Kategorie: Leseszeit

Heinrich von Maltzan • Meine Wallfahrt nach Mekka • Einleitung von Fritz Gansberg

Heinrich von Maltzan - Grafik von Hermann Scherenberg - 1871
Heinrich von Maltzan – Grafik von Hermann Scherenberg – 1871

1860 unternahm Heinrich von Maltzan als Muslim getarnt eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als Tarnung diente ein Pass, den sich Maltzan durch Bestechung eines algerischen Arabers besorgt hatte. Dieses Vorgehen war notwendig, weil der Besuch der heiligen Stadt des Islam für Nichtmuslime bei Todesstrafe verboten war und ist. Nach dem Tod des offiziellen Passbesitzers veröffentlichte Maltzan 1865 einen Bericht über diese Reise. 

Heinrich von Maltzan wurde am 6. September 1826 in Dresden geboren und starb am 22. Februar 1874 in Pisa. Er war ein deutscher Forschungsreisender, Ethnograph, Sprachforscher und Reiseschriftsteller.

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Vorrede an die [jungen] Leser – Eine Einleitung von Fritz Gansberg

G ö t z e n d i e n s t !

[avatar user=“SybillePauli“ size=“medium“ align=“right“]Redaktion: Sybille Pauli[/avatar]

Gewiss habt ihr schon davon gehört. Gewiss kennt ihr auch aus dem Museum die fratzenhaften Gestalten, die sich die armen Wilden in ihre Tempel stellen, und denen sie mit größter Ehrfurcht nahen; sie knien davor nieder und beten sie an, sie suchen sie gnädig zu stimmen durch ein Opfer, sie bringen ihnen dampfende Speisen, die freilich der Tempeldiener nachher wegholt und anderweitig verwendet, und sie bitten sie um Hilfe in der Gefahr. Wie kann es nur Menschen in den Sinn kommen, Puppen von Holz oder Stein göttlich zu verehren? Wie können sie nur auf den Gedanken kommen, diese in bunte Lappen gewickelten Fratzen könnten ihnen helfen, ja könnten ihnen noch da helfen, wo menschliche Hilfe vollkommen unmöglich ist? Puppen sollen das Wetter machen können, sollen den durstenden Feldern Regen schicken und den Blitz vom Hause abwehren können! Puppen, die man in der Schlacht voranträgt, sollen die feindlichen Pfeile in Verwirrung bringen, sollen die Herzen der Feinde erzittern machen, sollen Krankheit und Unruhen im feindlichen Lager anstiften können! Verwundert schütteln wir den Kopf über solche Kindereien, über solchen Aberglauben. Wir wissen längst, dass sich die Natur nicht durch den Glauben und durch fromme Wünsche besiegen lässt, dass der Feind nur durch stärkere Waffen, durch geübte Truppen und durch mutiges Draufgehen in die Flucht geschlagen werden kann. Wir wissen, dass das Wetter von Naturkräften gemacht wird, die sich nicht kommandieren lassen, wissen, dass Sonnenschein und Regen nicht kommen und gehen, wie wir wollen, sondern wie sie wollen. Wir denken, dass es den Menschen wohl noch einmal gelingen wird, auf die Kräfte, die das Wetter machen, ein wenig Einfluss zu gewinnen; wir sind aber zufrieden, wenn uns heute annähernd vorausgesagt werden kann, was der morgige Tag bringen wird: Sturm oder Stille, Niederschläge oder Trockenheit. Und diese Götzen können alles – sie sind Wettermacher, Krieger, Ärzte, Propheten und Künstler in einer Person! Wie ist nur solcher Aberglaube in die Menschheit eingedrungen und hat sich dort so hartnäckig festgesetzt? Denn so leicht lassen sich die Wilden ihren Glauben nicht ausreden. Tritt zufällig das gewünschte Ereignis ein, so ist das natürlich der übermenschlichen Kraft ihres Götzen zu verdanken; tritt das Ereignis nicht ein, so ist der Götze seinem Stamme – nicht gnädig gesinnt; dass er zaubern kann, hat er ja in tausend Fällen bewiesen; er kann ihnen wohl helfen, er will es nur nicht! So bewegen sich ihre Gedanken immer im Kreise herum, und alle unsere Überredung und Belehrung ist einfach in den Wind gesprochen. Und überall bei den Wilden ist der Wunderglaube verbreitet; ja er findet sich auch noch bei den Völkern, die bereits durch ihre Einrichtungen und Erfindungen bewiesen haben, dass sie die Wege kennen, die einzig und allein zu Wundern führen, die durch Fleiß, Geschicklichkeit und Ausdauer Dinge geschaffen haben, die das Staunen der Nachbarvölker erregen, die diesen einfach als Zauber- oder Wunderdinge erscheinen müssen. Auch bei klugen und mächtigen Völkern findet sich noch Wunderglaube. Ich glaube, er findet sich auch noch bei uns. Wie ist nur der Wunderglaube in die Menschheit hineingeraten?

Mekka-view-66973_640Ein wenig finden wir diese schwierige Frage in der vorliegenden Erzählung von einer Pilgerfahrt nach Mekka beantwortet. Mekka bildet den Mittelpunkt und das größte Heiligtum für alle die vielen Millionen Menschen, die an Mohammed und an seine Lehre glauben. An einen Götzen glauben sie nicht mehr, sie glauben an einen Gott. Gott ist für sie eine Person, die allmächtig und allgegenwärtig ist, die die ganze Welt geschaffen hat und täglich und stündlich neue Wesen ins Leben ruft, die hoch über den Wolken in einer Wunderwelt thront, die aber auch in der kleinsten Hütte wohnt, und die jedes Wort kennt, ganz einerlei, ob es schon gesprochen ist oder noch in Gedanken verborgen ruht. Jede Religion ist zuerst einmal eine große Erkenntnis gewesen, ein plötzliches, gewaltsames, herrliches Verstehen dessen, was in der Natur und im Menschenherzen vor sich geht. Dieser gewaltige Gott, von dem man sich kein Bild machen kann und machen darf, gehorcht nicht wie ein Götze den Launen der Menschen, die heute gutes Wetter und morgen eine Schlacht und übermorgen einen anderen kleinen Vorteil mit seiner Hilfe erringen möchten. Er regiert die Welt nach ewigem Plan, und da gehen die Dinge ihren großen, ruhigen Gang, nicht wie der Einzelne möchte, sondern wie es der ganzen Menschheit letzten Endes zum Besten dient. Und was sind die Wünsche von heute und morgen, wenn es sich um das Glück deines ganzen Lebens handelt?! Jede glückliche Stunde deines Lebens, jeden Sonnenstrahl und leisen Windhauch dankst du dem allmächtigen Gott; aber er schickt dir auch bittere Leiden, Schmerzen und Krankheiten, um dich zu prüfen, und er lohnt dir dein treues Ausharren durch endliche ewige Seligkeit. Wie natürlich ist dieser Glaube; das ganze Leben stellt er unter die Gesetzmäßigkeit der Natur, nur der Tod schließt noch ein Wunder ein, ein Wunder, das aber auch die heidnischen Wunder in ihrer Gesamtheit aufwiegt! Und wie stark macht dieser Glaube! Die ärgsten Verfolgungen machen ihn nur immer stärker, denn – »Gott will dich ja nur prüfen!« Wie mächtig muss aber erst eine Gemeinde von Gläubigen werden, ein Volk von Gläubigen; kein Heidenvolk kann vor ihm bestehen bleiben. Die Glaubensboten wandern über hohe Berge, übers weite Meer, um die neue Lehre hinauszutragen; die große Masse der Gläubigen folgt ihnen mit dem Schwerte, um, wenn nötig, mit blutiger Strenge die Gemeinde Gottes zu vergrößern. So ist auch der Islam, die Religion der Mohammedaner, siegreich von Land zu Land vorgedrungen, um überall den Götzenglauben auszurotten, die Altäre zu stürzen und die heidnischen Tempel zu verbrennen, um überall Menschen zu erziehen, die Gutes tun, nicht um von heute bis morgen Vorteil dadurch zu gewinnen, sondern im Hinblick auf die letzte große Belohnung, die Gott den Gläubigen zuwenden wird. Fast scheint es schon, als übten diese Menschen das Gute um des Guten willen. Sie fühlen sich glücklich in der Gemeinschaft der Gläubigen, bauen herrliche Versammlungshäuser, die gegen den Alltag abschließen und schon beim Eintritt Andacht erwecken, und die Freude an den Erscheinungen in der Natur und in der Geschichte der Menschheit, die sie alle als Werke Gottes erkannt haben, führt sie zur Kunst und Wissenschaft. Aber dann beginnt auch sachte, sachte wieder der Wunderglaube. Wo kann man diesen allmächtigen Gott verehren? Sicher überall, denn er ist ja allgegenwärtig. Wo kann man ihn am besten verehren? Da, wo er zuerst geschaut wurde, wo er sich zuerst offenbarte, an der Wiege oder am Grabe des Propheten. Auch das ist so sicher, daß es keines besonderen Beweises bedarf. Wenigstens einmal im Leben sollte mithin jeder Gläubige zum Grabe des Propheten wallfahrten, einmal auch so Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, wie es der heilige Stifter der Religion tat. Dann ist dem Gläubigen der höchste Lohn sicher, dann mag ihm auch manche böse Tat verziehen sein. So finden wir denn die Gläubigen in gewaltiger Ansammlung auf Pilgerfahrten zum Zentralheiligtum ihrer Religion. Auf solchen Pilgerfahrten aber findet der Wunderglaube tausendfältige Nahrung, hier wächst er riesengroß. Da treffen sich die Gläubigen aus allen Provinzen ihres großen Reiches; aller Augen sind auf das ferne, glänzende Ziel gerichtet, alle Erwartungen sind auf das höchste gespannt. Schon gehen von Mund zu Mund die Berichte der Wunderdinge, die dort an heiliger Stätte geschehen sein sollen: Krankheiten sind geheilt worden, Unglück ist abgewendet worden. Die Anstrengungen der Reise machen die Aufregung, die alle Pilger angesteckt hat, noch größer. Gott will es, dass wir leiden, ehe wir selig werden; darum vorwärts, verachtet die Schmerzen! Einer versucht es dem andern in der Überwindung von Leiden zuvor zu tun; ein allgemeiner Wetteifer entsteht, zu dursten, zu hungern, sich zu peinigen, und reißt alle Bedächtigen und Zweifler mit sich fort. Endlich ist der große Augenblick erschienen.

mecca-109852_640»Es war die erste Tagesdämmerung,« so wird in diesem Buche erzählt, »jene Zeit, welche nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist, jene Zeit, in der man nicht einen weißen Faden von einem schwarzen soll unterscheiden können. Dieses matte, rosige Licht dauerte vielleicht nur eine Minute. Aber diese Minute genügte uns, um auf dem zarten, matt gefärbten Himmelsrande eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen sich abzeichnen zu sehen. Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los. Ein tausendfaches »Labik« begrüßte die Erscheinung. Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das Heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde. Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, gab sich kund. Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünftigen Küssen. Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.«

mecca-66985_640Aber auch die Ankunft an der heiligen Stätte lässt keine Ernüchterung aufkommen. Schon der Gedanke, an der Stätte zu weilen, vor dem Stein zu knien, vor dem Tausende vor dir gekniet haben, zu dem Millionen von Herzen täglich beten, hat etwas Verwirrendes an sich. Dazu kommt die riesige Ansammlung von Menschen, die hier für wenige Tage aus allen Richtungen zusammenfluten. Und aufs neue verstärkt sich die Aufregung, denn nun gilt es, eine Menge von religiösen Übungen auszuführen, wenn nicht die ganze Pilgerfahrt vergeblich sein soll. Und die Begeisterung der Masse reißt alle Vernunft wie in einem wilden Strom mit sich fort. In einem solchen Schwarm wütender, entzückter Menschen ist der einzelne fähig, Hunger und Durst zu vergessen, Frost und Hitze zu verachten und körperliche Leistungen zu vollbringen, über die man sich später, in Zeiten ruhiger Besinnung, einfach – wundert. Da kann auch wohl der übermächtig sich fühlende Wille im Menschen seiner Krankheit Herr werden. Solche Heilungen, die sich oft auf den Pilgerfahrten ereigneten, sind gewiß Wunder, aber sie sind – natürliche Wunder. – So sind ja auch alle großen Taten zustande gekommen, alle Eroberungen, Entdeckungen und Erfindungen: tausend Schwierigkeiten waren zu überwinden, tausendmal verzagte der Mensch, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke vorwärts, der Gedanke an den Sieg, an den Ruhm, an das Glück! – Mit welchen Erinnerungen werden die Pilger in ihre Heimat zurückkehren! Wie wird sich dort alles, was sie an der heiligen Stätte schauten, verklären und vergolden! Und wie leicht können sich nun die wunderbaren Vorfälle, die dort schon das Entzücken der Pilger bildeten, in der Heimat ins Fabelhafte und Übernatürliche vergrößern, um nun wieder die Sehnsucht und das Verlangen, die heiligen Stätten zu betreten, in Tausenden ihrer Brüder lebendig zu machen!

mekka-minarets-15079_640Aber diese gewaltige Aufregung und Begeisterung ist nicht von Dauer. Sie kommt und geht; sie steigt an wie die Meeresflut, und sie fließt wieder zurück und macht einer großen Ernüchterung Raum. Die Menschheit erwacht aus einem glühend schönen Traum und findet sich im grauen Alltag wieder, im Alltag, der keine Wunderdinge verschenkt, der nur Treue, Fleiß und Ausdauer belohnt und auf ganz andere Weise zu Wundertaten führt – nicht durch gewaltsame Anstrengungen und unerhörte Selbstpeinigungen, sondern durch treue Beobachtung der Naturgesetze, durch fleißige Umschau bei den Meistern, und durch unermüdliches Probieren und Studieren.

Der Islam, der nicht mehr in diese Welt passt, wird alt. Seine Reiche zerfallen. Seine Kirchen sinken in Schutt und Trümmer. Seine Gläubigen werden müde, verzagt und gleichgültig. Sie träumen den alten Traum weiter, und auch der dumpfe Fall der Kirchenmauern kann sie nicht aufrütteln. Gott hat es so gewollt! »Ihr Leben war so kurz berechnet.« –

Und andere Völker übernehmen nun die Führung. Und nun fängt unter den Ruinen der Götzendienst leise wieder an. Die Leute verstehen die Pilgerfahrt nicht mehr; eine große Versammlung sollte sie sein, in der die Gläubigen aller Länder sich ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Erfahrungen mitteilen, um gestärkt im Glauben wieder zurückzukehren. Die Nachkommen wissen nichts von einer solchen Vereinigung und Verbrüderung der Gläubigen; sie sehen nur noch die toten Dinge, vor denen die Heilungen und Wunder passierten. Und solcher Heiligtümer gibt es bald eine ganze Menge. Da ist die heilige Kirche, die unzerstörbar ist und die Herzen aller Gläubigen wie ein Magnet anzieht. Da ist in einer der Wände der Kirche der schwarze Stein, der Mittelpunkt des ganzen Reiches, der ein Engel ist und seit der Erschaffung der Welt hier ruht. Da ist der heilige Brunnen, der sich niemals entleert und wenn Millionen daraus trinken, und dessen Wasser alle Krankheiten heilt. Da sind noch viele, viele Heiligtümer, die angebetet werden und von denen sich eine heilkräftige und wunderbare Wirkung erhoffen lässt. Man muss aber auch in der rechten Weise vor diesen heiligen Gegenständen seine Andacht verrichten, denn sonst helfen sie nicht; ein einziges falsches Wort kann alles verderben. Darum ist es gut, dass sich Gehilfen finden, die den Pilger in den vielen Irrwegen eines solchen Gottesdienstes zurechtweisen. Wer aber alle Worte richtig gesprochen und alle vorgeschriebenen Handlungen ausgeführt hat, dem wird auch die große Belohnung nach dem Tode zuteil. Man muss nur warten können! Und die größten Tugenden werden nun Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes, der doch das Leben der Menschen schon im voraus bis ins kleinste fest bestimmt hat! Was kümmern diese Glücklichen noch die kleinen Obliegenheiten und Geschäfte des Tages: So lange sich noch Essen und Trinken findet und ein leidliches Gewand, und so lange das Dach nicht einstürzt, so lange können sie sich dem ungestörten Traum von der späteren Glückseligkeit hingeben. Und die Völker, die für einige Jahrhunderte durch die feurige Kraft des neuen Glaubens lebendig geworden waren, versinken wieder in den alten Dämmerzustand, sind wieder heidnisch, treiben Götzendienst.

So mag auch in dem Götzendienst der armen Wilden einmal Sinn und Vernunft gewesen sein. Die fratzenhaften Gestalten sind vielleicht Abbilder des großen, schon längst verstorbenen Urvaters und Gründers der Gemeinde, dessen Anordnungen, Taten und Worte noch immer in aller Munde sind, dessen »Geist« noch jetzt im Dorfe umgeht. Oder sie sind die erdichteten Figuren der großen Naturkräfte, von deren Spiel und Gunst alles abhängt, der Sonne, des Meeres, der fruchtbaren Mutter Erde. So wird auch im Götzendienst im tiefsten Grunde ein schöner Sinn gelegen, ein Morgenrot der Erkenntnis geleuchtet haben; aber über die Nachkommen sank die Dämmerung des Kinderglaubens herab, und der Gottesdienst endigte in einem Possenspiel.

Gewiss, dieser kindische Aberglaube fordert unseren Spott heraus, und unser trefflicher Erzähler lässt es nicht daran fehlen. Aber wenn wir recht auf den Grund dieser Verirrungen sehen, so finden wir, daß doch überall dieselben Hoffnungen und dieselben Zweifel das menschliche Herz bewegen, bei den Wilden so gut wie bei den Menschen unserer Heimat. Und dann lernen wir auch den Götzendienst verstehen. Und alles verstehen heißt – alles verzeihen!

Bremen 1909

Fritz Gansberg

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik • Essay

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik 

Der Erfinder der Grammatik ist nicht bekannt. Dabei ist von vornherein nicht an einen einzelnen gedacht, sondern an eine Kaste, ja vielleicht an ein Volk, das als erstes seine Sprache geordnet hat. Die größten Erfinder sind namenlos. Man kennt sie nicht, wie man die Dichter der Edda, der finnischen Kalewala, der homerischen Rhapsodien, der Shakespeare-Balladen nicht kennt. Doch blickt aus diesen hohen, unnennbaren Werken der ewig wirkende Geist, aus ihnen rauscht die Seele des Schöpfers, und alles ist gesagt, wenn man das Werk nennt. Niemand wird wissen, wer der erste war, der die Pflugschar, den Bogen, den Sattel erfand. Hier liegt das Geheimnis der tiefsten, weil natürlichsten Genialität des Menschen. Hier verliert sich sein unmeßbarer Gewinn in den auf immer umschatteten Urgründen des menschlichen Werdens. Werden muß nicht immer Entwicklung nach oben bedeuten. Es ist eine ungelöste Frage, ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der auf sein Telefon, den Aeroplan, das motorlose Fliegen, das elektrische Licht und das Radio so stolz ist, auch nur einen Rest jener Urwaldgenialität besitzt, der die Menschheit ihre zwei größten Güter verdankt, die sie auf immer über das Tier erheben: die Schöpfung des Gottesbegriffs im geistigen, die Erfindung des Feuers im weltlichen Leben.
Was dem Menschen aber das Dasein unter seinesgleichen erst möglich gemacht und damit ihm alles gegeben hat, was wir Gesittung nennen, was ihn zum Spiegel der beseelten und unbeseelten Welt auserwählt, zum Prinzen der Natur geadelt hat (einem manchmal etwas aussätzigen Prinzen, aber doch einem), das ist die Sprache. Und in der Sprache ist der Schöpfer der Grammatik das, was in der Welt des sittlichen Seins der Schöpfer des ersten Gesetzes, der Heiligsprecher des ersten Tabus ist, es ist der Gründer der ersten Beschränkung, aber einer Beschränkung von ungeheurem produktivem Wert.
Eine Kritik der Grammatik ist ein Lebenswerk. Hier mögen nur kleine Anmerkungen über Bezeichnungen aus der lateinischen Grammatik folgen. Diese darf heute besondere Beachtung deshalb beanspruchen, weil sie im Augenblick fast die einzige internationale Gemeinsamkeit darstellt. Lloyd George sprach einmal in Genua von den zwei klarsten Sprachen, die allen Beschlüssen zur Grundlage dienen sollen, der französischen und der englischen. Aber es gibt ein höheres, reineres, freudigeres, es gibt ein sicherlich unerreichbares Ideal und eine höchste Forderung: daß alle Lebenden in einem einzigen Idiom sich treffen sollten. Ein solcher Sammelplatz des Geistes war die lateinische Sprache.
Der Menschengeist hat eine so unendlich zart facettierte und doch aufs schärfste präzisierende Ausdrucksform nicht wieder gefunden. In diesem Sinne hat Luthers deutsche Bibelübersetzung den entscheidenden Grenzstrich auf der Landkarte menschlicher Entwicklung als Wasserscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit gezogen. Eine Tat, die dem bäurischen Genie Luthers nicht bewußt war, aber bedeutsamer wurde als die Thesen und Antithesen an der Schloßkirche von Wittenberg. In dem Gebrauch der lateinischen Sprache, die Bildung, Humanität im Geistigen und Kultur voraussetzte, bei diesem Regelwerk von höchster, fast architektonischer Logik, das allen Hofhaltungen, allen Gesandten, Dichtern, Ärzten, Notaren, Diplomaten, Geistlichen und Gebildeten überhaupt gemeinsam war, lag das Merkmal der erwählten Zehntausend, hier waltete eine europäische Gebundenheit, ein Adel des Ausdrucks, der sich in jeder Brieffloskel bewährte. Das Latein war das »humaniora«, das heißt, ein Diplom und Siegel des höheren Menschen, etwas von dem Gelehrtenadel des chinesischen Mandarinen. Und dieser erwerbbare Adel war stark genug, um die Titel der Ahnenprobe zu lähmen, die Macht des Geldes zu mildern, die Schärfe des Schwertes vielleicht zu hemmen.
Die lebenden Sprachen reichen an Genauigkeit, an innerer Gewißheit entfernt nicht an die lateinische heran. Ein Stil wie der des Tacitus oder auch nur des Sallust ist heute nicht mehr zu erreichen. Es gibt selbst bei dem soviel zarteren Horaz Stellen von einer so zusammengepreßten Sprachgewalt, von so zwingendem Zauber, daß sich keiner diesem Bann entzieht. Was Shakespeare in seiner flammenden, hart metallisch umrissenen Sprache aus den spätlateinischen Autoren übernommen hat, läßt sich gar nicht absehen. Vieles ist so lateinisch gedacht, der Monolog Hamlets zum Beispiel, daß er mir öfter als eine Übertragung aus dem Latein als aus dem Englischen erschien, wenn ich ihn in deutscher Sprache vor mir sah.
Die Sprache beginnt bei der Grammatik. Sie endet in ihr. In der lateinischen Sprache hat sich ein Volk über sein irdisches Reich hinaus unsterblich gemacht.
Etwas Gleiches ist nur den Juden des Alten Testamentes beschieden gewesen. In der lateinischen Sprache, in ihrer Grammatik, die in unerreichter Fülle aus den Gründen und Abgründen des Gedankens quillt – wenn irgendwo, sind hier in geheimnisvoll klarer Mystik Sinn und Wort, Logik und Ausdruck, Bild und Gegenstand eins geworden.
Dies beginnt schon bei dem Ausdruck casus, Fall. Man muß das Wesen der Sprache im eigentlichen Grunde als das einer Kategorie erfassen. Man muß es sehen als abgeschwächtes, aber immer noch echtes Leben; die Sprache muß über uns wandeln wie ein verarmter Gott. Dann wird man die Wandlungsfähigkeit des Seins und des Wortes einen Fall nennen; denn hier ist ein Niedergang, und nie mehr ist die Einheit des zu Nennenden mit dem Genannten zu erreichen. Alles wandelt sich, alles sinkt, in der Hand bleiben uns Schatten nur; glücklich, der die höhere Welt über diesen Schatten ahnt.
Der erste Fall heißt lateinisch nominativus. Wir nennen einen Menschen: Dich, den Menschen; wir richten also mit dem vierten Fall unser Wort an ihn. Der Schöpfer der lateinischen Grammatik aber sagt: Jedes Wort nennt sich selbst. Jeder drückt zuerst sich selbst, dann erst die Welt aus. Der Römer setzt die Welt ihrem Klange gleich. Dies ist ja die Voraussetzung jeder Sprache, aber nicht die Voraussetzung der Welt. Deshalb ist jeder Sprachsinn an sich Widersinn. Die Sprache lügt und wir in ihr. Daß nun Menschen Namen haben, die ihnen nicht gehören, sondern nur ererbt, erheiratet, verschenkt, verborgt und an der Bühne angeschminkt, ja, sogar verloren und gestohlen werden können, dies gehört zu den vielen Paradoxen, die selbstverständlich genannt werden, weil sie niemand versteht, jeder aber an sie gewöhnt ist.
Der zweite Fall heißt genitivus, der Zeugungsfall. Sein Sinn ist: in der ganzen Welt besteht kein so inniges Band zwischen Menschen, kein so zwingendes Eigentumsverhältnis, keine so enge Hörigkeit in geistigem Sinn, keine so warme Blutnähe, kein so reiner Herzenseinklang wie zwischen Vater und Sohn, Zeuger und Gezeugtem – hier das straffste und doch mildeste Band, tiefste Verbundenheit der Generation, Ahnenliebe, Altersverehrung, Pietät und Patriarchat.
Der dritte Fall dativus: der Schenkungsfall. Die große Seele des Menschen, seine grandeur ist die schenkende Tugend, alles ist Geben, alles ist Nehmen. Hier ist das Gnadenprinzip der Menschheit aufgetan, die Urquelle aller Gemeinschaft vom ich zum du.
Der vierte Fall accusativus: Anklage, misère des Menschen, schärfstes Erfassen des Nebenmenschen in der Hand »des Gendarmen an der Gurgel des Sünders«. Das Volk der genialsten Juristen, Finder und Künder der Pandekten: wie tief aus der Seele der Römer das Recht floß, das wird hier offenbar. Denn es gibt tausend menschliche Beziehungen, die dieser Akkusativ umfassen kann. Erobern, lieben, verachten, kaufen, verkaufen, verwunden, vernichten, töten, martern, gebären, küssen, zeugen, finden, fassen, belügen und betrügen, nennen, wissen. Nichts von alledem gab dem vierten Fall den Namen. Die Anklage ist ein Grundpfeiler des sprachlichen und daher des sittlichen Seins. Keine hohle Harmonie, keine billige Erlösung, kein Verzeihen. Dieser Fall ordnet, entscheidet, richtet.
Der fünfte Fall ist der ablativus, der Fall der Fälle. Er gibt alles, bezeichnet nichts. Er ist der Wandel der Dinge. Der Schleierfall des stürzenden Stromes, die gestaltlose Wolke. Das Werk, die Wirkung, das Geheimnis, die Hand Gottes.
Ergreifend ist, wenn die lateinische Grammatik den Mittelpunkt des Satzes subjectum nennt, das Unterworfene. Welche Einsicht in das Zwangsläufige jeglicher menschlicher Existenz! Das objectum, der Gegenstand, das andere: Das ist auch nur das Hingeworfene, die daliegende Beute, das verlassene Etwas. Die Hand des von Zauberschnüren gehaltenen Subjektes langt nach dem Objekt, aber sie erfaßt es nie. Welche Philosophie in diesen Ausdrücken, deren oberflächliche Ausdeutung schon solche Tiefe bekundet. Bewunderung dem Schöpfer dieser Bezeichnungen, Normen und Gesetze, Verehrung dem namenlosen Genius der Sprache, dem Eroberer der Welt durch das Wort!

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Ernst WeißErnst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller.

Der aus einer jüdischen Familie stammende Weiß war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta Weinberg. Am 24. November 1886 starb der Vater. Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 erfolgreich die Matura (Abitur). Anschließend begann er in Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.

1911 kehrte Weiß nach Wien zurück und fand eine Anstellung im Wiedner Spital. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.

Im Juni 1913 machte Weiß die Bekanntschaft von Franz Kafka. Dieser bestätigte ihn in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und Weiß debütierte noch im selben Jahr mit seinem Roman Die Galeere.

1914 wurde Weiß zum Militär einberufen und nahm im Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.

Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u.a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. In den Jahren 1926 bis 1931 lebte und wirkte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel. Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.

1928 wurde Weiß vom Land Oberösterreich mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Außerdem gewann er im selben Jahr bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb.

Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u.a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Maß und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig.

Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A.H. nach der militärischen Niederlage in einem Reichswehrlazarett Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein KZ verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A.H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, auf der Seite der Republikaner für die Befreiung Spaniens und gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.

Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, beging er Suizid, indem er sich in der Badewanne seines Hotelzimmers die Pulsadern aufschnitt, nachdem er Gift genommen hatte. Im Alter von 57 Jahren starb Ernst Weiß am 15. Juni 1940 im nahegelegenen Krankenhaus.

Seine Selbsttötung wird literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seit seinem Tod ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Die Lage seines Grabes ist ungeklärt.

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Ernst Weiß – Die Ruhe in der Kunst – Essays
Verlag: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – 1928
1. Auflage
Hrsg.: Dieter Kliche – 1987

Maria Aronov • Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates

Ein Gift zum Wohle des Staates 

– Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates –

Sokrates (*469 vor Christus in Athen; † 399 vor Christus in Athen) wirkte in Athen als grundlegender Philosoph. Er befasste sich mit unterschiedlichen Themen wie der Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und dem Verständnis der Welt. Laut Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae; ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.) soll er die Menschen dazu gebracht haben, über das Gute und Schlechte nachzudenken. Sokrates entwickelte den philosophischen Dialog, die er als Mäeutik (Hebammenkunst) bezeichnete. Diese beruht darauf, seinem Gesprächspartner durch Fragen zu einer eigenständigen Erkenntnis zu verhelfen. Der Lernende soll selbst zur Lösung des Problems, zur Einsicht kommen, die er mithilfe der Hebamme, des Lehrenden, gebärt. Dies stellt einen Gegensatz zum normalen Schulsystem dar, wo dem Schüler der ganze Stoff vom Lehrer vermittelt wird und oft niemand zu seiner eigenen Einsicht kommt. Auf die Idee der Umsetzung von der Mäeutik brachte Sokrates der Beruf seiner Mutter, die Hebamme war.

Agora - Athen
Agora – Athen

Seine Schüler bezeichneten ihn als den, zu ihrer Zeit, weisesten und gerechtesten Philosophen. Er wurde sogar auf eine Stufe mit den Religionsgründern Jesus, Buddha und Konfuzius gestellt. Man wusste nicht nur seine Denkweise, sondern auch seine Persönlichkeit, sein Leben und gar seinen Tod zu schätzen. Philosophie war für Sokrates eine Lebensform. Er lebte Philosophie. Von seinem Vater erlernte er den Beruf Steinmetz, übte ihn aber nie aus. Täglich trat Sokrates auf dem Rednerplatz, der Agora von Athen, auf. Er konzentrierte sich auf die Gespräche mit seinen Mitbürgern. Dabei beschäftigte er sich mit der „Was ist… – Frage“, denn seiner Meinung nach konnte man nur entsprechend handeln, wenn man die Tugenden richtig verstünde. Was ist zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit? Jeder, der dies wüsste, würde ein guter und edler Mensch, was sich Sokrates als Ziel setzte. Dafür brauchte man aber eine tiefe Analyse der Begriffe, womit sich Sokrates ausgiebig beschäftigte.

Sokrates versuchte nicht zu dozieren, obwohl er als der Weiseste seiner Zeit galt. Er wollte nicht lehren, sondern selbst etwas Neues lernen. Dies war sein Verständnis von Philosophie. Laut Sokrates sollte der Philosoph nach der Weisheit suchen und streben. Er sollte versuchen, sie zu entdecken und zu gewinnen. Niemand ist seiner Meinung nach weise geboren. Nicht umsonst vergleicht er die Philosophie mit dem griechischen Gott der Liebe, Eros. Für Eros hat der Begriff der Liebe nichts mit dem Besitz dessen zu tun, was schön oder geliebt ist. Es geht in der Liebe vielmehr ums Streben und die Begierde danach. So sieht es auch mit dem Philosophen und seiner Liebe zur Weisheit aus. Er sieht oder spürt sie in der Ferne, verliebt sich und macht sich auf den Weg, um zu ihr zu gelangen, zum Beispiel auf dem Marktplatz von Athen. Aus diesem Grund stellte Sokrates immer viele Fragen. Er suchte auf diese Weise nach der Erkenntnis.

Delphi - Orakel - Zentralgriechenland
Delphi – Orakel – Zentralgriechenland

Meistens suchte sich Sokrates Experten für das jeweilige Thema aus – über die Frömmigkeit sprach er mit einem Priester, über Gerechtigkeit mit dem Staatsmann und über Tapferkeit mit einem Feldherrn. Seine Fragen förderten Nichtwissen über die jeweilige Tugend. Dadurch, dass Sokrates während der Gespräche immer sehr viel nachfragte, gerieten die Gesprächspartner in Argumentationsnöte. Schließlich mussten sie dazu stehen, doch keine Antwort auf die Fragen zu haben. Da Sokrates sich nicht für klüger als die Anderen hielt, endeten die Dialoge lösungslos. Seine Hebammenkunst scheiterte demnach. Sokrates akzeptierte dies jedoch. Er stand dazu, selbst keine Lösung zu haben. Auch die Nichtergebnisse betrachtete er als eine Art Gewinn. Dieser Hintergrund diente seinem berühmten Zitat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Genau aus diesem Grund bezeichnete das Orakel von Delphi Sokrates als den weisesten Mann Griechenlands. In seinen Augen war er nicht der Weiseste, weil er mehr als die Anderen wusste, sondern sagte, er wüsste, dass er nichts wüsste.

Durch Sokrates entstand auch der Begriff der Elenktik (Die Entlarvung des Scheinwissens), mit deren Hilfe er schaffte, das wahre Wissen zu sichern und den Weg für die Philosophen zu bereiten, die nach ihm kamen.

esel_santorini-673110_640Viele der Mitbürger Sokrates` empfanden ihn und die Philosophie als lästig. Viele fühlten sich durch die Entlarvung ihres Nichtwissens bloßgestellt und waren Sokrates keineswegs dankbar für die Erkenntnis. Sokrates wurde für seine vielen Fragen ausgelacht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen. Ihm machte es jedoch nichts aus. Er ließ sich vieles gefallen und als ihn jemand darauf ansprach, warum er sich nicht verteidigen würde, erwiderte Sokrates, er würde ja auch nicht zurückschlagen, falls ihn ein Esel angriffe.

In den führenden Kreisen von Athen entwickelte sich eine schlechte Stimmung. Man sah in Sokrates ein Problem und war gegen ihn. Er musste schließlich vors Gericht, denn er hätte nicht das Recht dazu gehabt, das gesicherte und überlieferte Wissen sowie einige traditionellen Überzeugungen infrage zu stellen. Der Grund für die Anklage war, die Erschaffung neuer göttlicher Wesen und die Ableugnung derer, die vom Staat anerkannt waren. Beim Prozess spielte auch die Verführung der Jugend eine große Rolle. Sokrates hätte angeblich einen schlechten Einfluss auf sie gehabt. Der Antrag ging letztendlich auf Todesstrafe.

In der Verteidigungsrede, die vom Platon überliefert wurde, widersprach Sokrates den Anklagepunkten. Darin äußerte er, er hätte die Götter nicht verleugnet und habe die Jugend lediglich auf einen besseren Lebensweg bringen wollen. Seine Rede verlief jedoch ohne Erfolg. Er sollte durch den Schierlingsbecher hingerichtet werden. Im antiken Athen war Gift nämlich eine gängige Hinrichtungsform.

Während seines ganzen Lebens soll sich Sokrates an alle Gesetze gehalten haben und obwohl es unrecht war, widersetzte er sich nicht der Todesstrafe. Seiner Meinung nach war Unrecht zu leiden besser, als Unrecht zu tun. Sokrates starb im Kreis seiner Freunde im Alter von 71 Jahren. Er verendete in großer Gelassenheit, denn die Philosophie war für ihn die Vorbereitung auf den Tod, in dem sich die Seele von dem Körper trennt. Sokrates fühlte sich also auf den Tod gerüstet. Sogar in seinen letzten Minuten des Lebens philosophierte er und verlor nicht den Sinn für Humor. Als seine Frau ihm kurz vor dem Tod sagte, er würde ungerechterweise sterben, fragte er sie: „Wäre es dir lieber, wenn ich gerechterweise stürbe?“

Auch die Schlussaussage in seinem Prozess war ironisch und voller Humor:“ Es ist nun Zeit, dass wir gehen. Ich, um zu sterben und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäfte hingehe, ist alles verborgen, außer nur Gott.“

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

Sokrates führte ein sehr bescheidenes Leben. Für seinen Lebensunterhalt sorgten gute Freunde durch ihre Gastfreundschaft und Geschenke. Alles nahm er aber nur in engen Grenzen an. Die Armut wählte er als Lebensweise selbst aus, distanzierte sich von den materiellen Dingen des Lebens. Seine Frau war damit jedoch nicht einverstanden war. Sie vertrat nämlich die Meinung, er hätte weniger auf der Agora auftreten, sondern stattdessen arbeiten gehen sollen. Einmal goss sie ihm, als er sich auf den Weg zum Rednerplatz machte, einen Eimer Wasser über den Kopf und beschimpfte ihn laut.

Von Sokrates sind leider keine Schriften überliefert worden. Von seinen Ideen und der Philosophie weiß man durch die Schriften seiner Freunde und Schüler. Dabei stellen Platons Dialoge die Hauptquelle dar. Auch von seinem Schüler Xenophon gibt es einige Überlieferungen, in denen er stets weiterleben wird.

 

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates
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Erstes Buch.
1. Kapitel.

Verteidigung des Sokrates gegen die Beschuldigung, dass er nicht die Götter des athenischen Staates verehrt und neue Gottheiten eingeführt habe.

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

1. Oft habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe in aller Welt die Ankläger des Sokrates den Athenern überzeugend nachgewiesen haben mögen, dass er den Tod um den Staat verdient habe. Die gegen ihn erhobene öffentliche Klage lautete nämlich ungefähr so:
Sokrates tut Unrecht, einmal dadurch, dass er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt und andere fremde Gottheiten einführt, sodann aber auch dadurch,  dass er die Jugend verführt.

2. Was nun das Erste anlangt, dass er die Götter nicht anerkenne, welche der Staat anerkennt, was für einen Beweis in aller Welt mögen sie da vorgebracht haben? Bekanntlich opferte er oft zu Hause, oft auch auf den öffentlichen Altären der Stadt; auch ganz offenkundig bediente er sich der Weissagungen. Es hat ja genug böses Blut gemacht, dass Sokrates sagte, die Gottheit gebe ihm Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube, ihn beschuldigt haben, dass er fremde Gottheiten einführe.

3. Aber er führte damit ebenso wenig etwas Neues ein, als all‘ die anderen, welche an die Weissagekunst glauben und sich des Fluges der Vögel, der Vorbedeutungen aus der menschlichen Stimme, des Schauens der Eingeweide der Opfertiere und sonstiger Zeichen bedienen. Denn wie diese annehmen, dass nicht die Vögel, noch die ihnen Begegnenden das den Fragenden Zuträgliche wüssten, sondern dass es die Götter durch diese offenbaren, so dachte auch jener hierüber.

4. Aber die Meisten sagen es, als wenn sie von den Vögeln und Begegnenden ermahnt oder gewarnt würden, Sokrates hingegen sagte so, wie er dachte; er sagte nämlich, die Gottheit gebe ihm Andeutungen. Und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu tun, jenes aber nicht zu tun, weil ihm die Gottheit eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, welche ihm nicht folgten, bereuten es.

5. Und wer wollte fürwahr nicht zugeben, dass er nicht gewünscht hätte, vor seinen Freunden als ein Narr oder Einfaltspinsel dazustehen? Beides aber würde er gewünscht zu haben scheinen, wenn er sich erst als einen Verkündiger göttlicher Offenbarungen und dann hinterher als einen Betrüger gezeigt hätte! Offenbar nun hätte er derartiges nicht vorhergesagt, wenn er nicht an die Erfüllung desselben fest geglaubt hätte. Wer möchte aber hierin wohl einem andern als einem Gotte Glauben schenken? Wenn er aber den Göttern glaubte, wie hätte er da glauben können, dass es überhaupt keine Götter gebe?

6. Aber wahrlich, außerdem tat er auch noch Folgendes für seine Freunde. Die notwendigen Dinge riet er so zu tun, wie er glaubte, dass sie am besten getan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften.

7. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter, oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden.

8. Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, das, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflussreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte.

9. Diejenigen aber, welche glaubten, dass nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z.B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, dass man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müsse; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsse man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen, denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien.

10. Aber er verkehrte ja immer vor aller Augen. Denn des Morgens in der Frühe besuchte er die Säulenhallen und die Turnplätze, und zur Mittagszeit konnte man ihn dort sehen, und auch zu andern Tageszeiten war er immer da zu finden, wo er mit den Meisten zusammentreffen konnte. Auch sprach er gewöhnlich, und wer wollte, konnte zuhören.

11. Aber keiner hatte jemals von Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges gesehen oder gehört. Auch redete er nicht, wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos (Weltall) für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für töricht.

12. Und zuerst fragte er dabei, ob sie etwa schon wähnten, in menschlichen Dingen genügend erfahren zu sein und deshalb solche Grübeleien vornämen, oder ob sie wähnten, das Geziemende zu tun, wenn sie die menschlichen Dinge bei Seite ließen und sich mit göttlichen beschäftigten.

13. Er wunderte sich aber, wenn es ihnen nicht klar war, dass es Menschen unmöglich sei, dieses ausfindig zu machen, da ja auch diejenigen, welche sich auf ihre Disputationen über solche Gegenstände sehr viel zu Gute täten, nicht dieselben Ansichten hätten, sondern wie Wahnsinnige einander gegenüber ständen.

14. Denn von den Wahnsinnigen fürchteten die einen nicht einmal das Furchtbare, andere hingegen fürchteten sich selbst vor dem nicht Furchtbaren; den einen scheine es gar nichts Schimpfliches zu sein, unter einem Pöbelhaufen beliebiges zu reden und zu tun, wieder andere scheuten sich, auch nur unter die Leute zu gehen; die einen hätten weder vor einem Heiligtum, noch vor einem Altar, noch vor sonst einem göttlichen Dinge ehrfurchtsvolle Scheu; die anderen aber verehrten sogar Steine, die ersten besten Holzblöcke und Tiere. Ebenso scheine nun auch unter denen, welche über die Natur des Weltalls sich den Kopf zerbrechen, den einen das Seiende nur ein einzelnes Ding, den anderen hingegen das Seiende etwas der Zahl nach Unendliches zu sein; die einen sagten, alles sei in fortwährender Bewegung, andere, es bewege sich gar nichts; die einen glaubten, dass alles entstehe und vergehe, die anderen, dass niemals irgend etwas entstanden oder vergangen sei.

15. Er fragte über sie auch das, ob sich etwa, wie die, welche menschliche Weisheit lernten, das Gelernte im eigenen Interesse oder im Interesse eines beliebigen anderen im Leben zu verwerten beabsichtigten, ebenso auch diejenigen, welche über göttliche Dinge nachdächten, der Hoffnung hingäben, einmal, wenn sie erkannt hätten, welche Naturgesetze alles beherrschten, nach eigenem Gutdünken Winde, Regen, Jahreszeiten und was sie sonst von derartigen Dingen bedürften, machen zu können? Oder ob sie derartiges nicht einmal erhofften, sondern damit zufrieden wären, darüber, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis habe, nur eine Meinung gewonnen zu haben.

16. Das war seine Ansicht von Leuten, welche sich mit solchen Dingen beschäftigten. Er selbst aber hätte sich immer über menschliche Dinge unterhalten, indem er betrachtete, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was recht, was unrecht sei; was Besonnenheit und Keckheit, Tapferkeit und Feigheit sei; wie ein Staat und ein Staatsmann, wie Regierte und Regent sein müssten und anderes dergleichen, das, wie er überzeugt war, einen jeden, der es weiß, zu einem guten und tüchtigen Menschen macht, den aber, welcher es nicht weiß, mit vollem Rechte zu einem Knechte herabwürdigt.

17. Es ist demnach nicht zu verwundern, dass seine Richter in diesen Dingen, über welche seine Ansichten unbekannt waren, verkehrt über ihn urteilten; aber sehr zu verwundern ist es, dass sie darauf nicht Rücksicht nahmen, was allen bekannt war.

18. Als er nämlich einmal Senator war und den verlangten Eid geschworen hatte, in welchem auch stand, nach den Gesetzen einen Rath geben zu wollen, da wollte das Volk gerade zu der Zeit, wo er Vorsteher im Demos war, gegen die Gesetze neun Feldherrn, zu welchen Thrasyllos und Erasinides gehörten, durch eine Gesamtabstimmung zum Tode verurteilen. Dieser Abstimmung widersetzte er sich, obwohl das Volk ihm zürnte und viele Mächtige ihm drohten; aber er hielt seinen Eid für höher, als gegen Gesetz und Recht dem Volke zu willfahren und sich vor den Drohenden in Acht zu nehmen.

19. Und er war überzeugt, dass die Götter für die Menschen sorgten, aber nicht in der Weise, wie der große Haufe glaubt; denn dieser glaubt, die Götter wüssten manches, manches aber wieder nicht. Sokrates aber glaubte, die Götter wüssten alles, sowohl Reden als Werke, als auch das, was heimlich ausgesonnen wird; ferner, dass sie allgegenwärtig seien und den Menschen in allen menschlichen Angelegenheiten Zeichen geben.

20. Ich wundere mich also, wie in aller Welt die Athener sich haben überreden lassen, dass Sokrates in Betreff der Götter verkehrte Ansichten gehabt habe, da er doch niemals gegen die Götter etwas Frevelhaftes gesagt oder getan hat, vielmehr nur so geredet und gehandelt hat, wie einer reden und handeln muss, welcher als der Gottesfürchtigste anerkannt wird.

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330px-XenophonXenophon’s Erinnerungen an Sokrates
Verlag von Philipp Reclam jun

Xenophon (griechisch Ξενοφῶν; * zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; † nach 355 v. Chr. in Korinth) war ein antiker griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller in den Bereichen Geschichte, Ökonomie und Philosophie. – Quelle: wikipedia

Ilse Frapan – Lütten – Eine Hamburger Erzählung

Lütten

Auf der wüsten Koppel, wo kein Mensch etwas davon hat, kommen drei Wege zusammen; zwei führen durch einen tiefen, feuchten Knick mit breit hineinhängenden Büschen, der dritte kommt über die kahle Höhe daher, durch den blanken Sand, wo nichts fortkann als graue Melde und fuchsrothe Wolfsmilch. Und wo die Wege sich treffen, da ist ein breites, tiefes, gelbes Loch. Einige sagen, der Blitz hat da hineingeschlagen; das Loch hat keinen Grund, sagen sie; andre nennen es »Jürs sein Sood,« obwohl kein Wasser darin steht; sie zeigen dann auch ein paar geschwärzte Mauersteine und sagen, das wär‘ das Haus zu dem Brunnen gewesen; wieder andre wissen, daß da nie ein Haus gestanden hat. »Der Boden trug das nicht; der letzte, der sich da anbauen wollte, war ein gewisser Jürs, aber er wurde nichts dabei,«
Wie es auch sein mag, gewiß ist, daß Jürs »nichts dabei geworden.« Die Krähen haben da oben frei Tanzen, die krächzen da herum im Sommer wie im Winter und gucken mit ihren scharfen gelben Augen über die breite Elbe und über den Fischerstrand, ob da nichts für sie abfällt.
Das ist da eine stille Gegend, wo die großen, flachen Wellen einförmig auf den Sand schlagen und das Gras auf den endlosen Wiesen den Kühen bis an den Bauch geht und auch Wellen macht – wenn der Südwind weht – wie das Korn. Im Frühling wachsen da die bunten Schachblumen, braune und weiße, wie Tulpenglocken an dünnen Stielen; dann kommen manchmal Leute aus der Stadt dorthin, mit langschößigen Röcken und grünen Blechtrommeln auf der Hüfte, die steigen dann im Gras herum, daß es lange Straßen hinter ihnen gibt, und machen sich da die Stiefel naß. Und der eine und der andre kriegt wohl auch Durst, und dann steigt er hinauf bis auf die wüste Koppel und sieht sich um, nach rechts und links, nach vor- und rückwärts, ob er kein rothes Ziegeldach finden kann.
Und kopfschüttelnd geht er wieder hinunter durch den Knick, denn da ist nichts, aber auch rein nichts von Häusern zu sehen, und die Krähen, wenn sie auch noch so dummdreist um den Blumensucher herumkrächzen – Antwort geben sie doch nicht, wenigstens keine, die ein ordentlicher Christenmensch verstehen kann. – –
Früher stand ein einzelnes altes Bauernhaus, kahl und mürrisch, mit schwarzgetünchtem Fachwerk und kleinen Fenstern, mitten zwischen den Wiesen, neben einem großen, flachen Tümpel. Es hatte weder Zaun noch Garten, nichts als ein paar Hollunderbüsche neben dem Tümpel, aus dem hohes Ried aufwuchs, das, im Sommer grün, im Winter braun, das ganze Jahr schwankte und rauschte.
Bei gutem Wetter sah das Haus nur aus wie ein dunkler Fleck im gelblichen Grasgrün; aber wenn der Himmel voll grauer, schwerer Wolken hing, von denen die spitzen Euter schon bis in die Elbe hinunterreichten, dann sagte das Haus viel, was es bis dahin verschwiegen hatte.
Einer, der zu solcher Zeit vorüberkam, wunderte sich dann nicht oder doch nicht so sehr, wenn er plötzlich Lütten erblickte, wie er auf der bloßen Erde saß und seinen kürbisartigen, blaßgelben Kopf mühsam zu balanciren versuchte. Mancher nickte sogar und murmelte: »Ja! na ja!« obgleich auch, er lieber schnell vorüberging.
Denn hübsch anzusehen war ja Lütten nicht.
Aber er sah doch noch schlimmer aus, wenn die Sonne auf den großen Schädel schien, wo die Haare so einzeln standen wie die Halme auf einem Geestacker; oder wenn sie in das kleine, breitgedrückte Gesicht mit der platten Nase und den bleichen Lippenwülsten fiel. Und wenn ihm ganz warm und wohlig wurde im trockenen Sand, in den er sich eingewühlt wie die Hühner rundum, dann warf er seinen blauen Kittel mit den nackten Beinen in die Höhe, die welk und runzelig, greisenhaft und kindlich zugleich waren und durch ihre unerwartete Enthüllung alles verscheuchten, was da etwa vorüberkam.
Auch seine Stimme war nicht angenehm zu hören, wenn er sie vor Behagen in lautem, winselndem Schreien erhob; ward er zu ungebärdig, dann kam oft mit eiligen Schritten eine schwere alte Frau gekeucht, aus dem Kartoffelland, dem Kuhstall oder dem Hause, die ihm von weitem schon beruhigende, zärtliche Worte zurief: »Lütten, wat hest Du! Wes still, min söten Jung! Moder kummt, Moder!« Dann streckte Lütten seine gespreizten Finger aus, lallte: »Moder!« und der schwache Anschein eines Lächelns erschien auf seinen blöden, verzerrten Zügen, Mutter Thies aber bückte sich, putzte Lüttens Plattnase, drückte seinen Wasserkopf an ihre Kniee und fragte: »Wat will min Jung hebben? Will he denn woll Speck hebben? will he ’n Pannkooken hebben? Vertell mal, Lütten, vertell all, wat Du hebben wullt.« –
Oft aber gab es auch böse Worte bei Mutter Thies. Da war im Hause ein langsamer Mensch mit schleppendem Gang und hölzernen Gesichtszügen, das war Jochen, Mutter Thies‘ zweiter Sohn. Der schlug auf Lütten los, wenn er laut schrie oder ein Wort fünfzigmal wiederholte, wie er das so gern mochte. Besonders solche Worte, die Jochen nicht gefielen, und ihm gefiel das wenigste, was aus einem menschlichen Munde kam. Vielleicht hätte er es gern gesehen, wenn Mutter Thies ihn auch einmal gefragt hätte, ob er Speck wolle oder Pfannkuchen, aber da sie das nicht that, mochte er lieber gar nichts hören. Mürrisch ging er seiner Arbeit nach, brummte vor sich hin und blickte mit schelen, eifersüchtigen Augen auf seinen Bruder Jürs, der doch so wenig wie er selbst von Mutter Thies Gutes erfuhr. Nein, Jürs war von früh auf der Sündenbock gewesen. Aber man konnte ihn trotzdem beneiden, denn er hatte eine Frau, die große Pauline; ins Haus durfte sie zwar nicht, das litt Mutter Thies unter keinen Umständen, aber Jürs konnte ja zu ihr gehen, so oft er wollte, in den Tanzsalon in St. Pauli, wo sie Kellnerin spielte.
Ja, es war nicht so leicht, mit Mutter Thies auszukommen, wenn man keinen Wasserkopf hatte und einen eignen Willen!
»Ole Gnurrputt!« nannte sie Jochen, so oft er den Mund aufthat, um etwas zu verlangen; Jürs aber, der nicht umhin konnte, über Glück und Unglück zu lachen, weil ihm der Mund so gewachsen war, hieß bei ihr nur: »De dwalsche Grienaap,« mochte er auch noch so schlau zu Werke gehen, um Mutter Thies etwas abzuluchsen, Jochen und Jürs waren für sie wie fremde Leute, die sie eigentlich gar nichts angingen. Ihr Sohn, ihr Kind, ihre tägliche Sorge und Liebe, das war Lütten mit dem Wasserkopf.
Warum das eigentlich so war, wußte Mutter Thies wohl selbst nicht. Vielleicht, weil Lütten als Aeltester noch aus der guten Zeit stammte, wo Vater Thies selber, ein junger, forscher Kerl, mit krallen Augen, lebendig und thätig, immer mit Peitschenknallen und hallo! draußen und drinnen zu hören gewesen war. Und Lütten sein Ebenbild, der dicke, rothbäckige, fixe Wicht – an dem konnte man seine Freude haben! Aber das Gute währt nicht lang, das wird alles anders.
Auf einmal, unter ihren Augen, unter ihren Händen hatte sich der gesunde, stämmige Gast in den bleichen, welken, großköpfigen, lallenden Zwerg verwandelt, vor dem die Leute das Grausen ankam.
Von einem Fall sollte das hergekommen sein; Lütten war als dreijähriger Junge vom Heuboden gefallen. Mutter Thies mußte nur lachen, so sauer es ihr wurde, daß der Doktor solchen Unsinn sprechen konnte! Nee, dann war doch ihre alte Großmutter noch bedeutend klüger! Die sah das gleich: dem Jung‘ war was angethan, da war ’n »Glippauge« angekommen. Und Mutter Thies hatte das Glippauge selber aufgesucht, mit dem Kind an der Hand! »Wenn ick dat ahnen kunn! Gott vergew‘ mi all, wat Sünd‘ is, aber ick kenn‘ ehr good, de verdömte Hex, un dat is de ol‘ Wahrseggersch, de mi ook min fieden Platen wegbuxt hett! Harr‘ ick man nie ’n Foot in de ol‘ Kath‘ sett!«
Aber wenn ein Unglück kommen soll, dann macht man ihm selber die Thür auf! Thies konnte das nicht sehen, das mit Lütten, und so kriegte er denn sachte mehr und mehr mit dem Schnapsbuddel zu thun, bis nach Jahr und Tag auch die böse Prophezeihung der Wahrsagerin auskam und er im betrunkenen Zustande vom Stack in die Elbe fiel und ertrank. Jochen war damals ein Jahr alt, Jürs wurde nach seines Vaters Tode geboren. Schwächlich und häßlich waren sie zur Welt gekommen, und Mutter Thies hatte schon so viel mit Lütten zu thun! Und die ganze Wirtschaft lag auf ihr allein. Was wollten die beiden Jungens dazwischen? Ueberall waren sie unter den Füßen, überall steckten sie ihre dummen, gierigen kleinen Fäuste hinein. Mutter Thies prügelte nach rechts und links, aber immer wurden den Hennen die Eier noch warm unterm Leibe weg gestohlen, die sie für Lüttens Pfannkuchen so nothwendig hatte.
Wie sie heranwuchsen, wuchsen natürlich auch ihre Fangfinger. Speckseiten und Schinken verschwanden aus dem Schornstein, Mutter Thies fragte eben weder Jochen noch Jürs jemals, ob sie Speck haben wollten, und sie wollten doch so gern. Warum sollte Lütten alles allein haben, obgleich sein Kopf immer dicker wurde und er aus lauter Bequemlichkeit das Laufen ganz aufgab? Auf der Erde saß er und stützte sich auf die ausgespreizten Finger und schrie nur, wenn er etwas wollte.
Es kam die Zeit, wo Mutter Thies ihrer eignen jungen Ferkel im Koben nicht mehr sicher war. Der »dwalsche Grienaap«, der Jürs, hatte herausgefunden, daß mit Baargeld noch viel mehr anzufangen ist als mit Eiern und Speck. Jochen hatte sich niemals überführen lassen, aber er verschmähte nicht, des Bruders Gewinn zu theilen Doch war er Mutter Thies‘ bester Arbeiter, langsam, aber stetig, während mit Jürs, dem »Undöcht«, dem »Wippsteert«, auch in dieser Hinsicht nichts anzufangen war.
So eröffnete ihm denn Mutter Thies eines Tages – Jürs war inzwischen vierundzwanzig Jahr alt geworden –, daß er gehen und sich anderswo Arbeit und Unterkunft suchen solle.
Jürs grinste und nickte bereitwillig. »’n Deern heff ick all, Moder, dar denk‘ ick all länger an as Du.«
Mutter Thies erboste sich: »Wat wullt Du mit ’n Deern? ’n Steed schallst Di söken!«
Jürs kratzte sich hinterm Ohr. »Man schad – mit de Stedigkeit dar is dat nicks.«
»Dat magst noch seggen?« schrie die Mutter. »Gliek gahst hen und vermeedst Di!«
Jürs hielt sich die Hand ans Ohr: »Jewoll! verfreen ward ick mi.«
»Deenen schallst Du!«
»Jewoll! freen! freen!«
Mutter Thies starrte ihm in das dummschlaue Affengesicht. Wenn sie ihn nur erst einmal los wäre.
»Doh, wat Du wullt, de Döhr steiht apen«, sagte sie mit einer Handbewegung.
»Denn wölt wi ehr tomaaken,« sagte er lachend.
Aber vor Mutter Thies‘ hageldicht fallenden Schimpfworten duckte er sich doch und that begossen.
»Wenn ick freen – wull ick seggen deenen schall –, denn kann ick doch nich mit ’n witten Stock kamen.«
»Unnösel Du! Verwegne Utschott! kiek to, dat Du ’n gollenen kriegst!« schrie Mutter Thies.
Da lachte er wieder.
»Heft recht, Moder, ick will gau tosehn!« Damit verschwand er.
Eine Woche später erfuhr Mutter Thies, wie es gemeint gewesen; Jürs hatte ihr das Korn auf dem Halm und das Heu auf dem Diemen verkauft und sich mit dem Gelde davongemacht.
Später hörte sie, er sei irgendwo Stackarbeiter geworden.
Nach zwei Jahren erschien Jürs ganz unverfroren und kandidel bei Mutter Thies und bat um eine kleine Unterstützung: seine P’line hätte nun Zwillinge bekommen.
»Is dat Din Minsch, Du Grienaap? Heet dat Minsch P’line?« erkundigte sich Mutter Thies sorgfältig.
»Dat ’s ehr Nam‘, Moder, op P’line is se döfft,« erwiderte Jürs erwartungsvoll, händereibend.
Mutter Thies musterte ihn.
»Un mit de Snapsbuddel hest Du ock all Fründschop kreegen; dat Du Di wedder in min Stuw intruen deihst, Du Gaudeew!« sagte sie mit wuthzitternder Stimme. Jürs zuckte die Achseln.
»De Knüppel liggt bi’n Hund,« machte er kleinlaut.
»Büst Du de Hund?« grollte die Mutter, ihn scharf und widerwillig betrachtend; »Du slachtst Din Ohm Klaas na; wanneer kummt dat Tochthus?« Sie hob drohend die Faust auf »’n sittenden Steert mutt de Minsch hebben! ’n Minsch, de ’n sittenden Steert hett –«
Jürs wies höhnisch auf Lütten, der, unbekümmert um das Gezänk, an einer Wurst kaute.
»Wi könt nich all‘ sin, as Lütten is, Moder.«
»Laat Lütten in de Ruh!« schrie sie und legte schützend ihren Arm um seinen Wasserkopf.
Jürs stierte mit hungrigen Augen den schmatzenden Esser an.
»Du hest Eier un Fett, Moder, wi sitten mit drögen Mun’n! dat geiht uns klöterig! Dar is nich Füer nich Rook, nich Putt nich Pann. Machst uns nich to Hülp sin, Moder?«
Er grinste, was er konnte, indes in seinen rothunterlaufenen Augen das Wasser stand.
»Nee, mag ick nich!« Mutter Thies drehte ihm den Rücken zu. »Mit Pracherpack mutt man sick nich inlaaten.«
»Kummt dar nicks Beteres na?« fragte Jürs, nachdem er eine Weile vergeblich gewartet hatte; »ick heff dacht, hüt obend giwt se sick, hüt ward se sick geben.«
Als keine Antwort mehr kam, riß er blitzschnell Lütten die Wurst aus den Händen und steckte sie sich in die Tasche.
Lütten erhob ein Jammergeheul.
Da drehte sich Mutter Thies doch um und trieb Jürs mit erhobenen Fäusten aus der Thür.
»Gah hen, wo Du herkamen büst,« schrie sie in einem fort.
Jürs zog die Wurst hervor, biß gierig hinein vor ihren sichtlichen Augen und grinste: »Ick warr mi en Knütten in de Näs flahn, dat ick ‚t nich vergeeten doh! Adjüs so lang! un freet mi ock nich op, Moder, de Wust is good!«
Am andern Abend, zwischen Licht und Dunkel, kam Mutter Thies vom Viehfüttern in ihre Stube und dachte eben, daß es dieses Jahr früh anfinge, kalt zu werden – da hörte sie drinnen solch ein sonderbares, quiekendes Geschrei – nicht wie Lüttens Stimme! Hastig riß sie die Thür auf und prallte zurück: da saß die ganze Familie Jürs auf der Wandbank, und das junge Weib lachte sie mit unverschämter Freundlichkeit an: »Je, Mannsmoder, nu sünd wi dar.«
Und sie wies auf zwei bewegliche Bündel, als auf etwas Lobenswerthes und Gutes.
Mutter Thies übermannte der Schreck. Sie ging wortlos rückwärts zur Thür hinaus; ihre Beine zitterten. Dann kam sie wieder herein und sah, wie Jürs die Tischlade offen hatte und ein Brot herauszog. Sie packte das Brotmesser mit einem Griff und hielt es ihm vor die Augen: »Du Gaudeew, wullt mal liggen laaten? Sall ick nu dat Spöök dar«, sie zeigte auf P’line – »op ’n Hals behollen?«
»So heff ick dacht!« erwiderte Jürs zurückzuckend. »Moder, Din Bleusterigkeit, da verjag‘ ick mi vör!« Und das Brot fest an sich drückend nahm er einen Anlauf und entwischte aus der Thür. Draußen verschnaufte er einen Augenblick unterm Fenster und hörte zwei Frauenstimmen sich laut und gellend erheben.
»Se sünd all bi de Verstännigung,« kopfnickte er; »dat was ick mi nich vermoden, dat de Saak so drad‘ afgahn däh!«
Darauf verdingte sich Jürs auf einem Baggerschiff, das bei Finkenwärder zur Arbeit lag.
Aber Lütten war doch der Stärkere. Vielleicht hatte Mutter Thies sich »dat Minsch und ehren Anhang,« wie sie sich ausdrückte, noch eine Weile gefallen lassen, jetzt zum Spätherbst, wo man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte. Aber P’line wußte nicht mit Lütten umzugehen, neidete ihm die Nahrung und schlug ihn, wenn er nach ihren Röcken griff. Das konnte Mutter Thies nicht mit ansehen. Nach zwei Monaten war sie die Schwiegertochter sammt den Zwillingen los: P’line hatte einen unvermutheten Helfer gefunden. Der »Gnurrputt« Jochen war aufgewacht, hatte die Bruderkinder irgendwo in einem Dorf in Kost gethan und war mit der Schwägerin auf und davon gegangen, Mutter Thies wunderte sich gar zu sehr.
»So ’n schulsche Bürt! un de mutt so ’n Stückschen utäuwen! Weet de Düwel, bi mi geiht allens verkehrt! Mal sünd dar toveel in ‚t Huus un mal keen een!«
Sie tröstete sich mit Lütten. »Lütten, min Lütten, wenn Du man wörst, as Du nich büst, wo kunnen wi denn so woll lewen!«
Aber Jochens Abwesenheit dauerte nicht lange. Als die Elbe wieder offen war, fand er sich, mürrischer als je, eines Tages am Strande vor, unterhalb seiner Mutter Haus. Er pichte an einem alten Boot, das jahrelang unbenutzt gelegen, und ließ sich bitten und laden, ehe er wieder über die Schwelle kam. Immerhin, Mutter Thies gab gern ein paar Worte zu, sie hatte da einen Knecht statt Jochen gedungen, der alles verkehrt machte. Nun konnte er abgelohnt werden, Jochen hatte nie viel gesagt, aber jetzt knurrte er erst recht in sich hinein. Er hatte nämlich nichts weiter mit nach Hause gebracht als eine breite Zahnlücke vorn im Mund, die ihn sehr belästigte, wie es schien, denn er hielt, wenn er sprach, immer die Hand darauf gedrückt.
Allmählich kam er damit zu Platz, wie es hergegangen war. In einem Tanzsalon in Sankt Pauli, wo er sich mit der großen Pauline einen vergnügten Abend machen wollte, hatte er seinen Bruder Jürs wieder getroffen, und Pauline hatte sich den Spaß gemacht, die beiden so aufeinander zu hetzen, daß sie handgemein wurden. Dann war sie mit dem gegangen, der die älteren Rechte besaß. Auf dem Baggerschiff allerdings war kein Platz für sie, aber als Kellnerin in einer Hafenkneipe war sie gut versorgt und ganz an ihrem Platze. Jochen trauerte ihr nach, als ob sie die einzige Frauensperson am ganzen Elbstrand sei. Er besuchte sogar die Zwillinge ihretwegen.
Aber da fand es sich, daß die Kleinen sich aus dem naßkalten Winter und der schlechten Kost sachte fortgeschlichen hatten. Er kriegte auch zwei Nummern in die Hand gedrückt – wenn er wollte, konnte er sich beim Todtengräber befragen, wo sie begraben wären.
An dem Tag vergriff sich Jochen zum erstenmal wieder an Lütten, ganz ohne Ursache, es war ihm plötzlich in die Finger gefahren. – –
Der Frühling war gekommen, und die Schachblumen blühten auf den Elbwiesen wie alle Jahre. Es war ein schöner, warmer Apriltag. Lütten sonnte sich im Sand, und Mutter Thies hatte eine Leine gezogen und hängte Wäsche auf.
Da kam so ein Blumenpflücker mit langen Beinen vorübergestiegen; die Sonne spiegelte sich in seinen Brillengläsern, und die grüne Trommel klapperte bei jedem Schritt.
Als er das Haus sah, hielt er an und rief, die Hände an den Mund legend: »Heda, Frau!«
Langsam drehte Mutter Thies sich nach ihm um und ließ ihre geringschätzigen Blicke an dem Fremden auf und ab kriechen. Der kam arglos heran: »Haben Sie ’n Glas Milch, oder kann man ’n Schnaps bei Ihnen kriegen?«
»Nee,« sagte Mutter Thies und dehnte das Wort, so abwehrend sie konnte.
Aber der Fremde hatte erst in diesem Augenblick Lütten gesehen, der da unten saß und Schwefelhölzer auf einem Stein anrieb, eins nach dem andern; der Wind blies sie schnell wieder aus,
»Was ist denn das?« sagte der Fremde, neugierig nahertretend, wahrend er scharfe Blicke auf den haarlosen Riesenkopf und den verschrumpften Körper in dem blauen Kittel heftete.
Mutter Thies hielt in der Arbeit inne, der mißtrauische Zug um ihren eingesunkenen Mund vertiefte sich,
»Dat ’s Lütten, dat ’s min Oellst,« machte sie langsam.
»Kann es sich nicht brennen? Kann es nicht Feuer machen? Wie alt ist das?« fragte der Mann. Mutter Thies schüttelte gleichmüthig den Kopf. Sie kam von dem Grabenbord herunter – plötzlich erwachten ihre müden Augen, ihre bläuliche Unterlippe zitterte. »Na, sünd Se woll ’n Doktor? Tweeundörtig is he.«
Der Mann berührte den großen, haarlosen Kopf mit zwei Fingern und versuchte, das blöde, verzerrte Gesicht sich zuzudrehen.
»So geboren?«
Mutter Thies war ganz nah herangerückt: »Na, weeten Se da wat för? wat dar good for is? Hebbt Se vielleicht ’n Medezin?«
»Kann es geh’n?«
Eifrig faßte Mutter Thies das verkümmerte Wesen unter die Achseln und zog es empor: »Up! up! Lütten mutt upstahn!« rief sie ermunternd. Die kraftlosen Füße schlurrten über den Boden hin, aber die Hände machten rudernde Gleichgewichtsbewegungen, und endlich stand er, wenn auch mit wie abgeknickt hängendem Kopf.
»So groß wie ein etwa zehnjähriges Kind,« sagte der Mann, ihn aufmerksam betrachtend, »das ist interessant.«
»Wat seggen Se?« Mutter Thies freute sich an der Aufmerksamkeit, die ihr Lütten erregte; es war so gar nichts von Widerwillen in dem Gesicht des Fremden. Aber Lütten ward das Stehen zu sauer, und er ließ sich mit Hülfe der Mutter wieder auf die ausgespreizten Hände fallen,
»Na, könt Se mi nicht ’n Medizin geben?« drängte die Alte aufgeregt,
»Kann es sprechen« sagte der Mann,
»Versteiht sick! Allens un allens!«
Mutter Thies legte schmeichelnd Lüttens schweren Kopf gegen ihre zitternden Kniee, Ja, die Kniee zitterten ihr!
Der Mann da sah so klug aus, der wußte etwas, der konnte Lütten gesund machen, wenn er wollte.
»Weeten Se, dat is em andahn! De oll Wahrseggersch mit dat Glippoog, weeten Se woll –« sagte Mutter Thies und plinkte ihm vertrauensvoll zu.
»Aha!« Ja, Mutter Thies merkte, der Mann verstand alles, das war keiner von den neumodischen »neegenklooken« Doktoren, die über Bauersleute nur lachen können.
»Lassen Sie ihn sprechen,«
Bereitwillig streichelte sie Lütten. »Min söte Jung, hör mal to! Segg mal wat min Lütten! segg all, wat Du lehrt hest!«
Lütten versuchte, den Kopf aufzurichten, auf seinem formlosen Gesicht erschien ein Lächeln und machte es auf einmal menschlich.
»Moder,« lallte er, wie eben aus einem langen Schlaf erwacht. Die dicke Zunge schob sich zwischen die Lippen, als ob er sich einen Vorgeschmack von etwas Gutem gäbe.
Mutter Thies zupfte den Fremden. »Hebbt Se ‚t hört? jao, he is klook nog, min Lütten; he seggt nich veel, aber he hett dat in sin Kopp! De is klauker as mannicheen! Segg mehr, Lütten! segg noch wat!«
Lütten gerieth plötzlich in große Erregung. Die Nüstern der eingedrückten Nase weiteten sich, eine furchtbare Verzerrung des Gesichts folgte:
»Speck un Wurst!« schrie er; dann, als ob man eine Maschine in Bewegung gesetzt habe, erklang es wohl dreißig Mal hintereinander, immer im gleichen Ton: »Speck un Wurst! Speck un Wurst!« Es gab kein Anhalten, kein Athemschöpfen dazwischen.
»Aha!« sagte der Fremde, zurücktretend, als ob er setzt vollständig befriedigt wäre. Er nickte vor sich hin, ohne Mutter Thies weiter zu beachten.
Aber ihre Spannung war aufs höchste gestiegen; wieviel Geld der Mann wohl verlangen würde? Ob sie auch so viel hätte? »Kummt dat – kummt dat düer?« sagte sie ängstlich. »Ward he denn – ward Lütten denn ganz wedder good?« Sie schluckte, die Kehle war ihr zugedrückt.
Langsam schüttelte der Fremde den Kopf, während ein verwundertes Lächeln sein Gesicht überflog.
»Nein, Mutter, dabei ist nichts zu machen; der bleibt, wie er ist; aber –« Die Wirkung seiner Worte, das wirre Aufstöhnen der Alten überraschten ihn. »Lieber Gott,« sagte er, »das konnten Sie sich am Ende selber sagen; nein, aber, hören Sie, ’nen guten Rath kann ich Ihnen doch geben – so ’n armes Geschöpf – kosten thut es mehr als ein andres, verdienen kann es nichts. Hab‘ ich nicht recht?«
Mutter Thies nickte kummervoll, beide Hände auf den Mund gedrückt.
»Seh’n Sie,« fuhr der Mann fort, »da sollten Sie nu bei Zeiten aufpassen, daß Sie den Kopf an ’n Doktor verkaufen – das ist ’ne Rarität, wissen Sie, wenn er mal todt ist! Verstehen Sie?«
Nein, Mutter Thies verstand nicht; hülflos, mit weit offenem, zahnlosem Munde und zitterndem Unterkiefer starrte sie den Mann mit den großen Brillengläsern an, der mitleidig zu ihr herunterlächelte.
»Er versteht ja gewiß nichts davon,« sagte er mild beruhigend, »das wär‘ ja ’n Glück, se eher se lieber! Wenn Sie das mit ’nem Doktor abmachen, daß er Ihnen noch bei Lebzeiten etwas Gewisses für den Wasserkopf bezahlt. – Solche Mißgeburten sind immer gesucht, wissen Sie –«
Aber nun brach aus Mutter Thies‘ kleinen, altersgerötheten Augen ein irrer Wuthfunke.
»O du verdammte Swienegel!« schrie sie auf, und nach dem Escher langend, der an der Wand lehnte, drang sie wüthend auf den Verdutzten ein, der eilig, unter abwehrenden, erklärenden Worten, die Flucht ergriff. »Wullt Du? wullt Du rut?« brüllte Mutter Thies, unterstützt von Lütten, der in ein gellendes Gelächter ausgebrochen war und seinen blauen Kittel wie toll mit den nackten Beinen in die Höhe warf. Sie verfolgte den Mann, der sehr roth und gekränkt aussah, noch eine Strecke weit durch das lange Gras; er setzte über Gräben hinweg mit fliegenden Rockschößen, ängstlich den Hut festhaltend, den der scharfe Ostwind ihm entreißen wollte.
Als sie dann athemlos vom Laufen und fürchterlich keuchend zurückkam und, blauroth im Gesicht, ihren Hals von dem braunen Wollentuche zu befreien versuchte, das sie würgte, gewahrte sie auf einmal Jürs, der hinter Lütten stand und seinen Kopf mit den Fingern befühlte, wie es vorhin der Fremde gethan; ein ganz sonderbares Grinsen verzerrte dabei sein Gesicht. Mutter Thies fühlte ihre Beine schwach werden. Ein unbestimmtes, plötzliches Grausen kam sie an, das ihr kalt über den Leib lief, und ihr Kopf wurde schwer, so schwer, als müsse er sie auf die Erde hinunterziehen.
»Wat wullt Du hier? wonehm kummst Du her?« wollte sie sagen, aber die Worte kamen mit einem unverständlichen Gurgeln aus ihrem Mund, das sie noch mehr erschreckte.
Jürs trat von Lütten weg und stand in seiner ganzen Heruntergekommenheit, mit der blauen Nase und den weit abstehenden, blutlosen Henkelohren, mit der löcherigen Hose und dem schmutzigen Kittel, mitten in der hellen Sonne. Er kniff die Augen zusammen und nickte seiner Mutter frech und verschmitzt zu.
»Dag, Moder! De Mann is nich dumm. Lütten an ’n Doktor verkopen? Wat hett he seggt? Dat will ick dohn, Moder, de Mann hett recht! Djusti! djusti!« Er sprang mit klappernden Holzpantoffeln in die Höhe. Plötzlich dann umschlang sein Arm Lüttens unförmlichen Kopf.
»Baar Geld, Moder! De Kopp is baar Geld! djusti! djusti!«
Mutter Thies‘ Gesicht schwoll immer mehr an. Das Entsetzen machte sie sprachlos und lähmte ihr den Arm, den sie heben wollte, um Lütten zu befreien. Steif waren die Arme, gar nicht wie ihre eignen.
Jürs gerieth in einen Freudentaumel: »Is ’n Geschäft, dammi! Lütten verköpen! dammi! De Mann mutt wedder her! dammi! dammi!«
Lütten gab unter dem rauhen Druck unbehagliche Klagelaute von sich; mit gespreizten Fingern suchte er Jürs abzuwehren.
Da tauchte neben ihm auf der andern Seite Jochens hölzerne Gestalt auf.
»Laat na!« sagte er brummend und nahm Jürs‘ Arm von dem Kopf des Zwergs, »verköpen is good, aber ick frag‘ mi man, an wokeen?«
Mutter Thies strengte alle Kräfte an zum Schreien.
»Jochen! lied’t nich! Nich verköpen! min Fleesch un Blood!« lallte sie halb bewußtlos.
Jochen richtete sich auf, seine Augen blickten fragend und starr auf die Alte.
»Sünd wi nich ook Din Fleesch un Blood? Schult wi dorthungern? Wonehm sünd de Tweeschen bleewen? Wer hett dat starwen un verdarwen laten? Wonehm sünd de Tweeschen?«
»Wo – wo – wo – nehm sünd de Tweschen?« winselte Lütten, dann klatschte er in die kraftlosen Hände und kreischte wie ein Papagei: »De Tweeschen! de Tweeschen! de Tweeschen!«
Mutter Thies rührte sich nicht. Ihr Auge umfaßte noch einmal das verwahrloste Haus an dein trübgrauen Tümpel und das, was ihr ganzes Leben gewesen war: den kahlen, wasserköptfigen, gelben Zwerg, der sinnlos lachte und kreischte zu ihrer Angst, Jochen mit dem Anklageblick und der kalten Entschlossenheit in den eckigen Zügen, und den betrunkenen Jürs, der seine zerfetzte Mütze in die Luft warf und schrie:
»Baar Geld lacht, Moder! Djusti, bar Geld lacht!«
»Oach! oach! oach!« ächzte sie auf; ihre Augen verdrehten sich, ihr Kopf neigte sich vornüber, und schwer schlug sie der Länge nach auf den Boden. – –
Am zweiten Abend danach sah es in Mutter Thies‘ Stube ganz anders aus. Jochen und Jürs hatten die große Pauline in die Mitte genommen und viel Schnaps getrunken, schon den ganzen Tag, Mutter Thies konnte ihnen jetzt nichts mehr anhaben, Mutter Thies war todt. Sie hatte sich hinaus in die Scheune bequemen müssen, Jochen hatte den Sarg selber hergekarrt durch den tiefen Sand, Der Tischler in Wedel hatte ihn gerade vorräthig gehabt. Und nun lag sie da draußen, die Alte, schimpfte nicht mehr und regierte nicht mehr, und die Stube und das Haus und das Vieh und die Wiesen – alles gehörte Jochen und Jürs. Sie konnten es noch nicht begreifen; so lange sie nüchtern waren, wollte es ihnen nicht in ihre verwunderten Köpfe. Jürs ging auf den Zehen mehr als einmal an die Alte hinan und blickte ihr unruhig ins Gesicht, ob sie nicht wieder lebendig würde. Aber mit zufriedenem Kopfschütteln schlich er weg, nahm einen herzhaften Schluck aus den halben Schrecken, den er ausgestanden, und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, mit einer Hausbesitzermiene in den Wiesen herum.
Jochen that ganz allein, was nöthig war; er hatte auch den Doktor geholt, hatte das Begräbniß angesagt, hatte die schwere Leiche gewaschen und angekleidet. Als sie dann in den Sarg gelegt werden sollte, hatte er Jürs zum Anfassen gerufen, aber Jürs hatte nicht gemocht. Wie ein Unsinniger war er in hohen Sprüngen ausgerissen und hatte geschrieen: »Dat gräst mi! Dat gräst mi!« Und dann hatte er P’line geholt und zwei Flaschen Kümmel, denn es war ihm so schlecht geworden – das Gräsen wollte gar nicht weichen.
Seit P’line da war, ging alles besser, Jochen war auch aufgethaut. Wenn sie sich mit Jürs küßte, stieß er sie mit seinem harten Ellbogen in die Rippen und sagte: »Laat mi ook bibucken.« Und Jürs erwiderte zwar: »Maak Di nich too grün, Du!« Aber P’line blänkerte ihn mit ihren schwarzen Augen vertraulich an und spielte mit Jochens Hand hinter Jürs‘ Rücken. Unaufhörlich kreiste die Schnapsflasche zwischen den Dreien.
Draußen ging derselbe sägende, dörrende Ostwind, der schon seit Tagen wehte. Es knackte und knarrte in dem alten Haus, als ob die Balken Leben bekämen und auseinander wollten. Und in das Pfeifen und Mischen im dürren, winterbraunen Ried mischte sich oft eine schreiende Winselstimme: »Moder! Moder! Speck un Wust! Speck un Wust!«
»Is Lütten buten bi ehr?« fragte P’line, als sie das Gewimmer zum ersten Mal hörte.
Jochen blickte Jürs an: »Weet nich, wonehm dat he is; ick heff keen Tied halt.« Jürs pfiff gleichgültig.
»Hett he wat to eeten kreegen?« sagte das Weib kopfschüttelnd, »he will Speck un Wust hebben! Gah mal rut, Jürs, kiek mal to –«
Sie drückte verstohlen Jochens Hand, aber Jürs schien mit seinen zwinkernden Augen auch um die Ecke sehen zu können. »Mußt nich!« schrie er und hielt Jochen die schmutzige Faust unter die Nase.
»Kinners! Kinners!« lachte P’line geschmeichelt, »verdreegt si doch man.«
Draußen klapperte es am Thürgriff; war’s der Wind, oder war es der Wasserkopf, der seine Mutter suchte?
»P’line, ick gräs‘ mi! Achhott wat gräs‘ ick mi!« schrie Jürs und umfaßte das Weib, den struppigen Kopf an ihrem breiten Busen begrabend.
Pauline drängte ihn lachend von sich. »Wanneer kummt Lütten weg? Hett de Doktor em all köfft? Ward de Kopp affneden?« fragte sie neugierig.
»Moder! Moder! Speck un Wust!« jammerte es vor der Stubenthür.
»Nee, nu ward mi dat Gejaul öber!« knurrte Jochen, der vergebens versucht hatte, seinen Bruder wegzuschieben. »Täuw Du! Di will ick Speck un Wust opsnieden! täuw Du man.« Er langte, wackelig aufstehend, nach dem Rohrstock in der Ecke und riß die Thür auf. Ein gellendes Geschrei, halb Furcht, halb Gelächter, ertönte draußen. Dann ein hastiges Laufen, Katzenmiauen und plötzlich ein klirrendes, brechendes Gepolter, als ob eine ganze Küche in Scherben ginge.
»Jürs!« machte P’line und rüttelte den schnarchend an ihrem Halse Athmenden, »giw mi ’n Sluck, un denn will ick ook rut, dar is jewoll de Dübel los, dar buten.«
Jochen kam herein, ohne Stock, mit offenem Munde und wirrem Haar, von seiner Backe lief Blut. Stumm drückte er sich auf die starke Wandbank, die unter der halb scherzenden, halb ernstgemeinten Balgerei zwischen Jürs und seiner Frau ängstlich knarrte.
Er riß die Flasche an sich und trank einen tiefen Zug, dann fuhr er sich langsam über das blutende Gesicht, in der gleichen starren Verwunderung.
P’line stieß ihn an, »Uemmer fuchtig, Jochen! Bi’t Pegeln mutt dat anners hergahn! Büst Du ’n doofes Füer hüt obend?«
»He hett mi klei’t,« sagte Jochen verbast, als könne er’s noch immer nicht begreifen.
P’line lachte auf, aber gleich danach kreischte sie, denn Jürs war zwischen Schlafen und Wachen wieder eifersüchtig geworden und hatte nach Jochens Auge einen Faustschlag geführt.
»Uemschichtig, Kinners, umschichtig,« besänftigte sie den schwer Betrunkenen, »ick bün se groot nog, Jürs, ick warr‘ mi woll wehren, wenn Jochen too wehlig wurden deiht!« Sie stieß die Brüder mit den Köpfen zusammen: »Gewt ji ’n Säuten, Kinners! so ’n Jux belewt wi nich wedder wi vun ’n Obend!«
Aber Jochen hatte noch immer das hölzerne Gesicht und starrte die Thür an, wie heftig und zudringlich das Weib ihn schüttelte. Er schien zu horchen.
»Wat deiht he dar buten?« kicherte P’line, »woveel giwt de Doktor for em? verteil mi dat, Jochen? Slöppt he ümmer noch nich?«
»He hett mi klei’t,« murmelte Jochen wie abwesend.
Das Weib wischte ihm das blutende Gesicht mit der Schürze, als ob er ein kleiner Junge wäre.
»Si Du man still! De hett nu de längste Tied Speck un Wust freeten. Drink ’n Sluck, Jochen, dat Du warm wardst! Woveel kriegt wi? Woveel giwt de Doktor for em?«
Sie verstummte plötzlich und klammerte sich an Jochen, der wie sie von der Bank jäh in die Höhe gefahren war. Denn draußen war ein lautes, schrilles Gelächter erklungen, und nun schrie es in winselndem Ton:
»De Tweeschen! Och de Tweeschen! Och de Tweeschen! Lütten, kumm! Sallst wat hebben! Lütten – Tweeschen – kumm –« in thierischem Geheul erstarb die Stimme.
Die Beiden aber in der dunkeln, branntweindunstigen Stube flüsterten rauh, fast besinnungslos vor Angst:
»Wat is dat? Is dat de Ohlsch? scht‘, mal! is se nich dot? is se wedder opwakt? Wat heet dat? Wat schall dat sin? Wat seggt se?«
Pauline rüttelte Jürs an der Schulter, daß ihr ein Stück des Lumpenkittels in der Hand blieb. Sie war kaum ihrer Zunge mächtig, »Waak op, Du! Dar is wat los. Weet de Dübel! De Ohlsch –«
»Djusti, de Ohlsch!« lallte Jürs und fuhr mit dem Kopf in die Höhe, »de Ohlsch heff ick all lang nich sehn – wonehm is se woll vun‘ Obend?«
»Ick gah ut‘ Finster rut! ick gräs‘ mi!« heulte P’line, nun auch vor Jürs zurückschaudernd. Da ermannte sich Jochen gewaltsam. Er tastete sich auf.
»War dat heet? Dat heet gornichs,« sagte er mit klangloser Stimme, ging an die Thür und riß sie auf, um mit einem wilden Schrei zurückzutaumeln.
»Füer! Füer! Füer! de Schüer brennt! dat Hus öbern Kopp! Moder – Du? och lewst Du noch? – Füer –«
Pauline hatte die Flasche ergriffen, um Stärkung zu suchen. Als sie aber dicht vor sich das Sausen und Brausen vernahm und die offene Scheune in großen, gelben, hochaufschießenden Flackerflammen sah und mitten darin den schmalen Sarg und die zwei weißen Gestalten – den lachenden Wasserkopf im Hemde, der den starren Oberkörper seiner todten Mutter umklammert hielt, als ob er ihn emporreißen wollte –, da verging ihr der Rest von Besinnung, und wie die Motte ins Licht taumelte sie gerade hinein in die tödtliche Gluth, die ihr gierig entgegenzüngelte. – –
Als der Morgen kam, standen nur noch die nackten schwarzen Mauern. Die Hülfe aus Schulau war zu spät gekommen. Die Feuerspritze zog ab.
Die Dürre – der Wind – der baufällige Zustand des Hauses – man hätte doch wenig ausrichten können. Gerettet wurde nur einer – man überführte ihn sofort in eine Anstalt. Nicht sowohl seiner Brandwunden halber, als weil er einen unförmlichen Wasserkopf besaß und über sich selbst und seine Familie nichts zu sagen vermochte.
Später ist dann noch ein sonderbarer Mensch aufgetaucht, der in einer, Vollmondnacht vor Sanders‘ Wirthschaft in Blankenese auf dem Eckstein saß und mit dem Mond allerlei merkwürdige Gespräche führte. Er nannte ihn Lütten und wollte ihm den Kopf abschneiden, wie er sagte. Man holte ihn unter großem Freudengejauchze in die Wirthsstube, weil man sich einen rechten Jux von dem Kerl versprach, aber der Kerl weinte und wollte wieder hinaus zu dem Mond. Die Leute, die ihn früher gekannt hatten, behaupteten, er heiße Jochen Thies und sei Mutter Thies‘ Aeltester gewesen, aber er selber nannte sich Jürs und konnte sich auf keinen andern Namen besinnen, auf den Hausbrand anfangs auch nicht. Er ging aber doch auf die Brandstätte und nahm da Steine weg, die er oben auf der wüsten Koppel zusammenhäufte. Er wollte da ein Haus bauen, sagte er; er hätte nur immer noch nicht das Geld, »weeten Se woll, for den Kopp! for den affneeden Kopp – dat ’s de Hauptsaak.« Er »tüderte.«
Man wollte ihn irgendwie versorgen, aber es ging nicht – er wüßt‘ es vorher und verschwand aus der Gegend.
Solange Blankenese dänisch war, tauchte er immer wieder vor Sanders‘ Wirtschaft auf und wurde mit Schnaps und Brot versorgt; als es dann deutsch wurde, konnte er sich nicht mehr halten – die deutsche Polizei hatte einen Widerwillen gegen ihn. So ist er denn nach Jütland gewandert, sagen sie.
Als meine Mutter klein Kind war, hat sie ihn noch gesehen.

