Kategorie: Im Porträt

Elisabeth Bergner | Heilige Johanna

Elisabeth BERGNER [1897 – 1986] Schauspielerin, studierte 1915-
1919 am Wiener Konservatorium, begann 1919 am Stadttheater von Zürich und kam über Wien und München nach Berlin. Ihren Ruhm begründete sie am Lessingtheater, 1921 mit der Darstellung der Rosalinde in
Shakespeares „Wie es euch gefällt” und 1922 mit der Königin Christine in dem gleichnamigen Stück von Strindberg. Im Deutschen Theater spielte sie mit besonderem Erfolg 1923 in Strindbergs „Fräulein Iulie” und 1924 in der „Heiligen Iohanna” von Shaw. 1928 gastierte sie in Holland, Dänemark, Schweden und Österreich, 1931~32 in Paris. Als sie 1933 nicht mehr an den deutschen Bühnen spielen durfte, ging sie nach England, wo sie die britische Staatsbürgerschaft erhielt. Abwechselnd trat sie seither in London und New York auf, und eine Welttournee als Sally in „The Two Mrs. Carrols” führte sie bis Australien. Bei ihren Gastspielen hier nach dem Kriege erlebte auch wieder das deutsche Publikum ihre schauspielerische Gestaltungskraft und einzigartige Anmut. Die großen Filme, die ihr Mann Paul Czinner in den Iahren 1923-1939 mit ihr drehte, werden noch heute in aller Welt gezeigt.
Das Foto zeigt sie in der Rolle der Heiligen Johanna von George Bernard Shaw, die sie unter Max Reinhardts Regie in Deutschland erstaufführte.

Kassandra Lewicka über den „Tiger“ Dariusz Michalczewski | update

In der Flughafenhalle. Warten auf den Eintritt in luftige Höhen. Herumsitzen mit jener typisch konzentrierten Langeweile im Nacken, die uns Sätze aufschnappen lässt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet worden sind. Pink beschuhte Füße am Nebenplatz können auch kaum still halten. Endlich findet die kleine Inhaberin des unübersehbaren Schuhwerks ein nicht näher definiertes Stück Plastik auf dem Boden, erhebt sich vom Platz und beginnt, das Fundstück mit einer imposanten Wadenkraft durch die Gegend zu kicken. Flink wie ein Wiesel und mit atemberaubender Agilität, der man eine ordentliche Portion Verbissenheit nicht absprechen kann, fegt sie zwischen die Sitzen. Sehr zur Unmut ihrer daneben sitzenden Oma. “Lass das!“, zischt diese der Kleinen zu, „so was machen Mädchen nicht!“.
Was sie wohl bei ihrem Enkelsohn unangemessen findet, falls sie einen hat? Anno 2014? [Erstveröffentlichung dieses Beitrages.] Ich interessiere mich nicht für Sport. Zumindest nicht wirklich. Hat mich schon immer tendenziell gelangweilt. Ich hatte aber Freundinnen, die das wieder ganz anders sahen. Sie und ich gehören der Generation an, in der man über ein weibliches Kind sagte: „ein Mädchen, ABER interessiert sich für Sport“. Dennoch ist aus mir eine Frau geworden, die – Augen und Ohren offen haltend – als Erwachsene für das Normalste auf der Welt hält, zu sagen „ein Mädchen UND interessiert sich für Sport“. Obwohl ich selbst es nicht tue. Aber dennoch weiß, wer zum Beispiel Dariusz Michalczewski ist. Und ich erwähne ihn nun nicht, weil ich auf einmal seltsame Gelüste bekomme, mich über die Kunst des Aufwärtshaken auszulassen. Nein, ich erwähne ihn, weil ich mich aus aktuellen Anlass freue, der schnaubenden und zischenden Oma von nebenan ein Beispiel geben zu können, dass es Möglichkeiten gibt, flexibel und differenziert mit dem Problem der gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Rollenzuschreibung umzugehen.

Foto: Paweł Zienowicz Sp5uhe

Schon vor einigen Wochen sorgte Michalczewski, ein ehemaliger Europa- und Weltmeister im Boxen, in seinem Heimatland Polen für einige Aufruhr, als er im Rahmen einer Kampagne gegen die Homophobie und für das Recht für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, konstatierte, dass es für ein Kind besser sei, zwei es liebende Väter zu haben, als einen, der trinkt oder missbraucht. Dafür erntete er feindselige Reaktionen einerseits, hohe Anerkennung andererseits. Im Interview für „Wysokie obcasy“ („Hohe Absätze“, ein Wochenendanhänger der „Gazeta Wyborcza“) wurde er neulich gefragt, ob seine Meinung deshalb so polarisiere, weil er ein Boxer sei. „Ich denke schon, dass es so ist, weil das Boxen als eine extrem männliche Sportart gilt“, bestätigte er. Und so „kann das schockierend sein, dass jemand aus diesem Milieu nicht unbedingt homophob sein muss. Hinzu kommt das stereotype Denken über Männer. Eines Tages spielte ich mit meinen Söhnen im Sandkasten. Ein Typ ging an uns vorbei und srief mir zu: ‚So ein Kerl wie du und backt mit den Kindern Sandkuchen!‘. Was ist denn so seltsam daran? Ein Kerl kann nicht mit seinen Kindern spielen? Ein Boxer darf keinen Sandkuchen machen?“.

‚Between Rounds‘ – ALAN F WARD – Oil Painting on canvas – USA c 1950’s

Ich fragte mich, als ich dies las, wodurch dem unbekannten Spötter gelungen ist, seine archaischen Ansichten so gut zu konservieren. Offenbar war er noch damit beschäftigt, seine männliche Identität aufzubauen. Laut Élisabeth Badinter (s. ihr Buch „XY. Die Identität des Mannes“ von 1983) geschieht dies durch Ablehnung und Negation. Dreifach muss der heranwachsende Mann sich und der Welt beweisen: dass er keine Frau, kein Kind und dass er nicht homosexuell ist. Und sonst? Intensive Verinnerlichung der Filme mit John Wayne? Vielleicht sollte jemand den Zaunkommentator darauf aufmerksam machen, dass auch dort mit der Zeit die rigorose Schwarz-Weiß-Malerei ihr Ende hatte. In „Red River“ von 1948 wird der beinharte Rancher Tom Dunson (Wayne) von einem jungen Mann (der sein Pflegesohn ist) verprügelt, dessen Figur eine der allerersten Darstellungen eines sanften Männertypus ist. Der durch den Schlag wankende Rohling ist wie die Metapher des wankenden Männer(vor-)bildes, das bis dahin die Leinwand dominierte. Montgomery Clift wird dort zum Prototypen des sensiblen Kerls, der sich gegen den Beinharten auflehnt. Und das noch vor James Dean.

Der Sandkastenspötter huldigte offenbar noch der Härtefraktion. Alles andere hätte (und hat) sein Weltbild betrübt und seine eigene innere Ordnung durcheinander gewirbelt. Der italienische Soziologe und Anthropologe Franco La Cecla beobachtet in seinem Buch „Modi bruschi. Antropologia del maschi“ („Rau sein. Die Anthropologie des Mannes“) von 2010, wie diese männliche Härte sich herauskristallisiert. Die Anmut (grazia) wird als etwas ausschließlich weibliches wahrgenommen. Ein junger Mann muss also Strategien überlegen, um sie loszuwerden. Wenn er ein Mann sein will, muss er Rundungen und Schattierungen verlieren. Er greift zu rauen Manieren, arrangiert geräuschvolle Darstellungen (Motoraddröhnen, Stimmmodulation). Sonst bleibt sein Geschlecht unsichtbar, „gefährlich neutral“. Denn die Männlichkeit, so La Cecla, ist immer übermäßig, zu groß geraten, übertrieben hervorgehoben. Anmutig und weich bleiben, hieße, wie Peter Pan in seiner Kindheit und in mütterlichem Schoß gefangen zu bleiben. Ein Mann sein und als Mann erscheinen sei das selbe. Eine stetige, öffentliche Performance, um zu beweisen, eine Nicht-Frau zu sein. Eine Rauheit, die bei Robert Bly in „Eisenhans“, seinem berühmten „Buch über Männer“ von 1990, als die zur Mannwerdung nötige Wildheit betrachtet wird.

Helmut Kolle (1899–1931) | Selbstbildnis als Junger Boxer  | 1925

Michalczewskis Mut, sein raues Bild in der Öffentlichkeit zu „gefährden“, wirkt besonders erfreulich. Denn er impliziert eine Überzeugung, die nicht aus einer Verunsicherung heraus nach außen hin gelangt. Dieser Mann wurde seiner Stärke nicht beraubt. Er hat sie nicht gegen etwas eintauschen müssen. Keine Delila hat diesem mächtigen Samson heimlich die Haare geschnitten, ohne die er bedröpelt und geschwächt da steht. Die gängigen Merkmale der Stärke (maskulines Äußeres, körperliche Kraft, beruflicher Erfolg) wurden in seinem Fall lediglich um zusätzliche Attribute ergänzt, die üblich als weibliche Domäne gelten (Sensibilität, Friedfertigkeit, Empathie). Und er nimmt sie an. Hier ist jemand auf eine wohltuende Art und Weise mit sich im Reinen. Und kann es auch weitergeben. Was seine Söhne zu seinen Äußerungen sagen, in denen er beispielsweise die Homophobie anprangert, darauf ist er hörbar stolz: „’Sehr gut, Papa!‘ – sagen sie zu mir. Weil meine Söhne Jungs von Welt sind, offene und tolerante Menschen sind. Dazu wurden sie stets erzogen. In ihrer Welt homophob zu sein ist einfach peinlich. Das ist so, als sagte heute jemand, Frauen hätten kein Stimmrecht. Können Sie sich das vorstellen? Wenn jemand so was sagen würde, würde man ihn für unzurechnungsfähig erklären. Aber über Homosexuelle darf man sagen, was man will. Eine Schande ist das!“.

Paul Klee | Läufer (Haker-Boxer) 1920 | Aquarell auf Papier, Privatbesitz

Michalczewski, wegen seines offensiven Kampfstils „Tiger“ genannt, hat im Laufe seiner Karriere zwölf Jahre lang keinen Kampf verloren. Im professionellen Ring hat er 50 Kämpfe absolviert, davon hat er 48 gewonnen, 40 durch Knockout. Und was ist mit dem Kampf um die Geschlechterrollen? Ich habe den Eindruck, dass er selbst dies als gar keinen Kampf ansieht. Aber wer ihm die Freiheit, das so betrachten zu wollen, absprechen will, erlebt wieder einen Tiger. Allerdings einen, dessen Clinchtechnik auf Argumente und Engagement baut. Und ich applaudiere ihm dabei frenetisch. Obwohl ich mich für den Sport immer noch nicht interessiere. Aber zum ersten Mal hat mich ein Sportler nicht gelangweilt.

NACHTRAG: Im Dezember 2016 wurde der ehemalige Boxer wegen Drogenbesitzes und häuslicher Gewalt festgenommen in seinem Heimatland festgenommen.
Es kommt einem das Lied „Parole parole“ von Mina und Alberto Lupo in den Sinn.

Das Originalinterview in polnisch:

Wysokie Obcasy

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Helmut Kolle (* 24. Februar 1899 in Charlottenburg; † 17. November 1931 in Chantilly bei Paris) war ein deutscher Maler (Pseudonym Helmut vom Hügel). Er konnte sich als einer von wenigen deutschen Malern in den 1920er Jahren auf dem französischen Kunstmarkt durchsetzen.

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

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Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

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 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

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Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

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Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

Mein Lebensentwurf zum Rentenalter | Und Ihrer?

«Ich bin nun bald 60 Jahre alt, aber trotzdem gibt es noch viel, das ich kennenlernen möchte, solange ich noch munter und — töricht bin. So gedenke ich, meine nächsten 20 Jahre mit Dingen auszufüllen, die zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu wissen ich mir immer wünschte. Hier sind die wichtigsten Daten meiner Agenda für diese Zeit:

   Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf irgendeiner Bergspitze Westindiens sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen von Aran, abseits Irlands Westküste, stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 300 Fuß hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten.

   Ich möchte weitere 100 Sonnenuntergänge im einsamen Wattenmeer erleben, wo stets zur gleichen Stunde die Sonne langsam in vielfarbigem F’euer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln.

   Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon hörten. Ich hatte der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Lawine grollen, während sie sich ihren schneeigen Weg 2000 Fuß bergabwärts in den Abgrund brach; mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich herschleppte. Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht nochmals zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen.

   Lasst mich noch viele Male zwischen dem Ende und heute den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und schenkt mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida. Lasst mich wieder und wieder die erfrischende Sauberkeit salziger Meerluft einatmen. Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterer Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

   Und für den Durst und Hunger meines Geistes schenkt mir das Erleben, wie es einem zukünftigen Astronomen beschieden sein wird, der den Mond mit einem 200zölligen Teleskop wird betrachten können. Gebt mir Zeit, die Geheimnisse von Ameise und Biene zu erforschen; und mit Hilfe besonderer Apparate lasst mich zu einem Zuhörer ihrer Unterhaltung werden.

   Aber alle diese Dinge würde ich mit Freuden hergeben, wenn ich vor meinem 80. Altersjahr einen neuen Einblick in die menschliche Natur gewinnen, Zeuge Tausender von Experimenten mit den Chemikalien sein könnte, mit denen wir den Charakter erforschen und die die Substanzen finden helfen, die verwirrte Geister wieder klären, den Sorglosen und Unbekümmerten Vorsicht bringen, den Trägen und Gleichgültigen Lebensatem einblasen, Fleiß den Drückebergern bescheren und Ehrlichkeit den Falschen und lügnerischen Seelen schenken. Für mich birgt das Leben kein größeres Abenteuer mehr, als zu sehen, wie der Mensch seine eigene Natur zu beherrschen lernt, gleich wie er heute die Atome beherrscht.

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Das Tattoo seines Herrn auf der Brust

Das sowohl glücklich als auch tragische Leben des Bayernkönigs Ludwig II. erscheint wie ein romantisches Märchen aus einer nicht mehr greífbaren Vorzeit. Wenn man die prunkvollen Schlösser Neuschwanstein oder Herrenchiemsee besucht, erinnert man sich, dass sie auf Befehl des künstlerisch begabten Monarchen erbaut wurden. Wenn man eine Wagner-Oper hört, denkt man an die Freund-
schaft zwischen dem Komponisten und Ludwig II. Aber sonst bedarf es schon anderer Hilfsmittel – eines Romans bzw. Films – wenn jene versunkene Epoche wieder lebendig werden soll.

Fritz Schwgler | Vorreiter Ludwig des II.

Das obige Bild zeigt Friedrich Joseph Schwegler, geboren August 1866. Mit 63 Mark Rente verbrachte er seinen Lebensabend im Dorf Seeshaupt am Starnberger See. Schwegler war Vorreiter im königlichen Hofstaat.

Zu Zeiten König Ludwig II. war es üblich, dass die in königlichen Diensten stehenden Männer ihre Treue zum angestammten Herrscherhaus durch eine Tätowierung bezeugten. Der ständig Pfeife schmauchende Senior zeigte jedem, der ihn in seiner Kammer besuchte, mit Vergnügen und Stolz das eintätowierte Konterfei seines Königs auf der Brust.

Auf die Frage nach der Krankheit des Königs soll er mal geantwortet haben: „Na ja, g’spinnt hat‘ er scho‘. Aber heut‘ gibt’s no mehr, de spinnen …«

Menschenbilder | Wilhelm Busch | Anleitung zu historischen Porträts

Wilhelm Busch
Anleitung zu historischen Porträts

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EINS

0721b

Zum Beispiel machen wir zum Spaß
Mal erstens das!

0721c

Dann zweitens zur Erheiterung
Kommt dieses als Erweiterung.

0721d

Zum dritten, wie auch zum Vergnügen,
Ist folgendes hinzuzufügen.

0722a

Hierauf noch viertens mit Pläsier
Gelangen wir zu diesem hier.

0722b

Zum Schluß noch dieses! – Ei Potzblitz!
So haben wir den Alten Fritz.

Unbenannt20x60

ZWEI

Mach still und froh

0722c

Mal so

0722d

und so,

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Gleich steht er do

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bei Austerlitz

0723a

und Waterloo.

0723b

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DREI

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Gesetzt, daß dies ein Kürbis sei,
Eine Gurke und drei Radi dabei;

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So wär’s nicht übel, sollt‘ ich meinen,
Kürbis und Gurke zu vereinen;

0723e

Denn setzen wir jetzt die Radi dran,
So haben wir noch einen großen Mann.

Menschenbilder | Francisco Borès | Spanischer Maler der Moderne

Francisco BorèsFrancisco Borès wurde 1898 in Madrid geboren. Mit 17 Jahren beginnt er an einer Privatakademie zu malen. Er kopiert insbesondere Bilder aus dem Prado, wofür Borès sich viel Zeit nimmt. 1922 tritt er der s.g. Ultraisten-Gruppe – einer literarischen und künstlerischen avantgardistischen Vereinigung bei.

Der Ultraismus (von span. ultraísmo) ist eine Literaturbewegung, die 1918 in Spanien mit der erklärten Absicht entstand, dem Modernismus entgegenzutreten, der die spanische Dichtung seit Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte. Er wurde in den Gesprächsrunden des Madrider Café Colonial unter Leitung von Rafael Cansinos Assens begründet.
Den ultraistischen Kern bildeten, neben weiteren, Guillermo de Torre, Juan Larrea, Gerardo Diego, Pedro Garfias, Ernesto López-Parra, Lucía Sánchez Saornil, Jacobo Sureda und Jorge Luis Borges, der damals in Madrid lebte.
Im Einklang mit dem italienischen und russischen Futurismus, dem Dadaismus und dem französischen Surrealismus verfolgte der Ultraismus das Ziel eines ästhetischen Umbruchs, dies jedoch weniger umfassend als der Surrealismus, der die Ausdehnung auf alle Künste und sogar den Alltag beabsichtigte.

Zum ersten Mal stellt Borès 1925 im Salon der iberischen Künstler aus. Gezeigt wurden dabei etwa 20 Werke. Beflügelt durch den Erfolg zog der Maler nach Paris, wo er auch 1972 starb.

Francisco Borès_galerieframondZunächst näherte sich Francisco Borès denjenigen jungen Malern, die in der Bewunderung Juan Gris‘ leben und nach dessen Beispiel von der Bildeinheit ausgehen, um die Realität wiederzufinden. Aber bald lehnt er sich gegen die Verkalkung der kubistischen Konzeptionen auf. So bricht er mit dem Geist der Geometrie und der im Voraus festgelegten Konstruktion und bemüht sich, die Dynamik der Gegenstände auszudrücken. Zugleich versucht er, diese wieder in den Raum zu stellen und die Atmosphäre, die sie bilden, zu gestalten. Schon seit seiner ersten Pariser Ausstellung im Juni 1927 in der Galerie Percier ist sein Werk eine Auswahl bestimmter Signaturen, reich nuanciert und von subtilem Gleichgewicht der Formen. Vom Jahre 1929 an nähert sich Francisco Borès, der sich gleichfalls sehr für die Bestrebungen der Surrealisten interessiert hat, wenn er sich auch abseits dieser Bewegung hielt, wieder mehr der Natur und strebt eine engere Verbindung von malerischer Schöpfung und optischem Eindruck an.

Bisweilen steckt in den burlesken Kombinationen ein gewisser Humor. Seine Mittel sind dabei stets äußerst sparsam. Borès geht zwar immer von der Wirklichkeit aus, gibt aber von ihr ganz unerwartete Resumés, an denen die Phantasie den gleichen Anteil hat wie die Erinnerung. Später entwickelte sich sein Werk noch weiter in Richtung der reinen Malerei.

Hier eine kleine Auswahl seiner Werke:

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Menschenbilder | HEINRICH SURBECK | Der Schweizer Chemiker & Ingenieur auf Sumatra

Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen.

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Heinrich Surbeck vor dem gigantischen Blutenstand eines Amorphophallus an der Westküste Sumatras [1937]

Heinrich Surbeck wurde am 16. Februar 1876 in Hailau geboren, neben zwei Schwestern der einzige Sohn eines Landwirtes, der auch eine Bauernmetzgerei betrieb. Die Mutter stammte ihrerseits aus einer alteingesessenen, angesehenen Bauernfamilie der gleichen Gegend. Früh erlebte er die ökonomischen Sorgen des Elternhauses; als sich der Vater notgedrungen wieder vermehrt auf den heimatlichen Weinbau verlegte, brach über diesen die große Krise der achtziger Jahre herein. Das zwang die ältere Schwester zur Auswanderung in die USA.
Der junge Heinrich aber lernte das Große und Harte der Natur zu achten, er träumte sich in das Lockende und Rettende fremder, ferner Länder hinein und sah, dass sich das Leben nur im eigenen Einsatz leisten lässt, dass Fleiß, Geduld und Zähigkeit seine Krisen überwinden. Seine Begabungen sollten auch ihn bald aus dem Hallauer Stammkreis herausführen; so weit sie es taten, so kehrte er doch stets zu dieser seiner geliebten Heimat zurück, wo er später ein Haus kaufte, das den tief symbolischen Namen «Zur Brunnquell» trägt. Den Lehrern am Schaffhauser Gymnasium fielen vor allem die Neigungen des Knaben zu allen Naturwissenschaften auf, zur Geologie, Botanik und Chemie; aber auch die fremden Sprachen wuchsen ihm mit Leichtigkeit zu. Dem beugten sich die sparsamen Eltern freudig; dann aber starb, viel zu früh, der Vater.
Nun wurde der Student erst recht die tragende Hoffnung für Mutter und Schwester, die alles für ihn einsetzten. Mit Erfolg studierte er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Chemie und Ingenieurwissenschaften, aber nach der Ablieferung des Diplomes warf ihn ein schweres Lungenleiden auf das Krankenlager. Der Aufenthalt in der Höhe, wo er Heilung erhoffte, stellte seine Getreuen in Hallau erneut vor das Nichts.

Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.
Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.

Da vernahm er 1902, dass eine von Schweizern gegründete Gambir-Plantage in Indragiri auf Sumatra einen technischen Leiter suchte. Surbeck griff entschlossen zu und gewann den Einsatz. Unter südlichen Sternen brachte der mit einem widrigen Schicksal Ringende die zähen Tugenden seiner Klettgauer Vorfahren zur vollen Entfaltung. Als ein goldlauterer, tiefbescheidener Charakter wird er geschildert, dem minutiöse Pflichterfüllung alles war, voller Initiative und realistischer Phantasie und einer innerlichsten Aufgeschlossenheit und Liebe zur Natur. Sein Leiden heilte in den Tropen aus, nun schritt er in breitem Gelingen vorwärts, wurde
Mitbegründer einer weiteren Korporation auf der Basis der Gambir-Gerbstoffabrikation, schließlich unabhängiger Erbauer von Limonaden- und Eisfabriken, vor allem aber vorbildlicher Wasserwerke in Siantar und Padang Sidempuan an der Westküste Sumatras. Während eines Europaaufenthaltes heiratete er 1908 seine Lebensgefährtin, eine Bernerin, die ihm unerschrocken in die Pionierwelt der Tropen folgte, ihm vier gesunde, hoffnungsvolle Kinder schenkte, die nah dem Busch und seinem mächtigen Leben ihre Jugend verbrachten. Sie wuchsen ganz in der malayischen Umwelt auf und ließen sich schaudernd vom humorvollen Vater erschrecken, der im Urwald mit dem Stock einen Tiger aus dem Gebüsch zu klopfen vorgab. Erst die Schuljahre zwangen die Kinder wieder in die Schweizer Heimat zurück und ließ sie so im Heimweh nach zwei Welten groß werden. In seiner Mußezeit sammelte Heinrich Surbeck hauptsächlich Farne, Bärlappe und Moosfarne; das umfangreiche Herbar schenkte er schließlich einem bekannten Farnliebhaber, dem Lehrer E. Oberholzer in Zürich, der ihm nun jede wissenschaftliche Pflege angedeihen lässt.

Als die japanische Besatzung über dem Lande lastete, alles lähmend, war es der Trost des Vaters, auf Hunderten von Blättern die Tier- und Pflanzenwelt der tropischen Umgebung für seine Kinder malend festzuhalten. So sind Dokumente entstanden, aus denen die Abbildungen in diesem Beitrag stammen. Von 1942 bis im August 1945 dauerte die japanische Besetzung, eine Zeit der Schrecken und Qualen für das ganze Inselland. Gewiss wurden die Schweizer geschont, aber ihr tätiges Gewissen brachte sie selber in Gefahr.

Die Familie Surbeck hat nichts unterlassen, um den anderen Europäern in den Gefängnissen und Konzentrationslagern vor allem medizinische Hilfe zukommen zu lassen, sie durften sich wohl auf die Treue ihrer malayischen und chinesischen Helfer verlassen; aber der Verdacht solcher Hilfe richtete sich schließlich auch auf sie selbst. Das Ende taucht in die blutigen Schrecken eines furchtbaren Massakers. Noch nach ihrer Niederlage mussten die Japaner eine Art Ordnungsdienst aufrechterhalten, die von ihnen aber schon früher aufgestachelten Malayen setzten ihre Raubzüge fort, so dass schließlich auch Heinrich Surbeck und seine Freunde von dem grauenhaften Schicksal erreicht wurden, in die Hände dieser verwirrten Horden zu fallen. Das geschah am 15. Oktober 1945; die Schiffe der Alliierten befanden sich schon in den Häfen, da führte eine zügellose Bande von Eingeborenen die letzte Rache der Japaner aus. Sie setzten das flügelartig aufgebaute Hotel in Brand, rückten von Zimmer zu Zimmer mordend vor und konnten schließlich die Frauen von den kämpfenden Männern trennen: als die tapferen Töchter später von den Alliierten befreit wurden und nach dem Vater forschten, war es zu spät.

Auch Heinrich Surbeck hatte die Todeskugel erreicht. Über vierzig Jahre hat er mitgeholfen, Sumatra technisch zu erschließen, im Glauben an den Sinn dieser Leistung für Land und Volk; nun liegt er auch dort begraben. Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen. In ihnen ist kein Einsatz und keine Mühe verloren und sie tragen ihre Früchte tröstlich ins Kommende.

Heinrich Surbeck (16.2.1876 – 15.10.1945)
Geboren: Hallau/SH
Gestorben: Pematang/Siantar/Sumatra

Surbeck verbachte seine Jugendzeit in Hallau und erlangte die Matura in Schaffhausen. Sein Naturkundelehrer war Dr. Jakob Meister (1850-1925). Mitglied der Scaphusia.
Studium der Botanik, ein Semester in Lausanne dann 1895-1900 Chemiestudium an der ETHZ.
1904 zog er nach Sumatra und wurde technischer Leiter der Gambirplantage Gading Estate in Indragiri, die Schweizern gehörte.
Ab 1916 hatte er in Pematang Siantar an der Ostküste Sumatras eine Eis- und Limonade Fabrik. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges baute er ein Elektrizizätswerk und eröffnete ein modernes Hotel. Auch in Padangsidimpoean (Tapanoeli) besass er einen Industriebetrieb.
Seit 1930 war er Mitglied der NGSchaffhausen. Etwa 400 Herbarpflanzen, davon 200 Farne von 1914-1917 offerierte er Prof. Schröter der ETH. Dieser akzeptierte die Offerte jedoch nicht, da er die meisten Pflanzen schon besaß.
1939 schenkte er die Farne E. Oberholzer in Samstagern und die restlichen Pflanzen an ZT.
Durch Prof. Dr. Walo Koch wurde er ermuntert seine botanische Arbeit in Sumatra wieder zu aktivieren, vor allem auf dem Gebiete der Wasserpflanzen. Surbeck wurde 1945 bei einem Eingeborenenaufstand in Sumatra ermordet.

Christina Leitow | Collagen

teena_test3Wer bist Du?
Christina Leitow | Künstlername TEENA
Künstlerin | Kulturwissenschaftlerin

Wo lebst Du?
In der Nähe von Buchholz in der Nordheide, auf dem Land, mit der Bahn sind es ca. 25 Minuten nach Hamburg

Womit beschäftigst Du Dich aktuell?
Im Moment sehr intensiv mit der Entstehung meines neuen Ateliers. Große Vorfreude. Mein altes Atelier ist viel zu klein geworden…

Ich experimentiere zur Zeit viel mit neuen Farben und Materialien. Entwickle Themen für meine Ausstellung in Hamburg im nächsten Jahr.

Was sind die Ursprünge Deines künstlerischen Werkes?
Das Finden, Sammeln, entwickeln, visualisieren von Themen, die mich beschäftigen. Persönliches und Gesellschaftliches.
Materialien wie Zeitungen, Zeitschriften, Werbeflyer, Briefmarken, Oblaten, Fundstücke vom Flohmarkt oder aus der Natur.

kindergarten_collage
*Save Fu* eine der ersten Collagen von TEENA aus den 70er Jahren – erweitert 2015…

Wie hast Du Deinen aktuellen Stil entwickelt?
So lange ich denken kann, mache ich Collagen. Zwischenzeitlich, insbesondere auch während des Kunststudiums in Lüneburg (Angewandte Kulturwissenschaften – Kunst, Sprache & Kommunikation, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit) habe ich auch viel gemalt. Seit ca. 6 Jahren entwickelt sich meine jetzige Form der Collagekunst.

Ich experimentiere viel mit neuen Materialien und bin selbst gespannt, wohin mich das führt.

Wie ist es zu Deiner CollageSerie *Find dine Farver* gekommen?
*Find dine Farver* – diesen Satz las ich auf der letzten Dänemarkreise im Juli 2016 in einer dänischen Zeitschrift. Es hat sofort *klick* gemacht. Finde deine Farben, das ist ein Lebensthema für mich – früh, im Kindergartenalter schon inspiriert von Frederick (Leo Lionni).

leo-lionni-frederick“From time to time, from the endless flow of our mental imagery, there emerges unexpectedly something that, vague though it may be, seems to carry the promise of a form, a meaning, and, more important, an irresistible poetic charge.”  —  Leo Lionni

Auf Reisen richte ich mir, wann immer möglich, ein kleines Atelier ein.  Ich arbeite dann nur mit Materialien, die ich vor Ort finde.

Besagte Kreidefarbe
Besagte Kreidefarbe.

Im Shop vom Ringkøbing Museum habe ich eine besondere Kreidefarbe entdeckt, die mich sofort angesprochen hat. Meine erste Farbe hatte ich also gefunden… Nur um sie kurz darauf in einem Café wieder zu verlieren, bzw. die Tüte mit der Farbe und Pinsel dort zu vergessen… Zum Glück war sie am nächsten Tag noch da und ich konnte endlich beginnen mit der kleinen Serie. Täglich kamen neue Fundstücke hinzu.

Wie schätzen andere Leute Deine Arbeit ein? Bekommst Du Feedback?
Im persönlichen Umfeld bekomme ich sehr viel echtes Feedback. Interessant ist, dass unter den Käufern meiner Collagen viele Künstler, Grafiker, Medienmenschen sind. Es gibt schon ein paar Sammler, worüber ich mich natürlich riesig freue. Es ist jedes Mal ein ganz besonderes Gefühl, meine Arbeiten in anderen Räumen (wieder) zu sehen.

Meinen twitter-account nutze ich als „twART-Labor“ – da bekomme ich häufig interessantes feedback. Über twitter haben sich auch ein paar sehr nette, reale Kontakte entwickelt, auch spannende Ausstellungsbeteiligungen und Ankäufe meiner Arbeiten.

Collagen an die Wand gebracht.
Collagen an die Wand gebracht bei den *Weingaleristen* in Hamburg. Im Mai 2017 folgt die 3. Ausstellung dort.

Gibt es besonders inspirierende Menschen, die Du bisher getroffen hast? Worin liegt die Inspiration? Gibt es „Vorbilder“ für Dich?
Mich inspirieren sehr unterschiedliche Menschen und Erlebnisse. Lebendige und tote Künstler, Kunst, Literatur, Musik, die Natur. Manchmal nur ein Wort, ein Satz. Eine Strophe. Ein Fundstück. Ein Ereignis. Ein Augenblick.

Das Leben. Reisen. Begegnungen. Und immer wieder die Natur…

Pop Art, Kitsch-Art haben mich im Studium sehr inspiriert. Eine damalige Exkursion nach Köln ins Museum Ludwig war der Beginn einer wohl lebenslangen PopArt-Liebe…  Die Dada-Künstlerin Hannah Höch z.B. inspiriert mich sehr. Das Kunsthaus Stade hatte eine grandiose Höch-Ausstellung anlässlich 100 Jahre Dada präsentiert… Françoise Gilot. George Sand. Um nur noch ein paar zu nennen…

„Ich will die Mannigfaltigkeit des Lebens preisen mit meiner Arbeit, die Schönheit auch – aber nur als in der Nichtgefälligkeit mit einbeschlossen.“ | Hannah Höch | Tagebuch 1937

Du sagst „Kauft mehr Kunst…“ – Was meinst Du damit, für Dich?
Ein Appell: Kauft mehr Echtes. Originale. Unterstützt damit direkt Künstler. Hängt Euch nicht billig Reproduziertes an die Wände… Es ist wirklich hart, als Künstler Geld zu verdienen… Es gibt viele spannende Künstler, die man in ihren Ateliers besuchen – und bei denen man einfach direkt kaufen – kann…

Was beeindruckt Dich in der Kunst besonders?
Die Freiheit. Das „Sichverlieren“ in der Kunst. Neue Welten entdecken und erschaffen. Flow und Inspiration. Beim selbst Erschaffen oder auch beim Betrachten.

Was waren Deine “schrägsten” Momente als Künstlerin?
Oh, da gibt es viele…

2 Jahre lang habe ich gemeinsam mit einer Projekt-Partnerin den Kunstraum „schräg und gut“ in Jesteburg initiiert. Wir haben dort viele Ausstellungen mit unterschiedlichen Künstlern kuratiert und präsentiert. Gleichzeitig hatte ich dort mein Atelier und KULTURPLANETEN-Büro. – Das waren zwei sehr „schräge“ Jahre…

Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft?
Mehr Collaboration Art. Hach, ich wünsche mir die Teilnahme an einer Ausstellung in London… Und mal wieder in Berlin.

Was sind die Kulturplaneten? Was bedeutet diese Arbeit für Dich?
Mit meinem KULTURPLANTEN-Büro realisiere ich seit 2010 freiberuflich für Kunden klassische und online-Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Kunst-, Kultur-, Nachhaltigkeitsprojekte. Zum Beispiel diverse Fotowettbewerbe und Ausstellungen. U.a. das Projekt „Wo Wirtschaft spielt“ für mein Lieblings-Wirtschaftsmagazin brand eins. Im Moment ruhen meine KULTURPLANETEN-Aktivitäten ein wenig, da ich einen ganz wunderbaren, nachhaltigen Job bei mir in der Nähe angeboten bekommen habe. Seit April 2015 verantworte ich die Kommunikation für Spa Vivent, ein sehr engagiertes Naturkosmetikunternehmen.

Die CollageSerie *Find dine Farver*

Wo findet man Dich im Internet?
Blog (online gallery) | kokuku.wordpress.com
twitter | kokuku
twitter | kulturplaneten
instagram | teena_artist

Menschenbilder | Else Lasker-Schüler über Karl Kraus

Über Karl Kraus | Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet –in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof an meine Mutter geschrieben; ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer schenken Karl Kraus‘ Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen – wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum haßt – im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuss erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum – Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. – Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O, diese Not, heute rot – – morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die Schnellläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.

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Titelbild: Dunkles Wachen von Ursula Stock | Öl, 80 x 100 cm, 1980 | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: wikipedia
Ursula Stock (* 28. Juli 1937 in Stuttgart) ist eine deutsche Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin.

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Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold | Else Lasker-Schüler | 1916

Else Lasker-Schüler, eigentlich Elisabeth Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem) war eine bedeutende deutsch-jüdische Dichterin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Sie trat aber auch als Zeichnerin hervor.

Menschenbilder | Laura Bridgman & Charles Dickens | Wie eine taubblinde Frau die Sprache findet

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Laura Bridgman | Daguerreotype by Southworth & Hawes | ca. 1855

Laura Bridgman, eine dreisinnige Amerikanerin, war etwa 12 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie sich von anderen Kindern unterschied und dass sie nur drei Sinne besaß, nämlich den Tastsinn und außerdem ein bisschen Geruch und Geschmack. Sie hatte damals schon das Wort denken (think) halb als Verbum, halb als Substantiv kennen gelernt und gebrauchte es auffallend häufig für die Anstrengung des Denkens, die sie lokalisiert in ihrem Kopf empfand. So sagte sie z. B.: »Mein Denken ist müde.« Als sie nun erfuhr, sie habe nur drei Sinne, rief sie (der Ausdruck »rufen« ist wohl nur als abkürzendes Wort zu verstehen): »Ich habe vier Sinne: Denken und Nase und Mund und Finger« . . . Das Denken war ihr etwa ein Substantiv, und sie konnte den Kopf gar wohl als das Sinneswerkzeug der Denkarbeit betrachten, wie die Nase als Sinneswerkzeug der Geruchsarbeit.
Lauras Gedächtnis war außerordentlich gut entwickelt. In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde ihr mittels der Fingersprache ein kindliches Lesestück vorgelesen, und Laura musste es am nächsten Tag aus dem Gedächtnis niederschreiben. Diese Niederschrift hält sich im wesentlichen so genau an das Original, dass eine solche Leistung einem vollsinnigen Kind gleichen Alters nicht immer gelingen würde. Laura ist also ein Beweis dafür, dass ein außerordentliches Gedächtnis alle oder doch die meisten Assoziationen, deren Verbindungen unsere Welterkenntnis oder Sprache ausmachen, auch ohne Gesicht und Gehör an den Tastsinn binden kann.
Aus Anlass eines besonderen Falls von Taubstummheit in Verbindung mit einem operierten Starblinden, der zunächst eine Kugel und einen Würfel nicht unterscheiden konnte, bemerkt der bedeutende La Mettrie: wäre der Taubstumme auch noch blind gewesen, so wäre er ganz ohne Ideen geblieben. Diese Behauptung kann durch die Geschichte der Amerikanerin als widerlegt gelten. Ein Wesen wie Laura Bridgman wäre freilich kaum glaubhaft erschienen, hätte sie nicht wirklich gelebt und gelehrte Zeitgenossen in Erstaunen gesetzt.
Zum Kapitel der Ersatz-Sinne gehört auch der Fall einer anderen Taubstummblinden, Julia Brace. Als sie zu Doktor Howe, dem Lehrer der Bridgman, kam, war sie schon zu alt, um noch sprechen zu lernen. Dafür hatte sie ihren Geruch in Stellvertretung so ausgebildet, daß sie aus einem Haufen Handschuhe ein zusammengehörendes Paar und sogar die Handschuhe zweier Schwestern herausfinden konnte.
Allerdings wird das Innenleben dieser Julia für einen vollsinnigen Menschen schwer vorzustellen sein. Und wir finden keine Begriffsbrücke zu ihrer Leidensschwester Laura, die sich doch an die immerhin artikulierteren Tastempfindungen halten konnte bis zu dem Grad, dass sie in der Fingersprache Selbstgespräche hielt und sogar in der Fingersprache träumte!

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Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika
Aus Kapitel 4.

Die Bostoner Perkins-Institution und das Massachusetts-Asyl für Blinde. Dickens beschreibt seine Erlebnisse.
Ich besuchte die Anstalt an einem sehr schönen Wintermorgen; über mir ein italienischer Himmel, und die Luft so klar und hell, dass selbst meine Augen, keineswegs die besten, die kleinen Linien und Verzierungen an entfernten Gebäuden erkennen konnten. Gleich den meisten andeern öffentlichen Anstalten dieser Klasse in Amerika befindet sich auch diese eine oder zwei englische Meilen vor der Stadt, an einem angenehmen, gesunden Plätzchen, und ist ein luftiges, geräumiges, schönes Gebäude. Es ist auf einer Anhöhe erbaut, von welcher aus man den Hafen übersehen kann. Als ich einen Augenblick an der Tür still stand und sah, wie frisch und frei die ganze Landschaft war – wie leichte glänzende Schaumblasen über die Wellen dahintanzten und jeden Augenblick zur Oberfläche empor quollen, als wenn die Welt unten, wie die oben, sich des heitern Tages freue und in dessen Lichtfülle hinüberströmen wolle: wenn ich von Segel zu Segel auf ein Schiff in der offenen See schaute, ein kleines winziges Fleckchen von reinem Weiß, wenn ich auf die einzige Wolke am stillen, tiefen, fernen Blau des Himmels blickte – und mich herumdrehend einem blinden Knaben in das Antlitz sah, das er in derselben Richtung hielt, als ob auch er in sich ein Gefühl der herrlichen Aussicht habe, so fühlte ich eine Art Kummer, dass der Ort so hell und freundlich war, und ein sonderbarer Wunsch kam über mich, dass er um des Blinden willen dunkler sein möchte. Freilich war dies nur für den Augenblick eine bloße Phantasie, allein trotzdem wurde sie mir deutlich bewusst.
Die Kinder waren eben an ihren täglichen Beschäftigungen in den verschiedenen Zimmern, mit Ausnahme einiger weniger, die man schon entlassen hatte und welche spielten. Hier, wie in vielen anderen Anstalten trägt keiner Uniform, was mir aus zwei Gründen sehr erfreulich war. Erstens, weil ich überzeugt bin, dass nur sinnlose Gewohnheit und Mangel an Nachdenken uns mit den Livreen und bunten Lappen, die wir zu Hause so gern sehen, versöhnen kann. Zweitens, weil der Mangel solcher Sachen dem Besuchenden jedes Kind in seinem eigenen Charakter zeigt, da sich dessen Individualität hier nicht bei einer hässlichen, einförmigen, steten Wiederholung desselben Anzugs verliert; und dies ist wahrlich ein wichtiger Grund. Die Weisheit, ein wenig harmlosen Stolz auf das Äußere anzuregen, oder die wunderliche Albernheit, Menschenliebe und Lederhosen für unzertrennliche Gefährten zu halten, bedürfen keiner Erörterung.
Ordnung, Reinlichkeit und Bequemlichkeit walteten in jedem Winkel des Gebäudes. Die verschiedenen Klassen, die sich um ihre Lehrer versammelt hatten, beantworteten die ihnen vorgelegten Fragen mit Schnelligkeit, Intelligenz und einem Geiste muntern Wetteifers, der mir sehr gefiel. Die Spielenden waren fröhlich und lärmten wie andere Kinder. Es schienen unter ihnen mehr geistige und zärtliche Freundschaften zu existieren als unter anderen jungen Leuten, die nicht unter ähnlicher Trübsal leiden; doch hatte ich das erwartet. Dies ist ein Teil des großen Planes der gnadenvollen Rücksicht Gottes.

In einem Teile des Gebäudes befinden sich Arbeitsgemächer für Blinde, deren Erziehung beendigt ist und die irgendeine gewerbliche Beschäftigung erlernt haben, welche sie jedoch wegen ihres traurigen Schicksales nicht in einer gewöhnlichen Fabrik verrichten können. Hier waren mehrere beschäftigt, Bürsten, Matratzen usw. zu verfertigen; die Heiterkeit, Betriebsamkeit und Ordnung, die in jedem anderen Teile des Gebäudes wahrzunehmen war, zeigten sich auch hier.
Auf das Läuten einer Glocke begaben sich die Zöglinge sämtlich, ohne Führer, in einen geräumigen Musiksaal, wo sie auf einem zu diesem Zwecke errichteten Orchester ihre Sitze einnahmen und mit offenbarem Vergnügen dem Präludium auf einer Orgel horchten, das einer von ihnen spielte. Als dies beendigt war, machte der Spieler, ein neunzehn- oder zwanzigjähriger Bursche, einem Mädchen Platz, und zu ihrer Begleitung sangen alle eine Hymne und nachher eine Art Chor. Es erweckte höchst traurige Gefühle, sie so zu sehen und zu hören, so glücklich ihre Lage auch ohne Zweifel war; ich sah, daß ein blindes Mädchen (das gerade durch Krankheit des Gebrauchs seiner Glieder beraubt war) dicht neben mir saß, das Gesicht auf die singende Versammlung gerichtet, und still weinend zuhorchte.
Merkwürdig ist es, die Gesichter der Blinden zu beobachten und zu sehen, wie frei sie von aller Verstellung oder Verheimlichung ihrer Gedanken sind; ein Sehender möchte hierbei erröten, wenn er die Maske betrachtet, die er trägt. Abgerechnet einen leichten Schatten von Ängstlichkeit, der sich stets in ihrem Antlitz ausdrückt und den wir auch in unsrem Gesicht bemerken können, wenn wir im Finstern unseren Weg ausfindig zu machen suchen, drückt sich jede Idee, so wie sie in ihnen entsteht, mit Blitzesschnelle und in ihrer natürlichen Wahrheit in ihren Mienen aus. Wenn eine Ballgesellschaft oder eine Versammlung bei Hofe nur ein einziges Mal sich so wenig der Sehkraft bewußt wäre wie Blinde, welche Geheimnisse würden an den Tag kommen, und als ein wie großer Beförderer der Heuchelei würde dieselbe Kraft erscheinen, deren Verlust wir so sehr beklagen!

Dieser Gedanke kam über mich, als ich in einem anderen Zimmer mich vor einem blinden, tauben und stummen Mädchen niedersetzte, dem der Geruch und fast auch der Geschmack fehlte: vor einem schönen jungen Geschöpf, begabt mit jeder menschlichen Fähigkeit und Hoffnung, empfänglich für Güte und Liebe, und bloß im Besitz eines einzigen äußeren Sinnes – des Gefühls. Da sah ich sie vor mir, gleichsam wie in einer Marmorzelle eingemauert, unzugänglich für den kleinsten Lichtstrahl oder den leisesten Ton, und ihre arme weiße Hand sah hervor durch einen Riß des Steins, irgendeinem guten Menschen um Hilfe zuwinkend, damit eine unsterbliche Seele geweckt werde.
Lange schon, ehe ich sie sah, war die Hilfe gekommen. Ihr Antlitz strahlte von Intelligenz und Vergnügen. Ihr Haar, von ihren eigenen Händen geflochten, war um einen Kopf geschlungen, dessen geistige Fähigkeiten in der schönen Kontur und der hohen, freien Stirn desselben sich herrlich ausdrückten; ihr Kleid, von ihr selbst geordnet, war ein Muster der Sauberkeit und Einfachheit; die Arbeit, an der sie eben gestrickt, ruhte neben ihr; ihr Schreibbuch lag auf dem Pulte, auf das sie sich stützte. – Aus wie kümmerlichen Resten eines Menschenleibes hatte sich langsam dieses sanfte, zarte, schuldlose, dankbare Wesen erhoben!
Gleich den andern Bewohnern des Hauses hatte sie ein grünes Band um ihre Augen gebunden. Eine Puppe, die sie angekleidet hatte, lag neben ihr auf dem Boden. Ich hob dies Spielwerk auf und sah, daß sie ein grünes Band, wie sie selbst trug, gemacht und der Puppe um die Augen gebunden hatte.
Sie saß innerhalb eines kleinen Kreises von Schulpulten und Bänken und schrieb ihr Tagebuch. Bald hatte sie diese Arbeit beendigt, und nun begann sie eine lebhafte Unterhaltung mit einer Lehrerin, die neben ihr saß. Dies war eine Lieblingslehrerin der Armen. Hätte sie ihr Gesicht sehen können, sie würde sie sicher nicht weniger geliebt haben.
Aus einer schriftlichen Mitteilung desselben Mannes, der sie zu dem gebildet hatte, was sie ist, habe ich einige unzusammenhängende Bruchstücke ihrer Geschichte entnommen. Es ist eine sehr schöne, rührende Erzählung und ich wünschte, ich könnte sie dem Leser vollständig vorlegen.

Ihr Name ist Laura Bridgman. Sie wurde in Hanover in New Hampshire am 21. Dezember 1829 geboren. Sie wird als ein sehr munteres, hübsches Kind mit hellen, blauen Augen geschildert. Bis zum Alter von anderthalb Jahren war sie jedoch so klein und schwächlich, dass ihre Eltern kaum glaubten, sie aufziehen zu können. Sie war harten Krankheitsanfällen unterworfen, welche ihren zarten Körper aufs äußerste mitnahmen; das Leben hing nur noch an einem Faden. Doch im Alter von anderthalb Jahren schien sie sich zu erholen, die gefährlichen Symptome ließen nach, und zwei Monate später war sie vollkommen wohl.
Jetzt entfalteten sich ihre Geistesfähigkeiten, bisher in ihrem Wachstum gehemmt, mit reißender Schnelle, und während der viermonatigen Gesundheit, die sie nun genoß, scheint sie (soweit wir der Erzählung einer liebenden Mutter glauben dürfen) einen bedeutenden Grad von Intelligenz gezeigt zu haben.
Allein plötzlich wurde sie abermals krank; die Krankheit wütete fünf Wochen lang mit großer Heftigkeit; dann entzündeten sich Augen und Ohren, und der Inhalt derselben lief aus. Aber obschon Gesicht und Gehör für immer verloren waren, hatten doch die Leiden des armen Kindes ihr Ende noch nicht erreicht. Fünf Monate mußte sie in einem verfinsterten Zimmer das Bett hüten; es währte ein Jahr, ehe sie ohne Hilfe selbst gehen konnte, und zwei Jahre, ehe sie den ganzen Tag aufrecht sitzen konnte. Man bemerkte jetzt, daß ihr Geruchssinn fast gänzlich zerstört und ihr Geschmack ebenfalls sehr abgestumpft war.
Erst als das arme Kind vier Jahre alt war, schien ihm die körperliche Gesundheit wiedergegeben zu sein, und erst jetzt konnte es in das Leben und die Welt eintreten.
Allein in welcher Lage befand sich das arme Mädchen! Die Dunkelheit und das Schweigen des Grabes herrschten um sie: keiner Mutter Lächeln rief ihr Lächeln hervor, keines Vaters Stimme lehrte sie, Laute nachahmen – Brüder und Schwestern waren für sie bloße Formen, die ihrem Griffe widerstanden, die jedoch in nichts von den Möbeln im Hause sich unterschieden, außer durch Wärme und durch das Vermögen, sich selbst bewegen zu können; und in diesen Beziehungen unterschieden sie sich nicht einmal von der Katze oder dem Hunde.
Aber der unsterbliche Geist, der ihr eingepflanzt worden war, konnte weder sterben noch verstümmelt werden; und obwohl ihm die meisten Mittel, sich mit der Welt in Verbindung zu setzen, abgeschnitten waren, begann er doch sich durch die noch übrigen zu offenbaren. Sobald sie laufen konnte, fing sie an, das Zimmer und dann das Haus zu untersuchen; sie lernte die Form, die Dichte, das Gewicht und die Wärme jedes Körpers kennen, auf den sie ihre Hände legen konnte. Sie folgte ihrer Mutter und befühlte deren Hände und Arme, wenn sie im Hause beschäftigt war; ihre Neigung zur Nachahmung bewog sie, aus freien Stücken alles zu wiederholen. Sie lernte selbst ein wenig nähen und stricken.«
Es wird indes kaum nötig sein zu erwähnen, daß die Mittel und Wege, sich ihr mitzuteilen, sehr beschränkt waren und daß die moralischen Wirkungen ihres elenden Zustandes sich bald zu zeigen begannen. Wer nicht durch die Vernunft gebildet werden kann, der kann bloß durch Gewalt in Schranken gehalten werden; und dies, in Verbindung mit ihrem traurigen Schicksale, würde sie bald in eine schlimmere Lage versetzt haben, als die der Tiere ist, welche ohne rechtzeitige, unverhoffte Hilfe umkommen müssen.
Um diese Zeit war ich so glücklich, von dem Kinde zu hören, und eilte sogleich nach Hanover, um es zu sehen. Ich fand eine wohlgebildete Gestalt, mit einem stark ausgeprägten, nervös sanguinischen Temperament und einem großen, schöngeformten Kopf; der ganze Körper war in gesunder Tätigkeit. Die Eltern waren leicht zu bewegen, sie nach Boston kommen zu lassen, und am 4. Oktober 1837 brachten sie sie in die Anstalt.
Eine Zeitlang war sie sehr bestürzt; nachdem man ungefähr zwei Monate gewartet hatte, bis sie mit ihrer neuen Umgebung bekannt und mit den Hausbewohnern etwas vertrauter geworden war, wurde der Versuch gemacht, ihr eine Kenntnis von willkürlichen Zeichen beizubringen, wodurch sie andern ihre Gedanken mitteilen konnte.
Zu diesem Ende konnte man zweierlei Wege einschlagen. Man mußte entweder eine Zeichensprache wählen, wobei man die natürlichen Zeichen benutzte, durch die sie sich schon auszudrücken wußte, oder sie die gewöhnlich angewandte, gänzlich willkürliche Sprache zu lehren suchen, das heißt, man mußte ihr für jedes Ding ein Zeichen geben oder ihr eine Kenntnis von Buchstaben beibringen, durch deren Zusammensetzung sie ihren Begriff von dem Dasein und der Art und Weise des Daseins irgendeines Dinges ausdrücken konnte. Das erstere wäre leicht, allein von nur geringem Nutzen gewesen; das letztere schien sehr schwer, aber wenn es erreicht war, mußte es sich als sehr brauchbar erweisen. Daher wählte ich das letztere.
Den ersten Versuch machte ich damit, daß ich auf allgemein gebrauchte Dinge, wie zum Beispiel Messer, Gabeln, Löffel, Schlüssel usw. Zettel kleben ließ, auf welchen der Name des Gerätes in erhabenen Buchstaben gedruckt war. Diese Buchstaben befühlte sie sehr sorgfältig und unterschied natürlich gar bald, daß die gekrümmten Linien des Wortes Löffel ebensosehr von den gekrümmten Linien des Wortes Schlüssel unterschieden waren, wie die Form des Löffels von der des Schlüssels.
Dann wurden kleine besondere Zettel, worauf dieselben Worte gedruckt waren, ihr in die Hände gegeben, und sie bemerkte bald, daß sie den auf die Geräte geklebten ähnlich waren. Sie bezeigte ihre Wahrnehmung dieser Ähnlichkeit dadurch, daß sie den Zettel ›Schlüssel‹ auf den Schlüssel und den Zettel ›Löffel‹ auf den Löffel legte. Hierin wurde sie durch das natürliche Zeichen der Billigung, durch Klopfen auf den Kopf, aufgemuntert.
Dasselbe Verfahren befolgte man mit allen Gegenständen, die sie in die Hand nehmen konnte; und bald lernte sie, die richtigen Zettel auf dieselben zu legen. Es versteht sich indessen, daß die einzige Geisteskraft, die sich hier übte, die Kraft der Nachahmung und des Gedächtnisses war. Sie erinnerte sich, daß der Zettel ›Buch‹ auf ein Buch gelegt war; sie wiederholte das Verfahren erst aus Nachahmung und dann aus dem Gedächtnis; dabei hatte sie bloß den Beweggrund der Liebe zum Beifall, aber, wie es schien, ohne geistige Wahrnehmung irgendeiner Beziehung zwischen den Dingen.
Nach einiger Zeit wurden ihr statt Zettel die einzelnen Buchstaben auf besonderen Stücken Papier gegeben: diese wurden so nebeneinandergelegt, daß man das Wort ›Buch‹, ›Schlüssel‹ usw. herauslesen konnte; dann wurden sie in einen Haufen gemischt, und man gab ihr ein Zeichen, die Buchstaben selbst so zu legen, daß man die Worte ›Buch‹, ›Schlüssel‹ lesen könnte, und dies tat sie auch.
Bis jetzt war das Verfahren mechanisch gewesen und der Erfolg ungefähr ebenso groß, wie wenn man einen recht klugen Hund mehrere Kunststücke lehrt. Das arme Kind hatte in stummem Staunen dagesessen und geduldig alles nachgeahmt, was ihr der Lehrer vormachte. Aber jetzt schien ihr das Licht der Wahrheit aufzugehen; ihr Verstand begann zu arbeiten: sie bemerkte, daß sie jetzt Mittel hatte, sich ein Zeichen von etwas, was vor ihrer Seele stand, zusammenzusetzen und dies einer andern Seele zu zeigen, und sogleich strahlte ihr Antlitz von menschlicher Vernunft; sie war nicht mehr einem Hunde oder Papagei zu vergleichen – der unsterbliche Geist ergriff jetzt begierig das neue Glied der Vereinigung mit andern Geistern! Ich könnte fast den Augenblick angeben, als diese Wahrheit in ihrem Gemüt aufdämmerte und Licht über ihr Antlitz goß. Ich sah, daß das große Hindernis nunmehr beseitigt war und daß von nun an nur Geduld und Ausdauer erforderlich seien, denn das allerdings schwer zu erreichende Ziel lag offen und klar vor mir.
Das Resultat ist soweit schnell erzählt und leicht zu begreifen; allein das Verfahren war es nicht, denn viele Wochen scheinbar vergeblicher Arbeit vergingen, ehe man so weit kam.
Wenn ich eben sagte, daß ein Zeichen gemacht wurde, so soll das soviel heißen, daß der Lehrer die Handlung verrichtete; sie befühlte dabei seine Hände und ahmte dessen Bewegungen nach.
Nachher wurde ein Satz Metalltypen angeschafft, auf deren Enden sich die verschiedenen Buchstaben des Alphabets befanden, sowie auch ein Brett, in welches viereckige Löcher geschnitten waren, in die sie die Typen setzen konnte, so daß die Buchstaben bloß auf der Oberfläche gefühlt werden konnten.
Wenn man ihr nun irgendeinen Gegenstand reichte, zum Beispiel einen Bleistift, eine Uhr, so wählte sie die zu dem Worte gehörenden Buchstaben, ordnete sie auf ihrem Brette und schien sie mit Vergnügen zu überlesen.
Auf diese Weise wurde sie mehrere Wochen geübt, bis ihr Wortreichtum ausgedehnter wurde. Dann wurde der wichtige Schritt getan, sie zu lehren, die verschiedenen Buchstaben statt mit der unbehilflichen Vorrichtung des Brettes und der Typen durch die Lage ihrer Finger darzustellen. Sie lernte dies schnell und leicht, denn ihr Verstand hatte begonnen zu arbeiten, und ihre Fortschritte waren bedeutend.
Dies war die Zeit – ungefähr drei Monate nach ihrer Aufnahme –, als der erste Bericht von ihr gemacht wurde, worin angegeben wird, sie habe eben das Fingeralphabet gelernt, wie es die Taubstummen brauchen, und daß es Vergnügen und Verwunderung errege zu sehen, wie schnell, richtig und begierig sie mit ihren Übungen weitergehe. Ihre Lehrerin gibt ihr einen neuen Gegenstand, zum Beispiel einen Bleistift, läßt sie ihn erst untersuchen, um einen Begriff von seinem Gebrauch zu erhalten; dann zeigt sie ihr, wie der Name desselben buchstabiert wird, indem sie ihr die Zeichen der Buchstaben mit ihren eigenen Fingern vormacht. Das Kind ergreift ihre Hand und befühlt ihre Finger, so wie die verschiedenen Buchstaben gebildet werden; es hält den Kopf etwas auf eine Seite, wie jemand, der angestrengt horcht; seine Lippen sind halb geöffnet, es scheint kaum zu atmen; die Spannung seines Antlitzes verändert sich nach und nach in ein Lächeln, sowie es die Lektion begreifen lernt. Es hält dann seine kleinen Finger empor und buchstabiert das Wort in der Fingersprache; dann ergreift es seine Typen und ordnet die Buchstaben, und zuletzt, um ganz sicherzugehen, nimmt es alle Typen, aus denen das Wort besteht, und legt sie auf oder neben den Bleistift, oder was sonst der Gegenstand der Lektüre sein mag.
Das ganze folgende Jahr wird damit verbracht, die begierigen Fragen der armen Schülerin nach den Namen aller Gegenstände, die sie in die Hand nehmen konnte, zu beantworten, sie im Gebrauche des Fingeralphabets zu üben, auf jede mögliche Weise ihre Kenntnis der physischen Beziehungen der Dinge zu erweitern und ihre Gesundheit gehörig zu pflegen.
Am Ende dieses Jahres ward ein Bericht von ihr erstattet, wovon Folgendes ein Auszug ist:
›Es ist jetzt außer allem Zweifel, daß sie nicht den kleinsten Lichtstrahl sehen, nicht den geringsten Ton hören kann und nie gezeigt hat, daß sie den Sinn des Geruchs besitze. So ruht ihre Seele in Finsternis und Stille, wie in einem verschlossenen Grabe um Mitternacht. Von schönen Aussichten, angenehmen Tönen und gefälligen Farben kann sie sich keinen Begriff machen; trotzdem erscheint sie so glücklich und mutwillig wie ein Vogel oder ein Lamm; die Anwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten oder die Auffassung eines neuen Begriffes machen ihr lebhaftes Vergnügen, das sich in ihren ausdrucksvollen Zügen deutlich widerspiegelt. Sie scheint sich nie zu grämen, sondern zeigt immer die heitere Munterkeit der Jugend. Sie liebt Scherz und Lustigkeit, und wenn sie mit den übrigen Kindern spielt, so übertönt ihr heiteres Lachen alle übrigen.
Wird sie allein gelassen, so scheint sie am glücklichsten, wenn sie ihr Strickzeug oder ihre Näherei bei sich hat; sie beschäftigt sich dann wohl stundenlang. Hat sie keine Beschäftigung, so unterhält sie sich augenscheinlich durch Phantasiegespräche oder damit, daß sie sich vergangene Eindrücke zurückruft. Sie zählt an ihren Fingern oder buchstabiert die Namen von Dingen, die sie vor kurzem gelernt hat, in der Fingersprache der Stummen. In diesen einsamen Selbstgesprächen scheint sie zu urteilen, zu überlegen und zu folgern; buchstabiert sie mit ihrer rechten Hand ein Wort falsch, so schlägt sie sich sogleich mit ihrer linken darauf, wie der Lehrer, zum Zeichen der Mißbilligung; buchstabiert sie es richtig, so klopft sie sich selbst auf den Kopf und sieht zufrieden aus. Sie buchstabiert zuweilen vorsätzlich mit der linken Hand ein Wort falsch, sieht einen Augenblick lang recht schelmisch aus, lacht dann und schlägt mit der Rechten die Linke, um sie zu korrigieren.
In einem Jahre hat sie eine große Geschicklichkeit in dem Gebrauch des Fingeralphabets der Stummen erlangt und buchstabiert die Worte und Sätze, die sie kennt, so schnell und gewandt, daß nur die, welche sich an diese Sprache gewöhnt haben, den schnellen Bewegungen ihrer Finger folgen können.
So wunderbar aber auch die Schnelligkeit ist, mit welcher sie ihre Gedanken in die Luft schreibt, so ist es noch mehr die Ruhe und Genauigkeit, womit sie die solchergestalt von andern geschriebenen Worte liebt; sie nimmt dabei die Hände der letztern in die ihrigen und folgt jeder Bewegung der Finger, so wie Buchstabe auf Buchstabe deren Bedeutung ihrer Seele zuführt. Auf diese Weise unterhält sie sich mit ihren blinden Gespielen, und nichts kann deutlicher die Kraft der Seele zeigen, alles zu dem erforderlichen Zweck anzuwenden, als eine Zusammenkunft zwischen diesen Blinden. Denn wenn schon große Geschicklichkeit und hohes Talent bei Mimikern dazu erforderlich ist, um Gedanken und Gefühle durch die Bewegungen des Körpers und den Ausdruck des Gesichts zu malen, wieviel größer muß nicht die Schwierigkeit sein, wenn beide von Dunkelheit umgeben sind und der eine noch dazu nicht hören kann!
Wenn Laura mit vor sich hingestreckten Händen durch einen Gang geht, so kennt sie sogleich jeden, dem sie begegnet, und geht mit einem Zeichen, daß sie ihn erkannt, an ihm vorüber: aber wenn die ihr begegnende Person ein Mädchen ihres Alters oder vielleicht ein Liebling von ihr ist, so fliegt augenblicklich ein heiteres Lächeln des Erkennens über ihre Züge; beide umschlingen sich, drücken sich die Hände und tauschen mit schnellen Fingerbewegungen gegenseitig ihre Gedanken aus. Da gibt es Fragen und Antworten, Verkündigungen von Freude oder Sorge, Küsse und Scheidegrüße, just wie zwischen kleinen Kindern, die alle Sinne haben.‹
Während dieses Jahres – sechs Monate, nachdem sie das Elternhaus verlassen hatte, kam ihre Mutter, sie zu besuchen; die Szene ihres Wiedersehens war sehr interessant.
Die Mutter blickte eine Weile mit überströmenden Augen auf ihr Kind, das, ganz unwissend über ihre Gegenwart, im Zimmer umherspielte. Jetzt rannte Laura gegen sie an, begann sogleich die Hände ihrer Mutter zu befühlen, ihr Kleid zu untersuchen, um zu sehen, ob sie sie kenne. Doch da ihr dies nicht gelang, wandte sie sich von ihr ab wie von einer Fremden; die gute Frau konnte den Schmerz, den sie fühlte, als sie sah, daß ihr eigenes geliebtes Kind sie nicht mehr kannte, nicht verbergen.
Sie gab hierauf dem Kinde eine Perlenkette, die sie zu Hause zu tragen pflegte, welche Laura sogleich wiedererkennte; sie wand sie mit großer Freude sich um den Hals und suchte mich begierig auf, um mir zu sagen, sie wisse, daß die Kette aus ihrem Vaterhause sei.
Die Mutter versuchte jetzt, sie zu liebkosen, allein die arme Laura stieß sie zurück und zog es vor, bei ihren Gespielinnen zu bleiben.
Jetzt wurde ihr ein anderer Gegenstand aus dem väterlichen Hause gegeben, und sie fing an, sehr aufgeregt zu werden; sie untersuchte die Fremde genauer und gab mir zu verstehen, daß sie wisse, diese Person komme aus Hanover; sie ließ sich sogar ihre Liebkosungen gefallen, verließ sie jedoch bei dem geringsten Zeichen mit Gleichgültigkeit. Jetzt wurde es peinlich, den Kummer der Mutter zu sehen; denn obwohl sie gefürchtet hatte, daß sie nicht erkannt werden würde, so war es doch zu schmerzlich und kränkend für ein Mutterherz, sich wirklich von ihrem geliebten Kinde mit Gleichgültigkeit behandelt zu sehen.
Nach einer Weile, als die Mutter ihr wieder nahte, schien eine unbestimmte Idee aus Lauras Seele zu schießen, daß dies keine Fremde sein könne; sie betastete daher die Hände derselben sehr eifrig, während ihr Antlitz den Ausdruck gespannten Interesses annahm; sie wurde totenblaß und dann plötzlich rot; die Hoffnung schien mit Zweifel und Ängstlichkeit zu kämpfen, und nie malten sich streitende Leidenschaften stärker auf einem menschlichen Antlitz. In diesem Augenblick peinlicher Ungewißheit zog die Mutter sie zu sich und küßte sie voll Liebe; jetzt leuchtete dem Kinde auf einmal die Wahrheit ein; alles Mißtrauen, alle Ängstlichkeit schwand, als sie sich mit dem Ausdruck der höchsten Freude an den Busen ihrer Mutter warf und sich ihren liebenden Umarmungen überließ.
Jetzt blieben die Perlen und jedes Spielzeug, das ihr angeboten wurde, gänzlich unbeachtet; ihre Gespielen, um derentwillen sie einen Augenblick vorher gern die Fremde verließ, strebten jetzt vergebens, sie von ihrer Mutter hinwegzuzerren; und obschon sie mit ihrem gewöhnlichen augenblicklichen Gehorsam auf mein Zeichen mir nachfolgte, so geschah dies offenbar nur mit schmerzlichem Zaudern. Sie hielt sich fest an mich, wie bestürzt und furchtsam; und als ich sie nach einem Augenblick wieder zu ihrer Mutter nahm, sprang sie in ihre Arme und umschlang sie mit lebhafter Freude. Die nachherige Trennung zwischen beiden zeigte sowohl die Liebe als auch die Intelligenz und Entschlossenheit des Kindes.
Laura begleitete ihre Mutter bis zur Türe, wobei sie sie fest umschlungen hielt; als beide an die Schwelle kamen, blieb sie stehen und fühlte rings umher, um zu wissen, wer in der Nähe sei. Als sie die Lehrerin bemerkte, welche sie sehr liebt, erfaßte sie diese mit der einen Hand, während sie sich mit der andern krampfhaft an ihre Mutter anklammerte. So blieb sie einen Augenblick stehen; dann ließ sie die Hand ihrer Mutter fahren, hielt das Schnupftuch an ihre Augen, wandte sich um und hielt sich schluchzend an die Lehrerin. Indessen entfernte sich die Mutter, nicht weniger bewegt als ihr Kind.
In früheren Berichten ist bemerkt worden, daß sie verschiedene Grade des Verstandes in andern unterscheiden kann und daß sie bald eine Neuangekommene mit Verachtung behandelte, wenn sie nach ein paar Tagen ihre Geistesschwäche bemerkte. Dieser nicht liebenswürdige Zug ihres Charakters hat sich in dem vergangenen Jahre immer mehr und mehr entwickelt.
Zu ihren Freundinnen und Gespielinnen wählt sie diejenigen Kinder, die verständig sind und am besten mit ihr reden können; hingegen ist sie nur höchst ungern in Gesellschaft derjenigen, denen es an Intelligenz mangelt, wenn sie nicht etwa ihrer zu ihren Absichten bedarf, was sie offenbar gern tut. Sie benutzt sie, läßt sich von ihnen bedienen, auf eine Art, wie sie wohl weiß, daß sie es nicht von andern verlangen kann; überhaupt zeigt sie auf mehrfache Weise ihr sächsisches Blut.
Sie hat es gern, wenn andere Kinder, nämlich solche, die sie leiden mag, von den Lehrern beachtet und geliebkost werden; doch darf dies nicht zu weit getrieben werden, sonst wird sie eifersüchtig. Sie will ihren Teil auch haben, welcher, wenn auch nicht der des Löwen, doch immer der größere ist; und wenn sie ihn nicht erhält, sagt sie: ›Meine Mutter wird mich lieben.‹
Ihre Neigung zur Nachahmung geht so weit, daß sie Handlungen vornimmt, die ihr ganz unbegreiflich sein müssen und die ihr kein anderes Vergnügen gewähren können als die Befriedigung einer innern Fähigkeit. Man hat sie halbe Stunden lang sitzen, ein Buch vor ihre gesichtlosen Augen halten und die Lippen dabei bewegen sehen, wie sie bemerkt, daß Sehende es machen, wenn sie lesen.
Eines Tages behauptete sie, ihre Puppe sei krank; sie hätschelte sie auf alle mögliche Weise und gab ihr Arznei ein; dann brachte sie sie sorgfältig zu Bett und legte eine Flasche mit heißem Wasser zu ihren Füßen, wobei sie in einem fort recht herzlich lachte. Als ich nach Hause kam, bestand sie darauf, daß ich zur Puppe hinginge und ihr den Puls fühlte; und als ich ihr sagte, sie solle ihr ein Zugpflaster auf den Rücken legen, schien sie sich ganz erstaunlich zu freuen und kreischte fast vor Entzücken.
Ihre geselligen Gefühle und ihre Neigungen sind sehr stark; wenn sie bei der Arbeit oder beim Lernen neben einer ihrer kleinen Freundinnen sitzt, unterbricht sie sich alle Augenblicke in der Arbeit, um ihre Nachbarin mit großem Eifer und rührender Wärme zu küssen.
Allein gelassen, beschäftigt und unterhält sie sich und scheint ganz zufrieden; ja so stark scheint das natürliche Streben ihrer Gedanken zu sein, sich in das Gewand der Sprache zu kleiden, daß sie in der Fingersprache oft Monologe hält, so langsam und beschwerlich dies auch ist. Jedoch nur wenn sie allein ist, verhält sie sich ruhig; denn wenn sie gewahr wird, daß sich noch jemand im Zimmer befindet, ruht sie nicht eher, als bis sie dicht neben ihm sitzen, seine Hände erfassen und durch Zeichen mit ihm sprechen kann.
Es ist erfreulich, in intellektueller Beziehung bei ihr einen unersättlichen Durst nach Kenntnissen und eine schnelle Auffassung der Beziehungen der Dinge untereinander zu beobachten. Noch mehr Vergnügen macht es, in ihrem moralischen Charakter ihre beständige Fröhlichkeit, ihre hohe Freude über ihr Dasein, ihr rückhaltloses Zutrauen, ihr Mitgefühl mit fremdem Leiden, ihr Selbstbewußtsein, ihre Wahrheitsliebe zu bemerken.«
Dies sind einige Fragmente aus der einfachen, aber höchst interessanten Geschichte von Laura Bridgman. Der Name ihres großen Wohltäters, der ihre Geschichte niedergeschrieben hat, ist Dr. Howe. Ich glaube sicherlich, daß es wenig Personen gibt, die, nachdem sie diese Bruchstücke gelesen, den Namen dieses Mannes je mit Gleichgültigkeit werden aussprechen hören.
Außer dem Bericht, aus dem ich einen Auszug entnommen habe, ist noch ein zweiter von Dr. Howe erschienen. Er schildert die schnellen geistigen Fortschritte seiner Schülerin während des nächsten Jahres und führt ihre kleine Geschichte bis zu Ende des vorigen Jahres fort. Es ist erstaunlich: Wie wir in Worten träumen und Unterhaltungen mit Luftgestalten fortspinnen, worin wir für uns und die Schatten reden, die uns in diesen nächtlichen Visionen erscheinen, so gebraucht Laura, da sie keine Worte hat, ihre Fingersprache im Schlafe. Und man hat beobachtet, daß, wenn ihr Schlummer unterbrochen oder sehr durch Träume gestört wird, sie ihre Gedanken auf unregelmäßige und verwirrte Weise durch ihre Finger ausdrückt, gerade wie wir unter ähnlichen Umständen undeutlich murmeln würden.
Ich blätterte in ihrem Tagebuch und fand es mit schöner, leserlicher, fester Hand geschrieben und in einem Stil, der ohne weitere Erklärung ganz verständlich war. Als ich sagte, daß ich sie gern selbst schreiben sehen möchte, gebot ihr der Lehrer, der neben ihr saß, in ihrer Sprache, ihren Namen ein paarmal auf einen Streifen Papier zu schreiben. Als sie dies tat, bemerkte ich, daß sie mit ihrer Linken stets der Rechten, in welcher sie die Feder hielt, nachfolgte. Es war durchaus keine Linie angegeben, allein sie schrieb trotzdem grade.
Bis jetzt wußte sie noch nichts von der Gegenwart eines Fremden, doch als sie ihre Hand in die des Herrn legte, der mich begleitete, schrieb sie sogleich dessen Namen in die Handfläche ihres Lehrers. Ihr Tastsinn ist in der Tat jetzt so ausgebildet, daß sie eine Person, mit der sie einmal bekannt geworden ist, fast nach jedem noch so langen Zeitraum wiedererkennt. Dieser Herr war, glaube ich, nur sehr selten in ihrer Gesellschaft gewesen und hatte sie sicher seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Meine Hand stieß sie sogleich zurück, wie sie dies mit jedem Manne macht, der ihr fremd ist. Allein meine Frau hielt sie mit Vergnügen bei der Hand fest, küßte sie und untersuchte ihr Kleid mit mädchenhafter Neugier.
Sie war munter und fröhlich und zeigte viel unschuldige Schalkhaftigkeit im Umgang mit ihrem Lehrer. Ihr Entzücken, als sie eine ihrer liebsten Spielgenossinnen – selbst ein blindes Mädchen – erkannte, die schweigend und in freudiger Erwartung der kommenden Überraschung einen Sitz neben ihr einnahm, bot eine schöne Szene dar. Dies entlockte ihr, wie einige Male andere unbedeutende Umstände während meines Besuchs, einen häßlichen Laut, der fast peinlich zu hören war. Als ihr aber der Lehrer die Hand auf den Mund legte, enthielt sie sich dessen sogleich und umarmte ihre Gespielin lachend und liebevoll.
Ich war vorher in einem andern Zimmer gewesen, wo eine Anzahl blinder Knaben sich schwang, kletterte und mit verschiedenen Spielen unterhielt. Als wir eintraten, riefen sie alle dem Hilfslehrer, der uns begleitete, zu: »Sehen Sie einmal mich, Mr. Hart! Bitte, Mr. Hart, sehen Sie einmal!« So bezeigten sie auch hierin den ihrem Zustande eigentümlichen Wunsch, gesehen zu werden. Es befand sich ein kleiner lachender Bursche unter ihnen, der fern stand und sich mit gymnastischen Übungen zur Kräftigung der Arme und Brust unterhielt, woran er sich höchlich ergötzte, besonders wenn er etwa beim Ausstrecken seines rechten Armes mit einem anderen Knaben in Berührung kam. So wie Laura Bridgman war dieses Kind taubstumm und blind.
Dr. Howes Beschreibung des ersten Unterrichts dieses Zöglings ist so frappant und so eng mit Laura selbst verknüpft, daß ich mich nicht enthalten kann, einen kurzen Auszug daraus zu geben. Der arme Knabe heißt Oliver Caswell, ist dreizehn Jahre alt und war im vollen Besitz all seiner Sinne, bis er drei Jahre und vier Monate alt war. In dieser Zeit bekam er das Scharlachfieber: nach vier Wochen wurde er taub, einige Wochen darauf blind und in sechs Monaten stumm. Er bezeigte sein ängstliches Gefühl über diesen letzten Verlust dadurch, daß er oft die Lippen anderer Personen befühlte, wenn sie redeten, und dann seine Hand auf seine eigenen legte, als wollte er sich überzeugen, daß er sie noch in der rechten Lage habe.
»Sein Durst nach Kenntnissen«, sagt Dr. Howe, »offenbarte sich, sobald er in die Anstalt kam, durch seine eifrige Untersuchung eines jeden Dinges, das er in seiner neuen Umgebung fühlen oder riechen konnte. Als er zum Beispiel auf das Register eines Ofens trat, bückte er sich sogleich nieder, betastete es und entdeckte bald die Art und Weise, wie sich die obere Platte auf der unteren bewegte; allein dies war ihm nicht genug; er legte sich nieder auf das Gesicht, beleckte erst die eine und dann die andere Platte und schien zu merken, daß sie von verschiedenem Metall waren.
Seine Zeichen waren sehr ausdrucksvoll, und seine Natursprache, Lachen, Schreien, Seufzen, Küssen, Umarmungen usw., war vollkommen.
Einige der analogen Zeichen, die er sich (geleitet von seiner Nachahmungsfähigkeit) selbst gemacht hatte, waren sehr deutlich und leicht verständlich, zum Beispiel die wellenförmige Bewegung seiner Hand für die Bewegung eines Kahnes, die kreisförmige für die eines Rades usw.
Das erste, was man tat, war, ihm den Gebrauch dieser Zeichen abzugewöhnen und dafür rein willkürliche zu lehren.
Die Erfahrung benutzend, die ich in andern Fällen gemacht hatte, unterließ ich mehrere Schritte, die ich bei dem früheren Verfahren angewandt hatte, und begann sogleich mit der Fingersprache. Ich nahm daher mehrere Gegenstände, die kurze Namen haben, zum Beispiel Dose, Uhr usw., rief Laura zu meiner Unterstützung herbei, ergriff seine Hand und legte sie auf einen der Gegenstände; dann machte ich mit meiner eigenen die Buchstaben ›Uhr‹. Er befühlte eifrig meine Hand mit seinen beiden, und als ich die Buchstaben wiederholte, versuchte er augenscheinlich, die Bewegungen meiner Finger nachzuahmen. Nach einigen Minuten gelang es ihm, die Bewegungen meiner Finger mit der einen Hand zu fühlen und mit der andern mir nachzuahmen, wobei er herzlich lachte, wenn ihm dies gelang. Laura zeigte sich dabei sehr gespannt; überhaupt war es interessant, beide zu betrachten. Ihr Gesicht verkündete lebhafte, ängstliche Aufmerksamkeit, und ihre Finger verschlangen sich so eng mit den unsrigen, daß sie jeder Bewegung folgen konnte, ohne uns dabei zu hindern; Olivier stand aufmerksam dabei, hielt den Kopf etwas zur Seite und das Gesicht emporgerichtet, seine Linke erfaßte die meine, und seine Rechte hielt er ausgestreckt; bei jeder Bewegung meiner Finger verkündete sein Gesicht die gespannteste Aufmerksamkeit; man sah eine gewisse Ängstlichkeit in seinen Zügen, wenn er es versuchte, die Bewegungen nachzuahmen; dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, wenn er glaubte, sie nachmachen zu können, welches in ein freudiges Lachen überging, sobald es ihm gelang und wenn er fühlte, daß ich ihm auf den Kopf und Laura ihm herzhaft auf den Rücken pochte und dabei fröhlich emporsprang.
Er lernte mehr als ein halb Dutzend Buchstaben in der halben Stunde und schien mit seinem guten Erfolg zufrieden, wenigstens damit, daß er Beifall erhielt. Dann begann seine Aufmerksamkeit zu ermatten, und ich fing an mit ihm zu spielen. Es war offenbar, daß er hierbei immer nur die Bewegungen meiner Finger nachgeahmt und seine Hand auf die Dose, Uhr usw. gelegt hatte, ohne weitere Wahrnehmung der Beziehung zwischen den Zeichen und dem Gegenstand.
Wenn er des Spielens müde war, nahm ich ihn wieder an den Tisch, und er war gern bereit, das Verfahren der Nachahmung von neuem zu beginnen. Er lernte bald die Buchstaben für Dose, Uhr usw. machen, und da ich ihm dabei wiederholt den bezüglichen Gegenstand in die Hand gab, bemerkte er endlich die Beziehung zwischen demselben und dem Worte; denn wenn ich die Buchstaben ›Dose‹ oder ›Uhr‹ machte, ergriff er allemal den rechten Gegenstand.
Die Wahrnehmung dieser Beziehung war jedoch bei ihm nicht von dem heitern Strahl der Intelligenz, der glühenden Freude begleitet, welche diesen schönen Moment bei Laura bezeichneten. Ich legte nun die Gegenstände auf die Tafel, ging mit den Kindern einige Schritte weg davon, buchstabierte mit Olivers Fingern das Wort ›Dose‹, und Laura ging und holte den Gegenstand herbei, Der Kleine schien dadurch sehr unterhalten und sah recht aufmerksam und heiter aus. Ich ließ ihn hierauf die Buchstaben ›Brot‹ machen; augenblicklich ging Laura und holte ihm ein Stück. Er roch daran, hielt es an seine Lippen, richtete mit listigem Blick den Kopf empor, schien einen Augenblick nachzudenken und lachte dann aus vollem Halse, als wollte er sagen: ›Aha! jetzt weiß ich, wie daraus was zu machen ist.‹
Es war jetzt klar, daß er Fähigkeit und Neigung zum Lernen hatte und bloß ausdauernder Aufmerksamkeit bedürfe. Ich übergab ihn daher einem verständigen Lehrer und zweifelte gar nicht an seinen schnellen Fortschritten.«
Wohl mag dieser Menschenfreund das einen schönen Augenblick nennen, wo eine ferne Aussicht auf ihren jetzigen Zustand in der umdunkelten Seele Laura Bridgmans zu schimmern begann. Während seines ganzen Lebens wird ihm dieser Augenblick eine Quelle reinen, unverwelklichen Glückes sein und wird nicht weniger hell am Abende seiner der leidenden Menschheit gewidmeten Tage strahlen.
Die Neigung zwischen beiden – dem Lehrer und der Schülerin – ist ebenso fern von aller gewöhnlichen Aufmerksamkeit und Rücksicht, wie die Umstände, unter welchen sie entstand und gepflegt wurde, fern von den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens sind. Er beschäftigte sich jetzt damit, Mittel und Wege zu ersinnen, um ihr höhere Kenntnisse und einen Begriff von dem großen Schöpfer jenes Weltalls beizubringen, in welchem, so dunkel und still es für sie auch ist, sie sich ihres Daseins so innig freut.
Ihr, die ihr Augen habt und nicht seht, die ihr Ohren habt und nicht hört; ihr, die ihr seid wie die Heuchler mit trübseligen Mienen und die ihr euer Antlitz verzerrt, um die Menschen glauben zu machen, daß ihr fastet, lernt reinen Frohsinn und ruhige Genügsamkeit von den Taubstummen und Blinden. Ihr selbstgewählten Heiligen mit finstern Stirnen, dies gesichtslose, gehörlose, sprachlose Kind kann euch Lehren geben, denen zu folgen euch wohl anstünde. Laßt seine arme Hand sanft auf eurem Herzen ruhen; denn vielleicht hat sie eine ähnliche Heilkraft wie die des großen Meisters, von dessen Liebe und Sympathie für die ganze Welt nicht einer unter euch so viel weiß wie viele der Schlechtesten unter jenen Gefallenen, gegen die ihr mit nichts freigebig seid als mit dem Geschrei der Verdammung!
Als ich aufstand, um aus dem Zimmer zu gehen, kam ein hübsches kleines Kind hereingerannt, um seinen Vater zu begrüßen. Für den Augenblick machte ein Kind mit sehenden Augen unter dem blinden Haufen fast einen ebenso schmerzlichen Eindruck auf mich wie vor zwei Stunden der blinde Knabe vor dem Hause. Oh, um wieviel heller und heiterer schien mir jetzt die Landschaft draußen, im Vergleich mit der Dunkelheit so vieler jugendlicher Wesen drin!
*
In Süd-Boston, wie es genannt wird, in einer vortrefflichen Lage, befinden sich mehrere wohltätige Anstalten nebeneinander. Eine derselben ist das Staatshospital für Geisteskranke, das auf bewundernswürdige Weise nach jenen aufgeklärten Grundsätzen der Güte und Aussöhnung geleitet wird, die vor zwanzig Jahren für die ärgste Ketzerei gegolten hätten und welche mit so vielem Erfolg in unsrem Armenasyl zu Hanwell beobachtet werden. »Man muß Vertrauen selbst gegen Geisteskranke zeigen«, sagte der Arzt des Hospitals, als wir in den Galerien umhergingen, während sich seine Patienten ungezwungen um uns versammelten. Von denen, die die Weisheit dieses Satzes bezweifeln oder leugnen, wenn es überhaupt solche gibt, kann ich bloß sagen, daß ich nicht aufgefordert werden möchte, als Geschworner über sie zu entscheiden, ob sie geisteskrank sind oder nicht; denn ich würde sie sicherlich bloß auf dieses Zeugnis hin für sinnlos halten.
Jede Abteilung in dieser Anstalt ist wie eine lange Galerie gebaut, nach welcher sich zu beiden Seiten die Schlafgemächer der Patienten öffnen. Hier arbeiten sie, lesen, spielen Kegel und andere Spiele, und wenn das Wetter ihnen nicht erlaubt auszugehen, bringen sie den ganzen Tag hier zu. In einem dieser Säle saßen, als wenn es so sein müßte, unter einer Menge schwarzer und weißer geisteskranker Weiber des Arztes Gattin und eine andere Dame nebst ein paar Kindern. Beide waren schön, und man konnte gleich auf den ersten Blick bemerken, daß ihre Gegenwart hier einen höchst wohltätigen Einfluß auf die Kranken übte, die sich um sie gruppiert hatten.
Den Kopf an den Kaminsims gelehnt, mit großer Würde und höchst vornehmer Miene, saß eine ältliche Frau, mit so vieler Lappen und bunten Schnitzeln behängt wie Madge Wildfire. Besonders war ihr Kopf ringsum so besteckt mit Stückchen Gaze, Kattun, Papierstreifen und allerhand zusammengesuchten Läppchen, daß er wie ein Vogelnest aussah. Sie strahlte von falschen Juwelen und trug eine ohne Zweifel echt goldene Brille; als wir uns ihr näherten, legte sie mit vielem Anstand eine seht alte, zerrissene Zeitung in ihren Schoß, in welcher sie vermutlich eine Schilderung ihrer eigenen Vorstellung an irgendeinem auswärtigen Hofe gelesen hatte.
Ich habe sie deshalb so genau beschrieben, weil ich sie als Beispiel für die Art und Weise des Arztes, sich das Vertrauen seiner Patienten zu erwerben und zu erhalten, anführen will.
»Diese Dame«, sagte er laut, indem er mich bei der Hand nahm und mit großer Höflichkeit zu der phantastischen Gestalt hinführte, wobei er auch nicht durch den flüchtigsten Seitenblick oder das leiseste Flüstern ihren Argwohn erregte, »diese Dame ist die Gastgeberin dieses Hauses. Es gehört ihr. Niemand weiter hat was darin zu befehlen. Es ist eine große Anstalt, wie Sie sehen, und erfordert eine große Anzahl von Dienern. Sie lebt, wie sie bemerken, im vornehmsten Stil. Sie ist so gütig, meine Besuche anzunehmen und meiner Frau und Familie zu erlauben, daß wir hier wohnen. Sie ist äußerst höflich, wie Sie bemerken« – auf diesen Wink verbeugte sie sich sehr herablassend –, »und wird mir das Vergnügen gönnen, Sie ihr vorzustellen: ein Herr aus England, Madame, just von England angekommen, und zwar nach einer sehr stürmischen Überfahrt: Mr. Dickens – die Dame des Hauses!«

Giovanni Biliverti & Sultan Soliman I Ein Porträt

Giorgio Vasari & Michelangelo Buonarroti über 
Giovanni Biliverti & Sultan Soliman I
Erstveröffentlichung 1550 – Deutsche Ausgabe 1948

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Michelangelo Buonarroti
Geboren am 6. März 1475 zu Caprese bei Florenz. Gestorben am 18. Februar 1564 zu Rom.

