Kategorie: Sehen

Opas Klappkamera | Zufallsformen im Eis

Eine Brille mit Augenpaar?
In Wirklichkeit handelt es sich um Luftblasen im Eis. Der „Augenabstand“ betrug 3 cm.

***

Foto | Paul Meunier

Glaubt man nicht, Kopf, Auge und aufgerissenen Schnabel eines Vogels zu erkennen?
Und doch ist auch dies nur eine zufällige Bildung im Eis, die bei bestimmter Beleuchtung hervortrat. Das zu sehen und den Augenblick zu erfassen, das war die Kunst.

Foto | Joshua Meunier

Die Aufnahmen wurden in den 1960er Jahren mit einer Zeiss Ikon Cocarette 519/2 Klappkamera gemacht. Die Fotos stammen von meinem Großvater und sind für diesen Beitrag digitalisiert worden. Leider ist die verwendete Kamera nicht erhalten geblieben; ich hätte sie gern weiter verwendet.

Menschenbilder | Edward Jean Steichen & seine wunderbare Idee von «The Family of Man»

Es gibt in der deutschen Sprache ein sehr altes und sehr einfaches Wort, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir von etwas eine Vorstellung haben, dass wir etwas deuten, vergleichen, sichtbar machen. Wir sagen, wir machen uns ein Bild.

Edward Steichen | Foto: F. Holland Day - Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901
Edward Steichen | Foto: F. Holland Day – Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901

Wir machen uns ein Bild vom Leben, ein Bild vom Dasein, ein Bild von uns selbst. Wir wissen, dass wir das Sein nicht unmittelbar begreifen, wir sind Menschen, wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und erkennen heißt, über Sinn und Bedeutung der Welt nachdenken, sich ein Bild machen. Wir haben uns eine neue Welt geschaffen, heute würde man sagen: eine Welt der Symbole, eine Welt der Mythen, der Religion, der Sprache, der Kunst, der Wissenschaft, um uns ein Bild zu machen von unserem Dasein. Eine der konzentriertesten, ausdrucksvollsten und vielleicht auch reinsten Formen dieser Symbole ist das Bild, das der Künstler schafft, in Lehm, in Stein, in Farbe, seit den frühesten Zeiten der Menschheit.

