Kategorie: Felix Pirner

Dr. med. Franziska Tiburtius • Ärztin und Kämpferin für das Frauenstudium

Franziska Tiburtius
Franziska Tiburtius

Eine sehr große, ein wenig knochige Dame, etwa dreißig Jahre alt, stieg in Zürich aus dem Zug, der von Norden einrollte. Sehr sicher, so als wäre sie fremde Länder und fremde Städte gewöhnt, trat sie aus dem Portal und blickte sich um, erwartungsvoll und heiter. Mit einem Blick umfasste sie den Kranz der Berge, die blühenden Bäume, die alten Gebäude. Das war im Jahre 1871 leicht, Zürich war damals eine Stadt, die noch die Landschaft in sich einbezog, nicht (so wie heute) verschluckte. 

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Altstadt Zürich

Die Dame fragte eine Passantin nach dem Stapferweg. Sie musste zweimal fragen; denn der pommersche Klang ihrer Sprache ging dem Ohr der Schweizerin nicht so schnell ein. „Jo gärn!“ Nun hatte sie verstanden und wies ihr den gewünschten Weg. In dem Haus Stapferweg 14 stellte sich die Deutsche vor. Sie sei Franziska Tiburtius und würde gern Fräulein Berlinerblau besuchen. Wieder hieß es freundlich: „Jo gärn!“ Franziska Tiburtius wurde die Treppe hinauf in ein Zimmer gewiesen.

Nicht nur das Fräulein Berlinerblau, sondern „vier weibliche Wesen“, wie sie selbst in ihren Erinnerungen schreibt, saßen um den Tisch. Für die norddeutsche Gutsbesitzerstochter von der Insel Rügen waren sie alle ein wenig seltsam anzusehen, diese Jüdinnen aus Südrussland. Man begrüßte die Fremde freundschaftlich, wie es damals unter den wenigen weiblichen Studenten üblich war. Man half sich untereinander. Auf dem Tisch in der Mitte, statt einer Blumenschale, prangte ein Totenschädel, und Fräulein Berlinerblau, zu der Franziska Tiburtius mit einem Brief gewiesen worden war, machte sogleich auf dem Sofa für sie Platz, indem sie ein Skelett, das dort lehnte, ein wenig zur Seite rückte.
„Bitte setzen Sie sich, zwei Menschen und ein Skelett haben gut auf diesem Sofa Platz.“

Tiburtius - Gedenktafel
Tiburtius – Gedenktafel

Sie setzte sich, indem sie einen herabhängenden Skelettarm noch ein Stückchen mehr ins Sofakissen drückte. So ging es gut. Neben dem Schädel stand der Samowar, aus dem nach russischer Sitte pausenlos Tee aufgegossen wurde. Außerdem rauchten die Russinnen ebenso eifrig, wie sie tranken. Zu essen gab es nichts. Sehr bald fand sich die zukünftige Studentin behaglich in dem sonst so fremden Kreis; denn das gleiche Ziel, die gleiche Hilfsbereitschaft und die gleichen Hindernisse verbanden sie untereinander. Die großen Altersunterschiede schienen keine Rolle zu spielen: hier war die Jüngste neunzehn Jahre und die Älteste vierzig Jahre alt.

Zwei Studentinnen dieser Tischrunde hatten schon, wie Franziska Tiburtius, in anderen Berufen gestanden; eine von ihnen, eine Witwe aus Charkow, studierte, um ihre beiden Kinder später versorgen zu können.Hier also bekam Franziska Tiburtius ihre ersten Verhaltensmaßregeln als Studentin. An dem von diesen Russinnen empfohlenen Mittagstisch im Speiselokal freilich fühlte sie sich fremd. Da ging es wohl für einen Nichtrussen zu russisch her. Dort trafen sie die vielen Russen, die in Zürich studierten, meist Anarchisten — Revolutionäre — Weltverbesserer.

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920
Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

Die Frauen, „Kosakenpferdchen“ genannt, trugen alle aus unerfindlichen Gründen blaue Brillen und schwarzgelackte Matrosenhüte, und Männer wie Frauen zeichneten sich durch unordentliche Kleidung, schmutzige Finger, ungepflegte Haare und schlechte Manieren aus. Diese Studentinnen waren es auch wohl, die die Anerkennung des Frauenstudiums so erschwerten. Nur ein Teil übrigens studierte, die meisten versanken in Nihilismus und waren dauernd wie auch die Männer in politische Konspirationen verwickelt, die bis zu Schießereien ausarteten.
Schließlich fand Franziska Tiburtius sogar ein nettes Zimmer. Das war nicht leicht gewesen. Meist war ihr schon an der Haustür gesagt worden: „Bedaure, wir vermieten nur an Herren.“ Bei „Jungfer Kägi“ aber in der Hintergasse 3 blieb sie gut aufgehoben, zusammen mit ihrer Studienkameradin und späteren Freundin Berlinerblau, die das zweite Zimmer gemietet hatte. Nun schien alles in Ordnung. Immatrikuliert war man. Das Studium konnte beginnen. Es war nicht immer einfach. Der erste Auftritt im Präpariersaal zeigte die andere Seite. Franziska Tiburtius ging mit einer Kommilitonin zum Präpariersaal. Für einen ganz jungen Medizinstudenten sind das immer ein Raum und eine Arbeit, an die er sich erst gewöhnen muss.

Die beiden Frauen traten ein, weiße Schürzen über dem Arm und das benötigte Handwerkszeug in der Hand. Zu ihrer Verwunderung war der Raum so dicht gefüllt, dass von den zu präparierenden Leichen nichts zu sehen war. Schnell fanden sich die beiden Studentinnen von einer grölenden, pfeifenden Masse Studenten umringt. Nicht nur von Medizinern, auch aus den anderen Fakultäten hatte man sich Hilfe geholt, um diese beiden weiblichen Eindringlinge aus einem nur männlichen Bereich zu vertreiben.

Erschrocken blieben die Frauen auf der Schwelle stehen, bis einer der Studenten sie freundlich zu dem kleinen Nebenraum wies: „Bitte, meine Damen, hier ist der Raum, wo man seine Sachen lässt. Diese Fächer sind für die Geräte, und hier an den Haken kommen die Schürzen. Jeder hat seinen Platz für sich. Suchen Sie sich bitte aus.“ Die beiden banden ihre Schürzen um und suchten sich zwei Fächer für die Sezierbestecke.
„Endlich haben sie sich beruhigt“, meinte Franziska Tiburtius, „sie werden sich an uns gewöhnen müssen.“ Doch so schnell gewöhnten sie sich nicht an. Als die Studentinnen den Raum verlassen wollten, entdeckten sie, dass man sie eingeschlossen hatte. Ein wieherndes und spöttisches Lachen quittierte ihren Versuch, die Klinke herunterzudrücken. Die beiden verhielten sich still. Sie schauten sich an, und einen Augenblick mag Franziska Tiburtius an ihren Aufenthalt in England gedacht haben, wo man sie als Erzieherin immer respektiert hatte. Wie sollte das nun weitergehen? Hüben und drüben schwere Stille, die sich bedrückend auf die beiden Eingeschlossenen legte. Da kam der Professor selbst. Sie hörten seine ruhigen, bestimmten Worte durch die Tür. Dann öffnete ein junger Pole, mit der Höflichkeit, die seine Nation auszeichnet, die verschlossene Türe, verbeugte sich und ließ die beiden Frauen heraus.

„Es soll nicht wieder vorkommen“, sagte der Assistent; „die Demonstration richtete sich nicht gegen Sie persönlich, sondern gegen das Frauenstudium überhaupt.“Das wussten die Studentinnen. Dieser Vorfall wiederholte sich wirklich nicht mehr. Das Verhalten der jungen Männer ihren Kommilitoninnen gegenüber war nicht zum Verwundern; denn ein Teil der Hochschulprofessoren, auch in der Schweiz, lehnte das Studium von Frauen ab, und es gab einen damals berühmten Wissenschaftler, der die These aufstellte, dass die Frau zum Studium ungeeignet sei, weil ihr Gehirn weniger als das des Mannes wiege und sie deshalb weniger Verstand besitze. Alle Universitäten in Europa außer Zürich weigerten sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Frauen zum Studium zuzulassen; um so weiterschauend müssen die wenigen Professoren gewesen sein, die einem wissenschaftlichen Beruf der Frauen positiv gegenübergestanden haben. Zu ihnen gehörte der berühmte Anatom Professor Meyer, eben der, der die beiden Frauen aus dem Umkleideraum des Seziersaales befreien ließ. Franziska Tiburtius blieb drei Jahre bei Jungfer „Kägi“, dann wurde ihr Idyll zu aller Leidwesen zerstört. Die zum Arbeiten dringend notwendige Ruhe raubten die neuen Nachbarinnen: Kosakenpferdchen! Die Russinnen lärmten und diskutierten jede Nacht bis weit in den Morgen hinein mit ihren Freunden.

sound-69948_640Diese Genossen nun störten Franziska Tiburtius beim Arbeiten. Da, eines Nachts, als der Lärm wieder einmal nicht enden wollte und die russischen Laute, der vaterländische Gesang in ihr Zimmer dröhnte, als wäre keine Wand dazwischen, sprang sie aus dem Bett, klappte das Klavier auf, ein altes, ungestimmtes Instrument, und trommelte — ihre Klavierkenntnisse waren nicht bedeutend — einen (wir würden heute sagen) Schlager nach dem anderen herunter. Wenn sie keinen neuen wusste, so fing sie wieder von vorn an. Und sie wurden drüben wirklich still. Als es drei Uhr vom Münstertum schlug, hörte sie auf, um sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Pommerin aber hatte nicht mit den Russen gerechnet. Man hämmerte mit den Fäusten an die Wand und bat sie beschwörend, doch weiterzuspielen. Es sei so herrlich gewesen. Daraufhin zog sie am nächsten Ersten aus. Jahre später war Franziska Tiburtius eine viel gesuchte Ärztin in Berlin. Jedoch war es ihr nicht gelungen, ihre Approbation als Ärztin in Preußen zu erreichen. Wer in Zürich das Examen gemacht hatte, wurde in Preußen nicht anerkannt, aber in Preußen durfte immer noch keine Frau studieren. Doch erlaubte man ihr die Ausübung der Praxis, und wer das Risiko auf sich nehmen wollte, sich von einer in Deutschland nicht approbierten Ärztin behandeln zu lassen, der sollte es tun. Dieses „Risiko“ nahmen viele auf sich. Der Zustrom zu Dr. med. Tiburtius war groß, und alles ging gut. Bis eines Tages plötzlich ein Gerichtsdiener an der Haustür klingelte. Er war kein Patient, sondern er gab nur eine Aufforderung ab, in der es hieß, dass Fräulein Doktor sich wegen unbefugter Führung des medizinischen Doktortitels zu verantworten habe. Fräulein Doktor Tiburtius erschien also vor dem Gericht, die Diplomrolle unter dem Arm.

Der Vorsitzende: „Fräulein Angeklagte, Sie müssen sich wegen der Führung falscher Titel verantworten. Bei uns liegt eine anonyme Denunziation vor!“ „Anonym? “ „Ja. Anonym.“  „Vielleicht ein junger Kollege“, meinte Dr. Tiburtius, „der die Sachlage nicht kennt.“ Der Vorsitzende nickte nur. Er fand die Ansicht der Ärztin sehr fair. Unkenntnis? Könnte man das nicht auch Futterneid nennen? „Aber schließlich konnte das Schild zu Verwechslungen führen“, schaltete sich der Staatsanwalt ein; „selbst wenn nur Dr. und nicht praktischer Arzt dort steht, so könnte man das aber annehmen. Ich beantrage 3 Mark Konventionalstrafe.“ Die Schöffen, meist tüchtige Handwerker, lasen sich das Diplom genau durch. Auch der Vorsitzende. Nach einer kurzen Beratung erkannte man auf Freispruch. Um Irrtümer künftig zu vermeiden, sollte von nun an auf dem Schild folgender Titel stehen: Franziska Tiburtius, Dr. med. der Universität Zürich.

Da stand nun an der Hauswand für jeden deutlich zu lesen, die Ärztin kam aus Zürich. Der Erfolg war überraschend: die Patientenzahl wuchs noch beträchtlich, sie strömten geradezu in die Sprechstunde, und ein Patient verriet das Geheimnis: „Fräulein Doktor, Sie müssen ja wohl etwas ganz großes geworden sein. Mit dem langen Titel auf dem Schild, kein anderer hat den — in ganz Berlin nicht.“
Dr. med. Tiburtius hat den Weg für das Frauenstudium gebahnt. Ihre Tüchtigkeit und ihre redliche Arbeit, ihre Energie und ihr Fleiß haben damit der gesamten Wissenschaft neue Kräfte zugeführt: nämlich die Geistesgaben der Frau. Sie wurde 1843 als Tochter eines Gutsbesitzers auf der Insel Rügen geboren. Sie wuchs in einem großen Geschwisterkreis fröhlich auf. Die Mutter war eine Pastorentochter aus der Nachbarschaft. Franziska besuchte die höhere Mädchenschule in Stralsund, und wie es damals für ein Mädchen üblich war, das sich sein Brot selbst verdienen musste, wurde sie Erzieherin.

Mit 17 Jahren trat sie ihre erste Stelle bei einer pommerschen Großgrundbesitzerfamilie an. Erst als sie 30 Jahre alt war und schon einige Zeit als deutsche Erzieherin in London und in einem englischen Pastorenhaus auf dem Lande gearbeitet hatte, reifte ihr Entschluss, Medizin zu studieren, angeregt durch ihren Bruder, der auch Arzt war. Weil keine Frau in Deutschland studieren durfte, ging sie nach Zürich. Sie machte dort ihre ärztliche Prüfung und wurde eine tüchtige Ärztin. Jahrzehntelang unterhielt sie eine Praxis in Berlin mit ihrem Bruder zusammen und dessen Frau, die damals die erste Zahnärztin der Welt war und, um das zu werden, nach Amerika hatte reisen müssen.

Franziska Tiburtius starb 1927. 

