Kategorie: Menschenbilder

Kurt Tucholsky | Was machen Menschen, wenn sie allein sind?

Was machen Menschen, wenn sie allein sind?
Peter Panther, Der Uhu,
Oktober 1926 [Rechtschreibung beibehalten]

Diese Frage hat Maxim Gorki einst gestellt, und er hat sie fast tragisch beantwortet. Vor allem: er hat sie für Russen beantwortet. Was aber tun brave Mitteleuropäer?
Zunächst ist festzustellen, daß in dem Augenblick, wo der Mann allein ist, etwas von ihm fällt, eine dünne Haut – eine zarte Maske … Einer der größten deutschen Denker, Lichtenberg, hat einmal die Beobachtung aufgezeichnet, wie Menschen in Nebenstraßen ein anderes Gesicht aufsetzen als in Hauptstraßen. Daran ist viel Wahres. Was also tut der Mann, wenn er allein ist?
Ist er ohne feste Beschäftigung, so wird fast jeder Mann um etliche Jahre jünger: er beginnt, wenn auch nicht zu spielen, so doch seinem Spieltrieb leise nachzugehen. Es ist viel Jungenhaftes, was sich da meldet. Ich glaube, daß kinematographierte Menschen, die allein sind und sich unbeobachtet glauben, zu dem Komischsten gehören müssen, was es gibt.
Die Tür ist zugefallen, du bist allen. Was nun?
Die Sache fängt für gewöhnlich damit an, daß man bei ganz vernünftigen Handgriffen mit etwas völlig Sinnlosem beginnt. (Ein kaum wahrnehmbarer Schleier von Irrsinn liegt auf Leuten, die allein sind.) Du nimmst die Bürste, das ist wahr – aber dabei hebst du einen Kamm auf, und wenn du auch nur eine Minute Zeit hast, balancierst du den ein bißchen, und wenn du nicht balancierst, dann fängst du an, irgend etwas in Reih und Glied zu legen, und wenn du nicht in Reih und Glied legst (was sehr beruhigt), dann trommelst du mit dem Nagelreiniger auf einer Seifenschale … Welcher Oberregierungsrat hätte noch nie im Bad mit dem Thermometer Schiffchen gespielt!
Auch ist sehr schön, Männer, die allein sind, singen zu hören. Daß die Majorität so schön singt wie Suzanne Lenglen, mag noch hingehen. Aber was sie so singen! Zunächst: fünfzigmal dasselbe Lied, nein, denselben Liedfetzen, dieselben paar Takte, immer sentimentaler, immer falscher – immer im Rhythmus dessen, was sie grade tun … auch verwandelt sich der Text leicht in einen völlig wahnsinnigen Indianergesang:

Valencia!
Laß mich wippen, wippen, wippen
auf den Klippen, Klippen, Klippen –
mit der ganzen Kompanie –!

Das klingt nach der einundsechzigsten Wiederholung ganz menschlich. Auch kann man es pfeifen.
Dann gibt es etliche, die sprechen sehr leise mit ihren Sachen. Es erhebt sehr, wenn man die Arbeit mit frommen Sprüchen begleitet. »Wo ist denn der Schuh? Wo ist den der Schuh?« (Jetzt kleiner Opernchor: Schuhschuh – Schuhschuh – Schuuhuuhuu –!) Dann: »Na da bist du ja! Vielleicht läßt du dich noch drei Stunden suchen. Hund!« (Rrrumms, an die Wand.) Großes Orchester: »Trararaaha –!« Gesprochen: »Das Zahnwasser ist alle.« Gejodelt: »Alléhallé –!« So an sonnigen Tagen.
Für alle Tage aber gilt eines, das bei allen Alleinseiern zu beachten ist, wenn die nicht gerade in acht Minuten sich anziehen müssen, um ins Geschäft zu stürzen: das sind die amüsanten kleinen Umwege, die ihre Betätigung vornimmt. Sie macht Kurven, schlägt bogen, spielt unterwegs, verbraucht den Kräfteüberschuß, den jeder gesunde Mensch inne hat … Und das ist bei der Arbeit nicht anders.
In Sinclair Lewis‘ herrlichem »Babbitt« steht zu lesen, wie der Held dieses amerikanischen Romans arbeitet, wie er Zettelchen vollschmiert, und ich bin überzeugt, daß wir alle so zu »malen« beginnen, wenn wir das tun, was wir mit Denken bezeichnen. (Es ist bekannt, daß die meisten Menschen keinem Redner zuhören können, ohne Männerchen zu zeichnen.) Es ist, als ob neben der eigentlichen Kraft des Arbeitsmotors noch ein Nebenstrom herliefe, der Schnitzel und Späne auf einer Säge produziert. Nutzen hat das keinen, aber ohne den Strom geht es auch nicht … Arbeitet einer mit andern zusammen im großen Büro, so läßt er seinen Eigenheiten im allgemeinen nicht so ungehinderten Lauf, hat er aber ein »Privatkontor», so schöpft er aus dem großen Reservebehältnis einer angeblichen Kraftverschwendung neue Kräfte. Dazu hat der mensch seine Nägel, die Ohren, die Krawatte – die Beschäftigung mit diesen Dingen stärkt sehr. Und aus der unergründlichen Tiefe eines Spiels mit dem Manschettenknopf und einem Blaustift steigen schwerwiegende Entschlüsse auf … Soweit die Männer, diese ewigen Jungen.
Kinder sind oft allein, auch wenn sie gar nicht allein sind. Sie spielen, in einer Hülle von Jugend und Unbekümmertheit, die nur selten zerreißt: wenn sie Hunger haben oder sonst etwas wichtiges wollen.
Was Frauen tun, wenn sie allein sind, ahne ich nicht. Ein Weiser hat behauptet, eine Frau sei überhaupt nie allein – sie stelle sich stets jemand vor, und sei es auch nur einen Spiegel. Ich denke, daß sich ein Mann da kein Urteil erlauben kann: denn ist er mit einer Frau allein, dann ist sie nicht mehr allein, er stört sehr, und so mag diese Frage eine Frau entscheiden.

****

Suzanne Lenglen

Suzanne Rachel Flore Lenglen (* 1899 in Paris; † 1938 ebenda) war eine französische Tennisspielerin. Sie dominierte in den frühen und mittleren 1920er Jahren das Damentennis. Ihre anmutige Spielweise und ihr außergewöhnliches Auftreten machten sie zu einem der ersten Weltstars im Sport. Zwischen 1919 und 1926 gewann sie 25 Grand-Slam-Titel.

 

Elisabeth Bergner | Heilige Johanna

Elisabeth BERGNER [1897 – 1986] Schauspielerin, studierte 1915-
1919 am Wiener Konservatorium, begann 1919 am Stadttheater von Zürich und kam über Wien und München nach Berlin. Ihren Ruhm begründete sie am Lessingtheater, 1921 mit der Darstellung der Rosalinde in
Shakespeares „Wie es euch gefällt” und 1922 mit der Königin Christine in dem gleichnamigen Stück von Strindberg. Im Deutschen Theater spielte sie mit besonderem Erfolg 1923 in Strindbergs „Fräulein Iulie” und 1924 in der „Heiligen Iohanna” von Shaw. 1928 gastierte sie in Holland, Dänemark, Schweden und Österreich, 1931~32 in Paris. Als sie 1933 nicht mehr an den deutschen Bühnen spielen durfte, ging sie nach England, wo sie die britische Staatsbürgerschaft erhielt. Abwechselnd trat sie seither in London und New York auf, und eine Welttournee als Sally in „The Two Mrs. Carrols” führte sie bis Australien. Bei ihren Gastspielen hier nach dem Kriege erlebte auch wieder das deutsche Publikum ihre schauspielerische Gestaltungskraft und einzigartige Anmut. Die großen Filme, die ihr Mann Paul Czinner in den Iahren 1923-1939 mit ihr drehte, werden noch heute in aller Welt gezeigt.
Das Foto zeigt sie in der Rolle der Heiligen Johanna von George Bernard Shaw, die sie unter Max Reinhardts Regie in Deutschland erstaufführte.

Was die „Zivilisation“ als Abfall hinterlässt | Männlichkeitsrituale

Eine Dose Tomatensuppe: in Europa oder den USA hätte man diese wahrscheinlich fotografisch getreu abgemalt und das Kunstwerk dann der Pop-Art zugeordnet. Würde sich jemand eine Konservendose im Ohrläppchen tragen, würde er zumindest belächelt. In Kenia und Tansania, bei den Massai,  ist dies jedoch ein Zeichen der Männlichkeit und anerkannter Ausdruck der Persönlichkeit. Was haben wir hier als äquivalentes Symbol? Die künstlich geschaffene Glatze? Das Tattoo? Die Rolex?
Bei den Massai ist es Sitte, den Jungs im Alter zwischen 4 und 7 die Ohrläppchen zu durchbohren. An diesem festlichen Tag erhalten sie auch ihren eigentlichen Namen, denn bis dahin tragen alle Massais einen „falschen“ – um den Tod in die Irre zu führen. Durch diese Prozedur werden sie in den Stamm aufgenommen und mit blauen und roten Perlschnüren geschmückt, die zwei Eigenschaften des Gottes „enkAi“ symbolisieren: seinen Zorn und seine Güte.

Kunst aus Abfall[Die gezeigten Abbildungen stammen aus den 1970ern. Fotograf: Paolo Fisere]

Mit Steinen und schweren Gegenständen versuchen die Mütter und später die Jungen selbst, die Löcher in ihren Ohrläppchen offen zu halten und zu erweitern.
Am Tage ihrer Geschlechtsreife werden die jungen Männer beschnitten und gelten als vollwertige Krieger und Jäger des Stammes; sie dürfen sich dann auch „ihr“ Zeichen wählen, mit dem sie ein leben lang geschmückt bleiben.
Früher waren es Steine mit unterschiedlichen Maserungen, die man als Ohrschmuck wählte. Heute sind es die Gegenstände, die ihnen die | . Die Erklärung für diesen Bruch mit der Tradition ist einfach: Sicherheitsnadeln, Fassungen von Glühbirnen und Konservenbüchsen sind leichter, bunter, auffälliger als Steine.
Für ein kleines Modellgeld stellen sich die Massai mit dem Zeugnis ihrer Männlichkeit gern den Knippstouristen. Aber jeder, der versucht, ihren Schmück vom Müllplatz zu berühren wird augenblicklich zur persona non grata. Diese Geste gestatten sie nur sich selbst…oder dem Mädchen das sie lieben…

Wie könnte eine vergleichbare Tradition in unserer Heimat aussehen? Gabe es diese mal? Ist es nicht schade, dass heute so vieles bedeutungslos ist?

Meine Homosexualität & der Schrei des Pfaus

Wenn ich mich richtig erinnere, begegnete ich ihr im Alter von etwa 14 Jahren zum ersten Mal. Bis heute ist sie meine Schlüsselerinnerung für den gefühlten Beginn meiner Homosexualität.

Sie lehnte träge aber lässig am Tor zum Garten Eden und trug einen prächtigen Pfau auf ihrer Schulter. Dieser spielte verliebt mit ihren langen schweren Haaren. Sie winkte mich heran. Näher, noch näher. Ich folgte und diese Frau legte sanft den Arm um mich und beugte sich zu mir herab. Das Rad des Pfaus schuf dabei ein leuchtendes Dach über uns.
Sein wilder Schrei gellte mir in den Ohren, so dass ich ihre Worte nicht verstehen konnte. Worte, die sie eindringlich und beschwörend auf mich einflüsterte, von denen ich nur wusste, dass sie für mich lebenswichtig waren. Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie mich lange verächtlich an, wandte sich dann ab und verschwand in das glühende Blumenfeld hinter dem Tor zum Paradies. Fast war sie nicht mehr zu sehen, als sie sich umdrehte, die Arme ausbreitete und mich mit süßer Stimme lockte: „Komm, komm doch her!“ Aber ich konnte ihr nicht folgen, da sie selbst die Pforte verschlossen hatte.

Lange Jahre dachte ich nicht an diesen Traum, bis ich sie eines Tages wieder traf. Kurz vor Ladenschluss betrat ich eine kleine, exklusive Boutique, die ich oft aufsuchte. Wie ich von den Verkäuferinnen wusste, war die Besitzerin meist auf Reisen, um in aller Herren Länder neue Modelle einzukaufen. An diesem Abend jedoch sah ich sie vor mir stehen und erkannte sie sofort.  „Wir sind allein hier“, begrüßte sie mich und bot mir eine Zigarette an. „Lassen Sie sich genügend Zeit. Die Mädchen habe ich bereits weggeschickt.“ Als sie meine Unsicherheit bemerkte, trat sie lächelnd neben mich und zog ein weiches schwarzes Samtkleid aus dem Schrank. „Das ist für Sie“, sagte sie. „Nehmen Sie es! – Sie müssen es nehmen! Es gibt nur zwei Modelle davon und das Gegenstück gehört mir selbst.“

Foto: Jessica

Es war das Kleid, das sie damals vor dem Garten Eden getragen hatte. Auf die linke Schulter war der Rad schlagender Pfau gestickt. „Sie brauchen es nicht zu probieren. Wir haben die gleiche Figur.“ Wie zum Beweis strich sie erst sich und dann über meine Brust und Hüften. Dabei flüsterte sie mir wieder ein paar Worte ins Ohr, die ich nicht verstand.
Als ich sie fragend ansah, maß sie mich mit abschätzendem Blick, drehte sich dann um und verschwand hinter einem Vorhang.

Weder habe ich das Kleid gekauft noch das Geschäft jemals wieder betreten. Etwa fünf Jahre später, ich hatte mich inzwischen verlobt und lebte in einer anderen Stadt, traf ich sie wieder. Nun zum dritten Mal. Ich war mit meinem fiancés auf einem Faschingsfest und hatte ihn kurz nach Mitternacht aus den Augen verloren. Inzwischen war es früher Morgen. Ermüdet vom langen erfolglosen Suchen stand ich an einer Balustrade. Die feiernde Menge unter mir verschwamm zu einem bunten Brei, auf dem sich riesige Blasen bildeten, die unter den Knüppeln des Schlagzeugs zerstoben und platzten. Fasziniert von diesem Bild verharrte ich eine Weile, bis ich bemerkte, dass die Pfauenfrau hinter mich getreten war. Ihr Haar tanzte an meinem Hals. Und wieder schien sie mir etwas ins Ohr zu flüstern, und wieder konnte ich sie nicht verstehen. Die Musik schluckte jedes Wort. Die Frau steckte mir eine Zigarette in den Mund und gab mir Feuer. Auf der Vorderseite ihres Feuerzeugs war ein Mosaik aus Edelsteinen eingearbeitet. Es stellte einen Rad schlagenden Pfau dar. Sie drehte mich zu sich herum. Hinter ihr, in einem dunklen Erker fast verborgen, sah ich den fiancés.

Er tanzte mit ihr. Mit der Frau die hier vor mir stand. Er küsste er sie und sie küsste mich. Ich schlug ihr ins Gesicht.

Die Bässe bebten. Und doch konnte ich ihr wildes Gelächter hören. Ein Gelächter wie das Schreien eines Pfaus. Dann folgte ich ihr auf die andere Seite.

Auch wenn mir der Traum nicht schlüssig erscheint; er ist meine innere Festlegung für die Liebe zu meinem Geschlecht. Mit dieser Idee, ihr gefolgt zu sein, fühle ich mich bis heute wohl. Und die Frage nach dem Warum stelle ich mir schon lange nicht mehr. Der Pfau als Symbol von Schönheit, Reichtum, Königlichkeit, Liebe, Leidenschaft aber auch Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit ist mir in seinen Auswüchsen durchaus sympathisch.

Ich will nicht akzeptiert werden | Tagebucheintrag

Diesen Eintrag habe ich in einem meiner älteren Tagebücher gefunden. Damals war ich um die 16 Jahre alt.

Ich will nicht akzeptiert werden in einer Welt, in der Menschen wegen ihres Geschlechts Unterdrücker oder Unterdrückte sind… in der für gleiche Arbeit nicht gleicher Lohn „bezahlt wird… in der in Verstecken geliebt werden muss… in der ein bestimmtes Geschlecht geliebt werden muss… in der nicht gelacht, nicht geweint werden darf… in der Leben zum Tode verurteilt ist… in der nicht gestorben wird… in der Mann über Leichen geht… in der für Kinder und Frauen, Alte und Kranke kein Platz ist… in der gehungert wird, weil andere zu viel fressen… in der Lüge die Wahrheit ist… nein, von Euch will ich nicht akzeptiert (integriert) werden!

Auch wenn ich dies heute nicht mehr so formulieren würde; der Kerngedanke bleibt, mit einem Unterschied: ich würde nicht mehr die trotzige Konfrontation wählen.

Was zur Wahl steht oder auch nicht

Wie stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder fläzte sich in seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den Andern fern und jedenfalls anders als die Andern.

Eduard Graf von Keyserling, | Gemälde von Lovis Corinth | Neue Pinakothek, München | 1900

Wir schlossen uns voneinander ab. Was wusste der Handwerker von dem Akademiker, der Landwirt vom Beamten, der Künstler vom Bundeswehrsoldaten? Sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale Brücken zu den Inseln der Andern führten. Dass wir eine Gemeinschaft waren, wussten wir, zuweilen war der eine oder der andere stolz darauf. Den Meisten jedoch war die Bundesrepublik Deutschland ein politischer Begriff oder lediglich Ordnungsmaschine für all die Individualinteressen der deutschen Allgemeinheit.

Und jetzt in diesem Augenblick, jetzt plötzlich denken viele von uns einen Gedanken, fühlen eine Leidenschaft, haben einen Willen. In dem differenziertesten wie in dem einfachsten Menschen erwacht etwas, das sie einander gleich macht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen sie einander, als hätten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen und fänden sie nun wieder.
Wir fühlen uns als ein Volk. Und der Deutsche entdeckt, dass dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische Kraft ist, etwas ganz Heißes und Lebendiges, etwas, das stark und einfach macht.

Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Unruhe geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzelnen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Mitmenschen. | Was zur Wahl steht oder Traum bleibt.

Gedanken, inspiriert durch Eduard Graf Keyserling

Kassandra Lewicka über den „Tiger“ Dariusz Michalczewski | update

In der Flughafenhalle. Warten auf den Eintritt in luftige Höhen. Herumsitzen mit jener typisch konzentrierten Langeweile im Nacken, die uns Sätze aufschnappen lässt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet worden sind. Pink beschuhte Füße am Nebenplatz können auch kaum still halten. Endlich findet die kleine Inhaberin des unübersehbaren Schuhwerks ein nicht näher definiertes Stück Plastik auf dem Boden, erhebt sich vom Platz und beginnt, das Fundstück mit einer imposanten Wadenkraft durch die Gegend zu kicken. Flink wie ein Wiesel und mit atemberaubender Agilität, der man eine ordentliche Portion Verbissenheit nicht absprechen kann, fegt sie zwischen die Sitzen. Sehr zur Unmut ihrer daneben sitzenden Oma. “Lass das!“, zischt diese der Kleinen zu, „so was machen Mädchen nicht!“.
Was sie wohl bei ihrem Enkelsohn unangemessen findet, falls sie einen hat? Anno 2014? [Erstveröffentlichung dieses Beitrages.] Ich interessiere mich nicht für Sport. Zumindest nicht wirklich. Hat mich schon immer tendenziell gelangweilt. Ich hatte aber Freundinnen, die das wieder ganz anders sahen. Sie und ich gehören der Generation an, in der man über ein weibliches Kind sagte: „ein Mädchen, ABER interessiert sich für Sport“. Dennoch ist aus mir eine Frau geworden, die – Augen und Ohren offen haltend – als Erwachsene für das Normalste auf der Welt hält, zu sagen „ein Mädchen UND interessiert sich für Sport“. Obwohl ich selbst es nicht tue. Aber dennoch weiß, wer zum Beispiel Dariusz Michalczewski ist. Und ich erwähne ihn nun nicht, weil ich auf einmal seltsame Gelüste bekomme, mich über die Kunst des Aufwärtshaken auszulassen. Nein, ich erwähne ihn, weil ich mich aus aktuellen Anlass freue, der schnaubenden und zischenden Oma von nebenan ein Beispiel geben zu können, dass es Möglichkeiten gibt, flexibel und differenziert mit dem Problem der gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Rollenzuschreibung umzugehen.

Foto: Paweł Zienowicz Sp5uhe

Schon vor einigen Wochen sorgte Michalczewski, ein ehemaliger Europa- und Weltmeister im Boxen, in seinem Heimatland Polen für einige Aufruhr, als er im Rahmen einer Kampagne gegen die Homophobie und für das Recht für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, konstatierte, dass es für ein Kind besser sei, zwei es liebende Väter zu haben, als einen, der trinkt oder missbraucht. Dafür erntete er feindselige Reaktionen einerseits, hohe Anerkennung andererseits. Im Interview für „Wysokie obcasy“ („Hohe Absätze“, ein Wochenendanhänger der „Gazeta Wyborcza“) wurde er neulich gefragt, ob seine Meinung deshalb so polarisiere, weil er ein Boxer sei. „Ich denke schon, dass es so ist, weil das Boxen als eine extrem männliche Sportart gilt“, bestätigte er. Und so „kann das schockierend sein, dass jemand aus diesem Milieu nicht unbedingt homophob sein muss. Hinzu kommt das stereotype Denken über Männer. Eines Tages spielte ich mit meinen Söhnen im Sandkasten. Ein Typ ging an uns vorbei und srief mir zu: ‚So ein Kerl wie du und backt mit den Kindern Sandkuchen!‘. Was ist denn so seltsam daran? Ein Kerl kann nicht mit seinen Kindern spielen? Ein Boxer darf keinen Sandkuchen machen?“.

‚Between Rounds‘ – ALAN F WARD – Oil Painting on canvas – USA c 1950’s

Ich fragte mich, als ich dies las, wodurch dem unbekannten Spötter gelungen ist, seine archaischen Ansichten so gut zu konservieren. Offenbar war er noch damit beschäftigt, seine männliche Identität aufzubauen. Laut Élisabeth Badinter (s. ihr Buch „XY. Die Identität des Mannes“ von 1983) geschieht dies durch Ablehnung und Negation. Dreifach muss der heranwachsende Mann sich und der Welt beweisen: dass er keine Frau, kein Kind und dass er nicht homosexuell ist. Und sonst? Intensive Verinnerlichung der Filme mit John Wayne? Vielleicht sollte jemand den Zaunkommentator darauf aufmerksam machen, dass auch dort mit der Zeit die rigorose Schwarz-Weiß-Malerei ihr Ende hatte. In „Red River“ von 1948 wird der beinharte Rancher Tom Dunson (Wayne) von einem jungen Mann (der sein Pflegesohn ist) verprügelt, dessen Figur eine der allerersten Darstellungen eines sanften Männertypus ist. Der durch den Schlag wankende Rohling ist wie die Metapher des wankenden Männer(vor-)bildes, das bis dahin die Leinwand dominierte. Montgomery Clift wird dort zum Prototypen des sensiblen Kerls, der sich gegen den Beinharten auflehnt. Und das noch vor James Dean.

Der Sandkastenspötter huldigte offenbar noch der Härtefraktion. Alles andere hätte (und hat) sein Weltbild betrübt und seine eigene innere Ordnung durcheinander gewirbelt. Der italienische Soziologe und Anthropologe Franco La Cecla beobachtet in seinem Buch „Modi bruschi. Antropologia del maschi“ („Rau sein. Die Anthropologie des Mannes“) von 2010, wie diese männliche Härte sich herauskristallisiert. Die Anmut (grazia) wird als etwas ausschließlich weibliches wahrgenommen. Ein junger Mann muss also Strategien überlegen, um sie loszuwerden. Wenn er ein Mann sein will, muss er Rundungen und Schattierungen verlieren. Er greift zu rauen Manieren, arrangiert geräuschvolle Darstellungen (Motoraddröhnen, Stimmmodulation). Sonst bleibt sein Geschlecht unsichtbar, „gefährlich neutral“. Denn die Männlichkeit, so La Cecla, ist immer übermäßig, zu groß geraten, übertrieben hervorgehoben. Anmutig und weich bleiben, hieße, wie Peter Pan in seiner Kindheit und in mütterlichem Schoß gefangen zu bleiben. Ein Mann sein und als Mann erscheinen sei das selbe. Eine stetige, öffentliche Performance, um zu beweisen, eine Nicht-Frau zu sein. Eine Rauheit, die bei Robert Bly in „Eisenhans“, seinem berühmten „Buch über Männer“ von 1990, als die zur Mannwerdung nötige Wildheit betrachtet wird.

Helmut Kolle (1899–1931) | Selbstbildnis als Junger Boxer  | 1925

Michalczewskis Mut, sein raues Bild in der Öffentlichkeit zu „gefährden“, wirkt besonders erfreulich. Denn er impliziert eine Überzeugung, die nicht aus einer Verunsicherung heraus nach außen hin gelangt. Dieser Mann wurde seiner Stärke nicht beraubt. Er hat sie nicht gegen etwas eintauschen müssen. Keine Delila hat diesem mächtigen Samson heimlich die Haare geschnitten, ohne die er bedröpelt und geschwächt da steht. Die gängigen Merkmale der Stärke (maskulines Äußeres, körperliche Kraft, beruflicher Erfolg) wurden in seinem Fall lediglich um zusätzliche Attribute ergänzt, die üblich als weibliche Domäne gelten (Sensibilität, Friedfertigkeit, Empathie). Und er nimmt sie an. Hier ist jemand auf eine wohltuende Art und Weise mit sich im Reinen. Und kann es auch weitergeben. Was seine Söhne zu seinen Äußerungen sagen, in denen er beispielsweise die Homophobie anprangert, darauf ist er hörbar stolz: „’Sehr gut, Papa!‘ – sagen sie zu mir. Weil meine Söhne Jungs von Welt sind, offene und tolerante Menschen sind. Dazu wurden sie stets erzogen. In ihrer Welt homophob zu sein ist einfach peinlich. Das ist so, als sagte heute jemand, Frauen hätten kein Stimmrecht. Können Sie sich das vorstellen? Wenn jemand so was sagen würde, würde man ihn für unzurechnungsfähig erklären. Aber über Homosexuelle darf man sagen, was man will. Eine Schande ist das!“.

Paul Klee | Läufer (Haker-Boxer) 1920 | Aquarell auf Papier, Privatbesitz

Michalczewski, wegen seines offensiven Kampfstils „Tiger“ genannt, hat im Laufe seiner Karriere zwölf Jahre lang keinen Kampf verloren. Im professionellen Ring hat er 50 Kämpfe absolviert, davon hat er 48 gewonnen, 40 durch Knockout. Und was ist mit dem Kampf um die Geschlechterrollen? Ich habe den Eindruck, dass er selbst dies als gar keinen Kampf ansieht. Aber wer ihm die Freiheit, das so betrachten zu wollen, absprechen will, erlebt wieder einen Tiger. Allerdings einen, dessen Clinchtechnik auf Argumente und Engagement baut. Und ich applaudiere ihm dabei frenetisch. Obwohl ich mich für den Sport immer noch nicht interessiere. Aber zum ersten Mal hat mich ein Sportler nicht gelangweilt.

NACHTRAG: Im Dezember 2016 wurde der ehemalige Boxer wegen Drogenbesitzes und häuslicher Gewalt festgenommen in seinem Heimatland festgenommen.
Es kommt einem das Lied „Parole parole“ von Mina und Alberto Lupo in den Sinn.

Das Originalinterview in polnisch:

Wysokie Obcasy

***

Helmut Kolle (* 24. Februar 1899 in Charlottenburg; † 17. November 1931 in Chantilly bei Paris) war ein deutscher Maler (Pseudonym Helmut vom Hügel). Er konnte sich als einer von wenigen deutschen Malern in den 1920er Jahren auf dem französischen Kunstmarkt durchsetzen.

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen; dieses Phänomen von Licht, Herzenswärme und Kraft. Tragendes Element wie die Luft für den Drachenflieger, das Wasser für den Schwimmer.
Ein abstrakter Zweifel, der Beweis und Logik verlangt, hindert mich zu glauben – selbst dies. Hindert mich, dies in Fachtermini zu einer Interpretation des Realen auszubauen. Doch mich treibt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Hier und Jetzt, in Wort und Taten Meditierenden, im unantastbaren Willen Lebenden.

Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

• • • •

Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

***

 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

trennlinie2

Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

***

Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

Max Ernst | Die Sphinx erwacht | Tuschezeichnung

Die Sphinx erwacht. Blatt aus dem vierten Heft der surrealistischen «Semaine de la bonté» von Max Ernst. Paris 1934

Durch die Vereinigung des Heterogenen, werden quälendste Effekte erzielt. Ein Sarg voll farbiger Tuschfläschchen, ein toter Stier auf einem Konzertflügel, eine Nähmaschine, auf dem Hochaltar — im Surrealismus bekundet sich ein Wille zur verletzenden Durchmischung aller Sphären. Von einer automatenhaften Objektivität des Nebeneinanderstellens kann ernstlich dabei kaum die Rede sein. Das scheinbar passive, neutrale Bewusstsein des Arrangeurs wird von wohl fassbaren, blasphemischen Absichten gesteuert. Unversehens entstehen so auch apokalyptische Bilder. Wenn die Sphinx erwacht, steht der Zug still, verwandelt sich der Mensch, zerreißt die rationale Ordnung der Welt und wird der unheimliche Grund aller Dinge offenbar. Dantes Hölle ist keine schizophrene, keine surrealistische Vision. Das Schreckliche in ihr sind die Extreme begreifbarer und organisch in sich verbundener Vorgänge. Joyce, Cocteau, Ernst und andere tasten hingegen in eine Welt des Unheimlichen vor, in der das Grauen aus der Gleichzeitigkeit und Nachbarschaft des völlig Unzusammengehörigen entsteht. Der moderne, ungeborgene Mensch muss auch die Hölle dieser Möglichkeiten durchwandern.

Mein Lebensentwurf zum Rentenalter | Und Ihrer?

«Ich bin nun bald 60 Jahre alt, aber trotzdem gibt es noch viel, das ich kennenlernen möchte, solange ich noch munter und — töricht bin. So gedenke ich, meine nächsten 20 Jahre mit Dingen auszufüllen, die zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu wissen ich mir immer wünschte. Hier sind die wichtigsten Daten meiner Agenda für diese Zeit:

   Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf irgendeiner Bergspitze Westindiens sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen von Aran, abseits Irlands Westküste, stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 300 Fuß hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten.

   Ich möchte weitere 100 Sonnenuntergänge im einsamen Wattenmeer erleben, wo stets zur gleichen Stunde die Sonne langsam in vielfarbigem F’euer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln.

   Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon hörten. Ich hatte der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Lawine grollen, während sie sich ihren schneeigen Weg 2000 Fuß bergabwärts in den Abgrund brach; mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich herschleppte. Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht nochmals zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen.

   Lasst mich noch viele Male zwischen dem Ende und heute den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und schenkt mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida. Lasst mich wieder und wieder die erfrischende Sauberkeit salziger Meerluft einatmen. Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterer Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

   Und für den Durst und Hunger meines Geistes schenkt mir das Erleben, wie es einem zukünftigen Astronomen beschieden sein wird, der den Mond mit einem 200zölligen Teleskop wird betrachten können. Gebt mir Zeit, die Geheimnisse von Ameise und Biene zu erforschen; und mit Hilfe besonderer Apparate lasst mich zu einem Zuhörer ihrer Unterhaltung werden.

   Aber alle diese Dinge würde ich mit Freuden hergeben, wenn ich vor meinem 80. Altersjahr einen neuen Einblick in die menschliche Natur gewinnen, Zeuge Tausender von Experimenten mit den Chemikalien sein könnte, mit denen wir den Charakter erforschen und die die Substanzen finden helfen, die verwirrte Geister wieder klären, den Sorglosen und Unbekümmerten Vorsicht bringen, den Trägen und Gleichgültigen Lebensatem einblasen, Fleiß den Drückebergern bescheren und Ehrlichkeit den Falschen und lügnerischen Seelen schenken. Für mich birgt das Leben kein größeres Abenteuer mehr, als zu sehen, wie der Mensch seine eigene Natur zu beherrschen lernt, gleich wie er heute die Atome beherrscht.

Es bleibt immer etwas hängen | Von unseren Verwünschungen

Neben guten Dämonen gab es im Glauben der Menschen allezeit böse, schädigende Geister, die allerlei Unheil, Krankheit und Nöte verursachten. Der furchtsame Mensch suchte sie durch magische Mittel von sich abzuhalten, ihre Kraft einzuschränken. Aber hasserfüllte, neidische Menschen haben ihre Hilfe oft erfleht, um einem Feind Unglück und Böses zuzufügen.

In griechischer und römischer Zeit haben Zauberer die bösen Geister beschworen, um einen gehassten Feind mit ihren Erscheinungen zu quälen, ihm Unglück, Siechtum und gar den Tod zu bringen. Man glaubte durch Zauberworte oder Zaubertaten seinen Widersacher den Mächten der Unterwelt weihen zu können. Von besonderer Wirkung musste der Zauberspruch sein, wenn die Beschwörungszeichen und -Formeln auf Bleitafeln eingraviert und wenn diese Tafeln dann in Gräbern niedergelegt wurden, dem Ort der bösen Geister der Unterwelt. Als die Römer so tief gesunken waren, dass ihnen Sport und blutige Schauspiele am höchsten galten, war dieser Glaube an die Wirkung von Verwünschungen weit verbreitet und vielfach angewendet worden. Unsere Archäologen haben an verschiedenen Orten Bleitafeln gefunden, auf denen Figuren, den bösen Dämon darstellend, nebst Buchstaben eingraviert sind. Durch solche Tafeln wollte man von den bösen Geistern erflehen, dass der Wagenlenker mit seinen Pferden beim Wettrennen gehemmt und beschädigt werde, oder dass der Dämon ihn gar erblinden lasse, oder noch besser ihn aus dem Wagen reiße und ihn auf die Erde schleudere, dass er geschleift werde mit Schaden seines Leibes und seiner Pferde. Ein anderer wünschte, dass der Böse die Hengste hole, weil durch sie, wer dies schrieb, bei dem Rennen zu unterliegen fürchtet.

Altertümliche Verwünschungstafeln

Die beiden hier abgebildeten Verwünschungstafeln sind von ganz besonderem Interesse. Vorerst muss die große Ähnlichkeit derselben auffallen. Nicht nur in der Größe sind sie sich gleich, in der Ausführung der Figuren und im Duktus der Buchstaben zeigen  sie eine auffallende Übereinstimmung, so dass angenommen werden kann, dass sie aus einer und derselben Werkstatt hervorgegangen sind. Somit erhebt sich die Frage, ob solche Zaubertafeln vielleicht gar in größerer Zahl zum Verkauf hergestellt und an Zauberer abgeliefert wurden.
Die auf beiden Tafeln eingravierte, recht phantastische Person mit ihrem Menschenrumpf und Schlangenhals hält in der rechten einen Skorpion, in der Linken eine Palme. Der Skorpion hat im Altertum immer eine große Rolle gespielt. Mit seiner Kraft suchte man den bösen Blick, das Unheil überhaupt, abzuwenden. Aber wenn die Sonne in das Sternbild des Skorpion tritt, beginnen die Seuchen zu grassieren, denn der glühende Skorpion ist auch Bringer gefährlicher Krankheiten. Sollen wir daraus schließen, dass hier der Wunsch sich äußerte, der Zauberer möge dem Feind den Skorpion wünschen, um ihm Siechtum zu bringen Die eingravierten Buchstaben sind als griechische Unziale zu bezeichnen, wie sie im 4. Jahrhundert gebräuchlich waren. Das Zeichen C, das im Tonlaut unserem S entspricht, sowie des E sind für diesen Duktus charakteristisch. Die Benennung dieser Schrift als Unziale soll auf den heiligen Hieronymus zurückgehen, der diese «zollhohen» Buchstaben der Prachthandschriften getadelt hatte. Nicht nur Bleitafeln sind mit solchen Unzialen beschrieben worden, auch für hochgeweihte Texte kamen sie zur Anwendung. Unter solchen Texten sind die Bibelcodices Sinatticus und Vaticanus berühmt; aus Ägypten stammt eine Papyrusschrift mit Homerfragmenten. Die auf Brust und Bauch eingravierten Buchstaben sollen dem kabalistischen Zauberwort Abrasax entsprechen. Als Unterschrift ist auf der einen Platte Apocration okaineibos, auf der andern ist Proclos zu lesen. Dieser letztere Name Proclos soll in Ägypten vorgekommen sein. Man kennt zwei Vertreter der stoischen Philosophie mit diesem Namen. Mit dem Namen Apocration kennt die griechische Medizingeschichte einen Arzt in Mendes, einen andern in Alexandrien, der ein Buch verfasst hat über die medizinischen Tugenden der Tiere, Pflanzen und Gesteine.
Hat mit diesen Tafeln vielleicht ein gelehrter Gegner dieser hier genannten Ärzte und Philosophen seinem Neid und Zorn Ausdruck zu geben versucht und sich an die bösen Dämonen gewandt, dass sie seine Widersacher plagen und vernichten? Die Platte mit der Inschrift Proclos stellt noch ein anderes Rätsel. Zwischen Brust und Bauch ist eine sonderbare Zeichnung zu sehen, die ein menschliches Organ, vielleicht den Magen oder die Leber darstellt. Das Organ wird von einem Strich durchbohrt, der als eine magische Nadel gedeutet worden ist, deren durchbohrende Kraft dem Organ zum Schaden gereichen solle.

Auch heute noch üben diese alten geheimen Kräfte einer einst weit verbreiteten Magie ihre Wirkungen aus, denn es sind wenige, die aus tiefstem Herzen kommende Verwünschungen leicht hinnehmen. Auch bei Verfluchungen gilt der Spruch, ähnlich wie bei Verleumdungen: Es bleibt immer etwas hängen.

Walter Kurt Wiemken | Am Rande des Abgrunds

1936 entstand das Bild Am Rande des Abgrunds, ein Hochformat: auf dem Plateau eines senkrecht abstürzenden Felsmassivs stehen einige Häuser; dann ist da ein Messeplatz mit sich tummelnden Leuten; ein Seil ist bis zum rechten Bildrand gespannt; daran hängen zwei akrobatisch waghalsige Figuren; im Hintergrund Gewitterwolken oder Explosionsreste; im Vordergrund eine Stierkampfszene, menschliche Leichenhaufen, Aasvögel und Friedensengel, eine nackte Mutter mit Kind an der Brust, hinter ihr ein Skelett, das die Frau umfängt, und rundum ein Seil mit wippenden Clowns, tänzerisch. Engelchen. Ein weiterer Artist wird von einem Skelett von hinten angefallen. Zentraler Vorgang ist der Stierkampf, die künstlerische Konsequenz aus Wiemkens Beschäftigung mit Spaniens Bürgerkrieg. Aus der Stierkampfszene ist mühelos die Figur des Don Quijote herauszulösen, der negative Held, der fanatische Narr; die Manifestation einer immensen, immer wiederholbaren Vergeblichkeit, die Überwindung des Absurden; und indem dies unternommen wird, erscheint das Absurde erst wesentlich und in seinen spezifischen Aspekten.

Walter Kurt Wiemken wurde 1907 in Basel geboren. Die erste Ausbildung er folgte in der Basler Gewerbeschule. Mit zwanzig Jahren ging er nach München, wo er an der Kunstgewerbeschule bei Ehmke und Klein seine Studien fortsetzte. Anschließend, 1927, reiste er mit seinem Freund Otto Abt nach Paris. In diese Zeit fiel auch sein Aufenthalt in Collioure, Südfrankreich, wohin er in den folgenden Jahren mit geradezu pedantischer Regelmäßigkeit fuhr.
1930 wurde ein zweiter Pariser Aufenthalt möglich, den er mit Walter Bodmer malend verbrachte. Die Stationen der nächsten Jahre waren Basel, Collioure, Spanien, Tessin, Jugoslawien, Belgien. 1940 reiste er wiederum in das Tessin, wo er im Dezember bei Castel San Pietro in eine Schlucht stürzte; drei Wochen danach fand man seine Leiche. Wiemken ist in Basel begraben.

Wiemken war berühmt, aber unbekannt. Eine Randfigur? Nein. Er ist eine zentrale Erscheinung in der modernen Malerei, so zumindest mein Eindruck.
Er begann konventionell zu malen: impressionistische Skizzen, mediterrane Landschaften, Stilleben. Sein Studium der Expressionisten beeinflusste dann vor allem seine Methode. Nach und nach setzte er sich, stilistisch, von diesen Tendenzen ab; er verselbständigte sich, formal und geistig. Die Isolierung, die er seinen Figuren auferlegte, setzte für ihn in diesen Jahren ein. Er malte den sinnlichen Traum der Agonie. Einmal noch wird eine rückläufige Tendenz spürbar, um 1930: da entstanden einige Corotähnliche Bilder, Suiten von sanfter Heiterkeit, aber dunkel und ohne sentimentale Leidenschaft. Eine Folge seiner Auseinandersetzung mit Picasso waren einige Zeichnungen, einige Bilder, Clowns vor allem, die aber, im Gegensatz zu Picasso, mit definitiver Energie die Farce der Ausweglosigkeit demonstrieren; keine brave, rührende Attrappe. Der Clown Wiemkens ist Kafkas Türhüter, die unabwendbare Figur, halb Wirklichkeit, halb Transzendenz, ein surrealistisches Attribut in komplizierten Landschaften. Wiemkens Zuwendung zum Surrealismus war kein Bekenntnis; die Methode faszinierte ihn, er malte seine subtilen Todesgelände. Das Instrumentarium des Todes nahm überhand: Särge, Kränze, Totenschädel, Gruftwächter, Begräbnisse, Totenzimmer, Kreuze, Friedhöfe. Ein saturnisches Mobiliar für grenzenlose Erfindungen. Wiemken hat Hieronymus Bosch genau studiert. Automatisierte Mechanismen und technische Konstrukteure sind Haupterscheinungen in seinen surrealistischen Bildern, und unvermutet bricht idyllisch die Landschaft durch mit Skeletten, die unter schneebedeckten Felsen stehen, beispielsweise, oder die in Häuser treten und durch schwarze Straßen gehen. Die Träume Wiemkens, seine Wirklichkeiten, sind die Manifeste des Untergangs.
Wiemkens Tod im Dezember 1940 im Tessin, der, als Vorgang, Mutmaßung bleiben wird, war, scheint mir, der legitime Vollzug seiner Kunst. Seine Größe war seine Tragik. Dieser Schweizer hat in der Malerei saturnische Gelände erprobt und Möglichkeiten des Untergangs geschaffen. Wiemken ist bei allen surrealistischen Verfremdungen konkret und direkt; seine Perfektion des Untergangs ist, genau betrachtet, eine Infamie. Wiemkens Hauptepoche war surrealistisch; indem er nicht als Epigone eines der bedeutenden Surrealisten auftrat, sondern seine eigenen motivischen, methodischen und technischen Erfindungen vorführte, wurde er zum Monolith, und dies noch entschiedener, wenn man eine Typologie aus seinen Bildern heraus zusammenstellt: die Szenerien werden beherrscht von Totenschädeln, Skeletten, symbiotischen Figuren aus Totenschädeln und noch intakten Körpern, Sphinxgestalten, deren Funktion gestört ist, wenn beispielsweise in den Rumpf einer Sphinx Böcklins Toteninsel hineinmontiert wird; die Clowns und Harlekine, Wiemkens Clown als Metapher für das imponderable Nichts; die Generäle, die ihrerseits eine gewisse Ähnlichkeit mit Max Ernsts collagierten Ordenfiguren aufweisen, aber nicht als conditio sine qua non; Wiemkens Generäle sind die Prototypen für den künstlichen, herstellbaren Untergang. Wiemkens Malerei ist nicht symbol-, sondern metaphernreich; ich sehe direkte Bezüge zu institutionellen Vorgängen, zu Situationen; die divergenten Montagen sind, motivisch, verarbeitete Zeitungsmeldungen über die Zerstörung einer Stadt, zum Beispiel; seine Erfindung der Divergenz ist kein psychoanalytisches Resultat, sein Trauma von der Zerstörbarkeit existentieller Zustände war intensiv genug, dass er Definitivem nicht ausweichen musste, auch seinem eigenen Tod nicht; der Tod als Kalkül, abstrakt und konkret, intellektuell und sinnlich, die unabwendbare Schau, die These vom unablässigen Untergang, sein Manifest, und darüber hinaus: finis mortis.
Wiemkens Beschäftigung mit dem defekten Leben, das in unendlichen Variationen und Kombinationen vorgeführt wird, kann weitgehend vom Biographischen hergeleitet werden: in frühen Jahren hatte er Kinderlähmung. Seine Jugend war von der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geprägt. Die Elemente in seinen großen Bildern weisen deutlich daraufhin. In den dreißiger Jahren war es der Spanische Bürgerkrieg, der Wiemken verfolgte und der ihn bewegte; seine Todes-Empfindlichkeit, seine präzise Vorstellung vom herstellbaren Untergang erfuhr in diesen Jahren eine definitive Kontur. Einmal in Paris wohnte er mit seinem Freund Abt in einer Pension, deren Figuren zu Leitbildern wurden, zu Modellen, ihr lemurenhaftes Verhalten zur allgemeinen Geste des untergehenden Menschen. Diese Pension nannte Wiemken das Sarghaus, wie Abt mitteilt. Und dies waren die Figuren, die er hier traf: einen Pykniker, fett und aufgeschwemmt; in ihm sah Wiemken einen Sklavenhändler. Eine Romanschriftstellerin aus Amerika, lang und dürr, ein gefräßiges Insekt; Wiemken vermutete in diesem skelettähnlichen Wesen eine grasgrüne Harfenseele. Ergänzt wurde diese Gesellschaft durch einen Kriegskrüppel: vollkommen zertrümmertes Gesicht, ohne Nase, auch die Ohren fehlten, mit sanftem Blick, und Wiemken stellte sich vor, wie dem Mann zumute sein müsse, wenn er jeden Morgen in den Spiegel schaute, die grässliche Wiederholung, der nicht auszuweichen ist, der Schock darüber, leben zu müssen, und das Entsetzen vor dieser Wiederholung, vor dem Wissen, plötzlich, dass das Leben weitergeht, unverändert, barbarisch, eine Tortur. Die Eindrücke, die Wiemken in diesem Haus, dem Sarghaus, gewonnen hatte, waren für seine Kunst im Folgenden entscheidend ; das war 1927.

Ein anderes Ereignis, das sein Freund Walter Bodmer überliefert hat, war ein Begräbnis, folgendermaßen : es war im Frühjahr 1930, als Wiemken mit Bodmer in Villeneuve-St-Georges, einem Vorort auf der Strecke Paris-Fontainebleau, wohnte und malte. Gegenüber dem kleinen Hotel war eine Metzgerei, der Besitzer ein rotgesichtiger, aufgeschwemmter, aber nicht unsympathischer Kerl. In der Nähe lebte ein etwa zehnjähriges Mädchen, lebhaft, hübsch und in seinem Habitus aussergewohnlich. Die Vorgänge, vom Hotelfenster aus zu beobachten, faszinierten Wiemken, die Gegensätze, die kontinuierliche Bewegung in der Straße, das improvisierte Leben, alles war variationenreich und nuanciert.
Das kleine Mädchen, das wesentlich zum Bild gehörte, wurde an einem Sonntag von einem Auto überfahren; es war tot. Tage später saßen Wiemken und Bodmer im Bistro des Hotels, frühstückend. Der Metzger gegenüber zerhackte Knochen und Fleischstücke, sonst war nichts zu hören; eine auffallende Stille. Es war der Tag der Beerdigung des verunglückten Mädchens. Als die beiden dann auf die Straße traten, kam unvermutet der Leichenzug, feierlich schwarz, die Eltern schienen verzweifelt, die übrigen Leute allgemein trauernd. Der Metzger unterbrach seine Arbeit, kam mit blutiger Schürze vor seinen Laden.
Dieses plötzliche Bild beeindruckte Wiemken stark, ein radikaler Gegensatz. Und was ihn noch mehr beschäftigte, war dies: die Leute, die dem Sarg folgten, waren, wie gesagt, von Trauer erfüllt; scheinbar. Je weiter sie aber vom Sargwagen entfernt gingen, desto geringer war die Trauer; sie schlug in Heiterkeit um, die Leute unterhielten sich eifrig über Belanglosigkeiten. Diese Vorgänge machten Wiemken zu schaffen. Seine Absicht, simultanes Geschehen als Komplex von Gegensätzen, Widersprüchen und grotesken Zufällen darzustellen, wurde akut; er befasste sich fortan intensiv mit diesen thematischen Möglichkeiten.
Wiemken forderte sich selber heraus und scheiterte an seiner Realität, die er in seinen Bildern mit zurückhaltender Vehemenz immer wieder verfremdet und verändert hat. Für ihn war Kunst eine Maßnahme.

Robert Fludd | Seine Vision der Weltschöpfung

«Microcosmi Historia» (1619) des englischen Arztes Robert Fludd (1574—1637).

Fiat
Fiat | Es werde!

Die mächtige Vision der Weltschöpfung:  Gott spricht das FIAT, das «Es werde!», und sein Geist, in einer Taube symbolisiert, umschließt aus dem Nichtsein das Sein.

***

fludd2
Robert Fludd | Von geistigen Fähigkeiten.

Dieses Bild zeigt eine klare Übersicht all der seelischen Vermögen im Mikrokosmos Mensch, eine Art spekulativer Lokalisationstheorie des Gehirnes. Der mundus sensibilis betrifft die äußeren Sinne, der mundus imagibilis die Wesensdeutung des Irdischen, während der mundus intellectualis die göttliche Ordnung des Seins umfasst.

Robert Fludd, ein weitgereister Mann, war stark von Nicolaus von Cusa und Paracelsus beeinflusst, deren theosophische Sichtweisen er mit den wissenschaftlichen Mitteln seiner Zeit neu aufgreift. Auch er lehrt, dass die Welt die Entfaltung Gottes ist, nähert sich damit pantheistischem Denken. Im Menschen – als der kleinen Welt – wird die große sich ihrer bewusst und erst eigentlich vollendet. Seine naturwissenschaftlich eher brüchigen Thesen wurden von Gassendi, Kepler und Mersenne bekämpft. Fludds Versuche, innere Ansichten bildlich wiederzugeben, faszinieren bis heute.

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Das Tattoo seines Herrn auf der Brust

Das sowohl glücklich als auch tragische Leben des Bayernkönigs Ludwig II. erscheint wie ein romantisches Märchen aus einer nicht mehr greífbaren Vorzeit. Wenn man die prunkvollen Schlösser Neuschwanstein oder Herrenchiemsee besucht, erinnert man sich, dass sie auf Befehl des künstlerisch begabten Monarchen erbaut wurden. Wenn man eine Wagner-Oper hört, denkt man an die Freund-
schaft zwischen dem Komponisten und Ludwig II. Aber sonst bedarf es schon anderer Hilfsmittel – eines Romans bzw. Films – wenn jene versunkene Epoche wieder lebendig werden soll.

Fritz Schwgler | Vorreiter Ludwig des II.

Das obige Bild zeigt Friedrich Joseph Schwegler, geboren August 1866. Mit 63 Mark Rente verbrachte er seinen Lebensabend im Dorf Seeshaupt am Starnberger See. Schwegler war Vorreiter im königlichen Hofstaat.

Zu Zeiten König Ludwig II. war es üblich, dass die in königlichen Diensten stehenden Männer ihre Treue zum angestammten Herrscherhaus durch eine Tätowierung bezeugten. Der ständig Pfeife schmauchende Senior zeigte jedem, der ihn in seiner Kammer besuchte, mit Vergnügen und Stolz das eintätowierte Konterfei seines Königs auf der Brust.

Auf die Frage nach der Krankheit des Königs soll er mal geantwortet haben: „Na ja, g’spinnt hat‘ er scho‘. Aber heut‘ gibt’s no mehr, de spinnen …«

Menschenbilder | Karl Kraus über die Frau und August Strindberg

Karl Kraus über die Frau, die Bedrohung der Weltordnung und August Strindberg.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Schrift im Herzen Strindbergs hat Bibellettern. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und nahm seiner Rippen eine. Und baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm. Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Beine, und Fleisch von meinem Fleische! Sie heiße Männin; denn vom Manne ist sie genommen … Und sie sah, dass von dem Baume gut zu essen wäre … Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß … Dieses ist das Buch von des Menschen Geschlecht.

