Kategorie: Lyrische Hausapotheke

Oskar Loerke Φ Die Kindermurmel Φ Lyrik

Die Kindermurmel

1
Sie ruht sich aus in einer Hand voll Narben.
Das Glas durchscheinen Güsse vieler Farben.

Der gelbe hier gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.

Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl führen wir? auf welchen Kähnen?

Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen

Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.

2
Der gelbe Strang gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.
Darunter schläft ein März mit seinem Weben,
Behorcht von einem Knaben, der mir ähnelt.
Ein Feuer singt in weißer Bretter Kiene,
Von Regenweite spricht der Mund der Röhren,
Und ihre Tropfen schlägt der Wind zu Schnee.
Und Hoffnung war. Das ist nun abgeschlossen,
Als wäre es im Spiegelglas geblieben,
Doch außen vor dem Spiegel ist nichts mehr.

3
Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl fahren wir? auf welchen Kähnen?
Am Quellenende träumt der Knabe wieder;
Umgeben von den schmalen Widerscheinen
Der lotrecht aufgeschoßnen Erlen, geht er
Im Honigduft Grausilbervlies der Raupen
Zum Wasserspiel vom roten Baste lösen.
Nun kühlt er seine Hand im Blütenbaume,
Des Schnee mitunter leise trauernd klang.

4
Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen
Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.
Der blüht nun eine Ewigkeit entlegen.
In ihren Gärten sucht sich selbst der Knabe.
Der Junimond geht wie ein Wohlgefallen,
Dann fahren auch die letzten Vogelnester
Zum Bausch des Dunkels ein, doch er bleibt wachen,
Muß immer wiederkehren zu dem Takte,
Der immer wiederkehrt in einem Leben.


Oskar Loerke: Atem der Erde – Poesie – 1930

Joseph von Eichendorff ‡ Zwielicht ‡ 1812

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau´n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

Joseph von Eichendorff – 1812

Michail Lermontow φ WARUM

WARUM

Ich bin traurig, weil ich dich liebe –

Und ich weiß, der Bosheit Zunge
Wird dein Leben, auch das junge,
Nicht verschonen, so blühend es ist.

Ich bin traurig, weil ich dich liebe –

Jeglichen Tag, heiter und rein,
Jeglichen süßen Augenblick,
Ach, mit Tränen und tiefster Pein
Mußt du ihn zahlen dem Geschick.

Ich bin traurig, weil du fröhlich bist.

(Übersetzt von: Georg Herwegh)

Michael Jurjewitsch Lermontow – Mädchen haben wir…

Mädchen haben wir, ich weiß,
Ihre Augen sind wie Sterne;
Lieben, ja, das will ich gerne,
Doch nicht um der Freiheit Preis.
Wer sich einmal nimmt ein Weib,
Geht der ganzen Welt verloren,
Ach, und bald hängt er die Ohren
Gibt’s wohl lust’gen Zeitvertreib?

 


Michael Jurjewitsch Lermontow (1814 – 1841 (im Duell)), russischer Offizier, Schriftsteller und Lyriker, wurde zweimal strafweise in den Kaukasus versetzt, war Hauptrepräsentant der russischen Romantik nach Puschkin

Michail Lermontow ψ Es strahlt der Blick

    Es strahlt der Blick in deinem Auge
    Azurnen Himmelsgruß,
    Und deine Stimme tönt Verheißung
    Gleich erstem Liebeskuß.

    Für eines deiner Zauberworte,
    Für einen einzigen Blick
    Gäb ich dahin den Damaszener,
    Des Kriegers Stolz und Glück.

    Wohl blitzt mir Mut ins Herz die Klinge,
    Wohl weckt ihr heller Klang
    Das Blut zu stürmisch heißer Wallung,
    Zu jugendkühnem Drang –

    Doch bringt der Kampf und Streit des Lebens
    Mir künftig mehr kein Glück:
    Denn Frieden tönt aus deiner Stimme
    Und Frieden strahlt dein Blick!

(Übersetzt von: Friedrich Fiedler)

Michail Lermontow Θ DAS BLATT Θ LYRIK

DAS BLATT

    Es ward einst ein Blatt von der heimischen Eiche geschlagen
    Und ward von dem Sturme zur baumleeren Steppe getragen;
    Es welkte vor Gram und vor Hitze und Kälte geschwind,
    Da trug es endlich zum Schwarzen Meere der Wind.

    Hier sieht es am Meer eine junge Platane aufsteigen –
    Sanft säuselt der Wind durch die Blätter und spielt mit den Zweigen;
    Es wiegen Paradiesvögel sich auf den Ästen und singen,
    Der Meeresprinzessin zum Ruhm ihre Lieder erklingen.

    Schüchtern naht sich das wandernde Blättchen
    dem blühenden Baume
    Und fleht um Obdach und Schutz in dem schattigen Raume,
    So spricht es: »Ich bin das verwaiste Blatt einer Eiche,
    Vom Sturme entrissen der Heimat rauhem Bereiche;

    Ganz einsam und ziellos, so flog ich im endlosen Kummer,
    Nicht Obdach konnte ich finden, nicht Nahrung noch
    Schlummer –
    In deinen smaragdenen Blättern erlös mich der Plagen,
    Ich will dir’s vergelten; kenn viele Geschichten und Sagen…«

    »Du, heb dich hinweg!« sprach der Baum – »du bist
    von den Wettern
    Vergilbt und verdorrt und gleichst nicht meinen
    übrigen Blättern.
    Hast vieles gesehn, doch was soll ich mit deinem Erzählen?
    Ich muß mich genug mit dem Singsang der Vögel schon quälen.

    Nein, geh deinen Weg – bei mir wirst du umsonst dich bemühen!
    Mich liebt die Sonne – und ihr nur gehört mein Blühen;
    Stolz sind meine Zweige empor zum Himmel gebogen,
    Die Wurzeln mir waschen des Meeres dienstbare Wogen.«

(Übersetzt von: Friedrich Bodenstedt)

Michail Lermontow ♦ Ein Traum ♦ Lyrik

EIN TRAUM

    In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoß;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloß.

Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt im ewigen Schlaf.

Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir.

Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum.

Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.

(Übersetzt von: Hans Gerschmann)

