Kategorie: Kriminalroman

Barış Uygur • Rendezvous auf dem Friedhof Feriköy • Ein Süreyya-Krimi • binooki

Barış Uygur • Rendezvous auf dem Friedhof Feriköy • Ein Süreyya-Krimi

BuchCover - binooki
BuchCover – binooki

Kurzbeschreibung
Der Krimi von Barış Uygur erzählt aus der Perspektive des ehemaligen, leicht verbitterten Polizeibeamten Süreyya Sami seine Suche nach der verschwundenen Frau Deniz Deren. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann ist er der Meinung, dass es sich in diesem Fall nicht um eine Entführung handelt. Während er ihre Spur aufnimmt, die ihn in ihre dunkle Vergangenheit führt, erweckt die schöne, junge Emel bei Süreyya wieder neue Gefühle, die er bei sich schon längst vergraben glaubte. Jedoch scheint Emel mehr über ihre Freundin Deniz zu wissen, als sie anfänglich zu gibt.

Rezension
Süreyya Sami hält sich mit allen möglichen Jobs über Wasser. Nach acht Jahren bei der Polizei genießt er einen gewissen Respekt in der Nachbarschaft und profitiert von alten Beziehungen. Erledigt er für andere Behördengänge, kehrt er in der Regel schneller mit Erfolg zurück, als es die anderen jemals geschafft hätten. Er sucht hin und wieder Leute, verdient aber nie so viel, dass er nicht für den kostenfreien Besuch beim Friseur dankbar wäre. Die Wohnung ist glücklicherweise geerbt, sonst wäre seine finanzielle Lage prekär. Mit anderen mag er nicht zusammen arbeiten, also ist er froh, wenn er seinen Lebensunterhalt mit Tapezieren, Streichen, Installationen und ähnlichem bestreiten kann. Seine Fähigkeiten verbreiten sich über Mundpropaganda, so auch seine aktuelle Aufgabe.

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In diesem Buch erzählt Süreyya von seinem Auftrag, die verschwundene Ehefrau eines bekannten Sportjournalisten zu finden. Kemal Deren ist frisch verheiratet mit Deniz Cengiz Deren; als Kemal endlich Kontakt mit Süreyya aufnimmt, ist sie bereits seit zwei Wochen verschwunden. Ein bisschen zu lang für eine Entführung, denn Forderungen gibt es keine. Es liegt nahe, dass Deniz in Wirklichkeit abgehauen ist. Gerade deshalb macht sich Süreyya auf die Suche, denn er definiert seinen Job so: Finden will er sie, wie aufgetragen. Aber ob er sie zurück bringen wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn Menschen, die sich freiwillig einen anderen Ort zum Leben suchen, sollen das in seinen Augen auch dürfen. Nicht zuletzt gibt es Menschen, die abhauen um gefunden zu werden. Zu welcher Gruppe Deniz gehört, will er herausfinden.

Bei seinen Recherchen begegnet er Emel, einer schönen Frau, die ihn ganz ordentlich durcheinander bringt. Sie weiß spürbar mehr über Deniz, als sie verraten will und Süreyya muss immer wieder höchst nervös bei ihr vorsprechen. In ihrer Gegenwart gehen sämtliche professionellen Züge an ihm verloren. Und zwar nicht unbedingt, weil Emel überhaupt eine umwerfend schöne Frau ist, sondern weil Süreyya mit Frauen nicht umgehen kann. Weder als Mann, noch als Gesprächspartner.

Figuren wie er sind wirklich prima für die Literatur, aber nichts für das echte Leben. Selbst Uygur sagt von seiner Figur: „Er ist mein Alptraum. Er ist alles, was ich nicht sein will.“ Süreyya Sami kennt keine Restaurants, um mit Frauen essen zu gehen, kommt mit Kravatten nicht zurecht (und hat noch nicht einmal halbwegs vorzeigbare), kann nicht mal ansatzweise mit moderner Technik umgehen und bewegt sich im Prinzip nur in dem kleinen Rahmen beulenfrei, den er sich selbst durch seine bewusste Isolierung geschaffen hat. Trotzdem hat er einen netten Fundus an Knowhow, vermutlich aus seinen alten Polizeitagen, mit denen er seine Aufgaben als Privatdetektiv bewältigt.