Zu diesem alten Begriff des Bildes, von dem wir uns immer bewusst sind, dass er nicht das Sein selbst gibt, sondern eine Deutung des Seins, kommt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art von Bild, etwas Unglaubliches, ein Bild, das kein Bild mehr ist, weil es scheinbar die Welt selbst gibt, so wie sie ist, ungedeutet und unmittelbar. Das gleiche, was das Auge sieht, was die Linse des Auges auf die Netzhaut projiziert, wird durch einen analogen Vorgang, durch eine analoge Linse auf eine ebenfalls lichtempfindliche Schicht geworfen und dort, im Gegensatz zum Auge, für alle Zeiten, für alle Menschen festgehalten. Was ein Mensch sieht, kann nun jeder Mensch sehen. Wir lösen Teile der sichtbaren Welt ab, fangen sie auf, übertragen sie heute schon mit allen Konsequenzen der Farbe, der Bewegung, der Gleichzeitigkeit. Man hat diese für die Erkenntnis unserer Welt ungeheuer wichtige Erfindung, die der französische Staat wegen ihrer Bedeutung sofort aufgekauft und für alle Menschen freigegeben hat, mit einer der typischen Wortkonstruktionen des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Man nennt sie Photographie, das heißt Lichtschrift, Lichtzeichen, und nennt auch ihre Erzeugnisse, umständlich genug, Photographien. Bis heute zögern viele, sie mit dem Wort Bild zu bezeichnen. Man spricht von Abbildungen, das heißt von Abformungen, oder von Aufnahmen, und meint damit, dass etwas wieder aufgenommen wird, das schon da ist. Immer ist man sich bewusst, dass die Photographie ein Teil der Realität selbst ist. Im Unterschied zum Bild des Malers ist sie ein Dokument, ein Beweis, kein Vergleich, kein Symbol. Wir wollen die Frage offen lassen, ob es so ist. Jedenfalls hat um 1900 ein junger Maler, der sich gleichzeitig mit Photographie beschäftigte, sich ebenfalls diese Frage gestellt, und er hat versucht, diese Grenze zwischen Malerei und Photographie zu durchbrechen. Dieser Maler schickte an eine große Kunstausstellung in Paris bewusst keine Malereien, sondern Photographien und schrieb dazu, es seien Bilder, die er mit Hilfe des Lichts gemalt hätte. Er brachte die Juroren in einige Verlegenheit. Sie anerkannten, dass die Bilder einen künstlerischen Wert hätten, sie hatten aber Angst vor den Folgen. Die Bilder wurden zurückgewiesen. Der junge Mann, der diesen Vorstoß wagte, war Edward Steichen, der Schöpfer der Ausstellung «The Family of Man», der, wie er selbst sagt, vielleicht weitreichendsten und herausforderndsten photographischen Schau, die je versucht wurde. Mehr als hundert Jahre seit der Erfindung der Photographie hat es gedauert, bis jemand auf die Idee kam, uns diese Spiegelbilder unseres Seins vorzuhalten, um uns zu zeigen, was wir sind. Edward Steichen gehört zu den großen Erneuerern der Jahrhundertwende, zu den wenigen, die noch da sind. Ich glaube, sein Leben verdient es, dass wir darüber sprechen. Steichen wird in diesem Jahr dreiundachtzig Jahre alt. Er hat als Schulbub angefangen zu photographieren. Er entwickelte seine Aufnahmen auf dem Küchentisch seiner Mutter in Wisconsin, Bilder seiner Familie und seiner Freunde. Mit einundzwanzig Jahren ging Steichen nach Paris. Er machte halt in New York und zeigte seine Aufnahmen dem fünfzehn Jahre älteren, damals schon berühmten Stieglitz. Stieglitz war überrascht. Er wollte dem jungen Mann Mut machen und kaufte drei Bilder, jedes zu fünf Dollar. Steichen erzählt, dass er heute, jedes Mal, wenn ein vielversprechender junger Photograph zu ihm kommt, ihm drei Bilder abkauft, jedes zu fünf Dollar. In Paris war er ein Künstler unter anderen, mit breitem Hut und fliegender Krawatte. Er studierte Malerei und bekam später bis zu fünftausend Dollar für ein Bild. Aber er glaubte, dass er sich besser ausdrücken könne durch die Photographie. Er kämpfte weiter mit Stieglitz zusammen um die Anerkennung der Photographie als Kunst. Er schrieb 1903: «Warum will man eigentlich ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das schon jetzt, in dem ersten Kindheitsstadium seiner Entwicklung, zu den bedeutendsten Faktoren modernen Wissens und Könnens gehört, warum will man das eigentlich einengen durch wissenschaftliche, künstlerische oder sonstige Beschränkungen? Ein Ausdrucksmittel, das noch gar keine Sondergesetze haben kann? Warum von Beschränkungen, von Grenzen reden, wo wir mit den Möglichkeiten, die noch gar nicht erschöpft sind, vielleicht wirklich etwas erreichen? Es handelt sich hier nur um die alte Frage: Beherrscht der Geist den Stoff oder der Stoff den Geist?»

clerf-familyofman-20060908
Joachim Köhler | Schild der Foto-Ausstellung „The Family Of Man“ in Clerf (fr.: Clervaux) Luxemburg | CC BY-SA 3.0 | Quelle: wikipedia

Steichen suchte allerdings in seinen frühen Aufnahmen weniger nach den Sondergesetzen der Photographie, als dass er versuchte, Gesetze der Malerei auf die Photographie anzuwenden.
Seine Aufnahmen sind Kunstdrucke. Man könnte sie manchmal
mit Malereien verwechseln. Man sagt, dass er den Apparat während der Aufnahme vibrieren ließ, dass er auf die Linse spuckte, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Steichen, der bald in New York, bald in Paris ist, kennt viele berühmte Leute. Er photographiert Bernard Shaw, Richard Strauss, Maurice Maeterlinck, Anatole France. Er wird befreundet mit Rodin, und er bricht in seinem Atelier zusammen, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt er auf einem kleinen Gut in Voulangis bei Paris, malt, photographiert und züchtet Rittersporn.

