Kategorie: distelicht

Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

distelicht | Nährende Stacheln in mir

Der Ausdruck distelicht ist vom  mittelhochdeutschen distelic abgeleitet und bedeutet: einer Distel ähnlich. Er wird heute nicht mehr benutzt. Eigentlich. Denn es ist der Titel dieses hypómnema.  Aufgefallen ist er mir durch das erlesene Wortspiel distel-licht.
Die Idee hinter diesem Sudelbuch: Wir lassen uns von literarischen Texten, Filmen, Musik, Kunst inspirieren und kreieren daraus eine Reiseroute. Eine Reiseroute für den Kopf und für die Beine, je nach Gelegenheit. Das Thema der jeweiligen Inspiration: einer Distel ähnlich.
Warum die Distel als Aufhänger dieser Reise? Es gibt keinen konkreten Anlass…es hat sich entwickelt. Das stachelige Gewächs gehört zu meinen Lieblingspflanzen und bei der Lektüre rundherum hat sich immer wieder gezeigt, wie vielseitig sie ist: nicht nur in ihren Eigenschaften, sondern auch in kultureller Hinsicht. (Man denke nur an das Wappen Schottlands.)

Teil 1 nimmt Text, Klänge & Bilder auf, die sich zu einer Reiseroute zusammenfügen. Hierbei geht es nicht nur darum die Orte festzuhalten, sondern auch Aktivitäten vorzuschlagen, die uns dazu eingefallen sind.
Teil II beschreibt dann die Reise selbst. Erlebt und aufgeschrieben von verschiedenen Autoren und AutorInnen, die den Ball aufgenommen haben und auf Reise gegangen sind.

Ein Lesehinweis: dieses hypómnema entwickelt sich. Nach und nach erscheinen neue Beiträge. Es lohnt sich also, dabei zu bleiben.

[Prolog]

Distel | Illustration
Distel | Illustration nach einer Fotografie

Gibt es noch wirkliche Abenteuer? Wenn es darauf ankäme auffallende, unerhörte, an den Nerven zerrende Begebenheiten zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wolle man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltentdecker noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen. Angefangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Columbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unübersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Abenteuer ist uferlos geworden, und man könnte sich fragen, ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat.
Ich müsste mich auf diesen Einwand gefasst machen und hätte mich insbesondere vor zwei großen Namen zu fürchten: vor François Rabelais und Jonathan Swift. Wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten Geschehnisse im Pantagruel und des Gulliver. Ich hoffe indes, nicht dieser Gefahr zu verfallen. Das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, weist von Haus aus ein eigenes Kolorit auf. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, dass in die hier zu schildernden Abenteuer Wagnisse hineinspielen, die darauf warten im Realen erprobt zu werden. Um es mit Rilke zu sagen: Das stetige, wagemutige Streben des dynamischen Menschen nach ethischer Wertschöpfung und daran wachsender Selbstvervollkommnung, die bis an die persönlichen Leistungsgrenzen vorangetrieben wird. 

Nicht als ob hier nun die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund nebelhaftem Schattenspiels überlassen werden solle. Ich möchte vielmehr versichern, dass diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziel der Wahrheit orientiert ist. Es wird sich, so denke ich, zeigen, dass die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch an, dass schon im ersten Anlauf, ehe noch „hinausgesegelt“ wird in (von mir bis dato) unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt….

LICHT TON BEWEGUNG unserer Zeit

Tanzt die Zeit, tut sie es zu einer Musik, wie wenn ein Kran einen Stapel Wellblech von einem Lager aufs andere hinüber wirft. Der Rhythmus ihrer Ausgelassenheit ist knarrend, stampfend, kubistisch, wie farbig rieselnde Lichtreklamen, Glieder verrenkend, aufreibend Scham an Scham. Ein  sich Bauch an Bauch pressender, geiler, morbider Tanz.

Die Nüstern dieser Zeit stehen weit offen, als röchen sie amor & indifférence aus dem Flakon, den Schweiß, das saure Aufstoßen in den Bars, das  fatale prickelnde Odeur der sich rasch ausbreitenden absynthfarbigen Wolke. Mechanisch & polternd schiebt sich diese, unsere Zeit voran.

Die Basis zu diesem Tagebucheintrag bildet ein Text von Arthur Holitscher in seinem Narrenbaedeker.

Vom Schreiben | Ein Buch voller Fragen

Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem Büchlein „Steht noch dahin“ eine Idee aufgeworfen, die mir sympathisch ist. Sie schlägt vor, ein Buch herauszubringen, welches nur aus  Fragen besteht. Jede Frage um eine selbst definierte Anzahl Felder ergänzt, die für Antworten auf die jeweilige Frage reserviert sind. Nun geht es darum, in einer ebenfalls individuell festgelegten zeitlichen Spanne, die Frage neu zu beantworten. Interessant ist es zu sehen, wie die Replik jeweils ausfällt. Sind die Antworten gleich? Sind wir uns treu geblieben? Was ist mit uns geschehen?