Wieder ist alles einfach wie am siebenten Tag. Es ist der Schrei Adams, der mit dem Rücken zur Menschheit das Gleichnis Gottes sucht. Er erkennt, dass er nackt sei. Dort bewahrt der Cherub den Weg zu dem Baum des Lebens. Hier draußen aber ist dem Menschen das Weib zugesellt, geschaffen aus etwas, das ihm fehlt, geschaffen aus dem Mangel. Das Weib ist die Rippe, ohne die er leben muss; also kann er ohne das Weib nicht leben. Denn sie sind Ein Fleisch: so sollen sie zwei Seelen sein! Strindberg fordert von Gott die Rippe des Mannes zurück, denn Gott ist ihm die Seele des Weibes schuldig geblieben. Die Schöpfung ist ihm im Manne beschlossen, alles Weitere ist Minderung. Strindberg glaubte schon, ehe er seinen Frieden mit Gott machte: er glaubte an zuviel Gott. Die wahren Gläubigen sind es, welche das Göttliche vermissen. Er wollte nicht wissen, dass es Tag und Nacht gibt, Mann und Weib. Er forderte von Gott eine Hälfte ein. Er war ein Gläubiger Gottes: des Schuldners. Er musste der Nacht verfallen und dem Weib, um auch dort Gott zu erleben. Und Gott rief: Adam, wo bist du? … Er war am Weibe zum Chaos geworden, das Welt wurde im Dichter. Das Weib unterbricht in Strindberg die Schöpfung, weil es aus dem Glauben erschaffen ist, dass es zerstören könne. Aber das Weib zerstört nicht den Mann. Ihr Dasein kann hindern oder unnütz sein: so wird ihr Fernsein hilfreich wie Gottes linker Arm. Der mehr als ein Mann war und mehr als den Gott wollte, brauchte den Teufel, um zur Schöpfung zu kommen. Aber er war nicht wie Gott imstande, aus dem Mangel das Weib zu erschaffen. Er hat ihn nur wie Weininger tragisch erlebt, tragischer, weil er nicht den Ausweg Weiningers fand. Immer ist dort das Geschlecht des Mannes mit sich nicht fertig geworden, wo es die Seele des Weibes beruft. Aber der Geist kann nur am Gegenteil erstarken und nur, wenn er durch alle erkannten Missformen der Weibkultur zum Ursprung strebt.

August Strindberg | Selbstporträt | 1891
August Strindberg | Selbstporträt | 1891

Denn das Geschlecht des Weibes werde Geist, und Paulus schreibt an die Korinther: »Wie das von dem Manne ist, also ist der Mann durch das Weib da; Alles aber ist von Gott.« So hat auch Strindbergs Geist von dem Ursprung gelebt, den seine Erkenntnis floh, und im Pathos dieses Widerspruchs lebte er zwischen Himmel und Erde. Hebbels bürgerlichste Bürgschaft: Darüber kommt kein Mann weg, verwandelt sich in Strindberg zum Erdbeben: Über das Weib selbst kommt kein Mann weg. Denn »darüber« nicht wegzukommen, bringt jedermann zustande. Aber nur einer trägt für sie alle, ein christlicher Titan, den Himmel auf seinen Schultern … Strindberg war immer, den Rücken zur Menschheit, auf dem Wege zu Gott, in Leidenschaft und Wissenschaft. Adam oder Faust, er sucht ihn im Laboratorium und in der Hölle der erotischen Verdammnis. Er sendet die letzte christliche Botschaft aus. Da er stirbt, geschehen am Himmel keine Zeichen, aber die Wunder der Erde wirtschaften ab. Die titanische Technik sinkt, und singt: Näher, mein Gott, zu Dir! Strindberg, sterbend, horcht auf und versucht eine Melodie. Bernhard Shaw, überlebend, zuckt die Achseln. Er glaubt nicht, dass näher zu Gott männlicher ist.

Strindbergs Wahrheit: Die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: Die Weltordnung ist vom Weibe bedroht.

Es ist das Zeichen der Verwirrung, dass ein Irrender die Wahrheit sagt. Strindbergs Staunen über das Weib ist die Eisblume der christlichen Moral. Ein Nordwind blies, und es wird Winter werden.

Aus | Karl Kraus: Grimassen – Aufsätze 1902-1914 | Kapitel 2

Menschenbilder | Rafael Santeria

Rafael Santeria war einer unserer ersten Interviewpartner und löste in der damaligen Redaktion mehrere hitzige Diskussionen aus. Er arbeitet in der Erotikbranche und als Model; was für den einen verrucht, ist für den anderen ein ganz normaler Job. Wir haben Rafael interviewt, weil wir neugierig auf sein Weltbild waren und sind.
Der Weltenbummler, Jahrgang 1988, fällt auf: im ersten Eindruck durch seine markigen Sprüche und seine zahlreichen Tattoos. Spannend ist zudem sein Leben als „Digitalnomade“. Seine Arbeit ist eher Berufung als Lohn- und Brotjob. Auf unsere Frage, welchen anderen Beruf er ausüben würde, gäbe es diesen nicht, sagte er 2014: „Ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Beruf.“ Inzwischen ist er nicht mehr so enthusiastisch.
Rafael ist eloquent und reflektiert. Er weiß, was er will, und verfolgt seine Ziele hartnäckig; inklusive der notwendigen Nebenwege. Wir hatten ihn im ersten Gespräch zu seinem Verhältnis zu Frauen, seiner Lebensphilosophie und seinen Erfahrungen in der Pornobranche befragt. Nun, zwei Jahre später, sprechen wir mit Rafael Santeria über seine Modelkarriere, was sich zu damals verändert hat und seine Zukunftspläne.

Die Pseudounabhängigkeit der Frau. – Hat sich Deine Wahrnehmung inzwischen verändert?
Hand aufs Herz! Hätten mich nach meinem Einbruch 2015 keine Frauen durch emotionalen, organisatorischen und persönlichen Support begleitet, wäre ich vermutlich untergegangen. Psychologinnen, Unternehmensberaterinnen, Anwältinnen, Journalistinnen, Feministinnen, Freundinnen: Nichts und niemand wie die Krise hat mir so deutlich gezeigt, dass mein weltanschaulicher Herrenwitz eine Blamage für mich, nicht für die Frauenwelt, gewesen ist. Ich weiß aus vielseitigen Erfahrungen, dass es Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern, aber diese sind diffus und durchlässig. Ich habe Tränen geweint an den Schultern der Frauen, denen ich mangelnde Autonomie vorgeworfen habe.

Ist meine Frau bereit, sich meinem Regelsystem zu fügen? – Wie wichtig ist Dir Macht in Deinen Beziehungen, privat wie beruflich? Würdest Du das heute noch so definieren?

Rafael Santeria | Foto: @corneredring
Rafael Santeria | Foto: @corneredring

Im Grunde genommen eine ethische und psychologische Binsenweisheit: Beziehungen sollten sich vorrangig um Einverständnis, Gegenseitigkeit, Kommunikation, Mitgefühl und selbstverständlich Liebe drehen – oh Wunder! Zwischenmenschliche Beziehungen sind bis zu einem gewissen Grad von dynamischen Macht- und Dominanzstrukturen geprägt, aber das zu einer Philosophie zu verklären, dürfte nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen in Trennung, gegenseitiger Antipathie oder gar Gewalt enden. Wenn man sich nicht zufälligerweise gerade für den oberkrassesten Hatefucker hält, dürfte das den meisten Menschen missfallen. Womöglich geht es in langfristigen Beziehungen gerade darum, Machtverhältnisse abzubauen und durch liebevolles Einlassen zu verschmelzen: Für diese These fehlt mir allerdings noch die langfristige Erfahrung.

Ich liebe glatte, sterile Körper. – Ist das immer noch so?
Ja, das ist geblieben. Wobei ich es als berufliche und persönliche “Herausforderung” betrachte, mich mehr und mehr auch auf Körper einlassen zu können – jenseits meiner gewohnten und allgemeiner Schönheitsideale. Bei beidem spielt nämlich immer auch ein gewisser Grad an sozialem Druck eine Rolle. Und soziale Konvention sollte ja nun wirklich nicht die tiefere Sexualität dominieren.

Einfach drauf los. – Ist das immer noch Dein Motto?

Foto: Privat
Foto: Privat

Oh Himmel, nein. Ich wähnte mich damals in weitreichender Sicherheit vor ethischem und sozialem Ausschluss, vor Feindschaft und weitreichenden eigenen Fehlentscheidungen. Zwei, drei Jahre später sind meine persönliche Sensibilität und mein soziales Bewusstsein immens gewachsen. Heute sind kurz- und langfristige Entscheidungen durchdacht, zum Teil mit “Beraterstab” entwickelt. Bisher zahlt sich das aus.

Du arbeitest daran, Dich als Marke/Kunstfigur aufzubauen. Was bedeutet das konkret? Warum ist es Dir wichtig, als Markenprodukt in Erscheinung zu treten? Wie wichtig ist Dir dabei eine gewisse Privatsphäre?
Rafael Santeria ist eine sich selbst schreibende und von mir geschriebene Geschichte: Mein Leben war bis hierher unkonventionell und dramatisch. Aus diesem Leben kann ich mich reich bedienen, wenn ich die Öffentlichkeit unterhalten, faszinieren, bewegen möchte: Depressionen, Schmerzen, unvorstellbares Leid, ungeahnte Wendungen, durch nichts zu erklärendes Glück, Veränderung. Das Erzählen macht mir Spaß und hilft mir zudem bei der Verarbeitung. Meine Privatsphäre schütze ich dabei immer bewusster: Es braucht nicht jedes Detail meiner Geschichte bekannt zu sein, dann bleibt es spannend und ich erspare mir manche Konflikte mit mir selbst.

Du wurdest oft als Hatefucker bezeichet. Wenn Du zurück blickst: Wie geht es Dir mit diesem Stempel heute? Wie möchtest Du Dich aktuell gewertet wissen?

Foto: Privat
Foto: Privat

“Hatefuck” war ein ungeahnt erfolgreiches Branding, dabei war es seinerzeit gar nicht realitätsgerecht: Manchmal ging es härter zur Sache, aber auch nicht wesentlich mehr als bei vielen jungen Paaren heutzutage. Ich habe erschrocken und panisch das Image abgestreift, als ich bemerkt habe, dass Leute aus meiner Worthülse eine potentiell justiziable Realität gemacht haben. Ich habe mich über die Vorgänge damals ausführlich im feministischen Ressort des Vice-Magazins Broadly geäußert: “Ich fand mich selbst eklig” – in diesem Umfeld ist es seit dem auch nicht schöner geworden. Aktuell entwerfe ich einen neuen Produktionsstil, der eine Menge “von zart bis hart” abdeckt, aber klare und auch im Rahmen der Inszenierung sichtbare Grenzen sichtbar macht. Das Image-Produkt “Hatefuck” spielt dabei keine wirkliche Rolle mehr. Eine kleine Spielerei ist gerade in Überlegung, aber die ist noch nicht spruchreif.

Was ist Dir persönlich wichtig? Was ist Dein Antrieb? Geld, Macht, Ruhm, viele schöne Frauen und über kurz oder lang seelische Ausgeglichenheit und Lebensfrieden. – Hat sich das verändert? Warum?

Rafael Santeria | Foto: @benlaerk
Rafael Santeria | Foto: @benlaerk

Ich bin einigen Zielen auf unfreiwillige und zum Teil ganz merkwürdige Weise näher gekommen, vermutlich weil sich ihr Stellenwert verringert hat. Erfolg kann man nicht erzwingen – Seelenfrieden auch nicht. Moralisch integres Verhalten hingegen kann man sich im Zweifel sogar abverlangen. Ich habe mich von all zu konkreten Lebensentwürfen verabschiedet. Ich pokere auf Hoffnung, Geduld, Vertrauen und meinen mittlerweile etwas zivilisierteren Ehrgeiz, der mich selbst in den tiefsten Tälern immer noch vergleichsweise produktiv hat bleiben lassen.

Thema Depressionen: Du sagst, dass Du früher unter ihnen gelitten hast. Was hat sich geändert? Gibt es etwas, was Dich diese Krankheit gelehrt hat?
Die Depressionen haben sich immens verschlimmert, als mir alles in die Binsen gegangen ist. Demut. Leidensfähigkeit. Ich habe das “Durchhalten” erlernt. Einfach immer weitermachen. Es ist nicht (mehr) mein Lieblingsthema zugegebenermaßen. Ich danke dem Himmel für jeden Tag in Frieden und für das viele Glück, das ich am Ende hatte und zukünftig noch haben darf.

Du hast in den letzten Jahren einige Erfahrungen im Pornobiz gesammelt. Wie denkst Du heute über diese Szene?

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Nun, ich wollte seinerzeit ja eine moderne Subkultur in die Branche hineingründen – mit Sicherheit ein etwas vermessener Anspruch. Ein erfahrenerer Darsteller hat mir irgendwann mal geraten, nicht weiter meine Lebenserfüllung im “Wegwerfprodukt” Porno zu suchen – der Ratschlag hat wehgetan, hat sich aber als sehr heilsam erwiesen. Ich halte mich heute eher am Rand der Branche auf und lasse mich nicht mehr von jedem Gerücht, Zoff, Drama, Skandal persönlich involvieren. Auch wenn mir das heute manch einer nicht mehr glaubt, aber ich hatte irgendwann mal richtig gute Absichten. Bedauerlicherweise habe ich durch eigenes Image-Fehlverhalten diese Absichten bestmöglich verschleiert. Manche Leute tragen mir bis heute noch nach, dass ich naiv Leute unterstützt habe, die für geringe oder auch gar keine Bezahlung bekannt waren. Ansonsten muss und möchte ich das Chaos gerne vor der Tür lassen. Es gibt funktionierende Systeme mit anständigen Leuten. Die Branche an sich ist zwar durcheinander, aber im Großen und Ganzen fair und verträglich.

Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures
Rafael Santeria | Foto: @julianpaul.pictures

Du bist inzwischen auch als Model tätig. Wie ist es dazu gekommen? Was verbindest Du für Dich mit diesem Job? Welche Ziele hast Du dabei?
Richtig! rafaelsanteriamodel.com — ein wie auch der Rest mittlerweile international ausgerichtetes Projekt, mit dem ich mich künstlerisch über Wasser gehalten habe, als mir alles andere zum Hals raushing. Es geschieht ohne jeden Zwang, die Fotografen sind dankbar für interessante Gesichter (mit Verlaub: hab ich) und ich bin dankbar für professionelle Fotos. Ein gewisses Talent ist erkennbar und die Nachfrage erstaunt mich manchmal selbst. Mal sehen, wohin das noch führt.

Was bedeutet für Dich „Moderne Pornographie“? Wie möchtest Du Deine Interpretation in die Köpfe bzw. Betten der Konsumenten bringen?

Foto: Privat
Foto: Privat

Noch ist mein neues Produkt kaum sichtbar. Im Inflagranti-Streifen “Kinky Euro Girls” habe ich mit liebevollen Verbündeten bereits vorgelegt, was möglich ist: Anspruchsvolle Technik, in diesem Fall hauptsächlich britische, junge, attraktive Darstellerinnen mit Schlagseite zum Szenemilieu: Bisschen Tattoo und Piercings, bisschen Porno, Erotik-Subkultur 2016. Pornographisch geht’s dabei recht klassisch zu: Gonzo, wenig bis gar kein Dialog, dafür aber etwas Behind-the-Scenes-Material. Es ist ein Innenanblick davon, wie ein Junge aus dem deutschen Punkrock Profi-Porno produziert. Zukünftig sollen mehr Lifestyle-Produkte eine Rolle spielen.

Wie denkst Du über Frauen?
Dankbar denke ich an und über sie. Ohne sie wäre ich nicht da und vermutlich nicht mehr da.

Wie definierst Du Männlichkeit? Wie äußern sich Frauen diesbezüglich Dir gegenüber?
Maskulinität definieren. Oh weia. Souveränität, Liebesfähigkeit, Mut, Hoffnung… Es hat Facetten, aber eine Definition würde mich gerade überfordern. Sprechen wir in weiteren zwei Jahren nochmal und auf dem Sterbebett im Alter von medizinisch modernen 190. Die Frauenwelt hat auf meine Wandlung überaus positiv reagiert: Manche Menschen, die ich wie Dreck oder nah dran behandelt hatte, haben mir tatsächlich verziehen. Die meisten hatten all das Getue eh recht neutral verarbeitet, wurde mir zurückgemeldet: Es war so offensichtlich kindisches Getue. Mittlerweile zeigen mir die größten aller Frauen, die ich kenne, wie tief ihr Einfühlungsvermögen ist und wie groß ihre Energie und Hilfsbereitschaft sind. Ich kann ihnen nur danken für ihre Großherzigkeit.

Dass sich eine Frau um Dich zu bemühen hat, ist für viele „normale“ Männer – insbesondere aus der Fraktion der Schüchternen & Introvertierten, der eher optisch ungünstig Veranlagten – mehr Wunschtraum als Realität. Anspruchsdenken reicht da sicherlich nicht. Hast Du den einen oder anderen Tipp?

Foto: Privat
Foto: Privat

Jeder von uns muss sich im Rahmen seiner Möglichkeiten “verbessern”, wenn er seinen “Marktwert” steigern möchte. Ich bin offenbar attraktiv genug, dass bei mir vor allem der Faktor Persönlichkeit erfolgssteigernd ist – und natürlich Psychologie, Kommunikation. Ich würde ganz allgemein raten, sich fortlaufend in den Bereichen zu steigern, in denen man sich nicht blockiert fühlt: Wenn man sich fürs Fitnessstudio nicht begeistern kann, dann sollte wenigstens der Anzug sitzen. Viele Künstler, Schauspieler, Rapper und Alltagsmenschen machen vor, wie man auch mit 150 Kilo oder anderen “Defiziten” eine anziehende Menschlichkeit entwickeln kann. Wenn ich mich mal wieder für YouTube aufraffen kann, werde ich mich dazu bestimmt auch nochmal ausführlicher äußern. Im Video “Wie reißt man Frauen auf? Sei kein Idiot!” habe ich schon mal erste Ausblicke gegeben.

Du hast mittels Social Media Deinen Lebensstil des modernen Nomaden veranschaulicht und indirekt die Umsetzung erleichtert. Wie denkst Du aktuell über diesen Lebensstil? Was sind Deine herausragenden Erfahrungen bisher dabei?
Autsch. Schwachpunkt. Ganz ehrlich: Der Weg war so steinig und belastet und obwohl mir Minimalismus und – zumindest theoretisch – globale Flexibilität ein paar Vorsprünge verschafft haben, würde ich das Experiment nicht uneingeschränkt weiter empfehlen. Ich habe viel zu stark in Abhängigkeit von sesshaften Strukturen gelebt, als dass ich hier ein Loblied auf meinen eigenen Wagemut singen könnte.

Wer mehr über Rafael Santeria wissen möchte:
Rafaels youtube-Kanal
facebook.com/rafael.santeria
rafaelsanteria.com/ (Pornografische Inhalte. Ab 18J.!)
rafaelsanteriamodel.com

Titelfoto: @julianpaul.pictures

Infos zu den Fotografen:
Katrin Steffer | @corneredring
Ben Laerk | @benlaerk
Julian Paul@julianpaul.pictures

Menschenbilder | Wilhelm Busch | Anleitung zu historischen Porträts

Wilhelm Busch
Anleitung zu historischen Porträts

Unbenannt20x60

EINS

0721b

Zum Beispiel machen wir zum Spaß
Mal erstens das!

0721c

Dann zweitens zur Erheiterung
Kommt dieses als Erweiterung.

0721d

Zum dritten, wie auch zum Vergnügen,
Ist folgendes hinzuzufügen.

0722a

Hierauf noch viertens mit Pläsier
Gelangen wir zu diesem hier.

0722b

Zum Schluß noch dieses! – Ei Potzblitz!
So haben wir den Alten Fritz.

Unbenannt20x60

ZWEI

Mach still und froh

0722c

Mal so

0722d

und so,

0722e

Gleich steht er do

0722e

bei Austerlitz

0723a

und Waterloo.

0723b

Unbenannt20x60

DREI

0723c

Gesetzt, daß dies ein Kürbis sei,
Eine Gurke und drei Radi dabei;

0723d

So wär’s nicht übel, sollt‘ ich meinen,
Kürbis und Gurke zu vereinen;

0723e

Denn setzen wir jetzt die Radi dran,
So haben wir noch einen großen Mann.

Kultur | Kakuzo Okakura über die Ürsprünge der Samurai

Mit der Errichtung des Shôgunats oder militärischen Vizekönigtums im Jahre 1186 durch Yoritomo aus der Minamoto-Familie von Kamakura beginnt eine neue Entwicklungsstufe der japanischen Geschichte, deren Hauptmerkmale sich bis zur Meiji-Restauration unserer Tage erhalten haben.

felice-beato-portrait-of-the-satsuma-clan-envoys-1863
Felice Beato | Porträt des Samurai-Clans Envoys | 1863

Die Kamakura-Epoche [1200-1400 n. Chr.] ist als Übergangszeit von der Fujiwara-Periode zur Tokugawa-Epoche von Bedeutung. Sie zeichnet sich durch die höchste Steigerung des Begriffs der Feudalrechte und des berechtigten Individualitätsbewußtseins aus und gewinnt, wie alle Zwischenperioden, dadurch noch an Interesse, daß in ihr, gleichsam aufgelöst, bereits alle Entwickelungsfaktoren enthalten sind, die in ihrer vollen Entfaltung erst zu einer späteren Zeit in Erscheinung treten sollten. Wir sehen das Individualitätsbewußtsein inmitten der faulenden Trümmer einer Aristokratenwirtschaft nach Ausdruck ringen und ein Zeitalter der Heldenverehrung und heroischen Romantik einleiten, das mit dem Geiste des Individualismus zur Ritterzeit in Europa eng verwandt ist; nur daß die Verehrung der Frau durch orientalische Schicklichkeitsbegriffe eingeschränkt wird und die in der milden Freiheit der Jôdo-Sekte wurzelnde Religion des strengen Asketentums entbehrt, kraft dessen das alles beschattende Papsttum das abendländische Gewissen in eiserne Fesseln schlug. Die Aufteilung von Grund und Boden in Lehnsherrschaften, an deren Spitze das edle und mächtige Geschlecht der Minamoto von Kamakura stand, hatte zur Folge, daß der ganze Provinzadel sich um die alteingesessenen Herren und Ritter als um die Blumen und Vorbilder der Tapferkeit zusammenschloß. Das Vordringen über den Hakone-Paß der sogenannten östlichen Barbaren mit ihrer schlichten Tapferkeit und geradsinnigen Denkweise brachte überdies die weibische Überkultur, die Hinterlassenschaft des übermäßig gesteigerten Formalismus der Fujiwara, zu Fall. Jeder, auch der kleinste Ritter, suchte sich nicht nur im Gebrauch der Waffen, sondern vor allem auch in der Übung der Selbstzucht, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft auszuzeichnen, und diese Disziplin galt als Wahrzeichen der echten Tapferkeit höher als die reine Körperkraft.

Felice Beato | Samurai | 1867
Felice Beato | Samurai | 1867

»Wissen um das Weh aller Dinge«, so lautete der Wahlspruch der Zeit, die das erhabene Ideal der Samurai gebar, deren Lebenszweck es war, für andere zu leiden. In Wahrheit ist allein schon in der Etikette des Ritterstandes zur Kamakura-Zeit eine offenkundige Verwandtschaft mit den Ideen der buddhistischen Mönche zu erkennen, ebenso wie das Leben jeder indischen Frau dem Leben der Nonnen gleicht. Viele der Samurai oder Offiziere, die sich mit ihren Anhängern um ihre Lehnsherren oder Daimyôs scharten, trugen über ihrer Rüstung ein Priestergewand, und einige gingen sogar so weit, sich den Kopf scheren zu lassen. Im Kriegshandwerk selbst lag nichts, was den Gesetzen der Religion widersprach, und der Adlige, der der Welt entsagte, wurde einer der streitbaren Mönche des neuen Ordens. Die indische Idee des Guru oder Gebers geistigen Lebens wurde hier auf den Kriegsherrn der Samurai, wer er auch sein mochte, übertragen, und die leidenschaftliche Treue zum »Bannerherrn« war das oberste Gesetz des Kriegers. Männer gaben ihr Leben hin, um den Tod ihres Führers zu rächen, so wie in anderen Ländern die Frauen für ihre Gatten oder die Gläubigen für ihren Gott starben. Wohl möglich, daß dieses mönchische Feuer das japanische Rittertum seines romantischen Elementes beraubte. Es möchte scheinen, als sei die Idealisierung der Frau bereits in den ältesten Zeiten ein wesentlicher Bestandteil des japanischen Lebens gewesen. Stammen wir nicht alle von der Sonnengöttin ab? Jetzt erst, nach der Fujiwara-Zeit, die ganz im religiösen Gefühl aufging, nimmt die Liebe des Mannes zur Frau echt orientalische Formen an; sie wird zur Andacht, die um so tiefer ist, als der Altar, vor dem sie verrichtet wird, im Verborgenen steht, zur Quelle der Begeisterung, die um so stärker rauscht, als sie geheim ist. Eine fast religiöse Scheu siegelt die Lippen der Kamakura-Dichter, aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß die japanische Frau keine Verehrung genoß. Die Zurückgezogenheit des östlichen Zenanalebens ist nichts weiter als ein verschleiertes Heiligtum der Frau. Vielleicht haben auch die Troubadoure zur Zeit der Kreuzzüge die Kraft erkannt, die im Geheimnisvollen und Verborgenen ruht, denn bekanntlich war es eine geheiligte Tradition, den Namen der »gentil donna« in Dunkelheit zu hüllen. Dante zum mindesten gleicht als Dichter der Liebe vollkommen einem Orientalen, der von Beatrice, der Orientalin, singt.

Felice Beato | Samurai Yokohama | 1864-1865
Felice Beato | Samurai Yokohama | 1864-1865

So hüllte sich die Zeit bei Dingen der Liebe in Schweigen, daneben aber war sie erfüllt von epischem Heldentum, aus dessen Mitte die gewaltige und romantische Gestalt Yoshitsunes aus dem Hause Minamoto emporragt. Sein Leben ruft die Erinnerung an den Sagenkreis der Tafelrunde wach und ist, gleich dem des Ritters von Pendragon, im Nebel der Dichtung versunken, so daß es der Phantasie späterer Zeiten glaubwürdige Gründe bot, ihn mit dem mongolischen Dschingis Khan zu identifizieren, dessen wunderbare Laufbahn etwa fünfzehn Jahre nach Yoshitsunes Verschwinden in Yezo beginnt. Sein Name wurde auch Dschengi Khei ausgesprochen, und die Namen einiger Generale des großen mongolischen Eroberers haben gleichfalls Ähnlichkeit mit denen der Ritter Yoshitsunes. Daneben sehen wir Tokiyori, den Reichsverweser der Shôgune, wie Harun-al-Raschid als verkleideten Mönch das Land durchwandern, um sich über die Zustände im Reiche selbst zu erkundigen. Alle diese Begebenheiten dienten Abenteurerromanen als Anregung, die sich um irgendeinen Helden als Mittelpunkt aufbauen und im Gegensatz zu der Weibischkeit der Fujiwara-Schriften von rauher und herber Einfalt sind.
felice-beato-samurai-1868Der Buddhismus war genötigt, einfachere Formen anzunehmen, um den Anforderungen der Zeit zu genügen. Das Jôdo-Ideal sucht nunmehr das Gemüt des Volkes durch ungeschlachte Bilder der Vergeltung aufzurütteln. Darstellungen des Fegefeuers und der Höllenqualen tauchen auf, um die unter der neuen Herrschaft emporgekommenen Massen im Zaum zu halten. Gleichzeitig nehmen sich die Samurai die Lehren der in China unter der Sung-Dynastie zu hoher Blüte gediehenen Zen(Ch’an)-Sekte, die das Heil durch Selbstzucht und Willenskraft zu erringen sucht, zum Vorbild. So kommt es, daß die Kunst dieses Zeitalters sowohl der idealistischen Vollkommenheit der Nara-Periode wie der vollendeten Feinheit der Fujiwara-Zeit entbehrt; sie zeichnet sich jedoch durch die Rückkehr zur Linie und durch Lebendigkeit und Kraft der Formengebung aus.
felice-beato-tattooed-man-1865-1867Die für die Schöpferkraft eines heroischen Zeitalters so bezeichnenden Porträtstatuen nehmen in der Plastik jetzt den größten Raum ein. Erwähnt seien hier die Statuen der Mönche der Kegon-Sekte im Kôfuku-ji zu Nara. Selbst die Buddhas und Devas gewinnen individuelle Züge, so zum Beispiel die großen Ni-ô vom Nandaimon in Nara. Der große Bronzebuddha von Kamakura ist nicht frei von menschlicher Rührung, die bei den mehr abstrakt gestalteten Bronzen von Nara und Fujiwara fehlt.
Die Maler geben sich ebenfalls mit Porträtieren, daneben aber noch vielfach mit der Illustration von Heldensagen ab, zumeist in der Form der Makimono oder Rollen, auf denen die Bilder zwischen den geschriebenen Text verstreut sind. Nichts schien den damaligen Künstlern als zu hoch oder zu niedrig, um als Vorwurf genommen zu werden, und auch der formalistische Kanon adeliger Geburt wurde in der Begeisterung des neu erwachten Individualitätsbewußtseins vergessen. Die größte Freude hatten die Künstler indes an der Darstellung der Bewegung. Das treffendste Beispiel hierfür sind die wunderbaren Straßenbilder des Makimono aus dem Besitz des Prinzen Tokugawa von Bandainagon und die drei Schlachtenszenen der Heiji-Erzählungen, die in den Sammlungen des Mikado, des Barons Iwasaki und des Bostoner Museums aufbewahrt sind, und die fälschlicherweise Keion zugeschrieben werden, einem Künstler, dessen Existenz nicht einmal erwiesen ist.
felice-beato-japanese-warrior-in-armour-1865-1867Die prunkvolle Serie von Abbildungen der Höllenqualen in den Makimonos »Jigoku-sôshi« und »Kitano-tenjin-engi«, bei denen sich der kriegerische Geist des Zeitalters an dem furchtbaren Schauspiel der Vernichtung und des Grauens ergötzte, rufen ganz unmittelbar Bilder aus Dantes Inferno wach.

Okakura Kakuzō (jap. 岡倉 覚三, alias 岡倉 天心 Okakura Tenshin; * 14. Februar 1862 in Yokohama; † 2. September 1913) war ein japanischer Kunstwissenschaftler und -förderer.
Okakura war ein in der Öffentlichkeit stehender Stadtbewohner, der bereits in der Meiji-Zeit ein internationales Selbstverständnis besaß. Seine Hauptwerke verfasste er in Englisch. Okakura erforschte die traditionellen Künste Japans, bereiste Europa, die Vereinigten Staaten, China und Indien. Im Angesicht eines massiven Ansturms westlicher Kultur präsentierte er der Welt ein Bild von Japan als ein Mitglied „des Ostens“.
Sein Buch, The Ideals of the East (dt. Die Ideale des Ostens) aus dem Jahr 1904, das er kurz vor Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges veröffentlichte, ist berühmt für seine Eingangsworte Asia is One („Asien ist Eins / eine Einheit“). Er fährt fort, selbst der Himalaya könne das Zusammenspiel von chinesischer und indischer Kultur nicht trennen. Dies war ein früher Ausdruck von Pan-Asiatismus und stand im Gegensatz zu der in Japan verfochtenen Meinung „Raus aus (dem zurück gebliebenen) Asien“ (脱亜).
In Japan wird Okakura – in Gemeinschaft mit Fenollosa – das Verdienst zugeschrieben, die Nihonga, die Malerei mit traditionellen japanischen Techniken, fortgeführt zu haben, da sich diese Kunstrichtung durch Yōga, die Kunst westlichen Stils, bedroht sah, deren wichtigster Förderer Kuroda Seiki war. Darüber hinaus wirkte er, da er die Notwendigkeit der Erhaltung des japanischen Kulturerbes begriffen hatte, bei der Modernisierung der japanischen Ästhetik mit und wurde auf diese Weise zu einem der wichtigsten Reformer der Meiji-Zeit.
Außerhalb Japans hatte Okakura direkt oder indirekt erheblichen Einfluss auf wichtige Persönlichkeiten wie den Philosophen Martin Heidegger, den Dichter Ezra Pound und besonders den Dichter Tagore und Frau Gardener, mit denen ihn eine enge Freundschaft verband. | Quelle: wikipedia

Die Fotos stammen von Felice (Felix) Beato.

Felice Beato (* 1832 in Venedig; † 29. Januar 1909 in Florenz) war einer der ersten Fotografen, der militärische Auseinandersetzungen und das Leben in Ostasien dokumentierte. Bekannt ist er für seine Porträts sowie seine Landschafts- und Architekturaufnahmen in Asien und im Mittelmeerraum. Wegen seines umfangreichen Œuvres zählt man ihn heute zu den frühen Fotojournalisten.

TextQUELLE
Kakuzo Okakura | Die Ideale des Ostens
Insel-Verlag | 1922
Übersetzer | Marguerite Steindorff

Menschenbilder | Von vergangenen Zeiten der Ritterlichkeit

[R i t t e r l i c h k e i t]

Sohn, da hast du meinen Speer;
meinem Arm wird er zu schwer!
Nimm den Schild und dies Geschoss;
tummle du forthin mein Ross!

Siehe, dies nun weiße Haar
deckt der Helm schon fünfzig Jahr;
jedes Jahr hat eine Schlacht
Schwert und Streitaxt stumpf gemacht!

Herzog Rudolf hat dies Schwert,
Axt und Kolbe mir verehrt,
denn ich blieb dem Herzog hold
und verschmähte Heinrichs Sold!

Für die Freiheit floss das Blut
seiner Rechten! Rudolfs Mut
tat mir seiner linken Hand
noch des Franken Widerstand!

Nimm die Wehr und wappne dich!
Kaiser Konrad rüstet sich!
Sohn, entlasse mich des Harms
ob der Schwäche meines Arms!

Zücke nie umsonst dies Schwert
für der Väter freien Herd!
Sei behutsam auf der Wacht!
Sei ein Wetter in der Schlacht!

Immer sei zum Kampf bereit!
Suche stets den wärmsten Streit!
Schone des, der wehrlos fleht!
Haue den, der widersteht!

Wenn dein Haufe wankend steht,
ihm umsonst das Fähnlein weht,
trotze dann, ein fester Turm,
der vereinten Feinde Sturm!

Deine Brüder fraß das Schwert,
sieben Knaben, Deutschlands wert!
Deine Mutter härmte sich
stumm und starrend, und verblich.

Einsam bin ich nun und schwach;
aber, Knabe, deine Schmach
wär mir herber siebenmal
denn der sieben andern Fall.

Drum so scheue nicht den Tod
und vertraue deinem Gott!
So du kämpfest ritterlich
freut dein alter Vater sich!

trennlinie2Friedrich Leopold Graf zu Stollberg
(* 7. November 1750 in Bramstedt, Holstein, damals unter dänischer Regierung; † 5. Dezember 1819 auf Gut Sondermühlen (Melle) bei Osnabrück, beerdigt in Stockkämpen) war ein deutscher Dichter, Übersetzer und Jurist.
Seine revolutionär-pathetischen Gedichte werden zum Sturm und Drang gezählt. Er schrieb Oden, Balladen, Satiren, Reisebeschreibungen und Dramen. Bekannt sind seine Homer- und Ossianübersetzungen.

Philosophie | Plato und die Musen

Sokrates und Plato. Frontispiz von «Prognostika Sokratis basilei». Ein englisches Wahrsagebuch aus dem 13.Jahrhundert. Wahrscheinlich das Werk von Matthew Paris. Bodleian Library, Oxford. MS. Ashmole 304, fol. 31 v.

***

Plato hat nicht nur eine der schönsten Verherrlichungen der Musen geschrieben, sondern ihnen auch eine der grundsätzlichsten Absagen erteilt. Was der junge Plato liebens- und lobenswert fand, verbannte der alte Plato aus seinem «Staat». Der Dichter-Philosoph lebte einen Konflikt, der eine abendländische Konstituante darstellt: der Kampf zwischen Minerva und den Musen, zwischen der Philosophie und der Dichtung, zwischen dem Begriff und dem Bild um den ersten Platz. Ein Kampf, der auch in unserer Zeit auf beiden Seiten seine Opfer forderte.

Menschenbilder | Jackson Pollock über sich & die Sandmalerei

Meine Malerei entsteht nicht auf der Staffelei. Ich spanne die Leinwand selten auf, bevor ich male. Ich befestige lieber die Leinwand an der harten Wand oder auf dem Boden. Ich brauche den Widerstand einer harten Fläche. Auf dem Boden fühle ich mich wohler. Ich fühle mich mehr eins mit dem Bild, auf diese Weise kann ich mich um das Bild bewegen, von allen vier Seiten, und buchstäblich in dem Bilde sein.

Dies ist die Technik der indianischen Sandmaler des Westens. Ich weiche immer mehr von den üblichen Malmitteln, wie Staffelei, Palette, Pinsel usw. ab: ich verwende lieber Stöcke, Spachteln, Messer und fließende Farbe oder einen schweren Grund, dem ich Sand, gebrochenes Glas oder andere Stoffe beimische. Wenn ich in meinem Bild bin, nehme ich nicht wahr, was ich eigentlich tue. Nur durch eine Periode des «Kennenlernens» erkenne ich, was entstanden ist.

Ich fürchte mich nicht, Änderungen vorzunehmen oder die Vorstellung des Bildes zu zerstören usw., weil das Bild sein eigenes Leben hat, und ich versuche es durchscheinen zu lassen: nur wenn ich den Kontakt mit dem Bild verliere, ist das Resultat ein Verlust. Sonst entsteht eine reine Harmonie, ein wechselseitiges Geben und Nehmen und das Bild gelingt. | Jackson Pollock

Sandbilder sind Bilder aus farbigem Sand, die zumeist in symbolischen Handlungen, Gebeten oder Heilzeremonien Verwendung finden. Die Bekanntesten sind die der Tibeter und der Nordamerikanischen Ureinwohner.
Die Nordamerikanischen Sandbilder bzw. sandpaintings sind symbolische Bilder, die an bestimmte Zeremonien gebunden sind und ursprünglich aus pulverisiertem rotem, gelbem und weißem Sandstein und zermahlener Holzkohle auf einen hellsandigen und geglätteten Boden ‚gemalt‘ werden. Diese Gemälde können 30 cm, aber auch bis zu 5 Meter Durchmesser betragen.
Das Bild muss an einem Tag erstellt und am selben auch wieder zerstört werden. Während einer Heilungszeremonie, einem bis zu mehrere Tage andauernden Ritual mit Gesängen, kann eine ganze Reihe solcher Sandbilder erstellt und wieder gelöscht werden. Die zu behandelnde Person wird dabei während der Zeremonie in ein Sandbild gestellt oder gesetzt. Die Navajo, die Sandbilder ursprünglich von den Pueblo-Indianern übernahmen und weiter entwickelten, kennen bis zu tausend mit entsprechenden Zeremonien verbundene Sandbilder. | Quelle: wikipedia

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

p1070286
Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Menschenbilder | Francisco Borès | Spanischer Maler der Moderne

Francisco BorèsFrancisco Borès wurde 1898 in Madrid geboren. Mit 17 Jahren beginnt er an einer Privatakademie zu malen. Er kopiert insbesondere Bilder aus dem Prado, wofür Borès sich viel Zeit nimmt. 1922 tritt er der s.g. Ultraisten-Gruppe – einer literarischen und künstlerischen avantgardistischen Vereinigung bei.

Der Ultraismus (von span. ultraísmo) ist eine Literaturbewegung, die 1918 in Spanien mit der erklärten Absicht entstand, dem Modernismus entgegenzutreten, der die spanische Dichtung seit Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte. Er wurde in den Gesprächsrunden des Madrider Café Colonial unter Leitung von Rafael Cansinos Assens begründet.
Den ultraistischen Kern bildeten, neben weiteren, Guillermo de Torre, Juan Larrea, Gerardo Diego, Pedro Garfias, Ernesto López-Parra, Lucía Sánchez Saornil, Jacobo Sureda und Jorge Luis Borges, der damals in Madrid lebte.
Im Einklang mit dem italienischen und russischen Futurismus, dem Dadaismus und dem französischen Surrealismus verfolgte der Ultraismus das Ziel eines ästhetischen Umbruchs, dies jedoch weniger umfassend als der Surrealismus, der die Ausdehnung auf alle Künste und sogar den Alltag beabsichtigte.

Zum ersten Mal stellt Borès 1925 im Salon der iberischen Künstler aus. Gezeigt wurden dabei etwa 20 Werke. Beflügelt durch den Erfolg zog der Maler nach Paris, wo er auch 1972 starb.

Francisco Borès_galerieframondZunächst näherte sich Francisco Borès denjenigen jungen Malern, die in der Bewunderung Juan Gris‘ leben und nach dessen Beispiel von der Bildeinheit ausgehen, um die Realität wiederzufinden. Aber bald lehnt er sich gegen die Verkalkung der kubistischen Konzeptionen auf. So bricht er mit dem Geist der Geometrie und der im Voraus festgelegten Konstruktion und bemüht sich, die Dynamik der Gegenstände auszudrücken. Zugleich versucht er, diese wieder in den Raum zu stellen und die Atmosphäre, die sie bilden, zu gestalten. Schon seit seiner ersten Pariser Ausstellung im Juni 1927 in der Galerie Percier ist sein Werk eine Auswahl bestimmter Signaturen, reich nuanciert und von subtilem Gleichgewicht der Formen. Vom Jahre 1929 an nähert sich Francisco Borès, der sich gleichfalls sehr für die Bestrebungen der Surrealisten interessiert hat, wenn er sich auch abseits dieser Bewegung hielt, wieder mehr der Natur und strebt eine engere Verbindung von malerischer Schöpfung und optischem Eindruck an.

Bisweilen steckt in den burlesken Kombinationen ein gewisser Humor. Seine Mittel sind dabei stets äußerst sparsam. Borès geht zwar immer von der Wirklichkeit aus, gibt aber von ihr ganz unerwartete Resumés, an denen die Phantasie den gleichen Anteil hat wie die Erinnerung. Später entwickelte sich sein Werk noch weiter in Richtung der reinen Malerei.

Hier eine kleine Auswahl seiner Werke:

Unbenannt20x60

Menschenbilder | HEINRICH SURBECK | Der Schweizer Chemiker & Ingenieur auf Sumatra

Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen.

b5
Heinrich Surbeck vor dem gigantischen Blutenstand eines Amorphophallus an der Westküste Sumatras [1937]

Heinrich Surbeck wurde am 16. Februar 1876 in Hailau geboren, neben zwei Schwestern der einzige Sohn eines Landwirtes, der auch eine Bauernmetzgerei betrieb. Die Mutter stammte ihrerseits aus einer alteingesessenen, angesehenen Bauernfamilie der gleichen Gegend. Früh erlebte er die ökonomischen Sorgen des Elternhauses; als sich der Vater notgedrungen wieder vermehrt auf den heimatlichen Weinbau verlegte, brach über diesen die große Krise der achtziger Jahre herein. Das zwang die ältere Schwester zur Auswanderung in die USA.
Der junge Heinrich aber lernte das Große und Harte der Natur zu achten, er träumte sich in das Lockende und Rettende fremder, ferner Länder hinein und sah, dass sich das Leben nur im eigenen Einsatz leisten lässt, dass Fleiß, Geduld und Zähigkeit seine Krisen überwinden. Seine Begabungen sollten auch ihn bald aus dem Hallauer Stammkreis herausführen; so weit sie es taten, so kehrte er doch stets zu dieser seiner geliebten Heimat zurück, wo er später ein Haus kaufte, das den tief symbolischen Namen «Zur Brunnquell» trägt. Den Lehrern am Schaffhauser Gymnasium fielen vor allem die Neigungen des Knaben zu allen Naturwissenschaften auf, zur Geologie, Botanik und Chemie; aber auch die fremden Sprachen wuchsen ihm mit Leichtigkeit zu. Dem beugten sich die sparsamen Eltern freudig; dann aber starb, viel zu früh, der Vater.
Nun wurde der Student erst recht die tragende Hoffnung für Mutter und Schwester, die alles für ihn einsetzten. Mit Erfolg studierte er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Chemie und Ingenieurwissenschaften, aber nach der Ablieferung des Diplomes warf ihn ein schweres Lungenleiden auf das Krankenlager. Der Aufenthalt in der Höhe, wo er Heilung erhoffte, stellte seine Getreuen in Hallau erneut vor das Nichts.

Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.
Seeigel aus Insulinde. Neben den stachelbesetzten Tieren Hegen auch einzelne Gehäuse, denen die Stacheln abgefallen oder abgescheuert sind, sie sitzen jeweils auf den Buckeln. In beiden Fällen haben wir hier herrliche Kunstformen der Natur vor uns.

Da vernahm er 1902, dass eine von Schweizern gegründete Gambir-Plantage in Indragiri auf Sumatra einen technischen Leiter suchte. Surbeck griff entschlossen zu und gewann den Einsatz. Unter südlichen Sternen brachte der mit einem widrigen Schicksal Ringende die zähen Tugenden seiner Klettgauer Vorfahren zur vollen Entfaltung. Als ein goldlauterer, tiefbescheidener Charakter wird er geschildert, dem minutiöse Pflichterfüllung alles war, voller Initiative und realistischer Phantasie und einer innerlichsten Aufgeschlossenheit und Liebe zur Natur. Sein Leiden heilte in den Tropen aus, nun schritt er in breitem Gelingen vorwärts, wurde
Mitbegründer einer weiteren Korporation auf der Basis der Gambir-Gerbstoffabrikation, schließlich unabhängiger Erbauer von Limonaden- und Eisfabriken, vor allem aber vorbildlicher Wasserwerke in Siantar und Padang Sidempuan an der Westküste Sumatras. Während eines Europaaufenthaltes heiratete er 1908 seine Lebensgefährtin, eine Bernerin, die ihm unerschrocken in die Pionierwelt der Tropen folgte, ihm vier gesunde, hoffnungsvolle Kinder schenkte, die nah dem Busch und seinem mächtigen Leben ihre Jugend verbrachten. Sie wuchsen ganz in der malayischen Umwelt auf und ließen sich schaudernd vom humorvollen Vater erschrecken, der im Urwald mit dem Stock einen Tiger aus dem Gebüsch zu klopfen vorgab. Erst die Schuljahre zwangen die Kinder wieder in die Schweizer Heimat zurück und ließ sie so im Heimweh nach zwei Welten groß werden. In seiner Mußezeit sammelte Heinrich Surbeck hauptsächlich Farne, Bärlappe und Moosfarne; das umfangreiche Herbar schenkte er schließlich einem bekannten Farnliebhaber, dem Lehrer E. Oberholzer in Zürich, der ihm nun jede wissenschaftliche Pflege angedeihen lässt.

Als die japanische Besatzung über dem Lande lastete, alles lähmend, war es der Trost des Vaters, auf Hunderten von Blättern die Tier- und Pflanzenwelt der tropischen Umgebung für seine Kinder malend festzuhalten. So sind Dokumente entstanden, aus denen die Abbildungen in diesem Beitrag stammen. Von 1942 bis im August 1945 dauerte die japanische Besetzung, eine Zeit der Schrecken und Qualen für das ganze Inselland. Gewiss wurden die Schweizer geschont, aber ihr tätiges Gewissen brachte sie selber in Gefahr.

Die Familie Surbeck hat nichts unterlassen, um den anderen Europäern in den Gefängnissen und Konzentrationslagern vor allem medizinische Hilfe zukommen zu lassen, sie durften sich wohl auf die Treue ihrer malayischen und chinesischen Helfer verlassen; aber der Verdacht solcher Hilfe richtete sich schließlich auch auf sie selbst. Das Ende taucht in die blutigen Schrecken eines furchtbaren Massakers. Noch nach ihrer Niederlage mussten die Japaner eine Art Ordnungsdienst aufrechterhalten, die von ihnen aber schon früher aufgestachelten Malayen setzten ihre Raubzüge fort, so dass schließlich auch Heinrich Surbeck und seine Freunde von dem grauenhaften Schicksal erreicht wurden, in die Hände dieser verwirrten Horden zu fallen. Das geschah am 15. Oktober 1945; die Schiffe der Alliierten befanden sich schon in den Häfen, da führte eine zügellose Bande von Eingeborenen die letzte Rache der Japaner aus. Sie setzten das flügelartig aufgebaute Hotel in Brand, rückten von Zimmer zu Zimmer mordend vor und konnten schließlich die Frauen von den kämpfenden Männern trennen: als die tapferen Töchter später von den Alliierten befreit wurden und nach dem Vater forschten, war es zu spät.

Auch Heinrich Surbeck hatte die Todeskugel erreicht. Über vierzig Jahre hat er mitgeholfen, Sumatra technisch zu erschließen, im Glauben an den Sinn dieser Leistung für Land und Volk; nun liegt er auch dort begraben. Das aber ist der Glauben aller, die guten Willens sind, dass Hass und Wahn vergehen, Vernunft und Güte schließlich ihren Sieg davontragen. In ihnen ist kein Einsatz und keine Mühe verloren und sie tragen ihre Früchte tröstlich ins Kommende.

Heinrich Surbeck (16.2.1876 – 15.10.1945)
Geboren: Hallau/SH
Gestorben: Pematang/Siantar/Sumatra

Surbeck verbachte seine Jugendzeit in Hallau und erlangte die Matura in Schaffhausen. Sein Naturkundelehrer war Dr. Jakob Meister (1850-1925). Mitglied der Scaphusia.
Studium der Botanik, ein Semester in Lausanne dann 1895-1900 Chemiestudium an der ETHZ.
1904 zog er nach Sumatra und wurde technischer Leiter der Gambirplantage Gading Estate in Indragiri, die Schweizern gehörte.
Ab 1916 hatte er in Pematang Siantar an der Ostküste Sumatras eine Eis- und Limonade Fabrik. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges baute er ein Elektrizizätswerk und eröffnete ein modernes Hotel. Auch in Padangsidimpoean (Tapanoeli) besass er einen Industriebetrieb.
Seit 1930 war er Mitglied der NGSchaffhausen. Etwa 400 Herbarpflanzen, davon 200 Farne von 1914-1917 offerierte er Prof. Schröter der ETH. Dieser akzeptierte die Offerte jedoch nicht, da er die meisten Pflanzen schon besaß.
1939 schenkte er die Farne E. Oberholzer in Samstagern und die restlichen Pflanzen an ZT.
Durch Prof. Dr. Walo Koch wurde er ermuntert seine botanische Arbeit in Sumatra wieder zu aktivieren, vor allem auf dem Gebiete der Wasserpflanzen. Surbeck wurde 1945 bei einem Eingeborenenaufstand in Sumatra ermordet.

Christina Leitow | Collagen

teena_test3Wer bist Du?
Christina Leitow | Künstlername TEENA
Künstlerin | Kulturwissenschaftlerin

Wo lebst Du?
In der Nähe von Buchholz in der Nordheide, auf dem Land, mit der Bahn sind es ca. 25 Minuten nach Hamburg

Womit beschäftigst Du Dich aktuell?
Im Moment sehr intensiv mit der Entstehung meines neuen Ateliers. Große Vorfreude. Mein altes Atelier ist viel zu klein geworden…

Ich experimentiere zur Zeit viel mit neuen Farben und Materialien. Entwickle Themen für meine Ausstellung in Hamburg im nächsten Jahr.

Was sind die Ursprünge Deines künstlerischen Werkes?
Das Finden, Sammeln, entwickeln, visualisieren von Themen, die mich beschäftigen. Persönliches und Gesellschaftliches.
Materialien wie Zeitungen, Zeitschriften, Werbeflyer, Briefmarken, Oblaten, Fundstücke vom Flohmarkt oder aus der Natur.

kindergarten_collage
*Save Fu* eine der ersten Collagen von TEENA aus den 70er Jahren – erweitert 2015…

Wie hast Du Deinen aktuellen Stil entwickelt?
So lange ich denken kann, mache ich Collagen. Zwischenzeitlich, insbesondere auch während des Kunststudiums in Lüneburg (Angewandte Kulturwissenschaften – Kunst, Sprache & Kommunikation, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit) habe ich auch viel gemalt. Seit ca. 6 Jahren entwickelt sich meine jetzige Form der Collagekunst.

Ich experimentiere viel mit neuen Materialien und bin selbst gespannt, wohin mich das führt.

Wie ist es zu Deiner CollageSerie *Find dine Farver* gekommen?
*Find dine Farver* – diesen Satz las ich auf der letzten Dänemarkreise im Juli 2016 in einer dänischen Zeitschrift. Es hat sofort *klick* gemacht. Finde deine Farben, das ist ein Lebensthema für mich – früh, im Kindergartenalter schon inspiriert von Frederick (Leo Lionni).

leo-lionni-frederick“From time to time, from the endless flow of our mental imagery, there emerges unexpectedly something that, vague though it may be, seems to carry the promise of a form, a meaning, and, more important, an irresistible poetic charge.”  —  Leo Lionni

Auf Reisen richte ich mir, wann immer möglich, ein kleines Atelier ein.  Ich arbeite dann nur mit Materialien, die ich vor Ort finde.

Besagte Kreidefarbe
Besagte Kreidefarbe.

Im Shop vom Ringkøbing Museum habe ich eine besondere Kreidefarbe entdeckt, die mich sofort angesprochen hat. Meine erste Farbe hatte ich also gefunden… Nur um sie kurz darauf in einem Café wieder zu verlieren, bzw. die Tüte mit der Farbe und Pinsel dort zu vergessen… Zum Glück war sie am nächsten Tag noch da und ich konnte endlich beginnen mit der kleinen Serie. Täglich kamen neue Fundstücke hinzu.

Wie schätzen andere Leute Deine Arbeit ein? Bekommst Du Feedback?
Im persönlichen Umfeld bekomme ich sehr viel echtes Feedback. Interessant ist, dass unter den Käufern meiner Collagen viele Künstler, Grafiker, Medienmenschen sind. Es gibt schon ein paar Sammler, worüber ich mich natürlich riesig freue. Es ist jedes Mal ein ganz besonderes Gefühl, meine Arbeiten in anderen Räumen (wieder) zu sehen.

Meinen twitter-account nutze ich als „twART-Labor“ – da bekomme ich häufig interessantes feedback. Über twitter haben sich auch ein paar sehr nette, reale Kontakte entwickelt, auch spannende Ausstellungsbeteiligungen und Ankäufe meiner Arbeiten.

