Kategorie: Stundenbuch

Fred Endrikat | Regeln mit Ausnahmen

Nicht jeder ist ein Dichter, der Gedichte macht,
nicht jeder ist ein Narr, den man belacht.
Nicht jeder ist ein Streber, der sich irrt,
nicht jeder, der sonst gar nichts wird, wird Wirt.
Nicht alles ist Gewissen, was uns mahnt,
nicht jeder ist ein Lohengrin, dem etwas schwant.
Nicht jeder Armleuchter ist auch ein großes Licht,
nicht alles, was zwei Wangen hat, ist ein Gesicht.

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Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

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Fred Endrikat trifft Ernst Ludwig Kirchner | Sinfonie des Lebens

Beherrscht man erst des Lebens große Sinfonie
und steht als anerkannter Virtuos und Meister da,
sucht man nach irgendeiner kleinen Melodie
und stümpert sie auf einer Kindermundharmonika.

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Beitragsbild: Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen
entstanden 1935- überarbeitet 1937 | Öl auf Leinwand | 150 x 195 cm

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Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

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Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen | entstanden 1935, & überarbeitet 1937

Alexander Moszkowski | Des Mathematikers Diophantos‘ Rätsel

Diophantos aus Alexandria lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. und war der Verfasser eines arithmetischen Werks, das für ein Jahrtausend die Summe des arithmetischen und algebraischen Wissens zog. Noch heute spricht man von diophantischen Gleichungen. Ihm wurde die folgende Grabschrift gesetzt.

Durch arithmetische Kunst lehret sein Alter der Stein.
Knabe zu bleiben verlieh ein Sechstel des Lebens ein Gott ihm;
Fügend das Zwölftel hinzu, ließ er ihm sprossen die Wang‘;
Steckte ihm drauf auch an in dem Siebtel die Fackel der Hochzeit,
Und fünf Jahre nachher teilt er ein Söhnlein ihm zu.
Weh! Unglückliches Kind, so geliebt! Halb hatt‘ es des Vaters
Alter erreicht, da nahm’s Hades, der schaurige, auf.
Noch vier Jahre den Schmerz durch Kunde der Zahlen besänft’gend,
Langte am Ziele des Seins endlich er selber auch an.

Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v
Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v

Die Auflösung der Gleichung ersten Grads ergibt, dass Diophantos 84 Jahre alt geworden ist. Er war bis zum 14. Jahr ein Kind, bis zum 21. Jüngling und heiratete mit 33 Jahren. Im 38. Jahr wurde ihm ein Sohn geboren, der im Alter von 42 (½ von 84) Jahren starb, als der Vater selbst 80 Jahre alt war.

Aus: Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder | Kapitel 125

Diophantos von Alexandria (altgriechisch Διόφαντος ὁ Ἀλεξανδρεύς Dióphantos ho Alexandreús) war ein antiker griechischer Mathematiker. Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike.
Es ist nicht genau bekannt, wann Diophantos lebte. Die Angaben schwanken zwischen 100 vor Chr. und 350 nach Chr. Da Diophant jedoch Hypsikles von Alexandria zitierte, muss er nach 150 v. Chr. gelebt haben, aber vor 364 n. Chr., da Theon von Alexandria Diophants Werk erwähnte. Es wird weiterhin vermutet, dass er um 250 nach Chr. lebte, da er seine Arithmetica einem Dionysios widmete, bei dem es sich um Dionysios den Großen handeln könnte, der 248 nach Chr. Bischof von Alexandria wurde.
Über das eigentliche Leben des Diophant weiß man so gut wie nichts. Bekannt sind lediglich seine Werke.
Diophant fand gebrochen rationale Zahlen als Lösungen algebraischer Gleichungen mit mehreren Unbekannten. Heute nennt man dagegen algebraische Gleichungen, für die ganzzahlige Lösungen gesucht werden, diophantische Gleichungen. Ebenfalls nach ihm benannt ist die Theorie der diophantischen Approximation. [Quelle: wikipedia]

Der Mondkrater Diophantus ist nach ihm benannt:

Diophantus ist ein Einschlagkrater auf der nordwestlichen Mondvorderseite, am westlichen Rand des Mare Imbrium. Er liegt südlich von Delisle und nordwestlich von Euler. Foto: Die Krater Diophantus & Delisle (Detail eines LRO – WAC MondMosaiks) | NASA / LRO LROC TEAM

Lebensfragen | Meine Beziehungen

Nehmen wir an: das Leben selbst ist es, das uns die wichtigen Fragen stellt. Wir sind also die vom Leben Befragten und antworten diesem unserem Leben, dass wir zu ver-antworten haben. Nehmen wir weiter an, dass sich diese Lebensfragen nur im Handeln aufrichtig beantworten lassen. So erfolgt ihre Beantwortung also in der Ver-antwort-ung unseres Daseins: Verantwortung übernehmen und unserem Leben Sinn geben. [Der Psychiater Viktor Frankl hat mich zu dieser Erkenntnis gebracht.] Im Alltagslärm gehen diese Fragen immer mal wieder unter; daher werfen wir in loser Folge einige dieser in den Raum. Als Erinnerung oder akustischer Verstärker.
Die nachfolgenden Beziehungsfragen stehen nicht nur für die intimen in Ihrem Leben.

Fragen an die Partnerin bzw. den Partner:

Wie ist Dein Idealbild für unsere Beziehung?
Was wünschst Du Dir konkret von mir?
Wie kann ich Dir zeigen, dass Du mir wichtig bist?
Was brauchst Du von mir &  grundsätzlich, um Dich mit mir wohl zu fühlen?
Stelle mir bitte die selben Fragen.

Fragen an sich selbst:

Welchen Stellenwert gebe ich Beziehungen allgemein und dieser konkret?
Was bin ich bereit zu investieren?
Kann ich verständlich kommunizieren?
Wie drücke ich meine Gefühle aus? Kommt das an?
Bin ich klar in meinen Zielen?
Gibt es Zielkonflikte, die negativen Einfluss auf diese Beziehung haben?
Bin ich empathisch? Wie kann ich meine Fähigkeiten stärken?

Zeitgeist

Gewisse Menschen schmecken fade, gleich chemisch reinem Wasser. Was hilft es uns, dass der Kenner uns versichert, hier sei Wasser, unser Lebensquell, in seiner edelsten, geläutertsten Form, in seiner Idee gleichsam, nichts mehr sei da als reines H und reines O: wir mögen es doch nicht trinken. Lieber noch halten wir die Hand unter die Dachtraufe. Und ebenso geht es uns mit Leuten, die nur die allgemeinen Bestandteile des Menschen haben und weiter nichts. Sie sind uns eben zu destilliert, zu »abgeklärt«, wie wir höflich umschreibend sagen: in Wirklichkeit aber meinen wir damit ganz einfach, dass sie ungenießbar sind. Sie sind ohne Farbe, Geschmack und Nährwert, sie haben keine Salze und keinen Erdgehalt. Dasselbe gilt von ganzen Zeitaltern: sie sind nichts Lebendiges, keine Quellen; alles ist aus ihnen herausgeschlämmt, herausgedämpft; es fehlt ihnen an scharfen Säuren und bitteren, unlöslichen Bestandteilen: an Problemen.

Egon Friedell
(1878 – 1938) war ein österreichischer Journalist und Schriftsteller, der als Dramatiker, Theaterkritiker und Kulturphilosoph hervortrat. Außerdem wirkte er als Schauspieler, Kabarettist und Conférencier.

Albert Schweitzer | Die Ehrfurcht vor dem Leben

Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?

Zitate Albert Schweitzers zur Ehrfurcht:

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns? Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“

„Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vordem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“

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Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg/bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist und Pazifist.
Albert Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.


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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Zhuāngzǐ und die Elritze

Einmal stand Zhuāngzǐ mit einem Freunde auf einer Brücke. «Sieh», sagte der Weise, «wie die Elritzen umher schnellen! Das ist die Freude der Fische.» «Du bist
kein Fisch», antwortete der Begleiter, «wie kannst du also wissen, worin die Freude der Fische bestehe?» «Du bist nicht ich», erwiderte Zhuāngzǐ, «wie kannst du wissen, dass ich nicht weiß, worin die Freude der Fische bestehe?» «Ich bin nicht du», bestätigte der Freund, «und ich weiß dich nicht.
Das aber weiß ich, dass du kein Fisch bist, also kannst du auch die Fische nicht wissen.» Da meinte Zhuāngzǐ: «Du fragst mich, woher ich weiß, worin der Fische Freude besteht? Im Grunde wusstest du, dass ich es weiß, nun, wie dem auch sei: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser!»

