Kategorie: Biografisches

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Ein biografischer Roman

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Goldmann Verlag

Yael Dayan - BuchCover - Goldmann
Yael Dayan – BuchCover – Goldmann

Obwohl es sich zweifellos um einen autobiografischen Bericht handelt, heißt die Hauptperson des Romans Ariel Ron.
Sie erinnert sich in Frankreich an die Zeit, in der sie (unter anderem) auch ihren Wehrdienst  in der israelischen Armee geleistet hat. Als Tochter aus guten Hause, dazu eigenwillig und begabt, hat sie den Armee-Massenbetrieb als übel empfunden. Aber Selbstdisziplin, gestützt durch persönlichen Stolz und eine, allerdings jugendlich etwas verfrühten Menschenverachtung, lässt sie mit Demütigungen und körperlichen Strapazen gut fertig werden. Sie avanciert schließlich zum Leutnant und wird Beste des Offizierslehrgangs. Als Truppenführerin bewährt sie sich erneut.
Außerhalb ihres knappen Eigenlebens im Rahmen des militärischen Reglements entfaltet Ariel Ron auf Urlaub eine rührige Tätigkeit als Männerfängerin. Sie, die an der Unnahbarkeit ihres bewunderten Vaters überaus leidet, versucht (halb und halb ersatzweise) mit weiblichen Listen wenigstens andere Männer als Liebhaber zu gewinnen und auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege auch kleinzukriegen.

Nach anfänglichen Teilerfolgen misslingt  ihr der kühl gefasste Plan, die Brüder Ned und Bill gegeneinander auszuspielen, woran ihr ganz besonders gelegen gewesen ist. Sie erleidet eine peinliche Niederlage und findet sich daraufhin erst recht allein und unglücklich.

Aus ihrer Niedergeschlagenheit und ihrem Trotz-Bedürfnis, noch finsterer als bisher die Rolle der Menschenverächterin und jugendlichen Bösen darzustellen, wird sie schließlich von einem älteren Mann namens Peter Brend befreit. Brend liebt sie mit überlegener Uneigennützigkeit. Weder ihre eigenen Versuche, ihn menschlich zu enttäuschen, noch die üble (wenn auch wahrheitsgemäße) Nachrede Neds und Bills können ihn beirren.
Dadurch  wird schließlich dem Mädchen Ariel Ron die Einsicht zuteil, dass es statt auf die Menschenverachtung eher auf die Menschenliebe ankomme. Insofern blickt ein neues Gesicht sie aus dem Spiegel an.

Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan - Fotograf unbekannt.
Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan – Fotograf unbekannt.

Leider wurde der Titel bei der Übersetzung stark verfälscht, denn Ariel Ron zieht ihrem Gewehr durchaus junge Männer vor.. Es ist ein elektrisierendes, aber völlig sauberes Buch.
Ihren Roman „Neues Gesicht im Spiegel“ hat Yael Dayan ihren Eltern gewidmet.  Die Widmung entspricht diesem neuen Gesicht, mit dem ausgestattet die blutjunge Autorin ihre Mädchenbekenntnisse niederschrieben hat. Die Handlung ist recht dürftig, nämlich kaum verknüpft, eher hintereinanderweg erzählt. Trotzdem zieht den Leser eine angenehme Spannung rasch durch den Roman.
Die innere Handlung ergibt sich aus den seelischen Schwierigkeiten Ariel Rons. Es sind keine mitleiderregenden Schwierigkeiten , weil die kleine Persönlichkeit dieses Mädchen dank praller Lebenskraft und ruheloser Intelligenz ihre Probleme sozusagen verlebt, statt sie zu bejammern.
Letztlich geht es ihr im ihren Vater. Nichts erstrebt sie mehr als seine Anerkennung, allerdings vergebens. Er bleibt unzugänglich in der bekannten rauhen Schale und unglaublich bedeutend – eine denkmalartige Sagenfigur, der man nicht einmal mit Anbetung oder Hass beikommt.
Einen weiteren Supermann bietet die junge Dayan in Peter Brend, dem älteren Herrn, der sie von ihren Jugenmädchenwirren erlöst. Er ist die Güte selbst, die Väterlichkeit in Person. Im Grunde ist er der kindlich erträumte Vater, den sie im leiblichen Vater schmerzlich vermisst. Auf der weiblichen Personenseite kann nicht eine den dargestellten Männern das Wasser reichen. Es geht – vermutlich auch wegen dieser Fixierung auf den Vater – vorwiegend um Männer, aber alles jugendlich aufrecht und straff und dabei weiblich zurückhaltend.

