Kategorie: Zeitgeschehen

Herr Bürger im „Silbernen Krug“ – Postfaktische Gedanken

Herr Spieß, Herr Bürger, Herr Wutmann und Frau Hassen gehen im „Silbernen Krug“ Bier trinken. Eine Kneipenszene, wie man sie überall antreffen könnte.

„Millionen Ausländer reinlassen, aber das eigene Volk vergessen“,
schimpft Herr Spieß am Stammtisch und setzt den Bierkrug an.
Ein Schaumbart bildet sich um sein ansonsten glatt rasiertes Kinn.
„Recht hast du. Und Terroristen kommen gleich mit“,
klagt Herr Bürger, der an der Theke neben ihm sitzt.
Er hat seine karierten Hemdsärmel hochgekrempelt,
zeigt stolz sein neues Tattoo auf dem Unterarm. Eine Deutschlandflagge.

„Haste ein neues Tattoo? Eigentlich mag ich das nicht, aber in dem Fall …“,
Herr Spieß schielt, ein wenig bierselig, auf Herrn Bürgers Handgelenk.
Er ist beeindruckt – so ein Tattoo, das würde er sich nicht trauen.
Das tut doch viel zu weh, und überhaupt, im Büro …
„Jepp. Wollte ein Zeichen setzen. Als Deutscher für unser Land“,
brummelt Herr Bürger. Er muss nun wahrscheinlich immer Langarm tragen.
Sonst bekommt er in der Werkstatt bald Ärger mit seinem Boss.
Sowas vertreibt die Kundschaft, heißt es. Als ob er diese Leute noch  bedienen wolle.

„Richtig so. Bald ist wieder Silvester. Hoffentlich nicht so ein Mist wie letztes Jahr“,
bemerkt Herr Bürger mit einem Blick auf den großen Kalender an der Wand.
„Aber erst Weihnachten. Noch … Wer weiß. Bald müssen wir Ramadan feiern.“
Herr Spieß schaut geradezu angeekelt drein. Nee, mit ihm nicht.
Deutschland ist immerhin ein christliches Land, findet er.
Wer unbedingt Moscheen bauen und zu Allah beten will, bitte schön.
Aber dann bitte auch nicht auf Kosten des üblichen Brauchtums. Nicht hier.

„Wenn irgendein dreister Islamist sich an meiner Frau vergreifen würde, dann …“,
Herr Bürger macht eine Handbewegung, als würde er etwas zerquetschen wollen.
Ihn wundert das Drama vergangenes Silvester nicht. Das sind Muslime.
Man hört ja oft  genug, dass bei denen eine Frau nichts wert ist, denkt er.
„Sofort abschieben sollte man diese Kriminellen von draußen. Aber es ist ja auf keinen mehr Verlass. Nicht mal auf die Polizei“, grummelt Herr Spieß.
„Und auf die Presse sowieso nicht. Reden alle Frau Merkel nach dem Mund, anstatt die Wahrheit zu sagen“, ergänzt Herr Bürger geradezu übereifrig.
„Aber wir schaffen das, ja ja!“, Herr Bürger verdreht die Augen.

Inzwischen drehen sich mehrere weitere Kneipenbesucher zu den beiden um.
Auch die Damen hinter der Theke schauen hin, unangenehm berührt.
Vom Nebentisch mischt sich Frau Hassen ein, die Herrn Spieß aus dem Büro kennt.
Frau Hassen hat ihren Job verloren – und seitdem einen Hass auf Asylbewerber.
Auf die Asylbewerberin, die eingestellt wurde, als ihr Vertrag auslief.
„Einen Scheiß müssen wir schaffen“, kreischt sie in Richtung Herrn Bürger,
„Die kommen mit Smartphones hierher und nehmen anständigen Leuten ihre Jobs weg.“

Frau Liebreich, die Wirtin des „Silbernen Krugs“, räuspert sich einmal hörbar.
Sie wendet sich peinlich berührt an die drei Gäste, die immer lauter geworden sind.
„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Worte manche Gäste vergraulen“,
erklärt Frau Liebreich, bemüht, sich jeden weiteren Kommentar zu sparen.
„Das ist schlecht für’s Geschäft. Also hör’n Se bitte damit auf.“
Offensichtlich hat eine Gruppe südländischer Gäste, die einen Junggesellenabschied feiern wollte, genug von „Stammtischweisheiten“. Sie verlassen wortlos das Lokal.

Frau Liebreich schüttelt empört den Kopf. „Na seh’n Se, da haben wir den Salat!“
„Aber man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“, tönt Herr Wutmann.
Er ist mit Frau Hassen hier und ebenso alkoholisiert. „Noch zwei Bier, aber flott!“
„Für uns auch, zack zack!“, motzt Herr Bürger in undeutlicher Aussprache.
„Wir sind ja schließlich Stammgäste! Nicht diese Schmarotzer da!“
Nun platzt Frau Liebreich der Kragen. Sie schaut auf die Uhr – gleich Sperrstunde.
Frau Liebreich greift nach der Glocke und lässt sie klingen.

„Freunde der Nacht, Schicht im Schacht. Wir schließen gleich“, ruft sie.
„Aber ich will’n Bier“, lallt Herr Spieß. „Ich auch“, quietscht Frau Hassen.
„Sie haben alle genug. Wir machen zu“, bestimmt die Wirtin mit Nachdruck.
Murrend fügen sich die Stammgäste. Sie trinken ihr Bier aus und verlassen das Lokal.
Draußen stolpert Frau Hassen über ihre eigenen Füße. Herr Wutmann hilft ihr auf.
Ein auffallend blasser Dieb schnappt sich die Handtasche vom Boden, rennt fort.

„Mein Geld, meine Papiere“, schreit Frau Hassen und fuchtelt hysterisch mit den Armen.
„Bestimmt so ein Zigeuner … Lumpenpack … Ich ruf die Polizei“, wettert Herr Wutmann.
Auch Herr Bürger und Herr Spieß haben den Raub mitbekommen.
Sie bleiben schwankend stehen. Herr Spieß lacht schallend.
„Ahwas… die Pollizei… die machen do eh nix …“
Er und Herr Bürger bekommen sich nicht mehr ein.

Man hört Lärm ein wenig entfernt. Wenig später sieht man die Gruppe südländischer Immigranten. Sie halten den Dieb fest. Einer der Männer übergibt Frau Hassen ihre Tasche.
Frau Hassen schaut, als hätte sie einen Geist gesehen. „Ahwas … eh danke“, lallt sie.
Der Mann lächelt, nickt und geht mit seinen Freunden wieder.
Herr Bürger schüttelt verwirrt den Kopf. „Na sowas …“, murmelt er.
Herr Wutmann bleibt erst einmal stocksteif stehen.
„Das ha’m se bestimmt extra gemacht. Um besser dazustehen“, brüstet er sich.
Herr Spieß kratzt sich verlegen am Kopf.
„Vielleicht … oder auch nich … Egal Freunde, wir geh’n woanders einen trinken!“

Anna Katherina Ibeling

Cats Medienkommentar | Zehn Jahre Google | Alles Gute, „Big G“!

Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu
Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu

Happy Birthday, „Big G“! In diesem Jahr feiert der Medienkonzern Google sein zehnjähriges Jubiläum in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Services von Datenhosting bis hin zur Navigation und zur Streetview-„Vogelperspektive“ hat sich Google von einem einfachen Suchmaschinenanbieter zum größten Internetkonzern der Welt gemausert. Dieser Beitrag dreht sich um Daten, Maps, Keywords und die Frage: Wie war eigentlich die Welt vor Google?

Ich google das mal“, „Moment, ich schau mal auf Google Maps“, „Kann man unser Haus auf Google Streetview sehen?“. Seit zehn Jahren begleitet uns das Googlen – und inzwischen können die meisten von uns gar nicht mehr „ohne“. Wir googlen alles und jeden: Wege, Theaterkritiken, Zitate, Kochrezepte, ehemalige Schulfreunde und den Standort des nächsten Friseursalons.Das „große G“ ist wohl neben dem „großen M“ (McDonalds) weltweit inzwischen der erfolgreichste Import „made in the USA“. Und, man möchte im Vergleich hinzufügen, auch der gesündere. Aber stimmt das wirklich? Oder macht Google uns am Ende genau so abhängig, wie manche es von Burgern und Chicken McNuggets werden können?

Im Keyword-Dschungel

Google - zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt
Google – zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt

Ich bin ja persönlich kein Fan des „großen M“.  Seit einem Skandal, in dem herauskam, dass in Chicken McNuggets geschredderte männliche Küken enthalten sein sollen, empfinde ich oft regelrecht Ekel vor Nuggets und der Fleischindustrie an sich. Die Artikel zu diesem Thema habe ich mir übrigens auch ergoogelt, natürlich. Was denn auch sonst? Es gibt kaum einen schnelleren Weg, um an genau die Infos zu kommen, die man haben will. Zumindest, wenn man sich einfach nur kurz ein wenig Alltagsweisheit aneignen möchte, um bei den neuesten Bestsellern, Filmen und weltgeschichtlichen Diskussionen unter Freunden mitreden zu können. Für wissenschaftliche Arbeiten, so hat man mir damals an der Uni beigebracht, seien Google und vor allem Wikipedia allerdings keinesfalls eine ausreichende Recherche. Und auch in der journalistischen Arbeit ist die Eingabe eines Keywords in einen x-beliebigen Browser keinesfalls das einzige Mittel der Wahl. Nachvollziehbar – schließlich ist ein Keyword, oder etwas „retro auf Deutsch“, ein Schlagwort, auch nur eine ziemlich dem Zufall überlassene Dateneingabe. Die Quantität der Suchergebnisse erscheint zunächst als Eldorado gebündelten Wissens. An der (wissenschaftlichen) Qualität des angezeigten Contents (nochmal in „Retro-Form“: Webseiteninhalt) darf man in vielen Fällen zu Recht zweifeln. Um mal ein drastisches, gar zynisches Beispiel zu nennen: Auf der Webseite einer Flüchtlingshilfsorganisation wird einer Schlagwortsuche nach dem Begriff „Migranten“ sicherlich andere Ergebnisse bringen als auf der Parteiwebseite der AfD. Genauer hinschauen, was man sich da eigentlich gerade ergoogelt hat, lohnt sich also schon.

Der gläserne Surfer

Google macht sich sein eigenes Bild vom User - aus Daten generiert
Google macht sich sein eigenes Bild vom User – aus Daten generiert

Ich erinnere mich an ein Exponat in einem Museum, den „gläsernen Menschen“. Stand die Skulptur in der dazugehörigen Ausstellung symbolisch vor allem für die Verletzlichkeit unserer menschlichen Spezies, denke ich im Fall des Internets und speziell in Sachen Google eher an totale Transparenz. Der „gläserne Mensch“ als „durchschaubarer Mensch“, der durch seine Routenplanungen, Suchanfragen und „Gefällt mir“-Klicks mehr über sich preisgibt, als er je erahnen könnte. Nur – an wen eigentlich? Die Werbeindustrie? Den (potenziellen) Arbeitgeber)? Die NSA? Oder interessiert es manchmal vielleicht doch gar keinen, ob man gerade die gesündeste Babynahrung oder Barfen „für die Katz’“ in seine Browser-Suchleiste eingetippt hat? Eines steht fest: Durch das, was wir suchen, bekommen wir zusätzlich gezeigt, wonach wir (nach Meinung betroffener Industriezweige) suchen sollten. Denn Google zeigt einem neben informativen Beiträgen oft automatisch die passende Werbeanzeige an. Praktisch für diejenigen, die eh gerade etwas kaufen wollten – ein kurzer Irritationsmoment für alle, die eigentlich nur eine Sach- und keine Produktinformation haben wollten. Wir fühlen uns auf unseren täglichen Onlinesuchen wohl zurecht beobachtet – „Big G is watching you!“. Einmal, als ich mein Amazon-Passwort vergessen hatte, kam mir kurz der Gedanke, bei den freundlichen Damen und Herren bei der NSA nachzufragen. Denn die wissen ja anscheinend sonst auch immer alles. Ich habe es dann doch gelassen. Zu langwierig, und irgendwie doch ein wenig zu skurril. Manchmal google ich sogar meinen eigenen Namen, um nachzusehen, was wohl andere Internetnutzer auf den ersten Blick über mich erfahren.

Unendliche Datenmengen

Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert ... Ach ja, richtig!
Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert … Ach ja, richtig!

Google weiß wirklich fast alles – zumindest alles, was Surfer auf der digitalen Welle in die grenzenlose Online-Umlaufbahn bringen. Und das ist ein ganzer Wust an Daten, die teilweise beliebig bei jeder Suchanfrage auf uns einströmen. Je nachdem, wie präzise wir den Auftrag an sich stellen. Google weiß zum Beispiel, wo ich hinfahre, wenn ich mal wieder den Weg nach Schildern nicht finde; oder, dass ich mir in den trüben Herbst- und Wintermonaten gerne zur Aufmunterung Bilder von sonnigen Stränden auf meinem Bildschirm anschaue. Da all dies nichts Verwerfliches ist, denke ich mir nichts dabei und schaffe es auch mit viel Selbstdisziplin, die Werbung für Fernreisen zu ignorieren, die daraufhin bei jedem Einloggen ins Internet auf meiner Startseite aufploppt. Manchmal kann es einem schon etwas Unbehagen bereiten, wenn der unberechenbare, unsichtbare „Big G“ mehr über eigens eingespeiste Datenmengen und deren Verwendung weiß als der Internetuser selbst. Schließlich mischt er inzwischen überall mit – auf dem Laptop, aber auch auf dem Android-Smartphone in Form entscheidender, zentraler Apps, allen voran des „Google Play Store“. Eine gesunde Skepsis in puncto Datenschutz darf man da schon entwickeln – und sich erinnern, wie die (digitale) Welt vor dem Aufstieg der beliebtesten Suchmaschine der Welt ausgesehen hat.

War die Welt „vor Google“ wirklich besser?

Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!
Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!