Collagen an die Wand gebracht.
Collagen an die Wand gebracht bei den *Weingaleristen* in Hamburg. Im Mai 2017 folgt die 3. Ausstellung dort.

Gibt es besonders inspirierende Menschen, die Du bisher getroffen hast? Worin liegt die Inspiration? Gibt es „Vorbilder“ für Dich?
Mich inspirieren sehr unterschiedliche Menschen und Erlebnisse. Lebendige und tote Künstler, Kunst, Literatur, Musik, die Natur. Manchmal nur ein Wort, ein Satz. Eine Strophe. Ein Fundstück. Ein Ereignis. Ein Augenblick.

Das Leben. Reisen. Begegnungen. Und immer wieder die Natur…

Pop Art, Kitsch-Art haben mich im Studium sehr inspiriert. Eine damalige Exkursion nach Köln ins Museum Ludwig war der Beginn einer wohl lebenslangen PopArt-Liebe…  Die Dada-Künstlerin Hannah Höch z.B. inspiriert mich sehr. Das Kunsthaus Stade hatte eine grandiose Höch-Ausstellung anlässlich 100 Jahre Dada präsentiert… Françoise Gilot. George Sand. Um nur noch ein paar zu nennen…

„Ich will die Mannigfaltigkeit des Lebens preisen mit meiner Arbeit, die Schönheit auch – aber nur als in der Nichtgefälligkeit mit einbeschlossen.“ | Hannah Höch | Tagebuch 1937

Du sagst „Kauft mehr Kunst…“ – Was meinst Du damit, für Dich?
Ein Appell: Kauft mehr Echtes. Originale. Unterstützt damit direkt Künstler. Hängt Euch nicht billig Reproduziertes an die Wände… Es ist wirklich hart, als Künstler Geld zu verdienen… Es gibt viele spannende Künstler, die man in ihren Ateliers besuchen – und bei denen man einfach direkt kaufen – kann…

Was beeindruckt Dich in der Kunst besonders?
Die Freiheit. Das „Sichverlieren“ in der Kunst. Neue Welten entdecken und erschaffen. Flow und Inspiration. Beim selbst Erschaffen oder auch beim Betrachten.

Was waren Deine “schrägsten” Momente als Künstlerin?
Oh, da gibt es viele…

2 Jahre lang habe ich gemeinsam mit einer Projekt-Partnerin den Kunstraum „schräg und gut“ in Jesteburg initiiert. Wir haben dort viele Ausstellungen mit unterschiedlichen Künstlern kuratiert und präsentiert. Gleichzeitig hatte ich dort mein Atelier und KULTURPLANETEN-Büro. – Das waren zwei sehr „schräge“ Jahre…

Was wünscht Du Dir für Deine Zukunft?
Mehr Collaboration Art. Hach, ich wünsche mir die Teilnahme an einer Ausstellung in London… Und mal wieder in Berlin.

Was sind die Kulturplaneten? Was bedeutet diese Arbeit für Dich?
Mit meinem KULTURPLANTEN-Büro realisiere ich seit 2010 freiberuflich für Kunden klassische und online-Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Kunst-, Kultur-, Nachhaltigkeitsprojekte. Zum Beispiel diverse Fotowettbewerbe und Ausstellungen. U.a. das Projekt „Wo Wirtschaft spielt“ für mein Lieblings-Wirtschaftsmagazin brand eins. Im Moment ruhen meine KULTURPLANETEN-Aktivitäten ein wenig, da ich einen ganz wunderbaren, nachhaltigen Job bei mir in der Nähe angeboten bekommen habe. Seit April 2015 verantworte ich die Kommunikation für Spa Vivent, ein sehr engagiertes Naturkosmetikunternehmen.

Die CollageSerie *Find dine Farver*

Wo findet man Dich im Internet?
Blog (online gallery) | kokuku.wordpress.com
twitter | kokuku
twitter | kulturplaneten
instagram | teena_artist

Menschenbilder | Else Lasker-Schüler über Karl Kraus

Über Karl Kraus | Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet –in meinen Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte ein Bischof an meine Mutter geschrieben; ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer schenken Karl Kraus‘ Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen – wie der wahre Don Juan, der nicht ohne Frauen leben kann, sie darum haßt – im Grunde aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuss erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über den Raum – Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. – Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O, diese Not, heute rot – – morgen tot! Unentwendbar inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die Schnellläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem die Welt zugenagelt ist.

trennlinie2

Titelbild: Dunkles Wachen von Ursula Stock | Öl, 80 x 100 cm, 1980 | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: wikipedia
Ursula Stock (* 28. Juli 1937 in Stuttgart) ist eine deutsche Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin.

trennlinie2

Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold | Else Lasker-Schüler | 1916

Else Lasker-Schüler, eigentlich Elisabeth Lasker-Schüler (geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem) war eine bedeutende deutsch-jüdische Dichterin. Sie gilt als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Sie trat aber auch als Zeichnerin hervor.

Rosa Mayreder | Von der Männlichkeit

„Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“

Rosa Mayreder | 1905

Von der Männlichkeit

I

rosa-mayreder-1905
Rosa Mayreder | 1905

Man wird die Wandlung, die sich in der Stellung des weiblichen Geschlechtes vollzieht, nicht in ihren tiefsten Ursachen begreifen, solange man die Wandlung in den Lebensbedingungen des männlichen Geschlechtes unbeachtet läßt. Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als daß Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten. Vielleicht ist eine der wichtigsten Entstehungsbedingungen der Frauenbewegung in Veränderungen innerhalb des männlichen Geschlechtes zu suchen. »Die Geschlechtslaster der Frauen sind nun die der Männer geworden,« hat schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein tieferblickender Mann geschrieben; »unsere Bildung ist eine vorwiegend lyrische, weibliche, die den Mann zum zarten Genossen des Weibes, nicht das Weib zur starken mannlichen Gesellin des Mannes erzieht. Das Männische, wo es nicht zu ersticken war, muß als unberechtigt und ausgeschlossen zu barer Roheit entarten; und da die Männer Frauen geworden sind, was sollen die Frauen, durch diese geschlechtliche Völkerwanderung aus ihrer natürlichen Sphäre verdrängt, tun –? .. Bleibt denjenigen Frauen, die keine Kinder werden wollen oder können, etwas anderes, als das Feld zu erobern, das die Männer verließen, um das Gebiet einzunehmen, welches ehedem das ihre war?« (Otto Ludwig, Shakespearestudien.)

Und Goethe ist von einer ähnlichen Auffassung ausgegangen, als er sagte: »Es ist keine Frage, daß bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen. Denn bei einem wechselseitigen Einfluß muß der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; denn sein Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft. Nimmt dagegen das Weib von dem Manne etwas an, so gewinnt es; denn wenn es seine übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken läßt.«
Die Bedeutsamkeit dieser Aussprüche liegt nicht so sehr in dem Urteil zugunsten der Frauen, als vielmehr in der Bestätigung, daß etwas an der Männlichkeit nicht in Ordnung ist. Im allgemeinen kommt das den Männern nicht zum Bewußtsein. Es widerstrebt dem naiven Geschlechtsdünkel des gewöhnlichen Mannes, einzuräumen, daß zwischen ihm und dem Manne anderer Epochen im Grade der Männlichkeit ein Abstand sein sollte. Was ihm von Kindesbeinen an als Maßstab seines männlichen Wertes suggeriert wird, daran hält er sich, ohne zu fragen, ob es sich mit den Bedingungen und Einflüssen verträgt, denen er sein ganzes Leben lang ausgesetzt ist.
Wie ein altes Götterbild, das noch öffentlich verehrt und mit den vorgeschriebenen Opfern bedient wird, obgleich es längst aufgehört hat, seine Wunder zu verrichten, regiert der Begriff der Männlichkeit in der modernen Kulturgesellschaft. Der Vorstellungsinhalt, der sich damit verbindet, ist erfüllt von Überbleibseln vergangener Zeiten, von Rückständen alter Verhältnisse. Ja man kann wohl behaupten, daß das Mißverhältnis zwischen den modernen Lebensbedingungen und den herrschenden Normen bei dem männlichen Geschlecht noch größer ist als bei dem weiblichen. Durch seine soziale Natur steht aber der einzelne Mann ebenso wie das Weib in einem Abhängigkeitsverhältnis; sofern er zum Durchschnitt gehört, ist er der Tyrannei der Norm ebenso unterworfen, empfindet die Bestimmungen der Sitte und Moral ebenso als Herren über sich. Nur die Bestimmungen selbst sind andere.
Betrachtet man den Begriff der Männlichkeit, wie er sich in allgemeinen Umrissen im gewöhnlichen Leben oder in jenen Schriften darstellt, die einer normativen Grundlage bedürfen, in pädagogischen, populär-medizinischen, didaktisch-moralischen, so findet man den primitiven teleologischen Geschlechtstypus, der sich von Generation zu Generation forterbt, ohne an den Zuständen der Wirklichkeit geprüft zu werden. Da ist Männlichkeit gleich Aktivität, Weiblichkeit gleich Passivität. Alles Männliche verhält sich der Außenwelt gegenüber aggressiv, alles Weibliche defensiv; der Mann hat expansive Impulse und starken Willen, er ist unternehmend, eroberungslustig, kriegerisch und verträgt keinen Zwang; das weibliche Geschlecht aber, durch seine Willensschwäche untergeordnet und unterordnungsbedürftig, ist zaghaft, friedfertig, geduldig u. dgl. m.

Wiewohl dieser Geschlechtstypus nicht einmal für alle sogenannten Naturvölker unbedingt zutrifft, läßt sich doch sagen, daß er sich desto deutlicher und reiner ausprägt, je tiefer die Lebensweise steht. Allein nur bei Völkern, deren Leben sich noch auf der Stufe unter der Kultur abspielt, ist die Arbeitsteilung dieser Sonderung der Geschlechter angemessen; die Aufgaben und Beschäftigungen des Mannes entsprechen da vollkommen den Tendenzen des primitiven Geschlechtscharakters. Man könnte sie nicht bündiger zusammenfassen, als es in dem Ausspruche jenes australischen Kurnai geschieht, den Ellis in seinem Buche über Mann und Weib zitiert: »Der Mann jagt, fischt, kämpft und sitzt herum; alles übrige ist Sache der Weiber.« Alles übrige – nämlich die Arbeit im eigentlichen Sinn, der Ackerbau, die Gewerbstätigkeit.
Die männlichsten Beschäftigungen sind die des Wilden, der männlichste Mann ist der Wilde, wie er ja auch der freieste ist, der unbeschränkteste. Erst wenn sich eine Modifikation in den Grundinstinkten seiner Geschlechtsnatur vollzogen hat, wird der Mann zur Kultur fähig; und schon mit den ersten Anfängen der Kultur, indem er einen Teil des weiblichen Arbeitsfeldes übernimmt, verzichtet er auf den vollen Gehalt seiner Männlichkeit. Er wird seßhaft, gebunden, abhängig. Kultur und Bildung nähern den Mann dem Weibe, verweiblichen ihn; sie sind antiviril. Und je mehr die Kultur wächst und sich verfeinert, desto stärker werden ihre antivirilen Einflüsse. »Wilde und barbarische Völker sind gewöhnlich vorwiegend kriegerisch, d. h. männlich in ihrem Charakter, während die moderne Zivilisation ihrem Wesen nach industriell, d. h. weiblich ist; denn die Gewerbe gehören eigentlich und ursprünglich dem Weibe und haben die Tendenz, den Mann dem Weibe gleich zu machen.« (Ellis, Mann und Weib.)

Das Kulturleben hat an der Männlichkeit langsam aber unaufhörlich eine Veränderung vollzogen, in der die femininen Einwirkungen immer mehr das Übergewicht erlangen, und die kriegerischen, also im engeren Sinne männlichen Tendenzen immer mehr zurücktreten.
Man muß in dieser Veränderung einen historischen Prozeß erkennen, der mit Notwendigkeit den Weg der Kultur begleitet – einen Niedergang, wenn man die primitive und ursprüngliche Art der Männlichkeit als die stärkste betrachtet, als diejenige, in welcher die Kraft der menschlichen Gattung ihren absoluten Ausdruck findet. Es ist leicht aus der Geschichte zu beweisen, wie oft die kriegerische Männlichkeit barbarischer und halbbarbarischer Völker den Sieg über Kulturvölker davongetragen hat, deren kriegerische Instinkte erloschen waren. Das scheint ein Einwand gegen die Differenzierung zu sein, welche die Kultur an der Männlichkeit bewirkt. Und so käme man zu dem paradoxen Schluß, daß durch die Zivilisation – die ja fast ausschließlich ein Werk der männlichen Intelligenz ist – der Mann selbst an der Zerstörung seiner Männlichkeit arbeitet.
Aber man würde den Inhalt dieses Begriffes zu einseitig begrenzen, wenn man nur seine primitive Seite berücksichtigen wollte. Schon in den Anfängen der Kultur macht sich eine andere Seite der männlichen Natur geltend und scheidet die einzelnen Individuen in verschiedene Gruppen. Es zeigt sich, daß innerhalb des männlichen Geschlechtes selbst zwei entgegengesetzte Grundtriebe herrschen. Der primitiven Männlichkeit, die in dem Ausleben des physischen Vermögens besteht, tritt eine differenzierte Männlichkeit gegenüber, die auf die Entfaltung und Steigerung des intellektuellen Vermögens gerichtet ist – der Macht aus körperlicher Überlegenheit die Macht aus geistiger Überlegenheit.
Dieser Gegensatz unter den Männern ist in seinen sozialen Wirkungen nicht weniger wichtig und belangreich, als der vermeintlich so tiefgehende Gegensatz zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Er äußert sich als ein beständiger Kampf der beiden Grundtriebe um die Vorherrschaft in der menschlichen Gesellschaft. Die Lebensideale, die sie in die Welt stellen, bewegen sich in entgegengesetzter Richtung, schließen sich in ihren Endkonsequenzen gegenseitig aus. Dennoch bestehen sie während der ganzen Kulturentwicklung nebeneinander fort, nehmen die verschiedensten Gestalten an, verwandeln sich, vermischen sich und erzeugen die seltsamsten Widersprüche.

Die ältesten Repräsentanten dieser Lebensideale sind der Krieger und der Priester. In ihnen tritt der Gegensatz der männlichen Grundtriebe am stärksten hervor. Auch der Kampf um die Vorherrschaft läßt sich an der Stellung erkennen, die sie in der Organisation der frühesten Gesellschaftsordnungen einnehmen. Während bei barbarischen Völkern der Krieger auf der obersten Stufe der sozialen Bewertung steht, erscheint schon bei sehr alten Kulturvölkern der Priester im Range dem Krieger übergeordnet. Unter der Form des Priestertums hat die differenzierte Männlichkeit zuerst den Sieg über die primitive davongetragen. Allerdings wird das Ideal eines Standes oder einer Kaste nicht durch jeden Einzelnen verwirklicht; gerade im Priestertum hat der Zwiespalt zwischen der äußeren Lebensstellung und der inneren Anlage des Individuums oft zu den schlimmsten Entartungserscheinungen geführt.
Für die abendländische Kulturgesellschaft bedeutet die christliche Epoche in der Theorie die Oberherrschaft des priesterlichen Lebensideales. In der Praxis hat aber die kriegerische Männlichkeit sich niemals – und auch nicht zur Zeit, als der christliche Gedanke als solcher die stärkste suggestive Gewalt besaß – von der Lebensführung abwendig machen lassen, die ihr entsprach. Das ganze Mittelalter hindurch tritt der Gegensatz dieser heterogenen Lebensideale deutlich hervor; und wenn die Männer des frühen Mittelalters Schreiben und Lesen als eine Beschäftigung für Geistliche und Weiber ablehnten, so hatten sie vom Gesichtspunkt der kriegerischen Männlichkeit alle Ursache dazu. Sie witterten hier mit Recht die Fallstricke, in denen die elementaren Impulse der Männlichkeit unvermerkt gefangen und gebrochen werden, die Verführung zu einer Lebensweise, die den Unterschied zwischen dem Manne und dem Weibe aufhebt.
Die Verwandtschaft zwischen dem geistigen Lebensideal und dem weiblichen hat immer in den Augen der kriegerischen Männlichkeit etwas Herabsetzendes gehabt. Für sie sind die Friedfertigen und Beschaulichen keine ganzen Männer. Jene hingegen, die aus dem tiefsten Bedürfnis ihrer Wesensart, von Kampf und Gewalttätigkeit verschont zu bleiben, ein Himmelreich schufen, wo das Leben in der Form der sublimiertesten Geistigkeit als ein ewiges entzücktes Schauen gedacht war, betrachteten die Kriegerischen mit der gleichen Geringschätzung als die schlechtere Gattung, die nicht für die Nähe des Göttlichen taugte. Die christliche Vorschrift hat die Konsequenz der Vergeistigung so weit getrieben, daß sie, streng genommen, jede Betätigung der primitiven Männlichkeit ausschließt. Daher ist die Gestalt des frommen Kriegers, der mit der Anwartschaft auf das Himmelreich dem Berufsmord nachgeht, eine christliche Absurdität; sie zeigt nur, wie sich Instinkte, die in den Untergründen des Bewußtseins wirken, mit theoretischen Anschauungen paaren, die von außen in das Seelenleben hineingetragen werden.
Etwas von dieser Absurdität haftet auch an den modernen Anschauungen über die Männlichkeit. Die Gegenwart wird ganz und gar durch die differenzierte Männlichkeit charakterisiert. Ihre Auszeichnung vor anderen Epochen liegt in der Entwicklung des Denkens und in der Tendenz, die Mittel der Bildung möglichst allgemein zu machen. Sie hat einen technisch-intellektuellen und einen ästhetisch-kontemplativen Charakter; außerhalb dieser Gebiete ist das Leben in vollem Verfall begriffen – am stärksten auf jenen, welche die Domäne der primitiven oder kriegerischen Männlichkeit sind.
Der Kampf mit den elementaren Gewalten der Natur, in dem die primitive Männlichkeit sich zu sittlicher Größe erhob, wird durch die technische Beherrschung der Naturkräfte beinahe ganz auf das intellektuelle Gebiet verlegt, wo er nicht eine Sache des Mutes und der Körperkraft, sondern des Scharfsinnes und der Erfindungsgabe ist. Auch die Arbeit des Mannes wird durch die Maschine ersetzt. Der Maschinenarbeiter ist bloß der Vollstrecker eines Handgriffes, der meistens durch Weiber oder Kinder ebensogut verrichtet werden kann. Es liegt ganz in der Natur der Sache, daß auf dem Gebiet der Maschinenarbeit die Männer von den Frauen verdrängt werden.
Nicht weniger verliert die ethische Seite der physischen Überlegenheit, durch die der Mann sich zum Herrn und Beschützer von Weib und Kind machte, unter den Voraussetzungen des modernen Rechtsstaates ihre Bedeutung. Die »starke Faust«, die in anderen sozialen Zuständen für den einzelnen Mann unentbehrlich und das rechtmäßige Fundament seiner Herrschaft war, ist vollkommen überflüssig geworden.
Aber wenn auch das moderne Leben den Wirkungskreis der primitiven Männlichkeit mit jedem Tage mehr einschränkt, wenn auch die Kultur selbst als der fortschreitende Sieg der differenzierten Männlichkeit zu betrachten ist – die barbarische Bewertung besteht doch in den Sitten und Normen noch immer fort. Noch immer genießt das Militär den Platz als erster Stand; noch immer steht der Krieg hoch in Ehren, und alles, was damit zusammenhängt, ist von einem Nimbus überragender Wichtigkeit und Auszeichnung umgeben.

II

Als Friedrich Nietzsche versuchte, den kommenden Generationen ein kanonisches Buch neuer Lebensbewertung zu geben, ließ er Zarathustra sagen: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers«. Er wollte die primitiven männlichen Instinkte rehabilitieren; in dem alten Gegensatz zwischen Krieger und Priester hat er für den Krieger Partei ergriffen und dem Priester die Schuld an der Vergiftung des Lebens zugeschrieben.
Aber gesetzt auch, jene Formel Zarathustras wäre der Beschaffenheit der großen Mehrzahl angemessen, eine Anweisung für die Groben, Gewöhnlichen, Ungeistigen, der Versumpfung zu entgehen, oder sogar für die Differenzierten ein Weg, sich vor den Übelständen der Feminisation zu retten – besteht denn irgend eine Möglichkeit, innerhalb des modernen Lebens die primitive Männlichkeit wieder aufzuzüchten und ihren Niedergang hintanzuhalten?
Man kann in dem Verlaufe dieses Niederganges drei Phasen unterscheiden. Die erste reicht in die Periode zurück, als der Ackerbau und die Gewerbe aus den Händen der Frau an den Mann übergehen; damit wird der Boden geschaffen, auf welchem der Gegensatz in den Grundtrieben der Männlichkeit heranwächst, indem die unkriegerischen Individuen, die vorher unnütz und verachtet waren, eine soziale Funktion erhalten und positive Werte schaffen. Die zweite Phase läßt sich für die europäische Kulturgesellschaft von der Zeit an rechnen, als das Schießpulver sowohl dem Kriege als der Jagd, diesen beiden bezeichnendsten Äußerungen der primitiven Männlichkeit, einen völlig veränderten Charakter verlieh; die dritte Phase, und zugleich diejenige, in welcher der Ruin der primitiven Männlichkeit offen zutage tritt, wird durch die Herrschaft der Maschine herbeigeführt und beginnt ungefähr in der Zeit, als der zivile Mann den Degen ablegte – ein äußeres Zeichen dafür, daß er das wichtigste Vorrecht der kriegerischen Männlichkeit, das Recht der Selbstverteidigung, endgültig an den Staat verloren hatte.
Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, daß sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?
Ein wahrhaft kriegerischer Mannessinn hätte diese Waffe nie angenommen. Das kriegerische Element der männlichen Natur hat seinen Ursprung in der neuromuskulären Beschaffenheit; im allgemeinen ist das männliche Geschlecht tapfer und aggressiv auf Grund seiner Muskelstärke, wie das weibliche furchtsam und passiv auf Grund seiner Muskelschwäche. Aus dem Bewußtsein der physischen Kraft und dem Bedürfnis, sie zu äußern, stammen alle jene Erscheinungen gesteigerter Vitalität, die den Mann antreiben, sich im Kampf auszuleben. Für den primitiven Mann ist der Krieg der Zustand, in dem er sich selbst am intensivsten genießt – weshalb in der Anschauung der meisten barbarischen Völker der Krieg als die dem Mann entsprechendste Lebensweise, als die normale gilt.
Aber dieser Krieg besteht eben in einer Auslösung aggressiver Impulse, und die Waffen, mit denen er geführt wird, sind dem Zustand angemessen, dem sie dienen. Sie ermöglichen eine individuelle Tapferkeit, die über den Vorrang der Tüchtigkeit entscheidet; und sie gestatten dem Kämpfenden eine Verteidigung durch persönliche Geschicklichkeit oder auch durch äußere Hilfsmittel, wie die Bewehrung durch den Schild und die Umpanzerung der wichtigsten Körperteile. Das Schwert, der Degen, die Lanze, der Speer, selbst auch Bogen und Armbrust sind ehrliche, mannhafte Waffen.
Nicht so die Feuerwaffe. Die Feuerwaffe ist feig; sie macht den Angriff zu einem meuchlerischen Überfall aus dem Hinterhalt, die Verteidigung zu einer fatalistisch-passiven Ergebung in das Unvermeidliche. Der Mut, der den mit Schild und Schwert bewaffneten Mann zum Kampfe antrieb, war eine natürliche Äußerung der Mannhaftigkeit; der Mut, den der moderne Mann zeigen will, wenn er seine bloße Brust der Pistole eines Gegners bietet, ist gar kein Mut im eigentlichen Sinne mehr – er ist ein krankhaftes Verfallsprodukt aus christlich asketischer Selbstüberwindung und atavistisch männlicher Prahlerei. Nicht umsonst läßt ein spanischer Dichter – Pedro de Alarcon in seinem Manuel Venegas –, als er den Inbegriff der stolzen, hochgesinnten, selbstherrlichen Männlichkeit darzustellen unternimmt, selbst im Kampfe gegen Bären seinen Helden die Schußwaffe verschmähen, weil sie ihm zu feige und heimtückisch erscheint.
Welches Unheil aber hat diese feige und heimtückische Waffe in die Welt gebracht, seit das Raffinement der modernen Technik sie zu einer grauenhaften Vollendung entwickelte! Die ungeheuerliche Entartung des Krieges, die durch die technische Vervollkommnung der Feuerwaffen in Verbindung mit der allgemeinen Wehrpflicht herbeigeführt worden ist, steht in der Weltgeschichte beispiellos da. Der Söldnerkrieg, der eine Ableitung für alle unbändigen, abenteuerlustigen, den friedlichen Beschäftigungen abgeneigten Individuen bildete, war immerhin, welche Plagen er auch mit sich brachte, nicht mehr als ein Exzeß der elementaren Männlichkeit, der eben wie ein Elementarereignis ertragen werden mußte. Aber der molochistische Wahnwitz, der die moderne Kriegführung beherrscht, hat mit den Instinkten der Männlichkeit nichts mehr gemein. Kann denn gegenüber diesen rasenden Mordmaschinen, diesen Sprenggeschossen, durch welche die menschlichen Leiber haufenweise niedergemetzelt werden, wehrlos und wahllos wie Gräser durch die Sense des Schnitters – kann da noch von Tapferkeit des einzelnen die Rede sein? Diese greuelvollen Waffen würdigen den Mann zu einem bloßen Fleischklumpen herab, der sich ohne Widerstand zerfetzen lassen muß, um Ordre zu parieren. »Vom Heldentum hat sich uns nichts als Blutvergießen und Schlächterei vererbt – ohne allen Heroismus, dagegen alles mit Disziplin.« (Richard Wagner) Es ist nicht mehr die höchste physische Steigerung der männlichen Aktivität, die sich im Kriege betätigt, es ist die äußerste Passivität, die Erduldung eines übermächtigen Zwanges – das heißt, der moderne Krieg hat den Typus der Männlichkeit verloren und einen weiblichen, also widernatürlichen, Charakter angenommen.
Man lese nur einmal eine der wenigen wahrhaften, von der Suggestion des militärischen Ehrbegriffes nicht umnebelten Schilderungen, wie es bei der in Schlachtreihe aufgestellten Mannschaft aussieht, und man wird begreifen, daß hier keine Spur von den ursprünglichen Empfindungen mehr vorhanden sein kann, die den primitiven Krieg zu einer Schule der Mannhaftigkeit machten. Emile Zola hat im »Débâcle« eine solche Darstellung gegeben; sie wird mit überzeugender Unmittelbarkeit durch die Worte eines preußischen Soldaten bestätigt, der an der Schlacht von Spichern am 6. August 1870 teilnahm: »Herzzerreißendes Weh, Verzweiflung, Angst, Entsetzen, verbissene Scheu, alles dies konnte man in den Blicken dieser dem Tod Geweihten lesen, nur keine glühende Begeisterung mehr, keine fanatische Lust zu morden oder sich morden zu lassen … Wie die Küchlein, wenn der Raubvogel eines der ihrigen geholt, sich zitternd und ängstlich aneinanderschmiegen, so drängten wir uns instinktiv zusammen, um einer hinter dem andern Schutz zu suchen … Bleich wie der Tod, schwer atmend, mit klopfendem Herzen und zitternden Gliedern harrten wir mit Bangen der Dinge, die da kommen würden. Fürwahr, der Selbsterhaltungstrieb ist oft stärker als alle guten Vorsätze – und nur eines Anstoßes hätte es in diesem Moment gebraucht, um die Bande der Disziplin zu lösen. Da, diesen kritischen Augenblick gewahrend, der sich in einer gewissen Unruhe im Bataillon bemerkbar machte, sehe ich unsern Kommandeur die Bataillonskolonne heruntersprengen, und ›die Herren Offiziere bitte die Revolver ziehen‹ höre ich seine befehlende, Gewehrsalven und Kanonendonner übertönende, scharfe Stimme erschallen « … (»Mehr Licht in unsere Welt« von Gustav Müller.)
So zwischen zwei Feuern, vor sich die Gewehrläufe des Feindes, hinter sich die Revolver der Vorgesetzten, wird der moderne »Krieger« in die Schlacht getrieben. Bei den ganz Rohen, durch Bildung nicht Verfeinerten, erzeugt der Anblick des Blutes allenfalls eine blinde Berserkerwut, in der sie besinnungslos ihre Munition verschießen. Ganz furchtbar aber ist die Situation für jene, die, durch alle Einflüsse des modernen Geisteslebens den Instinkten der primitiven Männlichkeit entfremdet, an eine geschützte Lebensweise gewöhnt, zu intellektuellen Berufen erzogen, trotz alledem für den Kriegsfall die gleichen Aufgaben erfüllen sollen, wie der Berufssoldat. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein Turm Babel an Instinktverwirrung. Was hat ein Künstler, ein Gelehrter, ein Beamter, ein Lehrer mit den Eigenschaften zu tun, die zum Kriege tauglich machen? In jeder Kultur war bisher der Krieg die Sache einer bestimmten Klasse, und die zu den Beschäftigungen des Friedens Erzogenen blieben davon verschont, wenn sie sich nicht freiwillig anwerben ließen. Aber die allgemeine Wehrpflicht, wie sie auf dem europäischen Festland besteht, ist die schlimmste Sklaverei, mit der je der freie Mann beladen wurde. Durch sie werden die Männer insgesamt zu Leibeigenen des Staates; sie müssen sich in regelmäßig wiederholten Abständen ihrer bürgerlichen Freiheit begeben, um sich der Disziplin und den Vorurteilen einer Klasse zu unterwerfen, an deren Vorrechten sie für gewöhnlich nicht teilnehmen. Da sie aber gezwungen sind, den Begriff der militärischen Ehre, der ganz auf den Instinkten der primitiven Männlichkeit basiert, in ihr bürgerliches Leben herüberzunehmen, erleiden sie einen wesentlichen Nachteil gegenüber den Berufssoldaten. Besäße die zivile Männerschaft noch mehr von den primitiven Impulsen des Geschlechtes, so wäre das Verbot des Waffentragens, dem sie trotz ihrer militärischen Dienstpflicht unterworfen ist, etwas Entehrendes für sie, und die Vorstellung, unbewaffnet dem Umgang mit bewaffneten Geschlechtsgenossen ausgesetzt zu sein, müßte ihr unerträglich sein.
Wenn aber das Militär in der modernen Gesellschaft alle Ehren genießt, die nach der primitiven Auffassung dem Krieger als der vollendetsten Verkörperung der Männlichkeit zukommen, so kann man das nur als Atavismus bezeichnen. Denn der Krieg ist so selten geworden, daß ihn im eigenen Lande kaum jede Generation wehrfähigen Alters erlebt; und die Beschäftigungen des Militärs in Friedenszeiten rechtfertigen diese Bevorzugung nach keiner Richtung.
Nicht weniger als bei dem modernen Kriege zeigt sich der Niedergang in den Instinkten der primitiven Männlichkeit bei der modernen Jagd. Zum mindesten die Treibjagd hat unter dem Gesichtspunkte der Gefahr, deren Überwindung neben dem Gewinn der Beute für den Mann früherer Zeiten den Wert der Jagd ausmachte, etwas Verkehrtes und Lächerliches; wenn es dabei noch Gefahr und Strapazen gibt, so fallen sie ganz in die Beschäftigung des Treibers und nicht des Jägers. Für den intakten Mannesinstinkt müßte es eher etwas Abstoßendes, ja Verächtliches haben, so aus sicherer Ferne wehrlos-unschädliche Geschöpfe, die da in Massen vorübergetrieben werden, niederzupfeffern; das Vergnügen an der eigenen Treffsicherheit könnte einen in diesem Punkte noch nicht abgestumpften Mann über das Unmännliche dieses Verfahrens nicht hinwegtäuschen. Aber ganz als ob es sich noch um Bären oder Wölfe, um die mannhaftunerschrockene Bekämpfung wilder und gemeingefährlicher Bestien handelte, gilt die Jagd als eine ausgezeichnet männliche Beschäftigung und wird immerzu das »edle Weidwerk« genannt.
Nicht viel besser in Ansehung der männlichen Qualität ist es um alle Arten von Sport bestellt, die durch heftige Leibesbewegungen und physische Anstrengungen als Remeduren der primitiven Männlichkeit gelten können. Als Remeduren wohl, sofern sie Abhärtung, Anspannung der Muskel- wie der Willenskraft bedingen – als Taten nicht. Der Sport ist stets nur ein Spiel; deshalb werden selbst die äußersten Leistungen auf seinem Gebiete – wenn sie auch in mancher anderen Hinsicht hoch anzuschlagen sind – nie einen heroischen Charakter haben, wie ihn die Tapferkeit gegenüber ernsten Gefahren verleiht. Was dabei herauskommt, ist im besten Fall eine Männlichkeit der Bravourstücke.
Als eine völlige Karikatur, in ihrer widersinnigsten und lächerlichsten Gestalt, erscheint die primitive Männlichkeit bei dem studentischen Kommentwesen. Denn hier tritt sie nur mehr als ein atavistischer Auswuchs im Leben solcher Individuen auf, die durch ihre Berufswahl Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit werden sollen. Das Mißverständnis, das hier obwaltet, könnte als eine Jugendeselei hingehen, wenn es sich bloß in den Paukereien äußerte, die der »unbändigen Mannesnatur« durch kleine unschädliche Aderlässe Luft machen; da es aber gleichzeitig einen unwürdigen Zwang zum Alkoholmißbrauch mit sich bringt, der oft die depravierendsten Folgen hat, stellt das ganze Kommentwesen in seiner heutigen Gestalt eines der schlimmsten Verfallssymptome der Männlichkeit dar.
Niedergang, unaufhaltsamer Niedergang! Verträgt sich denn die Lebensweise, welche die Männer der geistigen Berufe führen, überhaupt noch mit irgend einem der Instinkte, durch die sich die primitive Männlichkeit auszeichnet? Das Bureau, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier – lauter Särge der Männlichkeit. Ihre monumentale Grabstätte aber ist die Großstadt selbst. Hier sind die Gefahren des Lebens – das Element und die hohe Schule der Männlichkeit – ganz aus dem Wege geräumt; hingegen wirken alle Einflüsse des Großstadtlebens dahin, jenes Gebrechen zu fördern, das sich am wenigsten mit dem Charakter der Männlichkeit verträgt, die Nervenschwäche.
An dieser Wirkung läßt sich erkennen, wie labil im Grunde der angeblich ein- für allemal feststehende Geschlechtscharakter ist. Man pflegt das männliche Nervensystem für widerstandsfähiger zu halten als das weibliche und einen wichtigen Geschlechtsgegensatz darin zu erblicken, daß das weibliche größere Irritabilität zeigt, das heißt, die Neigung, auf Reize von außen rascher und ungehemmter zu reagieren. Was man als »männlichen Sinn« im allgemeinen bezeichnet, obgleich es sich keineswegs ausschließlich beim Manne findet, das Aufsichselbstberuhen, die Ruhe und Fassung gegenüber äußeren Eindrücken, ist hauptsächlich auf die Widerstandsfähigkeit des nervösen Apparates zurückzuführen. Die Schwächung und Überreizung des Nervensystems aber, die das moderne Großstadtleben erzeugt, steigert die Irritabilität auch beim Manne und verändert auf diese Weise das Bild des Geschlechtscharakters, das als das traditionelle der Männlichkeit gilt.
Deshalb ist der vehementeste Angriff auf sie die typische Großstadtkrankheit, die Neurasthenie. Man braucht nur die psychischen Erscheinungen, die zum Krankheitsbild der Neurasthenie gehören, daraufhin anzusehen, die Niedergeschlagenheit und Unsicherheit, das Angstgefühl, die Launenhaftigkeit, Willenlosigkeit und Entschlußunfähigkeit – lauter Symptome, die aus der reizbaren Schwäche entspringen – und man wird erkennen, daß der Neurastheniker einen nach der konventionellen Auffassung völlig weiblichen, ja weibischen Typus annimmt.
Für die Männer der geistigen Berufe bedeuten die Schädlichkeiten des Großstadtlebens keine so wesentliche Beeinträchtigung; die Bedingungen, unter denen sie ihren Beruf ausüben, vertragen sich auch mit den leichteren Graden der Neurasthenie. Denn diese Bedingungen selbst setzen vielfach eine wesentliche Herabminderung der aggressiven Impulse voraus, und der volle Gehalt männlicher Impetuosität wäre eher ein Hindernis dabei.
Ein Niedergang der differenzierten Männlichkeit wird also durch das Großstadtleben an sich nicht verursacht; nur mit den Idealen der primitiven Männlichkeit läßt es sich durchaus nicht vereinigen. Diese Ideale anerkennen, heißt den ganzen Entwicklungsgang der Kultur verneinen. In ihnen ist nichts Zukunftsmächtiges. Der Heroismus im Kampf gegen physische Gefahren, der die schönste Blüte der primitiven Männlichkeit ist, hat seine Wirkungssphäre zum größten Teil verloren; die Aufgaben, die ihm noch zufallen können, treten zurück, andere Ziele beherrschen das Leben und heben jene empor, die geschaffen sind, sie zu erfüllen.
Die Schattenseiten der primitiven Männlichkeit aber haben zu allen Zeiten ihre Vorzüge schwer verdunkelt. Sie ist es, die aus dem Menschen das bösartigste Raubtier unter allen Geschöpfen der Erde macht; sie ist es, die das Leben in einen Kriegsschauplatz verwandelt; sie ist es, die den Mord heiligt und das Blutvergießen zur Lust erhebt. Erst wenn die Konsequenzen ihres Niederganges sich im sozialen Bewußtsein vollzogen haben, wird ein neuer Tag für die Menschheit anbrechen.

