Kategorie: Lyrische Hausapotheke

Lyrik | Der Schmetterling von Pavel Friedman | Theresienstadt

In diesem Gedicht schildert der Autor seine Eindrücke vom Leben im Ghetto.

Der letzte, der allerletzte,
so kräftig, hell, gelb schimmernd,
als würden sich die Tränen der Sonne
auf einem weißen Stein niederlassen.
So ein tiefes, tiefes Gelb
er hebt sich ganz leicht nach oben.
Er verschwand weil, so glaube ich,
weil er der Welt
einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.
Eingepfercht im Ghetto.
Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.
Der Löwenzahn verlangt nach mir
und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals
einen zweiten Schmetterling gesehen.
Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.
Schmetterlinge leben nicht hier,
im Ghetto.

Pavel Friedman - Schmetterling

Pavel wurde 1921 in Prag geboren. Sein Vater war Jude, seine Mutter Christin. Über den jungen Dichter Pavel Friedman ist wenig bekannt. Das Gedicht schrieb er vermutlich mit  17 Jahren, am 4. Juni 1942 im Ghetto Theresienstadt. Dort heiratete er Adina Schnitzer, die den Holocaust überlebte, nach Israel auswanderte und dort wieder heiratete. Pavels Arbeiten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Kinderzeichnungen in einem geheimen Versteck gefunden.

Pavel Friedman wurde nach Auschwitz deportiert. Dort kam er am 29. September 1944 um.

Lyrik | Şehzade Mustafa | Wenn du wie die weltweit leuchtende Sonne aufsteigen willst

Poesie von Şehzade Mustafa unter dem Pseudonym „Muhlisi“, dem ältesten Sohn Süleymans I.

***

Wenn du wie die weltweit leuchtende Sonne aufsteigen willst, dann zeichne dein Gesicht im Staub der Erde und sei still wie das Wasser.

Wie ein farbenfrohes Bild ist diese Welt ausgezeichnet, doch auch gespenstisch.

Sie stellt das Leben ähnlich einem vorüberziehenden Königreich der Träume dar.
Niemals hat durch ihre Wimpern das Herz eine Schnitzerei erlebt.

Als hätte der Herr nur die Hälfte des Weges hinter sich gebracht.

Zum Gewinner des Universums wurde er durch die Durchsetzungskraft seines Herzens.
In den Händen der Zeit ist das Sein ein Spiel, als würde man mit Äpfeln jonglieren.

Entstanden ist dein Sein aus einem einzigen Tropfen, das ist erstaunlich, Muhlisi.
Man sagt, wenn du gegebene Gedichte aussprichst, ergießt sich dein Geist wie der Ozean.

(Übersetzt von Maria Aronov)

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Şehzade MustafaŞehzade Mustafa Muhlisi ( *1515 – † 1553 ) war der Prinz von Amasya 1541-1553. Er war der erstgeborene Sohn von Sultan Süleyman dem Prächtigen und seiner Konkubine Mahidevran Sultan. Şehzade Mustafa war der Erbe des osmanischen Throns und ein sehr beliebter Fürst bei der Bevölkerung Anatoliens. Er hatte eine Schwester, Raziye Sultan.

Lyrik | Kurt Tucholsky | Gefühle

Gefühle

Kennen Sie das Gefühl: ›déjà vu‹ –?
Sie gehen zum Beispiel morgens früh,
auf der Reise, in einem fremden Ort
von der kleinen Hotelterrasse fort,
wo die andern alle noch Zeitungen lesen.
Sie sind niemals in dem Dorf gewesen.
Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter,
und Sie fragen – denn Sie wissen nicht weiter –
eine Bauersfrau mit riesiger Schute …
Und plötzlich ist Ihnen so zumute
– wie Erinnerung, die leise entschwebt –:

Das habe ich alles schon mal erlebt.

Kennen Sie das Hotelgefühl –?
Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl.
Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher
schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher,
Ihre Tassen, Ihre Kronen –
Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen.
Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute –
Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:

Das gehört ja alles gar nicht mir …
Ich bin nur vorübergehend hier.

Kennen Sie … das ist schwer zu sagen.
Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen.
Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen.
Sie dürfen arbeiten, für die Interessen
des andern, um sich Brot zu kaufen
und wieder ins Büro zu laufen.
Hunger nicht.
Aber ein tiefes Hungern
nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern –
auch einmal ausschlafen – reisen können –
sich auch einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bißchen mehr, ein bißchen weiter …
Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein … ?
Es ist alles eine Nummer zu klein.
Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit –
Kurz: das Gefühl der Popligkeit.

Eine alte, ewig böse Geschichte.
Aber darüber macht man keine Gedichte.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 27.01.1925, Nr. 4, S. 123,

Alfred Lichtenstein | Capriccio

So will ich sterben:
Dunkel ist es. Und es hat geregnet.
Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken,
Die da hinten noch den Himmel hüllen
In sanften Sammet.
Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel,
An den Häuserhaufen, wo Laternen,
Perlenschnüre, leuchtend hängen.
Und hoch oben fliegen tausend Sterne,
Silberne Insekten, um den Mond –
Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke
Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde,
Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten,
Himmelblauen Beine einer Dame,
Während mich ein Auto so zerschneidet
Daß mein Kopf wie eine rote Murmel
Ihr zu Fügen rollt…
Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn
Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz
Ihres Schuhchens
In den Rinnstein –

*

Aus: Alfred Lichtenstein | Große Mausefalle | Eulenspiegel Verlag

Lyrik | Alfred Lichtenstein | Der Athlet

Alfred Lichtenstein ¦ Der Athlet

Einer ging in zerrissenen Hausschuhen
Hin und her durch das kleine Zimmer,
Das er bewohnte.
Er sann über die Geschehnisse,
Von denen in dem Abendblatt berichtet war.
Und gähnte traurig, wie nur jemand gähnt,
Der viel und Seltsames gelesen hat –
Und der Gedanke überkam ihn plötzlich,
Wie wohl den Furchtsamen die Gänsehaut
Und wie das Aufstoßen den Übersättigten,
Wie Mutterwehen:
Das große Gähnen sei vielleicht ein Zeichen,
Ein Wink des Schicksals, sich zur Ruh zu legen.
Und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Und also fing er an, sich zu entkleiden…
Als er ganz nackt war, hantelte er etwas.

Lyrik| Otto zur Linde | Gehorsam & Ratio

Wenn mich Gott würfe
Wie einen Stein in die Welt,

Und er wollte, daß ich mich
Bewähre in der Welt,

So ist sein Werfen die Ursache
Meines Seins in der Welt,

Und mein Bewährensollen
Der Zweck meines Seins in der Welt.

Wenn nun Ursache und Zweck
Nicht identisch wären,

Also wenn es möglich wäre,
Daß Gott mich strafen müßte

Für mein Nichtbewährthaben in der Welt,
So war »sein« Zweck mißlungen –

So wär sein Werfen nun nicht Ursache?
Auch dürft ichs drehn:

Erst war Gottes Absicht,
Dann warf er und hat schlecht gezielt»

August Stramm ¦ Frage

August Stramm ¦ Frage

Foto: tookapic
Foto: tookapic

Und
Stämme schlanken weiten Himmel
Und
Herzen schwanken brüten Schmerz
Und
Halme hauchen welle Stürme
Und
Schweigen schrickt
Und
Beugt und geht
Und
Gehen Gehen

Wege Ziele Richtung
Und
Gehen Gehen

Lieben Leben Tod
Und
Gehen Gehen

Endlos wellen Stürme
Und
Gehen Gehen

Endlos halmt
Das
Nichts.

Paul Klee ¦ Was ich bin – fraget nicht.

Paul Klee ¦ Was ich bin – fraget nicht.

