Kategorie: Im Porträt

Wilhelm Busch – Egon Friedell

Wilhelm Busch

Wie der deutsche Bürger in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ausgesehen hat, werden spätere Zeiten nur von einem Meister zuverlässig erfahren, der auf seine Weise auch eine Art »Gesamtkunstwerk« geschaffen hat: von Wilhelm Busch. Über ihn ist aber schwer etwas zu sagen. Ludwig Speidel bemerkt einmal über den Schauspieler Fichtner: »Sonst ist der Tadel die Handhabe, an der man auch das im Grunde Vortreffliche zu ergreifen pflegt; Fichtner aber, als eine durchaus abgerundete Erscheinung, ist so schwer zu fassen wie eine Kugel. Das Einfachste wäre, ihn in Bausch und Bogen zu bewundern, sich in Superlativen zu ergehen und die Ausrufungszeichen nicht zu sparen.« Ebenso verhält es sich mit Busch. Er ist die personifizierte Vollkommenheit; und man kann das eigentlich bloß konstatieren.Weiterlesen

Der Verleger Korfiz Holm über Lovis Korinth

Das Geheimnis des Erfolges

Lovis Corinth, der sich zwar damals noch nicht Lovis nannte, sondern nur von Freunden so gerufen wurde, weil er seinen Vornamen Louis gern in altrömischen Versalien (LOVIS) schrieb, erzählte mir einmal – es war in einem von den ersten Jahren unseres Jahrhunderts – eine Geschichte, so aufhellend für das Wesen des Erfolges, wie der Umstand, daß er dies wohl jedermann zum besten gab, bezeichnend für ihn selber war: für seine unverdorbne Klugheit, die das eigne Werk, auch wenn es ihm Erfolg errungen hatte, sachlich ansah, und für seine jedem geschwollenen Getu entschieden abgeneigte Ehrlichkeit.Weiterlesen

Alexander Moszkowski: Einstein – Einblicke in seine Gedankenwelt

 Einsteins Werdegang und Persönlichkeit

Aus den Lebensbeschreibungen geistig großer Männer wissen wir, daß sich in ihnen das Ideal dramatischer Spannung nur selten verwirklicht. Sie sind keine Romanhelden mit verwickelten Erlebnissen und abenteuerlichen Daseinsproblemen, welche die Phantasie der Betrachter sonderlich beschäftigen können. Wer ihre Entwicklung verfolgt, der bemerkt bei den meisten das Vorwalten der inneren Linie, deren Verlauf sich nur aus dem Studium ihrer Werke erschließt, nicht im Gewirr äußerlich bewegter Gestaltungen. Der geistig Bedeutende, auf gedankliche Innenarbeit konzentriert, behält nur selten die Zeit übrig, um daneben eine im epischen Sinne interessante Figur zu werden. Der nachschaffende Dichter findet in ihm kein Modell, und nur in Ausnahmefällen ist es geglückt, sein Leben als ein Kunstwerk darzustellen.

Albert Einstein Porträt
Es wäre ein vergebliches Bemühen, Einsteins Leben als einen solchen Ausnahmefall zu behandeln. Man kann die Phasen seiner Entwicklung nachzeichnen, allein weder der Beschreiber, noch der Leser werden es sich verhehlen dürfen, daß diese Aufzeichnungen das Bild des Mannes nur äußerlich, chronologisch vervollständigen können. Immerhin wird eine Schrift, die sich mit ihm beschäftigt, nicht an der Aufgabe vorbeikönnen, sein Curriculum vitae zu liefern. Und wenn es teilweis etwas aphoristisch, ungegliedert ausfällt, so möge man im Auge behalten, daß es auf dem Boden der Konversation entstanden ist, in Einzelheiten der Gespräche, die je nach Anlaß verschiedene Episoden seines Daseins berührten.

ulm-cathedral-794954_640_Hans_UlmEinsteins Lebensgeschichte beginnt in Ulm, der Stadt, die das höchste Bauwerk in Deutschland besitzt. Gern würde ich mich auf die Warte des Ulmer Münsters stellen, um von ihm aus eine Rundsicht über Alberts Jugend zu gewinnen; allein der Ausblick versagt, es zeigt sich nichts am Horizonte, und alles beschränkt sich auf die dürftige Wahrnehmung, daß er hier im März 1879 zur Welt kam. Zu erwähnen bliebe nur die schon an anderer Stelle genannte Einzelheit, daß es etwas Physikalisches war, das zuerst die Aufmerksamkeit des Kindes in Anspruch nahm. Sein Vater zeigte ihm einmal, als er im Bettchen lag, einen Kompaß, lediglich in der Absicht, ihn spielerisch zu beschäftigen. Und in dem fünfjährigen Knaben weckte die schwingende Metallnadel zum erstenmal das große Erstaunen über unbekannte Zusammenhänge, das den im Unterbewußtsein schlummernden Erkenntnistrieb ankündigte. Für den Einstein von heute besitzt die Rückerinnerung an jenes psychische Erlebnis offenbar eine starke Bedeutung. In ihm scheinen sich alle Eindrücke der frühen Kindheit zu verlebendigen, um so stärker, als die übrigen physikalischen Gegebenheiten, wie etwa der freie Fall eines nicht unterstützten Körpers, gar keinen Eindruck auf ihn hervorbrachten. Der Kompaß und immer nur der Kompaß! Dies Instrument redete zu ihm in einer stummen Orakelsprache, wies ihn auf ein elektromagnetisches Feld, das sich ihm Jahrzehnte später zu fruchtbaren Studien erschließen sollte.

Sein Vater, ein heiterer, optimistisch gestimmter Mann, zu fröhlicher, nicht zielstrebiger Lebensauffassung geneigt, verlegte ungefähr zur selben Zeit den Aufenthalt der Familie von Ulm nach München. Hier umfing sie ein bescheidenes, in einem großen Garten idyllisch gelegenes Häuschen. Der Knabe geriet in arkadische Empfindungen, die sonst den jungen Bewohnern der städtischen Steinwüsten verschlossen bleiben. Die Natur hauchte ihn an und träufelte, zumal im erwachenden Frühling, Wonnen in sein Herz, denen er sich mit wortloser Beschaulichkeit freudig hingab. Eine religiöse Grundstimmung erwuchs in ihm, genährt durch elementare Eindrücke aus Luft und Duft, aus Busch und Blüte, verstärkt durch erzieherische Einflüsse in Haus und Schule. Nicht als ob in der Familie Gepflogenheiten ritueller Art geherrscht hätten. Allein es fügte sich, daß er zugleich eines jüdischen wie eines katholischen Religionsunterrichts teilhaftig wurde, und daß er in beiden Lehren nicht das Trennende, sondern die glaubensstärkenden Gemeinsamkeiten empfand.

Jungenhafte Willensstärke, wie sie sich bei Gleichaltrigen in übermütigem Gebahren und losen Streichen entlädt, kam bei ihm nicht zum Vorschein. Seine Seelenverfassung war auf das Kontemplative eingestellt, und ein angeborener, mit traumhaften Übersinnlichkeiten durchsetzter Fatalismus versagte ihm die lebhafte Beantwortung äußerer Impulse. Er reagierte langsam, zaghaft, verarbeitete in innerlichen, gottesfürchtig gerichteten Deutungen, was die Sinne und die kleinen Erlebnisse der Frühzeit ihm zuführten. Schwer glitt ihm das Wort von der Zunge, und nach üblichem Ausmaß des Lerntempos, wie es in Rede und Gegenrede beurteilt wird, hätte man in ihm kaum einen besonders Beanlagten vermutet. Hatte er doch vordem so spät sprechen gelernt, daß sich seine Eltern wegen einer etwaigen Abnormität des Sprößlings mit Ängsten trugen. Jetzt, im Alter von acht, neun Jahren, bot er das Bild eines schüchternen, zögernden, ungeselligen Knaben, der für sich dahinwandelte, dahinträumte, ohne Anschlußbedürfnis seine Schulwege zurücklegte. Man gab ihm den Spitznamen »Biedermaier«, weil man ihn für krankhaft wahrheits- und gerechtigkeitsliebend hielt. Was der Umgebung damals als krankhaft erschien, mag heute als der Ausdruck eines uranfänglichen, unbesieglichen Naturtriebes betrachtet werden. Wer Einstein als Menschen und Gelehrten kennt, der weiß, daß jene kindliche Krankheit nur als der Vorbote einer eisenfesten Gesundheit in der Denkart des Mannes aufgetreten ist.

pipe-organ-669589_640_jameslee_OrgelSehr früh regte sich in ihm die Liebe zur Musik. Er dachte sich Liedchen zur Ehre Gottes aus und sang sie für sich in andächtiger Verschlossenheit, die er auch seinen Eltern gegenüber schamhaft zu wahren wußte. Musikalisches, Landschaftliches und Göttliches verschmolz in ihm zu einem Gefühlskomplex, zu einer sittlichen Einheit, deren Spuren niemals verschwanden, wenn auch späterhin das positiv Religiöse sich zu einer allgemeinen ethischen Weltbetrachtung ausweitete. Vorerst blieb es bei einer zweifelsfreien Gläubigkeit, wie sie ihm aus dem jüdischen Privatunterricht im Hause und dem katholischen in der Schule zufloß. Er las die Bibel ohne das Bedürfnis nach kritischer Erörterung zu verspüren, nahm sie als naiv-moralisches Erlebnis in sich auf und fand um so weniger Veranlassung zu einer prüfenden Verstandesbetätigung, als seine Lektüre über den Bibelkreis nur wenig hinausging.

Schmerzliche innere Bedrängungen blieben freilich nicht aus. Die jüdischen Kinder befanden sich auf der Schule in verschwindender Minderheit, und der kleine Albert erlebte hier die ersten Schaumspritzer der antisemitischen Welle, die von der Flut da draußen herangetragen, Katheder und Schulbank bedrohte. Jetzt zum erstenmal fühlte er sich von etwas bedrängt, was mit den einfachen Klängen seines Gemütes dissonierend zusammenstieß. Er sah sich mit seiner Schüchternheit dem Unrecht ausgesetzt, und im Stande der Notwehr gewann seine ursprünglich so weiche und zaghafte Natur eine gewisse Widerstandsfähigkeit und Verselbständigung.

Soweit man in einer Vorschule von Leistungen reden kann, blieben sie bei Albert in einem bescheidenen Mittelmaß. Er war als Schüler ordentlich, genügte ungefähr den Anforderungen, verriet aber in keiner Weise eine besondere Beanlagung; um so weniger, als er sich als Inhaber eines höchst unzuverlässigen Wortgedächtnisses erwies. Die Methodik der Elementarschule, die er bis zum zehnten Lebensjahre besuchte, entfernte sich aber nicht von dem landesüblichen, von Drillmeistern entworfenen Schema, sie ersetzte durch drakonische Strenge, was ihr an Einsichten fehlte. Das schöne Wort Jean Pauls: »die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können«, findet in Einsteins Schulerinnerungen keinen Widerhall. Er hat sie oft genug vor mir ausgebreitet, ohne den mindesten paradiesischen Nachhall. Mit bitterem Sarkasmus sagte er mir: diese Lehrer hatten den Charakter von Unteroffizieren, – die weiteren am Gymnasium waren dann überwiegend dem Leutnantscharakter zugewendet. Beide Bezeichnungen sind im vormärzlichen Sinne zu verstehen und richten sich gegen Ton und Gepflogenheiten der selbstherrlichen Kaserne von Anno Olim.

Die nächste Etappe der Entwickelung ist das Münchener Luitpold-Gymnasium, das ihn als Oberquintaner aufnahm. In der rückblickenden Beurteilung des Mannes werden einige freundlichere Töne vernehmbar, die indes nur einzelnen Persönlichkeiten gelten, ohne daß für das Ganze eine sonderliche Hymne herauskäme. Aus seiner Darstellung geht im Gegenteil hervor, daß er zwar einzelne Lehrer liebgewann, sich aber von dem Geist der Anstalt rauh angeweht fühlte. Man weiß, daß sich seitdem manches auf diesen Lehranstalten zum Vorteil verändert hat, in Abkehr von dem zuchthausartigen Charakter, der damals, leidvoll genug für den Schüler, das Wesen der Institute bestimmte; mit der Folge, daß sich im Gymnasiasten Einstein eine Geringschätzung menschlicher Einrichtungen entwickelte und eine abschätzige Wertung der Studienstoffe, deren geistlosem und schablonenhaftem Betrieb er ausgesetzt war. In dem grauen Bilde treten als hellere Punkte die Figuren einiger Lehrer hervor, zumal ein Präzeptor namens Ruëss, der dem vierzehnjährigen die Schönheit des klassischen Altertums zu erläutern beflissen war. Wir erfahren an anderer Stelle, daß Einstein gegenwärtig das humanistische Bildungsideal für die Zukunftsschule nur mit sehr starker Einschränkung gelten läßt. Gedenkt er aber jenes Magisters und seines Einflusses, so klingt in seinen Worten doch eine lebhafte Verehrung der Klassizität, gelegentlich sogar eine stürmisch hervorbrechende Liebe zu den Schätzen der griechischen Geschichte und Literatur. Es blieb nicht bei der Einstellung des Blickes auf die Antike. Von dem nämlichen Mann geleitet, näherte er sich der heimatlichen Dichterwelt, der Zauber Goethes strahlte ihn an aus »Herman und Dorothea«; die Dichtung wurde ihm, wie er bekennt, in geradezu vorbildlicher Weise zugeführt und erläutert. Es gab also Oasen in der Wüste des Schablonen-Unterrichts, Erquickungsstationen für die Seele des wissensdurstigen Knaben.

mathematics-757566_640_geralt_AlgebraWir müssen ein bis zwei Jahre zurückgreifen, um ein großartiges Erlebnis festzuhalten: er machte die erste Bekanntschaft mit der elementaren Mathematik, die ihm mit der Gewalt einer Offenbarung entgegentrat. Nicht in der Form des Schulfaches, sondern mit der Magie eines rätselhaften Wesens, das ihn mit Fragen aufrief und ihm für deren scharfsinnige Beantwortung geistige Wonnen verhieß. Von Anfang an bewährte sich Albert als ein sehr guter Problemlöser, obschon ihm keine rechnerische Virtuosität zur Verfügung stand, und ihm die Technik der Gleichungsansätze fremd war. Er half sich mit Kunstgriffen, erprobte auf Umwegen Findigkeiten, freudig erregt, wenn sie zum Ziel führten. Einen in München lebenden Oheim, den Ingenieur Jakob Einstein, befragte er eines Tages nach etwas besonderem. Er hatte den Ausdruck »Algebra« gehört, und vermutete, daß jener ihm darüber würde Aufschluß geben können. Onkel Jakob erteilte ihm den Bescheid: »Algebra«, so erklärte er, »ist die Kunst der Faulheitsrechnung. Was man nicht kennt, das nennt man x, behandelt es so, als ob es bekannt wäre, schreibt den Zusammenhang hin und bestimmt dieses x dann hinterher.« Das genügte vollkommen. Der Knabe bekam ein Buch mit algebraischen Aufgaben, die er nach jener zwar nicht erschöpfenden, aber doch ganz zweckdienlichen Lehre ganz allein löste. Onkel Jakob verkündete ihm bei anderer Gelegenheit den Wortinhalt des Pythagoreischen Lehrsatzes, ohne Angabe irgend eines Beweises. Der Neffe begriff den Zusammenhang, empfand die Notwendigkeit der Begründung, und machte sich wiederum ganz selbständig daran, das Fehlende zu entwickeln. Das war nun freilich nicht das Objekt einer »Faulheitsrechnung« mit einem aufspürbaren x, vielmehr galt es hier, eine geometrische Fähigkeit zu entfalten, die auf so früher Entwicklungsstufe nur bei sehr wenigen angetroffen wird. Der Knabe verbohrte sich drei Wochen lang mit angestrengtem Nachdenken in seinen Pythagoras, geriet auf die Betrachtungen der ähnlichen Dreiecke (indem er vom Scheitelpunkt der rechtwinkligen Figur die Senkrechte auf die Hypotenuse fällte), und stieß dadurch auf die sehnsüchtig erhoffte Bewahrheitung des Satzes! Und wenn es sich auch um uralt Bekanntes handelte, für ihn war es die erste Entdeckerfreude. Der Beweis, den er gefunden hatte, bewies den erwachenden Scharfsinn des jungen Grüblers.