Als Amerika 1917 in den Krieg eintritt, wird er technischer Berater für Luftaufnahmen und bekommt später das Kommando über alle photographischen Operationen in Frankreich. Mit dem Krieg ändert sich sein Leben. Luftaufnahmen müssen klar und scharf sein, und Steichen sieht in der Präzision einen neuen Weg der Photographie. Er wird beeinflusst von den Schrecken des Krieges. Er will künftig sein Leben enger mit dem Leben seines Nebenmenschen verbinden, und er glaubt, dass die Photographie ihm helfen könnte. Mit der Malerei ist es zu Ende. Er macht mit seinem Gärtner in Voulangis einen großen Haufen von diesen «gerahmten Tapeten» im Wert von fünfzigtausend Dollar.
Seine zweite photographische Lehrzeit beginnt. Er sagt: «Ich bin bestimmt wie Ebbe und Flut, und geduldig wie die Römische Kirche.» Mehr als tausendmal photographiert er während eines Jahres eine weiße Tasse und eine Untertasse, damit ihm die photographische Technik in Fleisch und Blut übergeht. Er geht zurück nach Amerika, macht Modeaufnahmen für «Vogue» und «Vanity Fair», arbeitet mit einer Reklameagentur und photographiert berühmte Menschen. Um seine Auftraggeber abzuschrecken, verlangt er tausend Dollar für eine Aufnahme und hat in der Folge noch mehr zu tun. Er kauft eine Farm in Connecticut, achtzig Mal größer als Voulangis, und züchtet Delphinium.

Fragen der Vererbung interessieren ihn schon lange. Er sagte, dass alles, was wächst, im Grunde ähnlichen Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, auch der Mensch. Er wollte die Menschen bessern, und seine einzige Hoffnung waren damals erbbiologische Methoden. Aber er fand weder einen Weg, noch wusste er das Ziel. 1938 hatte er sein New Yorker Studio geschlossen, um sich ganz mit Pflanzenzucht beschäftigen zu können. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, übernahm der Zweiundsechzigjährige das Kommando über viertausend Photographen, die die amerikanischen Operationen in der Luft und auf dem Meer festgehalten haben. Die Aufnahmen wurden zu einem dramatischen Bericht über die Operationen. Sie zeigten die menschlichen Qualitäten der Kämpfenden, aber sie waren auch eine verheerende Anklage gegen den Krieg. 1947 wurde er, der um die Anerkennung der Photographie gerungen hatte, Direktor der photographischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York.