III

Und so wäre denn die Möglichkeit für eine unendlich höhere Wirksamkeit der differenzierten Männlichkeit gegeben, als sie irgendeine frühere Kulturperiode bot. Die Umstände, die den Verfall der primitiven Männlichkeit bedingen, müßten den differenzierten Mann an die Spitze der Kultur stellen, auf jenen Rang, der ihm als ihrem Schöpfer zukommt.
Betrachtet man aber die differenzierte Männlichkeit, oder konkreter ausgedrückt, die Männer der geistigen Berufe im Spiegel der herrschenden Anschauungen und Zustände, so erfährt man eine große Enttäuschung. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturländern ist die Bestimmung des Mannes für ein Leben in der Region der Geistigkeit durch die soziale Tradition höher eingeschätzt worden als in der europäischen Kultur der Gegenwart. Sie steht in dieser Hinsicht, wiewohl sich vielleicht das menschliche Leben noch niemals weiter von seinen primitiven Formen entfernt hat, hinter den Kulturen des Altertums und des Orients beträchtlich zurück. Ob es nun wie in China der Literat ist, der in der Anschauung der Allgemeinheit den ersten Rang einnimmt, oder wie in Indien der Asket, oder wie im alten Ägypten der Priester – es ist die geistige, die differenzierte Art Mann, diejenige, deren Lebensinhalt die höchste Steigerung des geistigen Vermögens bildet, welcher die Krone des Lebens gehört. Selbst das Mittelalter erkannte den Geistlichen als den höheren Menschen an, wie selten der einzelne die Vorstellungen tatsächlich verwirklichen mochte, denen er seine Bevorzugung verdankte.
Vergeblich suchen wir in der sozialen Tradition der modernen europäischen Kultur nach dieser Bewertung. Es ist nicht mehr das priesterliche Lebensideal, in dessen Bereich die Männlichkeit ihre kulturschöpferische Macht entfaltet. Denn die Kluft, die zwischen dem modernen Denken und der überlieferten Religion gähnt, hat den Priester als Repräsentanten der Geistigkeit herabgesetzt. Seine Existenz ruht auf einer überlebten Weltinterpretation, die ihn von der Teilnahme an dem lebendigen Prozeß der geistigen Entwicklung ausschließt; und der Nimbus, der ihn als den Vermittler zwischen dem Reich Gottes und dem gemeinen Erdendasein umgab, ist zugleich mit dem Reich Gottes verblichen. Dennoch besitzt er immer noch eine ausgesprochene Überlegenheit in der Machtstellung gegenüber jenen, deren geistige Arbeit die alte Weltinterpretation überwunden hat: denn diese Machtstellung gründet sich auf die bewußte, sittlich-praktische Anerkennung eines höheren Menschentums, dessen Träger der Priester ist, auf den in seinem Lebensideale konsequent durchgebildeten Gegensatz zur primitiven Männlichkeit – was freilich nicht hindert, daß in einer mit Verfallsprodukten angefüllten Zeit, wie die Gegenwart, äußere Machtrücksichten eine paradoxe Interessengemeinschaft zwischen dem Militär und dem Klerus herstellen.
Den Männern der profanen Geistigkeit aber fehlt das Bewußtsein dieses Gegensatzes; daher sind sie unvermögend, aus ihren Lebenszielen heraus eine neue, mit normativer Gewalt ausgerüstete Rangordnung der Männlichkeit zu schaffen. So groß das männliche Denken in der Gestalt ist, die es als moderne Wissenschaft besitzt, so gering ist der sittlich-praktische Einfluß, den es unter den Mächten der Gegenwart hat. Der moderne Mann leidet an seiner Intellektualität wie an einer Krankheit. Entweder artet sie zur geistigen Ausschweifung aus, wie bei dem Typus des Gelehrten, der durch eine ins Extrem gesteigerte Einseitigkeit der geistigen Anspannung jedes Verhältnis zur Totalität des Lebens verliert, oder sie macht ihn, wie es bei dem gebildeten Mann des Durchschnitts so häufig geschieht, zu einer unvollkommenen und disharmonischen Erscheinung. Dieser Halb- und Halbe, der nirgends etwas Ganzes und Selbstgewisses vorstellt, nicht in der Region der Geistigkeit und nicht in der Region der primitiven Männlichkeit, der immer zwischen zwei Welten hängt, durch Neigung oder Nötigung bald hierhin, bald dorthin geschwenkt, er wird durch seine Zucht zur Verfeinerung, zur höheren Bildung, zur Überordnung des Denkens in einen unheilbaren Zwiespalt mit sich selbst gesetzt.
Ist es nicht auffallend, daß die Männer, durch ihre intellektuelle Entwicklung auf allen Gebieten zur Kritik geneigt, dem Begriffe der Männlichkeit gegenüber am längsten unkritisch bleiben? Sie nehmen die Übelstände, die sich für sie aus der Inkongruenz zwischen den herrschenden Normen und den tatsächlichen Verhältnissen ergeben, lieber stillschweigend hin, ehe sie sich dem Verdachte der Unmännlichkeit aussetzen. Männlich zu sein, männlich so sehr als möglich, unbedingt, ungemischt männlich, das gilt ihnen als Auszeichnung; sie sind unempfindlich für das Brutale oder Niedrige oder Verkehrte einer Handlung, wenn sie mit dem traditionellen Kanon der Männlichkeit übereinstimmt. Diese Furcht, unmännlich zu erscheinen, einen Mangel an den Tugenden des primitiven Geschlechtsideales zu zeigen, erhält alle atavistisch ungereimten Vorurteile, alle sinnlos unangemessenen Einrichtungen, an denen das Leben des modernen Mannes so reich ist.
Wie schwankend und unbestimmt sind aber die Vorstellungen, die diesem Ehrgeiz der Männlichkeit zugrunde liegen! Man braucht nur die Bewertung: je männlicher desto überlegener, einmal dort zu prüfen, wo sie sich nicht mit dem weiblichen Geschlechte mißt – am nationalen Eigendünkel beispielsweise. Es ist bekannt, daß die romanischen Nationen sich gegenüber den germanischen als die männlicheren fühlen; Mantegazza sagt den »blonden Deutschen« sogar eine mehr weibliche Art zu lieben nach. Die Deutschen hingegen erkennen diese mehr weibliche Art den slavischen Männern zu – eine nationale Überhebung, der Bismarck in seiner Anrede an die steirische Deputation im April 1895 Ausdruck gab, indem er sagte: »Ich glaube, wir Germanen sind durch Gott von Hause aus stärker, ich will sagen, männlicher ausgestattet; Gott hat den Dualismus in allen Erscheinungen der Schöpfung zwischen männlich und weiblich dargestellt, und so auch in den europäischen Konstellationen … Ich will keinen Slaven damit kränken, aber sie haben viele der weiblichen Vorzüge, sie haben die Grazie, die Klugheit, die Schlauheit, die Geschicklichkeit« – und deshalb riet er den Deutschen in Österreich, gegenüber den Slaven mit dem tiefinnerlichen Gefühl zu verfahren, daß sie die Überlegenen sind und das leitende Element bleiben werden, »wie es der Mann in der Ehe sein soll«.
Wer aber die slavische Literatur kennt, der weiß, welches minder schmeichelhafte Bild die Slaven von dem deutschen Mann haben; in ihren Augen ist seine nationale Eigenart nicht überlegene Männlichkeit, sondern kalte Berechnung, Habgier, Dünkelhaftigkeit, Empfindungsroheit. Und in der Tat – gemessen an den Äußerungen einer verfeinerten Menschlichkeit, einer über den Geschlechtsdünkel mit seinen Vorurteilen hinausgereiften Gemütskultur, wie sie etwa in Gontscharows »Absturz«, in Dostojewskys »Idiot«, in Tschernischewskys »Erzählungen von neuen Menschen« erscheint, hätten die Deutschen wenig Ursache, sich als die Überlegenen zu fühlen!
Sucht man nach einem positiven Inhalt für die Vorstellungen, die sich, im Gegensatze zur primitiven Männlichkeit, mit der differenzierten verbinden lassen, so könnte man allenfalls mit einer Übertragung aus dem Physischen und Materiellen ins Geistige das Auslangen finden. Vor allem der Krieg als der auszeichnendste Beruf des Mannes scheint eine solche Deutung im übertragenen Sinne zuzulassen. Der Kampf mit materiellen Waffen verwandelt sich in einen Kampf mit ideellen; der Kriegsschauplatz wird aus dem realen Leben in das Gebiet des Gedankens verlegt. Das männliche Element bleibt das streitbare auch in der geistigen Welt.
Allein das gilt nur mit großen Einschränkungen. Zu allen Zeiten haben sich an den Kämpfen um ideale Güter die Frauen, soweit es die jeweilige soziale Tradition gestattete, hervorgetan; und die Geschichte der religiösen Bewegungen nicht minder wie der revolutionären ist reich an Frauengestalten. Umgekehrt ist für gewisse Typen der Geistigkeit, für den Künstler wie für den Forscher, ein Leben abseits von allen Kämpfen das förderlichste; und nur ein banausisches Zeitalter, in dem jeder, der etwas bedeuten will, Partei ergreifen muß, kann den Respekt vor der kontemplativen Gemütsstimmung, aus der die edelsten Blüten der Geistigkeit hervorgehen, so weit vergessen, daß es auch dem Künstler und dem Gelehrten eine Kampfrolle zumutet.
Wie es aber mit der Politik, die am ehesten als ein Krieg im übertragenen Sinn angesprochen werden kann, in Ansehung der Männlichkeit bestellt ist, beleuchtet der Ausspruch Burdachs, daß die Frauen sich aller Wahrscheinlichkeit nach besser für die Politik eignen würden als die Männer – ein Ausspruch, den Havelock Ellis mit der Bemerkung kommentiert, daß das Spiel der Politik bei jenen, die es ausüben, spezifisch weibliche Eigenschaften zu entwickeln scheint. Damit wird den Frauen durchaus kein Kompliment gemacht – namentlich angesichts des modernen Repräsentativsystems, dessen Wahlmethode ganz darauf hinzielt, die Schwätzer und Maulhelden ans Ruder zu setzen und die Komödianten auszuzeichnen, die am besten den Masseninstinkten zu schmeicheln verstehen.
Ebensowenig wie der Krieg in Gestalt der Politik, ist der Krieg, der mit der Feder geführt wird, geeignet, spezifisch männliche Eigenschaften nach Analogie des primitiven Geschlechtsideales zu entwickeln. Das moderne Zeitungswesen, in dem der Angreifer gewöhnlich durch die Anonymität unsichtbar gemacht wird und ein bezahlter Strohmann für eventuelle Konflikte mit dem Gesetz aufzukommen hat, bildet nicht gerade eine Schule der Mannhaftigkeit und des persönlichen Mutes – außer, man wollte etwa die Leistungen der Kriegskorrespondenten und ähnliche mit Strapazen verbundene Aufgaben nach dieser Hinsicht anrechnen.
Näher vielleicht wird man dem Wesen der differenzierten Männlichkeit kommen, wenn man sie als die Kraft bezeichnet, das Leben nach dem eigenen Willen zu gestalten, als die Kraft, Herr über sich selbst zu sein und die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Zu führen, das ist männlich, sich führen zu lassen, weiblich. Nach der intellektuellen Seite läge das spezifisch Männliche in der größeren Helligkeit des Bewußtseins, vermöge welcher die Motive des eigenen Handelns klar erkannt und das Erkennen zum Leiter des Handelns gemacht wird.
In Wirklichkeit treffen freilich diese Kriterien nur als relative, nur bis zu einem gewissen Grade zu, sofern man ganz im allgemeinen die Mehrzahl der Männer der Mehrzahl der Frauen gegenüberstellt. An sich, ohne den weiblichen Vergleichstypus, würden sie auch die Mehrzahl der Männer von der Männlichkeit ausschließen. Das Verhältnis der Starken zu den Schwachen ist unter den Männern wie unter den Frauen das der Wenigen zu den Vielen. Soweit die Kultur reicht, ist das Herrentum – das innerliche wie das äußere – auch unter den Männern das Vorrecht einzelner; die große Mehrzahl, auch der Männer, lebt in der Unfreiheit und mit dem Bedürfnisse der Abhängigkeit.
In der sozialen Gemeinschaft sind weitaus die meisten Männer nichts weniger als freie Herren ihres Tuns und Lassens. Der Staat, dieses schauerliche, abstrakte Gespenst, das sie mit eiserner Faust von der Wiege bis zur Bahre umklammert, erhält seine Realität eben durch das männliche Abhängigkeitsbedürfnis. Ja die Form, die der Staat im Leben der modernen Völker als konstitutionelle Monarchie angenommen hat, schafft das oberste Prinzip der ideellen Männlichkeit, die Initiative und den Willen zur freien Verantwortung, einfach aus der Welt. Prinzipiell hat in einer Verfassung, in welcher der Monarch für jede öffentliche Handlung den Ministern, die Minister dem Parlamente, die Parlamentsmitglieder den Wählern verantwortlich sind, jede Selbständigkeit aufgehört; was sich kundgibt ist – zum mindesten angeblich – nie der eigene persönliche Wille, das eigene persönliche Urteil, sondern immer ein anderer Wille, eine übergeordnete Macht. Die Persönlichkeit muß sich hinter dem nebulosen und phrasenhaften Begriff eines »Willens der Gesamtheit« verstecken, um öffentlich wirksam zu werden.
Selbst die geistigen Schöpfungen, die der männliche Geist aus sich hervorgebracht und als objektive Gebilde in die Welt versetzt hat, sind vielfach Symptome dafür, daß es mit dem Willen zum Herrentum und zur freien Verantwortung bei ihm schlecht bestellt ist. Welch ein Bedürfnis der Anlehnung, der Unterordnung, der Unselbständigkeit spricht nicht aus dem Glauben an einen transzendenten Gott, der als zorniger oder gnädiger Gebieter, als strenger oder barmherziger Vater die menschlichen Angelegenheiten ordnet! Der Mann, der vermeintliche Herr der Welt, hat sich diesem Gotte so in die Gewalt gegeben, wie nach seiner Meinung das Weib sich in die Gewalt des Mannes gibt.
Und wenn es nicht der Gottesgedanke war, dem er sich unterwarf, so schuf er sich irgend einen anderen Begriff, den er als Herrn über sich setzte. Denn auch die Philosophie, diese reinste Ausstrahlung der männlichen Intellektualität, hat das Herrentum und die freie Verantwortung der Männlichkeit nicht immer auf das beste gewahrt. Durch den kategorischen Imperativ, den Kant lehrte, wurde der ideelle Mann unter die Zuchtrute einer dürren Abstraktion gestellt, um endlich, kraft der unumschränkten Herrschaft der Kausalität, wie Schopenhauer sie verstand, zu einem völlig nichtigen Hampelmann herabzusinken, den der Weltwille am Gängelbande des Wahnes zappeln läßt, je nachdem er es für seine Zwecke braucht. Friedrich Nietzsche selbst, der entschiedenste Anwalt des männlichen Herrentumes, hat den Gemütszustand des Übermenschen auf das Gefühl der Unverantwortlichkeit bauen wollen, das die Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit alles Geschehens begleitet.
Ganz im allgemeinen hätte also der Mann keinen Anlaß, sich im Punkte der Unfreiheit und des Abhängigkeitsbedürfnisses als ein vom Weibe grundverschiedenes Wesen zu betrachten. Immerhin könnte man einwenden, daß zwischen der Unterwerfung unter eine höhere ideelle Macht und der Unterwerfung unter eine endliche Person, wie auch der willensgewaltigste Mann es ist, ein wesentlicher Unterschied bestehe. Dann bliebe aber noch immer die große Schar der subalternen Männerschaft, deren freiwillige und unfreiwillige Abhängigkeit von sehr endlichen Personen nicht zu bezweifeln ist.
Der Mann als Herr und Gebieter ist eine Vorstellung, die ihren Ursprung vornehmlich in sexuellen Gründen hat. Dem Weibe gegenüber pflegt sich auch in dem abhängigsten Durchschnittsmann ein Herrschafts- und Überlegenheitsbedürfnis zu regen. Da die Stärke physisch wie intellektuell eine relative Größe ist, fällt es keinem Manne schwer, unter den Frauen das schwächere Wesen zu finden, an dem er seine Überlegenheit messen kann. Deshalb erscheint im Bewußtsein der großen Mehrzahl das weibliche Geschlecht als das inferiore, dessen Lebensweise und Arbeitsleistung von der des Mannes qualitativ weit geschieden ist – obwohl schwerlich jemand sagen könnte, was denn an der Tätigkeit eines Lehrers, eines Arztes, eines Beamten, eines Advokaten, unter modernen Lebensbedingungen so spezifisch männlich sei. Der große Unterschied zwischen Mann und Weib, und damit zugleich das soziale Herrentum des Mannes über das Weib, liegt in der Sphäre der primitiven Männlichkeit und hat innerhalb der differenzierten keine andere Berechtigung, als sie das sexuelle Verhältnis im engsten Sinne mit sich bringt.
Wenn sich also die Männer im allgemeinen einzuräumen scheuen, daß ihre Lebensweise innerhalb der modernen Kultur sich von derjenigen der Frauen nicht mehr durch das Wesentliche, sondern nur durch Äußerlichkeiten unterscheidet, wenn sie ihre Berufe so hartnäckig vor dem Eindringen der Frauen verteidigen, so ist das, was sich eingestanden oder uneingestanden dagegen sträubt, nicht zuletzt jenes Bedürfnis nach Abstand, das aus dem Bewußtsein der sexuellen Gewalt entspringt.
Mit seinen sexuellen Instinkten lebt der Mehrzahlsmann noch in einer anderen Welt, auf einer anderen Kulturstufe. Die geistige Kultur legt dem Manne Zumutungen auf, die seiner teleologischen Geschlechtsnatur widerstreiten. Zur Teleologie seiner primitiven Geschlechtsbestimmung gehört die Unbändigkeit des Triebes, der über alle Hemmungen hinweg sich in der Psyche des Individuums behauptet und die Persönlichkeit seinem Zwecke dienstbar macht. Die höhere Auffassung der Männlichkeit hingegen setzt ein ganz anderes Verhältnis von Triebleben und Persönlichkeit voraus, als es in den Untergründen der männlichen Psyche unbeschadet aller geistigen Differenzierung herrscht.
Und hier verbirgt sich vielleicht die tiefste Ursache, warum die differenzierte Männlichkeit nicht vermag, das Leben nach den Konsequenzen ihrer Wesenheit neu zu gestalten, hier die unterirdische Quelle des Zwiespaltes, den die Wenigsten überwinden, weil er ihnen nicht klar zum Bewußtsein kommt.
Es ist eine Erscheinung, die zu denken gibt, daß das männliche Geschlecht in demselben Grade, als es sich von seinen primitiven Zuständen entfernt, das natürliche und rechtschaffene Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität verliert. Gibt es etwas Verkehrteres, ja Unsinnigeres als die Stellung, welche die modernen Kulturvölker den geschlechtlichen Dingen gegenüber einnehmen? Die heillose Verlogenheit und Heuchelei, die da herrscht, deutet auf einen folgenschweren Mangel in der Anpassung der Individuen an die sozialen Lebensbedingungen. Daß die Unbefangenheit und Unschuld des sexuellen Lebens in dem Maße verloren gehen konnte, wie es während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von der Antike bis auf die Gegenwart geschehen ist, läßt sich nur aus einem abnormen Zustand der männlichen Psyche erklären – vorausgesetzt, daß sie es ist, welche bisher in der menschlichen Gesellschaft die führende und organisatorische Kraft bildete.
Wenn die männliche Geisteskultur, zu scholastisch-abstrakten Auswüchsen neigend und durch einseitige Spezialisierung aus dem Ebenmaß gebracht, die Gefahr in sich schließt, das Verhältnis des Einzelnen zur Totalität des Lebens zu stören, so wirkt die männliche Gemütskultur noch mehr als Gleichgewichtsstörung, indem sie das Individuum in ein Geistwesen, das zu einem gesteigerten Intellektualismus hinaufgezüchtet wird, und in ein Tierwesen spaltet, das mit seiner Sexualität auf der niedrigsten Stufe des Trieblebens zurückgehalten wird. Als unlösbare Dissonanz besteht in der männlichen Psyche die alte Feindschaft zwischen Geist und Geschlecht fort, der Krieg zwischen Gattung und Persönlichkeit, der die europäische Kulturmenschheit in ein so erstaunlich verschrobenes und unaufrichtiges Verhältnis zu den geschlechtlichen Dingen gesetzt hat.
Es gibt zwei Wege, auf denen die Freiheit der Persönlichkeit vor der Vergewaltigung des Geschlechtstriebes zu retten ist: die Askese, die »Ertötung des Fleisches«, zugleich eine Verneinung der Forderung, welche die Gattung an das Individuum stellt – wobei Abstinenz nur als ein anderer Ausdruck für Askese gelten kann – oder die Versöhnung jener beiden feindlichen Interessensphären, die Bejahung der Gattung im Geiste der Persönlichkeit, welche die Liebe bewirkt, indem sie die geschlechtlichen Beziehungen mit Persönlichkeitsgehalt erfüllt.
Weder der eine noch der andere dieser beiden Wege ist es, auf dem die Entwicklung des Jünglings zum Manne sich vollzieht. Für eine asketische Ordnung seines sexuellen Lebens vor der Ehe fehlen außerhalb der grundlegenden religiösen Vorstellungen irgendwelche sittliche Werte von suggestiver Gewalt, die allein den Mut der Selbstüberwindung so hoch entfachen können; eine Gesellschaftsordnung aber, die in der Ehe das einzige legitime Geschlechtsverhältnis anerkennt und die Erfüllung der Liebe an wirtschaftliche Bedingungen knüpft, gewährt das Anrecht auf Liebe nicht in jenem Alter, in dem es die Natur am gebieterischsten fordert. Somit verurteilt diese Gesellschaftsordnung den Mann in seiner blühendsten Lebensperiode, sich an die tiefststehenden und niedrigsten Wesen des weiblichen Geschlechtes zu halten, an jene, die durch die geschlechtliche Preisgebung ihren Lebensunterhalt erwerben. Daß ein solcher Erwerb nach der sozialen Bewertung als entehrend gilt, ist insofern berechtigt, als er ja einen atavistischen Rückfall des Weibes in die rohesten Zustände des Empfindens zur Voraussetzung hat; daß aber die soziale Verdammung dabei nur das Weib trifft und nicht den Mann, der gleicherweise an diesem atavistischen Rückfall beteiligt ist, gehört zu den Widersinnigkeiten, die nur aus der Vorherrschaft der primitiven Männlichkeit und der ihren Instinkten entsprechenden Anschauungen erklärbar sind.
Für den primitiven Mann liegt in der Promiskuität des geschlechtlichen Verkehres nichts Herabsetzendes. Einen so breiten Raum die Sexualität in seinem Leben einnimmt, so lose ist sie innerlich mit seiner Persönlichkeit verknüpft. Das Mißverhältnis zwischen seiner unentwickelten Erotik und der Gewalt eines ursprünglich polygamen Triebes ist so groß, daß keine Notwendigkeit, ja nicht einmal die Möglichkeit für ihn besteht, jedes Geschlechtsabenteuer mit einem persönlichen Empfindungsgehalt auszustatten, und seine grobschlächtige seelische Konstitution erleidet keine Erschütterung durch eine Art der Befriedigung, die erst auf einer höheren Stufe des Empfindens zu einem Zwiespalt zwischen den elementaren Forderungen des Geschlechtes und den Tendenzen einer verfeinerten Persönlichkeitskultur führt.
Bei denjenigen aber, an welchen sich diese Verfeinerung auch in der sexuellen Sphäre vollzogen hat, ist die Wirkung der seelenlosen Promiskuität eine ganz andere; denn bei ihnen entsteht ein verhängnisvoller Gegensatz zwischen den äußeren Lebensbedingungen, in die sie hineingebannt sind, und den inneren Bedingungen des Empfindens.
Nicht umsonst haben, soweit die Kultur zurückreicht, die Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit, die Priester, immer die Nötigung gefühlt, sich in ein besonderes Verhältnis zur Sexualität zu setzen. Was für seltsame Formen die religiösen Vorstellungen darüber auch annehmen mochten, »Reinheit« in dieser Hinsicht, oder mit anderen Worten: die Unterordnung unter eine strengere Lebensregel als die des gemeinen Mannes, bildet das erste Gebot für den Mann der Geistigkeit. Die hohe Bewertung der Keuschheit, die sich als religiöses Gebot auf die metaphysische Bestimmung des Menschen gründen will, scheint darauf zu deuten, daß sie eine Umsetzung materieller Kräfte in geistige bewirkt. Wenn die höhere Männlichkeit in der Entfaltung und Steigerung des geistigen Vermögens besteht, in der Macht aus geistiger Überlegenheit, so muß sie sich von dem gewöhnlichen, grobmateriellen Mannestum zu allererst hier unterscheiden; denn hier, in der Überwindung eines die Persönlichkeit unterjochenden Triebes, liegt der Ursprung und das Mittel aller Vergeistigung. Die gefährlichste Beeinträchtigung der Macht über sich selbst in der männlichen Psyche ist aber der Geschlechtstrieb. Indem er das Individuum verleitet, unter das Niveau seiner Persönlichkeit herabzusteigen, nimmt er die Gestalt eines unwiderstehlichen Zwanges an, und hebt das Bewußtsein der inneren Freiheit auf, das aus dem Widerstehenkönnen, aus der Überordnung der höheren Willensantriebe über die niedrigeren entspringt.
In einer sozialen Ordnung, die dem Manne nur die Wahl läßt zwischen einer unabsehbaren und daher unmöglichen Enthaltung oder einer unwürdigen Befriedigung, solange seine ökonomische Lage ihm eine Eheschließung verwehrt, werden gerade die edelsten und feinfühligsten Individuen am schwersten getroffen. Das Geschlechtliche ist ein wunder Punkt in der Seele des verfeinerten Mannes – darüber darf man sich durch die herrschenden Allüren der Männlichkeit nicht hinwegtäuschen lassen. Diese Allüren sind Außenseite und Oberfläche; sie gehören zur Konvenienz im Auftreten der Männlichkeit. Aber daß auch die Männer der Geistigkeit von allem Geschlechtlichen als Problem peinlich berührt werden, daß sie, die unter sich so freigebig mit Zoten und faunischen Grimassen sind, nichts so sehr scheuen, wie eine ernsthafte Erörterung der sexuellen Fragen und lieber vor den greuelvollen Zuständen nach dieser Richtung die Augen schließen – das deutet darauf, daß hier etwas faul ist an dem Empfindungsleben der Männlichkeit. Ziehen es denn nicht die meisten Väter vor, ihre jungen Söhne der Führung des Zufalls zu überlassen und sie den schlimmsten physischen und psychischen Gefahren preiszugeben, ehe sie den Entschluß fassen, an diesen Punkt zu rühren –?
Es gibt keine Worte, um das Verhalten der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den heranwachsenden Knaben zu brandmarken. Die Erziehung der Mädchen in sexueller Hinsicht mag eine Unzulänglichkeit sein, eine Verkehrtheit, ein Unrecht selbst – die der Knaben ist ein Verbrechen. In einem Alter, in dem ihr Organismus unter den Erschütterungen der beginnenden Mannbarkeit bebt, werden sie wie geschlechtslose Maschinen behandelt, zur Langweile eines verknöcherten Schulstudiums, zur Überreizung einer sitzenden Lebensweise verurteilt, die ganz danach angetan ist, ungesunde Regungen zu nähren, um endlich ihre ersten männlichen Erfahrungen in den Armen eines käuflichen Weibes zu machen. Und so stumpfen sie sich schon im eindrucksfähigsten Alter gegen die schmachvolle Entwürdigung ab, die in diesem Wegwerfen des eigenen Leibes liegt, und so werden sie taub gegen das Veto der Natur, die mit Donnerworten gegen die Promiskuität redet und sie mit ihrem furchtbarsten Fluch verfolgt – mit Krankheiten, denen das Individuum und seine Nachkommenschaft in unabsehbarem Siechtum erliegt.
Man kann es dahin gestellt sein lassen, ob in der Tat »die männliche Natur ohne Verirrungen nicht zur Vollendung gelangen« kann, wie es ein älterer Moralist schmeichelhaft formuliert; ebenso kann es unentschieden bleiben, ob die »gleiche Moral für beide Geschlechter«, die das Leitwort einer sittlichen Bewegung bildet, wirklich ein gerechtes Postulat darstellt. Nicht moralische Gesichtspunkte allein lassen die Bedingungen, unter welchen sich das sexuelle Leben fast aller Männer entwickelt, verwerflich erscheinen. Oft genug, und mit Recht, hat man eingewendet, daß die Ehe in manchen Fällen moralisch kaum höher steht als die käufliche Liebe. Aber ein psychologisches Moment fällt dabei schwer ins Gewicht. Das Bewußtsein der inneren Freiheit und zugleich das Selbstgefühl der Persönlichkeit wird eine zuverlässige Grundlage nur in jenen Menschen haben, die aus den Anfechtungen des Geschlechtes als Sieger im Sinne einer höheren Willensentscheidung hervorgegangen sind. Damit eine solche Willensentscheidung möglich werde, müssen die Lebensbedingungen dem Einzelnen zu Hilfe kommen. Wenn sie aber, wie im modernen Leben, nur danach angetan sind, ihn mit den Ansprüchen seiner Sexualität den unwürdigsten Zuständen auszuliefern, dann wird eine Depression unvermeidlich eintreten, sobald einmal Persönlichkeit und Triebleben entzweit sind. Wie sollte das Lichtscheue, Heimliche, Unlautere, das dem bezahlten Geschlechtsverkehr anhaftet, auf die freie Mannhaftigkeit des Empfindens ohne Einfluß bleiben? Unter diesem Einfluß wird der Mann durch seine Sexualität entweder frivol, oder verlogen, oder unselig. Ein Flecken liegt auf ihm, der um so zerstörender wirkt, je feiner seine Persönlichkeit organisiert ist.
Diese Anschauung könnte als eine einseitig weibliche erscheinen. Es fehlt zwar auch nicht an Männern, die ähnlich urteilen; aber die Rigoristen sind ihren eigenen Geschlechtsgenossen immer der Unmännlichkeit und Muckerei verdächtig. So sei dafür ein Gewährsmann zitiert, dem gewiß niemand moralistische Strenge der Lebensauffassung nachsagen kann. Guy de Maupassant läßt – in der Erzählung »Der Riegel« – einen alten Junggesellen über den bezahlten Geschlechtsverkehr sagen: »Man behält innerlich eine Empfindung moralischen und physischen Ekels zurück, wie wenn man zufällig mit pechbeschmutzten Dingen in Berührung gelangte und man kein Wasser bei der Hand hat, um sich zu waschen. Man mag noch so fest reiben, der Flecken bleibt zurück.«
Um sich diesen Flecken nicht eingestehen zu müssen, flüchtet sich auch der Mann der Geistigkeit mit seiner Geschlechtsmoral in die Sphäre der primitiven Männlichkeit, obgleich er im übrigen nichts mehr mit ihr gemein hat. Aber da er in diesem Punkte vor ihr kapituliert, gibt er auf der ganzen Linie das Feld verloren. Er, der Repräsentant der höchsten menschlichen Entwicklungsstufe, der prädestinierte Führer der Welt, unterliegt seinem eigenen Geschlechte – nicht Herr, sondern Opfer einer sozialen Ordnung, in der die primitive Männlichkeit triumphiert, das gemeine Elementare, das zu sublimieren und dienstbar zu machen das Ziel einer ungeheuren Arbeit ist, die Leistung der Jahrtausende, die der Mensch an die Kultur gewendet hat.
Aber noch mehr! Der Bevorzugte der Natur, dem sie die Pflichten der Gattung um soviel leichter als dem Weib machte, um auf ihn alle Möglichkeiten der geistigen Entfaltung zu häufen, er verliert durch seine Halbheit und Inkonsequenz auch den Vorrang vor dem weiblichen Geschlecht. Wie überlegen die differenzierte Männlichkeit – der Mehrheit nach – ist, soweit es sich um intellektuelle Vorzüge handelt, in ihrer sittlichen Kultur kann sie sich mit dem edlen Frauentume nicht messen.
Gleichviel, ob in der weiblichen Natur selbst die Sexualität ein anderes Verhältnis einnimmt als in der männlichen, oder ob die geschlechtliche Differenzierung nur unter dem Druck entstanden ist, den die Forderungen des Mannes auf das Weib ausübten – die strenge Zucht zur geschlechtlichen Reinheit, zur Ausschließlichkeit der Hingebung an eine auserwählte Person hat unter den Frauen eine Verfeinerung und Veredlung des sexuellen Gewissens bewirkt; und der Heroismus der Selbstüberwindung, den die Frauen einsetzen, um die geschlechtliche Integrität der Persönlichkeit zu behaupten, ist ein Vorzug, der sich mit Notwendigkeit geltend machen muß, sobald die konventionellen Einschränkungen ihrer sozialen Stellung fallen, ein Vorzug, der ihnen gegenüber der differenzierten Männlichkeit ein Übergewicht verleiht.
Nach einer hergebrachten Anschauung soll diese sittliche Überlegenheit der Frauen das Äquivalent für die geistige Überlegenheit des Mannes bilden, wodurch das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern hergestellt sei. Das aber ist nur eine Ausflucht, die Bemäntelung eines Notstandes, über den der Mann nicht Herr werden kann.
Vielleicht wird in dem Punkte, wo die einseitige Männerkultur versagt, das Eintreten der Frau als soziale Mitarbeiterin eine Wendung schaffen. Daß der Wille dazu unter den Frauen, die sich ihrer sozialen Aufgaben bewußt sind, besteht, haben sie bewiesen; ob sie die Macht dazu gewinnen können, muß die Zukunft lehren. Der Mann der Geistigkeit aber wird erst dann wieder eine harmonische und machtvolle Erscheinung werden, sobald die Konsequenzen der Verfeinerung sich auch an seiner sexuellen Persönlichkeit vollziehen. Freilich müßte er, um als Phönix einer neuen Menschlichkeit wiedergeboren zu werden, vorher in sich alle Vorurteile und alle Schwächen verbrennen, die der primitiven Männlichkeit angehören, um nur das von ihr zu behalten, was von seinem Manneswesen unzertrennlich ist.

Aus:  Rosa Mayreder | Zur Kritik der Weiblichkeit | 1922 | Verlag Eugen Diederichs

trennlinie2

Rosa Mayreder (geb. Obermayer, Pseud.: Franz Arnold) (* 30. November 1858 in Wien; † 19. Jänner 1938 ebenda) war eine österreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturphilosophin, Librettistin, Musikerin und Malerin.

In ihren Büchern, aber auch in Gesprächen, die sie in ihren Tagebüchern niederlegte, versuchte sie als Kulturschaffende, ein gleichwertiges Verhältnis der Geschlechter durchzusetzen, durch das weder der Mann die Frau noch diese den Mann nur körperlich begehrt. Mit ihrem Ansinnen stieß sie in literarischen Kreisen auf Anerkennung und Zustimmung. Ihre Gegner sah sie vor allem unter Vertretern der Medizin, die von Mayreder als ein Hort seelischer Willkür und der Herabwürdigung von Frauen zum Sexualobjekt empfunden wurde. Sie wandte sich gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts und die bestehende Doppelmoral. Ihre Werke fanden weite Verbreitung und wurden auch ins Englische übertragen. Auf der letzten herausgegebenen 500-Schilling-Banknote fand sich neben ihrem Abbild das Zitat „Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“ (1905). Allerdings liebte Rosa Mayreder selbst durchaus auch großbürgerliche Sitten, die sie mit ihren inneren Anliegen in eins zu verschmelzen suchte.

Menschenbilder | Edward Jean Steichen & seine wunderbare Idee von «The Family of Man»

Es gibt in der deutschen Sprache ein sehr altes und sehr einfaches Wort, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir von etwas eine Vorstellung haben, dass wir etwas deuten, vergleichen, sichtbar machen. Wir sagen, wir machen uns ein Bild.

Edward Steichen | Foto: F. Holland Day - Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901
Edward Steichen | Foto: F. Holland Day – Library of Congress Prints and Photographs Division | 1901

Wir machen uns ein Bild vom Leben, ein Bild vom Dasein, ein Bild von uns selbst. Wir wissen, dass wir das Sein nicht unmittelbar begreifen, wir sind Menschen, wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und erkennen heißt, über Sinn und Bedeutung der Welt nachdenken, sich ein Bild machen. Wir haben uns eine neue Welt geschaffen, heute würde man sagen: eine Welt der Symbole, eine Welt der Mythen, der Religion, der Sprache, der Kunst, der Wissenschaft, um uns ein Bild zu machen von unserem Dasein. Eine der konzentriertesten, ausdrucksvollsten und vielleicht auch reinsten Formen dieser Symbole ist das Bild, das der Künstler schafft, in Lehm, in Stein, in Farbe, seit den frühesten Zeiten der Menschheit.

Zu diesem alten Begriff des Bildes, von dem wir uns immer bewusst sind, dass er nicht das Sein selbst gibt, sondern eine Deutung des Seins, kommt um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art von Bild, etwas Unglaubliches, ein Bild, das kein Bild mehr ist, weil es scheinbar die Welt selbst gibt, so wie sie ist, ungedeutet und unmittelbar. Das gleiche, was das Auge sieht, was die Linse des Auges auf die Netzhaut projiziert, wird durch einen analogen Vorgang, durch eine analoge Linse auf eine ebenfalls lichtempfindliche Schicht geworfen und dort, im Gegensatz zum Auge, für alle Zeiten, für alle Menschen festgehalten. Was ein Mensch sieht, kann nun jeder Mensch sehen. Wir lösen Teile der sichtbaren Welt ab, fangen sie auf, übertragen sie heute schon mit allen Konsequenzen der Farbe, der Bewegung, der Gleichzeitigkeit. Man hat diese für die Erkenntnis unserer Welt ungeheuer wichtige Erfindung, die der französische Staat wegen ihrer Bedeutung sofort aufgekauft und für alle Menschen freigegeben hat, mit einer der typischen Wortkonstruktionen des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Man nennt sie Photographie, das heißt Lichtschrift, Lichtzeichen, und nennt auch ihre Erzeugnisse, umständlich genug, Photographien. Bis heute zögern viele, sie mit dem Wort Bild zu bezeichnen. Man spricht von Abbildungen, das heißt von Abformungen, oder von Aufnahmen, und meint damit, dass etwas wieder aufgenommen wird, das schon da ist. Immer ist man sich bewusst, dass die Photographie ein Teil der Realität selbst ist. Im Unterschied zum Bild des Malers ist sie ein Dokument, ein Beweis, kein Vergleich, kein Symbol. Wir wollen die Frage offen lassen, ob es so ist. Jedenfalls hat um 1900 ein junger Maler, der sich gleichzeitig mit Photographie beschäftigte, sich ebenfalls diese Frage gestellt, und er hat versucht, diese Grenze zwischen Malerei und Photographie zu durchbrechen. Dieser Maler schickte an eine große Kunstausstellung in Paris bewusst keine Malereien, sondern Photographien und schrieb dazu, es seien Bilder, die er mit Hilfe des Lichts gemalt hätte. Er brachte die Juroren in einige Verlegenheit. Sie anerkannten, dass die Bilder einen künstlerischen Wert hätten, sie hatten aber Angst vor den Folgen. Die Bilder wurden zurückgewiesen. Der junge Mann, der diesen Vorstoß wagte, war Edward Steichen, der Schöpfer der Ausstellung «The Family of Man», der, wie er selbst sagt, vielleicht weitreichendsten und herausforderndsten photographischen Schau, die je versucht wurde. Mehr als hundert Jahre seit der Erfindung der Photographie hat es gedauert, bis jemand auf die Idee kam, uns diese Spiegelbilder unseres Seins vorzuhalten, um uns zu zeigen, was wir sind. Edward Steichen gehört zu den großen Erneuerern der Jahrhundertwende, zu den wenigen, die noch da sind. Ich glaube, sein Leben verdient es, dass wir darüber sprechen. Steichen wird in diesem Jahr dreiundachtzig Jahre alt. Er hat als Schulbub angefangen zu photographieren. Er entwickelte seine Aufnahmen auf dem Küchentisch seiner Mutter in Wisconsin, Bilder seiner Familie und seiner Freunde. Mit einundzwanzig Jahren ging Steichen nach Paris. Er machte halt in New York und zeigte seine Aufnahmen dem fünfzehn Jahre älteren, damals schon berühmten Stieglitz. Stieglitz war überrascht. Er wollte dem jungen Mann Mut machen und kaufte drei Bilder, jedes zu fünf Dollar. Steichen erzählt, dass er heute, jedes Mal, wenn ein vielversprechender junger Photograph zu ihm kommt, ihm drei Bilder abkauft, jedes zu fünf Dollar. In Paris war er ein Künstler unter anderen, mit breitem Hut und fliegender Krawatte. Er studierte Malerei und bekam später bis zu fünftausend Dollar für ein Bild. Aber er glaubte, dass er sich besser ausdrücken könne durch die Photographie. Er kämpfte weiter mit Stieglitz zusammen um die Anerkennung der Photographie als Kunst. Er schrieb 1903: «Warum will man eigentlich ein künstlerisches Ausdrucksmittel, das schon jetzt, in dem ersten Kindheitsstadium seiner Entwicklung, zu den bedeutendsten Faktoren modernen Wissens und Könnens gehört, warum will man das eigentlich einengen durch wissenschaftliche, künstlerische oder sonstige Beschränkungen? Ein Ausdrucksmittel, das noch gar keine Sondergesetze haben kann? Warum von Beschränkungen, von Grenzen reden, wo wir mit den Möglichkeiten, die noch gar nicht erschöpft sind, vielleicht wirklich etwas erreichen? Es handelt sich hier nur um die alte Frage: Beherrscht der Geist den Stoff oder der Stoff den Geist?»

clerf-familyofman-20060908
Joachim Köhler | Schild der Foto-Ausstellung „The Family Of Man“ in Clerf (fr.: Clervaux) Luxemburg | CC BY-SA 3.0 | Quelle: wikipedia

Steichen suchte allerdings in seinen frühen Aufnahmen weniger nach den Sondergesetzen der Photographie, als dass er versuchte, Gesetze der Malerei auf die Photographie anzuwenden.
Seine Aufnahmen sind Kunstdrucke. Man könnte sie manchmal
mit Malereien verwechseln. Man sagt, dass er den Apparat während der Aufnahme vibrieren ließ, dass er auf die Linse spuckte, um eine malerische Wirkung zu erzielen. Steichen, der bald in New York, bald in Paris ist, kennt viele berühmte Leute. Er photographiert Bernard Shaw, Richard Strauss, Maurice Maeterlinck, Anatole France. Er wird befreundet mit Rodin, und er bricht in seinem Atelier zusammen, weil er unzufrieden ist mit seiner Arbeit. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg lebt er auf einem kleinen Gut in Voulangis bei Paris, malt, photographiert und züchtet Rittersporn.

Als Amerika 1917 in den Krieg eintritt, wird er technischer Berater für Luftaufnahmen und bekommt später das Kommando über alle photographischen Operationen in Frankreich. Mit dem Krieg ändert sich sein Leben. Luftaufnahmen müssen klar und scharf sein, und Steichen sieht in der Präzision einen neuen Weg der Photographie. Er wird beeinflusst von den Schrecken des Krieges. Er will künftig sein Leben enger mit dem Leben seines Nebenmenschen verbinden, und er glaubt, dass die Photographie ihm helfen könnte. Mit der Malerei ist es zu Ende. Er macht mit seinem Gärtner in Voulangis einen großen Haufen von diesen «gerahmten Tapeten» im Wert von fünfzigtausend Dollar.
Seine zweite photographische Lehrzeit beginnt. Er sagt: «Ich bin bestimmt wie Ebbe und Flut, und geduldig wie die Römische Kirche.» Mehr als tausendmal photographiert er während eines Jahres eine weiße Tasse und eine Untertasse, damit ihm die photographische Technik in Fleisch und Blut übergeht. Er geht zurück nach Amerika, macht Modeaufnahmen für «Vogue» und «Vanity Fair», arbeitet mit einer Reklameagentur und photographiert berühmte Menschen. Um seine Auftraggeber abzuschrecken, verlangt er tausend Dollar für eine Aufnahme und hat in der Folge noch mehr zu tun. Er kauft eine Farm in Connecticut, achtzig Mal größer als Voulangis, und züchtet Delphinium.

Fragen der Vererbung interessieren ihn schon lange. Er sagte, dass alles, was wächst, im Grunde ähnlichen Gesetzen der Vererbung unterworfen ist, auch der Mensch. Er wollte die Menschen bessern, und seine einzige Hoffnung waren damals erbbiologische Methoden. Aber er fand weder einen Weg, noch wusste er das Ziel. 1938 hatte er sein New Yorker Studio geschlossen, um sich ganz mit Pflanzenzucht beschäftigen zu können. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Als die Japaner Pearl Harbour angriffen, übernahm der Zweiundsechzigjährige das Kommando über viertausend Photographen, die die amerikanischen Operationen in der Luft und auf dem Meer festgehalten haben. Die Aufnahmen wurden zu einem dramatischen Bericht über die Operationen. Sie zeigten die menschlichen Qualitäten der Kämpfenden, aber sie waren auch eine verheerende Anklage gegen den Krieg. 1947 wurde er, der um die Anerkennung der Photographie gerungen hatte, Direktor der photographischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York.

Fünf Jahre später, 1953, läutete in der Photoklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule das Telephon. Robert Frank, der junge, begabte Schweizer Photograph, der in heute in (New Scotia) Kanada lebt, war am Telefon. Er würde in Kürze mit Edward Steichen vorbeikommen. Steichen, diese legendäre Figur, von der die SchülerInnen so oft gesprochen hatten; das Museum of Modern Art, ein Museum modernster Kunst, also auch modernster Photographie: Sie suchten rasch zusammen, was an Experimenten, an extremen Aufnahmen vor Ort war. Dann war er da, freundlich, kameradschaftlich; man hatte sofort Kontakt mit ihm, aber was ihm gezeigt wurde, beachtete er kaum. Ob denn keine Reportagen gemacht würden? Ob niemand Aufnahmen von Menschen gemacht hätte? Er ließ den Studierenden allerdings keine Zeit, etwas zusammenzusuchen. Steichen begann zu erzählen. Von seinem Plan einer Ausstellung von der Einheit des Menschengeschlechts, von den Menschen als einer großen Familie. Unabhängig von Rasse, unabhängig von der Kulturstufe, vom Land, von den sozialen und politischen Gliederungen sind alle Menschen den gleichen Gesetzen des Lebens unterworfen. Sie verbinden sich, Kinder werden geboren, sie verlangen nach Nahrung, nach Schutz. Die Menschen arbeiten und sind müßig, traurig und fröhlich, gut und böse, lieben sich und hassen sich. Sie suchen das Leben zu begreifen, sie haben Angst und haben Hoffnung. Und wie die Blätter welken und fallen, werden die Menschen alt, sie sind einsam, sie sterben.
«Wir wollen nicht nur die positiven Seiten des Menschen zeigen», sagte Steichen, «wir werden vielleicht eine Aufnahme haben aus Afrika oder Südamerika, wo ein Vater seinem Sohn beibringt, wie man seinen Feind mit einem Giftpfeil tötet. Wir wollen die ursprünglichen Triebe der Menschen zeigen; nicht die Religionen, aber das Religiöse; keine sozialen Systeme, aber ein soziales Bewusstsein. Aussprachen der größten Menschen und Worte der größten Weisheit werden die Aufnahmen begleiten.» Die Ausstellung «The Family of Man» wurde 1955 im Museum of Modern Art in New York eröffnet und anschließend in vielen Städten und Ländern gezeigt. Millionen Besucher haben sie gesehen.

«The Family of Man» ist als bewusster Beitrag zur Idee des Friedens und der Verständigung, zur Freundschaft zwischen den Nationen angelegt. Sie will die schöpferischen Kräfte der Liebe und Wahrheit den zerstörenden des Bösen und der Lüge gegenüberstellen. Ferdinand Hodler sagte einmal: «Ich sehe das, was die Menschen verbindet, nicht das, was sie trennt. Alle Menschen essen gleich, schlafen gleich, lieben gleich. Es ist die Aufgabe des Künstlers, den stärksten, sinnfälligsten Ausdruck dieser Funktionen zu finden.» Steichen hat ein langes Leben sich bemüht, dem nahezukommen, was die Photographie auszudrücken vermag. Er hat lange Jahre nachgedacht, wie man die Menschen zu einem besseren Leben bringen könnte, und er hat schließlich mit all seiner Kraft und seiner Erfahrung die große Schau von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen.

Seit 1994 befindet sich die Sammlung «The Family of Man» als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Clerf (luxemburgisch Klierf, Cliärref, französisch Clervaux) ist eine Gemeinde im Großherzogtum Luxemburg und Hauptort des gleichnamigen Kantons Clerf) und umfasst 503 Aufnahmen von 273 Fotografen aus 68 Ländern und wurde von Edward Steichen für das Museum of Modern Art in New York (MoMA) zusammengetragen. Seit ihrer Schaffung hat die Ausstellung über 10 Millionen Besucher gehbat und geht somit als Legende
in die Geschichte der Fotografie ein. 2003 wurde sie ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden sie auf den Seiten der steichencollections.

Cover
Cover

Literatur: 
The Family of Man (Englisch) Taschenbuch
Carl Sandburg & Edward Steichen
192 Seiten
Verlag: Museum of Modern Art; Auflage: 1. (2013)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0870703412
ISBN-13: 978-0870703416

Menschenbilder | Laura Bridgman & Charles Dickens | Wie eine taubblinde Frau die Sprache findet

Laura Bridgman3
Laura Bridgman | Daguerreotype by Southworth & Hawes | ca. 1855

Laura Bridgman, eine dreisinnige Amerikanerin, war etwa 12 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie sich von anderen Kindern unterschied und dass sie nur drei Sinne besaß, nämlich den Tastsinn und außerdem ein bisschen Geruch und Geschmack. Sie hatte damals schon das Wort denken (think) halb als Verbum, halb als Substantiv kennen gelernt und gebrauchte es auffallend häufig für die Anstrengung des Denkens, die sie lokalisiert in ihrem Kopf empfand. So sagte sie z. B.: »Mein Denken ist müde.« Als sie nun erfuhr, sie habe nur drei Sinne, rief sie (der Ausdruck »rufen« ist wohl nur als abkürzendes Wort zu verstehen): »Ich habe vier Sinne: Denken und Nase und Mund und Finger« . . . Das Denken war ihr etwa ein Substantiv, und sie konnte den Kopf gar wohl als das Sinneswerkzeug der Denkarbeit betrachten, wie die Nase als Sinneswerkzeug der Geruchsarbeit.
Lauras Gedächtnis war außerordentlich gut entwickelt. In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde ihr mittels der Fingersprache ein kindliches Lesestück vorgelesen, und Laura musste es am nächsten Tag aus dem Gedächtnis niederschreiben. Diese Niederschrift hält sich im wesentlichen so genau an das Original, dass eine solche Leistung einem vollsinnigen Kind gleichen Alters nicht immer gelingen würde. Laura ist also ein Beweis dafür, dass ein außerordentliches Gedächtnis alle oder doch die meisten Assoziationen, deren Verbindungen unsere Welterkenntnis oder Sprache ausmachen, auch ohne Gesicht und Gehör an den Tastsinn binden kann.
Aus Anlass eines besonderen Falls von Taubstummheit in Verbindung mit einem operierten Starblinden, der zunächst eine Kugel und einen Würfel nicht unterscheiden konnte, bemerkt der bedeutende La Mettrie: wäre der Taubstumme auch noch blind gewesen, so wäre er ganz ohne Ideen geblieben. Diese Behauptung kann durch die Geschichte der Amerikanerin als widerlegt gelten. Ein Wesen wie Laura Bridgman wäre freilich kaum glaubhaft erschienen, hätte sie nicht wirklich gelebt und gelehrte Zeitgenossen in Erstaunen gesetzt.
Zum Kapitel der Ersatz-Sinne gehört auch der Fall einer anderen Taubstummblinden, Julia Brace. Als sie zu Doktor Howe, dem Lehrer der Bridgman, kam, war sie schon zu alt, um noch sprechen zu lernen. Dafür hatte sie ihren Geruch in Stellvertretung so ausgebildet, daß sie aus einem Haufen Handschuhe ein zusammengehörendes Paar und sogar die Handschuhe zweier Schwestern herausfinden konnte.
Allerdings wird das Innenleben dieser Julia für einen vollsinnigen Menschen schwer vorzustellen sein. Und wir finden keine Begriffsbrücke zu ihrer Leidensschwester Laura, die sich doch an die immerhin artikulierteren Tastempfindungen halten konnte bis zu dem Grad, dass sie in der Fingersprache Selbstgespräche hielt und sogar in der Fingersprache träumte!

trennlinie2

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika
Aus Kapitel 4.

Die Bostoner Perkins-Institution und das Massachusetts-Asyl für Blinde. Dickens beschreibt seine Erlebnisse.
Ich besuchte die Anstalt an einem sehr schönen Wintermorgen; über mir ein italienischer Himmel, und die Luft so klar und hell, dass selbst meine Augen, keineswegs die besten, die kleinen Linien und Verzierungen an entfernten Gebäuden erkennen konnten. Gleich den meisten andeern öffentlichen Anstalten dieser Klasse in Amerika befindet sich auch diese eine oder zwei englische Meilen vor der Stadt, an einem angenehmen, gesunden Plätzchen, und ist ein luftiges, geräumiges, schönes Gebäude. Es ist auf einer Anhöhe erbaut, von welcher aus man den Hafen übersehen kann. Als ich einen Augenblick an der Tür still stand und sah, wie frisch und frei die ganze Landschaft war – wie leichte glänzende Schaumblasen über die Wellen dahintanzten und jeden Augenblick zur Oberfläche empor quollen, als wenn die Welt unten, wie die oben, sich des heitern Tages freue und in dessen Lichtfülle hinüberströmen wolle: wenn ich von Segel zu Segel auf ein Schiff in der offenen See schaute, ein kleines winziges Fleckchen von reinem Weiß, wenn ich auf die einzige Wolke am stillen, tiefen, fernen Blau des Himmels blickte – und mich herumdrehend einem blinden Knaben in das Antlitz sah, das er in derselben Richtung hielt, als ob auch er in sich ein Gefühl der herrlichen Aussicht habe, so fühlte ich eine Art Kummer, dass der Ort so hell und freundlich war, und ein sonderbarer Wunsch kam über mich, dass er um des Blinden willen dunkler sein möchte. Freilich war dies nur für den Augenblick eine bloße Phantasie, allein trotzdem wurde sie mir deutlich bewusst.
Die Kinder waren eben an ihren täglichen Beschäftigungen in den verschiedenen Zimmern, mit Ausnahme einiger weniger, die man schon entlassen hatte und welche spielten. Hier, wie in vielen anderen Anstalten trägt keiner Uniform, was mir aus zwei Gründen sehr erfreulich war. Erstens, weil ich überzeugt bin, dass nur sinnlose Gewohnheit und Mangel an Nachdenken uns mit den Livreen und bunten Lappen, die wir zu Hause so gern sehen, versöhnen kann. Zweitens, weil der Mangel solcher Sachen dem Besuchenden jedes Kind in seinem eigenen Charakter zeigt, da sich dessen Individualität hier nicht bei einer hässlichen, einförmigen, steten Wiederholung desselben Anzugs verliert; und dies ist wahrlich ein wichtiger Grund. Die Weisheit, ein wenig harmlosen Stolz auf das Äußere anzuregen, oder die wunderliche Albernheit, Menschenliebe und Lederhosen für unzertrennliche Gefährten zu halten, bedürfen keiner Erörterung.
Ordnung, Reinlichkeit und Bequemlichkeit walteten in jedem Winkel des Gebäudes. Die verschiedenen Klassen, die sich um ihre Lehrer versammelt hatten, beantworteten die ihnen vorgelegten Fragen mit Schnelligkeit, Intelligenz und einem Geiste muntern Wetteifers, der mir sehr gefiel. Die Spielenden waren fröhlich und lärmten wie andere Kinder. Es schienen unter ihnen mehr geistige und zärtliche Freundschaften zu existieren als unter anderen jungen Leuten, die nicht unter ähnlicher Trübsal leiden; doch hatte ich das erwartet. Dies ist ein Teil des großen Planes der gnadenvollen Rücksicht Gottes.

In einem Teile des Gebäudes befinden sich Arbeitsgemächer für Blinde, deren Erziehung beendigt ist und die irgendeine gewerbliche Beschäftigung erlernt haben, welche sie jedoch wegen ihres traurigen Schicksales nicht in einer gewöhnlichen Fabrik verrichten können. Hier waren mehrere beschäftigt, Bürsten, Matratzen usw. zu verfertigen; die Heiterkeit, Betriebsamkeit und Ordnung, die in jedem anderen Teile des Gebäudes wahrzunehmen war, zeigten sich auch hier.
Auf das Läuten einer Glocke begaben sich die Zöglinge sämtlich, ohne Führer, in einen geräumigen Musiksaal, wo sie auf einem zu diesem Zwecke errichteten Orchester ihre Sitze einnahmen und mit offenbarem Vergnügen dem Präludium auf einer Orgel horchten, das einer von ihnen spielte. Als dies beendigt war, machte der Spieler, ein neunzehn- oder zwanzigjähriger Bursche, einem Mädchen Platz, und zu ihrer Begleitung sangen alle eine Hymne und nachher eine Art Chor. Es erweckte höchst traurige Gefühle, sie so zu sehen und zu hören, so glücklich ihre Lage auch ohne Zweifel war; ich sah, daß ein blindes Mädchen (das gerade durch Krankheit des Gebrauchs seiner Glieder beraubt war) dicht neben mir saß, das Gesicht auf die singende Versammlung gerichtet, und still weinend zuhorchte.
Merkwürdig ist es, die Gesichter der Blinden zu beobachten und zu sehen, wie frei sie von aller Verstellung oder Verheimlichung ihrer Gedanken sind; ein Sehender möchte hierbei erröten, wenn er die Maske betrachtet, die er trägt. Abgerechnet einen leichten Schatten von Ängstlichkeit, der sich stets in ihrem Antlitz ausdrückt und den wir auch in unsrem Gesicht bemerken können, wenn wir im Finstern unseren Weg ausfindig zu machen suchen, drückt sich jede Idee, so wie sie in ihnen entsteht, mit Blitzesschnelle und in ihrer natürlichen Wahrheit in ihren Mienen aus. Wenn eine Ballgesellschaft oder eine Versammlung bei Hofe nur ein einziges Mal sich so wenig der Sehkraft bewußt wäre wie Blinde, welche Geheimnisse würden an den Tag kommen, und als ein wie großer Beförderer der Heuchelei würde dieselbe Kraft erscheinen, deren Verlust wir so sehr beklagen!

Dieser Gedanke kam über mich, als ich in einem anderen Zimmer mich vor einem blinden, tauben und stummen Mädchen niedersetzte, dem der Geruch und fast auch der Geschmack fehlte: vor einem schönen jungen Geschöpf, begabt mit jeder menschlichen Fähigkeit und Hoffnung, empfänglich für Güte und Liebe, und bloß im Besitz eines einzigen äußeren Sinnes – des Gefühls. Da sah ich sie vor mir, gleichsam wie in einer Marmorzelle eingemauert, unzugänglich für den kleinsten Lichtstrahl oder den leisesten Ton, und ihre arme weiße Hand sah hervor durch einen Riß des Steins, irgendeinem guten Menschen um Hilfe zuwinkend, damit eine unsterbliche Seele geweckt werde.
Lange schon, ehe ich sie sah, war die Hilfe gekommen. Ihr Antlitz strahlte von Intelligenz und Vergnügen. Ihr Haar, von ihren eigenen Händen geflochten, war um einen Kopf geschlungen, dessen geistige Fähigkeiten in der schönen Kontur und der hohen, freien Stirn desselben sich herrlich ausdrückten; ihr Kleid, von ihr selbst geordnet, war ein Muster der Sauberkeit und Einfachheit; die Arbeit, an der sie eben gestrickt, ruhte neben ihr; ihr Schreibbuch lag auf dem Pulte, auf das sie sich stützte. – Aus wie kümmerlichen Resten eines Menschenleibes hatte sich langsam dieses sanfte, zarte, schuldlose, dankbare Wesen erhoben!
Gleich den andern Bewohnern des Hauses hatte sie ein grünes Band um ihre Augen gebunden. Eine Puppe, die sie angekleidet hatte, lag neben ihr auf dem Boden. Ich hob dies Spielwerk auf und sah, daß sie ein grünes Band, wie sie selbst trug, gemacht und der Puppe um die Augen gebunden hatte.
Sie saß innerhalb eines kleinen Kreises von Schulpulten und Bänken und schrieb ihr Tagebuch. Bald hatte sie diese Arbeit beendigt, und nun begann sie eine lebhafte Unterhaltung mit einer Lehrerin, die neben ihr saß. Dies war eine Lieblingslehrerin der Armen. Hätte sie ihr Gesicht sehen können, sie würde sie sicher nicht weniger geliebt haben.
Aus einer schriftlichen Mitteilung desselben Mannes, der sie zu dem gebildet hatte, was sie ist, habe ich einige unzusammenhängende Bruchstücke ihrer Geschichte entnommen. Es ist eine sehr schöne, rührende Erzählung und ich wünschte, ich könnte sie dem Leser vollständig vorlegen.

