Kategorie: Lesen

unterwegs | Die Tempelanlage von Karnak | Ägypten

Der Riesentempel von Karnak

Der gewaltigste Tempelbau, mit dessen Abmessungen sich kein zweites Heiligtum vergleichen kann, ist der Tempel des Ammon zu Karnak, der am rechten Ufer des Nils den Ruinen des alten Theben gerade gegenüber liegt. Die ganze Tempelanlage bedeckt fast ein Quadratkilometer. Lange Alleen, die von riesigen Widdersphinxen eingesäumt sind, führen zum Ammontempel hin.

Seine Halle ist so ungeheuer groß, dass man bequem den ganzen Kölner Dom hineinstellen könnte. Aber seltsam! Trotz dieser Ausdehnung vermag der Raum doch kaum ein paar hundert Menschen zu fassen. Denn dicht gedrängt erheben sich in seinem Innern turmgleiche Säulen, die fast die ganze Halle ausfüllen. Einzelne der Säulen sind 25 Meter hoch und messen 10 Meter im Umfang.

Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library | Foto: Kofler | 1914
Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library|Foto: Kofler | 1914

In den Höfen sieht man gewaltige Steinkolosse, die Herrscher über längst versunkene Geschlechter teils in verzerrten Bildungen, teils in lebensfrischen Wiedergaben darstellen. Die Denkmäler sind so fest gefügt, dass es weder dem Ansturm der Zeit, noch den wechselnden Völkern, die daran vorübergezogen sind, den Assyrern, Persern, Griechen, Römern und Sarazenen gelungen ist, sie zu vernichten. Selbst den Erdbeben haben die steinernen Türme Widerstand geleistet. Nur die Nasen und Bärte sind abgeschlagen, sonst aber lächeln diese steinernen Gesichter unverändert über Jahrtausende hinweg noch bis in unsere Zeit hinein.

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Die Karnak-Tempel liegen als größte Tempelanlage von Ägypten in Karnak, einem Dorf etwa 2,5 Kilometer nördlich von Luxor und direkt am östlichen Nilufer. Die ältesten heute noch sichtbaren Baureste des Tempels stammen aus der 12. Dynastie unter Sesostris I. Bis in die römische Kaiserzeit wurde die Tempelanlage immer wieder erweitert und umgebaut.

Die Tempelanlage steht seit 1979 zusammen mit dem Luxor-Tempel und der thebanischen Nekropole auf der Liste Weltkulturerbe der UNESCO.

Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0
Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0

Nach der Erhebung Amun-Res von Theben zum Lokalgott und später zum Reichsgott begannen die Herrscher des frühen Mittleren Reiches mit dem Bau eines Tempels, der über Jahrtausende hinweg zum heutigen Tempelkomplex erweitert wurde, wo die Amun-Priesterschaft den täglichen Tempeldienst ausübte. Auch für die Gattin des Amun, die Göttin Mut, und für ihren gemeinsamen Sohn Chons wurden Tempel errichtet, zusammen bildeten sie die Triade von Theben. Neben diesen drei Göttern wurde auch dem Gott Month, der noch in der 11. Dynastie der Hauptgott von Theben war, ein Tempel geweiht.
In der altägyptischen Glaubenswelt besteht das Prinzip der kosmologischen Ordnung, dieses Prinzip wird als Maat bezeichnet. Da die Maat kein unveränderlicher Zustand ist und von den Menschen aus dem Gleichgewicht geworfen werden kann, ist es wichtig diesen Zustand zu erhalten, um Chaos und Vernichtung von der Welt fernzuhalten. Ein ägyptischer Tempel stellt ein Modell der Welt dar. Eine der obersten Pflichten des Königs war es daher das Gleichgewicht der Maat zu erhalten, dieses geschah im heiligsten Bereich des Tempels. Im Tempel wurden heilige Kulthandlungen (Opferdarbietungen, Gebete und Gesänge) durch den König oder den ihn vertretenden Hohepriester durchgeführt.

Cats Medienkommentar | Lesegenuss verzweifelt gesucht

Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden
Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden

Menschen, die in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen die Zeitung oder ein Buch lesen – dieses Bild erscheint uns heute weit weg, beinah nostalgisch. Was um uns herum in der Nähe und Ferne geschieht, erfahren wir meist auf die „moderne“ Art: schnell, kurz und vor allem kostenlos, über Online-Nachrichtendienste und Smartphone-Apps. Warum dies eben der Lauf der Zeit ist und Leser sich dennoch hin und wieder die Zeit für mehr nehmen sollten.

Eines vorweg: Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich teilweise selbst ertappt. Denn auch ich gehöre zu den „Digital Natives“, die Zettel und Stift im Prinzip „total retro“ finden und selten die Zeit einräumen (können), um ein Buch oder nur eine ganze Printzeitung mit anspruchsvollen Inhalten wirklich gründlich zu lesen. Sicher, gerade in der Literaturwissenschaft habe ich gelernt, viel, schnell und effektiv zu lesen, die wichtigsten Inhalte schnell herauszufiltern und argumentativ in die richtige Form für eine Klausur oder Hausarbeit zu bringen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn jeder einzelne Kurs im Semester mindestens die Kenntnis von drei Romanen verlangt (nachgeprüft durch „Text quizzes“ und „Textkenntnistests“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Veranstaltung). Pro Woche ein Buch – das ist für jemanden wie mich also keine Seltenheit gewesen. „Bulimielesen“ war angesagt – Plot, Charakterkonstellationen, stilistischer und struktureller Aufbau und vielleicht noch eine „Handlungsmessage“, die hinter dem Werk steht. Das alles innerhalb von viereinhalb Zeitstunden, oder auch drei Kursstunden, für die Prüfung am Ende des Semesters zusammengefasst, systematisch mit den nötigsten Informationen aufgearbeitet, seziert, analysiert. Ich glaube, mein „Leserekord“ im Laufe des Sprachen- und Literaturstudiums waren etwas mehr als 20 anspruchsvolle Literaturstücke jeder Art in Mutter- und Fremdsprache innerhalb eines Jahres. „Professionell“ gelesen, versteht sich (schließlich ist das Hauptjob eines jeden Geisteswissenschaftlers), nicht „einfach nur so“. Oder auch: Für die nächste Kursstunde „vorbereitet“. Wissenschaftliche Textauszüge zum jeweiligen Thema nun nicht mit eingerechnet. Was meinen persönlichen Seitenrekord während des Studiums und der Abschlussarbeiten angeht, habe ich niemals nachgezählt – wann hätte man auch die Zeit dafür gehabt. Vermutlich ist es einem auch irgendwann nicht mehr aufgefallen, wie viele Informationen das Hirn tagtäglich aus der Studienlektüre gespeichert, geordnet und archiviert hat. Dies wird Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen natürlich nicht anders ergangen sein – vielleicht nur über andere Mittel, Zugänge und Medien.

Schneller, kürzer, oberflächlicher

Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?
Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?

Wer schon einmal einen Roman mit einem tiefgründigen Thema und einer etwas komplizierteren Sprache in der Hand gehabt hat, weiß, dass viele davon alleine durch ihren Umfang von mehreren 100 Seiten bis hin zu vierstelligen Seitenzahlen mehr Zeit erfordern würden, als der durchschnittliche „Berufsleser“ zur Verfügung hat. Doch weil die Situation es erfordert (Deadlines warten nicht), wird genau jener „professionelle Leser“ alle Register ziehen, um die Prozesse rund um das Lesen zu vereinfachen, effektiver zu machen, auf eine Quintessenz zu reduzieren. Das schult einerseits die schnelle Auffassungsgabe, das strategische Denken in einem Gesamtzusammenhang und die geistige Flexibilität. Eine Kehrseite der Medaille: Wo nur ein Teil der Informationen zum Tragen kommt, geht auch viel verloren. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Die Konzentration auf einen bestimmten, vorgefertigten Fokus und darauf, dass die Verarbeitung nur auf ein Ziel hinausläuft (zum Beispiel eine Prüfung) lassen selten zu, dass wirklich viel im Langzeitgedächtnis hängen bleibt. Rückblickend kann ich mich nach fast drei Jahren nach dem Masterabschluss kaum noch an die Lerninhalte erinnern. Zumindest nicht an die, die ich mir eher „nebenbei“ aneignen musste. Der dritte, ziemlich triviale Nachteil des „Lesens auf Abruf“ liegt ebenso auf der Hand: Es macht einem hinterher einfach keinen Spaß mehr! Doch nicht nur bei Büchern zeigt sich der Trend, dass einfach weniger und oberflächlicher gelesen wird – auch Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind rückläufig. Und wenn Zeitungen oder Zeitschriften von der „breiten Masse“ abonniert werden, so behandeln sie meist recht oberflächliche Themen, „leichte Kost“, die von einem anstrengenden Lebensalltag ablenkt. Überhaupt – warum noch Printausgaben kaufen, wenn man doch die kurzen, knackigen Artikel aus dem grenzenlosen World Wide Web sogar kostenlos haben kann? In Anbetracht allgemeiner Freizeitknappheit und dabei steigendem Informationsbedarf eine berechtigte Fragestellung. Aber eine wichtige – für den Leser wie für den Medienschaffenden.

Der innere Leseschweinehund

Apps liefern alle Infos in ihrer kürzesten Form und bestimmen den Alltag der „Digital Natives“

Immer wieder häufen sich Klagen und Schlagzeilen, die auf einen Tenor hinauslaufen: Kinder und Jugendliche lesen zu wenig! Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ächzen unter Umsatzeinbußen und müssen sich entweder komplett einem Mainstream anpassen oder sich Marktnischen suchen. Auch der Buchhandel (vor allem der stationäre) klagt über Kundenschwund und Existenzschwierigkeiten. Aber sind wir hier wirklich so lesefaul, oder lesen viele, vor allem junge Menschen, einfach nur „anders“? Fest steht: Viele Kinder und Jugendliche haben keinen Spaß am Lesen ihrer Schullektüre, die meist aus umständlich geschriebenen „Klassikern“ wie Goethes „Werther“, Fontanes „Effi Briest“, Shakespeare oder Molière bestehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass diese Werke ursprünglich für intellektuelle Erwachsene geschrieben wurden – nicht für den Durchschnitt der Jugendlichen. Ich erinnere mich noch an einen Schüler in der Nachhilfestunde, der sich mit Shakespeares Early Modern English herumquälte und mich ziemlich ratlos fragte: „Wie soll ich denn irgendetwas verstehen, wenn schon die Sprache so komisch ist?“ In einem musste ich ihm recht geben: Die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten – gerade noch in einer Fremdsprache – muss dem durchschnittlichen, jugendlichen Leser nicht nur nicht zeitgemäß vorkommen, sondern auch stinklangweilig. Zumindest, wenn sie in der Schule aus Lehrplan- und Zeitgründen nur routinemäßig heruntergerattert wird und allein der Prüfungsvorbereitung dient. Ich selbst war vom Grundschulalter an zwar die die Beste, wenn es um Zahlen ging, aber dafür eine ziemliche Leseratte. Schwierige Bücher fand ich spannend und traute mich auch früh an den „Erwachsenenbücherschrank“ meiner Eltern heran. Mit 16 las ich „Jane Eyre“ auf Englisch und war beinahe ein wenig überrascht, als es mir mehr als zehn Jahre später im Masterstudium wieder begegnete und ich den Inhalt noch auswendig kannte. Vielleicht, weil ich es damals mit Vergnügen gelesen hatte – nicht, weil ich es musste oder ein Referat darüber halten musste. Das mit dem „Müssen“ ist nämlich auch immer so eine Sache, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ziele, die man vielleicht vorher noch als sportliche Herausforderung empfunden hat, werden auf einmal zu einer Art lästiger Pflicht. In meinem Fall möchte ich es mal „Analyseritis“ nennen – tatsächlich konnte ich bis nach Abgabe meiner Masterarbeit (und darüber hinaus) nur noch selten mit Genuss etwas lesen, ohne jede Seite im Kopf zu sezieren, sprachlich zu deuten und in irgendein erlerntes Schema einzuordnen. Mal „einfach so“ wieder einen Text zu lesen, ohne es mit einem Ziel zu verbinden – das musste ich nach dem Studium erst mühsam wieder lernen.

Z-Faktor: Was Zeit so wichtig macht

Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen
Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen

Egal ob Buch, Zeitschrift oder Zeitungsartikel, ob auf dem E-Reader, dem Tablet oder auf Papier, ob wissenschaftliche Aufsätze oder amüsante Satire: Texte brauchen vor allem Zeit, damit sie verstanden werden. Das ist manchmal schwer zu glauben oder auch einzusehen in einem digitalen Umfeld, das es uns erlaubt, bereits vorsortierte Nachrichtenmeldungen mithilfe einer Apps auf unseren Smartphones nur anhand von Überschrift und Textzusammenfassung durchzuscrollen. Und sicherlich haben sowohl analoge als auch digitale Formate, ob lang oder kurz, jeweils ihren ganz eigenen Wert und Charme. Für die schnelle Information zwischendurch mögen auch derartige Kurzmeldungen in Radio, Fernsehen oder auf Nachrichtenportalen ihren Zweck erfüllen. Dennoch kann dies nicht alles sein und die Neugierde auf Hintergründe, Überraschungen und spannende Details erfüllen. Denn manchmal lohnt es sich einfach, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Buch zu genießen oder sich wirklich über ein aktuelles Thema schlau zu machen. Mit dieser Kolumne möchte ich Sie – und auch mich selbst – dazu anregen, der Freude am Lesen wieder mehr Beachtung zu schenken. Immerhin: Wenn Sie diese Kolumne wirklich aufmerksam bis zum Ende gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt getan. Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben – und den Respekt, den Sie damit jedes Mal dem Autor erweisen.

Martin Wehrle: „Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen“

Martin Wehrle ist, laut dem Magazin Focus, Deutschlands bekanntester Karriereberater. Seine inzwischen weltweit erschienenen Bücher sind Besteller. Nicht nur dank seines humorvollen, scharfzüngigen Schreibstils in Sachbüchern wie „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?“ ist Martin Wehrle hierzulande eine bekannte Größe. Der Autor, Coach und Karriereberater hat im Laufe seiner eigenen Karriere auch schon eine Menge miterlebt – Erfahrungen, die er in seinen Publikationen mit einer breiten Leserschaft teilt. „Der Blaue Ritter“ sprach mit dem vielseitigen Hamburger über seinen Berufsalltag, Todsünden in deutschen Führungsetagen und seine neuesten Buchprojekte – natürlich nicht ohne ein leichtes Augenzwinkern.

Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)
Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)

Der Blaue Ritter: Buchautor, Coach und Berater im Unternehmen – beschreiben Sie doch kurz Ihre berufliche Laufbahn!

Martin Wehrle: Ich bin von Haus aus Journalist, war Mitglied in Chefredaktionen und habe dann zwei Abteilungen für einen Lifestyle-Konzern aufgebaut und geleitet. Danach habe ich mich selbständig gemacht als Karriere- und Gehaltscoach und damit begonnen, Bücher zu schreiben. Einige davon sind große Erfolg geworden, vor allem „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ – es stand über 150 Wochen lang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

Der Blaue Ritter: Wie sieht Ihr Berufsalltag konkret aus? 

Martin Wehrle: Ich berate Menschen in Karrierefragen, schreibe und recherchiere, halte Vorträge (zum Beispiel über Führungskultur) und bilde andere Karriereberater aus. Menschen lassen sich u.a. von mir unterstützen, wenn sie im Beruf vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Soll ich Führungsverantwortung übernehmen – oder besser auf der Fachebene Karriere machen?“. Ähnlicher Bedarf entsteht, wenn jemand eine schwierige Verhandlung vor sich hat oder einen neuen Arbeitsplatz sucht.

Der Blaue Ritter: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Ihr erstes Sachbuch zu schreiben?

Martin Wehrle: Als Vorgesetzter habe ich selbst Gehälter verhandelt und erlebt, wie schlecht sich einige Mitarbeiter dabei verkaufen – oft die besten und fleißigsten. Deshalb wollte ich mein Chefwissen zu Gehaltsverhandlungen an Mitarbeiter weitergeben, sozusagen der Bericht eines Spions von der Verhandlungsfront. Auf dieser Idee basierte mein erstes Buch „Geheime Tricks für mehr Gehalt – Ein Chef verrät, wie Sie Ihren Chef überzeugen“.

Der Blaue Ritter: Als Coach und Unternehmensberater haben Sie schon eine Menge gesehen und erlebt. Können Sie sich an ein oder zwei wirklich absurde Erlebnisse erinnern?

n seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)
In seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)

Martin Wehrle: Genau solche Erlebnisse habe ich in meinem Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ festgehalten. Zwei Beispiele: Der Niederlassung eines Konzerns geht im November das Papier aus, aber der Etat dafür ist auch schon verbraucht. Man fordert aus der Zentrale einen Zusatzetat an. Doch der wird nicht bewilligt. Also verwenden die Mitarbeiter für ihre normalen Ausdrucke das Briefpapier, denn davon ist noch genug da. Die Folge: Bald geht auch das Briefpapier aus. Also steht ein angesehenes Unternehmen Anfang Dezember da und kann keine Rechnungen mehr stellen und keine Briefe mehr schreiben – es fehlt ja das Papier. Schließlich kaufen leitende Angestellte auf eigene Rechnung nach.

