Kategorie: Menschenbilder

Haydn – Über seine Vorbilder und wen er verehrte

[avatar user=“KonradKollek“ size=“medium“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/?s=konrad+kollek“]Konrad Kollek [/avatar]

Joseph Haydn, Schwerpunkt des diesjährigen SHMF, galt als Genie und Musikerneuerer. In loser Folge veröffentlichen wir Beiträge zu diesem musikalischen Vorbild.

Franz Joseph Haydn (Rufname: Joseph, * 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; † 31. Mai 1809 in Wien) war Komponist zur Zeit der Wiener Klassik. Er war Bruder des Komponisten Michael Haydn und des Tenors Johann Evangelist Haydn.

Den größeren Teil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Haydn als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie Esterházy, wo er deren Orchester und Oper leitete. Die Abgeschiedenheit von anderen Komponisten und musikalischen Strömungen beschrieb er mit dem bekannten Zitat: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“

1797 vertonte Haydn für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Franz II. das hierzu bei Lorenz Leopold Haschka ebenfalls vom Hof bestellte Gedicht Gott! erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!. Die Melodie war bis zum Ende der Habsburgermonarchie 1918 die der Österreichischen Kaiserhymnen und fand auch danach noch in der Ersten Republik Anwendung. Im Jahr 1841 wurde ihr das extra hierzu gedichtete Lied der Deutschen von Heinrich Hoffmann von Fallersleben unterlegt, das in dieser Form 1922 die Hymne des damaligen Deutschen Reiches wurde.

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Nicola Antonio Porpora - Maler unbekannt - 18. Jhrdt.
Nicola Antonio Porpora – Maler unbekannt – 18. Jhrdt.

Obgleich Haydn einmal scherzhaft äußerte, dass er von allen geliebt und geachtet werde, ausgenommen von Musikgelehrten , so waren doch gerade die größten Musiker stets bereit, der anderen Größe anzuerkennen. Haydn selbst scheint von Eifersucht gänzlich frei gewesen zu sein. Seine Bewunderung für den berühmten italienischen Komponisten und Gesangslehrer Nicola Antonio Porpora ging so weit, dass er sich entschloss, sich Zutritt zu seinem Hause zu verschaffen und sein Diener zu werden. Nachdem er die Bekanntschaft der Familie gemacht hatte, in der der „Virtuose der italienischen Arie“ lebte, betraute man ihn mit dieser Aufgabe. Jeden Morgen bürstete er jetzt den Rock des alten Herrn aus, putzte die Schuhe und brachte seine Perücke in Ordnung. Zuerst war Porpora über den Eindringling aufgebracht; aber sein Unwille besänftigte sich bald und ging in Zuneigung über. Er entdeckte das Genie seines Dieners und geleitete ihn durch entsprechenden Unterricht auf jene Bahn, auf welcher Haydn später solche Bedeutung erlangte.

Haydn selbst war ein begeisterter Bewunderer Händels. »Er ist unser aller Vater,« sagte er einst. Scarlatti folgte voll Bewunderung Händel durch ganz Italien und wenn sein Name genannt wurde, bekreuzigte er sich zum Zeichen der Verehrung. Mozart zollte dem großen Komponisten nicht weniger herzliche Bewunderung. »Wenn Händel will,« sagte er, »so fährt er drein wie der Donnerkeil.« Beethoven pries ihn als den »König im Reiche der Musik.«

Als Beethoven auf dem Sterbebett lag, sandte ihm einer seiner Freunde Händels Werke in vierzig Bänden als Geschenk. Sie wurden in sein Zimmer gebracht und sie mit wieder erstrahltem Glanz in den Augen in sich aufsog. Dann rief er aus, mit dem Finger auf sie zeigend: »Hier – hier ist die Wahrheit!«

Joseph Haydn - KompositionHaydn erkannte nicht nur das Genie derer an, die vor ihm lebten, sondern auch seiner jungen Zeitgenossen wie Mozart und Beethoven. Engstirnige Menschen mögen auf ihre Genossen neidisch sein, aber wahrhaft große Männer suchen und lieben einander. Über Mozart schrieb Haydn: »Ich wünschte nur, ich könnte jedem Freunde der Musik und besonders großen Männern dieselbe Tiefe musikalischer Sympathie und die Wertschätzung der unnachahmlichen Musik Mozarts mitteilen, die ich empfinde und genieße; dann würden Nationen miteinander ringen, um solch ein Juwel in ihren Grenzen zu besitzen. Prag sollte sich nicht nur bemühen, diesen köstlichen Mann festzuhalten, sondern ihn auch gebührend zu belohnen; denn ohne dies ist die Geschichte eines großen Genies wahrhaft traurig …. Es bringt mich auf, dass der unvergleichliche Mozart noch nicht von einem kaiserlichen oder königlichen Hof engagiert worden ist. Vergebt mir meinen Zorn; aber mir ist der Mann so teuer.«
Mozart erkannte ebenfalls die Verdienste Haydns hochherzig an. »Mein Herr,« sagte er zu einem Kritiker, als sie von jenem redeten, wenn Sie und ich verschmolzen würden, so würden wir noch nicht genug Material für einen Haydn liefern.« Und als Mozart zum ersten mal Beethoven hörte, bemerkte er: »Hören Sie diesem jungen Manne zu, und seien Sie versichert, dass er sich in der Welt einen großen Namen erringen wird.«

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Maria Aronov • Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/author/mariaaronov/“ target=“_blank“]Maria Aronov – Autorin, Lyriker, Dozentin[/avatar]

Platon (altgriechisch Πλάτων Plátōn, latinisiert Plato; * 427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 347 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Platon (altgriechisch = breit) war der Spitzname von Aristokles. Diesen bekam er wohl wegen seiner breiten Schultern.

Platon gehörte dem ältesten Adel von Athen an. Sein Vater Ariston soll ein Nachkomme der früheren Könige von Athen gewesen sein. Die Mutter von Platon, Periktione, war mit einem bekannten Athener Staatsmann des 6. Jahrhundert vor Christus verwandt. Nach dem Tod von Ariston heiratete sie zum zweiten Mal. Zu ihrem Mann wurde Pyrilampes. Er war ein Freund von Perikles, ein berühmter Staatsmann von Athen. Als junger Mann ähnelte Platons Verhalten den anderen Jungen seiner Zeit. Er bevorzugte eher die leichtfertige Lebensform mit Spaß und Spiel. Später dichtete er, aber den philosophischen Geist in ihm erweckte sein Lehrmeister Sokrates. Es interessierten ihn aber auch Ringkämpfe. Den Überlieferungen nach soll er zweimal die Isthmischen Spiele gewonnen haben. Diese stellten Wettkämpfe im antiken Griechenland dar, ähnlich den späteren olympischen Spielen. Den Namen erhielten sie nach dem Isthmos (einer Landenge) von Korinth.

Platon

Als Platon 20 wurde, wollte er sich der Politik widmen, bis er feststellte, dass die damalige Politik Athens überhaupt nicht dem entsprach, was er sich vorstellte. Er entschied sich also dazu, sich dem Kreis der Sokratiker anzuschließen. Platon studierte im griechischen Megara, wo er Logik bei Euklid studierte, dann begab er sich nach Ägypten und Nordafrika.

Auf seiner Reise nach Italien und Sizilien, wo er im Jahre 389vor Christus war, studierte er die Lehre von Pythagoros, dessen Grundgedanke war, dass das ganze Dasein einer genauen mathematischen Ordnung unterläge.

Maria Aronov - Platons Akademie4Als Platon 40 wurde, wurde er von Dionysios gerufen. Platon Aufenthalt bei ihm endete jedoch damit, dass er als Sklave verkauft wurde. Der Grund dafür war, dass Platon den Tyrannen Dionysios umerziehen wollte. Zum Glück konnte Platon von einem Freund freigekauft werden und nach Athen zurückkehren. Durch Unterstützung einiger Gönner, konnte Platon außerhalb der Stadt eine Schule eröffnen, die zur ersten Universität Europas wurde. Er nannte sie Akademia. Der Name beruhte auf dem örtlichen Halbgott Akademus.

Die Schule war sowohl für Frauen als auch Männer offen. Unter ihnen befand sich auch Aristoteles. Die Fächer waren politische Theorie, Gymnastik, Philosophie, Biologie, Mathematik und Astronomie. Der Unterricht war kostenlos.

Die Lehre Platons reichte von der abendländischen Philosophie über das Christentum und die islamische Weltvorstellung des Mittelalters, über die Renaissance bis hin zum 21. Jahrhundert. Die Akademia wurde jedoch im Jahr 529 nach Christus durch den byzantnischen Kaiser Justinian I geschlossen. Laut dem Werk des alexandrinischen Philosophen Philo Judaeus hatte Platon eine große Wirkung auf die jüdische Gedankenwelt des ersten Jahrhunderts. Im dritten Jahrhundert wurde durch Plotin der Neuplatonismus gegründet.

Bei Florenz wurde im 15. Jahrhundert Academica Platonica gegründet. Dort wurden den Akademie-Besuchern die Werke Platons im griechischen Original vermittelt.

Trotz seines Erfolgs, Talents und der Anerkennung musste Platon seinen Traum, mithilfe der Philosophie das Leben eines idealen Staates zu realisieren, aufgeben. Einen großen Einfluss darauf hatte seine Flucht aus dem Gefängnis, als er zum zweiten Mal versucht hat, den Herrscher Dionyses umzuerziehen.

Archäologische Fotos von Platons Akademie – Aufnahmen von Maria Aronov

In der Zeit des peloponnesischen Krieges (zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter seiner Führungsmacht Sparta dauerte, unterbrochen von einigen Waffenstillständen, von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner) träumte Platon davon, den Idealismus zu finden. Dieser sollte bruchfest sein und für alle Lebenslagen gelten. Platons Idealismus sollte auf dem Geist beruhen. Nur unsere Vorstellung davon, was wir sehen, macht seiner Ansicht nach die Erkenntnis möglich. Die einzig wahre Welt war für Platon die Welt der Ideen. In seiner Ideenlehre geht es um die Wichtigkeit der Wahrnehmung und des Wissens. Die Ideen selbst lassen sich nur durch ihre Wirkung erkennen. Um die Ideenwelt zu beschreiben, nimmt Platon die Sonne und vergleicht sie mit der Idee des Guten. So, wie die Sonne die Welt beleuchtet, bringt die Idee des Guten in das Unsichtbare die Wahrheit. Das Gute steht nach Platon über allem, wozu auch unser Sein gehört. In seinem Höllengleichnis kritisiert er die Bequemlichkeit des Menschen in einer Scheinwelt. Das bedeutet, dass die Wahrheit lieber verschwiegen wird. Dies war auch gegen die Vorstellung von Sokrates, der bis zu seiner Hinrichtung die Wahrheit so weit wie möglich verbreiten wollte.

In den zahlreich ideal verfassten Schriften Platons wird seine Suche nach der ewigen Wahrheit erläutert und berührt bis heute die Herzen und Seelen seiner Leser.

Weitere Texte zu Platon und seine Zeit finden Sie hier.

Wilson Alwyn Bentley • Der Schnee-Photograph

Snow flakes by Wilson Bentley. Bentley was a bachelor farmer whose hobby was photographing snow flakes. ; Image ID: wea02087, Historic NWS Collection ; Location: Jericho, Vermont ; Photo Date: 1902 Winter - Quelle: wikipedia
Snow flakes by Wilson Bentley. Bentley was a bachelor farmer whose hobby was photographing snow flakes – Image ID: wea02087, Historic NWS Collection ; Location: Jericho, Vermont ; Photo Date: 1902 Winter – Quelle: wikipedia

Die wunderbaren Formen der Schneekristalle, die sich auch dem bloßen Auge offenbaren, wenn die Flöckchen auf eine dunkle Unterlage fallen, hat wohl jeder schon einmal beobachtet – und ihre rasche Vergänglichkeit bedauert. Gibt es doch kein Mittel, um diese leichten Gebilde der Kälte aufzubewahren. Nur im Bild sind die köstlichen Formen festzuhalten, mit besonders prächtigem Ausdruck dann, wenn man die Kristalle durch das Mikroskop photographiert.
Es scheint nun eine Sisyphusarbeit, die allerfeinsten Schneeteilchen auf den Beobachtungstisch des Mikroskops bringen zu wollen. Denn sie zerbrechen schon, wenn sie nur gegeneinander stoßen, zerfließen bei der geringsten Wärmezufuhr. Dennoch hat ein amerikanischer Gelehrter durch unermüdliche Geduld und erstaunliche Geschicklichkeit es fertiggebracht, Mikro-Photographien von mehr als 2000 verschiedenen Schneekristallen herzustellen. Wilson A. Bentley in Jericho hat ein Vierteljahrhundert auf die Herstellung dieser Sammlung verwendet; er musste seine Arbeiten bei strengster Kälte, oft mitten in einem wütenden Blizzard ausführen und konnte sie nur vollenden, weil er eine große Gewandtheit im raschen Einstellen des Mikroskops und eine raschest funktionierende Kamera besaß. Das Ergebnis ist aber der Mühe wert, denn wir besitzen nun Bilder von Schneekristallen, die eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Formen offenbaren.
Wie in einem riesenhaften Laubwald nicht zwei Blätter zu finden sind, die einander vollständig decken, so ist auch keine der Schneeformen einer anderen gänzlich gleich. Umso wunderbarer ist aber, dass sie alle Sechseckform haben, von der auch nicht ein einziges abweicht. Innerhalb dieses Rahmens gleichen die Flöckchen bald Blumen, bald Rädern, bald winzigen Säulen, immer sind sie von berückender Schönheit.
„Wer genötigt ist, zu kunstgewerblichen oder industriellen Zwecken ständig neue figürliche Kompositionen zu ersinnen, braucht sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, wenn er Bentleys Photographien von Schneekristallen zu Hilfe nimmt. Musterzeichner, Spitzenklöppler und Künstler der graphischen Gewerbe können aus diesem schier unerschöpflichen Born, dem Gestaltungsreichtum der Natur, ihr Leben lang Anregungen gewinnen. Vieles, ja das meiste, was der Frost hier gewissermaßen spielend erzeugt, wird sich auf dem Webstuhl freilich nicht nachbilden lassen; denn diese Linien und Figuren sind zu zart und subtil, als dass sie sich mit Kettfaden und Einschlag erzeugen ließen. Aber der Überfluss an Formen in den Schneekristallen ist so groß, dass allein die darin gegebene Anregung genügt, um durch Vereinfachungen und Abänderungen unzählige brauchbare Vorlagen zu gewinnen.”

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Wilson Alwyn Bentley
Wilson Alwyn Bentley

Wilson Alwyn Bentley (* 9. Februar 1865 in Jericho, Vermont; † 23. Dezember 1931 ebenda) war ein US-amerikanischer Farmer, Fotograf und Schneeforscher.
Bentley, im Hauptberuf Farmer auf seiner Familienfarm in den USA, gelang es ab dem 15. Januar 1885 als einem der ersten Menschen, Schneekristalle unter dem Mikroskop zu fotografieren.[1] Das Verfahren dazu hatte er selbst entwickelt. Insgesamt fotografierte er mehr als 5.000 Schneekristalle. Sein 1931 veröffentlichtes Buch Snow Crystals enthält mehr als 2.400 seiner Fotos. Die Fotoplatten vermachte er dem Buffalo Museum of Science.

In einem Beitrag von 1922 stellte Bentley die These auf, dass jeder Schneekristall unterschiedlich geformt sei (“no two snowflakes are alike”). Hierzu berief er sich auf seine bisherigen Beobachtungen stets verschiedener Kristalle, womit freilich noch nicht der positive Nachweis erbracht war, dass wirklich alle Schneeflocken unterschiedlich sein müssen. Nancy Knight, eine Schneeforscherin vom National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, veröffentlichte in einem Aufsatz von 1988 die Fotos zweier augenscheinlich vollkommen identischer Schneeflocken.

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Artur Fürst / Alexander Moszkowski – Das Buch der 1000 Wunder
Erstveröffentlichung 1916
Verlag Albert Langen, München

Erich Salomon • Historische Fotos aus der Weimarer Republik

Erich Salomon • Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken

Erich Franz Emil Salomon (*1886 in Berlin; † Juli 1944 in Auschwitz) war ein deutscher Jurist, Fotograf und Bildjournalist.

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Quelle: Erich Salomon – Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken
Verlag: Peter Hunter-Salomon – 1978
Erstveröffentlichung: 1931

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates
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Erstes Buch.
1. Kapitel.

Verteidigung des Sokrates gegen die Beschuldigung, dass er nicht die Götter des athenischen Staates verehrt und neue Gottheiten eingeführt habe.

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

1. Oft habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe in aller Welt die Ankläger des Sokrates den Athenern überzeugend nachgewiesen haben mögen, dass er den Tod um den Staat verdient habe. Die gegen ihn erhobene öffentliche Klage lautete nämlich ungefähr so:
Sokrates tut Unrecht, einmal dadurch, dass er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt und andere fremde Gottheiten einführt, sodann aber auch dadurch,  dass er die Jugend verführt.

2. Was nun das Erste anlangt, dass er die Götter nicht anerkenne, welche der Staat anerkennt, was für einen Beweis in aller Welt mögen sie da vorgebracht haben? Bekanntlich opferte er oft zu Hause, oft auch auf den öffentlichen Altären der Stadt; auch ganz offenkundig bediente er sich der Weissagungen. Es hat ja genug böses Blut gemacht, dass Sokrates sagte, die Gottheit gebe ihm Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube, ihn beschuldigt haben, dass er fremde Gottheiten einführe.

3. Aber er führte damit ebenso wenig etwas Neues ein, als all‘ die anderen, welche an die Weissagekunst glauben und sich des Fluges der Vögel, der Vorbedeutungen aus der menschlichen Stimme, des Schauens der Eingeweide der Opfertiere und sonstiger Zeichen bedienen. Denn wie diese annehmen, dass nicht die Vögel, noch die ihnen Begegnenden das den Fragenden Zuträgliche wüssten, sondern dass es die Götter durch diese offenbaren, so dachte auch jener hierüber.

4. Aber die Meisten sagen es, als wenn sie von den Vögeln und Begegnenden ermahnt oder gewarnt würden, Sokrates hingegen sagte so, wie er dachte; er sagte nämlich, die Gottheit gebe ihm Andeutungen. Und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu tun, jenes aber nicht zu tun, weil ihm die Gottheit eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, welche ihm nicht folgten, bereuten es.

5. Und wer wollte fürwahr nicht zugeben, dass er nicht gewünscht hätte, vor seinen Freunden als ein Narr oder Einfaltspinsel dazustehen? Beides aber würde er gewünscht zu haben scheinen, wenn er sich erst als einen Verkündiger göttlicher Offenbarungen und dann hinterher als einen Betrüger gezeigt hätte! Offenbar nun hätte er derartiges nicht vorhergesagt, wenn er nicht an die Erfüllung desselben fest geglaubt hätte. Wer möchte aber hierin wohl einem andern als einem Gotte Glauben schenken? Wenn er aber den Göttern glaubte, wie hätte er da glauben können, dass es überhaupt keine Götter gebe?

6. Aber wahrlich, außerdem tat er auch noch Folgendes für seine Freunde. Die notwendigen Dinge riet er so zu tun, wie er glaubte, dass sie am besten getan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften.

7. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter, oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden.

8. Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, das, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflussreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte.

9. Diejenigen aber, welche glaubten, dass nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z.B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, dass man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müsse; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsse man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen, denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien.

10. Aber er verkehrte ja immer vor aller Augen. Denn des Morgens in der Frühe besuchte er die Säulenhallen und die Turnplätze, und zur Mittagszeit konnte man ihn dort sehen, und auch zu andern Tageszeiten war er immer da zu finden, wo er mit den Meisten zusammentreffen konnte. Auch sprach er gewöhnlich, und wer wollte, konnte zuhören.

11. Aber keiner hatte jemals von Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges gesehen oder gehört. Auch redete er nicht, wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos (Weltall) für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für töricht.

12. Und zuerst fragte er dabei, ob sie etwa schon wähnten, in menschlichen Dingen genügend erfahren zu sein und deshalb solche Grübeleien vornämen, oder ob sie wähnten, das Geziemende zu tun, wenn sie die menschlichen Dinge bei Seite ließen und sich mit göttlichen beschäftigten.

13. Er wunderte sich aber, wenn es ihnen nicht klar war, dass es Menschen unmöglich sei, dieses ausfindig zu machen, da ja auch diejenigen, welche sich auf ihre Disputationen über solche Gegenstände sehr viel zu Gute täten, nicht dieselben Ansichten hätten, sondern wie Wahnsinnige einander gegenüber ständen.

14. Denn von den Wahnsinnigen fürchteten die einen nicht einmal das Furchtbare, andere hingegen fürchteten sich selbst vor dem nicht Furchtbaren; den einen scheine es gar nichts Schimpfliches zu sein, unter einem Pöbelhaufen beliebiges zu reden und zu tun, wieder andere scheuten sich, auch nur unter die Leute zu gehen; die einen hätten weder vor einem Heiligtum, noch vor einem Altar, noch vor sonst einem göttlichen Dinge ehrfurchtsvolle Scheu; die anderen aber verehrten sogar Steine, die ersten besten Holzblöcke und Tiere. Ebenso scheine nun auch unter denen, welche über die Natur des Weltalls sich den Kopf zerbrechen, den einen das Seiende nur ein einzelnes Ding, den anderen hingegen das Seiende etwas der Zahl nach Unendliches zu sein; die einen sagten, alles sei in fortwährender Bewegung, andere, es bewege sich gar nichts; die einen glaubten, dass alles entstehe und vergehe, die anderen, dass niemals irgend etwas entstanden oder vergangen sei.

15. Er fragte über sie auch das, ob sich etwa, wie die, welche menschliche Weisheit lernten, das Gelernte im eigenen Interesse oder im Interesse eines beliebigen anderen im Leben zu verwerten beabsichtigten, ebenso auch diejenigen, welche über göttliche Dinge nachdächten, der Hoffnung hingäben, einmal, wenn sie erkannt hätten, welche Naturgesetze alles beherrschten, nach eigenem Gutdünken Winde, Regen, Jahreszeiten und was sie sonst von derartigen Dingen bedürften, machen zu können? Oder ob sie derartiges nicht einmal erhofften, sondern damit zufrieden wären, darüber, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis habe, nur eine Meinung gewonnen zu haben.

16. Das war seine Ansicht von Leuten, welche sich mit solchen Dingen beschäftigten. Er selbst aber hätte sich immer über menschliche Dinge unterhalten, indem er betrachtete, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was recht, was unrecht sei; was Besonnenheit und Keckheit, Tapferkeit und Feigheit sei; wie ein Staat und ein Staatsmann, wie Regierte und Regent sein müssten und anderes dergleichen, das, wie er überzeugt war, einen jeden, der es weiß, zu einem guten und tüchtigen Menschen macht, den aber, welcher es nicht weiß, mit vollem Rechte zu einem Knechte herabwürdigt.

17. Es ist demnach nicht zu verwundern, dass seine Richter in diesen Dingen, über welche seine Ansichten unbekannt waren, verkehrt über ihn urteilten; aber sehr zu verwundern ist es, dass sie darauf nicht Rücksicht nahmen, was allen bekannt war.

18. Als er nämlich einmal Senator war und den verlangten Eid geschworen hatte, in welchem auch stand, nach den Gesetzen einen Rath geben zu wollen, da wollte das Volk gerade zu der Zeit, wo er Vorsteher im Demos war, gegen die Gesetze neun Feldherrn, zu welchen Thrasyllos und Erasinides gehörten, durch eine Gesamtabstimmung zum Tode verurteilen. Dieser Abstimmung widersetzte er sich, obwohl das Volk ihm zürnte und viele Mächtige ihm drohten; aber er hielt seinen Eid für höher, als gegen Gesetz und Recht dem Volke zu willfahren und sich vor den Drohenden in Acht zu nehmen.

19. Und er war überzeugt, dass die Götter für die Menschen sorgten, aber nicht in der Weise, wie der große Haufe glaubt; denn dieser glaubt, die Götter wüssten manches, manches aber wieder nicht. Sokrates aber glaubte, die Götter wüssten alles, sowohl Reden als Werke, als auch das, was heimlich ausgesonnen wird; ferner, dass sie allgegenwärtig seien und den Menschen in allen menschlichen Angelegenheiten Zeichen geben.

20. Ich wundere mich also, wie in aller Welt die Athener sich haben überreden lassen, dass Sokrates in Betreff der Götter verkehrte Ansichten gehabt habe, da er doch niemals gegen die Götter etwas Frevelhaftes gesagt oder getan hat, vielmehr nur so geredet und gehandelt hat, wie einer reden und handeln muss, welcher als der Gottesfürchtigste anerkannt wird.

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330px-XenophonXenophon’s Erinnerungen an Sokrates
Verlag von Philipp Reclam jun

Xenophon (griechisch Ξενοφῶν; * zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; † nach 355 v. Chr. in Korinth) war ein antiker griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller in den Bereichen Geschichte, Ökonomie und Philosophie. – Quelle: wikipedia

Max Liebermann • Über den Maler Jozef Israëls

Jozef Israëls
Verlag Bruno Cassirer, 1901

Jozef Israëls by Jan VethWer zum ersten Male in seinem Leben auf die Jagd geht, hat immer Glück; wer aber auch nur einigermaßen gescheit ist, versucht es nicht zum zweiten Male.
Nach dem günstigen Erfolge, den die paar Seiten gefunden haben, die ich über Degas veröffentlicht hatte, – sind sie doch sogar ins Russische übersetzt! – hatte ich mir das Schreiben hoch und heilig verschworen. Siegreich hatte ich den Lockungen der Verleger widerstanden, und nur wer jemals Druckerschwärze geleckt hat, kann nachfühlen, wie schwer das ist.
Da traf sichs an einem schönen Septembernachmittag, eines Tages, als ich in Scheveningen mit Israels nach dem Lunch Kaffee trinkend und Zigarren rauchend vor seinem Pavillon saß, daß die Unterhaltung – wie das nicht selten unter Kollegen – auf die Kritik fiel. Und plötzlich sagte der Meister: »Wie über Degas sollten Sie mal über mich schreiben.« Und im Nu waren alle meine guten Vorsätze dahingeschwunden vor der freudigen Hoffnung, meiner Liebe und Verehrung für Israels öffentlich Ausdruck geben zu dürfen. Schon am nächsten Tage fuhren wir nach dem Haag und suchten im Atelier das nötige Material an Zeichnungen, Radierungen, Photographien, das den Text begleiten sollte, zusammen.
Bis hierher ging alles ganz famos. Aber als ich mich nun an die Arbeit machte, sah ich ein, daß ich Israels viel zu sehr liebe, um über ihn schreiben zu können. Denn man kann eigentlich nur über die Schwächen eines Künstlers schreiben: woher denn auch die meisten Kritiker ihren Helden zu »zerreißen« pflegen (was, nebenbei bemerkt, viel amüsanter ist). Um aber einem großen Künstler wahrhaft gerecht zu werden, müßte man seine Kunst in Worte fassen können; man müßte mit Kunst schreiben. Nur ein lyrischer Dichter könnte Israels ganz gerecht werden, denn Israels Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht; ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig; alles Gemüt, Empfindung und nochmals Gemüt.

Jozef Israëls - Wenn man alt geworden ist. - Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst - 1878
Jozef Israëls – Wenn man alt geworden ist. – Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst – 1878

Israels sagte mir mal: »Außer Millet gibt es keinen Maler, der so wenig zeichnen und malen konnte wie ich, und dabei so gute Bilder gemacht hat.«
Mit andern Worten: wie Millet, ist auch Israels kein Talent, doch – ein Genie.
Beides fehlt, was mit Recht als das Kriterium des Talents angesehen wird: die behende Leichtigkeit, die Natur wiederzugeben. Statt den Gegenstand zu zeichnen, notiert ihn Israels oft in sein Skizzenbuch er schreibt auf, wo sich ein Schrank, ein Stuhl oder eine Kuh befinden. Es ist sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Talent, wenn einer einen Akt herunterstreichen kann, wie die Preisgekrönten, welche dutzendweise an den Wänden der Malschulen Paris oder Antwerpen hängen. Aber aus ihren Verfertigern wird schließlich im besten Fall ein Cabanel oder Bouguerau; meistens bleiben sie ihr Leben lang der »Ancien prix de Rome«. Selbst das mit größtem Talent gemalte Bild bleibt ohne den göttlichen Funken – gemalte Leinwand. Erst das sogenannte Genie flößt dem Bilde das Leben, die Seele ein: die gemalte Leinwand wird zum lebendigen Kunstwerk.
Israels steht heute in seinem 88. Lebensjahre; er ist in Holland, was bei uns Menzel war, und wie beim Erscheinen Menzels im Restaurant Frederich einer dem andern zuflüsterte: »da kommt Menzel«, so zeigt ihn ein Badegast dem andern, wenn der kleine alte Herr – er ist beinahe ebenso klein wie Menzel – am Strande von Scheveningen spazieren geht.
Als ich einmal vor Jahren in Delden, einem Städtchen unweit der deutschen Grenze, mit Israels auf der Studienreise war, kam ein braver Bürger des Orts auf ihn zu, »ob er der große Meister wäre, den er in der Zeitschrift abgebildet gesehen hätte, er möchte ihm die Hand drücken und seinen Kindern erzählen, daß er mit Israels gesprochen«.
In Deutschland dagegen ist Israels Name, außer bei den Künstlern, wenig bekannt, und jeder Landsmann, der nach Holland kommt, meint ihn »entdeckt« zu haben. Wer in Berlin aus der alten Gemälde-Sammlung in die National- Galerie oder in München aus der alten in die neue Pinakothek tritt, glaubt sich, sozusagen, in eine andere Welt versetzt. In Holland kann man nach den alten Bildern noch die modernen ansehen: es ist Fleisch von ihrem Fleische.

Eine jüdische Hochzeit - Jozef Israëls, - 1903
Eine jüdische Hochzeit – Jozef Israëls, – 1903

Die modernen Holländer haben von ihren Vorfahren eine gewisse malerische Kultur geerbt, die selbst unsern bedeutendsten Meistern, wie Menzel oder Böcklin, fehlt. Ein Genie kann es sich schon gestatten, barbarisch zu sein; aber die große Mehrzahl, die bekanntlich nicht aus Genies besteht, muß den Mangel durch Kultur zu ersetzen suchen.
Vor etwa dreißig Jahren traten die Holländer zum ersten Male geschlossen im Münchner Glaspalast auf und erregten bei den Künstlern – die in München das einzige Publikum bilden – ungeheures Aufsehen. Was uns frappierte, war die malerische Kultur. Ein jeder strebsame junge Mann pilgerte nach Holland, er brachte den Holzschuh und die weiße Haube und die lange Tonpfeife von dort mit; das holländische Fenster mit den kleinen Scheiben im Lot wurde Mode. Der Aufschwung, den die deutsche Malerei in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte, beruhte nicht zum mindesten auf dem Einfluß der Holländer, und die Münchener Sezession quittierte nur dankend darüber, als sie Israels zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Denn Israels hat die moderne holländische Schule geschaffen: ob Bosboom Kirchen-Interieurs, Maris Stadtansichten, Mesdag Marinen, Mauve Kühe und Schafe malt, ein jeder verdankt ihm etwas, gerade wie jeder Maler heutzutage etwas von Manet hat.
Nicht einmal das Handwerk in der Kunst läßt sich beweisen; und nun gar, was darüber hinausgeht, das heißt wo die Kunst anfängt, gehört dem Gebiete der Ästhetik an. Und Anatole France hat ganz recht; »die Ästhetik hat keinen festen Untergrund; sie ist ein Luftschloß«. Selbst die sogenannten allseitig anerkannten Kunstwerke – der einzige Rettungsanker auf dem wogenden Meer der Ästhetik – erweisen sich bei näherer Betrachtung als höchst schwankend. Die Renaissance zog Virgil dem Homer vor, Friedrich der Große war einig mit seinem ganzen Zeitalter, wenn er Voltaire höher schätzte als Shakespeare; Frans Hals‘ Doelenstücke, Haarlems heutiger Ruhm und Stolz, lagen bis Mitte des 19. Jahrhunderts aufgerollt auf dem Bodenraum des Rathauses. Rembrandt, dessen Ruhm heut selbst den Raffaels überstrahlt, wurde im 18. Jahrhundert den damaligen Modemalern nachgesetzt. Und nun gar bei den Modernen und in heutiger Zeit, wo jeder wie am politischen Leben so am künstlerischen teilzunehmen sich für berechtigt hält; wo in den Kunstanschauungen nichts beständig ist als der Wechsel; wo eine Richtung, eben erst als die alleinseligmachende ausposaunt, morgen schon zum alten Eisen geworfen wird!

Jozef Israëls - Maaiers - 1834 -Rijksmuseum
Jozef Israëls – Maaiers – 1834 -Rijksmuseum

Man sollte überhaupt nicht so viel von »Richtungen« sprechen, als ob die Richtungen den Künstler machen und nicht umgekehrt. Der alte Schadow pflegte seinen Schülern, die ihre schlechte Arbeit mit dem schlechten Zeichenmaterial zu entschuldigen suchten, zu antworten; »Mein Sohn, der Bleistift ist nicht dumm«. Die Richtung ist nur das äußere Gewand eines Künstlers, steckt ein Kerl dahinter, so ist die Richtung gut; auch in der Kunst macht der Rock nicht den Mann.
Was Fromentin von Rembrandt sagt: »Il a bien peint parce qu’il a bien senti« paßt auf keinen lebenden Meister besser als auf Israels: er malt gut, weil er gut empfindet. Und wie Rembrandt, empfindet er mit den Figuren, die er malt; er betrachtet die Welt nicht mit Lächeln oder spöttisch, oder von oben herab, sondern mitleidsvoll. Daher das an Rembrandt gemahnende Pathos, das den Beschauer erbeben läßt, obgleich sich nur die alltäglichen Vorgänge im Bilde abspielen. Wie sein großer Landsmann weiß er sich des Alltäglichen zu bedienen, um das Erhabene auszudrücken. Jeder Schulmeister freilich könnte ihm sämtliche Fehler in jedem Bilde nachweisen, und ich glaube, daß jeder Schulmeister meint, es besser machen zu können. Und nach schulmeisterlichen Begriffen kann er es auch besser. In der bildenden Kunst aber legt der Kritiker immer noch im wahren Sinne des Wortes den Maßstab an das Werk, ob die Figur auch die vorgeschriebenen 7+½ Kopflängen hat, ob sämtliche Regeln der Anatomie, Perspektive usw. ordentlich befolgt sind, wie es einem »akademischen Maler« zukommt.

Fishermen carrying a drowned man - Jozef Israëls - 1861
Fishermen carrying a drowned man – Jozef Israëls – 1861

Natürlich ist Korrektheit eine schöne Sache, aber sie ist nicht das Wesen der Kunst. Mit der größten Leichtigkeit könnte man jedem Rembrandt oder Frans Hals Verzeichnungen nachweisen; aber trotzdem ziehe ich die verzeichneten Rembrandts und Frans Hals den formvollendeten van Dycks oder von der Helsts vor. »Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von der Natur und den wahren Ausdruck zerstören.« Das sagt Goethe, der »zielbewußte Klassiker«, und zwar zu einer Zeit, wo die Exzellenz die umstürzlerischen Tendenzen der Jugend längst abgelegt hatte.
Israels wurde er selbst erst in einem Alter, in dem die meisten Maler bereits ihr Bestes geleistet haben, und wenn er das Unglück gehabt hätte, in seinem 40. Jahre zu sterben, wäre Holland um einen seiner besten Söhne ärmer. Bis zu seinem 40. Lebensjahre malte er – wie die andern: Bilder aus der holländischen Geschichte, ja sogar einen Luther, die Bibel übersetzend. Erst in den sechziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts hat er sich selbst gefunden; in Zandvoort, einem kleinen Stranddorf in der Nähe Haarlems, fing er an, das Leben der Fischer zu malen, zuerst mit etwas sentimentalem Beigeschmack: wie die Kinder ihren Vater vom Schiff heimbegleiten, die Frau sorgenvoll auf die stürmende See blickend; wie gesagt, noch etwas zu tränenreich. Aber von der Sentimentalität arbeitete er sich bald zum wahren Gefühl durch und schafft nun die Werke, die ihn zum großen Meister stempeln, Werke von einer Innigkeit der Empfindung, von einer monumentalen Größe, von einer Breitzügigkeit der Komposition, die man nur noch bei Millet findet; wie er denn der einzige ist von allen Malern des 19. Jahrhunderts, der dem großen Franzosen an die Seite gesetzt werden dürfte. Beiden gemeinsam ist ein gewisser sacerdotaler Zug, die Kunst ist ihnen Religion, daher der feierliche Ernst, der aus ihren Bildern spricht; weil sie aus Überzeugung gemalt sind, wirken sie überzeugend. Beiden gemeinsam die Schlichtheit und Einfachheit, das Höchste, aber auch das Schwerste in jeder Kunst; aber während Millet, der herbere, männlichere, mehr Gewicht auf die Zeichnung, wie der Bildhauer vor allem auf die Silhouette legt, ist Israels, der zartere, weichere, mehr Maler. Sein Hauptgewicht legt er auf den malerischen Ton. Israels‘ Palette ist nicht reich, aber er weiß die wenigen Farben aufs reichste zu nuancieren. Ohne Rembrandt auch nur im mindesten etwa in den äußern Mitteln nachzuahmen, haben seine Bilder einen Gesamtton, der an seinen großen Landsmann erinnert. Wie Rembrandts sind auch Israels‘ Bilder tief gestimmt, aber immer blond, weil jeder Ton in ihnen trotz seiner saftigen Tiefe von Reflex umgeben ist. Israels bewahrt daher seine Bilder vor dem greulichsten Fehler, den ein Bild in malerischer Beziehung haben kann, nämlich daß es schwarz erscheint.

Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels
Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels

Aber auch darin ähnelt er Rembrandt, daß er mehr Luminarist als Kolorist ist. Jede einzelne Lokalfarbe ordnet sich dem Gesamtton unter und ist in Licht und Schatten aufgelöst. Auch komponiert er nicht sowohl auf Farbe wie auf Licht; der Gang des Lichtes bestimmt die Komposition des Bildes, das Licht des Fensters, der helle Fleck der Haube muß gerade an der Stelle sitzen, wo er sitzt.
Die Bilder der Düsseldorfer oder Münchener Genremaler könnten, ohne Wesentliches einzubüßen, auch grau in grau gemalt sein; ja sogar reproduziert erscheinen sie koloristischer als im Original, weil die Reproduktion die Feinheit der Charakteristik wiedergibt, während die Mängel in der Farbe, die dem Original anhaften, verschwinden. Bei Israels hingegen ist die Farbe ein integrierender Bestandteil der Bilder, er charakterisiert mit der Farbe; die Farbe ist ein ihm notwendiges Ausdrucksmittel, nicht eine mehr oder weniger überflüssige Zugabe; er geht von der malerischen Erscheinung aus.
Als gelegentlich der internationalen Ausstellung von 1896 Israels als Juror nach Berlin kam, traf er Menzel vor seinem Bild »Der Kampf ums Dasein«, zwei Fischer, den Anker aus dem Meere ziehend. Nach den obligaten Komplimenten meinte Menzel, das Bild sei nicht gleichmäßig genug durchgeführt, Israels hätte das den Hintergrund bildende Meer fleißiger durcharbeiten müssen, überhaupt sei das ganze Bild nicht »fertig« genug.
Ich führe dies Geschichtchen, das mir Israels selbst lachend erzählte, an, weil der Vorwurf, den Menzel darin unserem Meister macht, stets von der älteren Richtung der modernen gemacht wird: daß sie sich mit einer zu skizzenhaften Ausführung begnüge.
Schon Rembrandt schrieb, »daß Bilder nicht dazu gemalt wären, um berochen zu werden«. Auch dem Haarlemer Publikum schienen die Porträts von Frans Hals wohl zu skizzenhaft, sonst wäre der Meister nicht in bitterster Armut gestorben. Ich glaube, das Publikum sieht Kunstfertigkeit für Vollendung an, ohne zu ahnen, daß eleganter Vortrag und virtuose Mache nur untergeordnete Fingerfertigkeiten sind gegen die wahre künstlerische Durchbildung. Als ob der stupendeste Klaviervirtuose, der mit der glänzendsten Technik Tonleitern spielt, deshalb der größte Musiker wäre.

Jozef Israëls - Kinderen der zee - 1863
Jozef Israëls – Kinderen der zee – 1863

Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß die Beherrschung der technischen Ausdrucksmittel für den Künstler von großem Wert ist, aber es versteht sich von selbst, daß jeder sein Handwerk ordentlich gelernt hat. Ein Kunstwerk ist vollendet, wenn der Maler das, was er hat ausdrücken wollen, ausgedrückt hat. Eine Zeichnung in wenigen Strichen und in wenigen Minuten hingeworfen, kann in sich ebenso vollendet sein, als ein Bild, woran der Maler jahrelang gearbeitet hat. Israels arbeitet in seiner Weise seine Bilder gerade so durch wie Menzel, aber er erstrebt etwas anderes als jener. Es ist klar, daß die Malerei, welche den großen Eindruck der Natur wiedergeben will, das Detail der allgemeinen Erscheinung unterordnen muß, aber vollendet sie deswegen weniger? Ist ein Kopf von Velasquez weniger vollendet als einer von van Eyck? Im Gegenteil, Velasquez vollendet mehr, wenn er auch die tausend Fältchen der Haut, die Eyck mit wunderbarem Fleiß und hingebender Liebe malt, unterdrückt, denn er kommt dem Eindruck der Natur – und das ist doch die Aufgabe der Malerei – näher. Die moderne Malerei sucht nicht den Gegenstand wiederzugeben, sondern die Reflexe der Luft und des Lichtes auf die Gegenstände. Genau dasselbe, was die eigentlichen Maler unter den Alten auch gemacht haben.
Überhaupt ist es fast komisch, zu sehen, daß gerade die ältere Richtung gegen die Modernen stets die Alten ins Feld führt, ohne zu bemerken, daß die Modernen den Alten viel näher stehen als sie. Unter dem Firnis und der Patina der Jahrhunderte sehen sie nicht mehr das Wesen. Es ist kein Zufall, daß gerade die Kunstgelehrten, die von der alten Kunst herkommen, die Bode, Bayersdorfer, Tschudi, Seidlitz, Lichtwark und wie sie alle heißen, zu einer Zeit, als man für die moderne Richtung nur Spott und Hohn hatte, sich ihrer angenommen haben. Sie erkannten aus dem Studium der alten Kunst deren Verwandtschaft mit der neuen, daß die moderne Kunst dasselbe Ziel erstrebte, was eine jede Kunst erstreben muß; die individuelle Naturauffassung. Hierin sollen uns die alten Meister Vorbilder sein – nicht in ihren Äußerlichkeiten.
Es ist ein Unsinn, einen Bismarck malen zu wollen, der wie von Rembrandt oder Velasques gemalt aussieht.

Jozef Israëls - Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. - Erstellt zwischen 1880 und 1911
Jozef Israëls – Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. – Erstellt zwischen 1880 und 1911

Neben der zu skizzenhaften Ausführung wirft man Israels und der modernen Richtung überhaupt mangelhafte Zeichnung vor. Weil Israels das Hauptgewicht auf die Malerei legt, zeichnet er deshalb noch nicht schlecht. Gerade so wie ein schlecht gemaltes Bild deshalb noch nicht gut gezeichnet ist. Der Konturmacht nicht etwa die Zeichnung aus, und Velasquez zeichnet nicht etwa schlechter als Dürer und Holbein, weil er statt des Konturs, die den malerischen Eindruck zerstören würde, die Töne flächenartig aneinandersetzt. Gerade im Gegenteil; je vollendeter ein Bild gemalt ist, das heißt je näher es dem Eindruck der Natur kommt, desto besser muß es gezeichnet sein; sonst würde dieser Eindruck nicht hervorgerufen werden. Je näher die Hieroglyphe der Natur kommt – und alle bildende Kunst ist Hieroglyphe – desto besser muß sie gezeichnet sein.
Israels liebt die Dämmerung, wenn die Konturen der Gegenstände ineinander verschwimmen; das Enveloppierte zieht er dem Bestimmten vor, das Träumerische der Abendstunde der grellen Sonne, das Geheimnisvolle, das uns mehr ahnen als sehen läßt, in einer nur ihm allein gehörenden Technik: kaum ein fetter Strich im Bilde, nichts Materielles, alles durchgeistigt, keine Farbe, alles Ton; das Ganze mehr auf die Leinwand hingehaucht als gemalt.
Was ich aber vor allem an ihm liebe, ist sein Temperament. Wenn ich es nicht wüßte, jedes seiner Werke würde es mir sagen, daß er nichts auf der Welt mehr liebt als die Malerei. Nicht mit der behaglichen Liebe des Ehemanns, mit der die Metsu, Mieris oder Dou malen, sondern mit der heißen, ungestümen Leidenschah des Liebhabers schafft er seine Werke. Trotz seiner Jahre hat er sich die Seele des Jünglings bewahrt. In jedem seiner Bilder ein Ringen, jener Moment im Kampfe mit dem Engel, wo Jakob sagt; »ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Er arbeitet mit höchster Konzentration aller seiner Kraft, während er arbeitet, ganz dabei, alles andere vergessend. »Wie der Handelnde«, nach Nietzsches Ausspruch: »wissenlos. Er vergißt das, was hinter ihm liegt, und kennt nur ein Recht: das Recht dessen, was jetzt werden soll.« Unzufrieden übermalt er oft in ein paar Stunden das ganze Bild, an dem er monatelang gearbeitet hat, mit größter Rücksichtslosigkeit ganze Stücke, die vollendet waren, opfernd; aber dadurch gibt er dem Bilde jene Frische wieder, die wir an der Skizze bewundern, jene Frische, die durch langes Überarbeiten dem Bilde abhanden kommt und nur durch flüssiges Ineinandermalen erzielt werden kann.
Israels ist aus den kleinsten Verhältnissen emporgewachsen. Mühevoll mußte er sich in Amsterdam, wo er sich nach seinen Wanderjahren festsetzte, mit Porträtmalen seinen Unterhalt verdienen. Auch darin Rembrandt ähnlich, wohnte er im Judenviertel, und oft genug, wenn er an dem Hause vorüberging, in dem sein großer geistiger Vorfahre gewohnt und gearbeitet hatte, wird er sich aus seiner Misere an ihm emporgerichtet haben. Rembrandt wurde sein Erzieher. Wie Rembrandt, so entnimmt Israels die Anregung zu jedem Bilde, zu jeder flüchtigsten Zeichnung, der Natur. Aber wieder wie Rembrandt kopiert er sie nicht, sondern er verarbeitet sie zum Kunstwerk.

Jozef Israëls Träumen - oil on canvas 128,5 x 201,2 cm - 1860 - signed b.r.: J. Israels
Jozef Israëls Träumen – oil on canvas 128,5 x 201,2 cm – 1860 – signed b.r.: J. Israels

Je naturalistischer eine Kunst sein will, desto weniger wird sie in ihren Mitteln naturalistisch sein dürfen. Der Darsteller des Wallenstein, der – wie bei den Meiningern – im echten Koller und Reiterstiefeln aus der Zeit auftritt, macht nicht etwa dadurch einen wahren Eindruck: der Schauspieler muß seine Rolle so spielen, daß wir glauben, er stecke in echtem Koller und Reiterstiefeln. Israels wirkt naturalistischer als unsre Genremaler, nicht obgleich, sondern weil er weniger naturalistisch malt als sie; was wir um so deutlicher sehen können, als er sich oft im Sujet mit ihnen begegnet. Nehmen wir zum Beispiel die »Salomonische Weisheit« von Knaus – eins der meist bewunderten, und mit Recht bewunderten Bilder der deutschen Genremalerei – und daneben Israels‘ »Ein Sohn des alten Volkes«. Knaus zeigt uns einen alten Juden, wie er sein Enkelkind in die Geheimnisse des Trödelhandwerks einweiht; köstliche Figuren, jeder kleinste Zug, jede Bewegung der Natur abgelauscht und bis in die feinsten Details wiedergegeben. Bei Israels dagegen nur eine Figur: ein armer Jude, einfach, ohne jede Bewegung vor seinem Trödelladen sitzend. Das ganze Bild liegt in dem Ausdruck des Kopfes, alles andere durch ein paar Farbenflecken kaum angedeutet. Aber in dem Antlitz des Mannes, der die Hände ineinander gefaltet ruhig dasitzt, verspüren wir den tausendjährigen Schmerz, von dem Heine singt.
Die deutschen Genremaler illustrieren mehr ihren Gegenstand; sie suchen mehr das Anekdotische, die charakteristische Zufälligkeit. Israels hingegen unterdrückt alles Detail; er sucht das Typische; statt der verstandesmäßigen Analyse die dichterische Synthese.
Weil Israels‘ Bilder mehr wahr gedacht, als wahr gemacht sind, wirken sie wahrer. Den Beweis für die Wahrheit seiner Kunst kann der Maler nur dadurch erbringen, daß er uns überzeugt. Bis dahin lachen wir ihn aus. Die sprichwörtliche Dummheit des Publikums, einen großen Künstler bei seinem Auftreten verkannt zu haben, besteht in nichts weiter, als daß es eine Sprache nicht verstanden hat, die es noch nicht gelernt hatte. Oft leider ist der Künstler dem Publikum um Generationen voraus: Millet oder Manet haben ihren Ruhm nicht mehr erlebt. Israels hatte das Glück, schon bei Lebzeiten verstanden zu werden. Freilich drückte er sich in der allgemein verständlichen Sprache des Herzens aus; er schlug die Töne des Gemüts an, die jedem vertraut sind. Seine Popularität verdankt er – wie jeder Künstler – seinen Sujets; seine Berühmtheit aber – und man kann sehr populär sein, ohne berühmt zu sein und umgekehrt – verdankt er seinem Genius.
Es ist das charakteristische Merkmal des Genies, daß seine Äußerung als notwendig empfunden wird. Israels‘ Bilder erscheinen uns heut notwendig: es mußte ein Künstler die Schönheiten Hollands, die seit den alten Meistern gleichsam brach lagen, wieder von neuem entdecken.

Jozef Israëls - Zoon van het oude volk - 1888
Jozef Israëls – Zoon van het oude volk – 1888

Mit Recht hat man Holland das Land der Malerei par excellence genannt, und es ist kein Zufall, daß Rembrandt ein Holländer war. Die Nebel, die aus dem Wasser emporsteigen und alles wie mit einem durchsichtigen Schleier umfluten, verleihen dem Lande das spezifisch Malerische; die wässerige Atmosphäre läßt die Härte der Konturen verschwinden und gibt der Luft den weichen, silbrig-grauen Ton; die grellen Lokalfarben werden gedämpft, die Schwere der Schatten wird aufgelöst durch farbige Reflexe: alles erscheint wie in Licht und Luft gebadet. Dazu die Ebene, die das Auge meilenweit ungehindert schweifen läßt, und die mit ihren Abstufungen vom kräftigsten Grün im Vordergrunde bis zu den zartesten Tönen am Horizont für die Malerei wie geschaffen erscheint. Vielleicht ist Italien an und für sich pittoresker als Holland; aber wir sehen Italien nur noch in mehr oder weniger schlechten – und meistenteils mehr schlechten – italienischen Veduten: Italien ist zu pittoresk. Holland dagegen erscheint auf den ersten Blick langweilig: wir müssen erst seine heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit. Und wie das Land so seine Leute; nichts Lautes, keine Pose oder Phrase.
Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Rasse versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Äußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden. Wohl mit Voreingenommenheit für sie, aber nicht etwa in tendenziöser Welse wie der politische Parteigänger. Israels schildert die Mühe und Arbeit wie der Psalmendichter, der das Leben köstlich nennt, wenn es Mühe und Arbeit gewesen. Aus Israels spricht Versöhnung, etwas von der heiteren Ruhe des Philosophen, der alles verzeiht, weil er alles versteht.
Nichts liegt Israels ferner als die Brutalität, und fast sind wir geneigt, in der Epoche von Bismarck und Nietzsche einen gewissen Zusatz von Brutalität für ein notwendiges Ingrediens des Genies zu halten.
Israels ist kein Übermensch, und – was heutzutage seltener – er will keiner sein. – Mensch-sein genügt ihm.
Nichts Harmloseres als die Erlebnisse und Begebenheiten, die er in seinem Buch »Spanien« erzählt. Der Reiz beruht allein in der Persönlichkeit des Verfassers. Auf die Frage, wie er zu seinem schönen, klaren Stil gekommen, antwortete Goethe: »Ganz einfach; ich ließ die Verhältnisse auf mich wirken und suchte den passendsten Ausdruck, sie darzustellen.« Israels‘ Werke sind – was die Werke eines jeden Künstlers sein sollten – der Reflex seiner Seele. Schlicht und ungeschminkt malt er – ganz unoffiziell, nicht wie »der berühmte Meister«. Die Einfachheit ist sein Stil; er gebraucht nicht zehn Worte, wo er mit einem auskommen kann; die charakteristische ist ihm die schöne Linie; seine Kunst ist dekorativ, aber keine Dekoration. Was er nicht klar auszudrücken vermag, scheint ihm, wie, ich weiß nicht welcher Franzose sagt, nicht klar gedacht zu sein.
An Möricke schrieb Schwind 1867; »spricht der ganz trocken aus, ein Bild soll gar nichts vorstellen, bloß Malerei – der soll sich wundern, was die in ein paar Jahren für ein Geschmier hervorbringen«.
Heut nach dreißig Jahren hat sich »das Geschmier«, welches Schwind schaudernd vorahnte, die Welt erobert: die Errungenschaften des Impressionismus sind zum Gemeingut der Malerei geworden. Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß der Impressionismus über Israels hinausging, aber nimmt ihm das auch nur ein Tüpfelchen von seiner Bedeutung? Wäre er – Israels, wenn Manet ihn hätte beeinflussen können? Liegt nicht in seiner Einseitigkeit dem Impressionismus gegenüber der Beweis für die Kraft seiner Überzeugung?

Jozef Israëls - Peasant family at the table - Google Art Project.- 1882
Jozef Israëls – Peasant family at the table – Google Art Project.- 1882

Israels malt noch – Bilder; Bilder mit literarischem Inhalt. Ihm ist die Malerei noch Mittel zum Zweck, sie ist ihm das Werkzeug zur Wiedergabe seiner Empfindungen. Er will nicht den Innenraum malen, sondern, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Psychologie des Raumes. Er malt den Kessel mit dem singenden Wasser oder das knisternde Feuer auf dem Herde, um die Heimlichkeit des Stübchens auszudrücken. Manet malt, was ihn malerisch reizt. Ihm ist die Malerei Endzweck.
Nur in den technischen Ausdrucksmitteln kann man von einem Fortschritt in der Kunst reden; die Kunst als solche schreitet nicht fort. So oft sich eine Persönlichkeit in ihr offenbart hat, ist sie am Ziele angelangt. So kann man von Raffael oder Rembrandt sagen, daß sie vollendet waren, und insofern können wir es nicht besser machen wollen. Aber wir können etwas anderes wollen, denn die Kunst ist unendlich wie die Welt; sie ist die Welt. Es führen viele Wege nach Rom, aber jeder Künstler muß seinen eigenen gehen.
»In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen« wie in der Religion, so in der Kunst. Und wie jeder wahrhaft Fromme, welchen Bekenntnisses er auch auf Erden gewesen, in den Himmel, so wird jede wahrhaft künstlerische Persönlichkeit, in welcher Richtung sie sich auch dokumentiert haben möge, zur Unsterblichkeit eingehen.

Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 - Zeitung Die Woche 1909, S. 187
Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 – Zeitung Die Woche 1909, S. 187

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Quelle: Max Liebermann – Gesammelte Schriften
Verlag Bruno Cassirer – 1922

Max Liebermann 1904 - Fotograf: Jacob Hilsdorf
Max Liebermann 1904 – Fotograf: Jacob Hilsdorf

Max Liebermann (* 20. Juli 1847 in Berlin; † 8. Februar 1935 ebenda) war ein deutscher Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

Nach einer Ausbildung in Weimar und Aufenthalten in Paris und den Niederlanden schuf er zunächst naturalistische Werke mit sozialer Thematik. Durch die Beschäftigung mit den französischen Impressionisten fand er seit 1880 zu einer lichten Farbigkeit und einem schwungvollen Farbauftrag, der sein Hauptwerk prägt. Sein Schaffen steht symbolisch für den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik. Diesen Wandel förderte er als Präsident der Berliner Secession. Von 1920 bis 1932 war er Präsident, bis 1933 Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, bevor er infolge der nationalsozialistischen Einflussnahme aus der Kunstpolitik zurücktrat. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen in seiner Heimatstadt Berlin. – Quelle: wikipedia

Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

Jura Soyfer • François Villon • Der unsterbliche Lump

Das war vor rund fünfhundert Jahren. Frankreich seufzte, stöhnte, brüllte in Wehen, die – von fernher erst – die Geburt einer neuen Ordnung ankündigten. In einem schier endlosen Krieg gegen England hatte das Rittertum Wunden empfangen, von denen es nicht mehr genas. Im Verfall der adeligen Grundherrschaft wurde der Weg für das erstarkende städtische Gewerbe, für den neureichen »bourgeois-gentilhomme«, für die Macht einer zentralisierten Beamtenschaft und für jene absolutistischen Könige, die jahrhundertelang zu Häupten des neuen Systems thronen sollten. Der Weg wurde gangbar. Aber er war mit Leichen und Ruinen übersät. In Paris waren Tausende von Häusern verödet und alle Friedhöfe überfüllt. Mord, Brand, Pestilenz besaßen das Bürgerrecht. Menschen jeden Schlages, jeder Abstammung, Entwurzelte dieses gewaltigen sozialen Umbruchs füllten in ungezählten Scharen die Gefängnisse und die Bettlerkolonien. Im volkreichsten Teil der Stadt befand sich der Friedhof »des Saints-Innocents«. Weil in den Gräbern kein Platz mehr blieb, lagen in den Arkaden ringsherum Skelette und Leichen aufgeschichtet. Und ebendort war der sonntägliche Korso der Lebenden, wurde tagsüber Jahrmarkt abgehalten, wurde nachts gerauft und geliebt. So stand es um dieses Paris des fünfzehnten Jahrhunderts: Aufstieg und Untergang, Prunk und letztes Elend, Leben und Tod wohnten Tür an Tür.
Francois_VillonTür an Tür wohnten in der Seele des Menschen die Weltanschauungen der vergehenden und der kommenden Zeit. Noch lebte und dozierte die Scholastik des Mittelalters. Sie betrachtete die Erde als eine Durchzugsstation via Jenseits. Was dem sterblichen Teil des Menschen hienieden an Lust und Qualen widerfahren mochte, schien bedeutungslos in einem gewaltigen, bis ins kleinste ausgeklügelten System von Hölle, Fegefeuer und Paradies.
Aber schon regten sich die Gedanken einer sinnenfreudigeren Epoche. Einer Epoche, da das Lächeln der Mona Lisa und die Künste der doppelten Buchführung die Welt erobern sollten … Und was vorderhand herrschte, war das wüste Chaos einer Zwischenzeit.
In dieses Chaos hineingeboren, fand François Villon sich nicht zurecht. Sein Vater war einer jener armen Pächter, die, um Land und Vieh geprellt, in die Stadt zogen, bettelnd, hungernd, einer schlechtbezahlten Arbeit nachjagend – die ersten Elemente des künftigen Proletariats.
Sein Adoptivvater hingegen, ein wohlhabender Kaplan, lehrte François lesen, schreiben, biblische Geschichte und Latein, sandte ihn auf die Universität, wo François jenes theologische Weltbild des Mittelalters studierte, wollte aus François einen braven Geistlichen machen.
François wurde kein braver Geistlicher. Ein lang andauernder Studentenstreik warf ihn aus der Bahn des Studiums. In Schenken und Freudenhäusern lernte er höchst unheilige Dinge. Sehr bald zählten zu seinen Professoren nicht nur Säufer und Dirnen, sondern auch Diebe und Mörder. Manchmal, sein Wams vom Dreck dieser untersten Schichten reinigend, betrat er zwischendurch den Salon eines Aristokraten, wo feinsinnige Komplimente und gelehrte Dispute durcheinanderschwirrten. So durchmaß er, unaufhörlich umhergeschleudert, das wüste Gefilde seiner Zeit kreuz und quer, zur Höhe und zur Tiefe – ohne Halt und Ziel. War ein Günstling erlauchter Fürsten; Mitglied von Räuberbanden; Herzliebster von Dirnen; Opfer von Folterknechten. Wie er geendet hat, wissen wir nicht.
Keineswegs war Villon in seiner Zeit eine Einzelerscheinung. Solcher armen Scholaren, schwankend zwischen Himmel und Hölle, gab es Tausende.
Was ihn einzigartig gemacht hat und unsterblich, ist, daß er für sie alle gesprochen hat. Und für alle jene Scholaren, die ihnen im weiteren Verlaufe der Geschichte nachfolgen sollten.

Denn es ist kein Zufall, daß Villon, durch viele Jahrhunderte vergessen, gerade um die Wende des unseren wieder bekannt wurde. Kein Zufall, daß seine große Auferstehung in deutscher Sprache (in der »Dreigroschenoper«) im fieberhaft bewegten Berlin des Jahres 1927 erfolgte. Bert Brecht, an einer alten Welt verzweifelnd und noch nicht auf einer neuen gelandet, konnte in seiner damals noch ratlosen Skepsis auf keinen besseren Kumpan stoßen als Villon.
Alles, was der entwurzelte Intellektuelle in einer Zeit zwischen zwei Zeiten durchmachen kann, hat dieser vor einem halben Jahrtausend ausgesprochen. Woran sich halten, wenn das bestehende Begriffssystem zusammenbricht und ein neues noch nicht greifbar geworden ist?

Nichts war dem Mittelalter selbstverständlicher als ein Fortleben nach dem Tode mit genauester Abgrenzung des Aufenthaltsortes. Aber den armen Villon quält schon die Frage nach dem Schicksal der Toten:

Heilge Jungfrau, sag, wo sind sie bloß?
Ja, wo ist der Schnee vom vorigen Jahr?

Und wenn man so fragt – kann man noch an die Wertlosigkeit irdischer Dinge glauben? Nein:
Da merkte ich, wie man dem Gram entkam –
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Verzeihe deinen Feinden, und auch dir wird verziehen werden, lehrte man den Theologiestudenten Villon. Er predigt es ein wenig anders weiter:

Man schlage mit gezackten Hippen,
Bleikugeln, Eisenhämmern drein,
Zerdresche ihnen alle Rippen!
Doch bitt ich sie, mir zu verzeihn.

Aber ach! Ihm ist gar nicht wohl bei solch verbrecherischen Reden. Ein ungeheurer Katzenjammer ergreift zuweilen den armen Ketzer. Er sinkt in die Knie:

Du Königin des Himmels und der Erde,
Hoch über Höllen thronst du wunderbar,
Oh, gib mir, daß ich aufgenommen werde,
Ich armes Christenweib, in deine Schar
Erwählter – wenn ich’s auch nie würdig war!
An Gnade reicher du als ich an Sünden,
Die Seele kann ins Himmelreich nur münden,
Wenn dein Erbarmen es der armen bot.
Und dein Erbarmen muß auf Wahrheit gründen,
Das glaube ich im Leben und im Tod.

Wie aber löst sich dieser Widerspruch? Welcher Villon hat recht: der saufende Halsabschneider oder der zerknirschte Büßer? Er weiß es selbst nicht. Er findet nicht die Lösung. Alles, was er vermag, ist, seinen unlöslichen Widerspruch hinauszusingen, weinend, grinsend, übermannt von der eigenen Ratlosigkeit:

Nichts ist mir sicher, als das nie Gewisse,
Und dunkel nur, was allen andern klar;
Und fraglich nichts, als das für sie Gewisse,
Denn nur der Zufall meint es mit mir wahr,
Gewinner stets, verspiel ich immerdar …

Fünfhundert Jahre sind vergangen. Es geht um andere Probleme als die, die Villon zerfraßen. Aber wieder überschneiden zwei Zeitalter einander. Wieder schwanken auf der Grenzlinie Tausende von armen Scholaren hin und her: leidend an der eigenen Skepsis, mit zynischem Lachen ihre Seelennot maskierend, alles und nichts wissend, spöttelnd und erschreckend über den sonderbaren Hang, der sie, wie jeden Entwurzelten, zur Sympathie mit dem Verbrecher treibt, die Erlösung verhöhnend und um Erlösung betend.
Ihr Vorfahre ist Villon, der genialste Bohemien aller Zeiten.

trennlinie2Aus: Jura Soyfer: Die Ordnung schuf der liebe Gott

Jura Soyfer – Briefe, Gedichte, Kurze Prosa
Verlag Philipp Reclam jun.
1979

Franz Blei: Männer und Masken • Aubrey Beardsley

Aubrey Beardsley 

Seine Schönheit erschreckt mich im Innern und tut wundervoll weh, seine Häßlichkeit verfolgt in Träumen, ich liebe ihn, daß ich ihn fast schon hasse, ich hasse ihn, daß er mich so zu törichter Liebe zwingt« – solchen etwas exaltierten Worten übergab um 1892 eine junge Frau den Eindruck, den ihr das Werk Beardsleys schaffte. Und sie äußerte keine Trauer, als sie von seinem frühen Tode hörte, denn sie meinte, er sei, als er starb, vollendet gewesen, ein längeres Leben hätte nicht mehr aus ihm machen können. Und daß uns ein menschliches Mitleid verführen könnte, uns so ganz an ihn zu verlieren, daß wir keine Wege mehr zu den Künsten anderer fänden. Was wohl nur Beherzigung von La Rouchefoucaulds Spruch war, daß man Mitleid wohl vorgeben, aber nicht haben dürfe. Ein junger Mann, der im Jahre 1896 Zeichnungen von Beardsley sah, lachte stark und suchte seine Überlegenheit in einen Witz zu fassen: er rühmte sich, gesunde Instinkte zu haben.

Eine Vignette Beardsleys darf nicht übersehen werden. Da reitet die traurig-ausgelassene Gottheit des Dekadenz gescholtenen Aufganges unserer Künste, Pierrot, Seine Durchlaucht vom Monde, auf dem Flügelroß, das sich anschickt, auf den Parnaß zu galoppieren. Darunter steht: Ne Jupiter quidem omnibus placet. Nach allem, was Freunde von Beardsley erzählen, was wir von seinem Leben wissen, was sein Werk erlebt hat: der Mensch und der Künstler hat seine Kunst und ihr Schicksal in dieses Wort gefaßt, dessen Stolz der Reiter des Rosses übermütig übertreibt. Selbst Jupiter gefällt nicht allen: Beardsley war sein eigener größter Bewunderer, uneingeschränkte Bewunderung verlangte er von seinen Zeitgenossen, alle ungünstige Kritik eines Blattes, das er selber gutgeheißen, war ihm eine persönliche Beleidigung. Beardsley konnte, als er, zwanzig Jahre alt, seine Künstlerschaft begann, die Jahre, die ihm noch zu leben waren, an den Fingern einer Hand zählen; er wußte, daß er keine Zeit habe, auf den Ruhm zu warten, den die Welt den Großen spendet, wenn diese anfangen senil zu werden. So berühmt zu werden, war nicht sein Ehrgeiz; dieser war, in Ruf zu kommen, in Mode zu kommen wie die Yvette Guilbert oder die Cléo. Er stellte vieles an, um das zu erreichen. Ärgerte sich ein Rezensent über die Kühnheit eines Blattes, so überbot er dieses durch ein noch kühneres; er meinte, sich alles, auch Schlechtes, erlauben zu dürfen. Er mystifizierte seine Feinde, wie er die übelwollenden Kritiker nannte, indem er Dinge zeichnete in einem anderen Stil, mit fingierten Autornamen, und der Gamin, der er war, freute sich sehr, als die Kritiker darauf hineinfielen und ihm die Blätter als Muster empfahlen, wie es zu machen sei. Wie allen, die so heftig die Aufregungen des Beifalls suchen, war auch ihm eine starke Verachtung des Publikums eigen. Er hatte enthusiastische Bewunderer, sehr wenige, er hatte Gegner, die ihn der Unzucht beschuldigten, alle anderen. Der Streit beider miteinander und um ihn begleitete ihn sein Leben lang und machte ihm das so kurze zu einem fröhlichen, denn er hatte, was er wünschte: Berüchtigkeit.

Aubrey Vincent Beardsley wurde am 21. Juli 1872 in Brighton geboren. Von seinen Eltern hat man noch nichts aufgeschrieben: England, das sonst jedem Dorfpastor eine zweibändige Biographie aufs frische Grab legt, hat noch keine Zeit und Lust gefunden, das Leben des Künstlers aufzuzeichnen. Beardsley war neun Jahre alt, als man ihn nach Epsom schickte, damit er da von der Schwindsucht geheilt werde. Im März 1883 zog die Familie nach London. Er galt da als ein Wunderkind, doch als ein musikalisches. Er spielte mit seiner Schwester, die immer treu zu ihm hielt, in Konzerten und verblüffte durch die Brillanz seiner Technik und die Stärke seines Ausdruckes. Zur Musik hatte Beardsley zeitlebens ein starkes, vielleicht sein stärkstes Verhältnis; wenn er über sie sprach, tat er es, der sonst zu scherzen neigte, ernst und fast dogmatisch. Die Musik ist, meinte er immer, der einzige Gegenstand, über den er etwas wüßte. 1884 kam das Lesen über ihn; er verschlang Buch um Buch. Und gleichzeitig mit diesem Aufnehmen regte sich, wie immer bei ihm, die Lust zum Selbstschaffen; er begann eine Geschichte der Armada zu schreiben und verfaßte 1885 als Schüler der Grammar School zu Brighton eine Farce »Browne Study«, die von ihm und Mitschülern gespielt wurde; wie er sich in dieser Zeit überhaupt sehr mit dem Theaterwesen abgab. Er zeichnete zu den Aufführungen seiner Farce die Einladungskarten: die von der Kate Greenaway illustrierten Bücher reizten ihn, sich auch hierin zu versuchen. Er karikierte seine Lehrer, die es ihm nicht nur nicht übelnahmen, sondern sich darüber freuten und ihm gerne Modell saßen. In dem Magazin der Schule: »Past and Present«, wurden diese ersten Versuche veröffentlicht. Sie sind etwa in der Art der heutigen Punchzeichner und ganz unbedeutend. Im Juli 1888 verließ Beardsley die Schule, um in das Bureau eines Londoner Architekten einzutreten. Im nächsten Jahre gab er das auf und erhielt eine Stelle in der Feuer- und Lebensversicherung The Guardian. Im Herbst desselben Jahres meldete sich stärker wieder die Krankheit: ein Blutsturz folgte dem andern. Als ob die Muse darauf gewartet hätte, ihm Hand in Hand mit dem Tode zu nahen: die sechs Jahre seiner Künstlerschaft und seines Sterbens beginnen.

Viele Namen sind es, die den Ruhm beanspruchen, Beardsley »entdeckt« zu haben. Dies tat er wohl selbst, und das andere verhält sich so, daß Herr Vallance – William Morris‘ Schüler und Biograph – ihn bei den Verlegern Lane und Smithers einführte, und daß der Pompier Lighton es war, der Beardsley für die illustrative Ausstattung der Morte d’Arthur vorschlug. Dies war 1892. Im folgenden Jahre erschienen die beiden Quartbände von Ritter Malorys Sagensammlung. 1894 kam die englische Ausgabe der »Salome« mit Beardsleys Bildern, im April desselben Jahres das Yellow Book, für dessen erste vier Bände der Meister achtzehn Blätter und Zierstücke zeichnete. 1895 erfolgte der Bruch mit dieser Zeitschrift, und Januar 1896 wurde von Beardsley und Arthur Symons »The Savoy« gegründet, für den sich in L. Smithers der opferwillige Verleger fand. Es bestand nur ein Jahr. 1896 folgte Popes Rape of the Lock und die Lysistrata. Schwerkrank verläßt Beardsley im folgenden Jahre für immer England und wird im März des Jahres katholisch. Er ging zuerst nach Paris, dann nach Dieppe, Ende des Jahres nach Mentone, wo er am 20. März 1898 mit den Tröstungen seines Glaubens versehen, von Mutter und Schwester gewartet, starb. Zeichnungen zu Ben Johnsons Volpone beschäftigten ihn bis zuletzt; er hinterließ sie unvollendet.

Es ist ein Dogma der modernen Kritik, daß man der Beurteilung eines Werkes mit einer möglichst genauen Kenntnis der Lebensumstände seines Schöpfers einen reicheren Boden gebe, und daß man nichts versäumen dürfe, was etwa physiologisch für das Urteil von Bedeutung wäre. Natürlich ist dieses Dogma absurd und falsch, und ist das Resultat heutiger Kritik in dieser Befangenheit in sogenannte exakte Wissenschaftlichkeit gleich Null. Was das Werk nicht selbst und allein gibt, wird niemals eine Kenntnis der Lebensumstände ersetzen können, so wertvoll und merkwürdig diese auch für sich sein mögen. Das wenige, was wir von Beardsleys Leben wissen: nichts von seinen Vorfahren, nichts Eigentümliches über das Milieu seiner Kindheit und Jugend, nichts über sein Verhältnis zu Frauen und Männern, die Tatsache seiner Krankheit, seine Musikliebe – alles das wird uns nichts mehr über das Werk sagen, als wir aus ihm selbst erleben. Man kann vielleicht manches in seinen Blättern finden, das man geneigt wäre, auf seine Leidenschaft für die Musik zurückzuführen: vage, traumhafte Inhalte, denen immer ein sinnlicher, eindeutiger präziser Ausdruck in den Linien gegeben ist. Aber es ist mit solcher Zurückführung nicht mehr als ohne sie gesagt. Was Beardsley las, dazu wurde er von seiner künstlerischen Art bestimmt, wie sie sich in seinen Zeichnungen offenbart. In der Knabenzeit waren es Abenteurerromane neben den Leben der Heiligen, dann die alten englischen Dramatiker, später die Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts. Von neueren: Baudelaire, Mallarmé, Verlaine. Doch war seine Neigung für die älteren Literaturen stärker; die antiken las er, wie jeder wohlerzogene Engländer, in der Originalsprache, den Horaz besonders gerne. Beardsleys Freunde waren erstaunt über seine Belesenheit, die keineswegs eine große Kenntnis von Buchinhalten war; man erstaunt über die feine Ordnung, den schönen Gebrauch seiner Kenntnisse bei solcher Jugend. Nichts las er, nichts erfuhr und erlebte er, was sich nicht seinem Erworbenen organisch eingefügt hätte. Er kannte keine Verblüffung und spottete, wenn andere von inneren Stimmen sprachen. So sehr er auch gelegentlich Gamin war, besaß er eine außerordentliche Haltung.

Beardsleys Genie machte mit den Präraffaeliten ein definitives Ende; man möchte sagen, er hat sie totgezeichnet, wenn man von einem Tode bei dem künstlichen Leben dieser Maler reden kann, die mit Talent sehr vieles waren, nur keine Maler. Beardsley, der in seinen Anfängen nicht nur; sondern in seinem Wesentlichen, zu den Präraffaeliten gehört, hob sie auf, endgültig und selbst ein Ende. Deshalb geht von Beardsley nichts weiter; die ihm folgen wollten, verlieren sich in ihn und ahmen ihn nach. Er war das Brillantfeuerwerk des Schlusses.

Wer die beiden dicken Bände der Morte d’Arthur durchblättert, wird erstaunt sein über die Fülle von Schmuck, den der zwanzigjährige Beardsley hier gegeben hat: als der letzte Erbe der Präraffaeliten verschwendet er sorglos, bewußt möchte man fast sagen, da sich bereits etwas wie Teilnahmslosigkeit an diesen Schätzen der Älteren merklich machte, die Überdruß im zweiten Bande wird, der fast nur Wiederholungen aus dem ersten enthält. Was Beardsley von dieser Überwältigung des Präraffaelitismus zurückblieb, kam unter fremde Einflüsse. Denn darin bestand die Originalität dieses in seinen Elementen ganz unoriginellen, immer beeinflußten Künstlers, daß er, von Stil zu Stil gehend, vom Älteren behaltend, dies mit neuer Entlehnung verbindend, das Ganze immer wieder bis auf einen Rest aufgibt, um mit diesem wieder eine neue Mischung mit einer neuen Entlehnung zu bereiten. Er ahmt immer nach und ist vielleicht gerade deshalb unnachahmlich. Und er gibt der Mischung aus fremden Stücken eine persönliche Essenz bei, deren künstlerischer Charakter kaum zu definieren, vielleicht im letzten gar nicht vorhanden ist. Und auch deshalb ist alle seine Gefolgschaft steril geblieben, denn sie mußte die Essenz fälschen oder nicht merken, äußerlich oder innerlich unwahr werden. Neben Mantegna, von dem Beardsley auch später »immer noch Geheimnisse lernt«, sind es nach den Morte-d’Arthur-Zeichnungen die Japaner, die ihn gefangennahmen, ihn lehren, die früher fliegenden und schwingenden, etwas leeren Linien zu höherem Ausdruck, bis zur Groteske zu bringen und in ihm eine Liebe zum Detail zu erwecken, die ihn nie verlassen hat. Aus dieser Zeit des japanischen Einflusses sind etwa Blätter wie La Comédie aux Enfer und The birthday of Mrs. Cigale. Kaum daß diese Einflüsse festgehalten und in Beziehung zu dem früher Vorhandenen gebracht sind, werden sie auch schon wieder von anderen abgelöst. Dies sind aber nicht zufällige Einflüsse oder Änderungen – das wäre dilettantisch. Alle Einflüsse, die auf Beardsley wirken, sind in seiner mitgebrachten Art vorbedingt: sie deroutieren ihn nie. Es ist wie ein schrittweises Annähren an sein Ideal, das zu erreichen er die zuerst befreiende, dann drückende, da aber auch schon verlassene Hilfe anderer braucht. Sein Ideal ist ein Schwarzweißblatt, das nicht nur frei von allem Malerischen und Zufälligen ist, sondern den Gegenstand in seiner stärksten Intensität gibt, in seiner psychologischen Pointe. Deshalb verzichtet er auch in seinen letzten Blättern, wie denen zur Lisystrata, auf allen Hintergrund.

Was ihn von den Japanern weiterführte, waren Whistler und die antiken Vasenbilder. Man bemerke, daß bei Beardsley nie ein Anlaß ist, von dem zu reden, was man Naturstudium nennt; wohl aber könnte man von einem Kunststudium sprechen. Eines der vielen Porträte der Réjane gibt Whistlered Beardsley. Die Bilder zum Lockenraub zeigen ihn in einer neuen Wandlung; die Dekorateure und Kostümzeichner Louis XIV. und des Regenten halten das so oft getaufte Kind über das Becken. Debucourt tritt in den Kreis und die famosen englischen Modezeichner des Empire, um die Bilder zur Mlle. Maupin zu befruchten. Dies ist so eigentümlich bei diesem Künstler: er ändert sich, und man erkennt ihn doch sofort wieder, in jedem Strich, in jeder Anordnung von Punkten. Das ist: er ahmt nie nach, sondern lernt sein Wesen an dem anderer entdecken. Ein so subtiler Künstler wie Beardsley legt Wert auf die Art seiner Signierung. Zuerst unterschreibt er, diese wundervollen frühen Zeichnungen zur Manon Lescaut etwa, mit seiner Handschrift Aubrey V. Beardsley, dann fällt das V. weg, Japan und Whistler bringen die stilisierten Samenballen der Tussilago, ein Zeichen, das in einfacher oder reicher Ausführung lange wegen seines ornamentalen Reizes gebraucht wird. Auf einigen Blättern, die in der Manier des Holzschnittes gezeichnet sind, finden sich A und B ähnlich der Dürerschen Marke; schließlich nur mehr in Versalien

AUBREY BEARDSLEY

Wie immer auch die Meinungen über diesen Künstler sich teilen, darin einen sie sich: daß Beardsley ein Zeichner war, der sein Mittel, die Linie, beherrschte wie keiner. Kritiker, deren Urteil darin kulminiert, ob etwas »richtig«, das heißt von außen her wahr ist, fanden diese Hand zu groß, diesen Fuß zu klein – aber sie messen überhaupt, und hier noch ganz besonders, mit einem falschen Maß, weil sie am unrechten Ort damit messen. Wo es die bescheidene Absicht eines Mannes ist (oder seine Einbildung, was auf dasselbe herauskommt), nichts als die natürliche Natur wiederzugeben, sie gewissermaßen noch einmal mit einem anderen Mittel zu machen, da wird vielleicht die Kritik am Platze sein, die an ihrer Erinnerung an dieses Stück Natur und an dieser Wiedergabe den Abstand mißt. Aber Beardsleys Kunst erhebt gar nicht den Anspruch, so äußere Natur zu sein. Beardsleys Artung war, einen seelischen Zustand, einen Charakter, eine Leidenschaft in den Linien des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen so darzustellen, daß das Ganze ein wesentlich Neues ist, das man das Dekorative nennen mag in Mangel eines besseren Wortes. Es genügt ihm dazu nicht, etwa bloß den Blick der Augen zu ändern, um einen Affekt auszudrücken – er ändert den ganzen Körper: Hände, Füße, Haar, Kleidung und auch die Umgebung erfahren Änderungen, doch nicht etwa sogenannte symbolischer Art. Beardsley zeichnete niemals Übersinnlichkeiten, Philosophien, Ideen und solchen Tiefsinn. »Incipit vita nuova« lautet die Devise einer Groteske, die er ans Ende seiner Morte-d’Arthur-Zeichnungen setzt, die noch solchen allegorischen Sinn haben und aus Text und Schule haben mußten. Von nun ab ist die moralische Qualität des Individuums, wie sie sich in dessen Körperlichkeit ausdrückt, sein Gegenstand. Zu den Dingen, welche Beardsley liebte und häufig zeichnete, gehören die Bewegungen eines barocken Tanzens und Schreitens; Frauen bei der Toilette; eigenartige, aus vielerlei Moden und Stilen gefertigte Kostüme; ein Schmücken der Räume mit merkwürdigen Tischen und Stühlen; Geschmeide, schlanke Kandelaber mit dünnen Kerzen und reichgerahmte Spiegel; Leiber mit verwischter, hermaphroditischer oder stark betonter Sexualität; kleine Stirnen, hinter denen nichts denkt, kleine Augen, die verraten; volle Münde wie lüsterne Wunden. »Was die übrige Gesellschaft betrifft, so konnte sie sich einiger bemerkenswerter Toiletten und ganzer Tische voll der herrlichsten Frisuren rühmen. Man sah da Schleier, die gefärbt waren und Muster auf die Haut zeichneten, Fächer mit Schlitzen, um ihre Träger hindurchblinzeln und -blicken zu lassen, Fächer mit Gesichtern bemalt, mit Sonetten Sporions oder den kurzen Geschichten Scaramouchs beschrieben, und Fächer aus großen lebenden Nachtfaltern auf Bergen von Silbernadeln. Und Masken aus grünem Samt, die das Gesicht dreifach bepudert erscheinen lassen; Masken aus Vogelköpfen und Gesichtern von Affen, Schlangen, Delphinen, Männern und Frauen, kleinen Embryonen und Katzen; Masken aus dünn aufgelegtem Talk und Gummielastikum. Perücken trug man aus schwarzer und scharlachner Wolle, aus Pfauenfedern, aus Gold- und Silberfäden, aus Schwanendaunen, aus Weinsprossen und aus menschlichem Haar; ungeheure Halskrausen aus weißem Musselin, die hoch über den Kopf wegstanden, ganze Kleider aus einwärts gebogenen Straußenfedern, Tuniken aus Pantherfellen, die wundervoll über Rosatrikots aussahen, Kapots aus rosa Atlas mit Eulenflügeln, Ärmel in Gestalt apokalyptischer Tiere, Strümpfe, in deren Zwickel sich Darstellungen von Fetes galantes und sonderbare Zeichnungen befanden, und Jupons, die wie künstliche Blumen gearbeitet waren. Einige Herren trugen reizende purpurfarbene oder grüne Schnurrbarte, die mit vollendeter Kunst gedreht und gewichst waren, andere trugen große weiße Barte nach Art des heiligen Wilgeforte. Dann hatte Dorat ihnen außerordentliche Vignetten und Grotesken auf den Leib gemalt, an mancherlei Stellen: auf eine Stirne eine alte Frau, die von einem unverschämten Amor verfolgt wird, auf eine Schulter eine verliebte Affenszene, rund um eine Brust einen Kreis von Satyrn, um ein Handgelenk ein Kranz blasser, unschuldiger Kinder, auf einen Ellbogen ein Bukett Frühlingsblumen, quer über einen Rücken ein paar überraschende Mordgeschichten, in die Winkel eines Mundes kleine rote Flecke, auf einen Nacken eine Flucht Vögel, einen Papagei im Käfig, einen Zweig mit Früchten, einen Schmetterling, eine Spinne, einen betrunkenen Zwerg, oder einfach ein paar Initialen.« Man kann Beardsleys Zeichnungen nicht besser in ihrem Gegenständlichen beschreiben, als er es selber getan hat in seinem Kostümkapriccio »Venus und Tannhäuser«.

Ich sagte, daß Beardsley es liebte, das Geschlecht seiner menschlichen Figuren manchmal übermäßig zu betonen, oft wieder hermaphroditisch zu verwischen. Ein Selbstporträt in den »Posters in Miniature« gleicht etwa dem Bilde jener Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und steifer Hemdbrust, wie sie die Pariser Karikaturisten gerne verlachen. Doch an Karikatur darf man bei Beardsley nicht denken, denn er übertreibt nie äußerliche körperliche Eigentümlichkeiten zu einem lächerlichen, sondern psychische, wenn man will moralische, zu einem manchmal grotesken Effekt: es ist, wenn auch Geist, so doch nicht Witz und Komik in seiner Übertreibung, die zum Lachen reizte. Seine Typen sind in ihrer monumentalen Häßlichkeit oder Schönheit Erfindungen, Visionen des Wesentlichen, aber sie haben kein Modell in der kleinen deutlichen Wirklichkeit. Man könnte sie mit den Grotesken vergleichen, die Lionardo zeichnete. Beardsley mag manchmal satirisch sein, aber er ist es gewissermaßen auf eigene Faust; er trifft sich nicht mit Gemeingefühlen; er ist gar nicht sozial. Ja, er pointiert nicht einmal seine eigene Art, denn er besaß eine zu gute Haltung. Man kann so auch nicht von Absichten sprechen, die ihn veranlassen, der Eigentümlichkeit seiner Natur entsprechend sich das Gegenständliche seiner Zeichnungen zu wählen, so sehr ist dieses untrennbar von seiner Form. Absicht, Überlegung, Ordnung sind ihm nur bewußt in Hinsicht auf das Formale. Deshalb und noch einmal: welcher Art immer die technischen Einflüsse sind, denen er sich hingibt, – seine Originalität, was das Unbewußte, sein psychisches Verhalten angeht, bleibt davon ganz unberührt und bleibt sich gleich vom Anfang bis zum Ende seiner Kunst.