Wiederum ging ihm eine Welt auf, da er mit A. Bernsteins umfangreichen naturwissenschaftlichen Volksbüchern Bekanntschaft machte. Dieses Werk gilt heute als reichlich antiquiert und ist in den Augen manches Fachmannes zur Tiefe scheinwissenschaftlicher Schmöker herabgesunken, hatte ja auch schon damals, als Knabe Einstein darin wühlte, Schimmel und Rost angesetzt, denn es stammt aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und war sachlich längst überholt. Allein man konnte – und kann noch heute – darin lesen wie in einem Roman mit tausend eingestreuten physikalischen, astronomischen, chemischen Wundern, und für den Knaben Einstein wurde es wirklich das Buch der Natur, das seinem erkenntnisgierigen Verstand ebensoviel bot, wie seiner Phantasie.

Andere Horizonte wiederum öffnete ihm Büchners »Kraft und Stoff«, ein Werk, dessen kraftstoffliche Minderwertigkeit er noch nicht zu durchschauen vermochte, das er vielmehr kritiklos bewunderte. Daneben beschäftigte ihn zumeist ein Handbuch der elementaren Planimetrie mit einer Fülle geometrischer Aufgaben, die er unverzagt angriff und in kürzester Zeit fast ausnahmslos bewältigte. Sein Entzücken wuchs, als er, ganz unabhängig vom Lehrgang der Schule, sich in die Schwierigkeiten der analytischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung hineinwagte. Lübsens Lehrbuch war ihm in die Hand gefallen und diese Anleitung genügte seinem Wagemut. Während manche seiner Gymnasialgenossen noch verzagt an den Tümpeln der Kongruenzsätze und der Dezimalbrüche standen, tummelte er sich schon als Freischwimmer im infinitesimalen Ozean. Seine Übungen blieben nicht verborgen und fanden Anerkennung. Der ihm vorgeordnete Mathematiklehrer erklärte den Fünfzehnjährigen für universitätsreif.

Allein nicht durch ein vorzeitiges Abitur sollte er den Weg ins Freie finden, sondern durch ein Ereignis, das ihn mit unvermuteter Abbiegung in einen neuen Lebenskreis warf. Im Jahre 1894 verlegten seine Eltern den Wohnsitz nach Italien. Von einem Trennungsschmerz Adalberts beim Verlassen des bajuvarischen Bodens weiß die Chronik nichts zu berichten. Er war froh, von der Drillanstalt Luitpold loszukommen und genoß als Insasse Mailands die Veränderung des plaza-914880_640_Kreaktiva_Genua#Daseins, unbeschwert von Anwandlungen des Heimwehs. Alles in allem genommen hatte er sich doch im Münchener Schulzwang recht verunglückt gefühlt; trotz aller selbstgeschaffenen mathematischen Sensationen, trotz der Beseligungen, die ihm das Aufgehen musikalischer Offenbarungen schon vom zwölften Lebenslenz an verschafft hatten. Innerer Trotz und Mißtrauen gegen Einflüsse von außen waren in ihm rege geblieben als Kräfte, die einen dem Alter angepaßten Frohmut nicht aufkommen ließen. Nun waren die Fesseln gefallen, und wie durch aufgezogene Schleusen brach die aufgestaute Lebenslust hervor. Südliche Sonne, südliche Landschaft, italienisches Volkstreiben, Kunst, frei hingestellt auf Markt und Straße, verwirklichten ihm Traumbilder, die ihn vordem in Bedrängnis umgaukelt hatten. Was er sah, fühlte und erlebte, lag außerhalb der Gewohnheit, öffnete ihm den Sinn für natürliche und menschliche Dinge, befreiten seine Seele von der Dämpfung. Ein Schulbesuch kam für die Dauer eines halben Jahres gar nicht in Frage. Er genoß volle Freiheit, beschäftigte sich mit Literatur, unternahm weite Ausflüge. Von Pavia aus wanderte er ganz allein über den Appenin nach Genua. Während er sich an der Erhabenheit der Berglandschaft berauschte, gewann er Fühlung mit der Unterschicht des Volkes, das ihm tiefste Sympathie einflößte. Die Tour führte ihn noch über eine kurze Strecke der italienischen Riviera, deren Böcklinische Farbenreize ihm indes nicht aufgegangen zu sein scheinen. Er muß sich damals in einer Zarathustrastimmung befunden haben, gipfelwärts gerichtet.

Mit allen Freuden und Aufschwüngen blieben die italienischen Erlebnisse eine kurze Episode. Einstein entschloß sich zu einer neuen Wanderung, bei der ihm berufliche Ziele vorschwebten. Er pilgerte nach der Schweiz in der Absicht, am Züricher Polytechnikum Mathematik und Physik zu studieren. Allein im ersten Anlauf wollte der Eintritt in diese Anstalt nicht gelingen. Die Aufnahmebedingungen stellten in den Fächern der beschreibenden Naturwissenschaften und der modernen Sprachen Anforderungen, denen er noch nicht gewachsen war; so wandte er sich nach Aarau, wo er als Zögling der Kantonschule seine Kenntnisse nach vorzüglicher Methodik bereichern durfte. Noch heute spricht Einstein mit Wonne von der Organisation dieser Musterschule, die dem Range nach etwa unsern Realgymnasien entspricht. Nichts erinnerte ihn an das Sausen der Autoritätsfuchtel auf der Luitpoldinischen Pennälerkaserne, er erreichte glatt die Maturität, und nun öffneten sich ihm die Pforten des Züricher Polytechnikums.

Daß er den Marschallstab im Tornister trug, war ihm selbst wohl nicht recht zu Bewußtsein gekommen. Wir aber geraten im Rückblick an staunenswerte Dinge. Es ist nämlich Tatsache, daß schon in dem Schüler von Aarau Probleme Wurzel geschlagen hatten, die bereits an der Peripherie der damals möglichen Forschung lagen. Noch war er kein Finder, allein was er als Sechzehnjähriger suchte, ragte schon in die Gebiete seiner späteren Entdeckungen hinein. Hier heißt es: einfach registrieren, mit Verzicht auf die Analyse seines Werdegangs, denn wie sollen wir die Zwischenglieder aufspüren, die Denksprünge, die einen blutjungen Kantonsschüler dahin führen in eine noch gänzlich verschlossene Physik hineinzutasten? Das Problem, das ihn beschäftigte, betraf die Optik bewegter Körper, genauer: die Lichtaussendung von Körpern, die sich relativ zum Äther bewegen. Darin liegt die Witterung des großen Ideenkomplexes, der weiterhin zur Umgestaltung des Weltbildes führen sollte. Und wenn ein Biograph hinschriebe, daß die Uranfänge der Relativitätslehre bis in jene Zeiten zurückfallen, so würde er nichts objektiv Falsches behaupten.

Zur Höhe dieser Denkflüge hoben sich des Jünglings persönliche Ambitionen keineswegs, denn während in jenen schon kraftvolle Fittiche schlugen, krochen diese noch am Boden. Er wollte Schullehrer werden und glaubte mit diesem Berufsziel seine Hoffnungen schon sehr hoch zu spannen. Dies entsprach der Achtung, die er dem Schulmannsstande an sich entgegenbrachte. In der Züricher technischen Hochschule ist eine Abteilung als Lehramtsschule eingerichtet, und hier studierte Einstein vom 17. bis zum 21. Lebensjahre, durchaus befriedigt in dem Gedanken, dereinst einmal anstatt auf der Bank, die Hosen auf dem Katheder durchsitzen zu dürfen und als Präzeptor juventutis im kleinen Betätigungskreise segensreich zu wirken.

Noch immer unterlag er dem Gefühl, nicht lebenstüchtig genug zu sein, und den Kampf ums Dasein im großen Strom der Welt nicht wagen zu können. In diesem Kampf mit seinem Verhalten von Mensch zu Mensch, mit seinen wilden Äußerungen der Gewalt und des auf falschen Glanz gerichteten Ehrgeizes erblickte er nur das widrig Schreckhafte, und die Möglichkeit eines persönlichen Erfolges verlockte ihn nicht, Kraft gegen Kraft zu setzen. So blieb es vorerst sein Ideal, ein ganz bescheidenes Dasein zu gewinnen. Von verschiedenen Seiten hatte man ihm Aussicht auf eine Assistentenstelle gemacht, bei irgend einem Professor der Physik oder Mathematik. Er wurde indes aus unerkennbaren Gründen überall abgewiesen. (Unerkennbares, schalte ich ein, wird bisweilen erforschbar, sobald man es vom konfessionellen Standpunkt aus betrachtet). Auch die Gymnasialhoffnungen wollten sich nicht erfüllen, da auf dieser Laufbahn Schwierigkeiten des Indigenates lagen. Erstlich war er Nichtschweizer, seit dem Mailänder Aufenthalt sogar »vaterlandslos« im bürokratischen Sinne, dann aber fehlten ihm die »persönlichen Verbindungen«, ohne die es, damals wenigstens, in der Schweiz auch für den Tüchtigen keine freie Bahn gab. Aber irgendwo mußte der gänzlich Protektionslose mit seinen Sorgen um des Tages Notdurft doch unterkriechen. Von den Eltern, die selbst in beengten Verhältnissen lebten, hatte er materielle Hilfe nicht zu erwarten, und so finden wir ihn bald darauf in Schaffhausen und Bern, wo er sich als Privatlehrer kümmerlich genug durchschlug.

Ihm verblieb als Trost die Wahrung einer gewissen Selbständigkeit, wie ihn ja sein Freiheitsinstinkt durchweg dazu anhielt, das Wesentliche in sich selbst zu suchen. So hatte er auch zuvor während seiner Züricher Studien die theoretische Physik fast durchweg nicht im Anschluß an die Vorlesungen im Polytechnikum, sondern in häuslicher Arbeit betrieben, mit Versenkung in die Werke von Kirchhoff, Helmholtz, Hertz, Boltzmann und Drude. Außerhalb der chronologischen Ordnung erwähnen wir, daß er für diese Studien eine in gleicher Linie strebende Partnerin fand, eine südslawische Studentin, die er im Jahre 1903 heiratete. Diese Ehe wurde nach einer Reihe von Jahren getrennt. Er fand später an der Seite seiner ebenso anmutigen wie intelligenten Kusine Else Einstein, mit der er sich in Berlin vermählte, das Ideal häuslichen Glückes.

zurich-867154_640_strecosa_ZürichIm Jahre 1901 erwarb er nach fünfjährigem Aufenthalt in der Schweiz das Bürgerrecht der Stadt Zürich, und damit öffnete sich ihm endlich die Aussicht, aus der materiellen Misere herauszukommen. Sein Universitätsfreund Marcel Grossmann reichte ihm hilfreiche Hand durch Empfehlung an das Schweizer Patentamt, dessen Direktor Haller ihm nahestand. Dort betätigte sich Einstein von 1902 bis 1909 als technischer Experte, das heißt als Vorprüfer für Patentgesuche, und diese Stellung verschaffte ihm die Möglichkeit, sich im weitesten Maße auf den Gebieten der Technik zu tummeln. Wer sich einseitig auf den Begriff der »Entdeckung« versteift, den wird es vielleicht befremden, Einstein solange im Bereich der »Erfindungen« anzutreffen. Beide Gebiete aber vereinigen sich in der Gemeinsamkeit der Denkschärfe, und Einstein selbst hält es für wichtig, darauf mit allem Nachdruck hinzuweisen. Für ihn besteht ein sicherer Zusammenhang zwischen den Kenntnissen, die er sich am Patentamt erwarb, und den theoretischen Ergebnissen, die in nämlicher Zeit als Proben seiner Denkschärfe ans Tageslicht traten.

Mitten in seiner Praxis, 1905, brach es in ihm hervor, in Sturm und Drang, geradezu blitzartig. In dichter Folge entband sich sein Geist von einer in mehrjähriger Vorarbeit aufgespeicherten Gedankenfülle, die uns mehr zu bedeuten hat, als nur ein bestimmtes Stadium in der Entwicklung eines Einzelnen. In ihm war reif geworden, was sich der physikalischen Welt weiterhin als Vervollkommnung der Erbschaft Galileis und Newtons darstellte. Hier seien nur etliche Titel seiner Abhandlungen genannt, sämtlich von 1905, in den Annalen der Physik veröffentlicht: »Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt«; »Über die Trägheit der Energie«; »Das Gesetz der Brownschen Bewegung«; und als die bedeutsamste: »Zur Elektrodynamik bewegter Körper«, welche als Abhandlung die grundstürzende und grundlegende Theorie der speziellen Relativität in sich trug; Dazu trat, immer noch vom nämlichen Jahresdatum, die Doktordissertation: »Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen«.

Alles in allem: ein Lebenswerk, das der Geschichte der Wissenschaften angehört. Es währte freilich noch geraume Zeit, ehe es seinen offenkundigen Eroberungszug antrat, und man dürfte hinzufügen, daß sich in jenen Abhandlungen Einzelschätze eingelagert befinden, die lange Jahre unverstanden blieben. Allein es fehlte dem jugendlichen Forscher auch nicht an Zeichen freundlicher und verständisvoller Beachtung: er erhielt von dem berühmten Physiker Max Planck – der ihm persönlich damals noch ganz fernstand – einen außerordentlich herzlichen Brief, als beglückendes Echo seines Aufsatzes »Zur Elektrodynamik bewegter Körper«. Dieses Schreiben war das erste Diplom, der Vorläufer aller Ehrungen, die später wie eine Brandung auf ihn einstürmten.

Es lag in seiner Absicht, eine Universitätsdozentur zu erlangen. Der Habilitation in Bern stellten sich zuerst wiederum Schwierigkeiten entgegen, die vielleicht nicht aufgetaucht wären, wenn er seine Sache energischer betrieben hätte. Und als ihm schließlich dennoch in Bern ein Lehrstuhl bereitgestellt wurde, – er hat ihn nur ganz kurze Zeit geziert – streckte ihm Zürich bereits verlangende Arme entgegen. Dorthin wurde er 1909 als Professor extraordinarius berufen für theoretische Physik an der Universität, wo er bald eine dankbare Zuhörerschaft um sich versammelte. Nichtsdestoweniger konnte er sich im Anfang der Professur einer gewissen Sehnsucht nicht entwinden nach der Stille und Aufregungslosigkeit seiner vormaligen Beamtentätigkeit, in der er sich um einige Grade menschlich unabhängiger gefühlt hatte. 1911 folgte er einem neuen Ruf, der ihn mit dem Anreiz besserer materieller Bedingungen als Ordinarius nach Prag führte. Im Herbst 1912 kehrte er nach Zürich zurück zu einer Professur am Polytechnikum, und im Frühjahr von 1914 geriet er in das Kraftfeld des starken nordischen Magneten: er landete an der Spree und weilt seitdem unter uns; Schweizer von Nationalität, Weltbürger von Gesinnung, dem Amte nach Mitglied der Berliner Akademie mit Lehrfakultas an der Universität. Hier vollendete er seine Relativitätsarbeiten mit dem großartigen Ausbau der Gravitationslehre, deren Anfänge bis 1907 zurückreichen. Acht Jahre schwierigster Denkoperationen hatte er darangesetzt, um sie zu vollenden; und Jahrhunderte werden vielleicht erforderlich sein, um die Welt alle Konsequenzen dieser Theorie in vollem Ausmaß überschauen zu lassen.

