Kategorie: Karriere

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

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Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Martin Wehrle: „Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen“

Martin Wehrle ist, laut dem Magazin Focus, Deutschlands bekanntester Karriereberater. Seine inzwischen weltweit erschienenen Bücher sind Besteller. Nicht nur dank seines humorvollen, scharfzüngigen Schreibstils in Sachbüchern wie „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?“ ist Martin Wehrle hierzulande eine bekannte Größe. Der Autor, Coach und Karriereberater hat im Laufe seiner eigenen Karriere auch schon eine Menge miterlebt – Erfahrungen, die er in seinen Publikationen mit einer breiten Leserschaft teilt. „Der Blaue Ritter“ sprach mit dem vielseitigen Hamburger über seinen Berufsalltag, Todsünden in deutschen Führungsetagen und seine neuesten Buchprojekte – natürlich nicht ohne ein leichtes Augenzwinkern.

Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)
Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)

Der Blaue Ritter: Buchautor, Coach und Berater im Unternehmen – beschreiben Sie doch kurz Ihre berufliche Laufbahn!

Martin Wehrle: Ich bin von Haus aus Journalist, war Mitglied in Chefredaktionen und habe dann zwei Abteilungen für einen Lifestyle-Konzern aufgebaut und geleitet. Danach habe ich mich selbständig gemacht als Karriere- und Gehaltscoach und damit begonnen, Bücher zu schreiben. Einige davon sind große Erfolg geworden, vor allem „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ – es stand über 150 Wochen lang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

Der Blaue Ritter: Wie sieht Ihr Berufsalltag konkret aus? 

Martin Wehrle: Ich berate Menschen in Karrierefragen, schreibe und recherchiere, halte Vorträge (zum Beispiel über Führungskultur) und bilde andere Karriereberater aus. Menschen lassen sich u.a. von mir unterstützen, wenn sie im Beruf vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Soll ich Führungsverantwortung übernehmen – oder besser auf der Fachebene Karriere machen?“. Ähnlicher Bedarf entsteht, wenn jemand eine schwierige Verhandlung vor sich hat oder einen neuen Arbeitsplatz sucht.

Der Blaue Ritter: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Ihr erstes Sachbuch zu schreiben?

Martin Wehrle: Als Vorgesetzter habe ich selbst Gehälter verhandelt und erlebt, wie schlecht sich einige Mitarbeiter dabei verkaufen – oft die besten und fleißigsten. Deshalb wollte ich mein Chefwissen zu Gehaltsverhandlungen an Mitarbeiter weitergeben, sozusagen der Bericht eines Spions von der Verhandlungsfront. Auf dieser Idee basierte mein erstes Buch „Geheime Tricks für mehr Gehalt – Ein Chef verrät, wie Sie Ihren Chef überzeugen“.

Der Blaue Ritter: Als Coach und Unternehmensberater haben Sie schon eine Menge gesehen und erlebt. Können Sie sich an ein oder zwei wirklich absurde Erlebnisse erinnern?

n seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)
In seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)

Martin Wehrle: Genau solche Erlebnisse habe ich in meinem Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ festgehalten. Zwei Beispiele: Der Niederlassung eines Konzerns geht im November das Papier aus, aber der Etat dafür ist auch schon verbraucht. Man fordert aus der Zentrale einen Zusatzetat an. Doch der wird nicht bewilligt. Also verwenden die Mitarbeiter für ihre normalen Ausdrucke das Briefpapier, denn davon ist noch genug da. Die Folge: Bald geht auch das Briefpapier aus. Also steht ein angesehenes Unternehmen Anfang Dezember da und kann keine Rechnungen mehr stellen und keine Briefe mehr schreiben – es fehlt ja das Papier. Schließlich kaufen leitende Angestellte auf eigene Rechnung nach.

Oder: Die Mitarbeiterin eines Telekommunikationskonzerns liest morgens in der Zeitung, dass ihr Konzern am Vortrag eine Bombendrohung hatte. Um 12.30 Uhr hätte ein Sprengsatz in der Zentrale explodieren sollen. Zum Glück habe sich die Drohung als Scherz herausgestellt. Das Problem: Niemand war auf die Idee gekommen, das Gebäude zu räumen. Lieber hätte man die Mitarbeiter in Rauch aufgehen lassen als ein paar Minuten Arbeitszeit.

Der Blaue Ritter: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler und Irrtümer aus den Führungs- und Manageretagen?