Baris Uygur - Foto: Privat - Quelle: binooki
Baris Uygur – Foto: Privat – Quelle: binooki

Überhaupt dominieren bei den Hauptfiguren realitätsfremde Männer. Kemal Deren, der nach außen ein toller Hecht von Sportreporter ist, macht es nicht besser. Von der geheirateten Frau hat er keine Ahnung: „Deniz hat auch gearbeitet, aber nur nebenbei. … Ich denke nicht, dass die allzuviel verdient hat. … Ich habe auch nie eine Website von ihr gesehen. Sie war wohl nicht allzu erfolgreich und hat mir deswegen nichts gezeigt.“ Es gibt keine Fotos im Haus, die helfen könnten und Kemal weiß auch nichts von Freunden oder Familie. Deniz war vor der Heirat für ihn eine Unbekannte und ist es nach der Heirat geblieben.

Uygur gelingt es aber, Süreyya sympathisch zu machen. Die Polizei mit dem schlechten Ruf hat er verlassen, was er dort teilweise mitgemacht hat, bereut er und ist nicht zuletzt deshalb ausgestiegen. Er bestätigt, was die Leser in dieser Form vielleicht auch lesen wollen: dass mit der Polizei nichts anzufangen ist. Eigentlich müsste man eine komplett neue Polizei machen, heißt es da, die das erledigt, was die andere alles nicht kann. Mit Süreyya lernt man das Leben vieler Bürger in den weniger betuchten Vierteln kennen, die sich darüber wundern, dass die Stadt stets neue Bahnen anschafft, im ganzen Stadtgebiet aber nie welche davon auftauchen. Süreyyas Erzählung zufolge leben und arbeiten viele Istanbuler so wie er, schwarz, unregelmäßig, stets erstaunt über die niedrigen Arbeitslosenzahlen.

Das Rendezvous mit Süreyya Sami ist kein atemberaubend spannender Parforceritt durch Istanbul. Dafür ist es ein intimer Einblick in einen kleinen Ausschnitt aus dieser Stadt, in der die Busse auseinanderzufallen scheinen und die großen Themen, die große Wirtschaft und die große Politik ganz weit weg sind.

Der Autor
Baris Uygur, 1978 in Eskisehir geboren, fing schon in frühen Jahren zu schreiben an. Das von ihm besuchte Gymnasium in Istanbul lag in dem Stadtviertel Cagaloglu, in der sich schon immer die Buch- und besonders die Zeitschriftenverlage ansässig waren. So begann er schon mit 16 Jahren für diverse Zeitschriften zu arbeiten. Neben dem Schreiben von Kolumnen, machte er auch Satz- und Layoutarbeiten.

trennlinie2Baris Uygur
Rendezvous auf dem Friedhof Feriköy: Ein Süreyya Sami-Krimi
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Binooki; Auflage: 1 (7. März 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3943562301
ISBN-13: 978-3943562309

Erstveröffentlichung: 2012 (Original)/ 2014 (dt. Übersetzung)

Lady Bag ↔ Liza Cody ↔ Eine Rezension von Bettina Schnerr // v1.1

Kurzbeschreibung

Über das Buch Sie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Sie ist eine Pennerin, die genau weiß, wie die Straßen von London riechen. Doch Diese abgeklärte Lady Bag war nicht immer eine Baglady. Als eine ganz normale Frau geriet sie in die älteste Falle der Welt und wurde ruiniert. Jetzt will sie nichts mehr, nur die Gesellschaft ihrer Hündin und ihren gewohnten Rotweinpegel. Bis eines Tages ihr persönlicher Dämon ihren Weg kreuzt – mit finsteren Absichten, wie sie aus Erfahrung weiß. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten: Sie möchte wissen, wo er wohnt. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Sie erwacht mit zertretenem Kopf in einem Kranken¬hausbett und wird mit einem fremden Namen angesprochen. Anscheinend hält man sie für eine gewisse Natalie Munrow, deren Handtasche sie bei sich hat. Bei erster Gelegenheit nimmt sie Reißaus und taucht ab. Was allerdings gar nicht so leicht ist, wenn man auf der Straße lebt und einem aus allen Zeitungen das eigene lädierte Gesicht entgegenblickt! Dann stellt sich heraus, dass die wahre Natalie Munrow ermordet wurde.