Friedrich Rückert Ξ Eine Parabel aus dem Syrerland Ξ Lyrik

Friedrich Rückert
Parabel

Es ging ein Mann im Syrerland,
Führt‘ ein Kamel am Halfterband.
Das Tier mit grimmigen Gebärden
Urplötzlich anfing, scheu zu werden,
Und tat so ganz entsetzlich schnaufen,
Der Führer vor ihm mußt‘ entlaufen.
Er lief und einen Brunnen sah
Von ungefähr am Wege da.
Das Tier hört er im Rücken schnauben,
Das mußt‘ ihm die Besinnung rauben.
Er in den Schacht des Brunnens kroch,
Er stürzte nicht, er schwebte noch.
Gewachsen war ein Brombeerstrauch
Aus des geborstnen Brunnens Bauch;
Daran der Mann sich fest tat klammern,
Und seinen Zustand drauf bejammern.
Er blickte in die Höh‘, und sah
Dort das Kamelhaupt furchtbar nah,
Das ihn wollt oben fassen wieder.
Dann blickt er in den Brunnen nieder;
Da sah am Grund er einen Drachen
Aufgähnen mit entsperrten Rachen,
Der drunten ihn verschlingen wollte,
Wenn er hinunterfallen sollte.
So schwebend in der beiden Mitte
Da sah der Arme noch das Dritte.
Wo in die Mauerspalte ging
Des Sträuchleins Wurzel, dran er hing,
Da sah er still ein Mäusepaar,
Schwarz eine, weiß die andere war.
Er sah die schwarze mit der weißen
Abwechselnd an der Wurzel beißen.
Sie nagten, zausten, gruben, wühlten,
Die Erd‘ ab von der Wurzel spülten;
Und wie sie rieselnd niederrann,
Der Drach im Grund aufblickte dann,
Zu sehn, wie bald mit seiner Bürde
Der Strauch entwurzelt fallen würde.
Der Mann in Angst und Furcht und Not,
Umstellt, umlagert und umdroht,
Im Stand des jammerhaften Schwebens,
Sah sich nach Rettung um vergebens.
Und, da er also um sich blickte,
Sah er ein Zweiglein, welches nickte
Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;
Da konnt‘ er doch der Lust nicht wehren.
Er sah nicht des Kameles Wut,
Und nicht den Drachen in der Flut,
Und nicht der Mäuse Tückespiel,
Als ihm die Beer‘ ins Auge fiel.
Er ließ das Tier von oben rauschen,
Und unter sich den Drachen lauschen,
Und neben sich die Mäuse nagen,
Griff nach den Beerlein mit Behagen,
Sie däuchten ihm zu essen gut,
Aß Beer auf Beerlein wohlgemut,
Und durch die Süßigkeit im Essen
War alle seine Furcht vergessen.Weiterlesen

Theodor Fontane ‡ Das Trauerspiel von Afghanistan ‡ 1859 ‡ Mit Dank an Maximilian Bloch

Theodor Fontane
Das Trauerspiel von Afghanistan
1859

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«

Johannes Theodor Baargeld Ψ (Es war einmal ein rares Kind) Ψ Lyrik und Prosa des Zentrodada

(Es war einmal ein rares Kind)

Es war einmal ein rares Kind,
Das war, wie solche Vöglein sind:
Sie wachsen und gedeihen
Und füttern ihre Eigenart
Vom alten Jahr zum neuen.

Es irrt der Mensch, solang er lebt,
Und Manches seltsam an ihm klebt,
Zumal wenn er nach Geistigem strebt;
Doch peinlich ist es immer,
Besteht sein ganzer Geistesschwanz
Aus allerfaulstem Flimmer.

Gib Mensch, solang Du geben kannst,
Bedenk zuletzt den eignen Wanst!
Wie schön wär’s unter Christen,
Lenkt nicht solch Vöglein eigner Art
Ins saubre Christennest die Fahrt:
Die Frucht aus seinem Nisten
darf dann der Christe misten.

Drum Mensch, siehst Du solch Vöglein ziehn
Dank Gott, wenn Winde er verliehn,
Die in die Täler streichen:
Denn zieht das Tierchen bei Dir ein,
So ist’s zum Herzerweichen.

Johannes Theodor Baargeld Φ 26 doch simpel Φ Lyrik und Prosa des Zentrodada

Das menschliche Auge und ein Fisch, letzterer versteinert, 1920 - Johannes Theodor Baargeldtrennlinie226 doch simpel

26 Lautzeichen, I guess, allerdings als Handhabe errungenschaftlich simpel. Wer erwärmte sich nicht für sich, um rein dazustehen. Adonismus, jene verschämte Hilfsstellung der zwei Finger, mag hier als Infantilperversion das präejakulative Erkenntnis noch aufkitzeln. Auf jeden Fall: Was jene sozialen Fertigkeiten anbelangt, wird man sich doch wohl noch als Brennscheere denken können, und sieht sich zwangsläufig das Befriedigungsalphabet nach bestem Können zur Weltanschauung ondulieren. Es ist wesentlich, als Maßstab dort das Können tierstimmimitatorisch bauchzujodeln, wo es nur terminologisch vorhanden und als Reflexion (secretio inferior impotentiae) gesellschaftswertet wird, um festzustellen, daß diesartige Reflexionen lediglich die lustreiberische Auskosung jener spärlichen Nurnochreizanläufe sind, die man sich noch für eine zeitlang mit verstohlener Koketterie zuspricht. Also von vulgärster Langeweile und bestenfalls erträglich verlogen. – 1920


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Ernst Stadler ∗ Der Flüchtling ∗ Lyrik

Der Flüchtling

Da sich mein Leib
in jener Gärten Zaubergrund verirrte,
Wo blauer Schierling
zwischen Stauden dunkler Tollkirschblüten stand,
Was hilft es, daß ein später Tagesschein
den Knäuel bunter Fieberträume mir entwirrte,
Und durch das Frösteln grauer Morgendämmerungen
sich mein Fuß den Ausweg fand?

Von jener Nächte
frevelvollen Seligkeiten
Gärt noch mein Blut
so wie mit fremdem Fiebersaft beschwert
Und aus dem Schwall der Stunden,
die wie hingejagte Wolken mir entgleiten,
Bleibt tief mein Traum
wie über blaue Heimatseen in sich selbst gekehrt.

Um meines Lebens
ungewisse Schalen neigen
Und drängen sich die Bilder,
die aus Urwaldskelchen aufgeflogen sind,
Und meine Wünsche wollen,
wilde Vogelschwärme, in die Tannenwipfel steigen,
Und meine Seele schreit,
wehrlose Wetterharfe unterm Wind.


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Gustav Schwab ξ Der Flüchtling ξ 1831 ξ Lyrik

Du wirst mir vor der Seele stehen,
So lang mein Geist noch Bilder treibt,
So lang mein Blick, was er gesehen,
Noch vor sich in die Lüfte schreibt;
Auf feste Schultern hoch gegründet
Ein Haupt, vom Kummer nicht gebeugt,
Die Finger straff zur Faust geründet,
Der Blick aus Licht und Nacht gezeugt.

Vom Sinn gedrängt, schwoll dir die Stimme,
Wie Römerwort herüberschallt;
Ja, deine Rede gab vom Grimme
Des Schicksals uns den Vollgehalt.
Wie Menschenwahn dazugesündigt,
Was Thorheit und Verblendung that,
Ward ruhig klar von dir verkündigt;
Nur donnernd sprachst du vom Verrat:

Von Einem, »der im Heimatgarten
Aufwuchs, ein unfruchtbarer Baum,
Der bei Gelag‘ und schnöden Karten
Verdämmerte des Lebens Traum;
Der in der Knechtschaft schwersten Tagen
Als Greis ein junges Weib gefreit,
Und, seinen Arm um sie geschlagen,
Durchtändelte die Jammerzeit.

Als nun im Fieber seine Ketten
Das kranke Vaterland zerbrach,
Rafft‘ er sich auf, als gält‘ es retten,
Sann, Freiheit jauchzend, er auf Schmach.
Er war der Tyrannei Verwalter
Auf ihrem umgestürzten Thron,
Und ließ sein silberhaarig Alter
Vergolden sich mit Feindeslohn.«

Du riefst: »Weh diesem! der empfinde
Gott als des alten Bundes Gott;
In seinem spätgezeugten Kinde
Büß‘ er den frech getriebnen Spott!
Kein Quell der Pein, der ihm nicht quölle,
Bis ihn hinunterschlingt die Flut;
Und drunten eine eigne Hölle,
Gemeine Qual ist viel zu gut!«

Ernstkräftig wiegtest du den wackern,
Den schwertgewohnten Heldenarm:
»Muß ich auf fremdem Boden ackern,«
Sprachst du, »das thu‘ ich ohne Harm!
Gern irr‘ ich, wie ein Missethäter,
Des Elends Stecken in der Hand,
Nur weit, recht weit von dem Verräter,
Vom unterjochten Vaterland!