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Das Ganze hat eine Jugend, eine Frische und Ehrlichkeit, wie sie in der neuabendländischen Jugendliteratur so gut wie unbekannt ist. Deutlich sind die Naivität, die unerfahrene Schwarz-Weiß-Malerei, die anfängerische Erzähltechnik; ebenso deutlich die junge Begabung.

Das Besondere: das Mädchen hat ausnahmsweise über seine Entwicklungserlebnisse so geschrieben, wie Mädchen dergleichen wirklich durchmachen. Die Autorin hat dabei sowohl auf konventionelle Vertuschungen wie auf ebenso konventionelle Enthüllungen verzichtet. trennlinie2Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr
Originaltitel: New face in the mirror
Broschiert
Verlag: Goldmann, München (1967)
Sprache: Deutsch
ASIN: B00O0BZOGA

Nur noch antiquarisch erhältlich.

Peter Freestone – Freddie Mercury : Ein intimer Einblick von dem Mann, der ihn am besten kannte.

Buchcover der italienischen Ausgabe. Die ist schöner.
Buchcover der italienischen Ausgabe. Die ist schöner.

Es war keiner der Kumpel Freddie Mercurys, zumindest war dies nicht der Grund für seine Rolle im Leben der Queen-Frontmannes.
Er war eher sein persönlicher Assistent – loyaler und vertrauenswürdig. Sie lebten viele Jahre zusammen unter einem Dach – Garden Lodge – in einer Villa in Kengsington, südöstlich von London. Und es ist dieses Haus,
welches die Hauptrolle der ganzen Geschichte übernimmt.
Das Haus ist komplett nach den exklusiven  Geschmack des Sängers (nennen Sie ihn nicht Popstar, er würde sich maßlos ärgern) eingerichtet. Es ist fast jedes Detail im Buch beschrieben  – einschließlich einer Beschreibung der Probleme mit der Dusche.
Das Buch handelt auch von den Perioden in New York und Monaco und auch hier beschreibt der Autor genau dieHäuser in denen sie gemeinsam gelebt haben, aber jede der Geschichte beginnt und endet mit Garden Lodge.
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Lou Andreas-Salomé – Erinnertes an Sigmund Freud (1936) – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Als ich, aus einem Aufenthalt in Schweden heimwärts reisend, auf dem Weimarer psychoanalytischen Kongreß im Herbst 1911 vor Freud stand, lachte er mich für meine Vehemenz, seine Psychoanalyse lernen zu wollen, sehr aus, denn noch dachte niemand an Lehrinstitute, wie sie später des Nachwuchses halber in Berlin und Wien geplant wurden. Als ich dann, nach halbjährigem autodidaktischem Vorstudium, bei Freud in Wien anlangte, da lachte er mich, die Ahnungslose, noch herzlicher aus, da ich ihm mitteilte, außer mit ihm auch mit Alfred Adler, dem ihm inzwischen spinnefeind Gewordenen, arbeiten zu wollen. Gutmütig gab er das zu unter der Bedingung, daß weder von ihm dorthin, noch von dort in seinen Umkreis geredet würde. Diese Bedingung erfüllte sich so sehr, daß Freud erst nach Monaten meine Trennung von Adlers Arbeitskreis in Erfahrung brachte. Aber wovon ich berichten möchte, bezieht sich nicht auf irgendwelche Theorienbildung, denn auch die fesselndste würde mich nicht haben ablenken können von dem, was Freuds Funde enthielten. Eine Ablenkung davon hätte – wenn man sich sein »Finden« vorstellt weder ein blendendster Theoretisierer dieser Funde bewerkstelligen können, noch auch würde es geschmälert worden sein durch eine verunglückte oder unvollendete Theorie Freuds selber darüber, Theorien – und damals gab es noch im Werden begriffene – galten ihm als das unumgängliche Verständigungsmittel unter den Mitarbeitenden, und wo sie sich ihm bildeten, da zeigten sie selbstverständlich den Charakter seiner wissenschaftlich und personell auf exakteste Nüchternheit eingeschworenen Denkungsart.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé -Das Erlebnis Sigmund Freud – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Zwei einander sehr entgegengesetzte Lebenseindrücke sind es gewesen, die mich für die Begegnung mit Freuds Tiefenpsychologie besonders empfänglich machten: das Miterleben der Außerordentlichkeit und Seltenheit des Seelenschicksals eines Einzelnen – und das Aufwachsen unter einer Volksart von ohne weiteres sich gebender Innerlichkeit. Auf das Eine soll hier nicht zurückgegriffen werden. Das Andere war Rußland.
In Bezug auf den Russen hat man oft gesagt – und Freud selber tat es in der Zeit vermehrter Russenkundschaft, vor dem Kriege –, daß bei diesem »Material«, krankem wie gesundem, zweierlei aufeinandertreffe, was sich sonst weniger häufig gesellt: eine Simplizität der Struktur – und eine Befähigung, im einzelnen Fall redselig eindringend auch noch Kompliziertes aufzuschließen, seelisch Schwierigem Äußerung zu finden. Ganz ähnlich wirkte ja von jeher russische Literatur, und nicht nur bei ihren Großen, sondern noch hinabreichend bis in ihre Mittellage (die daran formlos wurde): letzte Grundaufrichtigkeiten reden fast kindhaft unmittelbar von Letztlichkeiten der Entwicklung, als wüchse diese hier direkter, unvermittelter aus Urhaftem empor zu Bewußtwerdungen. Denke ich an den Menschen, wie er mir in Rußland aufging, so begreife ich gut, was ihn solcher Weise für uns heute leichter »analysierbar« macht und was ihn zugleich sich selbst gegenüber aufrichtiger erhält: die Verdrängungsschichten bleiben dünner, lockerer, die sich bei ältern Kulturvölkern hemmend zwischen die Grunderlebnisse und deren Reflex im bewußten Nacherleben einschieben. Hieran läßt sich etwas leichter erklären, was der praktischen Analyse Haupt- und Kernproblem bildet: nämlich, wieviel vom infantilen Untergrund unser Aller das natürliche Wachstum dauernd bedinge und wieviel davon statt dessen krankhaftem Zurückrutsch diene, der von schon erreichtem Bewußtseinsniveau abfällt in unüberwundene Frühstadien.Weiterlesen