Rezension

Seit Jahren lebt die Lady Bag mit ihrem Hund Elektra auf Londons Straßen. Sie hat eine Vergangenheit als Bankangestellte, die sie eines Tages einholt: Der Mann, dem sie seinerzeit blind vertraut hatte, taucht vor ihr auf, begleitet von einer jungen Frau. Was das bedeutet, ahnt sie mit Unbehagen. Der Mann, den sie nur Satan nennt, hat ein neues Opfer und wird auch diese Frau ins Verderben treiben. Die Lady Bag macht sich daran, die Frau zu warnen. Leider nicht ganz nüchtern und so wird aus der Warnung ein kaum verständliches Gebrabbel. Die junge Frau sucht mit ihrer Freundin einfach nur umgehend das Weite. Ganz so einfach will Lady Bag aber nicht aufgeben und sie bemüht sich darum, den Wohnort der Frau zu finden.

Foto: Liza Cody - Die Bildunterschrift auf ihrer Website dazu: Here's me toasting the arrival of LADY BAG - paperbacks and electronic versions, all available. For this book only the whole bottle would do.
Foto: Liza Cody – Die Bildunterschrift auf ihrer Website dazu: Here’s me toasting the arrival of LADY BAG – paperbacks and electronic versions, all available. For this book only the whole bottle would do. – http://www.lizacody.com/

Satan heißt offiziell Gram Attwood und machte einst der Bankangestellten Angela May Sutherland den Hof. Die, blind vor Liebe, begann im Auftrag mit dem Abzweigen von Geldern, um sich den jüngeren Geliebten zu erhalten. Als alles aufflog, wälzte Attwood die komplette Schuld clever auf seine Gespielin ab. Während Sutherland im Gefängnis landete und danach ohne Chance auf einen Neustart zur Lady Bag wurde, machte sich Attwood das Leben weiter schön. Dass sich Attwoods an seiner neuen Geliebten ebenfalls nur bereichern will, ist für Lady Bag folglich keine Frage. Ihr Problem ist es vielmehr, dass sie das Wissen nicht weitergeben kann. Wer glaubt einer vorbestraften Obdachlosen, die die Hälfte der Zeit mit Rotwein verbringt, Tabletten schluckt und mit sich selber spricht?

Mit ihrer Suche nach Attwoods Freundin tritt Lady Bag eine verwirrende Jagd los, bei der sie, die gerne übersehen wird, plötzlich im Mittelpunkt steht. Denn es gibt eine Tote und Lady Bag war in der Nähe. Es gibt einen Wohnungsbrand und wieder ist Lady Bag dabei; dieses Mal kommt sie zu allem Überfluss auch noch ins Fernsehen. Ganz England weiß, welches Gesicht die Polizei sucht. Eine ganze Weile geht das Versteckspiel allerdings gut, denn so genau sehen sich die meisten Menschen die Obdachlosen nämlich nicht an.

Der Roman ist komplett aus der Sicht von Lady Bag geschrieben. Das macht ihn defintiv zu etwas Besonderem, denn aus dieser Perspektive bekommt man sonst keine Sicht auf das Leben auf der Straße, geschweige denn auf die Gesellschaft. Denn so Rotwein-beladen Lady Bag auch sein mag, dumm ist sie nicht. Sie kann die Menschen, die ihr begegnen, sehr gut einschätzen und profitiert von ihrem ausgezeichneten Geruchssinn. Aber sie ist unter den Beleidigungen und Erniedrigungen hart geworden. Denn sie lernt eine andere Seite der Menschen kennen, die sich ihr und anderen Randgruppen gegenüber viel zu viel herausnehmen und teils richtiggehend Spaß an Misshandlungen haben. Wohl wissend, dass selbst Polizisten mit Vergewaltigungen und Körperverletzungen davon kommen.