Klee-angelus-novus

*

Was ich bin – fraget nicht.
Nichts bin ich,
zu nichts stehe ich.
Nur von meinem Glücke weiß ich.
Ob ich es verdiene, fraget nicht.
Laßt Euch sagen,
daß es reich ist und tief.

Vor Sonnenuntergang wollt‘ ich am Ziel sein.
Bei ihr.
Ich war gut gegangen.
Doch schlecht hatte ich gerechnet.
Die unsagbare Sehnsucht nach dem Ziel
beschwerte die vielen Stunden.
Über einen wilden Paß will ich
ins milde Tal.

[1901]

Arno Holz ¦ Hinter hohen Mauern

Foto: Rico Löb
Foto: Rico Löb

Arno Holz ¦ Hinter hohen Mauern

Hinter hohen Mauern
hinter mir
liegt ein Paradies.

Grüne, glitzernde Stachelbeersträucher,
eine Strohbude
und Bäume mit Glaskirschen.

Niemand weiss von ihm.

An einem Halm
klettert ein Marienkäferchen,
plumps, und fällt in goldgelbe Butterblumen.

Hilfreich neigen sich Tausendschönchen,
Stiefmütterchen machen ein böses Gesicht.

Verschollen
glänzen die Beete!

Arno Holz, „Phantasus“

Erich Ruhl ¦ Wenig Verstehen • Viel Vereinfachen

Erich Ruhl ¦ Wenig Verstehen – Viel Vereinfachen

Foto-RaBe
Foto-RaBe

Die Parallelwelt im Lügengesichtsbuch
Verstärkt gerne
Die eigene Wahrnehmung
Nimmt gerne wahr
Was passt
Das sogenannte private Fernsehen
Suggeriert private Sphäre

Draußen Freiheit
Freiheit ist hoppla bedrohlich
Verstehe die Welt nicht mehr
Hab sie nie verstanden
Suche nach einfachen Antworten
Ach wie gerne

Gleichberechtigung und Fairness
Nehmen so schnell den Atem
Deshalb schnell mal
Cool mit kalt
Verwechseln

Anpassung hilft ablenken
Keine Einfühlung hilft stark fühlen
Selbstgerecht ersetzt gerecht
Hass überdeckt Selbsthass und Enge

Einfacher wäre

Menschenfreundlich
Warm Wertschätzend
Respektvoll Eigensinnig Offen
Freiheitsliebend Einfühlsam Liberal

Gleichberechtigung Demokratisch Gerecht
Fair Solidarisch Locker
Humorvoll Weitblickend
Liebevoll
Mit sich Mit anderen

Was daran ist nicht einfach

*

© Erich Ruhl – Mai 2016

Alfred Lichtenstein ¦ Die Wehmut

Alfred Lichtenstein ¦ Die Wehmut

John Bauer - Illustration for "The story of Skutt the moose and little princess Tuvstarr" by Helge Kjellin in Among pixies and trolls, 1913
John Bauer – Illustration for „The story of Skutt the moose and little princess Tuvstarr“ by Helge Kjellin in Among pixies and trolls, 1913

Ich hab’ einen Hass, einen grimmigen Hass
Und weiß doch selbst nicht recht auf was.

Ich bin so elend, so träge und faul
Wie ’n abgeschundner Ackergaul.

Ich hab’ einen bösen Zug im Gesicht.
Mir ist niemand Freund, ich will es auch nicht.

Ich hab’ eine Wut auf die ganze Welt.
In der mir nicht mal mehr das Laster gefällt.

Und schimpfe und fluche, ich oller Tor
Und komme mir sehr dämonisch vor.

(Frühe Gedichte)

Otto Julius Bierbaum – Die vier Jahreszeiten aus „Das Seidene Buch“

Walter Crane - The Masque of the Four Seasons - 1903Walter Crane – The Masque of the Four Seasons – 1903

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F r ü h l i n g

Vorfrühling
Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz,
Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub,
In einem Lichte, das wie Frühling ist.
Der graue Himmel zeigt türkisenblau
Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist
Des jungen Jahres erster Farbenklang,
Die ferne Flöte der Beruhigung:
Die Liebe hat die Flügel schon gespannt,
Sie naht gelassenen Flügels himmelher,
Bald wird die Erde bräutlich heiter sein.

Nun, Herz, sei wach und halte dich bereit
Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt
Und Liebe atmet, wie die Blume Duft.
Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir,
Wenn du nur recht ergeben und getrost
Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch.

An die Trauerweide
Trauerweide, erster Baum,
Der die grünen Wimpel schwingt,
Dem zuerst die Lebenslust
Frisch aus Ast und Zweige dringt, –

Warum nennen sie dich so,
Den die Blätterfülle biegt,
Der zuerst im Frühlingswind
Sich im Frühlingstanze wiegt?

Schlecht verstehen sie die Kraft,
Die sich spielend niederneigt,
Mit der Hand die Erde kost,
Mit dem Haupt den Himmel zeigt.

Das grüne Wunder
Mein Birkenhain stand weiß und kahl,
Die dünnen Stämmchen fror,
Da kam April und zauberte
Das Leben grün hervor.

Mit einem Schleier angetan
Steht nun mein Birkenhain;
Das grüne Wunder ist geschehn,
Nun laßt uns gläubig sein.

Nun laßt uns glauben wiederum,
Daß Leben Schönheit heißt:
Mein Birkicht ist ein Zauberwald,
In dem das Wunder kreißt.

Das Wunder am Baum
Ein Wunder sich begeben hat:
Aus schwarzem Holz ist grün ein Blatt
Vergangne Nacht gedrungen.

Ein Vogel dann vom schwarzen Stamm
Zum grünen Zweig gottlobesam
Das Wunder hat besungen.

Frühlingszuruf
Nun sich die Knospen aus den Zweigen drängen,
Blühende Kräfte morsche Bande sprengen,
Wohin du siehst, wacht alles fröhlich auf –:
Nun sei in deiner Seele rein und heiter,
Erzengel rechts und links dir als Begleiter,
Nimm in den Morgen fröhlich deinen Lauf!

Die Schwingen streifen dich an beiden Seiten,
Um dich der Engel Atem im Geleiten,
Wie muß dein Schritt jetzt frei und kräftig sein!
Schreit aus und glaube: Dir erklang das Werde!
Schick deine Blicke aus: Die ganze Erde
Blüht dir ans Herz: Was schön ist, das ist dein!

Denn der ist König über alle Dinge,
Und den berührt der Engel goldene Schwinge,
Der seine Blicke so aussenden kann,
Daß sie wie Adler Beute heimwärts tragen,
Und dem die Morgenstunden leuchtend sagen:
Du Mensch mit hellen Augen, nimm uns an!

Die Birke
Die junge Frühlingssonne
Mit zarten Strahlenfädchen
Flirrt um die Jungfer Birke
Mattgoldenes Filigran.

Wie eine Braut im Schmucke,
So schämig schön, jungfräulich,
Steht zwischen schwarzen Tannen
Die schlanke junge Birke.

Könnt ich ein Bildchen malen
Mit zartgehauchten Farben,
Ich malte meine Birke
In junger Frühlingssonne.

Der Himmel sollte sie küssen,
Der heiter helle Himmel,
Und eine weiße Wolke
Schwömme über sie hin.

Das Gras zu ihren Füßen,
Halb hoch im Halm, durchflockt ich
Mit zarten Rosakelchen
Und blassen Margueriten.

Die sollten still wie Kinder
Ausblicken mit hellen Augen
Zur holden Jungfer Birke
In junger Frühlingssonne.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Mai-Willkomm
Wie lieblich hat sich’s eingemait!
Die Erde schwimmt in Blüten.
Das ist die höchst willkomm’ne Zeit,
Die alles will begüten.
Nun werden die härtesten Herzen gelinder,
Wir laufen ins Grüne wie lachende Kinder,
Nun werden wir töricht und werden gescheit.

