Kategorie: 19. Jhrd.

Thomas Cole | Die Reise des Lebens | Gemäldereihe

Die Reise des Lebens ist eine Reihe von Gemälden Thomas Coles aus den Jahren 1840/42. Die Serie ist eine Allegorie der vier Stadien des menschlichen [männlichen] Lebens: Kindheit, Jugend, Männlichkeit und Alter. Die Werke stellen einen Reisenden dar, der in einem Boot auf einem Fluss durch die amerikanische Wildnis des 19. Jahrhunderts reist.
In jedem Gemälde steuert der Reisende das Boot auf dem Fluss des Lebens, jeweils begleitet von einem Schutzengel. Die Landschaft, die jeweils eine der vier Jahreszeiten widerspiegelt, spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der Geschichte.
Mit jeder Konstellation wird die Fahrtrichtung des Bootes vom vorherigen Bild umgekehrt. In der Kindheit gleitet das Kind aus einer dunklen Höhle in eine reiche, grüne Landschaft. Als Junge übernimmt der Junge die Kontrolle über das Boot und strebt einer glänzenden Burg am Himmel zu. Im Mannesalter verlässt sich der Erwachsene auf Gebet und religiösem Glauben, um durch raues Wasser und drohende Landschaften geführt zu werden. Schließlich wird der Mann alt und der Engel führt ihn zum Himmel über die Wasser der Ewigkeit.
Wie antiquiert diese Weltsicht über den Erwachsenen wirkt….

Kunst | Edvard Munch – Feuersbrunst | Lithographie

EDVARD MUNCH | Feuersbrunst
Lithographie, um 1920 | Kunstbaus Zürich

In Munchs Nachbarschaft brach eine große Feuersbrunst aus. Der Maler kam mit Leinwand und Farbe gelaufen und fing an zu malen. Er hatte sich so nahe aufgestellt, dass die Feuerwehrleute ihn auffordern mussten, sich zu entfernen. «Sehen Sie nicht, dass ich arbeite Bitte warten Sie doch einen Augenblick mit dem Schlauch dort, es gibt ja nur Rauch», antwortete Munch.
Edvard Munch wurde am 12. Dezember 186) in Oslo als zweites Kind (von fünfen) des Armenarztes Christian Munch geboren. Fünfjährig verlor er die Mutter, ein paar Jahre später eine Schwester, beide an Tuberkulose; eine andere starb in geistiger Umnachtung. Auch Edvard war als Kind viel krank und blieb sein Leben lang ängstlich um seine Gesundheit besorgt, Kranke und Tote meidend. Mit dem schwermütig-frommen Vater verstand er sich schlecht, setzte es aber schließlich durch, Maler zu werden. Der große schöne junge Mann genoss dann das Leben in den Künstlerkreisen der norwegischen Hauptstadt in vollen Zügen. Auslandsreisen führten ihn von 1881 an nach Frankreich, Deutschland und Italien. Seine ersten Ausstellungen in Oslo und besonders 1812 in Berlin erregten Anstoß, Diskussionen, einen gewaltigen Pressestreit. Hier fand er auch seine ersten und größten Gönner, und hier begann er sein Riesenwerk, das er «Fries des Lebens» nannte.

«Es ist als eine Reihe zusammengehörender Bilder gedacht, die gesamthaft ein Bild des Lebens geben sollen, ein Gedicht vom Leben, von der Liebe und vom Tod.»

Munchs Leben war voller Unrast, Suchen und Angst. Schnell schloss er sich Menschen an, um sie ebenso rasch wieder von sich zu stoßen. Er war krankhaft scheu und misstrauisch, ganz besonders Frauen gegenüber. Jede Annäherung fasste er als Aufdringlichkeit auf.
Auch auf Landschaften reagierte er heftig. Er litt an Platzangst und Schwindelgefühlen. Linien und Farben seiner Umgebung konnte er als auf ihn zuströmend, ihn umschlingend und erwürgen wollend empfinden. Trost und Rettung fand er nur im Malen.

«Malen ist für mich eine Krankheit, die ich nicht loswerden will, ein Rausch, den ich brauche. Eigentlich warte ich darauf, Lust zum Malen zu bekommen. Viele meiner Bilder habe ich gemalt, fast ohne es zu wissen. »

Und:

«Wenn ich male, dann langweile ich mich am wenigsten.»

Parallel mit seinen Bildern entstanden die zahlreichen Radierungen, Lithographien und Holzschnitte, die oft dieselben Themen darstellen. Von seinen Werken trennte er sich nur ungern und verkaufte oder verschenkte sie gegen Ende seines Lebens nur an Leute, die ihm sympathisch waren. 1916 kaufte er die Besitzung Ekely bei Oslo, wo er jedoch nur das Erdgeschoss bewohnte, während sich im übrigen Hause die Blätter, Drucke, Zeichnungen und Bilder stapelten, letztere zum Teil auch im Garten, wo sie in Regen und Sonnenschein ihre «Rosskuren» durchmachten. Mobiliar und Hausgeräte besaß er nur die‘ nötigsten, dafür lagen überall Malerutensilien, Briefe, Kupferplatten, Steine herum, und es kam oft vor, dass er Bilder gestohlen wähnte, die doch nur irgendwo verstellt waren.
Der Lautsprecher war ständig in Betrieb, und das Licht brannte immer; so menschenscheu Munch auch war, er fürchtete die Stille und das Dunkel. Besuche empfing er immer weniger und nur nach vorheriger Anmeldung. Er starb am 23. Januar 1944 an einem Herzschlag, sein ganzes Besitztum der Stadt Oslo hinterlassend.

Kunst | EDGAR DEGAS | Bildnis des Diego Martelli | 1879

EDGAR DEGAS (1834-1917): Ganzfigurenbildnis des Diego Martelli. 1879. Öl auf Leinwand; 110,3 x 101 cm.