Konfuzius trifft Laozi: Das „Zhuangzi“ enthält einige amüsante ausgedachte Geschichten über das Zusammentreffen der beiden Meister.

Zhuāngzǐ (chinesisch 莊子 / 庄子, W.-G. Chuang-tzu; * um 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.) bedeutet „Meister Zhuang“. Sein persönlicher Name war Zhuāng Zhōu (chinesisch 莊周 / 庄周). Zhuangzi war ein chinesischer Philosoph und Dichter.

Elisabeth Keuken | «Dies bist Du»

Die Hindu haben in ihren heiligen Büchern eine immer wiederkehrende Formel: tat-twam-asi, die sie das große Wort nennen, und die in unserer Sprache so viel bedeutet, wie: «Dies bist Du» — Unsere Zeit verlangt eindrücklich danach, dass diese Sanskrit-Formel auch zum großen Wort für unsern Erdteil würde. Uns ist mit dem Eintritt ins Leben der Selbsterhaltungstrieb mitgegeben worden, der uns auf unserem ganzen Erdenwege mit den Worten begleitet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Viele Menschen kennen nichts anderes als diesen Selbsterhaltungstrieb, und er spricht nur zu deutlich aus den Zügen ihres Antlitzes. Es gibt aber Menschen, die Herz und Gemüt haben, und die keine Befriedigung darin finden, nur um ihretwillen zu leben. Sie schließen sich an andere Menschen an; die Freude anderer wird ihnen zu ihrer Freude, und das Leiden anderer wird ihnen zu ihrem Leiden. Damit beginnt für sie das Verständnis für das große Wort: «Dies bist Du.» — Der enge Kreis ihres Ichs weitet sich und geht um das «Du», und wenn er auch zuerst nur umschließt, was ihm Heb ist, so ist ihm dadurch doch der Weg geöffnet, auch das zu umschließen, was ihm zuwider ist.

Jeder wahrhaft nach Menschentum Verlangende, strebt danach, auch dem für ihn Abstoßenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er kommt so weit, dass er in den Fehlern anderer seine Fehler sieht, sich dadurch bessert und den andern vergibt. Er sagt sich immer und immer wieder: «Dies bist Du». In Gesellschaft, am „Stammtisch“, im Gespräch auf der Straße, höre ich immer wieder die Worte aussprechen: «Aber wie soll es nach diesem Jahr [2016] kommen, wenn soviel Hass und Rache – auch bei vielen Frauen – sich angesammelt haben? Es kommt noch schlimmer, als es vorher war.»
— Diese Worte verfehlen nie, mir weh zu tun. Ihre Wahrheit trifft mich. Und dennoch wird es nur so sein, wenn wir durch die Auseinandersetzungen nicht andere und bessere Menschen geworden sind. An uns liegt es, dass es nicht so wird, wenn das negative Kämpfen vorüber ist. Täglich wollen wir uns in die Leiden und Schrecken des Zankes einfühlen, täglich wollen wir uns sagen: «Wir sind auch schuld daran, dass es mit der Menschheit soweit hat kommen müssen.»
Durch unser Schuldbewusstsein werden die Worte des Hasses verstummen, und liebend werden wir aller Menschen gedenken, die leiden müssen, und in uns wächst das Streben, mitzuhelfen am Aufbau eines neuen menschenwürdigen Daseins für alle Völker. Und so darf vielleicht das Verständnis einzelner zum Verständnis aller werden und das große Wort: «Dies bist Du», von Land zu Land gehen, und es dämmert der Morgen für einen ewigen Frieden unter den Menschen. Wir wollen es glauben, und unser Glaube soll sich erweisen durch die ‚Tat.

Stundenbuch | Zur Wiedervorlage

Unbenannt20x60kissen. bützen.
farbrausch
einfach
klar, kalt, köstlich
laufen. die schuhe quietschen
apfelblüten
tagträumen
espressologisch
rauf, runter, lauter, lauter.

mut. fehlerhaft
sehnsucht
tiefenrausch
lachs, kokosmilch & spinat
atem atmen
irgend.wohin
zitterst du?
ein wir?
beat und glück
die grasharfe spielen oder doch lieber lesen
nasenreisen
blaue melancholie

bass, beton, baustellen.
weiterweiter
lachen
odysee im weltraum.
lippen
schweigen

auszeit, gleitzeit
fühlenriechenschmecken
strange place for snow
grundlos sinnvoll

hoch, tief, flach, voll.
komm rüber
imperativ
weich, weiß, warm.
bugge wesseltoft: flimmer.
stark.strom
schwach.strom

konjuntive entscheidungen
denken, bis zum Schwindel
fallen, fangen, nah
sekundenglück sekunden glück
ja
geben, nehmen, nah.
regen. riechen.

stark genug, um schwach zu sein.
augen zu.
neu.gier
fehlerhaft. standing

Unbenannt20x60

Stundenbuch | Verbunden sein

Du bist nicht Öl nicht Luft, nur der Verbrennungspunkt, der Brennpunkt, wo das Licht geboren wird.

Du bist nur die Linse im Lichtstrom. Nur so kannst Du das Licht entgegennehmen und geben und besitzen.

Suchst du dich selbst in deinem eigenen Recht, so verhinderst du die Vereinigung von Luft und Öl in der Flamme, raubst der Linse ihre Durchsichtigkeit.

Verbunden sein – Licht oder im Licht zu sein, vernichtet, damit entstehe, vernichtet, damit es sich sammle und verbreite.

Stundenbuch | Viktor E. Frankl | Schuld & Verantwortung

Der Unterschied, der zwischen verantwortlich sein und frei sein besteht, lässt sich an Hand einer Gegenüberstellung von Schuld und Willkür exemplifizieren. Während wir nämlich Willkür als Freiheit ohne Verantwortlichkeit definieren können, ist Schuld gewissermaßen Verantwortlichsein ohne Freisein; trägt doch der schuldig Gewordene  für etwas Verantwortung, ohne die Freiheit zu besitzen, es jemals wieder aus der Welt zu schaffen.

© Viktor Frankl  (1905 – 1997), Dr. med. et Dr. phil., österreichischer Neurologe und Psychiater, Professor für Logotherapie an der Universität San Diego.

Stundenbuch | Gerstenmaier & Adenauer über den Wahlkampf

››. . . Es war, glaube ich, im jahre – ich war schon Bundestagspräsident – 1957, da sagte ich Konrad Adenauer einmal: Mir gefällt es eigentlich gar nicht, diese Wahlkampferei mit dem Verzicht auf Nuancen und Differenzierungen und diese Platitüden und das ganze Hin und Her und all dieses ‚viele unwichtige Getue; das gefällt mir eigentlich gar nicht; nein, mir gefällt die ganze Politik nicht. Ich hin dabei nicht glücklich, sagte ich. Wissen Sie, was Adenauer sagte? Und da sehen Sie die Weisheit dieses Mannes. Sie war für mich selber erleuchtend. Er sagte: ›Wissen Sie, jetzt sind Sie nicht glücklich, aber wenn Sie aus der Politik ausscheiden, dann werden Sie unglücklich . . .‹«

EUGEN GERSTENMAIER, geboren am 25.August 1906 in Kirchheim/ Teck, gestorben am 13.März 1986 in Oberwinter/Rhein.
Zunächst Realschule und kaufmännische Lehre, holte 1931 in Stuttgart das Abitur nach und studierte Philosophie, Germanistik und evangelische Theologie. Arbeit im Außenamt der evangelischen Kirche, Mitglied der Widerstandsgruppe vom 20.Juli. Verurteilt zu sieben Jahren Zuchthaus. Nach 1945 Aufbau und Leitung des Hilfswerks der EKD. 1949 Beitritt zur CDU und für diese Mitglied des
Bundestages. Ab 1954 Präsident des Bundestages. Ab 1956 stellvertretendet Vorsitzender der CDU. 1969 trat er Wegen einer Wiedergutmachungsaffäre als Bundestagspräsident zurück und verzichtete auf eine weitere Bundestagskandidatur.

Stundenbuch | Viktor E. Frankl | Was ist nun Verantwortung?

Verantwortung ist dasjenige, wozu man „gezogen“ wird, und – dem man sich „entzieht“. Damit deutet die Weisheit der Sprache bereits an, dass es im Menschen so etwas wie Gegenkräfte geben muss, die ihn davon abzuhalten suchen, die ihm wesensgemäße Verantwortung zu übernehmen.

© Viktor Frankl  (1905 – 1997), Dr. med. et Dr. phil., österreichischer Neurologe und Psychiater, Professor für Logotherapie an der Universität San Diego.

