher Art sind. Es wäre verkehrt und würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, aus einer von Fall zu Fall möglichen Lautsymbolik ein allgemein gültiges Gesetz ableiten zu wollen. Dennoch ist eine klangbildliche Wirkung bestimmter Laute immer wieder festzustellen: Es kann nicht Zufall sein, daß fast alle Bezeichnungen für schlaffe, lässige und lasche Menschen ein L enthalten: Laffe, Lackel, Lorbaß, Lappe, Lump, Lotterbube. . . Dieses L, das hier eine abwertende Bedeutung hat, erscheint im Sinne des Milden und Gelinden in anderen Wörtern: Liebe, laue Luft, Klang, laben, gleiten, leise, lösen, stillen … Es entspricht der Wirklichkeit des Lebens, daß dieselbe Erscheinung verschiedene Bedeutungen haben kann. In der Endung el hat das L eine verkleinernde und verniedlichende Wirkung. So wird aus dem Tanzen ein Tänzeln, aus dem Lachen ein Lächeln, aus Trappen ein Trappeln und Trippeln, aus Äugen ein Äugeln. Aus der Eiche wird das Kind der Eiche, die Eichel, aus dem massigen Schinken der schlanke Schenkel. Mit der Verkleinerung geht oft eine Wertminderung Hand in Hand: Den Grübler, der mit seinem Graben in die Tiefe zu keinem rechten Erfolg kommt, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt. Auch wenn der Kluge zu klügeln anfängt, nehmen wir seine Klugheit nicht mehr ernst, und einem soliden Liebhaber steht es nicht zu, anderweitig zu liebeln. Gesindel ist ein verlottertes Gesinde. Wenn wir beobachten, daß sich die Lautverbindung KR überall dort einfindet, wo es sich um krumme Linien und Kurven handelt, dann sind wir wohl berechtigt, uns über diese klangbildliche Wirkung Gedanken zu machen. In jedem Fall widerspräche das KR den Vorstellungen des Glatten, Ebenen und Geraden: Krüppel, Krücke, kriechen, Krampf, Kropf, Krone, Krempe, Kragen, Krause, Kralle, Kringel, krumpeln, kritzeln.. . Auch die indogermanische Wurzel „glei“, aus der sich eine zahlreiche Wortfamilie vom Kleber bis zum Kleister nährt vermittelt schon als Klangbild die Vorstellung des Klebrigen und Schmierigen. Eine geradezu zaubrische Lautgebärde haben die indogermanischen Wortwurzeln „blä“ und „blä“, von denen sich blühen, Blatt, Blut usw. ableiten. Schon beim Sprechen dieser Konsonantenverbindung vollziehen wir mit den Lippen den Vorgang des Entfaltens und Blühens, der dann auch die Bedeutung der ganzen Wortfamilie bestimmt. Auf die sinnbildliche Wirkung und Bedeutung der Vokale verweist Ernst Jünger in seiner Abhandlung „Das Lob der Vokale“. Jünger meint z. B., das A sei „der eigentliche väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität“, der Vaterwürde. In ihm klinge zugleich die Höhe und umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. „Diese doppelte Ausdehnung“, so sagt Jünger, „tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor .. . Als Ausruf kündet das volle A den höchsten Grad der Bewunderung an, im Lachen die hohe, joviale Heiterkeit. In unseren Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkündet das A den Anruf der höchsten Macht, und je weiter wir in dieses Gebiet eindringen, desto mehr erstaunt uns der hohe Grad der Notwendigkeit, der unserer Sprache innewohnt. Die gewaltigste dieser Formeln lautet: ,1m Namen des Vaters‘.“ Dem väterlichen A ist das mütterliche U entgegengesetzt. Das U, sagt Jünger, ist der Laut des Ursprungs, der Wurzel und der feierlichen Dunkelheit. Bezeichnend ist, daß das U in einer großen Zahl von Wörtern erscheint, die etwas Abgeschlossenes und Verborgenes bezeichnen: Urne, Grube, Gruft, Grund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Hut, Glucke, rund, unten. Dem E ordnet sich nach Jünger die Ausdehnung der Ebene zu. „Die beiden Reiche, die sich in diesem Laute begegnen und überschneiden, sind die des Leeren und des Erhabenen.“ Er verweist auf Wörter wie Meer und Schnee, See und Seele. Aber auch das Langweilige und Eintönige erscheine in diesem Laut, besonders sinnfällig in einer Wendung wie „Der Regen regnete“. Die Bühnensprache vermeide deshalb die reine Aussprache dieses Vokals. Das E ist auch der Vokal des abstrakten Denkens. „Wir sehen es vornehmlich in Verben auftreten, die eine ganz allgemeine Tätigkeit ausdrücken, welche auf eine Unzahl von wechselnden Inhalten bezogen werden können. Sehen, reden, denken, nennen, messen, rechnen, begrenzen, leben, werden, weben, erkennen, entstehen, vergehen, verwerfen sind Tätigkeitswörter dieser Art, von denen unsere Sprache eine unerschöpfliche Fülle besitzt, und die sich im besonderen in jenen Sätzen einstellen, in denen wir uns mit den Formen des Denkens selbst, also mit der Logik beschäftigen.“