Ihr Name ist Laura Bridgman. Sie wurde in Hanover in New Hampshire am 21. Dezember 1829 geboren. Sie wird als ein sehr munteres, hübsches Kind mit hellen, blauen Augen geschildert. Bis zum Alter von anderthalb Jahren war sie jedoch so klein und schwächlich, dass ihre Eltern kaum glaubten, sie aufziehen zu können. Sie war harten Krankheitsanfällen unterworfen, welche ihren zarten Körper aufs äußerste mitnahmen; das Leben hing nur noch an einem Faden. Doch im Alter von anderthalb Jahren schien sie sich zu erholen, die gefährlichen Symptome ließen nach, und zwei Monate später war sie vollkommen wohl.
Jetzt entfalteten sich ihre Geistesfähigkeiten, bisher in ihrem Wachstum gehemmt, mit reißender Schnelle, und während der viermonatigen Gesundheit, die sie nun genoß, scheint sie (soweit wir der Erzählung einer liebenden Mutter glauben dürfen) einen bedeutenden Grad von Intelligenz gezeigt zu haben.
Allein plötzlich wurde sie abermals krank; die Krankheit wütete fünf Wochen lang mit großer Heftigkeit; dann entzündeten sich Augen und Ohren, und der Inhalt derselben lief aus. Aber obschon Gesicht und Gehör für immer verloren waren, hatten doch die Leiden des armen Kindes ihr Ende noch nicht erreicht. Fünf Monate mußte sie in einem verfinsterten Zimmer das Bett hüten; es währte ein Jahr, ehe sie ohne Hilfe selbst gehen konnte, und zwei Jahre, ehe sie den ganzen Tag aufrecht sitzen konnte. Man bemerkte jetzt, daß ihr Geruchssinn fast gänzlich zerstört und ihr Geschmack ebenfalls sehr abgestumpft war.
Erst als das arme Kind vier Jahre alt war, schien ihm die körperliche Gesundheit wiedergegeben zu sein, und erst jetzt konnte es in das Leben und die Welt eintreten.
Allein in welcher Lage befand sich das arme Mädchen! Die Dunkelheit und das Schweigen des Grabes herrschten um sie: keiner Mutter Lächeln rief ihr Lächeln hervor, keines Vaters Stimme lehrte sie, Laute nachahmen – Brüder und Schwestern waren für sie bloße Formen, die ihrem Griffe widerstanden, die jedoch in nichts von den Möbeln im Hause sich unterschieden, außer durch Wärme und durch das Vermögen, sich selbst bewegen zu können; und in diesen Beziehungen unterschieden sie sich nicht einmal von der Katze oder dem Hunde.
Aber der unsterbliche Geist, der ihr eingepflanzt worden war, konnte weder sterben noch verstümmelt werden; und obwohl ihm die meisten Mittel, sich mit der Welt in Verbindung zu setzen, abgeschnitten waren, begann er doch sich durch die noch übrigen zu offenbaren. Sobald sie laufen konnte, fing sie an, das Zimmer und dann das Haus zu untersuchen; sie lernte die Form, die Dichte, das Gewicht und die Wärme jedes Körpers kennen, auf den sie ihre Hände legen konnte. Sie folgte ihrer Mutter und befühlte deren Hände und Arme, wenn sie im Hause beschäftigt war; ihre Neigung zur Nachahmung bewog sie, aus freien Stücken alles zu wiederholen. Sie lernte selbst ein wenig nähen und stricken.«
Es wird indes kaum nötig sein zu erwähnen, daß die Mittel und Wege, sich ihr mitzuteilen, sehr beschränkt waren und daß die moralischen Wirkungen ihres elenden Zustandes sich bald zu zeigen begannen. Wer nicht durch die Vernunft gebildet werden kann, der kann bloß durch Gewalt in Schranken gehalten werden; und dies, in Verbindung mit ihrem traurigen Schicksale, würde sie bald in eine schlimmere Lage versetzt haben, als die der Tiere ist, welche ohne rechtzeitige, unverhoffte Hilfe umkommen müssen.
Um diese Zeit war ich so glücklich, von dem Kinde zu hören, und eilte sogleich nach Hanover, um es zu sehen. Ich fand eine wohlgebildete Gestalt, mit einem stark ausgeprägten, nervös sanguinischen Temperament und einem großen, schöngeformten Kopf; der ganze Körper war in gesunder Tätigkeit. Die Eltern waren leicht zu bewegen, sie nach Boston kommen zu lassen, und am 4. Oktober 1837 brachten sie sie in die Anstalt.
Eine Zeitlang war sie sehr bestürzt; nachdem man ungefähr zwei Monate gewartet hatte, bis sie mit ihrer neuen Umgebung bekannt und mit den Hausbewohnern etwas vertrauter geworden war, wurde der Versuch gemacht, ihr eine Kenntnis von willkürlichen Zeichen beizubringen, wodurch sie andern ihre Gedanken mitteilen konnte.
Zu diesem Ende konnte man zweierlei Wege einschlagen. Man mußte entweder eine Zeichensprache wählen, wobei man die natürlichen Zeichen benutzte, durch die sie sich schon auszudrücken wußte, oder sie die gewöhnlich angewandte, gänzlich willkürliche Sprache zu lehren suchen, das heißt, man mußte ihr für jedes Ding ein Zeichen geben oder ihr eine Kenntnis von Buchstaben beibringen, durch deren Zusammensetzung sie ihren Begriff von dem Dasein und der Art und Weise des Daseins irgendeines Dinges ausdrücken konnte. Das erstere wäre leicht, allein von nur geringem Nutzen gewesen; das letztere schien sehr schwer, aber wenn es erreicht war, mußte es sich als sehr brauchbar erweisen. Daher wählte ich das letztere.
Den ersten Versuch machte ich damit, daß ich auf allgemein gebrauchte Dinge, wie zum Beispiel Messer, Gabeln, Löffel, Schlüssel usw. Zettel kleben ließ, auf welchen der Name des Gerätes in erhabenen Buchstaben gedruckt war. Diese Buchstaben befühlte sie sehr sorgfältig und unterschied natürlich gar bald, daß die gekrümmten Linien des Wortes Löffel ebensosehr von den gekrümmten Linien des Wortes Schlüssel unterschieden waren, wie die Form des Löffels von der des Schlüssels.
Dann wurden kleine besondere Zettel, worauf dieselben Worte gedruckt waren, ihr in die Hände gegeben, und sie bemerkte bald, daß sie den auf die Geräte geklebten ähnlich waren. Sie bezeigte ihre Wahrnehmung dieser Ähnlichkeit dadurch, daß sie den Zettel ›Schlüssel‹ auf den Schlüssel und den Zettel ›Löffel‹ auf den Löffel legte. Hierin wurde sie durch das natürliche Zeichen der Billigung, durch Klopfen auf den Kopf, aufgemuntert.
Dasselbe Verfahren befolgte man mit allen Gegenständen, die sie in die Hand nehmen konnte; und bald lernte sie, die richtigen Zettel auf dieselben zu legen. Es versteht sich indessen, daß die einzige Geisteskraft, die sich hier übte, die Kraft der Nachahmung und des Gedächtnisses war. Sie erinnerte sich, daß der Zettel ›Buch‹ auf ein Buch gelegt war; sie wiederholte das Verfahren erst aus Nachahmung und dann aus dem Gedächtnis; dabei hatte sie bloß den Beweggrund der Liebe zum Beifall, aber, wie es schien, ohne geistige Wahrnehmung irgendeiner Beziehung zwischen den Dingen.
Nach einiger Zeit wurden ihr statt Zettel die einzelnen Buchstaben auf besonderen Stücken Papier gegeben: diese wurden so nebeneinandergelegt, daß man das Wort ›Buch‹, ›Schlüssel‹ usw. herauslesen konnte; dann wurden sie in einen Haufen gemischt, und man gab ihr ein Zeichen, die Buchstaben selbst so zu legen, daß man die Worte ›Buch‹, ›Schlüssel‹ lesen könnte, und dies tat sie auch.
Bis jetzt war das Verfahren mechanisch gewesen und der Erfolg ungefähr ebenso groß, wie wenn man einen recht klugen Hund mehrere Kunststücke lehrt. Das arme Kind hatte in stummem Staunen dagesessen und geduldig alles nachgeahmt, was ihr der Lehrer vormachte. Aber jetzt schien ihr das Licht der Wahrheit aufzugehen; ihr Verstand begann zu arbeiten: sie bemerkte, daß sie jetzt Mittel hatte, sich ein Zeichen von etwas, was vor ihrer Seele stand, zusammenzusetzen und dies einer andern Seele zu zeigen, und sogleich strahlte ihr Antlitz von menschlicher Vernunft; sie war nicht mehr einem Hunde oder Papagei zu vergleichen – der unsterbliche Geist ergriff jetzt begierig das neue Glied der Vereinigung mit andern Geistern! Ich könnte fast den Augenblick angeben, als diese Wahrheit in ihrem Gemüt aufdämmerte und Licht über ihr Antlitz goß. Ich sah, daß das große Hindernis nunmehr beseitigt war und daß von nun an nur Geduld und Ausdauer erforderlich seien, denn das allerdings schwer zu erreichende Ziel lag offen und klar vor mir.
Das Resultat ist soweit schnell erzählt und leicht zu begreifen; allein das Verfahren war es nicht, denn viele Wochen scheinbar vergeblicher Arbeit vergingen, ehe man so weit kam.
Wenn ich eben sagte, daß ein Zeichen gemacht wurde, so soll das soviel heißen, daß der Lehrer die Handlung verrichtete; sie befühlte dabei seine Hände und ahmte dessen Bewegungen nach.
Nachher wurde ein Satz Metalltypen angeschafft, auf deren Enden sich die verschiedenen Buchstaben des Alphabets befanden, sowie auch ein Brett, in welches viereckige Löcher geschnitten waren, in die sie die Typen setzen konnte, so daß die Buchstaben bloß auf der Oberfläche gefühlt werden konnten.
Wenn man ihr nun irgendeinen Gegenstand reichte, zum Beispiel einen Bleistift, eine Uhr, so wählte sie die zu dem Worte gehörenden Buchstaben, ordnete sie auf ihrem Brette und schien sie mit Vergnügen zu überlesen.
Auf diese Weise wurde sie mehrere Wochen geübt, bis ihr Wortreichtum ausgedehnter wurde. Dann wurde der wichtige Schritt getan, sie zu lehren, die verschiedenen Buchstaben statt mit der unbehilflichen Vorrichtung des Brettes und der Typen durch die Lage ihrer Finger darzustellen. Sie lernte dies schnell und leicht, denn ihr Verstand hatte begonnen zu arbeiten, und ihre Fortschritte waren bedeutend.
Dies war die Zeit – ungefähr drei Monate nach ihrer Aufnahme –, als der erste Bericht von ihr gemacht wurde, worin angegeben wird, sie habe eben das Fingeralphabet gelernt, wie es die Taubstummen brauchen, und daß es Vergnügen und Verwunderung errege zu sehen, wie schnell, richtig und begierig sie mit ihren Übungen weitergehe. Ihre Lehrerin gibt ihr einen neuen Gegenstand, zum Beispiel einen Bleistift, läßt sie ihn erst untersuchen, um einen Begriff von seinem Gebrauch zu erhalten; dann zeigt sie ihr, wie der Name desselben buchstabiert wird, indem sie ihr die Zeichen der Buchstaben mit ihren eigenen Fingern vormacht. Das Kind ergreift ihre Hand und befühlt ihre Finger, so wie die verschiedenen Buchstaben gebildet werden; es hält den Kopf etwas auf eine Seite, wie jemand, der angestrengt horcht; seine Lippen sind halb geöffnet, es scheint kaum zu atmen; die Spannung seines Antlitzes verändert sich nach und nach in ein Lächeln, sowie es die Lektion begreifen lernt. Es hält dann seine kleinen Finger empor und buchstabiert das Wort in der Fingersprache; dann ergreift es seine Typen und ordnet die Buchstaben, und zuletzt, um ganz sicherzugehen, nimmt es alle Typen, aus denen das Wort besteht, und legt sie auf oder neben den Bleistift, oder was sonst der Gegenstand der Lektüre sein mag.
Das ganze folgende Jahr wird damit verbracht, die begierigen Fragen der armen Schülerin nach den Namen aller Gegenstände, die sie in die Hand nehmen konnte, zu beantworten, sie im Gebrauche des Fingeralphabets zu üben, auf jede mögliche Weise ihre Kenntnis der physischen Beziehungen der Dinge zu erweitern und ihre Gesundheit gehörig zu pflegen.
Am Ende dieses Jahres ward ein Bericht von ihr erstattet, wovon Folgendes ein Auszug ist:
›Es ist jetzt außer allem Zweifel, daß sie nicht den kleinsten Lichtstrahl sehen, nicht den geringsten Ton hören kann und nie gezeigt hat, daß sie den Sinn des Geruchs besitze. So ruht ihre Seele in Finsternis und Stille, wie in einem verschlossenen Grabe um Mitternacht. Von schönen Aussichten, angenehmen Tönen und gefälligen Farben kann sie sich keinen Begriff machen; trotzdem erscheint sie so glücklich und mutwillig wie ein Vogel oder ein Lamm; die Anwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten oder die Auffassung eines neuen Begriffes machen ihr lebhaftes Vergnügen, das sich in ihren ausdrucksvollen Zügen deutlich widerspiegelt. Sie scheint sich nie zu grämen, sondern zeigt immer die heitere Munterkeit der Jugend. Sie liebt Scherz und Lustigkeit, und wenn sie mit den übrigen Kindern spielt, so übertönt ihr heiteres Lachen alle übrigen.
Wird sie allein gelassen, so scheint sie am glücklichsten, wenn sie ihr Strickzeug oder ihre Näherei bei sich hat; sie beschäftigt sich dann wohl stundenlang. Hat sie keine Beschäftigung, so unterhält sie sich augenscheinlich durch Phantasiegespräche oder damit, daß sie sich vergangene Eindrücke zurückruft. Sie zählt an ihren Fingern oder buchstabiert die Namen von Dingen, die sie vor kurzem gelernt hat, in der Fingersprache der Stummen. In diesen einsamen Selbstgesprächen scheint sie zu urteilen, zu überlegen und zu folgern; buchstabiert sie mit ihrer rechten Hand ein Wort falsch, so schlägt sie sich sogleich mit ihrer linken darauf, wie der Lehrer, zum Zeichen der Mißbilligung; buchstabiert sie es richtig, so klopft sie sich selbst auf den Kopf und sieht zufrieden aus. Sie buchstabiert zuweilen vorsätzlich mit der linken Hand ein Wort falsch, sieht einen Augenblick lang recht schelmisch aus, lacht dann und schlägt mit der Rechten die Linke, um sie zu korrigieren.
In einem Jahre hat sie eine große Geschicklichkeit in dem Gebrauch des Fingeralphabets der Stummen erlangt und buchstabiert die Worte und Sätze, die sie kennt, so schnell und gewandt, daß nur die, welche sich an diese Sprache gewöhnt haben, den schnellen Bewegungen ihrer Finger folgen können.
So wunderbar aber auch die Schnelligkeit ist, mit welcher sie ihre Gedanken in die Luft schreibt, so ist es noch mehr die Ruhe und Genauigkeit, womit sie die solchergestalt von andern geschriebenen Worte liebt; sie nimmt dabei die Hände der letztern in die ihrigen und folgt jeder Bewegung der Finger, so wie Buchstabe auf Buchstabe deren Bedeutung ihrer Seele zuführt. Auf diese Weise unterhält sie sich mit ihren blinden Gespielen, und nichts kann deutlicher die Kraft der Seele zeigen, alles zu dem erforderlichen Zweck anzuwenden, als eine Zusammenkunft zwischen diesen Blinden. Denn wenn schon große Geschicklichkeit und hohes Talent bei Mimikern dazu erforderlich ist, um Gedanken und Gefühle durch die Bewegungen des Körpers und den Ausdruck des Gesichts zu malen, wieviel größer muß nicht die Schwierigkeit sein, wenn beide von Dunkelheit umgeben sind und der eine noch dazu nicht hören kann!
Wenn Laura mit vor sich hingestreckten Händen durch einen Gang geht, so kennt sie sogleich jeden, dem sie begegnet, und geht mit einem Zeichen, daß sie ihn erkannt, an ihm vorüber: aber wenn die ihr begegnende Person ein Mädchen ihres Alters oder vielleicht ein Liebling von ihr ist, so fliegt augenblicklich ein heiteres Lächeln des Erkennens über ihre Züge; beide umschlingen sich, drücken sich die Hände und tauschen mit schnellen Fingerbewegungen gegenseitig ihre Gedanken aus. Da gibt es Fragen und Antworten, Verkündigungen von Freude oder Sorge, Küsse und Scheidegrüße, just wie zwischen kleinen Kindern, die alle Sinne haben.‹
Während dieses Jahres – sechs Monate, nachdem sie das Elternhaus verlassen hatte, kam ihre Mutter, sie zu besuchen; die Szene ihres Wiedersehens war sehr interessant.
Die Mutter blickte eine Weile mit überströmenden Augen auf ihr Kind, das, ganz unwissend über ihre Gegenwart, im Zimmer umherspielte. Jetzt rannte Laura gegen sie an, begann sogleich die Hände ihrer Mutter zu befühlen, ihr Kleid zu untersuchen, um zu sehen, ob sie sie kenne. Doch da ihr dies nicht gelang, wandte sie sich von ihr ab wie von einer Fremden; die gute Frau konnte den Schmerz, den sie fühlte, als sie sah, daß ihr eigenes geliebtes Kind sie nicht mehr kannte, nicht verbergen.
Sie gab hierauf dem Kinde eine Perlenkette, die sie zu Hause zu tragen pflegte, welche Laura sogleich wiedererkennte; sie wand sie mit großer Freude sich um den Hals und suchte mich begierig auf, um mir zu sagen, sie wisse, daß die Kette aus ihrem Vaterhause sei.
Die Mutter versuchte jetzt, sie zu liebkosen, allein die arme Laura stieß sie zurück und zog es vor, bei ihren Gespielinnen zu bleiben.
Jetzt wurde ihr ein anderer Gegenstand aus dem väterlichen Hause gegeben, und sie fing an, sehr aufgeregt zu werden; sie untersuchte die Fremde genauer und gab mir zu verstehen, daß sie wisse, diese Person komme aus Hanover; sie ließ sich sogar ihre Liebkosungen gefallen, verließ sie jedoch bei dem geringsten Zeichen mit Gleichgültigkeit. Jetzt wurde es peinlich, den Kummer der Mutter zu sehen; denn obwohl sie gefürchtet hatte, daß sie nicht erkannt werden würde, so war es doch zu schmerzlich und kränkend für ein Mutterherz, sich wirklich von ihrem geliebten Kinde mit Gleichgültigkeit behandelt zu sehen.
Nach einer Weile, als die Mutter ihr wieder nahte, schien eine unbestimmte Idee aus Lauras Seele zu schießen, daß dies keine Fremde sein könne; sie betastete daher die Hände derselben sehr eifrig, während ihr Antlitz den Ausdruck gespannten Interesses annahm; sie wurde totenblaß und dann plötzlich rot; die Hoffnung schien mit Zweifel und Ängstlichkeit zu kämpfen, und nie malten sich streitende Leidenschaften stärker auf einem menschlichen Antlitz. In diesem Augenblick peinlicher Ungewißheit zog die Mutter sie zu sich und küßte sie voll Liebe; jetzt leuchtete dem Kinde auf einmal die Wahrheit ein; alles Mißtrauen, alle Ängstlichkeit schwand, als sie sich mit dem Ausdruck der höchsten Freude an den Busen ihrer Mutter warf und sich ihren liebenden Umarmungen überließ.
Jetzt blieben die Perlen und jedes Spielzeug, das ihr angeboten wurde, gänzlich unbeachtet; ihre Gespielen, um derentwillen sie einen Augenblick vorher gern die Fremde verließ, strebten jetzt vergebens, sie von ihrer Mutter hinwegzuzerren; und obschon sie mit ihrem gewöhnlichen augenblicklichen Gehorsam auf mein Zeichen mir nachfolgte, so geschah dies offenbar nur mit schmerzlichem Zaudern. Sie hielt sich fest an mich, wie bestürzt und furchtsam; und als ich sie nach einem Augenblick wieder zu ihrer Mutter nahm, sprang sie in ihre Arme und umschlang sie mit lebhafter Freude. Die nachherige Trennung zwischen beiden zeigte sowohl die Liebe als auch die Intelligenz und Entschlossenheit des Kindes.
Laura begleitete ihre Mutter bis zur Türe, wobei sie sie fest umschlungen hielt; als beide an die Schwelle kamen, blieb sie stehen und fühlte rings umher, um zu wissen, wer in der Nähe sei. Als sie die Lehrerin bemerkte, welche sie sehr liebt, erfaßte sie diese mit der einen Hand, während sie sich mit der andern krampfhaft an ihre Mutter anklammerte. So blieb sie einen Augenblick stehen; dann ließ sie die Hand ihrer Mutter fahren, hielt das Schnupftuch an ihre Augen, wandte sich um und hielt sich schluchzend an die Lehrerin. Indessen entfernte sich die Mutter, nicht weniger bewegt als ihr Kind.
In früheren Berichten ist bemerkt worden, daß sie verschiedene Grade des Verstandes in andern unterscheiden kann und daß sie bald eine Neuangekommene mit Verachtung behandelte, wenn sie nach ein paar Tagen ihre Geistesschwäche bemerkte. Dieser nicht liebenswürdige Zug ihres Charakters hat sich in dem vergangenen Jahre immer mehr und mehr entwickelt.
Zu ihren Freundinnen und Gespielinnen wählt sie diejenigen Kinder, die verständig sind und am besten mit ihr reden können; hingegen ist sie nur höchst ungern in Gesellschaft derjenigen, denen es an Intelligenz mangelt, wenn sie nicht etwa ihrer zu ihren Absichten bedarf, was sie offenbar gern tut. Sie benutzt sie, läßt sich von ihnen bedienen, auf eine Art, wie sie wohl weiß, daß sie es nicht von andern verlangen kann; überhaupt zeigt sie auf mehrfache Weise ihr sächsisches Blut.
Sie hat es gern, wenn andere Kinder, nämlich solche, die sie leiden mag, von den Lehrern beachtet und geliebkost werden; doch darf dies nicht zu weit getrieben werden, sonst wird sie eifersüchtig. Sie will ihren Teil auch haben, welcher, wenn auch nicht der des Löwen, doch immer der größere ist; und wenn sie ihn nicht erhält, sagt sie: ›Meine Mutter wird mich lieben.‹
Ihre Neigung zur Nachahmung geht so weit, daß sie Handlungen vornimmt, die ihr ganz unbegreiflich sein müssen und die ihr kein anderes Vergnügen gewähren können als die Befriedigung einer innern Fähigkeit. Man hat sie halbe Stunden lang sitzen, ein Buch vor ihre gesichtlosen Augen halten und die Lippen dabei bewegen sehen, wie sie bemerkt, daß Sehende es machen, wenn sie lesen.
Eines Tages behauptete sie, ihre Puppe sei krank; sie hätschelte sie auf alle mögliche Weise und gab ihr Arznei ein; dann brachte sie sie sorgfältig zu Bett und legte eine Flasche mit heißem Wasser zu ihren Füßen, wobei sie in einem fort recht herzlich lachte. Als ich nach Hause kam, bestand sie darauf, daß ich zur Puppe hinginge und ihr den Puls fühlte; und als ich ihr sagte, sie solle ihr ein Zugpflaster auf den Rücken legen, schien sie sich ganz erstaunlich zu freuen und kreischte fast vor Entzücken.
Ihre geselligen Gefühle und ihre Neigungen sind sehr stark; wenn sie bei der Arbeit oder beim Lernen neben einer ihrer kleinen Freundinnen sitzt, unterbricht sie sich alle Augenblicke in der Arbeit, um ihre Nachbarin mit großem Eifer und rührender Wärme zu küssen.
Allein gelassen, beschäftigt und unterhält sie sich und scheint ganz zufrieden; ja so stark scheint das natürliche Streben ihrer Gedanken zu sein, sich in das Gewand der Sprache zu kleiden, daß sie in der Fingersprache oft Monologe hält, so langsam und beschwerlich dies auch ist. Jedoch nur wenn sie allein ist, verhält sie sich ruhig; denn wenn sie gewahr wird, daß sich noch jemand im Zimmer befindet, ruht sie nicht eher, als bis sie dicht neben ihm sitzen, seine Hände erfassen und durch Zeichen mit ihm sprechen kann.
Es ist erfreulich, in intellektueller Beziehung bei ihr einen unersättlichen Durst nach Kenntnissen und eine schnelle Auffassung der Beziehungen der Dinge untereinander zu beobachten. Noch mehr Vergnügen macht es, in ihrem moralischen Charakter ihre beständige Fröhlichkeit, ihre hohe Freude über ihr Dasein, ihr rückhaltloses Zutrauen, ihr Mitgefühl mit fremdem Leiden, ihr Selbstbewußtsein, ihre Wahrheitsliebe zu bemerken.«
Dies sind einige Fragmente aus der einfachen, aber höchst interessanten Geschichte von Laura Bridgman. Der Name ihres großen Wohltäters, der ihre Geschichte niedergeschrieben hat, ist Dr. Howe. Ich glaube sicherlich, daß es wenig Personen gibt, die, nachdem sie diese Bruchstücke gelesen, den Namen dieses Mannes je mit Gleichgültigkeit werden aussprechen hören.
Außer dem Bericht, aus dem ich einen Auszug entnommen habe, ist noch ein zweiter von Dr. Howe erschienen. Er schildert die schnellen geistigen Fortschritte seiner Schülerin während des nächsten Jahres und führt ihre kleine Geschichte bis zu Ende des vorigen Jahres fort. Es ist erstaunlich: Wie wir in Worten träumen und Unterhaltungen mit Luftgestalten fortspinnen, worin wir für uns und die Schatten reden, die uns in diesen nächtlichen Visionen erscheinen, so gebraucht Laura, da sie keine Worte hat, ihre Fingersprache im Schlafe. Und man hat beobachtet, daß, wenn ihr Schlummer unterbrochen oder sehr durch Träume gestört wird, sie ihre Gedanken auf unregelmäßige und verwirrte Weise durch ihre Finger ausdrückt, gerade wie wir unter ähnlichen Umständen undeutlich murmeln würden.
Ich blätterte in ihrem Tagebuch und fand es mit schöner, leserlicher, fester Hand geschrieben und in einem Stil, der ohne weitere Erklärung ganz verständlich war. Als ich sagte, daß ich sie gern selbst schreiben sehen möchte, gebot ihr der Lehrer, der neben ihr saß, in ihrer Sprache, ihren Namen ein paarmal auf einen Streifen Papier zu schreiben. Als sie dies tat, bemerkte ich, daß sie mit ihrer Linken stets der Rechten, in welcher sie die Feder hielt, nachfolgte. Es war durchaus keine Linie angegeben, allein sie schrieb trotzdem grade.
Bis jetzt wußte sie noch nichts von der Gegenwart eines Fremden, doch als sie ihre Hand in die des Herrn legte, der mich begleitete, schrieb sie sogleich dessen Namen in die Handfläche ihres Lehrers. Ihr Tastsinn ist in der Tat jetzt so ausgebildet, daß sie eine Person, mit der sie einmal bekannt geworden ist, fast nach jedem noch so langen Zeitraum wiedererkennt. Dieser Herr war, glaube ich, nur sehr selten in ihrer Gesellschaft gewesen und hatte sie sicher seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Meine Hand stieß sie sogleich zurück, wie sie dies mit jedem Manne macht, der ihr fremd ist. Allein meine Frau hielt sie mit Vergnügen bei der Hand fest, küßte sie und untersuchte ihr Kleid mit mädchenhafter Neugier.
Sie war munter und fröhlich und zeigte viel unschuldige Schalkhaftigkeit im Umgang mit ihrem Lehrer. Ihr Entzücken, als sie eine ihrer liebsten Spielgenossinnen – selbst ein blindes Mädchen – erkannte, die schweigend und in freudiger Erwartung der kommenden Überraschung einen Sitz neben ihr einnahm, bot eine schöne Szene dar. Dies entlockte ihr, wie einige Male andere unbedeutende Umstände während meines Besuchs, einen häßlichen Laut, der fast peinlich zu hören war. Als ihr aber der Lehrer die Hand auf den Mund legte, enthielt sie sich dessen sogleich und umarmte ihre Gespielin lachend und liebevoll.
Ich war vorher in einem andern Zimmer gewesen, wo eine Anzahl blinder Knaben sich schwang, kletterte und mit verschiedenen Spielen unterhielt. Als wir eintraten, riefen sie alle dem Hilfslehrer, der uns begleitete, zu: »Sehen Sie einmal mich, Mr. Hart! Bitte, Mr. Hart, sehen Sie einmal!« So bezeigten sie auch hierin den ihrem Zustande eigentümlichen Wunsch, gesehen zu werden. Es befand sich ein kleiner lachender Bursche unter ihnen, der fern stand und sich mit gymnastischen Übungen zur Kräftigung der Arme und Brust unterhielt, woran er sich höchlich ergötzte, besonders wenn er etwa beim Ausstrecken seines rechten Armes mit einem anderen Knaben in Berührung kam. So wie Laura Bridgman war dieses Kind taubstumm und blind.
Dr. Howes Beschreibung des ersten Unterrichts dieses Zöglings ist so frappant und so eng mit Laura selbst verknüpft, daß ich mich nicht enthalten kann, einen kurzen Auszug daraus zu geben. Der arme Knabe heißt Oliver Caswell, ist dreizehn Jahre alt und war im vollen Besitz all seiner Sinne, bis er drei Jahre und vier Monate alt war. In dieser Zeit bekam er das Scharlachfieber: nach vier Wochen wurde er taub, einige Wochen darauf blind und in sechs Monaten stumm. Er bezeigte sein ängstliches Gefühl über diesen letzten Verlust dadurch, daß er oft die Lippen anderer Personen befühlte, wenn sie redeten, und dann seine Hand auf seine eigenen legte, als wollte er sich überzeugen, daß er sie noch in der rechten Lage habe.
»Sein Durst nach Kenntnissen«, sagt Dr. Howe, »offenbarte sich, sobald er in die Anstalt kam, durch seine eifrige Untersuchung eines jeden Dinges, das er in seiner neuen Umgebung fühlen oder riechen konnte. Als er zum Beispiel auf das Register eines Ofens trat, bückte er sich sogleich nieder, betastete es und entdeckte bald die Art und Weise, wie sich die obere Platte auf der unteren bewegte; allein dies war ihm nicht genug; er legte sich nieder auf das Gesicht, beleckte erst die eine und dann die andere Platte und schien zu merken, daß sie von verschiedenem Metall waren.
Seine Zeichen waren sehr ausdrucksvoll, und seine Natursprache, Lachen, Schreien, Seufzen, Küssen, Umarmungen usw., war vollkommen.
Einige der analogen Zeichen, die er sich (geleitet von seiner Nachahmungsfähigkeit) selbst gemacht hatte, waren sehr deutlich und leicht verständlich, zum Beispiel die wellenförmige Bewegung seiner Hand für die Bewegung eines Kahnes, die kreisförmige für die eines Rades usw.
Das erste, was man tat, war, ihm den Gebrauch dieser Zeichen abzugewöhnen und dafür rein willkürliche zu lehren.
Die Erfahrung benutzend, die ich in andern Fällen gemacht hatte, unterließ ich mehrere Schritte, die ich bei dem früheren Verfahren angewandt hatte, und begann sogleich mit der Fingersprache. Ich nahm daher mehrere Gegenstände, die kurze Namen haben, zum Beispiel Dose, Uhr usw., rief Laura zu meiner Unterstützung herbei, ergriff seine Hand und legte sie auf einen der Gegenstände; dann machte ich mit meiner eigenen die Buchstaben ›Uhr‹. Er befühlte eifrig meine Hand mit seinen beiden, und als ich die Buchstaben wiederholte, versuchte er augenscheinlich, die Bewegungen meiner Finger nachzuahmen. Nach einigen Minuten gelang es ihm, die Bewegungen meiner Finger mit der einen Hand zu fühlen und mit der andern mir nachzuahmen, wobei er herzlich lachte, wenn ihm dies gelang. Laura zeigte sich dabei sehr gespannt; überhaupt war es interessant, beide zu betrachten. Ihr Gesicht verkündete lebhafte, ängstliche Aufmerksamkeit, und ihre Finger verschlangen sich so eng mit den unsrigen, daß sie jeder Bewegung folgen konnte, ohne uns dabei zu hindern; Olivier stand aufmerksam dabei, hielt den Kopf etwas zur Seite und das Gesicht emporgerichtet, seine Linke erfaßte die meine, und seine Rechte hielt er ausgestreckt; bei jeder Bewegung meiner Finger verkündete sein Gesicht die gespannteste Aufmerksamkeit; man sah eine gewisse Ängstlichkeit in seinen Zügen, wenn er es versuchte, die Bewegungen nachzuahmen; dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, wenn er glaubte, sie nachmachen zu können, welches in ein freudiges Lachen überging, sobald es ihm gelang und wenn er fühlte, daß ich ihm auf den Kopf und Laura ihm herzhaft auf den Rücken pochte und dabei fröhlich emporsprang.
Er lernte mehr als ein halb Dutzend Buchstaben in der halben Stunde und schien mit seinem guten Erfolg zufrieden, wenigstens damit, daß er Beifall erhielt. Dann begann seine Aufmerksamkeit zu ermatten, und ich fing an mit ihm zu spielen. Es war offenbar, daß er hierbei immer nur die Bewegungen meiner Finger nachgeahmt und seine Hand auf die Dose, Uhr usw. gelegt hatte, ohne weitere Wahrnehmung der Beziehung zwischen den Zeichen und dem Gegenstand.
Wenn er des Spielens müde war, nahm ich ihn wieder an den Tisch, und er war gern bereit, das Verfahren der Nachahmung von neuem zu beginnen. Er lernte bald die Buchstaben für Dose, Uhr usw. machen, und da ich ihm dabei wiederholt den bezüglichen Gegenstand in die Hand gab, bemerkte er endlich die Beziehung zwischen demselben und dem Worte; denn wenn ich die Buchstaben ›Dose‹ oder ›Uhr‹ machte, ergriff er allemal den rechten Gegenstand.
Die Wahrnehmung dieser Beziehung war jedoch bei ihm nicht von dem heitern Strahl der Intelligenz, der glühenden Freude begleitet, welche diesen schönen Moment bei Laura bezeichneten. Ich legte nun die Gegenstände auf die Tafel, ging mit den Kindern einige Schritte weg davon, buchstabierte mit Olivers Fingern das Wort ›Dose‹, und Laura ging und holte den Gegenstand herbei, Der Kleine schien dadurch sehr unterhalten und sah recht aufmerksam und heiter aus. Ich ließ ihn hierauf die Buchstaben ›Brot‹ machen; augenblicklich ging Laura und holte ihm ein Stück. Er roch daran, hielt es an seine Lippen, richtete mit listigem Blick den Kopf empor, schien einen Augenblick nachzudenken und lachte dann aus vollem Halse, als wollte er sagen: ›Aha! jetzt weiß ich, wie daraus was zu machen ist.‹
Es war jetzt klar, daß er Fähigkeit und Neigung zum Lernen hatte und bloß ausdauernder Aufmerksamkeit bedürfe. Ich übergab ihn daher einem verständigen Lehrer und zweifelte gar nicht an seinen schnellen Fortschritten.«
Wohl mag dieser Menschenfreund das einen schönen Augenblick nennen, wo eine ferne Aussicht auf ihren jetzigen Zustand in der umdunkelten Seele Laura Bridgmans zu schimmern begann. Während seines ganzen Lebens wird ihm dieser Augenblick eine Quelle reinen, unverwelklichen Glückes sein und wird nicht weniger hell am Abende seiner der leidenden Menschheit gewidmeten Tage strahlen.
Die Neigung zwischen beiden – dem Lehrer und der Schülerin – ist ebenso fern von aller gewöhnlichen Aufmerksamkeit und Rücksicht, wie die Umstände, unter welchen sie entstand und gepflegt wurde, fern von den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens sind. Er beschäftigte sich jetzt damit, Mittel und Wege zu ersinnen, um ihr höhere Kenntnisse und einen Begriff von dem großen Schöpfer jenes Weltalls beizubringen, in welchem, so dunkel und still es für sie auch ist, sie sich ihres Daseins so innig freut.
Ihr, die ihr Augen habt und nicht seht, die ihr Ohren habt und nicht hört; ihr, die ihr seid wie die Heuchler mit trübseligen Mienen und die ihr euer Antlitz verzerrt, um die Menschen glauben zu machen, daß ihr fastet, lernt reinen Frohsinn und ruhige Genügsamkeit von den Taubstummen und Blinden. Ihr selbstgewählten Heiligen mit finstern Stirnen, dies gesichtslose, gehörlose, sprachlose Kind kann euch Lehren geben, denen zu folgen euch wohl anstünde. Laßt seine arme Hand sanft auf eurem Herzen ruhen; denn vielleicht hat sie eine ähnliche Heilkraft wie die des großen Meisters, von dessen Liebe und Sympathie für die ganze Welt nicht einer unter euch so viel weiß wie viele der Schlechtesten unter jenen Gefallenen, gegen die ihr mit nichts freigebig seid als mit dem Geschrei der Verdammung!
Als ich aufstand, um aus dem Zimmer zu gehen, kam ein hübsches kleines Kind hereingerannt, um seinen Vater zu begrüßen. Für den Augenblick machte ein Kind mit sehenden Augen unter dem blinden Haufen fast einen ebenso schmerzlichen Eindruck auf mich wie vor zwei Stunden der blinde Knabe vor dem Hause. Oh, um wieviel heller und heiterer schien mir jetzt die Landschaft draußen, im Vergleich mit der Dunkelheit so vieler jugendlicher Wesen drin!
*
In Süd-Boston, wie es genannt wird, in einer vortrefflichen Lage, befinden sich mehrere wohltätige Anstalten nebeneinander. Eine derselben ist das Staatshospital für Geisteskranke, das auf bewundernswürdige Weise nach jenen aufgeklärten Grundsätzen der Güte und Aussöhnung geleitet wird, die vor zwanzig Jahren für die ärgste Ketzerei gegolten hätten und welche mit so vielem Erfolg in unsrem Armenasyl zu Hanwell beobachtet werden. »Man muß Vertrauen selbst gegen Geisteskranke zeigen«, sagte der Arzt des Hospitals, als wir in den Galerien umhergingen, während sich seine Patienten ungezwungen um uns versammelten. Von denen, die die Weisheit dieses Satzes bezweifeln oder leugnen, wenn es überhaupt solche gibt, kann ich bloß sagen, daß ich nicht aufgefordert werden möchte, als Geschworner über sie zu entscheiden, ob sie geisteskrank sind oder nicht; denn ich würde sie sicherlich bloß auf dieses Zeugnis hin für sinnlos halten.
Jede Abteilung in dieser Anstalt ist wie eine lange Galerie gebaut, nach welcher sich zu beiden Seiten die Schlafgemächer der Patienten öffnen. Hier arbeiten sie, lesen, spielen Kegel und andere Spiele, und wenn das Wetter ihnen nicht erlaubt auszugehen, bringen sie den ganzen Tag hier zu. In einem dieser Säle saßen, als wenn es so sein müßte, unter einer Menge schwarzer und weißer geisteskranker Weiber des Arztes Gattin und eine andere Dame nebst ein paar Kindern. Beide waren schön, und man konnte gleich auf den ersten Blick bemerken, daß ihre Gegenwart hier einen höchst wohltätigen Einfluß auf die Kranken übte, die sich um sie gruppiert hatten.
Den Kopf an den Kaminsims gelehnt, mit großer Würde und höchst vornehmer Miene, saß eine ältliche Frau, mit so vieler Lappen und bunten Schnitzeln behängt wie Madge Wildfire. Besonders war ihr Kopf ringsum so besteckt mit Stückchen Gaze, Kattun, Papierstreifen und allerhand zusammengesuchten Läppchen, daß er wie ein Vogelnest aussah. Sie strahlte von falschen Juwelen und trug eine ohne Zweifel echt goldene Brille; als wir uns ihr näherten, legte sie mit vielem Anstand eine seht alte, zerrissene Zeitung in ihren Schoß, in welcher sie vermutlich eine Schilderung ihrer eigenen Vorstellung an irgendeinem auswärtigen Hofe gelesen hatte.
Ich habe sie deshalb so genau beschrieben, weil ich sie als Beispiel für die Art und Weise des Arztes, sich das Vertrauen seiner Patienten zu erwerben und zu erhalten, anführen will.
»Diese Dame«, sagte er laut, indem er mich bei der Hand nahm und mit großer Höflichkeit zu der phantastischen Gestalt hinführte, wobei er auch nicht durch den flüchtigsten Seitenblick oder das leiseste Flüstern ihren Argwohn erregte, »diese Dame ist die Gastgeberin dieses Hauses. Es gehört ihr. Niemand weiter hat was darin zu befehlen. Es ist eine große Anstalt, wie Sie sehen, und erfordert eine große Anzahl von Dienern. Sie lebt, wie sie bemerken, im vornehmsten Stil. Sie ist so gütig, meine Besuche anzunehmen und meiner Frau und Familie zu erlauben, daß wir hier wohnen. Sie ist äußerst höflich, wie Sie bemerken« – auf diesen Wink verbeugte sie sich sehr herablassend –, »und wird mir das Vergnügen gönnen, Sie ihr vorzustellen: ein Herr aus England, Madame, just von England angekommen, und zwar nach einer sehr stürmischen Überfahrt: Mr. Dickens – die Dame des Hauses!«

Giovanni Biliverti & Sultan Soliman I Ein Porträt

Giorgio Vasari & Michelangelo Buonarroti über 
Giovanni Biliverti & Sultan Soliman I
Erstveröffentlichung 1550 – Deutsche Ausgabe 1948

***

Michelangelo Buonarroti
Geboren am 6. März 1475 zu Caprese bei Florenz. Gestorben am 18. Februar 1564 zu Rom.

Hervorragende und eifrig strebende Geister, die sich vom Licht des hochberühmten Giotto und seiner Nachfolger leiten ließen, bemühten sich, der Welt die ihnen durch die Gunst der Sterne und durch eine glückliche Mischung der Säfte verliehene Kraft zu zeigen. Da sie aber so gut wie vergebens danach strebten, durch die Herrlichkeit der Kunst die Größe der Natur darzustellen und mit ihren Gaben zu jenem höchsten Verständnis zu kommen, das wir Intelligenz nennen, wandte der allgütige Lenker der Welten gnädig sein Auge zur Erde. Als er die Fruchtlosigkeit zahlloser Anstrengungen sah, die eifrigen Studien ohne Erfolg, den Eigendünkel der Menschen, der von der Wahrheit viel ferner liegt als die Dämmerung vom Licht, beschloß er, uns von so vielen Irrtümern zu erlösen. Er sandte einen Geist zur Erde, der allvermögend in jeder Kunst und jedem Beruf durch sich allein zeigte, was Vollkommenheit der Zeichnung sei, in Entwurf, Umriß, Licht und Schatten, wodurch Gemälde Relief gewinnen, der die Bildhauerei nach richtiger Einsicht zu üben und durch Kenntnis der Baukunst Wohnungen bequem, sicher, gesund, heiter nach richtigem Verhältnis und reich an mancherlei Schmuck aufzuführen wußte. Außerdem sollte er wahre Philosophie und die Zierde der Dichtkunst besitzen, damit die Welt ihn im Leben, im Wirken, in Heiligkeit der Sitten und allen menschlichen Handlungen als das höchste Vorbild achte und bewundere, so daß er von uns mehr als ein himmlisches denn als ein irdisches Gut erkannt werde. Und da er sah, daß in solchen Fertigkeiten und besonders in den Künsten der Malerei, Bildhauerei und Architektur die Talente Toskanas sich stets vor anderen hervortaten, daß sie mehr als irgendein anderer Stamm Italiens Fleiß und Studium in Wissenschaft und Kunst aufwenden, wählte er Florenz, ruhmwürdig vor den übrigen Städten, zu seiner Heimat, um dort die wohlverdiente endliche Vollendung aller Künste in einem ihrer Bürger vorzuführen.

Giorgio Vasari - Selbstporträt - Erstellt zwischen 1550 und 1567
Giorgio Vasari – Selbstporträt – Erstellt zwischen 1550 und 1567

So wurde dem Herrn Lodovico di Lionardo Buonarroti Simoni, der aus der edlen Familie der Grafen von Canossa stammen soll, im Jahre 1475 unter einem vom Schicksal bestimmten und günstigen Stern von einer ehrsamen edlen Frau im Casentino ein Sohn geboren, im gleichen Jahr, als Lodovico Podestà der Kastelle Chiusi und Caprese in der Aretiner Diözese war, nahe dem Felsen von la Vernia, wo Sankt Franziskus die Wundmale empfing, am sechsten März, einem Sonntag, um die achte Stunde der Nacht. Der Vater gab ihm den Namen Michelangelo – ohne weiteres Nachdenken, von etwas Höherem getrieben, da er ein ungewöhnliches, himmlisches und göttliches Gut in ihm zu erkennen glaubte, wie dies nachmals aus der Konstellation bei seiner Geburt hervorging. Denn Merkur und Venus standen im zweiten Haus des Jupiter unter günstigem Aspekt. Das war ein Zeichen, daß er einst durch Hand und Geist herrliche, bewundernswürdige Werke hervorbringen werde.
Nachdem Lodovico sein Amt als Podestà beendet hatte, kehrte er wieder zurück nach Settignano, drei Meilen von Florenz entfernt, wo er von seinen Voreltern her ein Gut besaß. Der Ort ist reich an Steinen, besonders an Sandsteinbrüchen, die ohne Unterlaß von Steinmetzen und Bildhauern bearbeitet werden, die meist in jener Gegend heimisch sind. Lodovico gab dort Michelangelo zu der Frau eines Steinmetzen, damit sie ihn als Amme nähre; deshalb sagte Michelangelo einmal im Scherz zu Vasari: »Giorgio, wenn mein Geist überhaupt etwas Gutes besitzt, so ist es daher gekommen, daß ich in der milden Luft von Arezzo, Eurer Heimat, geboren wurde, wie ich auch mit der Milch meiner Amme Meißel und Hammer eingesogen habe, womit ich meine Figuren mache.« Lodovico bekam mit der Zeit viele Kinder, und da er kein Vermögen und nur ein geringes Einkommen hatte, bestimmte er seine Söhne für die Woll- und Seidenweberei und gab Michelangelo, der schon herangewachsen war, in die Schule zu Herrn Francesco von Urbino. Der Knabe aber, der durch seine Begabung am Zeichnen Freude fand, verwendete darauf soviel Zeit als möglich, tat es jedoch heimlich, weil er von seinem Vater und von seinen Lehrern gescholten, bisweilen sogar geschlagen wurde, denn sie achteten vielleicht jene Kunst, die sie nicht kannten, für niedrig und ihrer alten Familie nicht würdig genug.
In dieser Zeit schloß Michelangelo Freundschaft mit Francesco Granacci, der ein Knabe seines Alters war und bei Domenico Ghirlandaio die Kunst der Malerei lernte. Da er Michelangelo liebte und seine Geschicklichkeit im Zeichnen sah, brachte er ihm täglich Blätter von Ghirlandaio, der nicht nur in Florenz, sondern in ganz Italien für einen der besten Maler galt. Hierdurch wuchs in Michelangelo von Tag zu Tag der Eifer, etwas zustande zu bringen, so daß Lodovico, als er die Unmöglichkeit sah, den Knaben vom Zeichnen abzuhalten, auf den Rat seiner Freunde beschloß, damit doch etwas dabei herauskomme und er die Kunst auch wirklich lerne, ihn zu Domenico Ghirlandaio in die Lehre zu geben.
So kam Michelangelo im Alter von vierzehn Jahren zu Domenico. Der Künstler und Mensch wuchs nun dermaßen, daß Domenico erstaunte, als er sah, wie er nicht nur seine Mitschüler, deren Zahl groß war, sondern auch in vielem die Arbeiten von ihm, dem Meister, übertraf. Als nämlich einer der jungen Leute, die bei Domenico lernten, mehrere weibliche Gestalten in Gewändern nach einem Vorbild Ghirlandaios mit der Feder gezeichnet hatte, nahm Michelangelo das Vorlageblatt und umzog mit einer stärkeren Feder eine jener Frauen mit neuen Linien, wie sie hätten laufen müssen, um völlig richtig zu sein.

In Michelangelo brachte jeder Tag immer göttlichere Früchte hervor

Giovanni Biliverti - Die türkischen Gesandten laden Michelangelo nach Konstantinopel ein - 1615  Entwurf zu »Die Gesandten Sultans Soliman bitten Michelangelo eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen«, Gemälde für die Casa Buonarroti in Florenz
Giovanni Biliverti – Die türkischen Gesandten laden Michelangelo nach Konstantinopel ein – 1615
Entwurf zu »Die Gesandten Sultans Soliman bitten Michelangelo eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen«, Gemälde für die Casa Buonarroti in Florenz

In Michelangelo brachte jeder Tag immer göttlichere Früchte hervor, wie sich deutlich zu zeigen begann, als er einen Kupferstich von Martin dem Deutschen abzeichnete, der ihm einen großen Namen machte. Es war nämlich damals eine in Kupfer gestochene Darstellung des genannten Martin nach Florenz gekommen: Antonius, der von Teufeln geplagt wird. Michelangelo zeichnete sie mit der Feder nach in einer Art, wie man es vorher nicht gesehen hatte, und malte sie auch mit Farben aus. Zu diesem Zweck kaufte er, um einige seltsame Formen von Teufeln besser zu treffen, Fische mit eigenartigen farbigen Schuppen. Dabei zeigte er ein so bedeutsames Können, daß er sich Namen und Achtung erwarb. Außerdem kopierte er Blätter von verschiedenen alten Meistern so treu, daß man sie von den Originalen nicht unterscheiden konnte, denn er färbte, räucherte und beschmutzte sie auf verschiedene Weise, bis sie alt aussahen und man beim Vergleichen keinen Unterschied zwischen jenen und seinen erkannte. Er tat dies nur, um die Nachbildung an Stelle der Originale hinzugeben, die er behielt, wegen der Herrlichkeit ihrer Kunst bewunderte und durch seine Leistung zu übertreffen suchte. Durch alles dies erwarb er einen berühmten Namen.
In jener Zeit gab der prachtliebende Lorenzo von Medici dem Bildhauer Bertoldo eine Wohnung in seinem Garten auf dem Platz von San Marco, nicht nur als Aufseher und Wächter über viele schöne mit großen Kosten von ihm gesammelte Altertümer, sondern hauptsächlich, um eine Schule für hervorragende Maler und Bildhauer zu gründen, deren Haupt und Führer Bertoldo, ein Schüler Donatellos, sein sollte. [Fußnote] Obwohl er bereits so alt war, daß er nicht mehr arbeiten konnte, war er doch ein sehr erfahrener und angesehener Künstler, der nicht nur die gegossenen Reliefs der Kanzel von seinem Meister Donato aufs fleißigste ausgeputzt, sondern auch viele Bronzegüsse von Schlachten und einige andere Kleinigkeiten mit einer Meisterschaft ausgeführt hatte, daß ihn darin keiner der damals in Florenz lebenden Künstler übertraf. Lorenzo, der eine große Liebe zur Malerei und Bildhauerkunst hatte, beklagte es, daß zu seiner Zeit nicht ebenso berühmte und treffliche Bildhauer gefunden wurden, wie man viele Maler von hohem Wert und Ruf antreffe. Daher beschloß er, jene Schule zu stiften und beauftragte Domenico Ghirlandaio, wenn er junge Leute in seiner Werkstätte hätte, die Lust dazu zeigten, diese nach seinem Garten zu schicken, wo er sie zu üben und in einer Weise auszubilden wünschte, daß sie sich, ihn und die Stadt ehren sollten. Hierauf empfahl ihm Domenico als die vorzüglichsten seiner jungen Leute Michelangelo und Francesco Granacci. Sie gingen nach dem Garten und fanden dort Torrigiano, der im Auftrag von Bertoldo ein paar runde Figuren in Ton modellierte. Als Michelangelo dies sah, machte er aus Nacheiferung auch gleich ein paar davon, und Lorenzo erkannte alsbald den herrlichen Geist des Jünglings und behielt ihn von jetzt an immer im Auge. Michelangelo aber, dadurch ermuntert, bildete nach wenigen Tagen aus einem Stück Marmor den antiken Kopf eines alten grinsenden Faun nach, der an der Nase beschädigt war und den Mund zum Lachen verzog. Obwohl er nie Marmor und Meißel unter den Händen gehabt hatte, löste er doch die Aufgabe zum Verwundern Lorenzos sehr gut. Als dieser nun sah, daß Michelangelo, vom antiken Vorbild abweichend, dem Faun nach eigener Phantasie den Mund geöffnet hatte, wodurch die Zunge und alle Zähne sichtbar wurden, sagte er in seiner gewohnten, freundlich-scherzenden Weise: »Du hättest doch wissen sollen, daß alte Leute nie alle ihre Zähne haben, sondern daß ihnen stets einer fehlt.« – Michelangelo, der den Herzog liebte und Ehrfurcht vor ihm hatte, meinte in seiner Einfalt, er habe recht, brach, als er fort war, einen Zahn heraus, feilte den Gaumen in einer Weise, daß es schien, der Zahn sei herausgefallen, und erwartete mit Sehnsucht die Rückkehr des Herrn. Als dieser kam und die Naivität und Güte Michelangelos sah, lachte er herzlich und erzählte die Begebenheit öfter gleich einem Wunder seinen Freunden.
Da er sich vorgenommen, den Jüngling zu unterstützen und zu begünstigen, erbat er ihn von seinem Vater Lodovico mit dem Versprechen, daß er ihn wie einen Sohn halten würde. Da der Vater gerne darein willigte, gab ihm der Herzog ein Zimmer in seinem Hause, ließ ihn an seinem Tisch essen und mit seinen Söhnen und anderen Personen von Rang und Stand umgehen, die zu dem Herzog kamen, der Michelangelo sehr hochschätzte. Das geschah im zweiten Jahr, als Michelangelo zu Domenico gekommen, und im fünfzehnten oder sechzehnten Jahr seines Lebens, und er blieb zwei Jahre in diesem Haus bis zum Tode Lorenzos 1492. Während dieser Zeit erhielt er vom Magnifico als Gehalt und zur Unterstützung seines Vaters monatlich fünf Dukaten, auch schenkte ihm Lorenzo zu seiner Freude einen violetten Mantel und gab dem Vater ein Amt beim Zoll.
Damals arbeitete Michelangelo auf den Rat des Policiano, eines in den Wissenschaften sehr erfahrenen Mannes, aus einem Stück Marmor, das ihm der Herzog gab, den Kampf des Herkules mit den Zentauren, der so gut gelang, daß mancher, der dies Werk heute ansieht, es nicht für die Arbeit eines Jünglings, sondern eines anerkannten, in den Studien erfahrenen und in dieser Kunst geübten Meisters hält. Zu seinem Andenken bewahrt es sein Neffe Lionardo heute als ein wirklich seltenes Werk in seinem Hause auf. Dieser Lionardo besaß auch noch bis vor wenigen Jahren als Andenken an seinen Oheim ein Flachrelief Michelangelos, ein Madonnenbild von Marmor, bei dem Michelangelo als Jüngling die Manier Donatellos nachahmen wollte, was ihm so gut gelang, daß es von dessen Hand zu sein scheint, aber mehr Anmut und bessere Zeichnung hat.
Auch zeichnete er viele Monate in der Carmine nach den Malereien Masaccios. Dort kopierte er mit so großem Verständnis jene Werke, daß sich Künstler und andere Leute darüber wunderten und daß mit seinem Namen zugleich der Neid wuchs. Unter anderem erzählt man, daß Torrigiano, der mit ihm Freundschaft geschlossen hatte und Scherz trieb, aus Neid darüber, ihn geehrter als sich und in der Kunst geschickter zu sehen, ihm einstmals einen solchen Schlag mit der Faust auf die Nase gegeben habe, daß sie gequetscht und zerbrochen und er für sein Leben schlimm gezeichnet blieb. Torrigiano aber wurde aus Florenz verbannt. Nach dem Tode des Lorenzo Magnifico kehrte Michelangelo in sein elterliches Haus zurück, tief betrübt über den Verlust eines solchen Mannes und Freundes aller schönen Künste. Er kaufte ein großes Stück Marmor und arbeitete daraus einen Herkules von vier Ellen Höhe. Dieser stand viele Jahre im Palast der Strozzi, galt für ein bewunderungswürdiges Werk und wurde im Jahre der Belagerung von Giovan Battista della Palla an König Franz von Frankreich geschickt. Man sagt, Piero de‘ Medici, der Michelangelo schon lange kannte, habe als Erbe seines Vaters oft nach ihm geschickt, wenn er antike Kameen oder andere geschnittene Arbeiten kaufen wollte. Auch ließ er ihn eines Winters, da es in Florenz stark geschneit hatte, in seinem Hof eine Figur aus Schnee formen, die sehr schön gelang, und er ehrte ihn um seiner Kunst willen so hoch, daß der Vater Lodovico, als er sah, wie er von den Vornehmen geachtet wurde, ihn viel stattlicher kleidete als bisher. Für die Kirche von Santo Spirito in Florenz arbeitete Michelangelo ein Kruzifix aus Holz dem Prior zu Gefallen, der ihm ein Zimmer überlassen hatte, wo er zum Studium der Anatomie tote Körper zergliederte und den Grund zu der später ihm besonders eigenen Vollkommenheit der Zeichnung legte.
Wenige Wochen, bevor die Medici aus Florenz vertrieben wurden, war Michelangelo nach Bologna und von dort nach Venedig gegangen, aus Besorgnis, es könne ihn als Freund des Hauses irgendeine Unannehmlichkeit treffen, denn er kannte den Übermut und die schlechte Verwaltung Pieros de‘ Medici, kehrte aber, weil er in Venedig keine Beschäftigung fand, nach Bologna zurück, wo er nicht viel länger als ein Jahr blieb.

