Kategorie: Welt im Wort Entdecken

Die Kultur der Reparatur – Wolfgang M. Heckl – Rezension von Bettina Schnerr

Cover: Die Kultur der Reparatur - Wolfgang M. HecklKurzbeschreibung
Kaum ist die Garantie abgelaufen, gehen unsere Geräte kaputt. Das Display des mp3-Players spinnt, der Laptop überhitzt und schaltet ab. Doch wir können der Wegwerfgesellschaft entkommen: Indem wir wieder reparieren lernen. Das schont nicht nur die Ressourcen des Planeten, es macht auch Spaß! Überall in Deutschland gibt es Repair-Cafés, in denen Menschen gemeinsan an alten Plattenspielern schrauben und aus Secondhandklamotten Designermode machen. Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums in München, setzt sich an die Spitze der Do-it-Yourself-Bewegung. Er lehrt uns die Dinge um uns herum wieder wertzuschätzen – und zeigt uns den Weg zu mehr Autonomie von der Industrie.

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Cat antwortet: „Just friends“- geht das gut?

In Hollywoodfilmen geht sie nie gut, die einfache Freundschaft zwischen Männern und Frauen. Doch wie ist das eigentlich im „normalen“ Leben? Funktioniert Freundschaft zwischen den Geschlechtern so ganz ohne sexuelle Zwischentöne? In dieser „Cat’s Couch“- Ausgabe gibt es eine Reihe gedanklicher Ansätze, wie es gehen kann.

Es gibt bereits seit der Antike verschiedenste Arten erotisch motivierter und nicht-erotischer Liebe. Eine davon ist philia, eine Form freundschaftlicher Bindung, die ohne sexuelle Anziehung auskommen soll, ebenso wie die familiäre Liebe und das Prinzip der Nächstenliebe. In der Antike galt die philia allerdings immer als Freundschaft unter Männern (das, was man heute als „beste Kumpel“ bezeichnen würde) und Frauen waren aus diesem Konzept von vornherein ausgeschlossen. In Hollywood funktioniert das übrigens auch (fast) nie. Auch im „echten Leben“ birgt eine nicht sexuell motivierte Freundschaft zwischen den Geschlechtern – und bei Menschen mit bi- und homosexueller Orientierung auch manch gleichgeschlechtliche Bindung – den einen oder anderen Fallstrick. Was einen zur aktuellen Leserfrage bringt.

Ricarda fragt: Warum sind Freundschaften zwischen Männern und Frauen eigentlich immer so schwierig?Weiterlesen

Rocko Schamoni • Fünf Löcher im Himmel • Piper Verlag

Rocko Schamoni - Fünf Löcher im Himmel - Piper Verlag
Rocko Schamoni – Fünf Löcher im Himmel – Piper Verlag

Als Paul sich damals gleichzeitig in Katharina Himmelfahrt und seine Lehrerin Frau Zucker verliebte, schien alles in die richtige Richtung zu gehen. Jetzt sitzt er in einem Datsun 240Z, auf der Flucht von einem Ausbruch, und fragt sich, wie das alles kommen konnte.
Alles fängt damit an, dass für Paul Zech das Leben aufhört. Nach einer ordentlichen Pechsträhne landet seine bürgerliche Existenz auf dem Müll, und Paul zieht los in die norddeutsche Tiefebene. Im Gepäck hat er nur sein altes Tagebuch. Während er den melancholischen Kneipier „Pocke“ kennenlernt und von ihm einen alten Sportwagen geliehen bekommt, liest Paul im Tagebuch von seiner großen Liebe Katharina Himmelfahrt. Sie war das Mädchen, in das er sich bei den Proben des Schultheaters zu den „Leiden des jungen Werther“ verliebte.
Doch mit einer dramatischen Eifersuchtsgeschichte unter den Akteuren bricht das Tagebuch ab. Nach einer Spritztour durch Dänemark kehrt Paul nach Norddeutschland zurück; meldet sich bei Katharina, um Licht ins Dunkel seiner frühen Jahre zu bringen.

Rocko Schamoni ist in Schleswig Holstein zur Welt gekommen, arbeitet für Theater, Film und Fernsehen. Er tourt regelmäßig durch die Republik und hat eine eingeschworene Fangemeinde als Musiker, Autor, Humorist und Schauspieler. Die Termine zur seiner „Fünf Löcher im Himmel“- Lesetour finden Sie auf seiner Website.

Warm und kalt aus einem Mund – Märchen aus dem Unterinntal

Es war einmal ein Mann, der schlug tief im Wald Holz. Zu diesem kam ein Waldmännlein, das gar freundlich zu ihm sprach. Es war aber sehr kalt, denn es war mitten im Winter, und den Mann, der Holz hackte, fror es sehr an seinen Händen. Oft legte er die Axt beiseite und hauchte in die hohlen Hände, um sie dadurch zu erwärmen. 
Das Waldmännlein sah dies und fragte ihn, was das zu bedeuten habe. Der Holzschläger erklärte ihm, dass er durch den Hauch seines Mundes seine erfrorenen Hände erwärmen wolle; das Männlein glaubte es und war mit der Antwort zufrieden.Weiterlesen

Die Münze im Brunnen – Ein absurdes Märchen – Menschen mit Handicap

…und in seiner Verzweiflung warf er seine letzte Münze in den Brunnen. Das Wasser kam in Bewegung, verfärbte sich und formte sich zu einem Wesen, welches ihn mit seinen kleinen und mit langen Wimpern umrahmten Augen fragend ansah.
Nun war er nicht nur verzweifelt, sondern auch hilflos. Hatte er nicht um eine milde Gabe gebeten, damit er seiner Angebeteten den erwünschten Diamantring schenken konnte?! 

Münze im Brunnen
Münze im Brunnen

Seine Mutter schwor auf die Macht der „Münze im Brunnen“. Ihr hatte diese damals seinen „Vater“ beschert. Welcher zwar nicht sein richtiger war aber immerhin blieb Mutters Bettseite nicht vom Sohnemann belegt. ER konnte nun wirklich nicht ewig neben ihr liegen. Zumindest nicht, nachdem er regelmäßig sein „Morgengewächs“ bekam. Das war ihm peinlich.Weiterlesen

Cat antwortet: Das nicht ganz so stille Örtchen

Hin und wieder flattert doch mal eine Leserfrage bei mir rein, hier oder über Facebook. Weiter so – und gerne mehr davon! In diesem Blogbeitrag geht es um eine Frage, die sich vermutlich viele Männer schon so oder so ähnlich gestellt haben …

Maiko fragt: Wie kommt es eigentlich, dass so viele Frauen mindestens zu zweit auf die Toilette gehen?

Hallo Maiko,

die Frage habe ich mir tatsächlich schon öfter selbst gestellt, wenn ich mit einer gemischten oder einer Mädelsclique unterwegs war. Genau, wie viele Frauen gerne mal im Rudel zu den Waschräumen pilgern, um dem Gott des Badporzellans zu huldigen, gibt es eben genau so viele, die das nicht oder ungerne tun. Ich gehöre normalerweise eher zur zweiten Sorte. Aber wenn mich eine Freundin erster Sorte fragt: „Kommst du mit aufs Klo?“, komme ich dann doch oft mit – und wenn nur, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich denke mir dann, sie wird schon ihre Gründe haben, und meist haben wir Mädels die auch. Sogar ganz schön viele und überraschend pragmatische.

  1. Alleine in der ellenlangen Kloschlange in der Disco, der Kneipe oder auf einem Festival stehen, ist einfach viel zu langweilig!

Dass die Schlange vor dem Damenklo gerne mal „etwas“ länger ist als die bei den Männern, ist eine Tatsache und eigentlich überall beobachtbar, wo es öffentliche Toiletten gibt. Wenn man also niemanden Bekanntes hinter oder vor sich in der „längsten Schlange der Welt“ (siehe mit Augenzwinkern auch dieses Video …) hat, kann das zu einem Unwohlsein und auch zu erheblicher Langeweile führen. Und ja, eine halbe Stunde und länger anstehen ist keine Seltenheit bei manchen Locations!

  1. Man muss später eh ewig anstehen, dann kann man ja jetzt schon gehen …

Gleiche Situation, ähnliches Tatmotiv. Die Erfahrung auf größeren öffentlichen Veranstaltungen lehrt uns eben, dass es, wenn man dann wirklich dringend muss, schon fast zu spät sein kann!

  1. Unter Mädels“ lassen sich gut Waren und Infos austauschen.

Nein, keine Drogen und auch keine vertraulichen Informationen aus der Weltpolitik oder von der NSA. Sondern solche basalen Dinge wie eine Haarbürste (mit der man ungerne direkt neben seinem Drink rumfuchtelt), Tampons (nein, definitiv kein Thema für eine gemischte Runde … ), oder den Namen des Typen an der Bar, der gerade so frech und sexy rübergelächelt hat …

  1. Peinliche oder anderweitig befremdliche Szenen lassen sich so verbergen.

Die Damentoilette ist ein intimer Schutzraum für Frauen, denen in irgendeiner Weise eine peinliche, zwiespältige oder anderweitig unangenehme Situation droht. Dort passieren die Dinge, die im Rest des Clubs oder der Partyräume nie jemand zu sehen bekommen soll. Es wird sich ausgekotzt (verbal über den Ex-Freund oder auch ähm … im wörtlichen Sinn), geheult wie ein Schlosshund und dann wieder getröstet. Frauen fetzen sich aus Eifersucht, werfen sich die schlimmsten Dinge an den Kopf, oder vertragen sich emotions- und tränenreich nach einem vorherigen Wortgefecht. Frei nach der Devise: Ein Raum der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten … Böse Zungen könnten auch behaupten: Der Club ist ein Irrenhaus, und das Damenklo die Zentrale.

  1. Der gemeinsame Klogang ist ein soziales Ritual.

Die Waschräume sind eigentlich, alles in allem, viel mehr als ein reiner Nebenschauplatz. Sie sind ein Ort des sozialen Austausches, der Solidarisierung oder kleinerer Catfights. Sitzt ein Mädchen vor Liebeskummer heulend am Boden, wird sicher ein großer Teil der Kloschlange hilfreich mit Trost, Aufmunterung und Taschentüchern zu Hilfe springen. Nicht zu vergessen, das gemeinsame Schimpfen über unsensible Ex-Lover, Aufreißer und alle Gefühlslegastheniker dieser Welt. Auf der Toilette und im Vorraum gehört es auch zum guten Ton, schwesterlich Mascaras und Haarspraydosen auszutauschen, sich ehrliche Komplimente über Outfit und Styling zu geben oder einfach zu sagen. „Dein Lippenstift ist verschmiert“ oder: „Dein Schild hängt aus der Hose.“ Hier können Frauen auch das tun, was aus Korrektheit „draußen“ nie tun würden – zum Beispiel laut über die Neue des eigenen Ex lästern. Steht genau die zufällig auch in der Schlange, gibt es einen kleinen Catfight, mit oder ohne Einigung – ein bisschen Schwund ist eben immer.

Ich hoffe, deine Frage damit – wenn auch mit kleinem Augenzwinkern – ausreichend beantwortet zu haben und freue mich auf weitere spannende Leserfragen!

Christian Morgenstern – KM 21

Ein Rabe saß auf einem Meilenstein
und rief Ka-em-zwei-ein, Ka-em-zwei-ein …
Der Werhund lief vorbei, im Maul ein Bein,
der Rabe rief Ka-em-zwei-ein, zwei-ein.
Vorüber zottelte das Zapfenschwein,
der Rabe rief und rief Ka-em-zwei-ein.
»Er ist besessen!« — kam man überein.
«Man führe ihn hinweg von diesem Stein!«
Zwei Hasen brachten ihn zum Kräuterdachs.
Sein Hirn war ganz verstört und weich wie Wachs.
Noch sterbend rief er (denn er starb dort) sein
Ka-em-zwei-ein, Ka-em, Ka-em-zwei-ein.

 

KEINER IST MIT SEINEM LOS ZUFRIEDEN – Bulgarisches Volksmärchen

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Esel, mit denen er sich sein Brot verdiente. Doch in einem harten Winter, als es kein Futter für die Tiere gab, musste er die Esel verkaufen. Den einen erstand ein Reicher und der andere kam zu einem Steinbrecher. So trennte das Schicksal die beiden Gefährten, die bis dahin unter einem Dach gelebt und alle Not miteinander geteilt hatten.
Eines Tages begegneten die Esel einander auf dem Markt und begrüßten sich lauthals. „I-a, i-a!“ schrie der Esel des Steinbrechers. „Wie geht es dir? Was hast du getrieben, seit uns der Bauer verkauft hat?“ Weiterlesen

Leseprobe „Die verrückten 70er“ von Kerstin Müller – Teil 2 von 2

„Die verrückten 70er“ – Leben im Arbeiter und Bauernstaat zwischen 1970 und 1980 von Kerstin Müller

Zu Teil 1

In der Wohnung über uns im 3. Stock thronte das Vermieterehepaar Gisela und Otto Nebel. Frau Nebel hielt ihre Mieter durch eiserne Unnahbarkeit auf Distanz. Ihr Lächeln beim Grüßen wirkte erzwungen. Mit den kostbaren Pelzen, die heutzutage Greenpeace-Aktivisten auf den Plan rufen würden, stellte sie deutlich klar in welcher privilegierten Position sie sich uns gegenüber befand. Otto Nebel hatte nicht viel zu melden.  Sie war die Erbin einer der letzten großen Dynastien in Sachsen. Ihren Eltern gehörten früher Unmengen von Häusern die nach und nach durch das kommunistische System enteignet wurden.  Dieses Haus war das letzte private Mietshaus was ihnen blieb um letztendlich, Anfang der 1970er, auch noch verstaatlicht zu werden. Sie blieben aber für uns das Vermieter-Ehepaar.Weiterlesen

Leseprobe „Die verrückten 70er“ von Kerstin Müller – Teil 1 von 2

„Die verrückten 70er“ – Leben im Arbeiter und Bauernstaat zwischen 1970 und 1980 von Kerstin Müller

Karl-Marx-Stadt, Elisenstraße, 70er Jahre. 
Meine Eltern und ich bewohnten eine kleine Zweiraumwohnung in der Elisenstraße. Das Haus wirkte schon mit seiner maroden Außenfassade auf Mieter und Besucher bedrückend. An fast allen Mauerstellen nagte der Zerfall. Ständig lösten sich kleine Putzpartikel, die unaufhörlich auf dem Bürgersteig rieselten. So wurde dann allmählich immer mehr Ziegelwand sichtbar. Das große massive hölzerne Eingangstor schien der Einzige feste Halt dieser grauen Tristesse zu sein. Im Hausflur wurde man erst einmal von einem ekelerregenden Gestank begrüßt der von den zwei kleinen Holzbottichen für Essensabfälle herrührte. Auch die darauf befindlichen Deckel konnten den Geruch der Fäulnis nicht aufhalten. In den Sommermonaten war es ganz besonders schlimm, weil dann ganze Scharen von Fliegen und Mücken um die Bottiche schwirrten. Hatte man diese Hürde überwunden befand man sich im Treppenhaus. Auch hier, nicht anders als draußen, bemerkte man wieder sofort den fortschreitenden Zerfall. Seit Anfang der 60er Jahre ist hier nicht viel gemacht worden. Man konnte aber noch eine gewisse Farbgestaltung alter Zeiten erahnen.  Weiterlesen

Cat’s Couch: Strangers in the night

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Hin und wieder wundert ihr euch sicher über uns, liebe Männer. Oder ihr fühlt euch gar missverstanden oder zu Unrecht einer Sache beschuldigt, die ihr gar nicht erst im Sinn hattet. Zum Beispiel, wenn ihr in den späten Abendstunden durch eine Straße geht, nicht die nächste Bushaltestelle findet, geschweige denn die Abfahrtszeiten wisst. Nicht mal die genaue Uhrzeit kennt ihr gerade, und das alles zusammen ist ein echtes Problem. Ihr müsst nämlich dringend den nächsten Bus bekommen, könnt aber nichts auf dem Smartphone nachschauen, weil der Akku selbst zum Piepen zu leer ist. Sowas nennt man dann wohl ein Dilemma – oder eine „Junger Mann in Nöten“-Situation. Da kommt euch eine junge Frau mit einem Rollkoffer entgegen, die recht zielstrebig in eure Richtung geht. „Die könnte ich fragen“, denkt ihr vielleicht und sprecht sie mit einem freundlichen „Hallo“ oder „Entschuldigung“ an. 

Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend - Illustration: !so?
Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend – Illustration: !so?

Zu eurer Irritation hat die junge Dame aber gar keine Lust, euch als edle Ritterin den Weg zu weisen oder euch nur Stunde und Minute zu nennen, und schaut euch mit einem Blick tiefsten Misstrauens an. Ja, sie wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Wenn ihr Glück habt, bleibt sie mit einem großen Sicherheitsabstand stehen und schaut euch sehr kühl und abschätzend an. „Hallo, kann ich weiterhelfen?“ Es scheint ihr aber unangenehm zu sein. Euch kommt das mehr als komisch vor. Habt ihr etwas falsch gemacht, wirkt ihr bedrohlich? Um das Rätsel aufzulösen: Die Frau mit dem Rollkoffer könnte ich sein, wenn ich sonntags spät in meiner Arbeits- und Wochenwohnstadt ankomme. Ihr wirkt übrigens nicht bedrohlich und habt auch nichts falsch gemacht, das Bedrohliche kommt rein aus der Situation heraus. Ihr seid allein mit einer Frau (zum Beispiel mir) auf einer spärlich beleuchteten Straße und ihr seid fremd. Das macht euch gefühlt zu einem Sicherheitsrisiko. Selbst dann, wenn ihr gar nichts Böses im Schilde führt. In den allermeisten Fällen habt ihr dieses Unwohlsein (Angst wäre zu viel gesagt) nicht bewusst provoziert, viele von uns Frauen haben nur schon als junge Mädchen gelernt, euch, dem fremden Mann auf der Straße, mit Misstrauen zu betrachten. Um euch ein wenig Einblick in die manchmal irrationalen Ängste mancher Frau zu verschaffen, bitte ich euch, liebe Männer, nun darum, euch in die folgende Geschichte hineinzufühlen.

Du steigst aus dem Zug, wuchtest den Koffer die Treppen hinunter und ziehst ihn durch die belebte Bahnhofshalle nach draußen. Dort ist es kalt und stockduster, wären da nicht noch die Lichter von den Geschäften und Imbissbuden. Die Lichter tun dir gut, sie geben dir Sicherheit, Weitblick und machen dich sichtbar und so unangreifbar. Dein nächster Blick geht zum S-Bahn-Fahrplan. Die nächste Bahn erst ein 26 Minuten – verdammt. „Ich gehe zu Fuß“, beschließt du, „es sind ja nur zehn bis fünfzehn Minuten.“ Auch, wenn dir nicht ganz wohl dabei ist, aber du hast ja bereits als Kind und Jugendlicher gelernt, wie man Pöblern, sexuellen Übergriffen und anderen kriminellen Machenschaften aus dem Weg geht. Also durchatmen und los. Deine Schritte führen dich zunächst eine – inzwischen kaum befahrene- Hauptstraße entlang. Mehrere hundert Meter sogar. Es kommt dir zwar gerade keiner entgegen, aber du kannst deine eigenen Schritte hören, als du deinen Weg fortsetzt. Auf lautes oder unpraktisches Schuhwerk hast du schon verzichtet – man kann damit einfach so schlecht weglaufen, wenn wirklich mal Not am Mann ist. Das haben dir schon immer deine Großeltern und Eltern eingeschärft, dass Schuhe entweder gute Waffen sein müssen oder zum Rennen geeignet, wenn Gefahr droht. Du hörst ein Fahrrad hinter dir, gehst instinktiv zur Seite, aber so, dass du nicht zu nah an die vergitterten Büsche und das Steintor zu einem großen Gebäude kommst – immer in der Mitte des Bürgersteigs bleiben, lautete die Devise aus Grundschultagen, da kann niemand dich von irgendeiner Seite in die Büsche oder auf die Straße ziehen. Dir kommt jemand im dunklen Mantel entgegen, mit mürrischem Gesichtsausdruck, vielleicht körperlich wesentlich stärker als du. Du greifst nach dem Handy in deiner Jackentasche und straffst die Schultern. In deinem Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs hat du gelernt, dass Handys und eine gerade Haltung potenzielle Angreifer abschrecken. Du gehst an der fremden Person vorbei (nicht ohne sie einmal misstrauisch von oben bis unten taxiert zu haben), lauschst heimlich, ob die Schritte sich entfernen und gehst auf die Ampel zu. „Fast da“, denkst du dir, drückst aufs Knöpfchen und wartest, bis es Grün wird. Der Koffer wird dir langsam schwer zum Ziehen, wenn du rennen müsstest, müsstest du ihn mit allem, was drin ist, stehenlassen. Neben dir tritt eine weitere Person an die Ampel, du musterst sie vorsichtig, sie mustert dich, wenn auch eher gleichgültig, ihr beide geht über die Straße, biegt in verschiedene Richtungen ab. Nun kommt der Teil des Weges, der dir schon immer suspekt war. Die Straße ist menschenleer und nur schummerig beleuchtet. Überall sind Ecken und Winkel, hinter denen jene gefährlichen bis tödlichen Unbekannten lauern könnten, von denen du in der Real-Horrorshow, nämlich in den Nachrichten, immer wieder hörst und liest. Kaum ein Tag vergeht ohne Eilmeldungen über Vergewaltigungen, Raubüberfälle oder sogar Mord. Entschlossen, aber wachsam schreitest du weiter voran. Alles Panikmache, oder? Trotzdem empfindest du es als Risiko und Zumutung, dass der halbe Bürgersteig zugeparkt ist und du ab einem gewissen Punkt zwischen einem Kellereingang und einem Van (hat man dich nicht immer vor denen gewarnt?) hindurchgehen muss. Der Bürgersteig und damit dein Bewegungsradius kommt dir verengt vor, die Alarmglocken läuten Sturm. In diesem Moment erscheint eine fremde Person wie aus dem Nichts aus einem Treppenaufgang in deinem Sichtfeld (war die gerade eben schon da), die du nur durch das Aufglimmen einer Zigarette bemerkt hast. „Guten Abend“, grüßt sie dich freundlich und du erstarrst einen kurzen Moment. Bis du erkennst, dass es nur der Nachbar einige Häuser weiter ist. „Haben Sie mich aber erschreckt!“, entfährt es dir nach einem Moment der Schockstarre und du musst über deine eigene Schreckhaftigkeit lachen. Dann wünschst du einen guten Abend und gehst weiter. Du wuchtest deinen Koffer den Hauseingang hoch und ziehst deinen Schlüssel aus der Hosentasche. Schließlich hast du gelernt, nicht zu lange in dunklen Hauseingängen zu verweilen. Der Schlüssel wird eingesteckt und dreht sich im Schloss, doch dabei schaust du dich noch einmal unauffällig um. Kein Mensch zu sehen. Puh, zum Glück. Du öffnest die Tür mit einem Ruck, gehst so hinein, dass du die Straße noch im Blick hast. Dann Koffer rein, Tür zu. Ein letzter Blick durch die Milchglasscheibe, dann aufs Handy. Du hast für den Weg nur zwölf Minuten gebraucht, er ist dir viel länger vorgekommen.

Warum ich euch das erzähle? Weil das meine allwöchentliche Geschichte ist – mit Variationen. Wenn euch also das nächstes Mal so eine junge Frau mit Rollkoffer des Nachts auf der Straße begegnet und euch anschaut, als wäret ihr eine Gefahr in Fleisch und Blut, seht es ihr nach oder nehmt ihr das Misstrauen. Kommt nicht plötzlich und mit schnellen Bewegungen aus einem Hauseingang oder einer Abbiegung hervor. Stellt euch so ins Licht, dass sie euch erkennen und als harmlos identifizieren kann. Macht euch am besten freundlich, aber deutlich bemerkbar und bewegt euch dabei in ihrem Sichtfeld. Haltet einen Respektabstand und löst euch aus eurer Jungsclique, wenn ihr auf sie zugeht, alles andere löst nur (unnötig) Ängste aus. Vor allem: Nehmt es nicht persönlich. Sie kann nicht anders, als euch erst einmal bedrohlich zu finden. Womöglich hat sie es nicht anders gelernt – nicht im Elternhaus, nicht in den Medien und vor allem nicht im speziellen „Selbstverteidigungskurs für Mädchen“, den mancher Junge ebenso gut gebrauchen könnte. „Strangers in the night“ ist nicht immer romantisch, es kann im schlimmsten Fall auch böse enden – für jeden von uns, Mann oder Frau.

Das Lied von der Glocke – Friedrich von Schiller – Von einer hoffnungsvollen Zukunft

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Friedrich von Schiller: Die Glocke. – Postkartenserie im Verlag von L. Stottmeister & Co., – Braunschweig

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hülfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird’s in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiterklingt.

Weiße Blasen seh ich springen,
Wohl! Die Massen sind im Fluß.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
Muß die Mischung sein,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen.-
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilder Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jugfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht!
Die Liebe muß bleiben,
Die Blume verblüht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühendes Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mit des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir’s lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.

Wohtätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile,
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht.
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewaltger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette,
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.

Einen Blick
Nach den Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Haupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ist’s aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
Wird’s auch schön zutage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte bande
Sind gelöst auf immerdar,
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war,
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blökend ziehen
Heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau begründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleißge Hände regen,
helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
Daß sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muß die Form in Stücke gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt’s wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sich die liebende Gemeine.

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf!
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr im Fluge sie die Zeit,
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr erschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Zehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759 – 1805), deutscher Dichter und Dramatiker

Cat’s Couch: Balance halten

Peder Severin Krøyer - Porträt seiner Ehefrau - 1889
Peder Severin Krøyer – Porträt seiner Ehefrau – 1889

Wir Frauen werden weitgehend nicht nur als das schönere, sondern auch als das weniger egoistische Geschlecht angesehen. Was auch bedeutet, dass man(n) häufig von einem sehr ausgeglichenenen Gegenüber ausgeht – ist das mal nicht so, sind wir „komisch“ oder „drehen ab“. Etwas, das wir Frauen übrigens auch gerne mal einem unbeherrschten Mann unterstellen. Warum Gelassenheit, Selbstbeherrschung und Geduld uns Vorteile bringen – und wann man verliert, wenn man niemals die Contenance verliert.

Geduldig, sanftmütig, ausgeglichen und in allem ein wenig gemäßigter als unsere männlichen Zeitgenossen, so war das Idealbild von Frauen, seit Bücher geschrieben wurden. Machtmenschen, Krieger, Abenteuer, Eroberer in der Geschichte – fast alles Männer. Mit glanzvollen Ausnahmen wie Nofretete, Cleopatra, oder aber auch den allein herrschenden Königinnen in England. Es geht hier nicht darum, Krieg, Größenwahn oder Risiken über alle Maßen hinaus in den Himmel zu heben. Fakt ist nur: Lange Zeit wurde unsere Menschheit mehr oder weniger bewusst in Rollen unterteilt, die maßgeblich davon abhingen, ob man nun ein nach außen oder nach innen gestülptes Geschlechtsteil zwischen den Beinen trug, Kinder zeugte oder austrug oder eben mit Waffen Tiere jagte oder nicht. Fakt ist auch, ohne das nun erst einmal zu bewerten, Frauen wurden seit jeher ein zurückhaltenderer, gemäßigterer Charakter und eine höhere Leidensfähigkeit zugeschrieben, oder sollte man sagen: zugeschoben? Die Frage ist: Stimmt das, oder ist das nur ein Mythos, der einfach nicht aussterben will? Weiterlesen

Das Bild des Meisters – Kurzgeschichte

Ein chinesischer Kaiser hatte die Maler seines Reiches aufgefordert, das Bild eines Hahnes zu malen. Nur eines Hahnes. Als jedoch die gesetzte Frist verstrichen war, hatte gerade der beste, wenn auch schon ergraute Meister der Schule Ti dem kaiserlichen Preisgericht kein Bild eingereicht. Er sei noch nicht fertig geworden, antwortete der Meister, und bitte um eine Verlängerung der Frist.
Die anderen Maler lachten ob dieser Antwort. Was sollte an dem Bild eines Hahnes so schwierig sein, dass einer in einem ganzen Jahr nicht fertig wurde?
Die allzu hochmütigen Maler lachten allerdings nicht mehr, als nach Jahr und Tag gerade da Bild des Meisters den ersten Preis erhielt. Und sie erstaunten, als sie näher hinzu traten und statt des erwarteten farbenprächtigen Bildes – so hatten sie alle den Hahn gemalt – eine Tuschezeichnung sahen, die an Einfachheit, ja sogar vielleicht Ärmlichkeit nicht zu überbieten war. Mit einer einzigen Linie hatte Ti-Ling lediglich die Umrisse des Hahnes nachgezeichnet, diese allerdings, das musste man zugegeben, sagte alles, was von einem Hahn gesagt werden konnte. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: First things first!