O Männer, die mit finstrem Sinnen
Ihr seht, wie unser Würfel fiel,
Glaubt’s: wäre wieder zu beginnen,
Und wieder Untergang das Ziel:
Wir schaarten wieder uns zum Heere,
Wir sprächen: Henker, gürte dich!
Nicht Glück, nicht Ruhm – wir wollen Ehre;
Und von der Ehre zehr‘ auch ich!«

Du sprachst es, grüßtest, und wir drückten
Mit Schmerz die dargebotne Hand,
Und unsre Lippen, durstig, bückten
Sich auf dein staubig Schlachtgewand.
Du gingst, ein herrlicher Verbannter,
Am blut’gen Schwert als Wanderstab,
Des Völkerschicksals Abgesandter,Weiterlesen

Erich Ruhl ♦ Hinwenden oder Ausbrennen ♦ Lyrik vorgelesen

Heinrich-Vogeler-Sehnsucht

 Eine Betrachtung zum Thema Burn-Out von Erich Ruhl

Hinwenden oder Ausbrennen – 2:55 min

trennlinie640

Hinwenden oder Ausbrennen

Die gerade glasklare schnelle Autobahn
Verlockend
Das Ziel vor Augen
Die Strecke kennend
Auf der Strecke bleiben
Die Leistung badet im Erfolg
Die Seele kracht ans Ziel
Nicht ihr Ziel

Ich werde das dann schon schaffen
Nur noch das nächste Ziel
Danach wird es besser
Sagt das Ich
Gewiss

Die weiche atmende unübersichtliche Seele
Flehend
Den Weg vor Augen
Wissend

Das Selbst ruft von innen her
Weiß was gut ist
Nur noch das nächste Ziel
Dann wird das Ich schon merken
Dass es an sich vorbeifährt
Sagt das Selbst
Gewiss

Die Wegweiser der Alltagsmechanik
Schaffen Übersicht
Ziehen die Schrauben an
Daumen hoch
Helfen siegen in der Konkurrenz
Der Kopf obenauf
Stark
Robust
Das Herz verborgen
Die Seele verdorrend

Der Kopf erkennt das Defizit
Wellness Entspannung Oasen
Auf der Agenda des Tages
In der Logik der Leistung

Besser als nichts
Ruft es von innen

Aber
Wo sind die Übergänge
Wo der Haltungswechsel
Wo die barmherzige Hinwendung zu sich
Ohne Ziel
Ohne Leistung
Ohne Abhaken

Leise und zart
Die Signale der Seele
Öffnen Auge und Ohr
Machen hell
Atmen die Mechanik aus
Lassen Stellschrauben sanft purzeln

Lächelnd winken Wanderwegschilder
Nach innen
Ins warme Reich
Als Ziel immer schon vorhanden
Will wohlig erobert werden
Wartet
Wartet schon so lang

Die Ziele konturenstark
Leuchten mächtig
Das Verbrennen auf dem Highway schmerzt
Der Balsam ist draußen nicht
Zu finden
Der Balsam wartet
Wartet innen schon so lang

trennlinie2AUDIOQUELLE: http://www.audiyou.de/beitrag/hinwenden-statt-ausbrennen-7237.html

Emerenz Meier ∑ Gedichte

Emerenz Meier ∑ GedichteHeinrich_Vogeler_Die_Erwartung_(Träume_II)_1912

Zwischen Wachen und Schlafen
Aus leichtem Traum war ich erwacht,
Der Mondschein blickte nieder.
Die Burschen sangen durch die Nacht
Die alten weichen Lieder.

Der nahe Wald barg rauschend sich
In neblige Gewande –
Und wieder fand ich träumend mich
Im stillen Schlummerlande.

Spinnabend
Die Stub ist warm, der Span loht auf,
Nun laßt die Räder kreisen!
Der Bube legt die Zither auf
Und singt die alten Weisen.

Singt von der toten Müllermaid,
Vom jungen Königssohne,
Von scheuer Schmuggler Lust und Leid
Und von der Schlangenkrone.

Die Stube wird zum Märchenland,
Das Spinn zum Zauberrädchen,
Dran spinnen sich ein Feengewand
Die traumbefangnen Mädchen.

Die Zither klingt, das Lied erschallt,
Die Spinnerinnen lauschen.
Und um das Haus der Nordsturm hallt,
Im Schnee die Wälder rauschen.Weiterlesen

Wörterbuch: S wie Sehnsucht

Caspar David Friedrich - Mondaufgang am Meer - 1822trennlinie2
Sehnsucht

Es beginnt immer mit Sehnsucht.
Seele streicheln.
Ein Urlaub wäre,
gäbe es ein paar Tage lang nur gute Nachrichten.
Und das Bauchgefühl,
das würde sich von selbst wieder einstellen.
Ist es doch so wichtig gerade.
Stattdessen lähmen mich schlechte Nachrichten zunehmend.
Ganze Tage lang. Gestern ein verlorener Tag,
heute ein verlorener Tag.
Beide haben nichts miteinander zu tun.
Seit Wochen befinde ich mich in einem Strudel
aus guten Nachrichten und schlechten Nachrichten,
aus Lachen und Tränen, aus Angst und Zuversicht.
Ich wünsche mir ein paar Tage Ruhe.

Sehnsucht.

Hans Schiebelhuth – Vorlautes Blau – Achtung: Lyrik

Hans Schiebelhuth – Vorlautes Blau

Eisberg - polarblau - robynm - pixabay

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O du mein kleines bißchen vorlautes kräftiges Blau,
Wie um dich einzulassen hat sich das Wandwerk der Wolken verschoben
Daß mein durstiges Wesen dich trinkt.

Treublind wie das Auge des Ewigen
Und heiter verheißend blickst du mich an
Sturmblau mit dem fliegenden Sieg …

Du nimmst mich hin du gibst mich mir zurück
Du bist das Bett darin ich Bergstrom wandre
Ich will durch dich zu unserem Meere münden
Ich dank dir süße Erde daß du bist.

Den Hang hinan, den versunkenen Feldsteig geh ich gern
Morgens die eine ewige Stund zwischen Frührauch und Licht
Getönt ist mit duftigen Wolken von Mohn
Und Zichorien und Raden und Labkraut der Rain.
Bald sind auch die Brombeeren blau …

Auf hellem Berg, karger Halde, im Licht,
Wo in Winden, hungrig nach Weite,
Fluggewölk weiß in die Bläue bricht,
Wo im Geländ verklärte Breite
Vogel, Falter, Blume und Stein
[Pan seine stille] Stunde flicht:
Ja, da möchte ich gerne sein,
Ein Einsiedler oder ein
Hirt, der mit sich selber spricht.

Ob ich nah bin oder fern
Jede Nacht –
Sei sie düster, sei sie Stern-bei-Stern –
Stiehlt mein Herz sich fort und gibt sich still
in deines.
Jede Nacht, jede,
Ach, auch wenn ichs sacht
Zu bleiben berede,
Schmiegt es sich gern
Ganz in dich ein.

Wär die Lieb‘ ein kleines
Sichbemühn um Glück,
Braucht sie nicht so heimlich sein …
Und wär’s ein leichter Stück
Für dich, zwei Herzen zu tragen,
Wie hätt‘ ich tags drauf dann ein Herz zurück
Und müßt‘ fragen,
Obs deines, obs meines?

Davon, daß Du es sagst, wird es noch nicht.
Die Lüge ist positiv die einzige Lebenswaffe,
Die uns geblieben ist.

