Kategorie: Romane

Umschlag zu Berlin-Alexanderplatz | Alfred Döblin

Alle Berlin-Romane verblassen immer noch vor dem Werk eines Ostberliner Nervenarztes , Sohn eines kleinen Stettiner Schneiders: Berlin-Alexanderplatz von Alfred Döblin. Es ist große, anspruchsvolle Literatur, in vielen seiner Mittel – dem inneren Monolog, der Allgegenwärtigkeit der Stadtheit in Gestalt ihrer Ladenschilder und Reklame-Inschriften – nicht ohne James Joyce und seien Ulysses denkbar, aber dann wieder urberlinerisch und in vieler Hinsicht menschlicher, herzbewegender als das mythologische Dublin-Panorama des Iren. Von den vielen anderen Büchern des aus der Emigration als französischer Kulturoffizier und Zeitschriftenherausgeber zurückkehrenden Döblin hat keines den Erfolg jener Geschichte von Franz Biberkopf erreicht, obgleich manche Kenner seine Ausflüge in ein mythisches China oder Babylon oder gar in das utopische dritte Jahrtausend von Berge, Meere und Giganten noch höher schätzen.

Umschlagzeichnung zu dem buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter
Umschlagzeichnung zu dem Buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter

Giuseppe Favas „Ehrenwerte Leute“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava

Die junge Lehrerin Elena Vizzini tritt ihre neue Stelle an, im kleinen sizilianischen Dorf Montenero Valdemone, fünftausend gemeldete Einwohner. Die Großstädterin hatte sich einen anderen Einsatzort gewünscht, hat aber keine Wahl, will sie doch endlich als Lehrerin arbeiten. Der Rechtsanwalt Bellocampo stellt ihr die Bleibe zur Verfügung, ein kaltes, unwohnliches Zimmer, das einst seiner Schwester gehört hatte.

Das Dorf reagiert auf den Fremdkörper Elena mit Distanz und Tuschelei. Nur ein Zugereister wagt es, sie überhaupt anzusprechen, äußerst dreist obendrein. Wer auf der Straße ist, erlebt, wie sich Elena gegen das aufdringliche Großmaul zur Wehr setzt, doch niemand hilft ihr. Wütend und aufgebracht über die stumpfen Dorfbewohner verkriecht sich Elena auf ihr Zimmer. Am nächsten Morgen sitzt eben jener junge Mann tot auf einem Stuhl auf der Piazza.

„So standen die Leute ordentlich und schweigend im Kreis herum. Die älteren Herren hatten sich aus dem Vereinslokal oder einer der Bars einen Stuhl geholt und saßen dicht an dicht.“

Doch das Schweigen geht weiter. Elena wird von der Polizei vernommen, die mit der Sache ebenso wenig anfangen kann wie Elena. Immerhin, ein alter Bauer erklärt sich bereit, der Polizei das Symbol der Blume im Mund des Toten zu erklären: Er habe eine Blume beleidigt, die Blume habe ihn daraufhin getötet. Mehr dazu gibt es nicht zu sagen.

„Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass von vierzig Personen, die wir dazu befragt haben, nicht eine einzige die von ihnen behaupteten Ereignisse bestätigt hat. Niemand hat bemerkt, dass Calògero Villarà Ihnen nachgelaufen ist und Sie belästigt hat. Genau gesagt, hat man auch Sie nicht gesehen und weiß nicht, wer Sie sind oder wie Sie heißen. Sie existieren nicht, und es hat nichts stattgefunden.“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava
Cover | Unionsverlag

Ab diesem Zeitpunkt wird Elena zur Respektsperson; an ihrer machtvollen Aura spinnt derweil ein Unbekannter weiter, der Elenas Ansehen offenbar nach Belieben bei den Leuten verankern kann. Wegen ihr wird ein Reporter verprügelt, zwei weitere Menschen sterben, nachdem sie Elena angegriffen haben. Das Dorf wird gespenstisch, so wortlos und stumm, wie die Leute mit den Gewalttaten umgehen. Elena kann ihr mysteriöses Podest, das sie erhöht und gleichzeitig weiter isoliert, nicht fassen, nicht begreifen und niemand wird ihr dabei helfen. Nicht einmal mit ihrem Geliebten, dem Lehrer Michele Belcore, verbindet sie mehr als die nächtliche Leidenschaft. Belcore bleibt ebenso stumm wie der Rest der Stadt. Sein Lächeln wirkt, wie all das Lächeln im Dorf, wie „ein Schatten, ein mysteriöser Schimmer“. Kaum wechseln die Liebenden mehr Worte als für die nächste Verabredung nötig sind. Einzig für eine kurze Erklärung der stumpfen Stille sagt er mehr als sonst und Elena merkt bald, dass er sich selbst mittendrin sieht:

„Du kennst die Leute nicht, sie glauben an eine Art Plan und daran, dass Gott alles leitet, sie resignieren und auf diese Weise wird das Leben wieder erträglich, sie denken alles sei unausweichlich, das Elend und die Unwissenheit sind Teil diese Fatalismus.“

Giuseppe Favas Roman beunruhigt, weil er gezielt Angst und Unwissenheit einsetzt. Elena, die Frau aus der Großstadt, kann sich nicht erklären, warum sich ein ganzes Dorf in Schach halten lässt und ihre Angst überträgt sich auf den Leser, der die gewollte Stimmlosigkeit genauso wenig verstehen wird. Elena wird die Hilfe Stück für Stück entzogen. Ihr geheimnisvoller Beschützer ahnt, wer ihr zu nahe kommt und helfen könnte: Michele, der Ortsansässige, erklärt sich ohnehin nicht; ein Augenzeuge aus dem Elena treu ergebenen Armenviertel, der trotz seiner Angst mit ihr sprechen will, wird beseitigt; der schlaue Richter Occipinti, der ein denkbares Motiv entschlüsselt, wird schnell auf einen neuen Posten versetzt.

Vieles deutet auf den einen Menschen, der diese bedrückende Kontrolle ausübt, doch Fava lässt in diesem Mikorkosmos nicht einmal beispielhaft zu, was im Makrokosmos schon nicht funktioniert: Würde der Erste den Mund aufmachen, könnte der Bann gebrochen werden. Giuseppe Fava hat den Mund aufgemacht: Der Journalist und Schriftsteller setzte oft die Mafia ins Zentrum seiner Tätigkeit und zog hart mit ihr ins Gericht. Die Mafia tat, was sie auch in Montenero Valdemone getan hätte: 1984 ließ man ihn vor seinem Theater ermorden; der Prozess gegen die Täter verschleppte sich über zehn Jahre hinweg.

Mit derart offensichtlicher Gewalt brach die „ehrenwerte Gesellschaft“, nachdem die Proteste immer lauter wurden. Dennoch steckt Favas Roman nicht fest als Zeitzeugnis vergangener Tage. Montenero Valdemone, übersetzt etwa das Dorf mit dem schwarzen Berg und dem Tal des Teufels, kann überall sein. Fava fragt nach Courage, nach Mitdenken, nach Handeln. Und da der Leser mit Elena mitdenkt und fühlt, muss er sich am Ende auch mit Elena für eine von drei Lösungen entscheiden: Weggehen? Mitmachen? Unterordnen?

„Sie hatte noch zwanzig Sekunden Zeit, sich zu entscheiden …“

Der Autor

Giuseppe Fava wurde am 15. September 1925 geboren. Nach dem Abschluss seines Jurastudiums wandte er sich dem Schreiben zu und war ab 1952 hauptberuflich als Journalist tätig. Bekannt wurde er jedoch vor allem als Autor von Theaterstücken, Romanen und Sachbüchern.

Sowohl als Journalist wie auch als Schriftsteller setzte er sich vor allem mit der mafiosen Gesellschaft seiner Heimat auseinander; sein 1975 erschienener Roman Ehrenwerte Leute war sein größter, auch internationaler Erfolg. 1983 gründete er die Monatszeitschrift I Siciliani, die für die damals gerade entstehende italienische Anti-Mafia-Bewegung sehr einflussreich war.

Am 5. Januar 1984 wurde Giuseppe Fava vor dem von ihm gegründeten Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück L’ultima violenza aufgeführt wurde, ermordet.


ISBN 978-3-293-30368-3
Verlag: Unionsverlag
Erstveröffentlichung Original: 1975
Erstveröffentlichung Deutsch: 1990
Originaltitel: Gente di rispetto
Übersetzung: Peter O. Chotjewitz

Bettina Schnerr | Umberto Ecos „Nullnummer“

Cover | Verlag
Cover | HANSER

Knapp fünfzig ist der Journalist Colonna, als er eine interessante Anfrage erhält. Eine, die er positiv beantwortet und damit in den Augen des Auftraggebers sich und seine Laufbahn enttarnt. „Provinzzeitungen, kulturelle Kleinarbeit, Ghostwriting“ analysiert Simei, Herausgeber einer neuen Zeitung. Simei plant „Domani“ im Auftrag des Commendatore Vimercate, eine Zeitung, die sich mit Skandalen befassen soll, aber nicht einfach nur berichten wird. Domani soll mit möglichen Hintergründen aufwarten, und zwar so, dass ausgewählte Leser angesichts der Enthüllungen und Mutmaßungen nervös werden. Das Spiel des Commendatore ist raffiniert: Die Zeitung soll eigentlich nie erscheinen, er will damit nur den gut informierten Platzhirsch markieren und Zutritt zur feinen Gesellschaft erhalten. Gleichzeitig will Simei ohne Wissen des Commendatore über das Experiment ein Buch schreiben. Dieses wiederum soll Colonna schreiben, der dafür Mitglied der Redaktion wird.