Michelangelo und seine Rückkehr nach Florenz

Nach seiner Rückkehr nach Florenz arbeitete er für Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici einen kleinen Johannes aus Marmor. Danach nahm er einen anderen Marmorblock und begann einen schlafenden Cupido in natürlicher Größe, der nach Fertigstellung vom Baldassare del Milanese dem Herrn Lorenzo als ein schönes Werk gezeigt wurde. Nachdem dieser ihn prüfend betrachtet, sagte er: »Wenn du ihn unter die Erde legtest, so bin ich sicher, er würde für antik gelten, und wolltest du ihn so zurichten, als ob er alt sei, und ihn dann nach Rom schicken, so möchte dir das weit mehr einbringen, als wenn du ihn hier verkaufst.« Man sagt, Michelangelo habe hierauf seiner Statue das Aussehen gegeben, als ob sie antik sei. Andere behaupten, Milanese habe sie nach Rom gebracht, auf seiner Vigna vergraben und dann als ein antikes Werk für zweihundert Dukaten an den Kardinal San Giorgio verkauft. Indessen hörte San Giorgio von einem Augenzeugen, die Figur des Knaben sei in Florenz gearbeitet, und als er durch einen eigens Beauftragten die Wahrheit festgestellt hatte, brachte er es dahin, daß der Vertreter Milaneses das Geld wieder hergeben und den Cupido zurücknehmen mußte. Die ganze Angelegenheit aber zog dem Kardinal San Giorgio manchen Tadel zu, weil er die Trefflichkeit des Werkes nicht erkannte, die in dessen Vollkommenheit besteht, die an den neueren Werken ebenso groß ist wie an den antiken. [Fußnote] Wenn sie nur wirklich gut sind, ist es Eitelkeit, mehr auf den Namen als auf die Sache zu achten. Aber freilich – Leute, denen der Schein mehr gilt als das Sein, hat es zu allen Zeiten gegeben. Indessen gelangte Michelangelo durch dieses Ereignis zu großem Ruf, so daß er bald nachher nach Rom gezogen wurde, wo er zu dem Kardinal San Giorgio kam und fast ein Jahr bei ihm blieb, doch ohne daß dieser Herr ihm Arbeit gab, da er für Kunst wenig Verständnis hatte. Die Vortrefflichkeit Michelangelos aber erkannte Herr Jacopo Galli, ein geistreicher römischer Edelmann. Er bestellte bei ihm einen Cupido aus Marmor in natürlicher Größe und die Figur eines Bacchus, der in der rechten Hand eine Schale, in der linken ein Tigerfell und eine Weintraube hält, die ein kleiner Satyr zu naschen sucht. [Fußnote] Dieser Bacchus ist eine Gestalt, bei der man merkt, daß der Künstler eine gewisse Mischung bemerkenswerter Züge gesucht hat, da er ihm die Schlankheit männlicher und die Rundung und Weichheit weiblicher Jugend gab – etwas so Merkwürdiges, daß Michelangelo damit bewies, er übertreffe in der Ausführung von Statuen alle neuen Meister, die bis dahin gearbeitet hatten. Dies alles erweckte in dem Kardinal Rohan von Saint Denis, einem Franzosen, den Wunsch, mit Hilfe eines so trefflichen Künstlers der berühmten Stadt ein würdiges Denkmal von sich zu hinterlassen, und er ließ von ihm eine Pietà vollplastisch in Marmor ausführen, die nach ihrer Vollendung im Sankt Peter in der Kapelle der Jungfrau Maria della Febbre aufgestellt wurde. Kein Bildhauer noch sonst ein ausgezeichneter Künstler darf glauben, ein solches Werk in Zeichnung und Anmut oder durch Aufwand von Mühe in Feinheit, Glätte und kunstreichem Bohren des Marmors, wie es Michelangelo hier bewies, erreichen zu können. [Fußnote] Die Liebe zu dieser Arbeit und die dabei aufgewendete Mühe veranlaßten Michelangelo, was er sonst niemals tat, seinen Namen quer durch den Gürtel, der das Gewand der Madonna unter der Brust umschließt, einzugraben. Die Veranlassung war folgende: er kam eines Tages an die Stelle, wo das Werk aufgestellt war, und fand dort eine Anzahl Fremder aus der Lombardei, die es sehr rühmten und von denen einer auf die Frage, wer es gearbeitet habe, entgegnete: »Unser Gobbo aus Mailand.« Michelangelo schwieg still, doch dünkte es ihm unrecht, daß seine Mühen einem anderen angerechnet wurden. Deshalb schloß er sich, mit Licht und Meißel versehen, eines Nachts im Sankt Peter ein und grub seinen Namen in den Gürtel der Madonna.
So stieg der Ruf seines Talentes durch dieses Werk mehr als durch alle seine früheren Arbeiten. Einige Freunde aus Florenz schrieben ihm, er solle dorthin kommen; es sei möglich, daß er den Marmorblock erhalten könne, der verhauen im Domhof läge und den Pier Soderini, damals auf Lebenszeit zum Gonfaloniere der Stadt ernannt, wie er oft geäußert hatte, an Leonardo da Vinci schicken wollte. Nunmehr bemühte sich Meister Andrea Contucci dal Monte Sansovino, ein trefflicher Bildhauer, darum. Es war sehr schwer, eine Statue daraus zu arbeiten, ohne daß man Stücke ansetzte, und keiner hatte Lust und Mut dazu außer Michelangelo, der sich den Block schon viele Jahre vorher gewünscht hatte und, sobald er in Florenz war, ihn zu bekommen versuchte. Er war neun Ellen hoch, und ein Meister Simone aus Fiesole hatte unglücklicherweise angefangen, eine Kolossalfigur daraus zu arbeiten, hatte ihn dabei aber so übel zugerichtet, daß zwischen den Beinen ein Loch durchgehauen und er ganz verdorben und verstümmelt war. Deshalb hatte die Domverwaltung von Santa Maria del Fiore, die die Aufsicht über solche Dinge führte, sich nicht um die Vollendung gekümmert und ihn beiseite gestellt, wo er nun seit Jahren stand und wohl auch weiter geblieben sein würde. Michelangelo aber maß ihn von neuem und prüfte, ob er eine Figur aus dem Block würde schlagen können. Und indem er sich mit der Stellung nach der Form des von Simone verstümmelten Blockes richtete, beschloß er, ihn von der Dombauverwaltung und von Soderini zu erbitten. Sie gaben ihn als ein nutzloses Stück hin, überzeugt, es werde, was er auch aus ihm schaffe, besser sein als der Zustand, in dem er sich jetzt befand, wo er weder geteilt noch ganz dem Bau irgendeinen Nutzen bringen konnte. Danach formte Michelangelo ein Modell aus Wachs, indem er einen jungen David mit der Schleuder in der Hand als Wahrzeichen des Palastes darstellte. Dies sollte andeuten, daß, wie jener Held sein Volk verteidigt und gerecht beherrscht habe, auch die Gebieter der Stadt in ihrer Verteidigung Mut und in ihrer Regierung Gerechtigkeit zeigen möchten. Er begann die Statue in der Bauhütte von Santa Maria del Fiore, machte sich gegen die Mauer einen Bretterverschlag rings um den Marmor, bearbeitete diesen ohne Unterlaß und führte sein Werk vollständig zu Ende, ohne daß irgend jemand es sah. Der Marmor war, wie gesagt, verhauen und verdorben und genügte deshalb an einigen Stellen den Absichten Michelangelos nicht. Darum richtete er es ein, daß an den äußeren Enden des Steins einige von Simones ersten Meißelstrichen blieben, die man teilweise noch jetzt sieht. Aber gewiß war es ein Wunder von Michelangelo, einen, der bereits zu den Toten gezählt wurde, wieder zum Leben aufzuerwecken. [Fußnote] Als die Statue fertig und zu solchem Grad der Vollkommenheit gebracht war, entstand allerhand Streit, wie man sie nach dem Platz der Signoren bringen könne; deshalb fertigten Giuliano und Antonio von San Gallo zu diesem Zweck ein starkes Holzgerüst, befestigten die Statue mit Tauen daran, so daß sie nicht anstoßen und zerbrechen, sich vielmehr stets leicht wiegen konnte, schafften sie mit flachen Balken an der Erde und mit Winden vorwärts und stellten sie auf. An dem Tau, an dem die Figur hing, hatte er einen Knoten verschlungen, der leicht herabglitt und sich zusammenschnürte, wenn die Last ihn niederzog – eine schöne, sinnreiche Erfindung, die bewundernswürdige Sicherheit gewährt und geeignet ist, Lasten aufzuheben.
Als das Werk vollendet und aufgestellt war, enthüllte es Michelangelo, und es ist wahr, daß es alle modernen und antiken Statuen um ihren Ruhm brachte, denn bei ihr sind die Umrisse der Beine einzig schön, die Gelenke und die Schlankheit der Hüften sind göttlich, und nie hat man eine so liebliche Stellung gesehen noch eine Anmut, die dieser gleichkommt, noch Füße, Hände und Kopf, die an Güte, künstlerischer Ausführung, Ebenmaß und Zeichnung in allen Teilen so wohl übereinstimmen. Michelangelo erhielt für diese Statue von Pier Soderini einen Lohn von vierhundert Skudi. Sie wurde im Jahre 1504 aufgestellt.
Angelo Doni, Bürger zu Florenz und Freund Michelangelos, dem es die größte Freude machte, schöne antike wie neuere Kunstwerke zu besitzen, wünschte etwas von Michelangelos Hand zu erhalten, und so fing dieser ein Rundbild zu malen an, auf dem er die Madonna darstellte, die, auf beiden Knien liegend, das Kind in ihren Armen hält und dem heiligen Joseph hinreicht, der es aufnimmt. Er offenbarte in diesem Bild durch die Wendung des Hauptes der Mutter und durch ihren Blick, der fest auf dem schönen Kinde ruht, die unendliche Seligkeit ihres Innern und ihr Verlangen, jenen heiligen Greis an dieser Seligkeit teilhaben zu lassen. Er selbst nimmt mit gleicher Liebe, Zärtlichkeit und Ehrfurcht das Kind hin, wie man ohne lange Betrachtung an seinen Zügen erkennt. Doch nicht zufrieden damit und in dem Wunsche, den Umfang seiner Kunst noch mehr zu zeigen, brachte Michelangelo in der Landschaft dieses Bildes eine Menge nackter Gestalten an, die sich anlehnen, stehen oder sitzen, und arbeitete das ganze Werk mit solchem Fleiß und solcher Sauberkeit, daß es unter seinen Malereien auf Holz, deren es nur wenige gibt, für die beste und schönste gilt. Nach seiner Vollendung schickte er es verdeckt durch einen Boten in das Haus Angelos, dabei einen Zettel, auf dem er als Bezahlung siebzig Dukaten verlangte. Angelo, der ein sparsamer Mann war, erschrak, daß er soviel für ein Bild zahlen solle, obwohl er wußte, daß es mehr wert war; er sagte dem Boten, vierzig seien genug, und gab ihm diese. Aber Michelangelo schickte sie zornig zurück und ließ sagen, er solle ihm jetzt hundert Dukaten zahlen oder das Bild zurückschicken. Als sich nun Angelo, dem das Bild gefiel, doch erbot, die zuerst geforderten siebzig Dukaten zu zahlen, ging Michelangelo nicht mehr darauf ein, sondern forderte vielmehr wegen des geringen, ihm bewiesenen Vertrauens das Doppelte des ersten Preises, und Angelo mußte nun, da er das Bild behalten wollte, den Preis von hundertvierzig Dukaten zahlen. [Fußnote] In der Zeit, als der herrliche Maler Leonardo da Vinci im großen Ratssaal arbeitete, erhielt Michelangelo durch den damaligen Gonfaloniere Piero Soderini, der sein großes Talent erkannte, den Auftrag, einen Teil jenes Saales auszumalen, und er begann im Wetteifer mit Leonardo die andere Wand, für die er als Gegenstand den Krieg mit Pisa wählte. Man wies ihm ein Zimmer im Spital der Färber zu Sant‘ Onofrio an, und dort begann er einen großen Karton, gab aber nicht zu, daß irgend jemand ihn sah. Er füllte ihn mit einer Menge nackter Gestalten, die sich zur Kühlung im Arno baden. Plötzlich ertönt im Lager infolge eines feindlichen Überfalls der Schlachtruf: »Zu den Waffen!« Während die Soldaten aus dem Wasser steigen, um sich anzukleiden, sieht man sie, durch Michelangelos göttliche Kunst dargestellt, wie sie sich in Eile rüsten, um ihren Gefährten zu Hilfe zu kommen. Die einen legen sich den Küraß an, andere ergreifen ihre Waffen, und eine große Menge, die zu Pferde kämpft, beginnt das Ringen. Unter anderen Gestalten war da ein Alter, der einen Efeukranz auf dem Kopf trug, um sich Schatten zu geben. Er saß an der Erde und bemühte sich, die Strümpfe anzuziehen, brachte es jedoch, weil seine Füße vom Wasser naß waren, nicht zustande, und bei dem Waffenlärm, dem Schreien der Krieger und dem Wirbeln der Trommeln zieht er mit großer Hast und Gewalt einen Strumpf an. Alle Muskeln und Nerven des Körpers waren angespannt und der Mund in einer Weise verzerrt, daß er damit deutlich ausdrückte, wie er litt und sich bis zur Fußspitze anstrengte. Man sah Trommler und Soldaten, die mit zusammengerafften Kleidern dem Kampfe zueilten. Die allerseltsamsten Stellungen, die einen aufrecht, andere kniend oder vorgebeugt, andere stürzend oder in die Höhe kletternd, zeichnete er in den schwierigsten Verkürzungen. Auch waren verschiedene Gruppen in verschiedener Weise geordnet und entworfen. Die einen mit Kohle umrissen und mit Strichen schattiert, die anderen gemischt und mit Weiß aufgehöht, da er zeigen wollte, wieviel er in seinem Beruf verstände. So gerieten die Künstler in Staunen und Verwunderung, als sie sahen, Michelangelo habe auf diesem Blatt das Höchste in der Kunst geleistet. Ja einige, die diese göttlichen Figuren gesehen haben, versichern noch jetzt, es sei ihnen weder von seiner noch von anderer Hand je Besseres bekannt geworden, und kein anderer Genius könnte jemals diese Göttlichkeit der Kunst erreichen. Das ist sicherlich zu glauben, denn seit der Karton vollendet und unter festlicher Teilnahme der Kunstgenossenschaft nach dem Saale des Papstes gebracht worden war, sind alle, die eine Reihe von Jahren in Florenz danach zeichneten, Fremde wie Einheimische, in ihrem Beruf trefflich geworden. Da nun dieser Karton zum Studium für alle Künstler diente, brachte man ihn in den oberen großen Saal im Palast der Medici. Dies aber war die Veranlassung, daß er den Händen der Künstler mit zu großem Vertrauen überlassen und zur Zeit von Giulianos Krankheit, wo niemand an diese Dinge dachte, zerrissen, in viele Teile geteilt und an viele Orte verstreut wurde.

Papst Julius II.

Auf diese Weise hatte sich durch die Pietà, die Kolossalstatue zu Florenz und durch den Karton Michelangelos Ruf so weit verbreitet, daß im Jahre 1503, als Alexander VI. gestorben war, Julius II., der neuerwählte Papst, den damals ungefähr neunundzwanzigjährigen Meister sehr zu seinem Vorteil nach Rom berief mit dem Auftrag, ihm sein Grabmal zu errichten. Durch seine Unterhändler ließ er ihm hundert Skudi Reisegeld auszahlen. Michelangelo ging nach Rom, doch verstrichen mehrere Monate, ehe der Papst ihn veranlaßte, irgend etwas zu beginnen. Schließlich entschied er sich für eine Zeichnung, die Michelangelo für das Grabmal gefertigt und die ein glänzendes Zeugnis seines Talentes war, denn an Schönheit, Pracht, großartiger Ausschmückung und Reichtum der Statuen übertraf sie jedes antike und kaiserliche Grabmal. Der Papst, hiervon begeistert, faßte den Entschluß, die Kirche von Sankt Peter zu Rom zu erneuern und darin das Grabmal zu errichten. So ging Michelangelo guten Mutes ans Werk, und um einen Anfang zu machen, besuchte er mit zwei Gehilfen Carrara, um den nötigen Marmor brechen zu lassen. Er erhielt für diesen Zweck tausend Skudi von Alamanno Salviati in Florenz. Acht Monate verweilte er im Gebirge, ohne weiter Geld und Gehalt zu bekommen, und unterhielt sich gelegentlich, angeregt durch die Marmormassen, die vor ihm lagen, mit allerhand Entwürfen, wie er in jenen Steinbrüchen große Statuen ausführen wollte, um gleich den Alten ein ehrenvolles Andenken von sich zu hinterlassen. Als er dann die gehörige Zahl Marmorblöcke ausgesucht und eingeschifft hatte und sie nach Rom gebracht worden waren, nahmen sie fast die Hälfte des Petersplatzes um Santa Caterina herum und den Raum zwischen der Kirche und dem nach dem Kastell führenden Korridor ein, wo Michelangelo sein Atelier hatte, in dem er die Statuen sowie alles, was sonst zum Grabmal gehörte, arbeitete. Zu dieser Werkstatt hatte der Papst vom Korridor aus eine Zugbrücke schlagen lassen, damit er bequem kommen und der Arbeit zusehen konnte. Daraus entstand eine so große Vertraulichkeit, daß die erhaltenen Gunstbezeigungen Michelangelo später viele Not und Verfolgung zuzogen und ihm bei den Künstlern großen Neid erweckten. Einen Teil der Marmorblöcke ließ sich der Meister zu größerer Bequemlichkeit nach Florenz schaffen, wo er sich bisweilen während des Sommers aufhielt, um der Malaria in Rom zu entfliehen. Dort arbeitete er die eine Seite des Grabmals in mehreren Stücken ganz fertig, vollendete ferner in Rom zwei Gefangene von göttlicher Schönheit und andere Statuen, wie man niemals bessere gesehen hat. Da sie aber nicht bei jenem Grabmal angebracht wurden, gab Michelangelo die Gefangenen dem Herrn Roberto Strozzi, in dessen Haus er krank lag, und dieser schickte sie an König Franz. [Fußnote] Acht Statuen skizzierte er in Rom, fünf in Florenz und vollendete eine Viktoria, unter der ein Gefangener liegt. Dann vollendete er die fünf Ellen hohe Marmorstatue des Moses, dessen Schönheit durch kein neueres Werk erreicht werden kann und dem kein antikes gleich ist. Endlich näherte sich Michelangelo bei diesem Werk dem Ziel und errichtete eine kürzere von den vier Seiten in San Pietro in Vincoli.
Während er damit beschäftigt war, kamen alle zu dem Grabmal noch fehlenden, in Carrara zurückgebliebenen Marmorblöcke nach der Ripa und wurden von dort zu den übrigen auf den Sankt-Peter-Platz geschafft.
Da nun das Geld dafür denen gegeben werden mußte, die sie abgeliefert hatten, ging Michelangelo wie gewöhnlich zum Papst, und da er diesen an jenem Tag gerade sehr mit den bolognesischen Angelegenheiten beschäftigt fand, kehrte er nach Hause zurück und bezahlte die Rechnung aus seinem Beutel, in der Meinung, er werde die Anweisung darauf alsbald von Seiner Heiligkeit erhalten. Als er jedoch eines anderen Tages kam, um mit dem Papst über diese Angelegenheit zu reden, hatte er Schwierigkeit, vorgelassen zu werden, denn der Türhüter sagte, er möge ihm verzeihen, aber er habe den Befehl, ihm nicht den Eingang zu gestatten. »Du kennst vielleicht diesen Mann nicht«, sagte ein Bischof zu dem Türsteher. – »Nur zu gut kenne ich ihn«, entgegnete jener, »ich bin aber hier, um das auszuführen, was mir von meinen Vorgesetzten und vom Papste befohlen wird.« Solches Betragen mißfiel Michelangelo, und da es in Widerspruch zu dem, was er bis dahin erfahren hatte, zu stehen schien, antwortete er dem Türsteher unwillig, er möge, wenn Seine Heiligkeit nach ihm fragen sollte, nur sagen, er sei anderswo hingegangen. In seine Wohnung zurückgekehrt, nahm er um zwei Uhr nachts die Post und hinterließ zwei Dienern den Befehl, alles, was in seinem Hause war, an die Juden zu verkaufen und ihm nach Florenz zu folgen, wohin er den Weg genommen.
Zu Poggibonsi auf Florentiner Gebiet angelangt und demnach in Sicherheit, machte er halt. Fünf Kuriere folgten ihm mit Briefen vom Papst dorthin, um ihn zurückzuholen. Doch weder Bitten noch der Brief, der ihn mit der Ungnade Seiner Heiligkeit bedrohte, falls er nicht umkehre, konnten irgend etwas bei ihm veranlassen. Nur dazu verstand er sich zuletzt auf die Bitten der Kuriere, als Antwort an den Papst zwei Zeilen zu schreiben, in denen er sagte: Seine Heiligkeit möge ihm verzeihen, er werde nicht wieder vor sein Angesicht kommen, nachdem er ihn wie einen Lumpen habe fortjagen lassen. Seine treue Anhänglichkeit habe solches nicht verdient, er möge sich nun jemand anders wählen, der ihn bediene.
In Florenz war Michelangelo darauf bedacht, im Lauf von drei Monaten, die er dort verweilte, den Karton für den großen Saal zu vollenden. Unterdessen erhielt die Signoria drei Breves mit dem Verlangen, Michelangelo nach Rom zurückzuschicken. Daraus erkannte dieser die Wut des Papstes, und da er seiner Sicherheit mißtraute, soll er sogar den Gedanken gehabt haben, nach Konstantinopel zu gehen, um dem Groß-Sultan zu dienen, der ihn durch Vermittlung einiger Franziskanermönche begehrte, um durch ihn eine Brücke von Konstantinopel nach Pera zu bauen. Aber Soderini beredete ihn, den Papst, wenn auch wider Willen, aufzusuchen, und zwar zu seinem Schutz in öffentlichem Dienst als Gesandter der Stadt. Außerdem empfahl er ihn noch seinem Bruder, dem Kardinal Soderini, der ihn dem Papst vorstellen sollte, und schickte ihn so nach Bologna, wohin Seine Heiligkeit aus Rom gekommen war. Dort hatte er kaum die Stiefel gewechselt, als er von Vertrauten des Papstes zu Seiner Heiligkeit in den Palast der Sechzehn abgeholt wurde, von einem Bischof des Kardinals Soderini begleitet, da dieser selbst krank war und nicht mitgehen konnte. Nach seinem Eintritt beim Papst ließ Michelangelo sich aufs Knie nieder. Seine Heiligkeit sah ihn von der Seite an, als ob er zornig wäre, und sagte: »Anstatt zu gehen, uns aufzusuchen, hast du gewartet, daß wir kommen und dich aufsuchen!«, womit er andeuten wollte, daß Bologna näher an Florenz als an Rom liege. Michelangelo bat mit höflicher Handbewegung und lauter Stimme untertänig um Vergebung, entschuldigte sich damit, daß das, was er getan hätte, im Zorn geschehen sei, da er es nicht ertragen konnte, so fortgejagt zu werden, und daß er, falls er im Irrtum gewesen sei, bäte, Seine Heiligkeit möge ihm diesen verzeihen. Der Bischof, der Michelangelo zum Papst geführt, sagte, um ihn weiter zu entschuldigen, zu Seiner Heiligkeit, solche Leute wären ja unwissend und außer in ihrer Kunst zu nichts zu gebrauchen, und er möge ihm doch freundlich vergeben. Das brachte den Papst in Wut, er schlug mit einem Stock, den er in der Hand hatte, nach dem Bischof und rief: »Der Unwissende bist du, da du dem Manne hier Grobheiten sagst, wie wir sie ihm nicht sagen«, und ließ den Bischof vom Türsteher mit Faustschlägen fortjagen. Als er verschwunden war und die Wut des Papstes sich ausgetobt hatte, segnete er Michelangelo, der dann durch Geschenke und Versprechungen so lange in Bologna gehalten wurde, bis Seine Heiligkeit ihm den Auftrag erteilte, eine fünf Ellen hohe Bildnisstatue von ihm aus Bronze zu arbeiten. Bei dieser Figur zeigte Michelangelo die höchste Kunst in der Stellung, durch die er Größe und Hoheit ausdrückte, in den Gewändern, denen er Reichtum und Pracht, in den Zügen des Angesichts, denen er Mut, Kraft, Entschlossenheit und etwas Gewaltiges verlieh. Diese Statue wurde in einer Nische über der Tür von San Petronio aufgestellt.

Sixtinische Kapelle

Michelangelo brachte diese Statue im Tonmodell völlig zustande, bevor der Papst Bologna verließ, um nach Rom zu gehen. Als dieser aber kam, um sie zu sehen, war es noch unentschieden, was er in der linken Hand haben sollte, da die rechte so stolz erhoben war, daß der Papst fragte, ob sie Segen gebe oder Fluch. Darauf antwortete Michelangelo: »Sie ermahnt das Volk von Bologna, weise zu sein.« Als er sodann Seine Heiligkeit um seine Meinung fragte, ob die Figur in der Linken ein Buch halten solle, sagte ihm der Papst: »Gib ihr ein Schwert! Ich bin kein Gelehrter!« Zur Herstellung dieser Statue hinterlegte der Papst tausend Skudi bei der Bank, und nach sechzehn Monaten, die Michelangelo zu ihrer Vollendung brauchte, konnte sie aufgestellt werden. Diese Statue hat Bentivoglio später zerstört und das Erz an Herzog Alfonso von Ferrara verkauft, der eine Kanone daraus gießen ließ, die er Giulia nannte.
Als der Papst wieder in Rom war, dachte Bramante, der Freund und Verwandte Raffaels von Urbino und deshalb Michelangelo nicht gerade freundlich gesinnt, dessen Abwesenheit zu benutzen, um den Sinn des Papstes von ihm abzulenken. Er wollte, daß Seine Heiligkeit bei Michelangelos Rückkehr nach Rom ihn das Grabmal nicht vollenden lasse, da es, wie er meinte, ein böses Vorzeichen sei und den Anschein erwecke, als wolle man den Tod beschleunigen, wenn man bei Lebzeiten sein Grab bauen ließ. So beredeten sie Seine Heiligkeit den Papst, daß er zum Gedächtnis seines Oheims Sixtus die Decke der Kapelle, die dieser im Vatikan erbaut hatte, durch Michelangelo, sobald er zurückgekehrt sein würde, ausmalen lasse. Auf diesem Wege glaubten Bramante und andere Nebenbuhler Michelangelos, ihn von der Bildhauerkunst abzulenken, in der sie ihn für vollkommen hielten, und ihn zur Verzweiflung zu bringen. Denn sie rechneten, daß er, zum Malen gezwungen, aus Mangel an Erfahrung im Fresko ein weniger rühmliches Werk zustande bringe und somit weniger leisten würde als Raffael. Falls aber die Arbeit ihm gelinge, werde er sich doch auf jeden Fall mit dem Papst erzürnen, so daß sie auf die eine oder andere Weise ihren Zweck erreichen und sich Michelangelo vom Halse schaffen würden.
So fand dieser die Dinge, als er nach Rom zurückkam. Der Papst, der zunächst sein Grabmal nicht vollenden wollte, machte ihm den Vorschlag, die Decke der Kapelle zu malen. Michelangelo, der das Grabmal zu vollenden wünschte und dem die Decke der Kapelle bei seiner geringen Übung in Behandlung der Farben eine große und schwierige Aufgabe schien, versuchte auf jede Weise, diesen Auftrag abzulehnen, und schlug dafür Raffael vor. Je mehr er sich jedoch weigerte, desto mehr wuchs der Wunsch des Papstes, der bei allen seinen Unternehmungen ungestüm war und hier noch durch die Nebenbuhler Michelangelos, besonders durch Bramante, gereizt und angetrieben wurde, so daß er sich, heftig wie er war, beinahe wieder mit Michelangelo erzürnte. Als dieser daher sah, der Papst beharre auf seinem Plan, entschloß er sich, die Arbeit zu übernehmen, und Bramante erhielt den Auftrag, das Malgerüst aufzurichten. Dies Gerüst ließ Bramante ganz in Seile hängen und schlug dazu Löcher in die Wölbung. Als Michelangelo das sah, fragte er ihn, wie man denn, wenn er mit Malen fertig sei, die Löcher ausfüllen solle, worauf dieser erwiderte: »Das wird sich finden, anders kann es nicht gemacht werden.« Hieraus entnahm Michelangelo, daß Bramante entweder wenig Einsicht in diese Dinge oder wenig Freundschaft für ihn habe, ging zum Papst und sagte, das Gerüst sei schlecht und Bramante verstehe nichts davon, worauf Seine Heiligkeit in Gegenwart Bramantes entgegnete, dann solle er es nach seiner Weise aufführen. Demnach ließ Michelangelo sein Gerüst auf Stützen aufrichten, die die Mauern nicht berührten, ein Verfahren, wodurch er Bramante und andere belehrte, wie man Wölbungen verkleiden und gute Werke ausführen könne. Die so erübrigten Seile schenkte er einem armen Zimmermann, der das Gerüst aufstellte; dieser verkaufte sie und konnte aus dem Erlös die Ausstattung seiner Tochter bestreiten.
Michelangelo begann die Kartons zu der Decke, und der Papst, der auch die Wandbilder herunterschlagen lassen wollte, die frühere Meister zur Zeit des Sixtus gemalt hatten, setzte für dieses Werk den Preis von fünfzehntausend Dukaten aus. Die Größe des Unternehmens zwang Michelangelo zu dem Entschluß, Hilfe zu nehmen. Er schickte darum nach Florenz, um Leute zu holen; er wollte sich bei diesem Werk als Sieger zeigen über alle die, die vor ihm an derselben Stelle gearbeitet hatten, und zugleich den neueren Künstlern zeigen, wie man zeichnen und malen müsse. So trieben ihn die Umstände – zu seinem Ruhm und zum Heil der Kunst –, so hoch zu streben, und er begann und vollendete die Kartons. Als er sie aber in Fresko ausführen wollte (er hatte in dieser Weise vorher noch nie etwas gemalt), kamen einige ihm befreundete Maler von Florenz nach Rom, um ihm Hilfe zu leisten und ihm die Behandlung der Freskofarben zu zeigen, worin sie teilweise sehr geschickt waren. Doch er fand ihre Leistungen tief unter seinem Wunsch und keineswegs genügend; so entschloß er sich eines Morgens, alles herunterzuschlagen, was sie gearbeitet hatten, sperrte sich in die Kapelle ein und wollte ihnen nicht öffnen, noch weniger in seinem Hause sich vor ihnen sehen lassen. Wegen dieser Behandlung, die ihnen für einen Spaß zu lange dauerte, entschlossen sie sich kurz und kehrten beschämt nach Florenz zurück. So nahm Michelangelo das ganze Werk allein auf sich und führte es mit allem Aufwand an Mühe und Fleiß zum höchsten Ziel, ließ sich aber nirgends sehen, um nicht Anlaß zu geben, seine Arbeit irgendwem zeigen zu müssen. Dadurch stieg die Neugierde der Leute mit jedem Tag, und auch Papst Julius hatte großes Verlangen, zu sehen, was er mache. Da auch vor ihm alles verdeckt blieb, wuchs seine Begierde aufs höchste. Deshalb wollte er eines Tages hingehen, aber man öffnete ihm nicht. Daraus entstand der Streit, der Michelangelos Weggang von Rom herbeiführte.
Nachdem das Werk zur Hälfte fertig war, wollte der Papst, der schließlich doch, von Michelangelo unterstützt, einige Male auf Leitern dazu hinaufgestiegen war, es solle alsbald aufgedeckt werden, denn er war ungeduldig und hastig in seinem Tun und konnte nicht warten, bis es vollendet oder, wie man sagt, die letzte Hand daran gelegt war. Kaum stand es aufgedeckt, als ganz Rom herbeigeströmt kam, um es in Augenschein zu nehmen, vor allem der Papst, der nicht wartete, bis der Staub vom Niederreißen des Gerüstes sich gelegt hatte. Raffael von Urbino aber, der mit größter Leichtigkeit fremde Manieren annahm, änderte, sobald er es gesehen, die seinige und malte kurz darauf, um seine Kunst zu zeigen, die Propheten und Sibyllen in der Kirche della Pace, und Bramante suchte zu erwirken, daß der Papst die andere Hälfte Raffael übertrage. Als Michelangelo dies hörte, beschwerte er sich über Bramante und zieh ihn vor dem Papst rücksichtslos vieler Fehler, sowohl im Leben wie in der Baukunst. Die letzteren sind dann durch Michelangelo beim Bau von Sankt Peter verbessert worden. Der Papst indes, der Michelangelos Kunst jeden Tag höher schätzen lernte, wollte, daß er die Arbeit weiterführe, überzeugt, nachdem er sie aufgedeckt gesehen hatte, daß Michelangelo bei der anderen Hälfte noch Besseres leisten werde. Dieser aber vollendete in zwanzig Monaten die Kapelle ganz allein, ohne irgendeine andere Hilfe als die des Farbenreibers. Michelangelo hat es bisweilen beklagt, daß er durch die Ungeduld des Papstes gehindert gewesen, dieses Werk, wie er wohl gewünscht hätte, nach seiner Weise auszuführen, da der Papst ihn unaufhörlich mit der Frage belästigte, wann er fertig werden würde. Und als er ihm nun einstmals antwortete: »Ich werde enden, sobald ich mit Rücksicht auf die Kunst genug getan habe«, entgegnete ihm der Papst: »Wir aber wollen, daß Ihr uns in unserem Verlangen genügt, es schnell zu machen.« Und er fügte hinzu, wenn solches nicht bald geschehe, werde er ihn vom Gerüst herabwerfen lassen, worauf denn Michelangelo, der den Zorn des Papstes fürchtete und auch zu fürchten hatte, das Fehlende ohne Aufenthalt vollendete, die andere Hälfte des Gerüstes fortnahm und am Morgen von Allerheiligen, dem Tag, an dem der Papst in der Kapelle die Messe las, zur großen Befriedigung der ganzen Stadt sein Werk aufdeckte. Michelangelo hätte gern im Trockenen einiges nachgebessert, wie die älteren Meister bei den unteren Bildern getan hatten, einige Gründe und Gewänder, auch einige Lüfte mit Ultramarinblau übergangen und hier und da ein wenig Gold aufgesetzt, damit das Ganze ein glänzenderes und reicheres Ansehen bekommen hätte. Der Papst selbst, als er hörte, daß dies und das noch fehle, welches er übrigens von jedermann sehr rühmen hörte, wünschte, Michelangelo möge das Fehlende hinzufügen. Weil diesem aber das Wiederaufrichten des Gerüstes zu langweilig war, unterblieb es. Wenn der Papst, der ihn oft sah, äußerte, er möge doch die Kapelle mit Farben und Gold bereichern, sie habe ein ärmliches Aussehen, entgegnete er vertraulich: »Heiliger Vater, in jenen Zeiten schmückten sich die Leute nicht mit Gold, und die, welche gemalt sind, waren nicht allzu reich, sondern heilige Personen und verschmähten allen Prunk.« Als Bezahlung für sein Werk erhielt Michelangelo in verschiedenen Fristen dreitausend Skudi und verwendete davon fünfundzwanzig für Farben. Er führte die Arbeit unter großer Anstrengung aus, das Gesicht nach oben gekehrt, wodurch er sich die Augen so verdorben hatte, daß er monatelang nur von unten nach oben Briefe lesen und Zeichnungen betrachten konnte.
Als sein Werk aufgedeckt wurde, strömte alle Welt herbei, um es in Augenschein zu nehmen, und alle erstaunten und verstummten. Der Papst aber, vollkommen befriedigt und zu größeren Unternehmungen ermutigt, belohnte Michelangelo mit Geld und reichen Geschenken. Dieser sagte bei so ungewöhnlichen Gunstbeweisen öfters: er sehe wohl, daß der Papst seine Kunst hoch ehre, und wenn er ihm auch als Zeichen seiner Liebe dann und wann eine Grobheit zufüge, so suche er es doch alsbald durch Geschenke und glänzende Gunstbezeigungen wiedergutzumachen.
Nach Vollendung der Kapelle und bevor noch der Papst sich dem Tode nahe fühlte, verfügte er, sein Grabmal, wenn er gestorben wäre, nach einer einfacheren Zeichnung als den früheren vollenden zu lassen. An dieses Werk begab sich Michelangelo aufs neue und fing um so lieber an, als er hoffte, endlich einmal ohne Hindernis damit fertig zu werden. Doch hatte er nachmals stets Verdruß, Last und Not dabei, mehr als bei irgendeiner seiner anderen Arbeiten, ja, er wurde lange Zeit auf gewisse Weise des Undanks gegen einen Papst geziehen, von dem er so sehr geliebt und beschützt worden war.
Er widmete ihm seine ganze Arbeitskraft und ordnete die Zeichnungen, damit er die Fassaden der Kapelle ausführen könne, aber ein neidisches Geschick wollte es nicht zulassen, daß dieses so vollkommen begonnene Denkmal ein entsprechendes Ende gewönne. Papst Julius starb, und sein Grabmal wurde außer acht gelassen infolge der Wahl Leos X., der, von ebenso glänzendem Unternehmungsgeist und voll Tatkraft wie Julius, in seiner Vaterstadt, aus der er der erste Papst war, zu seinem und des göttlichen Künstlers, seines Mitbürgers Gedächtnis so Herrliches ausführen lassen wollte, wie es ein mächtiger Fürst zu tun vermag. Als er deshalb Michelangelo den Auftrag gab, die Fassade von San Lorenzo in Florenz, der Kirche, die die Medici erbaut hatten, auszuführen, blieb notwendigerweise die Arbeit am Grabmal von Papst Julius liegen. Denn Leo begehrte nicht nur seine Meinung und seine Zeichnungen dazu, sondern auch ihn selbst als Oberbaumeister. Michelangelo widerstand soviel er konnte und berief sich darauf, daß er wegen des Grabmals verpflichtet sei. Der Papst aber antwortete ihm, er möge deshalb nicht besorgt sein, er habe ihm selbst Urlaub ausgewirkt unter dem Vorbehalt, daß er in Florenz wie früher an den Figuren für das Grabmal arbeiten werde. Dies geschah alles gegen Wunsch und Willen Michelangelos, der mit Tränen von dannen schied.
Michelangelo entschloß sich dann, für die Fassade ein Modell zu machen, wollte aber keinen anderen über sich und neben sich bei dem Bau annehmen. Und dieses entschiedene Zurückweisen jeder Beihilfe war schuld, daß weder von ihm noch anderen etwas ins Werk gesetzt wurde. Vielmehr ging er nach Carrara mit Aufträgen, für die ihm von Jacopo Salviati tausend Skudi ausgezahlt werden sollten. Während Michelangelo in Carrara den Marmor zu dem Grabmal von Papst Julius und zu der Fassade brechen ließ, in der Meinung, sie auszuführen, schrieb man ihm, Papst Leo habe erfahren, es gebe in den Bergen von Pietrasanta nach Seravezza im Florentiner Gebiet auf dem Gipfel des höchsten Berges, Altissimo genannt, Marmor von derselben Güte und Schönheit wie der zu Carrara. Dies wußte zwar Michelangelo schon, schien es aber nicht beachten zu wollen. Schließlich wurde er doch gezwungen, nach Seravezza zu gehen, obwohl er dagegen anführte, dies werde mehr Arbeit und Kosten verursachen, besonders am Anfang, und obendrein vielleicht nicht einmal so gut sein. Aber der Papst wollte davon nichts hören; eine Straße von mehreren Meilen mußte durch die Berge geführt, es mußten mit Hämmern und Hacken Gesteine zur Einebnung zerschlagen und an sumpfigen Stellen Pfähle eingerammt werden, so daß Michelangelo viele Jahre verlor, um den Willen des Papstes zu erfüllen. Endlich brach man fünf Säulen von gehöriger Größe, von denen eine auf dem Platz von San Lorenzo zu Florenz aufgestellt ist, während die anderen an der Mittelmeerküste liegen. Michelangelo brauchte viele Jahre zu dem Brechen der Marmorblöcke, doch fertigte er unterdessen Wachsmodelle und andere zu dem Bau gehörige Dinge. Aber das Unternehmen zog sich in die Länge, so daß die dafür bestimmten Gelder für den Lombardischen Krieg verwendet wurden und der Bau durch den Tod von Papst Leo unvollendet blieb.
Dieser Tod versetzte Künstler und Handwerker in Rom und Florenz in so großen Schrecken, daß Michelangelo in Florenz blieb und an dem Grabmal des Papstes Julius arbeitete, solange Hadrian VI. regierte. Nach dessen Tod jedoch wurde Clemens VII. zum Papst erwählt, der wie Leo und seine übrigen Vorgänger durch Werke der Baukunst, Bildhauerei und Malerei ein Andenken von sich hinterlassen wollte. Michelangelo reiste ohne Aufenthalt nach Rom. Wieder wurde er von dem Herzog Francesco Maria von Urbino, dem Neffen von Papst Julius, bedrängt, der sich über ihn beschwerte und sagte, man habe ihm sechzehntausend Skudi für das Grabmal ausgezahlt, und er treibe in Florenz, was ihm beliebe, und der drohend hinzufügte, wenn er das Werk vernachlässige, so werde es ihm schlimm ergehen. Als er in Rom angelangt war, riet ihm Papst Clemens, der gern seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, er solle mit den Agenten des Herzogs Rechnung abschließen. Seiner Meinung nach wäre er nach dem, was er schon vollbracht habe, eher Gläubiger als Schuldner. So blieb der Handel liegen.
Der Papst besprach sich mit Michelangelo über viele Dinge, bis man endlich beschloß, die neue Sakristei und die Bibliothek von San Lorenzo in Florenz zu vollenden. Er verließ daher Rom und wölbte die Kuppel der Kapelle, wie man sie jetzt sieht, und ließ sie in einer anderen Ordnung ausführen. Im Innern errichtete er zum Schmuck der Wände vier Grabmäler für die sterblichen Reste der Väter beider Päpste: für Lorenzo den Alten und für Giuliano, seinen Bruder, dann für Giuliano, den Bruder Leos, und für Herzog Lorenzo, seinen Neffen. Und weil er hierbei die alte, von Filippo Brunelleschi erbaute Sakristei nur mit einer neuen Art von Ornamenten nachahmen wollte, brachte er eine Verzierung in gemischter Ordnung an, die mannigfaltigste, ungewöhnlichste, die jemals von alten oder neuen Meistern angewendet werden konnte. Denn die schönen Gesimse, Kapitelle, Vasen, Türen, Tabernakel und Grabmäler sind völlig verschieden von dem, was die Menschen früher für Maß, Ordnung und Regel geachtet hatten. Daher sind ihm die Künstler zu dauerndem Danke verpflichtet, daß er die Bande und Ketten brach, mit denen belastet alle stets auf der gewöhnlichen Straße fortgegangen waren. Noch besser zeigte er dies und lehrte seine eigene Weise bei dem Bau der Bibliothek von San Lorenzo, bei der schönen Einteilung der Fenster, der Anordnung der Decke und dem bewundernswürdigen Eingang des Vorsaales. Nie herrschte eine kühnere Anmut in dem Ganzen und in den einzelnen Teilen eines Werkes, in den Tragsteinen, den Tabernakeln und Gesimsen, und nie sah man eine bequemere Treppe, die obendrein so seltsame Abstufungen hat und so völlig verschieden von der gewöhnlichen Weise ist, daß jedermann erstaunte.
Ungefähr gleichzeitig ereignete sich die Plünderung Roms und die Vertreibung der Medici aus Florenz. Dieser Wechsel veranlaßte die damaligen Befehlshaber, ihre Stadt neu zu befestigen, und sie ernannten Michelangelo zum Generalkommissar über sämtliche Befestigungen. Er ließ dafür verschiedene Zeichnungen fertigen und Florenz verschanzen und umgab schließlich noch den Hügel von San Miniato mit Bastionen. Damals verbrachte er ungefähr sechs Monate auf San Miniato, um die Befestigung dieses Berges zu beschleunigen, weil die Stadt verloren gewesen wäre, wenn die Feinde ihn in Besitz genommen hätten, und förderte diese Unternehmung mit allem Fleiß. Gleichzeitig aber betrieb er die Arbeiten in der Sakristei, führte sieben Statuen zum Teil ganz aus. Er übertraf, wie man anerkennen muß, mit ihnen und bei der Architektur der Grabmäler jeden Meister in den drei Künsten. Die Statuen, die er entworfen und in Marmor vollendet hatte und die sich am genannten Ort befinden, bezeugen es. Das eine ist die Mutter Gottes in sitzender Stellung, das rechte Bein über das linke gekreuzt, so daß ein Knie auf dem anderen ruht. Das Kind reitet auf dem übergelegten Bein und wendet sich mit schöner Bewegung, die Brust verlangend, nach der Mutter, die es mit der einen Hand hält, mit der anderen sich stützt und sich vorbeugt, um sie ihm zu geben. Und obgleich diese Statue nicht in allen Teilen fertig ist, erkennt man doch in dem nur roh ausgeführten, nur gradierten Teil die Vollkommenheit des Werkes.
In noch viel größeres Erstaunen versetzte Michelangelo jeden durch die Grabmäler des Herzogs Giuliano und des Lorenzo de‘ Medici, bei denen er den Gedanken hatte, daß nicht allein die Erde diesen Fürsten eine ihrer Größe entsprechende ehrenvolle Ruhestätte geben könne, sondern daß alle Teile der Welt daran teilhaben sollten. Darum brachte er über ihren Sarkophagen, so daß sie diese bedeckten, vier Statuen an, nämlich bei dem einen den Tag und die Nacht, bei dem anderen die Morgen- und Abenddämmerung. Die Statuen sind in Form und Haltung wunderschön und mit genauer Kenntnis der Muskulatur gearbeitet, so daß die Kunst, wenn sie je wieder verlorenginge, durch sie allein zu dem vormaligen Glanze wieder gebracht werden könnte. Außerdem befinden sich dort noch die Statuen der beiden Heerführer im Waffenschmuck, der in Gedanken versunkene Herzog Lorenzo im Angesicht der Weisheit. Die Beine sind so schön ausgeführt, daß man nicht schönere sehen kann. Der andere ist der kühne Herzog Giuliano. Kopf, Hals, Augen, Nasenrücken, Öffnung des Mundes und die Haare sind so göttlich, kurz, alle Teile, die er machte, von einer Herrlichkeit, daß die Augen nie satt und müde werden. Was aber sage ich von der Morgenröte? Einer nackten weiblichen Gestalt, ganz geschaffen, alle Schwermut der Seele auszutreiben und zu bewirken, daß die Bildhauerkunst den Meißel sinken lasse? Mit dem Ausdruck der Klage in ihrer unzerstörbaren Schönheit windet sie sich zum Zeichen ihres großen Schmerzes voll Gram. Was endlich könnte ich von der Nacht sagen, einer nicht nur seltenen, sondern einzigartigen Statue? Wer hat in irgendeinem Jahrhundert antike oder neuere mit solcher Kunst geschaffene Gestalten gesehen? Man erkennt in ihr nicht nur zugleich die Ruhe eines Schlafenden, sondern auch den Schmerz und die Trauer dessen, der ein hohes und heiliges Gut verliert.
Hätte die Feindschaft, die zwischen Glück und Gunst besteht, hätte die Güte dieser und der Neid jener ihn dies Werk zu Ende bringen lassen, so würde die Kunst die Natur belehrt haben, wie sie ihr in allen Dingen überlegen sei. Während indes Michelangelo mit allem Fleiß und großer Liebe an diesem Werk arbeitete, kam, was die Beendigung nur zu sehr aufhielt, im Jahre 1529 die Belagerung von Florenz. Deshalb konnte er wenig oder gar nichts mehr daran tun, da die Bürger ihm die Sorge für die Befestigung aufgeladen hatten, und zwar nicht allein von San Miniato, sondern von der ganzen Umgegend. Er hatte der Republik tausend Skudi geliehen, und da er zu dem Kriegsrat der Neun gehörte, wandte er Sinn und Gedanken ganz der Vervollkommnung jener Festungswerke zu. Schließlich wurden diese aber von feindlichen Heeren ringsum eingeschlossen, die Hoffnung auf Hilfe schwand allmählich, die Schwierigkeit, sich zu halten, stieg. Michelangelo, der sich nicht an seinem Platze fühlte und für die Sicherheit seiner Person besorgt wurde, beschloß, von Florenz nach Venedig zu gehen, ohne sich unterwegs irgend jemandem zu erkennen zu geben. Er verließ daher heimlich, ohne daß jemand etwas wußte, auf der Straße von San Miniato Florenz und nahm nur seinen Schüler Antonio Mini und den Goldschmied Piloto, seinen treuen Freund, mit, und jeder von ihnen trug auf dem Rücken, in der Jacke eingenäht, eine Anzahl Skudi.
Michelangelo wurde aber dringend gebeten, wieder in seine Vaterstadt zurückzukehren; man empfahl ihm besonders, die dortigen Unternehmungen nicht aufzugeben und schickte ihm sicheres Geleit, so daß er endlich, von Liebe zur Heimat getrieben, trotz Lebensgefahr dahin zurückging. Er setzte den Turm von San Miniato instand, der mit zwei Geschützstücken dem feindlichen Lager so großen Schaden zufügte, daß die Artilleristen ihn im Felde mit starken Kanonen niederzuschießen suchten, ihn auch fast durchbrochen hatten und gänzlich zerstört haben würden, wenn Michelangelo ihn nicht mit Wollballen und starken, an Stricken aufgehängten Matratzen in einer Weise geschützt hätte, daß er noch steht.
Nach Abschluß des Friedensvertrages erhielt Baccio Vallori als Bevollmächtigter des Papstes den Auftrag, einige der heftigsten Parteigänger unter den Bürgern festzunehmen und ins Bargello zu werfen. Der Hof selbst ließ nach Michelangelo in seiner Wohnung suchen. Dieser war jedoch, da er solches ahnte, heimlich nach dem Haus eines vertrauten Freundes gegangen und hielt sich dort viele Tage verborgen, bis die erste Erbitterung sich gelegt hatte. Da gedachte Papst Clemens der Kunstleistungen Michelangelos, ließ eifrig nach ihm forschen und gab Befehl, ihm keine Vorwürfe zu machen. Man solle ihm vielmehr sagen, er werde sein früheres Gehalt bekommen, wenn er zurückkehre und für das Werk von San Lorenzo Sorge trage.
In solcher Weise gesichert und um zunächst sich Baccio Vallori zum Freunde zu machen, fing Michelangelo eine drei Ellen hohe Figur in Marmor an, einen Apoll, der einen Pfeil aus seinem Köcher nimmt, und führte ihn fast ganz aus.

Das Grabmal Julius II

Michelangelo fand es angemessen, nach Rom zum Papst zu gehen, der ihm zwar zürnte, ihm jedoch aus Liebe zur Kunst alles verzieh und ihn beauftragte, nach Florenz zurückzugehen, um die Bibliothek und Sakristei von San Lorenzo zu vollenden. Um dieses Werk schneller zu fördern, verteilte man eine Menge dazugehörender Statuen an verschiedene Meister. Michelangelo wollte die Statuen bereits aufstellen, als der Papst sich entschied, ihn bei sich zu haben, um die Wände der Sixtinischen Kapelle, deren Decke er für seinen Verwandten Julius II. gemalt hatte, gleichfalls mit Bildern zu versehen. Und zwar wollte Clemens, daß er auf der Hauptwand, wo der Altar steht, das Weltgericht darstelle, damit er in diesem Bilde zeigen könne, was in der Kunst der Malerei alles möglich sei.
Während Michelangelo Auftrag gab, die Zeichnungen und Kartons zu der Wand vom Weltgericht zu machen, hatte er unausgesetzt Schwierigkeiten mit den Agenten des Herzogs von Urbino, die ihn beschuldigten, er habe von Julius II. sechzehntausend Skudi für dessen Grabmal erhalten. Da ihm diese Schuld unerträglich war, wünschte er, das Werk doch eines Tages zu vollenden, obgleich er bereits alt war. Auch wollte er, da die Gelegenheit sich dazu ungesucht geboten, gerne in Rom bleiben und nicht wieder nach Florenz zurückgehen, denn er hatte Sorge vor dem Herzog Alexander von Medici, der ihm, wie er glaubte, nicht wohlgesinnt war. Als ihm dieser sagen ließ, er möge doch kommen und sehen, welcher Platz sich am besten zur Errichtung eines Kastells und einer Zitadelle in Florenz eigne, antwortete er, er könne nicht ohne Befehl von Papst Clemens von dannen gehen.
Endlich wurde der Vertrag wegen des Grabmals abgeschlossen. Es sollte vollendet werden, doch nicht freistehend in Quadratform, wie anfangs bestimmt war, sondern mit einer Fassade in einer Weise, wie es Michelangelo gut schien. Gleichzeitig mußte er versprechen, sechs Statuen von seiner Hand dort aufzustellen. Dagegen ging der Herzog von Urbino vertragsmäßig auf die Bedingung ein, daß Michelangelo sich verpflichten durfte, vier Monate des Jahres für Papst Clemens zu arbeiten, in Florenz oder wo es sonst Seiner Heiligkeit gefallen möchte. Hierdurch glaubte Michelangelo Ruhe erlangt zu haben. Dennoch vollendete er zunächst das Werk nicht, weil Clemens, begierig, die letzte Probe seiner Kunst zu sehen, ihn antrieb, sich dem Karton des Weltgerichts zu widmen. Sobald er den Papst überzeugt hatte, daß er damit beschäftigt sei, gab er sich dieser Arbeit aber nicht ganz hin, sondern widmete sich heimlich auch den Statuen für das Grabmal.
Im Jahre 1534 starb Papst Clemens, und der Bau der Sakristei und Bibliothek in Florenz, die man mit so vielem Eifer zu vollenden gestrebt hatte, wurde eingestellt. Damals glaubte Michelangelo, er sei nun in Wahrheit frei und könne das Grabmal von Julius II. zum Abschluß bringen. Als jedoch Paul III. gewählt war, dauerte es nicht lange, so rief er ihn zu sich, war sehr freundlich gegen ihn und bat, er möge in seine Dienste treten, er wünsche ihn bei sich zu behalten. Dies lehnte Michelangelo ab, indem er erklärte, er sei bis zur Vollendung des Grabmals dem Herzog von Urbino durch einen Vertrag verpflichtet. Da geriet der Papst in Zorn und sagte: »Seit dreißig Jahren habe ich diesen Wunsch, und nun, da ich Papst bin, sollte ich ihn nicht erfüllen können? Ich werde den Kontrakt zerreißen und bin entschlossen, daß du mir auf jeden Fall dienen sollst.«
Als er diesen Beschluß erfuhr, dachte Michelangelo zunächst daran, von Rom fortzugehen, um auf irgendeine Weise die Möglichkeit zur Vollendung des Grabmals zu gewinnen. Klug jedoch wie er war, fürchtete er die Macht des Papstes und überlegte, wie er ihn, der schon recht betagt war, mit Worten hinhalten könne, ehe es zu Unannehmlichkeiten komme. Der Papst, der irgendein bedeutendes Werk von Michelangelo ausführen lassen wollte, ging eines Tages mit zehn Kardinälen zu seinem Haus, wo er alle Statuen zu dem Grabmal von Papst Julius sehen wollte. Sie erschienen ihm bewunderungswürdig, besonders der Moses, von dem der Kardinal von Mantua meinte, diese Figur allein genüge, um den Papst Julius zu ehren. Nachdem der Papst sich auch die Kartons und Zeichnungen angesehen, die Michelangelo für die Wand der Kapelle machen ließ, die ihm wirklich staunenswert vorkamen, bat er wiederum dringend, Michelangelo möge in seine Dienste treten. Er versprach, zu erwirken, daß der Herzog von Urbino sich mit drei Statuen von seiner Hand begnüge und die übrigen nach seinen Modellen von anderen trefflichen Meistern ausführen lasse. Nachdem Seine Heiligkeit die Agenten des Herzogs in diesem Sinne bestimmt hatte, schloß man einen neuen Vertrag, den der Herzog bestätigte, und Michelangelo erbot sich freiwillig, die drei fehlenden Statuen zu bezahlen, auch das Grabmal mauern zu lassen, und hinterlegte deshalb auf der Bank der Strozzi eintausendfünfhundertachtzig Dukaten. Er hätte sich dieser Verpflichtung wohl entziehen können, und es schien ihm, er habe schon mehr als genug getan, um von einem so langwierigen und unangenehmen Auftrag entbunden zu sein. Er ließ dann das Grabmal in San Pietro in Vincoli aufstellen.
Michelangelo hatte sich, da er es nicht vermeiden konnte, entschlossen, dem Papst Paul zu dienen, und dieser wünschte, daß er die von Papst Clemens angeordnete Arbeit fortsetzen möge, ohne an der Erfindung oder dem früheren Plan, der ihm vorgelegen hatte, etwas zu ändern. Denn er achtete die Kunst Michelangelos hoch und empfand solche Liebe und Ehrfurcht für ihn, daß er sich bemühte, ihm zu gefallen. So hätte der Papst, um nur ein Beispiel zu geben, sehr gern in der Kapelle sein Wappen unter der Statue des Jonas gesehen, dort, wo bereits das Wappen von Julius II. angebracht war, und sagte dies Michelangelo. Da dieser aber, um das Andenken von Julius und Clemens nicht zu beleidigen, sich weigerte und meinte, es würde sich nicht gut ausnehmen, ergab sich der Papst darein, nur um ihm nicht zu mißfallen. Denn er erkannte sehr wohl die Trefflichkeit dieses Mannes, der nach Ehre und Recht handelte ohne Schmeichelei und Kriechereien, was gebietende Herren nicht gewohnt sind zu erfahren.
Michelangelo hatte schon mehr als Dreiviertel des Bildes vollendet, als Papst Paul kam, um es zu besichtigen. Messer Biagio von Cesena, Zeremonienmeister und ein sehr peinlicher Mann, war mit dem Papst in der Kapelle, und auf die Frage, was er von dem Werk halte, entgegnete er, es sei wider alle Schicklichkeit, an einem heiligen Ort so viel nackte Gestalten zu malen, die aufs unanständigste ihre Blößen zeigten; es sei kein Werk für die Kapelle des Papstes, sondern für eine Bade- oder Wirtshausstube. Das verdroß Michelangelo, und um sich zu rächen, malte er den Zeremonienmeister, sobald er fort war, ohne ihn weiter vor sich zu haben, als Minos in der Hölle, die Beine von einer großen Schlange umwunden, umgeben von einer Schar von Teufeln. Und es half dem Messer Biagio nichts, daß er sich an den Papst und Michelangelo wandte und bat, er möge sein Bild dort wegnehmen – es blieb stehen zum Andenken an diese Geschichte.
In jener Zeit geschah es, daß Michelangelo ziemlich hoch von dem Gerüst in der Kapelle herunterfiel und sich am Bein verletzte. Aus Schmerz und Zorn aber wollte er sich von niemand heilen lassen. Nun war damals Meister Baccio Rontini aus Florenz, sein Freund, ein geschickter Arzt und großer Verehrer der Kunst, noch am Leben. Eines Tages ging er aus Teilnahme zu Michelangelos Haus, pochte an und stieg, da weder einer der Nachbarn noch er selbst Antwort gab, auf geheimen Wegen hinan und von einem Zimmer ins andere, bis er zu Michelangelo gelangte, der in Verzweiflung dalag. Unter diesen Umständen wollte Meister Baccio ihn durchaus nicht verlassen und sich nicht von ihm trennen, bevor er wiederhergestellt war. Von seinem Übel geheilt und zur Arbeit zurückgekehrt, beschäftigte sich Michelangelo damit ohne Unterbrechung, führte sein Werk in wenigen Monaten zu Ende und gab den Gestalten darin solche Kraft, daß er das Wort Dantes verwirklichte: »Die Toten schienen tot, die Lebenden lebendig.« Man erkennt den Jammer der Verdammten und die Freude der Seligen. Als daher dies Weltgericht aufgedeckt war, zeigte sich Michelangelo nicht nur als Sieger über die Künstler, die früher in dieser Kapelle gearbeitet hatten, sondern man sah auch, daß er sich in seinen Arbeiten an der Decke, die er zu so großem Ruhme ausgeführt hatte, noch selbst hatte übertreffen wollen, und er hat sich darin übertroffen und zwar sehr weit.

