Kategorie: Welt im Wort Entdecken

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen; dieses Phänomen von Licht, Herzenswärme und Kraft. Tragendes Element wie die Luft für den Drachenflieger, das Wasser für den Schwimmer.
Ein abstrakter Zweifel, der Beweis und Logik verlangt, hindert mich zu glauben – selbst dies. Hindert mich, dies in Fachtermini zu einer Interpretation des Realen auszubauen. Doch mich treibt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Hier und Jetzt, in Wort und Taten Meditierenden, im unantastbaren Willen Lebenden.

Die Welt ist für uns unmessbar | das Leben unfassbar

Karl Blossfeldt -Zylinder
Karl Blossfeldt -Zylinder

Unübersehbar liegt die Unendlichkeit des Raumes und die Ewigkeit der Zeit vor unseren Sinnen. Aus nächtigem Dunkel taucht der Anfang und die Vorzeit, in nächtiges Dunkel verliert sich die Zukunft und das Ende. Aber die kurze, uns übersichtliche Strecke dazwischen teilt, misst und schätzt der Mensch genau nach Maßen, die er selbst geschaffen, aus dem Ungemessenen gerissen hat, nach Metern, Kilometern, Meilen, Erdbahnhalbmessern, Sternweiten; nach Sekunden, Stunden, Tagen, Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden, Äonen, bis er den Atem verliert und zu messen aufhört, und die Unermesslichkeit beginnt.

Und genau so unübersehbar wie die Bahn zwischen woher und wohin liegt vor dem Menschen die zwischen warum und wozu. Das selbstgemachte Maß aber, womit er hier die seinen Maulwurfsaugen übersichtliche Strecke misst, das ist der Zweck! Bis er den Atem verliert, der Zweck! Er kann nicht anders, er muss messen und den Atem darüber verlieren. Und wie er vor dem Begriff der Unermesslichkeit und Unendlichkeit stehen bleibt, wenn seine Äonen und Sternweiten ausgegeben und verbraucht sind, so steht er am Ende auch hier vor dem schauerlichen Begriff des Unbezweckten und Zwecklosen, wenn er mit seinen Zwecken und Aberzwecken ausgemessen hat.

Die Welt ist eben für uns unmessbar und das Leben unfassbar. Sie zu messen und zu fassen geht der junge Mensch aus, und mit dieser Erkenntnis steigt der greise Denker ins Grab.

Karl Blossfeldt | Büschelkraut; aus: „Wundergarten der Natur“ (published 1932)

Und um sein Grab stehen Toren und fragen: wozu also die ganze Mühe dieses Lebens? Was der Zweck und wo das Ziel? Das tote Gehirn da drunten aber würde antworten: Menschenkinder, wozu die Frage nach Zweck und Ziel? Ich habe meine Arbeit getan und – damit genug! Ich ging aus gen Osten, und kehrte von Abend zurück; ich stieg senkrecht in die Höhe durch die Unendlichkeit und kam lotrecht von unten wieder herauf; ich warf mich in den Strom der Zeit und floss und floss mit ihm, seine Mündung ins Meer zu ergründen, und kam nach einer kleinen Ewigkeit wieder zur Uferstelle geflossen, von der ich hinein gesprungen; und scharfsinnig und unerbittlich wahrhaftig klomm ich am Faden der Logik dem verborgenen Zweck, dem unbekannten Ziel nach, und wie es vor meinen Augen hell wurde, stand ich wieder vor der Türe des Labyrinthes, durch die ich eingetreten war, und konnte des Fadens Ende an den Anfang knüpfen. Von jedem Ding wusste ich den Zweck und von jedem Schritt das Ziel – aber das Ganze war ohne Zweck und ohne Ziel: wenn ich’s mit meinen Sinnen und meinem Verstande messen wollte. Lasst mich nun von der Wanderung ausschlafen – vielleicht kommt mir’s im Traum.

Kalr Blossfeldt – Collage

Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

Charles Altamont Doyle malt sich selbst – meditierend

Dieses Aquarell stammt aus einem der Skizzenbücher des Künstlers, welches während seines Aufenthalts in der Montrose Königs Irrenanstalt in Schottland entstanden ist. Er musste wegen erheblicher Hirnschäden aufgrund jahrelangen intensiven Alkoholmissbrauchs behandelt werden. Zudem litt zudem an Epilepsie. 

Charles Altamont Doyle (* 25. März 1832 in London; † 10. Oktober 1893 in Dumfries, Schottland) war ein britischerMaler. Er war der Vater des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, zu dessen Buch  -Eine Studie in Scharlachrot – er die Illustrationen der Erstausgabe beisteuerte. Sein Sohn, organisierte zudem 1924 eine Ausstellung mit den väterlichen Werken in London. 

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 Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | 1885-1893 | Aquarell 

Die Meditation | Eine asiatische Fabel
Einmal hatten sich vier Priester verabredet, eine Nacht in tiefster Meditation zu verbringen, und nahmen sich gegenseitig das Gelübde ab, dass keiner, komme auch, was da wolle, durch ein Wort die Meditation stören dürfe. Für die Bußübung wurde der Hauptraum des Tempels ausersehen, und dort wurden vier Kerzen in Leuchtern aufgestellt. Ein junger Priesterschüler wurde beauftragt aufzupassen, daß die Kerzen hell und gleichmäßig brannten, und sie, falls sich Schuppen bilden sollten, zu putzen. Nach einiger Zeit bildeten sich auch Schuppen an den Dochten, und die Kerzen fingen an, trüber zu leuchten. Der Tempelschüler aber sah es nicht, da er vergeblich versuchte, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Einer der Priester suchte ihn nun durch wiederholtes Winken auf seine Pflicht aufmerksam zu machen. Als der Schüler aber seine Gesten nicht beachtete, verlor er die Geduld und schnauzte ihn an:
»He, du Bursche, siehst du denn nicht, dass die Lichter geputzt werden müssen?«
Da wandte sich der zweite Priester dem Sprecher zu: »Hast du denn vergessen, daß während der Meditation nicht gesprochen werden sollte?« Ärgerlich rief nun der dritte: »Wenn ihr beiden euch hier unterhalten wollt, kann man beim besten Willen nicht meditieren!«
Und der vierte sagte, nachdem er alle der Reihe nach angeblickt hatte, selbstgefällig:
»Ich bin der einzige, der das Gelübde nicht gebrochen hat.«

Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | Charles Altamont Doyle – Meditation – Self Portrait | 1885-1893

Ferdinand Hodler & Stefan George | Die Nacht(wachen)

Sieben Schlafende sind um einen aufgewachten, aufgeschreckten, nackten Mann platziert. Auf diesem wiederum kniet eine von einem Tuch verhüllte Figur. Die Personen verteilen sich auf die gesamte Bildfläche und sind umgeben von einer kargen und steinigen Landschaft. Die Nacht scheint wie ausgeleuchtet,einige Figuren sind heller als andere; einen Schatten wirft jedoch keine von ihnen. Der Schweizer Maler hat sich selbst zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin dargestellt. Es ist neben „Der Tag“ eines der bekanntesten Bilder Hodlers in der Sammlung. | Im Original zu sehen ist es das 1889/90 entstandene Werk im Kunstmuseum Bern.
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Ferdinand Hodler | Der Tag | 1. Fassung 1900
Ferdinand Hodler | Die Nacht 1898/90

Stefan George | Nachtwachen I-V

Deine stirne verborgen halb durch die beiden
Wölkchen von haaren (sie sind blond und seiden)
Deine stirne spricht mir von jugendlichem leide.

Deine lippen (sie sind stumm) erzählen die geschichte
Der seelen verurteilt in gottes gerichte.
Erregender spiegel (dein auge) spiel damit nicht!

Wenn du lächelst (endlich flog über dir der Schlummer her)
Dein lächeln gleicht dem weinen sehr
Und du neigst ein wenig dein haupt von kummer schwer.

Nicht nahm ich acht auf dich in meiner bahn
In zeiten feucht und falb worin der wahn
Des suchens fragens sich verlor.

Kann jemand in den zeiten feucht und falb
Am dunklen tore harren meinethalb ?
Nun denk ich dein weil unterm dunklen tor

Wo ängstend säule und gemäuer knarrt
Du meinethalben mein geharrt
Als niemand ging und als es schweigsam fror.

Welche beiden mitternächte
Als der selber schmerzdurchbohrte
An der dulderin sich rächte !

Dass dein blick sich weich umflorte
Dass dein wink ihr mildrung brächte !
Eines sah des andren wunden

Durch des dunkels dichte mahne
Zucken rieseln unverbunden . .
Und nicht wort nicht träne.

Erwachen aus dem tiefsten traumes-schoosse
Als ich von langer Spiegelung betroffen
Mich neigte auf die lippen die erblichen

– Ertragen sollet ihr nur mitleidgrosse !
Seid nur aus dank den euch geweihten offen –
Und die berührten dann in solchen gluten

Die antwort gaben wider höchstes hoffen
Dass dem noch zweifelnden die sinne wichen .
O rinnen der glückseligen minuten !

Wenn solch ein sausen in den wipfeln wühlt
Ist es nicht mehr als dass ein sehnen drohe
Durch blaue blicke · blumen blonde frohe ?

Wenn solch ein branden um die festen spült
Dass du verlassen irrend an dem Strand
Die rettung suchst in leerer himmel brand ?

Dass ich wie nie dich blass und bebend finde ·
Kaum mehr noch als am wegesrand die blinde
Die unbeachtet ruft im lauten winde . .

Aus: Stefan George | Das jahr der Seele

Das Jahr der Seele ist der Titel eines 1897 erschienenen zyklischen Gedichtbandes von Stefan George. Die Sammlung gilt als das bedeutendste Werk seiner ersten Schaffensperiode und als Versuch, die Naturpoesie unter den Bedingungen der Moderne zu erneuern.

Hans Christian Andersen | Was die Distel erlebte

Foto: Hella Kiss

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gut gehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

Silberdistel – geschlossen

Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: »Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!« Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.

Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.

Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.

»Das ist Schottlands Blume!« sagte sie. »Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!«

Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorf daran.

Foto: Hans Braxmeier

Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.

»Ich bin mehr, als ich glaube!« sagte sie im stillen. »Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!«

Nickende Distel, Bisamistel – Foto: Thomas B.

Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offenstehen, dass der junge Her, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

»Die habe ich zusammengebracht!« meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.

»Ich werden gewiss in den Garten gepflanzt«, dachte die Distel, »vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!«

Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: »Ich komme in einen Topf!«

Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. »Das Räubergesindel!« sagte der Distelbusch. »Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!«

Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. »Ihr kommt wie gerufen!« sagte der Distelbusch. »Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!«

Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.

Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.

Distel, Samenstand – Foto: Brockenhexe via pixabay

Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.

»Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!« sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu ‚Nesseltuch‘ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.

Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft.

Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.

» Hier stehe ich noch!« sage die Distel. »Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!«

Distel, Mannstreu – Foto: Alexas Fotos via pixabay

Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empogesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.

Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.

»Da steht die große Distel noch!« sagte sie. »Jetzt hat sie keine Blüte mehr!« »Ja, da ist das Gespenst von der letzten!« sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.

»Wie schön die ist!« sagte sie. »So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!«

Und der junge Mann mußte abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja ‚Gespenst‘ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Diestelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.

»Was man doch alles erleben kann!« sagte der Distelbusch. »Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?«

Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.

»Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!«

Silberdistel – Foto: Hermann via pixabay

Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.

»Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!«

»Das ist ehrenwert gedacht!« sagte der Sonnenstrahl. »Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!«

Im Topf oder im Rahmen?« fragte die Distel.

»In einem Märchen!« sagte der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!

HeaderFoto: Hella Kiss

Annemarie Clarac-Schwarzenbach | Kein Platz für den Vierbeiner

An einem Pier des altmodischen Hafens von Lissabon liegt ein Hund [Tyras?] vor dem amerikanischen Dampfer «Siboney» und bewacht eine Kajütenluke, hinter welcher das Gesicht seines Herrn soeben verschwunden ist. Der Herr gehört zu den 350 Menschen, die auf dem kleinen, für die Unterbringung von höchstens der Hälfte dieser Zahl von Passagieren eingerichteten Schiff die Reise über den Atlantischen Ozean antreten, für den Hund gab es keinen Platz.