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Felix Pirner • Das aufgehende Sprachlicht • Ein Essay über das Bildhafte in unserer Sprache

SPRACHBILDER 

Felix Pirner - Foto: Privat
Felix Pirner – Foto: Privat

Es kommt uns nur selten zum Bewusstsein, wie bildhaft unsere Muttersprache arbeitet. Man könnte versucht sein zu sagen: Wenn wir uns ausdrücken, immer wieder kommen Bilder heraus. Es bedarf meist nur eines Winks, und wir erkennen diese Bildersprache. Wenn wir unter einem Einfluss stehen, fließen neue Erkenntnisse und Einsichten in uns ein. Auch Eindrücke drücken sich in unsere Seele ein und hinterlassen dort ihre Spuren. Wenn wir etwas begreifen, hat es unser Verstand in den Griff bekommen. Wenn wir das Wort Erziehung als Herausziehen ernst nehmen, wissen wir, dass man nur erziehen kann, was in einem Menschen angelegt und veranlagt ist. Ein Grübler versucht geistig in die Tiefe zu graben. Da er aber zu keinem Ergebnis kommt, setzt er immer von neuem an und bringt es nur zu kleinen Gruben, zu Grüblein. Wenn jemand entzückt ist, so zuckt gleichsam sein Körper vor ‚ Freude. Ist er entrüstet, so hat er seine Rüstung abgelegt und steht ohne diese Fassung, also fassungslos da. Der Beschränkte bleibt in den Schranken, die ihm gemäß sind. Der Einfältige ist nur einmal gefaltet und mit den vielfältigen Kniffen nicht vertraut. Der Gescheite hat einen scharfen Geist, mit dem er die Dinge und Begriffe gut zu sondern und zu scheiden weiß; er leistet geistig, was ein anderer tut, wenn er Holzscheite spaltet oder den Scheitel auf seinem Kopf genau abteilt. Wenn wir etwas entwickeln, so wickeln wir es aus, seien es Keime, Anlagen, Bilder oder Gedanken. Wer denkt noch daran, dass in dem Wort Geselle die Vorstellung eines Saales enthalten ist? Gesellen sind demnach Menschen, die in einem Saale zusammen sind, sich gesellen. Etwas Ähnliches meint das Lehnwort Kumpan, das nur der Lateiner versteht: Es bezeichnet einen Menschen, der mit mir Brot isst (cum = mit, panis = Brot). Der Kamerad befindet sich mit mir in der gleichen Kammer (lateinisch camera = Raum mit gewölbter Decke). Der Gefährte geht mit mir auf Fahrt, und der Genosse nutzt und genießt mit mir gemeinsamen Besitz. Das Wort Kumpan zeigte, dass sich bei den aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprache entlehnten Wörtern, den Lehnwörtern, der bildhafte Kern und die bildhafte Vorstellung verdunkeln und für den, der die jeweilige fremde Sprache nicht kennt, unverstanden bleiben. So sagt z. B. das Wort Fenster, das wir von den Römern übernommen haben (fenestra), nur dem etwas, der bis auf das von den Römern aus dem Griechischen übernommene Wort „phaino“ (sichtbar machen, scheinen) zurückgeht. Wir müssten Fenster also sinngemäß mit Scheiner übersetzen.
Der Hamburger Dichter und Fremdwortgegner Philipp von Zesen (1619—1689) empfand Fenster noch als lästiges Fremdwort und wollte es deshalb durch „Tagleuchter“ ersetzt wissen. Wenn der Engländer für unser Fenster „window“ sagt, so hat er bei diesem germanischen Wort eine bildhafte Vorstellung: Sein Fenster ist ein Windauge, sein Haus hat, wie es in ältesten Zeiten der Fall war, Luken, die ihm wie Augen erscheinen, durch die der Wind herein wehen kann. Ebenso bildhaft sprachen die alten Goten vom „Augentor“.

Auch das von den Römern mit dem Steinbau übernommene Wort Mauer (lateinisch: murus) vermittelt uns keine bildhafte Vorstellung, während das germanische Wort Wand uns an das Flechtwerk der Fachwerkbauten erinnert. In Wand ist noch das Flechten, das Hin- und Herwenden der Ruten und Zweige lebendig, durch das die Wände entstanden, die dann mit Lehm verschmiert und verputzt wurden. Der bildhafte Gehalt eines Lehn- und Fremdwortes wird nur dem deutlich, der die fremde Sprache beherrscht. Wenn er aber den ursprünglichen bildhaften Gehalt ernst nehmen wollte, bekäme das so leichthin gebrauchte Fremdwort einen anderen, meist tieferen und ernsthafteren Sinn, als er uns geläufig ist. Das vielgebrauchte Wort Materie z.B. müsste er mit Mutterstoff übersetzen (lateinisch: mater = Mutter), Urgrund alles Lebendigen. Nation würde demnach den Geburtszusammenhang bezeichnen (lateinisch: natus = geboren), -also nur Menschen gemeinsamer Abstammung meinen, könnte demnach mit dem Begriff Staat nicht verwechselt werden, der oft Angehörige verschiedener Nationalitäten in sich vereinigt. Die Natur würde zur Gebärerin und Mutter alles Lebens. So fasste sie ja auch Goethe im wahren Sinne des Wortes auf. Der schon genannte Philipp von Zesen wollte das Fremdwort Natur durch „Zeugemutter“ ersetzt wissen. Wer Griechisch kann, weiß, dass der Kosmos nichts anderes als die bildhafte Vorstellung des schön Geordneten ist. Das Wort ist in diesem griechischen Sinne für uns noch in Kosmetik (Schönheitspflege) lebendig. Ein Text ist eigentlich etwas Gewebtes (lateinisch: textilis = gewebt; vgl. Textilien). Ein guter Text wäre demnach ein Gewebe von Wörtern und Sätzen, was ja auch zutrifft.

VERWANDTSCHAFTEN

Oft genügt nur ein Wink, und uns geht bei der Betrachtung von Wörtern ein Sprachlicht auf. Wir entdecken geheime oder auch offenbare Verwandtschaften und Zusammenhänge. Sobald ich weiß, dass ausmerzen mit dem Monat März zu tun hat, kann ich den Zusammenhang leicht herstellen: Im März werden die untauglichen Schafe aus der Herde ausgemerzt. Wenn ich weiß, dass werben und wirbeln (sich drehen) einer gemeinsamen Wortwurzel entstammen, sehe ich gleich den werbenden Freier vor mir, wie er sich dreht und wendet, um die Gunst seiner Erwählten zu erringen. Aber auch wer ein Gewerbe treibt, muß sich tüchtig wenden und tätig sein, muß werben, wenn er etwas erwerben will. Die süddeutsche Hausfrau sagt heute noch für Staub wischen und rein machen stöbern. Da stiebt der Staub auf, wie wenn der Stöber (Hund) das Flugwild verbellt und aufjagt, aufstöbert. Im Schneegestöber, dem leichten, flockigen Stäuben, wird dann die diesen staubigen Wörtern gemeinsame Wurzel und Bedeutung abermals deutlich.

Ein Garten war ursprünglich ein eingefriedetes Stück Land. Das Schwergewicht der Bedeutung lag also nicht auf dem Land und seinem Wachstum, sondern auf dem Schutz und der Einfriedung. Von hier aus ergibt sich dann leicht der Zusammenhang mit Gürtel und Gurt: Auch sie umschließen, grenzen ab und sichern. Der Garten ist das umgürtete Land. Unser Kindergarten entpuppt sich bei dieser Betrachtung als ein umschlossener und umhegter Bereich, in dem Kinder ungestört spielen und wachsen können.

Das Wort umhegen erinnert an den Hag, an das dichte Gebüsch und Gesträuch, das als Gehege und Hecke diente, aber auch einen umfriedeten Wald bezeichnete. Die Hexe war ihrem Namen nach eine Hecken- und Wald-Dämonin. Dem Hag und Hege-Zaun verdanken nicht nur die Hagebutten, die Heckenbutzen, ihren Namen, sondern auch der Hagestolz, der ewige Junggeselle. Sein Name hat weder mit hager noch mit stolz etwas zu tun. Er war in früheren Zeiten ein armseliger Hag-Besitzer, ein „hage-stalt“. Er hatte nicht den Herrenhof geerbt, der dem ältesten Sohne zustand, und war nur auf ein eingefriedetes Grundstück verwiesen (gestellt), eine kleine Landstelle also, die ihm nicht erlaubte zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Es gibt Wortwurzeln, die der Ursprung besonders weitverzweigter Verwandtschaften geworden sind, denen nachzugehen den Betrachter der Sprache immer von neuem reizt. So entwickelt sich aus der indogermanischen Wurzel glei, die etwas Klebriges, teils Schmieriges, teils Schlüpfriges bedeutet, eine klebrige Wortfamilie. Wenn wir den Anteil von Eiweiß im Getreidekorn Kleber nennen, dann bezeichnen wir damit eben seine Fähigkeit, einen klebrigen Teig zu bilden. Die Kleberschicht des Korns ist uns als Kleie vertraut, die wir als Kraftfutter weniger den Menschen als den Schweinen angedeihen lassen. Auch der Klei, den ein angesehener Marschbauer unter den Füßen haben muss, wie es z. B. in Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ zu lesen ist, ist der lehmige, fruchtbare Erdboden, der sich unseren Schuhen nachhaltig anhängt. Kleister als umfassender Klebestoff ergibt sich aus den Eigenschaften von Kleie und Klei. Der Familienname Kleiber meint einen Maurer, wie ja auch unser Blauspecht und Baumrutscher, der Kleiber, diesen Namen trägt, weil er den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm verklebt und vermauert. Diese Übersicht wird noch reicher, wenn wir die wortgeschichtlich mögliche Verbindung zu klettern herstellen. Klebt sich doch der Bergsteiger mit Händen und Füßen gleichsam am Felsen fest, wenn er klettert. Und darin ist er wieder der Klette verwandt, die sich mit Widerhaken jedem Streifenden anklebt. Zuletzt hat auch das Kleid in dieser Sippe seinen Platz: Es wäre dann das unserem Körper Anhaftende, während wir mit Gewand, von seiner Grundbedeutung als Gewendetes und Gefaltetes her, die Vorstellung des Weiten und Faltigen verbinden.

Zu erstaunlichen Ergebnissen kommen wir auch, wenn wir von der indogermanischen Wurzel ble oder blä ausgehen. Unser blähen und blasen leitet sich davon ab. Beiden ist die Vorstellung des Schwellens gemeinsam. Aber auch Blatt hängt damit zusammen. Wir verbinden mit Blatt wohl die Vorstellung des Schmalen, Dünnen und Flächigen (vgl. Ruderblatt, Schulterblatt, Zeitungsblatt). Dennoch entspricht dem Blatt ursprünglich eine andere Vorstellung: Es ist das Geblähte, das Ergebnis eines Sich-Entfaltens und Ausdehnens aus der Knospe. Auch die Blattern bezeichnen etwas Geblähtes, die Pocken-Bläschen, die dann ihre Narben hinterlassen. Bei einiger Überlegung verstehen wir auch, warum wir blühen und Blut in diese sprachgeschichtliche Verwandtschaft einbeziehen dürfen. Auch das Entfalten einer Blüte und Blume ist ein Schwellen und Blähen, verwandt dem Wachstumsvorgang des Blattes. Bei Blut wiederum mag die Vorstellung des Quellens bestimmend sein. Blut wäre demnach das Gequollene und wie Blüte, Blume und Blatt dem Geheimnis allen Wachstum und seiner Entfaltung auch wortgeschichtlich verbunden.

Eine fruchtbare Sippe gruppiert sich um die Wurzelsilbe ber und bar. Die Grundbedeutung tragen haben wir noch im englischen „to bear“ (tragen) und dem plattdeutschen „boren“, aber auch in der zweiten Silbe von fruchtbar: fruchttragend. Gebären heißt demnach ein Kind tragen. Gebaren ist die Art, wie ich mich trage und gebe, und die Gebärde das Zeichen, in dem mein Gebaren sichtbar wird. Die Magdeburger Börde hat ihren Namen von ihrem reiche Frucht tragenden Boden. Die Bahre ist ein Gestell, mit dem wir eine Last tragen, und die Bürde ist das Getragene, diese Last selbst. Der Zuber lautet in der alten Form „zwi-bar“, d. h. ein Gefäß mit zwei Griffen oder Henkeln zum Tragen, während der Eimer ein „ein-ber“ ist; er hat nur einen Träger. Die ursprüngliche Wurzel von Bauch ist bhu oder bhou. Sie deutet die Linie des Schwellens und die ihr entsprechende Krümmung an. Aus dieser Ursilbe entwickelt sich auch der Bug des Schiffes sowohl (ursprünglich der vordere Oberschenkel bei Tieren, vor allem bei Pferden) als auch der Buckel, ja jedes Bücken und Beugen, samt dem Bügel sind nur sprachliche Erscheinungsformen dieser geschwungenen Urlinie, die sich dann am reinsten in Bogen darstellt. Der mit dem Bogen so gerne gekoppelte Bausch (in Bausch und Bogen) bezeichnet eine wulstige Schwellung, ähnlich der ebenfalls stammverwandten Beule, und ist wiederum verwandt mit Busch und Büschel, wie wir sie allenthalben in der Landschaft finden, vor allem an Böschungen. Wenn das Meer mit einer bauchigen Schwellung in die Strandlinie eingreift, nennen wir diese gebauchte Krümmung Bucht. Im poetischen Bild wird sie zum Meeres-Busen, der ebenfalls der Ursilbe „bhu“ entstammt. Auch Bett und Beet entspringen derselben Wurzel, ja sie wurden früher in der Schreibung nicht einmal unterschieden. Dennoch bedarf es einiger Besinnung, den verwandtschaftlichen Zusammenhang ihrer Bedeutung herzustellen. Das Bett ist ursprünglich eine in die Erde gegrabene Lagerstätte, wobei das Schwergewicht auf graben liegt. So verbinden wir auch mit dem Flussbett den in das Land eingegrabenen Lauf. Der Name des Harzflüsschens Bode meint nur dieses Flussbett. Auch bei dem stammverwandten Wort Boot haben wir es mit dieser eingegrabenen Vertiefung der Bode und des Bettes zu tun. War doch das Boot anfänglich ein ausgehöhlter Baumstamm, ein sog. Einbaum. Ein Beet aber stellen wir uns meist als etwas Erhöhtes vor und vergessen, daß es ein Ergebnis des Grabens und Umgrabens ist, wie es ja auch der Wortverwandtschaft entspricht. Offenkundig ist, daß die Granne an Bart und Ähre, der Grat des Felsens und die Gräte des Fisches etwas gemeinsam haben, nämlich das Stechende und Hervorstechende. Und genau diesen Zusammenhang bestätigt die Wortverwandtschaft. Einer Wortsippe gehören auch Schere, Schar, Schäre und Scharte an. Mit der Schere verbinden wir die Vorstellung des Trennens und Zerschneidens. So ist die Schar eine von den übrigen abgetrennte Gruppe. Die Pflugschar schneidet in die Erde ein und trennt die Schollen los. Ähnlich sind die Schären abgetrennte Felsenstücke im Meer. Auch Scharten sind Einschnitte und Spalten, die wir am schartigen Werkzeug finden. Kluft und klaffen verweisen auf eine gemeinsame Wurzel mit der Bedeutung des Spaltens. Ihr entwächst auch der Kloben, ein abgespaltenes Stück Holz. Aber auch das norddeutsche Weihnachtsgebäck der Kloben, gehört hierher. Er trägt den Namen, weil er in der Mitte einen Spalt aufweist und aufgerissen ist. Wenn wir etwas auseinander klauben und ordnen, trennen und spalten wir ebenfalls das eine vom andern. Selbst der wortgeschichtlich etwas rätselhafte Klee mit seinen dreifach (im Glücksfall auch vierfach) gespaltenen Blättern wird wohl noch dieser Verwandtschaft angehören. Am Müller, der in der Mühle das Korn zu Mehl mahlt, wird wohl jedem unmittelbar deutlich, was eine Wortfamilie ist. Aber auch das alte Kornmaß, der Malter, eine bestimmte Menge von. Gemahlenem, gehört zu dieser Sippe, die sich aus der gemeinsamen Wurzel „mel“ (zerreiben) entwickelt hat. Malmen und zermalmen bezeichnen für uns den gewaltsamen Prozeß des Zerreibens. Aber auch in Mull, der uns als Torfmull besonders vertraut ist, und in Müll (ursprünglich trockener Staub), den wir in den Mülleimer kehren, spüren wir die alles zerreibende Ursilbe. „mel“ am Werke. Unser Maulwurf (eigentlich Mulwerfer) beschäftigt sich emsig mit dem lockeren, zerriebenen Erdstaub und hat somit von ihm seinen Namen. Wenn der Boden unter unseren Füßen nachgibt, wenn wir keinen festen Stand mehr haben, dann wird uns mulmig zumute, und wir machen uns aus dem Staub. Daß in dieser staubigen und mehligen Wortfamilie auch die Milbe erscheint, wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, daß die Milben (man denke nur an die Käsemilbe) zu Mehl zerkauen, was ihnen anheimfällt. Die Melde, das allenthalben wuchernde Unkraut, trägt ihren Namen, weil ihre Blätter mehlig bestaubt erscheinen. Wer nun glaubt, daß auch Mahl und Gemahl in diese Familie einzubeziehen seien, etwa aus der Vorstellung, daß wir beim Mahl mit den Zähnen malmen und mahlen, daß Gemahl und Gemahlin ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen (sollten), dessen Phantasie würde.vom Wortforscher mit Recht als unwissenschaftlich belächelt. Beide Wörter gehen nämlich auf jeweils ganz andere Wurzeln zurück. Das Mehl ist dasselbe Wort wie „mal“ in ein-mal und geht auf eine indogermanische Wurzel „me“ (messen, abmessen zurück). Mahl bezeichnete also ursprünglich den Zeitpunkt, die feste Stunde, dann die Zeit, wann gegessen wurde. Gemahl und Gemahlin gehen trotz Gleichklang wieder auf ein anderes noch im Althochdeutschen lebendiges Wort zurück: „mahal“, das ursprünglich Versammlung bedeutete, dann den in dieser Versammlung geschlossenen Vertrag, vor allem den Ehevertrag. Gemahl ist dann der durch Vertrag dem andern Zugesprochene, der Vermählte, Verlobte. Das alte Wort Mahlschatz (Brautgabe) leitet sich ebenfalls von diesem mahal, der Vertragsversammlung, ab. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß Wortbetrachtungen ohne den Blick auf die Wortgeschichte leicht ins Blaue führen können, wobei jedem so unwissenschaftlich Ausfahrenden wenigstens der Trost bleibt: Eine Fahrt ins Blaue ist immer noch besser als überhaupt keine.

