Kategorie: Lyrische Hausapotheke

Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

Eduard Mörike | Besuch in der Kartause

Als Junggesell, du weisst ja, lag ich lang einmal
In jenem luftigen Doerflein an der Kindelsteig
Gesundheitshalber muessig auf der Baerenhaut.
Der dicke Foerster, stets auf mein Plaesier bedacht,
Wies mir die Gegend kreuz und quer und fuehrte mich
Bei den Kartaeusern gleich die ersten Tage ein.
Nun haett ich dir von Seiner Dignitaet zunaechst,
Dem Prior, manches zu erzaehlen: wie wir uns
In Scherz und Ernst, trotz meines schwaebischen Ketzertums,
Gar bald verstanden; von dem kleinen Gartenhaus,
Wo ein bescheidnes Buecherbrett die Lieblinge
Des wuerdigen Herrn, die edlen alten Schwarten trug,
Aus denen uns bei einem Glase Wein, wie oft!
Praenestes Haine, Tiburs Wasser zugerauscht.
Hievon jedoch ein andermal. Er schlaeft nun auch
In seiner Ecke dort im Chor. Die Moenche sind,
Ein kleiner Rest der Bruederschaft, in die Welt zerstreut;
Im Kreuzgang laermt der Kuefer, aus der Kirche dampft
Das Malz, den Garten aber deckt ein Hopfenwald,
Kaum dass das Haeuschen in der Mitte frei noch blieb,
Von dessen Dach, verwittert und entfaerbt, der Storch
Auf einem Beine traurig in die Ranken schaut.

So, als ich juengst, nach vierzehn Jahren, wiederkam,
Fand ich die ganze Herrlichkeit dahin. Sei’s drum!
Ein jedes Ding waehrt seine Zeit. Der alte Herr
Sah alles lang so kommen, und ganz andres noch,
Darueber er sich eben nicht zu Tod gegraemt.
Bei duennem Weissbier und versalzenem Poekelfleisch
Sass ich im Gasthaus der gewesnen Praelatur,
Im gleichen Saelchen, wo ich jenes erstemal
Mit andern Fremden mich am ausgesuchten Tisch
Des Priors freute kloesterlicher Gastfreiheit.
Ein grosser Aal ward aufgetragen, Laberdan,
Und Artischocken aus dem Treibhaus »fleischiger«,
So schwur, die Lippen haeufig wischend, ein Kaplan,
»Sieht sie Fuerst Taxis selber auf der Tafel nicht!«
Des hoechsten Preises wuerdig aber deuchte mir
Ein gelber, weihrauchblumiger Vierunddreissiger,
Den sich das Kloster auf der sonnigsten Halde zog.
Nach dem Kaffee schloss unser wohlgelaunter Wirt
Sein Raritaetenkaestchen auf, Bildschnitzereien
Enthaltend, alte Muenzen, Gemmen und so fort,
Geweihtes und Profanes ohne Unterschied;
Ein heiliger Sebastian in Elfenbein,
Desgleichen Sankt Laurentius mit seinem Rost,
Verschmaehten nicht als Nachbarin Andromeda,
Nackt an den Fels geschmiedet, trefflich schoen in Buchs.
Naechst alledem zog eine altertuemliche
Stutzuhr, die oben auf dem Schranke ging, mich an;
Das Zifferblatt von grauem Zinn, vor welchem sich
Das Pendelchen nur in allzu peinlicher Eile schwang,
Und bei den Ziffern, gross genug, in schwarzer Schrift
Las man das Wort: Una ex illis ultima.
»Derselben eine ist die letzt« – verdeutschte flugs
Der Pater Schaffner, der bei Tisch mich unterhielt
Und gern von seinem Schulsack einen Zipfel wies;
Ein Mann wie Stahl und Eisen; die Gelehrsamkeit
Schien ihn nicht schwer zu druecken und der Kuerass stand
Ihm ohne Zweifel besser als die Kutte an.

Dem dacht ich nun so nach fuer mich, da streift mein Aug
Von ungefaehr die Wand entlang und stutzt mit eins:
Denn dort, was seh ich? Waere das die alte Uhr?
Wahrhaftig ja, sie war es! – Und vergnuegt wie sonst,
Laufst nicht, so gilts nicht, schwang ihr Scheibchen sich auf und ab.

Betrachtend stand ich eine Weile still vor ihr
Und seufzte wohl dazwischen leichthin einmal auf.
Darueber ploetzlich wandte sich ein stummer Gast,
Der einzige, der ausser mir im Zimmer war,
Ein aelterer Herr, mit freundlichem Gesicht zu mir:
»Wir sollten uns fast kennen, mein ich – haetten wir
Nicht schon vorlaengst in diesen Waenden uns gesehn?«
Und alsbald auch erkannt ich ihn: der Doktor wars
Vom Nachbarstaedtchen und weiland der Klosterarzt,
Ein Erzschelm damals, wie ich mich noch wohl entsann,
Vor dessen derben Neckerein die Moenche sich
Mehr als vor seinem schlimmsten Tranke fuerchteten.
Nun hatt ich hundert Fragen an den Mann, und kam
Beiher auch auf das Uehrchen: »Ei, jawohl, das ist«,
Erwidert‘ er, »vom seligen Herrn ein Erbstueck noch,
Im Testament dem Pater Schaffner zugeteilt,
Der es zuletzt dem Brauer, seinem Wirt, vermacht.«
– So starb der Pater hier am Ort? – »Es litt ihn nicht
Auswaerts; ein Jahr, da stellte sich unser Enaksohn,
Unkenntlich fast in Rock und Stiefeln, wieder ein:
Hier bleib ich, rief er, bis man mich mit Pruegeln jagt!
Fuer Geld und gute Worte gab man ihm denn auch
Ein Zimmer auf der Sommerseite, Hausmannskost
Und einen Streifen Gartenland. An Beschaeftigung
Fehlt‘ es ihm nicht; er brannte seinen Kartaeusergeist
Wie ehedem, die vielbeliebte Panazee,
Die sonst dem Kloster manches Tausend eingebracht.
Am Abend, wo es unten schwarz mit Bauern sitzt,
Behagt‘ er sich beim Deckelglas, die Dose und
Das blaue Sacktuch neben sich, im Dunst und Schwul
Der Zechgesellschaft, plauderte, las die Zeitung vor,
Sprach Politik und Landwirtschaft – mit einem Wort,
Es war ihm wohl, wie in den schoensten Tagen kaum.
Man sagt, er sei bisweilen mit verwegenen
Heiratsgedanken umgegangen – es war damals
So ein lachendes Pumpelchen hier, fuer den Stalldienst, wie mir deucht –
Doch das sind Possen. Eines Morgens rief man mich
In Eile zum Herrn Pater: er sei schwer erkrankt.
Ein Schlaeglein hatte hoeflich bei ihm angeklopft
Und ihn in groessern Schrecken als Gefahr gesetzt.
Auch fand ich ihn am fuenften oder sechsten Tag
Schon wieder auf den Struempfen und getrosten Muts.
Doch fiel mir auf, die kleine Stutzuhr, welche sonst
Dem Bette gegenueber stand und allezeit
Sehr viel bei ihm gegolten, nirgend mehr zu sehn.
Verlegen, als ich darnach frage, fackelt‘ er:
Sie sei kaputt gegangen, leider, so und so.
Der Fuchs! dacht ich, in seinem Kasten hat er sie
Zu unterst, voellig wohlbehalten, eingesperrt,
Wenn er ihr nicht den Garaus etwa selbst gemacht.
Das unliebsame Spruechelchen! Mein Pater fand,
Die alte Hexe fange nachgerade an
Zu sticheln, und das war verdriesslich.« – Exzellent!
Doch setzten Sie den armen Narren hoffentlich
Nicht noch auf Kohlen durch ein grausames Verhoer?
– »Je nun, ein wenig stak er allerdings am Spiess,
Was er mir auch im Leben, glaub ich, nicht vergab.«
– So hielt er sich noch eine Zeit? – »Gesund und rot
Wie eine Rose sah man Seine Reverenz
Vier Jahre noch und drueber, da denn endlich doch
Das leidige Stuendlein ganz unangemeldet kam.
Wenn Sie im Tal die Strasse gehn dem Flecken zu,
Liegt rechts ein kleiner Kirchhof, wo der Edle ruht.
Ein weisser Stein, mit seinem Klosternamen nur,
Spricht Sie bescheiden um ein Vaterunser an.
Das Uehrchen aber – um zum Schlusse kurz zu sein –
War rein verschwunden. Wie das kam, begriff kein Mensch.
Doch frug ihm weiter niemand nach, und laengst war es
Vergessen, als von ungefaehr die Wirtin einst
In einer abgelegnen Kammer hinterm Schlot
Eine alte Schachtel, wohl verschnuert und zehenfach
Versiegelt, fand, aus der man den gefaehrlichen
Zeitweisel an das Tageslicht zog mit Eklat.
Die Zuschrift aber lautete: Meinem werten Freund
Braeumeister Ignaz Raussenberger auf Kartaus.«