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Zum Gemälde | Degas lag sehr viel daran, seine Modelle in unbefangenen, natürlichen Stellungen, die ihre körperlichen Vorzüge unterstrichen oder ihre Mängel aufzeigten, darzustellen. «Ich will durch das Schlüsselloch beobachten», pflegte der Maler zu sagen und bewies damit, dass er die Modelle in Momenten zu zeichnen liebte, in denen sie sich unbeobachtet fühlten.

Diego Martelli, den Degas vor seinem Arbeitstisch sitzend malte, war ein neapolitanischer Kupferstecher, der in Paris lebte. Als Künstler trat er nicht in Erscheinung, doch nahm er offenbar in der damaligen Pariser Künstlerwelt die Stellung eines «Originals» ein. Welche Beziehungen Degas, der selbst im Rufe eines kauzigen Originals stand, und aus dem die üble Nachrede einen bösartigen, unausstehlichen Menschen machte, zu Martelli hatte, ist nicht bekannt. Vermutlich aber war es, trotz der ausgeprägten Nüchternheit, die den Charakter des Degas bezeichnete, eine kleine Sentimentalität: Degas nämlich, der pariserischste aller Pariser Maler, war von Herkunft gar kein reiner Franzose. Die Großmutter war Neapolitanerin, und der Vater, obwohl er jung nach Paris gekommen war, blieb Neapolitaner. Dem Maler, der einen Teil seiner Jugend in Italien zugebracht hatte, blieb die italienische Sprache in der Neapler Mundart stets geläufig, und von hier aus könnte sich ein Weg zu Martelli aufzeigen, indem Degas mit diesem in der Sprache seiner Jugend reden konnte.

Das Bildnis Martellis ist 1879 entstanden, in einer Zeit also, in der die für Degas bezeichnenden Themen der Modistinnen und Tänzerinnen den grössten Raum seines Schaffens einnahmen. Die eigentliche Zeit seiner Porträtkunst, die Periode, in welcher ihm das Studium des menschlichen Antlitzes das grösste künstlerische Anliegen war, ist das Jahrzehnt von 1860 bis 1870 gewesen. Dann werden die Porträts in seinem Werke immer seltener, ohne aber je ganz zu verschwinden. Niemals malte Degas ein Bildnis auf Bestellung; er wählte seine Modelle frei, und was ihn daran interessierte, war die genaue und scharfe Analyse von Gesicht und Haltung. Dabei verzichtete er auf jede repräsentative Wirkung und erzielte damit eine Tiefe der psychologischen Erfassung seines Modells, die ihn in die Reihe der großen Porträtisten aller Zeiten stellt. Max Liebermann, der ein großer Verehrer von Degas gewesen ist, schrieb über ihn: «Nach akademischen Begriffen kann er weder zeichnen noch malen.» Und tatsächlich gibt das Bildnis Martellis ein gutes Beispiel, wie Degas alle akademischen Überlieferungen bewusst verleugnete: der Bildausschnitt scheint zufällig gewählt, Bildelemente – hier der Arbeitstisch – werden vom Bildrand scharf abgeschnitten, der Blickpunkt scheint zu hoch gewählt und der Maler zu nahe am Modell gestanden zu sein.
Aber gerade diese Elemente zeugen von der unerhört kühnen Darstellungsweise des Künstlers. Indem er den Blickpunkt zu hoch wählte, konnte er die kurzbeinige Gestalt um so drastischer treffen. Dadurch, dass der Dargestellte an den Rand der Komposition gerückt wurde, ist die Spannung im Bild erhöht worden. Durch die ungewöhnliche Darstellungsweise nahm aber nicht die Genauigkeit des Werkes Schaden, sondern Degas verstärkte damit im Gegenteil die wesentlichen Züge des Dargestellten. Die kühnste Neuerung aber, die in diesem Bilde durch die Wahl des hohen Blickpunktes erzielt worden war, ist die Art und Weise, in der sich der Bildraum der Fläche anzugleichen beginnt. Cezanne, 1839 geboren, hatte sich mit diesem künstlerischen Problem immer mehr zu beschäftigen, und kurze Zeit nach der Entstehung unseres Gemäldes werden die beiden Künstler geboren werden, die das zu Ende führen, was Degas in seinem Bildnis Martellis nur andeuten konnte: Picasso (geboren 1881 und Braque (geboren 1882).

Selbstporträt |1895 | Fotografie
Selbstporträt |1895 | Fotografie

DER MALER | Edgar-Hilaire-Germain Degas wurde am 19.Juli 1834 in Paris geboren. Er entstammte dem Pariser Großbürgertum, hatte aber durch seine Großmutter starke Bindungen zu Italien. Die Familie war wohlhabend, und zeitlebens konnte sich Degas seiner Kunst widmen, ohne von finanziellen Überlegungen geleitet zu werden. Zunächst studierte Degas die Rechte, bis er endlich vom Vater die Einwilligung erhielt, Maler werden zu dürfen. Kurze Zeit besuchte er die Ecole des Beaux-Arts und wurde dann von einem Maler namens Lamothe unterrichtet, der, einst Schüler von Ingres, dem jungen Degas die Lehre Ingres‘ übermitteln konnte.
Von 1856 bis i860 reiste der Künstler durch Italien, wo er sich an den italienischen Meistern des Quattrocento schulte. Seit 1860 lebte er in Paris, das er, abgesehen von einigen Reisen, bis an sein Lebensende nicht mehr verließ: 1872 bis 1873 weilte er mehrere Monate in New Orleans, dann besuchte er mehrmals Neapel und unternahm Reisen nach Spanien, Belgien und Holland. Gegen Ende seines Lebens begann sich der Zustand seiner Augen immer mehr zu verschlechtern. Fast blind lebte er in tiefer Traurigkeit, bis ihn der Tod am 27. September 1917 erlöste.