AUS BAUM UND HOLZ GESCHAFFEN

Wenn wir es nicht auf Grund unserer Geschichtskenntnisse wüßten, daß unser Land ehemals, in germanischer Zeit und weit bis ins Mittelalter hinein, ein Wald- und Baumland war, dem ein hölzernes Zeitalter entsprach, so könnten wir es aus Wörtern und Wendungen ersehen, die wir, ohne ihren Sinn zu bedenken, alltäglich im Munde führen. Es scheint uns nicht weiter verwunderlich, wenn jemand sagt, er sei aus hartem oder weichem Holz geschnitzt. Diese Redewendung ist vermutlich ältesten Ursprungs und gründet in der germanischen Göttersage. Dort nämlich schaffen die Götter das erste Menschenpaar nicht aus Lehm und Erde, sondern aus zwei Baumstämmen, aus Ask und Embla (Esche und Ulme). Das Weib ist nach diesem Glauben nicht aus der Rippe des Mannes gebildet, sondern steht vom Ursprung her gleichberechtigt als eigene, selbständige Gestalt dem Mann zur Seite. Es ist verständlich, wenn der Baum als Sinnbild des Lebens erscheint und als Stammbaum weitverzweigte Geschlechterfolgen umfaßt.

Da Holz der Werkstoff der Götter für die menschliche Gestalt war (wir sprechen ja heute noch von einem stämmigen oder baumlangen Menschen), konnte man auch den Bengel (das Wort bezeichnet eigentlich grobes Knüppelholz) auf einen ebenso groben Menschen übertragen. Es ist keineswegs immer böswillig gemeint, wenn wir einen ungebärdigen jungen Menschen einen Bengel nennen. Auch wenn wir einen Halbwüchsigen als Stift bezeichnen, greifen wir zu einem Namen, der eigentlich ein staksiges, stangenartiges Gebilde aus Holz meint. Nicht anders verhält es sich mit dem Knaben, dessen Grundbedeutung ebenfalls auf ein Stück Holz, einen hölzernen Pflock verweist. Wir brauchen uns nur des Knebels zu erinnern, des Querholzes, das zum Knebeln dient, und der sprachliche Zusammenhang mit Knabe wird deutlich. Immer handelt es sich bei diesen Holz-Namen um junge, wachstumskräftige und stämmige menschliche Gestalten. Damit ließe sich auch vereinbaren, daß die Kegel, die unehelichen Kinder, die innerhalb der germanischen Familie mit heranwuchsen (deshalb „mit Kind und Kegel“), ursprünglich auch nur den Namen für einen hölzernen Pflock oder Pfahl tragen. Die Sprachwissenschaft nimmt an, daß auch der Knecht seinen Namen von einem knorrigen und knotigen Stück Holz übernommen habe.

Den höchsten Rang erreicht diese von der Sicht des Baumes her sich ergebende Namen-Reihe mit dem Stab, der wohl ursprünglich stellvertretend für den Baum und seine Lebenskraft galt. Er wird in mehrfacher Hinsicht zum Zeichen des Lebens, der Macht und damit auch des Rechtes. Vom Hirten- und Marschallstab bis zum Szepter des Herrschers reicht seine Macht und Würde stiftende Wirkung. Und wo sich Menschen zusammenfinden, in denen sich Macht und Bedeutung jeglicher Art verkörpert, so vereinen wir sie im Sinnbild des Stabes: sei es ein Generalstab oder der Mitarbeiterstab in den Unternehmungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Aber in noch umfassenderem und tiefgreifenderem Sinne wirkt sich der Vorgang der menschenschaffenden Tätigkeit der Götter in unserer Sprache aus: Das Wort schaffen selbst leitet sich von der schöpferischen Bearbeitung des Holzes ab. Ursprünglich ist dieses Schaffen ja nichts anderes als Schaben, d. h. aus Holz schneiden und schnitzen (vgl. englisch: shape =gestalten, formen). In dem geglätteten, blankgeschabten Speer-Schaft wird ein solches aus Holz geschaffenes Gebilde im Wort anschaulich. Auch das süddeutsche Schaff, der hölzerne Bottich, und der kleinere Scheffel (ein verschwundenes Hohlmaß) verraten deutlich ihre Herkunft und Be-schaffenheit. Die Holzbearbeitung als Urform allen Schaffens finden wir auch in dem Wort Ge-schäft wirksam. Ja, jede besondere Beschaffenheit (äußere und innere) von Menschen, Sachen, Gemeinschaften fasst unsere Sprache folgerichtig in der Endung schaft zusammen: Gemeinschaft, Brüderschaft, Herrschaft, Liebschaft usw. Da auch das Wort für jedes schöpferische Tun, für Schöpfer und Schöpfung, derselben Wortwurzel entwächst wie schaffen und schaben, darf man behaupten, daß der gesamte Wortbereich des Schaffens seine Heimat im Wald, seinen Bäumen und Hölzern hat. Daß dieses schöpferische Tun auch noch den Namen der Schöffen bestimmt, die einst das Recht schöpften und eine Rechtsordnung schufen, mag hier am Rande erwähnt sein. Man weiß, daß der Werkstoff Holz, ehe die steinerne Mauer von den Römern übernommen wurde, auch den Hausbau bestimmte. Selbst wenn wir uns heute in Bauten aus Beton und Glas aufhalten, so verraten doch die Zimmer, daß ihr Name aus dem hölzernen Zeitalter stammt: Zimmer bezeichnet ursprünglich nur das Bauholz, aus dem ein Raum gezimmert wurde (vgl. englisch: timber = Bauholz, Baumstamm) und dann erst diesen Raum selbst. Der Zimmermann ist für unser Gefühl auch heute noch diesem Holz werkend verbunden. Auch in dem Wort Diele erfassen wir heute noch unmittelbar den hölzernen Ursprung. Dielen sind Bretter, aus denen man nicht nur Wände fügte, man belegte mit ihnen vor allem Fußböden. Im Niederdeutschen entwickelte sich dann die Bedeutung der Diele als Hausflur. Auch wenn die Diele in unserem Neubau aus modernsten Werkstoffen bestehen sollte, ihr Name erinnert noch an Dielenbretter und Holztäfelung. Weniger offenkundig ist es, daß auch der perfekteste Selbstbedienungsladen mit seinem Namen noch an das hölzerne Zeitalter des Waldes in unserer Geschichte erinnert. Ursprünglich ist der Laden nur ein Brett oder eine Bohle (die Bettlade ist ein aus solchen Brettern gezimmerter Kasten), womit man dann auch Fenster sichern und abdichten konnte. So entstand unser Fensterladen und zuletzt der aus Brettern und Latten hergerichtete Verkaufsstand, der Verkaufsladen. Es ist tröstlich zu wissen, daß die Sprache beharrlicher ist als die Menschen, die sie „im Laufe der Zeit“ sprechen. Auch wenn wir aus Beton, Stahl und synthetischen Stoffen unsere Bauten und Werke „schaffen“: Die Sprache gibt uns allenthalben Erinnerungen und Winke, die uns veranlassen könnten, dem Holz die Ehre und den Ehrenplatz zu geben, die ihm und seinem Ursprung, dem Walde, in unserem Leben immer noch gebühren.

ALTDEUTSCHES RECHTSWESEN IN UNSERER SPRACHE

Nur wenigen wird es bekannt sein, daß eines unserer alltäglichsten und in der Bedeutung allgemeinsten Wörter in unserer Sprache sich vom germanischen Rechtswesen aus breit gemacht hat: das Ding. Ursprünglich der Termin, die bestimmte Zeit (von der indogermanischen Wurzel „ten“ her besteht ein Zusammenhang mit dem lateinischen „tempus“ Zeit), bezeichnet das Wort dann die Gerichtsverhandlung und auch den Gegenstand, der verhandelt wird. Im Laufe der Zeit meinte es jeden Gegenstand und wurde zum Allerweltswort für schlechterdings alles und nichts, für Dings und Dingsda. Nur in einigen Redewendungen wird die Grundbedeutung des Wortes für uns noch sichtbar: wenn wir jemanden verdingen, wenn wir Bedingungen stellen, uns etwas ausbedingen oder gar jemanden dingfest (für die Gerichtsverhandlung fest) machen. In der Redensart „aller guten Dinge sind drei“ wirkt die alte Rechtsgepflogenheit nach, den Angeklagten wenigstens dreimal vor die ordentliche Gerichtsversammlung zu laden. Auch in verteidigen finden wir die alte Bedeutung, wenn wir die alte Wortform „vertagedingen“ betrachten: Ich vertrete meine Sache vor dem Tageding (die Verhandlungen fanden nur am Tage statt), ich verteidige mich.

Ähnlich verhält es sich mit der Sache, die ursprünglich auch nur den Rechtshandel und Rechtsstreit bezeichnete. In unserem Sachwalter, aber auch in den Zivil- und Straf-Sachen ist noch die alte Bedeutung lebendig, wie auch im Wider-Sacher, der vor allem an den Streitcharakter des Wortes erinnert.

Neben den Richtern, Klägern und Angeklagten spielten die Schöffen eine entscheidende Rolle, die, wie ihr Namen verrät, je nach den „Umständen“ das Recht „schöpften“, gelegentlich wohl auch schufen, wobei der Umstand wörtlich als die Schar der den Gerichtsplatz Umstehenden, vor allem der Sippenangehörigen, zu verstehen ist. Jeder Mann aus diesem Umstand hatte die Befugnis, das Urteil zu Recht zu weisen, wovon sich unsere „Zurechtweisung“ herleitet. Diese Art der Urteilsiindung war eine wahrhaft umständliche Sache, und mancher mag sich gedacht haben: Warum so viele Umstände machen! — eine Redensart, die auch uns noch als Seufzer bei langwierigen Verhandlungen geläufig ist.

Haben wir es bei Ding, Sache und Umstand mit Wörtern zu tun, deren ursprüngliche Bedeutung sich im Laufe der Zeit sehr erweitert hat, so vollzog sich bei dem Worte Ehe schon sehr früh eine Verengung des Begriffs: „Ehe“ ist anfänglich das Gesetz schlechthin, wobei der Anklang an „ewig“ nicht nur lautlich, sondern auch sprachgeschichtlich zu Recht besteht. Die altdeutsche Form lautet „ewa, ewe“ und verweist auf die zeitlich unbeschränkte Dauer des Gesetzes. Die Beziehung zum lateinischen „aevum“ (Ewigkeit, Lebenszeit) besteht ebenso wie zum griechischen „aion“. Es ist verständlich, daß das Gesetz (ewa, ewe), das eine dauernde Ordnung gewährleisten sollte, in seiner Bedeutung vor allem auf das Grundgesetz der Gesellschaft, die Ehe, bezogen wurde.

Da den Menschen der germanischen Vorzeit sowohl wie denen des Mittelalters das Denken in reinen Begriffen nicht gemäß war, verlangten sie nicht nur das anschauliche Wort, sondern auch die Darstellung in sinnbildlichen Handlungen und Zeichen. Diese Art des Denkens und Anschauens schlug sich wiederum in Redewendungen und Redensarten nieder, die wir heute noch im Mund führen, selbst wenn ihr ursprünglicher Sinn uns nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Schon das Wort besitzen ist ein solcher sprachlicher Rest altdeutscher Rechtsbilder: Das Eigentumsrecht bekundete man, indem man wortwörtlich eine Sache in Besitz nahm. Nachdem z. B. die Grenze des Ackers abgesteckt war, stellte mancherorts der Käufer einen dreibeinigen Stuhl auf das Land und setzte sich darauf. So erst wurde er zum Be-Sitzer. Auch der Hammerschlag konnte den rechtsgültigen Übergang einer Sache an einen neuen Eigentümer bekräftigen, wie es heute noch bei Versteigerungen üblich ist, wenn etwas „unter den Hammer“ kommt und jemandem der „Zuschlag“ erteilt wird. Der Hammer als Symbol göttlicher Kraft und Weihe gründet im germanischen Donarkult. Dem Gotte war der Hammer als Sinnbild seiner zeugenden Kraft geweiht. In diesem Sinne diente er zur Bekräftigung von Rechtsakten. So sind uns z. B. Grenzsteine in Hammerform aus Island überliefert. Die älteste Bedeutung von Hammer ist „Fels, Stein“, woraus ja auch ursprünglich der Hammer sowohl wie der Donnerkeil des Gottes gebildet und geschliffen waren. Ein anderes uns noch geläufigeres Zeichen richterlicher Macht ist der Stab, von dessen sinnbildlicher Bedeutung wir schon im Kapitel „Aus Baum und Holz geschaffen“ hörten. Als Richterstab wird er zum Zeichen richterlicher Macht über Leben und Tod. Wenn der Richter in früheren Zeiten nach dem Todes- oder Achturteil „den Stab über jemanden brach“, so wird dieser Stab ursprünglich wohl auch das Leben des Verurteilten gemeint haben. Eine sinnbildlich weniger gefestigte, aber urkundlich besser begründete Deutung sieht darin die Beendigung des amtlichen Auftrags dem Verurteilten gegenüber. Ganz im Dienste sinnbildlicher Gebärdensprache stand im altdeutschen Rechtsleben die Hand. Der Handschlag gilt ja heute noch auf den Viehmärkten und anderswo als verbindlicher Abschluß eines „Handels“, und die Redensart „jemandem etwas in die Hand versprechen“ ist uns noch so vertraut wie jene sprachliche Gebärde feierlicher Beschwörung: Hand aufs Herz! Die Hand war aber auch das Zeichen des Schutzes, den man jemandem gewährte. Zumindest in der Sprache halten auch wir noch unsere Hand schützend über einen jungen Menschen. Das Wort für diese schützende Hand ist uns noch in Vormund und Mündel erhalten. Es lautete im Altdeutschen „die raunt“ und ist vom Indogermanischen her mit dem lateinischen „manus“ (Hand) verwandt. Diese „Mund“ ist auch in unserem meist falsch verstandenen Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ gemeint; d. h. wer seine Hand (munt = manus) schon in früher Stunde regt und fleißig arbeitet, wird reich werden. Die schützende Wirkungskraft dieser munt-Hand lebt auch noch in Eigennamen weiter: Siegmund (siegreicher Schützer), Edmund (Schützer des Erbgutes) und Egmont (Schwertschutz). Als „mundtot“ bezeichnete man früher einen Menschen, der des Rechts, als „Muntherr“ seine oder die Sache anderer zu vertreten, verlustig gegangen war. Wie die uns fremden Bräuche mittelalterlicher Gottesgerichte in der Sprache weiterleben, ist jedem so vertraut, daß hier nur einige Hinweise genügen mögen. Auch wenn wir nicht mehr glauben, daß Gott, um unsere Unschuld zu bezeugen, mit Wundertaten in ein Gerichtsverfahren eingreift, bestehen wir in der Sprache noch Feuerproben, sitzen wir wie auf glühenden Kohlen, gehen wir für jemanden durchs Feuer oder legen die Hand hinein. Selbst Gift nehmen wir noch „auf“ etwas, so sicher scheinen wir unserer gerechten Sache zu sein: Da kannst du Gift darauf nehmen! In der Erregung sind wir noch bereit, auf „Stein und Bein“ zu schwören, d. h. mit der Hand auf der steinernen Altarplatte und ihren Reliquien Eide zu leisten. Aus dem Brauchtum der Femgerichte stammt vermutlich noch unser Steckbrief. Die schriftliche Vorladung dieses geheimen Freigerichts wurde mit dem Dolch an das Tor oder den Gartenzaun des zu Ladenden festgesteckt. Unsere Redewendung „einem etwas stekken“ wird von diesem Rechtsbrauch stammen. Der Ausdruck „einem etwas anhängen“ entspricht der Gepflogenheit, dem am Pranger zur Schau gestellten Übeltäter einen Zettel oder eine Tafel anzuhängen, worauf die Schandtat zu lesen war. Wenn wir heute noch jemandem „aufs Dach steigen“, so wirkt in dieser Redensart eine symbolische Ehrenstrafe nach, die der Komik nicht entbehrte: Ehemännern, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen, stieg man in manchen Gegenden tatsächlich aufs Dach und deckte es ab. Solche Dachabdekkungen sind uns bis ins 18. Jahrhundert überliefert. Nach einem Mainzer Amtsbericht aus dem Jahre 1666 soll sich ein solcher Strafvollzug folgendermaßen abgespielt haben: Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen hatte, so nahmen sich sonderbarerweise die Bewohner des Nachbardorfes dieses Falles an. Mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen, so erzählt der Bericht, zogen sie vor des geschlagenen Mannes Haus, stiegen auf das Dach, hauten ihm den First ein und rissen ihm das Dach bis auf die vierte Latte von oben an ab. Nicht ohne Humor liest man die Deutung dieser -Strafe bei Jakob Grimm, wonach man „einen Mann, der sich dem häuslichen Unwetter so geduldig unterzogen, auch dem physischen preisgeben wollte.“ Wie tröstlich, daß dieser volksrechtliche Strafvollzug heute nur noch als ungefährliche bildliche Redensart umgeht!

