Kategorie: hypómnema

distelicht | Nährende Stacheln in mir

Der Ausdruck distelicht ist vom  mittelhochdeutschen distelic abgeleitet und bedeutet: einer Distel ähnlich. Er wird heute nicht mehr benutzt. Eigentlich. Denn es ist der Titel dieses hypómnema.  Aufgefallen ist er mir durch das erlesene Wortspiel distel-licht.
Die Idee hinter diesem Sudelbuch: Wir lassen uns von literarischen Texten, Filmen, Musik, Kunst inspirieren und kreieren daraus eine Reiseroute. Eine Reiseroute für den Kopf und für die Beine, je nach Gelegenheit. Das Thema der jeweiligen Inspiration: einer Distel ähnlich.
Warum die Distel als Aufhänger dieser Reise? Es gibt keinen konkreten Anlass…es hat sich entwickelt. Das stachelige Gewächs gehört zu meinen Lieblingspflanzen und bei der Lektüre rundherum hat sich immer wieder gezeigt, wie vielseitig sie ist: nicht nur in ihren Eigenschaften, sondern auch in kultureller Hinsicht. (Man denke nur an das Wappen Schottlands.)

Teil 1 nimmt Text, Klänge & Bilder auf, die sich zu einer Reiseroute zusammenfügen. Hierbei geht es nicht nur darum die Orte festzuhalten, sondern auch Aktivitäten vorzuschlagen, die uns dazu eingefallen sind.
Teil II beschreibt dann die Reise selbst. Erlebt und aufgeschrieben von verschiedenen Autoren und AutorInnen, die den Ball aufgenommen haben und auf Reise gegangen sind.

Ein Lesehinweis: dieses hypómnema entwickelt sich. Nach und nach erscheinen neue Beiträge. Es lohnt sich also, dabei zu bleiben.

[Prolog]

Distel | Illustration
Distel | Illustration nach einer Fotografie

Gibt es noch wirkliche Abenteuer? Wenn es darauf ankäme auffallende, unerhörte, an den Nerven zerrende Begebenheiten zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wolle man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltentdecker noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen. Angefangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Columbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unübersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Abenteuer ist uferlos geworden, und man könnte sich fragen, ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat.
Ich müsste mich auf diesen Einwand gefasst machen und hätte mich insbesondere vor zwei großen Namen zu fürchten: vor François Rabelais und Jonathan Swift. Wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten Geschehnisse im Pantagruel und des Gulliver. Ich hoffe indes, nicht dieser Gefahr zu verfallen. Das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, weist von Haus aus ein eigenes Kolorit auf. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, dass in die hier zu schildernden Abenteuer Wagnisse hineinspielen, die darauf warten im Realen erprobt zu werden. Um es mit Rilke zu sagen: Das stetige, wagemutige Streben des dynamischen Menschen nach ethischer Wertschöpfung und daran wachsender Selbstvervollkommnung, die bis an die persönlichen Leistungsgrenzen vorangetrieben wird. 

Nicht als ob hier nun die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund nebelhaftem Schattenspiels überlassen werden solle. Ich möchte vielmehr versichern, dass diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziel der Wahrheit orientiert ist. Es wird sich, so denke ich, zeigen, dass die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch an, dass schon im ersten Anlauf, ehe noch „hinausgesegelt“ wird in (von mir bis dato) unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt….

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Leonardo da Vinci | taccuino_forster_III | 1490er Jahre

Wir haben verschiedene Formate ausprobiert, die sowohl als Magazin im Web als auch in einer Printversion funktionieren können. Besonders hat uns dabei interessiert, wie wir es schaffen, sowohl tiefsinnige Beiträge zu veröffentlichen, die dennoch dem sich ändernden Leseverhalten Rechnung zu tragen. Wir wollen zudem die Kultur des Fragens beleben, ohne Antworten vorzugeben. Dazu beleben wir das hypómnema  – ein antikes literarisches Genre. Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Präposition Hypo- (ὑπό, unter, nieder) und Mneme (Μνήμη, Erinnerung) zusammen und bedeutet wörtlich ‚niedergelegte Erinnerung‘.

Hypomnemata waren in der Antike Schreibhefte und Notizbücher. Sie dienten als Gedächtnisstützen, waren aber auch persönliche Leitfäden zur Lebensführung. In sie trug man Zitate, Teile von Arbeiten, Aphorismen und Beispiele ein. Aber auch Handlungen, deren Zeuge man gewesen war oder über die man Berichte gelesen hatte, Gedanken und Überlegungen, die man gehört hatte oder die einem selbst in den Sinn gekommen waren. Das Hypomnema bildete ein materielles Gedächtnis gelesener, gehörter und gedachter Dinge und bot diese dem Benutzer als einen angehäuften Schatz zum Wiederlesen und für spätere Meditationen an. Der französische Philosoph Michel Foucault verweist darauf u. a. im Zusammenhang mit Senecas Übungen der Selbsterkenntnis: „In dieser Zeit gab es so etwas wie eine Kultur des persönlichen Schreibens: Notizen zu gelesenen Texten, Gesprächen und Reflexionen, die man gehört oder an denen man sich beteiligt hat; das Führen von (bei den Griechen Hypomnēmata genannten) Notizbüchern über bedeutende Dinge, die von Zeit zu Zeit wiedergelesen werden mussten, um die Erinnerung aufzufrischen.“
Hypomnemata sind nicht zu verwechseln mit Tagebüchern, da sie keine Berichte waren, die der Schreiber von sich selbst gab, sondern eine Zusammenfassung von Sätzen zur Reflexion und Selbstkonstituierung bzw. Selbstbetrachtung.
Zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangten die Hypomnemata in der Spätantike. Sie waren für die Stoiker, aber auch für die ersten christlichen Kirchenväter ein unverzichtbares Instrument der Sammlung, Ordnung, Reflexion und Selbstbetrachtung. Die Schrift ersetzte den Blick des Freundes in der Selbstprüfung.