Fünf Jahre später, 1953, läutete in der Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule das Telephon. Robert Frank, der junge, begabte Schweizer Photograph, der in heute in (New Scotia) Kanada lebt, war am Telefon. Er würde in Kürze mit Edward Steichen vorbeikommen. Steichen, diese legendäre Figur, von der die SchülerInnen so oft gesprochen hatten; das Museum of Modern Art, ein Museum modernster Kunst, also auch modernster Photographie: Sie suchten rasch zusammen, was an Experimenten, an extremen Aufnahmen vor Ort war. Dann war er da, freundlich, kameradschaftlich; man hatte sofort Kontakt mit ihm, aber was ihm gezeigt wurde, beachtete er kaum. Ob denn keine Reportagen gemacht würden? Ob niemand Aufnahmen von Menschen gemacht hätte? Er ließ den Studierenden allerdings keine Zeit, etwas zusammenzusuchen. Steichen begann zu erzählen. Von seinem Plan einer Ausstellung von der Einheit des Menschengeschlechts, von den Menschen als einer großen Familie. Unabhängig von Rasse, unabhängig von der Kulturstufe, vom Land, von den sozialen und politischen Gliederungen sind alle Menschen den gleichen Gesetzen des Lebens unterworfen. Sie verbinden sich, Kinder werden geboren, sie verlangen nach Nahrung, nach Schutz. Die Menschen arbeiten und sind müßig, traurig und fröhlich, gut und böse, lieben sich und hassen sich. Sie suchen das Leben zu begreifen, sie haben Angst und haben Hoffnung. Und wie die Blätter welken und fallen, werden die Menschen alt, sie sind einsam, sie sterben.
«Wir wollen nicht nur die positiven Seiten des Menschen zeigen», sagte Steichen, «wir werden vielleicht eine Aufnahme haben aus Afrika oder Südamerika, wo ein Vater seinem Sohn beibringt, wie man seinen Feind mit einem Giftpfeil tötet. Wir wollen die ursprünglichen Triebe der Menschen zeigen; nicht die Religionen, aber das Religiöse; keine sozialen Systeme, aber ein soziales Bewusstsein. Aussprachen der größten Menschen und Worte der größten Weisheit werden die Aufnahmen begleiten.» Die Ausstellung «The Family of Man» wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York eröffnet und anschließend in vielen Städten und Ländern gezeigt. Millionen Besucher haben sie gesehen.

«The Family of Man» ist als bewusster Beitrag zur Idee des Friedens und der Verständigung, zur Freundschaft zwischen den Nationen angelegt. Sie will die schöpferischen Kräfte der Liebe und Wahrheit den zerstörenden des Bösen und der Lüge gegenüberstellen. Ferdinand Hodler sagte einmal: «Ich sehe das, was die Menschen verbindet, nicht das, was sie trennt. Alle Menschen essen gleich, schlafen gleich, lieben gleich. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den stärksten, sinnfälligsten Ausdruck dieser Funktionen zu finden.» Steichen hat ein langes Leben sich bemüht, dem nahezukommen, was die Photographie auszudrücken vermag. Er hat lange Jahre nachgedacht, wie man die Menschen zu einem besseren Leben bringen könnte, und er hat schließlich mit all seiner Kraft und seiner Erfahrung die große Schau von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen.

Seit 1994 befindet sich die Sammlung «The Family of Man» als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Clerf (luxemburgisch Klierf, Cliärref, französisch Clervaux) ist eine Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg und Hauptort des gleichnamigen Kantons Clerf) und umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern und wurde von Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York (MoMA) zusammengetragen. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher gehbat und geht somit als Legende
in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden sie auf den Seiten der steichencollections.

Cover
Cover

Literatur: 
The Family of Man (Englisch) Taschenbuch
Carl Sandburg & Edward Steichen
192 Seiten
Verlag: Museum of Modern Art; Auflage: 1. (2013)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0870703412
ISBN-13: 978-0870703416

Marianne von Werefkin – Der große Mond – 1923

Marianne von Werefkin - 1860–1938 - “Der große Mond”, 1923.
Marianne von Werefkin – 1860–1938 – “Der große Mond”, 1923.

Dieses Farbfeuerwerk lässt mich immer wieder auf dieses Bild blicken. Dieses Motiv habe ich in den 1980er Jahren als Postkarte geschickt bekommen. Von einer unerreichten Liebe, die mich tröstete und einen gemeinsamen Urlaub in Aussicht stellte. Leider hat sie vorher die (inzwischen verblühte) Liebe ihres Lebens kennen gelernt und geehelicht. Auch wenn ich das Herz dieser Frau nicht gewinnen konnte; für die Karte bin ich ihr immer noch dankbar. Inzwischen hängt der große Mond als Kunstdruck in meinem Arbeitszimmer. Die zwei Wesen rechts erinnern mich an Seelenverkäufer und treiben mich bei der Arbeit an, wenn ich mal wieder ins Tagträumen versinke.
In einem Malkurs habe ich versucht, dieses Werk nachzumalen. Es ist mir nicht gelungen. Das Wirken der verwendeten Farben habe ich nicht hineinbringen können. Meine Ausgabe wirkte wirkte ein „Malen nach Zahlen“.