Du weißt, daß ich es für weise halte, die
Mir gemäßen, d. h. meine eigenen
Dummheiten zu begehen.

Sehnsucht nach Etwas, das nur scheint
Oder kaum oder vielleicht sogar gar nicht
Vorhanden ist.

Das Meer, selbst wo es am tiefsten, ist
Eine Pfütze, die man mit dem Fuß aus-
Treten könnte – und der Himmel eine
Decke, so niedrig, daß man sich bücken
Muß um sich nicht den Kopf anzustoßen –

Ich komme mir vor, als hätte ich vergessen
Den Hut abzunehmen, als man die schöne
Leiche des guten Lebens vorübertrug.

Es soll einst ein Grab nur, ein kleiner Hügel,
ansagen auch Du bist gestorben
Bitter mit den Blumen dahin, mir
Ist eine Dornfalte ins Wesen gewachsen, Schmerz, der mich greift.
Und mir selbst bin ich ein Stachel. Es friert das geduldige Herz.
Winter ist’s.

Ach, Asche tragen alle im Haar,
Die auf Vergangenes schauen
Aus Augen blöd und stumpf vom Star,
Drin Gram und Schauer grauen.
Den Sinn vertrübt, verstummt, vergällt
Du wunderlose Wankelwelt.

Wirf in den Wind, was dich bedrückt …

Ich halte es gut, daß du dich trennst
Und du die Qual des Sonderns kennst.
Und gut, daß dich die Bindung freut,
So daß dich drauf die Fessel reut.

Und blind sein mußt, wo jeder blickt,
Und lachen, wo sich Trösten schickt.
Und still stehn kannst, wo alles rollt,
Und taumeln mußt, wo keiner tollt.

Maria Aronov – Ein Gespräch über Lyrik

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria, Du schreibst Gedichte. Was machst Du außerdem?
Neben dem Schreiben unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache. Das ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.

Was bedeutet Dir Sprache? Warum ausgerechnet Lyrik?
Ohne Sprache könnte eine Zivilisation nicht existieren. Bereits in der Bibel wird erwähnt, dass am Anfang das Wort gewesen sei.  Die Sprache ist für mich der Anfang jeder einzelnen Wissenschaft, denn ohne sie könnten wir keine einzige Idee festhalten und verwirklichen.

Warum Lyrik?
Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem man seine Gefühle besser zur Geltung bringen kann und genau dasselbe tut auch die Musik. Die Lyrik ist für mich eine Verbindung zwischen Sprache und Musik und kann jede Laune,  Beobachtung und jeden Traum melodisch ausdrücken.

Was würdest Du einem Menschen, der bisher nichts mit Lyrik anfangen konnte, empfehlen damit er Lust bekommt sich das Dichtwerk zu erschließen?Weiterlesen

Liebe – Erich Mühsam

Albert Weisberger - jugend - 1903 - Illustration zu Dornröschen
Albert Weisberger – jugend – 1903 – Illustration zu Dornröschen

trennlinie2Die Männer, welche Wert auf Weiber legen,
tun dieses leider meist der Leiber wegen.

Man wollte sie zu zwanzig Dingen
in einem Haus in Danzig zwingen.

Da war das Fräulein Liebetraut,
das an den Folgen einer Traube litt.
Quälend rumorten ihre Triebe laut,
weshalb sie schnell in jene Laube tritt.

Dem Mädchen in der Bäckerei
schläft häufig nachts ein Recke bei.

Simon Dach – Preis der Freundschaft

Carl Friedrich Kappstein [1869 - 1933] - Pelikan & Marabupaar

trennlinie2Der Mensch hat nichts so eigen,
So wohl steht ihm nichts an,
Als daß er Treu erzeigen
und Freundschaft halten kann;
Wann er mit seinesgleichen
Soll treten in ein Band,
Verspricht sich nicht zu weichen,
Mit Herzen, Mund und Hand.

Die Red‘ ist uns gegeben,
Damit wir nicht allein
Für uns nur sollen leben
Und fern von Leuten sein;
Wir sollen uns befragen
Und sehn auf guten Rat,
Das Leid einander klagen,
So uns betreten hat.Weiterlesen

Wörterbuch: E wie Endlos

Ferdinand Hodler - Der Blick ins Unendliche - Version 3 - 1903/04

trennlinie2Manchmal müsste man einfach ein Ende setzen.

EndeOhne Punkt, Komma, Wenn und Aber.
Keine Zeitung lesen, keine Mails abfragen, keine Internet-Seiten aufrufen, nicht mehr ans Telefon gehen. Radio aus, Kopf aus.

Ende

Ein Köfferchen packen, ganz klein nur und unnötig. Weil: Ende ist kein Ziel, an dem man einen Pullover für kalte Nächte braucht oder gar eine Unterhose zum Wechseln.
Ein Köfferchen als Alibi, damit man auf dem Weg zum Ende nicht aufgehalten wird. „Jaja, ich verreise, ein Pullover, für kalte Nächte, Sie wissen schon.“ – „Na, dann bis demnächst.“

Demnächst. Ich glaube, das liegt auch so kurz vor Ende.

Also schnappe ich mein Köfferchen und will los laufen, Richtung Ende. Dann stelle ich fest, dass ich gar nicht weiß, wo Ende denn genau ist. Und weil diese blöde Hure Hoffnung an meinen Haaren zerrt und mich zurückzieht, bleibe ich wo ich bin.
Bis das Ende sich zu mir setzt. Oder bis das Leben die Hoffnung kaputt gefickt hat.

Ende

George Gordon Noel Lord Byron – Manfred – Ein dramatisches Gedicht

George Gordon Noel Lord Byron
Manfred
Ein dramatisches Gedicht
Übersetzt von Joseph Emmanuel Hilscher (1804-1837)

manfred - lord byronPersonen

Manfred
Ein Gemsjäger
Der Abt von St.Maurice
Manuel
Herrmann
Die Alpenfee
Arimanes
Nemesis
Die Schiksalschwestern
Geister

Der Schauplatz des Dramas ist in den Hochalpen, teils in Manfreds Schloss, teils in den Gebirgen.

trennlinie2
Erster Akt
Erste Szene

Eine gotische Galerie. Mitternacht
(Manfred allein)

Manfred: Die Lampe muß gefüllt sein; doch auch dann
Brennt sie so lang nicht, als ich wachen muß.
Mein Schlummer – wenn ich schlumm’re – ist nicht Schlaf
Ist nur Verfolg des bleibenden Gedankens,
Dem ich nicht widersteh’n kann; hier im Herzen
Ist wache Nacht; das Auge schließt sich nur,
Um d’rin zu seh’n – – und dennoch lebe ich
Und trage Bild und Form der Atmenden,
Doch Kummer sollte Lehrer sein des Weisen.
Der Gram ist Kenntnis; wer am meisten kennt,
Beklagt am tiefsten die unsel’ge Wahrheit,
Daß der Erkenntnisbaum nicht Lebensbaum ist.
Philosophie und Wissenschaft, die Kräfte
Des Wunders, und die Weisheit dieser Welt
Hab‘ ich geprobt, und hier in meiner Seele
Ist die Gewalt, die sie mir dienstbar macht –
Sie helfen nicht. Ich tat den Menschen Gutes,
Und Gutes auch erfuhr ich unter Menschen –
Es half mir nicht. Ich hatte meine Feinde,
Doch keiner trotzte, mancher fiel vor mir –
Es half mir nicht. Gut oder bös, war Leben,
Kraft, Trieb und Alles sonst in andern Wesen
Für mich nur wie der Regen in den Sand,
Seit jener namenlosen Stunde; – furchtlos
Fühl’ich den Fluch, nicht Menschenfurcht zu haben,
Noch Herzgeklopf durch Hoffnung oder Wunsch,
Noch Liebesdrang zu irgend was auf Erden. –
Doch nun ans Werk!
Ihr mystisch Wirkenden!
Ihr Geister rings des unbegrenzten Alls!
Die ich gesucht in Finsternis und Licht.
Ihr, die ihr rings die Welt umgebend haust
In fein’rer Luft; ihr, denen Wohnung sind
Die Gipfel unersteiglicher Gebirge,
Und Erd- und Meeresschluchten gleich vertraut.
Ich ruf‘ euch auf mit dieser Zauberschrift,
Die mir Gewalt gibt über euch. – Erscheint!
(Pause)Weiterlesen