Man hat sie pervers genannt, weil man ja geneigt ist, alles mit diesem diffamierenden Beiwort auszuzeichnen, was die Sinnlichkeit nicht mit dem Gemüte genießt. Beardsley sieht, ganz unnaturalistisch, Zustände und Menschen von innen heraus; das nimmt alles das Gewand der intensiv erkannten Seelen an, die den Körper deformieren. Da wird die Sünde schön und eine Tugend, weil sie groß und herrschend ist, da wird die kleine Sünde, die sich mit der kleinen Tugend um den Vorrang in einem Individuum streitet, zur widerlichen Häßlichkeit. Die Gottheit bestätigt sich irdisch in der Kraft, mag diese zum Bösen oder Guten treiben. Satan ist fromm, und der Heilige ist fromm. Möglich, daß sich Beardsley mehr jene Frömmigkeit verdeutlicht hat, die sich ihren Glauben aus der Sünde bestätigt, wie es nicht nur einmal gnostische Sekten taten, sondern wie es immer wieder geschieht und geschehen muß. Lorenzetti malte in den Fresken des Campo Santo zu Pisa die Sünderinnen der Hölle im blühendsten Fleische, Akte von fast Renoirscher Art. Beardsley ist katholischer: er zeichnet in der Messalina ein Weib von fünfzig Jahren, deren Formen in Fett verloren, deren Augen klein und hektisch, deren dicke Lippen – fast das einzig Sichtbare in dem Gesicht – fest geschlossen und deren Beine sicher voll der blauvioletten Flecken von gesprungenen Venen sind. Er steigerte so das Fleischliche zum Intellektuellen, und dieses allein ist die Sünde. In dem Zeichner dieser Blätter suchte eine Kritik, die ohne Verhältnis zur Kunst, diese nur nützt, um sie auf eine vulgäre Moral zu prüfen, ein schamloses Leben. Beardsleys Freunde haben über sein Menschentum nicht geschwiegen, ich glaube auch, nichts verschwiegen, wohl weil sie keinen Anlaß dazu hatten. Er wird beschrieben als stolz und von sich selbst überzeugt, was ihn nicht hinderte, mit großer Verehrung von dem zu sprechen, was er liebte. Er war trotz seiner Soziabilität menschenscheu; es fehlte ihm das Bedürfnis nach Mitteilung, was man oft bei Menschen findet, deren Intellekt starke Neigung zur Abstraktion zeigt. Doch verschloß er sich nie dem Leben, an das er mit vielen Interessen verknüpft war. Er kleidete sich wie ein Elegant und fand die sichtbaren äußeren Zeichen des Künstlertums, deren Pose, lächerlich; für Worte wie Inspiration hatte er nur Verachtung. Als einer ihn fragte, ob er Visionen habe, gab er die Antwort: Ich gestatte mir so etwas nur auf dem Papier. Keiner hat ihn je bei der Arbeit gesehen, die er am liebsten des Abends bei Kerzenlicht tat. Kam ein Besuch, so legte er alles beiseite, und nie hörte man ihn mit der Miene eines Geschäftigen sagen, daß er keine Zeit habe. Seine Krankheit ertrug er heldenhaft; in seinen Briefen treibt er beinahe Scherz mit ihr. Von seinen drei Gedichten und seinem Prosakapriccio hielt er viel, wie er es überhaupt liebte, sich als Homme des lettres vorzustellen. Er hatte viele Pläne dieser Art, wie einen Aufsatz über Rousseau, einen anderen über die Liaisons dangereuses zu schreiben. Den Sinn für die lebende Natur, für die Landschaft hat man Beardsley abgesprochen. Ihm eigentümlich verwendet er sie nur im Ornament aus Blumen- und Fruchtmotiven. Zum Landschaftlichen benutzte er einfach Claude und Watteau, in einer Zeichnungsart, die an Gobelins erinnert. Keine Spur einer grotesken Behandlung der Landschaft ist zu finden.

Eine Entwicklungslinie der bildenden Künste anzunehmen, ist nicht durchaus und deshalb abzuweisen, weil wir kein Ziel bestimmen können, nach dem diese Entwicklung tendierte. Aber man könnte ja in der Formung, die dem Ganzen dieser Kunst jeweils der einzelne Künstler gibt, ein Ziel schon sehen, das durchaus befriedigt; anders müßte ja alles immer nur ein Versuch bleiben, und müßte der zeitlich spätere geglückter sein als der zeitlich frühere, was ja nicht der Fall ist. Sind wir vor das ganze Werk eines Künstlers gestellt, so werden wir immer ein Fehlendes finden, das die Kritik ergänzt, womit nicht Kritisieren gemeint ist. Die Kritik erst vollendet das Werk. Übertragen gesprochen ist das Werk wie in der Musik ein Septakkord, der eine Auflösung verlangt: die Kritik gibt diese Auflösung. Der Künstler aber übernimmt das Werk des ihm Nahen, und dessen fehlenden Ton er spürt: er gibt in seinem Werk diesen fehlenden Ton, um auch seinerseits einen Ton auszulassen: Auch sein Werk wird ein Ganzes, ein Akkord sein, doch nie ein Dreiklang mit dem Oberton der Oktave. In einem anderen Bild gesprochen: Der Künstler baut sein Werk von innen heraus und schließt es in einen Ring und schließt es doch nicht, denn er muß eine engste Öffnung lassen, um aus dem Ringe selber heraus zum nächsten Werke zu kommen. Je unsichtbarer diese vorhandene Öffnung des Ringes, desto stärker wird der Eindruck der Vollendung sein, also daß wir von einem geschlossenen Kunstwerk reden. Was dann die Unkünstlerischen, die Virtuosen und ähnlichen merken, aber nicht als Bedingung wissen: daß ein Ring ist, aber auch eine feinste Öffnung des Ringes. Diese bilden nicht von innen, sondern von außen, wo sie immer nur stehen und daher den Ring ganz schließen können, welche gefälschte und falsche Fügung alle jene Beschauer erfreut, die nicht imstande sind, von sich aus eine Schließung des Ringes zu schaffen oder den ausgelassenen Ton in sich zum Erklingen zu bringen: mit einem Worte – die künstlerisch nicht Bereiteten. Wir hatten Maler, deren reicher Akkord mehr als eine Auflösungsmöglichkeit in sich trug, und dessen künstlerische Variation bis auf heute gewaltig ist. Man denke an Tizian und seine drei Schüler: Tintoretto, Greco, Schiavone. An Rubens und seine Folge bis auf Renoir, an Rembrandt und seine Folge bis auf Vincent van Gogh. Was man in England die Präraffaeliten nannte, war eine Bewegung außerhalb der Malerei – der Zusammenhang mit ihr war nur zufällig; für Whistler und den Radierer Brangwyn brauchten sie nicht gewesen zu sein. Ihre Ergebnisse liegen auf dekorativem Gebiet, bei den Bemühungen William Morris‘, dessen Anregungen weiterwirken bei Beardsley, der künstlerisch ein Ende bedeutet, aber den allgemeinen Geschmack sicher damit gefördert hat, daß er das lineare Gebilde zu subtilstem und intensivstem Ausdruck gesteigert hat.

Lebenslinie - Illustration: !so?
Lebenslinie – Illustration: !so?

Franz Blei
title Männer und Masken
publisher Ernst Rowohlt Verlag
printrun 1. – 4. Tausend
year 1930
firstpub 1930

Franz Blei • Männer und Masken • Walter Rathenau

Walter Rathenau 

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Walter Rathenau – Edvard Munch – 1907 – oil on canvas – Kunstmuseum Bergen

Rathenau kam einmal, es war vor dem Kriege, als später Gast ins Haus unseres vortrefflichen Verlegers Fischer, zur Stunde, da die Gäste in des Hausherrn behaglichem Büchersalon den Kaffee tranken. Er war ins Schloß geladen gewesen und trug auf der Brust den klirrenden Schmuck seiner Orden, ein gut Dutzend Stück. »Ich habe zu Hause im Kasten noch mehr so Blecher«, sagte er auf einen lächelnd-erstaunten Blick, solchen Ehrungen gegenüber eine Gleichgültigkeit andeutend, die er als ein seines Wertes sehr bewußter Mensch besaß, zumal er die Orden auch nicht für seine Schriften bekommen hatte. Aber er war doch stolz darauf, daß ihn, den Juden, dem als Einjährigen das Leutnantspatent verweigert, und der als Vizewachtmeister entlassen wurde, die von ihm so bewunderte preußische Herrensippe hatte anerkennen müssen. Rathenau war klug genug, zu wissen, daß mit Adelung und Orden jener, der beides verleiht, sich nur die nötige Brücke über einen trennenden Abstand legt, ohne die ein öfterer Verkehr nicht möglich. Mit einem bloßen Herrn Rathenau gab’s für Majestät keine wiederholte Unterhaltung; er mußte als ein für Auszeichnung Dankender kommen. Aber daß die Sippe ihn dafür vorschlagen hatte müssen, freute ihn. Denn er, der braune Beduine, der von seinen spanisch-jüdischen, mit Berberblut vermischten Ahnen sprach, liebte aus Gegensätzlichkeit diese blonden, rosigen, knochigen Preußen mit den blauen Augen, die Offiziere dieses kleinen Adels, die Dichter dieser dürftig-spröden Landschaft, die Beamten dieses sparsamen Haushalts.

Die körperliche und geistige Armseligkeit eines assimilierten kleinen Judentums aus dem Osten, das sich selber mit dem jüdischen Witz ins Gesicht spuckt und so seinen eigenen Antisemiten spielt, fand er verächtlich, und es verführte ihn sein Stolz zu dem Glauben an ein Judentum der Rasse, dem er in andern Rassen die Gegenspieler gab. Als Gegengabe für den Roman »Wiltfeber« schickte er dessen Verfasser Burte eines seiner Bücher; er zeigte mir die Widmung, die er hineingeschrieben hatte: »Dem ewigen Deutschen der ewige Jude.« Rathenaus Stolz auf sein Judentum litt unter keinerlei Antisemitismus, die Fremdheit des preußischen Junkers ihm gegenüber respektierte er, da er auch seinerseits Fremdheit diesem Junker gegenüber empfand, die er in Bewunderung äußerte. Selber in Geschäften stehend, litt er als Jude unter den nichts als Geschäfte machenden Juden, die es nicht sein wollten und es doch im Übelsten waren. Er gab sich da gern Vorstellungen hin, die im Judentum ein religiöses, ein Priestervolk kat exochen sahen, und er beklagte den Verfall des Volkes aus dem Spekulativen ins Spekulierende. Er verstand den tiefen Sinn, den das Wort hatte, das ich ihm einmal von Mendel Singer vor dem Kaiser Franz Josef erzählte. Mendel Singer, Nestor der österreichischen Parlamentsjournalisten, mußte, wie seine beiden Brüder vor ihm, auf seine alten Tage geadelt werden. Es war dem Kaiser als unumgänglich vorgestellt worden. Die Kaiserverehrung dieses Singer grenzte an Gottverehrung in ihrer Naivität; er sah in ihm den Vater seiner Völker, den Mehrer und Schützer des Reiches usw., genau wie es in den Stücken der Lesebücher für die Volksschulen steht. Unmittelbar nach der Audienz erzählte er selber, mit Tränen im Halse, wie sie verlaufen war, das kaiserliche Visavis und ihre Umgebung durchaus wie Heldensage, in die er, das Nichts von Mendel Singer, gebeugten Rückens hineintrat, er wußte nicht wie, und vor der Majestät in dem außerordentlichen Gefühle seiner gräßlichen Nichtigkeit vor solcher Konfrontierung nichts sagte als: »Majestät, ich bin e alter Jud.«

ADN-Zentralbild, Dr. Walter Rathenau geb. 1867 gest. 1922 1922 Aussenminister, schloss mit Sowjetrußland 1922 den Vertrag von Rapallo. Er wurde durch die Geheimorganisation Consul ermordet, deren Hintermänner die Schwerindustrie war.
ADN-Zentralbild, Dr. Walter Rathenau – 1867 –  1922 – 
1922 Aussenminister, schloss mit Sowjetrußland 1922 den Vertrag von Rapallo. Er wurde durch die Geheimorganisation Consul ermordet, deren Hintermänner die Schwerindustrie war.

Ich glaube, Rathenau hatte es, unter dem Druck eines, wie man sagt, bedeutenden und eigenwilligen Vaters, bis zu seinem dreißigsten Jahre nicht leicht gehabt, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Mannigfaltig begabt, mochte er sich, als Sohn aus reichem Hause, eine Freiheit des Lebens für sein Leben als erlaubt denken, das ihn bloß aufs Erben, nicht aufs Mehren wies. Zumal es ihm klar war, daß die Kapazität des Vaters ganz einzig und nicht zu übertreffen war auf seinem Gebiete. Aber der nüchterne Emil Rathenau war stärker als sein brillanter Sohn; er zwang ihn in den Rahmen seiner bestimmten Arbeit. Ganz reibungslos ist das nicht verlaufen. Alle Liebe ging so zur Mutter. Das blieb bestimmend sein Leben lang. Die Frau, das hatte Wert für ihn nur als Mutter. So blieb ihm zur fremden Frau nur der eine, von nichts als dem gröbsten der Sinne gebahnte Weg, den er funktionell ging, wenn es und weil es sein mußte, aber ohne daß ihn da irgendwelche Illusionen begleiteten. Eher die Vorahnung der bereits wartenden Ernüchterung. Er konnte, kam, wie es nur sehr selten der Fall war, das Gespräch auf Liebe und Frauen, von einer zynischen Brutalität werden, die selbst den guten Geschmack, das mindeste in dieser Materie, vermissen ließ. Aber er hätte, so starr war das in ihm geworden, nie zugegeben, daß in diesem psychischen Unvermögen zur Liebe eine Fehlerquelle seines ganzen Wesens lag und der Grund seiner melancholischen Resignation, die er immer wieder auf eine höhere metaphysische Ebene zu bringen sich bemühte. Der fehlende Eros war auch der tiefste Grund seiner inneren Vereinsamung, deren steinernes Antlitz zu fliehen er so vieles unternahm, die liebevolle Pflege seiner Dilettantismen, aber auch seine wichtige organisatorische Arbeit. Er besaß hierin mehr als theoretisches Wissen und mehr als bloß praktische Erfahrungen, nämlich einen leidenschaftlichen Glauben, daß sich der inerten chaotischen Masse alles Wirtschaftlichen Form und Geist eines richtigen Funktionierens geben ließe, ein tadellos arbeitendes, von den Menschen begeistert akzeptiertes Schema. Er bedauerte den modernen mechanisierten Menschen nicht, sondern begrüßte ihn als den brauchbarsten für das geliebte Schema. Als er es bei ungeheurer persönlicher Arbeit an der Ordnung der Dinge im Kriege erleben mußte, daß die Menschheit lieber sinnlos verbluten als das erprobte Schema einer A.E.G. annehmen wollte, war Rathenau zu tiefst erschüttert. Er hatte so außerordentliche Energien an die gedankliche Sauberkeit seiner Pläne gesetzt, sein Leben danach geformt, oder davon formen lassen, und nun besudelte ganz sinnlos hingeschüttetes Blut die schöne Arbeit. Zum Minister berufen, zog er, mit wenig Glauben mehr daran, die verwischten Linien der alten Pläne nach, vertraute aber mehr seiner rein menschlichen, persönlichen Kraft, seinem integren Wort als einem nicht mehr geglaubten System, das ihm der seiner Geschichtsbildung inkommensurable Mensch zernichtet hatte.

Ja, auch die Pflege seiner Dilettantismen. Rathenau sammelte schönen alten Hausrat, um den er dann die Schale eines nach seinen Plänen gebauten Hauses im Grunewald legte, dem nicht nur die Amateure, sondern auch die Architekten ihren Beifall gaben. Es war bequem, ohne jede Protzigkeit, die dem frugal, fast asketisch lebenden Manne ganz fremd, und so geschmackvoll wie die darin aufgestellten mit gutem Auge gefundenen Möbel und Dinge. Was in dem Luisenschlößchen Freienwalde fehlte, für dessen stille Anmut das theatralische Pomposo des Kaisers nichts übrig hatte, von Pietät ganz abgesehen, so daß er es für einen Pappenstiel an Rathenau verkaufte, das ergänzte der neue Besitzer mit bestem Geschmack. Rathenau spielte Klavier, er malte Bilder, er machte Gedichte und hielt daran wie eine gute Hausfrau, die nichts umkommen lassen will. Die kritische Fähigkeit, das Gute zu erkennen, und ein sicherer Geschmack, der eine geübte Geschicklichkeit nicht direkt entgleisen ließ, gaben ihm wohl die nötige Täuschung, diese künstlerischen Übungen mit Ernst zu treiben und zu zeigen. Lobte man seine nach der Natur avec du cœur und in einem landläufigen Impressionismus gemalten Freienwalder Landschaften, so lehnte er das Lob mit einer Unterwertung nicht gerade seiner Bilder, aber der Malerei überhaupt, ab, indem er sagte: »Mit der Malerei wird ja viel zu viel hergemacht.« Ich bin ja auch etwas der Meinung, aber aus einem andern Grunde. Die Summe des heute durch Malen Mitteilbaren ist, verglichen mit in ihrer Selbstwirkung bescheideneren Zeiten der bemalten Wände, so gering geworden, aber bei wachsendem Anspruch auf Bedeutung. Behauptet sich schon das auf der Bühne gesprochene Wort schwer gegen die alles überrauschende Musik jedes Genres, wie soll es dem gerahmten Bilde gelingen, gegen das mit Musik unterstrichene bewegte Bild im Film und Ballett mit einigem Erfolg sich zu stellen!

Früher als Max Scheler, der andere Gast, zum Abendessen kommend, traf ich einmal Rathenau am Klaviere, über eine aufgeschlagene Sonate Beethovens modulierend und arpeggierend. Der Teufel ritt mich, harmlos zu fragen, ob er es nicht versucht hätte, zu komponieren, und ich bekam die etwas, aber doch nicht ganz so eindeutig erwartete Antwort: »Mein Kram läßt mir ja keine Zeit dazu.« Der Kram war damals die A.E.G. Rathenau betrachtete die Künste etwa wie Fertigkeiten, die bis zur großen Leistung auszubilden nur Zeit nötig sei, eine angeborene kleine Begabung natürlich vorausgesetzt, aber wer hat die heute nicht? In einem, wie Rathenau zugab, ziemlich niedrigen Niveau der Künste machte die größere oder geringere Erhebung der bergspielenden Maulwurfshügel keinen besonders zu bezeichnenden Höhenunterschied. Er konnte in den Gedichten Rudolf Borchards nichts finden, sie waren ihm durchaus erreichbare, wie er überzeugt war, auch ihm erreichbare Höhe. Fleißaufgabe eines Erlernbaren, wie er meinte. Also auch sein Fall, verfügbare Zeit dafür vorausgesetzt. Aber er bewunderte als ihm nicht erreichbare Tiefe oder nicht mehr zugängliche Niederung der Einfalt Gerhart Hauptmann dort, wo Gefühliges sich äußerte. Dieses im Trüben des Gefühligen fischen schien ihm einziger Nährboden eines Dichterischen schlechthin, aber in dieser Zeit nur atavistisch mehr Vorhandenen, nicht mehr recht Zulässigen, außer des Sonntags. Er bewunderte, was er nicht besaß, aber in der Gesamtökonomie heutigen Lebens nicht mehr sehr wesentlich achtete. Daß es einen so reinen Toren wie Hauptmann noch heute gäbe, entzückte ihn wie blondes Haar und blaue Augen inmitten von Schwarzhaar und Brillen. Aber die Tore des Paradieses seien längst zugefallen, und wer Heimweh habe, stoße sich an den Gittern das Herz wund. In Rathenaus Konzeption des Dichterischen und des Dichters spielte das Dumpfe, Unartikulierte, Gefühlige die entscheidende Rolle so sehr, daß er aus dem ihm Undeutlichen bestritt, was er selber an Versen machte, und glaubte, es seien Gedichte. Daß sie das Äußerste nicht seien, läge nur in der fehlenden Übung, und weil man noch anderes zu tun aufgebürdet bekommen habe. Für eine oft mit ihm diskutierte Anschauung, daß diese Gefühle als Komplexe zerlegbar seien und gar keine bedingende Voraussetzung für das Dichterische bildeten, weil Torheit selbst im Religiösen, wo man es gern hinstopfte, nichts bedeute – dafür war Rathenau, der das Moderne nur im Technisch-Mechanischen sah, nicht zu haben. Es machte mir immer den Eindruck, als sei seine apodiktische Annahme nur solchen Dichtens und solchen Betens letzter Zufluchtsort eines im Verständigen, das ihn beherrschte, sonst Verzweifelnden. Er mußte die Dummheit und die Heiligkeit identifizieren. Daß ein Romanwerk, um bedeutungsvoll zu sein, auf dem gleichen Niveau stehen müsse wie die wissenschaftliche Leistung der Zeit, dagegen zitierte Rathenau »Füllest wieder Busch und Tal …« Er wollte von der Dichtung nur den Balsam der therapeutischen Wirkung. Verstehbar bei einem Manne, der wie Rathenau sich nicht mit den festgefügten Kaders des von ihm bis ins einzelne beherrschten Gebietes des Wirtschaftlichen und Wirtschaftspolitischen zum Auf- und Ausbau einer geistigen Welt begnügen konnte, und dessen Philosophieren, wie er selber sagte, laienhaft war, aber um so anspruchsvoller der Wunsch, mit dem Ganzen der denk- und vorstellbaren Welt metaphysisch fertigzuwerden. Da ließ er dann die nicht gebaute Spitze der Pyramide in die Wolken ragen, hinter der sie die Wolkenanbeter auch vorhanden vermuteten. Sich seiner Fähigkeiten auf dem von ihm beherrschten Gebiete, welche durchaus des ordnenden Verstandes waren, sehr bewußt, ging er künstlerischen Neigungen nach, hier die Gnade erwartend oder sie ihm erteilt vielleicht auch glaubend, aber, um solches zu glauben, sich in eine nebulose Romantik von Kunst und Künstler verkapselnd, aus der nicht einzugestehenden, weil schmerzlichen Einsicht, daß, brächte er ein Denken in seine solchen Konzeptionen, diese sich als ganz unzulänglich herausstellen müßten. Darum fraternisierte sein Geschmack mit den Dumpfen, denen es Gott im Schlafe schenkt. Oder stellte mit der Variation des gut liberalen Satzes »Dichte, Dichter, denke nicht« den Behafteten auf die Plattform der Simonssäule und sich selber aus dem Wege, auf dem der Dichter, dächte er, ein zu unbequemer Mahner wäre.

Franz Blei (1871 - 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift "Hyperion"und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA
Franz Blei (1871 – 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift „Hyperion“und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA

Fragte man Rathenau, wie er so vieles und so vielerlei in einem Tage von vierundzwanzig Stunden bewältigen und zu einem Ende führen könnte, gab er als solchen Rätsels Lösung die Einteilung der Zeit. Und schien dabei doch immer Zeit zu haben, die verlorengehen konnte. Man traf ihn oft zu Gaste. Und viele waren oft zu Gaste in seinem Hause. Aber zum Zwiegespräch, nicht zu geselliger Festlichkeit. Solches Festieren gab es nur zweimal im Jahre, ein Frühstück, wobei Borchard die Küche besorgte für die dreißig oder vierzig Geladenen, denn der einfache Junggesellenhaushalt war nur für ein einfaches Abendessen zu zweit oder dritt eingerichtet. Die große geladene Gesellschaft gab in ihrem Ensemble eine Musterkarte von Rathenaus vielfachen Interessen und Beschäftigungen – wenn ich von den ebenfalls geladenen Damen, den Gattinnen, absehe, deren Anwesenheit unumgänglich war, sollte es nicht bloße Männergesellschaft mit der sich da immer einstellenden interessierten Unterhaltung sein, die keine mehr ist, sondern Diskussion. Das Non tacet der Damen hob für diese Male die spirituelle Kirche auf, die Rathenau liebte, um mit Assistenz die Messe zu lesen. Mit der Assistenz eines, nie mehr als zweier Ministranten. Das Abendbrot, das es da gab, war in Quantum und Quale so bescheiden, daß wohl auch andere als Max Scheler, der gern gut und viel aß, nach der ersten Erfahrung von Flunder, Hammelkotelett und zitterndem Eierstich – es gab nie was anderes – nur so taten, als ob sie äßen, weil sie das schon zuvor besorgt hatten. Aber nach dem Spitzglas Champagner, das der Diener nicht mehr nachfüllte, kam aus unerschöpflichen Kannen schwarzer Kaffee, die Gäste wachzuhalten bis in den frühen Morgen für die Unterhaltung, wenn dies Wort erlaubt ist für diese sehr konkretierten Gespräche, aus und in denen sich Rathenau sowohl informierte als – er hatte ein starkes Bedürfnis danach – sich erklärte und erläuterte. Dies meist mit einem gesperrten Druck und Verbeispielungen einfacher Gedanken, die den Partner gelind verzweifeln ließen. Es war eine gewisse Verliebtheit in seine gepflegte gedankliche Welt, die ihn, sie immer wieder erklärend, so weitschweifend werden ließ, was ihre fehlende Tiefe ersetzen sollte. Denn ein tiefer Denker war Rathenau nicht. So mochte er allenfalls seinen engeren Berufskollegen vorkommen, auch später den politischen Kollegen, die er natürlich an Kenntnissen und Einsichten weit übertraf. In der Haager Konferenz hätte er gewiß nicht, wie es die deutsche Delegation tat, Lloyd George und die anderen damit gelangweilt, zu erzählen, daß sich die betreffenden Gattinnen der Herren schon seit zwei Jahren keinen neuen Hut gekauft hätten, so schlecht ginge es einem in Deutschland, und so bescheiden sei man geworden. Rathenau machte sich nichts aus Frauen, nichts aus Geld, nichts aus Ehren, so mußte er eine soziale Gefahr werden als der schlechthin Unverständliche, dem zu mißtrauen ist. »Meine Kollegen«, so sagte er damals, »lassen mich als anständigen Menschen gelten. Was für ein lamentables Regime, wo es als das höchste Lob eines Staatsmannes gilt, daß er ein anständiger Mensch ist.«
Im Oktober 1913 hatte ich in meinem »Losen Vogel« geschrieben: »Der deutsch-englische Krieg, man wird sich an diese Überschrift in den Zeitungen gewöhnen müssen«, und kurz Gründe und Anlässe dieses Krieges angegeben, der ja in der Tat ein deutsch-englischer wurde, und zwar mit den Schlachtfeldern auf dem Kontinente. Als ich bald darauf Rathenau besuchte, legte er, wie er es gern tat, mir seinen Arm um den Nacken: »Sie sind ein Phantast, lieber Blei, einen solchen Krieg wird es nicht geben und überhaupt keinen, und ich will Ihnen auch sagen, warum. Weil er kein Geschäft, und weil er ein außerordentlich schlechtes Geschäft wäre.« Mit der Schlechtigkeit des Geschäftes hat sein geübterer Blick auf solches ja recht behalten. Aber der Irrtum, daß die Menschen sich Vorteil und Gewinn in Ziffern und Zahlen ausrechnen auch in solchen mit Blut gespeisten Affären, bloß deshalb, weil sie finanziert werden müssen, das war ein für Rathenau charakteristischer Irrtum. So oft er auch vom ganz intuitiven Wesen seines Vaters in geschäftlichen Dingen erzählte, oder vielleicht daß er davon erzählte, bestätigt, was die geschäftlichen Kollegen Rathenaus von ihm sagten: daß er eigentlich von Geschäften nichts verstand, weil er sie nur verstand. Er war, als der Krieg ausbrach, von der geschäftlichen Tollheit dieses Unternehmens erschüttert und suchte mit seinem organisatorischen Genius zu retten, was zu retten war. Er litt viel unmittelbarer unter der Dummheit, mit welcher die Menschen ihre Geschäftsbücher führten, als unter dem Pathos eines Schicksals. Er konnte im ersten Jahre, wenn auch geringschätzig, von dem Gewinn sprechen, der in Longwy und noch ein paar so nötigen Erzgruben für das damals noch siegreich geglaubte Deutschland, die Firma Deutschland, bestände, um zwei Jahre später, als es schlechter ging, Ludendorff aufs dringendste zu raten, die belgische Arbeiterbevölkerung nach Deutschland zu schaffen, auch auf die Gefahr hin, daß die U.S.A. mit Krieg drohten. Rathenau war kein politischer Kopf. Dafür dachte er von den Menschen zu schlecht und zu gut, aber beides am falschen Ort. Er überschätzte den Menschen verstandesmäßig und unterschätzte seine affektive Brauchbarkeit. Er nahm es übrigens mit Laune auf, als ich ihm von einem tapferen jüdischen Artillerieoffizier erzählte, der mitten im feindlichen Feuer melancholisch bemerkte: »Ist’s möglich, so das Geld zu verschleudern!« Aber die nachfolgende Zeit gab ihm recht, als er meinte: »Sie werden sehen, es wird ihnen das verschleuderte Geld mehr leid tun als das vergossene Blut. Der jüdische Artillerist sprach auch aus der Seele der heutigen Gojim.« Es war in München, einige Monate vor seinem Tode, daß ich Rathenau zum letzten Male sah und sprach, beim Tee im Hotel Continental. Wir waren zu viert mit Rathenaus »Adjutanten«, Simon, einem ehemaligen Generalstäbler voller Leben, Intelligenz und Liebe zu seinem Chef. Ein blonder Mann von der besten preußischen Qualität und mit viel von dem, was Rathenau völlig fehlte: Wärme. Der vierte war der Nuntius Pacelli, der diplomatisch vorsichtige, sehr geschickte Römer, von der Kurie auf den wichtigsten Posten gestellt, den deutschen, wo Konkordate zu effektuieren waren, und wissend, daß ihre Angelegenheiten bei Pacelli in den besten, geschicktesten Händen lagen. Rathenau kam von Herrn von Kaar, dem kleinen Beamten, der sich auf dem Wege zum großen Staatsmann glaubte, und über den er sagte: »Er hat nicht eine einzige Idee, aber er verteidigt sie mit Leidenschaft.«
Rathenau war müde und resigniert. Die U.S.P. hatte ihm mitteilen lassen, daß sie von einem Attentatsplane gegen ihn gehört hätte, und bot ihm zwei ihrer Leute als ständige Schutzbegleitung an. Rathenau lehnte ab, mit einer in alles sich ergebenden Fatalität, der er wohl nur mit Rücksicht auf den Nuntius so etwas wie eine christliche Farbe gab. »Die Henker«, sagte er, »dieser Zeit sind so armselig, daß sie einen um die Freude des Martyriums bringen können.« Als Monsignore hier etwas von der christlichen Liebe bemerkte, meinte Rathenau: »Liebet einander, das ist vielleicht ein bißchen zu viel von den Menschen verlangt, Monsignore, – ertragt einander, das ließe sich allenfalls noch leisten.« Er war müde, nur Feinde zu haben und keine Gegner. Er fand sich als am falschen Ort stehend, ohne einen besseren angeben zu können als den in abgeschlossener Einsamkeit. Es machte den Eindruck, als wartete er auf den Schuß aus dem Hinterhalt als eine Synthese.
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Ein Wert seiner Persönlichkeit: Rathenau war kein Politiker. Nach meines Freundes Paul Scheffer Definition einer, der die Kunst versteht, eine träge Menge zur rechten Zeit aufzuregen, eine aufgeregte Menge zur rechten Zeit zu beruhigen. Rathenau konnte verhandeln. Er konnte nicht führen. Er besaß keinerlei demagogische Fähigkeiten. Er entsprach in nichts dem »Tatmenschen«, wie sich die Hintertreppenphantasie um 1920 so was vorstellte und verehrte. Als Solf nach jahrelanger Abwesenheit auf kolonialen Posten im Frühjahr 1914 nach Berlin kam und man ihn zum Kolonialdirektor machen wollte, dauerte es nicht lange, daß er Heimweh nach seiner letzten Station in der Südsee bekam. Er hatte im Wandelgang des Parlamentes Erzberger eine ganz vertrauliche Mitteilung gemacht – »und denken Sie, der Mensch benutzt das zehn Minuten später in einer Rede!« Rathenau, mehr an die politischen Sitten gewohnt als der aus feinster Substanz gearbeitete Solf, war nur vorsichtiger. Er wußte um die geringen Ansprüche, die heute an den Politiker gestellt werden, und daß der Nächstbeste genügen kann. »Noch weitere solche zehn Jahre, und Politiker ist, wie das in den Staaten durch Jahrzehnte der Fall war und in den besten Kreisen heute noch ist, die verächtliche Bezeichnung eines verachteten Berufes.«
Die Summe seiner irgendwelchen Interessen nennt der Politiker nicht eine Meinung, sondern seine Überzeugung mit allen den bekannten Beiworten, wie sie die Ethik eines bourgeoisen Stoizismus liefert, wünscht und billigt, wie ernst, heilig, tief, ehrlich, unumstößlich. Er entgeht damit der Verlegenheit eines guten gültigen Beweises seiner Meinung, erstickt die mögliche Forderung eines solchen Beweises im Keime. Aus der ungeheuren Mannigfaltigkeit dieser Abwehr besteht die politische Diatribe. Zwei Nachbarn konnten sich nicht einigen. Sie riefen einen Dritten zur Schlichtung des Streites. Damit ist die Keimzelle des Politischen in die Welt gesetzt. Ein simpler Rechtsspruch des Dritten bildet nun ein System aus, hinreichend kompliziert, Beamtete und deren Anhang nötig zu machen. Das Übel zeugte weiteres Übel, da bald die Beamten selber sich für ein System halten, um dessentwillen das Leben da ist. Die Selbstvergottung des Staates beginnt, und eine Philosophie bemüht sich um seine Metaphysik. Dieser Prozeß der beamtlichen Polizierung wird beim Zerfall der mittelalterlichen Ideale sichtbar, dem Zerfall dank der Kirche selber, die durch den Besitz Staat im Staate wurde, erst sich mit ihm messend, dann mit ihm kämpfend, schließlich ihm unterliegend, wobei sie dem Sieger auslieferte, was sie bisnun geistlich verwaltet hatte: Beziehung der Geschlechter, Schule, Bildung, ja sogar den Glauben, was alles des Staates wurde, was alles ganz gegen sein inneres Wesen poliziert wurde, und es blieb bis heute. Und zwar zunehmend nach dem undistinkten Schema der gemeinen polizierten Notwendigkeiten des Tages: Recht, Schutz vor Überfall, Verkehr und Wirtschaft. Im wachsenden Maße wurde der Wirkungswert der polizierten Menschengüter vermindert: die Ehe wurde ein vermögensrechtliches Problem, der Glaube als begünstigter Sazerdotalismus Stütze der weltlichen Macht, die Schule Vor- und Zubereitung zu einer Beamtenprüfung, die Bildung ein Savoir vivre der Reichen, die Kunst ein Genußmittel derselben Reichen, die Sittlichkeit ein von einer Paragraphensammlung begrenztes, auf das Geschlechtliche reduziertes Konvenü. Die Polizierung hat in unserem Zeitalter nur dessen wirtschaftliche Nuance erhalten. Inhalt der Parteien, Anlaß ihrer Bildung ist, ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse mit oder gegen eine Regierung durchzusetzen, welche ein Budget vorlegt und Steuern ausschreibt. Sagten nun die Parteien eindeutig und klar ihr zweimal zwei ist fünf auf, so plauderten sie das Kostbarste aus, was sie in dieser Welt des Beschummelns besitzen, nämlich ihr Geschäftsgeheimnis, zu dem man nur über ihre Leiche kommt. Darum reden die Parteien nur in einer tönenden Zeichensprache zum »Volke«, die man kennt, und in der alle Werte der Menschheit zu Vorwänden benutzt werden. Das Geschäft könnte politisch nur Jargon reden, und dazu entschließt man sich erst, wenn der Ruf: Geld oder Leben! ertönt. Aber die gutmütige Atmosphäre der Parlamente erspart einem diese letzte Not, die den Angstschrei erpreßt, und so redet man in Zeichen, welche sind: höchste Güter der Nation, lieber Gott, Kulturbesitz, Bildung, um alles dessen willen die Agrarier von Hochschutzzöllen nicht absehen können. Die Staatspolitiker haben diese Besitztümer des Menschen in die staatliche Verwaltung, die Parteipolitiker haben sie ins Gerede gebracht. Es handelt sich aber immer nur um Geld. Darum droht der protestantisch-fromme Agrarier, daß er seinen religiösen Pflichten nicht nachkommen könne, wenn man amerikanischen Weizen nicht mit einem hohen Zoll belege.

Ehmals war der »wahre« Glaube die Heuchelei der Parteien, die den Häretiker ins Feuer schickten. Heute ist es die Heuchelei des Geldes. Sie ist die Waffe des Schwachen und wechselt mit der Macht, deren Art sie kennenlernt. Um den Gegner ans Messer zu bringen, wird der Politiker immer so tun, als wüßte er den Preis, den der Gegner verlangt, sich vom Messer loszukaufen. Denn in einer Welt, in der alles käuflich ist, kommt es ja nur auf den Preis an. Jede Partei bildet ihre unkorrumpierbare Ehre daraus, die Zweifelhaftigkeit der gegnerischen Partei zu proklamieren. Die Politik wird immer nur von Menschen gemacht, die mit sich reden lassen, und kann nur von solchen gemacht werden. Denn im Unbedingten ist alle Politik ausgeschlossen. Sie ist die Nachgiebigkeit scheinbar unnachgiebiger Überzeugungen. Ist der Granit, der sich immer als elastisch herausstellen muß. Ist ein lautes Entweder, das sich leise schon längst auf das Oder eingestellt hat. Die Politik mindert, wie alles, was aus dem Bedingten kommt – und das ist ihr Wesen, denn sie hat keine Substanz – jene Werte des Menschen, für deren Erhaltung und Mehrung er allein aufzukommen hat. Sie trübt die Wertquelle der Güter. Sie ruft für eine bedingte Meinung menschliche Kräfte auf, die sie dem Unbedingten des menschlichen Glaubens entzieht, diesen ärmer macht und der Meinung dadurch doch nur zu einem aufgeschwollenen, immer bald wieder platzenden Scheinumfang verhilft für Tag und Stunde.

Zu einer Debatte über die Abschaffung der Todesstrafe schrieb der Scharfrichter an eine Zeitung, er sei selber durchaus dafür, aber er sei Scharfrichter und man müsse doch leben. Christus fand den gesuchten und nie gesuchten rechten Menschen als einen Dieb am Kreuz und versprach ihm das Paradies. »Er sah in des Menschen Seele. In des Diebes Seele.«

Es soll die wirkliche Gegensätzlichkeit der menschlichen Personen durch die fiktive Gegensätzlichkeit der politisierten Individuen ersetzt werden, so will es der Zug der Zeit, wie wir ihn politisch vorgestellt bekommen. Man nennt das Demokratie und vermeint es als ein politisches Ideal. Es ist dort entsprungen, wo die Anzahl der auf einem beschränkten Terrain wohnenden Menschen Legion wurde, jeder gegen jeden austauschbar, eines Gesichtes, einer Geste, einer Haltung. »Das Menschenmaterial«, ein Begriff aus dem Kriege, ist das Urteil darüber. Man wiegt dies Material tonnenweise. Befördert es in Riesenkranen. Das Mörderische der Zahl! Rathenau wandelte einen christlichen Gedanken ab, wenn er sagte: »Weil man ein Mensch ist, kann man die Menschen nicht verachten. Und muß sie verachten aus dem gleichen Grunde.« Aber in diesem Satz hat das Gebiß der Zahl seine Spur gelassen. Der kommunistische Politiker, der an die »bessere« Zukunft der Menschheit glaubt, weil er von dem »Besseren« seiner Meinung überzeugt ist, hält, ganz in der Zahl eingefangen, von den Menschen nicht mehr als der reaktionäre, der an keine bessere Zukunft glaubt. Wenn sie zum Handeln kommen, handeln sie identisch. Es steht da ein guter Satz bei de Maistre: »Jedes Kabinett ist von einem gewissen Geist beherrscht, der durchaus nichts mit der Moral oder irgendeiner menschlichen Empfindung zu tun hat. Wenn ein Kabinett in einem Zeitpunkt gerechter erscheint als ein anderes, so ist es, weil bekannte oder unbekannte Umstände es am Handeln hindern. Es ist gerecht, wie der Eunuch keusch ist.«

Eine alte verlorengegangene Wissenschaft, die Semantik, wieder zu beleben, war eine oft mit Remy de Gourmont durchgesprochene Lieblingsidee dieses Gelehrten, Dichters und Amoralisten. Sie ist ein Stück aus der Linguistik, nämlich die Geschichte vom Bedeutungswandel der Worte. Darein ist die ganze Politik begriffen. Es gibt nur sehr wenige Worte, die einen konstanten Sinn behalten. Es sind jene, die konstant bleibende Gegenstände bezeichnen, oder aus Tradition mit einem konstanten Gebrauch korrespondieren. Sonne, Pferd, Hand gehören zur einen Gattung, Brot zur andern. Daneben gibt’s eine große Menge von Begriffen, die keine absolute Fixiertheit haben, und denen der Mensch im Ablauf der Epochen ganz verschiedene Bezeichnungen gibt. Und es gibt ganz fixierte Begriffe, die aber immer wieder ein neues Wort verlangen, sei es, weil es sich abgenutzt hat, sei es durch die Vulgarisierung der Idee. Das alte Wort stirbt aber nicht daran. Aus der einen Domäne gejagt, begibt es sich in eine andere, jagt da ein Wort fort und nimmt dessen Platz ein usw. Nur mit großer Geduld findet man sich in dieser Konfusion zurecht. Da gibt es zum Beispiel dieses alte Wort »liberal«. Zur Zeit der Restauration bezeichnete es etwa das, was man heute radikal nennt. Es knüpft an das Jakobinertum an. Bedeutete eine bestimmte Freiheit links, die sich gegen eine bestimmte Freiheit rechts stellte. Da begab sich in einem bestimmten Zeitmoment die Majorität eines Volkes nach der Freiheit links, und das Oppositionswort liberal konnte weiterhin nicht mehr eine Idee der Regierung ausdrücken. Da griff die Minorität derer von rechts das Wort auf und machte es zu ihrem. Der französische Liberale von ehemals war antiklerikal. Der Liberale von heute ist klerikal. Der alte Liberale meinte Freiheit gegen die Geistlichen. Der von heute meint: Freiheit der Geistlichen. Die Farben des politischen Spektrums wechseln nicht, wohl aber die Bezeichnungen. In der französischen Politik hat sich der konservative Geist unter folgenden wechselnden Namen verborgen: Monarchisten, Liberale, Railiierte, Progressisten, Republikaner, Radikale. Solcher Wechsel amüsiert das Volk und gibt ihm die Illusion eines Fortschrittes zu ihm hin. Zumal ja auch keine Partei es versäumt, ihrer Wortbezeichnung das Wort »Volk« hinzuzufügen, ein Standardwort der politischen Semantik. Gourmont wollte immer ein kleines Lehrbuch dieser Wissenschaft schreiben, nach dem sie in den letzten Klassen der Gymnasien gelehrt würde. Statt der Vaterlandskunde, die nur eine verkappte politische Dressur ist. Aber da kam der Krieg, und Gourmont erkannte, daß es aussichtslos wäre. Er votierte ohne sonderliche Begeisterung »Vaterland« und starb. Vielleicht auch daran.

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Quelle: Franz Blei • Männer und Masken • Ernst Rowohlt Verlag • 1. – 4. Tausend  • 1930

Rainer Maria Rilke über den Künstler Heinrich Vogeler

Heinrich Vogeler

Heinrich Vogeler um 1924 - Foto: Nicola Perscheid
Heinrich Vogeler um 1924 – Foto: Nicola Perscheid

Zeichner, Radierer, Innenarchitekt, Kunstgewerbler, Buchkünstler und Dichter. Geb. 12. Dezember 1872 in Bremen. Schüler von P. Janssen und A. Kampf an der Düsseldorfer Akademie. Kam nach längeren Reisen im In- und Ausland 1894 nach Worpswede, wo sich vor allem Mackensen seiner annahm. Machte sich ansässig und erwarb den Bauernhof »Barkenhoff«. Heiratete die ortsansässige Kunstgewerblerin M. Schröder (bes. Gobelinwirkerin). Nach dem ersten Weltkrieg gründete V. eine kommunistische Arbeitsschule auf künstlerischer Grundlage. Bekannt zuerst als Zeichner und Buchdekorator. Eingehende Beschäftigung mit Möbelkunst. Gründung der von ihm geleiteten Worpsweder Werkstätte für Landhausmöbel. Silberschmiedearbeiten (darunter das Bremer Ratssilber). Einrichtung der alten Güldenkammer des Bremer Rathauses (1905). – 1923/24 Rußlandreisen nach Kardien und Zentralasien. 1925 Rückkehr nach Worpswede, Erneuerung der Wandgemälde im Barkenhoff. 1931 in Roucol, Askona, Gründung der Zeitschrift »Fontana Martina«. Erste Ausstellung im Liebknechthaus Berlin. 1931 wieder in Rußland. 1934 bis 1936 in Karelun. Über eigene Entwicklung und das eigene Werk ein Bericht in »Das Wort«, herausgegeben C. E. Erpenbeck, Bert Brecht, L. Feuchtwanger, W. Bredel. 1940 bis 1941 in Kabardina/Balkarien. 1941 aus Moskau evakuiert (als Deutscher). Starb 1942 in einem Dorf nahe Karaganda/Sibirien.

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Фогелер_Г._Северные_крестьяне._1933_-1934_гг.So lange der junge Heinrich Vogeler seine kleine, abgeschlossene, eigene Welt in sich herumtrug, war sie nicht viel mehr als eine kleine Eigenheit, ein persönlicher Widerspruch gegen alles andere, zu leise und vornehm, als daß er bemerkt worden wäre und von der ganzen großen Wirklichkeit fortwährend widerlegt. Es gehen viele mit solchem Anderssein, mit einem unaufhörlichen inneren Widerspruch in der Welt herum, und sie sind deshalb nicht mehr als unzufriedene Sonderlinge, deren Seltsamkeiten kaum ernst genommen werden. Es kommt darauf an, ob so ein Protest die Kraft hat sich durchzusetzen, sich als Wirklichkeit jener anderen, allgemein anerkannten Wirklichkeit gegenüber zu stellen, ihr das Gleichgewicht, zu halten, ja womöglich in seinen Höhepunkten überzeugender zu sein als sie. Die Weltgeschichte ist erfüllt von solchen Protesten; an den Auflehnungen einzelner rankt sie sich empor. Aber auch das mönchische Dasein (wie Franciscus es gemeint hat) ist ein solcher Protest, der, ohne an die Wirklichkeit der anderen zu rühren, im Begründen einer zweiten Wirklichkeit beruht. Da haben wir ein Leben, welches sich mit Mauern umgeben und darauf verzichtet hat, sich über diese Grenzen hinaus auszudehnen. Ein Leben nach innen. Und dieses Leben verarmt nicht. Inmitten schiffbrüchiger Zeiten scheint es die Zufluchtsstätte aller Reichtümer zu sein und wie in einem kleinen zeitlosen Bilde alles zu vereinen, wonach die Tage draußen ringen und jagen. Seine Gesetzmäßigkeit wird immer klarer und sichtbarer und wie ein schimmerndes Spinnennetz scheint es sich mit hundert wohlgefügten Fäden an seinen Mauern zu halten. Innige und einfältige Arbeit ist die Wurzel dieses Lebens, und ganz von selbst kommt alles Gute und Große aus ihm heraus: Fleiß und Freude und Frömmigkeit und endlich auch, ohne daß jemand es will, eine Kunst. Eine Kunst, die man von allem anderen nicht trennen kann; weil sie nichts ist, als dieses Leben selbst, wenn es blüht.

Heinrich Vogeler - Der Hochzeitsbitter - 1907
Heinrich Vogeler – Der Hochzeitsbitter – 1907

Wer sich nun entschließt, an Stelle einer mönchischen Gemeinschaft einen einzelnen zu setzen, einen Menschen von heute, der nach dem Willen seines Wesens, wie nach einer Ordensregel seine eigene Welt gebaut, begrenzt und verwirklicht hat, der wird am besten imstande sein, die Erscheinung Heinrich Vogelers und den Ursprung seiner Kunst zu verstehen; denn man kann von dieser Kunst nicht reden, ohne des Lebens zu gedenken, aus welchem sie wie eine fortwährende Folge fließt. Gleich der Kunst jener mittelalterlichen Mönche steigt sie aus einer engen und umhegten Welt auf, um an der Weite und Ewigkeit der Himmel leise preisend teilzunehmen.
Heinrich Vogeler fand in Worpswede den Boden für seine Wirklichkeit. Seine Kunst ist zuerst ein seliges und entzücktes Voraussagen derselben, und alle Märchen seines großen alten Skizzenbuches fangen mit den Worten: »Es wird einmal sein …« an. Zeichnungen und Radierungen erzählen, feinstimmig und flüsternd, von dem Künftigen. Und später – in Bildern – feiert er, reif und dankbar, die Erfüllungen seines Lebens. Das ist der eigentliche Inhalt seiner Kunst. Was ihn sonst noch beschäftigt, sind Erinnerungen aus Tagen oder Träumen, die er geheimnisvoll, wie Märchen, erzählt. Ein unermüdliches Erforschen der Formen geht nebenher, das ihn immer fähiger macht, alles, bis in die Nuancen genau so zu sagen, wie er es erlebt. Und er erlebt es ungewöhnlich und neu, so daß seine Kunstsprache sich viele Ausdrücke schaffen mußte, um seinen Erlebnissen folgen zu können. Aber auch ganz am Anfang, als sie nur wenig Worte besitzt, gebraucht er keine fremden Ausdrücke neben ihr und bedient sich ihrer, als ob sie unerschöpflich wäre. Und in jenen frühen radierten Blättern trägt gerade das Lückenhafte und stellenweise Ungeschickte der eigenartigen Formensprache dazu bei, den Reiz des Inhaltes zu erhöhen. Es besteht ein gewisser Parallelismus zwischen diesen schütteren Strichen und dem durchscheinenden und dürftigen Wesen der allerersten Frühlingstage, von denen er erzählt. Dünne Birken, Wiesen, in denen schüchtern frühe Blumen stehen, und ein großmaschiges Netz von Ästen, durch welches überall der blasse Himmel sieht. Manchmal sitzt ein schlankes Mädchen, ein stilles, gekröntes Kind, im Gras und schaut mit weiten Augen, fortwährend staunend, den Vögeln zu, die zu Neste tragen, manchmal steht eine Burg in der Ferne und alle Wege im ganzen Land gehen neugierig auf sie zu; manchmal ist es Wald im Hintergrund und vor dem Walde steht ein Ritter aufrecht da und bewacht das nachdenkliche Spiel der Schlangenbraut. Oder es kommt eine schmale Quelle gegangen im hohen Gras, und am Horizont vor den weißen eiförmigen Frühlingswolken taucht ein Knabe auf, ein Hund, Ziegen … Und dann kann man sehen, wie der Frühling wächst: die Bäume scheinen näher zusammenzutreten, die Wege werden heimlicher und bereiten sich vor, zu den ersten Liebestagen hinzuführen. Da entstehen die Blätter: »Liebesfrühling« und »Minnetraum«. Die beiden jungen Menschen, die sich liebhaben, wissen es schon. Sie sitzen nebeneinander, still zusammengefügt wie Hand in Hand. Und hinter ihnen erklingt der Liebe Lied, von einem Engel auf hoher Harfe gespielt: vor ihnen aber liegt der Liebe Land, in welchem Frühling ist, tief und aufgetan. Und wenn sie weitergehen, so treten Engel in langen Kleidern hinter den Bäumen hervor und umgeben sie mit ihrem Gesang, und singen alles, so daß ihnen gar nichts mehr zu sagen übrigbleibt:

»Wir müssen, Geliebteste, leise
hinschreiten, ich und du …«

Heinrich Vogeler - Träume - 1911 - Öl auf Leinwand
Heinrich Vogeler – Träume – 1911 – Öl auf Leinwand – Eremitage, Moskau

Es ist mehr als nur ein Frühling in diesen Blättern. Und nicht das Glück der Menschen allein, die sich gefunden haben und nun zusammengehen, erklingt in ihnen, das Glück aller Dinge, die den Frühling fühlen, scheint darin irgendwie ausgesprochen zu sein; Heinrich Vogeler gehört zu denjenigen, von welchen es einmal in einem Briefe Jacobsens heißt, daß ihnen »die Bäume und der Bäume kleine Heimlichkeiten täglich Brot« sind. Er weiß in das Leben der kleinsten Blumen hineinzublicken; er kennt sie nicht von Sehen und vom Hörensagen. Er ist in ihr Vertrauen eingedrungen und wie der Käfer kennt er des Kelches Tiefe und Grund. Man betrachte seine Blumenstudien: sie sind von einer beispiellosen Gewissenhaftigkeit, und es ist doch nichts Pedantisches an ihnen; denn man fühlt die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines jeden Striches und wie er unvermeidlich war. Die Kunst, in einer Blume, in einem Baumzweig, einer Birke oder einem Mädchen, das sich sehnt, den ganzen Frühling zu geben, alle Fülle und den Überfluß der Tage und Nächte, – diese Kunst hat keiner so wie Heinrich Vogeler gekonnt. Seine Mappe »An den Frühling« ist viel zu wenig bekannt geworden. Einzelne Blätter derselben gehören zu den schönsten Offenbarungen seines Werkes. Und hier zeigt es sich auch, weshalb seine Frühlingserfahrung so intim und tief, so wenig allgemein ist. Es ist nicht das weite Land, darin er wohnt, bei dem er den Lenz gelernt hat; es ist ein enger Garten, von dem er alles weiß, sein Garten, seine stille, blühende und wachsende Wirklichkeit, in der alles von seiner Hand gesetzt und gelenkt ist und nichts geschieht, was seiner entbehren könnte. Die kleinste Blume, die da entstand, hat er zur Taufe gehalten und jeder Rose hat er die Mauer hinaufgeholfen zu dem Platze, wo sie lächeln und leben wollte. Die Bäume, die draußen in der Heide stehen, sind ihm fremd wie die Menschen, die draußen wohnen; aber seiner Bäume Kindheit hat er Tag für Tag überwacht und hat teilgenommen an ihnen wie an Brüdern. Darum liebt er die großen Winde dieses Landes, weil sie sich wie Hände an seine Bäume legen und das, was er geplant hat, bilden und biegen in den bewegten Nächten des Frühlings, wenn die Stämme, steigender Säfte voll, wie Fontänen stehen im Sturme. Und der weite Himmel ist ihm lieb, weil er seiner kleinen Blumen Licht und Regen ist und der Glanz auf den Blättern seiner Bäume und in den Fenstern des weißen Hauses, das mitten im Garten steht. Er ist der Gärtner dieses Gartens, wie man der Freund einer Frau ist: leise geht er auf seine Wünsche ein, die er selbst erweckt hat, und sie tragen ihn weiter, indem er sie erfüllt. Was er ihm im Herbste vertraut, kommt ihm neu im Frühling entgegen, und was er in den Frühling legt, bleibt nicht so, wächst, wächst in den Sommer hinein, hat ein Leben für sich und seinen eigenen Tod in den tödlichen Tagen des Herbstes. So lebt er sein Leben in den Garten hinein, und dort scheint es sich auf hundert Dinge zu verteilen und auf tausend Arten weiterzuwachsen. In diesen Garten schreibt er seine Gefühle und Stimmungen wie in ein Buch; aber das Buch liegt in den Händen der Natur, die wie ein großer Dichter die flüchtigsten seiner Einfälle gebraucht, um sie auf eine unerwartete Weise auszuführen. So hat er einen Baum gepflanzt oder eine Laube geflochten um des Frühlings willen; und er hat den Baum schlank und zart und die Laube locker gemacht, wie es im Sinne des Frühlings war. Aber die Jahre gehen, der Baum und die Laube verändern sich, sie werden reicher, breiter und schattiger, der ganze Garten wird dichter und rauscht immer mehr, – und so reißen die Dinge, die er aus einem frühlinglichen Empfinden gepflanzt hat, ihn mit, in den Sommer hinein, in den sie sich immer tiefer verlieren. An diesem Garten, an den sich immer steigernden Anforderungen seiner verzweigteren Bäume, ist Heinrich Vogelers Kunst gewachsen; hier waren ihr immer neue, immer schwerere Aufgaben gestellt, Aufgaben, die langsam von Jahr zu Jahr komplizierter wurden und anspruchsvoller. Da waren nicht mehr die kleinen Bäume um ihn, die sich mit wenigen Linien sagen ließen, und was sich rankte, ging nicht nur auf den Spuren mehr, auf denen er es geführt hatte, empor. Aus umrandeten Schleiern waren gefüllte Spitzen aus dichtem Grün geworden, und es galt den Gesetzen eines verschlungenen Musters nachzugehen. Die Kronen der Bäume hatten sich dichter vergittert und überall waren unter dem Einfluß des Wachstums und des Windes neue Linien entstanden, Linien und Systeme von Linien, Überschneidungen und Verkürzungen, die auf den ersten Blick etwas Verwirrendes hatten. Aber es war nicht der erste Blick, der auf ihnen ruhte. Es war ein Auge, das nicht allein sah, sondern das auch wußte und gesehen hatte, wie alles geworden war. Dieses Wissen ist es, was die Bäume, die Heinrich Vogeler später gezeichnet hat, so überzeugend, was das Durcheinander von unzählbar vielen Zweigen so klar und organisch macht. Er hat manchmal … Bäume erfunden, deren Astwerk von so fabelhafter Durchbildung und Gesetzmäßigkeit erfüllt ist, daß sie einer komplizierten Wirklichkeit genau nachgebildet scheinen. Seine Liniensprache, welche auf den frühen Radierungen, nur wenige Ausdrücke, rhythmisch (wie im Volkslied) wiederholte, entnahm dem dichteren Garten tausend Bereicherungen. An Stelle des Lockeren und Lichten, das seinen Blättern und Bildern im Anfang eigentümlich schien, tritt immer mehr das Bestreben, einen gegebenen Raum organisch auszufüllen. Auf den Radierungen aus der späteren Zeit beginnt diese neue Absicht deutlich zu werden, aber erst auf den Federzeichnungen erfüllt sie sich ganz. Wie eine Baumflechte mit tausend und aber tausend Fäden überzieht die Zeichnung das Blatt, überwuchert es mit ihrem Reichtum, breitet sich darinnen aus wie ein Gewebe unter dem Mikroskop. Mag, was den Inhalt dieser merkwürdigen Blätter betrifft, die dekadente Linienphantastik Aubrey Beardsleys anregend auf Vogeler gewirkt haben, das Wesentliche an ihnen wuchs aus ihm heraus, und der Einfluß seines Gartens ist stärker als jeder andere gewesen.

Heinrich Vogeler - Sehnsucht - 1911
Heinrich Vogeler – Sehnsucht – 1911

Es ist eine Nebenerscheinung dieser eigentümlichen Entwicklung Heinrich Vogelers, daß sie ihn ganz besonders befähigt hat, Bücher zu schmücken. Seine Absichten gehen schon lange (seitdem er sich mit einigen guten Ex libris dem Wesen des Buches genähert hat) nach dieser Seite hin, aber erst jetzt, da sein Linienstil diese Durchbildung erreicht hat, wird er imstande sein, ganz Glückliches in dieser Richtung zu leisten. Einige Titelblätter in der Insel, die Ausstattung eines kleinen Bandes Bierbaumscher Gedichte und der wundervolle Schmuck, mit dem er das Drama »Der Kaiser und die Hexe« von Hugo von Hofmannsthal umgeben hat, bestätigen, daß seine ruhig und geschlossen wirkende und doch innerlich so reiche Linienkunst wie keine geeignet ist, neben dem Gange edler Lettern wie ein Gesang herzugehen. Aber nicht dem Buchgewerbe allein, allem was Kunstgewerbe heißt, ist dieser Künstler eine große Hoffnung. In seiner auf Verwirklichungen gestellten Eigenart mußte sich bald der Wunsch entwickeln, Dinge zu machen. Aus ganz früher Zeit stammen gestickte Bucheinbände, Wandbekleidungen und Gläser, aber auch anderer Gegenstände sucht seine Empfindung, die sich immer mehr in Wirklichkeiten umsetzt, mächtig zu werden. Es ist versucht worden, diesen »Stil« als eine Nachempfindung des späteren Empire zu deuten, aber es liegt näher, seine Dürftigkeit und Naivität auf das Wesen junger Gärten zurückzuführen und ihn als eine Frucht jener Frühlingskunst zu betrachten, die einen großen Raum in Heinrich Vogelers Schaffen einnimmt. Inzwischen hat auch dieses Stilgefühl sich erweitert und ausgebildet, und es kann sich besser durchsetzen, seit der Künstler sich die Kenntnis einzelner Stoffe erworben hat, seit er weiß, wie Seide und Silber, Holz und Glas behandelt werden müssen, wenn alle Besonderheiten und Tugenden des Materials sich entfalten sollen. Vielleicht war es der Mondschein über seinem Garten, der ihn zuerst auf das Silber hingewiesen hat, das er jetzt, wie ein Dichter seine Sprache, beherrscht. Er versteht dieses sanfte, wahlverwandte Metall und seine mädchenhafte Art wie kein zweiter. Der schöne Spiegel und die Leuchter, die nach seinem Entwurf hergestellt worden sind, können nur Silber sein; man denkt sie in Silber, wenn man sie abgebildet sieht. Wie er Metall überhaupt zu brauchen weiß, davon zeugt auch das prachtvolle Messing-Rosengitter des Kamins, das, indem es organisch aufwächst, zugleich wie ein Visier das Feuer durchschauen läßt, das sich dahinter erheben soll.
Die Ausführung von Spitzen war nur ein Schritt in gerader Linie über die Federzeichnungen hinaus: die Verwirklichung, welche ihnen am nächsten lag. Aber die Beschäftigung mit anderen Stoffen wies neben der Form immer wieder auf die Farbe hin. Und auch für die Farbe und die Farbendichtung: das Bild – wußte der wachsende Garten vieles zu lehren.

Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895
Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895

Man weiß nicht, wie man ihn nennen soll. Er ist der Meister eines stillen, deutschen Marienlebens, das in einem kleinen Garten vergeht.

Die Stürme des Frühlings gehen über das Land. Aber manchmal halten sie ein und es entsteht eine Stille. Es kommen Tage, da der ganze Himmel Regen ist, lauer hellgrauer Regen, – und die ganze Erde ein Empfangen und Halten dieses Regens, der sanft fällt, ohne sich wehe zu tun.
Und die Stunden gehen, und es gleicht keine der anderen. Und viele nahen, entfalten sich und schließen sich wieder, ohne daß jemand es sieht. Und man denkt manchmal, daß das die besten und seltsamsten sind, die am meisten Größe haben.
Es ist so vieles nicht gemalt worden, vielleicht alles. Und die Landschaft liegt unverbraucht da wie am ersten Tag. Liegt da, als wartete sie auf einen, der größer ist, mächtiger, einsamer. Auf einen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

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Eine Auswahl aus Heinrich Vogelers Werken:

Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 2

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutteraufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach merika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht. – Zu Teil 1….

Dann kamen für Kagawa Monate schwerster Krankheit. Eine tuberkulöse Lungenentzündung hatte ihn gepackt; von den Ärzten aufgegeben, rang er einige Monate mit dem Tode. Doch er genas. Nach seiner Genesung zog er in ein Fischerdorf am Meer. Dort lebte er eng mit den Fischern zusammen, der Kräftigung seiner Gesundheit und seinen Studien hingegeben; er lernte auch Deutsch, weil er die deutsche Philosophie nicht in der Übersetzung lesen wollte. Und er beschäftigte sich mit höherer Mathematik, um sich im logischen Denken zu üben. Er schwamm im Meer und fuhr mit den Fischern zum Fang hinaus. Langsam gesundete er völlig. Wieder kehrte er an seine Arbeit zurück: in das Seminar, zu dem Geistlichen im Elendsviertel und lebte unter den Armen. Da sprach ihn ein Mann aus der Armengemeinde an, ein ehemaliger Zuchthäusler. Er kam zu ihm und sagte: „Kagawa, ich weiß ein Haus für dich. Mitten zwischen uns steht es.“
Kagawa hätte gern seine Gemeinde auch nachts nicht mehr verlassen, er hätte gern „jenseits der Brücke“ gewohnt, denn dort herrschte ein unvorstellbares Elend. Er wollte nicht nur für die Armen arbeiten, er wollte mit ihnen leben. „Ich habe nur wenig Geld. Ich kann kein Haus mieten“, sagte er zu dem Zuchthäusler.
„In das Haus zieht kein anderer. Du bekommst es ganz billig. Ein Mensch ist dort ermordet worden, und seitdem spukt sein Geist jede Nacht.“
Kagawa rechnete seine wenigen Einnahmen zusammen. Dann meinte er:  „Es mag gehen. Ich arbeite seit einem Monat nebenbei als Kaminfeger, da könnte ich die Miete aufbringen.“
„Du wirst immer noch der Reichste dort sein“, antwortete der Mann. Wie arm man sein kann, das weißt du noch gar nicht, Karyawa. Du kannst es noch nicht wissen. “

sakura-720702_640„Ich werde es lernen, habe nur Geduld mit mir“, antwortete Kagawa dem Zuchthäusler. Am anderen Tag siedelte er in das Haus um. Seine wenigen Sachen trug er auf der Schulter, während der Zuchthäusler die Bücher auf einen Karren geladen hatte. Der Zuchthäusler hängte das wacklige Büchergestell an die Wand und breitete die Schlafmatten aus. In beiden Räumen konnte sich eigentlich nur knapp ein Mensch bewegen. „Eine Lampe fehlt mir noch, aber jetzt habe ich kein Geld.“ Der Zuchthäusler lachte: „Der Arme legt sich schlafen, wenn es dunkel wird.“ Damit verabschiedete sich der Mann. Kagawa hatte wirklich noch nicht gewusst, wie das ist, wenn man arm ist. Er sah dem Mann nachdenklich nach. Auf einmal merkte er, dass Scharen von Menschen aus allen umliegenden, dichtgedrängten Häusern auf ihn blickten. Manche winkten ihm. Da verbeugte er sich nach der Sitte seines Landes und freute sich, wie hübsch trotz des Elends die kleinen Kinder aussahen. Als es dunkel wurde, legte er sich auf seine Matte und schlief. Der Geist störte ihn nicht. Aber es war die einzige Nacht, die Kagawa allein in seinem Gespensterhaus zubrachte. Zwei Räume, wenn es auch nur schmale Ritzen waren, für einen einzigen Menschen, das bedeutete für den Armen Luxus. Schon am nächsten Tag fand sich ein Mann ein, als Kagawa gegen Abend vom Seminar zurückkehrte. Er studierte nämlich immer noch.
„Kann ich dir helfen?“ fragte Kagawa.
„Du hast so viel Platz. Wo soll ich schlafen?“ „Wo schliefst du denn bisher?“ „Im Gefängnis.“ „Warum im Gefängnis?!“ „Polizei sagt, dass ich ein Mörder sei. Das ist nicht wahr.“ „Du hast also keinen Menschen ermordet?“ ,Nein. Ich, schlug ihn nur tot. Wenn ich zornig bin, dann sehe ich nicht, was ich tue.“ „Wirst du oft zornig?“
ginza-641774_640_baroparo„Manchmal — deswegen haben sie alle Angst vor mir. Du doch nicht, du bist ein Christ, sagen sie, und als Christ muss man zu allen Menschen gut sein. Auch zu denen, die einen totschlagen.“
„Du kannst bei mir wohnen — das soll aber keine Erlaubnis sein, mich totzuschlagen. Als Christ soll man allen Menschen Gutes tun, doch man soll sie nicht töten, und in meinem Haus musst du dich schon nach meinen Gewohnheiten richten.“
„Ich werde es versuchen“, sagte der Totschläger und rollte schon seine Matte neben die von Kagawa.
„Nebenan ist auch noch ein Zimmer.“ „Noch eins?“ fragte der Totschläger erstaunt und ging nach nebenan. Lange sollten sie nicht allein in ihren Zimmern wohnen können, Kagawa so wenig wie der Totschläger. Am anderen Tag stand ein Mann mit einem üblen Ausschlag vor der Tür. „Mich will keiner haben, weil ich anstecke. Kann ich zu dir kommen?“ Kagawa dachte daran, dass er als ansteckend Lungenkranker von einem Missionar ins Haus genommen worden war, und sagte zu.
Da trat der Totschläger hinzu, der das Gespräch mit angehört hatte, und sagte:
„Zu mir kann er nicht ins Zimmer kommen, das musst du verstehen. Ich will mich nicht an seinem Ausschlag anstecken. Ich muss mir Arbeit suchen.“
„Er soll neben mir schlafen.“ Kagawa gab ihm eine zweite Matte. Die Nacht wurde unruhig, denn der Hautkranke bekam Schreianfälle und wurde nur still, wenn Kagawa ihn an der Hand fasste. Natürlich steckte sich Kagawa eines Tages an dem Kranken an, trotzdem behielt er ihn neben sich. Zu diesen beiden Gästen gesellte sich später ein alter, syphilitischer Bettler, der bei dem Totschläger untergebracht wurde. Die drei Gäste zankten sich oft, und wenn Kagawa am Abend müde aus dem Seminar oder von seiner seelsorgerischen Arbeit kam, musste er manche Prügelei schlichten. Auch wehren musste er sich gegen Überfälle und Erpressungen von den Gaunern, die von ihm Kleider verlangten, die er nicht besaß, oder Geld, das er nicht hatte. Der alte Baumwollkimono war sein einziges Kleidungsstück. Er selbst wurde immer magerer und glich auch so seinen armen Freunden.
Ihn schmerzte oft der Hunger, wenn er in die Kollegs ging; denn von seinem wenigen Geld versuchte er einige der Kinder zu sättigen, die in den umliegenden Behausungen lebten. Eines Tages besuchte ihn sein alter Gönner und Helfer, der Missionar Dr. Myers. Er betrat unangemeldet gegen Abend das Häuschen,
„Hier also lebst du. Wird es dir schwer?“
„Manchmal. Wir sollten alle als Christen nach der Bergpredigt leben“, antwortete Kagawa.
„Nicht alle, Kagawa“, meinte der ältere Mann nach einigem Nachdenken. „Nur Auserwählte können es. Du bist einer.“ Er blickte auf die Bücher an der Wand.
„Ach, meine Bibliothek. Ich lese leider fast nichts mehr — viel anderes, was mir unter den Nägeln brennt. Da stehen nun die Dichter, die Philosophen, die Theologen —“ „Wie gut, dass du sie kennst, Kagawa. Sie helfen dir.“

japan-447880_640Ein böser Lärm, ein Fluch unterbrach die Unterhaltung. Kagawa eilte in den Nebenraum. Dort prügelte der Totschläger den Bettler, und der Hautkranke kniff immer abwechselnd den einen oder den anderen. Kagawa brachte sie zur Ruhe. Dr. Myers meinte:
„Man sollte die Kinder waschen, kleiden, füttern und erziehen, dass sie niemals so werden wie diese drei — niemals.“
„Sie sind nicht allein schuldig, Dr. Myers. Das sind sie nicht. Der Totschläger ist im Gefängnis geboren, der Bettler wurde als Kind ausgesetzt, der mit dem bösen Ausschlag Behaftete ist das Kind eines Säufers und einer Dirne.“
„Wie lange lebst du mit diesen schon zusammen?“
„Einige Monate. Ich glaube, jetzt weiß ich, wie Armut ist.“

Dr. Myers verschaffte Kagawa durch Sammlungen Geld. Er kaufte die benachbarten Häuser dazu und errichtete eine Unterkunft für die Elenden, ein Missionshaus. Er half den Kindern und immer wieder den Kindern, damit sie niemals so würden wie seine bösen Hausgenossen.
Da war der kleine Matsuzo, den er selbst bei einer Typhusepidemie gesundpflegte, von dessen Bett er in dem überfüllten Spital nicht einmal nachts wich, indem er sich unter dem Bett des kleinen Kranken auf die Erde für kurze Zeit zur Ruhe legte. So entriss er den kleinen Patiencen dem Tode. Eines Tages lernte Kagawa ein schönes Mädchen kennen, die Haro hieß und in einer Buchbinderei arbeitete, in der er zuweilen predigte. Haro war getauft und von einer ähnlich brennenden Liebe zu allen Armen und Verkommenen besessen wie Kagawa. Dieses Mädchen heiratete Kagawa 1913. Sein Freund Dr. Myers vollzog die Trauung.
„Was brachte ich dir als Brautgeschenk — Armut, Sorge …“, so fing eines seiner Liebesgedichte an Haro an.
Das Ehepaar lebte bescheiden und sparte auf eine Amerikareise für den Mann, der an der Princeton-Universität seine Studien fortsetzen wollte. Haro hingegen wünschte sich sehnlich, das Seminar für weibliche Theologiestudentinnen in Yokohama besuchen zu können.
Drei Tage nach Ausbruch des ersten Weltkrieges reiste Kagawa nach Amerika.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Kagawa wurde Student in Princeton, lebte dort im Internat und fühlte sich nach fünf Jahren freiwilligen Daseins im Slum wie im Paradies. Weil er ein gesunder und sehr heiterer Mensch war, genoss er das Leben in New Jersey. Er kam mit Studenten aller Nationalitäten zusammen, freundete sich an und beschäftigte sich nicht nur mit Theologie. Seine theologische Ausbildung schien in Japan gründlich und gut gewesen zu sein; denn sein Professor erließ ihm nach einer abgelieferten schriftlichen Arbeit alle Vorlesungen. Kagawa nutzte die Zeit und hörte Vorlesungen über Naturwissenschaften, besonders Anatomie und Zoologie; er saß endlich wieder einmal in einer Bibliothek und las, las. Dieses Mal beschäftigte er sich mit fremden alten Kulturen. Nebenbei entdeckte der aufgeschlossene Mann, das Elend und Hunger auf der Welt überall das gleiche Gesicht trugen und mit den gleichen Mitteln bekämpft werden müssten: mit einer tatkräftigen Liebe.
In den Ferien verdiente er sich Geld als Diener, in einem Beruf, den er erst, wahrscheinlich zum Ärger seiner Arbeitgeber, erlernen musste.
Denn bei dem ersten flog er aus der Stellung, weil er vergessen hatte, nachts die Haustür zu verschließen; der zweite ergrimmte, weil sein Diener ihm versehentlich Soda statt Salz ins Ei gestreut hatte. Dann aber kannte er seine Pflichten besser; denn der dritte Herr behielt ihn.
Nachdem Kagawa seinen Doktor in Princeton gemacht hatte, reiste — er hatte japanischen Tagelöhnern er mit selbstverdientem Geld geholfen, eine kleine Gewerkschaft zu organisieren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern – nach seiner Heimat zurück. Seine Frau holte ihn vom Kai ab, musste dann aber noch für einige Monate ins Seminar zurückkehren, um ihre Studien abzuschließen.
Kagawa bekümmerte sich wieder um die Slums, er baute seine Hilfsorganisationen weiter aus. Er Schrieb Romane, die einen großen Absatz fanden. Darin schilderte er das, was ihm umgab, das Leben des heutigen Japaners, vor allem das des kleinen Mannes, im Gegensatz zu der herkömmlichen Literatur, die sich in der Hauptsache mit dem Leben der Samurai befasst hatte, also eine Art Ritterroman mit romantischem Einschlag darstellte.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Durch seine zusätzlichen Bucheinnahmen konnte Kagawa wieder zusätzliche Stiftungen machen. So gründete er eine Abendschule für Arbeiter, deren Lehrkräfte er selbst bezahlte und die er sich aus den besten Universitäten des Landes heranholte. Er gründete eine Poliklinik für mittellose Kranke, und er versuchte, den Arbeitern in ihren Forderungen nach gerechtem Lohn zu helfen und Gewaltmaßnahmen dabei zu verhindern. Einmal saß er auch deshalb für kurze Zeit im Gefängnis, das ihm gegen seine frühere Behausung im Slum feudal vorkam. Unterdessen wurden seine Bücher Bestseller.
Nicht nur den Arbeitern in der Stadt half er mit großgedachten Reformideen, auch dem Landarbeiter, dem kleinen Bauern wollte er helfen. Er gründete Bauernverbände und arbeitete Pläne zur intensiven Bewirtschaftung des Bodens zu einer ertragreichen Viehwirtschaft aus; denn, so meinte er, in Japan brauchte kein Mensch zu hungern, wenn die altmodische Form der Bodenbearbeitung endlich beseitigt würde.
Plötzlich verschlimmerte sich bei ihm ein Augenleiden, das er sich bei der Behandlung augenkranker Kinder in seiner Poliklinik geholt hatte, und er erblindete für Monate. Doch allmählich kehrte das Augenlicht wieder zurück, und Kagawa und seine Frau lebten weiter für andere. Er schreibt: „Es genügt nicht, Ideale zu haben. Wir müssen sie in die Tat umsetzen. Wir müssen unseren eigenen kleinen Winkel der Schöpfung hegen und pflegen.“

Er kämpfte für diese Ideale, er kämpfte gegen Japans kriegerische Handlungen und musste wieder einmal ins Gefängnis. Er hatte sich zum Staatsfeind der Regierung gemacht, weil er gewaltlosen Widerstand predigte. Der Angriff auf Pearl Harbour traf ihn tief; er trat dagegen auf, bis man ihm schließlich seine Arbeit verbot, auch die in den Slums.
Ein Mann wie Kagawa konnte niemals untätig sein. Also verzog er sich auf eine der vielen Inseln im Meer, errichtete dort eine Heilstätte für Lungenkranke und schwieg, wie er versprochen hatte:
„Die Sterne reden nicht, die Blumen singen nicht, aber Farbe und Licht haben eine hellere Stimme als die Stimme selbst“, dichtete er. Nach dem verlorenen Krieg wurde Kagawa in ein Ministerium berufen und konnte so seine Reformpläne endlich verwirklichen. Er wurde vom Kaiser empfangen, wurde um seinen Rat gefragt, und er gehörte dem Oberhaus an. Eine neue Verfassung wurde dem Land auf Grund seiner Vorschläge gegeben: Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit. Auch die Frauen erhielten das Wahlrecht. Nach Kagawas Plänen wurden neue Siedlungen angelegt, die Slums niedergerissen und ein geregeltes Schulwesen aufgebaut. Japan hatte einen Krieg verloren, aber die große Schlacht, geführt von Dr. Kagawa, um seine Menschen gewonnen. Seine sozialen Reformen hatten sich endlich durchgesetzt.

Toyohiko Kagawa_PorträtFür den Christen mag das japanische Reformwerk von Kagawa eine Bestätigung dafür sein, dass die Lehre ihres Gründers einmal auch die asiatischen Religionsformen überwinden wird, weil die ethischen Forderungen des Christentums die höheren sind. Die Christen sind angehalten, die Liebe Gottes zum Menschen weiterzugeben, wie Christus sie ihnen gebracht hat. Und die Europäer können auf Kagawa auch ein wenig stolz sein; denn sie waren es, die Kagawa bildeten und seine hohen Gaben entfalteten. Die abendländischen Philosophen schulten sein Denken, und englische Missionare brachten ihm die christliche Lehre. Sie waren es, die zuerst für seine Pläne Verständnis und auch Geld aufbrachten. Die Reform Japans ist im tiefsten Wesen eine christliche.

Kagawa ist heute in der ganzen Welt bekannt. Er bereiste auch Deutschland. Er hält Predigten und spricht über seine sozialen Gedanken. Er selbst lebt immer noch bescheiden mit seiner Frau, einem Sohn und zwei Töchtern in einem kleinen Haus am Rande Tokios. Im Garten hat er eine Kapelle erbaut, die sonntags dem Gottesdienst und an Wochentagen für einen Kindergarten geöffnet ist. Eine Bibliothek befindet sich auch darin und ein Hörsaal für Abendkurse.

„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“ Kagawa besitzt diese Kraft.

Ende.

Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 1

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutter aufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach Amerika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht.

Japan hatte Russland den Krieg erklärt, die Truppen des Zaren waren in die Mandschurei eingefallen. Da man den Expansionsgelüsten der Russen nicht trauen konnte, entschloss sich der japanische Kaiser, sein Volk zu den Waffen zu rufen. Dem Kaiser, dem Sohn des Himmels, als der er von seinem Volk nach der Lehre des Shintoismus verehrt wurde, schuldete der Japaner unbedingten Gehorsam, sogar religiösen Gehorsam; denn für den Japaner war der Kaiser eine Inkarnation Gottes.
Auch die oberen Klassen der höheren Schulen wurden zur soldatischen Ausbildung einberufen — und mit ihnen Toyohiko Kagawa, der damals, 1904, sechzehn Jahre alt war. Der Sportlehrer des Gymnasiums ließ seine Schüler auf einem Turnplatz antreten und das Lied singen, das damals aus allen Schulen, aus den Kasernen und Universitäten tönte: „Möge unser erhabener Herrscher tausend Jahre leben!“
statue-1010936_1280_SamuelesAuch Kagawa sang. Er unterschied sich in nichts von seinen Kameraden: war ein besonders guter Schwimmer, ein ziemlich guter Fechter, sein kleiner, aber durchtrainierter Körper hielt jede Strapaze aus, wie es sich für den Sohn eines Samurai gehörte, der aus der uralten Offiziers- und Adelskaste stammte. Kagawa fiel nicht aus dem Rahmen dieser zur Elite erzogenen jungen Männer; nur seine wissenschaftliche Begabung überstieg den Durchschnitt, man sagte ihm deshalb eine große Karriere voraus. Die Übungen mit den noch ungeladenen Gewehren begannen. Spielend erledigte Kagawa, was man von ihm verlangte. Bis er plötzlich beim Abziehen des Gewehrhahnes innehielt, auf den Lauf starrte und etwas vor sich hin flüsterte. Nur seine beiden Nachbarn hörten es, sie verstanden aber nicht, was er meinte. „Ich aber sage euch, liebet eure Feinde… .“ Kagawa hob den Kopf, als höre er zu, und sagte dann leise wiederholend:
„Segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen… .“
Dann warf er das Gewehr mit einem kurzen Ruck, als brenne es in seinen Händen, vor sich auf den Boden. Kagawas Nachbarn erstarrten; selbst der Lehrer fand nur schwer ein Wort; denn jede Waffe ist dem Japaner ein Sinnbild seiner Ehre. Schließlich befahl der Lehrer heiser: „Heb die Waffe auf!“
Kagawa rührte sich nicht. „Warum — sprich — tust du das?“
Der Lehrer hatte seine Fassung wiedergefunden und blickte unbeweglich, wie es in einem solchen Fall nur ein Asiate tun kann, auf seinen Schüler.
Auch Kagowa verzog keine Miene. Er antwortete ruhig: „Weil es Unrecht ist, einen Krieg zu beginnen.“

Ebenso ruhig erhob der Lehrer seine Hand und schlug Kagawa mit der Faust auf die Nase. Kagawa stürzte bewusstlos und blutend neben dem Gewehr zu Boden. Lehrer und Schüler rührten sich nicht. Doch Kagawa kam schnell wieder zu sich und erhob sich. „Hebst du jetzt dein Gewehr auf? Dann können wir weiter exerzieren. Es geschieht nichts mehr“, sagte der Lehrer.  „Nein“, antwortete Kagawa, „ich hebe das Gewehr nicht auf.“
Er machte eine Kehrtwendung aus den angetretenen Reihen heraus und ging ruhig, als wäre nichts geschehen, über den Sportplatz. Nicht einmal das strömende Blut, das aus seiner Nase quoll, wischte er sich ab.

mountain-696158_1280_skeezeEr dachte nun zum ersten Male, was er später einmal nieder schreiben sollte: „Eines Tages muss man seinen Weg wählen. Das Leben besteht darin, immer wieder eine Wahl zu treffen. Wählen heißt sich entwickeln. Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“
Kagawa machte eine der besten Abschlussprüfungen auf dem Gymnasium. Sein Onkel, bei dem der elternlose junge Mann lebte und der für ihn sorgte, fragte ihn, was er tun wolle.
„Die Welt steht dir offen. Dein Vater gehörte dem kaiserlichen Kronrat an und war Gouverneur. Mir untersteht einer der größten Industriekonzerne unseres Landes. Du hast also Beziehungen wie wenige junge Leute, Außerdem bist du begabt, sehr begabt. Du kannst wählen. Was willst du werden?“
„Pastor.“
„Was?“

Toyohiko und seine Ehefrau Haru (l.) - ca. 1913
Toyohiko und seine Ehefrau Haru (l.) – ca. 1913

„Pastor, evangelischer Pastor. Ich will Theologie studieren.“ Der Wutanfall des Onkels war sehr unjapanisch. Der Onkel wusste wohl, dass sein Neffe sich vor einigen Jahren hatte taufen lassen. Ihm war auch bekannt, dass er in einem Missionsseminar der Engländer aus und ein ging. Damit hatte überhaupt alles angefangen. Englisch wollte Toyohiko dort lernen, er sollte sich aber nicht um die schlechte Religion dieses Christus kümmern. Denn wie konnte eine Religionsform gut und brauchbar sein, deren Stifter seinen Anhängern befahl, um seinetwillen Eltern und Familie zu verlassen? Nun wollte dieser junge Mann auch noch der Verkünder einer solchen Lehre werden. „Dann musst du mein Haus verlassen“, sagte der Onkel aus diesen Gedanken heraus.
„Ich verlasse dein Haus, heute noch.“ Er verneigte sich höflich.
Weil du Christ bist. Ich dachte es mir; nur die Christen verlassen kalten Herzens ihre Familie.“
„Nicht kalten Herzens, Onkel — nein, das nicht.“ Kagawa zögerte, er blickte auf den Ahnenschrein, der zu seiner Rechten stand. Auch er hatte vor ihm gekniet und geopfert, seine Ahnen verehrt und sie um Hilfe gebeten.
„Nur die Christen verlassen ihre Familie“, wiederholte der Onkel noch einmal. „Aber nicht kalten Herzens“, unterbrach ihn Kagawa. Er wendete sich um und verließ leise den Raum.