Denn sie hat Denkgewohnheiten zu überwinden, die auch in bevorzugten Köpfen ihre ererbten Rechte geltend machen. Einer der ersten des Faches, Henri Poincaré, hatte noch im Jahre 1910 bekannt, daß es ihm die größte Anstrengung verursache, sich in Einsteins neuer Mechanik zurechtzufinden. Und ein weiteres Jahr sollte verstreichen, ehe er seine letzten Bedenken fallen ließ. Dann freilich ging er mit fliegender Fahne in Einsteins Lager über und er befürwortete Einsteins Berufung zum Züricher Professorat, zugleich mit der Entdeckerin des Radium, der Frau Curie, in einer Fanfare, deren Klang hier eine Resonanz finden möge:

220px-Young_Poincare»Herr Einstein,« so schrieb damals der große Poincaré, »ist einer der originalsten Geister, die ich jemals gekannt habe; trotz seiner Jugend nimmt er bereits einen höchst ehrenvollen Rang ein unter den ersten Gelehrten seiner Zeit. Was wir vornehmlich an ihm zu bewundern haben, ist die Leichtigkeit, mit der er sich auf neue Konzeptionen einstellt, um alle Folgerungen aus ihnen zu gewinnen. Er heftet sich nicht an die klassischen Prinzipien, erblickt vielmehr in Gegenwart eines physikalischen Problems alle denkbaren Möglichkeiten. In seinem Geist übersetzt sich das unmittelbar zur Voraussicht neuer Phänomene, die eines Tages durch die experimentelle Erfahrung bewahrheitet werden können… Die Zukunft wird mehr und mehr erweisen, welchen Wert Herr Einstein darstellt, und die Hochschule, die es verstehen wird, ihn an sich zu fesseln, kann sicher sein, daß sie aus der Verbindung mit dem jungen Meister Ehre gewinnen wird.«

Man könnte rückblickend die Frage aufwerfen, ob die Normen, die seinerzeit Wilhelm Ostwald zur Beurteilung großer Männer aufgestellt hat, in Einsteins Werdegang Bestätigung finden. Der ersten und allgemeinsten Regel, die das Prinzip der »Frühreife« ausspricht, hat er sich jedenfalls nicht entzogen. Sie trat deutlich genug hervor, als der Trieb nach mathematischem Wissen und Finden in ihm aufbrach und als er mit seinen optischen Problemen weit in die Zukunft griff. Die Geschichte der Wissenschaften und Künste mag in dieser Hinsicht noch verblüffendere Proben aufzeigen, jedenfalls reichen sie bei Einstein aus, um die Gültigkeit des Prinzipes zu stützen. Dagegen will die weitere Ansage Ostwalds, auf Einstein bezogen, nur in sofern standhalten, als sie die Möglichkeit einer Ausnahme zuläßt. Ostwald wendet sich nämlich gegen die Vorstellung der »allmählichen Steigerung« und verkündet als fast durchgängige Regel, daß die außerordentliche Leistung von einem ganz jungen Menschen vollbracht wird; »was er später leistet, ist nur selten so eindrucksvoll, wie jene frühe Glanzleistung«. Hier also, bei Einstein, ist die Ausnahme evident; denn fassen wir auch – mit Übergehung vieler anderer Entdeckungswerte – nur die zwei Hauptleistungen ins Auge, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß die zweite (Gravitation) die erste (die Spezielle Relativität) in Eindruck und Tragweite übertrifft; ja man wird sich sogar der Vorstellung der »allmählichen Steigerung« nicht verschließen dürfen, denn die zweite konnte nur auf Grund der ersten erwachsen. Zudem ist noch nicht aller Tage Abend, und nichts widerstreitet der Annahme einer möglichen weiteren Progression.

Wenn ferner Ostwald das Tempo des geistigen Pulsschlages heranzieht, um hiernach in Anbetracht der großen Männer die Haupttypen Klassiker und Romantiker festzustellen, so werden wir auch mit dieser Einteilung unserer Figur gegenüber nicht zurechtkommen. Einstein ist ganz bestimmt Klassiker, sofern sein Werk berufen erscheint, weiteren Geschlechtern als die klassische Unterlage aller mechanischen Untersuchungen im Makrokosmus des Himmels und im Mikrokosmus der Atome zu dienen. Seine Vielseitigkeit dagegen, die Beweglichkeit und Schlagfertigkeit seines phantasiebeschwingten Geistes stempeln ihn wiederum zum Romantiker. Zu diesem Typus verweist ihn auch seine Lehrfreude, in offenbarem Gegensatz zur Lehrunlust, die als ein unverkennbares Zeichen bei vielen Klassikern nachweisbar war. Wenn man sonach auch von einer Synthese beider Formen sprechen kann, so tut man doch besser, Einstein nicht nach einem bestehenden Schema, sondern als einen Typus von einmaliger Prägung zu betrachten.

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Bietet die äußere Kontur seines Lebens einen im ganzen ebenmäßigen Verlauf, so finden wir auch das Innere auf den Ton menschlicher Schlichtheit abgestimmt. Fast nirgends gewahren wir Sprunghaftes, Jähes, Farbengrelles, und soviel er auch an Problemen erfaßt und ausgestreut hat, – er selbst ist keine problematische Natur, seine Psyche gibt uns keine Rätsel auf, in ihrer Analyse stoßen wir auf keine Exzentrizitäten. Daß die Kunst in seinem Leben eine Rolle spielt, wurde hier schon mehrfach angedeutet. Sie ist für ihn kein Kampfgelände, sondern ein Feld elementarer Beglückungen. Was ich von ihm selbst über seine musikalischen Neigungen erfuhr, deckt sich genau mit dem, was ich auch durch reine Beobachtung hätte entnehmen können. Sein Gesichtsausdruck beim Anhören tonkünstlerischer Gaben liefert den ausreichenden Kommentar zu den Resonanzen, die in ihm schwingen. Er ist Klassiker von Bekenntnis mit voller Hingebung an die Offenbarungen Bach’s, Haydn’s und Mozart’s. Ihn fesselt und beseligt vor allem das Verinnerlichte, Kontemplative, auf religiöser Grundstimmung Aufgebaute; die einfache, magistral dahinfließende Linie in der musikalischen Erfindung und Entwickelung ist für ihn das Wesentliche. Was wir bei Bach als architektonisch bewundern, die himmelanstrebende Gothik, mag bei ihm auch Empfindungen auslösen, die auf geheime mathematisch-konstruktive Gründe zurückgehen. Es erscheint mir nicht nebensächlich, auf diese Möglichkeit hinzuweisen; ich würde in ihr auch dafür einen Anhalt finden, daß er sich den auf Sturm und Emotion gerichteten Spannungen der Dramatik nur mit Widerstreben hingibt. Ungern überschreitet er die Grenzscheide, die das Einfache vom Raffinierten trennt, und wo ihn der Kunstverstand nötigt, sich darüber hinauszuwagen, fehlt seiner Anerkennung die rechte Freude. Seine Subjektivität lagert jene Grenze nicht nach den Regeln der üblichen Konzertästhetik, die ja im Grunde keine Regeln sind, sondern wandelbare Wertungen und Gefühlsniederschläge gewisser Menschengruppen. Still und beruhigt läßt er auf sich wirken, ohne sich sonderlich mit Erlebnissen, anzufreunden, auf die seine Empfänglichkeit nicht von selbst anspricht. Es hätte keinen Sinn, das Feld seiner Rezeptivität hiernach abzumessen und ihm zu sagen, es reicht nicht weit genug, vergrößere es, empfinde nicht als Verstiegenheit, was andern nach Tiefe und Gewalt als Offenbarung oder als transzendente Süße erscheint. Er könnte immer darauf hinweisen, daß selbst bei den Meistern der Tonkunst der Glaubenswechsel nicht Seltenes war, daß sie umlernten, verwarfen, was sie vormals anbeteten und vielfach in ihren eigenen Bekenntnissen keinen Halt fanden. Wer sich, wie Einstein, ohne Sensationsdrang dem einfach Kontemplativen beseeligt hingibt, der bleibt vor dem Umlernenmüssen geschützt, und eine Welt verbleibt ihm, selbst wenn sich Welten vor ihm verschlössen. Er erblickt also, um Hauptsächliches zu nennen, weder im Symphoniker Beethoven, noch in Richard Wagner die höchsten Schlüsse der Musik; er würde ohne die Neunte Symphonie existieren können, aber nicht ohne Beethoven’sche Kammermusik. Der Umkreis der Schöpfer und Werke, die für ihn kein Lebensbedürfnis darstellen, ist sehr beträchtlich. In diesen Kreis fallen die Mehrzahl der Romantiker, die erotisch gefärbten Gefühlsschwelger von Chopin und Schumanns Artung, und, wie schon erwähnt, die neudeutschen Musikdramatiker. Viel objektive Bewunderung bringt er für sie auf, allein er verhehlt nicht, daß auf der Tafel seiner Empfindungen auch lebhafte Einsprüche verzeichnet stehen; er nimmt das eigentlich Moderne als eine interessante Begebenheit und behält sich im einzelnen verschiedene Grade der Abneigung vor, bis zur vollen Aversion. Der Besuch eines Wagnerschen Bühnenwerks kostet ihn einen Entschluß, und wenn er ihn sich abringt, so bringt er das Leitmotiv Meister Eckhardt’s mit: die Wollust der Kreaturen ist gemenget mit Bitterkeit. Im allgemeinen scheint er etwa auf den Standpunkt Rossini’s zu stehen: Meister Wagner bietet wundervolle Momente – und schauervolle Viertelstunden. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ich selbst, der ich mich als Ultra-Wagnerianer bekenne, in meinen Gesprächen mit Einstein niemals darauf lossteuerte, Meinung gegen Meinung durchzufechten; denn ich bin tief durchdrungen davon, daß die Begriffe Richtig und Falsch hier gar keine Stätte finden, und daß jede tonkünstlerische Wertung nichts anderes darstellt, als eine auf das eigene Naturell bezogene, durchaus egozentrische, also ganz belanglose Zufälligkeit. –

Einstein betätigt sich auch ausübend in der Musik und hat sich, ohne auf höhere Grade der Leistung Anspruch zu machen, zu einem ganz ansehnlichen Geiger entwickelt. Ich hörte von ihm unter andern die Wiedergabe des Violinparts in einer Brahmsschen Sonate, welche den Rang des Konzertfähigen nahezu streifte; er verfügt über schöne Tongebung, trägt Seele in den Ausdruck und weiß sich mit den technischen Schwierigkeiten abzufinden. Unter den Großmeistern des Faches, die auf ihn persönlich gewirkt haben, behauptet Joachim den obersten Platz, er schwelgt noch heute in der Erinnerung an dessen Wiedergabe der zehnten Beethoven’schen Sonate und der Bach’schen Chiaconne. Er selbst pflegt dieses Stück in eigener Ausübung, zu der ihn die Reinheit und Sicherheit seines mehrgriffigen Spiels befähigen. Wer es gut trifft – mir war dieser Vorzug noch nicht beschieden –, könnte Einstein auch bei pianistischen Studien belauschen. Wie er mir vertraute, ist ihm das Phantasieren auf dem Flügel geradezu ein Lebensbedürfnis. Jede Reise, die ihn auf Zeit vom Instrument entfernt, erzeugt in ihm ein Klavier-Heimweh, bei jeder Heimkehr wirft er sich sehnsüchtig auf die Tastatur, um sich von der Bürde seiner inneren Klangerlebnisse in Improvisationen zu entladen.

Für das Konzerttreiben, wie es sich in mondänen Veranstaltungen mit Hervorkehrung der Bravour kundgibt, hat er nicht viel übrig, insonderheit hält er sich frei von der Verhimmelung der Meister vom Taktstock, die er nur als Interpreten, nicht als Virtuosen auf dem orchestralen Instrument gelten läßt. Er präzisiert dies mit dem Wort: »Der Dirigent soll im Schatten bleiben!« Ich glaube, am liebsten ließe er sich den Klang ohne persönliche und materielle Vermittler zuführen, aus der Luft, aus dem Raume. Ich glaube ferner, daß ein unergründlicher Zusammenhang besteht zwischen seinem musikalischen Trieb und seiner Forschernatur. Denn das Ohr – das wissen wir durch Mach – ist das eigentlich raumempfindende Organ, und so mögen sich im Ohr des Raumforschers Dinge abspielen, die noch eine andere Bedeutung haben, als die in Noten darstellbare Musik. Ich bezweifle sehr stark, ob in Einsteins klingenden Monologen Spuren kompositorischer Gestaltungsfähigkeit vorkommen; aber vielleicht enthalten sie Proben einer Kunst, für die erst die Ästhetik einer fernen Zukunft den Namen finden wird. – –

Im Punkt der schönen Literatur, ja überhaupt des nicht fachwissenschaftlichen großen Schrifttums, ist aus Einstein nicht viel herauszuholen; nur selten lenkt er aus eigenem Antrieb das Gespräch darauf, und noch seltener bricht bei ihm die Begeisterung hervor, die sich an einer Herzenssache entzündet. Er beschränkt sich auf kurze, aphoristisch hingestellte Bemerkungen und gibt hin und wieder zu verstehen, daß er sich ein Dasein ohne Literatur allenfalls vorzustellen vermöge. Die Anzahl der von ihm nicht gelesenen Romane, Erzählungen, Dichtwerke ist Legion, und all die Schöngeistereien, die sich in historischer Betrachtung und Kritik um sie lagern, hat seine Teilnahme nur flüchtig gestreift.

Ich habe nie wahrgenommen, daß der Verheißungsblick, den irgend ein neues Unterhaltungsbuch aussendet, ihn irgendwie angelockt hätte. Gerät es in seine Hand, so legt er es zum Übrigen. Ich mußte bisweilen an den Khalifen Omar denken: »Steht in dem Buch dasselbe wie im Koran, so ist es überflüssig, steht etwas anderes darin, so ist es schädlich«; wenigstens insofern schädlich, als es besser zu verwendende Zeit absorbiert. Ich übertreibe hier absichtlich, um es recht klar hinzustellen, daß Einstein in einem engen Literaturkreis sein Auskommen findet, und daß er nicht entbehrt, wenn zahlreiche Neuerscheinungen an ihm unbemerkt vorübergleiten.

Immerhin nennt er mit verehrendem Ausdruck eine Reihe von Autoren, denen er Bereicherung verdankt; die Klassiker, wie selbstverständlich obenan, mit gewissen Einschränkungen, die er, ebenso selbstverständlich, nur ganz persönlich genommen wissen will und durchaus nicht im Sinne der Wertkritik. Der Unterschied liegt bei ihm wesentlich in der Betonung, aus der wir das größere oder geringere Maß der Liebe heraushören können. Sagt er: »Shakespeare«, so vibriert der Ewigkeitswert schon im Klange des Namens. Sagt er »Goethe«, so schwingt leise dissonierend ein Unterton; dessen Deutung kann uns nicht schwer fallen. Er bewundert ihn mit dem Pathos der Distanz, aber in diesem Pathos glüht keine Herzenswärme.

Ich hätte es mir zugetraut, aus der Kenntnis seines Naturells die Männer und Werke zu folgern, die in ihm starken Nachhall wecken mußten. Eine ziemlich klar vorgezeichnete Linie führt hier auf die richtigen Spuren. Außerhalb jeder systematischen Reihe nenne ich Dostojewski – Cervantes – Homer – Strindberg – Gottfried Keller im positiven, Emile Zola und Ibsen im negativen Sinne. Im großen und ganzen stimmte die Prognose nicht übel mit seinen eigenen Angaben. Nur daß er den Don Quixote und die Karamasoffs noch um etliche Grade stärker herausstellte, als ich vermutete. Bezüglich Voltaires äußerte er sich mit Vorbehalten; an seine dichterische Höhe glaubt er nicht, vielmehr will er ihn nur als scharfgeistigen, amüsanten Schriftsteller gelten lassen. Vielleicht würde Einstein bei intensiverer Beschäftigung mit Voltaire und Zola diese Geistesverwandten höher einschätzen. Aber hierfür ist keine Aussicht vorhanden, denn ihn schreckt die Weitschichtigkeit der Werke. Die Zeit, die der Physiker Einstein als relativ nachgewiesen hat, besitzt nach Stundenmaß für ihn einen durchaus absoluten Wert, und wenn man ihm zum Genuß dicke Bücher aufreden will, so macht man sich bei ihm nicht beliebt.