So geht es jedes liebe Jahr:
Wird man im Winter trübe,
So ist’s im Maimond wunderbar,
Als ob sich alles hübe.
Es fliehen die Wolken der Seele in Ballen,
Es will uns das Leben nun wieder gefallen,
Wir fühlen, wie töricht das Trübesein war.

Drum singen wir dem werten Mai
Nach altem Brauch Willkommen.
Er mache alle Herzen frei
Und möge Allen frommen.
Insonderheit soll er verliebten Leuten
Auch heuer die seligsten Stunden bedeuten.
Das ist unser Mai-Wunsch. Amen! Es sei!

Erste Blüten, erster Mai
Lange schlug das Herz mir dumpf
Und in faulen Schlägen,
War ein tangbedeckter Sumpf
Ohne Wellenregen.

Bunte Blumen blühten rings,
Und ich ging vorüber;
Wissenschaft, die graue Sphinx,
Gab mir Nasenstüber.

Wissenschaft, die graue Sphinx,
Mag der Teufel holen;
Euch, ihr Blüheblumen rings,
Sei mein Herz befohlen.

Sonnevoll ist mein Gemüt,
Eine grüne Wiese,
Drauf es singt und springt und blüht,
Wie im Paradiese.

Eine Geige klingt in mir,
Glockenklar und leise . .
»O du allerschönste Zier! . .«
Wundersame Weise.

Glück und Glanz und Glorienschein
Über allem Leben,
Und die ganze Welt ist mein,
Mir zu Lehn gegeben.

Und mein Herz haucht Liebe aus,
Alle Not verendet,
Sorge, Sünde, Haß und Graus
Sind in Glück gewendet.

Dumme, holde Träumerei,
Immer kehrst du wieder:
Erste Blüten, erster Mai,
Schwärmerische Lieder.

Maientanz
Blütenblätter jagt der Wind
Von den jungen Zweigen,
Die sich nun im ersten Sturm,
Frühlingssturme neigen.

Rosarote Apfelblüh
Tanzt mit schneeig weißen
Kirschenblüten Ringelreih
Hell in Wirbelkreisen.

Junge Birken beugen sich
Jungferngrün im Winde,
Leise wispert’s, froh erstaunt,
In der alten Linde.

Heia, erster Frühlingssturm,
Blütenblätterfeger,
Sei gegrüßt, Lenzjunker Wind,
Allerliebster Jäger!

Nicht zum Morde ruft dein Horn,
Ruft zu Tanz und Leben,
Über deinem Hussah-Zug
Schmetterlinge schweben.

Letztes Winterwehtum treibt
Dein Hallih von hinnen,
Hüte hoch und juhuhu!
Maitanz soll beginnen!

Wie der Blütenblätterschnee
Woll’n wir Wirbel drehen,
Wie’s der alte Maienbaum
Nimmer noch gesehen.

Flöte kichert, Geige singt,
Und der Baß brummt bieder,
Doch der Lenzwind über uns
Hat die schönsten Lieder.

Hat die große Melodei
Helle Sturmlustweise;
Nach des Lenzen Pfeife tanzt,
Tanzt die frohen Kreise!

Tulpen-Predigt
Fenster auf! Es hat der Frühling
Endlich wieder seine Zeit.
Alle Blumen müssen blühen,
Alle Vögel müssen singen,
Alle Mädchen müssen lieben,
Alle Herzen werden weit.

Mädchen mit den süßen Augen,
Komm, setz dich auf meinen Schoß!
Deine Hände muß ich küssen,
Deine Augen muß ich küssen,
Deine Lippen muß ich küssen,
Denn die Freude ist zu groß.

Sieh doch, Kind, die Tulpen haben
Ihre Kelche aufgemacht:
Rote, gelbe und gescheckte,
Tiefe Kelche voller Gluten,
Nichts als Schönheit, nichts als Liebe,
Eine ungeheure Pracht.

Kann denn irgend einer traurig
Unter diesen Flammen sein?
Sieh: das kam aus schwarzer Erde!
Denke: solche Flammen schlafen
Winters unter unsern Füßen!
Nur die Liebe schläft nie ein.

Glaube, Mädchen, an die Erde,
Weil sie voller Liebe ist.
Sind wir doch aus ihr geboren,
Wie die Blumen aus dem Beete.
Schlechtes Kind, das seiner Mutter
Wunderreichen Schoß vergißt.

Laß die Blinden ihre Augen
In das Himmlische verdrehn.
Du, bewußtes Kind der Erde,
Reich wie sie an Saft und Kräften,
Wohlgetane, Starke, Schöne,
Du sollst in die Blumen sehn.

Alles, was das reiche Leben
Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht
Auch in diesen Glutenkelchen,
Und es meint’s die Mutter Erde
Mit den liebetreuen Kindern
Immer, Mädchen, immer gut.

Liebe ist das Wort der Worte,
Liebe ist des Lebens Wort;
Weißt du das in deinem Herzen,
Weißt du das in deinen Sinnen,
Dann kann nichts dich überwinden,
Deine Mutter hilft dir fort.

Lacht mein Mädchen? Lache, lache,
Liebes Mädchen, lach mich aus!
Weiser ist dein klares Lachen
Als mein Predigen und Dichten,
Schöner ist dein liebes Lachen
Als ein ganzer Tulpenstrauß.

Einen Kuß! Dann in den Garten,
In die Flammen gelb und rot!
Dankbar treue Erdenkinder
Wollen wir den Tag genießen:
Liebe unser einzger Glaube,
Schönheit unser täglich Brot.

Flieder
Stille, träumende Frühlingsnacht . . .
Die Sterne am Himmel blinzelten mild,
Breit stand der Mond wie ein silberner Schild
In den Zweigen rauschte es sacht.
Arm in Arm und wie in Träumen
Unter duftenden Blütenbäumen
Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

Der Flieder duftet berauschend weich;
Ich küsse den Mund dir liebeheiß,
Dicht über Häupten uns blau und weiß
Schimmern die Blüten reich.
Blüten brachst du uns zum Strauße,
Langsam gingen wir nach Hause,
Der Flieder duftete liebereich . . .

Bildchen
Der Frühling naht dem Sommer zu,
Ein leichter Wind wiegt über dem Gras,
Hell leuchten die Blüten im Busche.

Die Blumen im Grase nicken leis,
Es klingt der kleine, klare Bach
Aus schattigem Dunkel schüchtern heraus,
Als käm er vom Reiche der Träume.

Vom Reiche der Träume, in dem sie weilt
Das braune Mädel mit flatterndem Haar,
Die junge kräftige Bauerndirn.

Zwischen Frühling und Sommer webt ihr Traum,
Zwischen Blüte und Frucht, zwischen Hoffen und Glück,
Und die Augen gehen ihr über.
Sommer

Fröhliche Zuversicht
Nun ist die Blütenzeit vorbei,
Die grüne Wiese gilbt sich schon.
Vergangen ist der Mai.

Im Busch ein kleiner Vogel singt
Ein lautes Lied vom Glück, vom Glück,
Das nun der Sommer bringt:

Die Blütenfrucht, die junge Brut,
Das stille Reifen überall,
Des Segens schwere Flut,

Vom Nachbarbusch antwortet fein
Das Weibchen seinem Glücksgesang;
Nun singen sie zu zwein.

Zu zwein, zu zwein! Das war im Mai,
Da mir das Glück zu zwein beschert.
Schnell ging das Glück vorbei.