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„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu sein‘, dachte er wieder. Durch seinen Freund und Lehrer, den Missionar Dr. Myers, kam er nach Tokio auf ein englisches Theologenseminar zum Studium, sechzehn Jahre alt. Er war dort einer der besten Sportler, aber sein Verhalten bei der Arbeit in den Seminaren gab zu Tadel Anlass. Einmal unterbrach der Professor seine Vorlesung und sah zu Kagawa hin: Wenn Sie nicht zuhören wollen, verlassen Sie bitte den Hörsaal. “
Kagawa klappte sein Buch zu, in dem er las, verbeugte sich und verließ den Raum. Er wanderte in die Umgebung des Seminars, wie er es immer häufiger tat, setzte sich schließlich unter einen Baum, um weiter in diesem Buch zu lesen. Er las buchstäblich Tag und Nacht, nämlich am Tage das, was er in der Nacht nicht fertig lesen konnte. Er hatte sich vorgenommen, aus der zehntausendbändigen Seminarbibliothek täglich ein ganzes Buch zu lesen. Dieses dicke Buch, das den Herrn Professor geärgert hatte, musste er am Tage, also während der Vorlesungen, zu Ende bringen, um sein selbst festgesetztes Pensum zu erfüllen. Er hatte sich recht beeilt in der Nacht, ohne eine Minute Schlaf, als er am Morgen im Seminar erschien, die Finger in den Buchseiten, und weiterlas. Nun las er unter dem Baum, bis zur die letzte Seite umgewendet hatte, dann fiel er für eine Stunde in Schlaf.

Die Kameraden strömten aus den Hörsälen zum Mittagessen; einer rief ihm zu: „Warum hast du im Kolleg gelesen? Du hast viel versäumt.“
„Was in den theologischen Vorlesungen gesagt wird, weiß ich, was Plato gelehrt hat, aber noch nicht. Ich bin jetzt bei Plato.“
Er war ein eigenwilliger Jüngling, dieser Kagawa. Sein Zimmer im Seminar glich einem Antiquariat von Büchern; denn ihm genügte es nicht, die Bücher zu lesen, die wichtigsten musste er auch besitzen.
Nach dem Zerwürfnis mit seinem Onkel besaß er kein Geld und war auf die freundliche Unterstützung von Dr. Myers angewiesen. Schwer wurde dem bis dahin reichen Kagawa, das Geld anzunehmen, doch für Plato und Shakespeare und manchen anderen tat er es. Nicht nur die Bücher, die auf selbstgezimmerten Gestellen aus Apfelsinenkisten sein kleines Zimmer vollstopften, auch Kleider taten es ihm an. Schon lange mochte er sich nicht mehr in der abgetragenen Seminaruniform sehen; mit dem alten Rock stach er gegen die anderen ab. Eines Tages konnte er sein Begehren, eine neue Uniform zu tragen, nicht mehr zügeln. Er ging, wie es seine Gewohnheit gewesen war, zu einem erstklassigen Schneider und konnte bald den tadellos sitzenden Rock anziehen. Aber der Preis! Er zahlte das Geld auf den Tisch — und nichts blieb ihm mehr für seine Büchereinkäufe. Beschämt verließ er die Schneiderwerkstatt. Zum ersten Mal wurde ihm wirklich bewusst, dass er arm sei, auf die Hilfe anderer angewiesen. Dr. Myers schenkte ihm das Geld für seine Bildung, nicht etwa um sich elegante Kleider zu kaufen.

Kagawa blickte nun in seinem Zimmer abwechselnd in seinen Spiegel und an seine Bücherreihe. Im Spiegel gefiel er sich, wenn er ehrlich sein sollte; auch die westliche Haarfrisur mit Mittelscheitel stand ihm fast besser als das japanisch gekämmte Haar in die Stirn hinein. Lange wandelte er so zwischen den Büchern und seiner Eitelkeit auf und ab, dann setzte er sich hin und schrieb an seinen Freund und Gönner. Er beichtete ihm, dass er den guten reichlichen Zuschuss für eine neue Uniform ausgegeben hätte, und erzählte ihm von seinen Zweifeln.
Sehr bald kam eine tröstende und verstehende Antwort, neues Geld für Bücher und die Zustimmung für die elegante Uniform. Doch Kagawa hatte sich selber bereits entschieden. An einem einsamen Wandertag, in die Betrachtung des Gelesenen versunken, hatte er eine Bettlerfamilie getroffen. Wie aus dem Erdboden gewachsen, umringte sie ihn plötzlich, mitten in der menschenleeren Landschaft. Sie überwältigten seine Seele gewissermaßen. Natürlich waren es nicht die ersten Bettler, die er in seinem Leben zu sehen bekam, auch wusste er, dass es arme Menschen gab. Hier aber forderten sie von ihm das, was er, wie er auf einmal empfand, mehr und zu Unrecht besaß. Mit der ganzen Kraft eines Menschen, der aus einer nichtchristlichen Erziehung kam, mehr noch, in einer nichtchristlichen Religion verwurzelt war, aber zum christlichen Glauben gefunden hatte, überwältigten ihn in diesem Augenblick die ethischen Forderungen Christi. Er dachte an den satten Reichtum der christlichen Kirchgänger, an die Wohlhabenheit seiner Mitseminaristen, die Kluft zwischen denen, die predigten, und denen, denen gepredigt wurde. Solange es noch Hungernde gab, durfte sich ein Christ keinen Überfluss leisten. So stand er vor der Bettlerfamilie und fragte nicht, ob sie selbstverschuldet ins Elend geraten wäre.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Denn Christus stellt diese Frage an uns ja auch nicht. Er ist in die Welt gekommen als Gottessohn, um uns zu helfen. Wir, die ihm nachfolgen, haben nichts anderes zu tun. Kagawa sah sich die kleine Hütte an, in der die arme Familie lebte, alle in Lumpen gekleidet, hungernd und im Winter frierend. Er fragte sie aus; sie antworteten, ohne ihn um etwas zu bitten. Er selbst kam sich viel ärmer vor; denn trotz seines neuen Anzuges und seiner vielen gelehrten Bücher vermochte er ihnen nicht zu helfen. Sie brauchten Nahrung und Kleidung, Pflege für die kranken Kinder.
Als er sich verabschiedete, versprach er, wiederzukommen. Nicht lange dauerte es, da klopfte er an die Hütte. Zuerst erkannten ihn die Leute nicht; denn er glich fast einem der Ihren in dem alten, billigen japanischen Baumwollkimono. Seine europäische Uniform hatte er verkauft, um der Familie Essen und Kleidung bringen zu können.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Bald wurde Kagawa für das englische Theologenseminar zu einem Ärgernis. Der vorlaute junge Mann machte allen nicht nur innerhalb der Kirche Schwierigkeiten, sondern auch außerhalb. Denn schließlich gehörte es sich ja nicht, dass er Kirchgänger auf dem Kirchweg anrempelte, um ihnen in heftigen Worten klarzumachen, dass sie Sünder wären. Er regte sich über ihre feine Kleidung auf und forderte von ihnen, dass sie alles den Hungernden geben müssten. Außerdem sprach er in öffentlichen Versammlungen, hielt pazifistische Reden und verunglimpfte das japanische Militär. Einmal nahm er einen räudigen kleinen Hund in sein Zimmer, der das Zimmer mit seinem Geruch verpestete, sondern auch Korridor. Mitseminaristen entdeckten das Tierchen in einem Korb auf dem Bücherbord. Als Kagawa unwillig die Eindringlinge zurechtwies, meinten die jungen Burschen gutmütig: „Du kannst dir doch einen Hund halten, aber nicht so ein stinkendes Scheusal.“
„Hübsche und gesunde Hunde finden auch einen anderen Herrn. Der hier nicht.“ Dabei blieb es, bis eines Tages die Kameraden den Hund heimlich wegholten. Nie kam heraus, wo das Tier geblieben war. Kagawa suchte es vergeblich.

Von da ab nahm er sich nur noch kranker, elender und schmutziger Menschen an. Er half einem Pastor, dessen Gemeinde in einem der traurigsten Armenviertel von Tokio lag.

 Zu Teil 2….

Wilhelm Scherer • Walther von der Vogelweide • Ein Porträt

Wilhelm Scherer  • Walther von der Vogelweide

Walther_von_der_Vogelweide_Weingartner_HandschriftEin reisender Bischof schenkte am 12. November 1203 in Zeißelmauer an der Donau dem Sänger Walther von der Vogelweide eine Summe Geldes zur Anschaffung eines Pelzrockes. Ein italienischer Domherr, der sich in deutscher Poesie versuchte, Thomasin von Zirclaria, stellte im Jahre 1215 denselben Walther als einen Volksverführer hin, der mit einem seiner Gedichte Tausende betört und ungehorsam gegen Gottes und des Papsts Gebot gemacht habe.

Wir blicken in das Leben eines wandernden Spielmannes, und doch wird die Stimme dieses Menschen weit in Deutschland gehört; man sieht ihn als einen mächtigen Feind an, und gewiß war er ein gesuchter Freund. Er lebte zu einer Zeit, in welcher die Dichtung eine Macht war. Seine Lieder flogen in die Welt, wie eine Broschüre, die jedermann liest, oder wie eine glänzende Rede, die alle Zeitungen unverkürzt abdrucken. Walther hatte eine öffentliche Laufbahn. Er war vermutlich in Österreich geboren und fand an dem Babenberger Herzog Friedrich dem Katholischen einen Protektor. Als dieser im April 1198 in Palästina starb, blieb Walther von Wien fort und versuchte sein Glück als politischer Sänger. Er sang für Philipp von Schwaben; er sang für Otto den Vierten; er sang für Friedrich den Zweiten: von 1198 bis 1227 können wir ihn verfolgen, und spätestens seit 1187 hat er überhaupt gedichtet. Wichtige Momente unserer Geschichte begleitete er mit seinem Liede. Über seinen politischen Gesinnungswechsel, den Übergang von einem Kaiser zum anderen, können wir nicht urteilen; für Zeiten der Bürgerkriege, die nur um den Besitz der Macht gekämpft werden, fehlt aus der Ferne jeder sittliche Maßstab. Persönliche Vorteile gehörten allerdings zu Walthers Motiven. Es liegt in der Naivität der Zeit, daß solche egoistische Interessen offen eingestanden werden. Ohne Scham bittet, mahnt, fordert, dankt Walther für empfangene Geschenke. Wie würde ein heutiger Dichter ersten Ranges der Welt glückstrahlend verkündigen, daß er das große Los gewonnen! Für Walther war ein eigener Herd das große Los. Er stand nicht bloß zu den Kaisern, sondern auch zu vielen deutschen Fürsten in persönlicher Beziehung; in Österreich, Thüringen, Meißen, Bayern, Kärnten, Aquileja hat er am Hofe zeitweilig Aufnahme gefunden; von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave ward er umhergetrieben; aber nirgends konnte der Wanderer festen Fuß fassen; keiner jener Fürsten und Protektoren schuf ihm ein Haus; der größte Sänger der Zeit war lange verurteilt, ein Vagabund, ein Bettler zu bleiben. Kaiser Friedrich der Zweite endlich befriedigte seine Sehnsucht. Er gab ihm ein kleines Lehen, vermutlich in Würzburg. Da brach der arme Schelm in Jubel aus: »Ich hab‘ ein Lehen, alle Welt, ich hab‘ ein Lehen!«

Wenn nun der wandernde Spielmann, der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter dem Drucke der Not die Partei wechselte, soweit es sich um Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, soweit es sich um Prinzipien handelte. Er war stets ein guter Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes.

Er liebte und bewunderte sein Vaterland, das er in einem berühmten Liede pries: nirgends hat es ihm so wohl gefallen, deutsche Sitte geht allen vor; wohlerzogen sind die Männer, wie die Engel sind die Frauen beschaffen. »Wer Tugend und reine Minne suchen will,« ruft er aus, »der soll kommen in unser Land: da ist Wonne viel: möcht‘ ich lange darin leben!« Und war es ihm nicht vergönnt, diese glückliche Ansicht der ihn umgebenden Welt festzuhalten; kamen böse Jahre, in denen der Verfall des höfischen Lebens über Deutschland hereinbrach; mußte er sich fragen, ob sein Leben ein Traum war, ob nicht alles, was er glaubte, was er für wirklich hielt, ein Nichts gewesen: so hören wir in der rührenden Elegie, worin er den Schmerz über sein verwandeltes Vaterland ausspricht, doch immer den begeisterten Patrioten reden; seine Trauer fließt aus der Liebe; sie verbindet sich mit Frömmigkeit, und seine Sehnsucht steht nach dem Heiligen Lande. Gleich einem älteren ungenannten Spielmanne, der wie Walther sein Elend bejammerte, ein eigenes Haus wünschte, seine Gönner lobte und daneben persönliches Schuldgefühl aussprach, sich mahnend an die Zeitgenossen wandte, alle großen heiligen Gegenstände der christlichen Lehre besang und dergestalt ganz auf die geistliche Weltanschauung einging, hat auch Walther in feierlichen Weisen seinen Glauben und ein Sündenbekenntnis abgelegt, die heilige Dreieinigkeit, die Jungfrau Maria, Christi Kreuzigung besungen, alle die für Toren erklärt, die nicht von der Jungfrau und ihrem Sohne das zeitliche und ewige Heil erwarten, und jede Spekulation über das Wesen Gottes als vergeblich abgewiesen. In einem kindlich frommen Morgengebete ruft er den Segen des Himmels über sich herab. Gottes Huld und Ehre erscheinen ihm als die höchsten Güter; und er klagt sich der Selbstsucht an, weil er seine Feinde nicht zu lieben imstande sei. Von dem Leichtsinne des Erzpoeten ist er weit entfernt. Die Trunksucht hat er in besonderen Gedichten bekämpft. Mit sittlichem Ernste dringt er auf das rechte Maß in allen Dingen. Wer sich selbst beherrscht, ist ihm der wahre Held, der schlägt den Löwen und den Riesen. Des Mannes Gesinnung soll fest sein wie ein Stein und in der Treue glatt und blank wie ein Silberstab. Walther eifert gegen die Zweizüngigen, die Lügner und Betrüger. Er weiß, was Freundschaft wert ist und schätzt sie höher als die Verwandtschaft: »Freundes Lächeln«, sagt er, »sei wahr und ohne Falsch, lauter wie das Abendrot, das schönen Tag verkündet.« Walther hebt hervor, wie das Streben nach Geld und Gut, wie übergroßer Reichtum und übergroße Armut den Menschen demoralisiere. Im Alter wirkt er für den Kreuzzug Friedrichs des Zweiten und dichtet fromme Marschlieder für das Heer. Er wendet sich von der irdischen Liebe zur himmlischen und nimmt Abschied von der Frau Welt, der er so lange gedient.

Aber alle Frömmigkeit hindert ihn nicht, sich auf einen freien menschlichen Standpunkt zu stellen und das Christentum von seinen offiziellen Trägern zu unterscheiden. Der heimatlose, weitumgetriebene Spielmann ist ein aufgeklärter Apostel der Humanität und Toleranz; er weiß und verkündet, daß Herr und Knecht vom Tode gleich gemacht werden, daß Christen, Juden, Heiden einem und demselben Gotte dienen. Er verspottet den Glauben an Träume, verlangt milde Erziehung, hält den Fürsten ihre Pflicht vor und ist ein Tribun der Deutschen gegenüber Rom. Er führt den Bürgerkrieg in Deutschland auf päpstliche Machinationen zurück. Er will nicht, daß deutsches Geld nach Rom fließe. Er nennt den Papst den neuen Judas und stellt ihn als einen Diener des Teufels hin, dem er die ganze Christenheit ausliefern wolle. Er erinnert ihn an den Fluch, den er über die Feinde des Kaisers bei dessen Krönung gesprochen: er habe sich selbst verflucht. Walther streitet gegen die Einmischung der Geistlichen in weltliche Angelegenheiten überhaupt. Er zieht das Gleichnis vom Zinsgroschen herbei: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Er sieht die weltliche Macht des Papstes für ein Gift an, das in die Kirche gefallen. Das Christentum liegt, wie er meint, im Krankenhaus und wartet vergeblich auf einen Labetrunk von Rom. Der Papst selbst mehrt den Unglauben; er führt die Geistlichen an des Teufels Seil; sie sind lasterhaft; sie tun nicht, was sie lehren; und wer nur Christ mit Worten, nicht mit Werken ist, der ist ein halber Heide.

Alle die Gedichte, mit denen Walther ins öffentliche Leben eingreift oder seine Grundsätze ausspricht, pflegt man »Sprüche« zu nennen. Sie sind sämtlich kurz und leicht zu behalten: Gesänge von einer Strophe, die gewiß mit einer gefälligen, faßlichen Melodie versehen waren. Sie konnten sich von Mund zu Mund verbreiten, wie eine Anekdote oder ein Epigramm. Sie sind interessant wie eine Fabel, prägnant wie ein Sprichwort und oft ganz auf populäre Wirkung berechnet. Sie lassen sich dann mit einer raschen Volksrede vergleichen, die zündend in eine große Versammlung fliegen soll. Da fällt jede feinere Gedankenentwicklung fort; der Stil muß lapidarisch sein; für Schmuck und Formenspiel ist kein Raum; in dem nackten Gedanken, in dem einfachen Wort entfesselt sich das Pathos. Viele lassen sich auf einen Hauptsatz zurückführen, der eigentlich das ganze Gedicht enthält. Zuweilen bleibt es bei der Behauptung; zuweilen wird ein summarischer Beweis geliefert. Zuweilen steht der Satz an der Spitze, zuweilen ergibt er sich als Folgerung erst am Schluß. Ein Gedicht für die Wahl Philipps von Schwaben gipfelt in der Aufforderung an das deutsche Volk: »Dem Philipp setze die Krone auf!« Es hält aber folgenden Beweisgang ein: alle Kreatur hat ihr festes Regiment; in Deutschland fehlt es; nur Philipp ist geeignet, es herzustellen. Der Gedanke kleidet sich in eine möglichst sinnliche Form, und um diese herzustellen, scheut der Dichter auch die Übertreibung nicht. Seelische Vorgänge werden durch die körperlichen Symptome ausgedrückt. Anstatt zu sagen: »Ich empfand Trauer«, sagt Walther: »Meine hochfältigen Kranichsschritte wurden schleppende Pfauentritte, den Kopf ließ ich hängen bis auf die Knie.« Die allgemeine Wahrheit wird womöglich auf eine individuelle Erfahrung, das vielfach Bewährte auf einen einzelnen Fall reduziert. Anstatt zu sagen: »Kein Nachdenken lehrt, wie Ehre, Reichtum und Gottes Huld zugleich erworben werden können«, führt er sich selbst als Nachdenkenden ein, und zwar wieder körperlich in der typischen Stellung des Nachdenkenden: »Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf setzt‘ ich den Ellenbogen; ich hatt‘ auf meine Hand gestützt das Kinn und eine Wange: da dacht‘ ich sorglich lange dem Weltlauf nach.« Einige Sprüche sind rein episch, indem ein Vorgang um seiner selbst willen erzählt wird, wie König Philipps Weihnachtsfest zu Magdeburg, oder indem ein solcher Vorgang um seiner symbolischen Bedeutung willen erzählt wird, wie Christus mit dem Zinsgroschen. Aber in manchen Sprüchen schlägt nur der Eingang einen epischen Ton an und macht ein Gedicht dadurch populärer, wie das eben angeführte »Ich saß auf einem Steine« ober »Ich hört‘ ein Wasser rauschen« oder »König Konstantin, der gab so viel«. Oder das epische Element verbindet sich mit einem dramatischen: Personen werden redend eingeführt. Um nicht selbst über den Papst zu klagen, legt er in einem seiner älteren Sprüche die Klage einem Manne in den Mund, an dessen Frömmigkeit kein Zweifel sein konnte: »Ich hörte fern in einer Zelle lauten Jammerruf; da weinte ein Klausner, er klagte Gott sein Leid: Weh uns, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, hilf deiner Christenheit.« Dramatisch wirkt auch die unmittelbare Anrede, mit der er sich an den Kaiser, den Papst, die Fürsten oder andere Personen oder selbst Personifikationen wendet. So redet er Frau Welt an; so hat er die Opferstöcke personifiziert, in denen Innocenz der Dritte für den Kreuzzug sammeln ließ, indem er sich gleichsam vor einen derselben hinstellt und ihn wütend anfährt: »Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesandt, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?« Der Spruch faßt seinen Inhalt in dem Schluß zusammen: »Herr Stock, Ihr seid zum Schaden hergesandt, daß Ihr in Deutschland suchet Törinnen und Narren.« Das Kühnste an Dramatisierung aber hat Walther geleistet, indem er es wagte, den Papst inmitten seiner Welschen darzustellen, wie er die Deutschen lachend verhöhnt und sich seiner klugen Politik rühmt: »Ich hab‘ es gut gemacht! Ich hab‘ zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unterdessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein und laßt die deutschen – fasten.« Es fehlt hier ein Schimpfwort, das der Papst gegen die Deutschen gebraucht und das offenbar so stark war, daß es die patriotischen Schreiber unserer Handschriften nicht wiederholen wollten. Bei dieser Szene aus der Residenz des Papstes hat glühender Haß den Griffel geführt. Es ist wohl nie ein aufreizenderes Epigramm gedichtet worden. Hier wird der Volksrichter in der Tat zum Volksführer oder zum Volksverführer, wie jener Domherr sagte: der Spielmann wird Demagog.

Reiht sich dergestalt Walther mit seinen Sprüchen den Spielleuten an, indem er eine Stellung erringt, wie sie nie ein Spielmann vor ihm oder nach ihm besessen; so verleugnet er in seiner Liebeslyrik nirgends den Edelmann. Und die Eigenschaften, die ihn im Spruch auszeichnen, finden sich, soweit es der Stoff und die Kunstform gestatten, zum Teil auch im Liede wieder. Er ist lebhaft, anschaulich, zuweilen derb, wird zornig und flucht, weiß epische und dramatische Mittel in Bewegung zu setzen und zeigt sich in allen diesen Zügen als ein rechter Sohn des bajuvarischen Stammes.

Der adelige Minnesang ging in Österreich und Bayern aus dem volkstümlichen Liebesliede hervor. Noch heute zeichnen sich die Bewohner der bayerischen und österreichischen Alpen durch die Gabe der kecken Improvisation im Gesange aus. Wir dürfen darin eine Erbschaft der Urzeit erblicken. Kurze Liebeslieder waren den alten Ariern und den Germanen so wenig fremd wie den übrigen, auch den niedrigsten Völkern der Erde. Gelegenheitsgedichte blitzen im Liebesverkehre wie Funken auf; und sind sie in ein glückliches Bild gefaßt, auf einen prägnanten Ausdruck gebracht, so dauern sie über die Jahrhunderte hin. »Du bist mein, ich bin dein«: wie oft mag das der Liebende der Geliebten, die Liebende dem Geliebten zugesungen haben. »Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein«: diese hübsche Wendung können wir im 12. Jahrhundert wie in heutigen Volksliedern nachweisen. Die populären Liebesweisen flogen wie Sommerfäden von den grünen Wiesen, auf denen die Bauern tanzten, in die Schlösser des Adels. Aus den unbeachteten Gelegenheitsscherzen einer früheren Zeit wurden im 12. Jahrhundert kleine Lieder, welche das erwachte Selbstgefühl der aristokratischen Gesellschaft bewunderte und festhielt, um auch den edlen Lebensschmuck der Poesie nicht zu entbehren. Ein Ritter Kürenberg aus der Nähe von Linz an der Donau erfand eine vierzeilige Strophe von bequemem Bau, welche zur Modeform für solche Improvisationen wurde und längere Zeit an den Ufern der Donau so beliebt blieb, daß auch die Verfasser der Nibelungenlieder nach ihr griffen. Später sang ein Burggraf von Regensburg ähnlich einfache Lieder in verwandten Strophenformen. Andere Dichternamen kennen wir nicht, und wenig ist uns erhalten aus dieser Frühzeit des aufblühenden nationalen Minnesanges, aber das Wenige gehört zu dem Schönsten der mittelalterlichen Lyrik und greift uns mit schlichtem Worte noch heute unmittelbar ans Herz, ohne daß es einer künstlichen Vermittelung bedürfte, ohne daß wir uns in die konventionellen Formen des ritterlichen Verkehrs hineinzudenken brauchten.

Frauenempfindung stellt sich in diesen Liedern ganz anders dar, als was die Männer zu sagen haben. Noch ist die gesellschaftliche Herrschaft der Damen nicht anerkannt. Mit Selbstgefühl wirbt der Mann: »Freud‘ und Leid teil‘ ich mit dir: solang ich lebe, sollst du mir lieb bleiben; denn daß du einen Schlechten liebtest, das wünsch‘ ich dir nicht.« Ein anderer versagt sich einer Frau, die seine Liebe begehrte. Ein dritter mahnt die heimlich Geliebte, sich vor der Welt zu bergen, wie ein Stern in den Wolken, und ihre Augen zum Schein auf anderen ruhen zu lassen. Ein vierter rühmt sich seiner Triumphe: Frauen seien leicht zu zähmen wie die Falken.

Die Damen ihrerseits werden zuweilen episch eingeführt: »Es stand eine Frau allein und schaute über die Heide und schaute nach dem Liebsten aus; da sah sie einen Falken fliegen.« Den Falken preist sie selig, weil er sich den Baum wählen kann, der ihm gefällt. So hat auch sie getan und einen Mann erwählt, aber andere Frauen wollen ihn ihr rauben … Auch ohne epische Einführung sprechen Frauen ihr Gefühl aus. Eine Dame erzählt, sie habe einen Falken gezähmt; der sei ihr fortgeflogen und trage jetzt andere Fesseln. Naturgefühl und Liebesgefühl verketten sich: erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, seine Liebe dünkt sie der Rose gleich. Ist der Vogelsang verschwunden und das Laub der Linde, so trüben sich die Augen der verlassenen Frau; sie erinnert den Ungetreuen daran, wie er sie einst bewundert. »Unser zweier Scheiden mög‘ ich nicht erleben!« ruft die Liebende aus. Und eine andere weint, weil sie mit ihrem Freund entzweit ist. Schüchtern klagt ein Mädchen: »Wenn ich steh‘ allein in meinem Hemde und ich an dich denke, so erblühet meine Farbe, wie die Ros‘ am Dorne tut; und gewinnt mein Herz gar manchen traurigen Mut.« Nur die Frauen sind empfindungsvoll, hingebend, besorgt. Nur sie kennen den Liebesschmerz und die Liebestränen.

Aber diese Verhältnisse änderten sich mit dem Vordringen französischer Mode im Leben und in der Poesie. Schon tauchen in jenen österreichischen Liedern die Aufpasser, die »Merker«, als die Feinde der Liebenden auf; schon wird die heimliche Liebe als die wahre gepriesen; immer deutlicher wirken Tristan und Isolde als das vorbildliche Liebespaar ein; und bald wird das Verhältnis der Frauen zu den Männern in sein Gegenteil verkehrt. Die Frauen werden spröde, die Männer müssen schmachten; jene bleiben unbewegt, diese müssen das Trauern lernen; jene versagen, diese klagen. Die Frauen sind die Gebieterinnen; der Liebende verhält sich zu seiner Dame wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn: er muß ihr dienen; für diesen Dienst erwartet er Lohn: und selten wird ihm nur die kleinste Gunst zuteil. Was die Liebe an sittlicher Reinheit gewann, das verlor der Liebessang an Leben und Frische; er wurde eintönig und affektiert, wie bei Reinmar von Hagenau. Aber Bayern und Österreich folgten nie ganz der Mode; da hielten sich widerstrebende Elemente, die ihre Kraft aus der volkstümlichen Tradition schöpften. Wolfram von Eschenbach ergriff in den Tageliedern eine poetische Gattung, die schon durch ihren epischen und dramatischen Gehalt, durch ihren balladenartigen Charakter sich an gewisse populäre Liedformen anschloß. Der Österreicher Dietmar von Aist wirbt wenigstens um eine Dame, die er besingt, als ihr Diener; er ist ihr Untertan wie das Schiff dem Steuermann; er hat weichere Empfindung oder gibt sie wenigstens vor; des Nachts kann er nicht schlafen und glaubt sterben zu müssen vor Liebe; aber sein Werben bleibt nie unbelohnt; die Frauen sehnen sich nach ihm, mißgönnen ihn einander, und er scheint ein Don Juan zu sein, der von einer Eroberung zur anderen eilt.

800px-Codex_Manesse_Walther_von_der_VogelweideUm die Zeit, als dieser Dietmar blühte, muß Walther von der Vogelweide zu dichten begonnen haben und Reinmar von Hagenau nach Österreich gekommen sein. Reinmar fand am Hofe zu Wien freundliche Aufnahme und besang den Tod Herzog Leopolds des Fünften (Silvester 1194), indem er seiner Witwe eine schöne Klage um ihn in den Mund legte. Er hat sichtlichen Einfluß auf Walther geübt; in der geistreichen Konversationspoesie ist dieser sein Schüler. Aber neben der Verwandtschaft ist auch der Gegensatz deutlich. Übertreibungen finden in Österreich nur selten Anklang; gesunder Menschenverstand und munterer Witz dulden keinen phantastischen Zug. Wenn Reinmar seinen »langen süßen« Liebeskummer wie ein zartes Pflänzlein hegte, so ward er gewiß bald ausgelacht. Und folgt Walther in manchen Dingen dem Beispiele Reinmars, wird auch er in langem, vergeblichem Werben nicht müde, nennt auch er die Liebe eine süße Mühsal und einen Hort aller Tugenden: so wird es ihm doch nicht einfallen, Liebeskummer als seinen schönsten Ruhm zu betrachten. Sagt Reinmar: »Ich werb‘ um alles, was ein Mann an Freuden dieser Welt je haben kann, das ist ein Weib«: so geht Walther im Frauendienste nicht auf, für ihn hat die Welt noch andere Freuden und Pflichten. Er hat sich einmal direkt über Reinmar lustig gemacht, die Übertreibungen seines Gefühls wie die Übertreibungen seiner geistreichen Manier verspottet und die verspotteten Motive selbst anders angewendet. Reinmar will seine Dame über alle anderen setzen, Walther sagt der Geliebten unbefangen: »Vielleicht sind andere besser, du bist gut«; er will seine erwählte Dame niemand aufdringen, mag jeder die Seine loben mit des Dichters Wort und Weise: »Lob‘ ich hier, so lob‘ er dort.«

Reinmars Lieder sind ohne Naturgefühl; er begrüßt nie den Frühling und trauert nie über den Winter. »Ich habe mehr zu tun, als Blumen zu beklagen«, sagt er. Walther dagegen hat, ohne je Natur und Liebe auf konventionelle Weise zu verbinden, die Jahreszeiten wiederholt besungen und dem allbekannten Stoffe neue Seiten abgewonnen. In das Bild des Frühlings zeichnet er eine Szene hinein: Mädchen, die auf der Straße den Ball werfen. Oder eine Landschaft tut sich auf: der Dichter sitzt auf einem Hügel, vor ihm Blumen und Klee und dahinter ein See. Der Mai kleidet die Bäume so schön und die Wiese noch schöner: »du bist kürzer, ich bin länger«, also streiten auf dem Anger Blumen und der Klee. Die Blumen dringen aus dem Grase und lächeln am Sommermorgen der Sonne zu. Schöner als alle Frühlingspracht aber ist eine schöne Frau.

Reinmar gehört zu den Dichtern, welche durch einseitigen Geschmack die Poesie ärmer machen. Bei Walther ist sie so reich wie bei keinem anderen mittelhochdeutschen Lyriker. Er verhält sich zu Reinmar wie Wolfram von Eschenbach zu Gottfried von Straßburg. Auch Gottfried beschränkte sich willkürlich auf die epische Fülle, die sein Stoff ihm darbot. Walther und Wolfram nehmen den ganzen Schatz, das Erbteil der Väter, in ihre Pflege; sie wissen das alte Gold wieder umzuprägen oder neu zu fassen. Wie Gottfried gegen Wolfram polemisierte, so hat nach Walthers eigenem Zeugnis Reinmar ihn nicht leiden können. Und wie Wolfram seinen Tadler durch Lob beschämte, so hielt Walther dem Reinmar eine Grabrede, welche durch Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gerechtigkeit und ernstes Gefühl zu dem Großartigsten gehört, was er gedichtet hat.

Wie nahe sich Walther und Wolfram standen, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie sich gekannt und anerkannt. Sie zitieren einander, und Walther hat in Wolframs Stil ein Tagelied verfaßt. Walther ist, wie Wolfram, voll Selbstgefühl im Leben und in der Liebe; er spricht ganz unbefangen von seiner »reichen Kunst«; er hebt immer hervor, daß er anderen mit seinem Gesange Freude mache, daß niemand eine Dame so gut zu loben verstehe wie er, und daß auf seinem Lob ihr Ruhm beruhe. Aber Walthers Stil ist bescheidener als Wolframs kühn individuelle Manier. Er hat nicht die Pracht, den Bilderreichtum, das immer und überall Originelle seines bajuvarischen Stammesgenossen. In seinen Liebesgedichten finden sich viele Gedanken und Motive, die auch bei Friedrich von Hausen, Reinmar und anderen begegnen; auch er ist mittelbar ein Schüler der Troubadours; und selten oder nie kann man mit Sicherheit sagen, wo die Überlieferung aufhört und die Weiterbildung anfängt.

Auch Walther liebt heimlich, fürchtet Aufpasser, weist indiskrete Fragen ab, dient, erwartet Lohn. Er dient, weil er bewundert, und er bewundert bis »Stetigkeit« seiner Dame, ihre maßvolle Heiterkeit, ihren freundlichen Blick, ihren lieblich redenden Mund, ihre Schönheit und Güte, wozu er ihr aber auch Barmherzigkeit wünscht. Er ist in ihrer Gegenwart befangen und an ihrer Seite stumm. In seinem poetischen Liebeswerben bringt er hübsche Wortspiele an. Seine Reflexion bewegt sich in bekannten Gegensätzen, wie Inneres und Äußeres, Herz und Leib, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Vorteil und Nachteil, Hoffnung und Enttäuschung, rechte Liebe und falsche Liebe, Leid verhehlen und offen sagen. Er bedauert, daß graue Haare ein Hindernis der Liebe, daß 24 Jahre der Minne lieber als 40 seien. Die Minne erscheint personifiziert, er klagt vor ihrem Thron und ist von ihrem Pfeile getroffen. Auch andere sittliche Begriffe werden zu Personen gemacht, und wieder andere werden als greifbare Sachen aufgefaßt: Haß und Neid ziehen als Späher aus; Freude kann man borgen, eine Rede mitten entzweischlagen; Schönheit und Ehre sind Zaubermittel der Dame gegen den Dichter; das Herz ist ein Raum, in den man eindringt, zu klein, um die Liebe allein zu fassen, diese muß daher auf zwei Herzen verteilt werden.

In alledem ist keine hervorragende Eigentümlichkeit: aber Walthers besonders Art zeigt sich gleich, wenn er etwa den Dialog zwischen Ritter und Dame mehr dramatisch ausbildet, so daß ein kleiner Wortkampf mit Angriff und Abwehr entsteht. Oder wenn er Personifikationen sinnlich ausführt, wenn er z.B. Fortuna darstellt, wie sie Gaben verteilt und ihm beharrlich den Rücken zukehrt: auch wenn er um sie herumläuft, immer ist er hinter ihr, sie will ihn nicht ansehen: »Ei, so möcht‘ ich, daß ihr die Augen im Nacken säßen: dann müßte sie es wider Willen tun.«

Die alte Vorstellung, daß der Leib ein Kleid des Menschen sei, wird vom Dichter ergriffen, um die Schönheit seiner Dame zu rühmen. Er hat nie ein schöneres Kleid gesehen, Verstand und Glück sind dreingesteppt. Und nun fährt er witzig fort, indem er auf die gewöhnliche Belohnung der fahrenden Spielleute durch alte Kleider anspielt: »Getragene Kleider hab‘ ich sonst nie genommen; dieses nahm‘ ich für mein Leben gern, um dieses könnt‘ ein Kaiser Spielmann werden. Da, Kaiser, spiele! Nein, Herr Kaiser, anderswo!« Das festgehaltene Bild, die dramatische Anrede, die Zurücknahme und dies alles zusammengedrängt am Schluß eines längeren Gedichtes, ist höchst charakteristisch.

In schweren, dunklen Zeiten ruht der Gesang. Leicht bietet sich die Vergleichung dar: auch die Vögel singen nicht bei Nacht. Aber wie lebhaft drückt das Walther aus! Er tröstet die Zweifler, die Zeit werde wieder kommen, wo die Sangeskunst sich von neuem bewähre, und schließt: »Ich hört‘ ein kleines Vögelein dasselbe klagen, das versteckte sich und sprach: Ich singe nicht, erst muß es tagen.«

Schon Friedrich von Hausen in seinem ältesten und kürzesten Liede erzählt von Liebesglück, das er im Traum genossen, und zürnt den erwachenden Augen, die es ihm genommen. Walther tritt im Traum einem Mädchen entgegen, die zum Tanze geht, und überreicht ihr einen Kranz. Sie nimmt ihn wie ein schamhaftes Kind, mit errötenden Wangen, gesenkten Augen, zierlichem Neigen. Und weiter wirbt er, und sie gibt ihm Glück – doch alles war nur geträumt. Aber jetzt sucht er sie unter den Mädchen, er sucht sie beim Tanze. »O, bitte, rückt auf eure Hüte!« ruft er den Mädchen zu. Aber vergeblich, er findet sie nicht. Das Ganze offenbar ein Lied, das zum Tanze gesungen werden sollte.

Daß ein Mädchen von einem Stelldichein erzählt, war auch schon dagewesen. Aber Walthers Lied »Unter der Linde an der Heide« ist einzig an Naivität, Grazie, Schalkhaftigkeit. Und man wäre geneigt, es für das schönste Lied des ganzen Minnesanges zu erklären, so voll von Leben und überraschendem Reichtum ist es – wenn nicht die Grundvoraussetzung eine konventionelle wäre: denn ein Mädchen, so beschaffen, wie dieses gedacht ist, wird ein solches Erlebnis überhaupt nicht oder nicht so erzählen.

Lebhaft preist Walther die Stunde, da er sie kennengelernt, die ihm das Herz und den Mut hat bezwungen. Er kann sich von ihr nicht mehr trennen: das hat ihre Schönheit und Güte gemachet und ihr roter Mund, der so minniglich lachet. Er wünscht der Geliebten, die ihn hinhält, so nahe zu sein, daß er sich in ihren Augen spiegeln könne. Dann werde er sie fragen: Willst du das nicht wieder tun? mich nicht mehr quälen? Und sie gibt nur ein Lächeln zur Antwort… Überall Szene und Handlung! Wieviel Mühe hat sich Petrarca gegeben, um die Schönheit seiner Laura der Nachwelt zu verkünden! Aber er gelangt über das Aufzählen einzelner Vollkommenheiten nie hinaus; die Häufung wird gegenseitige Störung; und man erhält nirgends ein Bild. Der »rote Mund, der so minniglich lachet«, schwebt uns gleich reizend im Geiste vor. Walther ist sparsam mit Angaben über die körperliche Beschaffenheit der Frauen, die er besingt; er zeigt sie uns lieber in Bewegung, in bestimmter Situation: aus dem Bade steigend; oder in die Kirche gehend, ungeschminkt, in einfacher Tracht, mit blondem, aufgebundenem Haar; oder eine vornehme Dame in voller Toilette, die sich mit ihrem Gefolg in Gesellschaft begibt und nur von Zeit zu Zeit bescheiden um sich blickt. Walther weiß in solche Schilderungen die Anmut hineinzulegen, die er höher als die Schönheit preist. Er führt auch, um nur Handlung statt Beschreibung zu gewinnen, Gott als Schöpfer ein: der hat an ihre Wangen teure Farben gestrichen, so reines Rot, so reines Weiß, hier Rosenrot, da Lilienweiß; oder Gott ist Bildgießer, der Schönheit und Reinheit als Metalle für den Guß einer Frau genommen hat.

Durchweg fesselt Walther durch Anschaulichkeit, Leben, Bewegung. Aber phantasievolle Betrachtung ist sein eigentliches Gebiet. Die sinnliche Welt macht er wundervoll deutlich und weiß sie mit Liebreiz zu übergießen. In die Erscheinungen der sinnlichen Welt kleidet er auch seelische Verhältnisse und gibt dadurch der Reflexion einen dichterisch greifbaren Körper. Aber das Seelenleben selbst erfaßt er nur durch das Medium der Reflexion. Die Welt der Empfindung steht unerreichbar über der Poesie des Mittelalters: sie wird nur aus der Ferne beschrieben. Innere Zustände und Vorgänge finden sich in der Lyrik wie im Epos analysiert, und das Epos erlangt herrliche Ausdrucksmittel, um sie in Handlung umzusetzen: einige Nibelungenlieder, die »Gudrun«, Wolfram von Eschenbach leisten darin das Höchste; und auch Walther verfügt über die epischen Mittel. Aber uns in das Leben seines Herzens unmittelbar hineinzuziehen, ist er selten imstande. Ergreift er uns einmal mit schlichtem Wort, wie jene alten österreichischen Improvisationen, so geht er bald wieder zu Betrachtungen über, die mehr den Verstand angenehm beschäftigen als die Seele bewegen.

Gleichwohl hat Deutschland vor Goethe keinen Lyriker gehabt, der sich mit Walther vergleichen ließe. Und auch unter den Lyrikern des außerdeutschen Mittelalters weicht er keinem. Die Lyrik des Mittelalters ist für die Folgezeit hauptsächlich durch Petrarca vertreten worden; Petrarca hat die Troubadours beerbt: das Ansehen, das sie einst genossen, ist in den Augen der Renaissance auf den gelehrten Dichter übergegangen. Um wieviel mehr aber hätte Walther von der Vogelweide verdient, auf die Nachwelt zu wirken und in ihr fortzuleben! Wie mannigfaltig ist das, was er zu bieten hat, verglichen mit der Eintönigkeit Petrarcas! Petrarca sammelt den kostbarsten Schmuck aus der Mythologie, aus der antiken und aus der mittelalterlichen Liebespoesie und setzt ihn vorsichtig wie Mosaik zu immer neuen Bildern zusammen. Aber dieser Schmuck ist mit der Mode vergänglich. Walther dagegen tritt fast so einfach auf wie die mittelhochdeutschen Volksepen; keinen Schmuck verwendet er, als was die Natur an allen Orten bietet: bunte Blüten und grünen Zweig: was nie veraltet. Und das Beste, was er darstellt, ist er selbst: ein Mensch, wie man ihn zum Freunde wünscht, so hell in seinem ganzen Wesen, so mild, so ernst und fest in seinem Innern bei leichter, liebenswürdiger Form; fröhlich mit den Fröhlichen, traurig mit den Traurigen, von Kindheit an geneigt zu hoffen und unverzagt in hohem Streben; frisch und heiter selbst in der Not, dankbar im Glücke, nur verdüstert im Alter, dies aber mit Recht: denn des Minnesangs Frühling und Sommer war dahin; Walther spürte den Herbst.

Maria Aronov über das Lesen und Schreiben

Foto: Privat
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Welches Buch hat Ihr Partner / Eltern besonders beeindruckt?
Den Medicus von Noah Gordon findet mein Ehemann faszinierend.

Meine Eltern haben mehr als ein Buch, von dem sie beeindruckt sind. Dazu gehören bei meinem Vater die Romantrilogie „Die Forsyte – Saga“ des britischen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy sowie Lob und Rum“ des polnischen Schriftstellers Jarosław Leon Iwaszkiewicz. Mein Vater mag nämlich Bücher, die einen erziehen und Tipps auf den Lebensweg mitgeben.

Meine Mutter findet historische Romane verschiedener Autoren gut, besonders mag sie Lion Feuchtwanger. Im Moment ist ihr Lieblingsbuch „Judas von Keriath“ von dem russischen Schriftsteller Leonid Nikolajewitsch Andrejew. An dem Werk gefällt ihr die neue Interpretation des Autors, die kein anderer bisher bot.

Wahr oder falsch: “Ich blogge verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Leider wahr. In meinem Umfeld habe ich Gott sei dank zumindest einige Menschen, dazu zählt meine Familie, mit der ich mich über bestimmte Themen in den Gebieten der Philosophie, Literatur und Kunst austauschen kann. Ich hätte aber äußerst gern um mich herum ein weiteres Spektrum an Hobby – Lesern, mit denen man intensive Gespräche über bestimmte Themen führen kann. Dazu muss ich leider folgendes sagen:
Früher gehörten zu einem gesellschaftlichen Abend Gespräche über Literatur und Philosophie. Heute findet man immer seltener Menschen, die sich für die oben genannten Gebiete interessieren. Das empfinde ich als sehr traurig. Da ich ein großer Fan der antiken Philosophie bin, tut es mir umso mehr weh, wenn ich Äußerungen wie „Philosophie? Damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die Philosophen waren doch alle bescheuert“ / „Wer braucht überhaupt Philosophie?“ höre. Dabei haben die Menschen keine Ahnung davon, dass es zwischen der abstrakten und theoretischen Philosophie riesen Unterschiede gibt. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, aber Stereotype gebildet. Um es einfacher auszudrücken: der Mensch interessiert sich immer weniger für geistige Werte. Die Kultur gerät in Vergessenheit. Man kann sich mit seinen Mitmenschen immer weniger über Kultur unterhalten.

Obwohl ich kein großer Fan der sich immer schneller verbreiteten technischen Entwicklungen bin, muss ich sagen, dass das Internet eine großartige Erfindung ist. Einer der Gründe sind eben Blogs, Foren und Online-Zeitschriften, die einem ermöglichen, mehr Kultur – Interessenten für gute Unterhaltungen zu finden, auch wenn es nur eine Elite ist.

Ihre Lieblingswörter / Ausdrücke
„In erster Linie“. Warum? Weil ich gern meine Ansichten beziehungsweise die eines anderen Autors akzentuieren möchte.
„Des Weiteren“, weil ich bei einigen Interpretationen ungern bei einer Begründung bleibe.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Ich mag wie auch mein Vater, Bücher, die einen zum Nachdenken bringen, die einen belehren und Ratschläge fürs Leben geben. Natürlich lese ich auch ab und zu illustrierte Zeitschriften, aber das sind Texte, die man schnell wieder vergisst, über die man nicht nachdenkt. Ich mag Texte, die in Erinnerung bleiben und bestimmte Gefühle hervorrufen.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Ich habe Lieblingsschriftsteller und auch Dichter. Das Wort „Vorbild“ bedeutet für mich, dass ich so sein will, wie jemand anderer es ist. Man kann durchaus vieles von seinen Lieblingsautoren lernen, aber das Schöne am Schreiben ist, dass jeder seine Individualität zum Vorschein bringen kann. Man kann und sollte sich für andere Autoren begeistern, muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Begeisterung auf der Individualität des Autors basiert. Denn sie ist es, die ihn von allen anderen Verfassern unterscheidet. Wenn diese verloren ginge, wäre auch der Reiz des Autos weg. Es ist wichtig, auch beim Schreiben immer man selbst zu sein, seinen Stil zu finden und ihm treu zu bleiben.

Wer soll mich lesen?
Lesen sollten mich Personen jeden Alters und Geschlechts, die sich für Philosophie, Kultur und Literatur interessieren und diese auch zu schätzen wissen. Ich mag es, wenn man über das Geschriebene nachdenkt und dazu seine Gefühle beziehungsweise Gedanken äußert. Für oberflächliche Menschen wären meine Texte eine unverständliche Quelle.

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Damit man ein Buch richtig aussucht, ist es erst einmal wichtig, das Genre / die Genres zu kennen, das / die man mag. Dazu gehört natürlich auch, Bücher zu lesen, die man vielleicht nicht so gut findet. Nur durch das Probieren kann man das Richtige für sich finden. Dann ist es natürlich wichtig, zwischen den Autoren zu unterscheiden – welchen Autor / welche Autoren mag ich / mag ich nicht. So kann man sich dem Ziel nähern, Bücher besser aussuchen zu können. Entdecken kann man ein gutes Buch durch Kritiken im Internet, durch Personen, die es einem empfohlen haben oder eben ganz zufällig in einer Buchhandlung durch einen anziehenden Buchtitel.

Damit man die Literatur genießen kann, braucht man ein spannendes Buch, ein leckeres Getränk und Ruhe, um sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren zu können und alles um sich herum zu vergessen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Dazu gehören wohl die Werke von Kafka, die gleichzeitig über ihn selbst geschrieben sind, da sie sehr viel seiner Autobiographie enthalten. Mich fasziniert zum Beispiel u.a. „Die Verwandlung“. Es gibt keinen andren Autor, der sich so sehr von mir unterscheidet und mich trotzdem mit der Tiefgründigkeit seiner Werke rührt.

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Mich beeindrucken Hard-Covers im alten klassischen Stil, wenn man eben das Gefühl hat, ein Buch in die Hand zu nehmen und etwas Vernünftiges zu lesen. Heute werden die Covers immer billiger, leider auch bei guten Büchern. Auf manchen ist zu viel gemalt für meinen Geschmack. Es fehlt die schlichte Eleganz, bei der der Titel und die gute Qualität im Vordergrund stehen.

Natürlich geht es bei einem Buch mehr um den Inhalt als um seine Aufmachung. Nichtsdestotrotz kann das Cover die Schönheit des Inhalts betonen. Ich mag die alte klassische Ausgabe der Werke von Goethe – ein schlichtes braunes Cover mit einer eleganten goldenen Umrandung.

Meine Lieblingskritiker:
Werner Keller, Albrecht Schöne, Hans Arens, Dorothea Lohmeyer und Ulrich Gaier.

„Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“
Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Welten versetzt zu fühlen, etwas zu erleben, was unvergessen bleibt: ich reiste mit Robert Cole im 11. Jahrhundert von England nach Isfahan, erkundete mit dem kleinen Prinzen andere Planeten, tanzte mit Natascha Rostowa auf ihrem ersten Ball und kämpfte in der königlichen Garde an der Seite von D’Artagnan.

Meinem Leben gibt die Literatur einen tieferen Sinn. Ich lerne interessante Autoren kennen sowie ihre Hauptfiguren, die lebendig erscheinen und mich durch das Leben begleiten. Manche dieser Figuren werden zu echten Freunden, deren Stimmen man hört, wenn man mal einen guten Rat brauchen sollte.

Ana de Mendoza y de la Cerda Fürstin von Éboli

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Ana de Mendoza y de la Cerda – Prinzessin von Éboli – Maler unbekannt – 16. Jhrdt.

 

Ana de Mendoza y de la Cerda (* 29. Juni 1540 in Cifuentes Provinz Guadalajara; † 2. Februar 1592 in Pastrana) war eine spanisch-portugiesische Hofdame und Politikerin. Einige Legenden um Ana als Fürstin von Eboli flossen in Friedrich Schillers Drama Don Karlos und in Giuseppe Verdis Oper Don Carlos ein.

Die Tochter des peruanischen Vizekönigs verlor in ihrer Jugend bei einem Fechtunfall ihr rechtes Auge. 1552 wurde sie mit Ruy Gómez de Silva, Fürst von Eboli (1516–1573), dem Berater des spanischen Königs Philipps II., verlobt und 1559 verheiratet. 1561 kam das erste von zehn Kindern zur Welt, von denen sechs überlebten. Als de Silvas Gattin übte sie politischen Einfluss nur über ihren Gatten aus. Nach seinem Tod 1573 wandte sie sich Philipps Staatssekretär, Antonio Pérez (1539/40–1611), zu. Mit ihm soll sie angeblich ein Liebesverhältnis eingegangen sein. Die beiden engagierten sich jedenfalls in der Friedenspartei gegen die strenge Politik des Herzogs von Alba, mischten in der portugiesischen Erbfolge mit und verkauften Staatsgeheimnisse an den Meistbietenden. Die beiden spielten auch bei den Aufständen in Flandern eine wichtige Rolle und sollen im Auftrag Philipps II. auch einen Mord begangen haben.

1579 wurde Ana de Mendoza im Zusammenhang mit dem Sturz von Staatssekretär Alonso Pérez de Guzmán als Intrigantin und wegen Verrats verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest in ihrem eigenen Schloss verurteilt. Sie starb 1592 im Turm ihres Schlosses.

Die „einäugige Fürstin“ wusste, wie man sich in Gesellschaft und Politik einbringt. Von ihren Zeitgenossen wurde sie als intrigant, hochmütig, herrschsüchtig, verschwenderisch, respektlos und hysterisch beschrieben.

Arthur Holitscher • Reise durch das jüdische Palästina • Von Verfolgung, Heimat & Glauben

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Galiläa – kin – kinneret – See Genezareth

trennlinie2Arthur Holitscher (* 22. August 1869 in Pest; † 14. Oktober 1941 in Genf) war ein Reiseschriftsteller, Essayist, Romancier und Dramatiker. – Der nachfolgende Text stammt aus dem Jahre 1922.

Berg der Predigt

Unser Automobil fährt am Fuße des Berges die Straße entlang, holperig über spitze Steine am Ufer des Sees, Kapernaum zu. Die Straße ist neu. Schotterhaufen. Auf ihnen sitzen rittlings junge Männer, klopfen Steine. Junge Mädchen, gebückt, mit Spaten in den Händen, zerschlagen die hervorstehenden, ebnen die Steine auf der Straße.

Im Vorüberfliegen reißen wir die Mützen von unsern Köpfen: »Schalom!« Die Jungen, die Mädchen winken uns nach, erwidern den Gruß, den Friedensgruß, – es sind die Unsrigen!

Einen Blick noch zurück auf den Berg der Bergpredigt, – die Augen bleiben auf den hellen, kleiner werdenden Gestalten haften, die Steine hacken, am Fuße des riesigen kahlen Abhangs.

Die Legende

Und da liegt schon, an das Wasser geschmiegt, von den Wellen bespült, Magdala: zehn elende Araberhütten. Weiter vor uns aber, in tiefem Grün, der Bananenhain der jüdischen Kolonie Migdal.

Galiläa. Galil!!

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Nazareth

Und auf der Chaussee, die von Tiberias aufsteigt gen Nazareth, hacken sie Steine, die Unsern. – Oben auf den Hügeln, engelweiß zwischen schwarzen Zypressen, hebt sich das Franziskanerkloster zum Himmel. Die Gabrielskirche der Griechen. Klöster, Klöster. Zarter Gesang aus den Türmen der Beschaulichkeit. Unten aber, im weißen Staub, im brennenden Sonnenlicht: klopf, klopf. Junge jüdische Knaben, jüdische Mädchen, von weit hergekommene, bauen die Straßen des Landes, die zu den Klöstern der friedlichen Gottesruhe führen. An manchen Orten, an vielen Orten, in allen Teilen Palästinas, in Samaria, Judäa, zwischen Dan und Bersheba, im Norden und Süden bauen sie im Sonnenbrand die Straßen ihres Landes Israel.

Woher seid ihr gekommen? Was sucht ihr hier? Steine zu klopfen kamt ihr über das Meer? Aus den Städten Europas, von den Straßen, glänzend im elektrischen Licht, aus warmen Elternhäusern, von Universitäten, Lehrerinnenschulen, hieher auf die harten Wege des wilden Landes? Steine zu klopfen acht Stunden und mehr im Sonnenbrand? Wer seid ihr?

Wer sind diese?

Blicke fliegen uns nach, freundliche Blicke, lächelnd-frohe auch zuweilen –

Schalom!

Diese Frage und immer wieder diese: was hat sie hergetrieben? Tausend Antworten gibt Palästina auf diese Frage.

Mit vielen jungen Einwanderern, alten Arbeitern, langjährigen Kolonisten habe ich über diese Frage gesprochen, mit manchem eingehend, unter vier Augen. Keiner hat mir dieselbe Antwort auf diese Frage gegeben. Denn eine schematische Antwort auf Fragen des innersten Gewissens gibt nur ein Mensch, der ohne Gefühlsleben ist oder ohne eigne Gedanken, oder einer, der Angst hat. Diese jungen und älteren Menschen aber, die ein unbewußtes Drängen nach dem alten Land der Väter, nach Zion getrieben hat und treibt, es sind keine Dutzendmenschen, sondern Menschen mit hochentwickeltem, sehr wachem und an großen Dingen geschultem Gewissen, und sie geben sich schonungslos und wahrhaftig Rechenschaft darüber, was sie in Palästina erwartet und was sie dort zu leisten haben werden.

Nur über die Natur, das Wesen, das Geheimnis ihrer Sehnsucht nach Zion, nach dem Lande Israel vermögen sie sich keine klare Rechenschaft zu geben.

Was ist Zionismus?

Ist er eine religiöse Bewegung?

Ist er die nationale Bewegung eines zerstreuten Volkes, das zur Einheit strebt und gelangen will auf diesem ihm vor zweitausend Jahren entwendeten Heimatboden?

Ist er die Klassenbewegung der arbeitenden Juden, zum Lande, zur Scholle, zur fruchtbaren Erde zurück?

Ist er der metaphysische Zug eines Volkes nach einem Punkt des Erdballs, an dem sein Verhängnis sich erfüllen soll?

Oder – ist es Flucht vor Pogromen? Beleidigungen? Flucht vor der Notwendigkeit des Klassenkampfes mit all seinem Schauerlichen in der verdüsterten Exil-Heimat, die jetzt manchem vielleicht in hundertfachem Maße Exil, Galuth geworden ist. Ist es Abenteuerlust, die junge Menschen in Scharen nach dem jahrtausendealten steinigen Lande vorwärtsstößt oder zurückkehren heißt? Ist es Überdruß an der niedergehenden, allzu langsam verendenden Zivilisation dieses todgeweihten Abendlandes?

»Nationalismus! Wir sind eine Nation. Uns treibt das nationale Bewußtsein des jüdischen Volkes, der jüdischen Rasse vorwärts.« Ich erwiderte darauf: »Euer Geschichtsbuch ist das Alte Testament. Die Thora-Rolle enthält die Geschichte eures Volkes. Welche Nation hat noch eine Chronik ihrer Geschichte, die an heiligen Feiertagen in Gotteshäusern verkündet wird? Euer Trieb nach Palästina, das ihr Erez Israel nennt, ist ein religiöser, kein nationaler.«

Darauf antworteten mir nicht wenige: »Wir sind Atheisten.«

Ich wäre in solchen Diskussionen sicherlich rascher vorwärts gekommen, hätte ich statt des tausendfach gefälschten und entwürdigten, des vage und trügerisch gewordenen Wortes Religion, das Wort Messianismus gebraucht.

Dort am Fuße des Ölberges, gegenüber dem Harams-Wall, der weiten, wunderhellen Stätte, wo einst der alte Tempel stand – eine versteckte Quadermauer ist von ihm geblieben – reihen sich, den Berg hinauf, ungezählte jüdische Gräber. Dort, zu Füßen Jerusalems, im Tale Josaphat, am aufsteigenden Hang des Ölbergs, soll einst die Posaune des Gerichts und der Auferstehung ertönen. Sie wird die Juden dorten nicht erwecken, die Abertausende sterbenswilliger Juden, die von weit her gewandert sind, – allein um der Seligkeit des Grabes teilhaftig zu werden.

Skupltur Kreuzritter
Skupltur Kreuzritter

Etwas vom Irrsinn der Kreuzfahrer muß in all den jüdischen Siedlern, Kolonisten, Arbeiter-Pionieren: den Chaluzim dieser neuen Zeit lebendig sein. Der Wunsch, das Land der Väter wirtschaftlich neu zu erobern, wäre des ungeheuren Triebs nach Palästina nicht würdig; nur unbefriedigend könnte er den unaufhörlich anschwellenden Zug der heutigen Juden nach Zion, nach Erez Israel erklären.

Ist eine Nation zerstört, wenn man ihr die Heimat nimmt?

Die Juden, jahrtausendelang im Exil, geben die Antwort: Nein.

Wenn man sie mit Schwert und Feuer ausrottet? Neun Zehntel der Armenier haben die Türken vom Erdboden weggefegt, zertreten, vernichtet. Aber sie sind heute da. Man spürt das Walten ihres ungebrochenen nationalen Willens sehr deutlich an der Eigenart ihrer Politik, die sich im Orient immer weiter behauptet.

Wenn man sie aushungert, politisch, wirtschaftlich, kulturell zugrunde richtet? Nicht eine Eigenart des Österreichers ist in seiner Katastrophe zuschanden worden.

Ob ein Volk in seinem eignen Land verelendet oder verstreut in allen Ländern der Fremde, des »Exils« dahinlebt, – sein Unzerstörbares erleidet keinen Abbruch. Es bleibt. Es sublimiert sich in einzelnen Individuen. Man mag ihm das Recht, sich als Nation zu betrachten, absprechen, man mag ihm den Boden unter den Füßen wegziehen, – all das ändert an seinem innersten Bestand nicht das Geringste.

Der Nationalismus ist in den Völkern sehr stark. Im Orient zumal, wo er in Formen religiöser Tradition auftritt. Wir, die wir an den notwendigen Kampf und an die Auflösung der Klassen glauben; wir, die wir an die Verbrüderung der Menschen, an die Menschheit glauben, wir müssen uns diesen starken Feind heute klarer als je vergegenwärtigen. Wir müssen erkennen, gegen welche zwingende atavistische Kraft im Menschengeschlechte wir anrennen.

Um sich als Nation fühlen und behaupten zu können, brauchten die Juden nicht wie Antäus die Berührung mit der Heimaterde. Sie sind als Einheit auch in der Diaspora mächtig genug.

Sie sind, in der Zerstreuung über den Erdball, das Salz der Erde geblieben. Die Menschheit ist schmackhafter durch sie. Sauerteig der Entwicklung sind sie. Die Geschichte der großen, von Rußland ausgehenden Bewegung zeugt von ihrer Gegenwart, von der Sendung ihrer schwellenden Kraft.

Warum bleiben die Ostjuden, voll dieses messianischen Höhentriebs zur Zukunft, nicht daheim, im Osten, der ihnen kaum mehr Exil, kein Galuth mehr heißen kann? Warum arbeiten sie nicht an dem großen Werk der Befreiung mit, das, von Rußland ausgehend, in langsamem Kampf, heroischer Anspannung die Welt umzuformen unternommen hat? Warum drängen sie nach einem Winkel Asiens hin, wo ihre Geschichte vor zweitausend Jahren aufhörte, – statt dort zu bleiben, wo ihre Geschichte,. die Geschichte der Gesamtmenschheit, heute anhebt?

Flüchteten sie bloß vor der Notwendigkeit, dem düsteren Muß des Kampfes, in beschauliche Abseitigkeit, flüchteten sie vor der Zeit, – ich würde dieses Buch nicht schreiben. Ich würde die Deserteure, die Verräter schmähen und verfluchen.

Aber die jungen Menschen, die Palästina jetzt aufnimmt, die Stärksten, Gläubigsten unter ihnen – bauen, tastend, irrend, von Fehlschlägen nicht entmutigt im Urväterland an der Neuen Welt. So wie in ihrer Exilheimat im Osten Europas, auf Irrwegen, unter Fehlschlägen, in blutiger, langsamer Umwandlung sich jetzt die neue Heimat, das Neue Zion der Menschheit ans Licht ringt.

Administration, Kolonisationswerk und Aufbau, Formation der Parteien, Theorie der Arbeit und Organisation der Arbeitenden – alles befindet sich im jüdischen Palästina heute noch im Zustand des Experimentes. Das Problem des Nationalismus desgleichen. Unendliche Ströme Tinte werden über dieses Problem in der Diaspora ausgegossen, trotzdem ist es in Palästina bei weitem noch nicht zur Klarheit gediehn.

Die kleine jüdische Minderheit Palästinas, diese menschliche Auslese des Besten im Judentum dieser Zeit, hängt mit der großen Judenheit der Diaspora eng zusammen. Die Theoretiker des Zionismus meinen: die große Zahl der über den Erdball verstreuten Juden solle eben das Recht der verhältnismäßig geringen Zahl der Juden, die Palästina aufnimmt, auf ihre Heimat rechtfertigen. Es verhält sich genau umgekehrt. Die jungen Arbeiter-Pioniere rechtfertigen die Judenschaft der Welt durch das Opfer, das sie ihrer chimärischen Heimat in der Steinwüste des Urväterlandes darbringen.

Es ist nicht das Volk der Bedrückten, heimatlos und verzagend über den Erdball Irrenden, das jetzt im Zwischendeck vor den Riffen Jaffas ankommt. Es ist eine selbstherrliche, selbstbewußte, starke und zukunftgläubige Schar, die von dem Freibrief, der Deklaration des englischen Imperialismus ohne große Dankesbezeugung Gebrauch macht.

Die Balfour-Deklaration vom 2. November 1917, die den Juden die nationale Heimat gewährleistet, bietet wohl Anlaß zur Heimkehr der Juden nach dem alten Land der Verheißung. Aber was sich in diesem alten Lande abspielt, die Besitzergreifung Palästinas durch die Juden, geschieht durch einen höheren Willen, aus höherem Gesichtspunkt, als ihn der Begriff Heimat umzirkeln kann.

Fünfzehn Millionen Juden sind heute über den Erdball verstreut. In Amerika leben von diesen fünfzehn drei; in Sowjetrußland ungefähr fünfviertel Millionen. Acht Millionen sind Ostjuden – Polen, Ukrainer, Rumänen, Letten usw. Von diesen acht ist die Hälfte, wie es erwiesen ist, außerstande, sich selbst ausreichend zu ernähren. Sie lebt, wenn nicht von Almosen oder im nackten Entsetzen des tiefsten Elends, von unproduktiven Berufen. Diese Ostjuden sind es, die nach Palästina die kräftigsten, arbeitsfrohesten, gläubigsten Pioniere entsenden. Der Chaluz ist Ostjude.

Dieses Land Palästina,
dieser schmale, bergige Landstreifen zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Jordan, El Arisch und Acco – drei Fahrstunden breit, elf Stunden weit, dieser schmale Landstreifen Palästina, siebenundzwanzigtausend Quadratkilometer, von siebenhunderttausend Menschen bewohnt,

es ist ein jahrtausendelang, von den Türken, von Tamerlan systematisch verwüstetes, ausgerodetes, brachgelegtes, entvölkertes Land;

heute trägt es nur Steine; Felsblock um Felsblock muß der Ackerbauer mit seinen Händen aus dem Erdreich heben,

und erntet doch jahrelang nur Steine, statt Brot; dieses sumpf- und fieberdurchzogene Land, wüst, gefährlich und verlassen,

im Sommer von berauschenden Blumen überwuchert, die doch nur Unkraut sind, und eine Sorge mehr für den Arbeiter auf dem Felde und in den Bergen,

im Winter von Regengüssen heimgesucht, die die ausgetrockneten Flußbetten jäh mit reißenden Wassern überschwemmen;

dieses wilde, steinige, verlassene Land um Jerusalem, einst Saron, Kanaan, das Verheißene Land der Wüstenwanderer; dieses harte Land, das, fußbreit um fußbreit schwere Arbeit, strotzende Gesundheit, unbegrenzten Opfermut zerreibt, aufzehrt, verschlingt,

es ist heute die Heimat der Erwählten aus der Judenschaft, die es langsam, langsam wieder zum Blühen erwecken, es ist Zuversicht, Kraft der Gegenwart und Zukunft des verstreuten Volkes.

Wohlfahrtsinstitutionen, Hilfsvereine, Alliancen, einzelne Fromme und Reiche, wie der Pariser Rothschild, haben es vor siebzig, vor vierzig Jahren den ersten Siedlern ermöglicht, sich in Palästina ansässig zu machen. Diese frühen Kolonisten waren zum größten Teil Studenten, junge, der Verfolgung und Mißhandlung müde, unter den Qualen der Exilheimat zusammenbrechende Kleinbürger.

Theodor Herzl - 1860 bis 1904
Theodor Herzl – 1860 bis 1904

Theodor Herzl, Verkünder und Vater des neuen Zionismus, des zionistischen Gedankens, wie er heute in der Welt lebendig ist, starb 1904. Er war ungarischer Jude aus Budapest, und sein Zionismus datiert von Paris her, wo er liebenswürdige Plaudereien für ein österreichisches Bürgerblatt verfaßte.

Herzls Zionismus schreibt sich nicht vom Jahre 1883 her, in dem der Ritualmordprozeß von Tisza-Eszlár sich in seiner Heimat abspielte, der Prozeß, der hauptsächlich das elende proletarische Judentum Ungarns schlug, – sondern von 1894, vom Dreyfus-Prozeß, von der Welle des Antisemitismus, die damals die hohe jüdische Bourgeoisie in einem ihrer vornehmsten Angehörigen bedrohte. Der Zionismus Herzls ist Angelegenheit der jüdischen Bourgeoisie gewesen.

Heute steuert die gesamte jüdische Diaspora, vielmehr ein namhafter Bruchteil derselben, dazu bei, daß der Drang der Zionssehnsüchtigen sich auf dem Boden der Urväter erfülle. Diese aber sind die Ärmsten, Elendsten aus dem europäischen Osten.

Der Zionismus des heutigen Palästina ist eine Angelegenheit des jüdischen Proletariers; – aber, wie ich es erklären werde, eines Proletariats sonderlicher Art.

Ich fuhr von Triest auf einem der schönen Eildampfer des Triester Lloyd am Tage ab, an dem das Fest des »unbekannten Soldaten« gefeiert wurde. Bekränzte Eisenbahnzüge rollten an diesem Tage durch ganz Italien, brachten Särge nach Rom, Aquileja. In den Särgen lagen zerstückelte Gliedmaßen, klappernde Gebeine, die einst Menschen gehört hatten. Leichen, unbekannte, von niemand auf der Welt zurückgefordert und beweint. An den Stationen, durch die diese tragischen Züge fuhren, kniete die Bevölkerung vor den Schienen. Witwen, Waisen schluchzten. Fahnen flatterten im Windhauch des vorbeirollenden Zuges. Die ungeheure, pathetische Lüge von der Dankbarkeit der Welt jenen gegenüber, die sich für eine ephemere Gesamtheit opfern, taumelte geschmückt, beflaggt, betränt durch das Land. Aus dieser Feier, die den Molo des Triester Lloyd überflutete, fuhr die »Vienna« hinaus, durch die Bai, nach Süden.

Unten im Zwischendeck lehnte eine kleine Gruppe junger Menschen an der Reling. Es waren etwa zwanzig, und sie sangen, als das Schiff sich vom Damm fortschob. Sie sangen die »Hatikwah«, den Hoffnungsgesang, die Nationalhymne der Juden. Ich ging dann hinunter und gewann Freunde unter ihnen.

Ein junger Bursche wies mir gleich seine Papiere. Neunzehn Jahre alt, Schüler des Rigaer Konservatoriums; er hatte schon in Konzerten gespielt, ein Zeitungsblatt enthielt seine Photographie. Sein Onkel, Besitzer eines Kleidergeschäftes in Chicago, das wöchentlich vierhundert Dollar Gewinn abwarf, eines Hauses und Bankdepots, in dem unter anderem Liberty-Bonds für fünfundzwanzigtausend Dollar lagen, war bei der lettischen Regierung um Ausreise-Erlaubnis für den Jungen nach Amerika eingekommen. (All diese Angaben über Vermögensverhältnisse fordert die amerikanische Einwanderungsbehörde; das Familienmitglied, das man herüberkommen läßt, soll der öffentlichen Wohlfahrtspflege nicht zur Last fallen.) »Ich habe mir meinen Paß geholt,« sagte der Junge, »aber ich fahre nach Erez Israel, nicht nach Amerika.« »Sie werden in keinem Haus mit Lift wohnen, sondern in einem Zelt. Sie werden nicht in schönen amerikanischen Kleidern herumgehn, sondern die Erde umgraben. Sie werden vielleicht krank und müde werden von Fieber und unmäßiger Arbeit. Sie werden sich sehr nach Chicago sehnen!« sagte ich dem Jungen. »Sie werden kaum viel Zeit zum Geigenspiel finden; ihre Hände werden rauh und ungelenk werden, wenn sie erst ein paar Monate lang den Spaten führen oder die Pferde lenken müssen!« »Was soll ich in Amerika? Ich gehe nach Erez Israel.« Es war ein Chaluz.

Schon vor den Klippen Jaffas, wo in der Ferne die Berge Judäas vor dem verschleierten Blick des Einwanderers auftauchen, – weit vor der Küste des Verheißenen Landes, beginnt für die im Zwischendeck das bittre Zion.

Es war, dort unten in unserem Schiff, nur eine kleine Gruppe, etwa zwanzig junge Männer und Frauen. Ich hörte dann, es seien in Triest von den Leuten, die mit der »Vienna« abfahren sollten, etwa achtzig zurückgehalten worden. »Quarantäne«. Dieser Begriff, diese Maßregel dient einer Methode, einer Politik, die ihren Ursprung in ganz anderen Gebieten als der Hygiene hat! Ein großes Schiff, die »Carniolia«, war vom Lloyd vor Monaten bereits für den Massentransport palästinischer Einwanderer ausgebaut, das heißt umgebaut worden, – ein Wink der englischen Regierung unterbrach (nach dem Maipogrom in Jaffa) diese Vorbereitungen. Die Gefahr der Einschleppung von Seuchen durch ostjüdische Chaluzim ist ein Vorwand. In Wirklichkeit will die englische Regierung die Einwanderung großer Massen von Juden nach Palästina unterbinden. Es sollen auch nicht zu viele aus dem bolschewisierten Osten nach Palästina kommen. Darum schert man den Zwischendeckern das Haar. Hält sie in den Häfen zurück. Befördert sie in vergitterten Wagen von einer Desinfektionsbaracke in die andre. Desinfiziert ihre Habseligkeiten zuweilen so gründlich, daß diese sich in ihre chemischen Bestandteile auflösen. Läßt wohl auch den Kranken im Spital von Alexandrien oder Port Said zum Skelett abmagern, von levantinischen Hafenhalunken wie Sudanneger schikanieren. – Die Behörden kennen tausend Mittel, die Einwanderung zu zügeln, den Einwanderer abzuschrecken.

Die zionistische Exekutive, die Kommission der Zionisten im Ausland wie in Palästina kennt diese Methoden gar wohl. Kämpft wohl auch gegen sie an.

Indes: ich weiß nicht, ob sie ihr gar so unwillkommen sind.

Ungerufen, ungemeldet strömen durch Häfen Italiens, der Levante, des Schwarzen Meeres Einwanderer nach Palästina. Die meisten quälen, hausieren sich schon bis zum nächsten Ziele, der Hafenstadt, wo ihr Schiff wartet, durch, kommen mittellos in Jaffa an. Nur für einen geringen Bruchteil haben wohlhabende Verwandte das Überfahrtsgeld bezahlt. Schon die Ausschiffungssteuer von wenigen Piastern für den neu Eingetroffenen muß in Jaffa, in Haiffa von der zionistischen Kommission an die Bootsleute entrichtet werden. Der Chaluz, die Chaluza findet in den leeren Taschen keinen Piaster mehr. Eine Kopfsteuer von einem Pfund ägyptischer Währung wird von der englischen Regierung für jeden Einwanderer erhoben. Diese Verfügung (sie wurde ebenfalls nach dem Maipogrom erlassen) dient angeblich zur Beruhigung der einheimischen arabischen Bevölkerung. Die Juden sollen selber die Kosten ihres Unterhalts bestreiten, der arabische Steuerzahler wird für den Eindringling nicht in Kontribution gesetzt werden!

Die zionistische Kommission bedrückt schwere Sorge. Sie lebt von der Hand in den Mund. Lauert auf die Post aus Amerika. Auf den Scheck. Das Geld für die Ausbootung, für die Landungsgebühr, für jedes Zelt, in dem der Einwanderer provisorisch untergebracht ist, für jeden Bissen, den er ißt, für jeden Schuh, jeden Spaten, jeden Nagel im Haus, jeden Fußbreit Landes, das gekauft, jeden Fußbreit, der kolonisiert werden soll, – für alles, alles, alles muß das Geld aus den Ländern der gültigen Valuta kommen, das heißt also: aus Amerika. Der Osten Europas stellt nur die Menschen bei.

Woher die Kopfsteuer nehmen für die Zwischendecker im Schiff, das am Horizont auftaucht? Woher die täglichen zwölf Piaster für Nahrung und Unterkunft der Ankömmlinge? Wenn das Geld aus Amerika ausbleibt, rennt die Kommission mit vor Angst gesträubtem Haar durch die Bureaus. Arbeitslosigkeit droht. Im November langten zwölfhundert Neue in Jaffa und Haiffa an.

Am liebsten möchte die Kommission – sie gesteht es nicht ein, aber es ist kein Geheimnis, es sickert durch – am liebsten möchte die Kommission der Zionisten zusammen mit der englischen Regierung und mit den wilden arabischen Nationalisten: »Stop! Stop Immigration!!« rufen, eine Hand aufheben nach allen Hafenplätzen der Erde: »Kommt nicht herüber! Wir haben kein Geld für euch, daher auch keine Arbeit. Bleibt – aus Idealismus! – wo ihr seid. Wir wissen nicht, was wir mit euch beginnen sollen. Wartet ab. Sonst kommt die Katastrophe. Wir sehen sie nahen. Manche meinen, sie sei schon über uns.« Und mit erhobener Stimme: »Wollt ihr, daß wir schließlich den Industriekapitalismus hereinlassen sollen, um Arbeit für euch zu finden? wollt ihr, die ihr im Galuth Proletarier gewesen seid, Ausgebeutete im Heiligen Lande werden? Stop!«

Aber die Einwanderung läßt sich nicht stoppen. Durch tausend Kanäle, tausend Filter von Gegenmaßnahmen, Quarantäne, Krankheit, Hunger, Gefahr und Qualen strömen und strömen, wild und begeistert, die Scharen der jungen Juden, jungen Jüdinnen ins Land Israel.

Aus Polen wandern nach beglaubigten statistischen Aufzeichnungen monatlich dreißigtausend Juden aus.

Besonders unter den amerikanischen Juden, die ja zum überwiegenden Teil aus Osteuropa stammen, wird der Ruf laut: wo bleiben diese Dreißigtausend? warum könnt ihr (das heißt die zionistische Organisation) nicht fünfzig-, nicht hunderttausend nach Palästina bringen, in Palästina unterbringen?

Man kann zwischen dem Auswanderungsbedürfnis der jüdischen Massen aus den Ländern des Galuth und der Notwendigkeit der Einwanderung jüdischer Massen, der Besetzung Palästinas mit diesen Massen gegenwärtig kein richtiges Verhältnis herstellen. Die jüdische Einwanderung in Palästina ist nicht nur Notwendigkeit des Weltjudentums, sondern Notwendigkeit des Landes Palästina selbst. Die heimische Bevölkerung der Araber sieht diese Notwendigkeit wohl ein, – sie bringt es ja selber nicht fertig, das verwüstete Land wieder aufzubauen, aufzuforsten – auch die englische Regierung hat keine Veranlassung, diese Notwendigkeit zu verneinen. Vor allen anderen Klagen und Anklagen klingt der zionistischen Kommission diese ins Ohr: warum versteht ihr es nicht, trotz Behörden, Gegenmaßnahmen, dem steigenden Drang derer aus dem Osten Europas nach Zion Rechnung zu tragen, – wo ja die Notwendigkeit der Einwanderung erwiesen und auch von Nichtjuden anerkannt ist? Die Zustände Palästinas erteilen die Antwort darauf: Geldnot. In Europa, in Amerika aber ist man andrer Meinung: man behauptet, die zionistische Organisation kranke an inneren Gebrechen. Sie sei in ihrer jetzigen Gestalt nicht existenzberechtigt. Es werde zu viel Geld für kostspielige Amtslokalitäten in den großen Städten des Galuth, viel zu viel für die Gehälter der leitenden Persönlichkeiten, für Propagandareisen und ähnliches vertan, darum rinne die Traufe in Palästina, unter der sich so viele Hände recken, zu spärlich. Der ganze Apparat der zionistischen Organisation müsse auf neuer Grundlage umgeschaffen werden, sonst sei der Zionismus in Gefahr und die Katastrophe unvermeidlich.

Die Katastrophe! Man hat der Möglichkeit ihres Eintreffens in Palästina zu lang ins Auge geschaut. Man sagt dort: Käme sie doch nur! Die Juden der Welt würden sich auf ihre Pflicht besinnen. Wir müßten nicht bei der Ankunft jedes Schiffes vor Grauen über das Morgen erstarren. Wüßte man doch in der Welt, daß wir seit langem mitten im Alp der täglichen Katastrophe leben.

Die Klippen von Jaffa, sie sind keine Metapher; es sind wirkliche Klippen, boshafte, zackige Riffe, die bei rauher See das Landen der Schiffe und das Ausbooten der Passagiere unmöglich machen. Dann muß das Schiff nach Haiffa weiterfahren; oft aber gelingt es erst in Beirut, den Einwanderer an Land zu setzen.

In Haiffa sah ich im Haus der Chaluzim einen neu eingetroffenen Transport junger rumänischer und ukrainischer Arbeiter. Das große Haus war überfüllt. Es gewährte nur dreihundert Aufnahme. Unten im Garten, der mit Palmen und Agaven gar herrlich auf die offne Bucht bis nach Acco und dem blauen Libanon in der Ferne blickt, waren Zelte errichtet, in denen weitere Hundert Platz fanden. Furchtbarer Regenguß hatte den Boden unter diesen Zelten aufgewühlt, Bettzeug, Matratzen, alle Habseligkeiten der Bewohner durchtränkt. Im Speisesaal, einer ehemaligen Kapelle, saßen die jungen Menschen bei Tische. Der erste Gang der Mahlzeit bestand aus Chinin.

Ich ging mit den Herren vom Einwanderungsamt an den Tischen vorüber. Welch wunderbarer Menschenschlag! Kräftig, froh, mutig, geschwellt vom Atem des aufgehenden Abenteuers: Israelland, der Erfüllung des Traumes seit Kindheitstagen, Erwartung der Arbeit, der Muskeln und Seele entgegenglühten.

Glühend auch vom Fieberschauer, den das mörderische Klima über den Europäer verhängt.

Freunde, Genossen, ihr meines Stammes!

Nicht lange, drei, fünf Wochen lang, steht der Chaluz unter Obhut der zionistischen Kommission. Dann muß er weiter für sich sorgen.

In Jaffa, Haiffa, in Jerusalem registriert zugleich mit dem Einwanderungsamt die Histadrut, kooperative Vereinigung und Arbeitsnachweis der Arbeiterparteien, die Ankömmlinge, verteilt sie übers Land an Stellen, in die Gewerbe, die Arbeiter verlangen, in die landwirtschaftlichen, städtischen, in den Straßenbau.

Der Weg, den der Chaluz durchzumachen hat, bis er in die ersehnte landwirtschaftliche Stelle vordringt, ist mitunter ein langwieriger Schmerzensweg, und nicht jeder legt ihn heil an Körper und Seele zurück.

Der Beginn ist zumeist beim Straßenbau, bei der Entwässerung und Trockenlegung von Sümpfen, beim Hausbau, vielen Formen der Bauarbeit, die mit einer Gesamtbezeichnung »Schwarzarbeit«, »tschornaja robota« genannt werden; – aus guten Gründen.

Die schwere Arbeit des Steineklopfens, des Mauerns und Bauens im Sonnenbrand, des Bis-an-die-Knie-im-Sumpf-Stehenmüssens entspricht nicht den Wünschen, aber auch nicht den physischen Bedingungen der jungen Arbeiter und Arbeiterinnen. Es sind Notstandsarbeiten, – sie fallen, soweit es sich um den Straßenbau handelt, nicht dem Säckel der zionistischen Kommission zur Last; die englische Regierung teilt sie aus. Man drapiert wohl diese Not mit der Formel: alle Arbeiten im Lande, die letzte, schwerste, schwärzeste so gut wie die hellste, freudigste, müsse von den Unseren geleistet werden. Keine dürfe abgelehnt werden. Nur so könne das Land restlos erobert werden. Aber es ist immerhin die bare Not, die auf den heißen Straßen die Jungen und die Mädchen ihren Hammer führen läßt. (In Tel-Awiw sah ich einen Studenten der Chemie, der drei mit Sandsäcken beladene Kamele trieb; fröhlich schritt der Chaluz hinter seinen Kamelen drein; es war »weiße« Arbeit.)

Arbeit im Sumpf

Die Kwisch (Straße) zehrt an Muskeln und Nerven des Chaluz, an dem einzigen Gut, das ihm übrig bleibt, wenn die Kommission ihre schützende Hand von ihm zieht: seinem Idealismus, seiner Liebe zum Urväterland. Er arbeitet schließlich nicht mehr aus Liebe zu Erez Israel, sondern um nicht zu hungern oder betteln zu müssen.

Der Weg zum Boden, zur Scholle ist weit, weit. –

In mancher dieser Schwarzarbeitergruppen verbrachte ich denkwürdige Stunden.

An der Straße Haiffa-Jemma liegt eine, nach ihrem bulgarischen Führer benannte, im ganzen Land bekannte Gruppe. In ihr – etwa vierzig junge Männer, drei, vier junge Frauen arbeiten da beisammen – sind viele Nationen Europas, alle Parteien der palästinischen Arbeiterschaft vertreten. Die Gruppe zieht seit Jahren im Lande herum, baut einmal in Galiläa, dann irgendwo im Süden Straßen und Häuser; – die Leute scheinen an dieser Art Arbeit, an der freien Ungebundenheit des Umherziehens Gefallen gefunden zu haben.