RITTERLICHES SPRACHERBE

Wenn wir heute ein Ereignis ausführlich schildern, kommt es uns kaum in den Sinn, daß dieses Schildern sich von den Schilden der Ritterzeit herleitet. In germanischer Zeit waren die Schilde bunt bemalt, die Ritter trugen sie mit dem Bild ihres Wappens. Der „schiltaere“ war damals ein Wappenmaler, und erst später erweiterte sich die Tätigkeit des Schilderers auf die Wiedergabe jedes Geschehens. Am Wappen erkannte man Rang und Familie des Ritters. Darum war es wichtig zu wissen, was einer im Schilde führte, ob er Freund oder Feind war. Das galt vor allem, wenn er auf einer Reise war, wenn er als Reisiger, als Bewaffneter, zu Krieg und Fehde aufgebrochen war (vgl. englisch: to rise = sich erheben; es ist wahrscheinlich, daß der „Riese“ sich aus derselben Sprachwurzel erhob). Die Vorstellung, daß man irgendwohin aufbricht, hat sich wohl vom Zeltlager her ergeben. Deshalb brechen wir noch auf, auch wenn wir kein Zeltlager mehr auf- oder abzubrechen haben. Wenn die reisigen Ritter zur Herberge kamen, d. h. dorthin, wo das Heer Obdach und Geborgenheit fand, hängten sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit wohl ihre Schilde vor das Tor und an die Mauern. Mancher Wirt mag im Gefolge dieser ritterlichen Sitte später seiner Herberge das Schild seines Hauses und Gewerbes angehängt haben, das Wirtshausschild. Damit war aus dem ritterlichen Schild das gewerbliche geworden, das seine eigene Mehrzahl bildete: Die Schilde der ritterlichen Herren wurden ersetzt durch die Schilder der bürgerlichen Wirte, Handwerker und Kaufleute.

Sporen waren ein Zeichen ritterlicher Würde. Erst nach dem Ritterschlag durfte sie der Jungherr anlegen. Auch unsere jungen Männer verdienen sich noch die Sporen, wenn sie sich in Beruf und Amt bewähren. Ohne Kampf zu Pferde und mit der Lanze heben wir auch heute noch unsere Gegner aus dem Sattel, wenn sie nicht sattelfest und in ihrer Beweisführung stichfest sind. Einen Kameraden lassen wir ebensowenig im Stiche (liegen), wie der anständige Ritter es tat, d. h. wir helfen ihm, wenn er im hin und her des Turniers, im „Gestech“, zu Fall kommt. Das von der französischen Ritterschaft übernommene Wort Turnier ist übrigens mit unserem Turnen (wenden, drehen, vgl. englisch: to turn) sprachverwandt. Turnen (das Wort kam erst wieder durch Turnvater Jahn zu Ehren) und Turnier haben ihren gemeinsamen Ursprung in dem lateini- i sehen „tornare“ (drechseln). War während des ritterlichen Turniers einer in den Sand (Gries) gefallen, so hielt der Turnier- oder Grieswart eine Stange über den Gestürzten: eine Gebärde des Schutzes, die auch wir noch in ‚ der Sprache nachahmen, wenn wir jemandem die Stange halten. Ähnlich verhält es sich mit unserer Redensart nicht viel Aufhebens machen. Sie bezieht sich auf einen ritterlichen Brauch vor dem Zweikampf. Die Waffen lagen auf dem Boden und wurden mit bestimmten Gebärden aufgehoben, ehe man gegeneinander anging. Auch wenn wir „es“ (nämlich die Waffe) mit jemandem aufnehmen, erinnern wir uns sprachlich an diese Turniersitte. Die Ballzeremonie zu Beginn eines Fußballspieles könnten wir damit vergleichen, wie ja der Sport eine Zuflucht ritterlichen Geistes geblieben ist. Ohne viel Aufhebens aufeinander loszuschlagen, wäre auch heute noch unritterlich.

Von den zahlreichen Nachwirkungen ritterlicher Art und Lebensführung in unserer Sprache wollen wir nur noch drei Redensarten erklärend betrachten. Wenn wir heute noch eine Rede aus dem Stegreif, d. h. ohne Vorbereitung halten, so ist dieser Stegreif der Steigreif oder Steigbügel des Ritters. Wie es leidenschaftliche Autofahrer gibt, die möglichst alles vom Auto aus er- J leben und erledigen wollen (z. B. Einkauf und Kinobesuch), so konnte sich wohl auch mancher Ritter nicht entschließen, vom Pferde abzusteigen, wenn es angebracht gewesen wäre. Ohne Rücksicht auf Formen der Höflichkeit wird er Burg und Gut aus dem Steigreif verwaltet haben. Kann ein kleiner Geist dem genialen Meister das Wasser nicht reichen, dann finden wir die Erklärung solcher Rede in den Tischsitten der Ritterzeit, als man noch nicht mit der Gabel, sondern mit den Fingern aß und ein Knappe anschließend Wasser und Handtuch zum Händewaschen reichte. Wer nicht einmal diesen Dienst zu leisten berechtigt ist, wäre weniger als ein Knappe, der den Damen und Herren immerhin das Wasser reichen durfte. Daß heute noch die Frau dem Manne einen Korb geben kann (aber nicht der Mann einer Frau), diese Redensart erinnert an eine neckische Gepflogenheit des ritterlichen Minnedienstes: Burgfrouwen zogen ihren Verehrer, ihren „friedel“, wenn sich keine andere Gelegenheit zum Stelldichein bot, in einem Korbe hoch zu sich in die Kammer. Manchmal wird auch eine verschwiegene Kammerzofe nächtlicherweile mitgezogen haben, bis der kühne Raumfahrer die Zinne oder Brüstung ergreifen und sich mit eigener Kraft hinüberschwingen konnte. Ein Bild aus der berühmten Manessischen Handschrift zeigt uns einen Herrn Kristan von Hamle in solcher schwebenden Situation, während oben die Freundin eine Art Flaschenzug betätigt. Nun scheint es aber bösartige Damen gegeben zu haben, die dem nicht genehmen Bewerber einen Korb mit brüchigem Boden hinunterließen und in geeigneter Höhe den Durchfall und Absturz des Minnenden veranlaßten. Manche sollen den Herrn der Schöpfung auch in der Schwebe gelassen und nicht nur der nächtlichen Kühle, sondern auch dem nachfolgenden Spott ausgesetzt haben. Späterhin hat man einem unbequemen Verehrer wohl einen Korb ohne Boden zugehen lassen, damit er gleich wußte, was ihm blühte, wenn er es dennoch versuchen wollte. Man gab ihm also einen Korb zum Durchfallen. Deshalb ist heute jeder Korb, den man von einer Dame bekommt, nur eine bodenlose Angelegenheit.

Vermutlich hat sich diese symbolische Aktion des Durchfallen* in der folgenden Zeit auch auf andere Arten von Bewerbungen und Prüfungen übertragen, so dass wir heute bei verschiedenen Gelegenheiten durchfallen können.

MONATE UND TAGE

Der Zusammenstoß der germanischen Welt mit der römischen hat zu manchen Verwirrungen geführt, das zeigen noch unsere Monatsnamen. Sie alle nämlich sind römischer Herkunft. Soweit sie noch an römische Gottheiten erinnern, entbehren sie nicht ganz des Sinnes, wenn auch eines fremden: Der Januar gilt dem doppelköpfigen Tanus, dem Gott der Schwelle, des Aus- und Eingangs, und steht deshalb mit einigem Recht am Beginn des Jahres. Der März erinnert an den Kriegsgott Mars, für den die Germanen gewiß Verständnis hatten, der Mai an einen Jupiter Majus, einen für uns unbekannten Gott des Wachstums. Im Juni lebt der Name der jugendlich blühenden Juno, der Gemahlin Jupiters weiter. Juli und August sollten uns an Julius Cäsar und den ersten römischen Kaiser Augustus gemahnen, die Helden einer fremden Geschichte. Der Februar hat weder mit Göttern noch mit Kaisern etwas zu tun. Er ist der Fieber-Monat und war bei den Römern der Monat der Reinigung und Entsühnung. Sein Name ist die Erinnerung an diese feierlichen religiösen Übungen. April könnten wir als Monat des öffnens bezeichnen, wenn die Beziehung zum lateinischen aperire = eröffnen zutrifft. Er wäre dann der Frühlingsmonat, der die Zeit des Wachsens und Blühens eröffnet. September, Oktober, November und Dezember sind nichts als numerierte Monate und bezeichnen den siebten, achten, neunten und zehnten Monat. Sie wären für uns nur sinnvoll, wenn wir die Zählung der Römer hätten, für die das Jahr bis in die Zeit Cäsars mit dem März einsetzte. Für unsere Zählung stimmen die Nummern nicht mehr; denn wir müßten den September — den siebten Monat — November — den neunten — nennen und dann weiter für diese Monate bis zwölf zählen. Die römische Zählung ist für uns widersinnig. Aber es ist nun einmal so, daß sich in der Geschichte auch Wider- und Unsinniges durchzusetzen und zu bewahren weiß. Sinnvoller wären gewiß die alten deutschen Namen, die übrigens Karl der Große noch gebraucht wissen wollte. Sie nämlich entsprechen dem Ablauf des Jahres im Zusammenhang mit dem Naturgeschehen und der bäuerlichen Arbeit in unseren Landstrichen. Der Härtung, auch Wintermond und Eismond, erinnert an die harte Jahreszeit. Im Hornung werfen die Hirsche ihr Gehörn, ihr Geweih ab. (Ganz gesichert ist diese Erklärung freilich nicht.) Der Name des Monats Lenz leitet sich von „lang“ ab und weist darauf hin, daß sich jetzt die Tage „längen“. Der Ostermond erinnert an die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Sie gibt ja auch unserem Osterfest den Namen. Ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit und Erneuerung des Lebens sind bis auf unsere Tage der nachwuchsreiche Hase und das Ei. Wenn wir den Mai mit seinem deutschen Namen Wonnemond nennen, so dürfen wir nicht einfach an den herkömmlichen Begriff Wonne denken. Diese Wonne (oder richtiger Wünne) stand ursprünglich nur dem Vieh zu, das auf die Wünne, auf das frisch ergrünte Wiesenland getrieben wurde, um dort sein Weideglück zu genießen. Erst später erweiterte sich die Bedeutung zum gesteigerten Glück mancher Art. Der Brächet erinnert an die alte Dreifelderwirtschaft, als noch jeweils ein Drittel des bebauten Landes zur Erholung brach blieb und im Juni umgebrochen wurde.

Der Heuert ist der Heumond, in dem das Gras gemäht und getrocknet wurde, weshalb wir mit dem Wort Heu meist die Vorstellung des dürren, getrockneten Grases verbinden, was aber der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht entspricht: Heu ist das „gehauene“, also nur gemähte Gras. Der Ernting bezeichnet die Zeit der Getreideernte. Im Scheiding geht der Sommer seinem Ende entgegen. Nun heißt es Abschied nehmen von der schönen, warmen Zeit.

Ein geradezu poetischer Name ist der Gilbhard. Sein Name beschwört die Herbstfärbung des gilbenden, sich verfärbenden Waldes. Die zweite Silbe Hard (Hart) meint den Bergwald und ist uns noch in den Namen unserer Mittelgebirge erhalten: Haardt, Harz, Spessart (Spechtswald). Der Neblung verweist auf die grauen, regnerischen und nebeligen Novembertage. Der alte deutsche Name für den letzten Monat des Jahres ist, entsprechend dem Nebeneinander von heidnisch germanischer Überlieferung und jungem Christentum, doppelt überliefert. Karl der Große soll für ihn noch den Namen Christmond (auch Heiligmond) bestimmt haben. Der nordgermanische Name ist Julmond. Er lebt auch noch in Julklapp weiter. Das Wort Jul ist in seiner Bedeutung unklar. Es könnte die Zeit der Schneestürme meinen. Aber auch eine Beziehung zum Rad (vgl. englisch: wheel) ließe sich herstellen. Das Rad wäre dann ein Zeichen für die Wende des Jahres.

