Kategorie: Kultur und Geschichte

unterwegs | Die Tempelanlage von Karnak | Ägypten

Der Riesentempel von Karnak

Der gewaltigste Tempelbau, mit dessen Abmessungen sich kein zweites Heiligtum vergleichen kann, ist der Tempel des Ammon zu Karnak, der am rechten Ufer des Nils den Ruinen des alten Theben gerade gegenüber liegt. Die ganze Tempelanlage bedeckt fast ein Quadratkilometer. Lange Alleen, die von riesigen Widdersphinxen eingesäumt sind, führen zum Ammontempel hin.

Seine Halle ist so ungeheuer groß, dass man bequem den ganzen Kölner Dom hineinstellen könnte. Aber seltsam! Trotz dieser Ausdehnung vermag der Raum doch kaum ein paar hundert Menschen zu fassen. Denn dicht gedrängt erheben sich in seinem Innern turmgleiche Säulen, die fast die ganze Halle ausfüllen. Einzelne der Säulen sind 25 Meter hoch und messen 10 Meter im Umfang.

Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library | Foto: Kofler | 1914
Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library|Foto: Kofler | 1914

In den Höfen sieht man gewaltige Steinkolosse, die Herrscher über längst versunkene Geschlechter teils in verzerrten Bildungen, teils in lebensfrischen Wiedergaben darstellen. Die Denkmäler sind so fest gefügt, dass es weder dem Ansturm der Zeit, noch den wechselnden Völkern, die daran vorübergezogen sind, den Assyrern, Persern, Griechen, Römern und Sarazenen gelungen ist, sie zu vernichten. Selbst den Erdbeben haben die steinernen Türme Widerstand geleistet. Nur die Nasen und Bärte sind abgeschlagen, sonst aber lächeln diese steinernen Gesichter unverändert über Jahrtausende hinweg noch bis in unsere Zeit hinein.

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Die Karnak-Tempel liegen als größte Tempelanlage von Ägypten in Karnak, einem Dorf etwa 2,5 Kilometer nördlich von Luxor und direkt am östlichen Nilufer. Die ältesten heute noch sichtbaren Baureste des Tempels stammen aus der 12. Dynastie unter Sesostris I. Bis in die römische Kaiserzeit wurde die Tempelanlage immer wieder erweitert und umgebaut.

Die Tempelanlage steht seit 1979 zusammen mit dem Luxor-Tempel und der thebanischen Nekropole auf der Liste Weltkulturerbe der UNESCO.

Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0
Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0

Nach der Erhebung Amun-Res von Theben zum Lokalgott und später zum Reichsgott begannen die Herrscher des frühen Mittleren Reiches mit dem Bau eines Tempels, der über Jahrtausende hinweg zum heutigen Tempelkomplex erweitert wurde, wo die Amun-Priesterschaft den täglichen Tempeldienst ausübte. Auch für die Gattin des Amun, die Göttin Mut, und für ihren gemeinsamen Sohn Chons wurden Tempel errichtet, zusammen bildeten sie die Triade von Theben. Neben diesen drei Göttern wurde auch dem Gott Month, der noch in der 11. Dynastie der Hauptgott von Theben war, ein Tempel geweiht.
In der altägyptischen Glaubenswelt besteht das Prinzip der kosmologischen Ordnung, dieses Prinzip wird als Maat bezeichnet. Da die Maat kein unveränderlicher Zustand ist und von den Menschen aus dem Gleichgewicht geworfen werden kann, ist es wichtig diesen Zustand zu erhalten, um Chaos und Vernichtung von der Welt fernzuhalten. Ein ägyptischer Tempel stellt ein Modell der Welt dar. Eine der obersten Pflichten des Königs war es daher das Gleichgewicht der Maat zu erhalten, dieses geschah im heiligsten Bereich des Tempels. Im Tempel wurden heilige Kulthandlungen (Opferdarbietungen, Gebete und Gesänge) durch den König oder den ihn vertretenden Hohepriester durchgeführt.

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

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Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

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Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe • Brief 4 • Konstantinopel • Süleyman I & Roxelane

Ein ReiseBrief an Ihre Mutter über den Palast des osmanischen Sultans Süleyman I, dessen  des Lieblingsgemahlin Hürrem Sultan, genannt auch Roxelane und die Haremsführung. Die Autorin Ida von Hahn-Hahn wird heute gern an zeitgeistigen, politisch-korrekten Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen. 

Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel'schen Weltchronik, Blatt 129v/130r - 1493
Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel’schen Weltchronik, Blatt 129v/130r – 1493

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe – Brief 4

4. An meine Mutter

Konstantinopel, September 9, 1843

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Ein Brief über den andren! – Immer denke ich: heute will ich das ganze Paket fortschicken, und immer lege ich noch ein Blatt hinzu. Heute, liebes Mamachen, könnte ich Dir wohl etwas Interessantes schreiben, denn ich war in der Sophien- und der Achmeds-Moschee; – allein zu flüchtig, und deshalb spare ich es mir auf. Ich muß durchaus die Sophia noch einmal mit Muße und noch mehr Moscheen überhaupt sehen. Du wunderst Dich wohl, wie mir dies so schnell gelungen ist, indem man dazu eines Firmans bedarf? Prinz Bibesko, der neue Hospodar der Walachei hat einen solchen, und sein Bruder, sein Gefolge, seine Landsleute benutzen ihn. Unter letzteren befindet sich ein liebenswürdiges Ehepaar, das in unserem Gasthof wohnt, und so machte es sich. Es war ein mächtiger Zug, alle Männer zu Pferde, einige auf sehr schönen mit goldgestickten Schabracken, andre auf Kleppern; ein Gewühl von Dienern, von Dolmetschern drum herum, denn jeder hatte den seinen mitgebracht, um über alles Auskunft haben zu können; andre Reisende, die sich ebenfalls anschlossen, als sie hörten wohin es ging; der Kawass allen voran. Das ist der Mann, den der Sultan als Wache bei solchen Gelegenheiten gibt, und den außerdem alle Gesandten haben, denn unter seinem Vortritt wird man respektiert.
Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnDie walachische Dame und ich, wir wurden trotz einigen Sträubens ehrenhalber in einem horriblen Wagen gesetzt, den man Coci nennt – (was die türkische Rechtschreibung betrifft, so lasse ich mich nicht auf sie ein, und schreibe nur wie ich die Worte verstehe) – das ist eine kleine gondelförmige Kutsche, die keine Federn – aber dafür vergoldete Gittertüren, keine Sitze – aber in allen vier Ecken einen ovalen Spiegel, keinen Schlag – aber eine rote Leiter hat. Auf dem flachen Boden, den ein wenig Stroh und ein dünner Teppich dürftig deckte, saßen wir lang ausgestreckt und schrieen Ach und Weh, denn wir fuhren nicht bedächtig nach türkischer Weise durch die holprigen Straßen, sondern europäisch im starken Trabe, um den Reitern nachzukommen, und ein Diener lief nebenher und hielt den Wagen an bedenklichen Stellen. Dafür hatten wir die Satisfaktion in einem vergoldeten, obzwar etwas schwärzlichen Wagen zu sitzen. Leider war unser gesamter Zug ein wenig zu tumultuarisch und ungeordnet. In die Sophia stürmten wir grade zwischen zwölf und ein Uhr, zur Zeit des Gebets, so daß wir gleich wieder fortgewiesen wurden. Der Kawass remonstrierte, aber umsonst! Ein alter Geistlicher hob wehklagend die Arme und rief »Allah! Allah!« – wir mußten fort. Ein Knabe wollte mich mit seinem Rosenkranz schlagen. Die Tochter meiner Mutter ist aber nicht geboren um sich schlagen zu lassen! Sie drohte so majestätisch mit ihrem Zeigefinger, daß der Bursche ganz erschrocken zurückfuhr – was mich sehr belustigte, da er doch schon zwölf, dreizehn Jahre alt sein mochte. Ich könnte es hier zu Lande auf die Dauer nicht aushalten – nicht die Verachtung ertragen, mit der der Muselmann auf den Giaur herabsieht. Ich bin nun einmal so: ist man fein artig, bin ich fein artig; ist man hochfahrend, bin ich zehnmal hochfahrender. Ich würde hier Händel haben. Als wir in unserem Coci dahin rasselten, blickten die türkischen Frauen neugierig hinein, und eine machte eine Pantomime verächtlichen Abscheus mit den Händen. In ein solches Land habe ich mich verstiegen! Nun, ich wollte die Türkei; dergleichen ist gewiß türkisch. – Also später von den Moscheen. – Unsre wilde Jagd durchsauste ein Gebäude, das wirklich in der äußern Architektur den idealistischen Vorstellungen entspricht, welche wir uns vom orientalischen Baustil machen: Sultan Mahmuds Grabmal ist feenhaft lieblich. Das Grabmal ist die große Angelegenheit der Orientalen. Es spricht sich darin das unabweisliche Bedürfnis des Menschen aus, über die Handvoll Jahre hinaus zu leben, die man das Leben nennt. Diese Sehnsucht nach Fortdauer hat allerdings einen zu materiellen Charakter, wenn man die ägyptischen Pyramiden, die kolossalsten aller Königsgräber betrachtet – das mag wohl sein! Aber hier nimmt sie doch eine gewisse geistige Wendung, und die rührt mich wo ich sie finde. Fast jeder der früheren Sultane hat eine Moschee erbaut, und seit Harun al Raschids Zeit war es ein Gesetz der Mohammedaner stets mit derselben eine Schule zu verbinden. Die osmanischen Sultane erweiterten es, stifteten Bäder, Wohnungen für arme Studierende, Küchen für Arme, Fontänen dazu, und erbauten zwischen diesen Wohltätigkeitsanstalten ihr Grab, das meistens aus einer Rotunde besteht. Die Gastfreiheit, die Pflege und Erquickung der Wanderer, ist ein Hauptgebot des Islams, so daß, wer einen Brunnen in der Wüste oder eine Fontäne in der Stadt stiftet, eine gute Tat getan hat, weil das Wasser im Orient etwas Seltenes und Köstliches ist. Sultan Mahmuds Grab ist nur mit einer Fontäne verbunden, aber es ist der graziöseste Bau in Konstantinopel! In der Mitte zwischen zwei achteckigen Pavillons steht eine runde Säulenhalle, die mit jenen beiden durch eine Galerie verbunden ist. Das Ganze ist um vier Stufen erhöht und besteht gleich diesen aus schneeweißem Marmor. Die Fensteröffnungen der beiden Pavillons, der Galerien, und die Räume zwischen den Säulen sind mit wunderhübsch gearbeiteten vergoldeten Eisengittern gefüllt, so daß Du an dem ganzen Bau nichts siehst, als Goldgewebe zwischen Marmor, und durch die Gitter hindurch, die Rosen-, Myrthen- und Jasminhecken des kleinen Gartens. In dem einen Pavillon steht Sultan Mahmuds Sarkophag; eine prächtige goldgestickte Samtdecke ist über den Sarg gebreitet, und sieben köstliche Shawls, vier gestreifte in allen Farben, und drei weiße à fond plein, liegen wiederum über der Decke. Der rote Fez mit blauem Quast und mit einer funkelnden Sonne von Diamanten, steht oben an dem Kopfende und um ihn herum, fast wie eine Krawatte, ist der achte Shawl gelegt, der schönste von allen, weiß mit zarten Blumengirlanden durchrankt. Eine Ballustrade von Perlmutter umgibt den Sarkophag. Noch einige in derselben Art, aber minder prächtig, kleiner, ohne Juwelen, Personen seiner Familie, Töchter, Schwestern enthaltend, befinden sich außerdem darin. Die Wände sind Marmor, und den Fries bilden Sprüche aus dem Koran, fußlange wunderliche, goldne Schriftzüge, die graziöseste Arabeske, auf grünem Grund – recht helles Apfelgrün; das ist die heilige Farbe, denn Mohammeds Farbe war grün wie der Erdball über den sie sich ausbreiten wollte. Der Fußboden ist mit einer feinen Strohmatte bedeckt. Aber etwas Unpassendes und Geschmackloses durfte nicht fehlen! Die Wölbung der Kuppel ist mit häßlichen, schreienden Farben ausgemalt, und zwei große braune Wanduhren stehen neben der Tür und gehen – auf dieser Stätte wo die irdische Zeiteinteilung ihre Wichtigkeit verloren hat.

Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. - Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. - Nach 1560
Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. – Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. – Nach 1560

Der andere Pavillon ist ein Kiosk – Gartenhaus – des Sultan. Die Halle in der Mitte ist über dem Quell errichtet, und fünf goldne Gitter zwischen Säulen schließen sie nach der Straße ab. An jedes dieser Gitter sind vier goldne Tassen mit goldnen Ketten befestigt, und jeder der trinken will reicht eine Tasse in die Halle hinein, wo ein Mann den ganzen Tag beschäftigt ist eine goldne Kanne am Quell – und aus ihr die Tassen der Durstigen zu füllen. Zum Dank soll man ein Gebet für Sultan Mahmuds Seele sprechen. Ich habe Dir dies kleine Monument so ausführlich beschrieben, weil es das erste ist, das ich im Geist wie in der Ausführung vollkommen orientalisch gefunden. In ganz Europa sah ich nichts, das auch nur mit einer Ahnung hieran erinnert hätte.
Ich sagte vorhin etwas Geschmackloses dürfe nicht fehlen, und das ist nicht unwahr. Dies Geschmacklose ist immer das Europäische: ein fremdartiges Element, das sich eingedrängt hat und nun seinen Platz behauptet – gleichviel wo. Wir besahen unter dem Schutz des Firmans auch die hohe Pforte, den Palast des Großwesirs, in welchem die Staatsgeschäfte besorgt werden. Der Name rührt daher: die alten morgenländischen Könige saßen zu Gericht, um einem jeden zugänglich zu sein, vor dem Tor ihrer Städte oder Wohnungen. Der Morgenländer, mit seiner Vorliebe für vergleichende Bilder, stellt sich den komplizierten Staat als ein Gebäude vor, dessen Ein- und Ausgang der Sultan beherrscht gleich jenen alten Königen; und daher für den ganzen Staat die kurze Bezeichnung Pforte. Die Versammlung des osmanischen Staatsrates heißt Diwán, d. h. Dämonen, Genien, weil den Staatsräten dämonische Klugheit und Tätigkeit beiwohnen soll. Auch die Gedichtsammlungen heißen Diwán, weil man voraussetzt, daß der Genius sie beseelt. Jener Palast der hohen Pforte ist ganz neu erbaut von Stein, mit Säulen und Freitreppen von weißem Marmor. Die innern Treppen, und alle Gänge und Fußböden sind mit feinen Strohmatten bedeckt, auf denen man leise und leicht, sehr angenehm geht. Die Zimmer sind meistens groß. Dem Eingang gegenüber sind die Fenster – eine wahre Fensterwand, wie in Treibhäusern – und unter ihnen zieht sich das Sofa hin, das aus einzelnen breiten Polstern zusammengesetzt wird, und mit schönen Stoffen von Seide, mit Gold, Silber oder Samt durchwirkt, überzogen ist. Außerdem befinden sich in ein Paar Zimmern ziemlich mittelmäßige Spiegel, und in den übrigen nichts – aber auch gar nichts. Das könnte nun etwas durch Einfachheit Grandioses haben, wenn nicht die Wände wie von schlechten europäischen Stubenmalern mit Landschaften bepinselt wären, die kleinlich und hart, unter den versilberten und vergoldeten Plafonds doppelt ärmlich, die Augen des Fremden immer auf sich ziehen, weil sie in so grellem Kontrast mit allen Umgebungen sind.
Im Saal wo der Staatsrat gehalten wird, befindet sich in der einen Wand ein goldnes Gitter, das so aussieht, als ob es eine Loge verschlösse. Hinter diesem Gitter, auf einem rosenfarbenen Sofa unter silbernem Baldachin, wohnt der Sultan ungesehen den Sitzungen des Diwan bei. Es war glaube ich Suleiman der Große (1520 – 66) der auf diese Weise den Diwan belauschen und kontrollieren wollte, und später fanden es die Sultane bequem, und überließen ganz und gar den Vorsitz im Staatsrat den Großwesiren, so daß diese herrschten, nicht jene. Sultan Mahmud, in dem wenigstens der Trieb nach Tüchtigkeit war, soll wieder in eigener Person den Vorsitz übernommen haben. Allein Sultan Abdul-Medjid wird von seinem Harem wie von einer tausendköpfigen Hydra zu fest umschlungen um dem Beispiel seines Vaters zu folgen, und die Sultanin Walidé ist dem alten Zustand der Dinge geneigt, und hat großen Einfluß auf ihn. Das Weiberregiment ist hier nichts Neues. Die Sultanin Chasseki (Günstlingin) und Walidé (Mutter) – eine Sultanin-Gemahlin gibt es nicht, denn der Sultan hat nur gekaufte Sklavinnen, die sich durch Schönheit, Intrige, Geburt von Söhnen, zur Günstlingin und zuweilen zur einzigen Günstlingin emporschwingen – nun, jene zwei Klassen von Sultaninnen haben oft genug vom Harem aus das Reich gelenkt. Und nicht bloß unter schwachen Regierungen und in Zeiten des Verfalls, wie z. B. die reizende Venezianerin Baffa, Murads III. – und die hochsinnige Griechin Kössem, Achmeds I. Günstlingin, die beide im siebzehnten Jahrhundert ihre Gewalt mißbrauchten, und beide in Empörungen erwürgt wurden. Sondern auch Suleiman I., der Große, der Eroberer, der Gesetzgeber, war so ganz in den Fesseln seiner geliebten Russin Roxelane, daß er seine zwei Söhne von einer anderen Sklavin ermorden ließ, um dem ihren den Thron zu sichern. Vielleicht muß man als Sklavin so viel Ränke, Liste und Künste üben, daß man allendlich unzerreißbare Netze zu weben versteht, auf deren Schlingung man in freieren Verhältnissen nicht so eingeübt wird. Ich kann mir vorstellen wie ein Harem das Brutnest aller bösen Eigenschaften wird, deren Keime im Charakter des Weibes schlummern. Immer von Nebenbuhlerinnen umgeben, immer bewacht und umringt von diesen Scheusalen, den Eunuchen, immer unbeschäftigt, muß Eifersucht, Neid, Bitterkeit, Haß, Lust an Ränken, grenzenlose Gefallsucht als helle Flamme aufschlagen. Man will die gehaßten Nebenbuhlerinnen besiegen – das liegt in der Natur jedes Weibes! Und sage man immerhin, daß die Orientalinnen an den Harem gewöhnt sind und daß Gewohnheit alles erträglich, ja leicht mache, so ist das eine von den vielen halbwahren, abgebrauchten Phrasen. Ja, sie treten in das Joch des Harems, und dessen Form ist ihnen zur Gewohnheit geworden; aber gegen den Inhalt sträubt sich ihr Instinkt – ich will nicht sagen ihr Bewußtsein, denn das mag bei wenigen erwachen – nur der Instinkt, der unabweisliche, allmächtige. Da keine Geistes- und Seelenbildung ihn bändigt und regelt, wie sollte es da nicht zu den heftigsten Ausbrüchen, zu den tiefsten Gemeinheiten, zu den größten Grausamkeiten kommen. Der Harem ist die wahre Anstalt um den Charakter der Frau zu verderben, und es ist wohl schade, daß er für europäische Augen mit undurchdringlichen Scheiern umgeben ist. Denn ich hoffe zwar einen Harem zu besuchen, damit ich türkische Frauen unverschleiert, im eigenen Hause, und zugleich ihr Benehmen gegen Fremde sehe; aber wie es für alle Tage darin zugeht, wie die Weiber sich untereinander vertragen, wie weit die Herrschaft der rechtmäßigen Frau – denn außer dem Sultan haben die Türken eine oder ein paar rechtmäßige Frauen – über die Sklavinnen sich erstreckt, die doch auch bei dem Herrn zur Ehre der Günstlingschaft gelangen: das bleibt ein Rätsel! Vielleicht verbirgt es traurige und böse Geheimnisse! – In jedem Fall ist eine Frucht aus dem Harem erwachsen, die wesentlich dazu beitrug den Verfall des Reichs herbeizuführen, nämlich die Prinzenerziehung, oder eigentlich ihre Existenz in demselben. Um Bruderkriegen, Familienzwisten und Empörungen von Verwandten vorzubeugen, machte Mohammed II. die Hinrichtung von Brüdern und Verwandten bei der Thronbesteigung eines Sultans zum Staatsgesetz. So ließ Selim I. bei der seinen, 1512, zwei Brüder und fünf Neffen umbringen; so Mohammed III., 1595, neunzehn Brüder! Gar nicht aus besonderer Grausamkeit, sondern höchst gelassen nach dem Gesetz. Sie sollten das Reich nicht beunruhigen. Als nach dem siebzehnten Jahrhundert die Zeit etwas weniger bluttriefend und gräuelvoll wurde, hielt man die Prinzen von der Wiege an im Harem, damit ihnen ehrgeizige und hochherzige Gedanken zwischen Eunuchen, Weibern und Sklaven gründlich ausgerottet wurden und der Herrscher nichts zu fürchten habe. Ihr Gemach im Harem hieß der Prinzenkäfig. Aus demselben ging der Thronfolger hervor, wenn der regierende Sultan starb, natürlich vollkommen unerfahren, ohne Kenntnis von Menschen, Dingen und Verhältnissen, ganz bereit auf dem Thron zu vegetieren, so wie die übrigen Prinzen im Käfig bis zum Ende ihres Lebens fortvegetierten. Sultan Abdul-Medjid ist auch im Harem aufgewachsen; sein Vater hat keinen tüchtigen Nachfolger haben wollen, heißt es. Auf diesem Boden kann nichts Starkes, ich möchte sagen nichts Gesundes gedeihen.
Durch eine Kaserne flogen wir auch, von der ich nichts behalten habe, als daß im Stall sehr miserable Pferde standen, durch die Münze, die im Bau begriffen ist und zu deren Einrichtung man die Maschinen und Instrumente aus England kommen läßt; und durch ein Arsenal, worin seltene alte Waffen, die kostbaren Schlüssel von den Toren Konstantinopels, und Handwaffen früherer Sultane aufbewahrt werden. Es war einst die Kirche der heiligen Irene, und Kreuzform und Kuppeln haben sich den neuen Anforderungen fügen müssen; das Grabmal des heiligen Johannes Chrysostomus befindet sich in ihr. Es liegt samt der Münze schon innerhalb der Ringmauern des Serai, und man versuchte auch tiefer vorzudringen; allein es hieß, die Gesellschaft sei zu zahlreich um das Innere besuchen zu dürfen. Das war mir sehr unangenehm, und doppelt, weil es für neun Zehntel dieser Gesellschaft wirklich gleichgültig gewesen wäre, ob sie es gesehen hätten oder nicht. Sie hätten höchstens Vergleiche darüber angestellt ob es verdiene dem Schloß von Windsor oder dem Palais royal oder einem anderen königlichen Palast an die Seite gesetzt zu werden, und nicht daran gedacht, daß dies eben das Serai der Großherrn sei, und auf demselben Platze stehe, wo ehedem der große Palast der byzantinischen Kaiser sich erhob. Nun, ich konnte sie nicht wegschicken, und muß auf eine andre günstige Gelegenheit warten.
Außer diesem Serai, das der Winteraufenthalt der Sultane, und mit crenelierten Mauern umgeben ist, über welche sich prachtvolle Zypressen erheben, gibt es noch verschiedene andere großherrliche Paläste zum Sommeraufenthalt bestimmt, den von Beglerbey auf der asiatischen Seite des Bosporus, von Bekschischtasch – der im Bau begriffen – und von Tschiragan, der eben vollendet ist auf der europäischen; ferner Paläste von Sultaninnen Tanten und Schwestern – wobei es einem sehr auffällt, daß nie von einem Palast für die Brüder oder Vettern die Rede ist, bis man daran denkt, daß diese Ärmsten, wenn man ihnen das Leben gönnt, im Prinzenkäfig leben müssen. Der Palast von Tschiragan steigt auf weißen Marmorstufen und mit einer langen Säulenhalle von weißem Marmor, leuchtend aus dem Bosporus empor. Er ist kein regelmäßiger Palast, sondern eine Agglomeration von zahlreichen, unter sich ganz verschiedenen Pavillons, die durch Galerien und Terrassen verbunden sind. Aber diese fantastische Unregelmäßigkeit gefällt dem Auge, weil der Baumeister verstanden hat eine gewisse Harmonie, eine Übereinstimmung in das Ganze zu bringen. Und dann macht der weiße Marmor sich so schön zwischen dem blauen Vordergrund des Bosporus und dem grünen Hintergrund der aufsteigenden Hügel; und die beiden großen vergoldeten Eisengittertore sehen so imposant und zugleich so zierlich aus! Es kühlte meine Bewunderung etwas ab, daß ich erfuhr, dies wunderhübsche Gebäude sei von Holz, wie alle die der Großherr bewohnt. In der Ferne hält man es natürlich für Marmor. Als wir heute nah vorüberfuhren konnte man das Holz gewahr werden an den kleinen bunten Malereien, die auf einigen Pavillons angebracht sind, und an den allerliebsten spitzenähnlichen Galerien, welche sauber geschnitzt die Dächer von anderen umgeben. Der Holzbau ist hier der allgemeine. Man hält ihn für gesünder, weil der Bosporus feuchte Luft erzeugt, die in einem steinernen Hause – ohne Ofen, nach türkischer Sitte – der Gesundheit nachteilig sein würde; und bei den Erdbeben, die hier so häufig vorkommen, sind allerdings die leichten hölzernen Häuser weniger gefährlich.