Über zwei Monate hinweg dokumentiert Colonna in „Nullnummer“ seine Arbeit in dieser merkwürdigen Redaktion, einer Redaktion, in der außer Simei und Colonna niemand weiß, dass all diese Texte niemals erscheinen werden. Da ist Romano Braggadocio, der Faktensammler, der seinen Autokauf minutiös plant, Zahlen und Vergleiche sammelt und in seiner Datenflut untergeht. Für ein Auto kann er sich jetzt erst recht nicht entscheiden. Da ist Maia Fresia, promovierte Philologin, gescheit und ambitioniert, die bisher nur bei einem Klatschblatt mit Affären hausieren gehen durfte. Cambria, der sich in Notaufnahmen und Kommissariaten um Sensationsnachrichten mühte. Die arbeitslose Korrektorin Constanza, deren Tätigkeit bei den meisten Zeitungen mangels Interesse an korrekter Schreibung einfach nicht mehr gefragt ist.

Bettina Schnerr * Rezensionen Krimi Foto:Privat
Bettina Schnerr | Foto: privat

Überhaupt die Qualität journalistischer Arbeit: Sie steht im Mittelpunkt des Romans. Eco lässt an den Machern von Domani kein gutes Haar. Ein Begriff wie Lügenpresse fällt schnell, aber das ist gar nicht das Problem. Gelogen wird nicht. Die Kunst der „Dreckschleuder“, wie Eco diese Form des Journalismus nannte, ist nicht das Erfinden von Nachrichten, sondern das manipulative Darstellen von Fakten. Den Lesern Meinungen unterjubeln, Nachrichten zu Grüppchen mit suggestiver Wirkung zusammenstellen. Das Handwerkszeug der Zeitungen sind nicht die schönen Schriften, nach denen Eco seine Protagonisten benannt hat, sie sind nur Kulisse. Da passt es völlig ins Bild, dass die Bemühungen Maias, gute und informative Rubriken zu entwickeln, grundsätzlich unter den Tisch fallen. Der paranoide Verschwörungsjäger Braggadocio geringschätzt sie deswegen sogar. Er ist die heimliche Hauptperson des Romans, nicht Colonna. Colonna ist derjenige, der durch das Abenteuer Zeitung führt und moderiert. Der mit Maia eine Affäre beginnen darf. Aber die Show gehört in diesem Roman jenem, der die Idee der Skandalfindung zur Expertise erhebt und offenbar eine Art Grundstein entdeckt für alles, was in Italien seit 1945 passiert ist.

Braggadocio geht in seinem neuen Job auf. Seine Prämisse: Es gibt ausreichend Informationen, aber meist führen die Menschen sie nicht zusammen und ihnen entgeht folglich der Blick auf das Ganze. „Ein Fakt allein sagt gar nichts, alle zusammen lassen dich begreifen, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.“ Braggadocio ist also genau der Mann, der in den Berichten über die letzten Stunden Mussolinis das Detail findet, das alle anderen seiner Meinung nach nicht richtig interpretieren konnten. Er trifft Informanten, stöbert in Archiven und baut Stück für Stück eine Theorie auf, die zahlreiche Lücken in Italiens Ermittlungsakten schließen soll. Es gibt spektakuläre Attentate und Morde genug, deren Ermittlungen in Stocken gerieten oder abgewürgt wurden. Braggadocio glaubt zu wissen warum.

Eco speist seinen Roman aus vielen Versatzstücken. Die Zeitung, die nie erschien, gab es in Italien tatsächlich einmal (wobei sie im Gegensatz zu Domani groß angekündigt war und nicht im Verborgenen betrieben wurde). Der Commendatore erinnert an den aufstrebenden Berlusconi, der es mit einem Medienimperium an die Spitze der Gesellschaft gebracht hat. Vermutlich sieht ein Italiener noch mehr Anspielungen, die ausländischen Lesern entgehen.

Umberto Eco stellt ein bewusst aufgebautes Szenario zusammen, was man dem Buch auf ganzer Strecke anmerkt. Daran kränkelt der Roman aber auch. Das Konstrukt ist klug und entlarvend, aber auch blutleer. Bis zum Ende tändelt der Roman mit seinen Protagonisten durch die Tage, um am Ende mit einem Knall zu überraschen. Braggadocio lag mit irgendeiner seiner Vermutungen richtig und wird aus dem Weg geräumt – ein Ende, das sich durch einen Prolog von Beginn an erahnen ließ. Wer im Dreck wühlt, wird auch welchen finden. Was man bei Braggadocio noch für Gespinste eines Verschwörungstheoretikers hielt, bestätigen die Kollegen der BBC in einem detailliert und solide recherchierten Filmbeitrag. Während sich das Gros italienischer Sensationspresse mit Petitessen abgibt, manipuliert und suggeriert, laufen in Wirklichkeit viel krudere Geschichten hinter den Kulissen ab. Wie Colonna feststellt, werden nur leider zu wenig Menschen in Italien Interesse an der BBC zeigen.

Ecos letzter Roman erinnert den Leser an den Wert guter Information und sachkundiger Arbeit. Er zeigt auch, welche Nachrichten wirksamer sind: Schlichte Skandale, die die Leser nicht allzusehr fordern. In Ecos Romanwelt kommt das Gewichten, Einordnen und Kuratieren der bedeutenden Nachrichten zu kurz. Halt … nur in Ecos Welt?

„Die Menschen haben den Drang, ihr Scheitern anderen zuzurechnen. Schon in der Ilias wird das Schicksal Trojas als Verschwörung der Götter dargestellt. Wenn du im Stau steckst, schimpfst du über die Regierung. In Wahrheit bist du es selber, der den Stau produziert. Leute suchen Verschwörungstheorien, um sich selbst zu entlasten.“ | Umberto Eco

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Umberto Eco | 2010 | Copyright: Peter-Andreas Hassiepen

[Der Autor]
Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Er zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern und Wissenschaftlern der Gegenwart, der sich dazu als Kolumnist und Philosoph einen Namen gemacht hatte. Berühmt wurde Eco durch seine Romane, allen voran Der Name der Rose. Sein Werk erscheint im Hanser Verlag, darunter u.a. Der Friedhof in Prag (Roman, 2011) sowie Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013).

trennlinie2ISBN: 978-3-446-24939-4
Verlag: Hanser Literaturverlage
Erstveröffentlichung: 2015 (Original & Übersetzung)

Kurt Tucholsky über Der Untertan | Heinrich Mann

Heinrich Mann • Der Untertan
Ein Blick ins Buch von Kurt Tucholsky

Aber es wäre unnütz, euch zu raten. Die Geschlechter müssen vorübergehen, der Typus, den Ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den Vätern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen Söhne mit Armbändern und Monokeln, ein Stand von formvollen Freigelassenen, der sehnsüchtig im Schatten des Adels lebt …            

Heinrich Mann 1911

***

Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in Aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln.

Das Erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: »Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.«

Heinrich Mann - Der Untertan - Roman - Leipzig: K. Wolff 1918, 529 paginierte Seiten; Erstausgabe (Wilpert/Gühring² 36) Original-Pappband - QuelleAntiquariat Dr. Haack Leipzig - Urheber © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack)
Heinrich Mann – Der Untertan – Roman – Leipzig: K. Wolff 1918, 529 paginierte Seiten; Erstausgabe (Wilpert/Gühring² 36) Original-Pappband – Quelle Antiquariat Dr. Haack Leipzig – Urheber © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack)

Wenn ein Künstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern würde man an Mystifikation denken, so überraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, bestätigt von der Geschichte, bestätigt von dem, was die Untertanen als allein maßgebend betrachten: vom Erfolg. Und es muß immerhin bemerkt werden, daß die alten Machthaber – ach, wären sie alt! – dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gefährliches Buch.

Ein Stück Lebensgeschichte eines Deutschen wird aufgerollt: Diederich Heßling, Sohn eines kleinen Papierfabrikanten, wächst auf, studiert und geht zu den Corpsstudenten, dient und geht zu den Drückebergern, macht seinen Doktor, übernimmt die väterliche Fabrik, heiratet reich und zeugt Kinder. Aber das ist nicht nur Diederich Heßling oder ein Typ.

Das ist der Kaiser, wie er leibte und lebte. Das ist die Inkarnation des deutschen Machtgedankens, das ist einer der kleinen Könige, wie sie zu hunderten und tausenden in Deutschland lebten und leben, getreu dem kaiserlichen Vorbild, ganze Herrscherchen und ganze Untertanen.

Diese Parallele mit dem Staatsoberhaupt ist erstaunlich durchgearbeitet. Diederich Heßling gebraucht nicht nur dieselben Tropen und Ausdrücke, wenn er redet wie sein kaiserliches Vorbild – am lustigsten einmal in der Antrittsrede zu den Arbeitern (»Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird.« Und: »Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen.«) – er handelt auch im Sinne des Gewaltigen, er beugt sich nach oben, wie der seinem Gotte, so er seinem Regierungspräsidenten, und tritt nach unten.

Heinrich Mann und Pierre Luchaire nach einem Bankett zu Ehren von Heinrich Manns 60. Geburtstag, das der P.E.N.-Klub im Haus der Presse in Berlin gab.
Heinrich Mann und Pierre Luchaire nach einem Bankett zu Ehren von Heinrich Manns 60. Geburtstag, das der P.E.N.-Klub im Haus der Presse in Berlin gab.