Henryk Sienkiewicz • Der Leuchtturmwächter • Eine Erzählung

Henryk Sienkiewicz 
Der Leuchtturmwächter

Der Leuchtturmwächter in Aspinwall, unweit Panama, war verschollen.
Man vermutete, daß der Unglückliche hart ans Ufer des felsigen Inselchens gegangen war, auf welchem der Leuchtturm steht, und von einer Woge weggeschwemmt wurde, und diese Vermutung war um so wahrscheinlicher, als man am nächsten Tage seinen in der Felsenbucht stehenden Kahn nicht fand. Der auf diese Weise frei gewordene Posten eines Leuchtturmwächters mußte sofort wieder besetzt werden, da der Leuchtturm sowohl für den lokalen Verkehr wie für die von New York nach Panama gehenden Schiffe von großer Bedeutung war.
Der Meerbusen ist reich an Sandbänken und Flugsand, und der Weg selbst am Tage ein schwieriger, und nachts, besonders durch den von der Tropensonne erhitzten Gewässern oft aufsteigenden Nebel beinahe unpassierbar. Dann ist der einzige Wegweiser für die zahlreichen Fahrzeuge das Licht der Meereslaterne. Die Sorge, einen neuen Leuchtturmwächter ausfindig zu machen, fiel dem in Panama residierenden Konsul der Vereinigten Staaten zu, und es war keine geringe Sorge, erstens schon deshalb, weil der Nachfolger innerhalb zwölf Stunden gefunden werden mußte, zweitens, weil nur ein überaus gewissenhafter Mensch den Posten bekleiden darf, und so konnte man nicht den ersten besten anstellen, und schließlich fehlte es überhaupt an Kandidaten für diese Stelle. Das Leben auf dem Turm ist ein überaus mühseliges und bietet für die an Müßiggang und freies Bummlerleben gewohnten Südländer gar keinen Reiz. Sonntag ausgenommen, kann er sein felsiges Eiland gar nicht verlassen. Aus Aspinwall bringt ein Boot ihm einmal des Tages Lebensmittel und frisches Wasser. Dann entfernen sich die Schiffer sofort, und auf dem ganzen Inselchen, das einen Morgen Ausdehnung hat, bleibt niemand. Der Wächter wohnt im Leuchtturm und hält ihn in Stand; am Tage gibt er Signale durch das Hissen verschiedenfarbiger Flaggen, laut den Weisungen des Barometers, und abends zündet er das Licht an. Das wäre keine große Arbeit, wenn nicht der Umstand da wäre, daß man, um zu den Feuerstätten auf der Turmzinne zu gelangen, über vierhundert gewundener und sehr hoher Stufen steigen müßte, welchen Weg der Wächter oft einigemal täglich zurücklegen muß. Überhaupt ist dies ein Kloster-, ja noch mehr ein Einsiedlerleben. Kein Wunder also, daß Mister Isaak Folcombridge in nicht geringer Verlegenheit war, um einen ständigen Nachfolger für den Verschollenen zu finden und man wird vielleicht seine Freude begreifen, als sich noch an demselben Tage ein Bewerber unverhofft meldete. Es war ein schon bejahrter Mann, vielleicht schon über siebzig, aber rüstig, stramm, Bewegung und Haltung die eines Soldaten. Er hatte ganz weißes Haar, die Gesichtsfarbe gebräunt wie bei den Kreolen, aber nach den blauen Augen zu schließen, war er kein Südländer. Sein Gesicht war vergrämt und traurig, aber ehrlich. Beim ersten Blick gefiel er Folcombridge, aber es war nötig, ihn zu examinieren, infolgedessen entspann sich folgendes Gespräch: »Woher seid Ihr?«
»Ich bin ein Pole.«
»Was habt Ihr bisher getan?«
»Ich habe mich herumgetrieben.«
»Ein Leuchtturmwächter muß auf einem Flecke sitzen können.«
»Ich brauche jetzt Ruhe.«
»Habt Ihr gedient? Habt Ihr Zeugnisse über einen ehrlichen Regierungsdienst?«
Der alte Mann zog einen einem Fahnenfetzen ähnlichen seidenen Lappen hervor, entfaltete ihn und sagte: »Hier sind Zeugnisse. Dieses Kreuz habe ich in den dreißiger Jahren bekommen. Dieses zweite ist ein spanisches aus dem Karlistenkriege. Dieses dritte ist das der französischen Ehrenlegion; das vierte erhielt ich in Ungarn. Dann habe ich mich an dem amerikanischen Kriege gegen die Südstaaten beteiligt, dort gibt es keine Kreuze, dafür habe ich dieses Papier.«
Folcombridge nahm das Schriftstück und begann zu lesen. »Hm, Skarmoki? Das ist Euer Name? Hm! – Zwei Fahnen im Bajonettangriffe eigenhändig erbeutet. Ihr wart ein tapferer Soldat!«
»Ich werde auch ein gewissenhafter Leuchtturmwächter sein können.«
»Ihr müßt dort mehrmals täglich auf den Turm steigen, habt Ihr gesunde Beine?«
»Ich habe die Prärien zu Fuß durchwandert.«
»All right. Seid Ihr mit der Schiffahrt vertraut?«
»Ich habe drei Jahre auf einem Walfischfangfahrer gedient.«
»Ihr habt verschiedene Berufe versucht?«
»Ja, nur Ruhe habe ich nicht gefunden.«
»Warum nicht?«
Der alte Mann zuckte die Achseln: »Das ist schon so mein Los …«
»Aber Ihr scheint mir zu alt für einen Leuchtturmwächter?«
»Sir,« ließ sich der Kandidat jäh mit gerührter Stimme vernehmen, »ich bin sehr abgehetzt und zerrüttet. Ich habe eben viel durchgemacht. Dieser Posten entspricht meinen sehnsüchtigsten Wünschen. Ich bin alt und bedarf der Ruhe. Ich möchte mir sagen können: hier ist dein Hafen. Zum zweiten Male wird sich mir eine solche Stelle vielleicht nicht bieten. Was für ein Glück, daß ich in Panama war. Ich flehe Euch an, so wahr mir Gott lieb ist, ich bin wie ein Schiff, welches untergeht, wenn es nicht in den Hafen einläuft. Gebt mir den Posten, wenn Ihr einen alten Mann beglücken wollt! Ich schwöre Euch, daß ich ehrlich bin, und ich bin dieses Herumtreibens müde.«
Die blauen Augen des Greises drückten solch eine innige Bitte aus, daß Folcombridge, der ein gutes, weiches Herz hatte, sich gerührt fühlte. »Well,« sagte er. »Ich nehme Euch an. Ihr seid der Leuchtturmwächter.«
Das Gesicht des Alten erstrahlte in einer unaussprechlichen Freude. »Ich danke Euch.«
»Könnt Ihr Euch noch heute nach dem Turme begeben?«
»Jawohl.«
»Also good bye! … Noch ein Wort: für jeden Verstoß im Dienst harrt Eurer Entlassung.«
»All right –«
Noch an demselben Tage abends, als die Sonne jenseits der Landenge unterging und nach einem strahlenden Tage die Nacht ohne Dämmerung hereinbrach, war der neue Leuchtturmwächter schon augenscheinlich auf seinem Posten, denn der Turm schleuderte wie gewöhnlich seine grellen Lichtgarben auf die Gewässer. Es war eine vollkommen ruhige, stille, echte Tropennacht, von einem lichten Nebel durchsättigt, der um die Mondscheibe einen regenbogenfarbenen Kreis mit sanften Rändern bildete. Nur das Meer brandete, da die Flut im Steigen begriffen war. Skarmoki stand auf dem Balkon, knapp bei dem riesigen Reflektor, von unten einem schwarzen, kleinen Punkte ähnlich. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und sich seine neue Lage zu vergegenwärtigen. Aber seine Gedanken waren zu sehr unter dem Drucke, als daß sie sich regelrecht hätten entspinnen können. Er empfand etwas wie das gehetzte Wild, wenn es sich schließlich vor der Verfolgung in eine unzugängliche Felsenschlucht flüchtet. Endlich war für ihn eine Ruhezeit gekommen. Ein Gefühl der Sicherheit erfüllte seine Seele mit einer unaussprechlichen Wonne. Hier auf diesem Felsen konnte er seine früheren Irrfahrten, Unglücksfälle und Mißerfolge einfach auslachen.
Er war wirklich wie ein Schiff, dem ein Sturm die Masten zerschmettert, Taue und Segel zerrissen, das von den Wellenkämmen in die Tiefe geschleudert, und nun in den Hafen eingelaufen war. Die Bilder dieses Sturmes zogen als Gegensatz zur stillen Zukunft an seinen Gedanken vorüber.
Einen Teil seiner seltsamen Erlebnisse hatte er Folcombridge erzählt, aber tausend andere Abenteuer hatte er nicht erwähnt. Er hatte das Unglück, daß, so oft er irgendwo sein Zelt aufschlug und ein Herdfeuer anfachte, um sich niederzulassen, ein Wind die Pflöcke seines Zeltes niederriß, das Feuer verwehte und ihn selbst dem Ungewissen entgegentrug. Von seinem Turmbalkon jetzt auf die beleuchteten Wellen niederschauend, erinnerte er sich an seine Erlebnisse.
Er war in allen vier Weltteilen gewesen und auf seinen Wanderungen hatte er sich beinahe in allen Berufen versucht. Arbeitsam und ehrlich, hatte er manchmal etwas Geld erspart, verlor es aber immer trotz der größten Vorsicht. Er war Goldgräber in Australien, Diamantensucher in Afrika, Landjäger in Ostindien. Als er seinerzeit in Kalifornien eine Farm anlegte, richtete die Dürre ihn zugrunde. Er versuchte einen Handel mit den das Innere Brasiliens bewohnenden wilden Volksstämmen. Sein Kahn scheiterte auf dem Amazonenflusse, und er, wehrlos und beinahe nackt, irrte wochenlang in den Wäldern umher, sich von wilden Früchten nährend, jeden Moment der Gefahr ausgesetzt, von wilden Tieren zerrissen zu werden. Er legte in Helena, in Arkansas, eine Schmiedewerkstätte an und brannte in der großen Feuerbrunst der Stadt ab. Dann geriet er im Felsengebirge in Indianerhände und wurde nur durch ein Wunder von kanadischen Jägern befreit. Er diente auf einem zwischen Bahia und Bordeaux verkehrenden Schiffe als Matrose, dann als Harpunier auf einem Walfischfangfahrer. Beide Fahrzeuge erlitten Schiffbruch. In Havanna hatte er eine Zigarrenfabrik und wurde, während er krank daniederlag, von seinem Kompagnon bestohlen. Schließlich kam er nach Aspinwall und hier sollten seine Mißgeschicke zu Ende sein. Denn was konnte ihm auf diesem Felseninselchen noch widerfahren? Weder Wasser, Feuer noch Menschen konnten ihn erreichen.
Von Menschen hat Skarmoki übrigens nicht viel Übles erfahren, er ist öfter guten als schlechten Menschen begegnet. Dafür aber schienen ihn alle vier Elemente zu verfolgen. Die ihn kannten, sagten, er habe kein Glück und damit erklärten sie alles. Er wurde schließlich ein Fatalist. Er glaubte, daß irgendeine mächtige, rachsüchtige Hand ihn überall zu Wasser und zu Land verfolge. Er redete aber nicht gern darüber; nur manchmal, wenn man ihn fragte, wessen Hand das sein möge, wies er geheimnisvoll auf den Polarstern und antwortete, das komme von dort. Und seine Mißerfolge waren tatsächlich so beständig, daß man an eine höhere Macht glauben mußte. Im übrigen besaß er die Geduld eines Indianers und die große Widerstandskraft eines rechtschaffenen Polen. Seinerzeit hatte er in Ungarn mehrere Bajonettstiche bekommen, weil er nicht um Pardon bitten wollte. Ebenso unterwarf er sich nicht dem Unglück. Er klomm wie eine arbeitssame Ameise den Berg hinan. Hundertmal herunterrollend, begann er seine Reise ruhig aufs neue. Er war in seiner Art ein Sonderling, abgehärtet und in allen Dingen erfahren, hatte er das Herz eines Kindes. Während einer Epidemie auf Kuba wurde er deshalb von ihr ergriffen, weil er sein ganzes Chinin, von welchem er einen bedeutenden Vorrat besaß, an Kranke verteilte und für sich selbst keinen Gran zurückließ.
Er besaß auch diese wunderliche Eigenschaft, daß er nach so viel Enttäuschungen stets wieder voll Zuversicht war und nicht die Hoffnung aufgab, alles werde noch gut werden.
Im Winter wurde er immer lebhaft und prophezeite stets große Ereignisse. Er harrte ihrer mit Ungeduld und lebte jahrelang mit dem Gedanken an Verwirklichung. Aber ein Winter nach dem anderen verstrich, und Skarmoki erlebte nur das, daß sein Haupthaar bleichte.
Schließlich alterte er und begann die Energie zu verlieren. Seine Geduld begann einer Resignation zu weichen. Die frühere Ruhe ging in Empfindsamkeit über und dieser abgehärtete Soldat begann sich in einen Greis zu verwandeln, der bei dem geringfügigsten Anlasse in Tränen ausbrach. Außerdem begann ihn ein furchtbares Heimweh zu plagen, das der erste beste Umstand anfachte: der Anblick von Schwalben, von grauen, Sperlingen ähnlichen Vögeln, Schnee und Gebirge oder irgendeine Melodie, die einer einst gehörten ähnlich war. Schließlich beherrschte ihn nur noch ein Gedanke: der Gedanke an Ruhe. Der ewige Irrfahrer konnte sich nichts Erwünschteres vorstellen, als einen ruhigen Winkel, in welchem er ausruhen und das Ende still erwarten könnte. Deshalb vielleicht, weil eine sonderbare Laune des Schicksals ihn nach allen Weltgegenden geschleudert hatte, kam es ihm als das größte menschliche Glück vor, nicht mehr umherirren zu müssen. Er hatte fürwahr Anspruch auf solch ein bescheidenes Glück, er war aber schon so an Enttäuschungen gewöhnt, daß er wie an etwas Unerreichbares dachte, und nun bekam er innerhalb zwölf Stunden unverhofft einen Posten, wie er ihn sich nicht hatte träumen lassen.
Als er abends seine Laterne anzündete, war er wie betäubt, daß er sich selbst fragte, ob dies wahr sei, und wagte kaum zu antworten: »Ja.« Unterdessen drang die Wirklichkeit mit unwiderlegbaren Beweisen auf ihn ein, und so verstrich ihm eine Stunde nach der anderen auf dem Turmbalkon. Es schien, als sähe er zum ersten Male in seinem Leben das Meer. Das Linsenglas des Leuchtturms warf einen riesigen kegelförmigen Lichtkreis in die Dunkelheit, während die Ferne schwarz und geheimnisvoll blieb. Aber diese Ferne schien dem Lichtschein entgegenzueilen. Kilometerlange Wellen kamen aus der Dunkelheit herangewälzt und brüllend brandeten sie an der Stufe des Inselchens und da sah man ihre schäumenden, im Leuchtturmscheine rosig glitzernden Kämme. Die Flut stieg immer mehr und überschwemmte die Sandbänke. Die geheimnisvolle Sprache des Ozeans wurde immer mächtiger und lauter, bald dem Kanonendonner, bald dem Rauschen riesiger Wälder, bald einem fernen Gewirr menschlicher Stimmen ähnlich. Manchmal wurde es ganz still. Dann drangen aus des Greises Brust schwere Seufzer oder Schluchzen und alte Erinnerungen quälten ihn.
Schließlich verwehte der Wind den Nebel und trieb schwarze, zerfetzte Wolken herbei, die den Mond verschleierten. Vom Westen begann es immer stärker zu wehen. Die Meeresbrandung schlug wütend an den Felsabhang des Leuchtturms, das Untergemäuer schon mit Schaum bedeckend. In der Ferne brauste ein Sturm. Auf dem dunklen, aufgewühlten Meeresspiegel blitzten einige an den Schiffsmasten aufgehängte grüne Laternchen auf. Diese grünen Pünktchen hoben und senkten sich, schwankten bald nach rechts, bald nach links.
Skarmoki stieg in seine Stube hinab. Der Sturm begann zu heulen. Draußen auf jenen Schiffen kämpften die Leute mit der Nacht, der Finsternis und den Wellen; in der Stube aber war es ruhig und still. Selbst der Schall des Orkans drang nur gedämpft durch die dicken Mauern, und nur das gemessene »Ticktack« der Uhr wiegte den müden Greis in den Schlaf.
II.
Die Stunden, Tage und Wochen begannen zu verstreichen. Die Matrosen behaupten, daß wenn das Meer sehr stürmisch ist, sie in der Nacht und der Dunkelheit von einer Stimme beim Namen gerufen würden. Wenn die Unendlichkeit des Meeres so rufen kann, so mag sein, daß, wenn der Mensch altert, eine dunkle, geheimnisvolle Unendlichkeit auch ihn gleichfalls ruft, und je mehr er vom Leben ermüdet ist, desto willkommener sind ihm diese Zurufe. Um sie aber zu hören, dazu bedarf es der Stille. Außerdem liebt es das Alter, sich im Vorgefühle des Todes zu isolieren.
Für Skarmoki war der Leuchtturm solch ein halbes Grab. Es gibt nichts Eintönigeres, als ein Leben auf dem Leuchtturm. Junge Leute, die einen solchen Posten annehmen, verlassen ihn bald wieder. Der Leuchtturmwächter pflegt auch gewöhnlich ein älterer, finsterer und verschlossener Mensch zu sein. Wenn er einmal seinen Turm verläßt und unter Menschen geht, wandelt er unter ihnen wie ein aus tiefem Schlafe Erwachter. Auf dem Turm fehlt es an jeglichen kleinen Eindrücken, die im gewöhnlichen Leben lehren, alles auf sich zu beziehen. Alles, womit der Leuchtturmwächter in Berührung kommt, ist riesig und groß und geschlossener Formen bar. Der Himmel, das ist die eine Gesamtheit, das Wasser die zweite, und inmitten dieser Unendlichkeiten die einsame Menschenseele!
Er führt dort eine Lebensweise, in welcher der Gedanke ein ununterbrochenes Hinbrüten wird, aus diesem Hinbrüten weckt den Leuchtturmwächter selbst seine Beschäftigung nicht. Ein Tag ist dem anderen so ähnlich, wie zwei Glasperlen in einem Rosenkranze sich gleichen, und höchstens das Wetter bietet eine Abwechselung.
Skarmoki aber fühlte sich so glücklich, wie noch nie in seinem Leben. Er stand mit Tagesanbruch auf, nahm Nahrung zu sich, putzte das Linsenglas der Laterne, ließ sich dann auf dem Balkon nieder und starrte in die Meeresferne. Seine Augen konnten sich an den Bildern, die er vor sich hatte, nie satt sehen. Gewöhnlich sah er auf dem türkisfarbenen Hintergrunde ein geblähtes Segel, das in den Sonnenstrahlen so leuchtete, daß die Augen davon geblendet wurden. Manchmal fuhren die Schiffe, die sogenannten Passatwinde benutzend, in einer langgestreckten Reihe hintereinander, einer Möwenkette ähnlich. Die roten, den Weg weisenden Tonnen schaukelten sich auf den Wellen. Zwischen den Segeln tauchte täglich gegen Mittag eine riesige grauschimmernde Rauchsäule auf, das war der Dampfer, der Passagiere und Waren von New York nach Aspinwall brachte, lange, schäumende Furchen hinter sich ziehend. Von der anderen Seite des Balkons sah Skarmoki deutlich Aspinwall und seinen ruhigen Hafen und einen Wald von Masten, Booten und Kähnen; etwas weiter die weißen Häuser und Türmchen der Stadt. Von der Höhe des Leuchtturms waren die Häuschen Möwennestern, die Boote kleinen Käfern ähnlich, und die Leute bewegten sich wie Punkte auf dem weißen, steingepflasterten Boulevard.
Des Morgens brachte eine leichte Ostbrise das menschliche Stimmengewirr, welches vom Pfeifen der Dampfer übertönt wurde, her, mittags war Siestazeit. Im Hafen hörte der Verkehr auf; die Möwen verkrochen sich in Felsspalten, der Wellengang wurde schwächer und träge, und dann entstand zu Land, zu Wasser und auf dem Leuchtturm ein Moment ungetrübter Stille. Der gelbe Sand, von welchem die Wellen zurückströmten, glitzerte wie goldige Flocken auf der Wasserfläche; der Turmkorpus hob sich im Äther scharf ab. Ströme von Sonnenstrahlen ergossen sich vom Himmel auf das Wasser, auf den Sand und auf die Felsabhänge. Da bemächtigte sich auch des Greises eine angenehme Schwäche. Er fühlte, daß ihm diese Ruhe wohltuend sei, und da er hoffte, daß sie dauernd sein würde, fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glück. Skarmoki schmachtete sein eigenes Glück an. Da der Mensch sich aber leicht an ein besseres Los gewöhnt, so gewann er allmählich Vertrauen und Zuversicht; denn er dachte, wenn die Menschen für Invaliden Häuser bauen, warum sollte Gott schließlich seinem Invaliden keine Zufluchtsstätte gewähren.
Die Zeit verfloß und bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Der Alte lebte sich mit dem Leuchtturm, den Felsabhängen, den Sandbänken und der Einsamkeit ein. Er machte auch mit den Möwen, die sich im Felsgeklüft niederließen und abends auf dem Turmdache geräuschvoll herumschwärmten, Bekanntschaft. Skarmoki warf ihnen die Reste seines Essens hin, und sie wurden bald so zahm, daß ihn dann ein Sturm weißer Fittiche umgab, und der Alte schritt zwischen dem Gevögel wie ein Schäfer zwischen seinen Schafen einher.
Zur Ebbezeit begab er sich auf die niederen Sandbänke, wo er schmackhafte Schnecken und schöne Perlmutter Molluskenmuscheln sammelte, die die zurücktretende Flut hinterließ. Des Nachts ging er beim Schein des Mondes und des Leuchtturms aus, um Fische zu fangen, von denen das Felsgeklüfte wimmelte. Schließlich gewann er seinen Felsen und sein baumloses Inselchen lieb, das nur von winzigen fetten Pflanzen und Strandhafer bewachsen war.
Eine Fernsicht entschädigte ihn übrigens für die Armut seines Eilandes. In den Mittagsstunden, wenn die Atmosphäre durchsichtiger wurde, sah man die ganze Landenge bis zum Pacific mit seiner üppigen Vegetation. Dann schien es Skarmoki, als ob er in einen Riesengarten sähe. Mächtige Kokosbündel bildeten knapp hinter den Häusern Aspinwalls prächtige buschige Sträuße. Weiter zwischen Aspinwall und Panama sah man einen ungeheuern Wald, über welchem jeden Morgen und Abend rötliche Dünste aufstiegen, ein echter Tropenwald, unten von einem stehenden Wasser bespült, von Lianen, rauschenden Orchideen, Palmen und Gummibäumen umrankt.
Durch sein Fernrohr konnte der Alte nicht nur Bäume, nicht nur weitverzweigte Bananenblätter, sondern auch Affen und Papageien beobachten, welche sich manchmal über dem Walde wie eine regenbogenfarbene Wolke erhoben. Skarmoki kannte derartige Wälder, wußte, was für Gefahren, was für ein Tod unter dieser herrlichen lachenden Oberfläche lauerte. Um so mehr verursachte es ihm Freude, von seiner Höhe zu schauen, ihre Schönheit zu bewundern und vor Verderben geschützt zu sein. Sein Turm schützte ihn vor jedem Unheil. Er verließ ihn auch meist nur Sonntags früh. Dann legte er seinen granatblauen Wächterrock mit Silberknöpfen an, heftete seine Kreuze an die Brust und sein milchweißes Haupt richtete sich mit einem gewissen Stolze in die Höhe, wenn er beim Kircheneingang hörte, wie die Kreolen untereinander sprachen: »Wir haben einen ordentlichen Leuchtturmwächter. Und sogar ein Jankee, kein Ketzer.« Aber sofort nach der Messe kehrte er nach seinem Inselchen zurück, glücklich ging er heim, denn er traute noch immer nicht dem Festlande.
Sonntags las er auch eine spanische Zeitung, die er in der Stadt kaufte oder den von Folcombridge geliehenen »New York Herald« und suchte darin gierig nach Nachrichten aus Europa. Armes, altes Herz. Auf diesem Wachtturm und auf der zweiten Halbkugel schlug es noch fürs Vaterland …
Manchmal, wenn das Boot, das ihm Mundvorrat und Wasser zuführte, anlegte, stieg er vom Turm, um mit dem Wächter Johnsen zu plaudern. Später aber verwilderte er augenscheinlich. Er hörte auf nach der Stadt zu kommen, Zeitungen zu lesen und mit Johnsen politische Debatten zu führen. Es verstrichen Wochen, in denen er niemand und niemand sah. Das einzige Zeichen, daß der Alte lebte, war nur das Verschwinden des am Ufer für ihn zurückgelassenen Proviants und das Turmlicht, welches jeden Abend mit solch einer Regelmäßigkeit angezündet wurde, mit welcher die Sonne morgens in fernen Zonen aus dem Wasser emporsteigt.
Der Alte war offenbar für die Welt gleichgültig geworden. Hierfür war nicht das Heimweh der Grund, sondern, daß er in Resignation übergegangen war. Für den Greis verkörperte sich jetzt die ganze Welt in seinem Inselchen. Er hatte sich in den Gedanken eingelebt, daß er den Turm bis zu seinem Tode nicht verlassen werde, und er vergaß, daß außer ihm noch anderes vorhanden war. Dazu wurde er Mystiker. Seine sanften blauen Augen wurden wie Kinderaugen und starrten in die Ferne.
In fortwährender Vereinsamung und angesichts der überaus einfachen und großen Umgebung begann der Alte die Empfindung der eigenen Individualität zu verlieren. Er hörte auf als Person zu existieren und verschmolz immer mehr mit seinem Milieu. Er stellte darüber keine Betrachtungen an, er fühlte nur unbewußt, schließlich aber kam es ihm vor, als sei der Himmel, das Meer, sein Felsen, der Turm, die Sandbänke, die geblähten Segel und Möwen, die Ebbe und Flut eine große Einheit und eine ungeheure, geheimnisvolle Seele. Er tauchte darin unter und lullte sich ein. – und in dieser Beschränkung seines eigenen Daseins, in diesem Halbwachen und Halbschlafe fand er eine große, dem Halbtode beinahe ähnliche Ruhe.
III
Aber das Erwachen stellte sich ein. Als das Boot wieder Wasser und Lebensmittel brachte und Skarmoki eine Stunde darauf vom Turm gestiegen war, bemerkte er, daß außer der gewöhnlichen Ladung noch ein Paket dabei sei. Auf dem Deckel des Pakets waren Postwertzeichen der Vereinigten Staaten und die deutliche Adresse: Skarmoki Esqr., auf dickem Segeltuch. Der neugierig gewordene Alte schnitt die Leinwand durch und erblickte Bücher; er nahm eins in die Hand, schaute es an und legte es zurück, wobei seine Hände heftig zu zittern begannen. Er bedeckte die Augen, als traute er ihnen nicht, es schien ihm, er träume, denn es war ein polnisches Buch. Was sollte das bedeuten? Wer hat ihm das Buch schicken können? Er hatte offenbar im ersten Augenblicke vergessen, daß er noch zu Beginn seiner Karriere als Leuchtturmwächter in dem vom Konsul ausgeliehenen »Herald« von der Gründung einer polnischen Gesellschaft in New York gelesen hatte, und daß er derselben gleich die Hälfte seines Monatsgehaltes, für das er auf dem Turme keine Verwendung wußte, geschickt hatte. Als Dank hatte die Gesellschaft ihm Bücher zugeschickt. Sie kamen also auf natürlichem Wege, im ersten Moment aber konnte der Greis diese Gedanken nicht erfassen.
Polnische Bücher in Aspinwall auf seinem Turm, inmitten seiner Einsamkeit, das war für ihn etwas Außergewöhnliches, ein Hauch aus alten Zeiten, ein Wunder. Jetzt kam es ihm wie jenem Seefahrer inmitten der Nacht vor, als ob ihn jemand mit einer geliebten und beinahe vergessenen Stimme beim Namen gerufen habe.
Eine Weile saß er mit geschlossenen Augen und er fürchtete, daß der Traum, sobald er die Augen öffnete, verschwinden würde. Nein, das aufgeschnittete Paket lag deutlich, von den Strahlen der Mittagssonne beschienen, vor ihm und das bereits aufgeschlagene Buch. Als der Alte die Hand wieder danach ausstreckte, vernahm er inmitten der Stille das Pochen seines eigenen Herzens.
Er betrachtete das Buch: es waren Verse. Oben stand mit großen Buchstaben der Titel, darunter der Name des Verfassers. Dieser Name war Skarmoki nicht fremd, er wußte, daß es der Name eines großen Dichters sei, dessen Erzeugnisse er sogar in Paris gelesen hatte. Auch als er in Algerien und Spanien Krieg führte, hörte er von seinen Landsleuten von dem immer mehr wachsenden Ruhm des großen Poeten. Er war damals aber so sehr an die Flinte gewöhnt, daß er Bücher nicht einmal in die Hand nahm. Im Jahre 49 reiste er nach Amerika, und in dem abenteuerlichen Leben, das er führte, hatte er niemals Polen und polnische Bücher gesehen. Mit größter Hast und Herzpochen schlug er das Titelblatt um.
Jetzt begann auf seinem einsamen Felsen etwas Feierliches vor sich zu gehen. Es herrschte große Ruhe und Stille. Die Uhren in Aspinwall hatten die fünfte Nachmittagsstunde geschlagen, der klare Himmel wurde von keinem Wölkchen getrübt, nur einige Möwen kreisten im Äther. Der Ozean war eingelullt. Die schwach brandenden Wellen säuselten leise, sich sanft über den Sand ergießend. Von weitem lachten Aspinwalls weiße Häuser und die wunderbaren Palmengruppen. Es war feierlich still und ernst. Inmitten dieses Naturfriedens erscholl jäh die zitternde Stimme des Alten, der laut die Verse las, um sie besser zu verstehen. Die schwungvollen Gedichte glühten von Heimweh und Vaterlandsliebe.
Skarmokis Stimme versagte. Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen, und in seinem Herzen stiegen alte Erinnerungen auf, die seine Stimme erstickten. Noch einen Moment beherrschte er sich und las weiter, und immer hinreißender, immer schmachtender und wehmutsvoller gestalteten sich die Dichtungen.
Die angeschwollene Flut durchbrach den Damm des Willens. Der Greis brüllte auf und warf sich zu Boden, seine milchweißen Haare vermengten sich mit dem Strandsande.
Vierzig Jahre beinahe sind dahingegangen, daß er sein Vaterland nicht gesehen und, Gott weiß, wie lange er schon seine Muttersprache nicht vernommen hatte, und da kam diese Sprache durch den Dichter zu ihm heran, hatte den Ozean durchschifft und fand ihn als Einsiedler auf der anderen Halbkugel.
In seinem Schluchzen, das ihn erschütterte, war kein Schmerz, sondern nur eine jäh erwachte unermeßliche Liebe, welcher gegenüber alles in nichts zerfloß. Mit seinem Weinen bat er die geliebte entfernte Heimat um Verzeihung, daß er schon so gealtert und daß er sich mit dem einsamen Felsen eingelebt und vergessen hatte, daß selbst jede Sehnsucht sich zu verwischen begann.
Die Stunden verstrichen und er lag ruhig am Boden. Die Möwen kamen kreischend herangeflogen, als waren sie um ihren alten Freund beunruhigt. Die Stunde, in welcher er sie mit seinen Speiseüberresten fütterte, war angebrochen, und so kamen einige von der Turmspitze bis zu ihm herangeflattert. Dann kamen immer mehr und sie begannen ihn zu beschnäbeln und mit ihren Schwingen über seinem Haupte zu schweben. Das Rauschen der Flügel erweckte ihn. Nachdem er sich ausgeweint hatte, war ein strahlender Friede über ihn gekommen und seine Augen waren wie neu belebt. Unbewußt gab er seine ganze Nahrung den Vögeln, die sich mit Geschrei darüber stürzten, und er selbst griff wieder nach dem Buche. Die Sonne hatte schon die Gärten und Panamas Urwald passiert und ging langsam hinter der Landenge unter, aber das Atlantische Meer war noch voll hellen Scheines, die Luft noch ganz licht, und so las er weiter–-
Die hereinbrechende Dämmerung verwischte die Buchstaben auf der weißen Buchseite, eine Dämmerung, kurz wie ein Augenblick. Der Greis lehnte das Haupt an den Felsen und schloß die Augen. Die Gedichte zitterten in seiner Seele nach, der Himmel glühte noch in Purpurtinten und in seinem Geiste tauchten die heimatlichen Gaue auf. In seinen Ohren rauschten Kiefernwälder, plätscherten heimatliche Flüsse. Er sah alles, wie es war und alles fragte ihn: denkst du der alten Zeiten? Er sah weitgestreckte Felder, Haine, Wiesen, Wälder und Dörfer. Es wurde Nacht. Um diese Zeit erhellte sein Leuchtturm längst schon das Meeresdunkel, er selbst aber ist jetzt in seinem Heimatsdorfe. Das alte Haupt senkte sich auf die Brust und er träumte. Die Bilder zogen an seinen Augen rasch und unzusammenhängend vorüber. Er sah nicht das Vaterhaus, denn der Krieg hat es zerstört, er sah weder Vater noch Mutter, denn als sie starben, war er noch ein Kind. Sonst war es ihm aber, als hätte er das Dorf gestern verlassen. Er sah eine Reihe Bauernhütten mit erleuchteten Fenstern, einen Deich, eine Mühle, zwei Teiche, in welchem die ganze Nacht ein Froschchor quakt. Einst stand er in diesem Dorfe nachts als Wachtposten; jetzt lebte die Vergangenheit jäh in seinen Gedanken auf. – Er ist wieder ein Soldat und steht Schildwache. Von weitem blickt der Dorfkrug und darin singt, spielt und tanzt man. Die Ulanen führen einen Reigen auf, und er langweilt sich auf seinem Rosse. Die Stunden schleppen sich träge dahin, schließlich verlöschen die Lichter, so weit das Auge reicht ist jetzt ein undurchdringlicher Nebel, die Nacht ist ruhig und kühl, eine echte polnische Nacht. In der Ferne säuselt der Kiefernforst ohne Wind, wie Seewogen. Bald beginnt es im Osten zu grauen, auch die Hähne krähen schon hinter den Zäunen. Kraniche lassen sich gleichfalls in der Höhe vernehmen. Dem Ulan wird es so frisch ums Herz. Der junge Morgen bricht an. Die Nacht verblaßt. Aus dem Schatten tauchen Wälder, Gebüsche, Bauernhäuschen, eine Mühle und Pappeln auf. Die Brunnenschwengel knarren wie Blechfähnchen auf einem Turm. O wie wunderschön ist dieses Land im rosigen Scheine des Morgenrotes! Stille! Die wachthabende Bedette hört, daß jemand herankommt, man kommt wahrscheinlich, die Wache abzulösen.
Plötzlich erschallt eine Stimme über Skarmoki: »He, Alter, steht auf! Was ist Euch?«
Der Alte macht die Augen auf und schaut einen neben ihm stehenden Mann verwundert an. Nächtliche Traumerscheinungen kämpfen in seinem Kopfe mit der Wirklichkeit. Schließlich verblassen und verschwinden die Traumgesichter und vor ihm steht der Hafenwächter Johnsen.
»Was ist das?« fragte Johnsen. »Seid Ihr krank?«
»Nein.«
»Ihr habt den Leuchtturm nicht angezündet. Ihr werdet aus dem Dienste gejagt werden. Ein Boot aus Gerono ist auf flachem Seegrunde gescheitert, zum Glück ist niemand ertrunken, sonst hätte man Euch vors Gericht gestellt. Steigt mit mir ein. Das übrige werdet Ihr im Konsulat hören.«
Der Alte erbleichte, er hatte tatsächlich diese Nacht den Leuchtturm nicht angezündet.
Einige Tage später sah man Skarmoki an Bord eines von Aspinwall nach New York gehenden Schiffes. Der arme Schlucker hatte den Posten verloren. Neue Wege von Irrfahrten taten sich vor ihm auf. Der Wind entführte wieder dieses Blatt, um es über Wasser und Land zu schleudern, um an ihm sein Mütchen zu kühlen.
In diesen Tagen wurde der Alte ganz gebeugt, nur seine Augen glänzten. Für seine neue Lebensbahn hatte er sein Buch auf der Brust, das er von Zeit zu Zeit mit der Hand betastete, als fürchtete er, auch dieses könne ihm verloren gehen.

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Henryk Sienkiewicz – Drei Erzählungen
Der Leuchtturmwächter – 1882
Verlag von Otto Janke

Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

Ilse Frapan • Ameise • Erzählung über einen Hamburger Ameisenmenschen

Ameise

In ganz Hamburg gab es nur einen einzigen Menschen mit so langen, so hageren, so abenteuerlich nach innen geknickten Beinen. An den Hüften gingen sie auseinander, um an den Knieen vollständig zusammenzustoßen und sich dann nach abwärts gewaltsam zu spreizen. Es waren die unbequemsten Beine, die man sehen konnte, um darauf zu gehen; dennoch waren sie ihres Besitzers werthvolles Eigenthum, ja sozusagen die Stützen und Ernährer seiner alten Tage. Ohne diese Beine hätte er wahrscheinlich nie das Amt erhalten, das er nun bekleidete, das Amt, die Straßenübergänge zu säubern und mit einem Besen den eilig Heranschreitenden zwischen die Füße zu fahren, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Das gab dann manchmal ein kleines Trinkgeld, wenn man solch eine orthopädische Merkwürdigkeit war.
Es kam vor, daß Leute, besonders Aerzte, das Interesse so weit trieben, daß sie den Straßenfeger nach seinem Namen fragten. Dann erschien auf dem kreuz und quer durchfurchten grauen Gesicht ein geheimnisvolles Grinsen, gelbe Zahnstümpfe wurden entblößt, in den kleinen Angen glitzerte es, ein Klümpchen Tabak ward seitwärts über die Straße gespieen, und eine heisere Stimme murmelte: »Ida,« – »Ida? Sie können doch nicht Ida heißen?« verwunderte sich der antheilsvolle Frager. Aber das Grinsen wurde nur breiter, die Aeuglein glitzerten stärker, – er hieß Ida, hatte nie anders geheißen, konnte sich nicht erinnern, ob das ein Vor- oder Zuname sei, hatte übrigens auch ausreichend genug an einem Namen.
Es gab Leute, die nun recht antheilsvoll wurden, die wissen wollten, wo er wohne. Wohnen solche Geschöpfe überhaupt? das war die Frage. Ja, wenn der Straßenfeger seinen guten Tag hatte, bekamen sie beruhigende Antwort. »In ’n deepen Keller,« – »Ach so! na, hier haben Sie noch fünf Pfennig, Ida! hahaha, Ida! Das muß ich meiner Frau erzählen, daß Sie Ida heißen!«
Weiterhin konnte es dann vorkommen, daß ein Schutzmann mit höflich an den Helm gelegtem Handschuh auf den Frager zutrat: »Sie werr’n entschuldigen, Herr, sind Sie eben von die Ameise da angesprochen worden?« – »Ameise? was für ’ne Ameise?« – »Von den Kerl da drüben, der die X-Beine hat, das is ein‘ von unse Ameisen, aber ansprechen, das darf er nich.« – »Nein, nein. ich habe ihm freiwillig eine Kleinigkeit gegeben,. Aber warum nennen Sie den Ameise?« Dann lächelte der Schutzmann leutselig den unwissenden Herrn an. »Da sagen wir immer Ameisen zu, – diesen kenn‘ ich, das war mal ein Korrigend, sprach, die Leute auf die Straße an und bettelte auch woll mal mit in Häuser. Nu is er ’n büschen zugelernt, nu haben wir ihn als Ameise genommen; kriegt nu alle Woche seine fünf, sechs Mark auf die Baudeputation, aber ’n Auge, wissen Sie woll, das muß man immer noch auf ihn haben.« Der Schutzmann grüßte und trat zurück, der antheilsvolle Mann setzte seinen Weg fort, vielleicht nicht ohne noch einen Blick nach rückwärts zu werfen, wo die xbeinige menschliche Ameise sich bemühte, den klebrigen, zähen, von vielen Fußtritten in eine Art Gummi verwandelten Straßenschmutz von den runden Steinen abzukratzen und an dem Rinnstein entlang eine Reihe kleiner, länglicher Schlammbeete anzulegen.
Es war doch wie Hohn, daß dieses stolpernde,, verkrümmte, altersmüde Wesen mit dem torfkorbartigen, beuligen Hut im Nacken und der lumpigen, grüngrau schimmernden Jacke am dürren Leibe »Ameise« genannt wurde. Die flinke, saubere, kleine Kerfe hätte gewiß mit dem nicht getauscht. Wie gut ist sie daran! Rennt im warmen Sommersonnenschein über den harzduftenden, kiefernadelbestreuten Waldboden, wo nur Schmetterlinge und Liebespaare sich süße Dinge zusäuseln. Besitzt Sklaven, Milchkühe und Telegraphisten, erwirbt so mit Spazierengehen den Ruhm einer ungeheuren Geschäftigkeit und bekommt zu alledem in der Brautzeit Flügel, die sie bis zu den höchsten Wipfeln hinauftragen, – eine Verklärung des Erdenwallens, wie es sonst keinem Philister zu Theil wird.
Es ist eben manchmal kein Vorzug, mit zwei, statt mit sechs Beinen geboren zu werden.
Nicht, daß »Ida« selbst jemals derartige Betrachtungen angestellt hätte! Er hielt sich offenbar als menschliches Wesen für hochbedeutend gegenüber dem kleinen Geziefer, von dem er sicher annahm, daß es nur dazu da sei, um von schweren Holzpantoffeln todtgetreten zu werden. Das Gefühl dieser Bedeutsamkeit ward in ihm schon früh erweckt und fortwährend genährt durch die Fürsorge der Polizei, die den elternlosen, hinterm Zaun geborenen Landstreicher immer unter Augen behalten wollte. Sein Leben war ein beständiger Kampf gewesen mit dieser tausend äugigen, tausendarmigen Macht, die ihn nicht seiner Wege gehen lassen wollte. Er mochte sich verkriechen, den Namen wechseln, nichts half ihm, er wurde ausgespürt, gepackt und in die verhaßten vier Wände eingesperrt, um zu arbeiten. Zwei Jahre, drei Jahre, die ihn arbeiten lehren sollten. Aber er war auch darin der Ameise ungleich, er wollte nicht arbeiten, und er konnte auch nicht. Die Natur hatte ihn zum Rentier bestimmt und ihm dann grausam und höhnisch den Bettelsack über die Schulter gehängt. Nicht daß er anspruchsvoll gewesen wäre. Seinetwegen hätte es Häuser überhaupt nicht zu geben brauchen, wenigstens im Sommer nicht. Wozu standen all die Bänke in den Anlagen umher? Er traute seinen Ohren nicht, als der Polizist, der ihn das erste Mal dabei abfaßte, daß er auf dem Stintfang schlief, ihm mittheilte, er dürfe hier nicht schlafen. Also nicht? Und nicht einmal eine Erklärung des Verbots. Ach, die Leute wissen eben nicht, was gut ist, sie könnten es so bequem haben und machen sich das Leben so schwer. Kostgänger der lieben Sonne sein, was ist denn natürlicher? Im Winter freilich, wenn es naßkalt wurde, die Sonne sich verkroch, da brauchte man ein Obdach. Thorgänge und Vordielen genügten, aber das war dann wieder nicht nach dem Geschmack der Hausbewohner und der herumstreifenden Schutzleute. »Halloh! Du dar baben in de böbelste Ecke, kumm mal ’n beten rut, ick will Di ’ne betere Slapstell anwiesen.« Und sobald dann der Schein der unterm Rocke verborgenen Laterne auf sein verschlafenes Gesicht fiel, erkannten sie ihn. »Süh so, Du büst dat! Gu’n Abend, Ida, na, nu kumm man mit, min föte Jung, heft en beten inbreken wullt, nich? na vertell‘ ook mal.« Und sie nahmen ihn in die Mitte. Ida freute sich seiner Berühmtheit, und um Vertrauen mit Vertrauen zu erwidern, erzählte er, daß er nur hier habe übernachten wollen, nichts als schlafen. Da setzte es Püffe. Was? der Kerl wollte sie dumm machen? alle miteinander? Ida nahm die Püffe für Neckerei von guten Bekannten und gab sie mit Zinsen zurück. Die Schutzleute mußten Ernst machen, »So? der Kerl will renitent werden? Faat an, Jungens, nu man düchtig, de Halunk will wat hebben.« Der Gang bis zur Wache wurde warm für alle vier. Und einmal, bei solch einer Gelegenheit, hatten die Konstabler ihren Arrestanten so kräftig durch die Thür des Wachlokals hinein befördert, daß Ida den kleinen eisernen Ofen im Purzeln mitnahm und beide, der Landstreicher und der Ofen, auf den Unteroffizier fielen, der mit seiner langen Pfeife am Tische saß und eingenickt war. Der Feldwebel schrie auf: »Alle guten Geister! wat kummt denn da for ’n grootmächtigen Spitzbow?« Denn der Ofen kam voran und zerprallte auf dem Rücken des unsanft Geweckten. Ida blieb ganz, ein paar Schrammen machten ihm nichts aus. Nur daß er wieder sitzen mußte, die Vorbestraften werden doch immer strenger genommen. Dann, da man ihm nichts vorwerfen konnte, als die Unwilligkeit, in der allgemein gültigen bürgerlichen Weise sich selbst zu ernähren, hielt man ihn zwar fest, aber nicht als Strafgefangenen; er wurde betraut mit kleinen Diensten, mußte die Zellen und Korridore fegen und scheuern, mußte im Detentionshaus mit einer großen Naßbürste an der Badewanne stehen, in der die frisch eingebrachten Landstreicher und Strolche den Wanderstaub ihrer Irrgänge zurücklassen mußten. »Nu man mit de Naßbürst‘ her!« Ida gewann eine Leidenschaft für grüne Seife und schrubbte mit Begeisterung. Es war eine jedesmal neue Verwunderung und Ueberraschung für ihn, daß nicht er der Geschrubbte, sondern der Schrubbende war. Aber diese Momente der Erhebung gingen rasch vorüber, und der Rest war Mühsal und Entbehrung. Zu essen freilich bekam er wohl, aber seine gute Freundin, die Flasche, hatten sie ihm schon im Arrestlokal abgenommen und hatten sich wahrscheinlich eingebildet, er würde sie nun vergessen. Aber er war treuer als das. Er betrauerte sie aufrichtig und sehnte sich nach ihr, täglich, ja stündlich. Es kam vor, daß er nicht schlafen konnte, weil ihre runde volle Gestalt ihm vor den Blicken gaukelte; und zuweilen hörte er ganz deutlich das leise Glucken, das vertraulich, wie heimliches Lachen, aus seiner Brusttasche hervordrang. Die liebste Musik war ihm dieser Ton gewesen nur seinetwegen hatte er die Flasche so nahe seinem Ohre getragen. Er hätte sich vielleicht sogar an die Gefangenschaft gewöhnt, wenn nur auch ein bißchen Branntwein darin vorgekommen wäre. Eines Nachts rief ihm die alte Freundin ganz deutlich zu, daß sie im tiefen Keller auf ihn warte, und in der nächsten Nacht hatte er sie aufgesucht, und lag nun, überwältigt von der Begegnung, zwischen den slowakischen Mausfallenkrämern unter der untersten Kellertreppe, Bis er wieder gepackt wurde, was schon am nächsten Tage geschah. Seine Unverbesserlichkeit stand nun fest, aber der Grad seiner Schuld, der Umfang seiner verbrecherischen Handlungen hatte leider nicht zugenommen. Nachdem er wieder eine Zeit abgesessen, versuchte man den drolligen Uebelthäter, der nie gestohlen, nie eine Gewaltthat begangen, durch Güte zu binden, Ida sollte als Ameise angestellt werden, sollte ein wöchentliches Einkommen besitzen für eine leicht zu leistende nützliche Arbeit, – dafür aber verpflichtet sein, zu wohnen wie andere Menschen, ein Logis, eine Schlafstelle zu suchen und die Benützung der Anlagen und der Thorgänge feierlich abschwören.
Ida wurde sehr nachdenklich, als ihm diese Klausel mitgeteilt ward. Es war sonnenklar, daß Wohnen Geld kostete, gutes Geld, runde große schmierige Nickelstücke, für die man so viel Besseres einhandeln konnte. Geld verdienen, dem Polizeiherrn zulieb, der ihm so aufmunternd zuredete. Wirklich nur zuredete, Ida konnte sich nicht erinnern, jemals einen Puff von dem Herrn bekommen zu haben, – nein, der war nicht wie die Konstabler! Na ja, dem Polizeiherrn zulieb wollt‘ er das Amt annehmen. Aber dasselbe Geld wieder ausgeben, auch um den Polizeiherrn und in der Art, wie der es verlangte, – das war doch ein bißchen viel. Das brauchte Bedenkzeit, und wer weiß, wie lange der Korrigend sich bedacht hätte, wäre ihm nicht plötzlich der tiefe Keller [Fußnote] eingefallen. Ja, das war eine Ausficht, vor der er sich nicht fürchtete, im Gegentheil. Dort gab es nicht nur ein Dach überm Kopf, sondern Lärm, tolle Lustigkeit, komische Duette und Fidele Prügeleien, – dort immer sein zu dürfen, so recht mitten drin, als zahlender Stammgast, das wäre etwas Großes gewesen, ein Zukunftsbild, vor dem Ida entzückt und geblendet die kleinen Augen zukniff. Mit freundlichem Grinsen brachte er dann sein Anliegen vor: Ständiges Logis im tiefen Keller. »Der tiefe Keller ist seit einem Jahr aufgehoben, wissen Sie denn das nicht?« antwortete ihm der Polizeiherr, Idas ausdrucksvolles Gesicht wurde dumm und blöde, er begriff nicht. Es war ihm ebenso ungeheuerlich, als wenn ihm gesagt worden, ganz Hamburg sei zusammengefallen, während er im Gefängniß Schuhe putzte und Kessel scheuerte. Nein, es war mehr für ihn als Hamburgs Einsturz, Von der ganzen großen Stadt mit ihren Häusern und Speichern war ihm kein Stein bekannter und vertrauter als der andere, hatte sich ihm nie eine Thür aufgethan, kein Gesicht aus irgend einem Fenster ihm nachgesehen. Der tiefe Keller dagegen, das war seine Freistatt und sein Klubhaus, sein Theater und seine Concerthalle, der einzige Ort, wo er sich gemüthlich unter seinesgleichen und sogar über die Sorgen des Tages hinausgehoben gefühlt hatte. Und nun – aufgehoben! Was heißt das?
Er brachte es nicht zu der Frage, – er sagte überhaupt nichts weiter. Aber eine große Unruhe war über ihn gekommen zum ersten Mal in seinem Leben. Er konnte den Augenblick seines Freiwerdens nicht erwarten, und sobald er auf der Straße stand, lief er im Trott nach der Nikolaistraße, um zu sehn, was denn der Polizeiherr gemeint habe. Da sah er, was das Wort »aufgehoben« bedeutet hatte. Das alte, sonderbare, graue, spitzgiebelige Haus, zu dem man vierundzwanzig Stufen hinunterstieg, eine noch glitschiger, ausgetretener als die andere, – es war verschwunden, kein Haus mehr, keine Treppen, kein Schauer auf dem Hof, kein tiefer Keller mehr vorhanden. Und was das ärgste war, nicht einmal eine Lücke mehr in der Reihe, sondern zwei gleichgültige vierstückige neue Kasten, dicht herantretend bis zur Baulinie, noch mit Gerüsten davor, an deren Enden die vertrockneten Richtkränze hingen. Neben dem Rinnstein lag ein Haufen Ziegel. Ida setzte sich darauf, denn seine Beine trugen ihn nicht mehr; die alten schlotterigen 3-Beine hatten ja nie viel getaugt, aber so schwach waren sie noch nie gewesen. Wenn er nur irgend einen Schluck gehabt hätte! aber sie hatten ihm ja nicht einmal die leere Flasche wiedergegeben. Hilflos und durstig starrte er an den neuen Gebäuden empor. Die Maurer, die auf den Gerüsten herumstiegen, bemerkten ihn, riefen ihm zu, neckend und grob. Anfangs hörte er nicht, dann gab er die Angriffe zurück, aber ohne Vergnügen, grob und gröber, bis die Straße von ihrem Zungengefecht wiederhallte. Als Ida mit seinen noch immer scharfen Augen bemerkte, daß ein Konstabler den Venusberg heraufkam, erhob er sich vorsichtig, schlüpfte ohne langes Besinnen in den Bau, der bis auf Fenster und Thüren fertig war, Ueber ihm klopften und klapperten die Arbeiter, aber von abwärts herauf kam eine große Stille mit der halben Dunkelheit. Auf Leitern ging es hinunter – die Treppen waren noch nicht da –, ein Stockwerk, zwei Stockwerke unter dem Boden; es wurde völlig dunkel zuletzt, doch wagte er sich auf den schmalen Sprossen in den tiefsten Kellerschacht, wo er sich nur durch Tasten an den feuchten Mauern einigermaßen zurechtfinden konnte. Aber nichts erinnerte mehr an die Herberge von einst, nichts als dieses naßkalte Gefühl an den Fingern, wenn man die Wände anrührte. Das war im tiefen Keller ebenso gewesen. Sonst war es hier völlig anders. sauber, wenngleich noch Sandhaufen und Steine in den Ecken der regelmäßigen, rechteckigen Räume lagen, beinahe so nobel wie im Gefängniß, besonders in dem zweiten Stockwerk unterm Boden, zu dem er wieder aufgetaucht war. Ja, dieses zweite Gestock war nicht einmal ganz unter der Erde, die Hinterfenster ragten ein Stückchen über die Oberfläche hinaus; – plötzlich entdeckte Ida,, daß ein kleiner Zipfel des alten Hofes erhalten war, auf den diese Gucklöcher hinausgingen. Der Hof senkte sich steil abwärts zum Eichholz, in den er durch einen niederen schmalen Gang mündete. Der Mann erinnerte sich mancher lustigen aufregenden Nacht, da dieser Schleichweg den Verfolgten, von Offizianten in der Herberge Ueberfallenen, die Flucht ermöglicht hatte. Durchs Eichholz an die Vorsetzen in ein Schiff, und hinaus aufs freie Wasser, daß der Hafenpolizist mit dem Westwind um die Wette hinter dem Entflohenen herpfeifen konnte!
Aus alter Gewohnheit schlug auch Ida diesen Rückweg ein, nachdem er noch eine Treppe erstiegen, hatte, so daß er die Hofpforte benutzen konnte. Niemand beobachtete ihn, Niemand hatte seine Inspektionsreise in die Kellergeschosse bemerkt. Er wanderte nach dem Lokal der Bauverwaltung, das der Polizeiherr ihm bezeichnet hatte, und nahm, dort den ihm zuerkannten Besen und seine Arbeitsordnung in Empfang. Da er keinen Pfennig Geld besaß, erhielt er sogar einen Vorschuß für die erste Woche und die Weisung, alle acht Tage sein Geld abzuholen. Diese Wendung der Dinge bewirkte auch in seinem Kopfe eine Umwälzung. Er nickte den Leuten zu, die ihn ansahen, und als eine niedliche junge Dame an ihm vorbeikam, schulterte er in einer plötzlichen Eingebung den Besen und murmelte dabei: »Man jo nich stöten, Ida, man so nich stöten, denn kriegst Du to’m mind’sten ‚en por Johr [Fußnote].« Darauf ging er in den nächsten Käsehökerkeller und ließ sich ein Feinbrot geben, in der Mitte durchschneiden und mit Butter und Käse belegen. Auch dort fiel sein süßes Grinsen den Käufern auf, besonders die Dienstmädchen fingen an zu kichern und sich mit den Ellbogen zu stoßen. Als er dann auch noch eine Flasche Branntwein hinuntergegossen, die zweite gefüllt zu sich gesteckt hatte und wieder auf die Straße hinaustrat, fingen die Frauen und Mädchen an, ihm aus dem Wege zu gehen, so selig zwinkerten die rothunterlaufenen Aeuglein über den Runzeln. Treulich fegte und kratzte er auf dem Gänsemarkt, wohin er beordert worden; vom Fahrweg nach dem Rinnstein, von der Mitte nach den Seiten. Es war Oktober, hatte am Morgen geschneit, nun spiegelte sich der blaue Himmel in allen Pfützen zwischen den Steinen. Die Reihe der Droschken stand mit kothbespritzten Rädern, ein weißer Pudel, der vorüberlief, sah aus, als sei er mit seiner unteren Hälfte in einem Tintenfaß gewesen. Als der Straßenfeger sah, wie umfangreich und zugleich undankbar seine Arbeit war, wie der Schmutz unter den Fußtritten der Vorübergehenden gewissermaßen stets von Neuem nachwuchs, ließ er es sachte angehen und begaffte, auf seinen Besen gestützt, die eiligen Leute, um schnell einige Striche zu thun, wenn der in der Nähe aufgestellte Schutzmann den Blick zu ihm verwandte. Und als es Nacht geworden, verschwand er geräuschlos nach der Nikolaistraße und bezog, ohne einen Augenblick Besinnen, das oberste Kellergeschoß im Neubau, das den bequemen Ausgang nach dem Eichholz hatte. Natürlich nicht das ganze! Von den vier Räumen, die er vorfand, zwei nach der Straße gelegenen stockdunkeln und zwei nach hinten liegenden, in deren Fenster die trübe Hoflaterne hineinschien, wählte er eines der letzteren, das gleich neben der Hinterthüre lag. Hier waren schon Scheiben eingesetzt und Fußböden gelegt, es fehlte also nicht viel zur Gemüthlichkeit, wenn er sich nur nicht im Gefängniß das Imbettschlafen angewöhnt hätte! Der alte Sack voll »abgelegtem Zeug«, um das er in den Häusern so lange hatte betteln müssen, war ihm auch gleich von den Konstablern abgenommen worden, und an Wiedergeben dachten die Leute nicht. Jetzt hatte er nicht mal ein Kopfkissen, und platt auf dem Boden mochte er nicht mehr schlafen, das ging nicht mehr, seit er im Gefängnis das gute Leben der anderen Leute kennen gelernt hatte. Er zog zuletzt einen Stiefel aus, stopfte einen alten wollenen Shawl, den er statt der Weste auf der Brust trug, in den langen Schaft und schob die Rolle unter den Nacken. Dann that er einen langen Zug aus der Flasche und fühlte es warm und behaglich durch alle Glieder *rinnen. Jetzt wollte er schlafen. Wenn nur nicht gerade vor dem Fenster eine Katze so jämmerlich miaut hätte. Was wollte die? Wollte sie herein? Er humpelte ans Fenster, den Besen in der Hand. Aber sowie er den Flügel öffnete, sprang die Katze herein und in großem Bogen auf seinen Kopfpfühl, den langen Stiefel. Er duckte sich in der Ferne auf den Boden nieder, müde und verwundert über die Frechheit des Eindringlings. »Wullt Du mal gliek dar weg?« knurrte er. Aber die Katze öffnete gleichfalls den Mund, und ein kläglicher Zwischenton, eine Art von Entschuldigung kam zum Vorschein, während sie sich tiefer in sich zusammenkauerte. Der Straßenfeger sah die Katze an, »je denn mutt ick jewoll rein mit den Bessen (Besen) hauen«, und das wollte er nicht gern, denn Katzen sind manchmal Hexen und gehen einem zu Kopf, wenn man sie in die Enge treibt. Er fühlte in die Tasche, da waren noch ein paar Käserinden, die ihm nicht geschmeckt hatten, weil er satt gewesen war. »Komm, Mus! Mus!« lockte er und hielt diese Brocken ihr entgegen. Die Katze witterte, und dann stand sie auf und schlich näher und nahm die harten Stückchen ihm aus den Fingern mit ihrer warmen rauhen Zunge. Ida mußte lachen, wie die hungrig war. Sogar ein Stück trockenes Brot fraß sie auf und war dabei immer dichter an ihn herangekommen – eine große schöne, weiche, warme Katze –, plötzlich sprang sie ihm auf den Arm und schmiegte sich an seine Brust, es war wärmer als der Shawl, den er vorher abgebunden hatte. »Na, dat is ’n netten Besäuk! wullt Du denn hier blieben?« Er mußte fortwährend lachen, und die Katze war so angenehm an seiner Brust, sie ließ sich drücken und streckte keine Krallen aus, obgleich Ida seine harten kalten Finger in ihrem dichten Pelz vergrub. Als er sich mit dem Nacken auf den Stiefel niederlegte, kroch sie dicht an ihn hinan, zwischen Arm und Hals; das Zittern, das zuweilen über ihre Haut gelaufen war, hörte auf, und allmählich fing sie an, leise zu schnurren, halb im Traum, voll Zuversicht und Behaglichkeit. »Na, Du hest ’n gode Städ‘ (Stelle) fun’n« sagte Ida im Einschlafen und meinte damit sowohl sich wie die Katze, die ihm wie eine Wärmflasche auf den Magen gerutscht war. Dort blieb sie unbeweglich liegen bis gegen Morgen; kopfschüttelnd und ungern ließ sie der Straßenkehrer wieder zum Fenster hinaus, es schlug gerade Fünf auf dem nahen Michaelisthurm: »Dumm büst Du doch, kunnst dat hier so good hebben und geihst weg, dat is je noch stickendüster« (stockdunkel), sagte er.
Aber so war sie nun, und jede Nacht wiederholte sie ihre Streiche. Sowie er in seinem »Logis« erschien, war auch die Katze vor dem Fenster und miaute um Einlaß. Traurig schnupperte sie nach seinen Händen, wenn er ihr nichts mitbrachte. Er setzte ihr dann auseinander, wieso heute nichts da war. »Je, min goode Seel, ick heff hüt ook nix hatt als en lütten Grannen (grünen Bittern) und ’n Stück Swattbrot; dat sünd suere Tieden, min lüttjes Aas, alle Dag wat to eeten, dat kann keen Minsch verlangt sin« (verlangen). Dann gab das Thier sich seufzend zufrieden und begnügte sich damit, von ihm gewärmt zu werden und ihn zu erwärmen. Ein gutes Stück im Hausstand war schon wieder angeschafft: ein Sack mit abgelegten Kleidern, der als Kopfkissen diente. Den Sack hatte er für zwanzig Pfennig in der Elbstraße gekauft, um die alten Kleider hatte er die Vorübergehenden gebeten, nachdem er sie mit seinem Besen auf sein Dasein aufmerksam gemacht hatte. Jetzt träumte er von einem zweiten Sacke als Zudecke, denn der Frost begann, und seine Füße waren Morgens ganz verklamt (erstarrt), trotz der Stiefel, die er nun anbehalten konnte. In der Haft war er zu empfindlich geworden, das hatte er früher nicht gekannt. Aber zunächst gab es noch eine schreckliche Enttäuschung. Als er eines Abends in seine »Freiwohnung« eindringen wollte, fand er die Thür verschlossen, nicht die Hausthür, sondern die Flurthür, die sein »Logis« von der Treppe absperrte. Rathlos, und zitternd vor nasser Kälte stand er wohl eine Stunde in dem leeren tiefen Hause, und neben ihm, rathlos wie er, miaute die Katze, während sie sich auffordernd an seinen Knickbeinen rieb. Dann stieg er einfach eine Treppe tiefer und versuchte dort die Thür. Sie war offen. Und – mehr als das, sein Fuß berührte etwas Großes, Nachgiebiges. Ida hatte Augen an den Zehenspitzen: noch ehe er sich bückte, wußte er, daß es sein Sack war, sein nothwendiges, halb schon verloren geglaubtes Eigenthum, Vielleicht hatten sie gemeint, er gehöre einem der Arbeiter, hatten ihn deshalb hier heruntergeworfen. Nach fünf Minuten war Ida in dem neuen Logis heimisch. Da er Alles im Dunkeln besorgte, gingen ihn die kleineren Unterschiede in den Räumen nicht viel an. Nur daß die Hand naß wurde, wenn sie mit den Mauern in Berührung kam, und daß nur ganz, oben in einem schmalen Streifen das Licht der Hoflaterne hereinsickerte durch die tief im Kellerloch steckenden Fenster. Doch war es wärmer hier, waämer als oben. Sogar die Katze, die erst mißtrauisch und ängstlich gezaudert hatte, ihren Platz auf seiner Brust einzunehmen, schien das allmählich zu bemerken. Es gab eine allseitig zufriedenstellende Nacht. Einige Tage später aber bemerkte der Straßenfeger beim Durchkreuzen des Hofes vom Eichholz her, warum damals die Thür abgeschlossen worden: hinter den zwei Fenstern war Licht, eine Frau mit einem eingewickelten Kinde im Arm wiegte sich im Stehen auf und ab, ein Mann, der einen Tisch auf dem Kopf trug, blickte die Frau an, um Auskunft, wohin er mit dem Möbel solle. Das erste Stockwerk unterm Boden war also schon bezogen worden. Auf diese Wahrnehmung hin besann sich Ida wieder einige Zeit, bis er seine Wohnung betrat, und dann stakte er mit möglichst gedämpftem Schritt nach seinem Sack, lockte leise die Katze und verzog sich um ein Stockwerk tiefer, um Niemand im Wege zu sein. Eine Verbesserung war es gerade nicht, das Wasser sickerte hier an den Wänden herunter, und kein Lichtstrahl fiel von irgendwo herein. Aber noch feuchtwärmer war die Luft hier, und der Sandhaufen in der Ecke gab eine weichere Unterlage für sein Kopfkissen als der steingepftasterte Boden. Hereinkucken wenigstens konnte Niemand; wenn er ein Streichholz gehabt hätte, – sogar Licht hätte er ohne Sorge anzünden können. Aber er hatte keins, und für überflüssige Dinge Geld auszugeben, das kam ihm nicht in den Sinn. Es gefiel ihm ganz gut in dem unterirdischen Aufenthalt. Die Katze aber gewöhnte sich nicht so schnell. Sie vermißte das Fenster, als es Morgen wurde, und miaute, zaghaft um ihn herumstreichend. Es half nichts, er mußte hinaufsteigen und sie aus der Hofthür lassen, Schnee und Regen flog ihm klatschend wie eine nasse Ohrfeige ins Gesicht, da war er froh, noch auf ein paar Stunden in seinen warmen Keller zurückkriechen zu können.
Aber es trat besseres Wetter ein, und der Bau wurde allmählich fertig. In allen vier oberirdischen Stockwerken’hingen schon Gardinen vor den Scheiben, und auch zwei Treppen unterm Boden wohnten jetzt Leute. Vor der zunehmenden Uebervölkerung verzog sich Ida ins unterste Geschoß. Er ging freiwillig, aber die Katze war Anfangs nicht zu überreden, obgleich sie auf dem Hof auf sein Kommen und seine Brotbrocken gewartet hatte. Sowie er an die letzte Kellertreppe kam, streckte sie auf seinem Arm die Krallen gegen ihn und sperrte sich. Und unten dann legte sie sich nicht zur Ruhe, sondern strich lange Zeit umher und machte zuweilen plötzliche planlose Sprünge ins Kohlschwarze hinein, über die ihr Ida Strafpredigten hielt, bis er eines Nachts an einem verzweifelten Quieken und Piepen und nachfolgenden lauten Knirschen und Schmatzen gewahr wurde, was für Gründe die haarige Freundin zu solchem Betragen veranlaßten. Sie kam dann gesprungen und steckte ihm einen kalten klebrigen Mäuseschwanz in die Hand, »Den Dübel ook!« sagte Ida und schüttelte seine Hand, »wenn Du de Mus opfreeten kannst, denn kannst Du den ollen Steert (Schwanz) ook man behollen; ick heff all allerlei belewt (erlebt), aber ’n Mussteert, dat is mi ook noch nich bad’n worrn (geboten worden).«
Eines Tages, als er wieder auf seinem Posten auf dem Gänsemarkt fegte, rund um das Lessingdenkmal seine Schlammbeete anlegte, erschrak er nicht wenig, als ein Schutzmann auf ihn lossegelte und ihm mittheilte, er solle mal seinen Besen über die Schulter nehmen und mit auf die Wache kommen. Seine Beine knickten mehr als je auf dem Gange. Aber es war nichts Schlimmes; er sollte nur angeben, wo er in Schlafstelle sei, man hatte das nicht herausfinden können, und die statistischen Angaben wären unvollständig und unrichtig gewesen, wenn die Ameise nicht darin verzeichnet gestanden hätte. »Ach, weeten Se, ick bin dar ünnen«, sagte Ida, sich die Backe streichend, denn er wußte noch nicht, was für eine genaue Philistersfrau Dame Statistik ist. Ganz allmählich erst rückte er heraus: »Dar ünnen, in ’n deeven Keller.« Die Entrüstung über diese falsche Angabe war um so großer, als der »tiefe Keller« seit länger als einem Jahr statistisch nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Ein Konstabler wurde abgeordnet, den Straßenfeger, aus dem nichts weiter herauszubringen war, heim zu begleiten und an Ort und Stelle die nöthigen Erhebungen zu machen. Nun kam Alles heraus: Idas unbefugtes Uebernachten, der Sack mit den abgelegten Kleidern, eine volle Schnapsflasche und die Ueberreste eines früheren Besens; die Verwunderung der Leute in den verschiedenen Etagen über den stillen Mitbewohner, von dem Niemand gewußt hatte, war nicht klein, besonders da der Vizewirth, ein pensionirter Polizist, im Parterre wohnte. Ida wurde abermals vor den Polizeiherrn beschieden. Der theilte dem Unverbesserlichen nicht mehr väterlich, sondern strenge mit, seine Geduld sei erschöpft; sofern er nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden eine gemiethete Schlafstelle nachweisen könne, werde er ver Schub über die Grenze befördert. »Dat is man, – ick bün dar nu all so bekannt – – in ’n deepen Keller« – sagte Ida kläglich. »Nun, das Haus ist ja umgebaut, viel Platz darin, sehen Sie zu, daß Sie dort unterkommen, der Vizewirth heißt – – « Der Gestrenge schlug seine großen Bücher nach, er hatte sogar die Freundlichkeit, dem alten Stromer einen Konstabler mitzugeben, damit er den Vize nicht verfehle, und die lange Angelegenheit endlich zum Abschluß komme. Und sie kam zum Abschluß. Der Vize, dem Ida während seiner Dienstzeit auch oft genug über den Weg gelaufen war, vermietete ihm einen der Räume aus dem vierten Stock unterm Boden, denselben Raum, den der Straßenfeger bis jetzt unentgeltlich »bewohnt« hatte, für vier Mark monatlich, worauf eine Mark sogleich vorauszuzahlen war. Dafür erbot er sich aber, ihm eine Bettstelle mit einem Strohsack und eine Herdbank zu liefern, die sowohl als Tisch wie als Stuhl dienen konnte, Ida entschloß sich nicht leicht: eine Mark die Woche zu bezahlen für etwas, das man umsonst gehabt hatte, Zeit seines Lebens; das war ja sündhaft. Als aber das Geld weg war und der Konstabler gleichfalls, als er sich Herr dieses dunkeln Loches fühlte, das übrigens für die Beratschlagung mittels eines Petroleumlämpchens beleuchtet worden, da erschien ihm die Sache sehr neu und angenehm, und er lockte die Katze herein, um ihr zu zeigen, daß sie hier jetzt in Zukunft thun könnten, was sie wollten. Noch größer war die Befriedigung, als er in der Nacht darauf den Strohsack unter sich fühlte, statt des kalten Sandhaufens, auch die Katze schnurrte teilnehmend und angenehm überrascht von der Besserung seiner Verhältnisse; vor Wohlgefühl trank er seine Flasche völlig leer, und so tief war sein Schlaf, daß ihn nicht einmal das frühe Miauen der Katze erweckte. Seit diesem Tage erwachte in dem Heimathlosen eine zähe Anhänglichkeit an seine Behausung, Wenn er in Schmutz und Nässe mit halb erstorbenen Füßen draußen stand und mühselig den Besen handhabte in den geschwollenen Händen, während ihm von der Alster her der Wind ins Gesicht pfiff und seine Augenbrauen und Bartstoppeln voll Schnee starrten, dachte er an sein warmes Loch, das sicher am Abend auf ihn wartete, auf sein Bett, dem jetzt der Sack als Zudecke diente, an die wärmenden Züge aus der Flasche und an die weiche warme Katze, die ihn jeden Abend mit demselben fröhlichen Klageton begrüßte.
Diese angenehmen Bilder spiegelten sich in dem vergnügten Glitzern seiner Augen, über das die Vorübergehenden lächeln mußten, und wenn er vor einer jungen Dame so galant den Besen schulterte und sie angrinste, geschah es nicht, um ein Trinkgeld zu erlangen, das ihm übrigens ziemlich oft zu Theil wurde, sondern aus reiner angeborener Munterkeit, die jetzt, wo es ihm so gut ging, unverhofft zu Tage trat. Wenn nur das Miethebezahlen nicht gewesen wäre! Erstlich hätte er dann eine ganze Mark die Woche mehr gehabt, und das wäre sehr angenehm gewesen. Jetzt hatte er den Tag siebzig Pfennig, und sein neuer Stand als Staatsangestellter brachte allerlei Verpflichtungen mit. Er mußte seine Stiefel flicken lassen, wenn sie zerrissen waren, und wenn sein einziges Hemd ihm in Fetzen vom Körper fiel, so gab es nur eine Möglichkeit, ein anderes zu bekommen, – er mußte es kaufen! Das Betteln war ihm strenge untersagt. Man konnte wirklich in kein Haus hineingehen, ohne daß ein Konstabler hinterhertrabte und nachfragte, ob da gebettelt worden sei. Als in der vierten Woche seiner bürgerlichen Etablirung der Vize den Miethzins holen wollte, war kein Geld da. Ida behauptete, der Schuster habe ihm nichts übrig gelassen. Darauf wollte der Stellvertreter des Hauswirths die Schnapsflasche konfisziren, da er sie aber leer fand, schleuderte er sie wüthend auf den Steinboden, daß die Splitter umherflogen, einer davon ritzte ihn sogar an der Hand, was der Straßenfeger mit Wohlgefallen bemerkte. Dann sagte Ida mit unerschütterlicher Ruhe: »Dat Du Di gliek an min Buddel vergriepen mußt, wenn ick keen Geld in die Tasch heff, dat gefallt mi gor nich an Di, dat mußt Di afwenn ’n (abgewöhnen), – so, nu heff ick Di dat seggt, – sünnst kannst ook mal een mit ’n Bessen (Besen) kriegen.« Und bedächtig hinkte er auf die Ecke zu, wo sein Handwerkszeug stand. Der kurzbeinige asthmatische Vize ging, sprachlos vor Verwunderung über solche Frechheit, aus der Thür, Den nächsten Sonnabend aber schickte er seine Frau in die Kellerwohnung, und die brachte denn auch richtig eine Mark herauf, zu weiterem hatte sich Ida nicht herbeigelassen. Und die Frau nahm ihn noch in Schutz: »Wenn he dat nu nich hett, he kann dat je nich ut sin Fell snieden, dat ol‘ Lock dar ünnen is je eegentlich min Steenkahlenkeller, – harst (hättest) Du em man nich rinnahmen (hereinnehmen), aber he is nu mal dar.« Die Frau war auch bestochen durch Idas Grinsen. »Wahr is das, er wird man so mechanisch von die Polizei aus über Wasser gehalten«, sagte der Vize nachdenklich, »mich soll man verlangen, ob er nu die andre Woche bezahlt.«
Da erlebte er nun allerdings noch manche Enttäuschung. Ida bezahlte immer unwilliger und brachte so viele vernünftige und stichhaltige Gründe vor, daß die Frau sich immer wieder überreden ließ und froh war, wenn sie mit zwanzig Pfennigen vor ihrem Mann erscheinen konnte. Bei dem freilich stand es fest: der schlimme Zahler mußte hinaus, aber obgleich er dem Straßenfeger schon mündlich wie schriftlich gekündigt hatte, – er ging nicht und nahm überhaupt die Sache nicht als Ernst auf, sondern nickte und lachte: »Is all good, is all good, hier hefft Se fief Penn‘, dat annere bat kriegt Se wohl sachts (leicht), dar stah ick woll noch good vor, wi hefft je Tied, ick bün je alle Dag dar.« Wenn er aber gar nichts hatte, oder in zu eifriger Unterhaltung mit der Flasche begriffen war, so schloß er einfach seine Thür ab, und der Vize hätte mit seinem Klopfen eher Todte aus dem Grabe erweckt, als den Straßenfeger zum Aufmachen der Thür veranlaßt, wenn der nicht wollte. Inzwischen aber kamen Klagen über Klagen aus den drei anstoßenden Kellerräumen, die als Lagerplätze vermiethet waren. Nicht etwa über den Nachbar mit der Katze, die Beiden störten Niemand, sondern über die täglich zunehmende Nässe des Bodens und der Wände. Ein Lederhändler strengte gegen den Hausbesitzer wegen verdorbener Waare einen Prozeß an, und als er ihn gewann, weil ihm der Keller als angeblich trockener Raum vermiethet worden, reichte auch der Käsehöker im Nachbarhaus eine Beschwerde ein: seine Käse verschimmelten wegen der gefährlichen Nähe.
»Weißt, was nu kommt?« sagte der Vize zu seiner Frau, »nu kommt das so weit, daß wir den untersten Keller zuschütten müssen! Es is en Schandewerth, denn das is en großer Verlust für uns, weil wir das nu erst all‘ gebaut haben, aber was hilft das? Das Grundwasser, sag ich ümmer, das ist das Grundübel von den ganzen Haus, der Zimmermann hat mir heute man gesagt, wenn wir nich den Swamm (Schwamm) hier kriegen wollen, denn müssen wir das ganze unterste Stock zuschütten! Nu denk mal bloß, was das für’n Schaden für uns is!« Die Frau schüttelte den Kopf: »Du deihst ümmer, as hör‘ Di dat Hus to! Freu‘ Di, denn hest je glick ’n por Partien weniger! Denn lat mi ook min Drücker wedder maken, de de besapene (betrunkene) Muerklattje (Maurer) mi utdreiht hett! Du sparst ünnner for den Huswerth, dat wurr ick nu ganz gewiß nich dohn.«
Der Vize strich sich geschmeichelt über das runde Bäuchlein. »Kiek, Mutter, davor bin ick ook Viz worrn, und Du nich! He weet woll, warum, Mutter!« Und dann nach einer Weile: »Aber was Gutes kommt da doch bei rausgesauert (zum Vorschein), – nu werd ich endlich den Kerl los, da laur‘ ich nu all lang genug auf.« – »Denn hett dat ol‘ Lopen alle Sündag for mi ook en En’n, dat is mi ook all bet übern Hals,« sagte die Frau bereitwillig. »Ich weiß man gor nich, wie und auf welche Art und Weise ich den Kerl das zu wissen thun soll! Wenn er man auch geklagt hätte!« – »De is mit allens tofreeden, ick weet gor nich, wat dat for’n Menschenkind is,« die Frau rümpfte die Nase. »Dat Water mutt je all’n por Toll hoch in sin Keller stahn, de hüppt (hüpft) jewoll in ’n Water as ’n Pogg‘ (Frosch) und kriegt keen natte Fäut,« sagte der Vizewirth, »hest Du dat nich sehn?« – »Nee, min Lamp‘ is gliek utgahn, und ick heff op de Trepp mit ein spraaken, – he harr wedder ’n lütten sitten« (einen Rausch).
Am Abend, als Ida nach Hause gekommen war, stieg das Ehepaar zu ihm hinunter. Sie brachten eine Lampe mit, aber auch im Keller brannte ein Talglicht, das in einen Flaschenhals gesteckt war, auf der Herdbank. Die Katze saß auf dem Strohsack und blinzelte die Eintretenden an, die sich vergeblich nach dem Straßenfeger umsahen. Da kam er herein, im Arm einen Haufen Ziegel, der ihm bis ans Kinn reichte, »Na, was machen Sie denn hier?« empfing ihn der Vize, noch vor der Schwelle, denn er scheute sich, auf dem naßglänzenden Boden seine Sohlen zu benetzen, Ida zeigte mit der freien Hand in die Ecke neben dem Bett, auf eine solide Ansammlung von Ziegelsteinen, die der Vize noch nicht bemerkt hatte, »Dach, ick will hier man ’n beten min Keller drög macken, dat is je eklig natt hier.« Der Vize mußte lachen: »Kick em an! – aber, min goode Jung, de Steen, de hört Di je gor nich to, und helpen deiht dat ook nichs, – dat Water kommt doch hendör (hindurch), nee. Du mußt rut, de Keller fall toschütt warrn,« Ida grinste so breit er konnte, »Wat Du seggen deist! Vor de Dör liggt je Steen ’nog – ick warr doch nich wegen dat beten Water rut gahn?« Der ehemalige Konstabler räusperte sich und warf sich in die Brust: »Also, kurz und gut, Sie müssen raus; übermorgen sünd die Leute bestellt, denn fangen wir hier mit ’s Zuschütten an, – nu weetst Du Bescheed,« Der Straßenfeger machte ein schlaues Gesicht: »Du glüwst nu woll, ick fall dat glöwen, – aber weetst, wat ick glüw? ick glöw, dat ick hier blieben doh.« – »Denn möt‘ wie Di rein rutsetten!« – »Joa, aber dor bün ick denn ook noch bi.« – »Morgen kriegt wi Hochwater, ‚t steiht all in de Nachricht, denn lüppt hier allens vull,« sagte die Frau aus dem Hintergrunde. »Lat‘ loopen,« lachte Ida. »Denn kannst Du hier versupen,« murmelte der Vize. »Dat wör‘ das erste Mal in min Leben,« war die bereite Antwort. »Kumm, Olsch, mit den Kerl is nich to reden, he is all wedder duhn« (betrunken), sagte der Wirth ärgerlich. »Dat bün ick,« Ida strahlte übers ganze Gesicht. »Wahr‘ Di (hüte Dich), Du büst de letzte Nacht in düt Hus,« damit ging das Ehepaar, »Dat wurr kürig (kurios) togahn,« schallte es hinter ihnen her.
In der Sonntagnacht kam das Hochwasser. Der Westwind und die Springfluth trafen zusammen, und bei unstetem Mondschein und jagenden Wolken drängten sich auf den Straßen die aus ihren Wohnkellern Vertriebenen, nachdem sie ihre Habseligkeiten schon vor den letzten Warnungsschüssen aufs Trottoir herausgeschafft hatten. Die Betten und Tische, die Schränke und Kommoden standen freilich auch dort mit den Füßen im dunkel daherrauschenden Wasser; in der Mitte der Straße fuhren die Kinder in Waschbaljen, und ein schlanker Junge, der in einer Wassertürme dahintrieb, aus der er wie ein Kobold bald fratzenschneidend emportauchte, um gleich nach einem schlechten Witz, den er hinausgerufen, wieder unsichtbar zu werden, erregte Jubel und Lachen mitten in der Zerstörung.
In den Häusern, die an der Stelle der ehemaligen Bettlerherberge erbaut waren, gab es viel zu thun. Während von der Hinterseite her das Wasser in die Kellerfenster strömte und sich wie eine Kaskade über die Stufen ergoß, wurden unten vom steigenden Grundwasser die Steine losgedrängt, und in das Plätschern und Rauschen hinein ertönte das durchdringende Pfeifen der Ratten, die mit angstvoll gesträubtem Pelz aus ihren überschwemmten Verstecken hervor und den geschäftigen Männern blindlings unter die Füße sprangen. Die Frauen hielten sich die Ohren zu, die Männer schlugen nach den Thieren mit allem, was ihnen gerade zur Hand war. Der Vizewirth kugelte geschäftig hin und her, kommandirte und gab Nachschlage, beruhigte schreiende Kinder und tröstete rathlose Frauen mit der Nachricht, daß seine Alte einen großen Topf voll Kaffee oben auf dem Feuer habe, und daß sie nur hinaufgehen und sich in ihrer Küche erwärmen sollten.
Als der Morgen kam – und im März kommt er ja doch erträglich bald – war ein Sinken des Wassers zu verzeichnen, und wer eine Lagerstätte fand, legte sich schlafen. Es war so gegen Mittag, als der Vize plötzlich auffuhr: »Mutter, der Kerl unten, die Ameis, die hab‘ ich nich gesehen, die is nu gewiß ersoffen!« Die Frau ermunterte sich schnell, zunächst um ihren Mann zu schelten, daß er den untersten Bewohner so ganz vergessen hatte. Ja, du lieber Gott, warum hatte denn der Kerl auf kein vernünftiges Zureden hören wollen? Es graute ihnen beiden vor dem Gang in den Keller, auch war der Zugang für die Frau unmöglich, da sie keine bis an den Magen reichende Wasserstiefel hatte, wie der Mann. Der klopfte endlich mit geheimer Angst an die verschlossene unterste Thür. Dann, da kein Laut antwortete, nahm er den Dietrich, den er gleich mitgebracht, und brach das Schloß auf. Mit der hocherhobenen Lampe leuchtete er vorwärts. Er konnte sich kaum zurechtfinden, denn in der Mitte des Raumes war von Ziegeln eine Art hoher Estrade errichtet, und auf dieser, dicht unter der Decke, stand das Bett. Das Wasser plätscherte um die Mauersteine, und der Vize getraute sich nicht, weiterzugehen.
Auf einmal sagte eine grobe lustige Stimme: »Na, go’n Tag, Du!« – »Herrjes, lewt he noch?« schrie der Besucher und platschte so ängstlich, daß das Wasser aufspritzte, die Frau hörte den Ruf und wiederholte ihn oben mit gellender Stimme. Thüren öffneten sich, das ganze Haus lief zusammen, alle wollten den Menschen sehen, der diese Nacht, wie er behauptete, so gut geschlafen habe wie alle Nächte, »Wat is, dar denn los? Dat Water? Ach so; je ’n beten käuhl is mi dat Hut ook vorkamen. Nattkolt is dat hier! Wer giwt een ut? En lütten Grännen! Nee, ick wurr doch nich so dumm sin und hier versupen as en Rott‘? Kiek, dor swemmt en por. Schad‘, dat se dodt sünd, dat war‘ wat for min Katt west.«
Dem verantwortlichen Stellvertreter des Hausbesitzers war ein Stein vom Herzen gefallen, aber dem Straßenfeger helfen konnte er dennoch nicht, morgen sollte mit dem Zuschütten des Kellers begonnen werden, Ida lachte nur und schnitt Grimassen als Antwort. Als die Arbeiter kamen, fanden sie den Raum verbarrikadirt. Der Vize spie aufmunternd in die Hände, dann lief er auf die Straße hinaus, wo ein Haufen Jungen Marmel spielten.
»Nu mal ran, Jungens, wi wölt mal ’n beten ümtrecken.«
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, sie stürmten mit Hallo die Treppen hinunter. Aber ein jämmerliches Katzengeschrei begrüßte sie, als sie die Thür offen hatten, und wie sie näher traten und auf die künstliche Anhöhe stiegen, wurde ihnen allen beklommen zu Muth. »Ida! mein goode Jung! Nachtmütz!« rief der Vize und rüttelte den Schläfer auf dem Bett, dann fuhr er zurück, denn die Katze zischte und prustete gegen ihn. »Is he duhn?« sagte er halb zu sich selbst. Einer der Jungen aber wollte den Straßenfeger, den sie alle kannten, am Bart zupfen. Dabei berührte er seine Nase, dann sah er erschrocken und verwundert dem dicken kleinen Mann, der sie gerufen hatte, ins Gesicht. »Is he dodt?« sagte der Vize. Die Kinder wichen auf die Seite. »He is dodt,« flüsterten sie und verloren sich mit zögernden Schritten.
Der Polizeiarzt gab als Ursache des plötzlichen Todes übermäßigen Alkoholgenuß an. Die Frau Vize aber blieb bei ihrem geheimnißvollen Kopfschütteln: »Dat is nich von ungefähr! Rut gähn doh ick nich, säd he, un so is ‚t ook kamen! Nu möt wi em rut dreegen. Wenn de Minsch keen Städ mehr hett op düsse Welt, denn geiht he woll geern. Dat is trurig inricht‘ in‘ Leben, dat dat. Minschen giwt, de keen Städ hebbt. Nu is dat datsülbige mit de ol‘ Katt! Ick wurr se woll nehmen, aber dat is man, ick mag de Katten nich lieden! Nee, denn is dat ook dat beste, dat se starwt, – kumm Mann, giw du ehr man Musgift!

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Ilse Frapan – Was der Alltag dichtet -1899
Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin

Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Ralph Waldo Emerson • In diesem strahlenden Sommer ist es eine Wollust gewesen, den Odem des Lebens einzuziehen.

Ralph Waldo Emerson
Ralph Waldo Emerson

In diesem strahlenden Sommer ist es eine Wollust gewesen, den Odem des Lebens einzuziehen. Das Gras wächst, die Knospe springt, die Wiesen sind mit Feuer und Gold in Blumenfarben besprengt. Die Luft ist erfüllt vom Gesange der Vögel und süß vom Dufte der Pinien, des Balsams von Gilead und des frischen Heus. Die Nacht bringt dem Herzen kein Düster mit ihrem willkommenen Schatten. Durch das flüssige Dunkel gießen die Sterne ihre beinahe geistigen Strahlen. Der Mensch unter ihnen erscheint wie ein junges Kind und sein gewaltiger Erdball wie ein Spielzeug. Die kühle Nacht badet die Welt wie in einem Strome und bereitet die Augen für die purpurne Dämmerung vor. Noch nie hat sich das Mysterium der Natur vor unseren Augen so glücklich entfaltet. Korn und Wein wurden allen Geschöpfen reichlich zugemessen, und das niemals gebrochene Schweigen, mit welchem die alte gütige Fülle sich immer aufs neue ergießt, hat uns noch immer kein Wort der Erklärung gegönnt. Wir sind unwillkürlich gezwungen, die Vollkommenheit dieser Welt, mit der unsere Sinne verkehren, anzuerkennen. Wie weit! Wie reich! Wie einladend! Welche Schätze bietet sie für jede Kraft des Menschen! In ihren fruchtbaren Feldern, in ihrer schiffbaren See, in ihren Bergen von Metall und Stein, in ihren holzreichen Wäldern, in ihren Tieren, in ihren chemischen Substanzen, in den Kräften und Pfaden des Lichtes, der Wärme, der Anziehungskraft und des Lebens, ist sie wohl wert, daß große Männer Herz und Mark daran setzen, sie zu unterjochen und zu genießen. Die Pflanzer, die Mechaniker, die Erfinder, die Astronomen, die Seefahrer und Städtegründer weiß die Weltgeschichte freudig zu ehren.
Sobald aber der Geist sich aufschließt und die Gesetze zu begreifen und zu enthüllen beginnt, die das Weltall durchströmen und die Dinge so gestalten, wie sie uns erscheinen, dann schrumpft diese gewaltige Welt mit einem Male zu einem bloßen Textbilde, ja zu einer Fabel unseres Geistes zusammen. »Was bin ich? Was ist überhaupt?« fragt der menschliche Geist mit einer stets neu entfachten, aber nie gestillten Wißbegierde. Denn jene Gesetze gleichen ungeheueren Linien, die unser unvollkommenes Fassungsvermögen nur hierhin und dorthin zielen, nie aber sich zum Kreise schließen sehen kann. Wir entdecken unendliche Beziehungen, alles ist so gleich und doch so ungleich, vieles und doch nur eins. Man möchte für immer lernen, für immer forschen, für immer bewundern! Diese Schöpfungen des Gedankens haben den menschlichen Geist in jedem Zeitalter beschäftigt.
Und doch offenbart sich uns eine noch geheimnisvollere, süßere und überwältigendere Schönheit, wenn Herz und Sinn sich sittlichen Gefühlen zu erschließen beginnen. Damit beginnt die Lehre von dem, was über uns ist. Hier lernen wir, daß unser Sein ohne Grenzen ist, daß wir zum Guten und Vollkommenen geboren sind, wie tief wir auch in Schwäche und Sünde daniederliegen mögen. Was der Mensch anbetet, das ist sein, wenn er es gleich noch nicht erreicht hätte. Er soll. Wir kennen den Sinn dieses großen Wortes, obgleich unsere Forschung es nicht erklären kann. Wenn einer, sei es in Unschuld, sei es in höchster geistiger Reife, dahin gelangt, zu sagen: »Ich liebe das Recht, die Wahrheit ist herrlich nach innen und außen, heute und immerdar – ewiger Geist des Guten, ich bin dein, bewahre du mich, beherrsche du mich, dir will ich dienen bei Tag und bei Nacht, im Großen und Kleinen, auf daß ich nicht tugendhaft sei, sondern selbst die Tugend!« dann ist das Endziel der Schöpfung erreicht, und Gott sieht es mit Wohlgefallen.
Das sittliche Gefühl ist nichts anderes als ein Gefühl der Ehrfurcht und des Entzückens bei der Wahrnehmung gewisser göttlicher Gesetze. Es beruht auf der Erkenntnis, daß das hausbackene Spiel des Lebens unter scheinbar lächerlichen Kleinigkeiten erstaunliche Principien verbirgt. Wie das Kind in seinen Spielen die Wirksamkeit des Lichtes, der Bewegung, der Gravitation und Muskelkraft kennen lernt, so schaffen in dem Spiel des Lebens Liebe und Furcht, Gerechtigkeit und Begierde, Mensch und Gottheit in Wechselwirkung. Es ist unmöglich, diese Gesetze in präcisen Worten aufzustellen. Sie lassen sich nicht niederschreiben, die menschliche Zunge vermag sie nicht auszusprechen. Sie spotten unserer ausdauerndsten Gedanken. Und doch lesen wir sie täglich und stündlich einer in des anderen Gesicht, einer in des anderen Thaten und jeder im eigenen Gewissen. So wie wir es aussprechen wollen, müssen wir die moralischen Züge, die in jeder sittlichen Handlung, in jedem sittlichen Gedanken gehäuft sind, zerfasern und durch eine mühsame Aufzählung von Einzelheiten darzustellen oder wenigstens zu suggerieren versuchen. Da aber in diesem Gefühl das Wesen aller Religion beruht, so will ich doch versuchen, euer Auge auf die wahren Objekte desselben hinzulenken, indem ich eine Reihe von Thatsachen, in welchen dieses Element erkennbar ist, aufzähle.
Die Intuition des sittlichen Gefühls ist die Erkenntnis der Vollkommenheit der geistigen Gesetze. Diese Gesetze sind zugleich ihre eigene Exekutive. Sie stehen außerhalb der Zeit, des Raumes, und sind keiner Wandlung unterworfen. Dies verhält sich so. Es giebt eine Gerechtigkeit, die in der Seele jedes Menschen wirksam ist und jede Regung, jede That sofort und unfehlbar vergilt. Wer eine gute That vollbringt, ist hierdurch sofort geadelt; wer eine gemeine Handlung begeht, sofort erniedrigt. Wer sich vom Unreinen loslöst, hüllt sich hierdurch in Reinheit. Ein Mensch, der reinen Herzens ist, ist soweit Gott: die Sicherheit Gottes, die Unsterblichkeit Gottes, die Majestät Gottes ziehen in sein Herz ein. Ein Mensch, der heuchelt und betrügt, betrügt sich selbst und verliert die klare Vorstellung von seinem eigenen Wesen. Ein Mensch, der die absolute Güte schaut, der betet in vollkommener Demut an. Jeder derartige Schritt hinab ist ein Schritt hinauf. Der Mensch, der sich selbst aufgiebt, kommt zu sich selbst.
Sehet, wie diese rasche innere Kraft überall thätig ist, überall Unrecht in Recht verwandelt, den Anschein zum Schein macht, und zwischen Thatsachen und Gedanken die Harmonie herstellt. Auch im Leben ist ihre Wirksamkeit, wenn auch für die Sinne langsam, eine ebenso sichere wie die im Geiste. Durch sie wird jeder Mensch seine eigene Vorsehung und schafft sich Gutes für seine Güte und Übles für seine Sünde. Charakter wird immer erkannt; Diebstähle bereichern nie; Almosen machen niemand arm; Mord spricht aus steinernen Mauern. Die kleinste Beimengung einer Lüge – zum Beispiel ein Fleckchen Eitelkeit, der geringste Versuch, einen guten Eindruck zu machen, in günstigem Lichte zu erscheinen, – verdirbt jede Wirkung. Aber sprich die Wahrheit, und die ganze Natur und alle Geister treten mit unerwarteter Förderung an deine Seite. Sprich die Wahrheit, und alles Lebende und Tote wird für dich bürgen, und die Wurzeln des Grases unter der Erde scheinen sich zu regen, um für dich Zeugenschaft abzulegen. Nicht minder vollkommen zeigt sich dieses Gesetz in seinem Einfluß auf die Neigungen der Menschen und als Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft. Die Guten gesellen sich aus Wahlverwandtschaft zu den Guten, die Schlechten aus Wahlverwandtschaft zu den Schlechten. So wandelt die Seele kraft eigenen Willens zum Himmel, zur Hölle.
Diese Thatsachen haben den Menschen stets zu dem erhabenen Glauben geführt, daß die Welt nicht das Produkt vielfacher Kräfte, sondern das eines Willens und eines Geistes ist; und daß ein Geist überall wirksam ist, in jedem Sternstrahl wie in jedem Wasserringlein im Teiche; und was immer diesem Willen sich entgegenstellt, ist überall geschlagen und verloren, weil die Dinge so und nicht anders geschaffen sind. Das Gute ist das Positive. Das Böse existiert nur als Negation, es hat kein absolutes Sein; es gleicht der Kälte, die nur die Verneinung der Wärme bedeutet. Alles Böse ist ebensoviel Tod und Nichtsein. Nur der »gute« Wille ist absolut und real. So viel »guten« Willen ein Mensch hat, so viel Leben hat er. Denn alle Dinge gehen aus demselben Geiste hervor, der verschiedentlich, bald Liebe, bald Mäßigkeit, bald Gerechtigkeit genannt wird, so wie derselbe Ocean an den verschiedenen Küsten, die er bespült, verschiedene Namen erhält. So lange ein Mensch gute Ziele verfolgt, ist er stark mit der ganzen Stärke der Natur. So weit er sich von diesen Zielen entfernt, so weit beraubt er sich selbst der Kraft und Mittel – sein Sein zieht sich wie ein Fluidum aus den entferntesten Kanälchen zurück, er wird weniger und weniger, ein Punkt, ein Nichts, bis absolute Schlechtheit absoluter Tod wird.
Die Erkenntnis dieses Gesetzes der Gesetze erweckt im Geiste ein Gefühl, das wir das religiöse Gefühl nennen und das unsere höchste Glückseligkeit ausmacht. Wunderbar ist seine Kraft, zu bezaubern und zu gebieten. Es ist wie Bergesluft, es ist der Balsam der Welt. Es ist Myrrhe und Storax, Weihrauch und Rosmarin. Es macht den Himmel und die Hügel erhaben, es tönt im schweigenden Gesang der Sterne. Nur ihm verdankt die Welt ihre Sicherheit und Bewohnbarkeit, nicht dem Wissen oder der Macht. Der Gedanke kann nur kalt und intransitiv auf die Dinge wirken, findet kein Ende und keine Einheit, aber das Dämmern des sittlichen Gefühls im Herzen giebt und ist die Gewißheit, daß ein Gesetz souverän über allen Naturen herrscht; und die Welten, Zeit, Raum und Ewigkeit scheinen in lauten Jubel auszubrechen.
Dieses Gefühl ist göttlich und es vergöttlicht. Es ist des Menschen höchste Seligkeit. Es macht ihn unbegrenzbar. Nun erst lernt die Seele sich selber kennen. Nun erst wird der Hauptfehler des unmündigen Menschen beseitigt, der da groß zu sein strebt, indem er den Großen nachfolgt, der da hofft von anderen Vorteile zu erlangen – denn dieses Gefühl zeigt, daß die Quelle alles Guten in ihm selbst ist, und daß er, so gut wie jeder andere Mensch eine Pforte zu den Tiefen der Vernunft ist. Wenn er spricht: »Ich soll,« wenn ihn Liebe erwärmt, wenn er, der Stimme der Höhe gehorchend, das Große und Gute erwählt, dann wandern tiefe Melodien der Höchsten Weisheit durch seine Seele. – Nun erst kann er anbeten und durch seine Andacht wachsen – denn über jenes Gefühl hinaus kann er nie gelangen. In seinen erhabensten Flügen schwingt sich der Geist nie über die Höhe der Sittlichkeit, nie über den Gipfel der Liebe empor.
Dieses Gefühl ruht im Grunde aller gesellschaftlichen Ordnung und schafft successive jede Art von Religion. Das religiöse Princip stirbt nie aus. Auch der in Aberglauben, in Sinnlichkeit versunkene Mensch verliert die Visionen des ethischen Gefühls niemals ganz. Und so sind alle Äußerungen dieses Gefühls heilig und dauernd, je nach dem Grade ihrer Reinheit. Die Äußerungen desselben ergreifen uns mehr als alles andere, was in Worten gesagt wird. Die Sprüche der ältesten Zeiten, die solche Frömmigkeit atmen, sind heute noch frisch und duftig.
Dieser Gedanke weilte immer am tiefsten in den Geistern der Menschen des andächtigen und beschaulichen Ostens, nicht nur in Palästina, wo er seinen reinsten Ausdruck fand, sondern auch in Ägypten, in Persien, in Indien und China. Europa hat all seine göttlichen Impulse orientalischem Geiste zu verdanken gehabt. Was diese heiligen Sänger sagten, das fanden alle gesunden Menschen wohlthuend und wahr. Und der einzig dastehende Eindruck, den Jesus auf die Menschheit gemacht hat, Jesus, dessen Name in die Weltgeschichte nicht geschrieben, sondern in tiefen Furchen durch sie gezogen ist, ist ein Beweis, welche geheime und durchdringende Kraft jene Infusion des Ostens besaß.
Aber obgleich die Thore des Tempels Tag und Nacht offen stehen und die Orakel dieser Wahrheit nie aufhören, wird sie von einer strengen Bedingung bewacht: sie ist eine Intuition. Sie kann nicht aus zweiter Hand empfangen werden. Überhaupt kann ich von fremdem Geiste keine Lehre, sondern nur Anregung empfangen. Was er verkündigt, muß ich in mir wahr finden oder verwerfen, aber auf sein Wort hin oder weil ich sein Anhänger bin, sei er wer er mag, kann ich nichts annehmen. Im Gegenteil, das Fehlen dieses primären Glaubens bedeutet den Anfang des Verfalles. Wie die Flut, so ist die Ebbe. Sobald dieser Glaube verloren geht, werden seine eigenen Worte und Schöpfungen falsch und schädlich. Dann fallt die Kirche, der Staat, die Kunst, die Wissenschaft und das Leben. So wie die Lehre von der göttlichen Natur vergessen wird, ergreift Krankheit den ganzen Bau und verkrüppelt ihn. Einst war der Mensch alles, nun ist er ein Anhängsel, ein Schädling. Und weil der ihm innewohnende höchste Geist nie ganz verloren gehen kann, so erleidet seine Lehre die Verkehrung, daß die göttliche Natur nunmehr einer oder zwei Personen zugeschrieben und allen übrigen abgesprochen und mit Wut abgesprochen wird. Hiermit ist die Lehre der Inspiration verloren, und die gemeine Lehre von der Majorität der Stimmen usurpiert den Platz der Lehre des Geistes. Wunder, Weissagungen und Poesie, das ideale, das heilige Leben existieren nur mehr als alte Geschichte, im Glauben und Streben der Gesellschaft spielen sie keine Rolle mehr, und wenn jemand sie ernsthaft nimmt, so scheint es lächerlich. Das Leben wird komisch und erbärmlich, sobald die hohen Ziele des Daseins aus dem Gesicht schwinden, und die Menschen werden kurzsichtig und sehen nur mehr das, was zu den Sinnen spricht.
Diese allgemeinen Erörterungen, die, so lange sie allgemein sind, niemand bestreiten wird, finden reiche Bestätigung in der Religionsgeschichte und vor allem in der Geschichte der christlichen Kirche. Wir alle sind in ihr geboren und haben Nahrung aus ihr gesogen. Die Wahrheit, die in ihr enthalten ist, schickt ihr, meine jungen Freunde, euch nun zu lehren an. Als der Kultus oder die bestehende Form der Gottesverehrung in der civilisierten Welt hat sie großes historisches Interesse für uns. Von ihren heiligen Worten, die der Trost der Menschheit gewesen sind, brauche ich euch nicht zu sprechen. Ich werde versuchen, meine Pflicht gegen euch bei dieser Gelegenheit zu erfüllen, indem ich euch auf zwei Irrtümer aufmerksam machen werde, die von dem Standpunkte, den wir soeben eingenommen haben, täglich gröber erscheinen.
Jesus Christus gehörte zu den wahren Propheten. Er sah das Mysterium der Seele mit offenem Auge. Angezogen von seiner strengen Harmonie, hingerissen von seiner Schönheit, lebte er darin, und sein ganzes Sein ward davon erfüllt. Der Einzige in der ganzen Weltgeschichte erkannte er die Größe des Menschen. Dieser eine Mann war dem treu, was in euch und in mir ist. Er sah, daß Gott in jedem Menschen zu Fleisch wird und immer aufs neue ausgeht, von der Welt Besitz zu ergreifen. Und in diesem Jubel erhabener Bewegung sagte er: »Ich bin göttlich. Durch mich spricht, durch mich handelt Gott. Wollt ihr Gott schauen, schauet mich – oder schaue dich selber, so du ebenso denkst, wie ich jetzt denke.« Aber welch eine Verzerrung mußte seine Lehre und sein Gedächtnis bereits in derselben, in den nächsten und den folgenden Generationen erleiden! – Es giebt keine Lehre der Vernunft, die es vertragen würde, vom Verstande gelehrt zu werden. Der Verstand fing jenes hohe Lied von den Lippen des Dichters auf und sagte im folgenden Zeitalter: »Dies war Jehova, der vom Himmel herabgekommen ist. Ich töte dich, wenn du sagst, er war nur ein Mensch.« Die Redensarten, die er liebte, die Bilder seiner Rhetorik haben die Stelle seiner Wahrheit eingenommen, und Kirchen werden nicht auf seinen Principien, sondern auf seinen Redefiguren gegründet! Das Christentum wurde zu einem Mythos, wie es vordem die poetische Lehre Griechenlands und Ägyptens geworden war. Er sprach von Wundern; denn er fühlte, daß das ganze menschliche Leben und alles, was ein Mensch thut, ein Wunder sei, und er wußte, daß dieses tägliche Wunder sichtbar leuchtet, sowie der Charakter des Menschen sich hebt. Aber das Wort »Wunder,« wie es die christlichen Kirchen gebrauchen, giebt eine falsche Vorstellung, es bedeutet: Monstrum. Es ist nicht eins mit dem blühenden Klee und dem fallenden Regen.
Er achtete Moses und die Propheten, aber keine ungehörige Zärtlichkeit hielt ihn davon ab, ihre alten Offenbarungen hinter dem Augenblick und dem Menschen der Gegenwart zurückzusetzen und ihnen die ewige Offenbarung des Herzens entgegenzustellen. So war er ein wahrer Mensch. Da er sah, daß ein Gesetz in uns gebietet, wollte er diesem Gesetz nicht von außen her gebieten lassen. Kühn mit Hand und Herz und Leben erklärte er, daß dieses Gesetz Gott sei. Und so ist er meiner Ansicht nach der einzige Mensch in der ganzen Weltgeschichte, der den Wert des Menschen zu schätzen wußte.

I. Von diesem Standpunkt aus erkennen wir den ersten Fehler des historischen Christentums. Das historische Christentum ist in jenen Irrtum verfallen, der alle Versuche, eine Religion auszubreiten, verdirbt. Wie es uns heute erscheint und wie es seit Jahrhunderten erscheinen mußte, ist es keine Lehre vom Geiste mehr, sondern nichts als eine Übertreibung des Persönlichen, des Positiven, des Rituellen. Es haftete immer und haftet noch heute mit schädlicher Übertreibung an der Person Jesu. Der Geist kennt keine Personen. Er fordert jeden Menschen auf, sich selbst zum vollen Kreise des Weltalls zu erweitern, und duldet keine andere Bevorzugung als die spontaner Liebe.
Unser historisches Christentum aber, das nichts als eine orientalische Monarchie ist, die Indolenz und Furcht aufgebaut haben, hat den Freund der Menschen zu ihrem Schädiger gemacht. Die Art, in der sein Name mit Ausdrücken umgeben wird, die einst Ausbrüche der Bewunderung und Liebe waren, die aber heute zu offiziellen Titeln versteinert sind, ertötet alle edelgeartete Sympathie und Liebe. Alle, die mich hören, fühlen, daß die Sprache, in der Christus in Europa und Amerika geschildert wird, nicht der Stil der Freundschaft oder des Enthusiasmus für ein gutes und großes Herz ist, sondern förmlich und eingelernt ist und einen Halbgott schildert, wie die Orientalen oder die Griechen Osiris oder Apollo schildern würden. Wenn wir gar die schimpflichen Behauptungen, die unser erster Unterricht im Katechismus uns aufdrängt, acceptieren, so werden Selbstverleugnung und Ehrlichkeit selbst nur glänzende Sünden, sobald sie nicht den christlichen Namen tragen. Wahrlich, man möchte lieber

»ein Heide sein,
Gesäugt in einem längst erstorbnen Glauben«

als sich so seines männlichen Rechtes, in die Natur einzutreten, berauben zu lassen und nicht nur Namen und Stellen, nicht nur das Land und alle Berufsarten, sondern selbst die Sittlichkeit und die Wahrheit abgeschlossen und monopolisiert finden zu müssen! Man darf ja nicht einmal ein Mann sein! Du sollst nicht die Welt dir zu eigen machen, du sollst nichts wagen und nicht nach dem unendlichen Gesetze in dir leben, umgeben von der unendlichen Schönheit, die Himmel und Erde dir in tausend lieblichen Formen zurückstrahlen, sondern du hast deine Natur der Natur Christi unterzuordnen und für die letztere hast du unsere Interpretation anzunehmen und sein Bild hinzunehmen, wie der Pöbel es zeichnet.
Immer ist das das Beste, was mich mir selbst giebt. Das Erhabenste in mir wird durch die große stoische Lehre: »Gehorche dir selbst« angeregt. Das, was Gott in mir zeigt, stärkt mich. Das, was Gott außerhalb meiner zeigt, das macht mich zu einer Warze, zu einem Auswuchs. Dann giebt es keinen notwendigen Grund für mein Dasein mehr. Schon kriechen die Schatten unzeitiger Vergessenheit über mich, und ich sterbe für immer.
Die göttlichen Seher sind die Freunde meiner Sittlichkeit, meines Intellekts, meiner Kraft. Sie erinnern mich daran, daß die Strahlen, die meinen Geist durchblitzen, nicht mein, sondern Gottes sind, daß sie die gleichen Strahlen schauten und der himmlischen Vision nicht ungehorsam waren. Und darum liebe ich sie, denn edle Anregungen gehen von ihnen aus, die mich heißen, dem Bösen zu widerstehen, die Welt mir zu unterwerfen und zu sein. Und auf dieselbe Weise, durch seine heiligen Gedanken, fördert mich auch Jesus – und nur dadurch. Jeder Versuch, einen Menschen durch Wunder zu bekehren, ist eine Profanation des Geistes. Eine wahre Bekehrung findet nur dort statt, ein wahrer Christ wird heute wie immer der, dessen Seele hohe Gefühle durchdringen. Allerdings mußte eine große und reiche Seele wie die seinige, da sie unter den Einfältigen erschien, einen so überwältigenden Eindruck machen, daß sie, wie es geschah, der Welt einen neuen Namen gab. Die Welt scheint ihnen nur für ihn zu existieren, und sie haben noch nicht tief genug vom Borne seines Geistes getrunken, um zu erkennen, daß nur dadurch, daß sie zu sich selber zurückkehren oder vielmehr zum Gott, der in ihnen wohnt, sie der Ewigkeit teilhaftig werden können. Es ist eine geringe Wohlthat, wenn einer mir etwas giebt; aber eine hohe, wenn einer mich fähig macht, selbst etwas zu schaffen. Die Zeit wird kommen, wo alle Menschen einsehen werden, daß die Gabe Gottes für unsere Seelen keine prahlerische, überwältigende, unduldsame Heiligkeit ist, sondern eine süße, natürliche Güte – eine Güte, die nicht anders als deine und meine Güte ist und deine und meine freundlich begrüßt und sie zu sein und zu wachsen einlädt.
Jesu selbst geschieht durch den gewöhnlichen Predigerton ein nicht minder großes Unrecht als den Seelen, die dadurch profaniert werden. Die Prediger sehen nicht, daß sie sein Evangelium unfroh machen und ihn selbst der Locken seiner Schönheit und der himmlischen Attribute berauben. Wenn ich einen majestätischen Epaminondas oder Washington erblicke, wenn ich unter meinen Zeitgenossen einen wahren Redner, einen gerechten Richter, einen lieben Freund sehe, wenn der Geist und die Melodie eines Gedichts in mir nachzittern, dann sehe ich wünschenswerteste Schönheit. Und ebenso lieblich, und mit noch vollerer Zustimmung meines menschlichen Wesens, tönt in meinem Ohr die strenge Musik der Sänger, die zu allen Zeiten vom wahren Gott gesungen haben. Darum entwürdiget nicht das Leben und die Worte Christi, indem ihr sie isoliert und aus dem Kreise dieses Zaubers herausreißt. Laßt sie, wie sie sich ereigneten, lebendig und warm, als ein Teil des menschlichen Lebens, der Landschaft und des heiteren Tages.

