Kategorie: Erzählung / Novelle

Alasdair Gray | Kleine Disteln

kleine_distelm„Knappe Geschichten“, so lautet der lapidare Untertitel von KLEINE DISTELN, das in der Reihe „Text und Portrait“ im Aufbau-Verlag erschienen ist. Und es scheint so, als wären seine Geschichten weniger skandalträchtig als es sein Roman „Janine 1982“ gewesen war, der wegen der beschriebenen sexuellen Ausschweifungen für Wirbel gesorgt hat.
Diesmal geht es ruhiger zu, nicht jedoch langweiliger. Die Geschichten, die in diesem Band versammelt sind, lassen sich weder miteinander vergleichen noch gehören sie zusammen. Die erste ist ein Bericht, den er für den Stiftungsrat der Bellahouston-Stiftung verfasste, um über sein Reisestipendium Rechenschaft abzulegen. Es ist wunderschön zu lesen, mitzuerleben, wie Gray seine Reise angetreten hat und bereits nach einigen Kilometern von Heimweh nach seinem geliebten Glasgow geplagt wurde und sich trotzdem tapfer bis zum Zielort Gibraltar durchgeschlagen hat. In weiteren Stories berichtet er von seinen kauzigen und skurrilen Landsleuten, von erschlagenen Katzen, der Sozialistischen Republik Schottland und ewigen Nörglern. Sein Meisterstück in diesem Band ist jedoch die Vollendung eines Textfragments von Robert Louis Stevenson, dem Autor der Schatzinsel, wobei er sich allerdings herausnimmt immer mehrere Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen.
Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, die den Buchtitel hergibt: Kleine Disteln.
Schade ist eigentlich nur, dass es diesmal keine Illustrationen von Gray zu seinen Geschichten gibt. Ein schwacher Trost ist der Fototeil am Ende des Buches, dessen Hauptmotiv der Autor ist. Fotografin ist Renate von Mangoldt.

Gray ist Schotte. Mit Leib und Seele. Seine Romane und Geschichten berichten immer von seiner Heimat oder den eigentümlichen Schicksalen, die seine Landsleute durchleben. Dabei ist er alles andere als ein Wald-und-Wiesen-Autor. Was ihn auszeichnet ist die blühende, übersprudelnde und zuweilen auch obszöne Phantasie, die in seine Bücher einfließt. Obwohl er in seiner Heimat bereits seit Jahren ein bekannter und gern gelesener Autor ist und von der Kritik gebauchpinselt wird, gelingt es ihm in Deutschland erst langsam, sich einen Namen zu machen. Die „offizielle“ hiesige Buckritik geht Gray eher aus dem Weg. Warum auch immer. Seine Bücher sind seit Jahren ins Deutsche übersetzt und werden von einem wachsenden Leserkreis gekauft. Alasdair Gray hat sich inzwischen den Status eines öffentlichen Geheimtipps erarbeitet.

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Alasdair Gray, geboren 1934 in Glasgow, studierte an der dortigen Kunsthochschule Malerei. Gray lebt und arbeitet als Graphiker, Maler, Verleger und Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Zum Schreiben kam er erst, als er bereits über vierzig Jahre alt war. Gray ist bekennender Sozialist und bekanntester Vertreter der Welle neuer schottischer Autoren, die seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Seine Heimatstadt Glasgow bildet die Kulisse für seine ersten beiden Romane „Lanark“ und „1982, Janine“. Beides sind großangelegte, schelmenhafte Erzählungen, in denen die Kritiker die Weitschweifigkeit eines Lawrence Sterne und den Eklektizismus eines James Joyce sahen. Der Observer sprach „Lanark“ alle Zutaten eines Kultbuchs zu und die Washington Post schrieb zu „Zehnmal Lug und Trug“: „Schnappen sie sich im Buchgeschäft den Stapel dieses Buches. Lassen Sie alle in Geschenkpapier einschlagen, bis auf Ihr eigenes Exemplar – und bringen Sie die als Gastgeschenk zu Dinnerparties etc. mit – statt dieser öden Flasche Wein, die ja doch nie getrunken, sondern immer von Dinnerparty zu Dinnerparty herumgereicht wird.“

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Alasdair Gray
Kleine Disteln | Knappe Geschichten
Taschenbuch – 1996
Aufbau Verlag
ASIN: B00OAM07HK
Nur noch im antiquarisch erhältlich