Pauls Tagebuch | Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick erinnert

Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick seiner Existenz feststellen kann, da in ihm zum ersten Mal eine bestimmte Vorstellung von seinem eigenen Ich – der erste Schimmer des bewussten Lebens entstand?

Ich kann es nicht. Wenn ich meine ersten Erinnerungen im Geiste zu sichten und ordnen beginne, wiederholt sich stets dasselbe: sie weichen gleichsam vor mir zurück. Da glaube ich schon, jenen ersten Eindruck gefunden zu haben, der in meinem Gedächtnis eine deutliche Spur hinterließ, ich brauche aber nur meine Gedanken eine Zeit lang auf ihn zu konzentrieren, so beginnen auch schon andere, einer früheren Epoche angehörende Eindrücke aufzusteigen.
Das Gefährliche liegt hauptsächlich darin, dass ich selbst gar nicht bestimmen kann, an welche dieser Eindrücke ich mich tatsächlich erinnere, das heißt, welche ich tatsächlich erlebt oder von welchen ich bloß später über meine Kindheit gehört und mir eingebildet habe, dass ich mich deren entsinne, während mir bloß das im Gedächtnis geblieben ist, was mir mitgeteilt wurde. Was noch schlimmer ist – es gelingt mir niemals, auch nur eine dieser ersten Erinnerungen in ihrer ganzen Klarheit hervorzurufen, ohne ihr während des Prozesses des Erinnerns selbst unwillkürlich etwas Fremdes beizumischen.

Stundenbuch | Wim Wenders | Akt des Sehens

Etwas wurde wie von einer Zentrifugalkraft nach außen getrieben, von irgendetwas weggetrieben, von einem Zentrum, welches man vielleicht auch als Heimat definieren kann, und wo die Bewegung davon weg Genugtuung geschafft hat; wo gleichzeitig auch immer eine Reflexion über die Rückkehr zu diesem Zentrum ansetzt.
Und Reisen ist ja immer per Definition sowohl ein Sich-auf-etwas-Zubewegen als auch ein Sich-von-etwas-Wegbewegen. Es taucht die Frage auf, ob man nicht auch zurückkommen kann und ob nicht letzten Endes in einer Rückkehr des Sinn der Reise gelegen hat: nämlich um Abstand haben zu können, um den Ausgangspunkt besser oder überhaupt erst sehen zu können.

Wim Wenders – The Act of Seeing

Stundenbuch | Pierre-Jean David d’Angers | Da der Mensch alles auf sich bezieht

„Da der Mensch alles auf sich bezieht, findet er sich selbst verkörpert in den großen Krisen der Natur. (…) Den großen Szenen der Natur ist nichts hinzuzufügen; die Rolle ist nirgends größer, als wenn er die Tragödie der Landschaft für sich darstellt. Es gibt sehr wohl einen trauernden Mond und Schreie der Verzweiflung und des Schmerzes in Formationen der Wolken.“

– Pierre-Jean David d’Angers: Tagebuchaufzeichnungen, 1834

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Kunstwerk: Caspar David Friedrich | Das Eismeer
Caspar David FriedrichThe Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002.ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. – Quelle: wikipedia

Stundenbuch | Tōzan Ryōkai | Sucht nicht den Weg

Sucht nicht den Weg bei den anderen
An einem entfernten Ort –
Der Weg ist unter unseren Füßen.
Jetzt gehe ich allein…
Aber ich kann ihm überall begegnen;
Sicherlich ist er jetzt ich,
Doch jetzt bin ich nicht er.

Was mir daher auch begegnen mag,
Ich kann die wahre Freiheit erlangen.

*

Dieses Gedicht schrieb Tōzan Ryōkai auf einer seinen Reisen, nachdem er eine Brücke überquert und dabei lange ins fließende Wasser geschaut hatte. Es bildet die Grundlage des Hokyo Zanmai, eine Mitschrift der Unterweisungen von ZEN-Meister Taisen Deshimaru-Roshi. Sie basiert auf der authentischen Weitergabe der Lehre Buddhas.

Friedrich Netzsche ¦ Wie viel Wahrheit wagt ein Geist

Foto: Stefan Schweihofer
Foto: Stefan Schweihofer

Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? Das wurde für mich immer mehr der eigentliche Wertmesser. Irrtum (– der Glaube ans Ideal –) ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit … Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich.

Nietzsche

Friedrich Schiller über das geheime Spiel der Begehrungskraft

Foto: cocoparisienne
Schillerdenkmal Weimar – Foto: cocoparisienne

Wenn sich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem matteren Licht gewöhnlicher Affekte versteckt, so wird es im Zustand gewaltsamer Leidenschaft desto hervorspringender, kolossalischer, lauter: der feinere Menschenforscher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf und wie weit es erlaubt ist, analogisch zu schließen, wird manche Erfahrung aus diesem Gebiet in seine Seelenlehre hinübertragen und für das sittliche Leben verarbeiten … Stünde einmal wie für die übrigen Reiche der Natur ein Linnäus auf, welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte, wie sehr würde man erstaunen …

Friedrich Schiller

Joseph Roth ¦ Der Gesang des Bettlers ¦ Deutschland über alles

Joseph Roth – Der Gesang des Bettlers

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Vorwärts, 2. 12. 1923

An einer Kurfürstendammecke hörte ich einen Bettler »Deutschland über alles«, die »Wacht am Rhein«, »Heil dir im Siegerkranz« singen. Der Wind fegte wütend durch die Nacht, grausam stieg die Kälte von den Pflastersteinen auf, Passanten wehten, von ihr getrieben, vorbei und spät war es. Welchen Sinn konnte hier, an dieser teils gemiedenen, teils eilig passierten Ecke ein Betteln haben und welchen Gewinn brachte es? – Es schien, als hätte der Bettler hier Dienst, um ihn war die Einsamkeit eines nächtlichen Wachtpostens, und nur eine Disziplin, der militärischen ähnlich und verwandt, konnte ihn hier ausharren lassen. Ja, der Bettler glich einem Soldaten, der einen undankbaren, harten und unhygienischen Dienst versieht, ohne die Gründe und den Zweck seiner Tätigkeit zu kennen. Und wie eine Militärkapelle, die Gedanken an Heldentod musikalisch zu betäuben, lustige und patriotische Märsche spielt, wenn die Soldaten den Giftgasen und der Vernichtung entgegengehen, so sang die Kehle dieses Bettlers heldenhafte Lieder, während seinem Magen der Hunger und seinen Lungen die tödliche Entzündung drohten. Weshalb sang er nicht, wenn er schon durchaus singen mußte, von der bitteren Not seiner Tage? Wen hoffte er mit patriotischen Gesängen bis zur tätigen Barmherzigkeit zu rühren? Glaubte er, die nationale Gesinnung eines Passanten wäre stärker als Kältegefühl, Furcht vor Verkühlung und Sehnsucht nach dem warmen Bett? Wußte er nicht, daß gerade die nationalen Gesang liebenden Patrioten (wie die deutsche Industrie und ihr Gefolge) am kärglichsten zu spenden pflegen? Und was gingen nun ihn, den frierenden, hungernden, obdachlosen Bettler der Rhein und der Siegerkranz an? Wie konnte er sein persönliches Weh so unkennbar verbergen hinter dem musikalischen Ausdruck einer patriotischen Gesinnung? Ich kann nicht annehmen, daß der herrliche Gesang, der Schwung der Melodie, der mitreißende Text den Bettler seine traurige Situation vergessen ließen. Ich habe patriotische Lieder schon oft gehört: Studenten sangen sie, wohlgenährte Bürger in den Dielen, Offiziere und jene ganze Klasse, deren besonderes Vorrecht der akustische Patriotismus ist; die singen kann, weil sie essen darf.
Dieser Bettler aber sang zu Unrecht. Er hätte ungefähr singen sollen: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß…« oder das Hungerlied aus den Webern oder jenes Weberlied von Heine, in dem von Alldeutschlands Leichentuch die Rede ist… Solche Lieder würden nicht nur der Situation des Bettlers entsprechen, sondern auch der Stimmung jener Straßenecke und der augenblicklich aktuellen europäischen Politik.
Der Bettler ist bestimmt falsch instruiert; jemand muß ihm gesagt haben, daß die Konjunktur nationalen Gesang erheische.
Das stimmt allerdings, nicht aber an den Straßenecken. Die Konjunktur für patriotische Musik blüht in den Herzen der Fabrikanten und in den Tanzdielen. Patriotischer Gesang ohne Sekt ist wie eine Militärkapelle, hinter der keine Kompagnie marschiert.
Oder sollte der Bettler wirklich aus Begeisterung singen? Flüchtet er vor seinem Elend in den Patriotismus? Und singt, um nicht zu schreien? Und wird kriegerisch, weil er kein Empörer sein darf? Dann ist er symbolisch. Millionen singen in Deutschland: Heil dir im Siegerkranz. Und ihr Leiblied müßte lauten: Wer nie sein Brot mit Tränen aß…