II. Der zweite Mangel des traditionellen und beschränkten Gebrauches, der vom Geiste Christi gemacht wird, ist eine Folge des ersten: daß nämlich die sittliche Natur, jenes Gesetz der Gesetze, mit dessen Offenbarungen die Hoheit Gottes – ja Gott selbst in die empfängliche Seele einzieht, nicht mehr als die Quelle der bestehenden Lehre betrachtet und erforscht wird. Man ist dahin gekommen, von der Offenbarung als von etwas, das vor langer, langer Zeit stattgefunden hätte, zu sprechen, als ob Gott tot wäre. Die Schmach, die hierdurch dem Glauben angethan wird, erstickt den Prediger, und die herrlichste aller Institutionen wird hierdurch zu einer unsicheren und unartikulierten Stimme.
Es ist ganz gewiß, daß jede tiefere Einsicht in die Schönheit des Geistes den Wunsch und das Bedürfnis erzeugt, dasselbe Wissen, dieselbe Liebe auch anderen mitzuteilen. Wenn die Äußerung versagt wird, dann lastet der Gedanke wie ein Gewicht auf der Seele. Immer ist der Seher auch ein Sager. Irgendwie muß er seinen Traum erzählen, irgendwie macht er ihn mit feierlicher Freude kund: bald mit dem Pinsel auf Leinwand, bald mit dem Meißel in Stein, bald verkörpert er die Andacht seiner Seele in Türmen und Hallen von Granit, bald in den geheimnisvollen Blüten der Musik; am klarsten und dauerndsten aber in Worten.
Der Mensch, der von dieser Herrlichkeit hingerissen wird, wird ihr Priester, ihr Prophet. Dieses Amt ist so alt wie die Welt. Aber zu ihm führt eine strenge Bedingung – eine geistige Schranke ist um dasselbe gezogen: Nur der Geist kann lehren. Kein profaner, kein sinnlicher Mensch, kein Lügner, kein Sklave kann lehren, sondern nur der kann geben, der hat; nur der kann schaffen, der ist. Nur der Mensch, der vom Geiste ergriffen wird, durch den der Geist spricht, kann lehren. Mut, Frommheit, Liebe, Weisheit können lehren; und diesen Engeln kann jeglicher Mensch seine Thür öffnen, und sie werden ihm die Gabe der Zungen bringen. Aber der Mensch, der da strebt, zu sprechen, wie er es aus Büchern gelernt hat, wie es bei Synoden Gebrauch ist, wie die Mode vorschreibt, oder sein Interesse es befiehlt, plappert. Heißet ihn schweigen!
Diesem heiligen Amte wollt auch ihr euch widmen. Ich wünschte, ihr fühltet den Beruf dazu mit in Sehnsucht und Hoffnung klopfendem Herzen. Das Amt ist das erste in der Welt. Es ist so furchtbar real, daß es den Abbruch, den die geringste Lüge ihm anthut, nicht verträgt. Und es ist meine Pflicht, euch zu sagen, daß das Bedürfnis nach neuer Offenbarung nie größer war als jetzt. Aus den Ansichten, die ich bereits ausgesprochen habe, werdet ihr die traurige Überzeugung entnehmen, die ich, wie ich glaube, mit vielen teile, daß der Glaube allgemein verfällt und nun beinahe erstorben ist. Der Geist wird nicht gepredigt. Die Kirche scheint ihrem Fall zuzuwanken, beinahe ihr ganzes Leben scheint erloschen.
Bei diesem Sachverhalt wäre jede Konzession ein Verbrechen, und ich darf und kann euch, deren Hoffnung und Ausgabe es ist, den Glauben Christi zu predigen, nicht sagen, daß der Glaube Christi schon gepredigt ist.
Es ist Zeit, daß dieses kaum mehr unterdrückte Murren aller denkenden Menschen gegen die Hungersnot unserer Kirchen, dieses Seufzen des Herzens, das des Trostes, der Hoffnung und jener Hoheit, die mir aus der Entwicklung des ethischen Gehaltes hervorgeht, beraubt ist, durch den Schlaf der Trägheit und den Lärm der Routine vernommen werde. Die große und ewige Aufgabe des Predigers wird nicht erfüllt. Eine Predigt soll der Ausdruck des sittlichen Gefühles in seiner Anwendung auf die Pflichten des Lebens sein. In wie vielen Kirchen, von wie viel Propheten, sagt mir, wird dem Menschen fühlbar gemacht, daß er ein unendlicher Geist ist, daß Erde und Himmel in seine Seele überströmen, daß er in aller Ewigkeit vom Geiste Gottes trinkt? Wo hören wir heute den Ton der Überzeugung, der durch seine bloße Melodie das Herz mit Paradieseslust erfüllt und hierdurch seinen himmlischen Ursprung erweist? Wo soll ich heute Worte hören wie jene, die in alten Zeiten die Menschen hinrissen, daß sie alles verließen – Vater und Mutter, Haus und Gut, Weib und Kind – und ihm nachfolgten? Wo kann ich jene erhabenen sittlichen Gesetze so ausgesprochen hören, daß sie in meinem Ohre hallen und ich mich geadelt fühle, wenn ich mein äußerstes Thun und Leiden als Opfer biete? Der einzige Prüfstein wahren Glaubens ist seine Macht, die Seelen zu bezaubern und zu beherrschen, wie die Gesetze der Natur das Thun unserer Hände regieren – und so zu beherrschen, daß das Gehorchen uns eine Ehre und eine Lust ist. Der Glaube muß eins werden mit dem Lichte der aufgehenden und sinkenden Sonne, mit dem Fliehen der Wolken, dem Vogelgesang und dem Dufte der Blumen. Aber heute hat der Sabbath des Priesters den Glanz der Natur verloren, er ist unlieblich geworden – wir sind froh, wenn der Gottesdienst zu Ende ist. Wir können, selbst wenn wir auf unseren Kirchenstühlen sitzen, allein mit uns selbst einen weit besseren, heiligeren und süßeren Sabbath feiern – und wir feiern ihn auch.
So oft ein Formelmensch die Kanzel betritt, wird der Andächtige betrogen und trostlos. Wir fahren zurück, sobald die Gebete beginnen, die uns nicht erheben, sondern niederschlagen und verletzen. Wir würden uns am liebsten in unsere Mäntel hüllen und uns, so gut es geht, eine Einsamkeit schaffen, in der wir nichts mehr hören. Ich habe einmal einen Prediger gehört, der mich stark in die Versuchung führte, nie wieder eine Kirche zu betreten. Die Leute, dachte ich, gehen eben dorthin, wohin sie zu gehen gewohnt sind, sonst wäre an jenem Abend kein Mensch in die Kirche gekommen. Draußen fiel der Schnee – und der Schnee war etwas Wirkliches, der Prediger aber nur eine künstliche, eine gespenstische Erscheinung – und jedes Auge mußte den traurigen Unterschied zwischen ihm und dem schönen Phänomen vor den Fenstern empfinden. Der Mann hatte umsonst gelebt. Keines seiner Worte verriet, daß er je gelacht oder geweint, geliebt oder gefreit hatte, keines, daß er je gelobt, betrogen oder gequält worden war. Wenn er wirklich je gelebt oder gefühlt hatte – wir merkten nichts davon. Das erste Geheimnis seines Amtes – Leben in Wahrheit umzusetzen – hatte er nie gelernt. Kein Körnlein seiner Erfahrung hatte er in seine Lehre zu bringen verstanden. Der Mann hatte gepflügt und gepflanzt, gesprochen, gekauft und verkauft, er hatte Bücher gelesen, er hatte gegessen und getrunken, sein Kopf schmerzt, sein Herz klopft, er lächelt und leidet – und doch verriet kein Wort, keine noch so leise Andeutung in seiner Rede, daß er überhaupt je gelebt hatte. Keine Zeile war dem wirklichen Leben entnommen. Den wahren Prediger erkennt man daran, daß er seiner Gemeinde sein eigenes Leben mitteilt – sein Leben, wie es durch das Feuer des Gedankens gegangen ist. Aber aus der Rede des schlechten Predigers ging nicht hervor, in welches Weltalter seine Geburt gefallen war, ob er einen Vater oder ein Kind hatte, ob er ein Freisasse oder ein Proletarier, ein Städter oder ein Landmann war, noch sonst irgend etwas aus der Geschichte seines Lebens. Es schien sonderbar, daß die Leute überhaupt in die Kirche kamen. Sie hatten es offenbar zu Hause sehr unbehaglich, da sie dieses gedankenlose Geschwätz vorzogen. Es beweist, welche gebietende Anziehung das sittliche Gefühl ausübt, da es selbst der Langeweile und Unwissenheit einen schwachen Lichtschimmer verleihen kann, wenn sie in seinem Namen und an seiner Stelle auftreten. Der empfängliche Hörer weiß, daß er sich doch hier und da getroffen fühlt, weiß, daß etwas in ihm ergriffen werden kann, und daß das eine oder das andere Wort dieses »Etwas« zu ergreifen vermag. Wenn er diesen leeren Worten lauscht, tröstet er sich damit, daß sie die Erinnerung an bessere Stunden erwecken, und so hallen und klappern sie fort, ohne daß jemand etwas dawider hätte.
Ich weiß wohl, daß auch dort, wo wir unwürdig predigen, es nicht immer vergebens geschieht. Manche Menschen haben ein gutes Ohr und wissen auch aus sehr mangelhafter Nahrung neue Stärke für ihr sittliches Wesen zu schöpfen.
In all den Gemeinplätzen des Gottesdienstes und der Gebete liegt poetische Wahrheit, und ob thöricht gesprochen, können sie weise gehört werden, denn jeder dieser Gemeinplätze war einst der ungewöhnlichste Ausdruck, der sich in einem Augenblick tiefer Frömmigkeit einer tief betrübten oder jauchzenden Seele entrang, und den seine Vorzüglichkeit vor dem Vergessen schützte. Die Gebete und selbst die Dogmen der Kirche sind, wie der Zodiacus von Dendera und die astronomischen Denkmäler der Hindus, von allem, was in der heutigen Generation lebt und sie beschäftigt, vollkommen losgelöst und ihr fremd geworden. Sie zeigen nur mehr den Wasserstand an, zu dem sich einst die Fluten erhoben haben.
Aber jene Empfänglichkeit vermindert das Unheil nur bei den Frommen und Guten. In dem größten Teil der Gemeinde ruft der Gottesdienst ganz andere Gedanken und Bewegungen hervor. Wir brauchen den nachlässigen Diener des Herrn nicht zu schelten. Die rasche Vergeltung, die seiner Jämmerlichkeit folgt, erregt eher unser Mitleid.
Wehe dem unseligen Mann, der da berufen ist, auf der Kanzel zu stehen und kein Brot des Lebens zu geben hat! Was immer vorfällt, wird zu einer Anklage gegen ihn! Wenn er Geld für die inneren oder ausländischen Missionen fordert, muß nicht Schamröte sein Antlitz färben? Kann er seiner Gemeinde vorschlagen, Geld in eine Entfernung von hundert oder tausend Meilen zu senden, um anderen dieselbe ärmliche Kost zu verschaffen, die sie zu Hause haben, der zu entfliehen, sie besser thäten, selbst Hunderte und Tausende von Meilen weit fortzuziehen? Kann er die Leute zu einem gottgefälligen Leben ermahnen? Kann er von seinen Mitmenschen fordern, am Sabbath zu frommen Versammlungen zu erscheinen, da doch er und sie alle wissen, wie unsäglich wenig sie dort im besten Falle erwarten können? Kann er sie einzeln zum heiligen Abendmahl einladen? Er wagt es nicht.
Wenn der Ritus nicht von lebendiger Herzensliebe erwärmt wird, der hohle, trockene, knarrende Formalismus ist viel zu leer, als daß der Prediger einem Mann von Geist und Energie ins Auge schauen und die Einladung unerschrocken aussprechen könnte. Was kann er dem frechen Lästerer auf der Straße erwidern? Der Lästerer sieht ja Furcht im Gesicht, in den Bewegungen, im Gange des Geistlichen!
Ich will hier aufrichtig sprechen und meine Aufrichtigkeit nicht durch irgend welche Ungerechtigkeit gegen brave Männer beflecken. Ich kenne und ehre die Reinheit und strenge Gewissenhaftigkeit zahlreicher Mitglieder des Klerus.
Das geringe Leben, das dem öffentlichen Gottesdienst überhaupt noch innewohnt, verdankt er der weit verstreuten Schar frommer Männer, die, wenn sie auch bisweilen mit allzugroßer Zärtlichkeit die Lehren der Vorfahren acceptieren, doch aus sich selbst das echte Feuer sittlicher Impulse geschöpft haben und uns so durch die Heiligkeit ihres Charakters noch immer zu Liebe und Ehrfurcht zwingen. Noch mehr, diese Ausnahmen sind nicht so sehr in wenigen hervorragenden Predigern zu suchen, als in den besseren Augenblicken, in der wahren Begeisterung eines jeden – ja in den aufrichtigen Stunden jedes einzelnen Menschen. Aber wie viel Ausnahmen es auch geben mag, es bleibt dennoch wahr, daß alles Predigen in diesem Lande ein traditionelles Gepräge zeigt, daß es aus dem Gedächtnis und nicht aus dem Herzen kommt; daß die Prediger nach dem Üblichen und nicht nach dem Notwendigen und Ewigen streben, und daß so das historische Christentum das Predigeramt seiner Macht beraubt, indem es ihm die Erforschung der sittlichen Natur des Menschen entzieht, in der allein das Erhabene gefunden werden kann, in der allein die Quellen der Verwunderung und der Macht liegen. Es läßt sich gar nicht sagen, welch grausames Unrecht hierdurch gegen jenes »Gesetz« begangen wird, das die Wonne der ganzen Erde ist, jeden Gedanken reich und wertvoll machen kann, jenes Gesetz, gegen dessen verhängnisvolle Sicherheit die astronomischen Kreise nur als schwächliche Nachahmungen erscheinen, und das auf diese Weise travestiert und entwertet, von anderen aber verschrien und angeheult wird – während kein Zug, kein Wort desselben klar verkündet wird. Die Kanzel, die dieses Gesetz aus dem Auge verloren, verliert ihren ganzen Sinn und hascht, sie weiß selbst nicht, wonach! Und weil dieser Geist fehlt, wird die Gemeinde der Sache müde und glaubenslos.
Das Volk verlangt nach nichts so sehr wie nach einer hohen, ernsten, stoischen, christlichen Lehre, damit es sich selber und die durch seine Seele redende Gottheit kennen lerne. Heute schämt der Mensch sich seiner selbst, er schleicht und kriecht durch die Welt, froh, wenn er geduldet oder bemitleidet wird, und kaum einmal in tausend Jahren wagt es ein Mensch, weise und gut zu sein und damit die Thränen und den Segen seines Geschlechtes nach sich zu ziehen.
Gewiß hat es Zeiten gegeben, in welchen der Geist auf dem Gebiete gewisser Wahrheiten keine Thätigkeit entfaltete und infolgedessen ein größerer Glaube an Namen und Personen möglich war. Die Puritaner in England und Amerika fanden in dem Christus der katholischen Kirche und in den von Rom ererbten Dogmen Spielraum für ihre strenge Frömmigkeit und ihre Sehnsucht nach politischer Freiheit – aber ihr Glaube schwindet täglich mehr dahin, und kein anderer erhebt sich an seiner Statt. Ich glaube, kein Mensch, der nicht ganz gedankenlos ist, kann in eine unserer Kirchen gehen, ohne zu fühlen, daß aller Einfluß, den der öffentliche Gottesdienst einst auf die Seelen der Menschen hatte, dahin ist oder dahin schwindet.
Er hat seine Macht über die Liebe der Guten und die Furcht der Schlechten verloren. Auf dem Lande fallen halbe Sprengel ab. Es scheint beinahe schon ein Zeichen von Charakter und wahrer Religiosität zu sein, wenn ein Mensch den gewöhnlichen religiösen Versammlungen fern bleibt. Ich habe einen wahrhaft frommen Menschen, der den Sabbath hielt, in der Bitterkeit seines Herzens ausrufen hören: »Es scheint schon Sünde zu sein, am Sonntag in die Kirche zu gehen!« Und das Motiv, das die Besten noch hinführt, ist heute nur mehr Hoffnung und Erwartung. Was einst nur zufällig war, daß die Besten und Schlechtesten der Gemeinde, Arme und Reiche, Bildung und Unwissenheit, Jung und Alt sich an einem Tage als Brüder in einem Hause trafen, zum Zeichen der Gleichberechtigung der Seelen, das ist heute ein hervorragendes Motiv geworden, überhaupt noch dahin zu gehen.
In diesen zwei Irrtümern, meine Freunde, glaube ich die Gründe des Verfalls der Kirche und eines verheerenden Unglaubens zu finden. Und welches größere Unheil kann eine Nation treffen als der Verlust des Glaubens? Dann verfällt alles. Der Genius verläßt den Tempel, um sich im Senat oder auf dem Markt niederzulassen. Die Litteratur wird frivol, die Wissenschaft kalt. Das Auge der Jugend wird nicht mehr von der Hoffnung auf eine andere Welt erleuchtet – und dem Alter wird keine Ehre mehr zu teil. Die menschliche Gesellschaft lebt nur mehr für jämmerliche Kleinigkeiten, und wenn die Menschen sterben, sind sie keiner Erwähnung wert.
Und nun, meine Brüder, werdet ihr fragen: Was können wir in diesen kleinmütigen Tagen thun? – In unserer Klage über die Kirche ist auch das Heilmittel schon ausgesprochen. Wir haben die Kirche dem Geiste entgegengesetzt. Nun denn, im Geiste liegt die Erlösung. Wo ein Mann auftritt, bringt er eine Revolution mit sich. Das Alte ist für Sklaven. Wenn ein Mann auftritt, werden alle Bücher lesbar, alle Dinge durchsichtig, alle Religionen zu Formen. Nur er ist religiös. Er ist es, der Wunder wirkt, der unter Wundern geschaut wird. Alle anderen Leute segnen und fluchen; er aber sagt nur: Ja, ja; nein, nein. Die Starrheit unserer Religionen; die Annahme, daß die Zeit der Inspiration vorüber und die Bibel abgeschlossen sei; die Furcht, Jesus herabzusetzen, wenn man ihn als Menschen auffaßt: alles dies zeigt klar genug, wie falsche Wege unsere Theologie wandelt.
Des wahren Predigers Aufgabe ist es, uns zu zeigen, daß Gott ist, nicht daß er war; daß er spricht, nicht daß er gesprochen hat. Das wahre Christentum – ein Glaube an die Unendlichkeit des Menschen, wie der Christi war – ist verloren gegangen. Kein Mensch glaubt an den Geist des Menschen, sondern an irgend einen alten längst erloschenen Stamm, irgend eine alte längst verstorbene Persönlichkeit. Weh‘ mir! Kein Mensch mehr geht allein. Alle strömen herdenweise zu diesem oder jenem Heiligen oder Poeten und meiden den Gott, der in das Verborgene schaut. Sie, die im Verborgenen nichts sehen können und lieber auf den Straßen blind sind: sie halten die Gesellschaft für klüger als ihre Seele und wissen nicht, daß eine Seele – ihre Seele weiser ist als alle Welt. Siehe, Nationen und Rassen fliehen vorüber und versinken im Meer der Zeit, und kein Wellenringlein zeigt die Stelle, auf der sie fluteten oder sanken, und eine große Menschenseele läßt die Namen Moses, Zeno oder Zarathustra für immer ehrwürdig erscheinen. Kein Mensch hat den ernsten Ehrgeiz, das Selbst der Nation und der Natur zu sein, sondern jeder möchte gern ein bequemer Nachtreter irgend eines christlichen Systems, irgend einer Sekte oder irgend eines hervorragenden Mannes sein. Laßt nur einmal eure eigene Gotteserkenntnis, euer eigenes Gefühl fahren und empfanget Lehre aus zweiter Hand, sei es vom Apostel Paulus, von George Fox oder Swedenborg – und ihr entfernt euch mit jedem Jahre, daß diese Religion aus zweiter Hand währet, weiter von Gott, und wenn dies, wie jetzt, durch Jahrhunderte andauert, dann gähnt der Abgrund zuletzt so weit, daß die Menschen kaum mehr glauben wollen, daß irgend etwas Göttliches in ihnen ist.
So ermahne ich euch denn vor allem anderen, allein zu gehen, alle guten Vorbilder zu verschmähen, selbst diejenigen, die den Menschen noch so geheiligt erscheinen, und Gott ohne Mittler, ohne Schleier zu verehren.
Ihr werdet Freunde genug finden, die euch Wesleys und Oberlins, Heilige und Propheten zur Nacheiferung empfehlen werden. Dankt Gott für diese guten Leute, aber sprecht: Auch ich bin ein Mensch. Kein Nachahmer kann sein Vorbild überflügeln, und so verdammt sich der Nachahmer selbst zu hoffnungsloser Mittelmäßigkeit. Der Erfinder durfte dies thun, weil es für ihn das Natürliche war und darum an ihm voll Reiz erschien. Dem Nachahmer wäre etwas anderes naturgemäß, und er beraubt sich seiner eigenen Schönheit, um die eines anderen nicht zu erreichen.
Du, der du ein neugeborener Sänger des heiligen Geistes bist, wirf alle Form und Konformität von dir und führe die Menschen gerade zu Gott. Sieh vor allem und einzig darauf, daß Mode, Sitte, Autorität, Genuß und Geld dir als nichts erscheinen – damit sie nicht Binden über deine Augen seien, die dich am Sehen hindern – sondern lebe mit dem Vorrecht des unendlichen Geistes! Seid nicht allzu erpicht darauf, daß ihr alle Familien und jede Familie in eurer Gemeinde regelmäßig besuchet, aber wenn ihr einem Manne oder einem Weibe aus derselben auf der Straße begegnet, dann seid für sie ein geistlicher Mensch! Seid für sie Gedanke und Sittlichkeit, möge ihr schüchternes Streben in euch einen Freund finden, wo ihre unterdrückten, verachteten Triebe durch euch in eure Atmosphäre geleitet werden, – lasset ihre Zweifel fühlen, daß auch ihr einst gezweifelt habt, laßt ihre Verwunderung merken, daß auch ihr euch verwundert habt. Vertrauet eurem eigenen Herzen, und ihr werdet auch zu anderen Vertrauen haben. Denn trotz all unserer Pfennigweisheit, trotz der geisttötenden Sklaverei, in der uns die Gewohnheit hält, ist es zweifellos, daß alle Menschen erhabener Gedanken fähig sind, daß alle die wenigen wirklichen Stunden ihres Lebens schätzen, daß alle gehört werden wollen, daß sie sich gerne zur Höhe, zur Erkenntnis des Gesetzes emporheben lassen. Wie leuchtende Punkte sind in unser Gedächtnis die wenigen Begegnungen eingeprägt, die wir auf dem öden Pfade der Gewohnheit und der Sünde mit Menschen hatten, die unsere Seele weiser und besser machten, die aussprachen, was wir dachten, die uns sagten, was wir wußten, die uns das zu sein gestatteten, was wir innerlich sind. Erfüllt den Menschen gegenüber wahrhaft eure priesterliche Pflicht, und ihre Liebe wird euch wie ein Engel auf allen euren Wegen folgen.
Und darum hüten wir uns, nach gemeinem Verdienst zu streben! Können wir nicht anderen, die sie lieben, die Tugend überlassen, die für das Lob der Menschen glitzert, und uns selbst in die tiefe Einsamkeit absoluten Könnens und Wertes zurückziehen? Was die Gesellschaft an Sittlichkeit von uns fordert, das können wir leichtlich leisten. Das Lob der Gesellschaft ist billig zu haben, und die meisten Menschen sind mit diesem leichten Verdienst zufrieden, aber die erste Folge des wirklichen Verkehrs mit Gott ist, diese Verdienste abzuthun.
Es giebt Menschen, die keine Schauspieler, keine Redner sind, sondern »Influenzen,« Menschen, die zu groß sind für den Ruhm, zu groß für irgend eine Schaustellung, die auf alle Beredsamkeit verzichten, denen alles, was wir Kunst und Künstler nennen, zu nahe mit Schein und Nebenzweck verbunden ist und allzusehr zur Überschätzung des Endlichen und Selbstsüchtigen auf Kosten des Allgemeinen zu führen scheint. Redner, Dichter und Feldherren imponieren uns wie schöne Frauen, nur wenn wir es ihnen gestatten und ihnen huldigen. Wenn euer Geist des Hohen voll ist, dann dürft ihr auch sie gering achten; wenn ihr nach großen, für die ganze Welt bedeutsamen Zielen strebet, dann fühlen sie sogleich, daß ihr das Recht dazu habt, und daß ihr Licht erst an zweiter Stelle leuchtet. Sie fühlen euer Recht, weil sie gleich euch vom Strome des allwissenden Geistes empfangen haben, vor dessen leuchtender Mittagshelle all die kleinen Nuancen und Grade des Intellekts der Weisen und Weisesten zunichte werden.
In solch hoher Gemeinschaft laßt uns die großen Züge und Zeichen des Rechten erlernen: eine mutige Menschenliebe, völlige Unabhängigkeit von unseren Freunden, sodaß auch nicht die ungerechtfertigten Wünsche derer, die uns lieben, unsere Freiheit einschränken, sondern wir um der Wahrheit willen der reichsten Güte widerstehen können und für uns eine vertrauende Sympathie im voraus fordern, die erst unsere Zukunft rechtfertigen wird, und vor allem anderen – und dies ist die höchste Form, in der wir dies schöne Element schauen können – eine gewisse Festigkeit in unserem Rechtthun, die mit der Meinung der Leute nichts zu thun hat – eine so essentielle, offenbare Sittlichkeit, daß sie unwiderstehlich das Richtigere, Mutigere, Hochherzigere erwählen muß und kein Mensch daran denkt, sie erst zu loben oder zu rechtfertigen. Einem Narren mag man Komplimente machen, wenn er einmal was Rechtes thut, aber niemand wird einen Engel darum loben. Das Schweigen, welches eine verdienstvolle Handlung als das Selbstverständlichste in der Welt hinnimmt, ist der höchste Beifall. Solche Seelen – wenn sie erscheinen – sind die kaiserliche Garde des Sittlichen, seine ewige Reserve und die Diktatoren des Schicksals. Man braucht ihren Mut nicht zu loben – sie sind Herz und Seele der Natur. O, meine Freunde, es giebt Quellen in uns, an denen wir noch nicht geschöpft haben! Es giebt Menschen, die sich neu gekräftigt erheben, wenn sie eine Drohung hören; Menschen, denen eine Lage, die alle anderen einschüchtert und lähmt, die nicht Klugheit und Erwerbsfähigkeit, sondern Verständnis, Unbeweglichkeit und Opferfähigkeit fordert, anmutig wie eine geliebte Braut erscheint. Napoleon sagte zu Massena, er sei erst dann ganz er selbst, wenn die Schlacht sich gegen ihn zu wenden anfinge; wenn die Toten in Reihen um ihn fielen, dann erwachte sein Geist, seine Kombinationen, dann zog er Schrecken und Sieg wie ein Feldherrnkleid an. Und so zeigt sich der Engel erst in den rauhesten Proben, in der unermüdlichsten Ausdauer, in Bestrebungen, bei denen menschliche Sympathie nicht mehr in Frage steht. Aber das sind Höhen, deren wir kaum gedenken, zu welchen wir kaum emporschauen können, ohne Scham und Zerknirschung zu empfinden. Laßt uns Gott danken, daß es solche Dinge giebt.
Und nun laßt uns thun, was wir können, um das erstickte, nahezu erloschene Feuer auf dem Altar zu neuen Flammen anzufachen. Die Übel, an denen die heutige Kirche krankt, liegen klar zu Tage; und wieder drängt sich die Frage auf: Was sollen wir thun? Ich gestehe, daß mir alle Versuche, einen neuen Kultus zu entwerfen und einzurichten, mit neuen Formen und neuem Ritus, eitel erscheinen. Der Glaube macht uns, nicht wir den Glauben, und jeder Glaube schafft sich seine eigenen Formen.
Alle Versuche, ein System zu schaffen, sind kalt wie der neue Dienst, den die Franzosen seinerzeit für die Göttin der Vernunft eingeführt haben – heute Pappendeckel und Filigran, morgen unter Wahnsinn und Mord zu Boden gestürzt. Eher wird es euch möglich sein, den schon bestehenden Formen den Atem neuen Lebens einzuhauchen. Wenn nur ihr erst lebendig seid, werden auch sie neu und plastisch werden. Das Heilmittel gegen ihre Entartung ist erstens Geist und zweitens Geist und immer wieder lebendiger Geist.
Ein ganzes Papsttum von Formen kann ein Pulsschlag sittlichen Ernstes vom Boden erheben und neu beleben. Das Christentum hat uns zwei unschätzbare Güter gebracht: erstens den Sabbath, den Jubeltag der ganzen Welt, dessen willkommenes Licht in gleicher Weise in die Zelle des Philosophen, in die Dachkammer der Arbeit und in die Kammern des Kerkers bricht und selbst die Niedrigsten an die Würde geistigen Seins erinnert. Er soll uns bleiben als ein Tempel, den neue Liebe, neuer Glaube, neue Anschauungen mit einem helleren Glanze denn vorher schmücken sollen. Und zweitens die Institution der Predigt – der Rede von Mensch zu Menschen, des biegsamsten, ausdrucksvollsten aller Werkzeuge. Was hindert euch, jetzt und überall auf der Kanzel, in Hörsälen, im Hause und auf den Feldern, wo immer die Aufforderung der Menschen oder die Gelegenheit euch hinführt, die volle Wahrheit zu sagen, die euer Leben und Gewissen euch gelehrt, und die erwartungsvollen verzagenden Menschenherzen mit neuer Hoffnung, neuer Offenbarung zu trösten?
Ich harre der Stunde, wo jene höchste Schönheit, die dereinst die Seelen jener Männer des Ostens, vornehmlich jener Hebräer entzückte und hinriß und durch ihren Mund Weisheitslehren für alle Zeiten verkündete, auch im Westen sprechen wird! Die hebräischen, die griechischen Schriften enthalten unsterbliche Aussprüche, die das Brot des Lebens für Millionen gewesen sind: aber sie haben keine epische Integrität; sie sind fragmentarisch; man vermißt die stetige Folge.
Ich harre des neuen Lehrers, der diesen leuchtenden Gesetzen so weit zu folgen imstande sein wird, daß er sieht, wie sie sich zum vollen Kreise schließen; der die vollkommene Anmut ihrer Kreise schauen wird, der da die Welt als Spiegel der Seele erkennen, die Identität des Gravitationsgesetzes mit der Reinheit des Herzens wahrnehmen wird, der da zeigen wird, daß das Soll, die Pflicht eins ist mit der Wissenschaft, mit der Schönheit, mit der Freude!

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Ralph Waldo Emerson: Essays
Eine Vorlesung gehalten vor den Studenten der Theologie des Divinity-College zu Cambridge.

Autor: Ralph Waldo Emerson
Titel: Essays. Erster Teil – 1930
Verlag: Otto Hendel Verlag
Übersetzer: Karl Federn

Frédéric Boutet • Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

Frédéric Boutet • Der wahre Sieg [1926]

»Und ich kämpfte verzweifelt mit dem schrecklichen Azraël – –«
Edgar Allan Poe: – Ligeia

Es war in der Nacht; auf dem einsamen Kai schritt ein tief von einem schwarzen Mantel umhüllter Wanderer den Fluß entlang.
Rechts am Fuße der das Ufer begleitenden Mauer entlang floß das Wasser tief und ruhig wie das eines Kanals dahin. Hier und dort stieg eine schräg herabführende Treppe zu dem Fluß hinunter. Von den verankerten Schiffen leuchteten Stocklaternen wie rote Sterne. Das gegenüberliegende Ufer war nur durch die entfernten Flecke gelblich brennender Laternen und einiger erleuchteter Fenster unsichtbarer Häuser erkennbar.
Links wurde der große Kai durch alte Herrenhäuser begrenzt. Ihre Fassade war grau, ihre Türen mit eisernen Riegeln versichert; die meisten der hohen, schmalen Fenster waren düster oder durch Läden geschlossen, nur selten drang ein Lichtschimmer durch die dichten Vorhänge oder die Spalten der Jalousien, hier und dort nur sah man in ein halberleuchtetes feierliches Zimmer mit ernsten Ahnenbildern und altmodisch geschweiften schweren Eichenmöbeln. Die Mehrzahl dieser alten Patrizierhäuser waren von sie untereinander trennenden Gärten umgeben, über deren zerfallende Mauern die Äste der Bäume neugierig auf den Vorübergehenden zu blicken schienen. Von eisernen Trägern herabhängende Laternen verbreiteten ein mattes Licht. Hier und da verriet das über der Tür angebrachte Wappenschild sowie die vornehm großen Verhältnisse eines Gebäudes, daß dies das Stammhaus einer der edelsten Familien der alten Stadt sei.
Die Nacht war herabgesunken; es war eine neblige, kalte Novembernacht, die bleifarbenen Wolken jagten wie eine vom Sturmwind getriebene phantastische Herde über den düsteren Himmel.
So lag dieser alte Stadtteil geheimnisvoll und in ungestörter tiefer Ruhe im Schatten der Nacht.
Dem schnell dahinschreitenden einsamen Wanderer schienen dies alles längst bekannte Dinge zu sein, er beschleunigte seinen Gang noch mehr. Jetzt überschritt er eine Brücke und blieb dann vor der Schwelle eines schmalen Hauses stehen, dessen mit Eisenzierat geschmückte Tür er mit einem Schlüssel öffnete. Er betrat einen geräumigen Flur, der durch eine von der Decke hängende rötlich schimmernde Lampe erhellt war. Im Hintergrund erhob sich eine breite Treppe mit bequemen Stufen. Er stieg hinauf und erreichte die dritte und letzte Etage des Hauses. Vor einer mit feinen Holzskulpturen geschmückten gewölbten Tür, über der eine Lampe brannte, angekommen, klopfte er dreimal. Ein Augenblick verstrich. Er klopfte noch einmal und nahm, als er aus dem Innern das Geräusch schlürfender Schritte vernahm, Hut und Mantel ab. Das matte Licht der Lampe fiel auf sein Gesicht, es war sehr bleich, während die Augen, die Augenbrauen, der Bart und das Haar tiefschwarz waren. Jetzt wurde in der Tür ein kleines Guckfensterchen geöffnet, und dann vernahm man das Geräusch zurückgezogener Riegel und Ketten.
Er trat ein; vor ihm stand eine alte Frau, die einen Beguinenmantel und ein Kleid aus grobem Wollstoff trug. Sie nahm dem Ankömmling Hut und Mantel ab; er war ganz schwarz gekleidet, und an seinen weißen Händen, von denen er die Handschuhe abzog, funkelten reich mit kostbaren Steinen gezierte Ringe.
Er strich das lange, über seine Stirn fallende schwarze Haar zurück und sah die Alte fragend an.
»Ja«, sagte die alte Frau, »ja, sie harrt Ihrer in ihrem Leichentuch. Aber warum soll ich Ihnen das jedesmal wiederholen? Ach, wissen Sie denn nicht, daß sie Ihrer immer in ihrem Leichentuch harrt? Daß sie immer bereit ist, und daß ich armes altes Weib sie immer dazu vorbereite, wofür ich ganz gewiß jahrhundertelang in der Hölle schmachten muß, in die Sie aber auch unbedingt kommen … Aber wer vermöchte Ihnen zu widerstehen … und warum sage ich Ihnen das? Sie hören ja kaum auf meine Worte … Nehmen Sie sich aber in acht – es könnte sich doch ereignen, daß dieses Spiel eines Tages zur vollen Wahrheit würde.«
Ohne ihrer Rede auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, ging der Gast an der Alten vorbei. Er begab sich in ein kleines Toilettenzimmer, dessen Spiegelwände durch hohe Wachskerzen erhellt wurden. Er entkleidete sich, legte ein langes Gewand von weicher, schwarzer Seide an, parfümierte sich und verließ das Gemach.
Er schien in großer Aufregung zu sein, denn er war noch bleicher als vorher; er preßte die Lippen fest aufeinander, und seine Hände zitterten. Das Opium, das er, ehe er hierher gekommen, genommen hatte, übte seine Wirkung aus, verwirrte sein Gehirn und erfüllte ihn mit glühend-phantastischer Begierde.
Jetzt befand er sich in einem viereckigen Zimmer, das mit großen Diwans und Möbeln von Ebenholz ausgestattet war. Mattlila, mit silbernen Blumen bestickte Seide bekleidete Wände und Decke, und auch die Fenster und Tür verhängenden Vorhänge bestanden aus demselben Stoff. Rechts stand ein großer Spiegel, links eine Standuhr, die jedoch nicht ging; große Bronzevasen waren mit Rosen gefüllt. Der den Fußboden bedeckende Teppich entsprach der Farbe und dem Muster der Draperien. Auf einer Konsole stand eine mit mattlila und rosa Schleiern verhangene Lampe, die ein dämmriges Licht verbreitete.
Der Mann ging dem Hintergrund des Zimmers zu, schob die Vorhänge auseinander und enthüllte einen tiefen, mit weißem Sammet ausgeschlagenen Alkoven, der beinahe ganz von einem Bett von Elfenbein eingenommen wurde, dessen Spitzenkissen, Seidendecke und Batistlaken von makelloser Weiße und Reinheit waren.
Auf diesem Bett lag eine junge Frau von überraschender Schönheit.
Die schneeweiße Seidensteppdecke war bis unter die Brust heraufgezogen, deren zarte Wölbung unter einer sie fest umschließenden Tunika von silberweißer Seide deutlich erkennbar war. Der schlanke Hals war von einer dreireihigen Perlenkette umgeben, ihr Haar von einer weißen Seidenbinde umhüllt, die auch das Gesicht umrahmte und dessen durchsichtige Blässe noch erhöhte. So lag sie starr, bewegungslos und mit gekreuzten Händen da; es schien, als ob kein Atemzug ihre Brust schwelle. Das Bett war mit weißen Rosen bestreut, auf ihrer Brust lag ein elfenbeinernes Kruzifix. Der milde Schein einer silbernen Nachtlampe fiel auf das schöne Weib. Die Luft des Alkovens war sehr warm und mit starken Wohlgerüchen erfüllt.
Der nächtliche Gast betrachtete die junge Frau, und ein ungeheurer Schmerz, der mit heißem sinnlichen Verlangen gepaart war, erfüllte seine Brust, denn seine Geliebte war über alle Begriffe begehrenswert, und sie bot das vollkommene Bild des Todes! Es schien, als ob diese langgeschnittenen Augen nie wieder ihre durchsichtigen Lider aufschlagen, als ob diese nicht ganz geschlossenen Lippen, hinter denen perlweiße Zähne schimmerten, sich nie mehr zum Kuß öffnen, die nackten von Perlen umwundenen Arme nie die gekreuzten Hände lösen könnten, um den zu umarmen, den sie liebte – den sie geliebt hatte.
Hatte sie nicht unter dem matten Schimmer dieser Lampe den letzten Seufzer ausgehaucht? Waren die über ihre Lager gestreuten Blumen nicht Todesblumen? Sollte sie nicht das auf ihrer Brust liegende Kruzifix mit in das Grab nehmen, hatte man sie nicht zu ihrer Vereinigung mit dem Todesengel geschmückt? Er warf sich vor dem Bett auf die Knie und ließ seine leidenschaftlichen Blicke auf der Geliebten ruhen. Die Wirkung des Opiums, die in dem Alkoven herrschende Hitze und der starke Duft erregten einen schwindelnden Taumel in ihm. Er verlor allmählich das Bewußtsein der Wirklichkeit. Eine tiefe Verzweiflung erfüllte sein Herz, während gleichzeitig ein glühendes sinnliches Verlangen in ihm erwachte, das mit jeder Sekunde wuchs. Er weinte. Er hatte eine der Hände des jungen Weibes erfaßt, er küßte und liebkoste ihren nackten Arm. Die Gefühle der Verzweiflung, der Liebe, der Wollust drängten auf ihn ein.
Jetzt hatte er die ihre Stirn und das Gesicht umgebende weiße, ihre schwarzen Locken verhüllende Seidenbinde gelöst. Er betrachtete dieses schöne Gesicht und eine plötzliche Hoffnung erfüllte sein Herz, eine Hoffnung, die zugleich sein sinnliches Verlangen erhöhte und in ihm den frevelhaften Wunsch erweckte, die Geliebte sofort zu besitzen. Er warf sich neben sie auf das Lager, er küßte ihre leicht geöffneten Lippen, er umschlang leidenschaftlich den holden zarten Körper. Ihre gelösten Locken fielen über die Spitzen ihres Kissens und die aufgerissene Tunika enthüllte ihre geheime Schönheit. Er dachte »Was kümmert mich das Morgen? In dieser Nacht noch ist sie schön, sie gehört mir ganz, und ich liebe sie so sehr, daß ich den Tod besiegen werde.«
Und in einem wollüstigen, durch die Wirkung des Opiums erhöhten Delirium besaß er sie. Da geschah es, daß sich ihre Lippen leise öffneten, um seine Küsse zu erwidern, daß sie ihre Arme ausstreckte, um ihn liebevoll zu umfangen, daß wollüstige Tränen sich durch ihre Wimpern stahlen und daß ihre großen klaren Augen sich weit öffneten! Und ihr ganzer göttlich schöner Leib hauchte einen berückenden Liebesduft aus.
Der Mann aber, als er das Leben unter seinen glühenden Küssen erwachen fühlte, gab sich einer schrankenlosen Wollust hin. Ein unerhörter Stolz machte seine Brust schwellen, er dachte:
»Meine Liebe ist es, die sie aus dem Grab gerettet hat. Noch einmal habe ich sie zum Leben erweckt! Noch einmal! – Ich bin Herr des Todes. –«

Und wie in dieser Nacht, so hatte dieser Mann es schon viele Nächte lang getrieben. Trunken von Opium, war er in diesen weißen Alkoven gedrungen, wo das arme junge Weib im ganzen Glanz ihrer Jugend und Schönheit wie eine Tote aufgebahrt lag und seinem Kuß entgegenharrte. Er wiederholte dieses seltsame Spiel noch mehrere Male, denn es war erst am letzten Abend dieses Jahres, daß er zum letzten Male kam.
Es schneite, und die Nacht war sehr dunkel. Die weichen Schneeflocken hüllten alles in jungfräuliches Weiß. Sie stürzten sich lautlos in das schwarze Wasser des Flusses, der still wie ein Kanal dahinglitt. Tiefe Ruhe lagerte über dem alten Stadtteil.
Er schritt durch das Schneegestöber hin; das Opium, das er heute besonders reichlich genossen hatte, ließ seltsame Visionen vor ihm erstehen.
Er überschritt die Brücke, drang in das Haus, ging die Treppe hinauf. Er klopfte und wurde wie gewöhnlich von der alten Frau eingelassen. Sie schien angsterfüllt und aufgeregter als gewöhnlich zu sein. Aber der nächtliche Gast war so von seinen Gedanken eingenommen, daß er dies nicht bemerkte.
Sie sagte: »Was, Sie sind es? … Ich hoffte, daß Sie heute nicht kommen würden … Ich weiß nicht, warum ich dies hoffte, denn ich weiß sehr wohl, daß sie Sie in dieser Nacht erwarten sollte, und ich weiß auch, daß Sie dann immer kommen.
Aber heute dürfen Sie nicht zu ihr gehen … Sie liegt wie sonst aufgebahrt und in ihr Leichentuch gehüllt, bereit, zum Grabe geführt zu werden nur – daß sie heute abend wirklich tot ist. Sie ist vor ganz kurzer Zeit gestorben, ach, mein Gott, vor ganz kurzer Zeit! Und ich armes altes Weib habe sie aufgebahrt wie sonst, aber ach, sie und ich werden der ewigen Verdammnis anheimfallen, wenn ich Ihnen heute den Eintritt zu ihr gewähre. Und doch, ich weiß es, meine Worte sind vergebens … Sie hören mich gar nicht an und werden zu ihr gehen, denn wer könnte Ihnen widerstehen? Aber verstehen Sie wohl, was ich Ihnen sage, an diesem Abend ist es Wahrheit! –«
Er hörte wirklich nicht auf das, was die Alte sagte, und schritt an ihr vorüber. Sie blieb klagend zurück. Er betrat das lila Zimmer und schob die Vorhänge des Alkovens zurück. Alles war genauso geordnet, wie es sonst zu sein pflegte.
Das junge Weib ruhte, vom matten Schein der Silberlampe bestrahlt, regungslos wie eine auf einem Grab liegende marmorne Statue. Sie war bleich wie eine solche und ebenso unbeweglich. Sie war so, wie er sie immer gefunden hatte. Wenn ihre Lippen weniger rosig, ihre Augenlider noch weißer, ihre nackten Arme, trotz der drückend heißen, mit Wohlgerüchen geschwängerten Luft, kälter waren als sonst, so bemerkte ihr Geliebter dies nicht. Und er tat, wie er immer getan, er suchte und fand zuerst eine tiefe Verzweiflung und dann wurde er von glühendem Verlangen erfaßt.
Sie lag in seinen Armen, er bedeckte sie mit glühenden Küssen. – Aber er versuchte vergebens, seine Lippen mit diesem bleichen Mund zu vermählen, sie wollten sich nicht öffnen. Vergebens bedeckte er ihren schönen Körper mit wollüstigen Liebkosungen, sie zitterte nicht, und ihre Arme wollten sich nicht um ihn schlingen. Die durchsichtigen Augenlider hafteten fest auf den großen blauen Augen, ihre kleinen Füße waren kalt wie Eis. Ihre Glieder wurden immer steifer, kälter und schwerer, und ihrer Schönheit blieb unwiderruflich der Stempel des Todes aufgedrückt, des Todes, den sie den perversen Gelüsten dieses seltsamen Mannes zuliebe so oft simuliert hatte.
Vielleicht war es, weil er in dieser Nacht trotz seiner wollüstigen Liebkosungen sie nicht stark genug zu lieben wußte? Vielleicht, weil sie, die so oft den Tod gespielt, endlich neugierig darauf geworden war, ihn wirklich kennenzulernen oder auch, weil sie, des schrecklichen Spieles müde, wirklich starb, um demselben ein Ende zu machen – gewiß ist, daß der unglückliche Mann bald genug zu der Erkenntnis kam, daß die Worte der Alten, die er verachtet hatte, keineswegs trügerisch, sondern volle Wahrheit gewesen waren. Er erwachte aus seinem Taumel und erkannte nun erst, was wahre Verzweiflung und Schmerz über einen unersetzlichen Verlust bedeuten! Alles sinnliche Begehren war verlöscht und erstorben …
So geschah es, daß die letzten Fäden, die diesen Mann noch an das Leben knüpften, zerschnitten wurden. Er schob den Stein eines seiner Ringe zurück und nahm das furchtbare, sofort tötende Gift heraus, das darin verborgen war. Noch einmal umarmte er sie, die jetzt nicht mehr den Tod log … Er küßte die Lippen, die er so sehr geliebt hatte. Und sein müdes Haupt sank im letzten Taumel, der letzten Trunkenheit auf ihre nackte Brust …

Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

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Eine Erzählung von Frédéric Boutet aus dem Sammelband „Die Dame in Grün“.
Verlag Albert Langen Georg Müller Verlags GmbH – Übersetzung: Hanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus’m Werth

Frederic-Boutet- PorträtFrédéric Boutet (* 5. November 1874 in Bourges, Département Cher, Frankreich; † 31. Januar 1941 in Arcachon, Département Gironde, Frankreich) ist ein französischer Autor.
Seine Mutter zog mit ihm, nachdem sie Witwe geworden war, in das Zentrum von Paris. Dort lernte der junge Mann in den literarischen Cafés der Stadt unter anderem Oscar Wilde kennen und machte Bekanntschaft mit dem Symbolisten und den Dekadenten.

Im Alter von 24 Jahren gab Boutet im okkultistischen Pariser Verlag Chamuel eine Sammlung fantastischer, dekadenter Erzählungen mit dem Titel Contes dans la nuit heraus. In den folgenden Jahren veröffentlichte er im gleichen Verlag weitere groteske und dekadente Geschichten, von denen einige bereits den kommenden Surrealismus vorwegnahmen. Es erschienen danach zwei Kurzromane, die 1902 in einem Band gedruckt wurden.

1903 trat Boutet in die Redaktion des Français, der Abendausgabe der Tageszeitung Le Matin, ein. In den Folgejahren veröffentlichte er in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen Erzählungen und mehrere Romane. 1908 erschienen achtzehn seiner Geschichten aus dem Français mit dem Titel Histoires vraisemblables.

Auszeichnung: 1929: Prix du Président de la République der Société des gens de lettres für sein Lebenswerk.

Flieder für die reife Schönheit • Eine kurze Romanze • Oliver Simon

In der Straßenbahn. Köln. 

Eine reife Frau, schön, ausstaffiert und aufgetakelt. Ihr gegenüber, grün und unschuldig, ein junger Mann, dessen Hände Fliederzweige sanft behüten. Sie sieht ihn an. Er lächelt traurig einfältig: – Mein Gott, wie wird das heute wieder öde beim Geburtstag meiner Mutter. –

Die Dame hat sich nunmehr ganz entschleiert. Er ist hingerissen, starrt eine Weile, und reicht ihr wortlos all seine Zweige. Nun hat er nichts, für Mutter. Kein Präsent . . . Er wundert sich – die schöne Frau lässt ihren Tränen freien Lauf: Und die blassen Tropfen auf den Flieder wie Gelübde niedertauen.

Oliver Simon 2016

Eine Reise durch das Jenseits • Über den Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson

„Das Ende ist nur der Anfang“ heißt es im Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson.

This is the front cover art for the book What Dreams May Come written by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam's Sons, or the cover artist.
This is the front cover art (1978) for the book „What Dreams May Come“ by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam’s Sons, or the cover artist.

Chris Nielsen, ein angesehener Arzt, lernt seine Seelenverwandte, die Künstlerin Annie Collins kennen. Beide verlieben sich unsterblich ineinander, heiraten und gründen eine Familie. Nach einigen Jahren des wunderbaren Zusammenlebens steht ihrem Glück jedoch der Tod im Wege. Sowohl ihre beiden Kinder als auch Chris kommen ums Leben. Annie, die Künstlerin farbenfroher Bilder, sieht keinen Ausweg aus ihrem Kummer, als sich das Leben zu nehmen. Dafür landet sie in der Hölle. Interessant ist, dass Matheson die Hölle nicht als solche darstellt, wie man sie aus vielen Beschreibungen kennt. Die Hölle ist für ihn ein Ort, den man sich selbst mit eigenen Gedanken erschafft. Es ist ein Ort voller Finsternis und Kummer, aus dem man nicht herauskommen kann, solange man sich den Problemen nicht stellt und versucht gegen die eigenen Dämonen anzukämpfen. Man hält sich selbst in der Dunkelheit gefangen. Außer Annie existieren in der Hölle keine weiteren Gestalten. Das weist darauf hin, dass die Hölle dem eigenen Kopf entspricht, in dem sich das Unterweltszenarium abspielt. Tot ist man, wenn man für nichts mehr lebt.

In dem Roman wird häufig auf die eigene Gedankenwelt und Fantasie angespielt. Als Chris stirbt, erklärt ihm im Jenseits sein Sohn in Gestalt einer anderen Person, dass man sich sein Fortleben mit Fantasie selbst gestalten kann. So erschafft sich Chris das Paradies in den Farben, die Annie so gern für ihre Bilder benutzte, bunt und fröhlich. Damit ist er ihr auch nahe. Die Fantasie ermöglicht ihm auch zu fliegen und mit Annie, zu ihren Lebzeiten,  durch einen von ihr gezeichneten Baum zu kommunizieren. Auch seine Tochter trifft Chris im Himmel. Sie hat sich wie auch ihr Bruder einen anderen Körper für die weitere Existenz ausgesucht. An diese Stelle stellt der Autor ebenfalls dar, wie unsere Gedanken das Dasein steuern. Ihnen und auch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das Paradies und auch die Hölle schaffen wir uns selbst, sei es auf der Erde oder nach dem Tod.

Where is God in all of this? Foto: Raul - La busqueda del angel... Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.CC BY 2.0 - Quelle: https://en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)
Where is God in all of this? Foto: Raul – La busqueda del angel… – Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.- CC BY 2.0 – Quelle: en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)

Als Chris erfährt, dass Annie nicht mehr lebt, steht er unter Schock. Er erfährt, dass sie aufgrund ihres Selbstmordes in die Hölle kam. Unter allen Umständen will er zu ihr. Dies ist jedoch alles Andere als einfach, denn Annie ist durch ihre tiefe Trauer dazu verdammt, das Gute nicht mehr erkennen zu können. Aus der Hölle käme außerdem niemand mehr heraus. Trotz allen Warnungen, beschließt Chris für seine Liebe in die Unterwelt zu reisen. Auf dem Weg dahin begleitet ihn sein Sohn, der zu seinem weisen Fremdenführer im Jenseits geworden ist. Auf dem Weg zur Hölle erlebt ihr Schiff einen Sturm im unruhigen Gewässer, wo viele Seelen gefangen sind. Sie heulen, suchen nach der einzigen Rettung, strecken ihre Arme aus, um aus dem Sumpf des Kummers herausgeholt zu werden. Sie ertrinken quasi in ihrem Schmerz. Doch es gibt keinen Ausweg aus der Gefangenschaft für sie. Um in die Welt von Annie zu gelangen, muss Chris über die ertrinkenden Seelen laufen, unter denen er seinen Vater findet. Trotz all den Schmerzen verliert Chris sein Ziel nicht aus den Augen und betritt letztendlich den düsteren Raum, in dem sich Annie befindet. Er setzt sich zu ihr, spricht ihr Mut zu, doch leider kann sie ihn nicht erkennen. Er ist ihr fremd geworden. Er beschließt Annie nie mehr zu verlassen und für immer in ihrer Nähe zu bleiben. Damit verschreibt er sich der Hölle. Als letzten Versuch, seine Liebste aus der Unterwelt zu befreien, setzt er jedoch auf die Seelenverwandtschaft und berührt mit ihren gemeinsamen Erinnerungen Annies Innere. Er dankt ihr dabei für ihre Güte, ihr Äußeres, sodass er sie immer berühren wollte. Er dankt ihr für ihre Kinder und die gemeinsame Zeit, für die Bücher, die sie gemeinsam gelesen haben und ihre Liebe. Dies zeigt, dass es keinen anderen Reichtum als den der seelischen Erinnerungen und der Liebe gibt. Uns bleibt nach dem Tod nichts als die Seele und die Erinnerung an uns als guten oder schlechten Menschen seitens Anderer. So verhilft Annie das Licht und die Liebe, die sie zu ihren Lebzeiten hinterlassen hat, zur Errettung ihrer Seele. Dank Chris schafft sie es, sich von ihrem Kummer zu lösen und weiter für ihn und die Kinder in einer anderen Welt zu existieren.

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Am Ende bekommen die beiden jedoch die Möglichkeit eines Neuanfangs auf der Erde – wahrscheinlich als Dank für ihren Mut und Kampfgeist. Schließlich lernen sie sich auf der Erde neu kennen.

Durch den Tod und das damit verbundene Ende des Lebens auf der Erde entsteht die Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Reise durch die Zeit und das Jenseits bot dem Liebespaar sowie ihren Kindern die Möglichkeit der Erkenntnis. Dabei ging es vor allem darum, sich mithilfe der eigenen Gedanken und Fantasie eine schöne, bessere Realität zu verschaffen, die einem alles bieten kann, was man im Leben nicht hatte. Auf der Reise durch das eigene Paradies und die Hölle steht die freie Entfaltung der eigenen inneren Welt, der im Leben so oft viele Grenzen gesetzt werden. Auf der Erde und auch im Jenseits kann man jedoch ohne Liebe nichts Gutem begegnen. Dabei ist jede Form der geistigen Liebe gemeint. Sie ist der Schlüssel zu jeder Art des Glücks, Daseins und der Freiheit.

So wird die Erkenntnis dessen der Anfang für einen Neubeginn, für den es nie zu spät ist.

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Richard Matheson (2008) – Foto: JaSunni at PicasaWeb – Cropped from http://picasaweb.google.com/5chiaroscuro/JaSunni1#5286474707387070834 – CC BY-SA 3.0

Richard Burton Matheson (* 20. Februar 1926 in Allendale, New Jersey; † 23. Juni 2013 in Calabasas, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Drehbuchautor. Er veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Logan Swanson.

Matheson ist aus der Science-Fiction der fünfziger Jahre nicht wegzudenken. Obwohl aus Richtung Horror zum Genre stoßend entschloss er sich, den aufkommenden Science-Fiction-Boom zu nutzen und verstand es, sich abzeichnenden Trends anzuschließen und diese auch kommerziell für sich zu nutzen.

Seine andauernde Verbindung zum phantastischen Genre bewies er durch zahlreiche Drehbucharbeiten, vor allem mit seinen Edgar-Allan-Poe-Adaptionen für Roger Corman.

Sein Roman Das Ende ist nur der Anfang, Hinter dem Horizont. Matheson ist das Ergebnis intensiver Recherche über die Jenseitsvorstellungen verschiedener Religionen und Kulturen. Unter anderem beruft er sich hierbei auf den Theosophen Emanuel Swedenborg. Der Roman wurde 1998 mit Robin Williams verfilmt. Der Film Hinter dem Horizont bietet ausdrucksstarke Bilder, hat aber nur wenig von der Tiefe des Romans.

Für seinen Roman Bid Time Return (1975) erhielt den World Fantasy Award. Mathesons Roman Ich bin Legende wurde 2012 beim Bram Stoker Award mit dem Sonderpreis Vampire Novel of the Century Award ausgezeichnet.

Matheson starb 87-jährig im Juni 2013 in seinem Haus im kalifornischen Calabasas. – Quelle: wikipedia

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Randbemerkungen:

„I think Dreams May Come> is the most important (read effective) book I’ve written. It has caused a number of readers to lose their fear of death — the finest tribute any writer could receive. … Somewhere In Time is my favorite novel.“
„Ed Gorman Calling: We Talk to Richard Matheson“ (2004).

What Dreams May Come ist ein Spielfilm aus dem Jahre 1998. Er handelt von einem Mann der stirbt und sich in einem Himmel wiederfindet, der beeindruckender ist, als er sich das jemals erträumt hatte. Allerdings ohne seine Frau, die nach seinem Tod Selbstmord beging. Er entscheidet sich, sie zu suchen um sie zu sich in den Himmel zu holen. Dabei riskiert er, für immer in der Hölle zu schmoren.
Regie führte Vincent Ward. Drehbuch: Ronald Bass, basierend auf dem Roman von Richard Matheson.

After life there is more. The end is just the beginning. Taglines

Maria Aronov • Die Seele • Lyrik

G. Caillebotte - oarsmen -  1877
G. Caillebotte – oarsmen – 1877

Maria Aronov • Die Seele 

Ohne dich wär` jeder Körper leblos. Jede Zelle ergäbe keinen Sinn.
Du bist da und schenkst uns Leben, du ermöglichst erst des Glücks Beginn.
Wärst du weg, so wären wir gefangen, in der Dunkelheit der bösen Residenz,
du bist unsichtbar, doch heilig, bist vom Gott gegeben, hohe Eminenz.

Du allein kennst das Gute, Freude, Liebe und die Welt.
Der Körper ist dein Diener, den du hast für dich gewählt.
Du bist ihm ein Gebieter, denn du weist ihm des Lebens Gänge.
Er folgt dir überallhin, durch die ganze Lebenslänge.
Unterwegs durch Raum und Zeit lässt du uns so viel erkennen,
welche Menschen uns nicht mögen, welche sich zu uns bekennen.
Du lässt spüren uns das Gute, weckst in uns die Energie,
hilfst uns leben, machst uns heiter und bezwingst die Lethargie.

Eines Tages wird dein Diener zu `nem echten Herzensbruder.
Ihr sitzt in einem Boot, der Körper hält das Ruder.
Hand in Hand geht ihr durchs Leben. Helft euch da, wo es nur geht,
um so trauriger ist das Ende, weil die Zeit zu schnell verweht.
Irgendwann wird der Körper müde, du erkennst, das eure Trennung naht,
langsam fährt das Boot zum Ufer. Drumherum wird alles matt.

Schwer wird der Abschied sein, doch dein Kumpane ist zu alt.
Er kann dich nicht begleiten, bis zum Tor, dem nächsten Halt.
Wie schmerzhaft dieser Abschied ist, wie süß die Freundschaft war, wie weise!
Doch dein Freund hat ausgedient, allein machst du die nächste Reise.

Maria Aronov @ 2016

Willy Seidel • Der Tod und das Trapez • Ein kurz erzählter Schauer

Der große Abend ist da.

Trommeltusch rollt. Der Scheinwerfer speit zischend seinen Lichtkegel auf die Bühne. Sie sind in Weiß, die »Fife Smashing Beauties«; nur die Athletin Barbara trägt ein grellrotes Brusttrikot zu kokett gebauschter Schoßhose. Ihre weißbepuderten nackten Beine enden in roten Sandalen.
Es ist eine ungeheure lebende Blume aus bebendem Fleisch, die dort entfaltet prangt. Es ist, als streiche ein flauer Wind über ihre gespreizten Blätter, die aus drei Schenkelpaaren bestehen. Fast unmerklich schwankt das Gebilde, doch es steht! – Es steht!!
Rasselnder Atem dringt aus ihm hervor, gewürgter, – das ist die knirschende Selbstvergewaltigung von fünf Körpern. Die Blume wird zitronengelb, dann tintenblau, dann purpurn. In diesem Purpur wirkt Barbara fast schwarz. Dann ergrünen sie alle in einem fahlen Seegrün – und es pfeift ganz unten. Pfeift kurz und schrill.
Ein flimmerndes Insekt pendelt herab; läßt sich langsam nieder auf dem höchsten Blatt der Blume . . .
Was tut es dort? Es tastet, regt sich. Will es vordringen in den Kelch?
Immer noch brodelt dies fahle Seegrün auf der Gruppe.
Niklas sitzt auf den Fußballen, auf den Schenkeln Barbaras.
Er sieht, umrahmt vom blaugeäderten Fleisch zweier gestreckter Kniekehlen, das Kinn der Athletin und ihre pralle Unterlippe. Sein Blick taucht an einer weißen Männerbrust herab mit pulsierenden Muskeln. Und ganz unten sieht er schwärzlich beflaumte, grobe Finger, verhakt wie Greifzangen auf einem angekitteten Scheitel, dessen widerlich weiße Rinne sich über einem kantigen Hinterkopf bis in den Nacken windet. Zwei Ohrmuscheln stehen von ihm ab wie rote Trichter.
Die Augen des kleinen Niklas verengen sich zu schwarzen Ritzen.

Und er erhebt sich in den Handstand. Seine Hände greifen in das elastisch emporschwellende Fleisch; fast gewichtslos schleudert er seine schlanken hellbraunen Beine empor und biegt das Kreuz ein, daß die Pailletten des flimmernden Panzers knirschen.
Da pfeift es unten ein zweites Mal; halberstickt.
Niklas weiß, nun soll er wieder von dannen »schweben«; zum Trapez zurück; naschhaftes Insekt soll er sein; flüchtiger Falter.
Aber er tut es nicht. Er hält sich weiter im Handstand; ja, er tastet einen Zoll nach vorn, den blaugeäderten Kniekehlen Barbaras zu.
Sein glühender Blick sticht hinunter, in Borromeos Hinterkopf. Nervosität, dann Angst beginnen durch dessen Stiernacken zu zittern. Vor seinen blutunterlaufenen Augen, in qualvoller Bemühung halb emporgedreht, zerfließt das Publikum zu einer einzigen bleichen, verstörten Maske. »Nun hab‘ ich euch in der Hand«, denkt Niklas und Wollust durchschüttelt ihn. »Nun seid ihr mir ausgeliefert . . . ihr plumpen Tiere . . .«
Und statt sich vorsichtig wie ein Hauch wieder auf die Füße zu stellen, springt er und stößt sich ab; tritt mit Kraft in diese Doppelrundung hinein, in dies aufreizend und brutal geballte Fleisch; hängt wieder am Trapez und schwingt sich . . . schwingt sich mit schrillem Schrei . . .
Im schaukelnden Gesichtsfeld sieht er die Gruppe auseinanderpurzeln. Und inmitten der Katastrophe, dumpfen Publikumsaufschrei im Gefolge, geschieht ein Krach; ein kurz prasselnder Ton.
Es klingt, als ob man eine Kokusnuß zerspellt.
Es ist die Athletin Barbara, die sich überschlagen hat und mit ihrem ganzen Gewicht aus fast drei Metern Höhe auf Borromeos Nacken landet . . .
In einem rotbespritzten Brautbett, die mächtigen Glieder seltsam ineinander verankert, – so liegen die beiden da.
Die Trapezschaukel knarrt in immer gewaltigerem Schwung, als wolle sie das flimmernde Wesen bis zu den Sternen schleudern. Wie ein Geierschrei dringt es herab. – Noch hinter dem Vorhang, der im Tumult herabschießt, hört man diesen hellen, triumphierenden Schrei.