Es schwand im Blütenüberschwang,
Es hallte leise, leise aus,
Wie ferner Mädchensang.

In meinem Herzen lind und warm
Verglimmt’s wie Abendsonnenschein;
Mein Herz ist ohne Harm.

Mit Lachen flog mir fort das Glück,
Ich aber weiß: im nächsten Mai
Kehrt’s lachend mir zurück.

Frühsommerphilosophie
Die roten Tulpenflammen sind verglüht;
Maiglocken wachen auf; der Flieder blüht;
Die Eiche, die so lange sich besann,
Steht nun in Laub; es steckt die Kerzen an,
Die grünen Kerzen, übertrieft von Saft,
Der alten Fichten innerliche Kraft.
Um jede Blüte ist ein Surretanz
Von Schwebewesen, ein lebend’ger Kranz
Von Schillerflügeln, gelb, grün, blau von Glanz,
Und an den Stengeln kriecht im Drängelauf
Das Käfervolk bunt, tausendfüßig auf.
Die liebe Welt! Ob sie auch lange ruht,
Sie macht’s zuletzt doch immer wieder gut.
Mag sie nicht schelten.
Eh eine andre uns nicht voller mißt,
Glaub ich’s einstweil, daß sie die beste ist
Von allen Welten.

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S o m m e r

Sommer
Singe, meine liebe Seele,
Denn der Sommer lacht.
Alle Farben sind voll Feuer,
Alle Welt ist eine Scheuer,
Alle Frucht ist aufgewacht.

Singe, meine liebe Seele,
Denn das Glück ist da.
Zwischen Aehren, welch ein Schreiten!
Flimmernd tanzen alle Weiten,
Gott singt selbst Hallelujah.

Sommerglücksmusik
O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Sonne spielt in schweren, satten
Farben ein Strahlenlied der Macht,
Goldkorngarbenüberdacht
Sitzt der große Pan im Schatten.

Gelb ist des Liedes Tiefton; breit
Flutet es unter dem Klanggewelle;
Fanfaren in Rot; das Blau schalmeit;
Ein lustiges Grün schwillt flötenhelle.

Mit dem Haupt, dem hörnerschweren,
Nickt den Takt der große Pan:
Langsam kommt die Zeit heran,
Da die Götter wiederkehren.

O Mond der Ernte des goldenen Korns!
O Sichelrauschen durch reife Frucht!
O Segensang des Sensenschwungs!

Spätsommer
Wenn das Gras der grünen Wiesen
Zeitig ist zur großen Mahd,
Wenn der Sommer seine Sense
Singen läßt durch reife Saat:

Dann soll deine Seele Sonne,
Kraft und Frucht und Ernte sein:
Schneide ruhig deine Aehren,
Führe deine Garben ein!

Ernte
Sonnengießen durch den Tag.
Wellenhoch im fröhlichen Schlag
Geht mein Herz, es schaukelt leise
Eine Wiener Walzerweise.
Sensenschwung und Sichelschnitt,
Grün und gelb fällt Gras und Ähre,
Meine Freude erntet mit:
Segenschwere! Segenschwere!

Unter einem Lindenbaum,
Auf des weißen Kirchleins Hügel,
Ruht ich aus; da hub mein Traum
Surrend die Libellenflügel:

Steht ein Feld im Korne schwer,
Schwankt in goldnem Überschwange,
Früchtefroh und reifebange,
Trocken rauschend hin und her.

An des Segens goldnem Rand,
Wo des Himmels Blau sich breitet,
Eine Sense in der Hand,
Eine Bauerndirne schreitet.
Weit aus, wuchtig ist ihr Schritt,
Überhäupten ihr der Stahl
Lacht in huschig hellem Glitzen;

Schnell im Schwung mit einemmal
Seh ich’s durch die Bläue blitzen,
Und die Magd beginnt den Schnitt.
Bogenhalb dreht sich ihr Leib,
Bogenweit greift aus das Eisen,
Näher, näher kommt das Weib
Hinter breitem Messerkreisen.
Langsam rührt mit steter Kraft
Sie der schweren Sense Schaft.

Brach schon dehnt sich Stoppelleere.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.

Näher, näher kommt sie her,
Auf die Seele fällt mir’s schwer.
Augen zu. Ich höre den Schnitt,
Und ein Klagen hör ich mit
Von Millionen Sterbequalen.
Stille dann. Scheu schau ich hin:
Ruhend steht die Schnitterin
Unter Abendsonnenstrahlen.
Von des vollen Goldes Rot
Einen Augenschein umloht,
Dann im letzten, hellen Licht,
Umrißschwarz . . . Bist du der Tod!?

Klar blickt sie mir ins Gesicht,
Gütig, groß und mütterlich,
Wendet in die Helle sich;
Geht. Sie überwächst den Schein,
Dunkel bricht von ihr herein.

Wo rauschgolden sich die Ähre
In des Windes Wehn gewiegt,
Sterbestarr das Leben liegt.
Allhin dehnt sich Stoppelleere.

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H  e r b s t

An den Herbst
Mit dankbarem Gemüte
Hin nehm ich deine Güte,
Herbsttag, du milder Gast,
Der du mich reich beschenktest,
Den Sinn ins klare lenktest
Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast.

Nun ist in mir kein Drängen
Und bin doch nicht im Engen,
Bin ruhevoll bewegt.
Was gilt es, mehr zu wollen,
Als so im Friedevollen
Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt.

Die goldene Birke
           Birke, wie warst du schön,
Als du im grünen Kleid,
Zierliche Jungfrau, standst
Und dir der Frühlingswind
Leise durchs zage Gezweig
Strich, wie des Bräutigams Hand
Zärtlich der Braut durch die schimmernden Locken streicht.

Birke, wie bist du schön,
Die du im goldnen Kleid,
Schöne Matrone, stehst.
Ruhig in klarer Luft
Hängt nun das fahle Gezweig,
Wie die Arme der Frau
Lässig herab im ermüdeten Schoße ruhn.

Mutterlied im Herbste
Will mein Junge Äpfel haben,
Rote oder gäle?
Hast du zweie, hast du dreie,
Schäl, mein Junge, schäle:

Schäle Schalen, lange Bänder,
Leg sie um im Kreise,
Iß die Äpfel, iß die Äpfel,
Beiß, mein Junge, beiße!

Ein Herbstlied
     Zur Begleitung des Faßtrichters
Nun klärt sich im Fasse der neue Wein,
Doch draußen wird es trübe,
Nur manchmal tut der Sonnenschein,
Als ob er den Nebel hübe;
Das Feld behauptet stolz allein
Die brave Zuckerrübe,
Doch auch ihr scheint es frostig zu Mute zu sein:
Ach, kochte man bald mich zu Zucker doch ein!
Ach, wenn man doch balde mich grübe!

King Thanatos sitzt aus dem Thron
Und übt sich im Regieren;
Mit Reichsschwert, Zepter, Reichsapfel und Kron
Sieht man ihn emsig jonglieren;
Sonst würd‘ es des Winters selbsteigenen Sohn
An höchstseine Hände frieren;
Blitzblau sind ihm Backen und Nase schon.
Jetzt ist der Trichter mein Bombardon,
Und ich gehe den Neuen probieren.
Winter

Alexandriner
           Dort lag der See gewellt, ein blauer Schimmerplan,
Wie weiße Möven drauf manch schneller Segelkahn;
Das Ufer drüben hell, der Himmel drüber klar,
Wie das doch wundersam, gar heilig heiter war!
Es tuschte noch der Herbst mit seiner Künstlerhand
In Sammetbraun und Rot Wald, Wiese, Berg und Land.
Unendlich weit der Blick, und umrißreinlich, fein,
Fiel Alles fern und nah, dem satten Auge ein.
Die Zacken des Gebirgs scharf vor dem Himmelsblau,
Ich sah der Schroffen Grat, der Schründe Spalt genau.
Und wenn zur Dämmerzeit der Mondkahn drüber schwamm,
War silberüberblitzt der blaue Höhenkamm.
Der fernsten Dächer Rot, der weitsten Wälder Braun,
Ich sah, wie weit es war, und konnt es nahe schaun,
Selbst kleinster Bäche Band, wie Silber eingestickt
Dem Sammetdunkelrot, hab deutlich ich erblickt.

