Kategorie: AutorInnen im Porträt

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Menschenbilder | Karl Kraus über die Frau und August Strindberg

Karl Kraus über die Frau, die Bedrohung der Weltordnung und August Strindberg.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Schrift im Herzen Strindbergs hat Bibellettern. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und nahm seiner Rippen eine. Und baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm. Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Beine, und Fleisch von meinem Fleische! Sie heiße Männin; denn vom Manne ist sie genommen … Und sie sah, dass von dem Baume gut zu essen wäre … Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß … Dieses ist das Buch von des Menschen Geschlecht.

Wieder ist alles einfach wie am siebenten Tag. Es ist der Schrei Adams, der mit dem Rücken zur Menschheit das Gleichnis Gottes sucht. Er erkennt, dass er nackt sei. Dort bewahrt der Cherub den Weg zu dem Baum des Lebens. Hier draußen aber ist dem Menschen das Weib zugesellt, geschaffen aus etwas, das ihm fehlt, geschaffen aus dem Mangel. Das Weib ist die Rippe, ohne die er leben muss; also kann er ohne das Weib nicht leben. Denn sie sind Ein Fleisch: so sollen sie zwei Seelen sein! Strindberg fordert von Gott die Rippe des Mannes zurück, denn Gott ist ihm die Seele des Weibes schuldig geblieben. Die Schöpfung ist ihm im Manne beschlossen, alles Weitere ist Minderung. Strindberg glaubte schon, ehe er seinen Frieden mit Gott machte: er glaubte an zuviel Gott. Die wahren Gläubigen sind es, welche das Göttliche vermissen. Er wollte nicht wissen, dass es Tag und Nacht gibt, Mann und Weib. Er forderte von Gott eine Hälfte ein. Er war ein Gläubiger Gottes: des Schuldners. Er musste der Nacht verfallen und dem Weib, um auch dort Gott zu erleben. Und Gott rief: Adam, wo bist du? … Er war am Weibe zum Chaos geworden, das Welt wurde im Dichter. Das Weib unterbricht in Strindberg die Schöpfung, weil es aus dem Glauben erschaffen ist, dass es zerstören könne. Aber das Weib zerstört nicht den Mann. Ihr Dasein kann hindern oder unnütz sein: so wird ihr Fernsein hilfreich wie Gottes linker Arm. Der mehr als ein Mann war und mehr als den Gott wollte, brauchte den Teufel, um zur Schöpfung zu kommen. Aber er war nicht wie Gott imstande, aus dem Mangel das Weib zu erschaffen. Er hat ihn nur wie Weininger tragisch erlebt, tragischer, weil er nicht den Ausweg Weiningers fand. Immer ist dort das Geschlecht des Mannes mit sich nicht fertig geworden, wo es die Seele des Weibes beruft. Aber der Geist kann nur am Gegenteil erstarken und nur, wenn er durch alle erkannten Missformen der Weibkultur zum Ursprung strebt.

August Strindberg | Selbstporträt | 1891
August Strindberg | Selbstporträt | 1891

Denn das Geschlecht des Weibes werde Geist, und Paulus schreibt an die Korinther: »Wie das von dem Manne ist, also ist der Mann durch das Weib da; Alles aber ist von Gott.« So hat auch Strindbergs Geist von dem Ursprung gelebt, den seine Erkenntnis floh, und im Pathos dieses Widerspruchs lebte er zwischen Himmel und Erde. Hebbels bürgerlichste Bürgschaft: Darüber kommt kein Mann weg, verwandelt sich in Strindberg zum Erdbeben: Über das Weib selbst kommt kein Mann weg. Denn »darüber« nicht wegzukommen, bringt jedermann zustande. Aber nur einer trägt für sie alle, ein christlicher Titan, den Himmel auf seinen Schultern … Strindberg war immer, den Rücken zur Menschheit, auf dem Wege zu Gott, in Leidenschaft und Wissenschaft. Adam oder Faust, er sucht ihn im Laboratorium und in der Hölle der erotischen Verdammnis. Er sendet die letzte christliche Botschaft aus. Da er stirbt, geschehen am Himmel keine Zeichen, aber die Wunder der Erde wirtschaften ab. Die titanische Technik sinkt, und singt: Näher, mein Gott, zu Dir! Strindberg, sterbend, horcht auf und versucht eine Melodie. Bernhard Shaw, überlebend, zuckt die Achseln. Er glaubt nicht, dass näher zu Gott männlicher ist.

Strindbergs Wahrheit: Die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: Die Weltordnung ist vom Weibe bedroht.

Es ist das Zeichen der Verwirrung, dass ein Irrender die Wahrheit sagt. Strindbergs Staunen über das Weib ist die Eisblume der christlichen Moral. Ein Nordwind blies, und es wird Winter werden.

Aus | Karl Kraus: Grimassen – Aufsätze 1902-1914 | Kapitel 2

Menschenbilder | Else Lasker-Schüler über Karl Kraus

Über Karl Kraus | Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet –in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof an meine Mutter geschrieben; ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer schenken Karl Kraus‘ Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen – wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum haßt – im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuss erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum – Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. – Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O, diese Not, heute rot – – morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die Schnellläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.

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Titelbild: Dunkles Wachen von Ursula Stock | Öl, 80 x 100 cm, 1980 | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: wikipedia
Ursula Stock (* 28. Juli 1937 in Stuttgart) ist eine deutsche Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin.

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Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold | Else Lasker-Schüler | 1916

Else Lasker-Schüler, eigentlich Elisabeth Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem) war eine bedeutende deutsch-jüdische Dichterin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Sie trat aber auch als Zeichnerin hervor.

Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦ Lermontovs und Puschkins Dichtung

¦Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦
Lermontovs und Puschkins Dichtung

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Auf der Beerdigung von Puschkin sagte Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (russischer Schriftsteller und Komponist) folgendes: „ Die Sonne der russischen Poesie ist untergangen. Lermontov kam, um Puschkin abzuwechseln, wie der Mond kommt, um die Sonne abzuwechseln.“
Puschkin und Lermontov hatten eins gemeinsam – das große Talent zu schreiben und zu dichten. Beide Schriftsteller und Dichter lernten die bitteren Seiten des Lebens kennen – Betrug, Verrat und Verfolgung. Während diese Erfahrungen, die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben und die tiefe Enttäuschung Lermontovs Gedichte dominieren, erstrahlen die von Puschkin, auch wenn sie ebenfalls die schmerzhafte Welt darstellen, voller Hoffnung, handeln von seiner Lebenslust. Genau das ist der Grund, weshalb Puschkin mit der Sonne und sein Nachfolger mit dem Mond verglichen werden.
Die Lyrik des „mystischen Dichters“ spiegelt seinen Seelenzustand in den Mondstrahlen wieder. Das sinnlose Sein auf der Erde und der tief sitzende Schmerz, nichts in dieser Welt ändern zu können, verleiten den Poeten zur finsteren Dichtung.

GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 - 93) - ILLUSTRATION ZUM GEDICHT "DER TRAUM" VON M. LERMONTOW - Staatliches Museum Moskau
GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 – 93) – ILLUSTRATION ZUM GEDICHT „DER TRAUM“ VON M. LERMONTOW – Staatliches Museum Moskau

Im Kaukasus, wohin Lermontov zum zweiten Mal verbannt wurde, diesmal nach der Widmung an Puschkin „Der Tod des Poeten“, erlebte der Poet eine besonders schwere Lebensphase. Zu dieser Zeit, als er auch seinen baldigen Tod verspürte, ist eines seiner letzten Gedichte „Der Traum“ entstanden.
Dieses Gedicht enthält keine autobiographischen Züge. Es ist vielmehr ein Einblick Lermontovs in sein eigenes Schicksal. Es lässt sich aber behaupten, dass die Grundidee für dieses Gedicht der wichtigste Traum des Poeten war – die Erkenntnis des Seelenfriedens und der wahren Liebe.
Das Gedicht lässt sich in zwei Teile zerlegen. Im ersten Teil sieht man das landschaftliche Bildnis des Südens von Daghestan:

„In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoss;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloss.
Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt ich ewigen Schlaf…“

Der Autor beschreibt eine raue und beschwerliche Landschaft. Diese tritt als eine Art feindliche und tödliche Macht auf. Die Felsen umringen ähnlich den Mauern eines Gefängnisses den sterbenden Dichter.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine große Feierlichkeit, die dem Poeten im Traum erscheint:

„Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir…“

Neben Lermontov und gleichzeitig der Hauptfigur seines Gedichts, der sich am Rande des Lebens und Todes befindet, taucht in der zweiten Hälfte seiner Dichtung ebenfalls sein Wunschbild einer geliebten Frau auf, die seinen Tod verspürte:

„Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum…“

Der Aufbau des Gedichts „Der Traum“ ist kompliziert, da es eine spiegelnde Komposition enthält. Boris Eikhenbaum (Gelehrter und Historiker der russischen Literatur) bezeichnete den Aufbau des Gedichts als „widerspiegelnd“; als wären es zwei Spiegel, die gleichzeitig die verschiedenen Schicksale der beiden Figuren zurückwerfen: zuerst sieht die Hauptfigur im Traum seine geliebte Frau, die später wiederum von ihm träumt:

„Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.“
(Übersetzt von Hans Gerschmann)

Somit zeigt uns der Autor das Gedicht auf zwei verschiedene Weisen – einmal wird der Standpunkt der Hauptfigur, des Dichters selbst präsentiert, dann wird die Sichtweise seiner Liebsten gezeigt.
In „Der Traum“ vollendet Lermontov die Gestalt einer idealen Liebe. Auch, wenn er diese Liebe nur in seinem Todestraum findet, hat er es trotzdem geschafft, sie zu entdecken. Diese gibt ihm die Möglichkeit dazu, dem Tod etwas mutiger und hoffnungsvoller zu begegnen.
Das Gedicht eröffnet den Lesern den Zustand Lermontovs Seelenwelt, die sich hinter keiner Maske versteckt. Er offenlegt seine Sehnsucht nach dem erlösenden Tod.
Erleuchtend wie die Strahlen der Sonne schreibt auch Puschkin in seinem Gedicht „Die längst verschollene Lust vergangener Tage“, wie schwer sein Herz von der Last des Schmerzes wurde. Im Gegensatz zu Lermontov will er sich jedoch von dem Band des Lebens nicht lösen.
Puschkins Gedicht lässt sich auch in zwei Teile splitten. Der erste Teil seines Gedichts erzählt vom Kummer der alten Tage und seiner tief im Herzen sitzenden Sorgen:

„Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt…“

Durch die qualvollen „vergangenen Tage“ weiß der Dichter, dass auch seine Zukunft nicht anders ausschauen wird:

„Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.“

Der zweite Teil seines Gedichts repräsentiert Puschkins lebensbejahende Natur. Darin zeigt er, wie sehr er das Leben zu schätzen weiß. Nach Puschkin gehören das Denken und das damit verbundene Leiden unausweichlich zur menschlichen Existenz:

„Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden…“

Puschkin schaut auch den schweren Zeiten des Lebens positiv entgegen, denn sie sind es, die das Leben interessant und farbenfroh gestalten. Ohne sie wüssten wir nicht, was Glück und Freude bedeuten. Er weiß, dass das Leben voller Dynamik ist und auch „der Sturm“ vergehen wird. Umso wertvoller werden für ihn die schönen Momente des Seins:

„Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen…“

Sogar die letzten zwei Zeilen des Gedichts offenbaren Puschkins Optimismus, der sich hin bis zum Tod erstreckt:

„Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.“
(Übersetzt von Friedrich Martin Bodenstedt)

Puschkin und Lermontov gingen zwei verschiedene Wege der Poesie. Beide Seelenwelten – die der Mond- und Sonnenstrahlen führen jedoch zu einem gemeinsamen Nenner, dem sich im Himmel befindenden Genie.

Maria Aronov: Die Spiele des Bösen & Lermontovs Widmung an Puschkin

Die Spiele des Bösen &
Lermontovs Widmung an Puschkin

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Puschkins Leben blühte in seinen Werken und verwelkte durch die Einflüsse von außen. Nach der Begnadigung durch den Zaren Nikolaus I stand Puschkin trotzdem unter permanenter Überwachung der Geheimpolizei. Er wurde seiner Freiheit beraubt, da für ihn ab diesem Moment sehr viele Einschränkungen galten. Puschkins Freundschaft mit den Teilnehmern des Dekabristenaufstands machten den Hof und die Regierung sehr misstrauisch.

Seine Werke wurden durch den Zaren persönlich zensiert, seine Briefe geöffnet und seine Reisen mussten bewilligt werden. So gibt es viele Mutmaßungen, was Puschkins Tod angeht. Einige Theoretiker sehen in dem Duell Puschkins gesuchte Erlösung von dem qualvollen Leben. Die Anderen gehen davon aus, dass es sich bei dem Duell um eine Hofintrige handelte, bei der d’Anthès als Gehilfe benutzt wurde, um den Dichter als politischen Gegner loszuwerden.

Mikhail Lermontov
Mikhail Lermontov

Bereits wenige Tage nach Puschkins Tod beim Duell am 10. Februar 1837 (nach gregorianischem Kalender), widmete ihm Lermontov ein Gedicht, das er „Der Tod des Dichters“ nannte. Nach der Verbreitung seiner Handschriften wurde er zu einem Militärregiment in den Kaukasus verbannt.

Die bitteren Seiten der Hof- Gesellschaft kennend, erzählt Lermontov in seinem Gedicht, wie falsch und grausam unsere Welt ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Hofgesellschaft, die nicht in den Schatten eines Poeten gestellt werden wollte. Nach und nach wurde die zarte und gerechte Seele Puschkins zerstört. Er wurde zum Opfer von grausamen Intrigen und Verleumdungen.

In Lermontovs Augen gibt es nur ein wahres Gericht, nämlich das des Gottes, denn nur Gott allein ist in der Lage, gerecht zu entscheiden. In unserer Welt ist dagegen alles lügnerisch, nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus den Zeilen des Gedichts wird auch sichtbar, dass Lermontov anti Monarchen war. Diese stellten nämlich eine Gefahr für die Freiheit und dem mit ihr unwiderruflich verbundenen Genie dar. Wie Geier warten sie auf das Aas, um auf den Thron zu fliegen, treiben heimtückische Machenschaften und erkaufen sich ein schönes Leben gar vor dem Gericht.

Puschkins Untergang schien unausweichlich. Auch wenn er aus dem Duell als Sieger hervorgegangen wäre, hätte man sich früher oder später seiner entledigt.

Für Lermontov bleibt jedoch der wahre Sieger des Duells der Poet. Schon in den ersten Zeilen des Gedichts schreibt er mit Stolz darüber, dass die Bösen und ihre Nachkommenschaft später sehen werden, wer der eigentliche Verlierer ist.

Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.
Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.

Hier einige Fragmente aus Lermontovs Widmung an Puschkin.

Der Tod des Dichters
von Michail Jurjewitsch Lermontov

Aus Rache, Fürst, aus Rache …

Sei gerecht und bestrafe den Mörder, damit seine Hinrichtung in den späten Jahrhunderten dein gerechtes Gericht und die Nachricht des Sieges den Nachkommen überbringt.

So können die Bösen in ihr ein Beispiel sehen.

Der Poet, der Sklave der Ehre, ist ums Leben gekommen. Er ist gefallen durch verleumderische Gerüchte. Mit Blei im Herzen, dem Durst nach Rache und dem sinkenden Haupt ist er zugrunde gegangen. Die Seele des Poeten hat die Schande der kleinlichen Vergehen nicht ertragen. Er trat alleine den Meinungen der Gesellschaft entgegen und ist auch alleine getötet worden.

Wozu jetzt das Heulen und des Lobs unnötiger Chor? Wozu noch das Geklapper der Rechtfertigung? Das Urteil des Schicksals hat sich erfüllt.

Ihr habt ihn und seine freie, tapfere Gabe gehetzt und habt zur Belustigung jedes erzählte Detail über ihn zu einer Flamme aufgeblasen.

Nun, erfreut euch! Er konnte die letzten Qualen nicht ertragen und das wunderbare Genie ist wie eine Lichtquelle erlischt. Verwelkt ist der feierliche Kranz. Sein Mörder hat den Todesschlag kaltblütig ausgeführt. Es gibt keine Rettung!

Lachend hat er der Erde fremde Sitten und Sprache verachtet. Er konnte unseren Ruhm nicht schonen. Er konnte in dem blutigen Augenblick nicht verstehen, wogegen er überhaupt die Hand erhob.

Wozu hat er seine Hand wertlosen Verleumdern gereicht? Warum hat er falschen Worten und Liebkosungen geglaubt? Er, der bereits in den jungen Jahren eine hervorragende Menschenkenntnis hatte.

Vergiftet sind seine letzten Augenblicke durch heimtückisches Flüstern der Unwissenden. Gestorben ist er mit vergeblichem Durst nach Rache und der Enttäuschung der heimlich betrogenen Hoffnungen.

Der Schall der wunderbaren Lieder wurde zum Schweigen gebracht. Nie wieder werden sie erklingen. Die Bequemlichkeit des Sängers ist düster und eng. Auf seinen Lippen ist ein Siegel. Und ihr, arrogante Nachkommen der durch Gemeinheiten bekannt gewordenen Väter, steht Schlange wartend auf den Thron, ihr seid nichts als Henker der Freiheit, des Rums und des Genies! Ihr beruft euch immer auf die Gesetze, doch vor euch schweigen das Gericht und die Wahrheit.

Aber eines habt ihr vergessen:

Es gibt noch das Gericht Gottes, das Ehrfurcht erregende Gericht. Gott kennt die Gedanken und die Taten schon im Voraus.

Ihr werdet es alle nicht schaffen, mit eurem schwarzen Blut das gerechte Blut des Poeten wegzuwischen.

Übersetzt von Maria Aronov

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Weitere Beiträge zu Mikhail Lermontov im Magazin.

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Gerüchte. Die Treue Nataljas ihrem Mann gegenüber wurde infrage gestellt. In St. Petersburg folgten Schmähschriften, in denen Puschkin als „Hornträger“ bezeichnet wurde.

Der Dichter sah keinen Ausweg aus der Misere und beschwerte sich letztlich über das Verhalten des Franzosen bei dessen Adoptivvater, woraufhin ihn Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès zum Duell aufforderte.

Diese Intrige führte Puschkin langsam, aber sicher in den Tod. Bei dem Duell wurde er nämlich mit einem Schuss in den Bauch stark verletzt. Zwei Tage später, am 10. Februar, verendete der Poet der Sonne mit nur 37 Jahren in seiner Wohnung.

Adrian Volkov - Das Duell Alexander Pushkin und Georges d'Anthès - 1869
Adrian Volkov – Das Duell Alexander Pushkin und Georges d’Anthès – 1869

Tausende Menschen trauerten dem Genie nach. Puschkins Leichnam wurde in eine Provinz überführt und im Swjatogorsky Kloster bei Pskow beerdigt.

„Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.
Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, „die Sonne der russischen Poesie“ Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu „vergessen“, seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 – 1830 zu spüren, als sein Poem „Poltawa“ und das 7. Kapitel von „Eugen Onegin“ erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich „erschöpft“. „Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren“, behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie „inhaltsleer“ und „gegenwartsfremd“ Puschkins Dichtung sei.

Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: „Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt.“

Gogol und Zhukovsky in Pushkin's Haus in Tsarskoe selo - P. Geller - 1910
Gogol und Zhukovsky in Pushkin’s Haus in Tsarskoe selo – P. Geller – 1910

Nikolai Gogol schrieb: „Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter…. In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt.“ Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin „nicht gegenwartsbezogen“, „nicht aktuell“ sei – und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina, Kommentatorin der RIA“Nowosti“ ).

Wilhelm Scherer • Walther von der Vogelweide • Ein Porträt

Wilhelm Scherer  • Walther von der Vogelweide

Walther_von_der_Vogelweide_Weingartner_HandschriftEin reisender Bischof schenkte am 12. November 1203 in Zeißelmauer an der Donau dem Sänger Walther von der Vogelweide eine Summe Geldes zur Anschaffung eines Pelzrockes. Ein italienischer Domherr, der sich in deutscher Poesie versuchte, Thomasin von Zirclaria, stellte im Jahre 1215 denselben Walther als einen Volksverführer hin, der mit einem seiner Gedichte Tausende betört und ungehorsam gegen Gottes und des Papsts Gebot gemacht habe.

Wir blicken in das Leben eines wandernden Spielmannes, und doch wird die Stimme dieses Menschen weit in Deutschland gehört; man sieht ihn als einen mächtigen Feind an, und gewiß war er ein gesuchter Freund. Er lebte zu einer Zeit, in welcher die Dichtung eine Macht war. Seine Lieder flogen in die Welt, wie eine Broschüre, die jedermann liest, oder wie eine glänzende Rede, die alle Zeitungen unverkürzt abdrucken. Walther hatte eine öffentliche Laufbahn. Er war vermutlich in Österreich geboren und fand an dem Babenberger Herzog Friedrich dem Katholischen einen Protektor. Als dieser im April 1198 in Palästina starb, blieb Walther von Wien fort und versuchte sein Glück als politischer Sänger. Er sang für Philipp von Schwaben; er sang für Otto den Vierten; er sang für Friedrich den Zweiten: von 1198 bis 1227 können wir ihn verfolgen, und spätestens seit 1187 hat er überhaupt gedichtet. Wichtige Momente unserer Geschichte begleitete er mit seinem Liede. Über seinen politischen Gesinnungswechsel, den Übergang von einem Kaiser zum anderen, können wir nicht urteilen; für Zeiten der Bürgerkriege, die nur um den Besitz der Macht gekämpft werden, fehlt aus der Ferne jeder sittliche Maßstab. Persönliche Vorteile gehörten allerdings zu Walthers Motiven. Es liegt in der Naivität der Zeit, daß solche egoistische Interessen offen eingestanden werden. Ohne Scham bittet, mahnt, fordert, dankt Walther für empfangene Geschenke. Wie würde ein heutiger Dichter ersten Ranges der Welt glückstrahlend verkündigen, daß er das große Los gewonnen! Für Walther war ein eigener Herd das große Los. Er stand nicht bloß zu den Kaisern, sondern auch zu vielen deutschen Fürsten in persönlicher Beziehung; in Österreich, Thüringen, Meißen, Bayern, Kärnten, Aquileja hat er am Hofe zeitweilig Aufnahme gefunden; von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave ward er umhergetrieben; aber nirgends konnte der Wanderer festen Fuß fassen; keiner jener Fürsten und Protektoren schuf ihm ein Haus; der größte Sänger der Zeit war lange verurteilt, ein Vagabund, ein Bettler zu bleiben. Kaiser Friedrich der Zweite endlich befriedigte seine Sehnsucht. Er gab ihm ein kleines Lehen, vermutlich in Würzburg. Da brach der arme Schelm in Jubel aus: »Ich hab‘ ein Lehen, alle Welt, ich hab‘ ein Lehen!«

Wenn nun der wandernde Spielmann, der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter dem Drucke der Not die Partei wechselte, soweit es sich um Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, soweit es sich um Prinzipien handelte. Er war stets ein guter Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes.