Also erzaehlte mir der Schalk mit innigem
Vergnuegen, und wer haette nicht mit ihm gelacht?

***

Aus: Eduard Mörike | Besuch in der Kartause | Epistel an Paul Heyse

Wilhelm Busch | Am Vorabend von Rosens Geburtstag

Lauschend am Fenster sitzt der Poet. –
Draußen die Blumen und Pflänzchen
Halten ihr Abendkränzchen
Auf dem Gartenbeet.
Der Mond in Silberlivree,
Leise geschäftig,
Kredenzt den Tau, den Blütentee,
Anregend und kräftig.
Und von Kelch zu Kelche
Geht ein Geflüster:
»Also morgen ist er!«

Frau Ehrenpreis (Veronika): Ja, morgen feiert sie
Ihren werten Entsprießungstag –

Taubnessel (mit dem Hörrohr): Hä was? Hä welche?

Frau Ehrenpreis (lauter): – Drüben im Garten die schöne Frau Rose –

Taubnessel: Ah! Mit den zwei Knospen die!

Frau Ehrenpreis: – die tadel- und dornenlose –

Distel (für sich): Wer’s glauben mag!

Frau Ehrenpreis: – Von Duft und Glanz umwoben.

Distel: Man weiß, man weiß!
Die gute Frau Ehrenpreis
Muß immer loben.
Und doch hat unser Röschen, das feine,
Allerlei kleine
Grillen und Räupchen
Unter dem zierlichen Häubchen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Distel: Bald steht sie da so mildiglich
Und senkt die Blätter,
Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich,
Je nach dem Wetter.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, das wollt‘ ich meinen!
Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn,
Den Rittersporn und den Baldrian
Dort wachsen und erscheinen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, ganz recht!
Und dann dieser Musenknecht,
Dieser Dichter –

Distel: Der Versetrichter –

Klatschrose: – mit langen Locken –

Distel: – mit dem Loch im Socken.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Alltäglich kläglich mit Gefühl
In ihrer Nähe
Entlockt er seinem Saitenspiel
Lieblich Getön
Und singt so schön –

Distel: – wie n’e Mantelkrähe.

Klatschrose: Zum Beispiel, noch gestern –

Lilie (sanft): Geliebte Schwestern! –

Frau Ehrenpreis: Ihr Muster der Milde!
Ihr Tugendgebilde!

Lilie: Wen sollte der festliche Tag nicht rühren!
Ich denke doch –

Levkoje, Tulpe, Päonie, Phlox: Jaja, wir alle gratulieren!

Frau Ehrenpreis: Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte,
Ein hochgeschickter –
Fräulein Federnelke –

Federnelke: O bitte!

Distel (für sich): Blaustrumpf, verrückter!

Frau Ehrenpreis: – Federnelke, die wundersame,
So lautet ihr holder botanischer Name.
Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen
Und schreibt und dichtet ein Billett,
Duftend, geistvoll und nett.
Das möge dann die dienende Biene,
Unsere süße geflügelte Schleckerkathrine,
Hinschwebend im frühesten Morgenwind,
Dem hohen Geburtstagskind
Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke (schreibt und liest): »Veredelte Rose und Nachbarin!
Nehmet dies Brieflein gnädig hin,
Sintemalen dasselbe geschrieben
Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben.
Verleihe der Himmel Euer Gnaden
Beständig ein sanftes Sonnenlicht
Und frischen Tau und meinetwegen
Auch hie und da ein wenig Regen,
Nur Sturmwind nicht,
Denn dieser tut der Schönheit Schaden.
Ergebenst mit Herz und Honigmund
Das Blumenkränzchen: Tugendbund.«

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke: Ich denke, es macht sich so!

Alle: Bravo bravissimo!

Mond: Noch ’n Täßchen Tee gefällig?

Levkoje: Ich trank schon drei.

Phlox: Ich fünf.

Tulpe: Ich acht.

Päonie: Mein Mieder kracht!

Alle: Gute Nacht, gute Nacht!

(Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet,
nachdem er noch einen Blick in die Nacht hinaus gebohrt,
schließt leise das Fenster.)

Kurt Tucholsky – Gedicht über den (deutschen) Mann – 1931

Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann.

Lamento

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.
Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.
Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.
Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt –
Er ist ein Mann., Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Der deutsche Mann
Mann
Mann
Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.
Die Frau ist dazu da, dass sie die Kragen zählt.
Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.
Und kommt es einmal vor, dass er die Frau betrügt:
Er ist ein Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.
und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.
Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.
Hauptsache ist, dass sie bequem und sich gehorsam fügt.
Denn er ist Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!
Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.
Ein kleines bisschen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.
Er ist ein Beamter der Liebe. Er lässt sich gehn.
Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?
Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt.
Er ist ein Mann. Und das 06
genügt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Zwei

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 
Schweigen Schweigen Schweigen

.Die Idee | Der Wunsch zu Schweigen. Sich einschleichende Gedanken werden mit der Erinnerung an das Vorhaben vertrieben. Bis der Gedankenverkehr obsiegt.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Eins

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 

Die Idee | Zu Beginn das Schweigen, dann kommen die Gedanken, drängen sich hinein in die erwünschte Stille. Am Ende gewinnt ein Moment des Schweigens. Der sich in Meditation Übende.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Eduard Asadow | Ich werde dich lieben, darf ich?

(Übersetzt aus dem Russischen von Maria Aronov)

Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.
Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!
Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?
Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.
Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das?