Natürlich gab es auch schon vor Google das Internet – oftmals noch eines mit Minutentarifen und ohne Flatrates oder zusätzliche Telekommunikationspakete für Handys, Filmdownloads und Co. Warum auch – das iPhone und das Android-Smartphone waren ja noch Zukunftsmusik! Auch gab es schon Suchmaschinen, die heute immer noch zum Teil auf dem Markt sind. Zum Beispiel Yahoo, AltaVista, web.de – und natürlich proprietäre Softwareformate von Microsoft und AOL. Was haben wir aber sonst gemacht, wenn wir etwas herausfinden wollten? Wir haben einfach unsere Omas nach Haushaltstipps gefragt (und tun es manchmal noch heute). Wir haben die Schreibung oder die Bedeutung eines Fremdwortes im „analogen“ oder auf CD gebannten Duden nachgeschlagen. Und wenn wir wissen wollten, was die beste Freundin aus dem Kindergarten inzwischen macht, haben wir uns nach dem neuesten Klatsch und Tratsch erkundigt. Oder wir haben es eben gar nicht erfahren – und es als „nicht so wichtig“ abgetan und uns hin und wieder mit dem Nicht-Wissen abgefunden. Fest steht: Google hat das Archivieren und Sammeln von Daten, die Einbindung von individuellen Werbeinhalten und die schnelle Beschaffung von Informationen über andere im digitalen Sektor definitiv revolutioniert und zu einem Höhepunkt geführt. Haben der Onlineriese und sein Servicenetzwerk innerhalb unserer „Informationsgesellschaft“ deshalb die reale Welt, die wir täglich mit den Sinnen begreifen, besser oder schlechter gemacht? Sicherlich nicht. Möglicherweise nehmen wir dies hin und wieder nur anders wahr. Im Endeffekt ist es doch so: Wir sind nach wie vor Menschen mit der Fähigkeit, abstrakt zu denken und selbst zu entscheiden, zu welchem Anteil wir an der digitalen Welt nehmen wollen. Wie genau eine Gesellschaft sich verändert hat, lässt sich schließlich mittlerweile auch perfekt googlen.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Cats Medienkommentar | Lesegenuss verzweifelt gesucht

Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden
Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden

Menschen, die in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen die Zeitung oder ein Buch lesen – dieses Bild erscheint uns heute weit weg, beinah nostalgisch. Was um uns herum in der Nähe und Ferne geschieht, erfahren wir meist auf die „moderne“ Art: schnell, kurz und vor allem kostenlos, über Online-Nachrichtendienste und Smartphone-Apps. Warum dies eben der Lauf der Zeit ist und Leser sich dennoch hin und wieder die Zeit für mehr nehmen sollten.

Eines vorweg: Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich teilweise selbst ertappt. Denn auch ich gehöre zu den „Digital Natives“, die Zettel und Stift im Prinzip „total retro“ finden und selten die Zeit einräumen (können), um ein Buch oder nur eine ganze Printzeitung mit anspruchsvollen Inhalten wirklich gründlich zu lesen. Sicher, gerade in der Literaturwissenschaft habe ich gelernt, viel, schnell und effektiv zu lesen, die wichtigsten Inhalte schnell herauszufiltern und argumentativ in die richtige Form für eine Klausur oder Hausarbeit zu bringen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn jeder einzelne Kurs im Semester mindestens die Kenntnis von drei Romanen verlangt (nachgeprüft durch „Text quizzes“ und „Textkenntnistests“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Veranstaltung). Pro Woche ein Buch – das ist für jemanden wie mich also keine Seltenheit gewesen. „Bulimielesen“ war angesagt – Plot, Charakterkonstellationen, stilistischer und struktureller Aufbau und vielleicht noch eine „Handlungsmessage“, die hinter dem Werk steht. Das alles innerhalb von viereinhalb Zeitstunden, oder auch drei Kursstunden, für die Prüfung am Ende des Semesters zusammengefasst, systematisch mit den nötigsten Informationen aufgearbeitet, seziert, analysiert. Ich glaube, mein „Leserekord“ im Laufe des Sprachen- und Literaturstudiums waren etwas mehr als 20 anspruchsvolle Literaturstücke jeder Art in Mutter- und Fremdsprache innerhalb eines Jahres. „Professionell“ gelesen, versteht sich (schließlich ist das Hauptjob eines jeden Geisteswissenschaftlers), nicht „einfach nur so“. Oder auch: Für die nächste Kursstunde „vorbereitet“. Wissenschaftliche Textauszüge zum jeweiligen Thema nun nicht mit eingerechnet. Was meinen persönlichen Seitenrekord während des Studiums und der Abschlussarbeiten angeht, habe ich niemals nachgezählt – wann hätte man auch die Zeit dafür gehabt. Vermutlich ist es einem auch irgendwann nicht mehr aufgefallen, wie viele Informationen das Hirn tagtäglich aus der Studienlektüre gespeichert, geordnet und archiviert hat. Dies wird Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen natürlich nicht anders ergangen sein – vielleicht nur über andere Mittel, Zugänge und Medien.

Schneller, kürzer, oberflächlicher

Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?
Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?

Wer schon einmal einen Roman mit einem tiefgründigen Thema und einer etwas komplizierteren Sprache in der Hand gehabt hat, weiß, dass viele davon alleine durch ihren Umfang von mehreren 100 Seiten bis hin zu vierstelligen Seitenzahlen mehr Zeit erfordern würden, als der durchschnittliche „Berufsleser“ zur Verfügung hat. Doch weil die Situation es erfordert (Deadlines warten nicht), wird genau jener „professionelle Leser“ alle Register ziehen, um die Prozesse rund um das Lesen zu vereinfachen, effektiver zu machen, auf eine Quintessenz zu reduzieren. Das schult einerseits die schnelle Auffassungsgabe, das strategische Denken in einem Gesamtzusammenhang und die geistige Flexibilität. Eine Kehrseite der Medaille: Wo nur ein Teil der Informationen zum Tragen kommt, geht auch viel verloren. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Die Konzentration auf einen bestimmten, vorgefertigten Fokus und darauf, dass die Verarbeitung nur auf ein Ziel hinausläuft (zum Beispiel eine Prüfung) lassen selten zu, dass wirklich viel im Langzeitgedächtnis hängen bleibt. Rückblickend kann ich mich nach fast drei Jahren nach dem Masterabschluss kaum noch an die Lerninhalte erinnern. Zumindest nicht an die, die ich mir eher „nebenbei“ aneignen musste. Der dritte, ziemlich triviale Nachteil des „Lesens auf Abruf“ liegt ebenso auf der Hand: Es macht einem hinterher einfach keinen Spaß mehr! Doch nicht nur bei Büchern zeigt sich der Trend, dass einfach weniger und oberflächlicher gelesen wird – auch Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind rückläufig. Und wenn Zeitungen oder Zeitschriften von der „breiten Masse“ abonniert werden, so behandeln sie meist recht oberflächliche Themen, „leichte Kost“, die von einem anstrengenden Lebensalltag ablenkt. Überhaupt – warum noch Printausgaben kaufen, wenn man doch die kurzen, knackigen Artikel aus dem grenzenlosen World Wide Web sogar kostenlos haben kann? In Anbetracht allgemeiner Freizeitknappheit und dabei steigendem Informationsbedarf eine berechtigte Fragestellung. Aber eine wichtige – für den Leser wie für den Medienschaffenden.