Denn diese beiden Charaktereigenschaften sind an Heßling, sind am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgefühl und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um Andre zu ducken. Er weiß: sie ducken sich, hat er erst einmal das »Amt« verliehen bekommen und den Erfolg für sich. Nichts wird so respektiert wie der Erfolg; einmal heißt es gradezu: »Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.« Aber wie wird dieser Erfolg geachtet! Würde er es mit nüchternem Tatsachensinn, so hätten wir den Amerikanismus, und das wäre nicht schön. Aber er wird geachtet auf ganz verlogne Art: man schämt sich der alten Vergangenheit und beschwört die alten Götter, die den wirklichen Dichtern und Denkern von einst noch etwas bedeuteten, zitiert sie, legt Metaphysik in den Erfolg und donnert voll Überzeugung: »Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!« Und appelliert an keine höhere Instanz, weil man keine andre kennt.

Das ganze bombastische und doch so kleine Wesen des kaiserlichen Deutschland wird schonungslos in diesem Buch aufgerollt. Seine Sucht, Amüsiervergnügen an Stelle der Freude zu setzen, seine Unfähigkeit, in der Gegenwart zu leben, ohne auf die Lesebücher der Zukunft hinzuweisen, und seine Unfähigkeit, anders als nur in der Gegenwart zu leben, seine Lust am rauschenden Gepränge – tiefer ist nie die Popularität Wagners enthüllt worden als hier an einer Lohengrin-Aufführung, die voll witziger Beziehungen zur deutschen Politik strotzt (»denn hier erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum höchster Wert gelegt, und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren«) – und vor allem zeigt Heinrich Mann, wonach eben das Buch seinen Namen führt: die Unfreiheit des Deutschen.

Die alte Ordnung, die heute noch genau so besteht wie damals, nahm und gab dem Deutschen: sie nahm ihm die persönliche Freiheit, und sie gab ihm Gewalt über Andre. Und sie ließen sich alle so willig beherrschen, wenn sie nur herrschen durften! Sie durften. Der Schutzmann über den Passanten, der Unteroffizier über den Rekruten, der Landrat über den Dörfler, der Gutsverwalter über den Bauern, der Beamte über Leute, die sachlich mit ihm zu tun hatten. Und jeder strebte nur immer danach, so ein Amt, so eine Stellung zu bekommen – hatte er die, ergab sich das Übrige von selbst. Das Übrige war: sich ducken und regieren und herrschen und befehlen.

Die vollkommene Unfähigkeit, anders zu denken als in solchem Apparat, der weit wichtiger war denn alles Leben, die Stupidität, zwischen Beamtenmißwirtschaft und Anarchie nicht die einzig mögliche dritte Verfassung zu sehen, die es für anständige Menschen gibt: sie bildet den Grundbaß des Buches. (Und offenbart sie sich nicht heute wieder aufs herrlichste?) Sie können Alle nur ihre Pflicht tun, wenn man sie ducken und geduckt werden läßt; unzertrennlich erscheint Bildung und Sklaventum, Besitz und Duodezregierung, bürgerliches Leben und Untergebene und Vorgesetzte. Sie fassen es nicht, daß es wohl Leute geben mag, die sachlich Weisungen erteilen, aber nimmermehr: Vorgesetzte; wohl Menschen, die für Geld ausführen, was andre haben wollen, aber nimmermehr: Untergebene. Das Land war – war… – ein einziger Kasernenhof.

Tucholsky in Paris 1928 - Fotorechte bei Sonja Thomassen
Tucholsky in Paris 1928 – Fotorechte bei Sonja Thomassen

Und noch eins scheint mir in diesem Werk, das auch noch die kleinen und kleinsten Züge der Hurramiene mit dem aufgebürsteten Katerschnurrbart eingefangen hat, auf das glücklichste dargestellt zu sein: das Rätsel der Kollektivität, Was der Jurist Otto Gierke einst die reale Verbandspersönlichkeit benannte, diese Erscheinung, daß ein Verein nicht die Summe seiner Mitglieder ist, sondern mehr, sondern etwas Andres, über ihnen Schwebendes: das ist hier in nuce aufgemalt und dargetan. Neuteutonen und Soldaten und Juristen und schließlich Deutsche – es sind alles Kollektivitäten, die den Einzelnen von jeder Verantwortung frei machen, und denen anzugehören Ruhm und Ehre einbringt, Achtung erheischt und kein Verdienst beansprucht. Man ist es eben, und damit fertig. Der Musketier Lyck, der den Arbeiter erschießt – historisch – und dafür Gefreiter wird; der Bürger Heßling, der – nicht historisch, aber mehr als das: typisch – alle anders Gearteten wie Wilde ansieht: sie sind Sklaven der rätselvollen Kollektivität, die diesem Lande und dieser Zeit so unendlich Schmachvolles aufgebürdet hat. »Dem Europäer ist nicht wohl, wenn ihm nicht etwas voranweht«, hat Meyrink mal gesagt. Es wehte ihnen allen etwas voran, und sie schwören auf die Fahne.

Kleine und kleinste Züge belustigen, böse Blinkfeuer der Erotik blitzen auf, der Kampf der Geschlechter in Flanell und möblierten Zimmern ist hier ein Guerillakrieg, es wird mit vergifteten Pfeilen geschossen, und es ist bitterlich spaßig, wie Liebe schließlich zum legitimen Geschlechtsgenuß wird. Eine bunte Fülle Leben zieht vorbei, und alles ist auf die letzte Formulierung gebracht, und alles ist typisch, alles ein für alle Mal. Die alte Forderung ist ganz erfüllt: »Wenn nun gleich der Dichter uns immer nun das Einzelne, Individuelle vorführt, so ist, was er erkannte und uns dadurch erkennen lassen will, doch die Idee, die ganze Gattung.« Leider: so ist die ganze Gattung.

Aus kleinen Ereignissen wird die letzte Enthüllung des deutschen Seelenzustandes: am fünfundzwanzigsten Februar 1892 demonstrierten die Arbeitslosen vor dem Königlichen Schloß in Berlin, und daraus wird in dem Buch eine grandiose Szene mit dem opernhaften Kaiser als Mittelstaffage, einer begeisterten Menge Volks und in ihnen, unter ihnen und ganz mit ihnen: Heßling, der Deutsche, der Claqueur, der junge Mann, der das Staatserhaltende liebt, der Untertan.

Und aus all dem Tohuwabohu, aus dem Gewirr der spießigen Kleinstadt, aus den Klatschprozessen und aus den Schiebungen – man sagt: Verordnungen; und meint: Grundstücksspekulation –, aus lächerlichen Ehrenkodexen und simplen Gaunereien strahlt die Figur des alten Buck. Man muß so hassen können wie Mann, um so lieben zu können. Der alte Buck ist ein alter Achtundvierziger, ein Mann von damals, wo man die heute geschmähten Ideale hatte, sie zwar nicht verwirklichte, schlecht verwirklichte, verworren war – gewiß, aber es waren doch Ideale. Wie schön ist das, wenn der alte Mann dem neuen Heßling sein altes Gedichtbuch in die Hand drückt: »Da, nehmen Sie! Es sind meine ‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter damals!« Die von heute sinds nicht mehr. Sie sind Realpolitiker, verlachen den Idealisten, weil er scheinbar nichts erreicht, und wissen nicht, daß sie ihre kümmerlichen kleinen Erfolge neben den charakterlosen Pakten jenen verdanken, die einst wahr gewesen sind und unerschütterlich.

Und das Buch ‚Der Untertan‘ (erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig) zeigt uns wieder, daß wir auf dem rechten Wege sind, und bestätigt uns, daß Liebe, die nach außen in Haß umschlagen kann, das Einzige ist, um in diesem Volke durchzudringen, um diesem Volke zu helfen, um endlich, endlich einmal die Farben Schwarz-weiß-rot, in die sie sich verrannt haben wie die Stiere, von dem Deutschland abzutrennen, das wir lieben, und das die Besten aller Alter geliebt haben. Es ist ja nicht wahr, daß versipptes Cliquentum und gehorsame Lügner ewig und untrennbar mit unserm Lande verknüpft sein müssen. Beschimpfen wir die, loben wir doch das andre Deutschland; lästern wir die, beseelt uns doch die Liebe zum Deutschen. Allerdings: nicht zu diesem Deutschen da. Nicht zu dem Burschen, der untertänig und respektvoll nach oben himmelt und niederträchtig und geschwollen nach unten tritt, der Radfahrer des lieben Gottes, eine entartete species der gens humana.

Heinrich MannWeil aber Heinrich Mann der erste deutsche Literat ist, der dem Geist eine entscheidende und mitbestimmende Stellung fern aller Literatur eingeräumt hat, grüßen wir ihn. Und wissen wohl, daß diese wenigen Zeilen seine künstlerische Größe nicht ausgeschöpft haben, nicht die Kraft seiner Darstellung und nicht das seltsame Rätsel seines gemischten Blutes.

So wollen wir kämpfen. Nicht gegen die Herrscher, die es immer geben wird, nicht gegen Menschen, die Verordnungen für Andre machen, Lasten den Andern aufbürden und Arbeit den Andern. Wir wollen ihnen Die entziehen, auf deren Rücken sie tanzten, Die, die stumpfsinnig und immer zufrieden das Unheil dieses Landes verschuldet haben, Die, die wir den Staub der Heimat von den beblümten Pantoffeln gerne schütteln sähen: die Untertanen!