Dafür dreht Lady Bag den Spieß irgendwann um, wahrscheinlich, weil sie kaum etwas zu verlieren hat. In ihren Verhören taumelt sie zwischen Erinnerungslücken, Selbstgesprächen, Gestammel und mutigen Trotz. „Und hören Sie mal auf, in der Luft rumzukurbeln“, fügte ich hinzu. „Das nervt.“ – „Ach, ich nerve Sie?“, schnappte Sprague. „Anderson, übernehmen Sie, sonst muss ich sie erdrosseln.“ Diese Chuzpe hat einfach was. Lady Bags Perspektive macht das Buch absolut lesenswert, sehr glaubwürdig und durchaus nachdenklich. Mit einer der treffsicheren Analysen der Lady Bag schicke ich meine Leser zur nächsten Buchhandlung, „Lady Bag“ kaufen:

„Mein Kreis der Hölle war voll mit jungen Frauen, manche davon noch Teenager, kaum aus der Schule. Blanke Inkompetenz  hatte sie nach Holloway verschlagen – sei es nun ihre eigene, die ihrer Eltern, ihrer Lehrer oder der Jugendheime. Wie kann ein Mädchen im Alter von dreizehn Jahren eine Süchtige mit Persönlichkeitsstörung sein, die weder lesen noch schreiben kann, wenn nicht viele, viele Leute sie vorher im Stich gelassen haben, die älter waren als sie? Es ist eine Sache, wenn jemand wie ich im Leben am Bodensatz einen gewissen Trost findet – ich bin ja beinahe aus freien Stücken hier. Aber für diese Mädchen ist der Bodensatz der Gesellschaft ihr Ausgangspunkt. Niemand hat ihnen je eine Wahl gelassen.“

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Die Autorin

Liza Cody (eigentlich Liza Nassim; * 11. April 1944 in London) ist eine englische Krimiautorin.
Nach dem Kunststudium an der London Art School und der Royal Academy war sie vor allem künstlerisch tätig:  u.a. als Fotografin, Malerin und  Restauratorin von Wachsfiguren bei Madame Tussauds.

Ihren ersten Krimi  schrieb sie unter dem Pseudonym Liza Cody 1980. Hauptfigur: Anna Lee, einer Ex-Polizistin, die für eine Londoner Detektivagentur arbeitet. Dafür wurde sie mit dem John Creasey Memorial Award der britischen Crime Writers‘ Association für das beste Krimidebüt des Jahres in Großbritannien ausgezeichnet. 1992 und 1993 wurden die Romane verfilmt und liefen als Serie unter dem Titel Anna Lee mit Imogen Stubbs in der Hauptrolle im britischen Fernsehen.
Im Anschluss schrieb sie eine weitere Serie um die Detektivin Eva Wylie. Vorbild für diese Figur war die Profiwrestlerin Klondike Kate. Anders als die vielen smarten Mittelschichtsdetektivinnen der 1980er und 1990er Jahre gehört Wylie zu den Underdog-Detektiven. Neben ihren Auftritten als Wrestlerin bewacht sie einen Schrottplatz und lebt in einem Wohnwagen.

Liza Cody lebt in Bath/UK.