Utagawa Kunisada I. • »Spiegelbild der Gegenwart« • Holzschnitte

Thomas Wilmer Dewing • the lute

Thomas Wilmer Dewing - The lute  - ca. 1895
Thomas Wilmer Dewing – The lute – ca. 1895

Thomas Wilmer Dewing (* 4. Mai 1851 in Newton Lower Falls, Massachusetts; † 5. November 1938) war ein US-amerikanischer Maler an der Wende zum 20. Jahrhundert. Dewing wird den Tonalisten zugeordnet. Er war mit der Malerin Maria Oakey Dewing verheiratet, gehörte den Ten American Painters an und wurde unter anderem von Charles Freer gefördert.

Max Liebermann • Über den Maler Jozef Israëls

Jozef Israëls
Verlag Bruno Cassirer, 1901

Jozef Israëls by Jan VethWer zum ersten Male in seinem Leben auf die Jagd geht, hat immer Glück; wer aber auch nur einigermaßen gescheit ist, versucht es nicht zum zweiten Male.
Nach dem günstigen Erfolge, den die paar Seiten gefunden haben, die ich über Degas veröffentlicht hatte, – sind sie doch sogar ins Russische übersetzt! – hatte ich mir das Schreiben hoch und heilig verschworen. Siegreich hatte ich den Lockungen der Verleger widerstanden, und nur wer jemals Druckerschwärze geleckt hat, kann nachfühlen, wie schwer das ist.
Da traf sichs an einem schönen Septembernachmittag, eines Tages, als ich in Scheveningen mit Israels nach dem Lunch Kaffee trinkend und Zigarren rauchend vor seinem Pavillon saß, daß die Unterhaltung – wie das nicht selten unter Kollegen – auf die Kritik fiel. Und plötzlich sagte der Meister: »Wie über Degas sollten Sie mal über mich schreiben.« Und im Nu waren alle meine guten Vorsätze dahingeschwunden vor der freudigen Hoffnung, meiner Liebe und Verehrung für Israels öffentlich Ausdruck geben zu dürfen. Schon am nächsten Tage fuhren wir nach dem Haag und suchten im Atelier das nötige Material an Zeichnungen, Radierungen, Photographien, das den Text begleiten sollte, zusammen.
Bis hierher ging alles ganz famos. Aber als ich mich nun an die Arbeit machte, sah ich ein, daß ich Israels viel zu sehr liebe, um über ihn schreiben zu können. Denn man kann eigentlich nur über die Schwächen eines Künstlers schreiben: woher denn auch die meisten Kritiker ihren Helden zu »zerreißen« pflegen (was, nebenbei bemerkt, viel amüsanter ist). Um aber einem großen Künstler wahrhaft gerecht zu werden, müßte man seine Kunst in Worte fassen können; man müßte mit Kunst schreiben. Nur ein lyrischer Dichter könnte Israels ganz gerecht werden, denn Israels Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht; ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig; alles Gemüt, Empfindung und nochmals Gemüt.

Jozef Israëls - Wenn man alt geworden ist. - Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst - 1878
Jozef Israëls – Wenn man alt geworden ist. – Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst – 1878

Israels sagte mir mal: »Außer Millet gibt es keinen Maler, der so wenig zeichnen und malen konnte wie ich, und dabei so gute Bilder gemacht hat.«
Mit andern Worten: wie Millet, ist auch Israels kein Talent, doch – ein Genie.
Beides fehlt, was mit Recht als das Kriterium des Talents angesehen wird: die behende Leichtigkeit, die Natur wiederzugeben. Statt den Gegenstand zu zeichnen, notiert ihn Israels oft in sein Skizzenbuch er schreibt auf, wo sich ein Schrank, ein Stuhl oder eine Kuh befinden. Es ist sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Talent, wenn einer einen Akt herunterstreichen kann, wie die Preisgekrönten, welche dutzendweise an den Wänden der Malschulen Paris oder Antwerpen hängen. Aber aus ihren Verfertigern wird schließlich im besten Fall ein Cabanel oder Bouguerau; meistens bleiben sie ihr Leben lang der »Ancien prix de Rome«. Selbst das mit größtem Talent gemalte Bild bleibt ohne den göttlichen Funken – gemalte Leinwand. Erst das sogenannte Genie flößt dem Bilde das Leben, die Seele ein: die gemalte Leinwand wird zum lebendigen Kunstwerk.
Israels steht heute in seinem 88. Lebensjahre; er ist in Holland, was bei uns Menzel war, und wie beim Erscheinen Menzels im Restaurant Frederich einer dem andern zuflüsterte: »da kommt Menzel«, so zeigt ihn ein Badegast dem andern, wenn der kleine alte Herr – er ist beinahe ebenso klein wie Menzel – am Strande von Scheveningen spazieren geht.
Als ich einmal vor Jahren in Delden, einem Städtchen unweit der deutschen Grenze, mit Israels auf der Studienreise war, kam ein braver Bürger des Orts auf ihn zu, »ob er der große Meister wäre, den er in der Zeitschrift abgebildet gesehen hätte, er möchte ihm die Hand drücken und seinen Kindern erzählen, daß er mit Israels gesprochen«.
In Deutschland dagegen ist Israels Name, außer bei den Künstlern, wenig bekannt, und jeder Landsmann, der nach Holland kommt, meint ihn »entdeckt« zu haben. Wer in Berlin aus der alten Gemälde-Sammlung in die National- Galerie oder in München aus der alten in die neue Pinakothek tritt, glaubt sich, sozusagen, in eine andere Welt versetzt. In Holland kann man nach den alten Bildern noch die modernen ansehen: es ist Fleisch von ihrem Fleische.