Karl Marlantes – Was es heisst, in den Krieg zu ziehn

Marlantes, Karl - Was es heißt, in den Krieg zu ziehn - arche
Marlantes, Karl – Was es heißt, in den Krieg zu ziehn – arche

Beschreibung
Kriege werden seit Menschengedenken geführt, doch nie zuvor wurden Soldaten in der westlichen Welt so gut ausgebildet wie heute. Dabei ist und bleibt der Krieg eine unvorstellbare Erfahrung – nur derjenige kann wahrhaftig Auskunft darüber geben, der ihn erlebt hat. Dreißig Jahre hat Karl Marlantes schwer an seiner eigenen Kriegserfahrung, die er in Vietnam machen musste, getragen – um sie jetzt mit seinen Lesern zu teilen.
In Was es heißt, in den Krieg zu ziehen beschönigt er nichts – und er verschweigt nichts. Ohne Rücksicht auf sich selbst und seine Leser erzählt er von Tapferkeit ebenso wie vom Töten; von der Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden, um noch Schlimmeres zu verhindern, und von dem einzigartigen Kick, der mit einem echten Kampfeinsatz einhergehen kann.
Auf diese Weise gelingt ihm dreierlei: zukünftigen Soldaten begreiflich zu machen, wozu sie sich verpflichten; Veteranen dabei zu helfen, mit dem Gesehenen und Getanen weiterzuleben; und Politikern und Militärs mit gnadenloser Klarheit vor Augen zu führen, was sie den jungen Männern abverlangen, die sie in den Kampf schicken. Das macht Was es heißt, in den Krieg zu ziehen zu einem ebenso großen wie wichtigen Buch, das uns alle angeht.