ISBN: 978-3-94481-856-6
Verlag: CulturBooks
Erstveröffentlichung: 2014
Die Printausgabe ist im Argument Verlag als Ariadne Krimi (ISBN 978-3- 86754-222-7) erschienen.
Die Website der Autorin: http://www.lizacody.com/

Britta Bolt • Das Büro der einsamen Toten

Britta Bolt • Das Büro der einsamen Toten • Ein Kriminalroman

Britta Bolt: Das Büro der einsamen Toten - Copyright Hoffmann und Campe Verlag
Britta Bolt: Das Büro der einsamen Toten – Copyright Hoffmann und Campe Verlag

Kurzbeschreibung
Er ist kein Polizist, kein Privatdetektiv – und trotzdem dreht sich in seinem Leben alles um den Tod. Im „Büro der einsamen Toten“ bei der Stadt Amsterdam kümmert sich Pieter Posthumus um die einsamen Toten – Menschen ohne Angehörige, Menschen, die keiner vermisst – und richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, mit Musik und Gedichten. Bei seinen Recherchen stößt er auf so manche Ungereimtheit. In der Prinsengracht ist die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden. Die Umstände seines Todes sind mysteriös. Posthumus nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf und gerät in ein Netz von Intrigen.

Rezension
Um namenlose Tote in Amsterdam kümmert sich nach uralter Tradition die Stadt; sie richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, bei dem es Kaffee, Blumen und ein Gedicht gibt. Soweit die Realität. Britta Bolt hat das zuständige Büro in ihrem Roman kurzerhand „Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen“ getauft. Dort arbeitet Pieter Posthumus als einer der drei Beamten, die sich um nicht identifizierte Tote kümmern. Eigentlich bedeutet das neben einer Wohnungsbegehung nur Papierkram, um eventuelle Verwandte ausfindig zu machen, Sterbeversicherungen zu finden und im besten Fall das Begräbnis in die Hände der Familie zu geben. Posthumus jedoch ist ein Typ, der sich oft in das Leben der Toten hineinversetzen will und sich Fragen zu ihrem Tod stellt. Bei einem Toten, der sich in einer Mansarde erhängt hat, findet er zum Beispiel Gedichte und will damit die Trauerrede gestalten. Für seine Kollegen sind solche Ideen albernes und überflüssiges Dekor, für Posthumus ein Stück der letzten Würde. Eines Tages muss er sich um die Leiche eines jungen Marokkaners kümmern, der in einer Gracht gefunden wurde. Dadurch lernt er die Familie Tahiri kennen, mit denen der Tote bekannt war. Vater Tahiri kommt der Tod ein wenig merkwürdig vor und Posthumus verspricht ihm, ein bisschen zu recherchieren.

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Parallel zu Posthumus‘ Arbeit lernt der Leser Onno Veldhuizen kennen, seines Zeichens Abteilungsleiter der Sektion Staatsschutz, sowie seine Teamleiterin Lisette Lammers. Lammers beobachtet die so genannte Amsterdamer Zelle, eine Gruppe hauptsächlich junger Marokkaner, die der Verschwörung und der Planung eines terroristischen Anschlags verdächtigt werden. Während der Staatsschutz sein übliches Programm aus Abhörtechnik und Observation auspackt, erhält Posthumus unverhofft Unterstützung von einer längst verloren geglaubten Familienbande: Seine Nichte Merel Dekkers meldet sich nach langjähriger Sendepause bei ihm. Dekkers ist Journalistin und derzeit mit vielen Artikeln über den Islam betraut.

Familie Tahiri wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, bei der Posthumus‘ Fragen und die Ermittlungen des Staatsschutzes immer wieder angreifen. Aus so einem Setting könnte man einen wahnsinnig schnellen Thriller stricken und Posthumus gegen Veldhuizen durch Amsterdam jagen. Dann wäre das Buch auch spannend, aber nur halb so gut. Denn Britta Bolt schaut ihren Protagonisten nicht nur auf die Finger, sondern auch ins Herz. Was dabei herauskommt ist ein Roman, der viele Facetten zu religiösen Strömungen aufgreift und diese unaufgeregt und gelassen thematisiert.