Eine jüdische Hochzeit - Jozef Israëls, - 1903
Eine jüdische Hochzeit – Jozef Israëls, – 1903

Die modernen Holländer haben von ihren Vorfahren eine gewisse malerische Kultur geerbt, die selbst unsern bedeutendsten Meistern, wie Menzel oder Böcklin, fehlt. Ein Genie kann es sich schon gestatten, barbarisch zu sein; aber die große Mehrzahl, die bekanntlich nicht aus Genies besteht, muß den Mangel durch Kultur zu ersetzen suchen.
Vor etwa dreißig Jahren traten die Holländer zum ersten Male geschlossen im Münchner Glaspalast auf und erregten bei den Künstlern – die in München das einzige Publikum bilden – ungeheures Aufsehen. Was uns frappierte, war die malerische Kultur. Ein jeder strebsame junge Mann pilgerte nach Holland, er brachte den Holzschuh und die weiße Haube und die lange Tonpfeife von dort mit; das holländische Fenster mit den kleinen Scheiben im Lot wurde Mode. Der Aufschwung, den die deutsche Malerei in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte, beruhte nicht zum mindesten auf dem Einfluß der Holländer, und die Münchener Sezession quittierte nur dankend darüber, als sie Israels zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Denn Israels hat die moderne holländische Schule geschaffen: ob Bosboom Kirchen-Interieurs, Maris Stadtansichten, Mesdag Marinen, Mauve Kühe und Schafe malt, ein jeder verdankt ihm etwas, gerade wie jeder Maler heutzutage etwas von Manet hat.
Nicht einmal das Handwerk in der Kunst läßt sich beweisen; und nun gar, was darüber hinausgeht, das heißt wo die Kunst anfängt, gehört dem Gebiete der Ästhetik an. Und Anatole France hat ganz recht; »die Ästhetik hat keinen festen Untergrund; sie ist ein Luftschloß«. Selbst die sogenannten allseitig anerkannten Kunstwerke – der einzige Rettungsanker auf dem wogenden Meer der Ästhetik – erweisen sich bei näherer Betrachtung als höchst schwankend. Die Renaissance zog Virgil dem Homer vor, Friedrich der Große war einig mit seinem ganzen Zeitalter, wenn er Voltaire höher schätzte als Shakespeare; Frans Hals‘ Doelenstücke, Haarlems heutiger Ruhm und Stolz, lagen bis Mitte des 19. Jahrhunderts aufgerollt auf dem Bodenraum des Rathauses. Rembrandt, dessen Ruhm heut selbst den Raffaels überstrahlt, wurde im 18. Jahrhundert den damaligen Modemalern nachgesetzt. Und nun gar bei den Modernen und in heutiger Zeit, wo jeder wie am politischen Leben so am künstlerischen teilzunehmen sich für berechtigt hält; wo in den Kunstanschauungen nichts beständig ist als der Wechsel; wo eine Richtung, eben erst als die alleinseligmachende ausposaunt, morgen schon zum alten Eisen geworfen wird!

Jozef Israëls - Maaiers - 1834 -Rijksmuseum
Jozef Israëls – Maaiers – 1834 -Rijksmuseum

Man sollte überhaupt nicht so viel von »Richtungen« sprechen, als ob die Richtungen den Künstler machen und nicht umgekehrt. Der alte Schadow pflegte seinen Schülern, die ihre schlechte Arbeit mit dem schlechten Zeichenmaterial zu entschuldigen suchten, zu antworten; »Mein Sohn, der Bleistift ist nicht dumm«. Die Richtung ist nur das äußere Gewand eines Künstlers, steckt ein Kerl dahinter, so ist die Richtung gut; auch in der Kunst macht der Rock nicht den Mann.
Was Fromentin von Rembrandt sagt: »Il a bien peint parce qu’il a bien senti« paßt auf keinen lebenden Meister besser als auf Israels: er malt gut, weil er gut empfindet. Und wie Rembrandt, empfindet er mit den Figuren, die er malt; er betrachtet die Welt nicht mit Lächeln oder spöttisch, oder von oben herab, sondern mitleidsvoll. Daher das an Rembrandt gemahnende Pathos, das den Beschauer erbeben läßt, obgleich sich nur die alltäglichen Vorgänge im Bilde abspielen. Wie sein großer Landsmann weiß er sich des Alltäglichen zu bedienen, um das Erhabene auszudrücken. Jeder Schulmeister freilich könnte ihm sämtliche Fehler in jedem Bilde nachweisen, und ich glaube, daß jeder Schulmeister meint, es besser machen zu können. Und nach schulmeisterlichen Begriffen kann er es auch besser. In der bildenden Kunst aber legt der Kritiker immer noch im wahren Sinne des Wortes den Maßstab an das Werk, ob die Figur auch die vorgeschriebenen 7+½ Kopflängen hat, ob sämtliche Regeln der Anatomie, Perspektive usw. ordentlich befolgt sind, wie es einem »akademischen Maler« zukommt.

Fishermen carrying a drowned man - Jozef Israëls - 1861
Fishermen carrying a drowned man – Jozef Israëls – 1861