Mancher bedauert, daß diese recht sinnvollen und im ganzen auch verständlichen Monatsnamen verschwunden sind und für uns nur noch historische Bedeutung haben. Es wäre vergeblich, sie entgegen dem internationalen Sieg der römischen Bezeichnungen wieder hervorholen zu wollen. Wer diese zum Teil sinnlos gewordenen Namen nicht gebrauchen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Monate von eins bis zwölf zu beziffern, wie es geschieht, wenn wir abkürzend schreiben: 21. IX. 1963, 17. XI. 1964, 25. XII. 1959. Günstiger und sinnvoller als die Monatsnamen haben sich die Namen für die Tage der Woche entwickelt. Hier setzten unsere Vorfahren an die Stelle der römischen Götternamen, welche die siebentägige Planetenwoche bezeichneten, germanische Namen ein, die sich fast alle erhalten haben. Für die römischen Namen Sol und Luna konnten sie einfach die entsprechenden germanischen wählen: Sonne und Mond, Sonntag und Montag; wobei wir bedenken müssen, daß diesen Gestirnen früher noch religiöse und kultische Bedeutung zukam. An die Stelle des römischen Kriegsgottes Mars trat der germanische Kriegs- und Glanzgott Ziu (Tiu). Ursprünglich war er ein indogermanischer Himmelsgott, und sein Name ist noch in Zeus, in Jiu-piter, auch in den lateinischen Wörtern „deus“ (Gott) und „divus“ (göttlich) erhalten. Im englischen Wort für unseren Dienstag erkennen wir ihn noch deutlich: Tuesday. An die Stelle des Merkur trat der germanische Wanderergott Wodan, dessen Name sich im englischen Wednesday erhalten hat. Wir haben für den Wodanstag den Mittwoch, der die Mitte der Woche bezeichnet. Für den römischen Jupiter trat der germanische Donar (Thor) ein und gab unserem Donnerstag den Namen. Die römische Venus hat ihr germanisches Gegenstück in der Liebesgöttin Freya, der demnach der Freitag geheiligt ist. Daß heute noch der Freitag eine für Hochzeiten bevorzugter Tag ist, ist vermutlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Der römische Saturn lebt noch im englischen Saturday weiter. Im Deutschen setzte sich durch gotisch-arianische Vermittlung im Süden der hebräische Sabbattag als Samstag durch, während der Norden diesen Tag am Vorabend des Sonntags zum Sonnabend machte, zum Feierabend vor dem Sonntag.

KLANGBILDER

Die lautmalende Fähigkeit der Sprache fällt auch dem oberflächlichen Betrachter auf. Schallnachahmende (die Wissenschaft nennt sie „onomatopoetische“) Selbst- und Mitlaute scheinen die Geräusche und Klänge der Natur und Menschenwelt zu wiederholen. Jedermann ist die Wirkung dieser Wörter vertraut: trillern, klingen, wispern, wiehern, klappern, klatschen, plappern, quaken, rattern, schnarchen, summen, schnurren, pusten, meckern, krächzen usw. Man kann einwenden: Wenn solche Wörter wirklich Naturlaute nachahmen, müßten sie sich in allen Sprachen gleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Hahn schreit kikeriki, der englische cock-a-doodle-doo, der griechische kokkü, der mongolische dschordschor und der chinesische kiao. Wenn sich diese Wörter auch nicht gleichen, so ist in allen doch ein Bestreben festzustellen, dem Ruf des Hahnes im Klangbild gerecht zu werden. Die Völker und ihre Sprachen nehmen die Naturlaute verschieden auf und finden darin jeweils besondere Kennzeichen, die sie in ihrer Sprache lautlich festzuhalten versuchen. Diese schallnachahmenden Wirkungen der Sprache sind nicht immer leicht abzugrenzen von den sinnbildlichen. Wenn wir aber feststellen, daß eine Fülle von Wörtern der Bewegung mit W beginnen, dann hat dieser Laut sinnbildlichen Wert: Weg, Wasser, Waage, Wind … Das W kennzeichnet die diesen Wörtern gemeinsame Bewegung: Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, schwanken, schwellen, wallen, wandern, wenden, weben, wehen, wechseln . .. Das bewegende W in einer fast unerschöpflichen Fülle von Wörtern der Bewegung dürfte nicht mehr als Zufall angesprochen werden. Hier bestehen Zusammenhänge zwischen Wortklang und Wortbedeutung, die sinnbildlicher Art sind. Es wäre verkehrt und würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, aus einer von Fall zu Fall möglichen Lautsymbolik ein allgemein gültiges Gesetz ableiten zu wollen. Dennoch ist eine klangbildliche Wirkung bestimmter Laute immer wieder festzustellen: Es kann nicht Zufall sein, daß fast alle Bezeichnungen für schlaffe, lässige und lasche Menschen ein L enthalten: Laffe, Lackel, Lorbaß, Lappe, Lump, Lotterbube. . . Dieses L, das hier eine abwertende Bedeutung hat, erscheint im Sinne des Milden und Gelinden in anderen Wörtern: Liebe, laue Luft, Klang, laben, gleiten, leise, lösen, stillen … Es entspricht der Wirklichkeit des Lebens, daß dieselbe Erscheinung verschiedene Bedeutungen haben kann. In der Endung el hat das L eine verkleinernde und verniedlichende Wirkung. So wird aus dem Tanzen ein Tänzeln, aus dem Lachen ein Lächeln, aus Trappen ein Trappeln und Trippeln, aus Äugen ein Äugeln. Aus der Eiche wird das Kind der Eiche, die Eichel, aus dem massigen Schinken der schlanke Schenkel. Mit der Verkleinerung geht oft eine Wertminderung Hand in Hand: Den Grübler, der mit seinem Graben in die Tiefe zu keinem rechten Erfolg kommt, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt. Auch wenn der Kluge zu klügeln anfängt, nehmen wir seine Klugheit nicht mehr ernst, und einem soliden Liebhaber steht es nicht zu, anderweitig zu liebeln. Gesindel ist ein verlottertes Gesinde. Wenn wir beobachten, daß sich die Lautverbindung KR überall dort einfindet, wo es sich um krumme Linien und Kurven handelt, dann sind wir wohl berechtigt, uns über diese klangbildliche Wirkung Gedanken zu machen. In jedem Fall widerspräche das KR den Vorstellungen des Glatten, Ebenen und Geraden: Krüppel, Krücke, kriechen, Krampf, Kropf, Krone, Krempe, Kragen, Krause, Kralle, Kringel, krumpeln, kritzeln.. . Auch die indogermanische Wurzel „glei“, aus der sich eine zahlreiche Wortfamilie vom Kleber bis zum Kleister nährt vermittelt schon als Klangbild die Vorstellung des Klebrigen und Schmierigen. Eine geradezu zaubrische Lautgebärde haben die indogermanischen Wortwurzeln „blä“ und „blä“, von denen sich blühen, Blatt, Blut usw. ableiten. Schon beim Sprechen dieser Konsonantenverbindung vollziehen wir mit den Lippen den Vorgang des Entfaltens und Blühens, der dann auch die Bedeutung der ganzen Wortfamilie bestimmt. Auf die sinnbildliche Wirkung und Bedeutung der Vokale verweist Ernst Jünger in seiner Abhandlung „Das Lob der Vokale“. Jünger meint z. B., das A sei „der eigentliche väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität“, der Vaterwürde. In ihm klinge zugleich die Höhe und umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. „Diese doppelte Ausdehnung“, so sagt Jünger, „tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor .. . Als Ausruf kündet das volle A den höchsten Grad der Bewunderung an, im Lachen die hohe, joviale Heiterkeit. In unseren Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkündet das A den Anruf der höchsten Macht, und je weiter wir in dieses Gebiet eindringen, desto mehr erstaunt uns der hohe Grad der Notwendigkeit, der unserer Sprache innewohnt. Die gewaltigste dieser Formeln lautet: ,1m Namen des Vaters‘.“ Dem väterlichen A ist das mütterliche U entgegengesetzt. Das U, sagt Jünger, ist der Laut des Ursprungs, der Wurzel und der feierlichen Dunkelheit. Bezeichnend ist, daß das U in einer großen Zahl von Wörtern erscheint, die etwas Abgeschlossenes und Verborgenes bezeichnen: Urne, Grube, Gruft, Grund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Hut, Glucke, rund, unten. Dem E ordnet sich nach Jünger die Ausdehnung der Ebene zu. „Die beiden Reiche, die sich in diesem Laute begegnen und überschneiden, sind die des Leeren und des Erhabenen.“ Er verweist auf Wörter wie Meer und Schnee, See und Seele. Aber auch das Langweilige und Eintönige erscheine in diesem Laut, besonders sinnfällig in einer Wendung wie „Der Regen regnete“. Die Bühnensprache vermeide deshalb die reine Aussprache dieses Vokals. Das E ist auch der Vokal des abstrakten Denkens. „Wir sehen es vornehmlich in Verben auftreten, die eine ganz allgemeine Tätigkeit ausdrücken, welche auf eine Unzahl von wechselnden Inhalten bezogen werden können. Sehen, reden, denken, nennen, messen, rechnen, begrenzen, leben, werden, weben, erkennen, entstehen, vergehen, verwerfen sind Tätigkeitswörter dieser Art, von denen unsere Sprache eine unerschöpfliche Fülle besitzt, und die sich im besonderen in jenen Sätzen einstellen, in denen wir uns mit den Formen des Denkens selbst, also mit der Logik beschäftigen.“

Wir wollen und können hier nicht im Sinne Jüngers alle Laute auf ihre klang- und sinnbildlichen Wirkungen untersuchen, zumal da wissenschaftlich zuverlässige Grundlagen wohl kaum zu gewinnen sind. Aber an der Tatsache klangbildlicher Wirkungen der Sprache kann niemand vorübergehen, dem Sprache mehr ist als nur ein notdürftiges Verständigungsmittel. Manche der Betrachtungen Jüngers mögen dichterische Auffassungen sein. Aber auch die Dichtung hat ihre Wahrheit. Weite Bereiche der Lyrik werden von der Wirkung der sprachlichen Klangbilder bestimmt. Das ist auch einer der Gründe, warum Gedichte nie lautgerecht zu übersetzen sind. Schon die Übertragung folgender altdeutschen Verse ins Neuhochdeutsche ergibt ein anderes Klangbild: „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin.“ Das in den Reimen wirksame I gibt den Versen einen innigen Minne-Ton, den die neuhochdeutsche Reimfolge mein-deinsein nicht mehr wiedergeben kann. Die Übersetzung mag begrifflich richtig sein, das veränderte Klangbild aber verändert auch den Charakter der Verse. Wie sehr das Klangbild lyrische Verse be-stimmt, d. h. die Stimmung schafft, möge noch der Vergleich von zwei Strophen zeigen, die wir Nacht-Gedichten von Eichendorff und Hebbel entnehmen:

Eichendorf: Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.

Hebbel: Quellende schwellende Nacht Voll von Lichtern und Sternen; In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!

Kein empfängliches Ohr wird überhören, daß hier ganz verschiedene Bilder und Stimmungen der Nacht schon im Klang der Verse deutlich werden (auch der unterschiedliche Rhythmus spielt dabei natürlich mit). Ohne auf die feinen Unterschiede einzugehen, kann man behaupten, daß das bei Eichendorff vorherrschende U (in Verbindung mit dem feierlichen A) auf die geheimnisvollen Schauer nächtlicher Versunkenheit deutet, während das bei Hebbel tonangebende E (ebenfalls in Verbindung mit dem feierlichen A) die sternenhafte Ferne erschließt.

Felix Pirner über Fridtjof Nansen: Forscher und Menschenfreund

Henry Van der Weyde - Fridtjof_Nansen - Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat
Henry Van der Weyde – Fridtjof_Nansen 
Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat

Neapel ist eine Stadt des Meeres, und der Vesuv, dessen zarte Rauchfahne den blauen Himmel streichelt, ist ihr Wappen. Die Bewohner der Stadt, dieses arme, frohsinnige Volk, lebt vom Meer und seinen Fischen, von der Lava des Vesuvs, der fruchtbaren Erde, die Orangenhainen und Ölbaumwäldern die Nahrung schenkt. So ist es heute, und 1886 war es nicht anders, als einige junge Männer durch die Gassen der Stadt schlenderten. Man sah ihnen an, dass sie keine Italiener waren; aber einer der jungen Leute fiel besonders auf, ein großer, hellblonder Mann mit dem kühn geschnittenen Gesicht und den blauen Augen des Wikingers. Er erregte nicht nur wegen seines Aussehens in der südlichen Landschaft Aufsehen, sondern er gab mehr als andere mit beiden Händen und einem fröhlichen Lächeln Geldmünzen an die Bettler. Zwei junge Neapolitanerinnen sahen ihm aus der Schneiderwerkstatt ihres Vaters nach. Die eine meinte: „Er muss sehr gut sein. Neulich wollte er das Aufbügeln seines Anzugs zahlen und hatte zu wenig Geld mit, nur weil er zu viel unterwegs an die Armen verteilt hatte.“

„Er soll herrlich tanzen können — die Tarantella, wie unsere Burschen. Mario sah ihn auf Capri; er war eifersüchtig, weil die Mädchen alle mit dem großen Blonden tanzen wollten“, sagte die andere und sah ihn mit bedauerndem Lächeln um die nächste Ecke verschwinden.
Der junge Riese, der Norweger, war Fridtjof Nansen, Zoologe und Assistent am Biologischen Institut in Neapel. Die jungen Männer wanderten zu den Lavafeldern von San Sebastiano. Auf einmal blieb Nansen hinter ihnen zurück. Er setzte sich auf einen der dicken Brocken und antwortete nicht auf die Zurufe seiner Freunde. Hatte Fridtjof Nansen Liebeskummer? Nein. Nansen überfiel jäh und mit Wucht die Sehnsucht nach Hause, nach Norden. Die starken bunten Farben und die lauten fröhlichen Menschen peinigten ihn auf einmal. Er wusste nicht, warum; denn bis zu diesem Augenblick, so schien es ihm, hatte er sich noch an dem Gegensatz gefreut — nun war alles wie erloschen. Er sehnte sich maßlos nach dem Packeis und der Robbenjagd, nach den zarten Farben und den kurzen flammenden Sommern, denen die rasche Vergänglichkeit ihren unwiderstehlichen Reiz gab.

pompeii-431577_1280_PhilP61Schließlich stand der junge Norweger von dem Lavafelsen auf, reckte sich und blickte zum Vesuv hinüber, dann schloss er sich seinen Freunden wieder an.  „Bist du traurig?“
„Nein, nicht mehr. Ich weiß aber jetzt, warum ich es war. Ich melde mich zurück nach Hause.“
„Warum denn so schnell? Im Meeresinstitut von Neapel gibt’s doch die seltensten Sorten von Tintenfischen.
Nansen lachte: „Aber keine Robben und Eisbären. Ich will Grönland durchqueren, auf Schneeschuhen.“
Und warum? „Weil kein Mensch das Innere kennt. Gibt es grüne Täler dort? Menschliche Ansiedlungen? Oder findet man eine einzige platte Eisfläche? Nichts weiß man davon. Aber ich werde es herausbekommen.

1888: Sechs Männer kämpften sich quer durch Grönland, von Osten nach Westen, vier Norweger und zwei Lappen. Sie schoben schwerbeladene Schlitten über Schrofen und Buckel hinauf, zeitweise in eisigem Sturm bei vierzig Grad Kälte. Grönland war keine glatte Fläche, und als die Männer endlich die Höhe der Insel erreicht hatten, da maßen sie 2400 Meter. Das war am 1. September 1889. Sie freuten sich und machten ein Festessen; denn die Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, waren schwer gewesen, überschwer. Sie hatten sogar die Ölhäute ihrer Schlafdecken als Brennstoff benutzen müssen, um die Schlitten zu erleichtern. An manchen Tagen war der Schnee schwer geworden, fast hatten sie die Schlitten tragen müssen, und immer noch ging es bergauf. Nachtmärsche hatten sie schon lange aufgegeben; sie fühlten sich glücklich, wenn sie des Nachts im Zelt lagen und heißen Tee tranken.