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Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnIda Hahn-Hahn, eigentlich Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn (* 22. Juni 1805 in Tressow; † 12. Januar 1880 in Mainz). Die Adlige war eine deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin. Sie entstammt dem uradeligen Geschlecht der Hahn. Sie selbst benutzte mit Vorliebe den Doppelnamen „Gräfin Hahn-Hahn“.

Ida Gräfin Hahn-Hahn galt als eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit. Sie erfuhr Anerkennung von Literaten wie Eichendorff und Fontane, aber auch Ablehnung: Ihre manierierte und mit Fremdwörtern gespickte Erzählweise wurde persifliert – so vor allem in dem Roman Diogena ihrer Konkurrentin Fanny Lewald – und ihre elitäre aristokratische Haltung kritisiert. Heute wird sie gern an zeitgeistigen Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen.

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

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Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Cats Gedankenwelt: Monday Mania

It’s just another manic Monday …“, trällern die Bangles aus dem Radio; man spricht von „Montagsarbeit“, wenn etwas bei der Produktion gründlich schiefgegangen ist und überhaupt scheint das Wort „Montag“ eine wahre Depressionswelle auszulösen. Dabei vergessen wir oft, dass Glück keine Frage des Wochentags ist.

Wenn ich am Sonntagabend oder Montagmorgen meinen Facebook-Account öffne, springen mir gleich die neuesten Negativmeldungen entgegen. Grund dafür sind nicht etwa die europaweite Finanzmisere, der Syrienkrieg, die aktuelle Flüchtlingswelle oder der Klimawandel. Wobei, in gewisser Weise ändert sich das „Klima“ innerhalb der sozialen Medien schon. Findet man am Sonntagmittag noch typische Wochenendbeiträge und -Fotos wie das Picknick am Badesee oder Bilder aus dem Freizeitpark, alle mit Emojis wie „freudig“, „wunderbar“ oder „verliebt“ versehen.

"Arbeiten? Das habe ich doch letzte Woche erst gemacht ..."
„Arbeiten? Das habe ich doch letzte Woche erst gemacht …“

Das Online-Klima ändert sich, sobald der gefürchtete Wochenanfang, der Montag, Stunde um Stunde näher rückt. Auf einmal heißt es: „Wochenende! Komm zurück!“, „Monday sucks“ oder „Mist, schon wieder Montag“. Auch die Emojis zeigen einen Stimmungsumschwung zu „enttäuscht“, „frustriert“ oder „traurig“. Mir scheint, einmal in der Woche schwappt eine Montagsdepressionswelle über Deutschland. Auch wenn es mich selbst hin und wieder nervt, wenn ein entspannendes Wochenende wieder in eine neue (Arbeits-)Woche übergeht, gilt für mich jedoch die Devise: Montag ist, was du draus machst! Hier also ein paar positive Mantras gegen den „Montagsfluch“.

Montag ist auch nur ein Tag. Weiterlesen

Gaston Tarry & der Lösungsalgorithmus für Irrgärten

‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.
‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.

trennlinie2Der französische Finanzinspekteur Gaston Tarry (1843–1913) entdeckte 1895 folgenden Lösungsalgorithmus für Irrgärten:

Wenn du einen Gang betrittst, markiere den Eingang mit dem Wort Stopp. Betritt nie einen Gang, der mit Stopp markiert ist.

Betrittst du das erste Mal eine Kreuzung (daran erkennbar, dass an keinem Gang eine Markierung angebracht ist), markiere den eben verlassenen Gang mit dem Wort zuletzt.

Gibt es an einer Kreuzung Gänge, die keine Markierung besitzen, wähle einen beliebigen davon, um weiterzugehen.

Sollte es keine unmarkierten Gänge mehr geben, betritt den mit zuletzt markierten Gang.