Natürlich ist Korrektheit eine schöne Sache, aber sie ist nicht das Wesen der Kunst. Mit der größten Leichtigkeit könnte man jedem Rembrandt oder Frans Hals Verzeichnungen nachweisen; aber trotzdem ziehe ich die verzeichneten Rembrandts und Frans Hals den formvollendeten van Dycks oder von der Helsts vor. »Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von der Natur und den wahren Ausdruck zerstören.« Das sagt Goethe, der »zielbewußte Klassiker«, und zwar zu einer Zeit, wo die Exzellenz die umstürzlerischen Tendenzen der Jugend längst abgelegt hatte.
Israels wurde er selbst erst in einem Alter, in dem die meisten Maler bereits ihr Bestes geleistet haben, und wenn er das Unglück gehabt hätte, in seinem 40. Jahre zu sterben, wäre Holland um einen seiner besten Söhne ärmer. Bis zu seinem 40. Lebensjahre malte er – wie die andern: Bilder aus der holländischen Geschichte, ja sogar einen Luther, die Bibel übersetzend. Erst in den sechziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts hat er sich selbst gefunden; in Zandvoort, einem kleinen Stranddorf in der Nähe Haarlems, fing er an, das Leben der Fischer zu malen, zuerst mit etwas sentimentalem Beigeschmack: wie die Kinder ihren Vater vom Schiff heimbegleiten, die Frau sorgenvoll auf die stürmende See blickend; wie gesagt, noch etwas zu tränenreich. Aber von der Sentimentalität arbeitete er sich bald zum wahren Gefühl durch und schafft nun die Werke, die ihn zum großen Meister stempeln, Werke von einer Innigkeit der Empfindung, von einer monumentalen Größe, von einer Breitzügigkeit der Komposition, die man nur noch bei Millet findet; wie er denn der einzige ist von allen Malern des 19. Jahrhunderts, der dem großen Franzosen an die Seite gesetzt werden dürfte. Beiden gemeinsam ist ein gewisser sacerdotaler Zug, die Kunst ist ihnen Religion, daher der feierliche Ernst, der aus ihren Bildern spricht; weil sie aus Überzeugung gemalt sind, wirken sie überzeugend. Beiden gemeinsam die Schlichtheit und Einfachheit, das Höchste, aber auch das Schwerste in jeder Kunst; aber während Millet, der herbere, männlichere, mehr Gewicht auf die Zeichnung, wie der Bildhauer vor allem auf die Silhouette legt, ist Israels, der zartere, weichere, mehr Maler. Sein Hauptgewicht legt er auf den malerischen Ton. Israels‘ Palette ist nicht reich, aber er weiß die wenigen Farben aufs reichste zu nuancieren. Ohne Rembrandt auch nur im mindesten etwa in den äußern Mitteln nachzuahmen, haben seine Bilder einen Gesamtton, der an seinen großen Landsmann erinnert. Wie Rembrandts sind auch Israels‘ Bilder tief gestimmt, aber immer blond, weil jeder Ton in ihnen trotz seiner saftigen Tiefe von Reflex umgeben ist. Israels bewahrt daher seine Bilder vor dem greulichsten Fehler, den ein Bild in malerischer Beziehung haben kann, nämlich daß es schwarz erscheint.

Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels
Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels

Aber auch darin ähnelt er Rembrandt, daß er mehr Luminarist als Kolorist ist. Jede einzelne Lokalfarbe ordnet sich dem Gesamtton unter und ist in Licht und Schatten aufgelöst. Auch komponiert er nicht sowohl auf Farbe wie auf Licht; der Gang des Lichtes bestimmt die Komposition des Bildes, das Licht des Fensters, der helle Fleck der Haube muß gerade an der Stelle sitzen, wo er sitzt.
Die Bilder der Düsseldorfer oder Münchener Genremaler könnten, ohne Wesentliches einzubüßen, auch grau in grau gemalt sein; ja sogar reproduziert erscheinen sie koloristischer als im Original, weil die Reproduktion die Feinheit der Charakteristik wiedergibt, während die Mängel in der Farbe, die dem Original anhaften, verschwinden. Bei Israels hingegen ist die Farbe ein integrierender Bestandteil der Bilder, er charakterisiert mit der Farbe; die Farbe ist ein ihm notwendiges Ausdrucksmittel, nicht eine mehr oder weniger überflüssige Zugabe; er geht von der malerischen Erscheinung aus.
Als gelegentlich der internationalen Ausstellung von 1896 Israels als Juror nach Berlin kam, traf er Menzel vor seinem Bild »Der Kampf ums Dasein«, zwei Fischer, den Anker aus dem Meere ziehend. Nach den obligaten Komplimenten meinte Menzel, das Bild sei nicht gleichmäßig genug durchgeführt, Israels hätte das den Hintergrund bildende Meer fleißiger durcharbeiten müssen, überhaupt sei das ganze Bild nicht »fertig« genug.
Ich führe dies Geschichtchen, das mir Israels selbst lachend erzählte, an, weil der Vorwurf, den Menzel darin unserem Meister macht, stets von der älteren Richtung der modernen gemacht wird: daß sie sich mit einer zu skizzenhaften Ausführung begnüge.
Schon Rembrandt schrieb, »daß Bilder nicht dazu gemalt wären, um berochen zu werden«. Auch dem Haarlemer Publikum schienen die Porträts von Frans Hals wohl zu skizzenhaft, sonst wäre der Meister nicht in bitterster Armut gestorben. Ich glaube, das Publikum sieht Kunstfertigkeit für Vollendung an, ohne zu ahnen, daß eleganter Vortrag und virtuose Mache nur untergeordnete Fingerfertigkeiten sind gegen die wahre künstlerische Durchbildung. Als ob der stupendeste Klaviervirtuose, der mit der glänzendsten Technik Tonleitern spielt, deshalb der größte Musiker wäre.