So wollten einige, mit denen ich eingehend sprach, von der sonst so innig begehrten Seßhaftigkeit auf Grund und Boden nichts wissen. Lieber von Kwisch zu Kwisch! Sie verdienen vierzig Piaster täglich, eine große Summe, auch für palästinische Begriffe. Für Nahrung und Unterkunft sowie für sonstige Sporteln mußten sie allerdings täglich 20 Piaster an die Organisation abführen; aber es ließ sich leben in der Gruppe.

Manche hatten bandagierte Hände, andere litten unter der Malaria, aber – es war Samstag – man aß gut, hatte sogar den süßen Wein Rischon le-Zions auf den Tischen stehn, unterhielt sich und sang, ehe man zum Fußballspiel hinunter an den Strand ging. Ich traf da auf Genossen, die mir manches Wissenswerte über die Struktur der Arbeit und des Zusammenlebens der Gruppe zu erzählen wußten. (Auf meiner ganzen Reise durch Palästina wurde ich durch meine vorjährige Reise nach Sowjetrußland arg beeinträchtigt; ich mußte mehr berichten, als mir berichtet wurde.) Ende des Jahres sollte die Kwischarbeit aufhören, dann hoffte die Gruppe bei dem Häuserbau in Tiberias oder Jerusalem Verwendung zu finden. Wenn die Kommission bis dahin Geld für diese Bauten haben wird. – –

Auch eine andere, nicht minder mutige und frische Gruppe besuchte ich an einem Sabbatvorabend, am anderen Ende Palästinas, in Bersheba. Sie baute dort die Friedhofsmauer um die Gräber englischer Soldaten. (Bei Bersheba hat Allenby die entscheidende Schlacht gewonnen.) Auch diese jungen Leute schienen mit ihrem Leben einverstanden zu sein und ihre Arbeit zu lieben. Zwar war die Mauer bald beendet, und man wußte nicht, wohin die nächste Arbeit die ganze Gruppe mitsamt ihren Zelten verschlagen werde, ob man beisammen bleiben oder jeder nach einer anderen Richtung gehen werde, – aber der Vorabend war gekommen, man aß, trank (Tee diesmal), rauchte und ließ sich einen Vortrag über Sowjetrußland halten. – Einer von den Fröhlichsten saß plötzlich neben mir und sagte: ›Können Sie uns sagen, was aus uns werden soll? Wir wissen es nicht. Werden wir Arbeit bekommen oder wird man uns verhungern lassen?‹ Drüben sang man. Es klang schön im Zelt beim Friedhof. ›Eines nur wissen wir, jeder von uns: – wir bleiben im Land. Keiner denkt daran, zurückzugehn. Mag kommen, was will.‹ Es war in Bersheba. – In jener anderen Gruppe aber, auf der Straße nach Jemma, setzte sich ein junger Deutscher zu mir, während die anderen tranken und einen lustigen Chorgesang anstimmten. Er setzte sich zu mir, blickte mir in die Augen und sagte: ›Wir singen und haben Wein, und haben auch Arbeit und leben in den Tag hinein. Aber schauen Sie nicht in uns, wie es dort aussieht. Wir sehen nichts vor uns!‹ Bald darauf war die ganze Kwisch auf den Beinen, – denn drunten fuhr der General über ihre unfertige Chaussee; – darüber später!

Chaluzim in Chulda

In einem Sumpf, bei der Kolonie Chulda in den Bergen Judäas, auf dem Weg von Jerusalem nach Jaffa, stieß ich auf junge Ungarn, die dort Betonbauten ausführten. Es waren vierzehn junge Leute aus Budapest, zum Teil Absolventen der bautechnischen Schule, gebildete und intelligente Jungen im Alter von zwanzig bis siebenundzwanzig. Geschlagen schon von der Schwere ihrer Arbeit; Malaria; bandagierte Hände; zerfetzte Kleider, schlammdurchtränkte, undichte Stiefel. Sie klagten, fühlten sich zurückgesetzt, vermuteten, daß man ihnen zu harte Arbeit zugeschanzt habe, weil sie mit den anderen Arbeitern in der Kolonie keine rechte Gemeinschaft hatten, – die sprachen Hebräisch, sie nicht, auch auf Jiddisch konnten sie sich nicht miteinander verständigen, außerdem knauserte man hier mit der Nahrung, wohl, um das Defizit zu verringern; die Ungarn murrten und saßen abseits. Ich stellte die Frage an sie, wie an alle: »Was hat euch herüber geführt? Ihr kommt ja aus dem Lande Hortys, der Mörderdetachements; ihr wißt wohl etwas von Pogromen, Massaker von Menschen und Ideen. Aber seid ihr nur Flüchtlinge oder hat euch noch etwas anderes aus der raffinierten Stadt hieher in die sumpfige Steinwüste getrieben?« Sie gaben zu, daß es ideale Gründe waren, die sie, die intellektuellen, anspruchsvollen jungen Leute, nach Palästina gelenkt hatten. ›Jeder von uns,‹ sagte der Wortführer der Gruppe, ›kommt, von seinem Idealismus getrieben, hieher. Aber schon in Jaffa, sobald der Fuß auf den Boden dieses Landes tritt, – sieht man sich um: wo ist der Idealismus geblieben? Ins Wasser gefallen, vermutlich! Der Kampf ums Dasein hat begonnen. Der schreckliche Kampf mit der Wirklichkeit. Wer nach einem Monat dieses Kampfes noch von seinem Zionsideal faselt, dem lachen wir ins Gesicht: Komödiant!‹ Das sind sicherlich Ausnahmen.

Chaluz-Lager in Judäas Bergen

Eine Tatsache aber will ich vermelden. Sie ist nicht zu unterschlagen. Sie soll gehört werden in der Welt. Wenn in den Bethäusern der Juden der Rabbi im schwarzgestreiften Totenhemd sich über die Gemeinde aufreckt, und die Worte der Anrufung, der Beschwörung ertönen, dann neigen sich in einem Erschauern die Köpfe der Menge, und die Menschen versenken sich in Gott. So müßte, was ich zu sagen habe, mit den Worten anheben, in die Worte ausklingen, die die Formel der Anrufung bilden, einer Beschwörung zugleich der Menschen wie des ewigen Schicksals.

Auf dem Wege zwischen Jaffa und Jerusalem, abseits von der großen Fahrstraße, befindet sich bei der Stadt Ludd, dem alten Lydda, das große zentrale britische Militärlager. Ein Schwarm schottischer Soldaten kam uns entgegen. Sie hatten es sich, nach einer Frühübung in der brennenden Tropensonne, bequem gemacht, ihre blondrote Brust glänzte; sie hatten zwei Dudelsackpfeifer an der Spitze ihres Zuges, die mit vollen Backen »Bonny Dundee« bliesen; die Burschen marschierten fröhlich daher und riefen uns etwas in unser Auto hinein.

Nicht weit aber von dieser Straße war die Stelle, wo, unter Aufsicht bewaffneter britischer Soldaten, ein dunkler Haufe an der Straße arbeitete – so wurde berichtet – ein dunkler Haufe: die berühmte Straßenbaugruppe von Ludd.

Ich hörte von verschiedenen Seiten Näheres über diese Kwisch bei Ludd. Hier arbeiten ägyptische Fellachen zusammen mit unseren Chaluzim. Es ist eine schwierige Arbeit; ist es die Straße, die Luft, Sümpfe? Es kommt dort oft Desertion vor. Die englische Militärbehörde hat nun, um dies Davonlaufen der Fellachen, das den Bau der Straße gefährdet, zu verhindern, eine Abstempelung der Straßenarbeiter angeordnet. (Vor Beginn der Arbeit und während der Ruhepausen müssen diese Leute niederhocken; – damit man sie besser kontrollieren könne, offenbar. Ich sah einmal, auf einem palästinensischen Bahnhof, eine solche Gruppe rastender Fellachen, wie das Vieh hingehockt, es waren etwa sechzig; zwei Tommys rauchten an den beiden Enden der Herde gemächlich ihre Pfeifen, Bajonett auf dem Gewehr.)

Der Stempel wird auf die nackte Schulter gedrückt. Weder Schweiß noch Wasser vermögen ihn abzuwaschen. Monate später noch kann ein Ausreißer an diesem Stempel erkannt und zurückgebracht werden; – ins Gefängnis vermutlich. Da unsere Chaluzim sich zu dieser Arbeit, dieser Notstandsarbeit gemeldet haben, was ist da natürlicher, als daß man auch ihnen den Stempel aufdrückt. Die englische Regierung verwendet den intelligenten Chaluz lieber als den faulen und indolenten Fellachen, – aber der demokratische Grundzug des englischen Charakters – der sich ja im Orient ganz besonders deutlich zeigt! – läßt eine wenn auch nur unwesentliche Nuance in der Behandlung des eingeborenen und des zugewanderten Arbeiters in derselben Gruppe nicht zu.

Chaluzim

Chaluzim

Auf der Straße von Ludd, im berühmten Ludder Kwisch, arbeiten die Unsern mit einem Stempel auf der Schulter. Sie arbeiten, um das Land aufzubauen durch ihre Arbeit, ›um Erez Israel durch unsere Arbeit, jede Arbeit zu erobern.‹ Es ist ja die Heimat der Juden, die Heimat, die ihnen gehört hat vor zweitausend Jahren; das Land, in das Moses nach vierzigjähriger Wüstenwanderung das Volk der Juden geführt hat, hinaus aus Mizraim, der Sklaverei. Sie sind guten Mutes, die Unsern, auf der Landstraße bei Ludd. Sie haben ja Arbeit.

Höre, Israel!

In vielen Kwischim macht sich unter den jungen Arbeitern, den jungen Arbeiterinnen (denn in all diesen Gruppen sind auch junge Mädchen, die dieselben schweren Arbeiten leisten, wie die Männer) steigende Unruhe bemerkbar. Die wenigen Ausnahmen – ich sprach eben von ihnen – abgerechnet, die wenigen jungen Leute abgerechnet, die eine Art Genugtuung an diesem schweren, doch ungebundenen Leben haben, wollen die meisten Kwischarbeiter bald von ihrer gegenwärtigen Beschäftigung befreit werden. Sie fordern Grund und Boden, auf dem sie sich niederlassen, den sie bebauen können. Tausende warten auf den Kwischs, daß man sie ansiedle. Man hat es ihnen versprochen. Viele waren schon in Polen, in der Ukraine Landarbeiter. Viele haben sich auf landwirtschaftlichen Schulen, bei Bauern in Deutschland vorgebildet, eingearbeitet.

Samaria

Samaria

Große, weitgedehnte, wenn auch noch mit Steinen übersäte und nicht genügend entwässerte Strecken Landes, im fruchtbarsten Teil Palästinas, der Jesreel-Ebene, des oberen Jordangebietes, in Saron, in den Bergen Samarias, Judäas hat ja der Jüdische Nationalfonds schon Land angekauft. ›Warum gibt man uns dieses Land nicht?‹ klagen die Ungeduldigen. Jetzt im Herbst zur Regenzeit, wo tagelange wilde Güsse die Arbeit auf den Straßen und in den Sümpfen verhindern, stauen sich Scharen unbeschäftigter Kwischleute, Schwarzarbeiter vor den Türen der zionistischen Kommission, den Bureaus der Arbeiterorganisationen in Jerusalem, Tel-Awiw. Hungrig und rebellisch rufen sie: ›Land! Gebt uns Land! Wir wollen es bebauen! Ihr habt doch genug Land gekauft, warum habt ihr Geld zum Landkauf, das heißt für den Effendi, oder den Patriarchen, dem ihr es abkauft und nicht genug zur Kolonisation, das heißt für uns, uns! Ihr kauft zuviel Land und kolonisiert zu wenig. Es liegt brach, und uns läßt man auf den Straßen Steine klopfen oder hungernd in den Städten lungern. Ihr seid wohl bessere Kaufleute als Kolonisatoren! Das Landkaufen und Feilschen macht euch mehr Spaß als die Sorge um die Kleinarbeit der Kolonisation?‹

Sie wissen wohl nicht, oder nur wenige unter ihnen wissen, daß auch diese großartigen Landkäufe nur mit geringen Anzahlungen, ungenügenden Mitteln durchgeführt sind! Und sie können es von den mit ihnen vor den Türen antichambrierenden Delegierten aller möglichen kleinen und großen, nahen und entlegenen Siedlungen erfahren, wie schwer es ist, aus der Kommission die nötigsten, für drängende Arbeit erforderlichen Summen herauszulocken. Wie wertvolle Arbeitskraft wochenlang bei solchem Harren und Bangen in Jerusalem, in Tel-Awiw brach liegt, wie der erzwungene Aufenthalt der Delegierten in den Städten, die teure Eisenbahnfahrt, an dem schmalen Säckel der notleidenden Siedlungen zehrt! – –

Ich sprach in Jerusalem mit Ussischkin, dem obersten Mann der zionistischen Exekutive in Palästina, über die Unruhe unter den Chaluzim, auf den Kwischim, bei der »schwarzen Arbeit«. Ein Mann von bedeutender Klugheit, unbeschränkter Energie; zäh und in seine Aufgabe verbissen, die er verteidigt und durchführen wird bis ans bittere Ende. Auf dem Kongreß von Karlsbad, vor wenigen Wochen erst hatte die Exekutive ihre Politik mit diesen Worten definiert: Wir müssen so viel Chaluzim wie möglich nach Palästina bringen und ansiedeln, damit wir ein Gegengewicht gegen die arabische Übermacht haben. (Von den siebenhunderttausend Einwohnern Palästinas sind nur siebzigtausend Juden!) Jetzt strömen die Scharen der Einwanderer ins Land – nun, es ist kein Strom, wir kennen die Gründe! – aber die, die nun einmal hier sind, erfahren, daß man Land kauft und kauft, – und dabei müssen sie in Jaffa, in Jerusalem lungern, wenn sie sich nicht in Schwarzarbeit verzehren. Natürlich schreien diese erschöpften oder erbitterten Menschen: ›Euer Landkauf ist Bluff! Wozu so viel Land, wenn ihr zu wenig Geld für seine Bebauung habt?‹

Der kühle und besonnene Mann der Exekutive antwortet darauf: ›Diese Wünsche können nicht berücksichtigt werden. Vorwürfe dieser Art treffen uns nicht. Kaufen wir heute kein Land, so entgeht uns eine günstige Gelegenheit. Der Effendi, der Klerus treibt die Preise in die Höhe und wir können morgen zusehen, auf welche Weise wir hier Fuß fassen. Wir müssen alles, was wir haben, aufwenden, um Land zu kaufen. Ohne Landbesitz ist der Zionismus eine Seifenblase. Wir sind keine Rattenfänger. Niemandem gaukeln wir verführerische Spiegelungen von Dingen vor, die es nicht gibt. Jeder, der hier noch Steine klopfen muß, um zu leben, ist für die Ansiedlung vorgemerkt. Die Älteren stehen obenan in der Liste, die zuletzt Angekommenen müssen Geduld üben. Verliert einer Geduld und Mut und Nerven, so kann ihn dieses Land nicht brauchen. Wir kämpfen. Man muß einsehen, daß wir unser Bestes leisten.‹

Der Chaluz aber, dessen Arbeit auf der Kwisch aufgehört hat, zieht seine Stiefel aus, packt seine paar Bücher, die er mit nach Palästina gebracht hat, in sein zweites Hemd, – falls er noch etwas der Art besitzt, schwingt Schuh und Buch und Hemd auf den Buckel und marschiert barfuß und mit leerem Magen über selbstgefertigte Straßen nach Jerusalem oder Jaffa, um zu sehen, wie er sein Leben weiterfristet.

»Ich bin a armer Chaluz
Chaluzl aus Poilen,
Ich loif af Stiefelach,
Stiefelach ohn Soilen!«

Das Schwergewicht dieses Buches, all dessen, was ich über Palästina auszusagen habe, liegt in diesen Verhältnissen, dem Wesen, den Lebensmöglichkeiten und den Lebensbedingungen der Chaluzim. Ich versuchte, zu erkunden, und ich versuche, zu schildern, wie es mit ihrer Arbeit, ihren Arbeitstheorien bestellt ist; wie es in ihren Herzen, in ihrem Verstand aussieht; was sie für Palästina, für die Juden der Welt, was sie für die Menschheit und die Zukunft der Menschheit bedeuten. Alles, was ich zu sagen habe, ruht in diesem Gebiet: Chaluz. Es ist die eine, die zentrale, die alles andere übertönende Frage des Zionismus. Es ist aber auch eines der bedeutungsvollsten Probleme der großen, allgemeinen, sozial-religiösen Bewegung dieser Zeit. Chaluz bedeutet Pionier. Es ist vielleicht nicht der Boden Palästinas allein, den dieser Pionier bereitet.

Die Parteien der jüdischen Arbeiter in der Diaspora finden ihre Fortsetzung, besser gesagt, ihre Verwurzelung in den sozialistischen Vereinigungen der palästinensischen Arbeiterschaft.

Dem rechten Flügel der »Poale Zion« (»Arbeiter Zions«) entspricht in Palästina – ungefähr – die »Achduth Haawoda« (»Vereinigung der Arbeit«). Der aus den Diasporaparteien »Hapoel Hazair« (»Vereinigung der jungen Arbeiter«) und »Zeire Zion« (»Jung-Zion«) gebildeten gemeinschaftlichen Organisation der »Hitachduth« entspricht in Palästina – ungefähr – die um einige Grade radikalere »Hapoel Hazair«. Dem linken, ausgesprochen kommunistischen Flügel der »Poale Zion«, Wiener Richtung, der jetzt um Aufnahme in die dritte Internationale nachgesucht hat, entspricht in Palästina die (nach den Maipogromen) von der englischen Regierung verfolgte, dezimierte, im Lande nur mehr illegal arbeitende Partei der »Boruchows« (sie ist nach dem Gründer der Welt-Poale Zion, dem bedeutenden russischen Theoretiker des Sozialismus und Hebraisten benannt), die auch nach den Anfangsbuchstaben ihres offiziellen Namens »Miphleget Poalim Zionistim Iwriim« mit etwas verächtlicher Betonung die »Mopsi« genannt wird.

Wenn ich bei dieser letzteren Partei nicht mehr zu sagen brauche, daß sie ihrer europäischen Organisation »ungefähr« entspreche, so bedeutet das: sie hat ein ganz klar umzirkeltes Programm, nämlich Moskau; und auch: daß all die anderen palästinensischen Parteien, durch die geographische Distanz (aber nicht allein durch sie), in der sie sich zu den Diaspora-Organisationen befinden, von diesen wesentlich abweichen.

Die »Boruchows« (ihre Zahl ist eine numerisch äußerst geringe) lehnen im Prinzip jegliches Mitwirken an öffentlichen, an Regierungsarbeiten ab. Sie bekennen sich hierdurch aktiv wie durch passiven Widerstand zum Kampf gegen die englische Macht, die, wie Moskau betont, aus Palästina eine englische Kolonie zu formen bestrebt ist. Wenn die »Boruchows« sich trotzdem bei Arbeiten der bekämpften Art betätigen, so tun sie es aus der Erwägung, daß Zellen geschaffen und eine gemeinschaftliche Organisation jüdischer und arabischer Arbeiter versucht werden muß. Beim Bahnbau in Haiffa hatten sie bei diesem Beginnen einen ausgesprochenen Fehlschlag zu verzeichnen. Auf solch primitive Art läßt sich die Erfassung des vollkommen unentwickelten Arabers nicht durchführen. Die »Boruchows« betonen ferner: daß man den Industriekapitalismus ja wohl nach Palästina hereinlassen müsse, und zwar in seiner extremsten, »amerikanischsten« Form, damit definitive Verproletarisierung des jüdischen Arbeiters im Heiligen Land ihn auf das Niveau und in engste Gemeinschaft mit dem niederen, ausgebeuteten arabischen Landproletarier herabdrücke. Dann, meinen die »Boruchows«, und nur dann werde eine organisatorische Vereinigung des jüdischen Einwanderers und der eingeborenen – jetzt noch feindseligen – Landbevölkerung zu erzielen sein. Sonst, meinen sie, – und ich muß sagen, mit vollem Recht! – sei vom Standpunkt des konsequenten Marxismus betrachtet, das Problem »Palästina« unlösbar. Sie sehen nüchterner und klarer als alle anderen die Katastrophe, die ökonomische wie die des Rassen-Zusammenstoßes, über das Land hereinbrechen, falls diese letzte Phase, die Kapitalisierung Palästinas, gegen die sich heute das Gefühl auflehnt, nicht bald eintritt. Die »Boruchows« beurteilen die Lage des heutigen Palästina sehr pessimistisch. Aus dem, was sie die Krise des palästinischen Zionismus nennen, sehen sie keinen Ausweg. Aber sie geben dem Willen Ausdruck: trotz aller Aussichtslosigkeit sei die Gesamtarbeit in Palästina mit allen Mitteln aufrecht zu halten; – denn es gäbe kein Zurück!

Ich komme nun auf das »Ungefähr« der anderen Parteien Palästinas zu sprechen.

Die Arbeiterparteien haben in Palästina ein ganz anderes Aussehen als in der Diaspora. Man wäre versucht zu sagen: Palästina verträgt gar kein Parteiwesen. Die Parteien Palästinas entsprechen gar nicht der Wirklichkeit. Sie sind lediglich atavistische Erinnerungen an die Zerklüftung der westlichen Menschheit, in der Alten Welt, die im Zersetzungsprozeß dahinschwindet. Fragt man nach der spezifischen Richtung, dem Programm dieser oder jener Partei, nach der Distanz, in der sie sich von der Nachbarpartei rechts oder links befindet, so erhält man ungenügenden Aufschluß. Im Grunde verschwimmen die Konturen der palästinischen Parteien; einzelne Persönlichkeiten, Führer von Gruppen färben und bestimmen das Wesen der Parteien viel deutlicher, als aus Europa geholte oder übernommene Programme. Es verhält sich so: daß hier im Urväterlande sich eine Arbeiterschar zusammengefunden hat, die in einer überpersönlichen Gemeinschaft die verwilderte Heimat und in ihr die Zukunft aufbauen will. Das Licht über Zion hebt die Abschattungen der Partei auf, – es erscheint bei aller Differenzierung der Tendenzen und Persönlichkeiten eine geeinte Phalanx von Arbeitern an Zion.

Darum könnte ich mir heute, in Tel-Awiw oder Jerusalem, wohl irgendwelche Verzweiflungsausbrüche von Chaluzim vorstellen, – aber keinen Streik. Darum gibt es in der palästinischen Landwirtschaft keinen Achtstundentag. Darum würde ich, obzwar in Palästina Menschen von höchster Intelligenz beisammen sind, Rebellen gegen jede Vermechanisierung des Arbeitsprozesses, das heißt des werktätigen Individuums, – der Einführung des Taylorsystems ohne Warnung beistimmen. Denn diesen Arbeitern ist ja um ihre Idee, ihre Illusion Erez Israel zu tun. (Nun, die mitgebrachte russische, die angestammte Ghetto-Indolenz, Trägheit der »breiten Natur«, Nachgeben der Nerven, fügt der Arbeit Palästinas, auch ohne aktive Sabotage, genug Schaden zu.)

Russisch ist aber auch, daß es in Palästina letzten Endes so viele Parteien gibt wie Arbeiter. Jeder hat seine Theorie der Arbeit, seiner eigenen, der seiner Gruppe, der der Gesamtheit. Im Galuth legte er die heiligen Bücher aus, in Palästina Marx.

Palästina befindet sich, ich wiederhole es, noch im Stadium des Experimentes. Für das Experiment bietet die Arbeit den ergiebigsten Boden. Vor allem aber die Kolonisationsarbeit.

Ich bin in etwa zwanzig Siedlungen, Arbeitergruppen, Kolonien Palästinas herumgekommen; habe das Land, den Boden der Ebenen und der Berge in seinem wüsten Urzustand, im Stadium der ersten Vorbereitungen zur Bebauung und auch in jenem der Reife und des Triumphs gesehen.

An zwanzig Orten habe ich Menschen im Schweiße ihrer Stirnen härteste körperliche Arbeit verrichten sehen, – aber der Fluch des verlorenen Paradieses lastete mit nichten auf dieser Arbeit; – denn ich habe diese selben Menschen wenige Tage nachher, auf dem Landarbeiter-Kongreß in Haiffa, ihre Arbeitsmethoden, Theorien, Entdeckungen mit voller Energie und hinreißender Kraft der Überzeugung vortragen und verteidigen gehört.

Und da sich in Palästina jede Arbeitsmethode in der Formation der Gemeinschaft, die die Arbeit ausführt, widerspiegelt, diese jene, jene diese entscheidend beeinflußt, – weiß ich nun, wie über Palästina, auch etwas genauer, als ich es wußte, ehe ich den Menschen Palästinas begegnet bin, über den Sinn dieser Zeit Bescheid.

Die soziale und kolonisatorische Bewegung der jungen Arbeiter verfolgt heute zwei Richtungen:

die eine strebt auf gemeinsam bewirtschaftetem Gebiet die große Kwuzah (Gruppe), das heißt, die große Gemeinschaft an,

die andere, die der Moschaw Awdim (Arbeitersiedlung), das engere und innige Zusammenwirken kleiner Familiengruppen, von denen jede ihr Stück Land selbständig bewirtschaftet.

Die große, kooperative Gemeinschaft vereinigt unter kommunistischen Prinzipien alle Berufsgattungen in zentralisierter Form zu gemeinsamer Produktion und Konsum,

die Siedlungsgenossenschaft, die mehr auf Privateigentum basiert, erinnert in ihrer Methode des Zusammenwirkens kleiner Gemeinschaften stellenweise, man könnte sagen, an das utopische Ideal der anarchistischen Föderation auf großem Gebiet frei beisammenlebender Nachbargruppen.

Dies wäre auch so zu formulieren: im heutigen Palästina wollen sich zwei Arten von Landwirtschaft durchsetzen,

die extensive der großen Kooperative

und die intensive, die allein die kleine Gruppe durchführen kann.

Für die letztere spricht vieles. Praktische Erwägungen. Manche wichtige Pflanzenart, die Durra, der Sesam, deren Anbau bisher vernachlässigt worden ist, Gemüsearten, insbesondere die Aubergine, ein bekömmliches Nahrungsmittel, gedeihen nur bei intensiver Wirtschaft. Kleinviehzucht, Bienen und Raupenzucht erfordern den Kleinbetrieb. Auch ist die Regelung der Arbeit bei solcher Art von Landbewirtschaftung leichter, da Sommer- wie Winterarbeit ungefähr die gleiche Zahl von Arbeitern erfordert. Während bei extensiver Wirtschaft die Erntezeit Zuziehung von Hilfsarbeitern nötig macht, bleiben im Winter viele von den vereinigten Arbeitern der Kwuzah unbeschäftigt.

Für die große Gemeinschaft aber spricht, mit der Notwendigkeit der Bebauung und Bepflanzung ausgedehnter Gebiete, vor allem der Geist dieser Zeit, der die Menschheit vom Privateigentum zum Sozialismus, von der kleinen Familiengruppe zur großen Kooperative führt, in der das Eigentum des Einzelnen in das der Allgemeinheit aufgegangen ist.

Die Arbeitersiedlung findet ihre Anhänger hauptsächlich unter den älteren Arbeitern Palästinas, vor allem unter den verheirateten. Die jungen Einwanderer und Einwanderinnen der Nachkriegszeit aber sind begeisterte Bejaher der großen Kwuzah, der kommunistischen Gemeinschaft.

Der Geist dieser Zeit hat ja den jungen Chaluz aus der Alten Welt, in der er das Scheitern der hergebrachten Wirtschaftssysteme miterlebt hat, nach Palästina gebracht. Wie sollte er daran denken, die verendende Welt hierher in die neue herüber zu pflanzen? Er läßt sich daher auch zu keiner Art von Wirtschaft zwingen, benutzen oder mißbrauchen, die seinen sozialen Prinzipien widerspricht. Er opfert sich gern für das Land, in dem er seiner Gesinnung gemäß leben kann. Die Zionistische Kommission ist klug genug, den Chaluz gewähren zu lassen. Dem Fortschritt feindlich Gesonnene murren: die Kommission sei ja merkwürdig scharf links gerichtet. Aber jeder, der die Verhältnisse kennt, weiß: die Arbeitswilligkeit, die Freude an seiner Arbeit, der Opfersinn des Chaluz ist der einzige Posten auf der Haben-Seite der palästinischen Wirtschaft dieser Tage.

Die Zionistische Kommission hat der großen Kwuzah wie der Moschaw Awdim auf dem Boden des jüdischen Nationalfonds große Gebiete zur Durchführung ihrer Pläne überlassen. Beide befinden sich in der fruchtbaren Jesreel-Ebene Nieder-Galiläas; sie heißen Nurriss und Mallul.

Die großen sozialen Experimente Palästinas werden auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds unternommen. Die Kommunisten der Kwuzah wie die Siedler Malluls leben von dem, was ihnen die Zionistische Kommission aus den amerikanischen Sammlungen zuweist. Jede Art Arbeit, das für den Ankauf von Inventar nötige Geld, die Kredite für die Bewirtschaftung des Bodens, die gesamte Existenz der Arbeiter und ihrer Organisationen, Wohl und Wehe des jüdischen Palästinas fließt aus freiwilligen Spenden philanthropisch gesinnter Zionisten in der Diaspora; nur zum kleinsten Teil aus Beiträgen der jüdischen Arbeiterparteien der Weltorganisation.

Das ist das merkwürdige, zweideutige, beunruhigende Problem des palästinischen Sozialismus!

Es erhebt sich vor dem aufrichtigen und zu Ende denkenden Sozialisten, der sich diesem Problem gegenüber sieht, die Gewissensfrage: darfst du zu solcher Art Sozialismus »Ja« sagen, für sie deine Stimme erheben? oder wäre es nicht besser, jene Quelle privater Wohltätigkeit versiegte, und das jüdische Palästina verdorrte in der Katastrophe, die die einen fürchten, die anderen herbeisehnen? Haben die Genossen mit ihrem »Es gibt kein Zurück!« recht, oder gibt es heute noch ein Zurück?

Am stärksten interessiert den Sozialisten, der sich in Palästina umsieht, das neuartige überraschende Gebilde der »Gduth Haawoda«, der Arbeitsarmee.

Das ist eine radikale Formation, nach russischem Muster aufgebaut und von rein kommunistischen Grundsätzen bestimmt; zugleich eine Arbeiter- und militärische Organisation, die ihre Mitglieder unter strengen Bedingungen äußerer und innerer Disziplin zur Arbeit und zum Selbstschutz unter Waffen anhält.

Die Idee zur Gduth entstammt dem russisch-jüdischen Legionär Josef Trumpeldor, dem Märtyrer der jungen palästinischen Kolonisation, der vor zwei Jahren bei der Verteidigung der kleinen obergaliläischen Niederlassung Tel-Chai gegen marodierende Beduinen gefallen ist. Aus russischen Gefängnissen führte ihn die Revolution in die Freiheit. Er kämpfte als Kapitän im englischen »Zion Mulecorps« an vielen Fronten und zog mit Allenby in Jerusalem ein. Ich habe sein Bild in ganz Palästina gesehen. In Zelten, Baracken, Steinhäusern, neben denen Weizmanns, des Präsidenten, und Herzls, des Schöpfers der Zionistischen Weltorganisation, – an Orten, wo Arbeiter lebten und sich versammelten; öfter, als die der beiden anderen.

Das geistige Haupt, Führer und Apostel der heutigen Gduth ist der junge russische Jude Jehuda Kopelewitsch, Freund und Genosse, auch Kerkergenosse Trumpeldors.

Die Gduth – Kern der »großen Kwuzah« von Nurriss – arbeitet in disziplinierten Bataillonen auf dem Lande, das ihr vom Jüdischen Nationalfonds zur Verfügung gestellt wird; sie übernimmt auch die Straßenarbeit, die ihr von der englischen Regierung, die Entwässerungs-, Bau- und Pflanzungsarbeiten, die ihr von der Kommission wie von den Kolonisten zugewiesen werden. Ihr Grundsatz ist, und sie hofft ihn in Nurriss durchführen zu können, daß die Gemeinschaft alles in eigenen Werkstätten zu produzieren hat, was für ihren Bedarf notwendig ist, – vorerst Kleider und Schuhe, später landwirtschaftliche Geräte usw. Wie die Einkünfte aus der gemeinsamen Arbeit, sind auch die Ausgaben zentralisiert. Die Gduth entsendet die Genossen, die sich ihr angeschlossen haben, zu jeder Art von Arbeit, nach Maßgabe der Notwendigkeit der Arbeit und des Interesses der Genossen. Auch Araber nimmt die Gduth auf, falls diese mit den Grundprinzipien der Organisation einverstanden sind und sich der Disziplin fügen wollen. Nach Ablauf eines Probemonats erteilt der geschäftsführende Ausschuß die Genehmigung der Aufnahme des Genossen, der Genossin in die örtliche Gruppe, der sie angehören. Diese verstreuten Ortsgruppen entsenden Delegierte in die Zentrale, die aus sich den geschäftsführenden Ausschuß wählt. Die Zentrale teilt nicht nur die Arbeit an die Mitglieder aus, sondern »befriedigt auch die Kulturbedürfnisse, deren ihre Mitglieder im Lebenskampfe bedürfen«. Sie sorgt für Bibliothek, Vorträge, Unterricht, Kinoaufführungen usw. Bei mangelhaften Erträgnissen örtlicher Gruppen steht dem zentralen Rat das Recht zu, solche Gruppen aufzulösen und unter die anderen Gruppen der Organisation zu verteilen. Jedes Mitglied der Gduth hat sich im Waffendienst für die Verteidigung der Gemeinschaft auszubilden und zu vervollkommnen. In dem Fragebogen, den der Aufzunehmende ausfüllt, steht neben der Rubrik: in welchem landwirtschaftlichen Berufe, Gewerbe oder Kunstzweig der Genosse in der Heimat gearbeitet habe, diese: bei welcher Waffengattung oder Sanitätsdienst er oder sie gedient habe?

In dieser Form – von der Arbeit für die Gemeinschaft zum (wie ich ausführen werde, sehr nötigen) Waffenschutz dieser Arbeit und dieser Gemeinschaft übergehend – will die Gduth eine ethische Form des Militarismus schaffen.

Die Gduth – an ihrer Spitze steht außer Kopelewitsch der anerkannte Organisator von Nurriss, der Ukrainer Lefkowitsch – verfügt schon heute über eine große Mitgliederzahl, und ihr Ansehen unter den jungen Arbeitern befestigt sich von Tag zu Tag. Sie wird durch das Beispiel ihrer Arbeit und ihrer sittlichen Auffassung des Problems der »großen Gruppe« die Arbeiterorganisationen Palästinas sicherlich beeinflussen. Man sagte mir, daß sie bereits eine Vereinheitlichung aller Arbeitstarife in Palästina erzielt habe. Für uns Nichtpalästiner ist sie wichtig, weil sie, an dem entgegengesetzten Ende anhebend, gleiche Ziele verfolgt wie die »Arbeitsarmee« Trotzkis, die von der Demobilisierung stehender Kampfformationen des Roten Heeres ihre Bataillone bezieht. Ob die Zentralisierung in radikalster Form in Palästina berechtigt und befähigt ist, die Gesamtarbeit des Landes zu lenken, darüber muß die Zukunft entscheiden. Daß dieser Wille zur Zentralisierung sich (wie in Rußland) selber ad absurdum führen kann, bewies auf dem Kongreß von Haiffa ein Antrag des Delegierten Bin Gorion (eines Mannes von unbestreitbar interessanten Einfällen, doch mit unangenehmem »Kommissär«-Beigeschmack), der von jedem in der Gduth Organisierten bedingungslose Unterwerfung unter die Verfügungen der Zentrale, eine Art Mizraim mit Tarifen, forderte. Über diese wilde Zumutung ging der Kongreß ohne Debatte zur Tagesordnung über.

Immerhin kann man in Palästina hitzige Übertreibungen an sich gesunder Theorien oft beobachten. Die Kommission hätte solchen Fällen gegenüber einen schweren Stand; – es erweist sich aber, daß die Notwendigkeiten des Lebens, Einsicht in die gegebenen Verhältnisse des Landes und der in den Menschen selber begründeten Bedingungen der Entwicklung die jungen Heißsporne oft zur Nachgiebigkeit bestimmen. Die Kommission und die junge Arbeiterschaft kommen sich sozusagen auf halbem Wege entgegen, und die Arbeit wird gefördert. Im Grunde handelt es sich ja um diese Arbeit allein.

Gespräch zwischen Kopelewitsch und mir, vor dem Landwirtschaftlichen Museum in Jerusalem.

Ich: »Was seid ihr für Kommunisten?! Wie die alten Chalukkaleute hier in den Bethäusern ihr Leben aus Spenden frommer Wohltäter fristen, – wie die alten Kolonisten anno dazumal ihren Unterhalt aus den Fonds der französischen »Alliances«, des Deutschen Hilfsvereins, aus den Millionen des Barons Rothschild usw. zogen, – so baut ihr euren Kommunismus auf den Beiträgen auf, die amerikanische Kapitalisten einer im Grunde gutbürgerlichen Organisation, der Zionistischen Kommission, überweisen. Chalukka-Kommunisten!! Der Kommunismus expropriiert in anderen Ländern den Kapitalismus, den er dort vorfindet. Ihr expropriiert kleinweise den amerikanischen Kapitalisten, je nach dem Posteinlauf; die Gutmütigkeit oder das »Wir wollen nicht wissen, was mit unserem Geld geschieht!« des amerikanischen Zionisten.«

Kopelewitsch: »Der Kapitalismus muß uns die Möglichkeit schaffen, daß wir kommunistisch leben können.«

Das Jüdische Landwirtschaftsmuseum in Jerusalem, eine Schöpfung des Leiters der Zionistischen Kolonisationsarbeit, Jakob Ettinger, zeigt in mustergültiger Übersichtlichkeit und Vollendung neben den Gesteins- und Tierarten des Landes Proben von allem, was dem steinigen Boden Palästinas abgerungen werden kann: Korn, Obst, Baum.

Die Schrift, die Legende, aber auch der Chronist Flavius Josephus, berichten von den herrlichen Wäldern, Gärten, wogenden Feldern und üppigen Wiesen des Landes. Wo sind sie geblieben? Wo Kanaan, Mamre, der Eichenforst des heiligen Tabor?

Der heilige Tabor

Der heilige Tabor, einst dicht bewaldet

Stein, Fels, Sumpf; hier und dort wild ein Fleck Unterholz, zarte Wurzeln von Ziegenherden zernagt und vernichtet; ein paar Olivenbäume in Gruppen; von hohen stacheligen Kaktushecken umgebene Baumpflanzungen, Getreidevierecke arabischer Bauern; und im Lande verstreut, auf Bergen, in Ebenen, Oasen, vereinzelt grüne Landstriche, Eukalyptushaine, Orangen, Bananen, Traubengärten jüdischer Siedler und Kolonisten.

Auf der Reise nach Jaffa bestieg ich in Port-Said das kleine Schiff »Merano« des Triester Lloyd. Wir blieben anderthalb Tage liegen, weil wir Bretter zu laden hatten. Auf den Brettern waren die Worte »Orangenkisten für Jaffa« zu lesen. Das Holz kam aus Österreich. Es gibt also in Palästina keinen Wald. Das Holz für Orangenkisten muß die Steiermark liefern!

Der Boden hat aber auch keine Kohle, kein Öl, kein Eisen. Ja sogar die Steine taugen an Orten, wo man sie zum Bauen gut brauchen könnte, nicht viel. In Tel-Awiw am Strand entsteht eine Silikat-Ziegelfabrik. Der Stein um Jaffa ist zu porös.

In die Kolonien, die seit vierzig Jahren und darüber bestehen, muß Gefrierfleisch aus Australien, müssen Eier, Butter, Reis, Kartoffeln, ja Tomaten (aus Ägypten) eingeführt werden. (Dafür findet man, in Kairo in Alexandrien, eine Tagereise von den Orangengärten Jaffas bei Obsthändlern Apfelsinen aus Kalifornien und Florida.)

Was produzieren denn diese alten Kolonien, die vierzigjährigen? In den Kellereien des Barons Rothschild, in Rischon-le-Zion, ruht der schwere süße Wein Palästinas. Die Ausfuhr stockt; – Amerika ist »trocken«, das ägyptische Pfund, die Währung des Landes, steht hoch, die Welt ist arm.

Der Jude deckt auf dem Land, in den Städten seinen Bedarf an Lebensmitteln zumeist beim arabischen Krämer, im Bazar. Aber der Araber kauft nicht beim Juden.

Der Araber ist überhaupt bedürfnislos. In Tennen trampelt er das Korn aus den Halmen, mahlt es in Mühlen, wie die es war, an deren Rad gebunden Simson neben dem Ochsen im Kreise lief. Seine Nahrung sind flache Fladen, Melonen und Kaffee. Seine Zelte sind grobe Matten auf Stangen, sein Trinkgefäß enthaarter Ziegenbalg. Lebt er in Dörfern, so sind seine Hütten aus Lehm, und wenn es zwei Tage hintereinander geregnet hat, so schmilzt solch ein Dorf zu einer Kotlache nieder. Das Klima löst die Wohnungsfrage des Arabers auf die einfachste Weise, – kaum dreißig Tage im Jahr ist der Aufenthalt unter schützendem Dach Notwendigkeit.

Ein Dutzend Effendis, das heißt wohlhabende eingesessene Familien besitzen das Land, das der Nationalfonds für die Kolonisation braucht. Der Effendi läßt von seinem verelendeten Pächter oder Arbeiter nur einen geringfügigen Bruchteil seines Bodens bearbeiten, der Rest liegt brach. Verkauft er sein Land, so fährt der Effendi nach Kairo, wenn möglich ohne seine Weiber, und sieht dort gute Tage.

Hartnäckige Arbeit vermag aus dem Boden alles zu ziehen, was große Menschenmassen im Lande für ihre Nahrung, Kleidung, alle Erfordernisse ihres leiblichen Lebens bedürfen. In manch einer von den zwanzig Siedlungen, die ich in Judäas Gebirge, im Alluvialgebiet im nahen Transjordan, südlich des Genezarethsees, in der Jesreel-Ebene besucht habe, sprossen schon wieder die Bäume, keimt das Getreide, reifen die Früchte des sagenhaften, versunkenen Kanaan.

Die jüdische Landwirtschaft Palästinas muß vor allem trachten, die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung im Lande zu decken.

Ich begleitete Jakob Ettinger auf einer Inspektionsreise durch die Siedlungen Galiläas. Agronom und Sozialist; Kenner des Bodens und der Menschen; Berater nicht nur, sondern Freund der Arbeiter, die ihm vertrauen und denen er hilft. Menschen einer wunderbar reinen und vollwertigen Art begegnet man in Palästina; ich habe manch einen in der zionistischen Kommission angetroffen; ihre Tätigkeit löst die zuweilen beklemmende Unstimmigkeit auf, die sich bei der Gegenüberstellung: Chaluz – Exekutive einstellt.

Ettinger hatte den speziellen Auftrag, Siedlungen, deren Ertrag den Erwartungen der Kommission nicht entsprach, auf ihren Strukturfehler zu untersuchen; sie durch technische Hilfsmittel zu sanieren; im ärgsten Falle aufzulösen und den Siedlern diese Notwendigkeit verständlich zu machen. Wir kamen in Siedlungen, in denen gemischte Farmarbeit, Pflanzung und Viehzucht eingeführt werden sollte. Hier gab es oft tief in das private Leben der Siedler einschneidende Fragen zu erörtern, – Frauen mußten zugezogen werden, die sich auf Gemüsebau und Kleinvieh verstanden; den Siedlern mußte nahegelegt werden, daß Familiengründung zur Stabilisierung der kleinen Niederlassung vonnöten sei, weil das Kommen und Gehen der ledigen Genossen, die hier nur kurze Zeit arbeiteten und es dann anderswo versuchten, die Farm um jede Möglichkeit der Entwicklung brachte. In anderen Siedlungen war die persönliche Sicherheit der kleinen Zahl Arbeiter, auf weiter wilder Öde, durch Beduinenstämme in den umliegenden Bergen gefährdet, – solche Siedlungen mußten verstärkt oder verlegt werden; oft war solche Maßregel auch aus Gründen der Intensivierung der Arbeit durch die größere Arbeiterzahl nötig. Bei Erörterungen dieser Art ging’s nicht ohne Herzbrechen ab. Unser Weg führte aber auch in Siedlungen, in denen es lediglich Bericht, Wünsche und Vorschläge der Siedler entgegenzunehmen galt.

Wiederholt hielten wir uns in den beiden berühmten Siedlungen Kinereth und Degania auf, die in vielfacher Beziehung für das gesamte Siedlungsproblem Palästinas charakteristisch sind. –

Degania wurde vor zwölf Jahren von der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft auf Jordantal-Boden gegründet und an eine Arbeitergenossenschaft abgegeben, die dort nach ausgesprochen kommunistischem Prinzip lebt und arbeitet, mit Erfolg arbeitet und in mustergültiger Harmonie lebt. Sie ist bereits seit mehreren Jahren imstande, die Hälfte ihres Reingewinns an den Nationalfonds zurückzuzahlen, und amortisiert auf diese Weise die in Land, Häuser und Geräte gesteckten Summen der Kommission. Die Bodenfläche dieser Siedlung beträgt etwas über dreitausend Dunam (der Dunam = gleich neunhundert Quadratmeter).

Deganias Erfolg hat die Kommission zum Ankauf eines weiteren großen Landstriches in der Jordanebene veranlaßt, so daß sich dort, in meilenweiten Abständen von der ursprünglichen, jetzt Degania Aleph genannten Siedlung, die kleineren Farmen Degania Beth und Degania Gimmel gebildet haben.

Der Jordan

Der Jordan

Degania Aleph besitzt ein steinernes Haus, große Stallungen, schönen parkartigen Garten, in dem Orangen und Mandelbäume blühen. Wo ehemals Sumpf war, um die Siedlung herum, erhebt sich jetzt ein gewaltiger Eukalyptushain; über den Jordanarm, der aus dem Genezarethsee an der Siedlung vorüberfließt, bauen die Arbeiter Deganias jetzt eine Brücke. In dieser gut bewirtschafteten und gedeihenden Siedlung von etwa fünfzig Arbeitern (darunter fünf Familien, – es gibt auch einen Kindergarten von sechs, in Degania geborenen Kleinen) hat sich eine so innige Gesinnungs- und Arbeitsgemeinschaft ausgebildet, daß das sozialreligiöse Prinzip des Kommunismus gleichsam aus dem Boden gewachsen, wie ein starker Baum Menschen und Raum überschattet. Die glückliche Harmonie der meist jüngeren Leute fördert die ökonomischen Bedingungen. Die Arbeiter sind in ihrer Arbeitsteilung aufeinander abgestimmt, Abwanderung findet nur selten statt, und der Ruf der Gruppe bewirkt, daß sich Zuwachs aus den besten und tüchtigsten Elementen der palästinischen Arbeiterschaft einfindet.

Indes birgt dieser Idealzustand eine nicht zu unterschätzende Gefahr in sich. Der Umstand, daß man durch seine Arbeit imstande war, eine »Ehrenschuld« gegenüber der Kommission abzutragen, ist schon ein Hebel privatkapitalistischen Ehrgeizes, der die Siedlung über andere hinauf hebt und sie von der im großen ganzen schwer ringenden und mit Verlusten arbeitenden Mehrzahl der jüdischen Siedlungen des Landes abtrennt. Man darf sagen, daß sich in Siedlungen, die sich selbst erhalten, ohne Defizit arbeiten, sehr bald eine peinlich individualistische Auffassung des Problems der Gesamtheit und des Besitzes an eigenem Boden einstellen kann. Widersprüche dieser spezifisch palästinischen Art (Kommunismus der kleinen Gruppe mit privatkapitalistischem Einschlag) begegnet man heute oft; es ist das Prinzip Mallul; es zu bekämpfen wird Nurriss aufgerichtet, strebt die Gduth, die Armee der Arbeit an.

In Degania Gimmel, eine halbe Stunde Autofahrt von Aleph, haben sich zwölf junge Menschen niedergelassen. Der wiederholte Besuch dieser kleinen Siedlung in der weiten Einöde des Transjordantals wird mir, das weiß ich, lange in Erinnerung bleiben.

Diese zwölf jungen Menschen – Ukrainer und Russen, darunter vier Frauen – haben das riesige Gebiet ihrer Siedlung selbständig bearbeitet, beackert, bepflanzt. Die Freude an dem Zusammensein, der gemeinschaftlichen Arbeit und Verantwortung prägte sich schon in der Sauberkeit und Wohnlichkeit ihrer kleinen primitiven Holzhütten aus, in denen ihre Schlafräume sich befanden, der Schuppen für Geräte, der Speise- und Leseraum, darin unsere Beratung vor sich ging. Von den zwölf kamen nur sechs, vier Männer, zwei Frauen, zu uns herein, die anderen blieben draußen bei ihrer Arbeit, obzwar der Tag schon sank, obzwar sie wußten, daß der Besuch Ettingers ihre vitalsten Interessen betraf. Wir wurden mit Tee und Kuchen bewirtet. Während die Verhandlungen begannen, sah ich mich in der kleinen Baracke um. Ich fand eine kleine Bibliothek, deren Zusammensetzung charakteristisch genug war, – ich habe in vielen Hütten und Zelten ungefähr dieselbe feststellen können: hebräische Bücher, mitgebrachte, zumeist über Landwirtschaft, Chemie; Übersetzungen moderner Skandinavier, Originale von Achad Haam, deutsche: die psychoanalytischen Schriften von Freud; ein Band Nietzsche, ein Band Tagore. Freud und Marx – der eiserne Bestand der Chaluz-Bibliothek! Sehr oft Bücher und Broschüren von Hans Blüher. (Viele deutsche und österreichische Chaluzim, aus der Wandervogel-, der freien deutschen, der Blauweiß-Bewegung, erkundigten sich bei mir nach Blüher, seinen neuen Schriften, seinen Wandlungen, Anwandlungen.)

Draußen um die kleine Siedlung zog sich, nach allen Regeln der Kunst und unter Aufsicht englischer Offiziere verfertigt, ein Schützengraben. Die jungen Menschen von Degania Gimmel wußten nur zu gut, welche Gefahr sie zu jeder Stunde des Tages, in der sie hinter ihrem Pflug, der Nacht, in der sie mit dem Gewehr auf dem Rücken um ihre Hütten herumgingen, bedrohte. Die Araberstämme in den Bergen des Transjordan! Und sie waren zwölf. Aber sie widerstanden. Widersetzten sich. Sie wollten nicht aufgelöst, nicht mit dem größeren Degania Beth vereint werden, sie wollten bei ihrer Erde bleiben, die sie, hier draußen, weit weg von den anderen, brauchte. Sie bearbeiteten ihr Stück, ein großes, weites Stück Landes, das sehr viel Pflege erforderte, sie hafteten solidarisch für ihr Stück Land. Brachte man sie weg, verfiel es. Hier, in der Einöde, waren sie zu Hause. In der Nachbarschaft jener Bergstämme. Seit einem Jahr schon verteidigten sie, mit Pflug und Gewehr, das Land, das ihnen zur Bebauung überlassen worden war, ihres. Ein föderalistisches Zusammenarbeiten mit Beth und Aleph war durch den Zusammenhang der drei Deganioth gegeben. Aber sie wollten Wege und Methoden finden, um ihre Arbeit zu intensivieren, stärker und konsequenter zu gestalten, um ihre kleine Gemeinschaft, so wie sie war, aufrecht zu erhalten, um nicht in eine andere, fremde Gruppe aufgehen zu müssen.

Hier sah ich die Verwurzelung des jungen Chaluz mit dem Boden der Urväter. Hier erlebte ich es an einem rührenden Beispiel, welche Art Selbständigkeit der Boden, die Idee, der Glaube in diesen aus dem Exil Stammenden, Verfolgten, Bedrückten, Heimatlosen entwickelt hatte. Kreuzfahrer – Puritaner, vom Felsen Plymouths ausgegangen, um in der Wildnis, von feindlichen Stämmen umlauert, ein Gottesreich durch Arbeit aufzurichten – aber diese da – keine Zeloten, Kinder des Friedens, keine starrköpfigen, verbohrten Sektierer, sondern von herrlichem Frohsinn erfüllte Söhne, Töchter eines neuen Zeitalters. Opfer bringen sie dar, mit jedem Atemzuge, jedem neuen Morgen, der sie noch leben sieht in der gefährdeten Einöde. Opfer bringend: harte Arbeit, Entbehrung, körperliche Not und Niederbrechen, von herrlicher Zuversicht erfüllt, bauen sie den Altar des Dritten Tempels auf den Ebenen Erez Israels.

Viele frohe, glückliche Menschen leben, jung, stark, unter der Sonne der alten steinigen Heimat. Ich sah mir diese jungen, arbeitenden Menschen an, die, um unseren Tisch sitzend, mit dem Leiter ihrer Arbeit, ihrem Freund ernst und ruhig, aber im Innersten aufgewühlt, über die tiefsten wichtigsten Fragen ihres Stück Landes, ihrer Arbeit, ihrer Existenz sprachen. Es waren die reinsten, schönsten jungen Menschen, die ich in meinem Leben gesehen habe.

Terrassenbau

Terrassenbau, Judäa

Hoch auf dem Berge, auf einem mit Mühe dem Felsgeröll abgerungenen Plateau über der Siedlung Kinereth, am Südwestende des Genezarethsees, leben fünfundzwanzig junge Arbeiter und Arbeiterinnen. Vom Sturmwind umbraust, der aus der tiefen Schlucht des Jordantales, von den Bergen Gileads herüberfliegt, bauen sie dort Terrassen aus Steinen, die sie aus dem Boden heben, herbeischleppen, aufeinandertürmen, als Schutzmauern für Öl- und Mandelbäume, Trauben und Feigenbäume, die sie dort pflanzen werden. Seit acht Monaten leben sie in windverwehten Baracken, kämpfen mit Stein und Wind und den Widerständen des schwer ergründlichen tückischen Bodens um Ertrag und Erfolg ihrer Arbeit. Auch diese war eine frohe und glückliche Gruppe. Sie war dort oben vom Sumpffieber verschont, erfrischt von Wind und Kühle, ihres Lebens froh. Instruktoren sollten hierher, gemischte Farmwirtschaft, neue Siedler, die die Kolonie ausbauen, festigen. Berg-Kinereth war mit allem einverstanden. –

Kinereth

Kinereth

Aber unten, im alten Kinereth, der weitberühmten alten Siedlung Galiläas, der ältesten am Genezarethsee, blickten wir in betrübte Gesichter.

Diese Kolonie will nicht recht gedeihen. Der Bodenbesitz Kinereths umfaßt sechsthalbtausend Dunam, es stehen steinerne Häuser da, ringsum sind große, ertragreiche Gemüseplantagen angelegt, hier war auch die Lehrfarm für Mädchen eingerichtet gewesen, der Hof mit Stallungen gibt Möglichkeit zur gemischten Farmarbeit unter den günstigsten Bedingungen, – aber es ist ein Kommen und Gehen in dieser Kolonie, eine Unrast und Mangel an Zusammenhalt, der die Arbeit hemmt und zuweilen ganz unterbricht. Sind es intime Momente der Unvereinbarkeit der Temperamente und Charaktere, die diese Kolonie zum Sorgenkind Palästinas machen? Viele von den ersten Ansiedlern sind tot, die neuen können zusammen mit den alten, eingesessenen, die Form, die innere Form des Zusammenhaltes nicht herstellen, die allein alles Äußere, alle äußeren ökonomischen Formen der Existenz beeinflußt und bestimmt. Solche tragischen Unstimmigkeiten vernichten oft alle günstigen Vorbedingungen, heben jede Möglichkeit der Sanierung durch äußere Mittel und Methoden auf. Ernsteste Arbeit wird vertan, der Boden mag hergeben, was und soviel er kann, die Siedlung verdorrt. Es ist, als hätte jede Gruppe, jede dieser Kolonien ihren Schutzgeist oder Dämon. Die tüchtigsten, zum Opfer willigsten und fähigsten Menschen werden an Orten wie diesem schwach, matt, werfen bald die Flinte ins Korn, nicht selten das Leben von sich. Die Entbehrungen, die die Arbeit dem Einzelnen auferlegt, werden nicht freudig getragen, weil jeder sich einzeln von ihnen belastet fühlt; die Frage reckt sich hoch: – ob die Gemeinschaft diese Last rechtfertigt? Viele junge Menschen fliehen aus solchen Gemeinschaften zurück in das Land des Exils, woher sie kamen, verderben dort. Die Übriggebliebenen aber bedrückt Verzweiflung. –

Auf meinen Fahrten durch die Kolonien und Siedlungen Palästinas bin ich mancher Tragödie dieser Art begegnet. Es sind lebende und sehr wache und empfindliche Menschen, die das heutige Palästina an der Arbeit sieht. Ihre Schicksale sind oft schwer zu lenken. Es bedarf der ganzen, vollen Menschlichkeit und Klugheit von Männern wie Ettinger und der Aufbauer Palästinas, Dr. Arthur Ruppin, um hier Rat und Hilfe zu wissen. –

Im benachbarten, glücklichen Degania lebt und dichtet der alte Arbeiter Gordon, verdienter Patriarch der Chaluzbewegung. Hat er an das Schicksal jener Kolonie drüben am Ufer des Sees Galiläas gedacht, als er, nach einem ukrainischen Lied, dieses neu dichtete –

»Auf dem Pripjetschick
Brennt a Feierl,
Un dos Herz is kalt –
Weil die Alten sennen
Toiten schon lang –
Un die Jungen alt. –«

Oft hörte ich die melancholische Weise, an Freitagabenden, an Samstagabenden, in Zelten und Baracken singen. An vielen Orten, von jungen Arbeitern, jungen Mädchen, frischen Stimmen und auch müden. –

All diese Kolonien, Siedlungen, neue und alte, stehen unter fortgesetzter Kontrolle der Kommission. Das hat seine Vorzüge und Nachteile.

In den Niederlassungen, sowohl kommunistischer Art wie in denen, wo mehr privatkapitalistische Initiative vorherrscht, weiß der Arbeiter und Siedler, daß für Defizite die Kommission mit ihren Mitteln aufkommt.

Dies kann Demoralisation zwiefacher Art erzeugen.

Wozu die Anstrengung? Die Kommission gleicht den Verlust aus! –

Aber auch das Gegenteil mag eintreten. Eine Gruppe mag trotz jahrelanger Anstrengung fortgesetzt mit Verlust arbeiten, weil sie verhältnismäßig große Summen für nicht direkt produktive Arbeit ausgeben muß, Sumpfentwässerung, Pflanzung junger Bäume, die erst in vier bis fünf Jahren Früchte tragen werden, – vornehmlich aber darum, weil sie für dringende Anschaffungen von der mit Geldnot kämpfenden Kommission nur ungenügende Summen erhält und dadurch bei wichtigsten Arbeiten behindert ist. Dann tritt, durch Einsicht der Fruchtlosigkeit aller Bemühungen, leicht Müdigkeit ein, Indolenz, Gehenlassen, hol’s der Teufel, und die Wirtschaft ginge zugrunde, griffe die Kommission nicht mit rettender Hand ein.

(Hierher gehört ja auch das Antichambrieren der Genossen, das wochenlang Auf-Geld-Warten vor dem Tor der Kommission in Jerusalem. Das Knausern am falschen Ort und auch überstürzte Hast bei der Ansiedlung von Arbeiterfamilien an ungenügend entwässerten Sümpfen. Die Siedlung, in der ich die Ungarn traf, war zwölf Jahre alt, der Sumpf immer noch nicht reguliert. In Chedera mußten drei Generationen von Kolonisten an Malaria sterben. Statt die Entwässerung sumpfiger Stellen großzügig, auf ersten Anhieb, zu bewerkstelligen, führt man sie langsam, jahrelang, während dort schon gepflanzt und gebaut wird, durch, sehr zum Schaden von Leben und Energien, – ein Fehler der Organisation, über den ich manche Klage anhörte.)

Andererseits aber – kam ich mit Doktor Ruppin und Ettinger eines Tages in eine kleine Siedlung, nahe beim Meer, südlich von Jaffa. Wir traten in das Haus des Wortführers der Siedler ein, ein nettes Haus, mit einem gut gehaltenen Hühnerhof, den die Frau bewirtschaftete und der sich sehen lassen konnte. Der Hausherr – er wohnte und arbeitete seit zehn Jahren dort, hatte das ihm zugewiesene Stück Land erfolgreich bebaut, schickte seine Kinder in die Schule, ins nahe Rischon-le-Zion – der Hausherr rückte bald mit einer Bitte heraus: die Kommission möge ihm zwei Kühe kaufen, er wolle seine Wirtschaft vergrößern. Es drängt sich nun die Frage auf: wo in aller Welt ist es noch Brauch, daß ein Bauer, der an die zehn Jahre auf seinem Stück Boden haust und es zu Wohlstand gebracht hat, sich an eine Kommission wendet, um sich von ihr Kühe schenken zu lassen? Kann er selber keine Kühe kaufen oder auch durch eine Kreditgenossenschaft beschaffen, so hat er eben ohne Kühe weiter zu wirtschaften.

In der jüdischen Stadt Tel-Awiw aber erzählte mir jemand eine gute Geschichte von einem reich gewordenen Hausbesitzer, der an Mieten monatlich sechzig Pfund einnahm, aber, wenn eine Fensterscheibe in seinem Hause eingesetzt werden mußte, ins Bureau des Barons Rothschild lief, um sich die Scheibe »vom Baron« schenken zu lassen. Er hatte vor vierzig Jahren sein kleines Anwesen, mit dem er anfing, aus den Wohltätigkeitsorganisationen »des Barons« empfangen, und die Gepflogenheit des Schnorrens war ihm geblieben. –

Auf dem Landarbeiterkongreß in Haiffa, dessen ich schon Erwähnung tat, bildete der Übergang von der Subvention zur Anleihe einen der Hauptpunkte der Besprechungen. Auch von einer Arbeiterbank war die Rede, die, unabhängig von der zionistischen Kommission Darlehen vermitteln würde. Die wirtschaftliche Sicherung der Arbeit in Palästina soll also in eine neue Phase eintreten. –

Auf diesem Kongreß war viel von der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft, der kollektiven Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber der Erde die Rede. Es fiel das Wort von den »Sklaven der Erde«! Aber es erwies sich, daß die Erde, die zu bebauen, zu erneuern man ins Land gekommen war, all diese Intelligenzen der hart arbeitenden Menschen beschwingt und befruchtet hatte. Die enge Verbundenheit des Zionpilgers mit dem geliebten Heimatboden gebar seltsam schöne Seelenblüten. Oft waren die Reden von Pathos getragen, die Gebundenheit an gegebene Möglichkeiten und die Nöte des Tags vergessen, schwärmerische Pläne mit aus der Erfahrung geschöpften Theorien verquickt; man wußte nicht recht, zum Schaden oder zum Nutzen der praktischen Durchführbarkeit beider; Weltanschauungen prallten aneinander, begegneten sich, bekämpften sich in der Region der Ideen, hoch über der nüchternen Wirklichkeit.

So war’s mit den Weltanschauungen: Mallul und Nurriss – der Moschaw Awdim und der Gduth Haawodah.

Indes, beide haben schon sichtbaren Niederschlag gezeitigt, sind Wirklichkeit geworden, wenn auch nur noch Umrisse von lebenden, lebensfähigen Gebilden.

Auf unserer Fahrt durch die Ebene Jesreel hielten wir uns in einem Zeltlager auf, das den Namen Mallul führte, und verweilten in einem anderen, dieses war Nurriss.

Nur ein paar Worte zu Mallul. In dieser Siedlung, deren geistiger Führer Elieser Joffe ist, sind vorläufig achtzig Familien in Zelten untergebracht. Jede dieser Familien will hundert Dunam Landes zur selbständigen Bebauung haben, soll aber vorerst nur fünfzig erhalten. Die restlichen fünfzig nach dem Verlaufe von fünf Jahren, wenn es sich erwiesen haben wird, daß eine Familie imstande ist, ein Gebiet von über fünfzig Dunam ertragreich zu bewirtschaften. Bei der Ansiedlung dieser Leute soll der Fehler vermieden werden, den die Jüdische Kolonisationsgesellschaft seinerzeit begangen hat, als sie den Siedlern zu viel Boden zuwies, woraus Vergeudung der Kräfte, aber auch Verfall und Brachliegen des Landes sich ergab. Die Siedler von Mallul, zum Teil ältere Leute, sind Pächter des Nationalfondsbodens und haben jährlich vom Anzahlungspreis dieses Bodens zwei Prozent an den Nationalfonds gemeinschaftlich abzugeben.

Der Boden ist für die Bebauung günstig, die Ebene aber an dieser Stelle von Fieber heimgesucht, – Frauen und Kinder der Siedler mußten ins hochgelegene Nazareth überführt werden.

Nurriss liegt tiefer südöstlich in der Ebene Jesreel, in der Nähe der Station Affule der Haiffa-Damaskus-Bahn. Alte Namen steigen auf, – es ist die Ebene des Armageddon, der völkermordenden Schlacht; Sunem verbirgt sich in den Ausläufern des Gilboagebirges, das zu Basan gehört, dem Fürstentum Ogs. Hier entspringt aus tiefer Felsengrotte die Goliathquelle, ihr Wasser zieht sich in regellos sumpfigem Gelände durch das ganze Gebiet Nurriss.

Sechs Reihen Zelte erheben sich vor der Goliathquelle; hundertundzwanzig Menschen leben dort, aber es sollen sich ihnen bald weitere dreihundert zugesellen, – Leute der Gduth, ungefähr sechzig Familien, eine Gruppe der »Haschomer Hazair«, der »jungen Wächter Palästinas«, und die berühmte kommunistische Kwuzah deutscher und tschecho-slowakischer Intellektueller aus Chefzibah bei Chederah.

Die Hundertzwanzig – nur wenige unter ihnen haben das dreißigste Jahr hinter sich – Männer und Frauen, Russen, Deutsche, Arbeiter und ehemalige Studenten, auch ein Christ ist da, ein alter Zimmermann – leben erst seit kurzem in der jungen Niederlassung. Sie kennen sich zum Teil noch gar nicht, die Gemeinschaft, die unter ihnen besteht, ist vorerst eine rein prinzipielle. Nur wenige sind verheiratet, – jene sechzig Familien, von denen ich sprach, sollen drüben, auf den Hügeln jenseits der Bahnstraße angesiedelt werden, dort ist der Boden gesünder. Zwischen der Goliathquelle und jenen fernen Hügeln erstreckt sich das Gebiet Nurriss, ein weites, unabsehbares Feld, von Bergen gesäumt.

An der Quelle waschen junge Mädchen die Wäsche der Hundertzwanzig. In modischen Schuhen und engen Röcken, die noch aus Lodz, Odessa, München herübergebracht wurden, trippeln sie über die spitzen Steine, knien an trocknen Stellen nieder und bearbeiten die Hemden und Hosen mit breiten Klöppeln. Im Bach, der aus der Grotte fließt und sich zum Sumpf verbreitet, an den Rändern des regellosen Wasserlaufs, auf der Kwisch, die von den Zelten zum Bahndamm führen soll, stehen, bis an den Gürtel nackt, junge Männer mit Spaten, die glänzende Haut bronzen gebeizt von der prallen Sonne. Vorn, in der Nähe des Sumpfes, schaufeln Frauen große Steinblöcke aus dem Boden, Fußbreit um Fußbreit, jäten zähes Unkraut, sammeln Stein und Kraut in Körbe, die sie dann fortschleppen. Ich spreche ein junges Mädchen an, das mit einem solchen schweren Korb sich zu schaffen macht. Sie ist Wienerin, Studentin der Philosophie. Weit, am Ende des Feldes, bei der Bahn, fährt ein Gasolinmotor amerikanischen Ursprungs, ein Dampfpflug, langsam über den entsteinten, schwarzen, fruchtbaren Boden. In der Siedlung, höre ich, arbeitet ein junges Mädchen, Mitglied jenes Newyorker Klubs junger Jüdinnen, der den Pflug gespendet hat. Als das Geld beisammen, und der Pflug gekauft war, hatte man eine Halle in der Vorstadt Bronx gemietet, den Pflug, mit Girlanden schön geschmückt, in die Mitte der Halle gestellt und rings um ihn tanzte der Klub Foxtrott. Jetzt rattert der Gefeierte schwer und weithin hörbar über das Feld. Das Wiedersehen, sagte man mir, soll rührend gewesen sein.

Ein riesenhafter junger Kerl sitzt auf dem Bock, und hinter dem Traktor bäumt sich die Erde in mächtigen Schollen. Weit weg, so weit, daß man ihn nicht sehen kann, aber noch auf Nurrissgebiet, arbeitet ein zweiter Traktor. In wenigen Tagen wird die Arbeit beendet sein. Die Mädchen auf den steinbesäten Wiesen, die Jungen im Sumpf, arbeiten mit angespannten Muskeln.

Ein Auto kommt über die Wiesen heran. Ihm entsteigen drei junge Leute mit Gewehren. Es ist der Selbstschutz, den die verstreuten Siedler der Jesreel-Ebene gemeinschaftlich unterhalten. Das Auto fährt von Siedlung zu Siedlung. Es verbindet die entlegenen miteinander; sie fühlen sich beschützt und in guter Hut. Aber es gibt noch andre Beschützer der Siedlungen.

Ein Cowboy, wunderbarer brauner Junge, in Khakihemd, Rauhreiterhut, Lederhosen, macht seine Runde um Nurriss, auf prächtigem Pferd. Er galoppiert an uns vorbei. Grüßt. Wir lachen ihm zu: »Schalom!« Er hat ein gutes Gewehr geschultert, einen Patronengürtel um die Brust geschnallt. Sein Gaul ist von edlem Geblüt, der Junge läßt ihm die Zügel. Im Hui ist er dort oben, auf dem Hügel über der Goliathquelle, wo die Steinhäuser der ausquartierten Araber stehn. Als man das Land vom Effendi gekauft hat, erwarb man zugleich, am anderen Ende des Emek, neues Land für die arabischen Arbeiter, die Nurriss jetzt verlassen mußten. Sie werden es an ihrem neuen Wohn- und Arbeitsort viel besser haben, als an dem alten; finden dort gutes Land, das sie zu günstigen Bedingungen zu eigen erhalten sollen.

Vor ihren Häusern, die sie bald verlassen werden, sitzen ein paar arabische Arbeiter, im Burnus, rauchen und schauen auf das Leben hinunter, das sich am Fuße des Hügels, um die Quelle, vor den Zelten und auf dem sumpfdurchzogenen Feld abrollt. Mit silbernen Armreifen um die braunen Gelenke, blau tätowiertem Kinn, die Augen von Kholstreifen umrändert, stehen ihre Frauen bei ihnen. Das Land gehört jetzt den Juden. Sie stehen und sitzen da, bunt gekleidet, regungslos. Sie blicken hinunter auf die Schar von weiß und hellgelb gekleideten jungen Menschen, die dort, im Sonnenbrand, über die weite Ebene verstreut arbeiten; Steine zerhauen, schleppen, (der Araber pflügt um den Stein herum); den alten Sumpf zuschütten; eine Straße bauen; Unkraut jäten; in den Zelten aus- und eingehen, wo Nähmaschinen rattern, Schreibmaschinen klappern, wo gehämmert, gekocht, geplättet wird.

Bunt gekleidet und stumm blicken die Araber und ihre Frauen hinunter auf die von unbegreiflichem Leben und unbegreiflichen Menschen erfüllte Ebene.

Langsam und bedächtig reitet der junge Cowboy mit seinem Gewehr und seinen Patronen um den Raum der schweigsamen Arabergruppe herum. Gewehr, Reiter und Pferd sind im Sonnenglanz in eins gewachsen. Es ist der Schomer, der Wächter, ein Nachkomme jener Schar, die dort unten von der Goliathquelle, unter Josuas Befehl, ausging, das Land zu erobern, die Philister zu besiegen, vor Jahrtausenden. An dieser Quelle hat Josua die Probe über seine Krieger verhängt: vor dem Marsch ließ er sie aus der Quelle trinken. Wer wie ein Hund das Wasser mit der Zunge aufleckte, wurde aus der Schar gestoßen. Nur die mit vollem Mund schlürften, durften dem Heer weiter angehören.

Langsam und bedächtig reitet der junge Schomer an den Arabern vorüber, gibt dann seinem Pferd die Sporen und jagt hinunter zu den Zelten.

Rings um die Zelte zieht sich ein tiefer Schützengraben. Er ist tiefer und kunstvoller gebaut als jener um Degania Gimmel. Der Schützengraben um Nurriss hat Laufgräben und Verbindungsgräben. Ein Huhn kann nicht über ihn hinüberhüpfen, er ist breit und tief. An einer Stelle ist, mannstief in die Erde gegraben und mit Sandsäcken bombensicher geschützt und gedeckt, ein Lazarett. Ich springe in den Graben, öffne die Tür des Raums: vier sauber hergerichtete, gebrauchsfertige Betten, mit schneeweißen Überzügen, ein Schrank mit Verbandzeug. – –

Die Hundertzwanzig gehören der Gduth an. Sie wissen alle gut mit der Waffe umzugehen, Viele von ihnen haben im Weltkrieg gekämpft. Auch in der jüdischen Legion, an den Dardanellen, am Suezkanal, in Palästina, mit Trumpeldor, zuletzt bei der Verteidigung der jüdischen Kolonien, vor Jahren in Galiläa, in diesem Frühling in Jaffa, bei Chederah, bei Petach-Tikwah, vor Wochen noch in Jerusalem.

Auch die »Haschomer Hazair« und die Chefzibahleute, die beiden politisch radikalsten Gruppen Palästinas, sind handfeste Burschen. Man will diesen starken und enthusiastischen jungen Menschen, deren Opfermut erprobt ist, die von der Malaria am ärgsten bedrohte, von den aggressiven Araberstämmen der Hügel ringsum am leichtesten zu überrumpelnde Gefahrzone von Nurriss als Wohnort anweisen.

Sie werden Nurriss verteidigen. Sie werden nicht angreifen, aber sie sind auch keine Pazifisten, keine freiwilligen Märtyrer. Sie sind waffenkundige Schützer ihres Landes, ihrer Gemeinschaft. Sie verteidigen nicht nur ihr eignes, sie verteidigen auch das Leben ihrer Idee. Ihr Anführer ist ein tartarischer Bergjude. Seit langem Siedler und Polizist im Emek. Mit Revolver und Peitsche im Gürtel geht er zwischen den Zelten und dem Hügel der Araber auf und ab. Die Araber wissen, wer er ist. Sie blicken zu ihm hinunter, er zu ihnen hinauf. Sie kennen einander. –

Dies ist Nurriss, die Heimat der jüdischen Arbeitsarmee.

Vor dem Krieg gab es in Rußland, in der Nähe von Poltawa, Jekaterinoslaw, Cherson, Odessa, Homel jüdische Ackerbauerkolonien, Dörfer mit rein jüdischer, Landwirtschaft treibender Bevölkerung. Trotz unerhörter Bedrängnis und Verfolgung durch eine depravierte Regierung, durch die korrupte Beamtenschaft, hielten sich, ja gediehen diese Siedlungen. Im Krieg wurden sie zerstört.

Viele Chaluzim stammen aus solchen russischen Kolonien, sind Ackerbauer gewesen, ehe sie nach Palästina kamen. Andre waren Gärtner, Schmiede, Tischler, Mechaniker, Schneider und Mützenmacher; kleine Händler, Buchhalter, Drucker, Uhrmacher. Dann gibt es Lehrer unter ihnen, Ärzte, Schriftsteller, Musiker, sehr viele Studenten. Aus allen großen Städten Deutschlands, Österreichs, der Tschechoslowakei, aus tausend Winkeln kleiner Städte und Dörfer Osteuropas, des Balkans. Sie alle, Bauern, Arbeiter, Intellektuelle, hat derselbe Trieb zusammengeführt – zur alten Heimat, aber mehr, weniger bewußt, auch der Trieb, Abgetanes, Erledigtes, die Schmach der bankrotten Zivilisation mit einem einzigen Ruck endgültig hinter sich zu werfen. Aus Verrottung, Halbheit, Lüge wollten sie heraus und vorwärts schreiten in das Land, das aufgebaut werden sollte um den Preis maßloser Opfer. Wie das Land, das kulturell um viele Jahrtausende hinter der heutigen Welt zurückgeblieben ist, vollen Einsatz der Persönlichkeit beansprucht, so auch die Form der Gemeinschaft, der diese jungen Menschen, Bauern, Arbeiter, Intellektuelle zustreben, die die Form der heutigen Gemeinschaft weit hinter sich läßt.

Viele meinen, sie folgten dem Glauben ihrer Väter. Viele auch, – der Glaube an ferne kommende Geschlechter sei es, der sie nach Palästina führe. An Utopie glauben manche. Alle an Reinheit ihres Willens, ihres Opfers.

Aber es liegt ein Irrtum, ein tiefer Fehler der Struktur auf dem Grunde dessen, was heute in Palästina geschieht.

Die jungen Intellektuellen, Arbeiter, Bauern, aus den Ländern des Ostens und des Westens, sie leben heute in Palästina, in engstem Beisammensein und -arbeiten das Leben des Proletariers, das schwere Leben des Landproletariats. Indes – dieses Proletariat stellt keine Klasse vor, wie in den Ländern des Galuth, sondern eher ein gleichmäßig proletarisiertes Ghetto, inmitten und abgetrennt von der Umwelt. Sie proletarisierten sich, freiwillig und für ihr Land, Intellektuelle, Bauern und Arbeiter, aber sie blieben als Proletarier unter sich. Um ihre Gemeinschaft erhebt sich die Ghettomauer. Sind sie aus dem Galuth vor der Notwendigkeit des Kampfes der Klassen geflohen oder vor der Notwendigkeit, in der großen Klasse Gemeinschaft mit Nichtjuden zu haben? (Diese selbe Frage macht die jüdischen Arbeiterparteien des Galuth zu solch problematischen Gebilden. Diese selbe Frage wollen die »Boruchows« lösen, indem sie solidarische Proletarisierung von Juden, Beduinen und Fellachen fordern.) Haben die Chaluzim die Klasse noch nicht entdeckt? Oder wollen sie, um den Preis ihres Opfers für das Land und ihre Gemeinschaft, eine neue Form von Klasse aus sich selber heraus gestalten? Eine, die zu ihrem Triumphe des Kampfes gegen andere Klassen nicht bedürfte? Eine, die stark genug wäre, um in ihrem Triumphe die Ghettomauern, die auch die Klassen trennen, niederzureißen – zugleich mit ihrer eigenen?

Ein anderer, tief zweideutiger Irrtum oder Widerspruch ist es, den das ökonomische Prinzip des palästinischen Kommunismus aufweist. In einer vorzüglichen Studie des Genossen Nier über die »Kwuzoth« in Palästina finde ich folgende Sätze: » . . . bei den jüdischen Arbeitern in Palästina hat sich eine eigenartige, naive Vorstellung vom Sozialismus ausgebildet. Nicht die Vergesellschaftung der Produktionsmittel wird als Grundforderung des Sozialismus erachtet, . . . sondern die Beseitigung des Eigentümers. Sie betrachten den Sozialismus . . . als eine Möglichkeit, persönlich ehrlich zu sein, nicht auszubeuten und nicht ausgebeutet zu werden . . . Vom sozialistischen Standpunkt ist es nicht wesentlich: wer der jetzige Eigentümer des Bodens ist, ob der Nationalfonds oder die (ältere) jüdische Kolonisationsgesellschaft, ebensowenig: auf welche Weise das Inventar beschafft wird. Die Hauptfrage ist die Art und Weise der Verteilung des Arbeitsproduktes . . . Die Kwuzoth sind in Wirklichkeit private Wirtschaften, nur daß sie nicht einer Einzelperson, sondern einer Gruppe von Eigentümern gehören . . .« und Nier fügt hinzu: »Unsere ganze weitere Arbeit muß im Sinne der Gründung von neuen Kooperativen energisch fortgesetzt werden. Alle bestehenden Kooperativen müssen in einem Organisationsapparat verbunden werden, welcher in Zukunft den Staatsapparat bilden und im geeigneten Augenblick alles im Lande in die Hand nehmen wird.«

Nun, die Gduth ist ein Schritt auf diesem Wege, und die Distanz vom bäuerlichen Kommunismus Rußlands zum zionistischen Palästinas wird eben durch das Maß des Opfers bestimmt! –

Die Aufsicht über Arbeit der Gruppe oder Siedlung obliegt der Gemeinschaft. Sie ist das Kontrollorgan über die Arbeit, wie über alle Formen der Organisation und Aufrechterhaltung der Gemeinschaft der Gruppe selber. Abende und halbe Nächte vergehen in Zelten und Baracken mit der Erörterung wichtigster Fragen der äußeren und inneren Lebensnotwendigkeiten und Bedingungen. Es ist die Stimmung und das Milieu des revolutionären Rußlands. Dort wie hier Zusammenwirken Intellektueller mit Praktikern der Arbeit, gegenseitiges Sichstützen, Sichverständigen gemeinsames Schicksal. Aus solchem Zusammenwirken schöpfen besonders befähigte und einsichtige Genossen ihre Kraft zur Leitung der gesamten Gruppe. Aber es ist dann doch nur die Stimme der Gesamtheit aller Genossen, die sich aus dem Einen erhebt.

In besonders radikal gerichteten Gruppen werden solchen Einzelnen nicht die Befugnisse eingeräumt – Reisen nach Jerusalem, zur Kommission, Unterhandlung mit revidierenden Mitgliedern der Kommission, Delegation zu Konferenzen, um nur die äußeren Funktionen zu nennen! – wie in politisch minder fortgeschrittenen; sondern hier ist sozusagen das Sowjetsystem schon überholt durch das freie anarchistische, das nur der Gemeinschaft als solcher, im wörtlichen Sinne, das Recht zuspricht, über Wohl und Wehe der Gemeinschaft zu wachen. Doch vollzieht sich auch in Gruppen dieser Art die Auslese des Tüchtigsten, Gläubigsten, dessen Vorschläge das stärkste praktische Resultat erzielt haben, auf wunderbar freundschaftliche Weise.

Erstaunlich ist das Maß der Intelligenz dieser jungen Leute, die Beredsamkeit, mit der sie ihre Arbeitsmethoden sowohl wie die gewissermaßen transzendentalen Theorien ihrer seelischen Gemeinschaft, aus der ihre Arbeit entspringt, zu formulieren vermögen. Ironiker meinen, die Arbeit in Palästina beweise recht deutlich, daß zuerst das nächtliche Geschwätz bei Tee und Zigaretten da gewesen sei und dann erst die Arbeit auf dem Feld, und ich selber habe einmal gesagt: jeder Ackerbauer, den ich auf dem Feld angetroffen habe, hätte, derweil er mit der rechten Hand den Pflug führte, mit der Linken seinen Marx aufgeschlagen vor der Nase gehalten. Aber es würde in Palästina dem, der die Einsetzung eines von oben, das heißt von der Kommission bestimmten Aufsehers über die Arbeit der Gruppen vorschlagen wollte, bös ergehen. Man kennt diese Einrichtung nicht nur im Orient, wo überall, wo drei Eingeborne Arbeit leisten, ein Kerl mit Stock oder Peitsche müßig daneben steht, sondern auch in den sogenannten zivilisierten Ländern, wo er Hetzvogt – Speed boss – genannt ist. In Palästina diktiert Glaube, Reflexion und die Erkenntnis der baren Notwendigkeit sämtliche Formen der Arbeit und des Zusammenlebens.

Zuweilen begegnet man in Palästina Menschen, die mit dem, nur dem Ahnenden, dem Wissenden, dem Liebenden sichtbaren Nimbus des Führers über Land und Menschen und die Idee wachen. Einigen dieser Erlesenen bin ich in langem, freundschaftlichem Beisammensein nähergekommen, habe die Schönheit ihres Wesens, die reinstes Opfer heißt, ergründen dürfen. Es sind nicht die anerkannten, von allen genannten, mit besonderen Befugnissen ausgestatteten obersten Funktionäre; zum Teil sind’s wenig hervortretende, obskure, aus russischen Kerkern, aus Sibirien durch die Revolution befreite Individuen. Zuweilen Menschen von höchster Bildung, vollendeter Kultur. Verehrung umgibt sie. Die Klarheit ihres Wesens, unendlicher Hingabe fähig, entfaltet gegen ihren Willen entscheidende Macht über Seelen, Schicksale von Weggenossen, Schicksale des Landes. Nennen junge Menschen ihre Namen, so lebt vor dem Fremden Erinnerung auf: Gestalten des Alten Testaments und des zu unrecht »Das Neue« benannten. Der biblische Arme, der von den Menschen gekreuzigte und für die Menschheit auferstandene Wanderer nach Emmaus begegnet dem Fremden, Suchenden, Sehnsüchtigen zuweilen an einer Biegung der Straße, unter einem finsteren Tor, in Städten und Einöden des jüdischen Palästina in herrlicher Menschengestalt, unerwartet und köstlich.

Vor Jahren, bei einem Streik der Textilarbeiter von Lawrence im nordamerikanischen Staat Massachusetts, trugen junge Mädchen ein Banner im Zuge, mit der Inschrift:

»We want Bread, and Roses too!«
(Wir wollen Brot, aber auch Rosen.)

Mehr als einmal fielen mir diese rührenden Worte ein, wenn ich in Palästina jungen Frauen begegnet bin.

Die jungen Frauen, die nach Palästina kommen, verheiratete und unverheiratete, stammen zum großen Teil aus Bürgerhäusern, aus geistigen Berufen. Lehrerinnen, Studentinnen, wenig Arbeiterinnen. Bei den unverheirateten wird man in vielen Fällen ohne Mühe Zwist mit der Familie, Unzufriedenheit mit Beruf und Umgebung als treibendes Motiv der Auswanderung erkennen können.