Und heute. Eingebannt bin ich in kleinen Raum,
Das nahe Dorfgehölz seh ich als Schleier kaum.
Es fällt ein schneller Schnee, breitflockig, dicht gedrängt,
Und hat in leeres Grau mich drückend eingeengt.
Wo ist der See, der Wald, der blaue Höhenkamm,
Darauf der Silberkahn des halben Mondes schwamm?
Wie bin ich plötzlich arm. Ein König im Exil,
Dem über Nacht vom Haupt die goldene Krone fiel.
Er legt von sich den Prunk, die Pracht, die Macht, den Tand,
Und in sich selbst entdeckt er tief ein neues Land,
Das nie er noch geschaut, das, unveräußerlich,
Ein reiches Königreich: staunend entdeckt er – sich.

Mein Auge ward beraubt, mein Herz ward reich beschenkt,
Das in sich selber sich mit stiller Kraft versenkt.

trennlinie640

W i n t e r

 Winter
Der alte Säemann geht übers Land;
Sein grauer Sack ist voll und wird nicht leer,
So viele Hampfeln auch die Hand verstreut.

Und alles ist ihm Feld: Wald, Wiese, Berg;
Allüberallhin sät er seine Saat,
Die niemals aufgeht. Schweigend tut er so.

Ich seh ihm zu. Mich überschüttet weiß
Der kalte Segen seiner toten Saat.

Und wie ein Baum, aus dem der Lebenssaft
Sich in die Erde schlug, so steh ich starr
Und fühle innerlichst mich selbst vergehn.

Und Schlaf und Tod ist mir nur noch ein Gott.

Winterlied
           Weg und Wiese zugedeckt,
Und der Himmel selbst verhangen,
Alle Berge sind versteckt,
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht,
Die sich vor den Tag geschoben,
Die der Sonne glühe Pracht
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot:
Sonne, Mond und lichte Sterne?
Ruht das wirkende Gebot,
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum?
Sind verschüttet alle Wege?
Grau und eng die Welt und stumm.
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Das Wunder kommt
Schwarz ist die Nacht; es kracht das Eis;
Die ganze Welt ist eingeschneit;
Es sieht kein Stern am Himmel,
Am Himmel.

Da sieh: es blitzt ein zitternd Licht,
Ein Stern blitzt aus dem Schwarz heraus,
Ein roter Stern von Golde,
Von Golde.

So hat dereinst der Stern geblitzt,
Nach dem die heiligen drei gereist
Mit Weihrauch und mit Myrrhen,
Mit Myrrhen.

Den Heiland hat der Stern gebracht;
In dieser Nacht zerbrach das Eis;
Das Wunder kommt: Der Frühling,
Der Frühling.

Franz Josef Zlatnik ¦ Kindesblick ¦ Aus: Seelenklänge

Franz Josef Zlatnik ¦ Kindesblick

Foto: Pezibear/pixabay
Foto: Pezibear/pixabay

Mir ist, als ob mir Feenhand
Gegeben das Geleite:
Ich seh‘ ein wunderlieblich Land,
Voll Sonnenglanz die Weite.

Mir ist, als schritt‘ ich träumend hin
Im Mai durch Blumenauen,
Der Himmel leuchtet meinem Sinn
Mit nie erschautem Blauen.

Ist diesem hehren Sonnenland
Nicht ewig fern die Sünde? –
Ich schau, o Himmel, lichtgebannt
In deine tiefsten Gründe …

Wie ist mir solch ein Traum erblüht
Nach trübem Sturmgeschicke? –
Ein Märchen lacht mir ins Gemüt –
Aus einem Kindesblicke! –

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Franz Josef Zlatnik: Seelenklänge
Franz Josef Zlatnik (* 20. November 1871 in Wien; † 8. März 1933 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller. Franz Josef Zlatnik schrieb Gedichte, Skizzen und Novellen. Themen seiner oft melancholischen Lyrik sind die Natur, das Vaterland und die Mutterliebe.

Georg Heym ¦ Ophelia

Georg Heym ¦ Ophelia

Hughes Arthur - Ophelia -  Illustration zu William-Shakespeares-"Hamlet" 1852
Hughes Arthur – Ophelia – Illustration zu William-Shakespeares „Hamlet“ – 1852

I

Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten,
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.

Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt,
Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein.
Warum sie starb? Warum sie so allein
Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?

Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht
Wie eine Hand die Fledermäuse auf.
Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht
Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,

Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal
Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.

II

Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.

Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.

Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt

Hall voller Straßen. Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,

Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.

Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit.
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.

Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.

Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
trennlinie2Aus: Georg Heym – Dichtungen – 1969 – Verlag Philipp Reclam jun.

Alfred Lichtenstein ¦ Regennacht

Alfred Lichtenstein ¦ Regennacht

Foto: Jiří Rotrekl
Foto: Jiří Rotrekl

Der Tag ist futsch. Der Himmel ist ersoffen.
Wie falsche Perlen liegen kleine Stumpen
Zerhackten Lichts umher und machen offen
Ein wenig Straße, ein paar Häuserklumpen.

Verfault ist alles sonst und aufgefressen
Von schwarzem Nebel, der wie eine Mauer
Herunterfällt und morsch ist. Und im Pressen
Bröckelt wie Schutt der Regen – dichter – grauer –

Als wollte jeden Augenblick die ganze
Verseuchte Finsternis zusammensinken.
Wie eine seltsame, ertrunkne Pflanze
Unten im Sumpf siehst du ein Auto blinken.

Die ältsten Huren kommen angekrochen
Aus nassen Schatten – schwindsüchtige Kröten.
Dort schleicht eins. Dorten wird ein Schwein erstochen.
Der Regensturz will alles übertöten…

Du aber wanderst durch die Wüsteneien.
Dein Kleid hängt schwer. Durchnäßt sind deine Schuhe.
Dein Auge ist verrückt von Gier und Schreien.
Und dieses treibt dich – und du hast nicht Ruhe:

Vielleicht erscheint inmitten düstrer Feuer
Der Teufel selbst in der Gestalt des Schweines.
Vielleicht geschieht etwas ganz ungeheuer
Blödsinniges, Brutales, Hundsgemeines.

Otto zur Linde ¦ Reziprok

Otto zur Linde ¦ Reziprok

Foto: Pentabox
Foto: Pentabox

Da ist nichts über mir –
Kein Gesetz, kein Lenker,
Kein Zwang, kein Resignieren –
Auch »entweder-oder« das war niemals reziprok.
Funktion meiner Treue seh ich wohl,
Die wir so falsch verwandeln,
Wenn wir Wissen und Gewißheit suchen,
Sodaß wir Funktion für nicht mehr unser halten.
Statt zu wissen und erwachen, daß »wir« uns sind.
Unser Werden stellen wir so neben uns,
Als täte uns wer das an.
Auch wenn wir »uns« anklagen,
Glauben wir uns neben uns –
Selbsthaß. Selbsthaß.
Reziprok ist dieser wahrlich nicht,
Weder von mir zu mir, noch von mir zu dir.
All euer Wissen und Gewißheit kann nur sein:
Unendliche Seele, die sich weiß und erwacht
Im horizontlosen Meer. Dann ist
Kriterium, und einziges, von eh nach hin Ich-mir.

trennlinie2

Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Band IX / X – Charonverlag – 1925

Otto zur Linde • Ursache und Wirkung

Otto zur Linde • Ursache und Wirkung

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Foto: cocoparisienne

Wenn ich deine Ursach war und du meine Wirkung,
Verlangt das Reziproke, daß du damit
Meine Ursach bist und ich deine Wirkung.
Alle Absicht muß ein Echo sein,
Alle Wirkung dann Erfüllung einer Bitte.
Du bist »in« mir und doch dich selbst,
Ich bin »in« dir und doch mich selbst,
Das Reziproke verlangt, daß jeder »wirklich« also sich ist.
Wissen und Gewißheit aber »ist« im horizontlosen Meer.
Oh Allerseelen, meine Frömmigkeit
Ist Antwort, sehnende, die »weiß« und sehr gewiß ist,
Daß mich eure Frage damit reziprok erreicht.