Jozef Israëls - Kinderen der zee - 1863
Jozef Israëls – Kinderen der zee – 1863

Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß die Beherrschung der technischen Ausdrucksmittel für den Künstler von großem Wert ist, aber es versteht sich von selbst, daß jeder sein Handwerk ordentlich gelernt hat. Ein Kunstwerk ist vollendet, wenn der Maler das, was er hat ausdrücken wollen, ausgedrückt hat. Eine Zeichnung in wenigen Strichen und in wenigen Minuten hingeworfen, kann in sich ebenso vollendet sein, als ein Bild, woran der Maler jahrelang gearbeitet hat. Israels arbeitet in seiner Weise seine Bilder gerade so durch wie Menzel, aber er erstrebt etwas anderes als jener. Es ist klar, daß die Malerei, welche den großen Eindruck der Natur wiedergeben will, das Detail der allgemeinen Erscheinung unterordnen muß, aber vollendet sie deswegen weniger? Ist ein Kopf von Velasquez weniger vollendet als einer von van Eyck? Im Gegenteil, Velasquez vollendet mehr, wenn er auch die tausend Fältchen der Haut, die Eyck mit wunderbarem Fleiß und hingebender Liebe malt, unterdrückt, denn er kommt dem Eindruck der Natur – und das ist doch die Aufgabe der Malerei – näher. Die moderne Malerei sucht nicht den Gegenstand wiederzugeben, sondern die Reflexe der Luft und des Lichtes auf die Gegenstände. Genau dasselbe, was die eigentlichen Maler unter den Alten auch gemacht haben.
Überhaupt ist es fast komisch, zu sehen, daß gerade die ältere Richtung gegen die Modernen stets die Alten ins Feld führt, ohne zu bemerken, daß die Modernen den Alten viel näher stehen als sie. Unter dem Firnis und der Patina der Jahrhunderte sehen sie nicht mehr das Wesen. Es ist kein Zufall, daß gerade die Kunstgelehrten, die von der alten Kunst herkommen, die Bode, Bayersdorfer, Tschudi, Seidlitz, Lichtwark und wie sie alle heißen, zu einer Zeit, als man für die moderne Richtung nur Spott und Hohn hatte, sich ihrer angenommen haben. Sie erkannten aus dem Studium der alten Kunst deren Verwandtschaft mit der neuen, daß die moderne Kunst dasselbe Ziel erstrebte, was eine jede Kunst erstreben muß; die individuelle Naturauffassung. Hierin sollen uns die alten Meister Vorbilder sein – nicht in ihren Äußerlichkeiten.
Es ist ein Unsinn, einen Bismarck malen zu wollen, der wie von Rembrandt oder Velasques gemalt aussieht.

Jozef Israëls - Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. - Erstellt zwischen 1880 und 1911
Jozef Israëls – Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. – Erstellt zwischen 1880 und 1911

Neben der zu skizzenhaften Ausführung wirft man Israels und der modernen Richtung überhaupt mangelhafte Zeichnung vor. Weil Israels das Hauptgewicht auf die Malerei legt, zeichnet er deshalb noch nicht schlecht. Gerade so wie ein schlecht gemaltes Bild deshalb noch nicht gut gezeichnet ist. Der Konturmacht nicht etwa die Zeichnung aus, und Velasquez zeichnet nicht etwa schlechter als Dürer und Holbein, weil er statt des Konturs, die den malerischen Eindruck zerstören würde, die Töne flächenartig aneinandersetzt. Gerade im Gegenteil; je vollendeter ein Bild gemalt ist, das heißt je näher es dem Eindruck der Natur kommt, desto besser muß es gezeichnet sein; sonst würde dieser Eindruck nicht hervorgerufen werden. Je näher die Hieroglyphe der Natur kommt – und alle bildende Kunst ist Hieroglyphe – desto besser muß sie gezeichnet sein.
Israels liebt die Dämmerung, wenn die Konturen der Gegenstände ineinander verschwimmen; das Enveloppierte zieht er dem Bestimmten vor, das Träumerische der Abendstunde der grellen Sonne, das Geheimnisvolle, das uns mehr ahnen als sehen läßt, in einer nur ihm allein gehörenden Technik: kaum ein fetter Strich im Bilde, nichts Materielles, alles durchgeistigt, keine Farbe, alles Ton; das Ganze mehr auf die Leinwand hingehaucht als gemalt.
Was ich aber vor allem an ihm liebe, ist sein Temperament. Wenn ich es nicht wüßte, jedes seiner Werke würde es mir sagen, daß er nichts auf der Welt mehr liebt als die Malerei. Nicht mit der behaglichen Liebe des Ehemanns, mit der die Metsu, Mieris oder Dou malen, sondern mit der heißen, ungestümen Leidenschah des Liebhabers schafft er seine Werke. Trotz seiner Jahre hat er sich die Seele des Jünglings bewahrt. In jedem seiner Bilder ein Ringen, jener Moment im Kampfe mit dem Engel, wo Jakob sagt; »ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Er arbeitet mit höchster Konzentration aller seiner Kraft, während er arbeitet, ganz dabei, alles andere vergessend. »Wie der Handelnde«, nach Nietzsches Ausspruch: »wissenlos. Er vergißt das, was hinter ihm liegt, und kennt nur ein Recht: das Recht dessen, was jetzt werden soll.« Unzufrieden übermalt er oft in ein paar Stunden das ganze Bild, an dem er monatelang gearbeitet hat, mit größter Rücksichtslosigkeit ganze Stücke, die vollendet waren, opfernd; aber dadurch gibt er dem Bilde jene Frische wieder, die wir an der Skizze bewundern, jene Frische, die durch langes Überarbeiten dem Bilde abhanden kommt und nur durch flüssiges Ineinandermalen erzielt werden kann.
Israels ist aus den kleinsten Verhältnissen emporgewachsen. Mühevoll mußte er sich in Amsterdam, wo er sich nach seinen Wanderjahren festsetzte, mit Porträtmalen seinen Unterhalt verdienen. Auch darin Rembrandt ähnlich, wohnte er im Judenviertel, und oft genug, wenn er an dem Hause vorüberging, in dem sein großer geistiger Vorfahre gewohnt und gearbeitet hatte, wird er sich aus seiner Misere an ihm emporgerichtet haben. Rembrandt wurde sein Erzieher. Wie Rembrandt, so entnimmt Israels die Anregung zu jedem Bilde, zu jeder flüchtigsten Zeichnung, der Natur. Aber wieder wie Rembrandt kopiert er sie nicht, sondern er verarbeitet sie zum Kunstwerk.