Die erschreckende Gewalt der Kunst

Wer Urteilskraft besitzt und etwas von der Malerei versteht, der erkennt hier die erschreckende Gewalt der Kunst, sieht in den Gestalten Gedanken und Leidenschaften, die kein anderer außer Michelangelo je gemalt hat. Hier lernt man, wie den Stellungen Abwechslung in den seltsamen und verschiedenen Gebärden bei jungen und alten Männern und Frauen gegeben werden kann. Wem offenbart sich in ihnen nicht der Schrecken der Kunst, vereint mit jener Anmut, die diesem Meister von der Natur verliehen war? Denn alle Herzen werden tief bewegt, mögen sie von unserem Berufe nichts verstehen oder dessen kundig sein. Dies Werk ist für unsere Kunst jenes Zeugnis und jenes große Gemälde, das Gott den Menschen zur Erde geschickt hat, damit sie sehen, wie das Schicksal wirkt, wenn Geister von der erhabensten Stufe auf die Erde herabkommen und Anmut und Göttlichkeit des Wissens in ihrem Innern mitbringen. Dieses Werk legt alle in Fesseln, welche die Kunst zu verstehen glauben, und wer jene Zeichen in Umrissen veranschaulicht sieht, sei es was es sei, der bebt und befürchtet, irgendein mächtiger Dämon habe sich der Zeichenkunst bemeistert. Und beachtet man nur die Mühen seines Werkes, so sind die Sinne allein bei dem Gedanken betäubt, was andere schon ausgeführte oder noch auszuführende Gemälde im Vergleich zu diesem sein können. Glücklich kann sich wirklich der nennen und ein beseligendes Andenken bewahrt der in sich, der dies tatsächlich herrliche Wunderwerk unseres Jahrhunderts gesehen hat. Acht Jahre lang arbeitete Michelangelo an diesem Bild und deckte es am Weihnachtsabend 1541 auf, zum Verwundern und Erstaunen Roms, ja der ganzen Welt.
Papst Paul hatte nach dem Vorbild der Kapelle von Nikolaus V. eine andere in demselben Stockwerk, Paolina genannt, durch Antonio da Sangallo bauen lassen und dachte daran, durch Michelangelo darin zwei große Bilder in zwei Rechteckfelder malen zu lassen. So schuf Michelangelo in dem einen die Bekehrung Pauli mit Christus in den Wolken und einer Schar nackter Engel in den schönsten Bewegungen; unten aber sieht man, wie Paulus erschreckt und betäubt vom Pferde zur Erde gestürzt ist, mit seinen Soldaten ringsum. Die einen sind bemüht, ihn wieder aufzurichten, andere durch die Stimme und den Glanz Christi in Schrecken versetzt und in allerlei schönen Stellungen und Bewegungen verwundert und verwirrt fliehend. Und das davonjagende Pferd scheint in seinem raschen Lauf den mit fortzureißen, der es zurückhalten will. Das ganze Bild ist mit größter Kunst ausgeführt und vortrefflich gezeichnet. Im zweiten erblickt man die Kreuzigung des Petrus, der nackt auf das Kreuz geheftet ist – eine seltene Gestalt. Die Henker haben ein Loch in die Erde gegraben, und er zeigt, wie sie das Kreuz so aufrichten sollen, daß die Füße des Gekreuzigten nach oben kommen. Es ist ein Bild voll schöner und bemerkenswerter Gedanken. Michelangelos Bestreben war einzig auf die höchste Vollendung der Kunst gerichtet; so findet man hier weder Landschaften noch Bäume, auch keine Gebäude und keine Abwechslung und keine Reize der Kunst, auf die er nicht achtete, vielleicht weil er seinen hohen Geist nicht mit solchen Dingen erniedrigen wollte. Dies waren seine letzten Bilder, von ihm in einem Alter von fünfundsiebzig Jahren ausgeführt – wie er mir sagte, unter großer Beschwerde, denn die Malerei, besonders aber die Freskomalerei ist keine Arbeit für Alte.
Der Geist und das Talent Michelangelos aber konnten nicht müßig bleiben, und da er nicht malen konnte, nahm er ein Stück Marmor und begann daraus vier überlebensgroße Rundfiguren, eine Beweinung Christi, zu meißeln, weil es ihm Vergnügen und Zeitvertreib schaffte und er sich, wie er zu sagen pflegte, den Leib gesund erhalte, wenn er den Hammer führte. Einen toten Körper, der diesem Christus vergleichbar wäre, kann man sonst nirgends sehen: wie er niedersinkt mit hingegossenen Gliedern in einer Stellung, die völlig verschieden ist von denen, die Michelangelo früher gewählt oder irgendwo angebracht hatte. Ein mühevolles Werk, wie es nur selten aus einem einzigen Stein gearbeitet wird, und wahrhaft göttlich. Es blieb unvollendet und erlebte mancherlei Mißgeschick, obgleich Michelangelo die Absicht gehabt hatte, es für sein eigenes Grab am Fuß des Altars zu benutzen, wo er zu ruhen gedachte.
Im Jahre 1546 starb Antonio da Sangallo, und da es nun an einem Meister fehlte, den Bau von Sankt Peter zu leiten, gab es viele Verhandlungen zwischen der Baukommission und dem Papste, wem das Amt übertragen werden solle. Endlich beschloß Seine Heiligkeit, wie ich glaube auf göttliche Eingebung, nach Michelangelo zu schicken. Auf Befragen, ob er jenes Amt übernehmen wolle, lehnte der Meister es ab und erklärte, um dieser Last zu entgehen, daß die Baukunst nicht eigentlich sein Fach sei. Und als hierauf Bitten nichts halfen, befahl ihm der Papst zuletzt geradezu, das Amt anzunehmen. Demnach mußte er ganz wider seinen Wunsch auf dieses Unternehmen eingehen. Als er nun eines Tages nach San Pietro kam, um das Holzmodell von Sangallo zu sehen und den Bau der Kirche zu prüfen, fand er dort die ganze Sangallische Sippschaft beisammen, die sich vordrängte und Michelangelo so fein wie sie es vermochte sagte, wie erfreut sie seien, daß er die Leitung des Baues bekommen habe, und sie fügten hinzu, daß jenes Modell eine Wiese sei, auf der zu weiden er niemals unterlassen werde. »Ihr sprecht sehr wahr«, entgegnete Michelangelo, indem er nach einer Erklärung, die er einem Freunde gab, dadurch andeuten wollte, sie seien Schafe und Ochsen, die nichts von der Kunst verständen, öffentlich pflegte er dann zu sagen, Sangallo habe dem Bau nicht genug Licht gegeben und außen zu viele Säulenreihen übereinander gehäuft. Durch die vielen pyramidenartigen Vorsprünge und gekünstelten Glieder schließe er sich mehr der deutschen als der guten antiken und schönen und anmutigeren neuen Bauweise an. Auch könne man bei der Ausführung des Baues fünfzig Jahre Zeit und über dreihunderttausend Skudi Kosten sparen, ihn mit mehr Majestät, Größe und Leichtigkeit, nach besserer Zeichnung und Regel schöner und bequemer aufführen. Dies zeigte er an einem Modell, das er machte, um der Kirche die Form zu geben, in der sie nunmehr vor uns steht, und bewahrheitete damit seine Worte.
Endlich stellte ihm der Papst ein Motuproprio aus, worin er ihn zum Haupt des Baues ernannte mit allen Vollmachten, nach Gefallen zu schaffen und einzureißen, hinzuzufügen, fortzunehmen und zu verändern. Auch sollte die ganze Baubehörde von seinem Willen abhängig sein. Gegenüber dieser Zuversicht und diesem Vertrauen des Papstes wünschte Michelangelo nur, daß in der Urkunde auch erklärt werde, er diene dem Bau um Gottes willen ohne irgendeinen Lohn.
Der Papst genehmigte endlich das Modell Michelangelos, nach dem die Peterskirche im Umfang kleiner, in der Wirkung aber um so größer wurde. Er fand, daß die vier von Bramante erbauten und von Antonio da Sangallo unverändert beibehaltenen Hauptpfeiler, die die Last der Tribüne zu tragen hatten, zu schwach waren, füllte sie zum Teil aus und baute daneben zwei Wendeltreppen mit flachen Stufen, auf denen die Saumtiere emporsteigen, um das Baumaterial bis zur Spitze zu tragen. Auf demselben Wege können auch Menschen bis zur Plattform über den Bögen reiten.
Das römische Volk wünschte mit Zustimmung des Papstes dem Kapitol eine schöne, zweckmäßige und bequeme Gestalt zu geben: Säulenordnung, Aufgänge, Rampen und große Treppenanlagen anzubringen und durch den Schmuck antiker Statuen, die schon hier waren, jenen Ort zu verherrlichen. Da man dafür Michelangelos Rat begehrte, fertigte er eine sehr schöne, inhaltreiche Zeichnung an, in der er an der Seite, wo der Senator wohnt, das heißt gegen Osten, eine Fassade von Travertin und eine Treppe mit zwei Aufgängen zu einem Podest anbrachte, von dem man in der Mitte in den Saal des Palastes gelangt. Verschiedenartige Geländer, die zugleich als Stützen und als Brustwehren dienen, wurden angelegt. Michelangelo ließ zu ihrem größeren Schmuck die beiden liegenden antiken Flußgötter von Marmor, den Tiber und den Nil, auf zwei Postamenten aufstellen, und in eine große Nische in der Mitte sollte ein Jupiter kommen. Für die Südseite, wo sich der Palast der Konservatoren befindet, entwarf er, um das Gebäude ins Rechteck zu bringen, eine reiche Fassade, unten eine Loggia mit Säulen und Nischen, für die viele antike Statuen bestimmt sind, umher aber wurde mancherlei Schmuck an Türen und Fenstern angebracht, wovon ein Teil schon fertig ist. In der Mitte des Platzes wurde das berühmte Pferd aus Bronze, das die Statue des Marc Aurel trägt, auf einer ovalen Basis aufgestellt, nachdem Papst Paul dieses Standbild von dem Platz des Lateran, wo Sixtus IV. es hatte aufstellen lassen, weggenommen hatte.
Paul III. hatte den Bau des Palastes der Familie Farnese durch Sangallo, solange dieser lebte, errichten lassen. Als man aber an dessen Außenseite ganz oben zur Vervollständigung des Daches das Gesims aufsetzen mußte, sollte es auf Wunsch des Papstes Michelangelo nach seiner Zeichnung und Angabe machen. Dieser konnte dem Papst, der ihn hochhielt und ihm Freundlichkeiten erwies, nichts abschlagen; er ließ daher ein Holzmodell in der Größe des dort anzubringenden Gesimses arbeiten und es an einer Ecke des Palastes befestigen, um die Wirkung zu zeigen, die das Werk haben würde. Da es Seiner Heiligkeit sowie ganz Rom gefiel, wurde es später ausgeführt und ist das schönste und eigenartigste seiner Art, das bei den Alten oder Neueren gefunden werden kann. Daher wollte der Papst nach Sangallos Tod Michelangelo die weitere Sorge auch für dieses Gebäude übertragen. Dort errichtete er über dem Haupteingang des Palastes das große Marmorfenster mit den herrlichen bunten Marmorsäulen und dem großen und sehr schönen und reichen Marmorwappen von Papst Paul III., dem Gründer des Palastes. Innen im Hof aber baute er über der ersten Säulenordnung die beiden folgenden mit den schönsten, neugestalteten und anmutigsten Fenstern, Schmuckwerken und Dachgesimsen, die man je gesehen hat, so daß es durch die Bemühung und den Geist dieses Mannes nunmehr der schönste Hof in ganz Europa geworden ist. Er erweiterte und vergrößerte den großen Saal und traf Anordnung zum Bau des Empfangsraumes, dessen Decke er nach einer neuartigen Weise in halbeiförmigen Bogen wölben ließ.
Im Jahre 1549 starb Paul III., worauf nach der Erwählung Julius‘ III. der Kardinal Farnese seinem Verwandten Paul durch Fra Guglielmo ein großes Grabmal errichten ließ, der es in der Peterskirche im ersten Bogen des Neubaus unterhalb der Kuppel aufstellen wollte, wo es den Plan jener Kirche behinderte und wirklich nicht an seinem Orte stand. Und weil nun Michelangelo mit richtigem Urteil riet, dorthin gehöre es nicht und dürfe es nicht kommen, faßte der Mönch großen Haß gegen ihn, fest überzeugt, er tue es aus Neid. Später allerdings mußte er wohl einsehen, daß jener die Wahrheit gesagt habe und der Fehler auf seiner Seite lag. In demselben Jahr bestätigte Julius III. das Motuproprio Pauls III. über den Bau der Peterskirche. Und obwohl von den Gönnern der Sangallischen Sippschaft wegen des Baues vielerlei gegen Michelangelo vorgebracht wurde, wollte doch der Papst nichts davon wissen; wie denn auch weder auf der Vigna Giulia irgend etwas gegen seinen Rat ausgeführt wurde noch im Belvedere, wo er eine neue Treppe an der Stelle jener halbrunden nach vorn geschwungenen baute, wie sie Bramante in der Mitte des Belvedere angebracht hatte. Michelangelo ließ an dieser Stelle nach seiner Zeichnung die sehr schöne viereckige Treppe mit dem Geländer von Peperino aufführen. Dieser Papst achtete Michelangelo so hoch, daß er gegen Kardinäle, die ihn zu verleumden suchten, immer seine Verteidigung übernahm. Auch von den vorzüglichsten und berühmtesten Künstlern verlangte er stets, sie sollten ihn in seinem Hause aufsuchen. Ja, seine Ehrfurcht für diesen Meister war so groß, daß er aus Furcht, ihm lästig zu werden, viele Dinge von ihm nicht begehrte, die Michelangelo trotz seines hohen Alters wohl tun konnte.
Etwa ein Jahr vor Michelangelos Tod hatte Vasari heimlich dahin gewirkt, daß Herzog Cosimo von Medici durch seinen Gesandten den Papst veranlaßte, jetzt, wo Michelangelo sehr hinfällig wurde, sorgsam auf die zu achten, die bei ihm waren, ihn pflegten und in seinem Hause aus und ein gingen. Außerdem sollten Vorkehrungen getroffen werden, daß, falls irgendein plötzlicher Zufall eintrete, wie er bei alten Leuten zu geschehen pflegt, ein Verzeichnis seiner Sachen, Zeichnungen, Kartons, Modelle, seines Geldes und aller seiner hinterlassenen Güter aufgenommen und alles in Sicherheit gebracht werde, was für den Bau von Sankt Peter, für die Sakristei, die Bibliothek und die Fassade von San Lorenzo vorhanden wäre. Vor allem sei zu verhüten, daß nicht Sachen verschleppt würden, wie oftmals geschieht eine Sorgfalt, die sich vollkommen bewährte und glücklich durchgeführt wurde.
Lionardo, der Neffe Michelangelos, der den nahen Tod seines Oheims ahnte, wünschte während der kommenden Fasten nach Rom zu gehen, und Michelangelo war um so lieber damit einverstanden, da er kurz vorher an einem langsamen Fieber erkrankt war. Er ließ deshalb schreiben, Lionardo möge kommen. Als dann trotz der Pflege seines Arztes Messer Federigo Donati und anderer das Übel zunahm, machte er sein Testament, und zwar in drei Worten: er übergebe seine Seele Gott, seinen Leib der Erde und seine Besitztümer den nächsten Verwandten, und forderte die Seinen auf, ihn beim Sterben an die Leiden Christi zu erinnern. So schied er am 18. Februar 1564 vom Leben, um zu einem besseren Dasein hinüberzugehen.
Michelangelo war der Kunst leidenschaftlich ergeben, da er sah, daß jede noch so schwierige Sache ihm leicht gelang. Denn die Natur hatte ihm einen Geist verliehen, der in der herrlichen Kunst des Zeichnens überaus geschickt und ausdauernd war. Um hierin ganz vollkommen zu werden, beschäftigte er sich weitgehend mit der Anatomie, indem er selbst viele Leichname sezierte, um die Grundformen und Verbindungen der Knochen, Muskeln, Nerven und Adern zu sehen und die verschiedenen Bewegungen und alle Stellungen des menschlichen Körpers kennenzulernen. Ebenso beschäftigte er sich aber auch mit den Tieren, besonders den Pferden, von denen er sich einige zu seinem Vergnügen hielt, da er von allem Ordnung und Zusammenhang, in bezug auf die Kunst kennenlernen wollte. Seine Arbeiten mit dem Pinsel und dem Meißel wurden dadurch fast unnachahmlich. Er verlieh seinen Werken so viel Kunst, Anmut und Lebendigkeit, daß er, wie ich ohne Kränkung von irgend jemand sagen darf, die Alten übertroffen hat. Auch wußte er die Schwierigkeiten bei der Arbeit so leicht zu überwinden, daß sie ohne Mühe ausgeführt zu sein scheinen, obgleich der, der seine Sachen zeichnet, sie beim Kopieren wohl erkennt.
Die Kunst Michelangelos fand während seines Lebens Anerkennung, nicht wie bei vielen anderen erst nach dem Tode. Denn wir haben gesehen, daß die hohen Päpste Julius II., Leo X., Clemens VII., Paul III., Julius III. und Pius V. ihn immer in ihrer Nähe haben wollten. Und wir wissen dasselbe von dem türkischen Sultan Soliman, von Franz Valois, dem König von Frankreich, von Kaiser Karl V., der Signoria von Venedig und Herzog Cosimo de‘ Medici, die alle sich erboten, ihm ein ehrenvolles Gehalt zu zahlen, aus keinem anderen Grunde, als um teilzuhaben am Glanze seiner Kunst. Dies geschieht nur Menschen von hohem Wert, wie er es war. Man hatte erkannt und gesehen, daß die drei Künste in ihm zu einer Vollkommenheit gediehen waren, wie sie weder bei den alten noch bei den neueren Meistern gefunden wird, und in den unendlich vielen Jahren, seit die Sonne kreist, keinem außer ihm von Gott verliehen war. Er besaß eine so gewaltige Einbildungskraft, daß seine Hände die großen und schrecklichen Gedanken nicht darstellen konnten, die sein Geist in der Idee erfaßte, und er oft seine Arbeiten stehenließ oder richtiger viele verdarb.
Niemand wird es seltsam finden, daß Michelangelo die Einsamkeit liebte, da er sich so ganz der Kunst ergeben hatte, die den Menschen für sich und seine Gedanken allein haben will und denen, die sich ihr widmen, zur Pflicht macht, die Gesellschaft zu meiden. Denn wer mit ihrer Betrachtung sich beschäftigt, ist nie allein noch ohne Gedanken, und wer dies für Grillenfängerei und Wunderlichkeit achtet, hat sehr unrecht, da man, um etwas wahrhaft Gutes zu leisten, sich von Sorgen und Widerwillen fernhalten muß. Die Kunst verlangt Nachdenken, Einsamkeit und Gemächlichkeit und kann Zerstreuungen nicht vertragen.
Bei alledem schätzte Michelangelo zur rechten Zeit den Umgang mit ausgezeichneten Gelehrten und geistreichen Männern sehr hoch und wußte sich ihre Freundschaft zu erhalten, wie die des erhabenen Kardinals Hippolyt von Medici, der ihn so zärtlich liebte, daß er, als er eines Tages hörte, sein türkisches Pferd gefalle Michelangelo wegen seiner Schönheit besonders, ihm dieses sogleich schenkte und ihm zugleich zehn mit Futter beladene Maulesel nebst einem Pferdeknecht sandte. Michelangelo nahm dies alles gern an.
Michelangelo liebte auch die Meister seines Berufs und hatte Umgang mit ihnen, so mit Jacopo Sansovino, Rosso, Pontormo, Daniello da Volterra und Giorgio Vasari aus Arezzo, dem er unendlich viel Freundlichkeit erwies. Er veranlaßte ihn, sich mit der Baukunst in einer Weise zu beschäftigen, daß er sie einst ausüben könne, unterhielt sich gern mit ihm und sprach mit ihm über Gegenstände der Kunst. Wer Michelangelo nachsagt, er habe nicht unterrichten können, der trägt selbst Schuld daran. Er tat es bei jedem, mit dem er vertraut war und der seinen Rat begehrte. Richtig ist nur, daß er mit denen Mißgeschick hatte, die im Hause bei ihm lernten, da sie sich wenig eigneten, ihn nachzuahmen. Hätte er, wie er mir mehrmals sagte, jemand gehabt, der dafür geeignet gewesen wäre, so würde er unbekümmert um sein hohes Alter oft Leichname zergliedert und zum Nutzen der Künstler über diesen Gegenstand geschrieben haben. Von mehreren war er hintergangen worden, und er mißtraute sich selbst, da er schriftlich nicht wohl zu sagen wußte, was er im Sinn hatte und im Reden keine Übung besaß, obgleich er in Briefen mit wenig Worten seine Meinung wohl ausdrückte und großes Vergnügen an den Dichtern der Volkssprache fand, besonders an Dante, den er hoch verehrte und in Gedanken wie Erfindungen nachahmte, ebenso Petrarca, wie er sich selbst damit abgab, Madrigale und sehr ernste Sonette zu dichten. Unzählige Sonette sandte er an die Marchesa von Pescara und erhielt Antwort von ihr in Versen und Prosa. Er war in ihre Vorzüge so verliebt wie sie in die seinigen, und häufig kam sie von Viterbo nach Rom, um ihn zu besuchen, und Michelangelo fertigte ihr mehrere Zeichnungen. [Fußnote] Als ein guter Christ fand Michelangelo großes Gefallen an der Heiligen Schrift und war ein Verehrer der Werke von Fra Girolamo Savonarola, dessen Stimme er von der Kanzel herab vernommen hatte. Menschliche Schönheit liebte er überaus, um sie in der Kunst nachzuahmen und das Schönste vom Schönen auszuwählen, weil nur dadurch Vollkommenes geleistet werden kann, doch nicht aus üppigen unehrbaren Gedanken; das hat er durch sein Leben gezeigt. Er war sehr mäßig, begnügte sich, um anhaltend bei der Arbeit zu bleiben, in der Jugend mit ein wenig Brot und Wein und pflegte in späteren Jahren bis zu der Zeit, da er das Weltgericht in der Kapelle malte, abends nach vollbrachtem Tagewerk ein sparsames Mahl einzunehmen. Obwohl reich, lebte er gleich einem Armen. Nie oder doch selten aß ein Freund mit ihm, auch wollte er von niemand Geschenke annehmen, da er sich dem, der ihm etwas gab, dafür verpflichtet fühlte. Seine Mäßigkeit bewirkte, daß er äußerst wachsam war und nur wenig Schlaf brauchte. Oft stand er nachts auf, wenn er nicht ruhen konnte, um mit dem Meißel zu arbeiten. Für diesen Zweck hatte er sich eine Kappe von starkem Papier gemacht, in deren Mitte oben ein brennendes Licht befestigt war, das überall, wo er arbeitete, einen hellen Schein warf, ohne die Hände zu behindern.
In seiner Jugend hatte Michelangelo, wie er mir selbst erzählte, oft in Kleidern geschlafen, wenn er ermüdet von der Arbeit sich nicht ausziehen mochte, um sich dann wieder anzuziehen. Einige haben ihn für geizig gehalten, aber mit Unrecht, da er bei Werken der Kunst und anderen Besitztümern das Gegenteil bewiesen hat. Worin mag man diesen Mann des Geizes anklagen, der viele Dinge weggegeben hat, aus denen er Tausende von Skudi hätte gewinnen können? Ich weiß und sah, wie er eine Menge Zeichnungen fertigte und Bilder und Gebäude prüfte, ohne je etwas dafür zu nehmen. Und was nun die Gelder betrifft, die er durch Anstrengung gewonnen hat, nicht durch Einkünfte, nicht durch Handel, sondern durch Fleiß und Arbeit, so frage ich, kann man den geizig nennen, der gleich ihm vielen Armen Hilfe leistete, viele Mädchen in der Stille verheiratete und diejenigen bereicherte, die ihm bei seinen Arbeiten beistanden oder sonst nützlich waren?
Michelangelo hatte ein sehr gutes und umfassendes Gedächtnis. Er brauchte die Arbeiten anderer nur einmal zu sehen, um sie ganz zu behalten und sich ihrer in einer Weise zu bedienen, daß nie jemand es gewahr wurde. Auch hat er nie etwas ausgeführt, das einem seiner früheren Werke ähnelte, weil er sich alles dessen erinnerte, was er gearbeitet hatte. Er war zornig, und dies mit Recht, gegen diejenigen, die ihn beleidigten. Niemals aber strebte er nach Rache, war viel eher geduldig, bescheiden in seinen Sitten, im Sprechen sehr verständig, gab Antworten voll Weisheit und Ernst und führte bisweilen auch sinnreiche, lustige und scharfe Reden.
Michelangelo hatte einen sehr gesunden Körper, mager, mit guten Nerven ausgestattet. Als Kind war er schwächlich und mußte als Mann zwei schwere Krankheiten durchmachen. Er trug indes jede Beschwerde leicht und hatte kein Leiden, als daß er im Alter an Nierenschmerzen und Blasensteinen litt, weshalb Messer Realdo Colombo, sein naher Freund, ihn jahrelang ärztlich behandelte und sorgfältig kurierte. Er war von mittlerer Größe, hatte breite Schultern, die jedoch im richtigen Verhältnis zu seinem Körperbau standen. Als er alt wurde, trug er Stiefel von Hundefellen monatelang über den bloßen Füßen, so daß öfter, wenn er sie endlich ausziehen wollte, die Haut mit herunterging, über den Strümpfen pflegte er zum Schutz gegen Feuchtigkeit innen zugeschnallte Stiefel von Corduan zu tragen. Sein Gesicht war rund, die Stirn eckig und frei mit sieben Furchen quer darüber hin. Die Schläfen ragten weiter vor als die Ohren. Die Ohren waren eher ein wenig groß und von den Wangen abstehend. Der Körper hatte richtiges Verhältnis zum Gesicht und war ziemlich groß, die Nase ein wenig gequetscht, da sie ihm Torrigiano mit der Faust einschlug. Die Augen waren mehr klein als groß, rabenschwarz mit gelblichen und hellblauen sprühenden Punkten untermischt. Die Augenbrauen hatten wenig Haare, die Lippen waren fein, die untere dicker und ein wenig vorstehend. Das Kinn stimmte gut zu dem übrigen Gesicht. Haupt- und Barthaare waren schwarz, mit vielen grauen untermischt, der Bart nicht sehr lang, gabelartig geteilt und nicht sehr dick.
Michelangelo wurde mit ehrenvollen Exequien unter Zuströmen der ganzen Kunstgenossenschaft, aller seiner Freunde und der Florentiner Gemeinde im Angesicht von ganz Rom in einer Gruft in Santi Apostoli beigesetzt, da Seine Heiligkeit die Absicht hatte, ihm in Sankt Peter in Rom ein besonderes Denkmal und Grabmal zu errichten.
Sein Neffe Lionardo kam erst an, als alles schon vorüber war, obwohl er mit der Post reiste. Als Herzog Cosimo von dem, was sich begeben, erfuhr, beschloß er, da er Michelangelo zu Lebzeiten nicht für sich gewinnen und ehren konnte, die Leiche nach Florenz bringen zu lassen, um ihm im Tode mit aller Pracht die höchsten Ehren zu erweisen. Wie ein Kaufmannsgut in einen Ballen verpackt schaffte man ihn heimlich fort, damit in Rom nicht Lärm gemacht und man vielleicht verhindert werde, ihn von dort weg nach Florenz zu bringen. Die plötzliche und fast unerwartete Ankunft der Leiche Michelangelos gestattete nicht sofortige Veranstaltungen; man trug den Sarg, sobald er nach Florenz kam (das war eines Sonnabends), auf Verlangen der Abgeordneten nach dem Heim der Gesellschaft der Himmelfahrt Mariä unter dem Hauptaltar und den Treppen hinter San Pietro Maggiore, ohne irgend etwas damit vorzunehmen. Tags darauf versammelten sich alle Maler, Bildhauer und Baumeister in aller Stille bei Sankt Peter, wohin sie nichts als eine ganz mit Gold verzierte und durchnähte Samtdecke brachten, um sie über die Bahre und den Sarg zu breiten, auf dem ein Kruzifix lag. Nachts um zwölf Uhr ungefähr umstanden alle dicht die Leiche. Die ältesten und vorzüglichsten Meister ergriffen plötzlich eine Menge Fackeln, die ihnen zugereicht wurden, und die jüngeren hoben die Bahre so schnell, empor, daß sich glücklich pries, wer herzutreten und die Schulter herunterschieben konnte, um des Ruhmes willen, in kommenden Zeiten sagen zu können, sie hätten die Gebeine des größten Meisters getragen, der je ihrem Beruf angehört habe. Diese Versammlung bei Sankt Peter veranlaßte, wie dies zu geschehen pflegt, daß viele Personen stehenblieben, um so mehr, da sich jetzt die Nachricht verbreitete, die Leiche Michelangelos sei angelangt und werde nach Santa Croce gebracht werden, obwohl alle Sorgfalt angewendet war, damit die Sache nicht bekannt werde und nicht eine Menge herbeilocke, die unausweichlich eine gewisse Unruhe und Verwirrung stiften mußte. Denn man wünschte, das Wenige, was jetzt geschehe, möge mit mehr Stille als Pomp vor sich gehen und alles übrige für eine passendere und bequemere Zeit aufgespart bleiben. Und doch geschah von beidem das Gegenteil. Denn was die Menge anbelangt, so füllte sich, als die Neuigkeit von Mund zu Mund ging, die Kirche augenblicklich in solchem Maße, daß zuletzt der Sarg nur mit großer Mühe von dort nach der Sakristei getragen werden konnte, wo man ihn von der Umhüllung frei machen und nach der dafür bestimmten Gruft bringen wollte. Was nun die Ehren anbelangt, so ist zwar nicht zu leugnen, daß es prächtig und köstlich ist, bei feierlichen Leichenbegängnissen eine Menge Geistlicher, viele Wachskerzen und viele verhüllte und in Trauer gekleidete Personen zu sehen. Anderseits war es aber auch etwas Großes, als die trefflichen Männer, die jetzt hochberühmt sind und es in Zukunft noch mehr sein werden, sich mit so liebevoller Dienstbeflissenheit und Zuneigung unvorbereitet um jene Leiche scharten.
Die Zahl der Künstler, die sich alle einfanden, ist zu jeder Zeit in Florenz sehr groß gewesen, weil die Künste dort stets in einer Weise geblüht haben, daß ich glaube, man kann ohne Beleidigung anderer Städte sagen, Florenz sei ihre eigentliche Wiege und Heimat, gleich wie Athen es einst für die Wissenschaften gewesen ist. Außer den Künstlern aber folgten der Leiche so viele Bürger und so viele Leute von den Straßen, durch die sie getragen wurde, als nur Raum fanden. Ja, was mehr ist, man hörte von jedermann die Verdienste Michelangelos feiern und sagen: wahre Kunst übe eine solche Macht, daß sie, wenn man bereits alle Hoffnung auf Ruhm und Gewinn durch einen Künstler habe aufgeben müssen, dennoch um ihrer Natur und Vorzüge willen geliebt und geehrt werde.
Durch alle diese Umstände hatten jene Ehrenbezeigungen mehr Leben und mehr Wert, als Prunk und Gold und Teppiche ihm hätten verleihen können. Nachdem die Leiche unter so schönem Gefolge nach Santa Croce gebracht war, feierten die Mönche die bei Verstorbenen üblichen Zeremonien, und man trug sie durch die herbeigeströmte Volksmenge hindurch nicht ohne Schwierigkeit nach der Sakristei. Der Prorektor, der sich seines Amtes wegen dort befand, beschloß, den Sarg öffnen zu lassen, überzeugt, dies werde vielen sehr lieb sein und außerdem, wie er später zugab, von dem Wunsch getrieben, den Anblick desjenigen wenigstens im Tode zu haben, den er lebend nie oder doch in so früher Jugend gesehen hatte, daß ihm keine Erinnerung daran geblieben war. Es geschah, und während er und wir alle, die wir anwesend waren, einen verwesten Körper erwarteten – denn er war schon fünfundzwanzig Tage tot und hatte zweiundzwanzig Tage im Sarge gelegen –, fanden wir ihn in allen Teilen wohlerhalten und so ganz frei von jedem üblen Geruch, daß wir fast glaubten, er liege in einem sanften und ruhigen Schlaf. Seine Züge waren genau wie zu Lebzeiten, mit der Ausnahme, daß sein Gesicht ein wenig Leichenfarbe hatte, und an keinem Glied war eine Beschädigung oder Unsauberkeit zu sehen. Fühlte man Kopf und Wangen an, so glaubte man, er sei erst vor wenigen Stunden gestorben.
Nachdem das Gedränge des Volkes vorüber war, wurde Anordnung getroffen, ihn durch die Tür, die nach dem Kreuzgang des Kapitels führt, in eine Gruft der Kirche neben dem Altar der Cavalcanti zu bringen. Es hatte sich jedoch unterdessen das Gerücht von dieser Begebenheit in der Stadt verbreitet, und es strömte eine solche Menge junger Leute herbei, um die Leiche zu sehen, daß man das Grab nur mit Mühe schließen konnte. Ja, wäre es Tag gewesen, so hätte man es, um die Menge zu befriedigen, viele Stunden offenlassen müssen.
Am folgenden Morgen, während Maler und Bildhauer zu den kommenden Ehrenbezeigungen Anstalten trafen, beeilten sich viele schöne Geister, an denen Florenz stets reich war, Verse in Latein und in der Volkssprache an das Grab zu heften. Dies geschah lange Zeit, obwohl die Zahl der damals gedruckten Gedichte im Vergleich zu den später verfaßten gering war.
Die Kirche war von den Mitgliedern der Akademie in reichster Weise mit plastischen Arbeiten und Gemälden, alle auf den großen Toten bezüglich und für diesen Tag hergestellt, geschmückt worden. Als sie mit Kerzen erleuchtet und von einer unendlichen Volksmenge erfüllt war, trat der Zug ein. Voraus der Prorektor der Akademie, dann, begleitet von dem Hauptmann und den Hellebardieren des Herzogs, die Konsuln und Akademiker, kurz alle Maler und Bildhauer der Stadt Florenz. Sie nahmen zwischen dem Katafalk und dem Hauptaltar Platz, wo sie von einer sehr großen Zahl hoher Personen und Edelleute erwartet wurden, die alle ihrem Rang entsprechend bequem nebeneinander saßen. Dann begann eine höchst feierliche Totenmesse mit Musik und jeder Art Gepränge. Nach ihrer Beendigung stieg Signor Varchi auf die Kanzel, um ein Amt zu vollziehen, das er zuletzt für die Durchlauchtige Herzogin von Ferrara, Tochter des Herzogs Cosimo, und seitdem nicht wieder ausgeübt hatte. Von dort herab verkündete er mit der ihm ganz eigenen Gewähltheit der Rede und wohltönender Stimme das Lob, die Verdienste, das Leben und die Werke des göttlichen Michelangelo Buonarroti.
Da nicht die ganze Stadt an einem einzigen Tage die Ausschmückung der Kirche in Augenschein nehmen konnte, blieb sie, dem Wunsche des Herzogs entsprechend, viele Wochen unverändert zur Befriedigung der Einheimischen und der Fremden, die aus der Umgebung kamen, um sie zu sehen.
Zum Schluß will ich nicht unterlassen noch zu berichten, daß der Herzog nach den obengenannten Ehrenbezeigungen anordnete, Michelangelo an einer Ehrenstelle ein Grabmal in Santa Croce zu errichten, da er schon zu Lebzeiten bestimmt hatte, einst in jener Kirche beigesetzt zu werden, denn dort befand sich die Gruft seiner Ahnen. [Fußnote] Der Herzog schenkte Lionardo, dem Neffen Michelangelos, den zu dem Grabmal nötigen weißen und bunten Marmor. Es wurde nach einer Zeichnung Giorgio Vasaris, zugleich mit einer Büste Michelangelos, dem vortrefflichen Bildhauer Battista Lorenzi in Auftrag gegeben. Dazu gehören drei Statuen: die Malerei, die Bildhauerei und die Baukunst. Drei Florentiner Bildhauer wurden mit ihrer Ausführung betraut: der genannte Battista, Giovanni dell’Opera und Valerio Cioli. Die Kosten – mit Ausnahme des Marmors, den er vom Herzog empfangen hatte – trug Lionardo Buonarroti.

Mitsue Kono | Abstrakte Malerei

Mitsue Kono – Porträt einer deutsch-japanischen Künstlerin in Hamburg

trennlinie2

Beschreiben Sie bitte kurz, was Sie tun.
Ich bin Künstlerin. Malerin.
Ich bin in verschiedenen kreativ künstlerischen Bereichen ausgebildet.
Unter anderen auch als Sprecherin und Theaterschauspielerin.

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich denke ich war schon immer Künstlerin.
Für mich ist Kunst die freie Bewegung von Kreativität, die in die Welt hinaus will
und muss. Sie duldet keine Stoppschilder und kein Wenn & Aber.

Vietnam River... - 130x130 cm - Acryl/Acrytinte/Lack
Vietnam River… – 130×130 cm – Acryl/Acrytinte/Lack

Ich bin ein sehr kreativer Mensch bin und brauche immer Ventile für mich,
um diese Energie auszudrücken.
Zum Glück habe ich immer künstlerische Ausdrucksformen gefunden.
Auch in Zeiten, wo ich von der Kunst noch nicht gänzlich leben konnte.
Als Kind faszinierte mit das Wort in der Poesie und in der Musik.
Von klein auf an habe ich viel gedichtet.
Irgendwann als junge Frau mit Mitte 20, entschied ich mich weiter in die Kunst zu gehen,
weil mir dies als der einzige Schaffenssort schien, bei dem ich bis zu meinem
Lebensende verweilen könnte.
Ich fand dann sofort den Einstieg in die Musikbranche, wo ich meine prosaischen
Erzählungen in Töne kleiden durfte. Eine große Lebensfreude, von der ich
immer noch emotional zehre.
Der Weg der Kunst ist für mich ein Weg des schöpferischen Schaffens.
Mein Weg führte durch die Bereiche, die sich mit meinen Fähigkeiten und Talenten deckten.
Künstler haben ja oft mehrere Talente.
So machte ich eine professionelle Sprechausbildung, „sprach“ und spielte Theater.

Eine größere Freude des Tuns und Seins als Künstlerin habe ich bisher nicht erlebt.
Ich fühle eigentlich bei jeder Art von Kunst, die ich erlebe eine tiefe Dankbarkeit
dem Leben gegenüber Künstlerin zu sein.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Ich denke man selbst. In der abstrakten Malerei begegne ich mir selbst.
In der Dichtung sind es die Schmerzen und tiefen Wunden, die mir als Nährboden für den Ausdruck dienen.
Beides ist nicht leicht, denn ich begegne oft meinen gedanklichen Mustern und Einschränkungen.
Bei verpatzten Sprecherjobs stand mir in jungen Jahren mein Mangel an Selbstbewusstsein im Wege.

Aber schwierig?
Ich bin dankbar und glücklich Künstlerin zu sein und empfinde es als einen Segen,
neben all den weniger schönen Dingen im Leben.
Der schwierigste Part ist vielleicht der existenzielle, wenn man den Anspruch
hat von der Kunst zu leben. Aber das hat ja nicht zwingend etwas mit dem „Künstlerdasein“ zu tun.

Sommerregen 130x130 cm Acryl/Lack/Acryltinte.jpg
Sommerregen – 130×130 cm – Acryl/Lack/Acryltinte

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig. Wenn ich das auf das eben gesagte beziehe, dann kann ich heute sagen, dass ich viel mehr in Verbindung mit meiner kreativen Energie bin.
Ich hinterfrage mich nicht mehr.
Ich baue heute auf mein Können, weil ich Erfahrung mit mir habe und weiß, was ich kann und was nicht.
Es gibt ein anderes Niveau von Perfektionismus.
Ich akzeptiere das, was auf der Leinwand ensteht.
Heute weiß ich, es hat seine Berechtigung egal wie „unperfekt“ es sich in manchen Entstehungsmomenten anfühlt. Ich habe gelernt es zu „lassen“.
Im japanischen nennt man das Wabi Sabi. Ein natürlicher Zustand.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Die abstrakte Malerei. Aber das ist nur der aktuelle Stand meines Lebens. Kunst ist ja nicht statisch.
Ich verschließe mich den kreativen Kanälen und Fähigkeiten, die sich mir als Chance des Ausdrucks anbieten nicht. Als Künstler wächst man stetig am Umgang seiner kreativen Energie und Kraft.
Künstler wissen ja darum.
Ich liebe Kunst als Ganzes. Und mich beeindruckt der Weg der Entstehung eines Kunstwerkes an sich.
Ich bin mir sicher irgendwann wieder Musik zu machen oder ein neues Buch zu schreiben.
Allerdings erfüllt mich die Gewissheit, dass mich die Malerei – und ich sie – nie wieder loslassen wird.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Nein! Ich muss mich auch nicht zwingend mit anderen Künstlern auseinander setzen.
Da ich die Kunst achte, habe ich automatisch Interesse an Kunst & Künstlern.
Mich beeindrucken grundsätzlich Künstler/innen, die authentisch sind!
Ich genieße die Arbeiten anderer Künstler und tauche bei der Betrachtung aus Interesse gerne in deren
Schaffensprozesse ein. Materiell wie emotional.
Ich habe Kunst nicht intellektuell studiert. Der Kopf hat für mich wenig mit Kunst zu tun.
Ich fühle sie lieber.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Hamburg ist kulturell sehr gut versorgt und in Bewegung.

Frozen Water . Deepest Yin.jpg 100x100 cm - Acryl/Acryltinte/Lack
Frozen Water – Deepest Yin – 100×100 cm – Acryl/Acryltinte/Lack

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich wünsche mir, dass meine Arbeiten weiterhin Menschen glücklich machen, und diese weitere Kreise ziehen.
Pläne mache ich nicht mehr wirklich. Es kommt sowieso wie es kommt. Auf dem Weg dorthin schaue ich, dass ich gut bei mir bleibe und beim Wesentlichen. Und vor allem gesund.
Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Keinen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Ich denke jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.
Ausdauer und Durchhaltevermögen haben mich weiter gebracht.
Es gab einige Jahre, da hat kein Mensch außerhalb meiner Wohnung meine Arbeiten gesehen, geschweige denn gekauft.
Ich habe mich damit nicht so aufgehalten, sondern weiter auf das Bedürfnis Malen konzentriert. Die Türen haben sich irgendwann – ich glaube nach etwa 4 Jahren – plötzlich geöffnet. Ohne Ausdauer und Durchhaltevermögen wäre ich heute sicher keine internationale Künstlerin. Die Vorstellung, dass meine Bilder in England, Skandinavien, den USA und sonstwo noch hängen und Menschen sich so weit weg von mir, meine Arbeiten anschauen, vielleicht drüber sprechen und sich daran erfreuen,
das finde ich großartig. Da hüpft echt mein Herz.

trennlinie2

big_36301368_0_170-302
Foto: Privat

Mitsue Kono wurde im Jahre 1969 des Hahns in eine alte Samuraifamilie Yokohamas als Tochter eines japanischen Vaters und einer nordeutschen Mutter hinein geboren. Beide Kulturen haben sie wachsen lassen und beeinflussten sie sowohl als Frau und wie auch als Künstlerin.
Die Freude an der Kunst und das natürliche Verlangen diese kreativ auszudrücken, begleiten Mitsue Kono seit ihrer Kindheit: Achtsamkeit, Sensitivität und bewusste Entwicklung.

Kreativität und Kunst sind im Leben der Künstlerin und Therapeutin allgegenwärtig. Ihren Weg als Künstlerin begann Mitsue Kono als Dichterin. Die Rhythmik der Worte verband sich mit der Musik. Zu dieser Zeit begann sie mit japanischer Kalligrafie und dem Malen buddhistischer Symbolik. Hinzu kamen Kinderillustration (als Zwischenspiel) und Abstrakte Malerei. In Letzterer bündelt sich ihre kreative Energie und ist Begleiter im Schaffensprozess all ihrer Bilder, mit dem Ursprung in ihrer Seele.

Kontakt zur Künstlerin: mitsuekono.de

Kolumne | Über die innere Schönheit – Das Schicksal Quasimodos

Über die innere Schönheit

Quasimodo - Antoine Wiertz - 1839
Quasimodo – Antoine Wiertz – 1839

„Die weiblichen Instinkte können sich viel schneller verständigen als die männlichen Intelligenzen. […] das Auftreten einer schönen Frau genügt, um eine ganze Versammlung hübscher Frauen in eine gewisse Missstimmung zu tauchen, besonders wenn nur ein einziger Mann zur Stelle ist.“
Aus: Der Glöckner von Notre Dame von Victor Marie Hugo

Ich könnte mit dem banalen Spruch beginnen, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen seien. Ein Spruch aus dem Poesie-Album, der gern zitiert wird und doch so allgemein gehalten ist, dass er nicht greifbar scheint. In der Literatur gibt es eher selten ein gutes Ende für Protagonisten mit einem eher bescheidenen Aussehen. Diese Romanfiguren scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei spielt ihr meist guter Charakter keine zentrale Rolle. Der Leser erwartet ihr tragisches Ende.

Wenn ich die Entwicklung in den sozialen Medien beobachte, erscheint es mir wichtig, sich so wenig wie möglich vom Rest zu unterscheiden. Das zeigt sich in den immer gleichen Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen zu strittigen Themen. Die Boulevardpresse gibt uns Jahr um Jahr die selben Tipps für Aussehen und Weltbild. Vielleicht hatten Sie auch schon den Eindruck, dass sie bestimmte Artikel bereits ums ein oder andere Mal gelesen zu haben. Es fühlt sich an, als wäre man ein Ding, das bestimmten Normen entsprechen sollte. Wo bleibt die echte Vielfältigkeit, die Akzeptanz anders zu sein und anders zu sehen?

Wir Menschen tragen zu oft Scheuklappen, verstecken uns vor der Wahrheit. Zu oft bilden wir uns Meinungen über Menschen und Dinge, die uns in ihrem Inneren unbekannt und verborgen bleiben. Nur: was ist schon Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mensch im Grunde nicht weiß, was er will und wo er hingehört. Sei es durch die scheinbar unendliche Auswahl, fehlende Vorbilder. Statt die Freiheiten zu nutzen, wird jedes von der Norm abweichende Wesen kritisch betrachtet.

Sehen wir uns als Beispiel für die Tragik des menschlichen Seins den buckligen Quasimodo an. Er starb an unverhofftem Liebeskummer.

trennlinie2

Das höchste Glück des Lebens besteht in der Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Marie Hugo

Quasimodos schwere Last

Mit einem entstellten Gesicht und großem Buckel geboren, gelang es Quasimodo das zu erleben, was vielen Menschen nur ein Traum zu sein scheint.

Der Körper des kleinen buckligen Mannes war keineswegs eine reine Missbildung. Gerade er war es, der ihm zu innerem Glück durch gute Taten verhalf.

Doch bis es soweit kam, galt für Quaismodo: Ein Wesen mit einem Buckel? Alle lachten ihn aus und wählten ihn sogar zum Narrenpapst auf einem Volksfest. Was in hiesigen Zeiten einen „shitstorm“ bei facebook ähnelt. Ein anderes Leben als sein eigenes leidvolles, kannte Quasimodo nicht.

Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert
Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert

Eines Tages – wie aus dem Nichts – erschien ihm die Zigeunerin Esmeralda, ihm den wahren Sinn des Lebens offenbarend. Geblendet von ihrer Schönheit verliebt sich dieser „unvollständige“ Mann in sie. Quasimodo wird klar, dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich nicht nur gegen Behinderte, sondern allgemein gegen vermeintlich Schwache wendet. Diese Schwäche, die von einer Mehrheit abgelehnt wird, enthält ein breites Spektrum menschlicher Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Treue und Liebe. Sie verrät Arme, erniedrigt Kranke, beseitigt Andersdenkende.

In diesem, wie auch in anderen seiner Werke beschäftigt sich Victor Hugo mit dem Verhältnis von stark und schwach in einer Gesellschaft. Seine These: Es sind nicht diejenigen stark, die aufrichtig und nicht diejenigen schwach, denen es an Geist fehlt. Es sei genau umgekehrt.

Der selbstlos liebende Quasimodo trug in seinem Herzen einen Edelstein, als unsichtbare Verbundenheit und Treue gegenüber der schönen Zigeunerin. Nur: dieses Juwel konnte er ihr nicht zeigen. Für ihn war es unvorstellbar, geliebt zu werden. Die Magie der Reinheit, für die der Edelstein steht, erreichte jedoch Esmeraldas Herz.
Doch es war zu spät. Zu spät für die Offenbarung der Gefühle. Es war zu spät für sanfte Liebkosungen und den Trost für den kleinen Mann. Es war zu spät für die Erkenntnis, dass die Liebe ein unsichtbarer seidener Faden ist, der die beiden miteinander verband. Er kam ihm nicht in den Sinn, dass vor allem er es war, der Liebe verdiente, zu dem sie wie ein Bumerang zurückflog und sein Inneres so zum Glänzen brachte, dass sein Äußeres in den Hintergrund träte.

Aber es war zu spät: seine Esmeralda wurde in Intrigen verwickelt. Betrug und Verrat wurden schließlich zu ihrem Henker. Den Tod „seiner“ geliebten Zigeunerin hielt der Glöckner von Notre Dame nicht aus. Das Juwel in seinem Herzen zerbrach in Tausend kleine Scherben, die wie ein Dolch sein leidendes Herz durchbohrten.

Schließlich verendete er vor Gram und Liebeskummer an ihrem Grab.