Er liebte und bewunderte sein Vaterland, das er in einem berühmten Liede pries: nirgends hat es ihm so wohl gefallen, deutsche Sitte geht allen vor; wohlerzogen sind die Männer, wie die Engel sind die Frauen beschaffen. »Wer Tugend und reine Minne suchen will,« ruft er aus, »der soll kommen in unser Land: da ist Wonne viel: möcht‘ ich lange darin leben!« Und war es ihm nicht vergönnt, diese glückliche Ansicht der ihn umgebenden Welt festzuhalten; kamen böse Jahre, in denen der Verfall des höfischen Lebens über Deutschland hereinbrach; mußte er sich fragen, ob sein Leben ein Traum war, ob nicht alles, was er glaubte, was er für wirklich hielt, ein Nichts gewesen: so hören wir in der rührenden Elegie, worin er den Schmerz über sein verwandeltes Vaterland ausspricht, doch immer den begeisterten Patrioten reden; seine Trauer fließt aus der Liebe; sie verbindet sich mit Frömmigkeit, und seine Sehnsucht steht nach dem Heiligen Lande. Gleich einem älteren ungenannten Spielmanne, der wie Walther sein Elend bejammerte, ein eigenes Haus wünschte, seine Gönner lobte und daneben persönliches Schuldgefühl aussprach, sich mahnend an die Zeitgenossen wandte, alle großen heiligen Gegenstände der christlichen Lehre besang und dergestalt ganz auf die geistliche Weltanschauung einging, hat auch Walther in feierlichen Weisen seinen Glauben und ein Sündenbekenntnis abgelegt, die heilige Dreieinigkeit, die Jungfrau Maria, Christi Kreuzigung besungen, alle die für Toren erklärt, die nicht von der Jungfrau und ihrem Sohne das zeitliche und ewige Heil erwarten, und jede Spekulation über das Wesen Gottes als vergeblich abgewiesen. In einem kindlich frommen Morgengebete ruft er den Segen des Himmels über sich herab. Gottes Huld und Ehre erscheinen ihm als die höchsten Güter; und er klagt sich der Selbstsucht an, weil er seine Feinde nicht zu lieben imstande sei. Von dem Leichtsinne des Erzpoeten ist er weit entfernt. Die Trunksucht hat er in besonderen Gedichten bekämpft. Mit sittlichem Ernste dringt er auf das rechte Maß in allen Dingen. Wer sich selbst beherrscht, ist ihm der wahre Held, der schlägt den Löwen und den Riesen. Des Mannes Gesinnung soll fest sein wie ein Stein und in der Treue glatt und blank wie ein Silberstab. Walther eifert gegen die Zweizüngigen, die Lügner und Betrüger. Er weiß, was Freundschaft wert ist und schätzt sie höher als die Verwandtschaft: »Freundes Lächeln«, sagt er, »sei wahr und ohne Falsch, lauter wie das Abendrot, das schönen Tag verkündet.« Walther hebt hervor, wie das Streben nach Geld und Gut, wie übergroßer Reichtum und übergroße Armut den Menschen demoralisiere. Im Alter wirkt er für den Kreuzzug Friedrichs des Zweiten und dichtet fromme Marschlieder für das Heer. Er wendet sich von der irdischen Liebe zur himmlischen und nimmt Abschied von der Frau Welt, der er so lange gedient.

Aber alle Frömmigkeit hindert ihn nicht, sich auf einen freien menschlichen Standpunkt zu stellen und das Christentum von seinen offiziellen Trägern zu unterscheiden. Der heimatlose, weitumgetriebene Spielmann ist ein aufgeklärter Apostel der Humanität und Toleranz; er weiß und verkündet, daß Herr und Knecht vom Tode gleich gemacht werden, daß Christen, Juden, Heiden einem und demselben Gotte dienen. Er verspottet den Glauben an Träume, verlangt milde Erziehung, hält den Fürsten ihre Pflicht vor und ist ein Tribun der Deutschen gegenüber Rom. Er führt den Bürgerkrieg in Deutschland auf päpstliche Machinationen zurück. Er will nicht, daß deutsches Geld nach Rom fließe. Er nennt den Papst den neuen Judas und stellt ihn als einen Diener des Teufels hin, dem er die ganze Christenheit ausliefern wolle. Er erinnert ihn an den Fluch, den er über die Feinde des Kaisers bei dessen Krönung gesprochen: er habe sich selbst verflucht. Walther streitet gegen die Einmischung der Geistlichen in weltliche Angelegenheiten überhaupt. Er zieht das Gleichnis vom Zinsgroschen herbei: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Er sieht die weltliche Macht des Papstes für ein Gift an, das in die Kirche gefallen. Das Christentum liegt, wie er meint, im Krankenhaus und wartet vergeblich auf einen Labetrunk von Rom. Der Papst selbst mehrt den Unglauben; er führt die Geistlichen an des Teufels Seil; sie sind lasterhaft; sie tun nicht, was sie lehren; und wer nur Christ mit Worten, nicht mit Werken ist, der ist ein halber Heide.

Alle die Gedichte, mit denen Walther ins öffentliche Leben eingreift oder seine Grundsätze ausspricht, pflegt man »Sprüche« zu nennen. Sie sind sämtlich kurz und leicht zu behalten: Gesänge von einer Strophe, die gewiß mit einer gefälligen, faßlichen Melodie versehen waren. Sie konnten sich von Mund zu Mund verbreiten, wie eine Anekdote oder ein Epigramm. Sie sind interessant wie eine Fabel, prägnant wie ein Sprichwort und oft ganz auf populäre Wirkung berechnet. Sie lassen sich dann mit einer raschen Volksrede vergleichen, die zündend in eine große Versammlung fliegen soll. Da fällt jede feinere Gedankenentwicklung fort; der Stil muß lapidarisch sein; für Schmuck und Formenspiel ist kein Raum; in dem nackten Gedanken, in dem einfachen Wort entfesselt sich das Pathos. Viele lassen sich auf einen Hauptsatz zurückführen, der eigentlich das ganze Gedicht enthält. Zuweilen bleibt es bei der Behauptung; zuweilen wird ein summarischer Beweis geliefert. Zuweilen steht der Satz an der Spitze, zuweilen ergibt er sich als Folgerung erst am Schluß. Ein Gedicht für die Wahl Philipps von Schwaben gipfelt in der Aufforderung an das deutsche Volk: »Dem Philipp setze die Krone auf!« Es hält aber folgenden Beweisgang ein: alle Kreatur hat ihr festes Regiment; in Deutschland fehlt es; nur Philipp ist geeignet, es herzustellen. Der Gedanke kleidet sich in eine möglichst sinnliche Form, und um diese herzustellen, scheut der Dichter auch die Übertreibung nicht. Seelische Vorgänge werden durch die körperlichen Symptome ausgedrückt. Anstatt zu sagen: »Ich empfand Trauer«, sagt Walther: »Meine hochfältigen Kranichsschritte wurden schleppende Pfauentritte, den Kopf ließ ich hängen bis auf die Knie.« Die allgemeine Wahrheit wird womöglich auf eine individuelle Erfahrung, das vielfach Bewährte auf einen einzelnen Fall reduziert. Anstatt zu sagen: »Kein Nachdenken lehrt, wie Ehre, Reichtum und Gottes Huld zugleich erworben werden können«, führt er sich selbst als Nachdenkenden ein, und zwar wieder körperlich in der typischen Stellung des Nachdenkenden: »Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf setzt‘ ich den Ellenbogen; ich hatt‘ auf meine Hand gestützt das Kinn und eine Wange: da dacht‘ ich sorglich lange dem Weltlauf nach.« Einige Sprüche sind rein episch, indem ein Vorgang um seiner selbst willen erzählt wird, wie König Philipps Weihnachtsfest zu Magdeburg, oder indem ein solcher Vorgang um seiner symbolischen Bedeutung willen erzählt wird, wie Christus mit dem Zinsgroschen. Aber in manchen Sprüchen schlägt nur der Eingang einen epischen Ton an und macht ein Gedicht dadurch populärer, wie das eben angeführte »Ich saß auf einem Steine« ober »Ich hört‘ ein Wasser rauschen« oder »König Konstantin, der gab so viel«. Oder das epische Element verbindet sich mit einem dramatischen: Personen werden redend eingeführt. Um nicht selbst über den Papst zu klagen, legt er in einem seiner älteren Sprüche die Klage einem Manne in den Mund, an dessen Frömmigkeit kein Zweifel sein konnte: »Ich hörte fern in einer Zelle lauten Jammerruf; da weinte ein Klausner, er klagte Gott sein Leid: Weh uns, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, hilf deiner Christenheit.« Dramatisch wirkt auch die unmittelbare Anrede, mit der er sich an den Kaiser, den Papst, die Fürsten oder andere Personen oder selbst Personifikationen wendet. So redet er Frau Welt an; so hat er die Opferstöcke personifiziert, in denen Innocenz der Dritte für den Kreuzzug sammeln ließ, indem er sich gleichsam vor einen derselben hinstellt und ihn wütend anfährt: »Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesandt, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?« Der Spruch faßt seinen Inhalt in dem Schluß zusammen: »Herr Stock, Ihr seid zum Schaden hergesandt, daß Ihr in Deutschland suchet Törinnen und Narren.« Das Kühnste an Dramatisierung aber hat Walther geleistet, indem er es wagte, den Papst inmitten seiner Welschen darzustellen, wie er die Deutschen lachend verhöhnt und sich seiner klugen Politik rühmt: »Ich hab‘ es gut gemacht! Ich hab‘ zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unterdessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein und laßt die deutschen – fasten.« Es fehlt hier ein Schimpfwort, das der Papst gegen die Deutschen gebraucht und das offenbar so stark war, daß es die patriotischen Schreiber unserer Handschriften nicht wiederholen wollten. Bei dieser Szene aus der Residenz des Papstes hat glühender Haß den Griffel geführt. Es ist wohl nie ein aufreizenderes Epigramm gedichtet worden. Hier wird der Volksrichter in der Tat zum Volksführer oder zum Volksverführer, wie jener Domherr sagte: der Spielmann wird Demagog.

Reiht sich dergestalt Walther mit seinen Sprüchen den Spielleuten an, indem er eine Stellung erringt, wie sie nie ein Spielmann vor ihm oder nach ihm besessen; so verleugnet er in seiner Liebeslyrik nirgends den Edelmann. Und die Eigenschaften, die ihn im Spruch auszeichnen, finden sich, soweit es der Stoff und die Kunstform gestatten, zum Teil auch im Liede wieder. Er ist lebhaft, anschaulich, zuweilen derb, wird zornig und flucht, weiß epische und dramatische Mittel in Bewegung zu setzen und zeigt sich in allen diesen Zügen als ein rechter Sohn des bajuvarischen Stammes.

Der adelige Minnesang ging in Österreich und Bayern aus dem volkstümlichen Liebesliede hervor. Noch heute zeichnen sich die Bewohner der bayerischen und österreichischen Alpen durch die Gabe der kecken Improvisation im Gesange aus. Wir dürfen darin eine Erbschaft der Urzeit erblicken. Kurze Liebeslieder waren den alten Ariern und den Germanen so wenig fremd wie den übrigen, auch den niedrigsten Völkern der Erde. Gelegenheitsgedichte blitzen im Liebesverkehre wie Funken auf; und sind sie in ein glückliches Bild gefaßt, auf einen prägnanten Ausdruck gebracht, so dauern sie über die Jahrhunderte hin. »Du bist mein, ich bin dein«: wie oft mag das der Liebende der Geliebten, die Liebende dem Geliebten zugesungen haben. »Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein«: diese hübsche Wendung können wir im 12. Jahrhundert wie in heutigen Volksliedern nachweisen. Die populären Liebesweisen flogen wie Sommerfäden von den grünen Wiesen, auf denen die Bauern tanzten, in die Schlösser des Adels. Aus den unbeachteten Gelegenheitsscherzen einer früheren Zeit wurden im 12. Jahrhundert kleine Lieder, welche das erwachte Selbstgefühl der aristokratischen Gesellschaft bewunderte und festhielt, um auch den edlen Lebensschmuck der Poesie nicht zu entbehren. Ein Ritter Kürenberg aus der Nähe von Linz an der Donau erfand eine vierzeilige Strophe von bequemem Bau, welche zur Modeform für solche Improvisationen wurde und längere Zeit an den Ufern der Donau so beliebt blieb, daß auch die Verfasser der Nibelungenlieder nach ihr griffen. Später sang ein Burggraf von Regensburg ähnlich einfache Lieder in verwandten Strophenformen. Andere Dichternamen kennen wir nicht, und wenig ist uns erhalten aus dieser Frühzeit des aufblühenden nationalen Minnesanges, aber das Wenige gehört zu dem Schönsten der mittelalterlichen Lyrik und greift uns mit schlichtem Worte noch heute unmittelbar ans Herz, ohne daß es einer künstlichen Vermittelung bedürfte, ohne daß wir uns in die konventionellen Formen des ritterlichen Verkehrs hineinzudenken brauchten.

Frauenempfindung stellt sich in diesen Liedern ganz anders dar, als was die Männer zu sagen haben. Noch ist die gesellschaftliche Herrschaft der Damen nicht anerkannt. Mit Selbstgefühl wirbt der Mann: »Freud‘ und Leid teil‘ ich mit dir: solang ich lebe, sollst du mir lieb bleiben; denn daß du einen Schlechten liebtest, das wünsch‘ ich dir nicht.« Ein anderer versagt sich einer Frau, die seine Liebe begehrte. Ein dritter mahnt die heimlich Geliebte, sich vor der Welt zu bergen, wie ein Stern in den Wolken, und ihre Augen zum Schein auf anderen ruhen zu lassen. Ein vierter rühmt sich seiner Triumphe: Frauen seien leicht zu zähmen wie die Falken.

Die Damen ihrerseits werden zuweilen episch eingeführt: »Es stand eine Frau allein und schaute über die Heide und schaute nach dem Liebsten aus; da sah sie einen Falken fliegen.« Den Falken preist sie selig, weil er sich den Baum wählen kann, der ihm gefällt. So hat auch sie getan und einen Mann erwählt, aber andere Frauen wollen ihn ihr rauben … Auch ohne epische Einführung sprechen Frauen ihr Gefühl aus. Eine Dame erzählt, sie habe einen Falken gezähmt; der sei ihr fortgeflogen und trage jetzt andere Fesseln. Naturgefühl und Liebesgefühl verketten sich: erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, seine Liebe dünkt sie der Rose gleich. Ist der Vogelsang verschwunden und das Laub der Linde, so trüben sich die Augen der verlassenen Frau; sie erinnert den Ungetreuen daran, wie er sie einst bewundert. »Unser zweier Scheiden mög‘ ich nicht erleben!« ruft die Liebende aus. Und eine andere weint, weil sie mit ihrem Freund entzweit ist. Schüchtern klagt ein Mädchen: »Wenn ich steh‘ allein in meinem Hemde und ich an dich denke, so erblühet meine Farbe, wie die Ros‘ am Dorne tut; und gewinnt mein Herz gar manchen traurigen Mut.« Nur die Frauen sind empfindungsvoll, hingebend, besorgt. Nur sie kennen den Liebesschmerz und die Liebestränen.

Aber diese Verhältnisse änderten sich mit dem Vordringen französischer Mode im Leben und in der Poesie. Schon tauchen in jenen österreichischen Liedern die Aufpasser, die »Merker«, als die Feinde der Liebenden auf; schon wird die heimliche Liebe als die wahre gepriesen; immer deutlicher wirken Tristan und Isolde als das vorbildliche Liebespaar ein; und bald wird das Verhältnis der Frauen zu den Männern in sein Gegenteil verkehrt. Die Frauen werden spröde, die Männer müssen schmachten; jene bleiben unbewegt, diese müssen das Trauern lernen; jene versagen, diese klagen. Die Frauen sind die Gebieterinnen; der Liebende verhält sich zu seiner Dame wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn: er muß ihr dienen; für diesen Dienst erwartet er Lohn: und selten wird ihm nur die kleinste Gunst zuteil. Was die Liebe an sittlicher Reinheit gewann, das verlor der Liebessang an Leben und Frische; er wurde eintönig und affektiert, wie bei Reinmar von Hagenau. Aber Bayern und Österreich folgten nie ganz der Mode; da hielten sich widerstrebende Elemente, die ihre Kraft aus der volkstümlichen Tradition schöpften. Wolfram von Eschenbach ergriff in den Tageliedern eine poetische Gattung, die schon durch ihren epischen und dramatischen Gehalt, durch ihren balladenartigen Charakter sich an gewisse populäre Liedformen anschloß. Der Österreicher Dietmar von Aist wirbt wenigstens um eine Dame, die er besingt, als ihr Diener; er ist ihr Untertan wie das Schiff dem Steuermann; er hat weichere Empfindung oder gibt sie wenigstens vor; des Nachts kann er nicht schlafen und glaubt sterben zu müssen vor Liebe; aber sein Werben bleibt nie unbelohnt; die Frauen sehnen sich nach ihm, mißgönnen ihn einander, und er scheint ein Don Juan zu sein, der von einer Eroberung zur anderen eilt.

800px-Codex_Manesse_Walther_von_der_VogelweideUm die Zeit, als dieser Dietmar blühte, muß Walther von der Vogelweide zu dichten begonnen haben und Reinmar von Hagenau nach Österreich gekommen sein. Reinmar fand am Hofe zu Wien freundliche Aufnahme und besang den Tod Herzog Leopolds des Fünften (Silvester 1194), indem er seiner Witwe eine schöne Klage um ihn in den Mund legte. Er hat sichtlichen Einfluß auf Walther geübt; in der geistreichen Konversationspoesie ist dieser sein Schüler. Aber neben der Verwandtschaft ist auch der Gegensatz deutlich. Übertreibungen finden in Österreich nur selten Anklang; gesunder Menschenverstand und munterer Witz dulden keinen phantastischen Zug. Wenn Reinmar seinen »langen süßen« Liebeskummer wie ein zartes Pflänzlein hegte, so ward er gewiß bald ausgelacht. Und folgt Walther in manchen Dingen dem Beispiele Reinmars, wird auch er in langem, vergeblichem Werben nicht müde, nennt auch er die Liebe eine süße Mühsal und einen Hort aller Tugenden: so wird es ihm doch nicht einfallen, Liebeskummer als seinen schönsten Ruhm zu betrachten. Sagt Reinmar: »Ich werb‘ um alles, was ein Mann an Freuden dieser Welt je haben kann, das ist ein Weib«: so geht Walther im Frauendienste nicht auf, für ihn hat die Welt noch andere Freuden und Pflichten. Er hat sich einmal direkt über Reinmar lustig gemacht, die Übertreibungen seines Gefühls wie die Übertreibungen seiner geistreichen Manier verspottet und die verspotteten Motive selbst anders angewendet. Reinmar will seine Dame über alle anderen setzen, Walther sagt der Geliebten unbefangen: »Vielleicht sind andere besser, du bist gut«; er will seine erwählte Dame niemand aufdringen, mag jeder die Seine loben mit des Dichters Wort und Weise: »Lob‘ ich hier, so lob‘ er dort.«

Reinmars Lieder sind ohne Naturgefühl; er begrüßt nie den Frühling und trauert nie über den Winter. »Ich habe mehr zu tun, als Blumen zu beklagen«, sagt er. Walther dagegen hat, ohne je Natur und Liebe auf konventionelle Weise zu verbinden, die Jahreszeiten wiederholt besungen und dem allbekannten Stoffe neue Seiten abgewonnen. In das Bild des Frühlings zeichnet er eine Szene hinein: Mädchen, die auf der Straße den Ball werfen. Oder eine Landschaft tut sich auf: der Dichter sitzt auf einem Hügel, vor ihm Blumen und Klee und dahinter ein See. Der Mai kleidet die Bäume so schön und die Wiese noch schöner: »du bist kürzer, ich bin länger«, also streiten auf dem Anger Blumen und der Klee. Die Blumen dringen aus dem Grase und lächeln am Sommermorgen der Sonne zu. Schöner als alle Frühlingspracht aber ist eine schöne Frau.

Reinmar gehört zu den Dichtern, welche durch einseitigen Geschmack die Poesie ärmer machen. Bei Walther ist sie so reich wie bei keinem anderen mittelhochdeutschen Lyriker. Er verhält sich zu Reinmar wie Wolfram von Eschenbach zu Gottfried von Straßburg. Auch Gottfried beschränkte sich willkürlich auf die epische Fülle, die sein Stoff ihm darbot. Walther und Wolfram nehmen den ganzen Schatz, das Erbteil der Väter, in ihre Pflege; sie wissen das alte Gold wieder umzuprägen oder neu zu fassen. Wie Gottfried gegen Wolfram polemisierte, so hat nach Walthers eigenem Zeugnis Reinmar ihn nicht leiden können. Und wie Wolfram seinen Tadler durch Lob beschämte, so hielt Walther dem Reinmar eine Grabrede, welche durch Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gerechtigkeit und ernstes Gefühl zu dem Großartigsten gehört, was er gedichtet hat.