Das Fest der Liebe und Besinnlichkeit kommt mit großen Schritten näher. Von Besinnlichkeit ist aber nicht viel zu spüren, wenn man sich im Alltag so umguckt. Der Arbeitsplatz und andere teils schöne, teils lästige Pflichten nehmen uns voll in Beschlag – und da sind ja noch die ganzen Geschenke, die man noch nicht hat … Höchste Zeit für einen guten Plan und vor allem klare Prioritäten!

Man kennt diese Tage, die hektisch mit einem kreischend lauten Weckerklingeln beginnen, stressig weitergehen und bei denen man es gar nicht eilig genug haben kann, dass sie endlich vorbeigehen. Die Art von Tag, die man am liebsten unter „ferner liefen“ verbucht und auf die man irgendwann im Bett mit dem Fazit „Tonne auf, Tag rein, Tonne zu“ zurückblickt, bevor der innere Akku einen Nullstand erreicht und der Schlaf einen einhüllt. Bei einigen sind solche Tage und Phasen in der Minderheit, bei anderen in der Mehrheit, doch das typische Gefühl, in einem Zeitkorsett eingeschnürt zu sein, kennen wohl die meisten Menschen. Besonders kurz vor besonderen Anlässen – wie eben zur Adventszeit. 

Es gibt ja so viel zu tun! Wenn eine Firma zum Beispiel über Weihnachten zumacht oder die meisten Angestellten dann Urlaub nehmen wollen, gilt es, vorher möglichst alles Wichtige zu erledigen. Das bedeutet einen Haufen Arbeit und Stress. Manchmal auch Land unter und das Gefühl, in einem Hamsterrad zu sein. Egal, ob man – wie ich – in einem Medienunternehmen mit periodisch erscheinenden Publikationen, in einer Fabrik mit Hochdruckproduktion zur Festtagssaison oder in einem Warenhaus arbeitet, wo die Menschen schließlich ihre Weihnachtseinkäufe erledigen.

A propos Weihnachtsshopping: Schon alle Geschenke beisammen, oder nur den Angstschweiß auf der Stirn, wie und wann man die nur alle besorgen soll? Und schon die Wohnung so dekoriert, dass dort eine vorweihnachtliche Atmosphäre herrscht und Besinnlichkeit einkehrt? Schon etwas Besonderes für die kleinen und großen Kinder zum Nikolaustag vorbereitet? Die Mehrheit von uns hat ihre ganz eigene To-do-Liste, die sie zum „Fest der Feste“ dringend abgearbeitet haben möchte. Schließlich soll alles feierlich, harmonisch und voller Freude sein – ja, geradezu perfekt. Aber sind diese Bemühungen um „die perfekte Weihnachtsfeier“ (klingt beinah wie eine RTL-Kochshow) nicht einfach eine Fortsetzung dessen, was uns ständig im Alltag begleitet: viel Arbeit, Pflicht und natürlich … ja, eine Menge Stress?

Ich gebe es nun einmal offen zu: Ich habe noch kein Geschenk, kein einziges, und ich schäme mich ein wenig dafür – doch irgendetwas wird mir schon einfallen. Beziehungsweise, derzeit ist das Zeitkorsett einfach zu eng, um vom Hauch der Muse ergriffen zu werden. Dazu müsste man erstmal ein paar Momente zum Durchatmen finden. Und dann?

Ich denke inzwischen, dass der Grundsatz „Prioritäten setzen“ ungemein hilfreich sein kann, wenn man vor lauter Brettern vorm Kopf und Tannenbäumen im Wald nicht mehr recht geradeaus schauen kann. Was ist wirklich noch nötig, um ein bestimmtes Ziel im Job zu erreichen? Mit wem und wie möchte ich wirklich meine Festtage verbringen? Was stresst mich derzeit am meisten, und wie kann ich die Situation entzerren? Und wie wichtig ist mir überhaupt, bei allem, was sonst so dringlich und wichtig ist, das perfekte Geschenk am perfekten Weihnachtsbaum? Möchte ich meine Wohnung wirklich aufwendig dekorieren, wenn ich vor lauter Arbeit nur sporadisch nach Hause komme?

Vermutlich bringt eine einfache Kosten-Nutzen-Zeitrechnung all diese Fragen auf den Punkt: Was lohnt sich eigentlich für mich und meine Liebsten – und was nicht? Oder, um es auf einen noch einfacheren Nenner zu bringen: First things first – nicht alles, was dringlich erscheint, ist auch von höchster Wichtigkeit. Das heißt nicht, dass ich nun aufhören werde, Familie und Freunde zu beschenken oder mich bei der Arbeit anzustrengen. Es bedeutet nur, dass einige Dinge dann eben unter „Tonne auf – Verpflichtung rein – Tonne zu“ laufen werden und auch müssen. Zum Beispiel die Dekoration eines WG-Zimmers, das ich nur abends und und wochentags sehe.

First things first bedeutet für mich, nachzudenken und ehrlich zu mir selbst und anderen zu sein. Für mich gibt es nicht das perfekte Geschenk beim perfekten Dinner. Vor allem wünsche ich mir zu Weihnachten und im neuen Jahr drei Dinge: Zeit, die zu meiner freien Verfügung steht; Inspiration, um sie mit dem zu füllen, was mich und die Menschen um mich herum begeistert; und schließlich Liebe, ganz viel Liebe, um gemeinsam mit denen, die mir am Herzen liegen, neue Erinnerungen zu schaffen. Solche Erinnerungen, von denen ich zehren kann, wenn mal wieder „Land unter ist“. Nicht zu vergessen, als vierten Wunsch, die Kraft, an jeder Herausforderung zu wachsen.

Da mir über die Feiertage in einigen Wochen kaum Zeit bleiben wird, einen tiefsinnigen Text über Besinnlichkeit, gute Vorsätze und Prioritäten zu schreiben, wünsche ich damit allen Lesern des „Blauen Ritters“ schon an dieser Stelle eine erfolgreiche und entspannte Weihnachtszeit zu wünschen.

Weil Ibrahim nie mehr schlafen wollte…

In der Stadt Bagdad, im Lande des Kalifen, lebte vor langer Zeit ein junger Pantoffelflicker namens Ibrahim. Er war überaus geschickt in seinem Handwerk und hatte stets alle Hände voll zu tun. Aber wenn er so vor seinem Gewölbe im Bazar saß und der Berg zerrissener Pantoffeln an seiner Seite kleiner und kleiner wurde, schweiften seine Gedanken in die Ferne. „Da muss ich nun Tag für Tag alte Pantoffeln flicken,“ dachte er, „und ich würde doch so gern ein einziges Mal ein Paar neue sticken. Aber immer, wenn ich mit meiner Arbeit fertig werde, kommt der Abend, und ich vergeude viele Stunden mit dem Schlafen. Ach, brauchte ich doch nicht mehr zu schlafen!“Weiterlesen

Tokyo Vice – Jake Adelstein – Rezension von Bettina Schnerr

Tokyo Vice, Cover, Riva Verlag

Kurzbeschreibung

Jake Adelstein ist der einzige westliche Journalist, der jemals als Polizeireporter in Japan arbeiten durfte. Er berichtete viele Jahre über die dunkle Seite Japans, wo Erpressung, Mord, Menschenhandel und Korruption ebenso häufig vorkommen wie Ramen-Nudeln und Sake. Doch als er seinen letzten Knüller landen wollte, stand er Japans berüchtigtstem Yakuza-Boss plötzlich persönlich gegenüber. Da ihm und seiner Familie der Tod drohte, gab er auf … vorübergehend. Dann schlug er zurück. In seinem Buch erzählt Adelstein, wie aus einem unerfahrenen Jungreporter (dessen Wing-Chun-Kampf mit einem älteren Kollegen nicht sein einziger Anfängerfehler war) ein wagemutiger Enthüllungsjournalist wurde, auf den die Yakuza ein Kopfgeld aussetzte. Mit seinen lebendigen, emotionalen Geschichten aus der Welt der modernen Yakuza, von der selbst Japaner wenig wissen, ist Tokyo Vice von der ersten bis zur letzten Zeile ein ebenso faszinierendes wie informatives Buch und ein einzigartiger, aufschlussreicher Bericht aus erster Hand über die Schattenseiten der japanischen Kultur.Weiterlesen

Ann-Charlott Settgast • Stanislaw Lem • Mahmud Teimur • Branko Copics • Kurze EinBlicke ins Buch

settgastAnn-Charlott Settgast hat in „Weisheit – Narrheit – Gold“, ihrem großartigen Roman um Johannes Kepler und seine Zeit,  das Leben des großen Astronauten nachgezeichnet. In plastischer, holzschnittartiger Darstellung fängt sie das Zeitalter Keplers ein, in dem wissenschaftliche Erkenntnis mit finsterem Aberglauben kämpfte. Sie vermeidet dabei naheliegende Anspielungen auf die Gegenwart und überlässt es dem reflektierten Leser Vergleiche und Parallelen zu ziehen. Ann-Charlott Settgast umgeht die im historischen Roman drohende Gefahr, ihren Helden als Ritter ohne Fehl und Tadel vorzuführen. Kepler bleibt trotz seiner Größe ein Mensch mit Schwächen und Leidenschaften. So entstand ein lesenwerter und lehrreicher Roman.trennlinie640

Sterntagebücher_LemStanislaw Lem, ein bei uns als Verfasser utopischer Romane bekannt gewordener polnischer Autor, hat eine heitere Kapriole verfasst, in der die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten von damals (1966) grotesk übersteigert werden, um Allzumenschliches zu glossieren. Wie jede gute Satire haben auch Lem`s „Sterntagebücher“ einen realistischen Gehalt. Man liest das Büchlein zwischen Schmunzeln und Gelächter und legt es doch nachdenklich aus der Hand.trennlinie640

Der_gute_ScheichMahmud Teimur – der gute Scheich. Der Autor ist ein Repräsentant des zeitgenössischen  ägyptischen Romans. Der vorliegende (inzwischen antiquarisch fast selten erhältliche) Band bringt eine Reihe von fesselnden Kurzgeschichten aus der Kultur Ägyptens, die uns besonders wegen der darin skizzierten Frauengestalten interessiert. Teimur ist ein großer Schriftsteller, der mit seinem Werk das Gewissen der Zeit wecken hilft. Ohne Befreiung der Frau von den Fesseln einer traditionellen, in der Religion und den sozialen Verhältnissen wurzelnden „Sklaverei“ wird Ägypten seinen Weg, den es mit dem Kampf gegen den Kolonialismus begann, nie vollenden können.trennlinie640

Branke CopicsBranko Copics „Die ungewöhnlichen Abenteuer des Nikola Bursac“ ist eine kleine literarische Kostbarkeit aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es geht um den Partisanenkommandeur Nikola, einen bosnischen Bauern. Man könnte ihn mit dem unsterblichen Schwejk vergleichen. Allerdings ist Nikola gewissermaßen ein positiver Schwejk, ein Mann des Volkes, der Mutterwitz und gesunden Menschenverstand nicht mehr wie sein Urbild gegen die feindliche Staatsmaschinerie einsetzen muss. Wer das Buch verschenken möchte, sollte es sich doppelt kaufen, damit er eines behalten kann, denn es ist toll.

Die Bestimmung des Menschen – Johann Gottlieb Fichte

Suppe

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Noch erringet mit Mühe unser Geschlecht seinen Unterhalt und seine Fortdauer von der widerstrebenden Natur.
Noch ist die größere Hälfte der Menschen ihr Leben hindurch unter harte Arbeit gebeugt, um sich und der kleinen Hälfte, die für sie denkt, Nahrung zu verschaffen; sind unsterbliche Geister genötigt, alles ihr Dichten und Trachten, und ihre ganze Anstrengung auf den Boden zu heften, den ihre Nahrung trägt.

Johann Gottlieb Fichte

Cat’s Couch: Die (un)heimlichen Freuden des Winters

Caspar David Friedrich: Winterlandschaft (1811)
Caspar David Friedrich: Winterlandschaft (1811)

Sobald es draußen kälter und dunkler wird, scheint es, dass die Stimmung mit den Temperaturen sínkt. Vor allem bei den Wetterfühligen unter uns Frauen. Trotzdem gibt es einige Aspekte, über die sich viele Angehörige des weiblichen Geschlechts wohl freuen dürften – und es zum Teil auch (un)heimlich tun …

„Was für ein tristes Wetter“, „Da fühlt man sich wie im Kühlschrank“, „Ich glaube, ich wander aus“ … Wenn es um das Wetter geht, gibt es derzeit eine Menge zu meckern. Dunkel, kalt, nass, ungemütlich … einfach deprimierend. Ich bin selbst auch eher ein bekennender glühender Fan des Sommers, doch es gibt, wenn man darüber nachdenkt, einiges, was für den Winter spricht. Ein „Best of“ hier.

Sexiness ist Nebensache

Wintersachen müssen vor allem eines sein – warm. Das ist exakt das Kriterium, das zählt. Ob das dann noch schick oder gar sexy aussieht, wird zur Marginalie. Sieht man im Sommer massenweise nackte (und oftmals beneidenswert gebräunte) Haut, sorgt die Kälte doch für eine Art „Körperdemokratie“. Keine Frau will frieren, ob Model-Verschnitt oder Frau Müller von nebenan. Also rein in die dicken Winterstiefel und die Daunenjacke! Auch die Männer haben so endlich mal wieder etwas anderes zu tun, als knackigen Hintern in Hotpants hinterherzuschauen; die frieren nämlich selbst und können viel zügiger und zielorientierter durch die Weltgeschichte spazieren. Weiterlesen

Über Leben und Werk des THOMAS VON AQUIN

Wer je ein einziges Kapitel aus irgendeinem Buch des heiligen Augustinus gelesen hat, und sei es aus seinem unanschaulichsten, spekulativsten Werk, dem über die Göttliche der hat, während er las, notwendig den Dreieinigkeit — ganz unmittelbaren Eindruck verspürt: hier denkt und  schreibt ein Mensch von Fleisch und Blut. Tut man dagegen  einen Schritt in das strenge Gefüge der Theologischen Summe des heiligen Thomas von Aquin, so möchte man sich hin und wieder fragen: sind diese Sätze wirklich von einem lebendigen Menschen geprägt worden, oder hat sich in ihnen nicht vielmehr der objektive Sachverhalt selber zu Wort gebracht, nicht berührt — weder getrübt noch erwärmt — durch den Atem eines hier und jetzt lebendig-wirklichen Denkers? Die  leibgewordenen Gebilde augustinischen Denkens lassen uns nie den lebendigen Quellgrund personhaften Lebens vergessen, dem sie, wie eine Blüte aus Wurzel und Stamm, entsprossen sind; während die Sprachgestalt der Sätze des heiligen Thomas uns ihren Ursprung aus einer lebendigen Geisteskraft so wenig bedenken lässt, wie der Kristall den Gedanken wachruft an die Mutterlauge, aus der er sich gebildet. Nur ein flacher und unkundiger Sinn aber könnte aus der ungetrübten und ausgeruhten Heiterkeit des Werkes auf ein im Inneren wie Äußeren gleichfalls unbehelligt dahinfließendes Leben des Wirkenden selbst schließen wollen — so gewiss anderseits die Theologische Summe einzig einem letztlich befriedeten Herzen gelingen und geschenkt werden konnte. Nicht in der »stillen Klosterzelle« hat Thomas von Aquin das gewaltige Ordnungsgefüge der christlichen Lehre erschaut und aufgezeichnet; nicht in einem gegen das Weltgeschehen abgegrenzten Raum der Abgeschiedenheit oder gar der Idylle hat er sein Leben gelebt. Solche ebenso ungeschichtlichen wie unerlaubt vereinfachenden Vorstellungen aber färben oder vielmehr entfärben nicht nur auf vielfältige Weise das landläufige Thomas-Bild, sondern nicht selten auch ein wenig die biographischen Darstellungen von höherem Anspruch.Weiterlesen

DE PROFUNDIS – Ein Essay von Walther Rathenau (aus 1920)

Ein Mensch spricht:
Ich bete.
Warum bete ich?
Ich will danken, preisen, verströmen. Ich will. Ich muss.
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr.
Nein, es ist nicht wahr. Ich will mehr.
Was will ich?
Ich will Leidesende. Ich will Glück, ich will Seligkeit.
Also kaufen will ich, werben will ich, bitten will ich, betteln will ich.