Sie übernehmen mit überschwenglicher Begeisterung härteste, schwerste Arbeit, aus dem Gefühl, daß sie der gleiche Drang nach Palästina geführt habe, wie ihre männlichen Genossen, daß sie daher an den Arbeiten teilhaben müßten, die diese leisten. Doch die Steine sind hart. Die Sonne heiß. Die Körbe schwer. Der Tag lang. Manche unter diesen jungen Frauen brechen bald zusammen, oft hoffnungslos, fürs Leben mit schwerer Unterleibskrankheit geschlagen. Auch der Gemüsebau, das Unkrautjäten, Bestellen der Felder, Früchtepflücken und Verpacken, beliebte, leichtere Arbeiten, erweisen sich auf die Dauer als zu drückend für zarte Organismen. In wenigen Siedlungen nur ist gemischte Farmarbeit, Bienenzucht, Kleinviehzucht eingeführt. Die Kommission läßt es sich nun angelegen sein, diese jungen Frauen dazu zu bestimmen, daß sie in den Straßenarbeiterzelten, in Siedlungen und Kolonien, auch in den Privathäusern der großen Städte Frauenarbeit leisten, das heißt waschen, kochen, nähen, und von den Arbeiten lassen, die Männermuskeln beanspruchen. (Mädchenfarmen gab es und gibt es in Nieder- und Obergaliläa, eine ausgezeichnete Erzieherin, Frau Schochat, hat in Jaffa eine Haushaltungsschule für junge Chalueoth eingerichtet.) Die jungen Frauen aber, an die solches Ansinnen herantritt, sind tief unglücklich. Es ist ja Dienstbotenarbeit, die man ihnen zumutet! Haben sie ihre geistigen Berufe aufgegeben, um zu kochen, zu waschen, zu nähen?! Erst in Siedlungen, in denen gutes Einvernehmen zwischen den Genossen und Genossinnen besteht, gliedert sich die Arbeit auf natürlichste und effektive Weise, die Frauen bescheiden sich und leisten Arbeiten, die ihrem Wesen und ihren Kräften entsprechen. In älteren Siedlungen aber und überhaupt solchen, in denen gemischte Farmarbeit geleistet wird oder Kinder leben, führen die Frauen jede Art nötiger Arbeit freudig aus, und das bestimmt nicht selten entscheidend die Prosperität der gesamten Gruppe.

Der Mangel an Frauen ist ein schweres Hindernis der palästinensischen Kolonisationsarbeit.

Auch spielt bei dem Zusammenleben von vielen Männern und einer geringen Zahl von Frauen in Siedlungen und Kwischgruppen das sexuelle Moment seine verhängnisvolle Rolle. Indes ordnet sich diese Frage, aus der natürlichen und gesunden Lebensweise der jungen Menschen, infolge ihrer hohen ethisch-sozialen Moralbegriffe im großen ganzen leichter und vernunftmäßiger in das Problem der Gemeinschaft ein, als Außenstehende meinen sollten. Hypererotik als Kriegsfolge richtet in verderbten Städten sicherlich gefährlichere Verwüstungen an als hier in diesen Siedlungen, überall, wo harte körperliche Arbeit geleistet wird. Den Engländern, Arabern, Christen – aber auch anderen »Andersgläubigen«, davon spreche ich später! – ist es ein Greuel, daran zu denken, was wohl um Himmels willen in jenen Zeltlagern vorgehen mag, in denen wochen- und monatelang dreißig oder vierzig junge Männer und fünf oder sechs junge Frauen einträchtig beisammenleben! (Zuweilen findet man Gelegenheit, solche sittlich Entrüsteten darüber aufzuklären, wie diese selben jungen Männer und Frauen ehedem in ukrainischen Ghettokellern beisammen hausten, wochen- und monatelang, während oben auf der Straße Pogrome wüteten – um sie über Kräfte der Seele zu belehren, um ihre bangen Befürchtungen zu zerstreuen.) –

Jedoch: das Beisammenleben von jungen verheirateten oder verlobten Paaren mit alleinstehenden, sich vereinsamt fühlenden Männern trübt das Leben der Paare oft nicht minder schwer als das der Einschichtigen. Manches traurige Schicksal vollendet sich dann in der Stille, abseits vom Wege, weit von den Zelten, in Nacht, Einsamkeit, Verzweiflung. –

Die Eheschließungen in Siedlungen und Farmen vollziehen sich zumeist in erfrischender Einfachheit; ohne sonderliches Pathos; ohne Standesamt, Kirchenbehörde; heiter und gottgefällig.

Aus einem Brief, den mir Freunde zur Verfügung stellten:

»Es tut mir wirklich leid, daß Ihr meinen letzten Brief nicht bekommen habt, in welchem ich über die Neuigkeiten der letzten Tage berichtete. Nun wißt Ihr: ich habe am Vorabend des Neujahrstages geheiratet. Es tut mir eines sehr leid, daß ich Euch nämlich nichts davon sagte, das heißt, ich gehe Euch ja soweit nichts an, der arme Notleidende ist ja nur J., aber insoweit geht es Euch doch etwas an, denn es wurde ein großer Festabend daraus. Ich wußte selbstverständlich vorher gar nichts, aber ich will Euch alles pünktlich erzählen, wie es war. Daß J. krank war, das wißt Ihr ja. An dem Tage, an dem man ihn ins Krankenhaus brachte, wurde konstatiert, daß er Typhus hatte und so ist er vierzehn Tage im Krankenhaus gelegen. Daß daraus bei uns beiden der Gedanke zur Tat gereift ist, das ist nach Freuds Psychoanalyse eine ganz erklärliche Sache. Bei Freud habe ich es zwar nicht gelesen, aber mir und J. war es sehr erklärlich. Nun er kam Donnerstag vor Neujahr nach Hause. Am Samstag vor Neujahr kam G. und am Sonntag früh kam J. zu G. und sagte: ›Was sagst du dazu, daß ich heirate!‹ ›Nun, das ist ja ein gefundenes Fressen für unsere Chawerim (Genossen)!‹ Trotzdem wir nicht wollten, daß gefeiert wird, wurde sofort das ganze Jordantal auf den Kopf gestellt. Ein berittener Bote wurde von Kwuzah zu Kwuzah geschickt und so wurde Hochzeit gemacht. Ich habe selbstverständlich bis zum Abend gearbeitet, gerade eine symbolische Arbeit. Ich habe nämlich Windeln für den Kindergarten gewaschen, wobei mir J., der schon seine Hochzeitsuniform angetan hatte, geholfen hat. Wenn mich meine Mutter gesehen hätte, Jesus Christus, am Hochzeitstag und sie wäscht! usw. Am Vormittag, als sich die Geschichte verbreitet hatte, bearbeitete ich mein Gemüse. J.’s Bruder erfuhr das und kam mit der Mistgabel. Auf dem Weg zum Mist kam er, ich schnellte auf, auf mich zugestürzt, küßte mich und schrie sein Masseltoff (Glückwunsch). Und dann machte ich meine Hochzeitseleganz und bin fix und fertig zum Heiraten. Währenddessen wurde der Speisesaal festlich aufgeputzt, wobei sich besonders J. E. hervorgetan hat. Als wir zwei in den Saal traten, wurden wir stürmisch begrüßt. Ich ging, selbstverständlich, dem Triebe der Gewohnheit folgend, an meinen alten Platz neben Sch., wurde aber mit Gelächter zurückgeführt. ›Du mußt doch neben dem Chosen (Bräutigam) sitzen!‹ Das hatte ich ganz vergessen. Dann erfüllte den Saal fröhliche Stimmung, alle Gesichter glänzten, alle lächelten mit Liebe und Ernst uns entgegen. Plötzlich spricht es hinter unserm Rücken, die Kinder bringen uns Blumen, während uns die kleine Sarah mit sehr schöner Betonung einen Glückwunsch sagt. Und wieder Stille und wieder Ernst. Dann werden stumm die Gläser gefüllt. G., unser alter guter G., steht auf und sagt uns den Segen. Nicht jenen üblichen, althergebrachten, zur Form gewordenen Segen der Rabbiner, nein, er sagt wenige, warme, von Gefühl durchzitterte Worte, aus denen seine Unbeholfenheit, großen Gefühlen Ausdruck zu geben, herausklingt. Auch J. sprach und begann seine Rede mit den Worten: . . . Damit wurde die Wunde berührt, die in X. nicht zu heilen ist (der Tod des Begründers). Dann wurde getanzt. Ch. (die Witwe des Begründers von X.) hat zum erstenmal seit dem Tod ihres Mannes an einem Feste teilgenommen und als wir mitten im Kreise herumtanzten, wurde aus dem großen ein kleiner Kreis und zwar tanzten J. und ich. Es kam Ch. zu uns, in ihrem schwarzen Kleid, und tanzte zu dem Lied: »Alles ist gut und schön«. Sie sang und tanzte, bis ihr Lied in krampfhaftes Weinen überging und auch C. J.’s Bruder, geht aus dem Kreis, laut schluchzend. Das wurde mir so schwer, und ich bin aus dem Zimmer weggelaufen und habe geweint. Nun ist alles vorüber . . .«

Ich hörte von Hochzeiten, bei denen das Brautpaar sich unter einer regelrechten Chuppe (dem Baldachin) den Brautkuß gab. Der Baldachin war ein Tischtuch auf vier Gewehrläufen, aus denen nach der Zeremonie vierzig Schüsse gegen den Nachthimmel abgegeben wurden. Das Ehepaar zog in ein eigenes Zelt oder Zimmer, sonst änderte sich nichts im Leben der Kwuzah.

Die gemeinsamen Tafeln, an denen Siedler und Arbeiter speisen, sind zumeist sehr gut bestellt. Man ißt reichlich in Zelten und Baracken. In mancher Gruppe lebt man so kommunistisch, daß das Hemd nicht dem gehört, der es am Leibe trägt, und daß ein Brief wochenlang liegen bleibt, weil das Geld zu sehr verpönt ist, als daß sich ein Piaster für Porto im Besitz der Kwuzah vorfinden könnte; – aber man ißt überall gut, so gut, daß der Besucher seine helle Freude an der freundlichen Bewirtung haben dürfte, – fühlte er nicht während des Kauens schwere Bedenken in sich nagen. Wo gibt es noch Ackerbauer, wo Arbeiter, die im Sumpf stehend Zigarette um Zigarette rauchen? Kosten für Unterkunft und Küche kommen in vielen Kwuzoth fast den Löhnen der Arbeiter gleich! Geringsten Anspruch an Küche – und Keller! – stellen Deutsche und Amerikaner. Galizier, Söhne kleiner Händler und Gewerbetreibender, Ungarn schon bedeutend höhere. Zucker gibt’s überall reichlich zum Tee und Kaffee. Zigaretten ebenso. Eine große Sorge der Kommission: wie könnten die täglichen Kosten für Ernährung (in manchen Siedlungen oder Straßenbaugruppen bis zu fünfzehn Piaster für die Person) auf acht oder sechs reduziert werden? Wir kamen oft zufällig zur Mittagsstunde, zuweilen zum Abendessen in irgend eine Kwuzah oder Kwisch Galiläas oder Judäas und nahmen an der gewöhnlichen Mahlzeit teil, die aus Gemüse- oder Milchsuppe, Reis, Kartoffeln, Fleisch (in geringen Mengen), Kompott, Kaffee und reichlich bemessenem Brot aus gutem Mehl bestand. In Jerusalem aß ich in der Arbeiterküche für neun Piaster ein allerdings vortreffliches Mittagessen. In der Tell-Awiwer Arbeiterküche gibt es zu Mittag, auch an Wochentagen, Huhn oder Beefsteak. Fragt man die Besitzerin, ob denn solches Menü nicht zu kostspielig und vornehm sei, da ja in ihrem Eßsaal gewöhnliche Arbeiter verkehrten, noch dazu welche, deren Lohn und Arbeitsmöglichkeiten viel, wenn nicht alles zu wünschen ließen, – so erhält man in beleidigtem Tone zur Antwort: »Es sind doch balabatische Kinder!« (das heißt Kinder von Hausbesitzern, vornehmer Leute Kinder!)

Die Ausgaben für die Küche – es muß ja, außer einigen Gemüsearten, ein wenig Mehl und ein wenig Milch, so ziemlich alles eingeführt werden, verschlingen Unsummen und vergrößern die Defizite der Gruppen in bedenklichem Maße.

Auch der »Spaziergänger« zehrt an der schmalen Kasse der Gruppe und hilft, ihr Defizit zu türmen. Der »Spaziergänger« ist eine liebenswürdige, aber auch einigermaßen gefährliche Erscheinung im kommunistischen Siedlungswesen des heutigen Palästinas.

An Feiertagen, doch auch an Tagen der Woche, sind Hunderte von jungen Arbeitern unterwegs; sie besuchen Nachbarsiedlungen, auch entferntere, Kwischs und Stadtgruppen; werden überall freundlich aufgenommen, umsonst untergebracht und beköstigt. Diese weitherzige und großzügige Auslegung der kommunistischen Gemeinschaftsidee bringt es mit sich, daß in berühmten und vielbesuchten Siedlungen, Kinereth und Degania zum Beispiel, der einzelne ansässige Genosse monatlich zwei bis drei Pfund für Gäste bezahlen muß. Jeder Vorschlag, die Besucher fortan zu einer Vergütung ihrer Aufenthaltskosten zu veranlassen, scheiterte bisher an der Ablehnung der Genossen in den Siedlungen, die von ihrem kommunistischen Grundsatz nicht lassen mochten. Daraus ergibt sich manche Plage für den Siedler. Der berufsmäßige Besucher zum Beispiel, der Arbeitsscheue und Schmarotzer (auch dieser aus der russischen Literatur wohlbekannt!) zieht von Gehöft zu Gehöft, sieht bei den Arbeitenden als unbekümmerter Zeltgenosse und Mitesser herrliche Tage.

Hie und da verfallen die Wirte auf amüsante Ideen, um einem allzu lästigen Gast nahezulegen, das beste wäre, er trollte sich. So taten es jüngst auf einer Kwisch Burschen mit einem umherziehenden Liedersänger. Während er, es war am Abend nach der Arbeit, dastand, sang und nicht aufhören wollte, schlichen sich die Burschen in den Stall, trieben ihre vier Maulesel in die Baracke, stellten sie in einer Reihe vor dem Barden auf und hinter diesem geduldigen Publikum verflüchtigte sich die Kwisch in die Nacht hinaus.

Die Einrichtung der »Spaziergänger« besteht also weiter, zum Ärger der Kommission, und trotz gewissenhaften Abwägens der Einkünfte und Ausgaben jeder Gruppe und Siedlung im weiten Land. Sie ist nicht willkürlich zu dämmen oder abzustellen. Sie ist ein lebendes Glied an dem Körper der kommunistisch fühlenden und wirtschaftenden Gemeinschaft.

Besuche, die einer gewissen Komik nicht entbehren, erhält die Kwuzah zuweilen von der sogenannten Judenmission. Diese aus englisch-amerikanischen und deutschen Quellen gespeiste protestantische Organisation hat es insbesondere auf die rätselhaften Straßenbauarbeiter und -arbeiterinnen abgesehen, die ihr wahrscheinlich im höchsten Grade bekehrungsbedürftig erscheinen. Ein biederer schwäbischer Geistlicher aus Haiffa fährt an Freitagabenden und Samstagen unermüdlich von Kwisch zu Kwisch. Er setzt sich freundlich und teilnehmend zu den jungen Menschen, deren Seelenheil er im Auge hat und sie hören ihm taktvoll und mit Interesse zu. Wenn er dann, nach Stunden eifrigen Hineinredens in die kleine Schar, von hinnen zieht, mag es geschehen, daß er die Chaluzim fragt: ob er aus einem oder einer unter ihnen wohl einen Christen gemacht habe? Irgendein mit besonderem Witz gesegneter Chaluz stellt dann an den wohlmeinenden Pastor die Gegenfrage: ob es vielleicht den Chaluzim durch ihre Diskussion gelungen sei, aus dem Herrn Geistlichen einen Christen zu machen?

Hört! – Gesang und Tanzweisen! Nach Tages Mühen, zur nächtlichen Weile, aus Zelten, die matt leuchten, aus Baracken, deren Fenster hellen Schein werfen hinaus, weit in die schweigende Ebene, über den ruhenden See, den weithin ragenden Felsrücken – –

Draußen, am Rand des Schützengrabens, der frischen Mauer um die Peripherie der Siedlung, macht der Wächter mit seinem Gewehr die Runde. Er summt die Melodie heimlich mit, aber sein Ohr ist scharf und sein Auge bleibt wach. Seine Füße stampfen nicht den Rhythmus des Tanzes im Zelt, im Barackensaal, – in starkem Marschschritt kreisen sie um die Niederlassung, die er beschützt.

Aus der Verbundenheit der jungen Menschen in Siedlungen und Zelten des alten Landes, Verbundenheit in Arbeit, Verantwortung, Lebensgemeinschaft, Gefahr und Liebe sind beschwingte Harmonien aufgekeimt, Blumen einer neuen, sonderbaren Volksdichtung.

Schöne, ach zu seltene, zu kurze Abendstunden, die ich mit euch verlebt habe, ihr jungen Menschen, wie kurz, wie selten; – Gruß, Freunde, dort hinüber zu euch! Eure hebräischen Gesänge konnte ich nicht verstehen, aber ihr sangt sie und indem ich euch anblickte, tönte mein Herz in manchem Rhythmus mit und verstand seinen Sinn auch ohne Worte. Und jetzt noch verbindet sich mir zuweilen, in der noch jungen Erinnerung, eine Folge von Klängen mit heiliger Landschaft, dunklem gezacktem Mauertor, mit Gedenken heiliger Gemeinschaft unter der nachengleich auf tiefem Sternenmeer dahinschwimmenden Sichel des östlichen Mondes.

Es sind noch nicht viele von diesen neuen Chaluz-Dichtungen aufgezeichnet. Die bekanntgewordenen werden mündlich verbreitet, eben von jenen »Spaziergängern«, die sie aus ihrem Entstehungsort an eine entfernte Abendtafel mitbringen; so finden sie ihren Weg vom Norden nach Süden, von Ebene zu Berg. – Jeder, jede hat ja aus der Galuthheimat ein Lied, einen Gesang, eine Tanzweise mitgebracht; aus Litauen, Polen, Kleinrußland, aus dem Ghetto, aus Synagogen, aus chassidischen Kreisen. Wild verzweifelte, anklägerische hörte ich: den Sang vom alten Rabbi, der den Machthabern dieser Welt, wie sie ihn bedrängen, mit Bibelworten und Anrufung Gottes und der Propheten entgegnet. Jenen schaurigen: Jesaja 5, vom unfruchtbaren Weinberg:

»Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel,
Und die Männer Judas
Seine Pflanzung, daran er Lust hatte.
Er wartete auf Recht, siehe, es ist Schinderei;
Auf Gerechtigkeit, siehe, so ist’s Klage?«

Sie singen ihn nach schwerer Mühe des Tages, nach schwerer Schlacht gegen die Feinde. Sie singen die unsterblichen Worte zu einer seltsam aufreizenden chassidischen Weise.

Viele lustige Lieder gibt es auch, es sind ja zumeist lustige Lieder, die man singt, aus der Frohheit der Gemeinschaft, der Freude an dem Leben unter Brüdern. Aber es ist der jüdische Frohsinn, die schwere, geschlagene Seele bedrückt, verzerrt den Rhythmus, und durch den heitersten dieser Gesänge tönt der zum Sterben traurige Unterton der Klage gegen das übermächtige Schicksal hindurch, das das Volk seit Jahrtausenden bedrängt, – eben jene Klage Jesaja, das schaurige Warum.

Ist sie etwa nicht da, diese Klage, in dem übermütigen Lied vom Rabbi Elimelach, der, »als er ist geworden fröhlach, hat gerufen nach den Zimbelern, den zwei«? Und auch »Remele, dem Melamed« hoffe ich zu begegnen in der Sammlung, die jetzt der junge Dichter Bistritzki herausgeben will. Und den Versen des alten Gordon, von denen ich einen bereits abgeschrieben habe, möchte ich Leser wünschen, im alten Land und den neuen Ländern ringsum.

Aber wer kann ihn schildern, den heißen, irren chassidischen Taumel, der sich der Gemeinschaft bemächtigt, wenn die Gesänge Herz und Hirn weit genug fortgerissen haben von Sinn und Beziehung zur Wirklichkeit. Dann sind es nur mehr Worte, Namen, an denen sich die Seele entzündet, und sie führen auf abschüssigem Wege rasch zum Tanz hin, zu kreisender Auflösung.

Nur Erinnerungsworte, Andeutung nur von tiefen, unerklärten, unverständlichen Dingen, von Liebe und Hingabe an dieses Land, an den Nächsten, die Gemeinschaft, an eine irdische, selige Erlösung. Mit geschlossenen Augen, den Kopf emporgeworfen, mit wiegendem Körper, in schmerzhafter Ekstase, stoßen sie die Worte hervor:

»Aj–ajaj Galil,
Aj–ajajaj Galil!
Aj–ajajaj Kinereth,
Aj–ajajaj Kinereth!«

Und Karmel! Hermon! Die Landschaft, und die Menschen, die dort leben und die man verließ und die dort weiter leben! Das steinige Land ruft man an, und in dem Land den rätselhaften, lockenden Gott, den unbekannten, dessen Ruf man gefolgt ist. Und singend und tanzend, in fast heidnischer Entzückung schwillt der Rhythmus der Lobpreisung durch die Nacht, wilder Psalter, Opferdienst durch Ton und Bewegung:

»Ajajajaj Galil! Ajajajaj Karmel!«

Und es mag sein, daß der Fremde, der Gast erbebt, weil sich in ihm der Schauer hoher, unaussprechlicher Gefühle erwachend regt . . .

»Ajajajaj Karmel! Ajajaj Karmell!«

Das hebräische Gymnasium in Tel-Awiw erhebt seine imposante Stukkaturfassade am Ausgang der Herzl-Straße, gegenüber vom Einwanderungsamt. Direktor Dr. Mossinson, ein Mann von vielerlei Verdiensten, führt mich von Hörsaal zu Hörsaal. Dann ist Pause, und wir bleiben oben in der Galerie stehen, von der man den Blick auf den Garten um das breit angelegte Haus, auf Straße und Häuser ringsum hat; auch in die Fenster des Einwanderungsamtes kann man hineinschauen von unserem Standort.

Herzl-Straße und -Gymnasium

Herzl-Straße und -Gymnasium, Tel-Awiw

Unten im Garten tummeln sich die Schüler und Schülerinnen. Es sind Kinder und junge Leute aller Altersstufen, vom kurzen Höschen bis zum Stimmwechsel. Zum größten Teil sind es Kinder seßhafter Tel-Awiwer Bürger, auch der Kolonisten aus den alten ehrwürdigen Orten Rischon le Zion, Petach-Tikwah, Sichron-Jakob, südlich und nördlich von Jaffa. Sie repräsentieren so etwas wie eine heranwachsende, selbstbewußte jüdische Bourgeoisie. Sie sind sozusagen die zweite Generation, die dritte, ja die vierte, sie haben bereits ihre Ahnen; – während die dort draußen vor dem Gitter, die jungen Männer und Frauen, die sich auf der Straße vor dem Einwanderungsamt drängen, Leute von heut früh sind, eben Hereingekommene, Zeltbewohner, sozusagen Nomaden, auf alle Fälle Fremdlinge, – um nicht zu sagen: Eindringlinge.

Die Kinder lärmen froh im Garten umher. Jenseits des Gitters lärmen Chaluzim und Chaluzoth – um Arbeit. Sie belagern das Amt. Oben der tüchtige junge Gordon hat seine Not mit ihnen.

Die Kinder schauen durch das Gitter zu jenen hinüber, die auf der Straße stehen. Die auf der Straße aber haben keine Zeit, durchs Gitter zu schauen. In ihren gelben Hemden, breiten Cowboyhüten stehen sie da, und ihr Stimmengewirr steigt laut, den Lärm der Kinder übertönend. Diese wissen: es sind die Chaluzim. Es sind die Chaluzoth. Auf den Ebenen, auf den Bergen, heute hier, morgen dort, werden sie ein Leben unter der Sonne führen, reiten, Wagen fahren, abends Arm in Arm über die Straßen ziehen, singen und tanzen. Sie sehen sie an, die Kinder, jene dort in ihren Khakihemden. Dort, jenseits des Gitters beginnt die Freiheit.

Direktor Mossinson klagt: »Wie soll ich Disziplin unter meinen Schülern und Schülerinnen aufrechterhalten? Ohne Disziplin ist keine Schule zu führen, ohne Disziplin kann ich keine tüchtigen Menschen erziehen. Sie glauben gar nicht, welchen Schaden diese »Romantik« dort drüben unter meinen Schülern und Schülerinnen anrichtet!«

Er sagt »Romantik« mit der »–«-Betonung. Er klagt über dieselbe Rubaschka-Romantik, das heißt die Romantik der Träger des russischen Hemdes, die jenen Engländern, Arabern, Christen und »Andersgläubigen« (von denen ich bald spreche) ein Dorn im Auge ist. Es ist eine Welt für sich, jene dort hinter dem Gitter, die Welt, in deren Bezirken ich mich nun zwei Monate getummelt habe. Es sind auch junge Menschen; viele kaum noch der Schule entwachsen. Sie haben die Vorteile mitsamt den Vorurteilen der Bourgeoisie hinter sich geworfen, in deren gehegtem Bereich diese dahier, um die Schule, sich noch befinden. Soll man den Kindern den Glauben rauben, jene dort draußen seien die romantischen Idealfiguren ihrer Jugend, ihr Leben in Freiheit, Arbeit, Gefahr, Körper an Körper mit dem Schicksal das Erstrebenswerte, höchstes Gut und Ziel? Vielleicht verstehen die Kinder wirklich nur den Teil dieses Lebens, der Ungebundenheit, unbekümmertes Drauflos bedeutet, vielleicht dringt eines Kindes Blick überhaupt nicht tiefer als bis zur Rubaschka. Aber die Zeit zieht ihre Kreise, kreist ein, reißt auch dieses Schulgitter nieder, die bürgerliche Ghettomauer um Tel-Awiw.

Gefährlicher ist es, wenn junge und ältere Arbeiter, auf Kwischs, in Siedlungen, das Leben der Genossen romanhaft idealisieren, nach außen hin bengalisch beleuchten; wenn sich, in der Arbeit und der Gemeinschaft, durch irgendwelches von außen hineingetragene oder im Innern aufwuchernde Element ein fatales: »Was sind wir doch für Kerle!« breitmacht!

Ich selber weiß mich nicht von jeder Schuld frei. Ich habe, Zeile um Zeile, versucht, Übertreibung zu vermeiden; Menschen und Verhältnisse zu zeigen, wie sie sind. Hie und da wurde ich, während ich diesen Bericht schrieb, trotz selbst auferlegter Zurückhaltung, mitgerissen. Von dem, was ich in Palästina erlebte und empfand, auch in dieser Ferne, hingerissen, und bin doch alt genug.

Ich erzählte von dem jungen Rigaer Chaluz, dem ich auf der Reise von Triest nach Alexandrien auf der »Vienna« begegnet bin. Sein Gegenstück sozusagen lernte ich auf der Reise von Tel-Awiw nach Kairo kennen, am Tage, der mich fort von Palästina führte. Im Zug, der durch die Sinai-Wüste dem Suezkanal zu eilte, setzte sich ein junger Mensch zu mir. Fünfundzwanzig Jahre alt, Mechaniker aus Haiffa, mit der Übernahme einer Maschine in Kantara an der ägyptischen Grenze betraut. Ein intelligenter und gut aussehender Bursche, Sohn russisch-jüdischer Eltern, die vor dreißig Jahren ins Land gekommen waren. Er selbst in Haiffa geboren; Schüler der Technischen Gewerbeschule in seiner Vaterstadt, später eines Meisters aus der deutschen Kolonie am Fuße des Karmel, der ihm eine tüchtige Ausbildung in seinem Fach erteilt hatte. Der junge Mann liebte seinen Beruf und sein Land. Mit den Chaluzim hatte er keine Verbindung. Er wußte von ihnen, war einem und dem anderen begegnet, lebte aber in steinernem Haus bei seinen Eltern ein wohlgeordnetes, bürgerliches Dasein, hatte auch gute Einkünfte aus seinem Berufe. Wir sprachen über Palästina. Dann über Deutschland. Er war nie aus Palästina herausgekommen. Plötzlich zog er aus seiner Tasche ein paar Postkarten, auf denen Skulpturen dargestellt waren. Ich muß sagen: es waren ziemlich mittelmäßige Skulpturen, moderne französische, ein weiblicher Akt, eine allegorische Gruppe. Das war sein großer Schmerz. Er fühlte das Zeug zum Bildhauer in sich. Aber es gibt keine Kunstschule in Palästina. »Ich habe nie eine richtige Skulptur gesehen!« Niemand konnte ihn in der Kunst unterweisen. Die Kunstschule Bezalel in Jerusalem verfertigt nur kunstgewerbliche Gegenstände, nach antiken Formen der Tradition und zum Gebrauch reicher Durchreisender. »Nicht einmal Modelle gibt’s in Palästina!« klagte der junge Mechaniker. Ich sagte ihm: »Sie verdienen ja viel Geld, leben bei Ihren Eltern, haben keine kostspielige Laune zu befriedigen. Können Sie nicht in zwei bis drei Jahren hundert Pfund ersparen und ein Jahr lang an einer Berliner oder Münchener Kunstschule studieren?« Er erwiderte: »Hundert Pfund? Sie glauben, ich hätte das Herz, mit hundert Pfund in der Tasche nach Europa zu fahren, wo hier im Land soviele junge Menschen herumgehen und hungern?«

Ich dachte, als ich Tel-Awiw verließ, ich könne nun unter meine palästinensischen Erfahrungen einen Schlußstrich ziehen. Ich zog ihn erst in Kantara.

Nicht zum besten ist es mit dem Bildungswesen im jüdischen Palästina bestellt. Was ist wichtiger: eine Dreschmaschine oder eine Bibliothek? Eine Pumpe oder ein Lehrer?

Ich erinnere mich an Kämpfe, die auf dem Karlsbader Zionistenkongreß um ein Obergeschoß der Jerusalemer Bibliothek geführt wurden. Und ich habe in der Heiligen Stadt die Nöte des Bibliothekars, meines verehrten Freundes Doktor Bergmann, miterlebt. Aber ich will hier nur davon sprechen, daß es viel zu wenig, daß es kein Geld für das Bildungswesen in kleinen Siedlungen und auch größeren zu geben scheint.

Die Frage: wie sollen die Kinder auf diesen Siedlungen erzogen werden? wer soll sie erziehen, ja beaufsichtigen? – diese Frage erhebt sich drohend vor den Siedlern, und es ist noch keine Lösung für sie gefunden.

Die Siedlungen sind zum Teil noch jung, es sind noch kaum Kinder in diesen Siedlungen; aber was soll geschehen, wenn Kinder aufwachsen, Unterricht benötigen?

Es gibt ein Kinderdorf, – Kfar Gileadi, doch dies ist ein Waisenhaus, für Kinder von im Kampf gegen die Araber gefallenen Legionären, Schomrim, eingerichtet. In Orten wie Degania A gibt es Kindergärten, in denen von den arbeitenden Frauen turnusweise eine die Kleinen beaufsichtigt. Große Kwuzoth, Siedlungen wie die von Nurriss, vermögen einen Lehrer, eine Kindergärtnerin zu besolden. Im allgemeinen besteht die Absicht, in Niederlassungen, in denen fünfzehn Kinder leben, einen Lehrer zu schicken, der von der ganzen Gruppe entlohnt, einen Teil des Tages an der Feldarbeit teilnehmen, im Hauptberuf aber Lehrer bleiben soll. Wandernde Arbeiter-Lehrer gibt es, die tagsüber die Pflichten der Kwischbauern, der Siedler und Pflanzer teilen, die Erwachsenen am Abend in Wissensfächern unterweisen, die zum Bereich ihrer Tagesarbeit gehören oder ihrem Bildungsdrang Genüge tun. Denn die meisten der jungen Menschen, die auf Straßen und Ebenen, Bergen und Sümpfen so angestrengt arbeiten, sind, wenn auch »Sklaven ihrer alten Erde«, doch nicht gewillt, zu verbauern. Ihre intellektuellen Fähigkeiten, ihr Streben nach Bildung ist wach; sie wollen dem alten Land mit Pflug und Hammer, aber auch mit Wissen und Geist dienen. Die Wünsche der Seele sind durch die Anspannung der Muskelkraft nicht abhanden gekommen.

Alle Formen des Kwuzah-Bildungswesens sind gegenwärtig vage und unzureichend. Man weiß augenblicklich nicht, wie man es zuwege bringen wird, die im Sinne der Landwirtschaft unproduktive Arbeit des Lehrers in das Gesamtbudget einzufügen, so, daß das gefürchtete Defizit nicht allzu hoch anschwillt. Noch weiß man, wie es mit Siedlungen sein soll, in denen eine kleine Zahl junger Kinder steter Pflege bedarf und nur wenige Frauen sind. Andererseits aber hat das immerhin hohe geistige Niveau der Siedler an manchem Ort eine gewiß altkluge Überreiztheit der Kleinen bewirkt, die an den Tafeln der Großen sitzen, ihre Unterhaltungen mitanhören, in die Sorgen und Sinnesrichtung der Kwuzah eingeweiht werden, keine gleichaltrigen Spielgenossen haben.

Ich sprach schon von den merkwürdigen, durch den Zufall zusammengewehten Bibliotheken, die man in Kwischzelten, in den Baracken der Siedler antrifft. Diese kleinen Büchersammlungen verdienten die Aufmerksamkeit der zionistischen Kommission im selben Maße, wie etwa Schulen, Gymnasium usw. Denn ihr Bestand ist bitter empfundene Notwendigkeit und wo sie mangeln, klafft eine Wunde. Den Grundstock bilden hebräische Bücher, Originale, aber auch Übersetzungen moderner Autoren. Solcher Übersetzungen gibt es indes nur sehr wenige. Es müßten fachtechnische Werke, Klassiker, gute deutsche und englische Bücher heutiger Autoren in die Kwuzoth und Kwischim. Der Versuch, zirkulierende Bibliotheken zusammenzustellen, wird unternommen, scheitert aber an den völlig unzureichenden Mitteln. Und doch wäre die Befriedigung des geistigen Hungers dieser jungen Palästinenser von derselben Wichtigkeit wie die Sorge um ihr leibliches Wohl. Überall, wo für den Kolonisationsfonds gesammelt wird, müßten für Chaluz-Bibliotheken Bücher, Zeitschriften gestiftet werden. Schon erwähnte ich den Namen Hugo Bergmanns, des Leiters der Jerusalemer Nationalbibliothek. Wenn einer, so ist dieser edle Freund und Berater der jungen Arbeiter berufen, die wichtige Organisation der Chaluz-Bibliotheken für Kwuzah und Kwisch in die Hand zu nehmen.

Palästina kennt drei Schichten jüdischer Einwanderung: den Kolel, der in talmudische Zeiten zurückreicht, die Bilu, die um die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ins Land kamen, und seit 1905, dem Jahre der ersten großen russischen Revolution, die Chaluzim. Derselbe Geist hat alle drei nach Palästina getrieben. Aber Zeit, Verhältnisse, Mißverständnisse haben die drei Scharen einander entfremdet, Feindlichkeit unter ihnen bewirkt.

Für die Kolelim, das heißt Landsmannschaften, sorgte die Chaluka, der Anteil, eine Art Almosen, Subvention rein philanthropisch-religiöser Art; jene frühen Einwanderer waren ja, wie die Mönche und Nonnen christlicher Glaubensbekenntnisse, zum Beten bestellt, Ausleger der Schrift, Pilger zu den heiligen Stätten, wo sie begraben zu werden wünschten. Fromme Einzelpersonen und Organisationen in aller Herren Länder gaben diesen ihren Landsleuten – Armen, Gläubigen und Weisen, was ihres Lebens Notdurft erheischte. Bis in die letzten Jahre funktionierte der Apparat der Chaluka. Die Empfänger des Anteils konnten sorgenlos ihre Gebete verrichten, Riten innehalten. Erst die Not der Kriegszeit schnitt ihre Bezüge jäh ab (die bereits durch die für Zwecke der Arbeit und Kolonisation sammelnde zionistische Organisation schwer beeinträchtigt waren), und die Frommen und Weisen betätigen sich jetzt in allerlei kleinen Gewerben, ohne darüber ihre Gebete und Riten zu vernachlässigen. Daß sie auf die Zionisten nicht gut zu sprechen sind, versteht sich von selbst.

Die Bilus (das Wort ist eine Zusammensetzung der Initialen von: Beth Jacob Lechu Wenelcha, das heißt »Haus Jakob, laßt uns gehen!«) waren russische Studenten, – die ersten wirklichen Kolonisten des jüdischen Palästina. Es gab unter ihnen manchen in seiner Heimat bekannten Revolutionär – es war ja die Zeit, da die jungen Studenten Rußlands unter das Volk gingen, die Narodniki-Bewegung! – aber den Impuls gaben doch die Pogrome, die gesellschaftliche Entrechtung im Galuth. Einige dieser Bilu kamen mit etlichen Rubeln in der Tasche nach Palästina, wußten aber über das Land und die Bedingungen der Kolonisation so gut wie nichts. In der Kolonie Petach-Tikwah (»Tor der Hoffnung«), in Rehoboth fingen sie ihre Tätigkeit an, unter Entbehrungen, die zum Teil jene unserer heutigen Chaluzim weit hinter sich lassen. (In Rehoboth lebten welche lange Zeit in Erdhöhlen, viele gingen an dem Sumpffieber zugrunde, ohne die Mittel zur Drainage zu kennen und zu benutzen.) Heute fühlen sich die Bilus, für die Stiftungen des Pariser Rothschild, deutsche Hilfsvereine, französische Allianzen, russische und andere Organisationen ausgiebig sorgten, als Aristokraten des jüdischen Palästina. Auf die jungen Sozialisten, die jungen Kommunisten, ihr Fleisch und Blut, blicken sie mit unverhohlenem Ärger, unverhohlener Geringschätzung herab. Um die Ursache dieser Verachtung zu erfahren, befragte ich einen und den anderen »Aristokraten« um seine Meinung über den Chaluz und erhielt ergiebige Antwort: Wesen und Gehaben der Chaluzim, ihre »Experimente«, das heißt die Summen, die die Kommission für Nurris Leute und ähnliche aufwendet, der mangelnde Respekt des Chaluz vor der jüdischen Tradition (und dem Bilu?) – all dies Gründe für die Ablehnung. Einer der Ehrwürdigen aber sagte mir klipp und klar: ›Ich – ich bin mit fünftausend Rubeln herübergekommen!!‹ –

Sie verstehen die neue Zeit nicht, verkennen den Zusammenhang zwischen ihrem Zionsglauben und dem Glauben ihrer heutigen Nachfolger. Sie sind die Aristokraten, diese aber sind das Proletariat!

Nun, die Chaluzim würden sich eins lachen über ähnliche Narreteien, wäre da nicht ein boshafter Nebenumstand, der mit Mißgunst nur allzu milde bezeichnet ist.

In keinem Problem des heutigen Palästina tritt die Trennung des bürgerlich-verknöcherten Einwanderers früherer Zeit und des geistig-politischen Proletariers der neuen so scharf zutage wie im Problem der Lohnarbeit, der Stellung des jüdischen eingesessenen Kolonisten zum arabischen Hilfsarbeiter und zum jüdischen der Kwuzah.

Rischon le Zion ist eine der ältesten, sicherlich die berühmteste aller Kolonien des jüdischen Palästina. Eine Stunde südlich von Jaffa; der schwere süße Wein Judäas lagert in Rothschilds Rischoner Kellereien.

Rischon le Zion

Rischon le Zion

Unser Automobil fährt durch eine breite, langgedehnte, ungepflasterte Straße, die mit ihren ebenerdigen oder stockhohen, von kleinen Vorgärten umgebenen Häuschen (Synagoge, Verwaltungsgebäude, ein Hotel haben etwas schmuckeres Aussehen), mit ihrer Baumreihe zu beiden Seiten den Eindruck einer bessarabischen oder kleinrussischen Dorfstraße macht. Als wir am Ende dieser Straße die Gemarkung Rischons verlassen, tanzen plötzlich Dutzende nackter brauner Bälger vor unseren Rädern herum – genau wie am Rand eines polnischen Dorfes Zigeunerkinder! – sie kommen von den Hügeln herunter, wo in offenen schwärzlichen Zelten die arabischen Arbeiter, Fellachen, Beduinen der Kolonie leben. Nach vielen Fährnissen, Steckenbleiben im bodenlosen Schlamm der Straße, die nach dem benachbarten Ness Ziona führt, kehren wir gegen Abend wieder nach Rischon zurück und fahren nun die Dorfstraße entlang ans andere Ende der Kolonie. Hier laufen, aus einem Gewirr kleiner elender Holzhütten und Verschläge, die mit Blechstücken vernagelt und Lappen geflickt sind, aufgeregt und keifend jemenitische Juden auf uns zu. In unserem Auto sitzen Ettinger und Doktor Ruppin. Die Jemeniten klagen über die elende Behausung, in der man sie hier am Rande der Kolonie seit Jahren zu leben zwingt. Wir können auf sechs kleine, aus Ziegeln gebaute Häuser verweisen, die, gegenüber von ihren Bretterbuden, gerade jetzt eine Gruppe junger jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen für sie errichtet. Die Jemeniten klagen: sechs Häuser – es ist zu wenig für sie!

Die jungen Juden der Baukwuzah erbauen jene sechs Häuser, in die die Jemeniten umlogiert werden sollen, im Auftrage der zionistischen Kommission, nicht etwa der Kolonisten von Rischon le Zion. Die alten reichen Kolonisten von Rischon haben dafür kein Geld. Sie lassen ihre jemenitischen Glaubensgenossen seit Jahren am Rande ihrer Kolonie in Hütten und Verschlägen hausen, – die Kommission in Jerusalem muß eine Kwuzah bestellen, damit sie in Rischon für die Jemeniten Häuser baue! Die Rischoner Kolonisten verwenden, wohlgemerkt, keine jüdischen Arbeiter, – sondern jene Zeltbeduinen und Fellachen am anderen Ende ihrer Kolonie. Die sind wohlfeil, bedürfnislos, geben sich mit minimalen Löhnen zufrieden. Aber die jungen jüdischen Arbeiter laufen mangels Beschäftigung zu Hunderten hungernd durch die Straßen des benachbarten Jaffa, Tel-Awiw. Sie können mit den arabischen Lohnarbeitern nicht konkurrieren, ihre Organisationen haben höhere Tarife aufgestellt, den tiefen Lebensstandard der Araber werden sie nie erreichen. Daher lehnt der jüdische Kolonist den jüdischen Arbeiter ab. Das ist ein Exempel.

Das andere aber ist: Chedera.

Chedera liegt nördlich von Jaffa, ist um achtzehnhundertneunzig gegründet worden. Auch die Kolonisten von Chedera stellten arabische Lohnarbeiter ein, die in Dörfern nahe der Gemarkung lebten. Die Frauen besonders und die Kinder dieser Araber, die zum Mandelpflücken verwendet wurden, begnügten sich mit minimalen Löhnen, und der Ertrag der Kolonie war ein großer, befriedigender. Während der Maiunruhen dieses Jahres aber drangen diese selben arabischen Lohnarbeiter in Chedera ein und haben die Kolonie halb verwüstet. Darauf schworen die Leute von Chedera einen feierlichen Eid, – daß sie nie wieder arabische Hilfskräfte verwenden wollten! In der Nähe Chederas, in Chefzibah, hatte sich ja auch jene berühmte deutsch-tschecho-slowakische Chaluz-Gruppe angesiedelt, von der ich bereits gesprochen habe.

Nun ist die Chefzibah-Gruppe abgewandert, um nicht zu verhungern, – denn die Chedera-Kolonisten beschäftigen wieder ihre alten Feinde, die Araber, die vor kaum fünf Monaten gegen sie gekämpft haben. Arabische Lohnarbeit ist billig, der Chaluz kann mit dem Araber nicht konkurrieren.

Es ist schwer, angesichts ähnlicher Vorfälle Ruhe zu bewahren, – wenn man versteht, welche Idee hier frivol aufs Spiel gesetzt ist, welche Ansteckungsgefahr in solch zynischer Immoralität eingeschlossen ist, und auch: welche Gefahr einer plötzlichen Explosion oder Eruption!

Schon haben junge, hungrige und beschäftigungslose Chaluzim ihrer Erbitterung auf drastische Weise Luft gemacht. In der jüdischen Vorstadt Jaffas, Tel-Awiw, haben sie arabische Arbeiter von einem Neubau weggejagt, den ein jemenitischer Jude aufführen ließ. Der Bau hat dabei etlichen Schaden erlitten. Der Jemenit beklagte sich darauf in einer berüchtigten, antizionistischen Araberzeitung über die jungen Juden, die ihm diesen Streich gespielt hatten. Selbstverständlich schlug die judenfeindliche Presse Palästinas aus dem Vorfall Kapital. Es hieß: zetteln erst einmal die Juden hierzulande gegen ihre eigenen Glaubensgenossen einen Pogrom an, da werden der englischen Regierung endlich die Augen aufgehen! Wir warten auf den Augenblick!

Aber die Organisationen der jüdischen Arbeiter halten ihre Leute noch in fester Disziplin. Solidarität verhütet die Katastrophe.

(Übrigens wurde jener Jemenit mit dem großen Bann belegt und aus der Glaubensgemeinschaft ausgestoßen.)

An einzelnen Orten Palästinas haben jüngere Siedlergruppen das Problem der gering bezahlten Lohnarbeit auf schöne, der kommunistischen Gesinnung gemäße Weise zu lösen versucht. Um eine allzu schwere Belastung der Gruppe und damit das Defizit zu vermeiden, zogen die Siedler von ihrem eigenen Lohn einen Bruchteil ab und wiesen ihn ihren, für Mandelpflücken und ähnliche niedere Leistungen gering entlohnten jüdischen Hilfsarbeitern zu.

Ein Wort zum Thema: jemenitische Juden.

Diesen von der südöstlichen Küste des Roten Meeres eingewanderten Halbarabern, das heißt auf dem kulturellen Tiefstand der Araber verbliebenen Juden, sind in Palästina an vielen Orten eigene Siedlungsbezirke zugewiesen worden. Die Jemeniten bestellen ihre Felder und bebauen ihr Land auf ordentliche Weise, aber eine richtige Verbindung zwischen den aus Europa eingewanderten Glaubensgenossen und den Jemeniten besteht nicht. Ihre Lebensweise, die Art, wie sie wohnen, ihre Sprache, ihr Aussehen (es sind olivbraune Leute von kleinem Wuchs, spärlichem Bart, langem, bläulichschwarzem dünnen Haupthaar, wie degenerierte Sepharden anzusehen) scheint ihnen einen Platz abseits von der europäischen Einwanderung zugewiesen zu haben. Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, Chaluz und Bilu behandle den Jemeniten, wie die Puritaner die nordamerikanischen Indianer behandelt haben und heute die Weißen den Neger behandeln. Es bleibt aber trotz der Glaubensgemeinschaft, die den Jemeniten dem Juden näher bringt als etwa den (ebenfalls stammverwandten) Araber, eine tiefe Kluft, eine kulturelle und Rassenfremdheit bestehen.

Einem anderen, nicht minder fremdartigen, sonderbaren Element der jüdischen Einwanderung bin ich im galiläischen Sedschera begegnet: den Gerim. Wörtlich übersetzt besagt das Wort Ger = Schützling. Die Gerim sind russische Sabbatarier, die Juden geworden sind, weil sie in jüdischer Umgebung den Sabbat halten können. Fragt man einen Ger, der noch ganz den Habitus eines Muschik hat: Warum bist du Jude geworden? dann gibt er zur Antwort: Weil ich, wie Ihr, den Sabbat halte; weil es bequem ist, den Schächter zum Nachbarn zu haben, der mir das Huhn schlachtet. Der Ger legt auch Gebetriemen, befolgt die Riten seiner Nachbarn, spricht mit diesen hebräisch (auch mit seiner Frau und seinen Kindern); bricht aber ein Streit zwischen dem Ger und einem Juden aus, so wird der Ger den Juden doch mit dem russischen Schimpfwort: Zsid (Jude!) zu beleidigen suchen. – –

Mit den Templern, den deutschen Kolonisten, hält der jüdische Kolonist gute Nachbarschaft. Der High-Commissioner, Palästinas höchster Beamter, der englische Jude Herbert Samuel hat die deutschen Templer, die der Krieg aus ihren Kolonien in Jerusalem, Haiffa und in der Ebene Saron bei Jaffa vertrieben hatte, wieder ins Heilige Land zurückgeführt. Es war eine der ersten Taten Sir Samuels. Die englische Regierung unterstützt sogar die deutschen Siedler in ihren Arbeiten, obzwar sie viele ihrer besten Häuser zu Zwecken der Administration mit Beschlag belegt hat, auf andere aber hohe Abgaben eintreibt.

Die Templersiedlung in Haiffa am Fuße des Karmel, die kleinen Niederlassungen Sarona und Wilhelma bei Jaffa, mit ihren sauberen und gut gebauten Häusern, hübschen gepflegten Blumengärten, in bestem Zustand gehaltenen Wegen und netten Menschen sind Freude und Erquickung.

Man wird traurig, fährt man, etwa auf dem Heimweg von Petach-Tikwah, das einem verwahrlosten polnischen Ghettodorf nur zu ähnlich sieht, durch die schwäbische Kolonie Sarona mit ihren violetten Rabatten; denkt man, durch den bodenlosen Schmutz der Straße bei Rischon le Zion oder der Straße Mea Schearim in Jerusalem watend, an jene Häuserreihen am Karmel. Man fragt sich: lohnte sich der ungeheure Energieaufwand jener alten jüdischen Kolonisten und ihrer europäischen Gönner, wenn das Resultat nichts weiter ist als ein Bankkonto, arabische Lohnarbeit, diese beschämenden bessarabischen Dorfstraßen?! Verrät sich die Gesinnung jener ehrwürdigen »Aristokraten« nicht in dem Zustand ihrer Häuser und Wohnorte? In der Kultur, den äußeren Merkmalen ihres täglichen Daseins? – Wie wird Nurriss in vierzig Jahren aussehen? . . .

Stil, Schönheitssinn ist allein beim Eingeborenen zu finden. Wahrhaftig, – jeder Araber ist ein Schmaus fürs Auge. Wie der letzte Bettler seine Lumpen trägt, das verrät aus dem Boden gewachsene, ununterbrochene, ungebrochene Tradition. Burnus, Kopftuch, Pantoffel der Männer, Kleidung der Frau (des Fellachen) und ihre Ringe, Spangen, Ketten, ja der Zuschnitt und die Farbe der Säcke, die der Araber seinem Kamel auflädt, zeugen von einer versunkenen, nur mehr dem Auge wahrnehmbaren Periode uralter, intensiver Kultur. Jeder Buchstabe im Koran ist ein Ornament. Das bescheidenste Andachtshaus ein Kunstwerk, das die Dürftigkeit oder die primitive Überladenheit, den Ungeschmack und die Trivialität der christlichen und jüdischen Bethäuser erst recht hervortreten läßt. Die ehrwürdigsten dieser christlichen Kirchen, in Jerusalem, Bethlehem, Haiffa sind mit ihren tausend Lampen, Exvotos, schlechten Bildern Labyrinthe aller Stilarten. Die Synagogen allein, die einen Einschlag von Orient aufweisen – wie die der Damaszener, Aleppoer und Bucharen – erträglich.

Die Kultur des Arabers hat mehr als die abendländischer Völker ihren Ursprung im Religiösen. Heute noch bestimmt dieses Religiöse die Atmosphäre, in der sich der Araber bewegt. Lernt man ihn in seinen Vorstellungen von Recht und Pflicht kennen, seine Einschätzung der Frau, des Kindes, des Herrn und Knechtes, des Fremden und seinesgleichen, so ist er ein primitives Ungeheuer, vom westlichen Menschen durch jahrtausendeweite Kluft getrennt. Gefährlicher Barbar, gegen den es nur zweierlei Schutz gibt: – Gold und Waffe. Aber sieh denselben Menschen an, wenn er seinem Gott naht. An den heiligen Stätten seines Glaubens, bei Sonnenaufgang, Untergang, mitten im Gewühl profaner Menge verklärt sich seine Erscheinung, steigert sich sein Wesen plötzlich auf mystische Weise. Er scheint in Höhen zu wachsen, wohin ihm niemand mehr folgen kann, der nicht, wie er selbst, den zwingenden Atem des rätselhaften Orients im Blute empfangen hat.

Indes, man ginge sicherlich fehl, wollte man das Problem des heutigen Arabers, der arabischen Masse, mit der man es in Palästina zu tun hat, aus der Religion zu erklären und zu lösen suchen. Ebenso irrt der, der eine Verbindung des heutigen Arabers mit dem eingewanderten Juden auf rein kultureller Basis erstrebt. Auf dem Zionistischen Kongreß in Karlsbad verstieg sich ein verdienstvoller Berliner Professor zur Behauptung: an der Universität in Jerusalem müsse ein Lehrstuhl für arabische Literatur eingerichtet werden, – das werde die Rassen mit einem Schlage einander näherbringen und versöhnen. Und der Theoretiker Kalvariski möchte, nach dem Muster jener ägyptischen, christlich-moslemischen Klubs, Vereine schaffen, in denen sich Juden und Araber begegnen und eine Verständigung zwischen den Brüdern des gleichen alten Stammes angebahnt werden sollte. Er vergißt, daß hinter den Juden nicht gleich starke treibende Kräfte stehen, wie hinter den Christen in jenen ägyptischen Klubs, die einer ausgesprochen englandfeindlichen, von Frankreich und dem Vatikan inspirierten Orientpolitik als Werkzeug dienen.

Wer nicht in Palästina war, nicht die Fellachen und Beduinen am Rande der jüdischen Kolonien gesehen hat, sollte über die Araberfrage und den palästinensischen Araber nicht mitsprechen. Ja sogar für den, dessen Fuß niemals das Gebiet des rätselhaften Transjordanien betrat, der nicht weiß, welche Moralbegriffe, welche Anschauungen in bezug auf Eigentum und Ehre unter den unerforschten Völkern jener Nachbarterritorien herrschen, ist höchste Vorsicht geboten. Man kann ebensowenig eine geographische und kulturelle Linie zwischen die unbekannten und ungezählten Massen des Transjordan und die siebenhunderttausend palästinensischen Araber ziehen, wie man sich an einen Kodex, feste Dogmen halten kann, die es auf Grund praktischer Erfahrung ermöglichten, den jüdischen Einwanderer vor der zehnfachen Übermacht zu sichern.

Ich hatte Gelegenheit, mit dem jungen Gouverneur von Bersheba über die sonderbaren Bräuche, die Vorstellungen von Recht, Leben, Eigentum zu sprechen, die ihm auf seinem exponierten Posten, wo die Straßen von Trans und Zis sich berühren, oft unterkommen mögen. (Er muß sogar – als britischer Beamter! – Streitigkeiten schlichten, für die nur Überlieferung unter den Völkern des Transjordan rechtliche Handhabe bietet!) Beispiele: Blutrache verquickt sich mit Eigentumsentschädigung. Kehrt eine entführte Frau mit einem Kinde heim, so hat der entführende Stamm an ihre Sippe eine größere Zahl von Ziegen, Schafen, Kamelen zu entrichten, als wäre sie ohne Kind heimgekehrt. Wird ein Bruder getötet, so schwankt die Zahl von Kamelen und Ziegen gegenüber der Entschädigung, die für einen Schwiegersohn oder Großvater zu zahlen ist. Mord findet seine Sühne ebensogut in der Art des rächenden Mordes wie in materiellem Gegenwert. Die Zahl der Weiber, die ein Land-Effendi in seinen Harem sperrt, wird nicht durch sein erotisches Grundbedürfnis bestimmt, sondern von dem Umfang der Arbeit, die es in seinem Haus und Feld zu leisten gibt. Findet er, aus irgendeiner Verwandtschaft mit Auffassungen von Ehe, Familie, Gesittung westlicher Völker, Genüge an einer einzigen Gattin, die er liebt, so kann es doch vorkommen, daß die Frau ohne ärztlichen Beistand und Medizin einfach stirbt, weil der Effendi für Arzt und Arzenei fünf Pfund mehr ausgeben müßte, als eine frische Frau kostet, die er ihrer Sippe abkauft.

Der Besitzbegriff des Arabers, des Moslem, gegenüber der Frau verbindet sich mit religiösen Vorstellungen und Gesetzen, die seinen geschlechtlichen Egoismus rechtfertigen und verklären. Man kann sich wohl vorstellen, welcher Abgrund den Araber, der seine Frau nur im weiten schwarzen Kleid, einen dichten schwarzen Lappen vor dem Gesicht, über die Straße gehen läßt, vom Chaluz scheidet, der mit der Chaluza nach Sonnenuntergang singend über dieselbe Straße zieht.

Der niedere Araber, so sagte man mir oft, verfolgt den jüdischen Arbeiter, den er arbeiten sieht, mit geringerem Haß als den jüdischen Städter, dessen Arbeit ihm nicht begreiflich ist, und den Kolonisten, für den er harte und schlechtbezahlte Fron leistet. Ich kann an solche Wertungen nicht glauben (wie ich überhaupt nicht an den primären und primitiven Haß des Arabers gegen den Juden glaube). Der freundliche Blick auf den arbeitenden Fremdling und die Verbundenheit auf Grund der gemeinschaftlichen Arbeit setzt ein viel höheres ethisches Niveau voraus, als es der Araber heute besitzt. Im Gegenteil, – sieht der Fellach den unbegriffenen Chaluz auf eine Stufe der materiellen Anspruchslosigkeit heruntersteigen, die der seinen ähnelt, so wird er wohl stutzig werden, und der Respekt, den er vor fremder Herrenrasse immer noch empfindet, wird ihm rasch abhandenkommen.

Hier habe ich vom tiefstehenden Araber gesprochen, von den in kultureller wie in wirtschaftlicher Beziehung niedrigsten Schichten des palästinensischen Arabers. Anders verhält es sich mit den Oberen, den Effendis. Jene Fellachen, Beduinen, sind Taglöhner, kleine Pächter, schwer ausgebeutete Landsklaven der Großgrundbesitzer, eines Dutzends von Familien, die das Land zum großen Teil in Händen halten und denen es der Nationalfonds abkaufen muß; – aber im Grunde sind diese, die Oberen, die Effendis, auch nichts weiter als willenlose Werkzeuge französisch-vatikanischer Interessengemeinschaft.

Die Effendis sind enttäuscht. Sie erwarteten mit den Eindringlingen unerhörten Geldsegen im Lande. Jude bedeutet auch im Orient: Geld. Die Juden kamen wohl mit gewaltigem, die Welt durchdröhnendem Geschrei nach Palästina, brachten jedoch weniger Geld mit, als man erhofft hatte. Mancher Effendi hatte sich bereits in schwere Schulden verstrickt, hoffend, daß er sein Land zu hohem Preise loswerden könne, – nun ist er enttäuscht und rächt sich. Der andere Grund für Unzufriedenheit aber ist: Fellachenarbeit ist durch die Konkurrenz des jüdischen Arbeitgebers teurer geworden, der Fellach nicht mehr so ganz das vegetierende Halbtier, seit die neuen Juden im Lande sind.

In Jerusalem kommt es nicht selten vor, daß arme jüdische Lehrer, kleine Beamte, die monatelang mit Wechseln bezahlt werden, den Kredit arabischer Händler im Bazar beanspruchen müssen. Daß der Jude ihm nicht davonläuft, weiß der Araber wohl; er verachtet die Juden darum nicht minder. Nun genießen aber diese selben Juden, diese kleine und, wie man sieht, wirtschaftlich gar nicht so sonderlich gestützte Minderheit im Lande doch den besonderen Schutz der Regierung. Sie verfügen über einen Nationalrat, eine Exekutive, die ihre Interessen gegenüber der Regierung wahrnimmt, – während der an Zahl zehnfach überlegene Araber keine solche Behörde besitzt. Man hat einmal die Frage an mich gestellt: ob die »nationale Befreiungsbewegung« der Araber einem wirklichen inneren Bedürfnis des arabischen Volkes entspreche oder ob sie nur als Mache der Effendis anzusehen sei, die die Einwanderung der Juden aus eigennützigen Motiven verhindern wollen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Sie beruht auf komplizierten Voraussetzungen. Die großen Mächte hinter dem Araber meinen den Juden ebensowenig wie den Araber selbst, wenn sie mit beiden ihr Spiel treiben. Spricht man in Jerusalem über den letzten Pogrom, so mag es einen oder den anderen aufgeklärten Araber geben, der augenzwinkernd nach der Riesenkaserne des französischen Klosters vom Sacré Cœur schielt, in dem französische Generale der syrischen Besatzungsarmee mit vatikanischen Missionaren aus und ein gehen. Zuweilen aber schielt er um fünf Häuser weiter, bis ans Damaskustor, wo im englischen Gouvernementshaus der judenfeindliche Storrs sitzt, ein Herr mit pilatischen Allüren, – von dem noch zu sprechen sein wird.

Der angebliche Rassenhaß des Arabers gegen den stammverwandten Juden ist ein Resultat des Weltkriegs. Vor neunzehnhundertvierzehn gab’s keine Pogrome, war die Rassenfrage nicht akut und gefährlich. Für den moslemischen Araber ist ja Palästina, trotz Abrahams, Rahels, des Haram und Josaphats, trotz vielen gemeinsamen religiösen Besitzes, Tradition und Erwartung, bei weitem nicht, was es für den Juden ist. »Des Arabers Zion heißt Bagdad, – sein Moses ist Harun al Raschid«; – ich hörte diesen Satz in einem Vortrag Sokoloffs, und er leuchtete mir ein. Auch ist ja das Zentrum moslemischer Kultur nicht in Jerusalem gelegen, sondern in der altehrwürdigen Moschee und Universität Al-Azhar in Kairo. Ganz andere als nationalistisch-religiöse Motive setzen den Moslem gegen den Juden in Bewegung.

Das trübe Spiel der Mächte um die Herrschaft im Orient erfährt eine Komplikation dadurch, daß sich unter den jungen Arabern offenkundig eine ausgesprochen england-freundliche Strömung bemerkbar macht. Während der alte Araber, von der Türkenherrschaft her unzivilisierbar, der Kultur Europas feindlich, unverständiger Asiat, ein Spielball jener christlich-französischen Interessen bleibt, steht die junge Generation der Araber unter dem starken Einfluß der englischen Schulen und Lyzeen, die die französischen Missionsinstitute und die deutschen verdrängt haben und in denen den jungen Leuten mit der englischen Sprache, mit englischem Sport und High-Church-Gesinnung, Vorliebe für englische Sitten, eine rechte Dosis Anglomanie eingeflößt wird. Mit kluger Geschicklichkeit hat der englische Imperialismus es in kurzen vier Jahren verstanden, im Araber die Tendenzen zu wecken, die er für seine Weltherrschaft an diesem exponierten Punkt am besten brauchen kann.

Manche Leute wollen bemerkt haben, daß in den anglisierten jungen Arabern durch die Arbeit der Engländer bereits Sympathien für die zionistische Einwanderung aufgekeimt sind. Auf alle Fälle ziehen durch das palästinensische Arabertum widerspruchsvolle und einander kreuzende Strömungen, die dem Lande und den Menschen eines Tages gefährlich werden könnten.

Der Schützengraben um die jüdische Siedlung in der Ebene und in den Bergen ist und bleibt bittere Notwendigkeit.

»Und es geschah hinfürder, daß der Jünglinge die Hälfte taten die Arbeit, die andere Hälfte hielten Spieße, Schilde, Bogen und Panzer. Und die Obersten stunden hinter dem ganzen Hause Juda,

die da bauten an der Mauer und die da Last trugen von denen, die ihnen aufluden, mit einer Hand taten sie die Arbeit und mit der anderen hielten sie die Waffe.«

Nehemia 4, 10. 11.

Seit Nehemia hat sich an dem Schicksal des Juden im alten Vaterland wenig geändert.

Im November-Pogrom, wenige Tage vor meiner Ankunft in Palästina, hallten Kampfrufe durch die Straßen der Heiligen Stadt, wie dieser:

»Das Land ist unser Land. Die Juden sind unsere Hunde!«

und:

»Geist Mahomets, erhebe dein Schwert!«

Wäre die junge Judenschaft an diesem zweiten November nicht gut ausgerüstet zur Stelle gewesen, im alten Judenviertel bei der Klagemauer wäre keiner und keine mit dem Leben davongekommen. (Man soll mit solchen Aussprüchen vorsichtig verfahren, aber ich weiß, was ich sage. –) Der Chaluz hat neben der Kelle das Schwert führen gelernt, darum ist die Judenschaft Palästinas nicht verloren. Er hat die Waffe in starker und reiner Hand, denn es geht auf jenen Ebenen, in jenen Bergen, um den Bau des Dritten Tempels, des Tempels im Geiste.

Schützengräben und Laufgräben, Unterstände und die Lazarettverschläge von Nurriss sind nicht von heute. Die Bauart des arabischen Hauses mit seiner hohen steinernen Umfriedung, die Lage der Städte auf strategisch gesicherten, schwer zugänglichen Punkten weist auf eine stete Gefahr hin, die dem Menschen vom Menschen droht, auf die Notwendigkeit, sich zu verteidigen, das ganze äußere Leben auf diese Notwendigkeit einzustellen. Jerusalem selbst, aus Felsen in die Höhe steigend, von tiefen Wasserbetten umgeben, gleicht heute noch einer Festung, die schwer zu erstürmen ist. Jeder Jude in Palästina lebt sein Leben im »Qui vive!« dahin. Es ist ein schweres Leben, und man muß seine Nerven bewahren, um es zu ertragen. –

Eine Gelegenheit belehrte mich, auf welche Weise die Gefahr an den Nerven der Unseren zehrt und zerrt. In Haiffa, wo ja der Sitz des gefährlichsten, antijüdischen, arabisch-nationalistischen Aktionskomitees ist, am ersten Abend der Kongreßtagung der Landarbeiter erhob sich plötzlich in der engen Gasse Geschrei. Oben verstummten wir. Ein Pogrom? Überfall? Man verhielt sich ruhig. Es dauerte eine ganze Weile. Aber es war bloß das benachbarte Kino, dessen Vorstellung geendet hatte und dessen Publikum ins Freie strömte.

Tags darauf geschah folgendes. Es war eben Abend geworden. Die Debatten waren erregt und laut geführt. Da stieg wilder Lärm, Feuerschein, Eisenschlag von der Straße herauf. Fackeln nahten dort unten unserm Haus, in dem der Arbeiterklub, die Arbeiterküche sich befanden. Besessene Tänzer schwangen Schwerter, erhoben Schilde über ihre Turbane, hielten sich an den Händen und taumelten wüst die enge Straße entlang. Vor dem Haus setzten sich zwei auf mitgebrachte Stühle nieder, und der wilde Fackelreigen tobte minutenlang um sie herum. Als ginge es um Blut, sausten Damaszenerklingen auf kleine runde Stahlwehren nieder, die Fechter sprangen aufeinander zu, johlten unbändige Lust, Wut, Freude am Geräusch des Eisens auf dem Eisen. – Wieder erlitten unsere Verhandlungen eine Unterbrechung. Weg vom Fenster! Es ist Haiffa. Wir sind Juden. Man weiß, wir sind hier oben beisammen. Die Gasse ist eng. Die Treppe schmal. Über die Dächer geht’s ins Leere. Umzingelt man das Haus, wirft eine Fackel herein, entkommt keiner.

Ich blickte in blasse Gesichter. Aber sie waren ruhig. Der Widerschein der Fackeln allein flackerte auf ihnen. Einige Minuten vergingen, dann verzog sich der Fackeltanz und das Schwerterschlagen nach dem großen Platz zu.

Es war nur ein kleines Spiel gewesen, eine Art Freudentanz: Freunde bereiteten jungen Neuvermählten ein Ständchen. Ich folgte den Fackeln einige Straßen weit. Lustbezeigung, Freudenausbruch, bestialische Wildheit. Wie, – wenn diese da einmal Ernst machen, Zorn schwillt, der Name des Propheten fällt?

(Aber auch aus solcher verhältnismäßig harmloser Fantasia kann sich höchst Reales entwickeln. Wie damals, beim Empfang in Bethschean, im alten Basan, Ogs Hauptstadt, dem obersten Beamten des Landes Sir Herbert Samuel jener Speer über den Kopf wegflog, jene Schüsse ins Auto nachgesandt wurden. Es handelte sich ebenfalls nur um eine Fantasia, ein Schaugepränge der Eingeborenen zu Ehren des High Commissioners. Als vor der ersten Nummer des Programms ein schwarzes Kamel mit einer verschleierten Frau langsam vor Sir Samuel vorübergeführt wurde, wußten die Kundigen im Gefolge Bescheid.)

Zwei große hebräische Tageszeitungen erscheinen in Palästina: »Doar Hayom« (»Daily Mail«) und »Haarez« (»Das Land«). »Doar Hayom«, konservativ kapitalistisch, wie sein Taufpate und Vorbild gelb gefärbt (gelb nicht gerade als Farbe des Juden gedacht!), ein Organ der reaktionären Bnej Binjamins, das heißt der Söhne der alten Kolonisten, jener jüdischen Pseudo-Aristokratie, der Alt-Eingesessenen; im ganzen ultra-englisch orientiert. »Haarez«, liberal, dem Chaluz gegenüber freundlich und entgegenkommend, ohne seine bürgerlichen Prinzipien zu verleugnen.

Die radikale Arbeiterschaft besitzt eine vorzügliche, auf bestem literarischen Niveau stehende Wochenschrift: den »Hapoel Hazair«. –

Man darf den erwähnten jüdischen Tagesblättern füglich vorwerfen, daß sie die Araberfrage mit äußerster, wenig angebrachter Behutsamkeit anfassen. Daß man aus ihnen kaum die ganze Schwere der Lage in Palästina erkennen wird. Daß in ihnen selten ein Ton jener Verzweiflung anklingt, die in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung stets latent ist, jäh hervorschießt, sobald die Araberfrage berührt wird. Ja sogar Pogrome werden durch diese Presse nicht nachdrücklich genug als das charakterisiert, was sie in Wirklichkeit vorstellen.

Liegt dabei Absicht der Vertuschung vor oder bloß die Tendenz, Palästina und die Weltjudenschaft nicht zu irritieren? Geschieht es aus politischen Motiven, so darf man füglich von Schwäche und Zaghaftigkeit sprechen, – die arabische Presse ihrerseits kann sich in der Verhetzung der Massen und Fälschung der evidenten Tatbestände kaum genug tun.

Das Merkwürdige bleibt, daß diese arabischen Hetzblätter von christlichen Arabern redigiert sind. Ihre Verbundenheit mit jener Hochburg Sacré Cœur ist unverkennbar. (Ein einziges arabisches Blatt, von mohammedanischen Arabern redigiert, befleißigt sich eines freundlichen Tones gegenüber den Juden. Aber es ist klein und ohne Einfluß.)

Von der jüdischen Tagespresse erwächst also der judenfeindlichen arabischen kein Gegengewicht durch entschlossene Betonung des eigenen Standpunktes. Judenfreundliche Engländer (aus Kreisen der Regierung) fragten mich: »Warum versagen die Juden gerade in solchen Fällen, wenn sie, ungerecht angegriffen, dem Pöbel ausgeliefert werden sollen? Wo sie doch in der Welt gar nicht laut genug ausposaunen können, daß sie nun ihre nationale Heimat, ihr jüdisches Palästina errungen haben!« Großmannssucht außen, Schwäche innen, – dem Araber eine einzige Angriffsfläche, sehr willkommen seinen Hintermännern, die die Situation gar nicht zu verschärfen brauchen.

Auch in anderen politischen Mißgriffen zeigt sich Ängstlichkeit der Zionisten gegenüber Mächten und Tendenzen im nichtjüdischen Palästina. So hörte ich Klage führen über die allzu bescheidene, von gewisser Seite gänzlich unterdrückte Geldforderung an England für die jüdischen Schulen in Palästina, – wo doch die arabischen von der englischen Regierung mit namhafter Subvention unterhalten werden.

Elieser Ben Jehuda heißt der ehrwürdige und streitbare Gelehrte, in dem die Juden Palästinas den Vater des neuen Hebräisch, das sich in Schulen, Siedlungen, in der täglichen Umgangssprache durchgesetzt hat, erkennen. Vor zwanzig, vor zehn Jahren schwirrten in Palästina noch Dutzende Jargons durcheinander; jeder hatte aus dem Galuth seinen eigenen mitgebracht. In den Schulen galten Jiddisch, sephardischer Dialekt, Französisch und Deutsch als Unterrichtssprache. Heute hört man in Häusern, Straßen, auf den Ebenen, und in den Bergen fast ausschließlich das Hebräisch, das vor vierzig Jahren nur in Ben Jehudas Hause von Kindern und Erwachsenen gesprochen wurde. Wie im amerikanischen Schmelztiegel der Nationen die englische Sprache Einheit bewirkt, so arbeitet heute der jüdische Nationalismus mit dem Mittel der hebräischen Sprache rücksichtslos an seiner Kräftigung. Ben Jehuda schreibt seit Jahren an einer hebräischen Enzyklopädie. Viele Gelehrte – kleine Sonderlinge und Schwärmer unter ihnen, deren Palästina eine Fülle besitzt! – bauen die Sprache ins Moderne aus, assimilieren die alten Idiome der veränderten Lebensform des Tages. Ben Jehuda sagte mir, seine Aufgabe sei gegenwärtig, das alte Hebräisch der Bibel zum alltäglichen Gebrauch herzurichten, zu korrumpieren. Ich fragte ihn, ob es seinem Wunsch entspräche, verwandelte sich die heilige Sprache in einen palästinensischen, arabisch-levantinischen Jargon, was bei der geringen Festigung der Sprache und dem unaufhörlichen Zustrom östlicher Einwanderung unausbleiblich sei. Aber darauf bekam ich nur zu hören, daß Hebräisch eine nationale Notwendigkeit sei.

Im übrigen haben die »Hapoel Hazair«, also eine der radikalen Arbeiterparteien, das Hebräisch als Umgangssprache unter ihren palästinensischen Genossen eingeführt, und heute wird in den, dem Nationalismus am extremsten widerstrebenden Kwuzoth und Kwischim hebräisch gesprochen. Somit darf der Europäer nichts dagegen haben, daß Fanatiker die Bibel nach gedanklichen Equivalenten für Automobil, Benzin, Flugzeug, Fünfuhrtee und Flirt durchstöbern.

Er darf sich auch darüber nicht aufhalten, daß Kinder, die in ihren Schulen hebräischen Unterricht genießen, zuhause mitleidig und mit unverhohlener Geringschätzung auf ihre Eltern herunterschauen, wenn sie diese bei Fehlern im Hebräischen ertappen. –

Es ist ein wahrer Rausch von Hebraismus über die Judenschaft Palästinas gekommen; wilde Unduldsamkeit; ausgesprochen chauvinistischer Mißbrauch der Sprache zu Zwecken, die mit dem Geist des Judentums gar nichts mehr gemein haben. Mir selbst wurde eine bittere Kostprobe verabreicht, von der mir einige Zeit lang übel in der Herzgrube war.

Ich hielt in der Aula einer Schule in Jerusalem einen Vortrag über Rußland, der von Arbeitern und bürgerlichen Intellektuellen besucht war. Da ich des Hebräischen nicht mächtig bin, sprach ich deutsch. Der Führer der palästinischen Arbeiterschaft, Ben Zwi, hatte den Vorsitz, mein Freund, der gelehrte Hugo Bergmann, übersetzte. Es waren in der großen Zuhörerschaft nur wenige, die nicht deutsch verstanden, – ich merkte das an der spontanen Zustimmung, die manche Pointe meiner Ausführungen unterstrich. Weder der Vortrag noch die Diskussion (die Redner sprachen hebräisch, ihre Reden wurden mir übersetzt) löste auch nur den geringsten Protest gegen mich aus, der es gewagt hatte, in Jerusalem öffentlich in einem fremden Idiom zu sprechen! Nächsten Morgen erfuhr ich aus einem Artikel Ben Jehudas im »Doar Hajom«, ich sei ein Verräter an der jüdischen Sache Palästinas, Diener fremder Götzen, der ein neues Galuth in die Heimat geschleppt habe, ein Entweiher der Stätte, an der ein Kampf gegen die bösen Mächte des Exils geführt worden sei; die pathetischen Sätze klangen in einem Appell an das Land aus, solche Entweihung fortan nicht zu dulden . . .

(Welcher Lärm! Sollte der »Doar Hajom« etwa mein Thema gemeint haben, indem er auf mein Deutsch losschlug?)

Ein paar Tage nach diesem Ereignis besuchte ich die Kolonie Chulda. Eine schöne Farm, mit gemischter Bewirtschaftung. Die Siedler haben einen steinernen Stall gebaut, in dem sie uns ihren Stolz, eine neu eingeführte Kuh holsteinischen Geblüts zeigten. Unter der Kuh saß die Chaluza und molk. Immer, wenn die Kuh einen Satz fort vom Milchkübel machte, rief die Melkerin: »Aber, Mariechen!« Mit der Kuh sprach die Chaluza deutsch, mit uns hebräisch. Das Zweckgemäße dieser Doppelsprachigkeit kam mir lebhaft zum Bewußtsein. Ich fragte die Chaluza, ob die Kuh mehr Milch geben wird, wenn sie erst auf den Namen »Mirjam« hört. –

Vielleicht betont man in Palästina das Hebräisch als nationale Sprache auch deshalb mit solcher Leidenschaftlichkeit, weil Jiddisch ein grotesker, verdorbener Mischmasch ist. Viele Chaluzim scheinen sich des Jiddischen, ihrer Muttersprache, geradezu zu schämen. Herr Gordon in Tel-Awiw zeigte mir einen Fragebogen, auf dem ein Einwanderer in die Rubrik Muttersprache: »Esperanto« geschrieben hatte. Und doch ist das Jiddisch eine lebende, eine höchst lebendige Sprache, in manch einer Beziehung. Es ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. In mehr als einer Beziehung ist es Esperanto; über die Welt zerstreut, lesen Millionen Hunderte jiddischer Zeitungen; es ist die Kongreßsprache der jüdischen Welt-Arbeiterorganisationen; es hat seine Literatur, seinen Liederschatz; jüdisches Folklore ist ohne das Idiom der Chassidim Nonsens. Unter der nationalistischen Oberfläche des palästinischen Hebräisch lebt es ohne Zweifel ungemindert und ungebrochen weiter.

Am heftigsten wird das heutige neue Hebräisch in Palästina natürlich von den alten Juden des vorzionistischen Kolel bekämpft. Sie gebrauchen die heilige Sprache nur in den hohen Stunden des Kults, verwerfen ihre Profanierung durch den Alltagsgebrauch zusammen mit anderen Neuerungen des Zionismus, der ihnen in tiefster Seele zuwider ist.

Und neben dem Hebräisch, das sich durchsetzt, dem Jiddisch, das kraft seiner Weltberechtigung lebt und besteht, erhalten sich in Palästina noch die mit arabischen Elementen untermengten Idiome der Sefarden, Jemeniten und Halebiner.

In diesem Zusammenhang ist das hebräische Herzl-Gymnasium in Tel-Awiw zu erwähnen. – Vor dem Krieg zählte es etwa achthundert Schüler. Jetzt sind es sechshundert. Das Gymnasium erhält von der Regierung keine Unterstützung; die zionistische Kommission trägt zu seiner Erhaltung viertausend Pfund bei, an Schulgeld nimmt es sieben- bis achttausend ein. Es wird in fortschrittlichem Geiste geführt, – so war sein Direktor Mossinson der Erste, der es gewagt hat, in öffentlicher hebräischer Schule Teile der Bibel barhäuptig vorzulesen, – die Bibel als Geschichtsbuch aufzufassen. Andere Reformen der Schule, die aus Amerika stammen und den Unterricht wie die Schulgemeinschaft betreffen, haben ihren Weg aus Tel-Awiw nicht heraus ins Breitere, nicht einmal nach dem nahen Jerusalem gefunden, in dem ja ganz andere Gesetze, starreres Festhalten an alten Formen gelten, die ganze Struktur des Lebens der Gesellschaft, der Bildung, von alter geheiligter Tradition bedingt ist.

Der Bannfluch der Orthodoxen wird aber nach einer ganz anderen Richtung geschleudert, als nach dem Herzl-Gymnasium von Tel-Awiw. Dieses scheint, als Institution und Klassenprivileg einer geringen Oberschicht den Orthodoxen nicht so gefährlich, als die niederen Schulen der neuen Einwanderung, in denen sich die Errungenschaften der Zeit im Unterricht der Kinder durchzusetzen suchen.

Die Schulen der Orthodoxen künden sich bereits auf drei Straßen Distanz durch höllischen Lärm an. Geht man auf die Quelle des Geschreis zu, so gewahrt man einen niederen Raum, in dem ein befezter Türke in breitem schmutzigem Mantel mit einem Stock in der Hand vor einer Tafel steht. Der Stock prügelt auf die Schultafel los, daß sie tanzt und ächzt; in zehn Bänken sitzen etwa fünfzig Rangen, der älteste zwölf Jahre, und brüllen im Chor heilige Zeilen aus den alten Schriften vor, – um durch das Getöse, den gottgefälligen Spektakel, sich die Silben, die Worte und ihren verborgenen Sinn, der ihnen in ihrem Alter ja noch gar nicht aufgehen kann, gründlich einzuverleiben. Es ist der Cheder. Nebenan aber die Jeschiwah, in der junge Knaben in die tieferen Geheimnisse der heilig-ehrwürdigen Bücher eingeweiht werden.

Die Schulen der Zionisten haben durch Unterricht in weltlichen Fächern und Wissenschaften das alte Schriftauswendiglernen und Schriftauslegen ersetzt und aus dem Felde geschlagen. Im ganzen besitzt Palästina etwa hundertunddreißig rein hebräische Schulen; mit sechshundert Lehrern, dreitausend Schülern. Außerdem drei Lehrerseminare. Da es keinen Schulzwang gibt, können Orthodoxe ihre Kinder in den Cheder, Neologen ihre in die neuen Schulen schicken. Es gibt jüdische Familien, in steigender Zahl, die ihre Kinder in christliche, von Engländern geleitete Schulen schicken. Es gibt zuweilen auch arabische Kinder in hehräischen. –

In der Überspannung des Hebräischen als nationale Sprache liegt eine nicht geringe Gefahr für das Judentum Palästinas. Das Land ist englische Dominion. Im besten Falle ist es heute eine solche. Es ist aber auch ein Land der Araber, in dem die Juden eine erschrecklich geringe Minderheit vorstellen. Die englischen Behörden brauchen für ihre Beamtenschaft Juden, die nicht hebräisch allein, sondern mindestens noch englisch sprechen können. (Dieser Umstand wird allmählich doppelsprachigen Unterricht bewirken.) Um sich im Lande halten zu können, werden die Juden sich des Idioms der überwiegenden Menge der Bevölkerung zu bedienen verstehen müssen. Zum Englischen kommt das Arabische.

Will der palästinische Jude seinen Zusammenhang mit der Welt nicht verlieren, darf er aus dem Hebräischen nicht sein ein und alles machen. Es gibt einen Zusammenhang mit der Welt, der im Augenblick wichtiger ist als die Wiedererweckung, die künstliche Galvanisierung einer toten Sprache zu einem Scheindasein. Erreicht der nationalistische Sprachenrausch seinen Höhepunkt, so werden viele junge Palästiner die Isolierung von der übrigen Welt am eigenen Leibe erfahren müssen.

In einen entlegenen Winkel der Welt verschlagen, muß das jüdische Palästina den sprachlichen Kontakt mit den Ländern des Galuth aufrecht zu halten suchen.

Hebräischer Chauvinismus wird fallen – mit der Einsicht der durchbrechenden sozialen Verbindung der Gesamtheit.

Vom Dache des Hauses gesehen, das das Haus des Pilatus genannt wird, ist die Heilige Stadt ein nach Osten geneigter, nach Osten abfallender Berghang, eng Dach bei Dach. Die Stadtmauern und Wälle senken sich tief in Felsenklüfte hinab, leere steinerne Strombetten, in denen hier und dort an sagenschweren Stätten noch ein Fußbreit Wasser schwillt, – Hinnom: das Höllental Gehenna, Kidron: das auch Josaphat genannt ist und das der Fuß des Größten unter den Juden allnächtlich betrat, wenn der Weg zum Ölberg zu erklimmen war, der Flußlauf El Dschôz, aus dem der Skopus aufsteigt. Dies weiße Gewirr von flachen Dächern und gelblichen Mauern, ohne Grün, abfallend in schroffer Senkung nach Osten, ist die Heilige Stadt, deren du gedenken sollst, die Hände auf die Augen gepreßt, in deiner letzten Stunde.

Und zu Füßen des Haram, der heute eine heilige Stätte der Moslems ist und wo, aus Quadern der Erinnerung getürmt, nur mehr dem Gläubigen unter den Juden sichtbar, der Alte Tempel steht, der vielfach erbaute, wieder zerstörte, tief unten in der Kidron-Kluft, Sarg bei Sarg, aufsteigend aus steinernem Becken des Flußlaufs, dehnt sich eine unendliche, grenzenlose Stadt der Toten. Zutiefst Absalons Grab, der spitze Kegel, Zachariä Grab und das Josaphats, der Felsentempel. Über diesen beiden aber, den sanft emporführenden Hang des Ölbergs mit weißen flachen Platten sprenkelnd, die steinernen Särge. Namenlose Gräber von Juden, namenlos und ohne Zahl.

Die Heilige Stadt, die ewig Lebende, blickt nach Osten. Die Stadt der Toten, auf den Ölberg klimmend, blickt die Heilige Stadt an. So will es die Ewigkeit. Gedenket, gedenket Jeruschalajims, ihr Lebenden, ihr Toten.

Ehe die Sonne über dem Ölberg aufgeht, ruft der Muezzin hoch oben vom Minarett des Haram, schluchzend, klagend, dann wie Vogellaut jubelnd zum Himmel Gebet und Mahnung empor.

Frühschein fällt auf den lieblichen weiten Plan, die blauen Mauern der Omarmoschee erstrahlen, ein Strahl der Sonne fällt durch die edelsteinfarbigen Fenster auf den grauen, unförmigen Felsenriesen, den die Moschee umschließt; – der Fels Moria ist’s, der Mohamed auf seinem Fluge in den Himmel zu folgen versuchte, der Fels, auf dem Abraham seinen Sohn opfern wollte; der rätselhafte Stein erglüht vom Widerschein der Sonnenfarben durch das strahlende Bunt der Scheiben. Jetzt erwacht die Stadt.