Der Traum – Charlotte von Ahlefeld

John Atkinson Grimshaw - Mond

trennlinie2Ein seltner Traum hielt magisch mich umfangen
Und zauberte mir Wunderbilder vor.
Des Haines Wipfel rauschten, und es drangen
Die Sterne golden durch der Wolken Flor.
Das Meer war still, und in den weiten Fluthen
Verlohren sich der Abendröthe Gluthen.

Ich wandelte allein am öden Strande,
Und tief im Busen regte sich mein Schmerz.
Ich wünschte mich zurück in ferne Lande –
Des Heimwehs Qualen füllten bang mein Herz.
Den vollen Mond begrüssten meine Thränen,
Denn mich ergriff ein allgewaltig Sehnen.

Da hob sich aus des Meeres dunkler Bläue
Ein leichter Nebel neben mir empor,
Und es erklang wie Geisterton der Weihe
Melodisch eine Sprache meinem Ohr,
Wie nimmer noch mein trunkner Sinn vernommen;
Sie schien aus höhern Räumen herzukommen.

»Was seufzest Du mit bangen Klagetönen
Um das verlassne, ferne Vaterland?
Mit Deinem Loos Dich friedlich zu versöhnen,
Hat mich das Schicksal tröstend Dir gesandt;
So blicke denn mit kindlichem Vertrauen
Zu jenen Sternenhöhen, die wir schauen.

Dort ist die Heimath, die, vom Wahn verblendet,
Der Sterbliche sich schon auf Erden träumt.
Erst wenn sein dumpfes Pflanzenleben endet,
Und aus der Ahndung ihm Erfüllung keimt –
Erst dann gewährt der weisen Vorsicht Hand
In jenen Sphären ihm ein ächtes Vaterland.«

Wie Silberlaut‘ aus Harfensaiten quellen,
So drang die Stimme tief mir in die Brust,
Und hob mich auf des Wohllauts goldnen Wellen
Aus Bangigkeit zu neuer Lebenslust,
Und frischen Muth – des Daseyns schönste Blüthe,
Fühlt ich seitdem im ahnenden Gemüthe.

Charlotte von Ahlefeld

Anatoli Lunatscharski – Wir stritten wohl

Lovis Corinth - Bacchanale - 1897

trennlinie2Wir stritten wohl, da wir zuerst uns sahn,

Er sprach: der Dichter deutet erst nachträglich

Den Sinn des Staats.‘ Ich sprach: er will beweglich,

Und wegbereitend sich der Zukunft nahn.


Aus dem Gespräch blüht schnelle Freundschaft auf,

Die bis zu seinem Tode mich erfreute.

Er war der Russe, und sein Volk erneute

Im Willen seines Staats sich selbst. Der Lauf


Des deutschen Schicksals, ach, ging wahrlich nicht

Voran. Ich spürte rings sich Wolken türmen

Und wollte Blitze, deren jähes Licht


Das Dunkel brach. Wohl ehrt ich seinen Glauben,

Doch vor des eig’nen Volkes Zukunftsstürmen

Die Angst wollt alle Zuversicht mir rauben.


Anatoli Lunatscharski (1875 – 1919)

Arno Holz – Weltgeschichte

Vasari - Kastration des Uranus - ca. 1560

trennlinie2Heimlich durchwandert die Nacht den Tann,
Duftend im Vollmond schwanken die Gräser;
Alles schläft! Nur ein steinalter Mann
Putzt sich geschäftig die Brillengläser.
Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi!
Ich bin der achte der sieben Weisen!
Ach, und er merkt es nicht einmal, wie
Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!

Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind,
Blüthen erschliessen sich, Knospen schwellen;
Alles still! Nur der Nachtthau rinnt
Und von den Bergen her rauschen die Quellen.
Raune nur traumhaft, Du dunkle Natur,
Raune das Räthsel der Elemente,
Hat doch der alte Graukopf nur
Sinn für Bücher und Pergamente!Weiterlesen

Maria Aronov | Das Gewitter oder Sinfonia

Eine milde  Berührung des Windes, ein Hauch der irdischen Luft.

Was ereignet sich nur am Himmel, woher kommt der herrliche Duft?

Leichte Tröpfchen fallen vom Himmel, wie Tau am Morgen und  die Sonne, die kämpferisch strahlt,

weisen uns Wege nach Haus,  deren Muster die Erde bemalt.

Letzter  Wink des vergehenden Tages, erster  Gruß  der hallenden Nacht.

Ah wie prachtvoll ist diese Erscheinung der mystisch düsteren Macht!

Dunkles Königreich eröffnet  das Opus,

dessen Vorspiel  Beethovens Sinfonia gleicht –

mit den sanft – melancholischen Tönen

werden gar himmlische Wesen erreicht.

Die letzten erklingenden Lieder,  die letzten Minuten des Glücks.

Langsam nähert sich das Ende des unverhofft magischen Stücks.

Das Bühnenbild wechselt zum  farbigen Bogen, zum  helleren, weicheren Schein.

Der Vorhang fällt nieder,

die Sonne erleuchtet.

Der Himmel ist blau und  rein.

© Maria Aronov 2014

Arno Holz | Das Einleitungsgedicht zu Phantasus

Phantasustrennlinie2»Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne,
Vom Hof her stampfte die Fabrik,
Es war die richtge Miethskaserne
Mit Flur- und Leiermannsmusik.
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab’s Branntwein, Grogk und Bier,
Und bis ins fünfte Stockwerk hatte
Das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort sass er nachts vor seinem Lichte,
– Duck nieder, nieder, wilder Hohn! –
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn.
Sein Stübchen konnte grade fassen
Ein Tischchen und ein schmales Bett;
Er war so arm und so verlassen
Wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
Die Welt, ihn aus: »Er ist verrückt!«:
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
Der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
Er zitternd Vers an Vers gereiht,
Dann schien auf ewig ihm versunken
Die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Bluse,
Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod,
Er aber stammelte: »O Muse!«
Und wusste nichts von seiner Noth.
Er sass nur still vor seinem Lichte
Allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn!«

trennlinie2Phantasus ist ein Lyrikzyklus von Arno Holz und gilt als das Hauptwerk dieses Dichters.

Erstmals erschien Phantasus 1898/99 in zwei Heften zu jeweils 50 kurzen Gedichten. Nach Vollendung seines großen Dramas Ignorabimus (1913) begann Holz seinen Gedichtband umzuarbeiten und stark zu erweitern. Das vorläufige Ergebnis dieses Arbeitsprozesses kam 1916 in den Druck (336 Seiten). Bis zu seinem Tod 1929 schrieb Holz weiter am Phantasus. Die letzte noch von ihm selbst publizierte Fassung von 1924/25 ist 1345 Seiten, eine 1961/62 besorgte Nachlass-Ausgabe sogar 1584 Seiten stark.