Mit dieser Methode wird der Ausgang garantiert gefunden. Sollte der Irrgarten keinen Ausgang besitzen, wird jede Kreuzung besucht und jeder Gang genau zweimal beschritten (einmal in jede Richtung). Der Algorithmus hält dann wieder am Startpunkt. Die Methode von Tarry ist damit – anders als der Pledge-Algorithmus – auch geeignet, von außen in einen Irrgarten einzutreten und ein Ziel im Inneren zu finden. Der Algorithmus von Trémaux ist ein Spezialfall des Algorithmus von Tarry.

Kurt Tucholsky über Hans Paasche

Franz Mutzenbecher - Der weiße Rabe
Franz Mutzenbecher – Der weiße Rabe

Ein weißer Rabe

Im Verlag ‚Neues Vaterland‘ zu Berlin ist ein kleines Heft erschienen, das heißt: ›Das verlorene Afrika‹ und ist von Hans Paasche, Kapitänleutnant a. D. Ein Idealist, ein Wahrheitsfreund, ein weißer Rabe.

Paasche ist unten in den deutsch-afrikanischen Kolonien gewesen – und erzählt von der deutschen Kulturarbeit da unten, und davon, was er unter dieser Kultur gelitten hat, und endlich, endlich steht das erlösende Wort da: »Eine Änderung des Denkens tut not.« Haben wir das in der Revolution oft gehört?

Von den Kolonien ausgehend, behandelt Paasche nun dieses wilhelminische Deutschland, und man kann es nicht genug behandeln – nur nicht sanft. Man kann nicht oft genug wie Paasche sagen, daß alles, aber auch alles schief und schlecht in diesem Lande gewesen ist, soweit es sich zu einer – sagen wir: Geistigkeit manifestierte, Grade die gipsernen Ideale dieser nicht genügend zerstörten Welt müssen gänzlich entzweigeschlagen werden, ehe an die Errichtung neuer zu denken ist. Wir sehen doch täglich, wie die Leute an diesen alten Kriegervereinstiraden hängen – und grade um die geht es.

Paasche spricht vom Spuk ›Schwarz-Weiß-Rot‹. Der ist verdammt real. Heute noch. Und fast alle Leute glauben an Gespenster.

Paasche zählt auf, was da gespielt worden ist: die Roheit der herrschenden Macht, der Aberglaube an die geistliche Gewalt, die falsche und schlechte Ambition, die Welt zu beherrschen (ohne die Mittel, sie zu beherrschen – das war das Schlimmste), die mangelnde Intelligenz und die unerhörte Verbohrtheit dieses Volkes.

Beschmutze nicht dein Nest – wispert es, schreit es, dröhnt es. Wir könnens nicht mehr: Ihr habts reichlich besorgt. Und Paasches Name ist nicht Thersites, sondern Herkules im Augiasstall.

Wenn der gereinigt ist, dann mögt ihr wieder Kolonien aufmachen. Eher nicht.

    Quelle: Ignaz Wrobel
    Die Weltbühne, 04.12.1919, Nr. 50, S. 709.

Unsere Weltwunder – Das größte Theater der Welt

Das größte Theater der Welt

Kolosseum -"Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums - Rom (Italien) - Gemälde - 1552 - Maerten van Heemskerck (1498-1574) - Öl auf Holz
Kolosseum -„Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums – Rom (Italien) – Gemälde – 1552 – Maerten van Heemskerck (1498-1574) – Öl auf Holz

trennlinie2Viele Millionen Menschen haben während längst vergangener Jahrhunderte in dem Kolosseum zu Rom gesessen und den nach unserm Geschmack höchst barbarischen Schauspielen zugesehen, die in der ungeheuren Arena dargeboten wurden. Viel Menschenblut ist dort drinnen unter wütendem Beifall der Massen vergossen worden; noch größer aber war das Morden unter wilden Tieren. Als der Kaiser Titus den von Vespasian begonnenen Bau im Jahre 80 n. Chr. einweihte, fanden hundert Tage lang ununterbrochen Schaustellungen statt; hierbei allein verloren 5000 wilde Tiere ihr Leben.

Für die außerordentlichen Dimensionen dieses Baus, der an Stelle eines künstlichen Sees bei der goldenen Villa des Nero errichtet wurde, spricht nichts deutlicher als die Tatsache, daß er nach manchen Zerstörungen durch Unwetter, Blitzschläge und Erdbeben lange Zeit als Steinbruch gedient, daß der Palazzo di Venezia, die Cancelaria, Palazzo Farnese, der Ripetta-Hafen aus Steinen des Kolosseums errichtet wurden, und daß das gewaltige Gebäude doch heute noch in überwältigender Größe dasteht. Fast die Hälfte dieses Denkmals der römischen Größe zur Blütezeit des Kaisertums ist verschwunden, aber immer noch künden die erhabenen Reste die Großartigkeit dessen, was einst dort gewesen. Das Theater hatte vier gewaltige Geschosse aus Travertinquadern von fast 50 Metern Höhe. Der Umkreis des elliptisch geformten Baus beirägt einen halben Kilometer. 80 Eingangsportale, die in Bogenform zwischen den riesigen Tragpfeilern ausgespart waren, sorgten dafür, daß 85 000 Besucher bequem Ein- und Ausgang finden konnten. Alle Sitze waren mit Marmor belegt; von diesem Material ist heute kein Bröckelchen mehr vorhanden.

Neuere Ausgrabungen haben unter der Arena großartige maschinelle Theatereinrichtungen bloßgelegt. Man fand die Vorrichtungen, die das Anfüllen des Schauplatzes mit Wasser für die sehr beliebten Seeschlachten gestatteten, und auch die Käfige, in denen die wilden Tiere bis zu ihrem »Auftreten« untergebracht wurden. Alles zusammen zeigt, daß dieses Wunderwerk der Antike ebenso groß als Kunstleistung wie als zweckmäßig eingerichtetes Theatergebäude gewesen ist.

Die ältesten Klöster der Christenheit – St. Antonius und St. Paulus – Georg Schweinfurth

AntoniusKloster - Ägypten - Illustration: Stefan Otte
AntoniusKloster – Ägypten – Illustration: Stefan Otte

Kaum zweihundert Kilometer südöstlich von Kairo, aber in völliger Abgeschiedenheit und nur äußerst selten von Reisenden besucht, liegen unmittelbar zu Füßen der beiderseitigen Steilabstürze einer gegen das Rote Meer zu auslaufenden Ecke des östlichen Kalkplateaus die beiden berühmten Klöster St. Antonius und St. Paulus, die ältesten der gesamten Christenheit.

Als ein Teil jenes weitausgedehnten der Nummulitenformation angehörigen Plateaus, das der Nil auf seinem Laufe von Theben an durchschneidet und von der Hauptmasse auf der libyschen Seite absondert, bildet das die beiden Klöster voneinander trennende Gebirge einen bis über 1200 Meter ansteigenden Ausläufer. Nach Norden zu wird er von dem zehn Stunden breiten Uadi Arabah begrenzt, nach Süd-Osten dagegen tritt er vermittelst eines verworrenen Systems vorgeschobener Hügel und geradrückiger Abstufungen in Kontakt mit den nördlichsten Gliedern der sich längs der ganzen Westküste des Roten Meeres hinziehenden Kette von Porphyr-, Granit- und Dioritgebirgen. Von der Höhe dieses Plateau-Ausläufers, den die im Gebiete spärlich zerstreuten Hirten Galala nennen, verlaufen hauptsächlich nordwärts zum Uadi Arabah mehrere tiefe Taleinschnitte, die zwischen großartig pittoresken Felswänden hin und her gewunden, die Bergmasse in eine Anzahl unregelmäßiger Rippen gliedern, während diese auf der entgegengesetzten, nach Südwest verlaufenden Seite nur wenige Einschnitte zeigt und hier wie eine aus dem Gewirr der Vorhügel steil aufsteigende und zusammenhängende Mauer erscheint, ein Aussehen, das dem Kalkplateau auf seiner ganzen östlichen Begrenzung bis zur Stadt Keneh in Oberägypten, zukommt.Weiterlesen

Unsere Weltwunder – Der Nilstaudamm von Assuan

Der Nilstaudamm von Assuan

Benjamin Franck, picture taken by myself on nov 2005- Quelle: wikipedia - Gemeinfrei
Benjamin Franck, picture taken by myself on nov 2005- Quelle: wikipedia – Gemeinfrei

trennlinie2Als die Pyramidenbauer vor tausenden von Jahren die Steinblöcke aus den Randgebirgen des Nils brachen, um ihre mächtigen heiligen Bauten daraus zu errichten, da mißglückte ihnen wohl auch einmal die Formung einer Quader; sie ließen sie dann halb bearbeitet am Fuß des Gebirges liegen. Manch einer dieser Blöcke, behauen von Händen, deren Zeitalter längst unter dem Horizont der Geschichte versunken ist, manche Quader, die das Grab eines Pharao beschützen sollte, hat nun bei einem hochmodernen Bauwerk Verwendung gefunden. Die altehrwürdigen Steine haben aber dabei keinen unangemessenen Platz erhalten, denn was da von neuzeitlichen Europäern im Tal des ägyptischen Stroms erbaut worden ist, darf sich an Großartigkeit mit den Pyramiden beinahe messen; man könnte auch sagen, daß es sie an Nützlichkeit weit übertrifft, wenn dieser Vergleichsmaßstab hier angebracht wäre.