Ich gehe auf eine steile Klippe,
ich werde fallen, fang mich! Schaffst du das?
Und wenn ich wegfahre, wirst du mir schreiben?
Mir fällt es schwer, ohne dich zu sein.
Ich will bei dir sein, hörst du?
Nicht nur eine Minute, nicht einen Monat, sondern lang,
sehr lang, das ganze Leben, verstehst du?
Das bedeutet das ganze Leben zusammen – willst du das?
Ich habe Angst vor deiner Antwort, weißt du das?
Antworte mir, doch bitte nur mit den Augen.
Antworte mir mit den Augen – liebst du mich?
Wenn ja, dann verspreche ich dir,
dass du die Allerglücklichste sein wirst.
Wenn nicht, dann flehe ich dich an,
mich nicht mit deinem Blick hinzurichten. Tue es bitte nicht!
Zieh mich nicht mit deinem Blick in die Untiefe!
Doch erinner dich bitte ein wenig an mich…
Ich werde dich lieben, darf ich?
Auch, wenn es nicht erlaubt ist…, werde ich es!
Und ich werde dir immer zu Hilfe eilen, wenn du in Schwierigkeiten sein solltest.

***

Eduard Arkadjewitsch Assadow (russisch Эдуард Аркадьевич Асадов; * 7. September 1923 in Mary, Turkmenistan; † 21. April 2004 in Odinzowo, Russland) war ein russischer Dichter und Prosaist. [Ein ausführliches Porträt des Lyrikers – verfasst von Maria Aronov – finden Sie ab dem 14.05. hier.]

Beitragsfoto: Gilbert Garcin | Nocturne (D’apres Paul Klee), 2004
Die Website des Künstlers: http://www.gilbert-garcin.com/

Karl Henckell | Lebensbrandung

Wie das wilde Meer
über die Blöcke brandet!
Doch ich warf mich hierher,
atemlos bin ich gelandet.
Soll’s aufstrudelnd mich ziehn
abwärts mit gierigen Krallen?
Weltmeer, nicht will ich dich fliehn,
doch deiner Wut nicht verfallen.
Schlag mir die Krallen ins Bein,
Schicksal, erbarmungsloses!
Zäh umklammer‘ ich den Stein,
lache des tollen Getoses.
Hart granitener Grund,
du hast den Halt mir gegeben.
Rissen die Wirbel mich wund,
Jetzt sei Sieger, mein Leben!
Und Verzweiflung versinkt,
die mir das Herz schon zerrissen,
Hoffnung, die heilende, winkt,
Licht aus den Finsternissen.
Fest nun geschlossen den Bund
mit der gewaltigen Erde,
Daß dieser heulende Schlund
mir zum Triumphgesang werde!

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
Brütet das Schweigen,
Ballt sich zusammen
Die schwangere Nacht –
Taub und tonlos
Kauert der Reigen,
Dumpf Verdammen
Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
Finstre Dämonen,
Nebelschleichend,
Tückisch und krumm –
Matte Monde
Aus Nebelzonen
Ziehn erbleichend,
Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
Regt sich ein Raunen,
Lichter aufzucken,
Riesen stehn nackt,
Schreien ihr Sehnen,
Stark wie Posaunen,
Zwerge sich ducken,
Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
Im Orgelorkane
Urwäldermeere,
Sonnengesäugt –
Lustschwärme jauchzen
Wilde Päane,
Isis zur Ehre,
Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
Orgien Tosen
Löst sich der zarter
Sich wiegende Bund –
Kinder der Anmut
Lagern auf Rosen,
Innig gepaarter
Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
Bilden sich leise,
Venus Urania
Wandelt die Welt –
Männer und Frauen, sie
Wählen sich weise,
Heilig Halleluja
Geister gesellt.

Milder erschallen die
Saiten des Lebens,
Rhythmen gestalten sich
Seligen Gedichts –
Völkerversöhnende
Musen durchschweben’s,
Fugen entfalten sich,
Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
Torheit und Trauer,
Aufschwung und Untergang
Tönen im Chor –
Kämpft das Orchesterheer,
Schütteln uns Schauer,
Heldentriumphgesang
Reißt uns empor.

Unergründlich
Quellende Laute
Locken die lauschend
Andächtige Schar –
Meisterhorchend,
Was Kühnheit baute,
Nimmt tiefaufrauschend
Die Menschheit wahr.

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Gertrud Kolmar | Die Dichterin

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust.Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau,
Mit Silberketten, Seiden, blaubestemt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. –

Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinem Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage: „Du…“ und immer: „Du und ich.“

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.

So steh ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.

Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?

***

Otto Müller | Liebespar um 1914

Otto Mueller (* 16. Oktober 1874 in Liebau, Landkreis Landeshut, Provinz Schlesien; † 24. September 1930 in Obernigk, Landkreis Trebnitz) war ein deutscher Maler und Lithograf des Expressionismus. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Expressionisten.

Alexander Moszkowski | Ooch ’ne Frühlingsahnung

»Wenn rechts und links die Spiegelscheiben knallen,
Und Ihnen uf’n Kopp Klamotten fallen,
Wenn sich die Schornsteinröhren mächtig biejen,
Und Dacharbeeter uf det Flaster fliejen,
Wenn alle Zäune wackeln mit Veh’menz –
Det is der Lenz!

Wenn Ihr Zylinder, oder wat Se tragen,
Hinieberkugelt untern Schlächterwagen,
Wenn Aeste, von de Beeme abjebrochen,
Im Schneesturm Ihnen priejeln Ihre Knochen,
Wenn Blitzableiter durch de Lifte huppen,
Wenn Ihn‘ de Oogen überjehn vor Schnuppen,
Vor Rachenbräune und vor Influenz –
Det is der Lenz!

Un wenn de Meechens, wo se immer singen,
Een Kilo Dreck mit von de Straße bringen,
Nachdem se von dem »Zephyr« rumjebullert
Verschiedene Mal uf den Asphalt jekullert,
Wobei se merschtens wie de Kälber schrien –
Det is de Frühlingsahnung in Berlin!

***

Aus: Die Freiheit der Musen

Gertrud Kolmar | Das Götzenbild

Ich habe kein Gesicht.
Um meine Augen nur ist goldne Larve.
Sie wird voll Lächelns und ganz licht
Im Liede einer wilden, ungefügen Harfe.

Mein Haar ist blau und rot gebeizter Bast,
Er strähnt bestaubt, weil meine Diener nur die Zehen baden,
Die kranker Lippen Trost und Rast,
Mit Schmuckgeschenken grell und plump beladen.

Aus meinen Ohren gehen
Die erznen ungeheuren Ringe,
Zu denen große, aufgereckte Schreie flehn.
In ihren Kreisen schließen sich die Dinge.

Mit Milch ist meine Brust beschmiert;
Zwei weiße Bäche rinnen bis zur Hüfte.
Der Mondhund darf nicht sehn, was sie gebiert,
Drum streut die Schwangere mir Würzkrautdüfte.

Drum bringt sie bald das neue Kind,
Es meinen Armen hinzuheben,
Die starr und wie des Affen Arme sind.
Nun wächst es und wird lange leben.

Ich weiß doch nicht, wie das geschieht,
Was keimt und was gedeiht; ich tue keine Taten.
Die Sprüche, die ein Priester murmelnd um mich zieht,
Stehn stumpf und rauchig, ohne mir zu raten.

Ich mußte steigen in die Macht,
Ich mußte in ihr thronen wie in einem Hause;
Ich bin sie nicht: als Bild ihr eingedacht,
Füll‘ ich ihr Schweigen aus mit Menschenflüstern und
-gebrause.

Ich sandte nicht den Blitz.
Ich kann den Schmerz am Weg nicht irremachen.
Ich kenne nicht der Toten Sitz
Noch die verhüllten Drei, die ihn bewachen.

Das weinende Gebet, die Bitte ruht
Wie Spinnweb mir im bunten Haare.
Ich trage nicht mein Herz mehr – das ist gut;
Unförmig, tönern, liegt es braun auf dem Altare.