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Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 4 – Einsame Jahre

Paracelsus - Wenceslaus Hollar
Paracelsus – Wenceslaus Hollar

Basel war die Stadt, in der Paracelsus am längsten sesshaft gewesen ist. Aber Ruhe ist ihm nicht beschieden. Wieder beginnt die Unrast des Wanderns. Theophrastus aber macht sich keine Sorgen, wie er weiter kommen und was er am morgigen Tag erfahren wird:
„Was geht die Zukunft des morgigen Tages den heutigen Tag an? Dieweil ein jeglicher Tag sich selbst trägt und es genug ist, dass er auf sich selb acht habe, auf die heutige Stund‘.“
Denn der Mensch, meint er, soll „den heutigen Tag in Sorge tragen, denn der morgige Tag tut ihm kein Schaden nicht, der Tod kommt nicht morgen, sondern heut'“.

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Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 3 – Allerorten Kampf

Paracelsus - Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.
Paracelsus – Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.

Wir sind im Jahre 1524. Paraceilsus nimmt seinen ersten Aufenthalt in Salzburg. Nahe der alten Kumpfmühle hat er sein Quartier. Viele Kranke gehen bei ihm ein und aus, aber auch Männer, die dem Magistrat nicht recht geheuer sind. Man hat sie in Verdacht, mit den aufständischen Bauern in Verbindung zu sein. Dreizack und Morgenstern, Dreschflegel und Bauernsense stehen allerorten auf gegen das Ritterschwert. Die Bauern wollen ihr Recht, ihr Recht auf Freiheit und den gerechten Ertrag der harten Arbeit ihrer Hände. Sie lehnen sich gegen die mächtigen und einseitig bevorzugten Adelsstände auf.Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 2 – Wanderer & Forscher

Hier lesen Sie Teil1 – Die Welt im Umbruch.

Theophrast von Hohenheim - genannt Paracelsus
Theophrast von Hohenheim – genannt Paracelsus

Immer treibt es Paracelsus wieder aus Schulstuben und Bibliotheken hinaus in Wiesen, Wälder, Einöden und Gebirge. Und immer sucht und forscht er, um der Natur die verborgensten Kräfte und Rätsel abzulauschen und etwas vom Geheimnis des Lebens aus ihnen zu erfahren. Ihm ist die Natur längst nicht mehr das unheimliche Grenzgebiet gegen das Gottesreich, das man fürchtet und besser nicht betritt. Ihm ist gerade die Natur erfüllt von Gotte geheimsten Kräften, ganz werdendes und sich wandelndes Leben Lockung und Hoffnung. Den Zeitgenossen ist dieser Forschertrie‘ unheimlich, unheimlich wie so vieles in dieser gärenden Zeit. Paracelsus aber hat unmittelbar aus der Natur sein tiefstes Wissen erfahren. Dieses Erfahren bedeutet für ihn im ursprünglichen Sinne des Wortes ein Erfahren, ein Durchfahren, Landfahren, bedeutet: Wanderschaft!Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 1 – Die Welt im Umbruch

Theophrast von Hohenheim - Paracelsus genannt
Theophrast von Hohenheim – Paracelsus genannt

1493 – Die Welt im Umbruch

Winterwinde fegen über kahle Äcker und den dichten Wald, worin eingebettet die Schweizer Ortschaft Einsiedeln liegt. Bald wird der Schnee jeden Laut in seine Traumdecke hüllen. Dann wird das Leben der Menschen noch abgeschiedener sein als sonst und nur spärlich die Kunde vom großen Weltgeschehen zu ihnen dringen. Nicht nur voll Frieden und Frommheit werden ihre Träume sein, sondern auch von bösen Geistern durchzogen; steigen doch in dieser abergläubischen Zeit aus jedem Winkel Dämonen, Teufel und Hexen auf. So in sich versponnen, merkt Einsiedeln kaum, wie die Welt sich anschickt, ihre mittelalterlichen Grenzen einzureißen. Es ist die Zeit der kühnen Welteroberer. In den mächtigen Stadtstaaten Italiens, in den deutschen Kontoren der Fugger und Weiser, in Rom, in Spanien und Portugal werden die Geschicke der neuen Zeit bestimmt. Ein Jahr ist es her, seit Christoph Columbus Amerika entdeckte, und eben erst hat er zum zweiten Mal die Segel gesetzt, gen Westen, nach Dominika, Portoriko und Jamaika.Weiterlesen

Thomas von Aquin – Persönlichkeit – Ein Vorbild für Lehrer?!