Es ist mehr als nur der Einblick in eine muslimische Familie. Es ist auch eine Perspektive auf Immigranten, deren Kinder die Herkunft ihrer Eltern entdecken und die eigene Präsenz inmitten von zwei Kulturen ganz anders wahrnehmen. Vater Mohammed hat der Familie in den Niederlanden ein neues und gutes Leben aufgebaut, sich so weit wie möglich integriert. Seine Kinder emanzipieren sich vom Anpassungswillen ihrer Eltern und definieren ihre Traditionen neu. Die Tochter wählt den Schleier und wirft der Mutter ein Mangel an eigener Kultur vor, der Sohn Najib trägt eine Djellaba, meidet den Kontakt zur Familie und surft stundenlang im Internet. Alleine diese Diskrepanzen sind schon genug Stoff, um zwei Generationen hart aufeinander prallen zu lassen. Najibs religiöse Interessen lassen ihn allerdings ins Licht von Veldhuizens Ermittlungen rücken.

Posthumus entdeckt während seiner Recherchen auch das Schicksal des Toten aus der Gracht, ein entfernter Cousin der Tahiris. Mit ihm und Onno Veldhuizen lässt Britta Bolt politische Hintergründe ins Spiel kommen, die auf eine ganz andere Art und Weise erschreckend sind als nur diehier bekannte Gefahr durch Jihadisten. Auch, wenn der Start der Posthumus-Trilogie sehr viel ruhiger ist als ein wütender Krimi von Dominique Manotti, steckt auch in Britta Bolts Buch ein Stück weit politische Literatur. Ließe sich das überhaupt vermeiden, wenn hinter Britta Bolt eine auf Menschenrechte, internationales Recht und politische Prozesse spezialisierte Anwältin sowie ein Schriftsteller stehen, der unter anderem ein Theaterstück gegen Apartheid auf die Bühne gebracht hat?

Posthumus findet heraus, was seine zunächst namenlosen Toten für ein Schicksal hatten. Doch er ist „Beamter, kein Detektiv“, und so liefert das Ende perfektes Futter, um die Geschichte auch bei zugeschlagenem Buch weiter arbeiten zu lassen.

© Erik Smits/Arbeiders Pers
Das Autorenduo Britta Bolt – © Erik Smits/Arbeiders Perstrennlinie2

Britta Bolt – DAS BÜRO DER EINSAMEN TOTEN
ISBN:978-3-455-40528-6
Verlagsbereich:Belletristik
Einband:Schutzumschlag
Produktart:Buch
Seiten:384
Erscheinungsdatum:11.03.2015
Übersetzung:Kathleen Mallett, Heike Schlatterer

Dominique Manotti • Roter Glamour • Ein Kriminalroman • ariadne Krimi

Dominique Manotti • Roter Glamour • Ein Kriminalroman

BuchCover
BuchCover

Kurzbeschreibung
Über der Türkei explodiert ein Flugzeug voller Waffen. In Paris wird eine Frauenleiche auf einem verlassenen Parkplatz abgeladen. Zwischen beiden Ereignissen liegen viele tausend Kilometer, und doch … Präsidentenberater François Bornand versucht eine Staatskrise zu verhindern und schickt seinen Mann fürs Grobe ins Rennen. Mord und Verrat häufen sich – im Namen der Staatsräson? Bei ihrer Ermittlung kommt Polizistin Noria Ghozali der Sphäre der Macht gefährlich nahe.

Rezension
Es gibt sie, diese Autoren, die einem Bauchgrimmen verursachen … weil man sich ärgert, dass man auf sie noch nicht früher aufmerksam geworden ist. Die Französin Dominique Manotti gehört eindeutig zu dieser Riege.

In ihrem kurz gehaltenen Erzählstil stellt Manotti die gebürtige Maghrebinerin Noria Ghozali vor, die sich mit einem gewagten Sprung vor der Wut ihres Vaters rettet. Ab diesem Zeitpunkt ist sie frei, steht allerdings völlig allein da. Ghozali beißt sich durch und wird eher zufällig Anwärterin bei der Polizei. Auf eine Maghrebinerin haben die – wie sie mit selbstgemachten rassistischen Plakaten zeigen – nicht wirklich gewartet und so darf sich die Jungpolizistin erst einmal mit Kleinkram befassen, wie explodierenden Hundehaufen zum Beispiel. Doch Hartnäckigkeit und Energie hat Ghozali nicht verloren und als eine unbekannte Tote auftaucht, hat sie die zündende Idee, wie man sie identifizieren könnte.