Annemarie Schwarzenbach

Die Dampfer der «American Export Lines» sind die einzigen, die noch in diesem letzten freien Hafen der europäischen Atlantik-Küste anlegen, um den Passagier-Verkehr zwischen der Alten und der Neuen Welt aufrecht zu erhalten. Außer ihnen gibt es nur die Clipper-Flugzeuge, auf denen die Plätze auf Monate im Voraus gebucht sind. Auch auf einen Schiffsplatz muss man in Lissabon oft wochenlang warten. Jeden Freitag, dem Abfahrtstag der «Export-Liners», spielen sich am Hafen schmerzliche Szenen der Trennung ab. Denn die meisten Menschen, die sich heute in Lissabon einschiffen, sind Flüchtlinge, Emigranten, unfreiwillige Auswanderer, Heimatlose aus den in diesem Krieg geschlagenen Ländern Europas, und wie viele von ihnen werden ihre Heimat nie wiedersehen! Aber sie, die ein amerikanisches Visum und eine Fahrkarte nach New York besitzen, sind beneidenswert, verglichen mit den Tausenden, die gezwungen sind, Europa zu verlassen und die in Lissabon auf einen Pass, auf Geld, eine Reisemöglichkeit warten. Sie füllen die Hotels, Pensionen, billigen Mietzimmer, die Cafés, Reisebureaux, die Wartezimmer der Konsulate in Lissabon und geben der vor kurzem noch idyllisch stillen Hauptstadt Portugals ein internationales Gepräge, eine hektische Betriebsamkeit, die seltsam und traurig eindrucksvolle Atmosphäre eines letzten Postens am Rande des fürchterlich heimgesuchten europäischen Kontinents. Vom gleichen Hafen fuhren einst die Schiffe Heinrichs des Seefahrers, von Weltumseglern und Eroberern aus. Jetzt blicken von hier aus besiegte Menschen mit kummervoller Hoffnung nach Westen.  | Annemarie Clarac-Schwarzenbach

Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)

Lebensfragen | Meine Beziehungen

Nehmen wir an: das Leben selbst ist es, das uns die wichtigen Fragen stellt. Wir sind also die vom Leben Befragten und antworten diesem unserem Leben, dass wir zu ver-antworten haben. Nehmen wir weiter an, dass sich diese Lebensfragen nur im Handeln aufrichtig beantworten lassen. So erfolgt ihre Beantwortung also in der Ver-antwort-ung unseres Daseins: Verantwortung übernehmen und unserem Leben Sinn geben. [Der Psychiater Viktor Frankl hat mich zu dieser Erkenntnis gebracht.] Im Alltagslärm gehen diese Fragen immer mal wieder unter; daher werfen wir in loser Folge einige dieser in den Raum. Als Erinnerung oder akustischer Verstärker.
Die nachfolgenden Beziehungsfragen stehen nicht nur für die intimen in Ihrem Leben.

Fragen an die Partnerin bzw. den Partner:

Wie ist Dein Idealbild für unsere Beziehung?
Was wünschst Du Dir konkret von mir?
Wie kann ich Dir zeigen, dass Du mir wichtig bist?
Was brauchst Du von mir &  grundsätzlich, um Dich mit mir wohl zu fühlen?
Stelle mir bitte die selben Fragen.

Fragen an sich selbst:

Welchen Stellenwert gebe ich Beziehungen allgemein und dieser konkret?
Was bin ich bereit zu investieren?
Kann ich verständlich kommunizieren?
Wie drücke ich meine Gefühle aus? Kommt das an?
Bin ich klar in meinen Zielen?
Gibt es Zielkonflikte, die negativen Einfluss auf diese Beziehung haben?
Bin ich empathisch? Wie kann ich meine Fähigkeiten stärken?

Max Dauthendey | Im Mondschloss

Im Mondschloss

Die Mondnacht war wie ein goldenes Schloss gemacht,
Schwebend über der Zeit, mit offenen Toren himmelweit,
Mit Silbersaal an Saal gereiht,
Mit betressten Schatten, die waren die Diener und Mohren;
Die hatten an Treppenbergen ihren Platz in Scharen,
Mit weißem Puder in blauschwarzen Haaren.
Du und ich, wir gingen wie die Lieder und Sagen,
Von der Mondmusik durch die Räume getragen.
Und ein Saal stand voll Berge mit Nebeln im Tal.
Drunten lag als Teppich ein Strom wie Stahl,
Eine Insel als Kissen, und Pappeln als Wände;
Es spielten im Wasser vergoldete Hände.
Und zwei Augen ich tief im Mondschein fühlte,
Und eine Brust, die mir gern meine Sehnsucht kühlte.
Ich griff in die Leere, wie durch eine Wand,
Und hielt meiner Liebsten liebkosende Hand.

Aus: Max Dauthendey | Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

Zeitgeist

Gewisse Menschen schmecken fade, gleich chemisch reinem Wasser. Was hilft es uns, dass der Kenner uns versichert, hier sei Wasser, unser Lebensquell, in seiner edelsten, geläutertsten Form, in seiner Idee gleichsam, nichts mehr sei da als reines H und reines O: wir mögen es doch nicht trinken. Lieber noch halten wir die Hand unter die Dachtraufe. Und ebenso geht es uns mit Leuten, die nur die allgemeinen Bestandteile des Menschen haben und weiter nichts. Sie sind uns eben zu destilliert, zu »abgeklärt«, wie wir höflich umschreibend sagen: in Wirklichkeit aber meinen wir damit ganz einfach, dass sie ungenießbar sind. Sie sind ohne Farbe, Geschmack und Nährwert, sie haben keine Salze und keinen Erdgehalt. Dasselbe gilt von ganzen Zeitaltern: sie sind nichts Lebendiges, keine Quellen; alles ist aus ihnen herausgeschlämmt, herausgedämpft; es fehlt ihnen an scharfen Säuren und bitteren, unlöslichen Bestandteilen: an Problemen.

Egon Friedell
(1878 – 1938) war ein österreichischer Journalist und Schriftsteller, der als Dramatiker, Theaterkritiker und Kulturphilosoph hervortrat. Außerdem wirkte er als Schauspieler, Kabarettist und Conférencier.

ein raum | schmutziger greis

halbdunkel tödlich ganz verwirrt
aufreizend!  zärtlich  traumhaft
Nischen  schwere Türen
weite Schatten, die in blaue Winkel führen
irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt

auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch
grünes Deckenlicht verzerrt  übertreibt
weiche Kätzchen
wie fromm sich weiße Fräulein lieben

ein Greis  ein Seidentuch
blinde augen

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Lebensfragen | Wenn Mann über Frau nachdenkt

Nehmen wir an: das Leben selbst ist es, das uns die wichtigen Fragen stellt. Wir sind also die vom Leben Befragten und antworten diesem unserem Leben, dass wir zu ver-antworten haben. Nehmen wir weiter an, dass sich diese Lebensfragen nur im Handeln aufrichtig beantworten lassen. So erfolgt ihre Beantwortung also in der Ver-antwort-ung unseres Daseins: Verantwortung übernehmen und unserem Leben Sinn geben. [Der Psychiater Viktor Frankl hat mich zu dieser Erkenntnis gebracht.]

Im Alltagslärm gehen diese Fragen immer mal wieder unter; daher werfen wir in loser Folge einige dieser in den Raum. Als Erinnerung oder akustischer Verstärker.

***

Haben Sie Mitgefühl mit Frauen, allgemein und im Besonderen?

Wie drückt sich das aus?

Was empfinden Sie, wenn Sie eine Frau berühren?

Wie denken Sie über Männer?
a) wenn Sie Nachfolger sind
b) wenn Sie Vorgänger sind
c) wenn sie und ein anderer Mann eine Frau gleichzeitig lieben
d) ganz allgemein
e) von sich selbst in diesem Kontext

Wenn eine Frau sagt, dass sie erregt sei: glauben Sie, dass sei Ihr Verdienst?

Wenn eine Frau sagt, dass sie sich frei fühle: glauben Sie, dass sei Ihr Verdienst?

Haben Sie Ihre Lebensgefährtin gewählt oder wurden Sie ausgewählt? Wie geht es Ihnen damit?

Wenn Sie nach längerer Zeit eine ehemalige Partnerin wiedertreffen, denken Sie dann darüber nach, was sie an ihr jemals gefunden haben? Gibt es Parallelen zu anderen Verflossenen?

Wissen Sie, wodurch Sie die Liebe einer Frau gewinnen? Und wissen Sie, wie diese zu erhalten ist? Handeln Sie entsprechen? Warum (nicht)?

Würden Sie sich kastrieren lassen? Warum?

Was lernen Sie aus ihren (vergangenen) Liebesbeziehungen?

Von was lassen Sie sich bei einer Frau verführen?
a) Mütterlichkeit/Fürsorglichkeit
b) das Gefühl bewundert zu sein
c) das äußere Erscheinungsbild
d) das Gefühl, überlegen zu sein
e) Angst
f) Alkohol
g) rhetorische Stärke
h) ihr extrovertiert/introvertiert sein

Wer ist verantwortlich und wofür?

Möchten Sie Ihre Frau sein? Mit Ihnen als Partner?

Woher beziehen Sie Ihr Wissen über intime Beziehungen? Aus den Gesprächen mit einem Mann? Einer Frau? Was überwiegt? Warum?

Möchten Sie von einer Frau ausgehalten werden?

Können Sie sich eine Welt vorstellen in der Frauen dominieren? Möchten Sie so eine Weltordnung?

Was trauen Sie einer Frau nicht zu? Und Ihrer Frau?

Welche Erwartungen haben Sie an eine Frau?

Ist Ihnen bewusst, was Frauen von Ihnen erwarten? Was Ihre Partnerin von Ihnen erwartet? Wie gehen Sie damit um?

Was bewundern Sie an Frauen?

Was neiden Sie den Frauen?

Müssen Sie eine Frau verstehen, um mit ihr umgehen zu können?

Wann fühlen Sie sich einer Frau nahe? Wann sind Sie einer Frau nahe?

Wären Sie für eine Welt ohne Frauen? Was sollte stattdessen sein?

Wie empfinden Sie für Ihre Mutter?

Wie empfinden Sie für Ihre Tochter bzw. Töchter?

Was würden Sie jetzt gern machen?

Albert Schweitzer | Die Ehrfurcht vor dem Leben

Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?

Zitate Albert Schweitzers zur Ehrfurcht:

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns? Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“

„Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vordem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“

***

Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg/bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist und Pazifist.
Albert Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.