Max Slevogt | Geburt der Venus II | 1923

Der Maler und Graphiker Max Slevogt wurde 1868 in Landshut geboren; er starb 1932 in Neukastell. Neben Corinth und Liebermann war er der wichtigste deutsche Impressionist.
Bevor er sich 1901 in Berlin níederließ, hatte er an der Münchner Akademie und an der Pariser Académie Julian studiert und große Teile Europas und Ägypten kennengelernt.
1917 berief ihn die Berliner Akademie. Denkwürdiger als seine lichten, der Augenblickseingebung verhafteten Bilder sind seine zahlreichen Illustrationen („Lederstrumpf“, „Don Giovanni“, „Tausendundeine Nacht“), mit denen er nobel, treffsicher und immer von der Totalanschauung ausgehend die jeweilige Situation charakterisiert.

***

Joachim Ringelnatz & Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
phile?»Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: Viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

***

Hermann Fenner-Behmer war ein deutscher Maler. Lebensdaten: * 8. Juni 1866 in Berlin; † 3. Februar 1913 ebenda.
Fenner-Behmer studierte an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin und bildete sich während eines Studienaufenthaltes in Paris bei Gustave Boulanger und Jules-Joseph Lefebvre weiter. Nach seinem Studium reiste er durch Europa. 1908 erhielt er für sein Gemälde Dame in Braun die Goldene Medaille der Akademie der Künste. Ebenfalls 1908 erhielt er auf der Großen Berliner Kunstausstellung eine kleine Goldmedaille.

Fenner-Behmer spezialisierte sich – im Laufe der Jahre – auf elegante Bildnisse von Frauen sowie erotische Szenen. Viele seiner Werke wurden als Drucke reproduziert. Als Beispiel für die s.g. erotischen Szenen:

Hermann Fenner-Behmer |  Reclining Odalisque  | 1900.
Hermann Fenner-Behmer | Reclining Odalisque | 1900.

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Das Poem ist erschienen in: Joachim Ringelnatz | Allerdings
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin | 1928

Zum Titelbild: Das Original wurde 1906 geschaffen. Die Abbildung entstammt einem Farbenlichtdruck um 1910.

Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherwurm | 1906

Frank Adamik | Ich, der Voyeur

Mich interessiert kein Kontakt
mit anderen Menschen
vielleicht gar nackt.

Mich lockt keine Bar
kein gutes Essen
sowieso kein Altar.

Ich brauch kein Telefon
keine Frau
keinen Sohn.
Mich langweilt viel
fast jedes Gespräch
jedes Spiel.

Drogen nehmen
Geld verdienen
politische Themen
es summt im Kopf wie bei den Bienen.

Weil ich in meinem Glück – auf gewisse Art – bescheiden bin:

In der frühen Nacht
hab ich meine Lichter ausgemacht
dann nehm ich Dich mein Teleobjektiv
schauen wir uns an
ganz subversiv
was die Nachbarn tun.

Wir stehen dicht an der Wand
und hätte nie geglaubt
sehen dabei so allerhand
was mir Verstand und Atem raubt!
Es fixt mich an
und hole mir
ihr Leben ganz nah ran.

Frank Adamik
*1959 | lebt in Norderstedt bei Hamburg & übt sich seit einigen Jahren in der Lyrik.

Jeremias Gotthelf | Die Menschen wissen nicht

Oh, die Menschen wissen nicht, wie schön es eigentlich in Kinderherzen aussieht,
in denen die Liebe aufblüht; sie wissen aber auch nicht, wie zart diese Pflanze ist in ihrem Frühling, und wie leicht ein Frost sie lähmt oder tötet. Mit eisiger Hand, frostig durch und durch, wühlen die meisten Menschen in den Kinderherzen, und unter ihren Händen erstarrt der schöne Frühling; die Pflänzchen der Liebe sterben, und kühle, kalte, selbstsüchtige Menschheit nistet
sich ein als tausendarmiges Unkraut in der Liebe verödetem Garten.

Jeremias Gotthelf
[1797 – 1854] war das Pseudonym des Schweizer Schriftstellers, Journalisten und Pfarrers Albert Bitzius.

Ferdinand Hodler & Stefan George | Die Nacht(wachen)

Sieben Schlafende sind um einen aufgewachten, aufgeschreckten, nackten Mann platziert. Auf diesem wiederum kniet eine von einem Tuch verhüllte Figur. Die Personen verteilen sich auf die gesamte Bildfläche und sind umgeben von einer kargen und steinigen Landschaft. Die Nacht scheint wie ausgeleuchtet,einige Figuren sind heller als andere; einen Schatten wirft jedoch keine von ihnen. Der Schweizer Maler hat sich selbst zwischen seiner Frau Bertha Stucki und seiner Geliebten Augustine Dupin dargestellt. Es ist neben „Der Tag“ eines der bekanntesten Bilder Hodlers in der Sammlung. | Im Original zu sehen ist es das 1889/90 entstandene Werk im Kunstmuseum Bern.
***
Ferdinand Hodler | Der Tag | 1. Fassung 1900
Ferdinand Hodler | Die Nacht 1898/90

Stefan George | Nachtwachen I-V

Deine stirne verborgen halb durch die beiden
Wölkchen von haaren (sie sind blond und seiden)
Deine stirne spricht mir von jugendlichem leide.

Deine lippen (sie sind stumm) erzählen die geschichte
Der seelen verurteilt in gottes gerichte.
Erregender spiegel (dein auge) spiel damit nicht!

Wenn du lächelst (endlich flog über dir der Schlummer her)
Dein lächeln gleicht dem weinen sehr
Und du neigst ein wenig dein haupt von kummer schwer.

Nicht nahm ich acht auf dich in meiner bahn
In zeiten feucht und falb worin der wahn
Des suchens fragens sich verlor.

Kann jemand in den zeiten feucht und falb
Am dunklen tore harren meinethalb ?
Nun denk ich dein weil unterm dunklen tor

Wo ängstend säule und gemäuer knarrt
Du meinethalben mein geharrt
Als niemand ging und als es schweigsam fror.

Welche beiden mitternächte
Als der selber schmerzdurchbohrte
An der dulderin sich rächte !

Dass dein blick sich weich umflorte
Dass dein wink ihr mildrung brächte !
Eines sah des andren wunden

Durch des dunkels dichte mahne
Zucken rieseln unverbunden . .
Und nicht wort nicht träne.

Erwachen aus dem tiefsten traumes-schoosse
Als ich von langer Spiegelung betroffen
Mich neigte auf die lippen die erblichen

– Ertragen sollet ihr nur mitleidgrosse !
Seid nur aus dank den euch geweihten offen –
Und die berührten dann in solchen gluten

Die antwort gaben wider höchstes hoffen
Dass dem noch zweifelnden die sinne wichen .
O rinnen der glückseligen minuten !

Wenn solch ein sausen in den wipfeln wühlt
Ist es nicht mehr als dass ein sehnen drohe
Durch blaue blicke · blumen blonde frohe ?

Wenn solch ein branden um die festen spült
Dass du verlassen irrend an dem Strand
Die rettung suchst in leerer himmel brand ?

Dass ich wie nie dich blass und bebend finde ·
Kaum mehr noch als am wegesrand die blinde
Die unbeachtet ruft im lauten winde . .

Aus: Stefan George | Das jahr der Seele

Das Jahr der Seele ist der Titel eines 1897 erschienenen zyklischen Gedichtbandes von Stefan George. Die Sammlung gilt als das bedeutendste Werk seiner ersten Schaffensperiode und als Versuch, die Naturpoesie unter den Bedingungen der Moderne zu erneuern.