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Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Band IX / X – Charonverlag – 1925

Alfred Lichtenstein ¦ Beim Betrachten einer Menschenlunge in Spiritus

Alfred Lichtenstein ¦ Beim Betrachten einer Menschenlunge in Spiritus

Ganz ohne Grauen frisst du täglich totes Fleisch.
Und totes Blut ist dir ein süßer Saft.
Erschrickst du nicht? –

Zwar haben deine frühsten Väter auch
Und ehe du erwachtest wurde schon
Dir tausend Totes in den Leib gestopft.

Wie aber muss der erste, der das Tier
Erschlug, herzlich erschrocken sein –
Da, als er sah, dass das, was flatterte,
Was sprang und schreien konnte und im Sterben noch
So flehende Welt in den Augen hatte,
Mit einemmal
Nicht mehr da war.

Otto zur Linde • Der Mensch

Otto zur Linde • Der Mensch

1.
Ihr sollt nie wieder solches sagen,
Daß ihr der Schöpfung Krone seid.
Aus Hölle in Himmel empor zu ragen,
Ist WAHN zum Weinen. Würdelosigkeit

Des Weltwerks, das mißlungen. Falsches Ich
Als Spuk der Qualen. Später Haß,
Der sich entreißen will, oh früh und fürchterlich,
Der Weltschuld. Loskauf, ach und Verrat ist das.

Wenn ihr der Seele Wert an ihrem »Zustand« meßt,
Eurer und Allerseelen Unendlichkeit ihr dann vergeßt.
Den »Blick aus Unendlich« dreht ihr schielend um,
Vor eurem WAHN ward euer Wirkliches euch stumm.

Nicht sich. Denn der Wahn und das Böse »sind« ja nicht.
Wir müssen sie der Seele Krankheit nennen.
Die Krankheit »ist« ja nicht. Und doch, dies weltschwere Bleigewicht,
Ein Nichtseiendes, das wir nur im Zustand kennen,

In seinem und unserm Zustand, ist die Last
Auf deiner und meiner Seele, Allerseelen
Liegt unterm WAHN, sodaß sich Seele haßt –
So muß dem Paradiese letzte Seligkeit noch fehlen.

2.
»Wär nur eine Seel verloren,
Wär das Paradies ein Traum« –
Oh wacht auf! Dann neu geboren
Sieht der Mensch in sich den Raum,

Den er »ist«, Unendlichkeit
Fließend, also daß er seine Welle
Wandeln kann, und doch dem Leid
Treue hält. So bringt er Helle

In die Hölle. Oh erwacht!
Weltwerk wolln wir nicht verwirrn –
Aber in der dunklen Nacht
Soll nicht unser WAHN uns irrn.

3.
Wer bei Schlafenden erwacht ist,
Steht so scheu und weiß doch nicht,
Wem in dunkler Weltennacht ist
Allzufrüh ein leuchtend Licht.

Aber Menschen sind, die starren
Schon in Unruh, und ihr Stöhnen fleht:
Weck mich! So im Halbschlaf harren
Wir, daß WAHN weicht und verweht.

Wen ich wecke, der will Wahrheit –
Wahn entweicht. Dann soll nicht blind
Unser Aug starrn in die Klarheit –
Wißt, daß Seelen »wirklich« sind.

Wißt, daß Welt schläft, stöhnt, und Hölle
Spuk ist, den zu »wissen« wir
Müh und Möglichkeit als Mensch sind, unsre Welle
Rinnt, verrinnt, und wird an ihrem Wasser niemehr irr.

Das ist Seele. Und nun schaun
Wir nicht süchtig von uns fort.
Keine Treppe oder Tron wir baun –
Hier und Jetzt ist unser Ort.

Der ist TREUE. Aus Unendlich
Sehen wir die Welt nun an.
Uns zu »retten« ist nun schändlich –
Helfen wolln wir, jeder wie er »sich« sein kann.

Das ist WUERDE. So bescheiden –
WERT, und ist ein Vorparadies,
Daß in namenlosen Leiden
Uns Ich-mir erwachen ließ

Aus dem WAHN. Und Allerseelen
Weiß mein WERK und seins. Mißlang
WELT, solls Wahn nicht hehlen –
WILLE sei Möglichkeit (Gesinnung). Wahrheit nie Zwang.

Und eure »Ideale« laßt
Nun niemehr unerreichbar sein –
Der »Blick aus Unendlich« umfaßt
Das Mögliche und löscht den schönen Schein.

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Otto zur Linde – Gesammelte Gedichte
Band IX / X – Charonverlag – 1925

Max Herrmann-Neiße • Ich folge deinen Füßen

Nacht der Sternschnuppen - Jean-Francois Millet ca. 1851
Nacht der Sternschnuppen – Jean-Francois Millet ca. 1851

Ich folge deinen Füßen bis
In jede Furcht und Finsternis!

Deine Hände machen mich weinen,
Sie sind die jungen Schwestern der meinen.
Sie leuchten über meinem Pfade
Als Sterne einer großen Gnade.
Sie könnten mir meiner herben, Harten,
Verstörten Seele schweres Sterben
Glücklich machen und reich –

Ich bin so arm – ich kann nur warten!
Meine Hände sind zu greis und zu schwach
Zum Rauben und zum Erringen,
Sie sehnen sich bleich den deinen nach:
Du mußt sie ihnen bringen!
Sei weich!

Ich suche dich schon durch alle die Jahre,
Deine Füße flohen ins Wunderbare.
Deine Hände hielten sich immer verschlossen – –

Aber jetzt hab ich mein Blut vergossen,
Für dich vergossen!

Jetzt geht mein Blut dem deinen nach
In unser stillstes Brautgemach.
Du legst dich schwer auf mein Gesicht
Und hüllst mich in dein Haar.
Wie ein Taubenpaar
Flattern deine Füße an mir,
Deine Hände tun mir so Gutes.

Und eine weiche Stimme spricht:
Wir sind eines Blutes!

Dann trägt uns unsre Liebe bis
In jede Furcht und Finsternis – – –

In jede selige Finsternis.


Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 1886 in Neiße, Schlesien; † 1941 in London) war ein deutscher Schriftstelle & Lyriker.

Paul Klee • Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

Kathedrale Reims - Foto: Alfred
Kathedrale Reims – Foto: Alfred

Wäre ich ein Gott, zu dem man betet,
ich käme in die größte Verlegenheit,
von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden.
Sobald das Bessere nur leise anklänge,
würde ich gleich Ja sagen,
«stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau».
Somit würde von mir ein Teilchen gewährt,
und immer wieder nur ein Teilchen,
denn ich weiß ja sehr wohl,
daß das Gute in erster Linie bestehen muß,
aber doch ohne das Böse nicht leben kann.
Ich würde also in jedem einzelnen
die Gewichtsverhältnisse der beiden Teile ordnen,
bis zu einem gewissen Grad der Erträglichkeit.
Revolution würde ich nicht dulden,
wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen.
Daran sehe ich, dass ich noch kein Gott bin.