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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

***

Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

***

Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Zustände sind das | Von Durstfrei, Jägersoße & Hühnerstil

Der Tag, an dem meine Welt zu einer anderen wurde, begann damit, dass meine Frau und ich ausgiebig frühstückten. Mit Croissants und Lachs und so. Nach dem opulenten Mahl bemerkte ich beiläufig, dass ich satt sei und keinen Bissen mehr herunter kriege. Ich wollte nach der Zeitung greifen, um mich in der Welt zu orientieren – am Abend hatte ich das Spiel des FC Bayern München verpasst -, als meine Frau erklärte, sie habe genug getrunken und sei nun nicht mehr durstig. «Welches Wort beschreibt diesen Zustand?» fragte sie und sah mich prüfend an. «Nun», sagte ich geistesabwesend (ich wusste immer noch nicht, wie die Bayern gespielt hatten!), «wahrscheinlich spricht man in diesem Zusammenhang am besten von <durstfrei> oder <durstlos>; auch die Kreation <odu> könnte ich mir gut vorstellen.»
Ich war zufrieden mit mir und wollte mich endgültig den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Meine Frau aber widersprach: «Nein! Die deutsche Sprache kennt kein Wort für das Gegenteil von <durstig> analog zu <hungrig-satt>.» Meine Frau bevorzuge die Worte «quell» und «losch», wenn auch die indogermanische Wurzel «leuk» durchaus in Betracht zu ziehen sei. «Du also bist <satt>, erklärte sie abschließend, «und ich bin <quell>.»
Verwirrt, aber noch ungebrochen machte ich mich auf einzukaufen. Ich sagte der Dame im Lebensmittelgeschäft, dass ich eine Hühnersuppe brauche, eine, die wirklich nach Huhn schmecke. Die Verkäuferin schien beleidigt: «Selbstverständlich schmecken unsere Hühnersuppen nach Huhn, der Name sagt es ja schon aus!», erklärte sie. Während sie sprach, bemerkte ich in der Auslage Jägersoßen. Es sollten doch nicht etwa…!? Die Verkäuferin sah mein Befremden und beruhigte mich. Der Name «Jägersoße» meine «im Jägerstil», so wie es Jäger eben gerne mögen würden. Ich war unsicher: Wer garantierte mir, dass nicht auch die Hühnersuppe nur im Hühnerstil schmeckte, so wie es Hühner eben gerne mögen?
Gedanken versunken verließ ich das Geschäft. Ein Konfirmand hatte unsere Diskussion im Laden gehört und sprach mich an: Er habe mich fragen wollen, weshalb es eigentlich «Katholikentag» heiße und «Bischofskonferenz». In beiden Fällen seien doch mehrere Personen gemeint; ihm leuchte nicht ein, weshalb im einen Fall die Mehrzahl und im anderen die Einzahl verwendet wurde: «Das, ähm, hat mit Dogma zu tun», stotterte ich, «und mit dem Papst.» Ich war konsterniert. Was ist das für eine Welt, in der nicht einmal mehr auf die Sprache Verlass ist?
Während ich verzweifelt um mich blickte und in dieser, unserer, wahnwitzigen Welt irgendwo Halt suchte, klangen  mir noch die Worte in den Ohren, die mir jener Schüler zum Abschied zurief: «Don’t worry! See you!» – «Vielleicht», flüsterte ich ergriffen, «ist das die Lösung für die Unzulänglichkeiten der Sprache: Die Ergänzung des Deutschen durch Englisch.»
Für einige Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Doch dann hob ich an und sprach: «Manchmal, du tust nicht verstehen, auch nicht. Aber wenn die Probleme von der Sprache sind machen einsam dich, tue nicht hängen herum. Vielleicht du kennst ein Ort zu gehen zu wo sie verstehen dich. Das ist tröstlich, ist es nicht?»

Jakob van Hoddis | Es hebt sich ein rosa Gesicht …

Es hebt sich ein rosa Gesicht
Von der Wand.
Es strahlt ein verwegenes Licht
Von der Wand.
Es kracht mir der Schädel
Beim Anblick der Wand.
Es träumt mir ein Mädel
Beim Anblick der Wand.

O Wand, die in meine leblosen Stunden starrt
Wand, Wand, die meine Seele mit Wundern genarrt
Mit Langeweile und grünlichem Kalk
Mein Freund. Meiner Wünsche Dreckkatafalk.

Soeben erscheint mir der Mond
An der Wand.
Es zeigt mir Herr Cohn seine Hand
An der Wand.
Es schnattert wie Schatten
Pretiös an der Wand.

Verflucht an der Wand!
Und heut an der Wand!
Was stehen denn so viel Leut
An der Wand?

Jakob van Hoddis (Geburtsname Hans Davidsohn; * 16. Mai 1887 in Berlin; † 1942 in Sobibór, Generalgouvernement) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt für das Gedicht Weltende.

Bei vielen Zeitgenossen hatte van Hoddis großen Erfolg, seine Lyrik wurde von den damaligen Literaturkritikern und Intellektuellen hoch geschätzt. So eröffnete Weltende die wohl berühmteste expressionistische, von Kurt Pinthus 1919 herausgegebene, Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. In der späteren Forschung trat er dagegen im Vergleich zu anderen Vertretern des Expressionismus wie Georg Heym, Ernst Stadler und Georg Trakl in den Hintergrund. Er lehnt seinen Wortschatz in seinen Gedichten in der Zeit zwischen 1910 und 1914 sehr an den des frühen Stephan George an.

Erich Ruhl | Universale Geborgenheit

Universale Geborgenheit

Vom Autor vorgelesen:

Das feine Signal

Vor Jahrmillionen

Im Meer der Möglichkeiten angelegt

Sicher in den Fluss der Zeit gesandt

Vier Engel begleiten

Das Potenzial

Das Signal tritt als leuchtende Kugel der Sinne

In den Orbit unseres Herrlichen blauen Planeten

Was wie Zögern wirkt

Ist sicheres Wählen

Erkennt das Ziel

Schwebt hinab

Beleuchtet

Die Liebenden

Die Kugel wird zum Leuchtbogen

Der schützt und birgt

Und umschließt

Der das Leuchten zwischen ihnen

Bewahrt und

Die Liebe nach außen beschützt

Zugleich ist der Bogen

Kein Kokon

Herrlich stabil und durchlässig

Schafft Geborgenheit und Freiheit zugleich

Der Bogen der einst

Ums Ziel wissende Leuchtkugel war

Das Licht behütet die Liebenden

Noch immer begleitet von den vier Engeln

Liebe

Respekt

Wärme

Freiheit

© Erich Ruhl-Bady – August 2016

www.ruhl-erich.de

Gedichte statt Blog

AUDIO:

http://www.audiyou.de/beitrag/universale-geborgenheit-8145.html

Hans Christian Andersen | Der Rosenelf

Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Der war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatt in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein kann, und hatte Flügel von den Schultern hinunter bis zu den Füßen. Oh, welcher Duft war in seinen Zimmern und wie schön und klar waren die Wände; es waren ja die blaßroten Rosenblätter.
Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viele Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatt sind. Was wir die Adern im Blatt nennen, hielt er für Landstraßen und Stege. Ja, das waren meilenlange Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter. Er hatte auch so spät damit angefangen!
Es wurde sehr kalt, der Tau fiel, und der Wind wehte. Nun war es das beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, er konnte nicht hineingelangen. Keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts ausgeblieben, hatte immer so süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert. Oh, das wird sicher sein Tod sein!
Am andern Ende des Gartens, das wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber. Die Blüten sahen wie große bemalte Hörner aus, in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.
Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen darin, ein junger hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen nebeneinander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter oder seinem Vater sein kann.
»Dennoch müssen wir uns trennen!« sagte der junge Mann. »Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrag so weit fort über Berge und Seen! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist du doch!«
Und dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig drauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände. Hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde. Lebe wohl! Und er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. Oh, wie schlug doch das Herz darin! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.
Aber nicht lange ruhte die Rose ungestört an der Brust. Der Mann nahm sie hervor, und während er einsam durch den dunklen Wald ging, küßte er die Blume; oh, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet.
Da kam ein anderer Mann, finster und böse; er war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaum.
»Nun ist er vergessen und fort!« dachte der schlechte Bruder, »er kommt nie wieder zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seen. Da kam man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen!«
Dann scharrte er mit dem Fuß verdorrte Blätter über die lockere Erde und ging wieder in der dunklen Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte, der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem zusammengerollten Lindenblatt, welches dem bösen Mann, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt; es war so dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte Tat.
In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause. Er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur der Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haar auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verwelkten Blatt, setzt sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord; beschieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erzählte von dem blühenden Lindenbaum dicht dabei und sagte: »Damit du nicht glaubst, daß es nur ein Traum ist, was ich dir erzählt habe, wirst du auf deinem Bett ein welkes Blatt finden!«
Und das fand sie, als sie erwachte. Oh, welche bitteren Tränen weinte sie! Und niemandem durfte sie ihren Schmerz anvertrauen. Das Fenster stand den ganzen Tag offen. Der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in den Garten hinausgelangen. Aber er mochte es nicht über sein Herz bringen die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen. In eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein. Er war so heiter und doch so schlecht, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen.
Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde zu der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub dieselbe auf und fand auch den, der erschlagen worden war. Oh, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge!
Gerne hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haar. »Das will ich behalten!« sagte sie. Und als sie die Erde und die toten Blätter auf den Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Walde blühte, wo er begraben war, mit sich nach Hause.
Sobald sie in ihre Stube kam, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war. In diesen legte sie des Toten Kopf, schüttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.
»Lebe wohl! Lebe wohl!« flüsterte der kleine Elf. Er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht, es hingen nur einige bleiche Blätter an der grünen Hagebutte.
»Ach wie bald ist es doch mit all dem Schönen und Guten vorbei!« seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose, die wurde zu seinem Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen.
Jeden Morgen flog er zum Fenster des armen Mädchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tag, an welchem sie bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da. Ein Schößling trieb nach dem anderen hervor, kleine weiße Knospen blühten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt sie und fragte, ob sie närrisch geworden sei? Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, daß sie immer über dem Blumentopf weinte. Er wußte ja nicht, welche Augen darin geschlossen und welche roten Lippen zu Ende geworden waren. Und sie lehnte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie dort schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose und der Elfen Liebe. Wie träumte sie so süß, und während sie träumte, entschwand das Leben. Sie war eines stillen Todes gestorben, sie war bei ihn, den sie liebte, im Himmel.
Und die Jasminblume öffnete ihre großen, weißen Glocken; sie dufteten so eigentümlich süß, anders konnten sie nicht über die Toten weinen.
Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich und setze ihn in seine Schlafstube dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen, und der Duft war gar süß und lieblich. Der kleine Rosenelf folgte mit, flog von Blume zu Blume – in jeder wohnte ja eine kleine Seele – und erzählte von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester.
»Wir wissen es!« sagte eine jede Seele in den Blumen, »wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es! Wir wissen es!« Und dann nickten sie so sonderbar mit dem Kopfe.
Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten. Und er flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, und erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Und die Bienen sagten es ihrer Königin und diese befahl, daß sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten.
Aber die Nacht vorher – es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte –, als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauch schlief, öffnete sich jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Spießen, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten im böse Träume, flogen alsdann über seine Lippen und stachen seine Zunge mit giftigen Spießen. »Nun haben wir den Toten gerächt!« sagten sie und flogen in des Jasmins weiße Glocken zurück.
Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer plötzlich aufgerissen wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm hinein, um ihn zu töten.
Aber er war schon tot. Es standen Leute rings um das Bett und sagten: »Der Jasminduft hat ihn getötet.«
Da verstand der Rosenelf der Blumen Rache, und er erzählte es der Königin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, so daß er den Topf fallen und zerbrechen ließ.
Da sahen sie den bleichen Totenschädel, und sie wußten, daß der Tote im Bett ein Mörder war.
Und die Bienenkönigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosenelf und daß hinter dem geringsten Blatte einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann!

Hans Christian Andersen (* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen) ist der bekannteste Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Berühmt wurde er durch seine zahlreichen Märchen.

Erich Ruhl | Umringt statt umzingelt

Umringt statt umzingelt

Vom Autor vorgelesen:

Signale des Hasses
Überhörbar machen
Durch Erinnern
An eigene Leuchtkraft
An eigene Sanftheit

Open minded
Meint zuerst die eigenen Gedanken
Eigenes Fühlen
Eigenes Nichthassen
Die Erwartungen der Bösen nicht erfüllen

Den Blick trotz allem weiten
Herzliche Blicke sehen und senden
Warmherzige Worte hören wollen
Umringt sein wollen von klugen Fühlenden
Und fühlenden Klugen

Nicht annehmen das Umzingeln
Nicht schenken den Bösen unsere Angst
Die Zange der Bösen abweisen
Wieder einladen das Umringen
Wie im Tanz

© Erich Ruhl-Bady – August 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

AUDIOQUELLE: audiyou.de

Peter Altenberg | Kriegshymnen san net schlecht.

Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht!
So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter:
Auf in den Kampf, auf in den Tod! Zum Siege!
Doch schmerzlicher dient man dem Vaterlande
mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend!
Man muß es dann nämlich tragen, Jahre
lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung vorbei ist,
und Nüchternheiten einziehn in die Seelen!
Nüchtern berauscht sein, das war ewig
die Devise meines Herzens! Künstlertum im Leben!
Nicht berauscht berauscht, und nicht nüchtern nüchtern!
Sondern nüchtern berauscht! Begeisterung in heiligen Friedenszeiten!
Der Krieg begeistert jeden schon von selbst!
Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!?
Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles schlapp und müde,
und trottet fort in schäbigem Geleise!
In Friedenszeiten, Dichter, Philosophen,
rufet die Menschen wach und auf
zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und
vornehmer Gesinnung durch und durch!
Auf daß ein nächster Krieg unmöglich
werde und sein Schreckenslärm,
und ebenso Kriegshymnen-Blech!