Theodor_Schnell_dJ_Kanzel_Liebfrauen_Thomas_von_AquinEs ist gesagt worden, das Werk des heiligen Thomas sei das unpersönlichste des ganzen dreizehnten Jahrhunderts. In der Tat wird man in den dreißig Foliobänden der Opera omnia kaum einen unmittelbar persönlichen Zug entdecken — es sei denn, dass Luan gerade diesen Sachverhalt als Spiegel der Persönlichkeit zu deuten unternähme. Es sicher ein Zufall, aber doch ein kennzeichnender Zufall, dass von Thomas nur ein einziger, vor seinem Tode geschriebener Brief auf uns gekommen ist, ein Brief an den Abt von Monte Cassino. Dieser einzige Brief aber behandelt eine Textschwierigkeit aus Gregors Hiob-Kommentar und ist zu sehr wissenschaftliches Gutachten, als das er, wie Goethe sagt, »das Unmittelbare des Daseins aufbewahren« und offenbaren könnte.

Diejenigen allerdings, die Thomas persönlich gekannt haben, müssen gerade seinem unmittelbar menschlichen Dasein den ganz unbezweifelbaren Eindruck empfangen haben: dieser Mann mit der großen und aufrechten Gestalt, kräftig und sensibel zugleich; mit mächtigen Stirn; mit einer Hautfarbe, blinkend wie ein Weizenkorn; mit einem Antlitz, in dem das Feuer niemals erlischt; dieser Mönch, den man häufig allein, erhobenen Hauptes, mit großen Schritten meditierend die Gänge des Klosters auf und ab wandern sieht — dieser Mensch müsse ein Heiliger sein, von ungewöhnlichen asketischen Übungen und Kasteiungen wissen gleichwohl die Zeugen des Heiligsprechungsprozesses, von denen viele mit Thomas lange umgegangen sind, nichts zu berichten. Aber sie sagen: Thomas habe den Frieden geliebt; er sei karg gewesen gegen sich selbst und demütig und voll Güte gegen die anderen; er sei ein Liebhaber der Armut und sein Sinn ganz auf das Göttliche gerichtet gewesen.
Thomas.von.Aquin_180Vor allem ein Wesenszug wird von den mehr als dreißig Zeugen am häufigsten und oft an erster Stelle genannt: Der heilige Thomas muss ein Mensch gewesen sein von solcher Lauterkeit, Sauberkeit und Blankheit des Wesens, dass jeder, der mit ihm zusammenkam, in seiner Nähe so etwas zu verspüren schien wie eine frischere und kühlere Atemluft.
Als Thomas in der Einsamkeit der Burg San Giovanni fest gehalten wurde, versuchten seine Brüder auf mancherlei eise, ihn abzubringen von dem Entschlug, Bettelmönch zu werden.  Eines Tages also schickten die Brüder eine geschmückte Kurtisane zu Thomas hinein. Wir Wissen nur, dass er sie ziemlich unsanft vor dir Tür gesetzt hat. Aber cs scheint, als habe der Zwanzigjährige in diesen Augenblicken einen inneren Kampf von unheimlicher Gewalt in sich durchgefochten. Wilhelm van Tocco schreibt: Thomas sei sogleich danach auf der Schwelle seines Gemaches niedergestürzt und erschöpft in einen tiefen Schlaf gefallen; aus diesem Schlaf sei er erwacht mit einem lauten Schrei; er habe aber geschrien, weil ein Engel den Schlafenden gegürtet habe, um ihn so künftig unverwundbar zu bewaffnen gegen alle Versuchung zur Unreinheit; und diese Gurtung durch den Engel sei äußerst schmerzhaft gewesen. Dies alles habe Thomas gegen Ende seines Lebens seinem Freunde und Sekretär Reginald von Piperno erzählt.Weiterlesen

Kaiser Gallienus – ein sonderbares Genie

Zwischen Christentum und alter Religion stehend, seinen Vater hassend und sein Weib liebend, eine Persönlichkeit ersten Ranges, ganz Individuum und gar nicht Schablone, so war Gallienus. Er ist einer der Großen der römischen Geschichte. wenn wir auch nicht all zuviel von ihm wissen. 