Max Dauthendey | Im Mondschloss

Im Mondschloss

Die Mondnacht war wie ein goldenes Schloss gemacht,
Schwebend über der Zeit, mit offenen Toren himmelweit,
Mit Silbersaal an Saal gereiht,
Mit betressten Schatten, die waren die Diener und Mohren;
Die hatten an Treppenbergen ihren Platz in Scharen,
Mit weißem Puder in blauschwarzen Haaren.
Du und ich, wir gingen wie die Lieder und Sagen,
Von der Mondmusik durch die Räume getragen.
Und ein Saal stand voll Berge mit Nebeln im Tal.
Drunten lag als Teppich ein Strom wie Stahl,
Eine Insel als Kissen, und Pappeln als Wände;
Es spielten im Wasser vergoldete Hände.
Und zwei Augen ich tief im Mondschein fühlte,
Und eine Brust, die mir gern meine Sehnsucht kühlte.
Ich griff in die Leere, wie durch eine Wand,
Und hielt meiner Liebsten liebkosende Hand.

Aus: Max Dauthendey | Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

ein raum | schmutziger greis

halbdunkel tödlich ganz verwirrt
aufreizend!  zärtlich  traumhaft
Nischen  schwere Türen
weite Schatten, die in blaue Winkel führen
irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt

auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch
grünes Deckenlicht verzerrt  übertreibt
weiche Kätzchen
wie fromm sich weiße Fräulein lieben

ein Greis  ein Seidentuch
blinde augen

Jakob van Hoddis | Es hebt sich ein rosa Gesicht …

Es hebt sich ein rosa Gesicht
Von der Wand.
Es strahlt ein verwegenes Licht
Von der Wand.
Es kracht mir der Schädel
Beim Anblick der Wand.
Es träumt mir ein Mädel
Beim Anblick der Wand.

O Wand, die in meine leblosen Stunden starrt
Wand, Wand, die meine Seele mit Wundern genarrt
Mit Langeweile und grünlichem Kalk
Mein Freund. Meiner Wünsche Dreckkatafalk.

Soeben erscheint mir der Mond
An der Wand.
Es zeigt mir Herr Cohn seine Hand
An der Wand.
Es schnattert wie Schatten
Pretiös an der Wand.

Verflucht an der Wand!
Und heut an der Wand!
Was stehen denn so viel Leut
An der Wand?

Jakob van Hoddis (Geburtsname Hans Davidsohn; * 16. Mai 1887 in Berlin; † 1942 in Sobibór, Generalgouvernement) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt für das Gedicht Weltende.

Bei vielen Zeitgenossen hatte van Hoddis großen Erfolg, seine Lyrik wurde von den damaligen Literaturkritikern und Intellektuellen hoch geschätzt. So eröffnete Weltende die wohl berühmteste expressionistische, von Kurt Pinthus 1919 herausgegebene, Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. In der späteren Forschung trat er dagegen im Vergleich zu anderen Vertretern des Expressionismus wie Georg Heym, Ernst Stadler und Georg Trakl in den Hintergrund. Er lehnt seinen Wortschatz in seinen Gedichten in der Zeit zwischen 1910 und 1914 sehr an den des frühen Stephan George an.

Erich Ruhl | Universale Geborgenheit

Universale Geborgenheit

Vom Autor vorgelesen:

Das feine Signal

Vor Jahrmillionen

Im Meer der Möglichkeiten angelegt

Sicher in den Fluss der Zeit gesandt

Vier Engel begleiten

Das Potenzial

Das Signal tritt als leuchtende Kugel der Sinne

In den Orbit unseres Herrlichen blauen Planeten

Was wie Zögern wirkt

Ist sicheres Wählen

Erkennt das Ziel

Schwebt hinab

Beleuchtet

Die Liebenden

Die Kugel wird zum Leuchtbogen

Der schützt und birgt

Und umschließt

Der das Leuchten zwischen ihnen

Bewahrt und

Die Liebe nach außen beschützt

Zugleich ist der Bogen

Kein Kokon

Herrlich stabil und durchlässig

Schafft Geborgenheit und Freiheit zugleich

Der Bogen der einst

Ums Ziel wissende Leuchtkugel war

Das Licht behütet die Liebenden

Noch immer begleitet von den vier Engeln

Liebe

Respekt

Wärme

Freiheit

© Erich Ruhl-Bady – August 2016

www.ruhl-erich.de

Gedichte statt Blog

AUDIO:

http://www.audiyou.de/beitrag/universale-geborgenheit-8145.html

Erich Ruhl | Umringt statt umzingelt

Umringt statt umzingelt

Vom Autor vorgelesen:

Signale des Hasses
Überhörbar machen
Durch Erinnern
An eigene Leuchtkraft
An eigene Sanftheit

Open minded
Meint zuerst die eigenen Gedanken
Eigenes Fühlen
Eigenes Nichthassen
Die Erwartungen der Bösen nicht erfüllen

Den Blick trotz allem weiten
Herzliche Blicke sehen und senden
Warmherzige Worte hören wollen
Umringt sein wollen von klugen Fühlenden
Und fühlenden Klugen

Nicht annehmen das Umzingeln
Nicht schenken den Bösen unsere Angst
Die Zange der Bösen abweisen
Wieder einladen das Umringen
Wie im Tanz

© Erich Ruhl-Bady – August 2016
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Gedichte statt Blog

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Peter Altenberg | Kriegshymnen san net schlecht.

Kriegshymnen san net schlecht. Gar net schlecht!
So Worttrompeten, Wortetrommeln, Wortgeratter:
Auf in den Kampf, auf in den Tod! Zum Siege!
Doch schmerzlicher dient man dem Vaterlande
mit einem Leberschuß, einem Schuß in die Niere, in die Nabelgegend!
Man muß es dann nämlich tragen, Jahre
lang, auch wenn die Kriegsbegeisterung vorbei ist,
und Nüchternheiten einziehn in die Seelen!
Nüchtern berauscht sein, das war ewig
die Devise meines Herzens! Künstlertum im Leben!
Nicht berauscht berauscht, und nicht nüchtern nüchtern!
Sondern nüchtern berauscht! Begeisterung in heiligen Friedenszeiten!
Der Krieg begeistert jeden schon von selbst!
Was braucht man da noch Trommeln und Trompeten?!?
Jedoch im heiligen Frieden wird wieder alles schlapp und müde,
und trottet fort in schäbigem Geleise!
In Friedenszeiten, Dichter, Philosophen,
rufet die Menschen wach und auf
zu Lügelosigkeit, Einfachheit, Askese und
vornehmer Gesinnung durch und durch!
Auf daß ein nächster Krieg unmöglich
werde und sein Schreckenslärm,
und ebenso Kriegshymnen-Blech!

