Kategorie: Identität

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen – Maria Aronov

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen

– Am Beispiel von Lermontov und Jessenin – trennlinie2

Obwohl zwischen den Dichtungen von  Lermontov und Jessenin circa 80 Jahre dazwischenliegen weisen diese viele Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur die Machthaber des Landes als gemeinsamer Feind beider, sondern auch die Empfindung der Welt und des Lebens verbindet sie.
Ihre Dichtungen unterscheiden sich in der Wortwahl und Sprache. Beide Dichter schreiben sehr melodisch und drücken auf ihre Art und Weise ihre Gefühle und Beobachtungen aus. Der Reim in Verbindung mit einem tiefen Gefühl ist das, was einen unvergesslichen Dichter ausmacht. Diese Gabe war Jessenin und Lermontov eigen.
Der vom Land aus einer Bauernfamilie stammende Poet Jessenin schreibt nicht nur über die Natur, der er durch die dörfliche Landschaft hautnah begegnen konnte, es entwickelt sich in den Gedichten des jungen Genies eine sanfte Melancholie, die er durch eine relativ einfache Wortwahl so zum Schein bringt, dass sie die Herzen der Leser bis ins Innerste trifft.
Viele seiner Gedichte enthalten nicht nur präzise Beobachtungen der Außenwelt, sondern sind autobiografisch. Der Dichter öffnet sein Herz und erzählt weise über seine tiefe Einsamkeit, seine gescheiterten Beziehungen und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Er verwendet dabei oft die „ich-Form“ oder die direkte Anrede an die Person, der er seine Gefühle offenbart.
Eins seiner schönsten Gedichte „So erschöpft war ich noch nie“ befasst sich mit der Vergänglichkeit des Schönen und der damit verbundene Enttäuschung  im Leben. Er schreibt darüber, wie erschöpft er von seinem unglücklichen Sein ist. Seine Liebesgeschichten, die er als „die dunkle Macht“ bezeichnet, sollen ihn lediglich zum Wein verführt haben, doch seine wirklichen Sehnsüchte blieben ungestillt.
Er betont in diesem Gedicht, dass ihn in der Liebe die Leichtigkeit des Sieges nicht glücklich macht und auch der Betrug seitens seiner Partnerinnen nicht verletzt.
Auch in dem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, spricht er von der einen Begegnung, die niemals stattfinden wird.
Lermontov_JesseninIm  oben erwähnten Gedicht „So erschöpft war ich noch nie“ nutzt er als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit den Ausdruck „die goldenen Haare“, die sich nach und nach in Graue verwandeln. Obwohl die Zeit schnell verfliegt, bereut er die vergangenen Jahre nicht, er will nichts zurückholen, denn er ist müde von den Qualen des Lebens, das ihm beigebracht hat, nach Außen ein aufgesetztes Lächeln und im Inneren das stille Licht und die Ruhe eines Toten zu tragen.
Seinen Respekt erweist er der Natur und erinnert sich an die Landschaft in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist.
Der Mensch betoniert die Natur ein, es wird ihr Quasi eine Zwangsjacke angelegt, sodass sie sich nicht frei entfalten kann und als ihr Teil wandelt Jessenin auch hin und her, weil die Verfolgung ihn dazu zwingt.
Nicht nur die Veröffentlichung seines Werks „Das Land der Schurken“, sondern auch durch die Offenlegung seiner Seele vor der Welt in seinen Dichtungen stellt Jessenin seine große Courage unter den Beweis.
Doch nicht nur seine Gedichte enthalten eine melancholische Ader. Auch Lermontov, der mystische Dichter, erzählt in seinen Gedichten von der Einsamkeit und der Finsternis der Welt.
Im Gegensatz zu Jessenin benutzt er dabei nicht die Ich-Form, seine Ausdrucksweise ist gehoben und er spricht in Bildern, präsentiert oft Gestalten, drückt in seinen Gedichten aber ebenfalls nicht nur seine Wahrnehmung der Welt aus, sondern auch sein Inneres und die ihm widerfahrenen Erfahrungen.
Zwei seiner bekanntesten Gedichte sind „Der Engel“ und der „Dämon“.  Im ersteren spricht er darüber, wie ein Engel seine Seele in den Händen auf die Erde trägt, er singt dabei über Gott und das Gute, doch die Welt voller Tränen und Trauer sorgt dafür, dass der Engel am Ende zwar noch existiert, aber seine Seele zerstört ist, denn ihr wurden die Worte genommen. Sie soll schweigen.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass dem Menschen das Wort verboten wird, sodass er existiert, aber weder seinen Kummer noch seine Gedanken und Sorgen der Welt präsentieren kann, ohne dabei sein Leben zu verlieren. Doch ist eine solche Existenz überhaupt möglich?
Im letzteren wird erzählt, wie der aus dem Himmel vertriebene traurige Dämon über der sündigen Erde fliegt. Er fliegt durch den Nebel, überquert Wüsten, die ihm keine Gemütlichkeit bieten.
Über die Gemütlichkeit spricht Lermontov womöglich, weil diese dem Guten entspringt. Ein Heim kann nie gemütlich sein, wenn man darin nicht seine Seele hineinsteckt. Der Dämon als seelenloses Wesen kann sich also keine Gemütlichkeit schaffen und in der Wüste kann nur jemand ein Heim errichten, der in der Lage ist, dieser mit seiner Seele zu begegnen.
Auf seiner Reise als Herrscher über die Erde schafft der Dämon Böses und stößt nirgends auf Widerstand.
Über die Abwesenheit des Widerstandes gegen das Böse schreibt auch Jessenin in seinem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, indem er sich von seinem Freund, dem Fan, verabschiedet und gleichzeitig zeigt, wie einsam er in seiner Lage ist, da keiner mehr für ihn kämpft und den Mut dazu hat, gemeinsam mit ihm gegen das sowjetische Regime vorzugehen.
Lermontov stellt die Erde als eine Art Hölle dar, die dem Dämon dient. Die Offenheit und Reinheit der Seele werden zerstört, sobald man sie nach außen trägt. Die Welt, in der wir leben akzeptiert keine Melancholie und Güte, sie nimmt nichts an, was von der Seele kommt. Nur das Böse hat Macht über sie und gedeiht. Um ihm entgegentreten zu können, braucht man mehr Gutes in Form von wahrhaftigen Worten.
Beide Dichter wurden aufgrund ihrer Offenheit und ihres Mutes schon in ihren jungen Jahren dem Tode geweiht. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass in den dazwischenliegenden Jahren die Welt sich nicht verändert hat, sie hat es nicht gelernt, sich dem Guten zu widmen.
Vielleicht war das kurze Sein der beiden Genies auf der Erde ein Zweck, damit wir ihre Worte beherzigen und gemeinsam gegen den Dämon kämpfen.