GallienusGallienus (218 – 268 n. Chr.) war ein genialer Mensch und ein schlechter Sohn. Er saß in Rom und tat nichts, um seinen Vater Valerian aus der persischen Gefangenschaft zu befreien. Er schickte nicht einmal Gesandte zum Perserkönig, um die Befreiung seines Vaters zu erbitten oder um dessen Los zu lindern. Im Gegenteil, er freute sich, dass er diesen ernsten und strengen Vater los war. Beim Triumphzug aus Anlass der zehnjährigen Wiederkehr seiner Thronbesteigung ließ er Männer Perserkleidung anlegen, so, als ob sie Perser-Gefangene wären. — Einige Komödianten bewegten sich durch ihre Reihen, als ob sie jemanden suchten. Wenn man sie über ihr Tun befragte, antworteten sie: »Wir suchen den Vater des Kaisers« Gallienus ist eine ganz, eigentümliche Gestalt der römischen Geschichte. Er gab die christenfeindliche Politik seines Vaters sofort und vollkommen auf. Er wurde fast ein Freund der Christen. Darum haben die Anhänger des alten römischen Glaubens diesem Kaiser in der Erinnerung wenig gute Züge belassen. Von christlicher Seite wurde er dagegen mit all den Vorzügen geschildert, die er wohl auch wirklich besaß.Weiterlesen

Tokyo Vice – Jake Adelstein – Rezension von Bettina Schnerr

Tokyo Vice, Cover, Riva Verlag

Kurzbeschreibung

Jake Adelstein ist der einzige westliche Journalist, der jemals als Polizeireporter in Japan arbeiten durfte. Er berichtete viele Jahre über die dunkle Seite Japans, wo Erpressung, Mord, Menschenhandel und Korruption ebenso häufig vorkommen wie Ramen-Nudeln und Sake. Doch als er seinen letzten Knüller landen wollte, stand er Japans berüchtigtstem Yakuza-Boss plötzlich persönlich gegenüber. Da ihm und seiner Familie der Tod drohte, gab er auf … vorübergehend. Dann schlug er zurück. In seinem Buch erzählt Adelstein, wie aus einem unerfahrenen Jungreporter (dessen Wing-Chun-Kampf mit einem älteren Kollegen nicht sein einziger Anfängerfehler war) ein wagemutiger Enthüllungsjournalist wurde, auf den die Yakuza ein Kopfgeld aussetzte. Mit seinen lebendigen, emotionalen Geschichten aus der Welt der modernen Yakuza, von der selbst Japaner wenig wissen, ist Tokyo Vice von der ersten bis zur letzten Zeile ein ebenso faszinierendes wie informatives Buch und ein einzigartiger, aufschlussreicher Bericht aus erster Hand über die Schattenseiten der japanischen Kultur.Weiterlesen

DE PROFUNDIS – Ein Essay von Walther Rathenau (aus 1920)

Ein Mensch spricht:
Ich bete.
Warum bete ich?
Ich will danken, preisen, verströmen. Ich will. Ich muss.
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr.
Nein, es ist nicht wahr. Ich will mehr.
Was will ich?
Ich will Leidesende. Ich will Glück, ich will Seligkeit.
Also kaufen will ich, werben will ich, bitten will ich, betteln will ich.

Was heißt das? Vorteil um leichte Mühe. Vorteil vor wem? Vor anderen, die ehrlicher und stolzer sind. Vorteil von wem? Von Mächten, die sich bereden, beschwatzen, bebetteln lassen.
Also bete ich aus Neid, aus Gier, aus Unehrlichkeit. Und solches Gebet soll erhört werden — darf erhört werden?
Ach, es ist wahr: selig sind die geistig Armen. Sie kennen den Zweifel nicht. Sie sind Kinder, man fragt nicht, man erhört sie. Doch ich bin nicht geistig arm. Ich will geistig arm sein. Ich will alles Wissen und Denken abtun. Ich will vergessen.
Ach! je heißer ich will, desto kälter empfinde ich, dass ich nicht geistig arm bin. Dass ich mich immer weiter von geistiger Armut entferne, dass ich den letzten Flaum der Naivität verliere. Weil ich mich ans Heil klammere, deshalb entgleitet mir das Heil.Weiterlesen