Unser philosophisches Schrifttum entlockt ihm keine Jubelfanfaren. Übernähme jemand die Aufgabe, Einsteins Beziehung zur Philosophie darzustellen, so wäre ihm zu raten, lieber in seine Werke hineinzusteigen, als ihn persönlich zu befragen; in jenen wird er reiche Anweisungen finden, ausgestellt auf die Zukunft, einer Erkenntniskritik, die sich heute schon vernehmlich ankündigt. Ein großer Teil der Philosopheme wird einmal durch den Einstein’schen Filter hindurch müssen, um sich zu reinigen. Er selbst, so will es mir scheinen; überläßt diese Filtrierarbeit zumeist anderen Denkern, wir aber dürfen nicht aus den Augen verlieren, daß diese andern sich in Anschauungen von Raum, Zeit und Kausalität bewegen, die sie aus Einsteins Physik gewinnen. Hieraus wird ohne weiteres klar, daß er die Aufschlüsse über die letzten Dinge in der vorhandenen Literatur nicht findet; einfach deswegen, weil sie dort nicht zu finden sind. Für ihn stellen die berühmten Werke, um mit Kant zu reden, »Prolegomena« dar zu einer »künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können«. Der Akzent liegt auf dem Futurum, das bis heute noch nicht Präsens geworden ist. Viele rühmt er, zumal Locke und Hume, keinem gesteht er die Endgültigkeit zu, auch nicht dem großen Immanuel, von vielen andern ganz zu schweigen, von Hegel, Schelling, Fichte, die er in diesem Zusammenhange kaum erwähnt. Schopenhauer und Nietzsche stellt er als Schriftsteller sehr hoch, als Sprachmeister und Bildner eindruckskräftiger Gedanken; er wertet sie nach literarischer Höhe und leugnet die philosophische Tiefe. Was Nietzsche anlangt, den er, nebenbei bemerkt, als zu glitzernd bezeichnet, so regen sich in ihm gewiß auch ethische Widerstände gegen den Verkünder der Herrenmoral, die seiner eigenen Ansicht der Beziehung von Mensch zu Mensch so schroff widerspricht.

Schon zuvor, beim Thema der klassischen Dichtung, hatte er unter den ihm Herzensnahen mit besonderem Nachdruck Sophokles genannt. Und mit diesem einen Namen rühren wir an das Grundbekenntnis des Menschen Einstein. Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da, ruft die Sophokleische Antigone, und dieser Ruf ist tatsächlich der langgehaltene Orgelpunkt, der dem Gefühlsleben Einsteins zur Grundlage dient. Ich widerstehe der Versuchung, hier denjenigen zu folgen, die sich im Getriebe des Tages auf Einstein als einen homo politicus berufen. Das würde auf Programme und Parteiworte führen, deren Erörterung nicht im Rahmen dieser Schrift liegt; umsoweniger, als die Überzeugungen Einsteins sich klar hinstellen lassen, ohne Bezug auf schematische, im Sinne sehr dehnbaren Bezeichnungen. Eine Alexander MoszkowskiRIndividualität wie die seinige geht nicht in einem Fraktionsprogramm auf; und wenn sich einer darauf versteift, ihn weit links zu finden oder ihm den Platz weit links anzuweisen, so möchte ich die Anordnung statt nach links und rechts lieber nach oben und unten wählen. Ich blicke empor zu seinem Idealismus, dessen Niveau vielleicht einmal von einer erhöhten Gesittung, nicht aber vom paragraphierten Gesetz erreicht werden kann. Ich habe ihn auch selten von solchen schablonisierten Rezepten reden gehört, desto häufiger aber Äußerungen und Züge wahrgenommen, aus denen das stärkste, allzeit gegenwärtige Mitgefühl mit jeder menschlichen Kreatur hervorbrach. Sein Programm, nicht mit Tinte entworfen, sondern mit Herzblut, verkündet in der schlichtesten Weise die kategorischen Imperative: Pflichterfüllung den Menschen gegenüber, Hilfsbereitschaft für jedermann, Abwehr jeder materiellen Bedrückung. Also doch wohl ein Sozialist! wird mir entgegengerufen. Macht es dich glücklich, ihn so zu nennen, – er wird dich in diesem Glück nicht hindern. Aber mir erscheint die Wortbekleidung zu eng für ihn. Ich finde zwar keinen Widerspruch in der Bezeichnung, aber auch keine völlige Kongruenz. Soll schon ein Wort gewählt werden, so würde ich eher sagen: ein im weitesten Sinne liberal denkender Demokrat. Ihm ist der Staat nicht Selbstzweck, und ebensowenig glaubt er die Anweisung auf Allheilmittel in der Tasche zu haben. Die Stellung des Einzelnen zum Sozialismus, so sagte er, wird unsicher dadurch, daß man nie zur vollen Klarheit darüber gelangen kann, wieviel von dem ehernen Zwang und der blinden Wirksamkeit in der Geldwirtschaft sich durch Einrichtungen überwinden läßt. Und ich möchte hinzufügen: durch Einrichtungen schwerlich auf die Dauer; wenn überhaupt, dann eher durch das sittliche Beispiel der Entsagungsfähigen. Jeder, der das Motto der Antigone »mitzulieben bin ich da« in sich verwirklicht, bringt uns dem Ziele näher. Alles in allem: von der verwirrenden politischen Betrachtung flüchtet der Sehnsuchtsblick immer wieder zur einfachen Moral. Für Einstein ist sie das Primäre, unmittelbar Ersichtliche, keiner Täuschung Zugängliche. Das Mitleid, – und diesem noch vorgeordnet: die Mitfreude! Das Schönste, was es im Leben gibt, rief er aus, ist ein leuchtendes Gesicht! – –

Er selbst zeigt es, wenn er seine Ideale entwickelt, vor allem die Internationalität aller geistig Strebenden und den ewigen Völkerfrieden. Der Pazifismus ist ihm Herzens- wie Kopfessache, und er glaubt, daß der bisherige Ablauf der Weltgeschichte nur das Präludium zu dessen Verwirklichung darstellt. Die blutigen Zeichen der bis in die Gegenwart ragenden Vergangenheit machen ihn nicht irre. Er verweist auf die endlosen Stadtkämpfe des italienischen Mittelalters, die schließlich doch einmal, und für immer, von der Welt scheiden mußten, verdrängt vom wachsenden Solidaritätsgefühl. Und so glaubt er an den Friedenssieg, den das Einheitsbewußtsein aller Menschheit dereinst über die dämonische Gewalt der Herrschbegier und der Eroberungssucht erringen muß.

Das pazifistische Ziel scheint ihm erreichbar, ohne Auslöschung der staatlichen Besonderheiten. Nationale Eigenart nach Tradition und Vererbung bedeuten ihm keinen Widerspruch zur Internationalität, welche die geistigen Gemeinsamkeiten der Kulturvölker umspannt. So weist ihn der Wunsch nach Erhaltung und individueller Pflege der Besonderheit auf das Nebenziel des Zionismus. Die Stimme des Blutes wird vernehmbar, wenn er für eine Staatsgründung in Palästina eintritt, in der er das einzige Mittel erblickt, unter Wahrung individueller Freiheit der nationalen Eigenart des Stammes Dauer zu gewähren. – –

Wir waren von der Kunst zum Staat gelangt und kehrten dahin zurück, um auch die bildenden Künste rasch zu berühren. Die Malerei wurde mit einem sehr flüchtigen Gruß abgefunden. Sie spielt in Einsteins Dasein keine erhebliche Rolle, und er würde ihrem Verlust nicht sonderlich nachtrauern, wenn sie aus der Kulturentwickelung verschwände; wofür ja gewisse Anzeichen vorhanden sind. Ich habe diese Anzeichen in anderen Schriften beschrieben (so in meiner »Kunst in 1000 Jahren«) und stehe auf dem Standpunkt, daß die letzten Ausläufer der Malerei im Expressionismus und kubistischen Futurismus wesentlich die letzten Krämpfe der sterbenden Flächenkunst bedeuten. Aber auch die Wahrzeichen vormaliger Blüte beginnen für uns zu verblassen, und Einstein wird nicht der einzige sein, der sie, etwa der Musik gegenüber, in eine Unterschicht der glückspendenden Offenbarungen verweist. Er ist nur aufrichtiger, als viele andere, wenn er ganz treuherzig bekennt, daß er sich ein Leben ohne kunstmalerische Sensationen als ein keineswegs rettungslos verarmtes vorzustellen vermöge. Vor der Skulptur dagegen verbeugt er sich, und die Baukunst ist ihm eine Göttin. Wiederum ist es die elementare Andacht, die ihn überfällt, wenn die Erinnerung ihm das Himmelanstrebende vor Augen bringt: die gothischen Dome! Goethe und Schlegel haben die Architektur als gefrorene Musik bezeichnet, und dieses Bild ist ihm gegenwärtig, in der Gothik als einer erstarrten Bach’schen Musik. Wer da will, kann den spezifischen Eindruck auch noch anders analysieren, auf die Grundelemente hin, in denen sich das Wesen der Sache als Stütze und Last und als Überwindung der Schwerkraft zu erkennen gibt. Für einen in Mechanik arbeitenden Geist, der die Züge und Drücke der Natur in sich selbst verspürt, ist die Baukunst eine in Schönheit verwandelte Statik und Dynamik, ein sinnberauschendes Abbild seiner eigenen Wissenschaft. – – –

* * *

Mancherlei hat er mir von seinen Reisen erzählt, und diese Berichte waren vornehmlich auf den Grundton der Absichtslosigkeit gestimmt. Der Begriff der Sehenswürdigkeit im touristischen Sinne scheidet für ihn aus, und den Dingen, die im Baedeker mit zwei Sternchen angepriesen werden, jagt er nicht nach. Die Hochromantik der Schweiz, deren Lockungen ihm in leichter Erreichbarkeit so nahe lagen, hat ihn niemals in ihren Bann gezwungen, von den tiefgründigen Schauernissen der Gletscher- und Zackenwelt hält er sich fern. Seine Landschaftsbegeisterung geht konform mit dem Barometer: je höher hinauf, desto stärker fällt sie. In einfachem Kontakt mit der Natur bevorzugt er das Mittelgebirge, den Meeresstrand und die weite Fläche, während die glanzvollen Panoramalinien, wie die des Vierwaldstätter Sees, ihn nicht in Ekstase versetzen. Unnötig, zu betonen, daß er sich unterwegs nicht auf den Stil der Grand-Palace-Hotels einrichtet; eher wird es stimmen, wenn man sich ihn als Vaganten vorstellt, der zeit- und ziellos dahinschlendert, auf Wanderburschen-Herrlichkeit märchenhaft abgestimmt, unbewußt hingegeben der Regel des alten Philander: Geh‘ steten Schritt, nehm‘ nicht viel mit, tret an am frühen Morgen, und lasse heim die Sorgen!

Soll ich die Liste der Leidenschaften und Liebhabereien hinschreiben, die ihm fremd sind? Sie würde sehr länglich ausfallen, und ich komme kürzer zum Ziele, wenn ich seine sportlichen Neigungen mit Null beziffere. Ich hatte ihn einmal im Verdacht des Wassersports, da ich von einigen Segelpartien erfuhr, an denen er teilnahm. Allein, es war nichts damit; er segelt wie er wandert, absichtslos, träumend, uninteressiert für das, was dem Segelklubisten als »Leistung« vorschwebt. Auf der Negativseite seiner Sportgelüste steht sogar das Schachspiel, das ja sonst auf mathematisch gerichtete Naturen starke Anziehung ausübt. Die besondere Kombinatorik dieser geistreichen Übung hat ihn nie gereizt, die Schachwelt ist ihm terra incognita geblieben. Ebensowenig betätigt er irgendwelchen Sammeltrieb, nicht einmal den der Bibliophilie. Selten oder nie habe ich einen Gelehrten angetroffen, der auf den Eigenbesitz zahlreicher und wertvoller Bücher so geringen Wert gelegt hätte. Die Ansage läßt sich dahin erweitern, daß er am Besitz als solchem überhaupt keine Freude empfindet; er sagt es, und seine ganze Lebenshaltung beweist es. In der Tiefe seines freundlichen Hedonismus finde ich einen Zug der Resignation, ich möchte sagen mönchischer Askese. Nie verläßt ihn das Gefühl, auf dieser Welt nur ein Besuch zu sein.

Ich weiß nicht, ob Einstein sein Lebenswerk innerhalb dieses Besuches für vollendbar hält. Jedenfalls trifft er keine Veranstaltungen, um durch scharfen Verfolg eines unverrückbaren Arbeitsprogramms dem Tag mehr abzujagen, als er ihm freiwillig zuführt. Er forciert kein abgezirkeltes Pensum nach des Dienstes immer gleichgestellter Uhr. Es gibt Geistesarbeiter, zumal Künstler, die eigentlich niemals vom vierundzwanzigstündigen Arbeitstag loskommen, die in nächtlichem Traumwerk Produktionsfäden des Tages fortspinnen. Einstein kann nach Lust und Bedarf aussetzen, unterbrechen, abbiegen, der Traum bringt ihm keine Inspiration und überfällt ihn mit keinem Problem.

Dagegen wird er tagsüber desto mehr überfallen, von Dingen und Menschen, die auf ihn losstürmen. Das beginnt schon bei der Frühpost, deren Erledigung ein besonderes Bureau erfordern würde. Neben den Korrespondenzen von beruflicher und amtlicher Wichtigkeit wimmeln aus aller Welt die Zuschriften Unzähliger, die ihm einen Zeittribut abverlangen. Was sie, die Einzelnen, im Punkte der Relativitätslehre gedacht, empfunden, begriffen, bezweifelt, ergänzt und vor allem nicht verstanden haben, Einstein muß es erfahren und soll es beantworten. Hast du, Berühmter, noch eine Viertelstunde frei? Da warten sie schon im Korridor, die Maler, die Lichtbildner, die Tonkneter, die Interviewer, und mag die vorsorgliche Gemahlin Else noch so geschickt mit diplomatischer Beredtsamkeit deine Ruhe schützen, einige werden dich doch in Öl, in Gips, Kohle, Tusche, Druckerschwärze zur Strecke bringen. Auch der Ruhm fordert sein Notopfer, und wenn man von einer Ruhmesjagd sprechen will, so ist er darin ganz bestimmt das Wild, nicht der Jäger. Er seufzt unter der Last der Korrespondenz, und nicht nur als Empfänger; er seufzt auch mit dem Absender, dessen Schrift und Brief unerledigt bleiben muß. Zu einer richtigen Wut dem Zeitbedränger gegenüber bringt er es nicht. Wäre es anders, gälte ihm nicht nach des Syrus Spruchvers die Geduld als aller Schmerzen Arzenei, – wie hätte ich selbst es wagen dürfen, ihm so viele Stunden abzuverlangen? Alle Sünden fallen mir bei!

Aber auch Einsteins Duldsamkeit findet eine Grenze, und diese ist wesentlich dort gezogen, wo die »Gesellschaft« beginnt, ich meine die zweckhafte Anhäufung von Personen im Salon, die gesellschaftliche Veranstaltung, zu der man geladen wird, um gesehen zu werden und mit dabei gewesen zu sein. Die Vorstellung der Feierlichkeit mit der Aussicht in den Konvergenzpunkt der Blicke gerückt zu werden, ist ihm ein Greuel. Unterliegt er im seltenen Ausnahmsfall dem Zwange, so wird die Korona die Anwesenheit des »Tafelaufsatzes« nicht mit ungemischter Freude wahrnehmen; und man braucht kein Gedankenleser zu sein, um ihm vom Gesicht den ungestümen Wunsch abzulesen: Nur wieder fort!