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Noria Ghozali ist eine sehr spannende Figur und ich finde, sie bekommt schon mit den wenigen Worten, die Manotti macht, ein vernünftiges Profil. Sie vertritt energisch das Recht und ist jung genug, um weder von Routine noch Ernüchterung ihre Prinzipien zerknickt bekommen zu haben. Und ausgerechnet diese kleine Polizistin legt sich durch ihre Ermittlungen mit einem Zirkel an, der seine korrumpierten Prinzipien dank jahrelanger Protektion durch Macht und Geld völlig individuell definiert. Irgendwann fällt Ghozalis Arbeit auf und bevor sie in die Schusslinie der unzimperlichen Drahtzieher gerät, sichert sich der Zentrale Nachrichtendienst RGPP ihre Dienste.

Ghozalis unbekannter Gegner ist der Präsidentenberater Bornand. Er nutzt seine Position direkt neben der Machtzentrale Frankreichs für persönliche (und selbstverständlich illegale) Geschäfte, Protektion und Ausnutzung. Ihm kann kaum keiner an den Kragen, weil er überall Leute hat, die bei einer Behörde Unterlagen einsehen können, Vorgänge gezielt lahmlegen oder jede Information beschaffen können. Abgesehen von seinen Geschäften und den Intrigen, um erstere zu sichern, steht er permanent mit verschiedenen polizeilichen und nicht-polizeilichen Organisationen auf Kriegsfuß. Die französische Vielzahl dieser Behörden und Dezernate sorgt permanent für Kompetenzgerangel und Auflösungsvorstöße der einen gegen die anderen. Manotti erklärt in einem Vorwort dankenswerterweise, wie komplex die Strukturen in den 1980er Jahren in Frankreich aufgebaut sind.

Dominique Manotti signing books at Fête de l'Humanité 2006 -- Foto: Fred.th - CC BY-SA 3.0 - Quelle: wikipedia
Dominique Manotti signing books at Fête de l’Humanité 2006 — Foto: Fred.th – CC BY-SA 3.0 – Quelle: wikipedia

Von der französischen „Elite“ zeichnet Manotti genau das erbärmliche Bild, das wir vor kurzem ansatzweise bei der Affäre rund um den IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn sehen konnten: Die Mächtigen halten die Welt für eine Spielwiese, auf der sie beliebig Geld und Menschen einsetzen, Hauptsache, Abends wartet eine Belohnung in Gestalt einer Prostituierten der gehobenen Klasse auf sie oder wahlweise eine Frau, die sich wenigstens für eine Nacht von Macht und Geld blenden lässt. Ein Nein zu akzeptieren, gelingt keinem der Mächtigen und sollte der seltene Fall eintreten, pflastert sich der Weg mit Racheopfern aller Art.

Manottis entlarvender, spannender Krimi hat mir enorm gut gefallen. Ja, es mag Fiktion sein, aber verflixt nochmal, es ist wohl näher dran an der Realität als man es wahrhaben möchte.

Die Belohnung für den kompromisslosen Stil: Der „Prix Mystère de la Critique“, der „Prix du roman noir du Festival de Cognac“ und obendrein eine Kinoverfilmung.

Randbemerkungen
Es muß doch ein Ersatz für die kommunistische Bedrohung her, die sich gerade in Luft auflöst.
Dominique Manotti, Zügellos, 1997

Politisch versteht Manotti sich als Rätekommunistin; Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg spielen für ihre Analysen eine tragende Rolle; die Lektüre von James Ellroy hat nicht unwesentlich zur späten literarischen Arbeit beigetragen.

Ihre Enttäuschung über die Regierung Mitterrand ließ sie vom politischen Engagement zur Literatur wechseln.

Manotti ist eine promovierte Historikerin.