Einen großen Teil der Gedichte des ursprünglichen Phantasus-Zyklus hatte Holz bereits in verschiedenen repräsentativen Zeitschriften und Anthologien der Jahrhundertwende publiziert.

Der auf eine romantische Tradition zurückweisende Titel des Werkes ist der Name einer Gestalt der antiken Mythologie. Bei Holz wird Phantasus (griech. Phantasos), ein Sohn des Schlafes, der durch seine vielfältigen Verwandlungskünste die menschlichen Träume erzeugt, zur Allegorie der dichterischen Existenz stilisiert. Thema des Phantasus ist das phantasiegelenkte Bewusstsein des Dichters, das sich durch eine Fülle von Metamorphosen aller Erscheinungen bemächtigt. Zu dieser poetischen Selbstdarstellung erklärt Holz: „Das letzte ‚Geheimnis‘ der… Phantasuskomposition besteht im wesentlichen darin, daß ich mich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege.“

Der naturwissenschaftliche Hintergrund des Phantasus ist vor allem durch die biogenetischen Theorien Ernst Haeckels bestimmt; das lyrische Ich durchwandert alle Entwicklungsstadien der lebenden Substanz, indem es sie in Metamorphosen nachvollzieht. In einer Selbstinterpretation heißt es bei Holz: „Wie ich vor meiner Geburt die ganze physische Entwicklung meiner Spezies durchgemacht habe, wenigstens in ihren Hauptstadien, so seit meiner Geburt ihre psychische. Ich war ‚alles‘, und die Relikte davon liegen ebenso zahlreich wie kunderbunt in mir aufgespeichert.“

Der lyrische Stil des Phantasus ist ein Pendant zur Technik des von Arno Holz und Johannes Schlaf (1862–1941) gemeinsam für Drama (vgl. Die Familie Selicke) und Prosa (vgl. Papa Hamlet) entwickelten naturalistischen „Sekundenstils“.

Phantasus, 1898/99

Klabund – Gut Holz!

Kegelsport

Wer hat dich so hoch da droben –
Das Kegelspiel ist schon seit ewigen Zeiten eine kulturelle Macht.
Ursprünglich haben die Götter mit dem Mond nach den Sternen geschoben,
Und erst später haben sie die Erfindung der Holzkugel gemacht.

Nämlich das kam so: Mit dem Holzkopf der Gott –
Wie hieß er doch gleich? jedenfalls war’s kein christlicher –
Der Heilige Geist trieb wieder einmal mit den heiligsten Dingen seinen
        unwürdigen Spott,
Bezweifelte sich selbst, die unbefleckte Empfängnis – kurz und gut,
Der betreffende Gott war sprachlos und verlor seinen Kopf.
Aus Versehen schob Zeus mit ihm, und der Holzkopf erwies sich als unverwüstlicher

Denn (bzw. als) der Mond. Vom Holz zum Eisen, von der Holzkugel zur
        Kanonenkugel ist nur ein Schritt.
Und dann kam man auch von den Sternen ab und fand es netter,
Von nun an auf lebende Menschen zu schieben (da, wie bekannt, die Götter
        den Menschen über alles lieben)
– Und so war der ganze Weltkrieg nur ein Preiskegeln der Götter.


Zum 37. Stiftungsfest
des Verbandes deutscher Kegelsportvereine

Christian Morgenstern – Wir fanden einen Pfad – Das ist der Ast in deinem Holz

Foto: Oliver Simon
Foto: Oliver Simon

Das ist der Ast in deinem Holz,
an dem der Hobel hängt und hängt:
dein Stolz,
der immer wieder dich
in seine steifen Stiefel zwängt.

Du möchtest auf den Flügelschuhn
tiefinnerlichster Freiheit fliehn,
doch ihn
verdrießt so bitterlich
kein ander unabhängig Tun.

Er hält dich fest: da stehst du starr:
dürrknisternd-widerspenstig Holz:
ein Stolz –
verstotzter Stock, ein sich
selbst widriger Hanswurst und Narr.

Der Terror in Afghanistan – Lyrik eines Flüchtlings

Atul Dodiya (Hindi: अतुल डोडिया, Atul Ḍoḍiyā; * 20. Januar 1959 in Ghatkopar bei Bombay) ist ein indischer Künstler. Er bedient sich der Mittel der Malerei und Zeichnung, um Themen von Tradition und Moderne in Indien darzustellen. Besonders widmet er sich Darstellungen seiner Heimatstadt, der Mega-City Mumbai. Arbeiten von Dodiya wurden auf der documenta und der Kunstbiennale in Venedig ausgestellt. - Quelle: Wikipedia
Atul Dodiya (Hindi: अतुल डोडिया, Atul Ḍoḍiyā; * 20. Januar 1959 in Ghatkopar bei Bombay) ist ein indischer Künstler. Er bedient sich der Mittel der Malerei und Zeichnung, um Themen von Tradition und Moderne in Indien darzustellen. Besonders widmet er sich Darstellungen seiner Heimatstadt, der Mega-City Mumbai. Arbeiten von Dodiya wurden auf der documenta und der Kunstbiennale in Venedig ausgestellt. – Quelle: Wikipedia

trennlinie2Der Terror in Afghanistan
Aydin Yarash

Der Terror ist laut. Aber noch gibt es die Welt.
Diesen hässlichen Lärm braucht die Welt nicht.
Der Krieg kommt und bringt Hässlichkeit mit.
Alle Schönheit nimmt er mit und trägt sie fort.

Der Krieg hat mein schönes Heim kaputt gemacht.
Der Terror hat meine schöne Heimat kaputt gemacht.
Ich weine, weil mein Kind im Krieg gefallen ist.
Du weinst, weil deine Mutter durch den Terror gefallen ist.

Ich habe meine Hände im Krieg verloren.
Du hast deine Augen im Krieg verloren.
Die Kinder sind Flüchtlinge.
Die Kinder werden im Krieg von ihren Müttern getrennt.

Wir wollen keinen Krieg & Terror mehr auf dieser Welt.
Wir wollen nicht, dass Menschen weinen auf dieser Welt.
Wir wollen nicht den Lärm der Waffen.
Wir wollen feiern und laut Musik hören auf dieser Welt.
Wir wollen, dass alle Menschen lachen auf dieser Welt.

Wir hassen den Terror in dieser Welt.
Wir lieben den Frieden. Wir wollen, dass er in die Welt kommt.
Du Krieg, geh weiter, geh weg von dieser Welt!
Hallo Frieden, wenn es dich gibt, brauchen wir dich jetzt!
Hallo Frieden, wenn es dich gibt, brauche ich dich jetzt!


Aydin Yarash ist 31 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Sie ist gelernte Schneiderin und wohnt in einem Asylantenheim in NRW. Ihr Wunsch ist es, als Dolmetscherin arbeiten zu können.

Mein Land Somalia – Lyrik eines Flüchtlings

Mein Somalia
von Adam Sidikou

Wir sind die Jugend des Landes
und wir haben eines gemeinsam:
Wir sind gegen das, was in unserem Land passiert
Denn unser Land ist wie unsere Mutter
und ich werde nie vergessen,
woher ich komme, egal wo ich bin.

Mach die Augen auf und beobachte,
was in unserem Land passiert,
es gibt wieder Krieg und viele Menschen
sind hungrig und sterben jeden Tag.
Sag mir: Wer ist dieser Krieg verantwortlich?

Bitte, bitte, stoppt den Bürgerkrieg!
Bitte, bitte, lasst die Menschen leben!