Um so behaglicher fühlt er sich im engen Kreise der Freunde, die ihm entgegen tragen, woran ihm mehr liegt, als an der Bewunderung: Liebe, Herzensverständnis für die Güte seines Menschentums. Wie man ihn haben will, so hat man ihn. Ihm wird wohl, wenn er den Doctor profundus vergessen lassen kann, um sich auf den Ton der gemütlichen, anregenden Unterhaltung zu stimmen. Meister in der Kunst des Zuhörens, zeigt er sich dem Widerspruch zugänglich, unterstreicht er selbst, wo es nur angeht, die Argumente des Gesprächsgegners. Audiatur et altera pars! Auch hierin zeigt sich die altruistische Reinheit seiner Persönlichkeit, der es Freude verursacht, wenn er aus der gegenteiligen Meinung den berechtigten Kern herausschält. Hier entwickelt er auch eine Eigenschaft, die man sonst beim abstrakten Denker wohl zuletzt vermutet: einen Humor, der die ganze Skala vom zarten Lächeln bis zum schallenden Gelächter durchläuft und sich bis zum schlagenden Witz steigert. Es kann sich ereignen, daß der Gesprächsanlaß seinen Zorn hervorlockt, zumal in politischer Debatte, in Erinnerung an militaristische, feudale Mißstände. Dann sprudelt er auf, temperamentvoll gegen das System, sarkastisch gegen Persönlichkeiten, ein lachender Philosoph, der grimmig verspottend den Quell verjährten Hasses aufzeigt, um sich sogleich wieder zu froher Zukunftsaussicht zu schwingen.

Schade, daß die von ihm in losem Fluß angeschlagenen Motive nicht phonographisch festzuhalten sind. Sie würden eine hübsche Ergänzung zu den hier vorliegenden Gesprächsaufzeichnungen liefern. Er selbst denkt natürlich nicht daran, die Eingebungen der Minute in literarisch feste Form zu bringen. Was er schreibt, bewegt sich in anderen Regionen, ist nach seinem eigenen Ausdruck Produkt »dickflüssiger Tinte«. Sehr begreiflich, denn was er als Wissenschaftler zu verkünden hat, läßt sich auf dünnflüssigem Wege nicht darstellen. Aber mancher sogenannte Schriftsteller könnte sich gratulieren, wenn ihm beim Schreiben so viel Flüssiges einfiele, wie dem sprechenden Einstein.

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>Die Bearbeitung dieser Gespräche wurde im Sommer 1919 begonnen, im Herbst 1920 beendet.


Alexander Moszkowski (* 15. Januar 1851 in Pilica; † 26. September 1934 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und Satiriker polnischer Herkunft. Er ist der Bruder des Komponisten und Pianisten Moritz Moszkowski.

Peter Altenberg œ Ein Porträt von Egon Friedell

Peter Altenberg

Porträtiert von Gustav Jagerspacher 1909
Porträtiert von Gustav Jagerspacher 1909

Vor Jahren erschienen in Wien eine kurze Zeit lang dünne abscheulich grasgrüne Wochenhefte, die den Titel » Liebelei« führten. Der Name knüpfte unmittelbar an Schnitzlers Schauspiel an, das erste erfolgreiche Bühnenwerk der österreichischen »Moderne«, das das Wiener Publikum offenbar für ein rührendes Volksstück genommen und dementsprechend bejubelt hatte. Die kleine Zeitschrift desselben Namens, angefüllt mit verschlungenen Lyrismen, polemischen Donquixoterien und Gymnasiastenerotik, eine Art billige Öldruckkopie der Berliner »Freien Bühne«, galt als das Organ der Jungen und Revolutionären, erregte allenthalben unbändigen Verdruß durch ihre Überspanntheit und jugendliche Hast und ging sofort wieder ein. Am meisten aber erbitterte eine Anzahl von Skizzen, mit denen ein Autor debütierte, der sich als ebenso unverständlich wie albern erwies: es waren lauter ganz kurze Sachen, konfuse Zwitterprodukte aus geistreichelnder Aphoristik, affektierter Prosalyrik und larmoyanter Miniaturnovelle. Man forschte nach dem Verfasser und eruierte, daß er mit einem exaltierten Sonderling identisch sei, der sich auch schon vorher, ohne zu schreiben, lästig gemacht hatte, indem er in Caféhäusern aufrührerische Reden gegen den Philister und für die Frau hielt, nie einen steifen Kragen trug, dagegen lederne Reitgamaschen, ohne jedoch jemals zu Pferde erblickt zu werden, die Nacht zum Tage machte, gemeinen Straßendirnen in zartester Weise hofierte, nicht selten mit Kellnern, Fiakern und Zuhältern in angeregter Konversation betroffen wurde und sämtlichen Frauen von der Caféhauskassierin bis zur Doktorin der Philosophie durch lächerliches und widersinniges Geschwätz den Kopf verdrehte. Da er seine Skizzen mit dem Eingehen der »Liebelei« nicht einstellte, wurde sein Name zu einem Kollektivbegriff für moderne Paranoia, Sensationslust, Selbstberäucherung und Originalitätshascherei, und man sagte von da an, wenn man über die Arbeit eines strebsamen jungen Literaten ein besonders vernichtendes Urteil abgeben wollte, in aller Kürze: »Das ist echter Peter Altenberg.« Über Nacht war dieser Name aus einem nomen proprium zu einem Gattungsbegriff geworden, und man sagte »Altenberg«, wie man »Cagliostro«, »Casanova« oder »Catilina« sagt.Weiterlesen

Novalis – Egon Friedell

Novalis aka Friedrich von Hardenberg

Novalis, Stahlstich von Friedrich Eduard Eichens (1845)Friedrich von Hardenberg, der als Künstler Novalis hieß, darf als einer der allercharakteristischsten Repräsentanten seiner Zeit gelten. Seine Philosophie tritt erst in ihre volle Beleuchtung, wenn sie als Extrakt und Type ihres Zeitalters verstanden wird. Wir müssen daher zunächst versuchen, uns diese Periode in ihren allgemeinsten historischen Zügen kurz zu vergegenwärtigen.

Die politischen und religiösen Zustände
Hardenbergs Leben umfaßt die drei letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts: die Zeit der großen Revolutionen. Auf den nordamerikanischen Freiheitskrieg und die Gründung der Vereinigten Staaten war die Französische Revolution gefolgt, die durch die imposante Ferozität der Instinkte, die hier frei wurden, Europa ein blendendes Schauspiel bot. Indessen hat die Französische Revolution auf Deutschland im ganzen nicht günstig gewirkt: ihre Haupterzeugnisse auf deutschem Boden waren Schwärmerei und Reaktion.
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Ernst Barlach über Max Liebermann

Max Liebermann - 1925
Max Liebermann – 1925

Liebermann malt am Meer, es beginnt zu regnen.

Ein Herr (tritt hinzu): Sehen Sie, Herr Professor, der Regen ist die Folge davon, daß es vorher gutes Wetter war – ich helfe Ihnen tragen.

Liebermann: Ebensogut können Sie sagen, ich bin, weil ich nicht schon gewesen bin – hab ich recht?

Herr: Wie Sie Ihre Bilder nur malen können, weil sie nicht schon gemalt sind. – (Sie gehen.)

Liebermann: Verblüffende Zusammenhänge, wat? Is so ’ne Mystik schon dajewesen? Unheimlich!

Herr: Und doch, Meister – na, man weiß doch allerlei!

Liebermann: Wenn man man nich zu viel weiß, wissen Sie!

Herr: Doch wohl nicht – Ihre strenge und statiöse Kurve – ich meine, es ist eben alles gesetzmäßig, selbst meine ungeübten Augen – sehen Sie, Sie malen und malen und werden beim Malen alt und doch nicht alt, ob jung, ob alt, Sie kreisen immer in derselben Ordnung wie um eine in Zusammenhängen begreifliche Gegebenheit, da fällt mir das Wort aus dem Munde: Ihre strenge und statiöse Kurve.Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Egon Friedell – Ein Porträt

Ralph Waldo Emerson
Ralph Waldo Emerson

Ralph Waldo Emerson

In Emersons Lebenslauf war nichts von dem, was die Franzosen la vie à grande vitesse nennen. Nie betrat er die Bühne der großen Welt, nie war er in Kriegsabenteuer, politische Aktionen, spannende Liebesgeschichten, interessante psychologische Konflikte verwickelt. Sein Leben hatte gar nichts Romanhaftes und Romantisches. Selbst wenn es erlaubt wäre, von der Wahrheit der Tatsachen abzuweichen und seine Lebensgeschichte phantastisch auszuschmücken, müßte die beweglichste und reichste Einbildungskraft an einer solchen Aufgabe versagen. Denn die Grundeigenschaft, die Emerson als Mensch wie als Schriftsteller in gleichem Maße kennzeichnete, war eine ungeheure Selbstverständlichkeit, zu der alle aufregenden, auffallenden und überraschenden Züge nicht passen wollen.

Nur wenigen Menschen kann man die Ehre erweisen, daß man sie mit einer Pflanze, einem Kristall oder einem Bergstrom vergleicht. In der Entwicklung fast aller Menschen sind Sprünge, Risse, unorganische Beimengungen, Gewolltheiten. Statt ihre natürlichen Lebensbedingungen begierig aufzusuchen, streben sie danach, sie willkürlich zu verändern. In Emersons Biographie finden wir nichts von alledem. Sein Leben floß mit der einfachen und ausgeglichenen Richtkraft eines Stromes dahin, der sich selbst sein Bett gräbt und durch die natürlichen Fallgesetze seinen Lauf bestimmt.Weiterlesen

Cat beantwortet den Fragenbogen von Marcel Proust

Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!

Wo möchten Sie leben?
Ich mag Orte, wo die Sonne viel und oft scheint und ich keine Winterjacke brauche. Also: Irgendwo im Süden – zumindest zur Winterzeit. Vor allem aber dort, wo sich auch das Herz zu Hause fühlt.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
Da ich „vollkommenes Glück“ eher als unerreichbare Utopie des Menschen erlebe, möchte ich einfach nur zufrieden sein. In einer idealen Welt gäbe es für mich aber keine Kriege, keine Tier- und Kinderquälerei und keine Hungersnöte mehr und viele Menschen wären weniger machtbesessen und überheblich.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Grundsätzlich viele, die ein Einsehen nach sich ziehen. Kein Mensch kann alles gleich gut – eine gewisse Fehlertoleranz ist ein Muss, wenn man nicht frühzeitig Sorgenfalten bekommen will. Viele nehmen Schüchternheit als Fehler wahr; aber zurückhaltende Menschen sind mir oft sympathisch. Weil sie nicht alles von sich preisgeben.

Was ist für Sie das größte Unglück?
Plötzlich alles zu verlieren, was ich liebe. Freunde, meinen Mann, meine Familie, meine Katzen. Es macht mich auch unglücklich, ständig das Leid von Mitwesen zu sehen und nicht immer etwas dagegen tun zu können.

Ihre liebsten Romanhelden?
Das ist eine schwere Frage, da kann ich mich nicht auf wenige „fiktive Personen“ eingrenzen. Allgemein bewundere ich starke Frauen, die sich einfach nicht unterkriegen lassen, egal, welche Steine man ihnen in den Weg legt. Und ich mag kontroverse Heldinnen und Helden. Solche, die nicht ganz „schwarz“ oder „weiß“ sind, sondern sich in den Grauzonen des Charakterschachbretts bewegen. Wesen eben, die etwas Geheimnisvolles umgibt, die einen starken Charakter, aber auch ihre Macken haben.
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Über den Gesang der Tiere – die Zoomusikologie

Zhao Shaoang - Blumen & Vogel
Zhao Shaoang – Blumen & Vogel

Vögel zwitschern, Wale singen, Wölfe heulen. Sind diese Laute bereits Lieder? Diese Fragen beschäftigt die Zoomusikologie. Wissenschaftler wie Dario Martinelli untersuchen die Gemeinsamkeiten in der musikalischen Aktivität von Mensch und Tier. Der talienischen Professor für Semiotik Dario Martinelli, hat diesen Grenzbereich zwischen Musik- und Naturwissenschaft zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht.

Womit beschäftigt sich nun die Zoomusikologie? „Kurz gesagt, befassen wir uns mit jenen tierischen Lautäußerungen, die man als »Musik« bezeichnen kann und über die reine »Kommunikation« hinausgehen“, so der Professor in einem Interview mit den italienischen Magazin FOCUS. „Dazu gehören alle Laute und Töne, die von ihrer Struktur, der Art und Weise ihrer Darbietung, aber auch ihrer Aufnahme beim Gegenüber her so beschaffen sind, dass sie eben eher als »musikalische« Prozesse zu betrachten sind“, soe der Wissenschaftler weiter.
Es geht  um eine simple Frage, die dann eine komplexe Beantwortung zur Folge hat:

Ist Musik ein rein menschliches Phänomen? Weiterlesen

Otto Lilienthal – „Kleine Opfer müssen gebracht werden!“

Otto Lilienthal - Gleitexperiment - 1895

trennlinie2Schmerzen hatte er nicht, aber er war unfähig, sich zu bewegen. Regungslos lag er auf dem Bett des trostlos gleichgültigen Zimmers in dem kleinen Dorfwirtshaus, unweit der Stelle, an der er verunglückt war. „Grüßen Sie meine Frau und meine Kinder und sagen sie ihnen, dass ich morgen komme!“ sagte er zu seinem Mechaniker. Er kam nicht, denn am folgenden Tag war Otto Lilienthal tot. Der Arzt hatte zunächst keine Verletzung finden können. „Nichts gebrochen, alles ganz!“ hatte er beruhigend gesagt, aber da der Abgestürzte bald das Bewusstsein verloren hatte und nicht wieder aufwachen wollte, ließ er ihn ins Krankenhaus bringen. Am nächsten Nachmittag starb er, und erst nach seinem Tode stellte man fest, dass sein Rückgrat gebrochen war. Weiterlesen

Sokrates und sein Prozess – Felix Pirner

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)
Paul Gauguin, Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897/98)

Nach dem Peloponnesischen Krieg fragten sich die Athener, wer das Land derart in Not und Niederlage gebracht habe. Die schuldigsten erschienen ihnen jetzt die beiden, denen sie vordem am lautesten zugejubelt hatten: Der nichtsnutzig verwegene Alkibiades und der brutale Kritias, einer der Dreißig Tyrannen. Beide waren freilich schon tot, beide aber auch Schüler dieses Sokrates, der noch immer auf allen Gassen stand und den biederen Bürgern seine Redensarten anhing. Man warf ihm vor, er treibe es nicht anders als die Sophisten. Und den Sophisten war nichts zu groß, nichts zu alt, heilig und ehrwürdig, dass sie nicht ihr freches Wort dagegen warfen, die Jugend zu gleichem Frevel verführten und so allmählich die Grundlagen des Staates unterwühlten.Weiterlesen

Der Prozess der Sokrates – Kapitel 1: Der Philosoph – Felix Pirner

Sokrates - ProzessUnter den tausendmal tausend Halmen der Wiese blüht immer wieder eine seltene, einzigartige Blume. So auch ersteht inmitten der Menschen immer wieder ein stiller, nachdenklicher Mann, ein Weiser, ein Philosoph. Er braucht nicht gelehrt zu sein, kein Examen zu bestehen, keinen großen Geldbeutel zu besitzen. Auch ist er an kein Volk, keine Zeit und an keinen Stand gebunden. So war im alten Rom der gewaltige Heerführer und Kaiser Marc Aurel ein begnadeter Philosoph, aber der arme schlesische Schuster Jakob Böhme, der vierzehnhundert Jahre später lebte, war es nicht minder. Wie ein granitenes Mal steht immer wieder ein Weiser auf dem Jahrmarkt des Lebens. So vielgestaltig die Welt des Philosophen sich auch darbietet, so einheitlich blieb sein Gesicht von der fernsten Urzeit bis in unsre Tage: Der Philosoph erfährt Lust und Leid, Sehnsucht, Liebe, Geburt, Tod, Irrtum und Wahrheit in und um sich wie jeder andere. Er weicht dem Leben nicht aus, er geht auch nicht darin unter. In aller wirren Vielfalt sucht er die Einfalt und das Gesetz. Zu lauschen, zu schauen ist ihm gegeben. Wo andere nur obenhin sehen und hören und weiter rennen, verweilt er und forscht hinter den blinkenden Schein und drängt zum Grund aller Wesen. Auch beugt er sich zum Staub und hebt auf, was keinem sonst des Aufhebens wert scheint. Und was er so aufhebt, erlauscht, erschaut, das trägt er zusammen in sein Innerstes. Wie auf Dürers Bild „Hieronymus im Gehäuse“ lebt der Philosoph in der Geborgenheit seiner Seele, indes hinter den bunten Butzenscheiben draußen das Leben tobt, indessen Löwe wie Hund, Leidenschaft, Gier und Wildheit eingeschlafen liegen. Er sitzt und knüpft das Getrennte zusammen, ordnet und windet den Kranz um die Stirne der Gottheit. Und diese Stille und Geborgenheit, sein „Gehäuse“, trägt der Philosoph dann überall und immer mit sich. Die um ihn leben, wissen es nicht und spüren doch die Wohltat. Denn es ist gut mit ihm leben, man meint sich irgendwie gehegt und geborgen und trägt leichter, was man zu tragen hat. Nicht verstoßen, verfluchen, verzweifeln ist seine Art, sondern trösten, beistehen, aufrichten, das liegt ihm an. Erfolgreich im kaufmännischen Sinne, also reich an münzbaren Erfolgen wird der Philosoph nicht sein. Dafür beschäftigt ihn zu viel, was nur der Seele dient. Er wird aber auch niemand zur Last fallen, oder, wenn er schon eines andern Brot isst, wird er königlich dafür bezahlen mit einem Geschenk aus seiner Seele.Weiterlesen

Walt Whitman – Der große amerikanische Lyriker im Porträt

EINFÜHRUNG – Wer ist Walt Whitman?