Nun waren sie endlich oben. Hinunter geht’s bekanntlich schneller. Leider mussten sie noch tagelang auf der gleichen Höhe voranziehen und stoßen, während der Sturm raste. Hunger plagte sie; denn bei dem Marsch quer durch Grönland hatte es sich herausgestellt, dass ihre Hauptnahrung „Pemmikan“ — ein gepresstes Fleischpulver, mit Mehl versetzt, von außen nicht unähnlich einer Schokoladentafel — zu wenig fetthaltig war. Und Durst hatten sie! Sie trugen eine kleine Flasche mit Schnee gefüllt auf der Brust, das aufgetaute Wasser tranken sie.
Dann glitten eines Tages die Schlittenkufen von selbst, sanft, fast gemütlich, bis auf einmal der Bergkamm steiler ins Tal fiel. Die Schlitten rasten. Die Männer sprangen auf und versuchten sie zu lenken. Eine halsbrecherische Fahrt; denn sie flogen nun über die gleichen Unebenheiten, die ihnen bergauf trotz der harten Kälte den Schweiß auf die Stirn getrieben hatten, sie sprangen über Schächte und Gräben. Sie rasten mit dem Tod um die Wette, immer schneller und schneller. Nansen führte. Plötzlich — eine Gletscherspalte! Sie waren schon dicht dran! Da riss Nansen an den Kufen, schwang ab und hielt — Zentimeter nur trennten ihn von dem tödlichen Spalt; der Bruchteil einer Sekunde hatte über sein Leben entschieden.

Wohl nur ein Mensch, der sich je einmal im Schnee verirrt hat, kann die Freude ermessen, die einen Mann im ewigen Eis durchzuckt, wenn ihn wieder eine Spur warmen Lebens streift. Eine Fliege, ein Schmetterling, eine Moosfaser. Die sechs Männer setzten sich beglückt in das erste Kissen von Moos und Heidekraut, sie legten die Hände auf die Erde und freuten sich. Nun waren sie durch! Wieder hielten sie ein Festmahl. Sie brannten ein Feuer aus Heidekraut an und sogen den Duft von Moos und Erde ein. War das herrlich!
Nun kamen sie schneller vorwärts. Sie schossen wieder Vögel und aßen Beeren. Die frische Nahrung gab ihnen neue Kraft. Sie ruderten einen Fjord entlang und gelangten zum offenen Meer.

Nansen_auf_dem_Schiff_Nordpolexpedition_BergenIn einer Eskimosiedlung kam ein junger Mann auf sie zu und fragte nach Nansen. Er wollte ihm zum Doktordiplom gratulieren. Ein Schiff hatte die Nachricht mitgebracht. Der junge Doktor stand vor ihm, verschmiert und ungewaschen, seinen ersten Erfolg als Forscher gerade hinter sich. Nansen blieb, bis das nächste Schiff im Frühjahr in seine Heimat fuhr, bei den Eskimos, und er wurde fast einer der Ihren. Er wohnte mit ihnen in Hütten und gewöhnte sich an den atemberaubenden Gestank, der in diesen Behausungen herrschte; er aß mit ihnen ihre Leckerbissen, wie rohe Heilbutthaut und gefrorene Beeren mit ranzigem Speck. Wenn man seinen Bericht darüber liest, dann weiß man, dass er nicht nur als Forscher sich ihren Sitten anpasste, sondern man fühlt, dass er die Eskimos liebte. Er bewunderte ihre Heiterkeit und Hilfsbereitschaft, ihre Kunst, zu jagen und Kajak zu fahren, die er von ihnen erlernte. Hier spricht zum ersten Mal der Menschenfreund Nansen, der sich nie überheblich anderen Menschen genähert hat, sondern ihnen mit Achtung und Bescheidenheit entgegentrat und der darum Gastfreundschaft und Respekt fand.

Nansen war ein Held seines Landes geworden, ein junger Gelehrter mit großen wissenschaftlichen Aussichten. Er wurde Kurator am Zoologischen Museum in Oslo, schrieb sein Buch über die Durchquerung Grönlands und hatte geheiratet. Seine Frau, Tochter eines bekannten Zoologen, als Sängerin ausgebildet, passte in ihrer Lebenskraft und Fröhlichkeit zu ihm. Wie sonst hätte er an einem Silvesterabend mit ihr eine Skifahrt auf einen Berg machen können! In einer Zeit, in der kaum ein Mann auf den langen Brettern zu laufen verstand. Bei diesem seltsamen Unternehmen kamen sie in die Dunkelheit und mussten im Zwielicht von der Bergkuppe abfahren. Schließlich wurde die Fahrt so steil, dass sie die Bremse aller Skileute benutzen mussten, den Hosenboden. Es wurde Nacht und kalt und stürmisch, und sie waren froh, als sie endlich in einem Gehöft landeten und gastlich aufgenommen wurden.

Mit so einem kleinen Buben fährt man aber nicht in einer solchen Silvesternacht Schneeschuh“, meinte der Bauer und Hausherr, als er die Gäste ins warme Haus holte. Der „kleine Bub“ war Frau Nansen. Eva Nansen ließ ihren Mann auch mit einem tapferen traurigen Lächeln auf die große Fahrt ins Eismeer zum Nordpol ziehen. Sie hatte einen Forscher geheiratet und verschloss sich den daraus folgenden Notwendigkeiten nicht. Schon knapp vier Jahre nach ihrer Hochzeit, 1893, kehrte die „Fram“, das Schiff, dem Frau Nansen selbst den Namen gegeben hatte, seinen Bug nach Norden zu der großen Reise. „Fram“ heißt „Vorwärts“, vorwärts zum Nordpol.
Nansen hatte die Reise gewissenhaft vorbereitet; er wollte einer Strömung folgen, die sie nach Norden treiben sollte. Bisher hatten die Expeditionen sich gerade gegen diesen Strom gestemmt. Nansen wollte sich dem Strom anvertrauen, auch dann, wenn er einen großen Umweg fahren müsste. Er sagte in diesem Zusammenhang einmal ein weises Wort, das sich nicht nur auf Strömungen im Nordmeer anwenden lässt: „Ich glaube, dass, wenn wir auf die Wege achten, die sich in der Natur selber finden, und versuchen, mit ihnen und nicht gegen sie zu arbeiten, dass wir den leichtesten und sichersten Weg zum Pol finden werden.“

Nansen fuhr nicht als Abenteurer, und die Worte, die er am Tage seines Abschieds von zu Hause in sein Tagebuch geschrieben hatte, greifen auch dem heutigen Leser noch ans Herz. Wir lesen da: „Nun ein letzter Gruß dem heimatlichen Hause, das dort auf der Landzunge liegt. Vorn der glänzende Fjord, Fichten- und Kiefernwald ringsum, lachendes Wiesenland und langgezogene, waldbedeckte Gipfel dahinter. Durchs Fernrohr sah ich eine weiße Gestalt schimmern, auf der Bank unterm Fichtenbaum. .. Das war der schwerste Augenblick der ganzen Fahrt.“
Die Polarexpedition hatte begonnen. Drei Jahre musste Eva Nansen auf ihren Mann warten, und die kleine Tochter Liev war ihr Trost. Über zwei Jahre hatte sie keine Nachricht von ihm, denn man hatte von Nansen geglückt. Sie hatten erkundet, was sie wollten, und viel wissenschaftliches Material gesammelt, das Jahre zum Auswerten bedurfte. Alle kehrten sie gesund zurück.

 Fridtjof Nansen (left) and Hjalmar Johansen after their arrival at Jackson's camp - Aug 1896
Fridtjof Nansen (links) und Hjalmar Johansen nach ihrer Ankunft im Jackson’s camp – Aug 1896

Nansens Lebensweg schien nun, nachdem er der Erforscher des nördlichen Polarlandes geworden war, glücklich vorgezeichnet: der Weg des erfolgreichen Wissenschaftlers. Nansen bekam in Oslo eine Professur. Gelehrte aus aller Welt, Ethnologen, Zoologen, Meeresforscher und Polarforscher korrespondierten mit ihm. Amundsen wandte sich um Rat und Hilfe an ihn, und Nansen überlegte, ob er noch eine Südpolexpedition unternehmen sollte. Aber Nansen blieb nicht allein Forscher. Norwegen, das Land und der Staat riefen nach ihm, und als sich Nansen entschloss, diesem Ruf zu folgen, da wurde der kühne Forscher zum großen Menschenfreund.

Norwegen kämpfte um seine Unabhängigkeit; im Jahre 1814 war es von Dänemark aus politischen Gründen im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen an Schweden abgetreten worden. Das arme, karge Norwegen passte nicht zu den reicheren Schweden; außerdem hatte das norwegische Volk einen zähen Willen für ein eigenständiges Leben durch Jahrhunderte hindurch und auch unter dänischer Herrschaft bewahrt. Jetzt wollte Norwegen frei werden. Hart am Krieg stand die Situation, als man Nansen bat, in England um das Verständnis für die Lage Norwegens zu werben.
Der große Jäger musste aus den Bergen geholt werden. Er verhandelte in Kopenhagen; er interessierte große Zeitungen in London für die Lage seines Landes; er besprach sich mit dem englischen Außenminister und erreichte es, dass Schwedens König auf die Union mit Norwegen verzichtete und Norwegen freigab. Noch durfte Nansen nicht zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zurückkehren. Ausschließlich kam er überhaupt nie mehr dazu. Zwei Jahre vertrat er sein Land als Gesandter in England. Der Polarforscher, der jahrelang ungewaschen, verschmutzt und mit einer Fettschicht überzogen gegen Eisstürme angekämpft, rohen Tran getrunken und Blutkuchen geschmort hatte, er stand nun im Frack, mit Degen, den Dreispitz unter dem Arm, und meldete sich bei dem König von England als neuer Gesandter.

Nansen_vor_SchiffEr schritt durch den Saal auf den König zu, ebenso selbstverständlich, wie er einmal in die Höhlen der Eskimos gekrochen war; er sprach ein tadelloses Oxford-Englisch und überreichte dem König sein Beglaubigungsschreiben. Er benahm sich auf dem Parkett ebenso sicher wie auf Schneeschuhen und auf der Pirsch, der große Forscher, der zutiefst ein bescheidener Mensch geblieben war und deshalb die Sicherheit des Freien besaß. Der erste Weltkrieg kam und verging und brachte Europa an einen Abgrund. In der Russischen Revolution wurden Millionen von Menschen vertrieben und ermordet, Millionen Kriegsgefangener und Zivilverschleppter wurden wie Sklaven gehalten, die hungerten, an Seuchen starben oder sich sonst zu Tode quälten, nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder.

Nansen sollte Völkerbundsdelegierter in Genf werden. Erst lehnte er ab, schließlich sagte er zu. Er musste sich also wieder von seinen wissenschaftlichen Arbeiten trennen. In Genf trug man ihm an, Flüchtlingskommissar zu werden, er, der geschickte Organisator, sollte Millionen von Menschen, die unter den Folgen des Krieges litten, helfen. Er nahm den Auftrag an, nicht weil er ein großer Organisator war, die gibt es in Industriekonzernen auch, im Übrigen besser bezahlt. Er nahm das schwere und oft undankbare Amt an, weil er die Menschen liebte, weil er den Menschen helfen wollte.

Nansen, obwohl schon über sechzig Jahre alt, gab sein behagliches großes Heim in Norwegen auf und reiste pausenlos quer durch Europa und Russland, oft in ungeheizten Zügen, und wohnte in billigsten Hotels. In billigsten? Der Völkerbundsdelegierte? Er pflegte an Reisespesen nicht zu verdienen — oder besser: er verdiente, aber nicht für sich, sondern für seine Flüchtlinge. Und er machte die Erfahrung, die jeder macht, der für einen guten Zweck Geld sammelt: es gaben vor allem die Armen, und sie sagten niemals: Schon wieder eine Sammlung!
Nansen stand in Sibirien am Eismeer, an der Murmanskbahn, die von Gefangenen gebaut worden war und die dort dabei an Hunger und Typhus zu Zehntausenden starben. Inmitten aller Elenden lebte er, er fror selbst; er scheute sich nicht vor Krankheiten; die Elenden umringten ihn und suchten nach seinen Händen. Wie alle großen Helfenden hatte er meist das Gefühl, seine guten Taten seien nur Tropfen auf den heißen Stein. Nicht nur in Russland, auch in der Türkei und in der Tschechoslowakei, in Belgrad und in Warschau wurden Familien aus der Heimat verjagt, teils durch Revolutionen, teils durch Grenzverschiebungen nach Beendigung des Krieges. Eine neue Völkerwanderung brach an, ein Heer Heimatloser, Staatenloser irrte umher. Keiner wollte sie als Staatsbürger aufnehmen. Nansen schuf eine Notlösung: den Nansenpass. Der Besitzer eines solchen Passes hatte nun endlich wieder einen Ausweis in der Hand, ein Blatt gestempeltes Papier, das man ebenso nötig wie ein Stück Brot brauchte. Man muss ein „registrierter Mensch“ sein, um überhaupt Anrecht und Anteil am äußeren Leben, am Dasein innerhalb eines Staatsverbandes zu haben. Nansen gab dieses Leben den Heimatlosen wieder, denn der Nansenpass wurde allmählich von den meisten Staaten anerkannt.

Der Friedensnobelpreis

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The picture was taken by a unknown photographer for Fridtjof Nansen in 1922. Nansen later included the picture in his book he wrote in 1929 – but one year before he died. From left: Fridtjof Nansen, King Haakon VII. of Norway, Crownprince Olav (later King Olav V. of Norway).- Quelle: wikimedia

1922 wurde Fridtjof Nansen von seinem König der Friedensnobelpreis in Oslo überreicht. Nansen gab das mit dem Preis verbundene Geld an seine Schützlinge; denn die große Hungersnot in Russland 1921 hatte seinen Fonds, den „Nansenfonds“, recht ausgeschöpft. Knapp zehn Jahre, bevor die Welt wieder in Flammen stand, wieder eine Völkerwanderung des Elends durch Europa und Asien strömte, starb Fridtjof Nansen 1930. War seine Arbeit umsonst? Taten der Barmherzigkeit sind nie vergebens. Im Übrigen setzte einer seiner Söhne, mit einigen Jahren der Unterbrechung, die er in deutschen Konzentrationslagern verbrachte, die Arbeit des großen Menschenfreundes fort.

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Fridtjof Nansen wurde als Sohn eines Juristen am 10. Oktober 1861 geboren. Studierte Naturwissenschaften, Zoologie, Meereskunde. 1888 durchquerte er Grönland. 1893 bis 1896 Nordpolexpedition. 1907 Professor der Zoologie. 1906 bis 1908 erster Gesandter Norwegens in England. 1920 Kommissar für das Flüchtlingswesen im Völkerbund. 1922 Friedensnobelpreis. Gestorben 1930. Das sind nur einige Daten aus einem reichen Leben.

Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.Weiterlesen

Sokrates und die Zeit in der er lebte – Felix Pirner

Akropolis mit dem Parthenon-Tempel - Nachbau
Akropolis mit dem Parthenon-Tempel – Nachbau

Geboren im Jahre 469 v.Chr. und gestorben siebzig Jahre später, also 399 v. Chr., hat Sokrates den Aufstieg wie den Niedergang seiner Vaterstadt Athen erlebt, den Reichtum der Feste, den Glanz der Bauten, den Ruhm der Flotte in den Zeiten des großen Staatsmannes Perikles, aber auch die dreißig Jahre des Peloponnesischen Krieges, Hunger, Pest, Niederlage im Krieg, Neid, Bosheit der Mitbürger und nachher die Willkür feindlicher Besatzungen. Sokrates hat dies alles mit dem Herzen erlebt. War doch sein binnen und Trachten stets nur dieser einen Stadt Athen zugewandt, die er nie verlassen hat, es sei denn gezwungen auf Feldzügen. Vater und Vorväter waren geachtete Bildhauer. Den gleichen Beruf hatte auch Sokrates. Man möchte sich ihn vorstellen unter den Gesellen des Meisters Phidias, an den Propyläen und am Parthenon-Tempel mitbauend und gestaltend. Doch zeigt Sokrates nirgendwo Künstlerehrgeiz. Nicht nur gab er den Beruf bald auf und stand den Tag über auf dem Markt, sich mit den Leuten zu unterhalten; er rühmte sich sogar, dem Beruf seiner Mutter zu folgen, die Hebamme war, und Hebammenkunst nannte er, was er da mit den Leuten auf dem Markte trieb. Er meinte nämlich, das Gute und Rechte liege in jedem Menschen drin, wie das Kind im Mutterschoß und müsse gleich diesem mit Hebammenkunst und gutem Willen ans Licht gebracht, ins Leben geboren werden.
Das beste Werkzeug dieser seiner Hebammenkunst dünkte Sokrates die Ironie, also eine schalkhafte Verstellung. Er tut so, als sei er ganz dumm und suche Belehrung, schiebt seine banal scheinenden Fragen wie im Brettspiel die Steine Zug um Zug weiter — bis plötzlich der andere merkt, er ist rings eingeengt und rettungslos geschlagen.Weiterlesen

Der Prozess der Sokrates – Kapitel 1: Der Philosoph – Felix Pirner

Sokrates - ProzessUnter den tausendmal tausend Halmen der Wiese blüht immer wieder eine seltene, einzigartige Blume. So auch ersteht inmitten der Menschen immer wieder ein stiller, nachdenklicher Mann, ein Weiser, ein Philosoph. Er braucht nicht gelehrt zu sein, kein Examen zu bestehen, keinen großen Geldbeutel zu besitzen. Auch ist er an kein Volk, keine Zeit und an keinen Stand gebunden. So war im alten Rom der gewaltige Heerführer und Kaiser Marc Aurel ein begnadeter Philosoph, aber der arme schlesische Schuster Jakob Böhme, der vierzehnhundert Jahre später lebte, war es nicht minder. Wie ein granitenes Mal steht immer wieder ein Weiser auf dem Jahrmarkt des Lebens. So vielgestaltig die Welt des Philosophen sich auch darbietet, so einheitlich blieb sein Gesicht von der fernsten Urzeit bis in unsre Tage: Der Philosoph erfährt Lust und Leid, Sehnsucht, Liebe, Geburt, Tod, Irrtum und Wahrheit in und um sich wie jeder andere. Er weicht dem Leben nicht aus, er geht auch nicht darin unter. In aller wirren Vielfalt sucht er die Einfalt und das Gesetz. Zu lauschen, zu schauen ist ihm gegeben. Wo andere nur obenhin sehen und hören und weiter rennen, verweilt er und forscht hinter den blinkenden Schein und drängt zum Grund aller Wesen. Auch beugt er sich zum Staub und hebt auf, was keinem sonst des Aufhebens wert scheint. Und was er so aufhebt, erlauscht, erschaut, das trägt er zusammen in sein Innerstes. Wie auf Dürers Bild „Hieronymus im Gehäuse“ lebt der Philosoph in der Geborgenheit seiner Seele, indes hinter den bunten Butzenscheiben draußen das Leben tobt, indessen Löwe wie Hund, Leidenschaft, Gier und Wildheit eingeschlafen liegen. Er sitzt und knüpft das Getrennte zusammen, ordnet und windet den Kranz um die Stirne der Gottheit. Und diese Stille und Geborgenheit, sein „Gehäuse“, trägt der Philosoph dann überall und immer mit sich. Die um ihn leben, wissen es nicht und spüren doch die Wohltat. Denn es ist gut mit ihm leben, man meint sich irgendwie gehegt und geborgen und trägt leichter, was man zu tragen hat. Nicht verstoßen, verfluchen, verzweifeln ist seine Art, sondern trösten, beistehen, aufrichten, das liegt ihm an. Erfolgreich im kaufmännischen Sinne, also reich an münzbaren Erfolgen wird der Philosoph nicht sein. Dafür beschäftigt ihn zu viel, was nur der Seele dient. Er wird aber auch niemand zur Last fallen, oder, wenn er schon eines andern Brot isst, wird er königlich dafür bezahlen mit einem Geschenk aus seiner Seele.Weiterlesen

Franz Blei – Männer und Masken – Bildnis eines Boxers

Franz Blei (1871 - 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift "Hyperion"und Übersetzer.Er  emigrierte 1933 in die USA
Franz Blei (1871 – 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift „Hyperion“und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA

Bildnis eines Boxers

Mit dem Namen, den er heute als seinen dritten oder vierten trägt, steht er nicht im Taufregister seiner Pfarrgemeinde als das zweite Kind irgendeiner geborenen Soundso, verehelichten Krause oder Huber. Wie er gerufen wird, das ist wichtiger, als wie er heißt. Die Behörde, die ihm einen Paß ausstellt, sie fühlt den Embryonamen staatlicher Polizei und bürgerlicher Reputation so nebensächlich, daß sie das »genannt« vor den anderen drei Benennungen des Helden zweimal unterstreicht. Man ist nah am Mythischen, wo der namenlose Gott mit vielen Namen angerufen wird.Weiterlesen

Inuit – Fotos von 1879

Inuit10Die Inuit sind wohl eines der bekanntesten Völker unserer Erde. Ihre Zahl wird auf 150.000 geschätzt. Seit Jahrtausenden überleben sie ohne technische Hilfsmittel in Schnee und Eis. Sie nennen sich selbst "Inuit" was soviel wie  "Mensch" bedeutet. Ihre Nachbarn, die Indianern, nannten sie "Eskimo", was wahrscheinlich "Rohfleischesser" bedeutet. Sie überlebten als Jäger von Karibus, Robben und Walen. In einer modernen Gesellschaft zählt ein guter Jäger nicht mehr viel, es bleibt also offen, wie sich ihre Kultur weiterentwickelt. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit im Norden von Alaska, Kanada und Grönland und das Yupik Mitte Alaska.

'Iglu' bedeutet "Haus", aber eigentlich bauen sie temporäre Schneestände für die Jagdsaison und in Notfällen.

Sie haben keine tausend Wörter für "Schnee", aber sie haben eine Menge für "Eis". Wie auch immer, hier sind die Fotos:

LATERNEN FANGEN AN ZU BRENNEN – Geschichten rund um die Erfindung des Kunstlichtes – nach M. iljan

Tag und Nacht – (oder hier zu Teil 1)

Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem
Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem

In alten Zeiten begannen die Leute sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande den Tag mit dem Morgengrauen und beendeten ihn mit dem Sonnenuntergang. Es gab keine Fabriken/ und es gab keine Nachtarbeit: Alle Industrieerzeugnisse wurden in den Werkstätten der Handwerker hergestellt. Die Menschen gingen früh schlafen und begannen ihr Tagewerk mit dem Morgengrauen. Ein besonderes Bedürfnis für Lampen und Laternen war nicht vorhanden. Aber als sich die Industrie entwickelte, als große Werkstätten und später auch Fabriken entstanden, änderte sich das Leben in den Städten. Die Fabriken brachten einen langen Arbeitstag und Nacht, schichten mit sich. Fabriksirenen heulten, die die Arbeiter bereits lange vor Sonnenaufgang zusammenriefen. Die Städte begannen früher aufzuwachen und später einzuschlafen. Die Städter richteten sich nicht mehr nach der Sonne, und der Tag wurde gewissermaßen länger, die Nacht aber kürzer. Dazu waren Lampen und Laternen nötig, man brauchte ein billiges und zugleich helles Licht. Die Arbeit der Erfinder begann, die schließlich zur Beleuchtung durch Gas und Elektrizität führte. Aber das geschah nicht mit einem Male. Denn auch eine mittelalterliche Stadt verwandelte sich nicht von heute auf morgen in eine moderne Stadt der Maschinen und Fabriken. Unsere Glühbirne hat eine lange Reihe von Ahnen. Weiterlesen

Nächtliche Sonne | Die Erfindung des Kunstlichts

Jozef Israëls - Bauernhof in Delden, - Dordrechts Museum - 1885
Jozef Israëls – Bauernhof in Delden, – Dordrechts Museum – 1885

Wer hat die Glühbirne erfunden? Gewöhnlich antwortet man darauf: der amerikanische Erfinder Edison. Aber das stimmt nicht. Edison war nur einer von den vielen, die an der Erfindung der künstlichen Sonne, die heute unsere Straßen und unsere Häuser beleuchtet, arbeiteten. Früher einmal gab es in den Straßen der Städte keine einzige Laterne, und in den Häusern verbrachten die Menschen ihre Abende im Lichtschein einer Talgkerze oder einer trüben, rußenden Öllampe. Würden wir diese alte Öllampe, die an eine Teekanne erinnert, mit unserer Glühbirne vergleichen, so würden wir zwischen den beiden keine Ähnlichkeit finden. Aber von der »Teekanne« bis zur Glühbirne führt eine lange Reihe Verwandlungen, eine lange Kette geringer, aber sehr wichtiger Veränderungen. Tausende von Erfindern mühten sich im Laufe von tausend Jahren darum, unseren Lampen mehr Leuchtkraft zu geben und sonstige Verbesserungen anzubringen.

Das Lagerfeuer im Zimmer

Die unförmige Öllampe war noch ein sehr schöner, gut durchdachter Gegenstand, verglichen mit den Lampen, die vor ihr in Gebrauch waren. Doch es gab auch Zeiten, in denen man überhaupt keine Lampen kannte. Vor anderthalbtausend Jahren hätten wir an der Stelle des heutigen Paris ein schmutziges Städtchen, Lutetia, gefunden, ein Städtchen mit Holzhütten, die mit Stroh oder Dachziegeln gedeckt waren. Wären wir in eines dieser Häuser eingetreten, so hätten wir ein offenes Feuer erblickt, das inmitten der einzigen Stube brannte.

Obwohl im Dach eine Öffnung war, wollte der Rauch nicht aus der Stube weichen und reizte Augen und Lungen unerträglich. Dieses primitive Herdfeuer diente den Menschen jener Zeit als Lampe, Küchenherd und als Ofen zugleich. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Öfen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Ein brennender Span an Stelle eines offenen Feuers

Zur Beleuchtung des Zimmers war es nicht nötig, unbedingt ein ganzes Lagerfeuer zu entfachen, denn hierzu genügte schon ein einziger Span. Vom Herdfeuer wurde es im Hause rauchig und heiß, und außerdem verbrauchte man dabei viel Holz. So ersetzten also die Menschen einen Haufen Reisig durch einen einzigen brennenden Kienspan. Von einem trockenen, astfreien Holzscheit spaltete man einen dreiviertel Meter langen Span ab, den man dann anzündete. Der Kienspan war eine ausgezeichnete Erfindung. Nicht umsonst blieb diese Art der Beleuchtung viele Jahrhunderte in Gebrauch — fast bis in unsere Tage hinein. Ein offenes Feuer in einem Holzhaus zu unterhalten, war äußerst gefährlich. Kein Wunder, dass damals sehr häufig Brände ausbrachen. Man fürchtete das Feuer wie einen bösen, unersättlichen Feind, der nur darauf wartete, wie er am besten ein Haus überfallen könnte, um es zu vernichten. Ofen mit Schornsteinen kamen im Westen Europas vor ungefähr siebenhundert Jahren auf, in Russland aber noch später. Vor der Oktoberrevolution gab es in Russland noch hier und da »schwarze Hütten« oder »Hütten ohne Rauchfang«, die durch Ofen ohne Schornstein geheizt wurden. Während des Heizens musste man die Tür öffnen.

Im Schein der Fackeln

Edvard Munch - Mädchen zündet Kamin an - 1883
Edvard Munch – Mädchen zündet Kamin an – 1883

Nicht überall konnte man leicht das richtige Holz für den Kienspan finden. Aber die Menschen haben vor diesem Hindernis nicht haltgemacht. Sie merkten, dass der Span besonders hell brannte, der aus harzhaltigem Holz bestand. Es lag also weniger am Holz als am Harz. Man braucht nur einen beliebigen Zweig in Harz oder Pech zu tauchen, und schon erhält man einen künstlichen Kienspan, der nicht schlechter, sondern eher besser brennen wird als der natürliche.
So kam die Fackel auf. Die Fackeln brannten sehr hell. Es wurden damit bei Festgelagen ganze Säle erleuchtet. Es wird berichtet, dass in der Burg des Ritters Gaston de Foy zwölf Diener während des Abendessens mit Fackeln in den Händen rund um den Tisch standen. In Königsschlössern wurden Fackeln nicht selten von silbernen Statuen an Stelle von lebenden Dienern gehalten. Die Fackeln und der Kienspan sind auch noch heute nicht verschwunden. Es kommt sogar jetzt noch vor, dass durch Dorfstraßen Feuerwehrwagen mit brennenden Fackeln fahren und uns so an eine ferne Vergangenheit erinnern.

Die erste Lampe

Aus Stein geformte Öllampe
Aus Stein geformte Öllampe

In einer Höhle in Frankreich haben Archäologen neben Schabern aus Feuerstein und Speerspitzen aus Hirschgeweih eine kleine, flache, aus Sandstein gearbeitete Schale gefunden. Der runde Boden der Schale war mit irgendeinem dunklen,Anflug bedeckt. Als man diesen Belag im Laboratorium untersuchte, stellte es sich heraus, dass es Brandspuren waren, die davon herrührten, dass einmal in der Schale Öl verbrannt worden war. So hat man die erste Lampe gefunden, die die menschliche Behausung schon zu einer Zeit erhellte, als die Menschen noch in Höhlen wohnten. Diese Lampe hatte weder einen Docht noch einen Zylinder. Beim Brennen füllte sie die Höhle mit Qualm und Ruß. Es mussten Jahrtausende vergehen, ehe die Menschen eine Lampe erfanden, die nicht rußte.

Die Lampe und der Fabrikschornstein

Warum rußen Lampen? Aus demselben Grunde, warum Fabrikschornsteine rußen. Seht ihr einmal, daß aus einem Fabrikschornstein dicker, schwarzer Rauch quillt, so könnt ihr sicher sein, daß in der Fabrik entweder der Feuerrost nicht in Ordnung ist oder die Heizer nichts taugen. Nur ein Teil des Holzes verbrennt hier im Feuerungsraum, der andere Teil aber fliegt unverbrannt durch den Schornstein. Es fliegen natürlich keine Holzscheite heraus, sondern Ruß — kleine Kohleteilchen, die keine Zeit zum Verbrennen hatten. Das liegt daran, daß kein Feuer ohne Luft brennen kann. Damit das Holz vollständig verbrennt, muß der Heizer in den Feuerungsraum genügend Luft hineinlassen, was er durch Heben oder Senken der Klappe im Schornstein erreichen kann. Wenn wenig Luft in den Ofen hineinströmt, kann ein Teil des Heizmaterials nicht verbrennen; er fliegt als Ruß davon. Gelangt zuviel Luft hinein, so ist es auch nicht gut: der Feuerungsraum des Ofens wird zu sehr abgekühlt. Der Lampenruß besteht auch aus Kohlestückchen. Aber woher kommt die Kohle in die Flamme der Lampe? Aus dem Petroleum, dem Fett oder dem Harz, je nachdem, was wir in der Lampe verbrennen. Zwar sehen wir im Petroleum oder im Harz keine Kohle, doch ebenso wenig sehen wir auch den Käse in der Milch. Ist eine Petroleumlampe gut eingestellt, so kann sie nicht rußen: die gesamte Kohle verbrennt in der Flamme. Eine altmodische Funzel, die mit den heutigen Lampen kaum zu vergleichen ist, rußte immer. Das lag daran: die Luft zum Verbrennen reichte nicht aus, und nicht alle Kohlestückchen der Flamme hatten Zeit, zu verbrennen. Die Luft aber reichte deswegen nicht, weil in der Lampe zu viel Fett auf einmal brannte. Man hätte es so einrichten müssen, dass das Fett nur allmählich der Flamme zugeführt würde. Zu diesem Zweck erfand man den Docht. Der Docht besteht aus Hunderten von Fäden. Jeder Faden aber ist ein Röhrchen, durch das das Fett allmählich zur Flamme emporsteigt, wie die Tinte beim Löschpapier, das man in ein Tintenfass hinein hält.