Reime zur Zeit: Peter Altenberg – Kriegshymnen

Erich Ruhl | Verpuffende Verbitterung. Oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Verpuffende Verbitterung oder: Freiheit braucht Gerechtigkeit

Vom Autor vorgelesen:

Über Verführung und Verführte
Über verpuffende Verbitterung
Ein Kommentar zu Mr. Trump

Die Kunst der Freiheit braucht Geduld
Zu sehen Menschenseins Bedarf
Der Mangel an Gerechtigkeit wird Schuld
Die Antwort schrill und scharf

Im Weißen Haus macht einer Angst
Gewiss – der Schreck sitzt tief
Doch lernen wir des Bittren Grund
Wird schnelle Antwort schief

Die Weichen stellt das Kapital
Verführter Wähler ist kein Schuft
Wenn Fairness wieder Sieger wird
Verführers Wille schnell verpufft

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
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Erich Ruhl | Des Jahres Lot

Des Jahres Lot

Vom Autor vorgelesen:

Von Sommers Kraft
Ganz stolz es kündet
Das Laub
So strahlend warm und hell

Schwebt, landet und es findet
Beim Niedersinken jene Stell

Den Platz
Im März schon vorbereitet
Deckt er sich zu mit Ahornrot

Nur um im nächsten Märzenscheine
Das Grün zu sein
In Jahres Lot

© Erich Ruhl-Bady – November 2016
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Lord Byron | Zwischen zwei Welten

Zwischen zwei Welten, Tag und Nacht, schwebt blind
Das Dasein gleich dem Stern am Himmelssaum:
Wie wissen wir so wenig, was wir sind
Und werden Ewig rollt der Weltflut Schaum,
Und unsrer Gischtesblasen Glanz zerrinnt,
Und neue tauchen aus dem düstern Raum,
Indess die Gräber von verstorbnen Reichen
Dem Schwellen kaum der flücht’gen Woge gleichen.

Aus: Lord Byrons Don Juan, 15. Gesang, 99. Strophe

Annemarie Schwarzenbach | IN SILS

Manchmal möchte ich mit der Hand nach meinem Herzen greifen.
Ob es noch schlägt und das gleiche ist.
Es schlägt langsam wie im Traum.
Die Schläfen beben, der Atem müht sich
Und die Brust ist so klein geworden, so schmächtig,
Damit ihre Enge dies bißchen Leben und Bewegung nicht störe,
Um das wir kämpfen müssen.
Die Bilder sagen, es sei wie das zu schwache Licht einer Kerze.
Aber plötzlich spüre ich dann, wie es emporschlagen
Und übermächtig werden könnte,
Und eine Geisterhelle verbreiten, die still und fürchterlich ist.
Ich denke an das gesprengte Rund der Bergspitzen,
Die uns mit ihrem Leuchten und ihrer Bläue gnädig waren,
Und ich denke an die Lieblichkeit des Baches,
Der in der Mittagshitze, zur Erntezeit.
So viel über silberne Steine rieselnde Kühlung verbreitete,
Und an die Schwemme,
Wo abends die goldenen Pferde standen und ihre Mähnen schüttelten.
Und an die Wüste.
Aber wenn ich in der Nacht wach werde, und mein Blick aus dem Dunkel,
In der bleischweren Luft schwebend, blind und wie vernichtet ist,
Und wenn dann dieses Weben ringsum beginnt,
Wenn meine Hände schlaff und meine Füße weit sind,
Und ich mir nicht mehr gehöre,
Und allein das einsam schlagende Herz
Wie der Kindheit Brunnen rauscht,
Und ich immer noch in solcher Heimsuchung lauschen muß,
Dann erhebt sich das Sterben über den Zauberrand
Der jetzt in tiefem Schlaf liegenden Welt,
Und ich bin nicht mehr.

Annemarie Schwarzenbach

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin. Am 7. September 1942 stürzte sie im Engadin mit ihrem Fahrrad und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der sie, nach einer Fehldiagnose, am 15. November starb.
Schwarzenbach schrieb u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.
Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Lyrik | Georg Trakl In einem verlassenen Zimmer

Fenster, bunte Blumenbeeten,
eine Orgel spielt herein.
Schatten tanzen an Tapeten,
Wunderlich ein toller Reihn.

Lichterloh die Büsche wehen
Und ein Schwarm von Mücken schwingt
Fern im Acker Sensen mähen
Und ein altes Wasser singt.

Wessen Atem kommt mich kosen?
Schwalben irre Zeichen ziehn.
Leise fließt im Grenzenlosen
Dort das goldne Waldland hin.

Flammen flackern in den Beeten.
Wirr verzuckt der tolle Reihn
An den gelblichen Tapeten.
Jemand schaut zur Tür herein.

Weihrauch duftet süß und Birne
Und es dämmern Glas und Truh.
Langsam beugt die heiße Stirne
Sich den weißen Sternen zu.

Georg Trakl
Georg Trakl

Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der annähernd gleichzeitigen Strömungen der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist aber nicht möglich.

Lyrik | Paul Klee Unendlicher Funken

O laß den unendlichen Funken
nicht ganz ersticken im Maß des Gesetzes.
Sieh dich vor!
Doch entferne dich auch nicht ganz von dieser Welt.
Denke dir, du wärest gestorben:
nach langen Jahren des Fernseins
wird dir ein einziger Blick
erdenwärts ermöglicht.

Du siehst eine Laterne stehen
und einen alten Hund, der sein Bein hebt.
Schluchzen mußt du da vor Ergriffenheit.
[1905]

Erich Ruhl | Kein Netz. Nur Boden.

Kein Netz. Nur Boden. | Vom Wandern in der Rhön

Königlich die Sonne
Blinzelnd oben in den Baumkronen
Herrlich konkret
Die Seele erwärmt

Fraulich zieht
Die Natur
Sinnlich am Körper
Über Stock und Stein

Kein Netz hier oben
Besinnlich undigital
Kein Netz
Nur Boden

Jeder Schritt
Heimkehr
Resonanz mit sich selbst
Bewusstsein durch Tun

Achtsamkeit
Schafft Freiheit
Und Sicherheit
Der Planet trägt mich

© Erich Ruhl-Bady – August 2016
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Lyrik | Conrad Ferdinand Meyer – Die Füße im Feuer

Conrad Ferdinand Meyer | Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
– »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …

Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.
– »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.« –
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergiesst er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.
Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.«

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Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887
Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887

Conrad Ferdinand Meyer (* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) war ein Schweizer Dichter des Realismus, der (insbesondere historische) Novellen, Romane und Lyrik geschaffen hat.
Er entstammt einer Patrizierfamilie. Die Mutter beging Selbstmord. Meyer studierte Geschichte, Philologie und Malerei. Unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 entschied er sich für die deutsche Sprache zum Schreiben. Meyer kam wegen einer Geisteskrankheit 1852 und 1892 in eine Nervenheilanstalt. Er starb 1898 in Kilchberg.