Stefan Zweig • Brief einer Unbekannten • Eine Novelle über unendliche Liebe, Hoffnung, Verlust & Sehnsucht

Stefan Zweig • Brief einer Unbekannten

Als der bekannte Romanschriftsteller R. frühmorgens von dreitägigem erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zurückkehrte und am Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum daß er das Datum überflog, erinnernd gewahr, daß heute sein Geburtstag sei. Der einundvierzigste, besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und nicht weh. Flüchtig überblätterte er die knisternden Seiten der Zeitung und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung. Der Diener meldete aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telephonanrufe und überbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post. Lässig sah er den Einlauf an, riß ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender interessierten; einen Brief, der fremde Schriftzüge trug und zu umfangreich schien, schob er zunächst beiseite. Inzwischen war der Tee aufgetragen worden, bequem lehnte er sich in den Fauteuil, durchblätterte noch einmal die Zeitung und einige Drucksachen; dann zündete er sich eine Zigarre an und griff nun nach dem zurückgelegten Briefe.
Es waren etwa zwei Dutzend hastig beschriebene Seiten in fremder, unruhiger Frauenschrift, ein Manuskript eher als ein Brief. Unwillkürlich betastete er noch einmal das Kuvert, ob nicht darin ein Begleitschreiben vergessen geblieben wäre. Aber der Umschlag war leer und trug so wenig wie die Blätter selbst eine Absenderadresse oder eine Unterschrift. Seltsam, dachte er, und nahm das Schreiben wieder zur Hand. » Dir, der Du mich nie gekannt«, stand oben als Anruf, als Überschrift. Verwundert hielt er inne: galt das ihm, galt das einem erträumten Menschen? Seine Neugier war plötzlich wach. Und er begann zu lesen:

Mein Kind ist gestern gestorben – drei Tage und drei Nächte habe ich mit dem Tode um dies kleine, zarte Leben gerungen, vierzig Stunden bin ich, während die Grippe seinen armen, heißen Leib im Fieber schüttelte, an seinem Bette gesessen. Ich habe Kühles um seine glühende Stirn getan, ich habe seine unruhigen, kleinen Hände gehalten Tag und Nacht. Am dritten Abend bin ich zusammengebrochen. Meine Augen konnten nicht mehr, sie fielen zu, ohne daß ich es wußte. Drei Stunden oder vier war ich auf dem harten Sessel eingeschlafen, und indes hat der Tod ihn genommen. Nun liegt er dort, der süße, arme Knabe, in seinem schmalen Kinderbett, ganz so wie er starb; nur die Augen hat man ihm geschlossen, seine klugen, dunkeln Augen, die Hände über dem weißen Hemd hat man ihm gefaltet, und vier Kerzen brennen hoch an den vier Enden des Bettes. Ich wage nicht hinzusehen, ich wage nicht mich zu rühren, denn wenn sie flackern, die Kerzen, huschen Schatten über sein Gesicht und den verschlossenen Mund, und es ist dann so, als regten sich seine Züge, und ich könnte meinen, er sei nicht tot, er würde wieder erwachen und mit seiner hellen Stimme etwas Kindlich-Zärtliches zu mir sagen. Aber ich weiß es, er ist tot, ich will nicht hinsehen mehr, um nicht noch einmal zu hoffen, nicht noch einmal enttäuscht zu sein. Ich weiß es, ich weiß es, mein Kind ist gestern gestorben – jetzt habe ich nur Dich mehr auf der Welt, nur Dich, der Du von mir nichts weißt, der Du indes ahnungslos spielst oder mit Dingen und Menschen tändelst. Nur Dich, der Du mich nie gekannt und den ich immer geliebt.
Ich habe die fünfte Kerze genommen und hier zu dem Tisch gestellt, auf dem ich an Dich schreibe. Denn ich kann nicht allein sein mit meinem toten Kinde, ohne mir die Seele auszuschreien, und zu wem sollte ich sprechen in dieser entsetzlichen Stunde, wenn nicht zu Dir, der Du mir alles warst und alles bist! Vielleicht kann ich nicht ganz deutlich zu Dir sprechen, vielleicht verstehst Du mich nicht – mein Kopf ist ja ganz dumpf, es zuckt und hämmert mir an den Schläfen, meine Glieder tun so weh. Ich glaube, ich habe Fieber, vielleicht auch schon die Grippe, die jetzt von Tür zu Tür schleicht, und das wäre gut, denn dann ginge ich mit meinem Kinde und müßte nichts tun wider mich. Manchmal wirds mir ganz dunkel vor den Augen, vielleicht kann ich diesen Brief nicht einmal zu Ende schreiben – aber ich will alle Kraft zusammentun, um einmal, nur dieses eine Mal zu Dir zu sprechen. Du mein Geliebter, der Du mich nie erkannt.
Zu Dir allein will ich sprechen, Dir zum erstenmal alles sagen; mein ganzes Leben sollst Du wissen, das immer das Deine gewesen und um das Du nie gewußt. Aber Du sollst mein Geheimnis nur kennen, wenn ich tot bin, wenn Du mir nicht mehr Antwort geben mußt, wenn das, was mir die Glieder jetzt so kalt und heiß schüttelt, wirklich das Ende ist. Muß ich weiterleben, so zerreiße ich diesen Brief und werde weiter schweigen, wie ich immer schwieg. Hältst Du ihn aber in Händen, so weißt Du, daß hier eine Tote Dir ihr Leben erzählt, ihr Leben, das das Deine war von ihrer ersten bis zu ihrer letzten wachen Stunde. Fürchte Dich nicht vor meinen Worten; eine Tote will nichts mehr, sie will nicht Liebe und nicht Mitleid und nicht Tröstung. Nur dies eine will ich von Dir, daß Du mir alles glaubst, was mein zu Dir hinflüchtender Schmerz Dir verrät. Glaube mir alles, nur dies eine bitte ich Dich: man lügt nicht in der Sterbestunde eines einzigen Kindes.
Mein ganzes Leben will ich Dir verraten, dies Leben, das wahrhaft erst begann mit dem Tage, da ich Dich kannte. Vorher war bloß etwas Trübes und Verworrenes, in das mein Erinnern nie mehr hinabtauchte, irgendein Keller von verstaubten, spinnverwebten, dumpfen Dingen und Menschen, von denen mein Herz nichts mehr weiß. Als Du kamst, war ich dreizehn Jahre und wohnte im selben Hause, wo Du jetzt wohnst, in demselben Hause, wo Du diesen Brief, meinen letzten Hauch Leben, in Händen hältst, ich wohnte auf demselben Gange, gerade der Tür Deiner Wohnung gegenüber. Du erinnerst Dich gewiß nicht mehr an uns, an die ärmliche Rechnungsratswitwe (sie ging immer in Trauer) und das halbwüchsige, magere Kind – wir waren ja ganz still, gleichsam hinabgetaucht in unsere kleinbürgerliche Dürftigkeit – Du hast vielleicht nie unseren Namen gehört, denn wir hatten kein Schild auf unserer Wohnungstür, und niemand kam, niemand fragte nach uns. Es ist ja auch schon so lange her, fünfzehn, sechzehn Jahre, nein, Du weißt es gewiß nicht mehr, mein Geliebter, ich aber, oh, ich erinnere mich leidenschaftlich an jede Einzelheit, ich weiß noch wie heute den Tag, nein, die Stunde, da ich zum erstenmal von Dir hörte, Dich zum erstenmal sah, und wie sollte ichs auch nicht, denn damals begann ja die Welt für mich. Dulde, Geliebter, daß ich Dir alles, alles von Anfang erzähle, werde, ich bitte Dich, die eine Viertelstunde von mir zu hören nicht müde, die ich ein Leben lang Dich zu lieben nicht müde geworden bin.
Ehe Du in unser Haus einzogst, wohnten hinter Deiner Tür häßliche, böse, streitsüchtige Leute. Arm wie sie waren, haßten sie am meisten die nachbarliche Armut, die unsere, weil sie nichts gemein haben wollte mit ihrer herabgekommenen, proletarischen Roheit. Der Mann war ein Trunkenbold und schlug seine Frau: oft wachten wir auf in der Nacht vom Getöse fallender Stühle und zerklirrter Teller, einmal lief sie, blutig geschlagen, mit zerfetzten Haaren auf die Treppe, und hinter ihr grölte der Betrunkene, bis die Leute aus den Türen kamen und ihn mit der Polizei bedrohten. Meine Mutter hatte von Anfang an jeden Verkehr mit ihnen vermieden und verbot mir, zu den Kindern zu sprechen, die sich dafür bei jeder Gelegenheit an mir rächten. Wenn sie mich auf der Straße trafen, riefen sie schmutzige Worte hinter mir her und schlugen mich einmal so mit harten Schneeballen, daß mir das Blut von der Stirne lief. Das ganze Haus haßte mit einem gemeinsamen Instinkt diese Menschen, und als plötzlich einmal etwas geschehen war – ich glaube, der Mann wurde wegen eines Diebstahls eingesperrt – und sie mit ihrem Kram ausziehen mußten, atmeten wir alle auf. Ein paar Tage hing der Vermietungszettel am Haustore, dann wurde er heruntergenommen, und durch den Hausmeister verbreitete es sich rasch, ein Schriftsteller, ein einzelner, ruhiger Herr, habe die Wohnung genommen. Damals hörte ich zum erstenmal Deinen Namen.
Nach ein paar Tagen schon kamen Maler, Anstreicher, Zimmerputzer, Tapezierer, die Wohnung nach ihren schmierigen Vorbesitzern reinzufegen, es wurde gehämmert, geklopft, geputzt und gekratzt, aber die Mutter war nur zufrieden damit, sie sagte, jetzt werde endlich die unsaubere Wirtschaft drüben ein Ende haben. Dich selbst bekam ich, auch während der Übersiedlung, noch nicht zu Gesicht: alle diese Arbeiten überwachte Dein Diener, dieser kleine, ernste, grauhaarige Herrschaftsdiener, der alles mit einer leisen, sachlichen Art von oben herab dirigierte. Er imponierte uns allen sehr, erstens weil in unserem Vorstadthaus ein Herrschaftsdiener etwas ganz Neuartiges war, und dann, weil er zu allen so ungemein höflich war, ohne sich deshalb mit den Dienstboten auf eine Stufe zu stellen und in kameradschaftliche Gespräche einzulassen. Meine Mutter grüßte er vom ersten Tage an respektvoll als eine Dame, sogar zu mir Fratzen war er immer zutraulich und ernst. Wenn er Deinen Namen nannte, so geschah das immer mit einer gewissen Ehrfurcht, mit einem besonderen Respekt – man sah gleich, daß er Dir weit über das Maß des gewohnten Dienens anhing. Und wie habe ich ihn dafür geliebt, den guten, alten Johann, obwohl ich ihn beneidete, daß er immer um Dich sein durfte und Dir dienen.
Ich erzähle Dir all das, Du Geliebter, all diese kleinen, fast lächerlichen Dinge, damit Du verstehst, wie Du von Anfang an schon eine solche Macht gewinnen konntest über das scheue, verschüchterte Kind, das ich war. Noch ehe Du selbst in mein Leben getreten, war schon ein Nimbus um Dich, eine Sphäre von Reichtum, Sonderbarkeit und Geheimnis – wir alle in dem kleinen Vorstadthaus (Menschen, die ein enges Leben haben, sind ja immer neugierig auf alles Neue vor ihren Türen) warteten schon ungeduldig auf Deinen Einzug. Und diese Neugier nach Dir, wie steigerte sie sich erst bei mir, als ich eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam und der Möbelwagen vor dem Hause stand. Das meiste, die schweren Stücke, hatten die Träger schon hinaufbefördert, nun trug man einzeln kleinere Sachen hinauf; ich blieb an der Tür stehen, um alles bestaunen zu können, denn alle Deine Dinge waren so seltsam anders, wie ich sie nie gesehen; es gab da indische Götzen, italienische Skulpturen, ganz grelle, große Bilder, und dann zum Schluß kamen Bücher, so viele und so schöne, wie ich es nie für möglich gehalten. An der Tür wurden sie alle aufgeschichtet, dort übernahm sie der Diener und schlug mit Stock und Wedel sorgfältig den Staub aus jedem einzelnen. Ich schlich neugierig um den immer wachsenden Stoß herum, der Diener wies mich nicht weg, aber er ermutigte mich auch nicht; so wagte ich keines anzurühren, obwohl ich das weiche Leder von manchen gern befühlt hätte. Nur die Titel sah ich scheu von der Seite an: es waren französische, englische darunter und manche in Sprachen, die ich nicht verstand. Ich glaube, ich hätte sie stundenlang alle angesehen: da rief mich die Mutter hinein.
Den ganzen Abend dann mußte ich an Dich denken; noch ehe ich Dich kannte. Ich besaß selbst nur ein Dutzend billige, in zerschlissene Pappe gebundene Bücher, die ich über alles liebte und immer wieder las. Und nun bedrängte mich dies, wie der Mensch sein müßte, der all diese vielen herrlichen Bücher besaß und gelesen hatte, der alle diese Sprachen wußte, der so reich war und so gelehrt zugleich. Eine Art überirdischer Ehrfurcht verband sich mir mit der Idee dieser vielen Bücher. Ich suchte Dich mir im Bilde vorzustellen: Du warst ein alter Mann mit einer Brille und einem weißen langen Barte, ähnlich wie unser Geographieprofessor, nur viel gütiger, schöner und milder – ich weiß nicht, warum ich damals schon gewiß war, Du müßtest schön sein, wo ich noch an Dich wie einen alten Mann dachte. Damals in jener Nacht und noch ohne Dich zu kennen, habe ich das erstemal von Dir geträumt.
Am nächsten Tage zogst Du ein, aber trotz allen Spähens konnte ich Dich nicht zu Gesicht bekommen – das steigerte nur meine Neugier. Endlich, am dritten Tage, sah ich Dich, und wie erschütternd war die Überraschung für mich, daß Du so anders warst, so ganz ohne Beziehung zu dem kindlichen Gottvaterbilde. Einen bebrillten gütigen Greis hatte ich mir geträumt, und da kamst Du – Du, ganz so, wie Du noch heute bist, Du Unwandelbarer, an dem die Jahre lässig abgleiten! Du trugst eine hellbraune, entzückende Sportdreß und liefst in Deiner unvergleichlich leichten knabenhaften Art die Treppe hinaus, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Den Hut trugst Du in der Hand, so sah ich mit einem gar nicht zu schildernden Erstaunen Dein helles, lebendiges Gesicht mit dem jungen Haar: wirklich, ich erschrak vor Erstaunen, wie jung, wie hübsch, wie federnd-schlank und elegant Du warst. Und ist es nicht seltsam: in dieser ersten Sekunde empfand ich ganz deutlich das, was ich und alle anderen an Dir als so einzig mit einer Art Überraschung immer wieder empfinden: daß Du irgendein zwiefacher Mensch bist, ein heißer, leichtlebiger, ganz dem Spiel und dem Abenteuer hingegebener Junge, und gleichzeitig in Deiner Kunst ein unerbittlich ernster, pflichtbewußter, unendlich belesener und gebildeter Mann. Unbewußt empfand ich, was dann jeder bei Dir spürte, daß Du ein Doppelleben führst, ein Leben mit einer hellen, der Welt offen zugekehrten Fläche, und einer ganz dunkeln, die Du nur allein kennst – diese tiefste Zweiheit, das Geheimnis Deiner Existenz, sie fühlte ich, die Dreizehnjährige, magisch angezogen, mit meinem ersten Blick.
Verstehst Du nun schon, Geliebter, was für ein Wunder, was für eine verlockende Rätselhaftigkeit Du für mich, das Kind, sein mußtest! Einen Menschen, vor dem man Ehrfurcht hatte, weil er Bücher schrieb, weil er berühmt war in jener anderen großen Welt, plötzlich als einen jungen, eleganten, knabenhaft heiteren, fünfundzwanzigjährigen Mann zu entdecken! Muß ich Dir noch sagen, daß von diesem Tage an in unserem Hause, in meiner ganzen armen Kinderwelt mich nichts interessierte als Du, daß ich mit dem ganzen Starrsinn, der ganzen bohrenden Beharrlichkeit einer Dreizehnjährigen nur mehr um Dein Leben, um Deine Existenz herumging. Ich beobachtete Dich, ich beobachtete Deine Gewohnheiten, beobachtete die Menschen, die zu Dir kamen, und all das vermehrte nur, statt sie zu mindern, meine Neugier nach Dir selbst, denn die ganze Zwiefältigkeit Deines Wesens drückte sich in der Verschiedenheit dieser Besuche aus. Da kamen junge Menschen, Kameraden von Dir, mit denen Du lachtest und übermütig warst, abgerissene Studenten, und dann wieder Damen, die in Autos vorfuhren, einmal der Direktor der Oper, der große Dirigent, den ich ehrfürchtig nur am Pulte von fern gesehen, dann wieder kleine Mädel, die noch in die Handelsschule gingen und verlegen in die Tür hineinhuschten, überhaupt viel, sehr viel Frauen. Ich dachte mir nichts Besonderes dabei, auch nicht, als ich eines Morgens, wie ich zur Schule ging, eine Dame ganz verschleiert von Dir weggehen sah – ich war ja erst dreizehn Jahre alt, und die leidenschaftliche Neugier, mit der ich Dich umspähte und belauerte, wußte im Kinde noch nicht, daß sie schon Liebe war.
Aber ich weiß noch genau, mein Geliebter, den Tag und die Stunde, wann ich ganz und für immer an Dich verloren war. Ich hatte mit einer Schulfreundin einen Spaziergang gemacht, wir standen plaudernd vor dem Tor. Da kam ein Auto angefahren, hielt an, und schon sprangst Du mit Deiner ungeduldigen, elastischen Art, die mich noch heute an Dir immer hinreißt, vom Trittbrett und wolltest in die Tür. Unwillkürlich zwang es mich, Dir die Tür aufzumachen, und so trat ich Dir in den Weg, daß wir fast zusammengerieten. Du sahst mich an mit jenem warmen, weichen, einhüllenden Blick, der wie eine Zärtlichkeit war, lächeltest mir – ja, ich kann es nicht anders sagen, als: zärtlich zu und sagtest mit einer ganz leisen und fast vertraulichen Stimme: »Danke vielmals, Fräulein.«
Das war alles, Geliebter, aber von dieser Sekunde, seit ich diesen weichen, zärtlichen Blick gespürt, war ich Dir verfallen. Ich habe ja später, habe es bald erfahren, daß Du diesen umfangenden, an Dich ziehenden, diesen umhüllenden und doch zugleich entkleidenden Blick, diesen Blick des gebornen Verführers, jeder Frau hingibst, die an dich streift, jedem Ladenmädchen, das Dir verkauft, jedem Stubenmädchen, das Dir die Tür öffnet, daß dieser Blick bei Dir gar nicht bewußt ist als Wille und Neigung, sondern daß Deine Zärtlichkeit zu Frauen ganz unbewußt Deinen Blick weich und warm werden läßt, wenn er sich ihnen zuwendet. Aber ich, das dreizehnjährige Kind, ahnte das nicht: ich war wie in Feuer getaucht. Ich glaubte, die Zärtlichkeit gelte nur mir, nur mir allein, und in dieser einen Sekunde war die Frau in mir, der Halbwüchsigen, erwacht und war diese Frau Dir für immer verfallen.
»Wer war das?« fragte meine Freundin. Ich konnte ihr nicht gleich antworten. Es war mir unmöglich, Deinen Namen zu nennen: schon in dieser einen, dieser einzigen Sekunde war er mir heilig, war er mein Geheimnis geworden. »Ach, irgendein Herr, der hier im Hause wohnt«, stammelte ich dann ungeschickt heraus. »Aber warum bist Du denn so rot geworden, wie er Dich angeschaut hat«, spottete die Freundin mit der ganzen Bosheit eines neugierigen Kindes. Und eben weil ich fühlte, daß sie an mein Geheimnis spottend rühre, fuhr mir das Blut noch heißer in die Wangen. Ich wurde grob aus Verlegenheit. »Blöde Gans«, sagte ich wild: am liebsten hätte ich sie erdrosselt. Aber sie lachte nur noch lauter und höhnischer, bis ich fühlte, daß mir die Tränen in die Augen schossen vor ohnmächtigem Zorn. Ich ließ sie stehen und lief hinauf.
Von dieser Sekunde an habe ich Dich geliebt. Ich weiß, Frauen haben Dir, dem Verwöhnten, oft dieses Wort gesagt. Aber glaube mir, niemand hat Dich so sklavisch, so hündisch, so hingebungsvoll geliebt als dieses Wesen, das ich war und das ich für Dich immer geblieben bin, denn nichts auf Erden gleicht der unbemerkten Liebe eines Kindes aus dem Dunkel, weil sie so hoffnungslos, so dienend, so unterwürfig, so lauernd und leidenschaftlich ist, wie niemals die begehrende und unbewußt doch fordernde Liebe einer erwachsenen Frau. Nur einsame Kinder können ganz ihre Leidenschaft zusammenhalten: die anderen zerschwätzen ihr Gefühl in Geselligkeit, schleifen es ab in Vertraulichkeiten, sie haben von Liebe viel gehört und gelesen und wissen, daß sie ein gemeinsames Schicksal ist. Sie spielen damit, wie mit einem Spielzeug, sie prahlen damit, wie Knaben mit ihrer ersten Zigarette. Aber ich, ich hatte ja niemand, um mich anzuvertrauen, war von keinem belehrt und gewarnt, war unerfahren und ahnungslos: ich stürzte hinein in mein Schicksal wie in einen Abgrund. Alles, was in mir wuchs und aufbrach, wußte nur Dich, den Traum von Dir, als Vertrauten: mein Vater war längst gestorben, die Mutter mir fremd in ihrer ewig unheiteren Bedrücktheit und Pensionistenängstlichkeit, die halbverdorbenen Schulmädchen stießen mich ab, weil sie so leichtfertig mit dem spielten, was mir letzte Leidenschaft war – so warf ich alles, was sich sonst zersplittert und verteilt, warf ich mein ganzes zusammengepreßtes und immer wieder ungeduldig aufquellendes Wesen Dir entgegen. Du warst mir – wie soll ich es Dir sagen? jeder einzelne Vergleich ist zu gering, – Du warst eben alles, mein ganzes Leben. Alles existierte nur insofern, als es Bezug hatte auf Dich, alles in meiner Existenz hatte nur Sinn, wenn es mit Dir verbunden war. Du verwandeltest mein ganzes Leben. Bisher gleichgültig und mittelmäßig in der Schule, wurde ich plötzlich die Erste, ich las tausend Bücher bis tief in die Nacht, weil ich wußte, daß Du die Bücher liebtest, ich begann, zum Erstaunen meiner Mutter, plötzlich mit fast störrischer Beharrlichkeit Klavier zu üben, weil ich glaubte, Du liebtest Musik. Ich putzte und nähte an meinen Kleidern, nur um gefällig und proper vor Dir auszusehen, und daß ich an meiner alten Schulschürze (sie war ein zugeschnittenes Hauskleid meiner Mutter) links einen eingesetzten viereckigen Fleck hatte, war mir entsetzlich. Ich fürchtete, Du könntest ihn bemerken und mich verachten; darum drückte ich immer die Schultasche darauf, wenn ich die Treppen hinauflief, zitternd vor Angst, Du würdest ihn sehen. Aber wie töricht war das: Du hast mich ja nie, fast nie mehr angesehen.
Und doch: ich tat eigentlich den ganzen Tag nichts als auf Dich warten und Dich belauern. An unserer Tür war ein kleines messingenes Guckloch, durch dessen kreisrunden Ausschnitt man hinüber auf Deine Tür sehen konnte. Dieses Guckloch – nein, lächle nicht, Geliebter, noch heute, noch heute schäme ich mich jener Stunden nicht! – war mein Auge in die Welt hinaus, dort, im eiskalten Vorzimmer, scheu vor dem Argwohn der Mutter, saß ich in jenen Monaten und Jahren, ein Buch in der Hand, ganze Nachmittage auf der Lauer, gespannt wie eine Saite und klingend, wenn Deine Gegenwart sie berührte. Ich war immer um Dich, immer in Spannung und Bewegung; aber Du konntest es so wenig fühlen wie die Spannung der Uhrfeder, die Du in der Tasche trägst und die geduldig im Dunkel Deine Stunden zählt und mißt, Deine Wege mit unhörbarem Herzpochen begleitet und auf die nur einmal in Millionen tickender Sekunden Dein hastiger Blick fällt. Ich wußte alles von Dir, kannte jede Deiner Gewohnheiten, jede Deiner Krawatten, jeden Deiner Anzüge, ich kannte und unterschied bald Deine einzelnen Bekannten und teilte sie in solche, die mir lieb und solche, die mir widrig waren: von meinem dreizehnten bis zu meinem sechzehnten Jahre habe ich jede Stunde in Dir gelebt. Ach, was für Torheiten habe ich begangen! Ich küßte die Türklinke, die Deine Hand berührt hatte, ich stahl einen Zigarrenstummel, den Du vor dem Eintreten weggeworfen hattest, und er war mir heilig, weil Deine Lippen daran gerührt. Hundertmal lief ich abends unter irgendeinem Vorwand hinab auf die Gasse, um zu sehen, in welchem Deiner Zimmer Licht brenne und so Deine Gegenwart, Deine unsichtbare, wissender zu fühlen. Und in den Wochen, wo Du verreist warst – mir stockte immer das Herz vor Angst, wenn ich den guten Johann Deine gelbe Reisetasche hinabtragen sah –, in diesen Wochen war mein Leben tot und ohne Sinn. Mürrisch, gelangweilt, böse ging ich herum und mußte nur immer achtgeben, daß die Mutter an meinen verweinten Augen nicht meine Verzweiflung merke.
Ich weiß, das sind alles groteske Überschwänge, kindische Torheiten, die ich Dir da erzähle. Ich sollte mich ihrer schämen, aber ich schäme mich nicht, denn nie war meine Liebe zu Dir reiner und leidenschaftlicher als in diesen kindlichen Exzessen. Stundenlang, tagelang könnte ich Dir erzählen, wie ich damals mit Dir gelebt, der Du mich kaum von Angesicht kanntest, denn begegnete ich Dir auf der Treppe und gab es kein Ausweichen, so lief ich, aus Furcht vor Deinem brennenden Blick, mit gesenktem Kopf an Dir vorbei wie einer, der ins Wasser stürzt, nur daß mich das Feuer nicht versenge. Stundenlang, tagelang könnte ich Dir von jenen Dir längst entschwundenen Jahren erzählen, den ganzen Kalender Deines Lebens aufrollen; aber ich will Dich nicht langweilen, will Dich nicht quälen. Nur das schönste Erlebnis meiner Kindheit will ich Dir noch anvertrauen, und ich bitte Dich, nicht zu spotten, weil es ein so Geringes ist, denn mir, dem Kinde, war es eine Unendlichkeit. An einem Sonntag muß es gewesen sein, du warst verreist, und Dein Diener schleppte die schweren Teppiche, die er geklopft hatte, durch die offene Wohnungstür. Er trug schwer daran, der Gute, und in einem Anfall von Verwegenheit ging ich zu ihm und fragte, ob ich ihm nicht helfen könnte. Er war erstaunt, aber ließ mich gewähren, und so sah ich – vermöchte ich Dirs doch nur zu sagen, mit welcher ehrfürchtigen, ja frommen Verehrung! – Deine Wohnung von innen, Deine Welt, den Schreibtisch, an dem Du zu sitzen pflegtest und auf dem in einer blauen Kristallvase ein paar Blumen standen, Deine Schränke, Deine Bilder, Deine Bücher. Nur ein flüchtiger, diebischer Blick war es in Dein Leben, denn Johann, der Getreue, hätte mir gewiß genaue Betrachtung gewehrt, aber ich sog mit diesem einen Blick die ganze Atmosphäre ein und hatte Nahrung für meine unendlichen Träume von Dir im Wachen und Schlaf.
Dies, diese rasche Minute, sie war die glücklichste meiner Kindheit. Sie wollte ich Dir erzählen, damit Du, der Du mich nicht kennst, endlich zu ahnen beginnst, wie ein Leben an Dir hing und verging. Sie wollte ich Dir erzählen und jene andere noch, die fürchterlichste Stunde, die jener leider so nachbarlich war. Ich hatte – ich sagte es Dir ja schon – um Deinetwillen an alles vergessen, ich hatte auf meine Mutter nicht acht und kümmerte mich um niemanden. Ich merkte nicht, daß ein älterer Herr, ein Kaufmann aus Innsbruck, der mit meiner Mutter entfernt verschwägert war, öfter kam und länger blieb, ja, es war mir nur angenehm, denn er führte Mama manchmal in das Theater, und ich konnte allein bleiben, an Dich denken, auf Dich lauern, was ja meine höchste, meine einzige Seligkeit war. Eines Tages nun rief mich die Mutter mit einer gewissen Umständlichkeit in ihr Zimmer; sie hätte ernst mit mir zu sprechen. Ich wurde blaß und hörte mein Herz plötzlich hämmern: sollte sie etwas geahnt, etwas erraten haben? Mein erster Gedanke warst Du, das Geheimnis, das mich mit der Welt verband. Aber die Mutter war selbst verlegen, sie küßte mich (was sie sonst nie tat) zärtlich ein- und zweimal, zog mich auf das Sofa zu sich und begann dann zögernd und verschämt zu erzählen, ihr Verwandter, der Witwer sei, habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie sei, hauptsächlich um meinetwillen, entschlossen, ihn anzunehmen. Heißer stieg mir das Blut zum Herzen: nur ein Gedanke antwortete von innen, der Gedanke an Dich. »Aber wir bleiben doch hier?« konnte ich gerade noch stammeln. »Nein, wir ziehen nach Innsbruck, dort hat Ferdinand eine schöne Villa.« Mehr hörte ich nicht. Mir ward schwarz vor den Augen. Später wußte ich, daß ich in Ohnmacht gefallen war; ich sei, hörte ich die Mutter dem Stiefvater leise erzählen, der hinter der Tür gewartet hatte, plötzlich mit aufgespreizten Händen zurückgefahren und dann hingestürzt wie ein Klumpen Blei. Was dann in den nächsten Tagen geschah, wie ich mich, ein machtloses Kind, wehrte gegen ihren übermächtigen Willen, das kann ich Dir nicht schildern: noch jetzt zittert mir, da ich daran denke, die Hand im Schreiben. Mein wirkliches Geheimnis konnte ich nicht verraten, so schien meine Gegenwehr bloß Starrsinn, Bosheit und Trotz. Niemand sprach mehr mit mir, alles geschah hinterrücks. Man nutzte die Stunden, da ich in der Schule war, um die Übersiedlung zu fördern: kam ich dann nach Hause, so war immer wieder ein anderes Stück verräumt oder verkauft. Ich sah, wie die Wohnung und damit mein Leben verfiel, und einmal, als ich zum Mittagessen kam, waren die Möbelpacker dagewesen und hatten alles weggeschleppt. In den leeren Zimmern standen die gepackten Koffer und zwei Feldbetten für die Mutter und mich: da sollten wir noch eine Nacht schlafen, die letzte, und morgen nach Innsbruck reisen.
An diesem letzten Tage fühlte ich mit plötzlicher Entschlossenheit, daß ich nicht leben konnte ohne Deine Nähe. Ich wußte keine andere Rettung als Dich. Wie ich mirs dachte und ob ich überhaupt klar in diesen Stunden der Verzweiflung zu denken vermochte, das werde ich nie sagen können, aber plötzlich – die Mutter war fort – stand ich auf im Schulkleid, wie ich war, und ging hinüber zu Dir. Nein, ich ging nicht: es stieß mich mit steifen Beinen, mit zitternden Gelenken magnetisch fort zu Deiner Tür. Ich sagte Dir schon, ich wußte nicht deutlich, was ich wollte: Dir zu Füßen fallen und dich bitten, mich zu behalten als Magd, als Sklavin, und ich fürchte, Du wirst lächeln über diesen unschuldigen Fanatismus einer Fünfzehnjährigen, aber, – Geliebter, du würdest nicht mehr lächeln, wüßtest Du, wie ich damals draußen im eiskalten Gange stand, starr vor Angst und doch vorwärts gestoßen von einer unfaßbaren Macht, und wie ich den Arm, den zitternden, mir gewissermaßen vom Leib losriß, daß er sich hob und – es war ein Kampf durch die Ewigkeit entsetzlicher Sekunden – den Finger auf den Knopf der Türklinke drückte. Noch heute gellts mir im Ohr, dies schrille Klingelzeichen, und dann die Stille danach, wo mir das Herz stillstand, wo mein ganzes Blut anhielt und nur lauschte, ob Du kämest.
Aber Du kamst nicht. Niemand kam. Du warst offenbar fort an jenem Nachmittage und Johann auf Besorgung; so tappte ich, den toten Ton der Klingel im dröhnenden Ohr, in unsere zerstörte, ausgeräumte Wohnung zurück und warf mich erschöpft auf einen Plaid, müde von den vier Schritten, als ob ich stundenlang durch tiefen Schnee gegangen sei. Aber unter dieser Erschöpfung glühte noch unverlöscht die Entschlossenheit, Dich zu sehen, Dich zu sprechen, ehe sie mich wegrissen. Es war, ich schwöre es Dir, kein sinnlicher Gedanke dabei, ich war noch unwissend, eben weil ich an nichts dachte als an Dich: nur sehen wollte ich Dich, einmal noch sehen, mich anklammern an Dich. Die ganze Nacht, die ganze lange, entsetzliche Nacht, habe ich dann, Geliebter, auf Dich gewartet. Kaum daß die Mutter sich in ihr Bett gelegt hatte und eingeschlafen war, schlich ich in das Vorzimmer hinaus, um zu horchen, wann Du nach Hause kämest. Die ganze Nacht habe ich gewartet, und es war eine eisige Januarnacht. Ich war müde, meine Glieder schmerzten mich, und es war kein Sessel mehr, mich hinzusetzen: so legte ich mich flach auf den kalten Boden, über den der Zug von der Tür hinstrich. Nur in meinem dünnen Kleide lag ich auf dem schmerzenden kalten Boden, denn ich nahm keine Decke; ich wollte es nicht warm haben, aus Furcht, einzuschlafen und Deinen Schritt zu überhören. Es tat weh, meine Füße preßte ich im Krampfe zusammen, meine Arme zitterten: ich mußte immer wieder aufstehen, so kalt war es im entsetzlichen Dunkel. Aber ich wartete, wartete, wartete auf Dich wie auf mein Schicksal.
Endlich – es muß schon zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein – hörte ich unten das Haustor aufsperren und dann Schritte die Treppe hinauf. Wie abgesprungen war die Kälte von mir, heiß überflogs mich, leise machte ich die Tür auf, um Dir entgegen zu stürzen, Dir zu Füßen zu fallen … Ach, ich weiß ja nicht, was ich törichtes Kind damals getan hätte. Die Schritte kamen näher, Kerzenlicht flackte herauf. Zitternd hielt ich die Klinke. Warst Du es, der da kam?
Ja, Du warst es, Geliebter – aber Du warst nicht allein. Ich hörte ein leises, kitzliches Lachen, irgendein streifendes seidenes Kleid und leise Deine Stimme – Du kamst mit einer Frau nach Hause …
Wie ich diese Nacht überleben konnte, weiß ich nicht. Am nächsten Morgen, um acht Uhr, schleppten sie mich nach Innsbruck; ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren.

‡ ‡ ‡ ‡

Mein Kind ist gestern nacht gestorben – nun werde ich wieder allein sein, wenn ich wirklich weiterleben muß. Morgen werden sie kommen, fremde, schwarze ungeschlachte Männer, und einen Sarg bringen, werden es hineinlegen, mein armes, mein einziges Kind. Vielleicht kommen auch Freunde und bringen Kränze, aber was sind Blumen auf einem Sarg? Sie werden mich trösten und mir irgendwelche Worte sagen, Worte, Worte; aber was können sie mir helfen? Ich weiß, ich muß dann doch wieder allein sein. Und es gibt nichts Entsetzlicheres, als Alleinsein unter den Menschen. Damals habe ich es erfahren, damals in jenen unendlichen zwei Jahren in Innsbruck, jenen Jahren von meinem sechzehnten bis zu meinem achtzehnten, wo ich wie eine Gefangene, eine Verstoßene zwischen meiner Familie lebte. Der Stiefvater, ein sehr ruhiger, wortkarger Mann, war gut zu mir, meine Mutter schien, wie um ein unbewußtes Unrecht zu sühnen, allen meinen Wünschen bereit, junge Menschen bemühten sich um mich, aber ich stieß sie alle in einem leidenschaftlichen Trotz zurück. Ich wollte nicht glücklich, nicht zufrieden leben abseits von Dir, ich grub mich selbst in eine finstere Welt von Selbstqual und Einsamkeit. Die neuen, bunten Kleider, die sie mir kauften, zog ich nicht an, ich weigerte mich, in Konzerte, in Theater zu gehen oder Ausflüge in heiterer Gesellschaft mitzumachen. Kaum daß ich je die Gasse betrat: würdest Du es glauben, Geliebter, daß ich von dieser kleinen Stadt, in der ich zwei Jahre gelebt, keine zehn Straßen kenne? Ich trauerte und ich wollte trauern, ich berauschte mich an jeder Entbehrung, die ich mir zu der Deines Anblicks noch auferlegte. Und dann: ich wollte mich nicht ablenken lassen von meiner Leidenschaft, nur in Dir zu leben. Ich saß allein zu Hause, stundenlang, tagelang, und tat nichts, als an Dich zu denken, immer wieder, immer wieder die hundert kleinen Erinnerungen an Dich, jede Begegnung, jedes Warten, mir zu erneuern, mir diese kleinen Episoden vorzuspielen wie im Theater. Und darum, weil ich jede der Sekunden von einst mir unzähligemale wiederholte, ist auch meine ganze Kindheit mir in so brennender Erinnerung geblieben, daß ich jede Minute jener vergangenen Jahre so heiß und springend fühle, als wäre sie gestern durch mein Blut gefahren.
Nur in Dir habe ich damals gelebt. Ich kaufte mir alle Deine Bücher; wenn Dein Name in der Zeitung stand, war es ein festlicher Tag. Willst Du es glauben, daß ich jede Zeile aus Deinen Büchern auswendig kann, so oft habe ich sie gelesen? Würde mich einer nachts aus dem Schlaf aufwecken und eine losgerissene Zeile aus ihnen mir vorsprechen, ich könnte sie heute noch, heute noch nach dreizehn Jahren, weitersprechen wie im Traum: so war jedes Wort von Dir mir Evangelium und Gebet. Die ganze Welt, sie existierte nur in Beziehung auf Dich: ich las in den Wiener Zeitungen die Konzerte, die Premieren nach nur mit dem Gedanken, welche Dich davon interessieren möchte, und wenn es Abend wurde, begleitete ich Dich von ferne: jetzt tritt er in den Saal, jetzt setzt er sich nieder. Tausendmal träumte ich das, weil ich Dich ein einziges Mal in einem Konzert gesehen.
Aber wozu all dies erzählen, diesen rasenden, gegen sich selbst wütenden, diesen so tragischen hoffnungslosen Fanatismus eines verlassenen Kindes, wozu es einem erzählen, der es nie geahnt, der es nie gewußt? Doch war ich damals wirklich noch ein Kind? Ich wurde siebzehn, wurde achtzehn Jahre – die jungen Leute begannen sich auf der Straße nach mir umzublicken, doch sie erbitterten mich nur. Denn Liebe oder auch nur ein Spiel mit Liebe im Gedanken an jemanden andern als an Dich, das war mir so unerfindlich, so unausdenklich fremd, ja die Versuchung schon wäre mir als ein Verbrechen erschienen. Meine Leidenschaft zu Dir blieb dieselbe, nur daß sie anders ward mit meinem Körper, mit meinen wacheren Sinnen, glühender, körperlicher, frauenhafter. Und was das Kind in seinem dumpfen unbelehrten Willen, das Kind, das damals die Klingel Deiner Türe zog, nicht ahnen konnte, das war jetzt mein einziger Gedanke: mich Dir zu schenken, mich Dir hinzugeben.
Die Menschen um mich vermeinten mich scheu, nannten mich schüchtern (ich hatte mein Geheimnis verbissen hinter den Zähnen). Aber in mir wuchs ein eiserner Wille. Mein ganzes Denken und Trachten war in eine Richtung gespannt: zurück nach Wien, zurück zu Dir. Und ich erzwang meinen Willen, so unsinnig, so unbegreiflich er den andern scheinen mochte. Mein Stiefvater war vermögend, er betrachtete mich als sein eigenes Kind. Aber ich drang in erbittertem Starrsinn darauf, ich wolle mir mein Geld selbst verdienen und erreichte es endlich, daß ich in Wien zu einem Verwandten als Angestellte eines großen Konfektionsgeschäftes kam.
Muß ich Dir sagen, wohin mein erster Weg ging, als ich an einem nebligen Herbstabend – endlich! endlich! – in Wien ankam? Ich ließ die Koffer an der Bahn, stürzte mich in eine Straßenbahn – wie langsam schien sie mir zu fahren, jede Haltestelle erbitterte mich – und lief vor das Haus. Deine Fenster waren erleuchtet, mein ganzes Herz klang. Nun erst lebte die Stadt, die mich so fremd, so sinnlos umbraust hatte, nun erst lebte ich wieder, da ich Dich nahe ahnte, Dich, meinen ewigen Traum. Ich ahnte ja nicht, daß ich in Wirklichkeit Deinem Bewußtsein ebenso ferne war hinter Tälern, Bergen und Flüssen als nun, da nur die dünne leuchtende Glasscheibe Deines Fensters zwischen Dir war und meinem aufstrahlenden Blick. Ich sah nur empor und empor: da war Licht, da war das Haus, da warst Du, da war meine Welt. Zwei Jahre hatte ich von dieser Stunde geträumt, nun war sie mir geschenkt. Ich stand den langen, weichen, verhangenen Abend vor Deinen Fenstern, bis das Licht erlosch. Dann suchte ich erst mein Heim.
Jeden Abend stand ich dann so vor Deinem Haus. Bis sechs Uhr hatte ich Dienst im Geschäft, harten, anstrengenden Dienst, aber er war mir lieb, denn diese Unruhe ließ mich die eigene nicht so schmerzhaft fühlen. Und geradeswegs, sobald die eisernen Rollbalken hinter mir niederdröhnten, lief ich zu dem geliebten Ziel. Nur Dich einmal sehen, nur einmal Dir begegnen, das war mein einziger Wille, nur wieder einmal mit dem Blick Dein Gesicht umfassen dürfen von ferne. Etwa nach einer Woche geschahs dann endlich, daß ich Dir begegnete, und zwar gerade in einem Augenblick, wo ichs nicht vermutete: während ich eben hinauf zu Deinen Fenstern spähte; kamst Du quer über die Straße. Und plötzlich war ich wieder das Kind, das dreizehnjährige, ich fühlte, wie das Blut mir in die Wangen schoß; unwillkürlich, wider meinen innersten Drang, der sich sehnte, Deine Augen zu fühlen, senkte ich den Kopf und lief blitzschnell wie gehetzt an Dir vorbei. Nachher schämte ich mich dieser schulmädelhaften scheuen Flucht, denn jetzt war mein Wille mir doch klar: ich wollte Dir ja begegnen, ich suchte Dich, ich wollte von Dir erkannt sein nach all den sehnsüchtig verdämmerten Jahren, wollte von Dir beachtet, wollte von Dir geliebt sein.
Aber Du bemerktest mich lange nicht, obzwar ich jeden Abend, auch bei Schneegestöber und in dem scharfen, schneidenden Wiener Wind in Deiner Gasse stand. Oft wartete ich stundenlang vergebens, oft gingst Du dann endlich vom Hause in Begleitung von Bekannten fort, zweimal sah ich Dich auch mit Frauen, und nun empfand ich mein Erwachsensein, empfand das Neue, Andere meines Gefühls zu Dir an dem plötzlichen Herzzucken, das mir quer die Seele zerriß, als ich eine fremde Frau so sicher Arm in Arm mit Dir hingehen sah. Ich war nicht überrascht, ich kannte ja diese Deine ewigen Besucherinnen aus meinen Kindertagen schon, aber jetzt tat es mit einmal irgendwie körperlich weh, etwas spannte sich in mir, gleichzeitig feindlich und mitverlangend gegen diese offensichtliche, diese fleischliche Vertrautheit mit einer anderen. Einen Tag blieb ich, kindlich stolz wie ich war und vielleicht jetzt noch geblieben bin, von Deinem Hause weg: aber wie entsetzlich war dieser leere Abend des Trotzes und der Auflehnung. Am nächsten Abend stand ich schon wieder demütig vor Deinem Hause wartend, wartend, wie ich mein ganzes Schicksal lang vor Deinem verschlossenen Leben gestanden bin.
Und endlich, an einem Abend bemerktest Du mich. Ich hatte Dich schon von ferne kommen sehen und straffte meinen Willen zusammen, Dir nicht auszuweichen. Der Zufall wollte, daß durch einen abzuladenden Wagen die Straße verengert war und Du ganz an mir vorbei mußtest. Unwillkürlich streifte mich Dein zerstreuter Blick, um sofort, kaum daß er der Aufmerksamkeit des meinen begegnete – wie erschrak die Erinnerung in mir! – jener Dein Frauenblick, jener zärtliche, hüllende und gleichzeitig enthüllende, jener umfangende und schon fassende Blick zu werden, der mich, das Kind, zum erstenmal zur Frau, zur Liebenden erweckt. Ein, zwei Sekunden lang hielt dieser Blick so den meinen, der sich nicht wegreißen konnte und wollte, – dann warst Du an mir vorbei. Mir schlug das Herz: unwillkürlich mußte ich meinen Schritt verlangsamen, und wie ich aus einer nicht zu bezwingenden Neugier mich umwandte, sah ich, daß Du stehengeblieben warst und mir nachsahst. Und an der Art, wie Du neugierig interessiert mich beobachtetest, wußte ich sofort: Du erkanntest mich nicht.
Du erkanntest mich nicht, damals nicht, nie, nie hast Du mich erkannt. Wie soll ich Dir, Geliebter, die Enttäuschung jener Sekunde schildern – damals war es ja das erstemal, daß ichs erlitt, dies Schicksal, von Dir nicht erkannt zu sein, das ich ein Leben durchlebt habe, und mit dem ich sterbe; unerkannt, immer noch unerkannt von Dir. Wie soll ich sie Dir schildern, diese Enttäuschung! Denn sieh, in diesen zwei Jahren in Innsbruck, wo ich jede Stunde an Dich dachte und nichts tat, als mir unsere erste Wiederbegegnung in Wien auszudenken, da hatte ich die wildesten Möglichkeiten neben den seligsten, je nach dem Zustand meiner Laune, ausgeträumt. Alles war, wenn ich so sagen darf, durchgeträumt; ich hatte mir in finstern Momenten vorgestellt, Du würdest mich zurückstoßen, würdest mich verachten, weil ich zu gering, zu häßlich, zu aufdringlich sei. Alle Formen Deiner Mißgunst, Deiner Kälte, Deiner Gleichgültigkeit, sie alle hatte ich durchgewandelt in leidenschaftlichen Visionen – aber dies, dies eine hatte ich in keiner finstern Regung des Gemüts, nicht im äußersten Bewußtsein meiner Minderwertigkeit in Betracht zu ziehen gewagt, dies Entsetzlichste: daß Du überhaupt von meiner Existenz nichts bemerkt hattest. Heute verstehe ich es ja – ach, Du hast michs verstehen gelehrt! – daß das Gesicht eines Mädchens, einer Frau etwas ungemein Wandelhaftes sein muß für einen Mann, weil es meist nur Spiegel ist, bald einer Leidenschaft, bald einer Kindlichkeit, bald eines Müdeseins, und so leicht verfließt wie ein Bildnis im Spiegel, daß also ein Mann leichter das Antlitz einer Frau verlieren kann, weil das Alter dann durchwandelt mit Schatten und Licht, weil die Kleidung es von einemmal zum andern anders rahmt. Die Resignierten, sie sind ja erst die wahren Wissenden. Aber ich, das Mädchen von damals, ich konnte Deine Vergeßlichkeit noch nicht fassen, denn irgendwie war aus meiner maßlosen, unaufhörlichen Beschäftigung mit Dir der Wahn in mich gefahren, auch Du müßtest meiner oft gedenken und auf mich warten; wie hätte ich auch nur atmen können mit der Gewißheit, ich sei Dir nichts, nie rühre ein Erinnern an mich Dich leise an! Und dies Erwachen vor Deinem Blick, der mir zeigte, daß nichts in Dir mich mehr kannte, kein Spinnfaden Erinnerung von Deinem Leben hinreiche zu meinem, das war ein erster Sturz hinab in die Wirklichkeit, eine erste Ahnung meines Schicksals.
Du erkanntest mich nicht damals. Und als zwei Tage später Dein Blick mit einer gewissen Vertrautheit bei erneuter Begegnung mich umfing, da erkanntest Du mich wiederum nicht als die, die Dich geliebt und die Du erweckt, sondern bloß als das hübsche achtzehnjährige Mädchen, das Dir vor zwei Tagen an der gleichen Stelle entgegengetreten. Du sahst mich freundlich überrascht an, ein leichtes Lächeln umspielte Deinen Mund. Wieder gingst Du an mir vorbei und wieder den Schritt sofort verlangsamend: ich zitterte, ich jauchzte, ich betete, Du würdest mich ansprechen. Ich fühlte, daß ich zum erstenmal für Dich lebendig war: auch ich verlangsamte den Schritt, ich wich Dir nicht aus. Und plötzlich spürte ich Dich hinter mir, ohne mich umzuwenden, ich wußte, nun würde ich zum erstenmal Deine geliebte Stimme an mich gerichtet hören. Wie eine Lähmung war die Erwartung in mir, schon fürchtete ich stehenbleiben zu müssen, so hämmerte mir das Herz – da tratest Du an meine Seite. Du sprachst mich an mit Deiner leichten heitern Art, als wären wir lange befreundet – ach, Du ahntest mich ja nicht, nie hast Du etwas von meinem Leben geahnt! – so zauberhaft unbefangen sprachst Du mich an, daß ich Dir sogar zu antworten vermochte. Wir gingen zusammen die ganze Gasse entlang. Dann fragtest Du mich, ob wir gemeinsam speisen wollten. Ich sagte ja. Was hätte ich Dir gewagt zu verneinen?
Wir speisten zusammen in einem kleinen Restaurant – weißt Du noch, wo es war? Ach nein, Du unterscheidest es gewiß nicht mehr von andern solchen Abenden, denn wer war ich Dir? Eine unter Hunderten, ein Abenteuer in einer ewig fortgeknüpften Kette. Was sollte Dich auch an mich erinnern: ich sprach ja wenig, weil es mir so unendlich beglückend war, Dich nahe zu haben, Dich zu mir sprechen zu hören. Keinen Augenblick davon wollte ich durch eine Frage, durch ein törichtes Wort vergeuden. Nie werde ich Dir von dieser Stunde dankbar vergessen, wie voll Du meine leidenschaftliche Ehrfurcht erfülltest, wie zart, wie leicht, wie taktvoll Du warst, ganz ohne Zudringlichkeit, ganz ohne jene eiligen karessanten Zärtlichkeiten, und vom ersten Augenblick von einer so sicheren freundschaftlichen Vertrautheit, daß Du mich auch gewonnen hättest, wäre ich nicht schon längst mit meinem ganzen Willen und Wesen Dein gewesen. Ach, Du weißt ja nicht, ein wie Ungeheures Du erfülltest, indem Du mir fünf Jahre kindischer Erwartung nicht enttäuschtest! Es wurde spät, wir brachen auf. An der Tür des Restaurants fragtest Du mich, ob ich eilig wäre oder noch Zeit hätte. Wie hätte ichs verschweigen können, daß ich Dir bereit sei! Ich sagte, ich hätte noch Zeit. Dann fragtest Du, ein leises Zögern rasch überspringend, ob ich nicht noch ein wenig zu Dir kommen wollte, um zu plaudern. »Gerne«, sagte ich ganz aus der Selbstverständlichkeit meines Fühlens heraus und merkte sofort, daß Du von der Raschheit meiner Zusage irgendwie peinlich oder freudig berührt warst, jedenfalls aber sichtlich überrascht. Heute verstehe ich ja dies Dein Erstaunen; ich weiß, es ist bei Frauen üblich, auch wenn das Verlangen nach Hingabe in einer brennend ist, diese Bereitschaft zu verleugnen, ein Erschrecken vorzutäuschen oder eine Entrüstung, die durch eindringliche Bitte, durch Lügen, Schwüre und Versprechen erst beschwichtigt sein will. Ich weiß, daß vielleicht nur die professionellen der Liebe, die Dirnen, eine solche Einladung mit einer so vollen freudigen Zustimmung beantworten, oder ganz naive, ganz halbwüchsige Kinder. In mir aber war es – und wie konntest Du das ahnen – nur der wortgewordene Wille, die geballt vorbrechende Sehnsucht von tausend einzelnen Tagen. Jedenfalls aber: Du warst frappiert, ich begann Dich zu interessieren. Ich spürte, daß Du, während wir gingen, von der Seite her während des Gespräches mich irgendwie erstaunt mustertest. Dein Gefühl, Dein in allem Menschlichen so magisch sicheres Gefühl witterte hier sogleich ein Ungewöhnliches, ein Geheimnis in diesem hübschen zutunlichen Mädchen. Der Neugierige in Dir war wach, und ich merkte aus der umkreisenden, spürenden Art der Fragen, wie Du nach dem Geheimnis tasten wolltest. Aber ich wich Dir aus: ich wollte lieber töricht erscheinen als Dir mein Geheimnis verraten.
Wir gingen zu Dir hinauf. Verzeih, Geliebter, wenn ich Dir sage, daß Du es nicht verstehen kannst, was dieser Gang, diese Treppe für mich waren, welcher Taumel, welche Verwirrung, welch ein rasendes, quälendes, fast tödliches Glück. Jetzt noch kann ich kaum ohne Tränen daran denken, und ich habe keine mehr. Aber fühl es nur aus, daß jeder Gegenstand dort gleichsam durchdrungen war von meiner Leidenschaft, jeder ein Symbol meiner Kindheit, meiner Sehnsucht: das Tor, vor dem ich tausende Male auf Dich gewartet, die Treppe, von der ich immer Deinen Schritt erhorcht und wo ich Dich zum erstenmal gesehen, das Guckloch, aus dem ich mir die Seele gespäht, der Türvorleger vor Deiner Tür, auf dem ich einmal gekniet, das Knacken des Schlüssels, bei dem ich immer aufgesprungen von meiner Lauer. Die ganze Kindheit, meine ganze Leidenschaft, da nistete sie ja in diesen paar Metern Raum, hier war mein ganzes Leben, und jetzt fiel es nieder auf mich wie ein Sturm, da alles, alles sich erfüllte und ich mit Dir ging, ich mit Dir, in Deinem, in unserem Hause. Bedenke – es klingt ja banal, aber ich weiß es nicht anders zu sagen –, daß bis zu Deiner Tür alles Wirklichkeit, dumpfe tägliche Welt ein Leben lang gewesen war, und dort das Zauberreich des Kindes begann, Aladins Reich, bedenke, daß ich tausendmal mit brennenden Augen auf diese Tür gestarrt, die ich jetzt taumelnd durchschritt, und Du wirst ahnen – aber nur ahnen, niemals ganz wissen, mein Geliebter! – was diese stürzende Minute von meinem Leben wegtrug.
Ich blieb damals die ganze Nacht bei Dir. Du hast es nicht geahnt, daß vordem noch nie ein Mann mich berührt, noch keiner meinen Körper gefühlt oder gesehen. Aber wie konntest Du es auch ahnen, Geliebter, denn ich bot Dir ja keinen Widerstand, ich unterdrückte jedes Zögern der Scham, nur damit Du nicht das Geheimnis meiner Liebe zu Dir erraten könntest, das Dich gewiß erschreckt hätte –, denn Du liebst ja nur das Leichte, das Spielende, das Gewichtlose, Du hast Angst, in ein Schicksal einzugreifen. Verschwenden willst Du Dich, Du, an alle, an die Welt, und willst kein Opfer. Wenn ich Dir jetzt sage, Geliebter, daß ich mich jungfräulich Dir gab, so flehe ich Dich an: mißversteh mich nicht! Ich klage Dich ja nicht an, Du hast mich nicht gelockt, nicht belogen, nicht verführt – ich, ich selbst drängte zu Dir, warf mich an Deine Brust, warf mich in mein Schicksal. Nie, nie werde ich Dich anklagen, nein, nur immer Dir danken, denn wie reich, wie funkelnd von Lust, wie schwebend von Seligkeit war für mich diese Nacht. Wenn ich die Augen auftat im Dunkeln und Dich fühlte an meiner Seite, wunderte ich mich, daß nicht die Sterne über mir waren, so sehr fühlte ich Himmel – nein, ich habe niemals bereut, mein Geliebter, niemals um dieser Stunde willen. Ich weiß noch: als Du schliefst, als ich Deinen Atem hörte, Deinen Körper fühlte und mich selbst Dir so nah, da habe ich im Dunkeln geweint vor Glück.
Am Morgen drängte ich frühzeitig schon fort. Ich mußte in das Geschäft und wollte auch gehen, ehe der Diener käme: er sollte mich nicht sehen. Als ich angezogen vor Dir stand, nahmst Du mich in den Arm, sahst mich lange an; war es ein Erinnern, dunkel und fern, das in Dir wogte, oder schien ich Dir nur schön, beglückt, wie ich war? Dann küßtest Du mich auf den Mund. Ich machte mich leise los und wollte gehen. Da fragtest Du: »Willst Du nicht ein paar Blumen mitnehmen?« Ich sagte ja. Du nahmst vier weiße Rosen aus der blauen Kristallvase am Schreibtisch (ach, ich kannte sie von jenem einzigen diebischen Kindheitsblick) und gabst sie mir. Tagelang habe ich sie noch geküßt.
Wir hatten zuvor einen andern Abend verabredet. Ich kam, und wieder war es wunderbar. Noch eine dritte Nacht hast Du mir geschenkt. Dann sagtest Du, Du müßtest verreisen, – oh, wie haßte ich diese Reisen von meiner Kindheit Her! – und versprachst mir, mich sofort nach Deiner Rückkehr zu verständigen. Ich gab Dir eine Poste restante-Adresse – meinen Namen wollte ich Dir nicht sagen. Ich hütete mein Geheimnis. Wieder gabst Du mir ein paar Rosen zum Abschied – zum Abschied.
Jeden Tag während zweier Monate fragte ich … aber nein, wozu diese Höllenqual der Erwartung, der Verzweiflung Dir schildern. Ich klage Dich nicht an, ich liebe Dich als den, der Du bist, heiß und vergeßlich, hingebend und untreu, ich liebe Dich so, nur so, wie Du immer gewesen und wie Du jetzt noch bist. Du warst längst zurück, ich sah es an Deinen erleuchteten Fenstern, und hast mir nicht geschrieben. Keine Zeile habe ich von Dir in meinen letzten Stunden, keine Zeile von Dir, dem ich mein Leben gegeben. Ich habe gewartet, ich habe gewartet wie eine Verzweifelte. Aber Du hast mich nicht gerufen, keine Zeile hast Du mir geschrieben … keine Zeile …

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Mein Kind ist gestern gestorben – es war auch Dein Kind. Es war auch Dein Kind, Geliebter, das Kind einer jener drei Nächte, ich schwöre es Dir, und man lügt nicht im Schatten des Todes. Es war unser Kind, ich schwöre es Dir, denn kein Mann hat mich berührt von jenen Stunden, da ich mich Dir hingegeben, bis zu jenen andern, da es aus meinem Leib gerungen wurde. Ich war mir heilig durch Deine Berührung: wie hätte ich es vermocht, mich zu teilen an Dich, der mir alles gewesen, und an andere, die an meinem Leben nur leise anstreiften? Es war unser Kind, Geliebter, das Kind meiner wissenden Liebe und Deiner sorglosen, verschwenderischen, fast unbewußten Zärtlichkeit, unser Kind, unser Sohn, unser einziges Kind. Aber Du fragst nun – vielleicht erschreckt, vielleicht bloß erstaunt –, Du fragst nun, mein Geliebter, warum ich dies Kind Dir alle diese langen Jahre verschwiegen und erst heute von ihm spreche, da es hier im Dunkel schlafend, für immer schlafend, liegt, schon bereit fortzugehen und nie mehr wiederzukehren, nie mehr! Doch wie hätte ich es Dir sagen können? Nie hättest Du mir, der Fremden, der allzu Bereitwilligen dreier Nächte, die sich ohne Widerstand, ja begehrend, Dir aufgetan, nie hättest Du ihr, der Namenlosen einer flüchtigen Begegnung, geglaubt, daß sie Dir die Treue hielt. Dir, dem Untreuen, – nie ohne Mißtrauen dies Kind als das Deine erkannt! Nie hättest Du, selbst wenn mein Wort Dir Wahrscheinlichkeit geboten, den heimlichen Verdacht abtun können, ich versuchte, Dir, dem Begüterten, das Kind fremder Stunde unterzuschieben. Du hättest mich beargwöhnt, ein Schatten wäre geblieben, ein fliegender, scheuer Schatten von Mißtrauen zwischen Dir und mir. Das wollte ich nicht. Und dann, ich kenne Dich; ich kenne Dich so gut, wie Du kaum selber Dich kennst, ich weiß, es wäre Dir, der Du das Sorglose, das Leichte, das Spielende liebst in der Liebe, peinlich gewesen, plötzlich Vater, plötzlich verantwortlich zu sein für ein Schicksal. Du hättest Dich, Du, der Du nur in Freiheit atmen kannst, Dich irgendwie verbunden gefühlt mit mir. Du hättest mich – ja, ich weiß es, daß Du es getan hättest, wider Deinen eigenen wachen Willen –, Du hättest mich gehaßt für dieses Verbundensein. Vielleicht nur stundenlang, vielleicht nur flüchtige Minuten lang wäre ich Dir lästig gewesen, wäre ich Dir verhaßt worden – ich aber wollte in meinem Stolze, Du solltest an mich ein Leben lang ohne Sorge denken. Lieber wollte ich alles auf mich nehmen, als Dir eine Last werden, und einzig die sein unter allen Deinen Frauen, an die Du immer mit Liebe, mit Dankbarkeit denkst. Aber freilich, Du hast nie an mich gedacht, Du hast mich vergessen.
Ich klage Dich nicht an, mein Geliebter, nein, ich klage Dich nicht an. Verzeih mirs, wenn mir manchmal ein Tropfen Bitternis in die Feder fließt, verzeih mirs – mein Kind, unser Kind liegt ja da tot unter den flackernden Kerzen; ich habe zu Gott die Fäuste geballt und ihn Mörder genannt, meine Sinne sind trüb und verwirrt. Verzeih mir die Klage, verzeihe sie mir! Ich weiß ja, daß Du gut bist und hilfreich im tiefsten Herzen, Du hilfst jedem, hilfst auch dem Fremdesten, der Dich bittet. Aber Deine Güte ist so sonderbar, sie ist eine, die offen liegt für jeden, daß er nehmen kann soviel seine Hände fassen, sie ist groß, unendlich groß Deine Güte, aber sie ist – verzeih mir – sie ist träge. Sie will gemahnt, will genommen sein. Du hilfst, wenn man Dich ruft, Dich bittet, hilfst aus Scham, aus Schwäche und nicht aus Freudigkeit. Du hast – laß es Dir offen sagen – den Menschen in Notdurft und Qual nicht lieber, als den Bruder im Glück. Und Menschen, die so sind wie Du, selbst die Gütigsten unter ihnen, sie bittet man schwer. Einmal, ich war noch ein Kind, sah ich durch das Guckloch an der Tür, wie Du einem Bettler, der bei Dir geklingelt hatte, etwas gabst. Du gabst ihm rasch und sogar viel, noch ehe er Dich bat, aber Du reichtest es ihm mit einer gewissen Angst und Hast hin, er möchte nur bald wieder fortgehen, es war, als hättest Du Furcht, ihm ins Auge zu sehen. Diese Deine unruhige, scheue, vor der Dankbarkeit flüchtende Art des Helfens habe ich nie vergessen. Und deshalb habe ich mich nie an Dich gewandt. Gewiß, ich weiß, Du hättest mir damals zur Seite gestanden auch ohne die Gewißheit, es sei Dein Kind, Du hättest mich getröstet, mir Geld gegeben, reichlich Geld, aber immer nur mit der geheimen Ungeduld, das Unbequeme von Dir wegzuschieben, ja, ich glaube, Du hättest mich sogar beredet, das Kind vorzeitig abzutun. Und dies fürchtete ich vor allem – denn was hätte ich nicht getan, so Du es begehrtest, wie hätte ich Dir etwas zu verweigern vermocht! Aber dieses Kind war alles für mich, war es doch von Dir, nochmals Du, aber nun nicht mehr Du, der Glückliche, der Sorglose, den ich nicht zu halten vermochte, sondern Du für immer – so meinte ich – mir gegeben, verhaftet in meinem Leibe, verbunden in meinem Leben. Nun hatte ich Dich ja endlich gefangen, ich konnte Dich, Dein Leben wachsen spüren in meinen Adern, Dich nähren, Dich tränken, Dich liebkosen, Dich küssen, wenn mir die Seele danach brannte. Siehst Du, Geliebter, darum war ich so selig, als ich wußte, daß ich ein Kind von Dir hatte, darum verschwieg ich Dirs: denn nun konntest Du mir nicht mehr entfliehen.
Freilich, Geliebter, es waren nicht nur so selige Monate, wie ich sie voraus fühlte in meinen Gedanken, es waren auch Monate voll von Grauen und Qual, voll Ekel vor der Niedrigkeit der Menschen. Ich hatte es nicht leicht. In das Geschäft konnte ich während der letzten Monate nicht mehr gehen, damit es den Verwandten nicht auffällig werde und sie nicht nach Hause berichteten. Von der Mutter wollte ich kein Geld erbitten – so fristete ich mir mit dem Verkauf von dem bißchen Schmuck, den ich hatte, die Zeit bis zur Niederkunft. Eine Woche vorher wurden mir aus einem Schranke von einer Wäscherin die letzten paar Kronen gestohlen, so mußte ich in die Gebärklinik. Dort, wo nur die ganz Armen, die Ausgestoßenen und Vergessenen sich in ihrer Not hinschleppen, dort, mitten im Abhub des Elends, dort ist das Kind, Dein Kind geboren worden. Es war zum Sterben dort: fremd, fremd, fremd war alles, fremd wir einander, die wir da lagen, einsam und voll Haß eine auf die andere, nur vom Elend, von der gleichen Qual in diesen dumpfen, von Chloroform und Blut, von Schrei und Stöhnen vollgepreßten Saal gestoßen. Was die Armut an Erniedrigung, an seelischer und körperlicher Schande zu ertragen hat, ich habe es dort gelitten an dem Beisammensein mit Dirnen und mit Kranken, die aus der Gemeinsamkeit des Schicksals eine Gemeinheit machten, an der Zynik der jungen Ärzte, die mit einem ironischen Lächeln der Wehrlosen das Bettuch aufstreiften und sie mit falscher Wissenschaftlichkeit antasteten, an der Habsucht der Wärterinnen – oh, dort wird die Scham eines Menschen gekreuzigt mit Blicken und gegeißelt mit Worten. Die Tafel mit Deinem Namen, das allein bist dort noch Du, denn was im Bette liegt, ist bloß ein zuckendes Stück Fleisch, betastet von Neugierigen, ein Objekt der Schau und des Studierens – ah, sie wissen es nicht, die Frauen, die ihren Mann, dem zärtlich wartenden, in seinem Hause Kinder schenken, was es heißt, allein, wehrlos, gleichsam am Versuchstisch, ein Kind zu gebären! Und lese ich noch heute in einem Buche das Wort Hölle, so denke ich plötzlich wider meinen bewußten Willen an jenen vollgepfropften, dünstenden, von Seufzer, Gelächter und blutigem Schrei erfüllten Saal, in dem ich gelitten habe, an dieses Schlachthaus der Scham.
Verzeih, verzeih mirs, daß ich davon spreche. Aber nur dieses eine Mal rede ich davon, nie mehr, nie mehr wieder. Elf Jahre habe ich geschwiegen davon, und werde bald stumm sein in alle Ewigkeit: einmal mußte ichs ausschreien, einmal ausschreien, wie teuer ich es erkaufte, dies Kind, das meine Seligkeit war und das nun dort ohne Atem liegt. Ich hatte sie schon vergessen, diese Stunden, längst vergessen im Lächeln, in der Stimme des Kindes, in meiner Seligkeit; aber jetzt, da es tot ist, wird die Qual wieder lebendig, und ich mußte sie mir von der Seele schreien, dieses eine, dieses eine Mal. Aber nicht Dich klage ich an, nur Gott, nur Gott, der sie sinnlos machte, diese Qual. Nicht Dich klage ich an, ich schwöre es Dir, und nie habe ich mich im Zorn erhoben gegen Dich. Selbst in der Stunde, da mein Leib sich krümmte in den Wehen, da mein Körper vor Scham brannte unter den tastenden Blicken der Studenten, selbst in der Sekunde, da der Schmerz mir die Seele zerriß, habe ich Dich nicht angeklagt vor Gott; nie habe ich jene Nächte bereut, nie meine Liebe zu Dir gescholten, immer habe ich Dich geliebt, immer die Stunde gesegnet, da Du mir begegnet bist. Und müßte ich noch einmal durch die Hölle jener Stunden und wüßte vordem, was mich erwartet, ich täte es noch einmal, mein Geliebter, noch einmal und tausendmal!