Wie nahe sich Walther und Wolfram standen, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie sich gekannt und anerkannt. Sie zitieren einander, und Walther hat in Wolframs Stil ein Tagelied verfaßt. Walther ist, wie Wolfram, voll Selbstgefühl im Leben und in der Liebe; er spricht ganz unbefangen von seiner »reichen Kunst«; er hebt immer hervor, daß er anderen mit seinem Gesange Freude mache, daß niemand eine Dame so gut zu loben verstehe wie er, und daß auf seinem Lob ihr Ruhm beruhe. Aber Walthers Stil ist bescheidener als Wolframs kühn individuelle Manier. Er hat nicht die Pracht, den Bilderreichtum, das immer und überall Originelle seines bajuvarischen Stammesgenossen. In seinen Liebesgedichten finden sich viele Gedanken und Motive, die auch bei Friedrich von Hausen, Reinmar und anderen begegnen; auch er ist mittelbar ein Schüler der Troubadours; und selten oder nie kann man mit Sicherheit sagen, wo die Überlieferung aufhört und die Weiterbildung anfängt.

Auch Walther liebt heimlich, fürchtet Aufpasser, weist indiskrete Fragen ab, dient, erwartet Lohn. Er dient, weil er bewundert, und er bewundert bis »Stetigkeit« seiner Dame, ihre maßvolle Heiterkeit, ihren freundlichen Blick, ihren lieblich redenden Mund, ihre Schönheit und Güte, wozu er ihr aber auch Barmherzigkeit wünscht. Er ist in ihrer Gegenwart befangen und an ihrer Seite stumm. In seinem poetischen Liebeswerben bringt er hübsche Wortspiele an. Seine Reflexion bewegt sich in bekannten Gegensätzen, wie Inneres und Äußeres, Herz und Leib, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Vorteil und Nachteil, Hoffnung und Enttäuschung, rechte Liebe und falsche Liebe, Leid verhehlen und offen sagen. Er bedauert, daß graue Haare ein Hindernis der Liebe, daß 24 Jahre der Minne lieber als 40 seien. Die Minne erscheint personifiziert, er klagt vor ihrem Thron und ist von ihrem Pfeile getroffen. Auch andere sittliche Begriffe werden zu Personen gemacht, und wieder andere werden als greifbare Sachen aufgefaßt: Haß und Neid ziehen als Späher aus; Freude kann man borgen, eine Rede mitten entzweischlagen; Schönheit und Ehre sind Zaubermittel der Dame gegen den Dichter; das Herz ist ein Raum, in den man eindringt, zu klein, um die Liebe allein zu fassen, diese muß daher auf zwei Herzen verteilt werden.

In alledem ist keine hervorragende Eigentümlichkeit: aber Walthers besonders Art zeigt sich gleich, wenn er etwa den Dialog zwischen Ritter und Dame mehr dramatisch ausbildet, so daß ein kleiner Wortkampf mit Angriff und Abwehr entsteht. Oder wenn er Personifikationen sinnlich ausführt, wenn er z.B. Fortuna darstellt, wie sie Gaben verteilt und ihm beharrlich den Rücken zukehrt: auch wenn er um sie herumläuft, immer ist er hinter ihr, sie will ihn nicht ansehen: »Ei, so möcht‘ ich, daß ihr die Augen im Nacken säßen: dann müßte sie es wider Willen tun.«

Die alte Vorstellung, daß der Leib ein Kleid des Menschen sei, wird vom Dichter ergriffen, um die Schönheit seiner Dame zu rühmen. Er hat nie ein schöneres Kleid gesehen, Verstand und Glück sind dreingesteppt. Und nun fährt er witzig fort, indem er auf die gewöhnliche Belohnung der fahrenden Spielleute durch alte Kleider anspielt: »Getragene Kleider hab‘ ich sonst nie genommen; dieses nahm‘ ich für mein Leben gern, um dieses könnt‘ ein Kaiser Spielmann werden. Da, Kaiser, spiele! Nein, Herr Kaiser, anderswo!« Das festgehaltene Bild, die dramatische Anrede, die Zurücknahme und dies alles zusammengedrängt am Schluß eines längeren Gedichtes, ist höchst charakteristisch.

In schweren, dunklen Zeiten ruht der Gesang. Leicht bietet sich die Vergleichung dar: auch die Vögel singen nicht bei Nacht. Aber wie lebhaft drückt das Walther aus! Er tröstet die Zweifler, die Zeit werde wieder kommen, wo die Sangeskunst sich von neuem bewähre, und schließt: »Ich hört‘ ein kleines Vögelein dasselbe klagen, das versteckte sich und sprach: Ich singe nicht, erst muß es tagen.«

Schon Friedrich von Hausen in seinem ältesten und kürzesten Liede erzählt von Liebesglück, das er im Traum genossen, und zürnt den erwachenden Augen, die es ihm genommen. Walther tritt im Traum einem Mädchen entgegen, die zum Tanze geht, und überreicht ihr einen Kranz. Sie nimmt ihn wie ein schamhaftes Kind, mit errötenden Wangen, gesenkten Augen, zierlichem Neigen. Und weiter wirbt er, und sie gibt ihm Glück – doch alles war nur geträumt. Aber jetzt sucht er sie unter den Mädchen, er sucht sie beim Tanze. »O, bitte, rückt auf eure Hüte!« ruft er den Mädchen zu. Aber vergeblich, er findet sie nicht. Das Ganze offenbar ein Lied, das zum Tanze gesungen werden sollte.

Daß ein Mädchen von einem Stelldichein erzählt, war auch schon dagewesen. Aber Walthers Lied »Unter der Linde an der Heide« ist einzig an Naivität, Grazie, Schalkhaftigkeit. Und man wäre geneigt, es für das schönste Lied des ganzen Minnesanges zu erklären, so voll von Leben und überraschendem Reichtum ist es – wenn nicht die Grundvoraussetzung eine konventionelle wäre: denn ein Mädchen, so beschaffen, wie dieses gedacht ist, wird ein solches Erlebnis überhaupt nicht oder nicht so erzählen.

Lebhaft preist Walther die Stunde, da er sie kennengelernt, die ihm das Herz und den Mut hat bezwungen. Er kann sich von ihr nicht mehr trennen: das hat ihre Schönheit und Güte gemachet und ihr roter Mund, der so minniglich lachet. Er wünscht der Geliebten, die ihn hinhält, so nahe zu sein, daß er sich in ihren Augen spiegeln könne. Dann werde er sie fragen: Willst du das nicht wieder tun? mich nicht mehr quälen? Und sie gibt nur ein Lächeln zur Antwort… Überall Szene und Handlung! Wieviel Mühe hat sich Petrarca gegeben, um die Schönheit seiner Laura der Nachwelt zu verkünden! Aber er gelangt über das Aufzählen einzelner Vollkommenheiten nie hinaus; die Häufung wird gegenseitige Störung; und man erhält nirgends ein Bild. Der »rote Mund, der so minniglich lachet«, schwebt uns gleich reizend im Geiste vor. Walther ist sparsam mit Angaben über die körperliche Beschaffenheit der Frauen, die er besingt; er zeigt sie uns lieber in Bewegung, in bestimmter Situation: aus dem Bade steigend; oder in die Kirche gehend, ungeschminkt, in einfacher Tracht, mit blondem, aufgebundenem Haar; oder eine vornehme Dame in voller Toilette, die sich mit ihrem Gefolg in Gesellschaft begibt und nur von Zeit zu Zeit bescheiden um sich blickt. Walther weiß in solche Schilderungen die Anmut hineinzulegen, die er höher als die Schönheit preist. Er führt auch, um nur Handlung statt Beschreibung zu gewinnen, Gott als Schöpfer ein: der hat an ihre Wangen teure Farben gestrichen, so reines Rot, so reines Weiß, hier Rosenrot, da Lilienweiß; oder Gott ist Bildgießer, der Schönheit und Reinheit als Metalle für den Guß einer Frau genommen hat.

Durchweg fesselt Walther durch Anschaulichkeit, Leben, Bewegung. Aber phantasievolle Betrachtung ist sein eigentliches Gebiet. Die sinnliche Welt macht er wundervoll deutlich und weiß sie mit Liebreiz zu übergießen. In die Erscheinungen der sinnlichen Welt kleidet er auch seelische Verhältnisse und gibt dadurch der Reflexion einen dichterisch greifbaren Körper. Aber das Seelenleben selbst erfaßt er nur durch das Medium der Reflexion. Die Welt der Empfindung steht unerreichbar über der Poesie des Mittelalters: sie wird nur aus der Ferne beschrieben. Innere Zustände und Vorgänge finden sich in der Lyrik wie im Epos analysiert, und das Epos erlangt herrliche Ausdrucksmittel, um sie in Handlung umzusetzen: einige Nibelungenlieder, die »Gudrun«, Wolfram von Eschenbach leisten darin das Höchste; und auch Walther verfügt über die epischen Mittel. Aber uns in das Leben seines Herzens unmittelbar hineinzuziehen, ist er selten imstande. Ergreift er uns einmal mit schlichtem Wort, wie jene alten österreichischen Improvisationen, so geht er bald wieder zu Betrachtungen über, die mehr den Verstand angenehm beschäftigen als die Seele bewegen.

Gleichwohl hat Deutschland vor Goethe keinen Lyriker gehabt, der sich mit Walther vergleichen ließe. Und auch unter den Lyrikern des außerdeutschen Mittelalters weicht er keinem. Die Lyrik des Mittelalters ist für die Folgezeit hauptsächlich durch Petrarca vertreten worden; Petrarca hat die Troubadours beerbt: das Ansehen, das sie einst genossen, ist in den Augen der Renaissance auf den gelehrten Dichter übergegangen. Um wieviel mehr aber hätte Walther von der Vogelweide verdient, auf die Nachwelt zu wirken und in ihr fortzuleben! Wie mannigfaltig ist das, was er zu bieten hat, verglichen mit der Eintönigkeit Petrarcas! Petrarca sammelt den kostbarsten Schmuck aus der Mythologie, aus der antiken und aus der mittelalterlichen Liebespoesie und setzt ihn vorsichtig wie Mosaik zu immer neuen Bildern zusammen. Aber dieser Schmuck ist mit der Mode vergänglich. Walther dagegen tritt fast so einfach auf wie die mittelhochdeutschen Volksepen; keinen Schmuck verwendet er, als was die Natur an allen Orten bietet: bunte Blüten und grünen Zweig: was nie veraltet. Und das Beste, was er darstellt, ist er selbst: ein Mensch, wie man ihn zum Freunde wünscht, so hell in seinem ganzen Wesen, so mild, so ernst und fest in seinem Innern bei leichter, liebenswürdiger Form; fröhlich mit den Fröhlichen, traurig mit den Traurigen, von Kindheit an geneigt zu hoffen und unverzagt in hohem Streben; frisch und heiter selbst in der Not, dankbar im Glücke, nur verdüstert im Alter, dies aber mit Recht: denn des Minnesangs Frühling und Sommer war dahin; Walther spürte den Herbst.

Maria Aronov über das Lesen und Schreiben

Foto: Privat
Foto: Privat

Welches Buch hat Ihr Partner / Eltern besonders beeindruckt?
Den Medicus von Noah Gordon findet mein Ehemann faszinierend.

Meine Eltern haben mehr als ein Buch, von dem sie beeindruckt sind. Dazu gehören bei meinem Vater die Romantrilogie „Die Forsyte – Saga“ des britischen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy sowie Lob und Rum“ des polnischen Schriftstellers Jarosław Leon Iwaszkiewicz. Mein Vater mag nämlich Bücher, die einen erziehen und Tipps auf den Lebensweg mitgeben.

Meine Mutter findet historische Romane verschiedener Autoren gut, besonders mag sie Lion Feuchtwanger. Im Moment ist ihr Lieblingsbuch „Judas von Keriath“ von dem russischen Schriftsteller Leonid Nikolajewitsch Andrejew. An dem Werk gefällt ihr die neue Interpretation des Autors, die kein anderer bisher bot.

Wahr oder falsch: “Ich blogge verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Leider wahr. In meinem Umfeld habe ich Gott sei dank zumindest einige Menschen, dazu zählt meine Familie, mit der ich mich über bestimmte Themen in den Gebieten der Philosophie, Literatur und Kunst austauschen kann. Ich hätte aber äußerst gern um mich herum ein weiteres Spektrum an Hobby – Lesern, mit denen man intensive Gespräche über bestimmte Themen führen kann. Dazu muss ich leider folgendes sagen:
Früher gehörten zu einem gesellschaftlichen Abend Gespräche über Literatur und Philosophie. Heute findet man immer seltener Menschen, die sich für die oben genannten Gebiete interessieren. Das empfinde ich als sehr traurig. Da ich ein großer Fan der antiken Philosophie bin, tut es mir umso mehr weh, wenn ich Äußerungen wie „Philosophie? Damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die Philosophen waren doch alle bescheuert“ / „Wer braucht überhaupt Philosophie?“ höre. Dabei haben die Menschen keine Ahnung davon, dass es zwischen der abstrakten und theoretischen Philosophie riesen Unterschiede gibt. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, aber Stereotype gebildet. Um es einfacher auszudrücken: der Mensch interessiert sich immer weniger für geistige Werte. Die Kultur gerät in Vergessenheit. Man kann sich mit seinen Mitmenschen immer weniger über Kultur unterhalten.

Obwohl ich kein großer Fan der sich immer schneller verbreiteten technischen Entwicklungen bin, muss ich sagen, dass das Internet eine großartige Erfindung ist. Einer der Gründe sind eben Blogs, Foren und Online-Zeitschriften, die einem ermöglichen, mehr Kultur – Interessenten für gute Unterhaltungen zu finden, auch wenn es nur eine Elite ist.

Ihre Lieblingswörter / Ausdrücke
„In erster Linie“. Warum? Weil ich gern meine Ansichten beziehungsweise die eines anderen Autors akzentuieren möchte.
„Des Weiteren“, weil ich bei einigen Interpretationen ungern bei einer Begründung bleibe.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Ich mag wie auch mein Vater, Bücher, die einen zum Nachdenken bringen, die einen belehren und Ratschläge fürs Leben geben. Natürlich lese ich auch ab und zu illustrierte Zeitschriften, aber das sind Texte, die man schnell wieder vergisst, über die man nicht nachdenkt. Ich mag Texte, die in Erinnerung bleiben und bestimmte Gefühle hervorrufen.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Ich habe Lieblingsschriftsteller und auch Dichter. Das Wort „Vorbild“ bedeutet für mich, dass ich so sein will, wie jemand anderer es ist. Man kann durchaus vieles von seinen Lieblingsautoren lernen, aber das Schöne am Schreiben ist, dass jeder seine Individualität zum Vorschein bringen kann. Man kann und sollte sich für andere Autoren begeistern, muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Begeisterung auf der Individualität des Autors basiert. Denn sie ist es, die ihn von allen anderen Verfassern unterscheidet. Wenn diese verloren ginge, wäre auch der Reiz des Autos weg. Es ist wichtig, auch beim Schreiben immer man selbst zu sein, seinen Stil zu finden und ihm treu zu bleiben.

Wer soll mich lesen?
Lesen sollten mich Personen jeden Alters und Geschlechts, die sich für Philosophie, Kultur und Literatur interessieren und diese auch zu schätzen wissen. Ich mag es, wenn man über das Geschriebene nachdenkt und dazu seine Gefühle beziehungsweise Gedanken äußert. Für oberflächliche Menschen wären meine Texte eine unverständliche Quelle.

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Damit man ein Buch richtig aussucht, ist es erst einmal wichtig, das Genre / die Genres zu kennen, das / die man mag. Dazu gehört natürlich auch, Bücher zu lesen, die man vielleicht nicht so gut findet. Nur durch das Probieren kann man das Richtige für sich finden. Dann ist es natürlich wichtig, zwischen den Autoren zu unterscheiden – welchen Autor / welche Autoren mag ich / mag ich nicht. So kann man sich dem Ziel nähern, Bücher besser aussuchen zu können. Entdecken kann man ein gutes Buch durch Kritiken im Internet, durch Personen, die es einem empfohlen haben oder eben ganz zufällig in einer Buchhandlung durch einen anziehenden Buchtitel.

Damit man die Literatur genießen kann, braucht man ein spannendes Buch, ein leckeres Getränk und Ruhe, um sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren zu können und alles um sich herum zu vergessen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Dazu gehören wohl die Werke von Kafka, die gleichzeitig über ihn selbst geschrieben sind, da sie sehr viel seiner Autobiographie enthalten. Mich fasziniert zum Beispiel u.a. „Die Verwandlung“. Es gibt keinen andren Autor, der sich so sehr von mir unterscheidet und mich trotzdem mit der Tiefgründigkeit seiner Werke rührt.

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Mich beeindrucken Hard-Covers im alten klassischen Stil, wenn man eben das Gefühl hat, ein Buch in die Hand zu nehmen und etwas Vernünftiges zu lesen. Heute werden die Covers immer billiger, leider auch bei guten Büchern. Auf manchen ist zu viel gemalt für meinen Geschmack. Es fehlt die schlichte Eleganz, bei der der Titel und die gute Qualität im Vordergrund stehen.

Natürlich geht es bei einem Buch mehr um den Inhalt als um seine Aufmachung. Nichtsdestotrotz kann das Cover die Schönheit des Inhalts betonen. Ich mag die alte klassische Ausgabe der Werke von Goethe – ein schlichtes braunes Cover mit einer eleganten goldenen Umrandung.

Meine Lieblingskritiker:
Werner Keller, Albrecht Schöne, Hans Arens, Dorothea Lohmeyer und Ulrich Gaier.

„Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“
Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Welten versetzt zu fühlen, etwas zu erleben, was unvergessen bleibt: ich reiste mit Robert Cole im 11. Jahrhundert von England nach Isfahan, erkundete mit dem kleinen Prinzen andere Planeten, tanzte mit Natascha Rostowa auf ihrem ersten Ball und kämpfte in der königlichen Garde an der Seite von D’Artagnan.

Meinem Leben gibt die Literatur einen tieferen Sinn. Ich lerne interessante Autoren kennen sowie ihre Hauptfiguren, die lebendig erscheinen und mich durch das Leben begleiten. Manche dieser Figuren werden zu echten Freunden, deren Stimmen man hört, wenn man mal einen guten Rat brauchen sollte.

Erich Ruhl über seine Lust am Lesen & Schreiben

Erich RuhlWelches Buch hat Ihre Eltern besonders beeindruckt?
Goethes Faust hat meinen Vater stark beeindruckt. Er wollte Jura studieren. Hitlers Krieg kam ihm dazwischen.

Wahr oder falsch: “Ich blogge, verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Es gibt einige Austausch-Menschen im 3D-Leben. Aber durch Netzwerke erreiche ich einfach unerwartet ANDERE. Das ist spannend. Ein bisschen Quantenmechanik.

Ihre Lieblingswörter (evtl. begründet):
von Herzen
(das ist’s, was wir alle brauchen) – mechanistisch (das ist der Wahn, alles lasse sich in Kausalketten abbilden – das meiste ist aber organisch und systemisch) – Freiheit (das ist die Essenz der Entwicklung, der eigenen und der gesellschaftlichen) – Quantenmechanik (nicht im physikalischen sondern im psycho-energitischen Sinn: alles ist möglich, alles fließt)

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Langsamkeit, gerne Kammerspiel, Überschaubarkeit, Konturieren der Akteure und vor allem ihrer Genese. Und bitte: kein vermeintlich unterhaltsames Durcheinander.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Bei Lyrik: Rainer Maria Rilke und Dorothee Sölle. Bei Belletristik: Heinrich Böll.

Wer soll mich lesen?
Menschen, die Freude daran haben, nicht angekommen zu sein. Mitten in der Entwicklung zu spüren, dass es eine solche (gerne) ist. Das ist ein guter Sound (man soll mich ja auch hören…).

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Ich frage meine Freundin, die Buchhändlerin, nicht: was ist auf der Beststeller-Liste. Sondern: Gibt es Biografien oder mindestens Romane und so, die Brüche und Wandlungen dokumentieren.

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?] Es gibt viele Bücher, die ich liebe. Aber ich weiß nicht, wer sie nicht liebt. Eins, was ziemlich unbekannt ist (gewiss, das war nicht die Frage): Es war einmal ein Wunderhuhn, das konnte große Wunder tun. Autorin: Andrea Schomburg. Herrlich.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]
Ich weiß nicht genau, wie es heißt, irgendwas von einem Jogging-Papst. Ich will’s auch gar nicht wissen. Aber dieses Herum- oder Wegrennen ist mir nicht nah genug an seelischen Grundbedürfnissen, sondern mechanistischer Schnickschnack.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:
Alois Prinz: Hannah Arendt – Beruf Philosophin – oder die Liebe zur Welt. Immer noch und immer stärker aktuell.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid (Dumont)

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Toni Morrison: Menschenkind (Rowohlt)

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:
Barbara Gertler und Marita Sydow Hamann und Oliver Simon.

Mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:
Jakob Augstein (der freitag)

„Was macht Literatur mit mir, mit meinem Leben?“
Literatur bestätigt mich nicht, sondern stellt das Leben und mich in Frage. Gut so.

“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”
Quasikristalle – von Eva Menasse (Kiepenheuer & Witsch)

Interview mit dem schreibenden Ex-Söldner Erik Hansen

Hansen Portrait
Erik Hansen – Foto: Privat

Wann hast du angefangen, deine teils autobiografische Buchreihe zu schreiben und was hat dich dazu bewegt?
Schon seit vielen Jahren wurde mir von Freunden und Bekannten immer wieder nahegelegt, meine Afrikaerlebnisse endlich auch mal niederzuschreiben. Im Dezember 2013 war es dann soweit. Ich saß in einem Kaffeehaus mit Blick auf das nebelige, graue Wetter hier in Europa und fing an von meiner Zeit im warmen Afrika zu träumen. Die ersten Notizen machte ich dann sofort auf meinem Handy, um sie abends gleich auf meinen Laptop zu übertragen.

Woran denkst du, wenn du dich an Afrika erinnerst?
Da denke ich an die unendliche Weite, Wärme, die Freiheit, Landschaften, die vielfältige Tierwelt und natürlich auch an die fremden Kulturen. Erst danach tauchen auch wieder meine Erlebnisse auf.