Auszeichnungen
1995 Prix Sang d’encre für Sombre sentier (dt. Hartes Pflaster)
2002 Prix Mystère de la critique für Nos fantastiques années fric (dt. Roter Glamour)
2008 Duncan Lawrie International Dagger für Lorraine connection (dt. Letzte Schicht)
2011 Krimi des Jahres 2010 (Platz 3) in der KrimiWelt-Bestenliste für Letzte Schicht
2011 Deutscher Krimi Preis – International 3. Platz für Letzte Schicht
2011 Grand prix de littérature policière – Kategorie National für L’Honorable Société (gemeinsam mit DOA)
2012 Krimi des Jahres 2011 (Platz 1) in der KrimiZEIT-Bestenliste für Roter Glamour

trennlinie2Dominique Manotti • Roter Glamour

Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Argument Verlag mit Ariadne; Auflage: 4 (1. Januar 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3867541922
ISBN-13: 978-3867541923
Originaltitel: Nos fantastiques années fric
Andrea Stephani (Übersetzung)

Erstveröffentlichung: 2001 (Original) / 2011 (deutsche Übersetzung)

Patricia Melo – Leichendieb – Rezension von Bettina Schnerr-Laube

Cover: Der Leichendieb - Patricia Melo

Kurzbeschreibung

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung. Um zu überleben, muss er bald schon eine Menge Geld auftreiben. Mit einem perfiden Plan macht er sich an die schwerreichen Eltern der Leiche heran. Patricia Melos „Leichendieb“ ist ein spannender Thriller, der den Leser die moralischen Bedenken eines Mannes nachempfinden lässt, dessen kriminelle Handlungen sich wie eine Lawine steigern. Patrícia Melo bietet nicht nur ein bestechend genaues Porträt der Rauschgift-Mafia in Lateinamerika, sondern auch den Beweis, dass es manchmal nur eines winzigen Auslösers bedarf, um das Leben eines Menschen aus der Bahn zu werfen: In jedem steckt der Keim für das Böse.Weiterlesen

Wer schlafende Hunde weckt – Christopher Brookmyre – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Wer schlafenden Hunde weckt - Christopher Brookmyre

Kurzbeschreibung

Glasgow, Mitte des letzten Jahrzehnts. Jasmine Sharp müsste eigentlich jubeln: Endlich hat sie einen Job. Ihr Onkel Jim, Privatdetektiv, Ex-Cop und ihr einziger Verwandter, hat es nett gemeint und sie zu seiner Assistentin gemacht. Aber besonders geschickt angestellt hat sie sich bisher nicht. Wenn man ehrlich ist, muss man sogar zugeben: Als Privatdetektivin ist sie eher lausig. Doch als Jim plötzlich spurlos verschwindet, muss Jasmine über sich hinauswachsen: Auf eigene Faust und geplagt von Selbstzweifeln beginnt sie zu ermitteln. Bei ihren Nachforschungen trifft sie auf Tron Ingrams, der ihr mit seiner brutalen und verschlossenen Art Angst macht und offensichtlich mehr weiß als er sagt. Schnell muss Jasmine feststellen, dass sie es mit Gegnern zu tun hat, die vor nichts zurückschrecken. Ohne es zu wissen, ist sie dem größten Korruptionsskandal auf der Spur, den Glasgow je erlebt hat. Und sie erkennt, dass sie und Ingrams mehr verbindet, als ihr lieb ist.Weiterlesen

The Serialist – David Gordon – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: The Serialist - David Gordon
Kurzbeschreibung
Harry Bloch is a struggling writer who pumps out pulpy serial novels—from vampire books to detective stories—under various pseudonyms. But his life begins to imitate his fiction when he agrees to ghostwrite the memoir of Darian Clay, New York City’s infamous Photo Killer. Soon, three young women turn up dead, each one murdered in the Photo Killer’s gruesome signature style, and Harry must play detective in a real-life murder plot as he struggles to avoid becoming the killer’s next victim.Weiterlesen