Der Nil ist noch heute, wie in den biblischen Zeiten, der Spender des Reichtums für Ägypten. Die modernen Produkte des sonnendurchglühten Landes, wie Baumwolle, Weizen oder Zuckerrohr, gedeihen nur da, wo das Wasser des Stroms Schlamm und genügende Feuchtigkeit hinträgt. Nun ist der Wasserstand des Nils außerordentlich wechselnd. Wenn in den Gebirgen seines innerafrikanischen Quellgebiets der Schnee schmilzt, wälzt der Fluß ungeheure Wassermengen dahin. Er tritt weit über seine Ufer, aber es konnte früher durchaus nicht alles Wasser der guten Monate ausgenutzt werden, sondern ein großer Teil rann in diesen Zeiten des Überflusses ungenutzt ins Meer. Wenige Monate später lagen dann weite Strecken verdurstet da und vermochten keiner Pflanze Leben zu spenden.Weiterlesen

Unsere Weltwunder – Die große Sphinx

Die große Sphinx

Franz von Stuck - Sphinx
Franz von Stuck – Sphinx

trennlinie2Geheimnisvoll lächelnd heute noch wie vor tausend Jahren ist in der Nähe der Pyramiden, mächtig in den Wüstensand hingelagert, die Kolossalgestalt der großen Sphinx zu sehen. Sie stellt einen Löwen dar, der den Kopf eines Königs trägt, des Pharao Chefren wahrscheinlich, der das Steinbild, ebenso wie die zweitgrößte der Pyramiden, erbaut hat. Die Sphinx ist 55 Meter lang, bis zum Scheitel 20 Meter hoch; die Breite des Antlitzes beträgt über vier Meter. Die Gestalt ist aus dem natürlichen Felsen herausgehauen, der freilich hier und da durch Einfügung passender Steine ergänzt werden mußte. Obgleich das Antlitz der Sphinx im Lauf der Jahrtausende stark gelitten hat, sodaß der Bart gänzlich, die Nase zum Teil fehlen, ist es doch noch heute von wundersamer Wirkung; der majestätische Blick dieses von allen Schauern ungeheurer Erlebnisse umwobenen Kolosses hat auf Erden nicht seinesgleichen.

Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.Weiterlesen

Sokrates und die Zeit in der er lebte – Felix Pirner

Akropolis mit dem Parthenon-Tempel - Nachbau
Akropolis mit dem Parthenon-Tempel – Nachbau

Geboren im Jahre 469 v.Chr. und gestorben siebzig Jahre später, also 399 v. Chr., hat Sokrates den Aufstieg wie den Niedergang seiner Vaterstadt Athen erlebt, den Reichtum der Feste, den Glanz der Bauten, den Ruhm der Flotte in den Zeiten des großen Staatsmannes Perikles, aber auch die dreißig Jahre des Peloponnesischen Krieges, Hunger, Pest, Niederlage im Krieg, Neid, Bosheit der Mitbürger und nachher die Willkür feindlicher Besatzungen. Sokrates hat dies alles mit dem Herzen erlebt. War doch sein binnen und Trachten stets nur dieser einen Stadt Athen zugewandt, die er nie verlassen hat, es sei denn gezwungen auf Feldzügen. Vater und Vorväter waren geachtete Bildhauer. Den gleichen Beruf hatte auch Sokrates. Man möchte sich ihn vorstellen unter den Gesellen des Meisters Phidias, an den Propyläen und am Parthenon-Tempel mitbauend und gestaltend. Doch zeigt Sokrates nirgendwo Künstlerehrgeiz. Nicht nur gab er den Beruf bald auf und stand den Tag über auf dem Markt, sich mit den Leuten zu unterhalten; er rühmte sich sogar, dem Beruf seiner Mutter zu folgen, die Hebamme war, und Hebammenkunst nannte er, was er da mit den Leuten auf dem Markte trieb. Er meinte nämlich, das Gute und Rechte liege in jedem Menschen drin, wie das Kind im Mutterschoß und müsse gleich diesem mit Hebammenkunst und gutem Willen ans Licht gebracht, ins Leben geboren werden.
Das beste Werkzeug dieser seiner Hebammenkunst dünkte Sokrates die Ironie, also eine schalkhafte Verstellung. Er tut so, als sei er ganz dumm und suche Belehrung, schiebt seine banal scheinenden Fragen wie im Brettspiel die Steine Zug um Zug weiter — bis plötzlich der andere merkt, er ist rings eingeengt und rettungslos geschlagen.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Generation P(rovisorium) und die Suche nach Perspektiven

Foto: PrivatWirtschaftsexperten, Politiker & renommierte Sozialforscher stimmen derzeit im Chor ein Lamento an, weil Deutschland die Heimat der niedrigsten Geburtenraten ist. Weil unsere Generation „Y“ anscheinend zu allem anderen Lust hat, außer die Demographiepyramide wieder ins Lot zu bringen. Als junge Frau, die ihren Zeitgeist mit am besten kennen sollte, und eine der „Beschuldigten“ möchte ich jedoch einmal provokant eine Gegenfrage stellen: Warum einer weiteren Generation ein Leben in der Warteschleife antun?

Die Schlagzeilen in den letzten Monaten haben viel Wirbel gemacht und gingen alle in die Richtung: „Niedrigste Geburtenrate in Europa! Schafft sich Deutschland ab?“ Zunächst einmal dürfen alle Weltuntergangspaniker, die gemütlich in ihren Ledersesseln in Präsidien, Glasbautenbüros und in luxuriösen Konferenzsälen sitzen und die vernichtenden Statistiken lesen, wieder Luft holen. Ein Aussterben der deutschen Bürger oder gar der Spezies Mensch ist angesichts der nachgewiesenen globalen Migration und Überbevölkerung ausgeschlossen. Korrekt ist jedoch: Es rappelt gewaltig im Rentenkarton jener, die gerade verzweifelt versuchen, neben ihrem eigenen (Über-)Leben jetzt und im Alter auch noch die Alterabsicherung der aktuellen Alten zu garantieren. Sie werden scheitern, sagen Experten voraus, und dabei haben sie nicht ganz unrecht. Bei dem aktuellen Verhältnis zwischen denen, die immer älter werden, den potenziell neu hinzukommenden zukünftigen Rentenabsicherern (oder auch: Neugeborenen) und denen, die aktuell zwischen diesen Polen eingequetscht sind und zu denen auch ich gehöre, ist früher oder später der große Knall zu erwarten.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Sozialer Disconnect

Wir sind es gewohnt, immer und überall vernetzt und niemals wirklich allein zu sein. Irgendwie ist man immer mit anderen in Kontakt – ob über soziale Medien, in einer Wohngemeinschaft, in der Familie oder im Kollegenkreis. Alleine irgendwo sein oder hingehen heißt oft: uncool sein und als Sonderling gelten. Dabei erfordert es eine Menge mehr Coolness und Mut, als sich ständig im Schutz der Gruppe zu bewegen.

Foto: Privat
Foto: Privat

Manche Menschen genießen das Alleinsein, sie finden dann „zu sich“, schätzen die Ruhe, die es bringt, auch mal nicht von anderen Individuen umgeben zu sein. Sie sind „sich selbst genug“, wissen etwas „mit sich anzufangen“, auch ohne externe Reize und Eindrücke. Ich bewundere diese Leute ein Stück weit, denn ich gehöre nicht dazu. Sich auf eigene Faust auf den Weg in eine fremde Stadt machen? Work and Travel irgendwo, wo einen keiner kennt? Oder auch nur, sich alleine irgendwo hinsetzen und einen großen Eisbecher oder ein Menü von der Mittagskarte bestellen, das Handy auslassen und einfach nur die Menschen beobachten, die geschäftig vorbeiströmen? Während die ersten beiden Beispiele mir vollkommen sinnlos erscheinen, weil ich mich wohl nicht einfach dazu überwinden könnte, ist das dritte zumindest eine Herausforderung.Weiterlesen

Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Drei Badende am Strand - Paul Gustav Fischer (1860 - 1394 )- dänischer Maler
Drei Badende am Strand – Paul Gustav Fischer (1860 – 1394 )- dänischer Maler

Der Sommer naht und so mancher Mann freut sich jetzt schon auf den Anblick kurzer Röcke, tiefer Ausschnitte und Shorts, die gerade so das Nötigste bedecken. Vielen Frauen hingegen gruselt es vor der heißen Saison und ihrer neuen „Kleiderordnung“ – und vor allem vor dem „Ganzkörperscan“, der ihnen nun ständig bevorsteht.
Am nächsten Wochenende soll es heiß werden, das sagt zumindest der Wetterbericht. Also raus mit den Sandalen, dem kurzen Kleidchen und der Hotpants? Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage ist eine Sache – das mit der knappen Bekleidung eine andere. Denn es wird sich auch diesen Sommer nicht jede Frau trauen, sich darin ungezwungen im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zu tun, ohne sich ständig begafft zu fühlen wie ein Tier im Zoo, ist wohl eine der größten Hürden, die den Meisten bald begegnen wird. Weiterlesen

Cat’s Couch: Wie ein angezogener Exot am FKK-Strand

Cat KolCarolin Kebekus hat einmal gesagt: „Mittlerweile kenne ich die Brüste von Micaela Schäfer besser als meine eigenen.“ Recht hat sie, finde ich, wenn ich mich nach Feierabend durch das Internet und durch Facebook klicke und mir mehr nackte Haut begegnet, als ich sie je am Strand sehen würde. Auch bemerkenswert: Es sind immer noch meist die Frauen, die sich ausziehen.

Es erscheint mir in etwa so sinnfrei wie „Panzer für den Frieden“ – der Trend, dass wirklich jede Frau, egal welchen Alters, welcher Ethnizität und welchen Körperbaus, derzeit der Meinung ist, nackte oder halbnackte Bilder ins Internet zu stellen. Als Kunst wohlgemerkt – oder als Zeichen gegen ein aalglattes Körperbild, das gefühlte 95 Prozent aller Frauen weltweit schlecht dastehen lässt und Selbstzweifel fördert. Einmal ganz schonungslos und offen gesagt: Ich habe ja eher selbst Zweifel daran, ob ein solcher Overload an nackten „Weibsbildern“ wirklich das Problem des Schönheits- und Perfektionsterrors in den Medien lösen kann. Oder ob die bunt bebilderte Aussage „Wir sind alle schön“ nicht noch mehr der Gleichung Frau + Körperlichkeit + Schönheit = Anschauungsobjekt Vorschub leistet.Weiterlesen

Cat’s Couch: Mauerblümchen – na und?