Anregungen für Auswahl der Fragen gibt es genug: sei es aus den berühmten Fragebogen von Max Frisch oder Marcel Proust. Vielleicht wäre es gut, Fragen zu stellen, die in Print- und Webmedien nicht eh überall rauf und runter abgeschrieben werden.

Kaschnitz‘ Idee hat wohl eher den Charakter eines persönlichen Buches; einer Nabelschau. Spinnen wir den Faden weiter, lässt sich daraus etwas schaffen, das den Leser, die Leserin einlädt als Hauptfigur des Prosawerkes selbst aktiv zu werden. Jede neue Lektüre des eigenen Werks würde dann vermutlich eine neue Geschichte erschaffen.

Die Kunst des Autors liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die einen Spannungs- und Handlungsbogen bilden bzw. ermöglichen, Widersprüche „provozieren“. Eine Möglichkeit ist, den Text zeitlich zu gliedern, wie oben angedeutet, mit gleichbleibenden Sprüngen. Bei jedem Sprung lassen sich die Fragen neu zusammenwürfeln um andere Schwerpunkte zu setzen.

Foto: Pexels

Und sicher: es steht noch dahin, ob sich das lesbar umsetzen lässt. Wenn ja, wäre es sicher eine sehr ungewöhnliche Prosa-Idee. Wir würden diesen Entwurf gern ausprobieren. Wenn Sie Lust haben, daran teilzuhaben, melden Sie sich bei uns. Wenn wir mit der Umsetzung zufrieden sind, drucken wir dies als Buch.  ⇒ redaktion@derblaueritter.de

 

 

Hans Christian Andersen | Was die Distel erlebte

Foto: Hella Kiss

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gut gehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

Silberdistel – geschlossen

Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: »Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!« Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.

Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.

Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.

»Das ist Schottlands Blume!« sagte sie. »Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!«

Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorf daran.

Foto: Hans Braxmeier

Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.

»Ich bin mehr, als ich glaube!« sagte sie im stillen. »Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!«

Nickende Distel, Bisamistel – Foto: Thomas B.

Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offenstehen, dass der junge Her, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

»Die habe ich zusammengebracht!« meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.

»Ich werden gewiss in den Garten gepflanzt«, dachte die Distel, »vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!«

Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: »Ich komme in einen Topf!«

Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. »Das Räubergesindel!« sagte der Distelbusch. »Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!«

Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. »Ihr kommt wie gerufen!« sagte der Distelbusch. »Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!«

Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.

Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.

Distel, Samenstand – Foto: Brockenhexe via pixabay

Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.

»Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!« sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu ‚Nesseltuch‘ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.

Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft.

Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.

» Hier stehe ich noch!« sage die Distel. »Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!«

Distel, Mannstreu – Foto: Alexas Fotos via pixabay

Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empogesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.

Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.

»Da steht die große Distel noch!« sagte sie. »Jetzt hat sie keine Blüte mehr!« »Ja, da ist das Gespenst von der letzten!« sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.

»Wie schön die ist!« sagte sie. »So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!«

Und der junge Mann mußte abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja ‚Gespenst‘ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Diestelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.

»Was man doch alles erleben kann!« sagte der Distelbusch. »Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?«

Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.

»Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!«

Silberdistel – Foto: Hermann via pixabay

Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.

»Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!«

»Das ist ehrenwert gedacht!« sagte der Sonnenstrahl. »Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!«

Im Topf oder im Rahmen?« fragte die Distel.

»In einem Märchen!« sagte der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!

HeaderFoto: Hella Kiss

Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Peter Hille | Nordost mit Karl Blossfeldt

[distelicht] Eine literarische Reise.
Peter Hille führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Peter Hille | Nordost
Ein Prosagedicht

Die Zeit ist vorüber. Die Wandervögel ziehen in hohen, langhin gewellten, schwarzen Geschwadern durch die grauen Lüfte. Und bisweilen tönt aus unsichtbaren Höhen die Stimme des Herbstes, des Bußpredigers da oben, des ernsten Himmels, wie ein Anruf von dannen, ein Sammeln und ein Ziehen, herb und verhallend. Auch die Fremden zogen von dannen. Nur die Sinnigen blieben, die es gerne haben, wenn es ernster und versunkener wird in ihrer Seele wie in der großen Natur.

Aber auch die Natur will allein gelassen sein, wie laut Detlev von Liliencron der Adel von Holstein. Und da ihr das zu lange dauert, eh alles geräumt ist, so greift sie selbst zu und bricht das Gerümpel ab, damit man es den Fremden in seiner unmittelbaren Nähe gemacht hat.

Da schwimmt hier eine Treppe, da ein Pfahl, nun bohrt sich eine Laufplanke, mit Leinwand bezogen zum Schutz der zarten Damenfüße, mit Stürmerwucht in den tannenglatten Strand.