Erik Hansen als Söldner – Erik Hansen als Privatmann. Wo liegen die entscheidenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten?
Der Söldner war auf der Flucht vor der sogenannten Zivilisation, der Enge hier in Europa. Auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. Geld spielte damals keine Rolle. Selbstverwirklichung war der Antrieb, auch die Kameradschaft und der Zusammenhalt zwischen uns.
Der Privatmann Erik Hansen sehnt sich aber doch nach Sicherheit, Privatleben und endlich wieder einem Platz, den er sein Zuhause nennen kann.
Was jedoch beide gemeinsam haben, ist das Fernweh und nur sehr wenige gute Freunde.

Was sind deine Prinzipien, nach denen du schreibst?
Mir geht es darum, einige meiner teilweise verblassenden Erinnerungen festzuhalten und damit auch meinen Lesern dadurch etwas Einblick in dieses Geschäft zu ermöglichen, sowie auch das wahre Afrika, fernab der Luxushotels an Stränden und in Nationalparks zu zeigen.

Moonhouse Cover NEU korr Blutgeld Erik HansenDu hast Moon House Publishing als Verlag gewählt – wie kam es dazu?
Das war eher ein Zufall: Ich habe die Gründerin des Verlags kennengelernt, die jemanden suchte, um ein Buch für sie ins Englische zu übersetzen. Ich habe ihr meine Dienste angeboten und ihr von meinen Jahren in Afrika erzählt. Sie war sofort Feuer und Flamme und hat mich gleich gedrängt, mit dem Schreiben zu beginnen.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, woran du dich gerne oder auch nicht so gern erinnerst in deiner Söldnerzeit?
Da gibt es so einiges. Tagelange Fußmärsche durch die Wüste, unbeschreibliche Strapazen und Schmerzen, Hunger und Durst. Verwundungen und den Verlust guter Kameraden.
Aber auch die Nächte unter dem südlichen Sternenhimmel, die unendlichen Weiten Afrikas, das Rauschen der Wellen an einem einsamen Strand, Kameradschaft und das Glücksgefühl, es wieder mal geschafft zu haben.

Was hat dich dazu bewogen, als Söldner zu dienen?
Anfangs war es eine Flucht aus dem engen Europa und die Abenteuerlust. Später dann die Erfolgserlebnisse und immer wieder dieses Gefühl der Freiheit.

Welche Ziele und Pläne hast du noch als Autor?
Ich will noch viele meiner Erlebnisse niederschreiben, mir von der Seele schreiben. Meine Jahre in Afrika geben sehr viel Stoff für weitere Bände her.

DU MH Eric Hansen Wuestengeld Cover Lay 1 neu grossGibt es bestimmte Menschen, denen du dein Werk widmest?
Ich habe zwar keine Widmungen in meinen Büchern, aber doch ja. Meinem Vater, der ein eingefleischter Pazifist war und meinen Lebensstil ablehnt. Aber auch der erste Mensch war, der mich jemals angehalten hatte, zu schreiben.

Hand aufs Herz; Gibt es etwas, wofür du dich fürchtest?
Wirklich fürchten? Blind zu werden stelle ich mir sehr schlimm vor. Gliedmaßen können mit Prothesen einigermaßen gut ersetzt werden, aber Augen? Aber auch der Gedanke, hilflos an irgendwelche Maschinen im Krankenhaus angeschlossen zu sein und auf den Tod zu warten, lässt mir einen kalten Schauer den Rücken rauf- und runterlaufen.

Interview: Katherina Ibeling

RAINER MARIA RILKE – Ein Porträt: Leben, Leiden, Glauben & seine Schaffenskraft

Die Heimatstadt Prag

Prag-1002963_1280_klausdieEs gibt Städte, deren Ausstrahlung von einem geheimen Zauber herzurühren scheint, einem Zauber, der ihre Menschen erfüllt und sie leitet und ihnen zeitlebens ein besonderes Gepräge gibt: So eine Stadt ist das alte, sagenumwobene Prag. Von jeher hat diese Stadt bedeutende Menschen hervorgebracht oder doch beherbergt: Kaiser und Könige, die dem Glauben an die Sterne huldigten und ihr Schicksal aus ihnen zu lesen versuchten, Gelehrte und Ärzte mit geheimnisvollen Praktiken, Grübler und Forscher, die den Stein der Weisen finden wollten und sich hinter Retorten und Phiolen in den Zauberküchen der Alchimie um die Herstellung des Goldes bemühten, Denker und religiöse Genies, die den Schatz ihres begnadeten Wissens in Symbole und Legenden kleideten, um das Unaussprechliche verständlich zu machen, und schließlich, ihnen sehr verwandt, die Dichter, an denen Prag deshalb so reich zu sein scheint, weil seine zauberhafte Atmosphäre ihnen stets neue Geheimnisse zuflüstert und in recht eigentlichem Sinne die Lebensluft bildet, in denen ihre Kunst gedeiht.
In dieser merkwürdigen Stadt an der Moldau mit der prächtigen Karlsbrücke, den Brückenheiligen und dem imposanten Hradschin, der alten Hofburg, ihren Barockpalästen, Türmen, Kirchen und Plätzen, ihren tausendjährigen Friedhöfen und altersgrauen Synagogen, ihren verwinkelten Gassen und düsteren Spelunken, uralten Häusern und zwielichtigen Höfen, Altanen und Loggien, die alle vom Hauch der Jahrhunderte dunkel geworden sind, in dieser geheimnisvollen Stadt, die im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts so viele Dichter hervorgebracht hat, ist am 4. Dezember 1875 auch Rainer Maria Rilke geboren worden.
In der kleinen Kirche von St. Heinrich, deren alte Mauern von bemoosten Grabplatten mit Wappen geharnischter Ritter übersät ist, unweit des Prager Stadtparks, ist der Dichter auf den Namen Rene Karl Wilhelm Josef Maria Rilke sechs Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1875 getauft worden.
Von der Taufkirche ist es nicht weit zur Heinrichsgasse, wo Rilkes Eltern wohnten. Es war ein „gutes“ Viertel der Stadt, wenngleich der gesellschaftliche Ehrgeiz von Rilkes Mutter, der Tochter eines Ratsherrn, damit nicht recht zufrieden war. Sie hätte viel lieber in dem noch vornehmeren Bezirk direkt am Stadtpark gewohnt. Dort lagen die prächtigen Villen der böhmischen Industriellen, darunter auch die des Handschuhfabrikanten Werfel, des Vaters des Dichters Franz Werfel. Trotzdem war die Heinrichsgasse viel vornehmer als etwa die meisten Gassen der Prager Altstadt, die man auf dem Wege durch winkelige Bazare, Durchgangshäuser mit verwitterten Innenhofbalkonen und vorbei an kleinen Biergärten erreichte. Hier lag irgendwo das Geburtshaus Franz Kafkas.

Frühes Leid

Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879
Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879

Den Zauber dieser alten Stadt in seiner Vielschichtigkeit ungetrübt als Einheit in sich aufnehmen zu können, war Rilke nicht beschieden. Bald schon zerfiel ihm das kindliche Glück, das im Gefühl des Verbundenseins aller Dinge zum Ausdruck kommt, der Verbundenheit von Ich und Welt, Arm und Reich, Vornehm und Gering. Es zerfiel ihm in alle diese hässlichen Gegensätze, die die Erwachsenen durch ihre Nüchternheit und ihren Ehrgeiz immer erst schaffen.

Rilkes Mutter zeigte dem heranwachsenden Rene immer und immer wieder das Barockpalais in der eleganten Herrengasse, das einst Adelsbesitz gewesen und nun von ihren Eltern bewohnt war, und sie tat das jedes Mal mit Stolz auf diese ihre Herkunft und mit Bitterkeit auf ihr jetziges Zuhause. Sie konnte den eleganten Lebensstil dort nicht vergessen und auch nicht den prunkvollen Rahmen, in dem er sich in den hohen, stuckverzierten Räumen, den weiten, hallenden Gängen und den prächtigen Treppen dieses Hauses abspielte. Als sie Josef Rilke, den ehemaligen k. u. k. Artillerieunteroffizier und nunmehrigen Eisenbahnangestellten, geheiratet hatte, dachte sie nicht daran, dass ihr Gatte zeitlebens in so bescheidener Stellung verbleiben würde. Denn dieser Josef Rilke war einmal ein sehr forscher Soldat gewesen, der sich zu den höchsten militärischen Hoffnungen berechtigt sah, die sich dann leider nicht erfüllten. In ihren Erwartungen enttäuscht, fühlte Rilkes Mutter sich bald in der Rolle einer Frau, der vom Schicksal übel mitgespielt wurde. Durch ihren gesellschaftlichen Ehrgeiz kam es zu Spannungen in der Ehe, die eine Quelle frühen Leides für den kleinen Rene Maria bildeten. Er litt sehr unter den unguten Familienverhältnissen und wurde von seiner Mutter in einer ihm selbst oft unangenehmen Weise verzärtelt.
Fünf Jahre vor seiner Geburt hatten die Eltern ein Mädchen verloren, und die Mutter glaubte nun, den Sohn als Ersatz für diesen Verlust betrachten zu müssen. Sie kleidete Rene als Mädchen und ließ ihm das gelockte Haar mädchenhaft bis auf die Schulter fallend wachsen. Fünf Jahre lang, bis zum Beginn der Volksschulzeit, musste sich Rilke diese Verkleidung gefallen lassen, zu der als Spielzeug nicht Trommel und Trompete, Burg und Zinnfiguren kamen, sondern Puppenstube und Puppen. Im elfenbeinernen Turm dieser Erziehung wurde er behütet und bewacht wie ein zerbrechliches Stück Glas. Das wurde nicht viel besser, als er in die Schule kam.

Natürlich musste es die vornehmste Anstalt sein, die damals für die Söhne bürgerlicher Familien gerade in Mode war: das Institut der Piaristen, drunten am Graben bei der Herrengasse. Von den Prager Gassenjungen wurden die Piaristenschüler auf ihrem Schulweg immer verspottet. Auch Rene riefen sie den Vers nach: „Piaristen, schlechte Christen!“ Aber Rene traf nicht einmal dieser Spottvers allein. Auf dem Weg zur Schule wurde er stets von seiner Mutter begleitet, die immer ganz in feierliches Schwarz gekleidet war und mit Rene fast nur französisch sprach, weil es ihr vornehmer dünkte. Täglich wurde er von der ängstlich besorgten .Frau vor das Schultor des klösterlichen Baues gebracht und dort auch wieder abgeholt. Das ungezwungene freie Spiel mit Kameraden war ihm verwehrt. Es gab für ihn keine Lausbubenstreiche, kein Indianerspiel mit Siegestrophäen und Freudengeheul. Dafür versuchte Rene sich bereits acht Jahren an seinen ersten Versen, sehr zum Ärger seines Vaters, dessen eigentliche Heimat noch immer die Kasernenhöfe waren und der in den Versuchen seines Sohnes nichts als ungesunde Schwärmereien sah.

Fremd unter Fremden wuchs Rene auf. Dabei hätte er gern mit den anderen Kindern gespielt, wäre wie sie gewesen, ein einfacher, fröhlicher Junge unter Jungen. Das Erlebnis erzwungenen Andersseins hat sich tief in die Seele Rilkes gesenkt. Die Erinnerung an seine Kindheit machte ihn hellhörig für die Nöte der Kinder, deren eigene Welt von den Erwachsenen so selten wirklich verstanden wird. Noch als Siebenundzwanzigjähriger schrieb er das Gedicht seiner eigenen „Kindheit“, in dem das Fremdsein und die Einsamkeit des kleinen Rene inmitten der lebensprühenden Welt, ihrer Straßen, Plätze und Brunnen noch einmal Gestalt geworden ist. Er beschwört in diesem Gedicht die lange Zeit der Schule, die Trauer über die Ferne, durch die er von der Welt der Erwachsenen, aber auch von der der anderen Kinder getrennt ist. Wenn er durch sie alle hindurch „im kleinen Kleid“ gehen muss und abends nach dem einsamen, selbstvergessenen Spiel im Garten gleich wieder „fest angefasst“ nach Hause geführt wird, neuen Ängsten entgegen, so grübelt er immer wieder schmerzlich über sich selber nach und beim Spiel mit seinem Segelschiff überprüft er sein kleines Gesicht im Spiegel des Teiches:

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen . ..
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen,
und auf den Plätzen die Fontänen springen,
und in den Gärten wird die Welt so weit. —
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen —
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
O Einsamkeit.


Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ejn Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen —
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
O Tiefe ohne Grund.


Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt —
O immer mehr entweichendes Begreifen,
O Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien —
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche,
wohin? Wohin?

Das frühe Leid der Kindheit und die ratlose Frage nach dem Wohin steigerten sich noch. Als Rilke neun Jahre alt war, ließen die Eltern sich scheiden. Rene blieb zunächst bei der Mutter. Ein Jahr später musste die Entscheidung über Renes künftigen Beruf getroffen werden. In der österreichischen Monarchie, zu der Prag damals gehörte, war es für die Söhne verarmter bürgerlicher Familien stets ein sicherer Weg, die Militärkarriere einzuschlagen. Diese Laufbahn entsprach auch den Vorstellungen von Rilkes Vater, der immer noch hoffte, in seinem Sohn einmal jene Militärgröße zu sehen, die zu erreichen ihm selber versagt geblieben war. Hinzu kam noch der nicht minder ausschlaggebende Grund für eine solche Berufswahl, dass damit auch die Kosten für das Gymnasium gespart werden konnten, die von den Eltern nicht mehr aufzubringen waren, nachdem Rilkes Mutter ihre Mitgift aufgebraucht hatte. Renes Onkel, dem Landesadvokaten Jaroslav Rilke, gelang es, für seinen Neffen einen Freiplatz, einen sogenannten „Landesstiftungsplatz“, an der Militärunterrealschule in St. Polten in Niederösterreich zu bekommen.

Im September 1885 schritt der zehnjährige Rene Rilke durch das Tor der Schulkaserne, die ihn die nächsten fünf Jahre festhielt. Obwohl er zu den besten Schülern der Militäranstalt gehörte, erschien sie ihm doch wie ein „Totenhaus“. Wenn es ihm auch gestattet wurde, seine Gedichte vor der Klasse zu rezitieren, blieb er trotzdem inmitten der verständnislosen Kameraden ein Einsamer und Fremder. Bald zog er sich von ihren Spielen zurück. Die kleine Friedhofsecke im Garten der Anstalt wurde sein Lieblingsaufenthalt. Hier konnte er ungestört seinen Träumen nachhängen und seine Sehnsucht nach einem glanzvollen Leben in seine oft noch recht holprigen Verse gießen. Mit gutem Erfolg absolvierte Rene im Sommer 1890 die Militärschule in St. Polten. Noch im September desselben Jahres trat er in die Militäroberrealschule in Mährisch-Weißkirchen ein. Aber schon am 6. Dezember 1890 wurde er „krankheitshalber“ wieder beurlaubt und dann ganz entlassen. Rene war endlich den Mauern der Kaserne entronnen. Trotzdem fühlte er sich nicht glücklich dabei. Genau genommen, war er eben doch ein gescheiterter Militärschüler. Er kehrte im Juli 1891 nach Prag zurück. Die Mutter lebte längst in anderen Städten und überließ den Sechzehnjährigen der Obhut seines Vaters und der Verwandten. Sie schoben ihn nach Linz ab, an die dortige Handelsakademie. Rene interessierte sich wenig für Wirtschaftswissenschaften und Bilanz, kaufmännische Kalkulation und buchhalterische Praktiken. Er sann viel lieber neuen Versen nach, veröffentlichte auch schon ein erstes Gedicht und ließ seine Phantasie durch die Aufführungen des Linzer Stadttheaters befeuern.

Wieder kehrte er im Mai 1892 in die Heimatstadt zurück. Onkel Jaroslav zahlte ihm jetzt monatlich zweihundert Gulden aus, damit er sich privat auf das Abitur vorbereiten konnte. Der kinderlose Landesadvokat hoffte, dass Rene einmal die Rechtswissenschaften studieren und dann seine Anwaltskanzlei übernehmen würde. Rene aber blieb heimatlos in seiner Heimatstadt.

Erste Liebe — Erste Erwartung

Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923
Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923

Rene wohnte jetzt bei seiner Tante, der Witwe Gabriele von Kutschera-Woborsky, in der Wassergasse. Mit zäher Energie bereitete er sich auf die Prüfung am Prager Neustädter Gymnasium vor. Die Zeit seiner Privatstudien, in der er das Pensum des Gymnasiasten nachholte, dauerte vom September 1892 bis zum Sommer 1895. Es war eine Zeit ernster Arbeit an sich selbst. Jeden Morgen stand Rene um sechs Uhr auf und arbeitete bis Mittag durch. Mit gutem Erfolg bestand er schließlich am 6. Juni 1895 seine Reifeprüfung. Aber schon während der Zeit seiner Privatstudien benutzte er jede freie Stunde, um aus der abgestandenen Luft seiner Umgebung zu fliehen. Es zog ihn hinaus in eine lichtere Welt, hinaus zu den Weinbergen. Aber nicht nur die Sonne und die weichen Rebenhügel waren es, die ihn lockten. Durch eine seiner Cousinen hatte er Valeria David-Rhonfeld kennengelernt, die dort draußen wohnte. Sie war ein hübsches, munteres Mädchen, das selbst Novellen schrieb und für Renes literarische Pläne volles Verständnis hatte. Während sie seidene Bänder und Porzellan bemalte, las Rene ihr seine frühen Verse vor. Ihr, seiner ersten Liebe, „Vally“, widmete er seinen ersten Gedichtband „Leben und Lieder“.
Valeria hatte eine der Broschen aus dem kostbaren Familienschmuck, den sie geerbt hatte, zum Juwelier gebracht und finanzierte aus dem Erlös den Druck des Bändchens. Bei diesem Mädchen fand Rene Heimat und Verständnis, Geborgenheit und Liebe. Sie war nicht nur die gütige Muse seines frühen Schaffens und seiner ehrgeizigen Pläne. Sie leitete ihn auch mit milder Hand aus dem engen Kreis seiner ererbten Vorstellungen heraus zu einem selbständigeren und umfassenderen Denken. Durch Valeria wurde Rene gewahr, dass nicht nur das Deutschtum in Böhmen eine kulturelle Höhe einnahm, sondern ebenso auch das Tschechentum. Sie wurde die Mittlerin zwischen Rene und den Tschechen in einer Zeit, in der der Nationalismus wie Unkraut im böhmischen Garten aufschoss, den Deutsche und Tschechen einst gemeinsam bestellt hatten. Bereits vor dreißig Jahren hatte Adalbert Stifter in seinem Roman „Witiko“ noch einmal die Einheit von Deutschtum und Tschechentum innerhalb der beide umfassenden böhmischen Heimat und Geschichte beschworen. Aber es war nur noch der Traum einer Friedensordnung zweier Völker, der längst zerbrochen war. Der zwanzigjährige Rilke wurde zu einem neuen Herold der Völkersympathie, indem er, entgegen den Meinungen vieler seiner bekannteren und älteren Zeitgenossen, tschechische Themen aufgriff und sie in seinen Gedichten gestaltete. Begeistert feierte er den Feuertod des Jan Hus in Konstanz als den Sieg eines Märtyrers, vor dessen Genius er sich in Ehrfurcht neigte, denn:

Der, den das Gericht verdammte,
war im Herzen, tief und rein,
überzeugt von seinem Amte, —
und der hohe Holzstoß flammte
seines Ruhmes Strahlenschein.

Er gedachte des tschechischen Dramatikers Josef Kajetan Tyl in seinen Versen, besuchte eine Prager Ausstellung, in der die Entwicklung der slawischen Völker dargestellt wurde, weshalb deutsche Nationalisten sie boykottierten, und er beschwor die sagenumwobene Gestalt des tschechischen Ritters Dalibor, der in Kerkerhaft einst aus Sehnsucht das Geigenspiel erlernte und mit seiner Musik seine Wächter bezauberte. Dem Ritter Dalibor fühlte der junge Rilke sich verwandt. Auch für ihn war die Musik Abglanz des eigenen Wesens. Nicht nur in der Schmiegsamkeit und dem melodischen Wohlklang seiner Sprache kommt das zum Ausdruck. Musik ist für Rilke stets der Zauberschlüssel gewesen, mit dem er in die geheimsten Kammern seiner Selbst eindrang, sie öffnete und aus der Einsamkeit, die ihn zuweilen wie eine Kerkerhaft umschloss, das Lied erstehen ließ, das den Schmerz auflöste und verwandelte. So schrieb Rilke jetzt die Verse, die zugleich erste Erwartung künftigen Dichtertums sind:

… in Kerkereinsamkeiten
weck ich meiner Seele Saiten,
glücklich wie einst Dalibor.

Immer wieder ersteht in Renes Versen seine Heimatstadt „Mütterchen Prag“. 1896 wird die Gedichtsammlung „Larenopfer“ veröffentlicht, deren Gedichte einem poetischen Spaziergang durch die Sagenreiche alte Stadt gleichen. Sie beschwören die eiligen Moldauwellen und die alte Hofburg, die Brücken und ihre bewegten Heiligenfiguren, die Prager „Kleinseite“ und die Wenzelskapelle, den Altstädter Ring und das gotische Rathaus mit seiner alten Uhr. Bürgerhäuser und Paläste, Türme und Kirchen, die ganze Geschichte der Stadt mit ihren Menschen werden lebendig. Da tritt der Wunderrabbi Low auf, der sich einen Golem, einen künstlichen Menschen, als Diener erschuf; Hofmusikanten und slowakische Drahtbinder, der Sternengläubige Kaiser Rudolph und der Magister Hus erscheinen in buntem Reigen. Und dann ist es wieder, als zögen die dunklen Gassen und engen Höfe, die Winkel und das alte Gemäuer der Stadt den Dichter in einen Bann der Trauer. Denn immer wieder wehen Allerseelentagsstimmung und Friedhofstille durch die Verse. Immer noch sind die Friedhöfe magische Orte für Rene, wie schon während seiner St. Pöltener Kadettenzeit, wo er in seiner Friedhofsecke wie Peer Gynt oder Hamlet über das Rätsel seines Daseins sann. Er besucht jetzt den Landfriedhof in Königsaal bei Prag und lässt sich- ganz von der Todesstille umfangen:

Aufschloss das Erztor der Kustode.
Du sahst vor Blüten keine Gruft.
Der Lenz verschleierte dem Tode
das Angesicht mit Blust und Duft;
da stieg wie eine Todesode
ein Trauermantel in die Luft.