Reime zur Zeit: Peter Altenberg – Kriegshymnen

Erich Ruhl | Verpuffende Verbitterung. Oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Verpuffende Verbitterung oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Vom Autor vorgelesen:

Über Verführung und Verführte
Über verpuffende Verbitterung
Ein Kommentar zu Mr. Trump

Die Kunst der Freiheit braucht Geduld
Zu sehen Menschenseins Bedarf
Der Mangel an Gerechtigkeit wird Schuld
Die Antwort schrill und scharf

Im Weißen Haus macht einer Angst
Gewiss – der Schreck sitzt tief
Doch lernen wir des Bittren Grund
Wird schnelle Antwort schief

Die Weichen stellt das Kapital
Verführter Wähler ist kein Schuft
Wenn Fairness wieder Sieger wird
Verführers Wille schnell verpufft

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

AUDIOQUELLE: audiyou.de

 

Franz Blei | Irene – fast erotisch

Keiner von ihren Freunden bestritt es bei sich, wenn Irene wiederholte, sie sei eine Frau wie irgendeine andere, weder hübsch noch hässlich, weder gescheit noch dumm, weder langweilig noch interessant. Jeder gab es bei sich zu, sie sei wie irgendeine der vielen, der meisten Frauen, die im Zufall ihres Geschlechtes eine Auszeichnung tragen, die sie, ganz ehrlich, als eine dumme Last empfinden. Und dennoch zog Irene die Männer durch etwas an, das zu definieren sie sich vergeblich bemühten. Ein Duft, meinte der eine. Etwas im Gang, sagte der andere. Und ein dritter traf es am richtigsten mit dem banalen Wort, sie habe das gewisse Etwas. Seit fünf Jahren verheiratet, gab die kinderlose Ehe mit einem älteren Mann ohne Tun und Titel — er nannte sich einen Privatgelehrten und schien sich mit Astrologie zu beschäftigen — hinreichend viel Liberalität in Verkehr und Situation, um es öfter als einmal geschehen zu lassen, dass einer der Männer des Kreises den Vorstoß auf Irene wagte und seine Liebe erklärte. Da sie durch keinerlei Koketterie dazu herausforderte und unter den ja immer blöden Liebesreden zu leiden schien, blieb sie beim zweiten, beim dritten und vierten Male bei der beim ersten Male erprobten Abwehr, die eine gut abkühlende Wirkung hervorgerufen hatte, von ihr gar nicht weder erwartet noch überlegt. Denn Irene besaß weder besonderen Geist noch gar die Geschicklichkeit einer selbstbewussten Frau. Sie wiederholte die Sätze des Verliebten, zweimal, dreimal: es war Hilflosigkeit gewesen und wirkte wie überlegte Parodie. Was nicht hinderte, dass die Abgeblitzten nach einiger Zeit wieder mehr als je dem gewissen Etwas verfielen und sich verliebt im Duftkreis dieser Frau bewegten, die war wie irgendeine andere.
Da kam ein Zwanzigjähriger in Irenes Nähe — nicht nötig, ihm einen Namen zu geben –, und diesem jungen Menschen müssen die Worte seiner Werbung wohl sparsamer, aber heißer aus dem Innern gebrochen sein als seinen abgeschlagenen Vorgängern, denn Irene vergaß es vollkommen, sie parodistisch zu wiederholen, ja, sie ließ ihm die Hand, die er gefasst hatte, und mehr noch, sie musste ihre Finger in diese fast noch knabenhaft derbe Hand eingraben, wie um sich im gefühlten Sturz und Flug zu halten. Aber es währte nur einen Augenblick. Ihre Augen sahen wieder das Umgebende, und Nächste, sich selber. Ob es nun die heftig andrängende Jugend des übungslosen Mannes war, die solche Poesie aus ihr lockte, oder ob es Erinnerung an einen gestern gelesenen Satz war, sie sagte anderes als sonst in solcher Situation. »Knaben«, sagte sie, »werfen flache Kiesel zum Spiel über das Wasser. Es bäumt sich nicht hoch. Es müsste mir ein Felsblock in die Seele …« Erschrocken selber hielt sie den Satz auf. Denn der junge Mensch wurde ganz Feuer. So kam die fatale Stunde.

Irene wehrte ihn ab, als er ihr helfen wollte, sich zu entkleiden. Und als sie nackt vor ihm stand, weder schön noch hässlich, sondern wie irgend jede Frau, die nichts anhat, da sagte sie es, was sie in seinem Blick zu lesen glaubte: »Nicht wahr? Eine Frau wie alle andern. Nun ist’s zu Ende mit der Liebe, nicht wahr?« Sie kam sich mit einem kleinen Mitleidgefühl zu sich selber vor wie ein armes Tier, dem ein Dämon für diesen einen Satz menschliche Stimme verliehen hat, diesen einen Satz: »Ich bin ein armes Tier.«

Was dann weiter geschah, mit Irene, dem jungen Mann oder mit beiden, das ist für dies Bildnis ohne Bedeutung. Aber um keine falsche Spannung zu erregen: es geschah nichts.

Aus: Die Frivolitäten des Herrn von D.

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

• • • •

Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

***

 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

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Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

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Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

Pauls Tagebuch | Mein Verhältnis Kirche/Gott/Staat/Ich

Diesen Eintrag fand ich bei der Durchsicht, auf der Suche nach dem Titel eines Kunstwerkes. Obwohl ich die Notizen in den 1980er Jahren niederschrieb, haben die Gedanken nicht an Aktualität verloren, wie sich den beigefügten, aktuellen, Fragen erkennen lässt. Sie betreffen sowohl die Kirche als auch meine damalige politische Aktivität in der SPD; auch von letzterer habe ich mich inzwischen enttäuscht abgewendet. Und oft kommt mir es so vor, als sei die Kirche und ihr Einfluss auf mein Leben, nur noch am Erkennen des Glockengeläuts messbar.

Paul Klee – Der Mensch ist der Mund des Herrn – 1918

Niederschrift eines Gesprächs mit Rudolf P. [Historiker] — aus der Erinnerung & vervollständigt. Unsere Rhetorik war im Nachhinein interessant:
Sie standen wohl sehr unter dem Einfluss Ihrer Mutter, die Sie katholisch erzog, oder? Wie kam es, dass Sie sich später, wie Ihr Vater, politisch links orientierten? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?
Ja, es gibt eine Schlüsselepisode. Wie wohl fast immer, hatte bei mir die Mutter in der Erziehung den größeren Einfluss. Aus einer alten katholischen Bürgerfamilie stammend – in der Nazizeit als Geisel inhaftiert, hatte sie unter den meist kommunistischen mitgefangenen Frauen den Namen die „heilige Johanna“ – wollte sie, dass ich eine Konfessionsschule besuchte, während mein Vater mich in die konfessionsfreie schicken wollte. Meine Mutter weigerte sich. Als mein Vater mit dem Lehrer der konfessionell nicht gebundenen Schule mich morgens auf den Schulweg bringen Wollte, trafen sie mich, im Nachthemd mit der Waschschüssel als Wurfgeschoss im Bett stehend, assistiert von meiner Mutter, bereit zum ersten großen Kulturkampf meines Lebens.

Es war also nicht nur ein Sclılüssel~, sondern auch ein Schüsselerlebnis. Wie ist es ausgegangen?
Meine Mutter und ich gewannen, und ich ging in die katholische Gymnasiastenbewegung „Neudeutschland“, der ich eine gute Erinnerung bewahre.
Mein Elternhaus war eine typisch rheinische Arbeiterfamilie jener Zeit. Meine Mutter sehr konservativ-traditionell erzogen und zeit ihres Lebens politisch nicht interessiert, in der Hitlerzeit aber außerordentlich tapfer; mein Vater, sehr aktiver
Sozialdemokrat und Gewerkschafter, wohl Mitglied der katholischen Kirche, aber so wie das Max Weber einmal von sich gesagt hat: „religiös unmusikalisch“.
Bei uns zu Hause wurde die „Rheinische Zeitung“ gelesen, die von Karl Marx gegründete älteste sozialdemokratische Zeitung, in der Weimarer Republik von Wilhelm Sollmann im Sinne einer reformerischen Sozialdemokratie redigiert.

Darf ich Sie in diesem Zusammenhang fragen, warum es zum Bruch mit der Kirche kam?
Dafür gibt es kein Datum, denn dem liegt nicht ein Ereignis zugrunde, sondern ein Prozess. Es war ein Prozess des Nachdenkens über dogmatische Glaubensinhalte, die ich nicht mehr zu glauben vermochte; des kritischen Beobachtens der Stellungsnahmen der Kirche in sozialen Auseinandersetzungen jener Zeit und des Bemühens so vieler gewichtiger Kräfte der Amtskirche, sich mit den Nazis in einem modus vivendi zu arrangieren. Sicher versucht die Kirche das kleinere Übel zu wählen, um kirchliches Leben weiterhin möglich zu machen. Mich haben diese politischen Fehlentscheidungen, die ja auch von vielen kirchentreuen Geistlichen und Laien genauso empfunden wurden, als jungen idealistischen und kompromisslosen Menschen sehr beeinflusst. Zudem haben mich die Erzählungen meiner Mutter geprägt, die von den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, auf Grund ihres Engagements für die Kirche und der fehlenden Unterstützung durch die Würdenträger der Kirche.
Heute, wo ich sehr viel klarer zu unterscheiden vermag zwischen dem Doppelcharakter der Kirche als einer Institution, die einerseits ewige Heilswahrheiten zu verkünden beansprucht, andererseits in weltlichen Entscheidungen der Fehlbarkeit aller menschlichen Einrichtungen unterliegt, würde ich sagen, dass die Konsequenz meiner persönlichen Entwicklung mich aus meiner Kirche hinausgeführt hat.

Wie stehen Sie heute zu den Kirchen?
Man muss die Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft unabhängig davon sehen, was sie einem für das eigene persönliche Leben bedeutet. Ich habe nie jemandem, der ratsuchend zu mir kam, den Ratschlag erteilt, sich von seiner Kirche zu trennen, auch wenn er sich wegen einer gesellschaftlichen oder politischen Entscheidung der Amtskirche mit ihr überworfen fühlte. Auch nicht wegen des parteiischsten Hirtenbriefs zu einer Wahl! Für einen solchen Schritt kann allein das Verhältnis des Einzelnen zu den Glaubensinhalten entscheidend sein. Und dies
ist eine Gewissensentscheidung in der tiefsten Bedeutung dieses Begriffs.
Ich habe immer wieder deutlich zu machen versucht, dass keine weltliche Einrichtung dem gläubigen Menschen das zu ersetzen vermag, was ihm die Kirche sein kann. Keine Partei oder sonst irgendeine Institution kann dem nach letzten Begründungen seines Lebens suchenden Menschen ein Ersatz für die Kirche sein. Außer, er findet diese letzten Antworten in nichtkirchlichen weltanschaulichen oder philosophischen Begründungen. Eine Partei z.B. entscheidet aus vorletzten Werten, in denen sich die weltanschaulich offene und Weite, zu Tolerierung und Respektierung unterschiedlicher Weltanschauungen verpflichtete, politische Partei einig ist: Freiheit, Demokratie, Solidarität zum Beispiel. Aber darunter liegen, tiefer schürfend, letzte Fragen nach Sinn und Auftrag unseres Lebens, auf die eine Partei keine Antwort geben kann, Fragen, die sich jeder Mehrheitsentscheidung entziehen.