Ich hoffe, eines Tages wird
Somalia eine gute Regierung haben
dann werden alle in die Städte kommen
und miteinander feiern.
Und es wird keinen Krieg mehr geben.
Denn der Krieg macht uns unglücklich.

Wenn ich im Fernsehen Nachrichten
aus meinem Land sehe, höre ich von Piraten.
Dann frage ich mich: für wen ist das gut?
Warum kapern sie die Schiffe?
Wissen sie nicht, dass uns die Schiffe
Lebensmittel bringen?

Es gibt keine gemeinsame Schule und Bildung,
und jeder oder jede lernt etwas anderes.
Wenn junge Menschen an einem Tisch sitzen,
verstehen sie einander nicht,
einer spricht deutsch und ein anderer
antwortet auf Arabisch.


Adam Sidikou ist 21 Jahre alt und kommt aus Somalia. Heute lebt er in Hamburg und geht zur Abendschule. Danach würde er gerne Ingenieur werden.

Clara Müller-Jahnke – Glut

Paul Klee - Daemonie der Glut - 1939
Paul Klee – Daemonie der Glut – 1939

Mit roten Kressen hatt‘ ich mich geschmückt –
du hast sie jäh an deiner Brust zerdrückt.

Mit bleichen Wangen bot ich dir den Gruß –
in Flammenwogen tauchte sie dein Kuß.

Mit ruhigem Herzschlag trat ich zu dir her, –
und nun, und nun: ich kenne mich nicht mehr….

Nun lachst du mich verstohlen an
mit dunklem Auge, du fremder Mann;
mit brennender Lippe streifst du mich –
heiß pocht mein Herz: ich kenne dich!

Aus schwüler Träume Zauberspuk,
aus Wüstenschemen voll Lug und Trug,
aus Frühlingsnächten voll Windeswehn
hab ich dein Bild mir winken sehn!

Aus düster flammendem Morgenrot,
das Hagelschauer den Saaten droht,
aus lohendem Blitz, wenn ein Wetter braut,
hat schon dein Auge mich angeschaut . . .Weiterlesen

Arno Holz – So einer war auch er! Lyrik

Matatma Ganditrennlinie2Liegt ein Dörflein mitten im Walde,
überdeckt vom Sonnenschein,
und vor dem letzten Haus an der Halde
sitzt ein steinalt Mütterlein.
        Sie läßt den Faden gleiten
        und Spinnrad Spinnrad sein
        und denkt an die alten Zeiten
        und nickt und schlummert ein.

Heimlich schleicht die Mittagsstille
durch das flimmernde grüne Revier.
Alles schläft; selbst Drossel und Grille
und vorm Pflug der müde Stier.
        Da plötzlich kommt es gezogen
        blitzend den Wald entlang
        und vor ihm hergeflogen
        Trommel- und Pfeifenklang.

Und in das Lied vom alten Blücher
jauchzen die Dörfler: »Sie sind da!«
Und die Mädels schwenken die Tücher
und die Jungens rufen:»Hurra!«
        Gott schütze die goldenen Saaten,
        dazu die weite Welt;
        des Kaisers junge Soldaten
        ziehn wieder ins grüne Feld!

Sieh, schon schwenken sie um die Halde,
wo das letzte der Häuschen lacht.
Schon verschwinden die ersten im Walde,
und das Mütterchen ist erwacht.
        Versunken in tiefes Sinnen,
        wird ihr das Herz so schwer,
        und ihre Tränen rinnen:
        »So einer war auch Er!«

Joachim Ringelnatz – War einmal ein Schwefelholz…

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

trennlinie2War einmal ein Schwefelholz,
Das sich mit erhabnem Stolz
Einen Anarchisten nannte
Und ein ganzes Haus verbrannte.
Dieses war schon ungewöhnlich,
Doch es kannte auch persönlich
Meyers Taschenlexika,
Ganz speziell das Bändchen „A“,
Weshalb es sich nach dem Brande
An besagtes Bändchen wandte
Mit den Worten: „Sag, was ist
Eigentlich ein Anarchist?“

Joachim Ringelnatz – Ritter Sockenburg

Hans-Hermann von Katte, den eine zumindest homoerotische Beziehung mit dem Prinzen von Preußen, dem späteren König Friedrich II., verband.
Hans-Hermann von Katte, den eine zumindest homoerotische Beziehung mit dem Prinzen von Preußen, dem späteren König Friedrich II., verband.

trennlinie2

Joachim Ringelnatz – Ritter Sockenburg

Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind
hängst, liebes Kind
vis a vis,
diesen Anblick zu genießen,
geh ich, welken Efeu zu begießen.
Aber mich bemerkst du nie.

Deine vogelfernen, wundergroßen
Kinderaugen, ach erkennen sie
meiner Sehnsucht süße Phantasie,
jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen-?

Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.
Und die Sehnsucht läßt mir keine Ruh.
Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!
Was ich finde. Socken, Herrensocken;
alles andere hat die Waschanstalt.
Socken, hohle Junggesellenfüße
wedeln dir im Wind wunde Grüße.
Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.

Und die Mädchenhöschen wurden trocken,
mit dem Winter kam die Faschingszeit.
Aber drüben, am Balkon, verschneit,
eisverhärtet, hingen hundert Socken.

Ihr Besitzer lebte fern im Norden
und war homosexuell geworden.

Bretter, die die Welt bedeuten & Schillers „An die Freunde“

Royal Circus - 1810 - Thomas Rowlandson (1756–1827) and Augustus Charles Pugin (1762–1832) (after) John Bluck (fl. 1791–1819), Joseph Constantine Stadler (fl. 1780–1812), Thomas Sutherland (1785–1838), J. Hill, and Harraden
Royal Circus – 1810 – Thomas Rowlandson (1756–1827) and Augustus Charles Pugin (1762–1832) (after) John Bluck (fl. 1791–1819), Joseph Constantine Stadler (fl. 1780–1812), Thomas Sutherland (1785–1838), J. Hill, and Harraden

Diese Formulierung stammt aus Friedrich Schillers Gedicht An die Freunde:

    „Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!“

Mit diesen Brettern ist die Bühne im Theater gemeint, doch wird die gleiche Formel gelegentlich auch für Ski-Bretter verwendet.

Ein Gedicht aus dem Jahre 1802, welches zugleich mit den „vier Weltaltern“ an den Christian Gottfried Körner gesandt wurde, um von demselben vertont zu werden. Es bringt das Leben in Weimar mit den großen Weltverhältnissen, mit anderen Zeiten, anderen Gegenden zusammen, legt aber zugleich den Maßstab des Idealen an dasselbe, der auf das hindeutet, was einen bleibenden Wert hat. In den sechs ersten Versen jeder Strophe tritt die Anerkennung und Bewunderung des Fremden und Fernliegenden in den Vordergrund, während in den vier eingerückten Schlussversen sich die behagliche Zufriedenheit mit dem beschiedenen Lose ausspricht.

trennlinie2An die Freunde

Lieben Freunde! Es gab schönre Zeiten,
Als die unsren – das ist nicht zu streiten!
Und ein edler Volk hat einst gelebt.
Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.
Doch es ist dahin, es ist verschwunden
Dieses hochbegünstigte Geschlecht.
Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat recht.

Freunde! Es gibt glücklichere Zonen,
Als das Land, worin wir leidlich wohnen,
Wie der weitgereiste Wandrer spricht.
Aber hat Natur uns viel entzogen
War die Kunst uns freundlich doch gewogen,
Unser Herz erwarmt an ihrem Licht.
Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen,
Wird die Myrte unsres Winters Raub,
Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen,
Uns der Rebe muntres Laub.