Dann aber vermag er Einsamkeit und Schwermut auch plötzlich wieder abzustreifen, um sich im vorgeahnten Glanz späteren Dichterruhmes zu sonnen, der ihn als Künstler einst zum König adeln wird. Sehr von sich überzeugt, schreibt er die Verse:

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
auch kein rotgoldener Reif unterbrach, —
Kinder werden sich vor dir neigen,
selige Schwärmer staunen dir nach.

Es ist ein weiter Weg, den der Dichter von diesem selbstgefälligen Wort bis zu seinem ausgewogenen und reifen Spätwerk gehen musste. Als Zwanzigjähriger ist Rilke manchmal so sehr von sich eingenommen, steigert er sich in ein derart überhitztes Lebensgefühl hinein, dass er einmal ein Gedicht mit „Rene Cäsar Rilke“ unterschrieb. Es war dies die Zeit, in der Rilke sein Abitur bestand. Ein großer Druck war von ihm genommen. Da konnten Begeisterung und Selbstgefühl schon auch einmal die Zügel schießen lassen. In diesem Sommer 1895 macht Rilke auch einige Erholungsreisen. In vollen Zügen genießt er einen Aufenthalt an der Ostsee und die Natur, von der er in Prag so abgesperrt war. Eine Skizze über einen Sonntag an der Ostsee entsteht: „Dann stand ich am Meer. Das Meer war wie violettblauer, schwerer Atlas“, heißt es darin. „Ich staunte hinaus in die flimmernde Pracht. Wie ein Kind, das ein schönes Spielzeug erhalten hat, hätte ich alle rufen mögen, die mir lieb sind: „Kommt und seht, ist das nicht — herrlich?“

Neue Kräfte wachsen ihm zu aus der Natur. Er fühlt sich ungebundener und stärker als je zuvor. In dieser Stimmung wird er sich bewusst, dass noch viel Arbeit auf ihn wartet und er sich dafür ganz frei halten muss. So kommt es, dass er sich innerlich von seiner Bindung an das geliebte Mädchen löst. „Ich glaube halt“, sagt er zu Valeria, „wir dürfen uns nicht zu sehr aneinander gewöhnen — das tut nicht gut.“ Das Mädchen wusste, dass das der Abschied war. Doch sie verstand ihn und war ihm nicht böse. „Dank für das Geschenk der Freiheit“, schrieb ihr Rene, „Du hast Dich groß und edel erwiesen, auch in diesem schweren Augenblick, besser als ich.“ An der Prager Karl-Ferdinands-Universität, an der zehn Jahre später der Dichter Franz Kafka seinen juristischen Doktorgrad erwarb, belegte Rilke im Wintersemester 1895/96 Philosophie. Aber das Studium passte nicht für ihn. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Selbstversunkenheit

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Paula Modersohn-Becker: Porträt Rainer Maria Rilke, 1906, Bremen, Sammlung Ludwig Roselius

Das „göttliche Schweigen“ seiner Stirn, von der Rene in so selbstbewusstem Jugendpathos sprach, wurde nicht nur von „seligen Schwärmern“, sondern bald auch von Frauen wie Katharina Kippenberg, der Gattin von Rilkes späterem Verleger, wirklich an ihm bemerkt. Das Gesicht des jungen Rilke war von einer sehr eigenartigen Selbstversunkenheit geprägt, die sich dann auch in seiner frühen Dichtung äußerte. Katharina Kippenberg hatte den etwa einundzwanzigjährigen Rilke einmal nach einer Shakespeare-Aufführung in irgendeinem Freilichttheater gesehen und in dem ihr damals noch Unbekannten, der schweigsam inmitten einer fröhlichen Gesellschaft saß, sogleich den bedeutenden Menschen erkannt. Sie sah, so berichtet sie selbst: „Ein Gesicht, so beladen mit Bedeutung, so überschüttet mit Gefühl, so gesegnet mit Sendung und über dem allem von einer so unsagbaren Demut und Stille, dass mir der Atem stockte. Die Augen sah ich nicht, sie waren niedergeschlagen, und die Stirn war leicht geneigt, und so inmitten der Lachenden und Schwatzenden ringsum, dem Gewimmel der Farben, der Stimme und des flimmernden Lichtes war es, als wäre man plötzlich von einer lärmenden Straße an das offene Portal einer Kathedrale getreten. Das Erstaunlichste war die Stirn dieses Kopfes, sie schimmerte, und es umwehte sie ein Gewölk, auf und ab zog etwas Schwebendes, ähnlich den kleinen ernsthaften Engeln, die die versonnenen Häupter der Madonnen auf alten frommen Bildern bisweilen umfliegen.“ Rilke war in dieser Zeit immer noch von einer Schwermut erfüllt, die ihre Wurzeln in den noch nicht überwundenen traurigen Erlebnissen der Kindheit und frühen Jugend hatte. Nicht nur in dem Gedichtband „Larenopfer“ (1895), sondern auch in dem Bändchen „Traumgekrönt“ kommt diese Stimmung zum Ausdruck.

Noch Jahre danach ist Rilkes Blick nach rückwärts gerichtet. In durchwachten Nächten grübelt er über das Rätsel des Daseins, über den Sinn des Leidens in der Welt, über sein eigenes Leben, seine Herkunft und Zukunft. Immer wieder neigt er sich über sein eigenes Bild, kommt über frühe Kindheitserlebnisse nicht hinweg, kann nicht verstehen, warum er ein Leben so am Rande, abgetrennt und fremd von all den anderen, den Fröhlichen, führen muss, ein so in sich gekehrtes, einsames Leben. Wieder sieht er sich, zwei Jahrzehnte zurückversetzt, im kurzen Mädchenkleid und langen Haar, an der Hand seiner Mutter und Tanten, und er möchte sich losreißen von dieser Erinnerung. Er versucht es, indem er sie teils beschwörend zu bannen und dadurch zu überwinden beginnt, teils aber auch, indem er seine eigene Existenz in ein erdichtetes Leben von Adel, Abenteuer und Heldentum verwandelt. So entsteht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, eine kleine Erzählung in Prosa, die 1899 erscheint. Mit ihr erringt der noch nicht Vierundzwanzigjährige seinen ersten Ruhm. Die ganze Sehnsucht nach lebensvoller Ferne und nach dem Abenteuer, die Melancholie langer Märsche auf unendlichen Straßen und im fremden Land, Abschiedsstimmung und Liebeserinnerung sind in die rhythmisierte und lyrisch durchwebte Sprache gebannt, in der schon die ersten Sätze beginnen:

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die
Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht
so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum
einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde
Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen.
Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild.
Man hat zwei Augen zu viel. Nur in der Nacht
manchmal glaubt man den Weg zu erkennen. Vielleicht
kehren wir nächstens immer wieder das Stück zurück, das
wir in der fremden Sonne
mühsam gewonnen haben? Es kann sein. Die
Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer.
Aber wir haben im Sommer Abschied genommen.
Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem
Grün. Und nun reiten wir lang. Es muss also
Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen
von uns wissen.

Der Dichter, der sich nicht mehr wie früher Rene, sondern Rainer Maria Rilke nennt, verwandelt sich in dieser Erzählung in die Gestalt eines Cornets, eines Fähnrichs, der im 17. Jahrhundert in einem kaiserlich-österreichischen Reiterregiment gegen die Türken zieht und nach dem Erlebnis des Feldlagers und des Krieges eine kurze Zeit der Liebe und gleich darauf den Tod unter den Säbeln der Türken erfährt. Sehr verspielt noch nimmt Rilke in dieser Dichtung zu den Lebensmächten Stellung, deren unwiderruflichen Ernst er gleichsam mit dem starken Duft seiner Sprache betäubt. Fern der fürchterlichen Wirklichkeit beschreibt er den Soldatentod als „ein Fest“ und die zuspringenden tödlichen Säbel der Gegner als eine „lachende Wasserkunst“. Und doch klingt bereits etwas von der späteren Lebenserfahrung des Dichters in diesem Werke an: sein Wissen um die geheimnisvollen Zusammenhänge des Daseins, durch die die scheinbar größten Gegensätze einander verbunden sind, wie eben im „Cornet“ die Gegensätze von Liebe und Tod.
Als Wunschbild einer abenteuerlichen Ferne ist diese Dichtung aber auch Vorahnung eines großen Erlebens, das Rilke noch im gleichen Jahre 1899 zuteilwerden sollte: das Erlebnis Russlands und seiner religiösen Welt.

Russland und das religiöse Erlebnis

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rilke um 1900

In München, wo Rilke schon 1896 einmal für kurze Zeit gewesen war, lernte er die Schriftstellerin Lou Andreas-Salome kennen. Lou war die Tochter eines russischen Generals und bald verband ihn eine tiefe Freundschaft mit ihr. Er folgte dieser klugen und faszinierenden Frau, die mit fast allen bedeutenden Geistern ihrer Zeit befreundet war, mit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, mit Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Max Halbe und vielen anderen, nach Berlin und nach Wolfratshausen bei München. Im Frühjahr 1899 und im folgenden Jahre begleitete er sie nach Russland. Das Erlebnis dieses Landes mit seinen schwermütigen Weiten, seinen gutmütigen, tief religiösen Menschen der Vorkriegszeit, die Demut in den Gesichtern dieses leidgewohnten Volkes, überhaupt der ganze Zauber des alten Russland mit seinen Gebräuchen und Lebensformen, alles das wühlte die verborgensten Schichten seiner Seele auf. Seine Ergebenheit vor dem Leben und sein noch unbestimmtes religiöses Suchen trafen in Russland auf etwas Verwandtes. Es war, als hätte er sein wahres Wesen erst dort erkannt und erst in diesem Lande das Echo gefunden, das er bisher vergeblich erhoffte.
So sehr liebte er Russland, dass er glaubte, schon von jeher dort beheimatet gewesen zu sein. „Als ich nach Moskau kam“, schrieb er, „war mir alles bekannt und vertraut. Zu Ostern wars. Da rührte es mich an wie meine Ostern, mein Frühling, meine Glocken. Es war die Stadt meiner ältesten und tiefsten Erinnerungen, es war ein fortwährendes Wiedersehen und Winken, es war Heimat.“ Aus der Begegnung mit diesem Lande und seinen Menschen reifte Rilke dem ersten Höhepunkt seines Schaffens entgegen. Auf seiner zweiten Russlandreise besuchte er den zweiundsiebzigjährigen Dichter Leo Tolstoi, der ihn in seiner freiwilligen Armut und dem Versuch, ein Leben nach dem Evangelium der Nächstenliebe zu führen, tief beeindruckte. Kunst erschien Rilke jetzt in einer ganz neuen Beleuchtung: Kunst war Anrufung Gottes, war Gebet. In Russland erfuhr Rilke ein religiöses Erleben, nachdem er unbewusst schon längst auf dem Wege war. „Er bog“, so berichtete Lou Andreas-Salome, „in Russlands Geschichte und Gotteslehre seine eigensten Nöte und Andachten ineinander, bis es in Notschrei und Lobpreis sich ihm als ein Stammeln entriss, das zum Wort ward wie noch nie — das Gebet ward.“ Die Frucht dieses Erlebens ist das „Stunden-Buch“. Von 1899 bis 1903 schrieb Rilke daran. Seine Verse beschwören das neue, mystische Gotteserlebnis, das ihm nun zuteil geworden war. Mystik kommt vom griechischen „myain“, das so viel wie „die Augen schließen“ oder „ein Geheimnis bewahren“ bedeutet. Das Geheimnis der Mystiker ist das Erlebnis der Einheit von Gott und Ich, eine Verbindung, die so innig sein kann, dass alle Grenzen dazwischen fallen. Nicht nur der Mensch wird nach Rilkes Glauben in dieser Art religiösen Erlebens des Gottes bedürftig, sondern auch Gott bedarf der Liebe des Menschen. In immer neuen Bildern und Symbolen beschwört Rilke jetzt diesen Gott. Er ist ihm im „Stunden-Buch“, das seinen Titel von den geregelten Gebetsstunden der Mönche hat, einmal „der uralte Turm“, um den er kreist, dann „der dunkle Unbewusste“, der „Leiseste“, der „Stein“. Und er schreibt diese Verse:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, —
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß, du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds —
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Ganz stille muss man sein und nach innen hinein hören, um Gott zu begegnen. In glühenden Stunden des Schaffens gießt Rilke sein ganzes religiöses Erleben, sein Suchen und Finden, sein Zweifeln und Hoffen in die Verse dieser Dichtung, die er in drei Bücher gliedert: „Das Buch vom mönchischen Leben“, „Das Buch von der Pilgerfahrt“ und „Das Buch von der Armut und vom Tode“.

Bisweilen fühlt er sich so eins mit Gott, dass er ihn von der eigenen Existenz nicht mehr zu trennen vermag und die Bedürftigkeit Gottes nach der Liebe des Menschen zu spüren glaubt. Dann stellt er die kühne Frage:

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

So tief ist er in diese eigenwillige Gottesauffassung versunken, dass er sich die Ideen jener russischen Dichter zu eigen macht, die wie einst Maxim Gorki Gott nicht nur suchten, sondern aus überschwänglicher Seele heraus selber erschaffen oder „bauen“ wollten. Manchmal ergreift ihn ein rauschhaftes Gefühl der Einheit mit allen Gott suchenden Menschen. „Wir bauen an Gott, an dem uralten Turm, und wir bauen Jahrhunderte lang …“ schreibt er dann. Aber er weiß, dass das Werk Gottes nie vollendbar ist, denn:

Wir bauen an dir mit zitternden Händen
Und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.

Rilke teilte in dieser Zeit die Hoffnung vieler Künstler, die im damaligen Russland das Heil und die Rettung der Welt sahen, weil dieses Land von der Mechanisierung und Entseelung durch die moderne Technik noch nicht ergriffen war. Drei Jahre nach seinem zweiten Russlandaufenthalt schrieb Rilke noch an Lou Andreas-Salome: „Vielleicht ist der Russe gemacht, die Menschen-Geschichte vorbeigehen zu lassen, um später in die Harmonie der Dinge einzugreifen mit seinem singenden Herzen. Nur zu dauern hat er, auszuhalten und wie der Geigenspieler, dem noch kein Zeichen gegeben ist, im Orchester zu sitzen, vorsichtig sein Instrument haltend, damit ihm nichts widerfahre.“ Ein Jahrzehnt später aber wurde offenbar, dass diesem russischen Menschen, den Rilke kennen und lieben gelernt hatte, sehr viel widerfuhr und dass die Hoffnung auf ihn trügerisch war. Im Jahre 1913 nämlich, am Vorabend der ersten russischen Revolution, verfasste Lenin an Maxim Gorki einen Brief, in dem er den Dichter gerade jener religiösen Vorstellungen wegen zurechtwies, die Rilke damals so verwandt erschienen. „Das ,Gottsuchen‘ „, so schrieb Lenin an Gorki, „unterscheidet sich von dem ,Bauen eines Gottes‘ oder dem ,Erschaffen eines Gottes‘ oder von dem ,Schaffen eines Gottes‘ nicht mehr, als sich ein gelber Teufel von einem blauen Teufel unterscheidet.“ Die russische Revolution brauchte nur Gläubige ihrer eigenen Idee, nicht Gläubige Gottes, wie sie Rilke einst in diesem Lande begegnet waren.

Der Weg nach Paris

L. Pasternak «R.M.Rilke in Moskau». 1928. Sammlung von Bajer, Weimar
L. Pasternak «R.M.Rilke in Moskau». 1928. Sammlung von Bajer, Weimar

Das ganze Russlanderlebnis klang noch in Rilke nach, als er bald darauf nach Worpswede ging, einer Künstlerkolonie in der Nähe von Hamburg. Dort waren junge Menschen versammelt, vor allem Malerinnen und Bildhauerinnen, die sich in der norddeutschen Landschaft einer herben und satten Farbigkeit, umgeben vom dunklen Moor, dem Wehen hoher Birken und von der salzigen Meeresluft getränkt, zu beschwingter Arbeit und freundschaftlichem Gespräch zusammengefunden hatten. In dem weißen Saal des Hauses, das Rilke bewohnte, trafen sich an den Sonntagen die Künstler. Da gab es lange und leidenschaftliche Diskussionen über die Kunst, ihren Weg und ihr Ziel. Der Dichter lernte jetzt von den Malern und Bildhauern das genauere Erfassen der Natur, das Erkennen innerer Lebensvorgänge im äußeren Kleid und im Wandel der Gestalt. Die Maler und Bildhauer wiederum lernten vom Dichter den Mut zur eigenen Ausdrucksweise auf dem Instrument der Sprache, und sie nahmen teil an seinem Bemühen, „aus jedem Wort ein Kleinod zu machen“. Worpswede ist für Rilke eine Zeit des Glück, der jugendlichen Begeisterung und des Zuwachses von Kraft. Trotzdem weiß er, dass er bei aller Liebe zu diesem naturnahen, ungebundenen Leben, zu dieser Landschaft und zu diesen Menschen nicht sesshaft werden darf. Sesshaftigkeit kann leicht zur Trägheit führen, kann von dem Werk, das erst noch zu leisten ist, ablenken. „Ich darf noch kein Häuschen haben. Werden und warten ist meines“, notiert er. „Es ist, als wäre mir eine Mission vorbehalten“, schreibt er in sein Tagebuch, „welche es notwendig macht, dass ich jede Schönheit umfassen lerne und die Schönheit in jedem“.

Da lernt er unter den Worpsweder Künstlern ein Mädchen kennen, das unter allen anderen hervorragt: Clara Westhoff, eine Schülerin des berühmten französischen Bildhauers Auguste Rodin. Diese Begegnung wird schicksalhaft für beide. Aus der gegenseitigen Bewunderung wird bald persönliche Zuneigung und Liebe. Im Frühjahr 1901 heiraten die beiden. Rilke versucht sich nun doch in der Sesshaftigkeit. Das junge Künstlerehepaar zieht hinaus nach Westerwede, einem kleinen Ort in der Nähe von Worpswede, und richtet sich dort in einem Bauernhaus in recht romantischer Weise ein. Es scheint zunächst wirklich, als ob sich hier Rilkes Wunsch nach Sammlung und grenzenloser, ungestörter Arbeit erfüllen könnte. Bald aber stellt sich heraus, dass ein solches Dasein in der Idylle doch nicht das dem Dichter gemäße und ihm bestimmte Leben ist. Dazu kommen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Bald reichen die Mittel zur Aufrechterhaltung des Hausstandes nicht mehr aus. Rilke schreibt Briefe nach Berlin, Hamburg, Bremen und Wien, um schriftstellerische Aufträge zu bekommen. Aber er hat kein Glück. Es zeigt sich nun auch, dass Rilke und Clara Westhoff so sehr in ihren eigenen Welten als Künstler lebten, dass für sie auf die Dauer ein häusliches Leben sowieso nicht geeignet ist. So entschließen sie sich nach zwei Jahren, Westerwede zu verlassen, nach Paris zu gehen und sich dort auf die billigste Weise einzurichten, um ganz ihrer Kunst zu leben. Die inzwischen geborene Tochter wurde den Großeltern anvertraut.

Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905
Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905

Rilke bezog zuerst ein kleines möbliertes Zimmer, Clara Westhoff ein kleines Atelier. Die Bildhauerin machte Rilke jetzt mit ihrem Lehrer Rodin bekannt. Diese Begegnung ist für den Dichtet von gleicher Tragweite, wie es die mit Russland und Tolstoi gewesen war. Rodin nahm Rilke von 1905 bis 1906 ganz in sein tägliches Leben auf, indem er ihn als Privatsekretär verpflichtete. Dieser Bildhauer, der in seinem Atelier, dem früheren Kloster von Sacre Coeur, Skulptur um Skulptur schafft, dem Stein mit männlicher, fast gewalttätiger Sicherheit alle Formen abverlangt, die sein leidenschaftlicher Geist fordert, der einen ganz neuen Stil von gewaltiger Ausdruckskraft entwickelt und unter der steinernen Welt seines Arbeitsplatzes mit seiner gedrungenen Gestalt, dem stierhaften Nacken und dem charakteristisch modellierten Kopf selbst wie eine seiner Figuren wirkt, dieser Künstler des Schlegels und des Meißels wirkt auf den immer noch sehr in sich versponnenen Dichter wie ein Gewittersturm. Jetzt erst, durch Rodin und das Beispiel seines Schaffens, gewinnt Rilke ein wirkliches Verhältnis zur Welt der realen Dinge und zur Natur, die er in Worpswede bereits in ihren äußeren Formen richtig sehen zu lernen angefangen hatte. Nun lernt Rilke mit den Dingen umzugehen, sie in der Sprache zu bannen, so, wie der Bildhauer sie mit dem Meißel gestaltet und beherrscht. Zum ersten Mal gewinnt er Mut, den Dingen und der äußeren Welt gegenüber. Er löst sich aus der eigenen Selbstversunkenheit und tritt heraus in das grelle Licht des Alltags mit seiner bunten Fülle der Erscheinungen. In Meudon, in dem kleinen Haus neben dem Hause Rodins, ist jetzt auch Rilkes Wohnung. Nicht nur die Beobachtung des Bildhauers bei seiner Arbeit im Atelier ergibt fruchtbare Einsichten. Auch die vielen Gespräche, die Rilke abends im Garten mit Rodin und seiner liebenswürdigen, bescheidenen Frau führt, die gemeinsamen Fahrten in die Stadt, Ausflüge nach Versailles und Reisen nach Chartres bereichern ihn mehr von Tag zu Tag. „Rodin hat mich alles gelehrt, was ich vorher noch nicht wusste“, ruft er aus, „geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschütterte Einsamkeit, durch sein großes Beisammensein um sich selbst und sein wachsendes Altern, in dem alle Dinge zusammengeschlossen sind.“ Durch die Begegnung mit Rodin kommt Rilke zu einem ganz neuen Stil. Er gewinnt nun in seiner Sprache eine Buntheit und einen Reichtum wie nie zuvor. Durch eine ganz neue Verdeutlichung der sprachlichen Gestaltung wird er selbst zum Beherrscher der Dingwelt. Jetzt vermag er mit dem dichterischen Wort die Dinge wirklich zu erschaffen. Es ist, als wäre er jetzt erst sehend geworden. Ein starkes Verlangen nach den Erscheinungsformen der Welt, nach ihren Bewegungen und Gesetzen erfasst ihn. Nichts mehr ist jetzt unwichtig. Ein Stück Holz, eine Mauer, ein Baum, ein Stein, alles hat seine Bedeutung und sein eigenes Leben, das es von innen her, aus dem Wesen der Dinge heraus, zu erkennen gilt. Stundenlang streicht Rilke durch die Straßen von Paris. Mit immer neuen Eindrücken füllt er sich an. Sein Auge wird unersättlich. Was er jetzt nachgerade gierig in sich aufnimmt, das verarbeitet sein Geist zu der neuen dichterischen Form. Oft sieht man den schmalen, etwas nach vorn gebeugten Mann im grauen Anzug, mit den grauen Gamaschen, dem weichen Filzhut und dem unter den Arm geschobenen Spazierstock in den Pariser Straßen, wo er Menschen und Dinge genau registriert, Glanz und Elend, Kinderfreude und Altersleid. Der Garten des Luxembourg-Palais gehört zu den Lieblingszielen seiner Spaziergänge. Dort beobachtet er die bunte Pracht der Karussells und die aufgeregte Freude der Kinder. Das alles vermag er jetzt, bis in die Bewegung hinein, in Versen auszudrücken. Eines seiner berühmten Gedichte, „Das Karussell •— Jardin du Luxembourg“, entsteht:

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwünge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber —

Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines, kaum begonnenes Profil —.

Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

Auguste Rodin
Auguste Rodin

Der Einfluss des Bildhauers auf den Dichter findet in den „Neuen Gedichten“, die 1907/08 entstanden, in der klar umrissenen Hinwendung zur Welt der Dinge, seinen stärksten Niederschlag. Wie Rodin am Stein, so meißelt Rilke an der Sprache. Seine Figuren werden gleich denen des Bildhauers greifbar lebendig. In voller Wirklichkeit erschafft er sie durch das verdichtete Wort. Meisterwerke wie „Der Panther“ entstehen. In nur zwölf Versen vermag Rilke seinem Panther ein Leben einzuhauchen, in dem alle dumpfe Kraft und Verzweiflung des gefangenen Raubtiers atmet, dessen Blick vom Vorübergleiten der Stäbe seines Käfigs müd geworden ist und dem sich nur manchmal noch lautlos der „Vorhang seiner Pupille“ aufschiebt um ein Bild in sich einzulassen, das im Herzen des Tieres gleich wieder erlischt. „Ä mon grand ami Auguste Rodin“, Meinem großen Freund Auguste Rodin, lautete die Zuneigung des ersten Teiles dieser Pariser Gedichte. „A mon grand ami Maria Rilke“ schrieb Rodin auf eine seiner schönsten Zeichnungen, die er für den Dichter auswählte und ihm als Gegengabe schenkte. Immer noch näher will Rilke an die Dinge heran. Er will die Welt in ihrer Fülle fassen. Alles verlangt er sich selbst und der neu zu schaffenden Sprache ab. Er geht sogar in die Bibliotheken und schlägt in alten Wörterbüchern nach, um neue, vergessene Worte zu finden, die er wie Bausteine zu seinem Werk benutzt. Manchmal beklagt er sich über das unzulängliche Material, das ihm in der abstrakten Sprache als Dichter zur Verfügung stehe: „Rodin empfingen jeden Morgen die großen Blöcke, an denen er seine Arbeit beginnen konnte, bei mir lag ein kleiner Bleistift auf dem Tisch.“ Gelegentlich unterbrach Rilke seinen Paris-Aufenthalt zu längeren Reisen oder Gastaufenthalten bei Freunden. Doch immer wieder kehrte er in den Jahren von 1903 bis 1914 in die Stadt an der Seine zurück, auch nachdem die Bindung an Rodin sich gelöst hatte. Dass zwei so ausgeprägte Künstlernaturen auf die Dauer nicht nebeneinander leben konnten, ist nur allzu verständlich. Jeder von ihnen folgte seinem eigenen Lebensgesetz. Dieses Gesetz führte Rainer Maria Rilke, nach der Erfahrung der äußeren Welt und ihrer künstlerischen Beherrschung, wieder in das Innere der Welt zurück. Er suchte hinter den Dingen die beseelende Kraft. Von Anfang an war Paris für Rilke nicht nur das Erlebnis Rodin, nicht nur der prickelnde Reiz französischen Lebens und französischen Geistes, auch nicht nur die Freude des Beobachtens kindlicher Spiele in den schattigen Parks. In Paris sah Rilke von Anfang an auch die Großstadt, die wie jede dieser steinernen Burgen des technischen Fortschritts auch eine Anhäufung von Leid und Elend war. Er beobachtete und beschrieb nicht nur das Karussell im Jardin du Luxembourg. Er sah dort auch den blinden Zeitungsverkäufer, „der am Gitter des Luxembourg-Gartens sich langsam hin- und zurückschiebt den ganzen Abend lang . . .“, und Mitleid und Verzweiflung über das Elend der Welt überfielen ihn. Auch in seiner düsteren Seite fand das Großstadterlebnis in Rilke seinen Widerhall. Der Dichter spürte alle Not, der er begegnete, in sich selbst, und allmählich wurde ihm die moderne Großstadt zum Symbol der Naturferne und der Ferne von Gott. Die Tage der Begeisterung wurden abgelöst von Tagen der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Eine neue Dichtung entstand: der „Malte Laurids Brigge“. Bis 1910 arbeitete Rilke an diesem Prosawerk, das Ausdruck seiner düsteren Stimmungen ist. Es ist das Elend der Armen der Stadt, die Malte Laurids Brigge, in den Rilke seine eigenen Erlebnisse legt, sich zu Herzen nimmt. Die „Fortgeworfenen“, denen ihr Schicksal schon zur Rilke_RodinSelbstverständlichkeit geworden ist, die wie Verworfene durch die Straßen schleichen oder frierend auf den zugigen Plätzen stehen, schmutzig und verbraucht, mit einer schäbigen Bettstatt und einem Essnapf als einzigem Eigentum, sie sind es, denen er sich in Mitleid zuwendet und die ihn erneut zur Frage nach Gott veranlassen. Dicht tritt Rilke dem Elend gegenüber. Er stellt die Frage in ihrem ganzen Ernst: ob durch Mitleid und völlige Einfühlung das Elend der Welt gemildert werden könnte. Und wieder taucht der blinde Zeitungsverkäufer vor dem Jardin du Luxembourg vor Malte Laurids Brigge auf, der über ihn sagt: „Die durch keine Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingebung seines Elends übertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt, noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwährend zu erfüllen schienen. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie die Öffnung eines Ablaufs.“ Es ist aber nötig, an alles das zu denken! In der Hast und dem Geflirre der Großstadt, ihren Attraktionen und Verführungen, dem mechanischen Ablauf ihres scheinbar so harmonischen Lebens liegt die unmenschliche Gefahr des Vergessens des Elends. Erst wenn wir das Elend der andern in uns aufnehmen, mitleidend daran teilnehmen, erst dann werden wir zu Menschen. Erst dann wird es uns auch möglich sein, das Leben in seiner Ganzheit zu fassen. Als Belohnung unseres Mutes gleichsam, dabei auszuhalten, so meint der Dichter, werden wir dann auch die Stufen vom Schrecklichen zum Seligen des Daseins emporfinden. Rilke glaubt an die läuternde Kraft des Leidens. Er glaubt, dass die Seele des Menschen so unerschöpflich reich ist, dass in ihr alle Möglichkeiten beschlossen sind. Es kommt auf die Anstrengung des Menschen an, was er aus seinem Leben macht. Wenn er allen Mut und alle Kraft in sich zusammennimmt, das ist die Botschaft des Dichters, dann ist es ihm möglich, den Schrecken in sein Gegenteil zu verwandeln. „Erst dem“, sagt Rilke, „dem auch der Abgrund ein Wohnort war, kehren die vorausgeschickten Himmel um…“ — So ist auch der „Malte Laurids Brigge“ gemeint. Über diese Dichtung schrieb Rilke, nachdem er sie unter Anwendung größter innerer Anstrengung vollendet hatte: „Der arme Malte fängt so tief im Elend an und reicht, wenn man es genau nimmt, bis an die ewige Seligkeit; er ist ein Herz, das eine ganze Oktave greift: nach ihm sind alle Lieder möglich.“ Gott, das Gute und das Heil sind nur durch Anstrengung, Opfer und Arbeit zu erreichen. „Alle Lieder“ bedeuten für den Dichter Lieder der Trauer und Lieder der Freude, das Leben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit. Der Weg nach Paris war ein Weg innerer Wandlung und Reife für Rilke gewesen.

Im Strom der Zeit

RM_RilkeIm Januar 1910 kam Rilke mit den Niederschriften des „Malte Laurids Brigge“ im Koffer nach Leipzig, wo er als Gast im Hause seines Verlegers Kippenberg wohnte. Im Turmzimmer, über den Baumwipfeln des Gartens, diktierte er die Reinschrift dieser Dichtung für das Druckmanuskript. Nach einem Jahrzehnt sah nun auch Katharina Kippenberg den Dichter wieder, der ein anderer geworden war. „Er sah anders aus“, berichtet sie. „Der Hauch, der seine Stirn umgeben hatte wie ein Kranz Rosen, war verschwunden, sie war klarer und freier geworden, die Züge stärker modelliert. Rilke war nicht groß, sehr feingliedrig, mit einem schmal in die Höhe gehenden Kopf. Sein dunkelbraunes Haar stand hoch darüber und war wellig. Das Auge sah ich nun zum ersten Mal und war erstaunt, dass ich es nicht so sehr als den Mittelpunkt des Gesichtes empfinden konnte. Es war groß, von einem mittelhellen Blau, wie Kinderaugen manchmal sind, und es schien als ein Vorhang zu dienen, um Verborgenes zu schirmen. Den Mund umgaben senkrecht fallende spärliche blonde Haare, scherzend hat man von einem Chinesenbart gesprochen. Die Nase war außerordentlich geistreich, und den Nasenflügeln traute man eine so feine Witterung zu, wie ein edler Jagdhund sie besitzt. Sehr bald fiel auf, wie er mit Farbe und Aussehen wechselte . . .“ Seit Paris und dem „Malte Laurids Brigge“ hatte Rilke in menschliche Abgründe zu sehen gelernt. Sein Gesicht war zum Ausdruck seiner Feinfühligkeit geworden. Er fühlte ihre Bedrohung durch das heraufziehende Zeitalter totaler Technisierung. Und während allgemein die Stimmung der Bürger in dem Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende fortschrittsgläubig und unbeschwert war, gab er in seiner Dichtung der Sorge um die Zukunft Ausdruck. Es ist die Zeit scheinbarer Geborgenheit und scheinbar wohlgeordneter Verhältnisse, indes die Dämonen der Zerstörung bereits ihr Werk im Verborgenen betreiben. Bald wird der Erste Weltkrieg den Auftakt zur Katastrophe geben. Ein neues Zeitalter ist im Anbruch. Soeben entsteht in Amerika die erste Traumfabrik, die Filmstadt Hollywood, zwei Jahre darauf, 1912, führt Henry Ford das Fließband ein, Viktor Heß entdeckt die kosmischen Strahlen, und die Relativitätstheorie Einsteins kommt zu immer bedeutenderer Ausweitung. Der Fortschritt der Wissenschaften erzeugt zugleich ein Gefühl der Unsicherheit in den Menschen, die ihren festen Standort im Gefüge der Welt zu verlieren glauben. Es gibt kein festes Bezugssystem mehr, das standhielte, seitdem selbst die Atome, die „Urbausteine“ der Materie, sich in Teile auflösen. Die Maschine wird zum Symbol der neuen Welt. Durch die Technik begünstigt, wachsen die Städte riesengroß empor. Das freie, natürliche Leben droht unter ihrer Asphaltdecke zu ersticken. Wie viele Dichter seiner Zeit, Georg Heym, Bert Brecht, Franz Kafka, Oskar Loerke, Franz Werfel, Klabund, nimmt auch Rilke das Schicksal der Städte vorweg, das ihnen Jahrzehnte später erst im Feuerschein der Bombennächte und in der seelenlosen Automatisierung ihres Lebens bestimmt war. Er wendet sich gegen die Zerstückelung der Zeit, gegen die „kleine Zeit“, wie sie durch den modernen Arbeitsprozess in den großstädtischen Fabriken mit seiner Zersplitterung in lauter nicht mehr übersehbare, zusammenhanglose Einzelvorgänge und seiner Schichtarbeit sich ankündigt. Schon im „Stunden-Buch“ schrieb er:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
wie Flucht vor Flammen ist die größte, —
und ist kein Trost, dass er sie tröste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Er beschwört die Gefahren eines glaubenslosen Materialismus, wie er in den Städten wächst und sich in lautem Gebaren, in Betäubung und Selbsttäuschung und einem kritiklosen Fanatismus des Fortschritts äußert:

Die Städte aber wollen nur das Ihre
und reißen alles mit in ihren Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Völker brennend auf.

Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wie sie langsam fuhren,
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
und lärmen lauter mit Metall und Glas.

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,
sie können gar nicht mehr sie selber sein;
das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte
und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein
und ausgehöhlt und warten, dass der Wein
und alles Gift der Tier- und Menschensäfte
sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

Als dann der Erste Weltkrieg ausbrach, dessen Leid für Rilke unbegreiflich war, wenngleich er, durch die Begeisterung der ausziehenden Soldaten ergriffen, im August 1914 seine Kriegsgesänge schrieb, begann für Rilke eine Zeit schmerzlicher Krisis. Er lebte in München, war gesundheitlich sehr schwach und wurde deshalb für den Felddienst für untauglich erklärt. Im November 1915 kam er aber in das k. k. österreichische Kriegsarchiv nach Wien. Er litt unter dieser Arbeit, die ihn täglich mit den kriegerischen Ereignissen in Verbindung brachte. Auf eine Eingabe seines Verlages, die von einer Anzahl bekannter und führender Persönlichkeiten des literarischen und geistigen Deutschland unterzeichnet war, wurde er aus dem Militärdienst entlassen und kehrte im Juli 1916 nach München zurück, wo er eine eigene Wohnung gemietet hatte. Aber er war ein Gebrochener. Das Leid des Krieges drang tief in ihn ein. Schon 1912 hatte er auf Schloß Duino an der Adria bei Triest die ersten drei seiner berühmten „Duineser Elegien“ mit dem Klageruf begonnen:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.

Ausbruch tiefster Verzweiflung waren diese Verse. Aufschreie letzter Einsamkeit des leidenden Menschen, der verlassen dem Schmerz der Welt gegenübersteht. Die Ordnungen der Engel scheinen dem Dasein des Menschen so sehr entrückt, dass dieser sich mit seinem Schrei nicht an sie wenden kann. Doch selbst wenn die Engel des Menschen Stimme vernähmen, müsste er an ihrem Herzen und an ihrem stärkeren Dasein vergehen; denn die Schönheit dieser höheren Wesen ist so groß, dass sie das Wesen des Menschen überfordert und so zum Schmerz wird, gleich der Sonne, in die das Auge nicht ungeblendet schauen kann. Jetzt, mit dem Kriege, gewannen die Stimmen der Klage über Rilke noch größere Gewalt. So sehr wurde der Dichter vom Schicksal der Welt übermannt, dass ihm darüber die Stimme versagte. Fast während der ganzen Zeit des Krieges verstummte er. Bald flüsterte man sich unter Rilkes Freunden und Bekannten in München zu: „Rilke wird nicht eine Zeile mehr schreiben.“ Tatsächlich sollte es bis 1921 dauern, bis der Dichter wieder im Vollbesitz seiner künstlerischen Kraft war.

Die letzten Jahre — Vollendung

Nach dem Kriege ging Rilke in die Schweiz. Von innerer Unruhe geplagt, zog er von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt, immer im Aufbruch, ohne Rast, hielt Vorträge und machte Besuche. Erst im Winter 1921 fand er Ruhe“. In der strengen Einsamkeit des kleinen Schlosses Muzot bei Sierre an der Rhone, in dem bergigen Schweizer Wallis, das sein Freund für ihn mietete, reifte sein Werk der Vollendung entgegen. Hier wachsen Weinreben in südlicher Heiterkeit und mildem Glanz, uralte Tannen ragen wie aus einem Märchenwald der Urzeit, bemoost und mit weiten, hängenden Ästen aus den grünen Matten der Hänge und Täler, und der Walnussbaum reift, von dem der Kanton seinen Namen hat. In dieser Landschaft mit ihren glühenden Sonnenuntergängen hinter den großen Bergen, ihrem Wolkentheater auf dem südlich blauen Grund des Himmels, ihren Quellen und Bächen, Taltreppen und klassisch klaren Umrissen der Hügel und Häuser, fernab dem Getriebe der Städte, vollendet Rilke die „Duineser Elegien“, die er als sein Vermächtnis betrachtet.
Rilke_05Gleichzeitig aber, und das ist das Wunder dieser großen schöpferischen Zeit, schreibt er an den „Sonetten an Orpheus“. Er stellt der Elegie — der Klage — den freudigen Klang der orphischen Sonette gegenüber. Das ganze Dasein will er gestalten. Nicht nur den Schmerz, sondern auch die Freude. Orpheus ist der alte griechische Gott und König der Lieder, der große Zauberer der Töne, Sohn des Apollon und seiner Muse. Von solcher Zauberkraft war sein Gesang, dass er wilde Tiere damit zähmte und selbst Bäume und ganze Wälder, von seinem Liede gebannt, ihm folgten. Er ist eine Rilke tief verwandte Gestalt, die klassische Vollendung dessen, was schon an der Prager Sage vom Sänger Dalibor den Zwanzigjährigen ergriffen hatte. Ihn, Orpheus, beschwört Rilke nun, und er setzt seinen Gesang dem Klageruf der Elegie entgegen, damit das Gleichgewicht der Welt wieder hergestellt werde. Neben dem Aufschrei über das Leid steht jetzt auch das Rühmen der Welt.
Über das Entstehen der Elegien berichtete er der befreundeten Fürstin von Thurn und Taxis: „Alles in ein paar Tagen, es war ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist (wie damals auf Duino), alles, was Faser in mir ist und Geweb, hat gekracht, — an Essen war nie zu denken, Gott weiß, wer mich genährt hat.“ Rilkes Dichtung, die aus der ganzen inneren Fülle seiner Lebenserfahrung genährt ist, zehrte am Leben des Dichters selbst. Der Weg seines Lebens und seiner Kunst war ein einziger Weg in die verborgenen Tiefen des Daseins und aller Dinge, ein Weg in das Innere der Welt und in sein eigenes Innere. Es war ein für den Dichter erschöpfender Weg. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“, klagte er einmal, als er sein Werk bereits vollendet hatte. Zu Beginn des Jahres 1926 fühlte er sich krank, müde, verbraucht. Er ging in das Sanatorium nach Val-Mont, bei Montreux am Genfer See, im Sommer dann nach Ragaz, wo er Bäder nahm. Aber schon im Dezember musste er wieder nach Val-Mont. Die Ärzte stellten eine unheilbare Blutkrankheit fest. Rilke verfiel schnell. Er litt unmenschliche Schmerzen. „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“, hatte er vor dreiundzwanzig Jahren einmal geschrieben. Jetzt machte er selbst mit dieser Bitte ernst. Er wollte seinen eigenen Tod sterben, bei vollem Bewusstsein. So wies er alle inneren Medikamente zurück, die ihm die Ärzte geben wollten. Selbst unter Qualen verzichtete er auf das falsche Glück des schmerzlindernden Morphiums. Er wollte den Tod auf sich nehmen. Am Morgen des 29. Dezember 1926, kurz vor fünf Uhr, hatte er, einundfünfzigjährig, seinen letzten Kampf bestanden. Hoch auf einem Hügel zu Raron, auf dem kleinen Friedhof über dem Rhonetal, wurde Rainer Maria Rilke am 2. Januar 1927 zur letzten Ruhe bestattet. Den Wanderer, der diesen Ort im Sommer besucht, empfängt der Duft unzähliger Rosen. Immer waren die Rosen Rilkes Lieblinge gewesen. In zahlreichen Versen hatte er ihr stilles Blühen gefeiert. Unter ihren Blütenblättern, die ihm wie Augenlider sind, bewunderte er das geheimnisvolle Leben, das Rätsel und den Widerspruch, dass diese Lider sich über einer Blumenruhe schließen, die dennoch kein Schlaf, sondern Leben ist. Vielleicht dachte er an den eigenen Todesschlaf als einen Schlaf zu neuem Leben, als er diese, seine letzten Verse schrieb, die auf dem Grabstein im Bergfriedhof zu Raron stehen: Rose, o reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.