Was heißt das? Vorteil um leichte Mühe. Vorteil vor wem? Vor anderen, die ehrlicher und stolzer sind. Vorteil von wem? Von Mächten, die sich bereden, beschwatzen, bebetteln lassen.
Also bete ich aus Neid, aus Gier, aus Unehrlichkeit. Und solches Gebet soll erhört werden — darf erhört werden?
Ach, es ist wahr: selig sind die geistig Armen. Sie kennen den Zweifel nicht. Sie sind Kinder, man fragt nicht, man erhört sie. Doch ich bin nicht geistig arm. Ich will geistig arm sein. Ich will alles Wissen und Denken abtun. Ich will vergessen.
Ach! je heißer ich will, desto kälter empfinde ich, dass ich nicht geistig arm bin. Dass ich mich immer weiter von geistiger Armut entferne, dass ich den letzten Flaum der Naivität verliere. Weil ich mich ans Heil klammere, deshalb entgleitet mir das Heil.Weiterlesen

Azrael ap Cwanderay – MONTAGUES MONSTER Band 1 – Der geheimnisvolle Schotte – Leseprobe

„Der Engel der Finsternis wandelte auf Erden. Der Wald erstarrte zu leblosem Schweigen in seiner Anwesenheit, das fröhliche Vogelgezwitscher erstarb, das sanfte Rauschen der Baumwipfel erlosch. Ein Behemoth von 3 Metern Größe, ein Titan an gestaltgewordener Macht, so durchschritt der Gigant seine Umgebung. Tiefschwarze Haut glänzte wie poliertes Metall, während seine gewaltigen Schwingen aus manifestierter Dunkelheit über seine breiten Schultern hinausragten.
Schritt für Schritt ging er voran, und wo immer er seinen Fuß aufsetzte, verdorrte das Gras, brach die Erde und erstarb alles Leben, denn seine bloße Berührung brachte den Tod.
Ein Blick aus seinen rotglosenden Augen, wie zwei leuchtende Blutstropfen in einem ebenmäßigen Gesicht von bösartig-faszinierender Schönheit ruhend, traf einen verirrten Vogel, und noch ehe es sich das arme Tier versah, stürzte es leblos zu Boden, dahingerafft von der schieren Anwesenheit des dunklen Engels. Noch verbarg sich der Titan vor den Augen der Menschen, noch plante er seine Züge im Verborgenen.
Aber die Zeit seiner Offenbarung würde kommen, wie in einem Schachspiel setzte er seine Figuren, entwarf seine Strategien, um dann im geeigneten Moment den finalen Todeszug zu tätigen. Er war listig und verschlagen – und er hatte Zeit. 
Alle Zeit dieser Welt…Weiterlesen

Christian Morgenstern – Wer vom Ziel…

wanderer-455338_1280_Hermann
Wer vom Ziel nicht weiß,

kann den Weg nicht haben,

wird im selben Kreis

all sein Leben traben;

kommt am Ende hin,

wo er hergerückt,

hat der Menge Sinn

nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,

kann’s doch heut erfahren;

wenn es ihn nur brennt

nach dem Göttlich-Wahren;

wenn in Eitelkeit

er nicht ganz versunken

und vom Wein der Zeit

nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist

nach den stillen Dingen,

und zu wagen ist,

will man Licht erringen:

Wer nicht suchen kann,

wie nur je ein Freier,

bleibt im Trugesbann

siebenfacher Schleier.

trennlinie640

Morgenstern-h420Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; †31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht. Quelle: Wikipedia

Azrael ap Cwanderay – ZEITBEBEN Band 1 – Schattenspiele – Leseprobe

„Wir sind ja so was von am Arsch!“
Jesus Miguel Die Angeles Stimme vermochte kaum das Knistern der energetischen Entladungen zu übertönen, die jetzt im Sekundentakt in die schwarze Masse hieben und doch nicht mehr waren als Nadelstiche, die versuchten, eine gewaltige Flutwelle zu stoppen. 
Ihre Lage war hoffnungslos, sie waren am Arsch, wie es der Spanier so treffend formuliert hatte! „Wo bleibt deine positive Denkweise, Jesus?“ fragte Vanessa mit verkniffenem Gesicht. „Nur weil wir gerade von einer Tausendschaft mordlüsterner Schattenkreaturen überrollt werden und unsere Waffen bereits nur noch mit blindem Gottvertrauen und viel gutem Willen funktionieren? Also wirklich!“Weiterlesen

Azrael ap Cwanderay – Zur Person

Kreativität ist der Funke des Lebens!“

Azrael ap CwanderayGeboren im Januar 1969, in der Stadt Menden im Sauerland (Deutschland) entdeckte der Autor schon in Kindheitstagen seinen Hang zum Geschichtenerzählen. Geschah dies erst in Comicform, so kamen in späteren Jahren Gedichte, Liedtexte und dann auch erste Romanversuche hinzu. Nach einer klassischen Schulausbildung war die Ausbildung zum Grafiker der nächste logische Schritt, um seinem künstlerischen Schaffen ein solides zeichnerisches Fundament zu bieten.

Anfang der 90er erfolgte dann der Umzug nach Österreich, wo dann auch die Arbeit am Erstlingswerk ZEITBEBEN begann. Es dauerte jedoch noch gute 20 Jahre, bis das Werk endlich vollendet war.

Derzeit lebt der Künstler mit seiner Lebensgefährtin, seiner kleinen Tochter und einem vorwitzigen Hund am Wörthersee und erschafft weitere Welten der Phantastik und des Staunens.

Azrael ap Cwanderay – Interview mit dem Autor von „Zeitbeben“ & „MONTAGUES MONSTER“

Azrael ap Cwanderay„Kreativität ist der Funke des Lebens!“

Du hast ein sehr außergewöhnliches Pseudonym. Wie bist du darauf gekommen?
Der erste Teil beruht auf dem Roman „Azrael“, von Wolfgang Hohlbein, da ich ein großer WH Fan bin, und dieser Roman eines meiner liebsten Werke von ihm ist. Zudem ist Azrael ein Engel des Todes, was mir vom Mystischen her sehr gefällt.

Das ap Cwanderay ist dem Gälischen entlehnt und bedeutet „aus/von der Finsternis“. Alles zusammen entspricht also einem „Todesengel aus der Finsternis“, was ich als Pseudonym für Horror/Fantasy-Bücher ganz passend finde.

Worum geht es in deinen Romanen „Zeitbeben“ und „Montagues Monster“?
ZEITBEBEN: In dem Roman (der erste Teil einer Trilogie) geht es um das anstehende Wiedererwachen einer uralten Götzenrasse und den verzweifelten Versuch einer Handvoll sehr unterschiedlicher Menschen, genau dieses zu verhindern. Dabei spielt auch eine weit fortgeschrittene Rasse von Arachnoiden eine Rolle, deren letzter Vertreter über einen Knotenpunkt in Zeit und Raum wacht. Und am Ende des ersten Bandes mischt sich noch eine weitere Partei in den Kampf ein, mit der niemand auch nur ansatzweise gerechnet hätte.

MONTAGUES MONSTER: Dies ist eine fortlaufenden Serie über die Erlebnisse und Abenteuer eines Schotten, der sein Domizil in Kärnten/Österreich aufgeschlagen hat. Jedoch nicht ganz freiwillig, da er der Letzte in einer langen Ahnenreihe von Torwächtern ist, die dazu bestimmt sind, das TOR zu bewachen, einen Übergang in die Welt der dunklen Dimensionen, der Totensphären und der höllischen Gefilde. Die Serie behandelt die Kämpfe von Montague McGallagher mit diesen Kreaturen, beleuchtet seine mysteriöse Vergangenheit und ist leicht angelehnt an die klassischen Gruselheftromane wie John Sinclair und Tony Ballard.Weiterlesen

Fragebogen nach Marcel Proust Ω Anregungen zum Kennenlernen

Es ist wohl der berühmteste Fragebogen in der europäischen Kulturgeschichte.  Fragen zur Selbstreflexion und eine  schöne Gelegenheit, einen (noch fremden) Menschen etwas besser kennen zu lernen. Eine anregende Ergänzung dazu ist das Büchlein „Fragebogen“ von Max Frisch. Allerdings gehen die Fragen zum Teil unangenehm tief, daher ist zu überlegen, wie gut man einen anderen Menschen kennen lernen möchte. Manche Antworten mag man doch nicht gehört haben wollen. – Interessanterweise lässt sich bei vielen Menschen feststellen, dass sie keine Lust auf Fragen haben. Was soll uns das sagen?

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Angelehnt an Marcel Proust’s Fragebogen:

Wo möchten Sie leben?

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?Was ist für Sie das größte Unglück?Ihre liebsten Romanhelden?

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?

Ihr Lieblingsmaler?

Ihr Lieblingsautor?

Ihr Lieblingskomponist?

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?

Ihre Lieblingstugend?

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?

Ihr Hauptcharakterzug?

Was schätzen bei Ihren Freunden am meisten?

Ihr größter Fehler?

Ihr Traum vom Glück?

Was wäre für Sie das größte Unglück?

Was möchten Sie sein?

Ihre Lieblingsfarbe?

Ihre Lieblingsblume?

Ihr Lieblingsvogel?

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Ihr Lieblingslyriker?

Ihre Helden der Wirklichkeit?

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Ihre Lieblingsnamen?

Was verabscheuen sie am meisten?

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Wie möchten Sie gern sterben?

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ihr Motto? Früher und heute. trennlinie2

Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust [pru:st], (* 10. Juli 1871 in Paris; † 18. November 1922 ebenda) war ein französischer Schriftsteller und Kritiker.

Bei der Lebensberatung Ω Franz Liebau Ω Eine humorlose Kurzgeschichte

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Frau Sommer seufzt. Frau Sommer zögert. Dann zieht sie ihre Handschuhe an und geht zum „Institut für praktische Lebensberatung“. Der Inhaber, Dr. Max Prior, empfängt mit professionellem Auftritt.
„Mein Mann liebt mich nicht mehr“, sagt Frau Sommer.
„Wissen Sie das genau?“ fragt Dr. Prior.
„Ich vermute es nur“, murmelt Frau Sommer, „und eben deswegen komme ich zu Ihnen.“
„Machen Sie doch die Probe“, schlägt Dr. Prior vor. „Verreisen Sie. Irgendwohin. Und mit irgendeinem jungen Mann.“
„Mit einem jungen Mann?“ erschrickt Frau Sommer.
„Und dann? Und wenn ich zurückkomme?“
„Entweder“, doziert Dr.  Prior und schlägt in einem Büchlein nach, „verzeiht Ihnen Ihr Gatte im Handumdrehen. Dann hat er sie nie geliebt.“
„Oder?“flüstert Frau Sommer.
„Oder“, fährt Dr. Prior fort, „er lässt sich scheiden. Dann wog seine Liebe leicht wie eine Feder.“
„Aber wenn“, meint Frau Sommer noch, „wenn er in Raserei verfällt, mich an den Schultern packt, und aus dem dritten Stock aufs Straßenpflaster wirft?“
„In diesem Falle können Sie zufrieden sein“, erwidert Dr. Prius und schlägt das Büchlein zu. „In diesem Fall haben Sie den Beweis für die unverwandelbare Liebe Ihres Gatten.“

Autor: Franz Liebau 1941

Solo und Selbstständig = Allein und Arm?

Solopreneur - Foto: Jana Schultz - Illustration: !so?
Solopreneur – Foto: Jana Schultz – Illustration: !so?

In den vergangenen 20 Jahren haben sich immer mehr Menschen selbstständig gemacht. Insbesondere die Zahl der so genannten Solopreneure stark angestiegen. Solopreneur bedeutet: auf eigene Rechnung, mit vollem wirtschaftlichen Risiko und ohne weitere Angestellte. Laut DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) Berlin ist die Anzahl um ca. 40 % auf etwa 2,6 Millionen angewachsen. Das bedeutet: rund 57 % aller Selbstständigen in Deutschland arbeiten allein. Die Studie zeigt weiter, dass sie im Durchschnitt besser qualifiziert sind als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, allerdings nicht unbedingt besser verdienend. Ein Teil der Solopreneure erzielt ein durchaus überdurchschnittlich hohes Einkommen, doch mehr als ein Drittel kommt nicht über das Niveau des Niedriglohnsektors hinaus.
Daraus ergibt sich ein Problem: viel der Selbstständigen könne oder wollen keine finanziellen Rücklagen bilden.  Dadurch nehmen sie sich der Möglichkeit Auftragsflauten zu überbrücken oder für’s Alter vorzusorgen. Daher ist die Gefahr der Altersarmut bei Solopreneuren verbreitet, so die Studie. 
Die schlechten finanziellen Aussichten sind für viele der Grund dafür, die Selbstständigkeit nur als Etappe zu sehen; mit dem Ziel (darüber) wieder eine Festanstellung zu finden. In einer zur Studie gehörenden Umfrage geben nur 55% an, nach 5 Jahren noch selbstständig zu sein. Eine weitere Erkenntnis: wer selbstständig bleibt, arbeitet auch weiterhin allein. Nur ein Zehntel der Befragten hatte nach 5 Jahren Angestellte.