Glocken klingen auf, hier und dort, aus Klöstern, Kirchen, Domen, dumpfe und schwer schlagende, helle, rasch schwätzende wie Kindeslachen.

Stumm bleiben allein die wenigen versteckten Stätten der Juden, vergraben im Gemäuer der alten Stadt Zion; gedämpften Tones, bedeckten Hauptes klagt, singt, jubelt, schluchzt der Jude sein Gebet. Es darf nicht, wie Andacht der anderen, aus dem Raum empor zum Himmel klingen.

In den schmalen, windungsreichen Straßen ist das geschäftige Leben des Alltags schon im Gange, tummelt das Treiben durcheinander. Unter den Torbogen, in dem langgedehnten, rauchig düsteren Bazar feilscht, drängt, schiebt sich die Masse der zusammengepferchten Orientalen. Hier herrscht nicht der laute, fröhliche Lärm des Muski Kairos, das behaglich in den Tag-Hineinleben des kaffeetrinkenden, nargilehschmauchenden, aus vollem Bauch lachenden ägyptischen Handelsmannes, – ein dumpfer, geduckter, verschlagen-gefährlicher Orient schwelt unter verrauchten, moderigen Deckenwölbungen, die die Straßen überdachen. Die Läden der Händler sind tiefe, kellerartige Verliese. Die ganze alte Stadt scheint ein unlösbares Labyrinth niedriger, ruinenähnlicher Häuser, von denen man nicht weiß, sollen sie höher gebaut werden eines Tages oder sind sie im Bau stecken geblieben, weil sie verfallen sollen.

Wie Schlammadern laufen alte krumme Gassen zwischen den gegeneinander vorgeneigten Mauern der Häuser. Die hochgebauten Klöster blicken mit vergitterten Fenstern auf die winkeligen Wege nieder, durch die eilige Gestalten in weißen Kutten, wehenden Talaren sich an ihre schweren Tore drängen, rasch von der wohlumfriedeten geheimnisvollen Stille aufgenommen werden.

Diese Stadt hat drei Feiertage in jeder Woche. Donnerstag abend beginnt der der Mohammedaner, Freitag abend der der Juden, am Sonntag morgen der der Christen. Drei Religionen der Menschheit leiten ihren Ursprung von diesem wall- und kluftumstarrten düsteren Gemäuer her.

Vom Berg Zion ausgehend, auf dem Chaluzim eine neue Synagoge bauen, komme ich am Haramstor vorbei, hinter dem in Omars Moschee der Fels der Moslem schwebt, und trete in die Via Dolorosa ein, folgend den Fußspuren Christi zur Schädelstätte.

Jeder Schritt, den ich über die spitzen Steine der steilen Straße zurücklege, treibt mich tiefer in die sanfte Gewalt des Menschensohnes; läßt mich inniger, blutiger erkennen, wie verwandt ich mich seiner aus Liebe geborenen, durch Tod gekrönten Lehre fühle. Die wunderbare Blume der Passion erblühte, erhob sich aus dem edlen Boden des reinen Judentums: Liebe zu den Ärmsten, Kampf gegen den Bedränger, Erlösung aus Sklavenfron. Ihr Heiligenschein ist: Verkennung, Verhöhnung, Marter und Opfertod. Ihr Duft erfüllt das endlose Tränental der Menschheit.

Ist es nicht die gleiche Religion, die heute, nach tausenden von Jahren, aus demselben Boden, dem edelsten des Judentums aufblüht, in den Ebenen Galiläas, in den Bergen Judäens, aus herrlichen Seelen junger Menschen?

Einen Augenblick lehne ich mich, unter dem Bogen, von dessen Höhe die Worte »Ecce Homo!« gesprochen wurden, an die Hausmauer, schließe die Augen. Schneller, als der Gedanke vermag, fliegt das pochende Gefühl hinüber zur unheiligen Stadt, zum öden, geräuschvollen Trottoir, zu dem Haus, einem Gasthof, »Eden« genannt, in dem zwei andere große religiöse Menschen für ihren Glauben gekreuzigt wurden, eine bestialische Rotte von Söldnern Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg ermordet hat, Apostel eines neuen, aufdämmernden Weltgeschickes.

Wo beginnt, wo endet die Lehre? Warum müssen es immer Juden, von Juden Geborene sein, über deren Märtyrertod, gekreuzigten Leichen die Sonne der neuen Zeitalter in die Höhe steigt?

Die heiligen Stätten der Menschheit im Orient sind, wenn sie nicht unverrückbar und unleugbar fest zum Himmel starren wie die Pyramiden von Gizeh, zumeist apokryph; nur durch jahrhundertealte Anbetung geheiligte Irrtümer. So die Geburtskrypta in Bethlehem; so die Grabeskirche in Jerusalem. (Golgatha erhob sich aller Wahrscheinlichkeit nach am entgegengesetzten Ende der Via Dolorosa, außerhalb der Stadt, auf dem vom General Gordon entdeckten Hügel vor dem Damaskustor.) Allesamt aber werden diese heiligen Stätten, echte und falsche, dem Andacht suchenden Fremden durch Scharen von menschlichem Ungeziefer: Führern, Reliquienhausierern, Kameltreibern, Wahrsagern, Kupplern, Erpressern und Bettlern verleidet und unterschlagen, ja, im vollen Sinne des Wortes unterschlagen, gestohlen.

Der Weg nach Bethlehem (Rahels Grab)

Der Weg nach Bethlehem (Rahels Grab)

Die heiligen Stätten der Christen in Palästina sind zudem Schau- und Tummelplätze der irrsinnigsten Fehden, Eifersucht, blutigen Kämpfe der Mönche aller Glaubensbekenntnisse: Katholiken, Griechisch-Orthodoxen, Armeniern, Kopten.

In der Grabeskirche drückte man sich bei den Feiern (den heidnischen Feiern) des heiligen Feuers die Gedärme aus dem Leib, um die eigene Kerze vor den anderen anzuzünden. In der Geburtskirche zu Bethlehem aber, wo die arme Krippe gestanden haben soll, das Öchslein brüllte, das Eslein schrie, die drei Könige knieten, zeigt dir der Führer Löcher von Revolverkugeln in den Wänden. Dort unten haben sich – wohl in der Weihnachtsnacht? – armenische und griechische Mönche eine Schlacht geliefert, bei der es zwei Tote gab und außerdem die Brokatumkleidung der heiligen Mauern in Flammen aufging; – man sieht noch die Brandspuren über der Pritsche des Soldaten, der dort Tag und Nacht sitzt, schläft, schnarcht, wahrscheinlich auch Zigaretten raucht und darüber zu wachen hat, daß die Hüter des Heiligtums sich nicht wieder in die Haare fahren, totschießen und mit Feuerbränden um sich werfen, wenn sie ihre Lampen an der Stelle anzünden, wo der Heiland geboren wurde.

Jede Konfession hat nämlich ihre Lampen. Die Römisch-Katholischen kommen aus ihrer Kapelle über der Krypta herunter, sperren ein Gitter auf, hinter dem ihre Lampen hängen, zünden sie an, sperren das Gitter wieder zu und verfügen sich in ihre Kapelle zurück. – Die Armenier desgleichen. – Die Griechisch-Orthodoxen desgleichen. – Jede Konfession hat ihre eigene Kapelle, die die große Geburtskirche über der Krypta vereint. Die Armenier haben auf die Marmorfließen, die von ihrer Kapelle zum Eingang der Krypta führen, einen Teppich gelegt, er ist so kunstvoll schräg abgeschnitten, daß die benachbarten Römisch-Katholischen auf dem nackten Steinboden gehen müssen, wenn ihr Weg sie zum selben Eingang führt. (Da ist auch das berühmte Fenster über einem kleinen Seitenaltar. Hundert Jahre lang war es von dichtem Spinnweb bedeckt, weil jede Konfession eifersüchtig und argwöhnisch darüber wachte, daß die andere den Dreck nicht unbefugterweise von den Scheiben wische. Da kam der protestantische General Allenby, eroberte das Heilige Land, zeigte einem Tommy mit dem Daumen das ehrwürdige Streitobjekt, – und weg war Spinnweb und Legende!)

Kotl Marawi

Kotl Marawi

Am Kotl Marawi – das ist die Klagemauer – stehen und liegen Beter und Beterinnen vom frühen Morgen bis zur späten Nacht. Weinende Weiber reiben ihre nassen Gesichter an die uralten Quadern, hocken auf dem Boden und schmiegen sich an die Mauer wie ein Kind an seine Mutter. Hüpfend verneigen sich alte Männer in Sterbemänteln vor den Steinen, schlagen ihre Stirnen an die kalte, glattgescheuerte Fläche, Knaben im Kaftan, pelzverbrämtem Hut und langen Stirnlocken psalmodieren, scheu zur Seite blickend, nach dem Fremdling. In die Fugen zwischen die Riesenblöcke sind Nägel getrieben, jeder Hammerschlag ein Gebet um Gesundheit. Ein Gichtbrüchiger humpelt heran, schöpft aus einer Steinmulde Regenwasser, reibt sich Augen, Hals, Gelenke ein. Tief drin in den ausgewaschenen, zerbröckelten Fugen brennen kleine Kerzlein, rötlich, blinzelnd. Dies ist der heilige Ort, alles, was vom alten Tempel blieb, die Herrlichkeit Salomonis sonst nur Wort und Hauch. Ein enger Hof oder Paß zwischen Mauern, kaum fünfzig Schritte lang; die Quadern reichen hoch, aber noch tiefer unter das Straßenpflaster, das man nicht entfernen darf, um sie bloßzulegen. Der einzige Wallfahrtsort der Juden. Herdengleich liegen, lagern orientalische Gestalten, von weit her gekommene, Jemeniten, abessynische, moghrebiner Juden mit ihrem Führer zu Füßen des Steinwalls, der zum Himmel steigt. Vier, fünf enge winklige Gassen vorher schon kündet Winseln kniender, hockender Armer, Männer und Frauen, steinalter aber auch jüngerer, dem Nahenden den Kotl an. Laute Klage hört man nur von diesen Bettlern, nicht von den Betern bei der Mauer. Nur hier und da schluchzt am Kotl eine der weinenden Frauen wie ein wundes Tier laut auf. Wendet sich der Fremdling zum Gehen, so unterbrechen Dutzende von Betern, weinenden Weibern, Pilgern ihr Gebet, drehen sich mit einem Satz nach dem sich Entfernenden um und strecken Hände vor ihm aus – Bakschisch, Bakschisch!! Die heiligen Stätten des Orients lassen einen bitteren Nachgeschmack zurück.

Mit ihren niedrigen, in der Erde vergrabenen, Rattenlöchern mehr als Menschenbehausungen ähnelnden Wohnhöhlen, ist die alte heilige Stadt eine ewige Gefahr für ihre ärmeren Bewohner, Juden, Christen und Moslems. Unglück, Elend, Pestilenz brüten in diesen Schlupfwinkeln, in die die Sonne nie hinunterreicht. Schmutz, Rauch, Fäulnis vergiften die arme Bewohnerschaft in den Ruinenhaufen und unfertigen Häusern. Für die Juden, die in der Nähe der alten Mauer, in unmittelbarer Nachbarschaft der bösesten Elemente unter der arabischen Bevölkerung hausen, ist die Gefahr schrecklich. Kein Entrinnen, wenn ein Pogrom entfesselt ist! Beim letzten drang der Feind in Häuser ein; an die Wand genagelt, in Betten gemordet, in dunkeln Winkeln fand man die Toten: arme jüdische Krüppel, Kranke, schwangere Frauen.

Fort mit den Bewohnern der Altstadt. Hinaus ins Freie mit ihnen. In den neuen Stadtteil vor dem Jaffator! Man vernimmt immer mehr Stimmen, die das rufen. Räumt die alte Stadt, die heilige. Sie soll ein Wallfahrtsort werden, ein Museum – wie das römische Forum, wie der Sahararand mit den Pyramiden und der Sphinx bei Kairo. Räumt die heilige Stadt. Ins Freie!

Doch im magischen Bannbereich des alten Gemäuers, um das sich die Täler Hinnom und Josaphat ziehen, webt neben dem geschäftig profanen ein eigenartiges, tiefes, heimliches Leben. Seltsame eigenwillige Geister wohnen, hausen, brüten hier und dort; ihr Lebenstrieb sättigt sich an der tiefen Magie des Ortes. Schlurfende, geheimnisvolle Schritte nachts von der Klagemauer hinüber zur Straße der Schmerzen. Innerhalb der verbotenen Stadt – der Haramstore und Wälle – gestikulierende Gestalten, übermenschlich groß in ihrer Anbetung, hingeworfen unter dem wimmelnd übersäten Himmel, Elmsfeuer auf den Spitzen ihrer in Begeisterung emporgereckten Hände. Ein Menschenschlag, gebannt nach Osten blickend, aus Klöstern, Synagogen, Moscheen, selig fast schon wie jene in den Gräbern unterm Ölberg, in den Gräbern aller Friedhöfe rings um die Wälle der Stadt, lebt im heiligen Ort, erlöst durch Glauben vom irdischen Weh. Der Irrsinn – Irrsinn der Wallfahrer, Kreuzfahrer, Zionsbauer – unter der nüchternen Oberfläche jedes Einzelnen glimmt der Funke des ewigen Feuers. In tausend kleinen Verrichtungen praktischer und verschrobener Art, in der Beschäftigung und Spekulation mit Dingen der archäologischen, antiquarischen, religionsphilosophischen, folkloristischen Forschung, der Geologie, Tierkunde, ungezählter spezialisierter Zweige menschlichen Wissens, verrät sich die unlösbare, tief geheimnisvolle Verbundenheit des Individuums mit dem Boden, der magischen Wiege des Menschengedankens!

Sieh dort die Blinden, die zahllosen Blinden, wie sie mit schräg vorwärts gestützten Stäben sich durch die Menge tasten. Ihre Gesichter spiegeln nicht die Verzweiflung über den gestorbenen Sinn, die entwichene Welt. Sie sind verklärt, denn vielleicht ist ihre Finsternis Purpur, wie der Schein es zu sein pflegt, der um Sonnenuntergang in ungeheurem Lichtrausch, wie Nordlicht des Ostens, über dem Bergrund aufflammt, aus dessen Kessel Jerusalem sich erhebt.

Der Blinde in der Heiligen Stadt ist ein Heiliger, sein Gebrechen spricht ihn selig.

Der Wahnsinnige, der Aussätzige in der Heiligen Stadt ist heilig, selig gesprochen von seinem Gebrest. –

Schwer beladen mit Säcken, in denen vielleicht Mehl, vielleicht Steine sind, steigen kleine graue Eslein, von einem Araber getrieben, langsam die Straße von Josaphat zum Dorf Shiloah hinauf. Langsam und ergeben schreiten die beladenen Tiere ihren Weg. Ihr silbernes Fell ist so silbern, ihre zarten Ohren rosig im Innern. Ihre großen, gelb geränderten Augen blicken nieder auf die spitzen, harten Steine. Ein Ruf des Arabers, sie bleiben stehen, nicht rastend, geduldig und treu, auf Ruf oder Stockschlag wartend, der sie wieder gehen heißen wird. Ohne Regung, sanft und silbern, stehen sie im Bazar, an den Ring eines Türpfostens gebunden, und die vorbeidrängende Menge stößt sie, tritt auf ihre dünnen, so leicht verwundbaren Beine.

Sprecht ein Gebet, Menschen; sofern ihr euch eines erinnert, führt euer Weg an einem Eslein vorüber, das, schwer beladen, treu und mit gesenktem Kopf am Wegrand steht!

Die Stadt Nablus (Sichem)

Die Stadt Nablus (Sichem)

Dort oben, auf dem Kamm des Ölbergs, zieht eine Karawane von Kamelen über die Straße, nach Sichem. Auf beiden Seiten ihres Höckers mit Kisten beladen, die leise bei jedem Schritt schaukeln, ziehen sie ihre Straße dahin. Schön sind sie gestaltet im klaren Abendschein. Mit weichen Schritten, eine melodische wellige Linie vom schlanken Kopf und Hals zu den hohen wohlgestalteten Beinen, schreiten die edlen Tiere die steigende Straße hinan. Blaue Perlenketten tragen sie um den Hals, gegen den bösen Blick. Das erste in der Reihe, der Anführer, trägt auf seinem Kopf einen Turban, wie ein Mensch. Hinter ihm, in blauem Burnus und rotem Kopftuch, geht der Araber mit langem Hirtenstab, hinter dem letzten in der Reihe drei andere, in weißbraunen Filzmänteln, das wallende gelbe Kopftuch mit schwarzem Roßhaarkranz an den Schädel gedrückt. Eins der Kamele ist zu schwer beladen. Sein Höcker zuckt unter der unerträglichen Last, die Kisten schwanken arg zu beiden Seiten. Es hebt den Kopf, sieht mit seinen schwarzen gleißenden Augenscheiben den Himmel an, wendet den Hals heftig nach rechts, nach links, und stößt einen klagenden Schrei aus, wie ein leidender, ungerecht leidender Mensch. (Einen ähnlichen Schrei hörte ich von einer irrsinnigen Bettlerin, die in ihren Lumpen, nahe beim Golgathahügel, ein paar Schritte vor dem Gouvernementshaus, auf einem Mauerstumpf saß und auf Almosen wartete. Nur einen einzigen Laut stieß Mensch und Tier aus, dann Stille.) –

Vom Skopus, an dem Hause des Mufti vorbei, drängt eine riesige Ziegenherde zu Tal. Hinter ihr drei arabische Reiter. Die Ziegen haben langes, zottiges Fell, sind schwarz oder ockergelb mit karminrot gestreifter Wolle über den Rücken zum Bauch nieder in Strähnen; ihre Köpfe schmal; ihre Ohren bedecken die Hälfte des Kopfes, hängen in breiten Lappen tief zum Halse. Labans Herden steigen nieder von den Bergen Samarias! Die Straße ist nicht breit genug für diese Fülle, diesen Reichtum. Wie eine dunkle Wolke zieht die drängende, treibende Masse hinunter gegen das Tor der Heiligen Stadt.

Wo sind die Vögel geblieben? Die seligen Herden des Himmels, die lebenden Wolken, beneidet und von Sehnsucht verfolgt, wo sie im Norden das Firmament umkreisen, am südlichen Horizont untertauchen? Es ist Herbst. Der Himmel müßte bedeckt sein von Vogelschwärmen! Aus allen Ländern der kalten Zone sind sie ja fort. Auf dem Mittelländischen Meer, in Ägypten, am Lauf des Nil, am Sahararand bei den Pyramiden durchforschte ich den Himmel nach unseren Vögeln, nirgends erblickte ich welche. Wo sind die Störche, die Schwalben, die Millionen frierender kleiner Leiber, die kleinen Pfeile, die beschwingten Schwätzer vom breiten buschigen Baum in Hiddensöe?

Ein Adler, ein paar dunkle Geier kreisen langsam über dem Ölberg . . .

Ich sah keine Vögel aus dem Norden, all die Zeit, die ich hier unten im Süden verbrachte. Keinen der ungezählten Züge, die uns im Herbst verlassen, die zu uns im Frühling wiederkehren. Ich sah sie nicht über der Wüste, nicht über den Bergen, nicht über den Städten. Wohin fliegen die Vögel, wenn es kalt wird und dunkel?

An den Abenden, wenn die Sonne hinter den Bergen Judäas versinkt, steigen Wanderer die harten Wege der Täler aus Achat- und Onyx-Gestein zum Ölberg empor. Hier ist Gethsemane, ein wohl umhegter Gartenfleck mit bunten Blumen und tausendjährigen Olivenstämmen. Und hier, wo die kleine Kapelle in winzigem Gärtlein steht, hat Jesus geweint über die Stadt.

Steil zieht der Weg hinan zum Kloster der Russen auf der Höhe des Ölbergs, dem hohen Turm, von dem man westwärts Jerusalem und Judäa erblickt, ostwärts das Tote Meer, den Jordan und die Berge Moab.

Hier, mühsam steigend, müde und von schmerzlichen Sorgen geplagt, denke nach, weine, du Wanderer, über die Lehre, den Tod, die sterbende Lehre, den vergeblichen Tod jenes Besten unter den Juden.

Weine über diese Welt, in der aus einem Juden Christenglaube geboren wurde durch Mitleid für die Elenden; in der, von seinem Volk, dem er Milde, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft für die Ärmsten und Verstoßensten gepredigt hatte, ein überirdisch herrlicher Mensch auf rauhem Kreuz verblutet ist.

Nicht als Stifter eines neuen Glaubens ist der Christus der Christen gefallen, sondern als Verkünder eines sozialen Gesetzes, das die niederen Instinkte des Volkes bedrohte. Heute erhebt es sich wieder, das Gesetz und die Lehre, aus der Mitte der Besten unter den Lebenden. Und soll abermals gekreuzigt werden in den Besten der Lebenden.

Weine, weine, wenn du noch Tränen hast, über die Völker dieser Welt, die sich nach dem Morden vereinigten, um zu rauben, zu plündern, um einander auszurauben, auszuplündern. Schaue hinüber nach Norden, wo die Wolga sich in die Kaspische See ergießt, wo schuldlose Millionen Hungers sterben müssen, damit die Völker besser rauben, gründlicher plündern können. Weine, wenn du es noch vermagst, über die Lüge des Glaubens, die Schmach des Menschen, über dieses Hinleben im Heute, über die, die dieses Leben im Heute Leben nennen. –

Aber jetzt zerrinnen die Berge Moab im Blau wie Gletscher von Sand im Abendrot. Erloschene Spalten, Züge von zerfallendem Gestein senken sich zum bleiernen Spiegel des Toten Meeres dort unten. Zerstobene Welten dämmern in Unwirklichkeit hinüber. Der Himmel über deinem Kopf erstrahlt in weitem Bogen hellgelb, orange, violett, blau-rötlich, gralsrot. Hoch, ein ungeheures, nie gesehenes Zelt von durchsichtigem Blut, magisch und unerklärlich, einen kurzen Augenblick nur ehe es zu Asche zerfällt. Lieblich und furchtbar bist du, Himmel, ob den Zinnen der Heiligen Stadt.

Ein Rätsel, Gott allein bewußt, ist das Licht, der Odem, die Stille über Jerusalem. Noch leuchten, wie kleine Phosphorstriche, die kleinen Gräber gegenüber vom Haramswall, am Hang des Ölbergs über Josaphat. Dann, mit einem Schlage, versinkt alles, und der Sternenhimmel des Südens, betörend mit Myriaden unbekannter Gestirne tut sich ungeheuer auf.

Eine Glocke tönt. Noch eine.

Der schluchzende Ruf des Muezzin, aufsteigend, abbrechend auf dem höchsten Ton.

Aus dem Dorf Shiloah melancholisches Eselsgeschrei. Hier oben ist es schon ganz dunkel. Ein wagrechter Pfeil von Licht, von einem über die Straße schießenden Automobil, schwirrt meilenweit durch die Finsternis.

Unten in der alten Stadt, die versunken ist, seltene, schüchterne Lichter. Wenig Licht in engen Fenstern, verhängten, durch die hereinbrechende Nacht. – –

Jenseits der Wälle, der alten Mauern, draußen vor den Westtoren der Stadt, dem Jaffator, dem Damaskustor, ist ein Gürtel von Leben, pulsierend und heutig. Breite Straßen ziehen sich hinaus und hinüber, gegen Westen, Nordwesten, den Gebirgen Judäas, den Straßen Samariens zu. Hier stehen neue Häuser, in modernem Geschmack und Ungeschmack errichtet, Mietskasernen, Geschäftsstraßen, Villen reicher Araber und Juden, ein Gewimmel von kreuz und quer über Hügel und Mulden laufenden Gassen und einzelnen Komplexen auf nacktes Gestein draufgesetzter Gebäudeblöcke.

Umsonst schleuderte der letzte Papst seine Enzyklika gegen die Stadt vor den Toren des heiligen Jerusalem. Das Leben der neuen Zeit läßt sich aus diesen Straßenzügen nicht mehr verbannen. Nur schwer hält der Lebenstrieb der Menschen sich vor der Entweihung der Bannmeile zurück. Der Lärm von Wagen, Automobilen, durchrattert Straßen und Gassen. Tanzhallen gibt es und Trinkstuben in der neuen Stadt. Betrunkene englische Soldaten johlen durch die Nacht. Gegenüber von einem Klostergarten hat sich ein Kino aufgetan, vom Balkon schmettert Blechmusik. In der Jaffastraße handelt, feilscht der Einheimische, der Fremde; alle Nationen, alle Glaubensbekenntnisse. Üble levantinische Zivilisation lebt sich aus; unaufhaltsam breitet sich der kosmopolitische Gürtel um den Kern des alten geheiligten Zion. –

Die Straße der Hundert Tore, Mea Schearim, öffnet ihre Pforte zum weitverzweigten Ghetto der Kolelim; des ungarischen, siebenbürgischen, rumänischen, bessarabischen, polnischen Chaluka-Volkes. Aus riesigen, von Dutzenden Familien bewohnten Höfen, endlosen engen Reihenhäusern, aus hundert und aberhundert Toren quillt und quillt das Treiben des Ghettos hervor; jeder Kolel hat sein Heimatsgaluth mitsamt seinen Sitten und Lastern getreu hierher ins alte Land verpflanzt. Drüben, jenseits des Hügelabhangs zieht sich das steinerne Viertel der Bucharenkolonie hin. Sie war vor dem Krieg die reichste der Kolelgemeinden, jetzt ist sie wie jene von Mea Schearim verarmt, ihre Bewohner nähren sich von tausend kleinen Ghettoberufen, Handel und Handwerk.

Auf einer Freitagabend-Wanderung findet der Fremde in diesen jüdischen Vierteln das erstaunlichste, überraschendste Vielerlei von Synagogen, Betstuben, Riten und Sekten beisammen. Hinter Hunderten lichtstrahlender Fenster tönt Singsang, steigt Gebet, wuchtet Chor. Endlos sind die Varianten in Kultform, Brauch, in der Bauart der Räume, der Kleidung der Beter. Die Bucharen in ihren bunten orientalischen Seidentalaren, die Damaszener, Halebiner, Beyrouther, Sphardim, Marokkaner, Jemeniten, im Tarbusch wie Türken, ihre Betstuben wie Moscheen anzuschauen, breite Säle mit herrlichen Teppichen belegt, ein Diwan um die Wände, in diese eingegraben tiefe Regale mit heiligen Folianten Rücken bei Rücken. Die Aschkenazen, Chassidim in schwarzen, blauen oder roten Samtkaftanen mit pelzverbrämten breiten Schlachzizenhüten auf den langbelockten wirrbärtigen Köpfen, aufsteigendes, jäh niederfallendes Durcheinanderschreien, schlenkernde Gesten um die Empore, die in der Mitte des Raumes sich erhebt, und auf der eine hohe, vom Totenmantel ganz bedeckte Gestalt beschwörende Rufe zum Ewigen emporsendet; silberne Geräte, Leuchter, Thorabehälter; mit goldenen Ornamenten, Früchten, Reben reichbestickte Vorhänge vor dem Allerheiligsten niederwallend. – In manchem Hause eines Reichen gab es einstmals zwei Synagogen, eine für den Besitzer, seine Freunde, die Schriftgelehrten, die andere für jeden, der daherkam, Pilger, Fromme, Bettler, Müde. Es waren richtige Kapellen wie in den Häusern von Fürsten, Mächtigen der Erde; große, mit kostbaren Teppichen geschmückte, mit Bibliotheken sorgfältig geschriebener heiliger Bücher ausgestattete Räume; jetzt gehört all dies nur mehr der Erinnerung an eine versunkene Welt an, ein abgeschlossenes Zeitalter, dessengleichen nie wieder aufdämmern wird.

Jawohl, – endlose Abstufungen von Sitten, Gebräuchen, Vorurteilen, Dogmen und Wahnvorstellungen trennen Viertel von Viertel, Straße von Straße, ja Haus von Haus. Sekten über Sekten hausen hier in dem Ghetto vor den Toren der Heiligen Stadt beisammen, alle vom gemeinsamen Magnet auf der Burg Zions, auf dem Berge Davids angezogen, untereinander unversöhnlich gespalten und zerfallen. Fanatiker, kleine haßzerfressene Rechthaber, geeint nur in ihrem gemeinsamen Abscheu für den die Bräuche mißachtenden, Unreines essenden, am Samstag fahrenden, rauchenden, frei daherstreichenden Chaluz, der ihnen die Goldquelle abgegraben hat.

Wie viele Seelen leben in Mea Schearim, in der Bucharenkolonie, in Nachlath Scheba, in den Montefiore-Häusern? Kein Mensch weiß es. Man kann es in Samuel nachlesen: Volkszählung ist Sünde, sie wird vom Herrn mit Seuchen und Pestilenz bestraft. Sucht man die zum Abendgebet nötige Zahl von Teilnehmern zusammen, so zählt man: »kein ein, kein zwei, kein drei.« Diese vage, ungreifbare, undefinierbare und unzählbare Masse von Menschen soll eine Nation bilden . . .

Begegnungen alter strenggläubiger Misrachisten mit Reformjuden, Neuerern führen oft zu schrecklichen, wilden Szenen auf Straßen innerhalb und außerhalb des Ghetto, zu Zusammenstößen gefährlicher Art. Wage es nicht, am Sabbat im strömenden Regen mit einem Regenschirm in der Hand auf die Straße zu gehen! Mit deiner Frau, Arm in Arm, ja auch nur nebeneinander und in gleichem Schritt, dich in Mea Schearim zu zeigen! Gotteslästerung!!

Oft aber ereignen sich auch seltsam rührende, jahrtausendalte Trennungsmauern niederreißende, Mißverständnisse jäh, mit einem Schlag schlichtende Begebenheiten . . .

Während des letzten Pogroms im November befand sich das Hauptlager des Selbstschutzes in einer kleinen, versteckten Aschkenazen-Synagoge in der Altstadt Jerusalems. Dort standen die jungen tapferen Chaluzim mit ihren Waffen, von dort schwärmten sie auf das Signal der Gefahr aus, dorthin wurden sie verwundet oder sterbend gebracht, dort wurden die Toten gebettet, dorthin schleppten wunderbare beherzte jüdische Mädchen in Suppenterrinen, Lebensmittelbehältnissen Waffen und neue Munition. – Zu den Gebetsstunden kamen die Frommen aus der Altstadt unter Lebensgefahr in ihre Synagoge, die jetzt Heerlager geworden, und manche kehrten um, als sie die Entweihung erblickten: Männer ohne Kopfbedeckung im Saal, Frauen im Raum der Thora, die Essenden auf den Bahren, die Verwundeten, die Leichen auf dem Stroh. – Aber es gab auch Einsichtigere unter den alten frommen Juden. Die blieben stehen, weinend am Eingang ihres Gotteshauses. Weinend näherten sie sich ihren jungen, waffentragenden Brüdern, und einer sprach zu diesen:

»Ein Gebot habt Ihr erfüllt, –Ihr habt das Leben unseres Volkes geschützt. Wollt Ihr nicht ein zweites erfüllen, endlich Gebetriemen legen und beten, wie es sich gebührt? Wollt Ihr es nicht für unseren Ewigen tun?« –

Ein neues großes Wohnviertel der Jerusalemer Judenschaft ist im Entstehen begriffen. Auf dem Gebiet des griechischen Kapitels hat die zionistische Kommission ein ausgedehntes Stück Landes erworben, es zieht sich von der Jaffastraße weit hinunter bis an das Kloster des Heiligen Kreuzes. Dort sollen die Juden aus der gefährlichen alten Stadt angesiedelt werden, ein jüdischer Bazar entstehen, Amtsgebäude, Schulen, Villenstraßen und Wohnviertel. In großen Siedlungen beisammen hausend, kann der Jude sich leichter beschützen gegen den äußeren Feind, der seine Existenz bedroht. Gegen den inneren aber, der in Mea Schearim haust, den Geist der Unduldsamkeit und Zwietracht, schützt allein der Dritte Tempel, der im Geiste gebaut werden soll.

Tel-Awiw, »der Frühlingshügel«, ist die erste rein jüdische Stadt Palästinas und der Welt. Die Stadt, in der es in der Woche nur einen einzigen Feiertag gibt, – den, der am Freitagabend beginnt.

Es ist ein Vorort Jaffas, ein paar Kilometer nördlich vom Hafen am Strand erbaut, eine Villenstadt, die sich vom Bahndamm und den Orangenplantagen im Land bis an das Meer hinunter erstreckt, Dünen aufreißt, auf Dünen klettert; breite, wohlgeplante und splendid angelegte Avenuen, prächtige Häuser, die inmitten gepflegter Gärten stehen. In den schönen Anlagen tummeln sich nach der neuen Mode gekleidete junge Männer und Frauen; der Dialekt von Odessa beherrscht die Stadt, man hört mehr Russisch als Hebräisch; aus den Stockwerken der Villen tönt Klaviergeklimper; im Gymnasium an der Herzl-Straße ist ein Festsaal, in dem Konzerte, Rezitationsabende abgehalten werden; es gibt Kinos; man tanzt, flirtet ausgiebig; die Regenzeit heißt »Saison«; der Stadt haften bösartige Spitznamen an: »der Grunewald« Palästinas, »Heringsdorf«, das Seebad der reichen Juden. –

Der Chaluz, der in Jaffa an Land steigt, empfängt hier den ersten Eindruck vom Land seiner Sehnsucht. Er sieht die Aristokratie, die Patrizier, die reichen Bourgeois in ihren Villen, mit ihren seidenen Frauen, in der Wolke ihres üppig wuchernden Klatsches. Der Chaluz nimmt die Mütze vom Kopf, vergißt zuerst den Mund offen vor Staunen, faßt sich dann und spricht: »Hier wohnen die reichen Unsern. Schad, daß wir hungrig sind. Ich möcht auch in acht Zimmern wohnen und Klavier spielen, statt zu Vieren im Zelt, und alle Nächte tanzen die Schakale um mein Bett herum wochenlang!«

Er läuft aufgeregt zwischen dem Bahndamm und dem Gymnasium hin und her, die Herzl-Straße, die Lilienblum-Straße, die Allenby-Avenue auf und ab, er kennt die Ämter, der Histadrut, das Einwanderungsamt und das Haus der Chaluzim. Er kennt auch alle die kleinen wilden Cafés und Garküchen und weiß, bis zu welchem Betrage es im einen und im anderen Kredit gibt. Er weiß nur nicht, wann er es so weit gebracht haben wird, daß er auch in acht Zimmern wird wohnen können, ein Bankkonto haben und Araber in seinen Orangenplantagen für sich arbeiten lassen. –

Will man gerecht sein, muß man betonen, daß es in Tel-Awiw nur einen äußerst geringen Prozentsatz dessen gibt, was man »reiche Bourgeois« nennt. Es gibt schon welche, das ist wahr, und der Chaluz, wenn er hungrig ist, geht unwirsch und verbittert an ihren Fenstern vorüber und denkt sich sein Teil. Aber die erdrückende Mehrzahl der Tel-Awiwer sind Beamte, Lehrer, Ärzte, Architekten. Einer lebt vom andern. Wie im Ghetto von Mea Schearim lebt in diesem gehobenen Ghetto einer vom andern. Ohne Verbindung mit der arabischen Umwelt entwickeln sie sich auf ihrem eigenen Fleck und Bereich durch ökonomische Inzucht.

Vor einem Jahr noch floß das Leben Tel-Awiws in geordneten Bahnen und mäßigem Tempo dahin; den entscheidenden Aufschwung brachte der Maipogrom in Jaffa, nach dem die Juden aus der alten Stadt Jaffas dort drüben an der Küste Hals über Kopf in die Judenstadt Tel-Awiw herüberzogen, wo man sie noch in hurtig zurechtgezimmerten Baracken wohnen sehen kann. Die Notwendigkeit, die versprengten und gefährdeten jüdischen Einwohner Jaffas in Tel-Awiw anzusiedeln, steigerte die Bautätigkeit, brachte erhöhtes Leben, regte den Verkehr Tel-Awiws an. (Genau so wird es in jenem neu entstehenden Stadtteil an der Jaffastraße vor Jerusalem zugehen, wenn erst, nach den besten Mustern moderner Städte geplant und entworfen, Geschäftsstraßen, Bazare, Avenuen und Villenviertel sich dort erheben werden, zur Erbauung von Chaluz und Araber, Juden und Christen.)

Gegenwärtig schießen Häuser, Villen, ganze Stadtteile wie Pilze in die Höhe zwischen dem Bahndamm und dem Strand, zwischen der Silikatfabrik und dem Viertel Newe Zedek, das an Jaffa anschließt und im Mai der Schauplatz jener wütenden Pogrome war. Chaluzim kommen und gehen zwischen den unfertigen Häusern, waten durch den tiefen Sand der noch ungepflasterten Avenuen, schieben Karren mit Ziegeln daher, rühren Kalk an, stützen Gerüste in die Höhe. Häuserchen entstehen, sozusagen über Nacht, dünn, mit Wänden zum Umblasen, mit Treppen, über die man keine Katze hinaufjagen möchte. Baufällige Häuserchen, geboren kaum, sozusagen schon im Mutterleibe dem Tode, ihrem eigenen und dem ihrer Bewohner geweiht.

Die Häuser der Wohlhabenden, aus gutem Material, solid und stattlich, – die Häuser der kleinen Handwerker, des niederen Halbproletariats aber rasch zurechtgeschustert, mit ungenügendem Fundament, Sprüngen im Boden und in den kaum getrockneten Umfassungsmauern. Ein Windstoß mag solchem Menschenheim das Dach vom Kopfe entführen, ein Regenguß es bis in den Keller durchlöchern.

Unbegreiflich die Sorglosigkeit, mit der diese Stadtviertel gebaut werden, unzulänglich, gefährlich, auf den Schein der Vollendung hin berechnet. Ich gehe starr vor Staunen durch die unebenen Sandwege zwischen einer Gruppe solcher neuen Häuschen durch, die eine Bankgesellschaft durch einen ungarischen Baumeister für ihre Angestellten errichten läßt. Eines von diesen Kartenhäusern ist schon fertig. Die Fenster sind eingesetzt, die Schwelle bemalt, das Dach sitzt tatsächlich auf dem Stockwerk. Vor meinen Schritten der Sand ist voll von weggeworfenem Baugerät, wertvollem Werkzeug, Ziegeln, Blechstücken, Röhrenfragmenten.

Betäubender Lärm dringt aus dem verschlossenen Häuschen ins Freie heraus. Sind es die Besitzer, die Bewohner des Hauses, die dort drin ein Freudenfest zelebrieren, weil sie ihr Haupt nun endlich unter einem Dache zur Ruhe legen können? Leise und indiskret schleiche ich an ein Fenster des Erdgeschosses heran und blicke durch die Scheiben.

Sechs Chaluzim in mörtelbesprengten Kitteln, Mützen schief auf dem Kopf, singen da drin, fassen sich an den Schultern und tanzen mit zurückgeworfenem Gesicht einen berserkerhaft wilden Siegestanz, besessenen Rikudl, zu Ehren ihres wohlgelungenen Werkes . . .

Mit dem stillen Wunsch, der Boden Tel-Awiws, des Frühlingshügels, möge sich nicht auftun unter ihren stampfenden Sprüngen und sie allesamt verschlingen, diese Aufbauer des Landes Israel, ziehe ich mich vom Fenster zurück und verschwinde in der Richtung des Zeltlagers am Strand, das, zum Bersten voll von jenen begeisterten Scharen, den Neueingetroffenen, wenig Erwünschten, ängstlich nach dem Horizont des Mittelländischen Meeres auslugt, – ob dort nicht wieder ein neues Schiff auftaucht mit begeisterten Scharen, neu Eintreffenden, wenig erwünschten Aufbauern des Landes Israel.

Auf dem Kamm des Ölbergs, von wo man den Blick auf die Heilige Stadt und zugleich auf das Tote Meer hat, steht eine deutsche Pfalz. Mit einem deutschen Turm, der romanische Bauart vortäuscht, einem deutschen Dach, dicken Umfassungsmauern, vorzüglichen sanitären Einrichtungen, im massiv wilhelminischen Prunk hingedonnert, ehemals mit dem Bronzestandbild Wilhelms des Kreuzfahrers geschmückt und nach der Kaiserin Augusta Victoria benannt. Diese deutsche Pfalz ist zur Zeit Amtsgebäude des englischen Obersten Kommissärs Sir Herbert Samuel. Inmitten wilhelminischen Prunks haust der oberste Beamte der palästinischen Regierung zwischen der Heiligen Stadt und dem Toten Meer, – den Blick krampfhaft gegen Westen, nach London gerichtet, der Hauptstadt des Orients.

Ich war bei Sir Samuel, hatte eine Audienz bei ihm. Die Aussicht, die man auf dem Wege zu seinem Haus genießt, ist berückend: rechts unten im Flußbett El-Dschôz die Felsengräber, linker Hand in der Tiefe die Jordanmündung, das Tote Meer, die Wüste Judäas, die bläulich-rosigen Berge Moabs. Während der ganzen Fahrt freut man sich auf den Augenblick, da die Zeremonie vorbei sein und man auf dem Rückweg die Berge Moabs zu rechter Hand, die Felsengräber zur linken unter sich erblicken wird.

Sir Samuel ist ein außerordentlich vornehmer und liebenswürdiger Mann. Offenbar ein sehr guter Mensch. Auch fromm. Er betet an Samstagen. Tut er es unten in der Stadt, in dem Viertel Mea Schearim, in dem der Bucharen, so hüllt er sich in den Sterbemantel der Sekte, in deren Synagoge er gerade zu Gast ist. Seine Frau habe ich bei einer großen offiziellen Angelegenheit, dem Empfang der amerikanisch-zionistischen Ärzte-Organisation »Hadassa«, eine hebräische Ansprache halten hören. Freunde versicherten mich, Lady Samuels Hebräisch habe glaubwürdig geklungen. Kam im Text: Palästina vor, so sprach sie von »Erez Israel«.

Ich war kurz vor meiner Audienz längere Zeit in Galiläa herumgefahren und mein Mund floß über von dem, was ich gesehen und mit dem Herzen erlebt hatte. Ich versuchte, zu erkunden, ob Samuel einen Begriff, eine Ahnung habe von dem, was in Galiläa unter den jungen Menschen der Siedlungen vorgeht. Ich sprach von den Chaluzim; von ihren Kämpfen um eine Lebensform; ihrem Glauben, ihrer Opferfähigkeit; ich sprach von den Gefahren, in deren Mitte sie leben. Davon, daß man alles tun müsse, um sie zu schützen. Auch davon, daß ihre Gesinnung des Schutzes bedürfe.

Samuel ließ mich reden und antwortete dann in freundlichem Tone mit typischen, wie auf einer Maschine vervielfältigten Worten, deren schablonenhafte Formulierung genau damit übereinstimmte, was ich bereits unten im Gouverneurhaus vor dem Damaskustor, hier und dort von einem offiziellen Engländer, Juden und Christen, unter anderem auch vom jungen Gouverneur Bershebas zu hören bekommen hatte. Takt! Takt gegenüber den Arabern. Die Juden müssen Takt besitzen und an den Tag legen, dann werden sie mit den Arabern fertig werden. Im übrigen habe er in Galiläa die Gendarmerie so eingerichtet, daß sie zu einem Drittel aus Juden besteht. Auch Tscherkessen seien dort stationiert, Bergjuden.

Vom Chaluz schien er keinerlei Vorstellung zu haben. Wahrscheinlich war ihm Leben, Gehaben, Gesinnung, innerer Trieb dieser Menschengattung ein Buch mit ebensovielen Siegeln wie jedem beliebigen Christen. Ich glaube sicher, der Gedanke an die Zelte am Wegrand, in denen vierzig junge Männer mit vier jungen Frauen beisammen hausten, war ihm genau so peinlich, wie jedem Engländer, dessen Leben zwischen Tee und Eiern mit Speck zum Frühstück und Smoking zum Dinner mit darauffolgendem Bridge dahinfließt. Ich mußte ihm auf Treu und Ehre versichern, daß ich seine Worte nicht in Form eines Interviews »in meiner Zeitung« veröffentlichen werde. Das fiel mir um so leichter, als er mir während jener fünf Viertelstunden nichts Wesentliches gesagt hat.

Im Grunde macht Sir Herbert den Eindruck eines englischen Beamten. Eines sehr korrekten, pflichttreuen, bewährten englischen Verwaltungsbeamten. Man weiß von ihm, daß er innerhalb der Grenzen, die ihm von seiner Obrigkeit (wie von seiner eigenen Natur) gezogen sind, die Sache der Juden warm und ehrlich verficht. Daß er die Einwanderung in dem Sinne zu regeln trachtet, der der Weltjudenheit – aber auch der zionistischen Kommission – zugleich und vor allem seiner Londoner Oberbehörde genehm ist. Man weiß ferner, daß er den Landkauf fördert, damit die Juden Fuß fassen können.

Aber wo war er, als jene drei armen Juden verurteilt wurden, nur weil sie sich beim letzten Pogrom in Jerusalem mitten im Gewühl befunden hatten, aus dem eine Bombe geflogen kam? Aufs Geratewohl hat man die armseligen Drei aus der Masse herausgeklaubt und eingesperrt. – Obzwar von der Seite der Araber ebenfalls eine Bombe in die Jeschiwa, ins Chaluzhaus der Altstadt geworfen wurde! Schreckliche Geschichten. »Aber nicht so wichtig, eher aufgebauscht. Tumulte, nichts weiter.«

Tumulte? Wirklich nur Tumulte? Mag sein, von London aus betrachtet; wie der Vatikan in solchen Vorkommnissen vielleicht auch weiter nichts sehen mag, als bedauerliche, den Juden aufs Kerbholz zu schreibende Störungen der heiligen Stille in der Stadt Christi.

Auf alle Fälle ist der oberste englische Beamte bemüßigt, mit großer Geschicklichkeit, unendlichem Feingefühl zwischen dem englischen Liberalismus und dem palästinischen Judentum hin und her zu lavieren. Es ist ein schwieriger Posten, den Sir Herbert innehat. Ich glaube kaum, daß es noch einen politischen Posten in der Welt gibt, der so schwierig wäre, – den des Vizekönigs von Indien eingeschlossen, der ja ebenfalls von einem englischen Juden, Lord Reading, das heißt Rufus Isaacs, bekleidet ist.

Den obersten Regierungsposten in Palästina auszufüllen genügte kein Beamter, kein Beamter von noch so hohen Fertigkeiten, Klugheit, Takt und Routine. Ein neuer Moses wäre vonnöten. Ein großer Führer mit den zwei Strahlenbündeln aus der Stirn aufwärts zum Himmel, – nicht in einer Ordensuniform mit Tropenhelm und goldenem Säbel.

Vielleicht war es überhaupt ein Fehler, daß man die oberste Regierungsstelle in Palästina einem Juden anvertraut hat.

Als im Juli neunzehnhundertundzwanzig die Militärverwaltung durch Zivilverwaltung abgelöst wurde, hätte man unter den tüchtigen, erfahrenen und taktfesten Oberbeamten Englands für diesen Posten vielleicht einen dem Zionismus freundlich gesinnten Christen ausfindig machen können. Es gibt ja deren in England nicht wenige. Die Edelsten unter den Christen der angelsächsischen Rasse verstanden und liebten den Gedanken Zions von jeher: Palmerston, Byron, Shelley, Moore, Arthur Balfour. Wie es, aus Gerechtigkeitssinn, Mitleid mit dem Unterdrückten, Empörung gegen den Tyrannen unter den Vornehmsten und Besten der englischen Gesellschaft Philhellenen gab, Pro-Sinnfeiner, Anhänger Ghandis, Mitstreiter für Sowjet-Rußland gibt. Das Volk der Juden, die jüdische Rasse hat sicherlich viele einflußreichen und tatkräftigen Freunde unter den Engländern.

Daß man einen Juden als High Commissioner nach Palästina schickte, war eine weltgeschichtliche Geste. Sie hat Englands Politik nicht gefestigt, auch nicht genügend drapiert. Die Christen in Palästina – und anderswo! – die Araber erwidern diese englische Geste mit einer anderen, nämlich mit ziemlich unverhülltem Fäusteschütteln. »Daß man uns einen Juden hierher geschickt hat, in die Stadt unseres Erlösers,« sagte mir ein englischer Presbyterianer in Jerusalem, »das haben wir Christen wie eine Ohrfeige empfunden. Christus soll hier wohl zum zweitenmal gekreuzigt werden!« In El-Kantara aber, am Suezkanal gab ein dort Wache stehender Tommy einer bekannten Dame, die ihn fragte, ob er gern auf seinem Posten stünde, die charakteristische Antwort: »Er wäre lieber daheim in Tipperary, statt hier die Bahn zu bewachen, die die Engländer gebaut haben und die jetzt ein Jude gekauft hat!«

Die Araber freuen sich über den jüdischen Oberkommissar ebensowenig. Jene Lanze in Bethschean, die aus der Faust des Arabers gegen das hohe gesalbte jüdische Haupt geschleudert wurde, flog aus einem der Haiffaklubs, wo der Nationalismus der Araber unter vatikanischem Segen mit den Orientaspirationen der französisch-syrischen Machtpolitik unter einer Decke spielt, über das gesteckte Ziel hinaus. Sicher ist auch, daß es im englischen Unter- wie Oberhaus erst seit der Balfour-Deklaration eine unverhüllte antisemitische Strömung gibt. Und daß in der Stadt Jerusalem ein antizionistischer Gouverneur, der vielfach angefeindete und verhaßte halb-levantinische Engländer Storrs seine ausgesprochen christliche Sonderpolitik treiben darf.

Im Grunde meint England, wenn’s von Palästina spricht, den Suezkanal und nicht das »Nationale Heim der Juden«. Es meint auch die Straße, die von London nach Mesopotamien führt. Es operiert mit realen Werten, wenn es die Juden begünstigt und mit ebensolchen, wenn es, um die gefährlichen Bestrebungen schwer faßbarer Kräfte zu paralysieren, die von Teheran über den Jordan dringen, die vom Süden her die immense Welle Ghandi über Aden nordwärts verpflanzen, Araber-Interessen in den Vordergrund stößt. An dem Zionismus liegt England wohl wenig. Der Chaluz gibt sich keiner Illusion hin in bezug auf die Sentimente der englischen Behörde. – –

Einmal sah ich etwas Symbolisches vor meinen leiblichen Augen sich abrollen: an dem Samstagnachmittag, den ich in jener Kwischgruppe an der Straße Haiffa-Jemma in angeregtem Gespräch mit bulgarischen, deutschen und russischen Genossen verbrachte, hörten wir von unten, vom Strand her, plötzlich das betäubende Geratter eines stoppenden Motors. Einige von unserer Tafelrunde sprangen auf, liefen vor die Baracke. Sie schrien sogleich zu uns herein: »Kommt!« Unten, auf ihrer halbfertigen Straße, war ein mächtiges Automobil zwischen den spitzen Steinen stecken geblieben. Der Chauffeur und zwei Soldaten waren aus dem Wagen gesprungen und begannen die Steine rechts und links vor den vorderen Rädern mit vollen Händen aus dem Weg zu werfen. »Die demolieren unsere Kwisch!« rief man neben mir. »Renn hinunter, schreib die Nummer vom Car auf!!« Schon war einer, ein riesenhafter, bärenbreiter Chaluz, mit gewaltigen Sprüngen unten auf der Straße und redete erregt auf die Soldaten ein. Die aber achteten, als wär er Luft, gar nicht auf ihn, sondern warfen weiter, rechts und links mit vollen Händen die mühsam geglätteten Steine der Kwisch auseinander. Aus dem Automobil war ein englischer General gestiegen; Goldtressen, Khakiuniform, regenbogenfarbige Ordensstreifen, Monokel, Reitstöckchen. Auch er ignorierte unseren Genossen, der erregt auf die Leute einredete, so laut, daß wir ihn hier oben auf dem Hügel hören konnten.

Drei, vier andere waren mit hinuntergelaufen, um ihre Kwisch zu verteidigen. Vor dem Auto starrte nun ein tiefes Loch. Jetzt kurbelte der Chauffeur den Motor an. General und Soldaten stiegen eilig in den Wagen. Der breite, bärenhafte Chaluz pflanzte sich vor dem Wagen auf, die Arme ausgebreitet: »Stop!!«

Das Auto fuhr. Mit Höllengeratter ins Loch, hinauf, im vollen Schwung auf den Chaluz los. Ohne auszuweichen, ohne von seiner Richtung einen Finger breit abzuweichen, fuhr es geradenwegs auf den Menschen los, der dastand, mit offenen Armen seine Arbeit verteidigend. Wäre der Chaluz nicht im letzten Bruchteil der allerletzten Sekunde mit einem Satz zur Seite gesprungen, das Generalsauto hätte ihn kalt überfahren, ohne seinen Kurs zu ändern.

Wir sahen uns an, wir vor der Baracke. Verstanden uns, ohne ein Wort zu wechseln. –

Es gibt Mißvergnügte in Palästina, die von mangelndem Rückgrat, von Ängstlichkeit, ja politischer Unfähigkeit der palästinischen Zionistenbehörde sprechen, wenn bei Verhandlungen dieser mit den Engländern sich wieder ein Echec der Judenschaft ergibt. Wie damals bei der Subventionierung arabischer und Nichtsubventionierung jüdischer Schulen. Wie zuletzt bei der Verteilung von gutem, fruchtbarem und als Hinterland der bedrohten galiläischen Siedlungen besonders wichtigem Regierungsboden aus altem Sultansbesitz im Jesreelgebiet – an nomadische Beduinenfamilien, statt, wie’s ursprünglich geplant und halb und halb versprochen war, an ehemalige jüdische Legionäre! Dieser Mißerfolg ist als schwerer Verlust der zionistischen Sache zu buchen, in moralischer wie materieller Hinsicht. Der Boden ist vorzüglich; die Lage der verstreuten jüdischen Siedlungen im Emek durch die neue Nachbarschaft in hohem Maße gefährdet; die Mißachtung für die jüdischen Legionäre hat tief verstimmt. Solche Episoden wiederholen sich.

Die Orientpolitik Englands ist, zumal von Palästina aus gesehen, merkwürdig schwankend, unsicher, widerspruchsvoll geworden; weder Juden noch Araber kennen sich mehr in ihr aus, noch trauen sie ihr. Die jüdische Arbeit leidet unter dieser Unberechenbarkeit; die Spannung zwischen Rassen, Volksgemeinschaften, Glaubensgemeinschaften wächst; Unbehagen und stete Irritation. –

Im letzten Jahr hat Sir Samuel in Jerusalem eine Rabbiner-Versammlung aus Vertretern der verschiedensten Richtungen, eine Art Synhedrion einberufen und mit nachdrücklicher Feierlichkeit eröffnet. Dem Judentum in Palästina sollte, das war wohl die Absicht der Engländer, eine Art geistlicher Behörde geschaffen werden. Jetzt besteht eine weltliche Mittelbehörde zwischen der englischen Regierung und der Judenschaft Palästinas, ein aus drei Köpfen bestehender »Nationalrat«, dessen Vorsitz Doktor Jacob Thon führt und dessen Mitglieder David Yellin, der zweite Bürgermeister Jerusalems und Ben Zwi, einer der Führer der palästinischen Sozialisten sind. Es ist eine weltliche, politische Vertretung der Juden. Soviel ich gehört habe, besitzt sie geringen Einfluß auf die Entschlüsse und Entscheidungen der Regierung; ihre Tätigkeit ist mehr eine informatorische.

Als die Frage aufgeworfen worden war, wer die Nachfolge der Türken in Palästina antreten, welche von den in Palästina ansässigen Nationalitäten, Glaubensgemeinschaften die Führung übernehmen solle, da war die Rede ursprünglich von einer Internationalisierung des Landes, sodann von einem Kondominium zweier Mächte. Für die Juden war es wünschenswert, daß England die Macht über Palästina behalte, weil es Sympathien für das Judentum besaß und die wichtige Fähigkeit, zu kolonisieren, wenn auch mit wenig einwandfreien Mitteln.

Bis heute ist die Frage: ob England das Mandat über Palästina erhalten oder nur Schutzmacht bleiben werde, ungelöst. Nebenbei bemerkt, ist diese Frage auch nur von zeitlich beschränkter Bedeutung. Mit dem Fall des imperialistischen Gedankens wird ja auch das Problem der Kolonisierung in sich zusammensinken. Die Macht imperialistisch regierter Völker, Kolonien zu halten, zu unterhalten, ist im Schwinden und wird bald ganz hinfällig sein. –

Die Juden erstreben in Palästina gewiß keinen jüdischen Staat, sondern eine jüdische Autonomie, aus der sich ein jüdisches Palästina entwickeln könnte. Sie werden, wie ich es wiederholen muß, durch die Undurchsichtigkeit von Englands Orientpolitik in ihrem geordneten Aufbau, den Möglichkeiten einer ruhigen Entwicklung und Festigung ebenso schwer behindert, wie in ihren primitivsten Arbeiten, Einwanderung, Kolonisation usw. durch den zuweilen katastrophalen Geldmangel.

Es gibt Pessimisten, die bereits strategische Untersuchungen über den künftigen Schauplatz eines englisch-französischen Konfliktes in Palästina anstellen. Andere, noch schwärzer Sehende prophezeien eine Sturmflut, die die Völker des Ostens gegen den am weitesten vorgeschobenen Posten europäischer Kultur werfen werde, nämlich gegen das palästinensische Judentum, das dabei überrannt und auf der Strecke liegenbleiben soll. –

Oft mußte ich mich, wenn Nöte, Gefahren, die alpähnliche Schwere der Arbeit in Palästina vor meinen Gedanken aufstiegen, über mir zusammenzuschlagen drohten, an die alte talmudische Legende erinnern: Schiffbrüchige retten sich auf eine kahle Insel mitten im Meer. Der Boden ist harter Fels. Schütter wachsen hier und dort Moosbüschel. Die armen Siedler beginnen ihr Leben, arbeiten so gut es geht. Nach Zeiten schweren Kampfes mit dem Boden, während sie ein Feuer anzünden, um sich zu erwärmen, setzt sich die Insel plötzlich in Bewegung und schwimmt mit ihnen fort. Die Insel war der Rücken eines Fisches.

Dieses Bild, diese Legende kam mir in den Sinn, betrachtete ich in Palästina das Leben, die Arbeit der Juden. Aber ist der Fisch, der davonschwimmt, Palästina? Er ist die ganze, heutige Welt.

Winston Churchill hat vor einem Jahr in Jerusalem eine Ansprache gehalten und folgendes aus der Schule geplaudert: »Es gebe im heutigen Judentum drei Tendenzen: Konservatismus, Zionismus, Bolschewismus. England wolle die beiden ersten benutzen, um die letzte wirksam zu bekämpfen.« –

Genossen der radikalen Richtung sagten mir: »Die jüdische Weltbourgeoisie bereite sich, im Dienste und unter dem Protektorat des englischen kapitalistischen Imperialismus, in Palästina ihr künftiges Heim vor, – die Chaluzim seien, ohne es zu wissen, vorerst ausgenutzte, später beiseitegeschobene Pioniere der jüdischen Weltbourgeoisie.« –

Das alles mag kraß und gewalttätig übertrieben sein, im Gedanken wie im Ausdruck. Vielleicht irren sich beide, der englische Imperialismus, die jüdische Weltbourgeoisie, wenn sie mit dem Chaluz für irgendwelche mehr oder minder versteckten Ziele operieren. Vielleicht verschlingt die dritte, befehdete Tendenz im Judentum zuletzt doch noch englischen Imperialismus, jüdische Bourgeoisie mitsamt all den Neunmalweisen und Neunmalmächtigen dieser Zeit, – die kein Rechenexempel ist. Keins, das so restlos aufgeht, wie jene es ausgeklügelt haben. –

Sicher ist, daß niemand unter den aktiven Sozialisten, den Sozialisten, die die Aktion als Notwendigkeit der Zeit erkannt haben, nach Palästina geht. Europa, Amerika sind und bleiben der Schauplatz der kommenden entscheidenden Klassenkämpfe. Jene »Boruchows«, konsequente Anhänger der dritten Internationale, bilden, einstweilen im Schatten, die Zelle. Sie warten Hereindringen, Erstarken, Überwuchern des Weltkapitalismus, das Aufsaugen der arbeitenden Massen zum geeinten Proletariat ab, um im weltgeschichtlichen Augenblick, in dem die Entwicklung den Orient mitsamt Palästina mitgerissen haben wird, an Ort und Stelle zu sein, das Nötige zu unternehmen.

Schwer begreiflich: wie man Zionist sein und nicht nach Palästina gehen mag. Bist du Zionist, so ist dein Platz nicht in Europa, nicht in Amerika, allein in Palästina. Zionisten im Galuth kommen mir zuweilen vor wie Mitglieder einer wissenschaftlichen Gesellschaft, eines Vereins von Amateuren, der eine Südpol-Expedition ausrüstet.

israel-848402_1280_bluskyhiWer aus Palästina zurückkehrt, wundert sich über die schier uferlose Fülle des um die Kernfrage des Zionismus: das Leben und die Arbeit der Siedler in Palästina herum Gesprochenen, Geschriebenen, Phantasierten. Der Zionismus ist nachgerade ein Tummelplatz für literarische Übungen, Organisationssucht, Vereinsmeierei geworden; die sozialen, die politischen und nichtpolitischen Parteien innerhalb des Galuthjudentums leben sich auf diesem Tummelplatz aus, reiben sich aneinander, bringen Konfliktsstoffe zur Explosion, schlagen ihre Schlachten. Die unerhörte Vielfältigkeit der Probleme, die sich um die Idee Palästina gruppieren, erschreckte und verblüffte auf dem Karlsbader Zionistenkongreß, – und doch ist der Zionismus so einfach, natürlich, kristallklar, sieht man ihn an Ort und Stelle in Wirksamkeit: Arbeit, Glaube, Gefahr, – Opfer.

Der Galuthzionismus hat seine Berechtigung allein in dem positiven und unmittelbaren Dienst, den er jenen Arbeitenden, Gläubigen, Gefährdeten, sich für das Große Opfernden zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Jordan leisten kann. –

Ich habe vor anderthalb Jahren mit manchem jüdischen Volkskommissar im Moskauer Kreml über die Frage des Zionismus, und die Stellung der Bolschewiki zu den in Rußland verbliebenen und auch zu den nach Palästina ausgewanderten russischen Zionisten gesprochen. Einer der klügsten, leichtzüngigsten dieser Kommissäre verriet mir: es sei nicht ausschließlich der Nationalismus, den sie den Zionisten verübelten, – sondern auch der Umstand, daß so viele starke und gläubige Menschen, die ja im Grunde das Gleiche wollten, worum Rußland mit der Welt ringt, sich freiwillig in ein Exil begeben, fern vom Schuß, abseits von der entscheidenden Bewegung, von der sie doch abhängig sind und einst Nutzen ziehen werden; und daß Rußland dadurch soviel bitter nötige, bedeutungsvolle Kraft verlorengeht.

Hie und da bin ich auch in Palästina, und gerade bei den dem Lande auf treueste, tiefste Weise Hingegebenen einem heimlich verwurzelten Zweifel begegnet: ob soviel Energie nicht an unüberwindliche Widerstände vergeudet sei, nicht in Europa, im Zentrum des großen Geschehens besser, intensiver und mit stärkerer Wirkung verwendet wäre.

Während das offizielle Palästina von der Balance der Großmächte und ihrer Orientpolitik abhängig ist, hat der Sozialismus in Palästina einzig und allein die Entwicklung der wirtschaftlichen und sozialen Umwandlung zur Voraussetzung, die sich jetzt in Europa und Amerika vollzieht.

Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß nur eine große, soziale Umwälzung, wie die es ist, die die dritte Internationale anstrebt, den tückischen und verhängnisvollen Kampf zwischen Arabern, Juden und Christen wird beenden können – zugleich mit der Niederringung des Weltimperialismus, der hinter diesen Kämpfen steht, sie schürt, sie benutzt. Unter der Sowjetherrschaft verstummte mit einem Schlag der jahrhundertealte Krieg zwischen Tartaren, Grusiniern, Bucharen, Armeniern. Der Sozialismus weist den einzigen Weg zur Schlichtung, zur Aufhebung nationalistischer Fehden. Allerdings sind die Völker des Orients vom Sozialismus noch weit entfernt.

Über den Weltentwicklungen der Politik, der sozialen Zusammenhänge aber steht die große utopische Gemeinschaftsidee der neuen Menschheit, die sich gegenwärtig in Palästina regt, in Seelen, die geringen Zusammenhang mit dem aktiven Weltprozeß dieser Zeit haben. Die Idee, die hier in Leben und Wirklichkeit umgesetzt wird, könnte indes ihren im Mystischen ruhenden Einfluß auf jenen Weltprozeß ausüben. Der religiöse Sozialismus Palästinas ist zeitlos, von keinem zeitlichen Maß bedingt.

Eine der stereotypen Fragen, die man in Palästina von Nichtjuden immer wieder zu hören bekommt, ist:

»Why are jews so excited?«

Warum sind die Juden so aufgeregt? Was ist das für eine ewig erregte, ewig unruhige, ewig unzufriedene Rasse!!

Man ruft den Juden zu: Ihr macht viel zu viel Lärm in der Welt um Palästina. Ihr müßt es wohl tun, um Geld für das Land zu bekommen. Aber ihr dürft es andererseits nicht tun, denn die Araber fühlen sich durch dieses andauernde Weltgeschrei irritiert und beunruhigt.

In gewisser Beziehung ist die Anklage berechtigt. Echt jüdisch: alles muß auf einmal erreicht sein; das jüdische Kleinbürgertum womöglich in drei Monaten zum Ackerbau umerzogen werden; die Exekutive soll im Handumdrehen perfekt funktionieren; die Widerstände sind enorm – zugegeben – aber warum funktioniert sie nicht wie ein Uhrwerk, diese Exekutive? warum schwankt sie – wie die englische Regierung zwischen Juden und Arabern – zwischen den Radikalen und den Orthodoxen, der Gduth und den Misrachi; warum ist zwischen den Extremen das Zentrum der Exekutive so schwach?

Echt jüdisch: nach zweitausendjähriger Unterdrückung soll die Selbstherrlichkeit des Handelns, der Kraftentfaltung und Betonung der eigenen Autorität in der Welt sich über Nacht einstellen. Die Utopie zur Wirklichkeit werden, ohne Verzug. –

Palästina ist in der Tat ein erhitztes, überreiztes Land; bis an den Rand angefüllt mit höchster Intelligenz, Begeisterung, Glut des Glaubens und Wollens, Spannkraft der Seelen. Oft ist es einem, als sollte die aufgestapelte, zusammengedrängte Energie der Rasse das kleine Land wie Dynamit sprengen.

Überschwengliches Verantwortungsgefühl, aber auch engherziger Fanatismus überschlagen sich zuweilen; ein junger Mensch steht auf vor meiner Erinnerung. Er kam in Tel-Awiw zu mir; nannte sich, wie die meisten, die sich in Palästina festsetzen, mit hebräischem Vatersnamen, hatte seinen europäischen mitsamt seinem Doktortitel abgelegt und vergessen. Er gehörte jener radikalsten Gruppe der »Haschomer Hazair« an, die jetzt nach Nurriss soll. Ich sprach mit ihm über Landauer, Eisner, Lewine, Trotzki, Luxemburg. Er fuhr auf: »Abtrünnige, Verirrte, die ihr eignes Volk verlassen haben!« Er sagte noch: »Vermessene, hochmütige Juden, die sich zutrauen, Führer der Allgemeinheit sein zu können!« Aber im Grunde meinte er: sie alle, Trotzki, Landauer, Luxemburg seien zu gut dazu, um Führer einer vagen Masse aus Juden und Christen und Heiden zu sein, – was heute allein nottue, Beruf und Pflicht jedes Juden sei: für den Juden, das Judentum zu kämpfen und zu sterben. –

Keinem Menschen steht das Recht der Entscheidung zu: ob diese Menschen in Palästina ihre Kraft nicht besser in Europa hätten verwenden können, nicht besser getan hätten, in Europa zu bleiben, als nach dem steinigen Urväterland auszuwandern.

Palästina beweist, daß in der heutigen Welt reinster Wille zum religiösen Kommunismus lebt. Hätte ich, vor einem Jahr, aus Rußland Zweifel an der Idee des Kommunismus heimgebracht, Palästina hätte mir die Sicherheit wiedergegeben. Die Idee lebt. Alle Klassen des zivilisierten Weltjudentums arbeiten an diesem Kulturideal Zions, unbewußt jene dem Kommunismus am stärksten widerstrebenden amerikanischen kapitalistischen Geldgeber, bewußt der sich proletarisierende Chaluz auf den Ebenen, in den Bergen Erez Israels. Der Opfermut dieser kleinen, erlesenen Schar, der biblischen kleinen Herde, von der das Evangelium Johannis spricht, strahlt zurück auf das verstreute Volk der Juden in der Diaspora, – nicht anders, als ehedem der Geist der französischen Humanisten, der deutschen Philosophen, in der Gegenwart der Geist Moskaus auf die Welt zurückstrahlt, Kräfte entwickelt, ans Licht hebt.

Aber dies ist’s nicht allein, was im heutigen Palästina brauend, neblig, unsicher, unheimlich sich vorbereitet.

Dies nicht allein.

Oft, auf den Achat- und Onyx-Pfaden, die zum Ölberg hinaufführen, oft im Tal Josaphat, auf der Brücke über dem Gehinnom, oft auch am Ufer des stillen Genezarethsees oder in einem Zelt, einer Baracke mitten in Einöden, auf steilem Berggrat, an der Straße – in Zelten, Baracken, die vom fröhlichen Lärm des Freitagabends widerhallten – überfiel mich plötzlich kalter Schauer, ein Entsetzen, Ahnung hoher, überirdischer Dinge.

In prophetischen Büchern und Gesängen, der Schrift – die heute mehr Menschen und ernstere durchforschen als je zuvor – ist von einer Märtyrerklasse, einer Märtyrerschar, von Israeliten im Fleische und im Geiste die Rede, die am Eingang einer neuen Zeit die Schwelle hüten. Die neue Zeit ist das Reich jenes, der kommen wird. Und jene Schar, jene Klasse von Israeliten wird die Schwelle mit ihrem Blute röter färben, als der Sonnenaufgang rot war über ihm, der auf silbernem Eslein durch das Tor der Heiligen Stadt geritten ist, über dem, der mit hellem Turban auf taubenweißem Zelter durch das östliche Tor in die Stadt sprengte. Opfertod soll das Reich jenes bereiten, dessen Kommen prophetische Worte und Sätze künden, wie es je und je bereitet wurde, bereitet wird, durch das Leben und Sterben der Edelsten, in denen der Funke am hellsten glüht.

Das uralt neue, Jahrtausend um Jahrtausend am Horizont des Menschheitsgeschehens neu aufleuchtende Paradies der Verbrüderung, der Milde, Gerechtigkeit, des jüdisch-christlichen Kommunismus steigt auf im Osten, überschattet mit seiner Fata Morgana die sichtbare Welt, die ihren Glanz verliert. Die Träger des uralt neuen, ewigen Gesetzes, die herrlichen jungen Juden Palästinas stehen, Pflug und Gewehr in starker Faust, Liebe und Gerechtigkeit auf den Stirnen, an der Schwelle der neuen, furchtbaren Epoche. Sollen sie die Märtyrerklasse, die erlauchte Schar sein, die das Opfer bringt?

Ist das die tiefe, unerklärliche, metaphysische Ursache, die ein Volk nach dem Punkt des Erdballs ziehen heißt, wo sich sein Verhängnis erfüllen soll? Ist das die Ursache des Dranges, des Stromes, des sich stauenden, stockenden, wieder losbrechenden, unhemmbaren Zuges der Besten, Reinsten, der Erlesenen nach Erez Israel?

Sei getrost, du kleine Herde.

Gott ist mit dir.

In der alten Heiligen Stadt, unweit der Stelle, wo einst der Tempel sich erhob, in verfallenes Gemäuer gebettet, ruht ein kleiner Teich: der Teich Bethesda, heute Birket Israin, »Teich Israels« genannt. Sein Spiegel ist klar. Das Wasser still. Woher kommt es? Eine unterirdische Quelle speist den kleinen Teich, leitet das Wasser hinauf zwischen das Gemäuer, hebt es nicht, senkt es nicht, hält es stets auf gleicher Höhe. Der Spiegel ist klar.

Hie und da aber bemächtigt sich des kleinen Teiches unerklärliche Bewegung. Sein Wasser schäumt auf, wirft Wellen, schlägt stürmisch an die Mauern, die es einfassen.

Dann kommen Krüppel aller Art, Blinde, Lahme, Elende aus der ganzen Stadt herbeigelaufen, drängen sich weinend und wehklagend ins Gemäuer. Der Engel!! Der Engel hat das Wasser berührt!!

Krüppel, Kranke, Unglückliche steigen ins Wasser des kleinen Teiches, das mit einemmal Heilkraft gewonnen hat. Sie steigen tief in das Wasser hinunter, entsteigen ihm als Gesunde. Das Wunder des Glaubens, der Engel selber hat sie berührt. Der Teich Israels hat sie geheilt.

Solch ein Teich Israels, solch ein Teich Bethesda, aus unterirdischer, geheimnisvoller Quelle gespeist, ist das heutige jüdische Palästina. Lange ruhte es still. Jetzt hat der Engel es berührt.

In dieses aufgerührte, vom Engel berührte Bad möge das Judentum der Welt steigen und dort Genesung finden.

Stefan Zweig über Cicero – Aus: Sternstunden der Menschheit – 1940

Cicero. Porträtbüste von Bertel Thorvaldsen nach einem römischen Original, Thorvaldsen Museum, Kopenhagen - Quelle: wikipedia.org
Cicero. Porträtbüste von Bertel Thorvaldsen nach einem römischen Original, Thorvaldsen Museum, Kopenhagen – Quelle: wikipedia.org

Das Weiseste, was ein kluger und nicht sehr tapferer Mann tun kann, wenn er einem Stärkeren begegnet, ist: ihm auszuweichen und ohne Beschämung die Wende abzuwarten, bis die Bahn ihm selbst wieder frei wird. Marcus Tullius Cicero, der erste Humanist des römischen Weltreiches, der Meister der Rede, der Verteidiger des Rechts, hat drei Jahrzehnte lang um den Dienst vor dem ererbten Gesetz und die Erhaltung der Republik sich gemüht; seine Reden sind eingemeißelt in die Annalen der Geschichte, seine literarischen Werke in die Quadern der lateinischen Sprache. Er hat in Catilina die Anarchie, in Verres die Korruption, in den siegreichen Generälen die drohende Diktatur befeindet, und sein Buch „De re publica“ [Vom Gemeinwesen] gilt innerhalb seiner Zeit als der sittliche Kodex der idealen Staatsform.

Aber nun ist ein Stärkerer gekommen. Julius Caesar, den er als der Ältere und Berühmtere anfänglich ohne Mißtrauen gefördert, hat sich über Nacht mit seinen gallischen Legionen zum Herrn Italiens gemacht; als unumschränkter Gebieter der militärischen Macht brauchte er nur die Hand auszustrecken, um die Königskrone zu fassen, die Antonius ihm vor dem versammelten Volke angeboten. Vergebens hat Cicero Caesars Alleinherrschaft bekämpft, sobald dieser zugleich mit dem Rubikon das Gesetz überschritt. Vergebens hat er versucht, die letzten Verteidiger der Freiheit gegen den Vergewaltiger aufzurufen. Aber die Kohorten erwiesen sich wie immer stärker als die Worte. Caesar, Geistmensch und Tatmensch zugleich, hat restlos triumphiert, und wäre er wie die meisten der Diktatoren rachsüchtig, so könnte er nun nach seinem schmetternden Siege leichthin diesen starrsinnigen Verteidiger des Gesetzes beseitigen oder zumindest in die Acht tun. Jedoch mehr als alle seine militärischen Triumphe ehrt Julius Caesar seine Großmut nach dem Siege. Er schenkt Cicero, dem erledigten Widersacher, ohne jeden Versuch der Erniedrigung das Leben und legt ihm einzig nahe, von der politischen Bühne abzutreten, die ihm nun allein gehört und auf der jedem ändern bloß die Rolle eines stummen und gehorsamen Statisten zugeteilt bliebe. Nun kann einem geistigen Menschen nichts Glücklicheres geschehen als die Ausschaltung vom öffentlichen, vom politischen Leben; sie treibt den Denker, den Künstler aus einer seiner unwürdigen Sphäre, die nur mit Brutalität oder Verschlagenheit zu bemeistern ist, in seine innere unberührbare und unzerstörbare zurück.

Julius Cäsar - Statue aus den Tuilerien, Paris. Foto: alexandria
Julius Cäsar – Statue aus den Tuilerien, Paris. Foto: alexandria

Jede Form des Exils wird für einen geistigen Menschen Atitrieb zur inneren Sammlung, und Cicero begegnet dieses gesegnete Mißgeschick in dem besten und glücklichsten Augenblick. Der große Dialektiker nähert sich mählich der Alterswende eines Lebens, das mit ständigen Stürmen und Spannungen ihm wenig Zeit zu schöpferischer Übersicht gelassen. Wieviel und wieviel Gegensätzliches hat der Sechzigjährige im engen Raum seiner Zeit durchlebt! Durch Zähigkeit, Wendigkeit und geistige Überlegenheit sich vorstoßend und durchdrückend hat er, der homo novus [der Emporkömmling], der Reihe nach alle öffentlichen Stellen und Ehren errungen, die sonst einem kleinen Provinzmenschen verwehrt und eifersüchtig einzig der angestammten Adelsclique vorbehalten waren. Er hat das höchste Hoch und das tiefste Tief der öffentlichen Gunst erfahren, nach der Niederschlagung Catilinas im Triumph die Stufen des Kapitels emporgeführt, vom Volk bekränzt, vom Senat mit dem ruhmreichen Titel eines »pater patriae« [eines Vaters des Vaterlandes] geehrt. Und er hat anderseits über Nacht in die Verbannung fliehen müssen, von dem gleichen Senat verurteilt und von demselben Volk im Stiche gelassen. Kein Amt, in dem er nicht gewirkt, kein Rang, den er sich nicht kraft seiner Unermüdlichkeit errungen hatte. Er hat Prozesse geführt auf dem Forum, er hat als Soldat Legionen kommandiert im Felde, er hat als Konsul die Republik, als Prokonsul Provinzen verwaltet, Millionen Sesterzen sind durch seine Hände gegangen und unter seinen Händen zu Schulden zerflossen. Er hat das schönste Haus am Palatin besessen und hat es in Trümmern gesehen, verbrannt und verwüstet von seinen Feinden. Er hat denkwürdige Traktate geschrieben und klassische Reden gehalten. Er hat Kinder gezeugt und Kinder verloren, er ist mutig gewesen und schwach, eigenwillig und dann wieder lo^bdiene-risch, viel bewundert und viel gehaßt, ein wetterwendischer Charakter voll Brüchigkeit und Glanz, in summa die anziehendste und wiederum erregendste Persönlichkeit seiner Zeit, weil mit allen Geschehnissen dieser vierzig überfüllten Jahre von Marius bis Caesar unlösbar verknüpft. Zeitgeschichte, Weltgeschichte, sie hat Cicero wie kein anderer erlebt und durchlebt; nur für eines – für das Wichtigste – ist ihm nie Zeit geblieben: zum Blick in das eigene Leben. Nie hat der Rastlose in seinem Ehrgeiztaumel Zeit gefunden, sich still und gut zu besinnen und die Summe seines Wissens, seines Denkens zu ziehen. Nun endlich ist ihm durch Caesars Staatsstreich, der ihn ausschaltet von der res publica [von den Staatsgeschäften], Gelegenheit gegeben, diese res privata [Privatangelegenheit], die wichtigste der Welt, fruchtbar zu pflegen; resignierend überläßt Cicero Forum, Senat und das Imperium der Diktatur Julius Caesars.

Kolosseum, Rom - Foto: anilton
Kolosseum, Rom – Foto: anilton

Eine Unlust vor allem Öffentlichen beginnt den Zurückgestoßenen zu überwältigen. Er resigniert: mögen andere die Rechte des Volkes verteidigen, dem Gladiatorenkämpfe und Spiele wichtiger sind als seine Freiheit, für ihn gilt es jetzt nur mehr, eigene, die innere Freiheit zu suchen, zu finden und zu gestalten. So blickt Marcus Tullius Cicero zum erstenmal im sechzigsten Jahr still sinnend in sich, um der Welt zu erweisen, -wofür er gewirkt und gelebt. Als der geborene Künstler, der nur versehentlicherweise aus der Welt der Bücher in die brüchige der Politik geraten war, sucht Marcus Tullius Cicero sein Leben klarsichtig gemäß seinem Alter und seinen innersten Neigungen zu gestalten. Er zieht sich von Rom, der lärmenden Metropole, nach Tusculum, dem heutigen Frascati, zurück und stellt damit eine der schönsten Landschaften Italiens rings um sein Haus. In linden, dunkel bewaldeten Wellen fluten die Hügel hinab in die Campagna, mit silbernem Ton musizieren die Quellen in die abseitige Stille. Nach all den Jahren auf dem Markte, dem Forum, im Kriegszelt und Reisewagen ist dem schöpferischen Nachsinner endlich die Seele hier voll aufgetan. Die Stadt, die verführerische, die ermüdende, sie liegt fern wie ein bloßer Rauch am Horizont und liegt doch nah genug, daß oftmals Freunde kommen zu geistig anregendem Gespräch, Atticus, der innig vertraute, oder der junge Brutus, der junge Cassius, und einmal sogar — gefährlicher Gast! – der große Diktator selbst, Julius Caesar. Aber bleiben die römischen Freunde aus, so sind doch immer andere zur Stelle, herrliche, nie enttäuschende Gefährten, gleich willig zum Schweigen und zur Rede: die Bücher. Eine wundervolle Bibliothek, eine wahrhaft unerschöpfliche Wabe der Weisheit, baut sich Marcus Tullius Cicero m sein ländliches Haus ein, die Werke der griechischen Weisen anreihend den römischen Chroniken und den Kompendien der Gesetze; mit solchen Freunden aus allen Zeiten und allen Sprachen kann kein Abend mehr einsam sein. Der Morgen gehört der Arbeit.

Cicero - Rede gegen Catilina Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888
Cicero – Rede gegen Catilina
Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888

Immer wartet gehorsam der gelehrte Sklave zum Diktat, zu den Mahlzeiten kürzt ihm die Tochter Tullia, die innig geliebte, die Stunden, die Erziehung des Sohnes bringt täglich neue Anregung oder Abwechslung. Und dann, letzte Weisheit: der Sechzigjährige begeht noch die süßeste Torheit des Alters, er nimmt eine junge Frau, jünger als seine Tochter, um als Künstler des Lebens Schönheit statt in Marmor oder Versen auch in ihrer sinnlichsten und bezauberndsten Form zu genießen. So scheint in seinem sechzigsten Jahre Marcus Tullius Cicero endlich heimgekehrt zu sich selbst, Philosoph nur mehr und nicht mehr Demagog, Schriftsteller und nicht mehr Rhetor, Herr seiner Muße und nicht mehr geschäftiger Diener der Volksgunst. Statt vor bestechlichen Richtern auf dem Markte zu perorieren [mit Nachdruck zu sprechen], legt er lieber das Wesen der Rednerkunst in seinem „De oratore“ [Über den Redner] vorbildlich für alle seine Nachahmer fest und sucht gleichzeitig in seinem Traktat „De senectute“ [„Cato maior de senectute“ (Cato der Ältere, über das Alter)] sich selbst zu belehren, daß ein wirklich Weiser als die wahre Würde des Alters und seiner Jahre Resignation zu erlernen hat. Die schönsten, die harmonischesten seiner Briefe stammen aus jener Zeit der inneren Sammlung, und selbst als niederschmetterndes Unglück ihn betrifft, der Tod seiner geliebten Tochter Tullia, hilft ihm seine Kunst zu philosophischer Würde: er schreibt jene „Consolationes“ [Tröstungen], die noch heute durch Jahrhunderte Tausende in gleichem Schicksal getröstet haben. Nur dem Exil dankt die Nachwelt den großen Schriftsteller in dem einstigen geschäftigen Redner. Innerhalb dieser stillen drei Jahre schafft er mehr für sein Werk und seinen Nachruhm als vordem in den dreißig, die er verschwenderisch der res publica [den Staatsgeschäften] hingegeben. Schon scheint sein Leben das eines Philosophen geworden. Die täglichen Nachrichten und Briefe aus Rom beachtet er kaum, Bürger schon mehr jener ewigen Republik des Geistes als der römischen, die Caesars Diktatorschaft entmannt hat. Der Lehrer des irdischen Rechts hat endlich das bittre Geheimnis erlernt, das jeder im öffentlichen Wirken schließlich erfahren muß: daß man auf die Dauer nie die Freiheit von Massen verteidigen kann, sondern immer nur die eigne, die innere. So verbringt Weltbürger, Humanist, Philosoph Marcus Tullius Cicero einen gesegneten Sommer, einen schöpferischen Herbst, einen italienischen Winter, abseits – und wie er meint: für immer abseits – vom zeitlichen, vom politischen Getriebe.