Arkadij Awertschenko Θ Russischer Schriftsteller & Satiriker

Arkadi Awertschenko (um 1920)
Arkadij Awertschenko – um 1920

Arkadij Awertschenko (*1880 in Sewastopol, †1925 in Prag ) war ein russischer Schriftsteller und Satiriker. Er arbeitete zuerst als Buchhalter, versuchte sich aber schon bald mit Erzählungen und Satiren. Die erste erschien unter dem Titel Как мне пришлось застраховать жизнь (dt. Wie kann ich mein Leben versichern) in der Zeitschrift Южный край (Südliches Land) im Oktober 1903 in Charkow, wohin er Anfang der 1900er Jahren übersiedelt war; er selbst jedoch erachtete als sein literarisches Debüt die Erzählung Праведник (1905, dt. Die Gerechten). Zwischen 1905 und 1907 arbeitete er redaktionell für die satirischen Zeitschriften Штык (Bajonett) und Меч (Schwert) und veröffentlichte teilweise unter verschiedenen Pseudonymen. Als er mit den dortigen Zensurbehörden Schwierigkeiten bekam, ging er 1908 nach Sankt Petersburg. In der Hauptstadt wurde er Mitarbeiter kleinerer Publikationen, darunter der Zeitschrift Стрекоза (Drachenfliege). Als die Zeitschrift viele Abonnenten verlor, gründete er mit einer Gruppe von jungen Mitarbeitern der Zeitschrift ein neues Magazin mit dem Namen Сатирикон (Satyrikon, 1913 das Новый сатирикон, (Neues Satyrikon), dessen Herausgeber er bald wurde und das rasch populär wurde. Viele seiner dort erschienenen Kurzgeschichten kamen auch in Theatern zur Aufführung.
In den Jahren 1911 und 1912 reiste er zweimal in das westliche Europa und sammelte auf diesen Reisen Material für seine satirischen Erzählungen. In dieser Zeit entwickelte sich Awertschenko zum führenden Satiriker der ausklingenden Zarenzeit. Es gelang ihm für seine Zeitschrift die Mitarbeit bedeutender Illustratoren wie Iwan Bilibin und Autoren wie Wladimir Majakowskij zu gewinnen. Als sich nach der Oktoberrevolution die Situation dramatisch veränderte und das gesamte Personal der Zeitschrift eine ablehnende Haltung gegenüber des sowjetischen Regime einnahme, verboten im Juli 1918 die Bolschewiki das Новый сатирикон. Awertschenko ging daraufhin in seine Geburtsstadt Sewastopol, das zu dieser Zeit in der Hand dern “Weißen” war, und arbeitete dort ab Juli 1919 als Journalist für die Zeitung Юг (Süden) (später Юг России, Südrußland). Nachdem am 15.11.1920 auch Sewastopol in die Hände der “Roten” geraten war, gelang es Awetschenko mit einem der letzten Schiffe die Heimat in Richtung Konstantinopel zu verlassen, wohin sich viele russische Flüchtlinge gerettet hatten. 1921 veröffentliche er in Paris zahlreiche Pamphlete unter dem Titel Дюжина ножей в спину революции (dt. Ein Dutzend Messer im Rücken der Revoluton), in denen die Charaktere seiner Geschichten ihre nostalgischen Gefühle in Bezug auf die vergangenen Zeiten zum Ausdruck brachten. Im April 1922 ging er zunächst nach Sofia, dann nach Belgrad und ließ sich schließlich im Juni 1922 in Prag nieder, wo er sich im Hotel Goldene Gans am Wenzelsplatz ein Zimmer mietete. Auch in der Emigration gelang es ihm, sich erfolgreich zu behaupten .Im Jahr 1923 kam im Berliner Verlag Nord seine Sammlung von Immigrantengeschichten unter dem Titel Записки Простодушного (dt. Naive Bemerkungen) heraus. Über die Schwierigkeiten im Umgang mit der Sprache veröffentlichte er das Werk Трагедия русского писателя (dt. Tragödie eines russischen Autoren). In der Tschechoslowakei aber erlangte er bald großen Erfolg; er arbeitete für die bekannte Prager Presse, und viele seiner Werke wurde ins Tschechische übertragen. Nach einer Operation im Jahr 1925, bei der ihm eine Auge entfernt werden mußte, erkrankte er schwer und wurde bewußtlos in das Prager Städtischen Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte eine „Schwächung des Herzmuskels, die Erweiterung der Aorta und eine Nierensklerose“ diagnostizierten, konnte er nicht mehr gerettet werden.

***

Awertschenko karikierte sowohl das Leben in der Zarenzeit als auch unter den Bolschewiken und in der Emigration, es ging ihm aber nicht um Kritik an politischen Verhältnissen. Sein Humor ist menschenfreundlich, oft melancholisch. Er setzt überraschende Pointen und erzielt Situationskomik. Von den Kommunisten wurde er angefeindet. Lenin bezeichnete seine Erzählungen aus der Emigrationszeit als „Verleumdungen eines bis zum Wahnsinn erbitterten Weißgardisten“.

Erzählungen, Essay und weitere Texte von Arkadij Awertschenko finden Sie in unserem Magazin hier.

Maria Aronov ♣ Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen? ♣ Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen?
Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Schriftsteller sowie gesellschaftliche und politische Bewegungen haben einen großen Einfluss auf die Begründung neuer Epochen, doch ist die Wirkung nicht auch gegenseitig? Lässt sich das Schicksal eines Menschen durch die Epoche bestimmen?

Das Leben eines der größten Satiriker der russischen Literatur ist Michail Afanassjewitsch Bulgakow veranschaulicht, inwieweit der Mensch durch die Epoche geprägt werden kann.

Geboren wurde der Schriftsteller 1891 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Er war der Sohn eines Dozenten an der Geistlichen Akademie Kiews, Afanassij Iwanowitsch Bulgakows sowie Warwara Michajlownas.

Nach dem Abitur studierte Michail Bulgakow an einer medizinischen Universität, die er erfolgreich abschloss. Zunächst arbeitete er als Landarzt und heiratete während seiner medizinischen Tätigkeit im Jahr 1913 Tatjana Nikolajewna Lappa.

In der Zeit des russischen Bürgerkriegs wurde Bulgakow 1919 als Arzt in die Republikanische Armee der Ukraine einberufen. Nach seiner Dissertation kam er in die südrussische Weiße Garde.

1921 zog Bulgakow nach Moskau. Er beendete seine Arbeit als Arzt und widmete sich ausschließlich dem schöpferischen Leben, fing an für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Er publizierte auch einzelne Prosastücke. Man druckte seine Reportagen, Essays und Kolumnen.

Bulgakow soll gesagt haben, dass das Schreiben für ihn, trotz späterer Probleme aufgrund der Zensur wegen der seine Werke nicht mehr veröffentlicht werden konnten, weniger gefährlich als die Medizin sei. Als Arzt müsste man nämlich stets einsatzbereit und unterwegs sein. Diese Parallelen finden sich auch im Roman von Boris Pasternak „Doktor Schiwago“ wieder, der der Roten Garde als Feldarzt dienen muss und durch seine Tätigkeit als Arzt zum permanenten Lebensortwechsel verdammt ist.

Nach der Scheidung heiratete Bulgakow 1924 Ljubow Jewgenjewna Beloserskaja. Zu seiner dritten Ehefrau im Jahr 1932 wurde Elena Schilowskaja. Dem Scheidungsgrund für die zweite Ehe diente der Vergleich mit Dostojewski, dem er der Aussage seiner Frau nach nicht gewachsen gewesen sei. Das hat ihn ziemlich verletzt, sodass die Ehe nicht hätte weitergeführt werden können.

Er arbeitete als Assistent des Regisseurs und auch als Librettist im Moskauer Bolschoj Theater.

MichailBulgakow Für seine Berühmtheit im Ausland, die ihm leider zum Verhängnis wurde, sorgte der Roman „Die weiße Garde“. Bulgakow träumte lange davon, auszureisen, doch sein Plan im Ausland zu leben, scheiterte kläglich. Durch seine Berühmtheit machte er die kommunistische Regierung auf sich aufmerksam. Man weigerte sich eine solch talentierte Person herzugeben, sodass dem Schriftsteller der Weg in eine andere Welt versperrt wurde.

Bulgakows spätere Darstellungen des Alltagslebens in den frühen Jahren der Sowjetunion unter Stalin waren grotesk, er übte viel Kritik an der Gesellschaft und wurde dem Regime ein Dorn im Auge. Viele seiner Werke wurden verboten und erst nach seinem Tod publiziert, darunter seine Erzählung “Das Hundeherz“ sowie der Roman “Der Meister und Margarita“, der viele Motive aus seiner Biographie enthält.

Trotz des Verbots seiner Werke, wich er nicht von seinen Thematiken ab und ließ das Regime nicht über sich siegen. Er blieb bei seiner Überzeugung und schrieb weitere Satiren, ließ sich nicht verändern.

Finanziell war Bulgakow abgesichert und hätte ein schönes Leben führen können, doch er litt unter dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, dem Volk, nichts mehr geben zu können.

Der talentierte Autor blieb trotz seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein guter Arzt und war sogar in der Lage, sich selbst eine Diagnose aufzustellen, als er erkrankte. Er hatte die Fortschritte seiner Krankheit mit dem jeweiligen Datum notiert und seine Prognosen stimmten mit dem Verlauf der Krankheit, der Nephrosklerose, überein.

Seine furchtbare Erkrankung war nicht nur die Folge jahrelanger Drogensucht, wegen der er in einer Klinik war, sondern auch die Unterdrückung seiner Entfaltung durch die Zensur Stalins.

Obwohl er sich seines Talents bewusst war, gab er zu, in seinem Leben weder glücklich noch erfolgreich gewesen zu sein.

1940 ist der Schriftsteller verendet.

Michail_BulhakowDas Leben von Michail Bulgakow sowie das vieler anderer Schriftsteller, Dichter und Denker zeigt, dass die Epoche mit der in ihr wirkenden Gesellschaft das Schicksal eines Menschen insofern bestimmen kann, dass sie ihm seinen körperlichen Tod bereitet, sie kann die Psyche beeinträchtigen, innere Leere und Einsamkeit hervorrufen, aus der physische Erkrankungen resultieren. Möglich wird es für die Epoche jedoch nicht sein, die Denkweise eines geistig starken Menschen zu manipulieren, ihn so weit zu bringen, dass er aufgibt, sein geistiges Schicksal der Epoche anpasst, indem er sein Ich, seinen Standpunkt um des Überlebens willen verleugnet. Was bliebe dann dem Menschen am Ende?

Folgend lässt sich das Schicksal in zwei Stufen aufteilen, in das Körperliche und Geistige, sofern der Geist stark ist. Die höhere Stufe nimmt der Geist ein, da dieser mit dem Tod nicht endet.

Der Geist kann zwar verletzt sein, wird sich jedoch einer gesellschaftlichen Vorschrift nicht fügen. Ein durch die Epoche geprägtes Schicksal des Geistes bescherte uns ein Leben ohne jegliche Werte, Prinzipien, man verlöre sich selbst und existierte als eine Art geistlose Hülle. In diesem Fall gäbe es nur ein Schicksal, keine Trennung vom Körper und Geist. Diese Art von Schicksal wäre von vornherein bestimmt als eine Art sinnlose Existenz, die von der Epoche geprägt und beherrscht würde.

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin, 1895 geboren, war der Sohn einer Bauernfamilie und wuchs auf dem Land bei seinen Großeltern auf. Schon als Kind fing er an Gedichte zu schreiben, in denen sich das dörfliche Leben wiederspiegelte. Mit siebzehn Jahren absolvierte er eine Lehrerschule und erwarb den Titel „Schullehrer der Grammatik.“

Esenin_Moscow_1922Daraufhin zog Jessenin nach Moskau, half dort in einer Metzgerei aus, die sein Vater leitete. Nach einem Konflikt mit seinem Vater, verließ er die Metzgerei, er fing zuerst an, in einem Buchverlag zu arbeiten und anschließend in der Typographie. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu revolutionsgesinnten Arbeitern und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Gleichzeitig fing er an, Geschichte an einer philosophischen Fakultät einer Moskauer Universität zu studieren. Dort fand er in einer literarisch-musikalischen AG gleichgesinnte junge Leute, die ebenfalls wie er, schrieben. Zwei Jahre später wurde sein erstes Gedicht „Die Birke“ in einer Moskauer Kinderzeitschrift veröffentlicht. Im Jahr 1916 sollte Jessenin in die Armee, doch Dank der Bemühungen seiner Freunde, wurde er zum Sanitär der Soldaten im Dienst der Kaiserin Alexandra Fjodorovna berufen. Dadurch bekam er die Möglichkeit, literarische Salons zu besuchen und auf Konzerten aufzutreten. Seine Auftritte brachten ihm einen derartigen Erfolg, dass sogar die große Fürstin Elisabeth (die damalige Stadthalterin von Moskau) ihn an ihren Hof eingeladen hat.

1916 wird der erste Gedichtband Jessenins veröffentlicht, dem die Literaturkritiker mit Begeisterung begegnen. Er lernte nun weitere bekannte Dichter wie Marienhof kennen, der später einen „Roman ohne Lügen“ über Jessenins Leben verfasste, den er jedoch nicht zu Ende schrieb. Zusammen bildeten sie eine literarische Gruppe der Imaginisten. Der Imaginismus ist eine Richtung der russischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und basiert auf den Dichtungen des frühen Futurismus sowie der Behauptung, dass das Ziel der Dichtung darin bestünde, wertvolle und originelle Gebilde in seinem Inneren zu schaffen.

Er heiratete im Jahr 1922 eine amerikanische Tänzerin, Isadora Duncan. Auf gemeinsamen Reisen durch Europa und Amerika begleiteten das Ehepaar viele Skandale um Isadora, die zu Missverständnissen in ihrer Beziehung führten. Hinzu kamen auch noch ihre Sprachbarrieren, denn Jessenin beherrschte keine Fremdsprache und seine Ehefrau konnte nur wenige Begriffe auf Russisch. 1923 haben sie sich getrennt.

Seine Gedichte widmete Jessenin weiterhin seiner Heimat, doch diese wurden etwas düster. Er sprach von der Spaltung Russlands, die sich in ein sowjetisches und ein aussterbendes Russland teilte. Die herbstliche Landschaft wurde zum Hauptmotiv seiner Gedichte als die Jahreszeit der Melancholie und des Abschieds.

Für sein bitteres Ende sorgte sein Poem „Das Land der Schurken“, indem er die sowjetische Macht kritisierte. Daraufhin wurde Jessenin zum Zielobjekt der journalistischen Hetze, die ihm eine angebliche Alkoholsucht und Prügeleien zuschrieb.

1975_CPA_4505Briefmarke UdSSR
Russische Gedenkbriefmarke von 1975

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Jessenin nur auf der Flucht, um sich vor der Staatsgewalt zu verstecken. Er fuhr mehrere Male in den Kaukasus, nach Leningrad und andere Städte, dabei versuchte er wieder seine eigene Familie zu gründen und heiratete im Jahr 1925 Sofia, die Enkelin von Leo Tolstoi, doch auch für diese Ehe war kein Glück bestimmt.

Aus Angst vor der Drohung, in Haft zu kommen, landete Jessenin in einer psychisch-neurologischen Klinik. Seine Ehefrau konnte den Professor an der privaten Uniklinik von Moskau dazu überreden, für Jessenin ein eigenes Zimmer in der Klinik bereitzustellen, damit er sich doch ungestört seinen Werken widmen und seine Behandlung erhalten konnte. Von seinem klinischen Aufenthalt wussten nur wenige Personen. Doch leider hielt sein Versteck nicht lange an und die Polizei bat den Professor darum, ihnen Jessenin zu überlassen. Dieser weigerte sich, den Dichter ihnen auszuliefern, was zur Folge hatte, dass auch die Klinik unter polizeilicher Beobachtung stand. Jessenin brach letztendlich seine Behandlung ab und fuhr nach Leningrad.

Am 28 Dezember 1925 wurde Jessenin in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die offizielle Erklärung seines Todes lautete Suizid, doch es gibt genügend Annahmen, dass er keinen Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde. Das letzte Gedicht von ihm „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, das mit Blut geschrieben wurde, wurde in seinem Hotelzimmer entdeckt.

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Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen!
Mein Lieber, du bist in meinem Herzen.
Eine unvermeidbare Trennung verspricht ein baldiges Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.
Mir macht es Angst, unter Menschen zu leben,
denn jeden meiner Schritte erwarten Qualen.
In diesem Leben gibt es nirgends Glück.

Auf Wiedersehen, die Kerzen brennen nieder.
Ich fürchte mich davor, in die Finsternis zu gehen.
Ich wartete das ganze Leben,
doch die eine Begegnung gab es nicht
und ich hatte niemanden zum Aufwachen in der Früh.

Auf Wiedersehen, mein Freund, mein Freund ohne Wort und Tat,
sei nicht traurig und auch nicht betrübt.
In diesem Leben ist zu sterben nicht neu
und zu leben, ist natürlich auch nicht neuer.

 

Das Gedicht ist übersetzt von Maria Aronov © 2015

Alexander Eliasberg über Michael Jurjewitsch Lermontov

Michael Jurjewitsch Lermontov

Puschkin und Lermontow werden wohl von den meisten Russen in einem Atem genannt, wie etwa Schiller und Goethe, sind aber die größten Gegensätze. Der eine ist ein lichter, der andere ein finsterer Engel. Der eine der Tag, der andere die Nacht. Byrons Einfluß auf Puschkin war nur vorübergehend und nicht tief; Lermontow war dagegen mehr als von Byron beeinflußt; er war eine Wiederholung Byrons auf russischem Boden (Lermontows Geschlecht stammte übrigens aus Schottland); er hatte sogar die Grenzen des Byronismus weit überschritten: der Dichter und Philosoph Wladimir Ssolowjow spricht von ihm als von einem Vorläufer Nietzsches; Mereshkowskij nennt ihn den »Dichter des Übermenschentums«. Jedenfalls ist Lermontow in der Entwicklungsgeschichte der russischen Literatur schwer einzureihen: er ist ein Meteor aus einer andern Welt, aus einer andern, späteren Zeit, der zufällig im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts den russischen Himmel durchflog. In einem seiner schönsten Gedichte Der Engel, das er als Siebzehnjähriger schrieb, erzählt er sogar von diesem Flug.

Michaïl Jurjewitsch Lermontow wurde 1814 zu Moskau geboren. Seine Mutter, die früh gestorben war, kannte er nicht, und er wurde von seiner Großmutter Arssenjewa erzogen; seinen Vater, der mit der Großmutter entzweit war, sah er fast nie. Seine Kindheit verbrachte er mit der Großmutter auf dem Lande in Mittelrußland, besuchte mit ihr einmal als Zehnjähriger den Kaukasus, der seine dichterische Heimat werden sollte, und kam 1828 in ein Knabenpensionat und 1830 auf die Universität zu Moskau. Schon auf der Schulbank schrieb er eine Menge Gedichte, darunter mehrere Übersetzungen aus Schiller und Byron. Viele dieser Jugendgedichte zeigen uns Lermontow schon in seiner ganzen Eigenart und Vollendung. So das merkwürdige, für ihn ungemein charakteristische, 1829, also mit fünfzehn Jahren geschriebene Gebet, das wir vollständig zitieren:

Nicht straf mit rächender Gebärde,
Allmächtiger, des Herzens Trieb;
daß ich die Grabesnacht der Erde
mit ihren Leidenschaften lieb‘;
daß selten in die Seele flutet,
sie läuternd, Dein lebend’ges Wort;
daß dieser Geist in Schmerz verblutet,
entfernt von Dir, an üblem Ort.
Daß der Begeist’rung Lavamassen
durchströmen brodelnd meine Brust,
und wildes Lieben, wildes Hassen
des Auges Glas umflorend rußt;
daß mir zu eng ist diese Erde;
daß ich mich fürcht‘, zu Dir zu gehn;
daß oft aus meines Lieds Beschwerde,
Gott, nicht zu Dir sich hebt mein Flehn.
Doch lösch die wunderbare Flamme,
in der verbrennet Lust und Schmerz,
des Blickes Gier Dein Schlag verdamme,
in Stein verwandele mein Herz;
vom schauerlichen Durst zum Liede
erlöse mich, als letzter Pein:
dann wird aufs neue mir Dein Friede,
Dein enger Pfad geöffnet sein.

Erstaunlich ist auch das im nächsten Jahre entstandene Gedicht:

Neig, schöner Jüngling, dich zu mir mit Lust!
Wie bist du schamhaft! Herzt zum erstenmal
dein scheuer Finger eine Frauenbrust…

das an Leidenschaftlichkeit wohl alles übertrifft, was irgendein Sechzehnjähriger geschrieben hat.

Schon nach zwei Jahren verließ Lermontow nicht ganz freiwillig die Universität und trat in die Petersburger Schule für Gardefähnriche ein. Über diesen Wechsel der Laufbahn schrieb er selbst: »Dieser Weg ist vielleicht der kürzere: wenn er mich nicht zu meinem ersten (dichterischen) Ziel bringt, so vielleicht zum letzten Ziel alles Seins. Es ist besser, mit der Kugel in der Brust zu sterben als vor langsamer Erschöpfung des Alters.« Die letzten Worte waren prophetisch, wie auch die in einem früheren Gedicht (1831):

Ich bin nicht Byron, bin ein andrer
Berufener schaffender Befehle,
wie er, ein weltverfolgter Wandrer,
jedoch mit einer russischen Seele.
Fing früher an, werd‘ früher stranden,
nicht viel vollbringen wird mein Geist.
In meiner Seele Meeresbranden
der Hoffnungen Getrümmer kreist…

Der Aufenthalt in der Fähnrichschule und der Umgang mit den jungen Taugenichtsen wirkte übrigens ungünstig auf Lermontows auch ohnehin unangenehmen Charakter, der alle, die mit dem jungen Dichter in Berührung kamen, abstieß. Er spielte einen Dämon oder war in Wirklichkeit ein Dämon. Wladimir Ssolowjow erzählt: »Schon in der Kindheit zeigte er Züge einer geradezu dämonischen Bosheit. Er brach im Garten die Sträucher ab und zerpflückte die schönsten Blumen. Mit wahrem Genuß quetschte er eine Fliege tot und freute sich, wenn ein von ihm geschleuderter Stein ein armes Huhn umwarf. Der erwachsene Lermontow benahm sich ebenso gegen jedes menschliche Wesen, besonders gegen Frauen.« 1834 kam Lermontow aus der Fähnrichschule als Kornett zu den Leibhusaren, im folgenden Jahr wurde er zum erstenmal gedruckt; das nicht sehr bedeutende Verspoem Hadschi-Abrek lenkte gleich die Aufmerksamkeit literarischer Kreise auf den jungen Dichter.