Hervorragende und eifrig strebende Geister, die sich vom Licht des hochberühmten Giotto und seiner Nachfolger leiten ließen, bemühten sich, der Welt die ihnen durch die Gunst der Sterne und durch eine glückliche Mischung der Säfte verliehene Kraft zu zeigen. Da sie aber so gut wie vergebens danach strebten, durch die Herrlichkeit der Kunst die Größe der Natur darzustellen und mit ihren Gaben zu jenem höchsten Verständnis zu kommen, das wir Intelligenz nennen, wandte der allgütige Lenker der Welten gnädig sein Auge zur Erde. Als er die Fruchtlosigkeit zahlloser Anstrengungen sah, die eifrigen Studien ohne Erfolg, den Eigendünkel der Menschen, der von der Wahrheit viel ferner liegt als die Dämmerung vom Licht, beschloß er, uns von so vielen Irrtümern zu erlösen. Er sandte einen Geist zur Erde, der allvermögend in jeder Kunst und jedem Beruf durch sich allein zeigte, was Vollkommenheit der Zeichnung sei, in Entwurf, Umriß, Licht und Schatten, wodurch Gemälde Relief gewinnen, der die Bildhauerei nach richtiger Einsicht zu üben und durch Kenntnis der Baukunst Wohnungen bequem, sicher, gesund, heiter nach richtigem Verhältnis und reich an mancherlei Schmuck aufzuführen wußte. Außerdem sollte er wahre Philosophie und die Zierde der Dichtkunst besitzen, damit die Welt ihn im Leben, im Wirken, in Heiligkeit der Sitten und allen menschlichen Handlungen als das höchste Vorbild achte und bewundere, so daß er von uns mehr als ein himmlisches denn als ein irdisches Gut erkannt werde. Und da er sah, daß in solchen Fertigkeiten und besonders in den Künsten der Malerei, Bildhauerei und Architektur die Talente Toskanas sich stets vor anderen hervortaten, daß sie mehr als irgendein anderer Stamm Italiens Fleiß und Studium in Wissenschaft und Kunst aufwenden, wählte er Florenz, ruhmwürdig vor den übrigen Städten, zu seiner Heimat, um dort die wohlverdiente endliche Vollendung aller Künste in einem ihrer Bürger vorzuführen.

Giorgio Vasari - Selbstporträt - Erstellt zwischen 1550 und 1567
Giorgio Vasari – Selbstporträt – Erstellt zwischen 1550 und 1567

So wurde dem Herrn Lodovico di Lionardo Buonarroti Simoni, der aus der edlen Familie der Grafen von Canossa stammen soll, im Jahre 1475 unter einem vom Schicksal bestimmten und günstigen Stern von einer ehrsamen edlen Frau im Casentino ein Sohn geboren, im gleichen Jahr, als Lodovico Podestà der Kastelle Chiusi und Caprese in der Aretiner Diözese war, nahe dem Felsen von la Vernia, wo Sankt Franziskus die Wundmale empfing, am sechsten März, einem Sonntag, um die achte Stunde der Nacht. Der Vater gab ihm den Namen Michelangelo – ohne weiteres Nachdenken, von etwas Höherem getrieben, da er ein ungewöhnliches, himmlisches und göttliches Gut in ihm zu erkennen glaubte, wie dies nachmals aus der Konstellation bei seiner Geburt hervorging. Denn Merkur und Venus standen im zweiten Haus des Jupiter unter günstigem Aspekt. Das war ein Zeichen, daß er einst durch Hand und Geist herrliche, bewundernswürdige Werke hervorbringen werde.
Nachdem Lodovico sein Amt als Podestà beendet hatte, kehrte er wieder zurück nach Settignano, drei Meilen von Florenz entfernt, wo er von seinen Voreltern her ein Gut besaß. Der Ort ist reich an Steinen, besonders an Sandsteinbrüchen, die ohne Unterlaß von Steinmetzen und Bildhauern bearbeitet werden, die meist in jener Gegend heimisch sind. Lodovico gab dort Michelangelo zu der Frau eines Steinmetzen, damit sie ihn als Amme nähre; deshalb sagte Michelangelo einmal im Scherz zu Vasari: »Giorgio, wenn mein Geist überhaupt etwas Gutes besitzt, so ist es daher gekommen, daß ich in der milden Luft von Arezzo, Eurer Heimat, geboren wurde, wie ich auch mit der Milch meiner Amme Meißel und Hammer eingesogen habe, womit ich meine Figuren mache.« Lodovico bekam mit der Zeit viele Kinder, und da er kein Vermögen und nur ein geringes Einkommen hatte, bestimmte er seine Söhne für die Woll- und Seidenweberei und gab Michelangelo, der schon herangewachsen war, in die Schule zu Herrn Francesco von Urbino. Der Knabe aber, der durch seine Begabung am Zeichnen Freude fand, verwendete darauf soviel Zeit als möglich, tat es jedoch heimlich, weil er von seinem Vater und von seinen Lehrern gescholten, bisweilen sogar geschlagen wurde, denn sie achteten vielleicht jene Kunst, die sie nicht kannten, für niedrig und ihrer alten Familie nicht würdig genug.
In dieser Zeit schloß Michelangelo Freundschaft mit Francesco Granacci, der ein Knabe seines Alters war und bei Domenico Ghirlandaio die Kunst der Malerei lernte. Da er Michelangelo liebte und seine Geschicklichkeit im Zeichnen sah, brachte er ihm täglich Blätter von Ghirlandaio, der nicht nur in Florenz, sondern in ganz Italien für einen der besten Maler galt. Hierdurch wuchs in Michelangelo von Tag zu Tag der Eifer, etwas zustande zu bringen, so daß Lodovico, als er die Unmöglichkeit sah, den Knaben vom Zeichnen abzuhalten, auf den Rat seiner Freunde beschloß, damit doch etwas dabei herauskomme und er die Kunst auch wirklich lerne, ihn zu Domenico Ghirlandaio in die Lehre zu geben.
So kam Michelangelo im Alter von vierzehn Jahren zu Domenico. Der Künstler und Mensch wuchs nun dermaßen, daß Domenico erstaunte, als er sah, wie er nicht nur seine Mitschüler, deren Zahl groß war, sondern auch in vielem die Arbeiten von ihm, dem Meister, übertraf. Als nämlich einer der jungen Leute, die bei Domenico lernten, mehrere weibliche Gestalten in Gewändern nach einem Vorbild Ghirlandaios mit der Feder gezeichnet hatte, nahm Michelangelo das Vorlageblatt und umzog mit einer stärkeren Feder eine jener Frauen mit neuen Linien, wie sie hätten laufen müssen, um völlig richtig zu sein.

In Michelangelo brachte jeder Tag immer göttlichere Früchte hervor

Giovanni Biliverti - Die türkischen Gesandten laden Michelangelo nach Konstantinopel ein - 1615  Entwurf zu »Die Gesandten Sultans Soliman bitten Michelangelo eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen«, Gemälde für die Casa Buonarroti in Florenz
Giovanni Biliverti – Die türkischen Gesandten laden Michelangelo nach Konstantinopel ein – 1615
Entwurf zu »Die Gesandten Sultans Soliman bitten Michelangelo eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen«, Gemälde für die Casa Buonarroti in Florenz

In Michelangelo brachte jeder Tag immer göttlichere Früchte hervor, wie sich deutlich zu zeigen begann, als er einen Kupferstich von Martin dem Deutschen abzeichnete, der ihm einen großen Namen machte. Es war nämlich damals eine in Kupfer gestochene Darstellung des genannten Martin nach Florenz gekommen: Antonius, der von Teufeln geplagt wird. Michelangelo zeichnete sie mit der Feder nach in einer Art, wie man es vorher nicht gesehen hatte, und malte sie auch mit Farben aus. Zu diesem Zweck kaufte er, um einige seltsame Formen von Teufeln besser zu treffen, Fische mit eigenartigen farbigen Schuppen. Dabei zeigte er ein so bedeutsames Können, daß er sich Namen und Achtung erwarb. Außerdem kopierte er Blätter von verschiedenen alten Meistern so treu, daß man sie von den Originalen nicht unterscheiden konnte, denn er färbte, räucherte und beschmutzte sie auf verschiedene Weise, bis sie alt aussahen und man beim Vergleichen keinen Unterschied zwischen jenen und seinen erkannte. Er tat dies nur, um die Nachbildung an Stelle der Originale hinzugeben, die er behielt, wegen der Herrlichkeit ihrer Kunst bewunderte und durch seine Leistung zu übertreffen suchte. Durch alles dies erwarb er einen berühmten Namen.
In jener Zeit gab der prachtliebende Lorenzo von Medici dem Bildhauer Bertoldo eine Wohnung in seinem Garten auf dem Platz von San Marco, nicht nur als Aufseher und Wächter über viele schöne mit großen Kosten von ihm gesammelte Altertümer, sondern hauptsächlich, um eine Schule für hervorragende Maler und Bildhauer zu gründen, deren Haupt und Führer Bertoldo, ein Schüler Donatellos, sein sollte. [Fußnote] Obwohl er bereits so alt war, daß er nicht mehr arbeiten konnte, war er doch ein sehr erfahrener und angesehener Künstler, der nicht nur die gegossenen Reliefs der Kanzel von seinem Meister Donato aufs fleißigste ausgeputzt, sondern auch viele Bronzegüsse von Schlachten und einige andere Kleinigkeiten mit einer Meisterschaft ausgeführt hatte, daß ihn darin keiner der damals in Florenz lebenden Künstler übertraf. Lorenzo, der eine große Liebe zur Malerei und Bildhauerkunst hatte, beklagte es, daß zu seiner Zeit nicht ebenso berühmte und treffliche Bildhauer gefunden wurden, wie man viele Maler von hohem Wert und Ruf antreffe. Daher beschloß er, jene Schule zu stiften und beauftragte Domenico Ghirlandaio, wenn er junge Leute in seiner Werkstätte hätte, die Lust dazu zeigten, diese nach seinem Garten zu schicken, wo er sie zu üben und in einer Weise auszubilden wünschte, daß sie sich, ihn und die Stadt ehren sollten. Hierauf empfahl ihm Domenico als die vorzüglichsten seiner jungen Leute Michelangelo und Francesco Granacci. Sie gingen nach dem Garten und fanden dort Torrigiano, der im Auftrag von Bertoldo ein paar runde Figuren in Ton modellierte. Als Michelangelo dies sah, machte er aus Nacheiferung auch gleich ein paar davon, und Lorenzo erkannte alsbald den herrlichen Geist des Jünglings und behielt ihn von jetzt an immer im Auge. Michelangelo aber, dadurch ermuntert, bildete nach wenigen Tagen aus einem Stück Marmor den antiken Kopf eines alten grinsenden Faun nach, der an der Nase beschädigt war und den Mund zum Lachen verzog. Obwohl er nie Marmor und Meißel unter den Händen gehabt hatte, löste er doch die Aufgabe zum Verwundern Lorenzos sehr gut. Als dieser nun sah, daß Michelangelo, vom antiken Vorbild abweichend, dem Faun nach eigener Phantasie den Mund geöffnet hatte, wodurch die Zunge und alle Zähne sichtbar wurden, sagte er in seiner gewohnten, freundlich-scherzenden Weise: »Du hättest doch wissen sollen, daß alte Leute nie alle ihre Zähne haben, sondern daß ihnen stets einer fehlt.« – Michelangelo, der den Herzog liebte und Ehrfurcht vor ihm hatte, meinte in seiner Einfalt, er habe recht, brach, als er fort war, einen Zahn heraus, feilte den Gaumen in einer Weise, daß es schien, der Zahn sei herausgefallen, und erwartete mit Sehnsucht die Rückkehr des Herrn. Als dieser kam und die Naivität und Güte Michelangelos sah, lachte er herzlich und erzählte die Begebenheit öfter gleich einem Wunder seinen Freunden.
Da er sich vorgenommen, den Jüngling zu unterstützen und zu begünstigen, erbat er ihn von seinem Vater Lodovico mit dem Versprechen, daß er ihn wie einen Sohn halten würde. Da der Vater gerne darein willigte, gab ihm der Herzog ein Zimmer in seinem Hause, ließ ihn an seinem Tisch essen und mit seinen Söhnen und anderen Personen von Rang und Stand umgehen, die zu dem Herzog kamen, der Michelangelo sehr hochschätzte. Das geschah im zweiten Jahr, als Michelangelo zu Domenico gekommen, und im fünfzehnten oder sechzehnten Jahr seines Lebens, und er blieb zwei Jahre in diesem Haus bis zum Tode Lorenzos 1492. Während dieser Zeit erhielt er vom Magnifico als Gehalt und zur Unterstützung seines Vaters monatlich fünf Dukaten, auch schenkte ihm Lorenzo zu seiner Freude einen violetten Mantel und gab dem Vater ein Amt beim Zoll.
Damals arbeitete Michelangelo auf den Rat des Policiano, eines in den Wissenschaften sehr erfahrenen Mannes, aus einem Stück Marmor, das ihm der Herzog gab, den Kampf des Herkules mit den Zentauren, der so gut gelang, daß mancher, der dies Werk heute ansieht, es nicht für die Arbeit eines Jünglings, sondern eines anerkannten, in den Studien erfahrenen und in dieser Kunst geübten Meisters hält. Zu seinem Andenken bewahrt es sein Neffe Lionardo heute als ein wirklich seltenes Werk in seinem Hause auf. Dieser Lionardo besaß auch noch bis vor wenigen Jahren als Andenken an seinen Oheim ein Flachrelief Michelangelos, ein Madonnenbild von Marmor, bei dem Michelangelo als Jüngling die Manier Donatellos nachahmen wollte, was ihm so gut gelang, daß es von dessen Hand zu sein scheint, aber mehr Anmut und bessere Zeichnung hat.
Auch zeichnete er viele Monate in der Carmine nach den Malereien Masaccios. Dort kopierte er mit so großem Verständnis jene Werke, daß sich Künstler und andere Leute darüber wunderten und daß mit seinem Namen zugleich der Neid wuchs. Unter anderem erzählt man, daß Torrigiano, der mit ihm Freundschaft geschlossen hatte und Scherz trieb, aus Neid darüber, ihn geehrter als sich und in der Kunst geschickter zu sehen, ihm einstmals einen solchen Schlag mit der Faust auf die Nase gegeben habe, daß sie gequetscht und zerbrochen und er für sein Leben schlimm gezeichnet blieb. Torrigiano aber wurde aus Florenz verbannt. Nach dem Tode des Lorenzo Magnifico kehrte Michelangelo in sein elterliches Haus zurück, tief betrübt über den Verlust eines solchen Mannes und Freundes aller schönen Künste. Er kaufte ein großes Stück Marmor und arbeitete daraus einen Herkules von vier Ellen Höhe. Dieser stand viele Jahre im Palast der Strozzi, galt für ein bewunderungswürdiges Werk und wurde im Jahre der Belagerung von Giovan Battista della Palla an König Franz von Frankreich geschickt. Man sagt, Piero de‘ Medici, der Michelangelo schon lange kannte, habe als Erbe seines Vaters oft nach ihm geschickt, wenn er antike Kameen oder andere geschnittene Arbeiten kaufen wollte. Auch ließ er ihn eines Winters, da es in Florenz stark geschneit hatte, in seinem Hof eine Figur aus Schnee formen, die sehr schön gelang, und er ehrte ihn um seiner Kunst willen so hoch, daß der Vater Lodovico, als er sah, wie er von den Vornehmen geachtet wurde, ihn viel stattlicher kleidete als bisher. Für die Kirche von Santo Spirito in Florenz arbeitete Michelangelo ein Kruzifix aus Holz dem Prior zu Gefallen, der ihm ein Zimmer überlassen hatte, wo er zum Studium der Anatomie tote Körper zergliederte und den Grund zu der später ihm besonders eigenen Vollkommenheit der Zeichnung legte.
Wenige Wochen, bevor die Medici aus Florenz vertrieben wurden, war Michelangelo nach Bologna und von dort nach Venedig gegangen, aus Besorgnis, es könne ihn als Freund des Hauses irgendeine Unannehmlichkeit treffen, denn er kannte den Übermut und die schlechte Verwaltung Pieros de‘ Medici, kehrte aber, weil er in Venedig keine Beschäftigung fand, nach Bologna zurück, wo er nicht viel länger als ein Jahr blieb.

Michelangelo und seine Rückkehr nach Florenz

Nach seiner Rückkehr nach Florenz arbeitete er für Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici einen kleinen Johannes aus Marmor. Danach nahm er einen anderen Marmorblock und begann einen schlafenden Cupido in natürlicher Größe, der nach Fertigstellung vom Baldassare del Milanese dem Herrn Lorenzo als ein schönes Werk gezeigt wurde. Nachdem dieser ihn prüfend betrachtet, sagte er: »Wenn du ihn unter die Erde legtest, so bin ich sicher, er würde für antik gelten, und wolltest du ihn so zurichten, als ob er alt sei, und ihn dann nach Rom schicken, so möchte dir das weit mehr einbringen, als wenn du ihn hier verkaufst.« Man sagt, Michelangelo habe hierauf seiner Statue das Aussehen gegeben, als ob sie antik sei. Andere behaupten, Milanese habe sie nach Rom gebracht, auf seiner Vigna vergraben und dann als ein antikes Werk für zweihundert Dukaten an den Kardinal San Giorgio verkauft. Indessen hörte San Giorgio von einem Augenzeugen, die Figur des Knaben sei in Florenz gearbeitet, und als er durch einen eigens Beauftragten die Wahrheit festgestellt hatte, brachte er es dahin, daß der Vertreter Milaneses das Geld wieder hergeben und den Cupido zurücknehmen mußte. Die ganze Angelegenheit aber zog dem Kardinal San Giorgio manchen Tadel zu, weil er die Trefflichkeit des Werkes nicht erkannte, die in dessen Vollkommenheit besteht, die an den neueren Werken ebenso groß ist wie an den antiken. [Fußnote] Wenn sie nur wirklich gut sind, ist es Eitelkeit, mehr auf den Namen als auf die Sache zu achten. Aber freilich – Leute, denen der Schein mehr gilt als das Sein, hat es zu allen Zeiten gegeben. Indessen gelangte Michelangelo durch dieses Ereignis zu großem Ruf, so daß er bald nachher nach Rom gezogen wurde, wo er zu dem Kardinal San Giorgio kam und fast ein Jahr bei ihm blieb, doch ohne daß dieser Herr ihm Arbeit gab, da er für Kunst wenig Verständnis hatte. Die Vortrefflichkeit Michelangelos aber erkannte Herr Jacopo Galli, ein geistreicher römischer Edelmann. Er bestellte bei ihm einen Cupido aus Marmor in natürlicher Größe und die Figur eines Bacchus, der in der rechten Hand eine Schale, in der linken ein Tigerfell und eine Weintraube hält, die ein kleiner Satyr zu naschen sucht. [Fußnote] Dieser Bacchus ist eine Gestalt, bei der man merkt, daß der Künstler eine gewisse Mischung bemerkenswerter Züge gesucht hat, da er ihm die Schlankheit männlicher und die Rundung und Weichheit weiblicher Jugend gab – etwas so Merkwürdiges, daß Michelangelo damit bewies, er übertreffe in der Ausführung von Statuen alle neuen Meister, die bis dahin gearbeitet hatten. Dies alles erweckte in dem Kardinal Rohan von Saint Denis, einem Franzosen, den Wunsch, mit Hilfe eines so trefflichen Künstlers der berühmten Stadt ein würdiges Denkmal von sich zu hinterlassen, und er ließ von ihm eine Pietà vollplastisch in Marmor ausführen, die nach ihrer Vollendung im Sankt Peter in der Kapelle der Jungfrau Maria della Febbre aufgestellt wurde. Kein Bildhauer noch sonst ein ausgezeichneter Künstler darf glauben, ein solches Werk in Zeichnung und Anmut oder durch Aufwand von Mühe in Feinheit, Glätte und kunstreichem Bohren des Marmors, wie es Michelangelo hier bewies, erreichen zu können. [Fußnote] Die Liebe zu dieser Arbeit und die dabei aufgewendete Mühe veranlaßten Michelangelo, was er sonst niemals tat, seinen Namen quer durch den Gürtel, der das Gewand der Madonna unter der Brust umschließt, einzugraben. Die Veranlassung war folgende: er kam eines Tages an die Stelle, wo das Werk aufgestellt war, und fand dort eine Anzahl Fremder aus der Lombardei, die es sehr rühmten und von denen einer auf die Frage, wer es gearbeitet habe, entgegnete: »Unser Gobbo aus Mailand.« Michelangelo schwieg still, doch dünkte es ihm unrecht, daß seine Mühen einem anderen angerechnet wurden. Deshalb schloß er sich, mit Licht und Meißel versehen, eines Nachts im Sankt Peter ein und grub seinen Namen in den Gürtel der Madonna.
So stieg der Ruf seines Talentes durch dieses Werk mehr als durch alle seine früheren Arbeiten. Einige Freunde aus Florenz schrieben ihm, er solle dorthin kommen; es sei möglich, daß er den Marmorblock erhalten könne, der verhauen im Domhof läge und den Pier Soderini, damals auf Lebenszeit zum Gonfaloniere der Stadt ernannt, wie er oft geäußert hatte, an Leonardo da Vinci schicken wollte. Nunmehr bemühte sich Meister Andrea Contucci dal Monte Sansovino, ein trefflicher Bildhauer, darum. Es war sehr schwer, eine Statue daraus zu arbeiten, ohne daß man Stücke ansetzte, und keiner hatte Lust und Mut dazu außer Michelangelo, der sich den Block schon viele Jahre vorher gewünscht hatte und, sobald er in Florenz war, ihn zu bekommen versuchte. Er war neun Ellen hoch, und ein Meister Simone aus Fiesole hatte unglücklicherweise angefangen, eine Kolossalfigur daraus zu arbeiten, hatte ihn dabei aber so übel zugerichtet, daß zwischen den Beinen ein Loch durchgehauen und er ganz verdorben und verstümmelt war. Deshalb hatte die Domverwaltung von Santa Maria del Fiore, die die Aufsicht über solche Dinge führte, sich nicht um die Vollendung gekümmert und ihn beiseite gestellt, wo er nun seit Jahren stand und wohl auch weiter geblieben sein würde. Michelangelo aber maß ihn von neuem und prüfte, ob er eine Figur aus dem Block würde schlagen können. Und indem er sich mit der Stellung nach der Form des von Simone verstümmelten Blockes richtete, beschloß er, ihn von der Dombauverwaltung und von Soderini zu erbitten. Sie gaben ihn als ein nutzloses Stück hin, überzeugt, es werde, was er auch aus ihm schaffe, besser sein als der Zustand, in dem er sich jetzt befand, wo er weder geteilt noch ganz dem Bau irgendeinen Nutzen bringen konnte. Danach formte Michelangelo ein Modell aus Wachs, indem er einen jungen David mit der Schleuder in der Hand als Wahrzeichen des Palastes darstellte. Dies sollte andeuten, daß, wie jener Held sein Volk verteidigt und gerecht beherrscht habe, auch die Gebieter der Stadt in ihrer Verteidigung Mut und in ihrer Regierung Gerechtigkeit zeigen möchten. Er begann die Statue in der Bauhütte von Santa Maria del Fiore, machte sich gegen die Mauer einen Bretterverschlag rings um den Marmor, bearbeitete diesen ohne Unterlaß und führte sein Werk vollständig zu Ende, ohne daß irgend jemand es sah. Der Marmor war, wie gesagt, verhauen und verdorben und genügte deshalb an einigen Stellen den Absichten Michelangelos nicht. Darum richtete er es ein, daß an den äußeren Enden des Steins einige von Simones ersten Meißelstrichen blieben, die man teilweise noch jetzt sieht. Aber gewiß war es ein Wunder von Michelangelo, einen, der bereits zu den Toten gezählt wurde, wieder zum Leben aufzuerwecken. [Fußnote] Als die Statue fertig und zu solchem Grad der Vollkommenheit gebracht war, entstand allerhand Streit, wie man sie nach dem Platz der Signoren bringen könne; deshalb fertigten Giuliano und Antonio von San Gallo zu diesem Zweck ein starkes Holzgerüst, befestigten die Statue mit Tauen daran, so daß sie nicht anstoßen und zerbrechen, sich vielmehr stets leicht wiegen konnte, schafften sie mit flachen Balken an der Erde und mit Winden vorwärts und stellten sie auf. An dem Tau, an dem die Figur hing, hatte er einen Knoten verschlungen, der leicht herabglitt und sich zusammenschnürte, wenn die Last ihn niederzog – eine schöne, sinnreiche Erfindung, die bewundernswürdige Sicherheit gewährt und geeignet ist, Lasten aufzuheben.
Als das Werk vollendet und aufgestellt war, enthüllte es Michelangelo, und es ist wahr, daß es alle modernen und antiken Statuen um ihren Ruhm brachte, denn bei ihr sind die Umrisse der Beine einzig schön, die Gelenke und die Schlankheit der Hüften sind göttlich, und nie hat man eine so liebliche Stellung gesehen noch eine Anmut, die dieser gleichkommt, noch Füße, Hände und Kopf, die an Güte, künstlerischer Ausführung, Ebenmaß und Zeichnung in allen Teilen so wohl übereinstimmen. Michelangelo erhielt für diese Statue von Pier Soderini einen Lohn von vierhundert Skudi. Sie wurde im Jahre 1504 aufgestellt.
Angelo Doni, Bürger zu Florenz und Freund Michelangelos, dem es die größte Freude machte, schöne antike wie neuere Kunstwerke zu besitzen, wünschte etwas von Michelangelos Hand zu erhalten, und so fing dieser ein Rundbild zu malen an, auf dem er die Madonna darstellte, die, auf beiden Knien liegend, das Kind in ihren Armen hält und dem heiligen Joseph hinreicht, der es aufnimmt. Er offenbarte in diesem Bild durch die Wendung des Hauptes der Mutter und durch ihren Blick, der fest auf dem schönen Kinde ruht, die unendliche Seligkeit ihres Innern und ihr Verlangen, jenen heiligen Greis an dieser Seligkeit teilhaben zu lassen. Er selbst nimmt mit gleicher Liebe, Zärtlichkeit und Ehrfurcht das Kind hin, wie man ohne lange Betrachtung an seinen Zügen erkennt. Doch nicht zufrieden damit und in dem Wunsche, den Umfang seiner Kunst noch mehr zu zeigen, brachte Michelangelo in der Landschaft dieses Bildes eine Menge nackter Gestalten an, die sich anlehnen, stehen oder sitzen, und arbeitete das ganze Werk mit solchem Fleiß und solcher Sauberkeit, daß es unter seinen Malereien auf Holz, deren es nur wenige gibt, für die beste und schönste gilt. Nach seiner Vollendung schickte er es verdeckt durch einen Boten in das Haus Angelos, dabei einen Zettel, auf dem er als Bezahlung siebzig Dukaten verlangte. Angelo, der ein sparsamer Mann war, erschrak, daß er soviel für ein Bild zahlen solle, obwohl er wußte, daß es mehr wert war; er sagte dem Boten, vierzig seien genug, und gab ihm diese. Aber Michelangelo schickte sie zornig zurück und ließ sagen, er solle ihm jetzt hundert Dukaten zahlen oder das Bild zurückschicken. Als sich nun Angelo, dem das Bild gefiel, doch erbot, die zuerst geforderten siebzig Dukaten zu zahlen, ging Michelangelo nicht mehr darauf ein, sondern forderte vielmehr wegen des geringen, ihm bewiesenen Vertrauens das Doppelte des ersten Preises, und Angelo mußte nun, da er das Bild behalten wollte, den Preis von hundertvierzig Dukaten zahlen. [Fußnote] In der Zeit, als der herrliche Maler Leonardo da Vinci im großen Ratssaal arbeitete, erhielt Michelangelo durch den damaligen Gonfaloniere Piero Soderini, der sein großes Talent erkannte, den Auftrag, einen Teil jenes Saales auszumalen, und er begann im Wetteifer mit Leonardo die andere Wand, für die er als Gegenstand den Krieg mit Pisa wählte. Man wies ihm ein Zimmer im Spital der Färber zu Sant‘ Onofrio an, und dort begann er einen großen Karton, gab aber nicht zu, daß irgend jemand ihn sah. Er füllte ihn mit einer Menge nackter Gestalten, die sich zur Kühlung im Arno baden. Plötzlich ertönt im Lager infolge eines feindlichen Überfalls der Schlachtruf: »Zu den Waffen!« Während die Soldaten aus dem Wasser steigen, um sich anzukleiden, sieht man sie, durch Michelangelos göttliche Kunst dargestellt, wie sie sich in Eile rüsten, um ihren Gefährten zu Hilfe zu kommen. Die einen legen sich den Küraß an, andere ergreifen ihre Waffen, und eine große Menge, die zu Pferde kämpft, beginnt das Ringen. Unter anderen Gestalten war da ein Alter, der einen Efeukranz auf dem Kopf trug, um sich Schatten zu geben. Er saß an der Erde und bemühte sich, die Strümpfe anzuziehen, brachte es jedoch, weil seine Füße vom Wasser naß waren, nicht zustande, und bei dem Waffenlärm, dem Schreien der Krieger und dem Wirbeln der Trommeln zieht er mit großer Hast und Gewalt einen Strumpf an. Alle Muskeln und Nerven des Körpers waren angespannt und der Mund in einer Weise verzerrt, daß er damit deutlich ausdrückte, wie er litt und sich bis zur Fußspitze anstrengte. Man sah Trommler und Soldaten, die mit zusammengerafften Kleidern dem Kampfe zueilten. Die allerseltsamsten Stellungen, die einen aufrecht, andere kniend oder vorgebeugt, andere stürzend oder in die Höhe kletternd, zeichnete er in den schwierigsten Verkürzungen. Auch waren verschiedene Gruppen in verschiedener Weise geordnet und entworfen. Die einen mit Kohle umrissen und mit Strichen schattiert, die anderen gemischt und mit Weiß aufgehöht, da er zeigen wollte, wieviel er in seinem Beruf verstände. So gerieten die Künstler in Staunen und Verwunderung, als sie sahen, Michelangelo habe auf diesem Blatt das Höchste in der Kunst geleistet. Ja einige, die diese göttlichen Figuren gesehen haben, versichern noch jetzt, es sei ihnen weder von seiner noch von anderer Hand je Besseres bekannt geworden, und kein anderer Genius könnte jemals diese Göttlichkeit der Kunst erreichen. Das ist sicherlich zu glauben, denn seit der Karton vollendet und unter festlicher Teilnahme der Kunstgenossenschaft nach dem Saale des Papstes gebracht worden war, sind alle, die eine Reihe von Jahren in Florenz danach zeichneten, Fremde wie Einheimische, in ihrem Beruf trefflich geworden. Da nun dieser Karton zum Studium für alle Künstler diente, brachte man ihn in den oberen großen Saal im Palast der Medici. Dies aber war die Veranlassung, daß er den Händen der Künstler mit zu großem Vertrauen überlassen und zur Zeit von Giulianos Krankheit, wo niemand an diese Dinge dachte, zerrissen, in viele Teile geteilt und an viele Orte verstreut wurde.

Papst Julius II.

Auf diese Weise hatte sich durch die Pietà, die Kolossalstatue zu Florenz und durch den Karton Michelangelos Ruf so weit verbreitet, daß im Jahre 1503, als Alexander VI. gestorben war, Julius II., der neuerwählte Papst, den damals ungefähr neunundzwanzigjährigen Meister sehr zu seinem Vorteil nach Rom berief mit dem Auftrag, ihm sein Grabmal zu errichten. Durch seine Unterhändler ließ er ihm hundert Skudi Reisegeld auszahlen. Michelangelo ging nach Rom, doch verstrichen mehrere Monate, ehe der Papst ihn veranlaßte, irgend etwas zu beginnen. Schließlich entschied er sich für eine Zeichnung, die Michelangelo für das Grabmal gefertigt und die ein glänzendes Zeugnis seines Talentes war, denn an Schönheit, Pracht, großartiger Ausschmückung und Reichtum der Statuen übertraf sie jedes antike und kaiserliche Grabmal. Der Papst, hiervon begeistert, faßte den Entschluß, die Kirche von Sankt Peter zu Rom zu erneuern und darin das Grabmal zu errichten. So ging Michelangelo guten Mutes ans Werk, und um einen Anfang zu machen, besuchte er mit zwei Gehilfen Carrara, um den nötigen Marmor brechen zu lassen. Er erhielt für diesen Zweck tausend Skudi von Alamanno Salviati in Florenz. Acht Monate verweilte er im Gebirge, ohne weiter Geld und Gehalt zu bekommen, und unterhielt sich gelegentlich, angeregt durch die Marmormassen, die vor ihm lagen, mit allerhand Entwürfen, wie er in jenen Steinbrüchen große Statuen ausführen wollte, um gleich den Alten ein ehrenvolles Andenken von sich zu hinterlassen. Als er dann die gehörige Zahl Marmorblöcke ausgesucht und eingeschifft hatte und sie nach Rom gebracht worden waren, nahmen sie fast die Hälfte des Petersplatzes um Santa Caterina herum und den Raum zwischen der Kirche und dem nach dem Kastell führenden Korridor ein, wo Michelangelo sein Atelier hatte, in dem er die Statuen sowie alles, was sonst zum Grabmal gehörte, arbeitete. Zu dieser Werkstatt hatte der Papst vom Korridor aus eine Zugbrücke schlagen lassen, damit er bequem kommen und der Arbeit zusehen konnte. Daraus entstand eine so große Vertraulichkeit, daß die erhaltenen Gunstbezeigungen Michelangelo später viele Not und Verfolgung zuzogen und ihm bei den Künstlern großen Neid erweckten. Einen Teil der Marmorblöcke ließ sich der Meister zu größerer Bequemlichkeit nach Florenz schaffen, wo er sich bisweilen während des Sommers aufhielt, um der Malaria in Rom zu entfliehen. Dort arbeitete er die eine Seite des Grabmals in mehreren Stücken ganz fertig, vollendete ferner in Rom zwei Gefangene von göttlicher Schönheit und andere Statuen, wie man niemals bessere gesehen hat. Da sie aber nicht bei jenem Grabmal angebracht wurden, gab Michelangelo die Gefangenen dem Herrn Roberto Strozzi, in dessen Haus er krank lag, und dieser schickte sie an König Franz. [Fußnote] Acht Statuen skizzierte er in Rom, fünf in Florenz und vollendete eine Viktoria, unter der ein Gefangener liegt. Dann vollendete er die fünf Ellen hohe Marmorstatue des Moses, dessen Schönheit durch kein neueres Werk erreicht werden kann und dem kein antikes gleich ist. Endlich näherte sich Michelangelo bei diesem Werk dem Ziel und errichtete eine kürzere von den vier Seiten in San Pietro in Vincoli.
Während er damit beschäftigt war, kamen alle zu dem Grabmal noch fehlenden, in Carrara zurückgebliebenen Marmorblöcke nach der Ripa und wurden von dort zu den übrigen auf den Sankt-Peter-Platz geschafft.
Da nun das Geld dafür denen gegeben werden mußte, die sie abgeliefert hatten, ging Michelangelo wie gewöhnlich zum Papst, und da er diesen an jenem Tag gerade sehr mit den bolognesischen Angelegenheiten beschäftigt fand, kehrte er nach Hause zurück und bezahlte die Rechnung aus seinem Beutel, in der Meinung, er werde die Anweisung darauf alsbald von Seiner Heiligkeit erhalten. Als er jedoch eines anderen Tages kam, um mit dem Papst über diese Angelegenheit zu reden, hatte er Schwierigkeit, vorgelassen zu werden, denn der Türhüter sagte, er möge ihm verzeihen, aber er habe den Befehl, ihm nicht den Eingang zu gestatten. »Du kennst vielleicht diesen Mann nicht«, sagte ein Bischof zu dem Türsteher. – »Nur zu gut kenne ich ihn«, entgegnete jener, »ich bin aber hier, um das auszuführen, was mir von meinen Vorgesetzten und vom Papste befohlen wird.« Solches Betragen mißfiel Michelangelo, und da es in Widerspruch zu dem, was er bis dahin erfahren hatte, zu stehen schien, antwortete er dem Türsteher unwillig, er möge, wenn Seine Heiligkeit nach ihm fragen sollte, nur sagen, er sei anderswo hingegangen. In seine Wohnung zurückgekehrt, nahm er um zwei Uhr nachts die Post und hinterließ zwei Dienern den Befehl, alles, was in seinem Hause war, an die Juden zu verkaufen und ihm nach Florenz zu folgen, wohin er den Weg genommen.
Zu Poggibonsi auf Florentiner Gebiet angelangt und demnach in Sicherheit, machte er halt. Fünf Kuriere folgten ihm mit Briefen vom Papst dorthin, um ihn zurückzuholen. Doch weder Bitten noch der Brief, der ihn mit der Ungnade Seiner Heiligkeit bedrohte, falls er nicht umkehre, konnten irgend etwas bei ihm veranlassen. Nur dazu verstand er sich zuletzt auf die Bitten der Kuriere, als Antwort an den Papst zwei Zeilen zu schreiben, in denen er sagte: Seine Heiligkeit möge ihm verzeihen, er werde nicht wieder vor sein Angesicht kommen, nachdem er ihn wie einen Lumpen habe fortjagen lassen. Seine treue Anhänglichkeit habe solches nicht verdient, er möge sich nun jemand anders wählen, der ihn bediene.
In Florenz war Michelangelo darauf bedacht, im Lauf von drei Monaten, die er dort verweilte, den Karton für den großen Saal zu vollenden. Unterdessen erhielt die Signoria drei Breves mit dem Verlangen, Michelangelo nach Rom zurückzuschicken. Daraus erkannte dieser die Wut des Papstes, und da er seiner Sicherheit mißtraute, soll er sogar den Gedanken gehabt haben, nach Konstantinopel zu gehen, um dem Groß-Sultan zu dienen, der ihn durch Vermittlung einiger Franziskanermönche begehrte, um durch ihn eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen. Aber Soderini beredete ihn, den Papst, wenn auch wider Willen, aufzusuchen, und zwar zu seinem Schutz in öffentlichem Dienst als Gesandter der Stadt. Außerdem empfahl er ihn noch seinem Bruder, dem Kardinal Soderini, der ihn dem Papst vorstellen sollte, und schickte ihn so nach Bologna, wohin Seine Heiligkeit aus Rom gekommen war. Dort hatte er kaum die Stiefel gewechselt, als er von Vertrauten des Papstes zu Seiner Heiligkeit in den Palast der Sechzehn abgeholt wurde, von einem Bischof des Kardinals Soderini begleitet, da dieser selbst krank war und nicht mitgehen konnte. Nach seinem Eintritt beim Papst ließ Michelangelo sich aufs Knie nieder. Seine Heiligkeit sah ihn von der Seite an, als ob er zornig wäre, und sagte: »Anstatt zu gehen, uns aufzusuchen, hast du gewartet, daß wir kommen und dich aufsuchen!«, womit er andeuten wollte, daß Bologna näher an Florenz als an Rom liege. Michelangelo bat mit höflicher Handbewegung und lauter Stimme untertänig um Vergebung, entschuldigte sich damit, daß das, was er getan hätte, im Zorn geschehen sei, da er es nicht ertragen konnte, so fortgejagt zu werden, und daß er, falls er im Irrtum gewesen sei, bäte, Seine Heiligkeit möge ihm diesen verzeihen. Der Bischof, der Michelangelo zum Papst geführt, sagte, um ihn weiter zu entschuldigen, zu Seiner Heiligkeit, solche Leute wären ja unwissend und außer in ihrer Kunst zu nichts zu gebrauchen, und er möge ihm doch freundlich vergeben. Das brachte den Papst in Wut, er schlug mit einem Stock, den er in der Hand hatte, nach dem Bischof und rief: »Der Unwissende bist du, da du dem Manne hier Grobheiten sagst, wie wir sie ihm nicht sagen«, und ließ den Bischof vom Türsteher mit Faustschlägen fortjagen. Als er verschwunden war und die Wut des Papstes sich ausgetobt hatte, segnete er Michelangelo, der dann durch Geschenke und Versprechungen so lange in Bologna gehalten wurde, bis Seine Heiligkeit ihm den Auftrag erteilte, eine fünf Ellen hohe Bildnisstatue von ihm aus Bronze zu arbeiten. Bei dieser Figur zeigte Michelangelo die höchste Kunst in der Stellung, durch die er Größe und Hoheit ausdrückte, in den Gewändern, denen er Reichtum und Pracht, in den Zügen des Angesichts, denen er Mut, Kraft, Entschlossenheit und etwas Gewaltiges verlieh. Diese Statue wurde in einer Nische über der Tür von San Petronio aufgestellt.

Sixtinische Kapelle

Michelangelo brachte diese Statue im Tonmodell völlig zustande, bevor der Papst Bologna verließ, um nach Rom zu gehen. Als dieser aber kam, um sie zu sehen, war es noch unentschieden, was er in der linken Hand haben sollte, da die rechte so stolz erhoben war, daß der Papst fragte, ob sie Segen gebe oder Fluch. Darauf antwortete Michelangelo: »Sie ermahnt das Volk von Bologna, weise zu sein.« Als er sodann Seine Heiligkeit um seine Meinung fragte, ob die Figur in der Linken ein Buch halten solle, sagte ihm der Papst: »Gib ihr ein Schwert! Ich bin kein Gelehrter!« Zur Herstellung dieser Statue hinterlegte der Papst tausend Skudi bei der Bank, und nach sechzehn Monaten, die Michelangelo zu ihrer Vollendung brauchte, konnte sie aufgestellt werden. Diese Statue hat Bentivoglio später zerstört und das Erz an Herzog Alfonso von Ferrara verkauft, der eine Kanone daraus gießen ließ, die er Giulia nannte.
Als der Papst wieder in Rom war, dachte Bramante, der Freund und Verwandte Raffaels von Urbino und deshalb Michelangelo nicht gerade freundlich gesinnt, dessen Abwesenheit zu benutzen, um den Sinn des Papstes von ihm abzulenken. Er wollte, daß Seine Heiligkeit bei Michelangelos Rückkehr nach Rom ihn das Grabmal nicht vollenden lasse, da es, wie er meinte, ein böses Vorzeichen sei und den Anschein erwecke, als wolle man den Tod beschleunigen, wenn man bei Lebzeiten sein Grab bauen ließ. So beredeten sie Seine Heiligkeit den Papst, daß er zum Gedächtnis seines Oheims Sixtus die Decke der Kapelle, die dieser im Vatikan erbaut hatte, durch Michelangelo, sobald er zurückgekehrt sein würde, ausmalen lasse. Auf diesem Wege glaubten Bramante und andere Nebenbuhler Michelangelos, ihn von der Bildhauerkunst abzulenken, in der sie ihn für vollkommen hielten, und ihn zur Verzweiflung zu bringen. Denn sie rechneten, daß er, zum Malen gezwungen, aus Mangel an Erfahrung im Fresko ein weniger rühmliches Werk zustande bringe und somit weniger leisten würde als Raffael. Falls aber die Arbeit ihm gelinge, werde er sich doch auf jeden Fall mit dem Papst erzürnen, so daß sie auf die eine oder andere Weise ihren Zweck erreichen und sich Michelangelo vom Halse schaffen würden.
So fand dieser die Dinge, als er nach Rom zurückkam. Der Papst, der zunächst sein Grabmal nicht vollenden wollte, machte ihm den Vorschlag, die Decke der Kapelle zu malen. Michelangelo, der das Grabmal zu vollenden wünschte und dem die Decke der Kapelle bei seiner geringen Übung in Behandlung der Farben eine große und schwierige Aufgabe schien, versuchte auf jede Weise, diesen Auftrag abzulehnen, und schlug dafür Raffael vor. Je mehr er sich jedoch weigerte, desto mehr wuchs der Wunsch des Papstes, der bei allen seinen Unternehmungen ungestüm war und hier noch durch die Nebenbuhler Michelangelos, besonders durch Bramante, gereizt und angetrieben wurde, so daß er sich, heftig wie er war, beinahe wieder mit Michelangelo erzürnte. Als dieser daher sah, der Papst beharre auf seinem Plan, entschloß er sich, die Arbeit zu übernehmen, und Bramante erhielt den Auftrag, das Malgerüst aufzurichten. Dies Gerüst ließ Bramante ganz in Seile hängen und schlug dazu Löcher in die Wölbung. Als Michelangelo das sah, fragte er ihn, wie man denn, wenn er mit Malen fertig sei, die Löcher ausfüllen solle, worauf dieser erwiderte: »Das wird sich finden, anders kann es nicht gemacht werden.« Hieraus entnahm Michelangelo, daß Bramante entweder wenig Einsicht in diese Dinge oder wenig Freundschaft für ihn habe, ging zum Papst und sagte, das Gerüst sei schlecht und Bramante verstehe nichts davon, worauf Seine Heiligkeit in Gegenwart Bramantes entgegnete, dann solle er es nach seiner Weise aufführen. Demnach ließ Michelangelo sein Gerüst auf Stützen aufrichten, die die Mauern nicht berührten, ein Verfahren, wodurch er Bramante und andere belehrte, wie man Wölbungen verkleiden und gute Werke ausführen könne. Die so erübrigten Seile schenkte er einem armen Zimmermann, der das Gerüst aufstellte; dieser verkaufte sie und konnte aus dem Erlös die Ausstattung seiner Tochter bestreiten.
Michelangelo begann die Kartons zu der Decke, und der Papst, der auch die Wandbilder herunterschlagen lassen wollte, die frühere Meister zur Zeit des Sixtus gemalt hatten, setzte für dieses Werk den Preis von fünfzehntausend Dukaten aus. Die Größe des Unternehmens zwang Michelangelo zu dem Entschluß, Hilfe zu nehmen. Er schickte darum nach Florenz, um Leute zu holen; er wollte sich bei diesem Werk als Sieger zeigen über alle die, die vor ihm an derselben Stelle gearbeitet hatten, und zugleich den neueren Künstlern zeigen, wie man zeichnen und malen müsse. So trieben ihn die Umstände – zu seinem Ruhm und zum Heil der Kunst –, so hoch zu streben, und er begann und vollendete die Kartons. Als er sie aber in Fresko ausführen wollte (er hatte in dieser Weise vorher noch nie etwas gemalt), kamen einige ihm befreundete Maler von Florenz nach Rom, um ihm Hilfe zu leisten und ihm die Behandlung der Freskofarben zu zeigen, worin sie teilweise sehr geschickt waren. Doch er fand ihre Leistungen tief unter seinem Wunsch und keineswegs genügend; so entschloß er sich eines Morgens, alles herunterzuschlagen, was sie gearbeitet hatten, sperrte sich in die Kapelle ein und wollte ihnen nicht öffnen, noch weniger in seinem Hause sich vor ihnen sehen lassen. Wegen dieser Behandlung, die ihnen für einen Spaß zu lange dauerte, entschlossen sie sich kurz und kehrten beschämt nach Florenz zurück. So nahm Michelangelo das ganze Werk allein auf sich und führte es mit allem Aufwand an Mühe und Fleiß zum höchsten Ziel, ließ sich aber nirgends sehen, um nicht Anlaß zu geben, seine Arbeit irgendwem zeigen zu müssen. Dadurch stieg die Neugierde der Leute mit jedem Tag, und auch Papst Julius hatte großes Verlangen, zu sehen, was er mache. Da auch vor ihm alles verdeckt blieb, wuchs seine Begierde aufs höchste. Deshalb wollte er eines Tages hingehen, aber man öffnete ihm nicht. Daraus entstand der Streit, der Michelangelos Weggang von Rom herbeiführte.
Nachdem das Werk zur Hälfte fertig war, wollte der Papst, der schließlich doch, von Michelangelo unterstützt, einige Male auf Leitern dazu hinaufgestiegen war, es solle alsbald aufgedeckt werden, denn er war ungeduldig und hastig in seinem Tun und konnte nicht warten, bis es vollendet oder, wie man sagt, die letzte Hand daran gelegt war. Kaum stand es aufgedeckt, als ganz Rom herbeigeströmt kam, um es in Augenschein zu nehmen, vor allem der Papst, der nicht wartete, bis der Staub vom Niederreißen des Gerüstes sich gelegt hatte. Raffael von Urbino aber, der mit größter Leichtigkeit fremde Manieren annahm, änderte, sobald er es gesehen, die seinige und malte kurz darauf, um seine Kunst zu zeigen, die Propheten und Sibyllen in der Kirche della Pace, und Bramante suchte zu erwirken, daß der Papst die andere Hälfte Raffael übertrage. Als Michelangelo dies hörte, beschwerte er sich über Bramante und zieh ihn vor dem Papst rücksichtslos vieler Fehler, sowohl im Leben wie in der Baukunst. Die letzteren sind dann durch Michelangelo beim Bau von Sankt Peter verbessert worden. Der Papst indes, der Michelangelos Kunst jeden Tag höher schätzen lernte, wollte, daß er die Arbeit weiterführe, überzeugt, nachdem er sie aufgedeckt gesehen hatte, daß Michelangelo bei der anderen Hälfte noch Besseres leisten werde. Dieser aber vollendete in zwanzig Monaten die Kapelle ganz allein, ohne irgendeine andere Hilfe als die des Farbenreibers. Michelangelo hat es bisweilen beklagt, daß er durch die Ungeduld des Papstes gehindert gewesen, dieses Werk, wie er wohl gewünscht hätte, nach seiner Weise auszuführen, da der Papst ihn unaufhörlich mit der Frage belästigte, wann er fertig werden würde. Und als er ihm nun einstmals antwortete: »Ich werde enden, sobald ich mit Rücksicht auf die Kunst genug getan habe«, entgegnete ihm der Papst: »Wir aber wollen, daß Ihr uns in unserem Verlangen genügt, es schnell zu machen.« Und er fügte hinzu, wenn solches nicht bald geschehe, werde er ihn vom Gerüst herabwerfen lassen, worauf denn Michelangelo, der den Zorn des Papstes fürchtete und auch zu fürchten hatte, das Fehlende ohne Aufenthalt vollendete, die andere Hälfte des Gerüstes fortnahm und am Morgen von Allerheiligen, dem Tag, an dem der Papst in der Kapelle die Messe las, zur großen Befriedigung der ganzen Stadt sein Werk aufdeckte. Michelangelo hätte gern im Trockenen einiges nachgebessert, wie die älteren Meister bei den unteren Bildern getan hatten, einige Gründe und Gewänder, auch einige Lüfte mit Ultramarinblau übergangen und hier und da ein wenig Gold aufgesetzt, damit das Ganze ein glänzenderes und reicheres Ansehen bekommen hätte. Der Papst selbst, als er hörte, daß dies und das noch fehle, welches er übrigens von jedermann sehr rühmen hörte, wünschte, Michelangelo möge das Fehlende hinzufügen. Weil diesem aber das Wiederaufrichten des Gerüstes zu langweilig war, unterblieb es. Wenn der Papst, der ihn oft sah, äußerte, er möge doch die Kapelle mit Farben und Gold bereichern, sie habe ein ärmliches Aussehen, entgegnete er vertraulich: »Heiliger Vater, in jenen Zeiten schmückten sich die Leute nicht mit Gold, und die, welche gemalt sind, waren nicht allzu reich, sondern heilige Personen und verschmähten allen Prunk.« Als Bezahlung für sein Werk erhielt Michelangelo in verschiedenen Fristen dreitausend Skudi und verwendete davon fünfundzwanzig für Farben. Er führte die Arbeit unter großer Anstrengung aus, das Gesicht nach oben gekehrt, wodurch er sich die Augen so verdorben hatte, daß er monatelang nur von unten nach oben Briefe lesen und Zeichnungen betrachten konnte.
Als sein Werk aufgedeckt wurde, strömte alle Welt herbei, um es in Augenschein zu nehmen, und alle erstaunten und verstummten. Der Papst aber, vollkommen befriedigt und zu größeren Unternehmungen ermutigt, belohnte Michelangelo mit Geld und reichen Geschenken. Dieser sagte bei so ungewöhnlichen Gunstbeweisen öfters: er sehe wohl, daß der Papst seine Kunst hoch ehre, und wenn er ihm auch als Zeichen seiner Liebe dann und wann eine Grobheit zufüge, so suche er es doch alsbald durch Geschenke und glänzende Gunstbezeigungen wiedergutzumachen.
Nach Vollendung der Kapelle und bevor noch der Papst sich dem Tode nahe fühlte, verfügte er, sein Grabmal, wenn er gestorben wäre, nach einer einfacheren Zeichnung als den früheren vollenden zu lassen. An dieses Werk begab sich Michelangelo aufs neue und fing um so lieber an, als er hoffte, endlich einmal ohne Hindernis damit fertig zu werden. Doch hatte er nachmals stets Verdruß, Last und Not dabei, mehr als bei irgendeiner seiner anderen Arbeiten, ja, er wurde lange Zeit auf gewisse Weise des Undanks gegen einen Papst geziehen, von dem er so sehr geliebt und beschützt worden war.
Er widmete ihm seine ganze Arbeitskraft und ordnete die Zeichnungen, damit er die Fassaden der Kapelle ausführen könne, aber ein neidisches Geschick wollte es nicht zulassen, daß dieses so vollkommen begonnene Denkmal ein entsprechendes Ende gewönne. Papst Julius starb, und sein Grabmal wurde außer acht gelassen infolge der Wahl Leos X., der, von ebenso glänzendem Unternehmungsgeist und voll Tatkraft wie Julius, in seiner Vaterstadt, aus der er der erste Papst war, zu seinem und des göttlichen Künstlers, seines Mitbürgers Gedächtnis so Herrliches ausführen lassen wollte, wie es ein mächtiger Fürst zu tun vermag. Als er deshalb Michelangelo den Auftrag gab, die Fassade von San Lorenzo in Florenz, der Kirche, die die Medici erbaut hatten, auszuführen, blieb notwendigerweise die Arbeit am Grabmal von Papst Julius liegen. Denn Leo begehrte nicht nur seine Meinung und seine Zeichnungen dazu, sondern auch ihn selbst als Oberbaumeister. Michelangelo widerstand soviel er konnte und berief sich darauf, daß er wegen des Grabmals verpflichtet sei. Der Papst aber antwortete ihm, er möge deshalb nicht besorgt sein, er habe ihm selbst Urlaub ausgewirkt unter dem Vorbehalt, daß er in Florenz wie früher an den Figuren für das Grabmal arbeiten werde. Dies geschah alles gegen Wunsch und Willen Michelangelos, der mit Tränen von dannen schied.
Michelangelo entschloß sich dann, für die Fassade ein Modell zu machen, wollte aber keinen anderen über sich und neben sich bei dem Bau annehmen. Und dieses entschiedene Zurückweisen jeder Beihilfe war schuld, daß weder von ihm noch anderen etwas ins Werk gesetzt wurde. Vielmehr ging er nach Carrara mit Aufträgen, für die ihm von Jacopo Salviati tausend Skudi ausgezahlt werden sollten. Während Michelangelo in Carrara den Marmor zu dem Grabmal von Papst Julius und zu der Fassade brechen ließ, in der Meinung, sie auszuführen, schrieb man ihm, Papst Leo habe erfahren, es gebe in den Bergen von Pietrasanta nach Seravezza im Florentiner Gebiet auf dem Gipfel des höchsten Berges, Altissimo genannt, Marmor von derselben Güte und Schönheit wie der zu Carrara. Dies wußte zwar Michelangelo schon, schien es aber nicht beachten zu wollen. Schließlich wurde er doch gezwungen, nach Seravezza zu gehen, obwohl er dagegen anführte, dies werde mehr Arbeit und Kosten verursachen, besonders am Anfang, und obendrein vielleicht nicht einmal so gut sein. Aber der Papst wollte davon nichts hören; eine Straße von mehreren Meilen mußte durch die Berge geführt, es mußten mit Hämmern und Hacken Gesteine zur Einebnung zerschlagen und an sumpfigen Stellen Pfähle eingerammt werden, so daß Michelangelo viele Jahre verlor, um den Willen des Papstes zu erfüllen. Endlich brach man fünf Säulen von gehöriger Größe, von denen eine auf dem Platz von San Lorenzo zu Florenz aufgestellt ist, während die anderen an der Mittelmeerküste liegen. Michelangelo brauchte viele Jahre zu dem Brechen der Marmorblöcke, doch fertigte er unterdessen Wachsmodelle und andere zu dem Bau gehörige Dinge. Aber das Unternehmen zog sich in die Länge, so daß die dafür bestimmten Gelder für den Lombardischen Krieg verwendet wurden und der Bau durch den Tod von Papst Leo unvollendet blieb.
Dieser Tod versetzte Künstler und Handwerker in Rom und Florenz in so großen Schrecken, daß Michelangelo in Florenz blieb und an dem Grabmal des Papstes Julius arbeitete, solange Hadrian VI. regierte. Nach dessen Tod jedoch wurde Clemens VII. zum Papst erwählt, der wie Leo und seine übrigen Vorgänger durch Werke der Baukunst, Bildhauerei und Malerei ein Andenken von sich hinterlassen wollte. Michelangelo reiste ohne Aufenthalt nach Rom. Wieder wurde er von dem Herzog Francesco Maria von Urbino, dem Neffen von Papst Julius, bedrängt, der sich über ihn beschwerte und sagte, man habe ihm sechzehntausend Skudi für das Grabmal ausgezahlt, und er treibe in Florenz, was ihm beliebe, und der drohend hinzufügte, wenn er das Werk vernachlässige, so werde es ihm schlimm ergehen. Als er in Rom angelangt war, riet ihm Papst Clemens, der gern seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, er solle mit den Agenten des Herzogs Rechnung abschließen. Seiner Meinung nach wäre er nach dem, was er schon vollbracht habe, eher Gläubiger als Schuldner. So blieb der Handel liegen.
Der Papst besprach sich mit Michelangelo über viele Dinge, bis man endlich beschloß, die neue Sakristei und die Bibliothek von San Lorenzo in Florenz zu vollenden. Er verließ daher Rom und wölbte die Kuppel der Kapelle, wie man sie jetzt sieht, und ließ sie in einer anderen Ordnung ausführen. Im Innern errichtete er zum Schmuck der Wände vier Grabmäler für die sterblichen Reste der Väter beider Päpste: für Lorenzo den Alten und für Giuliano, seinen Bruder, dann für Giuliano, den Bruder Leos, und für Herzog Lorenzo, seinen Neffen. Und weil er hierbei die alte, von Filippo Brunelleschi erbaute Sakristei nur mit einer neuen Art von Ornamenten nachahmen wollte, brachte er eine Verzierung in gemischter Ordnung an, die mannigfaltigste, ungewöhnlichste, die jemals von alten oder neuen Meistern angewendet werden konnte. Denn die schönen Gesimse, Kapitelle, Vasen, Türen, Tabernakel und Grabmäler sind völlig verschieden von dem, was die Menschen früher für Maß, Ordnung und Regel geachtet hatten. Daher sind ihm die Künstler zu dauerndem Danke verpflichtet, daß er die Bande und Ketten brach, mit denen belastet alle stets auf der gewöhnlichen Straße fortgegangen waren. Noch besser zeigte er dies und lehrte seine eigene Weise bei dem Bau der Bibliothek von San Lorenzo, bei der schönen Einteilung der Fenster, der Anordnung der Decke und dem bewundernswürdigen Eingang des Vorsaales. Nie herrschte eine kühnere Anmut in dem Ganzen und in den einzelnen Teilen eines Werkes, in den Tragsteinen, den Tabernakeln und Gesimsen, und nie sah man eine bequemere Treppe, die obendrein so seltsame Abstufungen hat und so völlig verschieden von der gewöhnlichen Weise ist, daß jedermann erstaunte.
Ungefähr gleichzeitig ereignete sich die Plünderung Roms und die Vertreibung der Medici aus Florenz. Dieser Wechsel veranlaßte die damaligen Befehlshaber, ihre Stadt neu zu befestigen, und sie ernannten Michelangelo zum Generalkommissar über sämtliche Befestigungen. Er ließ dafür verschiedene Zeichnungen fertigen und Florenz verschanzen und umgab schließlich noch den Hügel von San Miniato mit Bastionen. Damals verbrachte er ungefähr sechs Monate auf San Miniato, um die Befestigung dieses Berges zu beschleunigen, weil die Stadt verloren gewesen wäre, wenn die Feinde ihn in Besitz genommen hätten, und förderte diese Unternehmung mit allem Fleiß. Gleichzeitig aber betrieb er die Arbeiten in der Sakristei, führte sieben Statuen zum Teil ganz aus. Er übertraf, wie man anerkennen muß, mit ihnen und bei der Architektur der Grabmäler jeden Meister in den drei Künsten. Die Statuen, die er entworfen und in Marmor vollendet hatte und die sich am genannten Ort befinden, bezeugen es. Das eine ist die Mutter Gottes in sitzender Stellung, das rechte Bein über das linke gekreuzt, so daß ein Knie auf dem anderen ruht. Das Kind reitet auf dem übergelegten Bein und wendet sich mit schöner Bewegung, die Brust verlangend, nach der Mutter, die es mit der einen Hand hält, mit der anderen sich stützt und sich vorbeugt, um sie ihm zu geben. Und obgleich diese Statue nicht in allen Teilen fertig ist, erkennt man doch in dem nur roh ausgeführten, nur gradierten Teil die Vollkommenheit des Werkes.
In noch viel größeres Erstaunen versetzte Michelangelo jeden durch die Grabmäler des Herzogs Giuliano und des Lorenzo de‘ Medici, bei denen er den Gedanken hatte, daß nicht allein die Erde diesen Fürsten eine ihrer Größe entsprechende ehrenvolle Ruhestätte geben könne, sondern daß alle Teile der Welt daran teilhaben sollten. Darum brachte er über ihren Sarkophagen, so daß sie diese bedeckten, vier Statuen an, nämlich bei dem einen den Tag und die Nacht, bei dem anderen die Morgen- und Abenddämmerung. Die Statuen sind in Form und Haltung wunderschön und mit genauer Kenntnis der Muskulatur gearbeitet, so daß die Kunst, wenn sie je wieder verlorenginge, durch sie allein zu dem vormaligen Glanze wieder gebracht werden könnte. Außerdem befinden sich dort noch die Statuen der beiden Heerführer im Waffenschmuck, der in Gedanken versunkene Herzog Lorenzo im Angesicht der Weisheit. Die Beine sind so schön ausgeführt, daß man nicht schönere sehen kann. Der andere ist der kühne Herzog Giuliano. Kopf, Hals, Augen, Nasenrücken, Öffnung des Mundes und die Haare sind so göttlich, kurz, alle Teile, die er machte, von einer Herrlichkeit, daß die Augen nie satt und müde werden. Was aber sage ich von der Morgenröte? Einer nackten weiblichen Gestalt, ganz geschaffen, alle Schwermut der Seele auszutreiben und zu bewirken, daß die Bildhauerkunst den Meißel sinken lasse? Mit dem Ausdruck der Klage in ihrer unzerstörbaren Schönheit windet sie sich zum Zeichen ihres großen Schmerzes voll Gram. Was endlich könnte ich von der Nacht sagen, einer nicht nur seltenen, sondern einzigartigen Statue? Wer hat in irgendeinem Jahrhundert antike oder neuere mit solcher Kunst geschaffene Gestalten gesehen? Man erkennt in ihr nicht nur zugleich die Ruhe eines Schlafenden, sondern auch den Schmerz und die Trauer dessen, der ein hohes und heiliges Gut verliert.
Hätte die Feindschaft, die zwischen Glück und Gunst besteht, hätte die Güte dieser und der Neid jener ihn dies Werk zu Ende bringen lassen, so würde die Kunst die Natur belehrt haben, wie sie ihr in allen Dingen überlegen sei. Während indes Michelangelo mit allem Fleiß und großer Liebe an diesem Werk arbeitete, kam, was die Beendigung nur zu sehr aufhielt, im Jahre 1529 die Belagerung von Florenz. Deshalb konnte er wenig oder gar nichts mehr daran tun, da die Bürger ihm die Sorge für die Befestigung aufgeladen hatten, und zwar nicht allein von San Miniato, sondern von der ganzen Umgegend. Er hatte der Republik tausend Skudi geliehen, und da er zu dem Kriegsrat der Neun gehörte, wandte er Sinn und Gedanken ganz der Vervollkommnung jener Festungswerke zu. Schließlich wurden diese aber von feindlichen Heeren ringsum eingeschlossen, die Hoffnung auf Hilfe schwand allmählich, die Schwierigkeit, sich zu halten, stieg. Michelangelo, der sich nicht an seinem Platze fühlte und für die Sicherheit seiner Person besorgt wurde, beschloß, von Florenz nach Venedig zu gehen, ohne sich unterwegs irgend jemandem zu erkennen zu geben. Er verließ daher heimlich, ohne daß jemand etwas wußte, auf der Straße von San Miniato Florenz und nahm nur seinen Schüler Antonio Mini und den Goldschmied Piloto, seinen treuen Freund, mit, und jeder von ihnen trug auf dem Rücken, in der Jacke eingenäht, eine Anzahl Skudi.
Michelangelo wurde aber dringend gebeten, wieder in seine Vaterstadt zurückzukehren; man empfahl ihm besonders, die dortigen Unternehmungen nicht aufzugeben und schickte ihm sicheres Geleit, so daß er endlich, von Liebe zur Heimat getrieben, trotz Lebensgefahr dahin zurückging. Er setzte den Turm von San Miniato instand, der mit zwei Geschützstücken dem feindlichen Lager so großen Schaden zufügte, daß die Artilleristen ihn im Felde mit starken Kanonen niederzuschießen suchten, ihn auch fast durchbrochen hatten und gänzlich zerstört haben würden, wenn Michelangelo ihn nicht mit Wollballen und starken, an Stricken aufgehängten Matratzen in einer Weise geschützt hätte, daß er noch steht.
Nach Abschluß des Friedensvertrages erhielt Baccio Vallori als Bevollmächtigter des Papstes den Auftrag, einige der heftigsten Parteigänger unter den Bürgern festzunehmen und ins Bargello zu werfen. Der Hof selbst ließ nach Michelangelo in seiner Wohnung suchen. Dieser war jedoch, da er solches ahnte, heimlich nach dem Haus eines vertrauten Freundes gegangen und hielt sich dort viele Tage verborgen, bis die erste Erbitterung sich gelegt hatte. Da gedachte Papst Clemens der Kunstleistungen Michelangelos, ließ eifrig nach ihm forschen und gab Befehl, ihm keine Vorwürfe zu machen. Man solle ihm vielmehr sagen, er werde sein früheres Gehalt bekommen, wenn er zurückkehre und für das Werk von San Lorenzo Sorge trage.
In solcher Weise gesichert und um zunächst sich Baccio Vallori zum Freunde zu machen, fing Michelangelo eine drei Ellen hohe Figur in Marmor an, einen Apoll, der einen Pfeil aus seinem Köcher nimmt, und führte ihn fast ganz aus.

Das Grabmal Julius II

Michelangelo fand es angemessen, nach Rom zum Papst zu gehen, der ihm zwar zürnte, ihm jedoch aus Liebe zur Kunst alles verzieh und ihn beauftragte, nach Florenz zurückzugehen, um die Bibliothek und Sakristei von San Lorenzo zu vollenden. Um dieses Werk schneller zu fördern, verteilte man eine Menge dazugehörender Statuen an verschiedene Meister. Michelangelo wollte die Statuen bereits aufstellen, als der Papst sich entschied, ihn bei sich zu haben, um die Wände der Sixtinischen Kapelle, deren Decke er für seinen Verwandten Julius II. gemalt hatte, gleichfalls mit Bildern zu versehen. Und zwar wollte Clemens, daß er auf der Hauptwand, wo der Altar steht, das Weltgericht darstelle, damit er in diesem Bilde zeigen könne, was in der Kunst der Malerei alles möglich sei.
Während Michelangelo Auftrag gab, die Zeichnungen und Kartons zu der Wand vom Weltgericht zu machen, hatte er unausgesetzt Schwierigkeiten mit den Agenten des Herzogs von Urbino, die ihn beschuldigten, er habe von Julius II. sechzehntausend Skudi für dessen Grabmal erhalten. Da ihm diese Schuld unerträglich war, wünschte er, das Werk doch eines Tages zu vollenden, obgleich er bereits alt war. Auch wollte er, da die Gelegenheit sich dazu ungesucht geboten, gerne in Rom bleiben und nicht wieder nach Florenz zurückgehen, denn er hatte Sorge vor dem Herzog Alexander von Medici, der ihm, wie er glaubte, nicht wohlgesinnt war. Als ihm dieser sagen ließ, er möge doch kommen und sehen, welcher Platz sich am besten zur Errichtung eines Kastells und einer Zitadelle in Florenz eigne, antwortete er, er könne nicht ohne Befehl von Papst Clemens von dannen gehen.
Endlich wurde der Vertrag wegen des Grabmals abgeschlossen. Es sollte vollendet werden, doch nicht freistehend in Quadratform, wie anfangs bestimmt war, sondern mit einer Fassade in einer Weise, wie es Michelangelo gut schien. Gleichzeitig mußte er versprechen, sechs Statuen von seiner Hand dort aufzustellen. Dagegen ging der Herzog von Urbino vertragsmäßig auf die Bedingung ein, daß Michelangelo sich verpflichten durfte, vier Monate des Jahres für Papst Clemens zu arbeiten, in Florenz oder wo es sonst Seiner Heiligkeit gefallen möchte. Hierdurch glaubte Michelangelo Ruhe erlangt zu haben. Dennoch vollendete er zunächst das Werk nicht, weil Clemens, begierig, die letzte Probe seiner Kunst zu sehen, ihn antrieb, sich dem Karton des Weltgerichts zu widmen. Sobald er den Papst überzeugt hatte, daß er damit beschäftigt sei, gab er sich dieser Arbeit aber nicht ganz hin, sondern widmete sich heimlich auch den Statuen für das Grabmal.
Im Jahre 1534 starb Papst Clemens, und der Bau der Sakristei und Bibliothek in Florenz, die man mit so vielem Eifer zu vollenden gestrebt hatte, wurde eingestellt. Damals glaubte Michelangelo, er sei nun in Wahrheit frei und könne das Grabmal von Julius II. zum Abschluß bringen. Als jedoch Paul III. gewählt war, dauerte es nicht lange, so rief er ihn zu sich, war sehr freundlich gegen ihn und bat, er möge in seine Dienste treten, er wünsche ihn bei sich zu behalten. Dies lehnte Michelangelo ab, indem er erklärte, er sei bis zur Vollendung des Grabmals dem Herzog von Urbino durch einen Vertrag verpflichtet. Da geriet der Papst in Zorn und sagte: »Seit dreißig Jahren habe ich diesen Wunsch, und nun, da ich Papst bin, sollte ich ihn nicht erfüllen können? Ich werde den Kontrakt zerreißen und bin entschlossen, daß du mir auf jeden Fall dienen sollst.«
Als er diesen Beschluß erfuhr, dachte Michelangelo zunächst daran, von Rom fortzugehen, um auf irgendeine Weise die Möglichkeit zur Vollendung des Grabmals zu gewinnen. Klug jedoch wie er war, fürchtete er die Macht des Papstes und überlegte, wie er ihn, der schon recht betagt war, mit Worten hinhalten könne, ehe es zu Unannehmlichkeiten komme. Der Papst, der irgendein bedeutendes Werk von Michelangelo ausführen lassen wollte, ging eines Tages mit zehn Kardinälen zu seinem Haus, wo er alle Statuen zu dem Grabmal von Papst Julius sehen wollte. Sie erschienen ihm bewunderungswürdig, besonders der Moses, von dem der Kardinal von Mantua meinte, diese Figur allein genüge, um den Papst Julius zu ehren. Nachdem der Papst sich auch die Kartons und Zeichnungen angesehen, die Michelangelo für die Wand der Kapelle machen ließ, die ihm wirklich staunenswert vorkamen, bat er wiederum dringend, Michelangelo möge in seine Dienste treten. Er versprach, zu erwirken, daß der Herzog von Urbino sich mit drei Statuen von seiner Hand begnüge und die übrigen nach seinen Modellen von anderen trefflichen Meistern ausführen lasse. Nachdem Seine Heiligkeit die Agenten des Herzogs in diesem Sinne bestimmt hatte, schloß man einen neuen Vertrag, den der Herzog bestätigte, und Michelangelo erbot sich freiwillig, die drei fehlenden Statuen zu bezahlen, auch das Grabmal mauern zu lassen, und hinterlegte deshalb auf der Bank der Strozzi eintausendfünfhundertachtzig Dukaten. Er hätte sich dieser Verpflichtung wohl entziehen können, und es schien ihm, er habe schon mehr als genug getan, um von einem so langwierigen und unangenehmen Auftrag entbunden zu sein. Er ließ dann das Grabmal in San Pietro in Vincoli aufstellen.
Michelangelo hatte sich, da er es nicht vermeiden konnte, entschlossen, dem Papst Paul zu dienen, und dieser wünschte, daß er die von Papst Clemens angeordnete Arbeit fortsetzen möge, ohne an der Erfindung oder dem früheren Plan, der ihm vorgelegen hatte, etwas zu ändern. Denn er achtete die Kunst Michelangelos hoch und empfand solche Liebe und Ehrfurcht für ihn, daß er sich bemühte, ihm zu gefallen. So hätte der Papst, um nur ein Beispiel zu geben, sehr gern in der Kapelle sein Wappen unter der Statue des Jonas gesehen, dort, wo bereits das Wappen von Julius II. angebracht war, und sagte dies Michelangelo. Da dieser aber, um das Andenken von Julius und Clemens nicht zu beleidigen, sich weigerte und meinte, es würde sich nicht gut ausnehmen, ergab sich der Papst darein, nur um ihm nicht zu mißfallen. Denn er erkannte sehr wohl die Trefflichkeit dieses Mannes, der nach Ehre und Recht handelte ohne Schmeichelei und Kriechereien, was gebietende Herren nicht gewohnt sind zu erfahren.
Michelangelo hatte schon mehr als Dreiviertel des Bildes vollendet, als Papst Paul kam, um es zu besichtigen. Messer Biagio von Cesena, Zeremonienmeister und ein sehr peinlicher Mann, war mit dem Papst in der Kapelle, und auf die Frage, was er von dem Werk halte, entgegnete er, es sei wider alle Schicklichkeit, an einem heiligen Ort so viel nackte Gestalten zu malen, die aufs unanständigste ihre Blößen zeigten; es sei kein Werk für die Kapelle des Papstes, sondern für eine Bade- oder Wirtshausstube. Das verdroß Michelangelo, und um sich zu rächen, malte er den Zeremonienmeister, sobald er fort war, ohne ihn weiter vor sich zu haben, als Minos in der Hölle, die Beine von einer großen Schlange umwunden, umgeben von einer Schar von Teufeln. Und es half dem Messer Biagio nichts, daß er sich an den Papst und Michelangelo wandte und bat, er möge sein Bild dort wegnehmen – es blieb stehen zum Andenken an diese Geschichte.
In jener Zeit geschah es, daß Michelangelo ziemlich hoch von dem Gerüst in der Kapelle herunterfiel und sich am Bein verletzte. Aus Schmerz und Zorn aber wollte er sich von niemand heilen lassen. Nun war damals Meister Baccio Rontini aus Florenz, sein Freund, ein geschickter Arzt und großer Verehrer der Kunst, noch am Leben. Eines Tages ging er aus Teilnahme zu Michelangelos Haus, pochte an und stieg, da weder einer der Nachbarn noch er selbst Antwort gab, auf geheimen Wegen hinan und von einem Zimmer ins andere, bis er zu Michelangelo gelangte, der in Verzweiflung dalag. Unter diesen Umständen wollte Meister Baccio ihn durchaus nicht verlassen und sich nicht von ihm trennen, bevor er wiederhergestellt war. Von seinem Übel geheilt und zur Arbeit zurückgekehrt, beschäftigte sich Michelangelo damit ohne Unterbrechung, führte sein Werk in wenigen Monaten zu Ende und gab den Gestalten darin solche Kraft, daß er das Wort Dantes verwirklichte: »Die Toten schienen tot, die Lebenden lebendig.« Man erkennt den Jammer der Verdammten und die Freude der Seligen. Als daher dies Weltgericht aufgedeckt war, zeigte sich Michelangelo nicht nur als Sieger über die Künstler, die früher in dieser Kapelle gearbeitet hatten, sondern man sah auch, daß er sich in seinen Arbeiten an der Decke, die er zu so großem Ruhme ausgeführt hatte, noch selbst hatte übertreffen wollen, und er hat sich darin übertroffen und zwar sehr weit.