Christian Wind -  L’amour de Quasimodo Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo -  La faucheuse ne peut rien y changer. - 2015 - Lizenz: CC-BY-SA-4.0
Christian Wind – L’amour de Quasimodo – Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo – La faucheuse ne peut rien y changer. – 2015 – Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Auch wenn das Leben für den kleinen „unvollständigen“ Menschen nicht lebenswert schien, gab er einem anderen Leben Halt und Wertschätzung. Hinter der „hässlichen“ Fassade und der scheinbaren physischen Schwäche befanden sich die Stärke und der Mut dazu, jemanden in einer Todeslage zu beschützen.

Fehlende Akzeptanz und keinerlei Erwartungen seitens der Gesellschaft brachten Quasimodo vermutlich die innere Freiheit, selbstlos zu handeln. Seine Liebe gehörte nicht ihm selbst, er schenkte sie Esmaralda und machte sie so für kleine Zeit glücklich. Er lebte und handelte lediglich mit seiner ganzen Seele, dem Herzen und seinen entfachten Willen. Dabei begleiteten ihn stets Hoffnungen und Wünsche nach dem Sieg des Guten. Erst als er sich und die ihm aufgezwungene gesellschaftliche Rolle des Narrenpapstes vergaß, fand er zu sich selbst. Leider nicht lang genug, um sich und sein Leben neu zu (er)finden.

Alles nur Schein

Die wahre Stärke zeigt sich nur durch Taten. Keine Person sollte in erster Linie nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Gefühlswelt, Gedanken und ihre tiefsten Sehnsüchte bleiben uns zunächst verborgen und sind doch das eigentlich Spannende am Menschen.

Die äußere Schale täuscht also, sie lässt uns Dinge, Situationen und unsere Mitmenschen anders wahrnehmen als sie in Wirklichkeit sind.

Jedem von uns ist sein Schicksal auferlegt. Quasimodos Schicksal war gerade in der Schwere seines Seins, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen erfüllenden Sinn im Lebens zu finden.

Menschenbilder | Vom Wandregal meines Kinderzimmers zur Bionik ¦ Gastbeitrag

Das Zimmer, in dem ich aufwuchs hatte ein großes Wandregal. Neben den üblichen Bestandteilen eines Kinderzimmer sind dort so einige skurrile Erinnerungsstücke abgelegt worden: Fußballtrophäen (die Art, die sie einem allein für die Teilnahme überreichen – also keine Siegerpokale), verschiedene Henkelmänner, und ein Paar Stepptanz-Schuhe, die ich während einer Grundschulaufführung von „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ trug. Der prominenteste Platz war jedoch für ein altes Paar Rennwagen reserviert – eines in blau, das andere in rot.

Diese Autos haben für mich eine besondere Rolle in meiner Adoleszenz gespielt. Sie wurden montiert und hatten nur eine Aufgabe: zu repräsentieren. Zufriedengeben wollte ich mich damit dann doch nicht. Wenn meine Mutter in die Wäscherei ging, drehte ich die Schrauben heraus, die die Wagen auf ihren Sockeln fest hielt um ein Rennen zu veranstalten.
Mein bevorzugter Veranstaltungsort war der Flur der zur Küche führte. Er hatte solide Dielen, und war ein perfekter Ort für Blau und Rot um richtig auf Touren zu kommen. Auf dieser Strecke erlebte ich einige ziemlich mutige, ja waghalsige Kämpfe. Die beiden Autos taten alles um zu gewinnen; oft ineinander verheddert um sich dann loszureißen oder sie nahmen riskante Abkürzungen unter den Möbeln hindurch. Die Auseinandersetzungen wurden besonders brutal, wenn ich eine kleine Rampe aus Comic-Büchern gebaut hatte; dann verlagerte sich der Kampf zeitweilig in der Luft.
Am Ende aber zollte die Härte der Rennen ihren Tribut. In meiner Pubertät angelangt, wurden die Autos bis zur Unkenntlichkeit zerschrottet. Die vorderen Kotflügel wurden durch die Kollisionen mit den Fußleisten abgerissen, und es gab sogar Zahnabdrücke auf ihren Reifen, verursacht durch meinen Hund Calvin, der die Rennen all zu oft als Spielaufforderung sah. Zu diesem Zeitpunkt erschien es nur fair, sie endlich in ihren verdienten Ruhestand zu schicken. Ich ließ sie nur auf ihren Sockeln stehen und den Staub des Frieden über sie rieseln.

Die Erfahrung, die ich mit diesen Autos hatte bei mir mehr als den Spieltrieb geweckt. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu Modellbauten. Nach Blau und Rot kam das Piratenschiff; ein perfekte Ausgabe der Blackbeard; eine Miniatur-Rakete und ein paar Dinosaurier in angemessener Größe. Wenn es sich um ein Modell von etwas war, das einmal real existierte, war ich vollkommen fasziniert. Ich liebte und liebe diese Kunstfertigkeit, die in der Herstellung der Nachbauten steckt. Heute lasse ich Dronen fliegen und entwickle eigene Modelle.

Seither beschäftigt mich eine grundlegende Frage: Ist es möglich, wirklich überzeugend und massetauglich die Feinheiten der Natur reproduzieren? Eine schwierige Frage. Genau wie die Frage, ob Rot oder Blau der Schnellste war. Vermutlich hat mich das dazu bewogen Bionik zu studieren und die Übertragung von Mechanismen und Techniken der Natur zu meinem Lebensinhalt zu machen. Derzeit belege ich Gastsemester in den USA.

–  Jörg Francke derzeit Kalifornien

Denise Eyer-Oggier | Schweiz

 Denise Eyer-Oggier ¦ Visual-Artist ¦ Brig, Schweiz

Denise Eyer-Oggier malt, collagiert, erschafft Installationen, illustriert, fotografiert und gibt in Workshops ihr Know-how in Workshops weiter. Ihre Bilder zeigen künstlerisch ausgeformte Seelenlandschaften, sie zeigen Spuren & Formen, In ihren Werken finden sich meditative Formen über Zeit und Raum. Die Malerei von Denise Eyer-Oggier ist sowohl wild und schroff wie die Bergwelt in der sie lebt, als auch sanft, warm und intensiv wie das Leben, das sie liebt.

Ein Porträt in Wort und Bild:

Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier
Petite pause récréative. Feutre et crayon. D apres une photo de Denise Eyer-Oggier

Wann, wie und warum sind Sie Künstlerin geworden?
Ich hatte Glück, dass mein Lehrer damals meine Malereien mochte und mich ermutigte, so zu malen wie ich fühlte, auch wenn meine Malerei nicht konform war. Gegen den Willen meiner Eltern besuchte ich eine Kunstschule und absolvierte im Anschluss eine Ausbildung als Graphikerin.

Was ist der schwierigste Part am Künstlerdasein?
Der schwierigste Part am Künstlerdasein ist das beibehalten einer steten Kontinuität, das aushalten der Unsicherheiten. Das schwierigste ist sicher zu akzeptieren, dass das Künstlerdasein ein Leben im „Fremdland“ bedeutet.

Wie haben Sie sich seit Ihren Anfängen entwickelt?
Stetig weiter mit stetig höherem Anspruch an mich selber.

Mit welcher Kunst(form) identifizieren Sie sich besonders? Was beeindruckt Sie?
Mich interessiert die informelle Kunst mit zeichnerischen Symbolen, die narrativ und emotional ist.

Gibt es Künstler mit denen Sie gern verglichen werden würden?
Ja, mit Hans Falk beispielsweise.

Wie würden Sie die Kunstszene in Ihrem Umfeld beschreiben?
Ich wohne mitten in den Alpen und die Berge ringsum bedeuten Schutz und Gefängnis zugleich. Die Szene ist sehr einzelgängerisch.

Was bedeutet Kunst in der heutigen Zeit?
Kunst bedeutet sehr viel in der heutigen Zeit, sie rüttelt auf, sie lässt Emotionen zu, sie macht nachdenklich.

Atelier - Foto: Privat
Atelier – Foto: Privat

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Weitermalen.

Was ist der beste Tipp/sind die besten Tipps, den/die Sie als Künstler bisher bekommen haben?
Sich selber sein und weiter malen.

Und welche Tipps haben Sie selbst für die, die sich gerade auf den Weg machen?
Weitergehen auf diesem Weg.trennlinie2

Eine kleine Auswahl ihrer Werke:

Steckbrief:

*1956 in Naters/Schweiz
Graphikerausbildung, MengisVisp
Schule für Gestaltung, Bern

Freischaffende Malerin Visarte (Berufsverband visueller Künstler)
SGBK (Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen, Sektion
Bern Romandie)
Ausbildete Erwachsenenbildnerin

The Transience of all being from Denise Eyer-Oggier on Vimeo.

Denise Eyer-Oggier im Web: eyer-oggier.ch ¦ facebook

Martin Wehrle: „Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen“

Martin Wehrle ist, laut dem Magazin Focus, Deutschlands bekanntester Karriereberater. Seine inzwischen weltweit erschienenen Bücher sind Besteller. Nicht nur dank seines humorvollen, scharfzüngigen Schreibstils in Sachbüchern wie „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?“ ist Martin Wehrle hierzulande eine bekannte Größe. Der Autor, Coach und Karriereberater hat im Laufe seiner eigenen Karriere auch schon eine Menge miterlebt – Erfahrungen, die er in seinen Publikationen mit einer breiten Leserschaft teilt. „Der Blaue Ritter“ sprach mit dem vielseitigen Hamburger über seinen Berufsalltag, Todsünden in deutschen Führungsetagen und seine neuesten Buchprojekte – natürlich nicht ohne ein leichtes Augenzwinkern.

Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)
Vielseitige Interessen: Martin Wehrle kennt man hierzulande als Autor, Coach und kritische Stimme der Arbeitswelt (Fotograf: A. Heeger)

Der Blaue Ritter: Buchautor, Coach und Berater im Unternehmen – beschreiben Sie doch kurz Ihre berufliche Laufbahn!

Martin Wehrle: Ich bin von Haus aus Journalist, war Mitglied in Chefredaktionen und habe dann zwei Abteilungen für einen Lifestyle-Konzern aufgebaut und geleitet. Danach habe ich mich selbständig gemacht als Karriere- und Gehaltscoach und damit begonnen, Bücher zu schreiben. Einige davon sind große Erfolg geworden, vor allem „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ – es stand über 150 Wochen lang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

Der Blaue Ritter: Wie sieht Ihr Berufsalltag konkret aus? 

Martin Wehrle: Ich berate Menschen in Karrierefragen, schreibe und recherchiere, halte Vorträge (zum Beispiel über Führungskultur) und bilde andere Karriereberater aus. Menschen lassen sich u.a. von mir unterstützen, wenn sie im Beruf vor einer schwierigen Entscheidung stehen: „Soll ich Führungsverantwortung übernehmen – oder besser auf der Fachebene Karriere machen?“. Ähnlicher Bedarf entsteht, wenn jemand eine schwierige Verhandlung vor sich hat oder einen neuen Arbeitsplatz sucht.

Der Blaue Ritter: Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Ihr erstes Sachbuch zu schreiben?

Martin Wehrle: Als Vorgesetzter habe ich selbst Gehälter verhandelt und erlebt, wie schlecht sich einige Mitarbeiter dabei verkaufen – oft die besten und fleißigsten. Deshalb wollte ich mein Chefwissen zu Gehaltsverhandlungen an Mitarbeiter weitergeben, sozusagen der Bericht eines Spions von der Verhandlungsfront. Auf dieser Idee basierte mein erstes Buch „Geheime Tricks für mehr Gehalt – Ein Chef verrät, wie Sie Ihren Chef überzeugen“.

Der Blaue Ritter: Als Coach und Unternehmensberater haben Sie schon eine Menge gesehen und erlebt. Können Sie sich an ein oder zwei wirklich absurde Erlebnisse erinnern?

n seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)
In seinem Ratgeber „Sei einzig, nicht artig!“ ruft Wehrle dazu auf, authentisch statt angepasst zu sein (Fotograf: A. Heeger)

Martin Wehrle: Genau solche Erlebnisse habe ich in meinem Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ festgehalten. Zwei Beispiele: Der Niederlassung eines Konzerns geht im November das Papier aus, aber der Etat dafür ist auch schon verbraucht. Man fordert aus der Zentrale einen Zusatzetat an. Doch der wird nicht bewilligt. Also verwenden die Mitarbeiter für ihre normalen Ausdrucke das Briefpapier, denn davon ist noch genug da. Die Folge: Bald geht auch das Briefpapier aus. Also steht ein angesehenes Unternehmen Anfang Dezember da und kann keine Rechnungen mehr stellen und keine Briefe mehr schreiben – es fehlt ja das Papier. Schließlich kaufen leitende Angestellte auf eigene Rechnung nach.

Oder: Die Mitarbeiterin eines Telekommunikationskonzerns liest morgens in der Zeitung, dass ihr Konzern am Vortrag eine Bombendrohung hatte. Um 12.30 Uhr hätte ein Sprengsatz in der Zentrale explodieren sollen. Zum Glück habe sich die Drohung als Scherz herausgestellt. Das Problem: Niemand war auf die Idee gekommen, das Gebäude zu räumen. Lieber hätte man die Mitarbeiter in Rauch aufgehen lassen als ein paar Minuten Arbeitszeit.

Der Blaue Ritter: Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler und Irrtümer aus den Führungs- und Manageretagen?

Martin Wehrle: Die Mitarbeiter werden immer noch als lästige Kostenstelle gesehen. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass sie das wahre Kapital des Unternehmens sind. Ihr Wissen macht eine Firma aus. Sie haben jeden Tag mit den Kunden zu tun, bieten Produkte und Dienstleistungen an, erhalten zuerst die Rückmeldungen des Marktes. Genau dieses Wissen fehlt oft, wenn Manager am grünen Tisch entscheiden. Mitarbeiter werden noch viel zu wenig einbezogen.

Der Blaue Ritter: In welchen Bereichen ist die deutsche Wirtschaft der Wirtschaft anderer Länder voraus und wo können wir noch von anderen lernen?

Martin Wehrle: Die deutsche Wirtschaft profitiert von ihrem weltweiten Ruf: Sie gilt als zuverlässig und solide. Nur ist dieser Stern am Sinken, da in Deutschland viel zu wenig Unternehmen gegründet und an den Weltmarkt geführt werden. Schauen Sie einmal die DAX-Liste an: Dort stehen kaum Unternehmen, die es nicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hätte. Ein Grund für diese Innovationshemmung ist ein übertriebenes Fehlervermeidungsdenken. Mitarbeiter fürchten Fehler so sehr, dass sie oft nichts wagen, gute Ideen für sich behalten. Ebenso geht es mit Gründungsideen.

Der Blaue Ritter: Stichwort Familienfreundlichkeit – wie schätzen Sie da den Unternehmensgeist in Deutschland ein?

Martin Wehrle: Völlig überholt. Wenn ein Mann Vater wird, stört sich zwar keiner daran, im Gegenteil: Er gilt dann als sichere Bank für die Firma, schließlich muss er das Geld für die Familie verdienen. Aber eine Frau in derselben Situation wird noch immer wie ein Atomreaktor mit Restlaufzeit behandelt: Man hängt sie langsam ab vom Karrierenetz. Man tut so, als wäre eine Entscheidung für ein Kind zugleich eine Entscheidung gegen die Karriere. Dabei lässt sich beides wunderbar kombinieren.

Der Blaue Ritter: Inwiefern lassen sich da noch Prozesse verbessern?

Martin Wehrle: Zum Beispiel müssen die Firmen erkennen, dass es nicht auf Anwesenheit ankommt, sondern auf Leistung. Warum gibt es immer noch kaum Führungskräfte, die nur zwei oder drei Tage die Woche arbeiten? Halten wie Chefs und Chefinnen immer noch für Aufseher, die ihren Mitarbeitern auf die Finger schauen müssen? Oder erkennt man eine funktionierende Abteilung nicht gerade daran, dass sie auch ohne die Führungskraft funktioniert? Ich kenne Frauen auch außerhalb der Führungsebene, die in vier Stunden pro Tag mehr leisten als manche Vollzeitkraft. Warum bekommen sie nur ein halbes Gehalt?

Der Blaue Ritter: Wie viele Bücher haben Sie bereits herausgebracht – und haben Sie ein aktuelles Buchprojekt am Laufen?

Martin Wehrle: Ich habe über 30 Bücher geschrieben: populäre Sachbücher, Fachbücher über Coaching und Bücher über mein liebstes Hobby, das Angeln. Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch darüber, wie Menschen, die vor dem Sprechen denken, unter anderen Menschen bestehen können, die es umgekehrt halten – also vor dem Denken sprechen.

Der Blaue Ritter: Martin Wehrle privat – wie würden Freunde und Familie Sie charakterisieren?

Martin Wehrle: Als einen Menschen, der alles, was er anpackt, mit großer Hingabe tut; als einen, der es liebt, andere beim persönlichen Wachstum zu begleiten; als einen, der mindestens zehn Bücher auf seinem Nachttisch liegen hat (und an dreien gleichzeitig liest); und auch als einen, der die Natur liebt, sich im Stillen freuen kann und nicht zwangsläufig Lärm, Rummel oder Ruhm bräuchte.

Der Blaue Ritter: Was tun Sie, wenn Sie nicht schreiben, arbeiten oder Vorträge halten?

Martin Wehrle: Ich fahre gerne zum Angeln. Ich liebe es, an einem stillen See zu sitzen, wenn der Morgennebel dampft und die Sonne ihn ganz allmählich mit ihren zarten Strahlenfingern zerstreut. In der Ferne rufen ein paar Kraniche, ein blauer Eisvogel blitzt über dem Wasser auf, und ein paar Ringe an der Wasseroberfläche verraten, dass es hier tatsächlich Fische gibt. Solche Momente machen mich glücklich.

Der Blaue Ritter: Wenn Sie die Welt verändern könnten – was würden Sie zuerst tun?

Martin Wehrle: Ich würde eine Hass-Entsorgungs-Anlage errichten, durch die alle Menschen geschleust würden. Immer wieder bin ich entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun – ich denke dabei vor allem an die Terroristen des Alltags: die Mobber, die sadistischen Vorgesetzten, die Stalker, die Lästerer, die Hass-Poster im Internet. Letztlich müssen Menschen lernen, sich selber zu lieben. Nur wer sich selbst akzeptiert und liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Davon handelt mein aktuelles Buch „Sei einzig, nicht artig – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen“.

Der Blaue Ritter: Welche Tipps und Ratschläge würden Sie jungen Menschen für ihren Berufseinstieg auf den Weg geben?

Martin Wehrle: Denkt nicht an euren Lebenslauf und an die Erwartungen der anderen, denn ihr habt nur dieses eine Leben: Hört auf euer Herz! Fragt euch, welcher Beruf euch glücklich machen kann, wo ihr euch entwickeln könnt, wie ihr vielleicht sogar ein Hobby oder einen Teil davon zum Beruf machen könnt. Wer zum Beispiel fürs Leben gerne liest, kann in der Verlagsbranche Erfolg haben. Wer gerne Homepages programmiert, sollte sich fragen, ob die Informatik interessante Chancen bietet. Also nicht nach dem Arbeitsmarkt gehen – sondern nach den eigenen Bedürfnissen. Und: Gestattet euch Fehler und Fehlentscheidungen – oft lernt man bei Umwegen am meisten nicht nur über die Landschaft, sondern auch über sich selbst.

Der Blaue Ritter: Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern noch mitteilen?

Martin Wehrle: Das Motto, das ich meinem Buch „Sei einzig, nicht artig!“ vorangestellt habe: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.“ Ein Zitat von George Bernard Shaw.

Das Interview führte „Cats Couch“-Kolumnistin Anna Katherina Ibeling.

trennlinie2

Martin Wehrle

Foto: © A. Heeger
Foto: © A. Heeger

Martin Wehrle war Führungskraft in einem Konzern, ehe seine Erfolgsstory als Karrierecoach begann. Heute leitet er die Karriereberater-Akademie in Hamburg und bildet Karrierecoachs aus. Er hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, bei Econ zuletzt den aktuellen Bestseller „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ (2012).  Quelle: ullstein buchverlage

» Wenn Sie Martin Wehrle als Redner buchen möchten, kontaktieren Sie bitte die Econ Referenten-Agentur

Mein Leben auf Heroin – Peter Grau* über Alltag, Libido & Zukunft

Heroin-Medikamentenflasche von Bayer
Heroin-Medikamentenflasche von Bayer

Herr Grau*, Sie haben mit 14 Jahren erstmals Heroin genommen und sind heute 42 Jahre alt. Gab es dazwischen eine Zeit, in der Sie keine Drogen konsumiert haben?
Nein, ich führe ein Leben unter andauerndem Opiateinfluss.

Sie sind also seit 28 Jahren nie völlig nüchtern gewesen?
Ja, und ich weiß, dass das für Außenstehende tatsächlich schwer nachzuvollziehen ist. Die meisten haben ein gut funktionierendes soziales Umfeld, Familie und Arbeit – etwas, das ihr Leben erfüllt. Das hatte ich schon als Jugendlicher nicht. Heroin hat mir alles gegeben, was mir fehlte. Und es ist noch heute ein Ersatz für vieles, das ich nicht hatte.

Das klingt, als hätten Sie resigniert.
Das mag so klingen. Aber ich bin nicht unzufrieden mit der Situation. Klar wünscht man sich bisweilen, voll in der Gesellschaft integriert zu sein. Aber für mich hat sich diese Option nie ergeben.

Warum nicht?
Ich habe große Mühe, mich auf andere Menschen einzulassen oder mich einzugliedern. Das habe ich nie gelernt. Ich wurde bereits in der Schule ausgegrenzt und hatte große Probleme mit meinen Mitschülern. Zu Hause habe ich nie einen normalen, liebevollen Umgang erlebt. Mein Vater war gewalttätig und hat unsere Familie früh verlassen. Meine Mutter hat mich mit 15 Jahren in ein staatliches Heim gesteckt. Das hat mir das Herz gebrochen und es hat mich fürs Leben geprägt. Ich wurde zum Misanthrop, wollte nie ein bürgerliches Leben führen. Ich hatte auch oft den Wunsch, nicht mehr weiterzuleben. Die Drogen haben mir in solchen Momenten geholfen.

Wie muss man sich einen Heroin-Flash vorstellen?
Ich erlebe alle Glücksgefühle, die mir sonst im Leben verwehrt sind. Wärme und Geborgenheit durchströmen einen.
Sie nehmen heute im Rahmen einer Substitutionsbehandlung einer Suchtklinik zweimal täglich Heroin.

Wie sind Sie in dieses Abgabeprogramm gelangt?
In der Drogenszene ging sehr bald das Gerücht um, dass ein solches Programm starten wird. Bei der zweiten Anmeldungswelle im Jahr 1996 wurde ich in das Heroinabgabeprogramm aufgenommen. Ich war die Nummer 202. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Ganz ehrlich? Ich glaube, ohne dieses Programm wäre ich schon längst tot. Es war wie im Paradies. Nach dem Schock der Schließung mehrer Plätze waren wir alle froh, dass es solche Anlaufstellen gibt. Ich bekam reinen Stoff unter sehr hygienischen Bedingungen. Mein Alltag erlangte plötzlich Strukturen, was vorher nie der Fall war. Irgendwann brauchte ich auch keinen Beistand mehr und konnte in einer eigenen Wohnung leben. Das klingt alles ganz banal. Aber diese Veränderungen haben mir sehr viel abverlangt. Heute habe ich Stabilität und innere Ruhe gefunden.

War ein Umstieg auf Methadon keine Option?
Ich habe es etwa vor zehn Jahren versucht. Es hat nicht dieselbe Wirkung wie Heroin. Methadon macht träge, schläfrig und antriebslos. Deshalb konsumieren viele neben Methadon auch noch Kokain und Amphetamin. Ich persönlich vertrage es auch körperlich nicht gut. Deshalb nehme ich seit 1996 nur noch Heroin.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Es ist sicher nicht ein Alltag, den man als «normal» bezeichnen würde. Ich habe nie gearbeitet. Dazu bin ich weder physisch noch psychisch fähig. Ich lebe seit 1994 von einer Invalidenrente. Ich gehe regelmäßig spazieren. Sport kann ich allerdings nicht mehr treiben. Mein Körper ist zu kaputt. Aber ich habe ein Hobby gefunden, das meinen Tag erfüllt: Ich liebe Onlinegames und habe inzwischen einen Clan von etwa 40 Leuten aufgebaut, mit denen ich regelmäßig spiele.

Sind Sie Single?
Ja. Aber, ich lebe seit 20 Jahren mit einem Mann zusammen. Wir haben uns auf den Hansaplatz kennen gelernt und danach eine Zeit lang in einer städtischen Betreuungseinrichtung zusammengewohnt. Später haben wir uns wieder getroffen und leben heute in einer privaten 2½-Zimmer-Wohnung, die uns der Bruder meines Wohnpartners vermietet. Wir führen ein sehr glückliches Leben. Ich habe in ihm einen Menschen gefunden, dem ich bedingungslos vertrauen kann und der mich in allem unterstützt. Es ist aber eine rein platonische Beziehung. Ich bin heterosexuell. Meine Libido hat sich aber vor zehn Jahren verabschiedet.

Wegen der Opiate?
Ich denke schon. Heroin ist auch hier eine Art Ersatz. Wenn ich Heroin nehme, ist das wie ein erotischer Akt. Ich vermisse den Sex daher nicht. Abgesehen davon konnte ich mich als junger Mann halbwegs ausleben. Auf den Drogenstrich bin ich aber nie gegangen. Ich habe meine Sucht anders finanziert. Ein Jahr lang war ich wegen diverser Einbrüche in Haft. Ich bin nicht stolz auf dieses Kapitel in meinem Leben. Aber ich habe für meine Fehler gebüßt.

Hatten Sie nie den Wunsch, einen Entzug zu machen und ganz ohne Drogen zu leben?
Nein. Ich kenne nichts anderes und sehe darum auch nicht ein, was am Leben ohne Drogen erstrebenswert wäre.

Verstecken Sie sich hinter der Droge?
Das ist schon möglich. Und es gibt auch Tage, an denen ich es bereue, dass ich ein Leben in Abhängigkeit führe und deshalb nicht viel von der Welt sehen kann. Aber ich hatte die Wahl, und meine Wahl fiel immer auf die Drogen.

Kritiker der kontrollierten Drogenabgabe sind der Meinung, das Programm müsse auf den Ausstieg aus den Drogen hinzielen. Was sagen Sie dazu?
Man muss das etwas differenzierter sehen. Bei jungen Menschen, die frisch in die harten Drogen eingestiegen sind und den Absprung vielleicht noch schaffen, wäre ein Ausstieg als Programmziel sicher realistisch. Aber bei alten Junkies wie mir ist das keine Option mehr. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es gibt Menschen, die Drogen brauchen, um die Welt zu ertragen. Ich gehöre dazu. Es ist mir bewusst, dass das für Außenstehende schockierend wirkt, aber ich will nichts beschönigen.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, das Sie komplett vom Staat leben?
Nein, weil ich dem Staat eine Mitschuld daran gebe, dass ich so geworden bin. Ich wurde in der Schule ausgestoßen und später auch von Menschen schlecht behandelt, die für den Staat arbeiten.

Ist Heroin noch angesagt?
Die Droge entspricht sicher nicht mehr dem Zeitgeist. Ich glaube, junge Leute setzen heute eher auf leistungsfördernde Drogen wie Kokain und Amphetamin. Wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, dann hätte ich kaum Heroin genommen.

* realer Name der Redaktion bekannt.

Das Interview führte Oliver Simon

Arthur Schopenhauer – Über die Weiber

Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer

Mit den Mädchen hat es die Natur auf Das, was man im dramaturgischen Sinne, einen Knalleffekt nennt, abgesehen, indem sie dieselben, auf wenige Jahre, mit überreichlicher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattet, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich, während jener Jahre, der Phantasie eines Mannes sich in dem Maße bemächtigen könnten, daß er hingerissen wird, die Sorge für sie auf Zeit Lebens, in irgend einer Form, ehrlich zu übernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermögen, die bloße vernünftige Ueberlegung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien. Sonach hat die Natur das Weib, eben wie jedes andere ihrer Geschöpfe, mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, deren es zur Sicherung seines Daseins bedarf, und auf die Zeit, da es ihrer bedarf; wobei sie denn auch mit ihrer gewöhnlichen Sparsamkeit verfahren ist. Wie nämlich die weibliche Ameise, nach der Begattung, die fortan überflüssigen, ja, für das Brutverhältniß gefährlichen Flügel verliert; so meistens nach einem oder zwei Kindbetten, das Weib seine Schönheit; wahrscheinlich sogar aus dem selben Grunde.

Dem entsprechend halten die jungen Mädchen ihre häuslichen, oder gewerblichen Geschäfte, in ihrem Herzen, für Nebensache, wohl gar für bloßen Spaß: als ihren allein ernstlichen Beruf betrachten sie die Liebe, die Eroberungen und was damit in Verbindung steht, wie Toilette, Tanz u. s. w.

Je edler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife. Der Mann erlangt die Reife seiner Vernunft und Geisteskräfte kaum vor dem acht und zwanzigsten Jahre; das Weib mit dem achtzehnten. Aber es ist auch eine Vernunft danach: eine gar knapp gemessene. Daher bleiben die Weiber ihr Leben lang Kinder, sehn immer nur das Nächste, kleben an der Gegenwart, nehmen den Schein der Dinge für die Sache und ziehn Kleinigkeiten den wichtigen Angelegenheiten vor. Die Vernunft nämlich ist es, vermöge deren der Mensch nicht, wie das Thier, bloß in der Gegenwart lebt, sondern Vergangenheit und Zukunft übersieht und bedenkt; woraus dann seine Vorsicht, seine Sorge und häufige Beklommenheit entspringt. Der Vortheile, wie der Nachtheile, die Dies bringt, ist das Weib, in Folge seiner schwächern Vernunft, weniger theilhaft; vielmehr ist derselbe ein geistiger Myops, indem sein intuitiver Verstand in der Nähe scharf sieht, hingegen einen engen Gesichtskreis hat, in welchen das Entfernte nicht fällt; daher eben alles Abwesende, Vergangene, Künftige, viel schwächer auf die Weiber wirkt, als auf uns, woraus denn auch der bei ihnen viel häufigere und bisweilen an Verrücktheit grenzende Hang zur Verschwendung entspringt. Die Weiber denken in ihrem Herzen, die Bestimmung der Männer sei, Geld zu verdienen, die ihre hingegen, es durchzubringen; wo möglich schon bei Lebzeiten des Mannes, wenigstens aber nach seinem Tode. Schon daß der Mann das Erworbene ihnen zur Haushaltung übergiebt, bestärkt sie in dem Glauben. – So viele Nachtheile Dies alles zwar mit sich führt, so hat es doch das Gute, daß das Weib mehr in der Gegenwart aufgeht, als wir, und daher diese, wenn sie nur erträglich ist, besser genießen, woraus die dem Weibe eigenthümliche Heiterkeit hervorgeht, welche sie zur Erholung, erforderlichen Falles zum Troste des sorgenbelasteten Mannes eignet.

In schwierigen Angelegenheiten, nach Weise der alten Germanen, auch die Weiber zu Rathe zu ziehn, ist keineswegs verwerflich: denn ihre Auffassungsweise der Dinge ist von der unsrigen ganz verschieden und zwar besonders dadurch, daß sie gern den kürzesten Weg zum Ziele und überhaupt das zunächst Liegende ins Auge faßt, über welches wir, eben weil es vor unserer Nase liegt, meistens weit hinwegsehn; wo es uns dann Noth thut, darauf zurückgeführt zu werden, um die nahe und einfache Ansicht wieder zu gewinnen. Hiezu kommt, daß die Weiber entschieden nüchterner sind, als wir; wodurch sie in den Dingen nicht mehr sehn, als wirklich da ist; während wir, wenn unsere Leidenschaften erregt sind, leicht das Vorhandene vergrößern, oder Imaginäres hinzufügen.

Aus der selben Quelle ist es abzuleiten, daß die Weiber mehr Mitleid und daher mehr Menschenliebe und Theilnahme an Unglücklichen zeigen, als die Männer: hingegen aber im Punkte der Gerechtigkeit, Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, diesen nachstehn. Denn in Folge ihrer schwachen Vernunft übt das Gegenwärtige, Anschauliche, unmittelbar Reale eine Gewalt über sie aus, gegen welche die abstrakten Gedanken, die stehenden Maximen, die festgefaßten Entschlüsse, überhaupt die Rücksicht auf Vergangenheit und Zukunft, auf Abwesendes und Entferntes, selten viel vermögen.

Demgemäß wird man als den Grundfehler des weiblichen Charakters Ungerechtigkeit finden. Er entsteht zunächst aus dem dargelegten Mangel an Vernünftigkeit und Ueberlegung, wird zudem aber noch dadurch unterstützt, daß sie, als die schwächeren, von der Natur nicht auf die Kraft, sondern auf die List angewiesen sind: daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen. Denn, wie den Löwen mit Klauen und Gebiß, den Elephanten mit Stoßzähnen, den Eber mit Hauern, den Stier mit Hörnern und die Sepia mit der wassertrübenden Tinte, so hat die Natur das Weib mit Verstellungskraft ausgerüstet, zu seinem Schutz und Wehr, und hat alle die Kraft, die sie dem Manne als körperliche Stärke und Vernunft verlieh, dem Weibe in Gestalt jener Gabe zugewendet. Die Verstellung ist ihm demnach angeboren, deshalb auch fast so sehr dem dummen, wie dem klugen Weibe eigen. Von derselben bei jeder Gelegenheit Gebrauch zu machen ist ihm daher so natürlich, wie jenen Thieren, bei Angriff, sogleich ihre Waffen anzuwenden, und empfindet es sich dabei gewissermaßen als seine Rechte gebrauchend. Darum ist ein ganz wahrhaftes, unverstelltes Weib vielleicht unmöglich. Eben deshalb durchschauen sie fremde Verstellung so leicht, daß es nicht rathsam ist, ihnen gegenüber, es damit zu versuchen. – Aus dem aufgestellten Grundfehler und seinen Beigaben entspringt aber Falschheit, Treulosigkeit, Verrath, Undank u. s. w. Der gerichtlichen Meineide machen Weiber sich viel öfter schuldig, als Männer. Es ließe sich überhaupt in Frage stellen, ob sie zum Eide zuzulassen sind. – Von Zeit zu Zeit wiederholt sich überall der Fall, daß Damen, denen nichts abgeht, in Kaufmannsläden etwas heimlich einstecken und entwenden.

Weil im Grunde die Weiber ganz allein zur Propagation des Geschlechts da sind und ihre Bestimmung hierin aufgeht; so leben sie durchweg mehr in der Gattung, als In den Individuen, nehmen es in ihrem Herzen ernstlicher mit den Angelegenheiten der Gattung, als mit den individuellen. Dies giebt ihrem ganzen Wesen und Treiben einen gewissen Leichtsinn und überhaupt eine von der des Mannes von Grund aus verschiedene Richtung, aus welcher die so häufige und fast normale Uneinigkeit in der Ehe erwächst.

Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzheinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit. Mit mehr Fug, als das schöne, könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen. Weder für Musik, noch Poesie, noch bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig Sinn und Empfänglichkeit; sondern bloße Aefferei, zum Behuf ihrer Gefallsucht, ist es, wenn sie solche affektiren und vorgeben. Das macht, sie sind keines rein objektiven Antheils an irgend etwas fähig, und der Grund hievon ist, denke ich, folgender. Der Mann strebt in Allem eine direkte Herrschaft über die Dinge an, entweder durch Verstehen oder durch Bezwingen derselben. Aber das Weib ist immer und überall auf eine bloße indirekte Herrschaft verwiesen, nämlich mittels des Mannes, als welchen allein es direkt zu beherrschen hat. Darum liegt es in der Weiber Natur, Alles nur als Mittel, den Mann zu gewinnen, anzusehn, und ihr Antheil an irgend etwas Anderem ist immer nur ein simulirter, ein bloßer Umweg, d. h. läuft auf Koketterie und Aefferei hinaus.

Sie sind sexus sequior [das geringere Geschlecht], das in jedem Betracht zurückstehende, zweite Geschlecht, dessen Schwäche man demnach schonen soll, aber welchem Ehrfurcht zu bezeugen über die Maßen lächerlich ist und uns in ihren eigenen Augen herabsetzt. Als die Natur das Menschengeschlecht in zwei Hälften spaltete, hat sie den Schnitt nicht gerade durch die Mitte geführt. Bei aller Polarität ist der Unterschied des positiven vom negativen Pol kein bloß qualitativer, sondern zugleich ein quantitativer. – So haben eben auch die Alten und die orientalischen Völker die Weiber angesehen und danach die ihnen angemessene Stellung viel richtiger erkannt als wir mit unsrer altfranzösischen Galanterie und abgeschmackter Weiberveneration, dieser höchsten Blüthe christlich-germanischer Dummheit, welche nur gedient hat, sie so arrogant und rücksichtslos zu machen, daß man bisweilen an die heiligen Affen in Benares erinnert wird, welche, im Bewußtsein ihrer Heiligkeit und Unverletzlichkeit, sich Alles und Jedes erlaubt halten.

Joseph Roth ¦ Der Gesang des Bettlers ¦ Deutschland über alles

Joseph Roth – Der Gesang des Bettlers

OpenClipartVectors
OpenClipartVectors

Vorwärts, 2. 12. 1923

An einer Kurfürstendammecke hörte ich einen Bettler »Deutschland über alles«, die »Wacht am Rhein«, »Heil dir im Siegerkranz« singen. Der Wind fegte wütend durch die Nacht, grausam stieg die Kälte von den Pflastersteinen auf, Passanten wehten, von ihr getrieben, vorbei und spät war es. Welchen Sinn konnte hier, an dieser teils gemiedenen, teils eilig passierten Ecke ein Betteln haben und welchen Gewinn brachte es? – Es schien, als hätte der Bettler hier Dienst, um ihn war die Einsamkeit eines nächtlichen Wachtpostens, und nur eine Disziplin, der militärischen ähnlich und verwandt, konnte ihn hier ausharren lassen. Ja, der Bettler glich einem Soldaten, der einen undankbaren, harten und unhygienischen Dienst versieht, ohne die Gründe und den Zweck seiner Tätigkeit zu kennen. Und wie eine Militärkapelle, die Gedanken an Heldentod musikalisch zu betäuben, lustige und patriotische Märsche spielt, wenn die Soldaten den Giftgasen und der Vernichtung entgegengehen, so sang die Kehle dieses Bettlers heldenhafte Lieder, während seinem Magen der Hunger und seinen Lungen die tödliche Entzündung drohten. Weshalb sang er nicht, wenn er schon durchaus singen mußte, von der bitteren Not seiner Tage? Wen hoffte er mit patriotischen Gesängen bis zur tätigen Barmherzigkeit zu rühren? Glaubte er, die nationale Gesinnung eines Passanten wäre stärker als Kältegefühl, Furcht vor Verkühlung und Sehnsucht nach dem warmen Bett? Wußte er nicht, daß gerade die nationalen Gesang liebenden Patrioten (wie die deutsche Industrie und ihr Gefolge) am kärglichsten zu spenden pflegen? Und was gingen nun ihn, den frierenden, hungernden, obdachlosen Bettler der Rhein und der Siegerkranz an? Wie konnte er sein persönliches Weh so unkennbar verbergen hinter dem musikalischen Ausdruck einer patriotischen Gesinnung? Ich kann nicht annehmen, daß der herrliche Gesang, der Schwung der Melodie, der mitreißende Text den Bettler seine traurige Situation vergessen ließen. Ich habe patriotische Lieder schon oft gehört: Studenten sangen sie, wohlgenährte Bürger in den Dielen, Offiziere und jene ganze Klasse, deren besonderes Vorrecht der akustische Patriotismus ist; die singen kann, weil sie essen darf.
Dieser Bettler aber sang zu Unrecht. Er hätte ungefähr singen sollen: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß…« oder das Hungerlied aus den Webern oder jenes Weberlied von Heine, in dem von Alldeutschlands Leichentuch die Rede ist… Solche Lieder würden nicht nur der Situation des Bettlers entsprechen, sondern auch der Stimmung jener Straßenecke und der augenblicklich aktuellen europäischen Politik.
Der Bettler ist bestimmt falsch instruiert; jemand muß ihm gesagt haben, daß die Konjunktur nationalen Gesang erheische.
Das stimmt allerdings, nicht aber an den Straßenecken. Die Konjunktur für patriotische Musik blüht in den Herzen der Fabrikanten und in den Tanzdielen. Patriotischer Gesang ohne Sekt ist wie eine Militärkapelle, hinter der keine Kompagnie marschiert.
Oder sollte der Bettler wirklich aus Begeisterung singen? Flüchtet er vor seinem Elend in den Patriotismus? Und singt, um nicht zu schreien? Und wird kriegerisch, weil er kein Empörer sein darf? Dann ist er symbolisch. Millionen singen in Deutschland: Heil dir im Siegerkranz. Und ihr Leiblied müßte lauten: Wer nie sein Brot mit Tränen aß…

trennlinie2

Joseph Roth – Der Neue Tag – Reportagen
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Hrsg.: Ingeborg Sültemeyer – 1970

Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦ Lermontovs und Puschkins Dichtung

¦Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦
Lermontovs und Puschkins Dichtung

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“right“]Maria Aronov[/avatar]

Auf der Beerdigung von Puschkin sagte Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (russischer Schriftsteller und Komponist) folgendes: „ Die Sonne der russischen Poesie ist untergangen. Lermontov kam, um Puschkin abzuwechseln, wie der Mond kommt, um die Sonne abzuwechseln.“
Puschkin und Lermontov hatten eins gemeinsam – das große Talent zu schreiben und zu dichten. Beide Schriftsteller und Dichter lernten die bitteren Seiten des Lebens kennen – Betrug, Verrat und Verfolgung. Während diese Erfahrungen, die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben und die tiefe Enttäuschung Lermontovs Gedichte dominieren, erstrahlen die von Puschkin, auch wenn sie ebenfalls die schmerzhafte Welt darstellen, voller Hoffnung, handeln von seiner Lebenslust. Genau das ist der Grund, weshalb Puschkin mit der Sonne und sein Nachfolger mit dem Mond verglichen werden.
Die Lyrik des „mystischen Dichters“ spiegelt seinen Seelenzustand in den Mondstrahlen wieder. Das sinnlose Sein auf der Erde und der tief sitzende Schmerz, nichts in dieser Welt ändern zu können, verleiten den Poeten zur finsteren Dichtung.

GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 - 93) - ILLUSTRATION ZUM GEDICHT "DER TRAUM" VON M. LERMONTOW - Staatliches Museum Moskau
GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 – 93) – ILLUSTRATION ZUM GEDICHT „DER TRAUM“ VON M. LERMONTOW – Staatliches Museum Moskau

Im Kaukasus, wohin Lermontov zum zweiten Mal verbannt wurde, diesmal nach der Widmung an Puschkin „Der Tod des Poeten“, erlebte der Poet eine besonders schwere Lebensphase. Zu dieser Zeit, als er auch seinen baldigen Tod verspürte, ist eines seiner letzten Gedichte „Der Traum“ entstanden.
Dieses Gedicht enthält keine autobiographischen Züge. Es ist vielmehr ein Einblick Lermontovs in sein eigenes Schicksal. Es lässt sich aber behaupten, dass die Grundidee für dieses Gedicht der wichtigste Traum des Poeten war – die Erkenntnis des Seelenfriedens und der wahren Liebe.
Das Gedicht lässt sich in zwei Teile zerlegen. Im ersten Teil sieht man das landschaftliche Bildnis des Südens von Daghestan:

„In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoss;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloss.
Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt ich ewigen Schlaf…“

Der Autor beschreibt eine raue und beschwerliche Landschaft. Diese tritt als eine Art feindliche und tödliche Macht auf. Die Felsen umringen ähnlich den Mauern eines Gefängnisses den sterbenden Dichter.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine große Feierlichkeit, die dem Poeten im Traum erscheint:

„Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir…“

Neben Lermontov und gleichzeitig der Hauptfigur seines Gedichts, der sich am Rande des Lebens und Todes befindet, taucht in der zweiten Hälfte seiner Dichtung ebenfalls sein Wunschbild einer geliebten Frau auf, die seinen Tod verspürte:

„Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum…“

Der Aufbau des Gedichts „Der Traum“ ist kompliziert, da es eine spiegelnde Komposition enthält. Boris Eikhenbaum (Gelehrter und Historiker der russischen Literatur) bezeichnete den Aufbau des Gedichts als „widerspiegelnd“; als wären es zwei Spiegel, die gleichzeitig die verschiedenen Schicksale der beiden Figuren zurückwerfen: zuerst sieht die Hauptfigur im Traum seine geliebte Frau, die später wiederum von ihm träumt:

„Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.“
(Übersetzt von Hans Gerschmann)

Somit zeigt uns der Autor das Gedicht auf zwei verschiedene Weisen – einmal wird der Standpunkt der Hauptfigur, des Dichters selbst präsentiert, dann wird die Sichtweise seiner Liebsten gezeigt.
In „Der Traum“ vollendet Lermontov die Gestalt einer idealen Liebe. Auch, wenn er diese Liebe nur in seinem Todestraum findet, hat er es trotzdem geschafft, sie zu entdecken. Diese gibt ihm die Möglichkeit dazu, dem Tod etwas mutiger und hoffnungsvoller zu begegnen.
Das Gedicht eröffnet den Lesern den Zustand Lermontovs Seelenwelt, die sich hinter keiner Maske versteckt. Er offenlegt seine Sehnsucht nach dem erlösenden Tod.
Erleuchtend wie die Strahlen der Sonne schreibt auch Puschkin in seinem Gedicht „Die längst verschollene Lust vergangener Tage“, wie schwer sein Herz von der Last des Schmerzes wurde. Im Gegensatz zu Lermontov will er sich jedoch von dem Band des Lebens nicht lösen.
Puschkins Gedicht lässt sich auch in zwei Teile splitten. Der erste Teil seines Gedichts erzählt vom Kummer der alten Tage und seiner tief im Herzen sitzenden Sorgen:

„Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt…“

Durch die qualvollen „vergangenen Tage“ weiß der Dichter, dass auch seine Zukunft nicht anders ausschauen wird:

„Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.“

Der zweite Teil seines Gedichts repräsentiert Puschkins lebensbejahende Natur. Darin zeigt er, wie sehr er das Leben zu schätzen weiß. Nach Puschkin gehören das Denken und das damit verbundene Leiden unausweichlich zur menschlichen Existenz:

„Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden…“

Puschkin schaut auch den schweren Zeiten des Lebens positiv entgegen, denn sie sind es, die das Leben interessant und farbenfroh gestalten. Ohne sie wüssten wir nicht, was Glück und Freude bedeuten. Er weiß, dass das Leben voller Dynamik ist und auch „der Sturm“ vergehen wird. Umso wertvoller werden für ihn die schönen Momente des Seins:

„Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen…“

Sogar die letzten zwei Zeilen des Gedichts offenbaren Puschkins Optimismus, der sich hin bis zum Tod erstreckt:

„Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.“
(Übersetzt von Friedrich Martin Bodenstedt)

Puschkin und Lermontov gingen zwei verschiedene Wege der Poesie. Beide Seelenwelten – die der Mond- und Sonnenstrahlen führen jedoch zu einem gemeinsamen Nenner, dem sich im Himmel befindenden Genie.

Maria Aronov: Die Spiele des Bösen & Lermontovs Widmung an Puschkin

Die Spiele des Bösen &
Lermontovs Widmung an Puschkin

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“]Maria Aronov[/avatar]

Puschkins Leben blühte in seinen Werken und verwelkte durch die Einflüsse von außen. Nach der Begnadigung durch den Zaren Nikolaus I stand Puschkin trotzdem unter permanenter Überwachung der Geheimpolizei. Er wurde seiner Freiheit beraubt, da für ihn ab diesem Moment sehr viele Einschränkungen galten. Puschkins Freundschaft mit den Teilnehmern des Dekabristenaufstands machten den Hof und die Regierung sehr misstrauisch.

Seine Werke wurden durch den Zaren persönlich zensiert, seine Briefe geöffnet und seine Reisen mussten bewilligt werden. So gibt es viele Mutmaßungen, was Puschkins Tod angeht. Einige Theoretiker sehen in dem Duell Puschkins gesuchte Erlösung von dem qualvollen Leben. Die Anderen gehen davon aus, dass es sich bei dem Duell um eine Hofintrige handelte, bei der d’Anthès als Gehilfe benutzt wurde, um den Dichter als politischen Gegner loszuwerden.

Mikhail Lermontov
Mikhail Lermontov

Bereits wenige Tage nach Puschkins Tod beim Duell am 10. Februar 1837 (nach gregorianischem Kalender), widmete ihm Lermontov ein Gedicht, das er „Der Tod des Dichters“ nannte. Nach der Verbreitung seiner Handschriften wurde er zu einem Militärregiment in den Kaukasus verbannt.

Die bitteren Seiten der Hof- Gesellschaft kennend, erzählt Lermontov in seinem Gedicht, wie falsch und grausam unsere Welt ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Hofgesellschaft, die nicht in den Schatten eines Poeten gestellt werden wollte. Nach und nach wurde die zarte und gerechte Seele Puschkins zerstört. Er wurde zum Opfer von grausamen Intrigen und Verleumdungen.

In Lermontovs Augen gibt es nur ein wahres Gericht, nämlich das des Gottes, denn nur Gott allein ist in der Lage, gerecht zu entscheiden. In unserer Welt ist dagegen alles lügnerisch, nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus den Zeilen des Gedichts wird auch sichtbar, dass Lermontov anti Monarchen war. Diese stellten nämlich eine Gefahr für die Freiheit und dem mit ihr unwiderruflich verbundenen Genie dar. Wie Geier warten sie auf das Aas, um auf den Thron zu fliegen, treiben heimtückische Machenschaften und erkaufen sich ein schönes Leben gar vor dem Gericht.

Puschkins Untergang schien unausweichlich. Auch wenn er aus dem Duell als Sieger hervorgegangen wäre, hätte man sich früher oder später seiner entledigt.

Für Lermontov bleibt jedoch der wahre Sieger des Duells der Poet. Schon in den ersten Zeilen des Gedichts schreibt er mit Stolz darüber, dass die Bösen und ihre Nachkommenschaft später sehen werden, wer der eigentliche Verlierer ist.

Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.
Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.

Hier einige Fragmente aus Lermontovs Widmung an Puschkin.

Der Tod des Dichters
von Michail Jurjewitsch Lermontov

Aus Rache, Fürst, aus Rache …

Sei gerecht und bestrafe den Mörder, damit seine Hinrichtung in den späten Jahrhunderten dein gerechtes Gericht und die Nachricht des Sieges den Nachkommen überbringt.

So können die Bösen in ihr ein Beispiel sehen.

Der Poet, der Sklave der Ehre, ist ums Leben gekommen. Er ist gefallen durch verleumderische Gerüchte. Mit Blei im Herzen, dem Durst nach Rache und dem sinkenden Haupt ist er zugrunde gegangen. Die Seele des Poeten hat die Schande der kleinlichen Vergehen nicht ertragen. Er trat alleine den Meinungen der Gesellschaft entgegen und ist auch alleine getötet worden.

Wozu jetzt das Heulen und des Lobs unnötiger Chor? Wozu noch das Geklapper der Rechtfertigung? Das Urteil des Schicksals hat sich erfüllt.

Ihr habt ihn und seine freie, tapfere Gabe gehetzt und habt zur Belustigung jedes erzählte Detail über ihn zu einer Flamme aufgeblasen.

Nun, erfreut euch! Er konnte die letzten Qualen nicht ertragen und das wunderbare Genie ist wie eine Lichtquelle erlischt. Verwelkt ist der feierliche Kranz. Sein Mörder hat den Todesschlag kaltblütig ausgeführt. Es gibt keine Rettung!

Lachend hat er der Erde fremde Sitten und Sprache verachtet. Er konnte unseren Ruhm nicht schonen. Er konnte in dem blutigen Augenblick nicht verstehen, wogegen er überhaupt die Hand erhob.

Wozu hat er seine Hand wertlosen Verleumdern gereicht? Warum hat er falschen Worten und Liebkosungen geglaubt? Er, der bereits in den jungen Jahren eine hervorragende Menschenkenntnis hatte.

Vergiftet sind seine letzten Augenblicke durch heimtückisches Flüstern der Unwissenden. Gestorben ist er mit vergeblichem Durst nach Rache und der Enttäuschung der heimlich betrogenen Hoffnungen.

Der Schall der wunderbaren Lieder wurde zum Schweigen gebracht. Nie wieder werden sie erklingen. Die Bequemlichkeit des Sängers ist düster und eng. Auf seinen Lippen ist ein Siegel. Und ihr, arrogante Nachkommen der durch Gemeinheiten bekannt gewordenen Väter, steht Schlange wartend auf den Thron, ihr seid nichts als Henker der Freiheit, des Rums und des Genies! Ihr beruft euch immer auf die Gesetze, doch vor euch schweigen das Gericht und die Wahrheit.

Aber eines habt ihr vergessen:

Es gibt noch das Gericht Gottes, das Ehrfurcht erregende Gericht. Gott kennt die Gedanken und die Taten schon im Voraus.

Ihr werdet es alle nicht schaffen, mit eurem schwarzen Blut das gerechte Blut des Poeten wegzuwischen.

Übersetzt von Maria Aronov

trennlinie2

Weitere Beiträge zu Mikhail Lermontov im Magazin.

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Ge