Der innere Leseschweinehund

Apps liefern alle Infos in ihrer kürzesten Form und bestimmen den Alltag der „Digital Natives“

Immer wieder häufen sich Klagen und Schlagzeilen, die auf einen Tenor hinauslaufen: Kinder und Jugendliche lesen zu wenig! Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ächzen unter Umsatzeinbußen und müssen sich entweder komplett einem Mainstream anpassen oder sich Marktnischen suchen. Auch der Buchhandel (vor allem der stationäre) klagt über Kundenschwund und Existenzschwierigkeiten. Aber sind wir hier wirklich so lesefaul, oder lesen viele, vor allem junge Menschen, einfach nur „anders“? Fest steht: Viele Kinder und Jugendliche haben keinen Spaß am Lesen ihrer Schullektüre, die meist aus umständlich geschriebenen „Klassikern“ wie Goethes „Werther“, Fontanes „Effi Briest“, Shakespeare oder Molière bestehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass diese Werke ursprünglich für intellektuelle Erwachsene geschrieben wurden – nicht für den Durchschnitt der Jugendlichen. Ich erinnere mich noch an einen Schüler in der Nachhilfestunde, der sich mit Shakespeares Early Modern English herumquälte und mich ziemlich ratlos fragte: „Wie soll ich denn irgendetwas verstehen, wenn schon die Sprache so komisch ist?“ In einem musste ich ihm recht geben: Die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten – gerade noch in einer Fremdsprache – muss dem durchschnittlichen, jugendlichen Leser nicht nur nicht zeitgemäß vorkommen, sondern auch stinklangweilig. Zumindest, wenn sie in der Schule aus Lehrplan- und Zeitgründen nur routinemäßig heruntergerattert wird und allein der Prüfungsvorbereitung dient. Ich selbst war vom Grundschulalter an zwar die die Beste, wenn es um Zahlen ging, aber dafür eine ziemliche Leseratte. Schwierige Bücher fand ich spannend und traute mich auch früh an den „Erwachsenenbücherschrank“ meiner Eltern heran. Mit 16 las ich „Jane Eyre“ auf Englisch und war beinahe ein wenig überrascht, als es mir mehr als zehn Jahre später im Masterstudium wieder begegnete und ich den Inhalt noch auswendig kannte. Vielleicht, weil ich es damals mit Vergnügen gelesen hatte – nicht, weil ich es musste oder ein Referat darüber halten musste. Das mit dem „Müssen“ ist nämlich auch immer so eine Sache, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ziele, die man vielleicht vorher noch als sportliche Herausforderung empfunden hat, werden auf einmal zu einer Art lästiger Pflicht. In meinem Fall möchte ich es mal „Analyseritis“ nennen – tatsächlich konnte ich bis nach Abgabe meiner Masterarbeit (und darüber hinaus) nur noch selten mit Genuss etwas lesen, ohne jede Seite im Kopf zu sezieren, sprachlich zu deuten und in irgendein erlerntes Schema einzuordnen. Mal „einfach so“ wieder einen Text zu lesen, ohne es mit einem Ziel zu verbinden – das musste ich nach dem Studium erst mühsam wieder lernen.

Z-Faktor: Was Zeit so wichtig macht

Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen
Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen

Egal ob Buch, Zeitschrift oder Zeitungsartikel, ob auf dem E-Reader, dem Tablet oder auf Papier, ob wissenschaftliche Aufsätze oder amüsante Satire: Texte brauchen vor allem Zeit, damit sie verstanden werden. Das ist manchmal schwer zu glauben oder auch einzusehen in einem digitalen Umfeld, das es uns erlaubt, bereits vorsortierte Nachrichtenmeldungen mithilfe einer Apps auf unseren Smartphones nur anhand von Überschrift und Textzusammenfassung durchzuscrollen. Und sicherlich haben sowohl analoge als auch digitale Formate, ob lang oder kurz, jeweils ihren ganz eigenen Wert und Charme. Für die schnelle Information zwischendurch mögen auch derartige Kurzmeldungen in Radio, Fernsehen oder auf Nachrichtenportalen ihren Zweck erfüllen. Dennoch kann dies nicht alles sein und die Neugierde auf Hintergründe, Überraschungen und spannende Details erfüllen. Denn manchmal lohnt es sich einfach, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Buch zu genießen oder sich wirklich über ein aktuelles Thema schlau zu machen. Mit dieser Kolumne möchte ich Sie – und auch mich selbst – dazu anregen, der Freude am Lesen wieder mehr Beachtung zu schenken. Immerhin: Wenn Sie diese Kolumne wirklich aufmerksam bis zum Ende gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt getan. Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben – und den Respekt, den Sie damit jedes Mal dem Autor erweisen.

Cats Gedankenwelt | Wir Klick-Krieger

Alles auf einen Klick? So einfach ist das nicht!
Alles auf einen Klick? So einfach ist das nun auch wieder nicht!

Es scheint, als funktioniere unsere Welt nur noch auf einer digitalen Ebene. Sich gegen qualvolle Pelztiertötung einsetzen? Einem Diktator die Meinung geigen, weil er Frauen und Homosexuelle in seinem Land unterdrückt? Für faire Bezahlung in Textilfabriken in Bangladesch kämpfen? Kein Problem – ein Klick genügt! So scheint es zumindest in der bunten, weiten Welt der Onlinepetitionen. Doch wo liegen die Grenzen des „grenzenlosen“ World Wide Web, wenn es um echte Hilfeleistung geht? Eine nachdenkliche Betrachtung.

Wann immer ich meinen Newsfeed bei Facebook oder mein E-Mail-Postfach öffne, springen mir Horrormeldungen über die unglaublichsten Dinge und Ereignisse entgegen – versehen mit dem Aufruf, in einer Onlinepetition dagegen meine Stimme zu erheben. Das Spektrum reicht dabei vom Schreddern männlicher Küken in Fleischverarbeitungsbetrieben bei lebendigem Leib (mir wird schon beim Gedanken daran ganz schlecht) über die Steinigung von ehebrechenden Frauen irgendwo in der afghanischen Wüste bis hin zu den fatalen Umweltfolgen des Frackings. Alle diese Dinge jagen mir zugegebenermaßen einen Schauer über den Rücken – vor allem Menschenrechtsverletzungen und Tierquälerei lassen mich keinesfalls kalt. Oftmals traue ich mich gar nicht mehr, die Infolinks zum Thema anzuklicken, wei es mich schon bei der Vorstellung schüttelt, dass es so etwas tatsächlich (noch) gibt. Glücklicherweise kommt man meist auch so zu der Onlinepetition – auf direktem Weg – und kann so direkt seine digitale „Unterschrift leisten“ gegen all dieses Unrecht, das um uns herum geschieht. Ab einer bestimmten Anzahl von „Unterschriften“ gelangt das Anliegen dann zu einer zuständigen Behörde oder einer karitativen Organisation. Zumindest versprechen dies die Aufrufe jedes Mal. Manches Mal frage ich mich jedoch: Wie viel bringt es, realem Unrecht mit Klicks auf einer Internetseite zu begegnen?

Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort
Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort

Protestkultur im digitalen Raum

Ich erinnere mich aus meinen Teenagerjahren noch gut an eine andere Form der Petition – die, die man „auf der Straße“ einholte. Meine beste Freundin und ich hatten in einer Zeitschrift über die Tötung von Straßenhunden in Osteuropa gelesen und wollten helfen. Im naiven Überschwang zweier jugendlicher Tierfreundinnen sind wir also losgezogen – mit ihrem eigenen Hund und meinem Nachbarshund, und haben Unterschriften für ein Protestschreiben an die Regierung an Haustüren gesammelt. Auch wenn es wahrscheinlich nicht viel gebracht hat – die meisten Menschen, die wir trafen, waren entweder beeindruckt oder zumindest stark gerührt von unserer Aktion. Auch heute gibt es noch Protestaktionen „im echten Leben“ – man erinnere sich an den „arabischen Frühling“, die Kundgebungen der Gewerkschaften für gerechte Löhne und diverse Kita-Srreiks, die so viele berufstätige Eltern in die Verzweiflung treiben und doch so notwendig sind, um auf den Wert sozialer Arbeit aufmerksam zu machen. Insgesamt jedoch – so scheint es mir zumindest – hat sich ein großer Teil der heutigen Widerstands auf den digitalen Raum verlegt. Wenn ich mir die Erzählungen meiner Eltern aus ihren „wilden Studentenzeiten“ anhöre, erzählen sie von Demos gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke und die Benachteiligung von Frauen. Im Film „We want Sex“, der kürzlich im Fernsehen lief, wird an die Streiks der Ford-Mitarbeiterinnen in England für gleichen Lohn erinnert und die Menschen der „prüden Sechzigerjahre“ erscheinen einem doch um einiges kämpferischer, als es heute, 50 Jahre später, oftmals erscheint. Es hat also ein Wandel in der Demonstrationsbereitschaft stattgefunden, aber woran liegt das und was sind die Auswirkungen?

Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise - Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung
Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise – Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung

Klicks allein reichen nicht

Es scheint im „digitalen Zeitalter“, wo alles Mögliche von einem Smartphone oder Laptop aus erledigt werden kann, nicht weiter verwunderlich, dass auch Petitionen und das Anbringen kritischer Stimmen via Internet Hochkonjunktur haben. Und ich möchte die derzeitige „Protestwelle per digitaler Unterschrift“ auch gar nicht schlecht reden. Ohne das World Wide Web als „Informationshighway“ wüssten viele von uns vermutlich nicht einmal, wozu Menschen (im negativen Sinne) fähig sein können. Vielleicht würden die zahlreichen Meldungen über die Verheiratung von minderjährigen Mädchen mit älteren Männern, über Massenvergewaltigungen, Lebensmittelskandale und all die anderen Dinge, gegen die Petitionsunterstützer online Sturm laufen, gar nicht so schnell bei uns ankommen. In der aktuellen Medien- und Infomationskultur müssen auch diejenigen unter uns, die bewusst die Nachrichten mit ihren Schreckensmeldungen über das Unrecht in der Welt vermeiden, sich damit beschäftigen – immerhin macht das Internet all diese „harten Fakten“ allgegenwärtig. Dennoch sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass Klicks und „Share“-Buttons auf einer Internetseite eben nicht alles sein können; dass man zwar irgendetwas zur Weitergabe wichtiger Informationen und zur Verbesserung gewisser Umstände beigetragen hat, aber dies eben für sich allein nicht ausreicht. Es braucht mehr, um wirklich etwas zu ändern und die Möglichkeiten, die der Einzelne hat, sind dabei umfangreicher, als mancher „auf den ersten Klick“ denkt. Wer online gegen die Misshandlung auf Pelztierfarmen protestiert, kann auf jegliche Art von Echt- und Kunstpelz verzichten, auch sein Umfeld auf diesen Missstand hinweisen und so ein Zeichen setzen. Wenn man die Massentierhaltung in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie veabscheut, kann man auf andere Bezugsquellen zurückgreifen oder versuchen, den Genuss dieser Produkte weitgehend einzuschränken. Kleinere oder größere Beträge an Organisationen wie die „SOS Kinderdörfer“ oder „Amnesty International“ zu spenden kann helfen, das Leben vieler anderer Menschen weltweit oder auch in der eigenen Stadt zu verbessern. Nicht zu vergessen: die Möglichkeiten, sich in der Flüchtlingshilfe oder für die örtliche „Tafel“ zu engagieren, um Armut und Not einzuschränken. Als Fazit möchte ich also vorschlagen: Onlineprotest ist der Teil eines großen Ganzen – doch mit Likes allein wurde noch kein Kampf gewonnen.

Cats Gedankenwelt: Kommen und Gehen

Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen
Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen

Das Leben ist eine Wundertüte, man weiß nie, was man bekommt“, lautet ein Sprichwort. Wir modernen Menschen wollen davon nie etwas wissen und möglichst immer die Kontrolle über alles behalten, was uns auf dem Weg widerfährt. Und so sehr wir es versuchen: So ganz kommen wir aus dem Kreislauf von Anfängen und Schlussstrichen, Abschieden und Wiedersehen nicht heraus.

Erinnern Sie sich an die allererste große Veränderung in Ihrem Leben? Oder vielleicht an einen Abschied, der Sie in frühen Jahren bereits beschäftigt hat? Ich erinnere mich genau daran. Es war der Tag, an dem ich im Alter von vier Jahren erfuhr, dass mein Großvater nach langer Krankheit verstorben war. Weg, einfach … tot. Zwar wusste ich als Vorschulkind noch nicht genau, was es mit diesem „tot sein“ eigentlich auf sich hat, doch man hatte mir erklärt, dass mein Opa nun endlich an einem Ort wäre, wo er seine Schmerzen vergessen kann. Weiterhin, dass er eben auf ewig verreist sei und sein Weg in unserer Mitte eben geendet habe – zumindest in dieser körperlichen, berührbaren Form, wie ich ihn kannte. Natürlich stirbt die Erinnerung nicht allein dadurch, dass uns ein uns nahestehender Mensch verlässt, sonst könnten wir uns nicht so lange an jemanden erinnern und ihn im Herzen bewahren. Der Tod meines Großvaters, der mich durch meine gesamte Zeit als Kleinkind begleitet hatte, war nur der Anfang einer langen Kette von Abschieden und Wiedersehen, Verlusten und Neuanfängen. Ich denke, jeder kennt so eine Geschichte, die ihm erstmalig klargemacht hat, dass Dinge sich eben von einem Tag auf den anderen ändern können.

Eine menschliche Grunderfahrung

Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann - es gibt kein Zurück
Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann – es gibt kein Zurück

Jemanden oder etwas zu verlieren, gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schmerzen, die aber jeder erlebt. Ebenso, wie etwas Neues zu beginnen oder bisher unbekannten Menschen zu begegnen, die von dann an unser Leben mit prägen. Es schmerzt am meisten, je näher einem jemand gestanden hat. So hatte ich zum Beispiel bis zum 17. Lebensjahr eine langjährige beste Freundin, die jedes noch so große Geheimnis von mir wusste – vielleicht die letzte „Allerbeste“, die ich in diesem Leben haben werden. Denn wenn ich eines aus diesem Verlust gelernt habe, dann, dass freundschaftliche „Monogamie“ sich unendlich gut anfühlen, aber auch sehr tiefe Wunden reißen kann, wenn die Beziehung zerbricht. Habe ich also meine erste „Scheidungserfahrung“ schon hinter mir? Vielleicht, nur auf einer anderen, platonischen Ebene. Doch nach dem Scheitern kommt meist das Aufstehen, eine Neuorientierung, und ehrlich gesagt lässt einem die Zeit auch keine andere Wahl. Diese kennt immerhin keine andere Richtung als vorwärts. Wir lernen, dass jede Stunde, die vergeht, uns etwas Neues bringen kann – ob wir das nun gerade als angenehm und freudig oder unerwünscht und kräftezehrend empfinden.