Die erschreckende Gewalt der Kunst

Wer Urteilskraft besitzt und etwas von der Malerei versteht, der erkennt hier die erschreckende Gewalt der Kunst, sieht in den Gestalten Gedanken und Leidenschaften, die kein anderer außer Michelangelo je gemalt hat. Hier lernt man, wie den Stellungen Abwechslung in den seltsamen und verschiedenen Gebärden bei jungen und alten Männern und Frauen gegeben werden kann. Wem offenbart sich in ihnen nicht der Schrecken der Kunst, vereint mit jener Anmut, die diesem Meister von der Natur verliehen war? Denn alle Herzen werden tief bewegt, mögen sie von unserem Berufe nichts verstehen oder dessen kundig sein. Dies Werk ist für unsere Kunst jenes Zeugnis und jenes große Gemälde, das Gott den Menschen zur Erde geschickt hat, damit sie sehen, wie das Schicksal wirkt, wenn Geister von der erhabensten Stufe auf die Erde herabkommen und Anmut und Göttlichkeit des Wissens in ihrem Innern mitbringen. Dieses Werk legt alle in Fesseln, welche die Kunst zu verstehen glauben, und wer jene Zeichen in Umrissen veranschaulicht sieht, sei es was es sei, der bebt und befürchtet, irgendein mächtiger Dämon habe sich der Zeichenkunst bemeistert. Und beachtet man nur die Mühen seines Werkes, so sind die Sinne allein bei dem Gedanken betäubt, was andere schon ausgeführte oder noch auszuführende Gemälde im Vergleich zu diesem sein können. Glücklich kann sich wirklich der nennen und ein beseligendes Andenken bewahrt der in sich, der dies tatsächlich herrliche Wunderwerk unseres Jahrhunderts gesehen hat. Acht Jahre lang arbeitete Michelangelo an diesem Bild und deckte es am Weihnachtsabend 1541 auf, zum Verwundern und Erstaunen Roms, ja der ganzen Welt.
Papst Paul hatte nach dem Vorbild der Kapelle von Nikolaus V. eine andere in demselben Stockwerk, Paolina genannt, durch Antonio da Sangallo bauen lassen und dachte daran, durch Michelangelo darin zwei große Bilder in zwei Rechteckfelder malen zu lassen. So schuf Michelangelo in dem einen die Bekehrung Pauli mit Christus in den Wolken und einer Schar nackter Engel in den schönsten Bewegungen; unten aber sieht man, wie Paulus erschreckt und betäubt vom Pferde zur Erde gestürzt ist, mit seinen Soldaten ringsum. Die einen sind bemüht, ihn wieder aufzurichten, andere durch die Stimme und den Glanz Christi in Schrecken versetzt und in allerlei schönen Stellungen und Bewegungen verwundert und verwirrt fliehend. Und das davonjagende Pferd scheint in seinem raschen Lauf den mit fortzureißen, der es zurückhalten will. Das ganze Bild ist mit größter Kunst ausgeführt und vortrefflich gezeichnet. Im zweiten erblickt man die Kreuzigung des Petrus, der nackt auf das Kreuz geheftet ist – eine seltene Gestalt. Die Henker haben ein Loch in die Erde gegraben, und er zeigt, wie sie das Kreuz so aufrichten sollen, daß die Füße des Gekreuzigten nach oben kommen. Es ist ein Bild voll schöner und bemerkenswerter Gedanken. Michelangelos Bestreben war einzig auf die höchste Vollendung der Kunst gerichtet; so findet man hier weder Landschaften noch Bäume, auch keine Gebäude und keine Abwechslung und keine Reize der Kunst, auf die er nicht achtete, vielleicht weil er seinen hohen Geist nicht mit solchen Dingen erniedrigen wollte. Dies waren seine letzten Bilder, von ihm in einem Alter von fünfundsiebzig Jahren ausgeführt – wie er mir sagte, unter großer Beschwerde, denn die Malerei, besonders aber die Freskomalerei ist keine Arbeit für Alte.
Der Geist und das Talent Michelangelos aber konnten nicht müßig bleiben, und da er nicht malen konnte, nahm er ein Stück Marmor und begann daraus vier überlebensgroße Rundfiguren, eine Beweinung Christi, zu meißeln, weil es ihm Vergnügen und Zeitvertreib schaffte und er sich, wie er zu sagen pflegte, den Leib gesund erhalte, wenn er den Hammer führte. Einen toten Körper, der diesem Christus vergleichbar wäre, kann man sonst nirgends sehen: wie er niedersinkt mit hingegossenen Gliedern in einer Stellung, die völlig verschieden ist von denen, die Michelangelo früher gewählt oder irgendwo angebracht hatte. Ein mühevolles Werk, wie es nur selten aus einem einzigen Stein gearbeitet wird, und wahrhaft göttlich. Es blieb unvollendet und erlebte mancherlei Mißgeschick, obgleich Michelangelo die Absicht gehabt hatte, es für sein eigenes Grab am Fuß des Altars zu benutzen, wo er zu ruhen gedachte.
Im Jahre 1546 starb Antonio da Sangallo, und da es nun an einem Meister fehlte, den Bau von Sankt Peter zu leiten, gab es viele Verhandlungen zwischen der Baukommission und dem Papste, wem das Amt übertragen werden solle. Endlich beschloß Seine Heiligkeit, wie ich glaube auf göttliche Eingebung, nach Michelangelo zu schicken. Auf Befragen, ob er jenes Amt übernehmen wolle, lehnte der Meister es ab und erklärte, um dieser Last zu entgehen, daß die Baukunst nicht eigentlich sein Fach sei. Und als hierauf Bitten nichts halfen, befahl ihm der Papst zuletzt geradezu, das Amt anzunehmen. Demnach mußte er ganz wider seinen Wunsch auf dieses Unternehmen eingehen. Als er nun eines Tages nach San Pietro kam, um das Holzmodell von Sangallo zu sehen und den Bau der Kirche zu prüfen, fand er dort die ganze Sangallische Sippschaft beisammen, die sich vordrängte und Michelangelo so fein wie sie es vermochte sagte, wie erfreut sie seien, daß er die Leitung des Baues bekommen habe, und sie fügten hinzu, daß jenes Modell eine Wiese sei, auf der zu weiden er niemals unterlassen werde. »Ihr sprecht sehr wahr«, entgegnete Michelangelo, indem er nach einer Erklärung, die er einem Freunde gab, dadurch andeuten wollte, sie seien Schafe und Ochsen, die nichts von der Kunst verständen, öffentlich pflegte er dann zu sagen, Sangallo habe dem Bau nicht genug Licht gegeben und außen zu viele Säulenreihen übereinander gehäuft. Durch die vielen pyramidenartigen Vorsprünge und gekünstelten Glieder schließe er sich mehr der deutschen als der guten antiken und schönen und anmutigeren neuen Bauweise an. Auch könne man bei der Ausführung des Baues fünfzig Jahre Zeit und über dreihunderttausend Skudi Kosten sparen, ihn mit mehr Majestät, Größe und Leichtigkeit, nach besserer Zeichnung und Regel schöner und bequemer aufführen. Dies zeigte er an einem Modell, das er machte, um der Kirche die Form zu geben, in der sie nunmehr vor uns steht, und bewahrheitete damit seine Worte.
Endlich stellte ihm der Papst ein Motuproprio aus, worin er ihn zum Haupt des Baues ernannte mit allen Vollmachten, nach Gefallen zu schaffen und einzureißen, hinzuzufügen, fortzunehmen und zu verändern. Auch sollte die ganze Baubehörde von seinem Willen abhängig sein. Gegenüber dieser Zuversicht und diesem Vertrauen des Papstes wünschte Michelangelo nur, daß in der Urkunde auch erklärt werde, er diene dem Bau um Gottes willen ohne irgendeinen Lohn.
Der Papst genehmigte endlich das Modell Michelangelos, nach dem die Peterskirche im Umfang kleiner, in der Wirkung aber um so größer wurde. Er fand, daß die vier von Bramante erbauten und von Antonio da Sangallo unverändert beibehaltenen Hauptpfeiler, die die Last der Tribüne zu tragen hatten, zu schwach waren, füllte sie zum Teil aus und baute daneben zwei Wendeltreppen mit flachen Stufen, auf denen die Saumtiere emporsteigen, um das Baumaterial bis zur Spitze zu tragen. Auf demselben Wege können auch Menschen bis zur Plattform über den Bögen reiten.
Das römische Volk wünschte mit Zustimmung des Papstes dem Kapitol eine schöne, zweckmäßige und bequeme Gestalt zu geben: Säulenordnung, Aufgänge, Rampen und große Treppenanlagen anzubringen und durch den Schmuck antiker Statuen, die schon hier waren, jenen Ort zu verherrlichen. Da man dafür Michelangelos Rat begehrte, fertigte er eine sehr schöne, inhaltreiche Zeichnung an, in der er an der Seite, wo der Senator wohnt, das heißt gegen Osten, eine Fassade von Travertin und eine Treppe mit zwei Aufgängen zu einem Podest anbrachte, von dem man in der Mitte in den Saal des Palastes gelangt. Verschiedenartige Geländer, die zugleich als Stützen und als Brustwehren dienen, wurden angelegt. Michelangelo ließ zu ihrem größeren Schmuck die beiden liegenden antiken Flußgötter von Marmor, den Tiber und den Nil, auf zwei Postamenten aufstellen, und in eine große Nische in der Mitte sollte ein Jupiter kommen. Für die Südseite, wo sich der Palast der Konservatoren befindet, entwarf er, um das Gebäude ins Rechteck zu bringen, eine reiche Fassade, unten eine Loggia mit Säulen und Nischen, für die viele antike Statuen bestimmt sind, umher aber wurde mancherlei Schmuck an Türen und Fenstern angebracht, wovon ein Teil schon fertig ist. In der Mitte des Platzes wurde das berühmte Pferd aus Bronze, das die Statue des Marc Aurel trägt, auf einer ovalen Basis aufgestellt, nachdem Papst Paul dieses Standbild von dem Platz des Lateran, wo Sixtus IV. es hatte aufstellen lassen, weggenommen hatte.
Paul III. hatte den Bau des Palastes der Familie Farnese durch Sangallo, solange dieser lebte, errichten lassen. Als man aber an dessen Außenseite ganz oben zur Vervollständigung des Daches das Gesims aufsetzen mußte, sollte es auf Wunsch des Papstes Michelangelo nach seiner Zeichnung und Angabe machen. Dieser konnte dem Papst, der ihn hochhielt und ihm Freundlichkeiten erwies, nichts abschlagen; er ließ daher ein Holzmodell in der Größe des dort anzubringenden Gesimses arbeiten und es an einer Ecke des Palastes befestigen, um die Wirkung zu zeigen, die das Werk haben würde. Da es Seiner Heiligkeit sowie ganz Rom gefiel, wurde es später ausgeführt und ist das schönste und eigenartigste seiner Art, das bei den Alten oder Neueren gefunden werden kann. Daher wollte der Papst nach Sangallos Tod Michelangelo die weitere Sorge auch für dieses Gebäude übertragen. Dort errichtete er über dem Haupteingang des Palastes das große Marmorfenster mit den herrlichen bunten Marmorsäulen und dem großen und sehr schönen und reichen Marmorwappen von Papst Paul III., dem Gründer des Palastes. Innen im Hof aber baute er über der ersten Säulenordnung die beiden folgenden mit den schönsten, neugestalteten und anmutigsten Fenstern, Schmuckwerken und Dachgesimsen, die man je gesehen hat, so daß es durch die Bemühung und den Geist dieses Mannes nunmehr der schönste Hof in ganz Europa geworden ist. Er erweiterte und vergrößerte den großen Saal und traf Anordnung zum Bau des Empfangsraumes, dessen Decke er nach einer neuartigen Weise in halbeiförmigen Bogen wölben ließ.
Im Jahre 1549 starb Paul III., worauf nach der Erwählung Julius‘ III. der Kardinal Farnese seinem Verwandten Paul durch Fra Guglielmo ein großes Grabmal errichten ließ, der es in der Peterskirche im ersten Bogen des Neubaus unterhalb der Kuppel aufstellen wollte, wo es den Plan jener Kirche behinderte und wirklich nicht an seinem Orte stand. Und weil nun Michelangelo mit richtigem Urteil riet, dorthin gehöre es nicht und dürfe es nicht kommen, faßte der Mönch großen Haß gegen ihn, fest überzeugt, er tue es aus Neid. Später allerdings mußte er wohl einsehen, daß jener die Wahrheit gesagt habe und der Fehler auf seiner Seite lag. In demselben Jahr bestätigte Julius III. das Motuproprio Pauls III. über den Bau der Peterskirche. Und obwohl von den Gönnern der Sangallischen Sippschaft wegen des Baues vielerlei gegen Michelangelo vorgebracht wurde, wollte doch der Papst nichts davon wissen; wie denn auch weder auf der Vigna Giulia irgend etwas gegen seinen Rat ausgeführt wurde noch im Belvedere, wo er eine neue Treppe an der Stelle jener halbrunden nach vorn geschwungenen baute, wie sie Bramante in der Mitte des Belvedere angebracht hatte. Michelangelo ließ an dieser Stelle nach seiner Zeichnung die sehr schöne viereckige Treppe mit dem Geländer von Peperino aufführen. Dieser Papst achtete Michelangelo so hoch, daß er gegen Kardinäle, die ihn zu verleumden suchten, immer seine Verteidigung übernahm. Auch von den vorzüglichsten und berühmtesten Künstlern verlangte er stets, sie sollten ihn in seinem Hause aufsuchen. Ja, seine Ehrfurcht für diesen Meister war so groß, daß er aus Furcht, ihm lästig zu werden, viele Dinge von ihm nicht begehrte, die Michelangelo trotz seines hohen Alters wohl tun konnte.
Etwa ein Jahr vor Michelangelos Tod hatte Vasari heimlich dahin gewirkt, daß Herzog Cosimo von Medici durch seinen Gesandten den Papst veranlaßte, jetzt, wo Michelangelo sehr hinfällig wurde, sorgsam auf die zu achten, die bei ihm waren, ihn pflegten und in seinem Hause aus und ein gingen. Außerdem sollten Vorkehrungen getroffen werden, daß, falls irgendein plötzlicher Zufall eintrete, wie er bei alten Leuten zu geschehen pflegt, ein Verzeichnis seiner Sachen, Zeichnungen, Kartons, Modelle, seines Geldes und aller seiner hinterlassenen Güter aufgenommen und alles in Sicherheit gebracht werde, was für den Bau von Sankt Peter, für die Sakristei, die Bibliothek und die Fassade von San Lorenzo vorhanden wäre. Vor allem sei zu verhüten, daß nicht Sachen verschleppt würden, wie oftmals geschieht eine Sorgfalt, die sich vollkommen bewährte und glücklich durchgeführt wurde.
Lionardo, der Neffe Michelangelos, der den nahen Tod seines Oheims ahnte, wünschte während der kommenden Fasten nach Rom zu gehen, und Michelangelo war um so lieber damit einverstanden, da er kurz vorher an einem langsamen Fieber erkrankt war. Er ließ deshalb schreiben, Lionardo möge kommen. Als dann trotz der Pflege seines Arztes Messer Federigo Donati und anderer das Übel zunahm, machte er sein Testament, und zwar in drei Worten: er übergebe seine Seele Gott, seinen Leib der Erde und seine Besitztümer den nächsten Verwandten, und forderte die Seinen auf, ihn beim Sterben an die Leiden Christi zu erinnern. So schied er am 18. Februar 1564 vom Leben, um zu einem besseren Dasein hinüberzugehen.
Michelangelo war der Kunst leidenschaftlich ergeben, da er sah, daß jede noch so schwierige Sache ihm leicht gelang. Denn die Natur hatte ihm einen Geist verliehen, der in der herrlichen Kunst des Zeichnens überaus geschickt und ausdauernd war. Um hierin ganz vollkommen zu werden, beschäftigte er sich weitgehend mit der Anatomie, indem er selbst viele Leichname sezierte, um die Grundformen und Verbindungen der Knochen, Muskeln, Nerven und Adern zu sehen und die verschiedenen Bewegungen und alle Stellungen des menschlichen Körpers kennenzulernen. Ebenso beschäftigte er sich aber auch mit den Tieren, besonders den Pferden, von denen er sich einige zu seinem Vergnügen hielt, da er von allem Ordnung und Zusammenhang, in bezug auf die Kunst kennenlernen wollte. Seine Arbeiten mit dem Pinsel und dem Meißel wurden dadurch fast unnachahmlich. Er verlieh seinen Werken so viel Kunst, Anmut und Lebendigkeit, daß er, wie ich ohne Kränkung von irgend jemand sagen darf, die Alten übertroffen hat. Auch wußte er die Schwierigkeiten bei der Arbeit so leicht zu überwinden, daß sie ohne Mühe ausgeführt zu sein scheinen, obgleich der, der seine Sachen zeichnet, sie beim Kopieren wohl erkennt.
Die Kunst Michelangelos fand während seines Lebens Anerkennung, nicht wie bei vielen anderen erst nach dem Tode. Denn wir haben gesehen, daß die hohen Päpste Julius II., Leo X., Clemens VII., Paul III., Julius III. und Pius V. ihn immer in ihrer Nähe haben wollten. Und wir wissen dasselbe von dem türkischen Sultan Soliman, von Franz Valois, dem König von Frankreich, von Kaiser Karl V., der Signoria von Venedig und Herzog Cosimo de‘ Medici, die alle sich erboten, ihm ein ehrenvolles Gehalt zu zahlen, aus keinem anderen Grunde, als um teilzuhaben am Glanze seiner Kunst. Dies geschieht nur Menschen von hohem Wert, wie er es war. Man hatte erkannt und gesehen, daß die drei Künste in ihm zu einer Vollkommenheit gediehen waren, wie sie weder bei den alten noch bei den neueren Meistern gefunden wird, und in den unendlich vielen Jahren, seit die Sonne kreist, keinem außer ihm von Gott verliehen war. Er besaß eine so gewaltige Einbildungskraft, daß seine Hände die großen und schrecklichen Gedanken nicht darstellen konnten, die sein Geist in der Idee erfaßte, und er oft seine Arbeiten stehenließ oder richtiger viele verdarb.
Niemand wird es seltsam finden, daß Michelangelo die Einsamkeit liebte, da er sich so ganz der Kunst ergeben hatte, die den Menschen für sich und seine Gedanken allein haben will und denen, die sich ihr widmen, zur Pflicht macht, die Gesellschaft zu meiden. Denn wer mit ihrer Betrachtung sich beschäftigt, ist nie allein noch ohne Gedanken, und wer dies für Grillenfängerei und Wunderlichkeit achtet, hat sehr unrecht, da man, um etwas wahrhaft Gutes zu leisten, sich von Sorgen und Widerwillen fernhalten muß. Die Kunst verlangt Nachdenken, Einsamkeit und Gemächlichkeit und kann Zerstreuungen nicht vertragen.
Bei alledem schätzte Michelangelo zur rechten Zeit den Umgang mit ausgezeichneten Gelehrten und geistreichen Männern sehr hoch und wußte sich ihre Freundschaft zu erhalten, wie die des erhabenen Kardinals Hippolyt von Medici, der ihn so zärtlich liebte, daß er, als er eines Tages hörte, sein türkisches Pferd gefalle Michelangelo wegen seiner Schönheit besonders, ihm dieses sogleich schenkte und ihm zugleich zehn mit Futter beladene Maulesel nebst einem Pferdeknecht sandte. Michelangelo nahm dies alles gern an.
Michelangelo liebte auch die Meister seines Berufs und hatte Umgang mit ihnen, so mit Jacopo Sansovino, Rosso, Pontormo, Daniello da Volterra und Giorgio Vasari aus Arezzo, dem er unendlich viel Freundlichkeit erwies. Er veranlaßte ihn, sich mit der Baukunst in einer Weise zu beschäftigen, daß er sie einst ausüben könne, unterhielt sich gern mit ihm und sprach mit ihm über Gegenstände der Kunst. Wer Michelangelo nachsagt, er habe nicht unterrichten können, der trägt selbst Schuld daran. Er tat es bei jedem, mit dem er vertraut war und der seinen Rat begehrte. Richtig ist nur, daß er mit denen Mißgeschick hatte, die im Hause bei ihm lernten, da sie sich wenig eigneten, ihn nachzuahmen. Hätte er, wie er mir mehrmals sagte, jemand gehabt, der dafür geeignet gewesen wäre, so würde er unbekümmert um sein hohes Alter oft Leichname zergliedert und zum Nutzen der Künstler über diesen Gegenstand geschrieben haben. Von mehreren war er hintergangen worden, und er mißtraute sich selbst, da er schriftlich nicht wohl zu sagen wußte, was er im Sinn hatte und im Reden keine Übung besaß, obgleich er in Briefen mit wenig Worten seine Meinung wohl ausdrückte und großes Vergnügen an den Dichtern der Volkssprache fand, besonders an Dante, den er hoch verehrte und in Gedanken wie Erfindungen nachahmte, ebenso Petrarca, wie er sich selbst damit abgab, Madrigale und sehr ernste Sonette zu dichten. Unzählige Sonette sandte er an die Marchesa von Pescara und erhielt Antwort von ihr in Versen und Prosa. Er war in ihre Vorzüge so verliebt wie sie in die seinigen, und häufig kam sie von Viterbo nach Rom, um ihn zu besuchen, und Michelangelo fertigte ihr mehrere Zeichnungen. [Fußnote] Als ein guter Christ fand Michelangelo großes Gefallen an der Heiligen Schrift und war ein Verehrer der Werke von Fra Girolamo Savonarola, dessen Stimme er von der Kanzel herab vernommen hatte. Menschliche Schönheit liebte er überaus, um sie in der Kunst nachzuahmen und das Schönste vom Schönen auszuwählen, weil nur dadurch Vollkommenes geleistet werden kann, doch nicht aus üppigen unehrbaren Gedanken; das hat er durch sein Leben gezeigt. Er war sehr mäßig, begnügte sich, um anhaltend bei der Arbeit zu bleiben, in der Jugend mit ein wenig Brot und Wein und pflegte in späteren Jahren bis zu der Zeit, da er das Weltgericht in der Kapelle malte, abends nach vollbrachtem Tagewerk ein sparsames Mahl einzunehmen. Obwohl reich, lebte er gleich einem Armen. Nie oder doch selten aß ein Freund mit ihm, auch wollte er von niemand Geschenke annehmen, da er sich dem, der ihm etwas gab, dafür verpflichtet fühlte. Seine Mäßigkeit bewirkte, daß er äußerst wachsam war und nur wenig Schlaf brauchte. Oft stand er nachts auf, wenn er nicht ruhen konnte, um mit dem Meißel zu arbeiten. Für diesen Zweck hatte er sich eine Kappe von starkem Papier gemacht, in deren Mitte oben ein brennendes Licht befestigt war, das überall, wo er arbeitete, einen hellen Schein warf, ohne die Hände zu behindern.
In seiner Jugend hatte Michelangelo, wie er mir selbst erzählte, oft in Kleidern geschlafen, wenn er ermüdet von der Arbeit sich nicht ausziehen mochte, um sich dann wieder anzuziehen. Einige haben ihn für geizig gehalten, aber mit Unrecht, da er bei Werken der Kunst und anderen Besitztümern das Gegenteil bewiesen hat. Worin mag man diesen Mann des Geizes anklagen, der viele Dinge weggegeben hat, aus denen er Tausende von Skudi hätte gewinnen können? Ich weiß und sah, wie er eine Menge Zeichnungen fertigte und Bilder und Gebäude prüfte, ohne je etwas dafür zu nehmen. Und was nun die Gelder betrifft, die er durch Anstrengung gewonnen hat, nicht durch Einkünfte, nicht durch Handel, sondern durch Fleiß und Arbeit, so frage ich, kann man den geizig nennen, der gleich ihm vielen Armen Hilfe leistete, viele Mädchen in der Stille verheiratete und diejenigen bereicherte, die ihm bei seinen Arbeiten beistanden oder sonst nützlich waren?
Michelangelo hatte ein sehr gutes und umfassendes Gedächtnis. Er brauchte die Arbeiten anderer nur einmal zu sehen, um sie ganz zu behalten und sich ihrer in einer Weise zu bedienen, daß nie jemand es gewahr wurde. Auch hat er nie etwas ausgeführt, das einem seiner früheren Werke ähnelte, weil er sich alles dessen erinnerte, was er gearbeitet hatte. Er war zornig, und dies mit Recht, gegen diejenigen, die ihn beleidigten. Niemals aber strebte er nach Rache, war viel eher geduldig, bescheiden in seinen Sitten, im Sprechen sehr verständig, gab Antworten voll Weisheit und Ernst und führte bisweilen auch sinnreiche, lustige und scharfe Reden.
Michelangelo hatte einen sehr gesunden Körper, mager, mit guten Nerven ausgestattet. Als Kind war er schwächlich und mußte als Mann zwei schwere Krankheiten durchmachen. Er trug indes jede Beschwerde leicht und hatte kein Leiden, als daß er im Alter an Nierenschmerzen und Blasensteinen litt, weshalb Messer Realdo Colombo, sein naher Freund, ihn jahrelang ärztlich behandelte und sorgfältig kurierte. Er war von mittlerer Größe, hatte breite Schultern, die jedoch im richtigen Verhältnis zu seinem Körperbau standen. Als er alt wurde, trug er Stiefel von Hundefellen monatelang über den bloßen Füßen, so daß öfter, wenn er sie endlich ausziehen wollte, die Haut mit herunterging, über den Strümpfen pflegte er zum Schutz gegen Feuchtigkeit innen zugeschnallte Stiefel von Corduan zu tragen. Sein Gesicht war rund, die Stirn eckig und frei mit sieben Furchen quer darüber hin. Die Schläfen ragten weiter vor als die Ohren. Die Ohren waren eher ein wenig groß und von den Wangen abstehend. Der Körper hatte richtiges Verhältnis zum Gesicht und war ziemlich groß, die Nase ein wenig gequetscht, da sie ihm Torrigiano mit der Faust einschlug. Die Augen waren mehr klein als groß, rabenschwarz mit gelblichen und hellblauen sprühenden Punkten untermischt. Die Augenbrauen hatten wenig Haare, die Lippen waren fein, die untere dicker und ein wenig vorstehend. Das Kinn stimmte gut zu dem übrigen Gesicht. Haupt- und Barthaare waren schwarz, mit vielen grauen untermischt, der Bart nicht sehr lang, gabelartig geteilt und nicht sehr dick.
Michelangelo wurde mit ehrenvollen Exequien unter Zuströmen der ganzen Kunstgenossenschaft, aller seiner Freunde und der Florentiner Gemeinde im Angesicht von ganz Rom in einer Gruft in Santi Apostoli beigesetzt, da Seine Heiligkeit die Absicht hatte, ihm in Sankt Peter in Rom ein besonderes Denkmal und Grabmal zu errichten.
Sein Neffe Lionardo kam erst an, als alles schon vorüber war, obwohl er mit der Post reiste. Als Herzog Cosimo von dem, was sich begeben, erfuhr, beschloß er, da er Michelangelo zu Lebzeiten nicht für sich gewinnen und ehren konnte, die Leiche nach Florenz bringen zu lassen, um ihm im Tode mit aller Pracht die höchsten Ehren zu erweisen. Wie ein Kaufmannsgut in einen Ballen verpackt schaffte man ihn heimlich fort, damit in Rom nicht Lärm gemacht und man vielleicht verhindert werde, ihn von dort weg nach Florenz zu bringen. Die plötzliche und fast unerwartete Ankunft der Leiche Michelangelos gestattete nicht sofortige Veranstaltungen; man trug den Sarg, sobald er nach Florenz kam (das war eines Sonnabends), auf Verlangen der Abgeordneten nach dem Heim der Gesellschaft der Himmelfahrt Mariä unter dem Hauptaltar und den Treppen hinter San Pietro Maggiore, ohne irgend etwas damit vorzunehmen. Tags darauf versammelten sich alle Maler, Bildhauer und Baumeister in aller Stille bei Sankt Peter, wohin sie nichts als eine ganz mit Gold verzierte und durchnähte Samtdecke brachten, um sie über die Bahre und den Sarg zu breiten, auf dem ein Kruzifix lag. Nachts um zwölf Uhr ungefähr umstanden alle dicht die Leiche. Die ältesten und vorzüglichsten Meister ergriffen plötzlich eine Menge Fackeln, die ihnen zugereicht wurden, und die jüngeren hoben die Bahre so schnell, empor, daß sich glücklich pries, wer herzutreten und die Schulter herunterschieben konnte, um des Ruhmes willen, in kommenden Zeiten sagen zu können, sie hätten die Gebeine des größten Meisters getragen, der je ihrem Beruf angehört habe. Diese Versammlung bei Sankt Peter veranlaßte, wie dies zu geschehen pflegt, daß viele Personen stehenblieben, um so mehr, da sich jetzt die Nachricht verbreitete, die Leiche Michelangelos sei angelangt und werde nach Santa Croce gebracht werden, obwohl alle Sorgfalt angewendet war, damit die Sache nicht bekannt werde und nicht eine Menge herbeilocke, die unausweichlich eine gewisse Unruhe und Verwirrung stiften mußte. Denn man wünschte, das Wenige, was jetzt geschehe, möge mit mehr Stille als Pomp vor sich gehen und alles übrige für eine passendere und bequemere Zeit aufgespart bleiben. Und doch geschah von beidem das Gegenteil. Denn was die Menge anbelangt, so füllte sich, als die Neuigkeit von Mund zu Mund ging, die Kirche augenblicklich in solchem Maße, daß zuletzt der Sarg nur mit großer Mühe von dort nach der Sakristei getragen werden konnte, wo man ihn von der Umhüllung frei machen und nach der dafür bestimmten Gruft bringen wollte. Was nun die Ehren anbelangt, so ist zwar nicht zu leugnen, daß es prächtig und köstlich ist, bei feierlichen Leichenbegängnissen eine Menge Geistlicher, viele Wachskerzen und viele verhüllte und in Trauer gekleidete Personen zu sehen. Anderseits war es aber auch etwas Großes, als die trefflichen Männer, die jetzt hochberühmt sind und es in Zukunft noch mehr sein werden, sich mit so liebevoller Dienstbeflissenheit und Zuneigung unvorbereitet um jene Leiche scharten.
Die Zahl der Künstler, die sich alle einfanden, ist zu jeder Zeit in Florenz sehr groß gewesen, weil die Künste dort stets in einer Weise geblüht haben, daß ich glaube, man kann ohne Beleidigung anderer Städte sagen, Florenz sei ihre eigentliche Wiege und Heimat, gleich wie Athen es einst für die Wissenschaften gewesen ist. Außer den Künstlern aber folgten der Leiche so viele Bürger und so viele Leute von den Straßen, durch die sie getragen wurde, als nur Raum fanden. Ja, was mehr ist, man hörte von jedermann die Verdienste Michelangelos feiern und sagen: wahre Kunst übe eine solche Macht, daß sie, wenn man bereits alle Hoffnung auf Ruhm und Gewinn durch einen Künstler habe aufgeben müssen, dennoch um ihrer Natur und Vorzüge willen geliebt und geehrt werde.
Durch alle diese Umstände hatten jene Ehrenbezeigungen mehr Leben und mehr Wert, als Prunk und Gold und Teppiche ihm hätten verleihen können. Nachdem die Leiche unter so schönem Gefolge nach Santa Croce gebracht war, feierten die Mönche die bei Verstorbenen üblichen Zeremonien, und man trug sie durch die herbeigeströmte Volksmenge hindurch nicht ohne Schwierigkeit nach der Sakristei. Der Prorektor, der sich seines Amtes wegen dort befand, beschloß, den Sarg öffnen zu lassen, überzeugt, dies werde vielen sehr lieb sein und außerdem, wie er später zugab, von dem Wunsch getrieben, den Anblick desjenigen wenigstens im Tode zu haben, den er lebend nie oder doch in so früher Jugend gesehen hatte, daß ihm keine Erinnerung daran geblieben war. Es geschah, und während er und wir alle, die wir anwesend waren, einen verwesten Körper erwarteten – denn er war schon fünfundzwanzig Tage tot und hatte zweiundzwanzig Tage im Sarge gelegen –, fanden wir ihn in allen Teilen wohlerhalten und so ganz frei von jedem üblen Geruch, daß wir fast glaubten, er liege in einem sanften und ruhigen Schlaf. Seine Züge waren genau wie zu Lebzeiten, mit der Ausnahme, daß sein Gesicht ein wenig Leichenfarbe hatte, und an keinem Glied war eine Beschädigung oder Unsauberkeit zu sehen. Fühlte man Kopf und Wangen an, so glaubte man, er sei erst vor wenigen Stunden gestorben.
Nachdem das Gedränge des Volkes vorüber war, wurde Anordnung getroffen, ihn durch die Tür, die nach dem Kreuzgang des Kapitels führt, in eine Gruft der Kirche neben dem Altar der Cavalcanti zu bringen. Es hatte sich jedoch unterdessen das Gerücht von dieser Begebenheit in der Stadt verbreitet, und es strömte eine solche Menge junger Leute herbei, um die Leiche zu sehen, daß man das Grab nur mit Mühe schließen konnte. Ja, wäre es Tag gewesen, so hätte man es, um die Menge zu befriedigen, viele Stunden offenlassen müssen.
Am folgenden Morgen, während Maler und Bildhauer zu den kommenden Ehrenbezeigungen Anstalten trafen, beeilten sich viele schöne Geister, an denen Florenz stets reich war, Verse in Latein und in der Volkssprache an das Grab zu heften. Dies geschah lange Zeit, obwohl die Zahl der damals gedruckten Gedichte im Vergleich zu den später verfaßten gering war.
Die Kirche war von den Mitgliedern der Akademie in reichster Weise mit plastischen Arbeiten und Gemälden, alle auf den großen Toten bezüglich und für diesen Tag hergestellt, geschmückt worden. Als sie mit Kerzen erleuchtet und von einer unendlichen Volksmenge erfüllt war, trat der Zug ein. Voraus der Prorektor der Akademie, dann, begleitet von dem Hauptmann und den Hellebardieren des Herzogs, die Konsuln und Akademiker, kurz alle Maler und Bildhauer der Stadt Florenz. Sie nahmen zwischen dem Katafalk und dem Hauptaltar Platz, wo sie von einer sehr großen Zahl hoher Personen und Edelleute erwartet wurden, die alle ihrem Rang entsprechend bequem nebeneinander saßen. Dann begann eine höchst feierliche Totenmesse mit Musik und jeder Art Gepränge. Nach ihrer Beendigung stieg Signor Varchi auf die Kanzel, um ein Amt zu vollziehen, das er zuletzt für die Durchlauchtige Herzogin von Ferrara, Tochter des Herzogs Cosimo, und seitdem nicht wieder ausgeübt hatte. Von dort herab verkündete er mit der ihm ganz eigenen Gewähltheit der Rede und wohltönender Stimme das Lob, die Verdienste, das Leben und die Werke des göttlichen Michelangelo Buonarroti.
Da nicht die ganze Stadt an einem einzigen Tage die Ausschmückung der Kirche in Augenschein nehmen konnte, blieb sie, dem Wunsche des Herzogs entsprechend, viele Wochen unverändert zur Befriedigung der Einheimischen und der Fremden, die aus der Umgebung kamen, um sie zu sehen.
Zum Schluß will ich nicht unterlassen noch zu berichten, daß der Herzog nach den obengenannten Ehrenbezeigungen anordnete, Michelangelo an einer Ehrenstelle ein Grabmal in Santa Croce zu errichten, da er schon zu Lebzeiten bestimmt hatte, einst in jener Kirche beigesetzt zu werden, denn dort befand sich die Gruft seiner Ahnen. [Fußnote] Der Herzog schenkte Lionardo, dem Neffen Michelangelos, den zu dem Grabmal nötigen weißen und bunten Marmor. Es wurde nach einer Zeichnung Giorgio Vasaris, zugleich mit einer Büste Michelangelos, dem vortrefflichen Bildhauer Battista Lorenzi in Auftrag gegeben. Dazu gehören drei Statuen: die Malerei, die Bildhauerei und die Baukunst. Drei Florentiner Bildhauer wurden mit ihrer Ausführung betraut: der genannte Battista, Giovanni dell’Opera und Valerio Cioli. Die Kosten – mit Ausnahme des Marmors, den er vom Herzog empfangen hatte – trug Lionardo Buonarroti.

Mitsue Kono | Abstrakte Malerei

Mitsue Kono – Porträt einer deutsch-japanischen Künstlerin in Hamburg

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Beschreiben Sie bitte kurz, was Sie tun.
Ich bin Künstlerin. Malerin.
Ich bin in verschiedenen kreativ künstlerischen Bereichen ausgebildet.
Unter anderen auch als Sprecherin und Theaterschauspielerin.

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich denke ich war schon immer Künstlerin.
Für mich ist Kunst die freie Bewegung von Kreativität, die in die Welt hinaus will
und muss. Sie duldet keine Stoppschilder und kein Wenn & Aber.

Vietnam River... - 130x130 cm - Acryl/Acrytinte/Lack
Vietnam River… – 130×130 cm – Acryl/Acrytinte/Lack

Ich bin ein sehr kreativer Mensch bin und brauche immer Ventile für mich,
um diese Energie auszudrücken.
Zum Glück habe ich immer künstlerische Ausdrucksformen gefunden.
Auch in Zeiten, wo ich von der Kunst noch nicht gänzlich leben konnte.
Als Kind faszinierte mit das Wort in der Poesie und in der Musik.
Von klein auf an habe ich viel gedichtet.
Irgendwann als junge Frau mit Mitte 20, entschied ich mich weiter in die Kunst zu gehen,
weil mir dies als der einzige Schaffenssort schien, bei dem ich bis zu meinem
Lebensende verweilen könnte.
Ich fand dann sofort den Einstieg in die Musikbranche, wo ich meine prosaischen
Erzählungen in Töne kleiden durfte. Eine große Lebensfreude, von der ich
immer noch emotional zehre.
Der Weg der Kunst ist für mich ein Weg des schöpferischen Schaffens.
Mein Weg führte durch die Bereiche, die sich mit meinen Fähigkeiten und Talenten deckten.
Künstler haben ja oft mehrere Talente.
So machte ich eine professionelle Sprechausbildung, „sprach“ und spielte Theater.

Eine größere Freude des Tuns und Seins als Künstlerin habe ich bisher nicht erlebt.
Ich fühle eigentlich bei jeder Art von Kunst, die ich erlebe eine tiefe Dankbarkeit
dem Leben gegenüber Künstlerin zu sein.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Ich denke man selbst. In der abstrakten Malerei begegne ich mir selbst.
In der Dichtung sind es die Schmerzen und tiefen Wunden, die mir als Nährboden für den Ausdruck dienen.
Beides ist nicht leicht, denn ich begegne oft meinen gedanklichen Mustern und Einschränkungen.
Bei verpatzten Sprecherjobs stand mir in jungen Jahren mein Mangel an Selbstbewusstsein im Wege.

Aber schwierig?
Ich bin dankbar und glücklich Künstlerin zu sein und empfinde es als einen Segen,
neben all den weniger schönen Dingen im Leben.
Der schwierigste Part ist vielleicht der existenzielle, wenn man den Anspruch
hat von der Kunst zu leben. Aber das hat ja nicht zwingend etwas mit dem „Künstlerdasein“ zu tun.

Sommerregen 130x130 cm Acryl/Lack/Acryltinte.jpg
Sommerregen – 130×130 cm – Acryl/Lack/Acryltinte

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig. Wenn ich das auf das eben gesagte beziehe, dann kann ich heute sagen, dass ich viel mehr in Verbindung mit meiner kreativen Energie bin.
Ich hinterfrage mich nicht mehr.
Ich baue heute auf mein Können, weil ich Erfahrung mit mir habe und weiß, was ich kann und was nicht.
Es gibt ein anderes Niveau von Perfektionismus.
Ich akzeptiere das, was auf der Leinwand ensteht.
Heute weiß ich, es hat seine Berechtigung egal wie „unperfekt“ es sich in manchen Entstehungsmomenten anfühlt. Ich habe gelernt es zu „lassen“.
Im japanischen nennt man das Wabi Sabi. Ein natürlicher Zustand.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Die abstrakte Malerei. Aber das ist nur der aktuelle Stand meines Lebens. Kunst ist ja nicht statisch.
Ich verschließe mich den kreativen Kanälen und Fähigkeiten, die sich mir als Chance des Ausdrucks anbieten nicht. Als Künstler wächst man stetig am Umgang seiner kreativen Energie und Kraft.
Künstler wissen ja darum.
Ich liebe Kunst als Ganzes. Und mich beeindruckt der Weg der Entstehung eines Kunstwerkes an sich.
Ich bin mir sicher irgendwann wieder Musik zu machen oder ein neues Buch zu schreiben.
Allerdings erfüllt mich die Gewissheit, dass mich die Malerei – und ich sie – nie wieder loslassen wird.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Nein! Ich muss mich auch nicht zwingend mit anderen Künstlern auseinander setzen.
Da ich die Kunst achte, habe ich automatisch Interesse an Kunst & Künstlern.
Mich beeindrucken grundsätzlich Künstler/innen, die authentisch sind!
Ich genieße die Arbeiten anderer Künstler und tauche bei der Betrachtung aus Interesse gerne in deren
Schaffensprozesse ein. Materiell wie emotional.
Ich habe Kunst nicht intellektuell studiert. Der Kopf hat für mich wenig mit Kunst zu tun.
Ich fühle sie lieber.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Hamburg ist kulturell sehr gut versorgt und in Bewegung.

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Frozen Water – Deepest Yin – 100×100 cm – Acryl/Acryltinte/Lack

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten weiterhin Menschen glücklich machen, und diese weitere Kreise ziehen.
Pläne mache ich nicht mehr wirklich. Es kommt sowieso wie es kommt. Auf dem Weg dorthin schaue ich, dass ich gut bei mir bleibe und beim Wesentlichen. Und vor allem gesund.
Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Keinen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Ich denke jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.
Ausdauer und Durchhaltevermögen haben mich weiter gebracht.
Es gab einige Jahre, da hat kein Mensch außerhalb meiner Wohnung meine Arbeiten gesehen, geschweige denn gekauft.
Ich habe mich damit nicht so aufgehalten, sondern weiter auf das Bedürfnis Malen konzentriert. Die Türen haben sich irgendwann – ich glaube nach etwa 4 Jahren – plötzlich geöffnet. Ohne Ausdauer und Durchhaltevermögen wäre ich heute sicher keine internationale Künstlerin. Die Vorstellung, dass meine Bilder in England, Skandinavien, den USA und sonstwo noch hängen und Menschen sich so weit weg von mir, meine Arbeiten anschauen, vielleicht drüber sprechen und sich daran erfreuen,
das finde ich großartig. Da hüpft echt mein Herz.

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Foto: Privat

Mitsue Kono wurde im Jahre 1969 des Hahns in eine alte Samuraifamilie Yokohamas als Tochter eines japanischen Vaters und einer nordeutschen Mutter hinein geboren. Beide Kulturen haben sie wachsen lassen und beeinflussten sie sowohl als Frau und wie auch als Künstlerin.
Die Freude an der Kunst und das natürliche Verlangen diese kreativ auszudrücken, begleiten Mitsue Kono seit ihrer Kindheit: Achtsamkeit, Sensitivität und bewusste Entwicklung.

Kreativität und Kunst sind im Leben der Künstlerin und Therapeutin allgegenwärtig. Ihren Weg als Künstlerin begann Mitsue Kono als Dichterin. Die Rhythmik der Worte verband sich mit der Musik. Zu dieser Zeit begann sie mit japanischer Kalligrafie und dem Malen buddhistischer Symbolik. Hinzu kamen Kinderillustration (als Zwischenspiel) und Abstrakte Malerei. In Letzterer bündelt sich ihre kreative Energie und ist Begleiter im Schaffensprozess all ihrer Bilder, mit dem Ursprung in ihrer Seele.

Kontakt zur Künstlerin: mitsuekono.de

Kolumne | Über die innere Schönheit – Das Schicksal Quasimodos

Über die innere Schönheit

Quasimodo - Antoine Wiertz - 1839
Quasimodo – Antoine Wiertz – 1839

„Die weiblichen Instinkte können sich viel schneller verständigen als die männlichen Intelligenzen. […] das Auftreten einer schönen Frau genügt, um eine ganze Versammlung hübscher Frauen in eine gewisse Missstimmung zu tauchen, besonders wenn nur ein einziger Mann zur Stelle ist.“
Aus: Der Glöckner von Notre Dame von Victor Marie Hugo

Ich könnte mit dem banalen Spruch beginnen, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen seien. Ein Spruch aus dem Poesie-Album, der gern zitiert wird und doch so allgemein gehalten ist, dass er nicht greifbar scheint. In der Literatur gibt es eher selten ein gutes Ende für Protagonisten mit einem eher bescheidenen Aussehen. Diese Romanfiguren scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei spielt ihr meist guter Charakter keine zentrale Rolle. Der Leser erwartet ihr tragisches Ende.

Wenn ich die Entwicklung in den sozialen Medien beobachte, erscheint es mir wichtig, sich so wenig wie möglich vom Rest zu unterscheiden. Das zeigt sich in den immer gleichen Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen zu strittigen Themen. Die Boulevardpresse gibt uns Jahr um Jahr die selben Tipps für Aussehen und Weltbild. Vielleicht hatten Sie auch schon den Eindruck, dass sie bestimmte Artikel bereits ums ein oder andere Mal gelesen zu haben. Es fühlt sich an, als wäre man ein Ding, das bestimmten Normen entsprechen sollte. Wo bleibt die echte Vielfältigkeit, die Akzeptanz anders zu sein und anders zu sehen?

Wir Menschen tragen zu oft Scheuklappen, verstecken uns vor der Wahrheit. Zu oft bilden wir uns Meinungen über Menschen und Dinge, die uns in ihrem Inneren unbekannt und verborgen bleiben. Nur: was ist schon Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mensch im Grunde nicht weiß, was er will und wo er hingehört. Sei es durch die scheinbar unendliche Auswahl, fehlende Vorbilder. Statt die Freiheiten zu nutzen, wird jedes von der Norm abweichende Wesen kritisch betrachtet.

Sehen wir uns als Beispiel für die Tragik des menschlichen Seins den buckligen Quasimodo an. Er starb an unverhofftem Liebeskummer.

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Das höchste Glück des Lebens besteht in der Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Marie Hugo

Quasimodos schwere Last

Mit einem entstellten Gesicht und großem Buckel geboren, gelang es Quasimodo das zu erleben, was vielen Menschen nur ein Traum zu sein scheint.

Der Körper des kleinen buckligen Mannes war keineswegs eine reine Missbildung. Gerade er war es, der ihm zu innerem Glück durch gute Taten verhalf.

Doch bis es soweit kam, galt für Quaismodo: Ein Wesen mit einem Buckel? Alle lachten ihn aus und wählten ihn sogar zum Narrenpapst auf einem Volksfest. Was in hiesigen Zeiten einen „shitstorm“ bei facebook ähnelt. Ein anderes Leben als sein eigenes leidvolles, kannte Quasimodo nicht.

Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert
Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert

Eines Tages – wie aus dem Nichts – erschien ihm die Zigeunerin Esmeralda, ihm den wahren Sinn des Lebens offenbarend. Geblendet von ihrer Schönheit verliebt sich dieser „unvollständige“ Mann in sie. Quasimodo wird klar, dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich nicht nur gegen Behinderte, sondern allgemein gegen vermeintlich Schwache wendet. Diese Schwäche, die von einer Mehrheit abgelehnt wird, enthält ein breites Spektrum menschlicher Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Treue und Liebe. Sie verrät Arme, erniedrigt Kranke, beseitigt Andersdenkende.

In diesem, wie auch in anderen seiner Werke beschäftigt sich Victor Hugo mit dem Verhältnis von stark und schwach in einer Gesellschaft. Seine These: Es sind nicht diejenigen stark, die aufrichtig und nicht diejenigen schwach, denen es an Geist fehlt. Es sei genau umgekehrt.

Der selbstlos liebende Quasimodo trug in seinem Herzen einen Edelstein, als unsichtbare Verbundenheit und Treue gegenüber der schönen Zigeunerin. Nur: dieses Juwel konnte er ihr nicht zeigen. Für ihn war es unvorstellbar, geliebt zu werden. Die Magie der Reinheit, für die der Edelstein steht, erreichte jedoch Esmeraldas Herz.
Doch es war zu spät. Zu spät für die Offenbarung der Gefühle. Es war zu spät für sanfte Liebkosungen und den Trost für den kleinen Mann. Es war zu spät für die Erkenntnis, dass die Liebe ein unsichtbarer seidener Faden ist, der die beiden miteinander verband. Er kam ihm nicht in den Sinn, dass vor allem er es war, der Liebe verdiente, zu dem sie wie ein Bumerang zurückflog und sein Inneres so zum Glänzen brachte, dass sein Äußeres in den Hintergrund träte.

Aber es war zu spät: seine Esmeralda wurde in Intrigen verwickelt. Betrug und Verrat wurden schließlich zu ihrem Henker. Den Tod „seiner“ geliebten Zigeunerin hielt der Glöckner von Notre Dame nicht aus. Das Juwel in seinem Herzen zerbrach in Tausend kleine Scherben, die wie ein Dolch sein leidendes Herz durchbohrten.

Schließlich verendete er vor Gram und Liebeskummer an ihrem Grab.

Christian Wind -  L’amour de Quasimodo Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo -  La faucheuse ne peut rien y changer. - 2015 - Lizenz: CC-BY-SA-4.0
Christian Wind – L’amour de Quasimodo – Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo – La faucheuse ne peut rien y changer. – 2015 – Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Auch wenn das Leben für den kleinen „unvollständigen“ Menschen nicht lebenswert schien, gab er einem anderen Leben Halt und Wertschätzung. Hinter der „hässlichen“ Fassade und der scheinbaren physischen Schwäche befanden sich die Stärke und der Mut dazu, jemanden in einer Todeslage zu beschützen.

Fehlende Akzeptanz und keinerlei Erwartungen seitens der Gesellschaft brachten Quasimodo vermutlich die innere Freiheit, selbstlos zu handeln. Seine Liebe gehörte nicht ihm selbst, er schenkte sie Esmaralda und machte sie so für kleine Zeit glücklich. Er lebte und handelte lediglich mit seiner ganzen Seele, dem Herzen und seinen entfachten Willen. Dabei begleiteten ihn stets Hoffnungen und Wünsche nach dem Sieg des Guten. Erst als er sich und die ihm aufgezwungene gesellschaftliche Rolle des Narrenpapstes vergaß, fand er zu sich selbst. Leider nicht lang genug, um sich und sein Leben neu zu (er)finden.

Alles nur Schein

Die wahre Stärke zeigt sich nur durch Taten. Keine Person sollte in erster Linie nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Gefühlswelt, Gedanken und ihre tiefsten Sehnsüchte bleiben uns zunächst verborgen und sind doch das eigentlich Spannende am Menschen.

Die äußere Schale täuscht also, sie lässt uns Dinge, Situationen und unsere Mitmenschen anders wahrnehmen als sie in Wirklichkeit sind.

Jedem von uns ist sein Schicksal auferlegt. Quasimodos Schicksal war gerade in der Schwere seines Seins, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen erfüllenden Sinn im Lebens zu finden.

Menschenbilder | Vom Wandregal meines Kinderzimmers zur Bionik ¦ Gastbeitrag

Das Zimmer, in dem ich aufwuchs hatte ein großes Wandregal. Neben den üblichen Bestandteilen eines Kinderzimmer sind dort so einige skurrile Erinnerungsstücke abgelegt worden: Fußballtrophäen (die Art, die sie einem allein für die Teilnahme überreichen – also keine Siegerpokale), verschiedene Henkelmänner, und ein Paar Stepptanz-Schuhe, die ich während einer Grundschulaufführung von „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ trug. Der prominenteste Platz war jedoch für ein altes Paar Rennwagen reserviert – eines in blau, das andere in rot.

Diese Autos haben für mich eine besondere Rolle in meiner Adoleszenz gespielt. Sie wurden montiert und hatten nur eine Aufgabe: zu repräsentieren. Zufriedengeben wollte ich mich damit dann doch nicht. Wenn meine Mutter in die Wäscherei ging, drehte ich die Schrauben heraus, die die Wagen auf ihren Sockeln fest hielt um ein Rennen zu veranstalten.
Mein bevorzugter Veranstaltungsort war der Flur der zur Küche führte. Er hatte solide Dielen, und war ein perfekter Ort für Blau und Rot um richtig auf Touren zu kommen. Auf dieser Strecke erlebte ich einige ziemlich mutige, ja waghalsige Kämpfe. Die beiden Autos taten alles um zu gewinnen; oft ineinander verheddert um sich dann loszureißen oder sie nahmen riskante Abkürzungen unter den Möbeln hindurch. Die Auseinandersetzungen wurden besonders brutal, wenn ich eine kleine Rampe aus Comic-Büchern gebaut hatte; dann verlagerte sich der Kampf zeitweilig in der Luft.
Am Ende aber zollte die Härte der Rennen ihren Tribut. In meiner Pubertät angelangt, wurden die Autos bis zur Unkenntlichkeit zerschrottet. Die vorderen Kotflügel wurden durch die Kollisionen mit den Fußleisten abgerissen, und es gab sogar Zahnabdrücke auf ihren Reifen, verursacht durch meinen Hund Calvin, der die Rennen all zu oft als Spielaufforderung sah. Zu diesem Zeitpunkt erschien es nur fair, sie endlich in ihren verdienten Ruhestand zu schicken. Ich ließ sie nur auf ihren Sockeln stehen und den Staub des Frieden über sie rieseln.

Die Erfahrung, die ich mit diesen Autos hatte bei mir mehr als den Spieltrieb geweckt. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu Modellbauten. Nach Blau und Rot kam das Piratenschiff; ein perfekte Ausgabe der Blackbeard; eine Miniatur-Rakete und ein paar Dinosaurier in angemessener Größe. Wenn es sich um ein Modell von etwas war, das einmal real existierte, war ich vollkommen fasziniert. Ich liebte und liebe diese Kunstfertigkeit, die in der Herstellung der Nachbauten steckt. Heute lasse ich Dronen fliegen und entwickle eigene Modelle.

Seither beschäftigt mich eine grundlegende Frage: Ist es möglich, wirklich überzeugend und massetauglich die Feinheiten der Natur reproduzieren? Eine schwierige Frage. Genau wie die Frage, ob Rot oder Blau der Schnellste war. Vermutlich hat mich das dazu bewogen Bionik zu studieren und die Übertragung von Mechanismen und Techniken der Natur zu meinem Lebensinhalt zu machen. Derzeit belege ich Gastsemester in den USA.

–  Jörg Francke derzeit Kalifornien

Denise Eyer-Oggier | Schweiz

 Denise Eyer-Oggier ¦ Visual-Artist ¦ Brig, Schweiz

Denise Eyer-Oggier malt, collagiert, erschafft Installationen, illustriert, fotografiert und gibt in Workshops ihr Know-how in Workshops weiter. Ihre Bilder zeigen künstlerisch ausgeformte Seelenlandschaften, sie zeigen Spuren & Formen, In ihren Werken finden sich meditative Formen über Zeit und Raum. Die Malerei von Denise Eyer-Oggier ist sowohl wild und schroff wie die Bergwelt in der sie lebt, als auch sanft, warm und intensiv wie das Leben, das sie liebt.

Ein Porträt in Wort und Bild:

Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier
Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich hatte Glück, dass mein Lehrer damals meine Malereien mochte und mich ermutigte, so zu malen wie ich fühlte, auch wenn meine Malerei nicht konform war. Gegen den Willen meiner Eltern besuchte ich eine Kunstschule und absolvierte im Anschluss eine Ausbildung als Graphikerin.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Der schwierigste Part am Künstlerdasein ist das beibehalten einer steten Kontinuität, das aushalten der Unsicherheiten. Das schwierigste ist sicher zu akzeptieren, dass das Künstlerdasein ein Leben im „Fremdland“ bedeutet.

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig weiter mit stetig höherem Anspruch an mich selber.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Mich interessiert die informelle Kunst mit zeichnerischen Symbolen, die narrativ und emotional ist.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Ja, mit Hans Falk beispielsweise.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Ich wohne mitten in den Alpen und die Berge ringsum bedeuten Schutz und Gefängnis zugleich. Die Szene ist sehr einzelgängerisch.

Was bedeutet Kunst in der heutigen Zeit?
Kunst bedeutet sehr viel in der heutigen Zeit, sie rüttelt auf, sie lässt Emotionen zu, sie macht nachdenklich.

Atelier - Foto: Privat
Atelier – Foto: Privat

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Weitermalen.

Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Sich selber sein und weiter malen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Weitergehen auf diesem Weg.trennlinie2

Eine kleine Auswahl ihrer Werke:

Steckbrief:

*1956 in Naters/Schweiz
Graphikerausbildung, MengisVisp
Schule für Gestaltung, Bern

Freischaffende Malerin Visarte (Berufsverband visueller Künstler)
SGBK (Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen, Sektion
Bern Romandie)
Ausbildete Erwachsenenbildnerin

The Transience of all being from Denise Eyer-Oggier on Vimeo.

Denise Eyer-Oggier im Web: eyer-oggier.ch ¦ facebook

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Gerüchte. Die Treue Nataljas ihrem Mann gegenüber wurde infrage gestellt. In St. Petersburg folgten Schmähschriften, in denen Puschkin als „Hornträger“ bezeichnet wurde.

Der Dichter sah keinen Ausweg aus der Misere und beschwerte sich letztlich über das Verhalten des Franzosen bei dessen Adoptivvater, woraufhin ihn Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès zum Duell aufforderte.

Diese Intrige führte Puschkin langsam, aber sicher in den Tod. Bei dem Duell wurde er nämlich mit einem Schuss in den Bauch stark verletzt. Zwei Tage später, am 10. Februar, verendete der Poet der Sonne mit nur 37 Jahren in seiner Wohnung.

Adrian Volkov - Das Duell Alexander Pushkin und Georges d'Anthès - 1869
Adrian Volkov – Das Duell Alexander Pushkin und Georges d’Anthès – 1869

Tausende Menschen trauerten dem Genie nach. Puschkins Leichnam wurde in eine Provinz überführt und im Swjatogorsky Kloster bei Pskow beerdigt.

„Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.
Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, „die Sonne der russischen Poesie“ Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu „vergessen“, seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 – 1830 zu spüren, als sein Poem „Poltawa“ und das 7. Kapitel von „Eugen Onegin“ erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich „erschöpft“. „Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren“, behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie „inhaltsleer“ und „gegenwartsfremd“ Puschkins Dichtung sei.

Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: „Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt.“

Gogol und Zhukovsky in Pushkin's Haus in Tsarskoe selo - P. Geller - 1910
Gogol und Zhukovsky in Pushkin’s Haus in Tsarskoe selo – P. Geller – 1910

Nikolai Gogol schrieb: „Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter…. In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt.“ Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin „nicht gegenwartsbezogen“, „nicht aktuell“ sei – und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina, Kommentatorin der RIA“Nowosti“ ).

Artemisia Gentileschi • Eine der bedeutendsten Malerinnen • Ihr Hauptmotiv: heroische Frauenfiguren.

Artemisia Gentileschi - Selbstporträt
Artemisia Gentileschi – Selbstporträt

trennlinie2Über ein Jahrhundert galt das Gemälde als verschollen. Jetzt wurde die „Maria Magdalena“ (ca. 1613) von Artemisia Gentileschi beim Auktionshaus Sotheby’s in London für 865.500 € versteigert. Gentileschi, die als junge Frau von ihrem Lehrer vergewaltigt wurde, ist eine der bedeutendsten Malerinnen. Ihr Hauptmotiv: heroische Frauenfiguren. Sie malte das berühmte Bild „Judith enthauptet Holofernes“, das heute noch so manchem Mann großes Unbehagen verursacht.

Was macht man, wenn eine Frau das gängige Vorurteil von der weiblichen Unfähigkeit widerlegt? Ganz einfach: man tut so, als habe sie nie existiert, oder – wenn sie sich nicht so ohne weiteres totschweigen lässt -, man diffamiert sie. So geschehen im Fall der italienischen Malerin Artemisia Gentileschi.

Ganze dreihundert Jahre musste sie darauf warten, bis sie als Künstlerin anerkannt wurde. Erst 1916 widmete ihr der italienische Kunsthistoriker Roberto Longhi eine ausführliche Studie. Er stöberte ihre Bilder auf, identifizierte, verglich und beurteilte sie. Am Ende war er davon überzeugt, dass Artemisia Gentileschi „die einzige Frau Italiens war, die je gewusst hatte, was Malerei und Farben sind.“

Keine Spur von weiblicher Schwäche und Sanftmut

Laut Longhi gehört sie – obwohl eine Frau – zu den „großen Meistern“ des17. Jahrhunderts. Sie ist Begründerin des „napoletanischen Caravaggismus“, und ihre Bilder brauchen den Vergleich mit den Werken so anerkannter Zeitgenossen wie Vermeer und van Dyck keineswegs zu scheuen. Letzterem hatte man sogar einige ihrer Gemälde zugeschrieben – versehentlich natürlich.

Davor war die Malerin in der Kunstgeschichte kaum zur Kenntnis genommen worden. Wenn sie überhaupt zitiert wurde, dann deshalb, weil das angeblich „lockere und frühreife Mädchen Artemisia“ als 19-Jährige in einen Vergewaltigungsprozess verwickelt war. Es nützte ihr nichts, dass sie dort als Geschädigte und Klägerin aufgetreten war. Was von da an durch die Geschichtsbücher geisterte, waren die nie bewiesenen Anschuldigungen ihres Vergewaltigers.

Zum Skandalruhm der Malerin trug allerdings noch etwas anderes bei. Angeblich malte sie gar nicht wie eine Frau (hört! hört!), sondern, so die Kunsthistoriker, fertigte „männliche“ Bilder an. Dabei hatten sie vor allem ihr berühmtes Gemälde Judith enthauptet Holofernes vor Augen, das in der Tat wenig mit den üblichen Projektionen von der „weiblichen Schwäche und Sanftmut“ zu tun hat.

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Im Mittelpunkt des Gemäldes steht eine realistisch gemalte, tatkräftige Judith, die mit dem Schwert dem auf dem Bett ausgestreckten Holofernes den Kopf abschlägt. Die Magd im Hintergrund hilft der Herrin bei der Ausführung des Verbrechens, Blut spritzt durch den Raum, die Mörderin neigt sich voller Abscheu zur Seite vielleicht damit ihr goldgelbes Kleid nicht beschmutzt wird -, und in ihrem Gesicht zeichnet sich nicht die Spur von Mitleid ab.

Artemisia wurde 1593 in Rom geboren. Ihr Vater war der Maler Orazio Gentileschi, ihre Mutter, Prudenzia Montone, starb, als sie noch klein war. Die Gentileschis wohnten im römischen Künstlerviertel in der Nähe der Porta del Popolo und dort inmitten von Werkstätten, Malerateliers, Farben und Staffeleien begann Artemisias Karriere als Malerin. Damals für eine Frau ein höchst ungewöhnlicher Beruf, schließlich war das Trientiner Konzil, auf dem die Kirche den Frauen das Menschsein abgesprochen hatte, kaum vier Jahrzehnte vorbei, und die Gegenreformation mit ihrem Antifeminismus war in vollem Gange.

Ihr Lehrer Agostino Tassi vergewaltigte sie

Artemisia begann früh mit ihren ersten Malversuchen. Der Vater unterrichtete sie zusammen mit ihren drei Brüdern, und rasch stellte sie die Geschwister mit ihrem Können in den Schatten. Dass von seinen Kindern ausgerechnet ein Mädchen am begabtesten war, schien Orazio nicht weiter gestört zu haben, auf jeden Fall bildete er Artemisias Talent nach Kräften aus. In einem Brief an die Herzogin von Lothringen aus dem Jahr 1612 bekennt er mit unverhohlenem Vaterstolz, dass seine Tochter trotz ihrer Jugend „bereits Kunstwerke geschaffen hat, die vielleicht große Meister dieses Handwerks nicht erreichen werden“. Wie recht er hatte!

An die Karriere seiner Tochter mag der ehrgeizige Orazio auch gedacht haben, als er den befreundeten Maler Agostino Tassi für sie als Lehrmeister engagierte. Er besaß den Ruf eines virtuosen Landschaftsmalers und sollte Artemisia in der Perspektive unterrichten. Damals, als Tassi begann, im Hause Gentileschi ein- und auszugehen, war Artemisia gerade achtzehn geworden, sie war hübsch, sie war begabt und stolz…

Doch durch die Begegnung mit Tassi wurde dem Höhenflug der jungen Malerin ein jähes Ende gesetzt. Er sorgte dafür, dass ihr die Niederungen eines gewöhnlichen Frauenschicksals nicht erspart blieben. Doch lassen wir Artemisia selbst erzählen:

„Als wir an der Tür waren, stieß er mich ins Zimmer und schloss hinter uns zu. Mit einem Schlag auf die Brust warf er mich aufs Bett, dann fuhr er mit seinem Knie zwischen meine Schenkel und stopfte mir mit einem Taschentuch den Mund, damit ich nicht schreien konnte. Jetzt schob er mir die Röcke hoch, was ihm Mühe bereitete, fuhr mit dem zweiten Knie zwischen meine Beine und steckte sein Glied in meine Scham. Dann ließ er meine Hand los und begann zu stoßen. Beim Hineinstecken spürte ich ein starkes Brennen und einen Schmerz. Ich leistete Widerstand, konnte aber keine Hilfe herbeirufen, weil er mir immer noch den Mund zuhielt. Ich zerkratzte sein Gesicht, riss ihm Haare aus und versetzte seinem Glied, bevor er es hineinsteckte, einen so kräftigen Hieb, dass ein Stückchen Fleisch abging. Doch ließ er sich nicht beirren und fuhr mit seinem Treiben fort. Er stieg erst von mir herunter, als er seine Sache erledigt hatte. Als ich frei war, rannte ich zur Tischschublade, nahm ein Messer heraus, stürzte auf Agostino los und schrie: ,Mit diesem Messer will ich dich töten, denn du hast mich geschändet!'“

Das war der Tathergang. Artemisia gab ihn so ein Jahr nach dem Vorfall bei einem richterlichen Verhör zu Protokoll. Nicht sie (aus verständlicher Angst vor den Folgen), sondern ihr Vater hatte den Fall publik gemacht und Tassi wegen „Entjungferung“ seiner Tochter und Nichteinhaltung des Eheversprechens angeklagt. Einen Dienst erwies er Artemisia mit dieser Anzeige nicht, denn was nun folgte, war die übliche Ungeheuerlichkeit: Die vergewaltigte Frau wird zum zweiten Mal Opfer männlicher Gewalt – diesmal durch die Richter. Artemisia musste gynäkologische Untersuchungen bezüglich ihrer nicht mehr vorhandenen Jungfräulichkeit über sich ergehen lassen – in Anwesenheit der Richter natürlich – und wurde noch zusätzlich gefoltert. Mit angelegten Daumenschrauben schrie sie in einem Kreuzverhör dem anwesenden Tassi ins Gesicht: „Dies ist der Ring, den du mir gegeben hast, und das sind deine Versprechungen!“

Tassi leugnete die Tat – die Richter glaubten ihm

Von Tassi wurde das Vergehen während der ganzen Verhandlungsdauer hartnäckig geleugnet. Er bezichtigte Artemisia der Lüge und konterte alle Beschuldigungen mit dreisten Gegenangriffen. Bei jedem Verhör hatte er eine neue Lügengeschichte parat. Gefoltert wurde Tassi natürlich nicht. Daran änderte auch sein Sündenregister nichts, das immerhin Mord, Raub und Blutschande beinhaltete. Die Richter schenkten ihm Glauben.

Im Oktober 1612, nach achtmonatiger Verhandlungsdauer, wurde der Prozess schließlich ohne nennenswertes Ergebnis niedergeschlagen. Tassi kam auf freien Fuß, seine Karriere ging bruchlos weiter, und auch Orazio,Artemisias Vater, nahm die alte Freundschaft zu ihm wieder auf. Anders stellte sich die Situation für Artemisia dar. Zum dritten Mal musste sie für ihr Frausein büßen. Die Wogen des Skandals, der im ganzen Land bekannt war, mussten wieder geglättet, ihre öffentliche Reputation wieder hergestellt werden. Sie versuchte es durch eine überstürzte Heirat und durch Verlassen der Stadt. Mit ihrem neuen Mann, Pietro Antonio Stiattesi, von dem sie sich bald wieder trennte, siedelte sie noch im gleichen Jahr nach Florenz über.

Sieben Jahre, von 1613-1620, blieb sie in der toskanischen Hauptstadt. Verwandte halfen ihr beim Einstieg in die dortige Malerszene, und Artemisia behauptete sich nicht schlecht. In relativ kurzer Zeit verschaffte sie sich, jetzt ganz unabhängig von ihrem berühmten Vater, den Ruf einer angesehenen Malerin. Über mangelnde Aufträge konnte sie nicht klagen, selbst der toskanische Großherzog Cosimo II ließ bei ihr arbeiten, und die Accademia dei Disegni (Kunstakademie) nahm sie als erste Frau in ihren Reihen auf.

Artemisias Spezialität waren vor allem Portraits und menschliche Figuren. Ihre Malweise ist realistisch, ohne Pathos und Idealisierungen, wie sie damals üblich waren. In ihrem Stil, bei dem sie mit starken Farbaufträgen und dramatischen Hell-Dunkel-Kontrasten arbeitete, war sie zweifellos von der Malerei Caravaggios (1573-1610) beeinflusst, was nicht wundert, denn ihr Vater und Lehrmeister war ein Freund dieses Malers gewesen. Caravaggios Bilder bedeuteten seinerzeit eine Revolution in der Malerei. Sie verstießen gegen das herrschende ästhetische Empfinden des Manierismus, und viele seiner Zeitgenossen fanden.seine Bilder seien „unheilig und würdelos“. In die Kunstgeschichte ging er unter dem Stichwort des „plebejischen Realismus“ ein.

Sie wählte heroische weibliche Figuren

Auch Artemisia Gentileschi gilt als „Caravaggistin“, doch hat sie diese Stilrichtung um eine eigenständige weibliche Komponente bereichert. Aus den biblischen Stoffen, die damals in Mode waren, wählte sie stets diejenigen aus, in denen die weibliche Rolle heroisiert wurde, in denen die Frau im Mittelpunkt des Geschehens stand. Judith, Lukrezia, Batsabee, Loths Schwestern heißen ihre Heldinnen, und sie alle sind keine manirierten Idealprojektionen weiblicher Schönheit, sondern ganz konkrete, handelnde Subjekte aus Fleisch und Blut.

Höhepunkt ihrer Frauendarstellungen und gleichzeitig ihr Hauptwerk ist besagte Judith, die Holofernes enthauptet. Allein in sechs Variationen hat Artemisia dieses Motiv bearbeitet, und es ist das Bild, das die Betrachter/innen am direktesten anspricht. Die Kommentare der Kunsthistoriker zur vermeintlichen Grausamkeit und Brutalität des Bildes sprechen Bände. Roberto Longhi erfleht Gnade“ angesichts eines solchen „Schrekkensweibs“ (von wem wohl?), und auf Roland Barthes wirken die beiden Frauen wie „Arbeiter, die gerade dabei sind, ein Schwein zu schlachten“.

Wie dem auch sei, viel psychologischen Scharfsinn braucht man nicht, um in der Gewaltszene einen gemalten Racheakt zu sehen, eine Art Abrechnung Artemisias mit ihrem Vergewaltiger Tassi. Indem sie symbolisch den Mann tötet, der sie verletzt und gedemütigt hat, kann sie sich von ihrer Rolle als Sexualobjekt befreien: Artemisias Judithdarstellung – ein Emanzipationssymbol.

Reichlich emanzipiert muss es auch in ihrem wirklichen Leben zugegangen sein, das so war, wie das der meisten Künstlerexistenzen: rastlos und unstetig. Häufige Ortswechsel führten sie über Rom und Florenz nach Genua, Neapel, Paris, Venedig und sogar an den englischen Hof von Karl I. Arbeit hatte sie immer genug, und zu ihren Auftraggebern gehörten neben Privatleuten und Bischöfen auch Könige und Herzöge. Genügend Geld muss Artemisia immer verdient haben, und das sicherte ihr auch die ökonomische Unabhängigkeit von einem Mann. Ob sie nach ihrer ersten Ehe ein zweites Mal verheiratet war, ist nicht genau bekannt. Auf jeden Fall hatte sie zwei Töchter, die sie alleine erzog und versorgte. Als deren Verheiratung bevorstand, nahm sie zusätzliche Arbeit an, um sie mit einer anständigen Mitgift versorgen zu können.

Sie wurde geschätzt und anerkannt, hatte ein eigenes Atelier

In Neapel schließlich, wo Artemisia zwanzig Jahre lang lebte, und wo sie als Sechzigjährige 1653 starb, leitete sie ein gut florierendes Maleratelier mit männlichen Mitarbeitern. Sie bekam hier auch öffentliche Aufträge und wurde zusammen mit Lanfranco, Stanzione, Beltrano und Fracanzano aufgefordert, Leinwände zur Ausschmückung der Kathedrale von Pozzuoli anzufertigen. Bei ihren Malerkollegen war sie geschätzt und anerkannt, und keiner fand es unter seiner Würde, das Atelier der „Maestra Artemisia“ aufzusuchen, um dort zu fachsimpeln.

Doch bei all den Erfolgen, die Artemisia für sich verbuchen konnte, dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, wie schwer ihr Stand in der Malerzunft und bei den Auftraggebern wirklich gewesen sein muss. Aus einigen wenigen Andeutungen ihrer Geschäftsbriefe lässt sich eine Mischung aus Trotz und Selbstbewusstsein herauslesen. Artemisia war sich sehr wohl im klaren darüber, dass sie als malende Frau die absolute Ausnahme war. Und so kommentierte sie einen Betrug, bei dem ein Auftraggeber den von ihr gefertigten Entwurf einfach von einem anderen Maler ausführen ließ, weil dieser billiger war, ganz richtig mit den Worten: „Wenn ich ein Mann wäre, ich weiß nicht, ob so etwas durchgegangen wäre.“

Andererseits wusste sie ihren Wert und die Qualität ihrer Bilder auch zu schätzen. „Sie kommen zu einer Frau“, hält sie einem anderen Auftraggeber entgegen, „die sich in der Malerei bestens auf Variationen versteht. Nie hat man auf einem meiner Bilder die gleiche Figur ein zweites Mal angetroffen.“

An Selbstbewusstsein hat es dieser Artemisia Gentileschi demnach nicht gefehlt. Dass sie es zurecht besaß, davon können wir uns zum Glück noch heute überzeugen. Ihre Bilder sind in den Uffizien in Florenz, im Prado in Madrid, im Metropolitan Museum in New York, in der Schönbornsammlung in Pommersfelden, in den Museen von London, Ohio, Detroit und Berlin zu bewundern.

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“]Maria Aronov[/avatar]

Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Über Dr. Paul Gachet • [Arzt, Kunstsammler] & seine Freundschaft zu Vincent van Gogh

Dr. Paul Gachet [Arzt, Kunstsammler] & seine Freundschaft zu Vincent van Gogh

Dr. Paul Gachet wurde 1828 in Lille/Frankreich geboren. Sein Sinn für die Malerei und die beständige Freundschaft, die er für Künstler bekundete, mögen den Arzt vermutlich mehr als Sammlerinteressen dazu bewogen haben, die größten Maler seiner Zeit in seinen Wohnort Auvers-sur-Oise zu ziehen.

Paul Gachet van Gogh
Vincent Van Gogh , Portrait des Dr. Paul Gachet (Auvers-sur-Oise – Juni 1890) – Musée d’Orsay, Paris

Der kleine Ort sollte danke Gachet zu einem Brennpunkt der jungen Malerei werden. Außer Cézanne und van Gogh waren auch Pissarro, Monet, Renoir und Guillaumin mehr oder weniger häufig zu Gast. Cézanne verbrachte ganze 2 Jahre in Auvers: 1872 – 1874.
Die Beziehung Dr. Gachets zu Renoir war ebenfalls sehr herzlich. Besonders eng war sein Verhältnis zu van Gogh. Nach der Entlassung aus dem Irrenhaus von Saint-Remy am 21. Mai 1890 konsultierte der Maler auf Pissarros Rat hin den Mäzen, der es verstand, zugleich Arzt der Künstler und Wohltäter zu sein. Die Freundschaft zwischen den beiden Männern sollte von kurzer Dauer sein und tragisch enden, denn sie währte nur zwei monate und endete am 27. Juli mit dem Freitod van Goghs. Und doch hatte Dr. Gachet mit dem größten Zuvorkommen und Vorsicht den Künstler davon zu überzeugen versucht, dass er nicht so krank sei, wie er meinte. Er flößte ihm Glauben in seine Fähigkeiten ein und nahm mit Resignation seine barschen Abweisungen und seinen Jähzorn hin. Wenn sich Vincent van Goghs Krisen abmilderten,

"Vincent van Gogh auf dem Sterbetett", festgehalten von Dr. Paul Gachet, 1890. Kohlezeichnung
„Vincent van Gogh auf dem Sterbetett“, festgehalten von Dr. Paul Gachet, 1890. Kohlezeichnung

bezeugte er eine rührende Zuneigung für den Doktor und seine Frau. Im Juni malte er das Bild das Fräulein Gachet am Klavier darstellt, und vor allem das berühmte Bild des Arztes mit der weißen Mütze.

Als sich van Gogh am Abend des 27. Juli eine Relvolverkugel in die Herzgegend jagte, pflegte ihn Dr. Gachet mit viel Hingabe und Hoffnung. Der Mediziner hat uns von dem toten van Gogh zwei bewegende Zeugnisse hinterlassen: eine Kohlezeichnung und eine Radierung. Nach seinem Tod im Jahre 1909 haben seine Erben die Bildersammlung zusammengehalten. Sein Sohn Paul hat im Jahre 1952 dem Louvre in die Paris die Hauptwerke vermacht.

Maria Aronov: Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I – Der trügerische Schein unserer Welt

Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I –
Der trügerische Schein unserer Welt

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“ target=“_blank“]Autorin, Lyrikerin, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache.[/avatar]

Der Osmanische Herrscher, Sultan Süleyman, schreibt im folgenden Gedicht über die sinnlose Hülle des Lebens. Der Sultan bevorzugte es, seine Gefühle, Zweifel und Ängste in Form von Gedichten auszudrücken. Dabei philosophierte er über das irdische Sein. Die Welt von ihrer bitteren Seite kennenlernend, verstand er, dass die einzige Wahrheit nicht auf der Erde zu finden ist und wir nur Gefangene unserer Wünsche sind, die uns erblinden lassen und taub machen. Dazu gehören auch vielfältige unumgängliche Entscheidungen, die mit sich einen großen Kummer bringen. Süleyman spricht über die Vergänglichkeit und gar Falschheit, die selbst in der Natur auffindbar ist. Auf das Gute folgt oft etwas Dunkles, sodass auf den Sommer der Herbst und auf den Morgen bald die Nacht folgt. Dem Menschen ist es quasi auferlegt, durch die Dunkelheit zu gehen und schon während der Glücksmomente zu wissen, dass diese bald Abschied nehmen werden und der herunterfallende Schleier, der an unseren Augen hing, uns Bitterkeit und Trauer bereithalten wird. Diese Erwartung vergleicht der Sultan mit den Schlägen einer Trommel, die immer stärker und lauter werden. Sie prophezeien Unruhe. Auch das Glück ist also nur eine gläserne Maske, die irgendwann in kleine Teile zerbricht. Man sollte jeden Moment auf die Dunkelheit gefasst sein, denn sie lauert hinter jedem Lichtblick auf uns. Ohne diese könnte man jedoch unsere Existenz nicht als sinnvoll bezeichnen, da wir das Glück nur im Vergleich mit der Bitterkeit erfahren können.

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Sultan Süleyman I über die Sinnlosigkeit des Lebens
(übersetzt von Maria Aronov)

Was sind das für Geräusche, Süleyman? Wach auf und hör ihnen zu! Hörst du sie?

Dieser Regen ist nicht s Anderes als die Tränen desjenigen, den man beweint. Das ist das dunkle Antlitz des leuchtenden Himmels.

Wem gehört er, dem Freund oder Feind? Sieh hin! Siehst du es? Erkennst du es?

Die grässlichen Geschäfte hallen mit tausenden Herzschlägen wie die einer Trommel wider.

Süleyman, es kommt ein schrecklicher Lärm auf. Morgen, wenn der Tod kommt, hören wir die Schläge der Trommeln, doch heute, macht wird die Unbekümmertheit zur Watte, die uns taub macht und an die Augen hängt sich ein Schleier, der uns dabei stört, die Wahrheit zu sehen. Deswegen stehen wir da, befangen von unseren Leidenschaften, die uns über die morgigen Trauer und Sorgen erzählen.

Oh, du Flamme, lösch die Kerze der Unbekümmertheit, die dich daran hindert, die Wahrheit der Welt zu erfahren. Rette dich vor der Taubheit, Süleyman! Diese Welt ist dein Kerker! Die Zerstörung des Kerkers ist eine Freude für seine Gefangenen!

Unser Körper ist ein ewiger Kerker für unsere unsterbliche Seele. Wenn der Tod den Körper zerstört, wenn du unter der Erde landest, wird sich die Seele aus dem Kerker befreien und sich auf den Weg zur höheren Macht begeben.

Komm zur Besinnung, suche keine Treue im irdischen Kerker. Das ist nur eine Gefangenschaft! Diese ganze Welt ist instabil.

Diese Welt ist kein Platz für das Leben, Süleyman. Sogar der Morgen in ihr ist lügnerisch, weil sich hinter ihm unmittelbar die Nacht verbirgt.

 

Dr. med. Franziska Tiburtius • Ärztin und Kämpferin für das Frauenstudium

Franziska Tiburtius
Franziska Tiburtius

Eine sehr große, ein wenig knochige Dame, etwa dreißig Jahre alt, stieg in Zürich aus dem Zug, der von Norden einrollte. Sehr sicher, so als wäre sie fremde Länder und fremde Städte gewöhnt, trat sie aus dem Portal und blickte sich um, erwartungsvoll und heiter. Mit einem Blick umfasste sie den Kranz der Berge, die blühenden Bäume, die alten Gebäude. Das war im Jahre 1871 leicht, Zürich war damals eine Stadt, die noch die Landschaft in sich einbezog, nicht (so wie heute) verschluckte. 

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Altstadt Zürich

Die Dame fragte eine Passantin nach dem Stapferweg. Sie musste zweimal fragen; denn der pommersche Klang ihrer Sprache ging dem Ohr der Schweizerin nicht so schnell ein. „Jo gärn!“ Nun hatte sie verstanden und wies ihr den gewünschten Weg. In dem Haus Stapferweg 14 stellte sich die Deutsche vor. Sie sei Franziska Tiburtius und würde gern Fräulein Berlinerblau besuchen. Wieder hieß es freundlich: „Jo gärn!“ Franziska Tiburtius wurde die Treppe hinauf in ein Zimmer gewiesen.

Nicht nur das Fräulein Berlinerblau, sondern „vier weibliche Wesen“, wie sie selbst in ihren Erinnerungen schreibt, saßen um den Tisch. Für die norddeutsche Gutsbesitzerstochter von der Insel Rügen waren sie alle ein wenig seltsam anzusehen, diese Jüdinnen aus Südrussland. Man begrüßte die Fremde freundschaftlich, wie es damals unter den wenigen weiblichen Studenten üblich war. Man half sich untereinander. Auf dem Tisch in der Mitte, statt einer Blumenschale, prangte ein Totenschädel, und Fräulein Berlinerblau, zu der Franziska Tiburtius mit einem Brief gewiesen worden war, machte sogleich auf dem Sofa für sie Platz, indem sie ein Skelett, das dort lehnte, ein wenig zur Seite rückte.
„Bitte setzen Sie sich, zwei Menschen und ein Skelett haben gut auf diesem Sofa Platz.“

Tiburtius - Gedenktafel
Tiburtius – Gedenktafel

Sie setzte sich, indem sie einen herabhängenden Skelettarm noch ein Stückchen mehr ins Sofakissen drückte. So ging es gut. Neben dem Schädel stand der Samowar, aus dem nach russischer Sitte pausenlos Tee aufgegossen wurde. Außerdem rauchten die Russinnen ebenso eifrig, wie sie tranken. Zu essen gab es nichts. Sehr bald fand sich die zukünftige Studentin behaglich in dem sonst so fremden Kreis; denn das gleiche Ziel, die gleiche Hilfsbereitschaft und die gleichen Hindernisse verbanden sie untereinander. Die großen Altersunterschiede schienen keine Rolle zu spielen: hier war die Jüngste neunzehn Jahre und die Älteste vierzig Jahre alt.

Zwei Studentinnen dieser Tischrunde hatten schon, wie Franziska Tiburtius, in anderen Berufen gestanden; eine von ihnen, eine Witwe aus Charkow, studierte, um ihre beiden Kinder später versorgen zu können.Hier also bekam Franziska Tiburtius ihre ersten Verhaltensmaßregeln als Studentin. An dem von diesen Russinnen empfohlenen Mittagstisch im Speiselokal freilich fühlte sie sich fremd. Da ging es wohl für einen Nichtrussen zu russisch her. Dort trafen sie die vielen Russen, die in Zürich studierten, meist Anarchisten — Revolutionäre — Weltverbesserer.

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920
Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

Die Frauen, „Kosakenpferdchen“ genannt, trugen alle aus unerfindlichen Gründen blaue Brillen und schwarzgelackte Matrosenhüte, und Männer wie Frauen zeichneten sich durch unordentliche Kleidung, schmutzige Finger, ungepflegte Haare und schlechte Manieren aus. Diese Studentinnen waren es auch wohl, die die Anerkennung des Frauenstudiums so erschwerten. Nur ein Teil übrigens studierte, die meisten versanken in Nihilismus und waren dauernd wie auch die Männer in politische Konspirationen verwickelt, die bis zu Schießereien ausarteten.
Schließlich fand Franziska Tiburtius sogar ein nettes Zimmer. Das war nicht leicht gewesen. Meist war ihr schon an der Haustür gesagt worden: „Bedaure, wir vermieten nur an Herren.“ Bei „Jungfer Kägi“ aber in der Hintergasse 3 blieb sie gut aufgehoben, zusammen mit ihrer Studienkameradin und späteren Freundin Berlinerblau, die das zweite Zimmer gemietet hatte. Nun schien alles in Ordnung. Immatrikuliert war man. Das Studium konnte beginnen. Es war nicht immer einfach. Der erste Auftritt im Präpariersaal zeigte die andere Seite. Franziska Tiburtius ging mit einer Kommilitonin zum Präpariersaal. Für einen ganz jungen Medizinstudenten sind das immer ein Raum und eine Arbeit, an die er sich erst gewöhnen muss.

Die beiden Frauen traten ein, weiße Schürzen über dem Arm und das benötigte Handwerkszeug in der Hand. Zu ihrer Verwunderung war der Raum so dicht gefüllt, dass von den zu präparierenden Leichen nichts zu sehen war. Schnell fanden sich die beiden Studentinnen von einer grölenden, pfeifenden Masse Studenten umringt. Nicht nur von Medizinern, auch aus den anderen Fakultäten hatte man sich Hilfe geholt, um diese beiden weiblichen Eindringlinge aus einem nur männlichen Bereich zu vertreiben.

Erschrocken blieben die Frauen auf der Schwelle stehen, bis einer der Studenten sie freundlich zu dem kleinen Nebenraum wies: „Bitte, meine Damen, hier ist der Raum, wo man seine Sachen lässt. Diese Fächer sind für die Geräte, und hier an den Haken kommen die Schürzen. Jeder hat seinen Platz für sich. Suchen Sie sich bitte aus.“ Die beiden banden ihre Schürzen um und suchten sich zwei Fächer für die Sezierbestecke.
„Endlich haben sie sich beruhigt“, meinte Franziska Tiburtius, „sie werden sich an uns gewöhnen müssen.“ Doch so schnell gewöhnten sie sich nicht an. Als die Studentinnen den Raum verlassen wollten, entdeckten sie, dass man sie eingeschlossen hatte. Ein wieherndes und spöttisches Lachen quittierte ihren Versuch, die Klinke herunterzudrücken. Die beiden verhielten sich still. Sie schauten sich an, und einen Augenblick mag Franziska Tiburtius an ihren Aufenthalt in England gedacht haben, wo man sie als Erzieherin immer respektiert hatte. Wie sollte das nun weitergehen? Hüben und drüben schwere Stille, die sich bedrückend auf die beiden Eingeschlossenen legte. Da kam der Professor selbst. Sie hörten seine ruhigen, bestimmten Worte durch die Tür. Dann öffnete ein junger Pole, mit der Höflichkeit, die seine Nation auszeichnet, die verschlossene Türe, verbeugte sich und ließ die beiden Frauen heraus.