Foto mit freundlicher Genehmigung von Davide Petrelli

Bettina Schnerr | Zora del Buonos Novelle G o t t h a r d

Cover
Cover

Kaum mehr als einen halben Tag lang begleitet der Leser den Eisenbahnfan und Trainspotter Fritz Bergundthal ins Tessin. Nahe der Großbaustelle des Gotthard-Basistunnels sucht er die für ihn so perfekten Fotos, die immer dann entstehen, wenn ein Zug kurz vor ihm aus dem Tunnel auftaucht. Ein beliebter Ort für Eisenbahnfreunde und viele davon kennen, so wie Bergundtahl, all die Zahlen und Fakten, die zum Bau der Trassen durch das Gotthard-Massiv gehören. Überhaupt dieser Gotthard: Er ist der Dreh- und Angelpunkt, der die Novelle von Zora del Buono zusammenhält. Bergundthal ist nur zu Gast dort und öffnet dem Leser die Türe zu den Menschen, deren Leben der Berg bestimmt. Die Autorin setzt ihre Novelle minutiös in kleinen Stücken zusammen, jedes einzelne ist anderen Personen gewidmet. Und doch haben sie alle miteinander zu tun.

Da ist zum Beispiel Dora Polli-Müller, die mitten in einer Haarnadelkurve der Straße wohnt. Während der Straßentunnel entstand, war sie die von den Männern umschwärmte Königin der Kantine und nie um einen Flirt verlegen. Geheiratet hat sie am Ende den Tunnelbauer Aldo, der schon lange nicht mehr im Berg arbeitet und im Tal als wirrer rasender Alter mit dem Töff bekannt ist. Die einzige konstante Verbindung zu seiner Frau sind die Hunderter, die er ihr als Haushaltsgeld zusteckt. Tochter Flavia ist als Lastwagenfahrerin unterwegs und transportiert derzeit Einzelteile der Tunnelbohrmaschine zur Deponie. Doch ihr Quartier hat sie nicht daheim, sondern auf einem Campingplatz bezogen. Jenem, der auch Bergundthal als Unterkunft dient.

Im Tunnel selbst arbeitet der frühere Bäcker Robert Filz, einer junger Bursche, der nur zwei Tätigkeiten kennt. Entweder fährt er die Baustellenzüge oder er treibt sich im lokalen Puff herum. Im Stollen ist außerdem Tonino, der schon beim Straßentunnel dabei war, ein alter Kollege von Aldo und ehemaliger Verehrer von Dora. Aldo und Tonino wissen voneinander, aber seit Beginn der Bauarbeiten vermeiden sie den Kontakt. Der Tunnelbau neigt sich absehbar dem Ende zu. Der Durchbruch ist geschafft, die Tunnelbohrmaschine wird demontiert und allen, die mit dem Bau beschäftigt sind, steht ein Umzug ins Haus. Viele kamen extra deswegen her und wissen, dass sie sich neu orientieren müssen.

Nicht nur der Gotthard hält die Geschichte zusammen, der zweite Anker ist die Liebe. Die obsessive, die missverstandene, die heimliche, die fehlende. Für die Einen ist sind der Gotthard und seine Baustellen eine Liebesbeziehung, eine Befreiung, eine Flucht, für die Anderen sind es Projektionen, eine Suche. Zora del Buono beobachtet mit scharfem Auge, kümmert sich oft um scheinbare Nebensächlichkeiten. Genau mit solchen Details aber trifft sie den Kern ihrer Protagonisten, ihre Schwächen und Sehnsüchte. Mit Erklärungen hält sich ihr sauberer Stil nicht auf. Der Aufbau folgt gewissenhaft den Abläufen an diesem Morgen und baut eine intensive Spannung auf. Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergbauer, ist von der Baustelle verschwunden – das wird sich rächen …

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Die Autorin
zoradelbuonoZora del Buono, geboren 1962 in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und der HdK Berlin, arbeitete als Architektin und Bauleiterin und war Gründungsmitglied der Zeitschrift „mare“. Im mareverlag sind ihre Romane „Canitz’ Verlangen“ (2008) und „Big Sue“ (2010) erschienen sowie „Hundert Tage Amerika. Begegnungen zwischen Neufundland und Key West“ (2011), bei Matthes & Seitz in der Reihe „Naturkunden“ ihr Band „Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen“ (2015).

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ISBN: ISBN 978-3-406-68184-4
Verlag: C.H. Beck
Erstveröffentlichung: 2015
Website der Autorin: zoradelbuono.de
Bettina Schnerr erreichen Sie über ihre Website.

Hermann Hesse • Narziss und Goldmund • Eine Erzählung

Hermann Hesse • Narziss und Goldmund

In Narziss und Goldmund bekommen die zwei Grundformen des schöpferischen Menschen Gestalt: der Denker und der Träumer, der Herbe und der Blühende, der Klare und der Kindliche. Beide verwandt, obwohl in allem ihr Gegenspiel, beide vereinsamt, beide von Hesse gleich gerecht in ihren Vorzügen und Schwächen erkannt, gleich exakt wiedergegeben.