Auf den Tod Puschkins im Duell (1837) reagierte Lermontow mit einem ungemein temperamentvollen Gedicht, durch das sich die Hofkreise, die er für den Tod des Dichters verantwortlich machte, verletzt fühlten: »Und nimmer waschet ihr mit eurem schwarzen Blute das heil’ge Blut des Dichters fort.« Die Folge dieses Gedichts war die Strafversetzung Lermontows nach dem Kaukasus, den er schon aus seiner Kindheit kannte und der sein wahres Element war. Das Gedicht und die Verbannung machten Lermontow natürlich auf einen Schlag berühmt; viele sahen in ihm den rechtmäßigen Erben Puschkins, und dies veranlaßte die Regierung, auf ihn ein besonderes Augenmerk zu richten. Eines seiner schönsten Werke, das den Volksepen nachgebildete Lied vom Kaufmann Kalaschnikow, das absolut nichts Staatsgefährliches enthält, durfte nur auf besondere Verwendung Shukowskijs gedruckt werden und auch das nur ohne Nennung des Dichters.

Die erste Verbannung dauerte nur ein Jahr: Anfang 1838 durfte er nach Petersburg zurückkehren. Im Februar 1840 hatte er ein Duell mit dem Sohne des französischen Gesandten, den er ohne jeden Grund beleidigt hatte. Das Duell verlief unblutig, führte aber zu einer neuen Verbannung nach dem Kaukasus. Nur noch einmal (1841) durfte er für kurze Zeit nach Petersburg zurückkehren. Auf der Rückreise hielt er sich kurze Zeit in Moskau auf und machte hier die Bekanntschaft Bodenstedts, der sehr interessante Erinnerungen an ihn hinterlassen und fast sein ganzes Werk ins Deutsche übertragen hat (einige Gedichte Lermontows sind uns nur in der deutschen Übersetzung Bodenstedts erhalten geblieben). Nach dem Orte seiner Verbannung zurückgekehrt (1841), nahm Lermontow krankheitshalber Urlaub und ging nach Pjatigorsk, einem Schwefelbad im Kaukasus. Hier provozierte er einen gewissen Major a.D. Martynow zum Duell und wurde von diesem am 27. Juli getötet, ohne selbst einen Schuß abgegeben zu haben. Die Gründe des Duells sind niemals bekanntgeworden. Die offizielle Meldung aus Pjatigorsk über den Tod Lermontows lautete: »Am 27. Juli gegen fünf Uhr abends entlud sich ein schreckliches Gewitter mit Blitzen und Donner; um diese Zeit verschied im Tale zwischen den Bergen Maschuk und Beschtau der in Pjatigorsk zur Kur weilende M. J. Lermontow.« Der Beamte, der diese lapidaren Sätze verfaßte, hatte wohl ganz unbewußt den richtigen Ton für den Bericht über das Hinscheiden des ›Dämons‹ gefunden. Kaiser Nikolai I. soll aber beim Empfang der Nachricht vom Tode des Dichters gesagt haben: »Einem Hunde gebührt ein hündischer Tod.« Nur einige wenige Freunde, die ihn wirklich kannten, beweinten ihn; die Mehrzahl der Menschen, die mit ihm in Berührung gekommen waren, atmete erleichtert auf, als hätte der Dämon des Bösen die Erde verlassen.

Das Werk des mit sechsundzwanzig Jahren aus dem Leben geschiedenen Dichters ist nicht groß. Er selbst hielt für sein Hauptwerk die längere Dichtung Der Dämon, die er als Vierzehnjähriger begonnen und erst nach neun Jahren, 1838, vollendet hatte. Die Zensur erlaubte die Veröffentlichung des Werkes erst viele Jahre nach dem Tode des Dichters, in den sechziger Jahren. Das Motiv der Dichtung ist nicht originell: der gefallene Engel entbrennt in Liebe zu einer Irdischen, dem Georgiermädchen Tamara, und verfolgt sie mit seinem Liebeswerben auch im Kloster, in das sie sich nach dem Tode ihres Bräutigams zurückzieht. Tamara erwidert die Liebe und stirbt unter dem sengenden Kusse des Dämons. Ein Abgesandter des Himmels rettet ihre Seele, »und sein unsinniges Begehren verfluchend, blieb nun wie vorher, verdammt zu ewigem Entbehren, der Dämon in den öden Sphären des Weltalls trost- und liebeleer«. Wie es aus anderen Gedichten Lermontows hervorgeht, identifizierte er sich selbst mit seinem Dämon, der übrigens nicht das Böse verkörpert, sondern nur den Trotz, die Einsamkeit und den Hochmut; er will Tamara nicht bloß zur Sünde verführen; seine Leidenschaft ist echt, und von der Liebe erhofft er Läuterung, um in seine lichte Heimat zurückkehren zu können. Die Wirkung des Dämon auf die Leser war ganz gewaltig und ist es noch. Der sehr bekannte Maler Wrubel (1856-1910) wählte ihn zum Thema seines Lebenswerkes. Er malte einen ›Dämon‹ nach dem andern, identifizierte sich mit ihm und starb im Irrenhaus. – Ein anderes Versepos Lermontows heißt Mzyri (georgisch: der Klosternovize) und behandelt das Schicksal eines Tscherkessenjungen, den Russen in ein Kloster zur Erziehung gaben. Es ist die Tragödie eines jungen Adlers, der im Käfig verkümmert. Der Knabe bricht aus, sieht noch einmal seine heimatlichen Berge, kehrt nach einigen Tagen der Freiheit ins Kloster zurück und stirbt in den Armen seines Beichtvaters. Vor dem Tode erzählt er dem Alten seine Erlebnisse auf der Flucht. Die kaukasische Natur ist hier mit einer Farbenpracht gemalt, vor der Puschkins einfache Schilderungen verblassen. Aber der Mzyri hat (wie auch der Dämon), in Gegensatz zu Puschkins Dichtungen, viel von seiner Frische eingebüßt. Weit mehr fesseln uns Lermontows lyrische Gedichte, in denen neben dem trotzigen Übermenschentum zuweilen auch ein glühendes religiöses Gefühl zum Durchbruch kommt. Hier ein Beispiel für seine lyrische Eigenart:

Ein Engel flog singend durchs Himmelsgefild,
sein Lied klang verhalten und mild;
ihm lauschten, erstrahlend in schimmernder Pracht,
der Mond und die Sterne der Nacht.

Er sang von dem ewigen seligen Sein
der Seelen, die sündlos und rein,
er sang vom allmächtigen Herrn – und sein Lob
zu lauterer Andacht erhob.

Er trug eine knospende Seele im Arm
zur Erde in Tränen und Harm,
der Klang seines Liedes verblieb sonder Wort
der Seele als heiliger Hort.

Sie duldete lange in irdischer Nacht,
von traumhafter Sehnsucht umwacht,
ihr konnte kein Lied, das auf Erden erklang,
ersetzen des Himmels Gesang.

Diese Lyrik stellt einen krassen Gegensatz zu der Puschkinschen dar: Puschkin wirkt wie das alles gleichmäßig durchdringende Sonnenlicht, Lermontow wie ein unheimliches, unruhig flackerndes Wetterleuchten.

Mit Lermontows einzigem vollendeten Prosawerk, dem Held unserer Zeit (1839) beginnt die eigentliche russische Romanliteratur. Die Handlung spielt im Kaukasus, der Held heißt Petschorin und ist wieder Lermontow selbst (obwohl er es energisch ableugnete und behauptete, er hätte nur den modernen Menschen mit allen Mängeln seiner Zeit schildern wollen). Das Werk besteht aus fünf sehr lose zusammenhängenden Teilen, von denen die letzten drei das Tagebuch Petschorins darstellen. Jeder Teil kann einzeln als eine in sich abgeschlossene Novelle gelten. Der blasierte Petschorin, ein russischer Byron, war bei den Zeitgenossen Lermontows und auch bei den späteren Generationen außerordentlich beliebt; »Vergleichende Charakteristik Onjegins und Petschorins« lautete ein in den russischen Schulen sehr beliebtes Aufsatzthema. Heute ist er wie sein weiblicher Gegenpart, die Fürstin Mary, ziemlich verblaßt; viel mehr fesseln uns die als episodische Figuren auftretenden Kaukasier. – Der gleiche Dämon-Lermontow kehrt als Arbenin zum drittenmal in Lermontows einzigem Drama Der Maskenball wieder. Der Maskenball ist wohl eines der schwächsten Werke Lermontows und vermochte sich, trotz der großen Popularität des Dichters, auf der Bühne nicht zu behaupten.

Lermontow war unter den Nachfolgern Puschkins der letzte Lyriker, für den sich die Zeitgenossen begeisterten und dessen Ruhm im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts nicht verblaßte. Die Bedeutung seines nicht minder großen, um elf Jahre älteren Zeitgenossen Tjutschew wurde erst viel später offenbar, und wir kommen auf ihn an einer anderen Stelle zu sprechen. Das Interesse der russischen Gesellschaft wandte sich nun ganz der Prosa zu, und wir betreten damit das Gebiet des großen russischen Romans.


Alexander Eliasberg – Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts
München, Beck, 1925, 2. Auflage

Thomas Wolfe ¶ Die Geschichte eines Romans

Faulkner-SchreibmaschineDie Geschichte eines Romans

Ein Verlagsleiter, ein Mann, der auch ein guter Freund von mir ist, sagte mir vor etwa einem Jahr, es täte ihm leid, dass er nicht Tagebuch geführt hätte über jene Arbeit, die wir gemeinsam getan haben, das Zurechtschlagen, Abdämmen, Fliessenlassen, Auffangen und Zuendebringen, die zehntausend Anproben, Änderungen, Siege und Übergaben beim Fertigmachen eines Buches. Manches, bemerkte dieser Mann, wäre phantastisch, vieles unglaublich und das Ganze erstaunlich gewesen, und obendrein hatte er die Liebenswürdigkeit, zu sagen, diese Arbeit stelle die interessanteste Erfahrung dar, die er in den fünfundzwanzig Jahren seiner literarisch-verlegerischen Herausgebertätigkeit gemacht hätte.

Von dieser Erfahrung möchte ich hier sprechen.

Ich kann keinem Menschen sagen, wie man Bücher schreibt; ich kann auch nicht versuchen, Regeln aufzustellen, nach denen jemand instand gesetzt sein würde, seine Bücher bei Verlagen, seine Geschichten bei gutzahlenden Zeitschriften unterzubringen. Ich bin kein Erwerbsschriftsteller, ich bin nicht einmal gelernter Schriftsteller, ich bin einfach ein Schriftsteller, der im Begriff steht, sein Handwerk zu lernen, der gerade dabei ist, auf den Gebieten der Linienführung und Baufügung und der sprachlichen Verdeutlichung jene Entdeckungen zu machen, die er notwendig machen muss, um die Arbeit leisten zu können, die er leisten will. Gerade aus diesem Grund, eben weil ich patze, weil noch meine gesamte Lebenskraft und meine ganze Begabung in diesen Entdeckungsvorgang einbezogen sind, aus diesem Grund spreche ich, wie ich hier spreche. Ich möchte erzählen, wie und auf welche Art und Weise ich ein Buch schrieb. Das wird äusserst persönlich werden. Die Arbeit an dem Buch nämlich hat mich mehrere Jahre lang aufs äusserste und heftigste in Anspruch genommen, ist für mich des Daseins eigenster und innigster Anteil gewesen. Es ist nichts sehr Literarisches an der Sache. Es ist vielmehr eine Geschichte von Schweiss und Qual und Verzweiflung und teilweisem Gelingen. Ich weiss noch gar nicht, wie man eine Geschichte schreibt, ich weiss noch gar nicht, wie man einen Roman schreibt. Aber ich habe etwas über mich selbst und über schriftstellerisches Arbeiten ausfindig gemacht, und wenn ich’s vermag, möchte ich sagen, was es ist.Weiterlesen

Lisa Katharina Bechter – Interview mit der Autorin des Romans Inselrose

„Ich lasse mich ungern in Modeerscheinungen oder aktuell angesagte Genres drängen“

Lisa Katharina Bechter
Lisa Katharina Bechter – Autorin – Foto: Privat

Lisa Katharina Bechter ist das, was man „Autorin aus Leidenschaft“ nennt. Dabei lässt sie sich ungerne Grenzen setzen – oder sich gar in eine Genreschublade pressen. Mit ihrer Gedichtesammlung „Stimmungszauberei“ und dem Erstlingsroman „Inselrose“hat sie bereits zwei Bücher publiziert, weitere sind in Planung.

Das Interview führte: Katherina Ibeling

Wann, wie und aus welchem Anlass hast du mit dem Schreiben begonnen?
Mit dem Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Anfangs waren es allerdings ausschließlich Tagebucheinträge und eben persönliche Dinge, die ich auf diese Weise für mich verarbeiten konnte. Irgendwann habe ich mich dann an kleinen Geschichten versucht, diese aber immer wieder verworfen und schließlich ganz aufgehört zu schreiben. Durch die Geburt meiner Tochter kribbelte es schließlich dann doch wieder in den Fingern und kleine Kindergeschichten kamen zustande, die bisher allerdings noch unveröffentlicht sind. Und irgendwie haben mir diese kleinen Geschichten Mut gemacht und ich habe mich wieder intensiv mit dem Schreiben auseinandergesetzt.

Was war das erste Buch, das du in jungen Jahren gelesen hast und das dich inspiriert hat?
Das erste Buch, dass ich selbst gelesen und regelrecht verschlungen habe, war “Die Hexenkammer” von Wolf Serno, ein historischer Roman, den ich auch heute noch immer mal wieder zur Hand nehme und lese. Besonders war an dem Buch damals, dass ich in eine andere Zeit abtauchen konnte und das gab mir den Anreiz mich auf die Suche nach weiteren Geschichten zu machen, die mich abholen und eine Weile mit auf die Reise nehmen. Mittlerweile ist das Lesen ein ganz wichtiger Teil von mir, es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht lese.

Wer sind und waren deine wichtigsten Buchheldinnen und -helden?
Diese Frage fällt mir etwas schwer zu beantworten, denn es gibt ziemlich viele Bücher, dessen “Helden” oder Charaktere ich sehr besonders fand. Um ein paar Beispiele zu nennen:
Da wäre zum Beispiel Jack, der seit seiner Geburt ein mechanisches Herz in Form einer Kuckucksuhr hat, die jeden Tag aufgezogen werden muss. Er darf sich nicht verlieben, denn das würde die Uhr nicht aushalten. Doch ob Kuckucksuhr oder Herz, beides schlägt, und folgt doch dem ganz eigenen Weg … (“Die Mechanik des Herzens” von Mathias Malzieu)
Dann wäre da noch der kleine Junge aus “Sternenreiter – Kleine Sterne leuchten ewig” von Jando, der einem erwachsenen Mann hilft wieder den rechten Weg zu finden. Neben der ganz tiefen Freundschaft der beiden, sind es die Gedanken über das Leben und den Sinn, die mich besonders berührt haben.
Ja, und zu guter Letzt kommt mir noch Claire in  den Sinn, eine Frau die an Alzheimer erkrankt ist und mehr und mehr vergisst, wer sie ist und auch nach und nach ihre Töchter und ihren Mann nicht mehr erkennt. Eine unheimlich tragische Geschichte, da Claire noch nicht sehr alt ist und das Leben so ganz anders läuft, als es sollte. Für mich ist sie eine kleine Heldin, denn trotz der sich vermehrenden Lücken, versucht sie sich an den kleinen Erinnerungen festzuhalten … (“Einfach unvergesslich” von Rowan Coleman)
Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich noch eine ganze lange Reihe von kleinen und großen Buchhelden aufschreiben, doch das würde wohl den Rahmen hier sprengen.

Wie gehst du beim Schreiben vor – hast du eine bestimmte Strategie?
Eine Strategie, die ich immerzu anwende, habe ich nicht. Alles fängt meist mit einer Idee an. Kurzgeschichten und Gedichte schreibe ich dann einfach so auf, wie sie mir in den Kopf kommen und überarbeite sie, sobald ich das Gefühl habe, dass sie fertig sind. Bei größeren Projekten sieht das schon ein bisschen anders aus. Da ist die Idee natürlich auch der zündende Funke, allerdings mache ich mir dann eine kleine Stichpunktliste, an der ich mich dann ein bisschen orientieren kann, während dann meist beim Schreiben selbst Personen, Umgebungen etc. entstehen.

Lisa Katharina Bechter -- Inselrose Cover
Lisa Katharina Bechter — Inselrose Cover

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Welche Bücher hast du bisher verfasst und wie hast du sie verlegt?
Meinen erster Roman “Inselrose”, wurde vom Karina-Verlag verlegt und im Januar 2015 veröffentlicht.
Meine Stimmungszauberei wurde im vergangenen Jahr als eBook über Moon House Publishing verlegt und veröffentlicht. Nachdem ich mich aber entschlossen hatte den Band komplett aufzuarbeiten, habe ich schließlich für die Neuauflage, die im Februar 2015 veröffentlich wurde, den Selbstverlag gewählt, da so ein bisschen flexibler in der Gestaltung sein konnte. Man darf nicht vergessen, Lyrik ist für Verlage meist nicht sehr lukrativ, daher empfand ich es im Selbstverlag als den besten Weg für die kleine lyrische Sammlung.

Woher hast du die Inspirationen für deine Werke genommen, und worum geht es darin?
Bei meiner kleinen lyrischen Gedankensammlung “Stimmungszauberei” waren es einfach meine ganz persönlichen Gefühle und Empfindungen, die mich zu diversen Zeilen inspiriert und animiert haben. Im Vordergrund stehen bei dem Band viele Fragen rund um das Leben selbst, den Sinn und die Liebe.
Bei meinem Roman war es ganz klar neben der Idee selbst, das Land Irland. Die Geschichte spielt ja hauptsächlich dort und dieses Land übt auf mich eine unheimliche Faszination aus. Neben alten Sagen und Mythen ist es die Landschaft selbst, die mich einfach wahnsinnig in ihren Bann zieht.

Wie bist du mit deinen Verlagen in Kontakt gekommen?
Mit Moon House Publishing, für den ich seit geraumer Zeit als Lektorin tätig bin, bin ich durch eine Empfehlung einer ehemaligen Bekannten aufmerksam geworden. So haben sich schnell einige sehr nette und interessante Kontakte ergeben.
Zum Karina-Verlag, für den ich ebenfalls lektoriere und der meinen ersten Roman verlegt hat, bin ich durch das gemeinnützige Projekt “RESPEKT FÜR DICH” gekommen. Das Projekt wird geleitet von Karin Pfolz, die gleichzeitig auch die Verlagschefin des Karina-Verlages ist.

Wie muss die Atmosphäre sein, in der du Ideen entwickeln kannst?
Ideen kommen mir meistens ganz von selbst. Das können Kleinigkeiten im Alltag oder Eindrücke sein, die mir die Idee in den Kopf setzen. Zum Ausarbeiten brauche ich dann schon meine Ruhe und mein kreatives Chaos um mich herum. Manchmal hilft mir auch eine bestimmte Musik, um mich in gewisse Stimmungen zu versetzen oder die Ideen weiterzuentwickeln.

An welchem Genre würdest du dich gerne einmal probieren – und welches kannst du dir gar nicht vorstellen?
Das Genre Science Fiction kann ich mir gar nicht vorstellen. Was das Lesen und Schreiben angeht bin ich wirklich kaum aufs Genre festgelegt, aber dieses reizt mich so gar nicht.
Probieren würde ich mich gerne mal im Bereich Fantasy/historischer Roman, die Mischung der beiden bereiche reizt mich ungemein und eine Idee gibt es da auch schon.

Was ist dir neben dem Schreiben das Wichtigste im Leben?
Neben dem Schreiben und dem Lesen sind mir meine Kinder und meine Familie unheimlich wichtig. Ohne meine Lieben wäre ich nicht komplett.

Arbeitest du derzeit an einem neuen Projekt? Möchtest du darüber etwas erzählen?
Nachdem ich vor Kurzem einen Psychothriller mit einer sehr guten Freundin fertiggeschrieben habe, der auch in diesem Jahr noch im Karina-Verlag erscheinen wird (Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest), arbeite ich derzeit gemeinsam mit einer Illustratorin an einem Kinderbuch. Die Geschichten dazu sind schon vor einiger Zeit entstanden und wollen nun noch überarbeitet und bebildert werden. Auch die Idee im Fantasy/historischen Bereich zu schreiben liegt nicht auf Eis. Die Idee steht und auch die ersten Kapitel sind schon geschrieben, allerdings wird es allein durch Recherche etc. noch eine Weile dauern, bis ich dort nähere Informationen geben kann.

Wenn du deinen Schreibstil in nur drei Sätzen beschreiben müsstest, welche wären das?
Mein Schreibstil ist:
… gefühlvoll (egal ob es der Roman oder der Psychothriller ist, die Liebe findet sich in meinen Geschichten und Zeilen immer irgendwo wieder)
… vielfältig (Kreativität lässt sich nicht in Schubladen stecken)
… und beinhaltet immer mal wieder kleine Botschaften, versteckt zwischen den Zeilen.

Wie würden dich Familie und Freunde beschreiben?
Das müsste man meine Familie und Freunde wohl selbst fragen, denn ihr Eindruck ist ja nicht unbedingt auch meiner. Aber ich bin immer bemüht meinen Lieben zu zeigen, dass sie mir wichtig sind und ich für sie da bin, ich hoffe natürlich, dass sie das auch so empfinden. Ich neige oft dazu, allen alles Recht machen zu wollen und bin froh, den Rückhalt meiner Lieben zu haben, die mich auch immer mal wieder ermahnen auf mich selbst zu achten.

Schreibst du für eine bestimmte Leserzielgruppe?
In erster Linie schreibe ich, weil es mich einfach ausfüllt und ich es einfach ein schönes Gefühl ist, meiner Kreativität auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Ich lasse mich ungern in Modeerscheinungen oder aktuell angesagte Genres drängen und so richten sich meine Bücher und Projekte an die verschiedensten Leser und Zielgruppen.