„Es soll nicht wieder vorkommen“, sagte der Assistent; „die Demonstration richtete sich nicht gegen Sie persönlich, sondern gegen das Frauenstudium überhaupt.“Das wussten die Studentinnen. Dieser Vorfall wiederholte sich wirklich nicht mehr. Das Verhalten der jungen Männer ihren Kommilitoninnen gegenüber war nicht zum Verwundern; denn ein Teil der Hochschulprofessoren, auch in der Schweiz, lehnte das Studium von Frauen ab, und es gab einen damals berühmten Wissenschaftler, der die These aufstellte, dass die Frau zum Studium ungeeignet sei, weil ihr Gehirn weniger als das des Mannes wiege und sie deshalb weniger Verstand besitze. Alle Universitäten in Europa außer Zürich weigerten sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Frauen zum Studium zuzulassen; um so weiterschauend müssen die wenigen Professoren gewesen sein, die einem wissenschaftlichen Beruf der Frauen positiv gegenübergestanden haben. Zu ihnen gehörte der berühmte Anatom Professor Meyer, eben der, der die beiden Frauen aus dem Umkleideraum des Seziersaales befreien ließ. Franziska Tiburtius blieb drei Jahre bei Jungfer „Kägi“, dann wurde ihr Idyll zu aller Leidwesen zerstört. Die zum Arbeiten dringend notwendige Ruhe raubten die neuen Nachbarinnen: Kosakenpferdchen! Die Russinnen lärmten und diskutierten jede Nacht bis weit in den Morgen hinein mit ihren Freunden.

sound-69948_640Diese Genossen nun störten Franziska Tiburtius beim Arbeiten. Da, eines Nachts, als der Lärm wieder einmal nicht enden wollte und die russischen Laute, der vaterländische Gesang in ihr Zimmer dröhnte, als wäre keine Wand dazwischen, sprang sie aus dem Bett, klappte das Klavier auf, ein altes, ungestimmtes Instrument, und trommelte — ihre Klavierkenntnisse waren nicht bedeutend — einen (wir würden heute sagen) Schlager nach dem anderen herunter. Wenn sie keinen neuen wusste, so fing sie wieder von vorn an. Und sie wurden drüben wirklich still. Als es drei Uhr vom Münstertum schlug, hörte sie auf, um sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Pommerin aber hatte nicht mit den Russen gerechnet. Man hämmerte mit den Fäusten an die Wand und bat sie beschwörend, doch weiterzuspielen. Es sei so herrlich gewesen. Daraufhin zog sie am nächsten Ersten aus. Jahre später war Franziska Tiburtius eine viel gesuchte Ärztin in Berlin. Jedoch war es ihr nicht gelungen, ihre Approbation als Ärztin in Preußen zu erreichen. Wer in Zürich das Examen gemacht hatte, wurde in Preußen nicht anerkannt, aber in Preußen durfte immer noch keine Frau studieren. Doch erlaubte man ihr die Ausübung der Praxis, und wer das Risiko auf sich nehmen wollte, sich von einer in Deutschland nicht approbierten Ärztin behandeln zu lassen, der sollte es tun. Dieses „Risiko“ nahmen viele auf sich. Der Zustrom zu Dr. med. Tiburtius war groß, und alles ging gut. Bis eines Tages plötzlich ein Gerichtsdiener an der Haustür klingelte. Er war kein Patient, sondern er gab nur eine Aufforderung ab, in der es hieß, dass Fräulein Doktor sich wegen unbefugter Führung des medizinischen Doktortitels zu verantworten habe. Fräulein Doktor Tiburtius erschien also vor dem Gericht, die Diplomrolle unter dem Arm.

Der Vorsitzende: „Fräulein Angeklagte, Sie müssen sich wegen der Führung falscher Titel verantworten. Bei uns liegt eine anonyme Denunziation vor!“ „Anonym? “ „Ja. Anonym.“  „Vielleicht ein junger Kollege“, meinte Dr. Tiburtius, „der die Sachlage nicht kennt.“ Der Vorsitzende nickte nur. Er fand die Ansicht der Ärztin sehr fair. Unkenntnis? Könnte man das nicht auch Futterneid nennen? „Aber schließlich konnte das Schild zu Verwechslungen führen“, schaltete sich der Staatsanwalt ein; „selbst wenn nur Dr. und nicht praktischer Arzt dort steht, so könnte man das aber annehmen. Ich beantrage 3 Mark Konventionalstrafe.“ Die Schöffen, meist tüchtige Handwerker, lasen sich das Diplom genau durch. Auch der Vorsitzende. Nach einer kurzen Beratung erkannte man auf Freispruch. Um Irrtümer künftig zu vermeiden, sollte von nun an auf dem Schild folgender Titel stehen: Franziska Tiburtius, Dr. med. der Universität Zürich.

Da stand nun an der Hauswand für jeden deutlich zu lesen, die Ärztin kam aus Zürich. Der Erfolg war überraschend: die Patientenzahl wuchs noch beträchtlich, sie strömten geradezu in die Sprechstunde, und ein Patient verriet das Geheimnis: „Fräulein Doktor, Sie müssen ja wohl etwas ganz großes geworden sein. Mit dem langen Titel auf dem Schild, kein anderer hat den — in ganz Berlin nicht.“
Dr. med. Tiburtius hat den Weg für das Frauenstudium gebahnt. Ihre Tüchtigkeit und ihre redliche Arbeit, ihre Energie und ihr Fleiß haben damit der gesamten Wissenschaft neue Kräfte zugeführt: nämlich die Geistesgaben der Frau. Sie wurde 1843 als Tochter eines Gutsbesitzers auf der Insel Rügen geboren. Sie wuchs in einem großen Geschwisterkreis fröhlich auf. Die Mutter war eine Pastorentochter aus der Nachbarschaft. Franziska besuchte die höhere Mädchenschule in Stralsund, und wie es damals für ein Mädchen üblich war, das sich sein Brot selbst verdienen musste, wurde sie Erzieherin.

Mit 17 Jahren trat sie ihre erste Stelle bei einer pommerschen Großgrundbesitzerfamilie an. Erst als sie 30 Jahre alt war und schon einige Zeit als deutsche Erzieherin in London und in einem englischen Pastorenhaus auf dem Lande gearbeitet hatte, reifte ihr Entschluss, Medizin zu studieren, angeregt durch ihren Bruder, der auch Arzt war. Weil keine Frau in Deutschland studieren durfte, ging sie nach Zürich. Sie machte dort ihre ärztliche Prüfung und wurde eine tüchtige Ärztin. Jahrzehntelang unterhielt sie eine Praxis in Berlin mit ihrem Bruder zusammen und dessen Frau, die damals die erste Zahnärztin der Welt war und, um das zu werden, nach Amerika hatte reisen müssen.

Franziska Tiburtius starb 1927. 

Renée Sintenis • Stark und sanft wie ein Likör • Ein Porträt der Bildhauerin

renee_sintenis

„Als ich eines Tages bei Flechtheim in Berlin einige Statuetten betrachtete, sah ich eine sehr große Frau eintreten, ohne Aura würde ich sagen, aber sehr jung, sehr geerdet. Viele sahen ihr nach. Aus ihren Augen lächelte Genugtuung, doch ihr Blick war stark und sanft wie ein Likör.“ – Der französische Dichter Philippe Soupault über Renée Sintenis. 

Wer die unbeschreibliche Anmut, das zarte und zierliche Format ihrer Tierplastiken kennt, erwartet unwillkürlich eine ebenso zarte, zierliche, klein gewachsene Schöpferin  und sieht sich dann etwas betroffen einer Frau von über 1,85 cm gegenüber, äußerst schlank, von sportlich gerader, lockerer Haltung, mit einem streng profilierten herrlichen Kopf, der an einen römischen Centurio denken lässt und manchmal an einen edlen Indianer. Das wahrlich imponierende Äußere ist eine List der Natur, die damit eine überaus empfindsame Seele  zu tarnen versucht hat. Das innere Bild der Renée Sintenis (1888 – 1965) entspricht indessen der Verletzlichkeit und Weichheit der jungen Tiere, die sie mit soviel Liebe und soviel von niemand anderem erreichter Einfühlung erschafft. Sie war hatte fast immer einen Hund um sich. Die langen Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre durch war es ein Welshterrier, und später ein winziger, unbändig temperamentvoller und sehr komischer Cairnterrier, Oskar genannt. Aber es war nie eine Dogge, ein Wolfshund oder sonst eine Rasse, die ihrer eigenen körperlichen Größe entsprochen hätte.

renee_sintenis_mit schnauzerDer Name Sintenis (gebürtige Renate Alice Sintenis) hieß ursprünglich Saint Denis, und die Familie gehörte zu den Hugenotten, die sich nach der Vertreibung aus Frankreich in der Mark Brandenburg niederließen. Ein Zweig ist weiter gewandert und bis nach Riga geraten. Renée Sintenis, deren Vater Jurist war, kam durch irgendeinen Zufall, „auf der Durchreise“, wie sie sagt, in Glatz zur Welt, hat aber ihre ganze glückliche Kindheit in Neuruppin verbracht. Als sie sechzehn war, gab ihr Vater für ein Jahr ein juristisches Gastspiel bei der schwäbischen Industrie, so dass das letzte Schuljahr in Stuttgart absolviert wurde. Aber dann ging die Familie zurück und ließ sich in Berlin nieder, und dort ist Renée Sintenis geblieben, fast ein halbes Jahrhundert lang. Ihre einzige Schwester lebt in Stuttgart, ein Bruder fiel blutjung im I. Weltkrieg, und der Vater, den sie als einen Romantiker bezeichnet, voller Lebensfreude und im Wirtschaftlichen ganz ahnungslos, der Vater starb diesem Sohn aus Kummer nach.

Um jene Zeit war die junge Renée längst fleißige Schülerin der alten Preußischen Akademie, die damals von Bruno geleitet wurde. Wenn auch die Eltern, wie alle Eltern, fanden, dass Malen und Kunst überhaupt kein Beruf sei, so war doch kein Halten möglich. Der Erfolg kam früh und stürmisch. Woran lag es? „Damals machte niemand junge Tiere“, sagte sie als einfache Erklärung. „Es gab Pferde, aber keine Fohlen. Niemand machte Kälbchen oder junge Eselchen.“ Sie „machte“ Sie. So, wie sie unbekümmert auf der Weide spielen, nur ihrem glücklichen eigenen Tierdasein hingegeben, springend, laufend oder ruhend. Das hatte wirklich kein Bildhauer zuvor gesehen und gestaltet.
Renée Sintenis tat das in einer Perfektion, die bis heute keine Parallele hat. Im Bewusstsein der Kunstkenner ist und bleibt sie die Meisterin der kleinen Tierplastik.

Es mag ihr Eigenstes sein, aber es ist nicht das einzige, wozu sie begnadet ist. renee_sintenis3Es gibt ein Selbstbildnis in Ton, von ihr 1915  geformt, das den antikischen Umriss des  schönen Gesichtes schon in der Jugend herausholt, es gibt Polo-Spieler, modernen  Zentauren gleich, und andere Statuen, wie die des Läufers Nurmi, in der ihre besondere Kunst der Bewegungsdarstellung sich ebenso stark manifestiert wie in den springenden Tieren. Es gibt Büsten von André Gide, von Joachim Ringelnatz und anderen, es gibt vor allem eine Fülle von Zeichnungen und Radierungen, selbständige und Buch—Illustrationen. In vielen von ihnen scheint, ebenso wie in den Statuen des Flöte spielenden Knaben aus  den jüngsten Jahren, der Geist Griechenlands neu geboren. Man möchte annehmen, dass die Kunst der Sintenis aus einer langen und innigen Berührung mit den mittelmeerischen Ländern befruchtet worden sei.
In Wirklichkeit ist das Hauptmerkmal ihres Lebens eine außergewöhnliche Sesshaftigkeit. Sie, die mit soviel Können die Bewegung darstellt, Lauf, Sprung, Drehung, die übrigens selbst eine ausgezeichnete Reiterin ist, verlässt nur ungern und selten ihren Wohnsitz Berlin. Ihr persönliches Leben ist, soweit der Außenstehende es beurteilen darf, ohne große Schwankungen verlaufen. Sie hat 1917 den Maler und Graphiker E. R. Weiß geheiratet und fünfundzwanzig Jahre mit ihm in einer schönen tiefen Gemeinschaft gelebt. Weiß, den Badener, zog es immer wieder zum Bodensee, 1942 ist er, der schon lange herzleidend war, eines Morgens in Meersburg nicht mehr erwacht. Renée Sintenis, die mit ihm in einer großen Wohnung des Berliner „alten Westens“ lebte, in der Potsdamer Privatstraße, übersiedelte nach seinem Tod in sein Atelier in der derfflingerstrKurfürstenstraße mit dem großen Dachgarten, auf dem es wirklich Erde mit vielen Blumen und einem weiten Blick über die Dächer von Berlin gab. Dort hat sie, zusammen mit dem niederbayrischen Mädchen, das damals schon seit zwanzig Jahren sie umsorgte und es noch viele Jahre tat, das düstere Grauen der Eroberung von Berlin erlebt und erlitten. Zwischen Phosphorbomben und Stalinorgel hat sie im Winter 1945 jenes letzte Selbstbildnis geschaffen, in dem die Tragik dieser Wochen und aller Schmerz eingefangen scheint, dessen eine menschliche Seele fähig ist. Das Modell hat sie noch kurz vor Kriegsende ihrem Gipsgießer gebracht, und später hat er es unter den Trümmern seines Hauses als einziges unbeschädigtes Stück ausgegraben, ebenso wie ein anderer ihrer Helfer die vergrabene Kiste mit den Modellen ihrer Vorkriegsarbeiten zu retten vermocht hat. Das  Atelierhaus, soweit es noch stand, wurde von den Russen in Brand gesteckt; sie verlor alles, Möbel, Bilder, die große Bibliothek und das Werk ihres verstorbenen Gatten. Die ersten Wochen nach dem Zusammenbruch waren eine Hölle, nicht weniger grausig, als ganz Berlin sie erlebte. Es entspricht ihrem Wesen, ihrer Kunst, dass sie das Leid der Zeit nicht nur im Selbstbildnis ausgedrückt hat, sondern auch in der Kreatur, in der Statue eines Hundes, der mit zurückgeworfenem Kopf auf den Trümmern sitzt und seinen ratlosen Jammer in den Brandhimmel heult …

renee_sintenis_skizzeNun, auch diese Zeit ist vorbeigegangen. Renée Sintenis bekam eine kleine Wohnung, zweieinhalb Zimmer in Schöneberg, zehn Jahre nach dem Krieg eine sehr bescheidene Umgebung für eine der größten und erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen. Sie war dann Ordentlicher Professor an der Hochschule für bildende Künste und hat ein Atelier dort, in dem sie einige wenige Schüler unterrichtet. Die eigenen Arbeiten aber entstanden noch immer an einem Holztisch in ihrer Wohnung. Sie ist eine der zwölf Träger des deutschen Friedens — Pour le mérite. Mit sechsundsechzig Jahren ist sie emeritiert worden. Aber das war nur eine Formalität. Sie schaffte weiter. In Goldenerbaerdieser Zeit kam ihr Name in den Mund vieler, die ihn vielleicht früher nie gehört haben: als der kleine Berliner Bär, von ihr gestaltet,  an den Autobahnen begann, die westdeutsche Bevölkerung bescheiden an die Existenz der Hauptstadt zu erinnern.
Niemand anders als Renée Sintenis hätte ihn schaffen können, die Bildhauerin mit dem französischen Namen, deren Leben und Wirken enger mit Berlin verknüpft ist als das irgendeines anderen deutschen Künstlers.

Von ganz anderer Art ist eine ihrer letzten Zeichnungen. Sie zeigt einen Fuchs, der plötzlich stehengeblieben ist und sich einem fremden Geräusch zuwendet. Nur selten ist dieser Augenblick eines Tieres so in die Kontur einer einzigen Linie gebannt worden, die alles enthält: auch schon den nahen Sprung in die Flucht. Manchmal fuhr sie im Sommer nach Kampen und im Frühjahr oder Herbst nach Badenweiler. Für sie, die Sesshafte, war das weiter als heute für die meisten Amerika. Mehr wollte sie nicht. Sie war einer der wenigen schöpferischen Menschen, die der Ferne nicht bedürfen und nicht der Anregung von außen. Sie fand alles in sich, im eigenen, tiefen und stillen Selbst.

Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929
Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929

Haydn – Über seine Vorbilder und wen er verehrte

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Joseph Haydn, Schwerpunkt des diesjährigen SHMF, galt als Genie und Musikerneuerer. In loser Folge veröffentlichen wir Beiträge zu diesem musikalischen Vorbild.

Franz Joseph Haydn (Rufname: Joseph, * 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; † 31. Mai 1809 in Wien) war Komponist zur Zeit der Wiener Klassik. Er war Bruder des Komponisten Michael Haydn und des Tenors Johann Evangelist Haydn.

Den größeren Teil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Haydn als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie Esterházy, wo er deren Orchester und Oper leitete. Die Abgeschiedenheit von anderen Komponisten und musikalischen Strömungen beschrieb er mit dem bekannten Zitat: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“

1797 vertonte Haydn für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Franz II. das hierzu bei Lorenz Leopold Haschka ebenfalls vom Hof bestellte Gedicht Gott! erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!. Die Melodie war bis zum Ende der Habsburgermonarchie 1918 die der Österreichischen Kaiserhymnen und fand auch danach noch in der Ersten Republik Anwendung. Im Jahr 1841 wurde ihr das extra hierzu gedichtete Lied der Deutschen von Heinrich Hoffmann von Fallersleben unterlegt, das in dieser Form 1922 die Hymne des damaligen Deutschen Reiches wurde.

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Nicola Antonio Porpora - Maler unbekannt - 18. Jhrdt.
Nicola Antonio Porpora – Maler unbekannt – 18. Jhrdt.

Obgleich Haydn einmal scherzhaft äußerte, dass er von allen geliebt und geachtet werde, ausgenommen von Musikgelehrten , so waren doch gerade die größten Musiker stets bereit, der anderen Größe anzuerkennen. Haydn selbst scheint von Eifersucht gänzlich frei gewesen zu sein. Seine Bewunderung für den berühmten italienischen Komponisten und Gesangslehrer Nicola Antonio Porpora ging so weit, dass er sich entschloss, sich Zutritt zu seinem Hause zu verschaffen und sein Diener zu werden. Nachdem er die Bekanntschaft der Familie gemacht hatte, in der der „Virtuose der italienischen Arie“ lebte, betraute man ihn mit dieser Aufgabe. Jeden Morgen bürstete er jetzt den Rock des alten Herrn aus, putzte die Schuhe und brachte seine Perücke in Ordnung. Zuerst war Porpora über den Eindringling aufgebracht; aber sein Unwille besänftigte sich bald und ging in Zuneigung über. Er entdeckte das Genie seines Dieners und geleitete ihn durch entsprechenden Unterricht auf jene Bahn, auf welcher Haydn später solche Bedeutung erlangte.

Haydn selbst war ein begeisterter Bewunderer Händels. »Er ist unser aller Vater,« sagte er einst. Scarlatti folgte voll Bewunderung Händel durch ganz Italien und wenn sein Name genannt wurde, bekreuzigte er sich zum Zeichen der Verehrung. Mozart zollte dem großen Komponisten nicht weniger herzliche Bewunderung. »Wenn Händel will,« sagte er, »so fährt er drein wie der Donnerkeil.« Beethoven pries ihn als den »König im Reiche der Musik.«

Als Beethoven auf dem Sterbebett lag, sandte ihm einer seiner Freunde Händels Werke in vierzig Bänden als Geschenk. Sie wurden in sein Zimmer gebracht und sie mit wieder erstrahltem Glanz in den Augen in sich aufsog. Dann rief er aus, mit dem Finger auf sie zeigend: »Hier – hier ist die Wahrheit!«

Joseph Haydn - KompositionHaydn erkannte nicht nur das Genie derer an, die vor ihm lebten, sondern auch seiner jungen Zeitgenossen wie Mozart und Beethoven. Engstirnige Menschen mögen auf ihre Genossen neidisch sein, aber wahrhaft große Männer suchen und lieben einander. Über Mozart schrieb Haydn: »Ich wünschte nur, ich könnte jedem Freunde der Musik und besonders großen Männern dieselbe Tiefe musikalischer Sympathie und die Wertschätzung der unnachahmlichen Musik Mozarts mitteilen, die ich empfinde und genieße; dann würden Nationen miteinander ringen, um solch ein Juwel in ihren Grenzen zu besitzen. Prag sollte sich nicht nur bemühen, diesen köstlichen Mann festzuhalten, sondern ihn auch gebührend zu belohnen; denn ohne dies ist die Geschichte eines großen Genies wahrhaft traurig …. Es bringt mich auf, dass der unvergleichliche Mozart noch nicht von einem kaiserlichen oder königlichen Hof engagiert worden ist. Vergebt mir meinen Zorn; aber mir ist der Mann so teuer.«
Mozart erkannte ebenfalls die Verdienste Haydns hochherzig an. »Mein Herr,« sagte er zu einem Kritiker, als sie von jenem redeten, wenn Sie und ich verschmolzen würden, so würden wir noch nicht genug Material für einen Haydn liefern.« Und als Mozart zum ersten mal Beethoven hörte, bemerkte er: »Hören Sie diesem jungen Manne zu, und seien Sie versichert, dass er sich in der Welt einen großen Namen erringen wird.«

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Maria Aronov • Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/author/mariaaronov/“ target=“_blank“]Maria Aronov – Autorin, Lyriker, Dozentin[/avatar]

Platon (altgriechisch Πλάτων Plátōn, latinisiert Plato; * 427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 347 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Platon (altgriechisch = breit) war der Spitzname von Aristokles. Diesen bekam er wohl wegen seiner breiten Schultern.

Platon gehörte dem ältesten Adel von Athen an. Sein Vater Ariston soll ein Nachkomme der früheren Könige von Athen gewesen sein. Die Mutter von Platon, Periktione, war mit einem bekannten Athener Staatsmann des 6. Jahrhundert vor Christus verwandt. Nach dem Tod von Ariston heiratete sie zum zweiten Mal. Zu ihrem Mann wurde Pyrilampes. Er war ein Freund von Perikles, ein berühmter Staatsmann von Athen. Als junger Mann ähnelte Platons Verhalten den anderen Jungen seiner Zeit. Er bevorzugte eher die leichtfertige Lebensform mit Spaß und Spiel. Später dichtete er, aber den philosophischen Geist in ihm erweckte sein Lehrmeister Sokrates. Es interessierten ihn aber auch Ringkämpfe. Den Überlieferungen nach soll er zweimal die Isthmischen Spiele gewonnen haben. Diese stellten Wettkämpfe im antiken Griechenland dar, ähnlich den späteren olympischen Spielen. Den Namen erhielten sie nach dem Isthmos (einer Landenge) von Korinth.

Platon

Als Platon 20 wurde, wollte er sich der Politik widmen, bis er feststellte, dass die damalige Politik Athens überhaupt nicht dem entsprach, was er sich vorstellte. Er entschied sich also dazu, sich dem Kreis der Sokratiker anzuschließen. Platon studierte im griechischen Megara, wo er Logik bei Euklid studierte, dann begab er sich nach Ägypten und Nordafrika.

Auf seiner Reise nach Italien und Sizilien, wo er im Jahre 389vor Christus war, studierte er die Lehre von Pythagoros, dessen Grundgedanke war, dass das ganze Dasein einer genauen mathematischen Ordnung unterläge.

Maria Aronov - Platons Akademie4Als Platon 40 wurde, wurde er von Dionysios gerufen. Platon Aufenthalt bei ihm endete jedoch damit, dass er als Sklave verkauft wurde. Der Grund dafür war, dass Platon den Tyrannen Dionysios umerziehen wollte. Zum Glück konnte Platon von einem Freund freigekauft werden und nach Athen zurückkehren. Durch Unterstützung einiger Gönner, konnte Platon außerhalb der Stadt eine Schule eröffnen, die zur ersten Universität Europas wurde. Er nannte sie Akademia. Der Name beruhte auf dem örtlichen Halbgott Akademus.

Die Schule war sowohl für Frauen als auch Männer offen. Unter ihnen befand sich auch Aristoteles. Die Fächer waren politische Theorie, Gymnastik, Philosophie, Biologie, Mathematik und Astronomie. Der Unterricht war kostenlos.

Die Lehre Platons reichte von der abendländischen Philosophie über das Christentum und die islamische Weltvorstellung des Mittelalters, über die Renaissance bis hin zum 21. Jahrhundert. Die Akademia wurde jedoch im Jahr 529 nach Christus durch den byzantnischen Kaiser Justinian I geschlossen. Laut dem Werk des alexandrinischen Philosophen Philo Judaeus hatte Platon eine große Wirkung auf die jüdische Gedankenwelt des ersten Jahrhunderts. Im dritten Jahrhundert wurde durch Plotin der Neuplatonismus gegründet.

Bei Florenz wurde im 15. Jahrhundert Academica Platonica gegründet. Dort wurden den Akademie-Besuchern die Werke Platons im griechischen Original vermittelt.

Trotz seines Erfolgs, Talents und der Anerkennung musste Platon seinen Traum, mithilfe der Philosophie das Leben eines idealen Staates zu realisieren, aufgeben. Einen großen Einfluss darauf hatte seine Flucht aus dem Gefängnis, als er zum zweiten Mal versucht hat, den Herrscher Dionyses umzuerziehen.

Archäologische Fotos von Platons Akademie – Aufnahmen von Maria Aronov

In der Zeit des peloponnesischen Krieges (zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter seiner Führungsmacht Sparta dauerte, unterbrochen von einigen Waffenstillständen, von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner) träumte Platon davon, den Idealismus zu finden. Dieser sollte bruchfest sein und für alle Lebenslagen gelten. Platons Idealismus sollte auf dem Geist beruhen. Nur unsere Vorstellung davon, was wir sehen, macht seiner Ansicht nach die Erkenntnis möglich. Die einzig wahre Welt war für Platon die Welt der Ideen. In seiner Ideenlehre geht es um die Wichtigkeit der Wahrnehmung und des Wissens. Die Ideen selbst lassen sich nur durch ihre Wirkung erkennen. Um die Ideenwelt zu beschreiben, nimmt Platon die Sonne und vergleicht sie mit der Idee des Guten. So, wie die Sonne die Welt beleuchtet, bringt die Idee des Guten in das Unsichtbare die Wahrheit. Das Gute steht nach Platon über allem, wozu auch unser Sein gehört. In seinem Höllengleichnis kritisiert er die Bequemlichkeit des Menschen in einer Scheinwelt. Das bedeutet, dass die Wahrheit lieber verschwiegen wird. Dies war auch gegen die Vorstellung von Sokrates, der bis zu seiner Hinrichtung die Wahrheit so weit wie möglich verbreiten wollte.

In den zahlreich ideal verfassten Schriften Platons wird seine Suche nach der ewigen Wahrheit erläutert und berührt bis heute die Herzen und Seelen seiner Leser.

Weitere Texte zu Platon und seine Zeit finden Sie hier.

Wilson Alwyn Bentley • Der Schnee-Photograph

Snow flakes by Wilson Bentley. Bentley was a bachelor farmer whose hobby was photographing snow flakes. ; Image ID: wea02087, Historic NWS Collection ; Location: Jericho, Vermont ; Photo Date: 1902 Winter - Quelle: wikipedia
Snow flakes by Wilson Bentley. Bentley was a bachelor farmer whose hobby was photographing snow flakes – Image ID: wea02087, Historic NWS Collection ; Location: Jericho, Vermont ; Photo Date: 1902 Winter – Quelle: wikipedia

Die wunderbaren Formen der Schneekristalle, die sich auch dem bloßen Auge offenbaren, wenn die Flöckchen auf eine dunkle Unterlage fallen, hat wohl jeder schon einmal beobachtet – und ihre rasche Vergänglichkeit bedauert. Gibt es doch kein Mittel, um diese leichten Gebilde der Kälte aufzubewahren. Nur im Bild sind die köstlichen Formen festzuhalten, mit besonders prächtigem Ausdruck dann, wenn man die Kristalle durch das Mikroskop photographiert.
Es scheint nun eine Sisyphusarbeit, die allerfeinsten Schneeteilchen auf den Beobachtungstisch des Mikroskops bringen zu wollen. Denn sie zerbrechen schon, wenn sie nur gegeneinander stoßen, zerfließen bei der geringsten Wärmezufuhr. Dennoch hat ein amerikanischer Gelehrter durch unermüdliche Geduld und erstaunliche Geschicklichkeit es fertiggebracht, Mikro-Photographien von mehr als 2000 verschiedenen Schneekristallen herzustellen. Wilson A. Bentley in Jericho hat ein Vierteljahrhundert auf die Herstellung dieser Sammlung verwendet; er musste seine Arbeiten bei strengster Kälte, oft mitten in einem wütenden Blizzard ausführen und konnte sie nur vollenden, weil er eine große Gewandtheit im raschen Einstellen des Mikroskops und eine raschest funktionierende Kamera besaß. Das Ergebnis ist aber der Mühe wert, denn wir besitzen nun Bilder von Schneekristallen, die eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Formen offenbaren.
Wie in einem riesenhaften Laubwald nicht zwei Blätter zu finden sind, die einander vollständig decken, so ist auch keine der Schneeformen einer anderen gänzlich gleich. Umso wunderbarer ist aber, dass sie alle Sechseckform haben, von der auch nicht ein einziges abweicht. Innerhalb dieses Rahmens gleichen die Flöckchen bald Blumen, bald Rädern, bald winzigen Säulen, immer sind sie von berückender Schönheit.
„Wer genötigt ist, zu kunstgewerblichen oder industriellen Zwecken ständig neue figürliche Kompositionen zu ersinnen, braucht sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, wenn er Bentleys Photographien von Schneekristallen zu Hilfe nimmt. Musterzeichner, Spitzenklöppler und Künstler der graphischen Gewerbe können aus diesem schier unerschöpflichen Born, dem Gestaltungsreichtum der Natur, ihr Leben lang Anregungen gewinnen. Vieles, ja das meiste, was der Frost hier gewissermaßen spielend erzeugt, wird sich auf dem Webstuhl freilich nicht nachbilden lassen; denn diese Linien und Figuren sind zu zart und subtil, als dass sie sich mit Kettfaden und Einschlag erzeugen ließen. Aber der Überfluss an Formen in den Schneekristallen ist so groß, dass allein die darin gegebene Anregung genügt, um durch Vereinfachungen und Abänderungen unzählige brauchbare Vorlagen zu gewinnen.”

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Wilson Alwyn Bentley
Wilson Alwyn Bentley

Wilson Alwyn Bentley (* 9. Februar 1865 in Jericho, Vermont; † 23. Dezember 1931 ebenda) war ein US-amerikanischer Farmer, Fotograf und Schneeforscher.
Bentley, im Hauptberuf Farmer auf seiner Familienfarm in den USA, gelang es ab dem 15. Januar 1885 als einem der ersten Menschen, Schneekristalle unter dem Mikroskop zu fotografieren.[1] Das Verfahren dazu hatte er selbst entwickelt. Insgesamt fotografierte er mehr als 5.000 Schneekristalle. Sein 1931 veröffentlichtes Buch Snow Crystals enthält mehr als 2.400 seiner Fotos. Die Fotoplatten vermachte er dem Buffalo Museum of Science.

In einem Beitrag von 1922 stellte Bentley die These auf, dass jeder Schneekristall unterschiedlich geformt sei (“no two snowflakes are alike”). Hierzu berief er sich auf seine bisherigen Beobachtungen stets verschiedener Kristalle, womit freilich noch nicht der positive Nachweis erbracht war, dass wirklich alle Schneeflocken unterschiedlich sein müssen. Nancy Knight, eine Schneeforscherin vom National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, veröffentlichte in einem Aufsatz von 1988 die Fotos zweier augenscheinlich vollkommen identischer Schneeflocken.

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Artur Fürst / Alexander Moszkowski – Das Buch der 1000 Wunder
Erstveröffentlichung 1916
Verlag Albert Langen, München

Erich Salomon • Historische Fotos aus der Weimarer Republik

Erich Salomon • Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken

Erich Franz Emil Salomon (*1886 in Berlin; † Juli 1944 in Auschwitz) war ein deutscher Jurist, Fotograf und Bildjournalist.

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Quelle: Erich Salomon – Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken
Verlag: Peter Hunter-Salomon – 1978
Erstveröffentlichung: 1931

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates
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Erstes Buch.
1. Kapitel.

Verteidigung des Sokrates gegen die Beschuldigung, dass er nicht die Götter des athenischen Staates verehrt und neue Gottheiten eingeführt habe.

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

1. Oft habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe in aller Welt die Ankläger des Sokrates den Athenern überzeugend nachgewiesen haben mögen, dass er den Tod um den Staat verdient habe. Die gegen ihn erhobene öffentliche Klage lautete nämlich ungefähr so:
Sokrates tut Unrecht, einmal dadurch, dass er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt und andere fremde Gottheiten einführt, sodann aber auch dadurch,  dass er die Jugend verführt.

2. Was nun das Erste anlangt, dass er die Götter nicht anerkenne, welche der Staat anerkennt, was für einen Beweis in aller Welt mögen sie da vorgebracht haben? Bekanntlich opferte er oft zu Hause, oft auch auf den öffentlichen Altären der Stadt; auch ganz offenkundig bediente er sich der Weissagungen. Es hat ja genug böses Blut gemacht, dass Sokrates sagte, die Gottheit gebe ihm Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube, ihn beschuldigt haben, dass er fremde Gottheiten einführe.

3. Aber er führte damit ebenso wenig etwas Neues ein, als all‘ die anderen, welche an die Weissagekunst glauben und sich des Fluges der Vögel, der Vorbedeutungen aus der menschlichen Stimme, des Schauens der Eingeweide der Opfertiere und sonstiger Zeichen bedienen. Denn wie diese annehmen, dass nicht die Vögel, noch die ihnen Begegnenden das den Fragenden Zuträgliche wüssten, sondern dass es die Götter durch diese offenbaren, so dachte auch jener hierüber.

4. Aber die Meisten sagen es, als wenn sie von den Vögeln und Begegnenden ermahnt oder gewarnt würden, Sokrates hingegen sagte so, wie er dachte; er sagte nämlich, die Gottheit gebe ihm Andeutungen. Und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu tun, jenes aber nicht zu tun, weil ihm die Gottheit eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, welche ihm nicht folgten, bereuten es.

5. Und wer wollte fürwahr nicht zugeben, dass er nicht gewünscht hätte, vor seinen Freunden als ein Narr oder Einfaltspinsel dazustehen? Beides aber würde er gewünscht zu haben scheinen, wenn er sich erst als einen Verkündiger göttlicher Offenbarungen und dann hinterher als einen Betrüger gezeigt hätte! Offenbar nun hätte er derartiges nicht vorhergesagt, wenn er nicht an die Erfüllung desselben fest geglaubt hätte. Wer möchte aber hierin wohl einem andern als einem Gotte Glauben schenken? Wenn er aber den Göttern glaubte, wie hätte er da glauben können, dass es überhaupt keine Götter gebe?

6. Aber wahrlich, außerdem tat er auch noch Folgendes für seine Freunde. Die notwendigen Dinge riet er so zu tun, wie er glaubte, dass sie am besten getan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften.

7. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter, oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden.

8. Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, das, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflussreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte.

9. Diejenigen aber, welche glaubten, dass nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z.B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, dass man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müsse; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsse man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen, denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien.

10. Aber er verkehrte ja immer vor aller Augen. Denn des Morgens in der Frühe besuchte er die Säulenhallen und die Turnplätze, und zur Mittagszeit konnte man ihn dort sehen, und auch zu andern Tageszeiten war er immer da zu finden, wo er mit den Meisten zusammentreffen konnte. Auch sprach er gewöhnlich, und wer wollte, konnte zuhören.

11. Aber keiner hatte jemals von Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges gesehen oder gehört. Auch redete er nicht, wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos (Weltall) für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für töricht.

12. Und zuerst fragte er dabei, ob sie etwa schon wähnten, in menschlichen Dingen genügend erfahren zu sein und deshalb solche Grübeleien vornämen, oder ob sie wähnten, das Geziemende zu tun, wenn sie die menschlichen Dinge bei Seite ließen und sich mit göttlichen beschäftigten.

13. Er wunderte sich aber, wenn es ihnen nicht klar war, dass es Menschen unmöglich sei, dieses ausfindig zu machen, da ja auch diejenigen, welche sich auf ihre Disputationen über solche Gegenstände sehr viel zu Gute täten, nicht dieselben Ansichten hätten, sondern wie Wahnsinnige einander gegenüber ständen.

14. Denn von den Wahnsinnigen fürchteten die einen nicht einmal das Furchtbare, andere hingegen fürchteten sich selbst vor dem nicht Furchtbaren; den einen scheine es gar nichts Schimpfliches zu sein, unter einem Pöbelhaufen beliebiges zu reden und zu tun, wieder andere scheuten sich, auch nur unter die Leute zu gehen; die einen hätten weder vor einem Heiligtum, noch vor einem Altar, noch vor sonst einem göttlichen Dinge ehrfurchtsvolle Scheu; die anderen aber verehrten sogar Steine, die ersten besten Holzblöcke und Tiere. Ebenso scheine nun auch unter denen, welche über die Natur des Weltalls sich den Kopf zerbrechen, den einen das Seiende nur ein einzelnes Ding, den anderen hingegen das Seiende etwas der Zahl nach Unendliches zu sein; die einen sagten, alles sei in fortwährender Bewegung, andere, es bewege sich gar nichts; die einen glaubten, dass alles entstehe und vergehe, die anderen, dass niemals irgend etwas entstanden oder vergangen sei.

15. Er fragte über sie auch das, ob sich etwa, wie die, welche menschliche Weisheit lernten, das Gelernte im eigenen Interesse oder im Interesse eines beliebigen anderen im Leben zu verwerten beabsichtigten, ebenso auch diejenigen, welche über göttliche Dinge nachdächten, der Hoffnung hingäben, einmal, wenn sie erkannt hätten, welche Naturgesetze alles beherrschten, nach eigenem Gutdünken Winde, Regen, Jahreszeiten und was sie sonst von derartigen Dingen bedürften, machen zu können? Oder ob sie derartiges nicht einmal erhofften, sondern damit zufrieden wären, darüber, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis habe, nur eine Meinung gewonnen zu haben.

16. Das war seine Ansicht von Leuten, welche sich mit solchen Dingen beschäftigten. Er selbst aber hätte sich immer über menschliche Dinge unterhalten, indem er betrachtete, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was recht, was unrecht sei; was Besonnenheit und Keckheit, Tapferkeit und Feigheit sei; wie ein Staat und ein Staatsmann, wie Regierte und Regent sein müssten und anderes dergleichen, das, wie er überzeugt war, einen jeden, der es weiß, zu einem guten und tüchtigen Menschen macht, den aber, welcher es nicht weiß, mit vollem Rechte zu einem Knechte herabwürdigt.

17. Es ist demnach nicht zu verwundern, dass seine Richter in diesen Dingen, über welche seine Ansichten unbekannt waren, verkehrt über ihn urteilten; aber sehr zu verwundern ist es, dass sie darauf nicht Rücksicht nahmen, was allen bekannt war.

18. Als er nämlich einmal Senator war und den verlangten Eid geschworen hatte, in welchem auch stand, nach den Gesetzen einen Rath geben zu wollen, da wollte das Volk gerade zu der Zeit, wo er Vorsteher im Demos war, gegen die Gesetze neun Feldherrn, zu welchen Thrasyllos und Erasinides gehörten, durch eine Gesamtabstimmung zum Tode verurteilen. Dieser Abstimmung widersetzte er sich, obwohl das Volk ihm zürnte und viele Mächtige ihm drohten; aber er hielt seinen Eid für höher, als gegen Gesetz und Recht dem Volke zu willfahren und sich vor den Drohenden in Acht zu nehmen.

19. Und er war überzeugt, dass die Götter für die Menschen sorgten, aber nicht in der Weise, wie der große Haufe glaubt; denn dieser glaubt, die Götter wüssten manches, manches aber wieder nicht. Sokrates aber glaubte, die Götter wüssten alles, sowohl Reden als Werke, als auch das, was heimlich ausgesonnen wird; ferner, dass sie allgegenwärtig seien und den Menschen in allen menschlichen Angelegenheiten Zeichen geben.

20. Ich wundere mich also, wie in aller Welt die Athener sich haben überreden lassen, dass Sokrates in Betreff der Götter verkehrte Ansichten gehabt habe, da er doch niemals gegen die Götter etwas Frevelhaftes gesagt oder getan hat, vielmehr nur so geredet und gehandelt hat, wie einer reden und handeln muss, welcher als der Gottesfürchtigste anerkannt wird.

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330px-XenophonXenophon’s Erinnerungen an Sokrates
Verlag von Philipp Reclam jun

Xenophon (griechisch Ξενοφῶν; * zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; † nach 355 v. Chr. in Korinth) war ein antiker griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller in den Bereichen Geschichte, Ökonomie und Philosophie. – Quelle: wikipedia

Max Liebermann • Über den Maler Jozef Israëls

Jozef Israëls
Verlag Bruno Cassirer, 1901

Jozef Israëls by Jan VethWer zum ersten Male in seinem Leben auf die Jagd geht, hat immer Glück; wer aber auch nur einigermaßen gescheit ist, versucht es nicht zum zweiten Male.
Nach dem günstigen Erfolge, den die paar Seiten gefunden haben, die ich über Degas veröffentlicht hatte, – sind sie doch sogar ins Russische übersetzt! – hatte ich mir das Schreiben hoch und heilig verschworen. Siegreich hatte ich den Lockungen der Verleger widerstanden, und nur wer jemals Druckerschwärze geleckt hat, kann nachfühlen, wie schwer das ist.
Da traf sichs an einem schönen Septembernachmittag, eines Tages, als ich in Scheveningen mit Israels nach dem Lunch Kaffee trinkend und Zigarren rauchend vor seinem Pavillon saß, daß die Unterhaltung – wie das nicht selten unter Kollegen – auf die Kritik fiel. Und plötzlich sagte der Meister: »Wie über Degas sollten Sie mal über mich schreiben.« Und im Nu waren alle meine guten Vorsätze dahingeschwunden vor der freudigen Hoffnung, meiner Liebe und Verehrung für Israels öffentlich Ausdruck geben zu dürfen. Schon am nächsten Tage fuhren wir nach dem Haag und suchten im Atelier das nötige Material an Zeichnungen, Radierungen, Photographien, das den Text begleiten sollte, zusammen.
Bis hierher ging alles ganz famos. Aber als ich mich nun an die Arbeit machte, sah ich ein, daß ich Israels viel zu sehr liebe, um über ihn schreiben zu können. Denn man kann eigentlich nur über die Schwächen eines Künstlers schreiben: woher denn auch die meisten Kritiker ihren Helden zu »zerreißen« pflegen (was, nebenbei bemerkt, viel amüsanter ist). Um aber einem großen Künstler wahrhaft gerecht zu werden, müßte man seine Kunst in Worte fassen können; man müßte mit Kunst schreiben. Nur ein lyrischer Dichter könnte Israels ganz gerecht werden, denn Israels Malerei ist ein Farbe gewordenes Gedicht; ein schlichtes Volkslied, kindlich, im biblischen Sinne einfältig; alles Gemüt, Empfindung und nochmals Gemüt.

Jozef Israëls - Wenn man alt geworden ist. - Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst - 1878
Jozef Israëls – Wenn man alt geworden ist. – Haags Gemeentemuseum voor Moderne Kunst – 1878

Israels sagte mir mal: »Außer Millet gibt es keinen Maler, der so wenig zeichnen und malen konnte wie ich, und dabei so gute Bilder gemacht hat.«
Mit andern Worten: wie Millet, ist auch Israels kein Talent, doch – ein Genie.
Beides fehlt, was mit Recht als das Kriterium des Talents angesehen wird: die behende Leichtigkeit, die Natur wiederzugeben. Statt den Gegenstand zu zeichnen, notiert ihn Israels oft in sein Skizzenbuch er schreibt auf, wo sich ein Schrank, ein Stuhl oder eine Kuh befinden. Es ist sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Talent, wenn einer einen Akt herunterstreichen kann, wie die Preisgekrönten, welche dutzendweise an den Wänden der Malschulen Paris oder Antwerpen hängen. Aber aus ihren Verfertigern wird schließlich im besten Fall ein Cabanel oder Bouguerau; meistens bleiben sie ihr Leben lang der »Ancien prix de Rome«. Selbst das mit größtem Talent gemalte Bild bleibt ohne den göttlichen Funken – gemalte Leinwand. Erst das sogenannte Genie flößt dem Bilde das Leben, die Seele ein: die gemalte Leinwand wird zum lebendigen Kunstwerk.
Israels steht heute in seinem 88. Lebensjahre; er ist in Holland, was bei uns Menzel war, und wie beim Erscheinen Menzels im Restaurant Frederich einer dem andern zuflüsterte: »da kommt Menzel«, so zeigt ihn ein Badegast dem andern, wenn der kleine alte Herr – er ist beinahe ebenso klein wie Menzel – am Strande von Scheveningen spazieren geht.
Als ich einmal vor Jahren in Delden, einem Städtchen unweit der deutschen Grenze, mit Israels auf der Studienreise war, kam ein braver Bürger des Orts auf ihn zu, »ob er der große Meister wäre, den er in der Zeitschrift abgebildet gesehen hätte, er möchte ihm die Hand drücken und seinen Kindern erzählen, daß er mit Israels gesprochen«.
In Deutschland dagegen ist Israels Name, außer bei den Künstlern, wenig bekannt, und jeder Landsmann, der nach Holland kommt, meint ihn »entdeckt« zu haben. Wer in Berlin aus der alten Gemälde-Sammlung in die National- Galerie oder in München aus der alten in die neue Pinakothek tritt, glaubt sich, sozusagen, in eine andere Welt versetzt. In Holland kann man nach den alten Bildern noch die modernen ansehen: es ist Fleisch von ihrem Fleische.

Eine jüdische Hochzeit - Jozef Israëls, - 1903
Eine jüdische Hochzeit – Jozef Israëls, – 1903

Die modernen Holländer haben von ihren Vorfahren eine gewisse malerische Kultur geerbt, die selbst unsern bedeutendsten Meistern, wie Menzel oder Böcklin, fehlt. Ein Genie kann es sich schon gestatten, barbarisch zu sein; aber die große Mehrzahl, die bekanntlich nicht aus Genies besteht, muß den Mangel durch Kultur zu ersetzen suchen.
Vor etwa dreißig Jahren traten die Holländer zum ersten Male geschlossen im Münchner Glaspalast auf und erregten bei den Künstlern – die in München das einzige Publikum bilden – ungeheures Aufsehen. Was uns frappierte, war die malerische Kultur. Ein jeder strebsame junge Mann pilgerte nach Holland, er brachte den Holzschuh und die weiße Haube und die lange Tonpfeife von dort mit; das holländische Fenster mit den kleinen Scheiben im Lot wurde Mode. Der Aufschwung, den die deutsche Malerei in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebte, beruhte nicht zum mindesten auf dem Einfluß der Holländer, und die Münchener Sezession quittierte nur dankend darüber, als sie Israels zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Denn Israels hat die moderne holländische Schule geschaffen: ob Bosboom Kirchen-Interieurs, Maris Stadtansichten, Mesdag Marinen, Mauve Kühe und Schafe malt, ein jeder verdankt ihm etwas, gerade wie jeder Maler heutzutage etwas von Manet hat.
Nicht einmal das Handwerk in der Kunst läßt sich beweisen; und nun gar, was darüber hinausgeht, das heißt wo die Kunst anfängt, gehört dem Gebiete der Ästhetik an. Und Anatole France hat ganz recht; »die Ästhetik hat keinen festen Untergrund; sie ist ein Luftschloß«. Selbst die sogenannten allseitig anerkannten Kunstwerke – der einzige Rettungsanker auf dem wogenden Meer der Ästhetik – erweisen sich bei näherer Betrachtung als höchst schwankend. Die Renaissance zog Virgil dem Homer vor, Friedrich der Große war einig mit seinem ganzen Zeitalter, wenn er Voltaire höher schätzte als Shakespeare; Frans Hals‘ Doelenstücke, Haarlems heutiger Ruhm und Stolz, lagen bis Mitte des 19. Jahrhunderts aufgerollt auf dem Bodenraum des Rathauses. Rembrandt, dessen Ruhm heut selbst den Raffaels überstrahlt, wurde im 18. Jahrhundert den damaligen Modemalern nachgesetzt. Und nun gar bei den Modernen und in heutiger Zeit, wo jeder wie am politischen Leben so am künstlerischen teilzunehmen sich für berechtigt hält; wo in den Kunstanschauungen nichts beständig ist als der Wechsel; wo eine Richtung, eben erst als die alleinseligmachende ausposaunt, morgen schon zum alten Eisen geworfen wird!

Jozef Israëls - Maaiers - 1834 -Rijksmuseum
Jozef Israëls – Maaiers – 1834 -Rijksmuseum

Man sollte überhaupt nicht so viel von »Richtungen« sprechen, als ob die Richtungen den Künstler machen und nicht umgekehrt. Der alte Schadow pflegte seinen Schülern, die ihre schlechte Arbeit mit dem schlechten Zeichenmaterial zu entschuldigen suchten, zu antworten; »Mein Sohn, der Bleistift ist nicht dumm«. Die Richtung ist nur das äußere Gewand eines Künstlers, steckt ein Kerl dahinter, so ist die Richtung gut; auch in der Kunst macht der Rock nicht den Mann.
Was Fromentin von Rembrandt sagt: »Il a bien peint parce qu’il a bien senti« paßt auf keinen lebenden Meister besser als auf Israels: er malt gut, weil er gut empfindet. Und wie Rembrandt, empfindet er mit den Figuren, die er malt; er betrachtet die Welt nicht mit Lächeln oder spöttisch, oder von oben herab, sondern mitleidsvoll. Daher das an Rembrandt gemahnende Pathos, das den Beschauer erbeben läßt, obgleich sich nur die alltäglichen Vorgänge im Bilde abspielen. Wie sein großer Landsmann weiß er sich des Alltäglichen zu bedienen, um das Erhabene auszudrücken. Jeder Schulmeister freilich könnte ihm sämtliche Fehler in jedem Bilde nachweisen, und ich glaube, daß jeder Schulmeister meint, es besser machen zu können. Und nach schulmeisterlichen Begriffen kann er es auch besser. In der bildenden Kunst aber legt der Kritiker immer noch im wahren Sinne des Wortes den Maßstab an das Werk, ob die Figur auch die vorgeschriebenen 7+½ Kopflängen hat, ob sämtliche Regeln der Anatomie, Perspektive usw. ordentlich befolgt sind, wie es einem »akademischen Maler« zukommt.

Fishermen carrying a drowned man - Jozef Israëls - 1861
Fishermen carrying a drowned man – Jozef Israëls – 1861

Natürlich ist Korrektheit eine schöne Sache, aber sie ist nicht das Wesen der Kunst. Mit der größten Leichtigkeit könnte man jedem Rembrandt oder Frans Hals Verzeichnungen nachweisen; aber trotzdem ziehe ich die verzeichneten Rembrandts und Frans Hals den formvollendeten van Dycks oder von der Helsts vor. »Man kann zum Vorteil der Regeln viel sagen; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von der Natur und den wahren Ausdruck zerstören.« Das sagt Goethe, der »zielbewußte Klassiker«, und zwar zu einer Zeit, wo die Exzellenz die umstürzlerischen Tendenzen der Jugend längst abgelegt hatte.
Israels wurde er selbst erst in einem Alter, in dem die meisten Maler bereits ihr Bestes geleistet haben, und wenn er das Unglück gehabt hätte, in seinem 40. Jahre zu sterben, wäre Holland um einen seiner besten Söhne ärmer. Bis zu seinem 40. Lebensjahre malte er – wie die andern: Bilder aus der holländischen Geschichte, ja sogar einen Luther, die Bibel übersetzend. Erst in den sechziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts hat er sich selbst gefunden; in Zandvoort, einem kleinen Stranddorf in der Nähe Haarlems, fing er an, das Leben der Fischer zu malen, zuerst mit etwas sentimentalem Beigeschmack: wie die Kinder ihren Vater vom Schiff heimbegleiten, die Frau sorgenvoll auf die stürmende See blickend; wie gesagt, noch etwas zu tränenreich. Aber von der Sentimentalität arbeitete er sich bald zum wahren Gefühl durch und schafft nun die Werke, die ihn zum großen Meister stempeln, Werke von einer Innigkeit der Empfindung, von einer monumentalen Größe, von einer Breitzügigkeit der Komposition, die man nur noch bei Millet findet; wie er denn der einzige ist von allen Malern des 19. Jahrhunderts, der dem großen Franzosen an die Seite gesetzt werden dürfte. Beiden gemeinsam ist ein gewisser sacerdotaler Zug, die Kunst ist ihnen Religion, daher der feierliche Ernst, der aus ihren Bildern spricht; weil sie aus Überzeugung gemalt sind, wirken sie überzeugend. Beiden gemeinsam die Schlichtheit und Einfachheit, das Höchste, aber auch das Schwerste in jeder Kunst; aber während Millet, der herbere, männlichere, mehr Gewicht auf die Zeichnung, wie der Bildhauer vor allem auf die Silhouette legt, ist Israels, der zartere, weichere, mehr Maler. Sein Hauptgewicht legt er auf den malerischen Ton. Israels‘ Palette ist nicht reich, aber er weiß die wenigen Farben aufs reichste zu nuancieren. Ohne Rembrandt auch nur im mindesten etwa in den äußern Mitteln nachzuahmen, haben seine Bilder einen Gesamtton, der an seinen großen Landsmann erinnert. Wie Rembrandts sind auch Israels‘ Bilder tief gestimmt, aber immer blond, weil jeder Ton in ihnen trotz seiner saftigen Tiefe von Reflex umgeben ist. Israels bewahrt daher seine Bilder vor dem greulichsten Fehler, den ein Bild in malerischer Beziehung haben kann, nämlich daß es schwarz erscheint.

Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels
Jan Hendrik Weissenbruch 1882 38 x 28 cm watercolour signed b.r.: Jozef Israels

Aber auch darin ähnelt er Rembrandt, daß er mehr Luminarist als Kolorist ist. Jede einzelne Lokalfarbe ordnet sich dem Gesamtton unter und ist in Licht und Schatten aufgelöst. Auch komponiert er nicht sowohl auf Farbe wie auf Licht; der Gang des Lichtes bestimmt die Komposition des Bildes, das Licht des Fensters, der helle Fleck der Haube muß gerade an der Stelle sitzen, wo er sitzt.
Die Bilder der Düsseldorfer oder Münchener Genremaler könnten, ohne Wesentliches einzubüßen, auch grau in grau gemalt sein; ja sogar reproduziert erscheinen sie koloristischer als im Original, weil die Reproduktion die Feinheit der Charakteristik wiedergibt, während die Mängel in der Farbe, die dem Original anhaften, verschwinden. Bei Israels hingegen ist die Farbe ein integrierender Bestandteil der Bilder, er charakterisiert mit der Farbe; die Farbe ist ein ihm notwendiges Ausdrucksmittel, nicht eine mehr oder weniger überflüssige Zugabe; er geht von der malerischen Erscheinung aus.
Als gelegentlich der internationalen Ausstellung von 1896 Israels als Juror nach Berlin kam, traf er Menzel vor seinem Bild »Der Kampf ums Dasein«, zwei Fischer, den Anker aus dem Meere ziehend. Nach den obligaten Komplimenten meinte Menzel, das Bild sei nicht gleichmäßig genug durchgeführt, Israels hätte das den Hintergrund bildende Meer fleißiger durcharbeiten müssen, überhaupt sei das ganze Bild nicht »fertig« genug.
Ich führe dies Geschichtchen, das mir Israels selbst lachend erzählte, an, weil der Vorwurf, den Menzel darin unserem Meister macht, stets von der älteren Richtung der modernen gemacht wird: daß sie sich mit einer zu skizzenhaften Ausführung begnüge.
Schon Rembrandt schrieb, »daß Bilder nicht dazu gemalt wären, um berochen zu werden«. Auch dem Haarlemer Publikum schienen die Porträts von Frans Hals wohl zu skizzenhaft, sonst wäre der Meister nicht in bitterster Armut gestorben. Ich glaube, das Publikum sieht Kunstfertigkeit für Vollendung an, ohne zu ahnen, daß eleganter Vortrag und virtuose Mache nur untergeordnete Fingerfertigkeiten sind gegen die wahre künstlerische Durchbildung. Als ob der stupendeste Klaviervirtuose, der mit der glänzendsten Technik Tonleitern spielt, deshalb der größte Musiker wäre.

Jozef Israëls - Kinderen der zee - 1863
Jozef Israëls – Kinderen der zee – 1863

Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß die Beherrschung der technischen Ausdrucksmittel für den Künstler von großem Wert ist, aber es versteht sich von selbst, daß jeder sein Handwerk ordentlich gelernt hat. Ein Kunstwerk ist vollendet, wenn der Maler das, was er hat ausdrücken wollen, ausgedrückt hat. Eine Zeichnung in wenigen Strichen und in wenigen Minuten hingeworfen, kann in sich ebenso vollendet sein, als ein Bild, woran der Maler jahrelang gearbeitet hat. Israels arbeitet in seiner Weise seine Bilder gerade so durch wie Menzel, aber er erstrebt etwas anderes als jener. Es ist klar, daß die Malerei, welche den großen Eindruck der Natur wiedergeben will, das Detail der allgemeinen Erscheinung unterordnen muß, aber vollendet sie deswegen weniger? Ist ein Kopf von Velasquez weniger vollendet als einer von van Eyck? Im Gegenteil, Velasquez vollendet mehr, wenn er auch die tausend Fältchen der Haut, die Eyck mit wunderbarem Fleiß und hingebender Liebe malt, unterdrückt, denn er kommt dem Eindruck der Natur – und das ist doch die Aufgabe der Malerei – näher. Die moderne Malerei sucht nicht den Gegenstand wiederzugeben, sondern die Reflexe der Luft und des Lichtes auf die Gegenstände. Genau dasselbe, was die eigentlichen Maler unter den Alten auch gemacht haben.
Überhaupt ist es fast komisch, zu sehen, daß gerade die ältere Richtung gegen die Modernen stets die Alten ins Feld führt, ohne zu bemerken, daß die Modernen den Alten viel näher stehen als sie. Unter dem Firnis und der Patina der Jahrhunderte sehen sie nicht mehr das Wesen. Es ist kein Zufall, daß gerade die Kunstgelehrten, die von der alten Kunst herkommen, die Bode, Bayersdorfer, Tschudi, Seidlitz, Lichtwark und wie sie alle heißen, zu einer Zeit, als man für die moderne Richtung nur Spott und Hohn hatte, sich ihrer angenommen haben. Sie erkannten aus dem Studium der alten Kunst deren Verwandtschaft mit der neuen, daß die moderne Kunst dasselbe Ziel erstrebte, was eine jede Kunst erstreben muß; die individuelle Naturauffassung. Hierin sollen uns die alten Meister Vorbilder sein – nicht in ihren Äußerlichkeiten.
Es ist ein Unsinn, einen Bismarck malen zu wollen, der wie von Rembrandt oder Velasques gemalt aussieht.

Jozef Israëls - Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. - Erstellt zwischen 1880 und 1911
Jozef Israëls – Een vrouw zittend aan een raam. Zittend voor een gordijn, naar links gewend, met de handen op de knieën. Door het venster uitzicht op zee. – Erstellt zwischen 1880 und 1911

Neben der zu skizzenhaften Ausführung wirft man Israels und der modernen Richtung überhaupt mangelhafte Zeichnung vor. Weil Israels das Hauptgewicht auf die Malerei legt, zeichnet er deshalb noch nicht schlecht. Gerade so wie ein schlecht gemaltes Bild deshalb noch nicht gut gezeichnet ist. Der Konturmacht nicht etwa die Zeichnung aus, und Velasquez zeichnet nicht etwa schlechter als Dürer und Holbein, weil er statt des Konturs, die den malerischen Eindruck zerstören würde, die Töne flächenartig aneinandersetzt. Gerade im Gegenteil; je vollendeter ein Bild gemalt ist, das heißt je näher es dem Eindruck der Natur kommt, desto besser muß es gezeichnet sein; sonst würde dieser Eindruck nicht hervorgerufen werden. Je näher die Hieroglyphe der Natur kommt – und alle bildende Kunst ist Hieroglyphe – desto besser muß sie gezeichnet sein.
Israels liebt die Dämmerung, wenn die Konturen der Gegenstände ineinander verschwimmen; das Enveloppierte zieht er dem Bestimmten vor, das Träumerische der Abendstunde der grellen Sonne, das Geheimnisvolle, das uns mehr ahnen als sehen läßt, in einer nur ihm allein gehörenden Technik: kaum ein fetter Strich im Bilde, nichts Materielles, alles durchgeistigt, keine Farbe, alles Ton; das Ganze mehr auf die Leinwand hingehaucht als gemalt.
Was ich aber vor allem an ihm liebe, ist sein Temperament. Wenn ich es nicht wüßte, jedes seiner Werke würde es mir sagen, daß er nichts auf der Welt mehr liebt als die Malerei. Nicht mit der behaglichen Liebe des Ehemanns, mit der die Metsu, Mieris oder Dou malen, sondern mit der heißen, ungestümen Leidenschah des Liebhabers schafft er seine Werke. Trotz seiner Jahre hat er sich die Seele des Jünglings bewahrt. In jedem seiner Bilder ein Ringen, jener Moment im Kampfe mit dem Engel, wo Jakob sagt; »ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Er arbeitet mit höchster Konzentration aller seiner Kraft, während er arbeitet, ganz dabei, alles andere vergessend. »Wie der Handelnde«, nach Nietzsches Ausspruch: »wissenlos. Er vergißt das, was hinter ihm liegt, und kennt nur ein Recht: das Recht dessen, was jetzt werden soll.« Unzufrieden übermalt er oft in ein paar Stunden das ganze Bild, an dem er monatelang gearbeitet hat, mit größter Rücksichtslosigkeit ganze Stücke, die vollendet waren, opfernd; aber dadurch gibt er dem Bilde jene Frische wieder, die wir an der Skizze bewundern, jene Frische, die durch langes Überarbeiten dem Bilde abhanden kommt und nur durch flüssiges Ineinandermalen erzielt werden kann.
Israels ist aus den kleinsten Verhältnissen emporgewachsen. Mühevoll mußte er sich in Amsterdam, wo er sich nach seinen Wanderjahren festsetzte, mit Porträtmalen seinen Unterhalt verdienen. Auch darin Rembrandt ähnlich, wohnte er im Judenviertel, und oft genug, wenn er an dem Hause vorüberging, in dem sein großer geistiger Vorfahre gewohnt und gearbeitet hatte, wird er sich aus seiner Misere an ihm emporgerichtet haben. Rembrandt wurde sein Erzieher. Wie Rembrandt, so entnimmt Israels die Anregung zu jedem Bilde, zu jeder flüchtigsten Zeichnung, der Natur. Aber wieder wie Rembrandt kopiert er sie nicht, sondern er verarbeitet sie zum Kunstwerk.

Jozef Israëls Träumen - oil on canvas 128,5 x 201,2 cm - 1860 - signed b.r.: J. Israels
Jozef Israëls Träumen – oil on canvas 128,5 x 201,2 cm – 1860 – signed b.r.: J. Israels

Je naturalistischer eine Kunst sein will, desto weniger wird sie in ihren Mitteln naturalistisch sein dürfen. Der Darsteller des Wallenstein, der – wie bei den Meiningern – im echten Koller und Reiterstiefeln aus der Zeit auftritt, macht nicht etwa dadurch einen wahren Eindruck: der Schauspieler muß seine Rolle so spielen, daß wir glauben, er stecke in echtem Koller und Reiterstiefeln. Israels wirkt naturalistischer als unsre Genremaler, nicht obgleich, sondern weil er weniger naturalistisch malt als sie; was wir um so deutlicher sehen können, als er sich oft im Sujet mit ihnen begegnet. Nehmen wir zum Beispiel die »Salomonische Weisheit« von Knaus – eins der meist bewunderten, und mit Recht bewunderten Bilder der deutschen Genremalerei – und daneben Israels‘ »Ein Sohn des alten Volkes«. Knaus zeigt uns einen alten Juden, wie er sein Enkelkind in die Geheimnisse des Trödelhandwerks einweiht; köstliche Figuren, jeder kleinste Zug, jede Bewegung der Natur abgelauscht und bis in die feinsten Details wiedergegeben. Bei Israels dagegen nur eine Figur: ein armer Jude, einfach, ohne jede Bewegung vor seinem Trödelladen sitzend. Das ganze Bild liegt in dem Ausdruck des Kopfes, alles andere durch ein paar Farbenflecken kaum angedeutet. Aber in dem Antlitz des Mannes, der die Hände ineinander gefaltet ruhig dasitzt, verspüren wir den tausendjährigen Schmerz, von dem Heine singt.
Die deutschen Genremaler illustrieren mehr ihren Gegenstand; sie suchen mehr das Anekdotische, die charakteristische Zufälligkeit. Israels hingegen unterdrückt alles Detail; er sucht das Typische; statt der verstandesmäßigen Analyse die dichterische Synthese.
Weil Israels‘ Bilder mehr wahr gedacht, als wahr gemacht sind, wirken sie wahrer. Den Beweis für die Wahrheit seiner Kunst kann der Maler nur dadurch erbringen, daß er uns überzeugt. Bis dahin lachen wir ihn aus. Die sprichwörtliche Dummheit des Publikums, einen großen Künstler bei seinem Auftreten verkannt zu haben, besteht in nichts weiter, als daß es eine Sprache nicht verstanden hat, die es noch nicht gelernt hatte. Oft leider ist der Künstler dem Publikum um Generationen voraus: Millet oder Manet haben ihren Ruhm nicht mehr erlebt. Israels hatte das Glück, schon bei Lebzeiten verstanden zu werden. Freilich drückte er sich in der allgemein verständlichen Sprache des Herzens aus; er schlug die Töne des Gemüts an, die jedem vertraut sind. Seine Popularität verdankt er – wie jeder Künstler – seinen Sujets; seine Berühmtheit aber – und man kann sehr populär sein, ohne berühmt zu sein und umgekehrt – verdankt er seinem Genius.
Es ist das charakteristische Merkmal des Genies, daß seine Äußerung als notwendig empfunden wird. Israels‘ Bilder erscheinen uns heut notwendig: es mußte ein Künstler die Schönheiten Hollands, die seit den alten Meistern gleichsam brach lagen, wieder von neuem entdecken.

Jozef Israëls - Zoon van het oude volk - 1888
Jozef Israëls – Zoon van het oude volk – 1888

Mit Recht hat man Holland das Land der Malerei par excellence genannt, und es ist kein Zufall, daß Rembrandt ein Holländer war. Die Nebel, die aus dem Wasser emporsteigen und alles wie mit einem durchsichtigen Schleier umfluten, verleihen dem Lande das spezifisch Malerische; die wässerige Atmosphäre läßt die Härte der Konturen verschwinden und gibt der Luft den weichen, silbrig-grauen Ton; die grellen Lokalfarben werden gedämpft, die Schwere der Schatten wird aufgelöst durch farbige Reflexe: alles erscheint wie in Licht und Luft gebadet. Dazu die Ebene, die das Auge meilenweit ungehindert schweifen läßt, und die mit ihren Abstufungen vom kräftigsten Grün im Vordergrunde bis zu den zartesten Tönen am Horizont für die Malerei wie geschaffen erscheint. Vielleicht ist Italien an und für sich pittoresker als Holland; aber wir sehen Italien nur noch in mehr oder weniger schlechten – und meistenteils mehr schlechten – italienischen Veduten: Italien ist zu pittoresk. Holland dagegen erscheint auf den ersten Blick langweilig: wir müssen erst seine heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit. Und wie das Land so seine Leute; nichts Lautes, keine Pose oder Phrase.
Mit der ganzen Innerlichkeit seiner Nation und seiner Rasse versenkt sich Israels in die Natur, dorthin, wo sich die Äußerungen des Gefühlslebens am naivsten zeigen: in das Leben der Armen und Elenden. Wohl mit Voreingenommenheit für sie, aber nicht etwa in tendenziöser Welse wie der politische Parteigänger. Israels schildert die Mühe und Arbeit wie der Psalmendichter, der das Leben köstlich nennt, wenn es Mühe und Arbeit gewesen. Aus Israels spricht Versöhnung, etwas von der heiteren Ruhe des Philosophen, der alles verzeiht, weil er alles versteht.
Nichts liegt Israels ferner als die Brutalität, und fast sind wir geneigt, in der Epoche von Bismarck und Nietzsche einen gewissen Zusatz von Brutalität für ein notwendiges Ingrediens des Genies zu halten.
Israels ist kein Übermensch, und – was heutzutage seltener – er will keiner sein. – Mensch-sein genügt ihm.
Nichts Harmloseres als die Erlebnisse und Begebenheiten, die er in seinem Buch »Spanien« erzählt. Der Reiz beruht allein in der Persönlichkeit des Verfassers. Auf die Frage, wie er zu seinem schönen, klaren Stil gekommen, antwortete Goethe: »Ganz einfach; ich ließ die Verhältnisse auf mich wirken und suchte den passendsten Ausdruck, sie darzustellen.« Israels‘ Werke sind – was die Werke eines jeden Künstlers sein sollten – der Reflex seiner Seele. Schlicht und ungeschminkt malt er – ganz unoffiziell, nicht wie »der berühmte Meister«. Die Einfachheit ist sein Stil; er gebraucht nicht zehn Worte, wo er mit einem auskommen kann; die charakteristische ist ihm die schöne Linie; seine Kunst ist dekorativ, aber keine Dekoration. Was er nicht klar auszudrücken vermag, scheint ihm, wie, ich weiß nicht welcher Franzose sagt, nicht klar gedacht zu sein.
An Möricke schrieb Schwind 1867; »spricht der ganz trocken aus, ein Bild soll gar nichts vorstellen, bloß Malerei – der soll sich wundern, was die in ein paar Jahren für ein Geschmier hervorbringen«.
Heut nach dreißig Jahren hat sich »das Geschmier«, welches Schwind schaudernd vorahnte, die Welt erobert: die Errungenschaften des Impressionismus sind zum Gemeingut der Malerei geworden. Es soll nicht etwa geleugnet werden, daß der Impressionismus über Israels hinausging, aber nimmt ihm das auch nur ein Tüpfelchen von seiner Bedeutung? Wäre er – Israels, wenn Manet ihn hätte beeinflussen können? Liegt nicht in seiner Einseitigkeit dem Impressionismus gegenüber der Beweis für die Kraft seiner Überzeugung?

Jozef Israëls - Peasant family at the table - Google Art Project.- 1882
Jozef Israëls – Peasant family at the table – Google Art Project.- 1882

Israels malt noch – Bilder; Bilder mit literarischem Inhalt. Ihm ist die Malerei noch Mittel zum Zweck, sie ist ihm das Werkzeug zur Wiedergabe seiner Empfindungen. Er will nicht den Innenraum malen, sondern, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Psychologie des Raumes. Er malt den Kessel mit dem singenden Wasser oder das knisternde Feuer auf dem Herde, um die Heimlichkeit des Stübchens auszudrücken. Manet malt, was ihn malerisch reizt. Ihm ist die Malerei Endzweck.
Nur in den technischen Ausdrucksmitteln kann man von einem Fortschritt in der Kunst reden; die Kunst als solche schreitet nicht fort. So oft sich eine Persönlichkeit in ihr offenbart hat, ist sie am Ziele angelangt. So kann man von Raffael oder Rembrandt sagen, daß sie vollendet waren, und insofern können wir es nicht besser machen wollen. Aber wir können etwas anderes wollen, denn die Kunst ist unendlich wie die Welt; sie ist die Welt. Es führen viele Wege nach Rom, aber jeder Künstler muß seinen eigenen gehen.
»In meines Vaters Hause sind viel Wohnungen« wie in der Religion, so in der Kunst. Und wie jeder wahrhaft Fromme, welchen Bekenntnisses er auch auf Erden gewesen, in den Himmel, so wird jede wahrhaft künstlerische Persönlichkeit, in welcher Richtung sie sich auch dokumentiert haben möge, zur Unsterblichkeit eingehen.

Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 - Zeitung Die Woche 1909, S. 187
Jozef Israëls gemalt von Jan Veth,. Niederländischer Maler, 1864-1925 – Zeitung Die Woche 1909, S. 187

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Quelle: Max Liebermann – Gesammelte Schriften
Verlag Bruno Cassirer – 1922

Max Liebermann 1904 - Fotograf: Jacob Hilsdorf
Max Liebermann 1904 – Fotograf: Jacob Hilsdorf

Max Liebermann (* 20. Juli 1847 in Berlin; † 8. Februar 1935 ebenda) war ein deutscher Maler und Grafiker. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Impressionismus.

Nach einer Ausbildung in Weimar und Aufenthalten in Paris und den Niederlanden schuf er zunächst naturalistische Werke mit sozialer Thematik. Durch die Beschäftigung mit den französischen Impressionisten fand er seit 1880 zu einer lichten Farbigkeit und einem schwungvollen Farbauftrag, der sein Hauptwerk prägt. Sein Schaffen steht symbolisch für den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts hin zur Klassischen Moderne zur Zeit des Wilhelminismus und der Weimarer Republik. Diesen Wandel förderte er als Präsident der Berliner Secession. Von 1920 bis 1932 war er Präsident, bis 1933 Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, bevor er infolge der nationalsozialistischen Einflussnahme aus der Kunstpolitik zurücktrat. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen in seiner Heimatstadt Berlin. – Quelle: wikipedia

Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

Jura Soyfer • François Villon • Der unsterbliche Lump

Das war vor rund fünfhundert Jahren. Frankreich seufzte, stöhnte, brüllte in Wehen, die – von fernher erst – die Geburt einer neuen Ordnung ankündigten. In einem schier endlosen Krieg gegen England hatte das Rittertum Wunden empfangen, von denen es nicht mehr genas. Im Verfall der adeligen Grundherrschaft wurde der Weg für das erstarkende städtische Gewerbe, für den neureichen »bourgeois-gentilhomme«, für die Macht einer zentralisierten Beamtenschaft und für jene absolutistischen Könige, die jahrhundertelang zu Häupten des neuen Systems thronen sollten. Der Weg wurde gangbar. Aber er war mit Leichen und Ruinen übersät. In Paris waren Tausende von Häusern verödet und alle Friedhöfe überfüllt. Mord, Brand, Pestilenz besaßen das Bürgerrecht. Menschen jeden Schlages, jeder Abstammung, Entwurzelte dieses gewaltigen sozialen Umbruchs füllten in ungezählten Scharen die Gefängnisse und die Bettlerkolonien. Im volkreichsten Teil der Stadt befand sich der Friedhof »des Saints-Innocents«. Weil in den Gräbern kein Platz mehr blieb, lagen in den Arkaden ringsherum Skelette und Leichen aufgeschichtet. Und ebendort war der sonntägliche Korso der Lebenden, wurde tagsüber Jahrmarkt abgehalten, wurde nachts gerauft und geliebt. So stand es um dieses Paris des fünfzehnten Jahrhunderts: Aufstieg und Untergang, Prunk und letztes Elend, Leben und Tod wohnten Tür an Tür.
Francois_VillonTür an Tür wohnten in der Seele des Menschen die Weltanschauungen der vergehenden und der kommenden Zeit. Noch lebte und dozierte die Scholastik des Mittelalters. Sie betrachtete die Erde als eine Durchzugsstation via Jenseits. Was dem sterblichen Teil des Menschen hienieden an Lust und Qualen widerfahren mochte, schien bedeutungslos in einem gewaltigen, bis ins kleinste ausgeklügelten System von Hölle, Fegefeuer und Paradies.
Aber schon regten sich die Gedanken einer sinnenfreudigeren Epoche. Einer Epoche, da das Lächeln der Mona Lisa und die Künste der doppelten Buchführung die Welt erobern sollten … Und was vorderhand herrschte, war das wüste Chaos einer Zwischenzeit.
In dieses Chaos hineingeboren, fand François Villon sich nicht zurecht. Sein Vater war einer jener armen Pächter, die, um Land und Vieh geprellt, in die Stadt zogen, bettelnd, hungernd, einer schlechtbezahlten Arbeit nachjagend – die ersten Elemente des künftigen Proletariats.
Sein Adoptivvater hingegen, ein wohlhabender Kaplan, lehrte François lesen, schreiben, biblische Geschichte und Latein, sandte ihn auf die Universität, wo François jenes theologische Weltbild des Mittelalters studierte, wollte aus François einen braven Geistlichen machen.
François wurde kein braver Geistlicher. Ein lang andauernder Studentenstreik warf ihn aus der Bahn des Studiums. In Schenken und Freudenhäusern lernte er höchst unheilige Dinge. Sehr bald zählten zu seinen Professoren nicht nur Säufer und Dirnen, sondern auch Diebe und Mörder. Manchmal, sein Wams vom Dreck dieser untersten Schichten reinigend, betrat er zwischendurch den Salon eines Aristokraten, wo feinsinnige Komplimente und gelehrte Dispute durcheinanderschwirrten. So durchmaß er, unaufhörlich umhergeschleudert, das wüste Gefilde seiner Zeit kreuz und quer, zur Höhe und zur Tiefe – ohne Halt und Ziel. War ein Günstling erlauchter Fürsten; Mitglied von Räuberbanden; Herzliebster von Dirnen; Opfer von Folterknechten. Wie er geendet hat, wissen wir nicht.
Keineswegs war Villon in seiner Zeit eine Einzelerscheinung. Solcher armen Scholaren, schwankend zwischen Himmel und Hölle, gab es Tausende.
Was ihn einzigartig gemacht hat und unsterblich, ist, daß er für sie alle gesprochen hat. Und für alle jene Scholaren, die ihnen im weiteren Verlaufe der Geschichte nachfolgen sollten.

Denn es ist kein Zufall, daß Villon, durch viele Jahrhunderte vergessen, gerade um die Wende des unseren wieder bekannt wurde. Kein Zufall, daß seine große Auferstehung in deutscher Sprache (in der »Dreigroschenoper«) im fieberhaft bewegten Berlin des Jahres 1927 erfolgte. Bert Brecht, an einer alten Welt verzweifelnd und noch nicht auf einer neuen gelandet, konnte in seiner damals noch ratlosen Skepsis auf keinen besseren Kumpan stoßen als Villon.
Alles, was der entwurzelte Intellektuelle in einer Zeit zwischen zwei Zeiten durchmachen kann, hat dieser vor einem halben Jahrtausend ausgesprochen. Woran sich halten, wenn das bestehende Begriffssystem zusammenbricht und ein neues noch nicht greifbar geworden ist?

Nichts war dem Mittelalter selbstverständlicher als ein Fortleben nach dem Tode mit genauester Abgrenzung des Aufenthaltsortes. Aber den armen Villon quält schon die Frage nach dem Schicksal der Toten:

Heilge Jungfrau, sag, wo sind sie bloß?
Ja, wo ist der Schnee vom vorigen Jahr?

Und wenn man so fragt – kann man noch an die Wertlosigkeit irdischer Dinge glauben? Nein:
Da merkte ich, wie man dem Gram entkam –
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Verzeihe deinen Feinden, und auch dir wird verziehen werden, lehrte man den Theologiestudenten Villon. Er predigt es ein wenig anders weiter:

Man schlage mit gezackten Hippen,
Bleikugeln, Eisenhämmern drein,
Zerdresche ihnen alle Rippen!
Doch bitt ich sie, mir zu verzeihn.

Aber ach! Ihm ist gar nicht wohl bei solch verbrecherischen Reden. Ein ungeheurer Katzenjammer ergreift zuweilen den armen Ketzer. Er sinkt in die Knie:

Du Königin des Himmels und der Erde,
Hoch über Höllen thronst du wunderbar,
Oh, gib mir, daß ich aufgenommen werde,
Ich armes Christenweib, in deine Schar
Erwählter – wenn ich’s auch nie würdig war!
An Gnade reicher du als ich an Sünden,
Die Seele kann ins Himmelreich nur münden,
Wenn dein Erbarmen es der armen bot.
Und dein Erbarmen muß auf Wahrheit gründen,
Das glaube ich im Leben und im Tod.

Wie aber löst sich dieser Widerspruch? Welcher Villon hat recht: der saufende Halsabschneider oder der zerknirschte Büßer? Er weiß es selbst nicht. Er findet nicht die Lösung. Alles, was er vermag, ist, seinen unlöslichen Widerspruch hinauszusingen, weinend, grinsend, übermannt von der eigenen Ratlosigkeit:

Nichts ist mir sicher, als das nie Gewisse,
Und dunkel nur, was allen andern klar;
Und fraglich nichts, als das für sie Gewisse,
Denn nur der Zufall meint es mit mir wahr,
Gewinner stets, verspiel ich immerdar …

Fünfhundert Jahre sind vergangen. Es geht um andere Probleme als die, die Villon zerfraßen. Aber wieder überschneiden zwei Zeitalter einander. Wieder schwanken auf der Grenzlinie Tausende von armen Scholaren hin und her: leidend an der eigenen Skepsis, mit zynischem Lachen ihre Seelennot maskierend, alles und nichts wissend, spöttelnd und erschreckend über den sonderbaren Hang, der sie, wie jeden Entwurzelten, zur Sympathie mit dem Verbrecher treibt, die Erlösung verhöhnend und um Erlösung betend.
Ihr Vorfahre ist Villon, der genialste Bohemien aller Zeiten.

trennlinie2Aus: Jura Soyfer: Die Ordnung schuf der liebe Gott

Jura Soyfer – Briefe, Gedichte, Kurze Prosa
Verlag Philipp Reclam jun.
1979

Franz Blei: Männer und Masken • Aubrey Beardsley

Aubrey Beardsley 

Seine Schönheit erschreckt mich im Innern und tut wundervoll weh, seine Häßlichkeit verfolgt in Träumen, ich liebe ihn, daß ich ihn fast schon hasse, ich hasse ihn, daß er mich so zu törichter Liebe zwingt« – solchen etwas exaltierten Worten übergab um 1892 eine junge Frau den Eindruck, den ihr das Werk Beardsleys schaffte. Und sie äußerte keine Trauer, als sie von seinem frühen Tode hörte, denn sie meinte, er sei, als er starb, vollendet gewesen, ein längeres Leben hätte nicht mehr aus ihm machen können. Und daß uns ein menschliches Mitleid verführen könnte, uns so ganz an ihn zu verlieren, daß wir keine Wege mehr zu den Künsten anderer fänden. Was wohl nur Beherzigung von La Rouchefoucaulds Spruch war, daß man Mitleid wohl vorgeben, aber nicht haben dürfe. Ein junger Mann, der im Jahre 1896 Zeichnungen von Beardsley sah, lachte stark und suchte seine Überlegenheit in einen Witz zu fassen: er rühmte sich, gesunde Instinkte zu haben.

Eine Vignette Beardsleys darf nicht übersehen werden. Da reitet die traurig-ausgelassene Gottheit des Dekadenz gescholtenen Aufganges unserer Künste, Pierrot, Seine Durchlaucht vom Monde, auf dem Flügelroß, das sich anschickt, auf den Parnaß zu galoppieren. Darunter steht: Ne Jupiter quidem omnibus placet. Nach allem, was Freunde von Beardsley erzählen, was wir von seinem Leben wissen, was sein Werk erlebt hat: der Mensch und der Künstler hat seine Kunst und ihr Schicksal in dieses Wort gefaßt, dessen Stolz der Reiter des Rosses übermütig übertreibt. Selbst Jupiter gefällt nicht allen: Beardsley war sein eigener größter Bewunderer, uneingeschränkte Bewunderung verlangte er von seinen Zeitgenossen, alle ungünstige Kritik eines Blattes, das er selber gutgeheißen, war ihm eine persönliche Beleidigung. Beardsley konnte, als er, zwanzig Jahre alt, seine Künstlerschaft begann, die Jahre, die ihm noch zu leben waren, an den Fingern einer Hand zählen; er wußte, daß er keine Zeit habe, auf den Ruhm zu warten, den die Welt den Großen spendet, wenn diese anfangen senil zu werden. So berühmt zu werden, war nicht sein Ehrgeiz; dieser war, in Ruf zu kommen, in Mode zu kommen wie die Yvette Guilbert oder die Cléo. Er stellte vieles an, um das zu erreichen. Ärgerte sich ein Rezensent über die Kühnheit eines Blattes, so überbot er dieses durch ein noch kühneres; er meinte, sich alles, auch Schlechtes, erlauben zu dürfen. Er mystifizierte seine Feinde, wie er die übelwollenden Kritiker nannte, indem er Dinge zeichnete in einem anderen Stil, mit fingierten Autornamen, und der Gamin, der er war, freute sich sehr, als die Kritiker darauf hineinfielen und ihm die Blätter als Muster empfahlen, wie es zu machen sei. Wie allen, die so heftig die Aufregungen des Beifalls suchen, war auch ihm eine starke Verachtung des Publikums eigen. Er hatte enthusiastische Bewunderer, sehr wenige, er hatte Gegner, die ihn der Unzucht beschuldigten, alle anderen. Der Streit beider miteinander und um ihn begleitete ihn sein Leben lang und machte ihm das so kurze zu einem fröhlichen, denn er hatte, was er wünschte: Berüchtigkeit.