Jozef Israëls Träumen - oil on canvas 128,5 x 201,2 cm - 1860 - signed b.r.: J. Israels
Jozef Israëls Träumen – oil on canvas 128,5 x 201,2 cm – 1860 – signed b.r.: J. Israels

Je naturalistischer eine Kunst sein will, desto weniger wird sie in ihren Mitteln naturalistisch sein dürfen. Der Darsteller des Wallenstein, der – wie bei den Meiningern – im echten Koller und Reiterstiefeln aus der Zeit auftritt, macht nicht etwa dadurch einen wahren Eindruck: der Schauspieler muß seine Rolle so spielen, daß wir glauben, er stecke in echtem Koller und Reiterstiefeln. Israels wirkt naturalistischer als unsre Genremaler, nicht obgleich, sondern weil er weniger naturalistisch malt als sie; was wir um so deutlicher sehen können, als er sich oft im Sujet mit ihnen begegnet. Nehmen wir zum Beispiel die »Salomonische Weisheit« von Knaus – eins der meist bewunderten, und mit Recht bewunderten Bilder der deutschen Genremalerei – und daneben Israels‘ »Ein Sohn des alten Volkes«. Knaus zeigt uns einen alten Juden, wie er sein Enkelkind in die Geheimnisse des Trödelhandwerks einweiht; köstliche Figuren, jeder kleinste Zug, jede Bewegung der Natur abgelauscht und bis in die feinsten Details wiedergegeben. Bei Israels dagegen nur eine Figur: ein armer Jude, einfach, ohne jede Bewegung vor seinem Trödelladen sitzend. Das ganze Bild liegt in dem Ausdruck des Kopfes, alles andere durch ein paar Farbenflecken kaum angedeutet. Aber in dem Antlitz des Mannes, der die Hände ineinander gefaltet ruhig dasitzt, verspüren wir den tausendjährigen Schmerz, von dem Heine singt.
Die deutschen Genremaler illustrieren mehr ihren Gegenstand; sie suchen mehr das Anekdotische, die charakteristische Zufälligkeit. Israels hingegen unterdrückt alles Detail; er sucht das Typische; statt der verstandesmäßigen Analyse die dichterische Synthese.
Weil Israels‘ Bilder mehr wahr gedacht, als wahr gemacht sind, wirken sie wahrer. Den Beweis für die Wahrheit seiner Kunst kann der Maler nur dadurch erbringen, daß er uns überzeugt. Bis dahin lachen wir ihn aus. Die sprichwörtliche Dummheit des Publikums, einen großen Künstler bei seinem Auftreten verkannt zu haben, besteht in nichts weiter, als daß es eine Sprache nicht verstanden hat, die es noch nicht gelernt hatte. Oft leider ist der Künstler dem Publikum um Generationen voraus: Millet oder Manet haben ihren Ruhm nicht mehr erlebt. Israels hatte das Glück, schon bei Lebzeiten verstanden zu werden. Freilich drückte er sich in der allgemein verständlichen Sprache des Herzens aus; er schlug die Töne des Gemüts an, die jedem vertraut sind. Seine Popularität verdankt er – wie jeder Künstler – seinen Sujets; seine Berühmtheit aber – und man kann sehr populär sein, ohne berühmt zu sein und umgekehrt – verdankt er seinem Genius.
Es ist das charakteristische Merkmal des Genies, daß seine Äußerung als notwendig empfunden wird. Israels‘ Bilder erscheinen uns heut notwendig: es mußte ein Künstler die Schönheiten Hollands, die seit den alten Meistern gleichsam brach lagen, wieder von neuem entdecken.

Jozef Israëls - Zoon van het oude volk - 1888
Jozef Israëls – Zoon van het oude volk – 1888

Mit Recht hat man Holland das Land der Malerei par excellence genannt, und es ist kein Zufall, daß Rembrandt ein Holländer war. Die Nebel, die aus dem Wasser emporsteigen und alles wie mit einem durchsichtigen Schleier umfluten, verleihen dem Lande das spezifisch Malerische; die wässerige Atmosphäre läßt die Härte der Konturen verschwinden und gibt der Luft den weichen, silbrig-grauen Ton; die grellen Lokalfarben werden gedämpft, die Schwere der Schatten wird aufgelöst durch farbige Reflexe: alles erscheint wie in Licht und Luft gebadet. Dazu die Ebene, die das Auge meilenweit ungehindert schweifen läßt, und die mit ihren Abstufungen vom kräftigsten Grün im Vordergrunde bis zu den zartesten Tönen am Horizont für die Malerei wie geschaffen erscheint. Vielleicht ist Italien an und für sich pittoresker als Holland; aber wir sehen Italien nur noch in mehr oder weniger schlechten – und meistenteils mehr schlechten – italienischen Veduten: Italien ist zu pittoresk. Holland dagegen erscheint auf den ersten Blick langweilig: wir müssen erst seine heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit. Und wie das Land so seine Leute; nichts Lautes, keine Pose oder Phrase.
Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Rasse versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Äußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden. Wohl mit Voreingenommenheit für sie, aber nicht etwa in tendenziöser Welse wie der politische Parteigänger. Israels schildert die Mühe und Arbeit wie der Psalmendichter, der das Leben köstlich nennt, wenn es Mühe und Arbeit gewesen. Aus Israels spricht Versöhnung, etwas von der heiteren Ruhe des Philosophen, der alles verzeiht, weil er alles versteht.
Nichts liegt Israels ferner als die Brutalität, und fast sind wir geneigt, in der Epoche von Bismarck und Nietzsche einen gewissen Zusatz von Brutalität für ein notwendiges Ingrediens des Genies zu halten.
Israels ist kein Übermensch, und – was heutzutage seltener – er will keiner sein. – Mensch-sein genügt ihm.
Nichts Harmloseres als die Erlebnisse und Begebenheiten, die er in seinem Buch »Spanien« erzählt. Der Reiz beruht allein in der Persönlichkeit des Verfassers. Auf die Frage, wie er zu seinem schönen, klaren Stil gekommen, antwortete Goethe: »Ganz einfach; ich ließ die Verhältnisse auf mich wirken und suchte den passendsten Ausdruck, sie darzustellen.« Israels‘ Werke sind – was die Werke eines jeden Künstlers sein sollten – der Reflex seiner Seele. Schlicht und ungeschminkt malt er – ganz unoffiziell, nicht wie »der berühmte Meister«. Die Einfachheit ist sein Stil; er gebraucht nicht zehn Worte, wo er mit einem auskommen kann; die charakteristische ist ihm die schöne Linie; seine Kunst ist dekorativ, aber keine Dekoration. Was er nicht klar auszudrücken vermag, scheint ihm, wie, ich weiß nicht welcher Franzose sagt, nicht klar gedacht zu sein.
An Möricke schrieb Schwind 1867; »spricht der ganz trocken aus, ein Bild soll gar nichts vorstellen, bloß Malerei – der soll sich wundern, was die in ein paar Jahren für ein Geschmier hervorbringen«.
Heut nach dreißig Jahren hat sich »das Geschmier«, welches Schwind schaudernd vorahnte, die Welt erobert: die Errungenschaften des Impressionismus sind zum Gemeingut der Malerei geworden. Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß der Impressionismus über Israels hinausging, aber nimmt ihm das auch nur ein Tüpfelchen von seiner Bedeutung? Wäre er – Israels, wenn Manet ihn hätte beeinflussen können? Liegt nicht in seiner Einseitigkeit dem Impressionismus gegenüber der Beweis für die Kraft seiner Überzeugung?