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Joseph Roth – Der Neue Tag – Reportagen
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Hrsg.: Ingeborg Sültemeyer – 1970

Joseph Roth ¦ Philosophie des Schaufensters

Joseph Roth ¦ Philosophie des Schaufensters 

Foto: Ryan McGuire
Foto: Ryan McGuire

Vorwärts, 3. 4. 1923

Das Schaufenster ist groß und breit und von einer verschwenderischen Freigebigkeit, lockend, spendebereit und dennoch verschlossen. Hinter dem edlen, sacht gewölbten Scheibenglas breitete die verständige Hand des Händlers die köstlichen Dinge aus, die in irdischen Paradiesen leben und wachsen: die zart-rosa getönten Schinken, gebettet in breite Rahmen aus weißlichem Speck, die prallen Würste, den leuchtenden Lachs, die fetten Käse in kostbaren silberpapierenen Gewändern, die milchgefüllten Kokosnüsse, kuriose Seltenheiten der Delikatessenwelt, die blutroten goldenen Orangen und die glänzenden Tiroler Äpfel, die wie täuschende Wachsimitationen der Natur aussehen …
Alle diese Dinge sind mir, dem Betrachter, räumlich nahe, mein Blick greift nach ihnen, meine Netzhaut verzehrt sie, zehnmal, tausendmal, ich habe sozusagen ein Wiederkäuerauge. Ich segne die Gnade des mit Recht bürgerlichen Strafgesetzbuches, das meinen hungrigen Augen wiederholte Sättigung erlaubt und Genuß aristokratischer Leckerbissen. Meine vollgefressenen Pupillen weiten sich, um den Riesenumfang der Genüsse fassen zu können.
Allein, je mehr meine Augen verschlingen – der Inhalt des Schaufensters verringert sich nicht um den Bruchteil einer Speckrinde, nicht um das Tausendstel einer Nußschale. Unversehrt und in ewiger Ganzheit bleiben Lachs und Schinken, Orangen und Käse. Und je ausgiebiger meine Netzhaut sich sättigt, desto verlangender werden Nase, Gaumen und Magen. Ach, daß doch das ewig Irdische die Seele des Menschen im himmlischen Genießen hindert und brutal ideale Freuden des Betrachtens zerstört! Welch ein unbarmherziger Gott hat uns mit überflüssigen inneren Organen ausgestattet! Wußte der Allwissende nicht, daß die Händler vor die Waren die Preise setzten? Und daß die Menschheit eines Tages das kostbare Glas erfinden würde, um daraus Schaufensterscheiben zu machen?
Dünn und spröde ist eine gläserne Scheibe und ein Faustschlag könnte sie zerschmettern. Dennoch lähmt sie täglich zehntausend gierige Fäuste und verwahrt die Güter, die man ihr anvertraut, besser als eine Mauer. Mein Auge schlürft den Blutsaft der Orangen, aber in meinem Hirn lebt gleichzeitig die Vorstellung von einem Kerkergitter. Und darin liegt eigentlich die unheimliche Macht eines zerbrechlichen Fensterglases.
Denn zu den Materien, die diese Welt beherrschen, gehört das Glas, das die Menschen scheidet als solche, die vor und andere, die hinter den Fenstern leben.
Wir können einander sehen, erkennen und grüßen. Aber wir können nicht zu einander gelangen. Dem Blick ist die Berührung der kostbaren Dinge gestattet, den Händen ist sie verboten.
Also sinnend, vergaß der Philosoph vor dem Schaufenster seinen Appetit und ging befriedigt von dannen…

Josephus

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Joseph Roth – Der Neue Tag – Reportagen
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Hrsg.: Ingeborg Sültemeyer – 1970

Oscar Wilde ¦ Philosophische Leitsätze zum Gebrauch für die Jugend

Oscar Wilde

Oscar Wilde ¦ Philosophische Leitsätze zum Gebrauch für die Jugend

Die erste Pflicht im Leben ist: so künstlich wie möglich zu sein. Eine zweite Pflicht hat bis heute noch keiner entdeckt.
*
Lasterhaftigkeit ist ein Mythos, den gute Leute erfunden haben, um die merkwürdige Anziehungskraft anderer zu erklären.
*
Wären die Armen nur nicht so häßlich, die soziale Frage ließe sich leicht lösen.
*
Die einen Unterschied zwischen Körper und Seele machen, haben keines von beiden.
*
Eine wirklich tadellose Knopflochblume ist das einzige, was Kunst mit Natur verbindet.
*
Religionen sterben, wenn ihre Wahrheit erwiesen ist. Die Wissenschaft ist das Archiv toter Religionen.
*
Guterzogene widersprechen anderen. Weise widersprechen sich.
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Tatsachen haben nicht die geringste Bedeutung.
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Stumpfsinn ist mündig gewordener Ernst.
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In allen unwichtigen Dingen ist Stil, nicht Ernsthaftigkeit, wesentlich.
*
Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt.
*
Vergnügen ist das einzige, wofür man leben sollte. Nichts macht so alt wie Glück.
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Nur wer seine Rechnungen nicht bezahlt, darf hoffen, im Gedächtnis der Krämer-Kaste weiterzuleben.
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Kein Verbrechen ist vulgär. Aber jede Vulgarität ist ein Verbrechen. Vulgär ist das Benehmen anderer.
*
Nur Flachköpfe kennen sich.
*
Zeit ist Geldverschwendung.
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Man sollte stets ein wenig unwahrscheinlich sein.
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Gute Vorsätze haben etwas Fatales: sie werden immer zu früh gefaßt.
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Es gibt nur eine Entschuldigung, wenn man sich gelegentlich exzentrisch kleidet: man muß sich stets exzentrisch benehmen.
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Frühreif sein heißt vollkommen sein.
*
Jedes Vorurteil über richtiges oder falsches Verhalten beweist eine gestörte intellektuelle Entwicklung.
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Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers.
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Eine Wahrheit hört auf wahr zu sein, wenn mehr als einer an sie glaubt.
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n Prüfungen stellen Toren Fragen, die Weise nicht beantworten können.
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Die griechische Kleidung war wesentlich unkünstlerisch. Nichts als der Körper sollte den Körper offenbaren.
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Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder ein Kunstwerk tragen.
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Nur die oberflächlichen Eigenschaften dauern. Des Menschen tiefere Natur ist bald entlarvt.
*
Fleiß ist die Wurzel aller Häßlichkeit.
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Nur die Götter kosten den Tod. Apollo ist nicht mehr. Aber Hyacinth, den er erschlug, lebt weiter. Nero und Narziß sind immer mit uns.
*
Greise glauben alles. Männer bezweifeln alles. Kinder wissen alles.
*
Voraussetzung zur Vollkommenheit ist Muße. Ziel der Vollkommenheit ist Jugend.
*
Nur Meistern des Stils gelingt es, dunkel zu sein.
*
Die Zeitalter leben in der Geschichte durch ihre Anachronismen.
*
Es ist tragisch, daß so viele gutaussehende junge Männer ins Leben treten, um in einem nützlichen Beruf zu enden.
*
Eigenliebe ist Anfang einer lebenslangen Romanze.

Arthur Schopenhauer • Die Mädchen

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Arthur Schopenhauer

Georges Seurat - Sitzende Frau mit Regenschirm - 1884/85
Georges Seurat – Sitzende Frau mit Regenschirm – 1884/85

Mit dem Mädchen hat es die Natur auf das, was man im dramaturgischen Sinne einen Knalleffekt nennt, abgesehen, indem die dieselben auf wenige Jahre mit überreichlicher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattete, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich während jener Jahre der Phantasie eines Mannes sich in dem Maße bemächtigen können, dass er hingerissen wird, die Sorge für sie auf zeitlebens in irgendeiner Form ehrlich zu übernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermögen die bloße vernünftige Überlegung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien.