Maria Aronov • Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire „Das Hundeherz“

Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire
„Das Hundeherz“

MichailBulgakowMichail Bulgakow, ein begnadeter Kritiker des sowjetischen Regimes, erschuf mit seiner Erzählung“ Das Hundeherz“ eine Karikatur des Sowjetmenschen. Interessant ist, dass sich seine im Jahr 1925 verfasste Erzählung im Laufe der Zeit nicht nur auf den Prototypen des ehemaligen Sowjetregimes übertragen lässt, sondern mittlerweile auf die gesamte menschliche Einstellung den Personen gegenüber, die anders erscheinen. Nie war es so wichtig wie heutzutage die Individualität des Menschen zu unterdrücken. Dem Menschen wird etwas aufgezwungen, was weder seine Persönlichkeit zur Geltung bringt noch was er braucht. Entspricht man nicht der vorgegebenen Norm, wird man oft zum Außenseiter, was bereits in der Grundschule beginnt. Der Mensch soll seine inneren Werte für ein Allgemeinbild aufgeben. Der Zweck der Manipulation ist, seinen Verstand auszuschalten und ihn damit auf eine Stufe mit dem Rest zu stellen. Dann gibt es nämlich keine Regime – Gegner.

Diese Problematik nimmt Bulgakow in seiner Erzählung „Das Hundeherz“ unter die Lupe und erzählt in zugespitzter Form über die verrückten Seiten unserer Welt:
Ein wohlhabender Professor, namens Filipp Filippowitsch Preobrashenski ist Fachmann in Operationen der Verjüngung. Er betreibt in seiner Wohnung einige Experimente und entschließt sich bei einem seiner Versuche, dem streuenden Hund Bello die Hirnanhangdrüse sowie Hoden eines toten Kleinkriminellen und Alkoholikers zu implantieren. Die Operation führt er zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental durch.

Das Experiment verläuft erfolgreich, womit man eigentlich nicht rechnete. Nach und nach wird Bello immer mehr einem Menschen ähnlicher. Er wächst, geht auf den Hinterbeinen und auch von seinem Fell ist nichts mehr zu sehen. Letztendlich beginnt Bello zu sprechen.

Doch ganz einwandfrei ist der neue Mensch nicht. Wie es oft der Fall ist, wird so Manches genetisch übertragen. Dies war auch bei Bello der Fall, der leider nicht die besten Eigenschaften seines Spenders ererbte. Er wird nämlich aggressiv, drückt sich vulgär aus, fängt an Alkohol zu trinken und benimmt sich äußerst schlecht.

Eine aktuelle Ausgabe der "Büchergilde Gutenberg"
Eine aktuelle Ausgabe der „Büchergilde Gutenberg“

Polygraf Polygrafowitsch Bellow (auch ein neuer Name durfte bei Bello nicht fehlen) bekommt eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft und soll die Stadt von streuenden Tieren säubern. Dabei kommuniziert er immer mehr mit Kommunisten. Diese versuchen ihn ständig gegen den Professor auszuspielen, da dieser proletarierfeindlich ist. Bellow veranstaltet in der Wohnung seines Schöpfers ein großes Chaos, sodass das Leben für den Professor in seiner eigenen Wohnung unerträglich wird. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als Bellow zurück in seine ursprüngliche Gestalt, nämlich einen Hund zu verwandeln.

Nach der gelungenen Rückverwandlung vergisst Bello alles, was vorher passiert ist und führt ab sofort ein schönes Leben beim Professor.

Ein Hund führt also ein besseres Leben als ein Mensch? Ja, weil er sein Leben und kein fremdes führt. Er genießt das Leben, das ihm und seiner Natur zuteil wurde, worin sich niemand einmischt und ihm Ketten anlegt. Um die Misere der Manipulation zu verdeutlichen, beschäftigt sich Bulgakow in der Satire mit der Homunklus – Thematik, bei der es um die künstliche Erschaffung eines Menschen geht. Bulgakow kritisiert den neu erschaffenen proletarischen Menschen.

Einerseits spielt das „Das Hundeherz“ auf die Vernichtung und die „Verbesserung“ der menschlichen Natur seitens des sowjetischen Regimes an, andererseits wird in der Satire Kritik an der Wissenschaft geübt, die ständig versucht in die Natur einzugreifen.

Bellow mit der Intelligenz eines Hundes wird während seiner Arbeit für wichtige Aufgaben verantwortlich gemacht. Er steht als Proletarier seinem Erschaffer gegenüber, der als Bourgeoisie das Gegenteil seiner Existenz darstellt.

Für die Figur des Professors hatte Bulgakow ein Vorbild, Serge Voronoff. Dieser war ein russisch-französischer Chirurg, der Menschen Hoden und Schilddrüsen von Tieren implantierte.

Schließlich lässt sich sagen, dass alle Arten der Eingriffe in die Natur, deren Teil auch der Mensch ist, den Kern ihrer Existenz zerstören werden, denn nur in diesem befindet sich ihre Vollkommenheit.

Die Natur ist reich durch ihre Vielfalt und gleichzeitig ihre Individualität.

Der Mensch, der manipuliert wird, sich von der Menge sagen lässt, in welche Richtung er gehen soll, wird seine Intelligenz verlieren und als eine ziellose Existenz durchs Leben wandern. Er wird seine menschlichen Zügen verlieren, wird zu einem Monster, das die Natur erschaffen und der Mensch bearbeitet hat.

Eine Analogie zum „Hundeherz“ stellt Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ dar. Die Kreatur stirbt letztendlich wegen ihrer schrecklichen Taten und Abscheu vor sich selbst.

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • carl’s books • v1.1

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • carl’s books

Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • c carl's books
Will Wiles • Kein Leben ohne Minibar • c carl’s books

Kurzbeschreibung
Neil Double hat einen ungewöhnlichen Beruf: Stellvertretend für zahlungswillige Kunden besucht er Konferenzen und Messen. Dieses anonyme Leben zwischen Flughafenlounge und Hotelzimmer ist wie geschaffen für diesen eigensinnigen Einzelgänger, besonders die globale Hotelkette Way Inn hat es ihm angetan. Neils Welt gerät jedoch aus den Fugen, als er spätnachts an der Hotelbar auf die geheimnisvolle Frau trifft, der er schon einmal unter höchst bizarren Umständen begegnet ist. Bei ein paar Whiskys erzählt sie ihm von geheimnisvollen Vorgängen im Way Inn. Als die schöne Unbekannte plötzlich verschwindet, landet Neil auf der Suche nach ihr in einem aberwitzigen Alptraum, der ihn immer tiefer in die endlos labyrinthischen Flure des auf einmal gar nicht mehr so vertrauten Hotels führt.

Rezension
Neil Doubles Welt besteht aus Hotelaufenthalten und Messen; er zieht von einer Fachmesse zur nächsten, das Thema ist egal, und beschafft Informationen für Leute, die aus Zeitgründen oder mangels Lust darauf nicht selber auf die Messe kommen wollen. Double liebt dieses Leben, geprägt von den Eindrücken, die er von seinem verstorbenen Vater hat, einem Handelsreisenden, der selber ständig in Hotels gelebt hat. Ein bisschen lebt Double also seinen Kindheitstraum. Ein Hotel ist für Double die große weite Welt, ein unverbindlicher Kosmos und selbst, wenn eine Messe einmal gar nicht so weit von Daheim stattfindet, bevorzugt er das Hotelbett. Die Hotelkette seiner Wahl ist das Way Inn mit zahllosen Standorten weltweit.
Probleme gibt es erstmals im jüngst eröffneten Way Inn-Hotels nahe des neuen Messezentrum Metacentre, wo mit der Meetex eine Messe für Messeveranstalter stattfindet. Dass sein Job nicht jedem schmeckt, der sich die Mühe macht, einen Messestand zu bauen oder eine Messe zu organisieren, ist noch das kleineste Problem. Im Way Inn häufen sich merkwürdige Zwischenfälle, die sich der hotelerfahrene Double nicht mehr erklären kann. Er trifft auf den Hotelgast Dee, die ihm das Mobiltelefon stibitzt und verschwindet. Der Hotelmitarbeiter Hilbert nimmt Kontakt zu ihm auf und bietet ihm für die Suche nach Dee einen Deal an. Mit der Jagd nach dem Telefon rutscht Doubles Hotelerlebnis in eine ganz neue Sphäre. Denn das Way Inn macht mit seinem Namen nicht umsonst das Wortspiel mit „way in“; von einem „way out“ ist keine Rede.
Wer sich auf Doubles Reise begeben will, braucht ein halbes Buch Anlauf. So viel Vorgeschichte gibt uns Wiles mit auf den Weg, bevor Doble in das unheimliche Innere des Hotels abtaucht. Die beiden ersten Teile des Buchs, „Die Messe“ und „Das Hotel“, widmen sich ausführlich Doubles Ideen und Erkenntnisse über die austauschbare Hotelarchitektur der meisten Ketten; seine Überlegungen sind zweifelsohne aufschlussreich, stimmig und interessant, vor allem, wenn man selber auf Messen ist und/oder solche Hotels von Innen kennt. Wer hat sich etwa schon einmal überlegt, warum die Bilder in diesen Hotelketten zwar da sind, aber nie durch Stil oder Motiv besonders auffallen? Oder warum die Flure mit Sofas bestückt sind, die nie jemand benutzt? Die Beobachtungen zum Messegeschehen und den allgegenwärtigen, unpersönlichen Hotels für Geschäftsreisende gelingen wirklich treffsicher und verschaffen Momente des Wiedererkennens.
Es ist natürlich klar, dass all diese Ideen irgendwo hin führen müssen. Das passiert im dritten Teil, „Das innere Hotel“. Ab hier wird Doubles Rundgang durch das Way Inn rätselhaft und gespenstisch, fast wie eine halluzinierte Reise. Obwohl die erste Hälfte des Buches für den Rest die Voraussetzung bildet, wirken beide Teile aber so sehr getrennt, dass sie fast aus zwei Werken zu stammen scheinen. Die sichtbare Klammer bilden hin und wieder nur die Erinnerungen Doubles an seinen Vater, dem er mit seiner Liebe zu Hotels nacheifert.