Ein weiterer Anstieg der Selbstständigenzahlen sei allerdings nicht  unbedingt wünschenswert, wie Analysten mahnen. Solopreneure erweisen sich nicht als Jobmotor, da viele aus einer Notsituation heraus selbstständig würden und daher jede Gelegenheit nutzen würden um wieder als Angestellte zu arbeiten. Oftmals würden einfach nur Funktionen aus deiner Festanstellung ausgelagert und dem entsprechend agieren Solopreneure auch: als verkappte Angestellte, die zudem bereit sind,  das wirtschaftliche Risiko zu tragen. Eine sehr bequeme Angelegenheit für größere Unternehmen ihre eigenen Risiken zu minimieren. 

 

Cat’s Couch: Sendepause, bitte!

Quasselstrippen - Illustration: !so?
Quasselstrippen – Illustration: !so?

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Bevor ich dieses Mal ins eigentliche Thema einsteige, nämlich Wahrheit und Mythen um Frauen im Dauerredemodus, möchte ich ganz wort- und kommentarlos ein Video der Wiseguys in den (virtuellen) Raum stellen – sozusagen zum „Aufwärmen“. Aus diesem Lied zog ich nämlich erst die Idee für diese „Cat’s Couch“-Ausgabe.

Gabriele Münter_Kind mit Katzen
Gabriele Münter – Kind mit Katzen

Man sagt uns Frauen nach, dass wir einfach nie mal einfach schweigen können. Seit ich gerne und häufig mal heiser bin (unter anderem, weil ein Redaktionsvolontariat viele Gespräche erfordert), fällt mir das auch auf. Wenn sich im Zug eine Clique 16- und 60-jähriger Damen gegenübersitzt und ich mittendrin oder in Hörweite, kann ich mich nicht recht entscheiden, wer eigentlich lauter ist. Da wird gegackert, gekichert und durcheinander geredet, bis der Arzt kommt. Ohne Punkt und Komma. Im Klartext: Ich genieße momentan die Zeit, die ich konzentriert im Büro verbringen kann – man kann sich einfach mal beharrlich eine Stunde lang anschweigen, ohne dass der eine es dem anderen übelnimmt. Oder die Zeit zu Hause in meinem WG-Zimmer, wenn einfach nur noch Ruhe im Karton ist und ich keine Stimmen mehr hören muss.Weiterlesen

Cat fragt: … Und täglich grüßt die Alltagssünde?

Über viele Fragen lässt sich sicherlich streiten – oder zumindest diskutieren. Eine davon stelle ich euch als Kolumnenlesern hier, zum Mitreden und Kommentieren.

Giotto di Bondone - Die sieben Todsünden - Der Neid
Giotto di Bondone – Die sieben Todsünden – Der Neid

Ich komme gerade wie alle ein bis zwei Wochen vom Einkaufen und habe mich wie immer mit den gleichen Ärgernissen auseinandergesetzt, die ich, was die Sache noch ärgerlicher macht, ja eigentlich selbst produziert habe … Wie eigentlich jedes Mal hatte ich meine Zweifel daran, dass wirklich alles in die großen Einkaufstüten passt. Doch wie immer gut kalkuliert – gerade so, dass ich sie noch schleppen kann. Zu Hause angekommen, dann eine Erkenntnis, die mich zu meiner Überraschung immer noch unerwartet trifft: Ich habe mal wieder zu viele Lebensmittel eingekauft. Sinnvoll ist anders, fluche ich innerlich, während ich mein gesamtes räumliches Denken anstrengen muss, um die gekaufte Tiefkühlware in das obere Fach des WG-Kühlschranks zu stopfen. Fehlanzeige – einiges muss wohl unten im Kühlschrank bleiben, oder eher, ich werde es morgen im Betrieb einfach in ein Tiefkühlfach legen und dort für die gesamte Woche vorhamstern.Ja, mein Einkaufsverhalten hat tatsächlich was von einem Hamster, muss ich einsehen. Wenn auch nur bei allem, was essbar ist. Das muss eine lange antrainierte Verhaltensweise sein. Eigentlich habe ich nie etwas anderes kennengelernt als Vorratskäufe. In unserer Familie haben wir den traditionellen samstäglichen Wochenendeinkauf für drei oder mit Oma vier Personen erledigt; mit meinem Freund bin ich immer, als ich noch nicht in einer anderen Stadt arbeitete, alle zwei Wochen zum Großeinkauf mit dem Auto gefahren. Nur Sachen, die sich lange halten, versteht sich – es schien einfach praktischer.

Eigentlich ist das, was ich jetzt mache, total doof und nicht gerade optimiert, wenn ich bedenke, dass eben nur begrenzte Tragkraft zu Fuß und weniger Platz zur Verfügung stehen. Eigentlich, so denke ich manchmal, müsste man es doch nach mehreren Monaten gelernt haben, das eigene Kühlfach einzuschätzen. Leider ist die Macht der Gewohnheit sogar ebenso oft hartnäckiger als jede innere Schweinebulldogge, und so begeht man die eine oder andere Alltagssünde eben wieder … und wieder … und wieder …

Schluss damit! Nächstes Mal kaufe ich keine Tiefkühlgerichte, bevor nicht alle aufgebraucht sind. Na ja, wenn ich mich denn beim nächsten Lidl-Besuch noch an diesen Vorsatz erinnere und mich nicht doch wieder die Gewohnheit im Nacken packt. Was ist eure Alltagssünde, die ihr euch einfach nicht gut abgewöhnen könnt? Ich bin gespannt auf eure Beiträge …

Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 3

Der Aufbruch – Kapitel 3                                    zu Kapitel 1

Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Wenn der Schnee geschmolzen ist, wenn die ersten Blumen durch die feuchte Erde brechen, wenn Knospen sprießen, der Matsch langsam trocknet, und die Sonne wärmt, starten Polarforscher ihre Expeditionen, und Bergsteiger richten ihre Basislager ein. Von Anfang an waren wir uns einig gewesen: Es kommt darauf an, genau zum richtigen Zeitpunkt abzureisen. Der Termin, wenn eine Rakete ins Weltall geschossen wird, wird auch nach ganz bestimmten Gesichtspunkten festgelegt, nach Mondumlaufbahn, Sonnenstand und Planetenkonstellation …
Am 21. März ist Frühlingsanfang. Astrologisch gesehen tritt die Sonne in das Sternzeichen Widder ein. Das heißt, erklärte eine Astrologie-Freundin von Simona, genau die richtige Zeit, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Wir wanderten nach Spanien aus. Wir taten das, wovon viele träumten, was sie aber nicht wagten.
Wir hatten weder ein dickes Geldpolster noch ein Haus noch hatte Simona einen Job. Aber wir waren frei. Müsste das nicht ein wunderbares Gefühl sein?Weiterlesen

Die beiden Wahlbrüder – Serbisches Volksmärchen

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Einem armen Mann wollte nichts recht gelingen, was auch immer er anfing. Er verdiente nicht einmal das Geld für das tägliche Brot. So ging es Tag für Tag, und als er sah, daß er nie auf einen grünen Zweig kommen würde, beschloss er, durch Betrug zu Reichtum zu gelangen. Er füllte einen Sack mit Moos, legte Wolle obenauf und wollte ihn zum Markt tragen. Unterwegs traf er einen anderen armen Teufel. Der trug einen Sack voll Tannenzapfen, auf die er Nüsse gelegt hatte. Auch er wollte seinen Sack auf dem Markt verkaufen. Sie zogen gemeinsam weiter. Da fragte der eine den anderen:
„Was hast Du in deinem Sack?“
„Nüsse. Und Du?“
„Wolle.“
„Wollen wir tauschen? Nimm Du die Nüsse und gib mir die Wolle, damit mir meine Mutter Strümpfe daraus strickt, denn ich habe keine mehr.“
„Gut, warum sollen wir nicht tauschen? Ich esse Nüsse gern. Aber die Wolle ist teurer, du musst mir noch etwas draufzahlen.“

Sie begannen zu feilschen, denn jeder wollte den anderen betrügen. Schließlich einigten sie sich. Der, welcher den Sack mit den Nüssen hatte, sollte dem anderen für die Wolle noch zwei Groschen dazu zu zahlen. Da er aber kein Geld hatte, bat er um Aufschub und versprach, ihm das Geld später in seinem Hause zu zahlen. Der andere wusste genau, dass der Betrug dort herauskommen würde, und meinte, er könne solange warten. Über den guten Handel erfreut, schlossen die beiden Brüderschaft und tauschten die Säcke aus. Jeder ging seines Weges und schmunzelte, weil er glaubte, den anderen übertölpelt zu haben. Als sie aber nach Hause kamen, sahen beide, dass sie betrogen worden waren.
Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich derjenige, der Moos anstatt Wolle verkauft hatte, zu seinem Schuldner auf und verlangte die zwei Groschen. Er fand ihn im Haus des Popen, wo er sich als Knecht verdingt hatte.
„Bruder, Du hast mich betrogen!“
„Du hast mich auch betrogen, Bruder!“
„Gib mir wenigstens die zwei Groschen, die du mir noch schuldest!“
„Ich will sie dir gerne geben, denn ich pflege mein Wort zu halten. Aber ich kann es nicht, denn mein Beutel ist leer. Doch ich will Dir etwas sagen: Hinter dem Haus ist eine tiefe Grube. Da steigt der Pope oft hinein und gräbt. Sicher hat er da sein Geld versteckt. Wir wollen warten, bis es Abend wird, und dann lass mich in die Grube hinab! Was ich finde, wollen wir brüderlich teilen, und dann kann ich Dir auch die zwei Groschen zurückgeben.“
Gesagt, getan. Am Abend, als alles schlief, nahm der Knecht des Popen einen Sack und ein Seil, und die beiden Schlauberger gingen zur Grube. Der Knecht kroch in den Sack, und sein Wahlbruder ließ ihn hinab. Der Knecht suchte und grub überall, aber er fand nichts anderes als Weizenkörner. Er dachte bei sich:
„Wenn ich meinem Gefährten sage, dass ich nichts gefunden habe, so lässt er mich vielleicht in der Grube sitzen. Und Morgen wird mir der Pope den Buckel vollhauen.“
Er kroch also wieder in den Sack, band ihn am Seil fest und rief hinauf:
„Zieh, Bruder! Der Sack ist voll Gold!“
Der andere zog und dachte:
„Warum soll ich das Geld mit ihm teilen? Ich will den Sack fortschleppen und meinen Wahlbruder in der Grube lassen. Morgen wird ihn der Pope schon herausholen.“
Er warf den Sack über die Schulter und lief durchs Dorf. Die Hunde begannen zu bellen und schnappten nach ihm. Er lief und lief, bis er ganz erschöpft war. Bald rutschte ihm der Sack vom Rücken. Da meldete sich der Knecht aus dem Sack und rief: „Heb den Sack etwas höher, Bruder, die Hunde beißen mich!“
Der andere ließ den Sack vor Schreck zu Boden fallen, und sein Gefährte kam herausgekrochen.
„So so“, sagte der Knecht, „du wolltest mich also wieder übertölpeln.“
„Du hast mich ja auch betrogen“, erwiderte der andere.
Sie begannen mitten auf dem Weg zu streiten, wer der größere Lügner und Betrüger sei. Schließlich versprach der Knecht seinem Wahlbruder aufs Neue, ihm die zwei Groschen zurück zu geben, wenn er ein andermal käme.
Wieder verging eine geraume Zeit. Der Knecht hatte inzwischen geheiratet und war in das Haus seiner Frau gezogen. Eines Tages saß er auf der Schwelle und rauchte sein Pfeifchen. Da sah er seinen Wahlbruder kommen.
„Frau“, sagte er, „siehst Du den Mann dort? Dem schulde ich zwei Groschen. Ich habe versprochen, sie ihm zu geben, wenn er kommt. Ich werde mich tot stellen, du aber fang an zu klagen und zu weinen. Wenn er erfährt, dass ich tot bin, wird er denken, dass meine Schuld auch getilgt ist, und er wird fortgehen.“
So taten sie auch: Der Mann legte sich auf den Rücken und kreuzte die Hände. Seine Frau deckte ihn mit einem Leichentuch zu und fing an zu weinen, raufte sich das Haar und jammerte.
Da klopfte schon der Wahlbruder an der Tür. Die Frau trat verweint hinaus.
„Gott befohlen, Frau! Wohnt hier mein Wahlbruder?“ Und er nannte dessen Namen.
Die Frau antwortete unter Tränen:
„Ach, ich Ärmste! Drinnen liegt er, aber er ist tot!“
„Die Erde sei ihm leicht! Mein armer Wahlbruder! Wir haben zusammen gearbeitet und Handel getrieben. Wenn ihn so ein Unglück getroffen hat, so will ich ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleiten und eine Handvoll Erde auf sein Grab werfen.“
Die Frau sagte ihm, daß das Begräbnis später stattfinden würde und er lieber gehen solle. Aber der andere blieb fest.
„Ich kann warten, und wenn es drei Tage dauert.“
Der Mann hörte das und sagte leise zu seiner Frau, sie möge zum Popen gehen und ihm sagen, dass er gestorben sei. Man solle ihn auf den Friedhof tragen, vielleicht würde der Wahlbruder dann fortgehen.
Die Frau holte den Popen. Er kam mit mehreren Leuten. Sie bahrten den Toten auf, brachten ihn in die Kirche und wollten ihn am nächsten Tag begraben.
Der Wahlbruder aber sagte zur Frau:
„Wir haben so viele Jahre Salz und Brot geteilt, ich werde bleiben und die Totenwache in der Kirche halten.“
In derselben Nacht waren Räuber in ein reiches Haus eingebrochen und hatten viel Geld, Kleider und Waffen geraubt. Als sie an der Kirche vorbei kamen, sahen sie drinnen ein Licht brenne und meinten:
„Am besten ist’s, wir gehen in die Kirche und teilen da unsere Beute.“
Als der Wahlbruder, der die Totenwache hielt, sah, dass in der Nacht Menschen in die Kirche kamen, dachte er, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und versteckte sich hinter dem Altar. Die Räuber traten ein, setzten sich und machten sich daran, die Beute zu teilen:
Vom Geld immer eine voll mir, eine Mütze voll dir, und die Kleider und Waffen teilten sie, wie es gerade kam. Nun hatten sie alles aufgeteilt, bis auf ein Säbel. Jeder wollte ihn haben, und sie fingen an zu streiten. Da sprang einer auf, packte den Säbel und sagte:
„Wir wollen sehen, ob der Säbel wirklich so gut ist. Wenn er mit einem Streich den Kopf des Toten dort abschlägt, dann ist er gut!“
Sie gingen auf die Bahre zu. Der Tote aber sprang auf und schrie: „He, ihr Toten wo seid ihr?“
„Hier!“ Rief der Wahlbruder hinter dem Altar. Wir sind bereit. Sollen wir anfangen?“
Als die Räuber das hörten, ließen sie alles stehen und liegen davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
Sie liefen und liefen, bis sie endlich im Wald anlangten, wo sie etwas Atem schöpften. Der Hauptmann aber sprach: „He, Brüder, wir sind Tag und Nacht durch die Welt gezogen, haben starke Festungen und Schlösser überfallen und uns mit so vielen Leuten geschlagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt sind wir vor einem Toten davongelaufen. Ist ein tapferer Kerl unter uns, der es wagt, in die Kirche zurückzugehen?“
„Ich gehe nicht!“ sagte der eine.
„Ich fürchte mich auch!“, sagte ein anderer.
„Gegen zehn Lebende trete ich zum Kampf an, aber mit einem Toten nehme ich es nicht auf!“ sprach ein dritter.
Aber schließlich fand sich ein Mutiger, der in der Kirche nachsehen wollte. Er ging zum Friedhof zurück, schlich sich leise unters Kirchenfenster und horchte. Die Wahlbrüder waren gerade dabei, die Beute zu teilen. Zu guter Letzt begannen sie um die zwei Groschen zu streiten und hätten sich fast geprügelt. Der Räber hörte den Streit.
„Und meine zwei Groschen! Gib mir meine zwei Groschen!“
Der Schuldner wandte sich um und sah die Pelzmütze des Räubers, der unterm Fenster stand. Rasch streckte er die Hand aus, packte die Mütze und warf sie auf die Erde.
„Da hast du deine vermaledeiten zwei Groschen.“
Der Räber erschrak sehr und lief, so schnell er konnte davon. Als er zähneklappernd bei den anderen Räubern ankam, war er vor Angst halbtot.
„Ach, Brüder, welch ein Glück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! Wir konnten das Geld mit einer Mütze verteilen, und jeder von uns hätte ein paar Mützen voll bekommen. Der Toten sind aber so viele, dass jeder nur zwei Groschen bekommt. Für einen langte es nicht einmal mehr. Da rissen sie mir meine Mütze vom Kopf und gaben sie ihm statt der zwei Groschen!“
Da machten sich die Räuber schleunigst aus dem Staube. Die beiden Wahlbrüder aber teilten sich die Beute, lebten froh und zufrieden und versuchten nie mehr, jemanden zu betrügen.

Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 2 – Leseprobe

Der Aufbruch – Kapitel 2                                        zu Kapitel 1

Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Die Regentropfen wurden schwerer, die Pützen tiefer, und der Motor wurde heißer. „Ist wahrscheinlich normal“, meinte Simona auf einem Rastplatz irgendwo hinter Karlsruhe. Sie blickte auf die Kühlerhaube, aus der Dampf aufstieg.
Ich verstehe rein gar nichts von Autos und Motoren. In München hatten wir nur das Car Sharing genutzt und waren sonst mit dem Fahrrad oder mit Tram und Bus unterwegs gewesen. Ich machte mal die Haube auf. Aber da kochte nichts. Aus dem Kühlwasserbehälter stieg kein Dampf auf. Der kam von weiter unten. Ich ärgerte mich. War ich reingelegt worden?
Wir hatten den Opel Agila erst vor zwei Wochen gekauft. Ich hatte ihn im Internet gefunden und fand so einen Kleinwagen praktisch. Er passte in jede Parklücke einer spanischen Altstadt, und hatte einer große Ladeklappe, sodass Simona ihre Behandlungsbank hineinbekam. Außerdem war er weiß und hatte damit genau die richtige Farbe für den heißen Süden. „Das fängt ja gut an!“, sagte ich verärgert und ließ die Haube herunter. Gescheitert. Flug zum Mond abgebrochen. Mit einem blauen Auge davongekommen.
Ich stellte mir vor, wie wir den Wagen abschleppen lassen und mit dem Zug wieder zurückfahren mussten. Mein Vater würde sagen: „Es war ja auch eine verrückte Idee.“Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Generation P und das reale Leben

Manche Themen haben einfach nichts mit dem Geschlecht zu tun – zumindest nicht vorrangig. Um diesen Themen Raum zu geben und meine Gedanken mit euch, den „Ritter“-Lesern, zu teilen, gibt es nun die Rubrik „Gedankenwelt“.

Selbstporträt - Anna Stainer-Knittel
Selbstporträt – Anna Stainer-Knittel

Mich faszinieren soziologische Studien. Ich finde es hochinteressant, zu erfahren, in welchem Ausmaß und warum sich der weibliche Teil der Weltbevölkerung oft unwohl in der eigenen Haut fühlt; warum es manchen Männern so schwer fällt, eine mit der aktuellen Zeit vereinbare Identität zu finden und was es mit dem Zusammenhang von Geschlecht, sozialer Herkunft, Äußerlichkeiten und Chancen im Berufsleben auf sich hat. Ich setze mich auch oft und gerne mit der Frage auseinander, was eigentlich mit unserer hiesigen Demographie los ist und was diese Welt zu einer besseren für eine Generation neuer Erdenbürger machen könnte.

Aber „Generation“ ist das eigentliche Stichwort für diesen Ausflug in Cats Gedankenwelt. Es geht um die Generation, der ich angehöre, die sogenannte Generation Y. Alias „die Ypsiloner“ oder „Generation Why“. Um die widersprüchlichen Aussagen – auch von Soziologen – zu unseren Jahrgängen von etwa 1980 bis 1996, in Kürze wiederzugeben: Wir sind anspruchsvoll, aber anpassungsfähig. Egoistisch, aber stille Weltverbesserer. Weltkritisch und doch irgendwie viel zu wenig mutig dabei. Umweltbewusst, aber dabei vollkommen abhängig von Technik. Sprunghaft und unberechenbar, aber dabei doch auf Balance bedacht. Es wird viel über die Generation Y geschrieben, wie auch schon über die Babyboomer, die Generation Internet und die Generation X geschrieben und gesagt wurde und ich ziehe meinen unsichtbaren Hut vor all jenen, die es sich zur (Lebens-)Aufgabe gemacht haben, Milliarden Menschen weltweit in Buchstaben und Kategorien einzuteilen. Ich könnte das nicht, mir wäre das zu anstrengend und, um offen zu sein, viel Sinn sehe ich darin auch nicht.Weiterlesen

Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 1

Der Aufbruch

„Partir c’est toujours un peu mourir“ Aufbrechen ist immer ein bisschen wie sterben

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Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Der Regen trommelte auf das Blech und die Scheibe des gebrauchten Opels, die Scheibenwischer wischten hektisch immer wieder neue Halbkreise frei, die Lüftung blies auf vollen Touren und schaffte es dennoch nicht, die beschlagenen Seitenscheiben zu trocknen.
Ich rückte näher ans Steuer, um besser sehen zu können, trotzdem konnte ich nicht allen Pfützen auf der Autobahn ausweichen. Wasser spritzte hoch, und der Wagen geriet immer wieder ins Schlingern.
„So ein Wetter haben wir bald hinter uns“, meinte Simona. Ich warf einen schnellen Seitenblick zu ihr, meiner Lebenspartnerin seit nunmehr sechs Jahren – meiner Ehefrau seit sechs Monaten. Zuversichtlich und gut gelaunt sah sie durch die Scheibe, als läge da vor uns nicht die regennasse Straße, sondern schon das Meer und überhaupt unsere verheißungsvolle Zukunft in einem neuen Leben. Ihre halblangen braunen Haare bauschten sich im Gebläse der Lüftung, als wären wir tatsächlich schon am Strand. Sie sah so jung aus mit ihrem zuversichtlichen Lächeln und ihrer glatten Haut, die sich wohl dank eines italienischen Vorfahren schon im schwächsten Sonnenschein bräunte. Ich hingegen wurde meist erst einmal rot, und am Ende blieb ein heller rotbrauner Hauch. Nein, ich hatte sie natürlich nicht nur wegen ihres Aussehens geheiratet! Ich glaube, auch wegen ihrer Schlagfertigkeit und weil sie ernsten Situationen auch eine komische Seite abgewinnen kann, weil sie die Dinge anpackt und nicht nur darüber redet – oder philosophiert – wie ich. Und dass wir das taten, was wir gerade taten, war auch ihrem Nichtlockerlassen zu verdanken. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat …
Sie schraubte den Deckel der Thermoskanne auf, goss Kaffee ein und hielt ihn mir mit einem aufmunternden Lächeln hin. „Dann gibt’s nur noch Sonne!“
„In Spanien regnet’s aber auch“, erwiderte ich, nahm den Becher und trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte ein bisschen nach Tee, der wahrscheinlich vorher in der Kanne gewesen war. Aber das störte mich jetzt kaum. In mir hatte sich ein dunkler Abgrund aufgetan, der mich jeden Moment vollends zu verschlingen drohte. Wenn es irgendwie möglich gewesen wäre, hätte ich die Zeit zurückgedreht. Um zwei Monate oder besser noch um acht Monate – bevor wir die zehn Tage Nerja/Südspanien gebucht hatten. Oder vielleicht doch lieber um zwei Jahre – bevor sich dieser Plan überhaupt herausbilden konnte – der Plan, auszuwandern.
„Mehr als dreihundertzwanzig Sonnentage“, beharrte sie. Weiterlesen

Manuela Martini – Schriftstellerin über ihr Buch: Vamos a la playa

Manuela_DSC2017-199x300Wer sind Sie?
Geboren wurde ich 1963 in Mainz. Schriftstellerin wollte ich schon immer werden. In meiner Fantasie Abenteuer erleben, Gefahren überstehen, gegen das Böse kämpfen und am Ende belohnt werden. Aber das Leben kam dazwischen und ich studierte und arbeitete in verschiedenen Jobs. Irgendwann drehte ich einen Dokumentarfilm in Australien und plötzlich war der Traum wieder da. Plötzlich fielen mir Geschichten ein und ich schrieb mein erstes Buch. Outback. Es wurde ein Erfolg. Ich schrieb weiter. Krimis, Romane, Kinderbücher und unter dem Pseudonym Fran Ray Thriller über Weltverschwörungen. Die Saat erregte internationales Interesse und wurde in sieben Sprachen übersetzt. Der Skandal und Das Syndikat folgten.

Mittlerweile bin ich mit meiner Lebensgefährtin nach Spanien ausgewandert und lebe auf einer Finca in Andalusien.Weiterlesen

Cat’s Couch: Tretminen im Geschenke-Dschungel

Ein süßes Geschenk - Illustration: !so?
Ein süßes Geschenk – Illustration: !so?

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Viele Männer fragen sich: Was kann ich meiner Freundin oder Frau eigentlich schenken, worüber sie sich wirklich freut? Das ist eine berechtigte und auch wichtige Frage – gerade dann, wenn Weihnachten in wenigen Wochen bevorsteht und die ersten Early-Bird-Shopper schon ihre Geschenkelisten abzuhaken beginnen. Doch auch vor Geburtstagen, Hochzeitstagen und Valentinstag (insofern man ihn denn feiert) kommt die gleiche nervige Frage auf. Natürlich und leider habe ich dafür auch kein Patentrezept, aber ich möchte euch hier ein paar Ideen aufzählen, die meiner Erfahrung nach einfach Bombe sind und andere, die eher im negativen Sinn für eine Bombenstimmung sorgen können. Sprich, Tretminen im Geschenkedschungel, Fallen, wo man(n) doch mal arglos hineintappen kann …Weiterlesen

Männer mit Damenwäsche – Wie eine geschundene Seele ihren Weg geht

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Nähert man sich einem Thema, passieren manchmal wunderliche Dinge. Ursprünglich war geplant, nach dem Interview mit den Erotik-Produzenten Rafael Santeria die weibliche Seite dieses Filmgenre zu porträtieren. Die Recherche hat, für mich, zu einem ernüchternden Ergebnis geführt. Es wird von den Darstellerinnen eine Menge Glamour und Fannähe suggeriert, die einfach nicht da ist; zumindest in der Masse. Es hat etwas vom Rattenfänger von Hameln, nur dass diesmal Männer der Flötistin begeistert zu folgen haben.

Dann, nachdem ich das Thema fast ad acta gelegt hatte, traf ich in einem Social-Media-Kanal eine junge Frau, Angelina, die irgendwie anders zu sein schien. Sie fiel mir auf, weil sie ihr Profil gerade erst aufbaute und eher persönlich wirkte als amateurhaft. Ihr Angebot: sie bietet getragene Wäsche Männern an, die daran Gefallen finden. Angelina sagt, sie wolle damit kein Geld verdienen, sondern sie möge es als Frau, wenn Männer damit ihre Lust befriedigen. Da sich mir diese Form der Lustgewinnung in keiner Weise erschließt, hat sich Angelina angeboten, einen ihrer Kunden darüber zu befragen. Die Antwort hat mich nicht wirklich weitergebracht, dennoch spannend zu erfahren: “ich finde es sehr erotisch getragene Wäsche zu erwerben, da mich die verschiedenen Düfte und Geschmäcker erregen. Jede Frau hat ihren eigenen Duft und Geschmack. Daher hängt es für mich auch davon ab, wer die Wäsche getragen hat, denn die Frau muss mir von Typ und Art her zusagen. Kurz gesagt, es muss eine Frau sein, mit der ich mich auch eine reale Beziehung vorstellen könnte. Das Kopfkino besteht darin, dass ich bei der Selbstbefriedigung erregter bin, wenn ich Duft und Geschmack kenne. Da fällt die Vorstellung, mit dieser Dame gerade Sex (wenn auch nur im Kopf) zu haben, leichter und der Orgasmus wird intensiver.“ Über Geschmack lässt sich streiten; das Leben ist bunt. Man hört immer wieder von verschiedenen Vorlieben, ich persönlich kenne niemanden, der darüber offen berichtet. Nein man muss nicht alles wissen, was andere treiben im Leben. Manches kann helfen, wie Menschen ticken. Auch indirekt im Umgang mit uns.