Walt Whitman
Walt Whitman

Der erste große eigentümlich amerikanische Dichter im 19. Jahrhundert. So könnte man ihn bezeiclmen und hätte damit doch nur die Hälfte seiner Bedeutung erkannt. Man könnte ihn auch den ersten stolzen Bekenner der jugendlichen Kultur Amerikas nennen, obwohl er zugleich einer der schärfsten Kritiker der Gefahren des „Amerikanismus“ war, des Übermaßes von Wohlstand, von „Geschäft“, Weltlichkeit und Materialismus. Er war der begeisterte Künder der Freiheit, der Technik, der Großstädte, obwohl er niclit weniger leidenschaftlich auch die Flucht aus Industrie und Weltstadt, die vollkommene Hingabe an Natur und Einsamkeit besingt und ein glühender Verfechter der Erhöhung des Einzelmenschen ist. Weiterlesen

GEORGE STEPHENSON – Der Erfinder der Eisenbahn im Porträt

„Ich bin der Sohn eines Kohlenarbeiters!“

George Stephenson war ein englischer Ingenieur und Hauptbegründer des Eisenbahnwesens. Er war Autodidakt und erwarb sich umfangreiche technische Kenntnisse.
George Stephenson war ein englischer Ingenieur und Hauptbegründer des Eisenbahnwesens. Er war Autodidakt und erwarb sich umfangreiche technische Kenntnisse.

Am Eingang zu den Stollen der Kohlenwerke des Lords Ravensworth standen ein paar Arbeiter und sahen besorgt auf den Förderkorb. Die Maschine, die ihn betätigen sollte, war in Unordnung. Vergeblich versuchten die Leute, von denen sich jeder heimlich für einen Sachverständigen hielt, sie wieder zur Vernunft zu bringen. Schließlich sagte einer: „Man muß John holen, er ist der einzige, der etwas davon versteht. Er wird sich zwar wieder gebärden wie der Hahn auf dem Mist, der aufgeblasene Bursche, aber was sollen wir tun? Wir finden doch nicht heraus, wo der Schaden liegt.“ „Laßt mich’s nochmals versuchen“, schlug ein anderer vor, „vielleicht gelingt’s mir. Es ist sicher nichts! Man „braucht nur die Stelle herauszufinden, an der man das Ding streicheln muß.“ Aber alles Streicheln und Herumprobieren half nichts. Weiterlesen

Jean-Henri Fabre – Verhaltensforscher – InsektenForscher – Begründer der Ökologie als Wissenschaft

Jean-Henri_Fabre_peinture_anonymeJean-Henri Casimir Fabre (* 1823 in Saint-Léons du Lévézou; † 1915 in Sérignan-du-Comtat, Vaucluse) war ein französischer Naturwissenschaftler (Entomologe), Dichter und Schriftsteller, Mitglied der Académie Française und der Légion d’honneur. Er gilt als ein Wegbereiter der Verhaltensforschung und der Ökophysiologie.

Bauern, gewohnt in der kargen Welt der Cevennen zwischen Rodez und Millan ihr Brot zu finden, waren die Vorfahren Jean Henri Fabres, der wie nur wenige die großen Vorzüge der Menschen des Mittelmeerraumes, die an den Bewohnern seiner gebirgigen Teile am deutlichsten sichtbar werden, in sich vereint: Bedürfnislosigkeit, Zähigkeit, Lebensklugheit und Klarheit des Denkens. Reichtümer sind auf den steinigen Hängen der Cevennen nicht zu gewinnen, es ist ein ärmliches Land mit Roggen-, Hafer-, Kartoffel- und Hanffeldern und noch viel mehr Ödland, auf dem Schafe ihr Auskommen finden. Herren der kleinen Herden sind die Kinder des Dorfes, die mit diesem ersten Dienst frühzeitig in das arbeitsreiche Landleben hineinwachsen. Als Schaf- oder Ziegenhirt hat man viel Zeit zu müßiger Träumerei. Der junge Jean Henri ist ein sehr aufmerksamer Beobachter, nichts entgeht seinen flinken Augen, und er macht sich bald seine eigenen Gedanken über Art, Wesen und Ordnung der Gräser, Blumen und Bäume, über alles, was kreucht und fleucht. Der Pfarrer, aufmerksam geworden auf den intelligenten Jungen, gibt ihm ein paar Unterrichtsstunden in Naturkunde. Die einfache Dorfschule, zu deren Heizung jeder Schüler im Winter ein Scheit Holz mitbringen muß für den Ofen, der nebenbei auch das Futter für die Schweine des Lehrers kocht, vermittelt die ersten systematischen Kenntnisse von Pflanzen- und Tierkunde, wobei der Anschauungsunterricht durch Absuchen der Schnecken von den Gemüsebeeten des Herrn Lehrers zu dem weniger geschätzten Anschauungsunterricht gehört.

Jean_Henri_Fabre_Foto von NadarJ. H. Fabre ist zehn Jahre alt, als der Vater sein Glück in der Stadt Rodez als Inhaber eines kleinen Kaffees versucht. Um das Schulgeld zu sparen, singt Jean Henri im Kirchenchor und übernimmt das Amt des Meßdieners. Der Pfarrer gibt ihm Lateinunterricht, aber mehr noch als die Sprache, in der er als der Muttersprache auch seiner eigenen urtümlichen provengalischen Mundart bald heimisch wird, interessiert der Inhalt des lateinischen Lehrund Lesebuches: Vergils Landleben mit seinen bis ins einzelne gehenden Tierschilderungen. Nach nur dreijährigem Aufenthalt in Rodez zieht die Familie, deren wirtschaftliche Lage sich eher verschlechtert als verbessert hat, noch weiter nach dem Süden, nach Toulouse. Dort kann Jean Henri wenigstens die fünfte Klasse der Volksschule vollenden. Bald aber wird das wenige Umzugsgut wieder auf den Wagen geladen, und es geht nach Montpellier. An Schule ist nicht mehr zu denken, die Familie ist bettelarm geworden. „Und jetzt, mein Kleiner, Gott befohlen! Verdiene dir, so gut du kannst, deine Bratkartoffeln!“ Mit diesen Abschiedsworten wird der Sechzehnjährige vom Vater in die Fremde entlassen.
Auf Jahrmärkten verkauft er Zitronen, arbeitet als Erdarbeiter an einer Eisenbahnstrecke bei Nimes, muß hungern, schläft unter Brücken und verbringt eine Elendszeit, deren er sich noch nach sechzig Jahren mit Schaudern erinnert. Im Juli 1840 kommt er in Nimes mit nur drei Franken in der Tasche an und ersteht dafür statt eines guten Mittagessens die Gedichte des Bäckerpoeten Jean Raboul, denn fast noch wichtiger als die leibliche ist ihm die geistige Kost. Und darum übersieht er auch nicht den Anschlag am Rathaus, der eine Auswahlprüfung in der Provinzhauptstadt Avignon bekanntgibt. Schüler, die sie bestehen, bekommen einen Freiplatz und können Volksschullehrer werden. Fabre geht als Erster aus der Prüfung hervor, weiß endlich wieder, wie er morgen satt wird, und kann jede Möglichkeit wahrnehmen, sich in den Naturwissenschaften weiterzubilden.

Jean-Henri-Fabre-beim StudiumMit neunzehn Jahren verläßt Fabre das Lehrerseminar, um seine erste Stelle mit siebenhundert Franken im Jahr anzutreten. Beim Feldmeßunterricht, der natürlich im Freien stattfindet, sieht er, wie die Schüler — meist Bauernsöhne aus der Provinz — die Nester der Mörtelbiene öffnen und den Honig mit einem Strohhalm herausschlürfen, eine Kenntnis und Kunst, die bereits von den Jägern und Sammlern der Vorzeit geübt wurde. Fahre schaut interessiert zu,* und er möchte gern mehr wissen über dieses Tier, das bereits im 18. Jahrhundert den großen Reaumur beschäftigt hatte.
Als er in einer Buchhandlung das bekannte illustrierte Insektenbuch von Castelnau, Blanchard und Lucas findet, opfert er dafür ein ganzes Monatsgehalt seiner kleinen, nicht immer regelmäßig ausgezahlten Volksschullehrerbesoldung. Diese Ausgabe war so wenig Verschwendung wie seinerzeit in Nimes, als er sich für die letzten drei Franken den Gedichtband kaufte. Es war die Sicherheit eines Berufenen, der sich sein Handwerkszeug besorgte. Wenige Monate später hätte er das Geld allerdings wieder bitter nötig gehabt. Denn kaum volljährig geworden, heiratet Fabre die junge Lehrerin Marie Villard aus Carpentras. Aus dieser Ehe entsprießen nicht weniger als fünf Kinder.
Wohl hat der junge Ehemann inzwischen auch die Lehrbefähigung für Physik und Mathematik an höheren Schulen erworben, doch wird er erst nach längerer ungeduldiger Wartezeit seinem Examen entsprechend verwendet und bezahlt. Als er seine erste bedeutende wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, wird man in Paris auf ihn aufmerksam. Der Unterrichtsminister Napoleons III. besucht ihn in Avignon, läßt ihn nach Paris kommen, wo er dem Kaiser vorgestellt wird und das Kreuz der Ehrenlegion erhält.

Jean-Henri Fabre_am SchreibtischDen Tagen des Glücks und der Erfolge folgen schwere Zeiten. Da beginnt Fabre, seine Erfahrungen, Beobachtungen und Forschungen aus der Insektenwelt in einem zehnbändigen Werk niederzulegen, das er „Souvenirs entomologiques“ — ,Erinnerungen an Insekten‘ — nennt; fast dreißig Jahre schreibt er an diesen Büchern, die auch heute noch höchst lesenswert sind. Er spricht darin den Gedanken aus, „daß die Insekten geradeso unbewußt zweckmäßig handeln, wie etwa das Herz oder ein anderes Organ, dessen Tätigkeit der Erhaltung des Körpers dient, ohne daß es selbst ein Bewußtsein davon hat“. Die populärwissenschaftliche Buchreihe findet großen Absatz, und Fabre, der auch ein herrliches Sternenbuch geschrieben hat, steht lange Zeit im Mittelpunkt der Interessen des geistigen Frankreich. Fabre war, wie der große Darwin in der „Entstehung der Arten“ feststellte, ein „unnachahmlicher Beobachter“, aber auch ein einfallsreicher Experimentator, dessen Forschungsergebnisse teilweise bis heute Gültigkeit haben. Sein Wohnsitz Harmas in Sevignan ist heute eine vom Museum für die Geschichte der Naturkunde in Paris betreute Gedenkstätte.

Alois Senefelder – AUF DASS DIE STEINE REDEN – Ein Porträt

Alois Senefelder
Alois Senefelder (1771 — 1834) ist der Erfinder der Lithografie. Außerdem war er Theaterschriftsteller, Sänger, Musiker und Komponist.

„Leutein, nehmt’s die Wasch von der Leine — die Komödianten kommen…!“ So wenig schmeichelhaft wie überall damals in der Welt begrüßt man in der Altstadt von Prag auch die wandernde Schauspielertruppe, der Herr Senefelder aus München angehört. Der „Jugendliche Liebhaber“ aber freut sich über den ersten Sohn, Alois, den die Gattin ihm während des Prager Gastspiels schenkt, und zu dritt kehrt die Familie in die bayerische Heimat zurück. Der kunstsinnige Kurfürst beruft Senefelder als Hofschauspieler an sein Münchner Residenztheater; auch Alois zieht’s zum Theater, jedoch der Vater will seinem Ältesten die bitteren Erfahrungen der eigenen Jugend ersparen und bestimmt den Hochbegabten zum Juristen. Fleißig, aber ohne große Begeisterung, studiert der Junge an der Universität zu Ingolstadt Rechtswissenschaft, bis der allzufrühe Tod des Vaters alle Pläne zunichte macht. Mutter Senefelder eröffnet eine kleine Wäscherei, mit der sie ihre neun Kinder zu ernähren hofft, während Alois, der ehemalige Rechtsstudent, sich als Schauspieler und Lustspieldichter versucht. Nicht ohne Erfolg übrigens, seine Theaterstücke werden freundlich aufgenommen, aber es fehlt das Geld, sie drucken zu lassen. Selber drucken müßte man können!

Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 - Quelle: wikipedia.org
Steindruckschnellpresse von Hugo Koch, um 1880 – Quelle: wikipedia.org

Einmal will es der Zufall — so wird er später in seinem „Lehrbuch des Steindrucks“ berichten —, daß er für die Mutter eine eilige Wäscherechnung schreiben soll, doch in dem ärmlichen Haushalt sind weder Papier noch- Tinte zu finden. Da schreibt er in der Eile die Rechnung mit Wachstinte auf eine Solnhofener Steinplatte, die er sonst zum Farbeanreiben benützt. Eine flüchtige Laune läßt ihn — mal sehn, was daraus wird! — die Platte mit Scheidewasser ätzen, und als die von der Wachstinte geschriebenen Worte erhaben im Stein stehen bleiben, da fühlt er sich als glücklicher Erfinder eines funkelnagelneuen Druckverfahrens. Als er erfahren muß, daß die Steinhochätzung eine altbekannte Sache ist, versucht der Enttäuschte sein Glück als Soldat in der bayerischen Armee, bis man auf der Schreibstube dahinterkommt, daß der Alois Senefelder ja in Prag geboren ist, und den „Ausländer“ schleunigst nach Hause schickt. Hier bastelt und bosselt er weiter; er verbessert seine „Steintinte“ und seine kleine Druckpresse, er schreibt Musiknoten auf Papier, druckt sie auf Stein über und kommt so zum ersten Umdruckverfahren von Papier auf Stein, das er unermüdlich fortsetzt. Seine beiden Brüder, die der Arbeit gern aus dem Weg gehen, weiht der Gutmütige in sein Erfindergeheimnis ein, auf das ihm ein bayerisches Privileg für vorläufig fünfzehn Jahre erteilt wird.