Aubrey Vincent Beardsley wurde am 21. Juli 1872 in Brighton geboren. Von seinen Eltern hat man noch nichts aufgeschrieben: England, das sonst jedem Dorfpastor eine zweibändige Biographie aufs frische Grab legt, hat noch keine Zeit und Lust gefunden, das Leben des Künstlers aufzuzeichnen. Beardsley war neun Jahre alt, als man ihn nach Epsom schickte, damit er da von der Schwindsucht geheilt werde. Im März 1883 zog die Familie nach London. Er galt da als ein Wunderkind, doch als ein musikalisches. Er spielte mit seiner Schwester, die immer treu zu ihm hielt, in Konzerten und verblüffte durch die Brillanz seiner Technik und die Stärke seines Ausdruckes. Zur Musik hatte Beardsley zeitlebens ein starkes, vielleicht sein stärkstes Verhältnis; wenn er über sie sprach, tat er es, der sonst zu scherzen neigte, ernst und fast dogmatisch. Die Musik ist, meinte er immer, der einzige Gegenstand, über den er etwas wüßte. 1884 kam das Lesen über ihn; er verschlang Buch um Buch. Und gleichzeitig mit diesem Aufnehmen regte sich, wie immer bei ihm, die Lust zum Selbstschaffen; er begann eine Geschichte der Armada zu schreiben und verfaßte 1885 als Schüler der Grammar School zu Brighton eine Farce »Browne Study«, die von ihm und Mitschülern gespielt wurde; wie er sich in dieser Zeit überhaupt sehr mit dem Theaterwesen abgab. Er zeichnete zu den Aufführungen seiner Farce die Einladungskarten: die von der Kate Greenaway illustrierten Bücher reizten ihn, sich auch hierin zu versuchen. Er karikierte seine Lehrer, die es ihm nicht nur nicht übelnahmen, sondern sich darüber freuten und ihm gerne Modell saßen. In dem Magazin der Schule: »Past and Present«, wurden diese ersten Versuche veröffentlicht. Sie sind etwa in der Art der heutigen Punchzeichner und ganz unbedeutend. Im Juli 1888 verließ Beardsley die Schule, um in das Bureau eines Londoner Architekten einzutreten. Im nächsten Jahre gab er das auf und erhielt eine Stelle in der Feuer- und Lebensversicherung The Guardian. Im Herbst desselben Jahres meldete sich stärker wieder die Krankheit: ein Blutsturz folgte dem andern. Als ob die Muse darauf gewartet hätte, ihm Hand in Hand mit dem Tode zu nahen: die sechs Jahre seiner Künstlerschaft und seines Sterbens beginnen.

Viele Namen sind es, die den Ruhm beanspruchen, Beardsley »entdeckt« zu haben. Dies tat er wohl selbst, und das andere verhält sich so, daß Herr Vallance – William Morris‘ Schüler und Biograph – ihn bei den Verlegern Lane und Smithers einführte, und daß der Pompier Lighton es war, der Beardsley für die illustrative Ausstattung der Morte d’Arthur vorschlug. Dies war 1892. Im folgenden Jahre erschienen die beiden Quartbände von Ritter Malorys Sagensammlung. 1894 kam die englische Ausgabe der »Salome« mit Beardsleys Bildern, im April desselben Jahres das Yellow Book, für dessen erste vier Bände der Meister achtzehn Blätter und Zierstücke zeichnete. 1895 erfolgte der Bruch mit dieser Zeitschrift, und Januar 1896 wurde von Beardsley und Arthur Symons »The Savoy« gegründet, für den sich in L. Smithers der opferwillige Verleger fand. Es bestand nur ein Jahr. 1896 folgte Popes Rape of the Lock und die Lysistrata. Schwerkrank verläßt Beardsley im folgenden Jahre für immer England und wird im März des Jahres katholisch. Er ging zuerst nach Paris, dann nach Dieppe, Ende des Jahres nach Mentone, wo er am 20. März 1898 mit den Tröstungen seines Glaubens versehen, von Mutter und Schwester gewartet, starb. Zeichnungen zu Ben Johnsons Volpone beschäftigten ihn bis zuletzt; er hinterließ sie unvollendet.

Es ist ein Dogma der modernen Kritik, daß man der Beurteilung eines Werkes mit einer möglichst genauen Kenntnis der Lebensumstände seines Schöpfers einen reicheren Boden gebe, und daß man nichts versäumen dürfe, was etwa physiologisch für das Urteil von Bedeutung wäre. Natürlich ist dieses Dogma absurd und falsch, und ist das Resultat heutiger Kritik in dieser Befangenheit in sogenannte exakte Wissenschaftlichkeit gleich Null. Was das Werk nicht selbst und allein gibt, wird niemals eine Kenntnis der Lebensumstände ersetzen können, so wertvoll und merkwürdig diese auch für sich sein mögen. Das wenige, was wir von Beardsleys Leben wissen: nichts von seinen Vorfahren, nichts Eigentümliches über das Milieu seiner Kindheit und Jugend, nichts über sein Verhältnis zu Frauen und Männern, die Tatsache seiner Krankheit, seine Musikliebe – alles das wird uns nichts mehr über das Werk sagen, als wir aus ihm selbst erleben. Man kann vielleicht manches in seinen Blättern finden, das man geneigt wäre, auf seine Leidenschaft für die Musik zurückzuführen: vage, traumhafte Inhalte, denen immer ein sinnlicher, eindeutiger präziser Ausdruck in den Linien gegeben ist. Aber es ist mit solcher Zurückführung nicht mehr als ohne sie gesagt. Was Beardsley las, dazu wurde er von seiner künstlerischen Art bestimmt, wie sie sich in seinen Zeichnungen offenbart. In der Knabenzeit waren es Abenteurerromane neben den Leben der Heiligen, dann die alten englischen Dramatiker, später die Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts. Von neueren: Baudelaire, Mallarmé, Verlaine. Doch war seine Neigung für die älteren Literaturen stärker; die antiken las er, wie jeder wohlerzogene Engländer, in der Originalsprache, den Horaz besonders gerne. Beardsleys Freunde waren erstaunt über seine Belesenheit, die keineswegs eine große Kenntnis von Buchinhalten war; man erstaunt über die feine Ordnung, den schönen Gebrauch seiner Kenntnisse bei solcher Jugend. Nichts las er, nichts erfuhr und erlebte er, was sich nicht seinem Erworbenen organisch eingefügt hätte. Er kannte keine Verblüffung und spottete, wenn andere von inneren Stimmen sprachen. So sehr er auch gelegentlich Gamin war, besaß er eine außerordentliche Haltung.

Beardsleys Genie machte mit den Präraffaeliten ein definitives Ende; man möchte sagen, er hat sie totgezeichnet, wenn man von einem Tode bei dem künstlichen Leben dieser Maler reden kann, die mit Talent sehr vieles waren, nur keine Maler. Beardsley, der in seinen Anfängen nicht nur; sondern in seinem Wesentlichen, zu den Präraffaeliten gehört, hob sie auf, endgültig und selbst ein Ende. Deshalb geht von Beardsley nichts weiter; die ihm folgen wollten, verlieren sich in ihn und ahmen ihn nach. Er war das Brillantfeuerwerk des Schlusses.

Wer die beiden dicken Bände der Morte d’Arthur durchblättert, wird erstaunt sein über die Fülle von Schmuck, den der zwanzigjährige Beardsley hier gegeben hat: als der letzte Erbe der Präraffaeliten verschwendet er sorglos, bewußt möchte man fast sagen, da sich bereits etwas wie Teilnahmslosigkeit an diesen Schätzen der Älteren merklich machte, die Überdruß im zweiten Bande wird, der fast nur Wiederholungen aus dem ersten enthält. Was Beardsley von dieser Überwältigung des Präraffaelitismus zurückblieb, kam unter fremde Einflüsse. Denn darin bestand die Originalität dieses in seinen Elementen ganz unoriginellen, immer beeinflußten Künstlers, daß er, von Stil zu Stil gehend, vom Älteren behaltend, dies mit neuer Entlehnung verbindend, das Ganze immer wieder bis auf einen Rest aufgibt, um mit diesem wieder eine neue Mischung mit einer neuen Entlehnung zu bereiten. Er ahmt immer nach und ist vielleicht gerade deshalb unnachahmlich. Und er gibt der Mischung aus fremden Stücken eine persönliche Essenz bei, deren künstlerischer Charakter kaum zu definieren, vielleicht im letzten gar nicht vorhanden ist. Und auch deshalb ist alle seine Gefolgschaft steril geblieben, denn sie mußte die Essenz fälschen oder nicht merken, äußerlich oder innerlich unwahr werden. Neben Mantegna, von dem Beardsley auch später »immer noch Geheimnisse lernt«, sind es nach den Morte-d’Arthur-Zeichnungen die Japaner, die ihn gefangennahmen, ihn lehren, die früher fliegenden und schwingenden, etwas leeren Linien zu höherem Ausdruck, bis zur Groteske zu bringen und in ihm eine Liebe zum Detail zu erwecken, die ihn nie verlassen hat. Aus dieser Zeit des japanischen Einflusses sind etwa Blätter wie La Comédie aux Enfer und The birthday of Mrs. Cigale. Kaum daß diese Einflüsse festgehalten und in Beziehung zu dem früher Vorhandenen gebracht sind, werden sie auch schon wieder von anderen abgelöst. Dies sind aber nicht zufällige Einflüsse oder Änderungen – das wäre dilettantisch. Alle Einflüsse, die auf Beardsley wirken, sind in seiner mitgebrachten Art vorbedingt: sie deroutieren ihn nie. Es ist wie ein schrittweises Annähren an sein Ideal, das zu erreichen er die zuerst befreiende, dann drückende, da aber auch schon verlassene Hilfe anderer braucht. Sein Ideal ist ein Schwarzweißblatt, das nicht nur frei von allem Malerischen und Zufälligen ist, sondern den Gegenstand in seiner stärksten Intensität gibt, in seiner psychologischen Pointe. Deshalb verzichtet er auch in seinen letzten Blättern, wie denen zur Lisystrata, auf allen Hintergrund.

Was ihn von den Japanern weiterführte, waren Whistler und die antiken Vasenbilder. Man bemerke, daß bei Beardsley nie ein Anlaß ist, von dem zu reden, was man Naturstudium nennt; wohl aber könnte man von einem Kunststudium sprechen. Eines der vielen Porträte der Réjane gibt Whistlered Beardsley. Die Bilder zum Lockenraub zeigen ihn in einer neuen Wandlung; die Dekorateure und Kostümzeichner Louis XIV. und des Regenten halten das so oft getaufte Kind über das Becken. Debucourt tritt in den Kreis und die famosen englischen Modezeichner des Empire, um die Bilder zur Mlle. Maupin zu befruchten. Dies ist so eigentümlich bei diesem Künstler: er ändert sich, und man erkennt ihn doch sofort wieder, in jedem Strich, in jeder Anordnung von Punkten. Das ist: er ahmt nie nach, sondern lernt sein Wesen an dem anderer entdecken. Ein so subtiler Künstler wie Beardsley legt Wert auf die Art seiner Signierung. Zuerst unterschreibt er, diese wundervollen frühen Zeichnungen zur Manon Lescaut etwa, mit seiner Handschrift Aubrey V. Beardsley, dann fällt das V. weg, Japan und Whistler bringen die stilisierten Samenballen der Tussilago, ein Zeichen, das in einfacher oder reicher Ausführung lange wegen seines ornamentalen Reizes gebraucht wird. Auf einigen Blättern, die in der Manier des Holzschnittes gezeichnet sind, finden sich A und B ähnlich der Dürerschen Marke; schließlich nur mehr in Versalien

AUBREY BEARDSLEY

Wie immer auch die Meinungen über diesen Künstler sich teilen, darin einen sie sich: daß Beardsley ein Zeichner war, der sein Mittel, die Linie, beherrschte wie keiner. Kritiker, deren Urteil darin kulminiert, ob etwas »richtig«, das heißt von außen her wahr ist, fanden diese Hand zu groß, diesen Fuß zu klein – aber sie messen überhaupt, und hier noch ganz besonders, mit einem falschen Maß, weil sie am unrechten Ort damit messen. Wo es die bescheidene Absicht eines Mannes ist (oder seine Einbildung, was auf dasselbe herauskommt), nichts als die natürliche Natur wiederzugeben, sie gewissermaßen noch einmal mit einem anderen Mittel zu machen, da wird vielleicht die Kritik am Platze sein, die an ihrer Erinnerung an dieses Stück Natur und an dieser Wiedergabe den Abstand mißt. Aber Beardsleys Kunst erhebt gar nicht den Anspruch, so äußere Natur zu sein. Beardsleys Artung war, einen seelischen Zustand, einen Charakter, eine Leidenschaft in den Linien des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen so darzustellen, daß das Ganze ein wesentlich Neues ist, das man das Dekorative nennen mag in Mangel eines besseren Wortes. Es genügt ihm dazu nicht, etwa bloß den Blick der Augen zu ändern, um einen Affekt auszudrücken – er ändert den ganzen Körper: Hände, Füße, Haar, Kleidung und auch die Umgebung erfahren Änderungen, doch nicht etwa sogenannte symbolischer Art. Beardsley zeichnete niemals Übersinnlichkeiten, Philosophien, Ideen und solchen Tiefsinn. »Incipit vita nuova« lautet die Devise einer Groteske, die er ans Ende seiner Morte-d’Arthur-Zeichnungen setzt, die noch solchen allegorischen Sinn haben und aus Text und Schule haben mußten. Von nun ab ist die moralische Qualität des Individuums, wie sie sich in dessen Körperlichkeit ausdrückt, sein Gegenstand. Zu den Dingen, welche Beardsley liebte und häufig zeichnete, gehören die Bewegungen eines barocken Tanzens und Schreitens; Frauen bei der Toilette; eigenartige, aus vielerlei Moden und Stilen gefertigte Kostüme; ein Schmücken der Räume mit merkwürdigen Tischen und Stühlen; Geschmeide, schlanke Kandelaber mit dünnen Kerzen und reichgerahmte Spiegel; Leiber mit verwischter, hermaphroditischer oder stark betonter Sexualität; kleine Stirnen, hinter denen nichts denkt, kleine Augen, die verraten; volle Münde wie lüsterne Wunden. »Was die übrige Gesellschaft betrifft, so konnte sie sich einiger bemerkenswerter Toiletten und ganzer Tische voll der herrlichsten Frisuren rühmen. Man sah da Schleier, die gefärbt waren und Muster auf die Haut zeichneten, Fächer mit Schlitzen, um ihre Träger hindurchblinzeln und -blicken zu lassen, Fächer mit Gesichtern bemalt, mit Sonetten Sporions oder den kurzen Geschichten Scaramouchs beschrieben, und Fächer aus großen lebenden Nachtfaltern auf Bergen von Silbernadeln. Und Masken aus grünem Samt, die das Gesicht dreifach bepudert erscheinen lassen; Masken aus Vogelköpfen und Gesichtern von Affen, Schlangen, Delphinen, Männern und Frauen, kleinen Embryonen und Katzen; Masken aus dünn aufgelegtem Talk und Gummielastikum. Perücken trug man aus schwarzer und scharlachner Wolle, aus Pfauenfedern, aus Gold- und Silberfäden, aus Schwanendaunen, aus Weinsprossen und aus menschlichem Haar; ungeheure Halskrausen aus weißem Musselin, die hoch über den Kopf wegstanden, ganze Kleider aus einwärts gebogenen Straußenfedern, Tuniken aus Pantherfellen, die wundervoll über Rosatrikots aussahen, Kapots aus rosa Atlas mit Eulenflügeln, Ärmel in Gestalt apokalyptischer Tiere, Strümpfe, in deren Zwickel sich Darstellungen von Fetes galantes und sonderbare Zeichnungen befanden, und Jupons, die wie künstliche Blumen gearbeitet waren. Einige Herren trugen reizende purpurfarbene oder grüne Schnurrbarte, die mit vollendeter Kunst gedreht und gewichst waren, andere trugen große weiße Barte nach Art des heiligen Wilgeforte. Dann hatte Dorat ihnen außerordentliche Vignetten und Grotesken auf den Leib gemalt, an mancherlei Stellen: auf eine Stirne eine alte Frau, die von einem unverschämten Amor verfolgt wird, auf eine Schulter eine verliebte Affenszene, rund um eine Brust einen Kreis von Satyrn, um ein Handgelenk ein Kranz blasser, unschuldiger Kinder, auf einen Ellbogen ein Bukett Frühlingsblumen, quer über einen Rücken ein paar überraschende Mordgeschichten, in die Winkel eines Mundes kleine rote Flecke, auf einen Nacken eine Flucht Vögel, einen Papagei im Käfig, einen Zweig mit Früchten, einen Schmetterling, eine Spinne, einen betrunkenen Zwerg, oder einfach ein paar Initialen.« Man kann Beardsleys Zeichnungen nicht besser in ihrem Gegenständlichen beschreiben, als er es selber getan hat in seinem Kostümkapriccio »Venus und Tannhäuser«.

Ich sagte, daß Beardsley es liebte, das Geschlecht seiner menschlichen Figuren manchmal übermäßig zu betonen, oft wieder hermaphroditisch zu verwischen. Ein Selbstporträt in den »Posters in Miniature« gleicht etwa dem Bilde jener Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und steifer Hemdbrust, wie sie die Pariser Karikaturisten gerne verlachen. Doch an Karikatur darf man bei Beardsley nicht denken, denn er übertreibt nie äußerliche körperliche Eigentümlichkeiten zu einem lächerlichen, sondern psychische, wenn man will moralische, zu einem manchmal grotesken Effekt: es ist, wenn auch Geist, so doch nicht Witz und Komik in seiner Übertreibung, die zum Lachen reizte. Seine Typen sind in ihrer monumentalen Häßlichkeit oder Schönheit Erfindungen, Visionen des Wesentlichen, aber sie haben kein Modell in der kleinen deutlichen Wirklichkeit. Man könnte sie mit den Grotesken vergleichen, die Lionardo zeichnete. Beardsley mag manchmal satirisch sein, aber er ist es gewissermaßen auf eigene Faust; er trifft sich nicht mit Gemeingefühlen; er ist gar nicht sozial. Ja, er pointiert nicht einmal seine eigene Art, denn er besaß eine zu gute Haltung. Man kann so auch nicht von Absichten sprechen, die ihn veranlassen, der Eigentümlichkeit seiner Natur entsprechend sich das Gegenständliche seiner Zeichnungen zu wählen, so sehr ist dieses untrennbar von seiner Form. Absicht, Überlegung, Ordnung sind ihm nur bewußt in Hinsicht auf das Formale. Deshalb und noch einmal: welcher Art immer die technischen Einflüsse sind, denen er sich hingibt, – seine Originalität, was das Unbewußte, sein psychisches Verhalten angeht, bleibt davon ganz unberührt und bleibt sich gleich vom Anfang bis zum Ende seiner Kunst.

Man hat sie pervers genannt, weil man ja geneigt ist, alles mit diesem diffamierenden Beiwort auszuzeichnen, was die Sinnlichkeit nicht mit dem Gemüte genießt. Beardsley sieht, ganz unnaturalistisch, Zustände und Menschen von innen heraus; das nimmt alles das Gewand der intensiv erkannten Seelen an, die den Körper deformieren. Da wird die Sünde schön und eine Tugend, weil sie groß und herrschend ist, da wird die kleine Sünde, die sich mit der kleinen Tugend um den Vorrang in einem Individuum streitet, zur widerlichen Häßlichkeit. Die Gottheit bestätigt sich irdisch in der Kraft, mag diese zum Bösen oder Guten treiben. Satan ist fromm, und der Heilige ist fromm. Möglich, daß sich Beardsley mehr jene Frömmigkeit verdeutlicht hat, die sich ihren Glauben aus der Sünde bestätigt, wie es nicht nur einmal gnostische Sekten taten, sondern wie es immer wieder geschieht und geschehen muß. Lorenzetti malte in den Fresken des Campo Santo zu Pisa die Sünderinnen der Hölle im blühendsten Fleische, Akte von fast Renoirscher Art. Beardsley ist katholischer: er zeichnet in der Messalina ein Weib von fünfzig Jahren, deren Formen in Fett verloren, deren Augen klein und hektisch, deren dicke Lippen – fast das einzig Sichtbare in dem Gesicht – fest geschlossen und deren Beine sicher voll der blauvioletten Flecken von gesprungenen Venen sind. Er steigerte so das Fleischliche zum Intellektuellen, und dieses allein ist die Sünde. In dem Zeichner dieser Blätter suchte eine Kritik, die ohne Verhältnis zur Kunst, diese nur nützt, um sie auf eine vulgäre Moral zu prüfen, ein schamloses Leben. Beardsleys Freunde haben über sein Menschentum nicht geschwiegen, ich glaube auch, nichts verschwiegen, wohl weil sie keinen Anlaß dazu hatten. Er wird beschrieben als stolz und von sich selbst überzeugt, was ihn nicht hinderte, mit großer Verehrung von dem zu sprechen, was er liebte. Er war trotz seiner Soziabilität menschenscheu; es fehlte ihm das Bedürfnis nach Mitteilung, was man oft bei Menschen findet, deren Intellekt starke Neigung zur Abstraktion zeigt. Doch verschloß er sich nie dem Leben, an das er mit vielen Interessen verknüpft war. Er kleidete sich wie ein Elegant und fand die sichtbaren äußeren Zeichen des Künstlertums, deren Pose, lächerlich; für Worte wie Inspiration hatte er nur Verachtung. Als einer ihn fragte, ob er Visionen habe, gab er die Antwort: Ich gestatte mir so etwas nur auf dem Papier. Keiner hat ihn je bei der Arbeit gesehen, die er am liebsten des Abends bei Kerzenlicht tat. Kam ein Besuch, so legte er alles beiseite, und nie hörte man ihn mit der Miene eines Geschäftigen sagen, daß er keine Zeit habe. Seine Krankheit ertrug er heldenhaft; in seinen Briefen treibt er beinahe Scherz mit ihr. Von seinen drei Gedichten und seinem Prosakapriccio hielt er viel, wie er es überhaupt liebte, sich als Homme des lettres vorzustellen. Er hatte viele Pläne dieser Art, wie einen Aufsatz über Rousseau, einen anderen über die Liaisons dangereuses zu schreiben. Den Sinn für die lebende Natur, für die Landschaft hat man Beardsley abgesprochen. Ihm eigentümlich verwendet er sie nur im Ornament aus Blumen- und Fruchtmotiven. Zum Landschaftlichen benutzte er einfach Claude und Watteau, in einer Zeichnungsart, die an Gobelins erinnert. Keine Spur einer grotesken Behandlung der Landschaft ist zu finden.

Eine Entwicklungslinie der bildenden Künste anzunehmen, ist nicht durchaus und deshalb abzuweisen, weil wir kein Ziel bestimmen können, nach dem diese Entwicklung tendierte. Aber man könnte ja in der Formung, die dem Ganzen dieser Kunst jeweils der einzelne Künstler gibt, ein Ziel schon sehen, das durchaus befriedigt; anders müßte ja alles immer nur ein Versuch bleiben, und müßte der zeitlich spätere geglückter sein als der zeitlich frühere, was ja nicht der Fall ist. Sind wir vor das ganze Werk eines Künstlers gestellt, so werden wir immer ein Fehlendes finden, das die Kritik ergänzt, womit nicht Kritisieren gemeint ist. Die Kritik erst vollendet das Werk. Übertragen gesprochen ist das Werk wie in der Musik ein Septakkord, der eine Auflösung verlangt: die Kritik gibt diese Auflösung. Der Künstler aber übernimmt das Werk des ihm Nahen, und dessen fehlenden Ton er spürt: er gibt in seinem Werk diesen fehlenden Ton, um auch seinerseits einen Ton auszulassen: Auch sein Werk wird ein Ganzes, ein Akkord sein, doch nie ein Dreiklang mit dem Oberton der Oktave. In einem anderen Bild gesprochen: Der Künstler baut sein Werk von innen heraus und schließt es in einen Ring und schließt es doch nicht, denn er muß eine engste Öffnung lassen, um aus dem Ringe selber heraus zum nächsten Werke zu kommen. Je unsichtbarer diese vorhandene Öffnung des Ringes, desto stärker wird der Eindruck der Vollendung sein, also daß wir von einem geschlossenen Kunstwerk reden. Was dann die Unkünstlerischen, die Virtuosen und ähnlichen merken, aber nicht als Bedingung wissen: daß ein Ring ist, aber auch eine feinste Öffnung des Ringes. Diese bilden nicht von innen, sondern von außen, wo sie immer nur stehen und daher den Ring ganz schließen können, welche gefälschte und falsche Fügung alle jene Beschauer erfreut, die nicht imstande sind, von sich aus eine Schließung des Ringes zu schaffen oder den ausgelassenen Ton in sich zum Erklingen zu bringen: mit einem Worte – die künstlerisch nicht Bereiteten. Wir hatten Maler, deren reicher Akkord mehr als eine Auflösungsmöglichkeit in sich trug, und dessen künstlerische Variation bis auf heute gewaltig ist. Man denke an Tizian und seine drei Schüler: Tintoretto, Greco, Schiavone. An Rubens und seine Folge bis auf Renoir, an Rembrandt und seine Folge bis auf Vincent van Gogh. Was man in England die Präraffaeliten nannte, war eine Bewegung außerhalb der Malerei – der Zusammenhang mit ihr war nur zufällig; für Whistler und den Radierer Brangwyn brauchten sie nicht gewesen zu sein. Ihre Ergebnisse liegen auf dekorativem Gebiet, bei den Bemühungen William Morris‘, dessen Anregungen weiterwirken bei Beardsley, der künstlerisch ein Ende bedeutet, aber den allgemeinen Geschmack sicher damit gefördert hat, daß er das lineare Gebilde zu subtilstem und intensivstem Ausdruck gesteigert hat.

Lebenslinie - Illustration: !so?
Lebenslinie – Illustration: !so?

Franz Blei
title Männer und Masken
publisher Ernst Rowohlt Verlag
printrun 1. – 4. Tausend
year 1930
firstpub 1930

Franz Blei • Männer und Masken • Walter Rathenau

Walter Rathenau 

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Walter Rathenau – Edvard Munch – 1907 – oil on canvas – Kunstmuseum Bergen

Rathenau kam einmal, es war vor dem Kriege, als später Gast ins Haus unseres vortrefflichen Verlegers Fischer, zur Stunde, da die Gäste in des Hausherrn behaglichem Büchersalon den Kaffee tranken. Er war ins Schloß geladen gewesen und trug auf der Brust den klirrenden Schmuck seiner Orden, ein gut Dutzend Stück. »Ich habe zu Hause im Kasten noch mehr so Blecher«, sagte er auf einen lächelnd-erstaunten Blick, solchen Ehrungen gegenüber eine Gleichgültigkeit andeutend, die er als ein seines Wertes sehr bewußter Mensch besaß, zumal er die Orden auch nicht für seine Schriften bekommen hatte. Aber er war doch stolz darauf, daß ihn, den Juden, dem als Einjährigen das Leutnantspatent verweigert, und der als Vizewachtmeister entlassen wurde, die von ihm so bewunderte preußische Herrensippe hatte anerkennen müssen. Rathenau war klug genug, zu wissen, daß mit Adelung und Orden jener, der beides verleiht, sich nur die nötige Brücke über einen trennenden Abstand legt, ohne die ein öfterer Verkehr nicht möglich. Mit einem bloßen Herrn Rathenau gab’s für Majestät keine wiederholte Unterhaltung; er mußte als ein für Auszeichnung Dankender kommen. Aber daß die Sippe ihn dafür vorschlagen hatte müssen, freute ihn. Denn er, der braune Beduine, der von seinen spanisch-jüdischen, mit Berberblut vermischten Ahnen sprach, liebte aus Gegensätzlichkeit diese blonden, rosigen, knochigen Preußen mit den blauen Augen, die Offiziere dieses kleinen Adels, die Dichter dieser dürftig-spröden Landschaft, die Beamten dieses sparsamen Haushalts.

Die körperliche und geistige Armseligkeit eines assimilierten kleinen Judentums aus dem Osten, das sich selber mit dem jüdischen Witz ins Gesicht spuckt und so seinen eigenen Antisemiten spielt, fand er verächtlich, und es verführte ihn sein Stolz zu dem Glauben an ein Judentum der Rasse, dem er in andern Rassen die Gegenspieler gab. Als Gegengabe für den Roman »Wiltfeber« schickte er dessen Verfasser Burte eines seiner Bücher; er zeigte mir die Widmung, die er hineingeschrieben hatte: »Dem ewigen Deutschen der ewige Jude.« Rathenaus Stolz auf sein Judentum litt unter keinerlei Antisemitismus, die Fremdheit des preußischen Junkers ihm gegenüber respektierte er, da er auch seinerseits Fremdheit diesem Junker gegenüber empfand, die er in Bewunderung äußerte. Selber in Geschäften stehend, litt er als Jude unter den nichts als Geschäfte machenden Juden, die es nicht sein wollten und es doch im Übelsten waren. Er gab sich da gern Vorstellungen hin, die im Judentum ein religiöses, ein Priestervolk kat exochen sahen, und er beklagte den Verfall des Volkes aus dem Spekulativen ins Spekulierende. Er verstand den tiefen Sinn, den das Wort hatte, das ich ihm einmal von Mendel Singer vor dem Kaiser Franz Josef erzählte. Mendel Singer, Nestor der österreichischen Parlamentsjournalisten, mußte, wie seine beiden Brüder vor ihm, auf seine alten Tage geadelt werden. Es war dem Kaiser als unumgänglich vorgestellt worden. Die Kaiserverehrung dieses Singer grenzte an Gottverehrung in ihrer Naivität; er sah in ihm den Vater seiner Völker, den Mehrer und Schützer des Reiches usw., genau wie es in den Stücken der Lesebücher für die Volksschulen steht. Unmittelbar nach der Audienz erzählte er selber, mit Tränen im Halse, wie sie verlaufen war, das kaiserliche Visavis und ihre Umgebung durchaus wie Heldensage, in die er, das Nichts von Mendel Singer, gebeugten Rückens hineintrat, er wußte nicht wie, und vor der Majestät in dem außerordentlichen Gefühle seiner gräßlichen Nichtigkeit vor solcher Konfrontierung nichts sagte als: »Majestät, ich bin e alter Jud.«

ADN-Zentralbild, Dr. Walter Rathenau geb. 1867 gest. 1922 1922 Aussenminister, schloss mit Sowjetrußland 1922 den Vertrag von Rapallo. Er wurde durch die Geheimorganisation Consul ermordet, deren Hintermänner die Schwerindustrie war.
ADN-Zentralbild, Dr. Walter Rathenau – 1867 –  1922 – 
1922 Aussenminister, schloss mit Sowjetrußland 1922 den Vertrag von Rapallo. Er wurde durch die Geheimorganisation Consul ermordet, deren Hintermänner die Schwerindustrie war.

Ich glaube, Rathenau hatte es, unter dem Druck eines, wie man sagt, bedeutenden und eigenwilligen Vaters, bis zu seinem dreißigsten Jahre nicht leicht gehabt, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Mannigfaltig begabt, mochte er sich, als Sohn aus reichem Hause, eine Freiheit des Lebens für sein Leben als erlaubt denken, das ihn bloß aufs Erben, nicht aufs Mehren wies. Zumal es ihm klar war, daß die Kapazität des Vaters ganz einzig und nicht zu übertreffen war auf seinem Gebiete. Aber der nüchterne Emil Rathenau war stärker als sein brillanter Sohn; er zwang ihn in den Rahmen seiner bestimmten Arbeit. Ganz reibungslos ist das nicht verlaufen. Alle Liebe ging so zur Mutter. Das blieb bestimmend sein Leben lang. Die Frau, das hatte Wert für ihn nur als Mutter. So blieb ihm zur fremden Frau nur der eine, von nichts als dem gröbsten der Sinne gebahnte Weg, den er funktionell ging, wenn es und weil es sein mußte, aber ohne daß ihn da irgendwelche Illusionen begleiteten. Eher die Vorahnung der bereits wartenden Ernüchterung. Er konnte, kam, wie es nur sehr selten der Fall war, das Gespräch auf Liebe und Frauen, von einer zynischen Brutalität werden, die selbst den guten Geschmack, das mindeste in dieser Materie, vermissen ließ. Aber er hätte, so starr war das in ihm geworden, nie zugegeben, daß in diesem psychischen Unvermögen zur Liebe eine Fehlerquelle seines ganzen Wesens lag und der Grund seiner melancholischen Resignation, die er immer wieder auf eine höhere metaphysische Ebene zu bringen sich bemühte. Der fehlende Eros war auch der tiefste Grund seiner inneren Vereinsamung, deren steinernes Antlitz zu fliehen er so vieles unternahm, die liebevolle Pflege seiner Dilettantismen, aber auch seine wichtige organisatorische Arbeit. Er besaß hierin mehr als theoretisches Wissen und mehr als bloß praktische Erfahrungen, nämlich einen leidenschaftlichen Glauben, daß sich der inerten chaotischen Masse alles Wirtschaftlichen Form und Geist eines richtigen Funktionierens geben ließe, ein tadellos arbeitendes, von den Menschen begeistert akzeptiertes Schema. Er bedauerte den modernen mechanisierten Menschen nicht, sondern begrüßte ihn als den brauchbarsten für das geliebte Schema. Als er es bei ungeheurer persönlicher Arbeit an der Ordnung der Dinge im Kriege erleben mußte, daß die Menschheit lieber sinnlos verbluten als das erprobte Schema einer A.E.G. annehmen wollte, war Rathenau zu tiefst erschüttert. Er hatte so außerordentliche Energien an die gedankliche Sauberkeit seiner Pläne gesetzt, sein Leben danach geformt, oder davon formen lassen, und nun besudelte ganz sinnlos hingeschüttetes Blut die schöne Arbeit. Zum Minister berufen, zog er, mit wenig Glauben mehr daran, die verwischten Linien der alten Pläne nach, vertraute aber mehr seiner rein menschlichen, persönlichen Kraft, seinem integren Wort als einem nicht mehr geglaubten System, das ihm der seiner Geschichtsbildung inkommensurable Mensch zernichtet hatte.

Ja, auch die Pflege seiner Dilettantismen. Rathenau sammelte schönen alten Hausrat, um den er dann die Schale eines nach seinen Plänen gebauten Hauses im Grunewald legte, dem nicht nur die Amateure, sondern auch die Architekten ihren Beifall gaben. Es war bequem, ohne jede Protzigkeit, die dem frugal, fast asketisch lebenden Manne ganz fremd, und so geschmackvoll wie die darin aufgestellten mit gutem Auge gefundenen Möbel und Dinge. Was in dem Luisenschlößchen Freienwalde fehlte, für dessen stille Anmut das theatralische Pomposo des Kaisers nichts übrig hatte, von Pietät ganz abgesehen, so daß er es für einen Pappenstiel an Rathenau verkaufte, das ergänzte der neue Besitzer mit bestem Geschmack. Rathenau spielte Klavier, er malte Bilder, er machte Gedichte und hielt daran wie eine gute Hausfrau, die nichts umkommen lassen will. Die kritische Fähigkeit, das Gute zu erkennen, und ein sicherer Geschmack, der eine geübte Geschicklichkeit nicht direkt entgleisen ließ, gaben ihm wohl die nötige Täuschung, diese künstlerischen Übungen mit Ernst zu treiben und zu zeigen. Lobte man seine nach der Natur avec du cœur und in einem landläufigen Impressionismus gemalten Freienwalder Landschaften, so lehnte er das Lob mit einer Unterwertung nicht gerade seiner Bilder, aber der Malerei überhaupt, ab, indem er sagte: »Mit der Malerei wird ja viel zu viel hergemacht.« Ich bin ja auch etwas der Meinung, aber aus einem andern Grunde. Die Summe des heute durch Malen Mitteilbaren ist, verglichen mit in ihrer Selbstwirkung bescheideneren Zeiten der bemalten Wände, so gering geworden, aber bei wachsendem Anspruch auf Bedeutung. Behauptet sich schon das auf der Bühne gesprochene Wort schwer gegen die alles überrauschende Musik jedes Genres, wie soll es dem gerahmten Bilde gelingen, gegen das mit Musik unterstrichene bewegte Bild im Film und Ballett mit einigem Erfolg sich zu stellen!

Früher als Max Scheler, der andere Gast, zum Abendessen kommend, traf ich einmal Rathenau am Klaviere, über eine aufgeschlagene Sonate Beethovens modulierend und arpeggierend. Der Teufel ritt mich, harmlos zu fragen, ob er es nicht versucht hätte, zu komponieren, und ich bekam die etwas, aber doch nicht ganz so eindeutig erwartete Antwort: »Mein Kram läßt mir ja keine Zeit dazu.« Der Kram war damals die A.E.G. Rathenau betrachtete die Künste etwa wie Fertigkeiten, die bis zur großen Leistung auszubilden nur Zeit nötig sei, eine angeborene kleine Begabung natürlich vorausgesetzt, aber wer hat die heute nicht? In einem, wie Rathenau zugab, ziemlich niedrigen Niveau der Künste machte die größere oder geringere Erhebung der bergspielenden Maulwurfshügel keinen besonders zu bezeichnenden Höhenunterschied. Er konnte in den Gedichten Rudolf Borchards nichts finden, sie waren ihm durchaus erreichbare, wie er überzeugt war, auch ihm erreichbare Höhe. Fleißaufgabe eines Erlernbaren, wie er meinte. Also auch sein Fall, verfügbare Zeit dafür vorausgesetzt. Aber er bewunderte als ihm nicht erreichbare Tiefe oder nicht mehr zugängliche Niederung der Einfalt Gerhart Hauptmann dort, wo Gefühliges sich äußerte. Dieses im Trüben des Gefühligen fischen schien ihm einziger Nährboden eines Dichterischen schlechthin, aber in dieser Zeit nur atavistisch mehr Vorhandenen, nicht mehr recht Zulässigen, außer des Sonntags. Er bewunderte, was er nicht besaß, aber in der Gesamtökonomie heutigen Lebens nicht mehr sehr wesentlich achtete. Daß es einen so reinen Toren wie Hauptmann noch heute gäbe, entzückte ihn wie blondes Haar und blaue Augen inmitten von Schwarzhaar und Brillen. Aber die Tore des Paradieses seien längst zugefallen, und wer Heimweh habe, stoße sich an den Gittern das Herz wund. In Rathenaus Konzeption des Dichterischen und des Dichters spielte das Dumpfe, Unartikulierte, Gefühlige die entscheidende Rolle so sehr, daß er aus dem ihm Undeutlichen bestritt, was er selber an Versen machte, und glaubte, es seien Gedichte. Daß sie das Äußerste nicht seien, läge nur in der fehlenden Übung, und weil man noch anderes zu tun aufgebürdet bekommen habe. Für eine oft mit ihm diskutierte Anschauung, daß diese Gefühle als Komplexe zerlegbar seien und gar keine bedingende Voraussetzung für das Dichterische bildeten, weil Torheit selbst im Religiösen, wo man es gern hinstopfte, nichts bedeute – dafür war Rathenau, der das Moderne nur im Technisch-Mechanischen sah, nicht zu haben. Es machte mir immer den Eindruck, als sei seine apodiktische Annahme nur solchen Dichtens und solchen Betens letzter Zufluchtsort eines im Verständigen, das ihn beherrschte, sonst Verzweifelnden. Er mußte die Dummheit und die Heiligkeit identifizieren. Daß ein Romanwerk, um bedeutungsvoll zu sein, auf dem gleichen Niveau stehen müsse wie die wissenschaftliche Leistung der Zeit, dagegen zitierte Rathenau »Füllest wieder Busch und Tal …« Er wollte von der Dichtung nur den Balsam der therapeutischen Wirkung. Verstehbar bei einem Manne, der wie Rathenau sich nicht mit den festgefügten Kaders des von ihm bis ins einzelne beherrschten Gebietes des Wirtschaftlichen und Wirtschaftspolitischen zum Auf- und Ausbau einer geistigen Welt begnügen konnte, und dessen Philosophieren, wie er selber sagte, laienhaft war, aber um so anspruchsvoller der Wunsch, mit dem Ganzen der denk- und vorstellbaren Welt metaphysisch fertigzuwerden. Da ließ er dann die nicht gebaute Spitze der Pyramide in die Wolken ragen, hinter der sie die Wolkenanbeter auch vorhanden vermuteten. Sich seiner Fähigkeiten auf dem von ihm beherrschten Gebiete, welche durchaus des ordnenden Verstandes waren, sehr bewußt, ging er künstlerischen Neigungen nach, hier die Gnade erwartend oder sie ihm erteilt vielleicht auch glaubend, aber, um solches zu glauben, sich in eine nebulose Romantik von Kunst und Künstler verkapselnd, aus der nicht einzugestehenden, weil schmerzlichen Einsicht, daß, brächte er ein Denken in seine solchen Konzeptionen, diese sich als ganz unzulänglich herausstellen müßten. Darum fraternisierte sein Geschmack mit den Dumpfen, denen es Gott im Schlafe schenkt. Oder stellte mit der Variation des gut liberalen Satzes »Dichte, Dichter, denke nicht« den Behafteten auf die Plattform der Simonssäule und sich selber aus dem Wege, auf dem der Dichter, dächte er, ein zu unbequemer Mahner wäre.

Franz Blei (1871 - 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift "Hyperion"und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA
Franz Blei (1871 – 1942), österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Herausgeber der Zeitschrift „Hyperion“und Übersetzer.Er emigrierte 1933 in die USA

Fragte man Rathenau, wie er so vieles und so vielerlei in einem Tage von vierundzwanzig Stunden bewältigen und zu einem Ende führen könnte, gab er als solchen Rätsels Lösung die Einteilung der Zeit. Und schien dabei doch immer Zeit zu haben, die verlorengehen konnte. Man traf ihn oft zu Gaste. Und viele waren oft zu Gaste in seinem Hause. Aber zum Zwiegespräch, nicht zu geselliger Festlichkeit. Solches Festieren gab es nur zweimal im Jahre, ein Frühstück, wobei Borchard die Küche besorgte für die dreißig oder vierzig Geladenen, denn der einfache Junggesellenhaushalt war nur für ein einfaches Abendessen zu zweit oder dritt eingerichtet. Die große geladene Gesellschaft gab in ihrem Ensemble eine Musterkarte von Rathenaus vielfachen Interessen und Beschäftigungen – wenn ich von den ebenfalls geladenen Damen, den Gattinnen, absehe, deren Anwesenheit unumgänglich war, sollte es nicht bloße Männergesellschaft mit der sich da immer einstellenden interessierten Unterhaltung sein, die keine mehr ist, sondern Diskussion. Das Non tacet der Damen hob für diese Male die spirituelle Kirche auf, die Rathenau liebte, um mit Assistenz die Messe zu lesen. Mit der Assistenz eines, nie mehr als zweier Ministranten. Das Abendbrot, das es da gab, war in Quantum und Quale so bescheiden, daß wohl auch andere als Max Scheler, der gern gut und viel aß, nach der ersten Erfahrung von Flunder, Hammelkotelett und zitterndem Eierstich – es gab nie was anderes – nur so taten, als ob sie äßen, weil sie das schon zuvor besorgt hatten. Aber nach dem Spitzglas Champagner, das der Diener nicht mehr nachfüllte, kam aus unerschöpflichen Kannen schwarzer Kaffee, die Gäste wachzuhalten bis in den frühen Morgen für die Unterhaltung, wenn dies Wort erlaubt ist für diese sehr konkretierten Gespräche, aus und in denen sich Rathenau sowohl informierte als – er hatte ein starkes Bedürfnis danach – sich erklärte und erläuterte. Dies meist mit einem gesperrten Druck und Verbeispielungen einfacher Gedanken, die den Partner gelind verzweifeln ließen. Es war eine gewisse Verliebtheit in seine gepflegte gedankliche Welt, die ihn, sie immer wieder erklärend, so weitschweifend werden ließ, was ihre fehlende Tiefe ersetzen sollte. Denn ein tiefer Denker war Rathenau nicht. So mochte er allenfalls seinen engeren Berufskollegen vorkommen, auch später den politischen Kollegen, die er natürlich an Kenntnissen und Einsichten weit übertraf. In der Haager Konferenz hätte er gewiß nicht, wie es die deutsche Delegation tat, Lloyd George und die anderen damit gelangweilt, zu erzählen, daß sich die betreffenden Gattinnen der Herren schon seit zwei Jahren keinen neuen Hut gekauft hätten, so schlecht ginge es einem in Deutschland, und so bescheiden sei man geworden. Rathenau machte sich nichts aus Frauen, nichts aus Geld, nichts aus Ehren, so mußte er eine soziale Gefahr werden als der schlechthin Unverständliche, dem zu mißtrauen ist. »Meine Kollegen«, so sagte er damals, »lassen mich als anständigen Menschen gelten. Was für ein lamentables Regime, wo es als das höchste Lob eines Staatsmannes gilt, daß er ein anständiger Mensch ist.«
Im Oktober 1913 hatte ich in meinem »Losen Vogel« geschrieben: »Der deutsch-englische Krieg, man wird sich an diese Überschrift in den Zeitungen gewöhnen müssen«, und kurz Gründe und Anlässe dieses Krieges angegeben, der ja in der Tat ein deutsch-englischer wurde, und zwar mit den Schlachtfeldern auf dem Kontinente. Als ich bald darauf Rathenau besuchte, legte er, wie er es gern tat, mir seinen Arm um den Nacken: »Sie sind ein Phantast, lieber Blei, einen solchen Krieg wird es nicht geben und überhaupt keinen, und ich will Ihnen auch sagen, warum. Weil er kein Geschäft, und weil er ein außerordentlich schlechtes Geschäft wäre.« Mit der Schlechtigkeit des Geschäftes hat sein geübterer Blick auf solches ja recht behalten. Aber der Irrtum, daß die Menschen sich Vorteil und Gewinn in Ziffern und Zahlen ausrechnen auch in solchen mit Blut gespeisten Affären, bloß deshalb, weil sie finanziert werden müssen, das war ein für Rathenau charakteristischer Irrtum. So oft er auch vom ganz intuitiven Wesen seines Vaters in geschäftlichen Dingen erzählte, oder vielleicht daß er davon erzählte, bestätigt, was die geschäftlichen Kollegen Rathenaus von ihm sagten: daß er eigentlich von Geschäften nichts verstand, weil er sie nur verstand. Er war, als der Krieg ausbrach, von der geschäftlichen Tollheit dieses Unternehmens erschüttert und suchte mit seinem organisatorischen Genius zu retten, was zu retten war. Er litt viel unmittelbarer unter der Dummheit, mit welcher die Menschen ihre Geschäftsbücher führten, als unter dem Pathos eines Schicksals. Er konnte im ersten Jahre, wenn auch geringschätzig, von dem Gewinn sprechen, der in Longwy und noch ein paar so nötigen Erzgruben für das damals noch siegreich geglaubte Deutschland, die Firma Deutschland, bestände, um zwei Jahre später, als es schlechter ging, Ludendorff aufs dringendste zu raten, die belgische Arbeiterbevölkerung nach Deutschland zu schaffen, auch auf die Gefahr hin, daß die U.S.A. mit Krieg drohten. Rathenau war kein politischer Kopf. Dafür dachte er von den Menschen zu schlecht und zu gut, aber beides am falschen Ort. Er überschätzte den Menschen verstandesmäßig und unterschätzte seine affektive Brauchbarkeit. Er nahm es übrigens mit Laune auf, als ich ihm von einem tapferen jüdischen Artillerieoffizier erzählte, der mitten im feindlichen Feuer melancholisch bemerkte: »Ist’s möglich, so das Geld zu verschleudern!« Aber die nachfolgende Zeit gab ihm recht, als er meinte: »Sie werden sehen, es wird ihnen das verschleuderte Geld mehr leid tun als das vergossene Blut. Der jüdische Artillerist sprach auch aus der Seele der heutigen Gojim.« Es war in München, einige Monate vor seinem Tode, daß ich Rathenau zum letzten Male sah und sprach, beim Tee im Hotel Continental. Wir waren zu viert mit Rathenaus »Adjutanten«, Simon, einem ehemaligen Generalstäbler voller Leben, Intelligenz und Liebe zu seinem Chef. Ein blonder Mann von der besten preußischen Qualität und mit viel von dem, was Rathenau völlig fehlte: Wärme. Der vierte war der Nuntius Pacelli, der diplomatisch vorsichtige, sehr geschickte Römer, von der Kurie auf den wichtigsten Posten gestellt, den deutschen, wo Konkordate zu effektuieren waren, und wissend, daß ihre Angelegenheiten bei Pacelli in den besten, geschicktesten Händen lagen. Rathenau kam von Herrn von Kaar, dem kleinen Beamten, der sich auf dem Wege zum großen Staatsmann glaubte, und über den er sagte: »Er hat nicht eine einzige Idee, aber er verteidigt sie mit Leidenschaft.«
Rathenau war müde und resigniert. Die U.S.P. hatte ihm mitteilen lassen, daß sie von einem Attentatsplane gegen ihn gehört hätte, und bot ihm zwei ihrer Leute als ständige Schutzbegleitung an. Rathenau lehnte ab, mit einer in alles sich ergebenden Fatalität, der er wohl nur mit Rücksicht auf den Nuntius so etwas wie eine christliche Farbe gab. »Die Henker«, sagte er, »dieser Zeit sind so armselig, daß sie einen um die Freude des Martyriums bringen können.« Als Monsignore hier etwas von der christlichen Liebe bemerkte, meinte Rathenau: »Liebet einander, das ist vielleicht ein bißchen zu viel von den Menschen verlangt, Monsignore, – ertragt einander, das ließe sich allenfalls noch leisten.« Er war müde, nur Feinde zu haben und keine Gegner. Er fand sich als am falschen Ort stehend, ohne einen besseren angeben zu können als den in abgeschlossener Einsamkeit. Es machte den Eindruck, als wartete er auf den Schuß aus dem Hinterhalt als eine Synthese.
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Ein Wert seiner Persönlichkeit: Rathenau war kein Politiker. Nach meines Freundes Paul Scheffer Definition einer, der die Kunst versteht, eine träge Menge zur rechten Zeit aufzuregen, eine aufgeregte Menge zur rechten Zeit zu beruhigen. Rathenau konnte verhandeln. Er konnte nicht führen. Er besaß keinerlei demagogische Fähigkeiten. Er entsprach in nichts dem »Tatmenschen«, wie sich die Hintertreppenphantasie um 1920 so was vorstellte und verehrte. Als Solf nach jahrelanger Abwesenheit auf kolonialen Posten im Frühjahr 1914 nach Berlin kam und man ihn zum Kolonialdirektor machen wollte, dauerte es nicht lange, daß er Heimweh nach seiner letzten Station in der Südsee bekam. Er hatte im Wandelgang des Parlamentes Erzberger eine ganz vertrauliche Mitteilung gemacht – »und denken Sie, der Mensch benutzt das zehn Minuten später in einer Rede!« Rathenau, mehr an die politischen Sitten gewohnt als der aus feinster Substanz gearbeitete Solf, war nur vorsichtiger. Er wußte um die geringen Ansprüche, die heute an den Politiker gestellt werden, und daß der Nächstbeste genügen kann. »Noch weitere solche zehn Jahre, und Politiker ist, wie das in den Staaten durch Jahrzehnte der Fall war und in den besten Kreisen heute noch ist, die verächtliche Bezeichnung eines verachteten Berufes.«
Die Summe seiner irgendwelchen Interessen nennt der Politiker nicht eine Meinung, sondern seine Überzeugung mit allen den bekannten Beiworten, wie sie die Ethik eines bourgeoisen Stoizismus liefert, wünscht und billigt, wie ernst, heilig, tief, ehrlich, unumstößlich. Er entgeht damit der Verlegenheit eines guten gültigen Beweises seiner Meinung, erstickt die mögliche Forderung eines solchen Beweises im Keime. Aus der ungeheuren Mannigfaltigkeit dieser Abwehr besteht die politische Diatribe. Zwei Nachbarn konnten sich nicht einigen. Sie riefen einen Dritten zur Schlichtung des Streites. Damit ist die Keimzelle des Politischen in die Welt gesetzt. Ein simpler Rechtsspruch des Dritten bildet nun ein System aus, hinreichend kompliziert, Beamtete und deren Anhang nötig zu machen. Das Übel zeugte weiteres Übel, da bald die Beamten selber sich für ein System halten, um dessentwillen das Leben da ist. Die Selbstvergottung des Staates beginnt, und eine Philosophie bemüht sich um seine Metaphysik. Dieser Prozeß der beamtlichen Polizierung wird beim Zerfall der mittelalterlichen Ideale sichtbar, dem Zerfall dank der Kirche selber, die durch den Besitz Staat im Staate wurde, erst sich mit ihm messend, dann mit ihm kämpfend, schließlich ihm unterliegend, wobei sie dem Sieger auslieferte, was sie bisnun geistlich verwaltet hatte: Beziehung der Geschlechter, Schule, Bildung, ja sogar den Glauben, was alles des Staates wurde, was alles ganz gegen sein inneres Wesen poliziert wurde, und es blieb bis heute. Und zwar zunehmend nach dem undistinkten Schema der gemeinen polizierten Notwendigkeiten des Tages: Recht, Schutz vor Überfall, Verkehr und Wirtschaft. Im wachsenden Maße wurde der Wirkungswert der polizierten Menschengüter vermindert: die Ehe wurde ein vermögensrechtliches Problem, der Glaube als begünstigter Sazerdotalismus Stütze der weltlichen Macht, die Schule Vor- und Zubereitung zu einer Beamtenprüfung, die Bildung ein Savoir vivre der Reichen, die Kunst ein Genußmittel derselben Reichen, die Sittlichkeit ein von einer Paragraphensammlung begrenztes, auf das Geschlechtliche reduziertes Konvenü. Die Polizierung hat in unserem Zeitalter nur dessen wirtschaftliche Nuance erhalten. Inhalt der Parteien, Anlaß ihrer Bildung ist, ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse mit oder gegen eine Regierung durchzusetzen, welche ein Budget vorlegt und Steuern ausschreibt. Sagten nun die Parteien eindeutig und klar ihr zweimal zwei ist fünf auf, so plauderten sie das Kostbarste aus, was sie in dieser Welt des Beschummelns besitzen, nämlich ihr Geschäftsgeheimnis, zu dem man nur über ihre Leiche kommt. Darum reden die Parteien nur in einer tönenden Zeichensprache zum »Volke«, die man kennt, und in der alle Werte der Menschheit zu Vorwänden benutzt werden. Das Geschäft könnte politisch nur Jargon reden, und dazu entschließt man sich erst, wenn der Ruf: Geld oder Leben! ertönt. Aber die gutmütige Atmosphäre der Parlamente erspart einem diese letzte Not, die den Angstschrei erpreßt, und so redet man in Zeichen, welche sind: höchste Güter der Nation, lieber Gott, Kulturbesitz, Bildung, um alles dessen willen die Agrarier von Hochschutzzöllen nicht absehen können. Die Staatspolitiker haben diese Besitztümer des Menschen in die staatliche Verwaltung, die Parteipolitiker haben sie ins Gerede gebracht. Es handelt sich aber immer nur um Geld. Darum droht der protestantisch-fromme Agrarier, daß er seinen religiösen Pflichten nicht nachkommen könne, wenn man amerikanischen Weizen nicht mit einem hohen Zoll belege.

Ehmals war der »wahre« Glaube die Heuchelei der Parteien, die den Häretiker ins Feuer schickten. Heute ist es die Heuchelei des Geldes. Sie ist die Waffe des Schwachen und wechselt mit der Macht, deren Art sie kennenlernt. Um den Gegner ans Messer zu bringen, wird der Politiker immer so tun, als wüßte er den Preis, den der Gegner verlangt, sich vom Messer loszukaufen. Denn in einer Welt, in der alles käuflich ist, kommt es ja nur auf den Preis an. Jede Partei bildet ihre unkorrumpierbare Ehre daraus, die Zweifelhaftigkeit der gegnerischen Partei zu proklamieren. Die Politik wird immer nur von Menschen gemacht, die mit sich reden lassen, und kann nur von solchen gemacht werden. Denn im Unbedingten ist alle Politik ausgeschlossen. Sie ist die Nachgiebigkeit scheinbar unnachgiebiger Überzeugungen. Ist der Granit, der sich immer als elastisch herausstellen muß. Ist ein lautes Entweder, das sich leise schon längst auf das Oder eingestellt hat. Die Politik mindert, wie alles, was aus dem Bedingten kommt – und das ist ihr Wesen, denn sie hat keine Substanz – jene Werte des Menschen, für deren Erhaltung und Mehrung er allein aufzukommen hat. Sie trübt die Wertquelle der Güter. Sie ruft für eine bedingte Meinung menschliche Kräfte auf, die sie dem Unbedingten des menschlichen Glaubens entzieht, diesen ärmer macht und der Meinung dadurch doch nur zu einem aufgeschwollenen, immer bald wieder platzenden Scheinumfang verhilft für Tag und Stunde.

Zu einer Debatte über die Abschaffung der Todesstrafe schrieb der Scharfrichter an eine Zeitung, er sei selber durchaus dafür, aber er sei Scharfrichter und man müsse doch leben. Christus fand den gesuchten und nie gesuchten rechten Menschen als einen Dieb am Kreuz und versprach ihm das Paradies. »Er sah in des Menschen Seele. In des Diebes Seele.«

Es soll die wirkliche Gegensätzlichkeit der menschlichen Personen durch die fiktive Gegensätzlichkeit der politisierten Individuen ersetzt werden, so will es der Zug der Zeit, wie wir ihn politisch vorgestellt bekommen. Man nennt das Demokratie und vermeint es als ein politisches Ideal. Es ist dort entsprungen, wo die Anzahl der auf einem beschränkten Terrain wohnenden Menschen Legion wurde, jeder gegen jeden austauschbar, eines Gesichtes, einer Geste, einer Haltung. »Das Menschenmaterial«, ein Begriff aus dem Kriege, ist das Urteil darüber. Man wiegt dies Material tonnenweise. Befördert es in Riesenkranen. Das Mörderische der Zahl! Rathenau wandelte einen christlichen Gedanken ab, wenn er sagte: »Weil man ein Mensch ist, kann man die Menschen nicht verachten. Und muß sie verachten aus dem gleichen Grunde.« Aber in diesem Satz hat das Gebiß der Zahl seine Spur gelassen. Der kommunistische Politiker, der an die »bessere« Zukunft der Menschheit glaubt, weil er von dem »Besseren« seiner Meinung überzeugt ist, hält, ganz in der Zahl eingefangen, von den Menschen nicht mehr als der reaktionäre, der an keine bessere Zukunft glaubt. Wenn sie zum Handeln kommen, handeln sie identisch. Es steht da ein guter Satz bei de Maistre: »Jedes Kabinett ist von einem gewissen Geist beherrscht, der durchaus nichts mit der Moral oder irgendeiner menschlichen Empfindung zu tun hat. Wenn ein Kabinett in einem Zeitpunkt gerechter erscheint als ein anderes, so ist es, weil bekannte oder unbekannte Umstände es am Handeln hindern. Es ist gerecht, wie der Eunuch keusch ist.«

Eine alte verlorengegangene Wissenschaft, die Semantik, wieder zu beleben, war eine oft mit Remy de Gourmont durchgesprochene Lieblingsidee dieses Gelehrten, Dichters und Amoralisten. Sie ist ein Stück aus der Linguistik, nämlich die Geschichte vom Bedeutungswandel der Worte. Darein ist die ganze Politik begriffen. Es gibt nur sehr wenige Worte, die einen konstanten Sinn behalten. Es sind jene, die konstant bleibende Gegenstände bezeichnen, oder aus Tradition mit einem konstanten Gebrauch korrespondieren. Sonne, Pferd, Hand gehören zur einen Gattung, Brot zur andern. Daneben gibt’s eine große Menge von Begriffen, die keine absolute Fixiertheit haben, und denen der Mensch im Ablauf der Epochen ganz verschiedene Bezeichnungen gibt. Und es gibt ganz fixierte Begriffe, die aber immer wieder ein neues Wort verlangen, sei es, weil es sich abgenutzt hat, sei es durch die Vulgarisierung der Idee. Das alte Wort stirbt aber nicht daran. Aus der einen Domäne gejagt, begibt es sich in eine andere, jagt da ein Wort fort und nimmt dessen Platz ein usw. Nur mit großer Geduld findet man sich in dieser Konfusion zurecht. Da gibt es zum Beispiel dieses alte Wort »liberal«. Zur Zeit der Restauration bezeichnete es etwa das, was man heute radikal nennt. Es knüpft an das Jakobinertum an. Bedeutete eine bestimmte Freiheit links, die sich gegen eine bestimmte Freiheit rechts stellte. Da begab sich in einem bestimmten Zeitmoment die Majorität eines Volkes nach der Freiheit links, und das Oppositionswort liberal konnte weiterhin nicht mehr eine Idee der Regierung ausdrücken. Da griff die Minorität derer von rechts das Wort auf und machte es zu ihrem. Der französische Liberale von ehemals war antiklerikal. Der Liberale von heute ist klerikal. Der alte Liberale meinte Freiheit gegen die Geistlichen. Der von heute meint: Freiheit der Geistlichen. Die Farben des politischen Spektrums wechseln nicht, wohl aber die Bezeichnungen. In der französischen Politik hat sich der konservative Geist unter folgenden wechselnden Namen verborgen: Monarchisten, Liberale, Railiierte, Progressisten, Republikaner, Radikale. Solcher Wechsel amüsiert das Volk und gibt ihm die Illusion eines Fortschrittes zu ihm hin. Zumal ja auch keine Partei es versäumt, ihrer Wortbezeichnung das Wort »Volk« hinzuzufügen, ein Standardwort der politischen Semantik. Gourmont wollte immer ein kleines Lehrbuch dieser Wissenschaft schreiben, nach dem sie in den letzten Klassen der Gymnasien gelehrt würde. Statt der Vaterlandskunde, die nur eine verkappte politische Dressur ist. Aber da kam der Krieg, und Gourmont erkannte, daß es aussichtslos wäre. Er votierte ohne sonderliche Begeisterung »Vaterland« und starb. Vielleicht auch daran.

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Quelle: Franz Blei • Männer und Masken • Ernst Rowohlt Verlag • 1. – 4. Tausend  • 1930

Rainer Maria Rilke über den Künstler Heinrich Vogeler

Heinrich Vogeler

Heinrich Vogeler um 1924 - Foto: Nicola Perscheid
Heinrich Vogeler um 1924 – Foto: Nicola Perscheid

Zeichner, Radierer, Innenarchitekt, Kunstgewerbler, Buchkünstler und Dichter. Geb. 12. Dezember 1872 in Bremen. Schüler von P. Janssen und A. Kampf an der Düsseldorfer Akademie. Kam nach längeren Reisen im In- und Ausland 1894 nach Worpswede, wo sich vor allem Mackensen seiner annahm. Machte sich ansässig und erwarb den Bauernhof »Barkenhoff«. Heiratete die ortsansässige Kunstgewerblerin M. Schröder (bes. Gobelinwirkerin). Nach dem ersten Weltkrieg gründete V. eine kommunistische Arbeitsschule auf künstlerischer Grundlage. Bekannt zuerst als Zeichner und Buchdekorator. Eingehende Beschäftigung mit Möbelkunst. Gründung der von ihm geleiteten Worpsweder Werkstätte für Landhausmöbel. Silberschmiedearbeiten (darunter das Bremer Ratssilber). Einrichtung der alten Güldenkammer des Bremer Rathauses (1905). – 1923/24 Rußlandreisen nach Kardien und Zentralasien. 1925 Rückkehr nach Worpswede, Erneuerung der Wandgemälde im Barkenhoff. 1931 in Roucol, Askona, Gründung der Zeitschrift »Fontana Martina«. Erste Ausstellung im Liebknechthaus Berlin. 1931 wieder in Rußland. 1934 bis 1936 in Karelun. Über eigene Entwicklung und das eigene Werk ein Bericht in »Das Wort«, herausgegeben C. E. Erpenbeck, Bert Brecht, L. Feuchtwanger, W. Bredel. 1940 bis 1941 in Kabardina/Balkarien. 1941 aus Moskau evakuiert (als Deutscher). Starb 1942 in einem Dorf nahe Karaganda/Sibirien.

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Фогелер_Г._Северные_крестьяне._1933_-1934_гг.So lange der junge Heinrich Vogeler seine kleine, abgeschlossene, eigene Welt in sich herumtrug, war sie nicht viel mehr als eine kleine Eigenheit, ein persönlicher Widerspruch gegen alles andere, zu leise und vornehm, als daß er bemerkt worden wäre und von der ganzen großen Wirklichkeit fortwährend widerlegt. Es gehen viele mit solchem Anderssein, mit einem unaufhörlichen inneren Widerspruch in der Welt herum, und sie sind deshalb nicht mehr als unzufriedene Sonderlinge, deren Seltsamkeiten kaum ernst genommen werden. Es kommt darauf an, ob so ein Protest die Kraft hat sich durchzusetzen, sich als Wirklichkeit jener anderen, allgemein anerkannten Wirklichkeit gegenüber zu stellen, ihr das Gleichgewicht, zu halten, ja womöglich in seinen Höhepunkten überzeugender zu sein als sie. Die Weltgeschichte ist erfüllt von solchen Protesten; an den Auflehnungen einzelner rankt sie sich empor. Aber auch das mönchische Dasein (wie Franciscus es gemeint hat) ist ein solcher Protest, der, ohne an die Wirklichkeit der anderen zu rühren, im Begründen einer zweiten Wirklichkeit beruht. Da haben wir ein Leben, welches sich mit Mauern umgeben und darauf verzichtet hat, sich über diese Grenzen hinaus auszudehnen. Ein Leben nach innen. Und dieses Leben verarmt nicht. Inmitten schiffbrüchiger Zeiten scheint es die Zufluchtsstätte aller Reichtümer zu sein und wie in einem kleinen zeitlosen Bilde alles zu vereinen, wonach die Tage draußen ringen und jagen. Seine Gesetzmäßigkeit wird immer klarer und sichtbarer und wie ein schimmerndes Spinnennetz scheint es sich mit hundert wohlgefügten Fäden an seinen Mauern zu halten. Innige und einfältige Arbeit ist die Wurzel dieses Lebens, und ganz von selbst kommt alles Gute und Große aus ihm heraus: Fleiß und Freude und Frömmigkeit und endlich auch, ohne daß jemand es will, eine Kunst. Eine Kunst, die man von allem anderen nicht trennen kann; weil sie nichts ist, als dieses Leben selbst, wenn es blüht.

Heinrich Vogeler - Der Hochzeitsbitter - 1907
Heinrich Vogeler – Der Hochzeitsbitter – 1907

Wer sich nun entschließt, an Stelle einer mönchischen Gemeinschaft einen einzelnen zu setzen, einen Menschen von heute, der nach dem Willen seines Wesens, wie nach einer Ordensregel seine eigene Welt gebaut, begrenzt und verwirklicht hat, der wird am besten imstande sein, die Erscheinung Heinrich Vogelers und den Ursprung seiner Kunst zu verstehen; denn man kann von dieser Kunst nicht reden, ohne des Lebens zu gedenken, aus welchem sie wie eine fortwährende Folge fließt. Gleich der Kunst jener mittelalterlichen Mönche steigt sie aus einer engen und umhegten Welt auf, um an der Weite und Ewigkeit der Himmel leise preisend teilzunehmen.
Heinrich Vogeler fand in Worpswede den Boden für seine Wirklichkeit. Seine Kunst ist zuerst ein seliges und entzücktes Voraussagen derselben, und alle Märchen seines großen alten Skizzenbuches fangen mit den Worten: »Es wird einmal sein …« an. Zeichnungen und Radierungen erzählen, feinstimmig und flüsternd, von dem Künftigen. Und später – in Bildern – feiert er, reif und dankbar, die Erfüllungen seines Lebens. Das ist der eigentliche Inhalt seiner Kunst. Was ihn sonst noch beschäftigt, sind Erinnerungen aus Tagen oder Träumen, die er geheimnisvoll, wie Märchen, erzählt. Ein unermüdliches Erforschen der Formen geht nebenher, das ihn immer fähiger macht, alles, bis in die Nuancen genau so zu sagen, wie er es erlebt. Und er erlebt es ungewöhnlich und neu, so daß seine Kunstsprache sich viele Ausdrücke schaffen mußte, um seinen Erlebnissen folgen zu können. Aber auch ganz am Anfang, als sie nur wenig Worte besitzt, gebraucht er keine fremden Ausdrücke neben ihr und bedient sich ihrer, als ob sie unerschöpflich wäre. Und in jenen frühen radierten Blättern trägt gerade das Lückenhafte und stellenweise Ungeschickte der eigenartigen Formensprache dazu bei, den Reiz des Inhaltes zu erhöhen. Es besteht ein gewisser Parallelismus zwischen diesen schütteren Strichen und dem durchscheinenden und dürftigen Wesen der allerersten Frühlingstage, von denen er erzählt. Dünne Birken, Wiesen, in denen schüchtern frühe Blumen stehen, und ein großmaschiges Netz von Ästen, durch welches überall der blasse Himmel sieht. Manchmal sitzt ein schlankes Mädchen, ein stilles, gekröntes Kind, im Gras und schaut mit weiten Augen, fortwährend staunend, den Vögeln zu, die zu Neste tragen, manchmal steht eine Burg in der Ferne und alle Wege im ganzen Land gehen neugierig auf sie zu; manchmal ist es Wald im Hintergrund und vor dem Walde steht ein Ritter aufrecht da und bewacht das nachdenkliche Spiel der Schlangenbraut. Oder es kommt eine schmale Quelle gegangen im hohen Gras, und am Horizont vor den weißen eiförmigen Frühlingswolken taucht ein Knabe auf, ein Hund, Ziegen … Und dann kann man sehen, wie der Frühling wächst: die Bäume scheinen näher zusammenzutreten, die Wege werden heimlicher und bereiten sich vor, zu den ersten Liebestagen hinzuführen. Da entstehen die Blätter: »Liebesfrühling« und »Minnetraum«. Die beiden jungen Menschen, die sich liebhaben, wissen es schon. Sie sitzen nebeneinander, still zusammengefügt wie Hand in Hand. Und hinter ihnen erklingt der Liebe Lied, von einem Engel auf hoher Harfe gespielt: vor ihnen aber liegt der Liebe Land, in welchem Frühling ist, tief und aufgetan. Und wenn sie weitergehen, so treten Engel in langen Kleidern hinter den Bäumen hervor und umgeben sie mit ihrem Gesang, und singen alles, so daß ihnen gar nichts mehr zu sagen übrigbleibt:

»Wir müssen, Geliebteste, leise
hinschreiten, ich und du …«

Heinrich Vogeler - Träume - 1911 - Öl auf Leinwand
Heinrich Vogeler – Träume – 1911 – Öl auf Leinwand – Eremitage, Moskau

Es ist mehr als nur ein Frühling in diesen Blättern. Und nicht das Glück der Menschen allein, die sich gefunden haben und nun zusammengehen, erklingt in ihnen, das Glück aller Dinge, die den Frühling fühlen, scheint darin irgendwie ausgesprochen zu sein; Heinrich Vogeler gehört zu denjenigen, von welchen es einmal in einem Briefe Jacobsens heißt, daß ihnen »die Bäume und der Bäume kleine Heimlichkeiten täglich Brot« sind. Er weiß in das Leben der kleinsten Blumen hineinzublicken; er kennt sie nicht von Sehen und vom Hörensagen. Er ist in ihr Vertrauen eingedrungen und wie der Käfer kennt er des Kelches Tiefe und Grund. Man betrachte seine Blumenstudien: sie sind von einer beispiellosen Gewissenhaftigkeit, und es ist doch nichts Pedantisches an ihnen; denn man fühlt die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines jeden Striches und wie er unvermeidlich war. Die Kunst, in einer Blume, in einem Baumzweig, einer Birke oder einem Mädchen, das sich sehnt, den ganzen Frühling zu geben, alle Fülle und den Überfluß der Tage und Nächte, – diese Kunst hat keiner so wie Heinrich Vogeler gekonnt. Seine Mappe »An den Frühling« ist viel zu wenig bekannt geworden. Einzelne Blätter derselben gehören zu den schönsten Offenbarungen seines Werkes. Und hier zeigt es sich auch, weshalb seine Frühlingserfahrung so intim und tief, so wenig allgemein ist. Es ist nicht das weite Land, darin er wohnt, bei dem er den Lenz gelernt hat; es ist ein enger Garten, von dem er alles weiß, sein Garten, seine stille, blühende und wachsende Wirklichkeit, in der alles von seiner Hand gesetzt und gelenkt ist und nichts geschieht, was seiner entbehren könnte. Die kleinste Blume, die da entstand, hat er zur Taufe gehalten und jeder Rose hat er die Mauer hinaufgeholfen zu dem Platze, wo sie lächeln und leben wollte. Die Bäume, die draußen in der Heide stehen, sind ihm fremd wie die Menschen, die draußen wohnen; aber seiner Bäume Kindheit hat er Tag für Tag überwacht und hat teilgenommen an ihnen wie an Brüdern. Darum liebt er die großen Winde dieses Landes, weil sie sich wie Hände an seine Bäume legen und das, was er geplant hat, bilden und biegen in den bewegten Nächten des Frühlings, wenn die Stämme, steigender Säfte voll, wie Fontänen stehen im Sturme. Und der weite Himmel ist ihm lieb, weil er seiner kleinen Blumen Licht und Regen ist und der Glanz auf den Blättern seiner Bäume und in den Fenstern des weißen Hauses, das mitten im Garten steht. Er ist der Gärtner dieses Gartens, wie man der Freund einer Frau ist: leise geht er auf seine Wünsche ein, die er selbst erweckt hat, und sie tragen ihn weiter, indem er sie erfüllt. Was er ihm im Herbste vertraut, kommt ihm neu im Frühling entgegen, und was er in den Frühling legt, bleibt nicht so, wächst, wächst in den Sommer hinein, hat ein Leben für sich und seinen eigenen Tod in den tödlichen Tagen des Herbstes. So lebt er sein Leben in den Garten hinein, und dort scheint es sich auf hundert Dinge zu verteilen und auf tausend Arten weiterzuwachsen. In diesen Garten schreibt er seine Gefühle und Stimmungen wie in ein Buch; aber das Buch liegt in den Händen der Natur, die wie ein großer Dichter die flüchtigsten seiner Einfälle gebraucht, um sie auf eine unerwartete Weise auszuführen. So hat er einen Baum gepflanzt oder eine Laube geflochten um des Frühlings willen; und er hat den Baum schlank und zart und die Laube locker gemacht, wie es im Sinne des Frühlings war. Aber die Jahre gehen, der Baum und die Laube verändern sich, sie werden reicher, breiter und schattiger, der ganze Garten wird dichter und rauscht immer mehr, – und so reißen die Dinge, die er aus einem frühlinglichen Empfinden gepflanzt hat, ihn mit, in den Sommer hinein, in den sie sich immer tiefer verlieren. An diesem Garten, an den sich immer steigernden Anforderungen seiner verzweigteren Bäume, ist Heinrich Vogelers Kunst gewachsen; hier waren ihr immer neue, immer schwerere Aufgaben gestellt, Aufgaben, die langsam von Jahr zu Jahr komplizierter wurden und anspruchsvoller. Da waren nicht mehr die kleinen Bäume um ihn, die sich mit wenigen Linien sagen ließen, und was sich rankte, ging nicht nur auf den Spuren mehr, auf denen er es geführt hatte, empor. Aus umrandeten Schleiern waren gefüllte Spitzen aus dichtem Grün geworden, und es galt den Gesetzen eines verschlungenen Musters nachzugehen. Die Kronen der Bäume hatten sich dichter vergittert und überall waren unter dem Einfluß des Wachstums und des Windes neue Linien entstanden, Linien und Systeme von Linien, Überschneidungen und Verkürzungen, die auf den ersten Blick etwas Verwirrendes hatten. Aber es war nicht der erste Blick, der auf ihnen ruhte. Es war ein Auge, das nicht allein sah, sondern das auch wußte und gesehen hatte, wie alles geworden war. Dieses Wissen ist es, was die Bäume, die Heinrich Vogeler später gezeichnet hat, so überzeugend, was das Durcheinander von unzählbar vielen Zweigen so klar und organisch macht. Er hat manchmal … Bäume erfunden, deren Astwerk von so fabelhafter Durchbildung und Gesetzmäßigkeit erfüllt ist, daß sie einer komplizierten Wirklichkeit genau nachgebildet scheinen. Seine Liniensprache, welche auf den frühen Radierungen, nur wenige Ausdrücke, rhythmisch (wie im Volkslied) wiederholte, entnahm dem dichteren Garten tausend Bereicherungen. An Stelle des Lockeren und Lichten, das seinen Blättern und Bildern im Anfang eigentümlich schien, tritt immer mehr das Bestreben, einen gegebenen Raum organisch auszufüllen. Auf den Radierungen aus der späteren Zeit beginnt diese neue Absicht deutlich zu werden, aber erst auf den Federzeichnungen erfüllt sie sich ganz. Wie eine Baumflechte mit tausend und aber tausend Fäden überzieht die Zeichnung das Blatt, überwuchert es mit ihrem Reichtum, breitet sich darinnen aus wie ein Gewebe unter dem Mikroskop. Mag, was den Inhalt dieser merkwürdigen Blätter betrifft, die dekadente Linienphantastik Aubrey Beardsleys anregend auf Vogeler gewirkt haben, das Wesentliche an ihnen wuchs aus ihm heraus, und der Einfluß seines Gartens ist stärker als jeder andere gewesen.

Heinrich Vogeler - Sehnsucht - 1911
Heinrich Vogeler – Sehnsucht – 1911

Es ist eine Nebenerscheinung dieser eigentümlichen Entwicklung Heinrich Vogelers, daß sie ihn ganz besonders befähigt hat, Bücher zu schmücken. Seine Absichten gehen schon lange (seitdem er sich mit einigen guten Ex libris dem Wesen des Buches genähert hat) nach dieser Seite hin, aber erst jetzt, da sein Linienstil diese Durchbildung erreicht hat, wird er imstande sein, ganz Glückliches in dieser Richtung zu leisten. Einige Titelblätter in der Insel, die Ausstattung eines kleinen Bandes Bierbaumscher Gedichte und der wundervolle Schmuck, mit dem er das Drama »Der Kaiser und die Hexe« von Hugo von Hofmannsthal umgeben hat, bestätigen, daß seine ruhig und geschlossen wirkende und doch innerlich so reiche Linienkunst wie keine geeignet ist, neben dem Gange edler Lettern wie ein Gesang herzugehen. Aber nicht dem Buchgewerbe allein, allem was Kunstgewerbe heißt, ist dieser Künstler eine große Hoffnung. In seiner auf Verwirklichungen gestellten Eigenart mußte sich bald der Wunsch entwickeln, Dinge zu machen. Aus ganz früher Zeit stammen gestickte Bucheinbände, Wandbekleidungen und Gläser, aber auch anderer Gegenstände sucht seine Empfindung, die sich immer mehr in Wirklichkeiten umsetzt, mächtig zu werden. Es ist versucht worden, diesen »Stil« als eine Nachempfindung des späteren Empire zu deuten, aber es liegt näher, seine Dürftigkeit und Naivität auf das Wesen junger Gärten zurückzuführen und ihn als eine Frucht jener Frühlingskunst zu betrachten, die einen großen Raum in Heinrich Vogelers Schaffen einnimmt. Inzwischen hat auch dieses Stilgefühl sich erweitert und ausgebildet, und es kann sich besser durchsetzen, seit der Künstler sich die Kenntnis einzelner Stoffe erworben hat, seit er weiß, wie Seide und Silber, Holz und Glas behandelt werden müssen, wenn alle Besonderheiten und Tugenden des Materials sich entfalten sollen. Vielleicht war es der Mondschein über seinem Garten, der ihn zuerst auf das Silber hingewiesen hat, das er jetzt, wie ein Dichter seine Sprache, beherrscht. Er versteht dieses sanfte, wahlverwandte Metall und seine mädchenhafte Art wie kein zweiter. Der schöne Spiegel und die Leuchter, die nach seinem Entwurf hergestellt worden sind, können nur Silber sein; man denkt sie in Silber, wenn man sie abgebildet sieht. Wie er Metall überhaupt zu brauchen weiß, davon zeugt auch das prachtvolle Messing-Rosengitter des Kamins, das, indem es organisch aufwächst, zugleich wie ein Visier das Feuer durchschauen läßt, das sich dahinter erheben soll.
Die Ausführung von Spitzen war nur ein Schritt in gerader Linie über die Federzeichnungen hinaus: die Verwirklichung, welche ihnen am nächsten lag. Aber die Beschäftigung mit anderen Stoffen wies neben der Form immer wieder auf die Farbe hin. Und auch für die Farbe und die Farbendichtung: das Bild – wußte der wachsende Garten vieles zu lehren.

Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895
Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895

Man weiß nicht, wie man ihn nennen soll. Er ist der Meister eines stillen, deutschen Marienlebens, das in einem kleinen Garten vergeht.

Die Stürme des Frühlings gehen über das Land. Aber manchmal halten sie ein und es entsteht eine Stille. Es kommen Tage, da der ganze Himmel Regen ist, lauer hellgrauer Regen, – und die ganze Erde ein Empfangen und Halten dieses Regens, der sanft fällt, ohne sich wehe zu tun.
Und die Stunden gehen, und es gleicht keine der anderen. Und viele nahen, entfalten sich und schließen sich wieder, ohne daß jemand es sieht. Und man denkt manchmal, daß das die besten und seltsamsten sind, die am meisten Größe haben.
Es ist so vieles nicht gemalt worden, vielleicht alles. Und die Landschaft liegt unverbraucht da wie am ersten Tag. Liegt da, als wartete sie auf einen, der größer ist, mächtiger, einsamer. Auf einen, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

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Eine Auswahl aus Heinrich Vogelers Werken:

Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 2

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutteraufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach merika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht. – Zu Teil 1….