phone-785396_640_HebiFotSie stellt klar, dass es keinerlei persönliche Treffen möglich seien. „Wenn ein Kunde mehr will, blocke ich das diskret ab und erkläre ihm auch warum. Er kann sich gerne wohl und geborgen fühlen mit mir, aber eine Beziehung wird sich nie daraus entwickeln. Ich bin glücklich mit meiner Frau!“ Nur mittels Telefonsex, den Angelina ebenfalls anbietet, lässt sich eine gewisse Nähe herstellen. Mit diesen individuellen Telefonservice finanziert die mehrfache Mutter ihren Urlaub. Sie mag diesen, weil „ich mich dabei auch befriedige und nicht wie andere bei den Hotlines nebenbei bügeln 🙁 . Ich mag es auch, weil man immer andere Männer und andere Vorlieben hat.“

Ihren Hauptverdienst erwirtschaftet Angelina in Pflege und Gastronomie. Wie kommt man auf solch eine Idee? Angelina sagt: „Angefangen habe ich damit 2007. Irgendwie kamen eine Freundin und ich auf die Idee mal zu schauen, ob Männer vielleicht getragene Slips kaufen wollen würden. Naja, um halt dran zu riechen beim xxx! Und das wurde dann die Idee. Erst über eine Webseite dessen Namen ich nicht mehr weiß; später über gesext.de und nun auch noch über Facebook. Die Männer geben mir ein paar Infos über sich und ich nutze diese dann… also z.B. möchte jemand einen schwarzen String in dem ich mich selbst befriedige. Dann mach ich es, schieße dabei Bilder oder drehe kurze Clips die der Mann dann mitbekommt. Der Slip kommt in einen Gefrierbeutel mit Zip-Verschluss und wird dem Mann dann per Post geschickt. Ich bleibe mit diesen Männern in Kontakt, um zu sehen was sie damit treiben, weil mich das selbst wiederum erregt. Andere Männer wollen Sachen wie Natursekt um sich einzureiben oder es zu trinken. Wenn du mein Profil gelesen hast, hast du gesehen, das es kein „Geld daran verdienen“ ist sondern ein geheimes Hobby, einer sexuell sehr aufgeschlossenen und offenen frau ;). Ich kaufe immer nach dem Budget der Männer ein. Manche Männer kaufen mir auch ein neues Spielzeug und bekommen dafür ein benutztes.“

guess-attic-837134_1280_RondellMellingAngelina sagt, sie mag Damenwäscheträger (DWT). Da ich damit überhaupt nichts Bewundernswertes verbunden habe, sagt sie auf Nachfrage: Der Mut, dass sie zu ihrem Fetisch stehen und diesen Ausleben. Bei Bedarf berät sie diese auch bei der Auswahl des Makeups und Kleidung.

Seit kurzem hält sie sich einen Sklaven um diesen zu erziehen. Beide haben sich gesucht und gefunden. Ihr Untergebener ist begeistert bei der Sache und lernwillig. Ich habe ihn gefragt, was ihn an dieser Rolle reizt: „Als Sklave finde ich es sehr erregend, diverse Dinge im Auftrag auszuführen und mich dadurch lächerlich zu machen bzw. mich erniedrigen und bestrafen zu lassen.“ Die Aufgaben die Angelina ihm zur Erledigung gibt sind erotischer Natur. Dem eher unaufgeschlossenen Leser würde bei der Schilderung wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Man muss dieses Leben nicht mögen, sollte es aber zu schätzen wissen: eine Frau, die mit ihren aus misslichster Lage befreit wurde, daran nicht zerbricht und ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten kann. Dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen und misshandelt wurde, hat ihr nicht den natürlichen Spaß am Sex nehmen können. Viele andere hätten sich hier Ausweichhandlungen gesucht oder Vermeidungsstrategien entwickelt.

hans-boodt-1006004_640_chummelsIch habe sie gefragt, was sie von einem Mann erwartet. Ihre Antwort darauf: ich erwarte von „meinem“ Mann das er mich gut behandelt, etwas dominant ist und aufrichtig. Für eine Beziehung zählen drei Punkte als Basis definitiv: Treue, Vertrauen, Ehrlichkeit! Klassische Werte, die sich wohl nahezu jeder Mensch wünscht. Und: Er muss ein Bär sein, groß, breit, tätowiert. Ein kreativer und positiver Umgang, schlechtes neu zu interpretieren. Sie selbst ist tätowiert; vornehmlich um ihren Narben und verheilten Wunden ein neues Gesicht zu geben. Heute lebt Angelina in der Provinz mit ihren Kindern und zwei Menschen mit „gewissen Vorzügen“, wie sie es nennt. Der Mann, der sie befreit hat ist in ihrer Nähe und ihre Lebensgefährtin. Sie kümmert sich also aktiv um ihr Seelenheil und hat Vertraute um sich, wohl auch um wieder Vertrauen in andere fassen zu können. Das Vertrauen in sich selbst hat sie nie verloren. Ihre Werte lebt sie, auch wenn dies für Außenstehende nicht nachvollziehbar scheint. Angelina: „Ich habe mit der Bestätigung durch die ganzen Männer mein Selbstwertgefühl wieder aufgebaut. Ist ja so: je mehr Bestätigung ich bekomme, desto stärker werde ich.“

Das Leben bietet uns beizeiten Lebensentwürfe an, die wir niemals vorausgesehen haben. Im Umgang miteinander ist es wichtig, immer auch den Menschen an sich und seine gelebten Werte zu sehen und zu würdigen. Ich persönlich ziehe meinen Hut dafür, dass sie das jeweils Beste aus der Situation macht und mutig genug ist, ihre Sexualität, ihre Fantasien auszuleben. Das scheint vielen schwer zu fallen, auch wenn sie es nicht zugeben mögen. Sonst gebe es Frauen wie Angelina nicht. Sie ist ein gutes Beispiel zu reflektieren und sich aufzumachen, seinen eigenen lustvollen Weg zu gehen. Wie auch immer der aussehen mag.

Vielen Dank an Angelina und einige ihrer Kunden, die Rede und Antwort standen!

Cat fragt: Macht autofrei wirklich freier? Sagen Sie ihr die Meinung…

Über viele Fragen lässt sich sicherlich streiten – oder zumindest diskutieren. Eine davon stelle ich euch als Kolumnenlesern hier, zum Mitreden und Kommentieren.

Für mich war immer klar: Solange ich in einer Stadt wohne, wo ich mit Bus und Bahn überall hinkomme, brauche ich kein Auto, höchstens eine Monatskarte als Freifahrtschein für diverse öffentliche Verkehrsmittel. Als ich noch im Vorort einer Kleinstadt gewohnt habe, bei meinen Eltern , konnte ich es kaum erwarten, bis ich endlich meinen Führerschein hatte und mit meinen Freundinnen in die Disco oder zu einer Party gondeln konnte, ohne einen Zugfahrplan zu checken oder mich in schlecht belüftete Nachtbusse zu quetschen. Der Hintergrund war nur: Man hatte beim bestehenden Verkehrsnetz einfach keine Wahl.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Heiler auf vier Pfoten

Manche Themen haben einfach nichts mit dem Geschlecht zu tun – zumindest nicht vorrangig. Um diesen Themen Raum zu geben und meine Gedanken mit euch, den „Ritter“-Lesern, zu teilen, gibt es nun die Rubrik „Gedankenwelt“.

Wissenschaftliche Studien bestätigen, was die Tierhalter unter uns schon lange wussten: Tiere sind sehr sensibel und können echte Heilkünstler sein. Sie können zwar kein ACC Akut von Paracetamol unterscheiden, dafür liegen ihre Talente eindeutig woanders. Durch ihre Bindung zu uns und unser Verhalten spüren sie, wie es uns geht. Ein Beispiel aus dem Leben: Unsere beiden Katzen, Mira und Maya. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein – Mira hat schwarzes Fell mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen, eine „Butlerkatze“, nur, dass sie für einen Butler eine Ecke zu fordernd miaut und Füße im Bett jagt. Hartnäckig, resistent gegen Gemecker und vor allem gegen Lärm. Maya ist das totale Gegenteil, eine „Kuhkatze“, weiß mit schwarzen Stellen im Fell. Sie ist eine stille, zurückhaltende Gesellin und erst einmal vorsichtig, mit wem sie sich abgibt. Doch auf mich ist sie so bezogen, dass sie sich sofort zu mir legt, während Mira sich meinen Freund und seinen Schoß als „Übermama“ auserkoren hat (nicht, dass sie mich deswegen weniger anmaunzt, wenn es um das Wesentliche geht …) .Weiterlesen

Das Mondtal – Meine Geschichte zum Buch von Jack London

Jack_London_Mondtal1976 – wir wohnten damals in einer westfälischen Kleinstadt gewohnt. Im Nirgendwo zwischen Dortmund und Paderborn. Meine Eltern hatte eine Bekannte, die uns hin und wieder besuchte. Ihren Nachnamen werde ich wohl nie vergessen; ein Gesicht dazu habe ich nicht mehr. Sie hieß DelNardo.  An diesem Abend brachte sie zwei Geschenke mit: einen frisch geschossenen Fasan und ein Buch für mich: Das Mondtal von Jack London. Bis dahin kannte ich vornehmlich Bücher von Enid Blyton und vom „Autorenkollektiv“ Die Drei Fragezeichen und natürlich Walt Disney.  Weiterlesen

George W. Carver – Vorbild und Universalgenie

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[Quelle: neukirchener verlagsgesellschaft – mit freundlicher Genehmigung]

Ein Leben für die Freiheit

„Manche halten ihn für den beachtenswertesten Amerikaner aller Zeiten“, so beginnt die faszinierende Lebensgeschichte, die Lawrence Elliott über den Afroamerikaner George W. Carver geschrieben hat.
Es ist die Geschichte eines Kämpfers für die Würde und Rechte der Afroamerikaner, der allen Widrigkeiten zum Trotz Bildung und Wissen erwarb und mit seinem Einfühlungsvermögen in alles, was Gottes Schöpfung hervorgebracht hat, Hoffnung schenkte. Zu seinen großen Leistungen gehört, dass er den ausgemergelten amerikanischen Süden von der Herrschaft des Königs Baumwolle befreite, indem er die Farmer vom vielfältigen Nutzen des Erdnussanbaus überzeugte.Weiterlesen

Claudia Severin über Ihre Arbeit im Network-Marketing

Porträt_SeverinDu hast in einem facebook-Eintrag beklagt, dass so wenige dazu stehen, im Network-Marketing tätig zu sein um Dich dann direkt dazu zu bekennen. Wie kam es dazu? Worin siehst Du den Grund für diesen beschämten Umgang?
Zu wenig Überzeugung, und eine Umwelt natürlich, die den Berufsstand Network Marketing nicht hoch einschätzt, um es freundlich zu sagen.

Von Neulingen wird oft erwartet, dass sie zum Einstieg ihren Freundes- und Bekanntenkreis als Kunden akquirieren. Wie stehst Du dazu?
Ich kenne überhaupt niemanden, der gerne akquiriert wird, aber gerade die Menschen im persönlichen Umfeld wollen natürlich den Kumpel, Freund, Bruder, Schwester so haben, wie er schon die Jahre durch war. Zusätzlich brauchen die Menschen Anerkennung, und gerade das nahe stehende Umfeld positioniert sich in diesen Augenblicken zum selbst ernannten Experten, in dem man eben im Internet nach so vielen wie möglichen kritischen Punkten sucht. Und diese dann als abzuratendes Ergebnis präsentiert. Schließlich ist die Freundschaft dazu da, jemanden von ‚schlechten’ Dingen abzubringen.
Ich halte gerade das nächste Umfeld für die sprichwörtliche Höhle des Löwen und würde ohne weiteres meine Partner da nicht reinschicken.

Was mache ich als Neuling, wenn ich nur wenig Menschen kenne, ich dennoch vom Metier fasziniert bin und einsteigen möchte?
Eine Entscheidung treffen.

Gibt es eine bestimmte Lebensphilosophie, die notwendig um Multi-Level-Marketing bestehen zu können?
Ja, unternehmerisches Denken entwickeln. Sich von Anfang an auf Widerstände einstellen, auf Herausforderungen, mit diesen aber so spielerisch wie möglich umgehen. Persönliches Wachstum und überdurchschnittlicher Einsatz wird dein Durchbruch sein. Sofern du ihn anstrebst.

Wie definierst Du Dich in Deinem Job? Bist Du quasi Rund-um-die-Uhr im Dienst? Gibt es eine Trennung von Beruf und Privatperson?
Ich muss da mal was von Götz Werner herauskramen, dem Gründer der dm Drogerie…moment. Er sagt: «Streichen Sie die Begriffe Arbeitszeit und Freizeit aus Ihrem Wortschatz. Ersetzen Sie diese durch Lebenszeit und fragen Sie sich: Macht das Sinn, was ich mache?»
Ich bin einfach eine Person. Das was ich tue, ist Bestandteil von mir. Ob ich nun im Gespräch bin, eine Präsentation mache, im Garten was tue, ein Buch lese, oder auch diese Fragen beantworte – ich trenne da nichts. Würde aber immer bei engen Familienmitgliedern oder Freunden alles stehen und liegen lassen, um zu helfen, wenn es nötig ist.

Ich bedauere ein bisschen die Menschen, die von der Work-Life-Balance reden müssen, und sich von ihrer Arbeit in ihrem ‚Lebensbereich’ erholen müssen. Was ist dann Arbeit für sie? Der Tod? Das Übel? Also wenn das so ist, stimmt was mit dem Beruf nicht.

Was magst Du an Deinem Job besonders und was überhaupt nicht?
Beides mal:  menschliches Verhalten.

Wie gehst Du mit kritischen Stimmen um?
Kritik ist ja gut. Und zeigt, ob jemand und in wie weit sich jemand sogar mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Wenn die Kritik Substanz hat, spreche ich gerne weiter im Dialog. Wenn es ‚Gossen-Jargon’ ist und keine Substanz hat, interessiert es mich nicht. Diskutieren möchte ich sowieso nicht.

Kennst Du Angst vor dem Erfolg? Wie kann man damit umgehen?Ich glaube nicht, dass es den meisten klar ist, dass sie Angst vor dem Erfolg haben. Das ist etwas sehr unbewusstes. Dass ‚reiche’ Menschen zum Beispiel sich ihren Freunden abwenden, dass Erfolg Verzicht bedeutet. Dass der Charakter sich verändert. Und eigentlich sind ja Unternehmer auch Ausbeuter – das sind die Glaubenssätze in den Köpfen… und zu so was will man ja nicht werden.
Sehr wohl haben Menschen aber immer Angst vor neuen Dingen, die ihnen eigene Aktivität abverlangen. Dinge, die sie noch nie getan haben.
Ich weiß nicht, da scheinen einfach Ziele und Veränderungswünsche im Leben noch nicht klar genug zu sein. Sonst würde man einfach viel mehr über den berühmten Schatten springen.
Ja, hab ich gemacht, ich hatte eine Ur Angst vor Leuten zu sprechen. Ich habe mir Tonnen von Büchern gekauft, ich habe in der Theorie geübt und geübt. Ich habe gezittert, als ich die ersten Male vor einer kleinen Gruppe sprach. Ich konnte fast kein Wort rausbringen, bzw. ich dachte, bald brauch ich einen Übersetzer, es versteht mich keiner mehr, mein Mund war staubtrocken und klebte bei jedem Wort zu.
Hat das was mit Erfolg zu tun? Ich finde nicht. Nur die Häufigkeit, etwas zu tun, trotz der unsäglichen Angst oder trotz eines Widerwillens, das ist Erfolg. Man sagt, um Experte in einer Sache zu werden, brauchst du 10.000 Stunden Übung. Also fang an. Oder auch nicht. Es ist immer eine persönliche Entscheidung. Erfolg ist freiwillig.