Foto: Privat
Foto: Privat

Graue Maus, Mauer-blümchen, nichts-sagend, Langweilerin … Es gibt viele abwertende Begriffe für Frauen, die nicht viel Aufwand darauf verwenden, im Mittelpunkt zu stehen und alle Augen und Ohren auf sich zu ziehen. Aber warum eigentlich so herablassend? Immerhin hat Unscheinbarkeit auch ihre Vorteile …

Jeder kennt die Menschen, die man eben kennen muss. Denn sie fallen auf wie bunte Hunde, kennen alles und jeden und ziehen die Aufmerksamkeit an wie das Licht die Motten. Wo eine Kamera ist, schauen sie hinein und geben ihr strahlendstes Lächeln, und auch bei auffälligen, besonders modischen Outfits sind sie ganz vorne mit dabei. Und der Rest? Der leistet auch Großes … nur in kleineren Schritten, und dort, wo es einen zweiten Blick benötigt. Etwas, das die „Showstars“ unter uns vielleicht nicht wissen – auch auf der Schattenseite lebt es sich angenehm und sogar zum Teil stressfreier.

Auf dem Beobachtungsposten. Menschen, die sich eher im Hintergrund aufhalten, sind zumeist gute Beobachter. Eine Frau kann viel über andere herausfinden, indem sie einfach deren Verhalten studiert und sich in aller Stille ein Bild davon machen kann. Dadurch kann sie eventuell auf längere Sicht eine clevere Strategie entwickeln, auf die ihre auf Außenwirkung bedachten Mitstreiterinnen oder Freundinnen nie gekommen wären.Weiterlesen

Cat’s Couch: Zeugen falscher Versprechungen

Cat's Kolumne - Foto: Katherina Ibeling
Cat’s Kolumne – Foto: Katherina Ibeling

Es gibt viele Gründe, warum Frauen das Bad oftmals mit mehr Shampooflaschen, Haarsprays und Schminksachen vollstellen, als sich ihre Männer logisch erklären können. Die gute Nachricht ist: Es existiert für die meisten „Regalhüter“ eine logische Erklärung. Die schlechte allerdings gleich hinterher – bis das „Woman Spreading“ im Badezimmer der Vergangenheit angehört, kann es noch lange dauern.

Das „Man Spreading“, also eine nicht gerade Platz sparende Sitzhaltung von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln, ist derzeit in aller Munde. Eher als selbstverständlich nimmt man aber hin, dass auch wir Frauen gerne mal mehr Platz einnehmen, als wir nach logischen Gesichtspunkten bräuchten – „Woman Spreading“ also. Das gilt vor allem für das heimische Badezimmer, und ja, da müssen sich viele von uns (natürlich mit Augenzwinkern) auch an die eigenen gepuderten Nasen fassen. Wer sich mit einer schönheits- und stylingbewussten Frau das Bad teilen muss, oder gleich mit mehreren, hat es nämlich überhaupt nicht leicht. Pragmatisch betrachtet haben viele von uns Frauen nämlich von allem zu viel – von Augen-Make-up bis hin zu Waxing-Streifen. Aber warum machen wir das eigentlich? Aus meiner Sicht als Frau gibt es dafür drei Hauptgründe.Weiterlesen

Cat’s Couch: Hypes und Trends

Foto: Katherina IbelingWer ein Mode- und Frauenmagazin aufschlägt oder „typische“ Webseiten für Frauen wie „gofeminin“ oder „Brigitte“ aufruft, dürfte glauben, dass wir Frauen uns wie ein Fähnchen immer dorthin drehen, wo der frischeste Wind weht. Was es damit auf sich hat, warum der Schein manchmal trügt und mancher Sturm auch einfach vorüberzieht, lest ihr in dieser Episode.

„Und, hast du auch schon 50 Shades of Grey gesehen? Wie fandest du den Film?“ Immer, wenn mich jemand fragt, verdreht meine innere böse Göttin genervt die Augen. Einerseits, weil ich diesen Buch- und Filmtitel einfach nicht mehr hören kann. Andererseits, weil ich doch eine „innere Göttin“ zitieren muss und nicht der Versuchung widerstehen konnte, mich durch einige Textpassagen, Rezensionen und Filmwebseiten durchzuklicken, um meine Neugier zu befriedigen. Viel Erleuchtung hat mir meine Neugierde nicht gebracht, und ich weiß immer noch nicht genau, warum ausgerechnet dieses Medienprodukt diesen Riesenerfolg feiert. Ich bin gerade immer noch ziemlich ratlos, und wahrscheinlich sind es viele Männer mit mir, die mehr oder weniger freiwillig in der letzten Woche die Primetime-Kinokarten für den Kassenschlager des Jahres bei einem Date bezahlt haben.

Aber es ist nicht einmal eine persönliche Abneigung gegen E.L. James oder ihre Vorstellung von romantischem Sadomaso, die mich so ratlos macht, auch nicht gegen die Darsteller im Film oder die Machart des Trailers. Fakt ist, ich scheine einfach kein Trendgespür zu haben, was die breite Masse anlockt, oder ich bin einfach nicht „Mainstream“ genug, diese Begeisterung zu teilen. Das ist nicht einmal Absicht, vermutlich hätte ich von dem Hype um den neuesten Skandal der Buchwelt niemals erfahren, wenn ich nicht zufällig das Radio zu einem passenden Kommentar eingeschaltet hätte und – neugierig wie eine Katze – eben danach gegoogelt. „Na komm, angucken kannst du es dir ja mal“, dachte ich und suchte mir eine Reihe von Leseproben aus dem Netz. Ich fühlte beim Lesen – nichts. Also, so gar nichts, was irgendwie schon gruselig ist. Normalerweise müsste ich doch zumindest sofort eine „Anti-Haltung“ entwickeln und mich über dies und das empören. Doch der einzige Eindruck, der blieb, war: „Hm, naja, Geschmäcker sind verschieden.“

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Die Marketingmaschine um den Überraschungsbestseller aus den USA läuft nun schon seit Jahren auf Hochtouren, und je länger sie läuft, desto mehr wird es selbst bekennenden Achselzuckern wie mir unmöglich, es zu ignorieren. Vor allem ist dies nicht der erste Hypertrend, bei dem es mir so geht. Auch die „Ideenvorlage“ für E.L. James, Stephanie Meyers „Twilight“-Trilogie, ging bis auf ein paar Parodien komplett an mir vorbei, ehe ein Ausweichen durch ständige Onlinebanner und Filmplakate unvermeidbar wurde. Als jemand, der anderweitig im PR-Bereich angesiedelt ist, weiß ich, dass natürlich der „Herdentrieb“ bei diversen Trends geschürt wird, bemerke aber auch, an welchem Punkt es für Nicht-Fans einfach nur noch nervig wird.

Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, jemals absolut „Fan“ von etwas gewesen zu sein, außer, dass ich die Musik der Spice Girls früher super fand. Oder bestimmte Musikrichtungen. Dass man eine Helpline für Take That- Boygroupies einrichten musste, als diese sich auflösten, fand ich schon als Teenie eher befremdlich; als Erwachsene wundere ich mich jetzt, dass Heidi Klum immer noch Tausende „Meeeeedchen“ dazu bekommt, zu einem Massencasting zu kommen und sich vor aller Welt zum Affen zu machen. Und dass sich der Po von Kim Kardashian im Netz schneller verbreiten kann als jeder Trojaner, finde ich dann schon echt strange und frage mich, in welcher Freakshow ich eigentlich gelandet bin.

Vielleicht ticke ich doch eher wie ein Mann? Mir haben mal Männer erzählt, wie schnelllebig sie die ganzen Catwalk-, Beauty- und Modetrends finden, mit denen sich frau alle paar Wochen neu erfindet. Ich wette auch, die meisten Männer würden doof gucken, wenn man ihnen die neuen „Trend-Stellungen“ beim Sex in einem langen Artikel mit Gebrauchsanleitung präsentieren würde. Sprich: Vielleicht gehen viele Dinge einfach an ihnen vorbei, ohne dass sie auch nur Wind davon bekommen (bis auf Sport, Autos, Technik und Fußball natürlich).

Sind „Männer-Trends“ also einfach nur anders geartet als „Frauen-Trends“, und verbreiten sie sich auch so schnell wie jeder Erkältungsvirus in der Straßenbahn? Bei uns Frauen scheint es jedenfalls, als seien viele von uns Fähnchen im Winde, die sich in Richtung der frischesten Brise drehen. Womöglich geht es darum, „mitreden“ zu können und einfach mit dem Schwarm in die Richtung zu schwimmen, die am meisten Komfort und Sicherheit verspricht. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Marketing für Produkte des täglichen Lebens immer eine Zielgruppe hat. Betrachtet man gängige Zeitschriften und Internetseiten für Frauen, ist offensichtlich, wie der Hase oder auch das Bunny läuft. Mode muss her; Schuhe müssen her; Beautyprodukte müssen her; und natürlich alles, was Romantik und Sex verspricht. Und zwar schnell. Es ist quasi unmöglich, sich dem komplett zu entziehen, es sei denn, man kappt alle Verbindungen zur Außenwelt und lebt als Einsiedler. Dann sind viele von uns natürlich auch „neu-gierige“ Wesen und schnell für Emotionen zugänglich, es mag natürlich auch entsprechende Männer geben – und ich habe hier nur drei mögliche Gründe von vielen genannt.