Nun winken Ehre, Ruhm und Reichtum —• es kommen die verlockendsten Angebote, und ein namhafter Offenbacher Musikverleger läßt den jungen Mann auf eigene Kosten nach London reisen, damit er dort mit englischen Privilegien eine Steindruckerei eröffnen kann. An der Themse aber siegt wieder Senefelders Phantasie über Alltag und Wirklichkeit, er läßt Geschäft Geschäft sein und macht sich an die Erfindung eines lenkbaren Luftschiffes und eines Perpetuum mobile. Die Mühen enden mit Enttäuschung und ruhmloser Heimkehr. Inzwischen haben seine nichtsnutzigen Brüder in München die Erfindung des Steindrucks weiterverkauft an den bayerischen Staat, der unter Mißachtung des von ihm an Senefelder erteilten Privilegs eigene „Lithographische Anstalten“ errichtet. Erst als der Heimgekehrte vor Gericht seine Ansprüche vertritt, erfährt der Kurfürst, nun König von Napoleons Gnaden, von dem begangenen Unrecht; er befiehlt schleunigste Wiedergutmachung und ernennt Alois zum Inspektor an der Königlichen Vermessungsdruckerei. Der Senefelder aber ist für ein ruhiges, sorgenfreies Beamtendasein nicht geschaffen, er verkauft seine so hart umkämpften Erfinderrechte wieder, verkauft sie — was man ihm übelnimmt — gleich zweimal. Seine hochfliegenden Pläne einer Staatsdruckerei in Paris verwirklichen sich ebensowenig wie seine Träume von eigenen großen Fabriken in England. Mit seiner an Leichtsinn grenzenden Sorglosigkeit in Geldsachen schiebt er ein glänzendes Angebot aus Wien achtlos beiseite und stürzt sich mit Feuereifer in neue, phantastische Projekte. Während er sich mit diesen Erfindungen erfolglos abmüht, tritt sein „Flachdruckverfahren“, das ihm eine Sternstunde seiner Jugend geschenkt, den Siegeszug durch die Welt an, fast so bedeutend wie Gutenbergs Tat für die Verbreitung des Wissens und die Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten. Die „Steingravur“, die der achtundzwanzigjährige Senefelder „so nebenbei“ erfunden hatte, begründet den Weltruf der deutschen Anstalten für Landkartendruck, und mit seinem Verfahren der Steinzeichnung schaffen Menzel, Daumier, Gericault und andere die ersten Spitzenleistungen der Künstlerlithographie. Zu neuer Blüte gelangt sie später durch die Bildwerke Manets, Renoirs, Toulouse-Lautrecs, Munchs, Liebermanns, Corinths, Kokoschkas, Barlachs und der Käthe Kollwitz. „Ich bin und bleib‘ ein armer Lump .. .“

Aber allen Rückschlägen und Enttäuschungen zum Trotz nennt sich der rastlos Tätige einen „glücklichen Erfinder“. Wer weiß — vielleicht hätte der gute alte Gänsekiel als Schreibinstrument sich noch hinübergerettet ins technische Zeitalter, wenn Senefelder nicht auf den Gedanken gekommen wäre, breite, stählerne Uhrfedern zu „Schreibfedern“ zu zerschneiden und durch Ausglühen und blitzschnelles Abkühlen zu härten. So entstand die Stahlfeder, über ein Jahrhundert lang das bevorzugte Schreibwerkzeug der zivilisierten Welt — die Stahlfeder, die noch in den Goldfedern unserer Füllhalter fortlebt. Die Engländer entwickelten diese Erfindung Senefelders — für die er nie einen Groschen erhalten hat — zu einem Industriezweig, der Millionengewinne erbrachte. Noch am Ende seines reichen und bewegten Lebens erinnert sich der Sohn des fahrenden Komödianten an das fehlende Stückchen Papier in der Waschküche seiner Mutter: „Hätte ich damals das nötige’Geld gehabt, so würde ich mir Lettern, eine Buckdruckpresse und Papier gekauft haben zum Druck meiner Theaterstücke, und die Steindruckerei wäre wahrscheinlich so bald nicht erfunden worden. Ich habe den Wunsch, daß meine Erfindung der Menschheit durch vortreffliche Erzeugnisse vielfältigen Nutzen bringen und zu ihrer größten Veredelung gereichen, niemals aber zu einem bösen Zweck mißbraucht werden möge . . .“

Pseudodimitri I. – vom Hofdiener zum Zaren – ein Porträt von Irina Norbekov

Der falsche Dimitri - Grigori Otrepjew
Der falsche Dimitri – Grigori Otrepjew

Hinter dem Eisernen Vorhang

Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieb Rußland dem Westen wie hinter einer undurchdringlichen Wand von Finsternis und Grauen verborgen. Nur selten gelang es Reisenden, bis nach Moskau vorzudringen. Was man erfuhr, war nicht verlockend. Christlich und heidnisch-barbarisch war die Natur des Staatswesens, orientalischer Brauch, übernommen oder aufgedrängt von den Tataren, beherrschte das armselige, freudlose Dasein der Menschen. Wenig einladend war auch das rauhe Klima und die Trostlosigkeit der unermeßlichen Steppen, in denen Edelleute wie Bauern, Kaufleute wie Handwerker in Selbsterniedrigung, in Trägheit, im Kriechen vor der Knute und ausgebeutet von herzlosen Steuereinziehern dahinvegetierten. Die Natur war hier des Menschen Feind. In engstem Kreis, auf des Leibes Notdurft ausgerichtet, bewegte sich das Leben, und jeder Fremde galt als Schmarotzer, der den kargen Besitz schmälerte. Kein Laut des Weltgeschehens drang bis an die Moskwa, und so völlig unzugänglich war die Haltung der Russen den Ausländern gegenüber, daß noch um 1664 ein russischer Schriftsteller schreiben konnte: „Die Ausländer haben in unsere Grenzen eine Bresche geschlagen und können deshalb unsere inneren Angelegenheiten ohne Mühe im Auge behalten: das geschieht mit Hilfe der jüngst eingerichteten Briefpostverbindung, die vielleicht dem Zaren finanzielle Vorteile bringt, dem Land aber nur schadet. Was auch bei uns geschehen mag, von allem wissen die Ausländer gleich . . . Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Ein Porträt von Dr. Karl Federn

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882
Ralph Waldo Emerson – 1803 bis 1882

Am 27. April 1882 starb zu Concord bei Boston im achtzigsten Jahre seines Lebens Ralph Waldo Emerson, der letzte große Vertreter und Lehrer der idealistischen Philosophie. Die philosophische Schule, die im vorigen Jahrhundert durch Kant in Deutschland begründet wurde, sollte auf der entgegengesetzten Hemisphäre ihren spätesten, eigentümlichsten und poesievollsten Vertreter finden.

Ein amerikanischer Idealist – schon diese beiden Worte scheinen einen Widerspruch zu enthalten. Aber Emerson hat im Geistesleben der Vereinigten Staaten eine mächtige Wandlung hervorgerufen; Thomas Carlyle konnte ihm schreiben: »Sie sind eine neue Ära, mein Freund, in Ihrem neuen gewaltigen Lande.«

Obgleich sein Geist auch in Deutschland in immer weiteren Wellenkreisen zu wirken begonnen hat und man die Spuren seines Einflusses bereits vielfach verfolgen kann, ist diese Wirkung doch eine weit langsamere, als man nach der Bedeutung Emersons und bei der sonst so willigen Art, mit der gerade das deutsche Volk die großen Männer des Auslandes aufzunehmen pflegt, erwarten sollte.Weiterlesen

William Cheselden – Osteologie oder die Anatomie der Knochen – Mit Bildergalerie

William Cheselden
William Cheselden

William Cheselden (* 1688 in Somerby, Leicestershire; † 1752 in Bath, Somerset) war ein englischer Chirurg, Urologe und Anatom, der großen Anteil an der Etablierung der Chirurgie als medizinische Wissenschaft hat.

1713 veröffentlichte er sein Werk Anatomy of the Human Body (deutsch:Anatomie des Menschlichen Körpers), das große Popularität erfuhr und in 13 Auflagen erschien. Der Hauptgrund für die Verbreitung des Werkes war, dass es – im Gegensatz zu dem damals üblichen Latein – in englischer Sprache erschien. 1718 wurde er zum Assistenz-Chirurgen des St Thomas‘ Hospitals in London ernannt. Im darauf folgenden Jahr wurde er Chirurg und als solcher auch an das St George’s Hospital berufen. 1710 wurde er in die Londoner Innung der Bader aufgenommen und 1712 als Wissenschaftler in die Royal Society gewählt.

1733 veröffentlichte er Osteographia or the Anatomy of Bones (deutsch: Osteologie oder die Anatomie der Knochen), die erste vollständige und korrekte Beschreibung der Anatomie des Menschlichen Skeletts.

Er starb 1752 in Bath (Somerset).

Hier einige meiner Favoriten aus dem Buch:

Ray Brown – Helden am Bass

Ray Brown am Kontrabass - The Man -  2009
Ray Brown am Kontrabass – The Man – 2009

Ich habe mal wieder in meiner CD-Sammlung gewühlt um eine Aufnahme aus der „van Dusen-Chronik“ zu finden. Dabei ist mir stattdessen eine meiner frühen Bass-Idole in die Hände gefallen: “Some of my best friends are … The Piano Players” . Ich finde es immer wieder faszinierend, wie dieser alte Herr es schaffte, Jazz-Standards seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Jeder Bassist, der sich schon mal an Coltrane´s „Giant Steps“ probiert hat, weiß was ich meine, fast taktweise Wechsel in einem Tempo fern von Gut und Böse. Aber Ray Brown schafft es, das ganze locker gestrichen zu spielen. Absolut meisterhaft. Weiterlesen

Seine Bilder kaufte niemand, aber sein Grab besucht jeder

Paul Gauguin: Vincent van Gogh, Sonnenblumen malend (1888)[
Paul Gauguin – Vincent van Gogh, Sonnenblumen malend  – 1888

Sonntag. Das Dorf ist nahezu menschenleer. Vincent verlässt sein Zimmer in der Pension Ravoux. In seiner Tasche befindet sich eine Pistole. Eine geladene. Er verbirgt sich hinter dem Misthaufen eines benachbarten Hofes. Der Künstler setzt sich die Pistole auf die Brust und drückt ab. Aber Vincent hat schlecht getroffen.  Der Lebensmüde wankt. Auf seine linke Brust tropft Blut. Er presst seine Hand auf die Wunde, schwankt und schleppt sich zurück in die Pension. Er verliert zwei Tage später völlig das Bewusstsein. Der Amtsarzt drückt ihm die Augen zu.  – So die Legende.Weiterlesen

Über meine Schulden

GoldeselIch habe die Meisterschule absolviert und 6 Tsd. € an Reserven auf dem Konto. Arbeitslos war ich leider auch.. Ich konnte mir nicht vorstellen für einen Arschlochchef zu arbeiten, der in meiner Branche verdammt oft anzutreffen ist. Und die ganzen Mädels? Zickenterror.
Also habe ich beschlossen, mich lieber selbstständig zu machen. Freunde und Familie fanden die Idee klasse. Die 6 Tsd. € haben dafür natürlich nicht gereicht, daher habe ich mir noch 14 Tsd. von der Bank geliehen. Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 4 – Einsame Jahre

Paracelsus - Wenceslaus Hollar
Paracelsus – Wenceslaus Hollar

Basel war die Stadt, in der Paracelsus am längsten sesshaft gewesen ist. Aber Ruhe ist ihm nicht beschieden. Wieder beginnt die Unrast des Wanderns. Theophrastus aber macht sich keine Sorgen, wie er weiter kommen und was er am morgigen Tag erfahren wird:
„Was geht die Zukunft des morgigen Tages den heutigen Tag an? Dieweil ein jeglicher Tag sich selbst trägt und es genug ist, dass er auf sich selb acht habe, auf die heutige Stund‘.“
Denn der Mensch, meint er, soll „den heutigen Tag in Sorge tragen, denn der morgige Tag tut ihm kein Schaden nicht, der Tod kommt nicht morgen, sondern heut'“.

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Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 3 – Allerorten Kampf

Paracelsus - Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.
Paracelsus – Holzschnitte von Astronomica et Astrologica, 1567.

Wir sind im Jahre 1524. Paraceilsus nimmt seinen ersten Aufenthalt in Salzburg. Nahe der alten Kumpfmühle hat er sein Quartier. Viele Kranke gehen bei ihm ein und aus, aber auch Männer, die dem Magistrat nicht recht geheuer sind. Man hat sie in Verdacht, mit den aufständischen Bauern in Verbindung zu sein. Dreizack und Morgenstern, Dreschflegel und Bauernsense stehen allerorten auf gegen das Ritterschwert. Die Bauern wollen ihr Recht, ihr Recht auf Freiheit und den gerechten Ertrag der harten Arbeit ihrer Hände. Sie lehnen sich gegen die mächtigen und einseitig bevorzugten Adelsstände auf.Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 2 – Wanderer & Forscher

Hier lesen Sie Teil1 – Die Welt im Umbruch.

Theophrast von Hohenheim - genannt Paracelsus
Theophrast von Hohenheim – genannt Paracelsus

Immer treibt es Paracelsus wieder aus Schulstuben und Bibliotheken hinaus in Wiesen, Wälder, Einöden und Gebirge. Und immer sucht und forscht er, um der Natur die verborgensten Kräfte und Rätsel abzulauschen und etwas vom Geheimnis des Lebens aus ihnen zu erfahren. Ihm ist die Natur längst nicht mehr das unheimliche Grenzgebiet gegen das Gottesreich, das man fürchtet und besser nicht betritt. Ihm ist gerade die Natur erfüllt von Gotte geheimsten Kräften, ganz werdendes und sich wandelndes Leben Lockung und Hoffnung. Den Zeitgenossen ist dieser Forschertrie‘ unheimlich, unheimlich wie so vieles in dieser gärenden Zeit. Paracelsus aber hat unmittelbar aus der Natur sein tiefstes Wissen erfahren. Dieses Erfahren bedeutet für ihn im ursprünglichen Sinne des Wortes ein Erfahren, ein Durchfahren, Landfahren, bedeutet: Wanderschaft!Weiterlesen

Warum ich Jäger bin – ein Weidmann erzählt

Franz von Defregger - Jäger - um 1900
Franz von Defregger – Jäger – um 1900

Ich bin als Junge schon immer viel im Wald gewesen, damals nannte man das noch einfach „Kind im Wald“… Viele natur- und tierkundliche Bücher habe ich damals verschlungen, Froschlaich umgesiedelt, Nisthilfen gebaut, im Wald biwakiert, mehrere Biotope mit angelegt und oft mit meinem Opa (Jäger) lehrreiche Zeit im Wald verbracht.

Später kamen dann noch Bücher von Jo Bentfeld, Nehberg und Buzek als Erstanschaffungen in meine eigene kleine Bibliothek, so dass ich von einem Selbstversorgerleben träumte. Damals schon reifte in mir der Gedanke, später Jäger zu werden, und zwar noch ohne, dass ich bis dahin überhaupt mal eine Waffe in der Hand hatte. Ich fand nur das Drumherum (Hege, Wissen über die Naturzusammenhänge, geschärfter Beobachtungssinn,…) so faszinierend. Beutetrieb hatte ich auch noch keinen. Es ging mir einzig um das Wissen und die Fertigkeiten. Das Beutemachen kam erst, als ich den Jagdschein bereits hatte, dann kam auch erst der Ernährungsaspekt. Den Jagdschein habe ich auch wegen eines längeren Auslandsaufenthaltes gemacht, was sich im Nachhinein als sehr richtig herausstellte.