Jozef Israëls - Peasant family at the table - Google Art Project.- 1882
Jozef Israëls – Peasant family at the table – Google Art Project.- 1882

Israels malt noch – Bilder; Bilder mit literarischem Inhalt. Ihm ist die Malerei noch Mittel zum Zweck, sie ist ihm das Werkzeug zur Wiedergabe seiner Empfindungen. Er will nicht den Innenraum malen, sondern, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Psychologie des Raumes. Er malt den Kessel mit dem singenden Wasser oder das knisternde Feuer auf dem Herde, um die Heimlichkeit des Stübchens auszudrücken. Manet malt, was ihn malerisch reizt. Ihm ist die Malerei Endzweck.
Nur in den technischen Ausdrucksmitteln kann man von einem Fortschritt in der Kunst reden; die Kunst als solche schreitet nicht fort. So oft sich eine Persönlichkeit in ihr offenbart hat, ist sie am Ziele angelangt. So kann man von Raffael oder Rembrandt sagen, daß sie vollendet waren, und insofern können wir es nicht besser machen wollen. Aber wir können etwas anderes wollen, denn die Kunst ist unendlich wie die Welt; sie ist die Welt. Es führen viele Wege nach Rom, aber jeder Künstler muß seinen eigenen gehen.
»In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen« wie in der Religion, so in der Kunst. Und wie jeder wahrhaft Fromme, welchen Bekenntnisses er auch auf Erden gewesen, in den Himmel, so wird jede wahrhaft künstlerische Persönlichkeit, in welcher Richtung sie sich auch dokumentiert haben möge, zur Unsterblichkeit eingehen.

Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 - Zeitung Die Woche 1909, S. 187
Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 – Zeitung Die Woche 1909, S. 187

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Quelle: Max Liebermann – Gesammelte Schriften
Verlag Bruno Cassirer – 1922

Max Liebermann 1904 - Fotograf: Jacob Hilsdorf
Max Liebermann 1904 – Fotograf: Jacob Hilsdorf

Max Liebermann (* 20. Juli 1847 in Berlin; † 8. Februar 1935 ebenda) war ein deutscher Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

Nach einer Ausbildung in Weimar und Aufenthalten in Paris und den Niederlanden schuf er zunächst naturalistische Werke mit sozialer Thematik. Durch die Beschäftigung mit den französischen Impressionisten fand er seit 1880 zu einer lichten Farbigkeit und einem schwungvollen Farbauftrag, der sein Hauptwerk prägt. Sein Schaffen steht symbolisch für den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik. Diesen Wandel förderte er als Präsident der Berliner Secession. Von 1920 bis 1932 war er Präsident, bis 1933 Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, bevor er infolge der nationalsozialistischen Einflussnahme aus der Kunstpolitik zurücktrat. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen in seiner Heimatstadt Berlin. – Quelle: wikipedia

Jean-François Millet ¦ Académie masculine ¦

Jean-François Millet - Académie masculine - c 1837
Jean-François Millet – Académie masculine – c 1837 

Jean-François Millet (* 4. Oktober 1814 im Weiler Gruchy in Gréville-Hague, Normandie; † 20. Januar 1875 in Barbizon) war ein französischer Maler des Realismus. Neben Camille Corot ist er einer der führenden Künstler der Schule von Barbizon.

Ab 1863 wandte er sich, unter anderem beeinflusst durch seinen engen Freund Théodore Rousseau, der Landschaftsmalerei zu. Bilder wie das 1868–1873 entstandene Printemps (Frühling) nehmen bereits Stilelemente des Impressionismus vorweg. 1867 wurde eine große Zusammenstellung seiner Werke auf der Weltausstellung in Paris gezeigt. 1868 wurde er mit dem Orden eines Ritters der Ehrenlegion ausgezeichnet.
In seinen späten Lebensjahren, etwa ab 1865, fertigte Millet eine ganze Reihe von Pastellzeichnungen an. Seine späten Landschaftsgemälde und Zeichnungen mit ihrem mystischen Licht rücken ihn in die Nähe des Symbolismus. 1874 erhält er den Auftrag zum Ausmalen einer Kapelle im Pantheon. Er kam jedoch nicht dazu, diese Arbeit zu vollenden.
François Millet starb, durch wochenlange quälende Husten- und Migräneanfälle entkräftet, im Januar 1875 im Alter von 60 Jahren in Barbizon und wurde auf dem Friedhof von Chailly-en-Bière bestattet, wo auch Théodore Rousseau ruht.
Millets Gemälde waren und sind teilweise sehr populär, Les Glaneuses (Die Ährenleserinnen) beispielsweise wurde häufig als Kunstdruck vervielfältigt und als preiswerter Wandschmuck verkauft. – Quelle: wikipedia