Bedeuten Trends denn immer etwas Schwaches? Nicht zwingend. Trends sind auch Innovationen, erneuern etwas, das überholt scheint. Gerade die, die den Anfang machen, die Trendsetter, haben beizeiten das Potenzial, Großes zu bewirken und Trendsetter kann jeder werden. Eigentlich. Denn einen eigenen Trend zu setzen, oder auch nur bestehende Hypes zu hinterfragen und sich bewusst eine Meinung zu bilden, erfordert Zeit, Mühe und Mut. Gesellschaftliche Trends oder auch „Mainstream“-Bewegungen konnten schon viel Gutes hervorbringen, die Abschaffung der Sklaverei und Geburtenkontrolle zum Beispiel. Aber sie können auch zu einer gefährlichen Tendenz werden, wenn sie sich gegen bestimmte Menschen richtet, zu weit nach rechts oder in eine fanatische Schiene abdriften. Die Worst Cases lernt man im Geschichtsunterricht. Es lohnt sich also, für Mann und Frau, Trends durchaus gut im Auge zu behalten oder sie auch einfach mal zu „liken“. Allerdings mit Maß und nicht rein wegen der Masse. Und um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, dem allerorten verbreiteten „Grey-Virus“: Er mag vielen ein lustvolles Fieber bereiten – doch auch er wird irgendwann fortgeweht, um einer neuen Luftströmung Platz zu machen.

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 4 – Einsame Jahre

Paracelsus - Wenceslaus Hollar
Paracelsus – Wenceslaus Hollar

Basel war die Stadt, in der Paracelsus am längsten sesshaft gewesen ist. Aber Ruhe ist ihm nicht beschieden. Wieder beginnt die Unrast des Wanderns. Theophrastus aber macht sich keine Sorgen, wie er weiter kommen und was er am morgigen Tag erfahren wird:
„Was geht die Zukunft des morgigen Tages den heutigen Tag an? Dieweil ein jeglicher Tag sich selbst trägt und es genug ist, dass er auf sich selb acht habe, auf die heutige Stund‘.“
Denn der Mensch, meint er, soll „den heutigen Tag in Sorge tragen, denn der morgige Tag tut ihm kein Schaden nicht, der Tod kommt nicht morgen, sondern heut'“.

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Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 3 – Allerorten Kampf

Paracelsus - Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.
Paracelsus – Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.

Wir sind im Jahre 1524. Paraceilsus nimmt seinen ersten Aufenthalt in Salzburg. Nahe der alten Kumpfmühle hat er sein Quartier. Viele Kranke gehen bei ihm ein und aus, aber auch Männer, die dem Magistrat nicht recht geheuer sind. Man hat sie in Verdacht, mit den aufständischen Bauern in Verbindung zu sein. Dreizack und Morgenstern, Dreschflegel und Bauernsense stehen allerorten auf gegen das Ritterschwert. Die Bauern wollen ihr Recht, ihr Recht auf Freiheit und den gerechten Ertrag der harten Arbeit ihrer Hände. Sie lehnen sich gegen die mächtigen und einseitig bevorzugten Adelsstände auf.Weiterlesen

Kurt Tucholsky – Der Mensch

Tucholsky in Paris 1928 - Fotorechte bei Sonja Thomassen
Tucholsky in Paris 1928 – Fotorechte bei Sonja Thomassen

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. 
Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.
Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 2 – Wanderer & Forscher

Hier lesen Sie Teil1 – Die Welt im Umbruch.

Theophrast von Hohenheim - genannt Paracelsus
Theophrast von Hohenheim – genannt Paracelsus

Immer treibt es Paracelsus wieder aus Schulstuben und Bibliotheken hinaus in Wiesen, Wälder, Einöden und Gebirge. Und immer sucht und forscht er, um der Natur die verborgensten Kräfte und Rätsel abzulauschen und etwas vom Geheimnis des Lebens aus ihnen zu erfahren. Ihm ist die Natur längst nicht mehr das unheimliche Grenzgebiet gegen das Gottesreich, das man fürchtet und besser nicht betritt. Ihm ist gerade die Natur erfüllt von Gotte geheimsten Kräften, ganz werdendes und sich wandelndes Leben Lockung und Hoffnung. Den Zeitgenossen ist dieser Forschertrie‘ unheimlich, unheimlich wie so vieles in dieser gärenden Zeit. Paracelsus aber hat unmittelbar aus der Natur sein tiefstes Wissen erfahren. Dieses Erfahren bedeutet für ihn im ursprünglichen Sinne des Wortes ein Erfahren, ein Durchfahren, Landfahren, bedeutet: Wanderschaft!Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 1 – Die Welt im Umbruch

Theophrast von Hohenheim - Paracelsus genannt
Theophrast von Hohenheim – Paracelsus genannt

1493 – Die Welt im Umbruch

Winterwinde fegen über kahle Äcker und den dichten Wald, worin eingebettet die Schweizer Ortschaft Einsiedeln liegt. Bald wird der Schnee jeden Laut in seine Traumdecke hüllen. Dann wird das Leben der Menschen noch abgeschiedener sein als sonst und nur spärlich die Kunde vom großen Weltgeschehen zu ihnen dringen. Nicht nur voll Frieden und Frommheit werden ihre Träume sein, sondern auch von bösen Geistern durchzogen; steigen doch in dieser abergläubischen Zeit aus jedem Winkel Dämonen, Teufel und Hexen auf. So in sich versponnen, merkt Einsiedeln kaum, wie die Welt sich anschickt, ihre mittelalterlichen Grenzen einzureißen. Es ist die Zeit der kühnen Welteroberer. In den mächtigen Stadtstaaten Italiens, in den deutschen Kontoren der Fugger und Weiser, in Rom, in Spanien und Portugal werden die Geschicke der neuen Zeit bestimmt. Ein Jahr ist es her, seit Christoph Columbus Amerika entdeckte, und eben erst hat er zum zweiten Mal die Segel gesetzt, gen Westen, nach Dominika, Portoriko und Jamaika.Weiterlesen

Lyrik | Christoph Martin Wieland | Wer jetzt im Dunkeln tappt

Wer jetzt im Dunkeln tappt, wird dann im
Lichtmeer schwimmen,
Und jeder Misston rein zum Klang der Spähren
stimmen…
Die ganze Schöpfung wird von ewigem Danke
erschallen,
Und, Du Unendlicher, wirst Alles sein in Allem.

Christoph Martin Wieland  | (Aus: Die Natur der Dinge)

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Christoph Martin Wieland

Christoph Martin Wieland (* 1733 in Oberholzheim bei Biberach an der Riß; † 1813 in Weimar, Sachsen-Weimar-Eisenach) war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber zur Zeit der Aufklärung.

Wieland war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet und der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar, zu dem er neben Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller gezählt wurde.(Quelle: wikipedia.de)

KEINER IST MIT SEINEM LOS ZUFRIEDEN – Bulgarisches Volksmärchen

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Esel, mit denen er sich sein Brot verdiente. Doch in einem harten Winter, als es kein Futter für die Tiere gab, musste er die Esel verkaufen. Den einen erstand ein Reicher und der andere kam zu einem Steinbrecher. So trennte das Schicksal die beiden Gefährten, die bis dahin unter einem Dach gelebt und alle Not miteinander geteilt hatten.
Eines Tages begegneten die Esel einander auf dem Markt und begrüßten sich lauthals. „I-a, i-a!“ schrie der Esel des Steinbrechers. „Wie geht es dir? Was hast du getrieben, seit uns der Bauer verkauft hat?“ Weiterlesen

Thomas von Aquin – Persönlichkeit – Ein Vorbild für Lehrer?!

Theodor_Schnell_dJ_Kanzel_Liebfrauen_Thomas_von_AquinEs ist gesagt worden, das Werk des heiligen Thomas sei das unpersönlichste des ganzen dreizehnten Jahrhunderts. In der Tat wird man in den dreißig Foliobänden der Opera omnia kaum einen unmittelbar persönlichen Zug entdecken — es sei denn, dass Luan gerade diesen Sachverhalt als Spiegel der Persönlichkeit zu deuten unternähme. Es sicher ein Zufall, aber doch ein kennzeichnender Zufall, dass von Thomas nur ein einziger, vor seinem Tode geschriebener Brief auf uns gekommen ist, ein Brief an den Abt von Monte Cassino. Dieser einzige Brief aber behandelt eine Textschwierigkeit aus Gregors Hiob-Kommentar und ist zu sehr wissenschaftliches Gutachten, als das er, wie Goethe sagt, »das Unmittelbare des Daseins aufbewahren« und offenbaren könnte.

Diejenigen allerdings, die Thomas persönlich gekannt haben, müssen gerade seinem unmittelbar menschlichen Dasein den ganz unbezweifelbaren Eindruck empfangen haben: dieser Mann mit der großen und aufrechten Gestalt, kräftig und sensibel zugleich; mit mächtigen Stirn; mit einer Hautfarbe, blinkend wie ein Weizenkorn; mit einem Antlitz, in dem das Feuer niemals erlischt; dieser Mönch, den man häufig allein, erhobenen Hauptes, mit großen Schritten meditierend die Gänge des Klosters auf und ab wandern sieht — dieser Mensch müsse ein Heiliger sein, von ungewöhnlichen asketischen Übungen und Kasteiungen wissen gleichwohl die Zeugen des Heiligsprechungsprozesses, von denen viele mit Thomas lange umgegangen sind, nichts zu berichten. Aber sie sagen: Thomas habe den Frieden geliebt; er sei karg gewesen gegen sich selbst und demütig und voll Güte gegen die anderen; er sei ein Liebhaber der Armut und sein Sinn ganz auf das Göttliche gerichtet gewesen.
Thomas.von.Aquin_180Vor allem ein Wesenszug wird von den mehr als dreißig Zeugen am häufigsten und oft an erster Stelle genannt: Der heilige Thomas muss ein Mensch gewesen sein von solcher Lauterkeit, Sauberkeit und Blankheit des Wesens, dass jeder, der mit ihm zusammenkam, in seiner Nähe so etwas zu verspüren schien wie eine frischere und kühlere Atemluft.
Als Thomas in der Einsamkeit der Burg San Giovanni fest gehalten wurde, versuchten seine Brüder auf mancherlei eise, ihn abzubringen von dem Entschlug, Bettelmönch zu werden.  Eines Tages also schickten die Brüder eine geschmückte Kurtisane zu Thomas hinein. Wir Wissen nur, dass er sie ziemlich unsanft vor dir Tür gesetzt hat. Aber cs scheint, als habe der Zwanzigjährige in diesen Augenblicken einen inneren Kampf von unheimlicher Gewalt in sich durchgefochten. Wilhelm van Tocco schreibt: Thomas sei sogleich danach auf der Schwelle seines Gemaches niedergestürzt und erschöpft in einen tiefen Schlaf gefallen; aus diesem Schlaf sei er erwacht mit einem lauten Schrei; er habe aber geschrien, weil ein Engel den Schlafenden gegürtet habe, um ihn so künftig unverwundbar zu bewaffnen gegen alle Versuchung zur Unreinheit; und diese Gurtung durch den Engel sei äußerst schmerzhaft gewesen. Dies alles habe Thomas gegen Ende seines Lebens seinem Freunde und Sekretär Reginald von Piperno erzählt.Weiterlesen