Überraschungsmomente nutzen

Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein
Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein

Leben ist das, was passiert, während wir Pläne schmieden“ – irgendwann bekommt dies jeder zu spüren. Bei mir konnte wohl nichts so viel durcheinanderwerfen wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Es war vielleicht das, womit ich am wenigsten gerechnet hätte – ein Kind, jetzt? Noch vor der Unterzeichnung eines festen Arbeitsvertrages nach dem Volontariat? Und überhaupt- schaffen wir das alles? Ob Kind, neuer Job mit mehr Verantwortung oder ein neuer Wohnort weit weg von zu Hause – nur ein paar Dinge auf einer langen Liste an Veränderungen, die erst einmal zwiespältige Gefühle auslösen können. Einerseits löst das Neue eine freudige Neugierde auf das aus, was kommt. Andererseits lässt es manchmal den Magen rumoren bei dem Gedanken, was alles schiefgehen könnte. Oder auch die Erkenntnis, dass man sein bekanntes Umfeld verlässt, um woanders andere Luft zu schnuppern. Manchmal suchen wir bewusst einen neuen Anfang, manchmal „überfallen“ uns die Veränderungen einfach und wir fühlen uns zunächst überrannt. Es gilt nun, sich nicht vom Überraschungsmoment einschüchtern zu lassen und ihn für sich zu nutzen – so schwer dies in der ersten Verwirrung fallen mag. Was soll man sagen: Wir Menschen, oder die meisten von uns, sind eben Gewohnheitstiere und befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Misstrauen und Neugierde.

Den Abgrund überbrücken

Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein
Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein

Bei besonders tiefgreifenden Brüchen, Trennungen und Veränderungen im Leben erscheint es zunächst schwierig, nach vorn zu schauen, denn alles, was man sieht, gleicht einem tiefen, unüberbrückbaren Abgrund. Manchmal mit einer kleinen oder instabilen Brücke, die unmöglich zu überqueren scheint. Zumindest nicht ohne das Risiko, zu fallen und ohne jemanden, der auf der anderen Seite wartet und eine Hand ausstreckt. Doch zum Gück kommt es in Wahrheit selten vor, dass man vollkommen allein dasteht und keinen Anreiz sieht, den Weg auf die andere Seite zu wagen. Denn manchmal ist ein Weggehen auch wieder ein Ankommen – dort, wo neue Perspektiven, Risiken aber auch Chancen warten. Egal, wie düster der Horizont im ersten Augenblick erscheinen mag, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Lichtstrahlen wieder durch die Wolkendecke brechen. Also: Nur Mut. Mein Mann und ich freuen uns jedenfalls inzwischen sehr auf die spannende Zeit, die uns bevorsteht.

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

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Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Cats Medienkommentar: Panik in Ton und Bild

Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?
Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?

„Bad news is good news“, oder auch: „Nur eine schlechte Nachricht kommt an“ lautet ein ungeschriebenes (und oft verheimlichtes) Gesetz in der gängigen journalistischen Berichterstattung. Aber welche Auswirkungen hat das langfristig auf Medienschaffende und Konsumenten? Brauchen wir neben den gesammelten Katastrophenmeldungen nicht vielleicht doch einmal einen Funken Hoffnung?

Soziale Medien können depressiv machen“, gingen erst kürzlich Schlagzeilen in der Mainstream-Berichterstattung herum. Der Grund: Das allzu „perfekte“ Facebookprofil guter Freunde bis entfernter Bekannter könne Neid und Unzufriedenheit im sozialen Vergleich auslösen. Das mag bei manchen, sehr dafür anfälligen, Personen sogar halbwegs eintreten (auch wenn die Krankheit der Depression meines Erachtens hier extrem verharmlost wird). Doch ich sehe momentan und eigentlich schon seit Jahren einen vollkommen anderen Aspekt in allen Medienkanälen, der einem wirklich dauerhaft jede gute Laune verderben kann – diese ständigen Negativ- und Katastrophenmeldungen. Ganz ehrlich, wäre ich wirklich depressiv oder suizidgefährdet, ich würde mir an dieser Stelle sicherlich überlegen, ob es nicht besser wäre, von dieser „freudlosen“ Welt zu verschwinden.

Ob in der Politik oder an der Börse, die Frequenz schlechter Nachrichten lässt sich schlecht verarbeiten
Ob Krieg, Klimawandel oder Finanzkrise, die Menge an schlechten Nachrichten in kürzester Zeit lässt sich schlecht verarbeiten

Informative Horrorshow

Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt, ist die Tagesschau im Ersten, Zweiten und Dritten. Täglich um 20 Uhr, oder aber einige Stunden früher oder später, bekommt jeder Fernsehzuschauer den realistischsten Horror-, Kriegs- und Katastrophenfilm gezeigt, den er jemals sehen könnte. Manchmal auch einen Politkrimi reinster Sorte oder ein Drama mit echten Emotionen. War das alles? Richtig, da fehlen doch einige Genres – nämlich die, die einen zum Lachen bringen und nicht ohne ein Happy End auskommen. Finanzkrise, Schuldenkrise, Bürgerkrieg, Verfolgung, Flucht, Hunger, Epidemien, Existenzangst – mit einem Wort: Es herrscht Panikalarmstufe Rot. Denn all diese Dinge passieren eben und die Medien, seien es Zeitungen, Fernsehsender, Onlinemagazine oder Radiostationen, haben ja auch die Pflicht, uns als Leser, Zuschauer, Hörer und Internetnutzer zu informieren. Und zwar bis zur absoluten Schmerzgrenze. Das Schlimmste, was wir im Grunde alle wissen, ist: Die Dinge, die wir so im „Vorbeigehen“ erfahren, sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an Problemen, sich nun rächenden „Sünden der Vorväter“ und Konfliktherde. In ihrer Weltkatastrophenberichterstattung gleichen die öffentlich-rechtlichen Sender dabei übrigens noch einem Streichelzoo. Wer sich die unzensierte „informative Horrorshow“ geben will, ist mit manchem Privatsender besser beraten.

Eine ständige Negativbeschallung

Man kann also, wenn es um die zahllosen Übertragungen von aktuellen Nachrichtenmeldungen in jeglicher Form spricht, wirklich nicht von „Good Vibrations“ reden – wohl eher von einem total miesen Karma. Die unterschwellige Nachricht hinter all diesen Horrormeldungen lautet nämlich ausnahmslos: Seht her, wozu ihr Monster auf zwei Beinen fähig seid! Ab in die Ecke und schämen! Allein die Tatsache, zur Gattung „Mensch“ zu gehören, scheint dabei auszureichen, um ein fieses Schuldgefühl per Funk- oder Bildwelle zu übertragen. Rein statistisch nach dem Anteil der „schlechten Nachrichten“ betrachtet, liegen wir im ersten Augenblick mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch. Denn der Mensch kann, im Gegensatz zu vielen Tieren, wirklich zu ungeheuerlichen Dingen fähig sein und manchmal so boshaft oder unreflektiert in seinem Handeln, dass es einem vom Zuschauen schon wehtun muss.

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Allein fühlt man sich oft machtlos – ist jede gute Tat nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zum Scheitern verurteilt?