Ich wäre auch leicht, und mir dessen bewusst, zu überlisten.
Ich wäre rasch im Verleihen eines Ja, einem kurzen
Tone im Gebet gegönnt, welcher rührte.

Gleich darauf wär ich imstande,
sehr inkonsequent zu handeln,
und mich zu verwandeln
in das Ungeheuer Schauer,
welcher liegt auf solcher Lauer,
daß es dann gibt Trauer
in Familien, wo sein Gift
gerade trifft.

Viel historisches Theater wollte ich auch machen,
die Zeiten würden losgebunden von ihrem Alter,
das wäre ein Durcheinander zum Lachen.
Aber mancher wäre entzückt,
– hätt ich zum Beispiel je einen irrenden Ritter
draußen im Busch gefunden,
ich war beglückt! –.

Ein bisschen narren würd ich die Leutchen auch zuweilen
und gäbe ihnen in der Labung Ätzung,
in der Nahrung Zersetzung –
und Schmerz in der Paarung.
Ich stiftete einen Orden,
im Banner die lustig hüpfende Träne.

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 Paul Klee – Gedichte / Neue erweiterte Ausgabe 1980
Verlag der Arche – Zürich
isbn: 3-7160-1650-0

Max Herrmann-Neiße • Und über meine Stirn streicht deine Hand …

Foto: Zoran Stupar
Foto: Zoran Stupar

Und über meine Stirn streicht deine Hand …

Oft ist es mir, als zöge deine Hand
Mich plötzlich bettelschüchtern am Gewand.

Ich aber muss verstockt so weiter schreiten
Und meine Augen über Pöbel breiten.

Ich bin in Stuben, die voll Qual und Qualm –
Und draußen blüht dein Astwerk und dein Halm!

Und draußen öffnet sich dein Himmel weiß
Über den kühlen Dingen. – Mich drängt heiß
Und heißer Heimlichkeit auf harten Bänken
Und Lärm und Kleinlichkeit und Gift der Schenken,
Wo ich gekettet zwischen Wand und Wand –

Und über meine Stirn streicht deine Hand …

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Max Herrmann-Neiße, auch Herrmann-Neisse, (* 1886 in Neiße, Schlesien; † 1941 in London) war ein deutscher Schriftstelle & Lyriker.

Li Tai-pe • Du Fu an Li Tai-pe • Nachgedichtet von Klabund

Li Tai-pe • Du Fu an Li Tai-pe 
Nachgedichtet von Klabund

Als ich ein Kind war, schien der Mond mir rundes Gold,
Das wie ein Spiegel leicht am Rand der Wolken rollt.

Drin zogen Geister groß mit Seidenfahnen,
Zimtbäume ließen Süßigkeiten ahnen,

Der gelbe Hase braute treffliche Getränke,
Der Mann im Mond saß bei ihm in der Schänke, –

Bis einst der Drache Mond und Mann verschlang
Und Nacht wie dunkle Trauer niedersank.

Neun schlimme Vögel sind dabei, die Sterne aufzupicken.
Die Götter lagern traurig auf den Wolken, nicken

Und wiegen sich in sturmgepeitschten Böten.
Wer wird die schlimmen Vögel töten? –

Doch wenn der Mond von Nacht zu Nacht entschwand
Und endlich nur als schmaler Strich am Himmel stand,

War er ein Dolch, den ich mir in die Seite stieß,
Weil mich die Angst um dieses Leben nicht verließ.

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Li Bai  [* 701; + 762] auch Li Tai Bai und Li Tai-Po, war ein berühmter chinesischer Dichter der Tang-Zeit. Er war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Mit 25 Jahren begann er, durch China zu reisen. 742 erhielt er eine Anstellung am kaiserlichen Hofe, begann aber wenige Jahre später wiederum sein unstetes Wanderleben. Li Bai werden etwa 1.000 Gedichte zugeschrieben. – Quelle: Wikipedia

Frank Wedekind • An mich

Frank Wedekind • An mich

Foto: Dušan Bitala
Foto: Dušan Bitala

Wenn dir ein Schaden am Leibe frisst,
Jammre nicht, sondern handle;
Und wenn du glücklich gewesen bist,
Nimm dein Bett und wandle.
Ärgert dein Aug dich, so reiß es aus,
Sonst ärgert es dich an beiden;
Und keift dir ein schlimmes Weib zu Haus,
So geh und lasse dich scheiden.
Und wird dir das Beten und Fasten zu dumm,
Richte, schlichte, verzichte;
Und haranguiere das Publikum
Nicht erst durch Weltschmerzgedichte.

***

Frank Wedekind [1864 – 1918] eigentlich Benjamin Franklin Wedekind –  war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken gehörte er zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche.

Pauls Tagebuch: Lebensgeschichte durchbuchstabieren mit Wedekind und 愚木混株

Zeit der Rückblenden, in denen ich meine Lebensgeschichten immer wieder durchbuchstabiere; in der Hoffnung ein anderes Ende zu finden. Meine Zeichnungen spiegeln bis dato nur das Ende von Dingen wider.
Und dann das Gefühl des Abschieds, das durch meine Erinnerungen und Zeichnungen weht, dieser gelassene Abschied ohne Emotion, der vom Ende der Dinge provoziert wird; nur ein Ding ist dann zu Ende, wenn es aufgebraucht ist.

Illustration: cdd20 / 愚木混株
Illustration: cdd20 / 愚木混株

Frank Wedekind – Rückblick

Wie hab‘ ich nun mein Leben verbracht?
Hab‘ viel gesungen, hab‘ viel gelacht,
Unzähligen Menschen Freude beschert,
Doch den Fröhlichen stets lieber zugehört.
Denn mein Gedicht, wenn man’s nicht übel nimmt,
War immer zuerst nur für mich bestimmt.
Und ward’s mit den Jahren wesentlich stiller,
Mir selber pfeif‘ ich noch oft einen Triller
Im Genusse der höchsten Lebensgabe,
Daß ich nie einen Menschen verachtet habe.
Nur mit Einem lag ich in ewigem Streit,
Mit dem hohlen Götzen der Feierlichkeit.
Denn ein vornehmer Mensch ist selbstverständlich,
Macht nicht seine Vornehmheit extra kenntlich
Und wird sich mit größtem Gewinn bequemen,
Den eigenen Wert nicht ernst zu nehmen,
Weil ihm die, so er sich zu Gast gebeten,
Dann reicher und freier entgegentreten. –
Und wenn nun das Trugbild mählich entschwebt,
Dann sag‘ ich: Ich habe genug gelebt
Und verspüre wahrlich kein großes Verlangen,
Die Übung noch einmal von vorn anzufangen,
Denn für den Einzelnen der Ertrag
Ist plus minus null für jeglichen Tag.
Was aber irgend übrig bleibt,
Wird der Kraft der Lebendigen einverleibt.

***

Frank Wedekind [1864 – 1918] eigentlich Benjamin Franklin Wedekind –  war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken gehörte er zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche.