Wohl von größerm Leben mag es rauschen,
Wo vier Welten ihre Schätze tauschen,
An der Themse, auf dem Markt der Welt.
Tausend Schiffe landen an, und gehen,
Da ist jedes Köstliche zu sehen,
Und es herrscht der Erde Gott, das Geld.
Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche,
Der von wilden Regengüssen schwillt,
Auf des stillen Baches ebner Fläche
Spiegelt sich das Sonnenbild.

Prächtiger als wir in unserm Norden
Wohnt der Bettler an der Engelspforten,
Denn er sieht das ewge einz’ge Rom!
Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel,
Und ein zweiter Himmel in den Himmel
Steigt Sankt Peters wunderbarer Dom.
Aber Rom in allem seinem Glanze
Ist ein Grab nur der Vergangenheit,
Leben duftet nur die frische Pflanze,
die die grüne Stunde streut.

Größres mag sich anderswo begeben,
Als bei uns, in unserm kleinen Leben,
Neues – hat die Sonne nie gesehn.
Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll, still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie,
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!

Hugo Ball • Wolken • Ein Lautgedicht

elomen elomen lefitalominal
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastula feirofim flinsi

elominuscula pluplubasch
rallalalaio

endremin saxassa flumen flobollala
feilobasch falljada follidi
flumbasch

cerobadadrada
gragluda gligloda glodasch
gluglamen gloglada gleroda glandridi

elomen elomen lefitalominai
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastala feirofim blisti
elominuscula pluplusch
rallabataio

Trompeten – Georg Trakl

Trauerschwäne - Foto: O. Simon


Unter verschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen
Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer.
Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer,
Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.

Oder Hirten singen nachts und Hirsche treten
In den Kreis ihrer Feuer, des Hains uralte Trauer,
Tanzende heben sich von einer schwarzen Mauer;
Fahnen von Scharlach, Lachen, Wahnsinn, Trompeten.


 

Georg Trakl
Aus der Sammlung Gedichte 1913

Hans im Unglück – Friedolin Tschudi

Hans im Unglück

Hört zu! Es war einmal ein Mann,
der im Erfolg sich sonnte,
doch diesen, da er ständig dann
auf weitere Erfolge sann,
nie voll genießen konnte.

Die Folge der Erfolge war,
dass er sein Glück verpasste
und deshalb mit der Zeit sogar
sich selbst, die Welt und offenbar
auch die Erfolge hasste.

Er schrieb hierauf ein dickes Buch
und gab drin zu verstehen,
Erfolge seien meist ein Fluch
und darum sei schon vom Versuch
a priori abzusehen.

Das Buch, trotz mässiger Kritik
im Süden und im Norden,
ist bei den Lesern bald publik
und als «SENSATION OF THE WEEK»
ein Welterfolg geworden.

Das Märchen fing von vorne an: –
Hört zu! Es war einmal ein Mann…

Friedolin Tschudi

Komplexität – Lyrische Gedanken

Komplexität - Illustration !so?
Komplexität – Illustration !so?

trennlinie2licht, sonnenlicht
nie verlernt: eis laufen
xploding plastix: amateur girlfriends go proskirt agents
mich auf die postbotin freuen
aus der übung: kopf abschalten
caterina valente in london
querlesen, drüberlesen, anlesen
brand eins und die komplexität des einfachen
linsen, spätzle, saitenwürstle, ländle
kälte, knirschend
märchenstunde
grün
aufgeschnappt: „ausgeprägte kulinarische zone“
gedanken entrümpeln

Text: Maike Schönfelder, Berlin

Wörterbuch: Z wie ZEITZEUGIN NICHT AUFGERUFEN

Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895
Heinrich Vogeler: Die Hexe mit Eule, Radierung 1895

trennlinie2loslassen
kaffee, kaffee
kühl, glatt, leder
schnitzeljagd
geräusche ohne kulisse
ich mag das wort meditation nicht, nicht im neueren sprachgebrauch. der alte scheint vergessen.
marc cary: rhodes ahead
weit. weg.
käpt’n blaubärs schmatzinsel
hirnstreich
knäckebrot, knacken im kopf
das tieferrutschen der gürtellinie als spiegel der gesellschaft
oder: rocksäume sind auch nicht mehr das was sie mal waren

lackschuh-romantik
the herbaliser: remedies
rietveld, lautner
wortgewalt
weißer lavendel
zeitzeugin, nicht aufgerufen

Text: Paula Stöhr, 48, Kosmetikerin, Berlin

Das Lied von der Glocke – Friedrich von Schiller – Von einer hoffnungsvollen Zukunft

Glocke_Tausend_Hände_Stottmeister
Friedrich von Schiller: Die Glocke. – Postkartenserie im Verlag von L. Stottmeister & Co., – Braunschweig

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hülfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird’s in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiterklingt.

Weiße Blasen seh ich springen,
Wohl! Die Massen sind im Fluß.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
Muß die Mischung sein,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen.-
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilder Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jugfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht!
Die Liebe muß bleiben,
Die Blume verblüht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühendes Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mit des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir’s lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.

Wohtätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile,
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht.
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewaltger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette,
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.

Einen Blick
Nach den Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Haupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ist’s aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
Wird’s auch schön zutage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte bande
Sind gelöst auf immerdar,
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war,
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blökend ziehen
Heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau begründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleißge Hände regen,
helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
Daß sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muß die Form in Stücke gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt’s wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sich die liebende Gemeine.

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf!
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr im Fluge sie die Zeit,
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr erschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Zehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759 – 1805), deutscher Dichter und Dramatiker

Christian Morgenstern – Wer vom Ziel…

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Wer vom Ziel nicht weiß,

kann den Weg nicht haben,

wird im selben Kreis

all sein Leben traben;

kommt am Ende hin,

wo er hergerückt,

hat der Menge Sinn

nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,

kann’s doch heut erfahren;

wenn es ihn nur brennt

nach dem Göttlich-Wahren;

wenn in Eitelkeit

er nicht ganz versunken

und vom Wein der Zeit

nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist

nach den stillen Dingen,

und zu wagen ist,

will man Licht erringen:

Wer nicht suchen kann,

wie nur je ein Freier,

bleibt im Trugesbann

siebenfacher Schleier.

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Morgenstern-h420Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; †31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht. Quelle: Wikipedia

Maria Aronov ♣ Utopia ♣ Lyrik

Illustration: Mystic Art Design
Illustration: Mystic Art Design

Durch  das Fenster  der Zukunft zeigt sich sonnig grüne Wiese.

Luftig zart weht  quer  durchs Land eine leichte Meeresbrise.

Jeder Tag trägt  neue  Kleider  und  die Nacht…  – die gibt es nicht.

Poesie malt frohe Bilder, farbenfroh und  voller Licht.

Der Dichter  dichtet Farben,  der Maler setzt sie um

und  verdient sich ohne Zweifel  einen sagenhaften Ruhm.

In dem Wechsel  der Farben  scheint alles leicht und  frei.

Wie die Schmetterlinge fliegen! Und die Blumen  allerlei!

Es ist warm, es funkelt alles. Doch was ist das, das so strahlt?

Sind das uns bekannte Seelen, die der Maler dort  gemalt?

Über den des Dichters Block gleiten  geistige  Gestalten,

ihre Form ist unbeständig, doch verziert mit Diamanten.

Nie wird  hier das Böse weilen,  nur die Menschen, die man liebt.

Eine Welt, die es voller Huld irgendwo in der Ferne gibt.