Max Herrmann-Neiße

Hermann Hesse 1946
Hermann Hesse 1946

Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ ist eine einzige Schönheit, sprachlich wie inhaltlich. Dabei ist es kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Studie und eine Verbeugung vor der menschlichen Seele und ihrer verschiedenen Charakterzüge. So verschwendet Hesse hier auch nicht viel Zeit mit Zeit- und Umgebungsbeschreibungen, vielmehr konzentrieren sich Hesse und der Leser gleichermaßen auf die beiden Hauptpersonen und somit auf zwei Grundformen des Menschengeschlechts: Goldmund verkörpert die Seele eines von seinen Sinnen gesteuerten Menschen: der genießt und verschwendet, verführt und liebt, träumt und leidet, ganz und gar die Schöpfung eines Gottes in sich aufnimmt, an den er nicht glaubt.
Der stets beherrschte und streng gläubige Narziss hingegen steht für den Denker, dem sich die Welt in Form von Texten, Sprachen, Gebeten und Formeln erschließt. Alles was sich dem Menschen mittels Triebhaftigkeit und seine Sinne erschließt, ist für ihn Sünde.

Zwischen den beiden Figuren entsteht trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit im Wesen eine tiefe Freundschaft und Liebe füreinander, in der jeder der beiden in der Bewunderung für den jeweils anderen aufgeht.

Der schöne Narziss - Honore Daumier - 1842
Der schöne Narziss – Honore Daumier – 1842

Goldmund zieht schließlich als Landfahrer in die Welt hinaus, während Narziss seiner Laufbahn im Kloster folgt und es bis zum Stand des Abtes bringt. Es vergehen viele Jahre bis die zwei auf unerwartete Weise und in einer verzwickten Situation wieder aufeinander treffen und sich eine Menge zu erzählen haben.
Unter den vielen Fragen, die beiden auf der Seele brennen ist auch die alles entscheidende Frage nach dem Sinn des Lebens, der hier vielmehr in der Überwindung des Vergänglichen gesehen wird. (Wir können froh sein, dass die einzig wahre Antwort „42“ dem Autoren Hesse unbekannt war…)
Diese Frage wiederum ist vor allem für den rastlosen Goldmund nur unter Beachtung des Konflikts zwischen dem Denker und dem Künstler zu beantworten, da es dieser Widerspruch ist, der ein ganzes Leben lang in ihm lodert. Er wäre gern beides, der Sinnesmensch, der das Leben in vollen Zügen mit aller Leidenschaft genießt und zugleich der Denker, der sich auf die gesammelten Eindrücke der Wanderschaft in aller Ruhe besinnen kann, um sie der Vergänglichkeit zu entreißen. Goldmund bedient sich hierbei der Bildhauerei und erschafft etliche Figuren, die verschiedenen bewegten Etappen seines Lebens entspringen und somit noch viele Jahre, mindestens sein Leben überdauern werden. Aber mit der Arbeit an seinen Figuren erschöpft sich auch sein Vorrat an Kraft, seine Eindrücke des Lebens und er wird von Neuem in die Welt hinausgezogen.
Narziss hingegen verbringt sein gesamtes Leben im Kloster, widmet es dem Lernen und Lehren von Schülern und entreißt der Vergänglichkeit somit auf ganz andere Art und Weise seinen Geist.

Narziss (Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom)
Narziss – Caravaggio, 1598/99, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Als Narziss und Goldmund schließlich wieder zusammentreffen, beneidet einer den jeweils anderen, denn beiden wurden Opfer abverlangt. Narziss hat nie die Lebendigkeit der Welt und seiner selbst , Goldmund hingegen nie die Wärme einer Heimat, Sicherheit und Geborgenheit spüren dürfen und doch muss man den beiden zugestehen die jeweils richtige Entscheidung getroffen zu haben. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder sich entsprechend seines Gemüts und Geistes im Leben und auf Erden verwirklicht hat und es ihnen einzig dadurch gegeben war, ein Stück ihrer selbst und des Lebens der Vergänglichkeit, dem Tod zu entreißen und die Nachwelt mit sinnlicher und wissender Erfüllung zu bereichern.

Diese beiden, der Denker und der Träumer, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, finden bei Hesse zueinander. So finden die beiden vor den Augen Hesses und des Leser heraus, dass zwischen ihnen ein Band geknüpft ist, dass sie sich brauchen und dass sie in ihren Grundzügen verwandt sind, obgleich sie doch das genaue Gegenspiel des anderen sein sollten. Sie finden heraus, dass sie beide Stärken und Schwächen haben, dass sie jedoch auch beide ein „Daseinsrecht“ besitzen. Der Leser wird gefesselt von diesem Blick in die Seele der Schöpfung Mensch und erkennt sich in dem Buch des öfteren wieder.

„Narziss und Goldmund“ ein außergewöhnliches Buch, ein Blick in uns Menschen, in unser Innerstes, dass ebenso rührt und verzaubert, wie es zum Nachdenken anregt. Ein literarisches und psychologisches Meisterwerk.