Friedrich Rückert • Unser Gedächtnis

Friedrich Rückert • Unser Gedächtnis

Foto: Hans Braxmeier
Foto: Hans Braxmeier12

Unser Gedächtnis ist wie eines Wirtes Zimmer,
Das doch, wieweit es sei, beschränkt von Raum ist immer.
Von Gästen gehn darein nicht zuviel auf einmal,
Und von Vorstellungen nur immer eine Zahl.
Doch nacheinander gehn der Gäste viele drein,
Und alle schreiben auch wohl ihre Namen ein,
Die in das Fremdenbuch, die auf die Fensterscheiben,
Das sind Erinnrungen, die von den Gästen bleiben.
Erneu’n kann sich der Wirt die Züge nach Belieben,
Wenn zu unleserlich nicht einer hat geschrieben.
Doch mancher lief auch durch auf flüchtigem Besuch,
Der weder an die Wand sich einschrieb noch ins Buch.
Das ist, was du gelernt und schnell vergessen hast,
Nicht im Gedächtnis hat verewigt sich der Gast.

(Die Weisheit des Brahmanen)

Johannes Theodor Baargeld • Armada Duldgedalzen • Lyrik und Prosa des Zentrodada

Armada Duldgedalzen [1920]
                (sie ist Mitglied der Z/w 3) 

Ordinäre Klitterung: Kubischer Transvestit vor einem vermeintlichen Scheidewege, 1920
Johannes Theodor Baargeld – Ordinäre Klitterung: Kubischer Transvestit vor einem vermeintlichen Scheidewege, 1920

Der erste Schmerz der Litfassäule war kein Kind
Jedoch der zweite war eins stand neben ihr und hiess
Armada Duldgedalzen ozeanisches
Drittmädchen und Prinzé – sin
Von Haar zu Haar hing ihr
Die Augenpracht schon damals so sehr fertig dass
Die Litfasshunde von hinten bellten Ueber Kopf
Besprangen sie die Erstgeburt Armada Duldgedalzen Doch
Vergebens sie besprangen sich nur selber
Mittlerweilen zeigten sich die ersten
Einhundertsiebenundzwanzig linken Ohre die die
Kluge Magd Orella
(von Ohr) Orella Muschelsilben nannte
Orella Muschelsilben war der Efeu ihres
Heiligtums bevor und nachdem
Sie sich ein Volk gewünscht Nur
Rechts sollte sie bloss bleiben ein
Einzig rechtes Ohr bald seltsam bald
Natürliches Rasierbecken ihrer Schnecken
Schaukelte es dann den Schaum
Bedürfnismäßig über Stab und Hörnchen
Denn man entschloss sich ja ihren
Leib aus den Tränenzapfen Martin Luthers
Zu kleben und schwedischen Zündhölzern
Und zwar nie Kopf auf Kropf auf die beliebte
Art des Erfinders O Armada Duldgedalzen
Sollst je du sollst du Schwänin auf dem Ozean


Johannes Baargeld, Ordinäre Klitterung. Kubischer Travestit vor einem vermeitlichen Scheidewege (Collage Vulgaire, Travesti cubique – Common Collage, Cubist Transvestite), 1920, collage, 30,9 x 14,4 cm, colelction privée (private collection).

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Henrik Ibsen • Baupläne

Foto: Csaba Nagy
Foto: Csaba Nagy

Henrik Ibsen • Baupläne

Ich weiß noch wie heut, ob auch Jahr um Jahr schwand,
Den Abend, da mein Erstling im Blatt gedruckt stand.
Da saß ich auf meiner Kammer, den Knaster in Glut,
Und paffte und träumte in seligem Hoffemut.

»Ein Wolkenschloß bau‘ ich, voll Sonnenschein,
Ein Schloß mit zwei Flügeln, von Himmelssturm umweht;
In dem großen, da hause ein unsterblicher Poet,
In dem kleinen ein Mägdelein, zierlich und fein!«

Wie schien mir mein Bau so harmonisch gedacht!
Und doch hat sich alles so anders gemacht!
Da der Meister ward vernünftig, ward blitztoll der Stil:
Der Hauptbau ward zu klein, der Anbau verfiel.

Ernst Toller • An die Dichter

Foto: 简体中文
Foto: 简体中文

Anklag ich Euch, Ihr Dichter, 
Verbuhlt in Worte, Worte, Worte!
Ihr wissend nickt mit Greisenköpfen,
Berechnet Wirbelwirkung, lächelnd und erhaben,
Ihr im Papierkorb feig versteckt!
Auf die Tribüne, Angeklagte!
Entsühnt Euch!
Sprecht Euer Urteil!
Menschenkünder Ihr!
Und seid…?
So sprecht doch! Sprecht!

Ernst Toller

Ernst Toller während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönfeld (frühe 1920er Jahre) - National Library of Israel, Schwadron collection
Ernst Toller während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönfeld (frühe 1920er Jahre) – National Library of Israel, Schwadron collection

Wilhelm Busch • Der Mond

Illustration: Iva Castro
Illustration: Iva Castro

Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, 
So treffend, weil es rund und weich –
Wer wäre wohl so kaltbedächtig,
So herzlos, hart und niederträchtig,
Daß es ihm nicht, wenn er es liest,
Sanftschauernd durch die Seele fließt? –

trennlinie2Wilhelm Busch
(1832 – 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller
Quelle: Wilhelm Busch, Bildergeschichten.
Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter, 1883

Carl Hauptmann | Namenlos

Namenlos bin ich wie der Sonnenstrahl.
Namenlos bist du wie eine flinkernde Welle.
Nicht deinen Namen kenn ich –
Nur deine Seele –
Und deine sammetschimmernde Haut –
Und deine frischen Lippen –
Und deine Kinderaugen, du Frühe.
Deine junge Seele glüht in deinem Wangenblut
Und drängt nach mir.
Wir lieben einander. –
Wie der goldene Sonnenstrahl den Bach liebt.
So liebe ich dich.
Wie er tändelnde Sonnennetze ihm in den Grund malt
So tändle ich in deinen goldnen Haaren, du Frühe,
Und werfe sie in frohem Übermute auseinander
Wie Sonnengeringel.
Unsere Augen sehen einander in ihre Tiefen.
Unsere Seelen lieben sich – namenlos.
Dein lieblicher Leib schmiegt sich an meine atmende Brust
Wie weiche Frühlingswellen,
In zeitlosem, raumlosem Traum …
Und aus deinem Schoße erblüht träumend
Eine Menschenseele –
Eine neue Seele aus zweier Frühling –
Das Wunder der Liebe –
Die neue Seele, die »Ich« und »Du« heißt.

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Carl Hauptmann –  Aus meinem Tagebuch
Verlag – Paul List Verlag Leipzig
Dritte erweiterte Auflage – 1929

Gotthold Ephraim Lessing • Merkur und Amor

Venus und Merkur verbinden Amor die Augen - Spranger, Bartholomäus (1546-1611) - 1597 - Venus und Merkur versuchen, dem sich wehrenden Amor die Augen zu verbinden. Sie wollen dadurch sein unbeherrschtes Liebestreiben bändigen. Typisch für die Werke am Hof Rudolfs II. ist eine Vorliebe für mythologische Szenen gespickt mit pikanter Erotik.
Venus und Merkur verbinden Amor die Augen – Spranger, Bartholomäus (1546-1611) – 1597 – Venus und Merkur versuchen, dem sich wehrenden Amor die Augen zu verbinden. Sie wollen dadurch sein unbeherrschtes Liebestreiben bändigen. Typisch für die Werke am Hof Rudolfs II. ist eine Vorliebe für mythologische Szenen gespickt mit pikanter Erotik.

Gotthold Ephraim Lessing
Merkur und Amor

Merkur und Amor zogen
Auf Abenteuer durch das Land.
Einst wünscht‘ sich jener Pfeil und Bogen;
Und gibt für Amors Pfeil und Bogen
Ihm seinen vollen Beutel Pfand.

Mit so vertauschten Waffen zogen,
Und ziehen noch, beide durch das Land.
Wenn jener Wucher sucht mit Pfeil und Bogen,
Entzündet dieser Herzen durch das Pfand.