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Gut ist, wenn am Ende des Buches die Danksagung des Autoren auffällt. Darin bedankt Wiles sich unter anderem bei dem Architekten Rem Koolhaas und dem englischen Schriftsteller James Graham Ballard. Das Recherchieren der beiden hat geholfen, um mit dem Buch etwas mehr anfangen zu können, denn dann erkennt man die Bezüge und Hinweise auf diese beiden und ihre Werke. Ballard war unter anderem Autor von Dystopien und experimenteller Literatur, von dem ich zumindest zwei Motive im Buch entdecken konnte. Koolhaas entwickelte den Begriff des Junkspace, einen Begriff für austauschbare, seelenlose Architektur, die unaufhaltsam um sich greift. In einem Essay von 2001 lässt er sich ausführlich über diese moderne Form der Architektur aus, die für ihn längst keine mehr ist. „It is always interior, so extensive that you rarely perceive limits; it promotes disorientations by any means […] Air conditioning has launched the endless building.“ Wiles hat dem Junkspace in diesem Roman ein Gesicht gegeben. Dass es ein Hotel wurde, liegt an Hilbert: Auch der ist ein Zitat, das auf den gleichnamigen Mathematiker und eines seiner Gedankenexperimente, das Hilbert-Hotel, zurück geht. Logischerweise kann nur Dee Double dabei helfen, im Hotel zurecht zu kommen, denn sie hat „Mathematik, Geometrie und Topologie“ (auch das Hilbert’sche Forschungsthemen) studiert und lange im Immobilienwesen gearbeitet.

Verschafft man sich nach der Lektüre ein paar Einblicke dieser Art, wird der Roman rückblickend wirklich interessant – voller Anspielungen und Zitate, von denen man einige finden wird. Details passen plötzlich zusammen und ergeben einen Sinn. Solange man das Buch in der Hand hält und keine Ahnung von solchen Querverweisen hat, beginnt das Buch langatmig, gerät der Bruch zum letzten Teil recht rabiat. Irgendwie fehlt da lange Zeit der Zauber. Zwar ergeben sich natürlich auch einfach durch die Lektüre Zusammenhänge, aber wirklich interessant wird das Buch erst nach ein paar Zusatzartikeln dieser Art.

WIll Wiles - Foto: Privat
WIll Wiles – Foto: Privat

Der Autor:
Will Wiles lebt als Journalist und Autor in London. Sein erster Roman „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ wurde für mehrere Preise nominiert und erhielt den renommierten Betty Trask Award.


ISBN: 978-3-64114-679-5
Verlag: Carl’s Books, München
Erstveröffentlichung: 2014 (Original) / 2015 (dt. Übersetzung)

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Ein biografischer Roman

Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr • Goldmann Verlag

Yael Dayan - BuchCover - Goldmann
Yael Dayan – BuchCover – Goldmann

Obwohl es sich zweifellos um einen autobiografischen Bericht handelt, heißt die Hauptperson des Romans Ariel Ron.
Sie erinnert sich in Frankreich an die Zeit, in der sie (unter anderem) auch ihren Wehrdienst  in der israelischen Armee geleistet hat. Als Tochter aus guten Hause, dazu eigenwillig und begabt, hat sie den Armee-Massenbetrieb als übel empfunden. Aber Selbstdisziplin, gestützt durch persönlichen Stolz und eine, allerdings jugendlich etwas verfrühten Menschenverachtung, lässt sie mit Demütigungen und körperlichen Strapazen gut fertig werden. Sie avanciert schließlich zum Leutnant und wird Beste des Offizierslehrgangs. Als Truppenführerin bewährt sie sich erneut.
Außerhalb ihres knappen Eigenlebens im Rahmen des militärischen Reglements entfaltet Ariel Ron auf Urlaub eine rührige Tätigkeit als Männerfängerin. Sie, die an der Unnahbarkeit ihres bewunderten Vaters überaus leidet, versucht (halb und halb ersatzweise) mit weiblichen Listen wenigstens andere Männer als Liebhaber zu gewinnen und auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege auch kleinzukriegen.

Nach anfänglichen Teilerfolgen misslingt  ihr der kühl gefasste Plan, die Brüder Ned und Bill gegeneinander auszuspielen, woran ihr ganz besonders gelegen gewesen ist. Sie erleidet eine peinliche Niederlage und findet sich daraufhin erst recht allein und unglücklich.

Aus ihrer Niedergeschlagenheit und ihrem Trotz-Bedürfnis, noch finsterer als bisher die Rolle der Menschenverächterin und jugendlichen Bösen darzustellen, wird sie schließlich von einem älteren Mann namens Peter Brend befreit. Brend liebt sie mit überlegener Uneigennützigkeit. Weder ihre eigenen Versuche, ihn menschlich zu enttäuschen, noch die üble (wenn auch wahrheitsgemäße) Nachrede Neds und Bills können ihn beirren.
Dadurch  wird schließlich dem Mädchen Ariel Ron die Einsicht zuteil, dass es statt auf die Menschenverachtung eher auf die Menschenliebe ankomme. Insofern blickt ein neues Gesicht sie aus dem Spiegel an.

Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan - Fotograf unbekannt.
Yael Dayan mit ihrem Vater Moshe Dayan – Fotograf unbekannt.

Leider wurde der Titel bei der Übersetzung stark verfälscht, denn Ariel Ron zieht ihrem Gewehr durchaus junge Männer vor.. Es ist ein elektrisierendes, aber völlig sauberes Buch.
Ihren Roman „Neues Gesicht im Spiegel“ hat Yael Dayan ihren Eltern gewidmet.  Die Widmung entspricht diesem neuen Gesicht, mit dem ausgestattet die blutjunge Autorin ihre Mädchenbekenntnisse niederschrieben hat. Die Handlung ist recht dürftig, nämlich kaum verknüpft, eher hintereinanderweg erzählt. Trotzdem zieht den Leser eine angenehme Spannung rasch durch den Roman.
Die innere Handlung ergibt sich aus den seelischen Schwierigkeiten Ariel Rons. Es sind keine mitleiderregenden Schwierigkeiten , weil die kleine Persönlichkeit dieses Mädchen dank praller Lebenskraft und ruheloser Intelligenz ihre Probleme sozusagen verlebt, statt sie zu bejammern.
Letztlich geht es ihr im ihren Vater. Nichts erstrebt sie mehr als seine Anerkennung, allerdings vergebens. Er bleibt unzugänglich in der bekannten rauhen Schale und unglaublich bedeutend – eine denkmalartige Sagenfigur, der man nicht einmal mit Anbetung oder Hass beikommt.
Einen weiteren Supermann bietet die junge Dayan in Peter Brend, dem älteren Herrn, der sie von ihren Jugenmädchenwirren erlöst. Er ist die Güte selbst, die Väterlichkeit in Person. Im Grunde ist er der kindlich erträumte Vater, den sie im leiblichen Vater schmerzlich vermisst. Auf der weiblichen Personenseite kann nicht eine den dargestellten Männern das Wasser reichen. Es geht – vermutlich auch wegen dieser Fixierung auf den Vater – vorwiegend um Männer, aber alles jugendlich aufrecht und straff und dabei weiblich zurückhaltend.

[avatar user=“oliversimon“ size=“thumbnail“ align=“right“]Oliver Simon[/avatar]

Das Ganze hat eine Jugend, eine Frische und Ehrlichkeit, wie sie in der neuabendländischen Jugendliteratur so gut wie unbekannt ist. Deutlich sind die Naivität, die unerfahrene Schwarz-Weiß-Malerei, die anfängerische Erzähltechnik; ebenso deutlich die junge Begabung.

Das Besondere: das Mädchen hat ausnahmsweise über seine Entwicklungserlebnisse so geschrieben, wie Mädchen dergleichen wirklich durchmachen. Die Autorin hat dabei sowohl auf konventionelle Vertuschungen wie auf ebenso konventionelle Enthüllungen verzichtet. trennlinie2Yael Dayan • Ich schlafe mit meinem Gewehr
Originaltitel: New face in the mirror
Broschiert
Verlag: Goldmann, München (1967)
Sprache: Deutsch
ASIN: B00O0BZOGA

Nur noch antiquarisch erhältlich.