Die Lampe in Saucieren und Teekannenform

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal etwas von Pompeji und Herkulaneum gehört. Das sind zwei Städte, die einmal vor langer Zeit während eines Vesuvausbruchs durch Asche verschüttet wurden. Sie sind jetzt mit allen ihren Häusern, Plätzen und Straßen freigelegt worden. In den Häusern fand man zwischen allem möglichen Hausrat auch Lampen.

Diese alten römischen Lampen waren aus Lehm gemacht und mit Bronze verziert. Dem Aussehen nach ähnelten sie einer Sauciere. Aus dem Schnabel ragte ein Docht, und an der Seite befand sich ein Henkel, an dem man die Lampe beim Hin und Hertragen anfaßte. Die Lampe wurde mit Öl gefüllt. Der Docht brannte allmählich ab, und man mußte ihn von Zeit zu Zeit aus dem Schnabel weiter herausziehen. Jahrhunderte gingen dahin, aber der Lampenbau änderte sich fast gar nicht. In einer mittelalterlichen Burg hättet ihr fast die gleiche Lampe wie in Pompeji vorgefunden, nur daß sie etwas größer war. Große Lampen — mit mehreren Dochten — hängte man mit Ketten an die Decke. Damit das Öl von den Dochten nicht auf den Tisch tropfte, befestigte man unter den Lampen noch kleine Schüsseln, in die das Öl tropfen konnte. Das Öl war teuer. Arabische Kaufleute brachten es aus dem Osten. Ärmere Leute verbrannten Fett in Tongefäßen oder in Nachtlampen, die einer Teekanne ähnelten. Die Dochte waren aus Hanf. In Paris wurden sie von Hausierern verkauft, die durch die Straßen gingen und ausriefen:  »Fürs Öl die Dochte hier sind gut,  Damit die Lampe brennen tut!«

Die Lampe ohne Gefäß

Die wichtigsten Dinge an einer Lampe sind das Fett und der Docht. Das Gefäß aber ist nicht so wichtig. Wie kann man nun aber ohne Gefäß auskommen? Das ist sehr einfach. Man braucht nur einen Docht in warmen, ausgelassenen Talg zu tauchen und ihn dann herauszuziehen. Der ganze Docht bedeckt sich mit einer Schicht, und wenn diese erstarrt, haben wir eine Kerze. So machte man das früher. Einige Dutzend Dochte, die an einem Stock befestigt waren, wurden gleichzeitig in einen Kessel mit Talg getaucht. “ Man tauchte die Dochte einige Male in den Talg, damit sich an ihnen eine dicke Schicht bilden konnte. Solche Kerzen nannte man »getauchte Lichte«. Größtenteils haben die Hausfrauen nicht fertige Kerzen gekauft, sondern sie haben sich die Kerzen selbst gemacht. Später lernte man, Kerzen in besonderen Blech oder Zinnformen zu gießen. Die gegossenen Kerzen waren bedeutend hübscher als die getauchten. Sie waren glatter und gleichmäßiger.

Kerzen wurden nicht nur aus Talg, sondern auch aus Wachs gemacht. Wachskerzen waren viel teurer. Man fand sie nur in Kirchen und Schlössern. Übrigens konnten sich euch Könige diesen Luxus nur zu feierlichen Anlässen leisten. Während großer Festlichkeiten wurden die Säle der Schlösser mit Hunderten von Wachskerzen erleuchtet. Folgendes erzählt ein Reisender von einem Fest in Moskau, das im 16. Jahrhundert stattfand: »Der Abend brach an, aber das Gelage war noch immer nicht zu Ende, so daß man vier silberne Kronleuchter, die an der Decke hingen, anzünden mußte. Der größte, gegenüber dem Großfürsten, hatte zwölf Kerzen, die drei anderen je vier. Alle Kerzen waren aus Wachs. Zu beiden Seiten der Tafel standen achtzehn Männer mit großen Wachskerzen; die Kerzen brannten sehr hell und erleuchteten den Raum sehr gut. Auf unseren Tisch brachte man auch sechs große Wachskerzen; die Leuchter waren aus Jaspis und Kristall in silberner Fassung.« Ein Gelage galt für um so prunkvoller, je mehr Kerzen dabei brannten. So war es nicht nur im 16. Jahrhundert, sondern auch noch viel später. Uns wird von einem großen Ball berichtet, den einmal der Fürst Potemkin zu Ehren Katharinas II. gegeben hat. In den Sälen des Palastes, der dem Fürsten gehörte, waren hundertvierzigtausend Öllampen und zwanzigtausend Wachskerzen angezündet. Man kann sich vorstellen, wie heiß es dabei war; überall im Kristall der Kronleuchter und in dem verschiedenfarbigen Glas der Lampen funkelten die Lichte.

Der Fächer war auf einem solchen Ball kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Hitze war aber noch nicht das Schlimmste. Es kam vor, daß sich zur Hitze ein dichter Nebel gesellte. Paul I. gab einmal in seinem feuchten, düstern Schloß Michajlowskij einen Ball. Auf Befehl des Zaren zündete man in den Sälen Tausende von Kerzen an. Infolge der Feuchtigkeit erzeugten diese Kerzen einen solchen Nebel, daß die Gäste einander nur mit Mühe erkennen konnten. In dem dichten Nebel sah man kaum die Kerzen. Die »Roben« der Damen, die mit Gold und verschiedenfarbiger Seide bestickt waren, schienen einfarbig zu sein. Die Wachskerzen waren ein Luxus, der nur wenigen zugänglich war. Aber auch die Talgkerzen waren nicht billig. Noch vor hundert Jahren verbrachten ganze Familien ihre Abende beim Schein einer Kerze. Aber wenn Gäste kamen, wurden zwei oder drei Kerzen angezündet. Und alle waren überzeugt, daß es im Zimmer sehr hell sei. Ein Tanzabend bei drei Kerzen erscheint uns heute lächerlich. Denn wir halten selbst eine fünfzehnkerzige Glühbirne für schwach. Nicht einmal beim Schein einer Stearinkerze würden wir leben wollen, während unsere Vorfahren Talglichte hatten, die viel schlechter als die aus Stearin waren. Ein Talglicht rußt sehr stark, doch das Unangenehmste daran ist, daß man dauernd die Lichtschnuppe abschneiden muß. Wenn man das nicht tut, bedeckt sich die Kerze mit herabtropfendem Talg, weil das freistehende Ende des Dochtes nicht abbrennt, sondern immer größer und größer wird. Dabei wird auch die Flamme größer, genau so wie bei der Petroleumlampe, wenn man den Docht herausschraubt. Aber eine große Flamme bringt mehr Talg zum Schmelzen als verbraucht werden kann. So fließt denn auch der Talg an der Kerze herab. Aus diesem Grunde mußte man den Docht mit besonderen Scheren verkürzen. Die Schere lag gewöhnlich auf einem Tablett neben der Kerze. Die Lichtschnuppe mit den Fingern abzunehmen, hielt man für nicht sehr fein. Wenn man die Lichtschnuppe mit der Schere entfernte, mußte man sie auf die Erde werfen und sie mit dem Fuß austreten — »damit kein schlechter Geruch unsere Nasen belästige«. Der Docht unserer jetzigen Stearinkerzen ist so eingerichtet, daß sich eine Lichtschnuppe nicht bilden kann.

Es verhält sich nämlich so, dass sich die heißeste Stelle nicht in der Mitte der Flamme befindet, wohin die Luft nur schwer gelangen kann, sondern außen, wo es mehr Luft gibt. Das kann man leicht überprüfen. Man braucht nur vorsichtig und schnell die Kerzenflamme mit einem Stück Papier zu überdecken. Auf dem Papier bildet sich eine Brandkreislinie. Das bedeutet, daß die Flamme innen nicht so heiß ist wie außen. Bei einem Talglicht bleibt der Docht die ganze Zeit in der Mitte der Flamme. Deswegen brennt er schlecht und bildet eine Lichtschnuppe. In der Stearinkerze ist der Docht nicht wie in der Talgkerze gedreht, sondern geflochten. Das Ende des Dochtes, der zu einem strammgezogenen Zöpfchen geflochten ist, biegt sich ständig um und ragt somit in den äußeren, heißesten Teil der Flamme hinein, wobei er allmählich verbrennt.

Die Kerze als Uhr

Wenn man früher einen Menschen fragte, wie spät es sei, sah er nicht auf die Uhr, sondern auf die brennende Kerze. Das geschah aber nicht aus Zerstreutheit, sondern weil die Kerzen damals nicht nur zur Beleuchtung, sondern auch zum Messen der Zeit dienten. Es wird erzählt, dass in der Kapelle König Karls V. Tag und Nacht eine große Kerze brannte, die durch schwarze Striche in vierundzwanzig Teile, die die Stunden anzeigten, eingeteilt war. Die zur Aufsicht bestellten Diener waren verpflichtet, dem König von Zeit zu Zeit mitzuteilen, bis zu welchem Strich die Kerze herunter gebrannt war. Diese Kerze war natürlich nicht klein. Man machte sie gerade so lang, dass sie im Laufe von vierundzwanzig Stunden herunter brannte.

Hunderte von Jahren im Dunkeln

Nachdem Fackeln, Öllampen und Kerzen erfunden waren, begnügten sich die Leute lange Zeit mit dieser traurigen Beleuchtung. Es war wirklich eine traurige Beleuchtung. Die Lampen und die Kerzen qualmten und rußten. Von ihrem Prasseln und den Geräuschen, die sie verursachten, würden wir, weil wir nicht daran gewöhnt sind, Kopfschmerzen bekommen. In gewöhnlichen Laternen, die man mit sich herumtragen konnte, waren an Stelle der Glasscheiben Metallplatten, die wie 3i n Sieb durchlöchert waren. Durch die Löcher drang wenig Licht. An Straßenlaternen war damals überhaupt noch nicht zu denken. Wenn der Mond nicht für die Beleuchtung der Stadt gesorgt hätte, würde man in den Straßen nicht einmal die Hand vor Augen gesehen haben. Aber Laternen waren damals notwendiger als heute. Die Straßen waren nur selten gepflastert. Der Erdboden war uneben, schmutzig, mit Abfällen bedeckt. In der Mitte der engen Gässchen zogen sich Abflussgräben hin. Die Menschen gingen möglichst dicht an den Häusern entlang. Aber auch dort lauerten nicht wenige Gefahren. Es kam vor, dass aus den Fenstern der oberen Stockwerke, die über die Hausfront hinausragten, Spülwasser auf die Köpfe der Vorübergehenden gegossen wurde. Gil Blas, der lustige Held eines alten Romans, erzählt folgende Geschichte: »Zum Unglück war die Nacht außerordentlich dunkel. Ich tastete mich durch die Straße vorwärts und hatte schon die Hälfte des Weges zurückgelegt, als man aus einem Fenster ein Geschirr mit einem für den Geruchssinn nicht besonders angenehmen Inhalt über meinen Kopf entleerte. So schrecklich zugerichtet, wusste ich nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Wenn ich umgekehrt wäre: was für ein Schauspiel hätte das für meine Kameraden gegeben? Das hätte ja geheißen, sich freiwillig zum Gegenstand des Gespötts machen.« Um sich vor Unannehmlichkeiten dieser Art zu schützen, gingen vornehme Leute mit Dienern aus, die ihnen angezündete Fackeln vorantrugen. Auch im alten Moskau versanken die Straßen nachts in tiefste Finsternis. »In der Dunkelheit erreichten wir die große Palasttreppe. Zwanzig Schritte davor standen viele Bedienstete, die Pferde an den Zäumen hielten. Sie warteten auf ihre Herrschaften, die beim Zaren zu Gast waren, um sie nach Haus zu begleiten. Aber um bis zu der Stelle zu kommen, wo die Pferde standen, mussten wir in tiefster Finsternis bis zum Knie im Dreck waten.« Das erzählt ein Reisender, der Ausländer Barberino, der im 16. Jahrhundert in Moskau weilte. Übrigens kam es manchmal vor, dass in den dunklen Moskauer Straßen plötzlich ein Dutzend heller Feuer aufflammte. Diese Feuer blieben nicht auf der Stelle stehen, sondern bewegten sich, zogen sich bald zu einer langen Kette auseinander oder verschwanden bald hinter einer Ecke. In den Häusern wurden die Fensterläden geöffnet. Hinter den Fenstern sah man erschrockene Gesichter: Was ist das für ein Feuer auf der Straße? Ist es etwa ein Brand? Und die Feuer kamen imrner näher und näher. Schon erschienen die Läufer des Zaren, die große Glimmerlaternen trugen, und hinter den Läufern kamen Reiter in fremdländischen Trachten. Das war der Gesandte eines fremden Königs, der nach dem Empfang beim Zaren in das für ihn bestimmte Quartier zurückkehrte. Das Tagebuch eines Ausländers berichtet darüber wie folgt: »Auf der Treppe im Palast waren große Ölschalen angezündet. In der Mitte des Hofes brannten zwei große Feuer. Als wir nach Hause fuhren, bereits gegen zehn Uhr abends, trugen sechs Bürger, die vor den Pferden einher schritten, große Laternen mit Kerzen, doch vor dem Wagen des Herrn Gesandten gingen sechzehn Bürger mit Laternen und begleiteten ihn zu seinem Quartier.«

Hier lesen Sie Teil 2: Laternen fangen an zu brennen.


Eine Münzwerkstatt aus alten Zeiten – Stolberg im Harz

Das Heimatmuseum Stolberg Harz mit der Münzwerkstatt
Das Heimatmuseum Stolberg Harz mit der Münzwerkstatt

Metallmünzen wurden erstmals Ende des 7. Jh. vor unserer Zeitrechnung in den ionischen Stödten Kleinasiens hergestellt. Durch den Handel mit griechischen Städten breitete sich die Kunst des Münzprägens rasch aus. Wie im 18. Jh. im Harz Münzen gefertigt wurden, darüber kann man sich im Heimatmuseum der Harzstadt Stolberg informieren.
Eine fast komplette Münzwerkstatt aus vergangener Zeit, in diesem Umfang die einzig erhaltene in unserem Lande, ist in Stolberg zu besichtigen. Reich mit Schnitzwerk verziert ist doas Gebäude aus dem Jahr 1535, das das Kulturhaus des Harzstädtchens und im zweiten Geschoss dos Heimatmuseum beherbergt. Besucher erhalten hier u.a., einen Überblick über den einstmals im Harz betriebenen Bergbau, vor allem ober über das Münzprägen vor mehr als zweihundert Jahren. Weiterlesen