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Unser Kind ist gestern gestorben – Du hast es nie gekannt. Niemals, auch in der flüchtigen Begegnung des Zufalles hat dies blühende, kleine Wesen, Dein Wesen, im Vorübergehen Deinen Blick gestreift. Ich hielt mich lange verborgen vor Dir, sobald ich dies Kind hatte, meine Sehnsucht nach Dir war weniger schmerzhaft geworden, ja ich glaube, ich liebte Dich weniger leidenschaftlich, zumindest litt ich nicht so an meiner Liebe, seit es mir geschenkt war. Ich wollte mich nicht zerteilen zwischen Dir und ihm; so gab ich mich nicht an Dich, den Glücklichen, der an mir vorbeilebte, sondern an dies Kind, das mich brauchte, das ich nähren mußte, das ich küssen konnte und umfangen. Ich schien gerettet vor meiner Unruhe nach Dir, meinem Verhängnis, gerettet durch dies Dein anderes Du, das aber wahrhaft mein war – selten nur mehr, ganz selten drängte mein Gefühl sich demütig heran an Dein Haus. Nur eines tat ich: zu Deinem Geburtstag sandte ich Dir immer ein Bündel weiße Rosen, genau dieselben, wie Du sie mir damals geschenkt nach unserer ersten Liebesnacht. Hast Du je in diesen zehn, in diesen elf Jahren Dich gefragt, wer sie sandte? Hast Du Dich vielleicht an die erinnert, der Du einst solche Rosen geschenkt? Ich weiß es nicht und werde Deine Antwort nicht wissen. Nur aus dem Dunkel sie Dir hinzureichen, einmal im Jahre die Erinnerung aufblühen zu lassen an jene Stunde – das war mir genug.
Du hast es nie gekannt, unser armes Kind – heute klage ich mich an, daß ich es Dir verbarg, denn Du hättest es geliebt. Nie hast Du ihn gekannt, den armen Knaben, nie ihn lächeln gesehen, wenn er leise die Lider aufhob und dann mit seinen dunklen klugen Augen – Deinen Augen! – ein helles, frohes Licht warf über mich, über die ganze Welt. Ach, er war so heiter, so lieb: die ganze Leichtigkeit Deines Wesens war in ihm kindlich wiederholt, Deine rasche, bewegte Phantasie in ihm erneuert: stundenlang konnte er verliebt mit Dingen spielen, so wie Du mit dem Leben spielst, und dann wieder ernst mit hochgezogenen Brauen vor seinen Büchern sitzen. Er wurde immer mehr Du; schon begann sich auch in ihm jene Zwiespältigkeit von Ernst und Spiel, die Dir eigen ist, sichtbar zu entfalten, und je ähnlicher er Dir ward, desto mehr liebte ich ihn. Er hat gut gelernt, er plauderte Französisch wie eine kleine Elster, seine Hefte waren die saubersten der Klasse, und wie hübsch war er dabei, wie elegant in seinem schwarzen Samtkleid oder dem weißen Matrosenjäckchen. Immer war er der Eleganteste von allen, wohin er auch kam, in Grado am Strande, wenn ich mit ihm ging, blieben die Frauen stehen und streichelten sein langes blondes Haar, auf dem Semmering, wenn er im Schlitten fuhr, wandten sich bewundernd die Leute nach ihm um. Er war so hübsch, so zart, so zutunlich: als er im letzten Jahre ins Internat des Theresianums kam, trug er seine Uniform und den kleinen Degen wie ein Page aus dem achtzehnten Jahrhundert – nun hat er nichts als sein Hemdchen an, der Arme, der dort liegt mit blassen Lippen und eingefalteten Händen.
Aber Du fragst mich vielleicht, wie ich das Kind so im Luxus erziehen konnte, wie ich es vermochte, ihm dies helle, dies heitere Leben der oberen Welt zu vergönnen. Liebster, ich spreche aus dem Dunkel zu Dir; ich habe keine Scham, ich will es Dir sagen, aber erschrick nicht, Geliebter – ich habe mich verkauft. Ich wurde nicht gerade das, was man ein Mädchen von der Straße nennt, eine Dirne, aber ich habe mich verkauft. Ich hatte reiche Freunde, reiche Geliebte: zuerst suchte ich sie, dann suchten sie mich, denn ich war – hast Du es je bemerkt? – sehr schön. Jeder, dem ich mich gab, gewann mich lieb, alle haben mir gedankt, alle an mir gehangen, alle mich geliebt – nur Du nicht, nur Du nicht, mein Geliebter!
Verachtest Du mich nun, weil ich Dir es verriet, daß ich mich verkauft habe? Nein, ich weiß, Du verachtest mich nicht, ich weiß, Du verstehst alles und wirst auch verstehen, daß ich es nur für Dich getan, für Dein anderes Ich, für Dein Kind. Ich hatte einmal in jener Stube der Gebärklinik an das Entsetzliche der Armut gerührt, ich wußte, daß in dieser Welt der Arme immer der Getretene, der Erniedrigte, das Opfer ist, und ich wollte nicht, um keinen Preis, daß Dein Kind, Dein helles, schönes Kind da tief unten aufwachsen sollte im Abhub, im Dumpfen, im Gemeinen der Gasse, in der verpesteten Luft eines Hinterhausraumes. Sein zarter Mund sollte nicht die Sprache des Rinnsteins kennen, sein weißer Leib nicht die dumpfige, verkrümmte Wäsche der Armut – Dein Kind sollte alles haben, allen Reichtum, alle Leichtigkeit der Erde, es sollte wieder aufsteigen zu Dir, in Deine Sphäre des Lebens.
Darum, nur darum, mein Geliebter, habe ich mich verkauft. Es war kein Opfer für mich, denn was man gemeinhin Ehre und Schande nennt, das war mir wesenlos: Du liebtest mich nicht, Du, der Einzige, dem mein Leib gehörte, so fühlte ich es als gleichgültig, was sonst mit meinem Körper geschah. Die Liebkosungen der Männer, selbst ihre innerste Leidenschaft, sie rührten mich im Tiefsten nicht an, obzwar ich manche von ihnen sehr achten mußte und mein Mitleid mit ihrer unerwiderten Liebe in Erinnerung eigenen Schicksals mich oft erschütterte. Alle waren sie gut zu mir, die ich kannte, alle haben sie mich verwöhnt, alle achteten sie mich. Da war vor allem einer, ein älterer, verwitweter Reichsgraf, derselbe, der sich die Füße wundstand an den Türen, um die Aufnahme des vaterlosen Kindes, Deines Kindes, im Theresianum durchzudrücken – der liebte mich wie eine Tochter. Dreimal, viermal machte er mir den Antrag, mich zu heiraten – ich könnte heute Gräfin sein, Herrin auf einem zauberischen Schloß in Tirol, könnte sorglos sein, denn das Kind hätte einen zärtlichen Vater gehabt, der es vergötterte, und ich einen stillen, vornehmen, gütigen Mann an meiner Seite – ich habe es nicht getan, so sehr, sooft er auch drängte, so sehr ich ihm wehe tat mit meiner Weigerung. Vielleicht war es eine Torheit, denn sonst lebte ich jetzt irgendwo still und geborgen, und dies Kind, das geliebte, mit mir, aber – warum soll ich Dir es nicht gestehen – ich wollte mich nicht binden, ich wollte Dir frei sein in jeder Stunde. Innen im Tiefsten, im Unbewußten meines Wesens lebte noch immer der alte Kindertraum, Du würdest vielleicht noch einmal mich zu Dir rufen, sei es nur für eine Stunde lang. Und für diese eine mögliche Stunde habe ich alles weggestoßen, nur um Dir frei zu sein für Deinen ersten Ruf. Was war mein ganzes Leben seit dem Erwachen aus der Kindheit denn anders, als ein Warten, ein Warten auf Deinen Willen!
Und diese Stunde, sie ist wirklich gekommen. Aber Du weißt sie nicht, Du ahnst sie nicht, mein Geliebter! Auch in ihr hast Du mich nicht erkannt – nie, nie, nie hast Du mich erkannt! Ich war Dir ja schon früher oft begegnet, in den Theatern, in den Konzerten, im Prater, auf der Straße – jedesmal zuckte mir das Herz, aber Du sahst an mir vorbei: ich war ja äußerlich eine ganz andere, aus dem scheuen Kinde war eine Frau geworden, schön wie sie sagten, in kostbare Kleider gehüllt, umringt von Verehrern: wie konntest Du in mir jenes schüchterne Mädchen im dämmerigen Licht Deines Schlafraumes vermuten! Manchmal grüßte Dich einer der Herren, mit denen ich ging, Du danktest und sahst auf zu mir: aber Dein Blick war höfliche Fremdheit, anerkennend, aber nie erkennend, fremd, entsetzlich fremd. Einmal, ich erinnere mich noch, ward mir dieses Nichterkennen, an das ich fast schon gewohnt war, zur brennenden Qual: ich saß in einer Loge der Oper mit einem Freunde und Du in der Nachbarloge. Die Lichter erloschen bei der Ouvertüre, ich konnte Dein Antlitz nicht mehr sehen, nur Deinen Atem fühlte ich so nah neben mir, wie damals in jener Nacht, und auf der samtenen Brüstung der Abteilung unserer Logen lag Deine Hand aufgestützt, Deine feine, zarte Hand. Und unendlich überkam mich das Verlangen, mich niederzubeugen und diese fremde, diese so geliebte Hand demütig zu küssen, deren zärtliche Umfassung ich einst gefühlt. Um mich wogte aufwühlend die Musik, immer leidenschaftlicher wurde das Verlangen, ich mußte mich ankrampfen, mich gewaltsam aufreißen, so gewaltsam zog es meine Lippen hin zu Deiner geliebten Hand. Nach dem ersten Akt bat ich meinen Freund, mit mir fortzugehen. Ich ertrug es nicht mehr, Dich so fremd und so nah neben mir zu haben im Dunkel.
Aber die Stunde kam, sie kam noch einmal, ein letztes Mal in mein verschüttetes Leben. Fast genau vor einem Jahr ist es gewesen, am Tage nach Deinem Geburtstage. Seltsam: ich hatte alle die Stunden an Dich gedacht, denn Deinen Geburtstag, ihn feierte ich immer wie ein Fest. Ganz frühmorgens schon war ich ausgegangen und hatte die weißen Rosen gekauft, die ich Dir wie alljährlich senden ließ zur Erinnerung an eine Stunde, die Du vergessen hattest. Nachmittags fuhr ich mit dem Buben aus, führte ihn zu Demel in die Konditorei und abends ins Theater, ich wollte, auch er sollte diesen Tag, ohne seine Bedeutung zu wissen, irgendwie als einen mystischen Feiertag von Jugend her empfinden. Am nächsten Tage war ich dann mit meinem damaligen Freunde, einem jungen, reichen Brünner Fabrikanten, mit dem ich schon seit zwei Jahren zusammenlebte, der mich vergötterte, verwöhnte und mich ebenso heiraten wollte wie die andern und dem ich mich ebenso scheinbar grundlos verweigerte wie den andern, obwohl er mich und das Kind mit Geschenken überschüttete und selbst liebenswert war in seiner ein wenig dumpfen, knechtischen Güte. Wir gingen zusammen in ein Konzert, trafen dort heitere Gesellschaft, soupierten in einem Ringstraßenrestaurant, und dort, mitten im Lachen und Schwätzen, machte ich den Vorschlag, noch in ein Tanzlokal, in den Tabarin, zu gehen. Mir waren diese Art Lokale mit ihrer systematischen und alkoholischen Heiterkeit wie jede »Drahrerei« sonst immer widerlich, und ich wehrte mich sonst immer gegen derlei Vorschläge, diesmal aber – es war wie eine unergründliche magische Macht in mir, die mich plötzlich unbewußt den Vorschlag mitten in die freudig zustimmende Erregung der andern werfen ließ – hatte ich plötzlich ein unerklärliches Verlangen, als ob dort irgend etwas Besonderes mich erwarte. Gewohnt, mir gefällig zu sein, standen alle rasch auf, wir gingen hinüber, tranken Champagner, und in mich kam mit einemmal eine ganz rasende, ja fast schmerzhafte Lustigkeit, wie ich sie nie gekannt. Ich trank und trank, sang die kitschigen Lieder mit und hatte fast den Zwang, zu tanzen oder zu jubeln. Aber plötzlich – mir war, als hätte etwas Kaltes oder etwas Glühendheißes sich mir jäh aufs Herz gelegt – riß es mich auf: am Nachbartisch saßest Du mit einigen Freunden und sahst mich an mit einem bewundernden und begehrenden Blick, mit jenem Blicke, der mir immer den ganzen Leib von innen aufwühlte. Zum erstenmal seit zehn Jahren sahst Du mich wieder an mit der ganzen unbewußt-leidenschaftlichen Macht Deines Wesens. Ich zitterte. Fast wäre mir das erhobene Glas aus den Händen gefallen. Glücklicherweise merkten die Tischgenossen nicht meine Verwirrung: sie verlor sich in dem Dröhnen von Gelächter und Musik.
Immer brennender wurde Dein Blick und tauchte mich ganz in Feuer. Ich wußte nicht: hattest Du mich endlich, endlich erkannt, oder begehrtest Du mich neu, als eine andere, als eine Fremde? Das Blut flog mir in die Wangen, zerstreut antwortete ich den Tischgenossen: Du mußtest es merken, wie verwirrt ich war von Deinem Blick. Unmerklich für die übrigen machtest Du mit einer Bewegung des Kopfes ein Zeichen, ich möchte für einen Augenblick hinauskommen in den Vorraum. Dann zahltest Du ostentativ, nahmst Abschied von Deinen Kameraden und gingst hinaus, nicht ohne zuvor noch einmal angedeutet zu haben, daß Du draußen auf mich warten würdest. Ich zitterte wie im Frost, wie im Fieber, ich konnte nicht mehr Antwort geben, nicht mehr mein aufgejagtes Blut beherrschen. Zufälligerweise begann gerade in diesem Augenblick ein Negerpaar mit knatternden Absätzen und schrillen Schreien einen absonderlichen neuen Tanz: alles starrte ihnen zu, und diese Sekunde nützte ich. Ich stand auf, sagte meinem Freunde, daß ich gleich zurückkäme, und ging Dir nach.
Draußen im Vorraum vor der Garderobe standest Du, mich erwartend: Dein Blick ward hell, als ich kam. Lächelnd eiltest Du mir entgegen; ich sah sofort, Du erkanntest mich nicht, erkanntest nicht das Kind von einst und nicht das Mädchen, noch einmal griffest Du nach mir als einem Neuen, einem Unbekannten. »Haben Sie auch für mich einmal eine Stunde«, fragtest Du vertraulich – ich fühlte an der Sicherheit Deiner Art, Du nahmst mich für eine dieser Frauen, für die Käufliche eines Abends. »Ja«, sagte ich, dasselbe zitternde und doch selbstverständliche einwilligende Ja, das Dir das Mädchen vor mehr als einem Jahrzehnt auf der dämmernden Straße gesagt. »Und wann könnten wir uns sehen?« fragtest Du. »Wann immer Sie wollen«, antwortete ich – vor Dir hatte ich keine Scham. Du sahst mich ein wenig verwundert an, mit derselben mißtrauisch-neugierigen Verwunderung wie damals, als Dich gleichfalls die Raschheit meines Einverständnisses erstaunt hatte. »Könnten Sie jetzt?« fragtest Du, ein wenig zögernd. »Ja,« sagte ich, »gehen wir.«
Ich wollte zur Garderobe, meinen Mantel holen.
Da fiel mir ein, daß mein Freund den Garderobenzettel hatte für unsere gemeinsam abgegebenen Mäntel. Zurückzugehen und ihn verlangen, wäre ohne umständliche Begründung nicht möglich gewesen, anderseits die Stunde mit Dir preisgeben, die seit Jahren ersehnte, dies wollte ich nicht. So habe ich keine Sekunde gezögert: ich nahm nur den Schal über das Abendkleid und ging hinaus in die nebelfeuchte Nacht, ohne mich um den Mantel zu kümmern, ohne mich um den guten, zärtlichen Menschen zu kümmern, von dem ich seit Jahren lebte und den ich vor seinen Freunden zum lächerlichsten Narren erniedrigte, zu einem, dem seine Geliebte nach Jahren wegläuft auf den ersten Pfiff eines fremden Mannes. Oh, ich war mir ganz der Niedrigkeit, der Undankbarkeit, der Schändlichkeit, die ich gegen einen ehrlichen Freund beging, im Tiefsten bewußt, ich fühlte, daß ich lächerlich handelte und mit meinem Wahn einen gütigen Menschen für immer tödlich kränkte, fühlte, daß ich mein Leben mitten entzweiriß – aber was war mir Freundschaft, was meine Existenz gegen die Ungeduld, wieder einmal Deine Lippen zu fühlen, Dein Wort weich gegen mich gesprochen zu hören. So habe ich Dich geliebt, nun kann ich es Dir sagen, da alles vorbei ist und vergangen. Und ich glaube, riefest Du mich von meinem Sterbebette, so käme mir plötzlich die Kraft, aufzustehen und mit Dir zu gehen.
Ein Wagen stand vor dem Eingang, wir fuhren zu Dir. Ich hörte wieder Deine Stimme, ich fühlte Deine zärtliche Nähe und war genau so betäubt, so kindischselig verwirrt wie damals. Wie stieg ich, nach mehr als zehn Jahren, zum erstenmal wieder die Treppe empor – nein, nein, ich kann Dirs nicht schildern, wie ich alles immer doppelt fühlte in jenen Sekunden, vergangene Zeit und Gegenwart, und in allem und allem immer nur Dich. In Deinem Zimmer war weniges anders, ein paar Bilder mehr, und mehr Bücher, da und dort fremde Möbel, aber alles doch grüßte mich vertraut. Und am Schreibtisch stand die Vase mit den Rosen darin – mit meinen Rosen, die ich Dir tags vorher zu Deinem Geburtstag geschickt als Erinnerung an eine, an die Du Dich doch nicht erinnertest, die Du doch nicht erkanntest, selbst jetzt, da sie Dir nahe war, Hand in Hand und Lippe an Lippe. Aber doch: es tat mir wohl, daß Du die Blumen hegtest: so war doch ein Hauch meines Wesens, ein Atem meiner Liebe um Dich.
Du nahmst mich in Deine Arme. Wieder blieb ich bei Dir eine ganze herrliche Nacht. Aber auch im nackten Leibe erkanntest Du mich nicht. Selig erlitt ich Deine wissenden Zärtlichkeiten und sah, daß Deine Leidenschaft keinen Unterschied macht zwischen einer Geliebten und einer Käuflichen, daß Du Dich ganz gibst an Dein Begehren mit der unbedachten verschwenderischen Fülle Deines Wesens. Du warst so zärtlich und lind zu mir, der vom Nachtlokal Geholten, so vornehm und so herzlich-achtungsvoll und doch gleichzeitig so leidenschaftlich im Genießen der Frau; wieder fühlte ich, taumelig vom alten Glück, diese einzige Zweiheit Deines Wesens, die wissende, die geistige Leidenschaft in der sinnlichen, die schon das Kind Dir hörig gemacht. Nie habe ich bei einem Manne in der Zärtlichkeit solche Hingabe an den Augenblick gekannt, ein solches Ausbrechen und Entgegenleuchten des tiefsten Wesens – freilich um dann hinzulöschen in eine unendliche, fast unmenschliche Vergeßlichkeit. Aber auch ich vergaß mich selbst: wer war ich nun im Dunkel neben Dir? War ichs, das brennende Kind von einst, war ichs, die Mutter Deines Kindes, war ichs, die Fremde? Ach, es war so vertraut, so erlebt alles, und alles wieder so rauschend neu in dieser leidenschaftlichen Nacht. Und ich betete, sie möchte kein Ende nehmen.
Aber der Morgen kam, wir standen spät auf, Du ludest mich ein, noch mit Dir zu frühstücken. Wir tranken zusammen den Tee, den eine unsichtbar dienende Hand diskret in dem Speisezimmer bereitgestellt hatte, und plauderten. Wieder sprachst Du mit der ganzen offenen, herzlichen Vertraulichkeit Deines Wesens zu mir und wieder ohne alle indiskreten Fragen, ohne alle Neugier nach dem Wesen, das ich war. Du fragtest nicht nach meinem Namen, nicht nach meiner Wohnung: ich war Dir wiederum nur das Abenteuer, das Namenlose, die heiße Stunde, die im Rauch des Vergessens spurlos sich löst. Du erzähltest, daß Du jetzt weit weg reisen wolltest, nach Nordafrika für zwei oder drei Monate; ich zitterte mitten in meinem Glück, denn schon hämmerte es mir in den Ohren: vorbei, vorbei und vergessen! Am liebsten wäre ich hin zu Deinen Knieen gestürzt und hätte geschrieen: »Nimm mich mit, damit Du mich endlich erkennst, endlich, endlich nach so vielen Jahren!« Aber ich war ja so scheu, so feige, so sklavisch, so schwach vor Dir. Ich konnte nur sagen: »Wie schade.« Du sahst mich lächelnd an: »Ist es Dir wirklich leid?«
Da faßte es mich wie eine plötzliche Wildheit. Ich stand auf, sah Dich an, lange und fest. Dann sagte ich: »Der Mann, den ich liebte, ist auch immer weggereist.« Ich sah Dich an, mitten in den Stern Deines Auges. »Jetzt, jetzt wird er mich erkennen!« zitterte, drängte alles in mir. Aber Du lächeltest mir entgegen und sagtest tröstend: »Man kommt ja wieder zurück.« »Ja,« antwortete ich, »man kommt zurück, aber dann hat man vergessen.«
Es muß etwas Absonderliches, etwas Leidenschaftliches in der Art gewesen sein, wie ich Dir das sagte. Denn auch Du standest auf und sahst mich an, verwundert und sehr liebevoll. Du nahmst mich bei den Schultern: »Was gut ist, vergißt sich nicht, Dich werde ich nicht vergessen«, sagtest Du, und dabei senkte sich Dein Blick ganz in mich hinein, als wollte er dies Bild sich festprägen. Und wie ich diesen Blick in mich eindringen fühlte, suchend, spürend, mein ganzes Wesen an sich saugend, da glaubte ich endlich, endlich den Bann der Blindheit gebrochen. Er wird mich erkennen, er wird mich erkennen! Meine ganze Seele zitterte in dem Gedanken.
Aber Du erkanntest mich nicht. Nein, Du erkanntest mich nicht, nie war ich Dir fremder jemals als in dieser Sekunde, denn sonst – sonst hättest Du nie tun können, was Du wenige Minuten später tatest. Du hattest mich geküßt, noch einmal leidenschaftlich geküßt. Ich mußte mein Haar, das sich verwirrt hatte, wieder zurechtrichten, und während ich vor dem Spiegel stand, da sah ich durch den Spiegel – und ich glaubte hinsinken zu müssen vor Scham und Entsetzen – da sah ich, wie Du in diskreter Art ein paar größere Banknoten in meinen Muff schobst. Wie habe ichs vermocht, nicht aufzuschreien, Dir nicht ins Gesicht zu schlagen in dieser Sekunde – mich, die ich Dich liebte von Kindheit an, die Mutter Deines Kindes, mich zahltest Du für diese Nacht! Eine Dirne aus dem Tabarin war ich Dir, nicht mehr – bezahlt, bezahlt hattest Du mich! Es war nicht genug, von Dir vergessen, ich mußte noch erniedrigt sein.
Ich tastete rasch nach meinen Sachen. Ich wollte fort, rasch fort. Es tat mir zu weh. Ich griff nach meinem Hut, er lag auf dem Schreibtisch, neben der Vase mit den weißen Rosen, meinen Rosen. Da erfaßte es mich mächtig, unwiderstehlich: noch einmal wollte ich es versuchen, Dich zu erinnern. »Möchtest Du mir nicht von Deinen weißen Rosen eine geben?« »Gern«, sagtest Du und nahmst sie sofort. »Aber sie sind Dir vielleicht von einer Frau gegeben, von einer Frau, die Dich liebt?« sagte ich. »Vielleicht,« sagtest Du, ich weiß es nicht. Sie sind mir gegeben und ich weiß nicht von wem; darum liebe ich sie so.« Ich sah Dich an. »Vielleicht sind sie auch von einer, die Du vergessen hast!«
Du blicktest erstaunt. Ich sah Dich fest an. »Erkenne mich, erkenne mich endlich!« schrie mein Blick. Aber Dein Auge lächelte freundlich und unwissend. Du küßtest mich noch einmal. Aber Du erkanntest mich nicht.
Ich ging rasch zur Tür, denn ich spürte, daß mir Tränen in die Augen schossen, und das solltest Du nicht sehen. Im Vorzimmer – so hastig war ich hinausgeeilt – stieß ich mit Johann, Deinem Diener, fast zusammen. Scheu und eilfertig sprang er zur Seite, riß die Haustür auf, um mich hinauszulassen, und da – in dieser einen, hörst Du? in dieser einen Sekunde, da ich ihn ansah, mit tränenden Augen ansah, den gealterten Mann, da zuckte ihm plötzlich ein Licht in den Blick. In dieser einen Sekunde, hörst Du? in dieser einen Sekunde, hat der alte Mann mich erkannt, der mich seit meiner Kindheit nicht gesehen. Ich hätte hinknieen können vor ihm für dieses Erkennen und ihm die Hände küssen. So riß ich nur die Banknoten, mit denen Du mich gegeißelt, rasch aus dem Muff und steckte sie ihm zu. Er zitterte, sah erschreckt zu mir auf – in dieser Sekunde hat er vielleicht mehr geahnt von mir als Du in Deinem ganzen Leben. Alle, alle Menschen haben mich verwöhnt, alle waren zu mir gütig – nur Du, nur Du, Du hast mich vergessen, nur Du, nur Du hast mich nie erkannt!

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Mein Kind ist gestorben, unser Kind – jetzt habe ich niemanden mehr in der Welt, ihn zu lieben, als Dich. Aber wer bist Du mir, Du, der Du mich niemals, niemals erkennst, der an mir vorübergeht wie an einem Wasser, der auf mich tritt wie auf einen Stein, der immer geht und weiter geht und mich läßt in ewigem Warten? Einmal vermeinte ich Dich zu halten, Dich, den Flüchtigen, in dem Kinde. Aber es war Dein Kind: über Nacht ist es grausam von mir gegangen, eine Reise zu tun, es hat mich vergessen und kehrt nie zurück. Ich bin wieder allein, mehr allein als jemals, nichts habe ich, nichts von Dir – kein Kind mehr, kein Wort, keine Zeile, kein Erinnern, und wenn jemand meinen Namen nennen würde vor Dir, Du hörtest an ihm fremd vorbei. Warum soll ich nicht gerne sterben, da ich Dir tot bin, warum nicht weitergehen, da Du von mir gegangen bist? Nein, Geliebter, ich klage nicht wider Dich, ich will Dir nicht meinen Jammer hinwerfen in Dein heiteres Haus. Fürchte nicht, daß ich Dich weiter bedränge – verzeih mir, ich mußte mir einmal die Seele ausschreien in dieser Stunde, da das Kind dort tot und verlassen liegt. Nur dies eine Mal mußte ich sprechen zu Dir – dann gehe ich wieder stumm in mein Dunkel zurück, wie ich immer stumm neben Dir gewesen. Aber Du wirst diesen Schrei nicht hören, solange ich lebe – nur wenn ich tot bin, empfängst Du dies Vermächtnis von mir, von einer, die Dich mehr geliebt als alle, und die Du nie erkannt, von einer, die immer auf Dich gewartet und die Du nie gerufen. Vielleicht, vielleicht wirst Du mich dann rufen, und ich werde Dir ungetreu sein zum erstenmal, ich werde Dich nicht mehr hören aus meinem Tod: kein Bild lasse ich Dir und kein Zeichen, wie Du mir nichts gelassen; nie wirst Du mich erkennen, niemals. Es war mein Schicksal im Leben, es sei es auch in meinem Tod. Ich will Dich nicht rufen in meine letzte Stunde, ich gehe fort, ohne daß Du meinen Namen weißt und mein Antlitz. Ich sterbe leicht, denn Du fühlst es nicht von ferne. Täte es Dir weh, daß ich sterbe, so könnte ich nicht sterben.
Ich kann nicht mehr weiter schreiben … mir ist so dumpf im Kopfe … die Glieder tun mir weh, ich habe Fieber … ich glaube, ich werde mich gleich hinlegen müssen. Vielleicht ist es bald vorbei, vielleicht ist mir einmal das Schicksal gütig, und ich muß es nicht mehr sehen, wie sie das Kind wegtragen … Ich kann nicht mehr schreiben. Leb wohl, Geliebter, leb wohl, ich danke Dir … Es war gut, wie es war, trotz alledem … ich will Dirs danken bis zum letzten Atemzug. Mir ist wohl: ich habe Dir alles gesagt, Du weißt nun, nein, Du ahnst nur, wie sehr ich Dich geliebt, und hast doch von dieser Liebe keine Last. Ich werde Dir nicht fehlen – das tröstet mich. Nichts wird anders sein in Deinem schönen, hellen Leben … ich tue Dir nichts mit meinem Tod … das tröstet mich, Du Geliebter.
Aber wer … wer wird Dir jetzt immer die weißen Rosen senden zu Deinem Geburtstag? Ach, die Vase wird leer sein, der kleine Atem, der kleine Hauch von meinem Leben, der einmal im Jahre um Dich wehte, auch er wird verwehen! Geliebter, höre, ich bitte Dich … es ist meine erste und letzte Bitte an Dich … tu mirs zuliebe, nimm an jedem Geburtstag – es ist ja ein Tag, wo man an sich denkt – nimm da Rosen und tu sie in die Vase. Tu’s, Geliebter, tu es so, wie andere einmal im Jahre eine Messe lesen lassen für eine liebe Verstorbene. Ich aber glaube nicht an Gott mehr und will keine Messe, ich glaube nur an Dich, ich liebe nur Dich und will nur in Dir noch weiterleben … ach, nur einen Tag im Jahr, ganz, ganz still nur, wie ich neben Dir gelebt … Ich bitte Dich, tu es, Geliebter … es ist meine erste Bitte an Dich und die letzte … ich danke Dir … ich liebe Dich, ich liebe Dich … lebe wohl …

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Er legte den Brief aus den zitternden Händen. Dann sann er lange nach. Verworren tauchte irgendein Erinnern auf an ein nachbarliches Kind, an ein Mädchen, an eine Frau im Nachtlokal, aber ein Erinnern, undeutlich und verworren, so wie ein Stein flimmert und formlos zittert am Grunde fließenden Wassers. Schatten strömten zu und fort, aber es wurde kein Bild. Er fühlte Erinnerungen des Gefühls und erinnerte sich doch nicht. Ihm war, als ob er von all diesen Gestalten geträumt hätte, oft und tief geträumt, aber doch nur geträumt. Da fiel sein Blick auf die blaue Vase vor ihm auf dem Schreibtisch. Sie war leer, zum erstenmal leer seit Jahren an seinem Geburtstag. Er schrak zusammen: ihm war, als sei plötzlich eine Tür unsichtbar aufgesprungen, und kalte Zugluft ströme aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum. Er spürte einen Tod und spürte unsterbliche Liebe: innen brach etwas aus in seiner Seele, und er dachte an die Unsichtbare körperlos und leidenschaftlich wie an eine ferne Musik.

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Über die Seele • Essay

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Über die Seele

Warum sagt man: »In der Tiefe der Seele?« Ist die Seele denn tief? Ist die Seele ein Brunnen oder eine Quelle oder ein Abgrund oder ein Sumpf oder eine Nacht oder ein Himmel, in dessen Fernen man auch nicht hineinblicken kann. Was ist die Seele? Ist sie lichtgeboren? Ist sie nur das Ergebnis von dem Gehirn und seinen Kammern? Und vergeht sie in tausend neue Kombinationen wie das Gehirn nach dem Tode?

Die Seelentiefe? Was macht, daß in allen Religionen der Erde etwas angenommen wird, das man Seele nennen dürfte, je nach dem Grade der Zivilisation? Keine läßt dem Körper mehr Rechte, als die einer zeitweiligen Behausung. Hat es die Menschheit gefühlt, daß etwas ganz anderes in ihrem Inneren wohnt, als was zu Tage tritt, oder hat dieses Zutagetreten sie erschreckt oder auch erfreut?

Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890
Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890

Jeder Märtyrer und jeder hohe Denker hat den Beweis geliefert, daß die Seele vom Körper trennbar ist, und erhaben ist über die Leiden und Schmerzen desselben. Ja man kann sagen, daß oftmals, je mehr der Körper zerstört wurde, um so erhabener die Seele darüber zu stehen schien, als ob sie bereits keinen Teil mehr habe an dem zerfallenden Gehäuse. Also muß die Seele eine Kraft besitzen, die vom Körper unabhängig ist und des Körpers nur bedarf, um sich der sichtbaren, oder wenigstens unserm Auge sichtbaren Welt kund zu geben, von dem sie sich aber gern und freudig trennt, sobald es ihr möglich ist, um andere Gestalten zu begrüßen, und einem anderen Leben entgegenzueilen. Ist die Seele so vielemal vertieft, als sie Existenzen durchgemacht und den Tod überwunden hat? Ist die Seele je nach dem Zustand tiefer, in welchem sie sich vor ihrer Inkarnation befunden hat? Das entzieht sich unserer Beobachtungsmöglichkeit, und nur ahnend folgen wir den Entschlummernden, nur tastend fragen wir uns in das zu erziehende Kind hinein, und lassen uns fast von ihm leiten, in der Art, wie seine Seele behandelt sein will, diese Seele, die wir für jung halten, weil ihr die irdische Ausdrucksweise noch fremd und neu ist, bei der wir aber sehr bald ganz bestimmte Eigenschaften entdecken, welche den Menschen durch sein ganzes Leben in höchst charakteristischer Weise begleiten. Es hat sich noch nie ein scharf und liebevoll beobachteter Mensch verändert, wenigstens nicht insofern man ihn zu studieren die genügende Gelegenheit gehabt hat. Denn in anderen Lagen erscheint sein Leben in anderem Lichte, ohne deshalb sich verändert zu haben. Manchmal kommt in bewußtlosem Zustande, in schwerer Krankheit, etwas zum Vorschein das wieder verschwindet, sobald der Mensch wieder in die frühere Lage gebracht worden ist. Wenn man sich in seine früheste Kindheit zurückversetzt, und manche haben eine deutliche Erinnerung vom zweiten Jahre an, und manchmal noch früher, so wird man sich sagen, daß man stets derselbe war, mit denselben Empfindungen, und daß die äußere Welt in ähnlicher Weise dasselbe Gehirn oder dieselbe Seele beeinflußte. In einer Familie erscheinen Geschwister, die nicht den geringsten Zug miteinander gemein haben, die auch gar kein Verständnis für einander haben, als kämen sie wirklich aus verschiedenen Welten, und hätten einer des anderen Sprache nie vernommen.

Wenn die Seele nur aus Gehirnstoff erbaut wäre, so müßten Geschwister einander ähnlich sehen, da sie ihr Gehirn aus demselben Material gebaut haben, einer wie der andere. Man spricht dann von fernen Erbschaften verschiedener Gehirnzellen aus vergangenen Geschlechtern. Das wäre dann der einzige gültige Adelsbrief, den man mitbekommen, der aber schwer zu entziffern ist, zumal da die folgenden Geschlechter die früheren meist vergessen haben, und sich nur zufällig Züge ihres Wesens erhalten haben. Wer weiß, ob es der sich zu inkarnierenden Seele nicht gestattet ist, sich das Elternpaar und das Geschlecht auszusuchen, aus dessen Stoff sie glaubt, eine gute Behausung bauen zu können. Denn man sieht, daß Erziehung auch nur einen ganz äußerlichen Einfluß hat, die Seele aber in keiner Weise modelliert. Erziehung heißt, sich in der umgebenden Welt zurechtfinden, und die Freiheiten seiner Nebenmenschen in keiner Weise beeinträchtigen. Inwieweit dies aber gelingt, hängt lediglich von der Natur eines jeden ab, ob er egoistisch oder altruistisch angelegt ist.

Es ist auch möglich, daß frühere Existenzen eine Art von Selbstverurteilung herbeiführen, unter ungünstigen Umständen wiedergeboren zu werden, oder gar gezwungen zu sein, das Böse zu tun, ein Dämon zu sein auf der Erde, bis auf diese Weise ein anderes Dasein erfüllt oder gebüßt ist. Umgekehrt muß es auch vorkommen, daß die Seele die Verhältnisse, die sie versucht, ungünstig findet und den Körper wieder verläßt, um sich einen besseren zu suchen. Das heißt für die Menschen dann frühes Sterben. Vielleicht sind Sie selbst an dem frühen Sterben schuld, weil Sie der Seele nicht die körperliche und geistige Nahrung zugeführt haben, deren sie bedurfte. Wir tasten in Dunkelheiten, die wir vielleicht nicht einmal erhellen sollen. Darwin sagte bescheiden und demütig: »Vielleicht stammen wir aus demselben Uranfang?« und seine Schüler erhoben diese Anfrage zur Lehre und schworen dabei, bis sie sahen, daß sie nicht weiter führt. Fichte sprach vom Ich, Schopenhauer vom Willen, Kant von der Vernunft, Büchner von der Kraft, aber warum dachten Sie nicht an das Alte?

Warum unsere Identität fortbeweisen wollen, wenn die allergrößten Philosophen der Welt, die Inder, schon so lange den Weg gezeigt hatten, die unerklärlichen Verschiedenheiten von Seele und Leib zu erklären. Sie bewiesen in der vollkommenen Extase, auf ein wie geringes Maß von Existenz man den Körper reduzieren kann, ohne an Denkkraft einzubüßen, sondern im Gegenteil, die Denkkraft schien sich zu erhöhen, je weniger der Körper vorhanden war. Die Europäer verfielen auf den gegenteiligen Gedanken, sie wollten dem Körper alles zuschieben, was durch ihn hindurchzustrahlen bestimmt ist. Man dürfte aber sein bescheidenes Vielleicht wieder einmal in der Richtung der Inder entsenden und nachforschen, warum sie so große Gewalt über sich und über die ganze Natur erlangten. Vielleicht waren sie der Wahrheit näher gekommen und wußten, daß sie viele Wege bereits zurückgelegt. Vielleicht wacht die Erinnerung besser auf, wenn der Körper überwunden und als nebensächlich behandelt wird, vielleicht sehen wir in einem Spiegel, was früher wir gewesen sind. Ob in der vollkommenen Extase wir unsern jeweiligen Beruf erfüllen, das ist eine andere Frage.

Aber es muß auch solche geben, die sich zum Wohle der andern in sich selbst zu vertiefen suchen, und ihnen mitteilen, woraus sie entnommen sind. Wir wissen vielleicht gar nicht, wie wahr wir sind, wenn wir von Seelentiefen sprechen, denn wir haben oft Überraschungen von Eigenschaften, die uns verhüllt blieben, bis zu einem gewissen Augenblick. Daß die Seele sich den Leib bis zu einem gewissen Grade modelliert, das wird wohl auch richtig sein, denn der Gesichtsausdruck verändert sich je nach der einen oder andern Eigenschaft, die sich entwickelt, ja die ganze Kopfform verändert sich, der Schädel scheint eine Umbildung zu erleiden, die Bewegungen werden anders, die Form der Hände, der Gang, alles wird gröber, oder was wir vergeistigter nennen, je nach den Beschäftigungen oder Sitten, die zur stärkeren Entwicklung kommen. Wie oft wird der schwächlichste Körper zu unerhörten Leistungen förmlich durch das innewohnende Feuer der Seele gezwungen, und dieser beständige Kampf gegen die ungenügende Materie bringt eine immer steigende geistige Kraft zu Tage. Wer befiehlt denn dem Menschen, der ohne Arme und Beine geboren ist, ein gewaltiger Mathematiker zu werden, oder wenigstens ein Rechenkünstler, der alle in Erstaunen setzt? Wer befiehlt dem ohne Arme Lebenden, seine Füße zum Malen zu gebrauchen? Die Seele, die den Körper überwinden will, und in dieser Überwindung einen Triumph feiert, wie ihn kein Ringkampf und kein heldenhafter Sieg zur Empfindung bringt. Wie viele Menschen sehen ihren Körper wie einen Feind an, den man täglich bezwingen muß, und der dennoch gehorchen muß, ob er scheinbar kann oder nicht. Das ist doch wohl nicht Materie, welche die Materie beherrscht, oder jedenfalls eine andere Materie, die viel stärker ist, als die sichtbare, oder als diejenige, über die wir uns in unserer Beschränktheit Rechenschaft geben. Das, was wir überirdisch nennen, oder den Naturgesetzen zuwiderlaufend betrachten, ist doch nur das, was wir nicht verstehen. Aber ein Mensch, der noch nie einen Baum gesehen hätte, würde das Wachstum einer Eiche oder einer Buche, oder einer Tanne für ungeheuerlich und unmöglich, den Naturgesetzen zuwiderlaufend, erklären. Was wissen wir überhaupt von den uns umgebenden Gesetzen? Wir tasten umher, um sie zu erkennen, und unsere Entdeckungen weisen uns täglich auf den Grad unserer Blindheit hin.

Einige Menschen erhoben das sogenannte Böse zum Prinzip, weil sie in ihrem Glauben an einen gütigen Gott nicht erschüttert werden wollten, durch all das Unrecht, das sie sehen mußten und von dem sie nicht glauben konnten, daß ein gütiger oder nur ein gerechter Gott es dulden würde. Aber da steht man wiederum fragend da und kann nicht erklären, warum das sogenannte Böse besteht und geduldet wird, und ob es so böse ist, als es uns erscheint, oder das Gute so gut, als es uns erscheint.

So vieles ist nur durch Gestalt und Größe bestimmt, was uns in irgend einer Weise beeinflußt. Würde es Raupen geben, die größer wären als wir, wie entsetzlich müßten sie uns erscheinen, ja, wie die Drachen der Fabel oder der grauen Vorzeit.

Könnte eine Spinne uns das Blut aussaugen, wie gräßlich würde sie uns sein, und wir würden sie gar keinem Studium unterziehen können, sondern uns nur verbergen und entfliehen voller Entsetzen und Grausen. Ja, das heilige Grausen, das die meisten Menschen über allerhand Käfer, Spinnen, Tausendfüßler und Gewürm befällt, ist vielleicht nur der Instinkt des Körpers, der ahnt, daß er dieser Tiere sichre Beute ist, sobald der Geist sie nicht beherrscht. Ein sehr tiefer Schlaf ist sicher nur ein Abbild dessen, was Körper und Seele trennt. Der Körper kann in vollkommner Bewußtlosigkeit daliegen, während die Seele ganze Erlebnisse durchwandelt, und in so unglaublicher Schnelle, daß sie beim sogenannten Erwachen nicht begreift, so wenig geschlafen zu haben, und ein Buch mit ihren Erlebnissen füllen könnte. Der Graf Keyserling beschäftigte sich viel mit der Traumseele, aber er kam nicht auf den Gedanken, daß unsere Träume nur das Spiegelbild von dem sind, was die Seele im freien Zustande erlebt, und wovon das schlummernde Gehirn soviel erzählt, als ein Kind lallen würde, das ein wirklicheres Erdenerlebnis schildern wollte und dem dazu Worte und Bilder, ja Begriffe fehlen. Wissen wir, was die Seele tut, während wir schlafen?

Vielleicht ist sie viel beschäftigter als im wachenden Zustande des Körpers und hat Aufgaben, vor denen wir staunen würden, könnten wir sie anders erkennen als im undeutlichen Spiegelbild und manchmal gar nicht. Wir haben auch ganz gewiß viel größere Voraussicht als wir es uns zum Bewußtsein bringen, und im Traume erkennen wir vieles, das wir gern dem wachenden Menschen mitteilen möchten, um ihn zu warnen, das er aber nicht recht versteht, weil er die Bildersprache, zu der seine Seele gezwungen ist, um sich überhaupt verständlich zu machen, noch nicht zu entziffern gelernt hat. Wenn wir aufmerksamer schlafen würden, so würde uns manches zum Bewußtsein kommen, das uns jetzt wie ein Märchen oder Rätsel erscheint oder als leeres Hirngewebe. Kann man sich aber in einer Welt, in der alles in einander greift, und alles zweckmäßig ist, vorstellen, daß ein Wesen stundenlang jeden Tag vollkommen unnütz sein soll? Sogar die Tierseele scheint im Schlafe weiterzuarbeiten, denn wir sehen deutlich die Träume, die sie dem Tiergehirn vorspiegelt, geringste Träume haben oft nicht die geringste Verbindung mit dem bewußt Erlebten, mit unsern Gedanken, Wünschen und Erinnerungen. Wir durchwandern eine Welt, die uns vollkommen fremd ist, und die vielleicht mehr Erinnerungen enthält, als wir es ahnen.

Wer schickte Columbus nach Amerika? Er war nicht besonders gelehrt, er hätte schwer beweisen können, daß dort Welten sein müßten, wo die Welt aufhörte, und daß die Erde eine Kugel ist, und die Sterne singen in ihrem Laufe, was doch Pythagoras versicherte, gehört zu haben. Es ist eine üble Gewohnheit der Menschen, einander ihre verschiedenen Erfahrungen und Erlebnisse nicht zu glauben. Die Menschheit würde sicher viel schneller vorwärts kommen, da Vorwärtskommen ihr Bestreben ist, wenn sie von einander annehmen und lernen wollte, und nicht die Zeit mit Zweifeln an einander verlöre. Aber alle sind nur zu bereit, zu sagen: »Ich sah das nie, also ist es nicht vorbanden.« Aber welcher Mensch hätte Gehirn genug, um alle Erfahrungen der andern wieder zu erfahren? Dazu ist der Raum zu klein, in den er gesperrt ist. In einfacheren Zeiten verstanden die Menschen ihre Traumseele besser und folgten ihrem Rat, weil ihnen eine Ahnung sagte, daß die Traumseele weiter schaue, als die vom Körper befangene. Das Freisein vom Körper gab ihrem Gefühl nach größere Einsicht und besseres Erkennen, sie konnten ihre Träume selten Verdauungsbeschwerden zuschreiben, da sie der Schlemmerei nicht ergeben waren und oft nicht satt zu essen hatten. Das viele Essen macht die Seele sehr zur Sklavin, sie kann nicht so frei denken; daher die Idee des Fastens. Wie wären die Menschen aufs Fasten verfallen, wenn sie nicht entdeckt hätten, daß Enthaltsamkeit im Essen eine außerordentliche Klarheit und Denkkraft verleiht. Wenn aber das Gehirn allein denken würde, so könnte man es garnicht stark genug ernähren, um es besser denken zu machen. Ganz im Gegenteil gibt das Fasten eine leuchtende Kraft, die viel größere Dinge auf geistigem Gebiet leistet, als man berechnen kann. Es ist ein großes Unglück für die Menschheit, daß das Essen eine so große Rolle spielt. Erstens macht es viele unglücklich, die auch gern essen möchten und es nicht können, weil es zu teuer ist, und zweitens raubt das Essen vielen die hochgeistige Vollkommenheit, nach der sie streben dürften. Man sollte die Kinder von früh an gewöhnen, asketisch zu leben, so einfach, daß ihnen die Lust am Essen für später kein Hindernis ist, und sie gern so einfach weiter leben. Man sollte es ihnen als die größte Demütigung hinstellen, vom Gaumen beherrscht zu sein und des Gaumens halber krank zu werden. Eine Indigestion sollte mit der größten Härte und Verachtung bestraft werden, fast mitleidslos. Denn es ist verächtlich, seinen Gaumen nicht in der Gewalt zu haben. Jedes Tier ist uns dann überlegen. Ach! In wie vielem sind uns die Tiere oft überlegen. Wir wollen es oft nicht sehen und leugnen, daß sie eine Seele haben, und sie beschämen uns jeden Augenblick mit ihrer Seelengröße und Aufopferungsfähigkeit. Würden wir so einfach und unschuldig bleiben wie sie, so würden wir auch solcher edlen Züge teilhaftig werden, die wir mutwillig in den Wind schlagen, nur, weil es uns anders bequemer ist. Ja es ist sogar bequemer, an die Abwesenheit der Seele zu glauben, das vermindert die Verantwortung.

Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Der Chef des Verkehrsdienstes, der alte Mischkin, rief das Schreibmaschinenfräulein Ninotschka in sein Kabinett. Er überreichte ihr zwei Bogen und bat sie, diese Abschrift auf der Maschine fertigzustellen.
Als Mischkin ihr die Papiere gab, schaute er Ninotschka aufmerksam an, und da die Sonnenstrahlen ihre Figur streiften, fiel sie ihm ganz besonders auf.
Vor ihm stand ein schlankes, reizendes Mädchen mit einem wunderschönen Gesichtchen, tiefen dunkelblauen Augen und entzückendem blonden Haar.
Er trat näher an sie heran und sagte:
»Hm, also Sie werden diese Akten abschreiben, ich bemühe Sie doch nicht zu sehr?«
Ninotschka schaute ihren Vorgesetzten an und erwiderte :
»Ich bekomme ja mein Gehalt dafür!«
»So, so, Gehalt, das ist richtig. Sagen Sie, Fräulein, schmerzt Sie nicht die Brust, wenn Sie sich lange über die Maschine beugen? Es wäre schade um so ein hübsches, junges Ding.«
»Nein, danke, mich schmerzt nichts.«
»Das freut mich. Und fröstelt es Sie nicht?«
»Weshalb soll mir denn kalt sein?«
»Sie haben eine so dünne Bluse, der Arm schimmert durch. Was für schöne Arme! Haben Sie auch Muskeln?«
»Bitte, lassen Sie meine Arme in Ruhe!«
»Einen Moment . . . warten Sie, warum reißen Sie sich los? Ich wollte ja nur Ihre Muskeln prüfen.«
»Lassen Sie meine Hand, Sie tun mir weh, Sie Lump!«
Ninotschka riß sich aus den zitternden Armen des alten Mischkin los und lief ins Arbeitszimmer. Der linke Arm tat ihr über dem Ellbogen weh.
»Na warte«, sagte sie zu sich, »das wirst du teuer bezahlen.«
Sie schloß die Maschine, kleidete sich an, verließ das Amt und ging zum Anwalt . . .

****

Der Anwalt empfing Ninotschka sofort und hörte sie aufmerksam an.
»So ein Lump! Dabei ein alter Herr! Was wollen Sie unternehmen?«
»Kann man ihn nicht nach Sibirien verbannen?« fragte Ninotschka.
»Das geht nicht, aber zur Verantwortung kann man ihn ziehen.«
»Dann ziehen Sie ihn zur Verantwortung!«
»Haben Sie Zeugen?«
»Ich bin die Zeugin«, erwiderte das Mädchen.
»Nein, Sie sind diejenige, auf die das Attentat verübt wurde. Wenn Sie keine Zeugen haben, ist nichts zu machen, sofern nicht Spuren des Attentates vorhanden sind.«
»Gewiß sind Spuren da. Er packte mich fest beim Ellbogen, da oben sieht man noch den blauen Fleck.«
Der Anwalt schaute nachdenklich das hübsche Mädchen an, zwinkerte mit den Augen und sagte:
»Zeigen Sie den Arm!«
»Es ist da, unter der Bluse!«
»Dann ziehen Sie die Bluse aus!«
»Aber Sie sind doch kein Arzt, sondern ein Anwalt!«
»Das hat nichts zu sagen, die Funktionen eines Arztes und eines Anwaltes sind beinahe identisch Wissen Sie, was ein Alibi ist?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Na, sehen Sie, ich muß die Richtigkeit des Verbrechens feststellen, muß sozusagen Ihr Alibi konstatieren, also bitte, ziehen Sie Ihre Bluse aus!«
Das Mädchen seufzte und ließ seine Bluse von der einen Schulter herabsinken. Der Anwalt half ihr, berührte einen roten Fleck und sagte höflich:
»Verzeihen Sie, aber ich muß Sie untersuchen. Heben Sie Ihre Hand auf.«
»Rühren Sie mich nicht an«, schrie Ninotschka.
Sie zog rasch ihre Bluse an und lief hinaus.

****

Als sie auf der Straße stand, zitterte sie vor Empörung. Dann beschloß sie, einen Journalisten, der als ehrlicher Mensch bekannt war, aufzusuchen und ihm den Fall vorzutragen.
Der Journalist empfing sie zuerst unfreundlich, als sie ihm aber ihr Abenteuer erzählte, lachte er hellauf:
»Da haben Sie die besten Menschen, da haben Sie die Träger der Wahrheit! Sie benehmen sich wie Wilde, die kaum von der Kultur beleckt sind.«
»Soll ich die Bluse ausziehen?« fragte Nina verlegen.
»Die Bluse, wozu die Bluse? Übrigens können Sie die Bluse ausziehen, es ist interessant, diesen Fleck zu sehen.«
Als er den nackten Arm und die Schulter sah, schüttelte er den Kopf:
»Haben Sie aber Arme! Die wirken geradezu verführerisch – verstecken Sie sie, oder nein, warten Sie, was wäre, wenn ich Sie an dieser Stelle küssen wollte? Sie hätten dabei nichts verloren!«
Aber der Journalist kam übel an. Rasch lief das Mädchen von ihm fort.
Auf der Straße lächelte sie zwischen Tränen und sagte:
»Mein Gott, alle Männer sind Lumpen.«
Am Abend saß Ninotschka zu Hause und weinte, dann hatte sie das Bedürfnis, jemandem ihr Leid zu erzählen. Sie kleidete sich um und ging zu ihrem Nachbar, einem Studenten, der in derselben Pension wohnte.
Der Student stand vor dem Examen, saß den ganzen Tag bis in die späte Nacht und studierte.
Als Nina ins Zimmer trat, hob er den Kopf vom Buche und sagte:
»Guten Abend, Ninotschka! Wollen Sie Tee? Dort steht der Samowar. Ich werde inzwischen mein Kapitel zu Ende lesen.«
»Iwanow, man hat mich heute beleidigt«, bemerkte traurig das Mädchen.
»Wer hat Sie beleidigt?«
»Mein Chef, ein Anwalt und ein Journalist. Alle Männer sind Lumpen!«
»Wieso hat man Sie beleidigt?«
»Einer packte mich fest am Arm und alle anderen wollten den Fleck sehen.«
»So«, sagte der Student und las ruhig weiter.
»Aber mir tut der Arm so weh«, bemerkte Nina.
»Trinken Sie Tee!«
»Wahrscheinlich«, sagte Ninotschka, »werden auch Sie meinen Arm ansehen wollen?«
»Weshalb soll ich ihn anschauen?« bemerkte der Student. »Ich glaube Ihnen aufs Wort, daß dort ein Fleck ist.«
Ninotschka trank ihren Tee und der Student arbeitete weiter.
»Der Arm tut mir weh«, klagte das hübsche Mädchen, »soll ich vielleicht eine Kompresse machen ?«
»Ich weiß es nicht!«
»Soll ich Ihnen nicht den Arm zeigen? Ich weiß, Sie sind nicht wie die anderen, zu Ihnen habe ich Vertrauen.«
Der Student zuckte die Achseln:
»Wozu sich bemühen? Ich bin kein Mediziner, sondern Naturwissenschaftler!«
Nina biß die Lippen zusammen, stand auf und sagte trotzig:
»Sie sollen trotzdem meinen Arm anschauen!«
»Also, bitte, zeigen Sie. Tatsächlich, da ist ein blauer Fleck. Diese Männer! Na, es wird bald vorübergehen.«
Er schüttelte den Kopf und griff wieder nach seinem Buche.
Nina saß schweigend da, ihre Schulter war von der Lampe beleuchtet.
»Ziehen Sie die Bluse an«, bemerkte der Student, »im Zimmer ist es verflucht kalt!«
»Aber er hat mich auch am Fuß gezwickt«, sagte sie nach einer Pause und streifte ihren Rock ein wenig in die Höhe.
Der Student erwiderte kühl:
»Da müßten Sie den Strumpf ausziehen. Aber hier zieht es. Sie können sich erkälten, und ich verstehe nichts von Medizin. Das Vernünftigste ist, Sie trinken Ihren Tee weiter.«
Dann begann er von neuem zu büffeln.
Das Mädchen saß noch eine Weile da, endlich seufzte es und sagte:
»Ich fürchte, daß mein Gespräch von der Arbeit ablenkt«, drückte seine Hand und verließ das Zimmer.
Und als sie in ihrem Stübchen war, ließ sie sich auf ihrem Bett nieder, senkte den Blick, seufzte nochmals und sagte leise:
»Was für Lumpen sind doch die Männer!«

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Aus: Arkadij Timofejewitsch Awertschenko:Kurzgeschichten – Was für Lumpen sind doch die Männer – 1940

Maria Aronov • Aufs Neue!

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Aufs Neue!

Wir sagen „Tschüß“ zum alten Jahr,

denken daran, was es brachte –

wie viel Gutes in ihm war

und wie man vor Freude lachte.

Wir erinnern uns an Glück und Schmerz,

doch sind auch schwere Zeiten wichtig.

Denn, was spürt unser Herz,

ist auf seine Weise richtig.

Lasst uns öffnen unsere Pforte, für das neue Lebensjahr.

Jeder Tag, den wir verleben, ist an sich doch wunderbar!

Jeder Schritt ist ein Ziel,

jedes Ziel birgt sehr viel Frohmut.

Und all das, was man erreicht,

tut der Seele einfach gut.

Wir sollten weiser werden,

für die Anderen mehr schaffen,

wie es Tiere tun in ihren Herden,

denn es ist das Jahr des Affen.

© Maria Aronov 2015

Stefan Zweig • 24 Stunden aus dem Leben einer Frau

Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau

In der kleinen Pension an der Riviera, wo ich damals, zehn Jahre vor dem Kriege, wohnte, war eine heftige Diskussion an unserem Tische ausgebrochen, die unvermutet zu rabiater Auseinandersetzung, ja sogar zu Gehässigkeit und Beleidigung auszuarten drohte. Die meisten Menschen sind von stumpfer Phantasie. Was sie nicht unmittelbar anrührt, nicht aufdringlich spitzen Keil bis hart an ihre Sinne treibt, vermag sie kaum zu entfachen; geschieht aber einmal knapp vor ihren Augen, in unmittelbarer Tastnähe des Gefühls auch nur ein Geringes, sogleich regt es in ihnen übermäßige Leidenschaft. Sie ersetzen dann gewissermaßen die Seltenheit ihrer Anteilnahme durch eine unangebrachte und übertriebene Vehemenz.

Stefan Zweig - Illustration: Stefan Otte
Stefan Zweig – Illustration: Stefan Otte

So auch diesmal in unserer durchaus bürgerlichen Tischgesellschaft, die sonst friedlich small talk und untiefe, kleine Späßchen untereinander übte und meist gleich nach aufgehobener Mahlzeit auseinanderbröckelte: das deutsche Ehepaar zu Ausflügen und Amateurphotographieren, der behäbige Däne zu langweiligem Fischfang, die vornehme englische Dame zu ihren Büchern, das italienische Ehepaar zu Eskapaden nach Monte Carlo und ich zu Faulenzerei im Gartenstuhl oder Arbeit. Diesmal aber blieben wir alle durch die erbitterte Diskussion vollkommen ineinander verhakt; und wenn einer von uns plötzlich aufsprang, so geschah es nicht, wie sonst, zu höflichem Abschied, sondern in hitzköpfiger Erbitterung, die, wie ich bereits vorwegerzählte, geradezu rabiate Formen annahm.

Das Begebnis nun, das dermaßen unsere kleine Tafelrunde aufgezäumt hatte, war allerdings sonderbar genug. Die Pension, in der wir sieben wohnten, bot sich nach außen hin zwar als abgesonderte Villa dar – ach, wie wunderbar ging der Blick von den Fenstern auf den felsenzerzackten Strand! –, aber eigentlich war sie nichts als die wohlfeilere Dependance des großen Palace Hotels und ihm durch den Garten unmittelbar verbunden, so daß wir Nebenbewohner doch mit seinen Gästen in ständigem Zusammenhang lebten. Dieses Hotel nun hatte am vorhergegangenen Tage einen tadellosen Skandal zu verzeichnen gehabt. Es war nämlich mit dem Mittagszuge um 12 Uhr 20 Minuten (ich kann nicht umhin, die Zeit so genau wiederzugeben, weil sie ebenso für diese Episode wie als Thema jener erregten Unterhaltung wichtig ist) ein junger Franzose angekommen und hatte ein Strandzimmer mit Ausblick nach dem Meer gemietet: das deutete an sich schon auf eine gewisse Behäbigkeit der Verhältnisse. Aber nicht nur seine diskrete Eleganz machte ihn angenehm auffällig, sondern vor allem seine außerordentliche und durchaus sympathische Schönheit: inmitten eines schmalen Mädchengesichtes umschmeichelte ein seidigblonder Schnurrbart sinnlich warme Lippen, über die weiße Stirn lockte sich weiches, braungewelltes Haar, weiche Augen liebkosten mit jedem Blick – alles war weich, schmeichlerisch, liebenswürdig in seinem Wesen, aber doch ohne alle Künstlichkeit und Geziertheit. Erinnert er auch von fern zuvörderst ein wenig an jene rosafarbenen, eitel hingelehnten Wachsfiguren, wie sie in den Auslagen großer Modegeschäfte mit dem Zierstock in der Hand das Ideal männlicher Schönheit darstellen, so schwand doch bei näherem Zusehen jeder geckige Eindruck, denn hier war (seltenster Fall!) die Liebenswürdigkeit eine natürlich angeborene, gleichsam aus der Haut gewachsene. Er grüßte vorübergehend jeden einzelnen in einer gleichzeitig bescheidenen und herzlichen Weise, und es war wirklich angenehm, zu beobachten, wie seine immer sprungbereite Grazie sich bei jedem Anlaß ungezwungen offenbarte. Er eilte auf, wenn eine Dame zur Garderobe ging, ihren Mantel zu holen, hatte für jedes Kind einen freundlichen Blick oder ein Scherzwort, erwies sich umgänglich und diskret zugleich – kurz, er schien einer jener gesegneten Menschen, die aus dem erprobten Gefühl heraus, andern Menschen durch ihr helles Gesicht und ihren jugendlichen Charme angenehm zu sein, diese Sicherheit neuerlich in Anmut verwandeln. Unter den meist älteren und kränklichen Gästen des Hotels wirkte seine Gegenwart wie eine Wohltat, und mit jenem sieghaften Schritt der Jugend, jenem Sturm von Leichtigkeit und Lebensfrische, wie sie Anmut so herrlich manchem Menschen zuteilt, war er unwiderstehlich in die Sympathie aller vorgedrungen. Zwei Stunden nach seiner Ankunft spielte er bereits Tennis mit den beiden Töchtern des breiten, behäbigen Fabrikanten aus Lyon, der zwölfjährigen Annette und der dreizehnjährigen Blanche, und ihre Mutter, die feine, zarte und ganz in sich zurückhaltende Madame Henriette, sah leise lächelnd zu, wie unbewußt kokett die beiden unflüggen Töchterchen mit dem jungen Fremden flirteten. Am Abend kiebitzte er uns eine Stunde am Schachtisch, erzählte zwischendurch in unaufdringlicher Weise ein paar nette Anekdoten, ging neuerdings mit Madame Henriette, während ihr Gatte wie immer mit einem Geschäftsfreunde Domino spielte, auf der Terrasse lange auf und ab; spät abends beobachtete ich ihn dann noch mit der Sekretärin des Hotels im Schatten des Bureaus in verdächtig vertrautem Gespräch. Am nächsten Morgen begleitete er meinen dänischen Partner zum Fischfang, zeigte dabei erstaunliche Kenntnis, unterhielt sich nachher lange mit dem Fabrikanten aus Lyon über Politik, wobei er gleichfalls als guter Unterhalter sich erwies, denn man hörte das breite Lachen des dicken Herrn über die Brandung herübertönen. Nach Tisch – es ist durchaus für das Verständnis der Situation nötig, daß ich alle diese Phasen seiner Zeiteinteilung so genau berichte – saß er nochmals mit Madame Henriette beim schwarzen Kaffee eine Stunde allein im Garten, spielte wiederum Tennis mit ihren Töchtern, konversierte mit dem deutschen Ehepaar in der Halle. Um sechs Uhr traf ich ihn dann, als ich einen Brief aufzugeben ging, an der Bahn. Er kam mir eilig entgegen und erzählte, als müsse er sich entschuldigen, man habe ihn plötzlich abberufen, aber er kehre in zwei Tagen zurück. Abends fehlte er tatsächlich im Speisesaale, aber nur mit seiner Person, denn an allen Tischen sprach man einzig von ihm und rühmte seine angenehme, heitere Lebensart.

Nachts, es mochte gegen elf Uhr sein, saß ich in meinem Zimmer, um ein Buch zu Ende zu lesen, als ich plötzlich durch das offene Fenster im Garten unruhiges Schreien und Rufen hörte und sich drüben im Hotel eine sichtliche Bewegung kundgab. Eher beunruhigt als neugierig, eilte ich sofort die fünfzig Schritte hinüber und fand Gäste und Personal in durcheinanderstürmender Erregung. Frau Henriette war, während ihr Mann in gewohnter Pünktlichkeit mit seinem Freunde aus Namur Domino spielte, von ihrem allabendlichen Spaziergang an der Strandterrasse nicht zurückgekehrt, so daß man einen Unglücksfall befürchtete. Wie ein Stier rannte der sonst so behäbige schwerfällige Mann immer wieder gegen den Strand, und wenn er mit seiner vor Erregung verzerrten Stimme »Henriette! Henriette!« in die Nacht hinausschrie, so hatte dieser Laut etwas von dem Schreckhaften und Urweltlichen eines zu Tode getroffenen riesigen Tieres. Kellner und Boys hetzten aufgeregt treppauf, treppab, man weckte alle Gäste und telephonierte an die Gendarmerie. Mitten hindurch aber stolperte und stapfte immer dieser dicke Mann mit offener Weste, ganz sinnlos den Namen »Henriette! Henriette!« in die Nacht hinaus schluchzend und schreiend. Inzwischen waren oben die Kinder wach geworden und riefen in ihren Nachtkleidern vom Fenster herunter nach der Mutter, der Vater eilte nun wieder zu ihnen hinauf, sie zu beruhigen.

Und dann geschah etwas so Furchtbares, daß es kaum wiederzuerzählen ist, weil die gewaltsam aufgespannte Natur in den Augenblicken des Übermaßes der Haltung des Menschen oft einen dermaßen tragischen Ausdruck gibt, daß ihn weder ein Bild noch ein Wort mit der gleichen blitzhaft einschlagenden Macht wiederzugeben vermag. Plötzlich kam der schwere, breite Mann die ächzenden Stufen herab mit einem veränderten, ganz müden und doch grimmigen Gesicht. Er hatte einen Brief in der Hand. »Rufen Sie alle zurück!« sagte er mit gerade noch verständlicher Stimme zu dem Chef des Personals: »Rufen Sie alle Leute zurück, es ist nicht nötig. Meine Frau hat mich verlassen.«

Es war Haltung in dem Wesen dieses tödlich getroffenen Mannes, eine übermenschlich gespannte Haltung vor all diesen Leuten ringsum, die neugierig gedrängt auf ihn sahen und jetzt plötzlich, jeder erschreckt, beschämt, verwirrt, sich von ihm abwandten. Gerade genug Kraft blieb ihm noch, an uns vorbeizuwanken, ohne einen einzigen anzusehen, und im Lesezimmer das Licht abzudrehen; dann hörte man, wie sein schwerer, massiger Körper dumpf in einen Fauteuil fiel, und hörte ein wildes, tierisches Schluchzen, wie nur ein Mann weinen kann, der noch nie geweint hat. Und dieser elementare Schmerz hatte über jeden von uns, auch den Geringsten, eine Art betäubender Gewalt. Keiner der Kellner, keiner der aus Neugierde herbeigeschlichenen Gäste wagte ein Lächeln oder anderseits ein Wort des Bedauerns. Wortlos, einer nach dem andern, wie beschämt von dieser zerschmetternden Explosion des Gefühls, schlichen wir in unsere Zimmer zurück, und nur drinnen in dem dunklen Räume zuckte und schluchzte dieses hingeschlagene Stück Mensch mit sich urallein in dem langsam auslöschenden, flüsternden, zischelnden, leise raunenden und wispernden Hause.

Man wird verstehen, daß ein solches blitzschlaghaftes, knapp vor unseren Augen und Sinnen niedergefahrenes Ereignis wohl geeignet war, die sonst nur an Langeweile und sorglosen Zeitvertreib gewöhnten Menschen mächtig zu erregen. Aber jene Diskussion, die dann so vehement an unserem Tische ausbrach und knapp bis an die Grenze der Tätlichkeiten emporstürmte, hatte zwar diesen erstaunlichen Zwischenfall zum Ausgangspunkt, war aber im Wesen eher eine grundsätzliche Erörterung, ein zorniges Gegeneinander feindlicher Lebensauffassungen. Durch die Indiskretion eines Dienstmädchens, die jenen Brief gelesen – der ganz in sich zusammengestürzte Gatte hatte ihn irgendwohin auf den Boden in ohnmächtigem Zorn hingeknüllt –, war nämlich rasch bekannt geworden, daß sich Frau Henriette nicht allein, sondern einverständlich mit dem jungen Franzosen entfernt hatte (für den die Sympathie der meisten nun rapid zu schwinden begann). Nun, das wäre auf den ersten Blick hin vollkommen verständlich gewesen, daß diese kleine Madame Bovary ihren behäbigen, provinzlerischen Gatten für einen eleganten, jungen Hübschling eintauschte. Aber was alle am Hause dermaßen erregte, war der Umstand, daß weder der Fabrikant noch seine Töchter, noch auch Frau Henriette jemals diesen Lovelace vordem gesehen, daß also jenes zweistündige abendliche Gespräch auf der Terrasse und jener einstündige schwarze Kaffee im Garten genügt haben sollten, um eine etwa dreiunddreißigjährige, untadelige Frau zu bewegen, ihren Mann und ihre zwei Kinder über Nacht zu verlassen und einem wildfremden jungen Elegant auf das Geratewohl zu folgen. Diesen scheinbar offenkundigen Tatbestand lehnte nun unsere Tischrunde einhellig als perfide Täuschung und listiges Mannöver des Liebespaares ab: selbstverständlich sei Frau Henriette längst mit dem jungen Mann in heimlichen Beziehungen gestanden und der Rattenfänger nur noch hierhergekommen, um die letzten Einzelheiten der Flucht zu bestimmen, denn – so folgerten sie – es sei vollkommen unmöglich, daß eine anständige Frau, nach bloß zweistündiger Bekanntschaft, einfach auf den ersten Pfiff davonlaufe. Nun machte es mir Spaß, anderer Ansicht zu sein, und ich verteidigte energisch derartige Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit bei einer Frau, die durch eine jahrelang enttäuschende, langweilige Ehe jedem energischen Zugriff innerlich zubereitet war. Durch meine unerwartete Opposition wurde die Diskussion rasch allgemein und vor allem dadurch erregt, daß die beiden Ehepaare, das deutsche sowohl als das italienische, die Existenz des coup de foudre als eine Narrheit und abgeschmackte Romanphantasie mit geradezu beleidigender Verächtlichkeit ablehnten.

Nun, es ist ja hier ohne Belang, den stürmischen Ablauf eines Streits zwischen Suppe und Pudding in allen Einzelheiten nachzukäuen: nur Professionals der Table d’hôte sind geistreich, und Argumente, zu denen man in der Hitzigkeit eines zufälligen Tischstreites greift, meist banal, weil bloß eilig mit der linken Hand aufgerafft. Schwer auch zu erklären, wieso unsere Diskussion dermaßen rasch beleidigende Formen annahm; die Gereiztheit, glaube ich, begann damit, daß unwillkürlich beide Ehemänner ihre eigenen Frauen von der Möglichkeit solcher Untiefen und Fährlichkeiten ausgenommen wissen wollten. Leider fanden sie dafür keine glücklichere Form, als mir entgegenzuhalten, so könne nur jemand reden, der die weibliche Psyche nach den zufälligen und allzubilligen Eroberungen von Junggesellen beurteile: das reizte mich schon einigermaßen, und als dann noch die deutsche Dame diese Lektion mit dem lehrhaften Senf bestrich, es gäbe einerseits wirkliche Frauen und andererseits »Dirnennaturen«, deren ihrer Ansicht nach Frau Henriette eine gewesen sein mußte, da riß mir die Geduld vollends, ich wurde meinerseits aggressiv. All dies Abwehren der offenbaren Tatsache, daß eine Frau in manchen Stunden ihres Lebens jenseits ihres Willens und Wissens geheimnisvollen Mächten ausgeliefert sei, verberge nur Furcht vor dem eigenen Instinkt, vor dem Dämonischen unserer Natur, und es scheine eben manchen Menschen Vergnügen zu machen, sich stärker, sittlicher und reinlicher zu empfinden als die »leicht Verführbaren«. Ich persönlich wieder fände es ehrlicher, wenn eine Frau ihrem Instinkt frei und leidenschaftlich folge, statt, wie allgemein üblich, ihren Mann in seinen eigenen Armen mit geschlossenen Augen zu betrügen. So sagte ich ungefähr, und je mehr in dem nun aufknisternden Gespräch die andern die arme Frau Henriette angriffen, um so leidenschaftlicher verteidigte ich sie (in Wahrheit weit über mein inneres Gefühl hinaus). Diese Begeisterung war nun – wie man in der Studentensprache sagt – Tusch für die beiden Ehepaare, und sie fuhren, ein wenig harmonisches Quartett, derart solidarisch erbittert auf mich los, daß der alte Däne, der mit jovialem Gesicht und gleichsam, die Stoppuhr in der Hand wie bei einem Fußballmatch, als Schiedsrichter dasaß, ab und zu mit dem Knöchel mahnend auf den Tisch klopfen mußte: »Gentlemen, please.« Aber das half immer nur für einen Augenblick. Dreimal bereits war der eine Herr vom Tisch mit rotem Kopf aufgesprungen und nur mühsam von seiner Frau beschwichtigt worden – kurz, ein Dutzend Minuten noch, und unsere Diskussion hätte in Tätlichkeiten geendet, wenn nicht plötzlich Mrs. C. wie ein mildes Öl die aufschäumenden Wogen des Gesprächs geglättet hätte.

Mrs. C., die weißhaarige, vornehme, alte englische Dame, war die ungewählte Ehrenpräsidentin unseres Tisches. Aufrecht sitzend an ihrem Platze, in immer gleichmäßiger Freundlichkeit jedem zugewandt, schweigsam und dabei von angenehmster Interessiertheit des Zuhörens, bot sie rein physisch schon einen wohltätigen Anblick: eine wunderbare Zusammengefaßtheit und Ruhe strahlte von ihrem aristokratisch verhaltenen Wesen. Sie hielt sich jedem einzelnen fern bis zu einem gewissen Grade, obwohl sie jedem mit feinem Takt eine besondere Freundlichkeit zu erweisen wußte: meist saß sie mit Büchern im Garten, manchmal spielte sie Klavier, selten nur sah man sie in Gesellschaft oder in intensivem Gespräch. Man bemerkte sie kaum, und doch hatte sie eine sonderbare Macht über uns alle. Denn kaum daß sie jetzt zum erstenmal in unser Gespräch eingriff, überkam uns einhellig das peinliche Gefühl, allzu laut und unbeherrscht gewesen zu sein.

Mrs. C. hatte die ärgerliche Pause benützt, die durch das brüske Aufspringen und wieder sachte an den Tisch Zurückgeführtsein des deutschen Herrn entstanden war. Unvermutet hob sie ihr klares, graues Auge, sah mich einen Augenblick unentschlossen an, um dann mit beinahe sachlicher Deutlichkeit das Thema in ihrem Sinne aufzunehmen.

»Sie glauben also, wenn ich Sie recht verstanden habe, daß Frau Henriette, daß eine Frau unschuldig in ein plötzliches Abenteuer geworfen werden kann, daß es Handlungen gibt, die eine solche Frau eine Stunde vorher selbst für unmöglich gehalten hätte und für die sie kaum verantwortlich gemacht werden kann?«

»Ich glaube unbedingt daran, gnädige Frau.«

»Damit wäre doch jedes moralische Urteil vollkommen sinnlos und jede Überschreitung im Sittlichen gerechtfertigt. Wenn Sie wirklich annehmen, daß das crime passionnel, wie es die Franzosen nennen, kein crime ist, wozu noch eine staatliche Justiz überhaupt? Es gehört ja nicht viel guter Wille dazu – und Sie haben erstaunlich viel guten Willen«, fügte sie leicht lächelnd hinzu –, »um dann in jedem Verbrechen eine Leidenschaft zu finden und dank dieser Leidenschaft zu entschuldigen.«

Der klare und zugleich fast heitere Ton ihrer Worte berührte mich ungemein wohltätig, und unwillkürlich ihre sachliche Art nachahmend, antwortete ich gleichfalls halb im Scherz und halb im Ernst: »Die staatliche Justiz entscheidet über diese Dinge sicherlich strenger als ich; ihr obliegt die Pflicht, mitleidlos die allgemeine Sitte und Konvention zu schützen: das nötigt sie, zu verurteilen, statt zu entschuldigen. Ich als Privatperson aber sehe nicht ein, warum ich freiwillig die Rolle des Staatsanwaltes übernehmen sollte: Ich ziehe es vor, Verteidiger von Beruf zu sein. Mir persönlich macht es mehr Freude, Menschen zu verstehen, als sie zu richten.«

Mrs. C. sah mich eine Zeitlang senkrecht mit ihren klaren, grauen Augen an und zögerte. Schon fürchtete ich, sie hätte mich nicht recht verstanden, und bereitete mich vor, ihr nun auf englisch das Gesagte zu wiederholen. Aber mit einem merkwürdigen Ernst, gleichsam wie bei einer Prüfung, stellte sie weiter ihre Fragen.

»Finden Sie es nicht doch verächtlich oder häßlich, daß eine Frau ihren Mann und ihre zwei Kinder verläßt, um irgendeinem Menschen zu folgen, von dem sie noch gar nicht wissen kann, ob er ihrer Liebe wert ist? Können Sie wirklich ein so fahrlässiges und leichtfertiges Verhalten bei einer Frau entschuldigen, die doch immerhin nicht zu den Jüngsten zählt und sich zur Selbstachtung schon um ihrer Kinder willen erzogen haben müßte?«

»Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau«, beharrte ich, »daß ich mich weigere, in diesem Falle zu urteilen oder zu verurteilen. Vor Ihnen kann ich es ruhig bekennen, daß ich vorhin ein wenig übertrieben habe – diese arme Frau Henriette ist gewiß keine Heldin, nicht einmal eine Abenteurernatur und am wenigsten eine grande amoureuse. Sie scheint mir, soweit ich sie kenne, nichts als eine mittelmäßige, schwache Frau, für die ich ein wenig Respekt habe, weil sie mutig ihrem Willen gefolgt ist, aber noch mehr Bedauern, weil sie gewiß morgen, wenn nicht schon heute, tief unglücklich sein wird. Dumm vielleicht, gewiß übereilt mag sie gehandelt haben, aber keineswegs niedrig und gemein, und nach wie vor bestreite ich jedermann das Recht, diese arme, unglückliche Frau zu verachten.«

»Und Sie selbst, haben Sie noch genau denselben Respekt und dieselbe Achtung für sie? Machen Sie gar keinen Unterschied zwischen der Frau, mit der Sie vorgestern als einer ehrbaren Frau beisammen waren, und jener andern, die gestern mit einem wildfremden Menschen davongelaufen ist?«

»Gar keinen. Nicht den geringsten, nicht den allergeringsten.«

»Is that so?« Unwillkürlich sprach sie englisch: das ganze Gespräch schien sie merkwürdig zu beschäftigen. Und nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens hob sich ihr klarer Blick mir nochmals fragend entgegen.

»Und wenn Sie morgen Madame Henriette, sagen wir in Nizza, begegnen würden, am Arme dieses jungen Mannes, würden Sie sie noch grüßen?«

»Selbstverständlich.«

»Und mit ihr sprechen?«

»Selbstverständlich.«

»Würden Sie – wenn Sie… wenn Sie verheiratet wären, eine solche Frau Ihrer Frau vorstellen, genau so, als ob nichts vorgefallen wäre?«

»Selbstverständlich.«

»Would you really?« sagte sie wiederum englisch, voll ungläubigen, verwunderten Erstaunens.