Friedrich Rückert • Unser Gedächtnis

Friedrich Rückert • Unser Gedächtnis

Foto: Hans Braxmeier
Foto: Hans Braxmeier12

Unser Gedächtnis ist wie eines Wirtes Zimmer,
Das doch, wieweit es sei, beschränkt von Raum ist immer.
Von Gästen gehn darein nicht zuviel auf einmal,
Und von Vorstellungen nur immer eine Zahl.
Doch nacheinander gehn der Gäste viele drein,
Und alle schreiben auch wohl ihre Namen ein,
Die in das Fremdenbuch, die auf die Fensterscheiben,
Das sind Erinnrungen, die von den Gästen bleiben.
Erneu’n kann sich der Wirt die Züge nach Belieben,
Wenn zu unleserlich nicht einer hat geschrieben.
Doch mancher lief auch durch auf flüchtigem Besuch,
Der weder an die Wand sich einschrieb noch ins Buch.
Das ist, was du gelernt und schnell vergessen hast,
Nicht im Gedächtnis hat verewigt sich der Gast.

(Die Weisheit des Brahmanen)

Henrik Ibsen • Baupläne

Foto: Csaba Nagy
Foto: Csaba Nagy

Henrik Ibsen • Baupläne

Ich weiß noch wie heut, ob auch Jahr um Jahr schwand,
Den Abend, da mein Erstling im Blatt gedruckt stand.
Da saß ich auf meiner Kammer, den Knaster in Glut,
Und paffte und träumte in seligem Hoffemut.

»Ein Wolkenschloß bau‘ ich, voll Sonnenschein,
Ein Schloß mit zwei Flügeln, von Himmelssturm umweht;
In dem großen, da hause ein unsterblicher Poet,
In dem kleinen ein Mägdelein, zierlich und fein!«

Wie schien mir mein Bau so harmonisch gedacht!
Und doch hat sich alles so anders gemacht!
Da der Meister ward vernünftig, ward blitztoll der Stil:
Der Hauptbau ward zu klein, der Anbau verfiel.

Charles Baudelaire • Das Bekenntnis des Künstlers • Gedichte in Prosa

Charles Baudelaire • Das Bekenntnis des Künstlers • Gedichte in Prosa

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Wie die sich neigenden Herbsttage ergreifend sind! Ach, ergreifend bis zum Schmerz! Denn es gibt gewisse köstliche Stimmungen, deren Unbestimmtheit die Heftigkeit nicht ausschließt; und es gibt keinen schärferen Stachel, als den des Grenzenlosen.
Welches Entzücken, seinen Blick in die Unendlichkeit des Himmels und des Meeres zu tauchen! Einsamkeit, Schweigen, die unvergleichliche Reinheit des Azurs, ein kleines Segel, das am Horizont erschauert und in seiner Winzigkeit und seiner Vereinsamung das Abbild meines unheilbaren Daseins ist, das eintönige Lied des Wellenschlages, alle sie denken durch mich oder ich denke durch sie (denn in der Größe der Träumerei verliert sich bald das Ich!); sie denken, sage ich, aber melodisch und farbenbunt, ohne Spitzfindigkeit, ohne Schlüsse, ohne Absichten.
Gleichwohl ob diese Gedanken von mir ausgehen oder von den Dingen – bald überwältigen sie mich; die Stärke der Lust erzeugt ein Unbehagen und ein wirkliches Leiden. Meine überspannten Nerven beben nur noch schrill und schmerzhaft. Und jetzt bestürzt mich die Tiefe des Himmels; seine Klarheit entsetzt mich. Die Gefühllosigkeit des Meeres, die Unwandelbarkeit des Schauspiels empört mich … Ah! muss mau ewig leiden oder ewig die Schönheit fliehen? Natur, du Zauberin ohne Erbarmen, immer siegende Gegnerin, lass ab von mir! Lass ab davon, meine Sehnsucht und meinen Stolz zu erproben! Das Suchen nach Schönheit ist ein Zweikampf, bei dem der Künstler aus Bangigkeit schreit, bevor er noch besiegt wird.

Isolde Kurz • Jede menschliche Natur ist ein Widerspruch

Isolde Kurz
Isolde Kurz

Jede menschliche Natur ist ein Widerspruch, aus zwei verschiedenen, häufig gegensätzlichen Naturen zusammengefügt. Zieht man noch die Ahnenreihe hinein, die sich aufwärts ins Unendliche verliert, so erkennt man, dass schon die ganze Menschheit zur Herstellung des Einzelnen verwendet worden ist, wie sich sein Ich abwärts ins Unendliche spalten und sich am Ende wieder über die ganze Menschheit verteilen muss, denn Blutsverwandte sind wir alle. Wo sollte da Einheit des Charakters noch herkommen? Die gab es im Altertum, wo die Lebensbedingungen ähnlicher und wo die Völker weniger gemischt waren oder das Gemischte gleichmäßiger assimiliert.

Aus: Isolde Kurz: Im Zeichen des Steinbocks – 1905

Pauls Tagebuch: Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen • Kolumne

Gedankengänge zu Friedrich Ani, den Duft der grünen Papaya und den Widerspruch zwischen Stille und Hoffnung. 

Illustration: Oberholster Venita
Illustration: Oberholster Venita

Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen, endet unversehens in der Feststellung: es gibt nichts stilleres als die Hoffnung. Im Kopf, im Herzen und im Bauch. Wie laut muss es dann zugehen, wenn die Hoffnung stirbt?! Dies wird sie sicherlich nicht leise tun. Zum Glück ist mir die Hoffnung bisher nie abhanden gekommen. Auch in der Liebe nicht.

Zürich, September 1988

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Wie schmeckt Stille? Welche Farbe hat sie? Oder hat sie mehrere?
Es gibt von diesen schönen Roman von Friedrich Ani
: Wie Licht schmeckt. – Immerhin Stoff für ein große Geschichte. Wie sähe diese Geschichte rund um die Stille aus? Was mich an einen Film erinnert: Der Duft der grünen Papaya. Ich war nie wieder in einem Film, der eine so meditative Wirkung auf mich hatte. Beseelt und glücklich habe ich damals das Kino verlassen.

Eine Erkenntnis: Denken ist auditiv; sich ausdrückend in Selbstgesprächen und anderen Geräuschen. Stille entsteht also nur, wenn das Denken abgestellt ist. Wenn bei der Meditation gelernt wird, die Gedanken fließen zu lassen, ohne sie festzuhalten. Wie sähe die nächste Stufe aus?

Folgende Bedeutungen schreibt mein Wörterbuch der Stille zu:
[1] die 
Abwesenheit von akustischen Signalen wie Lärm, Musik, Geräusch
[2] die 
Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

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Es gibt diese Stille beim Laufen; etwa nach Kilometer 5, wenn das Grundrauschen von innen nach außen geflossen ist. Mit dem Schweiß.

Zur Hoffnung ein Gedicht vom Dehmel; wunderbarer Rhythmus – in Gedanken ein Sprung in den Jazz. Gedichte, die mit einer Frage enden bzw. diese aufwerfen. Viel zu selten.

Richard Dehmel • Erste Hoffnung

Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
Maria weint vor Wonne
und ist von lauter Sonne
überstrahlt.
Wer weiß die Melodie dazu?

Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
das klang so fern beglückend,
mir schlag das Herz so drückend,
so verzagt.
Wer weiß die Melodie dazu?

.Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
es ist ein Lied vom Leben,
ich fühl es in mir beben
Tag und Nacht.
Wer weiß die Melodie dazu?

Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.

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Hoffnung = hüpfen, unruhige Bewegung // Stille = die Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

Stille Hoffnung – ein wortreiches Paradaxon?


Ludwig Wittgenstein • Über unsere Sprache

„Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt:
Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen,
alten und neuen Häusern,
und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten;
und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte
mit geraden und regelmäßigen Straßen
und mit einförmigen Häusern.“

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Ludwig Wittgenstein

Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889 – 1951) war ein österreichisch-britischer Philosoph.
Er lieferte gewichtige Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine Hauptwerke: Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus 1921) und Philosophische Untersuchungen (1953, postum). Sie wurden zu wichtigen Bezugspunkten philosophischer Schulen: des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie.

José Ortega y Gasset über die Begrifflichkeit Kultur

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José Ortega y Gasset über Kultur

Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche, über dem die Wellen zusammenschlagen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf die Gefahr des Untergangs ist die Kultur.

trennlinie2José Ortega y Gasset
spanischer Philosoph, Schriftsteller und Soziologe
* 09.05.1883, † 18.10.1955

Johann Heinrich Füssli & Emil M. Cioran • Die süße Melancholie

Füssli, Johann Heinrich - Das Schweigen
Johann Heinrich Füssli – Das Schweigen – Entstehung:   1799–1801 –  Öl auf Leinwand –  Zürich / Kunsthaus – Epoche: Romantik 

trennlinie640„Das Mißverhältnis zwischen der Unendlichkeit der Welt und der Endlichkeit des Menschen ist ein ernster Grund zur Verzweiflung; betrachtet man es indessen aus einer traumhaften Perspektive, wie sie in den melancholischen Zuständen vorkommt, so hört es auf, marternd zu sein, und die Welt erglänzt in unheimlicher und krankhafter Schönheit. … Die Welt wird als 11 Schauspiel betrachtet und der Mensch als Zuschauer, der dem Verlauf gewisser Aspekte passiv beiwohnt.“ • Emil M. Cioran [rumänischer Philosoph und einer der bedeutenden Aphoristiker]

Nachdenken über meine Beziehung • Ein paar Anregungen

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Welcher Einfall Ihrer Frau verdient das Prädikat >>echt genial<<?