Morten Feldmann • Der perfekte Mann • Piper Boulevard

Morten Feldmann – Der perfekte Mann

Morten Feldmann - Der perfekte Mann - Verlag Antje Kunstmann - Cover
Morten Feldmann – Der perfekte Mann – Verlag Antje Kunstmann – Cover

Wann ist ein Mann perfekt?
„Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass sogar mein Geschmack in Sachen Frauen von Frauen bestimmt ist. Jedenfalls fand ich Zeit meines Liebeslebens ausschließlich Frauen gut, die von anderen Frauen gut gefunden wurden: starke, energische Persönlichkeiten, die in allen Lebenslagen ihren Mann standen.“ Sebastian Busch ist der perfekte Mann: von Frauen erzogen, vom Machotum angewidert und zur steten Arbeit an sich selbst entschlossen. Unter dem wohlwollenden Auge seiner Chefin widersteht er als Agent für Film- und Fernsehschauspieler sämtlichen Versuchungen der Branche und lässt sich überdies mit einer B-Schauspielerin verkuppeln, von der er weiß, dass er ihr unterlegen ist. Doch ein Rest von Unbeherrschtheit regt sich in Buschs domestizierter Seele: Eifersucht. – [Verlagstext]

Rezension:
Er behauptet von sich, der perfekte Mann zu sein. Und wenn Protagonist Sebastian Busch von sich erzählt, möchte man ihm das fast glauben, wäre da nicht diese Angeberei, sein Narzissmus & diese freche Arroganz. Auf Partnersuche ist Sebastian nicht, daher trifft ihn die Liebe überraschend: beim Kaffee holen in der Kantine. Eigentlich mag er keine Kantinen. Sie sind für den Agenten für Film- und Fernsehschauspieler kein angenehmer Ort. Daher könnte man es Schicksal nennen, dass Sebastian hier seine zukünftige Frau trifft, die gerade ihre Kollegen aufs köstlichste unterhält. Beim vorher abgehaltenen Casting war sie ihm nicht aufgefallen und war dem Kommt-nicht-in-Frage-Haufen gelandet.

Cover: Piper Boulevard
Cover: Piper Boulevard

Mit der Liebe will es zunächst nicht so recht klappen. Dazu ist Sebastian viel zu zurückhaltend. Nie würde er sich aufdrängen. Erst die Kuppelversuche seiner Chefin Maibach zeigen Erfolg und so kommen Traumfrau und Traummann doch noch zusammen. Das Zusammenleben des Paares verläuft ohne Höhepunkte. Sebastian lässt seiner Frau jeden Willen und passt sich uneingeschränkt ihren Bedürfnissen an. Aber ein Mann, der nicht auf Augenhöhe spielt, mit dem keine Reibung möglich ist, wird zur Witzfigur. Das ist zwar gut für die Karriere seiner Frau – für die Beziehung jedoch nicht.
Das Buch ist sehr unterhaltsam. Zunächst glaubt man nicht, dass diesen Mann irgendetwas aus der Ruhe bringen kann. Doch ein ganz bestimmtes Gefühl kann Sebastian zulassen: die Eifersucht. Und die überfällt ihn bereits in dem Augenblick, als er seine Frau kennenlernt. Und als sie dann zusammenleben, fällt es ihm immer schwerer, den lockeren Lebenswandel seiner Frau zu tolerieren und muckt doch nicht auf. Er leidet im Stillen. Mit Spannung wartet der Leser darauf, dass der Bogen endlich überspannt wird und Sebastian über seinen eigenen Schatten springt; aufwacht und nicht mehr nur zuschaut. Es ist manchmal schwer auszuhalten: man möchte man am liebsten ins Geschehen eingreifen und Sebastian verprügeln oder zumindest wachrütteln. Genau das macht dieses Buch aus. Dazu ist der Schreibstil  angenehm zu lesen. Es flutscht quasi. Das Buch ist mit Witz und Ironie geschrieben und dennoch hat es die notwendige Ernsthaftigkeit.

Der Autor:

Morten Feldmann - c Privat
Morten Feldmann – c Privat

Morten Feldmann, geboren 1967 in Hannover, studierte Publizistik in Berlin und Köln. Er arbeitete in verschiedenen Jobs bei Film und Fernsehen, u.a. als Ton-, Regie- und Redaktionsassistent. Neben einigen Drehbüchern schrieb er vor allem Kurzprosa und arbeitete gelegentlich als Dialog- und Script-Doctor. 2001 übersiedelte er in die USA, wo er seither in der Nähe von Los Angeles lebt. „Der perfekte Mann“ ist sein erster Roman.


Morten Feldmann – Der perfekte Mann
190 Seiten
Erschienen im September 2004
Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-88897-365-9
Aktuelle Ausgabe : 01.02.2008
Verlag : Piper // Piper Boulevard
ISBN: 9783492261760
Flexibler Einband 187 Seiten

Tayyib Salih • Die Hochzeit des Zain • Eine Erzählung • Unionsverlag

Cover der Ausgabe des Unionsverlag
Cover der Ausgabe des Unionsverlag

Die Geschichte beginnt damit, dass verschiedene Leute im Dorf erfahren, dass ein Mann namens Zein verheiratet werden soll. Zein ist nicht, was die meisten als attraktiv bezeichnen würden, ist er dürr wie eine knorrige Ziege, haarlos und durch den Akt der Geister hat er bis auf zwei vordere Zähne alle anderen verloren. Trotz seiner skurrilen Art und seinen unersättlichen Appetit, ist Zein beliebt im Dorf. Immer wieder verliebt er sich in die schönsten Frauen des Dorfes; ist er dann mit dieser Liebe erfüllt, lässt er dies alle Welt wissen. Es vergeht dann kaum Zeit und die ersten „edlen Freier“ buhlen um diese Frauen.

Kein Wunder also, dass sich die Mütter sehr um Zains Gunst bemühen, um ihre Töchter durch diesen erfolgreichen Liebesboten an die besten Männer der Gegend zu vermitteln. Niemand scheint es aber wirklich wahr zu nehmen, dass Zain sich zwar ständig verliebt aber am Ende doch allein bleibt. Zu wichtig ist die „gute Partie“ für die Familien, denn die bringt reiche Mitgift.

Der Zain ist aber nicht nur ein erfolgreicher Kuppler, er ist Bindeglied für alle Gruppen im Dorf, welches in drei große Lager gespalten ist: den Anhängern des Imam und dessen Gegners, die zum größten Teil aus jungen Männern besteht.  Die einflussreichste Gruppe besaß alle Felder des Dorfes, die Männer waren alle verheiratet, hatten Kinder und trieben Handel. Sie kümmerten sich um alle offiziellen Feierlichkeiten und sorgten für den reibungslosen Ablauf. Der Zain stand ganz für sich; er schlichtet Streit, führt mit seiner fröhlichen Art immer wieder zusammen und spricht mit den Randgruppen des Ortes, denen eher aus dem Weg gegangen wird.  So hält er eine Gemeinschaft zusammen, die immer wieder auseinander zu brechen droht.

Eines Tages nun prophezeit im sein Freund Hanin, dass auch er sein Glück findet und das beste Mädchen im Dorfe heiraten wird. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Dorf und sorgt und scheucht alles Leben auf. Diese Hochzeit würde alle boshaften Stimmen verstummen lassen und Zain zum Manne werden lassen.

Die Hochzeit von Zain ist eine reizvolle, gut zu lesende Erzählung über eine bunte Gemeinschaft und den sehr liebenswerten Mann in ihrer Mitte. Es ist das Buch für Leser, die fernab des Mainstreams Literatur und fremde Kulturen entdecken wollen. Die Szenerie einer traditionellen, muslimischen Stadt im Sudan an der Schwelle zu Wachstum und Modernisierung, ist gelungen umgesetzt. Die Kultur wird mit Liebe, Zuneigung und Kenntnis porträtiert.
Die Hochzeitsfeier selbst ist so rührig und anschaulich beschrieben, dass ich meinen könnte unter den Feiernden zu sein. Und am Ende feiert man Zains Hochzeit mit, aus Freude, dass es dieser Zausel geschafft hat, das Glück zu finden.

Die Erzählung „Die Hochzeit des Zain“ gilt als die berühmteste des Sudan und wurde 1976 verfilmt. Die arabische Erstausgabe erschien 1966 unter den Titel „Urs-az-Zain“. Trivia zur Verfilmung: Der wurde in Kuweit produziert. 1978 wurde er zu den „Oscars“ für die Rubrik „Bester ausländischer Film“ eingereicht. Das Werk scheiterte bereits bei der Nominierung. Dies war der letzte Beitrag, den Kuweit seitdem eingereicht hat.

Die Übersetzung stammt von Stafan Reichmuth, aktuell Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum.

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Der Autor:

Foto: Unionsverlag
Foto: Unionsverlag

At-Tayyib Salih [arabisch الطيب صالح, DMG aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, auch Tayeb Salih, Tajjib Salich, Tajjeb Salech]wurde 1929 in der Nordprovinz des Sudan geboren und verstarb 2009 in London. Er war mit einer Engländerin verheiratet und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Er studierte in Khartoum und arbeitet eine Zeitlang als  Lehrer, bevor er seine Ausbildung in England fortsetzte. Er arbeitet für dei BBC und bekleidete verschiedene Posten bei der UNESCO.

Ein zentrales Thema seines Werkes ist die Überschreitung kultureller Grenzen zwischen traditioneller sudanesischer und westlicher Kultur.