Wir wollen und können hier nicht im Sinne Jüngers alle Laute auf ihre klang- und sinnbildlichen Wirkungen untersuchen, zumal da wissenschaftlich zuverlässige Grundlagen wohl kaum zu gewinnen sind. Aber an der Tatsache klangbildlicher Wirkungen der Sprache kann niemand vorübergehen, dem Sprache mehr ist als nur ein notdürftiges Verständigungsmittel. Manche der Betrachtungen Jüngers mögen dichterische Auffassungen sein. Aber auch die Dichtung hat ihre Wahrheit. Weite Bereiche der Lyrik werden von der Wirkung der sprachlichen Klangbilder bestimmt. Das ist auch einer der Gründe, warum Gedichte nie lautgerecht zu übersetzen sind. Schon die Übertragung folgender altdeutschen Verse ins Neuhochdeutsche ergibt ein anderes Klangbild: „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin.“ Das in den Reimen wirksame I gibt den Versen einen innigen Minne-Ton, den die neuhochdeutsche Reimfolge mein-deinsein nicht mehr wiedergeben kann. Die Übersetzung mag begrifflich richtig sein, das veränderte Klangbild aber verändert auch den Charakter der Verse. Wie sehr das Klangbild lyrische Verse be-stimmt, d. h. die Stimmung schafft, möge noch der Vergleich von zwei Strophen zeigen, die wir Nacht-Gedichten von Eichendorff und Hebbel entnehmen:

Eichendorf: Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.

Hebbel: Quellende schwellende Nacht Voll von Lichtern und Sternen; In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!

Kein empfängliches Ohr wird überhören, daß hier ganz verschiedene Bilder und Stimmungen der Nacht schon im Klang der Verse deutlich werden (auch der unterschiedliche Rhythmus spielt dabei natürlich mit). Ohne auf die feinen Unterschiede einzugehen, kann man behaupten, daß das bei Eichendorff vorherrschende U (in Verbindung mit dem feierlichen A) auf die geheimnisvollen Schauer nächtlicher Versunkenheit deutet, während das bei Hebbel tonangebende E (ebenfalls in Verbindung mit dem feierlichen A) die sternenhafte Ferne erschließt.

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.

Wörterbuch: P wie Phantasie – Die carta marina von 1539 – Ein Wunderwerk

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Carta marina, eine Landkarte Nordeuropas von Olaus Magnus. Die Überschrift lautet: Seekarte und Beschreibung der nördlichen Lande und der dort vorkommenden wunderlichen Dinge, höchst sorgfältig gezeichnet in Venedig im Jahre 1539 mit großzügiger Unterstützung des Patriarchen von Venedig, des höchst ehrenwerten Herrn Geronimo Querini.

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Die „Seekarte und Beschreibung der nordischen Länder und deren Wunder, sorgfältig ausgeführt im Jahr 1539″ – Im Original: Carta marina et descriptio septemtrionalium terrarum ac mirabilium rerum in eis contentarum diligentissime eleborata anno dni 1539 – ist die früheste (und nach heutigem Standard einigermaßen korrekte) Landkarte Nordeuropas, die zahlreiche Details und Ortsangaben enthält.
Die Karte hat die Maße 1,70 m Breite × 1,25 m Höhe und wurde von dem schwedischen Bischof Olaus Magnus in zwölf Jahren Arbeit angefertigt. Die ersten Kopien wurden 1539 in Venedig hergestellt. Es gab lediglich neun Kopien, und da Papst Paul III. die Karte mit einer Art frühem, zehn Jahre währenden Copyright belegte, das die Weiterverbreitung verhinderte, geriet sie in Vergessenheit, nachdem sie 1574 von Josias Simler letztmals erwähnt wurde.

Erst 1886 entdeckte der Historiker Oscar Brenner eine Ausgabe der Karte in der Münchner Hof- und Staatsbibliothek. Eine zweite Karte wurde 1961 in der Schweiz entdeckt und 1962 in die Sammlung Carolina Rediviva der schwedischen Universität Uppsala eingegliedert.