Wie sehen Sie das Verhältnis Kirche/Staat?
W e n n die Kirche für viele Menschen das Fundament ihres Haltes in den Herausforderungen und Problemen des Lebens ist, so ergibt sich daraus eine Partnerschaft zwischen Kirche und Staat, bei gegenseitiger Unabhängigkeit und Unterschiedlichkeit ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgaben um der
Menschen Willen, für die beide verantwortlich sind. Wenn beide die Mündigkeit des Menschen respektieren, nicht Herrschaft über den Menschen beanspruchen, sondern Dienst am Menschen leisten, werden sie überwinden können, was sie aus der Vergangenheit gegeneinander misstrauisch gemacht hat. Ein Weg, der sicherlich noch über manches Geröll führen wird.

Zypern | Ayia Napa | Orthodoxe Kirche | Foto: Dimitris Vetsikas

Dazu ein paar Fragen auf denen ich immer wieder „herumkaue“; diese sind wie so oft inspiriert durch Max Frischs Fragebogen:

Was gefällt mir am Neuen Testament? Und was am Vorgänger?

Wem gehört Gott? Erlebe ich Gott als Eigentum jemandes?

Weiß ich, was ich brauche in diesem Kontext?

Wogegen bin ich nicht versichert? Und würde ich mich diesbezüglich vertrauensvoll an die Kirche wenden wollen?

Hoffe ich auf ein Jenseits? Jetzt? Nach meinem Ableben?

Würde Gott seine Stellvertreter auf Erden gutheißen, wenn er von ihnen wüsste? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Welchen Stellenwert hat DIE Macht emotional für mich?  Und in Bedrängnis?

Erich Ruhl | Des Jahres Lot

Des Jahres Lot

Vom Autor vorgelesen:

Von Sommers Kraft
Ganz stolz es kündet
Das Laub
So strahlend warm und hell

Schwebt, landet und es findet
Beim Niedersinken jene Stell

Den Platz
Im März schon vorbereitet
Deckt er sich zu mit Ahornrot

Nur um im nächsten Märzenscheine
Das Grün zu sein
In Jahres Lot

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
www.ruhl-erich.de
Gedichte statt Blog

AUDIOQUELLE: audiyou.de

 

Herr Bürger im „Silbernen Krug“ – Postfaktische Gedanken

Herr Spieß, Herr Bürger, Herr Wutmann und Frau Hassen gehen im „Silbernen Krug“ Bier trinken. Eine Kneipenszene, wie man sie überall antreffen könnte.

„Millionen Ausländer reinlassen, aber das eigene Volk vergessen“,
schimpft Herr Spieß am Stammtisch und setzt den Bierkrug an.
Ein Schaumbart bildet sich um sein ansonsten glatt rasiertes Kinn.
„Recht hast du. Und Terroristen kommen gleich mit“,
klagt Herr Bürger, der an der Theke neben ihm sitzt.
Er hat seine karierten Hemdsärmel hochgekrempelt,
zeigt stolz sein neues Tattoo auf dem Unterarm. Eine Deutschlandflagge.

„Haste ein neues Tattoo? Eigentlich mag ich das nicht, aber in dem Fall …“,
Herr Spieß schielt, ein wenig bierselig, auf Herrn Bürgers Handgelenk.
Er ist beeindruckt – so ein Tattoo, das würde er sich nicht trauen.
Das tut doch viel zu weh, und überhaupt, im Büro …
„Jepp. Wollte ein Zeichen setzen. Als Deutscher für unser Land“,
brummelt Herr Bürger. Er muss nun wahrscheinlich immer Langarm tragen.
Sonst bekommt er in der Werkstatt bald Ärger mit seinem Boss.
Sowas vertreibt die Kundschaft, heißt es. Als ob er diese Leute noch  bedienen wolle.

„Richtig so. Bald ist wieder Silvester. Hoffentlich nicht so ein Mist wie letztes Jahr“,
bemerkt Herr Bürger mit einem Blick auf den großen Kalender an der Wand.
„Aber erst Weihnachten. Noch … Wer weiß. Bald müssen wir Ramadan feiern.“
Herr Spieß schaut geradezu angeekelt drein. Nee, mit ihm nicht.
Deutschland ist immerhin ein christliches Land, findet er.
Wer unbedingt Moscheen bauen und zu Allah beten will, bitte schön.
Aber dann bitte auch nicht auf Kosten des üblichen Brauchtums. Nicht hier.

„Wenn irgendein dreister Islamist sich an meiner Frau vergreifen würde, dann …“,
Herr Bürger macht eine Handbewegung, als würde er etwas zerquetschen wollen.
Ihn wundert das Drama vergangenes Silvester nicht. Das sind Muslime.
Man hört ja oft  genug, dass bei denen eine Frau nichts wert ist, denkt er.
„Sofort abschieben sollte man diese Kriminellen von draußen. Aber es ist ja auf keinen mehr Verlass. Nicht mal auf die Polizei“, grummelt Herr Spieß.
„Und auf die Presse sowieso nicht. Reden alle Frau Merkel nach dem Mund, anstatt die Wahrheit zu sagen“, ergänzt Herr Bürger geradezu übereifrig.
„Aber wir schaffen das, ja ja!“, Herr Bürger verdreht die Augen.

Inzwischen drehen sich mehrere weitere Kneipenbesucher zu den beiden um.
Auch die Damen hinter der Theke schauen hin, unangenehm berührt.
Vom Nebentisch mischt sich Frau Hassen ein, die Herrn Spieß aus dem Büro kennt.
Frau Hassen hat ihren Job verloren – und seitdem einen Hass auf Asylbewerber.
Auf die Asylbewerberin, die eingestellt wurde, als ihr Vertrag auslief.
„Einen Scheiß müssen wir schaffen“, kreischt sie in Richtung Herrn Bürger,
„Die kommen mit Smartphones hierher und nehmen anständigen Leuten ihre Jobs weg.“

Frau Liebreich, die Wirtin des „Silbernen Krugs“, räuspert sich einmal hörbar.
Sie wendet sich peinlich berührt an die drei Gäste, die immer lauter geworden sind.
„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Worte manche Gäste vergraulen“,
erklärt Frau Liebreich, bemüht, sich jeden weiteren Kommentar zu sparen.
„Das ist schlecht für’s Geschäft. Also hör’n Se bitte damit auf.“
Offensichtlich hat eine Gruppe südländischer Gäste, die einen Junggesellenabschied feiern wollte, genug von „Stammtischweisheiten“. Sie verlassen wortlos das Lokal.

Frau Liebreich schüttelt empört den Kopf. „Na seh’n Se, da haben wir den Salat!“
„Aber man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“, tönt Herr Wutmann.
Er ist mit Frau Hassen hier und ebenso alkoholisiert. „Noch zwei Bier, aber flott!“
„Für uns auch, zack zack!“, motzt Herr Bürger in undeutlicher Aussprache.
„Wir sind ja schließlich Stammgäste! Nicht diese Schmarotzer da!“
Nun platzt Frau Liebreich der Kragen. Sie schaut auf die Uhr – gleich Sperrstunde.
Frau Liebreich greift nach der Glocke und lässt sie klingen.

„Freunde der Nacht, Schicht im Schacht. Wir schließen gleich“, ruft sie.
„Aber ich will’n Bier“, lallt Herr Spieß. „Ich auch“, quietscht Frau Hassen.
„Sie haben alle genug. Wir machen zu“, bestimmt die Wirtin mit Nachdruck.
Murrend fügen sich die Stammgäste. Sie trinken ihr Bier aus und verlassen das Lokal.
Draußen stolpert Frau Hassen über ihre eigenen Füße. Herr Wutmann hilft ihr auf.
Ein auffallend blasser Dieb schnappt sich die Handtasche vom Boden, rennt fort.

„Mein Geld, meine Papiere“, schreit Frau Hassen und fuchtelt hysterisch mit den Armen.
„Bestimmt so ein Zigeuner … Lumpenpack … Ich ruf die Polizei“, wettert Herr Wutmann.
Auch Herr Bürger und Herr Spieß haben den Raub mitbekommen.
Sie bleiben schwankend stehen. Herr Spieß lacht schallend.
„Ahwas… die Pollizei… die machen do eh nix …“
Er und Herr Bürger bekommen sich nicht mehr ein.

Man hört Lärm ein wenig entfernt. Wenig später sieht man die Gruppe südländischer Immigranten. Sie halten den Dieb fest. Einer der Männer übergibt Frau Hassen ihre Tasche.
Frau Hassen schaut, als hätte sie einen Geist gesehen. „Ahwas … eh danke“, lallt sie.
Der Mann lächelt, nickt und geht mit seinen Freunden wieder.
Herr Bürger schüttelt verwirrt den Kopf. „Na sowas …“, murmelt er.
Herr Wutmann bleibt erst einmal stocksteif stehen.
„Das ha’m se bestimmt extra gemacht. Um besser dazustehen“, brüstet er sich.
Herr Spieß kratzt sich verlegen am Kopf.
„Vielleicht … oder auch nich … Egal Freunde, wir geh’n woanders einen trinken!“

Anna Katherina Ibeling

Max Ernst | Die Sphinx erwacht | Tuschezeichnung

Die Sphinx erwacht. Blatt aus dem vierten Heft der surrealistischen «Semaine de la bonté» von Max Ernst. Paris 1934

Durch die Vereinigung des Heterogenen, werden quälendste Effekte erzielt. Ein Sarg voll farbiger Tuschfläschchen, ein toter Stier auf einem Konzertflügel, eine Nähmaschine, auf dem Hochaltar — im Surrealismus bekundet sich ein Wille zur verletzenden Durchmischung aller Sphären. Von einer automatenhaften Objektivität des Nebeneinanderstellens kann ernstlich dabei kaum die Rede sein. Das scheinbar passive, neutrale Bewusstsein des Arrangeurs wird von wohl fassbaren, blasphemischen Absichten gesteuert. Unversehens entstehen so auch apokalyptische Bilder. Wenn die Sphinx erwacht, steht der Zug still, verwandelt sich der Mensch, zerreißt die rationale Ordnung der Welt und wird der unheimliche Grund aller Dinge offenbar. Dantes Hölle ist keine schizophrene, keine surrealistische Vision. Das Schreckliche in ihr sind die Extreme begreifbarer und organisch in sich verbundener Vorgänge. Joyce, Cocteau, Ernst und andere tasten hingegen in eine Welt des Unheimlichen vor, in der das Grauen aus der Gleichzeitigkeit und Nachbarschaft des völlig Unzusammengehörigen entsteht. Der moderne, ungeborgene Mensch muss auch die Hölle dieser Möglichkeiten durchwandern.

Lord Byron | Zwischen zwei Welten

Zwischen zwei Welten, Tag und Nacht, schwebt blind
Das Dasein gleich dem Stern am Himmelssaum:
Wie wissen wir so wenig, was wir sind
Und werden Ewig rollt der Weltflut Schaum,
Und unsrer Gischtesblasen Glanz zerrinnt,
Und neue tauchen aus dem düstern Raum,
Indess die Gräber von verstorbnen Reichen
Dem Schwellen kaum der flücht’gen Woge gleichen.

Aus: Lord Byrons Don Juan, 15. Gesang, 99. Strophe

Mein Lebensentwurf zum Rentenalter | Und Ihrer?

«Ich bin nun bald 60 Jahre alt, aber trotzdem gibt es noch viel, das ich kennenlernen möchte, solange ich noch munter und — töricht bin. So gedenke ich, meine nächsten 20 Jahre mit Dingen auszufüllen, die zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu wissen ich mir immer wünschte. Hier sind die wichtigsten Daten meiner Agenda für diese Zeit:

   Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf irgendeiner Bergspitze Westindiens sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen von Aran, abseits Irlands Westküste, stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 300 Fuß hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten.

   Ich möchte weitere 100 Sonnenuntergänge im einsamen Wattenmeer erleben, wo stets zur gleichen Stunde die Sonne langsam in vielfarbigem F’euer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln.

   Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon hörten. Ich hatte der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Lawine grollen, während sie sich ihren schneeigen Weg 2000 Fuß bergabwärts in den Abgrund brach; mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich herschleppte. Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht nochmals zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen.