Ergebnis einer nicht-repräsentativen Umfrage:Weiterlesen

Paracelsus – Arzt & Philosoph – Teil 1 – Die Welt im Umbruch

Theophrast von Hohenheim - Paracelsus genannt
Theophrast von Hohenheim – Paracelsus genannt

1493 – Die Welt im Umbruch

Winterwinde fegen über kahle Äcker und den dichten Wald, worin eingebettet die Schweizer Ortschaft Einsiedeln liegt. Bald wird der Schnee jeden Laut in seine Traumdecke hüllen. Dann wird das Leben der Menschen noch abgeschiedener sein als sonst und nur spärlich die Kunde vom großen Weltgeschehen zu ihnen dringen. Nicht nur voll Frieden und Frommheit werden ihre Träume sein, sondern auch von bösen Geistern durchzogen; steigen doch in dieser abergläubischen Zeit aus jedem Winkel Dämonen, Teufel und Hexen auf. So in sich versponnen, merkt Einsiedeln kaum, wie die Welt sich anschickt, ihre mittelalterlichen Grenzen einzureißen. Es ist die Zeit der kühnen Welteroberer. In den mächtigen Stadtstaaten Italiens, in den deutschen Kontoren der Fugger und Weiser, in Rom, in Spanien und Portugal werden die Geschicke der neuen Zeit bestimmt. Ein Jahr ist es her, seit Christoph Columbus Amerika entdeckte, und eben erst hat er zum zweiten Mal die Segel gesetzt, gen Westen, nach Dominika, Portoriko und Jamaika.Weiterlesen

Über Leben und Werk des THOMAS VON AQUIN

Wer je ein einziges Kapitel aus irgendeinem Buch des heiligen Augustinus gelesen hat, und sei es aus seinem unanschaulichsten, spekulativsten Werk, dem über die Göttliche der hat, während er las, notwendig den Dreieinigkeit — ganz unmittelbaren Eindruck verspürt: hier denkt und  schreibt ein Mensch von Fleisch und Blut. Tut man dagegen  einen Schritt in das strenge Gefüge der Theologischen Summe des heiligen Thomas von Aquin, so möchte man sich hin und wieder fragen: sind diese Sätze wirklich von einem lebendigen Menschen geprägt worden, oder hat sich in ihnen nicht vielmehr der objektive Sachverhalt selber zu Wort gebracht, nicht berührt — weder getrübt noch erwärmt — durch den Atem eines hier und jetzt lebendig-wirklichen Denkers? Die  leibgewordenen Gebilde augustinischen Denkens lassen uns nie den lebendigen Quellgrund personhaften Lebens vergessen, dem sie, wie eine Blüte aus Wurzel und Stamm, entsprossen sind; während die Sprachgestalt der Sätze des heiligen Thomas uns ihren Ursprung aus einer lebendigen Geisteskraft so wenig bedenken lässt, wie der Kristall den Gedanken wachruft an die Mutterlauge, aus der er sich gebildet. Nur ein flacher und unkundiger Sinn aber könnte aus der ungetrübten und ausgeruhten Heiterkeit des Werkes auf ein im Inneren wie Äußeren gleichfalls unbehelligt dahinfließendes Leben des Wirkenden selbst schließen wollen — so gewiss anderseits die Theologische Summe einzig einem letztlich befriedeten Herzen gelingen und geschenkt werden konnte. Nicht in der »stillen Klosterzelle« hat Thomas von Aquin das gewaltige Ordnungsgefüge der christlichen Lehre erschaut und aufgezeichnet; nicht in einem gegen das Weltgeschehen abgegrenzten Raum der Abgeschiedenheit oder gar der Idylle hat er sein Leben gelebt. Solche ebenso ungeschichtlichen wie unerlaubt vereinfachenden Vorstellungen aber färben oder vielmehr entfärben nicht nur auf vielfältige Weise das landläufige Thomas-Bild, sondern nicht selten auch ein wenig die biographischen Darstellungen von höherem Anspruch.Weiterlesen

Männer mit Damenwäsche – Wie eine geschundene Seele ihren Weg geht

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Nähert man sich einem Thema, passieren manchmal wunderliche Dinge. Ursprünglich war geplant, nach dem Interview mit den Erotik-Produzenten Rafael Santeria die weibliche Seite dieses Filmgenre zu porträtieren. Die Recherche hat, für mich, zu einem ernüchternden Ergebnis geführt. Es wird von den Darstellerinnen eine Menge Glamour und Fannähe suggeriert, die einfach nicht da ist; zumindest in der Masse. Es hat etwas vom Rattenfänger von Hameln, nur dass diesmal Männer der Flötistin begeistert zu folgen haben.

Dann, nachdem ich das Thema fast ad acta gelegt hatte, traf ich in einem Social-Media-Kanal eine junge Frau, Angelina, die irgendwie anders zu sein schien. Sie fiel mir auf, weil sie ihr Profil gerade erst aufbaute und eher persönlich wirkte als amateurhaft. Ihr Angebot: sie bietet getragene Wäsche Männern an, die daran Gefallen finden. Angelina sagt, sie wolle damit kein Geld verdienen, sondern sie möge es als Frau, wenn Männer damit ihre Lust befriedigen. Da sich mir diese Form der Lustgewinnung in keiner Weise erschließt, hat sich Angelina angeboten, einen ihrer Kunden darüber zu befragen. Die Antwort hat mich nicht wirklich weitergebracht, dennoch spannend zu erfahren: “ich finde es sehr erotisch getragene Wäsche zu erwerben, da mich die verschiedenen Düfte und Geschmäcker erregen. Jede Frau hat ihren eigenen Duft und Geschmack. Daher hängt es für mich auch davon ab, wer die Wäsche getragen hat, denn die Frau muss mir von Typ und Art her zusagen. Kurz gesagt, es muss eine Frau sein, mit der ich mich auch eine reale Beziehung vorstellen könnte. Das Kopfkino besteht darin, dass ich bei der Selbstbefriedigung erregter bin, wenn ich Duft und Geschmack kenne. Da fällt die Vorstellung, mit dieser Dame gerade Sex (wenn auch nur im Kopf) zu haben, leichter und der Orgasmus wird intensiver.“ Über Geschmack lässt sich streiten; das Leben ist bunt. Man hört immer wieder von verschiedenen Vorlieben, ich persönlich kenne niemanden, der darüber offen berichtet. Nein man muss nicht alles wissen, was andere treiben im Leben. Manches kann helfen, wie Menschen ticken. Auch indirekt im Umgang mit uns.

phone-785396_640_HebiFotSie stellt klar, dass es keinerlei persönliche Treffen möglich seien. „Wenn ein Kunde mehr will, blocke ich das diskret ab und erkläre ihm auch warum. Er kann sich gerne wohl und geborgen fühlen mit mir, aber eine Beziehung wird sich nie daraus entwickeln. Ich bin glücklich mit meiner Frau!“ Nur mittels Telefonsex, den Angelina ebenfalls anbietet, lässt sich eine gewisse Nähe herstellen. Mit diesen individuellen Telefonservice finanziert die mehrfache Mutter ihren Urlaub. Sie mag diesen, weil „ich mich dabei auch befriedige und nicht wie andere bei den Hotlines nebenbei bügeln 🙁 . Ich mag es auch, weil man immer andere Männer und andere Vorlieben hat.“

Ihren Hauptverdienst erwirtschaftet Angelina in Pflege und Gastronomie. Wie kommt man auf solch eine Idee? Angelina sagt: „Angefangen habe ich damit 2007. Irgendwie kamen eine Freundin und ich auf die Idee mal zu schauen, ob Männer vielleicht getragene Slips kaufen wollen würden. Naja, um halt dran zu riechen beim xxx! Und das wurde dann die Idee. Erst über eine Webseite dessen Namen ich nicht mehr weiß; später über gesext.de und nun auch noch über Facebook. Die Männer geben mir ein paar Infos über sich und ich nutze diese dann… also z.B. möchte jemand einen schwarzen String in dem ich mich selbst befriedige. Dann mach ich es, schieße dabei Bilder oder drehe kurze Clips die der Mann dann mitbekommt. Der Slip kommt in einen Gefrierbeutel mit Zip-Verschluss und wird dem Mann dann per Post geschickt. Ich bleibe mit diesen Männern in Kontakt, um zu sehen was sie damit treiben, weil mich das selbst wiederum erregt. Andere Männer wollen Sachen wie Natursekt um sich einzureiben oder es zu trinken. Wenn du mein Profil gelesen hast, hast du gesehen, das es kein „Geld daran verdienen“ ist sondern ein geheimes Hobby, einer sexuell sehr aufgeschlossenen und offenen frau ;). Ich kaufe immer nach dem Budget der Männer ein. Manche Männer kaufen mir auch ein neues Spielzeug und bekommen dafür ein benutztes.“

guess-attic-837134_1280_RondellMellingAngelina sagt, sie mag Damenwäscheträger (DWT). Da ich damit überhaupt nichts Bewundernswertes verbunden habe, sagt sie auf Nachfrage: Der Mut, dass sie zu ihrem Fetisch stehen und diesen Ausleben. Bei Bedarf berät sie diese auch bei der Auswahl des Makeups und Kleidung.

Seit kurzem hält sie sich einen Sklaven um diesen zu erziehen. Beide haben sich gesucht und gefunden. Ihr Untergebener ist begeistert bei der Sache und lernwillig. Ich habe ihn gefragt, was ihn an dieser Rolle reizt: „Als Sklave finde ich es sehr erregend, diverse Dinge im Auftrag auszuführen und mich dadurch lächerlich zu machen bzw. mich erniedrigen und bestrafen zu lassen.“ Die Aufgaben die Angelina ihm zur Erledigung gibt sind erotischer Natur. Dem eher unaufgeschlossenen Leser würde bei der Schilderung wahrscheinlich die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Man muss dieses Leben nicht mögen, sollte es aber zu schätzen wissen: eine Frau, die mit ihren aus misslichster Lage befreit wurde, daran nicht zerbricht und ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten kann. Dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen und misshandelt wurde, hat ihr nicht den natürlichen Spaß am Sex nehmen können. Viele andere hätten sich hier Ausweichhandlungen gesucht oder Vermeidungsstrategien entwickelt.

hans-boodt-1006004_640_chummelsIch habe sie gefragt, was sie von einem Mann erwartet. Ihre Antwort darauf: ich erwarte von „meinem“ Mann das er mich gut behandelt, etwas dominant ist und aufrichtig. Für eine Beziehung zählen drei Punkte als Basis definitiv: Treue, Vertrauen, Ehrlichkeit! Klassische Werte, die sich wohl nahezu jeder Mensch wünscht. Und: Er muss ein Bär sein, groß, breit, tätowiert. Ein kreativer und positiver Umgang, schlechtes neu zu interpretieren. Sie selbst ist tätowiert; vornehmlich um ihren Narben und verheilten Wunden ein neues Gesicht zu geben. Heute lebt Angelina in der Provinz mit ihren Kindern und zwei Menschen mit „gewissen Vorzügen“, wie sie es nennt. Der Mann, der sie befreit hat ist in ihrer Nähe und ihre Lebensgefährtin. Sie kümmert sich also aktiv um ihr Seelenheil und hat Vertraute um sich, wohl auch um wieder Vertrauen in andere fassen zu können. Das Vertrauen in sich selbst hat sie nie verloren. Ihre Werte lebt sie, auch wenn dies für Außenstehende nicht nachvollziehbar scheint. Angelina: „Ich habe mit der Bestätigung durch die ganzen Männer mein Selbstwertgefühl wieder aufgebaut. Ist ja so: je mehr Bestätigung ich bekomme, desto stärker werde ich.“

Das Leben bietet uns beizeiten Lebensentwürfe an, die wir niemals vorausgesehen haben. Im Umgang miteinander ist es wichtig, immer auch den Menschen an sich und seine gelebten Werte zu sehen und zu würdigen. Ich persönlich ziehe meinen Hut dafür, dass sie das jeweils Beste aus der Situation macht und mutig genug ist, ihre Sexualität, ihre Fantasien auszuleben. Das scheint vielen schwer zu fallen, auch wenn sie es nicht zugeben mögen. Sonst gebe es Frauen wie Angelina nicht. Sie ist ein gutes Beispiel zu reflektieren und sich aufzumachen, seinen eigenen lustvollen Weg zu gehen. Wie auch immer der aussehen mag.

Vielen Dank an Angelina und einige ihrer Kunden, die Rede und Antwort standen!

George W. Carver – Vorbild und Universalgenie

978-3-7615-5100-4-1
[Quelle: neukirchener verlagsgesellschaft – mit freundlicher Genehmigung]

Ein Leben für die Freiheit

„Manche halten ihn für den beachtenswertesten Amerikaner aller Zeiten“, so beginnt die faszinierende Lebensgeschichte, die Lawrence Elliott über den Afroamerikaner George W. Carver geschrieben hat.
Es ist die Geschichte eines Kämpfers für die Würde und Rechte der Afroamerikaner, der allen Widrigkeiten zum Trotz Bildung und Wissen erwarb und mit seinem Einfühlungsvermögen in alles, was Gottes Schöpfung hervorgebracht hat, Hoffnung schenkte. Zu seinen großen Leistungen gehört, dass er den ausgemergelten amerikanischen Süden von der Herrschaft des Königs Baumwolle befreite, indem er die Farmer vom vielfältigen Nutzen des Erdnussanbaus überzeugte.Weiterlesen

Im Porträt | Rafael Santeria | Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf

Foto: Privat
Foto: Privat

Rafael Santeria arbeitet in der Erotikbranche; was für den einen verrucht, ist für den anderen ein ganz normaler Job. Wir haben den PornoProduzenten interviewt, um eine Brücke zwischen anrüchig und alltäglich zu schlagen.

Der Neu-Berliner, Jahrgang 1988, fällt auf: im ersten Eindruck durch seine markigen Sprüche, getreu dem Motto „Wir sind die Bösen“ und durch seine Tattoos. Soweit die Klischees.

Wer seine Aktivitäten verfolgt, sieht; Rafael Santeria versteht die Spielregeln seiner Branche. Seine Arbeit ist eher Berufung als Lohn- und Brotjob. Auf unsere Frage, welchen anderen Beruf er ausüben würde, gäbe es diesen nicht, sagt er: „Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf. “

Unterhält man sich persönlich mit ihm, ist man angenehm überrascht: unsere Fragen beantwortete Rafael eloquent, durchdacht und reflektiert. Der Kontakt ist von Höflichkeit geprägt. Ein schöner Kontrast zu der Rhetorik in Erotikfilmen. Sicher, der inhaltliche Schwerpunkt liegt eh woanders; mancher erwartet,aber wohl, dass die Menschen hinter den Kulissen ähnlich ticken. Dem ist nicht so.

Wir haben Rafael auch zu seinem Verhältnis zu Frauen, seiner Lebensphilosophie und über wirtschaftliche Aspekte der Filmproduktion befragt. Der Filmproduzent hat sich entschieden, sein Privatleben weitgehend öffentlich zu führen. Eine interessante Entwicklung im Zusammenhang mit der anhaltenden Diskussion über Privatsphäre. Auf die Frage hin, ob er mit Businessplänen arbeitet, entgegnet er, dass die Zeit zu kostbar sei um diese mit Vorausplanungen zu verschwenden. Vielleicht ist dieser Aspekt interessant in einem Land, wo vieles „zu Tode“ geplant wird.
Lesen Sie seine erfrischenden und überraschenden Antworten im Interview.

Zitate aus dem Interview: „Ich bin eine Alpha-Hyäne.“ – „Männer sind egozentrische Bestien.“ – Frauen sind, freundlich gesprochen, selten die treibende kreative Kraft.

Wer mehr über Rafael Santeria wissen möchte:
Rafaels youtube-Kanal
http://www.facebook.com/rafael.santeria
http://www.rafaelsanteria.com/ (NEU und ab 18!)

Prträtfoto: Rafael Santeria