Der rostentblätterte Anker ist fast ganz eingeschwemmt, an seinen noch freien herzförmigen Zacken hängen wie wilde, welke, vom Leben losgerissene Kränze gelber Verzweiflung, Büschel lohenden Tanges und bläulich angelaufene Stranddisteln. Das Wrack aber, das seit den Frühlingsstürmen hier festliegt, ist wieder lebendig geworden und führt den Vorgang seines Untergangs noch einmal auf: es schluckt eine Sturzsee nach der anderen und gibt sie durch die lecken Planken seines Rumpfes dem bis auf etwa zehn Minuten hinein sandgelben Strandmeer wieder. Sprühgebüsche stieben über Deck. Ganz in der Weite düstergrüne Schollen, wie aufgeworfener Kirchhofsrasen, tobende Höhen, rasender Schaum, stürmende Berge, stürzender Jubel, durcheinander geschüttelte Winde, ein wild durchäderter Grabstein von gelbem schluchzendem Marmor.

Karl Blossfeldt • Eryngium maritimum. Strand-Mannstreu, Stranddistel. Dolde mit Hochblättern

Peter Hille (* 11. September 1854 in Erwitzen bei Nieheim, Westfalen; † 7. Mai 1904 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Lasker-Schüler hat Hille in ihrem 1906 erschienenen Erstlingsprosawerk „Das Peter Hille-Buch“ postum enthusiastisch gewürdigt.

„Meine Pflanzenurkunden sollen dazu beitragen, die Verbindung mit der Natur wieder herzustellen. Sie sollten den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ | Karl Blossfeldt im Vorwort zu seinem Buch Wundergarten der Natur

Reiseetappen: St. Peter Ording

 Der Ort ist noch zu bestimmen | Fotoarbeiten im Sinne und in der Ausführung Karl Blossfeldts. Experiment: statt Pflanzen Menschen fotografieren. Aufnahmen mit einer analogen Kamera/Plattenkamera – Druck auf Silbergelatinepapier.
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschließend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….

Hier kommen Sie zum Einstieg der Reise.

Weitere Quellen: Die Peter Hille Gesellschaft 

„Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird.“
Als der Autor diesen Satz festhielt, war er so arm und erfolglos wie sein nur ein Jahr älterer Zeitgenosse, der Maler Vincent van Gogh.

Albert Schweitzer | Die Ehrfurcht vor dem Leben

Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?

Zitate Albert Schweitzers zur Ehrfurcht:

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns? Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“

„Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vordem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“

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Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg/bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist und Pazifist.
Albert Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.


 Białowieża-Nationalpark | Polen & Weißrussland • Liegt im Białowieża-Urwald (Bialowiezer Heide) der letzte Tiefland-Urwald Europas: mit einem Naturwächter Tour planen inkl. Ausreizen aller Sinne.
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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Eryngium campestre – aka – Mannstreu

Der blaue Ritter – Mannstreu

Pflanzliche  Familie: Apiaceae (Umbelliferae) – Doldenbluetler
Andere Namen:  Feldmannstreu, Mann(e)streu, Brachdistel, Ziegenbart, Rabendistel, blauer ritter

Inhaltsstoffe: Saponine, Kalisalze, Spuren von ätherischen Ölen, Phytosterine.

Vorkommen: Hauptsächlich in Mittel- und Südeuropa verbreitet. Bevorzugt in heißen Gegenden, wo er auf trockenen Feldern, Felslandschaften und Straßenändern wächst.

Allgemeines: Es herrscht die verbreitete Meinung, dass der Genuss des Feldmannstreu die Milchproduktion der Ammen zum Versiegen bringt. In der Heilpflanzenkunde kennt man diese Pflanze wegen ihrer harntreibenden und leicht schmerzstillenden Wirkung. Daher wird sie gerne bei Fettleibigkeit, Wassersucht, Herzkrankheiten sowie zur Bekämpfung der Cellulitis verwendet.
Außerdem übt sie einen positiven Einfluss auf die Verdauungsprozesse aus.

Droge: Die Wurzel.

Sammelzeit: Europa.
Die Wurzel wird im September/Oktober, wenn die Pflanze völlig vertrocknet ist, ausgegraben. Trockene Blatt- und Stengelreste werden entfernt und die Seitenwurzeln weggeschnitten. Größere Exemplare werden halbiert.

Aufbewahrung: Die Wurzelstücke an der Sonne oder im Ofen bei niederer Temperatur (40 ° C) trocknen und dann in Papier- oder Stoffsäckchen aufbewahren.

Wirkungen:

  • harntreibend
  • schweisstreibend
  • gegen Ödeme
  • leicht schmerzstillend

Dosierung:
Innere Anwendung:
die Wurzeln – – –  Harn- und schweißtreibend.
Dekokt –  3g auf 100ml Wasser. Zwei bis drei kleine Tassen am Tag (nicht unmittelbar vor oder nach den Mahlzeiten).

Verdauungsfördernd:
Tinktur – 20g auf 100ml 60%igen Alkohol (10 Tage lang ansetzen). 20 bis 30 Tropfen nach den Hauptmahlzeiten in gezuckerten Wasser oder auf einem Stück Zucker.
Weintinktur – 3g auf 100ml Wein (10 Tage lang ansetzen). Zwei Gläschen am Tag.