Dann kamen für Kagawa Monate schwerster Krankheit. Eine tuberkulöse Lungenentzündung hatte ihn gepackt; von den Ärzten aufgegeben, rang er einige Monate mit dem Tode. Doch er genas. Nach seiner Genesung zog er in ein Fischerdorf am Meer. Dort lebte er eng mit den Fischern zusammen, der Kräftigung seiner Gesundheit und seinen Studien hingegeben; er lernte auch Deutsch, weil er die deutsche Philosophie nicht in der Übersetzung lesen wollte. Und er beschäftigte sich mit höherer Mathematik, um sich im logischen Denken zu üben. Er schwamm im Meer und fuhr mit den Fischern zum Fang hinaus. Langsam gesundete er völlig. Wieder kehrte er an seine Arbeit zurück: in das Seminar, zu dem Geistlichen im Elendsviertel und lebte unter den Armen. Da sprach ihn ein Mann aus der Armengemeinde an, ein ehemaliger Zuchthäusler. Er kam zu ihm und sagte: „Kagawa, ich weiß ein Haus für dich. Mitten zwischen uns steht es.“
Kagawa hätte gern seine Gemeinde auch nachts nicht mehr verlassen, er hätte gern „jenseits der Brücke“ gewohnt, denn dort herrschte ein unvorstellbares Elend. Er wollte nicht nur für die Armen arbeiten, er wollte mit ihnen leben. „Ich habe nur wenig Geld. Ich kann kein Haus mieten“, sagte er zu dem Zuchthäusler.
„In das Haus zieht kein anderer. Du bekommst es ganz billig. Ein Mensch ist dort ermordet worden, und seitdem spukt sein Geist jede Nacht.“
Kagawa rechnete seine wenigen Einnahmen zusammen. Dann meinte er:  „Es mag gehen. Ich arbeite seit einem Monat nebenbei als Kaminfeger, da könnte ich die Miete aufbringen.“
„Du wirst immer noch der Reichste dort sein“, antwortete der Mann. Wie arm man sein kann, das weißt du noch gar nicht, Karyawa. Du kannst es noch nicht wissen. “

sakura-720702_640„Ich werde es lernen, habe nur Geduld mit mir“, antwortete Kagawa dem Zuchthäusler. Am anderen Tag siedelte er in das Haus um. Seine wenigen Sachen trug er auf der Schulter, während der Zuchthäusler die Bücher auf einen Karren geladen hatte. Der Zuchthäusler hängte das wacklige Büchergestell an die Wand und breitete die Schlafmatten aus. In beiden Räumen konnte sich eigentlich nur knapp ein Mensch bewegen. „Eine Lampe fehlt mir noch, aber jetzt habe ich kein Geld.“ Der Zuchthäusler lachte: „Der Arme legt sich schlafen, wenn es dunkel wird.“ Damit verabschiedete sich der Mann. Kagawa hatte wirklich noch nicht gewusst, wie das ist, wenn man arm ist. Er sah dem Mann nachdenklich nach. Auf einmal merkte er, dass Scharen von Menschen aus allen umliegenden, dichtgedrängten Häusern auf ihn blickten. Manche winkten ihm. Da verbeugte er sich nach der Sitte seines Landes und freute sich, wie hübsch trotz des Elends die kleinen Kinder aussahen. Als es dunkel wurde, legte er sich auf seine Matte und schlief. Der Geist störte ihn nicht. Aber es war die einzige Nacht, die Kagawa allein in seinem Gespensterhaus zubrachte. Zwei Räume, wenn es auch nur schmale Ritzen waren, für einen einzigen Menschen, das bedeutete für den Armen Luxus. Schon am nächsten Tag fand sich ein Mann ein, als Kagawa gegen Abend vom Seminar zurückkehrte. Er studierte nämlich immer noch.
„Kann ich dir helfen?“ fragte Kagawa.
„Du hast so viel Platz. Wo soll ich schlafen?“ „Wo schliefst du denn bisher?“ „Im Gefängnis.“ „Warum im Gefängnis?!“ „Polizei sagt, dass ich ein Mörder sei. Das ist nicht wahr.“ „Du hast also keinen Menschen ermordet?“ ,Nein. Ich, schlug ihn nur tot. Wenn ich zornig bin, dann sehe ich nicht, was ich tue.“ „Wirst du oft zornig?“
ginza-641774_640_baroparo„Manchmal — deswegen haben sie alle Angst vor mir. Du doch nicht, du bist ein Christ, sagen sie, und als Christ muss man zu allen Menschen gut sein. Auch zu denen, die einen totschlagen.“
„Du kannst bei mir wohnen — das soll aber keine Erlaubnis sein, mich totzuschlagen. Als Christ soll man allen Menschen Gutes tun, doch man soll sie nicht töten, und in meinem Haus musst du dich schon nach meinen Gewohnheiten richten.“
„Ich werde es versuchen“, sagte der Totschläger und rollte schon seine Matte neben die von Kagawa.
„Nebenan ist auch noch ein Zimmer.“ „Noch eins?“ fragte der Totschläger erstaunt und ging nach nebenan. Lange sollten sie nicht allein in ihren Zimmern wohnen können, Kagawa so wenig wie der Totschläger. Am anderen Tag stand ein Mann mit einem üblen Ausschlag vor der Tür. „Mich will keiner haben, weil ich anstecke. Kann ich zu dir kommen?“ Kagawa dachte daran, dass er als ansteckend Lungenkranker von einem Missionar ins Haus genommen worden war, und sagte zu.
Da trat der Totschläger hinzu, der das Gespräch mit angehört hatte, und sagte:
„Zu mir kann er nicht ins Zimmer kommen, das musst du verstehen. Ich will mich nicht an seinem Ausschlag anstecken. Ich muss mir Arbeit suchen.“
„Er soll neben mir schlafen.“ Kagawa gab ihm eine zweite Matte. Die Nacht wurde unruhig, denn der Hautkranke bekam Schreianfälle und wurde nur still, wenn Kagawa ihn an der Hand fasste. Natürlich steckte sich Kagawa eines Tages an dem Kranken an, trotzdem behielt er ihn neben sich. Zu diesen beiden Gästen gesellte sich später ein alter, syphilitischer Bettler, der bei dem Totschläger untergebracht wurde. Die drei Gäste zankten sich oft, und wenn Kagawa am Abend müde aus dem Seminar oder von seiner seelsorgerischen Arbeit kam, musste er manche Prügelei schlichten. Auch wehren musste er sich gegen Überfälle und Erpressungen von den Gaunern, die von ihm Kleider verlangten, die er nicht besaß, oder Geld, das er nicht hatte. Der alte Baumwollkimono war sein einziges Kleidungsstück. Er selbst wurde immer magerer und glich auch so seinen armen Freunden.
Ihn schmerzte oft der Hunger, wenn er in die Kollegs ging; denn von seinem wenigen Geld versuchte er einige der Kinder zu sättigen, die in den umliegenden Behausungen lebten. Eines Tages besuchte ihn sein alter Gönner und Helfer, der Missionar Dr. Myers. Er betrat unangemeldet gegen Abend das Häuschen,
„Hier also lebst du. Wird es dir schwer?“
„Manchmal. Wir sollten alle als Christen nach der Bergpredigt leben“, antwortete Kagawa.
„Nicht alle, Kagawa“, meinte der ältere Mann nach einigem Nachdenken. „Nur Auserwählte können es. Du bist einer.“ Er blickte auf die Bücher an der Wand.
„Ach, meine Bibliothek. Ich lese leider fast nichts mehr — viel anderes, was mir unter den Nägeln brennt. Da stehen nun die Dichter, die Philosophen, die Theologen —“ „Wie gut, dass du sie kennst, Kagawa. Sie helfen dir.“

japan-447880_640Ein böser Lärm, ein Fluch unterbrach die Unterhaltung. Kagawa eilte in den Nebenraum. Dort prügelte der Totschläger den Bettler, und der Hautkranke kniff immer abwechselnd den einen oder den anderen. Kagawa brachte sie zur Ruhe. Dr. Myers meinte:
„Man sollte die Kinder waschen, kleiden, füttern und erziehen, dass sie niemals so werden wie diese drei — niemals.“
„Sie sind nicht allein schuldig, Dr. Myers. Das sind sie nicht. Der Totschläger ist im Gefängnis geboren, der Bettler wurde als Kind ausgesetzt, der mit dem bösen Ausschlag Behaftete ist das Kind eines Säufers und einer Dirne.“
„Wie lange lebst du mit diesen schon zusammen?“
„Einige Monate. Ich glaube, jetzt weiß ich, wie Armut ist.“

Dr. Myers verschaffte Kagawa durch Sammlungen Geld. Er kaufte die benachbarten Häuser dazu und errichtete eine Unterkunft für die Elenden, ein Missionshaus. Er half den Kindern und immer wieder den Kindern, damit sie niemals so würden wie seine bösen Hausgenossen.
Da war der kleine Matsuzo, den er selbst bei einer Typhusepidemie gesundpflegte, von dessen Bett er in dem überfüllten Spital nicht einmal nachts wich, indem er sich unter dem Bett des kleinen Kranken auf die Erde für kurze Zeit zur Ruhe legte. So entriss er den kleinen Patiencen dem Tode. Eines Tages lernte Kagawa ein schönes Mädchen kennen, die Haro hieß und in einer Buchbinderei arbeitete, in der er zuweilen predigte. Haro war getauft und von einer ähnlich brennenden Liebe zu allen Armen und Verkommenen besessen wie Kagawa. Dieses Mädchen heiratete Kagawa 1913. Sein Freund Dr. Myers vollzog die Trauung.
„Was brachte ich dir als Brautgeschenk — Armut, Sorge …“, so fing eines seiner Liebesgedichte an Haro an.
Das Ehepaar lebte bescheiden und sparte auf eine Amerikareise für den Mann, der an der Princeton-Universität seine Studien fortsetzen wollte. Haro hingegen wünschte sich sehnlich, das Seminar für weibliche Theologiestudentinnen in Yokohama besuchen zu können.
Drei Tage nach Ausbruch des ersten Weltkrieges reiste Kagawa nach Amerika.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Kagawa wurde Student in Princeton, lebte dort im Internat und fühlte sich nach fünf Jahren freiwilligen Daseins im Slum wie im Paradies. Weil er ein gesunder und sehr heiterer Mensch war, genoss er das Leben in New Jersey. Er kam mit Studenten aller Nationalitäten zusammen, freundete sich an und beschäftigte sich nicht nur mit Theologie. Seine theologische Ausbildung schien in Japan gründlich und gut gewesen zu sein; denn sein Professor erließ ihm nach einer abgelieferten schriftlichen Arbeit alle Vorlesungen. Kagawa nutzte die Zeit und hörte Vorlesungen über Naturwissenschaften, besonders Anatomie und Zoologie; er saß endlich wieder einmal in einer Bibliothek und las, las. Dieses Mal beschäftigte er sich mit fremden alten Kulturen. Nebenbei entdeckte der aufgeschlossene Mann, das Elend und Hunger auf der Welt überall das gleiche Gesicht trugen und mit den gleichen Mitteln bekämpft werden müssten: mit einer tatkräftigen Liebe.
In den Ferien verdiente er sich Geld als Diener, in einem Beruf, den er erst, wahrscheinlich zum Ärger seiner Arbeitgeber, erlernen musste.
Denn bei dem ersten flog er aus der Stellung, weil er vergessen hatte, nachts die Haustür zu verschließen; der zweite ergrimmte, weil sein Diener ihm versehentlich Soda statt Salz ins Ei gestreut hatte. Dann aber kannte er seine Pflichten besser; denn der dritte Herr behielt ihn.
Nachdem Kagawa seinen Doktor in Princeton gemacht hatte, reiste — er hatte japanischen Tagelöhnern er mit selbstverdientem Geld geholfen, eine kleine Gewerkschaft zu organisieren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern – nach seiner Heimat zurück. Seine Frau holte ihn vom Kai ab, musste dann aber noch für einige Monate ins Seminar zurückkehren, um ihre Studien abzuschließen.
Kagawa bekümmerte sich wieder um die Slums, er baute seine Hilfsorganisationen weiter aus. Er Schrieb Romane, die einen großen Absatz fanden. Darin schilderte er das, was ihm umgab, das Leben des heutigen Japaners, vor allem das des kleinen Mannes, im Gegensatz zu der herkömmlichen Literatur, die sich in der Hauptsache mit dem Leben der Samurai befasst hatte, also eine Art Ritterroman mit romantischem Einschlag darstellte.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Durch seine zusätzlichen Bucheinnahmen konnte Kagawa wieder zusätzliche Stiftungen machen. So gründete er eine Abendschule für Arbeiter, deren Lehrkräfte er selbst bezahlte und die er sich aus den besten Universitäten des Landes heranholte. Er gründete eine Poliklinik für mittellose Kranke, und er versuchte, den Arbeitern in ihren Forderungen nach gerechtem Lohn zu helfen und Gewaltmaßnahmen dabei zu verhindern. Einmal saß er auch deshalb für kurze Zeit im Gefängnis, das ihm gegen seine frühere Behausung im Slum feudal vorkam. Unterdessen wurden seine Bücher Bestseller.
Nicht nur den Arbeitern in der Stadt half er mit großgedachten Reformideen, auch dem Landarbeiter, dem kleinen Bauern wollte er helfen. Er gründete Bauernverbände und arbeitete Pläne zur intensiven Bewirtschaftung des Bodens zu einer ertragreichen Viehwirtschaft aus; denn, so meinte er, in Japan brauchte kein Mensch zu hungern, wenn die altmodische Form der Bodenbearbeitung endlich beseitigt würde.
Plötzlich verschlimmerte sich bei ihm ein Augenleiden, das er sich bei der Behandlung augenkranker Kinder in seiner Poliklinik geholt hatte, und er erblindete für Monate. Doch allmählich kehrte das Augenlicht wieder zurück, und Kagawa und seine Frau lebten weiter für andere. Er schreibt: „Es genügt nicht, Ideale zu haben. Wir müssen sie in die Tat umsetzen. Wir müssen unseren eigenen kleinen Winkel der Schöpfung hegen und pflegen.“

Er kämpfte für diese Ideale, er kämpfte gegen Japans kriegerische Handlungen und musste wieder einmal ins Gefängnis. Er hatte sich zum Staatsfeind der Regierung gemacht, weil er gewaltlosen Widerstand predigte. Der Angriff auf Pearl Harbour traf ihn tief; er trat dagegen auf, bis man ihm schließlich seine Arbeit verbot, auch die in den Slums.
Ein Mann wie Kagawa konnte niemals untätig sein. Also verzog er sich auf eine der vielen Inseln im Meer, errichtete dort eine Heilstätte für Lungenkranke und schwieg, wie er versprochen hatte:
„Die Sterne reden nicht, die Blumen singen nicht, aber Farbe und Licht haben eine hellere Stimme als die Stimme selbst“, dichtete er. Nach dem verlorenen Krieg wurde Kagawa in ein Ministerium berufen und konnte so seine Reformpläne endlich verwirklichen. Er wurde vom Kaiser empfangen, wurde um seinen Rat gefragt, und er gehörte dem Oberhaus an. Eine neue Verfassung wurde dem Land auf Grund seiner Vorschläge gegeben: Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit. Auch die Frauen erhielten das Wahlrecht. Nach Kagawas Plänen wurden neue Siedlungen angelegt, die Slums niedergerissen und ein geregeltes Schulwesen aufgebaut. Japan hatte einen Krieg verloren, aber die große Schlacht, geführt von Dr. Kagawa, um seine Menschen gewonnen. Seine sozialen Reformen hatten sich endlich durchgesetzt.

Toyohiko Kagawa_PorträtFür den Christen mag das japanische Reformwerk von Kagawa eine Bestätigung dafür sein, dass die Lehre ihres Gründers einmal auch die asiatischen Religionsformen überwinden wird, weil die ethischen Forderungen des Christentums die höheren sind. Die Christen sind angehalten, die Liebe Gottes zum Menschen weiterzugeben, wie Christus sie ihnen gebracht hat. Und die Europäer können auf Kagawa auch ein wenig stolz sein; denn sie waren es, die Kagawa bildeten und seine hohen Gaben entfalteten. Die abendländischen Philosophen schulten sein Denken, und englische Missionare brachten ihm die christliche Lehre. Sie waren es, die zuerst für seine Pläne Verständnis und auch Geld aufbrachten. Die Reform Japans ist im tiefsten Wesen eine christliche.

Kagawa ist heute in der ganzen Welt bekannt. Er bereiste auch Deutschland. Er hält Predigten und spricht über seine sozialen Gedanken. Er selbst lebt immer noch bescheiden mit seiner Frau, einem Sohn und zwei Töchtern in einem kleinen Haus am Rande Tokios. Im Garten hat er eine Kapelle erbaut, die sonntags dem Gottesdienst und an Wochentagen für einen Kindergarten geöffnet ist. Eine Bibliothek befindet sich auch darin und ein Hörsaal für Abendkurse.

„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“ Kagawa besitzt diese Kraft.

Ende.

Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 1

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutter aufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach Amerika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht.

Japan hatte Russland den Krieg erklärt, die Truppen des Zaren waren in die Mandschurei eingefallen. Da man den Expansionsgelüsten der Russen nicht trauen konnte, entschloss sich der japanische Kaiser, sein Volk zu den Waffen zu rufen. Dem Kaiser, dem Sohn des Himmels, als der er von seinem Volk nach der Lehre des Shintoismus verehrt wurde, schuldete der Japaner unbedingten Gehorsam, sogar religiösen Gehorsam; denn für den Japaner war der Kaiser eine Inkarnation Gottes.
Auch die oberen Klassen der höheren Schulen wurden zur soldatischen Ausbildung einberufen — und mit ihnen Toyohiko Kagawa, der damals, 1904, sechzehn Jahre alt war. Der Sportlehrer des Gymnasiums ließ seine Schüler auf einem Turnplatz antreten und das Lied singen, das damals aus allen Schulen, aus den Kasernen und Universitäten tönte: „Möge unser erhabener Herrscher tausend Jahre leben!“
statue-1010936_1280_SamuelesAuch Kagawa sang. Er unterschied sich in nichts von seinen Kameraden: war ein besonders guter Schwimmer, ein ziemlich guter Fechter, sein kleiner, aber durchtrainierter Körper hielt jede Strapaze aus, wie es sich für den Sohn eines Samurai gehörte, der aus der uralten Offiziers- und Adelskaste stammte. Kagawa fiel nicht aus dem Rahmen dieser zur Elite erzogenen jungen Männer; nur seine wissenschaftliche Begabung überstieg den Durchschnitt, man sagte ihm deshalb eine große Karriere voraus. Die Übungen mit den noch ungeladenen Gewehren begannen. Spielend erledigte Kagawa, was man von ihm verlangte. Bis er plötzlich beim Abziehen des Gewehrhahnes innehielt, auf den Lauf starrte und etwas vor sich hin flüsterte. Nur seine beiden Nachbarn hörten es, sie verstanden aber nicht, was er meinte. „Ich aber sage euch, liebet eure Feinde… .“ Kagawa hob den Kopf, als höre er zu, und sagte dann leise wiederholend:
„Segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen… .“
Dann warf er das Gewehr mit einem kurzen Ruck, als brenne es in seinen Händen, vor sich auf den Boden. Kagawas Nachbarn erstarrten; selbst der Lehrer fand nur schwer ein Wort; denn jede Waffe ist dem Japaner ein Sinnbild seiner Ehre. Schließlich befahl der Lehrer heiser: „Heb die Waffe auf!“
Kagawa rührte sich nicht. „Warum — sprich — tust du das?“
Der Lehrer hatte seine Fassung wiedergefunden und blickte unbeweglich, wie es in einem solchen Fall nur ein Asiate tun kann, auf seinen Schüler.
Auch Kagowa verzog keine Miene. Er antwortete ruhig: „Weil es Unrecht ist, einen Krieg zu beginnen.“

Ebenso ruhig erhob der Lehrer seine Hand und schlug Kagawa mit der Faust auf die Nase. Kagawa stürzte bewusstlos und blutend neben dem Gewehr zu Boden. Lehrer und Schüler rührten sich nicht. Doch Kagawa kam schnell wieder zu sich und erhob sich. „Hebst du jetzt dein Gewehr auf? Dann können wir weiter exerzieren. Es geschieht nichts mehr“, sagte der Lehrer.  „Nein“, antwortete Kagawa, „ich hebe das Gewehr nicht auf.“
Er machte eine Kehrtwendung aus den angetretenen Reihen heraus und ging ruhig, als wäre nichts geschehen, über den Sportplatz. Nicht einmal das strömende Blut, das aus seiner Nase quoll, wischte er sich ab.

mountain-696158_1280_skeezeEr dachte nun zum ersten Male, was er später einmal nieder schreiben sollte: „Eines Tages muss man seinen Weg wählen. Das Leben besteht darin, immer wieder eine Wahl zu treffen. Wählen heißt sich entwickeln. Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“
Kagawa machte eine der besten Abschlussprüfungen auf dem Gymnasium. Sein Onkel, bei dem der elternlose junge Mann lebte und der für ihn sorgte, fragte ihn, was er tun wolle.
„Die Welt steht dir offen. Dein Vater gehörte dem kaiserlichen Kronrat an und war Gouverneur. Mir untersteht einer der größten Industriekonzerne unseres Landes. Du hast also Beziehungen wie wenige junge Leute, Außerdem bist du begabt, sehr begabt. Du kannst wählen. Was willst du werden?“
„Pastor.“
„Was?“

Toyohiko und seine Ehefrau Haru (l.) - ca. 1913
Toyohiko und seine Ehefrau Haru (l.) – ca. 1913

„Pastor, evangelischer Pastor. Ich will Theologie studieren.“ Der Wutanfall des Onkels war sehr unjapanisch. Der Onkel wusste wohl, dass sein Neffe sich vor einigen Jahren hatte taufen lassen. Ihm war auch bekannt, dass er in einem Missionsseminar der Engländer aus und ein ging. Damit hatte überhaupt alles angefangen. Englisch wollte Toyohiko dort lernen, er sollte sich aber nicht um die schlechte Religion dieses Christus kümmern. Denn wie konnte eine Religionsform gut und brauchbar sein, deren Stifter seinen Anhängern befahl, um seinetwillen Eltern und Familie zu verlassen? Nun wollte dieser junge Mann auch noch der Verkünder einer solchen Lehre werden. „Dann musst du mein Haus verlassen“, sagte der Onkel aus diesen Gedanken heraus.
„Ich verlasse dein Haus, heute noch.“ Er verneigte sich höflich.
Weil du Christ bist. Ich dachte es mir; nur die Christen verlassen kalten Herzens ihre Familie.“
„Nicht kalten Herzens, Onkel — nein, das nicht.“ Kagawa zögerte, er blickte auf den Ahnenschrein, der zu seiner Rechten stand. Auch er hatte vor ihm gekniet und geopfert, seine Ahnen verehrt und sie um Hilfe gebeten.
„Nur die Christen verlassen ihre Familie“, wiederholte der Onkel noch einmal. „Aber nicht kalten Herzens“, unterbrach ihn Kagawa. Er wendete sich um und verließ leise den Raum.

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„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu sein‘, dachte er wieder. Durch seinen Freund und Lehrer, den Missionar Dr. Myers, kam er nach Tokio auf ein englisches Theologenseminar zum Studium, sechzehn Jahre alt. Er war dort einer der besten Sportler, aber sein Verhalten bei der Arbeit in den Seminaren gab zu Tadel Anlass. Einmal unterbrach der Professor seine Vorlesung und sah zu Kagawa hin: Wenn Sie nicht zuhören wollen, verlassen Sie bitte den Hörsaal. “
Kagawa klappte sein Buch zu, in dem er las, verbeugte sich und verließ den Raum. Er wanderte in die Umgebung des Seminars, wie er es immer häufiger tat, setzte sich schließlich unter einen Baum, um weiter in diesem Buch zu lesen. Er las buchstäblich Tag und Nacht, nämlich am Tage das, was er in der Nacht nicht fertig lesen konnte. Er hatte sich vorgenommen, aus der zehntausendbändigen Seminarbibliothek täglich ein ganzes Buch zu lesen. Dieses dicke Buch, das den Herrn Professor geärgert hatte, musste er am Tage, also während der Vorlesungen, zu Ende bringen, um sein selbst festgesetztes Pensum zu erfüllen. Er hatte sich recht beeilt in der Nacht, ohne eine Minute Schlaf, als er am Morgen im Seminar erschien, die Finger in den Buchseiten, und weiterlas. Nun las er unter dem Baum, bis zur die letzte Seite umgewendet hatte, dann fiel er für eine Stunde in Schlaf.

Die Kameraden strömten aus den Hörsälen zum Mittagessen; einer rief ihm zu: „Warum hast du im Kolleg gelesen? Du hast viel versäumt.“
„Was in den theologischen Vorlesungen gesagt wird, weiß ich, was Plato gelehrt hat, aber noch nicht. Ich bin jetzt bei Plato.“
Er war ein eigenwilliger Jüngling, dieser Kagawa. Sein Zimmer im Seminar glich einem Antiquariat von Büchern; denn ihm genügte es nicht, die Bücher zu lesen, die wichtigsten musste er auch besitzen.
Nach dem Zerwürfnis mit seinem Onkel besaß er kein Geld und war auf die freundliche Unterstützung von Dr. Myers angewiesen. Schwer wurde dem bis dahin reichen Kagawa, das Geld anzunehmen, doch für Plato und Shakespeare und manchen anderen tat er es. Nicht nur die Bücher, die auf selbstgezimmerten Gestellen aus Apfelsinenkisten sein kleines Zimmer vollstopften, auch Kleider taten es ihm an. Schon lange mochte er sich nicht mehr in der abgetragenen Seminaruniform sehen; mit dem alten Rock stach er gegen die anderen ab. Eines Tages konnte er sein Begehren, eine neue Uniform zu tragen, nicht mehr zügeln. Er ging, wie es seine Gewohnheit gewesen war, zu einem erstklassigen Schneider und konnte bald den tadellos sitzenden Rock anziehen. Aber der Preis! Er zahlte das Geld auf den Tisch — und nichts blieb ihm mehr für seine Büchereinkäufe. Beschämt verließ er die Schneiderwerkstatt. Zum ersten Mal wurde ihm wirklich bewusst, dass er arm sei, auf die Hilfe anderer angewiesen. Dr. Myers schenkte ihm das Geld für seine Bildung, nicht etwa um sich elegante Kleider zu kaufen.

Kagawa blickte nun in seinem Zimmer abwechselnd in seinen Spiegel und an seine Bücherreihe. Im Spiegel gefiel er sich, wenn er ehrlich sein sollte; auch die westliche Haarfrisur mit Mittelscheitel stand ihm fast besser als das japanisch gekämmte Haar in die Stirn hinein. Lange wandelte er so zwischen den Büchern und seiner Eitelkeit auf und ab, dann setzte er sich hin und schrieb an seinen Freund und Gönner. Er beichtete ihm, dass er den guten reichlichen Zuschuss für eine neue Uniform ausgegeben hätte, und erzählte ihm von seinen Zweifeln.
Sehr bald kam eine tröstende und verstehende Antwort, neues Geld für Bücher und die Zustimmung für die elegante Uniform. Doch Kagawa hatte sich selber bereits entschieden. An einem einsamen Wandertag, in die Betrachtung des Gelesenen versunken, hatte er eine Bettlerfamilie getroffen. Wie aus dem Erdboden gewachsen, umringte sie ihn plötzlich, mitten in der menschenleeren Landschaft. Sie überwältigten seine Seele gewissermaßen. Natürlich waren es nicht die ersten Bettler, die er in seinem Leben zu sehen bekam, auch wusste er, dass es arme Menschen gab. Hier aber forderten sie von ihm das, was er, wie er auf einmal empfand, mehr und zu Unrecht besaß. Mit der ganzen Kraft eines Menschen, der aus einer nichtchristlichen Erziehung kam, mehr noch, in einer nichtchristlichen Religion verwurzelt war, aber zum christlichen Glauben gefunden hatte, überwältigten ihn in diesem Augenblick die ethischen Forderungen Christi. Er dachte an den satten Reichtum der christlichen Kirchgänger, an die Wohlhabenheit seiner Mitseminaristen, die Kluft zwischen denen, die predigten, und denen, denen gepredigt wurde. Solange es noch Hungernde gab, durfte sich ein Christ keinen Überfluss leisten. So stand er vor der Bettlerfamilie und fragte nicht, ob sie selbstverschuldet ins Elend geraten wäre.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Denn Christus stellt diese Frage an uns ja auch nicht. Er ist in die Welt gekommen als Gottessohn, um uns zu helfen. Wir, die ihm nachfolgen, haben nichts anderes zu tun. Kagawa sah sich die kleine Hütte an, in der die arme Familie lebte, alle in Lumpen gekleidet, hungernd und im Winter frierend. Er fragte sie aus; sie antworteten, ohne ihn um etwas zu bitten. Er selbst kam sich viel ärmer vor; denn trotz seines neuen Anzuges und seiner vielen gelehrten Bücher vermochte er ihnen nicht zu helfen. Sie brauchten Nahrung und Kleidung, Pflege für die kranken Kinder.
Als er sich verabschiedete, versprach er, wiederzukommen. Nicht lange dauerte es, da klopfte er an die Hütte. Zuerst erkannten ihn die Leute nicht; denn er glich fast einem der Ihren in dem alten, billigen japanischen Baumwollkimono. Seine europäische Uniform hatte er verkauft, um der Familie Essen und Kleidung bringen zu können.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Bald wurde Kagawa für das englische Theologenseminar zu einem Ärgernis. Der vorlaute junge Mann machte allen nicht nur innerhalb der Kirche Schwierigkeiten, sondern auch außerhalb. Denn schließlich gehörte es sich ja nicht, dass er Kirchgänger auf dem Kirchweg anrempelte, um ihnen in heftigen Worten klarzumachen, dass sie Sünder wären. Er regte sich über ihre feine Kleidung auf und forderte von ihnen, dass sie alles den Hungernden geben müssten. Außerdem sprach er in öffentlichen Versammlungen, hielt pazifistische Reden und verunglimpfte das japanische Militär. Einmal nahm er einen räudigen kleinen Hund in sein Zimmer, der das Zimmer mit seinem Geruch verpestete, sondern auch Korridor. Mitseminaristen entdeckten das Tierchen in einem Korb auf dem Bücherbord. Als Kagawa unwillig die Eindringlinge zurechtwies, meinten die jungen Burschen gutmütig: „Du kannst dir doch einen Hund halten, aber nicht so ein stinkendes Scheusal.“
„Hübsche und gesunde Hunde finden auch einen anderen Herrn. Der hier nicht.“ Dabei blieb es, bis eines Tages die Kameraden den Hund heimlich wegholten. Nie kam heraus, wo das Tier geblieben war. Kagawa suchte es vergeblich.

Von da ab nahm er sich nur noch kranker, elender und schmutziger Menschen an. Er half einem Pastor, dessen Gemeinde in einem der traurigsten Armenviertel von Tokio lag.

 Zu Teil 2….

Wilhelm Scherer • Walther von der Vogelweide • Ein Porträt

Wilhelm Scherer  • Walther von der Vogelweide

Walther_von_der_Vogelweide_Weingartner_HandschriftEin reisender Bischof schenkte am 12. November 1203 in Zeißelmauer an der Donau dem Sänger Walther von der Vogelweide eine Summe Geldes zur Anschaffung eines Pelzrockes. Ein italienischer Domherr, der sich in deutscher Poesie versuchte, Thomasin von Zirclaria, stellte im Jahre 1215 denselben Walther als einen Volksverführer hin, der mit einem seiner Gedichte Tausende betört und ungehorsam gegen Gottes und des Papsts Gebot gemacht habe.

Wir blicken in das Leben eines wandernden Spielmannes, und doch wird die Stimme dieses Menschen weit in Deutschland gehört; man sieht ihn als einen mächtigen Feind an, und gewiß war er ein gesuchter Freund. Er lebte zu einer Zeit, in welcher die Dichtung eine Macht war. Seine Lieder flogen in die Welt, wie eine Broschüre, die jedermann liest, oder wie eine glänzende Rede, die alle Zeitungen unverkürzt abdrucken. Walther hatte eine öffentliche Laufbahn. Er war vermutlich in Österreich geboren und fand an dem Babenberger Herzog Friedrich dem Katholischen einen Protektor. Als dieser im April 1198 in Palästina starb, blieb Walther von Wien fort und versuchte sein Glück als politischer Sänger. Er sang für Philipp von Schwaben; er sang für Otto den Vierten; er sang für Friedrich den Zweiten: von 1198 bis 1227 können wir ihn verfolgen, und spätestens seit 1187 hat er überhaupt gedichtet. Wichtige Momente unserer Geschichte begleitete er mit seinem Liede. Über seinen politischen Gesinnungswechsel, den Übergang von einem Kaiser zum anderen, können wir nicht urteilen; für Zeiten der Bürgerkriege, die nur um den Besitz der Macht gekämpft werden, fehlt aus der Ferne jeder sittliche Maßstab. Persönliche Vorteile gehörten allerdings zu Walthers Motiven. Es liegt in der Naivität der Zeit, daß solche egoistische Interessen offen eingestanden werden. Ohne Scham bittet, mahnt, fordert, dankt Walther für empfangene Geschenke. Wie würde ein heutiger Dichter ersten Ranges der Welt glückstrahlend verkündigen, daß er das große Los gewonnen! Für Walther war ein eigener Herd das große Los. Er stand nicht bloß zu den Kaisern, sondern auch zu vielen deutschen Fürsten in persönlicher Beziehung; in Österreich, Thüringen, Meißen, Bayern, Kärnten, Aquileja hat er am Hofe zeitweilig Aufnahme gefunden; von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave ward er umhergetrieben; aber nirgends konnte der Wanderer festen Fuß fassen; keiner jener Fürsten und Protektoren schuf ihm ein Haus; der größte Sänger der Zeit war lange verurteilt, ein Vagabund, ein Bettler zu bleiben. Kaiser Friedrich der Zweite endlich befriedigte seine Sehnsucht. Er gab ihm ein kleines Lehen, vermutlich in Würzburg. Da brach der arme Schelm in Jubel aus: »Ich hab‘ ein Lehen, alle Welt, ich hab‘ ein Lehen!«

Wenn nun der wandernde Spielmann, der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter dem Drucke der Not die Partei wechselte, soweit es sich um Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, soweit es sich um Prinzipien handelte. Er war stets ein guter Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes.

Er liebte und bewunderte sein Vaterland, das er in einem berühmten Liede pries: nirgends hat es ihm so wohl gefallen, deutsche Sitte geht allen vor; wohlerzogen sind die Männer, wie die Engel sind die Frauen beschaffen. »Wer Tugend und reine Minne suchen will,« ruft er aus, »der soll kommen in unser Land: da ist Wonne viel: möcht‘ ich lange darin leben!« Und war es ihm nicht vergönnt, diese glückliche Ansicht der ihn umgebenden Welt festzuhalten; kamen böse Jahre, in denen der Verfall des höfischen Lebens über Deutschland hereinbrach; mußte er sich fragen, ob sein Leben ein Traum war, ob nicht alles, was er glaubte, was er für wirklich hielt, ein Nichts gewesen: so hören wir in der rührenden Elegie, worin er den Schmerz über sein verwandeltes Vaterland ausspricht, doch immer den begeisterten Patrioten reden; seine Trauer fließt aus der Liebe; sie verbindet sich mit Frömmigkeit, und seine Sehnsucht steht nach dem Heiligen Lande. Gleich einem älteren ungenannten Spielmanne, der wie Walther sein Elend bejammerte, ein eigenes Haus wünschte, seine Gönner lobte und daneben persönliches Schuldgefühl aussprach, sich mahnend an die Zeitgenossen wandte, alle großen heiligen Gegenstände der christlichen Lehre besang und dergestalt ganz auf die geistliche Weltanschauung einging, hat auch Walther in feierlichen Weisen seinen Glauben und ein Sündenbekenntnis abgelegt, die heilige Dreieinigkeit, die Jungfrau Maria, Christi Kreuzigung besungen, alle die für Toren erklärt, die nicht von der Jungfrau und ihrem Sohne das zeitliche und ewige Heil erwarten, und jede Spekulation über das Wesen Gottes als vergeblich abgewiesen. In einem kindlich frommen Morgengebete ruft er den Segen des Himmels über sich herab. Gottes Huld und Ehre erscheinen ihm als die höchsten Güter; und er klagt sich der Selbstsucht an, weil er seine Feinde nicht zu lieben imstande sei. Von dem Leichtsinne des Erzpoeten ist er weit entfernt. Die Trunksucht hat er in besonderen Gedichten bekämpft. Mit sittlichem Ernste dringt er auf das rechte Maß in allen Dingen. Wer sich selbst beherrscht, ist ihm der wahre Held, der schlägt den Löwen und den Riesen. Des Mannes Gesinnung soll fest sein wie ein Stein und in der Treue glatt und blank wie ein Silberstab. Walther eifert gegen die Zweizüngigen, die Lügner und Betrüger. Er weiß, was Freundschaft wert ist und schätzt sie höher als die Verwandtschaft: »Freundes Lächeln«, sagt er, »sei wahr und ohne Falsch, lauter wie das Abendrot, das schönen Tag verkündet.« Walther hebt hervor, wie das Streben nach Geld und Gut, wie übergroßer Reichtum und übergroße Armut den Menschen demoralisiere. Im Alter wirkt er für den Kreuzzug Friedrichs des Zweiten und dichtet fromme Marschlieder für das Heer. Er wendet sich von der irdischen Liebe zur himmlischen und nimmt Abschied von der Frau Welt, der er so lange gedient.

Aber alle Frömmigkeit hindert ihn nicht, sich auf einen freien menschlichen Standpunkt zu stellen und das Christentum von seinen offiziellen Trägern zu unterscheiden. Der heimatlose, weitumgetriebene Spielmann ist ein aufgeklärter Apostel der Humanität und Toleranz; er weiß und verkündet, daß Herr und Knecht vom Tode gleich gemacht werden, daß Christen, Juden, Heiden einem und demselben Gotte dienen. Er verspottet den Glauben an Träume, verlangt milde Erziehung, hält den Fürsten ihre Pflicht vor und ist ein Tribun der Deutschen gegenüber Rom. Er führt den Bürgerkrieg in Deutschland auf päpstliche Machinationen zurück. Er will nicht, daß deutsches Geld nach Rom fließe. Er nennt den Papst den neuen Judas und stellt ihn als einen Diener des Teufels hin, dem er die ganze Christenheit ausliefern wolle. Er erinnert ihn an den Fluch, den er über die Feinde des Kaisers bei dessen Krönung gesprochen: er habe sich selbst verflucht. Walther streitet gegen die Einmischung der Geistlichen in weltliche Angelegenheiten überhaupt. Er zieht das Gleichnis vom Zinsgroschen herbei: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Er sieht die weltliche Macht des Papstes für ein Gift an, das in die Kirche gefallen. Das Christentum liegt, wie er meint, im Krankenhaus und wartet vergeblich auf einen Labetrunk von Rom. Der Papst selbst mehrt den Unglauben; er führt die Geistlichen an des Teufels Seil; sie sind lasterhaft; sie tun nicht, was sie lehren; und wer nur Christ mit Worten, nicht mit Werken ist, der ist ein halber Heide.

Alle die Gedichte, mit denen Walther ins öffentliche Leben eingreift oder seine Grundsätze ausspricht, pflegt man »Sprüche« zu nennen. Sie sind sämtlich kurz und leicht zu behalten: Gesänge von einer Strophe, die gewiß mit einer gefälligen, faßlichen Melodie versehen waren. Sie konnten sich von Mund zu Mund verbreiten, wie eine Anekdote oder ein Epigramm. Sie sind interessant wie eine Fabel, prägnant wie ein Sprichwort und oft ganz auf populäre Wirkung berechnet. Sie lassen sich dann mit einer raschen Volksrede vergleichen, die zündend in eine große Versammlung fliegen soll. Da fällt jede feinere Gedankenentwicklung fort; der Stil muß lapidarisch sein; für Schmuck und Formenspiel ist kein Raum; in dem nackten Gedanken, in dem einfachen Wort entfesselt sich das Pathos. Viele lassen sich auf einen Hauptsatz zurückführen, der eigentlich das ganze Gedicht enthält. Zuweilen bleibt es bei der Behauptung; zuweilen wird ein summarischer Beweis geliefert. Zuweilen steht der Satz an der Spitze, zuweilen ergibt er sich als Folgerung erst am Schluß. Ein Gedicht für die Wahl Philipps von Schwaben gipfelt in der Aufforderung an das deutsche Volk: »Dem Philipp setze die Krone auf!« Es hält aber folgenden Beweisgang ein: alle Kreatur hat ihr festes Regiment; in Deutschland fehlt es; nur Philipp ist geeignet, es herzustellen. Der Gedanke kleidet sich in eine möglichst sinnliche Form, und um diese herzustellen, scheut der Dichter auch die Übertreibung nicht. Seelische Vorgänge werden durch die körperlichen Symptome ausgedrückt. Anstatt zu sagen: »Ich empfand Trauer«, sagt Walther: »Meine hochfältigen Kranichsschritte wurden schleppende Pfauentritte, den Kopf ließ ich hängen bis auf die Knie.« Die allgemeine Wahrheit wird womöglich auf eine individuelle Erfahrung, das vielfach Bewährte auf einen einzelnen Fall reduziert. Anstatt zu sagen: »Kein Nachdenken lehrt, wie Ehre, Reichtum und Gottes Huld zugleich erworben werden können«, führt er sich selbst als Nachdenkenden ein, und zwar wieder körperlich in der typischen Stellung des Nachdenkenden: »Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf setzt‘ ich den Ellenbogen; ich hatt‘ auf meine Hand gestützt das Kinn und eine Wange: da dacht‘ ich sorglich lange dem Weltlauf nach.« Einige Sprüche sind rein episch, indem ein Vorgang um seiner selbst willen erzählt wird, wie König Philipps Weihnachtsfest zu Magdeburg, oder indem ein solcher Vorgang um seiner symbolischen Bedeutung willen erzählt wird, wie Christus mit dem Zinsgroschen. Aber in manchen Sprüchen schlägt nur der Eingang einen epischen Ton an und macht ein Gedicht dadurch populärer, wie das eben angeführte »Ich saß auf einem Steine« ober »Ich hört‘ ein Wasser rauschen« oder »König Konstantin, der gab so viel«. Oder das epische Element verbindet sich mit einem dramatischen: Personen werden redend eingeführt. Um nicht selbst über den Papst zu klagen, legt er in einem seiner älteren Sprüche die Klage einem Manne in den Mund, an dessen Frömmigkeit kein Zweifel sein konnte: »Ich hörte fern in einer Zelle lauten Jammerruf; da weinte ein Klausner, er klagte Gott sein Leid: Weh uns, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, hilf deiner Christenheit.« Dramatisch wirkt auch die unmittelbare Anrede, mit der er sich an den Kaiser, den Papst, die Fürsten oder andere Personen oder selbst Personifikationen wendet. So redet er Frau Welt an; so hat er die Opferstöcke personifiziert, in denen Innocenz der Dritte für den Kreuzzug sammeln ließ, indem er sich gleichsam vor einen derselben hinstellt und ihn wütend anfährt: »Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesandt, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?« Der Spruch faßt seinen Inhalt in dem Schluß zusammen: »Herr Stock, Ihr seid zum Schaden hergesandt, daß Ihr in Deutschland suchet Törinnen und Narren.« Das Kühnste an Dramatisierung aber hat Walther geleistet, indem er es wagte, den Papst inmitten seiner Welschen darzustellen, wie er die Deutschen lachend verhöhnt und sich seiner klugen Politik rühmt: »Ich hab‘ es gut gemacht! Ich hab‘ zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unterdessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein und laßt die deutschen – fasten.« Es fehlt hier ein Schimpfwort, das der Papst gegen die Deutschen gebraucht und das offenbar so stark war, daß es die patriotischen Schreiber unserer Handschriften nicht wiederholen wollten. Bei dieser Szene aus der Residenz des Papstes hat glühender Haß den Griffel geführt. Es ist wohl nie ein aufreizenderes Epigramm gedichtet worden. Hier wird der Volksrichter in der Tat zum Volksführer oder zum Volksverführer, wie jener Domherr sagte: der Spielmann wird Demagog.

Reiht sich dergestalt Walther mit seinen Sprüchen den Spielleuten an, indem er eine Stellung erringt, wie sie nie ein Spielmann vor ihm oder nach ihm besessen; so verleugnet er in seiner Liebeslyrik nirgends den Edelmann. Und die Eigenschaften, die ihn im Spruch auszeichnen, finden sich, soweit es der Stoff und die Kunstform gestatten, zum Teil auch im Liede wieder. Er ist lebhaft, anschaulich, zuweilen derb, wird zornig und flucht, weiß epische und dramatische Mittel in Bewegung zu setzen und zeigt sich in allen diesen Zügen als ein rechter Sohn des bajuvarischen Stammes.

Der adelige Minnesang ging in Österreich und Bayern aus dem volkstümlichen Liebesliede hervor. Noch heute zeichnen sich die Bewohner der bayerischen und österreichischen Alpen durch die Gabe der kecken Improvisation im Gesange aus. Wir dürfen darin eine Erbschaft der Urzeit erblicken. Kurze Liebeslieder waren den alten Ariern und den Germanen so wenig fremd wie den übrigen, auch den niedrigsten Völkern der Erde. Gelegenheitsgedichte blitzen im Liebesverkehre wie Funken auf; und sind sie in ein glückliches Bild gefaßt, auf einen prägnanten Ausdruck gebracht, so dauern sie über die Jahrhunderte hin. »Du bist mein, ich bin dein«: wie oft mag das der Liebende der Geliebten, die Liebende dem Geliebten zugesungen haben. »Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein«: diese hübsche Wendung können wir im 12. Jahrhundert wie in heutigen Volksliedern nachweisen. Die populären Liebesweisen flogen wie Sommerfäden von den grünen Wiesen, auf denen die Bauern tanzten, in die Schlösser des Adels. Aus den unbeachteten Gelegenheitsscherzen einer früheren Zeit wurden im 12. Jahrhundert kleine Lieder, welche das erwachte Selbstgefühl der aristokratischen Gesellschaft bewunderte und festhielt, um auch den edlen Lebensschmuck der Poesie nicht zu entbehren. Ein Ritter Kürenberg aus der Nähe von Linz an der Donau erfand eine vierzeilige Strophe von bequemem Bau, welche zur Modeform für solche Improvisationen wurde und längere Zeit an den Ufern der Donau so beliebt blieb, daß auch die Verfasser der Nibelungenlieder nach ihr griffen. Später sang ein Burggraf von Regensburg ähnlich einfache Lieder in verwandten Strophenformen. Andere Dichternamen kennen wir nicht, und wenig ist uns erhalten aus dieser Frühzeit des aufblühenden nationalen Minnesanges, aber das Wenige gehört zu dem Schönsten der mittelalterlichen Lyrik und greift uns mit schlichtem Worte noch heute unmittelbar ans Herz, ohne daß es einer künstlichen Vermittelung bedürfte, ohne daß wir uns in die konventionellen Formen des ritterlichen Verkehrs hineinzudenken brauchten.

Frauenempfindung stellt sich in diesen Liedern ganz anders dar, als was die Männer zu sagen haben. Noch ist die gesellschaftliche Herrschaft der Damen nicht anerkannt. Mit Selbstgefühl wirbt der Mann: »Freud‘ und Leid teil‘ ich mit dir: solang ich lebe, sollst du mir lieb bleiben; denn daß du einen Schlechten liebtest, das wünsch‘ ich dir nicht.« Ein anderer versagt sich einer Frau, die seine Liebe begehrte. Ein dritter mahnt die heimlich Geliebte, sich vor der Welt zu bergen, wie ein Stern in den Wolken, und ihre Augen zum Schein auf anderen ruhen zu lassen. Ein vierter rühmt sich seiner Triumphe: Frauen seien leicht zu zähmen wie die Falken.

Die Damen ihrerseits werden zuweilen episch eingeführt: »Es stand eine Frau allein und schaute über die Heide und schaute nach dem Liebsten aus; da sah sie einen Falken fliegen.« Den Falken preist sie selig, weil er sich den Baum wählen kann, der ihm gefällt. So hat auch sie getan und einen Mann erwählt, aber andere Frauen wollen ihn ihr rauben … Auch ohne epische Einführung sprechen Frauen ihr Gefühl aus. Eine Dame erzählt, sie habe einen Falken gezähmt; der sei ihr fortgeflogen und trage jetzt andere Fesseln. Naturgefühl und Liebesgefühl verketten sich: erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, seine Liebe dünkt sie der Rose gleich. Ist der Vogelsang verschwunden und das Laub der Linde, so trüben sich die Augen der verlassenen Frau; sie erinnert den Ungetreuen daran, wie er sie einst bewundert. »Unser zweier Scheiden mög‘ ich nicht erleben!« ruft die Liebende aus. Und eine andere weint, weil sie mit ihrem Freund entzweit ist. Schüchtern klagt ein Mädchen: »Wenn ich steh‘ allein in meinem Hemde und ich an dich denke, so erblühet meine Farbe, wie die Ros‘ am Dorne tut; und gewinnt mein Herz gar manchen traurigen Mut.« Nur die Frauen sind empfindungsvoll, hingebend, besorgt. Nur sie kennen den Liebesschmerz und die Liebestränen.

Aber diese Verhältnisse änderten sich mit dem Vordringen französischer Mode im Leben und in der Poesie. Schon tauchen in jenen österreichischen Liedern die Aufpasser, die »Merker«, als die Feinde der Liebenden auf; schon wird die heimliche Liebe als die wahre gepriesen; immer deutlicher wirken Tristan und Isolde als das vorbildliche Liebespaar ein; und bald wird das Verhältnis der Frauen zu den Männern in sein Gegenteil verkehrt. Die Frauen werden spröde, die Männer müssen schmachten; jene bleiben unbewegt, diese müssen das Trauern lernen; jene versagen, diese klagen. Die Frauen sind die Gebieterinnen; der Liebende verhält sich zu seiner Dame wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn: er muß ihr dienen; für diesen Dienst erwartet er Lohn: und selten wird ihm nur die kleinste Gunst zuteil. Was die Liebe an sittlicher Reinheit gewann, das verlor der Liebessang an Leben und Frische; er wurde eintönig und affektiert, wie bei Reinmar von Hagenau. Aber Bayern und Österreich folgten nie ganz der Mode; da hielten sich widerstrebende Elemente, die ihre Kraft aus der volkstümlichen Tradition schöpften. Wolfram von Eschenbach ergriff in den Tageliedern eine poetische Gattung, die schon durch ihren epischen und dramatischen Gehalt, durch ihren balladenartigen Charakter sich an gewisse populäre Liedformen anschloß. Der Österreicher Dietmar von Aist wirbt wenigstens um eine Dame, die er besingt, als ihr Diener; er ist ihr Untertan wie das Schiff dem Steuermann; er hat weichere Empfindung oder gibt sie wenigstens vor; des Nachts kann er nicht schlafen und glaubt sterben zu müssen vor Liebe; aber sein Werben bleibt nie unbelohnt; die Frauen sehnen sich nach ihm, mißgönnen ihn einander, und er scheint ein Don Juan zu sein, der von einer Eroberung zur anderen eilt.

800px-Codex_Manesse_Walther_von_der_VogelweideUm die Zeit, als dieser Dietmar blühte, muß Walther von der Vogelweide zu dichten begonnen haben und Reinmar von Hagenau nach Österreich gekommen sein. Reinmar fand am Hofe zu Wien freundliche Aufnahme und besang den Tod Herzog Leopolds des Fünften (Silvester 1194), indem er seiner Witwe eine schöne Klage um ihn in den Mund legte. Er hat sichtlichen Einfluß auf Walther geübt; in der geistreichen Konversationspoesie ist dieser sein Schüler. Aber neben der Verwandtschaft ist auch der Gegensatz deutlich. Übertreibungen finden in Österreich nur selten Anklang; gesunder Menschenverstand und munterer Witz dulden keinen phantastischen Zug. Wenn Reinmar seinen »langen süßen« Liebeskummer wie ein zartes Pflänzlein hegte, so ward er gewiß bald ausgelacht. Und folgt Walther in manchen Dingen dem Beispiele Reinmars, wird auch er in langem, vergeblichem Werben nicht müde, nennt auch er die Liebe eine süße Mühsal und einen Hort aller Tugenden: so wird es ihm doch nicht einfallen, Liebeskummer als seinen schönsten Ruhm zu betrachten. Sagt Reinmar: »Ich werb‘ um alles, was ein Mann an Freuden dieser Welt je haben kann, das ist ein Weib«: so geht Walther im Frauendienste nicht auf, für ihn hat die Welt noch andere Freuden und Pflichten. Er hat sich einmal direkt über Reinmar lustig gemacht, die Übertreibungen seines Gefühls wie die Übertreibungen seiner geistreichen Manier verspottet und die verspotteten Motive selbst anders angewendet. Reinmar will seine Dame über alle anderen setzen, Walther sagt der Geliebten unbefangen: »Vielleicht sind andere besser, du bist gut«; er will seine erwählte Dame niemand aufdringen, mag jeder die Seine loben mit des Dichters Wort und Weise: »Lob‘ ich hier, so lob‘ er dort.«

Reinmars Lieder sind ohne Naturgefühl; er begrüßt nie den Frühling und trauert nie über den Winter. »Ich habe mehr zu tun, als Blumen zu beklagen«, sagt er. Walther dagegen hat, ohne je Natur und Liebe auf konventionelle Weise zu verbinden, die Jahreszeiten wiederholt besungen und dem allbekannten Stoffe neue Seiten abgewonnen. In das Bild des Frühlings zeichnet er eine Szene hinein: Mädchen, die auf der Straße den Ball werfen. Oder eine Landschaft tut sich auf: der Dichter sitzt auf einem Hügel, vor ihm Blumen und Klee und dahinter ein See. Der Mai kleidet die Bäume so schön und die Wiese noch schöner: »du bist kürzer, ich bin länger«, also streiten auf dem Anger Blumen und der Klee. Die Blumen dringen aus dem Grase und lächeln am Sommermorgen der Sonne zu. Schöner als alle Frühlingspracht aber ist eine schöne Frau.

Reinmar gehört zu den Dichtern, welche durch einseitigen Geschmack die Poesie ärmer machen. Bei Walther ist sie so reich wie bei keinem anderen mittelhochdeutschen Lyriker. Er verhält sich zu Reinmar wie Wolfram von Eschenbach zu Gottfried von Straßburg. Auch Gottfried beschränkte sich willkürlich auf die epische Fülle, die sein Stoff ihm darbot. Walther und Wolfram nehmen den ganzen Schatz, das Erbteil der Väter, in ihre Pflege; sie wissen das alte Gold wieder umzuprägen oder neu zu fassen. Wie Gottfried gegen Wolfram polemisierte, so hat nach Walthers eigenem Zeugnis Reinmar ihn nicht leiden können. Und wie Wolfram seinen Tadler durch Lob beschämte, so hielt Walther dem Reinmar eine Grabrede, welche durch Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gerechtigkeit und ernstes Gefühl zu dem Großartigsten gehört, was er gedichtet hat.

Wie nahe sich Walther und Wolfram standen, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie sich gekannt und anerkannt. Sie zitieren einander, und Walther hat in Wolframs Stil ein Tagelied verfaßt. Walther ist, wie Wolfram, voll Selbstgefühl im Leben und in der Liebe; er spricht ganz unbefangen von seiner »reichen Kunst«; er hebt immer hervor, daß er anderen mit seinem Gesange Freude mache, daß niemand eine Dame so gut zu loben verstehe wie er, und daß auf seinem Lob ihr Ruhm beruhe. Aber Walthers Stil ist bescheidener als Wolframs kühn individuelle Manier. Er hat nicht die Pracht, den Bilderreichtum, das immer und überall Originelle seines bajuvarischen Stammesgenossen. In seinen Liebesgedichten finden sich viele Gedanken und Motive, die auch bei Friedrich von Hausen, Reinmar und anderen begegnen; auch er ist mittelbar ein Schüler der Troubadours; und selten oder nie kann man mit Sicherheit sagen, wo die Überlieferung aufhört und die Weiterbildung anfängt.

Auch Walther liebt heimlich, fürchtet Aufpasser, weist indiskrete Fragen ab, dient, erwartet Lohn. Er dient, weil er bewundert, und er bewundert bis »Stetigkeit« seiner Dame, ihre maßvolle Heiterkeit, ihren freundlichen Blick, ihren lieblich redenden Mund, ihre Schönheit und Güte, wozu er ihr aber auch Barmherzigkeit wünscht. Er ist in ihrer Gegenwart befangen und an ihrer Seite stumm. In seinem poetischen Liebeswerben bringt er hübsche Wortspiele an. Seine Reflexion bewegt sich in bekannten Gegensätzen, wie Inneres und Äußeres, Herz und Leib, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Vorteil und Nachteil, Hoffnung und Enttäuschung, rechte Liebe und falsche Liebe, Leid verhehlen und offen sagen. Er bedauert, daß graue Haare ein Hindernis der Liebe, daß 24 Jahre der Minne lieber als 40 seien. Die Minne erscheint personifiziert, er klagt vor ihrem Thron und ist von ihrem Pfeile getroffen. Auch andere sittliche Begriffe werden zu Personen gemacht, und wieder andere werden als greifbare Sachen aufgefaßt: Haß und Neid ziehen als Späher aus; Freude kann man borgen, eine Rede mitten entzweischlagen; Schönheit und Ehre sind Zaubermittel der Dame gegen den Dichter; das Herz ist ein Raum, in den man eindringt, zu klein, um die Liebe allein zu fassen, diese muß daher auf zwei Herzen verteilt werden.

In alledem ist keine hervorragende Eigentümlichkeit: aber Walthers besonders Art zeigt sich gleich, wenn er etwa den Dialog zwischen Ritter und Dame mehr dramatisch ausbildet, so daß ein kleiner Wortkampf mit Angriff und Abwehr entsteht. Oder wenn er Personifikationen sinnlich ausführt, wenn er z.B. Fortuna darstellt, wie sie Gaben verteilt und ihm beharrlich den Rücken zukehrt: auch wenn er um sie herumläuft, immer ist er hinter ihr, sie will ihn nicht ansehen: »Ei, so möcht‘ ich, daß ihr die Augen im Nacken säßen: dann müßte sie es wider Willen tun.«

Die alte Vorstellung, daß der Leib ein Kleid des Menschen sei, wird vom Dichter ergriffen, um die Schönheit seiner Dame zu rühmen. Er hat nie ein schöneres Kleid gesehen, Verstand und Glück sind dreingesteppt. Und nun fährt er witzig fort, indem er auf die gewöhnliche Belohnung der fahrenden Spielleute durch alte Kleider anspielt: »Getragene Kleider hab‘ ich sonst nie genommen; dieses nahm‘ ich für mein Leben gern, um dieses könnt‘ ein Kaiser Spielmann werden. Da, Kaiser, spiele! Nein, Herr Kaiser, anderswo!« Das festgehaltene Bild, die dramatische Anrede, die Zurücknahme und dies alles zusammengedrängt am Schluß eines längeren Gedichtes, ist höchst charakteristisch.

In schweren, dunklen Zeiten ruht der Gesang. Leicht bietet sich die Vergleichung dar: auch die Vögel singen nicht bei Nacht. Aber wie lebhaft drückt das Walther aus! Er tröstet die Zweifler, die Zeit werde wieder kommen, wo die Sangeskunst sich von neuem bewähre, und schließt: »Ich hört‘ ein kleines Vögelein dasselbe klagen, das versteckte sich und sprach: Ich singe nicht, erst muß es tagen.«

Schon Friedrich von Hausen in seinem ältesten und kürzesten Liede erzählt von Liebesglück, das er im Traum genossen, und zürnt den erwachenden Augen, die es ihm genommen. Walther tritt im Traum einem Mädchen entgegen, die zum Tanze geht, und überreicht ihr einen Kranz. Sie nimmt ihn wie ein schamhaftes Kind, mit errötenden Wangen, gesenkten Augen, zierlichem Neigen. Und weiter wirbt er, und sie gibt ihm Glück – doch alles war nur geträumt. Aber jetzt sucht er sie unter den Mädchen, er sucht sie beim Tanze. »O, bitte, rückt auf eure Hüte!« ruft er den Mädchen zu. Aber vergeblich, er findet sie nicht. Das Ganze offenbar ein Lied, das zum Tanze gesungen werden sollte.

Daß ein Mädchen von einem Stelldichein erzählt, war auch schon dagewesen. Aber Walthers Lied »Unter der Linde an der Heide« ist einzig an Naivität, Grazie, Schalkhaftigkeit. Und man wäre geneigt, es für das schönste Lied des ganzen Minnesanges zu erklären, so voll von Leben und überraschendem Reichtum ist es – wenn nicht die Grundvoraussetzung eine konventionelle wäre: denn ein Mädchen, so beschaffen, wie dieses gedacht ist, wird ein solches Erlebnis überhaupt nicht oder nicht so erzählen.

Lebhaft preist Walther die Stunde, da er sie kennengelernt, die ihm das Herz und den Mut hat bezwungen. Er kann sich von ihr nicht mehr trennen: das hat ihre Schönheit und Güte gemachet und ihr roter Mund, der so minniglich lachet. Er wünscht der Geliebten, die ihn hinhält, so nahe zu sein, daß er sich in ihren Augen spiegeln könne. Dann werde er sie fragen: Willst du das nicht wieder tun? mich nicht mehr quälen? Und sie gibt nur ein Lächeln zur Antwort… Überall Szene und Handlung! Wieviel Mühe hat sich Petrarca gegeben, um die Schönheit seiner Laura der Nachwelt zu verkünden! Aber er gelangt über das Aufzählen einzelner Vollkommenheiten nie hinaus; die Häufung wird gegenseitige Störung; und man erhält nirgends ein Bild. Der »rote Mund, der so minniglich lachet«, schwebt uns gleich reizend im Geiste vor. Walther ist sparsam mit Angaben über die körperliche Beschaffenheit der Frauen, die er besingt; er zeigt sie uns lieber in Bewegung, in bestimmter Situation: aus dem Bade steigend; oder in die Kirche gehend, ungeschminkt, in einfacher Tracht, mit blondem, aufgebundenem Haar; oder eine vornehme Dame in voller Toilette, die sich mit ihrem Gefolg in Gesellschaft begibt und nur von Zeit zu Zeit bescheiden um sich blickt. Walther weiß in solche Schilderungen die Anmut hineinzulegen, die er höher als die Schönheit preist. Er führt auch, um nur Handlung statt Beschreibung zu gewinnen, Gott als Schöpfer ein: der hat an ihre Wangen teure Farben gestrichen, so reines Rot, so reines Weiß, hier Rosenrot, da Lilienweiß; oder Gott ist Bildgießer, der Schönheit und Reinheit als Metalle für den Guß einer Frau genommen hat.

Durchweg fesselt Walther durch Anschaulichkeit, Leben, Bewegung. Aber phantasievolle Betrachtung ist sein eigentliches Gebiet. Die sinnliche Welt macht er wundervoll deutlich und weiß sie mit Liebreiz zu übergießen. In die Erscheinungen der sinnlichen Welt kleidet er auch seelische Verhältnisse und gibt dadurch der Reflexion einen dichterisch greifbaren Körper. Aber das Seelenleben selbst erfaßt er nur durch das Medium der Reflexion. Die Welt der Empfindung steht unerreichbar über der Poesie des Mittelalters: sie wird nur aus der Ferne beschrieben. Innere Zustände und Vorgänge finden sich in der Lyrik wie im Epos analysiert, und das Epos erlangt herrliche Ausdrucksmittel, um sie in Handlung umzusetzen: einige Nibelungenlieder, die »Gudrun«, Wolfram von Eschenbach leisten darin das Höchste; und auch Walther verfügt über die epischen Mittel. Aber uns in das Leben seines Herzens unmittelbar hineinzuziehen, ist er selten imstande. Ergreift er uns einmal mit schlichtem Wort, wie jene alten österreichischen Improvisationen, so geht er bald wieder zu Betrachtungen über, die mehr den Verstand angenehm beschäftigen als die Seele bewegen.

Gleichwohl hat Deutschland vor Goethe keinen Lyriker gehabt, der sich mit Walther vergleichen ließe. Und auch unter den Lyrikern des außerdeutschen Mittelalters weicht er keinem. Die Lyrik des Mittelalters ist für die Folgezeit hauptsächlich durch Petrarca vertreten worden; Petrarca hat die Troubadours beerbt: das Ansehen, das sie einst genossen, ist in den Augen der Renaissance auf den gelehrten Dichter übergegangen. Um wieviel mehr aber hätte Walther von der Vogelweide verdient, auf die Nachwelt zu wirken und in ihr fortzuleben! Wie mannigfaltig ist das, was er zu bieten hat, verglichen mit der Eintönigkeit Petrarcas! Petrarca sammelt den kostbarsten Schmuck aus der Mythologie, aus der antiken und aus der mittelalterlichen Liebespoesie und setzt ihn vorsichtig wie Mosaik zu immer neuen Bildern zusammen. Aber dieser Schmuck ist mit der Mode vergänglich. Walther dagegen tritt fast so einfach auf wie die mittelhochdeutschen Volksepen; keinen Schmuck verwendet er, als was die Natur an allen Orten bietet: bunte Blüten und grünen Zweig: was nie veraltet. Und das Beste, was er darstellt, ist er selbst: ein Mensch, wie man ihn zum Freunde wünscht, so hell in seinem ganzen Wesen, so mild, so ernst und fest in seinem Innern bei leichter, liebenswürdiger Form; fröhlich mit den Fröhlichen, traurig mit den Traurigen, von Kindheit an geneigt zu hoffen und unverzagt in hohem Streben; frisch und heiter selbst in der Not, dankbar im Glücke, nur verdüstert im Alter, dies aber mit Recht: denn des Minnesangs Frühling und Sommer war dahin; Walther spürte den Herbst.

Ana de Mendoza y de la Cerda Fürstin von Éboli

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Ana de Mendoza y de la Cerda – Prinzessin von Éboli – Maler unbekannt – 16. Jhrdt.

 

Ana de Mendoza y de la Cerda (* 29. Juni 1540 in Cifuentes Provinz Guadalajara; † 2. Februar 1592 in Pastrana) war eine spanisch-portugiesische Hofdame und Politikerin. Einige Legenden um Ana als Fürstin von Eboli flossen in Friedrich Schillers Drama Don Karlos und in Giuseppe Verdis Oper Don Carlos ein.

Die Tochter des peruanischen Vizekönigs verlor in ihrer Jugend bei einem Fechtunfall ihr rechtes Auge. 1552 wurde sie mit Ruy Gómez de Silva, Fürst von Eboli (1516–1573), dem Berater des spanischen Königs Philipps II., verlobt und 1559 verheiratet. 1561 kam das erste von zehn Kindern zur Welt, von denen sechs überlebten. Als de Silvas Gattin übte sie politischen Einfluss nur über ihren Gatten aus. Nach seinem Tod 1573 wandte sie sich Philipps Staatssekretär, Antonio Pérez (1539/40–1611), zu. Mit ihm soll sie angeblich ein Liebesverhältnis eingegangen sein. Die beiden engagierten sich jedenfalls in der Friedenspartei gegen die strenge Politik des Herzogs von Alba, mischten in der portugiesischen Erbfolge mit und verkauften Staatsgeheimnisse an den Meistbietenden. Die beiden spielten auch bei den Aufständen in Flandern eine wichtige Rolle und sollen im Auftrag Philipps II. auch einen Mord begangen haben.

1579 wurde Ana de Mendoza im Zusammenhang mit dem Sturz von Staatssekretär Alonso Pérez de Guzmán als Intrigantin und wegen Verrats verhaftet und zu lebenslangem Hausarrest in ihrem eigenen Schloss verurteilt. Sie starb 1592 im Turm ihres Schlosses.

Die „einäugige Fürstin“ wusste, wie man sich in Gesellschaft und Politik einbringt. Von ihren Zeitgenossen wurde sie als intrigant, hochmütig, herrschsüchtig, verschwenderisch, respektlos und hysterisch beschrieben.

Stefan Zweig über Cicero – Aus: Sternstunden der Menschheit – 1940

Cicero. Porträtbüste von Bertel Thorvaldsen nach einem römischen Original, Thorvaldsen Museum, Kopenhagen - Quelle: wikipedia.org
Cicero. Porträtbüste von Bertel Thorvaldsen nach einem römischen Original, Thorvaldsen Museum, Kopenhagen – Quelle: wikipedia.org

Das Weiseste, was ein kluger und nicht sehr tapferer Mann tun kann, wenn er einem Stärkeren begegnet, ist: ihm auszuweichen und ohne Beschämung die Wende abzuwarten, bis die Bahn ihm selbst wieder frei wird. Marcus Tullius Cicero, der erste Humanist des römischen Weltreiches, der Meister der Rede, der Verteidiger des Rechts, hat drei Jahrzehnte lang um den Dienst vor dem ererbten Gesetz und die Erhaltung der Republik sich gemüht; seine Reden sind eingemeißelt in die Annalen der Geschichte, seine literarischen Werke in die Quadern der lateinischen Sprache. Er hat in Catilina die Anarchie, in Verres die Korruption, in den siegreichen Generälen die drohende Diktatur befeindet, und sein Buch „De re publica“ [Vom Gemeinwesen] gilt innerhalb seiner Zeit als der sittliche Kodex der idealen Staatsform.

Aber nun ist ein Stärkerer gekommen. Julius Caesar, den er als der Ältere und Berühmtere anfänglich ohne Mißtrauen gefördert, hat sich über Nacht mit seinen gallischen Legionen zum Herrn Italiens gemacht; als unumschränkter Gebieter der militärischen Macht brauchte er nur die Hand auszustrecken, um die Königskrone zu fassen, die Antonius ihm vor dem versammelten Volke angeboten. Vergebens hat Cicero Caesars Alleinherrschaft bekämpft, sobald dieser zugleich mit dem Rubikon das Gesetz überschritt. Vergebens hat er versucht, die letzten Verteidiger der Freiheit gegen den Vergewaltiger aufzurufen. Aber die Kohorten erwiesen sich wie immer stärker als die Worte. Caesar, Geistmensch und Tatmensch zugleich, hat restlos triumphiert, und wäre er wie die meisten der Diktatoren rachsüchtig, so könnte er nun nach seinem schmetternden Siege leichthin diesen starrsinnigen Verteidiger des Gesetzes beseitigen oder zumindest in die Acht tun. Jedoch mehr als alle seine militärischen Triumphe ehrt Julius Caesar seine Großmut nach dem Siege. Er schenkt Cicero, dem erledigten Widersacher, ohne jeden Versuch der Erniedrigung das Leben und legt ihm einzig nahe, von der politischen Bühne abzutreten, die ihm nun allein gehört und auf der jedem ändern bloß die Rolle eines stummen und gehorsamen Statisten zugeteilt bliebe. Nun kann einem geistigen Menschen nichts Glücklicheres geschehen als die Ausschaltung vom öffentlichen, vom politischen Leben; sie treibt den Denker, den Künstler aus einer seiner unwürdigen Sphäre, die nur mit Brutalität oder Verschlagenheit zu bemeistern ist, in seine innere unberührbare und unzerstörbare zurück.

Julius Cäsar - Statue aus den Tuilerien, Paris. Foto: alexandria
Julius Cäsar – Statue aus den Tuilerien, Paris. Foto: alexandria

Jede Form des Exils wird für einen geistigen Menschen Atitrieb zur inneren Sammlung, und Cicero begegnet dieses gesegnete Mißgeschick in dem besten und glücklichsten Augenblick. Der große Dialektiker nähert sich mählich der Alterswende eines Lebens, das mit ständigen Stürmen und Spannungen ihm wenig Zeit zu schöpferischer Übersicht gelassen. Wieviel und wieviel Gegensätzliches hat der Sechzigjährige im engen Raum seiner Zeit durchlebt! Durch Zähigkeit, Wendigkeit und geistige Überlegenheit sich vorstoßend und durchdrückend hat er, der homo novus [der Emporkömmling], der Reihe nach alle öffentlichen Stellen und Ehren errungen, die sonst einem kleinen Provinzmenschen verwehrt und eifersüchtig einzig der angestammten Adelsclique vorbehalten waren. Er hat das höchste Hoch und das tiefste Tief der öffentlichen Gunst erfahren, nach der Niederschlagung Catilinas im Triumph die Stufen des Kapitels emporgeführt, vom Volk bekränzt, vom Senat mit dem ruhmreichen Titel eines »pater patriae« [eines Vaters des Vaterlandes] geehrt. Und er hat anderseits über Nacht in die Verbannung fliehen müssen, von dem gleichen Senat verurteilt und von demselben Volk im Stiche gelassen. Kein Amt, in dem er nicht gewirkt, kein Rang, den er sich nicht kraft seiner Unermüdlichkeit errungen hatte. Er hat Prozesse geführt auf dem Forum, er hat als Soldat Legionen kommandiert im Felde, er hat als Konsul die Republik, als Prokonsul Provinzen verwaltet, Millionen Sesterzen sind durch seine Hände gegangen und unter seinen Händen zu Schulden zerflossen. Er hat das schönste Haus am Palatin besessen und hat es in Trümmern gesehen, verbrannt und verwüstet von seinen Feinden. Er hat denkwürdige Traktate geschrieben und klassische Reden gehalten. Er hat Kinder gezeugt und Kinder verloren, er ist mutig gewesen und schwach, eigenwillig und dann wieder lo^bdiene-risch, viel bewundert und viel gehaßt, ein wetterwendischer Charakter voll Brüchigkeit und Glanz, in summa die anziehendste und wiederum erregendste Persönlichkeit seiner Zeit, weil mit allen Geschehnissen dieser vierzig überfüllten Jahre von Marius bis Caesar unlösbar verknüpft. Zeitgeschichte, Weltgeschichte, sie hat Cicero wie kein anderer erlebt und durchlebt; nur für eines – für das Wichtigste – ist ihm nie Zeit geblieben: zum Blick in das eigene Leben. Nie hat der Rastlose in seinem Ehrgeiztaumel Zeit gefunden, sich still und gut zu besinnen und die Summe seines Wissens, seines Denkens zu ziehen. Nun endlich ist ihm durch Caesars Staatsstreich, der ihn ausschaltet von der res publica [von den Staatsgeschäften], Gelegenheit gegeben, diese res privata [Privatangelegenheit], die wichtigste der Welt, fruchtbar zu pflegen; resignierend überläßt Cicero Forum, Senat und das Imperium der Diktatur Julius Caesars.

Kolosseum, Rom - Foto: anilton
Kolosseum, Rom – Foto: anilton

Eine Unlust vor allem Öffentlichen beginnt den Zurückgestoßenen zu überwältigen. Er resigniert: mögen andere die Rechte des Volkes verteidigen, dem Gladiatorenkämpfe und Spiele wichtiger sind als seine Freiheit, für ihn gilt es jetzt nur mehr, eigene, die innere Freiheit zu suchen, zu finden und zu gestalten. So blickt Marcus Tullius Cicero zum erstenmal im sechzigsten Jahr still sinnend in sich, um der Welt zu erweisen, -wofür er gewirkt und gelebt. Als der geborene Künstler, der nur versehentlicherweise aus der Welt der Bücher in die brüchige der Politik geraten war, sucht Marcus Tullius Cicero sein Leben klarsichtig gemäß seinem Alter und seinen innersten Neigungen zu gestalten. Er zieht sich von Rom, der lärmenden Metropole, nach Tusculum, dem heutigen Frascati, zurück und stellt damit eine der schönsten Landschaften Italiens rings um sein Haus. In linden, dunkel bewaldeten Wellen fluten die Hügel hinab in die Campagna, mit silbernem Ton musizieren die Quellen in die abseitige Stille. Nach all den Jahren auf dem Markte, dem Forum, im Kriegszelt und Reisewagen ist dem schöpferischen Nachsinner endlich die Seele hier voll aufgetan. Die Stadt, die verführerische, die ermüdende, sie liegt fern wie ein bloßer Rauch am Horizont und liegt doch nah genug, daß oftmals Freunde kommen zu geistig anregendem Gespräch, Atticus, der innig vertraute, oder der junge Brutus, der junge Cassius, und einmal sogar — gefährlicher Gast! – der große Diktator selbst, Julius Caesar. Aber bleiben die römischen Freunde aus, so sind doch immer andere zur Stelle, herrliche, nie enttäuschende Gefährten, gleich willig zum Schweigen und zur Rede: die Bücher. Eine wundervolle Bibliothek, eine wahrhaft unerschöpfliche Wabe der Weisheit, baut sich Marcus Tullius Cicero m sein ländliches Haus ein, die Werke der griechischen Weisen anreihend den römischen Chroniken und den Kompendien der Gesetze; mit solchen Freunden aus allen Zeiten und allen Sprachen kann kein Abend mehr einsam sein. Der Morgen gehört der Arbeit.

Cicero - Rede gegen Catilina Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888
Cicero – Rede gegen Catilina
Gemälde von Cesare Maccari (1840-1919) von 1888

Immer wartet gehorsam der gelehrte Sklave zum Diktat, zu den Mahlzeiten kürzt ihm die Tochter Tullia, die innig geliebte, die Stunden, die Erziehung des Sohnes bringt täglich neue Anregung oder Abwechslung. Und dann, letzte Weisheit: der Sechzigjährige begeht noch die süßeste Torheit des Alters, er nimmt eine junge Frau, jünger als seine Tochter, um als Künstler des Lebens Schönheit statt in Marmor oder Versen auch in ihrer sinnlichsten und bezauberndsten Form zu genießen. So scheint in seinem sechzigsten Jahre Marcus Tullius Cicero endlich heimgekehrt zu sich selbst, Philosoph nur mehr und nicht mehr Demagog, Schriftsteller und nicht mehr Rhetor, Herr seiner Muße und nicht mehr geschäftiger Diener der Volksgunst. Statt vor bestechlichen Richtern auf dem Markte zu perorieren [mit Nachdruck zu sprechen], legt er lieber das Wesen der Rednerkunst in seinem „De oratore“ [Über den Redner] vorbildlich für alle seine Nachahmer fest und sucht gleichzeitig in seinem Traktat „De senectute“ [„Cato maior de senectute“ (Cato der Ältere, über das Alter)] sich selbst zu belehren, daß ein wirklich Weiser als die wahre Würde des Alters und seiner Jahre Resignation zu erlernen hat. Die schönsten, die harmonischesten seiner Briefe stammen aus jener Zeit der inneren Sammlung, und selbst als niederschmetterndes Unglück ihn betrifft, der Tod seiner geliebten Tochter Tullia, hilft ihm seine Kunst zu philosophischer Würde: er schreibt jene „Consolationes“ [Tröstungen], die noch heute durch Jahrhunderte Tausende in gleichem Schicksal getröstet haben. Nur dem Exil dankt die Nachwelt den großen Schriftsteller in dem einstigen geschäftigen Redner. Innerhalb dieser stillen drei Jahre schafft er mehr für sein Werk und seinen Nachruhm als vordem in den dreißig, die er verschwenderisch der res publica [den Staatsgeschäften] hingegeben. Schon scheint sein Leben das eines Philosophen geworden. Die täglichen Nachrichten und Briefe aus Rom beachtet er kaum, Bürger schon mehr jener ewigen Republik des Geistes als der römischen, die Caesars Diktatorschaft entmannt hat. Der Lehrer des irdischen Rechts hat endlich das bittre Geheimnis erlernt, das jeder im öffentlichen Wirken schließlich erfahren muß: daß man auf die Dauer nie die Freiheit von Massen verteidigen kann, sondern immer nur die eigne, die innere. So verbringt Weltbürger, Humanist, Philosoph Marcus Tullius Cicero einen gesegneten Sommer, einen schöpferischen Herbst, einen italienischen Winter, abseits – und wie er meint: für immer abseits – vom zeitlichen, vom politischen Getriebe.

Forum Romanum - Foto: Scapin
Forum Romanum – Foto: Scapin

Die täglichen Nachrichten und Briefe aus Rom beachtet er kaum, gleichgültig für ein Spiel, das ihn nicht mehr als Partner benötigt. Schon scheint er vom eitlen Öffentlichkeitsgelüst des Literaten gänzlich genesen, Bürger nur mehr der unsichtbaren Republik und nicht jener korrumpierten und vergewaltigten mehr, die sich dem Terror widerstandslos unterworfen. Da, an einem Mittag des März stürmt ein Bote ins Haus, staubbedeckt, mit pochenden Lungen. Gerade noch kann er die Nachricht melden: Julius Caesar, der Diktator, ist ermordet worden auf dem Forum von Rom, dann knickt er zu Boden. Cicero erblaßt. Vor Wochen ist mit dem großmütigen Sieger er noch an der gleichen Tafel gesessen, und so gehässig er auch in Gegnerschaft gegen diesen gefährlich Überlegenen gestanden, so mißtrauisch er seine militärischen Triumphe betrachtet, immer doch war er genötigt, innerlich den souveränen Geist, das organisatorische Genie und die Humanität dieses einzig respektablen Feindes heimlich zu ehren. Aber bei aller Abscheu vor dem gemeinen Argument des Mordvolkes, hat dieser Mann Julius Caesar, mit allen seinen Vorzügen und Leistungen nicht selbst die fluchwürdigste Art des Mordes begangen, parricidium patriae, den Mord des Sohnes am Vaterland? War eben nicht gerade sein Genie die gefährlichste Gefahr der römischen Freiheit? Mag der Tod dieses Mannes menschlich bedauerlich sein, so fördert die Untat doch den Sieg der heiligsten Sache, denn, nun da Caesar tot ist, kann die Republik wieder auferstehn: durch diesen Tod triumphiert die erhabenste Idee, die Idee der Freiheit. So überwindet Cicero sein erstes Erschrecken. Er hat die heimtückische Tat nicht gewollt, vielleicht nicht einmal im innersten Traum zu wünschen gewagt. Brutus und Cassius, obwohl Brutus, während er den blutigen Dolch aus Caesars Brust reißt, seinen Namen, Ciceros Namen, aufgerufen und damit den Lehrer der republikanischen Gesinnung als Zeugen seiner Tat gefordert, haben ihn nicht in die Verschwörung eingeweiht. Aber^nun, da die Tat unwiderruflich geschehen ist, muß sie wenigstens zu Gunsten der Republik ausgewertet werden. Cicero erkennt: der Weg zur alten römischen Freiheit geht über diese königliche Leiche, und es ist Pflicht, den ändern diesen Weg zu weisen.