Hendrik Bartels, Uetersen

Cats KolumnenFotoalbum • Stand Februar 2016

Was wären Texte im Web ohne Bildwerk?! Unsere Kolumnistin fotografiert für ihre Beiträge selbst. Und da diese Aufnahmen eine schöne Ergänzung zum Menschen „Cat“ sind, gibt es diese Galerie rund um Cat, ihre Katzen & das Leben. Sie wird stetig erweitert.

Erich Salomon • Historische Fotos aus der Weimarer Republik

Erich Salomon • Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken

Erich Franz Emil Salomon (*1886 in Berlin; † Juli 1944 in Auschwitz) war ein deutscher Jurist, Fotograf und Bildjournalist.

trennlinie2

Quelle: Erich Salomon – Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken
Verlag: Peter Hunter-Salomon – 1978
Erstveröffentlichung: 1931

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Wolfgang Edelmayer | Anmut der Bewegung

Wolfgang Edelmayer – Musiker, Komponist von Filmmusik [u.a. 24/7 The passion of life – Engel mit schmutzigen Flügeln – Die Lüge der Wahrheit & Illusion], Tänzer [Arbeit mit Pina Bausch, Hans Kressnik, Suzan Taylor, Joe Alegado] und Schauspieler [Theater – Stuttgart – Wien – Hamburg – Hannover – Salzburger Festspiele… // TV&Film Tatort – W. Smith – 24/7 – Die Schöne und das Biest…] http://www.edelmayerwelt.com // W. Edelmayers youtube-Kanal

***

Die Fotografin: HellaKiss

Mehr Infos finden Sie hier:  www.hellakiss.com & hellak.blogspot

Cats Medienkommentar: Voll auf Klischee

Eigentlich bin ich gar kein Serienjunkie. Doch als ich letztens bei einem faulen Fernsehabend auf eine Kultserie meiner Jugend gestoßen bin, versank ich für ein paar Stunden tief in der weiblichen Klischeekiste. Dabei blieb ich bei vier Freundinnen hängen, die mit der ewig Wartenden, der Naiven, der Sexhungrigen und dem Kontrollfreak, der beim „Richtigen“ doch weich wird, ein berühmtes Quartett abgeben. Ein kurzer Nostalgierückfall in die Glitzerwelt.

P1080670trennlinie2Es gibt viele Drogen auf der Welt – manche mehr, manche weniger gefährlich und manche wirken eher unterschwellig auf einen langen Zeitraum hin gesehen. Unter letztere Kategorie ordnen manche Psychologen und Experten auch gerne die Fernseh- oder Mediensucht ein. Normalerweise bin ich gegenüber der Fernsehversuchung recht immun; ich habe sogar jahrelang ohne Flimmerkiste gelebt. Was bei mir und vielen meiner Geschlechtsgenossinnen quasi ewig nachwirken wird, sind die vielen Klischees von Weiblichkeit, Romantik und Glitzer. Es sind Bilder, die nach und nach in unser Denken und Fühlen einsickern, unsere Gedankengänge heimlich beeinflussen und auf einmal nicht mehr „wegzudenken“ sind – sind Klischees also auch eine Art Droge? Es scheint fast so.Weiterlesen

Das Schokoladenmädchen – Jean-Étienne Liotard

Das Schokoladenmädchen

Das Schokoladenmädchen (La Belle Chocolatière) – Jean-Étienne Liotard Pastell auf Pergament, 1743-45, 82,5 x 52,5 cm – Gemäldegalerie Alte Meister, Dresdentrennlinie2