Forum Romanum - Foto: Scapin
Forum Romanum – Foto: Scapin

Die täglichen Nachrichten und Briefe aus Rom beachtet er kaum, gleichgültig für ein Spiel, das ihn nicht mehr als Partner benötigt. Schon scheint er vom eitlen Öffentlichkeitsgelüst des Literaten gänzlich genesen, Bürger nur mehr der unsichtbaren Republik und nicht jener korrumpierten und vergewaltigten mehr, die sich dem Terror widerstandslos unterworfen. Da, an einem Mittag des März stürmt ein Bote ins Haus, staubbedeckt, mit pochenden Lungen. Gerade noch kann er die Nachricht melden: Julius Caesar, der Diktator, ist ermordet worden auf dem Forum von Rom, dann knickt er zu Boden. Cicero erblaßt. Vor Wochen ist mit dem großmütigen Sieger er noch an der gleichen Tafel gesessen, und so gehässig er auch in Gegnerschaft gegen diesen gefährlich Überlegenen gestanden, so mißtrauisch er seine militärischen Triumphe betrachtet, immer doch war er genötigt, innerlich den souveränen Geist, das organisatorische Genie und die Humanität dieses einzig respektablen Feindes heimlich zu ehren. Aber bei aller Abscheu vor dem gemeinen Argument des Mordvolkes, hat dieser Mann Julius Caesar, mit allen seinen Vorzügen und Leistungen nicht selbst die fluchwürdigste Art des Mordes begangen, parricidium patriae, den Mord des Sohnes am Vaterland? War eben nicht gerade sein Genie die gefährlichste Gefahr der römischen Freiheit? Mag der Tod dieses Mannes menschlich bedauerlich sein, so fördert die Untat doch den Sieg der heiligsten Sache, denn, nun da Caesar tot ist, kann die Republik wieder auferstehn: durch diesen Tod triumphiert die erhabenste Idee, die Idee der Freiheit. So überwindet Cicero sein erstes Erschrecken. Er hat die heimtückische Tat nicht gewollt, vielleicht nicht einmal im innersten Traum zu wünschen gewagt. Brutus und Cassius, obwohl Brutus, während er den blutigen Dolch aus Caesars Brust reißt, seinen Namen, Ciceros Namen, aufgerufen und damit den Lehrer der republikanischen Gesinnung als Zeugen seiner Tat gefordert, haben ihn nicht in die Verschwörung eingeweiht. Aber^nun, da die Tat unwiderruflich geschehen ist, muß sie wenigstens zu Gunsten der Republik ausgewertet werden. Cicero erkennt: der Weg zur alten römischen Freiheit geht über diese königliche Leiche, und es ist Pflicht, den ändern diesen Weg zu weisen.

M Tullio Cicer (Cicerone) - Studiolo di Federico da Montefeltro -Fertigstellung: 1472 - 76
M Tullio Cicer (Cicerone) – Studiolo di Federico da Montefeltro -Fertigstellung: 1472 – 76

Ein solcher einmaliger Augenblick darf nicht vergeudet werden. Noch am selben Tag läßt Marcus Tullius Cicero seine Bücher, seine Schriften und das heilige Otium [die Beschaulichkeit] des Künstlers. In pochender Eile des Herzens eilt er nach Rom, um die Republik als das wahre Erbe Caesars gleicherweise vor seinen Mördern wie vor seinen Rächern zu retten. In Rom trifft Cicero auf eine verwirrte, bestürzte und ratlose Stadt. Schon in der Stunde ihres Geschehens hat sich die Tat der Ermordung Julius Caesars größer erwiesen als ihre Täter. Nur zu ermorden, nur zu beseitigen wußte der zusammengewürfelte Klüngel der Verschwörer den ihnen allen überlegenen Mann. Aber nun, da es gilt, die Tat auszunützen, stehen sie hilflos und wissen nicht, was beginnen. Die Senatoren schwanken, ob sie dem Morde beipflichten oder ihn verurteilen sollen, das Volk, längst gewöhnt von einer rücksichtslosen Hand gegängelt zu werden, wagt keine Meinung. Antonius und die ändern Freunde Caesars fürchten sich vor den Verschworenen und zittern um ihr Leben. Die Verschworenen wiederum fürchten sich vor den Freunden Caesars und deren Rache. In dieser allgemeinen Bestürzung erweist sich Cicero als der einzige, der Entschlossenheit zeigt. Sonst zögernd und ängstlich, wie immer der Nerven- und Geistmensch, stellt er sich, ohne zu zögern, hinter die Tat, an der er selbst keinen Anteil gehabt. Aufrecht tritt er auf die Fliesen, die noch feucht sind vom Blute des Ermordeten, und rühmt vor dem versammelten Senat die Beseitigung des Diktators als einen Sieg der republikanischen Idee. »O mein Volk, noch einmal bist du zur Freiheit zurückgekehrt!« ruft er aus. »Ihr, Brutus und Cassius, ihr habt die größte Tat nicht nur Roms, sondern der ganzen Welt vollbracht. « Aber gleichzeitig verlangt er, daß dieser an sich mörderischen Tat nun ihr höherer Sinn gegeben werde. Die Verschworenen sollen energisch die Macht ergreifen, die nach Caesars Tode brachliegt, und sie schleunigst zur Rettung der Republik, zur Wiederherstellung der alten römischen Verfassung nützen. Antonius solle das Konsulat genommen, Brutus und Cassius die Exekutive übertragen werden. Zum erstenmal hat der Mann des Gesetzes für eine kurze Weltstunde das starre Gesetz zu brechen, um die Diktatur der Freiheit für immer zu erzwingen. Aber nun zeigt sich die Schwäche der Verschwörer. Nur eine Verschwörung konnten sie anzetteln, nur einen Mord vollbringen. Sie hatten nur Kraft, fünf Zoll tief ihre Dolche in den Leib eines Wehrlosen zu stoßen; damit war ihre Entschlossenheit zu Ende. Statt die Macht zu ergreifen und für die Wiederherstellung der Republik zu nutzen, mühen sie sich um eine billige Amnestie und verhandeln mit Antonius; sie lassen den Freunden Caesars Zeit, sich zu sammeln, und versäumen damit die kostbarste Zeit. Cicero erkennt hellsichtig die Gefahr. Er merkt, daß Antonius einen Gegenschlag vorbereitet, der nicht nur die Verschwörer, sondern auch den republikanischen Gedanken erledigen soll. Er warnt und eifert und agitiert und spricht, um die Verschworenen, um das Volk zu entschlossenem Handeln zu zwingen. Aber – welthistorischer Fehler! – er selbst handelt nicht.
Alle Möglichkeiten liegen jetzt offen in seiner Hand. Der Senat ist bereit, ihm beizupflichten, das Volk wartet eigentlich nur auf einen, der entschlossen und kühn die Zügel anreißt, die Caesars starken Händen entfallen. Niemand würde widerstreben, alle erleichtert aufatmen, ergriffe er jetzt die Regierung und schaffte Ordnung im Chaos. Marcus Tullius Ciceros welthistorische Stunde, die er seit seinen catilinarischen Reden so glühend ersehnt, nun ist sie endlich gekommen mit diesen Iden des März, und wüßte er sie zu nützen, wir alle hätten anders Geschichte in unseren Schulen gelernt; nicht bloß als der eines ansehnlichen Schriftstellers, sondern als des Retters der Republik, als des wahren Genius der römischen Freiheit wäre der Name Cicero in den Annalen des Livius und Plutarch überliefert. Sein wäre der unsterbliche Ruhm: die Macht eines Diktators besessen und sie freiwillig dem Volke wieder zurückgegeben zu haben. Doch unablässig wiederholt sich in der Geschichte die Tragödie, daß gerade der geistige Mensch, weil innerlich von der Verantwortung beschwert, in entscheidender Stunde selten zum Tatmenschen wird. Immer wieder erneut sich derselbe Zwiespalt im geistigen, im schöpferischen Menschen: weil er besser die Torheiten der Zeit sieht, drängt es ihn, einzugreifen, und für eine Stunde des Enthusiasmus wirft er sich leidenschaftlich in den politischen Kampf. Aber gleichzeitig zögert er auch, Gewalt mit Gewalt zu erwidern. Seine innere Verantwortung schrickt zurück, Terror zu üben und Blut zu vergießen, und dieses Zögern und Rücksichtnehmen gerade in jenem einzigen Augenblick, der Rücksichtslosigkeit nicht nur verstattet, sondern sogar fordert, lahmt seine Kraft. Nach dem ersten Impuls der Begeisterung blickt Cicero mit gefahrlicher Klarsichtigkeit auf die Situation. Er blickt auf die Verschwörer, die er gestern noch als Helden gerühmt, und sieht, daß es nur schwachmütige Menschen sind, flüchtend vor dem Schatten der eigenen Tat.
Er blickt auf das Volk und sieht, daß es längst nicht mehr das alte römische populus romanus ist, jenes heldische Volk, von dem er geträumt, sondern ein entarteter Plebs, einzig nur auf Vorteil und Vergnügen bedacht, auf Futter und Spiel, panem et circenses, einen Tag Brutus und Cassius, den Mördern zujubelnd und am nächsten Antonius, der zur Rache gegen sie ruft, und am dritten wieder Donabella, der die Bildnisse Caesars niederschlagen läßt. Niemand, erkennt er, in dieser entarteten Stadt dient noch ehrlich der Idee der Freiheit. Alle wollen sie nur Macht oder ihr Behagen: vergebens ist Caesar beseitigt worden, denn nur um sein Erbe, um sein Geld, seine Legionen, um seine Macht buhlen und schachern und streiten sie alle; nur für sich selbst und nicht für die einzig heilige, die römische Sache suchen sie Vorteil und Gewinn. Immer müder, immer skeptischer wird Cicero in diesen zwei Wochen nach der voreiligen Begeisterung. Niemand außer ihm selbst bekümmert sich um die Wiederaufrichtung der Republik, das nationale Gefühl ist erloschen, der Sinn für die Freiheit völlig dahin. Schließlich überkommt ihn Ekel vor diesem trüben Tumult. Er kann sich nicht länger einer Täuschung über die Ohnmacht seines Worts hingeben, er muß sich angesichts seines Mißerfolgs eingestehen, daß seine conciliatorische [ausgleichende] Rolle ausgespielt ist, daß er entweder zu schwach oder zu mutlos gewesen, um seine Heimat vor dem drohenden Bürgerkrieg zu retten; so überläßt er sie ihrem Schicksal. Anfang April verläßt er Rom und kehrt – abermals enttäuscht, abermals besiegt – zu seinen Büchern, in seine einsame Villa in Puteoli am Golf von Neapel zurück. Zum zweitenmal ist Marcus Tullius Cicero aus der Welt in seine Einsamkeit geflüchtet. Nun ist er endgültig gewahr, daß er als Gelehrter, als Humanist, als Wahrer des Rechts von Anfang an fehl in einer Sphäre gewesen, wo Macht als Recht gilt und Skrupellosigkeit mehr fördert als Weisheit und Versöhnlichkeit. Erschüttert hat er erkennen müssen, daß jene ideale Republik, wie er sie für seine Heimat erträumt, daß eine Auferstehung der alten römischen Sittlichkeit nicht mehr zu verwirklichen ist in dieser verweichlichten Zeit. Aber da er die rettende Tat in der widerspenstigen Materie der Wirklichkeit selbst nicht vollbringen konnte, will er wenigstens seinen Traum für eine weisere Nachwelt retten; nicht völlig ohne Wirkung sollen die Mühen und Erkenntnisse eines sechzigjährigen Lebens verloren sein. So besinnt sich der Gedemütigte seiner eigentlichen Kraft, und als Vermächtnis für andere Generationen verfaßt er in diesen einsamen Tagen sein letztes und zugleich sein größtes Werk „De officiis“, die Lehre von den Pflichten, die der unabhängige, der moralische Mensch gegen sich selbst und gegen den Staat zu erfüllen hat. Es ist sein politisches, sein moralisches Testament, das Marcus Tullius Cicero im Herbst des Jahres 44 und zugleich im Herbst seines Lebens in Puteoli aufzeichnet.
Daß dieses Traktat über das Verhältnis des Individuums zum Staate ein Testament ist, das endgiltige Wort eines abgedankten und aller öffentlichen Leidenschaften entsagenden Menschen, beweist schon die Ansprache dieser Schrift. „De officiis“ ist an seinen Sohn gerichtet; Cicero gesteht freimütig seinem Kinde, daß er nicht aus Gleichgültigkeit aus dem öffentlichen Leben sich zurückgezogen habe, sondern weil er als freier Geist, als römischer Republikaner es unter seiner Würde und Ehre halte, einer Diktatur zu dienen. »Solange der Staat noch von Männern verwaltet war, die er selbst sich erwählte, habe ich meine Kraft und Gedanken der res publica [dem Staat] gewidmet. Aber seit alles unter die dominatio unius [die Herrschaft eines Einzelnen] geriet, war länger kein Raum mehr für öffentlichen Dienst oder Autorität. « Seit der Senat abgeschafft sei und die Gerichtshöfe geschlossen, was habe er da mit einigem Selbstrespekt noch im Senat oder auf dem Forum zu suchen? Bis jetzt habe ihm die öffentliche, die politische Tätigkeit zu sehr seine eigene Zeit entwendet. »Scribendi otium non erat« [dem Schreibenden war keine Muße gegeben], und er konnte niemals in geschlossener Form seine Weltanschauung niederlegen. Nun aber, da er zur Untätigkeit gezwungen sei, wolle er sie wenigstens nützen, im Sinne des großartigen Worts des Scipio, der von sich gesagt hatte, er sei »nie tätiger gewesen, als wenn er nichts zu tun hatte, und nie weniger einsam, als wenn er allein mit sich selbst war«. Diese Gedanken über das Verhältnis des Einzelnen zum Staate, die Marcus Tullius Cicero nun seinem Sohne entwickelt, sind vielfach nicht neu und original. Sie verbinden Angelesenes mit sonst Übernommenem: auch im sechzigsten Jahr wird ein Dialektiker nicht plötzlich zum Dichter und ein Kompilator zum ursprünglichen Schöpfer. Aber Ciceros Ansichten gewinnen diesmal ein neues Pathos durch den mitschwingenden Ton der Trauer und Erbitterung. Inmitten von blutigen Bürgerkriegen und einer Zeit, wo Prätorianerhorden und Parteibanditen um die Macht kämpfen, träumt ein wahrhaft humaner Geist wieder einmal – wie immer die Einzelnen in solchen Zeiten – den ewigen Traum einer Weltbefriedung durch sittliche Erkenntnis und Konzilianz. Gerechtigkeit und Gesetz, sie allein sollen die ehernen Grundpfeiler des Staates sein. Die innerlich Redlichen, nicht die Demagogen müßten die Gewalt und damit das Recht im Staate erhalten. Niemand dürfe versuchen, seinen persönlichen Willen und damit seine Willkür dem Volke aufzuprägen, und es sei Pflicht, jedem dieser Ehrgeizigen, die dem Volk die Führung entreißen, »hoc omnc genus pestiferum acque impium« den Gehorsam zu verweigern. Erbittert weist er als unbeugsam Unabhängiger jede Gemeinschaft mit einem Diktator und jeden Dienst unter ihm zurück. »Mulla est enim societas nobis cum tyrannis et potius summa distractio est. « Gewaltherrschaft vergewaltigt jedes Recht, argumentiert er. Wahre Harmonie kann in einem Gemeinwesen nur entstehen, wenn der Einzelne, statt zu versuchen aus seiner öffentlichen Stellung persönlichen Vorteil zu ziehen, seine privaten Interessen hinter jenen der Gemeinschaft zurückstellt. Nur wenn der Reichtum sich nicht in Luxus und Verschwendung vergeudet, sondern verwaltet wird und verwandelt in geistige, in künstlerische Kultur, wenn die Aristokratie auf ihren Hochmut verzichtet und der Plebs, statt sich bestechen zu lassen von Demagogen und den Staat an eine Partei zu verkaufen, seine natürlichen Rechte fordert, kann das Gemeinwesen gesunden. Wie alle Humanisten ein Lobredner der Mitte, fordert Cicero den Ausgleich der Gegensätze. Rom braucht keine Sullas und keine Caesars und anderseits keine Gracchen; die Dikatatur ist gefährlich, und ebenso die Revolution. Vieles von dem, was Cicero sagt, war vordem schon im Staatstraum Platos zu finden und wird wieder bei Jean-Jacques Rousseau und allen idealistischen Utopisten zu lesen sein.
Aber was dies sein Testament so erstaunlich über seine Zeit hebt, ist jenes neue Gefühl, das hier ein halbes Jahrhundert vor dem Christentum zum erstenmal zu Worte kommt: das Gefühl der Humanität. In einer Epoche der brutalsten Grausamkeit, wo selbst ein Caesar bei der Eroberung einer Stadt noch zweitausend Gefangenen die Hände abhacken läßt, wo Martern und Gladiatorenkämpfe, Kreuzigungen und Niederschlachten tägliche und selbstverständliche Geschehnisse sind, erhebt als erster und einziger Cicero Protest gegen jeden Mißbrauch der Gewalt. Er verurteilt den Krieg als die Methode der beluarum, der Bestien, er verurteilt den Militarismus und Imperialismus seines eigenen Volkes, die Ausbeutung der Provinzen, und fordert, daß einzig durch Kultur und Sitte und niemals durch das Schwert Länder dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Er eifert gegen das Plündern von Städten und verlangt – eine im damaligen Rom absurde Forderung – Milde selbst gegenüber den Rechtlosesten der Rechtlosen, gegenüber den Sklaven (adversus infirmus justitia esse servandum). Mit prophetischem Blick sieht er Roms Niedergang durch die allzu rasche Folge seiner Siege und seiner ungesunden, weil nur militärischen Welteroberungen voraus. Seit mit Sulla die Nation Kriege begonnen habe, nur um Beute zu gewinnen, sei die Gerechtigkeit im Reiche selbst verlorengegangen. Und immer wenn ein Volk ändern Völkern ihre Freiheit gewaltsam nehme, verliere es dabei in geheimnisvoller Rache seine eigene, wunderbare Kraft der Einsamkeit. Während die Legionen unter den ehrgeizigen Führern nach Parthien und Persien, nach Germanien und Britannien, nach Spanien und Mazedonien marschieren, um dem vergänglichen Wahn eines Imperiums zu dienen, erhebt hier eine einsame Stimme Protest gegen diesen gefährlichen Triumph: denn er hat gesehen, wie aus der blutigen Saat der Eroberungskriege die noch blutigere Ernte der Bürgerkriege erwächst, und feierlich beschwört dieser eine machtlose Sachwalter der Menschlichkeit seinen Sohn, die adiumenta hominum, das Zusammenwirken der Menschen, als das höchste und wichtigste Ideal zu ehren. Endlich ist, der allzulange Rhetor gewesen, Advokat und Politiker, der für Geld und Ruhm jede gute und schlechte Sache mit gleicher Bravour verteidigt, der selbst sich um jedes Amt gedrängt, der um Reichtum, um öffentliche Ehre und Volksbeifall gebuhlt, im Herbst seines Lebens zu dieser klaren Erkenntnis gelangt. Knapp vor seinem Ende wird Marcus Tullius Cicero, bisher nur Humanist, der erste Anwalt der Humanität.

column-883847_1280_WikimedialmagesWährend Cicero dieserart in seinem Abseits ruhig und gelassen Sinn und Form einer moralischen Staats Verfassung durchdenkt, wächst die Unruhe im römischen Reiche. Noch immer hat sich der Senat, hat sich das Volk nicht entschieden, ob es die Mörder Caesars lobpreisen oder verbannen solle. Antonius rüstet zum Kriege gegen Brutus und Cassius, und unvermutet schon ist ein neuer Prätendent zur Stelle, Octavian, den Caesar zu seinem Erben ernannt und der dies Erbe nun wirklich antreten möchte. Kaum daß er in Italien gelandet ist, schreibt er an Cicero, um seinen Beistand zu gewinnen, aber gleichzeitig bittet ihn Antonius, er solle nach Rom kommen, und ebenso rufen ihn von ihren Kriegsplätzen Brutus und Cassius. Alle buhlen sie um den großen Verteidiger, daß er ihre Sache verteidige, alle werben sie um den berühmten Rechtslehrer, daß er ihr Unrecht zum Recht machen solle; aus einem richtigen Instinkt suchen sie, wie immer Politiker, die an die Macht wollen, solange sie diese Macht noch nicht haben, den geistigen Menschen (den sie dann verächtlich zur Seite stoßen werden) als Stütze. Und wäre Cicero noch der eitle, ambitiöse Politiker von vordem, er ließe sich verleiten. Aber Cicero ist halb müde, halb weise geworden, zwei Gefühle, die oftmals einander gefährlich gleichen. Er weiß, daß ihm nur eines jetzt wahrhaft not tut: sein Werk zu vollenden, Ordnung zu machen in seinem Leben, Ordnung in seinen Gedanken. Wie Odysseus vor dem Gesang der Sirenen verschließt er sein inneres Ohr vor den lockenden Rufen der Machthaber, er folgt nicht dem Ruf des Antonius, nicht jenem des Octavian, nicht jenem des Brutus und des Cassius und selbst nicht dem des Senats und seiner Freunde, sondern schreibt in dem Gefühl, stärker zu sein im Wort als in der Tat und klüger allein als inmitten eines Klüngels, weiter und weiter an seinem Buche, ahnend, daß es sein Abschiedswort an diese Welt sein wird. Erst wie er dies sein Testament vollendet hat, blickt er auf. Es ist ein schlimmes Erwachen. Das Land, seine Heimat steht vor dem Bürgerkrieg. Antonius, der die Kassen Caesars und des Tempels geplündert hat, ist es gelungen, mit gestohlenem Gelde Söldner zu sammeln. Aber gegen ihn stehen drei Armeen, und jede in Waffen, die des Octavian, des Lepidus und jene des Brutus und Cassius. Es ist zu spät geworden für Versöhnung und Vermittlung: jetzt muß entschieden werden, ob ein neues Caesarentum unter Antonius über Rom herrschen soll oder die Republik weiter bestehen. Jeder muß sich in solcher Stunde entscheiden. Und auch dieser Vorsichtigste und Behutsamste, der, immer den Ausgleich suchend, über den Parteien gestanden oder zwischen ihnen zaghaft gependelt hatte, auch Marcus Tullius Cicero muß sich endgiltig entscheiden. Und nun geschieht das Sonderbare.
Seit Cicero „De officiis“, sein Testament, seinem Sohne übermittelt hat, ist – aus Verachtung des Lebens – gleichsam ein neuer Mut über ihn gekommen. Er weiß, daß seine politische, seine literarische Karriere abgeschlossen ist. Was er zu sagen hatte, hat er gesagt, was ihm zu erleben bleibt, ist nicht mehr viel. Er ist alt, er hat sein Werk getan, was da noch diesen kläglichen Rest verteidigen? Wie ein müdgehetztes Tier, wenn es die kläffenden Rüden schon knapp hinter sich weiß, plötzlich sich umwendet und, um das Ende zu beschleunigen, sich den Hetzhunden entgegenstößt, so wirft sich Cicero mit wahrhaftem Todesmut noch einmal mitten in den Kampfund an seine gefährliche Stelle. Der Monate und Jahre nur mehr den stummen Griffel geführt, nimmt wieder den Donnerkeil der Rede und schleudert ihn gegen die Feinde der Republik.
Erschütterndes Schauspiel: Im Dezember steht der grauhaarige Mann wieder auf dem Forum Roms, um noch einmal das römische Volk aufzurufen, sich der Ehre ihrer Ahnen, ille mos virtusque maiorum, würdig zu zeigen. Vierzehn »Philippikas« donnert er gegen den Usurpator Antonius, der Senat und Volk den Gehorsam versagt hat, vollkommen der Gefahr bewußt, die es bedeutet, waffenlos gegen einen Diktator aufzutreten, der seine marschbereiten und mordbereiten Legionen bereits um sich versammelt hat. Aber wer andere zum Mute aufrufen will, hat nur dann überzeugende Kraft, wenn er selbst diesen Mut vorbildlich erweist; Cicero weiß, daß er nicht wie einst auf diesem selben Forum müßig mit Worten ficht, sondern diesmal sein Leben für seine Überzeugung einzusetzen hat. Entschlossen bekennt er von der Rostra [der Rednertribüne]: »Schon als junger Mann habe ich die Republik verteidigt. Ich werde sie nicht im Stich lassen, nun da ich alt geworden bin. Gern bin ich bereit, mein Leben hinzugeben, wenn die Freiheit dieser Stadt durch meinen Tod wiederhergestellt werden kann. Mein einziger Wunsch ist, daß ich sterbend das römische Volk frei zurücklassen möge. Keine größere Gunst als diese könnten die unsterblichen Götter mir gewähren. « Jetzt sei keine Zeit mehr, verlangt er nachdrücklich, mit Antonius zu verhandeln. Man müsse Octavian stützen, der, obwohl Blutsverwandter und Erbe Caesars, die Sache der Republik vertrete. Es gehe nicht mehr um Menschen, es gehe um eine Sache, um die heiligste Sache – res in extremum est adducta discrimen: de libertate decernitur -, die Sache sei zur letzten und äußersten Entscheidung gekommen: es gehe um die Freiheit. Wo aber dieser heiligste Besitz bedroht sei, sei jedes Zögern verderbnisvoll. So verlangt der Pazifist Cicero Armeen der Republik gegen die Armeen der Diktatur, und er, der wie sein später Schüler Erasmus den »tumultus«, den Bürgerkrieg über alles haßt, beantragt den Ausnahmezustand für das Land und die Acht gegen den Usurpator. In diesen vierzehn Reden findet, seit er nicht mehr Advokat zweifelhafter Prozesse ist, sondern Anwalt einer erhabenen Sache, Cicero -wirklich großartige und lodernde Worte. »Mögen andere Völker in Sklaverei leben«, ruft er seine Mitbürger an. »Wir Römer wollen es nicht.
Können wir nicht die Freiheit erobern, so laßt uns sterben. « Sei der Staat wirklich zu seiner letzten Erniedrigung gekommen, dann gezieme es einem Volk, das die ganze Welt beherrsche – nos principes orbium terrarum gentiusque omnium -, so zu handeln, wie es selbst die versklavten Gladiatoren in der Arena täten: lieber mit dem Antlitz gegen den Feind zu sterben, als sich hinschlachten zu lassen. »Ut cum dignitate potius cadamus quam cum ignominia serviamus«, um lieber in Ehren zu sterben, als in Schande zu dienen. Staunend lauscht der Senat, lauscht das versammelte Volk diesen Philippikas. Manche ahnen vielleicht, es werde für Jahrhunderte zum letztenmal sein, daß solche Worte am Markte ausgesprochen werden dürfen. Bald wird man sich dort nur mehr vor den marmornen Statuen der Imperatoren sklavisch verbeugen müssen, bloß Schmeichlern und Angebern wird ein hinterhältiges Flü- stern statt der einstmaligen freien Rede im Reiche der Caesaren erlaubt sein. Ein Schauer überkommt die Hörer: halb Schauer der Angst und halb der Bewunderung für diesen alten Mann, der einsam, mit dem Mute eines Desperados, eines innerlich Verzweifelten, die Unabhängigkeit des geistigen Menschen und das Recht der Republik verteidigt. Zögernd stimmen sie ihm zu. Aber auch der Feuerbrand der Worte kann den vermorschten Stamm des römischen Stolzes nicht mehr entflammen. Und während dieser einsame Idealist am Markte Aufopferung predigt, schließen hinter seinem Rücken die skrupellosen Machthaber der Legionen bereits den schmählichsten Pakt der römischen Geschichte. Derselbe Octavian, den Cicero als den Verteidiger der Republik gerühmt, derselbe Lepidus, für den er eine Statue für seine Verdienste um das römische Volk gefordert, weil sie beide ausgezogen waren, um den Usurpator Antonius zu vernichten, ziehen beide vor, ein privates Geschäft zu machen. Da keiner von den drei Rottenführern, nicht Octavian und nicht Antonius und nicht Lepidus, stark genug ist, um allein sich des römischen Reiches als einer persönlichen Beute zu bemächtigen, kommen die drei Todfeinde überein, lieber das Erbe Caesars privat unter sich zu teilen; an Stelle des großen Caesar hat Rom über Nacht drei kleine Caesaren.
Es ist eine welthistorische Stunde, da die drei Generäle, statt dem Senat zu gehorchen und die Gesetze des römischen Volkes zu achten, sich einigen, ihr Triumvirat zu bilden und ein riesiges Reich, das drei Erdteile umspannt, als billige Kriegsbeute zu teilen. Auf einer kleinen Insel nahe von Bologna, wo der Rheno und der Lavino zusammenfließen, wird ein Zelt errichtet, in dem sich die drei Banditen treffen sollen. Selbstverständlich traut keiner der großen Kriegshelden dem ändern. Zu oft haben sie sich in ihren Proklamationen Lügner, Schurken, Usurpatoren, Staatsfeinde, Räuber und Diebe genannt, um nicht einer über den Zynismus des ändern genau Bescheid zu wissen. Aber Machthungrigen ist nur ihre Macht wichtig und nicht Gesinnung, nur die Beute und nicht Ehre. Mit allen Vorsichtsmaßregeln nähern die drei Partner sich einer nach dem ändern dem verabredeten Platz; erst nachdem sich die zukünftigen Herrscher der Welt gegenseitig überzeugt haben, daß keiner von ihnen Waffen mit sich führt, um den allzu neuen Verbündeten zu ermorden, lächeln sie sich freundlich zu und betreten gemeinsam das Zelt, in dem das zukünftige Triumvirat beschlossen und errichtet werden soll. Drei Tage verbleiben Antonius, Octavian und Lepidus ohne Zeugen in diesem Zelt. Sie haben dreierlei zu tun. Über den ersten Punkt – wie sie die Welt teilen sollen -einigen sie sich rasch. Octavian soll Afrika und Numidien, Antonius Gallien und Lepidus Spanien erhalten. Auch die zweite Frage macht ihnen -wenig Sorge: wie das Geld aufzubringen für den Sold, den sie ihren Legionen und Parteilumpen seit Monaten schuldig sind. Dieses Problem löst sich flink nach einem seitdem oftmals nachgeahmten System. Man wird einfach den reichsten Männern im Lande das Vermögen rauben und, damit sie nicht allzulaut darüber klagen können, sie gleichzeitig beseitigen. Gemächlich setzen an ihrem Tisch die drei Männer eine Proskriptionsliste [eine öffentliche Bekanntmachung der Namen der Geächteten] auf mit den zweitausend Namen der reichsten Leute Italiens, darunter hundert Senatoren. Jeder nennt diejenigen, die er kennt, und dazu noch seine persönlichen Feinde und Gegner. Mit ein paar hastigen Griffelstrichcn hat das neue Triumvirat nach der territorialen auch die ökonomische Frage vollkommen erledigt. Nun kommt der dritte Punkt zur Sprache. Wer eine Diktatur begründen will, muß, um der Herrschaft sicher zu bleiben, vor allem die ewigen Gegner jeder Tyrannei zum Schweigen bringen – die unabhängigen Menschen, die Verteidiger jener unausrottbaren Utopie: der geistigen Freiheit. Als ersten Namen für diese letzte Liste fordert Antonius den Marcus Tullius Ciceros. Dieser Mann hat ihn in seinem wahren Wesen erkannt und bei seinem wahren Namen genannt.
Er ist gefährlicher als alle, weil er geistige Kraft hat und den Willen zur Unabhängigkeit. Er muß aus dem Wege. Octavian erschrickt und weigert sich. Als junger Mensch noch nicht ganz verhärtet und vergiftet von der Perfidie der Politik, scheut er sich, seine Herrschaft mit der Beseitigung des berühmtesten Schriftstellers Italiens zu beginnen. Cicero ist sein getreuester Sachwalter gewesen, er hat ihn gerühmt vor dem Volke und Senat; vor wenigen Monaten noch hat Octavian seine Hilfe, seinen Rat demütig angesprochen und den alten Mann ehrfürchtig seinen »wahren Vater« genannt. Octavian schämt sich und beharrt in seinem Widerstand. Aus einem richtigen Instinkt, der ihm Ehre macht, will er diesen erlauchtesten Meister der lateinischen Sprache nicht dem schmählichen Dolch bezahlter Mörder hingeben. Aber Antonius beharrt, er weiß, daß zwischen Geist und Gewalt eine ewige Feindschaft ist und niemand der Diktatur gefährlicher werden kann als der Meister des Worts. Drei Tage währt der Kampf um Ciceros Haupt. Schließlich gibt Octavian nach, und so beschließt Ciceros Name das vielleicht schmählichste Dokument der römischen Geschichte. Mit dieser einen Proskription ist das Todesurteil der Republik erst richtig besiegelt. In der Stunde, da Cicero von der Einigung der früheren drei Erzfeinde erfährt, weiß er, daß er verloren ist. Er weiß genau, daß er in dem Freibeuter Antonius, den Shakespeare zu Unrecht ins Geistige emporgeadelt hat, zu schmerzhaft die niederen Instinkte der Habgier, der Eitelkeit, der Grausamkeit, der Skrupellosikeit mit der Weißglut des Wortes gebrandmarkt hat, als daß er von diesem brutalen Gewaltmenschen Caesars Großmut erhoffen könnte. Das einzig Logische, falls er sein Leben retten wollte, wäre rasche Flucht. Cicero müßte hinüber nach Griechenland zu Brutus, zu Cassius, zu Cato in das letzte Heerlager der republikanischen Freiheit; dort wäre er zumindest vor den bereits ausgesandten Meuchelmördern gesichert. Und tatsächlich, zweimal, dreimal scheint der Geächtete schon zur Flucht entschlossen. Er bereitet alles vor, er verständigt seine Freunde, er schifft sich ein, er macht sich auf den Weg. Aber immer wieder hält Cicero im letzten Augenblick inne; -wer einmal die Trostlosigkeit des Exils gekannt, spürt selbst in der Gefahr die Wollust der heimischen Erde und die Unwürdigkeit eines Lebens in ewiger Flucht. Ein geheimnisvoller Wille jenseits der Vernunft und sogar wider die Vernunft zwingt ihn, sich dem Schicksal zu stellen, das ihn erwartet. Nur noch ein paar Tage Rast begehrt der müde Gewordene von seinem schon erledigten Dasein. Nur noch ein wenig still nachsinnen, noch ein paar Briefe schreiben, ein paar Bücher lesen – möge dann kommen, was ihm bestimmt ist. In diesen letzten Monaten verbirgt sich Cicero bald in dem einen, bald in dem anderen seiner Landgüter, immer wieder aufbrechend, sobald eine Gefahr droht, aber niemals ihr vollkommen entflüchtend. Wie ein Fieberkranker die Kissen, so wechselt er diese halben Verstecke, nicht ganz entschlossen, seinem Schicksal entgegenzutreten, und nicht auch entschlossen, ihm auszuweichen, als wollte er mit dieser Todesbereitschaft unbewußt die Maxime erfüllen, die er in seinem »De senectute“ niedergelegt, daß ein alter Mann den Tod weder suchen dürfe noch ihn verzögern; wann immer er komme, müsse man ihn gelassen empfangen. Neque turpis mors forti viro potest accedere: für den Seelenstarken gibt es keinen schmählichen Tod. In diesem Sinne befiehlt Cicero, der schon nach Sizilien unterwegs gewesen, plötzlich seinen Leuten, noch einmal den Kiel zum feindlichen Italien zurückzuwenden und in Cajeta, dem heutigen Gaeta, zu landen, wo er ein kleines Gütchen besitzt. Eine Müdigkeit, die nicht bloß eine der Glieder, der Nerven ist, sondern eine Müdigkeit des Lebens und geheimnisvolles Heimweh nach dem Ende, nach der Erde hat ihn übermannt.
Nur rasten noch einmal. Noch einmal die süße Luft der Heimat atmen und Abschied nehmen, Abschied von der Welt, aber ruhen und rasten, sei es ein Tag oder eine Stunde nur! Ehrfürchtig begrüßt er, kaum gelandet, die heiligen Laren [Schutzgeister] des Hauses. Er ist müde, der vierundsechzigjährige Mann, und die Seefahrt hat ihn erschöpft, so streckt er sich hin auf das cubiculum [in dem Schlafraum bzw. in der Grabkammer], die Augen geschlossen, um in lindem Schlafe die Vorlust des ewigen Ausruhens zu genießen. Aber kaum hat Cicero sich hingestreckt, so stürzt schon ein getreuer Sklave herein. Es seien verdächtige bewaffnete Männer in der Nähe; ein Angestellter seines Haushalts, dem er viele Freundlichkeiten zeitlebens erwiesen, habe um der Belohnung willen seinen Aufenthalt den Mördern verraten. Cicero möge flüchten, rasch flüchten, eine Sänfte sei bereit, und sie selbst, die Sklaven des Hauses, wollten sich bewaffnen und ihn verteidigen während des kurzen Weges hin zum Schiff, wo er dann gesichert sei. Der alte erschöpfte Mann wehrt ab. »Was soll es«, sagt er, »ich bin müde zu fliehen und müde zu leben. Laß mich hier in diesem Lande sterben, das ich gerettet habe. « Schließlich überredet ihn doch der alte getreue Diener; bewaffnete Sklaven tragen die Sänfte auf Umwegen durch das kleine Wäldchen zu der rettenden Barke. Aber der Verräter in seinem Hause will sich um sein Schandgeld nicht betrügen lassen, hastig ruft er einen Centurio [Hauptmann] und ein paar Bewaffnete zusammen. Sie jagen dem Zuge nach durch den Wald und erreichen noch rechtzeitig ihre Beute. Sofort scharen sich die bewaffneten Diener um die Sänfte und machen sich zum Widerstand bereit. Jedoch Cicero befiehlt ihnen abzulassen. Sein eigenes Leben ist abgelebt, wozu noch fremde und jüngere opfern? In dieser letzten Stunde fällt von diesem ewig schwankenden, unsicheren und nur selten mutigen Mann alle Angst. Er fühlt, daß er als Römer sich nur in der letzten Probe noch bewähren kann, wenn er – sapientissimus quisque aequissimo animo moritur – aufrecht dem Tode entgegengeht. Aufsein Geheiß weichen die Diener zurück, unbewaffnet und ohne Widerstand bietet er sein greises Haupt den Mördern mit dem großartig überlegenen Wort dar: »Non ignoravi me mortalem genuisse«, ich habe immer gewußt, daß ich sterblich bin. Die Mörder aber wollen nicht Philosophie, sondern ihren Sold. Sie zögern nicht lange. Mit einem mächtigen Hieb schlägt der Centurio den Wehrlosen nieder. So stirbt Marcus Tullius Cicero, der letzte Anwalt der römischen Freiheit, heroischer, mannhafter und entschlossener in dieser seiner letzten Stunde als in den Tausenden und Tausenden seines abgelebten Lebens. Auf die Tragödie folgt das blutige Satyrspiel. Aus der Dringlichkeit, mit der von Antonius gerade dieser eine Mord anbefohlen war, mutmaßen die Mörder, daß dieser Kopf einen besonderen Wert haben müsse – nicht natürlich seinen Wert im geistigen Gefüge der Welt und der Nachwelt ahnen sie – sondern wohl aber den besonderen Wert für den Auftraggeber der blutigen Tat. Um sich die Prämie nicht streitig machen zu lassen, beschließen sie, als sprechenden Beweis des vollzogenen Befehls den Kopf Antonius persönlich zu überbringen. So hackt der Banditenführer der Leiche Haupt und Hände ab, stopft sie in einen Sack und eilt, diesen Sack, aus dem noch das Blut des Gemordeten tropft, auf den Rücken geschultert, eiligst nach Rom, um den Diktator mit der Nachricht zu erfreuen, daß der beste Verteidiger der römischen Republik auf übliche Weise erledigt worden sei.
Und der kleine Bandit, der Banditenführer, hat richtig gerechnet. Der große Bandit, der diesen Mord anbefohlen, münzt seine Freude über die begangene Untat in fürstliche Belohnung um. Nun, da er die zweitausend reichsten Leute Italiens ausplündern und morden ließ, kann Antonius endlich freigiebig sein. Eine blanke Million Sesterzen zahlt er dem Centurio für den blutigen Sack mit Ciceros abgeschlagenen Händen und geschändetem Haupt. Aber noch immer ist damit seine Rache nicht gekühlt, so ersinnt der stupide Haß dieses Blutmenschen für diesen Toten noch eine besondere Schmach, ahnungslos, daß sie ihn selbst erniedrigen wird für alle Zeiten. Antonius befiehlt, daß das Haupt und die Hände Ciceros an die Rostra, an dieselbe Rednerbühne genagelt -werden sollen, von der herab er das Volk gegen ihn zur Verteidigung der römischen Freiheit aufgerufen. Ein schmähliches Schauspiel erwartet am nächsten Tag das römische Volk. An der Rednerkanzel, der gleichen, von der Cicero seine unsterblichen Reden gehalten, hängt . fahl das abgeschlagene Haupt des letzten Anwalts der Freiheit. Ein wuchtiger rostiger Nagel geht quer durch die Stirn, die tausend Gedanken gedacht; fahl und bitter verklammen sich die Lippen, die schöner als alle das metallische Wort der lateinischen Sprache geformt, verschlossen decken die bläulichen Lider das Auge, das durch sechzig Jahre über die Republik gewacht, machtlos spreizen sich die Hände, die die prachtvollsten Briefe der Zeit geschrieben. Aber dennoch, keine Anklage, die der großartige Redner gegen Brutalität, gegen Machtkoller, gegen Gesetzlosigkeit von dieser Tribüne gesprochen, spricht so beredt gegen das ewige Unrecht der Gewalt als nun sein stummes, gemordetes Haupt: scheu drängt das Volk um die geschändete Rostra, bedrückt, beschämt weicht es wieder zur Seite. Keiner wagt – es ist Diktatur! – eine Widerrede, aber ein Krampf preßt ihre Herzen, und betroffen schlagen sie die Augen nieder vor diesem tragischen Sinnbild ihrer gekreuzigten Republik.

Erich Ruhl über seine Lust am Lesen & Schreiben

Erich RuhlWelches Buch hat Ihre Eltern besonders beeindruckt?
Goethes Faust hat meinen Vater stark beeindruckt. Er wollte Jura studieren. Hitlers Krieg kam ihm dazwischen.

Wahr oder falsch: “Ich blogge, verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Es gibt einige Austausch-Menschen im 3D-Leben. Aber durch Netzwerke erreiche ich einfach unerwartet ANDERE. Das ist spannend. Ein bisschen Quantenmechanik.

Ihre Lieblingswörter (evtl. begründet):
von Herzen
(das ist’s, was wir alle brauchen) – mechanistisch (das ist der Wahn, alles lasse sich in Kausalketten abbilden – das meiste ist aber organisch und systemisch) – Freiheit (das ist die Essenz der Entwicklung, der eigenen und der gesellschaftlichen) – Quantenmechanik (nicht im physikalischen sondern im psycho-energitischen Sinn: alles ist möglich, alles fließt)

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Langsamkeit, gerne Kammerspiel, Überschaubarkeit, Konturieren der Akteure und vor allem ihrer Genese. Und bitte: kein vermeintlich unterhaltsames Durcheinander.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Bei Lyrik: Rainer Maria Rilke und Dorothee Sölle. Bei Belletristik: Heinrich Böll.

Wer soll mich lesen?
Menschen, die Freude daran haben, nicht angekommen zu sein. Mitten in der Entwicklung zu spüren, dass es eine solche (gerne) ist. Das ist ein guter Sound (man soll mich ja auch hören…).

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Ich frage meine Freundin, die Buchhändlerin, nicht: was ist auf der Beststeller-Liste. Sondern: Gibt es Biografien oder mindestens Romane und so, die Brüche und Wandlungen dokumentieren.

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?] Es gibt viele Bücher, die ich liebe. Aber ich weiß nicht, wer sie nicht liebt. Eins, was ziemlich unbekannt ist (gewiss, das war nicht die Frage): Es war einmal ein Wunderhuhn, das konnte große Wunder tun. Autorin: Andrea Schomburg. Herrlich.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]
Ich weiß nicht genau, wie es heißt, irgendwas von einem Jogging-Papst. Ich will’s auch gar nicht wissen. Aber dieses Herum- oder Wegrennen ist mir nicht nah genug an seelischen Grundbedürfnissen, sondern mechanistischer Schnickschnack.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:
Alois Prinz: Hannah Arendt – Beruf Philosophin – oder die Liebe zur Welt. Immer noch und immer stärker aktuell.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Dumont)

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Toni Morrison: Menschenkind (Rowohlt)

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:
Barbara Gertler und Marita Sydow Hamann und Oliver Simon.

Mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:
Jakob Augstein (der freitag)

„Was macht Literatur mit mir, mit meinem Leben?“
Literatur bestätigt mich nicht, sondern stellt das Leben und mich in Frage. Gut so.

“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”
Quasikristalle – von Eva Menasse (Kiepenheuer & Witsch)

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja – Mathematikerin – Ein Porträt von Ellen Key

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (* 3. Januarjul./ 15. Januar 1850greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1891greg. in Stockholm) war eine russische Mathematikerin, die 1884 an der Universität Stockholm die weltweit erste Professorin für Mathematik wurde, die selbst Vorlesungen hielt.
Kowalewskaja leistete nicht nur in der Mathematik Bedeutendes, sondern hatte auch mit ihren 1889 erstmals erschienenen Kindheitserinnerungen großen Erfolg. Politisch war sie ebenfalls aktiv und setzte sich für das Recht aller Frauen auf Ausbildung ein.

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Erstes Kapitel

Sofja Kowalewskaja um 1880 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1880 – Fotograf unbekannt

Wie man auch persönlich den Tod betrachten mag – mit lebensmüder Sehnsucht, mit stillen Friedensgedanken oder mit erkämpfter Resignation – eine Art von Tod erfüllt uns doch alle durch seine, scheinbar ganz zwecklose Zerstörung, mit schmerzlicher Bestürzung. Das ist der Tod, der gleich dem Orkan im Hochsommer seinen Weg durch zertrümmerte Stämme, herabgeschüttelte Früchte, verheerte Ernten bezeichnet.

Von dieser schmerzlichen Bestürzung erfüllt, stand der engste Freundeskreis wie die europäische Kulturwelt an Sonja Kovalevskas Grab. Diese Todesbotschaft rief auch bei jenen Ausdrücke der tiefsten Teilnahme hervor, zu denen nur ihr Ruhm, nicht der Eindruck ihrer Persönlichkeit gedrungen war. Sie gehörte den Auserwählten der Wissenschaft an: sie hatte auf literarischem Gebiet reiche Zukunftsverheißungen gegeben; sie besaß mittelbar große Bedeutung für die Frauenfrage; sie nahm mit ganzer Seele an den Freiheitsbestrebungen ihres Vaterlandes teil – und aus all diesen verschiedenen Gebieten hörte man zahlreiche Versicherungen, wie tief man den Verlust empfand.

Die Sonja Kovalevska in Stockholm nahe standen, wußten, daß sie ein Wildvogel war, der da keinen festen Fuß faßte, ein Gast, der die Fremdheit oft schwer empfand und gerne die Schwingen zum Flug in andere Gefilde ausbreitete. Wir waren daher darauf gefaßt, sie früher oder später entbehren zu müssen, aber um so weniger darauf vorbereitet, sie ganz zu verlieren.

So schlicht und anspruchslos nahm sie ihren Platz ein, daß man es nicht merkte, wie groß der Raum war, den sie für ihre Freunde und Schüler ausfüllte – bis er leer ward; daß man erst durch die Dämmerung, die das Erlöschen dieser starken Lebensflamme hinterließ, erkannte, wie klar sie ein paar Jahre lang den grauen schwedischen Wintertag erhellt hatte.

Sonja (Sophie) Vasilievna wurde am 27. (15.) Dezember 1851 auf dem Familiengut ihres Vaters, des Generals Corvin-Krukovskis, Palibino, geboren. Viele Nationalitäten waren in der Familie verschmolzen, und Sonja pflegte ihre geistige Zusammensetzung so zu erklären: »Die Wißbegierde von meinem ungarischen Stammvater, König Mathias Corvinus; die Mathematik, den Sinn für Musik und Lyrik von meinem deutschen Urgroßvater, dem Astronomen Schubert; meine individualistische Freiheitsliebe von Polen; von einer Stammmutter aus dem Zigeunervolk die Wanderlust und die Schwierigkeit, mich konventionellen Formen anzupassen – das übrige von Rußland!«

Dieses »übrige«, das spezifisch Russische, zeigte sich in einer Menge von Eigentümlichkeiten und Gemütsschattierungen, vor allem in dem Zug, durch den die Literatur des russischen Volkes einige Jahrzehnte hindurch Europas Staunen erregt hat, nämlich den geistigen Reichtum. Die russische Intelligenz scheint noch dieselbe gewaltige Kraft der Hervorbringung zu haben wie die russische Erde, eine unerschöpfliche Fähigkeit der Aneignung, des Schaffens und Gebens, eine Kraftfülle, wie sie Westeuropa nicht mehr besitzt. Aber dieser intensiven Lebensenergie und diesem Produktionsvermögen stehen in seltsamem Gegensatz ein morgenländisch-resignierter Fatalismus, eine bodenlose Tiefe der Schwermut gegenüber – das russische Volk hat »l’esprit gai et le coeur triste« wie keine andere Nation der Welt.

Sofja Kowalewskaja um 1868 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1868 – Fotograf unbekannt

Bei Sonja Kovalevska waren diese Grundzüge der Nationalität durch die Schaffenskraft des Genies und die Leidensfähigkeit des Weibes verstärkt. Sie hat uns selbst in den »Schwestern Rajewski« das fesselndste Bild der Entwicklung ihrer eigenen Natur gegeben; des unablässigen Hungers ihres Herzens nach Zärtlichkeit, ihrer Seele nach Nahrung. Wir sehen, wie bei den Familiendiskussionen über die neuen Ideen der Zeit die strahlenden graugrünen Augen der kleinen »Tanja« sich weit öffnen; wir sehen sie im geheimen die in- und ausländischen Zeitschriften verschlingen; wir folgen ihr in die grüne Herrlichkeit der Wälder und die Luftschlösser der Dichterträume. Wir bleiben mit ihr stehen, wenn sie stundenlang wie verhext die an Stelle von Tapeten aufgeklebten Blätter mit Differential- und Integralrechnungen anstarrt – ihr erster Einblick in die Wissenschaft, die dann die ihre wurde. Und wir wissen – auch durch ihre eigenen Schilderungen in »Eine Nihilistin« – daß sie tiefe Eindrücke aus der Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft und des letzten polnischen Aufstandes empfing. Diese und ähnliche Erlebnisse verhindern es, daß in der Seele der jungen Barina auch nur der leiseste Fleck von den Küssen zurückbleibt, die Leibeigene auf den Saum ihres Kleides gedrückt. Im Gegenteil: daß die Persönlichkeit allein den Menschenwert bestimmt, wurde für sie wie für Turgenjew, Krapotkin, für alle besten Söhne und Töchter Rußlands sehr früh zur Lebenswahrheit.

In dieser wie auch in anderer Hinsicht empfing Sonja einen großen Teil ihrer Erziehung durch die um einige Jahre ältere Schwester Anjuta, die von den Gedanken des jungen Rußlands lebhaft beeinflußt war, und durch ihre beginnende schriftstellerische Tätigkeit in ein freundschaftliches Verhältnis zu Dostojewski trat. Die jüngere Schwester nahm mit ganzer Seele an den Plänen und Ideen der älteren teil, aber in der hochvornehmen Familie erregten natürlich die »modernen« Ansichten der jungen Töchter – wie die Schilderung in »Die Schwestern Rajewski« zeigt – Zorn und Schmerz. Charakteristisch für Sonja ist jedoch, daß, als einige russische Freunde sie kurz vor ihrem Tode darauf aufmerksam machten, daß sie in dieser Schilderung dem Andenken ihres Vaters – dieses altkonservativen Generals, der sich doch in vielen Fällen von seinen Kindern erziehen ließ – nicht voll gerecht geworden sei, sie sogleich ein neues Kapitel ihrer »Erinnerungen« begann, um den Vater gegen das Ende seines Lebens als immer milder und verständnisvoller gegenüber den Bestrebungen und der Denkweise seiner begabten Töchter darzustellen.

Ein leider gar nicht begonnenes Kapitel der »Erinnerungen« hatte Sonja »Wie ich Mathematikerin wurde« benennen wollen. Über diese wichtige Epoche ihres Lebens werden wir sohin wohl nie viel mehr erfahren als die oft angeführten Fakten: daß das zwölfjährige Mädchen zusammen mit einem gleichalterigen Knaben Mathematik zu lernen anfing, und sich mit solcher Leidenschaft auf den Gegenstand stürzte, daß der Vater diesem »unweiblichen« Studium ein Ende machte; daß sie es im geheimen fortsetzte, daß sie dabei selbst – so wie Pascal – die Trigonometrie erfand, und daß ein Freund der Familie, der ihre erstaunliche Begabung entdeckte, ihr erwirkte, daß sie zu den Zeiten, wo die Familie in Petersburg wohnte, Unterricht in Mathematik bekam. Doch alle Bitten, das Studium weiterzutreiben, wurden abgeschlagen; junge Mädchen, die ferne vom elterlichen Haus ihren Studien oblagen, wurden in der russischen Aristokratie als dem Nihilismus anheimgefallen betrachtet. Zu dieser Zeit machte die fünfzehnjährige Sonja die Bekanntschaft eines jungen Studenten, Kovalevska, der sich erbot, sie zu entführen, um ihr die Freiheit zu verschaffen. Doch der Hausarzt der Familie, der von den Plänen der jungen Menschen erfahren hatte, sagte ihnen, daß dies für Sonjas herzleidenden Vater den Tod bedeuten könnte. Da beschlossen die jungen Leute, eine jener Formehen einzugehen, die in Rußland in anderen Kreisen gebräuchlich, doch in den höheren Zirkeln unbekannt waren. Die beiden jungen Menschen, die bis auf weiteres die Ehe »als eine Institution betrachteten, deren Aufgabe es war, jungen Mädchen Studienfreiheit zu verschaffen«, reisten sogleich jeder nach einer anderen Richtung ab: er, um sich den Naturwissenschaften, sie, um sich der Mathematik zu widmen. Dieser eigentümliche Vorfall wurde zum Vorwurf eines Romans genommen, in dem der Mann mit dem Samovar beschäftigt dargestellt wird, während die Frau in die Bücher versunken dasitzt!

Im Jahre 1869 wurde die junge Frau Studentin an der Universität Heidelberg, und nachdem sie dort ein paar Jahre ernst gearbeitet hatte, begab sie sich nach Berlin, dessen Universität den Frauen allerdings verschlossen ist, wo jedoch die begabte Russin in so hohem Grade das Interesse Weierstraß‘ erregte, daß er ihr vier Jahre lang Privatunterricht gab. Und er wurde für sie nicht nur ein tiefinteressierter Lehrer, sondern auch ein brüderlicher Freund, der ihr, als sie mehrere Jahre später als Witwe allein in der Welt stand, anbot, den Platz einer Schwester in seinem Heim einzunehmen – ein Anerbieten, das sie nicht annahm, das aber bei ihr ein noch innigeres Dankbarkeitsgefühl hervorrief, als sie schon ohnehin empfand. Und hauptsächlich um diesen Freund zu besuchen, reiste sie vor ihrer letzten Krankheit über Berlin.

Nach vierjährigem Studium bei Weierstraß sandte Sonja Kovalevska auf seinen Rat drei Abhandlungen nach Göttingen; und diese erregten solches Aufsehen, daß die Verfasserin ohne weitere Prüfung von der Universität zum Doktor ernannt wurde.

Als Gradualabhandlung gab sie dann 1874 »Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen« heraus.

Unter ihren übrigen mathematischen Schriften sind noch besonders hervorzuheben der Aufsatz »Über die Reduktion einer bestimmten Klasse Abelscher Integrale dritten Ranges auf elliptische Integrale« (1884), und »Über die Fortpflanzung des Lichts in einem kristallinischen Medium«, wo sie die vollständige Lösung einer Aufgabe gibt, mit der sich mehrere große Mathematiker beschäftigt haben. Im Anschluß an die Laplacesche Hypothese hat sie auch versucht, die Form der Ringe des Saturns zu bestimmen.

Aber die Erwartungen, die Weierstraß für seine Schülerin hatte, waren noch nicht befriedigt, und dies spornte sie zu unglaublichen Anstrengungen an. Erst als sie die ebenerwähnte Abhandlung über die Fortpflanzung des Lichtes vollendet hatte, erlangte sie endlich die von Weierstraß ersehnte Anerkennung: daß er sich in ihren Fähigkeiten nicht getäuscht habe.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in Sonja Kovalevskas Privatleben große Veränderungen vollzogen. Das Liebesglück ihrer Schwester ließ Sonja bei der Hochzeit dieser Schwester dem warm gewordenen Gefühl ihres eigenen Gatten gegenüber ein Mitgefühl zeigen, das dahin führte, daß das Verhältnis des Ehepaares Kovalevsky, bis dahin nur das von ein paar Studienkameraden, schließlich von anderer Art wurde. Im Herbst 1879 kam ihr erstes und einziges Kind zur Welt. An Stelle des Wanderlebens sollte nun ein gemeinsames Heim in Moskau treten, wo Vladimir Kovalevska, selbst ein hervorragender Mann der Wissenschaft, zum Professor der Paläontologie ernannt worden war – wenn er sich nicht in Verzweiflung darüber, daß er seine Gattin bewogen hatte, ihr ganzes großes väterliches Erbe in eine Unternehmung zu stecken, die es rasch verschlang, 1883 selbst den Tod gegeben hätte.

Die junge Witwe stand so mittellos da und mußte für sich und ihre Tochter einen Lebensunterhalt schaffen.

Sie suchte zuerst in Rußland Arbeit, wo man der Mathematikerin von europäischem Ruf den Platz einer Rechenlehrerin in einer Mädchenschule – bis zur fünften Klasse anbot, denn auf einem höheren Stadium hielt man eine Lehrerin nicht mehr für kompetent, den Unterricht zu leiten! Sie versuchte eine Anstellung an der Universität Helsingfors zu erlangen, wo die Sympathien für die Sache sehr groß waren, aber das Projekt scheiterte doch an nationalen Bedenklichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt war Professor Mittag-Leffler noch an der Universität Helsingfors und erfuhr dort durch einige russische Damen, daß ihre begabte Landsmännin eine Anstellung an der Universität wünsche. Durch seine Vermittlung kam Sonja Kovalevska schon im Herbst 1883 nach Stockholm. Ihr kleines Mädchen hatte sie bis auf weiteres bei der Taufpatin des Kindes, Fräulein Julia Lermontoff (aus derselben Familie wie der Dichter) zurückgelassen. Im Frühlingssemester 1884 las Sonja Kovalevska als Privatdozentin an der Hochschule in Stockholm über die Theorie partieller Differentialäquationen, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie noch im selben Jahre als Professor der höheren Analyse an der Universität angestellt wurde. Es gereicht Stockholm zur Ehre, daß die Mittel zu dieser Professur – dank Professor Mittag-Lefflers Bemühungen – durch private Schenkungen aufgebracht wurden, und daß keinerlei Vorurteile die junge Hochschule unserer Hauptstadt abschreckten, eine Frau anzustellen, die so die erste war, die seit den Zeiten der Renaissance eine akademische Professur bekleidet hat.

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Es fehlte nicht an Zweifeln an der Kompetenz des weiblichen Professors, Zweifel, die doch gänzlich verstummten, als die französische Akademie der Wissenschaften im Jahre 1888 Sonja Kovalevska den Bordinschen Preis für ihre Arbeit über das angegebene Thema »die Theorie über die Bewegung eines festen Körpers in irgend einem wesentlichen Punkt zu vervollständigen« zuerkannte. Noch ehe der Namenszettel geöffnet war, hatte die Akademie in anbetracht der außerordentlichen Verdienste der Abhandlung beschlossen, den Preis von dreitausend auf fünftausend Franken zu erhöhen.

Nach dieser Kraftanstrengung sah es aus, als ob Sonja Kovalevkas mathematische Produktionskraft einer Ruhezeit bedürfte. Aber Ruhe bedeutete für sie nur Wechsel der Tätigkeit. Die jugendliche, durch Dichtungsversuche und Novellenentwürfe ausgesprochene Neigung zu literarischer Tätigkeit war durch die vertraute Freundschaft mit Anne-Charlotte Leffler wieder erwacht. Das erste Resultat war das Drama »Der Kampf ums Glück«, bei dem die Idee im wesentlichen von Sonja Kovalevska herrührte, während die Ausführung das Werk ihrer schwedischen Freundin war.

Selbst begann sie zugleich mit dem Niederschreiben ihrer Kindheitserinnerungen, die unter dem Titel »Aus dem russischen Leben« (Die Schwestern Rajewski) zu Weihnachten 1889 erschienen. Diese Arbeit errang in ihrem Heimatsland denselben außerordentlichen Erfolg wie in Skandinavien. Die russische Kritik stellte sie ohne Zögern neben Turgenjews und Tolstoijs Jugenderinnerungen und pries die einfache Anmut und den Adel des Stils, die klare Anschaulichkeit der dargestellten Bilder, den Reichtum an echter Poesie. Durch diese ihre eigene Schilderung sieht man das halbwilde, leidenschaftliche, unverstandene Kindergenie auf dem russischen Edelhof aufwachsen, und vor dem Blick des Psychologen liegt schon sein zukünftiges Schicksal in der Natur eingeschlossen, die uns hier entgegentritt.

Ihre nächste Arbeit hatte in Rußland einen so außerordentlichen Erfolg, daß das Heft der Zeitschrift, in dem der Artikel veröffentlicht wurde, in einer Neuauflage herausgegeben werden mußte. Es war eine Studie über die nordischen Volkshochschulen (Bauernuniversitäten, wie sie das Wort im Russischen übersetzen mußte), die die Verfasserin teils in Norwegen, teils bei einem zu diesem Zwecke gemachten Besuch in der schwedischen Volkshochschule Tärna studiert hatte. Sie schrieb diesen Aufsatz in Gedanken an das Aufklärungsbedürfnis des russischen Bauernstandes und hoffte, daß ihre Worte nach dieser Richtung Früchte für ihr Land tragen könnten. Denn ihr Land, das reiche, das gewaltige, das unglückliche Rußland, seine Entwicklung, sein Schicksal, kam ihr niemals aus dem Sinn. Mit vollster Wahrheit konnte Maxim Kovalevska an ihrem Grabe sagen, daß sie dem jungen Rußland angehörte, dem Rußland der Schmerzen und der Freiheit. Ihre Siege wurden ihr erst so recht teuer, wenn sie alle Lorbeeren ihrer großen Mutter in den Schoß schütten konnte. Zwei Huldigungen erwähnte sie einmal mit Tränen in den Augen: die Berufung zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg, und Jonas Lies in einer Tischrede ausgesprochene warme Sympathie für das kleine russische Mädchen »Tanja Rajewski«.

Sonst sprach sie nicht oder doch nur ganz flüchtig von ihren Auszeichnungen; sie trug sie ebenso sorglos wie eine Königin ihre Juwelen und legte sie sobald als möglich ab, um ihr einfaches Alltagskleid wieder anzulegen.

RR5110-0034RAuf ihre Ausnahmestellung auf dem weiblichen Arbeitsgebiet legte sie sehr wenig Gewicht. Nachdem sie einmal die Vorurteile besiegt hatte, die ihre Familie und ihre Umwelt gegen die wissenschaftliche Begabung der Frau empfand, hatte sie keine Kampfeslust mehr übrig. Es war für sie selbstverständlich, daß der Kraftentwicklung der Frau keine äußere Grenze gezogen werden darf, und darum existierte für sie wie für Anne-Charlotte Leffler und deren nächsten Freundeskreis die »Frauenfrage« nicht mehr als isolierte Erscheinung. Sie sahen sie nur als einen wichtigen Teil der großen Menschheitsfrage, der sozialen, von deren Lösung sie im tieferen Sinne des Wortes »das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl« erhoffte, folglich auch für die Frauen.

Bevor sie jedoch selbst die wissenschaftliche Begabung der Frau im vollsten Maße dargetan hatte, kämpfte sie tapfer für die »Frauensache«. So z. B. hörte sie bei einem der Sonntagsempfänge George Eliots einen ihr unbekannten älteren Herrn die Behauptung aufstellen, daß wissenschaftliche schöpferische Kraft der Frau nicht gegeben sei. Sogleich wurde sie Feuer und Flamme und verteidigte, durch George Eliots Beifallslächeln ermutigt, ihr Geschlecht so glänzend, daß alle sie als Siegerin in dem Gedankenturnier anerkannten. Als ihr Gegner sich nach einem Weilchen entfernte, fragte die Hausfrau, ob Frau Kovalevska wüßte, wen sie besiegt habe, und nannte zum unbeschreiblichen Staunen ihres Gastes den Namen – Herbert Spencer.

Im Interesse der Wahrheit muß hinzugefügt werden, daß Professor Sonja Kovalevska immer mehr Spencers Ansicht zuneigte, nämlich, daß Originalität und schöpferische Kraft auf wissenschaftlichem Gebiete den Frauen im allgemeinen nicht gegeben ist. Als besonders bedeutungsvoll und segensreich für ihre eigene Entwicklung pflegte sie den Umstand zu bezeichnen, daß sie sich schon früh auf ihr Spezialstudium konzentrieren konnte und nicht wie die modernen studierenden Frauen zuerst Zeit und geistige Kraft an ein abstumpfendes Prüfungsbüffeln vergeuden mußte. Und weit davon entfernt, daß diese frühe Konzentration sie einseitig gemacht hätte, war diese im Gegenteil eine mitwirkende Ursache der Intensität, mit der sie sich dann alles andere Wissen aneignete. Sie hatte das unablässige Bedürfnis, ihre Grenzen zu erweitern, indem sie in neue geistige Gebiete eindrang, und sie stürzte sich auf diese neuen Wissensgegenstände ebenso gierig, wie das Feuer auf Späne.

Als Russin fielen ihr Sprachen ungewöhnlich leicht. Nach einigen Monaten verstand sie das Schwedische so, daß sie mit Vergnügen belletristische Arbeiten las, und in letzter Zeit hatte sie in einigen Wochen italienische Bücher lesen gelernt. Mit regem Interesse verfolgte sie jede bemerkenswertere Erscheinung auf dem Gebiete der Wissenschaft und der sozialen Frage. So studierte sie einen Winter lang mit größtem Eifer wissenschaftliche Arbeiten über den Hypnotismus und dgl. Aber sie begnügte sich nur mit Eindrücken aus erster Hand, und nachdem sie in Paris solche erhalten hatte, sah sie sich veranlaßt, ihre warnende Stimme gegen die allzugroße und unwissenschaftliche Leichtgläubigkeit auf diesem Gebiete zu erheben.

Wie in dieser Richtung war es auch in allen anderen. Ihre wissenschaftliche Anlage zeigte sich stets darin, daß genaue Untersuchung für sie unentbehrlich war, und daß sie niemals vor den Konsequenzen der Wahrheit zurückscheute. Die leitenden wissenschaftlichen Ideen des Jahrhunderts waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Darwinistin, Evolutionistin, Agnostikerin, wie sie war, stellte sie doch über jede Theorie die Freiheit der Forschung. Ein zum Dogma erstarrter Satz reizte sie zu Angriffen, bei denen sie zuweilen in glänzender Weise wilde Paradoxa verteidigte – bis sie plötzlich mit dem liebenswürdigsten Lächeln ihre Rede abbrach und zugestand, daß alles eine ihrer »Phantasien« gewesen war.

In Berlin, London, Paris und nicht zum wenigsten in Petersburg hatte sie sich in einem Kreis bewegt, in dem volle geistige Freiheit herrschte; wo keinerlei Vorurteile die allseitige Behandlung jedes wissenschaftlichen, sozialen, ethischen oder ästhetischen Problems einengten, und dazu in einem Kreise, wo man sein Privatleben unbehelligt von der Einmischung aller anderen leben konnte. Kein Wunder daher, daß sie die geistige Atmosphäre in Stockholm oft als sauerstoffarm empfand. Sie kam mit der Erwartung, daß die Vorurteilslosigkeit, die ihre Anstellung an der Hochschule ermöglicht hatte, auch andere Gebiete durchdrungen haben müßte. Aber bald fand sie, daß dies nur eine Blüte auf einem sonst ziemlich kahlen Zweig gewesen war. Trotz ihrer Schmiegsamkeit, die sie befähigte, sich in die einfachsten Alltagsverhältnisse des Lebens hineinzufinden, und trotz ihrer Bereitwilligkeit, sich allen Rücksichten anzupassen, die von ihr als Russin, Frau und Hochschullehrerin in dreifachem Maße verlangt wurden, empfand sie doch alle diese Rücksichten als Gitter, gegen das sie immer ungeduldiger mit den Flügeln schlug, die sie einst in freieren Räumen geregt hatte.

Sie, die für geistige Werte die russische Art zu zählen – nach soundsovielen Seelen – beibehalten hatte, fühlte sich immer ärmer, je mehr die Verhältnisse die Individualitäten zusammenschnürten oder veränderte Lebensbedingungen die Anzahl der ihr sympathischen Freunde hier oben verringerten. Immer mehr zog sie sich von dem starr gefrorenen Gesellschaftsleben Stockholms zurück, in dem sie anfangs wie ein auftauender Frühlingswind gewirkt hatte. Aber dies geschah nicht – wie viele annahmen – in dem Gefühl ihrer eigenen Überlegenheit, sondern in dem Gefühl der Einsamkeit. Im Verkehr mit einigen wenigen Freunden, wie auch bei dem einen oder anderen Theater- oder Musikabend, ruhte sie von ihrer intensiven Arbeit aus. Von allen ästhetischen Genüssen stellte sie gute Musik am höchsten, und dann kam das Theater. Ihr Urteil über die Darstellung eines Schauspiels war die feinste und treffendste Kritik, und auch auf diesem Gebiet hatte sie früher einmal ihre Feder betätigt, unter anderem als Musik- und Theaterkritikerin der »Nowoje Wremja« im ersten Jahre dieser Zeitung, die zum größten Teile eben durch Sonjas väterliches Erbe begründet worden war.

Aber wenn Sonja Kovalevska einmal am Gesellschaftsleben teilnahm, dann bedurfte es nur eines einzigen sympathischen Entgegenkommens, damit sie sogleich entflammt wurde. Und wie wurde dann nicht auch die Luft rings um sie entflammt! Die Gedanken wollten ans Licht, rascher als die Worte sie tragen konnten, und doch stürzten die Worte auch in der fremden Sprache mit erstaunlicher Leichtigkeit hervor. Sie erhielten einen besonderen Nachdruck durch die intensive, eifrige, aber fast nie laute Stimme, und durch die ausdrucksvollen Geberden der überaus kleinen, dünnen Hände, an denen die Adern schwollen, und der Pulsschlag bei jeder lebhafteren Bewegung sichtbar wurde. Wo man die kleine zarte Gestalt mit den raschen in größerer Gesellschaft infolge ihrer Kurzsichtigkeit befangenen und immer etwas eckigen Bewegungen sah, mit den strahlenden Augen, zwischen die die Gedankenarbeit eine Furche, tief wie eine Narbe gegraben hatte, da wußte man, daß irgend ein Gespräch von Interesse geführt wurde. Ohne daß sie versuchte, zu dozieren oder zu dominieren, wurde sie immer unbewußt der Mittelpunkt, um den sich interessierte Zuhörer scharten. Durch ihre gänzlich ungekünstelte Anspruchslosigkeit und Herzlichkeit machte sie auch die einfachsten Menschen mitteilsam; und sie verstand die Kunst zu lauschen, obgleich sie sie selten betätigen konnte, denn man hörte am liebsten sie selbst sprechen, vor allem erzählen! Mit dem sicheren Blick des dichterischen Temperaments für das Interessante und Charakteristische einer Person, einer Situation, einer Zeit, verband sie die seltene Macht, das Gesehene durch dieselbe malende Darstellung lebendig zu machen, die uns an dem schriftstellerischen Stil ihrer Landsleute und ihrem eigenen entzückt. Bei den Slawen lebt noch spontan und unreflektiert die epische Kraft fort, so wie auch bei ihnen noch jene innige Einheit zwischen Gedanken und Gefühl herrscht, die dem Kulturleben des Abendlandes im allgemeinen abhanden gekommen ist. Sonja Kovalevska fühlte ihre Gedanken – oder dachte ihre Gefühle – was ihr einen besonderen und unbeschreiblichen Zauber verlieh.

Wenn man in ihr Arbeitszimmer kam, mußte gewöhnlich erst Platz gemacht werden, so vollgepfropft war dort alles mit Büchern und Blättern, die mit mathematischen Formeln oder kleinen russischen Buchstaben bedeckt waren, oder zuweilen mit dem Tintenstift gemachten Zeichnungen, die auch nach dieser Richtung eine wirkliche, wenn auch unentwickelte Anlage zeigten. Man ließ sich schließlich durch die Herzlichkeit des Empfanges überzeugen, daß man nicht störte, und dann konnte man sich dem Genuß hingeben, für eine Stunde eine Fahrt in das nächste Jahrhundert oder hinaus nach Europa in die Lebenszentren der Kultur zu unternehmen. Hier – zwischen diesen vier Wänden – entfaltete Sonja die ganze Weite ihrer Gedanken, ihre Fähigkeit, alles zu prüfen und das Beste von allem zu nehmen. Hier fand man ein echtes freies Denken. Auch in jenen Fragen, über die sie selbst bestimmte Ansichten hatte, zog sie weder nach rechts noch nach links irgendwelche Grenzen, innerhalb oder außerhalb derer sich andere halten sollten. Von der Wahrheitsleidenschaft des Gelehrten und der Einheitsleidenschaft der Dichternatur erfüllt, konnte sie sich nie ganz einer Partei anschließen, aber verstand dafür alle. Sie sah die fromme Andacht des russischen Bauern mit ebensolcher Bewegung wie die Äußerungen des opferwilligen Radikalismus, unter dessen Repräsentanten sich ihre nächsten Freunde befanden.

Unfaßbar war ihr nur die Engherzigkeit. Auf dem Gebiet des Geistes litt sie nicht an Kurzsichtigkeit, jener dort so häufigen Kurzsichtigkeit, die Wesentlichkeiten für Unwesentlichkeiten hält oder umgekehrt. Und von jenem Kleinsinn, für den die Ansicht mehr gilt als die Persönlichkeit und Vorurteile mehr als Ansichten, war sie gänzlich frei.

Auf diesem Blick für die Wesentlichkeit beruhte auch zum großen Teil ihr psychologischer Scharfsinn. Sie sah die Schwächen, aber brachte sie mit den Vorzügen in Zusammenhang und faßte das Ganze als eine gesetzmäßige Erscheinung auf, die sie nachsichtig beurteilte, weil sie sie ganz verstand. Es fiel ihr ebensowenig ein, von gewissen Naturen gewisse Eigenschaften zu verlangen, als sie auf den Gedanken gekommen wäre, daß ein Dreieck sich vierseitig ausnehmen könnte. Dennoch war ihre persönliche Sympathie für gewisse psychologische »Figuren« ebenso ausgesprochen wie ihre Antipathie gegen andere. Wenn man das Bild fortführen will, kann man hinzufügen, daß die Wellenlinie und der Blitz diejenigen waren, die sie vorzog.

Die obenerwähnte klarblickende Duldsamkeit machte Sonja zu einer sehr hervorragenden Lehrerin, die sich nach der Individualität des Schülers richtete und gerade dadurch seine besten Möglichkeiten hervorlocken konnte. Sie interessierte sich auch lebhaft für die einzelnen Persönlichkeiten unter ihren Schülern, und ein junges Mädchen, ihre Schülerin, schrieb nach ihrem Tode die bezeichnenden Worte: daß sie sich von Frau Kovalevska so durchschaut fühlte, als wäre sie aus Glas, und dabei doch vollkommen geborgen vor diesem milden verstehenden Blick.

Von gelehrter Koketterie war bei ihr keine Spur zu finden. Und die ihre Befriedigung darüber aussprachen, bei ihr nicht der sprichwörtlich gewordenen »Trockenheit« des Mathematikers zu begegnen, empfingen die lebhafte Versicherung, daß die echte Mathematik die wenigst trockene unter allen Wissenschaften sei, daß sie der schaffenden Phantasie und spekulativen Kraft das ganze Weltsystem erschließe, und daß die trockene Seite des Gegenstandes nur jene Zweige seien, auf denen man den Weltenbaum auf und ab klettere!

Bezeichnend ist eine Replik Weierstraß‘, der einmal einige Herren die »mathematische Berühmtheit Frau Kovalevska« besprechen und die Möglichkeit dieser Erscheinung so erklären hörte, daß sie die mathematische Fähigkeit auf Kosten aller anderen geistigen Fähigkeiten entwickelt habe. Weierstraß blieb lange ein stummer Zuhörer, aber schließlich rief er aus: »Meine Herren, Sie sind nicht einmal imstande, zu ahnen wie es in einem solchen Frauenkopfe aussieht!«

Glückliche Umstände hatten auch zu jenem Eindruck unmittelbarer Frische, Erfahrung aus erster Hand beigetragen, den Sonja Kovalevska im Verkehr mitteilte. Sie kannte durch Reisen halb Europa; sie war mit mehreren der größten Schriftsteller ihrer Zeit in Berührung gekommen, hatte in Darwins Haus gewohnt, mit George Eliot verkehrt, George Eliot, die für sie die mit allen anderen Frauen unvergleichliche literarische Größe war. Und diese vertraute Bekanntschaft mit den lebenden Persönlichkeiten verband sich bei Sonja mit noch größerer Kenntnis der verschiedenen Literaturen. Sie kannte fast alles von Bedeutung in der älteren und neueren Literatur ihres eigenen Landes, Deutschlands, Englands und Frankreichs; und in der neueren skandinavischen Literatur war sie bald bewanderter als die meisten Schwedinnen.

Aber, wird jemand fragen, wie konnte sie dies alles leisten?

Indem sie sich überanstrengte. Es gab Zeiten, wo sie nicht mehr als vier bis fünf Stunden täglich schlief; und sie verwendete nie genügende Sorgfalt auf ihre Gesundheit. Daß sie trotz ihrer schwächlichen Konstitution doch im Ganzen gesund blieb, kam wohl von ihren im übrigen hygienischen Lebensgewohnheiten. Sie liebte Bäder und körperliche Bewegung, war äußerst einfach und mäßig im Essen und Trinken, verabscheute alle stimulierenden Mittel; selbst die bevorzugte Gesellschaft der Russin, die Zigarette, benützte sie nur gelegentlich. Sogar Tee trank sie weniger unmäßig als die meisten Russinnen. All dies hatte zur Folge, daß sie selbst bei der äußersten Überanstrengung ihre Nerven einigermaßen beherrschen konnte.

Vor dem »nervös« werden hatte sie übrigens dieselbe Abneigung wie davor, sich im geringsten männlich auszunehmen. Ihr nach einer Krankheit kurz geschnittenes Haar, mit dem man sie auf älteren Porträts sieht, ließ sie wieder wachsen und war stolz, als sie es mühsam gelernt hatte, den dunklen Zopf zu einem schönen Knoten aufzustecken. Sie war nie auf etwas anderes stolz, als wenn es ihr gelungen war, eine Handarbeit auszuführen oder eine Toilette anzuordnen, denn sie wußte, daß sie in der Richtung des spezifisch »Weiblichen« am wenigsten begabt war. Auf praktischem Gebiete war sie sorglos wie ein Kind oder ein Künstler, konnte aber doch ein lebhaftes Interesse für die kleinen Dinge des Alltagslebens zeigen, wenn diese ihre Freunde betrafen. Sie war überaus dankbar für jede geringste Hilfeleistung oder Freundlichkeit, bereit, jedem guten Rat zu folgen und eifrig bestrebt, alle kleinen Forderungen des Lebens zu erfüllen, soweit sie dies vermochte – aber von Herzen froh, wenn sie davon befreit wurde. Namentlich traf dies auf das Briefschreiben zu, wogegen sie eine bei lebhaft sprechenden Naturen häufig vorkommende Abneigung empfand.

Die Schwierigkeit, den kleinen wie den großen Forderungen des Lebens gerecht zu werden, wuchs beständig. Und diese Schwierigkeit war gerade zum Zeitpunkt ihres Todes größer denn je. Sie hatte den Drang erwachen gefühlt, wieder eine große mathematische Arbeit zu beginnen und kämpfte zwischen dem Wunsche, sie sogleich in Angriff zu nehmen und der Lust, einige ihrer vielen literarischen Entwürfe auszuarbeiten. Unter dem vielen, was sie in Arbeit hatte, war auch eine Novelle mit Tschernischewsky – dem Verfasser von »Was tun?« – als Helden. Auch ihre »Erinnerungen« beabsichtigte sie fortzusetzen, und eine besonders interessante Episode wäre vermutlich die von ihren und ihrer Schwester Eindrücken während der Pariser Kommune 1871 geworden.

Sie hatte auch beabsichtigt, eine Jugendnovelle, »Der Privatdozent«, die Dostojewskys lebhaften Beifall gefunden hatte, umzuarbeiten und hatte den Plan zu zwei Romanen entworfen, »Vae victis« und einen anderen, der an der Riviera spielen sollte. Sie hatte eine Sammlung Skizzen aus Frankreich herausgeben wollen, teils von der Weltausstellung 1889, teils andere, von denen zwei (»Amor auf dem Markte« und »Der Hund«) sie selbst besonders interessierten. Und schließlich hat sie einen Entwurf hinterlassen, der an Reichtum der Phantasie und psychologischer Genialität vielleicht alle ihre anderen Arbeitspläne übertrifft: »Wenn es keinen Tod mehr geben wird.« Das Drama »Bis zum Tode und nach dem Tode« ist nur eine von ihr und Anne-Charlotte Leffler bewerkstelligte Umarbeitung eines Dramenentwurfes von Sonjas einige Jahre vor ihr verstorbenen Schwester, Madame Jaclard.

Zwischen den Schwestern verblieb das Verhältnis immer das innigste, und Sonjas Bemühung, Madame Jaclards Arbeit auf die Bühne zu bringen, war nur einer der vielen Beweise dieser Zuneigung. Bedeutungsvoller war eine andere Handlung: daß Sonja Kovalevska bei der Nachricht, daß ihr Schwager, der Kommunard Jaclard 1871 gefangen genommen sei, mit ihrem Mann in das von den Versailler Truppen belagerte Paris eilte. Es gelang dem Ehepaare, sich in die Stadt zu schleichen, während die Kugeln rings um sie pfiffen. Sonja suchte die Schwester auf und spendete ihr den Trost und die Hilfe, deren sie so sehr bedurfte. Dann floh Sonja aus Paris zu ihrem Vater nach Rußland und wußte ihn zu bewegen, nach Frankreich zukommen und dort seinen Einfluß zugunsten des Schwiegersohnes geltend zu machen. Die Vermittlung des russischen Generals zeigte sich wirksam, und es wurde Jaclard ermöglicht, aus dem Gefängnis zu entfliehen.

Im Hochsommer von Sonjas Leben, einer Zeit der großen Gefühle und des übersprudelnden Produktionsreichtums, brach plötzlich der Tod herein. Und gerade weil Leben, ein so intensives Leben Sonjas Merkmal war, erscheint der Tod in diesem Falle unfaßbarer als sonst.

Selbst war sie seit vielen Jahren und aus vielen Gründen mit dem Todesgedanken vertraut. Unter anderem, weil sie wußte, daß ihr Herz schwach war. Aber wenn es einen Zeitpunkt in ihrem Leben gab, wo sie selbst den Tod nicht gewählt hätte, so war es dieser, wo sie sich reicher an Arbeitsenergie und harmonischer fühlte als seit langer Zeit.

Sie hatte ihre Weihnachtsferien in Beaulieu an der Riviera verbracht, wo sie in einer kleinen russischen Kolonie etwas von dem Milieu des Heimatlandes genoß, dessen sie für ihre schriftstellerische Produktion so sehr bedurfte und wo sie diese auch von geistreichen und sympathischen Landsleuten ermutigt fand, namentlich von dem Manne, dem sie die Liebe ihres spät erwachten Herzens geschenkt hatte.

Nach einigen in Berlin verbrachten Tagen reiste sie über die dänischen Inseln nach Kopenhagen und zog sich auf dieser nächtlichen Fahrt in Wind und Regen eine Erkältung zu, von der sie sich sehr angegriffen fühlte, als sie Mittwoch, den 4. Februar nach Stockholm kam. Aber ihr Vorsatz, sich nicht »Zeit zu nehmen«, krank zu sein, hielt sie aufrecht, so daß sie am Freitag ihre Vorlesungen beginnen konnte – und auch an einer Abendgesellschaft bei Freunden teilnahm, wo sie sich jedoch so elend fühlte, daß sie bald nach Hause fuhr. Erst Sonnabend mittag legte sie sich zu Bett, und obgleich die Krankheit – eine Lungenentzündung – ernst schien, ahnte doch niemand, wie ernst sie war oder daß man während der beiden folgenden Tage eigentlich nur einem Todeskampf beiwohnte. Die Ärzte meinten, daß die Krankheit durch eine heftige Infektion entstanden sei. Wäre das Herz stark gewesen, so hätte sich das Ende vielleicht hinausschieben lassen – aber eine Rettung scheint nach dem, was die Obduktion zeigte, ausgeschlossen gewesen zu sein. Sonja hatte eine Ahnung, daß sie diese Krankheit vielleicht nicht überleben würde, und beobachtete mit einer gewissen Unruhe die schlechten, mit einer gewissen Befriedigung die guten Symptome – beides in sehr stiller Weise. Anspruchslos und dankbar für Freundlichkeit, wie sie im Leben gewesen, war sie bis in den Tod; alles an ihr war nur der Ausdruck einer unbeschreiblichen, geduldigen Sanftmut und Besorgnis für die Umgebung. Ich war in den ersten Tagen und Nächten bei ihr. Aber die Ärzte rieten, auch eine Krankenpflegerin zu nehmen, weil die Krankheit sich langwierig zu gestalten schien. Und so war ich nach Hause gegangen, um ein paar Stunden auszuruhen. Denn die Nähe des Todes ahnten weder die Ärzte noch wir, die wir sie umgaben, noch Sonja selbst. Er trat plötzlich in der Nacht zum 10. Februar ein, durch eine Herzlähmung infolge des angegriffenen Zustandes der Lungen. In den letzten Stunden war sie ohne Bewußtsein, und der Tod war nur ein stilles Einschlummern in »das große Unbekannte«, das ihre Gedanken so oft beschäftigt hatte. Unter den rauschenden Fichten auf dem schwedischen Friedhof fand Rußlands große Tochter ihre letzte Ruhe – die Ruhe, die ihr immer herrlicher erschienen war als selbst die herrlichsten Gaben des Lebens. Aber der Denkstein auf dem Grabe ist von Rußlands Studentinnen und Frauen der Wissenschaft errichtet.