Oder: Die Mitarbeiterin eines Telekommunikationskonzerns liest morgens in der Zeitung, dass ihr Konzern am Vortrag eine Bombendrohung hatte. Um 12.30 Uhr hätte ein Sprengsatz in der Zentrale explodieren sollen. Zum Glück habe sich die Drohung als Scherz herausgestellt. Das Problem: Niemand war auf die Idee gekommen, das Gebäude zu räumen. Lieber hätte man die Mitarbeiter in Rauch aufgehen lassen als ein paar Minuten Arbeitszeit.

Der Blaue Ritter: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler und Irrtümer aus den Führungs- und Manageretagen?

Martin Wehrle: Die Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass sie das wahre Kapital des Unternehmens sind. Ihr Wissen macht eine Firma aus. Sie haben jeden Tag mit den Kunden zu tun, bieten Produkte und Dienstleistungen an, erhalten zuerst die Rückmeldungen des Marktes. Genau dieses Wissen fehlt oft, wenn Manager am grünen Tisch entscheiden. Mitarbeiter werden noch viel zu wenig einbezogen.

Der Blaue Ritter: In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft der Wirtschaft anderer Länder voraus und wo können wir noch von anderen lernen?

Martin Wehrle: Die deutsche Wirtschaft profitiert von ihrem weltweiten Ruf: Sie gilt als zuverlässig und solide. Nur ist dieser Stern am Sinken, da in Deutschland viel zu wenig Unternehmen gegründet und an den Weltmarkt geführt werden. Schauen Sie einmal die DAX-Liste an: Dort stehen kaum Unternehmen, die es nicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hätte. Ein Grund für diese Innovationshemmung ist ein übertriebenes Fehlervermeidungsdenken. Mitarbeiter fürchten Fehler so sehr, dass sie oft nichts wagen, gute Ideen für sich behalten. Ebenso geht es mit Gründungsideen.

Der Blaue Ritter: Stichwort Familienfreundlichkeit – wie schätzen Sie da den Unternehmensgeist in Deutschland ein?

Martin Wehrle: Völlig überholt. Wenn ein Mann Vater wird, stört sich zwar keiner daran, im Gegenteil: Er gilt dann als sichere Bank für die Firma, schließlich muss er das Geld für die Familie verdienen. Aber eine Frau in derselben Situation wird noch immer wie ein Atomreaktor mit Restlaufzeit behandelt: Man hängt sie langsam ab vom Karrierenetz. Man tut so, als wäre eine Entscheidung für ein Kind zugleich eine Entscheidung gegen die Karriere. Dabei lässt sich beides wunderbar kombinieren.

Der Blaue Ritter: Inwiefern lassen sich da noch Prozesse verbessern?

Martin Wehrle: Zum Beispiel müssen die Firmen erkennen, dass es nicht auf Anwesenheit ankommt, sondern auf Leistung. Warum gibt es immer noch kaum Führungskräfte, die nur zwei oder drei Tage die Woche arbeiten? Halten wie Chefs und Chefinnen immer noch für Aufseher, die ihren Mitarbeitern auf die Finger schauen müssen? Oder erkennt man eine funktionierende Abteilung nicht gerade daran, dass sie auch ohne die Führungskraft funktioniert? Ich kenne Frauen auch außerhalb der Führungsebene, die in vier Stunden pro Tag mehr leisten als manche Vollzeitkraft. Warum bekommen sie nur ein halbes Gehalt?

Der Blaue Ritter: Wie viele Bücher haben Sie bereits herausgebracht – und haben Sie ein aktuelles Buchprojekt am Laufen?

Martin Wehrle: Ich habe über 30 Bücher geschrieben: populäre Sachbücher, Fachbücher über Coaching und Bücher über mein liebstes Hobby, das Angeln. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch darüber, wie Menschen, die vor dem Sprechen denken, unter anderen Menschen bestehen können, die es umgekehrt halten – also vor dem Denken sprechen.

Der Blaue Ritter: Martin Wehrle privat – wie würden Freunde und Familie Sie charakterisieren?

Martin Wehrle: Als einen Menschen, der alles, was er anpackt, mit großer Hingabe tut; als einen, der es liebt, andere beim persönlichen Wachstum zu begleiten; als einen, der mindestens zehn Bücher auf seinem Nachttisch liegen hat (und an dreien gleichzeitig liest); und auch als einen, der die Natur liebt, sich im Stillen freuen kann und nicht zwangsläufig Lärm, Rummel oder Ruhm bräuchte.

Der Blaue Ritter: Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben, arbeiten oder Vorträge halten?

Martin Wehrle: Ich fahre gerne zum Angeln. Ich liebe es, an einem stillen See zu sitzen, wenn der Morgennebel dampft und die Sonne ihn ganz allmählich mit ihren zarten Strahlenfingern zerstreut. In der Ferne rufen ein paar Kraniche, ein blauer Eisvogel blitzt über dem Wasser auf, und ein paar Ringe an der Wasseroberfläche verraten, dass es hier tatsächlich Fische gibt. Solche Momente machen mich glücklich.

Der Blaue Ritter: Wenn Sie die Welt verändern könnten – was würden Sie zuerst tun?

Martin Wehrle: Ich würde eine Hass-Entsorgungs-Anlage errichten, durch die alle Menschen geschleust würden. Immer wieder bin ich entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun – ich denke dabei vor allem an die Terroristen des Alltags: die Mobber, die sadistischen Vorgesetzten, die Stalker, die Lästerer, die Hass-Poster im Internet. Letztlich müssen Menschen lernen, sich selber zu lieben. Nur wer sich selbst akzeptiert und liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Davon handelt mein aktuelles Buch „Sei einzig, nicht artig – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen“.

Der Blaue Ritter: Welche Tipps und Ratschläge würden Sie jungen Menschen für ihren Berufseinstieg auf den Weg geben?

Martin Wehrle: Denkt nicht an euren Lebenslauf und an die Erwartungen der anderen, denn ihr habt nur dieses eine Leben: Hört auf euer Herz! Fragt euch, welcher Beruf euch glücklich machen kann, wo ihr euch entwickeln könnt, wie ihr vielleicht sogar ein Hobby oder einen Teil davon zum Beruf machen könnt. Wer zum Beispiel fürs Leben gerne liest, kann in der Verlagsbranche Erfolg haben. Wer gerne Homepages programmiert, sollte sich fragen, ob die Informatik interessante Chancen bietet. Also nicht nach dem Arbeitsmarkt gehen – sondern nach den eigenen Bedürfnissen. Und: Gestattet euch Fehler und Fehlentscheidungen – oft lernt man bei Umwegen am meisten nicht nur über die Landschaft, sondern auch über sich selbst.

Der Blaue Ritter: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mitteilen?

Martin Wehrle: Das Motto, das ich meinem Buch „Sei einzig, nicht artig!“ vorangestellt habe: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.“ Ein Zitat von George Bernard Shaw.

Das Interview führte „Cats Couch“-Kolumnistin Anna Katherina Ibeling.

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Martin Wehrle

Foto: © A. Heeger
Foto: © A. Heeger

Martin Wehrle war Führungskraft in einem Konzern, ehe seine Erfolgsstory als Karrierecoach begann. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg und bildet Karrierecoachs aus. Er hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, bei Econ zuletzt den aktuellen Bestseller „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ (2012).  Quelle: ullstein buchverlage

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Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“]Maria Aronov[/avatar]

Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Ein biografischer Roman

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Goldmann Verlag

Yael Dayan - BuchCover - Goldmann
Yael Dayan – BuchCover – Goldmann

Obwohl es sich zweifellos um einen autobiografischen Bericht handelt, heißt die Hauptperson des Romans Ariel Ron.
Sie erinnert sich in Frankreich an die Zeit, in der sie (unter anderem) auch ihren Wehrdienst  in der israelischen Armee geleistet hat. Als Tochter aus guten Hause, dazu eigenwillig und begabt, hat sie den Armee-Massenbetrieb als übel empfunden. Aber Selbstdisziplin, gestützt durch persönlichen Stolz und eine, allerdings jugendlich etwas verfrühten Menschenverachtung, lässt sie mit Demütigungen und körperlichen Strapazen gut fertig werden. Sie avanciert schließlich zum Leutnant und wird Beste des Offizierslehrgangs. Als Truppenführerin bewährt sie sich erneut.
Außerhalb ihres knappen Eigenlebens im Rahmen des militärischen Reglements entfaltet Ariel Ron auf Urlaub eine rührige Tätigkeit als Männerfängerin. Sie, die an der Unnahbarkeit ihres bewunderten Vaters überaus leidet, versucht (halb und halb ersatzweise) mit weiblichen Listen wenigstens andere Männer als Liebhaber zu gewinnen und auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege auch kleinzukriegen.

Nach anfänglichen Teilerfolgen misslingt  ihr der kühl gefasste Plan, die Brüder Ned und Bill gegeneinander auszuspielen, woran ihr ganz besonders gelegen gewesen ist. Sie erleidet eine peinliche Niederlage und findet sich daraufhin erst recht allein und unglücklich.

Aus ihrer Niedergeschlagenheit und ihrem Trotz-Bedürfnis, noch finsterer als bisher die Rolle der Menschenverächterin und jugendlichen Bösen darzustellen, wird sie schließlich von einem älteren Mann namens Peter Brend befreit. Brend liebt sie mit überlegener Uneigennützigkeit. Weder ihre eigenen Versuche, ihn menschlich zu enttäuschen, noch die üble (wenn auch wahrheitsgemäße) Nachrede Neds und Bills können ihn beirren.
Dadurch  wird schließlich dem Mädchen Ariel Ron die Einsicht zuteil, dass es statt auf die Menschenverachtung eher auf die Menschenliebe ankomme. Insofern blickt ein neues Gesicht sie aus dem Spiegel an.

Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan - Fotograf unbekannt.
Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan – Fotograf unbekannt.

Leider wurde der Titel bei der Übersetzung stark verfälscht, denn Ariel Ron zieht ihrem Gewehr durchaus junge Männer vor.. Es ist ein elektrisierendes, aber völlig sauberes Buch.
Ihren Roman „Neues Gesicht im Spiegel“ hat Yael Dayan ihren Eltern gewidmet.  Die Widmung entspricht diesem neuen Gesicht, mit dem ausgestattet die blutjunge Autorin ihre Mädchenbekenntnisse niederschrieben hat. Die Handlung ist recht dürftig, nämlich kaum verknüpft, eher hintereinanderweg erzählt. Trotzdem zieht den Leser eine angenehme Spannung rasch durch den Roman.
Die innere Handlung ergibt sich aus den seelischen Schwierigkeiten Ariel Rons. Es sind keine mitleiderregenden Schwierigkeiten , weil die kleine Persönlichkeit dieses Mädchen dank praller Lebenskraft und ruheloser Intelligenz ihre Probleme sozusagen verlebt, statt sie zu bejammern.
Letztlich geht es ihr im ihren Vater. Nichts erstrebt sie mehr als seine Anerkennung, allerdings vergebens. Er bleibt unzugänglich in der bekannten rauhen Schale und unglaublich bedeutend – eine denkmalartige Sagenfigur, der man nicht einmal mit Anbetung oder Hass beikommt.
Einen weiteren Supermann bietet die junge Dayan in Peter Brend, dem älteren Herrn, der sie von ihren Jugenmädchenwirren erlöst. Er ist die Güte selbst, die Väterlichkeit in Person. Im Grunde ist er der kindlich erträumte Vater, den sie im leiblichen Vater schmerzlich vermisst. Auf der weiblichen Personenseite kann nicht eine den dargestellten Männern das Wasser reichen. Es geht – vermutlich auch wegen dieser Fixierung auf den Vater – vorwiegend um Männer, aber alles jugendlich aufrecht und straff und dabei weiblich zurückhaltend.

[avatar user=“oliversimon“ size=“thumbnail“ align=“right“]Oliver Simon[/avatar]

Das Ganze hat eine Jugend, eine Frische und Ehrlichkeit, wie sie in der neuabendländischen Jugendliteratur so gut wie unbekannt ist. Deutlich sind die Naivität, die unerfahrene Schwarz-Weiß-Malerei, die anfängerische Erzähltechnik; ebenso deutlich die junge Begabung.

Das Besondere: das Mädchen hat ausnahmsweise über seine Entwicklungserlebnisse so geschrieben, wie Mädchen dergleichen wirklich durchmachen. Die Autorin hat dabei sowohl auf konventionelle Vertuschungen wie auf ebenso konventionelle Enthüllungen verzichtet. trennlinie2Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr
Originaltitel: New face in the mirror
Broschiert
Verlag: Goldmann, München (1967)
Sprache: Deutsch
ASIN: B00O0BZOGA

Nur noch antiquarisch erhältlich.

Raphael M. Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen • PATTLOCH

Raphael M Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Raphael M. Bonelli Selber schuld! - BuchCover
Raphael M. Bonelli – Selber schuld! – BuchCover

Beschreibung
Heute verdrängen wir nicht mehr Sexualität, sondern Schuld: Klopft das Schuldgefühl an der Türe des Bewusstseins, geben wir schnell die heiße Kartoffel an andere weiter. Eltern, Lehrer, Ehepartner – alle sollen schuld sein, nur damit wir uns nicht schuldig fühlen müssen. Beim Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli legt sich die Unschuld auf die Couch. An vielen Fällen aus seiner Praxis zeigt er: Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid machen unfrei, bitter und oft auch wirklich krank. Der korpulenten Patientin ist klar: »An meinem Gewicht ist meine Familie schuld!« Der Ehemann schiebt den Seitensprung, bei dem er ertappt wurde, seiner bigotten Umgebung in die Schuhe, denn: »Ein gesunder Mann braucht das!« Und der überführte Dopingsünder sieht sich als Opfer der Medien. Bonellis Therapievorschlag lautet: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

„Über Sex zu sprechen ist heute kein Problem mehr, weder in Therapien noch in Talkshows. […] Aber über eigene Fehler sprechen – das geht gar nicht. Nichts ist so intim wie die eigene Schuld. Die Abwehraggression bei dem Thema ist deutlich spürbar, besonders auffällig natürlich bei Paartherapien, bei denen jeweils “Unschuld” auf Beschuldigung prallt. […] Wir verdrängen unsere Schuld, weil sie letztlich Schmerz bedeutet und wir Angst vor Schmerz haben. Viele Menschen tun sich heute schwer, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und haben sich ein entlastendes Erklärungsmuster von Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid zurechtgelegt. Fast jeder sieht sich als Opfer. Dieser Mechanismus ist aber der seelischen Gesundheit nicht förderlich … „

Rezension

[avatar user=“oliversimon“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/oliver-simon-herausgeber-redakteur-autor-2/“]Oliver Simon[/avatar]

Der 1968 geborene Neurowissenschaftler und Psychotherapeut setzt sich hier vor allem mit der inneren Einstellung auseinander, selbst nie an der eigenen Misere schuld sein zu wollen. Schuld sind die anderen, die Eltern, die Lehrer, der Partner, die Lebensumstände usw.
Allerdings schränkt uns die Verdrängung der eigenen Schuld und das Ausweichen in die Fremdbeschuldigung sowie das Erstarren in der Opferrolle in unserem Handlungsspielraum ein. Als Opfer könne man nichts tun, um sich aus Verstrickungen zu befreien, die man möglicherweise selbst herbeigeführt hat. Wie der Patient, der dem Therapeuten vorwirft, dass der ihn nicht verstehe. Er leide doch so sehr unter der belastenden Situation, sich nicht zwischen Ehefrau und der Geliebten entscheiden zu können.

Lösungsansätze können also nur derart sein: Selbsterkenntnis und der Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Deshalb kann der Autor dem Ansatz mancher Kollegen, die jegliches Schuldgefühl bei ihren Patienten eilends „wegtherapieren“ wollen, nichts abgewinnen: es blockiert den Weg zur Selbsterkenntnis.
Dr. Bonelli macht in seinem Buch immer wieder unmissverständlich klar, dass es ihm NICHT um Schuldgefühle und Belastungen geht, die beispielsweise aus Stoffwechselstörungen, Krankheiten oder aus traumatischen Erlebnissen herrühren. Er betont, er wolle keine Schuldgefühle züchten, sondern dazu ermutigen, einen einmal erkannten Fehler, eine Schuld nicht zu verleugnen, sondern an ihr zu reifen und den Handlungsspielraum zurückzugewinnen, den Verleugnung, Verdrängung, Opferstatus und Fremdbeschuldigung eingenommen hatten.

Der Verfasser beleuchtet u. a. folgende Mechanismen detailliert – Zitat:
„Es gibt eine Reihe von psychopathologischen Mechanismen, die dem normalen, fehlerhaften Menschen die Schuld nehmen und ihn in ein Unschuldslamm verwandeln: Perfektionismus, Ichhaftigkeit, Selbstwertüberhöhung, Narzissmus, Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität, Selbstmitleid, Abgrenzung, Lebenslügen, Selbstbetrug und innere Widersprüchlichkeit. […] Alle diese Faktoren sind verwandt miteinander, bedingen einander und überschneiden sich auch teilweise. Sie nehmen die Verantwortung und blockieren den Menschen in der Makellosigkeit. Alle diese Ingredienzien sind jedenfalls zur artgerechten Aufzucht eines makellosen Unschuldslamms hilfreich. (S. 67)“

Im letzten Teil erarbeitet er anhand der alltagstauglichen Begriffe Kopf, Herz und Bauch, wie der Mensch vermeiden kann, die oben erwähnten Mechanismen zu aktivieren.
Bonelli lenkt den Blick des Lesers auf die Auswirkungen, die der gängige Zeitgeist – alles ist einfach und ohne Pflichten – so mit sich bringen kann. Dazu bedient er sich zum einen ausführlicher Fallbeispiele, die nur auf den ersten Blick nichts mit unserem “normalen” Alltag zu tun haben, bei genauerem Hinsehen jedoch genau die Denkweisen und Denkfallen verdeutlichen, die die meisten von uns kennen.
Zum anderen leitet er die großen Abschnitte jeweils mit einer literarischen Gestalt ein, die er darauf hin untersucht, wie sie mit Schuld und Schuldgefühlen umgeht. Da findet sich Faust neben Franz Moor und Gregorius neben Richard York. Auch Michael Kohlhaas, Anton Hofmiller, Raskolnikow und Ebenezer Scrooge werden beschrieben. Jean Valjean (Autor von „Die Elenden“) bildet dann den Abschluss.

Obwohl der Autor durch und durch akademisch geprägt ist, schreibt in einer für den Laien verständlichen Sprache und setzt mit Humor und Zuspitzungen zur Verdeutlichung ein. Er zeigt, wo es notwendig ist, die Überschneidungen, aber auch die zu beachtenden Grenzen zwischen Psychologie als Wissenschaft, Therapie und Religion. Immer wieder bettet er seine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Kontext und die Arbeit anderer Kollegen ein und wer will, könnte danach anhand der erwähnten Literatur ein ausgedehntes Selbststudium betreiben.

Mein Fazit
Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl, mal wieder meine „Windschutzscheibe“ geputzt zu haben.
Dr. Bonellis Buch macht deutlich, dass verschiedene therapeutische Schulen eben verschiedene Menschenbilder als Grundlage haben und man vermutlich gut damit beraten wäre, dies zu Beginn einer Therapie zu klären.
Das Buch ist zur Selbstreflexion ein Gewinn und hilft zudem die Menschen im eigenen Umfeld besser zu verstehen. Eine Einladung mit sich und anderen versöhnlicher umzugehen.

Der Autor:
Raphael Maria Bonelli (* 10. September 1968 in Schärding, Österreich) ist ein österreichischer Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Die Website des Autors: www.bonelli.info/


Raphael M. Bonelli
Selber schuld!
Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-629-13028-0
€ (D) 19,99 / € (A) 20,60
Erscheinungstermin: 1. März 2013

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören • aufbau Verlag

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören

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BuchCover

Klappentext
Was hören wir – und wenn ja, warum?
Warum lieben wir die eine und hassen die andere Musik? Wer erschuf den mächtigsten musikalischen Orgasmus der Geschichte? Wie können wir uns vor Ohrwürmern schützen? Hartmut Fladt entschlüsselt die Magie unserer Lieblingslieder, ohne sie kaputt zu analysieren, und erzählt Geschichten über ihre Schöpfer. Ob Vivaldi, Michael Jackson oder die No Angels: Wenn Hartmut Fladt die Ohren spitzt, lüften sich die Klangschleier, und wir finden endlich bewiesen, dass E nicht besser ist als U und die Beatles künstlerisch so wertvoll sind wie Mozart. Denn Musik ist eine uralte Sprache, die wir alle verstehen können. Hartmut Fladt reicht uns das Handwerkszeug dazu – unterhaltsam, lässig, witzig.

Von Helge Schneider bis Beethoven, von Bach bis Tokio Hotel – Hartmut Fladt lehrt uns die Sprache der Musik zu verstehen.
Was Richard David Precht für die Philosophie tut, leistet Hartmut Fladt für die Musik. [Diesen Satz hätte sich der Verlag wirklich sparen können!]

Rezension
Kann man Musik genießen lernen? Warum bringt uns Musik zum Weinen, und wie nistet sich ein Ohrwurm ein? Solchen Fragen geht der Musiktheoretiker Professor Hartmut Fladt nach.Was recht spannend ist: Der Autor zeigt auf, wie die Rockband Queen Johann Sebastian Bach gecovert hat.

Mein Fazit
Als Hobbymusiker macht es Spaß,  die Analysen des Autors Fladt nachzuvollziehen. Durch die vielen Beispiele aus der Musikwelt, wirkt das Buch nicht zu theoretisch, weitgehend gut lesbar,-  die musikalischen Grundlagen –  Von Johnny Cash „I walk the Line“ bis Deep Purple „Smoke on the water“  – Statt theoretisch-abstrakter Harmonielehre berieten die vielen Beispiele auch dem Laien Vergnügen. Dieses Buch füllt eine Lücke und hat mich in meinem Spiel weitergebracht.

Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) - Foto: Frank Guschmann  - CC BY-SA 3.0
Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) – Foto: Frank Guschmann – CC BY-SA 3.0

Der Autor
Hartmut Fladt, geboren 1945 in Detmold, studierte Komposition, Philosophie und Musikwissenschaft. Seit 1981 ist er Professor für Musiktheorie an der Universität der Künste in Berlin. In einer wöchentlichen Sendung auf Radio Eins erklärt er seinen Fans an aktuellen Beispielen aus den Charts das Phänomen Musik. Er lebt in Berlin.

trennlinie2Gebundene Ausgabe: 329 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 2 (20. August 2012)
ISBN-10: 3351027532
ISBN-13: 978-3351027537
Mehr über das Buch beim Verlag

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“ target=“_blank“]Maria Aronov[/avatar]

Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe • Brief 4 • Konstantinopel • Süleyman I & Roxelane

Ein ReiseBrief an Ihre Mutter über den Palast des osmanischen Sultans Süleyman I, dessen  des Lieblingsgemahlin Hürrem Sultan, genannt auch Roxelane und die Haremsführung. Die Autorin Ida von Hahn-Hahn wird heute gern an zeitgeistigen, politisch-korrekten Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen. 

Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel'schen Weltchronik, Blatt 129v/130r - 1493
Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel’schen Weltchronik, Blatt 129v/130r – 1493

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe – Brief 4

4. An meine Mutter

Konstantinopel, September 9, 1843

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Ein Brief über den andren! – Immer denke ich: heute will ich das ganze Paket fortschicken, und immer lege ich noch ein Blatt hinzu. Heute, liebes Mamachen, könnte ich Dir wohl etwas Interessantes schreiben, denn ich war in der Sophien- und der Achmeds-Moschee; – allein zu flüchtig, und deshalb spare ich es mir auf. Ich muß durchaus die Sophia noch einmal mit Muße und noch mehr Moscheen überhaupt sehen. Du wunderst Dich wohl, wie mir dies so schnell gelungen ist, indem man dazu eines Firmans bedarf? Prinz Bibesko, der neue Hospodar der Walachei hat einen solchen, und sein Bruder, sein Gefolge, seine Landsleute benutzen ihn. Unter letzteren befindet sich ein liebenswürdiges Ehepaar, das in unserem Gasthof wohnt, und so machte es sich. Es war ein mächtiger Zug, alle Männer zu Pferde, einige auf sehr schönen mit goldgestickten Schabracken, andre auf Kleppern; ein Gewühl von Dienern, von Dolmetschern drum herum, denn jeder hatte den seinen mitgebracht, um über alles Auskunft haben zu können; andre Reisende, die sich ebenfalls anschlossen, als sie hörten wohin es ging; der Kawass allen voran. Das ist der Mann, den der Sultan als Wache bei solchen Gelegenheiten gibt, und den außerdem alle Gesandten haben, denn unter seinem Vortritt wird man respektiert.
Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnDie walachische Dame und ich, wir wurden trotz einigen Sträubens ehrenhalber in einem horriblen Wagen gesetzt, den man Coci nennt – (was die türkische Rechtschreibung betrifft, so lasse ich mich nicht auf sie ein, und schreibe nur wie ich die Worte verstehe) – das ist eine kleine gondelförmige Kutsche, die keine Federn – aber dafür vergoldete Gittertüren, keine Sitze – aber in allen vier Ecken einen ovalen Spiegel, keinen Schlag – aber eine rote Leiter hat. Auf dem flachen Boden, den ein wenig Stroh und ein dünner Teppich dürftig deckte, saßen wir lang ausgestreckt und schrieen Ach und Weh, denn wir fuhren nicht bedächtig nach türkischer Weise durch die holprigen Straßen, sondern europäisch im starken Trabe, um den Reitern nachzukommen, und ein Diener lief nebenher und hielt den Wagen an bedenklichen Stellen. Dafür hatten wir die Satisfaktion in einem vergoldeten, obzwar etwas schwärzlichen Wagen zu sitzen. Leider war unser gesamter Zug ein wenig zu tumultuarisch und ungeordnet. In die Sophia stürmten wir grade zwischen zwölf und ein Uhr, zur Zeit des Gebets, so daß wir gleich wieder fortgewiesen wurden. Der Kawass remonstrierte, aber umsonst! Ein alter Geistlicher hob wehklagend die Arme und rief »Allah! Allah!« – wir mußten fort. Ein Knabe wollte mich mit seinem Rosenkranz schlagen. Die Tochter meiner Mutter ist aber nicht geboren um sich schlagen zu lassen! Sie drohte so majestätisch mit ihrem Zeigefinger, daß der Bursche ganz erschrocken zurückfuhr – was mich sehr belustigte, da er doch schon zwölf, dreizehn Jahre alt sein mochte. Ich könnte es hier zu Lande auf die Dauer nicht aushalten – nicht die Verachtung ertragen, mit der der Muselmann auf den Giaur herabsieht. Ich bin nun einmal so: ist man fein artig, bin ich fein artig; ist man hochfahrend, bin ich zehnmal hochfahrender. Ich würde hier Händel haben. Als wir in unserem Coci dahin rasselten, blickten die türkischen Frauen neugierig hinein, und eine machte eine Pantomime verächtlichen Abscheus mit den Händen. In ein solches Land habe ich mich verstiegen! Nun, ich wollte die Türkei; dergleichen ist gewiß türkisch. – Also später von den Moscheen. – Unsre wilde Jagd durchsauste ein Gebäude, das wirklich in der äußern Architektur den idealistischen Vorstellungen entspricht, welche wir uns vom orientalischen Baustil machen: Sultan Mahmuds Grabmal ist feenhaft lieblich. Das Grabmal ist die große Angelegenheit der Orientalen. Es spricht sich darin das unabweisliche Bedürfnis des Menschen aus, über die Handvoll Jahre hinaus zu leben, die man das Leben nennt. Diese Sehnsucht nach Fortdauer hat allerdings einen zu materiellen Charakter, wenn man die ägyptischen Pyramiden, die kolossalsten aller Königsgräber betrachtet – das mag wohl sein! Aber hier nimmt sie doch eine gewisse geistige Wendung, und die rührt mich wo ich sie finde. Fast jeder der früheren Sultane hat eine Moschee erbaut, und seit Harun al Raschids Zeit war es ein Gesetz der Mohammedaner stets mit derselben eine Schule zu verbinden. Die osmanischen Sultane erweiterten es, stifteten Bäder, Wohnungen für arme Studierende, Küchen für Arme, Fontänen dazu, und erbauten zwischen diesen Wohltätigkeitsanstalten ihr Grab, das meistens aus einer Rotunde besteht. Die Gastfreiheit, die Pflege und Erquickung der Wanderer, ist ein Hauptgebot des Islams, so daß, wer einen Brunnen in der Wüste oder eine Fontäne in der Stadt stiftet, eine gute Tat getan hat, weil das Wasser im Orient etwas Seltenes und Köstliches ist. Sultan Mahmuds Grab ist nur mit einer Fontäne verbunden, aber es ist der graziöseste Bau in Konstantinopel! In der Mitte zwischen zwei achteckigen Pavillons steht eine runde Säulenhalle, die mit jenen beiden durch eine Galerie verbunden ist. Das Ganze ist um vier Stufen erhöht und besteht gleich diesen aus schneeweißem Marmor. Die Fensteröffnungen der beiden Pavillons, der Galerien, und die Räume zwischen den Säulen sind mit wunderhübsch gearbeiteten vergoldeten Eisengittern gefüllt, so daß Du an dem ganzen Bau nichts siehst, als Goldgewebe zwischen Marmor, und durch die Gitter hindurch, die Rosen-, Myrthen- und Jasminhecken des kleinen Gartens. In dem einen Pavillon steht Sultan Mahmuds Sarkophag; eine prächtige goldgestickte Samtdecke ist über den Sarg gebreitet, und sieben köstliche Shawls, vier gestreifte in allen Farben, und drei weiße à fond plein, liegen wiederum über der Decke. Der rote Fez mit blauem Quast und mit einer funkelnden Sonne von Diamanten, steht oben an dem Kopfende und um ihn herum, fast wie eine Krawatte, ist der achte Shawl gelegt, der schönste von allen, weiß mit zarten Blumengirlanden durchrankt. Eine Ballustrade von Perlmutter umgibt den Sarkophag. Noch einige in derselben Art, aber minder prächtig, kleiner, ohne Juwelen, Personen seiner Familie, Töchter, Schwestern enthaltend, befinden sich außerdem darin. Die Wände sind Marmor, und den Fries bilden Sprüche aus dem Koran, fußlange wunderliche, goldne Schriftzüge, die graziöseste Arabeske, auf grünem Grund – recht helles Apfelgrün; das ist die heilige Farbe, denn Mohammeds Farbe war grün wie der Erdball über den sie sich ausbreiten wollte. Der Fußboden ist mit einer feinen Strohmatte bedeckt. Aber etwas Unpassendes und Geschmackloses durfte nicht fehlen! Die Wölbung der Kuppel ist mit häßlichen, schreienden Farben ausgemalt, und zwei große braune Wanduhren stehen neben der Tür und gehen – auf dieser Stätte wo die irdische Zeiteinteilung ihre Wichtigkeit verloren hat.

Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. - Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. - Nach 1560
Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. – Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. – Nach 1560

Der andere Pavillon ist ein Kiosk – Gartenhaus – des Sultan. Die Halle in der Mitte ist über dem Quell errichtet, und fünf goldne Gitter zwischen Säulen schließen sie nach der Straße ab. An jedes dieser Gitter sind vier goldne Tassen mit goldnen Ketten befestigt, und jeder der trinken will reicht eine Tasse in die Halle hinein, wo ein Mann den ganzen Tag beschäftigt ist eine goldne Kanne am Quell – und aus ihr die Tassen der Durstigen zu füllen. Zum Dank soll man ein Gebet für Sultan Mahmuds Seele sprechen. Ich habe Dir dies kleine Monument so ausführlich beschrieben, weil es das erste ist, das ich im Geist wie in der Ausführung vollkommen orientalisch gefunden. In ganz Europa sah ich nichts, das auch nur mit einer Ahnung hieran erinnert hätte.
Ich sagte vorhin etwas Geschmackloses dürfe nicht fehlen, und das ist nicht unwahr. Dies Geschmacklose ist immer das Europäische: ein fremdartiges Element, das sich eingedrängt hat und nun seinen Platz behauptet – gleichviel wo. Wir besahen unter dem Schutz des Firmans auch die hohe Pforte, den Palast des Großwesirs, in welchem die Staatsgeschäfte besorgt werden. Der Name rührt daher: die alten morgenländischen Könige saßen zu Gericht, um einem jeden zugänglich zu sein, vor dem Tor ihrer Städte oder Wohnungen. Der Morgenländer, mit seiner Vorliebe für vergleichende Bilder, stellt sich den komplizierten Staat als ein Gebäude vor, dessen Ein- und Ausgang der Sultan beherrscht gleich jenen alten Königen; und daher für den ganzen Staat die kurze Bezeichnung Pforte. Die Versammlung des osmanischen Staatsrates heißt Diwán, d. h. Dämonen, Genien, weil den Staatsräten dämonische Klugheit und Tätigkeit beiwohnen soll. Auch die Gedichtsammlungen heißen Diwán, weil man voraussetzt, daß der Genius sie beseelt. Jener Palast der hohen Pforte ist ganz neu erbaut von Stein, mit Säulen und Freitreppen von weißem Marmor. Die innern Treppen, und alle Gänge und Fußböden sind mit feinen Strohmatten bedeckt, auf denen man leise und leicht, sehr angenehm geht. Die Zimmer sind meistens groß. Dem Eingang gegenüber sind die Fenster – eine wahre Fensterwand, wie in Treibhäusern – und unter ihnen zieht sich das Sofa hin, das aus einzelnen breiten Polstern zusammengesetzt wird, und mit schönen Stoffen von Seide, mit Gold, Silber oder Samt durchwirkt, überzogen ist. Außerdem befinden sich in ein Paar Zimmern ziemlich mittelmäßige Spiegel, und in den übrigen nichts – aber auch gar nichts. Das könnte nun etwas durch Einfachheit Grandioses haben, wenn nicht die Wände wie von schlechten europäischen Stubenmalern mit Landschaften bepinselt wären, die kleinlich und hart, unter den versilberten und vergoldeten Plafonds doppelt ärmlich, die Augen des Fremden immer auf sich ziehen, weil sie in so grellem Kontrast mit allen Umgebungen sind.
Im Saal wo der Staatsrat gehalten wird, befindet sich in der einen Wand ein goldnes Gitter, das so aussieht, als ob es eine Loge verschlösse. Hinter diesem Gitter, auf einem rosenfarbenen Sofa unter silbernem Baldachin, wohnt der Sultan ungesehen den Sitzungen des Diwan bei. Es war glaube ich Suleiman der Große (1520 – 66) der auf diese Weise den Diwan belauschen und kontrollieren wollte, und später fanden es die Sultane bequem, und überließen ganz und gar den Vorsitz im Staatsrat den Großwesiren, so daß diese herrschten, nicht jene. Sultan Mahmud, in dem wenigstens der Trieb nach Tüchtigkeit war, soll wieder in eigener Person den Vorsitz übernommen haben. Allein Sultan Abdul-Medjid wird von seinem Harem wie von einer tausendköpfigen Hydra zu fest umschlungen um dem Beispiel seines Vaters zu folgen, und die Sultanin Walidé ist dem alten Zustand der Dinge geneigt, und hat großen Einfluß auf ihn. Das Weiberregiment ist hier nichts Neues. Die Sultanin Chasseki (Günstlingin) und Walidé (Mutter) – eine Sultanin-Gemahlin gibt es nicht, denn der Sultan hat nur gekaufte Sklavinnen, die sich durch Schönheit, Intrige, Geburt von Söhnen, zur Günstlingin und zuweilen zur einzigen Günstlingin emporschwingen – nun, jene zwei Klassen von Sultaninnen haben oft genug vom Harem aus das Reich gelenkt. Und nicht bloß unter schwachen Regierungen und in Zeiten des Verfalls, wie z. B. die reizende Venezianerin Baffa, Murads III. – und die hochsinnige Griechin Kössem, Achmeds I. Günstlingin, die beide im siebzehnten Jahrhundert ihre Gewalt mißbrauchten, und beide in Empörungen erwürgt wurden. Sondern auch Suleiman I., der Große, der Eroberer, der Gesetzgeber, war so ganz in den Fesseln seiner geliebten Russin Roxelane, daß er seine zwei Söhne von einer anderen Sklavin ermorden ließ, um dem ihren den Thron zu sichern. Vielleicht muß man als Sklavin so viel Ränke, Liste und Künste üben, daß man allendlich unzerreißbare Netze zu weben versteht, auf deren Schlingung man in freieren Verhältnissen nicht so eingeübt wird. Ich kann mir vorstellen wie ein Harem das Brutnest aller bösen Eigenschaften wird, deren Keime im Charakter des Weibes schlummern. Immer von Nebenbuhlerinnen umgeben, immer bewacht und umringt von diesen Scheusalen, den Eunuchen, immer unbeschäftigt, muß Eifersucht, Neid, Bitterkeit, Haß, Lust an Ränken, grenzenlose Gefallsucht als helle Flamme aufschlagen. Man will die gehaßten Nebenbuhlerinnen besiegen – das liegt in der Natur jedes Weibes! Und sage man immerhin, daß die Orientalinnen an den Harem gewöhnt sind und daß Gewohnheit alles erträglich, ja leicht mache, so ist das eine von den vielen halbwahren, abgebrauchten Phrasen. Ja, sie treten in das Joch des Harems, und dessen Form ist ihnen zur Gewohnheit geworden; aber gegen den Inhalt sträubt sich ihr Instinkt – ich will nicht sagen ihr Bewußtsein, denn das mag bei wenigen erwachen – nur der Instinkt, der unabweisliche, allmächtige. Da keine Geistes- und Seelenbildung ihn bändigt und regelt, wie sollte es da nicht zu den heftigsten Ausbrüchen, zu den tiefsten Gemeinheiten, zu den größten Grausamkeiten kommen. Der Harem ist die wahre Anstalt um den Charakter der Frau zu verderben, und es ist wohl schade, daß er für europäische Augen mit undurchdringlichen Scheiern umgeben ist. Denn ich hoffe zwar einen Harem zu besuchen, damit ich türkische Frauen unverschleiert, im eigenen Hause, und zugleich ihr Benehmen gegen Fremde sehe; aber wie es für alle Tage darin zugeht, wie die Weiber sich untereinander vertragen, wie weit die Herrschaft der rechtmäßigen Frau – denn außer dem Sultan haben die Türken eine oder ein paar rechtmäßige Frauen – über die Sklavinnen sich erstreckt, die doch auch bei dem Herrn zur Ehre der Günstlingschaft gelangen: das bleibt ein Rätsel! Vielleicht verbirgt es traurige und böse Geheimnisse! – In jedem Fall ist eine Frucht aus dem Harem erwachsen, die wesentlich dazu beitrug den Verfall des Reichs herbeizuführen, nämlich die Prinzenerziehung, oder eigentlich ihre Existenz in demselben. Um Bruderkriegen, Familienzwisten und Empörungen von Verwandten vorzubeugen, machte Mohammed II. die Hinrichtung von Brüdern und Verwandten bei der Thronbesteigung eines Sultans zum Staatsgesetz. So ließ Selim I. bei der seinen, 1512, zwei Brüder und fünf Neffen umbringen; so Mohammed III., 1595, neunzehn Brüder! Gar nicht aus besonderer Grausamkeit, sondern höchst gelassen nach dem Gesetz. Sie sollten das Reich nicht beunruhigen. Als nach dem siebzehnten Jahrhundert die Zeit etwas weniger bluttriefend und gräuelvoll wurde, hielt man die Prinzen von der Wiege an im Harem, damit ihnen ehrgeizige und hochherzige Gedanken zwischen Eunuchen, Weibern und Sklaven gründlich ausgerottet wurden und der Herrscher nichts zu fürchten habe. Ihr Gemach im Harem hieß der Prinzenkäfig. Aus demselben ging der Thronfolger hervor, wenn der regierende Sultan starb, natürlich vollkommen unerfahren, ohne Kenntnis von Menschen, Dingen und Verhältnissen, ganz bereit auf dem Thron zu vegetieren, so wie die übrigen Prinzen im Käfig bis zum Ende ihres Lebens fortvegetierten. Sultan Abdul-Medjid ist auch im Harem aufgewachsen; sein Vater hat keinen tüchtigen Nachfolger haben wollen, heißt es. Auf diesem Boden kann nichts Starkes, ich möchte sagen nichts Gesundes gedeihen.
Durch eine Kaserne flogen wir auch, von der ich nichts behalten habe, als daß im Stall sehr miserable Pferde standen, durch die Münze, die im Bau begriffen ist und zu deren Einrichtung man die Maschinen und Instrumente aus England kommen läßt; und durch ein Arsenal, worin seltene alte Waffen, die kostbaren Schlüssel von den Toren Konstantinopels, und Handwaffen früherer Sultane aufbewahrt werden. Es war einst die Kirche der heiligen Irene, und Kreuzform und Kuppeln haben sich den neuen Anforderungen fügen müssen; das Grabmal des heiligen Johannes Chrysostomus befindet sich in ihr. Es liegt samt der Münze schon innerhalb der Ringmauern des Serai, und man versuchte auch tiefer vorzudringen; allein es hieß, die Gesellschaft sei zu zahlreich um das Innere besuchen zu dürfen. Das war mir sehr unangenehm, und doppelt, weil es für neun Zehntel dieser Gesellschaft wirklich gleichgültig gewesen wäre, ob sie es gesehen hätten oder nicht. Sie hätten höchstens Vergleiche darüber angestellt ob es verdiene dem Schloß von Windsor oder dem Palais royal oder einem anderen königlichen Palast an die Seite gesetzt zu werden, und nicht daran gedacht, daß dies eben das Serai der Großherrn sei, und auf demselben Platze stehe, wo ehedem der große Palast der byzantinischen Kaiser sich erhob. Nun, ich konnte sie nicht wegschicken, und muß auf eine andre günstige Gelegenheit warten.
Außer diesem Serai, das der Winteraufenthalt der Sultane, und mit crenelierten Mauern umgeben ist, über welche sich prachtvolle Zypressen erheben, gibt es noch verschiedene andere großherrliche Paläste zum Sommeraufenthalt bestimmt, den von Beglerbey auf der asiatischen Seite des Bosporus, von Bekschischtasch – der im Bau begriffen – und von Tschiragan, der eben vollendet ist auf der europäischen; ferner Paläste von Sultaninnen Tanten und Schwestern – wobei es einem sehr auffällt, daß nie von einem Palast für die Brüder oder Vettern die Rede ist, bis man daran denkt, daß diese Ärmsten, wenn man ihnen das Leben gönnt, im Prinzenkäfig leben müssen. Der Palast von Tschiragan steigt auf weißen Marmorstufen und mit einer langen Säulenhalle von weißem Marmor, leuchtend aus dem Bosporus empor. Er ist kein regelmäßiger Palast, sondern eine Agglomeration von zahlreichen, unter sich ganz verschiedenen Pavillons, die durch Galerien und Terrassen verbunden sind. Aber diese fantastische Unregelmäßigkeit gefällt dem Auge, weil der Baumeister verstanden hat eine gewisse Harmonie, eine Übereinstimmung in das Ganze zu bringen. Und dann macht der weiße Marmor sich so schön zwischen dem blauen Vordergrund des Bosporus und dem grünen Hintergrund der aufsteigenden Hügel; und die beiden großen vergoldeten Eisengittertore sehen so imposant und zugleich so zierlich aus! Es kühlte meine Bewunderung etwas ab, daß ich erfuhr, dies wunderhübsche Gebäude sei von Holz, wie alle die der Großherr bewohnt. In der Ferne hält man es natürlich für Marmor. Als wir heute nah vorüberfuhren konnte man das Holz gewahr werden an den kleinen bunten Malereien, die auf einigen Pavillons angebracht sind, und an den allerliebsten spitzenähnlichen Galerien, welche sauber geschnitzt die Dächer von anderen umgeben. Der Holzbau ist hier der allgemeine. Man hält ihn für gesünder, weil der Bosporus feuchte Luft erzeugt, die in einem steinernen Hause – ohne Ofen, nach türkischer Sitte – der Gesundheit nachteilig sein würde; und bei den Erdbeben, die hier so häufig vorkommen, sind allerdings die leichten hölzernen Häuser weniger gefährlich.

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Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnIda Hahn-Hahn, eigentlich Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn (* 22. Juni 1805 in Tressow; † 12. Januar 1880 in Mainz). Die Adlige war eine deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin. Sie entstammt dem uradeligen Geschlecht der Hahn. Sie selbst benutzte mit Vorliebe den Doppelnamen „Gräfin Hahn-Hahn“.

Ida Gräfin Hahn-Hahn galt als eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit. Sie erfuhr Anerkennung von Literaten wie Eichendorff und Fontane, aber auch Ablehnung: Ihre manierierte und mit Fremdwörtern gespickte Erzählweise wurde persifliert – so vor allem in dem Roman Diogena ihrer Konkurrentin Fanny Lewald – und ihre elitäre aristokratische Haltung kritisiert. Heute wird sie gern an zeitgeistigen Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen.

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Tayyib Salih • Die Hochzeit des Zain • Eine Erzählung • Unionsverlag

Cover der Ausgabe des Unionsverlag
Cover der Ausgabe des Unionsverlag

Die Geschichte beginnt damit, dass verschiedene Leute im Dorf erfahren, dass ein Mann namens Zein verheiratet werden soll. Zein ist nicht, was die meisten als attraktiv bezeichnen würden, ist er dürr wie eine knorrige Ziege, haarlos und durch den Akt der Geister hat er bis auf zwei vordere Zähne alle anderen verloren. Trotz seiner skurrilen Art und seinen unersättlichen Appetit, ist Zein beliebt im Dorf. Immer wieder verliebt er sich in die schönsten Frauen des Dorfes; ist er dann mit dieser Liebe erfüllt, lässt er dies alle Welt wissen. Es vergeht dann kaum Zeit und die ersten „edlen Freier“ buhlen um diese Frauen.

Kein Wunder also, dass sich die Mütter sehr um Zains Gunst bemühen, um ihre Töchter durch diesen erfolgreichen Liebesboten an die besten Männer der Gegend zu vermitteln. Niemand scheint es aber wirklich wahr zu nehmen, dass Zain sich zwar ständig verliebt aber am Ende doch allein bleibt. Zu wichtig ist die „gute Partie“ für die Familien, denn die bringt reiche Mitgift.

Der Zain ist aber nicht nur ein erfolgreicher Kuppler, er ist Bindeglied für alle Gruppen im Dorf, welches in drei große Lager gespalten ist: den Anhängern des Imam und dessen Gegners, die zum größten Teil aus jungen Männern besteht.  Die einflussreichste Gruppe besaß alle Felder des Dorfes, die Männer waren alle verheiratet, hatten Kinder und trieben Handel. Sie kümmerten sich um alle offiziellen Feierlichkeiten und sorgten für den reibungslosen Ablauf. Der Zain stand ganz für sich; er schlichtet Streit, führt mit seiner fröhlichen Art immer wieder zusammen und spricht mit den Randgruppen des Ortes, denen eher aus dem Weg gegangen wird.  So hält er eine Gemeinschaft zusammen, die immer wieder auseinander zu brechen droht.

Eines Tages nun prophezeit im sein Freund Hanin, dass auch er sein Glück findet und das beste Mädchen im Dorfe heiraten wird. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Dorf und sorgt und scheucht alles Leben auf. Diese Hochzeit würde alle boshaften Stimmen verstummen lassen und Zain zum Manne werden lassen.

Die Hochzeit von Zain ist eine reizvolle, gut zu lesende Erzählung über eine bunte Gemeinschaft und den sehr liebenswerten Mann in ihrer Mitte. Es ist das Buch für Leser, die fernab des Mainstreams Literatur und fremde Kulturen entdecken wollen. Die Szenerie einer traditionellen, muslimischen Stadt im Sudan an der Schwelle zu Wachstum und Modernisierung, ist gelungen umgesetzt. Die Kultur wird mit Liebe, Zuneigung und Kenntnis porträtiert.
Die Hochzeitsfeier selbst ist so rührig und anschaulich beschrieben, dass ich meinen könnte unter den Feiernden zu sein. Und am Ende feiert man Zains Hochzeit mit, aus Freude, dass es dieser Zausel geschafft hat, das Glück zu finden.

Die Erzählung „Die Hochzeit des Zain“ gilt als die berühmteste des Sudan und wurde 1976 verfilmt. Die arabische Erstausgabe erschien 1966 unter den Titel „Urs-az-Zain“. Trivia zur Verfilmung: Der wurde in Kuweit produziert. 1978 wurde er zu den „Oscars“ für die Rubrik „Bester ausländischer Film“ eingereicht. Das Werk scheiterte bereits bei der Nominierung. Dies war der letzte Beitrag, den Kuweit seitdem eingereicht hat.

Die Übersetzung stammt von Stafan Reichmuth, aktuell Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum.

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Der Autor:

Foto: Unionsverlag
Foto: Unionsverlag

At-Tayyib Salih [arabisch الطيب صالح, DMG aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, auch Tayeb Salih, Tajjib Salich, Tajjeb Salech]wurde 1929 in der Nordprovinz des Sudan geboren und verstarb 2009 in London. Er war mit einer Engländerin verheiratet und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Er studierte in Khartoum und arbeitet eine Zeitlang als  Lehrer, bevor er seine Ausbildung in England fortsetzte. Er arbeitet für dei BBC und bekleidete verschiedene Posten bei der UNESCO.

Ein zentrales Thema seines Werkes ist die Überschreitung kultureller Grenzen zwischen traditioneller sudanesischer und westlicher Kultur.

Werke auf Deutsch:

Die Hochzeit des Zain. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992; Originalausgabe ʿUrs al-Zain. 1966
Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Zeit der Nordwanderung. Roman. Lenos, Basel 1998, ISBN 3-85787-267-5 (gebunden); ISBN 3-85787-662-X (Taschenbuch)

Eine Handvoll Datteln. Erzählungen. Lenos, Basel 2000, ISBN 3-85787-295-0

Taschenbuchausgabe, zusammen mit Zains Hochzeit, als: So, meine Herren. Sämtliche Erzählungen. Lenos, Basel 2009, ISBN 978-3-85787-725-4

Bandarschâh. Roman.Lenos, Basel 2001, ISBN 3-85787-322-1

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Das Buch erschien im Unionsverlag  Zürich:
Hardcover – gebunden
Vergriffen. Keine Neuausgabe
128 Seiten
ISBN 978-3-293-00180-0
€ [D] 12.00 / sFR 21.20
Unionsverlag

Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

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Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Franz Kafka – Prometheus

Max Klinger- Opus XII - »Brahmsphantasie« - Entführung des Prometheus
Klinger, Max: Opus XII, »Brahmsphantasie«, Entführung des Prometheus

Von Prometheus berichten vier Sagen: Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner immer wachsenden Leber fraßen.

Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen, bis er mit ihm eins wurde.

Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er selbst.

Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde.

Blieb das unerklärliche Felsgebirge. – Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt, muß sie wieder im Unerklärlichen enden.

Stephan Hebel interviewt Gregor Gysi – Eine (Audio)Rezension

Ausstieg links? – Eine Bilanz. Ein spannendes biografisches Interview. Westend Verlag, Frankfurt/Main. – Rezension von Erich Ruhl.

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Stephan Hebel zeigt Gregor Gysi in dessen unbescheidener Bescheidenheit Ein biografisches Interview.

Obacht: das Buch ist kein Nachruf. Eher ein Weckruf. Stephan Hebel porträtiert Gregor Gysi in einem spannenden Interview nach dessen Entscheidung, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren. Der gewandte Journalist trifft den charmanten Dr. Gregor Gysi, der viele Menschen aus der DDR in die BRD-Demokratie mitnehmen konnte und die Linke bis heute öffentlich prägt.

Unverstellt, frisch, klug, feinfühlig, selbstkritisch, witzig, respektvoll („wissen Sie, ich hasse einfach nicht zurück…“), unverwechselbar: Gysi als eigenständige Liga im Berliner Politikbetrieb.

Hebel gelingt eine Mischung aus Biografie und Zeitgeschichte. Gysi nimmt die Dinge ernst, ist eitel und nimmt sich dennoch nicht allzu wichtig. Eitelkeit mit attraktivem Glanz.

Gysi steht für die Linke. Und nur Gysi fokussiert die „Soziale Frage“ wie kein Zweiter. Undogmatisch ist der Jurist – allein schon, weil ihm Dogmatismus viel zu öde ist. Gysi ist für einen „linken Populismus“: ja, komplizierte Sachen darfst du auch einfacher darstellen, sagt er.

Bahro und Havemann hat er verteidigt in der DDR. Doch im Widerstand war er nicht. Sagt er auch nicht. Es war das Miefige am bürokratischen Sozialismus, das dem DDR-Bildungsbürger tief auf die Nerven ging.

Gregor Gysi hat noch etwas vor, mit nun 67. Keine Antwort – aber Spannung liegt in der Luft. Die Zusammenfassung seiner wichtigsten Reden und die Chronologie am Ende des Buchs rufen förmlich nach einer Zugabe.

Stephan Hebel Politischer Autor der Frankfurter Rundschau Foto: Alexander Kempf
Stephan Hebel
Politischer Autor der Frankfurter Rundschau
Foto: Alexander Kempf

Der Autor:
Stephan Hebel ist seit zwei Jahrzehnten Leitartikler, Kommentator und politischer Autor. Er schreibt für die Frankfurter Rundschau sowie für Deutschlandradio, Freitag, Publik Forum und weitere Medien. Er ist zudem regelmäßiger Gast im »Presseclub« der ARD und ständiges Mitglied in der Jury für das »Unwort des Jahres«. – Quelle: Verlag

Die Audio-Rezension von Erich Ruhl:

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Rezension: © Erich Ruhl
Sprecher, Autor, Journalist
www.ruhl-erich.de
Dezember 2015
Rezension AUDIO: http://www.audiyou.de/beitrag/rezension-zum-buch-ausstieg-links-hebel-interviewt-gysi-7385.html

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin, 1895 geboren, war der Sohn einer Bauernfamilie und wuchs auf dem Land bei seinen Großeltern auf. Schon als Kind fing er an Gedichte zu schreiben, in denen sich das dörfliche Leben wiederspiegelte. Mit siebzehn Jahren absolvierte er eine Lehrerschule und erwarb den Titel „Schullehrer der Grammatik.“

Esenin_Moscow_1922Daraufhin zog Jessenin nach Moskau, half dort in einer Metzgerei aus, die sein Vater leitete. Nach einem Konflikt mit seinem Vater, verließ er die Metzgerei, er fing zuerst an, in einem Buchverlag zu arbeiten und anschließend in der Typographie. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu revolutionsgesinnten Arbeitern und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Gleichzeitig fing er an, Geschichte an einer philosophischen Fakultät einer Moskauer Universität zu studieren. Dort fand er in einer literarisch-musikalischen AG gleichgesinnte junge Leute, die ebenfalls wie er, schrieben. Zwei Jahre später wurde sein erstes Gedicht „Die Birke“ in einer Moskauer Kinderzeitschrift veröffentlicht. Im Jahr 1916 sollte Jessenin in die Armee, doch Dank der Bemühungen seiner Freunde, wurde er zum Sanitär der Soldaten im Dienst der Kaiserin Alexandra Fjodorovna berufen. Dadurch bekam er die Möglichkeit, literarische Salons zu besuchen und auf Konzerten aufzutreten. Seine Auftritte brachten ihm einen derartigen Erfolg, dass sogar die große Fürstin Elisabeth (die damalige Stadthalterin von Moskau) ihn an ihren Hof eingeladen hat.

1916 wird der erste Gedichtband Jessenins veröffentlicht, dem die Literaturkritiker mit Begeisterung begegnen. Er lernte nun weitere bekannte Dichter wie Marienhof kennen, der später einen „Roman ohne Lügen“ über Jessenins Leben verfasste, den er jedoch nicht zu Ende schrieb. Zusammen bildeten sie eine literarische Gruppe der Imaginisten. Der Imaginismus ist eine Richtung der russischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und basiert auf den Dichtungen des frühen Futurismus sowie der Behauptung, dass das Ziel der Dichtung darin bestünde, wertvolle und originelle Gebilde in seinem Inneren zu schaffen.

Er heiratete im Jahr 1922 eine amerikanische Tänzerin, Isadora Duncan. Auf gemeinsamen Reisen durch Europa und Amerika begleiteten das Ehepaar viele Skandale um Isadora, die zu Missverständnissen in ihrer Beziehung führten. Hinzu kamen auch noch ihre Sprachbarrieren, denn Jessenin beherrschte keine Fremdsprache und seine Ehefrau konnte nur wenige Begriffe auf Russisch. 1923 haben sie sich getrennt.

Seine Gedichte widmete Jessenin weiterhin seiner Heimat, doch diese wurden etwas düster. Er sprach von der Spaltung Russlands, die sich in ein sowjetisches und ein aussterbendes Russland teilte. Die herbstliche Landschaft wurde zum Hauptmotiv seiner Gedichte als die Jahreszeit der Melancholie und des Abschieds.

Für sein bitteres Ende sorgte sein Poem „Das Land der Schurken“, indem er die sowjetische Macht kritisierte. Daraufhin wurde Jessenin zum Zielobjekt der journalistischen Hetze, die ihm eine angebliche Alkoholsucht und Prügeleien zuschrieb.

1975_CPA_4505Briefmarke UdSSR
Russische Gedenkbriefmarke von 1975

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Jessenin nur auf der Flucht, um sich vor der Staatsgewalt zu verstecken. Er fuhr mehrere Male in den Kaukasus, nach Leningrad und andere Städte, dabei versuchte er wieder seine eigene Familie zu gründen und heiratete im Jahr 1925 Sofia, die Enkelin von Leo Tolstoi, doch auch für diese Ehe war kein Glück bestimmt.

Aus Angst vor der Drohung, in Haft zu kommen, landete Jessenin in einer psychisch-neurologischen Klinik. Seine Ehefrau konnte den Professor an der privaten Uniklinik von Moskau dazu überreden, für Jessenin ein eigenes Zimmer in der Klinik bereitzustellen, damit er sich doch ungestört seinen Werken widmen und seine Behandlung erhalten konnte. Von seinem klinischen Aufenthalt wussten nur wenige Personen. Doch leider hielt sein Versteck nicht lange an und die Polizei bat den Professor darum, ihnen Jessenin zu überlassen. Dieser weigerte sich, den Dichter ihnen auszuliefern, was zur Folge hatte, dass auch die Klinik unter polizeilicher Beobachtung stand. Jessenin brach letztendlich seine Behandlung ab und fuhr nach Leningrad.

Am 28 Dezember 1925 wurde Jessenin in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die offizielle Erklärung seines Todes lautete Suizid, doch es gibt genügend Annahmen, dass er keinen Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde. Das letzte Gedicht von ihm „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, das mit Blut geschrieben wurde, wurde in seinem Hotelzimmer entdeckt.

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Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen!
Mein Lieber, du bist in meinem Herzen.
Eine unvermeidbare Trennung verspricht ein baldiges Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.
Mir macht es Angst, unter Menschen zu leben,
denn jeden meiner Schritte erwarten Qualen.
In diesem Leben gibt es nirgends Glück.

Auf Wiedersehen, die Kerzen brennen nieder.
Ich fürchte mich davor, in die Finsternis zu gehen.
Ich wartete das ganze Leben,
doch die eine Begegnung gab es nicht
und ich hatte niemanden zum Aufwachen in der Früh.

Auf Wiedersehen, mein Freund, mein Freund ohne Wort und Tat,
sei nicht traurig und auch nicht betrübt.
In diesem Leben ist zu sterben nicht neu
und zu leben, ist natürlich auch nicht neuer.

 

Das Gedicht ist übersetzt von Maria Aronov © 2015

Über das E-Book – Konrad Paul Liessmann

Gutenberg Museumsdruck -  Diese Beispielseite ist eine Kopie der "The 42-line Gutenberg Bible", Vol 2, Blatt 235.
Gutenberg Museumsdruck – Diese Beispielseite ist eine Kopie der „The 42-line Gutenberg Bible“, Vol 2, Blatt 235.

Der Wiener Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann in seinem Artikel „Bücherdämmerung“ (in: Der Standard, Album, vom 7./8.Juli.2012) sinngemäß: Der Begriff „E-Book“ ist ein falsch verstandener Euphemismus. Das E-Book ist kein Buch sondern ein digitales Medium, das Lesetexte sichtbar macht. Nicht mehr und nicht weniger. Dass der Buchestalter diese Evolution hautnah miterlebt und nutzen kann; ebenso wie digitale Produktionstechniken, ist nicht Fluch, sondern Segen.
So müssen sich auch Autoren und Gestalter zu Gutenbergs Zeiten gefühlt haben, dessen Erfindung übrigens von Traditionalisten zunächstauch abgelehnt wurde. Das neue, digitale Medium braucht allerdings einen neuen Namen, um nicht ständig in Konkurrenz mit dem Medium Buch zu stehen. Aber der wird kommen. Genauso wie das noch junge Medium seine Kinderkrankheiten ablegen wird. Geben wir ihm etwas Zeit.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN – Anthologie zur Unterstützung eines schwer erkrankten Menschen

Die Leverkusener Autorin Britta Heinrichs hat im April 2015 eine Anthologie mit dem Titel DIE SIEBEN TODSÜNDEN veröffentlicht:   

Britta Heinrichs - DIE SIEBEN TODSÜNDEN - c Britta Heinrich
Britta Heinrichs – DIE SIEBEN TODSÜNDEN – c Britta Heinrich

Sieben Todsünden  
Neun Illustratoren   
Vierzehn Autoren  
Ein guter Zweck    

„Todsünde“ – ein gewaltiger Begriff, den man zwar umgangssprachlich verwendet, der jedoch theologisch gesehen völlig falsch ist. Was wir darunter verstehen, bezeichnet die sieben Hauptlaster – schlechte Charaktereigenschaften, die uns posthum ein warmes Plätzchen im Höllenfeuer reservieren.  
Dass aus Todsünden jedoch auch Gutes entstehen kann, beweist diese Anthologie voller spannender, lustiger, guter und böser Geschichten, Gedichte und Illustrationen. 
Die Autoren und Illustratoren verzichten auf ein Honorar – zugunsten einer Familie aus Niedersachsen. Einer der vier Söhne leidet an Muskeldystrophie. Um die Familie ein wenig zu entlasten, werden alle Gewinne aus dem Buch an sie gespendet.  

M u s k e l d y s t r o p h i e: Eine Sammelbezeichnung für erbliche Muskelerkrankungen mit Störung des Muskelzellstoffwechsels, die (ohne Nervenbeteiligung) zu einem fortschreitenden Schwund der rumpfnahen Muskulatur führt. Bei der progressiven Muskeldystrophie kommt es nach meist schleichendem Beginn mit gleichzeitiger Zunahme des Fett- und Bindegewebes zu Haltungs- und Gehstörungen; bei ungünstigem Verlauf tritt i.d.R.  vor dem 20. Lebensjahr der Tod aufgrund von Herzmuskelschwäche ein. Die autosomal-rezessiv erbliche angeborene Dystrosophie führt zu bleibender Bewegungseinschränkung, bei der bösartigen Form zu rasch fortschreitendem, in den ersten Lebensjahren tödlichen Verlauf.

Leseprobe:

"Der große Jack" von Jörg Wiegand
„Der große Jack“ von Jörg Wiegand

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Cats Medienkommentar: Der Wert des Worts

Als Gutenberg vor einigen Jahrhunderten die Kunst des Buchdrucks erfand, besaß das geschriebene Wort, das plötzlich für jeden zugänglich war, einen unermesslichen Wert und löste eine echte Faszinationswelle aus. Alle wollten lesen, lernen, Neues wissen. Das Paradoxon: Je „älter“ das freie Wort wird, desto mehr scheint es an monetärem Wert zu verlieren. Warum es sich dennoch lohnt, zu schreiben.

Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!
Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!

Wer heute als Autor ohne „Bestseller-Bonus“, freier oder angestellter Journalist, PR-Texter oder in einem anderen Mediensektor des „geschriebenen Wortes“ arbeitet, muss mitunter im Vergleich zu anderen Branchen einen niedrigeren Lohn hinnehmen. Das ist eine Tatsache, die nur die größten und naivsten Idealisten unter uns „Wortkünstlern“ erst sehen, wenn es zu spät ist – die meisten Schreiber sind sich ihres steinigen Karrierewegs durchaus bewusst. Und selbst die abgeklärtesten Realisten unter uns fragen sich hin und wieder, ob unserer Arbeit überhaupt ein Wert zugemessen wird – sowohl finanziell als auch durch unsere Leser. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Monday Mania

It’s just another manic Monday …“, trällern die Bangles aus dem Radio; man spricht von „Montagsarbeit“, wenn etwas bei der Produktion gründlich schiefgegangen ist und überhaupt scheint das Wort „Montag“ eine wahre Depressionswelle auszulösen. Dabei vergessen wir oft, dass Glück keine Frage des Wochentags ist.

Wenn ich am Sonntagabend oder Montagmorgen meinen Facebook-Account öffne, springen mir gleich die neuesten Negativmeldungen entgegen. Grund dafür sind nicht etwa die europaweite Finanzmisere, der Syrienkrieg, die aktuelle Flüchtlingswelle oder der Klimawandel. Wobei, in gewisser Weise ändert sich das „Klima“ innerhalb der sozialen Medien schon. Findet man am Sonntagmittag noch typische Wochenendbeiträge und -Fotos wie das Picknick am Badesee oder Bilder aus dem Freizeitpark, alle mit Emojis wie „freudig“, „wunderbar“ oder „verliebt“ versehen.

"Arbeiten? Das habe ich doch letzte Woche erst gemacht ..."
„Arbeiten? Das habe ich doch letzte Woche erst gemacht …“

Das Online-Klima ändert sich, sobald der gefürchtete Wochenanfang, der Montag, Stunde um Stunde näher rückt. Auf einmal heißt es: „Wochenende! Komm zurück!“, „Monday sucks“ oder „Mist, schon wieder Montag“. Auch die Emojis zeigen einen Stimmungsumschwung zu „enttäuscht“, „frustriert“ oder „traurig“. Mir scheint, einmal in der Woche schwappt eine Montagsdepressionswelle über Deutschland. Auch wenn es mich selbst hin und wieder nervt, wenn ein entspannendes Wochenende wieder in eine neue (Arbeits-)Woche übergeht, gilt für mich jedoch die Devise: Montag ist, was du draus machst! Hier also ein paar positive Mantras gegen den „Montagsfluch“.

Montag ist auch nur ein Tag. Weiterlesen

Gaston Tarry & der Lösungsalgorithmus für Irrgärten

‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.
‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.

trennlinie2Der französische Finanzinspekteur Gaston Tarry (1843–1913) entdeckte 1895 folgenden Lösungsalgorithmus für Irrgärten:

Wenn du einen Gang betrittst, markiere den Eingang mit dem Wort Stopp. Betritt nie einen Gang, der mit Stopp markiert ist.

Betrittst du das erste Mal eine Kreuzung (daran erkennbar, dass an keinem Gang eine Markierung angebracht ist), markiere den eben verlassenen Gang mit dem Wort zuletzt.

Gibt es an einer Kreuzung Gänge, die keine Markierung besitzen, wähle einen beliebigen davon, um weiterzugehen.

Sollte es keine unmarkierten Gänge mehr geben, betritt den mit zuletzt markierten Gang.

Mit dieser Methode wird der Ausgang garantiert gefunden. Sollte der Irrgarten keinen Ausgang besitzen, wird jede Kreuzung besucht und jeder Gang genau zweimal beschritten (einmal in jede Richtung). Der Algorithmus hält dann wieder am Startpunkt. Die Methode von Tarry ist damit – anders als der Pledge-Algorithmus – auch geeignet, von außen in einen Irrgarten einzutreten und ein Ziel im Inneren zu finden. Der Algorithmus von Trémaux ist ein Spezialfall des Algorithmus von Tarry.

Kurt Tucholsky über Hans Paasche

Franz Mutzenbecher - Der weiße Rabe
Franz Mutzenbecher – Der weiße Rabe

Ein weißer Rabe

Im Verlag ‚Neues Vaterland‘ zu Berlin ist ein kleines Heft erschienen, das heißt: ›Das verlorene Afrika‹ und ist von Hans Paasche, Kapitänleutnant a. D. Ein Idealist, ein Wahrheitsfreund, ein weißer Rabe.

Paasche ist unten in den deutsch-afrikanischen Kolonien gewesen – und erzählt von der deutschen Kulturarbeit da unten, und davon, was er unter dieser Kultur gelitten hat, und endlich, endlich steht das erlösende Wort da: »Eine Änderung des Denkens tut not.« Haben wir das in der Revolution oft gehört?

Von den Kolonien ausgehend, behandelt Paasche nun dieses wilhelminische Deutschland, und man kann es nicht genug behandeln – nur nicht sanft. Man kann nicht oft genug wie Paasche sagen, daß alles, aber auch alles schief und schlecht in diesem Lande gewesen ist, soweit es sich zu einer – sagen wir: Geistigkeit manifestierte, Grade die gipsernen Ideale dieser nicht genügend zerstörten Welt müssen gänzlich entzweigeschlagen werden, ehe an die Errichtung neuer zu denken ist. Wir sehen doch täglich, wie die Leute an diesen alten Kriegervereinstiraden hängen – und grade um die geht es.

Paasche spricht vom Spuk ›Schwarz-Weiß-Rot‹. Der ist verdammt real. Heute noch. Und fast alle Leute glauben an Gespenster.

Paasche zählt auf, was da gespielt worden ist: die Roheit der herrschenden Macht, der Aberglaube an die geistliche Gewalt, die falsche und schlechte Ambition, die Welt zu beherrschen (ohne die Mittel, sie zu beherrschen – das war das Schlimmste), die mangelnde Intelligenz und die unerhörte Verbohrtheit dieses Volkes.

Beschmutze nicht dein Nest – wispert es, schreit es, dröhnt es. Wir könnens nicht mehr: Ihr habts reichlich besorgt. Und Paasches Name ist nicht Thersites, sondern Herkules im Augiasstall.

Wenn der gereinigt ist, dann mögt ihr wieder Kolonien aufmachen. Eher nicht.

    Quelle: Ignaz Wrobel
    Die Weltbühne, 04.12.1919, Nr. 50, S. 709.

Unsere Weltwunder – Das größte Theater der Welt

Das größte Theater der Welt

Kolosseum -"Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums - Rom (Italien) - Gemälde - 1552 - Maerten van Heemskerck (1498-1574) - Öl auf Holz
Kolosseum -„Stierkampf in den Ruinen des Kolosseums – Rom (Italien) – Gemälde – 1552 – Maerten van Heemskerck (1498-1574) – Öl auf Holz

trennlinie2Viele Millionen Menschen haben während längst vergangener Jahrhunderte in dem Kolosseum zu Rom gesessen und den nach unserm Geschmack höchst barbarischen Schauspielen zugesehen, die in der ungeheuren Arena dargeboten wurden. Viel Menschenblut ist dort drinnen unter wütendem Beifall der Massen vergossen worden; noch größer aber war das Morden unter wilden Tieren. Als der Kaiser Titus den von Vespasian begonnenen Bau im Jahre 80 n. Chr. einweihte, fanden hundert Tage lang ununterbrochen Schaustellungen statt; hierbei allein verloren 5000 wilde Tiere ihr Leben.

Für die außerordentlichen Dimensionen dieses Baus, der an Stelle eines künstlichen Sees bei der goldenen Villa des Nero errichtet wurde, spricht nichts deutlicher als die Tatsache, daß er nach manchen Zerstörungen durch Unwetter, Blitzschläge und Erdbeben lange Zeit als Steinbruch gedient, daß der Palazzo di Venezia, die Cancelaria, Palazzo Farnese, der Ripetta-Hafen aus Steinen des Kolosseums errichtet wurden, und daß das gewaltige Gebäude doch heute noch in überwältigender Größe dasteht. Fast die Hälfte dieses Denkmals der römischen Größe zur Blütezeit des Kaisertums ist verschwunden, aber immer noch künden die erhabenen Reste die Großartigkeit dessen, was einst dort gewesen. Das Theater hatte vier gewaltige Geschosse aus Travertinquadern von fast 50 Metern Höhe. Der Umkreis des elliptisch geformten Baus beirägt einen halben Kilometer. 80 Eingangsportale, die in Bogenform zwischen den riesigen Tragpfeilern ausgespart waren, sorgten dafür, daß 85 000 Besucher bequem Ein- und Ausgang finden konnten. Alle Sitze waren mit Marmor belegt; von diesem Material ist heute kein Bröckelchen mehr vorhanden.

Neuere Ausgrabungen haben unter der Arena großartige maschinelle Theatereinrichtungen bloßgelegt. Man fand die Vorrichtungen, die das Anfüllen des Schauplatzes mit Wasser für die sehr beliebten Seeschlachten gestatteten, und auch die Käfige, in denen die wilden Tiere bis zu ihrem »Auftreten« untergebracht wurden. Alles zusammen zeigt, daß dieses Wunderwerk der Antike ebenso groß als Kunstleistung wie als zweckmäßig eingerichtetes Theatergebäude gewesen ist.

Die ältesten Klöster der Christenheit – St. Antonius und St. Paulus – Georg Schweinfurth

AntoniusKloster - Ägypten - Illustration: Stefan Otte
AntoniusKloster – Ägypten – Illustration: Stefan Otte

Kaum zweihundert Kilometer südöstlich von Kairo, aber in völliger Abgeschiedenheit und nur äußerst selten von Reisenden besucht, liegen unmittelbar zu Füßen der beiderseitigen Steilabstürze einer gegen das Rote Meer zu auslaufenden Ecke des östlichen Kalkplateaus die beiden berühmten Klöster St. Antonius und St. Paulus, die ältesten der gesamten Christenheit.

Als ein Teil jenes weitausgedehnten der Nummulitenformation angehörigen Plateaus, das der Nil auf seinem Laufe von Theben an durchschneidet und von der Hauptmasse auf der libyschen Seite absondert, bildet das die beiden Klöster voneinander trennende Gebirge einen bis über 1200 Meter ansteigenden Ausläufer. Nach Norden zu wird er von dem zehn Stunden breiten Uadi Arabah begrenzt, nach Süd-Osten dagegen tritt er vermittelst eines verworrenen Systems vorgeschobener Hügel und geradrückiger Abstufungen in Kontakt mit den nördlichsten Gliedern der sich längs der ganzen Westküste des Roten Meeres hinziehenden Kette von Porphyr-, Granit- und Dioritgebirgen. Von der Höhe dieses Plateau-Ausläufers, den die im Gebiete spärlich zerstreuten Hirten Galala nennen, verlaufen hauptsächlich nordwärts zum Uadi Arabah mehrere tiefe Taleinschnitte, die zwischen großartig pittoresken Felswänden hin und her gewunden, die Bergmasse in eine Anzahl unregelmäßiger Rippen gliedern, während diese auf der entgegengesetzten, nach Südwest verlaufenden Seite nur wenige Einschnitte zeigt und hier wie eine aus dem Gewirr der Vorhügel steil aufsteigende und zusammenhängende Mauer erscheint, ein Aussehen, das dem Kalkplateau auf seiner ganzen östlichen Begrenzung bis zur Stadt Keneh in Oberägypten, zukommt.Weiterlesen

Unsere Weltwunder – Der Nilstaudamm von Assuan

Der Nilstaudamm von Assuan

Benjamin Franck, picture taken by myself on nov 2005- Quelle: wikipedia - Gemeinfrei
Benjamin Franck, picture taken by myself on nov 2005- Quelle: wikipedia – Gemeinfrei

trennlinie2Als die Pyramidenbauer vor tausenden von Jahren die Steinblöcke aus den Randgebirgen des Nils brachen, um ihre mächtigen heiligen Bauten daraus zu errichten, da mißglückte ihnen wohl auch einmal die Formung einer Quader; sie ließen sie dann halb bearbeitet am Fuß des Gebirges liegen. Manch einer dieser Blöcke, behauen von Händen, deren Zeitalter längst unter dem Horizont der Geschichte versunken ist, manche Quader, die das Grab eines Pharao beschützen sollte, hat nun bei einem hochmodernen Bauwerk Verwendung gefunden. Die altehrwürdigen Steine haben aber dabei keinen unangemessenen Platz erhalten, denn was da von neuzeitlichen Europäern im Tal des ägyptischen Stroms erbaut worden ist, darf sich an Großartigkeit mit den Pyramiden beinahe messen; man könnte auch sagen, daß es sie an Nützlichkeit weit übertrifft, wenn dieser Vergleichsmaßstab hier angebracht wäre.

Der Nil ist noch heute, wie in den biblischen Zeiten, der Spender des Reichtums für Ägypten. Die modernen Produkte des sonnendurchglühten Landes, wie Baumwolle, Weizen oder Zuckerrohr, gedeihen nur da, wo das Wasser des Stroms Schlamm und genügende Feuchtigkeit hinträgt. Nun ist der Wasserstand des Nils außerordentlich wechselnd. Wenn in den Gebirgen seines innerafrikanischen Quellgebiets der Schnee schmilzt, wälzt der Fluß ungeheure Wassermengen dahin. Er tritt weit über seine Ufer, aber es konnte früher durchaus nicht alles Wasser der guten Monate ausgenutzt werden, sondern ein großer Teil rann in diesen Zeiten des Überflusses ungenutzt ins Meer. Wenige Monate später lagen dann weite Strecken verdurstet da und vermochten keiner Pflanze Leben zu spenden.Weiterlesen

Unsere Weltwunder – Die große Sphinx

Die große Sphinx

Franz von Stuck - Sphinx
Franz von Stuck – Sphinx

trennlinie2Geheimnisvoll lächelnd heute noch wie vor tausend Jahren ist in der Nähe der Pyramiden, mächtig in den Wüstensand hingelagert, die Kolossalgestalt der großen Sphinx zu sehen. Sie stellt einen Löwen dar, der den Kopf eines Königs trägt, des Pharao Chefren wahrscheinlich, der das Steinbild, ebenso wie die zweitgrößte der Pyramiden, erbaut hat. Die Sphinx ist 55 Meter lang, bis zum Scheitel 20 Meter hoch; die Breite des Antlitzes beträgt über vier Meter. Die Gestalt ist aus dem natürlichen Felsen herausgehauen, der freilich hier und da durch Einfügung passender Steine ergänzt werden mußte. Obgleich das Antlitz der Sphinx im Lauf der Jahrtausende stark gelitten hat, sodaß der Bart gänzlich, die Nase zum Teil fehlen, ist es doch noch heute von wundersamer Wirkung; der majestätische Blick dieses von allen Schauern ungeheurer Erlebnisse umwobenen Kolosses hat auf Erden nicht seinesgleichen.

Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.Weiterlesen

Sokrates und die Zeit in der er lebte – Felix Pirner

Akropolis mit dem Parthenon-Tempel - Nachbau
Akropolis mit dem Parthenon-Tempel – Nachbau

Geboren im Jahre 469 v.Chr. und gestorben siebzig Jahre später, also 399 v. Chr., hat Sokrates den Aufstieg wie den Niedergang seiner Vaterstadt Athen erlebt, den Reichtum der Feste, den Glanz der Bauten, den Ruhm der Flotte in den Zeiten des großen Staatsmannes Perikles, aber auch die dreißig Jahre des Peloponnesischen Krieges, Hunger, Pest, Niederlage im Krieg, Neid, Bosheit der Mitbürger und nachher die Willkür feindlicher Besatzungen. Sokrates hat dies alles mit dem Herzen erlebt. War doch sein binnen und Trachten stets nur dieser einen Stadt Athen zugewandt, die er nie verlassen hat, es sei denn gezwungen auf Feldzügen. Vater und Vorväter waren geachtete Bildhauer. Den gleichen Beruf hatte auch Sokrates. Man möchte sich ihn vorstellen unter den Gesellen des Meisters Phidias, an den Propyläen und am Parthenon-Tempel mitbauend und gestaltend. Doch zeigt Sokrates nirgendwo Künstlerehrgeiz. Nicht nur gab er den Beruf bald auf und stand den Tag über auf dem Markt, sich mit den Leuten zu unterhalten; er rühmte sich sogar, dem Beruf seiner Mutter zu folgen, die Hebamme war, und Hebammenkunst nannte er, was er da mit den Leuten auf dem Markte trieb. Er meinte nämlich, das Gute und Rechte liege in jedem Menschen drin, wie das Kind im Mutterschoß und müsse gleich diesem mit Hebammenkunst und gutem Willen ans Licht gebracht, ins Leben geboren werden.
Das beste Werkzeug dieser seiner Hebammenkunst dünkte Sokrates die Ironie, also eine schalkhafte Verstellung. Er tut so, als sei er ganz dumm und suche Belehrung, schiebt seine banal scheinenden Fragen wie im Brettspiel die Steine Zug um Zug weiter — bis plötzlich der andere merkt, er ist rings eingeengt und rettungslos geschlagen.Weiterlesen

Cats Medienkommentar: Mysterium Bestseller

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Manche Bücher gehen weg wie warme Semmeln. Die eine Hälfte der lesenden Bevölkerung kann das vollkommen verstehen – schließlich liest sie die aktuelle Nummer Eins selbst gerade. Die andere Hälfte schaut auf die Bestsellerliste und runzelt ein wenig ratlos die Stirn, absolut sicher, dass sie nichts an dem Hype finden kann. Kurz: Es ist ihnen ein Mysterium, wie ausgerechnet dieses Stück (Trivial-) Literatur eine derartige Massenkaufhysterie auslösen kann.

Manchmal frage ich mich, ob ich auf dem Mond lebe – zumindest, was den aktuellen Büchermarkt angeht. Jedenfalls nicht auf diesem Planeten; sonst wäre mir der Buchtitel „Fifty Shades of Grey“ nicht erst begegnet beziehungsweise zu Ohren gekommen, als E.L. James‘ berühmt-berüchtigte SM-Romanze schon monatelang die Bestsellerlisten auf der ganzen Welt bevölkerte und zufällig ein eher satirischer Beitrag darüber im Lokalradio gesendet wurde. Ich musste es sogar googeln, um dahinter zu kommen, wonach plötzlich die (weibliche) Welt so verrückt war. Ich fand die Leseproben für mich persönlich eher ernüchternd – aber das ist eine andere Geschichte. Ich schreibe diesen Beitrag schließlich nicht, um „Grey-Bashing“ zu betreiben, sondern nur, um meine Verwunderung auszudrücken. Eine Verwunderung auf zwei Ebenen. Erstens, warum sich plötzlich alle Welt an Geschichten und Szenen ergötzt, worüber sie öffentlich sonst niemals sprechen würde. Zweitens, warum mir eigentlich erst jetzt auffällt, warum dieses oder jenes Buch gerade als absolutes „Must-have“ gilt.Weiterlesen

Erich Ruhl / Jens Berger ♦ Wem gehört Deutschland ♦ Audio-Auszug

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Foto: Erich Ruhl
Auszug aus dem Sachbuch von Jens Berger, erschienen im Westend Verlag Frankfurt am Main.
Berger beschreibt akribisch die aus dem Lot geratene Vermögensverteilung in Deutschland. Zitat des Autors: es gibt viele Armutsberichte. Das ist der fehlende Reichtumsbericht. Auszug aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages. Sprecher: Erich Ruhl

trennlinie2Das Buch: Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen – Die Mär vom Volksvermögen – Jens Berger

c Verlag
c Verlag

Wem gehören eigentlich die großen Unternehmen des Landes? Wem die Banken? Die Immobilien? Wem gehört Deutschland? Jens Berger geht diesen Fragen nach und präsentiert dem Leser einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken. Wussten Sie schon, dass Sie über ein Vermögen von 222.200 Euro verfügen? So hoch ist nämlich das durchschnittliche Vermögen eines deutschen Privathaushalts. Doch mit dem Durchschnitt ist das so eine Sache. Während die Hälfte der Deutschen zusammengenommen gerade einmal 1,4 Prozent des Gesamtvermögens besitzt, befinden sich zwei Drittel des Vermögens im Besitz der obersten 10 Prozent der Bevölkerung. Wie konnte es zu dieser ungleichen Vermögensverteilung kommen, und welche Folgen ergeben sich daraus für unsere Gesellschaft? Und wem gehört eigentlich Daimler Benz, Siemens oder die Allianz? Jens Berger macht die Arbeit staatlicher Behörden und Journalisten und deckt auf, was dringend öffentlich diskutiert werden muss.

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Jens Berger - c Verlag
Jens Berger – c Verlag

Der Autor: Jens Berger ist freier Journalist und politischer Blogger der ersten Stunde. Er unterstützt die Herausgeber der NachDenkSeiten bei der redaktionellen Arbeit und schreibt regelmäßig für die Seite Artikel. Als Herausgeber des Blogs Spiegelfechter, der neben den NachDenkSeiten zu den bekanntesten deutschsprachigen Politblogs gehört, befasst er sich mit und kommentiert er sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischen Themen. Sein Wunsch ist es, die alltägliche Politik für den Bürger zu durchleuchten und transparent darzustellen, um der tatsächlichen Wahrheit ein Stück näher zu kommen. – Quelle: http://www.westendverlag.de/

Cats Gedankenwelt: Generation P(rovisorium) und die Suche nach Perspektiven

Foto: PrivatWirtschaftsexperten, Politiker & renommierte Sozialforscher stimmen derzeit im Chor ein Lamento an, weil Deutschland die Heimat der niedrigsten Geburtenraten ist. Weil unsere Generation „Y“ anscheinend zu allem anderen Lust hat, außer die Demographiepyramide wieder ins Lot zu bringen. Als junge Frau, die ihren Zeitgeist mit am besten kennen sollte, und eine der „Beschuldigten“ möchte ich jedoch einmal provokant eine Gegenfrage stellen: Warum einer weiteren Generation ein Leben in der Warteschleife antun?

Die Schlagzeilen in den letzten Monaten haben viel Wirbel gemacht und gingen alle in die Richtung: „Niedrigste Geburtenrate in Europa! Schafft sich Deutschland ab?“ Zunächst einmal dürfen alle Weltuntergangspaniker, die gemütlich in ihren Ledersesseln in Präsidien, Glasbautenbüros und in luxuriösen Konferenzsälen sitzen und die vernichtenden Statistiken lesen, wieder Luft holen. Ein Aussterben der deutschen Bürger oder gar der Spezies Mensch ist angesichts der nachgewiesenen globalen Migration und Überbevölkerung ausgeschlossen. Korrekt ist jedoch: Es rappelt gewaltig im Rentenkarton jener, die gerade verzweifelt versuchen, neben ihrem eigenen (Über-)Leben jetzt und im Alter auch noch die Alterabsicherung der aktuellen Alten zu garantieren. Sie werden scheitern, sagen Experten voraus, und dabei haben sie nicht ganz unrecht. Bei dem aktuellen Verhältnis zwischen denen, die immer älter werden, den potenziell neu hinzukommenden zukünftigen Rentenabsicherern (oder auch: Neugeborenen) und denen, die aktuell zwischen diesen Polen eingequetscht sind und zu denen auch ich gehöre, ist früher oder später der große Knall zu erwarten.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Sozialer Disconnect

Wir sind es gewohnt, immer und überall vernetzt und niemals wirklich allein zu sein. Irgendwie ist man immer mit anderen in Kontakt – ob über soziale Medien, in einer Wohngemeinschaft, in der Familie oder im Kollegenkreis. Alleine irgendwo sein oder hingehen heißt oft: uncool sein und als Sonderling gelten. Dabei erfordert es eine Menge mehr Coolness und Mut, als sich ständig im Schutz der Gruppe zu bewegen.

Foto: Privat
Foto: Privat

Manche Menschen genießen das Alleinsein, sie finden dann „zu sich“, schätzen die Ruhe, die es bringt, auch mal nicht von anderen Individuen umgeben zu sein. Sie sind „sich selbst genug“, wissen etwas „mit sich anzufangen“, auch ohne externe Reize und Eindrücke. Ich bewundere diese Leute ein Stück weit, denn ich gehöre nicht dazu. Sich auf eigene Faust auf den Weg in eine fremde Stadt machen? Work and Travel irgendwo, wo einen keiner kennt? Oder auch nur, sich alleine irgendwo hinsetzen und einen großen Eisbecher oder ein Menü von der Mittagskarte bestellen, das Handy auslassen und einfach nur die Menschen beobachten, die geschäftig vorbeiströmen? Während die ersten beiden Beispiele mir vollkommen sinnlos erscheinen, weil ich mich wohl nicht einfach dazu überwinden könnte, ist das dritte zumindest eine Herausforderung.Weiterlesen

Erich Ruhl ♦ Lob des freien Tanzes – Sinnenvoll kopflos werden ♦ Claudia Bady ♦ Audio

Tanz Apollons mit den Musen

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Eine Beschreibung der Kraft des Freien Tanzes: Lerne Dich selbst kennen  – und dann erst das Du.
Der gesprochene Text beschreibt die Methodik von Claudia Bady, Tanztherapeutin in Frankfurt am Main.

 Ein Lob auf den freien Tanz

Autor: Erich Ruhl. Sprecher: Erich Ruhl.
Mehr Informationen finden Sie hier.

Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Drei Badende am Strand - Paul Gustav Fischer (1860 - 1394 )- dänischer Maler
Drei Badende am Strand – Paul Gustav Fischer (1860 – 1394 )- dänischer Maler

Der Sommer naht und so mancher Mann freut sich jetzt schon auf den Anblick kurzer Röcke, tiefer Ausschnitte und Shorts, die gerade so das Nötigste bedecken. Vielen Frauen hingegen gruselt es vor der heißen Saison und ihrer neuen „Kleiderordnung“ – und vor allem vor dem „Ganzkörperscan“, der ihnen nun ständig bevorsteht.
Am nächsten Wochenende soll es heiß werden, das sagt zumindest der Wetterbericht. Also raus mit den Sandalen, dem kurzen Kleidchen und der Hotpants? Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage ist eine Sache – das mit der knappen Bekleidung eine andere. Denn es wird sich auch diesen Sommer nicht jede Frau trauen, sich darin ungezwungen im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zu tun, ohne sich ständig begafft zu fühlen wie ein Tier im Zoo, ist wohl eine der größten Hürden, die den Meisten bald begegnen wird. Weiterlesen

Peter Freestone – Freddie Mercury : Ein intimer Einblick von dem Mann, der ihn am besten kannte.

Buchcover der italienischen Ausgabe. Die ist schöner.
Buchcover der italienischen Ausgabe. Die ist schöner.

Es war keiner der Kumpel Freddie Mercurys, zumindest war dies nicht der Grund für seine Rolle im Leben der Queen-Frontmannes.
Er war eher sein persönlicher Assistent – loyaler und vertrauenswürdig. Sie lebten viele Jahre zusammen unter einem Dach – Garden Lodge – in einer Villa in Kengsington, südöstlich von London. Und es ist dieses Haus,
welches die Hauptrolle der ganzen Geschichte übernimmt.
Das Haus ist komplett nach den exklusiven  Geschmack des Sängers (nennen Sie ihn nicht Popstar, er würde sich maßlos ärgern) eingerichtet. Es ist fast jedes Detail im Buch beschrieben  – einschließlich einer Beschreibung der Probleme mit der Dusche.
Das Buch handelt auch von den Perioden in New York und Monaco und auch hier beschreibt der Autor genau dieHäuser in denen sie gemeinsam gelebt haben, aber jede der Geschichte beginnt und endet mit Garden Lodge.
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Cat’s Couch: Wie ein angezogener Exot am FKK-Strand

Cat KolCarolin Kebekus hat einmal gesagt: „Mittlerweile kenne ich die Brüste von Micaela Schäfer besser als meine eigenen.“ Recht hat sie, finde ich, wenn ich mich nach Feierabend durch das Internet und durch Facebook klicke und mir mehr nackte Haut begegnet, als ich sie je am Strand sehen würde. Auch bemerkenswert: Es sind immer noch meist die Frauen, die sich ausziehen.

Es erscheint mir in etwa so sinnfrei wie „Panzer für den Frieden“ – der Trend, dass wirklich jede Frau, egal welchen Alters, welcher Ethnizität und welchen Körperbaus, derzeit der Meinung ist, nackte oder halbnackte Bilder ins Internet zu stellen. Als Kunst wohlgemerkt – oder als Zeichen gegen ein aalglattes Körperbild, das gefühlte 95 Prozent aller Frauen weltweit schlecht dastehen lässt und Selbstzweifel fördert. Einmal ganz schonungslos und offen gesagt: Ich habe ja eher selbst Zweifel daran, ob ein solcher Overload an nackten „Weibsbildern“ wirklich das Problem des Schönheits- und Perfektionsterrors in den Medien lösen kann. Oder ob die bunt bebilderte Aussage „Wir sind alle schön“ nicht noch mehr der Gleichung Frau + Körperlichkeit + Schönheit = Anschauungsobjekt Vorschub leistet.Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé – Erinnertes an Sigmund Freud (1936) – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Als ich, aus einem Aufenthalt in Schweden heimwärts reisend, auf dem Weimarer psychoanalytischen Kongreß im Herbst 1911 vor Freud stand, lachte er mich für meine Vehemenz, seine Psychoanalyse lernen zu wollen, sehr aus, denn noch dachte niemand an Lehrinstitute, wie sie später des Nachwuchses halber in Berlin und Wien geplant wurden. Als ich dann, nach halbjährigem autodidaktischem Vorstudium, bei Freud in Wien anlangte, da lachte er mich, die Ahnungslose, noch herzlicher aus, da ich ihm mitteilte, außer mit ihm auch mit Alfred Adler, dem ihm inzwischen spinnefeind Gewordenen, arbeiten zu wollen. Gutmütig gab er das zu unter der Bedingung, daß weder von ihm dorthin, noch von dort in seinen Umkreis geredet würde. Diese Bedingung erfüllte sich so sehr, daß Freud erst nach Monaten meine Trennung von Adlers Arbeitskreis in Erfahrung brachte. Aber wovon ich berichten möchte, bezieht sich nicht auf irgendwelche Theorienbildung, denn auch die fesselndste würde mich nicht haben ablenken können von dem, was Freuds Funde enthielten. Eine Ablenkung davon hätte – wenn man sich sein »Finden« vorstellt weder ein blendendster Theoretisierer dieser Funde bewerkstelligen können, noch auch würde es geschmälert worden sein durch eine verunglückte oder unvollendete Theorie Freuds selber darüber, Theorien – und damals gab es noch im Werden begriffene – galten ihm als das unumgängliche Verständigungsmittel unter den Mitarbeitenden, und wo sie sich ihm bildeten, da zeigten sie selbstverständlich den Charakter seiner wissenschaftlich und personell auf exakteste Nüchternheit eingeschworenen Denkungsart.Weiterlesen

Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – Eine Buchkolumne von Stefan Krause

Brief an ein
Oriana Fallaci – Brief an ein nie geborenes Kind – c FISCHER Taschenbuch

Über dieses Buch
Eine junge Frau erwartet ein Kind. Sie spricht zu ihm und versucht, sich über ihre wechselnden Gefühle, ihre widersprüchliche Einstellung zu dem Kind klar zu werden. Als erfolgreiche Journalistin ist sie emanzipiert und besteht darauf, weiterhin allein zu leben, allein für ihr Kind zu sorgen. Während der ersten Monate ihrer Schwangerschaft , die sie sehr bewußt erlebt, während ihrer seelischen und geistigen Vorbereitung auf die neue Rolle als Mutter, die sie ebenso herbeisehnt, wie sie sie fürchtet, durchlebt sie alle Stadien der Freude, der zärtlichen Ungeduld, der Verzweifl ung und der Traurigkeit, der Angst und der Hoffnung.

Das Buch schlug –  es erschien 1975 im italienischen Original – wie eine Bombe ein und riss einen unüberwindlichen gesellschaftlichen Graben auf. Nun hatte „die Fallaci“ ihren Ruf weg: anmaßende, kalte Egoistin wird sie seither auf der einen Seite des Grabens genannt, schonungslos ehrliche Aufklärerin auf der anderen. Sie polarisierte, wann immer sie zur Feder griff oder „den Mund aufmachte.“ Weiterlesen

Lou Andreas-Salomé -Das Erlebnis Sigmund Freud – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

Zwei einander sehr entgegengesetzte Lebenseindrücke sind es gewesen, die mich für die Begegnung mit Freuds Tiefenpsychologie besonders empfänglich machten: das Miterleben der Außerordentlichkeit und Seltenheit des Seelenschicksals eines Einzelnen – und das Aufwachsen unter einer Volksart von ohne weiteres sich gebender Innerlichkeit. Auf das Eine soll hier nicht zurückgegriffen werden. Das Andere war Rußland.
In Bezug auf den Russen hat man oft gesagt – und Freud selber tat es in der Zeit vermehrter Russenkundschaft, vor dem Kriege –, daß bei diesem »Material«, krankem wie gesundem, zweierlei aufeinandertreffe, was sich sonst weniger häufig gesellt: eine Simplizität der Struktur – und eine Befähigung, im einzelnen Fall redselig eindringend auch noch Kompliziertes aufzuschließen, seelisch Schwierigem Äußerung zu finden. Ganz ähnlich wirkte ja von jeher russische Literatur, und nicht nur bei ihren Großen, sondern noch hinabreichend bis in ihre Mittellage (die daran formlos wurde): letzte Grundaufrichtigkeiten reden fast kindhaft unmittelbar von Letztlichkeiten der Entwicklung, als wüchse diese hier direkter, unvermittelter aus Urhaftem empor zu Bewußtwerdungen. Denke ich an den Menschen, wie er mir in Rußland aufging, so begreife ich gut, was ihn solcher Weise für uns heute leichter »analysierbar« macht und was ihn zugleich sich selbst gegenüber aufrichtiger erhält: die Verdrängungsschichten bleiben dünner, lockerer, die sich bei ältern Kulturvölkern hemmend zwischen die Grunderlebnisse und deren Reflex im bewußten Nacherleben einschieben. Hieran läßt sich etwas leichter erklären, was der praktischen Analyse Haupt- und Kernproblem bildet: nämlich, wieviel vom infantilen Untergrund unser Aller das natürliche Wachstum dauernd bedinge und wieviel davon statt dessen krankhaftem Zurückrutsch diene, der von schon erreichtem Bewußtseinsniveau abfällt in unüberwundene Frühstadien.Weiterlesen

Janne Teller – Alles – worum es geht

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c Carl Hanser Verlag

Was bringt einen jungen Mann dazu, grundlos Gewalt anzuwenden? Kann man Intoleranz und Extremismus verstehen? Ist Rache ein gutes Motiv? Können gute Absichten einen Mangel an Verständnis ausgleichen? In ihrem neuen Jugendbuch stellt Janne Teller wieder unbequeme Fragen und führt unsere Vorstellungskraft dahin, wo es wehtut. Mit eindrücklicher Schärfe und Intensität, knapper Syntax und assoziativer Kraft erzählt sie acht Kurzgeschichten über Vorurteile und Intoleranz, Mord und Todesstrafe, Identität und geistige Behinderung, Integration und kulturelle Unterschiede, Träume und Irrtümer. Sie zwingt uns, Stellung zu beziehen, und fordert zum Nachdenken und Diskutieren über unsere Gesellschaft auf.

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Karl Marlantes – Was es heisst, in den Krieg zu ziehn

Marlantes, Karl - Was es heißt, in den Krieg zu ziehn - arche
Marlantes, Karl – Was es heißt, in den Krieg zu ziehn – arche

Beschreibung
Kriege werden seit Menschengedenken geführt, doch nie zuvor wurden Soldaten in der westlichen Welt so gut ausgebildet wie heute. Dabei ist und bleibt der Krieg eine unvorstellbare Erfahrung – nur derjenige kann wahrhaftig Auskunft darüber geben, der ihn erlebt hat. Dreißig Jahre hat Karl Marlantes schwer an seiner eigenen Kriegserfahrung, die er in Vietnam machen musste, getragen – um sie jetzt mit seinen Lesern zu teilen.
In Was es heißt, in den Krieg zu ziehen beschönigt er nichts – und er verschweigt nichts. Ohne Rücksicht auf sich selbst und seine Leser erzählt er von Tapferkeit ebenso wie vom Töten; von der Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden, um noch Schlimmeres zu verhindern, und von dem einzigartigen Kick, der mit einem echten Kampfeinsatz einhergehen kann.
Auf diese Weise gelingt ihm dreierlei: zukünftigen Soldaten begreiflich zu machen, wozu sie sich verpflichten; Veteranen dabei zu helfen, mit dem Gesehenen und Getanen weiterzuleben; und Politikern und Militärs mit gnadenloser Klarheit vor Augen zu führen, was sie den jungen Männern abverlangen, die sie in den Kampf schicken. Das macht Was es heißt, in den Krieg zu ziehen zu einem ebenso großen wie wichtigen Buch, das uns alle angeht.