   Lasst mich noch viele Male zwischen dem Ende und heute den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und schenkt mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida. Lasst mich wieder und wieder die erfrischende Sauberkeit salziger Meerluft einatmen. Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterer Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

   Und für den Durst und Hunger meines Geistes schenkt mir das Erleben, wie es einem zukünftigen Astronomen beschieden sein wird, der den Mond mit einem 200zölligen Teleskop wird betrachten können. Gebt mir Zeit, die Geheimnisse von Ameise und Biene zu erforschen; und mit Hilfe besonderer Apparate lasst mich zu einem Zuhörer ihrer Unterhaltung werden.

   Aber alle diese Dinge würde ich mit Freuden hergeben, wenn ich vor meinem 80. Altersjahr einen neuen Einblick in die menschliche Natur gewinnen, Zeuge Tausender von Experimenten mit den Chemikalien sein könnte, mit denen wir den Charakter erforschen und die die Substanzen finden helfen, die verwirrte Geister wieder klären, den Sorglosen und Unbekümmerten Vorsicht bringen, den Trägen und Gleichgültigen Lebensatem einblasen, Fleiß den Drückebergern bescheren und Ehrlichkeit den Falschen und lügnerischen Seelen schenken. Für mich birgt das Leben kein größeres Abenteuer mehr, als zu sehen, wie der Mensch seine eigene Natur zu beherrschen lernt, gleich wie er heute die Atome beherrscht.

Annemarie Schwarzenbach | IN SILS

Manchmal möchte ich mit der Hand nach meinem Herzen greifen.
Ob es noch schlägt und das gleiche ist.
Es schlägt langsam wie im Traum.
Die Schläfen beben, der Atem müht sich
Und die Brust ist so klein geworden, so schmächtig,
Damit ihre Enge dies bißchen Leben und Bewegung nicht störe,
Um das wir kämpfen müssen.
Die Bilder sagen, es sei wie das zu schwache Licht einer Kerze.
Aber plötzlich spüre ich dann, wie es emporschlagen
Und übermächtig werden könnte,
Und eine Geisterhelle verbreiten, die still und fürchterlich ist.
Ich denke an das gesprengte Rund der Bergspitzen,
Die uns mit ihrem Leuchten und ihrer Bläue gnädig waren,
Und ich denke an die Lieblichkeit des Baches,
Der in der Mittagshitze, zur Erntezeit.
So viel über silberne Steine rieselnde Kühlung verbreitete,
Und an die Schwemme,
Wo abends die goldenen Pferde standen und ihre Mähnen schüttelten.
Und an die Wüste.
Aber wenn ich in der Nacht wach werde, und mein Blick aus dem Dunkel,
In der bleischweren Luft schwebend, blind und wie vernichtet ist,
Und wenn dann dieses Weben ringsum beginnt,
Wenn meine Hände schlaff und meine Füße weit sind,
Und ich mir nicht mehr gehöre,
Und allein das einsam schlagende Herz
Wie der Kindheit Brunnen rauscht,
Und ich immer noch in solcher Heimsuchung lauschen muß,
Dann erhebt sich das Sterben über den Zauberrand
Der jetzt in tiefem Schlaf liegenden Welt,
Und ich bin nicht mehr.

Annemarie Schwarzenbach

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin. Am 7. September 1942 stürzte sie im Engadin mit ihrem Fahrrad und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der sie, nach einer Fehldiagnose, am 15. November starb.
Schwarzenbach schrieb u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.
Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Zhuāngzǐ und die Elritze

Einmal stand Zhuāngzǐ mit einem Freunde auf einer Brücke. «Sieh», sagte der Weise, «wie die Elritzen umher schnellen! Das ist die Freude der Fische.» «Du bist
kein Fisch», antwortete der Begleiter, «wie kannst du also wissen, worin die Freude der Fische bestehe?» «Du bist nicht ich», erwiderte Zhuāngzǐ, «wie kannst du wissen, dass ich nicht weiß, worin die Freude der Fische bestehe?» «Ich bin nicht du», bestätigte der Freund, «und ich weiß dich nicht.
Das aber weiß ich, dass du kein Fisch bist, also kannst du auch die Fische nicht wissen.» Da meinte Zhuāngzǐ: «Du fragst mich, woher ich weiß, worin der Fische Freude besteht? Im Grunde wusstest du, dass ich es weiß, nun, wie dem auch sei: Ich weiß es aus meiner eigenen Freude über dem Wasser!»

Konfuzius trifft Laozi: Das „Zhuangzi“ enthält einige amüsante ausgedachte Geschichten über das Zusammentreffen der beiden Meister.

Zhuāngzǐ (chinesisch 莊子 / 庄子, W.-G. Chuang-tzu; * um 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.) bedeutet „Meister Zhuang“. Sein persönlicher Name war Zhuāng Zhōu (chinesisch 莊周 / 庄周). Zhuangzi war ein chinesischer Philosoph und Dichter.

Es bleibt immer etwas hängen | Von unseren Verwünschungen

Neben guten Dämonen gab es im Glauben der Menschen allezeit böse, schädigende Geister, die allerlei Unheil, Krankheit und Nöte verursachten. Der furchtsame Mensch suchte sie durch magische Mittel von sich abzuhalten, ihre Kraft einzuschränken. Aber hasserfüllte, neidische Menschen haben ihre Hilfe oft erfleht, um einem Feind Unglück und Böses zuzufügen.

In griechischer und römischer Zeit haben Zauberer die bösen Geister beschworen, um einen gehassten Feind mit ihren Erscheinungen zu quälen, ihm Unglück, Siechtum und gar den Tod zu bringen. Man glaubte durch Zauberworte oder Zaubertaten seinen Widersacher den Mächten der Unterwelt weihen zu können. Von besonderer Wirkung musste der Zauberspruch sein, wenn die Beschwörungszeichen und -Formeln auf Bleitafeln eingraviert und wenn diese Tafeln dann in Gräbern niedergelegt wurden, dem Ort der bösen Geister der Unterwelt. Als die Römer so tief gesunken waren, dass ihnen Sport und blutige Schauspiele am höchsten galten, war dieser Glaube an die Wirkung von Verwünschungen weit verbreitet und vielfach angewendet worden. Unsere Archäologen haben an verschiedenen Orten Bleitafeln gefunden, auf denen Figuren, den bösen Dämon darstellend, nebst Buchstaben eingraviert sind. Durch solche Tafeln wollte man von den bösen Geistern erflehen, dass der Wagenlenker mit seinen Pferden beim Wettrennen gehemmt und beschädigt werde, oder dass der Dämon ihn gar erblinden lasse, oder noch besser ihn aus dem Wagen reiße und ihn auf die Erde schleudere, dass er geschleift werde mit Schaden seines Leibes und seiner Pferde. Ein anderer wünschte, dass der Böse die Hengste hole, weil durch sie, wer dies schrieb, bei dem Rennen zu unterliegen fürchtet.

Altertümliche Verwünschungstafeln

Die beiden hier abgebildeten Verwünschungstafeln sind von ganz besonderem Interesse. Vorerst muss die große Ähnlichkeit derselben auffallen. Nicht nur in der Größe sind sie sich gleich, in der Ausführung der Figuren und im Duktus der Buchstaben zeigen  sie eine auffallende Übereinstimmung, so dass angenommen werden kann, dass sie aus einer und derselben Werkstatt hervorgegangen sind. Somit erhebt sich die Frage, ob solche Zaubertafeln vielleicht gar in größerer Zahl zum Verkauf hergestellt und an Zauberer abgeliefert wurden.
Die auf beiden Tafeln eingravierte, recht phantastische Person mit ihrem Menschenrumpf und Schlangenhals hält in der rechten einen Skorpion, in der Linken eine Palme. Der Skorpion hat im Altertum immer eine große Rolle gespielt. Mit seiner Kraft suchte man den bösen Blick, das Unheil überhaupt, abzuwenden. Aber wenn die Sonne in das Sternbild des Skorpion tritt, beginnen die Seuchen zu grassieren, denn der glühende Skorpion ist auch Bringer gefährlicher Krankheiten. Sollen wir daraus schließen, dass hier der Wunsch sich äußerte, der Zauberer möge dem Feind den Skorpion wünschen, um ihm Siechtum zu bringen Die eingravierten Buchstaben sind als griechische Unziale zu bezeichnen, wie sie im 4. Jahrhundert gebräuchlich waren. Das Zeichen C, das im Tonlaut unserem S entspricht, sowie des E sind für diesen Duktus charakteristisch. Die Benennung dieser Schrift als Unziale soll auf den heiligen Hieronymus zurückgehen, der diese «zollhohen» Buchstaben der Prachthandschriften getadelt hatte. Nicht nur Bleitafeln sind mit solchen Unzialen beschrieben worden, auch für hochgeweihte Texte kamen sie zur Anwendung. Unter solchen Texten sind die Bibelcodices Sinatticus und Vaticanus berühmt; aus Ägypten stammt eine Papyrusschrift mit Homerfragmenten. Die auf Brust und Bauch eingravierten Buchstaben sollen dem kabalistischen Zauberwort Abrasax entsprechen. Als Unterschrift ist auf der einen Platte Apocration okaineibos, auf der andern ist Proclos zu lesen. Dieser letztere Name Proclos soll in Ägypten vorgekommen sein. Man kennt zwei Vertreter der stoischen Philosophie mit diesem Namen. Mit dem Namen Apocration kennt die griechische Medizingeschichte einen Arzt in Mendes, einen andern in Alexandrien, der ein Buch verfasst hat über die medizinischen Tugenden der Tiere, Pflanzen und Gesteine.
Hat mit diesen Tafeln vielleicht ein gelehrter Gegner dieser hier genannten Ärzte und Philosophen seinem Neid und Zorn Ausdruck zu geben versucht und sich an die bösen Dämonen gewandt, dass sie seine Widersacher plagen und vernichten? Die Platte mit der Inschrift Proclos stellt noch ein anderes Rätsel. Zwischen Brust und Bauch ist eine sonderbare Zeichnung zu sehen, die ein menschliches Organ, vielleicht den Magen oder die Leber darstellt. Das Organ wird von einem Strich durchbohrt, der als eine magische Nadel gedeutet worden ist, deren durchbohrende Kraft dem Organ zum Schaden gereichen solle.

Auch heute noch üben diese alten geheimen Kräfte einer einst weit verbreiteten Magie ihre Wirkungen aus, denn es sind wenige, die aus tiefstem Herzen kommende Verwünschungen leicht hinnehmen. Auch bei Verfluchungen gilt der Spruch, ähnlich wie bei Verleumdungen: Es bleibt immer etwas hängen.

Elisabeth Keuken | «Dies bist Du»

Die Hindu haben in ihren heiligen Büchern eine immer wiederkehrende Formel: tat-twam-asi, die sie das große Wort nennen, und die in unserer Sprache so viel bedeutet, wie: «Dies bist Du» — Unsere Zeit verlangt eindrücklich danach, dass diese Sanskrit-Formel auch zum großen Wort für unsern Erdteil würde. Uns ist mit dem Eintritt ins Leben der Selbsterhaltungstrieb mitgegeben worden, der uns auf unserem ganzen Erdenwege mit den Worten begleitet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Viele Menschen kennen nichts anderes als diesen Selbsterhaltungstrieb, und er spricht nur zu deutlich aus den Zügen ihres Antlitzes. Es gibt aber Menschen, die Herz und Gemüt haben, und die keine Befriedigung darin finden, nur um ihretwillen zu leben. Sie schließen sich an andere Menschen an; die Freude anderer wird ihnen zu ihrer Freude, und das Leiden anderer wird ihnen zu ihrem Leiden. Damit beginnt für sie das Verständnis für das große Wort: «Dies bist Du.» — Der enge Kreis ihres Ichs weitet sich und geht um das «Du», und wenn er auch zuerst nur umschließt, was ihm Heb ist, so ist ihm dadurch doch der Weg geöffnet, auch das zu umschließen, was ihm zuwider ist.