»Surely I would«, antwortete ich unbewußt gleichfalls englisch.

Mrs. C. schwieg. Sie schien noch immer angestrengt nachzudenken, und plötzlich sagte sie, während sie mich, gleichsam über ihren eigenen Mut erstaunt, ansah: »I don’t know, if I would. Perhaps I might do it also.« Und mit jener unbeschreiblichen Sicherheit, wie nur Engländer ein Gespräch endgültig und doch ohne grobe Brüskerie abzuschließen wissen, stand sie auf und bot mir freundlich die Hand. Durch ihre Einwirkung war die Ruhe wieder eingekehrt, und wir dankten ihr innerlich alle, daß wir, eben noch Gegner, nun mit leidlicher Höflichkeit einander grüßten und die schon gefährlich gespannte Atmosphäre sich an ein paar leichten Scherzworten wieder auflockerte.

Obwohl unsere Diskussion schließlich in ritterlicher Weise ausgetragen schien, blieb von jener aufgereizten Erbitterung dennoch eine leichte Entfremdung zwischen meinen Widerpartnern und mir zurück. Das deutsche Ehepaar verhielt sich reserviert, während sich das italienische darin gefiel, mich in den nächsten Tagen immer wieder spöttelnd zu fragen, ob ich etwas von der »cara signora Henrietta« gehört hätte. So urban unsere Formen auch schienen, irgend etwas von der loyalen und unbetonten Geselligkeit unseres Tisches war doch unwiderruflich zerstört.

Um so auffälliger wurde für mich aber die ironische Kühle meiner damaligen Gegner durch die ganz besondere Freundlichkeit, die mir seit jener Diskussion Mrs. C. erwies. Sonst doch von äußerster Zurückhaltung und kaum je außerhalb der Mahlzeiten zu einem Gespräch mit den Tischgenossen geneigt, fand sie nun mehreremal Gelegenheit, mich im Garten anzusprechen und – fast möchte ich sagen: auszuzeichnen, denn ihre vornehm zurückhaltende Art ließ ein privates Gespräch schon als besondere Gunst erscheinen. Ja, um aufrichtig zu sein, muß ich berichten, daß sie mich geradezu suchte und jeden Anlaß benützte, um mit mir ins Gespräch zu kommen, und dies in einer so unverkennbaren Weise, daß ich auf eitle und seltsame Gedanken hätte kommen können, wäre sie nicht eine alte weißhaarige Frau gewesen. Plauderten wir aber dann zusammen, so kehrte unsere Unterhaltung unvermeidlich und unablenkbar zu jenem Ausgangspunkt zurück, zu Madame Henriette: es schien ihr ein ganz geheimnisvolles Vergnügen zu bereiten, die Pflichtvergessene einer seelischen Haltlosigkeit und Unzuverlässigkeit zu beschuldigen. Aber gleichzeitig schien sie sich der Unerschütterlichkeit zu freuen, mit der meine Sympathien auf der Seite dieser zarten, feinen Frau verblieben, und daß nichts mich jemals bestimmen konnte, diese Sympathie zu verleugnen. Immer wieder lenkte sie unsere Gespräche in dieser Richtung, schließlich wußte ich nicht mehr, was ich von dieser sonderbaren, beinahe spleenigen Beharrlichkeit denken sollte.

Das ging so einige Tage, fünf oder sechs, ohne daß sie mit einem Wort verraten hätte, warum diese Art des Gesprächs für sie eine gewisse Wichtigkeit gewonnen hätte. Daß dem aber so war, wurde mir unverkennbar, als ich bei einem Spaziergang gelegentlich erwähnte, meine Zeit sei hier zu Ende und ich gedächte, übermorgen abzureisen. Da bekam ihr sonst so wellenloses Gesicht plötzlich einen merkwürdig gespannten Ausdruck, wie Wolkenschatten flog es über ihre meergrauen Augen hin: »Wie schade! Ich hätte noch so viel mit Ihnen zu besprechen.« Und von diesem Augenblick an verriet eine gewisse Fahrigkeit und Unruhe, daß sie während ihrer Worte an etwas anderes dachte, das sie gewaltsam beschäftigte und ablenkte. Schließlich schien diese Abgelenktheit sie selbst zu stören, denn quer über ein plötzlich eingetretenes Schweigen hinweg bot sie mir unvermutet die Hand:

»Ich sehe, ich kann nicht klar aussprechen, was ich Ihnen eigentlich sagen möchte. Ich will Ihnen lieber schreiben.« Und rascheren Schrittes, als ich es sonst an ihr gewöhnt war, ging sie gegen das Haus zu.

Tatsächlich fand ich am Abend, knapp vor dem Dinner, in meinem Zimmer einen Brief in ihrer energischen, offenen Handschrift. Nun bin ich leider mit den schriftlichen Dokumenten meiner Jugendjahre ziemlich leichtfertig umgegangen, so daß ich nicht den Wortlaut wiedergeben und nur das Tatsächliche ihrer Anfrage, ob sie mir aus ihrem Leben etwas erzählen dürfte, im ungefähren Inhalt andeuten kann. Jene Episode liege so weit zurück, schrieb sie, daß sie eigentlich kaum mehr zu ihrem gegenwärtigen Leben gehöre, und daß ich übermorgen schon abreise, mache ihr leichter, über etwas zu sprechen, was sie seit mehr als zwanzig Jahren innerlich quäle und beschäftige. Falls ich also ein solches Gespräch nicht als Zudringlichkeit empfände, so würde sie mich gern um diese Stunde bitten.

Der Brief, von dem ich hier nur das rein Inhaltliche aufzeichne, faszinierte mich ungemein: das Englische allein gab ihm einen hohen Grad von Klarheit und Entschlossenheit. Dennoch wurde mir die Antwort nicht ganz leicht, ich zerriß drei Entwürfe, ehe ich antwortete:

»Es ist mir eine Ehre, daß Sie mir so viel Vertrauen schenken, und ich verspreche Ihnen, ehrlich zu antworten, falls Sie dies von mir fordern. Ich darf Sie natürlich nicht bitten, mir mehr zu erzählen, als Sie innerlich wollen. Aber was Sie erzählen, erzählen Sie sich und mir ganz wahr. Bitte, glauben Sie mir, daß ich Ihr Vertrauen als eine besondere Ehre empfinde.«

Der Zettel wanderte abends in ihr Zimmer, am nächsten Morgen fand ich die Antwort:

»Sie haben vollkommen recht: die halbe Wahrheit ist nichts wert, immer nur die ganze. Ich werde alle Kraft zusammennehmen, um nichts gegen mich selbst oder gegen Sie zu verschweigen. Kommen Sie nach dem Dinner in mein Zimmer – mit siebenundsechzig Jahren habe ich keine Mißdeutung zu fürchten. Denn im Garten oder in der Nähe von Menschen kann ich nicht sprechen. Sie dürfen mir glauben, es war nicht leicht, mich überhaupt zu entschließen.«

Bei Tag trafen wir uns noch bei Tisch und konversierten artig über gleichgültige Dinge. Aber im Garten schon wich sie, mir begegnend, mit sichtlicher Verwirrung aus, und ich empfand es als peinlich und rührend zugleich, wie diese alte weißhaarige Dame mädchenscheu in eine Pinienallee vor mir flüchtete.

Am Abend, zur vereinbarten Stunde, klopfte ich an, mir wurde sofort aufgetan: das Zimmer lag in einem matten Zwielicht, nur die kleine Leselampe auf dem Tisch warf einen gelben Kegel in den sonst dämmerhaft dunklen Raum. Ganz ohne Befangen trat Mrs. C. auf mich zu, bot mir einen Fauteuil und setzte sich mir gegenüber: jede dieser Bewegungen, spürte ich, war innerlich bereitgestellt, aber doch kam eine Pause, offenbar wider ihren Willen, eine Pause des schweren Entschlusses, die lange und immer länger wurde, die ich aber nicht wagte mit einem Wort zu brechen, weil ich spürte, daß hier ein starker Wille gewaltsam mit einem starken Widerstand rang. Vom Konversationszimmer unten kreiselten manchmal matt die abgerissenen Töne eines Walzers herauf, ich hörte angespannt hin, gleichsam um dem Stillesein etwas von seinem lastenden Druck zu nehmen. Auch sie schien das unnatürlich Gespannte dieses Schweigens schon peinlich zu empfinden, denn plötzlich raffte sie sich zum Absprung und begann:

»Nur das erste Wort ist schwer. Ich habe mich seit zwei Tagen darauf vorbereitet, ganz klar und wahr zu sein: hoffentlich wird es mir gelingen. Vielleicht verstehen Sie jetzt noch nicht, daß ich Ihnen, einem Fremden, all dies erzähle, aber es vergeht kein Tag, kaum eine einzige Stunde, wo ich nicht an dieses bestimmte Geschehnis denke, und Sie können mir alten Frau glauben, daß es unerträglich ist, sein ganzes Leben lang auf einen einzigen Punkt seines Lebens zu starren, auf einen einzigen Tag. Denn alles, was ich Ihnen erzählen will, umspannt einen Zeitraum von bloß vierundzwanzig Stunden innerhalb von siebenundsechzig Jahren, und ich habe mir selbst bis zum Irrsinn oft gesagt, was bedeutets, wenn man einmal da einen Augenblick unsinnig gehandelt hätte. Aber man wird das nicht los, was wir mit einem sehr unsicheren Ausdruck Gewissen nennen, und ich habe mir damals, als ich Sie so sachlich über den Fall Henriette reden hörte, gedacht, vielleicht würde dieses sinnlose Zurückdenken und unablässige Sich-selbst-Anklagen ein Ende haben, könnte ich mich einmal entschließen, vor irgendeinem Menschen frei über diesen einen Tag meines Lebens zu sprechen. Wäre ich nicht anglikanischer Konfession, sondern Katholikin, so hätte mir längst die Beichte Gelegenheit geboten, dies Verschwiegene im Wort zu erlösen aber diese Tröstung ist uns versagt, und so mache ich heute diesen sonderbaren Versuch, mich selbst freizusprechen, indem ich zu Ihnen spreche. Ich weiß, das alles ist sehr sonderbar, aber Sie sind ohne Zögern auf meinen Vorschlag eingegangen, und ich danke Ihnen dafür.

Also, ich sagte ja schon, daß ich Ihnen nur einen einzigen Tag aus meinem Leben erzählen möchte – alles übrige scheint mir bedeutungslos und für jeden andern langweilig. Was bis zu meinem zweiundvierzigsten Jahre geschah, geht mit keinem Schritt über das Gewöhnliche hinaus. Meine Eltern waren reiche Landlords in Schottland, wir besaßen große Fabriken und Pachten und lebten nach landesüblicher Adelsart den größten Teil des Jahres auf unseren Gütern, während der Season in London. Mit achtzehn Jahren lernte ich in einer Gesellschaft meinen Mann kennen, er war ein zweiter Sohn aus der bekannten Familie der R… und hatte zehn Jahre in Indien bei der Armee gedient. Wir heirateten rasch und führten das sorglose Leben unserer Gesellschaftskreise, ein Vierteljahr in London, ein Vierteljahr auf unsern Gütern, die übrige Zeit hotelabstreifend in Italien, Spanien und Frankreich. Nie hat der leiseste Schatten unsere Ehe getrübt, die beiden Söhne, die uns geboren wurden, sind heute schon erwachsen. Als ich vierzig Jahre alt war, starb plötzlich mein Mann. Er hatte sich von seinen Tropenjahren ein Leberleiden mitgebracht: ich verlor ihn innerhalb zweier entsetzlicher Wochen. Mein älterer Sohn war damals schon im Dienst, der jüngere im College – so stand ich über Nacht vollkommen im Leeren, und dieses Alleinsein war mir, die ich zärtliche Gemeinschaft gewohnt war, fürchterliche Qual. In dem verlassenen Hause, das mit jedem Gegenstand mich an den tragischen Verlust meines geliebten Mannes erinnerte, auch nur noch einen Tag länger zu bleiben, schien mir unmöglich: so entschloß ich mich, die nächsten Jahre, solange meine Söhne nicht verheiratet waren, viel auf Reisen zu gehen.

Im Grunde betrachtete ich mein Leben von diesem Augenblick an als vollkommen sinnlos und unnütz. Der Mann, mit dem ich durch dreiundzwanzig Jahre jede Stunde und jeden Gedanken geteilt hatte, war tot, meine Kinder brauchten mich nicht, ich fürchtete, ihre Jugend zu verstören mit meiner Verdüsterung und Melancholie für mich selbst aber wollte ich und begehrte ich nichts mehr. Ich übersiedelte zunächst nach Paris, ging dort aus Langeweile in die Geschäfte und Museen; aber die Stadt und die Dinge standen fremd um mich herum, und Menschen wich ich aus, weil ich ihre höflich bedauernden Blicke auf meine Trauerkleider nicht vertrug. Wie diese Monate stumpfen blicklosen Zigeunerns vergangen sind, wüßte ich nicht mehr zu erzählen: ich weiß nur, ich hatte immer den Wunsch zu sterben, nur nicht die Kraft, selbst dies schmerzlich Ersehnte zu beschleunigen.

Im zweiten Trauerjahr, also im zweiundvierzigsten meines Lebens, war ich auf dieser uneingestandenen Flucht vor einer wertlos gewordenen und nicht zu erdrückenden Zeit im letzten Märzmonat nach Monte Carlo geraten. Aufrichtig gesagt: es geschah aus Langeweile, aus jener peinigenden, wie eine Übelkeit aufquellenden Leere des Innern, die sich wenigstens mit kleinen äußern Reizmitteln füttern will. Je weniger in mir selbst sich gefühlshaft regte, umso stärker drängte michs hin, wo der Lebenskreisel sich am geschwindesten dreht: für den Erlebnislosen ist ja leidenschaftliche Unruhe der andern noch ein Nervenerlebnis wie Schauspiel oder Musik.

Darum ging ich auch öfters ins Kasino. Es reizte mich, auf den Gesichtern anderer Menschen Beglückung oder Bestürzung unruhig hin und her wogen zu sehen, indes in mir selbst diese entsetzliche Ebbe lag. Zudem war mein Mann, ohne leichtfertig zu sein, gern gelegentlich Gast des Spielsaals gewesen, und ich lebte mit einer gewissen unabsichtlichen Pietät alle seine früheren Gewohnheiten getreulich weiter. Und dort begannen jene vierundzwanzig Stunden, die erregender waren als alles Spiel und mein Schicksal auf Jahre hinaus verstörten.

Zu Mittag hatte ich mit der Herzogin von M., einer Verwandten meiner Familie, diniert, nach dem Souper fühlte ich mich noch nicht müde genug, um schlafen zu gehen. So trat ich in den Spielsaal, schlenderte, ohne selbst zu spielen, zwischen den Tischen hin und her und sah mir die zusammengemengte Partnerschaft in besonderer Weise an. Ich sage: in besonderer Weise auf eine nämlich, die mich mein verstorbener Mann einmal gelehrt hatte, als ich, des Zuschauens müde, klagte, es sei mir langweilig, immer dieselben Gesichter anzugaffen, die alten, verhutzelten Frauen, die da stundenlang sitzen auf ihren Sesseln, ehe sie ein Jeton wagen, die abgefeimten Professionals und Kartenspielkokotten, jene ganze fragwürdige, zusammengeschneite Gesellschaft, die, Sie wissen ja, bedeutend weniger pittoresk und romantisch ist, als sie in den elenden Romanen immer gemalt wird, gleichsam als fleur d’élégance und Aristokratie Europas. Und dabei war ja das Kasino vor zwanzig Jahren, als noch bares sinnlich sichtbares Geld umrollte, die knisternden Noten, die goldenen Napoleons, die patzigen Fünffrankenstücke durcheinanderwirbelten, unendlich anziehender als heute, da in der modisch neugebauten pomphaften Spielburg ein verbürgertes Cook-Reisepublikum seine charakterlosen Spielmarken langweilig verpulvert. Doch schon damals fand ich zu wenig Reiz an diesem Einerlei gleichgültiger Gesichter, bis mir dann einmal mein Mann, dessen private Leidenschaft die Chiromantie, die Händedeutung, war, eine ganz besondere Art des Zusehens zeigte, in der Tat viel interessanter, viel aufregender und spannender als das lässige Herumstehen, nämlich: niemals auf ein Gesicht zu sehen, sondern einzig auf das Viereck des Tisches und dort wieder nur auf die Hände der Menschen, nur auf ihr besonderes Benehmen. Ich weiß nicht, ob Sie zufälligerweise einmal selbst bloß die grünen Tische ins Auge gefaßt haben, nur das grüne Karree allein, wo in der Mitte die Kugel wie ein Betrunkener von Zahl zu Zahl taumelt und innerhalb der viereckig abgegrenzten Felder wirbelnde Fetzen von Papier, runde Stücke Silber und Gold hinfallen wie eine Saat, die dann der Rechen des Croupiers sensenscharf mit einem Riß wegmäht oder als Garbe dem Gewinner zuschaufelt. Das einzig Wandelhafte werden bei einer solchen perspektivischen Einstellung dann die Hände – die vielen hellen, bewegten, wartenden Hände rings um den grünen Tisch, alle aus der immer andern Höhle eines Ärmels vorlugend, jede ein Raubtier, zum Sprung bereit, jede anders geformt und gefärbt, manche nackt, andere mit Ringen und klirrenden Ketten aufgezäumt, manche behaart wie wilde Tiere, manche feucht und aalhaft gekrümmt, alle aber angespannt und vibrierend von einer ungeheuren Ungeduld. Unwillkürlich mußte ich dann immer an einen Rennplatz denken, wo im Start die aufgeregten Pferde mit Mühe zurückgehalten werden, damit sie nicht vorzeitig losprellen: genau so zittern und heben und bäumen sie sich. Alles erkennt man an diesen Händen, an der Art, wie sie warten, wie sie greifen und stocken: den Habsüchtigen an der krallenden, den Verschwender an der lockeren Hand, den Berechnenden am ruhigen, den Verzweifelten am zitternden Gelenk; hundert Charaktere verraten sich blitzhaft schnell in der Geste des Geldanfassens, ob einer es knüllt oder nervös krümelt oder erschöpft, mit müden Handballen, während des Umlaufs liegen läßt. Der Mensch verrät sich im Spiele, ein Dutzendwort, ich weiß; ich aber sage: noch deutlicher verrät ihn während des Spiels seine eigene Hand. Denn alle oder fast alle Hasardeure haben bald gelernt, ihr Gesicht zu bezähmen – oben, über dem Hemdkragen, tragen sie die kalte Maske der impassibilité –, sie zwingen die Falten um den Mund herab und stoßen ihre Erregung unter die verbissenen Zähne, sie verweigern ihren eigenen Augen die sichtliche Unruhe, sie glätten die aufspringenden Muskeln des Gesichtes zu einer künstlichen, auf vornehm hin stilisierten Gleichgültigkeit. Aber gerade, weil alle ihre Aufmerksamkeit sich krampfig konzentriert, ihr Gesicht als das Sichtbarste ihres Wesens zu bemeistern, vergessen sie ihre Hände und vergessen, daß es Menschen gibt, die nur diese Hände beobachten und von ihnen alles erraten, was oben die lächelnd gekräuselte Lippe, die absichtlich indifferenten Blicke verschweigen wollen. Aber die Hand tut indes ihr Geheimstes ganz schamlos auf. Denn ein Augenblick kommt unweigerlich, der alle diese mühsam beherrschten, scheinbar schlafenden Finger aus ihrer vornehmen Nachlässigkeit aufreißt: in der prallen Sekunde, wo die Roulettekugel in ihr kleines Becken fällt und die Gewinstzahl aufgerufen wird, da, in dieser Sekunde macht jede dieser hundert oder fünfhundert Hände unwillkürlich eine ganz persönliche, ganz individuelle Bewegung urtümlichen Instinkts. Und wenn man, wie ich, durch jene Liebhaberei meines Gatten besonders belehrt, diese Arena der Hände zu beobachten gewohnt ist, wirkt der immer andre, immer unerwartete Ausbruch der immer andersartigen Temperamente aufregender als Theater oder Musik: ich kann es Ihnen gar nicht schildern, wieviel tausend Spielarten von Händen es gibt, wilde Bestien mit haarigen, gekrümmten Fingern, die spinnenhaft das Geld einkrallen, und nervöse, zittrige, mit blassen Nägeln, die es kaum anzufassen wagen, noble und niedrige, brutale und schüchterne, listige und gleichsam stammelnde – aber jede wirkt anders, denn jedes dieser Händepaare drückt ein besonderes Leben aus, mit Ausnahme jener vier oder fünf der Croupiers. Die sind ganz Maschinen, sie funktionieren mit ihrer sachlichen, geschäftlichen, völlig unbeteiligten Präzision gegenüber den gesteigert lebendigen wie die stählern klappernden Schließen eines Zählapparats. Aber selbst diese nüchternen Hände wirken wiederum erstaunlich durch ihren Gegensatz zwischen ihren jagdhaften und leidenschaftlichen Brüdern: sie stehen, möchte ich sagen, anders uniformiert, wie Polizisten inmitten eines wogenden und begeisterten Volksaufruhrs. Dazu kommt noch der persönliche Anreiz, nach einigen Tagen mit den vielen Gewohnheiten und Leidenschaften einzelner Hände bereits vertraut zu sein; nach ein paar Tagen hatte ich immer schon Bekannte unter ihnen und teilte sie ganz wie Menschen in sympathische und feindselige ein: manche waren mir so widerlich in ihrer Unart und Gier, daß ich immer den Blick von ihnen wegwandte wie von einer Unanständigkeit. Jede neue Hand am Tisch aber war mir Erlebnis und Neugier: oft vergaß ich, das Gesicht darüber anzusehen, das, hoch oben in einen Kragen geschnürt, als kalte gesellschaftliche Maske über einem Smokinghemd oder einem leuchtenden Busen unbewegt aufgepflanzt stand.

Als ich nun an jenem Abend eintrat, an zwei überfüllten Tischen vorbei zu dem dritten hin, und einige Goldstücke schon vorbereitete, hörte ich überrascht in jener ganz wortlosen, ganz gespannten, vom Schweigen gleichsam dröhnenden Pause, die immer eintritt, wenn die Kugel, schon selbst tödlich ermattet, nur noch zwischen zwei Nummern hintorkelt, da hörte ich also ein ganz sonderbares Geräusch gerade gegenüber, ein Krachen und Knacken, wie von brechenden Gelenken. Unwillkürlich staunte ich hinüber. Und da sah ich – wirklich, ich erschrak! – zwei Hände, wie ich sie noch nie gesehen, eine rechte und eine linke, die wie verbissene Tiere ineinandergekrampft waren und in so aufgebäumter Spannung sich ineinander und gegeneinander dehnten und krallten, daß die Fingergelenke krachten mit jenem trockenen Ton einer aufgeknackten Nuß. Es waren Hände von ganz seltener Schönheit, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich schmal, und doch von Muskeln straff durchspannt – sehr weiß und die Nägel an ihren Spitzen blaß, mit zart gerundeten perlmutternen Schaufeln. Ich habe sie den ganzen Abend dann noch angesehen – ja angestaunt, diese außerordentlichen, geradewegs einzigen Hände – was mich aber zunächst so schreckhaft überraschte, war ihre Leidenschaft, ihr irrwitzig passionierter Ausdruck, dies krampfige Ineinanderringen und Sichgegenseitighalten. Hier drängte ein ganzer übervoller Mensch, sofort wußte ichs, seine Leidenschaft in die Fingerspitzen zusammen, um nicht selbst von ihr auseinandergesprengt zu werden. Und jetzt … in der Sekunde, da die Kugel mit trockenem dürrem Ton in die Schüssel fiel und der Croupier die Zahl ausrief … in dieser Sekunde fielen plötzlich die beiden Hände auseinander wie zwei Tiere, die eine einzige Kugel durchschossen. Sie fielen nieder, alle beide, wirklich tot und nicht nur erschöpft, sie fielen nieder mit einem so plastischen Ausdruck von Schlaffheit, von Enttäuschung, von Blitzgetroffenheit, von Zuendesein, wie ich ihn nicht mit Worten ausdrücken kann. Denn noch nie und seitdem niemals mehr habe ich so sprechende Hände gesehen, wo jeder Muskel ein Mund war und die Leidenschaft fühlbar fast aus den Poren brach. Einen Augenblick lang lagen sie beide dann auf dem grünen Tisch wie ausgeworfene Quallen am Wasserrand, flach und tot. Dann begann die eine, die rechte, mühsam wieder sich von den Fingerspitzen her aufzurichten, sie zitterte, zog sich zurück, rotierte um sich selbst, schwankte, kreiselte und griff plötzlich nervös nach einem Jeton, das sie zwischen der Spitze des Daumens und des zweiten Fingers unschlüssig rollte wie ein kleines Rad. Und plötzlich beugte sie sich mit einem Katzenbuckel pantherhaft auf und schnellte, ja spie geradezu das Hundertfrancsjeton mitten auf das schwarze Feld. Sofort bemächtigte sich, wie auf ein Signal hin, Erregung auch der untätig schlafenden linken Hand; sie stand auf, schlich, ja kroch heran zu der zitternden, vom Wurfe gleichsam ermüdeten Bruderhand, und beide lagen jetzt schauernd beisammen, beide schlugen mit dem Gelenk, wie Zähne im Frostfieber leicht aneinanderklappern, lautlos an den Tisch – nein, nie, noch niemals hatte ich Hände mit so ungeheuerlich redendem Ausdruck gesehen, eine derart spasmatische Form von Erregung und Spannung. Alles andere in diesem wölbigen Raum, das Gesurr aus den Sälen, das marktschreierische Rufen der Croupiers, das Hin und Her der Menschen und jenes der Kugel selbst, die jetzt, aus der Höhe geschleudert, in ihrem runden, parkettglatten Käfig besessen sprang – alle diese grell über die Nerven flitzende Vielheit von flirrenden und schwirrenden Impressionen schien mir plötzlich tot und starr neben diesen beiden zitternden, atmenden, keuchenden, wartenden, frierenden, schauernden, neben diesen beiden unerhörten Händen, auf die hinzustarren, ich irgendwie verzaubert war.

Aber endlich hielt es mich nicht länger; ich mußte den Menschen, mußte das Gesicht sehen, dem diese magischen Hände zugehörten, und ängstlich – ja, wirklich ängstlich, denn ich fürchtete mich vor diesen Händen! schraubte mein Blick sich langsam die Ärmel, die schmalen Schultern empor. Und wieder schrak ich zusammen, denn dieses Gesicht sprach dieselbe zügellose, phantastisch überspannte Sprache wie die Hände, es teilte die gleiche entsetzliche Verbissenheit des Ausdrucks mit derselben zarten und fast weibischen Schönheit. Nie hatte ich ein solches Gesicht gesehen, ein dermaßen aus sich herausgebogenes, ganz von sich selbst weggerissenes Gesicht, und mir war volle Gelegenheit geboten, es wie eine Maske, wie eine augenlose Plastik gemächlich zu betrachten: nicht zur Rechten, nicht zur Linken hin wandte sich nur für eine Sekunde dies besessene Auge: starr, schwarz, eine tote Glaskugel, stand die Pupille unter den aufgerissenen Lidern, spiegelnder Widerschein jener andern mahagonifarbenen, die närrisch und übermütig im runden Roulettekästchen kollerte und sprang. Nie, ich muß es noch einmal sagen, hatte ich ein so gespanntes, ein dermaßen faszinierendes Gesicht gesehen. Es gehörte einem jungen, etwa vierundzwanzigjährigen Menschen, war schmal, zart, ein wenig länglich und dadurch so ausdrucksvoll. Genau wie die Hände, wirkte es nicht ganz männlich, sondern eher einem leidenschaftlich spielenden Knaben zugehörig – aber all das bemerkte ich erst später, denn jetzt verging dieses Gesicht vollkommen hinter einem vorbrechenden Ausdruck von Gier und Raserei. Der schmale Mund, lechzend aufgetan, entblößte halbwegs die Zähne: Im Abstand von zehn Schritten konnte man sehen, wie sie fieberhaft aneinanderschlugen, indes die Lippen starr offen blieben. Feucht klebte eine lichtblonde Haarsträhne sich an die Stirn, vornübergefallen wie bei einem Stürzenden, und um die Nasenflügel flackerte ununterbrochenes Zucken hin und her, als wogten dort kleine Wellen unsichtbar unter der Haut. Und dieser ganze vorgebeugte Kopf schob sich unbewußt immer mehr nach vorne, man hatte das Gefühl, er würde mitgerissen in den Wirbel der kleinen Kugel; und nun verstand ich erst das krampfige Drücken der Hände: nur durch dieses Gegendrücken, nur durch diesen Krampf hielt der aus dem Zentrum stürzende Körper sich noch im Gleichgewicht. Nie hatte ich – ich muß es immer wieder sagen – ein Gesicht gesehen, in dem Leidenschaft dermaßen offen, so tierisch, so schamlos nackt vorbrach, und ich starrte es an, dieses Gesicht… genauso fasziniert, so festgebannt von seiner Besessenheit, wie jene Blicke vom Sprung und Zucken der kreisenden Kugel. Von dieser Sekunde an merkte ich nichts anderes mehr im Saale, alles schien mir matt, dumpf und verschwommen, dunkel im Vergleich mit dem ausbrechenden Feuer dieses Gesichtes, und über alle Menschen hinweg beobachtete ich vielleicht eine Stunde lang nur diesen einen Menschen und jede seiner Gesten: wie grelles Licht seine Augen überfunkelte, der krampfige Knäuel der Hände jetzt gleichsam von einer Explosion aufgerissen ward und die Finger zitternd wegsprengte, als der Croupier ihrem gierigen Zugriff jetzt zwanzig Goldstücke zuschob. In dieser Sekunde wurde das Gesicht plötzlich lichthaft und ganz jung, die Falten fielen flach auseinander, die Augen begannen zu erglänzen, der vorgekrampfte Körper stieg hell und leicht empor – locker wie ein Reiter saß er mit einemmal da, getragen vom Gefühl des Triumphes, die Finger klimperten eitel und verliebt mit den runden Münzen, schnippten sie gegeneinander, ließen sie tanzen und spielartig klingeln. Dann wandte er wieder unruhig den Kopf, überflog den grünen Tisch gleichsam mit schnuppernden Nüstern eines jungen Jagdhundes, der die richtige Fährte sucht, um plötzlich mit einem raschen Ruck das ganze Büschel Goldstücke über eines der Vierecke hinzuschütten. Und sofort begann wieder dieses Lauern, dieses Gespanntsein. Wieder krochen von den Lippen jene elektrisch zuckenden Wellenschläge, wieder verkrampften sich die Hände, das Knabengesicht verschwand hinter lüsterner Erwartung, bis explosiv die zuckende Spannung in einer Enttäuschung auseinanderfiel: Das Gesicht, das eben noch knabenhaft erregte, welkte, wurde fahl und alt, die Augen stumpf und ausgebrannt, und alles dies innerhalb einer einzigen Sekunde, im Hinsturz der Kugel auf eine fehlgemeinte Zahl. Er hatte verloren: ein paar Sekunden starrte er hin, beinahe blöden Blickes, als ob er nicht verstanden hätte; sofort aber bei dem ersten aufpeitschenden Ruf des Croupiers krallten die Finger wieder ein paar Goldstücke heran. Aber die Sicherheit war verloren, erst postierte er die Münzen auf das eine Feld, dann, anders besonnen, auf ein zweites, und als die Kugel schon im Rollen war, schleuderte er mit zitternder Hand, einer plötzlichen Neigung folgend, noch zwei zerknüllte Banknoten rasch in das Karree nach.

Dieses zuckende Auf und Ab von Verlust und Gewinn dauerte pausenlos ungefähr eine Stunde, und während dieser Stunde wandte ich nicht einen Atemzug lang meinen faszinierten Blick von diesem fortwährend verwandelten Gesicht, über das alle Leidenschaften strömten und ebbten; ich ließ sie nicht los mit den Augen, diese magischen Hände, die mit jedem Muskel die ganze springbrunnenhaft steigende und stürzende Skala der Gefühle plastisch wiedergaben. Nie im Theater habe ich so angespannt auf das Gesicht eines Schauspielers gesehen, wie in dieses Antlitz hinein, über das, wie Licht und Schatten über eine Landschaft, unaufhörlicher Wechsel aller Farben und Empfindungen ruckhaft hinging. Nie war ich mit meinem ganzen Anteil so innen in einem Spiel gewesen als im Widerschein dieser fremden Erregung. Hätte mich jemand in diesem Moment beobachtet, so hätte er mein stählernes Hinstarren für eine Hypnose halten müssen, und irgendwie ähnlich war ja auch mein Zustand vollkommener Benommenheit – ich konnte einfach nicht wegsehen von diesem Mienenspiel, und alles andere, was im Raum an Lichtern, Lachen, Menschen und Blicken durcheinanderging, umschwebte mich nur formlos, ein gelber Rauch, inmitten dessen dieses Gesicht stand, Flamme zwischen Flammen. Ich hörte nichts, ich spürte nichts, ich merkte nicht Menschen neben mir vordrängen, andere Hände wie Fühler sich plötzlich vorstrecken, Geld hinwerfen oder einkarren; ich sah die Kugel nicht und nicht die Stimme des Croupiers und sah doch alles wie im Traum, was geschah, an diesen Händen hohlspiegelhaft übersteigert durch Erregung und Übermaß. Denn ob die Kugel auf Rot fiel oder auf Schwarz, rollte oder stockte, das zu wissen, mußte ich nicht auf das Roulette blicken: jede Phase ging, Verlust und Gewinn, Erwartung und Enttäuschung, feurigen Risses durch Nerv und Geste dieses von Leidenschaft überwogten Gesichts.

Aber dann kam ein furchtbarer Augenblick – ein Augenblick, den ich in mir die ganze Zeit hindurch dumpf schon gefürchtet hatte, der über meinen gespannten Nerven wie ein Gewitter hing und plötzlich sie mittendurch riß. Wieder war die Kugel mit jenem kleinen, klapprigen Knacks in ihre Rundung zurückgestürzt, wieder zuckte jene Sekunde, wo zweihundert Lippen den Atem verhielten, bis die Stimme des Croupiers – diesmal: Zero ankündigte, indes schon sein eilfertiger Rechen von allen Seiten die klirrenden Münzen und das knisternde Papier zusammenscharrte. In diesem Augenblick nun machten die beiden verkrampften Hände eine besonders schreckhafte Bewegung, sie sprangen gleichsam auf, um etwas zu haschen, was nicht da war, und fielen dann, nichts in sich als zurückflutende Schwerkraft, wie tödlich ermattet, nieder auf den Tisch. Dann aber wurden sie plötzlich noch einmal lebendig, fieberhaft liefen sie vom Tisch zurück auf den eigenen Leib, kletterten wie wilde Katzen den Stamm des Körpers entlang, oben, unten, rechts und links, nervös in alle Taschen fahrend, ob nicht irgendwo noch ein vergessenes Geldstück sich verkrümelt habe. Aber immer kamen sie wieder leer zurück, immer hitziger erneuerten sie dieses sinnlose, nutzlose Suchen, indes schon die Roulettescheibe wieder umkreiselte, das Spiel der andern weiterging, Münzen klirrten, Sessel rückten, und die kleinen hundertfältig zusammengesetzten Geräusche surrend den Saal füllten. Ich zitterte, von Grauen geschüttelt: so deutlich mußte ich all das mitfühlen, als wärens meine eigenen Finger, die da verzweifelt nach irgendeinem Stück Geld in den Taschen und Wülsten des zerknitterten Kleides wühlten. Und plötzlich, mit einem einzigen Ruck stand der Mensch mir gegenüber auf – ganz so wie jemand aufsteht, dem unvermutet unwohl geworden ist, und sich hochwirft, um nicht zu ersticken; hinter ihm polterte der Stuhl krachend zu Boden. Aber ohne es nur zu bemerken, ohne der Nachbarn zu achten, die scheu und erstaunt dem Schwankenden auswichen, tappte er weg von dem Tisch.

Ich war bei diesem Anblick wie versteinert. Denn ich verstand sofort, wohin dieser Mensch ging: in den Tod. Wer so aufstand, ging nicht in einen Gasthof zurück, in eine Weinstube, zu einer Frau, in ein Eisenbahncoupé, in irgendeine Form des Lebens, sondern stürzte geradeaus ins Bodenlose. Selbst der Abgebrühteste in diesem Höllensaale hätte erkennen müssen, daß dieser Mensch nicht noch irgendwo zu Hause oder in der Bank oder bei Verwandten einen Rückhalt hatte, sondern mit seinem letzten Geld, mit seinem Leben als Einsatz hier gesessen hatte und nun hinstolperte, irgendwo anders hin, aber unbedingt aus diesem Leben hinaus. Immer hatte ich gefürchtet, vom ersten Augenblick an magisch gefühlt, daß hier ein Höheres im Spiel sei als Gewinn und Verlust, und doch schlug es nun in mich hinein, ein schwarzer Blitz, als ich sah, wie das Leben aus seinen Augen plötzlich ausrann und der Tod dies eben noch überlebendige Gesicht fahl überstrich. Unwillkürlich – so ganz war ich durchdrungen von seinen plastischen Gesten – mußte ich mich mit der Hand ankrampfen, während dieser Mensch von seinem Platz sich losrang und taumelte, denn dieses Taumeln drang jetzt in meinen eigenen Körper aus seiner Gebärde hinüber, so wie vordem seine Spannung in Ader und Nerv. Aber dann riß es mich fort, ich mußte ihm nach: ohne daß ich es wollte, schob sich mein Fuß. Es geschah vollkommen unbewußt, ich tat es gar nicht selbst, sondern es geschah mit mir, daß ich, ohne auf irgend jemanden zu achten, ohne mich selbst zu fühlen, in den Korridor zum Ausgang hinlief.

Er stand bei der Garderobe, der Diener hatte ihm den Mantel gebracht. Aber die eigenen Arme gehorchten nicht mehr: so half ihm der Beflissene wie einem Gelähmten mühsam in die Ärmel. Ich sah, wie er mechanisch in die Westentasche griff, jenem ein Trinkgeld zu geben, aber die Finger tasteten leer wieder heraus. Da schien er sich plötzlich wieder an alles zu erinnern, stammelte verlegen irgendein Wort dem Diener zu und gab sich genau wie vordem einen plötzlichen Ruck nach vorwärts, ehe er ganz wie ein Trunkener die Stufen des Kasinos hinabstolperte, von dem der Diener mit einem erst verächtlichen und dann erst begreifenden Lächeln ihm noch einen Augenblick lang nachsah.

Diese Geste war so erschütternd, daß mich das Zusehen beschämte. Unwillkürlich wandte ich mich zur Seite, geniert, einer fremden Verzweiflung wie von der Rampe eines Theaters zugeschaut zu haben – dann aber stieß mich plötzlich wieder jene unverständliche Angst von mir fort. Rasch ließ ich mir meine Garderobe reichen, und ohne etwas Bestimmtes zu denken, ganz mechanisch, ganz triebhaft, hastete ich diesem fremden Menschen nach in das Dunkel.«

Mrs. C. unterbrach ihre Erzählung für einen Augenblick. Sie hatte mir unbewegt gegenüber gesessen und mit jener ihr eigenen Ruhe und Sachlichkeit fast pausenlos gesprochen, wie eben nur jemand spricht, der sich innerlich vorbereitet und die Geschehnisse sorgfältig geordnet hat. Nun stockte sie zum erstenmal, zögerte und wandte sich dann plötzlich aus ihrer Erzählung heraus direkt mir zu: »Ich habe Ihnen und mir selbst versprochen«, begann sie etwas unruhig, »alles Tatsächliche mit äußerster Aufrichtigkeit zu erzählen. Aber ich muß nun verlangen, daß Sie dieser meiner Aufrichtigkeit auch vollen Glauben schenken und nicht meiner Handlungsweise verschwiegene Motive unterlegen, deren ich mich vielleicht heute nicht schämen würde, die aber in diesem Falle vollkommen falsch vermutet wären. Ich muß also betonen, daß, wenn ich diesem zusammengebrochenen Spieler auf der Straße nacheilte, ich durchaus nicht etwa verliebt in diesen jungen Menschen war – ich dachte gar nicht an ihn als an einen Mann, und tatsächlich hat für mich, die damals mehr als vierzigjährige Frau, nach dem Tod meines Gemahls niemals mehr ein Blick irgendeinem Manne gegolten. Das war für mich endgültig vorbei: Ich sage Ihnen das ausdrücklich und muß es Ihnen sagen, weil alles Spätere Ihnen sonst nicht in seiner ganzen Furchtbarkeit verständlich würde. Freilich, es wäre mir anderseits schwer, das Gefühl deutlich zu benennen, das mich damals so zwanghaft jenem Unglücklichen nachzog: es war Neugier darin, vor allem aber eine entsetzliche Angst oder besser gesagt Angst vor etwas Entsetzlichem, das ich unsichtbar von der ersten Sekunde an um diesen jungen Menschen wie eine Wolke gefühlt hatte. Aber solche Empfindungen kann man ja nicht zergliedern und zerlegen, vor allem schon darum nicht, weil sie zu zwanghaft, zu rasch, zu spontan durcheinanderschießen – wahrscheinlich tat ich nichts anderes als die durchaus instinktive Geste der Hilfeleistung, mit der man ein Kind zurückreißt, das auf der Straße in ein Automobil hineinrennen will. Oder läßt es sich vielleicht erklären, daß Menschen, die selbst nicht schwimmen können, von einer Brücke her einem Ertrinkenden nachspringen? Es zieht sie einfach magisch nach, ein Wille stößt sie hinab, ehe sie Zeit haben, sich schlüssig zu werden über die sinnlose Kühnheit ihres Unterfangens; und genau so, ohne zu denken, ohne bewußt wache Überlegung, bin ich damals jenem Unglücklichen aus dem Spielsaal zum Ausgang und vom Ausgang auf die Terrasse nachgegangen.

Und ich bin gewiß, weder Sie noch irgendein mit wachen Augen fühlender Mensch hätte sich dieser angstvollen Neugier entziehen können, denn ein unheimlicherer Anblick war nicht zu denken als jener junge Mann von höchstens vierundzwanzig Jahren, der mühsam wie ein Greis, schlenkernd wie ein Betrunkener, mit abgelösten, zerbrochenen Gelenken von der Treppe zur Straßenterrasse sich weiterschleppte. Dort fiel er plumpig wie ein Sack mit dem Körper auf eine Bank. Wieder spürte ich schaudernd an dieser Bewegung: dieser Mensch war zu Ende. So fällt nur ein Toter hin oder einer, in dem kein Muskel mehr sich ans Leben hält. Der Kopf war, schief gelehnt, zurück über die Lehne gesunken, die Arme hingen schlaff und formlos zu Boden, im Halbdunkel der trübe flackernden Laternen hätte jeder Vorübergehende ihn für einen Erschossenen halten müssen. Und so – ich kann es nicht erklären, wieso diese Vision plötzlich in mir ward, aber plötzlich stand sie da, greifbar plastisch, schauervoll und entsetzlich wahr –, so, als Erschossenen, sah ich ihn vor mir in dieser Sekunde, und unweigerlich war in mir die Gewißheit, daß er einen Revolver in der Tasche trage und man morgen diese Gestalt auf dieser Bank oder irgendeiner andern hingestreckt finden würde, leblos und mit Blut überströmt. Denn sein Niederfallen war durchaus das eines Steines, der in eine Tiefe fällt und nicht früher haltmacht, ehe er seinen Abgrund erreicht hat: Nie habe ich einen ähnlichen Ausdruck von Müdigkeit und Verzweiflung in körperlicher Geste ausgedrückt gesehen.

Und nun denken Sie sich meine Situation: ich stand zwanzig oder dreißig Schritte hinter jener Bank mit dem reglosen, zusammengebrochenen Menschen, ahnungslos, was beginnen, vorgetrieben einerseits vom Willen, zu helfen, zurückgedrängt von der anerzogenen, angeerbten Scheu, einen fremden Mann auf der Straße anzusprechen. Die Gaslaternen flackerten trüb in den umwölkten Himmel, ganz selten nur hastete eine Gestalt vorbei, denn es war nahe an Mitternacht und ich fast ganz allein im Park mit dieser selbstmörderischen Gestalt. Fünfmal, zehnmal hatte ich mich schon zusammengerafft und war auf ihn zugegangen, immer riß mich Scham zurück oder vielleicht jener Instinkt tieferer Ahnung, daß Stürzende gern den Helfenden mit sich reißen – und mitten in diesem Hin und Wider fühlte ich selbst deutlich das Sinnlose, das Lächerliche der Situation. Dennoch vermochte ich weder zu sprechen noch wegzugehen, weder etwas zu tun noch ihn zu verlassen. Und ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen sage, daß ich vielleicht eine Stunde lang, eine unendliche Stunde, während tausend und tausend kleine Wellenschläge des unsichtbaren Meeres die Zeit zerrissen, auf dieser Terrasse unschlüssig umherwanderte; so sehr erschütterte und hielt mich dies Bild der vollkommenen Zernichtung eines Menschen.

Aber doch, ich fand nicht den Mut eines Worts, einer Tat, und ich hätte die halbe Nacht noch so wartend gestanden, oder vielleicht hätte mich schließlich klügere Selbstsucht bewogen, nach Hause zu gehen, ja ich glaube sogar, daß ich bereits entschlossen war, dieses Bündel Elend in seiner Ohnmacht liegen zu lassen – aber da entschied ein Übermächtiges gegen meine Unentschlossenheit. Es begann nämlich zu regnen. Den ganzen Abend schon hatte der Wind über dem Meer schwere, dampfende Frühlingswolken zusammengeschoben, man spürte mit der Lunge, mit dem Herzen, daß der Himmel ganz tief herabdrückte – plötzlich begann ein Tropfen niederzuklatschen, und schon prasselte in schweren, nassen, vom Wind gejagten Strähnen ein massiger Regen herab. Unwillkürlich flüchtete ich unter den Vorsprung eines Kioskes, und obwohl ich den Schirm aufspannte, schütteten die noch springenden Böen nasse Büschel Wassers an mein Kleid. Bis hinauf ins Gesicht und die Hände spürte ich sprühend den kalten Staub der am Boden knallend zerklatschenden Tropfen.

Aber – und das war ein so entsetzlicher Anblick, daß mir heute noch, nach zwei Jahrzehnten, die Erinnerung die Kehle klemmt – in diesem stürzenden Wolkenbruch blieb der Unglücksrabe reglos auf seiner Bank sitzen und rührte sich nicht. Von allen Traufen triefte und gluckerte das Wasser, aus der Stadt her hörte man Wagen donnern, rechts und links flüchteten Gestalten mit aufgestülpten Mänteln; was Leben in sich hatte, alles duckte sich scheu, flüchtete, floh, suchte Unterschlupf, überall bei Mensch und Tier spürte man die Angst vor dem stürzenden Element – nur dieses schwarze Knäuel Mensch dort auf der Bank rührte und regte sich nicht. Ich sagte Ihnen schon früher, daß es diesem Menschen magisch gegeben war, jedes seiner Gefühle durch Bewegung und Geste plastisch zu machen; aber nichts, nichts auf Erden konnte Verzweiflung, vollkommene Selbstaufgabe, lebendiges Gestorbensein dermaßen erschütternd ausdrücken, als diese Unbeweglichkeit, dieses reglose, fühllose Dasitzen im prasselnden Regen, dieses Zumüdesein, um sich aufzuheben und die paar Schritte zu gehen bis zum schützenden Dach, diese letzte Gleichgültigkeit gegen das eigene Sein. Kein Bildhauer, kein Dichter, nicht Michelangelo und Dante hat mir jemals die Geste der letzten Verzweiflung, das letzte Elend der Erde so hinreißend fühlsam gemacht wie dieser lebendige Mensch, der sich überschütten ließ vom Element, schon zu lässig, zu müde, durch eine einzige Bewegung sich zu schützen.

Das riß mich weg, ich konnte nicht anders. Mit einem Ruck durchlief ich die nasse Spießrutenreihe des Regens und rüttelte das triefende Bündel Mensch von der Bank. »Kommen Sie!« Ich packte seinen Arm. Irgend etwas starrte mühsam empor. Irgendeine Bewegung schien langsam aus ihm wachsen zu wollen, aber er verstand nicht. »Kommen Sie!« zerrte ich nochmals den nassen Ärmel, nun schon beinahe zornig. Da stand er langsam auf, willenlos und schwankend. »Was wollen Sie?« fragte er, und ich hatte darauf keine Antwort, denn ich wußte selbst nicht, wohin mit ihm: Nur weg aus dem kalten Guß, aus diesem sinnlosen, selbstmörderischen Dasitzen äußerster Verzweiflung. Ich ließ den Arm nicht los, sondern zog den ganz Willenlosen weiter, bis hin zu dem Verkaufskiosk, wo das schmale vorspringende Dach ihn wenigstens einigermaßen vor dem wütigen Überfall des vom Wind wild geschwenkten Elements schützte. Weiter wußte ich nichts, wollte ich nichts. Nur ins Trockene, nur unter ein Dach diesen Menschen ziehen: weiter hatte ich zunächst nicht gedacht.

Und so standen wir beide nebeneinander in dem schmalen Streifen Trockenheit, hinter uns die verschlossene Wand der Verkaufsbude, über uns einzig das zu kleine Schutzdach, unter dem heimtückisch durchgreifend der unersättliche Regen uns mit plötzlichen Böen immer wieder lose Fetzen nasser Kälte über die Kleider und ins Gesicht schlug. Die Situation wurde unerträglich. Ich konnte doch nicht länger stehenbleiben neben diesem triefenden fremden Menschen. Und anderseits, ich konnte ihn, nachdem ich ihn hierhergezogen, nicht ohne ein Wort einfach stehenlassen. Irgend etwas mußte geschehen; allmählich zwang ich mich zu geradem klaren Denken. Am besten, dachte ich, ihn in einem Wagen nach Hause bringen und dann selbst nach Hause: morgen wird er schon für sich Hilfe wissen. Und so fragte ich den reglos neben mir Stehenden, der starr hinaus in die jagende Nacht blickte: »Wo wohnen Sie?«

»Ich habe keine Wohnung… ich bin erst abends von Nizza gekommen… zu mir kann man nicht gehen.«

Den letzten Satz verstand ich nicht gleich. Erst später wurde mir klar, daß dieser Mensch mich für … für eine Kokotte hielt, für eines der Weiber, wie sie nachts hier massenhaft um das Kasino streichen, weil sie hoffen, glücklichen Spielern oder Betrunkenen noch etwas Geld abzujagen. Schließlich, was sollte er anderes auch denken, denn erst jetzt, da ich es Ihnen wiedererzähle, spüre ich das ganz Unwahrscheinliche, ja Phantastische meiner Situation – was sollte er anderes von mir meinen, war doch die Art, wie ich ihn von der Bank weggezogen und selbstverständlich mitgeschleppt, wahrhaftig nicht die einer Dame. Aber dieser Gedanke kam mir nicht gleich. Erst später, zu spät schon dämmerte mir das grauenvolle Mißverständnis auf, in dem er sich über meine Person befand. Denn sonst hätte ich niemals die nächsten Worte gesprochen, die seinen Irrtum nur bestärken mußten. Ich sagte nämlich: »So wird man eben ein Zimmer in einem Hotel nehmen. Hier dürfen Sie nicht bleiben. Sie müssen jetzt irgendwo unterkommen.«

Aber sofort wurde ich jetzt seines peinlichen Irrtums gewahr, denn er wandte sich gar nicht mir zu und wehrte nur mit einem gewissen höhnischen Ausdruck ab: »Nein, ich brauche kein Zimmer, ich brauche gar nichts mehr. Gib dir keine Mühe, aus mir ist nichts zu holen. Du hast dich an den Unrichtigen gewandt, ich habe kein Geld.«

Das war wieder so furchtbar gesagt, mit einer so erschütternden Gleichgültigkeit; und sein Dastehen, dies schlaffe An-der-Wand-Lehnen eines triefenden, nassen, von innen her erschöpften Menschen erschütterte mich derart, daß ich gar nicht Zeit hatte für ein kleines, dummes Beleidigtsein. Ich empfand nur, was ich vom ersten Augenblick an, da ich ihn aus dem Saal taumeln sah, und während dieser unwahrscheinlichen Stunde ununterbrochen empfunden: Daß hier ein Mensch, ein junger, lebendiger, atmender Mensch, knapp vor dem Tode stände und ich ihn retten mußte. Ich trat näher.

»Kümmern Sie sich nicht um Geld und kommen Sie! Hier dürfen Sie nicht bleiben, ich werde Sie schon unterbringen. Kümmern Sie sich um gar nichts, kommen Sie nur jetzt!«

Er wandte den Kopf, ich spürte, wie er, indes der Regen dumpf um uns trommelte und die Traufe klatschendes Wasser zu unseren Füßen hinwarf, wie er da mitten im Dunkel zum erstenmal sich bemühte, mein Gesicht zu sehen. Auch der Körper schien langsam aus seiner Lethargie zu erwachen.

»Nun, wie du willst«, sagte er nachgebend. »Mir ist alles einerlei… Schließlich warum nicht? Gehen wir.« Ich spannte den Schirm auf, er trat an meine Seite und faßte mich unter dem Arm. Diese plötzliche Vertraulichkeit war mir unangenehm, ja sie entsetzte mich, ich erschrak bis hinab in das Unterste meines Herzens. Aber ich hatte nicht den Mut, ihm etwas zu verbieten; denn stieß ich ihn jetzt zurück, so fiel er ins Bodenlose, und alles war vergeblich, was ich bisher versucht. Wir gingen die wenigen Schritte gegen das Kasino zurück. Jetzt fiel mir erst ein, daß ich nicht wußte, was mit ihm anfangen. Am besten, überlegte ich rasch, ihn zu einem Hotel führen, ihm dort Geld in die Hand drücken, daß er übernachten und morgen heimreisen kann: weiter dachte ich nicht. Und wie jetzt die Wagen hastig vor das Kasino vorfuhren, rief ich einen an, wir stiegen ein. Als der Kutscher fragte, wohin, wußte ich zunächst keine Antwort. Aber mich plötzlich erinnernd, daß der gänzlich durchnäßte, triefende Mensch neben mir in keinem der guten Hotels Aufnahme finden könnte anderseits aber auch als wahrhaft unerfahrene Frau an ein Zweideutiges gar nicht denkend, rief ich dem Kutscher nur zu: »In irgendein einfaches Hotel!«

Der Kutscher, gleichmütig, regenübergossen, trieb die Pferde an. Der fremde Mensch neben mir sprach kein Wort, die Räder rasselten, und der Regen klatschte in wuchtigem Niederschlag gegen die Scheiben: mir war in diesem dunklen, lichtlosen, sarghaften Viereck zumute, als ob ich mit einer Leiche führe. Ich versuchte nachzudenken, irgendein Wort zu finden, um das Sonderbare und Grauenvolle dieses stummen Beisammenseins abzuschwächen, aber mir fiel nichts ein. Nach einigen Minuten hielt der Wagen, ich stieg zuerst aus, entlohnte den Kutscher, indes jener gleichsam schlaftrunken den Schlag zuklinkte. Wir standen jetzt vor der Tür eines kleinen, fremden Hotels, über uns wölbte ein gläsernes Vordach sein winziges Stück geschützten Raumes gegen den Regen, der ringsum mit gräßlicher Monotonie die undurchdringliche Nacht zerfranste.

Der fremde Mensch, seiner Schwere nachgebend, hatte sich unwillkürlich an die Wand gelehnt, es tropfte und triefte von seinem nassen Hut, seinen zerdrückten Kleidern. Wie ein Ertrunkener, den man aus dem Fluß geholt mit noch benommenen Sinnen, so stand er da, und um den kleinen Fleck, wo er lehnte, bildete sich ein Rinnsal von niederrieselndem Wasser. Aber er machte nicht die geringste Anstrengung, sich abzuschütteln, den Hut wegzuschwenken, von dem Tropfen immer wieder über Stirn und Gesicht niederliefen. Er stand vollkommen teilnahmslos, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie diese Zerbrochenheit mich erschütterte.

Aber jetzt mußte etwas geschehen. Ich griff in meine Tasche: »Da haben Sie hundert Franken« sagte ich, »nehmen Sie sich damit ein Zimmer und fahren Sie morgen nach Nizza zurück.«

Er sah erstaunt auf.

»Ich habe Sie im Spielsaale beobachtet«, drängte ich, sein Zögern bemerkend. »Ich weiß, daß Sie alles verloren haben, und fürchte, Sie sind auf dem besten Wege, eine Dummheit zu machen. Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen… Da, nehmen Sie!«

Aber er schob meine Hand zurück mit einer Energie, die ich ihm nicht zugetraut hätte. »Du bist ein guter Kerl«, sagte er, »aber vertu dein Geld nicht. Mir ist nicht mehr zu helfen. Ob ich diese Nacht noch schlafe oder nicht, ist vollkommen gleichgültig. Morgen ist ohnehin alles zu Ende. Mir ist nicht zu helfen.«

»Nein, Sie müssen es nehmen«, drängte ich, »morgen werden Sie anders denken. Gehen Sie jetzt erst einmal hinauf, überschlafen Sie alles. Bei Tag haben die Dinge ein anderes Gesicht.«

Doch er stieß, da ich ihm neuerdings das Geld aufdrängte, beinahe heftig meine Hand weg. »Laß das«, wiederholte er nochmals dumpf, »es hat keinen Sinn. Besser, ich tue das draußen ab, als den Leuten hier ihr Zimmer mit Blut schmutzig zu machen. Mir ist mit hundert Franken nicht zu helfen und mit tausend auch nicht. Ich würde doch morgen wieder mit den letzten paar Franken in den Spielsaal gehen und nicht früher aufhören, als bis alles weg ist. Wozu nochmals anfangen, ich habe genug.«

Sie können nicht ermessen, wie mir dieser dumpfe Ton bis in die Seele drang; aber denken Sie sich das aus: zwei Zoll von Ihnen steht ein junger, heller, lebendiger, atmender Mensch, und man weiß, wenn man nicht alle Kräfte aufrafft, wird dieses denkende, sprechende, atmende Stück Jugend in zwei Stunden eine Leiche sein. Und nun wurde es für mich gleichsam eine Wut, ein Zorn, diesen sinnlosen Widerstand zu besiegen. Ich packte seinen Arm: »Schluß mit diesen Dummheiten! Sie werden jetzt hinaufgehen und sich ein Zimmer nehmen, und morgen früh komme ich und schaffe Sie an die Bahn. Sie müssen fort von hier, Sie müssen noch morgen nach Hause fahren, und ich werde nicht früher rasten, ehe ich Sie nicht selbst mit der Fahrkarte im Zuge sehe. Man wirft sein Leben nicht weg, wenn man jung ist, nur weil man gerade ein paar hundert oder tausend Franken verloren hat. Das ist Feigheit, eine dumme Hysterie von Zorn und Erbitterung. Morgen werden Sie mir selbst recht geben!«

»Morgen!« wiederholte er mit sonderbar düsterer und ironischer Betonung. »Morgen! Wenn du wüßtest, wo ich morgen bin! Wenn ich selbst es wüßte, ich bin eigentlich schon ein wenig neugierig darauf. Nein, geh nach Hause, mein Kind, gib dir keine Mühe und vertu nicht dein Geld.«

Aber ich ließ nicht mehr nach. Es war wie eine Manie, wie eine Raserei in mir. Gewaltsam packte ich seine Hand und preßte die Banknote hinein. »Sie werden das Geld nehmen und sofort hinaufgehen!« und dabei trat ich entschlossen zur Klingel und läutete an. »So, jetzt habe ich angeläutet, der Portier wird gleich kommen, Sie gehen hinauf und legen sich nieder. Morgen neun Uhr warte ich dann vor dem Haus und bringe Sie sofort an die Bahn. Machen Sie sich keine Sorge um alles Weitere, ich werde schon das Nötige veranlassen, daß Sie bis nach Hause kommen. Aber jetzt legen Sie sich nieder, schlafen Sie aus und denken Sie nicht weiter!«

In diesem Augenblick knackte der Schlüssel an der Tür von innen her, der Portier öffnete.

»Komm!« sagte er da plötzlich mit einer harten, festen erbitterten Stimme, und eisern fühlte ich mein Handgelenk von seinen Fingern umspannt. Ich erschrak… ich erschrak so durch und durch, so gelähmt, so blitzhaft getroffen, daß mir alle Besinnung schwand … Ich wollte mich wehren, mich losreißen… aber mein Wille war wie gelähmt… und ich … Sie werden es verstehen… ich … ich schämte mich, vor dem Portier, der da wartend und ungeduldig stand, mit einem fremden Menschen zu ringen. Und so… so stand ich mit einem Male innen im Hotel; ich wollte sprechen, etwas sagen, aber die Kehle stockte mir… an meinem Arm lag schwer und gebietend seine Hand … ich spürte dumpf, wie sie mich unbewußt eine Treppe hinaufzog … ein Schlüssel knackte… Und plötzlich war ich mit diesem fremden Menschen allein in einem fremden Zimmer, in irgendeinem Hotel, dessen Namen ich heute noch nicht weiß.«

Mrs. C. hielt wieder inne und stand plötzlich auf. Die Stimme schien ihr nicht mehr zu gehorchen. Sie ging zum Fenster, sah stumm einige Minuten hinaus oder lehnte vielleicht nur die Stirn an die kalte Scheibe: ich hatte nicht den Mut, genau hinzusehen, denn es war mir peinlich, die alte Dame in ihrer Erregung zu beobachten. So saß ich still, ohne Frage, ohne Laut, und wartete, bis sie wieder mit gebändigtem Schritt zurückkam und sich mir gegenübersetzte.

»So – jetzt ist das Schwerste gesagt. Und ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen nun nochmals versichere, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre und bei meinen Kindern, schwöre, daß mir bis zu jener Sekunde kein Gedanke an eine… eine Verbindung mit diesem fremden Menschen in den Sinn gekommen war, daß ich wirklich ohne jeden wachen Willen, ja ganz ohne Bewußtsein wie durch eine Falltür vom ebenen Weg meiner Existenz plötzlich in diese Situation gestürzt war. Ich habe mir geschworen, zu Ihnen und zu mir wahr zu sein, so wiederhole ich Ihnen nochmals, daß ich nur durch einen fast überreizten Willen zur Hilfe durch kein anderes, kein persönliches Gefühl, also ganz ohne jeden Wunsch, ohne jede Ahnung in dieses tragische Abenteuer geriet.

Was in jenem Zimmer, was in jener Nacht geschah, ersparen Sie mir zu erzählen; ich selbst habe keine Sekunde dieser Nacht vergessen und will sie auch niemals vergessen. Denn in jener Nacht rang ich mit einem Menschen um sein Leben, denn ich wiederhole: um Leben und Sterben ging dieser Kampf. Zu unverkennbar spürte ichs mit jedem Nerv, daß dieser fremde Mensch, dieser halb schon Verlorene bereits mit aller Gier und Leidenschaft eines tödlich Bedrohten noch um das Letzte griff. Er klammerte sich an mich wie einer, der bereits den Abgrund unter sich fühlt. Ich aber raffte alles aus mir auf, um ihn zu retten mit allem, was mir gegeben war. Solche Stunde erlebt vielleicht ein Mensch nur einmal in seinem Leben, und von Millionen wieder nur einer – auch ich hätte nie geahnt ohne diesen fürchterlichen Zufall, wie glühend, wie verzweifelnd, mit welcher unbändigen Gier sich ein aufgegebener, ein verlorener Mensch noch einmal an jeden roten Tropfen Leben ansaugt, ich hätte, zwanzig Jahre lang fern von allen dämonischen Mächten des Daseins, nie begriffen, wie großartig und phantastisch die Natur manchmal ihr Heiß und Kalt, Tod und Leben, Entzückung und Verzweiflung in ein paar knappe Atemzüge zusammendrängt. Und diese Nacht war so angefüllt mit Kampf und Gespräch, mit Leidenschaft und Zorn und Haß, mit Tränen der Beschwörung und der Trunkenheit, daß sie mir tausend Jahre zu dauern schien und wir zwei Menschen, die verschlungen ihren Abgrund hinabtaumelten, todeswütig der eine, ahnungslos der andere, anders hervorgingen aus diesem tödlichen Tumult, anders, vollkommen verwandelt, mit andern Sinnen, anderem Gefühl.

Aber ich will davon nicht sprechen. Ich kann und will das nicht schildern. Nur diese eine unerhörte Minute meines Erwachens am Morgen muß ich Ihnen doch andeuten. Ich erwachte aus einem bleiernen Schlaf, aus einer Tiefe der Nacht, wie ich sie nie gekannt. Ich brauchte lange, ehe ich die Augen aufschlug, und das erste, was ich sah, war über mir eine fremde Zimmerdecke, und weiter tastend dann ein ganz fremder, unbekannter, häßlicher Raum, von dem ich nicht wußte, wie ich hineingeraten. Zuerst beredete ich mich, noch Traum sei dies, ein hellerer, durchsichtigerer Traum, in den ich aus jenem ganz dumpfen und verworrenen Schlaf emporgetaucht sei – aber vor den Fenstern stand schon schneidend klares, unverkennbar wirkliches Sonnenlicht, Morgenlicht, von unten her dröhnte die Straße mit Wagengerassel, Tramwayklingeln und Menschenlaut – und nun wußte ich, daß ich nicht mehr träume, sondern wach sei. Unwillkürlich richtete ich mich auf, um mich zu besinnen, und da … wie ich den Blick seitwärts wandte … da sah ich – und nie werde ich Ihnen meinen Schrecken schildern können – einen fremden Menschen im breiten Bette neben mir schlafen … aber fremd, fremd, fremd, ein halbnackter, unbekannter Mensch … Nein, dieses Entsetzen, ich weiß es, beschreibt sich nicht: es fiel so furchtbar über mich, daß ich zurücksank ohne Kraft. Aber es war nicht gute Ohnmacht, kein Nichtmehrwissen, im Gegenteil: mit blitzhafter Geschwindigkeit war mir alles ebenso bewußt wie unerklärbar, und ich hatte nur den einen Wunsch, zu sterben vor Ekel und Scham, mich plötzlich mit einem wildfremden Menschen in dem fremden Bett einer wohl verdächtigen Spelunke zu finden. Ich weiß noch deutlich, mein Herzschlag setzte aus, ich hielt den Atem an, als könnte ich mein Leben damit und vor allem das Bewußtsein auslöschen, dieses klare, grauenhaft klare Bewußtsein, das alles begriff und doch nichts verstand.

Ich werde niemals wissen, wie lange ich dann so gelegen habe, eiskalt an allen Gliedern: Tote müssen ähnlich starr im Sarge liegen. Ich weiß nur, ich hatte die Augen geschlossen und betete zu Gott, zu irgendeiner Macht des Himmels, es möge nicht wahr, es möge nicht wirklich sein. Aber meine geschärften Sinne erlaubten nun keinen Betrug mehr, ich hörte im Nachbarzimmer Menschen sprechen, Wasser rauschen, außen schlurften Schritte im Gang, und jedes dieser Zeichen bezeugte unerbittlich das grausam Wache meiner Sinne.

Wie lange dieser gräßliche Zustand gedauert hat, vermag ich nicht zu sagen: solche Sekunden haben andere Zeiten als die gemessenen des Lebens. Aber plötzlich überfiel mich eine andere Angst, die jagende, grauenhafte Angst: dieser fremde Mensch, dessen Namen ich gar nicht kannte, möchte jetzt aufwachen und zu mir sprechen. Und sofort wußte ich, daß es für mich nur eines gäbe: mich anziehen, flüchten, ehe er erwachte. Nicht mehr von ihm gesehen werden, nicht mehr zu ihm sprechen. Sich rechtzeitig retten, fort, fort, fort, zurück in irgendein eigenes Leben, in mein Hotel, und gleich mit dem nächsten Zuge fort von diesem verruchten Ort, aus diesem Land, ihm nie mehr begegnen, nie mehr ins Auge sehen, keinen Zeugen haben, keinen Ankläger und Mitwisser. Der Gedanke riß die Ohnmacht in mir auf: ganz vorsichtig, mit den schleicherischen Bewegungen eines Diebes rückte ich Zoll um Zoll (nur um keinen Lärm zu machen) aus dem Bette und tastete zu meinen Kleidern. Ganz vorsichtig zog ich mich an, jede Sekunde zitternd vor seinem Erwachen, und schon war ich fertig, schon war es gelungen. Nur mein Hut lag drüben auf der anderen Seite zu Füßen des Bettes, und jetzt, wie ich auf den Zehen hintastete, ihn aufzuheben – in dieser Sekunde konnte ich nicht anders: ich mußte noch einen Blick auf das Gesicht dieses fremden Menschen werfen, der in mein Leben wie ein Stein vom Gesims gestürzt war. Nur einen bloßen Blick wollte ich hinwerfen, aber… es war sonderbar, denn der fremde, junge Mann, der dort schlummernd lag – war wirklich ein fremder Mensch für mich: im ersten Augenblick erkannte ich gar nicht das Gesicht von gestern. Denn wie weggelöscht waren die von Leidenschaft vorgetriebenen, krampfig aufgewühlten, gespannten Züge des tödlich Aufgeregten – dieser da hatte ein anderes, ein ganz kindliches, ganz knabenhaftes Gesicht, das geradezu strahlte von Reinheit und Heiterkeit. Die Lippen, gestern verbissen und zwischen die Zähne geklemmt, träumten weich auseinander gefallen, und halb schon zu einem Lächeln gerundet; weich lockten sich die blonden Haare die faltenlose Stirn herab, und linden Wellenspiels ging ruhig der Atem von der Brust über den ruhenden Körper hin.