Lyrik | Conrad Ferdinand Meyer – Der tote Achill

Conrad Ferdinand Meyer | Der tote Achill

Im Vatikan vor dem vergilbten Marmorsarg,
Dem ringsum bildgeschmückten, träumt ich heute lang,
Betrachtend seines feinen Zierats üppgen Kranz:
Thetis entführt den Sohn, den Rufer in der Schlacht,
Den Renner, dem die Knie erschlaffen, welchem schwer
Die Lider sanken – von Delphinen rings umtanzt,
Im Muschelwagen durch des Meers erregte Flut.
Tritonen, bis zum Schuppengurt umbrandete,
Bärtge Gesellen, schilfbekränztes, stumpfes Volk,
Gebärden sich als Pferdelenker. Es bedarf
Der mutgen Rosse Paar, das, Haupt an kühnem Haupt,
Die weite Flur durchrudert mit dem Schlag des Hufs,
Des Zügels nicht! In des Peliden Waffen hat
Sich schäkernd ein leichtsinniges Gesind geteilt:
Die Nereiden. Eine hebt das Schwert und ziehts
Und lacht und haut und sticht und wundet Licht und Luft.
Ein schlankes Mädchen zielt mit rückgebognem Arm,
In schwachgeballter Faust den unbesiegten Speer,
Der auf und nieder, wie der Waage Balken, schwankt.
Die dritte schiebt der blanken Schulter feinen Bug
Dem Erzschild unter, ganz als zöge sie zu Feld,
Dann deckt damit den sanften Busen gaukelnd sie,
Als schirmt‘ das Eisen eines Kriegers tapfre Brust.
Die vierte – Held, du zürntest, schlummertest du nicht! –
Setzt jubelnd sich den Helm, den wildumflatterten,
Auf das gedankenlose Haupt und nickt damit.
Scherzt Kinder! Nur mit dir ein Wort, Vollendeter!
(Denn mit der Mutter, die dein schlummerschweres Haupt
Im Schoss gebettet hält, der dir das Leben gab,
Der schmerzversunknen Mutter, plaudert es sich nicht.)
Pelide, sprich! Was ist der Tod? Wohin die Fahrt;
Wozu die Waffen? Zu erneutem Lauf und Kampf?
Zu deines Grabes Schmuck und düstern Ehren nur?
Was blitzt auf deinem Schwerte? Deine letzte Tat,
Verglimmend wie der Abend eines heissen Schlachtentags?
Die Morgensonne eines neuen Kampfgefilds?
Bedarfst du deines Schwertes noch, du Schlummernder?
Wohin der Lauf? Zum Hades? Nein, es lügt Homer!
Den Odem neiden einem kleinen Ackerknecht
Sieht nicht dir ähnlich, Heros! Eher fährst
Du einer Geisterinsel bleichem Frieden zu
Und trägst den Myrtenkranz, beseligt und gestillt,
Mit den Geweihten. Doch auch solches ziemt dir nicht!
Was einzig dir geziemt, ist Kampf und Kampfespreis –
Pelide! ein Erwachen schwebt vor deinem Boot
Und schimmert unter deinem mächtgen Augenlid!
Du lebst, Achill? Gib Antwort! Wohin wanderst du?
Er schweigt! Er schweigt. Der Wagen rollt. Ein Triton bläst
Sein Muschelhorn, dass leis und dumpf der Marmor tönt.

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Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887
Conrad Ferdinand Meyer | Karl Stauffer-Bern | 1887

Conrad Ferdinand Meyer (* 11. Oktober 1825 in Zürich; † 28. November 1898 in Kilchberg bei Zürich) war ein Schweizer Dichter des Realismus, der (insbesondere historische) Novellen, Romane und Lyrik geschaffen hat.
Er entstammt einer Patrizierfamilie. Die Mutter beging Selbstmord. Meyer studierte Geschichte, Philologie und Malerei. Unter dem Eindruck des Krieges 1870/71 entschied er sich für die deutsche Sprache zum Schreiben. Meyer kam wegen einer Geisteskrankheit 1852 und 1892 in eine Nervenheilanstalt. Er starb 1898 in Kilchberg.

Lyrik | Albert Roderich | Distelstrauch

Stand ein staubiger Distelstrauch
Und eine blühende Rose auch
Auf der sonnigen Heide. –
War die Distel voll Neide. –
Fegte der Winter den eisigen Hauch
Verderblich über die Flur.
Klagte die Rose voll Leide:
„Liebe Distel, jetzt sind wir nur
Stachelgewächse beide!“

Albert Roderich (1846 – 1938), deutscher Dichter und Aphoristiker


Geplante Reiseroute START: in der Elbtalaue ⇒ …..
 Der Ort ist noch zu bestimmen | Einen Steintisch (Dolmen) schaffen. A: Minitaur erstellen und in den heimischen Garten integrieren. B: Mitstreiter suchen. Errichtung eines Dolmen  .
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschliessend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….

Lyrik | Sergei Alexandrowitsch Jessenin | Fall nicht, Stern

Fall nicht, Stern, mein Stern, bleib oben,
schick das kalte, schick das Licht.
Nahe, sieh, die Kirchhofspforte −
Toten Herzen schlagen nicht.

Felderstille voller Strahlen,
Sternenkorn, augustgewiegt,
lichtdurchbebt: du klagst mit allen
um den Kranich, der nicht fliegt.

Ich – ich schick die Augen über
Strauch und Hügel, weit hinaus,
lausch und hör – und hör die Lieder
von Daheim und von Zuhaus.

Dünner steigt der Saft der Birke,
Herbst kam golden durch das Kratt.
Allen, die ich ließ und liebte,
weint er nach ein Birkenblatt.

Ach die Stunde kommt, die Stunde,
unverschuldet, ungefragt,
und ich lieg, lieg hier, lieg unten,
und ein kleines Gitter ragt.

Seine Flamme, mir zu scheinen,
Herz, gehst hin und wirst zu Staub.
Freundeshand kommt mit dem Steine,
und ein muntrer Reim steht drauf.

Aber ich, könnt ich noch schreiben,
solches hätt ich hier bestellt:
Säufer lieben ihre Kneipe −
seine Kneipe war die Welt.

Übersetzt von Paul Celan

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Sergei Alexandrowitsch Jessenin (russisch Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. Septemberjul./ 3. Oktober 1895greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad) war ein russischer Lyriker, der zu den besten und zugleich volkstümlichsten Dichtern Russlands gezählt wird. Er starb bereits im Alter von 30 Jahren.

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Beitragsfoto: Alexej W. Schtschussew, Georgi K. Jakowlew, Issidor A. Franzus | Wettbewerbsentwurf des Leuchtturm-Denkmals für Christoph Kolumbus in Santo Domingo, Perspektive | 1929

Lyrik | Johann Wolfgang von Goethe | Entoptische Farben

Lass dir von den Spiegeleien
Unsrer Physiker erzählen,
Die am Phänomen sich freuen,
Mehr sich mit Gedanken quälen.

Spiegel hüben, Spiegel drüben,
Doppelstellung, auserlesen;
Und dazwischen ruht im Trüben
Als Kristall das Erdewesen.

Dieses zeigt, wenn jene blicken,
Allerschönste Farbenspiele;
Dämmerlicht, das beide schicken,
Offenbart sich dem Gefühle.

Schwarz wie Kreuze wirst du sehen,
Pfauenaugen kann man finden;
Tag und Abendlicht vergehen,
Bis zusammen beide schwinden.

Und der Name wird ein Zeichen,
Tief ist der Kristall durchdrungen:
Aug in Auge sieht dergleichen
Wundersame Spiegelungen.

Lass den Makrokosmus gelten,
Seine spenstischen Gestalten!
Da die lieben, kleinen Welten
Wirklich Herrlichstes enthalten.

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Johann Wolfgang von Goethe (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; † 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782) gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung.

Lyrik & Kunst | Else Lasker-Schüler & Franz Marc | Versöhnung

Else Lasker-Schüler | Versöhnung

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,

In den Sprachen beten
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.