Werke auf Deutsch:

Die Hochzeit des Zain. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992; Originalausgabe ʿUrs al-Zain. 1966
Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Zeit der Nordwanderung. Roman. Lenos, Basel 1998, ISBN 3-85787-267-5 (gebunden); ISBN 3-85787-662-X (Taschenbuch)

Eine Handvoll Datteln. Erzählungen. Lenos, Basel 2000, ISBN 3-85787-295-0

Taschenbuchausgabe, zusammen mit Zains Hochzeit, als: So, meine Herren. Sämtliche Erzählungen. Lenos, Basel 2009, ISBN 978-3-85787-725-4

Bandarschâh. Roman.Lenos, Basel 2001, ISBN 3-85787-322-1

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Das Buch erschien im Unionsverlag  Zürich:
Hardcover – gebunden
Vergriffen. Keine Neuausgabe
128 Seiten
ISBN 978-3-293-00180-0
€ [D] 12.00 / sFR 21.20
Unionsverlag

Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN – Anthologie zur Unterstützung eines schwer erkrankten Menschen

Die Leverkusener Autorin Britta Heinrichs hat im April 2015 eine Anthologie mit dem Titel DIE SIEBEN TODSÜNDEN veröffentlicht:   

Britta Heinrichs - DIE SIEBEN TODSÜNDEN - c Britta Heinrich
Britta Heinrichs – DIE SIEBEN TODSÜNDEN – c Britta Heinrich

Sieben Todsünden  
Neun Illustratoren   
Vierzehn Autoren  
Ein guter Zweck    

„Todsünde“ – ein gewaltiger Begriff, den man zwar umgangssprachlich verwendet, der jedoch theologisch gesehen völlig falsch ist. Was wir darunter verstehen, bezeichnet die sieben Hauptlaster – schlechte Charaktereigenschaften, die uns posthum ein warmes Plätzchen im Höllenfeuer reservieren.  
Dass aus Todsünden jedoch auch Gutes entstehen kann, beweist diese Anthologie voller spannender, lustiger, guter und böser Geschichten, Gedichte und Illustrationen. 
Die Autoren und Illustratoren verzichten auf ein Honorar – zugunsten einer Familie aus Niedersachsen. Einer der vier Söhne leidet an Muskeldystrophie. Um die Familie ein wenig zu entlasten, werden alle Gewinne aus dem Buch an sie gespendet.  

M u s k e l d y s t r o p h i e: Eine Sammelbezeichnung für erbliche Muskelerkrankungen mit Störung des Muskelzellstoffwechsels, die (ohne Nervenbeteiligung) zu einem fortschreitenden Schwund der rumpfnahen Muskulatur führt. Bei der progressiven Muskeldystrophie kommt es nach meist schleichendem Beginn mit gleichzeitiger Zunahme des Fett- und Bindegewebes zu Haltungs- und Gehstörungen; bei ungünstigem Verlauf tritt i.d.R.  vor dem 20. Lebensjahr der Tod aufgrund von Herzmuskelschwäche ein. Die autosomal-rezessiv erbliche angeborene Dystrosophie führt zu bleibender Bewegungseinschränkung, bei der bösartigen Form zu rasch fortschreitendem, in den ersten Lebensjahren tödlichen Verlauf.

Leseprobe:

"Der große Jack" von Jörg Wiegand
„Der große Jack“ von Jörg Wiegand

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Hermann Hesse • Narziss und Goldmund • Eine Erzählung

Hermann Hesse • Narziss und Goldmund

In Narziss und Goldmund bekommen die zwei Grundformen des schöpferischen Menschen Gestalt: der Denker und der Träumer, der Herbe und der Blühende, der Klare und der Kindliche. Beide verwandt, obwohl in allem ihr Gegenspiel, beide vereinsamt, beide von Hesse gleich gerecht in ihren Vorzügen und Schwächen erkannt, gleich exakt wiedergegeben.

Max Herrmann-Neiße

Hermann Hesse 1946
Hermann Hesse 1946

Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ ist eine einzige Schönheit, sprachlich wie inhaltlich. Dabei ist es kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Studie und eine Verbeugung vor der menschlichen Seele und ihrer verschiedenen Charakterzüge. So verschwendet Hesse hier auch nicht viel Zeit mit Zeit- und Umgebungsbeschreibungen, vielmehr konzentrieren sich Hesse und der Leser gleichermaßen auf die beiden Hauptpersonen und somit auf zwei Grundformen des Menschengeschlechts: Goldmund verkörpert die Seele eines von seinen Sinnen gesteuerten Menschen: der genießt und verschwendet, verführt und liebt, träumt und leidet, ganz und gar die Schöpfung eines Gottes in sich aufnimmt, an den er nicht glaubt.
Der stets beherrschte und streng gläubige Narziss hingegen steht für den Denker, dem sich die Welt in Form von Texten, Sprachen, Gebeten und Formeln erschließt. Alles was sich dem Menschen mittels Triebhaftigkeit und seine Sinne erschließt, ist für ihn Sünde.

Zwischen den beiden Figuren entsteht trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit im Wesen eine tiefe Freundschaft und Liebe füreinander, in der jeder der beiden in der Bewunderung für den jeweils anderen aufgeht.

Der schöne Narziss - Honore Daumier - 1842
Der schöne Narziss – Honore Daumier – 1842

Goldmund zieht schließlich als Landfahrer in die Welt hinaus, während Narziss seiner Laufbahn im Kloster folgt und es bis zum Stand des Abtes bringt. Es vergehen viele Jahre bis die zwei auf unerwartete Weise und in einer verzwickten Situation wieder aufeinander treffen und sich eine Menge zu erzählen haben.
Unter den vielen Fragen, die beiden auf der Seele brennen ist auch die alles entscheidende Frage nach dem Sinn des Lebens, der hier vielmehr in der Überwindung des Vergänglichen gesehen wird. (Wir können froh sein, dass die einzig wahre Antwort „42“ dem Autoren Hesse unbekannt war…)
Diese Frage wiederum ist vor allem für den rastlosen Goldmund nur unter Beachtung des Konflikts zwischen dem Denker und dem Künstler zu beantworten, da es dieser Widerspruch ist, der ein ganzes Leben lang in ihm lodert. Er wäre gern beides, der Sinnesmensch, der das Leben in vollen Zügen mit aller Leidenschaft genießt und zugleich der Denker, der sich auf die gesammelten Eindrücke der Wanderschaft in aller Ruhe besinnen kann, um sie der Vergänglichkeit zu entreißen. Goldmund bedient sich hierbei der Bildhauerei und erschafft etliche Figuren, die verschiedenen bewegten Etappen seines Lebens entspringen und somit noch viele Jahre, mindestens sein Leben überdauern werden. Aber mit der Arbeit an seinen Figuren erschöpft sich auch sein Vorrat an Kraft, seine Eindrücke des Lebens und er wird von Neuem in die Welt hinausgezogen.
Narziss hingegen verbringt sein gesamtes Leben im Kloster, widmet es dem Lernen und Lehren von Schülern und entreißt der Vergänglichkeit somit auf ganz andere Art und Weise seinen Geist.

Narziss (Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)
Narziss – Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Als Narziss und Goldmund schließlich wieder zusammentreffen, beneidet einer den jeweils anderen, denn beiden wurden Opfer abverlangt. Narziss hat nie die Lebendigkeit der Welt und seiner selbst , Goldmund hingegen nie die Wärme einer Heimat, Sicherheit und Geborgenheit spüren dürfen und doch muss man den beiden zugestehen die jeweils richtige Entscheidung getroffen zu haben. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder sich entsprechend seines Gemüts und Geistes im Leben und auf Erden verwirklicht hat und es ihnen einzig dadurch gegeben war, ein Stück ihrer selbst und des Lebens der Vergänglichkeit, dem Tod zu entreißen und die Nachwelt mit sinnlicher und wissender Erfüllung zu bereichern.

Diese beiden, der Denker und der Träumer, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, finden bei Hesse zueinander. So finden die beiden vor den Augen Hesses und des Leser heraus, dass zwischen ihnen ein Band geknüpft ist, dass sie sich brauchen und dass sie in ihren Grundzügen verwandt sind, obgleich sie doch das genaue Gegenspiel des anderen sein sollten. Sie finden heraus, dass sie beide Stärken und Schwächen haben, dass sie jedoch auch beide ein „Daseinsrecht“ besitzen. Der Leser wird gefesselt von diesem Blick in die Seele der Schöpfung Mensch und erkennt sich in dem Buch des öfteren wieder.

„Narziss und Goldmund“ ein außergewöhnliches Buch, ein Blick in uns Menschen, in unser Innerstes, dass ebenso rührt und verzaubert, wie es zum Nachdenken anregt. Ein literarisches und psychologisches Meisterwerk.

Jeffrey Eugenides • Middlesex • Roman über das Leben als Hermaphrodit

Jeffrey Eugenides • Middlesex • Roman über das Leben als Hermaphrodit

BuchCover
BuchCover

Middlesex erzählt die Geschichte des Menschen Cal, der ein Hermaphrodit ist, d.h. er trägt beide Geschlechtsmerkmale in sich. Aufgewachsen als Mädchen – seine echte körperliche Beschaffenheit war nicht  leicht zu erkennen –  litt Cal darunter „anders“ zu sein, ohne sich über das Ausmaß des „anders“ im Klaren zu sein. Seine Lebensgeschichte erzählt der Protagonist selbst, durchsetzt mit kleinen Episoden seines heutigen Lebens in Berlin.

Es geht um die Zerrissenheit zwischen griechisch und amerikanisch, und die Zerrissenheit zwischen weiblich und männlich. Ein unendliches Verwirrspiel der Gefühle und Wünsche baut sich auf.  Diese vortrefflich erzählte Familiengeschichte ist frei von Voyeurismus, Selbstmitleid oder Schmalz. Das ungewöhnliche Thema, der fast journalistisch anmutende Erzählstil und die Schönheit der Sprache haben Eugenides zu Recht den Pulitzer-Preis eingebracht.