M Tullio Cicer (Cicerone) - Studiolo di Federico da Montefeltro -Fertigstellung: 1472 - 76
M Tullio Cicer (Cicerone) – Studiolo di Federico da Montefeltro -Fertigstellung: 1472 – 76

Ein solcher einmaliger Augenblick darf nicht vergeudet werden. Noch am selben Tag läßt Marcus Tullius Cicero seine Bücher, seine Schriften und das heilige Otium [die Beschaulichkeit] des Künstlers. In pochender Eile des Herzens eilt er nach Rom, um die Republik als das wahre Erbe Caesars gleicherweise vor seinen Mördern wie vor seinen Rächern zu retten. In Rom trifft Cicero auf eine verwirrte, bestürzte und ratlose Stadt. Schon in der Stunde ihres Geschehens hat sich die Tat der Ermordung Julius Caesars größer erwiesen als ihre Täter. Nur zu ermorden, nur zu beseitigen wußte der zusammengewürfelte Klüngel der Verschwörer den ihnen allen überlegenen Mann. Aber nun, da es gilt, die Tat auszunützen, stehen sie hilflos und wissen nicht, was beginnen. Die Senatoren schwanken, ob sie dem Morde beipflichten oder ihn verurteilen sollen, das Volk, längst gewöhnt von einer rücksichtslosen Hand gegängelt zu werden, wagt keine Meinung. Antonius und die ändern Freunde Caesars fürchten sich vor den Verschworenen und zittern um ihr Leben. Die Verschworenen wiederum fürchten sich vor den Freunden Caesars und deren Rache. In dieser allgemeinen Bestürzung erweist sich Cicero als der einzige, der Entschlossenheit zeigt. Sonst zögernd und ängstlich, wie immer der Nerven- und Geistmensch, stellt er sich, ohne zu zögern, hinter die Tat, an der er selbst keinen Anteil gehabt. Aufrecht tritt er auf die Fliesen, die noch feucht sind vom Blute des Ermordeten, und rühmt vor dem versammelten Senat die Beseitigung des Diktators als einen Sieg der republikanischen Idee. »O mein Volk, noch einmal bist du zur Freiheit zurückgekehrt!« ruft er aus. »Ihr, Brutus und Cassius, ihr habt die größte Tat nicht nur Roms, sondern der ganzen Welt vollbracht. « Aber gleichzeitig verlangt er, daß dieser an sich mörderischen Tat nun ihr höherer Sinn gegeben werde. Die Verschworenen sollen energisch die Macht ergreifen, die nach Caesars Tode brachliegt, und sie schleunigst zur Rettung der Republik, zur Wiederherstellung der alten römischen Verfassung nützen. Antonius solle das Konsulat genommen, Brutus und Cassius die Exekutive übertragen werden. Zum erstenmal hat der Mann des Gesetzes für eine kurze Weltstunde das starre Gesetz zu brechen, um die Diktatur der Freiheit für immer zu erzwingen. Aber nun zeigt sich die Schwäche der Verschwörer. Nur eine Verschwörung konnten sie anzetteln, nur einen Mord vollbringen. Sie hatten nur Kraft, fünf Zoll tief ihre Dolche in den Leib eines Wehrlosen zu stoßen; damit war ihre Entschlossenheit zu Ende. Statt die Macht zu ergreifen und für die Wiederherstellung der Republik zu nutzen, mühen sie sich um eine billige Amnestie und verhandeln mit Antonius; sie lassen den Freunden Caesars Zeit, sich zu sammeln, und versäumen damit die kostbarste Zeit. Cicero erkennt hellsichtig die Gefahr. Er merkt, daß Antonius einen Gegenschlag vorbereitet, der nicht nur die Verschwörer, sondern auch den republikanischen Gedanken erledigen soll. Er warnt und eifert und agitiert und spricht, um die Verschworenen, um das Volk zu entschlossenem Handeln zu zwingen. Aber – welthistorischer Fehler! – er selbst handelt nicht.
Alle Möglichkeiten liegen jetzt offen in seiner Hand. Der Senat ist bereit, ihm beizupflichten, das Volk wartet eigentlich nur auf einen, der entschlossen und kühn die Zügel anreißt, die Caesars starken Händen entfallen. Niemand würde widerstreben, alle erleichtert aufatmen, ergriffe er jetzt die Regierung und schaffte Ordnung im Chaos. Marcus Tullius Ciceros welthistorische Stunde, die er seit seinen catilinarischen Reden so glühend ersehnt, nun ist sie endlich gekommen mit diesen Iden des März, und wüßte er sie zu nützen, wir alle hätten anders Geschichte in unseren Schulen gelernt; nicht bloß als der eines ansehnlichen Schriftstellers, sondern als des Retters der Republik, als des wahren Genius der römischen Freiheit wäre der Name Cicero in den Annalen des Livius und Plutarch überliefert. Sein wäre der unsterbliche Ruhm: die Macht eines Diktators besessen und sie freiwillig dem Volke wieder zurückgegeben zu haben. Doch unablässig wiederholt sich in der Geschichte die Tragödie, daß gerade der geistige Mensch, weil innerlich von der Verantwortung beschwert, in entscheidender Stunde selten zum Tatmenschen wird. Immer wieder erneut sich derselbe Zwiespalt im geistigen, im schöpferischen Menschen: weil er besser die Torheiten der Zeit sieht, drängt es ihn, einzugreifen, und für eine Stunde des Enthusiasmus wirft er sich leidenschaftlich in den politischen Kampf. Aber gleichzeitig zögert er auch, Gewalt mit Gewalt zu erwidern. Seine innere Verantwortung schrickt zurück, Terror zu üben und Blut zu vergießen, und dieses Zögern und Rücksichtnehmen gerade in jenem einzigen Augenblick, der Rücksichtslosigkeit nicht nur verstattet, sondern sogar fordert, lahmt seine Kraft. Nach dem ersten Impuls der Begeisterung blickt Cicero mit gefahrlicher Klarsichtigkeit auf die Situation. Er blickt auf die Verschwörer, die er gestern noch als Helden gerühmt, und sieht, daß es nur schwachmütige Menschen sind, flüchtend vor dem Schatten der eigenen Tat.
Er blickt auf das Volk und sieht, daß es längst nicht mehr das alte römische populus romanus ist, jenes heldische Volk, von dem er geträumt, sondern ein entarteter Plebs, einzig nur auf Vorteil und Vergnügen bedacht, auf Futter und Spiel, panem et circenses, einen Tag Brutus und Cassius, den Mördern zujubelnd und am nächsten Antonius, der zur Rache gegen sie ruft, und am dritten wieder Donabella, der die Bildnisse Caesars niederschlagen läßt. Niemand, erkennt er, in dieser entarteten Stadt dient noch ehrlich der Idee der Freiheit. Alle wollen sie nur Macht oder ihr Behagen: vergebens ist Caesar beseitigt worden, denn nur um sein Erbe, um sein Geld, seine Legionen, um seine Macht buhlen und schachern und streiten sie alle; nur für sich selbst und nicht für die einzig heilige, die römische Sache suchen sie Vorteil und Gewinn. Immer müder, immer skeptischer wird Cicero in diesen zwei Wochen nach der voreiligen Begeisterung. Niemand außer ihm selbst bekümmert sich um die Wiederaufrichtung der Republik, das nationale Gefühl ist erloschen, der Sinn für die Freiheit völlig dahin. Schließlich überkommt ihn Ekel vor diesem trüben Tumult. Er kann sich nicht länger einer Täuschung über die Ohnmacht seines Worts hingeben, er muß sich angesichts seines Mißerfolgs eingestehen, daß seine conciliatorische [ausgleichende] Rolle ausgespielt ist, daß er entweder zu schwach oder zu mutlos gewesen, um seine Heimat vor dem drohenden Bürgerkrieg zu retten; so überläßt er sie ihrem Schicksal. Anfang April verläßt er Rom und kehrt – abermals enttäuscht, abermals besiegt – zu seinen Büchern, in seine einsame Villa in Puteoli am Golf von Neapel zurück. Zum zweitenmal ist Marcus Tullius Cicero aus der Welt in seine Einsamkeit geflüchtet. Nun ist er endgültig gewahr, daß er als Gelehrter, als Humanist, als Wahrer des Rechts von Anfang an fehl in einer Sphäre gewesen, wo Macht als Recht gilt und Skrupellosigkeit mehr fördert als Weisheit und Versöhnlichkeit. Erschüttert hat er erkennen müssen, daß jene ideale Republik, wie er sie für seine Heimat erträumt, daß eine Auferstehung der alten römischen Sittlichkeit nicht mehr zu verwirklichen ist in dieser verweichlichten Zeit. Aber da er die rettende Tat in der widerspenstigen Materie der Wirklichkeit selbst nicht vollbringen konnte, will er wenigstens seinen Traum für eine weisere Nachwelt retten; nicht völlig ohne Wirkung sollen die Mühen und Erkenntnisse eines sechzigjährigen Lebens verloren sein. So besinnt sich der Gedemütigte seiner eigentlichen Kraft, und als Vermächtnis für andere Generationen verfaßt er in diesen einsamen Tagen sein letztes und zugleich sein größtes Werk „De officiis“, die Lehre von den Pflichten, die der unabhängige, der moralische Mensch gegen sich selbst und gegen den Staat zu erfüllen hat. Es ist sein politisches, sein moralisches Testament, das Marcus Tullius Cicero im Herbst des Jahres 44 und zugleich im Herbst seines Lebens in Puteoli aufzeichnet.
Daß dieses Traktat über das Verhältnis des Individuums zum Staate ein Testament ist, das endgiltige Wort eines abgedankten und aller öffentlichen Leidenschaften entsagenden Menschen, beweist schon die Ansprache dieser Schrift. „De officiis“ ist an seinen Sohn gerichtet; Cicero gesteht freimütig seinem Kinde, daß er nicht aus Gleichgültigkeit aus dem öffentlichen Leben sich zurückgezogen habe, sondern weil er als freier Geist, als römischer Republikaner es unter seiner Würde und Ehre halte, einer Diktatur zu dienen. »Solange der Staat noch von Männern verwaltet war, die er selbst sich erwählte, habe ich meine Kraft und Gedanken der res publica [dem Staat] gewidmet. Aber seit alles unter die dominatio unius [die Herrschaft eines Einzelnen] geriet, war länger kein Raum mehr für öffentlichen Dienst oder Autorität. « Seit der Senat abgeschafft sei und die Gerichtshöfe geschlossen, was habe er da mit einigem Selbstrespekt noch im Senat oder auf dem Forum zu suchen? Bis jetzt habe ihm die öffentliche, die politische Tätigkeit zu sehr seine eigene Zeit entwendet. »Scribendi otium non erat« [dem Schreibenden war keine Muße gegeben], und er konnte niemals in geschlossener Form seine Weltanschauung niederlegen. Nun aber, da er zur Untätigkeit gezwungen sei, wolle er sie wenigstens nützen, im Sinne des großartigen Worts des Scipio, der von sich gesagt hatte, er sei »nie tätiger gewesen, als wenn er nichts zu tun hatte, und nie weniger einsam, als wenn er allein mit sich selbst war«. Diese Gedanken über das Verhältnis des Einzelnen zum Staate, die Marcus Tullius Cicero nun seinem Sohne entwickelt, sind vielfach nicht neu und original. Sie verbinden Angelesenes mit sonst Übernommenem: auch im sechzigsten Jahr wird ein Dialektiker nicht plötzlich zum Dichter und ein Kompilator zum ursprünglichen Schöpfer. Aber Ciceros Ansichten gewinnen diesmal ein neues Pathos durch den mitschwingenden Ton der Trauer und Erbitterung. Inmitten von blutigen Bürgerkriegen und einer Zeit, wo Prätorianerhorden und Parteibanditen um die Macht kämpfen, träumt ein wahrhaft humaner Geist wieder einmal – wie immer die Einzelnen in solchen Zeiten – den ewigen Traum einer Weltbefriedung durch sittliche Erkenntnis und Konzilianz. Gerechtigkeit und Gesetz, sie allein sollen die ehernen Grundpfeiler des Staates sein. Die innerlich Redlichen, nicht die Demagogen müßten die Gewalt und damit das Recht im Staate erhalten. Niemand dürfe versuchen, seinen persönlichen Willen und damit seine Willkür dem Volke aufzuprägen, und es sei Pflicht, jedem dieser Ehrgeizigen, die dem Volk die Führung entreißen, »hoc omnc genus pestiferum acque impium« den Gehorsam zu verweigern. Erbittert weist er als unbeugsam Unabhängiger jede Gemeinschaft mit einem Diktator und jeden Dienst unter ihm zurück. »Mulla est enim societas nobis cum tyrannis et potius summa distractio est. « Gewaltherrschaft vergewaltigt jedes Recht, argumentiert er. Wahre Harmonie kann in einem Gemeinwesen nur entstehen, wenn der Einzelne, statt zu versuchen aus seiner öffentlichen Stellung persönlichen Vorteil zu ziehen, seine privaten Interessen hinter jenen der Gemeinschaft zurückstellt. Nur wenn der Reichtum sich nicht in Luxus und Verschwendung vergeudet, sondern verwaltet wird und verwandelt in geistige, in künstlerische Kultur, wenn die Aristokratie auf ihren Hochmut verzichtet und der Plebs, statt sich bestechen zu lassen von Demagogen und den Staat an eine Partei zu verkaufen, seine natürlichen Rechte fordert, kann das Gemeinwesen gesunden. Wie alle Humanisten ein Lobredner der Mitte, fordert Cicero den Ausgleich der Gegensätze. Rom braucht keine Sullas und keine Caesars und anderseits keine Gracchen; die Dikatatur ist gefährlich, und ebenso die Revolution. Vieles von dem, was Cicero sagt, war vordem schon im Staatstraum Platos zu finden und wird wieder bei Jean-Jacques Rousseau und allen idealistischen Utopisten zu lesen sein.
Aber was dies sein Testament so erstaunlich über seine Zeit hebt, ist jenes neue Gefühl, das hier ein halbes Jahrhundert vor dem Christentum zum erstenmal zu Worte kommt: das Gefühl der Humanität. In einer Epoche der brutalsten Grausamkeit, wo selbst ein Caesar bei der Eroberung einer Stadt noch zweitausend Gefangenen die Hände abhacken läßt, wo Martern und Gladiatorenkämpfe, Kreuzigungen und Niederschlachten tägliche und selbstverständliche Geschehnisse sind, erhebt als erster und einziger Cicero Protest gegen jeden Mißbrauch der Gewalt. Er verurteilt den Krieg als die Methode der beluarum, der Bestien, er verurteilt den Militarismus und Imperialismus seines eigenen Volkes, die Ausbeutung der Provinzen, und fordert, daß einzig durch Kultur und Sitte und niemals durch das Schwert Länder dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Er eifert gegen das Plündern von Städten und verlangt – eine im damaligen Rom absurde Forderung – Milde selbst gegenüber den Rechtlosesten der Rechtlosen, gegenüber den Sklaven (adversus infirmus justitia esse servandum). Mit prophetischem Blick sieht er Roms Niedergang durch die allzu rasche Folge seiner Siege und seiner ungesunden, weil nur militärischen Welteroberungen voraus. Seit mit Sulla die Nation Kriege begonnen habe, nur um Beute zu gewinnen, sei die Gerechtigkeit im Reiche selbst verlorengegangen. Und immer wenn ein Volk ändern Völkern ihre Freiheit gewaltsam nehme, verliere es dabei in geheimnisvoller Rache seine eigene, wunderbare Kraft der Einsamkeit. Während die Legionen unter den ehrgeizigen Führern nach Parthien und Persien, nach Germanien und Britannien, nach Spanien und Mazedonien marschieren, um dem vergänglichen Wahn eines Imperiums zu dienen, erhebt hier eine einsame Stimme Protest gegen diesen gefährlichen Triumph: denn er hat gesehen, wie aus der blutigen Saat der Eroberungskriege die noch blutigere Ernte der Bürgerkriege erwächst, und feierlich beschwört dieser eine machtlose Sachwalter der Menschlichkeit seinen Sohn, die adiumenta hominum, das Zusammenwirken der Menschen, als das höchste und wichtigste Ideal zu ehren. Endlich ist, der allzulange Rhetor gewesen, Advokat und Politiker, der für Geld und Ruhm jede gute und schlechte Sache mit gleicher Bravour verteidigt, der selbst sich um jedes Amt gedrängt, der um Reichtum, um öffentliche Ehre und Volksbeifall gebuhlt, im Herbst seines Lebens zu dieser klaren Erkenntnis gelangt. Knapp vor seinem Ende wird Marcus Tullius Cicero, bisher nur Humanist, der erste Anwalt der Humanität.

column-883847_1280_WikimedialmagesWährend Cicero dieserart in seinem Abseits ruhig und gelassen Sinn und Form einer moralischen Staats Verfassung durchdenkt, wächst die Unruhe im römischen Reiche. Noch immer hat sich der Senat, hat sich das Volk nicht entschieden, ob es die Mörder Caesars lobpreisen oder verbannen solle. Antonius rüstet zum Kriege gegen Brutus und Cassius, und unvermutet schon ist ein neuer Prätendent zur Stelle, Octavian, den Caesar zu seinem Erben ernannt und der dies Erbe nun wirklich antreten möchte. Kaum daß er in Italien gelandet ist, schreibt er an Cicero, um seinen Beistand zu gewinnen, aber gleichzeitig bittet ihn Antonius, er solle nach Rom kommen, und ebenso rufen ihn von ihren Kriegsplätzen Brutus und Cassius. Alle buhlen sie um den großen Verteidiger, daß er ihre Sache verteidige, alle werben sie um den berühmten Rechtslehrer, daß er ihr Unrecht zum Recht machen solle; aus einem richtigen Instinkt suchen sie, wie immer Politiker, die an die Macht wollen, solange sie diese Macht noch nicht haben, den geistigen Menschen (den sie dann verächtlich zur Seite stoßen werden) als Stütze. Und wäre Cicero noch der eitle, ambitiöse Politiker von vordem, er ließe sich verleiten. Aber Cicero ist halb müde, halb weise geworden, zwei Gefühle, die oftmals einander gefährlich gleichen. Er weiß, daß ihm nur eines jetzt wahrhaft not tut: sein Werk zu vollenden, Ordnung zu machen in seinem Leben, Ordnung in seinen Gedanken. Wie Odysseus vor dem Gesang der Sirenen verschließt er sein inneres Ohr vor den lockenden Rufen der Machthaber, er folgt nicht dem Ruf des Antonius, nicht jenem des Octavian, nicht jenem des Brutus und des Cassius und selbst nicht dem des Senats und seiner Freunde, sondern schreibt in dem Gefühl, stärker zu sein im Wort als in der Tat und klüger allein als inmitten eines Klüngels, weiter und weiter an seinem Buche, ahnend, daß es sein Abschiedswort an diese Welt sein wird. Erst wie er dies sein Testament vollendet hat, blickt er auf. Es ist ein schlimmes Erwachen. Das Land, seine Heimat steht vor dem Bürgerkrieg. Antonius, der die Kassen Caesars und des Tempels geplündert hat, ist es gelungen, mit gestohlenem Gelde Söldner zu sammeln. Aber gegen ihn stehen drei Armeen, und jede in Waffen, die des Octavian, des Lepidus und jene des Brutus und Cassius. Es ist zu spät geworden für Versöhnung und Vermittlung: jetzt muß entschieden werden, ob ein neues Caesarentum unter Antonius über Rom herrschen soll oder die Republik weiter bestehen. Jeder muß sich in solcher Stunde entscheiden. Und auch dieser Vorsichtigste und Behutsamste, der, immer den Ausgleich suchend, über den Parteien gestanden oder zwischen ihnen zaghaft gependelt hatte, auch Marcus Tullius Cicero muß sich endgiltig entscheiden. Und nun geschieht das Sonderbare.
Seit Cicero „De officiis“, sein Testament, seinem Sohne übermittelt hat, ist – aus Verachtung des Lebens – gleichsam ein neuer Mut über ihn gekommen. Er weiß, daß seine politische, seine literarische Karriere abgeschlossen ist. Was er zu sagen hatte, hat er gesagt, was ihm zu erleben bleibt, ist nicht mehr viel. Er ist alt, er hat sein Werk getan, was da noch diesen kläglichen Rest verteidigen? Wie ein müdgehetztes Tier, wenn es die kläffenden Rüden schon knapp hinter sich weiß, plötzlich sich umwendet und, um das Ende zu beschleunigen, sich den Hetzhunden entgegenstößt, so wirft sich Cicero mit wahrhaftem Todesmut noch einmal mitten in den Kampfund an seine gefährliche Stelle. Der Monate und Jahre nur mehr den stummen Griffel geführt, nimmt wieder den Donnerkeil der Rede und schleudert ihn gegen die Feinde der Republik.
Erschütterndes Schauspiel: Im Dezember steht der grauhaarige Mann wieder auf dem Forum Roms, um noch einmal das römische Volk aufzurufen, sich der Ehre ihrer Ahnen, ille mos virtusque maiorum, würdig zu zeigen. Vierzehn »Philippikas« donnert er gegen den Usurpator Antonius, der Senat und Volk den Gehorsam versagt hat, vollkommen der Gefahr bewußt, die es bedeutet, waffenlos gegen einen Diktator aufzutreten, der seine marschbereiten und mordbereiten Legionen bereits um sich versammelt hat. Aber wer andere zum Mute aufrufen will, hat nur dann überzeugende Kraft, wenn er selbst diesen Mut vorbildlich erweist; Cicero weiß, daß er nicht wie einst auf diesem selben Forum müßig mit Worten ficht, sondern diesmal sein Leben für seine Überzeugung einzusetzen hat. Entschlossen bekennt er von der Rostra [der Rednertribüne]: »Schon als junger Mann habe ich die Republik verteidigt. Ich werde sie nicht im Stich lassen, nun da ich alt geworden bin. Gern bin ich bereit, mein Leben hinzugeben, wenn die Freiheit dieser Stadt durch meinen Tod wiederhergestellt werden kann. Mein einziger Wunsch ist, daß ich sterbend das römische Volk frei zurücklassen möge. Keine größere Gunst als diese könnten die unsterblichen Götter mir gewähren. « Jetzt sei keine Zeit mehr, verlangt er nachdrücklich, mit Antonius zu verhandeln. Man müsse Octavian stützen, der, obwohl Blutsverwandter und Erbe Caesars, die Sache der Republik vertrete. Es gehe nicht mehr um Menschen, es gehe um eine Sache, um die heiligste Sache – res in extremum est adducta discrimen: de libertate decernitur -, die Sache sei zur letzten und äußersten Entscheidung gekommen: es gehe um die Freiheit. Wo aber dieser heiligste Besitz bedroht sei, sei jedes Zögern verderbnisvoll. So verlangt der Pazifist Cicero Armeen der Republik gegen die Armeen der Diktatur, und er, der wie sein später Schüler Erasmus den »tumultus«, den Bürgerkrieg über alles haßt, beantragt den Ausnahmezustand für das Land und die Acht gegen den Usurpator. In diesen vierzehn Reden findet, seit er nicht mehr Advokat zweifelhafter Prozesse ist, sondern Anwalt einer erhabenen Sache, Cicero -wirklich großartige und lodernde Worte. »Mögen andere Völker in Sklaverei leben«, ruft er seine Mitbürger an. »Wir Römer wollen es nicht.
Können wir nicht die Freiheit erobern, so laßt uns sterben. « Sei der Staat wirklich zu seiner letzten Erniedrigung gekommen, dann gezieme es einem Volk, das die ganze Welt beherrsche – nos principes orbium terrarum gentiusque omnium -, so zu handeln, wie es selbst die versklavten Gladiatoren in der Arena täten: lieber mit dem Antlitz gegen den Feind zu sterben, als sich hinschlachten zu lassen. »Ut cum dignitate potius cadamus quam cum ignominia serviamus«, um lieber in Ehren zu sterben, als in Schande zu dienen. Staunend lauscht der Senat, lauscht das versammelte Volk diesen Philippikas. Manche ahnen vielleicht, es werde für Jahrhunderte zum letztenmal sein, daß solche Worte am Markte ausgesprochen werden dürfen. Bald wird man sich dort nur mehr vor den marmornen Statuen der Imperatoren sklavisch verbeugen müssen, bloß Schmeichlern und Angebern wird ein hinterhältiges Flü- stern statt der einstmaligen freien Rede im Reiche der Caesaren erlaubt sein. Ein Schauer überkommt die Hörer: halb Schauer der Angst und halb der Bewunderung für diesen alten Mann, der einsam, mit dem Mute eines Desperados, eines innerlich Verzweifelten, die Unabhängigkeit des geistigen Menschen und das Recht der Republik verteidigt. Zögernd stimmen sie ihm zu. Aber auch der Feuerbrand der Worte kann den vermorschten Stamm des römischen Stolzes nicht mehr entflammen. Und während dieser einsame Idealist am Markte Aufopferung predigt, schließen hinter seinem Rücken die skrupellosen Machthaber der Legionen bereits den schmählichsten Pakt der römischen Geschichte. Derselbe Octavian, den Cicero als den Verteidiger der Republik gerühmt, derselbe Lepidus, für den er eine Statue für seine Verdienste um das römische Volk gefordert, weil sie beide ausgezogen waren, um den Usurpator Antonius zu vernichten, ziehen beide vor, ein privates Geschäft zu machen. Da keiner von den drei Rottenführern, nicht Octavian und nicht Antonius und nicht Lepidus, stark genug ist, um allein sich des römischen Reiches als einer persönlichen Beute zu bemächtigen, kommen die drei Todfeinde überein, lieber das Erbe Caesars privat unter sich zu teilen; an Stelle des großen Caesar hat Rom über Nacht drei kleine Caesaren.
Es ist eine welthistorische Stunde, da die drei Generäle, statt dem Senat zu gehorchen und die Gesetze des römischen Volkes zu achten, sich einigen, ihr Triumvirat zu bilden und ein riesiges Reich, das drei Erdteile umspannt, als billige Kriegsbeute zu teilen. Auf einer kleinen Insel nahe von Bologna, wo der Rheno und der Lavino zusammenfließen, wird ein Zelt errichtet, in dem sich die drei Banditen treffen sollen. Selbstverständlich traut keiner der großen Kriegshelden dem ändern. Zu oft haben sie sich in ihren Proklamationen Lügner, Schurken, Usurpatoren, Staatsfeinde, Räuber und Diebe genannt, um nicht einer über den Zynismus des ändern genau Bescheid zu wissen. Aber Machthungrigen ist nur ihre Macht wichtig und nicht Gesinnung, nur die Beute und nicht Ehre. Mit allen Vorsichtsmaßregeln nähern die drei Partner sich einer nach dem ändern dem verabredeten Platz; erst nachdem sich die zukünftigen Herrscher der Welt gegenseitig überzeugt haben, daß keiner von ihnen Waffen mit sich führt, um den allzu neuen Verbündeten zu ermorden, lächeln sie sich freundlich zu und betreten gemeinsam das Zelt, in dem das zukünftige Triumvirat beschlossen und errichtet werden soll. Drei Tage verbleiben Antonius, Octavian und Lepidus ohne Zeugen in diesem Zelt. Sie haben dreierlei zu tun. Über den ersten Punkt – wie sie die Welt teilen sollen -einigen sie sich rasch. Octavian soll Afrika und Numidien, Antonius Gallien und Lepidus Spanien erhalten. Auch die zweite Frage macht ihnen -wenig Sorge: wie das Geld aufzubringen für den Sold, den sie ihren Legionen und Parteilumpen seit Monaten schuldig sind. Dieses Problem löst sich flink nach einem seitdem oftmals nachgeahmten System. Man wird einfach den reichsten Männern im Lande das Vermögen rauben und, damit sie nicht allzulaut darüber klagen können, sie gleichzeitig beseitigen. Gemächlich setzen an ihrem Tisch die drei Männer eine Proskriptionsliste [eine öffentliche Bekanntmachung der Namen der Geächteten] auf mit den zweitausend Namen der reichsten Leute Italiens, darunter hundert Senatoren. Jeder nennt diejenigen, die er kennt, und dazu noch seine persönlichen Feinde und Gegner. Mit ein paar hastigen Griffelstrichcn hat das neue Triumvirat nach der territorialen auch die ökonomische Frage vollkommen erledigt. Nun kommt der dritte Punkt zur Sprache. Wer eine Diktatur begründen will, muß, um der Herrschaft sicher zu bleiben, vor allem die ewigen Gegner jeder Tyrannei zum Schweigen bringen – die unabhängigen Menschen, die Verteidiger jener unausrottbaren Utopie: der geistigen Freiheit. Als ersten Namen für diese letzte Liste fordert Antonius den Marcus Tullius Ciceros. Dieser Mann hat ihn in seinem wahren Wesen erkannt und bei seinem wahren Namen genannt.
Er ist gefährlicher als alle, weil er geistige Kraft hat und den Willen zur Unabhängigkeit. Er muß aus dem Wege. Octavian erschrickt und weigert sich. Als junger Mensch noch nicht ganz verhärtet und vergiftet von der Perfidie der Politik, scheut er sich, seine Herrschaft mit der Beseitigung des berühmtesten Schriftstellers Italiens zu beginnen. Cicero ist sein getreuester Sachwalter gewesen, er hat ihn gerühmt vor dem Volke und Senat; vor wenigen Monaten noch hat Octavian seine Hilfe, seinen Rat demütig angesprochen und den alten Mann ehrfürchtig seinen »wahren Vater« genannt. Octavian schämt sich und beharrt in seinem Widerstand. Aus einem richtigen Instinkt, der ihm Ehre macht, will er diesen erlauchtesten Meister der lateinischen Sprache nicht dem schmählichen Dolch bezahlter Mörder hingeben. Aber Antonius beharrt, er weiß, daß zwischen Geist und Gewalt eine ewige Feindschaft ist und niemand der Diktatur gefährlicher werden kann als der Meister des Worts. Drei Tage währt der Kampf um Ciceros Haupt. Schließlich gibt Octavian nach, und so beschließt Ciceros Name das vielleicht schmählichste Dokument der römischen Geschichte. Mit dieser einen Proskription ist das Todesurteil der Republik erst richtig besiegelt. In der Stunde, da Cicero von der Einigung der früheren drei Erzfeinde erfährt, weiß er, daß er verloren ist. Er weiß genau, daß er in dem Freibeuter Antonius, den Shakespeare zu Unrecht ins Geistige emporgeadelt hat, zu schmerzhaft die niederen Instinkte der Habgier, der Eitelkeit, der Grausamkeit, der Skrupellosikeit mit der Weißglut des Wortes gebrandmarkt hat, als daß er von diesem brutalen Gewaltmenschen Caesars Großmut erhoffen könnte. Das einzig Logische, falls er sein Leben retten wollte, wäre rasche Flucht. Cicero müßte hinüber nach Griechenland zu Brutus, zu Cassius, zu Cato in das letzte Heerlager der republikanischen Freiheit; dort wäre er zumindest vor den bereits ausgesandten Meuchelmördern gesichert. Und tatsächlich, zweimal, dreimal scheint der Geächtete schon zur Flucht entschlossen. Er bereitet alles vor, er verständigt seine Freunde, er schifft sich ein, er macht sich auf den Weg. Aber immer wieder hält Cicero im letzten Augenblick inne; -wer einmal die Trostlosigkeit des Exils gekannt, spürt selbst in der Gefahr die Wollust der heimischen Erde und die Unwürdigkeit eines Lebens in ewiger Flucht. Ein geheimnisvoller Wille jenseits der Vernunft und sogar wider die Vernunft zwingt ihn, sich dem Schicksal zu stellen, das ihn erwartet. Nur noch ein paar Tage Rast begehrt der müde Gewordene von seinem schon erledigten Dasein. Nur noch ein wenig still nachsinnen, noch ein paar Briefe schreiben, ein paar Bücher lesen – möge dann kommen, was ihm bestimmt ist. In diesen letzten Monaten verbirgt sich Cicero bald in dem einen, bald in dem anderen seiner Landgüter, immer wieder aufbrechend, sobald eine Gefahr droht, aber niemals ihr vollkommen entflüchtend. Wie ein Fieberkranker die Kissen, so wechselt er diese halben Verstecke, nicht ganz entschlossen, seinem Schicksal entgegenzutreten, und nicht auch entschlossen, ihm auszuweichen, als wollte er mit dieser Todesbereitschaft unbewußt die Maxime erfüllen, die er in seinem »De senectute“ niedergelegt, daß ein alter Mann den Tod weder suchen dürfe noch ihn verzögern; wann immer er komme, müsse man ihn gelassen empfangen. Neque turpis mors forti viro potest accedere: für den Seelenstarken gibt es keinen schmählichen Tod. In diesem Sinne befiehlt Cicero, der schon nach Sizilien unterwegs gewesen, plötzlich seinen Leuten, noch einmal den Kiel zum feindlichen Italien zurückzuwenden und in Cajeta, dem heutigen Gaeta, zu landen, wo er ein kleines Gütchen besitzt. Eine Müdigkeit, die nicht bloß eine der Glieder, der Nerven ist, sondern eine Müdigkeit des Lebens und geheimnisvolles Heimweh nach dem Ende, nach der Erde hat ihn übermannt.
Nur rasten noch einmal. Noch einmal die süße Luft der Heimat atmen und Abschied nehmen, Abschied von der Welt, aber ruhen und rasten, sei es ein Tag oder eine Stunde nur! Ehrfürchtig begrüßt er, kaum gelandet, die heiligen Laren [Schutzgeister] des Hauses. Er ist müde, der vierundsechzigjährige Mann, und die Seefahrt hat ihn erschöpft, so streckt er sich hin auf das cubiculum [in dem Schlafraum bzw. in der Grabkammer], die Augen geschlossen, um in lindem Schlafe die Vorlust des ewigen Ausruhens zu genießen. Aber kaum hat Cicero sich hingestreckt, so stürzt schon ein getreuer Sklave herein. Es seien verdächtige bewaffnete Männer in der Nähe; ein Angestellter seines Haushalts, dem er viele Freundlichkeiten zeitlebens erwiesen, habe um der Belohnung willen seinen Aufenthalt den Mördern verraten. Cicero möge flüchten, rasch flüchten, eine Sänfte sei bereit, und sie selbst, die Sklaven des Hauses, wollten sich bewaffnen und ihn verteidigen während des kurzen Weges hin zum Schiff, wo er dann gesichert sei. Der alte erschöpfte Mann wehrt ab. »Was soll es«, sagt er, »ich bin müde zu fliehen und müde zu leben. Laß mich hier in diesem Lande sterben, das ich gerettet habe. « Schließlich überredet ihn doch der alte getreue Diener; bewaffnete Sklaven tragen die Sänfte auf Umwegen durch das kleine Wäldchen zu der rettenden Barke. Aber der Verräter in seinem Hause will sich um sein Schandgeld nicht betrügen lassen, hastig ruft er einen Centurio [Hauptmann] und ein paar Bewaffnete zusammen. Sie jagen dem Zuge nach durch den Wald und erreichen noch rechtzeitig ihre Beute. Sofort scharen sich die bewaffneten Diener um die Sänfte und machen sich zum Widerstand bereit. Jedoch Cicero befiehlt ihnen abzulassen. Sein eigenes Leben ist abgelebt, wozu noch fremde und jüngere opfern? In dieser letzten Stunde fällt von diesem ewig schwankenden, unsicheren und nur selten mutigen Mann alle Angst. Er fühlt, daß er als Römer sich nur in der letzten Probe noch bewähren kann, wenn er – sapientissimus quisque aequissimo animo moritur – aufrecht dem Tode entgegengeht. Aufsein Geheiß weichen die Diener zurück, unbewaffnet und ohne Widerstand bietet er sein greises Haupt den Mördern mit dem großartig überlegenen Wort dar: »Non ignoravi me mortalem genuisse«, ich habe immer gewußt, daß ich sterblich bin. Die Mörder aber wollen nicht Philosophie, sondern ihren Sold. Sie zögern nicht lange. Mit einem mächtigen Hieb schlägt der Centurio den Wehrlosen nieder. So stirbt Marcus Tullius Cicero, der letzte Anwalt der römischen Freiheit, heroischer, mannhafter und entschlossener in dieser seiner letzten Stunde als in den Tausenden und Tausenden seines abgelebten Lebens. Auf die Tragödie folgt das blutige Satyrspiel. Aus der Dringlichkeit, mit der von Antonius gerade dieser eine Mord anbefohlen war, mutmaßen die Mörder, daß dieser Kopf einen besonderen Wert haben müsse – nicht natürlich seinen Wert im geistigen Gefüge der Welt und der Nachwelt ahnen sie – sondern wohl aber den besonderen Wert für den Auftraggeber der blutigen Tat. Um sich die Prämie nicht streitig machen zu lassen, beschließen sie, als sprechenden Beweis des vollzogenen Befehls den Kopf Antonius persönlich zu überbringen. So hackt der Banditenführer der Leiche Haupt und Hände ab, stopft sie in einen Sack und eilt, diesen Sack, aus dem noch das Blut des Gemordeten tropft, auf den Rücken geschultert, eiligst nach Rom, um den Diktator mit der Nachricht zu erfreuen, daß der beste Verteidiger der römischen Republik auf übliche Weise erledigt worden sei.
Und der kleine Bandit, der Banditenführer, hat richtig gerechnet. Der große Bandit, der diesen Mord anbefohlen, münzt seine Freude über die begangene Untat in fürstliche Belohnung um. Nun, da er die zweitausend reichsten Leute Italiens ausplündern und morden ließ, kann Antonius endlich freigiebig sein. Eine blanke Million Sesterzen zahlt er dem Centurio für den blutigen Sack mit Ciceros abgeschlagenen Händen und geschändetem Haupt. Aber noch immer ist damit seine Rache nicht gekühlt, so ersinnt der stupide Haß dieses Blutmenschen für diesen Toten noch eine besondere Schmach, ahnungslos, daß sie ihn selbst erniedrigen wird für alle Zeiten. Antonius befiehlt, daß das Haupt und die Hände Ciceros an die Rostra, an dieselbe Rednerbühne genagelt -werden sollen, von der herab er das Volk gegen ihn zur Verteidigung der römischen Freiheit aufgerufen. Ein schmähliches Schauspiel erwartet am nächsten Tag das römische Volk. An der Rednerkanzel, der gleichen, von der Cicero seine unsterblichen Reden gehalten, hängt . fahl das abgeschlagene Haupt des letzten Anwalts der Freiheit. Ein wuchtiger rostiger Nagel geht quer durch die Stirn, die tausend Gedanken gedacht; fahl und bitter verklammen sich die Lippen, die schöner als alle das metallische Wort der lateinischen Sprache geformt, verschlossen decken die bläulichen Lider das Auge, das durch sechzig Jahre über die Republik gewacht, machtlos spreizen sich die Hände, die die prachtvollsten Briefe der Zeit geschrieben. Aber dennoch, keine Anklage, die der großartige Redner gegen Brutalität, gegen Machtkoller, gegen Gesetzlosigkeit von dieser Tribüne gesprochen, spricht so beredt gegen das ewige Unrecht der Gewalt als nun sein stummes, gemordetes Haupt: scheu drängt das Volk um die geschändete Rostra, bedrückt, beschämt weicht es wieder zur Seite. Keiner wagt – es ist Diktatur! – eine Widerrede, aber ein Krampf preßt ihre Herzen, und betroffen schlagen sie die Augen nieder vor diesem tragischen Sinnbild ihrer gekreuzigten Republik.

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja – Mathematikerin – Ein Porträt von Ellen Key

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (* 3. Januarjul./ 15. Januar 1850greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1891greg. in Stockholm) war eine russische Mathematikerin, die 1884 an der Universität Stockholm die weltweit erste Professorin für Mathematik wurde, die selbst Vorlesungen hielt.
Kowalewskaja leistete nicht nur in der Mathematik Bedeutendes, sondern hatte auch mit ihren 1889 erstmals erschienenen Kindheitserinnerungen großen Erfolg. Politisch war sie ebenfalls aktiv und setzte sich für das Recht aller Frauen auf Ausbildung ein.

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Erstes Kapitel

Sofja Kowalewskaja um 1880 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1880 – Fotograf unbekannt

Wie man auch persönlich den Tod betrachten mag – mit lebensmüder Sehnsucht, mit stillen Friedensgedanken oder mit erkämpfter Resignation – eine Art von Tod erfüllt uns doch alle durch seine, scheinbar ganz zwecklose Zerstörung, mit schmerzlicher Bestürzung. Das ist der Tod, der gleich dem Orkan im Hochsommer seinen Weg durch zertrümmerte Stämme, herabgeschüttelte Früchte, verheerte Ernten bezeichnet.

Von dieser schmerzlichen Bestürzung erfüllt, stand der engste Freundeskreis wie die europäische Kulturwelt an Sonja Kovalevskas Grab. Diese Todesbotschaft rief auch bei jenen Ausdrücke der tiefsten Teilnahme hervor, zu denen nur ihr Ruhm, nicht der Eindruck ihrer Persönlichkeit gedrungen war. Sie gehörte den Auserwählten der Wissenschaft an: sie hatte auf literarischem Gebiet reiche Zukunftsverheißungen gegeben; sie besaß mittelbar große Bedeutung für die Frauenfrage; sie nahm mit ganzer Seele an den Freiheitsbestrebungen ihres Vaterlandes teil – und aus all diesen verschiedenen Gebieten hörte man zahlreiche Versicherungen, wie tief man den Verlust empfand.

Die Sonja Kovalevska in Stockholm nahe standen, wußten, daß sie ein Wildvogel war, der da keinen festen Fuß faßte, ein Gast, der die Fremdheit oft schwer empfand und gerne die Schwingen zum Flug in andere Gefilde ausbreitete. Wir waren daher darauf gefaßt, sie früher oder später entbehren zu müssen, aber um so weniger darauf vorbereitet, sie ganz zu verlieren.

So schlicht und anspruchslos nahm sie ihren Platz ein, daß man es nicht merkte, wie groß der Raum war, den sie für ihre Freunde und Schüler ausfüllte – bis er leer ward; daß man erst durch die Dämmerung, die das Erlöschen dieser starken Lebensflamme hinterließ, erkannte, wie klar sie ein paar Jahre lang den grauen schwedischen Wintertag erhellt hatte.

Sonja (Sophie) Vasilievna wurde am 27. (15.) Dezember 1851 auf dem Familiengut ihres Vaters, des Generals Corvin-Krukovskis, Palibino, geboren. Viele Nationalitäten waren in der Familie verschmolzen, und Sonja pflegte ihre geistige Zusammensetzung so zu erklären: »Die Wißbegierde von meinem ungarischen Stammvater, König Mathias Corvinus; die Mathematik, den Sinn für Musik und Lyrik von meinem deutschen Urgroßvater, dem Astronomen Schubert; meine individualistische Freiheitsliebe von Polen; von einer Stammmutter aus dem Zigeunervolk die Wanderlust und die Schwierigkeit, mich konventionellen Formen anzupassen – das übrige von Rußland!«

Dieses »übrige«, das spezifisch Russische, zeigte sich in einer Menge von Eigentümlichkeiten und Gemütsschattierungen, vor allem in dem Zug, durch den die Literatur des russischen Volkes einige Jahrzehnte hindurch Europas Staunen erregt hat, nämlich den geistigen Reichtum. Die russische Intelligenz scheint noch dieselbe gewaltige Kraft der Hervorbringung zu haben wie die russische Erde, eine unerschöpfliche Fähigkeit der Aneignung, des Schaffens und Gebens, eine Kraftfülle, wie sie Westeuropa nicht mehr besitzt. Aber dieser intensiven Lebensenergie und diesem Produktionsvermögen stehen in seltsamem Gegensatz ein morgenländisch-resignierter Fatalismus, eine bodenlose Tiefe der Schwermut gegenüber – das russische Volk hat »l’esprit gai et le coeur triste« wie keine andere Nation der Welt.

Sofja Kowalewskaja um 1868 - Fotograf unbekannt
Sofja Kowalewskaja um 1868 – Fotograf unbekannt

Bei Sonja Kovalevska waren diese Grundzüge der Nationalität durch die Schaffenskraft des Genies und die Leidensfähigkeit des Weibes verstärkt. Sie hat uns selbst in den »Schwestern Rajewski« das fesselndste Bild der Entwicklung ihrer eigenen Natur gegeben; des unablässigen Hungers ihres Herzens nach Zärtlichkeit, ihrer Seele nach Nahrung. Wir sehen, wie bei den Familiendiskussionen über die neuen Ideen der Zeit die strahlenden graugrünen Augen der kleinen »Tanja« sich weit öffnen; wir sehen sie im geheimen die in- und ausländischen Zeitschriften verschlingen; wir folgen ihr in die grüne Herrlichkeit der Wälder und die Luftschlösser der Dichterträume. Wir bleiben mit ihr stehen, wenn sie stundenlang wie verhext die an Stelle von Tapeten aufgeklebten Blätter mit Differential- und Integralrechnungen anstarrt – ihr erster Einblick in die Wissenschaft, die dann die ihre wurde. Und wir wissen – auch durch ihre eigenen Schilderungen in »Eine Nihilistin« – daß sie tiefe Eindrücke aus der Zeit der Aufhebung der Leibeigenschaft und des letzten polnischen Aufstandes empfing. Diese und ähnliche Erlebnisse verhindern es, daß in der Seele der jungen Barina auch nur der leiseste Fleck von den Küssen zurückbleibt, die Leibeigene auf den Saum ihres Kleides gedrückt. Im Gegenteil: daß die Persönlichkeit allein den Menschenwert bestimmt, wurde für sie wie für Turgenjew, Krapotkin, für alle besten Söhne und Töchter Rußlands sehr früh zur Lebenswahrheit.

In dieser wie auch in anderer Hinsicht empfing Sonja einen großen Teil ihrer Erziehung durch die um einige Jahre ältere Schwester Anjuta, die von den Gedanken des jungen Rußlands lebhaft beeinflußt war, und durch ihre beginnende schriftstellerische Tätigkeit in ein freundschaftliches Verhältnis zu Dostojewski trat. Die jüngere Schwester nahm mit ganzer Seele an den Plänen und Ideen der älteren teil, aber in der hochvornehmen Familie erregten natürlich die »modernen« Ansichten der jungen Töchter – wie die Schilderung in »Die Schwestern Rajewski« zeigt – Zorn und Schmerz. Charakteristisch für Sonja ist jedoch, daß, als einige russische Freunde sie kurz vor ihrem Tode darauf aufmerksam machten, daß sie in dieser Schilderung dem Andenken ihres Vaters – dieses altkonservativen Generals, der sich doch in vielen Fällen von seinen Kindern erziehen ließ – nicht voll gerecht geworden sei, sie sogleich ein neues Kapitel ihrer »Erinnerungen« begann, um den Vater gegen das Ende seines Lebens als immer milder und verständnisvoller gegenüber den Bestrebungen und der Denkweise seiner begabten Töchter darzustellen.

Ein leider gar nicht begonnenes Kapitel der »Erinnerungen« hatte Sonja »Wie ich Mathematikerin wurde« benennen wollen. Über diese wichtige Epoche ihres Lebens werden wir sohin wohl nie viel mehr erfahren als die oft angeführten Fakten: daß das zwölfjährige Mädchen zusammen mit einem gleichalterigen Knaben Mathematik zu lernen anfing, und sich mit solcher Leidenschaft auf den Gegenstand stürzte, daß der Vater diesem »unweiblichen« Studium ein Ende machte; daß sie es im geheimen fortsetzte, daß sie dabei selbst – so wie Pascal – die Trigonometrie erfand, und daß ein Freund der Familie, der ihre erstaunliche Begabung entdeckte, ihr erwirkte, daß sie zu den Zeiten, wo die Familie in Petersburg wohnte, Unterricht in Mathematik bekam. Doch alle Bitten, das Studium weiterzutreiben, wurden abgeschlagen; junge Mädchen, die ferne vom elterlichen Haus ihren Studien oblagen, wurden in der russischen Aristokratie als dem Nihilismus anheimgefallen betrachtet. Zu dieser Zeit machte die fünfzehnjährige Sonja die Bekanntschaft eines jungen Studenten, Kovalevska, der sich erbot, sie zu entführen, um ihr die Freiheit zu verschaffen. Doch der Hausarzt der Familie, der von den Plänen der jungen Menschen erfahren hatte, sagte ihnen, daß dies für Sonjas herzleidenden Vater den Tod bedeuten könnte. Da beschlossen die jungen Leute, eine jener Formehen einzugehen, die in Rußland in anderen Kreisen gebräuchlich, doch in den höheren Zirkeln unbekannt waren. Die beiden jungen Menschen, die bis auf weiteres die Ehe »als eine Institution betrachteten, deren Aufgabe es war, jungen Mädchen Studienfreiheit zu verschaffen«, reisten sogleich jeder nach einer anderen Richtung ab: er, um sich den Naturwissenschaften, sie, um sich der Mathematik zu widmen. Dieser eigentümliche Vorfall wurde zum Vorwurf eines Romans genommen, in dem der Mann mit dem Samovar beschäftigt dargestellt wird, während die Frau in die Bücher versunken dasitzt!

Im Jahre 1869 wurde die junge Frau Studentin an der Universität Heidelberg, und nachdem sie dort ein paar Jahre ernst gearbeitet hatte, begab sie sich nach Berlin, dessen Universität den Frauen allerdings verschlossen ist, wo jedoch die begabte Russin in so hohem Grade das Interesse Weierstraß‘ erregte, daß er ihr vier Jahre lang Privatunterricht gab. Und er wurde für sie nicht nur ein tiefinteressierter Lehrer, sondern auch ein brüderlicher Freund, der ihr, als sie mehrere Jahre später als Witwe allein in der Welt stand, anbot, den Platz einer Schwester in seinem Heim einzunehmen – ein Anerbieten, das sie nicht annahm, das aber bei ihr ein noch innigeres Dankbarkeitsgefühl hervorrief, als sie schon ohnehin empfand. Und hauptsächlich um diesen Freund zu besuchen, reiste sie vor ihrer letzten Krankheit über Berlin.

Nach vierjährigem Studium bei Weierstraß sandte Sonja Kovalevska auf seinen Rat drei Abhandlungen nach Göttingen; und diese erregten solches Aufsehen, daß die Verfasserin ohne weitere Prüfung von der Universität zum Doktor ernannt wurde.

Als Gradualabhandlung gab sie dann 1874 »Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen« heraus.

Unter ihren übrigen mathematischen Schriften sind noch besonders hervorzuheben der Aufsatz »Über die Reduktion einer bestimmten Klasse Abelscher Integrale dritten Ranges auf elliptische Integrale« (1884), und »Über die Fortpflanzung des Lichts in einem kristallinischen Medium«, wo sie die vollständige Lösung einer Aufgabe gibt, mit der sich mehrere große Mathematiker beschäftigt haben. Im Anschluß an die Laplacesche Hypothese hat sie auch versucht, die Form der Ringe des Saturns zu bestimmen.

Aber die Erwartungen, die Weierstraß für seine Schülerin hatte, waren noch nicht befriedigt, und dies spornte sie zu unglaublichen Anstrengungen an. Erst als sie die ebenerwähnte Abhandlung über die Fortpflanzung des Lichtes vollendet hatte, erlangte sie endlich die von Weierstraß ersehnte Anerkennung: daß er sich in ihren Fähigkeiten nicht getäuscht habe.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich in Sonja Kovalevskas Privatleben große Veränderungen vollzogen. Das Liebesglück ihrer Schwester ließ Sonja bei der Hochzeit dieser Schwester dem warm gewordenen Gefühl ihres eigenen Gatten gegenüber ein Mitgefühl zeigen, das dahin führte, daß das Verhältnis des Ehepaares Kovalevsky, bis dahin nur das von ein paar Studienkameraden, schließlich von anderer Art wurde. Im Herbst 1879 kam ihr erstes und einziges Kind zur Welt. An Stelle des Wanderlebens sollte nun ein gemeinsames Heim in Moskau treten, wo Vladimir Kovalevska, selbst ein hervorragender Mann der Wissenschaft, zum Professor der Paläontologie ernannt worden war – wenn er sich nicht in Verzweiflung darüber, daß er seine Gattin bewogen hatte, ihr ganzes großes väterliches Erbe in eine Unternehmung zu stecken, die es rasch verschlang, 1883 selbst den Tod gegeben hätte.

Die junge Witwe stand so mittellos da und mußte für sich und ihre Tochter einen Lebensunterhalt schaffen.

Sie suchte zuerst in Rußland Arbeit, wo man der Mathematikerin von europäischem Ruf den Platz einer Rechenlehrerin in einer Mädchenschule – bis zur fünften Klasse anbot, denn auf einem höheren Stadium hielt man eine Lehrerin nicht mehr für kompetent, den Unterricht zu leiten! Sie versuchte eine Anstellung an der Universität Helsingfors zu erlangen, wo die Sympathien für die Sache sehr groß waren, aber das Projekt scheiterte doch an nationalen Bedenklichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt war Professor Mittag-Leffler noch an der Universität Helsingfors und erfuhr dort durch einige russische Damen, daß ihre begabte Landsmännin eine Anstellung an der Universität wünsche. Durch seine Vermittlung kam Sonja Kovalevska schon im Herbst 1883 nach Stockholm. Ihr kleines Mädchen hatte sie bis auf weiteres bei der Taufpatin des Kindes, Fräulein Julia Lermontoff (aus derselben Familie wie der Dichter) zurückgelassen. Im Frühlingssemester 1884 las Sonja Kovalevska als Privatdozentin an der Hochschule in Stockholm über die Theorie partieller Differentialäquationen, und zwar mit solchem Erfolg, daß sie noch im selben Jahre als Professor der höheren Analyse an der Universität angestellt wurde. Es gereicht Stockholm zur Ehre, daß die Mittel zu dieser Professur – dank Professor Mittag-Lefflers Bemühungen – durch private Schenkungen aufgebracht wurden, und daß keinerlei Vorurteile die junge Hochschule unserer Hauptstadt abschreckten, eine Frau anzustellen, die so die erste war, die seit den Zeiten der Renaissance eine akademische Professur bekleidet hat.

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Es fehlte nicht an Zweifeln an der Kompetenz des weiblichen Professors, Zweifel, die doch gänzlich verstummten, als die französische Akademie der Wissenschaften im Jahre 1888 Sonja Kovalevska den Bordinschen Preis für ihre Arbeit über das angegebene Thema »die Theorie über die Bewegung eines festen Körpers in irgend einem wesentlichen Punkt zu vervollständigen« zuerkannte. Noch ehe der Namenszettel geöffnet war, hatte die Akademie in anbetracht der außerordentlichen Verdienste der Abhandlung beschlossen, den Preis von dreitausend auf fünftausend Franken zu erhöhen.

Nach dieser Kraftanstrengung sah es aus, als ob Sonja Kovalevkas mathematische Produktionskraft einer Ruhezeit bedürfte. Aber Ruhe bedeutete für sie nur Wechsel der Tätigkeit. Die jugendliche, durch Dichtungsversuche und Novellenentwürfe ausgesprochene Neigung zu literarischer Tätigkeit war durch die vertraute Freundschaft mit Anne-Charlotte Leffler wieder erwacht. Das erste Resultat war das Drama »Der Kampf ums Glück«, bei dem die Idee im wesentlichen von Sonja Kovalevska herrührte, während die Ausführung das Werk ihrer schwedischen Freundin war.

Selbst begann sie zugleich mit dem Niederschreiben ihrer Kindheitserinnerungen, die unter dem Titel »Aus dem russischen Leben« (Die Schwestern Rajewski) zu Weihnachten 1889 erschienen. Diese Arbeit errang in ihrem Heimatsland denselben außerordentlichen Erfolg wie in Skandinavien. Die russische Kritik stellte sie ohne Zögern neben Turgenjews und Tolstoijs Jugenderinnerungen und pries die einfache Anmut und den Adel des Stils, die klare Anschaulichkeit der dargestellten Bilder, den Reichtum an echter Poesie. Durch diese ihre eigene Schilderung sieht man das halbwilde, leidenschaftliche, unverstandene Kindergenie auf dem russischen Edelhof aufwachsen, und vor dem Blick des Psychologen liegt schon sein zukünftiges Schicksal in der Natur eingeschlossen, die uns hier entgegentritt.

Ihre nächste Arbeit hatte in Rußland einen so außerordentlichen Erfolg, daß das Heft der Zeitschrift, in dem der Artikel veröffentlicht wurde, in einer Neuauflage herausgegeben werden mußte. Es war eine Studie über die nordischen Volkshochschulen (Bauernuniversitäten, wie sie das Wort im Russischen übersetzen mußte), die die Verfasserin teils in Norwegen, teils bei einem zu diesem Zwecke gemachten Besuch in der schwedischen Volkshochschule Tärna studiert hatte. Sie schrieb diesen Aufsatz in Gedanken an das Aufklärungsbedürfnis des russischen Bauernstandes und hoffte, daß ihre Worte nach dieser Richtung Früchte für ihr Land tragen könnten. Denn ihr Land, das reiche, das gewaltige, das unglückliche Rußland, seine Entwicklung, sein Schicksal, kam ihr niemals aus dem Sinn. Mit vollster Wahrheit konnte Maxim Kovalevska an ihrem Grabe sagen, daß sie dem jungen Rußland angehörte, dem Rußland der Schmerzen und der Freiheit. Ihre Siege wurden ihr erst so recht teuer, wenn sie alle Lorbeeren ihrer großen Mutter in den Schoß schütten konnte. Zwei Huldigungen erwähnte sie einmal mit Tränen in den Augen: die Berufung zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Petersburg, und Jonas Lies in einer Tischrede ausgesprochene warme Sympathie für das kleine russische Mädchen »Tanja Rajewski«.

Sonst sprach sie nicht oder doch nur ganz flüchtig von ihren Auszeichnungen; sie trug sie ebenso sorglos wie eine Königin ihre Juwelen und legte sie sobald als möglich ab, um ihr einfaches Alltagskleid wieder anzulegen.

RR5110-0034RAuf ihre Ausnahmestellung auf dem weiblichen Arbeitsgebiet legte sie sehr wenig Gewicht. Nachdem sie einmal die Vorurteile besiegt hatte, die ihre Familie und ihre Umwelt gegen die wissenschaftliche Begabung der Frau empfand, hatte sie keine Kampfeslust mehr übrig. Es war für sie selbstverständlich, daß der Kraftentwicklung der Frau keine äußere Grenze gezogen werden darf, und darum existierte für sie wie für Anne-Charlotte Leffler und deren nächsten Freundeskreis die »Frauenfrage« nicht mehr als isolierte Erscheinung. Sie sahen sie nur als einen wichtigen Teil der großen Menschheitsfrage, der sozialen, von deren Lösung sie im tieferen Sinne des Wortes »das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl« erhoffte, folglich auch für die Frauen.

Bevor sie jedoch selbst die wissenschaftliche Begabung der Frau im vollsten Maße dargetan hatte, kämpfte sie tapfer für die »Frauensache«. So z. B. hörte sie bei einem der Sonntagsempfänge George Eliots einen ihr unbekannten älteren Herrn die Behauptung aufstellen, daß wissenschaftliche schöpferische Kraft der Frau nicht gegeben sei. Sogleich wurde sie Feuer und Flamme und verteidigte, durch George Eliots Beifallslächeln ermutigt, ihr Geschlecht so glänzend, daß alle sie als Siegerin in dem Gedankenturnier anerkannten. Als ihr Gegner sich nach einem Weilchen entfernte, fragte die Hausfrau, ob Frau Kovalevska wüßte, wen sie besiegt habe, und nannte zum unbeschreiblichen Staunen ihres Gastes den Namen – Herbert Spencer.

Im Interesse der Wahrheit muß hinzugefügt werden, daß Professor Sonja Kovalevska immer mehr Spencers Ansicht zuneigte, nämlich, daß Originalität und schöpferische Kraft auf wissenschaftlichem Gebiete den Frauen im allgemeinen nicht gegeben ist. Als besonders bedeutungsvoll und segensreich für ihre eigene Entwicklung pflegte sie den Umstand zu bezeichnen, daß sie sich schon früh auf ihr Spezialstudium konzentrieren konnte und nicht wie die modernen studierenden Frauen zuerst Zeit und geistige Kraft an ein abstumpfendes Prüfungsbüffeln vergeuden mußte. Und weit davon entfernt, daß diese frühe Konzentration sie einseitig gemacht hätte, war diese im Gegenteil eine mitwirkende Ursache der Intensität, mit der sie sich dann alles andere Wissen aneignete. Sie hatte das unablässige Bedürfnis, ihre Grenzen zu erweitern, indem sie in neue geistige Gebiete eindrang, und sie stürzte sich auf diese neuen Wissensgegenstände ebenso gierig, wie das Feuer auf Späne.

Als Russin fielen ihr Sprachen ungewöhnlich leicht. Nach einigen Monaten verstand sie das Schwedische so, daß sie mit Vergnügen belletristische Arbeiten las, und in letzter Zeit hatte sie in einigen Wochen italienische Bücher lesen gelernt. Mit regem Interesse verfolgte sie jede bemerkenswertere Erscheinung auf dem Gebiete der Wissenschaft und der sozialen Frage. So studierte sie einen Winter lang mit größtem Eifer wissenschaftliche Arbeiten über den Hypnotismus und dgl. Aber sie begnügte sich nur mit Eindrücken aus erster Hand, und nachdem sie in Paris solche erhalten hatte, sah sie sich veranlaßt, ihre warnende Stimme gegen die allzugroße und unwissenschaftliche Leichtgläubigkeit auf diesem Gebiete zu erheben.

Wie in dieser Richtung war es auch in allen anderen. Ihre wissenschaftliche Anlage zeigte sich stets darin, daß genaue Untersuchung für sie unentbehrlich war, und daß sie niemals vor den Konsequenzen der Wahrheit zurückscheute. Die leitenden wissenschaftlichen Ideen des Jahrhunderts waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Darwinistin, Evolutionistin, Agnostikerin, wie sie war, stellte sie doch über jede Theorie die Freiheit der Forschung. Ein zum Dogma erstarrter Satz reizte sie zu Angriffen, bei denen sie zuweilen in glänzender Weise wilde Paradoxa verteidigte – bis sie plötzlich mit dem liebenswürdigsten Lächeln ihre Rede abbrach und zugestand, daß alles eine ihrer »Phantasien« gewesen war.

In Berlin, London, Paris und nicht zum wenigsten in Petersburg hatte sie sich in einem Kreis bewegt, in dem volle geistige Freiheit herrschte; wo keinerlei Vorurteile die allseitige Behandlung jedes wissenschaftlichen, sozialen, ethischen oder ästhetischen Problems einengten, und dazu in einem Kreise, wo man sein Privatleben unbehelligt von der Einmischung aller anderen leben konnte. Kein Wunder daher, daß sie die geistige Atmosphäre in Stockholm oft als sauerstoffarm empfand. Sie kam mit der Erwartung, daß die Vorurteilslosigkeit, die ihre Anstellung an der Hochschule ermöglicht hatte, auch andere Gebiete durchdrungen haben müßte. Aber bald fand sie, daß dies nur eine Blüte auf einem sonst ziemlich kahlen Zweig gewesen war. Trotz ihrer Schmiegsamkeit, die sie befähigte, sich in die einfachsten Alltagsverhältnisse des Lebens hineinzufinden, und trotz ihrer Bereitwilligkeit, sich allen Rücksichten anzupassen, die von ihr als Russin, Frau und Hochschullehrerin in dreifachem Maße verlangt wurden, empfand sie doch alle diese Rücksichten als Gitter, gegen das sie immer ungeduldiger mit den Flügeln schlug, die sie einst in freieren Räumen geregt hatte.

Sie, die für geistige Werte die russische Art zu zählen – nach soundsovielen Seelen – beibehalten hatte, fühlte sich immer ärmer, je mehr die Verhältnisse die Individualitäten zusammenschnürten oder veränderte Lebensbedingungen die Anzahl der ihr sympathischen Freunde hier oben verringerten. Immer mehr zog sie sich von dem starr gefrorenen Gesellschaftsleben Stockholms zurück, in dem sie anfangs wie ein auftauender Frühlingswind gewirkt hatte. Aber dies geschah nicht – wie viele annahmen – in dem Gefühl ihrer eigenen Überlegenheit, sondern in dem Gefühl der Einsamkeit. Im Verkehr mit einigen wenigen Freunden, wie auch bei dem einen oder anderen Theater- oder Musikabend, ruhte sie von ihrer intensiven Arbeit aus. Von allen ästhetischen Genüssen stellte sie gute Musik am höchsten, und dann kam das Theater. Ihr Urteil über die Darstellung eines Schauspiels war die feinste und treffendste Kritik, und auch auf diesem Gebiet hatte sie früher einmal ihre Feder betätigt, unter anderem als Musik- und Theaterkritikerin der »Nowoje Wremja« im ersten Jahre dieser Zeitung, die zum größten Teile eben durch Sonjas väterliches Erbe begründet worden war.

Aber wenn Sonja Kovalevska einmal am Gesellschaftsleben teilnahm, dann bedurfte es nur eines einzigen sympathischen Entgegenkommens, damit sie sogleich entflammt wurde. Und wie wurde dann nicht auch die Luft rings um sie entflammt! Die Gedanken wollten ans Licht, rascher als die Worte sie tragen konnten, und doch stürzten die Worte auch in der fremden Sprache mit erstaunlicher Leichtigkeit hervor. Sie erhielten einen besonderen Nachdruck durch die intensive, eifrige, aber fast nie laute Stimme, und durch die ausdrucksvollen Geberden der überaus kleinen, dünnen Hände, an denen die Adern schwollen, und der Pulsschlag bei jeder lebhafteren Bewegung sichtbar wurde. Wo man die kleine zarte Gestalt mit den raschen in größerer Gesellschaft infolge ihrer Kurzsichtigkeit befangenen und immer etwas eckigen Bewegungen sah, mit den strahlenden Augen, zwischen die die Gedankenarbeit eine Furche, tief wie eine Narbe gegraben hatte, da wußte man, daß irgend ein Gespräch von Interesse geführt wurde. Ohne daß sie versuchte, zu dozieren oder zu dominieren, wurde sie immer unbewußt der Mittelpunkt, um den sich interessierte Zuhörer scharten. Durch ihre gänzlich ungekünstelte Anspruchslosigkeit und Herzlichkeit machte sie auch die einfachsten Menschen mitteilsam; und sie verstand die Kunst zu lauschen, obgleich sie sie selten betätigen konnte, denn man hörte am liebsten sie selbst sprechen, vor allem erzählen! Mit dem sicheren Blick des dichterischen Temperaments für das Interessante und Charakteristische einer Person, einer Situation, einer Zeit, verband sie die seltene Macht, das Gesehene durch dieselbe malende Darstellung lebendig zu machen, die uns an dem schriftstellerischen Stil ihrer Landsleute und ihrem eigenen entzückt. Bei den Slawen lebt noch spontan und unreflektiert die epische Kraft fort, so wie auch bei ihnen noch jene innige Einheit zwischen Gedanken und Gefühl herrscht, die dem Kulturleben des Abendlandes im allgemeinen abhanden gekommen ist. Sonja Kovalevska fühlte ihre Gedanken – oder dachte ihre Gefühle – was ihr einen besonderen und unbeschreiblichen Zauber verlieh.

Wenn man in ihr Arbeitszimmer kam, mußte gewöhnlich erst Platz gemacht werden, so vollgepfropft war dort alles mit Büchern und Blättern, die mit mathematischen Formeln oder kleinen russischen Buchstaben bedeckt waren, oder zuweilen mit dem Tintenstift gemachten Zeichnungen, die auch nach dieser Richtung eine wirkliche, wenn auch unentwickelte Anlage zeigten. Man ließ sich schließlich durch die Herzlichkeit des Empfanges überzeugen, daß man nicht störte, und dann konnte man sich dem Genuß hingeben, für eine Stunde eine Fahrt in das nächste Jahrhundert oder hinaus nach Europa in die Lebenszentren der Kultur zu unternehmen. Hier – zwischen diesen vier Wänden – entfaltete Sonja die ganze Weite ihrer Gedanken, ihre Fähigkeit, alles zu prüfen und das Beste von allem zu nehmen. Hier fand man ein echtes freies Denken. Auch in jenen Fragen, über die sie selbst bestimmte Ansichten hatte, zog sie weder nach rechts noch nach links irgendwelche Grenzen, innerhalb oder außerhalb derer sich andere halten sollten. Von der Wahrheitsleidenschaft des Gelehrten und der Einheitsleidenschaft der Dichternatur erfüllt, konnte sie sich nie ganz einer Partei anschließen, aber verstand dafür alle. Sie sah die fromme Andacht des russischen Bauern mit ebensolcher Bewegung wie die Äußerungen des opferwilligen Radikalismus, unter dessen Repräsentanten sich ihre nächsten Freunde befanden.

Unfaßbar war ihr nur die Engherzigkeit. Auf dem Gebiet des Geistes litt sie nicht an Kurzsichtigkeit, jener dort so häufigen Kurzsichtigkeit, die Wesentlichkeiten für Unwesentlichkeiten hält oder umgekehrt. Und von jenem Kleinsinn, für den die Ansicht mehr gilt als die Persönlichkeit und Vorurteile mehr als Ansichten, war sie gänzlich frei.

Auf diesem Blick für die Wesentlichkeit beruhte auch zum großen Teil ihr psychologischer Scharfsinn. Sie sah die Schwächen, aber brachte sie mit den Vorzügen in Zusammenhang und faßte das Ganze als eine gesetzmäßige Erscheinung auf, die sie nachsichtig beurteilte, weil sie sie ganz verstand. Es fiel ihr ebensowenig ein, von gewissen Naturen gewisse Eigenschaften zu verlangen, als sie auf den Gedanken gekommen wäre, daß ein Dreieck sich vierseitig ausnehmen könnte. Dennoch war ihre persönliche Sympathie für gewisse psychologische »Figuren« ebenso ausgesprochen wie ihre Antipathie gegen andere. Wenn man das Bild fortführen will, kann man hinzufügen, daß die Wellenlinie und der Blitz diejenigen waren, die sie vorzog.

Die obenerwähnte klarblickende Duldsamkeit machte Sonja zu einer sehr hervorragenden Lehrerin, die sich nach der Individualität des Schülers richtete und gerade dadurch seine besten Möglichkeiten hervorlocken konnte. Sie interessierte sich auch lebhaft für die einzelnen Persönlichkeiten unter ihren Schülern, und ein junges Mädchen, ihre Schülerin, schrieb nach ihrem Tode die bezeichnenden Worte: daß sie sich von Frau Kovalevska so durchschaut fühlte, als wäre sie aus Glas, und dabei doch vollkommen geborgen vor diesem milden verstehenden Blick.

Von gelehrter Koketterie war bei ihr keine Spur zu finden. Und die ihre Befriedigung darüber aussprachen, bei ihr nicht der sprichwörtlich gewordenen »Trockenheit« des Mathematikers zu begegnen, empfingen die lebhafte Versicherung, daß die echte Mathematik die wenigst trockene unter allen Wissenschaften sei, daß sie der schaffenden Phantasie und spekulativen Kraft das ganze Weltsystem erschließe, und daß die trockene Seite des Gegenstandes nur jene Zweige seien, auf denen man den Weltenbaum auf und ab klettere!

Bezeichnend ist eine Replik Weierstraß‘, der einmal einige Herren die »mathematische Berühmtheit Frau Kovalevska« besprechen und die Möglichkeit dieser Erscheinung so erklären hörte, daß sie die mathematische Fähigkeit auf Kosten aller anderen geistigen Fähigkeiten entwickelt habe. Weierstraß blieb lange ein stummer Zuhörer, aber schließlich rief er aus: »Meine Herren, Sie sind nicht einmal imstande, zu ahnen wie es in einem solchen Frauenkopfe aussieht!«

Glückliche Umstände hatten auch zu jenem Eindruck unmittelbarer Frische, Erfahrung aus erster Hand beigetragen, den Sonja Kovalevska im Verkehr mitteilte. Sie kannte durch Reisen halb Europa; sie war mit mehreren der größten Schriftsteller ihrer Zeit in Berührung gekommen, hatte in Darwins Haus gewohnt, mit George Eliot verkehrt, George Eliot, die für sie die mit allen anderen Frauen unvergleichliche literarische Größe war. Und diese vertraute Bekanntschaft mit den lebenden Persönlichkeiten verband sich bei Sonja mit noch größerer Kenntnis der verschiedenen Literaturen. Sie kannte fast alles von Bedeutung in der älteren und neueren Literatur ihres eigenen Landes, Deutschlands, Englands und Frankreichs; und in der neueren skandinavischen Literatur war sie bald bewanderter als die meisten Schwedinnen.

Aber, wird jemand fragen, wie konnte sie dies alles leisten?

Indem sie sich überanstrengte. Es gab Zeiten, wo sie nicht mehr als vier bis fünf Stunden täglich schlief; und sie verwendete nie genügende Sorgfalt auf ihre Gesundheit. Daß sie trotz ihrer schwächlichen Konstitution doch im Ganzen gesund blieb, kam wohl von ihren im übrigen hygienischen Lebensgewohnheiten. Sie liebte Bäder und körperliche Bewegung, war äußerst einfach und mäßig im Essen und Trinken, verabscheute alle stimulierenden Mittel; selbst die bevorzugte Gesellschaft der Russin, die Zigarette, benützte sie nur gelegentlich. Sogar Tee trank sie weniger unmäßig als die meisten Russinnen. All dies hatte zur Folge, daß sie selbst bei der äußersten Überanstrengung ihre Nerven einigermaßen beherrschen konnte.

Vor dem »nervös« werden hatte sie übrigens dieselbe Abneigung wie davor, sich im geringsten männlich auszunehmen. Ihr nach einer Krankheit kurz geschnittenes Haar, mit dem man sie auf älteren Porträts sieht, ließ sie wieder wachsen und war stolz, als sie es mühsam gelernt hatte, den dunklen Zopf zu einem schönen Knoten aufzustecken. Sie war nie auf etwas anderes stolz, als wenn es ihr gelungen war, eine Handarbeit auszuführen oder eine Toilette anzuordnen, denn sie wußte, daß sie in der Richtung des spezifisch »Weiblichen« am wenigsten begabt war. Auf praktischem Gebiete war sie sorglos wie ein Kind oder ein Künstler, konnte aber doch ein lebhaftes Interesse für die kleinen Dinge des Alltagslebens zeigen, wenn diese ihre Freunde betrafen. Sie war überaus dankbar für jede geringste Hilfeleistung oder Freundlichkeit, bereit, jedem guten Rat zu folgen und eifrig bestrebt, alle kleinen Forderungen des Lebens zu erfüllen, soweit sie dies vermochte – aber von Herzen froh, wenn sie davon befreit wurde. Namentlich traf dies auf das Briefschreiben zu, wogegen sie eine bei lebhaft sprechenden Naturen häufig vorkommende Abneigung empfand.

Die Schwierigkeit, den kleinen wie den großen Forderungen des Lebens gerecht zu werden, wuchs beständig. Und diese Schwierigkeit war gerade zum Zeitpunkt ihres Todes größer denn je. Sie hatte den Drang erwachen gefühlt, wieder eine große mathematische Arbeit zu beginnen und kämpfte zwischen dem Wunsche, sie sogleich in Angriff zu nehmen und der Lust, einige ihrer vielen literarischen Entwürfe auszuarbeiten. Unter dem vielen, was sie in Arbeit hatte, war auch eine Novelle mit Tschernischewsky – dem Verfasser von »Was tun?« – als Helden. Auch ihre »Erinnerungen« beabsichtigte sie fortzusetzen, und eine besonders interessante Episode wäre vermutlich die von ihren und ihrer Schwester Eindrücken während der Pariser Kommune 1871 geworden.

Sie hatte auch beabsichtigt, eine Jugendnovelle, »Der Privatdozent«, die Dostojewskys lebhaften Beifall gefunden hatte, umzuarbeiten und hatte den Plan zu zwei Romanen entworfen, »Vae victis« und einen anderen, der an der Riviera spielen sollte. Sie hatte eine Sammlung Skizzen aus Frankreich herausgeben wollen, teils von der Weltausstellung 1889, teils andere, von denen zwei (»Amor auf dem Markte« und »Der Hund«) sie selbst besonders interessierten. Und schließlich hat sie einen Entwurf hinterlassen, der an Reichtum der Phantasie und psychologischer Genialität vielleicht alle ihre anderen Arbeitspläne übertrifft: »Wenn es keinen Tod mehr geben wird.« Das Drama »Bis zum Tode und nach dem Tode« ist nur eine von ihr und Anne-Charlotte Leffler bewerkstelligte Umarbeitung eines Dramenentwurfes von Sonjas einige Jahre vor ihr verstorbenen Schwester, Madame Jaclard.

Zwischen den Schwestern verblieb das Verhältnis immer das innigste, und Sonjas Bemühung, Madame Jaclards Arbeit auf die Bühne zu bringen, war nur einer der vielen Beweise dieser Zuneigung. Bedeutungsvoller war eine andere Handlung: daß Sonja Kovalevska bei der Nachricht, daß ihr Schwager, der Kommunard Jaclard 1871 gefangen genommen sei, mit ihrem Mann in das von den Versailler Truppen belagerte Paris eilte. Es gelang dem Ehepaare, sich in die Stadt zu schleichen, während die Kugeln rings um sie pfiffen. Sonja suchte die Schwester auf und spendete ihr den Trost und die Hilfe, deren sie so sehr bedurfte. Dann floh Sonja aus Paris zu ihrem Vater nach Rußland und wußte ihn zu bewegen, nach Frankreich zukommen und dort seinen Einfluß zugunsten des Schwiegersohnes geltend zu machen. Die Vermittlung des russischen Generals zeigte sich wirksam, und es wurde Jaclard ermöglicht, aus dem Gefängnis zu entfliehen.

Im Hochsommer von Sonjas Leben, einer Zeit der großen Gefühle und des übersprudelnden Produktionsreichtums, brach plötzlich der Tod herein. Und gerade weil Leben, ein so intensives Leben Sonjas Merkmal war, erscheint der Tod in diesem Falle unfaßbarer als sonst.

Selbst war sie seit vielen Jahren und aus vielen Gründen mit dem Todesgedanken vertraut. Unter anderem, weil sie wußte, daß ihr Herz schwach war. Aber wenn es einen Zeitpunkt in ihrem Leben gab, wo sie selbst den Tod nicht gewählt hätte, so war es dieser, wo sie sich reicher an Arbeitsenergie und harmonischer fühlte als seit langer Zeit.

Sie hatte ihre Weihnachtsferien in Beaulieu an der Riviera verbracht, wo sie in einer kleinen russischen Kolonie etwas von dem Milieu des Heimatlandes genoß, dessen sie für ihre schriftstellerische Produktion so sehr bedurfte und wo sie diese auch von geistreichen und sympathischen Landsleuten ermutigt fand, namentlich von dem Manne, dem sie die Liebe ihres spät erwachten Herzens geschenkt hatte.

Nach einigen in Berlin verbrachten Tagen reiste sie über die dänischen Inseln nach Kopenhagen und zog sich auf dieser nächtlichen Fahrt in Wind und Regen eine Erkältung zu, von der sie sich sehr angegriffen fühlte, als sie Mittwoch, den 4. Februar nach Stockholm kam. Aber ihr Vorsatz, sich nicht »Zeit zu nehmen«, krank zu sein, hielt sie aufrecht, so daß sie am Freitag ihre Vorlesungen beginnen konnte – und auch an einer Abendgesellschaft bei Freunden teilnahm, wo sie sich jedoch so elend fühlte, daß sie bald nach Hause fuhr. Erst Sonnabend mittag legte sie sich zu Bett, und obgleich die Krankheit – eine Lungenentzündung – ernst schien, ahnte doch niemand, wie ernst sie war oder daß man während der beiden folgenden Tage eigentlich nur einem Todeskampf beiwohnte. Die Ärzte meinten, daß die Krankheit durch eine heftige Infektion entstanden sei. Wäre das Herz stark gewesen, so hätte sich das Ende vielleicht hinausschieben lassen – aber eine Rettung scheint nach dem, was die Obduktion zeigte, ausgeschlossen gewesen zu sein. Sonja hatte eine Ahnung, daß sie diese Krankheit vielleicht nicht überleben würde, und beobachtete mit einer gewissen Unruhe die schlechten, mit einer gewissen Befriedigung die guten Symptome – beides in sehr stiller Weise. Anspruchslos und dankbar für Freundlichkeit, wie sie im Leben gewesen, war sie bis in den Tod; alles an ihr war nur der Ausdruck einer unbeschreiblichen, geduldigen Sanftmut und Besorgnis für die Umgebung. Ich war in den ersten Tagen und Nächten bei ihr. Aber die Ärzte rieten, auch eine Krankenpflegerin zu nehmen, weil die Krankheit sich langwierig zu gestalten schien. Und so war ich nach Hause gegangen, um ein paar Stunden auszuruhen. Denn die Nähe des Todes ahnten weder die Ärzte noch wir, die wir sie umgaben, noch Sonja selbst. Er trat plötzlich in der Nacht zum 10. Februar ein, durch eine Herzlähmung infolge des angegriffenen Zustandes der Lungen. In den letzten Stunden war sie ohne Bewußtsein, und der Tod war nur ein stilles Einschlummern in »das große Unbekannte«, das ihre Gedanken so oft beschäftigt hatte. Unter den rauschenden Fichten auf dem schwedischen Friedhof fand Rußlands große Tochter ihre letzte Ruhe – die Ruhe, die ihr immer herrlicher erschienen war als selbst die herrlichsten Gaben des Lebens. Aber der Denkstein auf dem Grabe ist von Rußlands Studentinnen und Frauen der Wissenschaft errichtet.

Die sie betrauerten, suchten sich vor Augen zu halten, daß gerade so wie der Tod kam – rasch und auf der Mittagshöhe des Lebens und der Kraft – sie immer gewünscht hatte, daß er sie erreichen möge. Sie suchten sich auch zu vergegenwärtigen, daß mit ihrem erhöhten Lebensreichtum auch die Keime neuer Konflikte hervorgetreten waren. Ein solcher war aus den verschiedenen Forderungen der Wissenschaft und der Literatur entstanden, aus der Schwierigkeit für beide auszureichen und zugleich noch für die heranwachsende Tochter. Ein anderer Konflikt lag in ihrer Anstellung im Ausland, während ihre schriftstellerische Tätigkeit den Aufenthalt in der Heimat verlangte. Und schließlich war noch der große Konflikt, auf den ich noch zurückkomme. Aber wir, die wir trauernd an ihrem Grabe standen, konnten nicht umhin, uns zu fragen, ob sich das Dasein für diese »Seele aus Feuer und Seele aus Gedanken« nicht bildbarer, weicher hätte zeigen können als für jene geringeren Naturen, die von seiner Härte zerschmettert werden.

Zweites Kapitel

Für Europa wurde das Bild Sonja Kovalevkas durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie ihrer Freundin gezeichnet. Diese Biographie ist auch ein Teil von Anne-Charlotte Lefflers eigener; sie enthält unmittelbar mehrere wertvolle Beiträge zu ihrer Geschichte, aber vor allem beleuchtet sie Anne-Charlotte Lefflers Naturell ebensosehr durch das, was sie von dem Sonja Kovalevskas erfassen konnte, wie durch das, was sie von ihm unerklärt lassen mußte.

Anne-Charlotte Lefflers mit unparteiischer Ehrlichkeit und sympathischer Hingebung ausgeführtes Bildnis Sonja Kovalevskas ist in der Absicht gezeichnet worden, Sonja so menschlich und lebendig als möglich zu zeigen. Aber nicht einmal Anne-Charlotte Lefflers Psychologie reichte hin, um Sonjas wunderbares Wesen zu durchdringen, ein Wesen, zugleich schwer, melodisch und funkelnd wie die Quecksilberfontänen, die den Palast der Mauren schmückten!

Sonja Kovalevska war aus den heterogensten Gegensätzen zusammengesetzt: einer außerordentlichen Kultur und einer großen wilden Naturkraft; sie war bis in die Unendlichkeit zersplittert, nuanciert, impressionabel und bis zum äußersten energisch, einheitlich, intensiv; sie besaß eine moderne analysierende, berechnende Intelligenz und eine morgenländisch-fruchtbare Phantasie; sie war eine exakte Mathematikerin und eine idealistische Träumerin. Wenn man diese Gegensätze aufgezählt hat, hat man noch hundert unerwähnt gelassen und glaubt noch nichts über diese Persönlichkeit gesagt zu haben, deren außerordentlicher, Sympathie erweckender Reiz zum großen Teil eben in der Vereinigung von sonst unvereinbaren Gegensätzen lag, eine Persönlichkeit, deren Reichtum man nicht erschöpfen, deren Wesen man nicht ergründen konnte, ein Geschöpf mit der dreifach problematischen Natur des Genies, des Weibes und der slavischen Rasse.

Anne-Charlotte Leffler glaubte auch nicht, dieses Problem vollständig gelöst zu haben, aber sie packte diese Aufgabe so an wie ihre dichterischen Probleme: sie wollte den Menschen erklären. Idealisierung hielt sie mit vollem Recht nicht für den Weg zur Erklärung. Sie ging mit jener Sympathie zu Werke, die die Gestalten, welche sie schildert, von innen sieht, die mit ihnen versteht und fühlt. Je einfacher, je mehr aus einem Guß man eine Gestalt zu halten sucht, desto leichter wird sie verstanden, meinte Anne-Charlotte Leffler; je mannigfaltiger man das Bild zu geben trachtet, desto mehr verwirrt sich der Eindruck, desto unsicherer wird der Leser, dessen Gedanken hin und her gezerrt werden, etwa so wie wenn man eine Fußspur im Sande sucht.

Mit dem Bewußtsein, gerade diese Unsicherheit im Leser hervorrufen zu müssen, zeichnete Anne-Charlotte Leffler Sonja Kovalevska. Diese Biographie ist im Anfang, wo Sonjas eigene Schilderungen der Stoff sind, und am Schlusse, wo Anne-Charlotte Lefflers eigener Schmerz die Darstellung erhebt, wirklich etwas von dem geworden, was Ibsen meinte, als er Anne-Charlotte Leffler den eigentümlichen Rat gab: ihr Bild von Sonja nicht biographisch, sondern rein dichterisch zu gestalten! Aber in der Mittelpartie hat Anne-Charlotte Leffler keine genügend sichere Auswahl zwischen dem wirklich und dem nur scheinbar Charakteristischen getroffen, zwischen Wesentlichem und Zufälligem. Dies wirkt weitaus verwirrender als die Mannigfaltigkeit von Sonjas Natur, in anderer Weise behandelt, hätte wirken müssen.

Anne-Charlotte Leffler hat selbst – durch ihre Einleitung – jeden Anspruch an eine vollständig objektive Biographie entkräftet. Sie wollte nur, wie sie in einem Briefe schreibt, eine teure Herzenspflicht erfüllen: all das Interessante zu sammeln, was sie von Sonjas Persönlichkeit wußte, »um es für jene Zukunft zu bewahren, die Sonja Kovalevsky ganz gewiß einen Platz in der Geschichte ihrer Zeit anweisen wird.«

Bei der Erfüllung dieser Pflicht war Anne-Charlotte Leffler von der Gewißheit durchdrungen, daß es nicht möglich sei, »ein sympathischeres Bild von Sonja zu geben«, als das, welches sie gab. Auch schrieb sie mir, als sie die Schilderung beendet hatte:

»Ich weiß, daß ich die ganze Zeit bei der Verfassung dieser Biographie ein so lebendiges Pietätsgefühl zu meiner Richtschnur gehabt habe, daß ich bei jedem Wort, das ich sagte, gleichsam bestrebt war, Sonja ihren innersten Gedanken abzulauschen und sie so darzustellen, wie sie dargestellt werden wollte; daß ich mich von ihr und nur von ihr leiten ließ. Noch ist ihr Geist über mir, und darum konnte ich es tun. In ein paar Jahren könnte ich es vielleicht nicht mehr, könnte kein Wort hinzufügen, ohne den Geist des Ganzen zu stören.«

Anne-Charlotte Leffler übte, als sie so über Sonja schrieb, dieselbe große männliche Offenherzigkeit, die sie geübt hätte, wenn sie von sich selbst gesprochen haben würde. Aber sie hat dadurch Sonja nicht in jeder Beziehung so dargestellt, wie diese »dargestellt sein wollte«. Anne-Charlotte Leffler bedachte nämlich nicht, daß ein zusammengesetzter Stimmungsmensch nicht mit ganz denselben Mitteln verständlich gemacht werden kann wie ein einheitlicher Charakter.

Denn wenn eine Menge psychologisch eigentümlicher kleiner Züge dem mit der Persönlichkeit unbekannten Leser, unvermittelt von dem Charme des Lächelns, des Blickes, der Stimme und des für Sonja eigentümlichen Humors entgegentreten, aus dem Zusammenhang mit der Umgebung, mit den Ereignissen, mit der Zeit gerissen – dann erhalten sie eben viel härtere Linien als in der Wirklichkeit und scheinen auch viel größere Dimensionen zu besitzen.

Wenn man die Gemütsschattierungen, die Einfälle, die Selbstwidersprüche eines Stimmungsmenschen im Druck festhält, kristallisiert man sie nämlich unwillkürlich, gibt dem feste Konturen, was in Wirklichkeit die leichten, anmutsvollen, fließenden Formen der Wolken besaß.

Darum teilte ich Anne-Charlotte Lefflers Ansicht über den Umfang und namentlich über den Zeitpunkt der Herausgabe von Sonjas Biographie nicht ganz. Für die mit der Persönlichkeit oberflächlich oder gar nicht bekannten Zeitgenossen ist ein plastisches Zuwegegehen dasjenige, das das Bild am besten wiedergibt, und die Statue das einzige Kunstwerk, das eine große und darum auch eine wahre Wirkung einer großen Persönlichkeit hervorrufen kann.

Für die Zukunft hingegen, die – um ein Paradoxon anzuwenden – dadurch, daß sie sich noch weiter entfernt, wieder näher kommt, gibt die pittoreske Methode, die Anne-Charlotte Leffler gewählt hat, das wertvollste Bild. Das im Alltagsleben studierte, in ein intimes Milieu versetzte, bis in alle Einzelheiten genau ausgeführte Porträt wird das für eine folgende Generation interessanteste sein, wie auch das für eine sympathische und intelligente Auffassung schon in der Gegenwart teuerste.

Anne-Charlotte Leffler hatte das doppelte Interesse der Freundin und der Schriftstellerin für alles – das Kleinste wie das Größte – was für Sonja charakteristisch war. Sie liebte alles, und darum verstand sie vieles; und auch, wo sie nicht verstand, verurteilte sie nicht. Darum konnte sie nicht fassen, daß nicht auch alle anderen verstanden und sich des Aburteilens enthielten.

Anne-Charlotte Leffler verstand vieles. Aber in einigen wesentlichen Punkten verstand sie wenig oder nichts, und in diesen Punkten hat das Bild nicht die richtigen Valeurs bekommen. Zum Teil beruht dies auch auf der Fortlassung der ganzen wissenschaftlichen Seite von Sonjas Persönlichkeit. Aber die Liebe zur Wissenschaft war ganz ausgesprochen das, was Sonjas Persönlichkeit ihre Höhe und Festigkeit, sozusagen ihr geistiges Rückgrat gab. Und wenn Sonjas Verhältnis zur Wissenschaft – durch Anne-Charlotte Lefflers Entschluß, ihre Darstellung auf eine ganz und gar subjektive Schilderung zu beschränken – stark untergeordnet wurde, mußte folglich ihre ganze Persönlichkeit in der Biographie weniger kräftig und einheitlich wirken, als sie es in Wirklichkeit tat. Sonjas wissenschaftlich geschulte, durchsichtig klare, folgerichtige Art des Denkens, die ihre Dichtung, ihre Lebensanschauung, ihre Gefühle so stark bestimmte, ist darum nicht zu ihrem Recht gekommen, und so auch nicht die eine große Seite ihrer Genialität. Anne-Charlotte Leffler wollte mit vollem Recht das Weib in der Mathematikerin zeigen, aber sie hat nicht die Mathematikerin im Weibe gezeigt, es sei denn in bezug auf die Erotik, wo sie wieder der Wissenschaft einen Einfluß zuschreibt, den sie in diesem Fall nicht besaß.