Um es kurz zu fassen: Informiert sein kann zu einem richtigen mentalen Terror werden. Nicht nur im aktuellen Sinne des Terrorismus, der weltweit die Gemüter in Panik versetzt, sondern einfach in seiner Wortbedeutung. Terror. Terreur- oder auf Deutsch übersetzt: Schrecken, Angst. „Terrorherrschaft“ hat übrigens in der Menschheitsgeschichte immer dann funktioniert, wenn es genügend skrupellose Machtmenschen an der Spitze und ausreichend verunsicherte, orientierungslose und vielleicht durch äußere Umstände verängstigte Massen an der Basis gab. Man betrachte nur einmal die Sklaverei, die Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution und den Holocaust als Beispiele. Mit einem ausgeglichenen Machtverhältnis und mehr echter Demokratie wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Das Schlimme ist: Geht man nach dem, was man sieht und hört, hat die Menschheit nichts dazu gelernt – also, rein gar nichts. Sind wir also alle nur „hoffnungslose Fälle“? Gibt es vielleicht gar keine „guten Menschen“, die nicht einfach nur offiziell auf „Gutmensch“ tun und im Grunde doch nur an sich selbst denken?

Haifischbecken soziale Netzwerke

Manchmal sieht die Welt "da draußen" schon ziemlich düster aus!
Manchmal sieht die Welt „da draußen“ schon ziemlich düster aus!

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an den Ausgangsgedanken dieses Beitrags anzuknüpfen – denn gerade in Zeiten des „Klickaktivismus“ tummelt sich so ziemlich alles an „besorgten Bürgern“, „Facebookphilosophen“ und selbsternannten Gutmenschen jeder Couleur (die dann doch zum Teil recht inaktiv werden, wenn es wirklich um Handlungen statt um Worte geht). In der ewigen Netzdemokratie, wo jeder jederzeit seine Stimme abgeben kann, treffen so die unterschiedlichsten Mentalitäten und Typen aufeinander, vertreten ihre Interessen, reiben sich aneinander und kriegen sich in die Haare. Im besten Fall tauchen wir digitalen Sinnsucher mit einer erweiterten Denkperspektive aus diesem Informationsmeer wieder auf, oder aber wir verbeißen uns an unserer eigenen Ideologie vom „besten Leben“, lassen keine anderen Meinungen oder Kompromisse zu und zerfleischen uns virtuell im multimedialen Haifischbecken. Das Entscheidendste – in Bezug auf den Nachrichtenfluss im Internet – ist jedoch die Frequenz der Informationen. Sprich: Alles verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, vor allem die schlechten Nachrichten. Nicht umsonst nutzen zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppen Facebook & Co als virtuelle Propagandamaschine; es war nie so bequem und einfach, Angstmeldungen zu verbreiten und sowieso schon verunsicherte Menschen zu „besorgten Bürgern“ zu machen. Das Netzwerk als Panikmaschine? Scheint bis zu einem gewissen Grad zu funktionieren – auch, weil die meisten von uns eben doch „Herdentiere“ sind und denken: „Was viele bestätigen, kann nicht falsch sein!“. Kann es eben doch – wie alle weiter oben genannten Beispiele belegen. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!
Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!

Nur eine Seite der Medaille

Doch das, was wir in den Medien sehen, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Um genau zu sein, zeigt es nur eine Seite der Medaille. Nur selten sehen wir Bilder von Menschen, die aktiv etwas verändern; von einem lachenden Kind, dem Forscher im Labor für erneuerbare Energien und dem freiwilligen Helfer im Krisengebiet. Und wenn doch, neigen wir dazu, diese „Bilder der Hoffnung“ zu verdrängen, weil wir zu sehr an das Leitmotto „Bad news is good news“ gewöhnt sind. Niemand wird als Einzelner für sich die Welt verändern, das wäre utopisch. Und es wäre auch naiv, so zu tun, als gäbe es diese ganzen Krisen und Katastrophen gar nicht. Doch wie das Kaninchen vor der Schlange zu zittern, bringt auf Dauer auch keine Lösung für all das, was uns (mehr oder minder entscheidendes) Problem präsentiert wird. Für mich selbst habe ich inzwischen einen realistischen Ansatzpunkt gefunden, um das „Gute“ im Menschen wieder zu finden. Ganz nach einem alten Pfadfindermotto halte ich mich an das Prinzip: Tue jeden Tag mindestens einmal etwas nur für andere, ohne an deinen Vorteil zu denken. Es mögen kleine Schritte sein – aber wenn sie jeder geht, können auch die eine Menge bewirken. Um zurück zu den Medien zu kommen: Hätte ich als Medienschaffende und auch Konsumentin einen Wunsch für die generelle Berichterstattung frei, wäre dieser: Zeigt nicht nur Probleme, sondern vor allem Lösungen!

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Cats Gedankenwelt: All you can(‚t) eat!

P1050639Ob Low Carb, Paleo, Frutarier, Vegetarier, Veganer, Steakliebhaber oder Genuss aus der Region – jeder Mensch hat seinen eigenen Ernährungsstil, wie er seinen eigenen Modestil hat. Ärgerlich nur, wenn die Stimmen, die einem alles verbieten wollen, was Spaß macht und schmeckt, sich derzeit lauter denn je in unsere Köpfe bohren wollen. Das kann einem ganz schön den Appetit verderben.

Wir alle müssen essen. Es ist ein Grundbedürfnis aller Lebewesen, Energie zu sich zu nehmen und zu verwerten. Im besten Fall bringt uns das auch noch Genuss und eine gewisse Form von Zufriedenheit. Nun ja, zumindest sollte es das – gäbe es nicht diese vielen kleinen, zynischen Stimmen, die uns vergessen lassen wollen, dass Nahrung uns mehr als nur Sättigung gibt. Und Zeitgenossen, die sich das „richtige“ und „falsche“ Essen zum Lebensziel erklärt haben. Aber gibt es ein „Richtig“ und ein „Falsch“, wenn es um die schönste Hauptsache der Welt geht? Vor allem aber, worin liegt der missionarische Ehrgeiz mancher Menschen, anderen die Speisen auf ihrem Teller madig zu machen? Eine Typologie.

Immer nach Vorschrift essen? Wie langweilig ,,,
Immer nach Vorschrift essen? Wie langweilig ,,,

Immer diese Kalorienspalterei! Ich weiß nicht genau, wer wann damit begonnen hat, unsere Nahrung begrifflich in immer kleinere Elemente aufzuspalten und jedes davon mit detaillierten Mengenangaben zu listen. Inklusive Durchschnittstagesbedarf – und den „gesundheitlichen Vorteilen“ des Nahrungsmittels, ob nun wahr oder nur PR-geschönt. Jedenfalls kann es ganz schön nerven, ständig eine Welt „guter“ und „böser“ Nährstoffe vor Augen zu haben oder auch von anderen ungefragt dauernd daran erinnert zu werden.

Schreckgespenst Krebs und andere Panikmache. Es ist gut zu wissen, wenn eine reale Seuche das Fleisch im Supermarkt und auf den Wochenmärkten gefährlich macht. Oder wenn ein Spritzmittel auf Obst und Gemüse für uns oder die Umwelt tödliche Folgen hat. Eigentlich können wir für jede fundierte Studie dankbar sein, die über wirkliche große Gefahren aufklärt. Doch wie seriös können Meldungen um neue „krebserregende“, „gefährliche“ Stoffe in Nahrungsmittel noch sein, wenn gefühlt jeden Tag neue Schreckensnachrichten über das Internet über wenig fundierte Nachrichtenportale verbreitet werden?