Die ebenfalls von Olaus Magnus verfasste Historia de gentibus septentrionalibus stellt eine Landesbeschreibung Skandinaviens dar und entstand als Kommentarwerk zur Karte. Die Karte ist hierzu in 9 Felder eingeteilt, die die Buchstaben A bis I tragen.

Es sind nur wenige Karten Skandinaviens früheren Datums bekannt, wie die des Claudius Claussön Swart um 1427, und die des Jacob Ziegler aus dem Jahre 1532.

Quelle: wikipedia

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.

Über das E-Book – Konrad Paul Liessmann

Gutenberg Museumsdruck -  Diese Beispielseite ist eine Kopie der "The 42-line Gutenberg Bible", Vol 2, Blatt 235.
Gutenberg Museumsdruck – Diese Beispielseite ist eine Kopie der „The 42-line Gutenberg Bible“, Vol 2, Blatt 235.

Der Wiener Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann in seinem Artikel „Bücherdämmerung“ (in: Der Standard, Album, vom 7./8.Juli.2012) sinngemäß: Der Begriff „E-Book“ ist ein falsch verstandener Euphemismus. Das E-Book ist kein Buch sondern ein digitales Medium, das Lesetexte sichtbar macht. Nicht mehr und nicht weniger. Dass der Buchestalter diese Evolution hautnah miterlebt und nutzen kann; ebenso wie digitale Produktionstechniken, ist nicht Fluch, sondern Segen.
So müssen sich auch Autoren und Gestalter zu Gutenbergs Zeiten gefühlt haben, dessen Erfindung übrigens von Traditionalisten zunächstauch abgelehnt wurde. Das neue, digitale Medium braucht allerdings einen neuen Namen, um nicht ständig in Konkurrenz mit dem Medium Buch zu stehen. Aber der wird kommen. Genauso wie das noch junge Medium seine Kinderkrankheiten ablegen wird. Geben wir ihm etwas Zeit.

Wörterbuch: Q wie Quadratschrift [Das hebräische Alphabet]

QuadratschriftDie ersten vier Buchstaben (aleph, beit, gimmel, dalet) des hebräischen Alphabets.

Die Quadratschrift ‏כְּתָב מְרֻבָּע‎ (ketav merubba) ist die heute übliche Variante des hebräischen Alphabets, deren Ursprünge etwa ab 500 v. Chr. nachweisbar sind und aus dem phönikischen Konsonantenalphabet über die aramäische Schrift abgeleitet wurden. Die andere Bezeichnung ‏כְּתָב אַשּׁוּרִית‎ (ketav aschschurit), also assyrische oder chaldäische Schrift weist auf die Ursprünge im Exil hin, von wo sich allmählich die neue Schrift ausgebreitet hat. Erste Beispiele entstammen der Zeit der Makkabäer (167-161 v. Chr.). Die erste datierte Handschrift stammt aus dem Jahr 896 n. Chr. Den Namen Quadratschrift hat diese Schrift, weil jedes Zeichen genau in ein Quadrat oder in ein halbes Quadrat passt und sich die Linienführung der Buchstaben mit hauptsächlich waagerechten und senkrechten Strichen in den meisten Fällen am Quadrat orientiert.

Zur Vokalisation wurde die Quadratschrift mit Punkten und Strichen ergänzt. Die Punktierung der Masoretischen Vokalisation nennt sich Nikkud. Hinzu kommen die Teamim genannten Artikulationszeichen, die den musikalischen Vortrag im jüdischen Gottesdienst festlegen. – Quelle: wikipedia

Cats Medienkommentar: Der Wert des Worts

Als Gutenberg vor einigen Jahrhunderten die Kunst des Buchdrucks erfand, besaß das geschriebene Wort, das plötzlich für jeden zugänglich war, einen unermesslichen Wert und löste eine echte Faszinationswelle aus. Alle wollten lesen, lernen, Neues wissen. Das Paradoxon: Je „älter“ das freie Wort wird, desto mehr scheint es an monetärem Wert zu verlieren. Warum es sich dennoch lohnt, zu schreiben.

Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!
Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!

Wer heute als Autor ohne „Bestseller-Bonus“, freier oder angestellter Journalist, PR-Texter oder in einem anderen Mediensektor des „geschriebenen Wortes“ arbeitet, muss mitunter im Vergleich zu anderen Branchen einen niedrigeren Lohn hinnehmen. Das ist eine Tatsache, die nur die größten und naivsten Idealisten unter uns „Wortkünstlern“ erst sehen, wenn es zu spät ist – die meisten Schreiber sind sich ihres steinigen Karrierewegs durchaus bewusst. Und selbst die abgeklärtesten Realisten unter uns fragen sich hin und wieder, ob unserer Arbeit überhaupt ein Wert zugemessen wird – sowohl finanziell als auch durch unsere Leser. Weiterlesen