Eine andere Seite von Sonjas Temperament, der ihr eigentümliche Humor, ist von Anne-Charlotte Leffler auch nicht richtig gezeichnet worden. Oftmals nahm Anne-Charlotte Sonjas Scherz ganz oder halb ernst, wie z. B., wenn diese ihre »Triumphe« als Sportdame schilderte, oder ihre »Verliebtheit« in diese oder jene Person, oder ihren »Abscheu« in dieser oder jener Richtung. Das Gewicht, das die Biographie all diesen Worten – sowohl in Sonjas mündlichen wie in ihren schriftlichen Mitteilungen – beigelegt hat, trübt das Bild. Selbst ein alltäglicher Mensch könnte – wenn seine Einfälle und Inkonsequenzen dieselben Proportionen erhielten wie seine Handlungen – bizarr wirken. Um wieviel mehr ist das nicht erst bei einer Ausnahmenatur der Fall!

Als ein Beispiel unter vielen mag hier Sonjas Schilderung ihrer Gefühle auf den Fahrten von und nach Stockholm angeführt sein: der Weg von Stockholm scheine ihr der kürzeste, aber der zurück nach Stockholm der längste in Europa.

Universität Stockholm - Der Fachbereich Mathematik - Foto: Karmosin~commonswiki - CC BY-SA 3.0
Universität Stockholm – Der Fachbereich Mathematik – Foto: Karmosin~commonswiki – CC BY-SA 3.0

Man empfängt aus diesen Worten den Eindruck einer Bitterkeit gegen Schweden, die doch in Wirklichkeit nicht vorhanden war. Mehr als einmal sprach Sonja im Gegenteil warme Dankbarkeit gegen das Land aus, das ihr ein Heim und eine Arbeit gegeben hatte; und so äußerte sie sich nicht nur zu Schweden, sondern auch zu Ausländern. Ihr Tadel Stockholms war der sehr berechtigte, daß man sich da in einer Kleinstadt befinde, wo sich jeder in die Angelegenheiten des anderen mischte und man nie zwischen Sache und Person unterscheiden konnte. Sie fand – und zwar mit gutem Grunde – daß der geistige Horizont in Schweden eng sei, und das Verständnis, die Toleranz neuen Ideen oder ungewöhnlichen Handlungen gegenüber geradezu mittelalterlich. Aber zugleich ließ Sonja den guten Seiten der Schweden volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie bewunderte das – in allem, was nicht neue Ideen betrifft – Generöse im Charakter der Schweden, namentlich glaubte sie niemals soviel Opferwilligkeit für gemeinnützige Zwecke gesehen zu haben wie bei den Stockholmern.

Auch Anne-Charlotte Lefflers Urteil über Sonjas nur »scheinbare« Anspruchslosigkeit bedarf der Richtigstellung. Ihre Anspruchslosigkeit war wie Anne-Charlotte Lefflers eigene echt, aber darum nicht töricht: daß Sonja ihre Überlegenheit kannte und einsah, war selbstverständlich, und dies hat mit Anspruchslosigkeit gar nichts zu tun. Die Anspruchslosigkeit des Genies besteht teils darin, die Art und die Tragweite seiner Überlegenheit nicht zu überschätzen, teils darin, andere nicht auf Grund dieser Überlegenheit hochmütig zu übersehen und schließlich sich durch die eigene Überlegenheit nicht für berechtigt zu halten, unverhältnismäßige Ansprüche an andere zu stellen. Nichts von alledem war bei Sonja der Fall. Sie unterschätzte ihre Begabung eher als sie sie überschätzte; sie interessierte sich für die einfachsten Menschen und war auch gegen den unbedeutendsten rücksichtsvoll; sie war ebenso rührend dankbar für die kleinste Gefälligkeit oder Freundlichkeit, als sie zartfühlend darin war, eine solche von jemand anderem als von wirklichen Freunden anzunehmen. Und während Anne-Charlotte Leffler recht damit hat, daß Sonja keine bürgerlichen Tugenden erstrebte, hat sie unrecht, wenn sie glaubte, daß Sonja sie gering schätzte. Sie bedauerte im Gegenteil, daß sie die Pflichten des Alltags nicht so erfüllen konnte, wie sie es gewünscht hätte. Namentlich in dem Verhältnis, das die Biographie fast ganz übergeht, dem Verhältnis zur Tochter, hatte Sonja viel mehr von der Liebe einer Mutter, als man aus der Schilderung glauben sollte. Obgleich ihre Zeit nicht hinreichte, um sich der Entwicklung der Tochter so zu widmen, wie sie es gewünscht hätte, gab sie ihr in den Stunden, in denen sie sich mit ihr beschäftigte, mehr an Zärtlichkeit, Verständnis und Entwicklung als viele der »hingebungsvollsten« Mütter, die nie an etwas anderes denken als an ihre Kinder, ohne ihnen doch geistig einen einzigen Schritt vorwärts zu helfen.

Ein wesentlicher Grund, weshalb Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Biographie so widerspruchsvoll wirkt, ist, daß man in ihr nicht nur einer eigentümlichen Persönlichkeit begegnet, sondern einer eigentümlichen Nationalität, oder richtiger einer Mischung von Nationalitäten: sie ist Deutsche, Zigeunerin, Polin, aber vor allem Russin! Das Temperament der Russin – folglich auch das Sonjas – ist eine Isotherme, die bald hoch über, bald tief unter die Parallelkreise geht, die dem nordischen Frauenideal und Frauenrechtlerinnenideal gezogen sind. Vieles, was wundernimmt, ist aus dem russischen Gesichtspunkt erklärlich, allerdings für Germanen kaum verständlich. In Rußland hingegen ist die Biographie als ein geniales psychologisches Bild des russischen Temperamentes geschätzt worden, obgleich dieses Temperament in der Biographie nicht besonders charakterisiert wird.

Namentlich einen slavischen Zug hat Anne-Charlotte Leffler nur unvollkommen verstanden, wenn sie sagt, daß Sonja ein beständiges Bedürfnis nach Abwechslung und Stimulanz hatte. Dies war – im gewöhnlichen Sinne des Wortes – nicht der Fall. Sie konnte sich halbe Jahre lang bei wahnsinniger Arbeit isolieren. Aber die Arbeit war dann für sie das, was in einer anderen Periode das Weltleben oder die Freunde schaff oder die Liebe war: der Anreiz, durch den sie sich leben fühlte. Der Slave hat mehr als der Germane das Bedürfnis, sein eigenes Dasein energisch, leidenschaftlich zu empfinden, gerade, weil er weiß, daß der geistige Tod auf ihn lauert – jene Tendenz zum Nirvana, zu tatenloser Melancholie, zu willenlosem Stillstand, die ihren vollendetsten dichterischen Ausdruck im Oblomow-Typus gefunden hat. Diesem anheimzufallen ist für den Slaven – ein halber Morgenländer wie er ist – eine stete Möglichkeit. Der Slave wird maßlos – mag er sich nun auf die Wissenschaft oder die Religion, den Genuß oder die Askese, den Nihilismus oder das Weltleben, die Liebe oder die Selbstverleugnung werfen, um das Dasein intensiv zu empfinden, was unzweifelhaft die tiefste Forderung seines Wesens ist. Ist eine russische Frau dazu ein Genie wie Sonja, dann wird die Selbstverbrennung ihr unentrinnbares Schicksal.

Die ganze ursprünglich-russische Seite von Sonjas Wesen war von dem Anne-Charlotte Lefflers so verschieden als nur möglich. Diese war ebenso maßvoll, ebenso anpassungsfähig an die Verhältnisse, als Sonja in Lebensfragen intensiv war. Anne-Charlotte Leffler hatte in ihren Entschließungen die Langsamkeit des Germanen, Sonja die heftige Impulsivität des Slaven; Anne-Charlotte Leffler hatte die ihrer Rasse angeborene Bedächtigkeit und Ausdauer, Sonja des Russen plötzliche, unmotivierte Übergänge von einem Seelenzustande zu einem anderen, von äußerster Fröhlichkeit zu tiefster Melancholie, von fieberhaftester Arbeit zur gemächlichsten Ruhe, von Wärme zur Kälte. Anne-Charlotte Leffler war eine freudige Opportunistin, die aus den Verhältnissen das Beste machte; Sonja eine ungestüme Idealistin – wie ihre Rasse es ist – eine Idealistin, die unaufhörlich ihre Stirn an die Wirklichkeit stieß. Anne-Charlotte Lefflers eigenes Temperament war eines, das ohne Schwierigkeit einsah:

»Die Sterne, die begehrt man nicht.«

Sonja wollte nichts anderes haben als die Sterne. Ihr Ehrgeiz war nicht der trockene, heiße, gallische Ehrgeiz, auch nicht der verschlossene, schwere, nordische: er war dem Märchendurst – dem Durst des Morgenländers – nach dem Wunderbaren verwandt. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte es keinen Wert mehr für sie; sie strebte dann einem neuen nach – weniger von Ehrgeiz getrieben als von ihrer glühenden Phantasie. Neue Gedanken, Arbeitspläne, Einfälle wurden beständig in ihrer Feuerseele geboren und strömten ohne merkbaren Zusammenhang in ihrer Rede aus. Das Grenzenlose im slavischen Temperament war das vor allem für Sonja Charakteristische. Bestimmte Begrenzungen können darum nur den Eindruck ihrer Persönlichkeit verringern.

Leider nahm Anne-Charlotte Leffler gerade eine solche Begrenzung vor, als sie Sonja hauptsächlich aus weiblichem, allgemein-menschlichem Gesichtspunkt schildern wollte. Denn auch als Weib, auch in ihrer erotischen Geschichte war Sonja zugleich das Genie und die Russin – und hält man beides nicht fest, bleibt sie als Weib unerklärlich.

Sonja Kovalevska war ebenso wie Anne-Charlotte Leffler, wie so viele andere begabte moderne Frauen nicht von »womanhood to selfhood« gegangen, sondern umgekehrt. Ihre menschlich-persönlichen Entwicklungsforderungen, ihre intellektuellen Bedürfnisse waren zuerst erwacht und befriedigt worden, ehe sie noch zu fühlen anfingen, daß diese doch nicht das Zentrale ihrer Persönlichkeit waren; daß es ihnen nicht genügte, die Arbeitskameradinnen der Männer zu sein oder als ihnen geistig ebenbürtig anerkannt. Aber als diese neue Überzeugung bei Anne-Charlotte Leffler erwachte, war es, weil die Liebe sie suchte, Sonja hingegen suchte die Liebe. Das ist die Grundverschiedenheit in ihrem Schicksal, die auch daran schuld ist, daß Anne-Charlotte Leffler Sonja in diesem heiklen Punkt nicht voll verstehen konnte. Dabei interessierte Sonjas erotischer Konflikt Anne-Charlotte Leffler, für die das Leben gleichzeitig durch die Liebe einen neuen Inhalt bekommen hatte, mehr als alles andere. Sie hat darum die Unruhe, die Wetterwendischkeit, die Schwermut und den Schmerz in Sonjas späteren Lebensjahren so sehr betont, daß sie die ruhige Arbeitsfreude und den freundschaftlichen Austausch der vorangegangenen Jahre verdunkeln – wo Anne-Charlotte bei ihren geistigen Gastmählern das Brot und Sonja der Wein war. Dazu kommt, daß die beiden Freundinnen sich in den letzten Jahren sehr wenig trafen, daß Sonja lange Zeiten hindurch auch nicht an Anne-Charlotte schrieb – was diese bei ihrer Rücksicht für die Gefühle anderer nicht fassen konnte – und daß Sonja, im ganzen sehr verschlossen über ihre erotische Geschichte, es Anne-Charlotte gegenüber noch ganz besonders war. Denn einerseits hatte Sonja eine Scheu, ihren Schatten in den Sonnenschein anderer fallen zu lassen, andrerseits glaubte sie, daß »wer satt ist, den Hungrigen nicht verstehen kann«, wie ein russisches Sprichwort sagt.

Je bewegter und inhaltsreicher das Leben der beiden Freundinnen sich gestaltete, desto weniger verstanden sie so einander. Die Verschiedenheit zwischen der weichen Natur der einen, der stolzen der anderen trat unaufhörlich zutage. Anne-Charlotte Leffler konnte nicht einsehen, warum Sonja kein Kompromiß schließen, nichts von ihren Forderungen preisgeben wollte. Sie schob dies auf Sonjas anspruchsvolles Temperament, aber mit Unrecht. Sonja forderte allerdings grenzenlos, aber sie konnte auch grenzenlos geben, und nicht ihr Ehrgeiz oder ihre Unfähigkeit, ganz im Gefühl aufzugehen, zerstörte in diesem bestimmten Falle ihre Glücksmöglichkeiten. Aber weil Anne-Charlotte Leffler selbst so ganz von ihrer eigenen glücklichen erotischen Erfahrung, ihrem Gefühl von der Macht der weiblichen Hingebung erfüllt war, mußte sie Sonja in doppelter Beziehung mißverstehen: sie faßte sie zugleich leidenschaftlicher und weniger hingebungsvoll auf, als sie wirklich war.

In allem, auch in der Erotik, hat sich Sonja durch Anne-Charlotte Lefflers Schilderung mit viel schärferer Eigentümlichkeit profiliert, als dies der Fall gewesen wäre, wenn man sie gegen den Hintergrund ihres Nationalcharakters gezeichnet hätte. Sonja hatte manche der Züge, die Turgenjew seinen besten Frauentypen gibt: kühle Sinne und ein feuriges Herz, großzügigen Edelmut und opferwillige Stärke, im Verein mit unerhörten idealen Forderungen: ein Gewebe von goldenen und purpurroten Fäden, in dem bei Sonja das schwarze Gespinst der Schwermut und das bunte der Phantasie den Einschlag bildete.

Ohne das russische Seelenleben in Betracht zu ziehen, ist auch Sonjas erste Ehe ganz unfaßbar. Und diese hatte so viele verwickelte psychologische Momente, daß man den Knoten nicht durch Anne-Charlotte Lefflers kurzgefaßtes Urteil löst, daß diese Ehe kein Glück gebracht habe, weil Sonja »besitzen wollte, sich nicht besitzen lassen«. In gleicher Weise irrt sich Anne-Charlotte Leffler in der Überbetonung des Erotischen in den letzten Jahren von Sonjas Leben. Die Erotik war allerdings in den letzten Jahren der Mittelpunkt ihres Daseins, aber die Wissenschaft, die Dichtung, die Mutterschaft hatten darum nicht ihr Interesse verloren, obgleich all dies bis auf weiteres untergeordnet wurde.

Aber am allerunrichtigsten ist das Motiv, das sie für Sonjas erotischen Konflikt angibt. Denn dieser bewegte sich durchaus nicht – wie Anne-Charlotte Leffler es schildert – zwischen dem Ehrgeiz und der Liebe. Ebensowenig zwischen der verschiedenen Art des Mannes und des Weibes zu lieben, oder zwischen der verschiedenen Art dieses Weibes und dieses Mannes Liebe zu geben oder zu fordern. Die Art des Konfliktes wird am besten durch die einzige Mitteilung charakterisiert, die jetzt Geltung hat, die des Mannes, um den der Konflikt sich drehte. Seine Anschauung der Frage gebe ich im folgenden – mit seiner Zustimmung – wieder.

Für ihn war Sonja nicht das in sich selbst konzentrierte Genie. Sie hatte im Gegenteil das Schicksal vieler nichtgenialer Frauen, ein Schicksal, dessen Ursachen in jedem besonderen Fall verschieden und in den geheimnisvollen Tiefen der Natur verborgen sein mögen, aber das von außen gesehen einfach alltäglich ist.

Der betreffende Mann, ein berühmter Gelehrter und Politiker – der, ohne mit Sonjas Mann verwandt zu sein, denselben Namen trug wie er – hatte von Sympathie und Freundschaft, aber nicht von Liebe bewogen, zu wiederholten Malen Sonja gebeten, seine Gattin zu werden. Er hatte weder sie noch sich selbst über die Art seines Gefühls getäuscht, war auch nicht durch ihre Ablehnung verletzt gewesen, da er einsah, daß eine entwickelte weibliche Persönlichkeit, eine so große und reiche wie die Sonja Kovalevskas sich nicht damit begnügt, bruchstückweise zu erhalten, wenn sie ganz gibt. Auch verkannte er das Gefühl, das er nicht teilte, durchaus nicht, sondern sprach von Sonjas Hingebung als von der größten, die ihm in seinem Leben zuteilgeworden war. Ebensowenig mißdeutete er die Art der Leiden, die seine Offenherzigkeit ihr verursachte. Im Gegenteil wuchs seine tiefe Bewunderung, Achtung und Sympathie immer mehr, je mehr er die Bedeutung des Grundes erkannte, mit dem Sonja ihre Ablehnung motivierte. Überzeugt, in einer gegenseitigen Liebe Glück geben und finden zu können, hätte sie den Forderungen einer solchen alles geopfert, auch ihre Professur in Stockholm, wenn es verlangt worden wäre. Aber er verlangte dies niemals, sondern meinte im Gegenteil, daß sie diese Stellung beibehalten könnte. Sonja erkannte die Schwierigkeit dieses Falles und wollte ihres Kindes und ihre eigene Zukunft nicht in einer Ehe aufs Spiel setzen, für die sie vielleicht ihre Anstellung im Stich lassen mußte, ohne die Gewißheit, nicht eines Tages bitter zu bereuen, daß sie diese Möglichkeit der Unabhängigkeit für sich und die Tochter verloren hatte, die der Mutter so warm am Herzen lag, daß die Gefühle und die Erziehung dieser Tochter stets in der Motivierung von Sonjas Ablehnungen wiederkehrten. Aber da Sonja nach jedem neuen Zusammentreffen die Trennung immer schwerer fand, begann sie sich schließlich – die obenerwähnten Skrupeln beiseiteschiebend – in den Gedanken einer möglichen Veränderung ihres Lebens hineinzuversetzen. Und zwar stellte sie sich vor, daß sie eine Ehe eingehen, und ihr Leben zwischen ihrer halbjährigen Arbeit in Stockholm und halbjährigen Ferien mit ihrem Mann im Ausland teilen würde.

Der Tod trat dazwischen und hinderte sie, ein Kompromiß zwischen den absoluten Forderungen des Idealismus und den Lebensverhältnissen zu schließen, ein Kompromiß, das bei ihrer Natur sicherlich verhängnisvoll geworden wäre.

Der Tod gab ihr auch, was das Leben ihr nicht geben konnte: den ersten Platz in der Erinnerung und dem Dasein des Überlebenden.

Drittes Kapitel

Das Obengesagte zeigt, wie der Konflikt eigentlich beschaffen war. Als Sonja Kovalevska alles erreicht hatte, wovon sie bisher geträumt – und wovon gewöhnliche Frauen nicht einmal träumen können – da trat die große Krise in ihrem Leben ein, in der sie sich unter dem Einfluß eines großen Gefühls imstande wähnte, alles, was sie nur besaß für das hinzuwerfen, was gewöhnliche Frauen so leicht erreichen können, aber was das Schicksal einer Sonja Kovalevska versagte.

Eine Deutung dieser Krise in ihrem Leben zu versuchen oder über sie nachzugrübeln sind die Frauen niemals müde geworden.

So sieht eine Frau in ihr ein Opfer der Zeit, in dem Sinne, daß sie das Frauengenie mit dem männlichen Gehirn, aber dem tief weiblichen Naturgrund war, folglich ein neuer Frauentypus, der während seiner Entwicklung die weibliche Macht, zu gefallen, verloren hatte und darum trotz der Sehnsucht seines Frauenherzens nach Liebe diese nie erringen konnte. Eine andere Frau meint, daß Sonja allzu anspruchsvoll und eifersüchtig fordernd war, um Liebe gewinnen zu können. Und eine dritte glaubt, daß Sonja, um die Forderungen des Ehrgeizes zu befriedigen, die des Herzens zum Schweigen brachte, daß sie ihren Ruhm mit ihrem Glück erkaufte.

Das Ganze war, wie ich schon gezeigt habe, viel einfacher, aber darum nicht leichter verständlich.

Die vielen Frauen, welche glauben, daß, wenn es ihnen nur einmal gelänge, das Rätsel in Sonja Kovalevskas Leben zu verstehen, sie damit auch ähnliche Rätsel in ihrem eigenen Leben verstehen würden, sind im Irrtum.

Denn jeder neue Mensch ist eine neue Welt, wenn auch eine noch so kleine, und jede Welt gehorcht ihren eigenen Gesetzen.

Und Sonja Kovalevska war eine große Welt, mit geheimnisvollen Tiefen, in die niemand, nicht einmal sie selbst, eindrang, und mit schwindelnden Höhen, die nur wenige ersteigen konnten.

Ich war mehrere Jahre hindurch wenigstens einige Male in der Woche mit Sonja Kovalevska zusammen. Aber die wirkliche Sonja Kovalevska habe ich doch nur einmal gesehen.

Das war an einem Abend in der Stockholmer Oper, als Beethovens Neunte Symphonie aufgeführt wurde. Sonja Kovalevska war – ganz ausnahmsweise – in der Wahl ihrer Toilette glücklich gewesen, sie trug ein schwarzes Kleid aus Seide und Spitzen, das, ohne die kleine dünne Gestalt zu drücken, ihr einen einheitlichen Stil gab. Neben ihr saß ihr russischer Landsmann, ein genialer, sonnig lächelnder Riese mit strahlenden Augen. Rings um sie strömte die alle Himmel aufschließende Musik, die Glückseligkeit in Tönen – –

Ein lichter Friede, eine edle Ruhe, eine sanfte Innigkeit verklärte Sonja Kovalevskas sonst so nervöses Antlitz, verfeinerte die unregelmäßigen Züge, hauchte über die unreine Haut eine gleichmäßige warme Blässe. Sie war verklärt, beinahe schön.

Denn sie liebte. Und die Musik wiegte sie in selige Träume. Ihr beredtes Antlitz sagte all dies.

Ich sah dann diesen Ausdruck in ihrem Gesicht nie mehr wieder – erst im Tode.

Die Musik verstummte, und sie wandte sich ihrem Nachbar mit einem Blick zu – – –. Wenn ein Weib mit einem Blicke einem Manne sagt:

»Du bist mein Gott, mein Herr, mein Leben …« dann ist sie entweder die stolzeste Königin des Lebens oder seine elendeste Bettlerin.

Sonja Kovalevska hatte die Jugend schon hinter sich, als ihr Herz aus seinem ruhigen Schlummer erwachte und gestillt sein wollte; als ihre halb erstickte Frauennatur angstvoll nach voller Entwicklung und Befriedigung rief, darnach, einmal mit allen Pulsen zu leben, einmal die sprengende Fülle, die Erweiterung des ganzen Wesens, das Himmel und Erde umarmende Unendlichkeitsgefühl zu empfinden, das Glück ist.

Für den geistigen Pöbel sind die erotischen Forderungen einer nicht mehr jungen Frau das vor allem anderen Komische.

Für den geistigen Adelsmenschen sind sie das vor allem anderen Tragische.

Es gibt einige wenige Werke in der Weltliteratur, in denen diese Tragik Ausdruck gefunden hat. Und einige Blätter gibt es, in denen Sonja Kovalevskas scheues bebendes Gefühl so offenbart ist, wie große Dichter divinatorisch das Leben von ihnen selbst unbekannten Menschen offenbaren. Diese Blätter kommen in Brownings »In a balcony« vor. Der Dichter läßt da eine regierende Königin sprechen, eine Königin, der immer nur gehuldigt wurde, die niemals geliebt worden ist; die ihr immer lauter; schluchzendes Herz damit beschwichtigt hat, daß es jetzt zu spät sei: die Liebe sei für Jungfrauen, und sie ist nicht mehr jung; sie ist überdies Königin und darf nicht an Liebe denken … Aber dann glaubt sie sich plötzlich geliebt, und das Lächeln der Liebe hat ihre Welt umgestaltet! Sie sagt sich, daß sie freilich schon viele Jahre für das Glück verloren hat – aber viele sind ja noch übrig? … Sie weiß, daß ihr Haar zu ergrauen begonnen hat, daß ihre Wange bleich ist – aber kann die Liebe nicht eine neue Jugend schenken? … Es ist wahr, sie ist nicht schön – aber Frauen können ja die Seele eines Mannes lieben … Sollte ein Mann nicht die Seele einer Frau lieben können?

Und sie hofft: sie jubelt, jetzt endlich Weib, ein gewöhnliches Weib zu sein. Denn für das Weib gibt es kein anderes Leben als die Liebe. Alles, was ihr dem Leben zu gleichen scheint, sind nur Schatten, von ihrer Liebe geworfen.

Mit Worten, die Flammen sind, schildert die Dichtung diese Sehnsucht, die tief in der Seele jeder echten Frau lebt, die Sehnsucht, ehe sie stirbt, die Stimme der großen Liebe gehört zu haben, wenn sie auch sterben muß, um sie zu hören …

Sonja hörte wie die arme Königin die Liebe in ihrem Herzen flüstern. Aber für beide war es nur im Traum, und beide erwachten zu der Gewißheit: nur als Zuschauer vor dem Fest des Lebens zu stehen.

Sonja konnte nicht resignieren. Sie mußte, sie wollte ihren Platz drinnen am Tisch des Lebens haben. Und sie blieb anstatt dessen die Bettlerin, es wurde ihr – ein Almosen geboten. Warum fällt es einem so schwer, dieses alltägliche Frauenlos zu fassen? Ist es, weil es eine Sonja Kovalevska traf?

Aber man wird ja nicht deshalb geliebt, weil man Königin über ein Reich der Erde oder des Geistes ist; nicht, weil man königlich mit Geld und Gut oder mit Genie und Herz verschwendet. Warum man geliebt oder nicht geliebt wird, das beruht auf mystischen Gesetzen, die noch niemand entdeckt hat. Nur eines ist gewiß, je entwickelter eine Frau ist, desto schwerer findet sie den Mann, den sie mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, den Mann, der für jede feinste Fiber ihres Wesens das Glück bedeutet. Und es gibt vielleicht eine Möglichkeit unter Millionen, daß dann auch gerade dieser Mann sie in der gleichen Weise liebt.

Und gehört sie dazu wie Sonja Kovalevska zu den Frauen, an deren Wiege die Grazien nicht ihre Gaben niederlegten, dann wird das Schicksal einer solchen Frau tragisch.

Manche meinten, sie hätte sich mit dem Almosen begnügen sollen.

Aber eine ganze und stolze Frau kann viel für den Mann tun, den sie liebt. Nur eines kann und soll sie nicht: seine Frau werden, wenn er ihr offen sagt, daß er für sie nicht die Gefühle der Liebe hat. Und da sie nicht den Hunger der Sinne, sondern den Durst der Seele stillen wollte, war nichts natürlicher, als daß Sonja die Bewerbung, die keine Liebe beseelte, ablehnte.

Dieselbe Schriftstellerin meint, Sonja Kovalevskas eifersüchtige Ansprüche hätten es verhindert, daß die Liebe eines Mannes erwachte.

Im Zusammenhang damit steht der von einigen Seiten gehörte Kommentar zu Ibsen, daß dieser Sonja Kovalevska in Rita Almers (Klein Eyolf) geschildert haben sollte.

Dieser Kommentar ist ebenso unhaltbar wie die meisten Ibsenkommentare. Die Eifersucht ist der einzige Gleichheitspunkt zwischen diesen beiden sonst unendlich verschiedenen Frauentypen. Und sie ist bei beiden ein gleich natürliches Resultat der Verhältnisse. Denn jede Frau, die die erotische Genialität hat, die folglich selbst mit ihrem ganzen Wesen lieben kann, fühlt – mit einem in diesem Falle ganz unfehlbaren Instinkt – ob sie in gleicher Weise geliebt wird. Wird sie das nicht, dann können alle und alles der Gegenstand ihrer Eifersucht werden, weil alles und alle von dem Geliebten nicht zugleich mit ihr, sondern anstatt ihrer geliebt werden, weil alles und alle den Raum in der Seele des Geliebten ausfüllen können, aus dem sie sich selbst verbannt fühlt. Eine solche Frau weiß, daß sie von den Gnaden aller anderen Frauen lebt, denn diejenige von ihnen, die den Mann erobern will, hat auch immer die Möglichkeit des Erfolgs. Nur wenn eine liebende Frau bis in die tiefsten Tiefen ihres Wesens von dem Bewußtsein der Gegenseitigkeit der Liebe durchsonnt ist, kann und muß dieses Bewußtsein alle Eifersucht ausschließen, so wie das Mittagslicht die Schatten ausschließt.

Die Einheitsleidenschaft, der Unendlichkeitssinn, mit einem Wort: der morgenländische Wesensgrund bestimmte Sonja Kovalevskas Schicksal. Ihr Geist hatte in den kühnsten Ahnungen der Wissenschaft, im Weltenraum und im Sonnensystem, im Denken und im religiösen Gefühl, in der Dichtung, in der Arbeit, und im Weltleben, in der Vaterlandsliebe und in der Freundschaft unaufhörlich das Grenzenlose gesucht, es aber niemals gefunden. Am allerwenigsten fand sie es im Ruhm, den sie in den Jugendjahren so glühend ersehnte, aber jetzt als eiskalten Begleiter auf allen ihren Wegen fand. Für sie wie für eine andere geistvolle Frau wurde der Ruhm schließlich nur »un peu de bruit autour de son coeur«; für sie wie für die einfachste Frau wurde schließlich das Leben des Herzens DAS Leben.

Denn nachdem sie so ohne Rast und Ruh durch alle anderen Räume gepilgert war, kam sie schließlich an die Grenzen von Eros‘ Reich.

Doch da erst begegnete ihrer Unendlichkeitssehnsucht eine hohe Mauer, über die selbst ihre starken Flügel sie nicht tragen konnten, eine Mauer, die sie mit den von Angst und Sehnsucht geweiteten Augen der gejagten Hindin anstarrt; an die sie mit zarten, schwachen Kinderhändchen pocht, an der sie ihre Denkerstirn blutig stößt. Doch die Mauer weicht nicht – das Schicksal gibt nicht nach …

Und da stand sie noch, als der große Allerbarmer ihre Unendlichkeitssehnsucht zur Ruhe wiegte.

Auf Sonja Kovalevskas Arbeitstisch stand in den letzten Jahren immer ein kleines Sträußchen Edelweiß, das sie in einem Sommer in der Schweiz bekommen hatte, als sie den Mann, den sie liebte, aus einer schweren Krankheit dem Leben rettete und mit dem ganzen Reichtum, der ganzen Liebenswürdigkeit ihres Genies seine lange Krankheitszeit erhellte. Das kleine blasse, trockene Sträußchen war für Sonja selbst die Erinnerung an einen reichen Augenblick, einen Hoffnungsstrahl.

Mir erschien es immer wie ein qualvolles Symbol der Armut und Farblosigkeit von Sonjas erotischer Lebensgeschichte. Und jedesmal, wenn ich das verstaubte, kleine Sträußchen sah, erklangen in mir J. P. Jacobsens Worte:

»Es hätten Rosen sein sollen.«

Viertes Kapitel

Im Vorangegangenen habe ich oft das Slavische in Sonja Kovalevskas Temperament betont. Will man eine Bestätigung suchen, so muß man ihre zwei nachgelassenen Bücher, »Die Schwestern Rajewski« und »Eine Nihilistin« aufschlagen, und sie im Zusammenhang mit den Frauentypen sehen, die die drei größten Dichter ihres Landes geschildert haben.

Turgenjew bewahrte das ganze Leben hindurch die Empfänglichkeit des Dichters und des Jünglings, für jede Offenbarung echter Weiblichkeit, die für ihn das Wunderbare war, das nicht gefaßt, nur angebetet werden konnte.

Es gibt fast keine Art weiblicher Eigentümlichkeit oder weiblichen Einflusses, von dem Anspruchlosesten bis zu dem Beherrschendsten, den Turgenjew nicht mit einigen Zügen in seiner Dichtung unsterblich gemacht hätte; aber diese wechselvolle Mannigfaltigkeit von Frauengestalten wird in seiner Darstellung durch ein Einheitsband zusammengehalten. Die Frau, mag sie nun gut oder böse sein, ist für ihn mehr ein Teil der Natur, mit ihrer geheimnisvollen und grenzenlosen Macht ausgerüstet, während der Mann mehr als ein Teil der Gesellschaft, ein gelungenes oder mißlungenes Produkt der Kultur vor ihm steht. Turgenjews Stil, wenn er eine schöne Frau schildert, und wenn er eine Landschaft beschreibt, zeigt dieselbe unmittelbare Empfänglichkeit und dasselbe sich stets erneuende Glück durch diese beiden in seiner Empfindung gleichartigen Offenbarungen. Nie tritt in einer seiner Erzählungen eine Frau auf, ohne daß die Stimmung sich in gewissem Maße ändert, so wie die Luft in einem Zimmer, wenn man das Fenster geöffnet hat und die süßen oder berauschenden oder würzigen Düfte aus Wiesen und Feldern in den Raum eindringen. Selbst die Frauen, die Turgenjew mit jener verhängnisvollen dämonischen Zauberkraft schildert, die sie zum Verhängnis der Männer macht, haben in diesem Naturverwandten ihren eigentlichen Reiz. Turgenjew weiß, daß das, was sie verderbenbringend macht, darin besteht, daß ihr Wesen in den Männern die Illusion unverdorbener Natur, ungezähmter Kraft, mutiger Lebenslust hervorruft. Ob nun eine solche Frau mit der sorglosen Grausamkeit eines jungen Raubtieres das Spiel spielt, das für andere den Tod bedeutet, wie in »Frühlingsfluten«, oder ob sie jenem Weltleben, das sie zu verachten glaubt, aber von dem sie doch nicht die Kraft hat, sich loszureißen, durch die Leidenschaft einen Inhalt zu geben sucht wie in »Rauch«; oder ob sie selbst ganz kühl und unberührt durch ruhigen, liebenswürdigen Reiz, maßvolles, wohlberechnetes Interesse alle Männer beherrscht, aber sich selbst, ihre Ruhe und ihre Freiheit viel zu sehr liebt, um sich irgend jemandem hinzugeben wie in »Väter und Söhne« – nie läßt Turgenjew diese Frauen durch das Schwache, Häßliche oder Niedrige einen Einfluß üben, sondern durch das Starke oder Schöne oder Ruhevolle ihrer Erscheinung, das der Gesundheit, den Natureindrücken Verwandte. Diese Art verführerischer Frauen kommen in Turgenjews Dichtungen oft vor. Aber er hat nicht eine einzige Dichtung zur Verherrlichung einer solchen, im tiefsten Innern unweiblichen Frau geschrieben. Die Frau, die er liebt, die gleich den Sternen seine Andacht erweckt, gleich dem Frühling seine Begeisterung, die für ihn die Inkarnation aller Gesundheit, aller Stärke, aller Holdseligkeit, alles Glückes des Daseins ist, sie ist der absolute Gegensatz der eben geschilderten Frauentypen, deren charakteristischer Zug darin besteht, daß sie sich selbst genug sind und dadurch eine gefährliche Ruhe besitzen; die einen scheinbaren Reichtum zu geben haben, aber dabei nur für sich selbst da sind, ohne Fähigkeit der wirklichen Hingebung an etwas, was es auch sein mag; stets von der Sehnsucht gequält, zu leben, aber stets vor den Wirklichkeiten des Lebens zurückscheuend, weil diese immer in irgend einer Form ein Opfer des Selbsts verlangen. Der andere Typus hingegen, dem man bei Turgenjew so oft begegnet, daß man sich unwillkürlich fragt, ob Rußland wirklich ein so glückliches Land ist, viele solcher Frauen zu besitzen oder ob Turgenjew nur einer begegnet ist und dann jeder echt weiblichen Gestalt ihre Züge lieh – hat etwas von der Frau des Mittelalters an sich; zuweilen etwas von der heiligen Elisabeth, zuweilen von Heloise, zuweilen etwas von beiden vereint. Sie sind nicht immer geistreich oder talentvoll, nicht einmal immer schön, diese Frauen, und doch hat der Dichter es verstanden, sie so zu schildern, daß ihre Gestalten sich klar und unauslöschlich von dem Goldgrund der hingebungsvollen Sympathie des Dichters abheben. Diese untereinander verschiedenen Frauen – man erinnere sich z. B. an Marianne in »Die neue Generation«, an Helene in der Dichtung des gleichen Namens, an Vera im »Faust«, Elisabeth in »Ein adeliges Nest«, Tatjana in »Rauch«, Gemma in »Frühlingsfluten« – haben alle ein gemeinsames Merkmal, das sich durch Tatjanas kurze Zusammenfassung der Grundsätze, in denen sie erzogen worden, ausdrücken läßt: »Wahrheit und Freiheit«. Es gibt keinen Trug bei diesen Wesen, sie sind durchsichtig ehrlich, einheitlich, voll Feuer, und voll Unschuld; im besten Sinne des Wortes einfältig, ohne einen Blick zurückzuwerfen, wenn sie ihre Hand auf den Pflug gelegt; sie können zermalmt aber nicht zersplittert werden, getötet, aber nie im Innersten ihres Wesens vernichtet.

Diese Frauen zeigen die vollkommene Hingebung ihres Wesens, ihre Befreitheit von aller Weltlichkeit – der Koketterie wie der Prüderie – oft darin, daß sie es sind, die ihre Liebe zuerst gestehen, die sich in jener stolzen und keuschen Weise geben, wie nur das Weib sich gibt, das weiß, daß es fürs Leben ist.

Diese Art Frauentypus bewunderte auch Sonja Kovalevska vor allem, und von ihm hat sie in »Eine Nihilistin« ein Bild gegeben, das dem Leben entnommen ist und an die Seite von Turgenjews schönsten Frauengestalten gestellt werden kann. Und Vera Vorontzoff findet auch später dasselbe Schicksal wie mehrere Heldinnen Turgenjews: von dem Manne enttäuscht zu werden, dem sie ihr Leben gegeben. »Denn in Rußland«, sagt Turgenjew, »gibt es keine Männer, die solcher Frauen wert sind.« Diese Frauen bewahren ihrer innersten Persönlichkeit eine solche Treue, daß sie mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes wirken, daß man sich ebensowenig denken kann, daß sie einen Verrat an ihrem Pathos begehen könnten – mag dieses nun die Liebe oder die Pflicht oder die Revolution oder eine andere große Idee sein – als man sich denken kann, daß sie leben könnten, ohne zu atmen.

Ich habe bei anderen Westeuropäern denselben Eindruck gefunden, wie den, den ich selbst empfangen: daß eine wirklich bedeutende Russin überhaupt der bedeutendste Frauentypus ist, den unsere Zeit besitzt. Ich rechne dann »unsere Zeit« schon von der Aufklärungsepoche an, die mit der Freundin Katharinas II., der Fürstin Dashkoff, eine Frau von jener Art hervorgebracht hat, an die ich denke und deren Memoiren ein unschätzbarer Beitrag zum Studium des Seelenlebens der russischen Frau sind. Man findet bei ihr schon jene wunderbare Mischung von starker, sprudelnder, naiver Naturkraft und einer verfeinerten Kultur mit tiefgehenden Interessen; grenzenlos opferwilliger Hingebung und fest abgegrenzter, selbständiger Persönlichkeit; schrankenloser Weite in allen Gesichtspunkten und gesammelter Willensstärke für ihre Ziele. Ich könnte noch andere russische Frauen anführen, die mit ihrer Zärtlichkeit und ihrer Tüchtigkeit als Hausfrauen und Familienmütter leidenschaftliches soziales Interesse verbinden, und mit einer sehr starken sinnlichen Zauberkraft eine Seelenvollheit von großer Tiefe, eine Geistigkeit mit gewaltigen Flügelschlägen.

Sonja Kovalevska hatte – wie ich schon dargelegt habe – ein großes Stück dieser Natur. Aber dennoch gleicht keine von Turgenjews Frauen, sondern eine von Tolstois ihr am meisten, namentlich so wie sie sich selbst in den Schwestern Rajewski schildert.

Tolstoi sieht die Frau als der realistische Beobachter, nicht als der idealisierende Dichter. Seine Frauen sind oft weniger individuell, immer weniger vollkommen als die Turgenjews. Die persönlichste und interessanteste ist eben Natascha (in »Krieg und Frieden«), und in ihr ist etwas vom Geniekind, das an die junge Sonja erinnert.

Aber in ihrer mannigfaltig zusammengesetzten Natur tritt noch mehr etwas Dostojewskys Frauen Wesensverwandtes hervor.

Dostojewsky war der von Sonja selbst am meisten bewunderte der drei großen Dichter, und das Größte in ihrer Natur vibrierte mit diesem Dichter der Gekränkten und Gedemütigten, der Verunglückten, der durch Armut und Ungerechtigkeit Leidenden und durch das Leiden in Versuchung Geführten.

Die durch Jahrhunderte geübte Fähigkeit der russischen Natur, sich zu demütigen, zu leiden, zu resignieren, aber zugleich auch die damit zusammenhängende Gefahr zu verkommen, versklavt zu werden, Stolz und Vorsätze und Pflichten preiszugeben, hat sowohl bei Turgenjew wie bei Tolstoi viele ergreifende Ausdrucksformen gefunden, aber keine so tiefergreifenden wie bei Dostojewsky. Für ihn ist die Frau überhaupt die Leidende, die unter den Gesellschaftsverhältnissen, namentlich der Armut Leidende, die aber doch im Leiden die Fähigkeit bewahrt hat, zu trösten, das Dasein zu versüßen, sich hinzugeben.

Und wenn Dostojewsky eine Frau grausam werden läßt, wie z. B. die junge Näherin in »Arme Leute« oder Natalia in »Beleidigte und Erniedrigte« – dann weiß sie es nicht; sie hat selbst so viel gelitten, daß sie gefühllos geworden ist; aber man merkt, daß der Verfasser sie nicht verkennt; sie hätte für den Mann, der sie liebt, das Glück werden können, wenn die Verhältnisse nicht gegen sie beide gewesen wären. Die Frauen in Dostojewskys Büchern sind nicht, wie so oft bei Turgenjew, Trägerinnen der Gesundheit, der Ruhe und Schönheit des Lebens. Sie sind die Unglücksgenossinnen des Mannes und zeigen Spuren der harten Hand des Lebens. Aber auch Dostojewsky glaubt an die innerste Unzerstörbarkeit des Weibes, an ihr engeres Bündnis mit den Kräften der Wiederaufrichtung, und er zeigt, daß kein Dasein ganz unerträglich ist, wenn eine selbstlose, hingebende Frau es teilt.

Nicht nur weil Sonja in Dostojewsky den tiefsten Psychologen bewunderte, sondern auch weil sie – während ihres wechselnden Lebens und in ihrem eigenen Schicksal – oft Gelegenheit hatte, die Richtigkeit der Psychologie des Leidens, des Verbrechens und der Wiederaufrichtung, in der Dostojewsky einzig ist, zu erkennen, stellte Sonja ihn am höchsten.

Durch einen anderen russischen Frauentypus – keinen erdichteten, sondern einen wirklichen – kann Sonja Kovalevska zum Teil beleuchtet werden: durch Maria Bashkirtseff. Diese starb im Herbst 1884, und ihr Tagebuch erschien gerade in Sonjas erstem Jahr in Stockholm. Ich erinnere mich noch, wie Sonja betonte, daß Maria Bashkirtseffs Originalität überschätzt werde, weil Westeuropa nicht begreife, wie sehr diese Originalität mit ihrer Rasse zusammenhänge. Das ist zweifellos richtig. Aber ebenso gewiß ist es, daß sowohl die eine wie die andere der beiden Russinnen, die gleichzeitig Europas Interesse so stark beschäftigten, nicht nur die Eigenart der russischen Frau, sondern die des weiblichen Genies hatten. Dies zeigt sich in der Leidenschaft, womit Beider Seele sich auf einen Brennstoff nach dem anderen stürzte, ihn verzehrte und einen neuen suchte; in dem Mut, sich beständig neue Ziele zu setzen, und in der Kraft, sie unbeugsam zu verfolgen; in der Unersättlichkeit ihres Lebenshungers, in der Grenzenlosigkeit ihrer Sehnsucht!

Laura Marholm, die mit ihrer genialen Einseitigkeit sowohl in Anne-Charlotte Leffler wie in Maria Bashkirtseff, in Sonja Kovalevska wie in Ernst Ahlgren nur das Geschlechtswesen sah, hat dadurch keine von ihnen ganz verstanden. Wie bedeutungsvoll Laura Marholms Reaktion gegen den einseitigen Intellektualismus der Frauenrechtlerinnen auch war, ihre eigene erotische Einseitigkeit wurde ebenso irreführend. Denn allerdings erlangte die Erotik im letzten Teile von Sonja Kovalevskas, Anne-Charlotte Lefflers, Ernst Ahlgrens Leben entscheidende Bedeutung – und hätte sie vermutlich auch im Leben Maria Bashkirtseffs erlangt. Aber bei keiner von ihnen hätte die Liebe je den Schaffensdrang, die Wahrheitsleidenschaft, den Wissensdurst, die Verstandesschärfe – oder mit anderen Worten gerade jene Eigenschaften, die man männlich zu nennen pflegt – verdrängen können! Anne-Charlotte Lefflers Glück war es, daß sie von einem Manne ganz als Weib geliebt wurde, der zugleich auch diese ihre intellektuellen Wesenszüge liebte. Sonjas Unglück war, daß sie einen Mann liebte, der an ihr nur diese intellektuellen Vorzüge schätzte; Ernst Ahlgrens Tragik war, daß sie einen Mann liebte, der weder das Weib liebte, noch ihre intellektuellen Vorzüge schätzte.

So wenig Laura Marholm Maria Bashkirtseffs Tragödie richtig damit charakterisiert hat, daß sie die typische Tragödie des jungen Mädchens gewesen sei, ebensowenig hat sie die Sonja Kovalevskas richtig damit charakterisiert, daß sie wie das Weibchen klagend durch die Wälder irrte, nach dem Gatten rufend. Sonja konnte diesen, wenn sie nur selbst wollte, finden – wenn dies ihre Forderung gewesen wäre!

Ich habe gezeigt, daß dies nicht der Fall war. Und – wie ich hier Anne-Charlotte Lefflers Irrtum berichtige, daß Sonjas erotischer Konflikt der Konflikt zwischen dem Genie und der Liebe gewesen sei – will ich auch Laura Marholms Darstellung berichtigen.

Mit ihrem ganz außerordentlichen psychologischen Klarblick äußerte Sonja mitten während ihres erotischen Konfliktes, sie wisse wohl, daß die Intensität ihres Gefühles im Verhältnis zu der Schwierigkeit des Sieges stehe, den sie erringen wolle, und daß sie sich, wenn dieser einmal gewonnen war, vielleicht enttäuscht fühlen würde: auf keinen Fall hätte sie sich je auf die Länge durch die Liebe allein glücklich gefühlt. Sie mußte die Wissenschaft, die Schriftstellerei, die Gesellschaftsinteressen haben – mit einem Worte alles. Sie konnte freilich sagen – und im Augenblick auch meinen – daß sie gerne all ihr Genie für die Schönheit oder das Glück dieser oder jener Freundin hingäbe. Aber das bedeutet nicht, daß sie in Wirklichkeit ihr Genie hingegeben hätte: das bedeutet nur, daß sie – alles haben wollte!

In dieser Beziehung ist sie eine echte Slavin und eine echte Schwester Marie Bashkirtseffs. Keine Worte können auch Sonja Kovalevsky besser charakterisieren als die, mit denen Marie Bashkirtseff dem Tiefsten ihres Wesens den höchsten Ausdruck gab:

»Es will mir scheinen, als ob niemand alles ebensosehr lieben würde wie ich: Kunst, Musik, Malerei, Bücher, Verkehr, Kleider, Luxus, Lärm, Ruhe, Lachen, Schmerz, Melancholie, Scherz, Liebe, Kälte, Sonne; alle Jahreszeiten, alle Atmosphären, Rußlands stumme Ebenen und die Berge um Neapel; den Winterschnee, den Herbstregen, den Frühling und seine Tollheiten, die ruhigen Tage des Sommers und die schönen Nächte mit den leuchtenden Sternen … alles bete ich an und bewundere ich. Alles sind für mich interessante oder sublime Offenbarungen; ich wollte alles sehen, alles besitzen, alles umarmen, mit allem verschmelzen, und in zwei oder in dreißig Jahren sterben, wenn es notwendig ist; mit Jubel sterben, um dieses letzte Unbekannte zu erproben, dieses Ende von allem und diesen Anbeginn des Göttlichen.«

Maria Aronov Φ Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows  „Der Meister und Margarita“

Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Das zur Lebenszeit Michail Bulgakows verbotene Werk „Der Meister und Margarita“ stellt auf eine ironische Weise das atheistische und bürokratische Moskau dar. Es enthält ebenfalls Züge aus Bulgakows Leben, denn die Werke des Meisters, dem Hauptdarsteller des Romans, werden ebenfalls verboten: Der Meister schreibt an einem Werk über die Religion, über Pontius Pilatus und Jesus (auf diese Thematik gehe ich im nächsten Text näher ein).
Nach der Beendigung des Romans findet sich kein Verleger, der das Werk veröffentlichen würde; es werden lediglich einzelne Passagen des Romans gedruckt, die dann zum Hass auf den Autor führen.

Zur gleichen Zeit lernt der Meister seine Geliebte – Margarita – kennen; eine verheiratete Frau, die sich jedoch unsterblich in den Meister verliebt und ihm aufgrund seines Talents zu schreiben, den Titel Meister gibt. Auch er verfällt ihr. Zwischen den Beiden entwickeln sich große Gefühle. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn der Meister wird verhaftet, da er „illegale Literatur“ besitzt. Nach seiner Freilassung geht er aus freien Stücken in die Psychiatrie, um am Leben bleiben zu können.

In der Stadt des Romans herrscht der Teufel Voland. Dieser bietet Margarita die Chance, ihren Meister wiederzusehen. Für ihren Geliebten tritt Margarita in den Dienst des Teufels.

Bulgakow teilt die Welt in zwei verschiedene Subwelten auf: das Gute und das Böse. Diese beiden Welten sind Bestandteile jeden menschlichen Lebens. Der Autor zeigt in seinem Werk, inwiefern beide voneinander abhängen. Er personifiziert das Gute und das Böse, maskiert sie als Leben und Tod, Gott und Teufel.

Der Schriftsteller stellt sich die Frage, ob das Gute und das Böse einen Einfluss aufeinander haben und ob sie ohne einander in ihrer Existenz gefährdet wären.

Mit der Thematik von Gute und Böse setzte sich ebenso Immanuel Kant auseinander. In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht er von dem radikal Bösen, zu dem jeder Mensch einen Hang hat. Kant will anhand seiner Philosophie deutlich machen, dass das Böse in uns verwurzelt ist. Aus diesem Grund wählt er den Begriff „radikal“ (lat. radix = Wurzel). Nach Kant ist dem Menschen die Vernunft gegeben, durch die er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ spricht Kant vom guten Willen und hält fest, dass dieser das höchste Gut sei. Demnach ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen der Vernunft. Einerseits hat er den Willen, der ihm ermöglicht, vernünftig zu handeln, anderseits wirkt der Hang zum Bösen auf den Willen ein, sodass eine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, dem die Vernunft zugrunde liegt, entsteht.

Doch ist die Neigung zum Bösen ein solch großer Feind des guten Willens?

Führt man sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vor Augen, kommt man zu dem Schluss, dass das Gute ohne das Böse nicht existieren kann: es gäbe kein Gleichgewicht in der Welt.

Wenn man die Aussage Kants betrachtet, der Wille sei das höchste Gut des Menschen, lässt sich behaupten, dass man durch die Neigung zum Bösen nicht schlecht wird, sofern man als Willen das Ziel des Guten verfolgt.

***

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Die Hauptfigur, Margarita, geht mit dem Teufel einen Pakt ein. Sie soll für eine Nacht zur Ballkönigin werden, denn der Teufel braucht eine Gastgeberin auf dem von ihm veranstalteten Ball für tote Verbrecher. Als Gegenzug soll der Teufel ihr wieder ein Leben mit dem Meister ermöglichen, nach dem sie sich sehr sehnt. Margarita stellt sich also um der Liebe willen auf die Seite des Bösen, sie wünscht sich, ihrem Geliebten noch einmal begegnen zu können. Margarita bekommt eine Salbe, nach deren Auftragen sie sich in eine Hexe verwandelt. Nun steht der Herrin des Hauses nichts mehr im Wege, um die aus dem Sarg auferstandenen Ballgäste zu begrüßen.

Dort lernt sie die teuflische High-Society kennen, Verbrecher, Betrüger auf allen Ebenen und Mörder. Ein Fest der Unzüchtigen, Gewissenlosen und Kriminellen findet statt. Die vom Feuer umgebenen Paare tanzen und amüsieren sich auf diesem teuflischen Ball.

Unter anderem ist eine Tote dabei, für die ein Verbrechen unausweichlich war, sodass sie dieses begehen musste und dadurch psychisch krank wurde. Sie landete als Konsequenz in der Hölle. Von der Schuld des wahren Verbrechers wollte niemand etwas hören, da er die Frau quasi zum Mord zwang, ihn jedoch selbst nicht beging. Er wurde zu seinen Lebzeiten nicht bestraft und konnte damit so der Hölle entkommen – eine Anspielung darauf, dass das Gericht auch über die Existenz der Seele nach dem Tod des Menschen entscheiden kann.

An dieser Stelle kritisiert Bulgakow die Oberschicht des damaligen Russlands, indem er die Gäste des Balls namentlich und biographisch vorstellt. Er zeigt, mit welchen Mitteln man in dieser Gesellschaft hochsteigen und alles erreichen kann, sofern man seine Neigung zum Bösen auslebt und die materielle Seite des Lebens als Ziel hat. Dazu gehören Münzenfälscher, Fremdgeher, Mörder der Ehepartner und der Geliebten des Königs am königlichen Hofe sowie Hochstapler.

***

Der Gehilfe des Teufels warnte Margarita davor, niemandem auf dem Ball besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie den Leuten sonst zu Kopf stiege.

Das zeigt, dass der Teufel den Wert seiner Umgebung kennt. Margarita ist in seinen Augen eine Person, der er vertrauen kann.

Obwohl Voland das Böse verkörpert, bricht er seinen Pakt nicht. Margarita sieht schließlich den Meister wieder.

Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev / Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев - 1991
Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev /
Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев – 1991

An diesem Beispiel von Bulgakow lässt sich erkennen, dass man nur durch die Wechselwirkung von Gut und Böse existieren kann. Der Teufel braucht das Gute, er braucht Margarita, um eine Gastgeberin auf dem Ball zu haben. Margarita braucht wiederum das Böse, um ihren Geliebten wiedersehen zu können. Dies zeigt uns, dass durch den Pakt ein Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten hergestellt werden kann, sodass beide Seiten davon einen Nutzen tragen.
Daher lässt sich sagen, dass Kants These stimmt. Wir sind insofern unvollkommen, dass wir nicht ohne das Böse existieren können. Es ist uns weder als Neigung zum Bösen entbehrlich noch als dessen Personifikation in Form des Teufels. Warum können wir uns aber davon nicht trennen? Die Antwort auf die Frage ist ganz plausibel: Ohne das Böse würden wir das Gute nicht als Solches anerkennen. Es wäre für uns eine Selbstverständlichkeit. In unserer Unvollkommenheit steckt die Philosophie des Lebens. Erst, wenn man das Böse als solches anerkennt, kann man es als eine Art Instrument zur Erlangung des guten Ziels gebrauchen. Ist der Wille stark genug, kann man das Böse einerseits für einen guten Zweck einsetzen, wie Margarita es tut, indem sie auf den Ball des Teufels geht, um ihren Meister bald wiedersehen zu können. Andererseits um es zu verhindern, damit kein Schaden entsteht. An dieser Stelle widerspreche ich Kant, denn es gibt für mich keine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, den das Böse beeinflussen würde. Unser Wille, dem die Vernunft zugrunde liegt, kann stärker als die Neigung zum Bösen sein.

Am Ende von Bulgakows Werks befreit der Teufel den Meister und seine Margarita mit einem Gift von ihrem unglücklichen Dasein auf der Erde. Der Meister wird nämlich von der Regierung wegen seiner Schriften weiterhin verfolgt, sodass das Liebespaar keine Ruhe auf der Erde findet. Die einzige Erlösung ist der Tod.

Voland und seine Gehilfen, unter Anderem der Todesdämon Asasello, begleiten die Seelen von Meister und Margarita zu dem „ewigen Haus“, von dem die beiden träumten. Dort sollen sie Ruhe und ihr Glück finden. Margarita betonte vor ihrem Tod, wie glücklich sie darüber sei, mit dem Dämon den Pakt eingegangen zu sein, denn das war für sie der einzige Weg, ihrem Liebsten nah zu sein.

Auch der Meister bedankt sich nach seinem Tod bei dem dunklen Dämon für sein neues Leben und seine Befreiung. Er bezeichnet diese als Glück.

Als sie vor ihrem Ritt in den Himmel ihr Haus anzünden, damit des Meisters weitere verbotene Schriften nicht mehr aufzufinden sind, sagt Margarita, dass im Feuer ihr Kummer des irdischen Lebens verbrennen soll.

Als die Beiden im Himmel ankommen, spazieren sie durch einen wunderschönen idyllischen Park zu ihrem „ewigen Haus“. Margarita sagt dabei folgendes zu ihrem Seelenverwandten:

„Hör die Stille und genieß das, was du im Leben nie hattest. Dort vorne steht dein ewiges Haus, das du als Belohnung erhalten hast. Dort gibt es ein venezianisches Fenster und wellende Reben, die bis zum Dach wachsen.
Ich weiß, dass abends zu dir die kommen werden, die du liebst, für die du dich interessiert und die dich nicht beunruhigen werden. Sie werden dir vorspielen und vorsingen.
Du wirst sehen, was für Licht es im Zimmer gibt, wenn die Kerzen brennen.
Du wirst mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Der Schlaf wird dich stärken. Du wirst weise Überlegungen treffen, aber mich wirst du nicht fortjagen können. Ich werde auf deinen Schlaf aufpassen.“

Oliver Simon ℵ Der private Claude Debussy

Claude Debussy war mit den bescheidensten Mitteln ein großer Lebenskünstler. In seinem Arbeitszimmer mussten Sommer wie Winter Blumen stehen. Er konnte in jener Zeit, da er in der Avenue du Bois de Bologne wohnte, nur unter Blumen arbeiten: ihre Farben du Düfte regten ihn an, er brauchte den Zusammenklang dieser Reize, und der Vers von Baudelaire „Les sons et les parfums tournent dans L’air du soir“ war für ihn kein bloßer Spruch. Nicht grundlos schrieb er ihn unter eines seiner Préludes.

Debussy spielt vor Ernest Chausson, 1893In Geldsachen und damit zusammenhängenden materiellen Fragen zeitlebens ein Kind, fehlte ihm die Fähigkeit, praktische Erfahrungen zu machen, und Dinge dieser Art glitten an ihm unerlebt vorbei. Ein schlagendes Beispiel dafür bildet seine einzige Zusammenkunft mit Richard Strauß, von der Durand erzählt.  Strauß hatte Durand besucht und nach dem  Muster der französischen “Gema“ 1898 die „Genossenschaft deutscher Tonsetzer“ (mit Rösch und Sommer) gegründet. Strauß schrieb nun eines Tages an Debussy, er komme demnächst  nach Paris, um einige Konzerte zu dirigieren, und habe den lebhaften Wunsch, bei dieser Gelegenheit Debussy kennenzulernen. Durand übernahm die Vermittlung, und obwohl Debussy damals neue Bekanntschaften eh mied als suchte, sagte er  dennoch zu, mit dem Komponisten der „Salome“ zusammenzutreffen. Es kam zu einem intimen Abendessen im Hause Durands, und Strauß, der die erwähnte Genossenschaft eben gegründet hatte und davon noch ganz erfüllt war, sprach darüber mit einem gewissen Stolz zu Debussy. Aber Debussy, dem sogar die Funktionen der französischen Autorengesellschaft ziemlich fremd waren, hörte nur mit halbem Ohr zu und schwieg, während Strauß sprach, und Durand meint, die Zusammenkunft dürfte nicht ganz seinen Erwartungen entsprochen haben.

CDebussyDebussy war nur Musiker, nichts als Musiker, und das bezeugt auch seine Schrift. Diese herrlich-schön geführte Handschrift, deren Buchstaben eingezeichnet ins Papier sind wie verkappte Noten: immer glaubt man durch die sauberen Zeilen die fünf Linien durchschimmern, immer Noten in Buchstabenform zu  sehen.

Wenn er eine Arbeit glücklich beendet hatte, sagte er: “Je crois que c’est assez soi-soi…“, wobei der Ausdruck „soi-soi“ der Kindersprache entlehnt war und so viel bedeutete wie „soigne“, soigniert,  sorgfältig gemacht. Oder er sagte, wenn er jemanden tadeln wollte: „Mas  is est fou“ statt: „mais i lest fou“. Er zog das I ins a hinein, wodurch der Ausdruck mehr Energie bekam und der Satz so viel bedeutete wie: „Er ist ein ganzer Narr.“ Er sagte dies auch in Gegenwart der so bezeichneten Person, blickte dabei zum Himmel auf, als wollte er ihn zum Zeugen anrufen. „Nichts amüsanter“, erzählt sein Freund René Peter, „als diesen immer soignierten und tiefen Künstler solche Kinderhaftigkeiten aussprechen zu hören, die seinen Lippen manchmal mit einem diabolischen Nebenklang entfielen.“ Er entspannte sich aber damit nach ungeheuren Anspannungen, und war er imstande, eine Partitur mit dem Selbstlob: „soi-soi“ … wegzulegen, so verbarg sih hinter dem „bav-bav!“ (statt brav, brav) eine echte, kindhafte Schamhaftigkeit.
Er liebte auch Kinderbücher über alles. So unter anderem Andersens Märchen, die sein Gehirn wieder „reinfegten“. Er liebte von französischen Dichtern, außer Baudelaire und Verlaine, vor allem Balzac. Seine Herzensneigung gehörte Dickens. Er wurde nicht müde, Charles Dickens zu lesen, der ihm als unfehlbares Gegengift gegen alle Gifte des Lebens galt. Er schwärmte für  Herrn  Pickwick, für Sam Weller, Herrn Micawber, für Bell, Dora, Agnes, für den kleinen David Copperfield, er stellte Dickens hoch über Thackeray und ärgerte sich über gewisse Engländer, die nicht gleich ihm von ihrem nationalen Dichter entzückt waren. Er verkannte dabei nicht gewisse Schwächen seines Lieblingsautors, darunter die flutende Breite, die ins Zusammenhanglose führte, das „Dècousu“ der Komposition: aber es hinderte ihn nicht, den Roman „Der Antiquitätenladen“ für ein Meisterwerk zu halten. Die Szene, wo der vom Spiel ruinierte alte Händler mit seiner Enkelin Nelly nach dem Dorf zieht, in dem Nelly geboren war, wie sie ankommen und Nelly fühlt, dass sie hier sterben wird und glücklich ist -, das schien ihm eine wunderbare Umkehrung des „Ödipus auf Kolonos“ zu sein. Dieser Dickens-Verehrung entsprang wohl auch seine Humoreske „Hommage a S. Pickwick“ in den Präludien. Die feinen literarischen Welturteile aber, die er überhaupt abgibt und die man vielfach in Peters Erinnerungen  findet, lassen die geistige Aufschwungkraft desselben Mannes abschätzen, der im Anfang seiner Laufbahn, mit zwanzig  Jahren, noch nicht einmal orthographisch schreiben konnte. Und nun entsteht die Frage: Was ist von Claude Debussy geblieben?

f1Wir wollen ohne Umschweife antworten und bekennen: So ziemlich alles. Sein Leben war nicht umsonst gelebt, sein Leiden nicht umsonst gelitten. Von Gelegenheitswerken abgesehen, lebt sein Werk sowohl unter dem Namen Debussy wie unter anderen Namen weiter. Und darauf kommt es an: dass eine künstlerische Tat  ein fließendes Kulturelement werde, dass seine Spur nicht in Aeonen untergehe.
Bei aller Unverbundenheit  und Abgetrenntheit wurde dieser unagilatorische Künstler die Kraftquelle, die die ganze Turbine der modernen Musik speist. Ohne seinen Leugnermut, ohne den Freiheitswillen, mit dem er die alte harmonische  Kette abschüttelte, gäbe es keinen Ravel, keinen Florent Schmitt, nicht die Komponistengruppe der „Six“, und obwohl seine Tongebärde keine angreifende Linie besitzt, vielmehr ihren Duktus der Arabeske entnimmt und zuletzt mit einer gewissen Menschenscheu in die eigene Höhle zurück flüchtet, hat Debussys Wesen doch ganz andersgeartete Künstler wie Giacomo Puccini und Richard Strauß  befruchtet: der eine gewann aus Debussys Schatzhöhle die dreisten Dreiklangsfolgen und unverbundenen Nonakkordreihen, der andere die Ganztonleiter, und selbst ein Meister wie Max Reger, bachisch dem Ursprung nach, wird in der „Böcklin-Suite“ debussystisch. Die Verführung  durch den Impressionismus ergriff auch die Wiener Schule, und ein großer Teil der Jungwiener Komponisten wurde auf dem Weg über Joseph Marx und Franz Schrecker zu Debussysten. Er wirkte, ohne wirken zu wollen. Und man kann sagen: er glich dem heiligen Sebastian, der zum neuen Glauben überredete nicht durch Predigten, sondern bloß durch den Pfeil, den er gegen Himmel schoss, und der nicht wiederkehrte…“

© Oliver Simon 2015

Felix Pirner über Fridtjof Nansen: Forscher und Menschenfreund

Henry Van der Weyde - Fridtjof_Nansen - Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat
Henry Van der Weyde – Fridtjof_Nansen 
Norwegischer Wissenschaftler und Diplomat

Neapel ist eine Stadt des Meeres, und der Vesuv, dessen zarte Rauchfahne den blauen Himmel streichelt, ist ihr Wappen. Die Bewohner der Stadt, dieses arme, frohsinnige Volk, lebt vom Meer und seinen Fischen, von der Lava des Vesuvs, der fruchtbaren Erde, die Orangenhainen und Ölbaumwäldern die Nahrung schenkt. So ist es heute, und 1886 war es nicht anders, als einige junge Männer durch die Gassen der Stadt schlenderten. Man sah ihnen an, dass sie keine Italiener waren; aber einer der jungen Leute fiel besonders auf, ein großer, hellblonder Mann mit dem kühn geschnittenen Gesicht und den blauen Augen des Wikingers. Er erregte nicht nur wegen seines Aussehens in der südlichen Landschaft Aufsehen, sondern er gab mehr als andere mit beiden Händen und einem fröhlichen Lächeln Geldmünzen an die Bettler. Zwei junge Neapolitanerinnen sahen ihm aus der Schneiderwerkstatt ihres Vaters nach. Die eine meinte: „Er muss sehr gut sein. Neulich wollte er das Aufbügeln seines Anzugs zahlen und hatte zu wenig Geld mit, nur weil er zu viel unterwegs an die Armen verteilt hatte.“

„Er soll herrlich tanzen können — die Tarantella, wie unsere Burschen. Mario sah ihn auf Capri; er war eifersüchtig, weil die Mädchen alle mit dem großen Blonden tanzen wollten“, sagte die andere und sah ihn mit bedauerndem Lächeln um die nächste Ecke verschwinden.
Der junge Riese, der Norweger, war Fridtjof Nansen, Zoologe und Assistent am Biologischen Institut in Neapel. Die jungen Männer wanderten zu den Lavafeldern von San Sebastiano. Auf einmal blieb Nansen hinter ihnen zurück. Er setzte sich auf einen der dicken Brocken und antwortete nicht auf die Zurufe seiner Freunde. Hatte Fridtjof Nansen Liebeskummer? Nein. Nansen überfiel jäh und mit Wucht die Sehnsucht nach Hause, nach Norden. Die starken bunten Farben und die lauten fröhlichen Menschen peinigten ihn auf einmal. Er wusste nicht, warum; denn bis zu diesem Augenblick, so schien es ihm, hatte er sich noch an dem Gegensatz gefreut — nun war alles wie erloschen. Er sehnte sich maßlos nach dem Packeis und der Robbenjagd, nach den zarten Farben und den kurzen flammenden Sommern, denen die rasche Vergänglichkeit ihren unwiderstehlichen Reiz gab.

pompeii-431577_1280_PhilP61Schließlich stand der junge Norweger von dem Lavafelsen auf, reckte sich und blickte zum Vesuv hinüber, dann schloss er sich seinen Freunden wieder an.  „Bist du traurig?“
„Nein, nicht mehr. Ich weiß aber jetzt, warum ich es war. Ich melde mich zurück nach Hause.“
„Warum denn so schnell? Im Meeresinstitut von Neapel gibt’s doch die seltensten Sorten von Tintenfischen.
Nansen lachte: „Aber keine Robben und Eisbären. Ich will Grönland durchqueren, auf Schneeschuhen.“
Und warum? „Weil kein Mensch das Innere kennt. Gibt es grüne Täler dort? Menschliche Ansiedlungen? Oder findet man eine einzige platte Eisfläche? Nichts weiß man davon. Aber ich werde es herausbekommen.

1888: Sechs Männer kämpften sich quer durch Grönland, von Osten nach Westen, vier Norweger und zwei Lappen. Sie schoben schwerbeladene Schlitten über Schrofen und Buckel hinauf, zeitweise in eisigem Sturm bei vierzig Grad Kälte. Grönland war keine glatte Fläche, und als die Männer endlich die Höhe der Insel erreicht hatten, da maßen sie 2400 Meter. Das war am 1. September 1889. Sie freuten sich und machten ein Festessen; denn die Anstrengungen, die hinter ihnen lagen, waren schwer gewesen, überschwer. Sie hatten sogar die Ölhäute ihrer Schlafdecken als Brennstoff benutzen müssen, um die Schlitten zu erleichtern. An manchen Tagen war der Schnee schwer geworden, fast hatten sie die Schlitten tragen müssen, und immer noch ging es bergauf. Nachtmärsche hatten sie schon lange aufgegeben; sie fühlten sich glücklich, wenn sie des Nachts im Zelt lagen und heißen Tee tranken.

Nun waren sie endlich oben. Hinunter geht’s bekanntlich schneller. Leider mussten sie noch tagelang auf der gleichen Höhe voranziehen und stoßen, während der Sturm raste. Hunger plagte sie; denn bei dem Marsch quer durch Grönland hatte es sich herausgestellt, dass ihre Hauptnahrung „Pemmikan“ — ein gepresstes Fleischpulver, mit Mehl versetzt, von außen nicht unähnlich einer Schokoladentafel — zu wenig fetthaltig war. Und Durst hatten sie! Sie trugen eine kleine Flasche mit Schnee gefüllt auf der Brust, das aufgetaute Wasser tranken sie.
Dann glitten eines Tages die Schlittenkufen von selbst, sanft, fast gemütlich, bis auf einmal der Bergkamm steiler ins Tal fiel. Die Schlitten rasten. Die Männer sprangen auf und versuchten sie zu lenken. Eine halsbrecherische Fahrt; denn sie flogen nun über die gleichen Unebenheiten, die ihnen bergauf trotz der harten Kälte den Schweiß auf die Stirn getrieben hatten, sie sprangen über Schächte und Gräben. Sie rasten mit dem Tod um die Wette, immer schneller und schneller. Nansen führte. Plötzlich — eine Gletscherspalte! Sie waren schon dicht dran! Da riss Nansen an den Kufen, schwang ab und hielt — Zentimeter nur trennten ihn von dem tödlichen Spalt; der Bruchteil einer Sekunde hatte über sein Leben entschieden.

Wohl nur ein Mensch, der sich je einmal im Schnee verirrt hat, kann die Freude ermessen, die einen Mann im ewigen Eis durchzuckt, wenn ihn wieder eine Spur warmen Lebens streift. Eine Fliege, ein Schmetterling, eine Moosfaser. Die sechs Männer setzten sich beglückt in das erste Kissen von Moos und Heidekraut, sie legten die Hände auf die Erde und freuten sich. Nun waren sie durch! Wieder hielten sie ein Festmahl. Sie brannten ein Feuer aus Heidekraut an und sogen den Duft von Moos und Erde ein. War das herrlich!
Nun kamen sie schneller vorwärts. Sie schossen wieder Vögel und aßen Beeren. Die frische Nahrung gab ihnen neue Kraft. Sie ruderten einen Fjord entlang und gelangten zum offenen Meer.

Nansen_auf_dem_Schiff_Nordpolexpedition_BergenIn einer Eskimosiedlung kam ein junger Mann auf sie zu und fragte nach Nansen. Er wollte ihm zum Doktordiplom gratulieren. Ein Schiff hatte die Nachricht mitgebracht. Der junge Doktor stand vor ihm, verschmiert und ungewaschen, seinen ersten Erfolg als Forscher gerade hinter sich. Nansen blieb, bis das nächste Schiff im Frühjahr in seine Heimat fuhr, bei den Eskimos, und er wurde fast einer der Ihren. Er wohnte mit ihnen in Hütten und gewöhnte sich an den atemberaubenden Gestank, der in diesen Behausungen herrschte; er aß mit ihnen ihre Leckerbissen, wie rohe Heilbutthaut und gefrorene Beeren mit ranzigem Speck. Wenn man seinen Bericht darüber liest, dann weiß man, dass er nicht nur als Forscher sich ihren Sitten anpasste, sondern man fühlt, dass er die Eskimos liebte. Er bewunderte ihre Heiterkeit und Hilfsbereitschaft, ihre Kunst, zu jagen und Kajak zu fahren, die er von ihnen erlernte. Hier spricht zum ersten Mal der Menschenfreund Nansen, der sich nie überheblich anderen Menschen genähert hat, sondern ihnen mit Achtung und Bescheidenheit entgegentrat und der darum Gastfreundschaft und Respekt fand.

Nansen war ein Held seines Landes geworden, ein junger Gelehrter mit großen wissenschaftlichen Aussichten. Er wurde Kurator am Zoologischen Museum in Oslo, schrieb sein Buch über die Durchquerung Grönlands und hatte geheiratet. Seine Frau, Tochter eines bekannten Zoologen, als Sängerin ausgebildet, passte in ihrer Lebenskraft und Fröhlichkeit zu ihm. Wie sonst hätte er an einem Silvesterabend mit ihr eine Skifahrt auf einen Berg machen können! In einer Zeit, in der kaum ein Mann auf den langen Brettern zu laufen verstand. Bei diesem seltsamen Unternehmen kamen sie in die Dunkelheit und mussten im Zwielicht von der Bergkuppe abfahren. Schließlich wurde die Fahrt so steil, dass sie die Bremse aller Skileute benutzen mussten, den Hosenboden. Es wurde Nacht und kalt und stürmisch, und sie waren froh, als sie endlich in einem Gehöft landeten und gastlich aufgenommen wurden.

Mit so einem kleinen Buben fährt man aber nicht in einer solchen Silvesternacht Schneeschuh“, meinte der Bauer und Hausherr, als er die Gäste ins warme Haus holte. Der „kleine Bub“ war Frau Nansen. Eva Nansen ließ ihren Mann auch mit einem tapferen traurigen Lächeln auf die große Fahrt ins Eismeer zum Nordpol ziehen. Sie hatte einen Forscher geheiratet und verschloss sich den daraus folgenden Notwendigkeiten nicht. Schon knapp vier Jahre nach ihrer Hochzeit, 1893, kehrte die „Fram“, das Schiff, dem Frau Nansen selbst den Namen gegeben hatte, seinen Bug nach Norden zu der großen Reise. „Fram“ heißt „Vorwärts“, vorwärts zum Nordpol.
Nansen hatte die Reise gewissenhaft vorbereitet; er wollte einer Strömung folgen, die sie nach Norden treiben sollte. Bisher hatten die Expeditionen sich gerade gegen diesen Strom gestemmt. Nansen wollte sich dem Strom anvertrauen, auch dann, wenn er einen großen Umweg fahren müsste. Er sagte in diesem Zusammenhang einmal ein weises Wort, das sich nicht nur auf Strömungen im Nordmeer anwenden lässt: „Ich glaube, dass, wenn wir auf die Wege achten, die sich in der Natur selber finden, und versuchen, mit ihnen und nicht gegen sie zu arbeiten, dass wir den leichtesten und sichersten Weg zum Pol finden werden.“

Nansen fuhr nicht als Abenteurer, und die Worte, die er am Tage seines Abschieds von zu Hause in sein Tagebuch geschrieben hatte, greifen auch dem heutigen Leser noch ans Herz. Wir lesen da: „Nun ein letzter Gruß dem heimatlichen Hause, das dort auf der Landzunge liegt. Vorn der glänzende Fjord, Fichten- und Kiefernwald ringsum, lachendes Wiesenland und langgezogene, waldbedeckte Gipfel dahinter. Durchs Fernrohr sah ich eine weiße Gestalt schimmern, auf der Bank unterm Fichtenbaum. .. Das war der schwerste Augenblick der ganzen Fahrt.“
Die Polarexpedition hatte begonnen. Drei Jahre musste Eva Nansen auf ihren Mann warten, und die kleine Tochter Liev war ihr Trost. Über zwei Jahre hatte sie keine Nachricht von ihm, denn man hatte von Nansen geglückt. Sie hatten erkundet, was sie wollten, und viel wissenschaftliches Material gesammelt, das Jahre zum Auswerten bedurfte. Alle kehrten sie gesund zurück.

 Fridtjof Nansen (left) and Hjalmar Johansen after their arrival at Jackson's camp - Aug 1896
Fridtjof Nansen (links) und Hjalmar Johansen nach ihrer Ankunft im Jackson’s camp – Aug 1896

Nansens Lebensweg schien nun, nachdem er der Erforscher des nördlichen Polarlandes geworden war, glücklich vorgezeichnet: der Weg des erfolgreichen Wissenschaftlers. Nansen bekam in Oslo eine Professur. Gelehrte aus aller Welt, Ethnologen, Zoologen, Meeresforscher und Polarforscher korrespondierten mit ihm. Amundsen wandte sich um Rat und Hilfe an ihn, und Nansen überlegte, ob er noch eine Südpolexpedition unternehmen sollte. Aber Nansen blieb nicht allein Forscher. Norwegen, das Land und der Staat riefen nach ihm, und als sich Nansen entschloss, diesem Ruf zu folgen, da wurde der kühne Forscher zum großen Menschenfreund.

Norwegen kämpfte um seine Unabhängigkeit; im Jahre 1814 war es von Dänemark aus politischen Gründen im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen an Schweden abgetreten worden. Das arme, karge Norwegen passte nicht zu den reicheren Schweden; außerdem hatte das norwegische Volk einen zähen Willen für ein eigenständiges Leben durch Jahrhunderte hindurch und auch unter dänischer Herrschaft bewahrt. Jetzt wollte Norwegen frei werden. Hart am Krieg stand die Situation, als man Nansen bat, in England um das Verständnis für die Lage Norwegens zu werben.
Der große Jäger musste aus den Bergen geholt werden. Er verhandelte in Kopenhagen; er interessierte große Zeitungen in London für die Lage seines Landes; er besprach sich mit dem englischen Außenminister und erreichte es, dass Schwedens König auf die Union mit Norwegen verzichtete und Norwegen freigab. Noch durfte Nansen nicht zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zurückkehren. Ausschließlich kam er überhaupt nie mehr dazu. Zwei Jahre vertrat er sein Land als Gesandter in England. Der Polarforscher, der jahrelang ungewaschen, verschmutzt und mit einer Fettschicht überzogen gegen Eisstürme angekämpft, rohen Tran getrunken und Blutkuchen geschmort hatte, er stand nun im Frack, mit Degen, den Dreispitz unter dem Arm, und meldete sich bei dem König von England als neuer Gesandter.

Nansen_vor_SchiffEr schritt durch den Saal auf den König zu, ebenso selbstverständlich, wie er einmal in die Höhlen der Eskimos gekrochen war; er sprach ein tadelloses Oxford-Englisch und überreichte dem König sein Beglaubigungsschreiben. Er benahm sich auf dem Parkett ebenso sicher wie auf Schneeschuhen und auf der Pirsch, der große Forscher, der zutiefst ein bescheidener Mensch geblieben war und deshalb die Sicherheit des Freien besaß. Der erste Weltkrieg kam und verging und brachte Europa an einen Abgrund. In der Russischen Revolution wurden Millionen von Menschen vertrieben und ermordet, Millionen Kriegsgefangener und Zivilverschleppter wurden wie Sklaven gehalten, die hungerten, an Seuchen starben oder sich sonst zu Tode quälten, nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder.

Nansen sollte Völkerbundsdelegierter in Genf werden. Erst lehnte er ab, schließlich sagte er zu. Er musste sich also wieder von seinen wissenschaftlichen Arbeiten trennen. In Genf trug man ihm an, Flüchtlingskommissar zu werden, er, der geschickte Organisator, sollte Millionen von Menschen, die unter den Folgen des Krieges litten, helfen. Er nahm den Auftrag an, nicht weil er ein großer Organisator war, die gibt es in Industriekonzernen auch, im Übrigen besser bezahlt. Er nahm das schwere und oft undankbare Amt an, weil er die Menschen liebte, weil er den Menschen helfen wollte.

Nansen, obwohl schon über sechzig Jahre alt, gab sein behagliches großes Heim in Norwegen auf und reiste pausenlos quer durch Europa und Russland, oft in ungeheizten Zügen, und wohnte in billigsten Hotels. In billigsten? Der Völkerbundsdelegierte? Er pflegte an Reisespesen nicht zu verdienen — oder besser: er verdiente, aber nicht für sich, sondern für seine Flüchtlinge. Und er machte die Erfahrung, die jeder macht, der für einen guten Zweck Geld sammelt: es gaben vor allem die Armen, und sie sagten niemals: Schon wieder eine Sammlung!
Nansen stand in Sibirien am Eismeer, an der Murmanskbahn, die von Gefangenen gebaut worden war und die dort dabei an Hunger und Typhus zu Zehntausenden starben. Inmitten aller Elenden lebte er, er fror selbst; er scheute sich nicht vor Krankheiten; die Elenden umringten ihn und suchten nach seinen Händen. Wie alle großen Helfenden hatte er meist das Gefühl, seine guten Taten seien nur Tropfen auf den heißen Stein. Nicht nur in Russland, auch in der Türkei und in der Tschechoslowakei, in Belgrad und in Warschau wurden Familien aus der Heimat verjagt, teils durch Revolutionen, teils durch Grenzverschiebungen nach Beendigung des Krieges. Eine neue Völkerwanderung brach an, ein Heer Heimatloser, Staatenloser irrte umher. Keiner wollte sie als Staatsbürger aufnehmen. Nansen schuf eine Notlösung: den Nansenpass. Der Besitzer eines solchen Passes hatte nun endlich wieder einen Ausweis in der Hand, ein Blatt gestempeltes Papier, das man ebenso nötig wie ein Stück Brot brauchte. Man muss ein „registrierter Mensch“ sein, um überhaupt Anrecht und Anteil am äußeren Leben, am Dasein innerhalb eines Staatsverbandes zu haben. Nansen gab dieses Leben den Heimatlosen wieder, denn der Nansenpass wurde allmählich von den meisten Staaten anerkannt.

Der Friedensnobelpreis

Nobelpris_1922_Fridtjof Nansen
The picture was taken by a unknown photographer for Fridtjof Nansen in 1922. Nansen later included the picture in his book he wrote in 1929 – but one year before he died. From left: Fridtjof Nansen, King Haakon VII. of Norway, Crownprince Olav (later King Olav V. of Norway).- Quelle: wikimedia

1922 wurde Fridtjof Nansen von seinem König der Friedensnobelpreis in Oslo überreicht. Nansen gab das mit dem Preis verbundene Geld an seine Schützlinge; denn die große Hungersnot in Russland 1921 hatte seinen Fonds, den „Nansenfonds“, recht ausgeschöpft. Knapp zehn Jahre, bevor die Welt wieder in Flammen stand, wieder eine Völkerwanderung des Elends durch Europa und Asien strömte, starb Fridtjof Nansen 1930. War seine Arbeit umsonst? Taten der Barmherzigkeit sind nie vergebens. Im Übrigen setzte einer seiner Söhne, mit einigen Jahren der Unterbrechung, die er in deutschen Konzentrationslagern verbrachte, die Arbeit des großen Menschenfreundes fort.

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Fridtjof Nansen wurde als Sohn eines Juristen am 10. Oktober 1861 geboren. Studierte Naturwissenschaften, Zoologie, Meereskunde. 1888 durchquerte er Grönland. 1893 bis 1896 Nordpolexpedition. 1907 Professor der Zoologie. 1906 bis 1908 erster Gesandter Norwegens in England. 1920 Kommissar für das Flüchtlingswesen im Völkerbund. 1922 Friedensnobelpreis. Gestorben 1930. Das sind nur einige Daten aus einem reichen Leben.

Maria Aronov ♣ Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen? ♣ Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen?
Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Schriftsteller sowie gesellschaftliche und politische Bewegungen haben einen großen Einfluss auf die Begründung neuer Epochen, doch ist die Wirkung nicht auch gegenseitig? Lässt sich das Schicksal eines Menschen durch die Epoche bestimmen?

Das Leben eines der größten Satiriker der russischen Literatur ist Michail Afanassjewitsch Bulgakow veranschaulicht, inwieweit der Mensch durch die Epoche geprägt werden kann.

Geboren wurde der Schriftsteller 1891 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Er war der Sohn eine