Kaufmann des Königs – Jacques Coeur und seine Welt

Jacques Coeur - Ölgemälde - undatiert
Jacques Coeur – Ölgemälde – undatiert

Jacques Coeur (ca. 1395—1456) hatte Genua im Jahre 1447 mit Hilfe der ligurischen Familien Fieschi und deren Mitstreiter – darunter Kolumbus‘ Vater Domenico und dessen Bruder Antonio – für René von Anjou eingenommen. Dieser Kaufmannssohn aus Bourges war Hoflieferant des französischen Königs und deshalb an Luxusgütern wie Edelmetallen, Seide, Gewürzen und Heilmitteln aus dem Orient besonders stark interessiert. Er brachte die französisch-genuesische Handelsflotte wieder auf Vordermann und es folgte eine atemberaubende Karriere. Sein Erfolg brach abrupt ab, als ihn der französische König – der unterdessen zu seinem Hauptschuldner geworden war – in Haft nahm. Zwar gelang es Coeur, dem Gefängnis zu entfliehen und auf einer abenteuerlichen Flucht mehreren Mordanschlägen zu entgehen, doch er hatte seinen Zenit bereits überschritten. Immer noch auf der Flucht, begab er sich nach dem Fall Konstantinopels 1453 mit dem Segen des Papstes Calixtus III. mit 16 Galeeren auf einen Kreuzzug in die Levante. Im Jahre 1456 starb Jacques Coeur auf der genuesischen Kolonie Chios. Je nach Geburtsdatum ist eine Teilnahme Kolumbus’ an diesem Kreuzzug nicht ganz ausgeschlossen. Sehr wahrscheinlich reiste Kolumbus aber erst in den frühen siebziger Jahren nach Chios, als sich der französische König Louis XI. vornahm, den Gewürzhandel in der Levante mit Hilfe einer grossen franco-genuesischen „Compagnie“ unter seine Kontrolle zu bringen.

Bourges - Front des Palais von Jacques Cœur
Bourges – Front des Palais von Jacques Cœur

Zwei recht unterschiedliche Biografien:

Hendrik de Man – Jaqques Coeur, der königliche Kaufmann A. Francke AG Verlag Bern

Michel Mollat – Der königliche Kaufmann, Jacques Coeur oder der Gesit des Unternehmertums, Verlag C.H. Beck, München

Beitragsbild: musée-de-Berry-Bourges

George W. Carver – Vorbild und Universalgenie

978-3-7615-5100-4-1
[Quelle: neukirchener verlagsgesellschaft – mit freundlicher Genehmigung]

Ein Leben für die Freiheit

„Manche halten ihn für den beachtenswertesten Amerikaner aller Zeiten“, so beginnt die faszinierende Lebensgeschichte, die Lawrence Elliott über den Afroamerikaner George W. Carver geschrieben hat.
Es ist die Geschichte eines Kämpfers für die Würde und Rechte der Afroamerikaner, der allen Widrigkeiten zum Trotz Bildung und Wissen erwarb und mit seinem Einfühlungsvermögen in alles, was Gottes Schöpfung hervorgebracht hat, Hoffnung schenkte. Zu seinen großen Leistungen gehört, dass er den ausgemergelten amerikanischen Süden von der Herrschaft des Königs Baumwolle befreite, indem er die Farmer vom vielfältigen Nutzen des Erdnussanbaus überzeugte.Weiterlesen

Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! – Jón Gnarr – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! - Jón Gnarr

Kurzbeschreibung

Jón Gnarr: Künstler, Komiker, Anarchist – und Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt. In seiner unterhaltsamen Streitschrift beschreibt er seinen Weg vom selbsternannten Anarcho und Gründer einer Spaßpartei in die Niederungen des kommunalpolitischen Alltags. Hören Sie gut zu und schärfen Sie ihr politisches Bewusstsein!
Ein Satz im Deutschunterricht hat sich Jón Gnarr besonders eingeprägt: »Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!« Zuhören ist eine Kunst, auch wenn sie in der Politik oft nicht sehr ausgeprägt ist. Gnarr lehrt sie uns und sich. Was als künstlerisches Projekt begann, die Gründung der »Besten Partei«, entwickelte sich für den Allround-Künstler spätestens nach seiner Wahl zum Bürgermeister von Reykjavík zur Lebensaufgabe: Wie kann man in einer Gesellschaft etwas verändern, ohne sich selbst zu verändern? Mit bewundernswerter Offenheit beschreibt Jón Gnarr seinen Werdegang, seine Visionen – und die Fehler, die er bislang gemacht hat.Weiterlesen