Inhaltsangabe

[avatar user=“JonasRehbaum“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/janosz-rehbaum-philosophischer-antiquar-sammler/“]Janosz Rehbaum[/avatar]

In einem griechischen Bergdorf am Hang des kleinasiatischen Olymp fing alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, die Geschwister Eleutherios und Desdemona Stephanides, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, weiter nach Amerika. Es ist das Jahr 1922. Auf dem Schiff, weit weg von allem, erschaffen sie sich als einander Unbekannte neu: Sie heiraten, verbringen ihre erste gemeinsame Nacht in einem Rettungsboot. Die Achterbahnfahrt eines mutierten Gens, Generationen vorher unter Ziegengemecker und Olivengetrommel begonnen, ist nicht mehr aufzuhalten. In Detroit, der Stadt der Autos, Hotdogs und Rassenunruhen, läßt es sich nieder – federleicht erst in Milton, dem Sohn, und dann, mit aller Macht, in der Enkeltochter Calliope. Für Desdemona, die Großmutter, erfüllt sich, was sie als Antwort auf ihr Vergehen längst befürchtet hat: Etwas Unfaßliches geschieht. Das Mädchen Callie ist ein Junge und nennt sich Cal. Und eine neue Odyssee beginnt. Im Berlin-Schöneberg der neunziger Jahre erzählt Cal Stephanides, wieder ein Grieche unter Türken, von der mehr als siebzig Jahre umspannenden Lebens- und Liebesgeschichte seiner griechischen Einwandererfamilie. Er erzählt vom Sich-Durchschlagen-Müssen als Rumschmuggler und Inhaber einer unterirdischen Schummerkneipe, erzählt vom Aufstieg und Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie und von einer Klarinette, die auf der Haut eines Mädchens schmachtende Töne erzeugt. Er erzählt vom heiligen Christopherus, der Miltons Leben rettet, und vom Liebesschmerz des Nebenbuhlers Father Mike. Vor allem aber erzählt er von dem, was sich die griechischen Götter nicht haben träumen lassen: von Vererbung und Genetik und der abenteuerlichen Reise eines Gens. Mit überbordender Phantasie erzählt Jeffrey Eugenides die Lebens- und Liebesgeschichten einer griechischen Einwandererfamilie, bündelt sie zu einer virtuosen Mischung aus modernem Gesellschafts- und Picaroroman. „Ein zutiefst berührendes Porträt einer ins 20. Jahrhundert verstrickten Familie“, schrieb die New York Times, „ein Roman von turmhoher Kraft.“

Rodrigo Fernandez - Eigenes Werk American writer Jeffrey Eugenides at the Miami Book Fair International 2011
Rodrigo Fernandez – Eigenes Werk – American writer Jeffrey Eugenides at the Miami Book Fair International 2011

Der Autor
Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit/Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den „Welt“-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt. Außerdem veröffentlichte er den Erzählungsband „Air Mail“ und „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“. Er lehrt Creative Writing an der Princeton University in New Jersey. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Auszeichnungen
2003 Pulitzer-Preis für den Roman Middlesex
2003 WELT-Literaturpreis
Berlin Prize Fellow Class of Spring 2001 der American Academy in Berlin
2013 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences

Randbemerkungen
1999 – Verfilmung seines Buches „Die Selbstmord-Schwestern“ The Virgin Suicides, Regie Sofia Coppola

Die Familie seiner Mutter ist englisch-irischer, die seines Vaters griechischer Abstammung.

“Es gibt Leute, die sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören”

Diesen Satz von François de La Rochefoucauld hat Jeffrey Eugenides seinem Roman “Die Liebeshandlung” vorangestellt.

Rocko Schamoni • Fünf Löcher im Himmel • Piper Verlag

Rocko Schamoni - Fünf Löcher im Himmel - Piper Verlag
Rocko Schamoni – Fünf Löcher im Himmel – Piper Verlag

Als Paul sich damals gleichzeitig in Katharina Himmelfahrt und seine Lehrerin Frau Zucker verliebte, schien alles in die richtige Richtung zu gehen. Jetzt sitzt er in einem Datsun 240Z, auf der Flucht von einem Ausbruch, und fragt sich, wie das alles kommen konnte.
Alles fängt damit an, dass für Paul Zech das Leben aufhört. Nach einer ordentlichen Pechsträhne landet seine bürgerliche Existenz auf dem Müll, und Paul zieht los in die norddeutsche Tiefebene. Im Gepäck hat er nur sein altes Tagebuch. Während er den melancholischen Kneipier „Pocke“ kennenlernt und von ihm einen alten Sportwagen geliehen bekommt, liest Paul im Tagebuch von seiner großen Liebe Katharina Himmelfahrt. Sie war das Mädchen, in das er sich bei den Proben des Schultheaters zu den „Leiden des jungen Werther“ verliebte.
Doch mit einer dramatischen Eifersuchtsgeschichte unter den Akteuren bricht das Tagebuch ab. Nach einer Spritztour durch Dänemark kehrt Paul nach Norddeutschland zurück; meldet sich bei Katharina, um Licht ins Dunkel seiner frühen Jahre zu bringen.

Rocko Schamoni ist in Schleswig Holstein zur Welt gekommen, arbeitet für Theater, Film und Fernsehen. Er tourt regelmäßig durch die Republik und hat eine eingeschworene Fangemeinde als Musiker, Autor, Humorist und Schauspieler. Die Termine zur seiner „Fünf Löcher im Himmel“- Lesetour finden Sie auf seiner Website.

Ann-Charlott Settgast • Stanislaw Lem • Mahmud Teimur • Branko Copics • Kurze EinBlicke ins Buch

settgastAnn-Charlott Settgast hat in „Weisheit – Narrheit – Gold“, ihrem großartigen Roman um Johannes Kepler und seine Zeit,  das Leben des großen Astronauten nachgezeichnet. In plastischer, holzschnittartiger Darstellung fängt sie das Zeitalter Keplers ein, in dem wissenschaftliche Erkenntnis mit finsterem Aberglauben kämpfte. Sie vermeidet dabei naheliegende Anspielungen auf die Gegenwart und überlässt es dem reflektierten Leser Vergleiche und Parallelen zu ziehen. Ann-Charlott Settgast umgeht die im historischen Roman drohende Gefahr, ihren Helden als Ritter ohne Fehl und Tadel vorzuführen. Kepler bleibt trotz seiner Größe ein Mensch mit Schwächen und Leidenschaften. So entstand ein lesenwerter und lehrreicher Roman.trennlinie640

Sterntagebücher_LemStanislaw Lem, ein bei uns als Verfasser utopischer Romane bekannt gewordener polnischer Autor, hat eine heitere Kapriole verfasst, in der die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten von damals (1966) grotesk übersteigert werden, um Allzumenschliches zu glossieren. Wie jede gute Satire haben auch Lem`s „Sterntagebücher“ einen realistischen Gehalt. Man liest das Büchlein zwischen Schmunzeln und Gelächter und legt es doch nachdenklich aus der Hand.trennlinie640

Der_gute_ScheichMahmud Teimur – der gute Scheich. Der Autor ist ein Repräsentant des zeitgenössischen  ägyptischen Romans. Der vorliegende (inzwischen antiquarisch fast selten erhältliche) Band bringt eine Reihe von fesselnden Kurzgeschichten aus der Kultur Ägyptens, die uns besonders wegen der darin skizzierten Frauengestalten interessiert. Teimur ist ein großer Schriftsteller, der mit seinem Werk das Gewissen der Zeit wecken hilft. Ohne Befreiung der Frau von den Fesseln einer traditionellen, in der Religion und den sozialen Verhältnissen wurzelnden „Sklaverei“ wird Ägypten seinen Weg, den es mit dem Kampf gegen den Kolonialismus begann, nie vollenden können.trennlinie640

Branke CopicsBranko Copics „Die ungewöhnlichen Abenteuer des Nikola Bursac“ ist eine kleine literarische Kostbarkeit aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es geht um den Partisanenkommandeur Nikola, einen bosnischen Bauern. Man könnte ihn mit dem unsterblichen Schwejk vergleichen. Allerdings ist Nikola gewissermaßen ein positiver Schwejk, ein Mann des Volkes, der Mutterwitz und gesunden Menschenverstand nicht mehr wie sein Urbild gegen die feindliche Staatsmaschinerie einsetzen muss. Wer das Buch verschenken möchte, sollte es sich doppelt kaufen, damit er eines behalten kann, denn es ist toll.

Das Mondtal – Meine Geschichte zum Buch von Jack London

Jack_London_Mondtal1976 – wir wohnten damals in einer westfälischen Kleinstadt gewohnt. Im Nirgendwo zwischen Dortmund und Paderborn. Meine Eltern hatte eine Bekannte, die uns hin und wieder besuchte. Ihren Nachnamen werde ich wohl nie vergessen; ein Gesicht dazu habe ich nicht mehr. Sie hieß DelNardo.  An diesem Abend brachte sie zwei Geschenke mit: einen frisch geschossenen Fasan und ein Buch für mich: Das Mondtal von Jack London. Bis dahin kannte ich vornehmlich Bücher von Enid Blyton und vom „Autorenkollektiv“ Die Drei Fragezeichen und natürlich Walt Disney.  Weiterlesen