Wie ist es Ihrer Frau immer wieder gelungen, Sie für Neues zu begeistern?

Mit was zaubert Ihnen Ihre Frau das feinste Lächeln auf Ihr Gesicht?

Was erleben Sie im Moment als sehr befriedigend in Ihrer Beziehung?

Was drückt Ihr Miteinander am besten aus?

Was sind die wichtigen Grundlagen Ihrer Partnerschaft?

In welchen Bereichen ergänzen Sie sich gut?

Wohin möchten Sie Ihre Beziehung gemeinsam entwickeln?

Womit können Sie Ihre Frau wirklich verwöhnen?

Wie machen Sie Zärtlichkeit alltagstauglich, so dass sie als solche wahr genommen wird?

Welches kleine Dankeschön verdient Ihre Frau für die bleibende Unterstützung im Alltag?

Auf welche ganz und gar eigene Leistung Ihrer Frau sind Sie besonders stolz? Haben Sie Ihr das auch schon gesagt?

Welche kleine Alltagsgeste Ihrer Liebe ist für Sie (beide) unverzichtbar?

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Was meinen Sie, wie Ihre Partner bzw. Ihre Partnerin reagiert, wenn sie gemeinsam über die Antworten sprechen?!

Franz Kafka • Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg

Franz Kafka 
Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg

1 Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.

2 Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.

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Foto: Barbara Kindlinger

3 Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle andern ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld sind sie vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück.

4 Viele Schatten der Abgeschiedenen beschäftigen sich nur damit, die Fluten des Totenflusses zu belecken, weil er von uns herkommt und noch den salzigen Geschmack unserer Meere hat. Vor Ekel sträubt sich dann der Fluß, nimmt eine rückläufige Strömung und schwemmt die Toten ins Leben zurück. Sie aber sind glücklich, singen Danklieder und streicheln den Empörten.

5 Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.

6 Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen Bewegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären, im Recht, denn es ist noch nichts geschehen.

7 Eines der wirksamsten Verführungsmittel des Bösen ist die Aufforderung zum Kampf.

8 Er ist wie der Kampf mit Frauen, der im Bett endet.

9 A. ist sehr aufgeblasen, er glaubt, im Guten weit vorgeschritten zu sein, da er, offenbar als ein immer verlockender Gegenstand, immer mehr Versuchungen aus ihm bisher ganz unbekannten Richtungen sich ausgesetzt fühlt.

10 Die richtige Erklärung ist aber die, daß ein großer Teufel in ihm Platz genommen hat und die Unzahl der kleineren herbeikommt, um dem Großen zu dienen.

11/12 Verschiedenheit der Anschauungen, die man etwa von einem Apfel haben kann: die Anschauung des kleinen Jungen, der den Hals strecken muß, um noch knapp den Apfel auf der Tischplatte zu sehn, und die Anschauung des Hausherrn, der den Apfel nimmt und frei dem Tischgenossen reicht.

13 Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen; man bittet, aus der alten Zelle, die man haßt, in eine neue gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen und sagen: »Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er kommt zu mir.«

14 Gingest du über eine Ebene, hättest den guten Willen zu gehen und machtest doch Rückschritte, dann wäre es eine verzweifelte Sache; da du aber einen steilen Abhang hinaufkletterst, so steil etwa, wie du selbst von unten gesehen bist, können die Rückschritte auch nur durch die Bodenbeschaffenheit verursacht sein, und du mußt nicht verzweifeln.

15 Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er rein gekehrt, bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern.

16 Ein Käfig ging einen Vogel suchen.

17 An diesem Ort war ich noch niemals: Anders geht der Atem, blendender als die Sonne strahlt neben ihr ein Stern.

18 Wenn es möglich gewesen wäre, den Turm von Babel zu erbauen, ohne ihn zu erklettern, es wäre erlaubt worden.

19 Laß dich vom Bösen nicht glauben machen, du könntest vor ihm Geheimnisse haben.

20 Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.

21 So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber fest, nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg.

22 Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.

23 Vom wahren Gegner fährt grenzenloser Mut in dich.

24 Das Glück begreifen, daß der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken.

25 Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?

26 Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.

27 Das Negative zu tun, ist uns noch auferlegt; das Positive ist uns schon gegeben.

28 Wenn man einmal das Böse bei sich aufgenommen hat, verlangt es nicht mehr, daß man ihm glaube.

29 Die Hintergedanken, mit denen du das Böse in dir aufnimmst, sind nicht die deinen, sondern die des Bösen. Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden, und weiß nicht, daß das nur eine Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herrn.

30 Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos.

31 Nach Selbstbeherrschung strebe ich nicht. Selbstbeherrschung heißt: an einer zufälligen Stelle der unendlichen Ausstrahlungen meiner geistigen Existenz wirken wollen. Muß ich aber solche Kreise um mich ziehen, dann tue ich es besser untätig im bloßen Anstaunen des ungeheuerlichen Komplexes und nehme nur die Stärkung, die e contrario dieser Anblick gibt, mit nach Hause.

32 Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeuten eben: Unmöglichkeit von Krähen.

33 Die Märtyrer unterschätzen den Leib nicht, sie lassen ihn auf dem Kreuz erhöhen. Darin sind sie mit ihren Gegnern einig.

34 Sein Ermatten ist das des Gladiators nach dem Kampf, seine Arbeit war das Weißtünchen eines Winkels in einer Beamtenstube.

35 Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach letztem Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.

36 Früher begriff ich nicht, warum ich auf meine Frage keine Antwort bekam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben konnte, fragen zu können. Aber ich glaubte ja gar nicht, ich fragte nur.

37 Seine Antwort auf die Behauptung, er besitze vielleicht, sei aber nicht, war nur Zittern und Herzklopfen.

38 Einer staunte darüber, wie leicht er den Weg der Ewigkeit ging; er raste ihn nämlich abwärts.

39a Dem Bösen kann man nicht in Raten zahlen – und versucht es unaufhörlich.
Es wäre denkbar, daß Alexander der Große trotz den kriegerischen Erfolgen seiner Jugend, trotz dem ausgezeichneten Heer, das er ausgebildet hatte, trotz den auf Veränderung der Welt gerichteten Kräften, die er in sich fühlte, am Hellespont stehen geblieben und ihn nie überschritten hätte, und zwar nicht aus Furcht, nicht aus Unentschlossenheit, nicht aus Willensschwäche, sondern aus Erdenschwere.

39b Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehen, nichts zuzugeben und doch hält jeder noch seine eigene kindliche Elle daran. »Gewiß, auch diese Elle Wegs mußt du noch gehen, es wird dir nicht vergessen werden.«

40 Nur unser Zeitbegriff läßt uns das Jüngste Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht.

41 Das Mißverhältnis der Welt scheint tröstlicherweise nur ein zahlenmäßiges zu sein.

42 Den ekel- und haßerfüllten Kopf auf die Brust senken.

43 Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.

44 Lächerlich hast du dich aufgeschirrt für diese Welt.

45 Je mehr Pferde du anspannst, desto rascher gehts – nämlich nicht das Ausreißen des Blocks aus dem Fundament, was unmöglich ist, aber das Zerreißen der Riemen und damit die leere fröhliche Fahrt.

46 Das Wort »sein« bedeutet im Deutschen beides: Dasein und Ihmgehören.

47 Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.

48 An Fortschritt glauben heißt nicht glauben, daß ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.

49 A. ist ein Virtuose und der Himmel ist sein Zeuge.

50 Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgenbleibens ist der Glaube an einen persönlichen Gott.

51 Es bedurfte der Vermittlung der Schlange: das Böse kann den Menschen verführen, aber nicht Mensch werden.

52 Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.

53 Man darf niemanden betrügen, auch nicht die Welt um ihren Sieg.

54 Es gibt nichts anderes als eine geistige Welt – was wir sinnliche Welt nennen, ist das Böse in der geistigen, und was wir böse nennen, ist nur eine Notwendigkeit eines Augenblicks unserer ewigen Entwicklung.
Mit stärkstem Licht kann man die Welt auflösen. Vor schwachen Augen wird sie fest, vor noch schwächeren bekommt sie Fäuste, vor noch schwächeren wird sie schamhaft und zerschmettert den, der sie anzuschauen wagt.