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Franz Marc | Versöhnung | Holzschnitt
Franz Marc | Versöhnung | Holzschnitt

»Versöhnung« erschien zuerst am 4. August 1910 im ersten Jahrgang der von Herwarth Walden, dem zweiten Ehemann Else Lasker-Schülers, redigierten Zeitschrift »Der Sturm« (Nr. 23. S. 181). Das Gedicht wurde zu Lebzeiten Else Lasker-Schülers in zahlreiche Anthologien aufgenommen – so 1920 in die berühmte Sammlung »Menschheitsdämmerung« von Kurt Pinthus –, die Dichterin selbst druckte »Versöhnung« in fast allen ihren Büchern ab: Zuletzt erschien das Gedicht 1937 mit dem Titel »Der Versöhnungstag« in »Das Hebräerland«.
Der Versöhnungstag (Jom Kippur) bildet den Höhepunkt der Hohen Feiertage am Anfang des jüdischen Jahres. Mit dem Neujahrsfest am 1. und 2. Tischri (September/Oktober) beginnen zehn Bußtage. Der 10. Tischri, Jom Kippur, wird als Fasttag bei gemeinsamem Gebet in der Synagoge gefeiert. Zu den wichtigsten Verordnungen des Jom Kippur gehört das gegenseitige Verzeihen, die Aussöhnung mit den Mitmenschen. Das Festritual selbst wird 3. Mose (Levitikus) 16 beschrieben; dort heißt es: »Folgendes soll euch als feste Regel gelten: Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollt ihr euch Enthaltung auferlegen und keinerlei Arbeit tun, der Einheimische und ebenso der Fremde, der in eurer Mitte lebt. Denn an diesem Tag entsühnt man euch, um euch zu reinigen. Vor dem Herrn werdet ihr von allen euren Sünden wieder rein. Dieser Tag ist für euch ein vollständiger Ruhetag, und ihr sollt euch Enthaltung auferlegen. Das gelte als feste Regel. Der Priester, den man gesalbt und an Stelle seines Vaters als Priester eingesetzt hat, soll die Sühne vollziehen. Er soll die Leinengewänder, die heiligen Gewänder, anlegen. Er soll das geweihte Heiligtum, das Offenbarungszelt und den Altar entsühnen; dann soll er die Priester und das ganze Volk der Gemeinde entsühnen. Das soll für euch als feste Regel gelten: Einmal im Jahr sollen die Israeliten von allen ihren Sünden entsühnt werden. Und man tat, wie es der Herr dem Mose befohlen hatte.« 1925 veröffentlichte Else Lasker-Schüler eine Erzählung mit dem Titel »Der Versöhnungstag«, in der die Dichterin von ihrer Kindheit berichtet. Einleitend charakterisiert sie den Festtag wie folgt: »Kein Jude, der nicht an seine Eltern denkt an diesem Tage, dem heiligsten Tage im Jahr. Vater und Mutter war der Versöhnungstag das Wiegenfest der Judenheit. So allen Juden in allen Ländern und Erdteilen und ihren Kindern und Kindeskindern, Kindeskindeskindern. Dieser Tag ist nicht aus der Welt des Juden auszurotten und wird einst vor Gott stehen als sein ebenbildlichstes Geschöpf. Haß und Streitigkeit lächeln eingesungen, müde störrische Kinder.«
Das ›Wachen die Nacht‹, von dem Else Lasker-Schüler in der ersten Strophe spricht, spielt auf den von strenggläubigen Juden geübten Brauch an, in der Jom Kippur-Nacht zu ›lernen‹ und nicht zu schlafen. – Mit den »Sprachen«, die »wie Harfen eingeschnitten sind«, werden bildlich die hebräischen Schriftzeichen charakterisiert. Das Bild der Harfe ist ein von Else Lasker-Schüler häufig gebrauchtes Motiv, um die besondere ›Würde‹ der hebräischen Schrift zu verdeutlichen. Bereits 1906 schreibt sie im »Peter Hille-Buch«: »Leise las Petrus die hebräischen Gesänge der Bibel: ›Wundervoll ist die Gestalt dieser alten Sprache, wie Harfen stehen die Schriftzeichen und etliche sind gebogen aus feinen Saiten.‹«
Die vorletzte Strophe des Gedichts ›zitiert‹ Else Lasker-Schüler in ihrer im Exil entstandenen und 1935 im »Pariser Tageblatt« erschienenen »Psalmodie« »Die Seele und ihr Licht«. Darin schreibt die Dichterin: »[…] nach dem stärkenden Ewigkeitstrunk dürstet immer von Neuem den erleuchteten Menschen. Mit diesem weisen weissen Weine zog der Schöpfer die Erde gross. Es gipfelten die Felsen, es erwachte das Geschmeide glitzernd im Gestein. Der Amethist, der Hyazinth, der rätselhafte Smaragd, aber es lichtete sich auch jedes Weizenkorn auf dem Feld; und der Herr küsste die Kornblume! Und über die Wasser sandte Er eine Taube – Seiner Seele schimmerndes Licht. Aber auch seines flammenden Odems gewaltige Adlerschwinge treibt die Welle hoch zum Mondschein. // Wir wollen uns versöhnen die Nacht / wenn wir uns herzen sterben wir nicht .. // Das Licht ist auserkoren im Kelch der Seele sich ganz in Liebe zu entfalten.« Versöhnung zu üben – so lautet die Botschaft, die Else Lasker-Schüler zwei Jahre nach ihrer Emigration verkündet –, ist dem Menschen aufgegeben: Nur die Versöhnung der Menschen und der Völker untereinander kann verhindern, daß die Welt des Lichts sich in eine Welt der Finsternis verkehrt. Auf eine Wendung Friedrich Nietzsches aus »Also sprach Zarathustra« (»Also sprach der Teufel einst zu mir: ›auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.‹ / Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: ›Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.‹«) anspielend, schreibt Else Lasker-Schüler gegen Ende von »Die Seele und ihr Licht«: »Nicht Gott, auch nicht Seine lichte Welt ist tot, aber das Paradies deines Wesens verfinsterte sich.«
Franz Marc schuf zu Else Lasker-Schülers Gedicht einen Holzschnitt, den Herwarth Walden im September 1912 auf der Titelseite des »Sturms« (Jg. 3, Nr. 125/126. S. 133) abdruckte. (Die Dichterin hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits von Herwarth Walden getrennt: Seit Anfang September wohnte Else Lasker-Schüler in der Humboldtstraße in Grunewald und nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung in der Katharinenstraße in Halensee.) Die Veröffentlichung des Holzschnittes markiert den Beginn der kurzen Freundschaft von Else Lasker-Schüler und Franz Marc, dem »blauen Reiter«, wie Marc von der Dichterin genannt wurde. Beide lernten sich im Dezember 1912 in Berlin persönlich kennen: Im August 1914 wurde Marc zum Kriegsdienst an der Westfront eingezogen, wo er am 4. März 1916 vor Verdun gefallen ist.

Lyrik | Max Dauthendey | Sommerelegie

Max Dauthendey | Sommerelegie

Jeder kommt einmal zu der Erde Rand,
Wo das Land aufhört, Wirklichkeit und Zahl,
Zur Versenkung, drinnen Jahr um Jahr verschwand;
Wo kein Wegmal und auch keine Wahl
Zwischen Nacht und Sonnenstrahl,
Zwischen Berg und Tal.

Sieh, das Sommergrün steht schon grob und groß,
Manche Ranke, derb und kühn, in den Himmel schoß,
Zuchtlos brüsten sich Unkraut und Gedanke.
Berge Laub sind aufgebaut, Wachstum ohne Schranke,
Als bringt nichts sie um, die sich aufgerafft vom Staube;
Strotzend gafft der Baum aus der Blätterhaube.

Gib mir deine Hand, dran die Adern blauen,
Deine Hand,
Die ich nicht am Wege blindlings fand;
Deine Augen,
Die auf Augenblicke wie goldsuchend schauen
Und zum Sand. —
Gleich sind aller Dinge Endgeschicke,
Aller, welche sich zu leben trauen.

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Aus: Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max_Dauthendey | Foto: Nicola_Perscheid | 1910
Max Dauthendey | Foto: Nicola Perscheid | 1910

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

Lyrik | Rainer Maria Rilke | Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

***

Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf