Kategorie: Feuilleton

E. T. A. Hoffmann | Beethovens Instrumentalmusik

Sollte, wenn von der Musik als einer selbständigen Kunst die Rede ist, nicht immer nur die Instrumentalmusik gemeint sein, welche, jede Hilfe, jede Beimischung einer andern Kunst (der Poesie) verschmähend, das eigentümliche, nur in ihr zu erkennende Wesen dieser Kunst rein ausspricht? – Sie ist die romantischste aller Künste, beinahe möchte man sagen, allein echt romantisch, denn nur das Unendliche ist ihr Vorwurf. – Orpheus‘ Lyra öffnete die Tore des Orkus. Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.

Kupferstich (1795) von Tommaso Piroli (1752 – 1824) nach einer Zeichnung (1793) von John Flaxman (1755 – 1826).
Quelle: Antiquariat Dr. Haack Leipzig

Habt ihr dies eigentümliche Wesen auch wohl nur geahnt, ihr armen Instrumentalkomponisten, die ihr euch mühsam abquältet, bestimmte Empfindungen, ja sogar Begebenheiten darzustellen? – Wie konnte es euch denn nur einfallen, die der Plastik geradezu entgegengesetzte Kunst plastisch zu behandeln? Eure Sonnaufgänge, eure Gewitter, eure Batailles des trois Empereurs usw. waren wohl gewiß gar lächerliche Verirrungen und sind wohlverdienterweise mit gänzlichem Vergessen bestraft.
In dem Gesange, wo die Poesie bestimmte Affekte durch Worte andeutet, wirkt die magische Kraft der Musik wie das wunderbare Elixier der Weisen, von dem etliche Tropfen jeden Trank köstlicher und herrlicher machen. Jede Leidenschaft – Liebe – Haß – Zorn – Verzweiflung etc., wie die Oper sie uns gibt, kleidet die Musik in den Purpurschimmer der Romantik, und selbst das im Leben Empfundene führt uns hinaus aus dem Leben in das Reich des Unendlichen.
So stark ist der Zauber der Musik, und, immer mächtiger werdend, mußte er jede Fessel einer andern Kunst zerreißen.
Gewiß nicht allein in der Erleichterung der Ausdrucksmittel (Vervollkommnung der Instrumente, größere Virtuosität der Spieler), sondern in dem tieferen, innigeren Erkennen des eigentümlichen Wesens der Musik liegt es, daß geniale Komponisten die Instrumentalmusik zu der jetzigen Höhe erhoben.

Adam Setkowicz [1876-1945] Wizya Beethovena. Die Vision Beethovens. Rechte Seite: Wydawnictwo „POCZTÓWKI“ w Krakowie. Postkarten-Edition Krakau | Nicht in den Verkauf gelangt.
Mozart und Haydn, die Schöpfer der jetzigen Instrumentalmusik, zeigten uns zuerst die Kunst in ihrer vollen Glorie; wer sie da mit voller Liebe anschaute und eindrang m ihr innigstes Wesen, ist – Beethoven! – Die Instrumentalkompositionen aller drei Meister atmen einen gleichen romantischen Geist, welches in dem gleichen innigen Ergreif en des eigentümlichen Wesens der Kunst liegt; der Charakter ihrer Kompositionen unterscheidet sich jedoch merklich. – Der Ausdruck eines kindlichen, heitern Gemüts herrscht in Haydns Kompositionen. . Seine Sinfonien führen uns in unabsehbare grüne Haine, in ein lustiges buntes Gewühl glücklicher Menschen. Jünglinge und Mädchen schweben m Reihentänzen vorüber; lachende Kinder, hinter Bäumen, hinter Rosenbüschen lauschend, werfen sich neckend mit Blumen. Ein Leben voll Liebe, voll Seligkeit wie vor der Sünde, in ewiger Jugend; kein Leiden, kein Schmerz, nur ein süßes, wehmütiges Verlangen nach der geliebten Gestalt, die in der Ferne im Glanz des Abendrotes daherschwebt, nicht näher kommt, nicht verschwindet, und solange sie da ist, wird es nicht Nacht, denn sie selbst ist das Abendrot, von dem Berg und Hain erglühen. – In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht umfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahnung des Unendlichen.
Liebe und Wehmut tönen in holden Geisterstimmen; die Nacht geht auf in hellem Purpurschimmer, und in unaussprechlicher Sehnsucht ziehen wir nach den Gestalten, die, freundlich uns in ihre Reihen winkend, in ewigem Sphärentanze durch die Wolken fliegen. (Mozarts Sinfonie in Es-Dur, unter dem Namen des Schwanengesanges bekannt.)

El Greco | A Boy Blowing On An Ember To Light A Candle | 1570;
Manierismus (Späte Renaissance)
Quelle: www.the-athenaeum.org

So öffnet uns auch Beethovens Instrumentalmusik das Reich des Ungeheuern und Unermeßlichen. Glühende Strahlen schießen durch dieses Reiches tiefe Nacht, und wir werden Riesenschatten gewahr, die auf- und abwogen, enger und enger uns einschließen und uns vernichten, aber nicht den Schmerz der unendlichen Sehnsucht, in welcher jede Lust, die schnell in jauchzenden Tönen emporgestiegen, hinsinkt und untergeht, und nur in diesem Schmerz, der Liebe, Hoffnung, Freude in sich verzehrend, aber nicht zerstörend, unsere Brust mit einem vollstimmigen Zusammenklange aller Leidenschaften zersprengen will, leben wir fort und sind entzückte Geisterseher!
Der romantische Geschmack ist selten, noch seltener das romantische Talent, daher gibt es wohl so wenige, die jene Lyra, deren Ton das wundervolle Reich des Romantischen aufschließt, anzuschlagen vermögen.
Haydn faßt das Menschliche im menschlichen Leben romantisch auf; er ist kommensurabler, faßlicher für die Mehrzahl.
Mozart nimmt mehr das Übermenschliche, das Wunderbare, welches im Innern Geiste wohnt, in Anspruch. Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist. Er ist daher ein rein romantischer Komponist, und mag es nicht daher kommen, daß ihm Vokalmusik, die den Charakter des unbestimmten Sehnens nicht zuläßt, sondern nur durch Worte bestimmte Affekte, als in dem Reiche des Unendlichen empfunden, darstellt, weniger gelingt?
Den musikalischen Pöbel drückt Beethovens mächtiger Genius; er will sich vergebens dagegen auflehnen. – Aber die weisen Richter, mit vornehmer Miene um sich schauend, versichern, man könne es ihnen als Männer von großem Verstande und tiefer Einsicht aufs Wort glauben, es fehle dem guten B. nicht im mindesten an einer sehr reichen, lebendigen Phantasie, aber er verstehe sie nicht zu zügeln! Da wäre denn nun von Auswahl und Formung der Gedanken gar nicht die Rede, sondern er werfe nach der sogenannten genialen Methode alles so hin, wie es ihm augenblicklich die im Feuer arbeitende Phantasie eingebe. Wie ist es aber, wenn nur eurem schwachen Blick der innere tiefe Zusammenhang jeder Beethovenschen Komposition entgeht? Wenn es nur an euch liegt, daß ihr des Meisters, dem Geweihten verständliche, Sprache nicht versteht, wenn euch die Pforte des innersten Heiligtums verschlossen blieb? – In Wahrheit, der Meister, an Besonnenheit Haydn und Mozart ganz an die Seite zu stellen, trennt sein Ich von dem Innern Reich der Töne und gebietet darüber als unumschränkter Herr. Ästhetische Meßkünstler haben oft im Shakespeare über gänzlichen Mangel innerer Einheit und inneren Zusammenhanges geklagt, indem dem tieferen Blick ein schöner Baum, Blätter, Blüten und Früchte, aus einem Keim treibend, erwächst; so entfaltet sich auch nur durch ein sehr tiefes Eingehen in Beethovens Instrumentalmusik die hohe Besonnenheit, welche vom wahren Genie unzertrennlich ist und von dem Studium der Kunst genährt wird. Welches Instrumentalwerk Beethovens bestätigt dies alles wohl in höherm Grade als die über alle Maßen herrliche tiefsinnige Sinfonie in c-Moll. Wie führt diese wundervolle Komposition in einem fort und fort steigenden Klimax den Zuhörer unwiderstehlich fort in das Geisterreich des Unendlichen. Nichts kann einfacher sein, als der nur aus zwei Takten bestehende Hauptgedanke des ersten Allegros, der, anfangs im Unisono, dem Zuhörer nicht einmal die Tonart bestimmt. Den Charakter der ängstlichen, unruhvollen Sehnsucht, den dieser Satz in sich trägt, setzt das melodiöse Nebenthema nur noch mehr ins klare! – Die Brust, von der Ahnung des Ungeheuern, Vernichtung Drohenden gepreßt und beängstet, scheint sich in schneidenden Lauten gewaltsam Luft machen zu wollen, aber bald zieht eine freundliche Gestalt glänzend daher und erleuchtet die tiefe, grauenvolle Nacht. (Das liebliche Thema in G-Dur, das erst von dem Horn in Es-Dur berührt wurde.) – Wie einfach – noch einmal sei es gesagt – ist das Thema, das der Meister dem Ganzen zum Grunde legte, aber wie wundervoll reihen sich ihm alle Neben- und Zwischensätze durch ihr rhythmisches Verhältnis so an, daß sie nur dazu dienen, den Charakter des Allegros, den jenes Hauptthema nur andeutete, immer mehr und mehr zu entfalten. Alle Sätze sind kurz, beinahe alle nur aus zwei, drei Takten bestehend, und noch dazu verteilt in beständigem Wechsel der Blas- und der Saiteninstrumente; man sollte glauben, daß aus solchen Elementen nur etwas Zerstückeltes, Unfaßbares entstehen könne, aber statt dessen ist es eben jene Einrichtung des Ganzen sowie die beständige, aufeinander folgende Wiederholung der Sätze und einzelner Akkorde, die das Gefühl einer unnennbaren Sehnsucht bis zum höchsten Grade steigert. Ganz davon abgesehen, daß die kontrapunktische Behandlung von dem tiefen Studium der Kunst zeugt, so sind es auch die Zwischensätze, die beständigen Anspielungen auf das Hauptthema, welche dartun, wie der hohe Meister das Ganze mit allen den leidenschaftlichen Zügen im Geist auffaßte und durchdachte. – Tönt nicht wie eine holde Geisterstimme, die unsre Brust mit Hoffnung und Trost erfüllt, das liebliche Thema des Andante con moto in As-Dur? – Aber auch hier tritt der furchtbare Geist, der im Allegro das Gemüt ergriff und ängstete, jeden Augenblick drohend aus der Wetterwolke hervor, in der er verschwand, und vor seinen Blitzen entfliehen schnell die freundlichen Gestalten, die uns umgaben. – Was soll ich von der Menuett sagen? – Hört die eignen Modulationen, die Schlüsse in dem dominanten Akkorde Dur – den der Baß als Tonika des folgenden Themas in Moll aufgreift – das immer sich um einige Takte erweiternde Thema selbst! Ergreift euch nicht wieder jene unruhvolle, unnennbare Sehnsucht, jene Ahnung des wunderbaren Geisterreichs, in welchem der Meister herrscht? Aber wie blendendes Sonnenlicht strahlt das prächtige Thema des Schlußsatzes in dem jauchzenden Jubel des ganzen Orchesters. – Welche wunderbare kontrapunktische Verschlingungen verknüpfen sich hier wieder zum Ganzen. Wohl mag manchem alles vorüberrauschen wie eine geniale Rhapsodie, aber das Gemüt jedes sinnigen Zuhörers wird gewiß von einem Gefühl, das eben jene unnennbare ahnungsvolle Sehnsucht ist, tief und innig ergriffen, und bis zum Schlußakkord, ja noch in den Momenten nach demselben wird er nicht heraustreten können aus dem wunderbaren Geisterreiche, wo Schmerz und Lust, in Tönen gestaltet, ihn umfingen. – Die Sätze ihrer Innern Einrichtung nach, ihre Ausführung, Instrumentierung, die Art, wie sie aneinandergereiht sind, alles arbeitet auf einen Punkt hinaus; aber vorzüglich die innige Verwandtschaft der Themas untereinander ist es, welche jene Einheit erzeugt, die nur allein vermag den Zuhörer in einer Stimmung festzuhalten. Oft wird diese Verwandtschaft dem Zuhörer klar, wenn er sie aus der Verbindung zweier Sätze heraushört oder in den zwei verschiedenen Sätzen gemeinen Grundbaß entdeckt, aber eine tiefere Verwandtschaft, die sich auf jene Art nicht dartut, spricht oft nur aus dem Geiste zum Geiste, und eben diese ist es, welche unter den Sätzen der beiden Allegros und der Menuett herrscht und die besonnene Genialität des Meisters herrlich verkündet.

A Long Minuet as Danced at Bath | Henry William Bunbury | 1787

Wie tief haben sich doch deine herrlichen Flügel-Kompositionen, du hoher Meister! meinem Gemüte eingeprägt; wie schal und nichtsbedeutend erscheint mir doch nun alles, was nicht dir, dem sinnigen Mozart und dem gewaltigen Genius Sebastian Bach angehört. – Mit welcher Lust empfing ich dein siebzigstes Werk, die beiden herrlichen Trios, denn ich wußte ja wohl, daß ich sie nach weniger Übung bald gar herrlich hören würde. Und so gut ist es mir ja denn heute abend geworden, so daß ich noch jetzt wie einer, der in den mit allerlei seltenen Bäumen, Gewächsen und wunderbaren Blumen umflochtenen Irrgängen eines phantastischen Parks wandelt und immer tiefer und tiefer hineingerät, nicht aus den wundervollen Wendungen und Verschlingungen deiner Trios herauszukommen vermag. Die holden Sirenenstimmen deiner in bunter Mannigfaltigkeit prangenden Sätze locken mich immer tiefer und tiefer hinein. – Die geistreiche Dame, die heute mir, dem Kapellmeister Kreis1er, recht eigentlich zu Ehren das Trio Nro. 1 gar herrlich spielte und vor deren Flügel ich noch sitze und schreibe, hat es mich recht deutlich einsehen lassen, wie nur das, was der Geist gibt, zu achten, alles übrige aber vom Übel ist. Eben jetzt habe ich auswendig einige frappante Ausweichungen der beiden Trios auf dem Flügel wiederholt. – Es ist doch wahr, der Flügel (Flügel-Pianoforte) bleibt ein mehr für die Harmonie als für die Melodie brauchbares Instrument. Der feinste Ausdruck, dessen das Instrument fähig ist, gibt der Melodie nicht das regsame Leben in tausend und tausend Nuancierungen, das der Bogen des Geigers, der Hauch des Bläsers hervorzubringen imstande ist. Der Spieler ringt vergebens mit der unüberwindlichen Schwierigkeit, die der Mechanism, der die Saiten durch einen Schlag vibrieren und ertönen läßt, ihm entgegensetzt. Dagegen gibt es (die noch immer weit beschränktere Harfe abgerechnet) wohl kein Instrument, das so wie der Flügel in vollgriffigen Akkorden das Reich der Harmonie umfaßt
und seine Schätze in den wunderbarsten Formen und Gestalten dem Kenner entfaltet. Hat die Phantasie des Meisters ein ganzes Tongemälde mit reichen Gruppen, hellen Lichtern und tiefen Schattierungen ergriffen, so kann er es am Flügel ins Leben rufen, daß es aus der Innern Welt farbicht und glänzend hervortritt. Die vollstimmige Partitur, dieses wahre musikalische Zauberbuch, das in seinen Zeichen alle Wunder der Tonkunst, den geheimnisvollen Chor der mannigfaltigsten Instrumente bewahrt, wird unter den Händen des Meisters am Flügel belebt, und ein in dieser Art gut und vollstimmig vorgetragenes Stück aus der Partitur möchte dem wohlgeratnen Kupferstich, der einem großen Gemälde entnommen, zu vergleichen sein. Zum Phantasieren, zum Vortragen aus der Partitur, zu einzelnen Sonaten, Akkorden usw. ist daher der Flügel vorzüglich geeignet, so wie nächstdem Trios, Quartetten, Quintetten etc., wo die gewöhnlichen Saiteninstrumente hinzutreten, schon deshalb ganz in das Reich der Flügelkomposition gehören, weil, sind sie in der wahren Art, d. h. wirklich vierstimmig, fünfstimmig usw. komponiert, hier es ganz auf die harmonische Ausarbeitung ankommt, die das Hervortreten einzelner Instrumente in glänzenden Passagen von selbst ausschließt.
Einen wahren Widerwillen hege ich gegen all die eigentlichen Flügelkonzerte. (Mozartsche und Beethovensche sind nicht sowohl Konzerte als Sinfonien mit obligatem Flügel.) Hier soll die Virtuosität des einzelnen Spielers in Passagen und im Ausdruck der Melodie geltend gemacht werden; der beste Spieler auf dem schönsten Instrumente strebt aber vergebens nach dem, was z. B. der Violinist mit leichter Mühe erringt.
Jedes Solo klingt nach dem vollen Tutti der Geiger und Bläser steif und matt, und man bewundert die Fertigkeit der Finger u. dergl., ohne daß das Gemüt recht angesprochen wird.
Wie hat doch der Meister den eigentümlichsten Geist des Instruments aufgefaßt und in der dafür geeignetsten Art gesorgt!
Ein einfaches, aber fruchtbares, zu den verschiedensten kontrapunktischen Wendungen, Abkürzungen usw. taugliches, singbares Thema liegt jedem Satze zum Grunde, alle übrigen Nebenthemata und Figuren sind dem Hauptgedanken innig verwandt, so daß sich alles zur höchsten Einheit durch alle Instrumente verschlingt und ordnet. So ist die Struktur des Ganzen; aber in diesem künstlichen Bau wechseln in rastlosem Fluge die wunderbarsten Bilder, in denen Freude und Schmerz, Wehmut und Wonne neben- und ineinander hervortreten. Seltsame Gestalten beginnen einen luftigen Tanz, indem sie bald zu einem Lichtpunkt verschweben, bald funkelnd und blitzend auseinanderfahren und sich in mannigfachen Gruppen jagen und verfolgen; und mitten in diesem aufgeschlossenen Geisterreiche horcht die entzückte Seele der unbekannten Sprache zu und versteht alle die geheimsten Ahnungen, von denen sie ergriffen.
Nur der Komponist drang wahrhaft in die Geheimnisse der Harmonie ein, der durch sie auf das Gemüt des Menschen zu wirken vermag; ihm sind die Zahlenproportionen, welche dem Grammatiker ohne Genius nur tote, starre Rechenexempel bleiben, magische Präparate, denen er eine Zauberwelt entsteigen läßt.
Unerachtet der Gemütlichkeit, die vorzüglich in dem ersten Trio, selbst das wehmutsvolle Largo nicht ausgenommen, herrscht, bleibt doch der Beethovensche Genius ernst und feierlich. Es ist, als meinte der Meister, man könne von tiefen, geheimnisvollen Dingen, selbst wenn der Geist, mit ihnen innig vertraut, sich freudig und fröhlich erhoben fühlt, nie in gemeinen, sondern nur in erhabenen, herrlichen Worten reden; das Tanzstück der Isispriester kann nur ein hochjauchzender Hymnus sein.
Die Instrumentalmusik muß da, wo sie nur durch sich als Musik wirken und nicht vielleicht einem bestimmten dramatischen Zweck dienen soll, alles unbedeutend Spaßhafte, alle tändelnden Lazzi vermeiden. Es sucht das tiefe Gemüt für die Ahnungen der Freudigkeit, die herrlicher und schöner als hier in der beengten Welt, aus einem unbekannten Lande herübergekommen, ein inneres, wonnevolles Leben in der Brust entzündet, einen höheren Ausdruck, als ihn geringe Worte, die nur der befangenen irdischen Lust eigen, gewähren können. Schon dieser Ernst aller Beethovenschen Instrumental- und Flügelmusik verbannt alle die halsbrechenden Passagen auf und ab mit beiden Händen, alle die seltsamen Sprünge, die possierlichen Capriccios, die hoch in die Luft gebauten Noten mit fünf- und sechsstrichigem Fundament, von denen die Flügelkompositionen neuester Art erfüllt sind. – Wenn von bloßer Fingerfertigkeit die Rede ist, haben die Flügelkompositionen des Meisters gar keine besondere Schwierigkeit, da die wenigen Läufe, Triolenfiguren u. d. m. wohl jeder geübte Spieler in der Hand haben muß; und doch ist ihr Vortrag bedingt recht schwer. Mancher sogenannte Virtuose verwirft des Meisters Flügelkomposition, indem er dem Vorwurfes sehr schwer! noch hinzufügt: und sehr undankbar! – Was nun die Schwierigkeit betrifft, so gehört zum richtigen, bequemen Vortrag Beethovenscher Komposition nichts Geringeres, als daß man ihn begreife, daß man tief in sein Wesen eindringe, daß man im Bewußtsein eigner Weihe es kühn wage, in den Kreis der magischen Erscheinungen zu treten, die sein mächtiger Zauber hervorruft. Wer diese Weihe nicht in sich fühlt, wer die heilige Musik nur als Spielerei, nur zum Zeitvertreib in leeren Stunden, zum augenblicklichen Reiz stumpfer Ohren oder zur eignen Ostentation tauglich betrachtet, der bleibe ja davon. Nur einem solchen steht auch der Vorwurf: und höchst undankbar! zu. Der echte Künstler lebt nur in dem Werke, das er in dem Sinne des Meisters aufgefaßt hat und nun vorträgt. Er verschmäht es, auf irgendeine Weise seine Persönlichkeit geltend zu machen, und all sein Dichten und Trachten geht nur dahin, alle die herrlichen, holdseligen Bilder und Erscheinungen, die der Meister mit magischer Gewalt in sein Werk verschloß, tausendfarbig glänzend ins rege Leben zu rufen, daß sie den Menschen in lichten, funkelnden Kreisen umfangen und, seine Phantasie, sein innerstes Gemüt entzündend, ihn raschen Fluges in das ferne Geisterreich der Töne tragen.

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Aus: E. T. A. Hoffmann | Beethovens Instrumentalmusik | Essay
Theorie der Romantik | 1814

Opas Klappkamera | Zufallsformen im Eis

Eine Brille mit Augenpaar?
In Wirklichkeit handelt es sich um Luftblasen im Eis. Der „Augenabstand“ betrug 3 cm.

***

Foto | Paul Meunier

Glaubt man nicht, Kopf, Auge und aufgerissenen Schnabel eines Vogels zu erkennen?
Und doch ist auch dies nur eine zufällige Bildung im Eis, die bei bestimmter Beleuchtung hervortrat. Das zu sehen und den Augenblick zu erfassen, das war die Kunst.

Foto | Joshua Meunier

Die Aufnahmen wurden in den 1960er Jahren mit einer Zeiss Ikon Cocarette 519/2 Klappkamera gemacht. Die Fotos stammen von meinem Großvater und sind für diesen Beitrag digitalisiert worden. Leider ist die verwendete Kamera nicht erhalten geblieben; ich hätte sie gern weiter verwendet.

Erich Ruhl | Universale Geborgenheit

Universale Geborgenheit

Vom Autor vorgelesen:

Das feine Signal

Vor Jahrmillionen

Im Meer der Möglichkeiten angelegt

Sicher in den Fluss der Zeit gesandt

Vier Engel begleiten

Das Potenzial

Das Signal tritt als leuchtende Kugel der Sinne

In den Orbit unseres Herrlichen blauen Planeten

Was wie Zögern wirkt

Ist sicheres Wählen

Erkennt das Ziel

Schwebt hinab

Beleuchtet

Die Liebenden

Die Kugel wird zum Leuchtbogen

Der schützt und birgt

Und umschließt

Der das Leuchten zwischen ihnen

Bewahrt und

Die Liebe nach außen beschützt

Zugleich ist der Bogen

Kein Kokon

Herrlich stabil und durchlässig

Schafft Geborgenheit und Freiheit zugleich

Der Bogen der einst

Ums Ziel wissende Leuchtkugel war

Das Licht behütet die Liebenden

Noch immer begleitet von den vier Engeln

Liebe

Respekt

Wärme

Freiheit

© Erich Ruhl-Bady – August 2016

www.ruhl-erich.de

Gedichte statt Blog

AUDIO:

http://www.audiyou.de/beitrag/universale-geborgenheit-8145.html

Erich Ruhl | Umringt statt umzingelt

Umringt statt umzingelt

Vom Autor vorgelesen:

Signale des Hasses
Überhörbar machen
Durch Erinnern
An eigene Leuchtkraft
An eigene Sanftheit

Open minded
Meint zuerst die eigenen Gedanken
Eigenes Fühlen
Eigenes Nichthassen
Die Erwartungen der Bösen nicht erfüllen

Den Blick trotz allem weiten
Herzliche Blicke sehen und senden
Warmherzige Worte hören wollen
Umringt sein wollen von klugen Fühlenden
Und fühlenden Klugen

Nicht annehmen das Umzingeln
Nicht schenken den Bösen unsere Angst
Die Zange der Bösen abweisen
Wieder einladen das Umringen
Wie im Tanz

© Erich Ruhl-Bady – August 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

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Erich Ruhl | Verpuffende Verbitterung. Oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Verpuffende Verbitterung oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Vom Autor vorgelesen:

Über Verführung und Verführte
Über verpuffende Verbitterung
Ein Kommentar zu Mr. Trump

Die Kunst der Freiheit braucht Geduld
Zu sehen Menschenseins Bedarf
Der Mangel an Gerechtigkeit wird Schuld
Die Antwort schrill und scharf

Im Weißen Haus macht einer Angst
Gewiss – der Schreck sitzt tief
Doch lernen wir des Bittren Grund
Wird schnelle Antwort schief

Die Weichen stellt das Kapital
Verführter Wähler ist kein Schuft
Wenn Fairness wieder Sieger wird
Verführers Wille schnell verpufft

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

AUDIOQUELLE: audiyou.de

 

Erich Ruhl | Des Jahres Lot

Des Jahres Lot

Vom Autor vorgelesen:

Von Sommers Kraft
Ganz stolz es kündet
Das Laub
So strahlend warm und hell

Schwebt, landet und es findet
Beim Niedersinken jene Stell

Den Platz
Im März schon vorbereitet
Deckt er sich zu mit Ahornrot

Nur um im nächsten Märzenscheine
Das Grün zu sein
In Jahres Lot

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

AUDIOQUELLE: audiyou.de

 

Herr Bürger im „Silbernen Krug“ – Postfaktische Gedanken

Herr Spieß, Herr Bürger, Herr Wutmann und Frau Hassen gehen im „Silbernen Krug“ Bier trinken. Eine Kneipenszene, wie man sie überall antreffen könnte.

„Millionen Ausländer reinlassen, aber das eigene Volk vergessen“,
schimpft Herr Spieß am Stammtisch und setzt den Bierkrug an.
Ein Schaumbart bildet sich um sein ansonsten glatt rasiertes Kinn.
„Recht hast du. Und Terroristen kommen gleich mit“,
klagt Herr Bürger, der an der Theke neben ihm sitzt.
Er hat seine karierten Hemdsärmel hochgekrempelt,
zeigt stolz sein neues Tattoo auf dem Unterarm. Eine Deutschlandflagge.

„Haste ein neues Tattoo? Eigentlich mag ich das nicht, aber in dem Fall …“,
Herr Spieß schielt, ein wenig bierselig, auf Herrn Bürgers Handgelenk.
Er ist beeindruckt – so ein Tattoo, das würde er sich nicht trauen.
Das tut doch viel zu weh, und überhaupt, im Büro …
„Jepp. Wollte ein Zeichen setzen. Als Deutscher für unser Land“,
brummelt Herr Bürger. Er muss nun wahrscheinlich immer Langarm tragen.
Sonst bekommt er in der Werkstatt bald Ärger mit seinem Boss.
Sowas vertreibt die Kundschaft, heißt es. Als ob er diese Leute noch  bedienen wolle.

„Richtig so. Bald ist wieder Silvester. Hoffentlich nicht so ein Mist wie letztes Jahr“,
bemerkt Herr Bürger mit einem Blick auf den großen Kalender an der Wand.
„Aber erst Weihnachten. Noch … Wer weiß. Bald müssen wir Ramadan feiern.“
Herr Spieß schaut geradezu angeekelt drein. Nee, mit ihm nicht.
Deutschland ist immerhin ein christliches Land, findet er.
Wer unbedingt Moscheen bauen und zu Allah beten will, bitte schön.
Aber dann bitte auch nicht auf Kosten des üblichen Brauchtums. Nicht hier.

„Wenn irgendein dreister Islamist sich an meiner Frau vergreifen würde, dann …“,
Herr Bürger macht eine Handbewegung, als würde er etwas zerquetschen wollen.
Ihn wundert das Drama vergangenes Silvester nicht. Das sind Muslime.
Man hört ja oft  genug, dass bei denen eine Frau nichts wert ist, denkt er.
„Sofort abschieben sollte man diese Kriminellen von draußen. Aber es ist ja auf keinen mehr Verlass. Nicht mal auf die Polizei“, grummelt Herr Spieß.
„Und auf die Presse sowieso nicht. Reden alle Frau Merkel nach dem Mund, anstatt die Wahrheit zu sagen“, ergänzt Herr Bürger geradezu übereifrig.
„Aber wir schaffen das, ja ja!“, Herr Bürger verdreht die Augen.

Inzwischen drehen sich mehrere weitere Kneipenbesucher zu den beiden um.
Auch die Damen hinter der Theke schauen hin, unangenehm berührt.
Vom Nebentisch mischt sich Frau Hassen ein, die Herrn Spieß aus dem Büro kennt.
Frau Hassen hat ihren Job verloren – und seitdem einen Hass auf Asylbewerber.
Auf die Asylbewerberin, die eingestellt wurde, als ihr Vertrag auslief.
„Einen Scheiß müssen wir schaffen“, kreischt sie in Richtung Herrn Bürger,
„Die kommen mit Smartphones hierher und nehmen anständigen Leuten ihre Jobs weg.“

Frau Liebreich, die Wirtin des „Silbernen Krugs“, räuspert sich einmal hörbar.
Sie wendet sich peinlich berührt an die drei Gäste, die immer lauter geworden sind.
„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Worte manche Gäste vergraulen“,
erklärt Frau Liebreich, bemüht, sich jeden weiteren Kommentar zu sparen.
„Das ist schlecht für’s Geschäft. Also hör’n Se bitte damit auf.“
Offensichtlich hat eine Gruppe südländischer Gäste, die einen Junggesellenabschied feiern wollte, genug von „Stammtischweisheiten“. Sie verlassen wortlos das Lokal.

Frau Liebreich schüttelt empört den Kopf. „Na seh’n Se, da haben wir den Salat!“
„Aber man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“, tönt Herr Wutmann.
Er ist mit Frau Hassen hier und ebenso alkoholisiert. „Noch zwei Bier, aber flott!“
„Für uns auch, zack zack!“, motzt Herr Bürger in undeutlicher Aussprache.
„Wir sind ja schließlich Stammgäste! Nicht diese Schmarotzer da!“
Nun platzt Frau Liebreich der Kragen. Sie schaut auf die Uhr – gleich Sperrstunde.
Frau Liebreich greift nach der Glocke und lässt sie klingen.

„Freunde der Nacht, Schicht im Schacht. Wir schließen gleich“, ruft sie.
„Aber ich will’n Bier“, lallt Herr Spieß. „Ich auch“, quietscht Frau Hassen.
„Sie haben alle genug. Wir machen zu“, bestimmt die Wirtin mit Nachdruck.
Murrend fügen sich die Stammgäste. Sie trinken ihr Bier aus und verlassen das Lokal.
Draußen stolpert Frau Hassen über ihre eigenen Füße. Herr Wutmann hilft ihr auf.
Ein auffallend blasser Dieb schnappt sich die Handtasche vom Boden, rennt fort.

„Mein Geld, meine Papiere“, schreit Frau Hassen und fuchtelt hysterisch mit den Armen.
„Bestimmt so ein Zigeuner … Lumpenpack … Ich ruf die Polizei“, wettert Herr Wutmann.
Auch Herr Bürger und Herr Spieß haben den Raub mitbekommen.
Sie bleiben schwankend stehen. Herr Spieß lacht schallend.
„Ahwas… die Pollizei… die machen do eh nix …“
Er und Herr Bürger bekommen sich nicht mehr ein.

Man hört Lärm ein wenig entfernt. Wenig später sieht man die Gruppe südländischer Immigranten. Sie halten den Dieb fest. Einer der Männer übergibt Frau Hassen ihre Tasche.
Frau Hassen schaut, als hätte sie einen Geist gesehen. „Ahwas … eh danke“, lallt sie.
Der Mann lächelt, nickt und geht mit seinen Freunden wieder.
Herr Bürger schüttelt verwirrt den Kopf. „Na sowas …“, murmelt er.
Herr Wutmann bleibt erst einmal stocksteif stehen.
„Das ha’m se bestimmt extra gemacht. Um besser dazustehen“, brüstet er sich.
Herr Spieß kratzt sich verlegen am Kopf.
„Vielleicht … oder auch nich … Egal Freunde, wir geh’n woanders einen trinken!“

Anna Katherina Ibeling

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

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Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Musik | Charly Antolini | drum pet

Eine Schlange, eine Schlange. Warum geht mir dieses Tier nicht aus dem Kopf?
Es war mein erster Gedanke und es war jener, der immer wieder kehrte, wenn ich über eine Snare, über den Klang einer Snare nachdachte. Er gefiel mir nicht, dieser Gedanke, genauso wenig wie ich das Tier, wie ich Schlangen mochte. Diese beinlosen Wesen, die zischelnd über den Boden oder von Bäumen herab gleiten, boten allenfalls im scharfen, schnellen Laut ihrer Zungen eine kleine, klitzekleine Ähnlichkeit mit jenen Tönen, die man mit einer Snare zu erzeugen vermag.
Ein Vogel könnte es sein, einer der verschiedene Tierstimmen imitieren kann, ein leises Zischeln, ein lautes Rasseln, ein dumpfes doch dröhnendes Schnarren. Vielleicht aber auch, so dachte ich, ein Krabbeltier, ein kleines Tier mit vielen kleinen Füßen, ein Krabbeltier mit der Kehle eines Vogels, mit der schnellen Zunge einer Schlange, ihre raschelnden Bewegungen beim Gleiten über den Boden, durch Büsche hindurch mit kleinen, schnellen Schritten nachahmend.
Ein Krabbeltier, das seine unzähligen Füße dazu einsetzen könnte, auf dem ausgetrockneten Boden eines Feldes einen dumpfen, tot klingenden Ton zu erzeugen, auf dem feuchten, Laub bedeckten Boden eines Waldes aber ein weiches Streichen, so, als würde man mit dem Besen über das Fell der Snare fahren.
Was immer es ist, es ist nie nur das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint.

All das begleitet mich wiederkehrend beim Lauschen von
Charly Antolinis drum pet (1966) vom Album drum beat

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Foto: Fusslkopp at de.wikipedia | Charly Antolini in Bonn
Foto: Fusslkopp at de.wikipedia | Charly Antolini in Bonn

Charly Antolini (*1937 in Zürich) ist ein Schweizer Jazz-Schlagzeuger. Antolini lernte die traditionelle Schweizer Basler Trommel zu spielen bevor er 1956 nach Paris ging, wo er mit Sidney Bechet, Bill Coleman ua. spielte. In der Oldtime-Jazz-Band „The Tremble Kids“ kam er dann mit dem Trompeter Oscar Klein und dem Klarinettist Werner Keller zusammen. Ab 1962 lebte er dann in Stuttgart, wo er 5 Jahre mit dem Bassisten Peter Witte und dem Pianisten Horst Jankowski in der SWR Big Band von Erwin Lehn arbeitete. Hinzu kamen Engagements in den Big Bands von Kurt Edelhagen, Peter Herbolzheimer und Max Greger in der NDR Bigband gespielt.

1976 folgte dann die Gründung seiner eigene Band: „Charly Antolini Jazz Power“, die ursprünglich mit Steve Hooks (Tenorsax); Andrei Lobanov (Trompete); David Gazarov (Keyboards) und Rocky Knauer (Bass) besetzt war. Später kamen Len Skeat und Brian Lemon hinzu.

In den 1980er Jahren tourte er in Deutschland, Italien und Dänemark mit Benny Goodman, Lionel Hampton, Barbara Dennerlein, Albert Mangelsdorff, Earl Hines, Roy Eldridge, Jimmy Giuffre, Art Farmer, Oliver Nelson, Art Van Damme, Stuff Smith, Baden Powell und anderen. Später tourte Antolini auch durch die Sowjetunion.

Charly Antolini lebt in München und tourt regelmäßig mit seiner eigenen Band „Jazz Macht“.

charlie-antolini-drum-beat-innenteilCharly Antolini – Drum beat

Label : MPS / SABA
Pressung : 1586 ST – GERMANY
Jahr : 1966
Genre : JAZZ|SOUL

Cats Medienkommentar | Zehn Jahre Google | Alles Gute, „Big G“!

Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu
Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu

Happy Birthday, „Big G“! In diesem Jahr feiert der Medienkonzern Google sein zehnjähriges Jubiläum in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Services von Datenhosting bis hin zur Navigation und zur Streetview-„Vogelperspektive“ hat sich Google von einem einfachen Suchmaschinenanbieter zum größten Internetkonzern der Welt gemausert. Dieser Beitrag dreht sich um Daten, Maps, Keywords und die Frage: Wie war eigentlich die Welt vor Google?

Ich google das mal“, „Moment, ich schau mal auf Google Maps“, „Kann man unser Haus auf Google Streetview sehen?“. Seit zehn Jahren begleitet uns das Googlen – und inzwischen können die meisten von uns gar nicht mehr „ohne“. Wir googlen alles und jeden: Wege, Theaterkritiken, Zitate, Kochrezepte, ehemalige Schulfreunde und den Standort des nächsten Friseursalons.Das „große G“ ist wohl neben dem „großen M“ (McDonalds) weltweit inzwischen der erfolgreichste Import „made in the USA“. Und, man möchte im Vergleich hinzufügen, auch der gesündere. Aber stimmt das wirklich? Oder macht Google uns am Ende genau so abhängig, wie manche es von Burgern und Chicken McNuggets werden können?

Im Keyword-Dschungel

Google - zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt
Google – zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt

Ich bin ja persönlich kein Fan des „großen M“.  Seit einem Skandal, in dem herauskam, dass in Chicken McNuggets geschredderte männliche Küken enthalten sein sollen, empfinde ich oft regelrecht Ekel vor Nuggets und der Fleischindustrie an sich. Die Artikel zu diesem Thema habe ich mir übrigens auch ergoogelt, natürlich. Was denn auch sonst? Es gibt kaum einen schnelleren Weg, um an genau die Infos zu kommen, die man haben will. Zumindest, wenn man sich einfach nur kurz ein wenig Alltagsweisheit aneignen möchte, um bei den neuesten Bestsellern, Filmen und weltgeschichtlichen Diskussionen unter Freunden mitreden zu können. Für wissenschaftliche Arbeiten, so hat man mir damals an der Uni beigebracht, seien Google und vor allem Wikipedia allerdings keinesfalls eine ausreichende Recherche. Und auch in der journalistischen Arbeit ist die Eingabe eines Keywords in einen x-beliebigen Browser keinesfalls das einzige Mittel der Wahl. Nachvollziehbar – schließlich ist ein Keyword, oder etwas „retro auf Deutsch“, ein Schlagwort, auch nur eine ziemlich dem Zufall überlassene Dateneingabe. Die Quantität der Suchergebnisse erscheint zunächst als Eldorado gebündelten Wissens. An der (wissenschaftlichen) Qualität des angezeigten Contents (nochmal in „Retro-Form“: Webseiteninhalt) darf man in vielen Fällen zu Recht zweifeln. Um mal ein drastisches, gar zynisches Beispiel zu nennen: Auf der Webseite einer Flüchtlingshilfsorganisation wird einer Schlagwortsuche nach dem Begriff „Migranten“ sicherlich andere Ergebnisse bringen als auf der Parteiwebseite der AfD. Genauer hinschauen, was man sich da eigentlich gerade ergoogelt hat, lohnt sich also schon.

Der gläserne Surfer

Google macht sich sein eigenes Bild vom User - aus Daten generiert
Google macht sich sein eigenes Bild vom User – aus Daten generiert

Ich erinnere mich an ein Exponat in einem Museum, den „gläsernen Menschen“. Stand die Skulptur in der dazugehörigen Ausstellung symbolisch vor allem für die Verletzlichkeit unserer menschlichen Spezies, denke ich im Fall des Internets und speziell in Sachen Google eher an totale Transparenz. Der „gläserne Mensch“ als „durchschaubarer Mensch“, der durch seine Routenplanungen, Suchanfragen und „Gefällt mir“-Klicks mehr über sich preisgibt, als er je erahnen könnte. Nur – an wen eigentlich? Die Werbeindustrie? Den (potenziellen) Arbeitgeber)? Die NSA? Oder interessiert es manchmal vielleicht doch gar keinen, ob man gerade die gesündeste Babynahrung oder Barfen „für die Katz’“ in seine Browser-Suchleiste eingetippt hat? Eines steht fest: Durch das, was wir suchen, bekommen wir zusätzlich gezeigt, wonach wir (nach Meinung betroffener Industriezweige) suchen sollten. Denn Google zeigt einem neben informativen Beiträgen oft automatisch die passende Werbeanzeige an. Praktisch für diejenigen, die eh gerade etwas kaufen wollten – ein kurzer Irritationsmoment für alle, die eigentlich nur eine Sach- und keine Produktinformation haben wollten. Wir fühlen uns auf unseren täglichen Onlinesuchen wohl zurecht beobachtet – „Big G is watching you!“. Einmal, als ich mein Amazon-Passwort vergessen hatte, kam mir kurz der Gedanke, bei den freundlichen Damen und Herren bei der NSA nachzufragen. Denn die wissen ja anscheinend sonst auch immer alles. Ich habe es dann doch gelassen. Zu langwierig, und irgendwie doch ein wenig zu skurril. Manchmal google ich sogar meinen eigenen Namen, um nachzusehen, was wohl andere Internetnutzer auf den ersten Blick über mich erfahren.

Unendliche Datenmengen

Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert ... Ach ja, richtig!
Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert … Ach ja, richtig!

Google weiß wirklich fast alles – zumindest alles, was Surfer auf der digitalen Welle in die grenzenlose Online-Umlaufbahn bringen. Und das ist ein ganzer Wust an Daten, die teilweise beliebig bei jeder Suchanfrage auf uns einströmen. Je nachdem, wie präzise wir den Auftrag an sich stellen. Google weiß zum Beispiel, wo ich hinfahre, wenn ich mal wieder den Weg nach Schildern nicht finde; oder, dass ich mir in den trüben Herbst- und Wintermonaten gerne zur Aufmunterung Bilder von sonnigen Stränden auf meinem Bildschirm anschaue. Da all dies nichts Verwerfliches ist, denke ich mir nichts dabei und schaffe es auch mit viel Selbstdisziplin, die Werbung für Fernreisen zu ignorieren, die daraufhin bei jedem Einloggen ins Internet auf meiner Startseite aufploppt. Manchmal kann es einem schon etwas Unbehagen bereiten, wenn der unberechenbare, unsichtbare „Big G“ mehr über eigens eingespeiste Datenmengen und deren Verwendung weiß als der Internetuser selbst. Schließlich mischt er inzwischen überall mit – auf dem Laptop, aber auch auf dem Android-Smartphone in Form entscheidender, zentraler Apps, allen voran des „Google Play Store“. Eine gesunde Skepsis in puncto Datenschutz darf man da schon entwickeln – und sich erinnern, wie die (digitale) Welt vor dem Aufstieg der beliebtesten Suchmaschine der Welt ausgesehen hat.

War die Welt „vor Google“ wirklich besser?

Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!
Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!

Natürlich gab es auch schon vor Google das Internet – oftmals noch eines mit Minutentarifen und ohne Flatrates oder zusätzliche Telekommunikationspakete für Handys, Filmdownloads und Co. Warum auch – das iPhone und das Android-Smartphone waren ja noch Zukunftsmusik! Auch gab es schon Suchmaschinen, die heute immer noch zum Teil auf dem Markt sind. Zum Beispiel Yahoo, AltaVista, web.de – und natürlich proprietäre Softwareformate von Microsoft und AOL. Was haben wir aber sonst gemacht, wenn wir etwas herausfinden wollten? Wir haben einfach unsere Omas nach Haushaltstipps gefragt (und tun es manchmal noch heute). Wir haben die Schreibung oder die Bedeutung eines Fremdwortes im „analogen“ oder auf CD gebannten Duden nachgeschlagen. Und wenn wir wissen wollten, was die beste Freundin aus dem Kindergarten inzwischen macht, haben wir uns nach dem neuesten Klatsch und Tratsch erkundigt. Oder wir haben es eben gar nicht erfahren – und es als „nicht so wichtig“ abgetan und uns hin und wieder mit dem Nicht-Wissen abgefunden. Fest steht: Google hat das Archivieren und Sammeln von Daten, die Einbindung von individuellen Werbeinhalten und die schnelle Beschaffung von Informationen über andere im digitalen Sektor definitiv revolutioniert und zu einem Höhepunkt geführt. Haben der Onlineriese und sein Servicenetzwerk innerhalb unserer „Informationsgesellschaft“ deshalb die reale Welt, die wir täglich mit den Sinnen begreifen, besser oder schlechter gemacht? Sicherlich nicht. Möglicherweise nehmen wir dies hin und wieder nur anders wahr. Im Endeffekt ist es doch so: Wir sind nach wie vor Menschen mit der Fähigkeit, abstrakt zu denken und selbst zu entscheiden, zu welchem Anteil wir an der digitalen Welt nehmen wollen. Wie genau eine Gesellschaft sich verändert hat, lässt sich schließlich mittlerweile auch perfekt googlen.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Musik | Christoph Stiefel Trio | 7meilenStiefel

Wieder und wieder höre ich „Continuum“, denke an „Movimiento Continuo“ von Astor Piazzolla, denke an die fallenden Blätter vor meinem Fenster, ich sehe sie, sehe sie ohne hinaus zu schauen, sehe sie in einem kleinen Super-8-Film, meinem eigenen kleinen Kopfkino, sehe das Wirbeln der Blätter, die vom Herbstwind getrieben im 30 Grad Winkel durch die Luft tanzen, freue mich, freue mich kindisch über die bewegten Bilder auf der Leinwand meiner Lider.

Cover | Front
Cover | Front

Und dann, nach vier Minuten einnehmender Klangathmosphäre dieser eingängig und fast schon dramatisch schlicht komplexen Melodie, sehe und höre ich ein paar Takte lang die Sonne, ein paar Strahlen nur, bevor die Klänge wieder ins Continuum zurückkehren, Der Drummer Papaux, scheint nun sein Schlagwerk zu erobern, sanft & hartnäckig zugleich.
Ich stecke in einem Raum-Zeit-Kontinuum, im Gleichschritt und -klang höre, atme, denke ich, seit Tagen schon, seit ich die Platte des Christoph Stiefel Trios zum ersten Mal hörte.
Ich höre dieses „Continuum“ wieder und wieder und wieder. Meine Lieblingsstücke von Esbjörn Svensson durchfließen meine Sinne, verwerfe aber diese Querläufer. Denke für einen Moment an das Brad Mehldau Trio, an Herrn Piazzolla, an The Bad Plus, an Medeski Martin Wood. Und, als könne ich mit einem Tippen auf die Repeat-Taste all diese Gedanken auslöschen, höre ich wieder und wieder „Continuum“. Faszinierend, welche Assoziationen die Musik dieses Trio auslöst.
Und jetzt? Jetzt sitze ich hier mit meinem laienhaften Musikwissen, mit zwei Händen, die die Saiten des Basses rudimentär zupfen können, einem Paar guter Ohren, einem Kopf voller Musikstücke und vielen vielen „Jener Augenblick, als der Bassist…“ und „Der Moment, als…“-Erinnerungen, abrufbar, jederzeit, im Sinn.
Sitze hier und ärgere mich, nie Musik studiert zu haben, ärgere mich darüber, meine Empfindungen beim Hören nicht mit präziser ausdrücken zu können.
Verwerfe den den Gedankenstrudel. Setze Kopfhörer auf, laut, sehr laut will ich hören, was das Trio Stiefel, Papaux und Moret macht, mit mir macht.

Cover | Rückseite
Cover | Rückseite

Das Ergebnis? Wiederholungen – oder: Continuum. Acht Minuten und 16 Sekunden, dsüchtig machend, acht Minuten und 16 Sekunden Glück und Lachen und Drama und Melancholie und Leichtsinn und Schwermut. Acht Minuten und 16 Sekunden, die meine Gedanken übernehmen, meine Gefühle, inten Wünsche, meine Sehnsucht. Acht Minuten und 16 Sekunden Leben.
Nachdem ich mich losreiße von „Continuum“, höre das erste Stück des Albums „7meilenStiefel“: Seeking Solid Ground. Und schon stecke ich wieder mittendrin, mittendrin im Kontinuum des Lebens, möchte Christoph Stiefel die Fähigkeit des Gedankenlesens unterstellen: Woher kennt er das Tempo meines Lebens?“
So rasant wie diese Melodie mich erobert, so schnell läuft sie weiter, immer weiter, einfach und doch komplex, immer weiter, egal was passiert, immer weiter, weiter wie das Herz schlägt, solange es schlägt, weiter, aufgeben gibt es nicht, niemals. Und so klingt das Stück aus, leise und klingt doch weiter im Kopf, weiter in vielen großen, kleinen, schnellen, ruhigen, festen Schritten durch dieses Album bis zum letzten Stück: Home.

Angekommen. Angekommen in dieser Musik bin ich, seit dem allerersten Hören, fühle mich darin zu Hause. Was Christoph Stiefel und seine Mitstreiter machen, kommt mir vertraut vor, erinnert mich an vieles und ist doch anders.

„Isorhythm Nr. 12“ lese ich hinter dem Namen des ersten Stücks, erfahre im Booklet, dass Isorhythmen gleiche Rhythmen sind, die mit verschiedener Melodik kombiniert werden, „wobei sich dadurch für den Hörer absolut ungewohnte rhythmische, harmonische wie auch melodische Überlagerungen der verschiedenen Ebenen ergeben“.

Isorhythmen also. | Isorhythmik ist die Rhythmik des Lebens, meines Lebens. Und so wie mich Christoph Stiefels Trio mit 7meilenStiefeln durch elf atemberaubend schöne Stücke treibt, mich die Platte nun schon zum 26. Mal innerhalb von vier Tagen hören lässt, so wie ich immer wieder staune und die Luft anhalte, staune über eine wunderschöne Interpretation von „The Girl from Ipanema“, so oft ich immer wieder die gleichen Stellen anspiele, immer wieder die gleichen Stücke höre, mit Kopfhörer, ohne Kopfhörer, wieder und wieder, leise, laut, so sehr festigt sich der Wunsch, ein einziger Wunsch: mehr davon, denn das tut gut.

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Christoph Stiefel (* 29. Juli 1961 in Zürich) ist ein Schweizer Jazz-Pianist, Keyboarder, Komponist, Arrangeur, Produzent und Bandleader. | Zur Website von Christoph Stiefel.

Das Album 7meilen Stiefel stammt aus dem Jahre 2006.
Beitragesfoto: NZZ

Musik | The Cinematic Orchestra | Ma Fleur

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The Cinematic Orchestra | „Ma Fleur“ | Cover

Am Tisch im Wohnzimmer. Der Blick auf die leere Straße. Und ich schrieb und schrieb, hörte, wanderte durch die Zimmer und hörte, schrieb, schrieb, weinte, hörte, lächelte vor mich hin, weinte, fuhr, schrieb, schrieb, hörte, lauter, lauter. Länger, immer länger wurde der Text, Gedanken, nie ausgesprochen, ja, nicht einmal zu Ende gedacht. Und bevor es mir das Herz zerriss, löschte ich wieder.
Und ich hörte, lauter, lauter, und ich fuhr und ich filmte und hörte und filmte. Und stellte fest, dass alles, was mir an Technik und Wissen zur Verfügung steht, nicht ausreicht, noch nicht, um meine Gedanken sichtbar und hörbar zu machen, sichtbar, hörbar, ohne sie wirklich beim Namen zu nennen. Und ich löschte wieder.
Wiederzugeben, gleich wie, was geschieht, mit mir, wenn ich „Ma Fleur“ höre, vom ersten bis zum letzten Stück, immer wieder „To Build A Home“ mit der feinen Stimme von Patrick Watson fünf-, sechs-, siebenmal hintereinander höre, dann wieder alle Stücke von eins bis elf, den Takt von „As The Stars Fall“ ab 00:57 schlage, versuche zu schlagen, den Kopf dazu bewege, „der Kerl ist krank“ würde jemand denken, der mich nur sieht und nicht hört was ich höre, wiederzugeben also, was geschieht, mit mir, das käme dem Versuch gleich, mein Leben an einem Abend zu erzählen, bebildert, dabei alle Namen zu nennen, kleine Geschichten am Rande inklusive.
Einfach hinsetzen und heulen. Wäre eine Möglichkeit. Und käme ich in Erklärungsnot, würde ich verständlich machen wollen, warum Weinen glücklich macht.
Mir kommt der Satz in den Kopf „… kann man nicht beschreiben, … muss man erleben.“. Faulheit, Dummheit, Discount-Koketterie.
Ich glaube eher an: „Was man nicht beschreiben kann, das gibt es nicht.“.

tco-e-5-stevedoubleThe Cinematic Orchestra (TCO) kommt aus Großbritannien. Sie wurde Ende der 1990er Jahre von Jason Swinscoe gegründet. Ihr Stil lässt sich gut mit einem Mix aus Jazz, Downbeat, Popmusik, Electronica umschreiben.
Die Band besteht derzeit aus: Bassist Phil France, Gitarrist Stuart McCallum, Pianist Nick Ramm, Saxophonist Tom Chant,  Schlagzeuger Luke Flowers und Singer-Songwriter Patrick Watson sowie verschiedenen Gastmusikern.
Aufmerksamkeit erregte die Band mit einer Überarbeitung der Filmmusik zu Dsiga Wertows experimentellen Stummfilm Der Mann mit der Kamera. Die Filmmusik wurde von TCO 2000 in Porto [der damaligen Kulturhauptstadt Europas] während der Aufführung live eingespielt.
Auf ihren Alben Every Day und „Ma Fleur“ arbeitete die Band zudem mit der amerikanischen Soul-Sängerin Fontella Bass zusammen.

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The Cinematic Orchestra | „Ma Fleur“.
Erscheinungsdatum | 2007
Label | Ninja Tune
Musikgenre | Jazz, Downbeat, Popmusik, Electronica

Diskografie
1999 – Motion
2000 – Remixes 1998–2000
2002 – Every Day
2003 – Man With A Movie Camera
2007 – Ma Fleur (April)
2008 – Live at the Royal Albert Hall
2009 – Das Geheimnis der Flamingos (The Crimson Wing: Mystery of the Flamingos) – Soundtrack
2010 – Late Night Tales: The Cinematic Orchestra
2012 – In Motion #1

Cats Couch | Die unsichtbaren Väter – ein Papa-Plädoyer

Engagierte Väter haben es schwer: Auch im 21. Jahrhundert hält sich der Fortschritt in Sachen Familienplanung und Vereinbarkeit im Grenzen. Jeder beklagt die familiär-berufliche Doppelbelastung von Müttern; aber wie sieht es da eigentlich mit den Männern aus? Zeitgeist, Geschlechterrollen und Stillstand – betrachtet aus einer seltenen Perspektive.

Väter von heute - Vorbilder von morgen!
Väter von heute – Vorbilder von morgen!

Ein Kind braucht seine Mutter“ – da sind wir uns sicherlich alle einig. Mütter sind derzeit eine omnipräsente Mehrheit in der Social-Media-Gemeinde und sogenannte Mama-Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden. Auch in beliebten Eltern-Communitys und im gesamten Werbezirkus rund um Baby- und Kinderprodukte sind wir Mütter neben unseren Kindern die Stars in der Manege. „Wir Mütter“ sage ich deshalb, weil ich mich seit einigen Monaten auch zu dieser Clique zählen darf. Allerdings vermisse ich sowohl in der Werbung und in Artikeln über Erziehung als auch in Eltern- und Babytreffs schmerzlich die männliche Hauptrolle. Was mich zu der Ausgangsfrage dieser Ausgabe von „Cats Couch“ führt: Wollen die Männer auf dieser Ebene nicht präsent sein, oder können sie es schlicht und einfach nicht, weil der „aktive Vater“ immer noch schlecht dasteht?

Männer können alles – außer stillen!

Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt
Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt

Väter sind mehr als Erzeuger und dieser Konsens setzt sich inzwischen auch zunehmend durch. Endlich, möchte man angesichts der Tatsache einwenden, dass wir inzwischen das Jahr 2016 schreiben. Auf dem Papier und de jure existiert Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen also. Doch wie sieht die Lage de facto aus? Noch immer nimmt nur ein ganz geringer Prozentsatz der frisch gebackenen Väter mehr als die „üblichen“ zwei Monate Elternzeit, im Elterntreff sind männliche Gesprächspartner, die eine solche Runde um interessante Perspektiven erweitern könnten, nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Das alles finde ich sehr schade; denn so gerne ich mich als „junge“ Mutter (ist 30 Jahre wirklich noch jung?) mit anderen Müttern austausche und auch fast mehr Gesprächspartnerinnen finde, als ich wirklich würdigen kann, fühlt sich mein Mann wie manch anderer „junger“ Vater doch zeitweise auf dem Abstellgleis. Wir gehören nämlich zu den Paaren, die es anders machen wollen als die Mehrheit: Ich bewerbe mich zurzeit wieder, er nimmt Elternteilzeit in Anspruch. Als ich während der Schwangerschaft Freunden und Familie von unserem geplanten Familienmodell erzählte, bekam ich von verständnislosen Einwänden („Also, ICH könnte das ja nicht, das Kind so früh abgeben …“) bis hin zu Beschwichtigungen mit Augenzwinkern („Ja ja, das sagst du jetzt. Warte erst einmal ab, wenn das Baby da ist!“) Gegenwind aus (fast) allen Himmelsrichtungen. Wobei, faktisch betrachtet hat es wenig mit „abgeben“ zu tun, ein Kind beim eigenen Vater zu lassen. Aber wie heißt es so schön: Errare humanum est. Ich ließ den Zweiflerinnen (in der Tat fast nur Frauen) ihre Zweifel und wartete einfach ab. Das Kind kam, der Wunsch, im Job nicht den Anschluss zu verlieren, blieb. Und überhaupt – der Elterngeldantrag für meinen Mann war sowieso längst eingereicht. Bis jetzt kann ich sagen: Unsere Tochter hat einen tollen Vater. Die Sorte Mann, mit der ich mein eigenes Kind gerne einige Stunden allein lasse. Denn auch wenn wir Mütter es manchmal kaum wahrhaben wollen: In Sachen Babypflege und Kinderbespaßung können Männer im Prinzip alles. Außer stillen; andersherum stillt ja längst nicht jede Mutter voll oder so lange, dass sie wirklich allein deshalb Jahre daheim verbringen müsste. Es zu wollen, ist natürlich legitim und steht auf einem anderen Blatt.

Vater sein – ein Hürdenlauf!

Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!
Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!

Ich sollte hier fairerweise erwähnen, dass mein Mann selbstständig ist und nur wenige bürokratische Hürden überspringen musste, um die volle Elternteilzeit für sich und uns zu realisieren. Schwieriger haben es da oftmals (männliche) Angestellte, die sich nicht zufällig in sicheren Zweigen des Staatsdienstes tummeln. Sie ernten oft ebenso wenig Verständnis für ihre Familienauszeit wie ihre weiblichen Kollegen, die im Gegenzug dazu wieder schnell in ihren Job zurückkehren oder sich eine neue Position suchen wollen. Schnell kommt auch heute noch bei Personalern der Verdacht auf, ein Mann hätte somit „kein Interesse mehr am beruflichen Aufstieg“, „keine Lust mehr auf seinen Job“ oder eben eine Partnerin, die ihm „nicht den Rücken freihält“. Dass derartige Vorurteile sich nicht gerade motivierend auf die jüngeren Generationen von Eltern und Arbeitnehmern auswirken, erklärt sich von selbst. Auch im privaten Umfeld brauchen Väter, die sich bewusst eine Babyauszeit nehmen, oftmals nach wie vor ein dickes Fell und ernten statt Verständnis und Anerkennung für ihre Entscheidung eher Skepsis, Spott und Häme. Kein Wunder, denn Väter bleiben auch in den gefühlt omnipräsenten Medien- und Werbebeiträgen rund um „Kind und Windeleimer“ weitgehend unsichtbar. Wann immer eine Pampers-Werbung über unsere Bildschirme flimmert sehen wir: Mutter und Kind. Die Bloglandschaft im Internet, die sich mit den alltäglichen und kontroversen Themen rund ums Elterndasein beschäftigt: Mama-Blogs, wohin man schaut; ein männliches Äquivalent ist selten. Die Betreuungsmisere in den Nachrichten: Mütter mit Problemen bei der Jobsuche. Daran ist prinzipiell nichts Falsches; es fehlt nur etwas. Nämlich die Selbstverständlichkeit, dass Väter eben nicht nur Samenspender auf zwei Beinen sind oder idealerweise sein sollten.

Diskriminierung: nicht nur ein Mütterproblem!

Hart aber fair: Männer können alles genau so gut - außer stillen.
Hart aber fair: Männer können alles genau so gut – außer stillen.

Schließlich gibt es noch den finanziellen Aspekt. Dass das „Gender Pay Gap“ keine Erfindung durchgeknallter Radikalfeministinnen ist und speziell „Frauenberufe“ im sozialen oder geisteswissenschaftlichen Umfeld doch eher knapp bezahlt werden, merkt man auch daran, dass die männlichen „Besserverdiener“ dann eben doch in die klassische Versorgerrolle schlüpfen. „Finanzielle Notwendigkeit“, wird man es nicht ganz zu Unrecht begründen. Da hilft es leider auch wenig, dass unsere Politik sich derzeit beide Beine ausreißt, um eine echte Gleichberechtigung im Familienleben und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Ein Regelwerk ist sinnvoll . Aber was, wenn sich kaum ein Spieler am runden Tisch daran hält? De jure darf kein Arbeitgeber seine Angestellten dafür „bestrafen“, Kinder zu bekommen und sich gar um diese kümmern zu wollen. De facto werden gerade Männer, die Elternzeit, Krankentage und andere rechtliche Ansprüche geltend machen wollen, auf ihre vermeintliche Unverzichtbarkeit hingewiesen oder gleich gefragt, ob sie denn keine Frau hätten, die das machen kann. Umgekehrt wird bei Frauen quasi automatisch davon ausgegangen, dass sie nun eh keine Karriere mehr machen wollten oder andauernd wegen ihrer Kinder dem Arbeitsplatz fernbleiben werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde eine solche Einmischung in die Privatsphäre von Mitarbeitern schon ziemlich frech! Nicht nur am Arbeitsplatz haben engagierte Väter häufig einen schweren Stand; auch beim Umgangs- und Besuchsrecht im Falle einer Trennung ziehen sie aufgrund der momentanen Gesetzeslage häufig den Kürzeren. In manchen Fällen mag dies sinnvoll sein; oft handelt es sich dabei aber auch nur um eine Schikane im klassischen Rosenkrieg und schlicht um eine Diskriminierung.

Männerarbeit, Frauenarbeit?

Väter suchen sich eigene Wege - und das ist ihr gutes Recht
Väter suchen sich eigene Wege – und das ist ihr gutes Recht

Schaut man sich soziale und pflegerische Berufszweige an, so trifft man tendenziell auf eine große weibliche Überzahl. Ein Mann als Kita-Leiter? Als Kinderpfleger oder „männliche Hebamme“? Für viele Frauen – aber auch Männer – auch im Jahr 2016 schwer vorstellbar. Was allerdings auch auf dem Mythos beruht, Männern ginge es vor allem ums Geldverdienen. Ebenso wie auf der Tatsache, dass sich viele Männer (und übrigens manche Frau) aufgrund der eher unterdurchschnittlichen Bezahlung in Sozialberufen für andere Branchen entscheiden und Jungen viel zu früh eingeimpft wird, einen „männlichen“ Beruf zu ergreifen. Vorbehalte dagegen, dass Männer ebenso wie Frauen „irgendwas mit Kindern“ machen können, zeigen sich auch im Privaten – und daran sind wir Mütter selbst oft nicht ganz unschuldig. Manch übermotivierte Neu-Hausfrau und „Natural Born Super Mom“ hat nämlich wirklich an allem etwas zu meckern, was ihr hilfsbereiter Partner wie selbstverständlich einfach tun möchte. „Du machst das falsch! Das geht doch anders“; „Männer können das nicht“; „Typisch Mann. Ich zeig dir, wie es geht“… Wer solche Bannbotschaften jeden Tag zu hören bekommt, wird irgendwann resignieren. Und wer sollte es ihm da noch verdenken? Ich überspitze hier natürlich absichtlich ein wenig – aber wenn wir Mamas ehrlich zu uns selbst sind, juckt es vielen doch wirklich hin und wieder in den Fingern, den Mann mal wieder zu korrigieren. Einfach so, fast automatisch. Mein Tipp, den ich selbst übrigens auch befolge: Lasst es kribbeln, Ladys, und beißt euch hin und wieder einfach lieber auf die Zunge. Dann klappt’s auch mit der Gleichberechtigung. Papas haben ihren eigenen Weg, Probleme zu lösen. Und das ist auch gut so.

Menschenbilder | Edward Jean Steichen & seine wunderbare Idee von «The Family of Man»

Es gibt in der deutschen Sprache ein sehr altes und sehr einfaches Wort, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir von etwas eine Vorstellung haben, dass wir etwas deuten, vergleichen, sichtbar machen. Wir sagen, wir machen uns ein Bild.

Edward Steichen | Foto: F. Holland Day - Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901
Edward Steichen | Foto: F. Holland Day – Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901

Wir machen uns ein Bild vom Leben, ein Bild vom Dasein, ein Bild von uns selbst. Wir wissen, dass wir das Sein nicht unmittelbar begreifen, wir sind Menschen, wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und erkennen heißt, über Sinn und Bedeutung der Welt nachdenken, sich ein Bild machen. Wir haben uns eine neue Welt geschaffen, heute würde man sagen: eine Welt der Symbole, eine Welt der Mythen, der Religion, der Sprache, der Kunst, der Wissenschaft, um uns ein Bild zu machen von unserem Dasein. Eine der konzentriertesten, ausdrucksvollsten und vielleicht auch reinsten Formen dieser Symbole ist das Bild, das der Künstler schafft, in Lehm, in Stein, in Farbe, seit den frühesten Zeiten der Menschheit.

Zu diesem alten Begriff des Bildes, von dem wir uns immer bewusst sind, dass er nicht das Sein selbst gibt, sondern eine Deutung des Seins, kommt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art von Bild, etwas Unglaubliches, ein Bild, das kein Bild mehr ist, weil es scheinbar die Welt selbst gibt, so wie sie ist, ungedeutet und unmittelbar. Das gleiche, was das Auge sieht, was die Linse des Auges auf die Netzhaut projiziert, wird durch einen analogen Vorgang, durch eine analoge Linse auf eine ebenfalls lichtempfindliche Schicht geworfen und dort, im Gegensatz zum Auge, für alle Zeiten, für alle Menschen festgehalten. Was ein Mensch sieht, kann nun jeder Mensch sehen. Wir lösen Teile der sichtbaren Welt ab, fangen sie auf, übertragen sie heute schon mit allen Konsequenzen der Farbe, der Bewegung, der Gleichzeitigkeit. Man hat diese für die Erkenntnis unserer Welt ungeheuer wichtige Erfindung, die der französische Staat wegen ihrer Bedeutung sofort aufgekauft und für alle Menschen freigegeben hat, mit einer der typischen Wortkonstruktionen des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Man nennt sie Photographie, das heißt Lichtschrift, Lichtzeichen, und nennt auch ihre Erzeugnisse, umständlich genug, Photographien. Bis heute zögern viele, sie mit dem Wort Bild zu bezeichnen. Man spricht von Abbildungen, das heißt von Abformungen, oder von Aufnahmen, und meint damit, dass etwas wieder aufgenommen wird, das schon da ist. Immer ist man sich bewusst, dass die Photographie ein Teil der Realität selbst ist. Im Unterschied zum Bild des Malers ist sie ein Dokument, ein Beweis, kein Vergleich, kein Symbol. Wir wollen die Frage offen lassen, ob es so ist. Jedenfalls hat um 1900 ein junger Maler, der sich gleichzeitig mit Photographie beschäftigte, sich ebenfalls diese Frage gestellt, und er hat versucht, diese Grenze zwischen Malerei und Photographie zu durchbrechen. Dieser Maler schickte an eine große Kunstausstellung in Paris bewusst keine Malereien, sondern Photographien und schrieb dazu, es seien Bilder, die er mit Hilfe des Lichts gemalt hätte. Er brachte die Juroren in einige Verlegenheit. Sie anerkannten, dass die Bilder einen künstlerischen Wert hätten, sie hatten aber Angst vor den Folgen. Die Bilder wurden zurückgewiesen. Der junge Mann, der diesen Vorstoß wagte, war Edward Steichen, der Schöpfer der Ausstellung «The Family of Man», der, wie er selbst sagt, vielleicht weitreichendsten und herausforderndsten photographischen Schau, die je versucht wurde. Mehr als hundert Jahre seit der Erfindung der Photographie hat es gedauert, bis jemand auf die Idee kam, uns diese Spiegelbilder unseres Seins vorzuhalten, um uns zu zeigen, was wir sind. Edward Steichen gehört zu den großen Erneuerern der Jahrhundertwende, zu den wenigen, die noch da sind. Ich glaube, sein Leben verdient es, dass wir darüber sprechen. Steichen wird in diesem Jahr dreiundachtzig Jahre alt. Er hat als Schulbub angefangen zu photographieren. Er entwickelte seine Aufnahmen auf dem Küchentisch seiner Mutter in Wisconsin, Bilder seiner Familie und seiner Freunde. Mit einundzwanzig Jahren ging Steichen nach Paris. Er machte halt in New York und zeigte seine Aufnahmen dem fünfzehn Jahre älteren, damals schon berühmten Stieglitz. Stieglitz war überrascht. Er wollte dem jungen Mann Mut machen und kaufte drei Bilder, jedes zu fünf Dollar. Steichen erzählt, dass er heute, jedes Mal, wenn ein vielversprechender junger Photograph zu ihm kommt, ihm drei Bilder abkauft, jedes zu fünf Dollar. In Paris war er ein Künstler unter anderen, mit breitem Hut und fliegender Krawatte. Er studierte Malerei und bekam später bis zu fünftausend Dollar für ein Bild. Aber er glaubte, dass er sich besser ausdrücken könne durch die Photographie. Er kämpfte weiter mit Stieglitz zusammen um die Anerkennung der Photographie als Kunst. Er schrieb 1903: «Warum will man eigentlich ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das schon jetzt, in dem ersten Kindheitsstadium seiner Entwicklung, zu den bedeutendsten Faktoren modernen Wissens und Könnens gehört, warum will man das eigentlich einengen durch wissenschaftliche, künstlerische oder sonstige Beschränkungen? Ein Ausdrucksmittel, das noch gar keine Sondergesetze haben kann? Warum von Beschränkungen, von Grenzen reden, wo wir mit den Möglichkeiten, die noch gar nicht erschöpft sind, vielleicht wirklich etwas erreichen? Es handelt sich hier nur um die alte Frage: Beherrscht der Geist den Stoff oder der Stoff den Geist?»

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Joachim Köhler | Schild der Foto-Ausstellung „The Family Of Man“ in Clerf (fr.: Clervaux) Luxemburg | CC BY-SA 3.0 | Quelle: wikipedia

Steichen suchte allerdings in seinen frühen Aufnahmen weniger nach den Sondergesetzen der Photographie, als dass er versuchte, Gesetze der Malerei auf die Photographie anzuwenden.
Seine Aufnahmen sind Kunstdrucke. Man könnte sie manchmal
mit Malereien verwechseln. Man sagt, dass er den Apparat während der Aufnahme vibrieren ließ, dass er auf die Linse spuckte, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Steichen, der bald in New York, bald in Paris ist, kennt viele berühmte Leute. Er photographiert Bernard Shaw, Richard Strauss, Maurice Maeterlinck, Anatole France. Er wird befreundet mit Rodin, und er bricht in seinem Atelier zusammen, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt er auf einem kleinen Gut in Voulangis bei Paris, malt, photographiert und züchtet Rittersporn.

Als Amerika 1917 in den Krieg eintritt, wird er technischer Berater für Luftaufnahmen und bekommt später das Kommando über alle photographischen Operationen in Frankreich. Mit dem Krieg ändert sich sein Leben. Luftaufnahmen müssen klar und scharf sein, und Steichen sieht in der Präzision einen neuen Weg der Photographie. Er wird beeinflusst von den Schrecken des Krieges. Er will künftig sein Leben enger mit dem Leben seines Nebenmenschen verbinden, und er glaubt, dass die Photographie ihm helfen könnte. Mit der Malerei ist es zu Ende. Er macht mit seinem Gärtner in Voulangis einen großen Haufen von diesen «gerahmten Tapeten» im Wert von fünfzigtausend Dollar.
Seine zweite photographische Lehrzeit beginnt. Er sagt: «Ich bin bestimmt wie Ebbe und Flut, und geduldig wie die Römische Kirche.» Mehr als tausendmal photographiert er während eines Jahres eine weiße Tasse und eine Untertasse, damit ihm die photographische Technik in Fleisch und Blut übergeht. Er geht zurück nach Amerika, macht Modeaufnahmen für «Vogue» und «Vanity Fair», arbeitet mit einer Reklameagentur und photographiert berühmte Menschen. Um seine Auftraggeber abzuschrecken, verlangt er tausend Dollar für eine Aufnahme und hat in der Folge noch mehr zu tun. Er kauft eine Farm in Connecticut, achtzig Mal größer als Voulangis, und züchtet Delphinium.

Fragen der Vererbung interessieren ihn schon lange. Er sagte, dass alles, was wächst, im Grunde ähnlichen Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, auch der Mensch. Er wollte die Menschen bessern, und seine einzige Hoffnung waren damals erbbiologische Methoden. Aber er fand weder einen Weg, noch wusste er das Ziel. 1938 hatte er sein New Yorker Studio geschlossen, um sich ganz mit Pflanzenzucht beschäftigen zu können. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, übernahm der Zweiundsechzigjährige das Kommando über viertausend Photographen, die die amerikanischen Operationen in der Luft und auf dem Meer festgehalten haben. Die Aufnahmen wurden zu einem dramatischen Bericht über die Operationen. Sie zeigten die menschlichen Qualitäten der Kämpfenden, aber sie waren auch eine verheerende Anklage gegen den Krieg. 1947 wurde er, der um die Anerkennung der Photographie gerungen hatte, Direktor der photographischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York.

Fünf Jahre später, 1953, läutete in der Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule das Telephon. Robert Frank, der junge, begabte Schweizer Photograph, der in heute in (New Scotia) Kanada lebt, war am Telefon. Er würde in Kürze mit Edward Steichen vorbeikommen. Steichen, diese legendäre Figur, von der die SchülerInnen so oft gesprochen hatten; das Museum of Modern Art, ein Museum modernster Kunst, also auch modernster Photographie: Sie suchten rasch zusammen, was an Experimenten, an extremen Aufnahmen vor Ort war. Dann war er da, freundlich, kameradschaftlich; man hatte sofort Kontakt mit ihm, aber was ihm gezeigt wurde, beachtete er kaum. Ob denn keine Reportagen gemacht würden? Ob niemand Aufnahmen von Menschen gemacht hätte? Er ließ den Studierenden allerdings keine Zeit, etwas zusammenzusuchen. Steichen begann zu erzählen. Von seinem Plan einer Ausstellung von der Einheit des Menschengeschlechts, von den Menschen als einer großen Familie. Unabhängig von Rasse, unabhängig von der Kulturstufe, vom Land, von den sozialen und politischen Gliederungen sind alle Menschen den gleichen Gesetzen des Lebens unterworfen. Sie verbinden sich, Kinder werden geboren, sie verlangen nach Nahrung, nach Schutz. Die Menschen arbeiten und sind müßig, traurig und fröhlich, gut und böse, lieben sich und hassen sich. Sie suchen das Leben zu begreifen, sie haben Angst und haben Hoffnung. Und wie die Blätter welken und fallen, werden die Menschen alt, sie sind einsam, sie sterben.
«Wir wollen nicht nur die positiven Seiten des Menschen zeigen», sagte Steichen, «wir werden vielleicht eine Aufnahme haben aus Afrika oder Südamerika, wo ein Vater seinem Sohn beibringt, wie man seinen Feind mit einem Giftpfeil tötet. Wir wollen die ursprünglichen Triebe der Menschen zeigen; nicht die Religionen, aber das Religiöse; keine sozialen Systeme, aber ein soziales Bewusstsein. Aussprachen der größten Menschen und Worte der größten Weisheit werden die Aufnahmen begleiten.» Die Ausstellung «The Family of Man» wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York eröffnet und anschließend in vielen Städten und Ländern gezeigt. Millionen Besucher haben sie gesehen.

«The Family of Man» ist als bewusster Beitrag zur Idee des Friedens und der Verständigung, zur Freundschaft zwischen den Nationen angelegt. Sie will die schöpferischen Kräfte der Liebe und Wahrheit den zerstörenden des Bösen und der Lüge gegenüberstellen. Ferdinand Hodler sagte einmal: «Ich sehe das, was die Menschen verbindet, nicht das, was sie trennt. Alle Menschen essen gleich, schlafen gleich, lieben gleich. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den stärksten, sinnfälligsten Ausdruck dieser Funktionen zu finden.» Steichen hat ein langes Leben sich bemüht, dem nahezukommen, was die Photographie auszudrücken vermag. Er hat lange Jahre nachgedacht, wie man die Menschen zu einem besseren Leben bringen könnte, und er hat schließlich mit all seiner Kraft und seiner Erfahrung die große Schau von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen.

Seit 1994 befindet sich die Sammlung «The Family of Man» als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Clerf (luxemburgisch Klierf, Cliärref, französisch Clervaux) ist eine Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg und Hauptort des gleichnamigen Kantons Clerf) und umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern und wurde von Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York (MoMA) zusammengetragen. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher gehbat und geht somit als Legende
in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden sie auf den Seiten der steichencollections.

Cover
Cover

Literatur: 
The Family of Man (Englisch) Taschenbuch
Carl Sandburg & Edward Steichen
192 Seiten
Verlag: Museum of Modern Art; Auflage: 1. (2013)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0870703412
ISBN-13: 978-0870703416

Musik | Ein Schnupperdenker sein | Mit Musik von Jori Hulkkonen & Hint

SCHNUPPERDENKER
Mit Musik von Jori Hulkkonen &  Hint

Das frisch gebackene Brot duftet aus der Küche bis in mein Büro hinein, die asiatische Tütennudelsuppe in der weißen Porzellanschale, die bis eben die zwanzig Zentimeter Raum auf meinem Schreibtisch zwischen Tischkante und Laptop ausfüllte, mag ich nicht mehr riechen. Trinke gierig einen großen Schluck Wasser, stelle den kleinen Rest Suppe aufs Fensterbrett, weit weg von meinem Tisch, noch ein Schluck Wasser, es reicht nicht, um den künstlichen Geschmack aus meinem Mund zu vertreiben, dieser Geschmack, der sich irgendwo im hinteren Bereich meines Gaumens festgebissen hat, dieser Geschmack stört mich beim Riechen, beim Riechen des frisch gebackenen Brotes. Hints „Count your blessings“ treibt mich an, diese eingängige, kleine Melodie auf dem Synthezizer treibt meine Gedanken an, schnell noch eine kleine Idee, gruselig muss sie sein, gruselig wie das fade Blau des Himmels, das mich an die Farbe von 1,5-Liter-Plastik-Wasserflaschen erinnert, dann ein paar Ideen für den Herbst sammeln.

Der Herbst. Beginnen, meine Freu-dich-auch-drauf-CDs zusammen zu stellen. Wenn, wollte, würde. Ich experimentiere ein bisschen mit Jam, Jori Hulkkonens „Science“ passt so wunderschön zu Hints „Count your blessing“, Besser aber dann Joris „Black Books“.  Komme mit dem PCProgramm nicht sehr gut klar, wünsche mir, mal wieder, immer wieder, zwei 1210er und jede Menge Vinyl. Stattdessen zupfe ich mir ein kleines Stückchen von der knusprigen Kruste des Brotes ab, liebäugle mit der vierten Tasse Kaffee mit Tobleronestückchen und bin glücklich. Glücklich, weil niemand sehen kann, was ich alles gleichzeitig, nacheinander, nebeneinander her tue, wie ich mich ablenke, um mich wieder konzentrieren zu können, wie ich mit den nackten Zehen Dehnungsübungen auf kleinstem Raum mache, auf dem Fußboden, mit hochgezogenen Beinen, unter dem Po auf dem Stuhl verschränkt, weil niemand sehen kann, wie ich den linken Ärmel meines T-Shirts lang ziehe, ein Stückchen Stoff zwischen Daumen und Finger nehme, eine Faust bilde damit und am Stoff schnuppere, schnuppere und denke.

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unterwegs | Die Tempelanlage von Karnak | Ägypten

Der Riesentempel von Karnak

Der gewaltigste Tempelbau, mit dessen Abmessungen sich kein zweites Heiligtum vergleichen kann, ist der Tempel des Ammon zu Karnak, der am rechten Ufer des Nils den Ruinen des alten Theben gerade gegenüber liegt. Die ganze Tempelanlage bedeckt fast ein Quadratkilometer. Lange Alleen, die von riesigen Widdersphinxen eingesäumt sind, führen zum Ammontempel hin.

Seine Halle ist so ungeheuer groß, dass man bequem den ganzen Kölner Dom hineinstellen könnte. Aber seltsam! Trotz dieser Ausdehnung vermag der Raum doch kaum ein paar hundert Menschen zu fassen. Denn dicht gedrängt erheben sich in seinem Innern turmgleiche Säulen, die fast die ganze Halle ausfüllen. Einzelne der Säulen sind 25 Meter hoch und messen 10 Meter im Umfang.

Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library | Foto: Kofler | 1914
Tempelkomplex Karnak | Sammlung: A. D. White Architectural Photographs, Cornell University Library|Foto: Kofler | 1914

In den Höfen sieht man gewaltige Steinkolosse, die Herrscher über längst versunkene Geschlechter teils in verzerrten Bildungen, teils in lebensfrischen Wiedergaben darstellen. Die Denkmäler sind so fest gefügt, dass es weder dem Ansturm der Zeit, noch den wechselnden Völkern, die daran vorübergezogen sind, den Assyrern, Persern, Griechen, Römern und Sarazenen gelungen ist, sie zu vernichten. Selbst den Erdbeben haben die steinernen Türme Widerstand geleistet. Nur die Nasen und Bärte sind abgeschlagen, sonst aber lächeln diese steinernen Gesichter unverändert über Jahrtausende hinweg noch bis in unsere Zeit hinein.

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Die Karnak-Tempel liegen als größte Tempelanlage von Ägypten in Karnak, einem Dorf etwa 2,5 Kilometer nördlich von Luxor und direkt am östlichen Nilufer. Die ältesten heute noch sichtbaren Baureste des Tempels stammen aus der 12. Dynastie unter Sesostris I. Bis in die römische Kaiserzeit wurde die Tempelanlage immer wieder erweitert und umgebaut.

Die Tempelanlage steht seit 1979 zusammen mit dem Luxor-Tempel und der thebanischen Nekropole auf der Liste Weltkulturerbe der UNESCO.

Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0
Foto: Ahmed Bahloul Khier Galal | CC-BY-SA 4.0

Nach der Erhebung Amun-Res von Theben zum Lokalgott und später zum Reichsgott begannen die Herrscher des frühen Mittleren Reiches mit dem Bau eines Tempels, der über Jahrtausende hinweg zum heutigen Tempelkomplex erweitert wurde, wo die Amun-Priesterschaft den täglichen Tempeldienst ausübte. Auch für die Gattin des Amun, die Göttin Mut, und für ihren gemeinsamen Sohn Chons wurden Tempel errichtet, zusammen bildeten sie die Triade von Theben. Neben diesen drei Göttern wurde auch dem Gott Month, der noch in der 11. Dynastie der Hauptgott von Theben war, ein Tempel geweiht.
In der altägyptischen Glaubenswelt besteht das Prinzip der kosmologischen Ordnung, dieses Prinzip wird als Maat bezeichnet. Da die Maat kein unveränderlicher Zustand ist und von den Menschen aus dem Gleichgewicht geworfen werden kann, ist es wichtig diesen Zustand zu erhalten, um Chaos und Vernichtung von der Welt fernzuhalten. Ein ägyptischer Tempel stellt ein Modell der Welt dar. Eine der obersten Pflichten des Königs war es daher das Gleichgewicht der Maat zu erhalten, dieses geschah im heiligsten Bereich des Tempels. Im Tempel wurden heilige Kulthandlungen (Opferdarbietungen, Gebete und Gesänge) durch den König oder den ihn vertretenden Hohepriester durchgeführt.

Musik | Cindy Lauper | „Girls Just Want To Have Fun“ | Songs, die mich geprägt haben

Ich hörte Cindy Lauper wahrscheinlich zum ersten Mal im Radio, während meiner Jugendzeit in der Pfalz.

Cover - Quelle: wikipedia
Cover – Quelle: wikipedia

Ich hörte nicht wirklich Pop-Musik in dieser Zeit, weil meine Eltern meistens auf Jazz und Klassik waren. Also war alles neu und spannend, was im Radio lief. Und „Girls Just Want To Have Fun“ gehörte eindeutig dazu.
Mehr als alles andere, machte mich dieses Lied wirklich glücklich. Ich erinnere mich, wenn ich mich mit meinen Freunden traf, lief dieser Song rauf und runter um dazu zu tanzen. Es war unser Lebensgefühl damals. Es war wie: Wir sind Mädchen, und wir wollen Spaß haben. Dieser Song war perfekt auf uns zugeschnitten.

Das Leben war ziemlich einfach damals. Ich ging zur Schule, hing mit meinem älteren Nachbarn herum, und spielte an den Wochenenden Tennis. Ich glaube, ich war zu jung, Cyndi Lauper als feministische Ikone oder so etwas zu schätzen zu wissen. Noch heute kenne ich nur ihre großen Hits. Ich weiß nicht einmal, was ich sagen würde, wenn ich sie träfe. „Gute Arbeit. Sie haben einige erstaunliche Dinge in Ihrem Leben vollbracht. “ – Mehr käme wahrscheinlich nicht über meine Lippen. Ich versuche wirklich Leute nicht zu vergöttern oder sie auf ein Podest zu stellen.

Dieses Ding mit der Mode und der Popularität sind mir eigentlich zu kompliziert. Sie sind beide nur seltsame Wettbewerbe unter Menschen. Und wenn es um meine eigene Arbeit geht, versuche ich, nicht über diese Art von Dingen zu viel nachzudenken. Ich versuche Songs für mich selbst zu schreiben – Musik, die ich selbst hören möchte. Und wenn man es schafft, diese Frage nach dem Erfolg aus seinem Hirn zu verbannen, ist das schon toll. Aber realistisch gesehen, ist es eine ziemlich harte Sache, manchmal härter als zu komponieren.
Musik kann manchmal komisch sein. Es gibt gute Sachen, die völlig unbemerkt bleiben und es gibt schlechte Sachen, die unverdient über den grünen Klee gelobt werden. Ich denke, in diesem Kontext wurde Cyndi Lauper nicht so cool,wie einige andere Bands empfunden. Man kann ein bisschen komisch über die 80er Jahre denken. Es gab damals eine Menge verrückter und belangloser Dinge, aber es gab tatsächlich einige verdammt gute Songs. Zudem, wenn das nicht gewesen wäre, die 90er Jahre wären völlig anders verlaufen. Es hätte diesen Drang nicht gegeben, etwas zu tun, das genau das Gegenteil war.
Hatte „Girls Just Want to Have Fun“ tatsächlich diesen Einfluss wie ich suggeriere? Ich denke nicht.

Vielleicht. Es ist ein perfekt produzierter Pop-Song, oder? Es ist so verdammt eingängig und nicht platt. Man kann den Text vergessen, aber niemals diesen Refrain. Ich bin immer ein Fan eines guten Refrains gewesen. Zum Beispiel liebte ich als Kind Nirvana. Und wenn man mal darüber nachdenkt, haben sie eigentlich nur trübseligen, wütenden Popkram gemacht. Ihre Songs sind sehr eingängig, aber klingen aber wie ein überpflügter Acker. Mit kaputter Krume.
Ich habe nie versucht zu lernen, wie man „Girls Just Want to Have Fun“ spielt, aber es wäre mal ein Spaß es zu versuchen. Es würde bei mir wahrscheinlich nicht so gut klingen. Es wäre arg schwer, die gleiche Haltung und Stimmung rüber zu bringen. Manchmal denken die Leute, je einfacher ein Lied ist, desto leichter sei es zu lernen, aber das ist in der Regel nicht der Fall. Wenn ich es täte, würde es vermutlich wie bei einer High-School-Cover-Band klingen.

Aber ich denke es ist immergut, eine Interpretationdes Stückesin der Hinterhand zu haben. Es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern, wie skurril ein Lied sein kann. So übertrieben und doch so gut. Es verströmt gute Stimmung – Party Stimmung. Und es versetzt dich in die richtige Stimmung zu tanzen.

Ich hasse Musik, die durch die Ritzen flieht | Nach Reinhard Mey

Ich hasse Musik, die durch die Ritzen flieht.
Musik, die mir den Spaß an der Musik verdirbt,
Zu leise, um sie richtig zu hören,
Aber grad‘ laut genug, um mich zu stören.

Ich liebe Musik, die atmet und bewegt,
Ich liebe Musik, wenn dabei der Rhythmus bebt,
Ich liebe die Stille, die mich aufhorchen lässt.

Ich liebe alle Geräusche, nur eines hass‘ ich wie die Pest:
Musik aus Ritzen & Löchern in der Wand
Musik, die dann an dir klebt.

Vladimir Posener – nach einem Motiv von Reinhard Mey

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Marianne Ehrmann ¦ Ein Weib ein Wort ¦ Fragmente für den denkenden Menschen

Kleine Fragmente Für Denkerinnen

Paolo Uccello - um 1445 - Musée Jacquemart André, Paris - Tempera, Holz, 52 X 90 cm - St. Georg und der Drache - Truhenmotiv
Paolo Uccello – um 1445 – Musée Jacquemart André, Paris – Tempera, Holz, 52 X 90 cm – St. Georg und der Drache – Truhenmotiv

Warum nützt das Lesen so vielen Frauenzimmern so wenig? – Weil sie selten so lesen, wie sie lesen sollten, weil sie meistens nur das benutzen, was ihren Lieblingsleidenschaften schmeichelt, weil die wenigsten Leserinnen bei dieser Beschäftigung denken; weil sie oft gar nicht wissen, was sie lesen.


Ueberhaupt die Kunst, gut und mit Nutzen zu lesen, ist nur denen eigen, die denken, und die Kunst zu denken nur denen, die empfinden und richtig beurtheilen.


Der Gatte eines hirnlosen Weibs bleibt ihr gewiß nicht länger treu, als bis er ihrer äußerlichen Reize gewöhnt ist, – oder bis ihn Langweile und Ueberdruß mit Gewalt von ihr reißen.


Die Kunst, Männer Herzen zu erobern ist fast allgemein; aber die Kunst sie zu erhalten äußerst selten.


Weh den Männern die sich mit blos äußerlichen Reizen vermählen, der Tod der Liebe folgt ihrer Verbindung auf den Fuß nach. An was soll sich der Mann halten, wenn ihm seine Gattin ein leeres Herz übrigläßt?


Nur selten erblikkt man einen Mann, der sich mit Schwäzzereien abgiebt, aber noch seltener ein Weib, das sich nicht damit abgiebt.


Die dümmsten lasterhaften Menschen sind gewöhnlich auch die unduldsamsten.


So viel ist es gewiß, so fehlerhaft auch das weibliche Geschlecht seyn mag; so ist es doch zur Besserung weit geneigter, weit weicher, als das männliche – Ei warum denn? – Weil sich die Männer gar zu gerne fehlerfrei dünken, und dies blos, weil sie Männer sind. – Ihre aufgeblasene Eigenliebe malt ihnen Riesenstärke vor. Wir haben doch auch Augen ihr Herren!!!


Der muntere Wiz eines nicht schönen Mädchens reißt in Gesellschaften schnell tausend Herzen hin – Die stumme Schönheit hingegen wirkt nur auf ihre Oberfläche.


Erzeugt das Zölibat nicht heimliche Sünden? – Wer es zu halten im Stande ist, muß von der Natur abgestreift worden seyn, um ihren Zorn zu fühlen.


Das Zölibat ist weiter nichts, als ein privilegirter Menschenmord. – Wer gab den Menschen das Recht die Natur und die herrlichsten Geschenke des Schöpfers zu unterdrüken?


Die Mädchen, die sich zu viel auf ihren schwächern Gliederbau zu gute thun, sind so unerträgliche Winslerinnen, daß sie mit Recht das Gespött der Männer verdienen.


Beständig in der Freundschaft ist nur der, – der sie ohne Absicht geknüpft hat; – Beständig in Liebe nur der, – der andere mehr als sich selbst liebt.


Das Herz, das sich für Gattenliebe verschließen muß, ist blos ein wurmstichiger Fleischbrokken vor welchem dem Denker ekelt.


Eitelkeit ist nur zu oft der Beweis weniger Vernunft. Und nicht selten die Wirkung der Langweile, oder des Mangels an Nachdenken.


So mannigfaltig die Künsten einer Kokette sind, eben so mannigfaltig sind die Künsten einer alten Bethschwester, womit sie sich in den Himmel hinein buhlen will.


Frömmelei ist der Zufluchtsort aller Schurken und Schurkinnen; wenn sie die schwache Menschheit betrügen wollen, so stekken sie sich hinter diese Maske.


Das, was die Menschen gewöhnlich Liebe heißen, ist nicht Liebe, sondern das Werk ihrer Sinnen, oder der Wiederhall ihrer Eigenliebe.


Armuth ist so unergründlich, daß derjenige, so am meisten darunter leidet, am wenigsten entdekt wird. Nicht der öffentliche Bettler ist arm, aber der, der sich schämt, es zu scheinen.


Es ist keine kleine Kunst zu geben, wenn man geben und wie man geben soll. – Wer den Unglüklichen mit seiner Gabe beschämt, der giebt nichts.


Sind das nicht elende schwachköpfige, geistlose Geschöpfe, die den Magen zum unumschränkten Herrn ihrer lüsternen Wünsche machen?


Freimüthigkeit, wird im gesellschaftlichen Leben nicht selten äußerst mißbraucht. – Oft wird einer zum groben Flegel, und nennt es dann Freimüthigkeit.


Ueber allgemeine Dinge freimüthig sprechen, die keinen persönlichen Bezug haben, ist jedem offenen Kopfe erlaubt. Aber dumm-dreist Gegenstände angreifen, die den Anwesenden oder Abwesenden beleidigen können, gränzt an boshafte Freimüthigkeit.


Versicherungen auf Ehre sind in unsern Zeiten so gewöhnlich, daß dem ehrlichen Manne keine Sprache mehr übrig bleibt, um sich vom Schurken zu unterscheiden.


Nichts entschlüpft der weiblichen Zunge leichter, als etwas über andere, was man gewiß von sich selbst nicht gerne hören würde – und wenn es auch nur die kleinste unserer Schwachheiten beträfe.


In einer Gesellschaft von zwölf Personen, darf man kühn achte davon zur verläumderischen Parthie, zwei zur achselzükkerischen, und zwei, wenns Glük gut will, zur menschenfreundlichen rechnen.


Sind es nicht unsere unbezähmten Leidenschaften, die uns eine Menge Schiksale zuziehen? Und am Ende murren wir schwache von der Eigenliebe verblendeten Menschen noch gar über ein Loos, das seinen Ursprung in uns selbst hat!


Männer, wenn ihr gute Weiber haben wollt, so werdet zu erst gute Männer. – Weiber, wenn ihr gute Männer haben wollt, so werdet zu erst gute Weiber.


Beide Geschlechter sind einander eben so unentbehrlich wie Schatten und Licht. – Hört auf über einander zu brummen ihr Unzufriedenen, es ist so recht, wie es ist.


Hm! Hm! – Das ist doch wunderseltsam; immer wirft ein Geschlecht dem andern seine Fehler vor – Ist dies nicht der wahre Beweis, daß keines von beiden so fehlerfrei ist, als sie behaupten wollen?


Die Männer nennen uns Frauenzimmer männlich, wenn wir uns im Denken, in der Festigkeit des Karakters in vorurtheilfreien Grundsäzzen, kurz, in jeder männlichen Tugend von dem weiblichen Geschlecht auszeichnen. – Dem ungeachtet liegt es in ihrer Natur eben über diesen Punkt zu spotten – Um Vergebung ihr Herren, ist ein männliches Weib, nicht weit erträglicher, als ein weibischer Mann?


Frauenzimmer sind eigentlich, nach dem härtesten Männersinn nur zur häuslichen Arbeit verwiesen. Wenn sich aber ihr Geist in müßigen Stunden bis zur denkenden Beschäftigung empor zu schwingen weis; dann gefällt es den Herren der Schöpfung doch, sobald sie in ihren Weibern nicht bloße Maschinen umarmen.


Wenn einige Männer über die geistigen Beschäftigungen der Frauenzimmer beißende Anmerkungen machen; so thun sie es gewiß bloß aus Vorurtheil, aus Neid, aus Herrschsucht, oder aus Mißtrauen; indem sie von uns keine gute Stunden-Eintheilung erwarten. Freilich gehört Wirthschaft zu den Hauptbeschäftigungen, aber Seelenbildung steht ihr zur Seite.


Vernünftige Frauenzimmer theilen ihre Stunden ein, wiedmen einige der Erziehung, der Wirthschaft der Gatten-Zärtlichkeit – und des Geistes Nahrung.


Leider giebt es Frauenzimmer, die ihre Arbeiten so unordentlich an einander reihen, daß sie bei all ihrer sauern Beschäftigung am Ende doch nichts Ganzes herausbringen können. Warum? weil sie jede Unternehmung gedankenlos treiben, denn so mechanisch die Wirthschaftsgeschäfte immer seyn mögen; so erfordern sie doch allezeit Gegenwart des Geistes, Ueberlegung, Kopf. – Eine undenkende Hausfrau bleibt ewig eine schlechte Wirthin. Und doch schreien einige Bigotten so laut über die moralische Bildung der Mädchen! Lehrt doch euere Weiber zu erst denken und urtheilen; dann folgt die Kenntniß der Wirthschaft ganz natürlich von selbst nach. Vernunft leuchtet überall hin, ohne sie bleiben die Frauenzimmer Mägde, deren Nase nicht weiter reicht, als es ihre niedrige Denkungsart erlaubet.


Geistige und körperliche Arbeit ist allen Menschen nützlich; folglich auch dem Frauenzimmer. Ohne sie darbt der Mensch an Leib und Seele. Sie allein erhält beide in demjenigen Wohlstande, der ihnen von der Vorsehung zur Wohlthat mitgetheilt wurde.


Wer ein auszehrendes Seelenfieber in seiner qualvollen Gräßlichkeit erblicken will, der beobachte einen Müßiggänger.


Gutgewählte Arbeit bleibt immer die Lieblingsbeschäftigung einer Denkerinn. Putz-Tändeleien gehören nicht hieher. Ohne Beschäftigung stumpft sich auch der feuerigste Geist ab. – Langweile macht frühe zum Grabe hinwelken. Wie erbarmenswürdig muß nicht der Zustand jener Frauenzimmer seyn, die nichts denken, nichts arbeiten wollen? – Wer die Arbeit nicht liebt, lebt nur halb, tödtender Eckel verbreitet sich über ein solches Pflanzenleben. – So bald dem thätigen menschlichen Geist die gehörige Beschäftigung versagt wird; so eilt er aus Langweile schnell zu denjenigen Leidenschaften über, die sich ihm ohne den Müßiggang nie genaht haben würden.


Artigkeit, gefälliges Wesen scheint ganz die Bestimmung des sanften weiblichen Geschlechts zu seyn. – Nur muß diese Artigkeit nicht in überflüßige Komplimenten ausarten – in Komplimenten, die einen Zweiten in die gröste Verlegenheit setzen, seine Zunge zu Danksagungen so oft auffodern, daß sie eintrocknen möchte. Doch dies ist meistens nur die Beschäftigung für Klosterzöglinge, oder steifer – Bürgerinnen.


Zur wahren Artigkeit gehört Seelenbildung – Menschenkenntniß – Erfahrung – gesunde Beurtheilungskraft. Ohne diese Triebfedern bleiben die meisten Frauenzimmer ewig steife Puppen, die alles, was sie umgiebt, gähnen machen.


Ueberhaupt erhielten die meisten Frauenzimmer von der lieben Natur Anlage zum Wiz. Er bedarf nur durch eine moralische Bildung jener guten Wendung, daß er nicht auf anderer Unkosten emporragt. So sehr auch die Männer in gewißen Launen über unser schwaches Geschlecht die Nase rümpfen; so müßen sie doch bisweilen ihren Nakken willig den Hieben eines wizzigen Frauenzimmers darbieten. Ach daß Gott erbarm! über die schwerfälligen Mannsleute, die erst zu denken anfangen, wenn wir sie schon übertroffen haben!


Zwischen munterm Wiz, beißender Spötterei, reizender Munterkeit und zügelloser Frechheit herrscht ein mächtiger Unterschied. Viele Frauenzimmer verfallen auf diese Extreme, und dies blos aus Mangel an gutem Umgange. Mütter sperrt eure Töchter nicht zu scharf ein, wenn ihr dem Uebel ausweichen wollt, das nach der Hand in Gesellschaften ihrer wartet.


Ein gebildetes Frauenzimmer verbreitet in jeder Gesellschaft neues Leben. Sie allein ist es die den Denker zum Entzükken hinreißt, den Weichling beschämt, den Thoren auslacht. – In unserm Jahrhundert fordert man von uns mehr, als bloßes sinnloses Geschwäz, taktmäßige Etikette oder heuchlerische Ziererei.


Die Kunst sich in Gesellschaften beliebt zu machen, verstehen nur wenige Frauenzimmer. Ihre Eigenliebe, ihre Eitelkeit macht sie die Nachsicht gegen andere vergessen. Nichts ist in einer Gesellschaft unduldsamer als ein ungebildetes Frauenzimmer, überall bleibt ihr Neid kleben, um über Dinge zu spötteln die ihren Horizont übertreffen. Daher die Lieblingsbeschäftigung der Weiber, das Machtwort – die Verläumdung.


Aufmerksamkeit auf alles, was um uns her vorgehet, leitet zum Nachdenken, liefert uns Stoff zur Menschenkenntniß, erweitert unsere Gefühle, beschäftigt die Einbildungskraft, dient zur Unterhaltung, macht uns zu wahren Menschen.


Aufmerksamkeit auf andere ist in so fern gut, wenn man durch sie Tugenden erblicken will; doch nur zu oft dient sie bloß dazu, um Schwächere zu tadeln.


Verstellung wird dem Aufrichtigen eben so schwer, als dem Lasterhaften die Rückkehr zur Tugend.


Aufrichtigkeit, wenn sie nicht an alberne Schwazhaftigkeit gränzt, ist eine der ersten Tugenden, fähig, ein Herz vor Fehlern zu bewahren, deren es sich zu schämen hätte. Für gute Menschen ist es härter, ihre Herzen zu verschließen, als es für Heuchler ist, die ihrigen ohne Maske zu zeigen.


Der Aufrichtige wird immer zum voraus zehenmal betrogen, ehe er es nur dahin bringt, sein zutrauliches Herz zum Mißtrauen zu bewegen. Nur Erfahrung allein ist fähig, diese schöne Tugend mit Klugheit zu verbinden, die so oft und so gerne auf Unkosten guter Seelen mißbraucht wird.


In gewißen Lagen wird Aufrichtigkeit ohne Ueberlegung unser gröster Feind, der uns stündlich, augenblicklich schaden kann – sie darf nur an einen Höfling verschwendet werden.


Aufrichtigkeit zwischen Eheleuten, Freunden, Kindern, Aeltern, ist unentbehrlich, wenn anders diese schönen Bande nicht reißen sollen, ehe sie fest genug geknüpft sind.


Biedere aufrichtige Seelen tragen, mit Yorik zu sprechen in ihrem ganzen Wesen einen sprechenden Empfehlungs-Brief bei sich. Die Natur gab ihrem Thun und Lassen etwas Ungenanntes, um Anderer Zutrauen desto leichter zu gewinnen. Doch nur selten findet man noch in unseren Zeiten diese reinen Spuren der unverdorbenen Natur. Politik, Leidenschaften, Schwelgerei haben sie, wo nicht ganz vertilgt, doch ziemlich unkennbar gemacht.


Lebhafte Menschen – wenn es ihnen anders nicht an moralischer Bildung fehlt – sind selten einer tiefen Verstellung fähig. Zur Verstellung und Heuchelei gehört Kälte und ruhiges Blut.


Nichts ist für den Denker reizender, als die naive Aufrichtigkeit eines Mädchens. Warum behaupten nur zu oft Bauernmädchen bei den Männern den Vorzug? – Unstreitig, weil sie die an Seele und Leib gekünstelten Stadtdamen mit naiver Aufrichtigkeit übertreffen. Selbst bei den Gefühlen der Liebe kennen diese Naturkinder weder Verstellung noch Zierereien.


Ich begreife nicht, warum unsere Stadtmädchen die Gefühle der Liebe zu verheimlichen suchen. Oder leben nicht etwa die meisten über das Wort Liebe im Mißverstande? – Hätten sie von einer auf Tugend gegründeten Liebe die wahren Begriffe, wüßten sie den moralischen Endzweck von dem bloß physischen abzusondern, nie würden sie Liebe im wahren Verstande für einen lasterhaften Trieb halten, über den sie zu erröthen Ursache hätten.


Kann das weibliche Geschlecht bei den unersättlichen Wünschen, die es nährt, sich einen beßern Zustand denken, als den, wenn es den wahren Genuß des Lebens zu finden weis? Doch worinn besteht denn dieser wahre Genuß? – Belieben sie darüber nachzudenken meine Freundinnen!


Wer nicht nachdenkt, erhält keine Grundsätze; wer deren keine hat, lebt ein bloßes Pflanzenleben, und wem dieses zu Theil wird, der ist lebendig todt.


Warum sind so viele Frauenzimmer eigensinnige Trotzköpfe, oder übellaunigte Geschöpfe? Weil das schwache Männervolk eben diesen Fehlern selbst da noch schmeichelt, wo die Sklavenkette den kränkenden Männersinn schon in Staub drückte. Wohl bekomms den Schwachköpfen!


Wer Schwachheit, Laune, und jeden Widerspruch in ihrer vollen Stärke erblicken will, der betrachte ein undenkendes Frauenzimmer.


Immer fängt das Weib eher an in jeder Leidenschaft auszuarten, als der Mann. Die Rachgierde eines Mannes erreicht die eines Weibes lange nicht.


Die Weiber könnten den Männern alles seyn; aber sie sind ihnen nichts; denn unter hunderten erhält einer kaum eine, wie sie seyn soll.


Nun mögen die Männer mit den vielen weiblichen Maschinen vorlieb nehmen; denn nur sie sind es, die sie meistens durch Schmeicheleien dazu machten; nur sie sind es, die mit unverzeihlicher Schwäche an der bloßen Larve kleben; nur sie sind es, die bei dem weiblichen Geschlechte mehr Nahrung für die Sinnen als für den Geist suchen.


Moralisch gut gebildete Frauenzimmer finden sich nur wenige. Entweder modeln sie sich zu steifen Gelehrten, oder zu mondsüchtigen Empfindlerinnen; am Ende oft gar zu pathetischen Sittenrichterinnen um. – Wie unerträglich ist diese letzte Gattung Geschöpfe, wenn sie in Gesellschaften troz einem Schulmeister alles um sich herum mit Machtsprüchen erstikken wollen.

O über die altklugen Matronen aus deren eiskalten Herzen eine unnüzze Moral herströmt!


Mütter, Freundinnen, lernt zu erst die Kunst Herzen zu gewinnen, ehe ihr sie bilden wollt. – Erst dann werden eure Grundsäzze in das feurige Herz der Jugend eindringen. – Bloß kalte Sittensprüche prellen an ihr nicht selten ohne den geringsten Nuzzen ab, sobald es der Sittenlehrerinn nicht gelingt, sie in jenem empfehlenden Gewande vorzutragen, das weder einschläfern, noch ermüden kann.


Der Sittenlehrer, der seinen Schüler feurig genug zu interessiren weis, der ihm kernhafte, mit Satire vermischte Moral auftischt, hat gewis zum voraus gewonnen Spiel. – Wohl gemerkt ihr Herrn Schriftsteller, es giebt nur einen Ton, der unterhält, und zugleich bessert, aber unzählige die mehr verderben als gut machen, so redlich auch immer die Absicht seyn mag.


Nur wenige Schriftsteller besizzen genug Menschenkenntniß, um mit jener feurigen Beredsamkeit, mit jener vortrefflichen Kunst den Nutzen im menschlichen Herzen zu bewirken, den sie bewirken wollen.

Trockene Schwazhaftigkeit, einschläfernde, ellenlange Perioden, wizlose Anspielungen, strenger finsterer Tugendeifer, unduldsame Machtsprüche finden ewig nie den Weg zum menschlichen Gefühl. Bei einer solchen Lektur gähnt die Jugend, bleibt kalt, schlägt unwillig das Buch zu, oder schläft wohl gar ein.


Wozu dient viel Geschwäz, sobald der Schriftsteller den Weg verfehlt hat, mit wenig Worten und viel Sinn ins Herz zu dringen?


Originalität im Schreiben ist ein Geschenke der Natur – erreicht es ihr Afterschüler, wenn ihr könnt!


Dem weiblichen Geschlecht – sagt man – sey die Kunst: reizend, naiv, feurig, dringend zu schreiben, sehr eigen; aber nur wenige wagen sich mit ihren Geistesprodukten ans Licht, einige verfielen so gar in den Predigerton, wie kam das ???


Wer ist sträflicher der Schriftsteller, der mit feurigem, offenherzigem Schwung seine Gedanken und Beobachtungen aufs Papier hinwirft; oder der Leser, der ihn aus Mangel an gesundem Verstand schief beurtheilt?


Ein gutes Buch ist für denkende Frauenzimmer eine weit beßere Gesellschaft, als ein Häufchen eitler Gespielinnen, sie kann ihm Einwürfe entgegensetzen, Grundsätze bejahen, oder verneinen, ohne seine Eigenliebe zu beleidigen. Ganz natürlich, bloß in der Stille: denn welches sanfte weibliche Geschöpf hätte wohl den Muth, sich zum öffentlichen Kunstrichter aufzuwerfen? Wir müßen leider in unserer engen Sphäre bleiben, die uns von dem despotischen Geschlecht angewiesen wurde – nicht wahr meine Freundinnen???


Oder ist es etwa nicht vorsichtig, daß man uns bloß in den Zirkel der Haushaltungskunst zurückwies? Schwachen Geschöpfen weist man auch angemessene Arbeit an. Indeßen werden die Herren Despoten auf unserer Erde auch in diesem Fache wenig von uns zu erwarten haben, wenn wir Leerköpfe genug wären, diese Kunst ohne Plan, ohne Ueberlegung, ohne Nachdenken auszuüben.


Männer bildet den Weibern und Mädchen hinlänglich ihre Köpfe; macht diese fähig, die Folgen einer übeln Wirthschaft zu überdenken, lehrt sie säuberlich seyn ohne Koketterie, sanft ohne Schwäche, gut ohne Verschwendung, wirthschaftlich ohne Geiz, streng gegen Dienstleute ohne Rohheit, sorgfältig ohne Aengstlichkeit, herablassend ohne Erniedrigung, edel, stolz ohne Hochmuth, warm für Gatten- und Mutterliebe, religiös ohne Bigotterie, offenherzig ohne Unbesonnenheit, und eure Klagen über den Mangel an würdigen Frauenzimmern müßen dann verstummen. Wäre dies etwa nicht das Bild einer edeln Hausmutter? – Aber nie kann es bei einer bloß sinnlichen Erziehung realisirt werden. Nur Geisteskultur ist die Schöpferinn einer gefühlvollen Mutter, einer zärtlichen Gattinn, einer guten Hauswirthinn.


Es giebt Frauenzimmer, die man im gemeinen Verstande gute Wirthinnen nennt, ohne daß ihre Seelen jene Bildung erhielten, die sie planmäßiger, gefühlvoller handeln machen würden. Kann aber ein Gatte, können die Untergebenen bei der bloß mechanischen Behandlungsart dieser Weiber so glükklich seyn, als sie seyn sollten? Sind nicht wilder Zorn, unerträgliche Launen, pöbelhafte Ausbrüche, jene barbarische Geiseln, denen sie oft augenbliklich ihren Nakken darbieten müßen? Glaubt mir Männer, solche Weiber sind der Beweis eures Unsinns, unter deßen bevorurtheilter Tirannei ihr dem weiblichen Geschlechte jene Seelenbildung versagt, die im Hauswesen durchaus voran gehen muß. Oder giebt es nicht tausend Fälle, wo ein Weib Kopf, Herz, Gefühl, Beurtheilungskraft nöthig hat? Hm! hm! daß wir doch bloße Tanzbären eurer und unsrer Leidenschaften bleiben sollen.


Nur zu oft ist Mißverstand der Beweggrund; wenn Aeltern, oder mürrische Brummköpfe der Jugend das Lesen untersagen; entweder darben sie selbst an Grundsäzzen oder kennen nicht den Unterschied zwischen schädlicher und nüzlicher Lektur, nicht die Art, wie sie ihre Zöglinge mit Vortheil zum Lesen anhalten sollen.


Es giebt eine Metode den Zögling mit gröstem Nuzzen zum Lesen anzuhalten. Was können denkende Aeltern während dieser Beschäftigung von ihren Kindern nicht für verschiedene Urtheile hören, wie genau können sie ihre Gefühle prüfen, wie klar ihre Fassungskraft durchschauen, wie bestimmt den Geschmack ergründen, wenn sie die Kunst besizzen unter dem wärmsten Zutrauen ihnen die Urtheile über das Gelesene abzulokken.


Häusliche Glükseligkeit wäre nicht mehr so rar, wenn sich die Mütter mehr Mühe gäben, – die Herzen und die Köpfe ihrer Töchter in jenen Zustand zu versezzen, daß dem denkenden Gatten mitten in seinen häuslichen Sorgen, auch ein Zufluchtsort übrig bliebe.


Wie bettelarm ist ein Frauenzimmer, die blos Larve zum Empfehlungsbrief bei sich trägt. Er kann schnell zerreißen, und dann bleibt ihrem Gatten nichts mehr übrig, als Makulatur. !!!


Wie reizend ist hingegen ein schöner Körper, in dem auch eine schöne Seele wohnt! – Wenn alle Stürme der Natur über den ersten ausbrechen, so bleibt einem Frauenzimmer doch noch Reichthum genug übrig, ihren Gatten auch noch im grauen Alter zu fesseln.


Dummköpfe fodern im ersten Feuer ihrer Sinnlichkeit von einer Braut nicht viel moralische Vorzüge. Aber dann erblikken sie auch in einer Gattin weit mehrere Fehler, wenn die Bande der Ehe geknüpft sind, wenn der Taumel äußerlicher Täuschung aufhört.


Eine blos schöne Gattin wird von dem Herzen eines verblendeten Liebhabers durch die Gewohnheit so abgestreift, daß oft nicht einmal ihr Andenken mehr übrig bleibt.


Wenn die Mädchen begreifen könnten, wie viel Reize ein gebildetes Frauenzimmer für einen denkenden Mann hat, sie würden mit Vorbedacht ihre Gesichter zerkrazzen, – blos um mit Seelen-Vorzügen eine weit rühmlichere Eroberung zu machen.


Diejenigen Frauenzimmer täuschen sich sehr, wenn sie glauben nur durch äußere Vorzüge eine dauerhafte Eroberung zu machen. Alles was sie etwa durch diese erhaschen können, bestehet in einem schwachköpfigen Wohllüstling.


Schönheit ohne Tugend, ohne Vernunft, ohne wahre Kunst mit moralischen Vorzügen zu gefallen, ist eine Seifenblase, die eben so geschwind zerplazt, als sie zu glänzen anfieng.


Würden sich die Männer so unzertrennlich an ein vernünftiges Mädchen fesseln, wenn diese nicht jeden Werth überstiege, wenn sie keine so seltene Erscheinung wäre???


Wer gab den Männern Geschmak an vernünftigen Frauenzimmern ihr Vergnügen zu finden? Die Natur! Wer gab den Mädchen die Fähigkeit sich vorzüglich moralisch gut zu bilden? Der Schöpfer! Folglich sind wir nicht zu bloßen Lastthieren der Dummheit geschaffen.


Pedanten und Silbenklauber, Bigotten und Altklügler, Afterphilosophen und Andächtler muß man nicht zu Rathe ziehen, ob das weibliche Geschlecht soll denken lernen oder nicht?


Mir ist der große Haufe in den Begriffen ihrer Liebe nicht unbegreiflich, er hält sich blos an sinnliche Vorzüge. Nur dies ist mir unbegreiflich, daß in diesem Punkt sich so viele zum großen Haufen gesellen, denen man es nicht zutrauen sollte. – Verräth dies nicht Mangel am Denken ???


Duldung gegen andere fühlt nur derjenige, der frei genug von Eigenliebe ist, um einzusehen, wie sehr er bei andern Gelegenheiten auch schon Duldung bedurfte.


Die natürliche Güte des weiblichen Geschlechts würde einen weit höhern Grad erreichen, sich weit erhabener schwingen können, wenn sie nicht von dem so sehr herrschenden weiblichen Neide schon in ihrer Geburt erstikkt würde.

Warum zeigt sich denn die Schadenfreude geschwinder auf einem weiblichen als auf einem männlichen Gesichte???

Soll der gewöhnliche Neid, die Schmähsucht unter uns Frauenzimmern nicht eine bloße Folge unserer Geistesschwäche seyn?


Es scheint, als ob das Frauenzimmer schwazzen müße, sei es aus Dummheit, aus Vorurtheil, Unbesonnenheit, oder Bosheit –. Genug, diesen Naturfehler legen sie nur dann ab, wann der Kopf über die Zunge durch Nachdenken herrschen lernt. – So viel aus eigener Erfahrung!


Kann nun eine Denkerinn mißmuthig werden, wenn ich es aus guten Absichten wage, von meinem eigenen Geschlechte Blößen aufzudekken, gegen die ich selbst schon genug kämpfte, und noch zu kämpfen habe? Man beschuldiget unser Geschlecht einer unüberwindlichen Eitelkeit, ich möchte gern diesen Verdacht so viel möglich durch ungeheuchelte Aufrichtigkeit zu verdrängen suchen.

So bald das männliche Geschlecht eben so freimüthig als ich vor den Sittenrichter hinsteht, und so ungeheuchelt seine Fehler bekennt; dann wird es sich bald entscheiden, welches von beiden Geschlechtern zur Besserung größere Lust hat?


Bescheidenheit ist eine Tugend, die man dem weiblichen Geschlechte zugeeignet hat. Wir würden ihr gerne mit ganzer Seele anhängen, wenn uns die Männer nicht so gerne jedes Verdienst nur halb zugestehen, wo nicht ganz absprechen. Wer gab ihnen denn das Recht zu solchen Machtsprüchen als Vorurtheil und Eigenliebe ??? Geherrscht muß seyn! Nicht wahr ihr Herren Despoten?


Bescheiden sind diejenigen Frauenzimmer, die sich ihre Verdienste bloß abrathen lassen – Diejenigen, die anderer Fehler nicht bemerken wollen.


Zu viel Bescheidenheit artet in Ziererei aus, und ist weiter nichts, als ein maskirter Ehrgeiz.


Recht bescheiden sind auch die, welche es nicht merken lassen, daß sie es seyn wollen.


Wie unerträglich ist ein Frauenzimmer, die aus lauter Bescheidenheit alles um sich herum mit übertriebenen Komplimenten fast zu Tode ärgert.


Wahre Bescheidenheit fällt Niemanden zur Last, der Werth ihrer Güte verräth sich im Ausdruk.


Der Wohlstand erfordert von jedem wohlgezogenen Frauenzimmer gewiße kurzgefaßte Zeremoniele, wenn sie aber nicht unerträglich werden will; so muß sie in wenigen Minuten darnach die naive offne Herzens-Sprache zu sprechen wissen, sonst entfernt sich in Gesellschaft jedes Herz von ihr – Dies Schiksaal wird mancher zu Theil, die es nicht verdient.


Den Mittelweg zwischen übertriebener Höflichkeit und erniedrigender Vertraulichkeit zu finden, ist nur wenigen eigen.


Es giebt in Gesellschaften eine Sprache, die alles mit Hochachtung und Bewunderung an sich reißt – Es giebt aber auch wieder eine andere, die der kühnen Vertraulichkeit den Weg öffnet.


Wo lebt die Denkerinn, die in Gesellschaften das Männervolk zum anbethen, zum staunen zu zwingen weis – ohne den Verdacht der Eroberungssucht zu erwekken? – Wo lebt sie? ich will sie küssen!


Meistens verfallen die Frauenzimmer in ihrem Unterhaltungston auf Extreme, arten in schüchterne Zieraffen, in spröde Närrinnen, oder in zügellose Koketten aus.


Warum ist die naive Natursprache so wenigen eigen? Und doch sie ist doch so schön! – Weit schöner, als die Sprache der Galanterie, oder der Buhlerei.


Das unschuldige Mädchen soll nur da erröthen, – wo es erröthen muß. Freiheit im Sprechen, im Denken, im Urtheilen, im Beobachten; ist kein Fehler wider die Reinheit der Sitten.


Wozu Schüchternheit in Gesellschaften, wenn man der Reinheit seines Herzens bewußt ist?


Geschraubtes heimtükisches Wesen am Frauenzimmer ist noch lange nicht Unschuld. Sie sind nur zu oft die Vorboten heimlicher Sünden, oder das Prädikat der Dummheit.


Wer schrökt den Bößwicht mit mehrer Kraft, wer entfernt den Wollüstling mit mehrerer Beschämung, den Freigeist mit mehr Würde, als ein wizziges, moralisch gut gesinntes Frauenzimmer?


Selbst die Tugend, wenn sie aus dem Munde eines Mädchens erschallt ist mehr als Tugend – sie enthält Reize, die jeden hinreißen, – wenn er nicht schon ganz Taugenichts ist.


Warum kennen doch die Weiber ihre moralische Allgewalt so wenig? – Ist nicht sie es, vor der selbst ein Schurke zurükweicht, oder sich bessert?


Verbänden die Frauenzimmer ihre äußerlichen Reizze mit den Seelenreizzen, wie unumschränkt wäre dann ihre Gewalt – wie groß, wie unermeßlich das Gute, das sie stiften könnten.


Ich möchte den Mann sehen, der einem gut gesinnten Frauenzimmer widerstände, auch gut zu werden. – Ich kenne nichts schwächeres, als einen verliebten Mann. – Seine Absichten mögen nun phisisch oder moralisch seyn – genug, er ist Kind, und verliert nicht selten seinen freien Willen.

Nur wenige Frauenzimmer benüzzen diese Schwäche zu beiderseitiger Herzensverbesserung. – Die meisten aus eitler Tyrannei, Eigennuz, oder Koketterie – Ist das nicht Himmelschreiend!!!


Wenn die Weiber den Männern das wahre Uibergewicht im rechten Augenblikke fühlen ließen; welcher wäre denn im Stande ihren guten Absichten zu widersprechen? – Die Natur gab ihnen Gefühl, und eher als nicht, blos darum, um es durch sanfte weibliche Anweisung verfeinern zu können.


Das weibliche Geschlecht sollte eigentlich der erste Gegenstand der Aufmerksamkeit seyn, wie vielen Bezug hat es nicht auf das menschliche Leben?


So lange die Weiber ohne hinlängliche Kultur dahin leben, eben so lange werden die vielen Unordnungen in der Welt nicht aufhören. Die Zeiten sind vorbei, wo ihre Unwissenheit die Schöpferinn ihrer Unschuld war – vorbei jene Zeiten, wo unter ihnen Religion über Wollust siegte. Jezt bedürfen ihre gereizten Begierden Kultur – oder sie arten aus.


Ehedessen wußten die alten Weiber kaum, was jezt die Mädchen, die noch mit Puppen spielen schon wissen. Mutter, Sittenlehrer beugt vor, eh‘ das umgreifende Laster zu sehr einreißt.


Sobald sich der Verstand in einem Kinde zu entwikkeln anfängt, so muß man ihm auch Nahrung geben – sonst wird es von den früh aufkeimenden Leidenschaften umnebelt.


Die Leidenschaften eines Wiegenkindes gleichen im Anfange einer machtlosen wilden Pflanze, jeder Augenblik vermehrt ihren Wachsthum, die Saumseligkeit der Erzieher hindert ihre Reife nicht.


Wo sind die Mütter, die mit unermüdeter Aufmerksamkeit die Herzen ihrer Kinder studiren? – Haben nicht die meisten Frauenzimmer so hinlänglich mit ihren eigenen Leidenschaften zu schaffen, daß ihnen die ihrer Kinder entschlüpfen müßen? Das wichtige Werk der Erziehung wird ewig nie ausstudirt, ewig nie realisirt. – Traurig genug für die Menschheit!!!


Blos Männern stünde es zu, das weibliche Geschlecht aus jener Vergessenheit empor zuziehen, wohin es durch Vorurtheil verwiesen ward.


Ein Weib mit Grundsäzzen kann Engel werden – Ein Weib ohne Grundsäzze Teufel. – Wie kömmt es, daß einige neidische Männer die erstem zu verhüten suchen, und lieber die Plage des letztern fühlen? – Viel Glük zur irdischen Hölle ihr Herren Dummköpfe!!!


Würden wir in der Welt so viele weibliche Furien haben, wenn die Männer auf weibliche Erziehung mehre Sorge verwendeten?


Können unerfahrne Nonnen aus Mädchen auch Menschen bilden?


Jene arme weibliche Geschöpfe, die selbst den edelsten Trieb der Natur verläugnen müßen – können unmöglich Mütter- und Gattenpflichten lehren. – Fühllos aus Pflicht zu seyn – ist die härteste Tirannei auf Gottes Erdboden!


Wenn der Schöpfer sich selbst hätte entheiligen wollen; dann würde er gewiß das Zölibat vorgeschrieben haben.


Die Einbildungskraft des Menschen kann bis zur kranken Seuche ausarten, wenn sie ihren lezten Grad erreicht hat, dann suchtet sie dem Tollhause entgegen.


Es gab Zeiten, wo die Schwarzrökke über den Eigennutz so gar die eheliche Glükseligkeit vergaßen. – Heißt das nicht die Menschheit brandmarken?


Und jene arme gefühlvolle weiblichen Geschöpfe, die in Klosterkerkern ihr Daseyn verwünschen, wie werden sie einst dort oben dem Vorurtheil und seinen Anhängern fluchen? – Hu, mich schaudert!


Ein Mann, der einer ehlichen Liebe fähig ist, hat weit mehr Gefühl, als jene von der menschlichen Glükseligkeit abgestreiften Menschen, die bloß ihrem Magen dem Vorurtheil und der Fühllosigkeit leben.


Ein Priester, der Gatte seyn darf, ist dem Staate und der Menschheit viel nüzlicher, als der, der es nicht seyn darf. Seine Gefühle sind dem Leidenden offen, seine Pflichten zu jeder Erfüllung bereit, sie werden nicht durch Müßiggang und Schwelgerei erschlafft.


Was macht die Männer weich, menschlich, duldend, gefühlvoll, als die Liebe? – wie wenig läßt sich nun im menschlichen Leben von denen erwarten, die sie nur im Stillen empfinden dürfen – und eben deßwegen bis zum Laster erniedrigen?


Festigkeit im Karakter, Beständigkeit wären wohl auch Tugenden, die das weibliche Geschlecht erlangen könnte, wenn es nicht von Jugend auf zur Feigheit und Tändelei angezogen würde.


Man verzärtelt die Mädchen blos darum, weil sie die Natur zu Mädchen und nicht zu Jünglingen schuf. Ei, Ei – liegt denn die Kraft, den Stürmen dießes Lebens zu trozzen blos im Worte? Beruht die weibliche Schwäche nicht vieles in der Einbildung, im Vorurtheil? Es muß doch etwas an der Sache seyn, sonst hätten wir in den vorigen Zeiten keine Heldinnen aufzuweisen.


Beständigkeit in jeder Handlung des Lebens, war ehedessen eine Tugend, mit der unsere Väter glänzten, wenn sie jezt aus ihren Gräbern zurükkehrten, würden sie blos noch ihren abgezehrten Schatten antreffen. Haben wir wohl in unsern französirenden Zeiten bald wieder was beßeres zu hoffen? Schwerlich! – Oder die unter uns Teutschen so sehr einreißende Galanterie müßte zuerst ihren Tod finden.


Wenn man die Beständigkeit der jezigen Jünglinge näher untersucht; so gleicht sie dem Schnee, der bei der Wärme einer Hand eben so geschwind dahinschmilzt, wie der wankelmüthige Weichling bei den Lokkungen einer Buhlerinn.


Welches Geschlecht ist mehr zur Untreue geneigt? Dieße Frage wird in unsern lokkern Zeiten ewig nie entschieden.


Dankbarkeit meine Freundinnen! ist eine der ersten der edelsten Tugenden – sie soll, sie muß in dem sanften weiblichen Herzen wohnen, wenn es sich nicht entehren will.


Wirklich dankbarist nur derjenige, der Wohlthaten zu schäzzen weis.


Undank ist fast die allgemeine Klag der Menschen und doch ihr gewöhnliches Loos. Selbst die klagen gerne über Undank, die sich auch schon dessen schuldig gemacht. Ist der Mensch nicht ein immerwährender Widerspruch?


Leichtsinnige Menschen vergessen nichts leichter als Wohlthaten – Gefühlvolle nichts weniger.


Welche Unruhe gleicht derjenigen, wenn der Gerettete gern thätig danken möchte, und ihm die Mittel dazu fehlen? – Es giebt fein fühlende Herzen, die in diesem Zustand eben so viel leiden, als da, wo sie Wohlthaten bedurften.


Mäßig sind nur die Menschen, deren Seele über ihren Körper herrscht.


Es giebt Frauenzimmer, die sich aus bloßer Langweile – oft gar aus Dummheit – an Lüsternheit gewöhnen.


Ich dächte, wenn Grundsäzze nicht vermögend wären, das Frauenzimmer von der lüsternen Schlekkerei abzuhalten; so sollte es doch das Ehrengefühl dahin bringen können. Pfui, – das ist schändlich, wenn der Körper die Seele tirannisirt!


Wie kann ein Mädchen zur Liebe, zur Tugend, kurz, zu jeder Pflicht fähig seyn – Wenn Lüsternheit ihre Lieblingsleidenschaft wird? – Mütter verzärtelt eure Töchter nicht in der frühsten Jugend, damit sie im Alter nicht über eine schändliche Gewohnheit weinen, die nicht selten Armuth nach sich zieht.


Ziererei im Essen und Trinken, Lüsternheit nach gekünstelten Gerichten, kühne Verachtung der Gaben Gottes, Nasenrümpfen über die oder jene Speise würde die Denkerinn brandmarken, und blos die dümmste unverschämteste Alltagsdirne verrathen. – Welches denkende Frauenzimmer hätte wohl den Muth, unser Geschlecht so sehr zu erniedrigen???


Schade, daß der Schöpfer nicht allen lüsternen Puppen Schiksale und Armuth zuschikte – sie würden schon lernen jede Gabe Gottes ohne Ausnahme zu genießen. – Sind arme Menschen nicht auch Menschen? – Haben Vornehmere in der Natur eine Ausnahme zu machen? – Wenn der Kaiser starke bürgerliche Speisen genießen kann; – so werden sie doch wohl von gesunden adelichen Damen und von rothbakkigten Bürgerinnen genossen werden können!! – Ist es vom Sterblichen nicht Frevel, wenn er sich aus Lüsternheit ziert, eh er das Ende seiner Schiksale bestimmen kann?


Es ist besser sich frühe an starke Speisen zu gewöhnen, als wenn man sich spät daran gewöhnen muß. Spott und Schande – gesellen sich dann gerne zum Mangel. – Oder haben wir nicht ein ziemliches Häufchen Frauenzimmer aufzuweisen, die blos aus Lüsternheit lasterhaft wurden?


Lüsternheit ist die Gefährtinn der Wollust, die Mutter der Geistesschwäche, – der Vorbohte der Dummheit.


Wehe den Männern, denen ein lüsternes Weib zu Theil wird, Betrug ist ihr Loos, ehlicher oder häuslicher Betrug!


Lüsternheit kündigt den Wollüstling an, ist das Losungswort der Buhlerinn, die Lieblingseigenschaft des Leichtsinns, und der wahre Beweis nichtdenkender Köpfe.


Warum sind die Grossen dieser Erde wollüstiger, als die gemeinen Menschen? – Aus angewöhnter Lüsternheit! – Warum kränker, warum schwächer? Aus eben ihren Folgen!


In einem lüstern Körper wird die Seele über kurz oder lang unterjocht. Zu was ist dann eine solche seelenlose Maschine beßers fähig, als zum Laster?


Wie schön stehet Dienstfertigkeit dem weichen, weiblichen Herzen. – Wenn man sie von ihm nicht erwarten kann, von wem soll man sie denn erwarten?


Dienstleistungen, wenn sie Wohlthaten seyn sollen, müßen sie nicht so geleistet werden, daß sie einen andern in Verlegenheit sezzen.


Es giebt nur eine Art, Unglüklichen zu dienen, und diese ist nur wenigen eigen, immer mischt sich Unbesonnenheit, eitler Stolz, demüthigendes Uibergewicht dazu – Dann werden die Dienstleistungen für den Unglüklichen zur Marter, nicht zur Wohlthat.


Wer gut zu geben weis, verdient, daß man ihm auch wieder giebt, wenn er es nöthig hat.


Wo sind die Menschen, die im Geben empfindsame Unglükliche nicht mehr erniedrigen als aufrichten? Wo sind sie? Ich will sie als das Bild der ewig gütigen Gottheit verehren !!!


Es ist nun einmal so in der Welt, wer arm an Gelde ist, duldet Schande und Verachtung, er mag an moralischen Verdiensten noch so reich seyn, als er will. – Man ist gewöhnt nur silberne oder goldene Narren zu schäzzen.


Jeder Jüngling, jedes Mädchen muß den Werth des Geldes zu schäzzen wissen, ohne es zu ihrem Abgott zu machen.


Wer sich bei dem Anblik eines unschuldigen Nothleidenden noch über den Besizz seines Geldes freuen kann, ohne es hinzugeben, der verdient aus der Natur hinausgeworfen zu werden.


Was ist mehr werth Geld oder Verstand? Das Geld zehrt sich selbst auf, der Verstand nie.


Die Frauenzimmer sind fast alle zum Wohlthun geschaffen, aber die wenigsten haben Kopf genug um dießes herrliche Vergnügen in seiner ganzen Stärke zu fühlen.


Auch aus Schwachheit kann man Wohlthaten am unrechten Orte verschwenden, die ein Raub an weit Unglüklichern werden können. – Dieß ist der gewöhnliche Fall jener undenkenden Geschöpfe, die aus bloßem Instinkt handeln.


Wer sich für jene lezte ängstliche Stunde, wo die Natur ihrer Auflösung zueilt, Trost und Entzükken sammeln will, der trokne die Trähnen der Armen.


Zur wahren Großmuth gehört eine erhabene Denkungsart und ein feiner raffinirter Kopf, der seine gute Handlungen anzubringen weis; so daß man ihm die äußerste Bewunderung, auch ohne ihn zu kennen, nicht versagen kann.


Großmüthig können nur die seyn, – die von edelm Stolz beseelet werden. Wenn Großmuth die Versuchungen des Eigennuzzes zu übersteigen weis; dann ist sie bewährt.


Die bestscheinenden Menschen halten nur zu oft alle Proben der innerlichen Güte aus, nur die nicht, die dem Eigennuzz zu nahe trit.


Man prüfe tausend Menschen, wenn man ihrer Börse bedarf; so halten kaum hundert die Probe aus.


Ich kenne keine Eigenschaft, die auch unter dem vornehmen Pöbel allgemeiner wäre, als Eigennuz.


Frauenzimmer sollten eigentlich nicht eigennüzzig seyn; denn die Männer theilen ihnen ohnehin ja alles mit aus Liebe, aus Höflichkeit, oder aus ein geführter Gewohnheit.


Eigennuz ist die erste Leidenschaft einer Buhlerinn. Welches fühlende, wohlerzogene Frauenzimmer möchte sich mit dießer niedrigen Leidenschaft beschmuzzen?


Kann ein wirklich Eigennüzziger auch ein wirklich gutes Herz haben? – Dies scheint mir unmöglich, denn, da wo diese schändliche Leidenschaft herrscht, ist Fühllosigkeit zu Hause.


Den meisten Kaufleuten wird Eigennuz nach und nach so zur Natur, daß sie zulezt ihre Seele verhandeln würden, ohne es zu merken.


Ich kenne keine Leidenschaft, die das menschliche Herz geschwinder fühllos machte, – als Eigennuz.


Zwischen einem erlaubten ökonomischen Triebe, und Eigennuz herrscht ein mächtiger Unterschied, die meisten Menschen verwechseln den erstern mit dem leztern.


Aeltern können bei ihren Kindern über den Eigennuz nicht genug wachen, oder sie haben durch ihn frühe oder spät, Unmenschlichkeiten zu erwarten.


Was macht die meisten Kaufleute hartherzig, die Reichen fühllos, die Buhlerinnen unverschämt, den gemeinen Mann grob, den Niederträchtigen zum Dieb, so viele Schwarzrökke zu Heuchlern, als der allgewalltige Eigennuz???


Eigennuz ist der frühe Tod der Liebe, – und Freundschaft.


Nichts unterdrükt das Ehrengefühl leichter, als Eigennuz! Nichts erhält es lebhafter als Uneigennüzzigkeit!


Grausamkeit ist nur zu oft die Tochter des Eigennuzzes.


Woran erkennt man eine edle Seele beßer, als an der Uneigennüzzigkeit? Was unterscheidet die Edlen vom Pöbel, als Uneigennüzzigkeit? – Könnte sich der Pöbel in seinen Handlungen nicht weit leichter bis zur erhabenen Denkungsart schwingen, wenn ihm nicht der schmuzzigste Eigennuz anklebte?


Ein recht feines Ehrengefühl kann sich ewig nie bis zum Eigennuz erniedrigen. Den Beweis dießes Sazzes liefert uns das Uibergewicht eigennüzziger Männer. – Hierinnen übersteigt das feine weibliche Ehrengefühl wirklich das männliche, wenn nicht bei allen, doch bei vielen.


Vertrauen zu andern erwirbt wieder Vertrauen; aber nur bei edeln Seelen, die schmuzzigen, niedrigen, kriechenden, werden dadurch noch zurükkhaltender, ziehen sich zurükk, oder drükken den Unglükklichen – arglosen Aufrichtigen wohl gar noch in den Staub!


Wer das arglose Zutrauen eines Unglükklichen mißbrauchen kann – Wer ihn fühlen läßt, was er weis – Wer ihm seine Lage durch Demüthigung erschwert, wer ihn mit unmenschlicher Härte noch ärger zu Boden drükkt – ist der dann auch würdig, den Namen Mensch zu tragen?


Zutrauen ist leicht mißbraucht, aber nicht so leicht wieder gewonnen.


Zutrauen ist mehr werth, als alle Schäzze der Erde; denn ihr Werth kann keines erkaufen, wenn man es nicht von selbst hingiebt.


Wo lebt der Edle, oder die Edle, die Zutrauen im wahren Verstande zu belohnen wissen?


Ist der, der Zutrauen missbrauchen kann nicht weit teuflischer, als der Teufel selbst?


Deß Allmachtigen Willen zielet dahin, den Sünder, der uns mit seinem Zutrauen beschenkt, gelinde und mit einer gewissen Achtung zu behandeln – Thun dieß die Herren Seelsorger immer? – Denken sie oft genug daran, daß Menschen gegen Menschen aus eigener Gebrechlichkeit menschlich handeln müßen? sind alle sanft genug um Fehler mit jener Güte zu bessern, die Ihnen Natur und Religion anwies? – Wie viele blos schwache Menschen wurden schon die Opfer ihrer Temperamente, ihrer Unduldsamkeit, – ihrer Verdammungswuth!!!


Nur der ist groß, der den Gefallenen, nachdem er der Vertraute seines Fehltritts wurde, weit sanfter weit wärmer, weit gelinder auf den Weg der Tugend zurükk führt. Strenge in dießem Falle, ist Aufmunterung zu größern Verbrechen. Mütter, nur zu oft werdet ihr an euren gefallenen Töchtern doppelte Kindermörderinnen!!!


Die Mutter, die nach geschehener That elend, niedrig genug ist, gegen ihre Tochter Furie zu werden, die verdient, daß sie von ihr mehreremale beschimpft wird. Duldung – Vernunft – Menschenliebe – Natur – Vorsicht in Rükksicht größerer Unheile, können in dießem Falle nur von Rabenmüttern hintan gesezt werden! Was ist beßer Selbstmord, Kindermord, Verzweiflung und Schaffott, – oder stille Wehmuth, Vernunft, Güte, und andere Zufluchten, um die Ehre eurer Töchter zu retten? Mütter, seyd lieber vorsichtig, da es noch Zeit ist, nach dem Fehltritt ist es zu spät!


Mütter lehret eure Töchtern die Welt, ihre Verführungen und sich selbst beßer kennen; gewiß nur selten wird dann Schande euer und ihrer warten. – Unerfahrne Mädchen sind immer am leichtesten verführt – weder Gefühl, noch Erfahrung, noch Vernunft hält sie zurük.


Man unterhält in der Welt den schiefen Grundsaz, daß Unerfahrenheit die Unschuld fest halten soll, und gerade sie ist es, die nicht wenige Mädchen zum Falle bringt. – Glaubt mir, Mütter, das Gefühl der Liebe bricht zu seiner Zeit überall durch, aber nur dann ohne moralischen Schaden, wenn es frühe schon jene Richtung erhielt, die es zum erhabenen zum tugendhaften Gefühl machen.


Warum den Töchtern aus dem göttlichen wohlthätigen Geschenke der Liebe ein Geheimniß machen; da doch bloß ihr Mißbrauch sie bis zum Laster herabwürdigen kann? – Warum sie nicht lehren, daß Wohllust keine Liebe – Empfindelei – kein wahres Gefühl – Schmeichelei nicht ihre Ausdrüke, Verführung nicht ihr Werk; – sondern das Werk der Sinnen ist???


Mädchen prüfet eure Anbether genau, wenn sie nur in eure äußerliche Vorzüge vernarrt sind, wenn sie sich bloß in euch lieben – wenn bei ihnen euer Herz, eure Unschuld, eure Ehre in keinen Anschlag kömmt; dann ist euer Fall gewiß nicht mehr ferne.


Das Mädchen, das ihren Liebhaber durch Erfahrung, und Weltkenntniß in einer ehrfurchtsvollen Entfehrnung zu halten weis – Die bei Schmeicheleien nicht schwach wird – bei Zudringlichkeiten nicht gelassen bleibt – den für ihren Feind ansieht, der niedrig genug ist, ihre Unschuld auf Schrauben zu stellen – die den Wohllüstling mit Spott geiselt – den Verführer mit Feuer von sich stößt – den Schleicher entwaffnet – den niedrigen Kriecher aushöhnt, dies Mädchen, meine Freundinnen wäre werth Mädchen zu seyn!!! Sagt, Mütter gehört dazu etwa keine Erfahrung, kein Menschenkenntniß, kein Kenntniß der wahren Liebe, keine Unterscheidungskraft, kein gesunder Menschenverstand??? Von Klosterzöglingen rede ich nicht; denn die müßen in der Welt ein Null werden. Aeltern wollen es so haben – sie verwahren ihre Unschuld zwischen Mauern so lange – bis sie aus Zwang von selbst ausreißt. – Abgebrochen! Dießer wichtige Stoff risse mich ins Unendliche hin. Genug, um mir die verschleierten Matronen zu Feindinnen zu machen!


Sind einige Knixe, ein paar einsilbige Komplimenten, ein bischen lesen und schreiben – nähen und strikken – angaffen und roth werden – eine schlechte teutsche Sprache und vernachläßigter Menschenverstand – eine ziemliche Portion Fühllosigkeit und alberne Furcht – stammelnde Ausdrükke und unsinniges Geschwäz – mechanische Religion und nur wenige wirtschaftliche Kenntnisse – eine seichte Beurtheilungskraft und Verstellung – Hang zu heimlichen Liebes-Intriguen – kurz jede pöbelhafte Sitte, sind dieß nicht Vorzüge, mit denen so manches Mädchen in Klöstern und Erziehungshäusern um theures Geld beschenkt wird? – Väter und Mütter, wo habt ihr eure Augen? – Vermuthlich bei Vorurtheil oder Bigotterie!


Ist es nicht weit klüger, wenn wir durch Menschenkenntniß die Leidenschaften des Zöglings ihm abzurathen suchen, um sie zum guten zu benüzzen, als wenn er die unsrigen abräth – um sie zum bösen Beispiel zu benüzzen?


Wenn die Mütter in jenem gefährlichen Zeitpunkt wo das Gefühl der Liebe sich in jungen Mädchen zu entwikeln anfängt, den Weg zu ihrem Herzen zum Vertrauen suchen würden – ich wette unter hundert würde kaum eine verführt werden.


Alle jungen Geschöpfe sind in der Epoche der Liebe gutherzig – nur dann erst wurden sie eigensinnig, tollkühn ausschweifend, wenn man dießes Gefühl durch Rohheit, Unvernunft, scharfes Verboth dazu zwingt, wenn unvorsichtig strenge Aeltern, den Augenblik versäumt haben es zur Tugend zu benüzzen. – Es kömmt gar vieles auf die Art an, wie man junge Leute behandelt.


Aeltern gebt genau acht, wenn ein liebendes Mädchen sich zu verstellen weis, wenn sie euch ihr Zutrauen entzieht; dann erhielt das reine schöne Gefühl der Liebe schon Auswüchse, die ihr Unglük drohen. Wozu Verstellung, wenn ihr die Liebe nicht als Laster bekannt ist? Wozu Zurükhaltung, wenn sie mit reinen Absichten umgehet, und diesen Trieb bloß für jenes gütige Wohlwollen hält, deßen sie sich nicht zu schämen hat? Ein Mädchen, die von der Liebe andere Begriffe hat, ist nicht mehr unschuldig, es fehlt ihr gewiß bloß an Gelegenheit das Opfer ihrer Sinnen zu werden.


Liebe könnte in der Welt eben so viele Glükseligkeit stiften – als sie Unheil stiftet – wenn die jungen Leute dazu angehalten würden, ihre absichtslose Reinheit zu kennen.


Wer wahre Liebe für eine vergängliche Sache hält, kennt ihre Natur nicht. – Nur das kann verschwinden, was nicht wahre Liebe war.


Wie kann ein Gefühl, das auf unumstößlichen Grundsäzzen, auf Moralität gegründet ist, je sein Ende erreichen? – Das sind bloß kurzsichtige sinnliche Menschen, die der wahren auf Grundsäzze ruhenden Liebe so gleich den Tod ankündigen. – Wie kann etwas aufhören, das göttlichen Ursprungs ist? Wie will der warme Gatte sich von der Seele seiner gefühlvollen Gattinn losreißen können, wenn sie so eng in einander verkettet sind, daß eine lange Ewigkeit ein zu kurzer Zeitpunkt für ihre Zärtlichkeit wäre?


Wahre Liebe ist die Mutter gränzenloser Gutherzigkeit, die Schöpferinn der Tugend: sie weis menschliche Schwachheiten in einem Gatten zu tragen, aber ahndet streng jede Leidenschaft, die zum Laster werden könnte.


Wo lebt der liebende Mann, das liebende Weib, die im Genuß der Liebe nicht sanft und vernünftig genug wären, ihre beiderseitigen Fehler bessern zu wollen? Doch ich sezze zum voraus, daß zwey Gatten Herzen gleich eifrig zur Tugend gestimmt sind, ohne dies ist es blos fruchtlose Arbeit.


Ein Weib die das Glük genießt in einer Ehe zu leben, die von wahrer Liebe beseelt wird, hat kein Alter zu scheuen, ihre Seele wird dadurch nicht abgenüzt, sie wächst an Schönheit, und fesselt den Denker eine Ewigkeit durch.


Die Frauenzimmer sind gedankenlose Thörinnen, die in ihrem Leben nicht auf Reize angetragen, denen kein Zahn der Zeit droht, – nicht auf Reizze, die den Mann feßeln müßen, wenn er anders kein schwachköpfiger Wollüstling ist.


Der denkende Gatte erblikt in einer gebildeten Gattinn eine Menge Vorzüge – etwas für sein Herz, etwas für seinen Verstand, etwas für seinen Wiz, etwas für seine Laune, etwas für das Gefühl der Liebe – In einer bloß schönen, weiter nichts, als einen alltäglichen Vorzug von sehr weniger Bedeutung, der auch dem Pöbel gefällt. Und kann das, was dem Pöbel gefällt, für den Denker auch werth haben?


Ein bejahrts Weib, die ihre Tage der Tugend, der Gatten- und Mutterliebe, der Duldung und Sanftmuth gewiedmet hat; ist gewiß eine eben so ehrwürdige Erscheinung, als ein alter Mann. Jede Einwendung gegen diesen Saz, ist Vorurtheil.


Bald würde das Vorurtheil, das man gegen alte Weiber hat, schwinden, wenn sie in der Jugend schon aufhörten Weiber zu seyn. Schwazhaftigkeit, Unsäuberlichkeit, Grillenfängerei, Andächtelei, sind Untugenden, die ihren Ursprung schon aus der frühen Jugend her haben. Das Alter und die Langweile vermehrt sie. So bald die Vernunft nicht die Führerinn eines Mädchens war; so wird sie die eines alten Weibes nie werden.


Der Neid eines alten Weibes ist ein großes Triebrad, um das sich alle ihre Schwachheiten drehen.


Die unerträglichsten Gattungen alter Weiber sind, die heuchlerischen Andächtlerinnen. Sie üben sich in der Kunst: Gott und die Welt zu betrügen.


Eine alte Bethschwester ist der wahre Beweis ihrer jugendlichen Thorheiten. Sie verläßt die Welt nicht eher, als bis die Welt sie verläßt. Dann erst eilt sie mit großen Schritten, um der Gesellschaft der Heiligen eine groteske Karikatur vorzustellen.


Wenn ich zu befehlen hätte, alle alten unvernünftigen Weiber müßten mir von frühem Morgen bis in die späteste Nacht, auf einen Lehnstuhl gebunden werden, damit sie doch dem Anlaß entgiengen, aus Neid Böses zu stiften.


Wahre Andacht wohnt im Herzen und nicht in äußerlichen Dingen.


Es giebt wenige, die so zu bethen wissen, wie sie bethen sollen.


Religion erhöht die Reize eines Frauenzimmers, aber Aberglaube und Bigoterie entstellt sie.


Ohne Religion würden die Frauenzimmer weit zügellosere Geschöpfe seyn, als die Männer, natürliche Schwäche würde ihnen den Weg zu unendlichen Ausschweifungen bahnen.


Ein Mädchen ohne Religion gleicht einem Wildfang, der nur schwer bezähmt werden kann.


Wahre Andacht auf einem schönen weiblichen Gesichte zu erblikken, übersteigt für den gefühlvollen Beobachter jeden Ausdruk!


Wer Andacht, Gefühl, und Liebe in ihrem ganzen Werth erblikken will, der beobachte ein verliebtes, bethendes Mädchen! – O Natur, dein herrlichstes Meisterstük ist in solchen Situationen unverkennbar!


Wer ist hartherziger, als Afterkristen? Wer ist unduldsammer, als Afterkristen? Wer ist gefühlloser, eigensinniger, als Afterkristen?


Mit Recht kann man einer erzürnten Andächtlerin den Namen Furie geben. Ihre Grausamkeit scheint unerschöpflich. Von dem Irrwahne begeistert, als ob sie mit Vertilgungssucht der Religion Dienste leistete; ist sie zu jeder Unmenschlichkeit bereit.


Eine Kokette gleicht einer verschmizten Budenkrämerinn, die nur dann ihren Künstgriffen den freien Lauf läßt, wenn sich Wollüstlinge und Schwachköpfe melden.


Wer kann mit mehrerer Kälte Unwahrheit sprechen, wer mit mehr Natur sich verstellen, wer künstlicher die schwachen Männer-Herzen in die Enge treiben, als eine Kokette?


Sind die teutschen Weiber und Mädchen auch so sehr zur Koketterie geneigt? Nur die, die sich nicht schämen, den leichtsinnigen Französinnen nachzuahmen. Aber können dieß auch teutsche Biedermannstöchtern thun?


Das Gefühl einer Kokette hat nicht den Werth einer Steknadel – und doch giebt mancher seinen ganzen Reichthum dafür hin. Kann dies aber auch ein Mann thun, der Menschenkenner genug ist, um sich nicht Affektation für Liebe aufdringen zu lassen?


Das menschliche Leben ist viel zu kurz, als daß einer Kokette Zeit genug übrig bliebe, alle ihre Künsten ins Werk zu sezzen.


Und wenn die grösten Denker alle ihre Beurtheilungskraft anstrengen; so werden sie doch ewig nie das Herz einer Kokette enträthseln. Ist sie schön, so übertäubt sie ihre Sinnen – ist sie wizzig, so umnebelt sie ihre Vernunft – ist sie beredt, so giebt man ihr aus Höflichkeit nach und staunt sie noch oben drein an – ist sie betrügerisch, so glauben es die Männer nicht eher, als bis es zu spät ist, – es zu glauben – ist sie spröde, dann wird sie vollends angebethet. Kurz, der, der in ihr Nez geräth, hat keine andere Rettung vor sich, – als wenn er die Schlange flieht, eh sie zu zischen anfängt.


Die Eroberungssucht einer Kokette ist selbst an jenen Gränzen noch unersättlich, wo nichts mehr zu erobern ist.


Wenn die Mädchen von dem erhabenen Wort Liebe einen bessern Begriff hätten – nur wenige würden dann zu jener verächtlichen Eroberungssucht ihre Zuflucht nehmen, die ihnen nichts, als ein leeres Herz übrig läßt.


Männer sagt einer Kokette alles, was Liebe, Gefühl, und Gutherzigkeit auszeichnet, ihr Herz bleibt doch Stein.


Das künstlichste Meisterstük des heimtükischen Lasters entdekt der Beobachter in dem Bild einer Kokette.


Gebt wohl acht teutsche Biedermannstöchter auf eure Herzen, bei der Eitelkeit fängt die Koketterie an und mit dem Laster hört sie auf.


Das trefflichste Gegengift für Koketterie ist Liebe und Anhänglichkeit für einen biedern teutschen Jüngling.


Es herrscht unter den Mädchen ein verkehrter, schändlicher Geschmak, wenn sie glauben, viele Eroberungen zeichnen ihren Werth aus. Ihr irrt euch Ihr lieben schwachgläubigen Töchter, nur eine vorzügliche Eroberung ist der Beweis des Verdienstes – oder wimmelt etwa der große Haufe nicht voll Gekken, Dummköpfe und Wollüstlinge? Sind etwa die Eroberungen dieser Insekte nicht ewige Schande für denkende Frauenzimmer?


Wenn Eitelkeit nicht die Hauptleidenschaft der Frauenzimmer wäre, dann würden die Männer auch eine Menge Thorheiten unterlassen. Nur selten würde es einer wagen, einem Mädchen Weyhrauch zu streuen, um sie zu seinem Vortheile bis zur eiteln Närrinn zu begeistern.


Ich kenne kein schwächeres, kein schwankenderes Wesen, als ein eitles Frauenzimmer. Sie ist die Närrinn jedes Narren, das Opfer jedes Bösewichts.


Wenn man die kindischen Tändeleien, die vielen Affenbeschäftigungen des Puzzes, die unendlichen Künste, ihre Schellenkappen an Mann zu bringen, von einem eitlen Frauenzimmer abrechnet, – was bleiben dann ihrem Gatten noch für Verdienste übrig, um mit diesen vor der vernünftigen Welt ohne Hohngelächter erscheinen zu dürfen?


Ein eitles Frauenzimmer gleicht einer verrükten Person, sie sezt ihre lächerlichen Grimassen in eines jeden Gegenwart fort, und buhlt um den Beyfall der Zuschauer auch aus der niedrigsten Klasse.


Eitelkeit und Schwachheit sind unläugbare Erbtheile der Frauenzimmer. Warum sezzen sie ihnen nicht frühe genug Philosophie und Geistesstärke entgegen? Sind die weiblichen Unvollkommenkeiten nicht eben so bezwingbar als die männlichen? Ganz gewiß, wenn Sie nur wollen meine Freundinnen!


Ich wundere mich nicht, daß so viele Frauenzimmer ihr ganzes Leben durch an der Eitelkeit kränkeln. – Die Mütter stekken sie mit gleicher Schwachheit schon in der Wiege an, und die Männer nähren sie im Mädchenalter durch Schmeicheleien.


Nicht jedes Mädchen ist eitel, die sich standesmäßig und mit Geschmak kleidet; aber die sind eitel, die ihre Köpfe und Körper in eine Mode zwingen wollen, die ihrem ganzen Wesen widerspricht.


Beim Puztische muß ein Mädchen nie dem Urtheile der Männer glauben –. Entweder loben sie alles aus Schmeichelei, oder sie tadeln alles aus Allklugkeit, aus Männergrille.


Es giebt Männer, die sich ein unumschränktes Recht anmaßen, auch über den artigsten, wohlgeordnetsten Puz zu spotten. Dergleichen großmauligte Hansen reiten dies Stekkenpferd blos darum, um ihre eigne Eitelkeit durch eine uns angemasste zu verbergen. Weisen sie diese unartigen mit munterem Wiz in ihre Sphäre zurük meine Freundinnen, wenn ihnen hie und da einer aufstossen sollte.


Ein junges Frauenzimmer muß den Hang auf eine vernünftige Art, auch in ihrer Kleidung zu gefallen, nicht ablegen, sonst wird sie zur gleichgültigen Schlampe oder zur Karikatur aus dem vorigen Jahrhundert. Was kann diese Klugheitsregel dafür, wenn sie von einigen überstiegen, von andern gar nicht benüzt wird?


Nehmt den Mädchen den Trieb zu gefallen, und es bleibt euch in ihnen nichts übrig, als unthätige Geschöpfe. Gebt ihnen Grundsäzze, die sie lehren zu erst mit der Seele, und dann erst mit dem Körper zu gefallen. Ich stehe dafür, die welche darüber nachdenken lernten, werden diesen Trieb zu gefallen, nicht blos sinnlich benüzzen.


Ein junges Mädchen, welche die Nachläßigkeit in ihrer Kleidung zu weit treibt – wird am Ende so unreinlich, daß sie selbst ihre Seele nicht mehr sauber hält.


Wenn du wissen willst, ob eine wohlgeordnete, reinliche Seele in einem Mädchen wohnt, so beobachte ihren Anzug. Leichtsinn und Unordnung in der Kleidung, – verrathen Grundsäzze, die nicht viel taugen. Wer auf solche Kleinigkeiten nicht achtet, der wird über kurz, oder lang unfähig auf größere Pflichten zu achten.


Das Mädchen, das in ihrer Kleidung, in ihren Handlungen Faulheit einreissen läßt, ist nicht werth geliebt zu werden. Wer weis, ob dieses schändliche Laster am Ende nicht so um sich greift, daß sie für Gattenliebe und Wirthschaft ganz untauglich wird?


Nur das Mädchen kann ich schäzzen, die im Hauswesen keinen Schritt thut, ohne ihr sorgfältiges Auge auf Dinge zu heften, die blos da liegen, um von ihr in jene Ordnung gebracht zu werden, die der thätigen Beschäftigung eines Mädchens Ehre macht.


Ich kann nicht begreifen, wie es Frauenzimmer geben kann, die in einem Hauswesen über Langweile und wenige Arbeit klagen. – Für die welche aus Pflicht, aus Ehrengefühl arbeiten wollen; sind selbst ihre Lebenstage zu kurz. – Wohlgemerkt für die – welche arbeiten wollen.


Wer Wollust, Verzärtelung, üble Laune, Lüsternheit, kurz wer das Bild einer lebendigen Todten sehen will, der beobachte ein müßiges Frauenzimmer!


Ich will glauben, daß die Männer über das weibliche Geschlecht nicht ganz ohne Grund klagen, wenn es hier, oder dort ein Frauenzimmer wagt, sich mit geistigen Beschäftigungen abzugeben, – die meisten richten ihre Beschäftigungen so wenig vernünftig ein, daß ihnen nicht einmal Zeit genug zum Hauswesen übrigbleibt, geschweigen zu den geistigen Beschäftigungen. – Wenn aber ein thätiges Frauenzimmer ihre Sachen so einzurichten weiß, daß eins mit dem andern besorgt wird: was geht es dann die Männer an, wenn wir unsere müßigen Stunden mit Lesen oder Schreiben ausfüllen wollen? – Ist es nicht rühmlicher, sie so, als zu gedankenlosen Beschäftigungen zu benüzzen? – Dort nikt mir ein freundlicher nicht neidischer Philosoph ein gnädiges Ja zu! – Giebt es denn unter den Männern auch freundliche Philosophen???


Mann und Weib haben in der Welt ihre angewiesene Beschäftigung, der zu erst aus seiner Sphäre weicht, eh er seine Standespflichten erfüllt hat – ist der Schöpfung nicht würdig.


Man behauptet, die Weiber wären zu ernsthaften Geschäften nichts nüzze. Hierinnen haben die Herren Männer nicht ganz unrecht – aber man erzieht uns schon darnach, daß wir zu ernsthaften Geschäften nichts nüzze werden können! – Auch wieder ein Glük für die männliche Welt – wenn wir überall in ihre Geschäfte hinein gukken dürften, wie bald würde Sie ihre strenge Regierung niederlegen. – Wie leicht würden dann die Männer Weiber und die Weiber Männer werden. Aus welcher Ursache? – Die welche es angeht, mögen es sich selbst enträthseln.


Es ist ein sonderbarer Anblik, wenn man in Gesellschaften zusieht, wie ein Geschlecht das andere unter tausend Spizfindigkeiten herabzusezzen sucht – wie jedes den Vorzug in der Schöpfung behaupten will und doch kann keines ohne das andere bestehen. Ich denke immer die wechselseitigen Fehler würden einander wohl aufwiegen, wenn man beim weiblichen Geschlechte die wegrechnete, woran die Männer selbst schuld sind. – Wenn die Männer in ihren Leidenschaften nicht so ausarten, so haben sie es viel der guten Erziehung zu danken, die sie von Jugend auf zur Festigkeit anhält, und die wir nicht genießen – man überläßt uns blos dem Ungefähr.


Es giebt Augenblikke, wo uns die Männer für sehr unbedeutende Wesen halten – zum Glükke, daß diese Augenblikke selten lang dauern – sonst wären sie unglüklicher, als wir. – Was wäre ihr Leben, was wären ihre Geschäfte ohne unsere Aufmunterung? Man weiß es ja aus Erfahrung, was für ein rohes Murmelthier ein Mann ist, der ohne Gattenliebe seine Tage verbrummt und verfaullenzt.


Die Natur hat, als sie beide Geschlechter schuf, die beste Einrichtung getroffen. Diese gütige Mutter versah sie mit hinlänglichen Anlagen, um wechselseitige Tugend fortzupflanzen. – Was kann der Mann durch Männersinn und das Weib durch Sanftmuth und Vernunft nicht alles ausrichten?


Man erblikt in gewißen Augenbliken in beiden Geschlechtern doch immer den Menschen, sie mögen noch so sehr darauf antragen, ihn durch Vernunftschlüße zu verbergen.


Wohl dem Manne, wohl dem Weibe, die sich nicht nicht als schwache Menschen dünken, – sie sind viel weiter vom Falle entfernt, als jene phylosophischen Praler, die sich über menschliche Schwäche erhaben glauben. Hängt nicht auch der stärkste Sterbliche blos von einem unglüklichen Augenblike ab?


Ein Mädchen begehet immer die gedankenloseste Unbesonnenheit, wenn sie kühn auf ihre augenblikliche Tugend, über ihre schwächern Freundinnen die Nase rümpft.


Nur die Mädchen sind klug, die beim Falle anderer das Mißtrauen gegen sich selbst vermehren.


Vorsicht ist die Schuzwehr der Tugend. Warum die Gefahr nicht mit aller Stärke des Geistes fliehen, wenn man seinen Untergang durch eine innere Stimme, und diese spricht bei einem noch unverdorbenen Mädchen gewiß allezeit – zum voraus ahndet?


Mädchen traut eurer Stärke im Männerumgange nicht zu viel, sie haben tausend Kunstgriffe bereit, eure Schwäche zu überraschen.


Wie beredt ist nicht der Betrüger, wie sanft der Schleicher, wie begeistert der Wollüstling, wie wizig der Stuzzer, wie laurend der Häuchler, wie künstlich sind sie nicht alle, um bei schwachen unerfahrnen Mädchen Blossen zu entdekken, die sie auf eine schändliche Art zu benüzzen sich vorgenommen haben!


Das Mädchen handelt am klügsten, die sich an der Seite eines Jünglings so lange mit Mißtrauen bewaffnet – bis sie seine Grundsätze, sein Ehrengefühl, seine absichtslose Neigung ganz geprüft hat.


Wenn die Mädchen nur wollen; so sind die Jünglinge gezwungen in ihrem Umgange, wenigstens aus Lebensart, die Sprache der Hochachtung zu führen. Ich möchte den Grobian sehen, der eine andere Sprache als diese wagte, so bald ein Mädchen Denkerinn genug ist, ihn ohne Affektation, ohne Ziererei, mit Würde in jene Schranken zurückzuweisen, die er dem Wohlstande schuldig ist.


Freundinnen gebt genau acht auf die Sprache eines Jünglings, wenn ihr ihm nur eine einzige Silbe Anzüglichkeiten hingehen läßt – dann werden sie nach und nach sich so anschwellen, daß ihr sie nicht mehr zu bemeistern im Stande seid. Und die Folge? O daß ich es sagen muß – Verführung meine Besten!


Ich wünschte, daß die Mütter ihre Töchter so frühe als möglich in Männergesellschaften führten, damit ihnen der Verführungston bekannter würde. Erst dann würden die Mädchen sich gegen ihre Kunstgriffe mit Erfahrung und Vernunft waffnen können!


Welches unerfahrne Mädchen kann vor der Gefahr zittern, wenn ihre Abgründe ihr noch ganz unbekannt sind?


Wenn die Mutter Menschenkennerinn ist; so wird es ihre Tochter auch werden, wenn sie anders nicht ausartet. Dies schöne Studium ist wahrlich die beste Mitgabe, die Sie ihr geben kann, es wird sie für Betrug und Verführung schüzzen.


Ein Mädchen, die sich in Gesellschaften frühe schon gewöhnt, die Beobachterinn ihrer eigenen und anderer Fehler zu werden, wandelt gewiß dem Wege der Tugend zu; denn Leichtsinn oder Eitelkeit wird nicht so leicht ihre Seele übertäuben.


Man muß zu erst Denkerinn seyn, ehe man Beobachterinn werden kann.


Wo kann ein Mädchen die Welt, ihre gute und schlimme Seite beßer kennen lernen, als in Gesellschaft? Versteht sich – an der Seite ihrer Mutter, oder Erzieherinn.


Die sanften, mitleidigen Empfindungen eines Mädchens werden im Umgange beßer geübt; sie erhalten durch Welt und Menschenkenntniß jene vernünftige Richtung, die der Denkerinn Ehre machen.


Ein unerfahrnes Mädchen, deren Empfindungen blos die Wirkungen ihrer natürlichen Güte sind, wird nie zu so großen, edlen Handlungen fähig, als die Denkerinn. Gute Handlungen müßen nach Plan, Ordnung und Zwek ausgeübt werden, sonst gränzen sie an alberne Güte, nicht an Edelmuth.


Nur der ist edel, der sich selbst über dem Wohl anderer vergißt. – Nur die handelt edel, welche eine Wohlthat, eine Dienstleistung im Feuer ihrer gutherzigen Begeisterung ausübt, wo minder großmüthige nicht den Muth dazu haben.


Dem Unglüklichen Geld hingeben, kann jeder reiche Thor, aber ihn, da mit milder Hand aus dem Abgrund herausreissen, wo ihn jederman verläßt, das ist edel!


Glauben sie mir, meine Freundinnen, es giebt oft verfolgte Unglükliche, wider die der Pöbel seine Stimme erhebt. Mit diesen in ihrem Elend eine Thräne weinen, ist mehr werth, als meine Feder auszudrüken vermag.


Uiberhaupt besteht Edelmuth in dem, was keine niedrige Seele unternimmt. – Sie ist der schönste Sieg der Vernunft, und des Gefühls.


Wenn ich die Schöpfung in ihrer Größe, die Natur in ihrer Wohlthätigkeit, den Werth des Menschen in seinem ganzen namenlosen Umfang erbliken will; dann erscheint mir das Bild eines edelmüthigen Frauenzimmers.


Im Ganzen genommen lassen sich von der Edelmuth keine Regeln angeben; diese schöne göttliche Tugend erstrekt sich überallhin, wo kein gemeiner Sinn hinlangt, überallhin, wo nur grosse Seelen hinreichen können. Gewiß wird sie bei niedrigen, eigennüzzigen Seelen nie ihren Wohnsiz aufschlagen.


Eine edelmüthige Seele ist kühn in ihren Unternehmungen; wenn es auf die Rettung eines Freundes ankömmt, wagt sie da alles, wo kleindenkende feige Seelen nichts wagen. Sie ist groß im Verzeyhen; da, wo andere Rache ausüben, verzeyht sie. Kurz, sie ist in jeder ihrer Handlungen so unsterblich, daß nur die ihr nachahmen können, die von einer gleichen Begeisterung beseelet werden.


Nun auch ein Wörtchen von der Ehe und ihren Verbindungen!

Dies göttliche Land scheint ganz zur Beförderung menschlicher Glückseligkeit bestimmt zu seyn, und doch wird es nicht selten die Störerinn derselben. Ei woher kömmt denn diese entgegengesezte Wirkung? Aus dem unverzeyhlichen Irrthum, unter dem es meistens geknüpft wird. Nur wenige treten mit jenen unbefangenen, reinen Herzen, mit hinlänglichen, moralischen Grundsäzzen in den Ehestand; wie es Liebe, – Vernunft – und Sittenlehre fordern.


Gott! warum gleichen doch die meisten Ehen einem Tausch, wobei Eigennuz, Dummheit, Wollust oder überspannte Empfindelei das Wort führen? Wie kann dies Band dauern, wie kann es die menschliche Glükseeligkeit befödern helfen, wenn es auf so hinfälligen, wurmstichigen Säulen ruht?


Die meisten Aeltern befördern und erzwingen so gar die Verbindungen ihrer Kinder aus Eigennuz, Herrschsucht, Eigendünkel, Vorurtheil u.s.w. Die Kinder gehorchen ihnen dann aus Schwäche, Unerfahrenheit, aus Lust zur Freiheit, aus Sinnlichkeit, aus Mangel an wahrer Liebe, aus Gedankenlosigkeit u.s.w. – Menschenfreunde vertilgt zu vor diese Barbareien; dann erst wird das Band der Ehe jenes Menschenglük befördern helfen, das man von ihm erwartet.


Es giebt leider Aeltern, die das wichtige Gefühl der Liebe, die Neigung und harmonirende Grundsäzze der Brautleute erst dann nur obenhin überdenken, wenn ihr Eigennuz und andere schändliche Leidenschaften schon befriediget sind. Was läßt sich wohl von dergleichen Verbindungen erwarten? Das was man täglich sieht: Zank, Hader, Ausschweifungen, – Trennung, oder Verzweiflung!


Ich habe während meinen Beobachtungen nur wenige alte Leute gefunden, die nicht mit einer Kälte, worüber einem die Haut schaudert, mit einer Stärke des Vorurtheils, das jeden Fühlenden entsezzen muß, kurz, mit solchem beißenden Spott, der den Menschenfreund zittern macht, von Neigung und Liebe gesprochen hätten! Weg ist bei diesen Unduldsamen jene empfindsame Begeisterung, die ihnen Mitleid einflößen könnte!


Ich fodere nicht, daß Aeltern jede Unbesonnenheit der Jugend billigen sollten, nicht, daß sie Empfindelei für Liebe halten, nicht daß sie dem Eigensinn, Schwäche entgegensezzen u.s.w. – Aber ich wünschte, daß sie mit Sanftmuth Unbesonnenheiten verhüten, mit Vernunft wirkliche Liebe von der Empfindelei unterscheiden; die erstere aus Vorurtheil nicht wie die leztere behandeln, – kurz, ich wünsche, daß sie in kleine Vergehungen willigen, um grössere Verbrechen zu verhüten, mit denen nicht selten, auch öffentliche Schande verknüpft ist. Nur zu oft machen die bis zum höchsten Grade gestiegenen Leidenschaften den Aeltern mehr Schande, als ihren Kindern jede Widersezlichkeit in der Liebe. Warmes Blut, und die daraus entspringenden Fehler entschuldigt selbst der Schöpfer – Aber kaltes Blut und boshaftes Uibergewicht, barbarischen Vertilgungsgeist, – wer wird einst diese entschuldigen?


So bald der Freier ein biederer Jüngling ist, der Fähigkeiten genug besizt, sich und die Seinigen zu ernähren – sobald das Mädchen einen unbescholtenen Ruf, ein gutes Herz, einen gebildeten Geist mit in die Ehe bringt, wozu dann Reichthum und Ansehen? – Aeltern, überläßt doch der Vorsehung und dem Fleiß junger Liebenden auch etwas!


Nach den Grundsäzzen einiger sinnloser mürrischer Freudenstörer müßte man jedem Armen den Ehestand verbieten. – O Gott, wie elend würde es dann um das menschliche Geschlecht aussehen? – Hieße es nicht die ohnehin stark einreißenden Ausschweifungen befördern helfen? – Wo käme es am Ende mit dem Menschengeschlechte hin? – Was würde aus dem Winke der Vorsehung, der uns besonders bei Nahrungssorgen so deutlich an die Allmacht zu erinnern scheint.


Wenn Geschöpfe wirklich harmoniren? ich meine nicht blos von der Oberfläche, wenn sie wirklich durch lange Erfahrung harmoniren, Hände und Kopf haben, mit Stärke des Geistes Uiberfluß zu entbehren wissen, feste Grundsäzze genug, um in jeden Schiksalen des Lebens tugendhaft auszuharren, was brauchen sie mehr, um glüklich zu seyn?


So duldend diese Grundsäzze für ächte Liebende sind – eben so feurig wünsche ich, daß diejenigen, welche blos aus sträflichen Absichten lieben, sich keinen schiefen Begriff davon machen mögen. – Jünglinge und Mädchen, die in der Liebe nicht Vernunft und Uiberlegung zu Führerinnen wählen, werden bald die Früchten ihrer Thorheiten empfinden.


Es giebt junge Leute, die in der Liebe zum Ausharren zu feige sind, ihre Leidenschaften übermannen sie; sie trozzen dem Schiksale auf eine tollkühne Art – laufen in die weite Welt, ohne Plan, ohne Aussicht. So was gränzt an Raserei, nicht an wahre Liebe.


Ziehen wir uns nicht einen großen Theil der Schiksale selbst zu? – Wenn wir leidenschaftliche Unbesonnenheiten begehen, wenn wir als leichtgläubige Thörinnen da trauen, wo wir nicht trauen sollten; wenn wir verrükte Dinge unternehmen, die nicht auf Plan nicht auf Ueberlegung gegründet sind?


Wenn sich das Laster selbst straft, ist es dann die Schuld des Schiksals, daß Verzweiflung es ergriff?


Der Mensch kann sein Herz nach und nach so verwüsten, daß er sich vor seinem Bild entsezzen würde, wenn es ihm in der wahren Gestalt erschiene.


Neid und Eigenliebe sind Leidenschaften, die im weiblichen Herzen eine solche Stärke erreichen können, daß der Beobachter erstaunen muß, – wenn er ihre Verwüstungen untersucht.


Man sagt: es sei besser zehen Männer ganz beleidigen, als nur ein einziges Weib halb.


So bald ein Frauenzimmer über eine Stunde lang trozzen kann, ohne einige Zeichen der Versöhnung von sich zu geben; dann wehe ihrem Herzen, es wohnt schwarze heimtükkische Rache darinnen!!


Menschen die ihren Zorn schnell auslassen, sind weit weniger zu fürchten, als die, welche ihn im Herzen herumtragen. Je länger dieser im verborgenen wütet, desto mehr Unglük brütet er aus.


Wie kömmt es doch, daß der weibliche Zorn jeden Ausdruk übersteigt? – Wie kömmt es, daß ein Weib leichter zehenmal zur Furie wird, eh‘ es der Mann nur einmal dazu bringt, Teufel zu werden?


Ich denke immer, die Unversöhnlichkeit der Weiber entspringt aus der Quelle ihrer starken Reizbarkeit. Gesellt sich nun zu dieser Schwäche noch beleidigte Eitelkeit und schlechte Erziehung, dann steht die Furie in weiblicher Gestalt vor uns!


Nachdenken allein könnte das weibliche Geschlecht in jenen sanften Empfindungen erhalten, wozu es von Gott und der Natur bestimmt wurde. Nachdenken giebt der weiblichen Seele jene Stärke, die sie bedarf, um moralisch gut zu werden.


Selbst Schmäh- und Verläumdungssucht müßte unter den Frauenzimmern verschwinden, wenn sie daran gewöhnt würden, über die Häßlichkeit dieses schändlichen Lasters mehrer nachzudenken.


Wie entstellt wird die sanfte Bildung eines Frauenzimmers, wenn sie ihre Züge zum Verläumden anstrengt.


Verläumdungssucht und Schwazhaftigkeit rechnet man gewöhnlich zu den Lieblingsleidenschaften der Weiber. – Aber es giebt leider in unsern Zeiten auch Männer; die in Weiberrökken stekken – Pfui, das ist schändlich – mehr als schändlich!!!


Ein schwazhafter, schmähsüchtiger Mann macht der Natur weit größere Schande, als ein schwazhaftes, schmähsüchtiges Weib. Ein Mann entheiliget durch diese schändliche Gewohnheit Bürgerpflicht, Duldung, Vernunft, kurz sein ganzes Geschlecht, von dem man edlere Grundsäzze erwartet.


Wer den wahren Urheber einer Klatscherei mit Gewißheit entdekken will, der beobachte die Unruhe des Verdächtigen, seinen Verthaidigungseifer, den empfindlichen Antheil an dem Verweise, sein böses Gewissen wird sich unstreitig so äußerst sprechend verrathen, und wenn auch der Beleidigte nur von ferne auf ihn zielte.


Der wahre Beweis der Unschuld ist die stille Ruhe des Beschuldigten in dem Augenblikke, wo ihm etwas direkte oder indirekte vorgehalten wird. – Seine Empfindlichkeit ist gewiß von ganz anderer Gattung, als die des Schuldigen. Er wird nur augenbliklichen Schmerz empfinden; da indeßen der andere tobt, lärmt um den Verdacht von sich abzustreifen. O ihr elenden Insekten, euer Gift verräth euch von selbst!


Wozu Vertheidigung, wann sich das Herz keines Fehlers bewußt ist? Wahre Unschuld ist so fest, daß das Laster mit all seinen Kniffen sie nicht erschüttern kann.


Es giebt auch eine Gattung Geschöpfe, die ihren Nächsten aus bloßer gedankenloser Dummheit verläumden; indeßen ist die eigentliche Triebfeder doch immer mit Bosheit verschwistert.


Ein wirklich gutes Herz kann den Niederträchtigen fliehen, den Thoren belachen, den Schwäzzer fürchten, aber keinen von allen hassen.


Ich wünschte nichts sehnlichers, als daß ein guter Genius dem Verläumder, so oft er dies löbliche Handwerk treibt, den Spiegel vorhielte, worinnen er seine eigenen Fehler erblikte.


Dem Menschenfreund muß es unbegreiflich seyn, wie’s Christen geben kann, die sich um das Thun und Lassen Anderer erkundigen. Man sollte glauben, wenn Nächstenliebe und Duldung sie nicht von dieser elenden Beschäfftigung zurükhielte; so würde es doch das Ehrengefühl dazu bringen können.


Was ist Ehre? die zarteste, edelste Empfindung, die sich nie in einem schmuzzigen Herzen festsezzen wird.


Besässen die Menschen das Gefühl der Ehre nicht, sie würden in ihren Handlungen bis zum Vieh herab sinken. Was Tugend und Religion über die Leidenschaften nicht vermag, das bleibt der Ehre übrig.


Wohl denen Aeltern, die ihre Kinder schon frühe an dieses herrliche Gefühl gewöhnen. Wohl denen Erziehern, welche die Kunst besizzen, ihren Zöglingen Ehrengefühl ohne Eitelkeit, ohne Hochmuth, ohne Rachsucht einzuflößen. Spannt man aber dieses Gefühl in der Erziehung zu hoch: dann wird es in einem jungen Herzen eben so geschwind zur Chimäre, als es sonst zur Wohlthäterinn geworden wäre, wenn es auf Vernunft gegründet ist. Daher die Rasereien der Jugend, Duell, Mord, Tollheit u.s.w.


Es giebt Menschen, die ein übertriebenes Ehrengefühl besizzen, und sich dadurch das Leben zur Hölle machen. Dieses Gefühl ist nicht wirkliche Ehre, es ist mehr überspannte Narrheit, heimlicher Hochmuth.


Wer die herrlichen Wirkungen der Ehre untersuchen will, der beobachte Leute von Erziehung und den Pöbel. Himmel, welch eine Verschiedenheit in ihren Handlungen!


Die weichsten Herzen sind zu den Eindrükken der Ehre auch die empfindlichsten. Mütter, was könntet ihr aus euern Töchtern für engelreine Mädchen erziehen, wenn ihr die Kunst verstündet, ihre kleinen weiblichen Eitelkeiten zum Ehrengefühl umzustimmen!


Was macht den mächtigen groß, das weibliche Geschlecht keusch und bescheiden, den Bürger zum biedern und arglosen Mann, als Ehre?


Woher entstehen die Zügellosigkeiten des Pöbels, woher Dieberei, Mord, Niederträchtigkeit, Unversöhnlichkeit, Eigennuz, Verläumdung, als vom Mangel an Ehre?


Wenn Aeltern in ihren Kindern das Gefühl der Ehre so rege zu machen wissen, daß es zu ihrer Beßerung blos eines Winkes bedarf, was bleibt diesen Glüklichen dann noch für ein Wunsch übrig, um alles von ihren gut erzognen Kindern zu hoffen?


Ein Mädchen ohne Ehrengefühl ist eben so verächtlich, als ein Mann ohne Muth.


Das reizende Wort Ehre erhält in einigen Menschenköpfen so vielerlei Auswüchse, daß man darüber erstaunen muß, wenn man es in übertriebenem Ehrgeiz ausarten sieht. Was macht den Höfling kriechen, den Niederträchtigen zum Kabalisten, als der falsche Begriff von Ehre? Was den Dummkopf von seiner irdischen Höhe aufgeblasen auf andere hinabblikken? Was den Krieger barbarisch, den Bonzen verschmizt, den Redner zum Hanßwursten, den Schriftsteller zum Gekken, die Weiber zu Buhlerinnen, als eben der Mißbrauch dieses Worts? Es giebt Menschen, die im Laster ihre Ehre suchen. Sie kann die Triebfeder zu allem Guten, aber auch der Sporn zu allen Thorheiten und Lastern werden.


Man behauptet, daß jeder Mensch mit einer gewißen Gattung Ehrengefühl gebohren wird. Wenn nun diese schöne Anlage nicht benüzt, nicht mit Vernunft fortgepflanzt, oder gar unterdrükt wird; an wem liegt dann der Fehler, als an Aeltern und Erzieher? Ist es die Schuld der Natur, wenn ihre Zöglinge vernachläßigt werden?


Wie kann dies fürtreffliche Gefühl in jungen Herzen zur Reife kommen, wenn es schon in ihrer Blüthe erstikt wird? Durch rohe Behandlung, durch Schläge und übels Beispiel erstikt wird?


Aeltern, wenn ihr euern Kindern durch pöbelhafte Behandlung, das Gefühl der Ehre aus ihren Herzen verdrängt; dann dürft ihr jede Niederträchtigkeit von ihnen gewärtig seyn.


Unsere Vorältern wagten um das Wörtchen Ehre, Leib, Gut und Blut. Aber jezt ist es so bis zur Galanterie herabgesunken, daß es die milchbartigen Nachfolger mehr im Spaß, als im Ernst aussprechen.


Ehedessen hieß es: ein Mann ein Wort; jezt kann man bald sagen? ein Weib ein Wort; denn wenn das weibliche Geschlecht seine Versicherungen nicht aus Festigkeit des Karakters realisirt; so geschieht es bei ihm doch gewiß aus Eitelkeit. Immer besser, als gar nicht.


Die schönste Zierde eines deutschen Biedermanns ist, wenn er lieber Wort hält – als blos verspricht – Im Versprechen bedachtsam, im Worthalten feurig, dies zeichnet den Biedermann aus.


Der Mann, der gerne verspricht, hält gewiß desto schwerer Wort.


Wozu taugt wohl ein wortbrüchiger Mann, als um der Schande doppelte Schande zu machen?


So bald die Menschen untereinander nicht mehr auf Wort und Treue glauben können. Dann häuft sich gewiß auch das menschliche Elend. – Wortbrüchigkeit droht jeder gesellschaftlichen Pflicht den Sturz.


Wortbrüchigkeit an einem Freund, übersteigt jede Marter! Kann man dem Unglüklichen mehr thun, als das Heiligste, was er hingab, sein Zutrauen mißbrauchen? Besser den Dolch geradezu ins Herz, als schmeichelnde Niederträchtigkeit.


Freundschaft ist das gewöhnlichste Wort, wie kann es das heiligste seyn?


Sind die halb erschlaften Herzen unsrer jezigen Teutschen nicht zu kalt zur Freundschaft? – Wie viele Reihen unsrer jezigen Männer müßte man durchirren, bis man nur einen fände, der es in dieser Neigung seinen Vätern nachmachte?


Wer Freund im wahren Verstände seyn will, der muß die Fehler seines Freundes zu seinen eigenen rechnen sich selbst über den Freund vergessen; da groß und wohlthätig handeln, wo er seiner bedarf; je mehr er Fehler in seinem Freund erblikt, desto feuriger muß er an seiner Besserung arbeiten; selbst im Taumel der Leidenschaft muß der Freund dem Freund treu und standhaft anhängen, sich nicht durch pöbelhafte Schwäche in einem Zeitpunkt abstreifen lassen, wo minder edle von ihm weichen würden; kurz, er muß des Freundes Handlungen alle mit so viel Sorgfalt untersuchen, als ob die Natur ihn dahin gestellt hätte, um fest unzertrennlich an ein Wesen gekettet zu seyn, welches alle die Wohlthaten von der wahren Freundschaft zu erwarten das Recht hat.


Zeigt mir den Mann, zeigt mir das Weib, die fähig sind, Freundschaft nach dem wahren Sinne des Worts den kalten Menschen begreiflich zu machen? Zeigt mir sie – und die Welt soll mich dann nicht mehr, ein Sammelplaz so vieler zur Freundschaft Unwürdiger dünken.


Die Menschen unter sich würden weit eher zur wahren Freundschaft fähig seyn, wenn sie dieses herrliche Wort nicht hätten zum Alltagsspruch werden lassen. – Wenn sie ihre Verbindungen mehr auf gleiche Grundsäzze gründeten, wenn sie die häufigen Seeligkeiten dieser holden Menschenbeglükkerinn nicht so oft aus Fühllosigkeit, Unvernunft und Vorurtheil von sich stießen.


Ein leeres Herz, das nie für Freundschaft offen stand, eilt schnell jenem Zustande entgegen, der an Langweile, Missvergnügen und Schlafsucht gränzt. Ist wohl ein solches Leben dem Tode vorzuziehen?


Sperrt mich ein, martert mich, verfolgt mich unterdrükt mich; aber gebt mir nur einen wahren Freund an die Seite.


Der Mensch ist zum gesellschaftlichen Leben geschaffen, in der grossen Welt genießt er es bloß im gedankenlosen Taumel; an der Seite eines wahren Freundes hingegen, in namenloser Wonne!


Ich möchte, wenn es möglich wäre, den Mädchen allen, Neigung zur wahren Freundschaft einflößen. Dies wäre unstreitig das beste Mittel, ihre Herzen gegen den Neid zu sichern.


Glauben Sie mir Freundinnen, nicht die Freundschaft ist gefährlich, wie man es im gemeinen Sprichwort dafürhält – sondern bloß ihre Wahl.


Sanftes Mädchen, wenn du dir einen Freund aus dem andern Geschlechte wählen willst; so trage darauf an, daß er dir nicht mehr und nicht minder als Freund ist.


Ist es wohl eine so leichte Sache unter dem weiblichen Geschlecht Freundschaft anzutreffen? – Welche von Ihnen meine wertheste Leserinn hat Lust, mir diese Frage zu beantworten? – Ich bin zur Fehde, oder zum Frieden bereit; wie sie wollen. Aber jezt diese Frage öffentlich zu entscheiden, – darf ich um der schadenfrohen Männer willen nicht, so offenherzig ich auch sonst immer bin – nebst dem ist mir auch nicht wenig daran gelegen, ihre Empfindsamkeit zu schonen.


Empfindsamkeit ist ein trefliches Wort, wenn es nicht aus einer unwürdigen Quelle entspringt. Eigenliebe, Schwachheit, süße Romanen lesen, das Sirren eines Mondsüchtigen Liebhabers anhören, macht auch empfindsam; aber auf eine ganz andere Art. – Es giebt Mädchen, die über Empfindelei die wahre Empfindsamkeit vergessen.


Das, was die Zunge auf unzählige Arten zu verschonen weiß, das, was blos dem Ohre des Zuhörers gefallen will, das, was sich bei jeder Kleinigkeit unter Winseln und Seufzen ausdrükt, das, was bei dem Tode einer Mükke in Thränen übergehen kann, ist gewiß nicht wahre Empfindsamkeit, ist blos Affektation und Empfindelei. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein solches empfindendes Geschöpf bei Auftritten, die das Wohl der Menschheit betreffen, gerührt werden würde. – Wahre Empfindung ist nicht gesprächig – sie wohnt im Herzen, nicht im Munde.


In unserm Jahrhundert ist Empfindelei so zur einreißenden Sucht geworden, daß es wohl wider den großen Ton seyn würde, wenn sich nicht die meisten Mädchen recht fleißig bemüheten, blaßgelbe Empfindlerinnen zu werden. Gewinnt ein Gatte, gewinnt das Hauswesen dabei, wenn ihm eine solche Winslerinn zu Theil wird?


Liebe macht ein empfindsames Wesen schwermüthig, das ist nicht zu läugnen! – Aber diese Schwermuth ist stumm, verbirgt ihre Leiden, drükt sich durch Zeichen aus, die sich nicht nachahmen lassen.


Empfindelei hingegen ist Affengeschwäz, Schein, Nachahmung, leerer Schall, der nicht die geringste Probe aushielte, wenn der Kenner seinen Ursprung untersuchen wollte. Wahre Empfindung ist mit der Natur so übereinstimmend, daß dem Beobachter da, wo er sie gewahr wird, nicht der geringste Zweifel mehr übrig bleibt.


Es geht doch wunderlich zu in der Welt, alte Leute halten fast alles für Empfindelei, Junge alles für wahre Empfindung. O Wirr Warr! O Mißverstand.


Wer kömmt weiter in der Verbesserung seines Herzens; der Freimüthige, der alles gerade und bieder heraussagt – und wenn es auch seine eigenen Fehler beträfe – oder der Verschlossene, der durch Zurükhaltung weder seine eigene noch anderer Besserung befördern kann???


Edel freimüthig ist nur derjenige, welcher seine eigene Thorheiten, in Gegenwart anderer nicht schont. Wozu Ziererei und Verstellung; da wir alle doch blos Menschen sind?


Kein Denker wird dem Schriftsteller Freimüthigkeit verargen, so bald er sich anders nicht bis zum Paßquilliren herabwürdigt. Wenn der Sittenbeobachter mit Thorheiten und Lastern Komplimenten macht, wie weit wird er es dann in der Sittenverbesserung wohl bringen?


Das gesellschaftliche Leben hat seine Pflichten; wer sie nicht halten will, der entferne sich davon. Besser, als in demselben wie ein Erzgrobian erscheinen.


Wenn wir im gesellschaftlichen Leben keine Regeln des Wohlstandes beobachten wollten, wie bald wäre jede Harmonie unter den Menschen zertrümmert! Wie bald gliche jede Versammlung einer Bierstube, worinnen Zügellosigkeiten von allen Gattungen zum Vorschein kommen.


Eine der ersten Grobheiten im gesellschaftlichen Leben ist, wenn man unvernünftig genug seyn kann, den eintretenden Fremden mit Fragen zu überhäufen. Selbst die gleichgültigste Frage kann oft den Gefragten in Verlegenheit sezzen. Nicht alle Menschen sind zum Antworten bereit – nicht alle können Antworten – und die wenigsten antworten gewis nicht mit gutem Willen.


Uibertriebenes Fragen sezt Verdacht, oder nasenweise Neugierde zum voraus. – Ei, wie kann es doch Menschen geben, die diese löbliche Gewohnheit an sich haben? – Was einer in Gesellschaften gerne sagt und sagen darf, wird er sagen, ohne daß er gefragt wird.


Für den neugierigen Frager weiß ich kein besseres Gegenmittel, als ihn wieder mit Fragen zu überhäufen. – Da läuft denn der Fuchs so hübsch in seine eigene Falle, daß es eine Freude ist, den schlauen Dieb überlistert zu haben.


Freundinnen! – Ich kann das Fragen nicht leiden! Sonst würde ich sie jezt fragen, ob sie mit meinem guten Willen, mit meiner ungeheuchelten Aufrichtigkeit, mit meinem bischen angewandten Fleiß, sie zu unterhalten, mit meinen komisch-ernsthaften und aufrichtigen Launen, womit ich dieses Werkchen bei angehäuften Haushaltungsgeschäften, oft sehr zerstreut niederschrieb, ob sie damit zufrieden sind, so wie es ist???


Die Autorin: Marianne Ehrmann, geb. Brentano (25. November 1755 in Rapperswil – 14. August 1795 in Stuttgart) war eine deutsch-schweizerische Schauspielerin, Schriftstellerin und Journalistin der Aufklärung.

Marianne Ehrmann wurde in Rapperswil (Schweiz) geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern, Franz Xaver Brentano [aus der Binger Linie] und Sebastiana Antonia Conti, lebte sie ab 1775 zeitweise bei ihrem Onkel, dem Theologen und Aufklärer Dominikus von Brentano, der als Stiftskaplan und Geistlicher Sekretär im Fürststift Kempten tätig war und sie förderte. Sie heiratete 1777 einen spielsüchtigen Offizier. Die Ehe verlief unglücklich, der gewalttätige Ehemann tauchte nach Geldbetrügereien unter, und Marianne erstritt 1779 die Ehescheidung. Danach erlebte sie einen sozialen Abstieg. Verarmt schlug sie sich als Magd, Putzmacherin und Wanderschauspielerin durch.

Um 1780 schloss sie sich einer Schauspieltruppe unter dem Bühnennamen von Sternheim, der einem Roman von Sophie von La Roche entlehnt ist, an. 1784 trennte sie sich in Straßburg von der Schauspieltruppe und lernte ihren späteren, sieben Jahre jüngeren Ehemann Theophil Friedrich Ehrmann kennen. Er war ein erfolgloser Schriftsteller, den sie ein Jahr später aus Liebe heiratete.

1787 zogen die Ehrmanns nach Isny und versuchten, sich mit einem Verlag selbständig zu machen. Ein Jahr später erfolgte der Umzug nach Stuttgart. Auf große Resonanz stieß ihr autobiographisch gefärbter Roman „Amalie. Eine wahre Geschichte in Briefen“, der 1788 erschien. Ab 1790 gab die Aufklärerin Marianne Ehrmann die Frauenzeitschrift Amaliens Erholungsstunden heraus. Da der Selbstverlag der Ehrmanns den Erfolg der Zeitschrift nicht bewältigen konnte, stimmten sie einer Übernahme des Verlags durch Friedrich Cotta zu. Bereits ein Jahr später kam es aber zu unüberbrückbaren Konflikten mit Cotta, die dazu führen, dass Marianne Ehrmann die Zeitschrift einstellte, Cotta mit dem Abonnentenstamm von Amaliens Erholungsstunden die Zeitschrift Flora begründete und Marianne Ehrmann ab 1793 ihre Vorstellungen mit der bei Orell, Gessner, Füßli & Cie. erscheinenden Zeitschrift Die Einsiedlerin aus den Alpen verwirklichte.

Am 14. August 1795 starb Marianne Ehrmann-Brentano im Alter von 39 Jahren an Lungenentzündung in Stuttgart. (Quelle:  Wikipedia)

Cats Medienkommentar | Lesegenuss verzweifelt gesucht

Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden
Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden

Menschen, die in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen die Zeitung oder ein Buch lesen – dieses Bild erscheint uns heute weit weg, beinah nostalgisch. Was um uns herum in der Nähe und Ferne geschieht, erfahren wir meist auf die „moderne“ Art: schnell, kurz und vor allem kostenlos, über Online-Nachrichtendienste und Smartphone-Apps. Warum dies eben der Lauf der Zeit ist und Leser sich dennoch hin und wieder die Zeit für mehr nehmen sollten.

Eines vorweg: Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich teilweise selbst ertappt. Denn auch ich gehöre zu den „Digital Natives“, die Zettel und Stift im Prinzip „total retro“ finden und selten die Zeit einräumen (können), um ein Buch oder nur eine ganze Printzeitung mit anspruchsvollen Inhalten wirklich gründlich zu lesen. Sicher, gerade in der Literaturwissenschaft habe ich gelernt, viel, schnell und effektiv zu lesen, die wichtigsten Inhalte schnell herauszufiltern und argumentativ in die richtige Form für eine Klausur oder Hausarbeit zu bringen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn jeder einzelne Kurs im Semester mindestens die Kenntnis von drei Romanen verlangt (nachgeprüft durch „Text quizzes“ und „Textkenntnistests“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Veranstaltung). Pro Woche ein Buch – das ist für jemanden wie mich also keine Seltenheit gewesen. „Bulimielesen“ war angesagt – Plot, Charakterkonstellationen, stilistischer und struktureller Aufbau und vielleicht noch eine „Handlungsmessage“, die hinter dem Werk steht. Das alles innerhalb von viereinhalb Zeitstunden, oder auch drei Kursstunden, für die Prüfung am Ende des Semesters zusammengefasst, systematisch mit den nötigsten Informationen aufgearbeitet, seziert, analysiert. Ich glaube, mein „Leserekord“ im Laufe des Sprachen- und Literaturstudiums waren etwas mehr als 20 anspruchsvolle Literaturstücke jeder Art in Mutter- und Fremdsprache innerhalb eines Jahres. „Professionell“ gelesen, versteht sich (schließlich ist das Hauptjob eines jeden Geisteswissenschaftlers), nicht „einfach nur so“. Oder auch: Für die nächste Kursstunde „vorbereitet“. Wissenschaftliche Textauszüge zum jeweiligen Thema nun nicht mit eingerechnet. Was meinen persönlichen Seitenrekord während des Studiums und der Abschlussarbeiten angeht, habe ich niemals nachgezählt – wann hätte man auch die Zeit dafür gehabt. Vermutlich ist es einem auch irgendwann nicht mehr aufgefallen, wie viele Informationen das Hirn tagtäglich aus der Studienlektüre gespeichert, geordnet und archiviert hat. Dies wird Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen natürlich nicht anders ergangen sein – vielleicht nur über andere Mittel, Zugänge und Medien.

Schneller, kürzer, oberflächlicher

Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?
Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?

Wer schon einmal einen Roman mit einem tiefgründigen Thema und einer etwas komplizierteren Sprache in der Hand gehabt hat, weiß, dass viele davon alleine durch ihren Umfang von mehreren 100 Seiten bis hin zu vierstelligen Seitenzahlen mehr Zeit erfordern würden, als der durchschnittliche „Berufsleser“ zur Verfügung hat. Doch weil die Situation es erfordert (Deadlines warten nicht), wird genau jener „professionelle Leser“ alle Register ziehen, um die Prozesse rund um das Lesen zu vereinfachen, effektiver zu machen, auf eine Quintessenz zu reduzieren. Das schult einerseits die schnelle Auffassungsgabe, das strategische Denken in einem Gesamtzusammenhang und die geistige Flexibilität. Eine Kehrseite der Medaille: Wo nur ein Teil der Informationen zum Tragen kommt, geht auch viel verloren. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Die Konzentration auf einen bestimmten, vorgefertigten Fokus und darauf, dass die Verarbeitung nur auf ein Ziel hinausläuft (zum Beispiel eine Prüfung) lassen selten zu, dass wirklich viel im Langzeitgedächtnis hängen bleibt. Rückblickend kann ich mich nach fast drei Jahren nach dem Masterabschluss kaum noch an die Lerninhalte erinnern. Zumindest nicht an die, die ich mir eher „nebenbei“ aneignen musste. Der dritte, ziemlich triviale Nachteil des „Lesens auf Abruf“ liegt ebenso auf der Hand: Es macht einem hinterher einfach keinen Spaß mehr! Doch nicht nur bei Büchern zeigt sich der Trend, dass einfach weniger und oberflächlicher gelesen wird – auch Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind rückläufig. Und wenn Zeitungen oder Zeitschriften von der „breiten Masse“ abonniert werden, so behandeln sie meist recht oberflächliche Themen, „leichte Kost“, die von einem anstrengenden Lebensalltag ablenkt. Überhaupt – warum noch Printausgaben kaufen, wenn man doch die kurzen, knackigen Artikel aus dem grenzenlosen World Wide Web sogar kostenlos haben kann? In Anbetracht allgemeiner Freizeitknappheit und dabei steigendem Informationsbedarf eine berechtigte Fragestellung. Aber eine wichtige – für den Leser wie für den Medienschaffenden.

Der innere Leseschweinehund

Apps liefern alle Infos in ihrer kürzesten Form und bestimmen den Alltag der „Digital Natives“

Immer wieder häufen sich Klagen und Schlagzeilen, die auf einen Tenor hinauslaufen: Kinder und Jugendliche lesen zu wenig! Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ächzen unter Umsatzeinbußen und müssen sich entweder komplett einem Mainstream anpassen oder sich Marktnischen suchen. Auch der Buchhandel (vor allem der stationäre) klagt über Kundenschwund und Existenzschwierigkeiten. Aber sind wir hier wirklich so lesefaul, oder lesen viele, vor allem junge Menschen, einfach nur „anders“? Fest steht: Viele Kinder und Jugendliche haben keinen Spaß am Lesen ihrer Schullektüre, die meist aus umständlich geschriebenen „Klassikern“ wie Goethes „Werther“, Fontanes „Effi Briest“, Shakespeare oder Molière bestehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass diese Werke ursprünglich für intellektuelle Erwachsene geschrieben wurden – nicht für den Durchschnitt der Jugendlichen. Ich erinnere mich noch an einen Schüler in der Nachhilfestunde, der sich mit Shakespeares Early Modern English herumquälte und mich ziemlich ratlos fragte: „Wie soll ich denn irgendetwas verstehen, wenn schon die Sprache so komisch ist?“ In einem musste ich ihm recht geben: Die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten – gerade noch in einer Fremdsprache – muss dem durchschnittlichen, jugendlichen Leser nicht nur nicht zeitgemäß vorkommen, sondern auch stinklangweilig. Zumindest, wenn sie in der Schule aus Lehrplan- und Zeitgründen nur routinemäßig heruntergerattert wird und allein der Prüfungsvorbereitung dient. Ich selbst war vom Grundschulalter an zwar die die Beste, wenn es um Zahlen ging, aber dafür eine ziemliche Leseratte. Schwierige Bücher fand ich spannend und traute mich auch früh an den „Erwachsenenbücherschrank“ meiner Eltern heran. Mit 16 las ich „Jane Eyre“ auf Englisch und war beinahe ein wenig überrascht, als es mir mehr als zehn Jahre später im Masterstudium wieder begegnete und ich den Inhalt noch auswendig kannte. Vielleicht, weil ich es damals mit Vergnügen gelesen hatte – nicht, weil ich es musste oder ein Referat darüber halten musste. Das mit dem „Müssen“ ist nämlich auch immer so eine Sache, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ziele, die man vielleicht vorher noch als sportliche Herausforderung empfunden hat, werden auf einmal zu einer Art lästiger Pflicht. In meinem Fall möchte ich es mal „Analyseritis“ nennen – tatsächlich konnte ich bis nach Abgabe meiner Masterarbeit (und darüber hinaus) nur noch selten mit Genuss etwas lesen, ohne jede Seite im Kopf zu sezieren, sprachlich zu deuten und in irgendein erlerntes Schema einzuordnen. Mal „einfach so“ wieder einen Text zu lesen, ohne es mit einem Ziel zu verbinden – das musste ich nach dem Studium erst mühsam wieder lernen.

Z-Faktor: Was Zeit so wichtig macht

Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen
Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen

Egal ob Buch, Zeitschrift oder Zeitungsartikel, ob auf dem E-Reader, dem Tablet oder auf Papier, ob wissenschaftliche Aufsätze oder amüsante Satire: Texte brauchen vor allem Zeit, damit sie verstanden werden. Das ist manchmal schwer zu glauben oder auch einzusehen in einem digitalen Umfeld, das es uns erlaubt, bereits vorsortierte Nachrichtenmeldungen mithilfe einer Apps auf unseren Smartphones nur anhand von Überschrift und Textzusammenfassung durchzuscrollen. Und sicherlich haben sowohl analoge als auch digitale Formate, ob lang oder kurz, jeweils ihren ganz eigenen Wert und Charme. Für die schnelle Information zwischendurch mögen auch derartige Kurzmeldungen in Radio, Fernsehen oder auf Nachrichtenportalen ihren Zweck erfüllen. Dennoch kann dies nicht alles sein und die Neugierde auf Hintergründe, Überraschungen und spannende Details erfüllen. Denn manchmal lohnt es sich einfach, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Buch zu genießen oder sich wirklich über ein aktuelles Thema schlau zu machen. Mit dieser Kolumne möchte ich Sie – und auch mich selbst – dazu anregen, der Freude am Lesen wieder mehr Beachtung zu schenken. Immerhin: Wenn Sie diese Kolumne wirklich aufmerksam bis zum Ende gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt getan. Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben – und den Respekt, den Sie damit jedes Mal dem Autor erweisen.

Cats Gedankenwelt | Wir Klick-Krieger

Alles auf einen Klick? So einfach ist das nicht!
Alles auf einen Klick? So einfach ist das nun auch wieder nicht!

Es scheint, als funktioniere unsere Welt nur noch auf einer digitalen Ebene. Sich gegen qualvolle Pelztiertötung einsetzen? Einem Diktator die Meinung geigen, weil er Frauen und Homosexuelle in seinem Land unterdrückt? Für faire Bezahlung in Textilfabriken in Bangladesch kämpfen? Kein Problem – ein Klick genügt! So scheint es zumindest in der bunten, weiten Welt der Onlinepetitionen. Doch wo liegen die Grenzen des „grenzenlosen“ World Wide Web, wenn es um echte Hilfeleistung geht? Eine nachdenkliche Betrachtung.

Wann immer ich meinen Newsfeed bei Facebook oder mein E-Mail-Postfach öffne, springen mir Horrormeldungen über die unglaublichsten Dinge und Ereignisse entgegen – versehen mit dem Aufruf, in einer Onlinepetition dagegen meine Stimme zu erheben. Das Spektrum reicht dabei vom Schreddern männlicher Küken in Fleischverarbeitungsbetrieben bei lebendigem Leib (mir wird schon beim Gedanken daran ganz schlecht) über die Steinigung von ehebrechenden Frauen irgendwo in der afghanischen Wüste bis hin zu den fatalen Umweltfolgen des Frackings. Alle diese Dinge jagen mir zugegebenermaßen einen Schauer über den Rücken – vor allem Menschenrechtsverletzungen und Tierquälerei lassen mich keinesfalls kalt. Oftmals traue ich mich gar nicht mehr, die Infolinks zum Thema anzuklicken, wei es mich schon bei der Vorstellung schüttelt, dass es so etwas tatsächlich (noch) gibt. Glücklicherweise kommt man meist auch so zu der Onlinepetition – auf direktem Weg – und kann so direkt seine digitale „Unterschrift leisten“ gegen all dieses Unrecht, das um uns herum geschieht. Ab einer bestimmten Anzahl von „Unterschriften“ gelangt das Anliegen dann zu einer zuständigen Behörde oder einer karitativen Organisation. Zumindest versprechen dies die Aufrufe jedes Mal. Manches Mal frage ich mich jedoch: Wie viel bringt es, realem Unrecht mit Klicks auf einer Internetseite zu begegnen?

Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort
Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort

Protestkultur im digitalen Raum

Ich erinnere mich aus meinen Teenagerjahren noch gut an eine andere Form der Petition – die, die man „auf der Straße“ einholte. Meine beste Freundin und ich hatten in einer Zeitschrift über die Tötung von Straßenhunden in Osteuropa gelesen und wollten helfen. Im naiven Überschwang zweier jugendlicher Tierfreundinnen sind wir also losgezogen – mit ihrem eigenen Hund und meinem Nachbarshund, und haben Unterschriften für ein Protestschreiben an die Regierung an Haustüren gesammelt. Auch wenn es wahrscheinlich nicht viel gebracht hat – die meisten Menschen, die wir trafen, waren entweder beeindruckt oder zumindest stark gerührt von unserer Aktion. Auch heute gibt es noch Protestaktionen „im echten Leben“ – man erinnere sich an den „arabischen Frühling“, die Kundgebungen der Gewerkschaften für gerechte Löhne und diverse Kita-Srreiks, die so viele berufstätige Eltern in die Verzweiflung treiben und doch so notwendig sind, um auf den Wert sozialer Arbeit aufmerksam zu machen. Insgesamt jedoch – so scheint es mir zumindest – hat sich ein großer Teil der heutigen Widerstands auf den digitalen Raum verlegt. Wenn ich mir die Erzählungen meiner Eltern aus ihren „wilden Studentenzeiten“ anhöre, erzählen sie von Demos gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke und die Benachteiligung von Frauen. Im Film „We want Sex“, der kürzlich im Fernsehen lief, wird an die Streiks der Ford-Mitarbeiterinnen in England für gleichen Lohn erinnert und die Menschen der „prüden Sechzigerjahre“ erscheinen einem doch um einiges kämpferischer, als es heute, 50 Jahre später, oftmals erscheint. Es hat also ein Wandel in der Demonstrationsbereitschaft stattgefunden, aber woran liegt das und was sind die Auswirkungen?

Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise - Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung
Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise – Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung

Klicks allein reichen nicht

Es scheint im „digitalen Zeitalter“, wo alles Mögliche von einem Smartphone oder Laptop aus erledigt werden kann, nicht weiter verwunderlich, dass auch Petitionen und das Anbringen kritischer Stimmen via Internet Hochkonjunktur haben. Und ich möchte die derzeitige „Protestwelle per digitaler Unterschrift“ auch gar nicht schlecht reden. Ohne das World Wide Web als „Informationshighway“ wüssten viele von uns vermutlich nicht einmal, wozu Menschen (im negativen Sinne) fähig sein können. Vielleicht würden die zahlreichen Meldungen über die Verheiratung von minderjährigen Mädchen mit älteren Männern, über Massenvergewaltigungen, Lebensmittelskandale und all die anderen Dinge, gegen die Petitionsunterstützer online Sturm laufen, gar nicht so schnell bei uns ankommen. In der aktuellen Medien- und Infomationskultur müssen auch diejenigen unter uns, die bewusst die Nachrichten mit ihren Schreckensmeldungen über das Unrecht in der Welt vermeiden, sich damit beschäftigen – immerhin macht das Internet all diese „harten Fakten“ allgegenwärtig. Dennoch sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass Klicks und „Share“-Buttons auf einer Internetseite eben nicht alles sein können; dass man zwar irgendetwas zur Weitergabe wichtiger Informationen und zur Verbesserung gewisser Umstände beigetragen hat, aber dies eben für sich allein nicht ausreicht. Es braucht mehr, um wirklich etwas zu ändern und die Möglichkeiten, die der Einzelne hat, sind dabei umfangreicher, als mancher „auf den ersten Klick“ denkt. Wer online gegen die Misshandlung auf Pelztierfarmen protestiert, kann auf jegliche Art von Echt- und Kunstpelz verzichten, auch sein Umfeld auf diesen Missstand hinweisen und so ein Zeichen setzen. Wenn man die Massentierhaltung in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie veabscheut, kann man auf andere Bezugsquellen zurückgreifen oder versuchen, den Genuss dieser Produkte weitgehend einzuschränken. Kleinere oder größere Beträge an Organisationen wie die „SOS Kinderdörfer“ oder „Amnesty International“ zu spenden kann helfen, das Leben vieler anderer Menschen weltweit oder auch in der eigenen Stadt zu verbessern. Nicht zu vergessen: die Möglichkeiten, sich in der Flüchtlingshilfe oder für die örtliche „Tafel“ zu engagieren, um Armut und Not einzuschränken. Als Fazit möchte ich also vorschlagen: Onlineprotest ist der Teil eines großen Ganzen – doch mit Likes allein wurde noch kein Kampf gewonnen.

Martin Wehrle: „Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen“

Martin Wehrle ist, laut dem Magazin Focus, Deutschlands bekanntester Karriereberater. Seine inzwischen weltweit erschienenen Bücher sind Besteller. Nicht nur dank seines humorvollen, scharfzüngigen Schreibstils in Sachbüchern wie „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?“ ist Martin Wehrle hierzulande eine bekannte Größe. Der Autor, Coach und Karriereberater hat im Laufe seiner eigenen Karriere auch schon eine Menge miterlebt – Erfahrungen, die er in seinen Publikationen mit einer breiten Leserschaft teilt. „Der Blaue Ritter“ sprach mit dem vielseitigen Hamburger über seinen Berufsalltag, Todsünden in deutschen Führungsetagen und seine neuesten Buchprojekte – natürlich nicht ohne ein leichtes Augenzwinkern.

Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)
Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)

Der Blaue Ritter: Buchautor, Coach und Berater im Unternehmen – beschreiben Sie doch kurz Ihre berufliche Laufbahn!

Martin Wehrle: Ich bin von Haus aus Journalist, war Mitglied in Chefredaktionen und habe dann zwei Abteilungen für einen Lifestyle-Konzern aufgebaut und geleitet. Danach habe ich mich selbständig gemacht als Karriere- und Gehaltscoach und damit begonnen, Bücher zu schreiben. Einige davon sind große Erfolg geworden, vor allem „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ – es stand über 150 Wochen lang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

Der Blaue Ritter: Wie sieht Ihr Berufsalltag konkret aus? 

Martin Wehrle: Ich berate Menschen in Karrierefragen, schreibe und recherchiere, halte Vorträge (zum Beispiel über Führungskultur) und bilde andere Karriereberater aus. Menschen lassen sich u.a. von mir unterstützen, wenn sie im Beruf vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Soll ich Führungsverantwortung übernehmen – oder besser auf der Fachebene Karriere machen?“. Ähnlicher Bedarf entsteht, wenn jemand eine schwierige Verhandlung vor sich hat oder einen neuen Arbeitsplatz sucht.

Der Blaue Ritter: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Ihr erstes Sachbuch zu schreiben?

Martin Wehrle: Als Vorgesetzter habe ich selbst Gehälter verhandelt und erlebt, wie schlecht sich einige Mitarbeiter dabei verkaufen – oft die besten und fleißigsten. Deshalb wollte ich mein Chefwissen zu Gehaltsverhandlungen an Mitarbeiter weitergeben, sozusagen der Bericht eines Spions von der Verhandlungsfront. Auf dieser Idee basierte mein erstes Buch „Geheime Tricks für mehr Gehalt – Ein Chef verrät, wie Sie Ihren Chef überzeugen“.

Der Blaue Ritter: Als Coach und Unternehmensberater haben Sie schon eine Menge gesehen und erlebt. Können Sie sich an ein oder zwei wirklich absurde Erlebnisse erinnern?

n seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)
In seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)

Martin Wehrle: Genau solche Erlebnisse habe ich in meinem Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ festgehalten. Zwei Beispiele: Der Niederlassung eines Konzerns geht im November das Papier aus, aber der Etat dafür ist auch schon verbraucht. Man fordert aus der Zentrale einen Zusatzetat an. Doch der wird nicht bewilligt. Also verwenden die Mitarbeiter für ihre normalen Ausdrucke das Briefpapier, denn davon ist noch genug da. Die Folge: Bald geht auch das Briefpapier aus. Also steht ein angesehenes Unternehmen Anfang Dezember da und kann keine Rechnungen mehr stellen und keine Briefe mehr schreiben – es fehlt ja das Papier. Schließlich kaufen leitende Angestellte auf eigene Rechnung nach.

Oder: Die Mitarbeiterin eines Telekommunikationskonzerns liest morgens in der Zeitung, dass ihr Konzern am Vortrag eine Bombendrohung hatte. Um 12.30 Uhr hätte ein Sprengsatz in der Zentrale explodieren sollen. Zum Glück habe sich die Drohung als Scherz herausgestellt. Das Problem: Niemand war auf die Idee gekommen, das Gebäude zu räumen. Lieber hätte man die Mitarbeiter in Rauch aufgehen lassen als ein paar Minuten Arbeitszeit.

Der Blaue Ritter: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler und Irrtümer aus den Führungs- und Manageretagen?

Martin Wehrle: Die Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass sie das wahre Kapital des Unternehmens sind. Ihr Wissen macht eine Firma aus. Sie haben jeden Tag mit den Kunden zu tun, bieten Produkte und Dienstleistungen an, erhalten zuerst die Rückmeldungen des Marktes. Genau dieses Wissen fehlt oft, wenn Manager am grünen Tisch entscheiden. Mitarbeiter werden noch viel zu wenig einbezogen.

Der Blaue Ritter: In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft der Wirtschaft anderer Länder voraus und wo können wir noch von anderen lernen?

Martin Wehrle: Die deutsche Wirtschaft profitiert von ihrem weltweiten Ruf: Sie gilt als zuverlässig und solide. Nur ist dieser Stern am Sinken, da in Deutschland viel zu wenig Unternehmen gegründet und an den Weltmarkt geführt werden. Schauen Sie einmal die DAX-Liste an: Dort stehen kaum Unternehmen, die es nicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hätte. Ein Grund für diese Innovationshemmung ist ein übertriebenes Fehlervermeidungsdenken. Mitarbeiter fürchten Fehler so sehr, dass sie oft nichts wagen, gute Ideen für sich behalten. Ebenso geht es mit Gründungsideen.

Der Blaue Ritter: Stichwort Familienfreundlichkeit – wie schätzen Sie da den Unternehmensgeist in Deutschland ein?

Martin Wehrle: Völlig überholt. Wenn ein Mann Vater wird, stört sich zwar keiner daran, im Gegenteil: Er gilt dann als sichere Bank für die Firma, schließlich muss er das Geld für die Familie verdienen. Aber eine Frau in derselben Situation wird noch immer wie ein Atomreaktor mit Restlaufzeit behandelt: Man hängt sie langsam ab vom Karrierenetz. Man tut so, als wäre eine Entscheidung für ein Kind zugleich eine Entscheidung gegen die Karriere. Dabei lässt sich beides wunderbar kombinieren.

Der Blaue Ritter: Inwiefern lassen sich da noch Prozesse verbessern?

Martin Wehrle: Zum Beispiel müssen die Firmen erkennen, dass es nicht auf Anwesenheit ankommt, sondern auf Leistung. Warum gibt es immer noch kaum Führungskräfte, die nur zwei oder drei Tage die Woche arbeiten? Halten wie Chefs und Chefinnen immer noch für Aufseher, die ihren Mitarbeitern auf die Finger schauen müssen? Oder erkennt man eine funktionierende Abteilung nicht gerade daran, dass sie auch ohne die Führungskraft funktioniert? Ich kenne Frauen auch außerhalb der Führungsebene, die in vier Stunden pro Tag mehr leisten als manche Vollzeitkraft. Warum bekommen sie nur ein halbes Gehalt?

Der Blaue Ritter: Wie viele Bücher haben Sie bereits herausgebracht – und haben Sie ein aktuelles Buchprojekt am Laufen?

Martin Wehrle: Ich habe über 30 Bücher geschrieben: populäre Sachbücher, Fachbücher über Coaching und Bücher über mein liebstes Hobby, das Angeln. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch darüber, wie Menschen, die vor dem Sprechen denken, unter anderen Menschen bestehen können, die es umgekehrt halten – also vor dem Denken sprechen.

Der Blaue Ritter: Martin Wehrle privat – wie würden Freunde und Familie Sie charakterisieren?

Martin Wehrle: Als einen Menschen, der alles, was er anpackt, mit großer Hingabe tut; als einen, der es liebt, andere beim persönlichen Wachstum zu begleiten; als einen, der mindestens zehn Bücher auf seinem Nachttisch liegen hat (und an dreien gleichzeitig liest); und auch als einen, der die Natur liebt, sich im Stillen freuen kann und nicht zwangsläufig Lärm, Rummel oder Ruhm bräuchte.

Der Blaue Ritter: Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben, arbeiten oder Vorträge halten?

Martin Wehrle: Ich fahre gerne zum Angeln. Ich liebe es, an einem stillen See zu sitzen, wenn der Morgennebel dampft und die Sonne ihn ganz allmählich mit ihren zarten Strahlenfingern zerstreut. In der Ferne rufen ein paar Kraniche, ein blauer Eisvogel blitzt über dem Wasser auf, und ein paar Ringe an der Wasseroberfläche verraten, dass es hier tatsächlich Fische gibt. Solche Momente machen mich glücklich.

Der Blaue Ritter: Wenn Sie die Welt verändern könnten – was würden Sie zuerst tun?

Martin Wehrle: Ich würde eine Hass-Entsorgungs-Anlage errichten, durch die alle Menschen geschleust würden. Immer wieder bin ich entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun – ich denke dabei vor allem an die Terroristen des Alltags: die Mobber, die sadistischen Vorgesetzten, die Stalker, die Lästerer, die Hass-Poster im Internet. Letztlich müssen Menschen lernen, sich selber zu lieben. Nur wer sich selbst akzeptiert und liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Davon handelt mein aktuelles Buch „Sei einzig, nicht artig – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen“.

Der Blaue Ritter: Welche Tipps und Ratschläge würden Sie jungen Menschen für ihren Berufseinstieg auf den Weg geben?

Martin Wehrle: Denkt nicht an euren Lebenslauf und an die Erwartungen der anderen, denn ihr habt nur dieses eine Leben: Hört auf euer Herz! Fragt euch, welcher Beruf euch glücklich machen kann, wo ihr euch entwickeln könnt, wie ihr vielleicht sogar ein Hobby oder einen Teil davon zum Beruf machen könnt. Wer zum Beispiel fürs Leben gerne liest, kann in der Verlagsbranche Erfolg haben. Wer gerne Homepages programmiert, sollte sich fragen, ob die Informatik interessante Chancen bietet. Also nicht nach dem Arbeitsmarkt gehen – sondern nach den eigenen Bedürfnissen. Und: Gestattet euch Fehler und Fehlentscheidungen – oft lernt man bei Umwegen am meisten nicht nur über die Landschaft, sondern auch über sich selbst.

Der Blaue Ritter: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mitteilen?

Martin Wehrle: Das Motto, das ich meinem Buch „Sei einzig, nicht artig!“ vorangestellt habe: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.“ Ein Zitat von George Bernard Shaw.

Das Interview führte „Cats Couch“-Kolumnistin Anna Katherina Ibeling.

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Martin Wehrle

Foto: © A. Heeger
Foto: © A. Heeger

Martin Wehrle war Führungskraft in einem Konzern, ehe seine Erfolgsstory als Karrierecoach begann. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg und bildet Karrierecoachs aus. Er hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, bei Econ zuletzt den aktuellen Bestseller „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ (2012).  Quelle: ullstein buchverlage

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Mein Leben auf Heroin – Peter Grau* über Alltag, Libido & Zukunft

Heroin-Medikamentenflasche von Bayer
Heroin-Medikamentenflasche von Bayer

Herr Grau*, Sie haben mit 14 Jahren erstmals Heroin genommen und sind heute 42 Jahre alt. Gab es dazwischen eine Zeit, in der Sie keine Drogen konsumiert haben?
Nein, ich führe ein Leben unter andauerndem Opiateinfluss.

Sie sind also seit 28 Jahren nie völlig nüchtern gewesen?
Ja, und ich weiß, dass das für Außenstehende tatsächlich schwer nachzuvollziehen ist. Die meisten haben ein gut funktionierendes soziales Umfeld, Familie und Arbeit – etwas, das ihr Leben erfüllt. Das hatte ich schon als Jugendlicher nicht. Heroin hat mir alles gegeben, was mir fehlte. Und es ist noch heute ein Ersatz für vieles, das ich nicht hatte.

Das klingt, als hätten Sie resigniert.
Das mag so klingen. Aber ich bin nicht unzufrieden mit der Situation. Klar wünscht man sich bisweilen, voll in der Gesellschaft integriert zu sein. Aber für mich hat sich diese Option nie ergeben.

Warum nicht?
Ich habe große Mühe, mich auf andere Menschen einzulassen oder mich einzugliedern. Das habe ich nie gelernt. Ich wurde bereits in der Schule ausgegrenzt und hatte große Probleme mit meinen Mitschülern. Zu Hause habe ich nie einen normalen, liebevollen Umgang erlebt. Mein Vater war gewalttätig und hat unsere Familie früh verlassen. Meine Mutter hat mich mit 15 Jahren in ein staatliches Heim gesteckt. Das hat mir das Herz gebrochen und es hat mich fürs Leben geprägt. Ich wurde zum Misanthrop, wollte nie ein bürgerliches Leben führen. Ich hatte auch oft den Wunsch, nicht mehr weiterzuleben. Die Drogen haben mir in solchen Momenten geholfen.

Wie muss man sich einen Heroin-Flash vorstellen?
Ich erlebe alle Glücksgefühle, die mir sonst im Leben verwehrt sind. Wärme und Geborgenheit durchströmen einen.
Sie nehmen heute im Rahmen einer Substitutionsbehandlung einer Suchtklinik zweimal täglich Heroin.

Wie sind Sie in dieses Abgabeprogramm gelangt?
In der Drogenszene ging sehr bald das Gerücht um, dass ein solches Programm starten wird. Bei der zweiten Anmeldungswelle im Jahr 1996 wurde ich in das Heroinabgabeprogramm aufgenommen. Ich war die Nummer 202. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Ganz ehrlich? Ich glaube, ohne dieses Programm wäre ich schon längst tot. Es war wie im Paradies. Nach dem Schock der Schließung mehrer Plätze waren wir alle froh, dass es solche Anlaufstellen gibt. Ich bekam reinen Stoff unter sehr hygienischen Bedingungen. Mein Alltag erlangte plötzlich Strukturen, was vorher nie der Fall war. Irgendwann brauchte ich auch keinen Beistand mehr und konnte in einer eigenen Wohnung leben. Das klingt alles ganz banal. Aber diese Veränderungen haben mir sehr viel abverlangt. Heute habe ich Stabilität und innere Ruhe gefunden.

War ein Umstieg auf Methadon keine Option?
Ich habe es etwa vor zehn Jahren versucht. Es hat nicht dieselbe Wirkung wie Heroin. Methadon macht träge, schläfrig und antriebslos. Deshalb konsumieren viele neben Methadon auch noch Kokain und Amphetamin. Ich persönlich vertrage es auch körperlich nicht gut. Deshalb nehme ich seit 1996 nur noch Heroin.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Es ist sicher nicht ein Alltag, den man als «normal» bezeichnen würde. Ich habe nie gearbeitet. Dazu bin ich weder physisch noch psychisch fähig. Ich lebe seit 1994 von einer Invalidenrente. Ich gehe regelmäßig spazieren. Sport kann ich allerdings nicht mehr treiben. Mein Körper ist zu kaputt. Aber ich habe ein Hobby gefunden, das meinen Tag erfüllt: Ich liebe Onlinegames und habe inzwischen einen Clan von etwa 40 Leuten aufgebaut, mit denen ich regelmäßig spiele.

Sind Sie Single?
Ja. Aber, ich lebe seit 20 Jahren mit einem Mann zusammen. Wir haben uns auf den Hansaplatz kennen gelernt und danach eine Zeit lang in einer städtischen Betreuungseinrichtung zusammengewohnt. Später haben wir uns wieder getroffen und leben heute in einer privaten 2½-Zimmer-Wohnung, die uns der Bruder meines Wohnpartners vermietet. Wir führen ein sehr glückliches Leben. Ich habe in ihm einen Menschen gefunden, dem ich bedingungslos vertrauen kann und der mich in allem unterstützt. Es ist aber eine rein platonische Beziehung. Ich bin heterosexuell. Meine Libido hat sich aber vor zehn Jahren verabschiedet.

Wegen der Opiate?
Ich denke schon. Heroin ist auch hier eine Art Ersatz. Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt. Ich vermisse den Sex daher nicht. Abgesehen davon konnte ich mich als junger Mann halbwegs ausleben. Auf den Drogenstrich bin ich aber nie gegangen. Ich habe meine Sucht anders finanziert. Ein Jahr lang war ich wegen diverser Einbrüche in Haft. Ich bin nicht stolz auf dieses Kapitel in meinem Leben. Aber ich habe für meine Fehler gebüßt.

Hatten Sie nie den Wunsch, einen Entzug zu machen und ganz ohne Drogen zu leben?
Nein. Ich kenne nichts anderes und sehe darum auch nicht ein, was am Leben ohne Drogen erstrebenswert wäre.