Das adrett gekleidete Schokoladenmädchen besticht den Betrachter, dem sie sich mit keiner Geste zuwendet, durch ihre grazile Anmut. Ihr jugendliches Gesicht strahlt Frische und Natürlichkeit aus. Konzentriert trägt sie ein kleines Lacktablett mit einer Tasse Schokolade und einem Glas Wasser.
Das Bild entstand zwischen 1743 und 1745 am Hof der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. In dieser Zeit weilte der schweizer Künstler Jean-Étienne Liotard in Wien um Porträts von der Kaiserin und ihrem Gemahl anzufertigen.
Bei wem es bei der dargestellten Person handelt, ist bis heute nicht mit Sicherheit bekannt. Höchst wahrscheinlich war es eine junge Zofe am Hofe, deren Schönheit dem Maler besonders aufgefallen ist. Dass Liotard das Bild später in Venedig an den Grafen Francesco Algarotti verkaufte, der die Sammlungen der Könige August III. von Polen und Friedrich II. von Preußen belieferte, spricht nicht dafür, dass es sich bei dem Bild um die Auftragsarbeit für einen österreichischen Fürsten handelte.
In jener Zeit war es jedenfalls üblich, dass der kaiserlicher Hof in Wien, junge hübsche Mädchen aus dem niederen Adel rekrutierte um sie am Hofe zu Begleiterinnen und Zofen für die „hochgeborenen“ Damen des Hochadels auszubilden.
Weiterlesen

Wolfgang Edelmayer über den Rhythmus

Wolfgang Edelmayer fotografiert von Hella Kiss

Wolfgang Edelmayer – Musiker, Komponist von Filmmusik [u.a. 24/7 The passion of life – Engel mit schmutzigen Flügeln – Die Lüge der Wahrheit & Illusion], Tänzer [Arbeit mit Pina Bausch, Hans Kressnik, Suzan Taylor, Joe Alegado] und Schauspieler [Theater – Stuttgart – Wien – Hamburg – Hannover – Salzburger Festspiele… // TV&Film Tatort – W. Smith – 24/7 – Die Schöne und das Biest…] http://www.edelmayerwelt.com // W. Edelmayers youtube-Kanal

***

Die Fotografin: Hella Kiss
Mehr Infos finden Sie hier: www.hellakiss.com/ & hellak.blogspot.com/

Rhythmus 21 & 23 von Hans Richter – Experimentalfim

Rhythmus 21 ist ein Kurzfilm in schwarz-.weiß von Hans Richter. Veröffentlicht 1921.

Zu Beginn des Jahrhunderts war das Nebeneinander von Klang, Farbe und Bewegung in einem einzigen Kunstwerk noch auf experimenteller Ebene. Eine der ersten veröffentlichten Werke einer solchen Kombination war Hans Richters Rhythmus 21 (1921). Ein dreiminütiger Film, wo der musikalischen und der visuelle Teil untrennbar miteinander verbunden sind. Das Visuelle bannt sofort Aufmerksamkeit: geometrische Formen -weiße Rechtecke auf schwarzem Hintergrund oder im Gegenteil – bewegen und verändern die Farbe und Form, Größe und Ort, und folgen so dem Rhythmus und der Melodie.

Rhythmus 23 ist die Weiterentwicklung.

Henri Rousseau – Die schlafende Zigeunerin

Henri Rousseau - Die schlafende Zigeunerin - 1897
Henri Rousseau – Die schlafende Zigeunerin – 1897

trennlinie2Rousseau selbst beschreibt in einem Brief sein Gemälde folgendermaßen:

Eine umherziehende Negerin, des Mandolinenspiels kundig, ihren Krug (mit Wasser darin) nahe bei sich, ist vor Erschöpfung in Schlaf gefallen. Zufällig kommt ein Löwe des Wegs, beschnüffelt sie, aber verschlingt sie nicht. Die Wirkung des Mondes ist sehr poetisch. Die Szene spielt in einer ganz öden Wüste. Die Zigeunerin ist orientalisch gekleidet.