Die sie betrauerten, suchten sich vor Augen zu halten, daß gerade so wie der Tod kam – rasch und auf der Mittagshöhe des Lebens und der Kraft – sie immer gewünscht hatte, daß er sie erreichen möge. Sie suchten sich auch zu vergegenwärtigen, daß mit ihrem erhöhten Lebensreichtum auch die Keime neuer Konflikte hervorgetreten waren. Ein solcher war aus den verschiedenen Forderungen der Wissenschaft und der Literatur entstanden, aus der Schwierigkeit für beide auszureichen und zugleich noch für die heranwachsende Tochter. Ein anderer Konflikt lag in ihrer Anstellung im Ausland, während ihre schriftstellerische Tätigkeit den Aufenthalt in der Heimat verlangte. Und schließlich war noch der große Konflikt, auf den ich noch zurückkomme. Aber wir, die wir trauernd an ihrem Grabe standen, konnten nicht umhin, uns zu fragen, ob sich das Dasein für diese »Seele aus Feuer und Seele aus Gedanken« nicht bildbarer, weicher hätte zeigen können als für jene geringeren Naturen, die von seiner Härte zerschmettert werden.

Zweites Kapitel

Für Europa wurde das Bild Sonja Kovalevkas durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie ihrer Freundin gezeichnet. Diese Biographie ist auch ein Teil von Anne-Charlotte Lefflers eigener; sie enthält unmittelbar mehrere wertvolle Beiträge zu ihrer Geschichte, aber vor allem beleuchtet sie Anne-Charlotte Lefflers Naturell ebensosehr durch das, was sie von dem Sonja Kovalevskas erfassen konnte, wie durch das, was sie von ihm unerklärt lassen mußte.

Anne-Charlotte Lefflers mit unparteiischer Ehrlichkeit und sympathischer Hingebung ausgeführtes Bildnis Sonja Kovalevskas ist in der Absicht gezeichnet worden, Sonja so menschlich und lebendig als möglich zu zeigen. Aber nicht einmal Anne-Charlotte Lefflers Psychologie reichte hin, um Sonjas wunderbares Wesen zu durchdringen, ein Wesen, zugleich schwer, melodisch und funkelnd wie die Quecksilberfontänen, die den Palast der Mauren schmückten!

Sonja Kovalevska war aus den heterogensten Gegensätzen zusammengesetzt: einer außerordentlichen Kultur und einer großen wilden Naturkraft; sie war bis in die Unendlichkeit zersplittert, nuanciert, impressionabel und bis zum äußersten energisch, einheitlich, intensiv; sie besaß eine moderne analysierende, berechnende Intelligenz und eine morgenländisch-fruchtbare Phantasie; sie war eine exakte Mathematikerin und eine idealistische Träumerin. Wenn man diese Gegensätze aufgezählt hat, hat man noch hundert unerwähnt gelassen und glaubt noch nichts über diese Persönlichkeit gesagt zu haben, deren außerordentlicher, Sympathie erweckender Reiz zum großen Teil eben in der Vereinigung von sonst unvereinbaren Gegensätzen lag, eine Persönlichkeit, deren Reichtum man nicht erschöpfen, deren Wesen man nicht ergründen konnte, ein Geschöpf mit der dreifach problematischen Natur des Genies, des Weibes und der slavischen Rasse.

Anne-Charlotte Leffler glaubte auch nicht, dieses Problem vollständig gelöst zu haben, aber sie packte diese Aufgabe so an wie ihre dichterischen Probleme: sie wollte den Menschen erklären. Idealisierung hielt sie mit vollem Recht nicht für den Weg zur Erklärung. Sie ging mit jener Sympathie zu Werke, die die Gestalten, welche sie schildert, von innen sieht, die mit ihnen versteht und fühlt. Je einfacher, je mehr aus einem Guß man eine Gestalt zu halten sucht, desto leichter wird sie verstanden, meinte Anne-Charlotte Leffler; je mannigfaltiger man das Bild zu geben trachtet, desto mehr verwirrt sich der Eindruck, desto unsicherer wird der Leser, dessen Gedanken hin und her gezerrt werden, etwa so wie wenn man eine Fußspur im Sande sucht.

Mit dem Bewußtsein, gerade diese Unsicherheit im Leser hervorrufen zu müssen, zeichnete Anne-Charlotte Leffler Sonja Kovalevska. Diese Biographie ist im Anfang, wo Sonjas eigene Schilderungen der Stoff sind, und am Schlusse, wo Anne-Charlotte Lefflers eigener Schmerz die Darstellung erhebt, wirklich etwas von dem geworden, was Ibsen meinte, als er Anne-Charlotte Leffler den eigentümlichen Rat gab: ihr Bild von Sonja nicht biographisch, sondern rein dichterisch zu gestalten! Aber in der Mittelpartie hat Anne-Charlotte Leffler keine genügend sichere Auswahl zwischen dem wirklich und dem nur scheinbar Charakteristischen getroffen, zwischen Wesentlichem und Zufälligem. Dies wirkt weitaus verwirrender als die Mannigfaltigkeit von Sonjas Natur, in anderer Weise behandelt, hätte wirken müssen.

Anne-Charlotte Leffler hat selbst – durch ihre Einleitung – jeden Anspruch an eine vollständig objektive Biographie entkräftet. Sie wollte nur, wie sie in einem Briefe schreibt, eine teure Herzenspflicht erfüllen: all das Interessante zu sammeln, was sie von Sonjas Persönlichkeit wußte, »um es für jene Zukunft zu bewahren, die Sonja Kovalevsky ganz gewiß einen Platz in der Geschichte ihrer Zeit anweisen wird.«

Bei der Erfüllung dieser Pflicht war Anne-Charlotte Leffler von der Gewißheit durchdrungen, daß es nicht möglich sei, »ein sympathischeres Bild von Sonja zu geben«, als das, welches sie gab. Auch schrieb sie mir, als sie die Schilderung beendet hatte:

»Ich weiß, daß ich die ganze Zeit bei der Verfassung dieser Biographie ein so lebendiges Pietätsgefühl zu meiner Richtschnur gehabt habe, daß ich bei jedem Wort, das ich sagte, gleichsam bestrebt war, Sonja ihren innersten Gedanken abzulauschen und sie so darzustellen, wie sie dargestellt werden wollte; daß ich mich von ihr und nur von ihr leiten ließ. Noch ist ihr Geist über mir, und darum konnte ich es tun. In ein paar Jahren könnte ich es vielleicht nicht mehr, könnte kein Wort hinzufügen, ohne den Geist des Ganzen zu stören.«

Anne-Charlotte Leffler übte, als sie so über Sonja schrieb, dieselbe große männliche Offenherzigkeit, die sie geübt hätte, wenn sie von sich selbst gesprochen haben würde. Aber sie hat dadurch Sonja nicht in jeder Beziehung so dargestellt, wie diese »dargestellt sein wollte«. Anne-Charlotte Leffler bedachte nämlich nicht, daß ein zusammengesetzter Stimmungsmensch nicht mit ganz denselben Mitteln verständlich gemacht werden kann wie ein einheitlicher Charakter.

Denn wenn eine Menge psychologisch eigentümlicher kleiner Züge dem mit der Persönlichkeit unbekannten Leser, unvermittelt von dem Charme des Lächelns, des Blickes, der Stimme und des für Sonja eigentümlichen Humors entgegentreten, aus dem Zusammenhang mit der Umgebung, mit den Ereignissen, mit der Zeit gerissen – dann erhalten sie eben viel härtere Linien als in der Wirklichkeit und scheinen auch viel größere Dimensionen zu besitzen.

Wenn man die Gemütsschattierungen, die Einfälle, die Selbstwidersprüche eines Stimmungsmenschen im Druck festhält, kristallisiert man sie nämlich unwillkürlich, gibt dem feste Konturen, was in Wirklichkeit die leichten, anmutsvollen, fließenden Formen der Wolken besaß.

Darum teilte ich Anne-Charlotte Lefflers Ansicht über den Umfang und namentlich über den Zeitpunkt der Herausgabe von Sonjas Biographie nicht ganz. Für die mit der Persönlichkeit oberflächlich oder gar nicht bekannten Zeitgenossen ist ein plastisches Zuwegegehen dasjenige, das das Bild am besten wiedergibt, und die Statue das einzige Kunstwerk, das eine große und darum auch eine wahre Wirkung einer großen Persönlichkeit hervorrufen kann.

Für die Zukunft hingegen, die – um ein Paradoxon anzuwenden – dadurch, daß sie sich noch weiter entfernt, wieder näher kommt, gibt die pittoreske Methode, die Anne-Charlotte Leffler gewählt hat, das wertvollste Bild. Das im Alltagsleben studierte, in ein intimes Milieu versetzte, bis in alle Einzelheiten genau ausgeführte Porträt wird das für eine folgende Generation interessanteste sein, wie auch das für eine sympathische und intelligente Auffassung schon in der Gegenwart teuerste.

Anne-Charlotte Leffler hatte das doppelte Interesse der Freundin und der Schriftstellerin für alles – das Kleinste wie das Größte – was für Sonja charakteristisch war. Sie liebte alles, und darum verstand sie vieles; und auch, wo sie nicht verstand, verurteilte sie nicht. Darum konnte sie nicht fassen, daß nicht auch alle anderen verstanden und sich des Aburteilens enthielten.

Anne-Charlotte Leffler verstand vieles. Aber in einigen wesentlichen Punkten verstand sie wenig oder nichts, und in diesen Punkten hat das Bild nicht die richtigen Valeurs bekommen. Zum Teil beruht dies auch auf der Fortlassung der ganzen wissenschaftlichen Seite von Sonjas Persönlichkeit. Aber die Liebe zur Wissenschaft war ganz ausgesprochen das, was Sonjas Persönlichkeit ihre Höhe und Festigkeit, sozusagen ihr geistiges Rückgrat gab. Und wenn Sonjas Verhältnis zur Wissenschaft – durch Anne-Charlotte Lefflers Entschluß, ihre Darstellung auf eine ganz und gar subjektive Schilderung zu beschränken – stark untergeordnet wurde, mußte folglich ihre ganze Persönlichkeit in der Biographie weniger kräftig und einheitlich wirken, als sie es in Wirklichkeit tat. Sonjas wissenschaftlich geschulte, durchsichtig klare, folgerichtige Art des Denkens, die ihre Dichtung, ihre Lebensanschauung, ihre Gefühle so stark bestimmte, ist darum nicht zu ihrem Recht gekommen, und so auch nicht die eine große Seite ihrer Genialität. Anne-Charlotte Leffler wollte mit vollem Recht das Weib in der Mathematikerin zeigen, aber sie hat nicht die Mathematikerin im Weibe gezeigt, es sei denn in bezug auf die Erotik, wo sie wieder der Wissenschaft einen Einfluß zuschreibt, den sie in diesem Fall nicht besaß.

Eine andere Seite von Sonjas Temperament, der ihr eigentümliche Humor, ist von Anne-Charlotte Leffler auch nicht richtig gezeichnet worden. Oftmals nahm Anne-Charlotte Sonjas Scherz ganz oder halb ernst, wie z. B., wenn diese ihre »Triumphe« als Sportdame schilderte, oder ihre »Verliebtheit« in diese oder jene Person, oder ihren »Abscheu« in dieser oder jener Richtung. Das Gewicht, das die Biographie all diesen Worten – sowohl in Sonjas mündlichen wie in ihren schriftlichen Mitteilungen – beigelegt hat, trübt das Bild. Selbst ein alltäglicher Mensch könnte – wenn seine Einfälle und Inkonsequenzen dieselben Proportionen erhielten wie seine Handlungen – bizarr wirken. Um wieviel mehr ist das nicht erst bei einer Ausnahmenatur der Fall!

Als ein Beispiel unter vielen mag hier Sonjas Schilderung ihrer Gefühle auf den Fahrten von und nach Stockholm angeführt sein: der Weg von Stockholm scheine ihr der kürzeste, aber der zurück nach Stockholm der längste in Europa.

Universität Stockholm - Der Fachbereich Mathematik - Foto: Karmosin~commonswiki - CC BY-SA 3.0
Universität Stockholm – Der Fachbereich Mathematik – Foto: Karmosin~commonswiki – CC BY-SA 3.0

Man empfängt aus diesen Worten den Eindruck einer Bitterkeit gegen Schweden, die doch in Wirklichkeit nicht vorhanden war. Mehr als einmal sprach Sonja im Gegenteil warme Dankbarkeit gegen das Land aus, das ihr ein Heim und eine Arbeit gegeben hatte; und so äußerte sie sich nicht nur zu Schweden, sondern auch zu Ausländern. Ihr Tadel Stockholms war der sehr berechtigte, daß man sich da in einer Kleinstadt befinde, wo sich jeder in die Angelegenheiten des anderen mischte und man nie zwischen Sache und Person unterscheiden konnte. Sie fand – und zwar mit gutem Grunde – daß der geistige Horizont in Schweden eng sei, und das Verständnis, die Toleranz neuen Ideen oder ungewöhnlichen Handlungen gegenüber geradezu mittelalterlich. Aber zugleich ließ Sonja den guten Seiten der Schweden volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie bewunderte das – in allem, was nicht neue Ideen betrifft – Generöse im Charakter der Schweden, namentlich glaubte sie niemals soviel Opferwilligkeit für gemeinnützige Zwecke gesehen zu haben wie bei den Stockholmern.

Auch Anne-Charlotte Lefflers Urteil über Sonjas nur »scheinbare« Anspruchslosigkeit bedarf der Richtigstellung. Ihre Anspruchslosigkeit war wie Anne-Charlotte Lefflers eigene echt, aber darum nicht töricht: daß Sonja ihre Überlegenheit kannte und einsah, war selbstverständlich, und dies hat mit Anspruchslosigkeit gar nichts zu tun. Die Anspruchslosigkeit des Genies besteht teils darin, die Art und die Tragweite seiner Überlegenheit nicht zu überschätzen, teils darin, andere nicht auf Grund dieser Überlegenheit hochmütig zu übersehen und schließlich sich durch die eigene Überlegenheit nicht für berechtigt zu halten, unverhältnismäßige Ansprüche an andere zu stellen. Nichts von alledem war bei Sonja der Fall. Sie unterschätzte ihre Begabung eher als sie sie überschätzte; sie interessierte sich für die einfachsten Menschen und war auch gegen den unbedeutendsten rücksichtsvoll; sie war ebenso rührend dankbar für die kleinste Gefälligkeit oder Freundlichkeit, als sie zartfühlend darin war, eine solche von jemand anderem als von wirklichen Freunden anzunehmen. Und während Anne-Charlotte Leffler recht damit hat, daß Sonja keine bürgerlichen Tugenden erstrebte, hat sie unrecht, wenn sie glaubte, daß Sonja sie gering schätzte. Sie bedauerte im Gegenteil, daß sie die Pflichten des Alltags nicht so erfüllen konnte, wie sie es gewünscht hätte. Namentlich in dem Verhältnis, das die Biographie fast ganz übergeht, dem Verhältnis zur Tochter, hatte Sonja viel mehr von der Liebe einer Mutter, als man aus der Schilderung glauben sollte. Obgleich ihre Zeit nicht hinreichte, um sich der Entwicklung der Tochter so zu widmen, wie sie es gewünscht hätte, gab sie ihr in den Stunden, in denen sie sich mit ihr beschäftigte, mehr an Zärtlichkeit, Verständnis und Entwicklung als viele der »hingebungsvollsten« Mütter, die nie an etwas anderes denken als an ihre Kinder, ohne ihnen doch geistig einen einzigen Schritt vorwärts zu helfen.

Ein wesentlicher Grund, weshalb Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie so widerspruchsvoll wirkt, ist, daß man in ihr nicht nur einer eigentümlichen Persönlichkeit begegnet, sondern einer eigentümlichen Nationalität, oder richtiger einer Mischung von Nationalitäten: sie ist Deutsche, Zigeunerin, Polin, aber vor allem Russin! Das Temperament der Russin – folglich auch das Sonjas – ist eine Isotherme, die bald hoch über, bald tief unter die Parallelkreise geht, die dem nordischen Frauenideal und Frauenrechtlerinnenideal gezogen sind. Vieles, was wundernimmt, ist aus dem russischen Gesichtspunkt erklärlich, allerdings für Germanen kaum verständlich. In Rußland hingegen ist die Biographie als ein geniales psychologisches Bild des russischen Temperamentes geschätzt worden, obgleich dieses Temperament in der Biographie nicht besonders charakterisiert wird.

Namentlich einen slavischen Zug hat Anne-Charlotte Leffler nur unvollkommen verstanden, wenn sie sagt, daß Sonja ein beständiges Bedürfnis nach Abwechslung und Stimulanz hatte. Dies war – im gewöhnlichen Sinne des Wortes – nicht der Fall. Sie konnte sich halbe Jahre lang bei wahnsinniger Arbeit isolieren. Aber die Arbeit war dann für sie das, was in einer anderen Periode das Weltleben oder die Freunde schaff oder die Liebe war: der Anreiz, durch den sie sich leben fühlte. Der Slave hat mehr als der Germane das Bedürfnis, sein eigenes Dasein energisch, leidenschaftlich zu empfinden, gerade, weil er weiß, daß der geistige Tod auf ihn lauert – jene Tendenz zum Nirvana, zu tatenloser Melancholie, zu willenlosem Stillstand, die ihren vollendetsten dichterischen Ausdruck im Oblomow-Typus gefunden hat. Diesem anheimzufallen ist für den Slaven – ein halber Morgenländer wie er ist – eine stete Möglichkeit. Der Slave wird maßlos – mag er sich nun auf die Wissenschaft oder die Religion, den Genuß oder die Askese, den Nihilismus oder das Weltleben, die Liebe oder die Selbstverleugnung werfen, um das Dasein intensiv zu empfinden, was unzweifelhaft die tiefste Forderung seines Wesens ist. Ist eine russische Frau dazu ein Genie wie Sonja, dann wird die Selbstverbrennung ihr unentrinnbares Schicksal.

Die ganze ursprünglich-russische Seite von Sonjas Wesen war von dem Anne-Charlotte Lefflers so verschieden als nur möglich. Diese war ebenso maßvoll, ebenso anpassungsfähig an die Verhältnisse, als Sonja in Lebensfragen intensiv war. Anne-Charlotte Leffler hatte in ihren Entschließungen die Langsamkeit des Germanen, Sonja die heftige Impulsivität des Slaven; Anne-Charlotte Leffler hatte die ihrer Rasse angeborene Bedächtigkeit und Ausdauer, Sonja des Russen plötzliche, unmotivierte Übergänge von einem Seelenzustande zu einem anderen, von äußerster Fröhlichkeit zu tiefster Melancholie, von fieberhaftester Arbeit zur gemächlichsten Ruhe, von Wärme zur Kälte. Anne-Charlotte Leffler war eine freudige Opportunistin, die aus den Verhältnissen das Beste machte; Sonja eine ungestüme Idealistin – wie ihre Rasse es ist – eine Idealistin, die unaufhörlich ihre Stirn an die Wirklichkeit stieß. Anne-Charlotte Lefflers eigenes Temperament war eines, das ohne Schwierigkeit einsah:

»Die Sterne, die begehrt man nicht.«

Sonja wollte nichts anderes haben als die Sterne. Ihr Ehrgeiz war nicht der trockene, heiße, gallische Ehrgeiz, auch nicht der verschlossene, schwere, nordische: er war dem Märchendurst – dem Durst des Morgenländers – nach dem Wunderbaren verwandt. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte es keinen Wert mehr für sie; sie strebte dann einem neuen nach – weniger von Ehrgeiz getrieben als von ihrer glühenden Phantasie. Neue Gedanken, Arbeitspläne, Einfälle wurden beständig in ihrer Feuerseele geboren und strömten ohne merkbaren Zusammenhang in ihrer Rede aus. Das Grenzenlose im slavischen Temperament war das vor allem für Sonja Charakteristische. Bestimmte Begrenzungen können darum nur den Eindruck ihrer Persönlichkeit verringern.

Leider nahm Anne-Charlotte Leffler gerade eine solche Begrenzung vor, als sie Sonja hauptsächlich aus weiblichem, allgemein-menschlichem Gesichtspunkt schildern wollte. Denn auch als Weib, auch in ihrer erotischen Geschichte war Sonja zugleich das Genie und die Russin – und hält man beides nicht fest, bleibt sie als Weib unerklärlich.

Sonja Kovalevska war ebenso wie Anne-Charlotte Leffler, wie so viele andere begabte moderne Frauen nicht von »womanhood to selfhood« gegangen, sondern umgekehrt. Ihre menschlich-persönlichen Entwicklungsforderungen, ihre intellektuellen Bedürfnisse waren zuerst erwacht und befriedigt worden, ehe sie noch zu fühlen anfingen, daß diese doch nicht das Zentrale ihrer Persönlichkeit waren; daß es ihnen nicht genügte, die Arbeitskameradinnen der Männer zu sein oder als ihnen geistig ebenbürtig anerkannt. Aber als diese neue Überzeugung bei Anne-Charlotte Leffler erwachte, war es, weil die Liebe sie suchte, Sonja hingegen suchte die Liebe. Das ist die Grundverschiedenheit in ihrem Schicksal, die auch daran schuld ist, daß Anne-Charlotte Leffler Sonja in diesem heiklen Punkt nicht voll verstehen konnte. Dabei interessierte Sonjas erotischer Konflikt Anne-Charlotte Leffler, für die das Leben gleichzeitig durch die Liebe einen neuen Inhalt bekommen hatte, mehr als alles andere. Sie hat darum die Unruhe, die Wetterwendischkeit, die Schwermut und den Schmerz in Sonjas späteren Lebensjahren so sehr betont, daß sie die ruhige Arbeitsfreude und den freundschaftlichen Austausch der vorangegangenen Jahre verdunkeln – wo Anne-Charlotte bei ihren geistigen Gastmählern das Brot und Sonja der Wein war. Dazu kommt, daß die beiden Freundinnen sich in den letzten Jahren sehr wenig trafen, daß Sonja lange Zeiten hindurch auch nicht an Anne-Charlotte schrieb – was diese bei ihrer Rücksicht für die Gefühle anderer nicht fassen konnte – und daß Sonja, im ganzen sehr verschlossen über ihre erotische Geschichte, es Anne-Charlotte gegenüber noch ganz besonders war. Denn einerseits hatte Sonja eine Scheu, ihren Schatten in den Sonnenschein anderer fallen zu lassen, andrerseits glaubte sie, daß »wer satt ist, den Hungrigen nicht verstehen kann«, wie ein russisches Sprichwort sagt.

Je bewegter und inhaltsreicher das Leben der beiden Freundinnen sich gestaltete, desto weniger verstanden sie so einander. Die Verschiedenheit zwischen der weichen Natur der einen, der stolzen der anderen trat unaufhörlich zutage. Anne-Charlotte Leffler konnte nicht einsehen, warum Sonja kein Kompromiß schließen, nichts von ihren Forderungen preisgeben wollte. Sie schob dies auf Sonjas anspruchsvolles Temperament, aber mit Unrecht. Sonja forderte allerdings grenzenlos, aber sie konnte auch grenzenlos geben, und nicht ihr Ehrgeiz oder ihre Unfähigkeit, ganz im Gefühl aufzugehen, zerstörte in diesem bestimmten Falle ihre Glücksmöglichkeiten. Aber weil Anne-Charlotte Leffler selbst so ganz von ihrer eigenen glücklichen erotischen Erfahrung, ihrem Gefühl von der Macht der weiblichen Hingebung erfüllt war, mußte sie Sonja in doppelter Beziehung mißverstehen: sie faßte sie zugleich leidenschaftlicher und weniger hingebungsvoll auf, als sie wirklich war.

In allem, auch in der Erotik, hat sich Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Schilderung mit viel schärferer Eigentümlichkeit profiliert, als dies der Fall gewesen wäre, wenn man sie gegen den Hintergrund ihres Nationalcharakters gezeichnet hätte. Sonja hatte manche der Züge, die Turgenjew seinen besten Frauentypen gibt: kühle Sinne und ein feuriges Herz, großzügigen Edelmut und opferwillige Stärke, im Verein mit unerhörten idealen Forderungen: ein Gewebe von goldenen und purpurroten Fäden, in dem bei Sonja das schwarze Gespinst der Schwermut und das bunte der Phantasie den Einschlag bildete.

Ohne das russische Seelenleben in Betracht zu ziehen, ist auch Sonjas erste Ehe ganz unfaßbar. Und diese hatte so viele verwickelte psychologische Momente, daß man den Knoten nicht durch Anne-Charlotte Lefflers kurzgefaßtes Urteil löst, daß diese Ehe kein Glück gebracht habe, weil Sonja »besitzen wollte, sich nicht besitzen lassen«. In gleicher Weise irrt sich Anne-Charlotte Leffler in der Überbetonung des Erotischen in den letzten Jahren von Sonjas Leben. Die Erotik war allerdings in den letzten Jahren der Mittelpunkt ihres Daseins, aber die Wissenschaft, die Dichtung, die Mutterschaft hatten darum nicht ihr Interesse verloren, obgleich all dies bis auf weiteres untergeordnet wurde.

Aber am allerunrichtigsten ist das Motiv, das sie für Sonjas erotischen Konflikt angibt. Denn dieser bewegte sich durchaus nicht – wie Anne-Charlotte Leffler es schildert – zwischen dem Ehrgeiz und der Liebe. Ebensowenig zwischen der verschiedenen Art des Mannes und des Weibes zu lieben, oder zwischen der verschiedenen Art dieses Weibes und dieses Mannes Liebe zu geben oder zu fordern. Die Art des Konfliktes wird am besten durch die einzige Mitteilung charakterisiert, die jetzt Geltung hat, die des Mannes, um den der Konflikt sich drehte. Seine Anschauung der Frage gebe ich im folgenden – mit seiner Zustimmung – wieder.

Für ihn war Sonja nicht das in sich selbst konzentrierte Genie. Sie hatte im Gegenteil das Schicksal vieler nichtgenialer Frauen, ein Schicksal, dessen Ursachen in jedem besonderen Fall verschieden und in den geheimnisvollen Tiefen der Natur verborgen sein mögen, aber das von außen gesehen einfach alltäglich ist.

Der betreffende Mann, ein berühmter Gelehrter und Politiker – der, ohne mit Sonjas Mann verwandt zu sein, denselben Namen trug wie er – hatte von Sympathie und Freundschaft, aber nicht von Liebe bewogen, zu wiederholten Malen Sonja gebeten, seine Gattin zu werden. Er hatte weder sie noch sich selbst über die Art seines Gefühls getäuscht, war auch nicht durch ihre Ablehnung verletzt gewesen, da er einsah, daß eine entwickelte weibliche Persönlichkeit, eine so große und reiche wie die Sonja Kovalevskas sich nicht damit begnügt, bruchstückweise zu erhalten, wenn sie ganz gibt. Auch verkannte er das Gefühl, das er nicht teilte, durchaus nicht, sondern sprach von Sonjas Hingebung als von der größten, die ihm in seinem Leben zuteilgeworden war. Ebensowenig mißdeutete er die Art der Leiden, die seine Offenherzigkeit ihr verursachte. Im Gegenteil wuchs seine tiefe Bewunderung, Achtung und Sympathie immer mehr, je mehr er die Bedeutung des Grundes erkannte, mit dem Sonja ihre Ablehnung motivierte. Überzeugt, in einer gegenseitigen Liebe Glück geben und finden zu können, hätte sie den Forderungen einer solchen alles geopfert, auch ihre Professur in Stockholm, wenn es verlangt worden wäre. Aber er verlangte dies niemals, sondern meinte im Gegenteil, daß sie diese Stellung beibehalten könnte. Sonja erkannte die Schwierigkeit dieses Falles und wollte ihres Kindes und ihre eigene Zukunft nicht in einer Ehe aufs Spiel setzen, für die sie vielleicht ihre Anstellung im Stich lassen mußte, ohne die Gewißheit, nicht eines Tages bitter zu bereuen, daß sie diese Möglichkeit der Unabhängigkeit für sich und die Tochter verloren hatte, die der Mutter so warm am Herzen lag, daß die Gefühle und die Erziehung dieser Tochter stets in der Motivierung von Sonjas Ablehnungen wiederkehrten. Aber da Sonja nach jedem neuen Zusammentreffen die Trennung immer schwerer fand, begann sie sich schließlich – die obenerwähnten Skrupeln beiseiteschiebend – in den Gedanken einer möglichen Veränderung ihres Lebens hineinzuversetzen. Und zwar stellte sie sich vor, daß sie eine Ehe eingehen, und ihr Leben zwischen ihrer halbjährigen Arbeit in Stockholm und halbjährigen Ferien mit ihrem Mann im Ausland teilen würde.

Der Tod trat dazwischen und hinderte sie, ein Kompromiß zwischen den absoluten Forderungen des Idealismus und den Lebensverhältnissen zu schließen, ein Kompromiß, das bei ihrer Natur sicherlich verhängnisvoll geworden wäre.

Der Tod gab ihr auch, was das Leben ihr nicht geben konnte: den ersten Platz in der Erinnerung und dem Dasein des Überlebenden.

Drittes Kapitel

Das Obengesagte zeigt, wie der Konflikt eigentlich beschaffen war. Als Sonja Kovalevska alles erreicht hatte, wovon sie bisher geträumt – und wovon gewöhnliche Frauen nicht einmal träumen können – da trat die große Krise in ihrem Leben ein, in der sie sich unter dem Einfluß eines großen Gefühls imstande wähnte, alles, was sie nur besaß für das hinzuwerfen, was gewöhnliche Frauen so leicht erreichen können, aber was das Schicksal einer Sonja Kovalevska versagte.

Eine Deutung dieser Krise in ihrem Leben zu versuchen oder über sie nachzugrübeln sind die Frauen niemals müde geworden.

So sieht eine Frau in ihr ein Opfer der Zeit, in dem Sinne, daß sie das Frauengenie mit dem männlichen Gehirn, aber dem tief weiblichen Naturgrund war, folglich ein neuer Frauentypus, der während seiner Entwicklung die weibliche Macht, zu gefallen, verloren hatte und darum trotz der Sehnsucht seines Frauenherzens nach Liebe diese nie erringen konnte. Eine andere Frau meint, daß Sonja allzu anspruchsvoll und eifersüchtig fordernd war, um Liebe gewinnen zu können. Und eine dritte glaubt, daß Sonja, um die Forderungen des Ehrgeizes zu befriedigen, die des Herzens zum Schweigen brachte, daß sie ihren Ruhm mit ihrem Glück erkaufte.

Das Ganze war, wie ich schon gezeigt habe, viel einfacher, aber darum nicht leichter verständlich.

Die vielen Frauen, welche glauben, daß, wenn es ihnen nur einmal gelänge, das Rätsel in Sonja Kovalevskas Leben zu verstehen, sie damit auch ähnliche Rätsel in ihrem eigenen Leben verstehen würden, sind im Irrtum.

Denn jeder neue Mensch ist eine neue Welt, wenn auch eine noch so kleine, und jede Welt gehorcht ihren eigenen Gesetzen.

Und Sonja Kovalevska war eine große Welt, mit geheimnisvollen Tiefen, in die niemand, nicht einmal sie selbst, eindrang, und mit schwindelnden Höhen, die nur wenige ersteigen konnten.

Ich war mehrere Jahre hindurch wenigstens einige Male in der Woche mit Sonja Kovalevska zusammen. Aber die wirkliche Sonja Kovalevska habe ich doch nur einmal gesehen.

Das war an einem Abend in der Stockholmer Oper, als Beethovens Neunte Symphonie aufgeführt wurde. Sonja Kovalevska war – ganz ausnahmsweise – in der Wahl ihrer Toilette glücklich gewesen, sie trug ein schwarzes Kleid aus Seide und Spitzen, das, ohne die kleine dünne Gestalt zu drücken, ihr einen einheitlichen Stil gab. Neben ihr saß ihr russischer Landsmann, ein genialer, sonnig lächelnder Riese mit strahlenden Augen. Rings um sie strömte die alle Himmel aufschließende Musik, die Glückseligkeit in Tönen – –

Ein lichter Friede, eine edle Ruhe, eine sanfte Innigkeit verklärte Sonja Kovalevskas sonst so nervöses Antlitz, verfeinerte die unregelmäßigen Züge, hauchte über die unreine Haut eine gleichmäßige warme Blässe. Sie war verklärt, beinahe schön.

Denn sie liebte. Und die Musik wiegte sie in selige Träume. Ihr beredtes Antlitz sagte all dies.

Ich sah dann diesen Ausdruck in ihrem Gesicht nie mehr wieder – erst im Tode.

Die Musik verstummte, und sie wandte sich ihrem Nachbar mit einem Blick zu – – –. Wenn ein Weib mit einem Blicke einem Manne sagt:

»Du bist mein Gott, mein Herr, mein Leben …« dann ist sie entweder die stolzeste Königin des Lebens oder seine elendeste Bettlerin.

Sonja Kovalevska hatte die Jugend schon hinter sich, als ihr Herz aus seinem ruhigen Schlummer erwachte und gestillt sein wollte; als ihre halb erstickte Frauennatur angstvoll nach voller Entwicklung und Befriedigung rief, darnach, einmal mit allen Pulsen zu leben, einmal die sprengende Fülle, die Erweiterung des ganzen Wesens, das Himmel und Erde umarmende Unendlichkeitsgefühl zu empfinden, das Glück ist.

Für den geistigen Pöbel sind die erotischen Forderungen einer nicht mehr jungen Frau das vor allem anderen Komische.

Für den geistigen Adelsmenschen sind sie das vor allem anderen Tragische.

Es gibt einige wenige Werke in der Weltliteratur, in denen diese Tragik Ausdruck gefunden hat. Und einige Blätter gibt es, in denen Sonja Kovalevskas scheues bebendes Gefühl so offenbart ist, wie große Dichter divinatorisch das Leben von ihnen selbst unbekannten Menschen offenbaren. Diese Blätter kommen in Brownings »In a balcony« vor. Der Dichter läßt da eine regierende Königin sprechen, eine Königin, der immer nur gehuldigt wurde, die niemals geliebt worden ist; die ihr immer lauter; schluchzendes Herz damit beschwichtigt hat, daß es jetzt zu spät sei: die Liebe sei für Jungfrauen, und sie ist nicht mehr jung; sie ist überdies Königin und darf nicht an Liebe denken … Aber dann glaubt sie sich plötzlich geliebt, und das Lächeln der Liebe hat ihre Welt umgestaltet! Sie sagt sich, daß sie freilich schon viele Jahre für das Glück verloren hat – aber viele sind ja noch übrig? … Sie weiß, daß ihr Haar zu ergrauen begonnen hat, daß ihre Wange bleich ist – aber kann die Liebe nicht eine neue Jugend schenken? … Es ist wahr, sie ist nicht schön – aber Frauen können ja die Seele eines Mannes lieben … Sollte ein Mann nicht die Seele einer Frau lieben können?

Und sie hofft: sie jubelt, jetzt endlich Weib, ein gewöhnliches Weib zu sein. Denn für das Weib gibt es kein anderes Leben als die Liebe. Alles, was ihr dem Leben zu gleichen scheint, sind nur Schatten, von ihrer Liebe geworfen.

Mit Worten, die Flammen sind, schildert die Dichtung diese Sehnsucht, die tief in der Seele jeder echten Frau lebt, die Sehnsucht, ehe sie stirbt, die Stimme der großen Liebe gehört zu haben, wenn sie auch sterben muß, um sie zu hören …

Sonja hörte wie die arme Königin die Liebe in ihrem Herzen flüstern. Aber für beide war es nur im Traum, und beide erwachten zu der Gewißheit: nur als Zuschauer vor dem Fest des Lebens zu stehen.

Sonja konnte nicht resignieren. Sie mußte, sie wollte ihren Platz drinnen am Tisch des Lebens haben. Und sie blieb anstatt dessen die Bettlerin, es wurde ihr – ein Almosen geboten. Warum fällt es einem so schwer, dieses alltägliche Frauenlos zu fassen? Ist es, weil es eine Sonja Kovalevska traf?

Aber man wird ja nicht deshalb geliebt, weil man Königin über ein Reich der Erde oder des Geistes ist; nicht, weil man königlich mit Geld und Gut oder mit Genie und Herz verschwendet. Warum man geliebt oder nicht geliebt wird, das beruht auf mystischen Gesetzen, die noch niemand entdeckt hat. Nur eines ist gewiß, je entwickelter eine Frau ist, desto schwerer findet sie den Mann, den sie mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, den Mann, der für jede feinste Fiber ihres Wesens das Glück bedeutet. Und es gibt vielleicht eine Möglichkeit unter Millionen, daß dann auch gerade dieser Mann sie in der gleichen Weise liebt.

Und gehört sie dazu wie Sonja Kovalevska zu den Frauen, an deren Wiege die Grazien nicht ihre Gaben niederlegten, dann wird das Schicksal einer solchen Frau tragisch.

Manche meinten, sie hätte sich mit dem Almosen begnügen sollen.

Aber eine ganze und stolze Frau kann viel für den Mann tun, den sie liebt. Nur eines kann und soll sie nicht: seine Frau werden, wenn er ihr offen sagt, daß er für sie nicht die Gefühle der Liebe hat. Und da sie nicht den Hunger der Sinne, sondern den Durst der Seele stillen wollte, war nichts natürlicher, als daß Sonja die Bewerbung, die keine Liebe beseelte, ablehnte.

Dieselbe Schriftstellerin meint, Sonja Kovalevskas eifersüchtige Ansprüche hätten es verhindert, daß die Liebe eines Mannes erwachte.

Im Zusammenhang damit steht der von einigen Seiten gehörte Kommentar zu Ibsen, daß dieser Sonja Kovalevska in Rita Almers (Klein Eyolf) geschildert haben sollte.

Dieser Kommentar ist ebenso unhaltbar wie die meisten Ibsenkommentare. Die Eifersucht ist der einzige Gleichheitspunkt zwischen diesen beiden sonst unendlich verschiedenen Frauentypen. Und sie ist bei beiden ein gleich natürliches Resultat der Verhältnisse. Denn jede Frau, die die erotische Genialität hat, die folglich selbst mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, fühlt – mit einem in diesem Falle ganz unfehlbaren Instinkt – ob sie in gleicher Weise geliebt wird. Wird sie das nicht, dann können alle und alles der Gegenstand ihrer Eifersucht werden, weil alles und alle von dem Geliebten nicht zugleich mit ihr, sondern anstatt ihrer geliebt werden, weil alles und alle den Raum in der Seele des Geliebten ausfüllen können, aus dem sie sich selbst verbannt fühlt. Eine solche Frau weiß, daß sie von den Gnaden aller anderen Frauen lebt, denn diejenige von ihnen, die den Mann erobern will, hat auch immer die Möglichkeit des Erfolgs. Nur wenn eine liebende Frau bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens von dem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe durchsonnt ist, kann und muß dieses Bewußtsein alle Eifersucht ausschließen, so wie das Mittagslicht die Schatten ausschließt.

Die Einheitsleidenschaft, der Unendlichkeitssinn, mit einem Wort: der morgenländische Wesensgrund bestimmte Sonja Kovalevskas Schicksal. Ihr Geist hatte in den kühnsten Ahnungen der Wissenschaft, im Weltenraum und im Sonnensystem, im Denken und im religiösen Gefühl, in der Dichtung, in der Arbeit, und im Weltleben, in der Vaterlandsliebe und in der Freundschaft unaufhörlich das Grenzenlose gesucht, es aber niemals gefunden. Am allerwenigsten fand sie es im Ruhm, den sie in den Jugendjahren so glühend ersehnte, aber jetzt als eiskalten Begleiter auf allen ihren Wegen fand. Für sie wie für eine andere geistvolle Frau wurde der Ruhm schließlich nur »un peu de bruit autour de son coeur«; für sie wie für die einfachste Frau wurde schließlich das Leben des Herzens DAS Leben.

Denn nachdem sie so ohne Rast und Ruh durch alle anderen Räume gepilgert war, kam sie schließlich an die Grenzen von Eros‘ Reich.

Doch da erst begegnete ihrer Unendlichkeitssehnsucht eine hohe Mauer, über die selbst ihre starken Flügel sie nicht tragen konnten, eine Mauer, die sie mit den von Angst und Sehnsucht geweiteten Augen der gejagten Hindin anstarrt; an die sie mit zarten, schwachen Kinderhändchen pocht, an der sie ihre Denkerstirn blutig stößt. Doch die Mauer weicht nicht – das Schicksal gibt nicht nach …

Und da stand sie noch, als der große Allerbarmer ihre Unendlichkeitssehnsucht zur Ruhe wiegte.

Auf Sonja Kovalevskas Arbeitstisch stand in den letzten Jahren immer ein kleines Sträußchen Edelweiß, das sie in einem Sommer in der Schweiz bekommen hatte, als sie den Mann, den sie liebte, aus einer schweren Krankheit dem Leben rettete und mit dem ganzen Reichtum, der ganzen Liebenswürdigkeit ihres Genies seine lange Krankheitszeit erhellte. Das kleine blasse, trockene Sträußchen war für Sonja selbst die Erinnerung an einen reichen Augenblick, einen Hoffnungsstrahl.

Mir erschien es immer wie ein qualvolles Symbol der Armut und Farblosigkeit von Sonjas erotischer Lebensgeschichte. Und jedesmal, wenn ich das verstaubte, kleine Sträußchen sah, erklangen in mir J. P. Jacobsens Worte:

»Es hätten Rosen sein sollen.«

Viertes Kapitel

Im Vorangegangenen habe ich oft das Slavische in Sonja Kovalevskas Temperament betont. Will man eine Bestätigung suchen, so muß man ihre zwei nachgelassenen Bücher, »Die Schwestern Rajewski« und »Eine Nihilistin« aufschlagen, und sie im Zusammenhang mit den Frauentypen sehen, die die drei größten Dichter ihres Landes geschildert haben.

Turgenjew bewahrte das ganze Leben hindurch die Empfänglichkeit des Dichters und des Jünglings, für jede Offenbarung echter Weiblichkeit, die für ihn das Wunderbare war, das nicht gefaßt, nur angebetet werden konnte.

Es gibt fast keine Art weiblicher Eigentümlichkeit oder weiblichen Einflusses, von dem Anspruchlosesten bis zu dem Beherrschendsten, den Turgenjew nicht mit einigen Zügen in seiner Dichtung unsterblich gemacht hätte; aber diese wechselvolle Mannigfaltigkeit von Frauengestalten wird in seiner Darstellung durch ein Einheitsband zusammengehalten. Die Frau, mag sie nun gut oder böse sein, ist für ihn mehr ein Teil der Natur, mit ihrer geheimnisvollen und grenzenlosen Macht ausgerüstet, während der Mann mehr als ein Teil der Gesellschaft, ein gelungenes oder mißlungenes Produkt der Kultur vor ihm steht. Turgenjews Stil, wenn er eine schöne Frau schildert, und wenn er eine Landschaft beschreibt, zeigt dieselbe unmittelbare Empfänglichkeit und dasselbe sich stets erneuende Glück durch diese beiden in seiner Empfindung gleichartigen Offenbarungen. Nie tritt in einer seiner Erzählungen eine Frau auf, ohne daß die Stimmung sich in gewissem Maße ändert, so wie die Luft in einem Zimmer, wenn man das Fenster geöffnet hat und die süßen oder berauschenden oder würzigen Düfte aus Wiesen und Feldern in den Raum eindringen. Selbst die Frauen, die Turgenjew mit jener verhängnisvollen dämonischen Zauberkraft schildert, die sie zum Verhängnis der Männer macht, haben in diesem Naturverwandten ihren eigentlichen Reiz. Turgenjew weiß, daß das, was sie verderbenbringend macht, darin besteht, daß ihr Wesen in den Männern die Illusion unverdorbener Natur, ungezähmter Kraft, mutiger Lebenslust hervorruft. Ob nun eine solche Frau mit der sorglosen Grausamkeit eines jungen Raubtieres das Spiel spielt, das für andere den Tod bedeutet, wie in »Frühlingsfluten«, oder ob sie jenem Weltleben, das sie zu verachten glaubt, aber von dem sie doch nicht die Kraft hat, sich loszureißen, durch die Leidenschaft einen Inhalt zu geben sucht wie in »Rauch«; oder ob sie selbst ganz kühl und unberührt durch ruhigen, liebenswürdigen Reiz, maßvolles, wohlberechnetes Interesse alle Männer beherrscht, aber sich selbst, ihre Ruhe und ihre Freiheit viel zu sehr liebt, um sich irgend jemandem hinzugeben wie in »Väter und Söhne« – nie läßt Turgenjew diese Frauen durch das Schwache, Häßliche oder Niedrige einen Einfluß üben, sondern durch das Starke oder Schöne oder Ruhevolle ihrer Erscheinung, das der Gesundheit, den Natureindrücken Verwandte. Diese Art verführerischer Frauen kommen in Turgenjews Dichtungen oft vor. Aber er hat nicht eine einzige Dichtung zur Verherrlichung einer solchen, im tiefsten Innern unweiblichen Frau geschrieben. Die Frau, die er liebt, die gleich den Sternen seine Andacht erweckt, gleich dem Frühling seine Begeisterung, die für ihn die Inkarnation aller Gesundheit, aller Stärke, aller Holdseligkeit, alles Glückes des Daseins ist, sie ist der absolute Gegensatz der eben geschilderten Frauentypen, deren charakteristischer Zug darin besteht, daß sie sich selbst genug sind und dadurch eine gefährliche Ruhe besitzen; die einen scheinbaren Reichtum zu geben haben, aber dabei nur für sich selbst da sind, ohne Fähigkeit der wirklichen Hingebung an etwas, was es auch sein mag; stets von der Sehnsucht gequält, zu leben, aber stets vor den Wirklichkeiten des Lebens zurückscheuend, weil diese immer in irgend einer Form ein Opfer des Selbsts verlangen. Der andere Typus hingegen, dem man bei Turgenjew so oft begegnet, daß man sich unwillkürlich fragt, ob Rußland wirklich ein so glückliches Land ist, viele solcher Frauen zu besitzen oder ob Turgenjew nur einer begegnet ist und dann jeder echt weiblichen Gestalt ihre Züge lieh – hat etwas von der Frau des Mittelalters an sich; zuweilen etwas von der heiligen Elisabeth, zuweilen von Heloise, zuweilen etwas von beiden vereint. Sie sind nicht immer geistreich oder talentvoll, nicht einmal immer schön, diese Frauen, und doch hat der Dichter es verstanden, sie so zu schildern, daß ihre Gestalten sich klar und unauslöschlich von dem Goldgrund der hingebungsvollen Sympathie des Dichters abheben. Diese untereinander verschiedenen Frauen – man erinnere sich z. B. an Marianne in »Die neue Generation«, an Helene in der Dichtung des gleichen Namens, an Vera im »Faust«, Elisabeth in »Ein adeliges Nest«, Tatjana in »Rauch«, Gemma in »Frühlingsfluten« – haben alle ein gemeinsames Merkmal, das sich durch Tatjanas kurze Zusammenfassung der Grundsätze, in denen sie erzogen worden, ausdrücken läßt: »Wahrheit und Freiheit«. Es gibt keinen Trug bei diesen Wesen, sie sind durchsichtig ehrlich, einheitlich, voll Feuer, und voll Unschuld; im besten Sinne des Wortes einfältig, ohne einen Blick zurückzuwerfen, wenn sie ihre Hand auf den Pflug gelegt; sie können zermalmt aber nicht zersplittert werden, getötet, aber nie im Innersten ihres Wesens vernichtet.

Diese Frauen zeigen die vollkommene Hingebung ihres Wesens, ihre Befreitheit von aller Weltlichkeit – der Koketterie wie der Prüderie – oft darin, daß sie es sind, die ihre Liebe zuerst gestehen, die sich in jener stolzen und keuschen Weise geben, wie nur das Weib sich gibt, das weiß, daß es fürs Leben ist.

Diese Art Frauentypus bewunderte auch Sonja Kovalevska vor allem, und von ihm hat sie in »Eine Nihilistin« ein Bild gegeben, das dem Leben entnommen ist und an die Seite von Turgenjews schönsten Frauengestalten gestellt werden kann. Und Vera Vorontzoff findet auch später dasselbe Schicksal wie mehrere Heldinnen Turgenjews: von dem Manne enttäuscht zu werden, dem sie ihr Leben gegeben. »Denn in Rußland«, sagt Turgenjew, »gibt es keine Männer, die solcher Frauen wert sind.« Diese Frauen bewahren ihrer innersten Persönlichkeit eine solche Treue, daß sie mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes wirken, daß man sich ebensowenig denken kann, daß sie einen Verrat an ihrem Pathos begehen könnten – mag dieses nun die Liebe oder die Pflicht oder die Revolution oder eine andere große Idee sein – als man sich denken kann, daß sie leben könnten, ohne zu atmen.

Ich habe bei anderen Westeuropäern denselben Eindruck gefunden, wie den, den ich selbst empfangen: daß eine wirklich bedeutende Russin überhaupt der bedeutendste Frauentypus ist, den unsere Zeit besitzt. Ich rechne dann »unsere Zeit« schon von der Aufklärungsepoche an, die mit der Freundin Katharinas II., der Fürstin Dashkoff, eine Frau von jener Art hervorgebracht hat, an die ich denke und deren Memoiren ein unschätzbarer Beitrag zum Studium des Seelenlebens der russischen Frau sind. Man findet bei ihr schon jene wunderbare Mischung von starker, sprudelnder, naiver Naturkraft und einer verfeinerten Kultur mit tiefgehenden Interessen; grenzenlos opferwilliger Hingebung und fest abgegrenzter, selbständiger Persönlichkeit; schrankenloser Weite in allen Gesichtspunkten und gesammelter Willensstärke für ihre Ziele. Ich könnte noch andere russische Frauen anführen, die mit ihrer Zärtlichkeit und ihrer Tüchtigkeit als Hausfrauen und Familienmütter leidenschaftliches soziales Interesse verbinden, und mit einer sehr starken sinnlichen Zauberkraft eine Seelenvollheit von großer Tiefe, eine Geistigkeit mit gewaltigen Flügelschlägen.

Sonja Kovalevska hatte – wie ich schon dargelegt habe – ein großes Stück dieser Natur. Aber dennoch gleicht keine von Turgenjews Frauen, sondern eine von Tolstois ihr am meisten, namentlich so wie sie sich selbst in den Schwestern Rajewski schildert.

Tolstoi sieht die Frau als der realistische Beobachter, nicht als der idealisierende Dichter. Seine Frauen sind oft weniger individuell, immer weniger vollkommen als die Turgenjews. Die persönlichste und interessanteste ist eben Natascha (in »Krieg und Frieden«), und in ihr ist etwas vom Geniekind, das an die junge Sonja erinnert.

Aber in ihrer mannigfaltig zusammengesetzten Natur tritt noch mehr etwas Dostojewskys Frauen Wesensverwandtes hervor.

Dostojewsky war der von Sonja selbst am meisten bewunderte der drei großen Dichter, und das Größte in ihrer Natur vibrierte mit diesem Dichter der Gekränkten und Gedemütigten, der Verunglückten, der durch Armut und Ungerechtigkeit Leidenden und durch das Leiden in Versuchung Geführten.

Die durch Jahrhunderte geübte Fähigkeit der russischen Natur, sich zu demütigen, zu leiden, zu resignieren, aber zugleich auch die damit zusammenhängende Gefahr zu verkommen, versklavt zu werden, Stolz und Vorsätze und Pflichten preiszugeben, hat sowohl bei Turgenjew wie bei Tolstoi viele ergreifende Ausdrucksformen gefunden, aber keine so tiefergreifenden wie bei Dostojewsky. Für ihn ist die Frau überhaupt die Leidende, die unter den Gesellschaftsverhältnissen, namentlich der Armut Leidende, die aber doch im Leiden die Fähigkeit bewahrt hat, zu trösten, das Dasein zu versüßen, sich hinzugeben.

Und wenn Dostojewsky eine Frau grausam werden läßt, wie z. B. die junge Näherin in »Arme Leute« oder Natalia in »Beleidigte und Erniedrigte« – dann weiß sie es nicht; sie hat selbst so viel gelitten, daß sie gefühllos geworden ist; aber man merkt, daß der Verfasser sie nicht verkennt; sie hätte für den Mann, der sie liebt, das Glück werden können, wenn die Verhältnisse nicht gegen sie beide gewesen wären. Die Frauen in Dostojewskys Büchern sind nicht, wie so oft bei Turgenjew, Trägerinnen der Gesundheit, der Ruhe und Schönheit des Lebens. Sie sind die Unglücksgenossinnen des Mannes und zeigen Spuren der harten Hand des Lebens. Aber auch Dostojewsky glaubt an die innerste Unzerstörbarkeit des Weibes, an ihr engeres Bündnis mit den Kräften der Wiederaufrichtung, und er zeigt, daß kein Dasein ganz unerträglich ist, wenn eine selbstlose, hingebende Frau es teilt.

Nicht nur weil Sonja in Dostojewsky den tiefsten Psychologen bewunderte, sondern auch weil sie – während ihres wechselnden Lebens und in ihrem eigenen Schicksal – oft Gelegenheit hatte, die Richtigkeit der Psychologie des Leidens, des Verbrechens und der Wiederaufrichtung, in der Dostojewsky einzig ist, zu erkennen, stellte Sonja ihn am höchsten.

Durch einen anderen russischen Frauentypus – keinen erdichteten, sondern einen wirklichen – kann Sonja Kovalevska zum Teil beleuchtet werden: durch Maria Bashkirtseff. Diese starb im Herbst 1884, und ihr Tagebuch erschien gerade in Sonjas erstem Jahr in Stockholm. Ich erinnere mich noch, wie Sonja betonte, daß Maria Bashkirtseffs Originalität überschätzt werde, weil Westeuropa nicht begreife, wie sehr diese Originalität mit ihrer Rasse zusammenhänge. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso gewiß ist es, daß sowohl die eine wie die andere der beiden Russinnen, die gleichzeitig Europas Interesse so stark beschäftigten, nicht nur die Eigenart der russischen Frau, sondern die des weiblichen Genies hatten. Dies zeigt sich in der Leidenschaft, womit Beider Seele sich auf einen Brennstoff nach dem anderen stürzte, ihn verzehrte und einen neuen suchte; in dem Mut, sich beständig neue Ziele zu setzen, und in der Kraft, sie unbeugsam zu verfolgen; in der Unersättlichkeit ihres Lebenshungers, in der Grenzenlosigkeit ihrer Sehnsucht!

Laura Marholm, die mit ihrer genialen Einseitigkeit sowohl in Anne-Charlotte Leffler wie in Maria Bashkirtseff, in Sonja Kovalevska wie in Ernst Ahlgren nur das Geschlechtswesen sah, hat dadurch keine von ihnen ganz verstanden. Wie bedeutungsvoll Laura Marholms Reaktion gegen den einseitigen Intellektualismus der Frauenrechtlerinnen auch war, ihre eigene erotische Einseitigkeit wurde ebenso irreführend. Denn allerdings erlangte die Erotik im letzten Teile von Sonja Kovalevskas, Anne-Charlotte Lefflers, Ernst Ahlgrens Leben entscheidende Bedeutung – und hätte sie vermutlich auch im Leben Maria Bashkirtseffs erlangt. Aber bei keiner von ihnen hätte die Liebe je den Schaffensdrang, die Wahrheitsleidenschaft, den Wissensdurst, die Verstandesschärfe – oder mit anderen Worten gerade jene Eigenschaften, die man männlich zu nennen pflegt – verdrängen können! Anne-Charlotte Lefflers Glück war es, daß sie von einem Manne ganz als Weib geliebt wurde, der zugleich auch diese ihre intellektuellen Wesenszüge liebte. Sonjas Unglück war, daß sie einen Mann liebte, der an ihr nur diese intellektuellen Vorzüge schätzte; Ernst Ahlgrens Tragik war, daß sie einen Mann liebte, der weder das Weib liebte, noch ihre intellektuellen Vorzüge schätzte.

So wenig Laura Marholm Maria Bashkirtseffs Tragödie richtig damit charakterisiert hat, daß sie die typische Tragödie des jungen Mädchens gewesen sei, ebensowenig hat sie die Sonja Kovalevskas richtig damit charakterisiert, daß sie wie das Weibchen klagend durch die Wälder irrte, nach dem Gatten rufend. Sonja konnte diesen, wenn sie nur selbst wollte, finden – wenn dies ihre Forderung gewesen wäre!

Ich habe gezeigt, daß dies nicht der Fall war. Und – wie ich hier Anne-Charlotte Lefflers Irrtum berichtige, daß Sonjas erotischer Konflikt der Konflikt zwischen dem Genie und der Liebe gewesen sei – will ich auch Laura Marholms Darstellung berichtigen.

Mit ihrem ganz außerordentlichen psychologischen Klarblick äußerte Sonja mitten während ihres erotischen Konfliktes, sie wisse wohl, daß die Intensität ihres Gefühles im Verhältnis zu der Schwierigkeit des Sieges stehe, den sie erringen wolle, und daß sie sich, wenn dieser einmal gewonnen war, vielleicht enttäuscht fühlen würde: auf keinen Fall hätte sie sich je auf die Länge durch die Liebe allein glücklich gefühlt. Sie mußte die Wissenschaft, die Schriftstellerei, die Gesellschaftsinteressen haben – mit einem Worte alles. Sie konnte freilich sagen – und im Augenblick auch meinen – daß sie gerne all ihr Genie für die Schönheit oder das Glück dieser oder jener Freundin hingäbe. Aber das bedeutet nicht, daß sie in Wirklichkeit ihr Genie hingegeben hätte: das bedeutet nur, daß sie – alles haben wollte!

In dieser Beziehung ist sie eine echte Slavin und eine echte Schwester Marie Bashkirtseffs. Keine Worte können auch Sonja Kovalevsky besser charakterisieren als die, mit denen Marie Bashkirtseff dem Tiefsten ihres Wesens den höchsten Ausdruck gab:

»Es will mir scheinen, als ob niemand alles ebensosehr lieben würde wie ich: Kunst, Musik, Malerei, Bücher, Verkehr, Kleider, Luxus, Lärm, Ruhe, Lachen, Schmerz, Melancholie, Scherz, Liebe, Kälte, Sonne; alle Jahreszeiten, alle Atmosphären, Rußlands stumme Ebenen und die Berge um Neapel; den Winterschnee, den Herbstregen, den Frühling und seine Tollheiten, die ruhigen Tage des Sommers und die schönen Nächte mit den leuchtenden Sternen … alles bete ich an und bewundere ich. Alles sind für mich interessante oder sublime Offenbarungen; ich wollte alles sehen, alles besitzen, alles umarmen, mit allem verschmelzen, und in zwei oder in dreißig Jahren sterben, wenn es notwendig ist; mit Jubel sterben, um dieses letzte Unbekannte zu erproben, dieses Ende von allem und diesen Anbeginn des Göttlichen.«

Sabina Heinsohn über das Wahrsagen und Ehrlichkeit im Leben

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Foto: Privat

Sabina Heinsohn arbeitet seit mittlerweile  über 10 Jahren erfolgreich als Hellseherin, Wahrsagerin, Reikimeisterin und Geopathologin. In ihren Beratungsgesprächen übersetzt sie persönlich und telefonisch die Energie der Seele.
Die Heilerin hat in verschiedenen Berufen gearbeitet, insbesondere im Mediengeschäft. Ihr privater Weg führte sie zu diverse Kulturen und in ferne Länder. In Brasilien bewahrheitete sich die Begegnung mit einem Amerikaner, der ihr den Weg zu den Hopi-Indianer in Arizona zeigte. Bereits der erste Kontakt zum Medizinmann sollte dabei ihr Leben völlig verändern.
Neben ihrer Gabe als Hellseherin und Kartenlegerin integrierte sie nach und nach schamanisches Wissen in ihren Alltag.  Auf Zypern lebend bestärkte sie ein sibirischer Heiler ihren Weg weiter zu gehen. Bedeutend und wegweisend allerdings war  ein Lichtkontakt, den sie bereits vor 18 Jahren hatte.

Im Interview erklärt sie uns, was Wahrsagen für sie bedeutet, wie sie es definiert und beschreibt Ihren Weg zum Geistigen Heilen.

Kartenorakel-242767_1280_AntraniasWie sieht Ihr Leben derzeit aus? Wie sind Ihre Pläne für den Rest des Jahres?
Zunächst würde ich die Frage gerne umformulieren. Wie sind Ihre Pläne für den Rest Ihres Lebens?
Ich habe lange Zeit in der freien Wirtschaft gearbeitet, habe verschiedene Berufe wie Werbegrafik, Kommunikationswirtin, Packungsgestaltung und Fotoredakteurin ausgeübt. Zum Ende (ich baute Gruner & Jahr die Fotoredaktion für die Gala auf) stellte ich jedoch nicht wirklich eine innere Zufriedenheit fest. Nein, ganz im Gegenteil. Meinem inneren Druck etwas wirklich Befriedigendes zu leisten, konnte ich nicht mehr widerstehen. Während einer längeren Reise lernte ich einen Amerikaner kennen, der mir den Weg zu den Hopi-Indianern eröffnete. Diese Begegnungen, so kann ich heute sagen, waren sicherlich ein maßgeblicher Anstoß für meine Entscheidung mich vor über 10 Jahren als spirituelle Lebensberaterin, Coach und Wahrsagerin selbstständig zu machen. Der einzige Plan für mein Leben ist, hierbei eine wirkliche Erfüllung zu finden und am Ende des Geschehens mit einer gewissen Zufriedenheit in den Spiegel schauen zu können.

Wie erklären Sie einem jungen Menschen, was Sie beruflich machen?
Aufgrund meines langjährigen Kontakts zu vielen Menschen, mit ihren täglichen Sorgen und Nöten, würde ich allen Menschen erklären, dass ich meine Arbeit als Wahrsagerin nicht nur auf Fragen des sogenannten passenden Partners/In beschränkt sehen möchte. Ich habe es mir zu Aufgabe gemacht, Menschen ihr Potential aufzuzeigen, um mutig selbstbestimmt ihr Leben im seelischen Einklang mit sich, der Umwelt und der Natur (Mutter Erde) zum Ausdruck zu bringen.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Wirkliche Erfüllung zu erleben, dass Menschen aufgrund meiner Arbeit ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen. In der Praxis bedeutet dies z. B. sich einer evtl. krankmachenden Jobsituation zu entziehen, eine energieraubende Partnerschaft neu zu bewerten, ein besseres Verständnis für das Verhalten des eigenen Kindes zu bekommen. Wir alle (und alles) sind miteinander verbunden. Negative Energie gibt es genug. Dabei freue ich mich über jeden, der anfängt im Gleichklang mit sich und unserem Planeten zu schwingen.

Traumfänger-902508_1280_OrangefoxHaben Sie Ihre Aufgabe gefunden oder hat diese Sie gefunden?
Ich bin der Meinung, wir alle haben uns etwas vorgenommen, bevor wir hier angetreten sind. Damit meine ich, dass wir alle schon x Leben gelebt haben. Auch ich habe lange nicht auf meinen „innere Ruf“ (Berufung) der Seele gehört. Es war ein langer Prozess und auch ich befinde mich ständig im Entwicklungs- und Lernprozess. Alles andere wäre auch vergeudet und irgendwie auch sehr langweilig.

Sie schreiben auf Ihrem facebook-Profil: Ich biete eine seriöse und ehrliche Beratung mit hoher Trefferquote Was meinen Sie damit?
Mit ehrlich und seriös meine ich, der/ dem Ratsuchenden nicht nach dem Mund zu reden, oder gar eine Hoffnung zu schüren, die nur eine kurzfristige Beruhigung darstellt. Wenn die Dinge/ Aussagen vorwiegend nur positiv getroffen werden, rate ich kritisch hinzuschauen. Veränderungen tun oft weh und vor allem kommt ein Verlassen der eigenen Komfortzone teils sehr schwierig an. Flapsig sage ich < mir wächst kein Gras aus der Mütze> aber ich kann durchaus sagen, dass Menschen die Bereitschaft zeigen ihrer Botschaft (dabei betrachte ich mich als Vermittler) zu folgen, eine sehr hohe Quote aufweisen ihr Leben ins Positive zu wandeln.

Wie funktioniert wahrsagen?
Ich bekomme Bilder die ich sofort übersetze. Woher diese kommen kann ich nicht beantworten.

Ich kenne die Serie „The Mentalist“. Dort wiederholt der Hauptdarsteller immer wieder, dass es Wahrsagen nicht gäbe. Jeder, der aufmerksam ist, könne das, was als solches bezeichnet würde, auch leisten. Wie denken Sie darüber?
Die Serie habe ich nie gesehen, aber ich bin auch der Meinung, dass sehr viele Menschen dies können, oder besser gesagt könnten. Ich lehne ein gewisses Guru-Verhalten ab. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Meine Erfahrung zeigt mir, dass da bei vielen Menschen ein hohes Defizit herrscht.

Nostradamus (1503-1566), Marie-Anne Lenormand (1772-1843), Edgar Cayce (1877-1945), Madame Buchela (1899-1986), Aleister Crowley (1875-1947) sind Wahrsager, die in die Geschichte eingegangen sind. Sie wurden teils von Kirchenfürsten bekämpft. Es brauchte einen langen Weg bis heute der Zugang dem gemeinen Volk zugänglich wurde.

Wie funktioniert eigentlich das Geschäft an sich? Wie finden sich Kunden? Kalkulieren Sie Ihre Honorare? Haben Sie einen Businessplan erstellt?
Der schönste Neukundenkontakt ist immer eine Empfehlung. Um auf mich und meine Seite im Netz aufmerksam zu machen, bedarf es natürlich bei dem heutigen Massenangebot der Werbung. Dabei möchte ich deutlich festhalten, reich wird man dabei nicht, aber reich an Erfahrung und erfüllender Dankbarkeit.

Wie würden Sie Ihre Entwicklung von den Anfangszeiten zu Heute beschreiben?
Aufgrund meiner Neugier und meiner Bereitschaft immer Neues zuzulassen, empfinde ich meine Entwicklung bei heutiger Rückschau konsequent und bereichernd. Dass dies nicht ohne „Aua“ und seelischen Schmerz geschehen kann, ist mir heute natürlich mehr bewusst. Ich empfinde meine persönliche Entwicklung als eine Zurückeroberung meines Seins. Meine Erfahrungsschatz fließt heute natürlich in meinen Beratungen immer ein.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit und was überhaupt nicht?
Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und liebe den Kontakt zu meinen Klienten. Dass ich dabei Hilfestellung geben darf, freut mich und erfüllt mich Ich habe es mir seit langer Zeit angewöhnt, mich von Menschen und Situationen zu trennen, die ich nicht mag und die mir nicht gut tun, oder mich schlicht energetisch auslutschen.

Was bezeichnen Sie als Ihre besonderen Fähigkeiten?
Als meine wirklich besondere Fähigkeit nehme ich mein unerschütterliches Vertrauen in eine höhere Instanz.

Sind bei Ihrer Arbeit auf Ihrer Seite Gefühle im Spiel? Oder versachlichen Sie das Gespräch mit Ihren Kunden?
Für eine neutrale Sicht blende ich meine persönlichen Gefühle weitgehend aus, was mir jedoch auch nicht immer gelingt, und berate eher sachlich. Ich verlasse mich jedoch bei dem Gesprächsverlauf sehr auf meine Intuition. Meiner Erfahrung nach kann durch Humor jedoch eine gewisse Barriere fallen und vieles leichter angenommen werden.

Was muss jemand mitbringen, um in diesem Metier erfolgreich zu sein?
Als Basis sollte man ein Menschenfreund sein, Standhaftigkeit und Mut mitbringen, Menschen auch Dinge zu sagen, die nicht immer nur „rosarot“ erscheinen.

War das Ihr Traumberuf? Was würden Sie beruflich gern machen, wenn Sie frei wählen könnten?
Obwohl ich diese Gabe seit meiner Kindheit habe, habe ich nie davon geträumt. Ehrlicherweise muss ich sagen, hätte man mir dies vor 30 Jahren gesagt, hätte ich es nicht geglaubt. Alle meine Berufe habe ich erfolgreich mit Herz und Seele gefüllt. Mein Traumberuf war nie dabei. Ich würde meine heutige Arbeit nie aufgeben. Wenn ich jedoch noch mal ganz von vorne anfangen könnte, würde ich in Richtung Meeresbiologie, Astronomie und Physik gehen.

Traumfänger-902508_1280_OrangefoxSie sind ja schon länger „dabei“. Gibt es noch einen Traum (oder zwei, oder drei), den Sie sich noch erfüllen möchten?
Mein „Traum“ und ich denke, es ist kein Traum, da die gesamte Menschheit sich in einem Aufwachprozess befindet, ist es, das alle Regierungen, alle selbsternannten Vertreter Gottes auf unserer Welt endlich die Wahrheit sagen in Bezug auf unsere Geschichte, dass alle Volksvertreter dieser Welt endlich aufhören aufgrund von Ego und Profitgier ihre Bevölkerung zu unterdrücken und Kriege zu installieren. Ich wünsche mir, dass endlich unsere tierischen Mitbewohner dieses Planeten Achtung erfahren. Ich wünsche mir, dass man den indigenen Weisen endlich Gehör schenkt. Und ich wünsche mir, dass die, die sich momentan noch auf der sogenannten dunklen Seite befinden, das „Licht“ eintreten zu lassen. Wir alle haben dadurch mehr oder weniger gelernt. Jetzt ist die Zeit. Im Tarot gibt es einen Satz: Durch den Teufel zum Licht.

Hier geht es zur Website von Sabina Heinsohn.

Porträtfoto: Sabina Heinsohn

Songwriterin Christina Lux über ihre Musik, Inspiration und das Bühnenleben

Marc Hofmann und Sascha BendiksGäste: Jess Jochimsen & Christina Lux (Köln) & Titus Waldenfels/Michael Reiserer (München)www.dasliedzumsonntag.com
Marc Hofmann und Sascha Bendiks Gäste: Jess Jochimsen & Christina Lux (Köln) & Titus Waldenfels/Michael Reiserer (München) www.dasliedzumsonntag.com

Die Lux, wie sich selbst nennt,  steht seit 30 Jahren auf den Musikbühnen der Republik. Ihre Stilrichtung umschreibt sie mit Acoustic – Soul – Folk – Philosophies. Besonders ihre in deutsch gesungenen Lieder wirken so intim, dass man das Gefühl hat, Christina Lux singt für einen ganz allein. Neben ihrem Leben als Musikerin gibt sie seit Jahren Workshops in Songwriting. 

Im Interview beschreibt die Liedermacherin  ihr Leben mit der Musik, was ihr besonders an ihren Workshops gefällt und gibt einen kleinen Einblick in die Situation der Musikbranche:

Wie sieht Dein Leben derzeit aus? Wie sind Deine Pläne für den Rest des Jahres?
Es stehen noch etwa 25 Konzerte an und dann erst einmal dringend Pause machen.  😉

Was empfiehlst Du Menschen, die ein Instrument erlernen wollen?
Einfach ausprobieren und immer darauf achten, ob es Freude macht. Nicht jedes Instrument passt jedem.

Was macht man, wenn man musikalisch ist, aber keine Noten lesen kann?
Dann macht man es wie ich und lernt ohne Noten nach Gehör. ‚Trial and error‘ ist nicht das schlechteste Prinzip. Dennoch hilft ein wenig Wissen im Zusammenspiel enorm.

Hast Du Lampenfieber? Wie gehst Du damit um?
Manchmal ja, manchmal nein. Da muss man einfach durch. Am besten weiter atmen und daran denken, dass es meist nach den ersten Tönen vergeht.

Ich musste als Kind Gitarre lernen; seit dem hasse ich dieses Instrument. Hast Du einen Tipp, wie ich mich dem wieder annähern könnte? Es ist schließlich ein sehr praktisches Instrument, welches sich leicht transportieren lässt.
Das lernen müssen ist ein Graus. Such dir jemanden, bei dem es wirklich Freude macht zu lernen. Es gibt auch so viele Tutorials im Netz. Probier es einfach aus.

Kannst Du Deine Konzertatmosphäre mal beschreiben?
Da muss ich passen, weil das natürlich immer sehr unterschiedlich ist. Was sich immer ähnelt ist die schöne Lauschatmosphäre. Ich bin „story teller“ und das ist es auch, was die Leute, die zu mir kommen schätzen.

Wie entstehen Deine Songs?
Auch so eine Frage, die sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. Meist muss ein Thema in mir solang brennen, bis es ein paar Worte auf ein Blatt Papier wirft und dann geht es weiter. Die Akkorde kommen dann meist schnell dazu. Es geht aber auch andersherum. Erst die Musik und dann der Text.

Wie wichtig ist Dir Feedback beim Komponieren? Holst Du Dir welches oder brauchst Du kreative Ruhe?
Meist schreibe ich für mich und das feedback kommt erst, wenn es Auftritte mit der Band gibt oder ich an die neue Platte gehe. Ich muss runterkommen zum Schreiben.

Wie schätzt Du die Situation auf dem Musikmarkt ein? Allgemein und für Dich?
Ich habe Glück, dass es mich schon seit 30 Jahren gibt. Neuanfänger haben es schwer. Es ist ein massives Angebot da und man muss seine Nischen finden. Das ist nicht ohne. Da ich bisher immer alles selbst gewuppt hab, weiß ich was für ein Kraftakt das ist, zu bleiben. Du weißt nie, was kommt, wenn deine neue CD rauskommt. Kann sich bewegen oder auch nicht. Ohne Live zu spielen, gäbe es mich schon nicht mehr. Das Internet ist Fluch und Segen. Es ist alles möglich und nichts. Du kannst darin verschwinden oder plötzlich in Bewegung kommen. Leider haben alle gepennt, als es darum ging, wie man nun Musik auch gegen Bezahlung verbreitet und ein Wertgefühl erhalten bleibt. Solange ich Live-Publikum habe, wird es mich geben.

Die Lux
Die Lux – Foto: Privat

Was ist Deine persönliche Lieblingsmusik?
Ui, ich mag alles, was mein Herz berührt. Und das kann sehr unterschiedlichen Genres angehören. Ich mag keine kalte Musik, ich mag tolle Stimmen und innige Texte. Man kann mich aber genauso mit schöner Instrumentalmusik erreichen.

Wenn ich an Musiker auf der Bühne denke, muss ich auch an die ewigen Geschichten um Groupies denken. Wie sieht das bei Songwritern aus? Gibt es da die Kulturgroupies, die dem Star bei Wein und Küchentischphilosophie nahe sein möchten? Oder gibt es da keine Unterschiede zu den Rock’n Rollern?
Groupies sind was für Stars. Da wo ich mich bewege findest du so etwas eher weniger.

Was ist leichter? Gefühle durch Text oder durch Melodien auszudrücken?
Kann man nicht sagen. Geht beides, kann beides.

Wie würdest Du einem tauben Menschen Deine Musik greifbar machen?
Ich denke ich brächte einen Übersetzer für die Texte und eine dicke Bassbox.

Was Vorteile hat es allein auf der Bühne zu stehen, im Gegensatz zur Band?
Du bist sehr frei im Arrangement, in der Time. Du kannst dich ohne Rücksicht auf alles einlassen, was da kommt. Und da ich auch gern mal improvisiere, ist das der Vorteil.

Kennst Du noch Tracy Chapmann (Talking about a revolution)? Sie wurde ja berühmt, als sie beim Nelson Mandela Tribute Concert 1988 kurzfristig einen ausgefallenen Musiker ersetzen sollte. Stell Dir vor, Du wärest in der gleichen Situation. Was würdest Du machen? Welche Lieder von Dir würdest Du spielen?
Das war ein solcher Glücksfall für sie. Hammer. ich würde die Songs spielen, die mir ganz nahe sind. Da weiß ich bin ich am intensivsten.

Du bietest auch Workshops an, in denen Ich lernen kann, Songs zu schreiben. Was magst Du besonders daran, Menschen dabei zu helfen ihre Gefühle mit Musik auszudrücken?
Ich mag besonders daran, dass jeder diese Türen hat. Nur weiß er oft nicht, wie man sie öffnet. Die Kreativität in jemandem freizuschaufeln, ist ein faszinierendes Geschenk. Zu sehen, wie die Leute sich entdecken und es ihnen eine Riesenfreude macht, was sie tun ist toll. Und das hat gar nichts mit Qualität zu tun. Es geht nur um das Schreiben und erzählen an sich. Genau da, wo jemand mit seinen Möglichkeiten fließt, entsteht etwas wirklich Authentisches und Schönes.

Kann es sein, dass diese Workshops auch häufig eine Art Turbo für die persönliche Entwicklung sind? Was für Feedback erhältst Du von Deinen Teilnehmern?
Mir hat es gezeigt, dass ich auch als Autodidakt durchaus so einige Werkzeuge am Start habe, die ich so erst richtig gesehen habe. Und das feedback ist wirklich sehr wohltuend. Man kann einiges davon auf meiner Webseite lesen.

Du stehst ja schon sehr lange auf der Bühne. Gibt es noch einen Traum (oder zwei, oder drei), den Du Dir noch erfüllen möchtest?
Ich würd nächstes Jahr gern noch einmal eine schöne Platte machen. Es ist 2015, ich werde 50. Alles fühlt sich nach etwas an, dass sich abrundet. Dafür hätte ich gern ein wenig den Rücken frei. Ich werde wahrscheinlich wieder ein kleines Crowdfunding machen und wünsche mir, dass sich alles findet und das die weiterhin Menschen Freude am Luxlauschen haben.

Fotos  © Christina Lux

Jörg Schulenburg | Über das Musikmachen

Jörg Schulenburg
Jörg Schulenburg

Bist Du ein musikalischer Mensch?
Musik ist seit meiner Kindheit ein fester Bestandteil meines Lebens. In der ersten oder zweiten Klasse machten wir einen Schulausflug ins Kulturhaus von Wittenberge, wo wir ein Orchester hörten und die verschiedenen Instrumente kennen lernten. Das war für mich wohl der Auslöser, dass ich auch ein Instrument lernen wollte. Auch in meiner Familie war Musik immer gegenwärtig. Mein Opa leitete jahrzehntelang den Gemeindechor der Schweriner Baptisten und hatte sich das Geigespiel selbst beigebracht. Die Stimmen spielte er den Sängern auf der Geige vor.

Das erste Instrument, was ich an der Musikschule lernte, war die Blockflöte. Dazu bekam ich gleich einen ganzen  Sack von Grundlagen, denn Notenlehre wurde in der DDR-Musikschule als extra Fach für jeden Schüler unterrichtet.  So vorgebildet war es für mich pippifax, wie wir  in der Grundschule mit Silben und Handzeichen (do, re, mi, …) ans Notenlernen herangeführt werden sollten. Ein erweitertes musikalisches Verständnis oder gar die Förderung des Vom-Blatt-Singens, welche durch die Solmisation bewirkt werden soll, konnte ich damals bei keinem meiner Klassenkameraden beobachten. Nach der Blockflöte lernte ich etwa ein dreiviertel Jahr das Geigespielen, konnte aber mit der Griffhaltung nicht warm werden. Mein Arm war dabei zu verspannt. Also wich ich auf die Oboe aus, welche mir auch gefallen hatte. Dieses Instrument lernte ich etwa 3 oder 4 Jahre und spielte es im Musikschulorchester und im Blasorchester des Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) Wittenberge, in dem ich nach der POS (10-klassige Schule der DDR) meine Ausbildung zum Zerspanungsfacharbeiter machte und dann noch 2 Jahre arbeitete. Neben dem Instrumentalspiel sang ich auch im Gemeindechor und später im DDR-Jugendchor imPuls, der zwischen 1986 und 1990 mehrere Tourneen durch die DDR und verschiedene Länder der sozialistischen Bruderstaaten machte. Einen örtlichen Kirchenjugendchor von Baptisten und Landeskirchlern habe ich in Wittenberge in den 1980er Jahren geleitet und dirigiert.

Um nun auf deine Frage zurück zu kommen: Ich würde mich als musikalisch bezeichnen. Mein Klassenleiter in der 5.-10. Klasse bezeichnete mich gerne mit dem Spitznamen „Generalmusikdirektor“.

Wie bist Du dazu gekommen, Klavier zu lernen? Gibt es eine Geschichte dazu?
Solange ich mich erinnern kann, habe ich mit meinen Fingern Melodien geklopft, wenn ich ein Lied oder eine Melodie vor mir her summte; ohne dass es bestimmte Noten waren, die ich mir dabei vorstellte. Als Kind hatte ich auch den Traum gehabt, einmal Orgelbauer zu werden. Bedingung wäre aber gewesen, dass ich Klavierspielen könnte, was aber nicht der Fall war. Grundsätzlich hat mir – so weit ich mich erinnere – aber meine extreme Kurzsichtigkeit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Brillenträger waren wohl in diesem Beruf nicht erwünscht.

Ich war eigentlich immer fasziniert von der Fähigkeit der Pianisten, mich zu begleiten, wenn ich Oboe spielte. Auch für den Chorgesang war das Klavier eine perfekte Unterstützung. Aber irgendwie fehlte mir die Möglichkeit. Wir hatten kein Klavier zu Hause, hätten uns auch keines leisten können, geschweige denn den Platz dafür gehabt. Also nahm ich es, wie es war, und dachte gar nicht darüber nach, was wäre wenn…

Warum ausgerechnet Klavier?
In der Woche vor meinem 41. Geburtstag (am 21.2.2011) besuchte ich das Musikhaus Althen und Klausen in Schwerin. Während ich in dem Laden war, spielte der Verkäufer anderen Kunden etwas auf verschiedenen E-Pianos vor. Wieder einmal war ich fasziniert von dem Klang und den Möglichkeiten dieses Instruments. Kurze Zeit davor war meine liebe Mutti an einem furchtbaren Hirn-Krebsleiden gestorben, und ich hatte aus der Erbschaft etwas Geld zur Verfügung. Also überlegte ich nicht lange, sondern fasste den Beschluss, so schnell wie möglich mit dem Klavierlernen zu beginnen und mir ein E-Piano dafür zu kaufen. Schon eine Woche später hatte ich meine erste Klavierunterrichtsstunde bei Barbara Sielaff (in Hamburg), welche ich über Google gefunden hatte. Das E-Piano kam dann ein paar Tage später bei mir an. Vorher nutzte ich noch das Klavier zum Üben, was in der Aula der Schule herum stand, in welcher ich als Horterzieher arbeitete.

Wie sind Deine bisherigen Erfahrungen mit dem Lernen?
Ich denke mal, dass du das Lernen des Klavierspielens meinst. Schon in der ersten Unterrichtsstunde wurde ich von Barbara ordentlich gefordert. Als wir geklärt hatten, dass ich schon Noten lesen kann, aber keine Noten dabei hatte, meinte sie, dass sie schon ausreichend Noten hätte, so dass wir auch etwas Passendes finden würden. So begann ich mit dem Üben von „Leilas Theme“ aus dem Film Barfuß. Als Barbara meinte, dass es schon ganz gut ging – in der ersten Stunde – sollte ich dann auch gleich noch versuchen, ob ich das Pedal dazu bedienen könne. In meinem Kopf ging aber erst mal alles ganz schön durcheinander. Jetzt musste ich also gleich noch den Fuß mit beiden Händen koordinieren. Aber mit ein bisschen Übung ging das dann auch.

Bei der Auswahl der Noten hatte ich immer das Ziel vor Augen, nicht auf der Stelle zu treten. Also ließ ich mich – wieder bei Althen und Claussen in Schwerin – beraten und wählte mir ein Buch mit Übungsstücken mit wachsendem Schwierigkeitsgrad (Anne Terzibaschitsch: Tastenträume) und ein Buch mit relativ leichten Vorspielstücken, welches meinen Geschmack traf (Country Rock und Western – Piano Keyboard – easy to play). Beides zusammen war ein guter Einstieg und ich kam schnell mit dem Lernen voran. Jede Woche ging ich zum Unterricht und täglich übte ich. So hatte ich schon schnell ein recht großes Repertoire an Stücken gelernt.

Welche Etappenziele hast Du bisher erreicht?
Eine Herausforderung, aber auch ein Höhepunkt waren die Schülerkonzerte, welche Barbara Sielaff halbjährlich für ihre großen und kleinen, jungen und älteren  Schüler durchführte. Meine Nervosität war immer groß. Doch trotzdem war es ein gutes Gefühl, zu demonstrieren, was ich bisher gelernt hatte, und zu sehen, wie es die anderen Schüler angingen.

Schon im Oktober 2012 begann ich meinem Nachbarn Unterricht auf dem Klavier zu geben. Er hatte gehört, wie ich das Stück „Rondo alla Turca“ von Wolfgang Amadeus Mozart übte, und da er Türke ist und sich für klassische Musik begeistert, wollte er das auch gerne lernen. Einige Zeit später bekam ich dann noch eine zweite Klavierschülerin, welche jetzt schon seit fast 2 Jahren dabei ist. Sie lernt das Klavierspiel ganz klassisch von Anfang an, während mein Nachbar sich gleich Stücke raussuchte, an denen er zwischendrin auch wieder scheiterte, weil sie für ihn dann doch zu schwer waren.

Wie gehst Du mit „Niederlagen“ um? Manchmal hat man ja so Tage…
Im Dezember 2012 entschied ich mich, mir nun das größere Tasteninstrument – die Orgel – vorzunehmen, und mir einen Lehrer zu suchen, bei dem ich das Instrument spielen lernen könnte. Vom Klavierunterricht meldete ich mich gleichzeitig ab. Nachdem ich ein paar Stunden Unterricht bei dem Kantor Paul Fasang genommen hatte wurde ich von der fehlenden Möglichkeit, regelmäßig an der Orgel zu üben, und von meinen erschöpften finanziellen Mitteln gezwungen, den Traum vorerst aufzugeben.

Ich behalte den Traum sicherlich im Hinterkopf, bemühe mich aber nicht, etwas zu erzwingen. Beständigkeit und Ausdauer sind meine „Geheimwaffen“.

Hast Du Tipps für Anfänger? Bez. Stückauswahl, Technik, etc.
Anfängern wünsche ich einen Lehrer oder eine Lehrerin, die wie Barbara Sielaff auf die Wünsche und Geschmäcker ihrer Schüler eingeht und nicht steif vorgibt, was der Schüler zu spielen hat. Dann kann der Anfänger mit dem Lehrer klären, ob etwas schon machbar ist oder eher noch nicht. Zur Not lehrt auch der Versuch, einen Gang zurück zu schalten.

Ansonsten ist Beharrlichkeit beim Üben das einzige Mittel, Hürden zu nehmen und Ziele zu erreichen.

Beitragsfoto: Jörg Schulenburg