Verstecken Sie sich hinter der Droge?
Das ist schon möglich. Und es gibt auch Tage, an denen ich es bereue, dass ich ein Leben in Abhängigkeit führe und deshalb nicht viel von der Welt sehen kann. Aber ich hatte die Wahl, und meine Wahl fiel immer auf die Drogen.

Kritiker der kontrollierten Drogenabgabe sind der Meinung, das Programm müsse auf den Ausstieg aus den Drogen hinzielen. Was sagen Sie dazu?
Man muss das etwas differenzierter sehen. Bei jungen Menschen, die frisch in die harten Drogen eingestiegen sind und den Absprung vielleicht noch schaffen, wäre ein Ausstieg als Programmziel sicher realistisch. Aber bei alten Junkies wie mir ist das keine Option mehr. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es gibt Menschen, die Drogen brauchen, um die Welt zu ertragen. Ich gehöre dazu. Es ist mir bewusst, dass das für Außenstehende schockierend wirkt, aber ich will nichts beschönigen.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, das Sie komplett vom Staat leben?
Nein, weil ich dem Staat eine Mitschuld daran gebe, dass ich so geworden bin. Ich wurde in der Schule ausgestoßen und später auch von Menschen schlecht behandelt, die für den Staat arbeiten.

Ist Heroin noch angesagt?
Die Droge entspricht sicher nicht mehr dem Zeitgeist. Ich glaube, junge Leute setzen heute eher auf leistungsfördernde Drogen wie Kokain und Amphetamin. Wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, dann hätte ich kaum Heroin genommen.

* realer Name der Redaktion bekannt.

Das Interview führte Oliver Simon

Cats Couch: Vater werden ist (doch) schwer!

Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer
Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“- ein bewährtes Sprichwort, das viele Männer aus dem Wortschatz ihrer eigenen Eltern und Großeltern kennen. Aber stimmt das in allen Fällen? Wohl kaum – werdende Väter müssen ebenso wie ihre Partnerinnen eine Menge mitmachen und ihr Anteil an der Schwangerschaftszeit und an den ersten Monaten mit Baby wird häufig unterschätzt.

Überall liest man in den sozialen Medien massenhaft über Schwangerschaft, Geburt und Stillen – als reine Frauenthemen. Das kann sehr praktisch sein, wenn man sich einfach über den derzeitigen Status Quo des Ungeborenen während der Schwangerschaft, eventuelle Schwierigkeiten und Lösungen und Erfahrungen anderer Mütter informieren möchte. Besonders, seit mein Mann und ich selbst ein Kind erwarten, bemerke ich immer wieder, wie sehr der Fokus meiner Umwelt sich auch auf die kleine Maus richtet, die da bisher unbehelligt in ihrer Fruchtblase heranwächst. Bis zu einem bestimmten Grad an Privatsphäre genieße ich das, denn es zeigt mir, dass ihnen allen etwas an „uns“ liegt. Manchmal fühle ich mich als werdende Mutter allerdings geradezu erschlagen von all den Ratschläge, Ideen und Fakten rund um diese Zeit voller neuer Herausforderungen und Überraschungen. Und ich vermisse gerade im medialen Kontext häufig eines: die Einbeziehung des Vaters, der ja in der Regel alles andere als unbeteiligt am „Projekt Kind“ ist.

Mehr als nur Erzeuger

Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft
Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft

Zugegeben, es gibt nicht wenige Fälle, in denen sich die Rolle des werdenden Vaters wirklich auf die eines Erzeugers und „Samenspenders“ beschränkt und wir Frauen für alles Weitere komplett allein verantwortlich sind. Zum Beispiel, wenn, abgesehen von finanzieller Unterstützung nach der Geburt, von Seiten des männlichen Partners absolut das Interesse am eigenen Kind fehlt. Oder wenn ein Kind „anonym“ durch eine Samenbank entsteht und „Mama in spe“ aus Prinzip keine Elternbeziehung mit dem Spender eingehen, sondern es allein erziehen möchte. Dennoch sollte den Männern, die sich vomn Beginn an als Väter einbringen, mehr Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht werden. Denn häufig wird bei aller Konzentration auf Mutter und Kind vergessen, was eigentlich ihr Partner bei Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit an Unterstützungsarbeit leistet. Ganz nach dem Motto: „An der Seite jeder entspannten Mutter steht ein engagierter Mann“ (oder in lesbischen Beziehungen eben eine zweite Frau – was ebenso viel Respekt verdient). Auch wenn die Verantwortung für ein neues Leben im Mutterleib, die Geburt und eventuell auch das erste Bonding nach wie vor weitgehend „Mamasache“ sind, tun unsere Partner dennoch eine ganze Menge, um uns all dies zu erleichtern!

Wofür wir dankbar sein können …

Mächtig unausstehlich: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden
Mächtig launisch: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden

Der Fels in der Brandung. Auch, wenn ich mich selbst eher zu den rationalen und „unkomplizierten“ Schwangeren zählen möchte, weiß ich, dass diese Zeit für andere Frauen eine sehr emotionsgeladene mit zahlreichen überschäumenden Gefühlen ist. Dabei wird oft und gerne vergessen, dass auch der Partner sicherlich seine ganz eigenen Unsicherheiten, Zweifel und Ängste hegt und die werdende Mutter damit nur nicht belasten will. Dabei sind diese sicherlich ebenso relevant und ernst zu nehmen wie die jeder hormonbelasteten Schwangeren – es lohnt sich also, über den eigenen Babybauch hinaus zu schauen und sich damit auseinanderzusetzen.

Wunder sind gratis und Unmögliches wird sofort erledigt. Während manche Zeitgenossin der Geburt und der ersten Zeit mit Baby eher gelassen und geplant entgegensieht, kann manch andere Schwangere, ohne es zu wollen, zu einem wahren Hausdrachen werden. Sie zufriedenstellen? Eine „Mission Impossible“, an der jeder Actionheld verzweifeln würde. Übrigens genießen die Partner jener Frauen, die unter dem Einfluss von Hormonen zu wahren „Mamamonstern“ mutieren, mein volles Mitgefühl und meinen Respekt für ihre Nervenstärle bei einem solchen Drahtseilakt. Es ist sicherlich nicht einfach, sich ständig mit Heulkrämpfen, „ich will aber Erdbeeren“-Trotzmomenten und Wutanfällen aus dem Nichts herumzuschlagen und dabei noch ein gelassener, liebevoller Freund oder Ehemann zu bleiben.

Auch mein Msnn und ich freuen uns schon auf unser "Kätzchen"
Auch mein Mann und ich freuen uns schon auf unser „Kätzchen“

Neue Aufgaben – höherer Einsatz. Je weiter Kind und Vorfreude wachsen, desto eingeschränkter werden wir werdenden Mütter in dem, was uns körperlich noch möglich ist. Dies bedeutet auch eine Menge mehr Einsatz für den Partner, denn zum Beispiel das Heben schwerer Gegenstände (auch Einkaufstüten) über fünf bis zehn Kilogramm, manche Haushaltstätigkeit, die mit Bücken oder Strecken verbunden ist oder längere Fußwege und Treppensteigen ohne Verschnaufpause sind irgendwann einfach nicht mehr drin. Außerdem übernimmt mancher Mann für seine Herzensdame, sollte sie wegen ihres Hormonspiegels etwas vergesslich geworden sein, auch gerne mal die „Managerrolle“. Auch in den ersten Wochen nach der Geburt winkt oft noch „Extraeinsatz“ in Form von Aufgaben, die in der Regenerationsphase einfach sonst ständig ebenso wie die frisch gebrackene Mutter liegen bleiben würden.

Teamwork ist gefragt

Etwas differenzierter betrachtet ist Vater werden also doch schwer, nicht erst, wenn der kleine Wirbelwind erst einmal auf der Welt ist. Dies soll die Verantwortung und Belastungen, die eine Frau buchstäblich „herumträgt“, keinesfalls schmälern oder herabsetzen. Im Endeffekt geht es darum, sich von einem funktionierenden Paar zu einem eingespielten Elternteam zu werden und das erfordert immer einen gemeinsamen Einsatz sowie eine Menge Zugeständnisse. Gerade in einer Zeit, wo Väter immer mehr und bereitwilliger Verantwortung im Familienalltag übernehmen und auch zum Teil ihre eigene berufliche Laufbahn für längere Erziehungszeiten unterbrechen – beides positive Signale dafür, dass sich etwas bewegt im morschen, konventionellen Rollengefüge. Ob als Versorger oder als ständig anwesender Ansprechpartner für seine Kinder: Väter sind wichtig. Damit „Papas in spe“ sich aber auch als gleichwertige Partner beim Abenteuer Familienplanung fühlen können, muss man auch einfach einmal sagen: Danke für alles!

Marianne von Werefkin – Der große Mond – 1923

Marianne von Werefkin - 1860–1938 - “Der große Mond”, 1923.
Marianne von Werefkin – 1860–1938 – “Der große Mond”, 1923.

Dieses Farbfeuerwerk lässt mich immer wieder auf dieses Bild blicken. Dieses Motiv habe ich in den 1980er Jahren als Postkarte geschickt bekommen. Von einer unerreichten Liebe, die mich tröstete und einen gemeinsamen Urlaub in Aussicht stellte. Leider hat sie vorher die (inzwischen verblühte) Liebe ihres Lebens kennen gelernt und geehelicht. Auch wenn ich das Herz dieser Frau nicht gewinnen konnte; für die Karte bin ich ihr immer noch dankbar. Inzwischen hängt der große Mond als Kunstdruck in meinem Arbeitszimmer. Die zwei Wesen rechts erinnern mich an Seelenverkäufer und treiben mich bei der Arbeit an, wenn ich mal wieder ins Tagträumen versinke.
In einem Malkurs habe ich versucht, dieses Werk nachzumalen. Es ist mir nicht gelungen. Das Wirken der verwendeten Farben habe ich nicht hineinbringen können. Meine Ausgabe wirkte wirkte ein „Malen nach Zahlen“.

Hendrik Bartels, Uetersen

Cats Gedankenwelt: Kommen und Gehen

Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen
Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen

Das Leben ist eine Wundertüte, man weiß nie, was man bekommt“, lautet ein Sprichwort. Wir modernen Menschen wollen davon nie etwas wissen und möglichst immer die Kontrolle über alles behalten, was uns auf dem Weg widerfährt. Und so sehr wir es versuchen: So ganz kommen wir aus dem Kreislauf von Anfängen und Schlussstrichen, Abschieden und Wiedersehen nicht heraus.

Erinnern Sie sich an die allererste große Veränderung in Ihrem Leben? Oder vielleicht an einen Abschied, der Sie in frühen Jahren bereits beschäftigt hat? Ich erinnere mich genau daran. Es war der Tag, an dem ich im Alter von vier Jahren erfuhr, dass mein Großvater nach langer Krankheit verstorben war. Weg, einfach … tot. Zwar wusste ich als Vorschulkind noch nicht genau, was es mit diesem „tot sein“ eigentlich auf sich hat, doch man hatte mir erklärt, dass mein Opa nun endlich an einem Ort wäre, wo er seine Schmerzen vergessen kann. Weiterhin, dass er eben auf ewig verreist sei und sein Weg in unserer Mitte eben geendet habe – zumindest in dieser körperlichen, berührbaren Form, wie ich ihn kannte. Natürlich stirbt die Erinnerung nicht allein dadurch, dass uns ein uns nahestehender Mensch verlässt, sonst könnten wir uns nicht so lange an jemanden erinnern und ihn im Herzen bewahren. Der Tod meines Großvaters, der mich durch meine gesamte Zeit als Kleinkind begleitet hatte, war nur der Anfang einer langen Kette von Abschieden und Wiedersehen, Verlusten und Neuanfängen. Ich denke, jeder kennt so eine Geschichte, die ihm erstmalig klargemacht hat, dass Dinge sich eben von einem Tag auf den anderen ändern können.

Eine menschliche Grunderfahrung

Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann - es gibt kein Zurück
Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann – es gibt kein Zurück

Jemanden oder etwas zu verlieren, gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schmerzen, die aber jeder erlebt. Ebenso, wie etwas Neues zu beginnen oder bisher unbekannten Menschen zu begegnen, die von dann an unser Leben mit prägen. Es schmerzt am meisten, je näher einem jemand gestanden hat. So hatte ich zum Beispiel bis zum 17. Lebensjahr eine langjährige beste Freundin, die jedes noch so große Geheimnis von mir wusste – vielleicht die letzte „Allerbeste“, die ich in diesem Leben haben werden. Denn wenn ich eines aus diesem Verlust gelernt habe, dann, dass freundschaftliche „Monogamie“ sich unendlich gut anfühlen, aber auch sehr tiefe Wunden reißen kann, wenn die Beziehung zerbricht. Habe ich also meine erste „Scheidungserfahrung“ schon hinter mir? Vielleicht, nur auf einer anderen, platonischen Ebene. Doch nach dem Scheitern kommt meist das Aufstehen, eine Neuorientierung, und ehrlich gesagt lässt einem die Zeit auch keine andere Wahl. Diese kennt immerhin keine andere Richtung als vorwärts. Wir lernen, dass jede Stunde, die vergeht, uns etwas Neues bringen kann – ob wir das nun gerade als angenehm und freudig oder unerwünscht und kräftezehrend empfinden.

Überraschungsmomente nutzen

Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein
Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein

Leben ist das, was passiert, während wir Pläne schmieden“ – irgendwann bekommt dies jeder zu spüren. Bei mir konnte wohl nichts so viel durcheinanderwerfen wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Es war vielleicht das, womit ich am wenigsten gerechnet hätte – ein Kind, jetzt? Noch vor der Unterzeichnung eines festen Arbeitsvertrages nach dem Volontariat? Und überhaupt- schaffen wir das alles? Ob Kind, neuer Job mit mehr Verantwortung oder ein neuer Wohnort weit weg von zu Hause – nur ein paar Dinge auf einer langen Liste an Veränderungen, die erst einmal zwiespältige Gefühle auslösen können. Einerseits löst das Neue eine freudige Neugierde auf das aus, was kommt. Andererseits lässt es manchmal den Magen rumoren bei dem Gedanken, was alles schiefgehen könnte. Oder auch die Erkenntnis, dass man sein bekanntes Umfeld verlässt, um woanders andere Luft zu schnuppern. Manchmal suchen wir bewusst einen neuen Anfang, manchmal „überfallen“ uns die Veränderungen einfach und wir fühlen uns zunächst überrannt. Es gilt nun, sich nicht vom Überraschungsmoment einschüchtern zu lassen und ihn für sich zu nutzen – so schwer dies in der ersten Verwirrung fallen mag. Was soll man sagen: Wir Menschen, oder die meisten von uns, sind eben Gewohnheitstiere und befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Misstrauen und Neugierde.

Den Abgrund überbrücken

Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein
Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein

Bei besonders tiefgreifenden Brüchen, Trennungen und Veränderungen im Leben erscheint es zunächst schwierig, nach vorn zu schauen, denn alles, was man sieht, gleicht einem tiefen, unüberbrückbaren Abgrund. Manchmal mit einer kleinen oder instabilen Brücke, die unmöglich zu überqueren scheint. Zumindest nicht ohne das Risiko, zu fallen und ohne jemanden, der auf der anderen Seite wartet und eine Hand ausstreckt. Doch zum Gück kommt es in Wahrheit selten vor, dass man vollkommen allein dasteht und keinen Anreiz sieht, den Weg auf die andere Seite zu wagen. Denn manchmal ist ein Weggehen auch wieder ein Ankommen – dort, wo neue Perspektiven, Risiken aber auch Chancen warten. Egal, wie düster der Horizont im ersten Augenblick erscheinen mag, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Lichtstrahlen wieder durch die Wolkendecke brechen. Also: Nur Mut. Mein Mann und ich freuen uns jedenfalls inzwischen sehr auf die spannende Zeit, die uns bevorsteht.

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“]Maria Aronov[/avatar]

Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Erich Ruhl | Impulsfrühling • Lyrik vorgelesen

Impulsfrühling

IMPULSFRÜHLING

Impulsfrühling
Impulsfrühling // Laubach – Foto: Erich Ruhl

Nicht steuernd
Staunend
Jahr um Jahr
Veränderungen wunderbar

Der Zyklus will nicht sein
Er ist
Untätig war sie scheinbar nur
Die große Mutter
Die Natur

Demut und Begeisterung
Bieten sich einander an
Nach vorne schauen
Frau und Mann

Das Harren wandelt sich
In den Impuls
Entfesselt magisch Energie
Kosmische Wahrheit gebäret sie

trennlinie2

© Erich Ruhl – März 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog
Von Herzen gern Resonanz erzeugen

AUDIOQUELLE:
http://www.audiyou.de/beitrag/impulsfrhling-7595.html

 

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Ein biografischer Roman

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Goldmann Verlag

Yael Dayan - BuchCover - Goldmann
Yael Dayan – BuchCover – Goldmann

Obwohl es sich zweifellos um einen autobiografischen Bericht handelt, heißt die Hauptperson des Romans Ariel Ron.
Sie erinnert sich in Frankreich an die Zeit, in der sie (unter anderem) auch ihren Wehrdienst  in der israelischen Armee geleistet hat. Als Tochter aus guten Hause, dazu eigenwillig und begabt, hat sie den Armee-Massenbetrieb als übel empfunden. Aber Selbstdisziplin, gestützt durch persönlichen Stolz und eine, allerdings jugendlich etwas verfrühten Menschenverachtung, lässt sie mit Demütigungen und körperlichen Strapazen gut fertig werden. Sie avanciert schließlich zum Leutnant und wird Beste des Offizierslehrgangs. Als Truppenführerin bewährt sie sich erneut.
Außerhalb ihres knappen Eigenlebens im Rahmen des militärischen Reglements entfaltet Ariel Ron auf Urlaub eine rührige Tätigkeit als Männerfängerin. Sie, die an der Unnahbarkeit ihres bewunderten Vaters überaus leidet, versucht (halb und halb ersatzweise) mit weiblichen Listen wenigstens andere Männer als Liebhaber zu gewinnen und auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege auch kleinzukriegen.

Nach anfänglichen Teilerfolgen misslingt  ihr der kühl gefasste Plan, die Brüder Ned und Bill gegeneinander auszuspielen, woran ihr ganz besonders gelegen gewesen ist. Sie erleidet eine peinliche Niederlage und findet sich daraufhin erst recht allein und unglücklich.

Aus ihrer Niedergeschlagenheit und ihrem Trotz-Bedürfnis, noch finsterer als bisher die Rolle der Menschenverächterin und jugendlichen Bösen darzustellen, wird sie schließlich von einem älteren Mann namens Peter Brend befreit. Brend liebt sie mit überlegener Uneigennützigkeit. Weder ihre eigenen Versuche, ihn menschlich zu enttäuschen, noch die üble (wenn auch wahrheitsgemäße) Nachrede Neds und Bills können ihn beirren.
Dadurch  wird schließlich dem Mädchen Ariel Ron die Einsicht zuteil, dass es statt auf die Menschenverachtung eher auf die Menschenliebe ankomme. Insofern blickt ein neues Gesicht sie aus dem Spiegel an.

Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan - Fotograf unbekannt.
Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan – Fotograf unbekannt.

Leider wurde der Titel bei der Übersetzung stark verfälscht, denn Ariel Ron zieht ihrem Gewehr durchaus junge Männer vor.. Es ist ein elektrisierendes, aber völlig sauberes Buch.
Ihren Roman „Neues Gesicht im Spiegel“ hat Yael Dayan ihren Eltern gewidmet.  Die Widmung entspricht diesem neuen Gesicht, mit dem ausgestattet die blutjunge Autorin ihre Mädchenbekenntnisse niederschrieben hat. Die Handlung ist recht dürftig, nämlich kaum verknüpft, eher hintereinanderweg erzählt. Trotzdem zieht den Leser eine angenehme Spannung rasch durch den Roman.
Die innere Handlung ergibt sich aus den seelischen Schwierigkeiten Ariel Rons. Es sind keine mitleiderregenden Schwierigkeiten , weil die kleine Persönlichkeit dieses Mädchen dank praller Lebenskraft und ruheloser Intelligenz ihre Probleme sozusagen verlebt, statt sie zu bejammern.
Letztlich geht es ihr im ihren Vater. Nichts erstrebt sie mehr als seine Anerkennung, allerdings vergebens. Er bleibt unzugänglich in der bekannten rauhen Schale und unglaublich bedeutend – eine denkmalartige Sagenfigur, der man nicht einmal mit Anbetung oder Hass beikommt.
Einen weiteren Supermann bietet die junge Dayan in Peter Brend, dem älteren Herrn, der sie von ihren Jugenmädchenwirren erlöst. Er ist die Güte selbst, die Väterlichkeit in Person. Im Grunde ist er der kindlich erträumte Vater, den sie im leiblichen Vater schmerzlich vermisst. Auf der weiblichen Personenseite kann nicht eine den dargestellten Männern das Wasser reichen. Es geht – vermutlich auch wegen dieser Fixierung auf den Vater – vorwiegend um Männer, aber alles jugendlich aufrecht und straff und dabei weiblich zurückhaltend.

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Das Ganze hat eine Jugend, eine Frische und Ehrlichkeit, wie sie in der neuabendländischen Jugendliteratur so gut wie unbekannt ist. Deutlich sind die Naivität, die unerfahrene Schwarz-Weiß-Malerei, die anfängerische Erzähltechnik; ebenso deutlich die junge Begabung.

Das Besondere: das Mädchen hat ausnahmsweise über seine Entwicklungserlebnisse so geschrieben, wie Mädchen dergleichen wirklich durchmachen. Die Autorin hat dabei sowohl auf konventionelle Vertuschungen wie auf ebenso konventionelle Enthüllungen verzichtet. trennlinie2Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr
Originaltitel: New face in the mirror
Broschiert
Verlag: Goldmann, München (1967)
Sprache: Deutsch
ASIN: B00O0BZOGA

Nur noch antiquarisch erhältlich.

Raphael M. Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen • PATTLOCH

Raphael M Bonelli • Selber schuld! • Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen

Raphael M. Bonelli Selber schuld! - BuchCover
Raphael M. Bonelli – Selber schuld! – BuchCover

Beschreibung
Heute verdrängen wir nicht mehr Sexualität, sondern Schuld: Klopft das Schuldgefühl an der Türe des Bewusstseins, geben wir schnell die heiße Kartoffel an andere weiter. Eltern, Lehrer, Ehepartner – alle sollen schuld sein, nur damit wir uns nicht schuldig fühlen müssen. Beim Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli legt sich die Unschuld auf die Couch. An vielen Fällen aus seiner Praxis zeigt er: Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid machen unfrei, bitter und oft auch wirklich krank. Der korpulenten Patientin ist klar: »An meinem Gewicht ist meine Familie schuld!« Der Ehemann schiebt den Seitensprung, bei dem er ertappt wurde, seiner bigotten Umgebung in die Schuhe, denn: »Ein gesunder Mann braucht das!« Und der überführte Dopingsünder sieht sich als Opfer der Medien. Bonellis Therapievorschlag lautet: Persönliche Schuld erkennen und selbst Verantwortung für das eigene Tun übernehmen. Wer zu einem schmunzelnden „Selber schuld!“ bereit ist, kann auch leichter anderen verzeihen.

„Über Sex zu sprechen ist heute kein Problem mehr, weder in Therapien noch in Talkshows. […] Aber über eigene Fehler sprechen – das geht gar nicht. Nichts ist so intim wie die eigene Schuld. Die Abwehraggression bei dem Thema ist deutlich spürbar, besonders auffällig natürlich bei Paartherapien, bei denen jeweils “Unschuld” auf Beschuldigung prallt. […] Wir verdrängen unsere Schuld, weil sie letztlich Schmerz bedeutet und wir Angst vor Schmerz haben. Viele Menschen tun sich heute schwer, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und haben sich ein entlastendes Erklärungsmuster von Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid zurechtgelegt. Fast jeder sieht sich als Opfer. Dieser Mechanismus ist aber der seelischen Gesundheit nicht förderlich … „

Rezension

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Der 1968 geborene Neurowissenschaftler und Psychotherapeut setzt sich hier vor allem mit der inneren Einstellung auseinander, selbst nie an der eigenen Misere schuld sein zu wollen. Schuld sind die anderen, die Eltern, die Lehrer, der Partner, die Lebensumstände usw.
Allerdings schränkt uns die Verdrängung der eigenen Schuld und das Ausweichen in die Fremdbeschuldigung sowie das Erstarren in der Opferrolle in unserem Handlungsspielraum ein. Als Opfer könne man nichts tun, um sich aus Verstrickungen zu befreien, die man möglicherweise selbst herbeigeführt hat. Wie der Patient, der dem Therapeuten vorwirft, dass der ihn nicht verstehe. Er leide doch so sehr unter der belastenden Situation, sich nicht zwischen Ehefrau und der Geliebten entscheiden zu können.

Lösungsansätze können also nur derart sein: Selbsterkenntnis und der Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Deshalb kann der Autor dem Ansatz mancher Kollegen, die jegliches Schuldgefühl bei ihren Patienten eilends „wegtherapieren“ wollen, nichts abgewinnen: es blockiert den Weg zur Selbsterkenntnis.
Dr. Bonelli macht in seinem Buch immer wieder unmissverständlich klar, dass es ihm NICHT um Schuldgefühle und Belastungen geht, die beispielsweise aus Stoffwechselstörungen, Krankheiten oder aus traumatischen Erlebnissen herrühren. Er betont, er wolle keine Schuldgefühle züchten, sondern dazu ermutigen, einen einmal erkannten Fehler, eine Schuld nicht zu verleugnen, sondern an ihr zu reifen und den Handlungsspielraum zurückzugewinnen, den Verleugnung, Verdrängung, Opferstatus und Fremdbeschuldigung eingenommen hatten.

Der Verfasser beleuchtet u. a. folgende Mechanismen detailliert – Zitat:
„Es gibt eine Reihe von psychopathologischen Mechanismen, die dem normalen, fehlerhaften Menschen die Schuld nehmen und ihn in ein Unschuldslamm verwandeln: Perfektionismus, Ichhaftigkeit, Selbstwertüberhöhung, Narzissmus, Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität, Selbstmitleid, Abgrenzung, Lebenslügen, Selbstbetrug und innere Widersprüchlichkeit. […] Alle diese Faktoren sind verwandt miteinander, bedingen einander und überschneiden sich auch teilweise. Sie nehmen die Verantwortung und blockieren den Menschen in der Makellosigkeit. Alle diese Ingredienzien sind jedenfalls zur artgerechten Aufzucht eines makellosen Unschuldslamms hilfreich. (S. 67)“

Im letzten Teil erarbeitet er anhand der alltagstauglichen Begriffe Kopf, Herz und Bauch, wie der Mensch vermeiden kann, die oben erwähnten Mechanismen zu aktivieren.
Bonelli lenkt den Blick des Lesers auf die Auswirkungen, die der gängige Zeitgeist – alles ist einfach und ohne Pflichten – so mit sich bringen kann. Dazu bedient er sich zum einen ausführlicher Fallbeispiele, die nur auf den ersten Blick nichts mit unserem “normalen” Alltag zu tun haben, bei genauerem Hinsehen jedoch genau die Denkweisen und Denkfallen verdeutlichen, die die meisten von uns kennen.
Zum anderen leitet er die großen Abschnitte jeweils mit einer literarischen Gestalt ein, die er darauf hin untersucht, wie sie mit Schuld und Schuldgefühlen umgeht. Da findet sich Faust neben Franz Moor und Gregorius neben Richard York. Auch Michael Kohlhaas, Anton Hofmiller, Raskolnikow und Ebenezer Scrooge werden beschrieben. Jean Valjean (Autor von „Die Elenden“) bildet dann den Abschluss.

Obwohl der Autor durch und durch akademisch geprägt ist, schreibt in einer für den Laien verständlichen Sprache und setzt mit Humor und Zuspitzungen zur Verdeutlichung ein. Er zeigt, wo es notwendig ist, die Überschneidungen, aber auch die zu beachtenden Grenzen zwischen Psychologie als Wissenschaft, Therapie und Religion. Immer wieder bettet er seine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Kontext und die Arbeit anderer Kollegen ein und wer will, könnte danach anhand der erwähnten Literatur ein ausgedehntes Selbststudium betreiben.

Mein Fazit
Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl, mal wieder meine „Windschutzscheibe“ geputzt zu haben.
Dr. Bonellis Buch macht deutlich, dass verschiedene therapeutische Schulen eben verschiedene Menschenbilder als Grundlage haben und man vermutlich gut damit beraten wäre, dies zu Beginn einer Therapie zu klären.
Das Buch ist zur Selbstreflexion ein Gewinn und hilft zudem die Menschen im eigenen Umfeld besser zu verstehen. Eine Einladung mit sich und anderen versöhnlicher umzugehen.

Der Autor:
Raphael Maria Bonelli (* 10. September 1968 in Schärding, Österreich) ist ein österreichischer Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Die Website des Autors: www.bonelli.info/


Raphael M. Bonelli
Selber schuld!
Ein Wegweiser aus seelischen Sackgassen
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-629-13028-0
€ (D) 19,99 / € (A) 20,60
Erscheinungstermin: 1. März 2013

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören • aufbau Verlag

Hartmut Fladt • Der Musikversteher • Was für fühlen, wenn wir hören

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BuchCover

Klappentext
Was hören wir – und wenn ja, warum?
Warum lieben wir die eine und hassen die andere Musik? Wer erschuf den mächtigsten musikalischen Orgasmus der Geschichte? Wie können wir uns vor Ohrwürmern schützen? Hartmut Fladt entschlüsselt die Magie unserer Lieblingslieder, ohne sie kaputt zu analysieren, und erzählt Geschichten über ihre Schöpfer. Ob Vivaldi, Michael Jackson oder die No Angels: Wenn Hartmut Fladt die Ohren spitzt, lüften sich die Klangschleier, und wir finden endlich bewiesen, dass E nicht besser ist als U und die Beatles künstlerisch so wertvoll sind wie Mozart. Denn Musik ist eine uralte Sprache, die wir alle verstehen können. Hartmut Fladt reicht uns das Handwerkszeug dazu – unterhaltsam, lässig, witzig.

Von Helge Schneider bis Beethoven, von Bach bis Tokio Hotel – Hartmut Fladt lehrt uns die Sprache der Musik zu verstehen.
Was Richard David Precht für die Philosophie tut, leistet Hartmut Fladt für die Musik. [Diesen Satz hätte sich der Verlag wirklich sparen können!]

Rezension
Kann man Musik genießen lernen? Warum bringt uns Musik zum Weinen, und wie nistet sich ein Ohrwurm ein? Solchen Fragen geht der Musiktheoretiker Professor Hartmut Fladt nach.Was recht spannend ist: Der Autor zeigt auf, wie die Rockband Queen Johann Sebastian Bach gecovert hat.

Mein Fazit
Als Hobbymusiker macht es Spaß,  die Analysen des Autors Fladt nachzuvollziehen. Durch die vielen Beispiele aus der Musikwelt, wirkt das Buch nicht zu theoretisch, weitgehend gut lesbar,-  die musikalischen Grundlagen –  Von Johnny Cash „I walk the Line“ bis Deep Purple „Smoke on the water“  – Statt theoretisch-abstrakter Harmonielehre berieten die vielen Beispiele auch dem Laien Vergnügen. Dieses Buch füllt eine Lücke und hat mich in meinem Spiel weitergebracht.

Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) - Foto: Frank Guschmann  - CC BY-SA 3.0
Prof. de:Hartmut Fladt beim Radio Eins Parkfest (2013) – Foto: Frank Guschmann – CC BY-SA 3.0

Der Autor
Hartmut Fladt, geboren 1945 in Detmold, studierte Komposition, Philosophie und Musikwissenschaft. Seit 1981 ist er Professor für Musiktheorie an der Universität der Künste in Berlin. In einer wöchentlichen Sendung auf Radio Eins erklärt er seinen Fans an aktuellen Beispielen aus den Charts das Phänomen Musik. Er lebt in Berlin.

trennlinie2Gebundene Ausgabe: 329 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 2 (20. August 2012)
ISBN-10: 3351027532
ISBN-13: 978-3351027537
Mehr über das Buch beim Verlag

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“ target=“_blank“]Maria Aronov[/avatar]

Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe • Brief 4 • Konstantinopel • Süleyman I & Roxelane

Ein ReiseBrief an Ihre Mutter über den Palast des osmanischen Sultans Süleyman I, dessen  des Lieblingsgemahlin Hürrem Sultan, genannt auch Roxelane und die Haremsführung. Die Autorin Ida von Hahn-Hahn wird heute gern an zeitgeistigen, politisch-korrekten Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen. 

Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel'schen Weltchronik, Blatt 129v/130r - 1493
Holzschnitt von Konstantinopel aus der Schedel’schen Weltchronik, Blatt 129v/130r – 1493

Ida von Hahn-Hahn: Orientalische Briefe – Brief 4

4. An meine Mutter

Konstantinopel, September 9, 1843

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Ein Brief über den andren! – Immer denke ich: heute will ich das ganze Paket fortschicken, und immer lege ich noch ein Blatt hinzu. Heute, liebes Mamachen, könnte ich Dir wohl etwas Interessantes schreiben, denn ich war in der Sophien- und der Achmeds-Moschee; – allein zu flüchtig, und deshalb spare ich es mir auf. Ich muß durchaus die Sophia noch einmal mit Muße und noch mehr Moscheen überhaupt sehen. Du wunderst Dich wohl, wie mir dies so schnell gelungen ist, indem man dazu eines Firmans bedarf? Prinz Bibesko, der neue Hospodar der Walachei hat einen solchen, und sein Bruder, sein Gefolge, seine Landsleute benutzen ihn. Unter letzteren befindet sich ein liebenswürdiges Ehepaar, das in unserem Gasthof wohnt, und so machte es sich. Es war ein mächtiger Zug, alle Männer zu Pferde, einige auf sehr schönen mit goldgestickten Schabracken, andre auf Kleppern; ein Gewühl von Dienern, von Dolmetschern drum herum, denn jeder hatte den seinen mitgebracht, um über alles Auskunft haben zu können; andre Reisende, die sich ebenfalls anschlossen, als sie hörten wohin es ging; der Kawass allen voran. Das ist der Mann, den der Sultan als Wache bei solchen Gelegenheiten gibt, und den außerdem alle Gesandten haben, denn unter seinem Vortritt wird man respektiert.
Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnDie walachische Dame und ich, wir wurden trotz einigen Sträubens ehrenhalber in einem horriblen Wagen gesetzt, den man Coci nennt – (was die türkische Rechtschreibung betrifft, so lasse ich mich nicht auf sie ein, und schreibe nur wie ich die Worte verstehe) – das ist eine kleine gondelförmige Kutsche, die keine Federn – aber dafür vergoldete Gittertüren, keine Sitze – aber in allen vier Ecken einen ovalen Spiegel, keinen Schlag – aber eine rote Leiter hat. Auf dem flachen Boden, den ein wenig Stroh und ein dünner Teppich dürftig deckte, saßen wir lang ausgestreckt und schrieen Ach und Weh, denn wir fuhren nicht bedächtig nach türkischer Weise durch die holprigen Straßen, sondern europäisch im starken Trabe, um den Reitern nachzukommen, und ein Diener lief nebenher und hielt den Wagen an bedenklichen Stellen. Dafür hatten wir die Satisfaktion in einem vergoldeten, obzwar etwas schwärzlichen Wagen zu sitzen. Leider war unser gesamter Zug ein wenig zu tumultuarisch und ungeordnet. In die Sophia stürmten wir grade zwischen zwölf und ein Uhr, zur Zeit des Gebets, so daß wir gleich wieder fortgewiesen wurden. Der Kawass remonstrierte, aber umsonst! Ein alter Geistlicher hob wehklagend die Arme und rief »Allah! Allah!« – wir mußten fort. Ein Knabe wollte mich mit seinem Rosenkranz schlagen. Die Tochter meiner Mutter ist aber nicht geboren um sich schlagen zu lassen! Sie drohte so majestätisch mit ihrem Zeigefinger, daß der Bursche ganz erschrocken zurückfuhr – was mich sehr belustigte, da er doch schon zwölf, dreizehn Jahre alt sein mochte. Ich könnte es hier zu Lande auf die Dauer nicht aushalten – nicht die Verachtung ertragen, mit der der Muselmann auf den Giaur herabsieht. Ich bin nun einmal so: ist man fein artig, bin ich fein artig; ist man hochfahrend, bin ich zehnmal hochfahrender. Ich würde hier Händel haben. Als wir in unserem Coci dahin rasselten, blickten die türkischen Frauen neugierig hinein, und eine machte eine Pantomime verächtlichen Abscheus mit den Händen. In ein solches Land habe ich mich verstiegen! Nun, ich wollte die Türkei; dergleichen ist gewiß türkisch. – Also später von den Moscheen. – Unsre wilde Jagd durchsauste ein Gebäude, das wirklich in der äußern Architektur den idealistischen Vorstellungen entspricht, welche wir uns vom orientalischen Baustil machen: Sultan Mahmuds Grabmal ist feenhaft lieblich. Das Grabmal ist die große Angelegenheit der Orientalen. Es spricht sich darin das unabweisliche Bedürfnis des Menschen aus, über die Handvoll Jahre hinaus zu leben, die man das Leben nennt. Diese Sehnsucht nach Fortdauer hat allerdings einen zu materiellen Charakter, wenn man die ägyptischen Pyramiden, die kolossalsten aller Königsgräber betrachtet – das mag wohl sein! Aber hier nimmt sie doch eine gewisse geistige Wendung, und die rührt mich wo ich sie finde. Fast jeder der früheren Sultane hat eine Moschee erbaut, und seit Harun al Raschids Zeit war es ein Gesetz der Mohammedaner stets mit derselben eine Schule zu verbinden. Die osmanischen Sultane erweiterten es, stifteten Bäder, Wohnungen für arme Studierende, Küchen für Arme, Fontänen dazu, und erbauten zwischen diesen Wohltätigkeitsanstalten ihr Grab, das meistens aus einer Rotunde besteht. Die Gastfreiheit, die Pflege und Erquickung der Wanderer, ist ein Hauptgebot des Islams, so daß, wer einen Brunnen in der Wüste oder eine Fontäne in der Stadt stiftet, eine gute Tat getan hat, weil das Wasser im Orient etwas Seltenes und Köstliches ist. Sultan Mahmuds Grab ist nur mit einer Fontäne verbunden, aber es ist der graziöseste Bau in Konstantinopel! In der Mitte zwischen zwei achteckigen Pavillons steht eine runde Säulenhalle, die mit jenen beiden durch eine Galerie verbunden ist. Das Ganze ist um vier Stufen erhöht und besteht gleich diesen aus schneeweißem Marmor. Die Fensteröffnungen der beiden Pavillons, der Galerien, und die Räume zwischen den Säulen sind mit wunderhübsch gearbeiteten vergoldeten Eisengittern gefüllt, so daß Du an dem ganzen Bau nichts siehst, als Goldgewebe zwischen Marmor, und durch die Gitter hindurch, die Rosen-, Myrthen- und Jasminhecken des kleinen Gartens. In dem einen Pavillon steht Sultan Mahmuds Sarkophag; eine prächtige goldgestickte Samtdecke ist über den Sarg gebreitet, und sieben köstliche Shawls, vier gestreifte in allen Farben, und drei weiße à fond plein, liegen wiederum über der Decke. Der rote Fez mit blauem Quast und mit einer funkelnden Sonne von Diamanten, steht oben an dem Kopfende und um ihn herum, fast wie eine Krawatte, ist der achte Shawl gelegt, der schönste von allen, weiß mit zarten Blumengirlanden durchrankt. Eine Ballustrade von Perlmutter umgibt den Sarkophag. Noch einige in derselben Art, aber minder prächtig, kleiner, ohne Juwelen, Personen seiner Familie, Töchter, Schwestern enthaltend, befinden sich außerdem darin. Die Wände sind Marmor, und den Fries bilden Sprüche aus dem Koran, fußlange wunderliche, goldne Schriftzüge, die graziöseste Arabeske, auf grünem Grund – recht helles Apfelgrün; das ist die heilige Farbe, denn Mohammeds Farbe war grün wie der Erdball über den sie sich ausbreiten wollte. Der Fußboden ist mit einer feinen Strohmatte bedeckt. Aber etwas Unpassendes und Geschmackloses durfte nicht fehlen! Die Wölbung der Kuppel ist mit häßlichen, schreienden Farben ausgemalt, und zwei große braune Wanduhren stehen neben der Tür und gehen – auf dieser Stätte wo die irdische Zeiteinteilung ihre Wichtigkeit verloren hat.

Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. - Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. - Nach 1560
Miniaturzeichnung des alten Suleiman I. gefolgt von seinen beiden has-oda aghas. – Bibliothek des Topkapi Palast Museum, Hazine 2134, fol. 8a. – Nach 1560

Der andere Pavillon ist ein Kiosk – Gartenhaus – des Sultan. Die Halle in der Mitte ist über dem Quell errichtet, und fünf goldne Gitter zwischen Säulen schließen sie nach der Straße ab. An jedes dieser Gitter sind vier goldne Tassen mit goldnen Ketten befestigt, und jeder der trinken will reicht eine Tasse in die Halle hinein, wo ein Mann den ganzen Tag beschäftigt ist eine goldne Kanne am Quell – und aus ihr die Tassen der Durstigen zu füllen. Zum Dank soll man ein Gebet für Sultan Mahmuds Seele sprechen. Ich habe Dir dies kleine Monument so ausführlich beschrieben, weil es das erste ist, das ich im Geist wie in der Ausführung vollkommen orientalisch gefunden. In ganz Europa sah ich nichts, das auch nur mit einer Ahnung hieran erinnert hätte.
Ich sagte vorhin etwas Geschmackloses dürfe nicht fehlen, und das ist nicht unwahr. Dies Geschmacklose ist immer das Europäische: ein fremdartiges Element, das sich eingedrängt hat und nun seinen Platz behauptet – gleichviel wo. Wir besahen unter dem Schutz des Firmans auch die hohe Pforte, den Palast des Großwesirs, in welchem die Staatsgeschäfte besorgt werden. Der Name rührt daher: die alten morgenländischen Könige saßen zu Gericht, um einem jeden zugänglich zu sein, vor dem Tor ihrer Städte oder Wohnungen. Der Morgenländer, mit seiner Vorliebe für vergleichende Bilder, stellt sich den komplizierten Staat als ein Gebäude vor, dessen Ein- und Ausgang der Sultan beherrscht gleich jenen alten Königen; und daher für den ganzen Staat die kurze Bezeichnung Pforte. Die Versammlung des osmanischen Staatsrates heißt Diwán, d. h. Dämonen, Genien, weil den Staatsräten dämonische Klugheit und Tätigkeit beiwohnen soll. Auch die Gedichtsammlungen heißen Diwán, weil man voraussetzt, daß der Genius sie beseelt. Jener Palast der hohen Pforte ist ganz neu erbaut von Stein, mit Säulen und Freitreppen von weißem Marmor. Die innern Treppen, und alle Gänge und Fußböden sind mit feinen Strohmatten bedeckt, auf denen man leise und leicht, sehr angenehm geht. Die Zimmer sind meistens groß. Dem Eingang gegenüber sind die Fenster – eine wahre Fensterwand, wie in Treibhäusern – und unter ihnen zieht sich das Sofa hin, das aus einzelnen breiten Polstern zusammengesetzt wird, und mit schönen Stoffen von Seide, mit Gold, Silber oder Samt durchwirkt, überzogen ist. Außerdem befinden sich in ein Paar Zimmern ziemlich mittelmäßige Spiegel, und in den übrigen nichts – aber auch gar nichts. Das könnte nun etwas durch Einfachheit Grandioses haben, wenn nicht die Wände wie von schlechten europäischen Stubenmalern mit Landschaften bepinselt wären, die kleinlich und hart, unter den versilberten und vergoldeten Plafonds doppelt ärmlich, die Augen des Fremden immer auf sich ziehen, weil sie in so grellem Kontrast mit allen Umgebungen sind.
Im Saal wo der Staatsrat gehalten wird, befindet sich in der einen Wand ein goldnes Gitter, das so aussieht, als ob es eine Loge verschlösse. Hinter diesem Gitter, auf einem rosenfarbenen Sofa unter silbernem Baldachin, wohnt der Sultan ungesehen den Sitzungen des Diwan bei. Es war glaube ich Suleiman der Große (1520 – 66) der auf diese Weise den Diwan belauschen und kontrollieren wollte, und später fanden es die Sultane bequem, und überließen ganz und gar den Vorsitz im Staatsrat den Großwesiren, so daß diese herrschten, nicht jene. Sultan Mahmud, in dem wenigstens der Trieb nach Tüchtigkeit war, soll wieder in eigener Person den Vorsitz übernommen haben. Allein Sultan Abdul-Medjid wird von seinem Harem wie von einer tausendköpfigen Hydra zu fest umschlungen um dem Beispiel seines Vaters zu folgen, und die Sultanin Walidé ist dem alten Zustand der Dinge geneigt, und hat großen Einfluß auf ihn. Das Weiberregiment ist hier nichts Neues. Die Sultanin Chasseki (Günstlingin) und Walidé (Mutter) – eine Sultanin-Gemahlin gibt es nicht, denn der Sultan hat nur gekaufte Sklavinnen, die sich durch Schönheit, Intrige, Geburt von Söhnen, zur Günstlingin und zuweilen zur einzigen Günstlingin emporschwingen – nun, jene zwei Klassen von Sultaninnen haben oft genug vom Harem aus das Reich gelenkt. Und nicht bloß unter schwachen Regierungen und in Zeiten des Verfalls, wie z. B. die reizende Venezianerin Baffa, Murads III. – und die hochsinnige Griechin Kössem, Achmeds I. Günstlingin, die beide im siebzehnten Jahrhundert ihre Gewalt mißbrauchten, und beide in Empörungen erwürgt wurden. Sondern auch Suleiman I., der Große, der Eroberer, der Gesetzgeber, war so ganz in den Fesseln seiner geliebten Russin Roxelane, daß er seine zwei Söhne von einer anderen Sklavin ermorden ließ, um dem ihren den Thron zu sichern. Vielleicht muß man als Sklavin so viel Ränke, Liste und Künste üben, daß man allendlich unzerreißbare Netze zu weben versteht, auf deren Schlingung man in freieren Verhältnissen nicht so eingeübt wird. Ich kann mir vorstellen wie ein Harem das Brutnest aller bösen Eigenschaften wird, deren Keime im Charakter des Weibes schlummern. Immer von Nebenbuhlerinnen umgeben, immer bewacht und umringt von diesen Scheusalen, den Eunuchen, immer unbeschäftigt, muß Eifersucht, Neid, Bitterkeit, Haß, Lust an Ränken, grenzenlose Gefallsucht als helle Flamme aufschlagen. Man will die gehaßten Nebenbuhlerinnen besiegen – das liegt in der Natur jedes Weibes! Und sage man immerhin, daß die Orientalinnen an den Harem gewöhnt sind und daß Gewohnheit alles erträglich, ja leicht mache, so ist das eine von den vielen halbwahren, abgebrauchten Phrasen. Ja, sie treten in das Joch des Harems, und dessen Form ist ihnen zur Gewohnheit geworden; aber gegen den Inhalt sträubt sich ihr Instinkt – ich will nicht sagen ihr Bewußtsein, denn das mag bei wenigen erwachen – nur der Instinkt, der unabweisliche, allmächtige. Da keine Geistes- und Seelenbildung ihn bändigt und regelt, wie sollte es da nicht zu den heftigsten Ausbrüchen, zu den tiefsten Gemeinheiten, zu den größten Grausamkeiten kommen. Der Harem ist die wahre Anstalt um den Charakter der Frau zu verderben, und es ist wohl schade, daß er für europäische Augen mit undurchdringlichen Scheiern umgeben ist. Denn ich hoffe zwar einen Harem zu besuchen, damit ich türkische Frauen unverschleiert, im eigenen Hause, und zugleich ihr Benehmen gegen Fremde sehe; aber wie es für alle Tage darin zugeht, wie die Weiber sich untereinander vertragen, wie weit die Herrschaft der rechtmäßigen Frau – denn außer dem Sultan haben die Türken eine oder ein paar rechtmäßige Frauen – über die Sklavinnen sich erstreckt, die doch auch bei dem Herrn zur Ehre der Günstlingschaft gelangen: das bleibt ein Rätsel! Vielleicht verbirgt es traurige und böse Geheimnisse! – In jedem Fall ist eine Frucht aus dem Harem erwachsen, die wesentlich dazu beitrug den Verfall des Reichs herbeizuführen, nämlich die Prinzenerziehung, oder eigentlich ihre Existenz in demselben. Um Bruderkriegen, Familienzwisten und Empörungen von Verwandten vorzubeugen, machte Mohammed II. die Hinrichtung von Brüdern und Verwandten bei der Thronbesteigung eines Sultans zum Staatsgesetz. So ließ Selim I. bei der seinen, 1512, zwei Brüder und fünf Neffen umbringen; so Mohammed III., 1595, neunzehn Brüder! Gar nicht aus besonderer Grausamkeit, sondern höchst gelassen nach dem Gesetz. Sie sollten das Reich nicht beunruhigen. Als nach dem siebzehnten Jahrhundert die Zeit etwas weniger bluttriefend und gräuelvoll wurde, hielt man die Prinzen von der Wiege an im Harem, damit ihnen ehrgeizige und hochherzige Gedanken zwischen Eunuchen, Weibern und Sklaven gründlich ausgerottet wurden und der Herrscher nichts zu fürchten habe. Ihr Gemach im Harem hieß der Prinzenkäfig. Aus demselben ging der Thronfolger hervor, wenn der regierende Sultan starb, natürlich vollkommen unerfahren, ohne Kenntnis von Menschen, Dingen und Verhältnissen, ganz bereit auf dem Thron zu vegetieren, so wie die übrigen Prinzen im Käfig bis zum Ende ihres Lebens fortvegetierten. Sultan Abdul-Medjid ist auch im Harem aufgewachsen; sein Vater hat keinen tüchtigen Nachfolger haben wollen, heißt es. Auf diesem Boden kann nichts Starkes, ich möchte sagen nichts Gesundes gedeihen.
Durch eine Kaserne flogen wir auch, von der ich nichts behalten habe, als daß im Stall sehr miserable Pferde standen, durch die Münze, die im Bau begriffen ist und zu deren Einrichtung man die Maschinen und Instrumente aus England kommen läßt; und durch ein Arsenal, worin seltene alte Waffen, die kostbaren Schlüssel von den Toren Konstantinopels, und Handwaffen früherer Sultane aufbewahrt werden. Es war einst die Kirche der heiligen Irene, und Kreuzform und Kuppeln haben sich den neuen Anforderungen fügen müssen; das Grabmal des heiligen Johannes Chrysostomus befindet sich in ihr. Es liegt samt der Münze schon innerhalb der Ringmauern des Serai, und man versuchte auch tiefer vorzudringen; allein es hieß, die Gesellschaft sei zu zahlreich um das Innere besuchen zu dürfen. Das war mir sehr unangenehm, und doppelt, weil es für neun Zehntel dieser Gesellschaft wirklich gleichgültig gewesen wäre, ob sie es gesehen hätten oder nicht. Sie hätten höchstens Vergleiche darüber angestellt ob es verdiene dem Schloß von Windsor oder dem Palais royal oder einem anderen königlichen Palast an die Seite gesetzt zu werden, und nicht daran gedacht, daß dies eben das Serai der Großherrn sei, und auf demselben Platze stehe, wo ehedem der große Palast der byzantinischen Kaiser sich erhob. Nun, ich konnte sie nicht wegschicken, und muß auf eine andre günstige Gelegenheit warten.
Außer diesem Serai, das der Winteraufenthalt der Sultane, und mit crenelierten Mauern umgeben ist, über welche sich prachtvolle Zypressen erheben, gibt es noch verschiedene andere großherrliche Paläste zum Sommeraufenthalt bestimmt, den von Beglerbey auf der asiatischen Seite des Bosporus, von Bekschischtasch – der im Bau begriffen – und von Tschiragan, der eben vollendet ist auf der europäischen; ferner Paläste von Sultaninnen Tanten und Schwestern – wobei es einem sehr auffällt, daß nie von einem Palast für die Brüder oder Vettern die Rede ist, bis man daran denkt, daß diese Ärmsten, wenn man ihnen das Leben gönnt, im Prinzenkäfig leben müssen. Der Palast von Tschiragan steigt auf weißen Marmorstufen und mit einer langen Säulenhalle von weißem Marmor, leuchtend aus dem Bosporus empor. Er ist kein regelmäßiger Palast, sondern eine Agglomeration von zahlreichen, unter sich ganz verschiedenen Pavillons, die durch Galerien und Terrassen verbunden sind. Aber diese fantastische Unregelmäßigkeit gefällt dem Auge, weil der Baumeister verstanden hat eine gewisse Harmonie, eine Übereinstimmung in das Ganze zu bringen. Und dann macht der weiße Marmor sich so schön zwischen dem blauen Vordergrund des Bosporus und dem grünen Hintergrund der aufsteigenden Hügel; und die beiden großen vergoldeten Eisengittertore sehen so imposant und zugleich so zierlich aus! Es kühlte meine Bewunderung etwas ab, daß ich erfuhr, dies wunderhübsche Gebäude sei von Holz, wie alle die der Großherr bewohnt. In der Ferne hält man es natürlich für Marmor. Als wir heute nah vorüberfuhren konnte man das Holz gewahr werden an den kleinen bunten Malereien, die auf einigen Pavillons angebracht sind, und an den allerliebsten spitzenähnlichen Galerien, welche sauber geschnitzt die Dächer von anderen umgeben. Der Holzbau ist hier der allgemeine. Man hält ihn für gesünder, weil der Bosporus feuchte Luft erzeugt, die in einem steinernen Hause – ohne Ofen, nach türkischer Sitte – der Gesundheit nachteilig sein würde; und bei den Erdbeben, die hier so häufig vorkommen, sind allerdings die leichten hölzernen Häuser weniger gefährlich.

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Ida_Gräfin_von_Hahn-HahnIda Hahn-Hahn, eigentlich Ida Marie Louise Sophie Friederike Gustave Gräfin von Hahn (* 22. Juni 1805 in Tressow; † 12. Januar 1880 in Mainz). Die Adlige war eine deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Klostergründerin. Sie entstammt dem uradeligen Geschlecht der Hahn. Sie selbst benutzte mit Vorliebe den Doppelnamen „Gräfin Hahn-Hahn“.

Ida Gräfin Hahn-Hahn galt als eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit. Sie erfuhr Anerkennung von Literaten wie Eichendorff und Fontane, aber auch Ablehnung: Ihre manierierte und mit Fremdwörtern gespickte Erzählweise wurde persifliert – so vor allem in dem Roman Diogena ihrer Konkurrentin Fanny Lewald – und ihre elitäre aristokratische Haltung kritisiert. Heute wird sie gern an zeitgeistigen Standards gemessen. Äußerungen über Türken und Araber, ebenso wie ein mehrmals sich manifestierender offener Rassismus, wie er beispielsweise in ihren Schilderungen von Negersklavinnen in den Orientalischen Briefen erkennbar wird, machen ihre Reiseberichte über den Orient aus heutiger Sicht zu einem fragwürdigen Lesevergnügen. Andererseits steht diesen Ansichten jedoch eine immer wieder betonte und angemahnte religiöse Toleranz in Bezug auf „Mohammedaner“ und Juden gegenüber, und es macht sich zumindest der prinzipielle Wille der Autorin bemerkbar, auf die als fremd empfundenen Sitten und Gebräuche des Orients einzugehen.

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Mariza • Mundo • Musical Fado

AlbumCover - Marzia Mundo - Warner
AlbumCover – Marzia – Mundo – Warner

Die portugiesische Fado-Sängerin Mariza [Marisa dos Reis Nunes] hat im Oktober 2015 nach 5-jähriger Schaffenspause ein neues Album veröffentlicht. In der Ankündigung zum Album „Mundo“ versprach die Sängerin „ein anderes Konzept“. Es ist wahr, das hat sie geliefert. „Mundo“ ist bemerkenswert, nicht wegen ihrer Auswahl der Lieder, sondern wegen der Qualität ihres Gesangs.
Ihr letztes Album aus dem Jahre 2010, Fado Tradicional, war überzeichnet und scheiterte weil es zu sehr Bezug auf ihre hoch emotionalen Live-Auftritten nahm. Mundo ist dagegen von „Musical Fado“ dominiert, in dem Mariza die Stücke traditionell interpretiert – und mit ihrem Gesang in ein Farbenmeer taucht. Vom gedankenvollen Rio de mágoa über die zarte Öffnung in Paixão, lernen wir eine entspannte, persönliche und intime Mariza kennen. Die Songs reichen vom robusten Fado Klassiker Anda O Sol Na Minha Rua (bekannt durch Amália Rodrigues) bis hin zum argentinischen Tango; ein beschwingter Song von den Kapverdischen Inseln und fadogefärbte portugiesische Balladen. Zudem hat Mariza einige Stücke in englischer Sprache gesungen.

All diese Lieder lässt die Sängerin durch ihre bemerkenswerte und verzaubernde Stimme erblühen.

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MUNDO
2015 – Warner

PLAYLIST
01. Rio de Mágoa 02. Melhor de Mim 03. Alma 04. Saudade Solta 05. Sem Ti 06. Maldição (Fado Cravo) 07. Padoce do Céu Azul 08. Caprichosa 09. Paixão 10. Anda o Sol na Minha Rua 11. Adeus 12. Missangas 13. Sombra 14. Meu Amor Pequenino

trennlinie2MUSIKER:
José Manuel Neto – Portuguese Guitar
Pedro Jóia – Acoustic Guitar
Charlie Mendes – Acoustic Bass guitar
Alfonso Pérez – Piano and Keys
Israel Suárez “Piraña” – Drums and Percussion
Professor Joel Pina – Acoustic Bass Guitar in “Maldição” and “Anda o Sol na Minha Rua”
Rui Veloso – Piano in “Meu Amor Pequenino”
Javier Limón – Flamenco Guitar in “Alma”
Carlos Leitão – Acoustic Guitar in “Maldição” and “Anda o Sol na Minha Rua”

Produced by Javier Limón

Haydn – Über seine Vorbilder und wen er verehrte

[avatar user=“KonradKollek“ size=“medium“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/?s=konrad+kollek“]Konrad Kollek [/avatar]

Joseph Haydn, Schwerpunkt des diesjährigen SHMF, galt als Genie und Musikerneuerer. In loser Folge veröffentlichen wir Beiträge zu diesem musikalischen Vorbild.

Franz Joseph Haydn (Rufname: Joseph, * 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; † 31. Mai 1809 in Wien) war Komponist zur Zeit der Wiener Klassik. Er war Bruder des Komponisten Michael Haydn und des Tenors Johann Evangelist Haydn.

Den größeren Teil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Haydn als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie Esterházy, wo er deren Orchester und Oper leitete. Die Abgeschiedenheit von anderen Komponisten und musikalischen Strömungen beschrieb er mit dem bekannten Zitat: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“

1797 vertonte Haydn für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Franz II. das hierzu bei Lorenz Leopold Haschka ebenfalls vom Hof bestellte Gedicht Gott! erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!. Die Melodie war bis zum Ende der Habsburgermonarchie 1918 die der Österreichischen Kaiserhymnen und fand auch danach noch in der Ersten Republik Anwendung. Im Jahr 1841 wurde ihr das extra hierzu gedichtete Lied der Deutschen von Heinrich Hoffmann von Fallersleben unterlegt, das in dieser Form 1922 die Hymne des damaligen Deutschen Reiches wurde.

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Nicola Antonio Porpora - Maler unbekannt - 18. Jhrdt.
Nicola Antonio Porpora – Maler unbekannt – 18. Jhrdt.

Obgleich Haydn einmal scherzhaft äußerte, dass er von allen geliebt und geachtet werde, ausgenommen von Musikgelehrten , so waren doch gerade die größten Musiker stets bereit, der anderen Größe anzuerkennen. Haydn selbst scheint von Eifersucht gänzlich frei gewesen zu sein. Seine Bewunderung für den berühmten italienischen Komponisten und Gesangslehrer Nicola Antonio Porpora ging so weit, dass er sich entschloss, sich Zutritt zu seinem Hause zu verschaffen und sein Diener zu werden. Nachdem er die Bekanntschaft der Familie gemacht hatte, in der der „Virtuose der italienischen Arie“ lebte, betraute man ihn mit dieser Aufgabe. Jeden Morgen bürstete er jetzt den Rock des alten Herrn aus, putzte die Schuhe und brachte seine Perücke in Ordnung. Zuerst war Porpora über den Eindringling aufgebracht; aber sein Unwille besänftigte sich bald und ging in Zuneigung über. Er entdeckte das Genie seines Dieners und geleitete ihn durch entsprechenden Unterricht auf jene Bahn, auf welcher Haydn später solche Bedeutung erlangte.

Haydn selbst war ein begeisterter Bewunderer Händels. »Er ist unser aller Vater,« sagte er einst. Scarlatti folgte voll Bewunderung Händel durch ganz Italien und wenn sein Name genannt wurde, bekreuzigte er sich zum Zeichen der Verehrung. Mozart zollte dem großen Komponisten nicht weniger herzliche Bewunderung. »Wenn Händel will,« sagte er, »so fährt er drein wie der Donnerkeil.« Beethoven pries ihn als den »König im Reiche der Musik.«

Als Beethoven auf dem Sterbebett lag, sandte ihm einer seiner Freunde Händels Werke in vierzig Bänden als Geschenk. Sie wurden in sein Zimmer gebracht und sie mit wieder erstrahltem Glanz in den Augen in sich aufsog. Dann rief er aus, mit dem Finger auf sie zeigend: »Hier – hier ist die Wahrheit!«

Joseph Haydn - KompositionHaydn erkannte nicht nur das Genie derer an, die vor ihm lebten, sondern auch seiner jungen Zeitgenossen wie Mozart und Beethoven. Engstirnige Menschen mögen auf ihre Genossen neidisch sein, aber wahrhaft große Männer suchen und lieben einander. Über Mozart schrieb Haydn: »Ich wünschte nur, ich könnte jedem Freunde der Musik und besonders großen Männern dieselbe Tiefe musikalischer Sympathie und die Wertschätzung der unnachahmlichen Musik Mozarts mitteilen, die ich empfinde und genieße; dann würden Nationen miteinander ringen, um solch ein Juwel in ihren Grenzen zu besitzen. Prag sollte sich nicht nur bemühen, diesen köstlichen Mann festzuhalten, sondern ihn auch gebührend zu belohnen; denn ohne dies ist die Geschichte eines großen Genies wahrhaft traurig …. Es bringt mich auf, dass der unvergleichliche Mozart noch nicht von einem kaiserlichen oder königlichen Hof engagiert worden ist. Vergebt mir meinen Zorn; aber mir ist der Mann so teuer.«
Mozart erkannte ebenfalls die Verdienste Haydns hochherzig an. »Mein Herr,« sagte er zu einem Kritiker, als sie von jenem redeten, wenn Sie und ich verschmolzen würden, so würden wir noch nicht genug Material für einen Haydn liefern.« Und als Mozart zum ersten mal Beethoven hörte, bemerkte er: »Hören Sie diesem jungen Manne zu, und seien Sie versichert, dass er sich in der Welt einen großen Namen erringen wird.«

Cats KolumnenFotoalbum • Stand Februar 2016

Was wären Texte im Web ohne Bildwerk?! Unsere Kolumnistin fotografiert für ihre Beiträge selbst. Und da diese Aufnahmen eine schöne Ergänzung zum Menschen „Cat“ sind, gibt es diese Galerie rund um Cat, ihre Katzen & das Leben. Sie wird stetig erweitert.

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Daniel Barbiero • Die Anamnesis von Platon • musikalisch interpretiert

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 Lizenz: Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 3.0 United States – Quelle: http://freemusicarchive.org/music/Daniel_Barbiero/Solo_Double_Bass/

„Wie nun die Seele unsterblich ist und oftmals geboren, und, was hier ist und in der Unterwelt, alles erblickt hat, so ist auch nichts, was sie nicht hätte in Erfahrung gebracht, so daß nicht zu verwundern ist, wenn sie auch von der Tugend und allem andern vermag sich dessen zu erinnern was sie ja früher gewußt hat. Denn da die ganze Natur unter sich verwandt ist, und die Seele alles inne gehabt hat: so hindert nichts, daß wer nur an ein einziges erinnert wird, was bei den Menschen lernen heißt, alles übrige selbst auffinde, wenn er nur tapfer ist und nicht ermüdet im Suchen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Erinnerung.“ (Platon, Menon 81c f.)

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Anamnesis (auch Anamnese, griechisch ἀνάμνησις anámnēsis „Erinnerung“) ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie und Seelenlehre, dem zufolge alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden ist, aber bei der Geburt vergessen wird. Der menschliche Intellekt erschafft kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an das vergessene. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. Das Wissen steht der Seele zwar immer potentiell zur Verfügung, sie hat aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn das vergessene Wissen durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Lehrer gezielt gibt, erinnert sich die Seele des Lernenden an etwas, das ihr eigentlich bereits vertraut ist. Platon erörtert das Anamnesis-Konzept in den Dialogen Menon, Phaidon und Phaidros.

Den Ursprung des latenten Wissens verortete Platon gemäß seiner Ideenlehre im transzendenten Bereich der Ideen. Mit seinem Anamnesis-Konzept gab er den Anstoß zur philosophischen Auseinandersetzung mit dem Problem einer apriorischen – von der sinnlichen Erfahrung unabhängigen – Erkenntnis. – Quelle: wikipedia

HIer sehen Sie Bilder aus der Collage in angenehmer Größe:

Erich Salomon • Historische Fotos aus der Weimarer Republik

Erich Salomon • Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken

Erich Franz Emil Salomon (*1886 in Berlin; † Juli 1944 in Auschwitz) war ein deutscher Jurist, Fotograf und Bildjournalist.

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Quelle: Erich Salomon – Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken
Verlag: Peter Hunter-Salomon – 1978
Erstveröffentlichung: 1931

Tayyib Salih • Die Hochzeit des Zain • Eine Erzählung • Unionsverlag

Cover der Ausgabe des Unionsverlag
Cover der Ausgabe des Unionsverlag

Die Geschichte beginnt damit, dass verschiedene Leute im Dorf erfahren, dass ein Mann namens Zein verheiratet werden soll. Zein ist nicht, was die meisten als attraktiv bezeichnen würden, ist er dürr wie eine knorrige Ziege, haarlos und durch den Akt der Geister hat er bis auf zwei vordere Zähne alle anderen verloren. Trotz seiner skurrilen Art und seinen unersättlichen Appetit, ist Zein beliebt im Dorf. Immer wieder verliebt er sich in die schönsten Frauen des Dorfes; ist er dann mit dieser Liebe erfüllt, lässt er dies alle Welt wissen. Es vergeht dann kaum Zeit und die ersten „edlen Freier“ buhlen um diese Frauen.

Kein Wunder also, dass sich die Mütter sehr um Zains Gunst bemühen, um ihre Töchter durch diesen erfolgreichen Liebesboten an die besten Männer der Gegend zu vermitteln. Niemand scheint es aber wirklich wahr zu nehmen, dass Zain sich zwar ständig verliebt aber am Ende doch allein bleibt. Zu wichtig ist die „gute Partie“ für die Familien, denn die bringt reiche Mitgift.

Der Zain ist aber nicht nur ein erfolgreicher Kuppler, er ist Bindeglied für alle Gruppen im Dorf, welches in drei große Lager gespalten ist: den Anhängern des Imam und dessen Gegners, die zum größten Teil aus jungen Männern besteht.  Die einflussreichste Gruppe besaß alle Felder des Dorfes, die Männer waren alle verheiratet, hatten Kinder und trieben Handel. Sie kümmerten sich um alle offiziellen Feierlichkeiten und sorgten für den reibungslosen Ablauf. Der Zain stand ganz für sich; er schlichtet Streit, führt mit seiner fröhlichen Art immer wieder zusammen und spricht mit den Randgruppen des Ortes, denen eher aus dem Weg gegangen wird.  So hält er eine Gemeinschaft zusammen, die immer wieder auseinander zu brechen droht.

Eines Tages nun prophezeit im sein Freund Hanin, dass auch er sein Glück findet und das beste Mädchen im Dorfe heiraten wird. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Dorf und sorgt und scheucht alles Leben auf. Diese Hochzeit würde alle boshaften Stimmen verstummen lassen und Zain zum Manne werden lassen.

Die Hochzeit von Zain ist eine reizvolle, gut zu lesende Erzählung über eine bunte Gemeinschaft und den sehr liebenswerten Mann in ihrer Mitte. Es ist das Buch für Leser, die fernab des Mainstreams Literatur und fremde Kulturen entdecken wollen. Die Szenerie einer traditionellen, muslimischen Stadt im Sudan an der Schwelle zu Wachstum und Modernisierung, ist gelungen umgesetzt. Die Kultur wird mit Liebe, Zuneigung und Kenntnis porträtiert.
Die Hochzeitsfeier selbst ist so rührig und anschaulich beschrieben, dass ich meinen könnte unter den Feiernden zu sein. Und am Ende feiert man Zains Hochzeit mit, aus Freude, dass es dieser Zausel geschafft hat, das Glück zu finden.

Die Erzählung „Die Hochzeit des Zain“ gilt als die berühmteste des Sudan und wurde 1976 verfilmt. Die arabische Erstausgabe erschien 1966 unter den Titel „Urs-az-Zain“. Trivia zur Verfilmung: Der wurde in Kuweit produziert. 1978 wurde er zu den „Oscars“ für die Rubrik „Bester ausländischer Film“ eingereicht. Das Werk scheiterte bereits bei der Nominierung. Dies war der letzte Beitrag, den Kuweit seitdem eingereicht hat.

Die Übersetzung stammt von Stafan Reichmuth, aktuell Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum.

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Der Autor:

Foto: Unionsverlag
Foto: Unionsverlag

At-Tayyib Salih [arabisch الطيب صالح, DMG aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, auch Tayeb Salih, Tajjib Salich, Tajjeb Salech]wurde 1929 in der Nordprovinz des Sudan geboren und verstarb 2009 in London. Er war mit einer Engländerin verheiratet und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Er studierte in Khartoum und arbeitet eine Zeitlang als  Lehrer, bevor er seine Ausbildung in England fortsetzte. Er arbeitet für dei BBC und bekleidete verschiedene Posten bei der UNESCO.

Ein zentrales Thema seines Werkes ist die Überschreitung kultureller Grenzen zwischen traditioneller sudanesischer und westlicher Kultur.

Werke auf Deutsch:

Die Hochzeit des Zain. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992; Originalausgabe ʿUrs al-Zain. 1966
Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Zeit der Nordwanderung. Roman. Lenos, Basel 1998, ISBN 3-85787-267-5 (gebunden); ISBN 3-85787-662-X (Taschenbuch)

Eine Handvoll Datteln. Erzählungen. Lenos, Basel 2000, ISBN 3-85787-295-0

Taschenbuchausgabe, zusammen mit Zains Hochzeit, als: So, meine Herren. Sämtliche Erzählungen. Lenos, Basel 2009, ISBN 978-3-85787-725-4

Bandarschâh. Roman.Lenos, Basel 2001, ISBN 3-85787-322-1

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Das Buch erschien im Unionsverlag  Zürich:
Hardcover – gebunden
Vergriffen. Keine Neuausgabe
128 Seiten
ISBN 978-3-293-00180-0
€ [D] 12.00 / sFR 21.20
Unionsverlag

Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Emanuel Moór • Serenade für Streich-Orchester • Op. 16

Emanuel Moór • Serenade für Streich-Orchester • Op. 16

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Pablo Casals, Jacques Thibaud und Emanuel Moór. Foto: Henrik und Emanuel Moor Stiftung

Emanuel Moór war meiner Meinung nach ein echtes Genie, einer der wirklich bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dazu war er ein glänzender Pianist und bemerkenswerter Erfinder. – Pablo Casals.

Als Casals ihn in Lausanne kennen lernte, spürte er etwas Bedeutendes an diesem Mann. Die Intensität seines Wesens sprach bereits aus seinem Gesicht. Er lud Moór mit dem Wunsch zu sich ein, seine Partituren anschauen zu können. Kaum setzte sich der Komponist ans Klavier war dem Cellisten klar: Emanuel Moór war ein Künstler von außergewöhnlichem Format. Seine Musik überwältigte Casals.

Wir haben zum Kennenlernen die Serenade für Streich-Orchester ausgewählt. Viel Vergnügen beim Lauschen.

I. Moderato

II. Allegro con brio

III. Adagio religioso

IV. Allegro energico

Komponist: Emanuel Moór
Opus/Katalognummer: Op.16
Anzahl Sätze/Teile: 4
Jahr der Komposition: 1881
Interpreten: Steve’s Bedroom Band (Streicher) // Leitung: Steve Jones
Urheberrecht:Creative Commons Attribution 3.0
Anmerkung:Streichquartett plus „Bass“trennlinie2

Emánuel Moór - Selbstporträt
Emánuel Moór – Selbstporträt

Emánuel Moór [ˈɛmaːnuɛl ˈmoːr] (* 19. Februar 1863 in Kecskemét, Ungarn; † 20. Oktober 1931 in Chardonne, Schweiz) war ein ungarischer Komponist, Pianist und Erfinder.
Emanuel Moór wurde als Sohn des Opernsängers und Kantors Rafael Moór geboren, der ihm den ersten Unterricht gab. Er studierte Komposition in Budapest bei Robert Volkmann, in Wien bei Anton Door und Anton Bruckner. Mit 18 Jahren wurde er Lehrer für Klavier am Musikkonservatorium in Szeged. Er unternahm zwischen 1885 und 1897 Konzertreisen, die ihn bis in die USA führten, bei denen er auch mit der Sängerin Lilli Lehmann auftrat. 1888 heiratete er Anita Burke in England und wurde britischer Staatsbürger. George Henschel setzte sich für seine Orchestermusik ein. Von dort zog er 1901 in die Schweiz.

Seit einem Treffen mit dem Cellisten Pablo Casals 1905 förderte dieser entschieden seine Musik und deren Verbreitung bei seinen Kollegen. Das zweite Cellokonzert ist Pablo Casals gewidmet und das Cellodoppelkonzert, das von Casals und seiner damaligen Lebensgefährtin Guilhermina Suggia europaweit aufgeführt wurde. Für das Trio Casals, Alfred Cortot und Jacques Thibaud schrieb Moór ein Tripelkonzert. Casals, André Hekking, Joseph Salmon und Diran Alexanian bestritten die Uraufführung des Celloquartetts op. 95[1].

Nach dem Krieg widmete er sich dem Musikinstrumentenbau und erfand ein Doppelklavier, das Duplex-Coupler Grand Pianoforte, bei dem zwei übereinander liegende Manuale gekoppelt werden konnten, das unter anderem von Pleyel, Bechstein (1929) und Bösendorfer gebaut wurde. Nach dem Tod der ersten Frau Anita 1922 heiratete er 1923 die Pianistin Winifred Christie[2], die die eifrigste Verfechterin des Doppelmanualflügels wurde.

Neben fünf Opern und acht Sinfonien komponierte er vier Klavier-, vier Violin- und zwei Cellokonzerte, ein Bratschen- und ein Harfenkonzert, ein Tripelkonzert für Violine, Cello und Klavier, kammermusikalische Werke, ein Requiem und Lieder. – Quelle: wikipedia

Quelle der Aufnahmen: imslp.org/wiki/Serenade_for_String_Orchestra,_Op.16_(Mo%C3%B3r,_Emanuel)

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

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Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Erich Ruhl ♦ Die Mosel – Die tanzende Kraft ♦ Lyrik ♦ Text & Audio

Foto: Erich Ruhl

Die Mosel – Die tanzende Kraft

Sanft bahnt sich
Mäandernd das weiche Wasser
Der Mosel
Die Wege

Der Blick findet
Behagliche Anker
Am festen sonnenbeleuchten
Steilhang des Weinbergs

Noch spürbar die pulsierende
Energie der beendeten reichen Lese
Des güldenen Tropfens
Der Berg gab sie preis

Tief im Oktober zeichnen
Die Brüder und Brüder
Des vulkanischen Steins
Die Wege

Die wunderbare Mosel
Das Weib des wohligen Tals
Ergießt sich
Windet sich hundertfach

Dann lässt diese gewandte Sie
Die bergende Kraft erahnen
Tanzend

Das stille Wasser
Brach den Stein
Die Berge an ihren Füßen
Unaufhaltsam spielend

Sie gehören zusammen
Die Hindernisse
Der Fluss
Wollen einander

Wollen einander atmen
Die eine Seele
Die den Stillstand
Nicht kennt

Die Mosel
Der Rhein
Sie kommt stolz
Er nimmt sie gerne auf
Wird selbst zum Weib

Während sich die milde Mosel
In ihn ergießt
Sich nicht verlierend
Die Kraft der Langsamkeit bewahrend

Bewahrend verändert
Sie den Vater Rhein
Ab jetzt in Koblenz
Am Eck

Alles ist gut gefügt
Bleibt gesichert
Bleibt im Fluss gesichert
Und nichts bleibt
Wie es war

© Erich Ruhl 2015


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