Jeder wahrhaft nach Menschentum Verlangende, strebt danach, auch dem für ihn Abstoßenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er kommt so weit, dass er in den Fehlern anderer seine Fehler sieht, sich dadurch bessert und den andern vergibt. Er sagt sich immer und immer wieder: «Dies bist Du». In Gesellschaft, am „Stammtisch“, im Gespräch auf der Straße, höre ich immer wieder die Worte aussprechen: «Aber wie soll es nach diesem Jahr [2016] kommen, wenn soviel Hass und Rache – auch bei vielen Frauen – sich angesammelt haben? Es kommt noch schlimmer, als es vorher war.»
— Diese Worte verfehlen nie, mir weh zu tun. Ihre Wahrheit trifft mich. Und dennoch wird es nur so sein, wenn wir durch die Auseinandersetzungen nicht andere und bessere Menschen geworden sind. An uns liegt es, dass es nicht so wird, wenn das negative Kämpfen vorüber ist. Täglich wollen wir uns in die Leiden und Schrecken des Zankes einfühlen, täglich wollen wir uns sagen: «Wir sind auch schuld daran, dass es mit der Menschheit soweit hat kommen müssen.»
Durch unser Schuldbewusstsein werden die Worte des Hasses verstummen, und liebend werden wir aller Menschen gedenken, die leiden müssen, und in uns wächst das Streben, mitzuhelfen am Aufbau eines neuen menschenwürdigen Daseins für alle Völker. Und so darf vielleicht das Verständnis einzelner zum Verständnis aller werden und das große Wort: «Dies bist Du», von Land zu Land gehen, und es dämmert der Morgen für einen ewigen Frieden unter den Menschen. Wir wollen es glauben, und unser Glaube soll sich erweisen durch die ‚Tat.

Walter Kurt Wiemken | Am Rande des Abgrunds

1936 entstand das Bild Am Rande des Abgrunds, ein Hochformat: auf dem Plateau eines senkrecht abstürzenden Felsmassivs stehen einige Häuser; dann ist da ein Messeplatz mit sich tummelnden Leuten; ein Seil ist bis zum rechten Bildrand gespannt; daran hängen zwei akrobatisch waghalsige Figuren; im Hintergrund Gewitterwolken oder Explosionsreste; im Vordergrund eine Stierkampfszene, menschliche Leichenhaufen, Aasvögel und Friedensengel, eine nackte Mutter mit Kind an der Brust, hinter ihr ein Skelett, das die Frau umfängt, und rundum ein Seil mit wippenden Clowns, tänzerisch. Engelchen. Ein weiterer Artist wird von einem Skelett von hinten angefallen. Zentraler Vorgang ist der Stierkampf, die künstlerische Konsequenz aus Wiemkens Beschäftigung mit Spaniens Bürgerkrieg. Aus der Stierkampfszene ist mühelos die Figur des Don Quijote herauszulösen, der negative Held, der fanatische Narr; die Manifestation einer immensen, immer wiederholbaren Vergeblichkeit, die Überwindung des Absurden; und indem dies unternommen wird, erscheint das Absurde erst wesentlich und in seinen spezifischen Aspekten.

Walter Kurt Wiemken wurde 1907 in Basel geboren. Die erste Ausbildung er folgte in der Basler Gewerbeschule. Mit zwanzig Jahren ging er nach München, wo er an der Kunstgewerbeschule bei Ehmke und Klein seine Studien fortsetzte. Anschließend, 1927, reiste er mit seinem Freund Otto Abt nach Paris. In diese Zeit fiel auch sein Aufenthalt in Collioure, Südfrankreich, wohin er in den folgenden Jahren mit geradezu pedantischer Regelmäßigkeit fuhr.
1930 wurde ein zweiter Pariser Aufenthalt möglich, den er mit Walter Bodmer malend verbrachte. Die Stationen der nächsten Jahre waren Basel, Collioure, Spanien, Tessin, Jugoslawien, Belgien. 1940 reiste er wiederum in das Tessin, wo er im Dezember bei Castel San Pietro in eine Schlucht stürzte; drei Wochen danach fand man seine Leiche. Wiemken ist in Basel begraben.

Wiemken war berühmt, aber unbekannt. Eine Randfigur? Nein. Er ist eine zentrale Erscheinung in der modernen Malerei, so zumindest mein Eindruck.
Er begann konventionell zu malen: impressionistische Skizzen, mediterrane Landschaften, Stilleben. Sein Studium der Expressionisten beeinflusste dann vor allem seine Methode. Nach und nach setzte er sich, stilistisch, von diesen Tendenzen ab; er verselbständigte sich, formal und geistig. Die Isolierung, die er seinen Figuren auferlegte, setzte für ihn in diesen Jahren ein. Er malte den sinnlichen Traum der Agonie. Einmal noch wird eine rückläufige Tendenz spürbar, um 1930: da entstanden einige Corotähnliche Bilder, Suiten von sanfter Heiterkeit, aber dunkel und ohne sentimentale Leidenschaft. Eine Folge seiner Auseinandersetzung mit Picasso waren einige Zeichnungen, einige Bilder, Clowns vor allem, die aber, im Gegensatz zu Picasso, mit definitiver Energie die Farce der Ausweglosigkeit demonstrieren; keine brave, rührende Attrappe. Der Clown Wiemkens ist Kafkas Türhüter, die unabwendbare Figur, halb Wirklichkeit, halb Transzendenz, ein surrealistisches Attribut in komplizierten Landschaften. Wiemkens Zuwendung zum Surrealismus war kein Bekenntnis; die Methode faszinierte ihn, er malte seine subtilen Todesgelände. Das Instrumentarium des Todes nahm überhand: Särge, Kränze, Totenschädel, Gruftwächter, Begräbnisse, Totenzimmer, Kreuze, Friedhöfe. Ein saturnisches Mobiliar für grenzenlose Erfindungen. Wiemken hat Hieronymus Bosch genau studiert. Automatisierte Mechanismen und technische Konstrukteure sind Haupterscheinungen in seinen surrealistischen Bildern, und unvermutet bricht idyllisch die Landschaft durch mit Skeletten, die unter schneebedeckten Felsen stehen, beispielsweise, oder die in Häuser treten und durch schwarze Straßen gehen. Die Träume Wiemkens, seine Wirklichkeiten, sind die Manifeste des Untergangs.
Wiemkens Tod im Dezember 1940 im Tessin, der, als Vorgang, Mutmaßung bleiben wird, war, scheint mir, der legitime Vollzug seiner Kunst. Seine Größe war seine Tragik. Dieser Schweizer hat in der Malerei saturnische Gelände erprobt und Möglichkeiten des Untergangs geschaffen. Wiemken ist bei allen surrealistischen Verfremdungen konkret und direkt; seine Perfektion des Untergangs ist, genau betrachtet, eine Infamie. Wiemkens Hauptepoche war surrealistisch; indem er nicht als Epigone eines der bedeutenden Surrealisten auftrat, sondern seine eigenen motivischen, methodischen und technischen Erfindungen vorführte, wurde er zum Monolith, und dies noch entschiedener, wenn man eine Typologie aus seinen Bildern heraus zusammenstellt: die Szenerien werden beherrscht von Totenschädeln, Skeletten, symbiotischen Figuren aus Totenschädeln und noch intakten Körpern, Sphinxgestalten, deren Funktion gestört ist, wenn beispielsweise in den Rumpf einer Sphinx Böcklins Toteninsel hineinmontiert wird; die Clowns und Harlekine, Wiemkens Clown als Metapher für das imponderable Nichts; die Generäle, die ihrerseits eine gewisse Ähnlichkeit mit Max Ernsts collagierten Ordenfiguren aufweisen, aber nicht als conditio sine qua non; Wiemkens Generäle sind die Prototypen für den künstlichen, herstellbaren Untergang. Wiemkens Malerei ist nicht symbol-, sondern metaphernreich; ich sehe direkte Bezüge zu institutionellen Vorgängen, zu Situationen; die divergenten Montagen sind, motivisch, verarbeitete Zeitungsmeldungen über die Zerstörung einer Stadt, zum Beispiel; seine Erfindung der Divergenz ist kein psychoanalytisches Resultat, sein Trauma von der Zerstörbarkeit existentieller Zustände war intensiv genug, dass er Definitivem nicht ausweichen musste, auch seinem eigenen Tod nicht; der Tod als Kalkül, abstrakt und konkret, intellektuell und sinnlich, die unabwendbare Schau, die These vom unablässigen Untergang, sein Manifest, und darüber hinaus: finis mortis.
Wiemkens Beschäftigung mit dem defekten Leben, das in unendlichen Variationen und Kombinationen vorgeführt wird, kann weitgehend vom Biographischen hergeleitet werden: in frühen Jahren hatte er Kinderlähmung. Seine Jugend war von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägt. Die Elemente in seinen großen Bildern weisen deutlich daraufhin. In den dreißiger Jahren war es der Spanische Bürgerkrieg, der Wiemken verfolgte und der ihn bewegte; seine Todes-Empfindlichkeit, seine präzise Vorstellung vom herstellbaren Untergang erfuhr in diesen Jahren eine definitive Kontur. Einmal in Paris wohnte er mit seinem Freund Abt in einer Pension, deren Figuren zu Leitbildern wurden, zu Modellen, ihr lemurenhaftes Verhalten zur allgemeinen Geste des untergehenden Menschen. Diese Pension nannte Wiemken das Sarghaus, wie Abt mitteilt. Und dies waren die Figuren, die er hier traf: einen Pykniker, fett und aufgeschwemmt; in ihm sah Wiemken einen Sklavenhändler. Eine Romanschriftstellerin aus Amerika, lang und dürr, ein gefräßiges Insekt; Wiemken vermutete in diesem skelettähnlichen Wesen eine grasgrüne Harfenseele. Ergänzt wurde diese Gesellschaft durch einen Kriegskrüppel: vollkommen zertrümmertes Gesicht, ohne Nase, auch die Ohren fehlten, mit sanftem Blick, und Wiemken stellte sich vor, wie dem Mann zumute sein müsse, wenn er jeden Morgen in den Spiegel schaute, die grässliche Wiederholung, der nicht auszuweichen ist, der Schock darüber, leben zu müssen, und das Entsetzen vor dieser Wiederholung, vor dem Wissen, plötzlich, dass das Leben weitergeht, unverändert, barbarisch, eine Tortur. Die Eindrücke, die Wiemken in diesem Haus, dem Sarghaus, gewonnen hatte, waren für seine Kunst im Folgenden entscheidend ; das war 1927.

Ein anderes Ereignis, das sein Freund Walter Bodmer überliefert hat, war ein Begräbnis, folgendermaßen : es war im Frühjahr 1930, als Wiemken mit Bodmer in Villeneuve-St-Georges, einem Vorort auf der Strecke Paris-Fontainebleau, wohnte und malte. Gegenüber dem kleinen Hotel war eine Metzgerei, der Besitzer ein rotgesichtiger, aufgeschwemmter, aber nicht unsympathischer Kerl. In der Nähe lebte ein etwa zehnjähriges Mädchen, lebhaft, hübsch und in seinem Habitus aussergewohnlich. Die Vorgänge, vom Hotelfenster aus zu beobachten, faszinierten Wiemken, die Gegensätze, die kontinuierliche Bewegung in der Straße, das improvisierte Leben, alles war variationenreich und nuanciert.
Das kleine Mädchen, das wesentlich zum Bild gehörte, wurde an einem Sonntag von einem Auto überfahren; es war tot. Tage später saßen Wiemken und Bodmer im Bistro des Hotels, frühstückend. Der Metzger gegenüber zerhackte Knochen und Fleischstücke, sonst war nichts zu hören; eine auffallende Stille. Es war der Tag der Beerdigung des verunglückten Mädchens. Als die beiden dann auf die Straße traten, kam unvermutet der Leichenzug, feierlich schwarz, die Eltern schienen verzweifelt, die übrigen Leute allgemein trauernd. Der Metzger unterbrach seine Arbeit, kam mit blutiger Schürze vor seinen Laden.
Dieses plötzliche Bild beeindruckte Wiemken stark, ein radikaler Gegensatz. Und was ihn noch mehr beschäftigte, war dies: die Leute, die dem Sarg folgten, waren, wie gesagt, von Trauer erfüllt; scheinbar. Je weiter sie aber vom Sargwagen entfernt gingen, desto geringer war die Trauer; sie schlug in Heiterkeit um, die Leute unterhielten sich eifrig über Belanglosigkeiten. Diese Vorgänge machten Wiemken zu schaffen. Seine Absicht, simultanes Geschehen als Komplex von Gegensätzen, Widersprüchen und grotesken Zufällen darzustellen, wurde akut; er befasste sich fortan intensiv mit diesen thematischen Möglichkeiten.
Wiemken forderte sich selber heraus und scheiterte an seiner Realität, die er in seinen Bildern mit zurückhaltender Vehemenz immer wieder verfremdet und verändert hat. Für ihn war Kunst eine Maßnahme.