Martin Wehrle: Die Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass sie das wahre Kapital des Unternehmens sind. Ihr Wissen macht eine Firma aus. Sie haben jeden Tag mit den Kunden zu tun, bieten Produkte und Dienstleistungen an, erhalten zuerst die Rückmeldungen des Marktes. Genau dieses Wissen fehlt oft, wenn Manager am grünen Tisch entscheiden. Mitarbeiter werden noch viel zu wenig einbezogen.

Der Blaue Ritter: In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft der Wirtschaft anderer Länder voraus und wo können wir noch von anderen lernen?

Martin Wehrle: Die deutsche Wirtschaft profitiert von ihrem weltweiten Ruf: Sie gilt als zuverlässig und solide. Nur ist dieser Stern am Sinken, da in Deutschland viel zu wenig Unternehmen gegründet und an den Weltmarkt geführt werden. Schauen Sie einmal die DAX-Liste an: Dort stehen kaum Unternehmen, die es nicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hätte. Ein Grund für diese Innovationshemmung ist ein übertriebenes Fehlervermeidungsdenken. Mitarbeiter fürchten Fehler so sehr, dass sie oft nichts wagen, gute Ideen für sich behalten. Ebenso geht es mit Gründungsideen.

Der Blaue Ritter: Stichwort Familienfreundlichkeit – wie schätzen Sie da den Unternehmensgeist in Deutschland ein?

Martin Wehrle: Völlig überholt. Wenn ein Mann Vater wird, stört sich zwar keiner daran, im Gegenteil: Er gilt dann als sichere Bank für die Firma, schließlich muss er das Geld für die Familie verdienen. Aber eine Frau in derselben Situation wird noch immer wie ein Atomreaktor mit Restlaufzeit behandelt: Man hängt sie langsam ab vom Karrierenetz. Man tut so, als wäre eine Entscheidung für ein Kind zugleich eine Entscheidung gegen die Karriere. Dabei lässt sich beides wunderbar kombinieren.

Der Blaue Ritter: Inwiefern lassen sich da noch Prozesse verbessern?

Martin Wehrle: Zum Beispiel müssen die Firmen erkennen, dass es nicht auf Anwesenheit ankommt, sondern auf Leistung. Warum gibt es immer noch kaum Führungskräfte, die nur zwei oder drei Tage die Woche arbeiten? Halten wie Chefs und Chefinnen immer noch für Aufseher, die ihren Mitarbeitern auf die Finger schauen müssen? Oder erkennt man eine funktionierende Abteilung nicht gerade daran, dass sie auch ohne die Führungskraft funktioniert? Ich kenne Frauen auch außerhalb der Führungsebene, die in vier Stunden pro Tag mehr leisten als manche Vollzeitkraft. Warum bekommen sie nur ein halbes Gehalt?

Der Blaue Ritter: Wie viele Bücher haben Sie bereits herausgebracht – und haben Sie ein aktuelles Buchprojekt am Laufen?

Martin Wehrle: Ich habe über 30 Bücher geschrieben: populäre Sachbücher, Fachbücher über Coaching und Bücher über mein liebstes Hobby, das Angeln. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch darüber, wie Menschen, die vor dem Sprechen denken, unter anderen Menschen bestehen können, die es umgekehrt halten – also vor dem Denken sprechen.

Der Blaue Ritter: Martin Wehrle privat – wie würden Freunde und Familie Sie charakterisieren?

Martin Wehrle: Als einen Menschen, der alles, was er anpackt, mit großer Hingabe tut; als einen, der es liebt, andere beim persönlichen Wachstum zu begleiten; als einen, der mindestens zehn Bücher auf seinem Nachttisch liegen hat (und an dreien gleichzeitig liest); und auch als einen, der die Natur liebt, sich im Stillen freuen kann und nicht zwangsläufig Lärm, Rummel oder Ruhm bräuchte.

Der Blaue Ritter: Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben, arbeiten oder Vorträge halten?

Martin Wehrle: Ich fahre gerne zum Angeln. Ich liebe es, an einem stillen See zu sitzen, wenn der Morgennebel dampft und die Sonne ihn ganz allmählich mit ihren zarten Strahlenfingern zerstreut. In der Ferne rufen ein paar Kraniche, ein blauer Eisvogel blitzt über dem Wasser auf, und ein paar Ringe an der Wasseroberfläche verraten, dass es hier tatsächlich Fische gibt. Solche Momente machen mich glücklich.

Der Blaue Ritter: Wenn Sie die Welt verändern könnten – was würden Sie zuerst tun?

Martin Wehrle: Ich würde eine Hass-Entsorgungs-Anlage errichten, durch die alle Menschen geschleust würden. Immer wieder bin ich entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun – ich denke dabei vor allem an die Terroristen des Alltags: die Mobber, die sadistischen Vorgesetzten, die Stalker, die Lästerer, die Hass-Poster im Internet. Letztlich müssen Menschen lernen, sich selber zu lieben. Nur wer sich selbst akzeptiert und liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Davon handelt mein aktuelles Buch „Sei einzig, nicht artig – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen“.