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Alice Miller • Die Revolte des Körpers • Ein Blick ins Buch

Miller-Alice - Die Revolte des Körpers - c suhrkamp
Miller-Alice – Die Revolte des Körpers – c suhrkamp

Das vierte Gebot verlangt von uns unsere Eltern zu ehren und zu lieben, auf dass wir – so die versteckte Drohung – lange leben. Dieses Gebot der Ehr-Furcht beansprucht universelle Gültigkeit. Wer es befolgen will, obwohl er von seinen Eltern einst missachtet, misshandelt, missbraucht wurde, kann dies nur, wenn er seine wahren Emotionen verdrängt. Gegen diese seelische Verstümmelung und das Ignorieren von unbewältigten Kindheitstraumata revoltiert indes der Körper häufig mit schweren Erkrankungen. Wie diese entstehen, zeigt Alice Miller in diesem Werk:
Die Revolte des Körpers handelt von dem Konflikt zwischen dem, was wir fühlen und was unser Körper registriert hat, und dem, was wir fühlen möchten, um den moralischen Normen zu entsprechen, die wir von jeher verinnerlicht haben.

Rezension:
Alice Miller schreibt in ihrem Buch „Die Revolte des Köpers“ über die Bedeutung des vierten Gebots für die Zielsetzung in der heutigen (kassenfinanzierten) Psychotherapie.
Nach Auffassung der Autorin wird in den vorherrschenden Therapieformen davon ausgegangen, dass das oberste Ziel die Versöhnung mit den Eltern sei. War die Kindheit noch so schlimm, wurde man misshandelt oder missbraucht, so solle man in der letzten Therapiestunde dennoch dazu bereit sein, seinen Eltern zu verzeihen und Liebe oder mindestens Respekt für sie zu empfinden. Nur so könne man von einer erfolgreichen Behandlung sprechen.
Die Schweizer Psychoanalytikerin wollte damit nicht länger konform gehen und gab ihre Arbeit nach zwanzig Jahren auf, um die Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer eigenen Kindheitsforschung zu konfrontieren.
Sie stellt sich gegen die Verleugnung der Gefühle, die das Resultat leidlicher Kindheitserfahrung darstellen, und möchte misshandelte Opfer ermutigen, die wahren Empfindungen nicht länger Zugunsten einer verinnerlichten, aber unreflektierten Norm zu unterdrücken.
Alice Miller beschreibt in ihrem Buch, dass sie selbst Miller selbst vierzig Jahre benötigte, um verdrängte Erinnerungen an Misshandlungen aufzuarbeiten. Sie löste sich von der traditionellen Moral, der sie nicht entsprechen konnte, und den damit verbundenen Schuldgefühlen.

Neben den eigenen Erfahrungen bezieht sich Miller auf Briefe, Biografien und Berichte anderer Opfer, deren Geschichte mit ihrer Theorie übereinstimmen:
Dostojewski, Franz Kafka, Virginia Woolf und Marcel Proust – sie alle verbindet nicht nur die Schriftstellerei, sondern auch eine schwierige Beziehung zu ihren Eltern. So zeugen Berichte über Dostojewskis Vater von maßloser Brutalität, und Proust war ein von seiner dominierenden und beherrschenden Mutter verängstigter Junge, der immer um ihre Zuneigung bangte. Kafka litt sein ganzes Leben unter der Furcht vor seinem Vater und Woolf wurde von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, ohne Hilfe von ihren Eltern zu bekommen. Sie alle teilten das gleiche Schicksal: Entweder sie starben früh an einer Krankheit oder nahmen sich selbst das Leben.
Anhand dieser (auto)biographischen Fakten verdeutlicht Miller ihre Theorie: Der unbewusste, also tief verankerte Versuch dem christlichen Gebot Folge zu leisten und damit über die Grausamkeiten in der Kindheit hinwegzusehen, hieße nichts anderes als Traumata zu ignorieren. Zwar könne man oberflächlich positive Gefühle für die Eltern entwickeln, doch der Körper könne die Erfahrungen nicht verdrängen. Er habe sie registriert, gespeichert und wehre sich. Der Mensch wird krank – die Revolte des Körpers.

Immer wieder macht sie auf die Gefahren aufmerksam, die eine Unterwerfung unter die Diktatur der Moral in sich bergen. So widmet Miller sich in einem nur vierseitigen Abschnitt dem Phänomen der Serienmörder und geht speziell auf die Biografie von Patrice Alègre ein, der mehrere Frauen vergewaltigt und erwürgt hat. Auch hier finden wir eine schlimme Kindheitsgeschichte mit einem gewalttätigen Vater und einer Prostituierten als Mutter, die mit ihrem Sohn nicht nur Inzest beging, sondern ihn auch als Wächter vor der Tür positionierte, wenn sie Kundschaft empfing. Für die Psychoanalytikerin ist der Fall klar: Die Verwirrung, die das sexuelle Verhalten der Mutter auf Alègre bewirkt, löst in dem Jungen den Wunsch aus, seine Mutter, während sie beim Verkehr stöhnt, zu töten. Da er aber den eigentlichen Hass unterdrückt und meint, sie zu lieben, ermodert er an ihrer Stelle andere Frauen.

Millers Argumentation lebt von einer plausiblen Logik, die sich auf alle ihre zahllosen Beispiele anwenden lässt. An scheinbar zu vielen Fällen lassen sich die Konsequenzen aufzeigen, die das Halten an das vierte Gebot mit sich bringt. Es ist wohl das Unkomplizierte, das Zweifel an Millers Theorie aufkommen lässt.
Gleichzeitig beweist die Analytikerin jedoch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrer langjährigen Forschungsarbeit ihre Unabhängigkeit von traditionellen Normen, indem sie ein altbewährtes System hinterfragt, sich mit einer klaren Begründung dagegen wendet und ihm eine nachvollziehbare und interessante Alternative entgegenstellt. Es ist lohnend, sich mit dieser neuartigen Sichtweise zu beschäftigen, zumal Miller sehr darauf bedacht ist, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden. Denn nicht zuletzt ist es ihr Ziel, die Gesellschaft und damit auch Opfer aufzurütteln und für das Problem des vierten Gebots zu sensibilisieren.

Mein Fazit:
Dieses Buch ist eine gute Anregung zur Selbstreflexion, ein „Leitfaden“ zum Hinterfragen der eigenen Therapieverläufe.
Wenn der Körper wirklich ein Schlüssel in der Verarbeitung verschiedener Traumata ist, wundert die Frage kaum, warum unser Gesundheitssystem so starr daran festhält, den Patienten in seienr Rolle als Opfer zu bestätigen und den teils grausamen Handlungen der Patienteneltern so die Absolution erteilt.

Die Autorin:
Alice Miller wurde am 12. Januar 1923 in Polen geboren. Sie studierte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie. Nach der Promotion machte sie in Zürich ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin und übte 20 Jahre lang diesen Beruf aus. 1980 gab sie ihre Praxis und Lehrtätigkeit auf, um zu schreiben. Seitdem veröffentlichte sie 13 Bücher, in denen sie die breite Öffentlichkeit mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschungen bekannt machte. Sie verstand ihre Suche nach der Realität der Kindheit als einen scharfen Gegensatz zur Psychoanalyse, die in der alten Tradition das Kind beschuldigt und die Eltern schont. Alice Miller ist am 14. April 2010 im Alter von 87 Jahren verstorben.


Alice Miller – Die Revolte des Körpers – 2005
suhrkamp taschenbuch
ISBN/EAN: 9783518457436

Starthilfe Finanzmathematik- Bernd Luderer

Starthilfe Finanzmathematik - Bernd Luderer c Verlag Springer Gabler
Starthilfe Finanzmathematik – Bernd Luderer c Verlag Springer Gabler

Über das Buch
Diese Starthilfe zur Finanzmathematik vermittelt die grundlegenden Formeln, Methoden und Ideen der klassischen Finanzmathematik, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen und so, dass man mit durchschnittlichen mathematischen Schulkenntnissen dem Text folgen kann.
Das Kernstück bilden Zins- und Zinseszinsrechnung, Rentenrechnung, Tilgungsrechnung und Kursrechnung. Auch verwandte Gebiete wie Abschreibungen und Investitionsrechnung werden aus mathematischer Sicht behandelt. Eine Vielzahl praktischer Beispiele macht das Buch interessant und anschaulich. Komplettiert wird der Band durch einen Ausblick auf aktuelle Fragestellungen aus Investment Banking und Portfoliomanagement.

In dieser Neuauflage wurden zu Beginn eines jeden Kapitels Lernziele formuliert und typische Problemstellungen aufgezeigt, zu denen am Kapitelende Lösungen angegeben sind. Ferner wurden mehr Abbildungen zur besseren Veranschaulichung der mathematischen Zusammenhänge aufgenommen.

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Cat’s Couch: Mauerblümchen – na und?

Foto: Privat
Foto: Privat

Graue Maus, Mauer-blümchen, nichts-sagend, Langweilerin … Es gibt viele abwertende Begriffe für Frauen, die nicht viel Aufwand darauf verwenden, im Mittelpunkt zu stehen und alle Augen und Ohren auf sich zu ziehen. Aber warum eigentlich so herablassend? Immerhin hat Unscheinbarkeit auch ihre Vorteile …

Jeder kennt die Menschen, die man eben kennen muss. Denn sie fallen auf wie bunte Hunde, kennen alles und jeden und ziehen die Aufmerksamkeit an wie das Licht die Motten. Wo eine Kamera ist, schauen sie hinein und geben ihr strahlendstes Lächeln, und auch bei auffälligen, besonders modischen Outfits sind sie ganz vorne mit dabei. Und der Rest? Der leistet auch Großes … nur in kleineren Schritten, und dort, wo es einen zweiten Blick benötigt. Etwas, das die „Showstars“ unter uns vielleicht nicht wissen – auch auf der Schattenseite lebt es sich angenehm und sogar zum Teil stressfreier.

Auf dem Beobachtungsposten. Menschen, die sich eher im Hintergrund aufhalten, sind zumeist gute Beobachter. Eine Frau kann viel über andere herausfinden, indem sie einfach deren Verhalten studiert und sich in aller Stille ein Bild davon machen kann. Dadurch kann sie eventuell auf längere Sicht eine clevere Strategie entwickeln, auf die ihre auf Außenwirkung bedachten Mitstreiterinnen oder Freundinnen nie gekommen wären.Weiterlesen

Pierre Basieux – Die Architektur der Mathematik – Denken in Strukturen

Was die Mathematik im Innern zusammen hält

Die Architektur der Mathematik - Denken in Strukturen - Pierre Basieux - c Verlag: rororo
Die Architektur der Mathematik – Denken in Strukturen – Pierre Basieux – c Verlag: rororo

Ein Buch für Leute, die wissen möchten, wie das Grundgerüst der Mathematik beschaffen ist und den Mut haben, sich von der vertrauten Schulmathematik zu lösen und auf eine herausfordernde Reise ins abstrakte Denken zu gehen: In das Denken in mathematischen Strukturen. Der Autor versteht es ausgezeichnet, den Lesenden Schritt für Schritt mit komplexeren Gebilden bekannt zu machen, Verknüpfungen zu Vertrauterem zu weben und sich dennoch nicht in zu viele Details zu verlieren. Es werden Fakten aufgezeigt – wer Beweise sucht, geht leer aus. Ich halte diesen Entscheid für dreifach richtig, denn erstens hätten Beweise den Normalleser überfordert, zweitens wäre das Taschenbuchformat
unmöglich gewesen und drittens: Nur so bleibt der nötige Lesefluss erhalten.
Man ist erstaunt darüber, dass bloss drei Grundstrukturen und deren Kombinationen die ganze Mathematik im Innern zusammenzuhalten vermögen angesichts der Tatsache, dass Mathematik heute aus über 3000 Einzeldisziplinen besteht.Weiterlesen

Verblüfft! Mathematische Beweise unglaublicher Ideen – Julian Havil

“Verblüfft?! – Mathematische Beweise unglaublicher Ideen” von Julian Havil stellt in 14 Kapiteln fantastische Ideen und die dazugehörigen Beweise vor.
Havil wünscht dem Leser genauso viel Vergnügen beim Lesen wie er Genuss beim Schreiben hatte. Dieses Vergnügen stellt sich bereits beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses ein. Bereits die Überschriften lassen Grübeleien über ihren Inhalt zu.

Verblüfft?! Julian Havil - c Springer Verlag
Verblüfft?! Julian Havil – c Springer Verlag

Jedes Kapitel beginnt mit einem Bild und einem Zitat und einem „Sandbild“. Daran anschließend wird die Ursache für die Idee vorgestellt. Dieser Aufhänger kann auch ein Leserbrief in der Londoner Times sein wie beim Kapitel ““Freitag, der 13.”“ oder eine Buchreklame am Ende der Liste mit Todesurteilen im Old Bailey wie im Kapitel ““Der Aufwärtsroller”“.
Auf den Aufhänger folgt der Beweis. Dabei werden Nebenaspekte nicht vergessen, sondern einbezogen. Wo es möglich und sinnvoll ist, wird das angesprochene Problem zuerst verallgemeinert, oder nach einem Präzedenzfall die Verallgemeinerung gesucht. Gleichzeitig legt der Autor Wert darauf, die praktische Verwendung vorzustellen, wie z.B. beim Geburtstagsparadoxon.
Wer sich an die Mathematik aus Schulzeiten nicht mehr zu 100% erinnert, kann sich  eine Formelsammlung zur Seite legen. Diese ist nützlich um das Umformen der Formeln nach zu vollziehen. Grundlagen werden in diesem Buch weder erklärt, noch erhebt Havil den Anspruch das zu tun. Weiterlesen

John Henry Mackay: Der kleine Finger – Kurzgeschichte

„Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot!“

Der kleine Finger

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Ich bemerkte, daß die Treppe fremdartig knarrte, so fremdartig, daß es mir auffiel, aber dennoch merkte ich nicht, daß ich Mittwoch abend in der zweiten Septemberwoche des Jahres 187.. aus Versehen eine Treppe höher gestiegen war, als mein neugemietetes Zimmer lag. Auch als ich die Korridortür aufschließen wollte und fand, daß der Schlüssel von innen stak und die Tür unverschlossen war – ein Umstand, der mich hätte zum Nachdenken bringen können –, ließ ich mich nicht abhalten, einzutreten und mich in der wohlbekannten Richtung nach meinem Zimmer hin auf den Fußspitzen, um meine schlafende Wirtin nicht zu stören, zu tasten.

Ich finde die Tür, klinke auf; trete ein – das Zimmer ist stockdunkel –; schließe die Tür von innen nach meiner Gewohnheit und gehe sicher auf meinen Tisch zu, wo ich wußte, daß Streichhölzer lagen. Bis dahin kam ich, ohne daß mir etwas Besonderes aufgefallen war. Als ich aber auf dem Tisch, der mir seltsam weit nach der Mitte des Zimmers zu vorgerückt schien, nach Streichhölzern herumfühlte, erfasse ich etwas Kaltes, Schwammiges, das auf einer weichen Unterlage zu liegen scheint. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und die Hand vorstrecke, glaube ich dieses eigentümliche Gefühl, welches damals in der Mittwochmitternachtstunde meine Fingerspitzen durchrieselte, wieder zu spüren.Weiterlesen

Cat’s Couch: Zeugen falscher Versprechungen

Cat's Kolumne - Foto: Katherina Ibeling
Cat’s Kolumne – Foto: Katherina Ibeling

Es gibt viele Gründe, warum Frauen das Bad oftmals mit mehr Shampooflaschen, Haarsprays und Schminksachen vollstellen, als sich ihre Männer logisch erklären können. Die gute Nachricht ist: Es existiert für die meisten „Regalhüter“ eine logische Erklärung. Die schlechte allerdings gleich hinterher – bis das „Woman Spreading“ im Badezimmer der Vergangenheit angehört, kann es noch lange dauern.

Das „Man Spreading“, also eine nicht gerade Platz sparende Sitzhaltung von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln, ist derzeit in aller Munde. Eher als selbstverständlich nimmt man aber hin, dass auch wir Frauen gerne mal mehr Platz einnehmen, als wir nach logischen Gesichtspunkten bräuchten – „Woman Spreading“ also. Das gilt vor allem für das heimische Badezimmer, und ja, da müssen sich viele von uns (natürlich mit Augenzwinkern) auch an die eigenen gepuderten Nasen fassen. Wer sich mit einer schönheits- und stylingbewussten Frau das Bad teilen muss, oder gleich mit mehreren, hat es nämlich überhaupt nicht leicht. Pragmatisch betrachtet haben viele von uns Frauen nämlich von allem zu viel – von Augen-Make-up bis hin zu Waxing-Streifen. Aber warum machen wir das eigentlich? Aus meiner Sicht als Frau gibt es dafür drei Hauptgründe.Weiterlesen