55 Alles ist Betrug: das Mindestmaß der Täuschungen suchen, im üblichen bleiben, das Höchstmaß suchen. Im ersten Fall betrügt man das Gute, indem man sich dessen Erwerbung zu leicht machen will, das Böse, indem man ihm allzu ungünstige Kampfbedingungen setzt. Im zweiten Fall betrügt man das Gute, indem man also nicht einmal im Irdischen nach ihm strebt. Im dritten Fall betrügt man das Gute, indem man sich möglichst weit von ihm entfernt, das Böse, indem man hofft, durch seine Höchststeigerung es machtlos zu machen. Vorzuziehen wäre also hiernach der zweite Fall, denn das Gute betrügt man immer, das Böse in diesem Fall, wenigstens dem Anschein nach, nicht.

56 Es gibt Fragen, über die wir nicht hinwegkommen könnten, wenn wir nicht von Natur aus von ihnen befreit wären.

57 Die Sprache kann für alles außerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd vergleichsweise gebraucht werden, da sie, entsprechend der sinnlichen Welt, nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt.

58 Man lügt möglichst wenig, nur wenn man möglichst wenig lügt, nicht wenn man möglichst wenig Gelegenheit dazu hat.

59 Eine durch Schritte nicht tief ausgehöhlte Treppenstufe ist, von sich selber aus gesehen, nur etwas öde zusammengefügtes Hölzernes.

60 Wer der Welt entsagt, muß alle Menschen lieben, denn er entsagt auch ihrer Welt. Er beginnt daher, das wahre menschliche Wesen zu ahnen, das nicht anders als geliebt werden kann, vorausgesetzt, daß man ihm ebenbürtig ist.

61 Wer innerhalb der Welt seinen Nächsten liebt, tut nicht mehr und nicht weniger Unrecht, als wer innerhalb der Welt sich selbst liebt. Es bliebe nur die Frage, ob das erstere möglich ist.

62 Die Tatsache, daß es nichts anderes gibt als eine geistige Welt, nimmt uns die Hoffnung und gibt uns die Gewißheit.

63 Unsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendet-Sein: Das Licht auf dem zurückweichenden Fratzengesicht ist wahr, sonst nichts.

64/65 Die Vertreibung aus dem Paradies ist in ihrem Hauptteil ewig: Es ist also zwar die Vertreibung aus dem Paradies endgültig, das Leben in der Welt unausweichlich, die Ewigkeit des Vorganges aber (oder zeitlich ausgedrückt: die ewige Wiederholung des Vorgangs) macht es trotzdem möglich, daß wir nicht nur dauernd im Paradiese bleiben könnten, sondern tatsächlich dort dauernd sind, gleichgültig ob wir es hier wissen oder nicht.

66 Er ist ein freier und gesicherter Bürger der Erde, denn er ist an eine Kette gelegt, die lang genug ist, um ihm alle irdischen Räume frei zu geben, und doch nur so lang, daß nichts ihn über die Grenzen der Erde reißen kann. Gleichzeitig aber ist er auch ein freier und gesicherter Bürger des Himmels, denn er ist auch an eine ähnlich berechnete Himmelskette gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des Himmels, will er in den Himmel, jenes der Erde. Und trotzdem hat er alle Möglichkeiten und fühlt es; ja, er weigert sich sogar, das Ganze auf einen Fehler bei der ersten Fesselung zurückzuführen.

67 Er läuft den Tatsachen nach wie ein Anfänger im Schlittschuhlaufen, der überdies irgendwo übt, wo es verboten ist.

68 Was ist fröhlicher als der Glaube an einen Hausgott!

69 Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.

70/71 Das Unzerstörbare ist eines; jeder einzelne Mensch ist es und gleichzeitig ist es allen gemeinsam, daher die beispiellos untrennbare Verbindung der Menschen.

72 Es gibt im gleichen Menschen Erkenntnisse, die bei völliger Verschiedenheit doch das gleiche Objekt haben, so daß wieder nur auf verschiedene Subjekte im gleichen Menschen rückgeschlossen werden muß.

73 Er frißt den Abfall vom eigenen Tisch; dadurch wird er zwar ein Weilchen lang satter als alle, verlernt aber, oben vom Tisch zu essen; dadurch hört dann aber auch der Abfall auf.

74 Wenn das, was im Paradies zerstört worden sein soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend; war es aber unzerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben.

75 Prüfe dich an der Menschheit. Den Zweifelnden macht sie zweifeln, den Glaubenden glauben.

76 Dieses Gefühl: »hier ankere ich nicht« – und gleich die wogende, tragende Flut um sich fühlen!
Ein Umschwung. Lauernd, ängstlich, hoffend umschleicht die Antwort die Frage, sucht verzweifelt in ihrem unzugänglichen Gesicht, folgt ihr auf den sinnlosesten, das heißt von der Antwort möglichst wegstrebenden Wegen.

77 Verkehr mit Menschen verführt zur Selbstbeobachtung.

78 Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein.

79 Die sinnliche Liebe täuscht über die himmlische hinweg; allein könnte sie es nicht, aber da sie das Element der himmlischen Liebe unbewußt in sich hat, kann sie es.

80 Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muß Lüge sein.

81 Niemand kann verlangen, was ihm im letzten Grunde schadet. Hat es beim einzelnen Menschen doch diesen Anschein – und den hat es vielleicht immer –, so erklärt sich dies dadurch, daß jemand im Menschen etwas verlangt, was diesem Jemand zwar nützt, aber einem zweiten Jemand, der halb zur Beurteilung des Falles herangezogen wird, schwer schadet. Hätte sich der Mensch gleich anfangs, nicht erst bei der Beurteilung auf Seite des zweiten Jemand gestellt, wäre der erste Jemand erloschen und mit ihm das Verlangen.

82 Warum klagen wir wegen des Sündenfalles? Nicht seinetwegen sind wir aus dem Paradiese vertrieben worden, sondern wegen des Baumes des Lebens, damit wir nicht von ihm essen.

83 Wir sind nicht nur deshalb sündig, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, sondern auch deshalb, weil wir vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben. Sündig ist der Stand, in dem wir uns befinden, unabhängig von Schuld.

84 Wir wurden geschaffen, um im Paradies zu leben, das Paradies war bestimmt, uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses geschehen wäre, wird nicht gesagt.

85 Das Böse ist eine Ausstrahlung des menschlichen Bewußtseins in bestimmten Übergangsstellungen. Nicht eigentlich die sinnliche Welt ist Schein, sondern ihr Böses, das allerdings für unsere Augen die sinnliche Welt bildet.

86 Seit dem Sündenfall sind wir in der Fähigkeit zur Erkenntnis des Guten und Bösen im Wesentlichen gleich; trotzdem suchen wir gerade hier unsere besonderen Vorzüge. Aber erst jenseits dieser Erkenntnis beginnen die wahren Verschiedenheiten. Der gegenteilige Schein wird durch folgendes hervorgerufen: Niemand kann sich mit der Erkenntnis allein begnügen, sondern muß sich bestreben, ihr gemäß zu handeln. Dazu aber ist ihm die Kraft nicht mitgegeben, er muß daher sich zerstören, selbst auf die Gefahr hin, sogar dadurch die notwendige Kraft nicht zu erhalten, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, als dieser letzte Versuch. (Das ist auch der Sinn der Todesdrohung beim Verbot des Essens vom Baume der Erkenntnis; vielleicht ist das auch der ursprüngliche Sinn des natürlichen Todes.) Vor diesem Versuch nun fürchtet er sich; lieber will er die Erkenntnis des Guten und Bösen rückgängig machen (die Bezeichnung »Sündenfall« geht auf diese Angst zurück); aber das Geschehene kann nicht rückgängig gemacht, sondern nur getrübt werden. Zu diesem Zweck entstehen die Motivationen. Die ganze Welt ist ihrer voll, ja die ganze sichtbare Welt ist vielleicht nichts anderes als eine Motivation des einen Augenblick lang ruhenwollenden Menschen. Ein Versuch, die Tatsache der Erkenntnis zu fälschen, die Erkenntnis erst zum Ziel zu machen.

87 Ein Glaube wie ein Fallbeil, so schwer, so leicht.

88 Der Tod ist vor uns, etwa wie im Schulzimmer an der Wand ein Bild der Alexanderschlacht. Es kommt darauf an, durch unsere Taten noch in diesem Leben das Bild zu verdunkeln oder gar auszulöschen.