Ladinisch – Wenn Sprache singt – über das Südtiroler Trio Ganes

Können Sie Ladinisch? Ich eher nicht.
Auf einem Geschäftstermin in Zürich; es liegen zwei inspirierende Tage liegen hinter mir. Mein Gastgeber hat mir zum Abschied eine CD mitgegeben; für die lange Fahrt.  Während ich durchs Gebirge gen Norden fahre, lausche ich einer fremden Sprache: dem Ladinischen. Diese Sprache wird inzwischen nur noch von etwa 30 Tausend Menschen genutzt und ist vergleichbar mit dem Schweizer Rätoromanischen.  Der Name Ladinien bezeichnet ein geographisches Gebiet in den Dolomiten in Norditalien. Der Begriff wurde wahrscheinlich im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für das ladinischsprachige Gadertal geprägt.
Naturgemäß verstehe ich kein Wort und doch ist die jeweilige Stimmung angenehm eingängig.  Es ist das aktuelle Album der Südtiroler Band Ganes. Sie besteht aus den Schwestern und Cousinen Marlene und Elisabeth Schuen sowie Maria Moling. Marlene Schuen studierte Violine und Jazzgesang, Elisabeth Schuen absolvierte ein Studium als Opernsängerin und spielt wie ihre Schwester Geige. Maria Moling studierte in Klagenfurt Musik. Der Bandname hat übrigens seinen Ursprung in dem Mythos lokaler Sagengestalten. Aus den fließenden Rhythmen erheben sich ihre drei Stimmen; mal zart mal fröhlich, mal fordernd. Die Sprache eignet sich wunderbar für den Gesang; sie für sich genommen sehr melodisch. Weiterlesen

DE PROFUNDIS – Ein Essay von Walther Rathenau (aus 1920)

Ein Mensch spricht:
Ich bete.
Warum bete ich?
Ich will danken, preisen, verströmen. Ich will. Ich muss.
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr.
Nein, es ist nicht wahr. Ich will mehr.
Was will ich?
Ich will Leidesende. Ich will Glück, ich will Seligkeit.
Also kaufen will ich, werben will ich, bitten will ich, betteln will ich.

Was heißt das? Vorteil um leichte Mühe. Vorteil vor wem? Vor anderen, die ehrlicher und stolzer sind. Vorteil von wem? Von Mächten, die sich bereden, beschwatzen, bebetteln lassen.
Also bete ich aus Neid, aus Gier, aus Unehrlichkeit. Und solches Gebet soll erhört werden — darf erhört werden?
Ach, es ist wahr: selig sind die geistig Armen. Sie kennen den Zweifel nicht. Sie sind Kinder, man fragt nicht, man erhört sie. Doch ich bin nicht geistig arm. Ich will geistig arm sein. Ich will alles Wissen und Denken abtun. Ich will vergessen.
Ach! je heißer ich will, desto kälter empfinde ich, dass ich nicht geistig arm bin. Dass ich mich immer weiter von geistiger Armut entferne, dass ich den letzten Flaum der Naivität verliere. Weil ich mich ans Heil klammere, deshalb entgleitet mir das Heil.Weiterlesen

Das Wörterbuch – W wie Weiber

„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ Marie Luise Kaschnitz

DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION – Der Zug der Weiber nach Versailles
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Die Revolution geht weiter, die Teuerung nimmt zu. In der Nationalversammlung hat der Adel auf das Jagdrecht verzichtet, die Geistlichkeit auf den Zehnten. Es gibt keine Privilegien mehr, aber es gibt auch noch immer kein Brot. Und die Truppen flößen der Bevölkerung weiterhin Furcht ein.
Zu Anfang Oktober entsteht das Gerächt, Leibgarden des Königs hätten die dreifarbene Kokarde, die des Lafayette, in den Staub getreten und ersetzten sie durch die schwarze der Königin. Daraufhin marschieren siebentausend Aufständische, vor allem Weiber, auf Versailles zu.
Bei den Truppen, die für Ordnung und Sicherheit sorgen, dient ein junger Offizier der Palastwachen, Thiébault: 

Es kam der Befehl, das Volk daran zu hindern, nach Versailles zu ziehen, und kurz darauf erschienen etwa sechzig schreckliche Weiber, die mit lautem Geschrei verkündeten, sie wollten den König aufsuchen, und jeden aufforderten, sich ihnen anzuschließen. Beim Anblick dieser Furien, die aus der

Richtung des Palais-Royal kamen und deren Zahl und Betrunkenheit von Schenke zu Schenke wuchs und von denen einige Stöcke und große Küchenmesser schwangen, hatte ich, was mir an Leuten noch übrig geblieben war, unter die Waffen treten lassen; ich hatte mich kampfbereit vor dem Portal der Feuillants aufgestellt und fünf Mann, darunter einen Korporal, mit dem Befehl ausgeschickt, das Gesindel zurückzutreiben. Da dieser Befehl die Weiber nur aufbrachte, wurde mein Vortrupp ausgepfiffen und zurückgeworfen; ich ließ ihm aber sogleich durch den Rest meiner Truppe, welche die Rue Saint-Honoré sperrte, Hilfe zukommen und ging gegen die Weiber vor. Mit kräftigen Kolbenstößen oder Fußtritten, mit den Bajonetten, die wir ihnen in die Seite oder den Leib drückten, warfen wir sie über den Haufen und drängten sie unter Schlägen bis zum Schießstand von Saint-Roch zurück; Flüche und entsetzliche Drohungen ausstoßend, drängten sie sich dort zusammen.Weiterlesen

Das Wörterbuch – U wie Umgang

„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ Marie Luise Kaschnitz

Ein Wörterbuch-Roman inspiriert durch Marie-Luise Kaschnitz
Ein Wörterbuch-Roman inspiriert durch Marie-Luise Kaschnitz

U – wie Umgang

Mit dem umgehn, von dem man lernen kann.  Der freundschaftliche Umgang sei eine Schule der Kenntnisse und die Unterhaltung bildende Belehrung: aus seinen Freunden mache man Lehrer und lasse den Nutzen des Lernens und das Vergnügen der Unterhaltung sich wechselseitig durchdringen. Mit Leuten von Einsicht hat man abwechselnden Genuss, indem man für das, was man sagt, Beifall und von dem, was man hört, Nutzen einerntet. Was uns zu anderen führt, ist gewöhnlich unser eigenes Interesse: dies ist hier die höhere Art. Der Aufmerksame besucht häufig die Häuser jener großartigen Hofleute, welche mehr Schauplätze der Größe als Paläste der Eitelkeit sind. Es gibt Herren, welche im Ruf der Weltklugheit  stehen:  nicht nur sind diese selbst, durch ihr Beispiel und ihren Umgang, Orakel aller Größe, sondern auch die sie umgebende Schar bildet eine höfische Akademie guter und edler Klugheit jeder Art.
Balthasar GraciánWeiterlesen

Ein Wörterbuch-Roman

Ein Wörterbuch-Roman inspiriert durch Marie-Luise Kaschnitz
Ein Wörterbuch-Roman inspiriert durch Marie-Luise Kaschnitz

„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ Marie Luise Kaschnitz

Prosa  in Form eines Wörterbuches von A bis Z. – 
Je 5 Texte für jeden Buchstaben. Mit diesem Gedanken spielte Marie Luise Kaschnitz (MLK) in den frühen 1960er Jahren. Sie überlegte sich, wie sie ein neues Buch in Inhalt und Form gestalten könne.

In ihren Notizen stellte MLK immer wieder Überlegungen zu neuen Formen für Prosabücher  an. Eine Idee war, Texte ohne inhaltlichen Zusammenhang zueinander in einem Werk zusammen zu fassen. Dabei spielt es keine Rolle, woraus diese bestehen. Dies können Zitate sein, Zeitungsanzeigen, Textfragmente, offenen Fragen, Metaphern, Erinnerungen, Bilder oder, …. .
Als Titel dafür hatte sie „Tage, Tage, Jahre“ oder „Kraut und Rüben“ bzw. „Gott und die Welt“ notiert.
„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ (Steht noch dahin, GW III, 392)Weiterlesen

Spinnennetz voller Tautropfen

Gefangen im Netz

Alan Watts – Spinnennetz voller Tautropfen
Stellen Sie sich ein mehrdimensionales Spinnennetz voller Tautropfen vor. Jeder Tautropfen enthält die Reflexion aller anderen Tautropfen, und in jedem reflektierten Tautropfen ist auch die Reflexion dieser Reflexion enthalten – und so geht es endlos weiter. Dies ist das Bild der buddhistischen Vorstellung vom Universum.

(Buddhismus verstehen)

Henry David Thoreau

Henry_David_Thoreau“Das eine wenigstens lernte ich bei meinem Experimente: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ. Er wird mancherlei hinter sich lassen, wird eine unsichtbare Grenze überschreiten. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden oder die alten werden ausgedehnt und zu seinen Gunsten in freierem Sinne ausgelegt werden.”

Henry David Thoreau