Der Blaue Ritter: Welche Tipps und Ratschläge würden Sie jungen Menschen für ihren Berufseinstieg auf den Weg geben?

Martin Wehrle: Denkt nicht an euren Lebenslauf und an die Erwartungen der anderen, denn ihr habt nur dieses eine Leben: Hört auf euer Herz! Fragt euch, welcher Beruf euch glücklich machen kann, wo ihr euch entwickeln könnt, wie ihr vielleicht sogar ein Hobby oder einen Teil davon zum Beruf machen könnt. Wer zum Beispiel fürs Leben gerne liest, kann in der Verlagsbranche Erfolg haben. Wer gerne Homepages programmiert, sollte sich fragen, ob die Informatik interessante Chancen bietet. Also nicht nach dem Arbeitsmarkt gehen – sondern nach den eigenen Bedürfnissen. Und: Gestattet euch Fehler und Fehlentscheidungen – oft lernt man bei Umwegen am meisten nicht nur über die Landschaft, sondern auch über sich selbst.

Der Blaue Ritter: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mitteilen?

Martin Wehrle: Das Motto, das ich meinem Buch „Sei einzig, nicht artig!“ vorangestellt habe: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.“ Ein Zitat von George Bernard Shaw.

Das Interview führte „Cats Couch“-Kolumnistin Anna Katherina Ibeling.

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Martin Wehrle

Foto: © A. Heeger
Foto: © A. Heeger

Martin Wehrle war Führungskraft in einem Konzern, ehe seine Erfolgsstory als Karrierecoach begann. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg und bildet Karrierecoachs aus. Er hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, bei Econ zuletzt den aktuellen Bestseller „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ (2012).  Quelle: ullstein buchverlage

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Solo und Selbstständig = Allein und Arm?

Solopreneur - Foto: Jana Schultz - Illustration: !so?
Solopreneur – Foto: Jana Schultz – Illustration: !so?

In den vergangenen 20 Jahren haben sich immer mehr Menschen selbstständig gemacht. Insbesondere die Zahl der so genannten Solopreneure stark angestiegen. Solopreneur bedeutet: auf eigene Rechnung, mit vollem wirtschaftlichen Risiko und ohne weitere Angestellte. Laut DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) Berlin ist die Anzahl um ca. 40 % auf etwa 2,6 Millionen angewachsen. Das bedeutet: rund 57 % aller Selbstständigen in Deutschland arbeiten allein. Die Studie zeigt weiter, dass sie im Durchschnitt besser qualifiziert sind als die Gesamtheit der Erwerbstätigen, allerdings nicht unbedingt besser verdienend. Ein Teil der Solopreneure erzielt ein durchaus überdurchschnittlich hohes Einkommen, doch mehr als ein Drittel kommt nicht über das Niveau des Niedriglohnsektors hinaus.
Daraus ergibt sich ein Problem: viel der Selbstständigen könne oder wollen keine finanziellen Rücklagen bilden.  Dadurch nehmen sie sich der Möglichkeit Auftragsflauten zu überbrücken oder für’s Alter vorzusorgen. Daher ist die Gefahr der Altersarmut bei Solopreneuren verbreitet, so die Studie. 
Die schlechten finanziellen Aussichten sind für viele der Grund dafür, die Selbstständigkeit nur als Etappe zu sehen; mit dem Ziel (darüber) wieder eine Festanstellung zu finden. In einer zur Studie gehörenden Umfrage geben nur 55% an, nach 5 Jahren noch selbstständig zu sein. Eine weitere Erkenntnis: wer selbstständig bleibt, arbeitet auch weiterhin allein. Nur ein Zehntel der Befragten hatte nach 5 Jahren Angestellte.

Ein weiterer Anstieg der Selbstständigenzahlen sei allerdings nicht  unbedingt wünschenswert, wie Analysten mahnen. Solopreneure erweisen sich nicht als Jobmotor, da viele aus einer Notsituation heraus selbstständig würden und daher jede Gelegenheit nutzen würden um wieder als Angestellte zu arbeiten. Oftmals würden einfach nur Funktionen aus deiner Festanstellung ausgelagert und dem entsprechend agieren Solopreneure auch: als verkappte Angestellte, die zudem bereit sind,  das wirtschaftliche Risiko zu tragen. Eine sehr bequeme Angelegenheit für größere Unternehmen ihre eigenen Risiken zu minimieren.