Da Rousseau glaubte, er müsse seine Bilder erklären, schrieb er auf den Rahmen dieses Bildes als er es zur Ausstellung gab:

Die Katze, obwohl wild, zögert, sich auf die Beute zu stürzen, die, vor Müdigkeit erschöpft, tief eingeschlafen ist.

Casimir Zagourski – polnischer Fotograf zentralafrikanischer Völker und Bräuche

Casimir Zagourski in his studio in Kinshasa - 1925
Casimir Zagourski in his studio in Kinshasa – 1925

Casimir Zagourski – polnisch Kazimierz Zagórski – (1883-1944 ) war ein Pionier in der Fotografie der zentralafrikanischen Völker und Bräuche.

Zagourski wurde 1883  in Zhytomyr geboren. Er war polnischer Abstammung, und dem Adelsgeschlecht Ostoja zugehörig . Er diente bis 1917 in der kaiserlich, russischen Luftwaffe  und stieg bis zum Rang eines Oberst beim polnischen Militär während der 1920er Jahre auf.

Hier eine Auswahl seiner wunderbaren Fotografien:
Weiterlesen

Neuere Griechische Kunst – Théodore Ralli & sein Bild von der Frau

Théodore Jacques Ralli - Der Kuss
Théodore Jacques Ralli – Der Kuss

Théodore Jacques Ralli (griechisch Θεόδωρος Ράλλης; * 16. Februar 1852 in Konstantinopel; † 2. Oktober 1909 in Lausanne; eigentlich Theodoros Jannis Rallis) war ein französischer Maler mit griechischen Wurzeln. Der Malstil seiner Genre- und Landschaftsbilder wird der französisch-akademischen Malschule des späten 19. Jahrhunderts zugeordnet. Er gilt als einer der bedeutendsten Maler des Orientalismus.

In unserer Galerie zeigen wir wie Ralli Frauen sieht – mehr als ein Spiegel der Zeit:Weiterlesen

Kinetogramm: Georges Méliès – Die Reise zum Mond – 1902

trennlinie2Die Reise zum Mond (Originaltitel: Le Voyage dans la Lune) ist ein Science-Fiction-Film des französischen Filmpioniers Georges Méliès aus dem Jahr 1902.

Georges Méliès (* 8. Dezember 1861 in Paris; † 21. Januar 1938 ebenda) war ein französischer Illusionist, Theaterbesitzer, Filmpionier und Filmregisseur. Méliès zählt zu den Pionieren der Filmgeschichte und gilt als Erfinder des „narrativen Films“ und der Stop-Motion-Filmtechnik.

Die Handlung:

Auf einem Kongress der Astronomischen Gesellschaft stellt Professor Barbenfouillis den Plan vor, mit einer von einer gigantischen Kanone abgeschossenen Kapsel zum Mond zu fliegen. Zwar erhebt ein Wissenschaftler zunächst Einspruch, doch fasst man einmütig den Entschluss zu dieser Reise und beginnt sofort mit den Vorbereitungen. Die sechs ausgewählten Astronauten begutachten den Zusammenbau der Kapsel und beobachten vom Dach des Institutes aus, wie die Kanone gegossen wird.

Endlich ist es soweit, dass die Astronauten mit ihren Regenschirmen die Kapsel besteigen können. Die Kapsel wird von einigen attraktiven Damen wie bei einem Hinterlader in die Kanone geschoben. Nach dem feierlichen Hissen der französischen Trikolore wird die Lunte an der Kanone angezündet und die Kapsel abgeschossen. Man sieht, wie sie sich dem Mond immer weiter nähert und die Kapsel letztlich im rechten Auge des Mondgesichtes landet. Danach landet die Kapsel noch einmal in der Mondlandschaft. Die Wissenschaftler verlassen die Kapsel und bewundern die bizarre Mondoberfläche und den Anblick der aufgehenden Erde.Weiterlesen