Diäten, Diäten, Diäten. Der Verzicht auf alles, was schmeckt und Freude macht, scheint schon seit jeher eine Art der Selbstoptimierung zu sein; von der vor allem Frauen seit Cleopatras Zeiten Gebrauch gemacht haben. Doch auch bei Männern im Sport haben schon immer bereitwillig Einschränkungen in Kauf genommen, um ihrer athletischen Form auch weiterhin Rechnung zu tragen. Sei es bei den frühen Olympischen Spielen oder im heutigen Profiradsport. Das ist gerechtfertigt und passt in den Sport – dennoch sollten Sportler und auf Aussehen bedachte Menschen nicht alle anderen „missionieren“ wollen, die diese Leidenschaft für das „richtige“ Essen nicht uneingeschränkt teilen.

Sein Essen zu publizieren, liegt im Trend - deshalb haben wir es zur Anschauung auch mal gemacht!
Sein Essen zu publizieren, liegt im Trend – deshalb haben wir es zur Anschauung auch mal gemacht!

Das ewige schlechte Gewissen. In Ordnung, die ethischen Gründe gegen Fleisch, Milch, Eier und gegebenenfalls nicht fair gehandelte Lebensmittel gehören noch zu denen, die mich am ehesten berühren. Im Grunde will niemand viel über Massentierhaltung, ausgebeutete Landwirte und unmenschliche Produktionsbedingungen etwas hören und lesen – dennoch muss ein Bewusstsein entstehen. Dies lässt sich jedoch nicht mit der Holzhammermethode erzwingen, denn Erkenntnisse müssen immer freiwillig kommen und akzeptiert werden.

Das Verteufeln von Alltagsritualen. Wir haben oft schon von Kindheit an bestimmte Ernährungsmuster, die uns prägen. Bei mir war es zum Beispiel zu Hause seit jeher üblich, dass es morgens Toast mit süßem Aufstrich oder bestimmte Arten von Cerealien zu essen gab. Was soll ich sagen, ich bin fast dreißig – und habe diese „Tradition“ immer noch so verinnerlicht, dass ich sie gar nicht hinterfrage. Ebenso gab es bei uns zu Hause über Jahre hinweg samstags fast immer Pasta mit unterschiedlichen Soßen und sonntags Kartoffeln mit Fisch oder Gemüse. Und ja, mir gibt es immer noch ein Gefühl von Zufriedenheit, von „Heimat“. Menschen, die diese Art von Lebensritual verspotten oder schlecht machen wollen, sorgen nicht selten für Unmut und wirken respektlos.

Essen gehört in jede Kultur hinein - und ist ein soziales Ritual
Essen gehört in jede Kultur hinein – und ist ein soziales Ritual

Genussverächter auf Missionskurs. Wer sich nicht hin und wieder selbst etwas gönnen möchte und anderen gar missbilligend auf den Teller schielt, macht sich gerne unbeliebt. Bei manchen ist es ein sehr harmloser Anfang, zum Beispiel Diät- und Kaloriendiskussionen am Tisch in größerer Runde. Während jeder dabei mit viel Mühe noch weghören kann oder das Thema umlenken, gibt es allerdings auch besonders unangenehme Situation, wo selbsternannte „Ernährungspäpste“ ungefragt den Schüsselinhalt ihrer Mitmenschen kommentieren oder ihnen ein schlechtes Gewissen einreden wollen.

Um es kurz zu machen: Ich weiß nicht genau, warum viele Menschen mit #foodporn, Belehrungen (online auf Facebook sowie „offline“ am Mittagstisch) und geradezu fiebrigem Eifer Essen zu einer Art neuen Religion erklären. Ist es eine der weniger verbliebenen Arten, sich hervorzuheben und zu profilieren? Eines steht jedenfalls fest … Das Prinzip „All you can’t eat!“ nervt gewaltig und die Devise sollte wieder lauten: „Essen und essen lassen“. In diesem Sinne – guten Appetit!

Cats Gedankenwelt: Kampfplatz Kind

„Eltern oder nicht Eltern- das ist hier die Frage!“ Oder, um die ganze Fragestellung noch ein wenig kniffliger zu gestalten: Wie wird man eigentlich „der perfekte Elternteil“? Wer heute Kinder bekommt, bekommt die Spannung eines Arenakampfes gleich mitgeliefert. Nicht nur, wie man es denken könnte, im Kinderzimmer zur Schlafenszeit, sondern auch auf dem virtuellen Kampfplatz, der sich „soziale Medien“oder auch „Gemeinschaft“ nennt. Doch auch die, denen nicht allzu viel an der Verbreitung der eigenen Gene liegt, bekommen oft einen rauen Gegenwind zu spüren.

Mir scheint, je weniger Kinder man auf den Straßen und Spielplätzen unseres Landes, desto präsenter sind sie auf Facebook, Twitter und in diversen (Online-)Zeitungen. Das Schlimme ist, dass diese armen kleinen Menschen nicht einmal etwas dafür können. Sie wurden eben in eine Welt hineingeboren, oder eher, in eine Region, wo sie fast schon wie ein exotisches Accessoire betrachtet werden – oder wie ein Projekt, das es zu optimieren gilt. Am besten schon im Mutterleib und vor dem ersten Kita-Besuch. Eines vorweg: Ich habe noch keine Kinder und weiß auch noch nicht, ab wann die Vorbedingungen für mich erfüllt sind, welche zu bekommen. Zum Beispiel ein unbefristeter Arbeitsplatz, ohne den für mich nichts geht in der Zukunftsplanung. Eine Einstellung, für die manche mich im virtuellen Raum beglückwünschen und andere bemitleiden oder verurteilen würden. Wie überall gibt es eben auch im Netz eine „Mehrheitsmeinung“, „Außenseiter“ und „Protestmeinungen“.Weiterlesen

Cats Medienkommentar: Voll auf Klischee

Eigentlich bin ich gar kein Serienjunkie. Doch als ich letztens bei einem faulen Fernsehabend auf eine Kultserie meiner Jugend gestoßen bin, versank ich für ein paar Stunden tief in der weiblichen Klischeekiste. Dabei blieb ich bei vier Freundinnen hängen, die mit der ewig Wartenden, der Naiven, der Sexhungrigen und dem Kontrollfreak, der beim „Richtigen“ doch weich wird, ein berühmtes Quartett abgeben. Ein kurzer Nostalgierückfall in die Glitzerwelt.

P1080670trennlinie2Es gibt viele Drogen auf der Welt – manche mehr, manche weniger gefährlich und manche wirken eher unterschwellig auf einen langen Zeitraum hin gesehen. Unter letztere Kategorie ordnen manche Psychologen und Experten auch gerne die Fernseh- oder Mediensucht ein. Normalerweise bin ich gegenüber der Fernsehversuchung recht immun; ich habe sogar jahrelang ohne Flimmerkiste gelebt. Was bei mir und vielen meiner Geschlechtsgenossinnen quasi ewig nachwirken wird, sind die vielen Klischees von Weiblichkeit, Romantik und Glitzer. Es sind Bilder, die nach und nach in unser Denken und Fühlen einsickern, unsere Gedankengänge heimlich beeinflussen und auf einmal nicht mehr „wegzudenken“ sind – sind Klischees also auch eine Art Droge? Es scheint fast so.Weiterlesen