89 Ein Mensch hat freien Willen, und zwar dreierlei: Erstens war er frei, als er dieses Leben wollte; jetzt kann er es allerdings nicht mehr rückgängig machen, denn er ist nicht mehr jener, der es damals wollte, es wäre denn insoweit, als er seinen damaligen Willen ausführt, indem er lebt.
Zweitens ist er frei, indem er die Gangart und den Weg dieses Lebens wählen kann.
Drittens ist er frei, indem er als derjenige, der einmal wieder sein wird, den Willen hat, sich unter jeder Bedingung durch das Leben gehen und auf diese Weise zu sich kommen zu lassen, und zwar auf einem zwar wählbaren, aber jedenfalls derartig labyrinthischen Weg, daß er kein Fleckchen dieses Lebens unberührt läßt.
Das ist das Dreierlei des freien Willens, es ist aber auch, da es gleichzeitig ist, ein Einerlei und ist im Grunde so sehr Einerlei, daß es keinen Platz hat für einen Willen, weder für einen freien noch unfreien.

90 Zwei Möglichkeiten: sich unendlich klein machen oder es sein. Das zweite ist Vollendung, also Untätigkeit, das erste Beginn, also Tat.

91 Zur Vermeidung eines Wortirrtums: Was tätig zerstört werden soll, muß vorher ganz fest gehalten worden sein; was zerbröckelt, zerbröckelt, kann aber nicht zerstört werden.

92 Die erste Götzenanbetung war gewiß Angst vor den Dingen, aber damit zusammenhängend Angst vor der Notwendigkeit der Dinge und damit zusammenhängend Angst vor der Verantwortung für die Dinge. So ungeheuer erschien diese Verantwortung, daß man sie nicht einmal einem einzigen Außermenschlichen aufzuerlegen wagte, denn auch durch Vermittlung eines Wesens wäre die menschliche Verantwortung noch nicht genug erleichtert worden, der Verkehr mit nur einem Wesen wäre noch allzusehr von Verantwortung befleckt gewesen, deshalb gab man jedem Ding die Verantwortung für sich selbst, mehr noch, man gab diesen Dingen auch noch eine verhältnismäßige Verantwortung für den Menschen.

93 Zum letztenmal Psychologie!

94 Zwei Aufgaben des Lebensanfangs: Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob du dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.

95 Das Böse ist manchmal in der Hand wie ein Werkzeug, erkannt oder unerkannt läßt es sich, wenn man den Willen hat, ohne Widerspruch zur Seite legen.

96 Die Freuden dieses Lebens sind nicht die seinen, sondern unsere Angst vor dem Aufsteigen in ein höheres Leben; die Qualen dieses Lebens sind nicht die seinen, sondern unsere Selbstqual wegen jener Angst.

97 Nur hier ist Leiden Leiden. Nicht so, als ob die, welche hier leiden, anderswo wegen dieses Leidens erhöht werden sollen, sondern so, daß das, was in dieser Welt leiden heißt, in einer andern Welt, unverändert und nur befreit von seinem Gegensatz, Seligkeit ist.

98 Die Vorstellung von der unendlichen Weite und Fülle des Kosmos ist das Ergebnis der zum Äußersten getriebenen Mischung von mühevoller Schöpfung und freier Selbstbesinnung.

99 Wieviel bedrückender als die unerbittlichste Überzeugung von unserem gegenwärtigen sündhaften Stand ist selbst die schwächste Überzeugung von der einstigen, ewigen Rechtfertigung unserer Zeitlichkeit. Nur die Kraft im Ertragen dieser zweiten Überzeugung, welche in ihrer Reinheit die erste voll umfaßt, ist das Maß des Glaubens. Manche nehmen an, daß neben dem großen Urbetrug noch in jedem Fall eigens für sie ein kleiner besonderer Betrug veranstaltet wird, daß also, wenn ein Liebesspiel auf der Bühne aufgeführt wird, die Schauspielerin außer dem verlogenen Lächeln für ihren Geliebten auch noch ein besonders hinterhältiges Lächeln für den ganz bestimmten Zuschauer auf der letzten Galerie hat. Das heißt zu weit gehen.

100 Es kann ein Wissen vom Teuflischen geben, aber keinen Glauben daran, denn mehr Teuflisches, als da ist, gibt es nicht.

101 Die Sünde kommt immer offen und ist mit den Sinnen gleich zu fassen. Sie geht auf ihren Wurzeln und muß nicht ausgerissen werden.

102 Alle Leiden um uns müssen auch wir leiden. Wir alle haben nicht einen Leib, aber ein Wachstum, und das führt uns durch alle Schmerzen, ob in dieser oder jener Form. So wie das Kind durch alle Lebensstadien bis zum Greis und zum Tod sich entwickelt (und jenes Stadium im Grunde dem früheren, im Verlangen oder in Furcht unerreichbar scheint) ebenso entwickeln wir uns (nicht weniger tief mit der Menschheit verbunden als mit uns selbst) durch alle Leiden dieser Welt. Für Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang kein Platz, aber auch nicht für Furcht vor den Leiden oder für die Auslegung des Leidens als eines Verdienstes.

103 Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.

105 Das Verführungsmittel dieser Welt sowie das Zeichen der Bürgschaft dafür, daß diese Weit nur ein Übergang ist, ist das gleiche. Mit Recht, denn nur so kann uns diese Welt verführen und es entspricht der Wahrheit. Das Schlimmste ist aber, daß wir nach geglückter Verführung die Bürgschaft vergessen und so eigentlich das Gute uns ins Böse, der Blick der Frau in ihr Bett gelockt hat.

106 Die Demut gibt jedem, auch dem einsam Verzweifelnden, das stärkste Verhältnis zum Mitmenschen, und zwar sofort, allerdings nur bei völliger und dauernder Demut. Sie kann das deshalb, weil sie die wahre Gebetsprache ist, gleichzeitig Anbetung und festeste Verbindung. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist das Verhältnis des Gebetes, das Verhältnis zu sich das Verhältnis des Strebens; aus dem Gebet wird die Kraft für das Streben geholt.
Kannst du denn etwas anderes kennen als Betrug? Wird einmal der Betrug vernichtet, darfst du ja nicht hinsehen oder wirst zur Salzsäule.

107 Alle sind zu A. sehr freundlich, so etwa wie man ein ausgezeichnetes Billard selbst vor guten Spielern sorgfältig zu bewahren sucht, solange bis der große Spieler kommt, das Brett genau untersucht, keinen vorzeitigen Fehler duldet, dann aber, wenn er selbst zu spielen anfängt, sich auf die rücksichtsloseste Weise auswütet.

108 »Dann aber kehrte er zu seiner Arbeit zurück, so wie wenn nichts geschehen wäre.« Das ist eine Bemerkung, die uns aus einer unklaren Fülle alter Erzählungen geläufig ist, obwohl sie vielleicht in keiner vorkommt.

109 »Daß es uns an Glauben fehle, kann man nicht sagen. Allein die einfache Tatsache unseres Lebens ist in ihrem Glaubenswert gar nicht auszuschöpfen.« »Hier wäre ein Glaubenswert? Man kann doch nicht nicht-leben.« »Eben in diesem ›kann doch nicht‹ steckt die wahnsinnige Kraft des Glaubens; in dieser Verneinung bekommt sie Gestalt.«
Es ist nicht notwendig, daß du aus dem Hause gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden.

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Quelle: 
Franz Kafka – Er
Suhrkamp Verlag -1970

Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg

 

Claude Anet • Die Schönheit und der Nasenflügel

Henry betrachtet in einem Salon eine Frau. Ernsthafter als ein Geizhals sein Geld zählt, mit größerer Sorgfalt als ein Arzt seinen Patienten, studiert er sie. – »Sie ist groß,« spricht er zu sich selbst, »ihre Hüften sind rund und schmiegsam, ihre Schultern sind breit; ein gerader Rücken, lange Beine …« Er betrachtet sie immer noch. Bemüht euch nicht, zu ihm zu sprechen, er hört nichts. »Der Hals ist emporgestreckt, die Augen sind groß, zart und voll zugleich ist das Antlitz, das Kinn ist wohlgeformt – wie könnte man eine Frau mit unschönem Kinn lieben! – die Lippen sind voll, die Zähne klein und regelmäßig. In ihrem Blick liegt Ernst, eine gewisse Geistigkeit, die ich schätze. Es soll ja kein Tier sein, das ich lieben will, sondern ein zärtliches, leidenschaftliches Wesen, das in meinen Armen auch zu weinen versteht.«

Er nähert sich. Er will zu ihr sprechen. Er zittert fast … Plötzlich bleibt er stehen. Was hat er entdeckt? – Ach, die Nasenflügel sind ein wenig zu breit! Er zieht sich zurück, er wird nicht lieben …