Worauf sollten Interessierten Deiner Erfahrung nach achten, wenn Sie nach einem passenden Anbieter suchen?
Schau den Leuten ins Gesicht. Darin kannst du so viel lesen, schau auch dem Management ins Gesicht.
Wem helfen die Produkte? Liefern sie dem Markt Wert, oder helfen sie nur den Gründern und ‚Leadern’ die Taschen zu stopfen?

Warum hast Du Dich für Deine aktuelle MLM-Firma entschieden? Worum geht es dabei?
Um den Bereich von IT Technologie, Kommunikationsprodukten, in Bälde auch tragbaren Computerprodukten – und ein ganz gegensätzlicher Bereich: der Aufbau des größten Solarprojektes, wir wollen hier etwas schaffen, wo jeder partizipieren kann, aber auch jeder beitragen kann, dem Planeten zu helfen, saubere Energie  zu produzieren.
Mit 300.000 Geschäftspartnern insgesamt hat das Unternehmen in den ersten 3 Jahren bewiesen, etwas Außergewöhnliches zu tun und anzubieten. Für mich und meinen Lebensgefährten stimmten Produkt, das Management, der Zeitpunkt und das Warum.

Was ist Dein Traumjob?
Tja 😉

Welche Ziele hast Du Dir gesteckt? Was bedeuten Sie Dir?
Ich bin nicht so der Ziele Typ. Ja, ich habe persönliche Dinge, die ich erreichen will.
Ich halte, das Ziele-setzen in vielen Fällen für schädlich, demotivierend. Die meisten verlangen es ihren Geschäftspartnern ab, sich mit Zielen auseinanderzusetzen, diese klar zu fixieren. Aber haben sich die Leute wirklich Gedanken um ihre eigenen Ziele gemacht? Oder nur nachgeplappert, was andere meistens als Ziele, Wünsche, Träume nennen.
Werden sie parallel ausgebildet, überhaupt die Ziele realistisch erreichen zu können? Ist ihnen klar, wie sehr sie sich von ihren Zielen, mehrmals die Woche oft, selbst entfernen?
Was passiert mit Menschen, die wieder und wieder ihre Ziele nicht erreichen? Verlieren diese Menschen nicht irgendwann den Mut?
Ich bin überzeugt, wenn man immer und immer die richtigen Dinge tut, und seinen Focus auf sein großes Warum hält, hat man wie ein Bauarbeiter, der in den Alpen ein Loch bohrt, eines Tages seinen persönlichen Durchbruch.
Manchmal geht es schneller, Manchmal langsamer.

Interview: Oliver Simon
Headerfoto: _Andreas Carjell_pixelio.de
Porträt: Claudia Severin

Interview | Rafael Santeria • PornoProduzent | Männer sind egozentrische Bestien

Foto: Privat
Rafael Santeria – Foto: Privat

Rafael Santeria arbeitet in der Erotikbranche; was für den einen verrucht, ist für den anderen ein ganz normaler Job. Wir haben den Produzenten der Filmreihe EROdays (Stand 2014) interviewt, um eine Brücke zwischen anrüchig und alltäglich zu schlagen.

Wie denkst Du über Frauen?
Nur das Beste! Ganz frei heraus: Frauen sind kein besonders selbstständiges Geschlecht und drängen aus ihrer tiefsten Natur in Abhängigkeit zu überwiegend männlichen Partnern. Völlig wertungsfrei. Egal, ob vollzeitsouveräne Business-Frau oder devotes Girly, nach ein paar recht einfachen fast schon mechanischen Schritten kommt aus jedem Weibchen ein Kern ans Tageslicht. Nicht jeder Mann kriegt jede Frau und nicht jede Frau lebt die Impulse ihrer natürlichen Neigung auf die selbe Art und Weise aus. Aber ein oder mehrere Männer schaffen es, fast jede Frau in ihrer Fassade – sofern vorhanden – zu durchbrechen. Und dem störrischen Rest sieht man das Unharmonische und innerlich Gespaltene an. Frauen können trotzdem 120 Jahre alt werden, Kinder zeugen, Lebensqualität aufbauen, aber ein seelisches Potential bleibt in dieser beliebten Pseudounabhängigkeit ungelebt. Und solche Frauen interessieren mich immer weniger. Mein Respekt gilt denjenigen Weibchen, die den Mut aufbringen, ihr emotionales und kognitives Sturmwasser von einem führenden, selbstbewussten und fähigen Mann kanalisieren zu lassen. In diesem Modus werden die weiblichen Stärken am wirksamsten.

Nach welchen Kriterien suchst Du Deine SpielgefährtInnen aus?
Gute Frage, auch wenn ich bislang nicht groß als Darsteller in Erscheinung getreten bin. Mein Liebesleben lässt trotzdem eine Antwort zu: Meine Frauen sollen schön sein, attraktiv, überwiegend jung, schlank, stark sexuell, erotisch und charakterstark. Charakter definiert sich dabei über die eingangs erwähnten Kriterien: Ist meine Frau bereit, sich unter mein Regelsystem zu fügen? Ist sie bereit, ihre von Natur aus sprunghaftes Wesen von mir zu unserer beider Gunsten regulieren zu lassen? Auch ich erwarte eine hohe Liebesbereitschaft von einem schönen Mädchen in meiner Umgebung. Auch ich will ihre Obhut über meinen Seelenhaushalt erleben. Männer sind egozentristische Bestien. Eine gute Frau federt dieses Animalische ab, um die autodestruktiven und aggressiven Folgen zu mindern und einzudämmen.

Was würdest Du für einen Job machen, wenn Du auf den aktuellen keine Lust mehr hast?
Schwer zu sagen. Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf. Alternative könnte eine andere Form von Marketing sein. Aber ich wüsste nicht für was, da ich mich mit nichts so gut identifizieren kann zur Zeit wie mit diesem Lifestyle. Außerdem gibt es wohl keine Branche, die das lange mitmachen würde, was ich der Pornographie zumute. Selbst im Erotik-Biz ist das manchmal nicht ganz konfliktfrei.

Was müsste ich als Normalo, bzw. nicht zum Beuteschema passender Mann tun um Darsteller bei Deinen Produktionen zu sein? Worauf kommt es für dich an?
Mich voll und ganz im Umgang mit Frauen überzeugen. Die eigenen Schwächen kennen und geschickt, charmant und ästhetisch durch Stärken kompensieren. Ich mag Männer, die mich weder ausstechen noch nerven. Aber offen gestanden: Es wird immer schwerer, an meiner Seite zu bleiben. Ich bin eine Alpha-Hyäne. Ich kann mich gegen viele Männer weder charakterlich noch körperlich durchsetzen. Deswegen schließe ich sie einfach von meinen Vorteilen aus.

Man liest immer wieder: keine Körperbehaarung. Warum?
Liest man das? Interessant. Ich erlebe im deutschen Porno – zumindest bei den Männern – häufig eher das Gegenteil. Ich antworte aus eigener Perspektive: Ich liebe glatte, sterile Körper, ich mag es amerikanisch, künstlich, clean. Das ist letztendlich Geschmackssache, befürchte ich fast.

Wenn man die Szene beobachtet, scheint jeder jeden zu kennen; ist das ganze wie eine große Party?
Die deutsche Branche ist klein und überschaubar. Partyumgebung habe ich bisher noch nicht so sehr gesucht bei Produktionen, weil ich ein sehr ernsthafter und zielorientierter Mensch bin. Es soll gefälligst funktionieren, den Humor der meisten Menschen finde ich persönlich eh zu platt und zu berechenbar, um aufrichtig mitzulachen. Aber das Persönliche schätze ich dennoch sehr. Vertrautheit ist eine gute Voraussetzung für gute Ergebnisse.

Wie kalkulierst Du Deine Honorare? Wie kalkulierst Du eine Produktion? 
Das Kapital zahlt nicht gerne. Ich bin meiner Herkunft nach marxistischer Prägung und weiß darum, dass der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital im Regelfall zu Gunsten des Profits gelöst wird. Also heißt die Devise: Wenig ausgeben, viel einnehmen. Aber ich bin dennoch darum bemüht, Win/Win zu schaffen: Also teilen wir gerne das Produkt zwischen den Darstellern und der Agentur auf – jeder darf das Material einschließlich der Vermarktungsrechte nach Hause nehmen und selbst damit wirtschaften. Sollte ich ausnahmsweise mal die Vollrechte haben wollen, orientiere ich mich an marktüblicher Vergütung.

Mal ganz blöd gefragt; wie ist das so mit vielen Frauen zu verkehren und sich längst nicht alle merken zu können?
Wiederum: Kein Darsteller, trotzdem kann ich als Privatcasanova antworten. Nicht jede Frau spielt in meinem Leben gleich eine zentrale Rolle. Aber wer es in mein Herz schafft, der ist so präsent wie ein Freund oder ein wichtiger Kumpane auch. Manchmal passiert es tatsächlich, dass ich einen Fick vergesse. Aber das hat dann meist auch seine Gründe. Befreundete Darsteller lösen das Ganze durch eine „Wall of Fuck“, auf der die besonderen Trophäen mit Foto und Namen erfasst werden.

Hast Du jemanden, der Dir das Administrative abnimmt, oder machst Du alles selbst?
Ich bin in der glücklichen Position, die meisten Angelegenheiten juristischer und wirtschaftlicher Natur dem Backoffice überlassen zu können. Auch Postproduktion liegt mittlerweile außerhalb meiner Hände. Dem Himmel sei Dank dafür 😉

Bist Du mit dem Einfallsreichtum der Frauen zufrieden?
Nein. Frauen sind, freundlich gesprochen, selten die treibende kreative Kraft. Weniger freundlich gesprochen sind sie oft Idioten.

Gibst Du den Ton an oder ist es wichtig, dass Frau führt?
Ich genieße aktive Frauen, aber leider sind die wenigsten Frauen dazu veranlagt. Also muss ich damit Umgang pflegen, dass man Frauen die Richtung vorgeben muss.

Wie sieht Dein Privatleben aus? Schützt Du das besonders? Oder bist Du öffentlich?
Ich habe mich als Privatperson damit arrangiert, mein Leben weitgehend transparent zu machen. Manchmal gibt die Firma ein paar Richtlinien vor, aber ich würde mich auch noch mit einem Magengeschwür vermarkten, wenn es der Realität entspricht.

Auf was für Typen stehst Du? Wie offen bist Du?
Grundsätzlich: freaky, nasty, fights for me. Sie muss verrückt sein, versaut und was dafür tun, mich zu bekommen. Wenn das stimmt, sehe ich über einige Defizite hinweg. Ansonsten haben attraktive, schlanke, junge Frauen den Vortritt. Ich stehe darauf, wenn man mich um meine Begleiterin beneidet. Ein guter Charakter ist eine gute Voraussetzung für’s Bleiben.

Wenn Du jemandem, der vielleicht etwas spießig ist, Deinen Job erklären solltest: was sagst Du ihm?
Ich bin eigentlich sehr umgänglich und ein Kommunikationsmensch. Einfühlsamer, verständnisvoller, bedachter Ansatz. Häufig habe ich aber auch gar nicht die Zeit, die Zivilbevölkerung aufzuklären. Ich arbeite viel zu viel.

Wie denkst Du über Safer Sex?
Sollte man, nicht wahr? Die Frage könnte ja auch heißen, wie ich über ungewollte Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten denke: Beides liegt mir nicht besonders.

Hast Du eigentlich ein Geschäftsmodell oder Businessplan erstellt oder machst Du einfach drauflos?
Einfach drauf los. Ich werde blöd, wenn ich meine wertvolle Zeit noch mit Vorausplanung verschwenden muss.

Wie bist Du zu Deinem Job gekommen?
Kurzversion: Praktikumsanfrage, Glück gehabt, Talent bewiesen, unverzichtbar geworden.

Was findest Du daran richtig geil?
Ich mag das Machtgefühl in dem Job. Ich liebe es, wenn ich Anerkennung und Bestätigung erfahre. Die Frauen sollen mich wollen, die Männer sollen so sein wollen wie ich. Das ist ein immenser Kick.

Was kotzt Dich an?
Die Bedürfnisse anderer Menschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Hast Du einen Appell an die Frauen im Umgang mit Dir?
Keine Umwege. Ich habe keine Zeit für Spielereien. Eine Frau von guter Attraktivität kann und soll mich einfach mit klarem sexuellen Angebot anschreiben. Alles andere nehme ich zwar in Kauf, aber schätze ich nicht besonders.

Was ist Dir persönlich wichtig; was ist Dein Antrieb?
Geld, Macht, Ruhm, viele schöne Frauen und über kurz oder lang seelische Ausgeglichenheit und Lebensfrieden.

Vielen Dank für das Interview!

Wer mehr über Rafael Santeria wissen möchte:
http://youtube.com/rafaelsanteria
http://www.rafaelsanteria.com/ (NEU und ab 18!)

cat’s couch – Die Schönen und die Biester – Kolumne

Die Schöne und das Biest - 1946 - franz. Verfilmung
Die Schöne und das Biest – 1946 – franz. Verfilmung

Wir Frauen, oder viele von uns, kommunizieren nicht wie ihr Männer. Wir reden nicht wie ihr, benutzen andere Worte und Bilder, um mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten. Kurz: Für manche Aliens vom Mars ist es schwierig, mit manchen Aliens von der Venus so etwas wie eine Galaxienfusion zu bilden, um im Star Wars-Jargon zu sprechen. Der Ton unter den Mars-Männern kann so rau sein, dass die Venus-Frauen sofort Abstand nehmen würden; andersherum schüttelt der Mars-Mann beizeiten den Kopf über das biestige Verhalten unter Venus-Frauen. Doch weg von typischen Sinnbildern aus dem Weltall und zurück auf den irdischen Boden der Tatsachen.Weiterlesen