Stundenbuch | Zur Wiedervorlage

Unbenannt20x60kissen. bützen.
farbrausch
einfach
klar, kalt, köstlich
laufen. die schuhe quietschen
apfelblüten
tagträumen
espressologisch
rauf, runter, lauter, lauter.

mut. fehlerhaft
sehnsucht
tiefenrausch
lachs, kokosmilch & spinat
atem atmen
irgend.wohin
zitterst du?
ein wir?
beat und glück
die grasharfe spielen oder doch lieber lesen
nasenreisen
blaue melancholie

bass, beton, baustellen.
weiterweiter
lachen
odysee im weltraum.
lippen
schweigen

auszeit, gleitzeit
fühlenriechenschmecken
strange place for snow
grundlos sinnvoll

hoch, tief, flach, voll.
komm rüber
imperativ
weich, weiß, warm.
bugge wesseltoft: flimmer.
stark.strom
schwach.strom

konjuntive entscheidungen
denken, bis zum Schwindel
fallen, fangen, nah
sekundenglück sekunden glück
ja
geben, nehmen, nah.
regen. riechen.

stark genug, um schwach zu sein.
augen zu.
neu.gier
fehlerhaft. standing

Unbenannt20x60

Alasdair Gray | Kleine Disteln

kleine_distelm„Knappe Geschichten“, so lautet der lapidare Untertitel von KLEINE DISTELN, das in der Reihe „Text und Portrait“ im Aufbau-Verlag erschienen ist. Und es scheint so, als wären seine Geschichten weniger skandalträchtig als es sein Roman „Janine 1982“ gewesen war, der wegen der beschriebenen sexuellen Ausschweifungen für Wirbel gesorgt hat.
Diesmal geht es ruhiger zu, nicht jedoch langweiliger. Die Geschichten, die in diesem Band versammelt sind, lassen sich weder miteinander vergleichen noch gehören sie zusammen. Die erste ist ein Bericht, den er für den Stiftungsrat der Bellahouston-Stiftung verfasste, um über sein Reisestipendium Rechenschaft abzulegen. Es ist wunderschön zu lesen, mitzuerleben, wie Gray seine Reise angetreten hat und bereits nach einigen Kilometern von Heimweh nach seinem geliebten Glasgow geplagt wurde und sich trotzdem tapfer bis zum Zielort Gibraltar durchgeschlagen hat. In weiteren Stories berichtet er von seinen kauzigen und skurrilen Landsleuten, von erschlagenen Katzen, der Sozialistischen Republik Schottland und ewigen Nörglern. Sein Meisterstück in diesem Band ist jedoch die Vollendung eines Textfragments von Robert Louis Stevenson, dem Autor der Schatzinsel, wobei er sich allerdings herausnimmt immer mehrere Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen.
Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die, die den Buchtitel hergibt: Kleine Disteln.
Schade ist eigentlich nur, dass es diesmal keine Illustrationen von Gray zu seinen Geschichten gibt. Ein schwacher Trost ist der Fototeil am Ende des Buches, dessen Hauptmotiv der Autor ist. Fotografin ist Renate von Mangoldt.

Gray ist Schotte. Mit Leib und Seele. Seine Romane und Geschichten berichten immer von seiner Heimat oder den eigentümlichen Schicksalen, die seine Landsleute durchleben. Dabei ist er alles andere als ein Wald-und-Wiesen-Autor. Was ihn auszeichnet ist die blühende, übersprudelnde und zuweilen auch obszöne Phantasie, die in seine Bücher einfließt. Obwohl er in seiner Heimat bereits seit Jahren ein bekannter und gern gelesener Autor ist und von der Kritik gebauchpinselt wird, gelingt es ihm in Deutschland erst langsam, sich einen Namen zu machen. Die „offizielle“ hiesige Buckritik geht Gray eher aus dem Weg. Warum auch immer. Seine Bücher sind seit Jahren ins Deutsche übersetzt und werden von einem wachsenden Leserkreis gekauft. Alasdair Gray hat sich inzwischen den Status eines öffentlichen Geheimtipps erarbeitet.

***

Alasdair Gray, geboren 1934 in Glasgow, studierte an der dortigen Kunsthochschule Malerei. Gray lebt und arbeitet als Graphiker, Maler, Verleger und Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Zum Schreiben kam er erst, als er bereits über vierzig Jahre alt war. Gray ist bekennender Sozialist und bekanntester Vertreter der Welle neuer schottischer Autoren, die seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Seine Heimatstadt Glasgow bildet die Kulisse für seine ersten beiden Romane „Lanark“ und „1982, Janine“. Beides sind großangelegte, schelmenhafte Erzählungen, in denen die Kritiker die Weitschweifigkeit eines Lawrence Sterne und den Eklektizismus eines James Joyce sahen. Der Observer sprach „Lanark“ alle Zutaten eines Kultbuchs zu und die Washington Post schrieb zu „Zehnmal Lug und Trug“: „Schnappen sie sich im Buchgeschäft den Stapel dieses Buches. Lassen Sie alle in Geschenkpapier einschlagen, bis auf Ihr eigenes Exemplar – und bringen Sie die als Gastgeschenk zu Dinnerparties etc. mit – statt dieser öden Flasche Wein, die ja doch nie getrunken, sondern immer von Dinnerparty zu Dinnerparty herumgereicht wird.“

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Alasdair Gray
Kleine Disteln | Knappe Geschichten
Taschenbuch – 1996
Aufbau Verlag
ASIN: B00OAM07HK
Nur noch im antiquarisch erhältlich

Foto mit freundlicher Genehmigung von Davide Petrelli

Robert Fludd | Seine Vision der Weltschöpfung

«Microcosmi Historia» (1619) des englischen Arztes Robert Fludd (1574—1637).

Fiat
Fiat | Es werde!

Die mächtige Vision der Weltschöpfung:  Gott spricht das FIAT, das «Es werde!», und sein Geist, in einer Taube symbolisiert, umschließt aus dem Nichtsein das Sein.

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Robert Fludd | Von geistigen Fähigkeiten.

Dieses Bild zeigt eine klare Übersicht all der seelischen Vermögen im Mikrokosmos Mensch, eine Art spekulativer Lokalisationstheorie des Gehirnes. Der mundus sensibilis betrifft die äußeren Sinne, der mundus imagibilis die Wesensdeutung des Irdischen, während der mundus intellectualis die göttliche Ordnung des Seins umfasst.

Robert Fludd, ein weitgereister Mann, war stark von Nicolaus von Cusa und Paracelsus beeinflusst, deren theosophische Sichtweisen er mit den wissenschaftlichen Mitteln seiner Zeit neu aufgreift. Auch er lehrt, dass die Welt die Entfaltung Gottes ist, nähert sich damit pantheistischem Denken. Im Menschen – als der kleinen Welt – wird die große sich ihrer bewusst und erst eigentlich vollendet. Seine naturwissenschaftlich eher brüchigen Thesen wurden von Gassendi, Kepler und Mersenne bekämpft. Fludds Versuche, innere Ansichten bildlich wiederzugeben, faszinieren bis heute.

Lyrik | Georg Trakl In einem verlassenen Zimmer

Fenster, bunte Blumenbeeten,
eine Orgel spielt herein.
Schatten tanzen an Tapeten,
Wunderlich ein toller Reihn.

Lichterloh die Büsche wehen
Und ein Schwarm von Mücken schwingt
Fern im Acker Sensen mähen
Und ein altes Wasser singt.

Wessen Atem kommt mich kosen?
Schwalben irre Zeichen ziehn.
Leise fließt im Grenzenlosen
Dort das goldne Waldland hin.

Flammen flackern in den Beeten.
Wirr verzuckt der tolle Reihn
An den gelblichen Tapeten.
Jemand schaut zur Tür herein.

Weihrauch duftet süß und Birne
Und es dämmern Glas und Truh.
Langsam beugt die heiße Stirne
Sich den weißen Sternen zu.

Georg Trakl
Georg Trakl

Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der annähernd gleichzeitigen Strömungen der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist aber nicht möglich.

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Lyrik | Paul Klee Unendlicher Funken

O laß den unendlichen Funken
nicht ganz ersticken im Maß des Gesetzes.
Sieh dich vor!
Doch entferne dich auch nicht ganz von dieser Welt.
Denke dir, du wärest gestorben:
nach langen Jahren des Fernseins
wird dir ein einziger Blick
erdenwärts ermöglicht.

Du siehst eine Laterne stehen
und einen alten Hund, der sein Bein hebt.
Schluchzen mußt du da vor Ergriffenheit.
[1905]

Das Tattoo seines Herrn auf der Brust

Das sowohl glücklich als auch tragische Leben des Bayernkönigs Ludwig II. erscheint wie ein romantisches Märchen aus einer nicht mehr greífbaren Vorzeit. Wenn man die prunkvollen Schlösser Neuschwanstein oder Herrenchiemsee besucht, erinnert man sich, dass sie auf Befehl des künstlerisch begabten Monarchen erbaut wurden. Wenn man eine Wagner-Oper hört, denkt man an die Freund-
schaft zwischen dem Komponisten und Ludwig II. Aber sonst bedarf es schon anderer Hilfsmittel – eines Romans bzw. Films – wenn jene versunkene Epoche wieder lebendig werden soll.

Fritz Schwgler | Vorreiter Ludwig des II.

Das obige Bild zeigt Friedrich Joseph Schwegler, geboren August 1866. Mit 63 Mark Rente verbrachte er seinen Lebensabend im Dorf Seeshaupt am Starnberger See. Schwegler war Vorreiter im königlichen Hofstaat.

Zu Zeiten König Ludwig II. war es üblich, dass die in königlichen Diensten stehenden Männer ihre Treue zum angestammten Herrscherhaus durch eine Tätowierung bezeugten. Der ständig Pfeife schmauchende Senior zeigte jedem, der ihn in seiner Kammer besuchte, mit Vergnügen und Stolz das eintätowierte Konterfei seines Königs auf der Brust.

Auf die Frage nach der Krankheit des Königs soll er mal geantwortet haben: „Na ja, g’spinnt hat‘ er scho‘. Aber heut‘ gibt’s no mehr, de spinnen …«

Erich Ruhl | Kein Netz. Nur Boden.

Kein Netz. Nur Boden. | Vom Wandern in der Rhön

Königlich die Sonne
Blinzelnd oben in den Baumkronen
Herrlich konkret
Die Seele erwärmt

Fraulich zieht
Die Natur
Sinnlich am Körper
Über Stock und Stein

Kein Netz hier oben
Besinnlich undigital
Kein Netz
Nur Boden

Jeder Schritt
Heimkehr
Resonanz mit sich selbst
Bewusstsein durch Tun

Achtsamkeit
Schafft Freiheit
Und Sicherheit
Der Planet trägt mich

© Erich Ruhl-Bady – August 2016
www.ruhl-erich.de | Gedichte statt Blog

AUDIO:

Und auf audiyou.

 

Lyrik | Conrad Ferdinand Meyer – Die Füße im Feuer

Conrad Ferdinand Meyer | Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
– »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …

Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.
– »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.« –
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergiesst er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.
Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.«

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Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887
Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887

Conrad Ferdinand Meyer (* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) war ein Schweizer Dichter des Realismus, der (insbesondere historische) Novellen, Romane und Lyrik geschaffen hat.
Er entstammt einer Patrizierfamilie. Die Mutter beging Selbstmord. Meyer studierte Geschichte, Philologie und Malerei. Unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 entschied er sich für die deutsche Sprache zum Schreiben. Meyer kam wegen einer Geisteskrankheit 1852 und 1892 in eine Nervenheilanstalt. Er starb 1898 in Kilchberg.