Sie können sich vielleicht entsinnen, daß ich Ihnen früher erzählte, ich hätte noch nie so stark, in einem so verbrecherisch starken Unmaß den Ausdruck von Gier und Leidenschaft an einem Menschen beobachtet wie bei diesem Fremden am Spieltisch. Und ich sage Ihnen, daß ich nie, selbst bei Kindern nicht, die doch im Säuglingsschlaf manchmal einen engelhaften Schimmer von Heiterkeit um sich haben, jemals einen solchen Ausdruck von reiner Helligkeit, von wahrhaft seligem Schlummer gesehen habe. In diesem Gesicht formten sich eben mit einziger Plastik alle Gefühle heraus, nun ein paradiesisches Entspanntsein von aller innerlichen Schwere, ein Gelöstsein, ein Gerettetsein. Bei diesem überraschenden Anblick fiel wie ein schwerer, schwarzer Mantel von mir alle Angst, alles Grauen ab – ich schämte mich nicht mehr, nein, ich war beinahe froh. Das Furchtbare, das Unfaßbare hatte plötzlich für mich Sinn bekommen, ich freute mich, ich war stolz bei dem Gedanken, daß dieser junge, zarte, schöne Mensch, der hier heiter und still wie eine Blume lag, ohne meine Hingabe zerschellt, blutig, mit einem zerschmetterten Gesicht, leblos, mit kraß aufgerissenen Augen irgendwo an einem Felsenhang aufgefunden worden wäre: ich hatte ihn gerettet, er war gerettet. Und ich sah nun – ich kann es nicht anders sagen – mit meinem mütterlichen Blick auf diesen Schlafenden hin, den ich noch einmal – schmerzvoller als meine eigenen Kinder – in das Leben zurückgeboren hatte. Und mitten in diesem verbrauchten, abgeschmutzten Zimmer, in diesem ekligen, schmierigen Gelegenheitshotel, überkam mich – mögen Sie es noch so lächerlich im Worte finden – ein Gefühl wie in einer Kirche, ein Beseligtsein von Wunder und Heiligung. Aus der furchtbarsten Sekunde eines ganzen Lebens wuchs mir schwesterhaft eine zweite, die erstaunlichste und überwältigendste zu.

Hatte ich mich zu laut bewegt? Hatte ich unwillkürlich etwas gesprochen? Ich weiß es nicht. Aber plötzlich schlug der Schlafende die Augen auf. Ich erschrak und fuhr zurück. Er sah erstaunt um sich – genau so wie früher ich selbst, so schien nun er aus ungeheurer Tiefe und Verworrenheit mühselig emporzusteigen. Sein Blick umwanderte angestrengt das fremde, unbekannte Zimmer, dann fiel er staunend auf mich. Aber ehe er noch sprach oder sich ganz besinnen konnte, hatte ich mich gefaßt. Nicht ihn zu Wort kommen lassen, keine Frage, keine Vertraulichkeit gestatten, es durfte nichts erneuert werden, nichts erläutert, nichts besprochen werden von gestern und von dieser Nacht.

»Ich muß jetzt weggehen«, bedeutete ich ihm rasch, »Sie bleiben hier zurück und ziehen sich an. Um zwölf Uhr treffe ich Sie dann am Eingang des Kasinos: dort werde ich für alles Weitere sorgen.«

Und ehe er ein Wort entgegnen konnte, flüchtete ich hinaus, nur um das Zimmer nicht mehr zu sehen, und lief ohne mich umzuwenden, aus dem Hause, dessen Namen ich ebensowenig wußte wie jenen des fremden Mannes, mit dem ich darin eine Nacht verbracht.«

Einen Atemzug lang unterbrach Mrs. C. ihre Erzählung. Aber alles Gespannte und Gequälte war weg aus ihrer Stimme: wie ein Wagen, der schwer den Berg sich hinaufgemüht, dann aber von erreichter Höhe leicht rollend und geschwind die Senke herabrollt, so flügelte jetzt in entlasteter Rede ihr Bericht:

»Also: Ich eilte in mein Hotel durch die morgendlich erhellten Straßen, denen der Wettersturz alles Dumpfe vom Himmel so weggerissen, wie mir jetzt das qualhafte Gefühl. Denn vergessen Sie nicht, was ich Ihnen früher sagte: Ich hatte nach dem Tode meines Mannes mein Leben vollkommen aufgegeben. Meine Kinder brauchten mich nicht, ich selber wollte mich nicht, und alles Leben ist Irrtum, das nicht zu einem bestimmten Zweck lebt. Nun war mir zum erstenmal unvermutet eine Aufgabe zugefallen: Ich hatte einen Menschen gerettet, ihn aus seiner Vernichtung aufgerissen mit allem Aufgebot meiner Kräfte. Nur ein Kurzes war noch zu überwinden, und diese Aufgabe mußte zu Ende getan sein. Ich lief also in mein Hotel: der erstaunte Blick des Portiers, daß ich erst jetzt um neun Uhr morgens nach Hause kam, glitt an mir ab – nichts mehr von Scham und Ärger über das Geschehnis drückte auf meine Sinne, sondern ein plötzliches Wiederaufgetansein meines Lebenswillens, ein unvermutet neues Gefühl von der Notwendigkeit meines Daseins durchblutete warm die erfüllten Adern. In meinem Zimmer kleidete ich mich rasch um, legte unbewußt (ich habe es erst später bemerkt) das Trauerkleid ab, um es mit einem helleren zu vertauschen, ging in die Bank, mir Geld zu beheben, hastete zum Bahnhof, mich nach der Abfahrt der Züge zu erkundigen; mit einer mir selber erstaunlichen Entschlossenheit bewältigte ich noch außerdem ein paar andere Besorgungen und Verabredungen. Nun war nichts mehr zu tun, als mit dem mir vom Schicksal zugeworfenen Menschen die Abreise und endgültige Rettung zu erledigen.

Freilich, dies erforderte Kraft, ihm nun persönlich gegenüberzutreten. Denn alles Gestrige war im Dunkel geschehen, in einem Wirbel, wie wenn zwei Steine, von einem Sturzbach gerissen, plötzlich zusammengeschlagen werden; wir kannten einander kaum von Angesicht zu Angesicht, ja ich war nicht einmal gewiß, ob jener Fremde mich überhaupt noch erkennen würde. Gestern – das war ein Zufall, ein Rausch, eine Besessenheit zweier verwirrter Menschen gewesen, heute aber tat es not, mich ihm offener preiszugeben als gestern, weil ich jetzt im unbarmherzig klaren Tageslicht mit meiner Person, mit meinem Gesicht, als lebendiger Mensch ihm gegenübertreten mußte.

Aber alles ergab sich leichter, als ich dachte. Kaum hatte ich zu vereinbarter Stunde mich dem Kasino genähert, als ein junger Mensch von einer Bank aufsprang und mir entgegeneilte. Es war etwas dermaßen Spontanes, etwas so Kindliches, Absichtsloses und Beglücktes in seinem Überraschtsein, wie in jeder seiner sprachmächtigen Bewegungen: er flog nur so her, den Strahl dankbarer und gleichzeitig ehrerbietiger Freude in den Augen, und schon senkten sie sich demütig, sobald sie die meinen vor seiner Gegenwart sich verwirren fühlten. Dankbarkeit, man spürt sie ja so selten bei Menschen, und gerade die Dankbarsten finden nicht den Ausdruck dafür, sie schweigen verwirrt, sie schämen sich und tun manchmal stockig, um ihr Gefühl zu verbergen. Hier aber in diesem Menschen, dem Gott wie ein geheimnisvoller Bildhauer alle Gesten der Gefühle sinnlich, schön und plastisch herauszwang, glühte auch die Geste der Dankbarkeit wie eine Leidenschaft strahlend durch den Kern des Körpers. Er beugte sich über meine Hand, und die schmale Linie seines Knabenkopfes devot niedergesenkt, verharrte er so eine Minute in respektvollem, die Finger nur anstreifendem Kusse, dann erst trat er wieder zurück, fragte nach meinem Befinden, sah mich rührend an, und so viel Anstand war in jedem seiner Worte, daß in wenigen Minuten die letzte Beängstigung von mir schwand. Und gleichsam spiegelhaft für die eigene Erhellung des Gefühles, leuchtete ringsum die Landschaft völlig entzaubert: das Meer, das gestern zornig erregte, lag so unbewegt still und hell, daß jeder Kiesel unter der kleinen Brandung weiß bis zu uns herüberglänzte, das Kasino, dieser Höllenpfuhl, blickte maurisch blank in den ausgefegten, damastenen Himmel, und jener Kiosk, unter dessen Schutzdach uns gestern der plätschernde Regen gedrängt, war aufgebrochen zu einem Blumenladen: hingeschüttet lagen dort weiß, rot, grün und bunt in gesprenkeltem Durcheinander breite Büsche von Blüten und Blumen, die ein junges Mädchen in buntbrennender Bluse feilbot. Ich lud ihn ein, zu Mittag in einem kleinen Restaurant zu speisen; dort erzählte mir der fremde, junge Mensch die Geschichte seines tragischen Abenteuers. Sie war ganz Bestätigung meiner ersten Ahnung, als ich seine zitternden, nervengeschüttelten Hände auf dem grünen Tisch gesehen. Er stammte aus einer alten Adelsfamilie des österreichischen Polens, war für die diplomatische Karriere bestimmt, hatte in Wien studiert und vor einem Monat das erste seiner Examina mit außerordentlichem Erfolge abgelegt. Um diesen Tag zu feiern, hatte ihn sein Onkel, ein höherer Offizier des Generalstabes, bei dem er wohnte, zur Belohnung mit einem Fiaker in den Prater geführt, und sie waren zusammen auf den Rennplatz gegangen. Der Onkel hatte Glück beim Spiel, gewann dreimal hintereinander: mit einem dicken Pack erbeuteter Banknoten soupierten sie dann in einem eleganten Restaurant. Am nächsten Tage nun empfing zur Belohnung für das erfolgreiche Examen der angehende Diplomat von seinem Vater einen Geldbetrag in der Höhe seines Monatsgeldes; zwei Tage vorher wäre ihm diese Summe noch groß erschienen, nun aber, nach der Leichtigkeit jenes Gewinnes, dünkte sie ihm gleichgültig und gering. So fuhr er gleich nach Tisch wieder zum Trabrennen, setzte wild und leidenschaftlich, und sein Glück oder vielmehr sein Unglück wollte, daß er mit dem Dreifachen jener Summe nach dem letzten Rennen den Prater verließ. Und nun war Raserei des Spieles bald beim Rennen, bald in Kaffeehäusern oder in Klubs über ihn gekommen, die ihm Zeit, Studium, Nerven und vor allem sein Geld aufzehrte. Er vermochte nicht mehr zu denken, nicht mehr ruhig zu schlafen und am wenigsten, sich zu beherrschen; einmal in der Nacht, nach Hause gekommen vom Klub, wo er alles verloren hatte, fand er beim Auskleiden noch eine vergessene Banknote zerknüllt in seiner Weste. Es hielt ihn nicht, er zog sich noch einmal an und irrte herum, bis er in irgendeinem Kaffeehause ein paar Dominospieler fand, mit denen er noch bis ins Morgengrauen saß. Einmal half ihm seine verheiratete Schwester aus und zahlte die Schulden an Wucherer, die dem Erben eines großen Adelsnamens voll Bereitschaft kreditierten. Eine Zeitlang deckte ihn wieder das Spielglück – dann aber ging es unaufhaltsam abwärts, und je mehr er verlor, um so gieriger forderten ungedeckte Verpflichtungen und befristete Ehrenworte entscheidend erlösenden Gewinn. Längst hatte er schon seine Uhr, seine Kleider versetzt, und schließlich geschah das Entsetzliche: er stahl der alten Tante zwei große Boutons, die sie selten trug, aus dem Schrank. Den einen versetzte er um einen hohen Betrag, den das Spiel noch am selben Abend vervierfachte. Aber statt ihn nun auszulösen, wagte er das Ganze und verlor. Zur Stunde seiner Abreise war der Diebstahl noch nicht entdeckt, so versetzte er den zweiten Bouton und reiste, einer plötzlichen Eingebung folgend, in einem Zuge nach Monte Carlo, um sich im Roulette das erträumte Vermögen zu holen. Bereits hatte er hier seinen Koffer verkauft, seine Kleider, seinen Schirm, nichts war ihm geblieben als der Revolver mit vier Patronen und ein kleines, mit Edelsteinen besetztes Kreuz seiner Patin, der Fürstin X., von dem er sich nicht trennen wollte. Aber auch dieses Kreuz hatte er um fünfzig Franken nachmittags verkauft, nur um abends noch ein letztes Mal die zuckende Lust des Spiels auf Tod und Leben versuchen zu können.

Das alles erzählte er mir mit jener hinreißenden Anmut seines schöpferisch belebten Wesens. Und ich hörte zu, erschüttert, gepackt, erregt; aber nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, mich zu entrüsten, daß dieser Mensch an meinem Tisch doch eigentlich ein Dieb war. Hätte gestern jemand mir, einer Frau mit tadellos verbrachtem Leben, die in ihrer Gesellschaft strengste, konventionelle Würdigkeit forderte, auch nur angedeutet, ich würde mit einem wildfremden jungen Menschen, kaum älter als mein Sohn und der Perlenboutons gestohlen hatte, vertraulich beisammensitzen – ich hätte ihn für sinnberaubt gehalten. Aber nicht einen Augenblick lang empfand ich bei seiner Erzählung etwas wie Entsetzen, erzählte er doch all dies dermaßen natürlich und mit einer solchen Leidenschaft, daß seine Handlung eher als der Bericht eines Fiebers, einer Krankheit wirkte denn als ein Ärgernis. Und dann: wer selber gleich mir in der vergangenen Nacht etwas so kataraktisch Unerwartetes erfahren, dem hatte das Wort »unmöglich« mit einem Male seinen Sinn verloren. Ich hatte eben in jenen zehn Stunden unfaßbar mehr an Wirklichkeitswissen erlebt als vordem in vierzig bürgerlich verbrachten Jahren.

Ein anderes aber erschreckte mich dennoch an jener Beichte, und das war der fiebrige Glanz in seinen Augen, der alle Nerven seines Gesichtes elektrisch zucken ließ, wenn er von seiner Spielleidenschaft erzählte. Noch die Wiedergabe regte ihn auf, und mit furchtbarer Deutlichkeit zeichnete sein plastisches Gesicht jede Spannung lusthaft und qualvoll nach. Unwillkürlich begannen seine Hände, diese wundervollen, schmalgelenkigen, nervösen Hände, genau wie am Spieltisch, selbst wieder raubtierhafte, jagende und flüchtende Wesen zu werden: ich sah sie, indes er erzählte, plötzlich von den Gelenken herauf zittern, sich übermächtig krümmen und zusammenballen, dann wieder aufschnellen und neu sich ineinanderknäueln. Und wie er den Diebstahl der Boutons beichtete, da taten sie (ich zuckte unwillkürlich zusammen), blitzhaft vorspringend, den raschen, diebischen Griff: ich sah geradezu, wie die Finger toll auf den Schmuck lossprangen und ihn hastig einschluckten in die Höhlung der Faust. Und mit einem namenlosen Erschrecken erkannte ich, daß dieser Mensch vergiftet war von seiner Leidenschaft bis in den letzten Blutstropfen.

Nur das allein war es, was mich an seiner Erzählung so sehr erschütterte und entsetzte, diese erbärmliche Hörigkeit eines jungen, klaren, von eigentlicher Natur her sorglosen Menschen an eine irrwitzige Passion. So hielt ich es für meine erste Pflicht, meinem unvermuteten Schützling freundschaftlich zuzureden, er müsse sofort weg von Monte Carlo, wo die Versuchung am gefährlichsten sei, müsse noch heute zu seiner Familie zurück, ehe das Verschwinden der Boutons bemerkt und seine Zukunft für immer verschüttet sei. Ich versprach ihm Geld für die Reise und die Auslösung des Schmuckes, freilich nur unter der Bedingung, daß er noch heute abreise und mir bei seiner Ehre schwöre, nie mehr eine Karte anzurühren oder sonst Hasard zu spielen.

Nie werde ich vergessen, mit welcher erst demütigen, dann allmählich aufleuchtenden Leidenschaft der Dankbarkeit dieser fremde, verlorene Mensch mir zuhörte, wie er meine Worte trank, als ich ihm Hilfe versprach; und plötzlich streckte er beide Hände über den Tisch, die meinen zu fassen mit einer mir unauslöschlichen Gebärde gleichsam der Anbetung und heiligen Gelobens. In seinen hellen, sonst ein wenig wirren Augen standen Tränen, der ganze Körper zitterte nervös vor beglückter Erregung. Wie oft habe ich schon versucht, Ihnen die einzige Ausdrucksfähigkeit seiner Gebärden zu schildern, aber diese Geste vermag ich nicht darzustellen, denn es war eine so ekstatische, überirdische Beseligung, wie sie ein menschliches Antlitz uns sonst kaum zuwendet, sondern jenem weißen Schatten nur war sie vergleichbar, wenn man erwachend aus einem Traum das entschwindende Antlitz eines Engels vor sich zu erblicken vermeint.

Warum es verschweigen: ich hielt diesem Blicke nicht stand. Dankbarkeit beglückt, weil man sie so selten sichtbar erlebt, Zartgefühl tut wohl, und mir, dem gemessenen, kühlen Menschen, bedeutete solcher Überschwang ein wohltuendes, ja beglückendes Neues. Und dann: gleichzeitig mit diesem erschütterten, zertretenen Menschen war auch die Landschaft nach dem gestrigen Regen magisch aufgewacht. Herrlich glänzte, als wir aus dem Restaurant traten, das völlig beruhigte Meer, blau bis in den Himmel hinein und nur weiß überschwebt von Möwen dort in anderem, höherem Blau. Sie kennen ja die Rivieralandschaft. Sie wirkt immer schön, aber doch flach wie eine Ansichtskarte hält sie ihre immer satten Farben dem Auge gemächlich hin, eine schlafende, träge Schönheit, die sich gleichmütig von jedem Blicke betasten läßt, orientalisch fast in ihrer ewig üppigen Bereitschaft. Aber manchmal, ganz selten, gibt es hier Tage, da steht diese Schönheit auf, da bricht sie vor, da schreit sie einen gleichsam energisch an mit grellen, fanatisch funkelnden Farben, da schleudert sie einem ihre Blumenbuntheit sieghaft entgegen, da glüht, da brennt sie in Sinnlichkeit. Und ein solcher begeisterter Tag war auch damals aus dem stürmischen Chaos der Wetternacht vorgebrochen, weißgewaschen blinkte die Straße, türkisen der Himmel, und überall zündeten sich Büsche, farbige Fackeln, aus dem saftig durchfeuchteten Grün. Die Berge schienen plötzlich heller herangekommen in der entschwülten, vielsonnigen Luft: sie scharten sich neugierig näher an das blankpolierte glitzernde Städtchen, in jedem Blicke spürte man heraustretend das Fordernde und Aufmunternde der Natur und wie sie unwillkürlich das Herz an sich riß: »Nehmen wir einen Wagen«, sagte ich, »und fahren wir die Corniche entlang.«

Er nickte begeistert: zum erstenmal seit seiner Ankunft schien dieser junge Mensch die Landschaft überhaupt zu sehen und zu bemerken. Bisher hatte er nichts gekannt als den dumpfigen Kasinosaal mit seinem schwülen, schweißigen Geruch, dem Gedränge seiner häßlichen und verzerrten Menschen und ein unwirsches, graues, lärmendes Meer. Aber nun lag auseinandergefaltet der ungeheure Fächer des übersonnten Strandes vor uns, und das Auge taumelte beglückt von Ferne zu Ferne. Wir fuhren im langsamen Wagen (es gab damals noch keine Automobile) den herrlichen Weg, vorbei an vielen Villen und Blicken: hundertmal, an jedem Haus, an jeder in Piniengrün verschatteten Villa kam es einen an als geheimster Wunsch: hier könnte man leben, still, zufrieden, abseits von der Welt!

Bin ich jemals im Leben glücklicher gewesen als in jener Stunde? Ich weiß es nicht. Neben mir im Wagen saß dieser junge Mensch, gestern noch verkrallt in Tod und Verhängnis, und nun staunend vom weißen Sturz der Sonne übersprüht: ganze Jahre schienen von ihm gleichsam weggeglitten. Er schien ganz Knabe geworden, ein schönes, spielendes Kind mit übermütigen und gleichzeitig ehrfurchtsvollen Augen, an dem nichts mich mehr entzückte als sein wachsinniges Zartgefühl: Klomm der Wagen zu steil aufwärts und hatten die Pferde Mühe, so sprang er gelenkig ab, von rückwärts nachzuschieben. Nannte ich eine Blume oder deutete ich auf eine am Wege, so eilte er, sie abzupflücken. Eine kleine Kröte, die, vom gestrigen Regen verlockt, mühselig auf dem Wege kroch, hob er auf und trug sie sorgsam ins grüne Gras, damit sie nicht vom nachfahrenden Wagen zerdrückt werde; und zwischendurch erzählte er übermütig die lachendsten, anmutigsten Dinge: ich glaube, in diesem Lachen war eine Art Rettung für ihn, denn sonst hätte er singen müssen oder springen oder Tolles tun, so beglückt, so berauscht gebärdete sich sein plötzlicher Überschwang.

Als wir dann auf der Höhe ein winziges Dörfchen langsam durchfuhren, lüftete er plötzlich im Vorübergehen höflich den Hut. Ich staunte: wen grüßte er da, der Fremde unter Fremden? Er errötete leicht bei meiner Frage und erklärte, beinahe sich entschuldigend, wir seien an einer Kirche vorbeigefahren, und bei ihnen in Polen, wie in allen streng katholischen Ländern, werde es von Kindheit an geübt, vor jeder Kirche und jedem Gotteshaus den Hut zu senken. Diese schöne Ehrfurcht vor dem Religiösen ergriff mich tief, gleichzeitig erinnerte ich mich auch jenes Kreuzes, von dem er gesprochen, und fragte ihn, ob er gläubig sei. Und als er mit einer ein wenig verschämten Gebärde bescheiden zugab, er hoffe, der Gnade teilhaftig zu sein, überkam mich plötzlich ein Gedanke. »Halten Sie!« rief ich dem Kutscher zu und stieg eilig aus dem Wagen. Er folgte mir verwundert: »Wohin gehen wir?« Ich antwortete nur: »Kommen Sie mit.«

Ich ging, von ihm begleitet, zurück zur Kirche, einem kleinen Landgotteshaus aus Backstein. Kalkig, grau und leer dämmerten innere Wände, die Tür stand offen, so daß ein gelber Kegel von Licht scharf hinein ins Dunkel schnitt, darin Schatten einen kleinen Altar blau umbauschten. Zwei Kerzen blickten, verschleierten Auges, aus der weihrauchwarmen Dämmerung. Wir traten ein, er lüftete den Hut, tauchte die Hand in den Kessel der Entsündigung, bekreuzigte sich und beugte das Knie. Und kaum war er aufgestanden, so faßte ich ihn an. »Gehen Sie hin«, drängte ich, »zu einem Altar oder irgendeinem Bild hier, das Ihnen heilig ist, und leisten Sie dort das Gelöbnis, das ich Ihnen vorsprechen werde.« Er sah mich an, erstaunt, beinahe erschreckt. Aber schnell verstehend trat er hin zu einer Nische, schlug das Kreuz und kniete gehorsam nieder. »Sprechen Sie mir nach«, sagte ich, selbst zitternd vor Erregung, »sprechen Sie mir nach: Ich schwöre« – »Ich schwöre«, wiederholte er, und ich setzte fort: »daß ich niemals mehr an einem Spiel um Geld teilnehme, welcher Art es immer sei, daß ich nie mehr mein Leben und meine Ehre dieser Leidenschaft aussetzen werde.«

Er wiederholte zitternd die Worte: deutlich und laut hafteten sie in der vollkommenen Leere des Raumes. Dann ward es einen Augenblick still, so still, daß man von außen das leise Brausen der Bäume hören konnte, denen der Wind durch die Blätter griff. Und plötzlich warf er sich wie ein Büßender hin und sprach mit einer Ekstase, wie ich es nie gehört hatte, rasche und wirr hintereinandergejagte Worte polnischer Sprache, die ich nicht verstand. Aber es mußte ein ekstatisches Gebet sein, ein Gebet des Dankes und der Zerknirschung, denn immer wieder beugte die stürmische Beichte sein Haupt demütig zum Pulte herab, immer leidenschaftlicher wiederholten sich die fremden Laute, und immer heftiger ein und dasselbe mit unsäglicher Inbrunst herausgeschleuderte Wort. Nie vordem, nie nachdem habe ich in einer Kirche der Welt so beten gehört. Seine Hände umklammerten krampfig dabei das hölzerne Betpult, sein ganzer Körper war geschüttelt von einem inneren Orkan, der ihn manchmal aufriß, manchmal wieder niederwarf. Er sah, er fühlte nichts mehr: alles in ihm schien in einer andern Welt, in einem Fegefeuer der Verwandlung oder in einem Aufschwung zu einer heiligeren Sphäre. Endlich stand er langsam auf, schlug das Kreuz und wandte sich mühsam um. Seine Knie zitterten, sein Antlitz war blaß wie das eines schwer Erschöpften. Aber als er mich sah, strahlte sein Auge auf, ein reines, ein wahrhaft frommes Lächeln hellte sein fortgetragenes Gesicht; er trat näher heran, beugte sich russisch tief, faßte meine beiden Hände, sie ehrfürchtig mit den Lippen zu berühren: »Gott hat Sie mir gesandt. Ich habe ihm dafür gedankt.« Ich wußte nichts zu sagen. Aber ich hätte gewünscht, daß plötzlich über dem niederen Gestühl die Orgel anhebe zu brausen, denn ich fühlte, mir war alles gelungen: diesen Menschen hatte ich für immer gerettet.

Wir traten aus der Kirche in das strahlende, strömende Licht dieses maihaften Tages zurück: nie war mir die Welt schöner erschienen. Zwei Stunden fuhren wir noch im Wagen langsam den panoramenhaften, an jeder Kehre neuen Ausblick schenkenden Weg über die Hügel entlang. Aber wir sprachen nicht mehr. Nach diesem Aufwand des Gefühls schien jedes Wort Verminderung. Und wenn mein Blick zufällig den seinen traf, so mußte ich beschämt ihn wegwenden: es erschütterte mich zu sehr, mein eigenes Wunder zu sehen.

Gegen fünf Uhr nachmittags kehrten wir nach Monte Carlo zurück. Nun forderte mich noch eine Verabredung mit Verwandten, die abzusagen mir nicht mehr möglich war. Und eigentlich begehrte ich im Innersten eine Pause, ein Entspannen des zu gewaltsam aufgerissenen Gefühls. Denn es war zuviel des Glückes. Ich spürte, ich mußte ausruhen von diesem überheißen, diesem ekstatischen Zustand, wie ich ihn ähnlich nie in meinem Leben gekannt. So bat ich meinen Schützling, nur für einen Augenblick zu mir ins Hotel zu kommen; dort in meinem Zimmer übergab ich ihm das Geld für die Reise und die Auslösung des Schmuckes. Wir vereinbarten, daß er während meiner Verabredung sich die Fahrkarte besorge; dann wollten wir uns abends um sieben Uhr an der Eingangshalle des Bahnhofes treffen, eine halbe Stunde, ehe der Zug über Genua ihn nach Hause brachte. Als ich ihm die fünf Banknoten hinreichen wollte, wurden seine Lippen merkwürdig blaß: »Nein… kein… Geld… ich bitte Sie, kein Geld!« stieß er zwischen den Zähnen heraus, während seine Finger nervös und fahrig zurückzitterten. »Kein Geld… kein Geld… ich kann es nicht sehen«, wiederholte er noch einmal, gleichsam von Ekel oder Angst körperlich überwältigt. Aber ich beruhigte seine Scham, es sei doch bloß geliehen, und fühle er sich bedrückt, so möge er mir eine Quittung ausstellen. »Ja… ja… eine Quittung«, murmelte er abgewandten Blickes, knitterte die Banknoten, wie etwas, das klebrig an den Fingern schmutzt, unbesehen in die Tasche, und schrieb auf ein Blatt mit fliegenden hingejagten Zügen ein paar Worte. Als er aufsah, stand feuchter Schweiß auf seiner Stirne: etwas schien von innen empor stoßhaft in ihm aufzuwürgen, und kaum, daß er jenes lose Blatt mir zugeschoben, zuckte es ihn durch, und plötzlich – ich trat unwillkürlich erschrocken zurück – fiel er in die Knie und küßte mir den Saum des Kleides. Unbeschreibliche Geste: ich zitterte am ganzen Leib von ihrer übermächtigen Gewalt. Ein merkwürdiger Schauer kam über mich, ich wurde verwirrt und konnte nur stammeln: »Ich danke Ihnen, daß Sie so dankbar sind. Aber bitte, gehen Sie jetzt! Abends sieben Uhr an der Eingangshalle des Bahnhofes wollen wir dann Abschied nehmen.»

Er sah mich an, Glanz von Rührung durchfeuchtete seinen Blick; einen Augenblick meinte ich, er wolle etwas sagen, einen Augenblick schien es, als ob er mir entgegendrängte. Aber dann verbeugte er sich plötzlich noch einmal tief, ganz tief, und verließ das Zimmer.«

Wieder unterbrach Mrs. C. ihre Erzählung. Sie war aufgestanden und zum Fenster gegangen, blickte hinaus und stand lange unbewegt: an dem silhouettenhaft hingezeichneten Rücken sah ich ein leichtes, zitterndes Schwanken. Mit einem Male wandte sie sich entschlossen um, ihre Hände, bisher ruhig und unbeteiligt, machten plötzlich eine heftige, abteilende Bewegung, gleichsam als wollten sie etwas zerreißen. Dann sah sie mich hart, beinahe kühn an und begann wieder mit einem Ruck:

»Ich habe Ihnen versprochen, ganz aufrichtig zu sein. Und ich sehe jetzt, wie notwendig dies Gelöbnis gewesen ist. Denn erst nun, da ich mich zwinge, zum erstenmal im geregelten Zusammenhang den ganzen Ablauf jener Stunde zu schildern und klare Worte zu suchen für ein damals ganz ineinandergefaltetes und verworrenes Gefühl, jetzt erst verstehe ich vieles deutlich, was ich damals nicht wußte oder vielleicht nur nicht wissen wollte. Und deshalb will ich hart und entschlossen mir selbst und auch Ihnen die Wahrheit sagen: damals, in jener Sekunde, als der junge Mensch das Zimmer verließ und ich allein zurückblieb, hatte ich – wie eine Ohnmacht fiel es dumpf über mich – das Empfinden eines harten Stoßes gegen mein Herz: Irgend etwas hatte mir tödlich weh getan, aber ich wußte nicht – oder ich weigerte mich, zu wissen – , in welcher Art die doch rührend respektvolle Haltung meines Schützlings mich so schmerzhaft verwundete.

Aber jetzt, da ich mich zwinge, hart und ordnungshaft alles Vergangene aus mir heraus wie ein Fremdes zu holen, und Ihre Zeugenschaft kein Verbergen, keinen feigen Unterschlupf eines beschämenden Gefühls duldet, heute weiß ich klar: was damals so weh tat, war die Enttäuschung… die Enttäuschung, daß… daß dieser junge Mensch so fügsam gegangen war… so ohne jeden Versuch, mich zu halten, bei mir zu bleiben… daß er demütig und ehrfurchtsvoll meinem ersten Versuch, abzureisen, sich fügte, statt… statt einen Versuch zu machen, mich an sich zu reißen… daß er mich einzig als eine Heilige verehrte, die ihm auf seinem Wege erschienen… und nicht… nicht mich fühlte als eine Frau.

Das war jene Enttäuschung für mich… eine Enttäuschung, die ich mir nicht eingestand, damals nicht und später nicht, aber das Gefühl einer Frau weiß alles, ohne Worte und Bewußtsein. Denn… jetzt betrüge ich mich nicht länger – hätte dieser Mensch mich damals umfaßt, mich damals gefordert, ich wäre mit ihm gegangen bis ans Ende der Welt, ich hätte meinen Namen entehrt und den meiner Kinder… ich wäre, gleichgültig gegen das Gerede der Leute und die innere Vernunft, mit ihm fortgelaufen, wie jene Madame Henriette mit dem jungen Franzosen, den sie tags zuvor noch nicht kannte… ich hätte nicht gefragt, wohin und wie lange, nicht mich umgewandt mit einem Blick zurück in mein früheres Leben… ich hätte mein Geld, meinen Namen, mein Vermögen, meine Ehre diesem Menschen geopfert… ich wäre betteln gegangen, und wahrscheinlich gibt es keine Niedrigkeit dieser Welt, zu der er mich nicht hätte verleiten können. Alles, was man Scham nennt und Rücksicht unter den Menschen, hätte ich weggeworfen, wäre er nur mit einem Wort, mit einem Schritt auf mich zugetreten, hätte er versucht, mich zu fassen, so verloren war ich an ihn in dieser Sekunde. Aber… ich sagte es Ihnen ja… dieser sonderbar benommene Mensch sah mich und die Frau in mir mit keinem Blick mehr… und wie sehr, wie ganz hingegeben ich ihm entgegenbrannte, das fühlte ich erst, als ich allein mit mir war, als die Leidenschaft, die eben noch sein erhelltes, sein geradezu seraphisches Gesicht emporriß, dunkel in mich zurückfiel und nun im Leeren einer verlassenen Brust wogte. Mühsam raffte ich mich auf, doppelt widrig lastete jene Verabredung. Mir war, als sei meiner Stirne ein schwerer eiserner, drückender Helm überstülpt, unter dessen Gewicht ich schwankte: meine Gedanken fielen lose auseinander wie meine Schritte, als ich endlich hinüber in das andere Hotel zu meinen Verwandten ging. Dort saß ich dumpf inmitten regen Geplauders und erschrak immer wieder von neuem, blickte ich zufällig auf und sah in ihre unbewegten Gesichter, die, im Vergleich mit jenem wie von licht- und schattenwerfendem Wolkenspiel belebten, mir maskenhaft oder erfroren dünkten. Als ob ich zwischen lauter Gestorbenen säße, so grauenhaft unbelebt war diese gesellige Gegenwart; und während ich Zucker in die Tasse warf und abwesend mitkonversierte, stieg immer innen, wie vom Flackern des Blutes hochgetrieben, jenes eine Antlitz auf, das zu beobachten mir inbrünstig Freude geworden war und das ich entsetzlich zu denken! – in einer, in zwei Stunden zum letztenmal gesehen haben sollte. Unwillkürlich mußte ich leise geseufzt oder aufgestöhnt haben, denn plötzlich beugte die Cousine meines Mannes sich mir zu: was mir sei, ob ich mich denn nicht ganz wohl fühle, ich blicke so blaß und bedrängt. Diese unvermutete Frage half nun rasch und mühelos in eine rasche Ausrede, mich quäle in der Tat eine Migräne, sie möge mir darum erlauben, mich unauffällig zu entfernen.

So mir selbst zurückgegeben, eilte ich unverzüglich in mein Hotel. Und kaum dort allein, überkam mich neuerdings das Gefühl der Leere, des Verlassenseins und, hitzig damit verklammert, das Verlangen nach jenem jungen Menschen, den ich heute für immer verlassen sollte. Ich fuhr hin und her im Zimmer, riß unnütz Laden auf, wechselte Kleid und Band, um mich mit einmal vor dem Spiegel zu finden, prüfenden Blickes, ob ich, dermaßen geschmückt, nicht doch den seinen zu binden vermöchte. Und jählings verstand ich mich selbst: alles tun, nur ihn nicht lassen! Und innerhalb einer gewalttätigen Sekunde wurde dieser Wille zum Entschluß. Ich lief hinunter zum Portier, kündigte ihm an, daß ich heute mit dem Abendzug abreise. Und nun galt es, eilig zu sein: ich klingelte dem Mädchen, daß sie mir behilflich sei, meine Sachen zu packen – die Zeit drängte ja; und während wir gemeinsam in wetteifernder Hast Kleider und kleines Gebrauchsgerät in die Koffer verstauten, träumte ich mir die ganze Überraschung aus: wie ich ihn an den Zug begleiten würde, um dann im letzten, im allerletzten Moment, wenn er mir die Hand schon zum Abschied geboten, plötzlich zu dem Erstaunten in den Wagen zu steigen, mit ihm für diese Nacht, für die nächste – solange er mich wollte. Eine Art entzückter, begeisterter Taumel wirbelte mir im Blut, manchmal lachte ich, zur Befremdung des Mädchens, indes ich Kleider in die Koffer warf, unvermutet laut auf: meine Sinne waren, ich fühlte es zwischendurch, in Unordnung geraten. Und als der Lohndiener kam, die Koffer zu holen, starrte ich ihn erst fremd an: Es war zu schwer, an Sachliches zu denken, indes von innen her die Erregung mich so stark überwogte.

Die Zeit drängte, knapp an sieben mochte es sein, bestenfalls blieben da zwanzig Minuten bis zum Abgang des Zuges – freilich, tröstete ich mich, nun zählte mein Kommen ja nicht mehr als Abschied, seit ich entschlossen war, ihn auf seiner Fahrt zu begleiten, solange, soweit er es duldete. Der Diener trug die Koffer voraus, ich hastete zur Hotelkasse, meine Rechnung zu begleichen. Schon reichte mir der Manager das Geld zurück, schon wollte ich weiter, da rührte eine Hand zärtlich an meine Schulter. Ich zuckte auf. Es war meine Cousine, die, beunruhigt durch mein angebliches Unwohlsein, gekommen war, nach mir zu sehen. Mir dunkelte es vor den Augen. Ich konnte sie jetzt nicht brauchen, jede Sekunde Verzögerung bedeutete verhängnisvolles Versäumnis, aber doch verpflichtete mich Höflichkeit, ihr wenigstens eine Zeitlang Rede und Antwort zu stehen. »Du mußt zu Bett«, drängte sie, »du hast bestimmt Fieber.« Und so mochte es wohl auch sein, denn die Pulse trommelten mir hart auf die Schläfen, und manchmal spürte ich jene vorschwebenden blauen Schatten naher Ohnmacht über den Augen. Aber ich wehrte ab, bemühte mich, dankbar zu scheinen, indes jedes Wort mich brannte und ich am liebsten ihre unzeitgemäße Fürsorge mit dem Fuße weggestoßen hätte. Doch die unerwünscht Besorgte blieb, blieb, blieb, bot mir Eau de Cologne, ließ sichs nicht nehmen, mir selbst das kühle um die Schläfen zu streichen: ich aber zählte indes die Minuten, dachte gleichzeitig an ihn und wie ich einen Vorwand finden könnte, dieser quälenden Anteilnahme zu entkommen. Und je unruhiger ich ward, desto mehr erschien ich ihr verdächtig: beinahe mit Gewalt wollte sie mich schließlich veranlassen, auf mein Zimmer zu gehen und mich niederzulegen. Da – inmitten ihres Zuspruches – sah ich auf einmal in der Mitte der Halle die Uhr: zwei Minuten vor halb acht, und um 7 Uhr 35 ging der Zug. Und brüsk, schußhaft, mit der brutalen Gleichgültigkeit einer Verzweifelten stieß ich meiner Cousine die Hand geradewegs zu: »Adieu, ich muß fort!« und ohne mich um ihren erstarrten Blick zu kümmern, ohne mich umzusehen, stürmte ich an den verwunderten Hoteldienern vorbei und zur Türe hinaus, auf die Straße und dem Bahnhof zu. Bereits an der erregten Gestikulation des Lohndieners, er stand dort wartend mit dem Gepäck, nahm ich von ferne wahr, es müsse höchste Zeit sein. Blindwütig stürmte ich hin zur Schranke, aber da wehrte wieder der Schaffner: Ich hatte vergessen, ein Billett zu nehmen. Und während ich mit Gewalt beinahe ihn bereden wollte, mich dennoch auf den Perron zu lassen, setzte sich der Zug bereits in Bewegung: ich starrte hin, zitternd an allen Gliedern, wenigstens noch einen Blick von irgendeinem der Waggonfenster zu erhaschen, ein Winken, einen Gruß. Aber ich konnte inmitten des eilfertigen Geschiebes sein Antlitz nicht mehr wahrnehmen. Immer rascher rollten die Wagen vorbei, und nach einer Minute blieb nichts als qualmendes, schwarzes Gewölk vor meinen verdunkelten Augen.

Ich muß wie versteinert dort gestanden haben, Gott weiß wie lange, denn der Lohndiener hatte mich wohl vergeblich mehrmals angesprochen, ehe er wagte, meinen Arm zu berühren. Da erst schrak ich auf. Ob er das Gepäck wieder in das Hotel zurückbringen sollte. Ich brauchte ein paar Minuten Zeit, mich zu besinnen; nein, das war nicht möglich, ich konnte nach jener lächerlichen, überstürzten Abreise nicht wieder zurück und wollte auch nicht zurück, nie mehr; so befahl ich ihm, ungeduldig, schon allein zu sein, das Gepäck im Depot zu verstauen. Danach erst, mitten in dem unablässig erneuten Gequirl von Menschen, das sich in der Halle lärmend zusammenschob und wieder zerkleinerte, versuchte ich zu denken, klar zu denken, mich herauszuretten aus diesem verzweifelten, schmerzenden Gewürge von Zorn, Reue und Verzweiflung, denn – warum es nicht eingestehen? – der Gedanke, durch eigene Schuld die letzte Begegnung vertan zu haben, wühlte in mir mit glühender Schärfe unbarmherzig herum. Ich hätte aufschreien können, so weh tat diese immer erbarmungsloser vordringende, rotgehitzte Schneide. Nur ganz leidenschaftsfremde Menschen haben ja in ihren einzigen Augenblicken vielleicht solche lawinenhaft plötzliche, solche orkanische Ausbrüche der Leidenschaft: da stürzen ganze Jahre mit dem stürzenden Groll nichtgenützter Kräfte die eigene Brust hinab. Nie vordem, nie nachdem hatte ich ähnliches an Überraschung und wütender Machtlosigkeit erlebt als in dieser Sekunde, da ich, zum Verwegensten bereit – bereit; mein ganzes gespartes, gehäuftes, zusammengehaltenes Leben mit einem Ruck hinzuwerfen –, plötzlich vor mir eine Mauer von Sinnlosigkeit fand, gegen die meine Leidenschaft ohnmächtig mit der Stirne stieß.

Was ich dann tat, wie konnte es anders als gleichfalls ganz sinnlos sein, es war töricht, sogar dumm, fast schäme ich mich, es zu erzählen – aber ich habe mir, ich habe Ihnen versprochen, nichts zu verschweigen: nun, ich… ich suchte ihn mir wieder… das heißt, ich suchte mir jeden Augenblick zurück, den ich mit ihm verbracht… es zog mich gewaltsam hin zu allen Orten, wo wir gemeinsam gestern gewesen, zu der Bank im Garten, von der ich ihn weggerissen, in den Spielsaal, wo ich ihn zum erstenmal gesehen, ja in jene Spelunke sogar, nur um noch einmal, noch einmal das Vergangene wieder zu erleben. Und morgen wollte ich dann im Wagen die Corniche entlang den gleichen Weg, damit jedes Wort, jede Geste noch einmal in mir erneuert sei – ja so sinnlos, so kindisch war meine Verwirrung. Aber bedenken Sie, wie blitzhaft jene Geschehnisse mich überstürmten – ich hatte kaum anderes gefühlt als einen einzigen betäubenden Schlag. Nun aber, zu rauh aus jenem Tumult erweckt, wollte ich mich auf dies hinfliehend Erlebte noch einmal Zug um Zug nachgenießend besinnen, dank jenem magischen Selbstbetrug, den wir Erinnerung nennen – freilich: Das sind Dinge, die man begreift oder nicht begreift. Vielleicht braucht man ein brennendes Herz, um sie zu verstehen.

So ging ich zunächst in den Spielsaal, den Tisch zu suchen, wo er gesessen, und dort unter all den Händen die seinen mir zu erdenken. Ich trat ein: es war, ich wußte es noch, der linke Tisch gewesen im zweiten Zimmer, wo ich ihn zuerst erblickt. Noch deutlich stand jede seiner Gesten vor mir: traumwandlerisch, mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Händen hätte ich seinen Platz gefunden. Ich trat also ein, ging gleich quer durch den Saal. Und da… wie ich von der Tür aus den Blick gegen das Gewühl wandte… da geschah mir etwas Sonderbares… da saß genau an der Stelle, an die ich mir ihn hingeträumt, da saß – Halluzinationen des Fiebers! – … er wirklich… Er… Er… genau so, wie ich ihn eben träumend gesehen… genau so wie gestern, stier die Augen auf die Kugel gerichtet, geisterhaft bleich… aber Er… Er… unverkennbar Er…

Mir war, als müßte ich aufschreien, so erschrak ich. Aber ich bezähmte meinen Schrecken vor dieser unsinnigen Vision und schloß die Augen. »Du bist wahnsinnig… du träumst… du fieberst«, sagte ich mir. »Es ist ja unmöglich, du halluzinierst… Er ist vor einer halben Stunde von hier weggefahren.« Dann erst tat ich die Augen wieder auf. Aber entsetzlich: genau so wie vordem saß er dort, leibhaft unverkennbar… unter Millionen hätte ich diese Hände erkannt… nein, ich träumte nicht, er war es wirklich. Er war nicht weggefahren, wie er mir geschworen, der Wahnwitzige saß da, er hatte das Geld, das ich ihm zur Heimreise gegeben, hierhergetragen an den grünen Tisch und vollkommen selbstvergessen in seiner Leidenschaft hier gespielt, indes ich verzweifelt mir das Herz nach ihm ausgerungen.

Ein Ruck stieß mich vorwärts: Wut überschwemmte mir die Augen, rasende rotblickende Wut, den Eidbrüchigen, der mein Vertrauen, mein Gefühl, meine Hingabe so schändlich betrogen hatte, an der Gurgel zu fassen. Aber ich bezwang mich noch. Mit gewollter Langsamkeit (wieviel Kraft kostete sie mich!) trat ich an den Tisch gerade ihm gegenüber, ein Herr machte mir höflich Platz. Zwei Meter grünes Tuch standen zwischen uns beiden, und ich konnte, wie von einem Balkon herab in ein Schauspiel, hinstarren in sein Gesicht, in eben dasselbe Gesicht, das ich vor zwei Stunden überstrahlt gesehen hatte von Dankbarkeit, erleuchtet von der Aura der göttlichen Gnade, und das nun ganz wieder in allen Höllenfeuern der Leidenschaft zuckend verging. Die Hände, dieselben Hände, die ich noch nachmittags im heiligsten Eid an das Holz des Kirchengestühls verklammert gesehen, sie krallten jetzt wieder gekrümmt im Geld herum wie wollüstige Vampire. Denn er hatte gewonnen, er mußte, viel, sehr viel gewonnen haben: vor ihm glitzerte ein wirrer Haufen von Jetons und Louisdors und Banknoten, ein schütteres, achtloses Durcheinander, in dem die Finger, seine zitternden, nervösen Finger sich wohlig streckten und badeten. Ich sah, wie sie streichelnd die einzelnen Noten festhielten und falteten, die Münzen drehten und liebkosten, um dann plötzlich mit einem Ruck eine Faustvoll zu fassen und mitten auf eines der Karrees zu werfen. Und sofort begannen die Nasenflügel jetzt wieder diese fliegenden Zuckungen, der Ruf des Croupiers riß ihm die Augen, die gierig flackernden, vom Gelde weg hin zu der splitternden Kugel, er strömte gleichsam von sich selber fort, indes die Ellenbogen dem grünen Tisch mit Nägeln angehämmert schienen. Noch furchtbarer, noch grauenhafter offenbarte sich sein vollkommenes Besessensein als am vergangenen Abend, denn jede seiner Bewegungen mordete in mir jenes andere, wie auf Goldgrund leuchtende Bild, das ich leichtgläubig nach innen genommen.

Zwei Meter weit voneinander atmeten wir so beide; ich starrte auf ihn, ohne daß er meiner gewahr wurde. Er sah nicht auf mich, er sah niemanden, sein Blick glitt nur hin zu dem Geld, flackerte unstet mit der zurückrollenden Kugel: in diesem einen rasenden grünen Kreise waren alle seine Sinne eingeschlossen und hetzten hin und zurück. Die ganze Welt, die ganze Menschheit war diesem Spielsüchtigen zusammengeschmolzen in diesen viereckigen Fleck gespannten Tuches. Und ich wußte, daß ich hier Stunden und Stunden stehen konnte, ohne daß er eine Ahnung meiner Gegenwart in seine Sinne nehmen würde.

Aber ich ertrug es nicht länger. Mit einem plötzlichen Entschluß ging ich um den Tisch, trat hinter ihn und faßte hart mit der Hand seine Schulter. Sein Blick taumelte auf – eine Sekunde starrte er mit glasigen Augäpfeln mich fremd an, genau einem Trunkenen gleich, den man mühsam aus dem Schlaf rüttelt und dessen Blicke noch grau und dösig vom inneren Qualme dämmern. Dann schien er mich zu erkennen, sein Mund tat sich zitternd auf, beglückt sah er zu mir empor und stammelte leise mit einer wirr-geheimnisvollen Vertraulichkeit: »Es geht gut… Ich habe es gleich gewußt, wie ich hereinkam und sah, daß Er hier ist… Ich habe es gleich gewußt…« Ich verstand ihn nicht. Ich merkte nur, daß er betrunken war vom Spiel, daß dieser Wahnwitzige alles vergessen hatte, sein Gelöbnis, seine Verabredung, mich und die Welt. Aber selbst in dieser Besessenheit war seine Ekstase für mich so hinreißend, daß ich unwillkürlich seiner Rede mich unterwarf und betroffen fragte, wer denn hier sei.

»Dort, der alte russische General mit dem einen Arm«, flüsterte er, ganz an mich gedrückt, damit niemand das magische Geheimnis erlausche. »Dort, der mit den weißen Kotelettes und dem Diener hinter sich. Er gewinnt immer, ich habe ihn schon gestern beobachtet, er muß ein System haben, und ich setze immer das gleiche… Auch gestern hat er immer gewonnen… nur habe ich den Fehler gemacht, weiterzuspielen, als er wegging… das war mein Fehler… er muß gestern zwanzigtausend Franken gewonnen haben… und auch heute gewinnt er mit jedem Zug… jetzt setze ich ihm immer nach… Jetzt…«

Mitten in der Rede brach er plötzlich ab, denn der Croupier rief sein schnarrendes »Faites votre jeu!« und schon taumelte sein Blick fort und gierte hin zu dem Platz, wo gravitätisch und gelassen der weißbärtige Russe saß und bedächtig erst ein Goldstück, dann zögernd ein zweites auf das vierte Feld hinlegte. Sofort griffen die hitzigen Hände vor mir in den Haufen und warfen eine Handvoll Goldstücke auf die gleiche Stelle. Und als nach einer Minute der Croupier »Zéro!« rief und sein Rechen mit einer einzigen Drehung den ganzen Tisch blankfegte, starrte er wie einem Wunder dem wegströmenden Gelde nach. Aber meinen Sie, er hätte sich nach mir umgewendet: Nein, er hatte mich vollkommen vergessen; ich war herausgesunken, verloren, vergangen aus seinem Leben, seine ganzen angespannten Sinne starrten nur hin zu dem russischen General, der, vollkommen gleichgültig, wieder zwei Goldstücke in der Hand wog, unschlüssig, auf welche Zahl er sie placieren sollte.

Ich kann Ihnen meine Erbitterung, meine Verzweiflung nicht schildern. Aber denken Sie sich mein Gefühl: für einen Menschen, dem man sein ganzes Leben hingeworfen hat, nicht mehr als eine Fliege zu sein, die man lässig mit der lockeren Hand wegscheucht. Wieder kam diese Welle von Wut über mich. Mit vollem Griff packte ich seinen Arm, daß er auffuhr.

»Sie werden sofort aufstehen!« flüsterte ich ihm leise, aber befehlend zu. »Erinnern Sie sich, was Sie heute in der Kirche geschworen, Sie eidbrüchiger, erbärmlicher Mensch.«

Er starrte mich an, betroffen und ganz blaß. Seine Augen bekamen plötzlich den Ausdruck eines geschlagenen Hundes, seine Lippen zitterten. Er schien sich mit einem Mal alles Vergangenen zu erinnern, und ein Grauen vor sich selbst ihn zu überkommen.

»Ja… ja…«, stammelte er. »O mein Gott, mein Gott… Ja… ich komme schon, verzeihen Sie…«

Und schon raffte seine Hand das ganze Geld zusammen, schnell zuerst, mit einem zusammenreißenden, vehementen Ruck, aber dann allmählich träger werdend und wie von einer Gegenkraft zurückgeströmt. Sein Blick war neuerdings auf den russischen General gefallen, der eben pointierte.

»Einen Augenblick noch…« er warf rasch fünf Goldstücke auf das gleiche Feld… »Nur noch dieses eine Spiel… Ich schwöre Ihnen, ich komme sofort… nur noch dieses eine Spiel… nur noch.. .«

Und wieder verlosch seine Stimme. Die Kugel hatte zu rollen begonnen und riß ihn mit sich. Wieder war der Besessene mir, war er sich selber entglitten, hinabgeschleudert mit dem Kreisel in die glatte Mulde, innerhalb derer die winzige Kugel kollerte und sprang. Wieder rief der Croupier, wieder scharrte der Rechen die fünf Goldstücke von ihm weg; er hatte verloren. Aber er wandte sich nicht um. Er hatte mich vergessen, wie den Eid, wie das Wort, das er mir vor einer Minute gegeben. Schon wieder zuckte seine gierige Hand nach dem eingeschmolzenen Gelde, und nur zu dem Magnet seines Willens, zu dem glückbringenden Gegenüber hin, flackerte sein betrunkener Blick.

Meine Geduld war zu Ende. Ich rüttelte ihn nochmals, aber jetzt gewaltsam. ›Auf der Stelle stehen Sie jetzt auf! Sofort!… Sie haben gesagt, dieses Spiel noch…‹

Aber da geschah etwas Unerwartetes. Er riß sich plötzlich herum, doch das Gesicht, das mich ansah, war nicht mehr das eines Demütigen und Verwirrten, sondern eines Rasenden, eines Bündels Zorn mit brennenden Augen und vor Wut zitternden Lippen. ›Lassen Sie mich in Ruhe!‹ fauchte er mich an. ›Gehen Sie weg! Sie bringen mir Unglück. Immer, wenn Sie da sind, verliere ich. So haben Sie es gestern gemacht und heute wieder. Gehen Sie fort!‹

Ich war einen Augenblick starr. Aber an seiner Tollheit wurde nun auch mein Zorn zügellos.

›Ich bringe Ihnen Unglück?‹ fuhr ich ihn an. ›Sie Lügner, Sie Dieb, der Sie mir geschworen haben.. .‹ Doch ich kam nicht weiter, denn der Besessene sprang von seinem Platze auf, stieß mich, gleichgültig um den sich regenden Tumult, zurück. ›Lassen Sie mich in Frieden‹, schrie er hemmungslos laut. ›Ich stehe nicht unter Ihrer Kuratel… da… da… da haben Sie Ihr Geld‹, und er warf mir ein paar Hundertfrankenscheine hin… ›Jetzt aber lassen Sie mich in Ruhe!‹

Ganz laut, wie ein Besessener hatte er das gerufen, gleichgültig gegen die hundert Menschen ringsum. Alles starrte, zischelte, deutete, lachte, ja vom Nachbarsaal selbst drängten neugierige Leute herein. Mir war, als würden mir die Kleider vom Leibe gerissen und ich stünde nackt vor allen diesen Neugierigen… ›Silence, Madame, s’il vous plaît!‹ sagte laut und herrisch der Croupier und klopfte mit dem Rechen auf den Tisch. Mir galt das, mir, das Wort dieses erbärmlichen Gesellen. Erniedrigt, von Scham Übergossen, stand ich vor der zischelnd aufflüsternden Neugier wie eine Dirne, der man Geld hingeschmissen hat. Zweihundert, dreihundert unverschämte Augen griffen mir ins Gesicht, und da … wie ich ausweichend, ganz geduckt von dieser Jauche von Erniedrigung und Scham mit dem Blick zur Seite bog, da stieß er gradwegs in zwei Augen, gleichsam schneidend vor Überraschung – es war meine Cousine, die mich entgeistert anblickte, aufgegangenen Mundes und mit einer wie im Schreck erhobenen Hand.

Das schlug in mich hinein: noch ehe sie sich regen konnte, sich erholen von ihrer Überraschung, stürmte ich aus dem Saale: es trug mich noch gerade hin bis zu der Bank, zu eben derselben Bank, auf die gestern jener Besessene hingestürzt war. Und ebenso kraftlos, ebenso ausgeschöpft und zerschmettert fiel ich hin auf das harte, unbarmherzige Holz. –

Das ist jetzt vierundzwanzig Jahre her, und doch, wenn ich an diesen Augenblick, wo ich dort, niedergepeitscht von seinem Hohn, vor tausend fremden Menschen stand, mich erinnere, wird mir das Blut kalt in den Adern. Und ich spüre wieder erschrocken, eine wie schwache, armselige und quallige Substanz das doch sein muß, was wir immer großspurig Seele, Geist, Gefühl, was wir Schmerzen nennen, da all dies selbst im äußersten Übermaß nicht vermag, den leidenden Leib, den zerquälten Körper völlig zu zersprengen – weil man ja doch solche Stunden mit weiterpochendem Blut überdauert, statt hinzusterben und hinzustürzen wie ein Baum unterm Blitz. Nur für einen Ruck, für einen Augenblick hatte dieser Schmerz mir die Gelenke durchgerissen, daß ich hinfiel auf jene Bank, atemlos, stumpf und mit meinem geradezu wollüstigen Vorgefühl des Absterbenmüssens. Aber ich sagte es eben, aller Schmerz ist feige, er zuckt zurück vor der übermächtigen Forderung nach Leben, die stärker in unserem Fleisch verhaftet scheint als alle Todesleidenschaft in unserem Geiste. Unerklärlich mir selbst nach solcher Zerschmetterung der Gefühle: aber doch, ich stand wieder auf, nicht wissend freilich, was zu tun. Und plötzlich fiel mir ein, daß ja meine Koffer am Bahnhof bereitstanden, und schon jagte es durch mich hin: fort, fort, fort, nur fort von hier, von diesem verfluchten Höllenhaus. Ich lief ohne auf jemand achtzugeben an die Bahn, fragte, wann der nächste Zug nach Paris ginge; um zehn Uhr sagte mir der Portier, und sofort ließ ich mein Gepäck aufgeben. Zehn Uhr – dann waren genau vierundzwanzig Stunden vorbei seit jener entsetzlichen Begegnung, vierundzwanzig Stunden, so gefüllt vom wechselnden Wetterschlag der widersinnigsten Gefühle, daß meine innere Welt für immer zerschmettert war. Aber zunächst spürte ich nichts als ein Wort in diesem ewig hämmernden, zuckenden Rhythmus: fort! fort! fort! Mein Puls hinter der Stirn schlug wie ein Keil es immer wieder in die Schläfen hinein: fort! fort! fort! Fort von dieser Stadt, fort von mir selbst, nach Hause, zu meinen Menschen, zu meinem früheren, zu meinem eigenen Leben! Ich fuhr die Nacht durch nach Paris, dort von einem Bahnhof zum andern und direkt nach Boulogne, von Boulogne nach Dover, von Dover nach London, von London zu meinem Sohn – alles in diesem einzigen jagenden Flug, ohne zu überlegen, ohne zu denken, achtundvierzig Stunden, ohne Schlaf, ohne Wort, ohne Essen, achtundvierzig Stunden, während derer alle Räder nur dieses eine Wort ratterten: fort! fort! fort! Als ich endlich, unerwartet für jeden einzelnen, bei meinem Sohn im Landhaus eintrat, schraken sie alle auf: irgend etwas muß in meinem Wesen, in meinem Blick gestanden haben, das mich verriet. Mein Sohn wollte mich umarmen und küssen. Ich bog mich zurück: der Gedanke war mir unerträglich, daß er Lippen berühren sollte, die ich als geschändet empfand. Ich wehrte jeder Frage, verlangte nur ein Bad, denn dies war mir Bedürfnis, mit dem Schmutz der Reise auch alles andere von meinem Körper wegzuwaschen, was noch von der Leidenschaft dieses Besessenen, dieses Unwürdigen ihm anzuhaften schien. Dann schleppte ich mich hinauf in mein Zimmer und schlief zwölf, vierzehn Stunden einen dumpfen, steinernen Schlaf, wie ich ihn nie zuvor und nie seitdem geschlafen habe, einen Schlaf, nach dem ich nun weiß, wie das sein muß, in einem Sarg zu liegen und tot zu sein. Meine Verwandten kümmerten sich um mich wie um eine Kranke, aber ihre Zärtlichkeit tat mir nur weh, ich schämte mich ihrer Ehrfurcht, ihres Respekts, und unablässig mußte ich mich hüten, nicht plötzlich herauszuschreien, wie sehr ich sie alle verraten, vergessen und schon verlassen hatte um einer tollen und wahnwitzigen Leidenschaft willen.

Ziellos fuhr ich dann wieder in eine kleine französische Stadt, wo ich niemanden kannte, denn mich verfolgte der Wahn, jeder Mensch könne mir von außen beim ersten Blick meine Schande, meine Veränderung ansehen, so sehr fühlte ich mich verraten und beschmutzt bis in die tiefste Seele. Manchmal, wenn ich morgens aufwachte in meinem Bett, hatte ich eine grauenhafte Angst, die Augen zu öffnen. Wieder überfiel mich das Erinnern an diese Nacht, wo ich plötzlich neben einem fremden, halbnackten Menschen erwachte, und dann hatte ich immer nur, ganz wie damals, den einen Wunsch, sofort zu sterben.

Aber schließlich, die Zeit hat doch tiefe Macht und das Alter eine sonderbare entwertende Gewalt über alle Gefühle. Man spürt den Tod näher herankommen, sein Schatten fällt schwarz über den Weg, da scheinen die Dinge weniger grell, sie fahren einem nicht mehr so in die inneren Sinne und verlieren viel von ihrer gefährlichen Gewalt. Allmählich kam ich über den Schock hinweg; und als ich nach langen Jahren einmal in einer Gesellschaft dem Attaché der österreichischen Gesandtschaft begegnete, einem jungen Polen, und er mir auf meine Erkundung nach jener Familie erzählte, daß ein Sohn dieses seines Vetters sich vor zehn Jahren in Monte Carlo erschossen habe – da zitterte ich nicht einmal mehr. Es tat kaum mehr weh: vielleicht – warum seinen Egoismus verleugnen? tat es mir sogar wohl, denn nun war die letzte Furcht vorbei, noch jemals ihm zu begegnen: ich hatte keinen Zeugen mehr wider mich als die eigene Erinnerung. Seitdem bin ich ruhiger geworden. Altwerden heißt ja nichts anderes, als keine Angst mehr haben vor der Vergangenheit.

Und jetzt werden Sie es auch verstehen, wie ich plötzlich dazu kam, mit Ihnen über mein eigenes Schicksal zu sprechen. Als Sie Madame Henriette verteidigten und leidenschaftlich sagten, vierundzwanzig Stunden könnten das Schicksal einer Frau vollkommen bestimmen, fühlte ich mich selbst damit gemeint: Ich war Ihnen dankbar, weil ich zum erstenmal mich gleichsam bestätigt fühlte. Und da dachte ich mir: einmal sichs wegsprechen von der Seele, vielleicht löst das den lastenden Bann und die ewig rückblickende Starre; dann kann ich morgen vielleicht hinübergehen und ebendenselben Saal betreten, in dem ich meinem Schicksal begegnet, und doch ohne Haß sein gegen ihn und gegen mich selbst. Dann ist der Stein von der Seele gewälzt, liegt mit seiner ganzen Wucht über aller Vergangenheit und verhütet, daß sie noch einmal aufersteht. Es war gut für mich, daß ich Ihnen all dies erzählen konnte: mir ist jetzt leichter und beinahe froh zumute… ich danke Ihnen dafür.«

Bei diesen Worten war sie plötzlich aufgestanden, ich fühlte, daß sie zu Ende war. Etwas verlegen suchte ich nach einem Wort. Aber sie mußte meine Berührung gefühlt haben und wehrte rasch ab.

»Nein, bitte, sprechen Sie nicht… ich möchte nicht, daß Sie mir etwas antworten oder sagen… Seien Sie bedankt, daß Sie mir zugehört haben, und reisen Sie wohl.«

Sie stand mir gegenüber und reichte mir die Hand zum Abschied. Unwillkürlich sah ich auf zu ihrem Gesicht, und es schien mir rührend wunderbar, das Antlitz dieser alten Frau, die gütig und gleichzeitig leicht beschämt vor mir stand. War es der Widerschein vergangener Leidenschaft, war es Verwirrung, die da plötzlich mit aufsteigendem Rot die Wangen bis zum weißen Haar empor unruhig überglühte – aber ganz wie ein Mädchen stand sie da, bräutlich verwirrt von Erinnerungen und beschämt von dem eigenen Geständnis. Unwillkürlich ergriffen, drängte es mich sehr, ihr durch ein Wort meine Ehrfurcht zu bezeugen. Doch die Kehle wurde mir eng. Und da beugte ich mich nieder und küßte respektvoll ihre welke, wie Herbstlaub leicht zitternde Hand.

Zuerst erschienen in ›Verwirrung der Gefühle‹, Leipzig: Insel-Verlag 1927.

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Angst • Essay

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Angst

Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890
Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890

Wenn es eine Hölle geben kann, so ist sie ganz gewiß nur eine Zeit namenloser Angst. Denn es gibt wohl nichts Furchtbareres als Angst. Die Schmerzen des Leibes und der Seele reichen nicht an das Gefühl wahnwitziger Angst hinan, welche die Glieder lähmt, das Wort in Eis verwandelt, das Herz in einen Krater, in dem es pocht und siedet Tag und Nacht. Die Höllengeborenen, welche die Angst erfanden, wußten, daß diese dem Menschen die Sinne und Gedanken raubt. Und dennoch haben Unzählige diesem Entsetzen widerstanden und sind für einen einzigen Gedanken, für eine einzige Überzeugung durch die Qual hindurchgegangen in den Tod, der wie ein Balsam ihre erlöschenden Kräfte umfing. Ein Gedanke trug diese Menschen dem Himmel zu, während ihre Henker in der Hölle verweilten, darum, wenn die Angst, o Seele, dich umnachtet, so ist es nur darum, weil du zweifelst, weil deine Überzeugung schwankt, weil du nicht den Glauben hast, daß höchste Weisheit dich erleuchtet, und wenn sich die ganze Welt wider dich kehrt. Du hast schon Angst vor der Leute Geschwätz, schon diese Kleinigkeit ist dir so unerträglich, daß du lieber dem Moloch dieser Leute opferst, als dich freudig zu deiner Überzeugung zu bekennen. Das macht, weil das Christentum die Throne bestiegen hat und in goldenen Gewändern einhergeht, anstatt verfolgt und verhöhnt und gemartert zu sein. Damals zweifelte keiner, und alle gingen in den Tod. Der Zweifel ist die Ausgeburt des Wohllebens und der Erschlaffung. Wer leidet, der zweifelt nicht, im Gegenteil, er wird nur immer bestärkt in seinem Glauben. Du aber bist in der Verweichlichung groß geworden, in dem bequemen Weihrauch der Kirche, der dich einhüllt und keinen Kampf mehr von dir fordert, und da trifft dich das Ungemach mit seiner Folter, Angst, wie etwas Unbekanntes, Entsetzliches.

Angst ist entsetzlich. Sie hat hundert Köpfe und tausend Krallen, sie hat gar kein Antlitz, und gar keine Gestalt, das macht sie so furchtbar. Die heilige Vehm nahm Masken vor, um furchtbarer zu sein. Dasselbe tut die Angst. Sie hat kein erkennbares Aussehen, sondern legt sich dir auf Herz und Glieder und raubt dir den Verstand. Das aber ist wiederum der Körper, der dich also schwach macht, denn du weißt, daß du dasselbe denkst wie zuvor. Die Angst an einem Totenbette ist schlimmer als der Tod, die Angst vor einem vernichtenden Gespräche schrecklicher als das Gespräch, das mit einem Menschen stattfindet, der nur eine kurze Zeit über dich Gewalt bekommen hat und dich nicht ewig foltern kann.

Die Angst, Unrecht getan zu haben, die Angst vor der Tat, die du für recht hältst, und von der du doch nicht gewiß weißt ob sie zum Guten führt, die Angst, ein Wort gesprochen zu haben, das einem andern Schaden bringt, – aber siehst du nicht, daß die ganze Natur Angst hat? Vor dir, dem Räuber, der alles Lebendige verzehrt, fürchten sich alle, und dein Entzücken ist grenzenlos, wenn eins dieser bangen, mißtrauischen Wesen sich an dich anschmiegt und glaubt, daß du es gut mit ihm meinst. Womit hast du denn dieses Vertrauen verdient? Was hast du getan, damit Vogel und Reh, Schmetterling und Eidechse dir vertrauen? Denn selbst die Haustiere sind alle dem Tode verfallen, du nährst sie nur für dich, nicht zu ihrem Wohl. Und dann willst du allein das Gefühl der Angst nicht kennen? Hast du das verdient? Du würdest nicht so arm sein, als du es bist, wenn du dich von dem ernähren wolltest, was dir entgegen wächst, und das nicht leidet, sondern reift und fällt, selbst ohne dein Zutun. Du aber mußt Leben abschneiden und gar noch unschuldige Wesen quälen und verfolgen, und trauerst nicht, daß alles Getier von dir flieht als vor seinem grausamsten Feinde?

Und du willst kein Auge haben? Du mußt es bezahlen, was du leiden machst. Du hast Angst vor dem Messer, das dich heilen will, und läßt Tiere die gesund sind, in Stücke schneiden, auf daß man dadurch dein elendes Leben verlängere? Die Angst vor dem Tode ist wiederum rein körperlich, denn die Seele wünscht sich oftmals die Befreiung, wenn der Körper sich oftmals vor dem Sterben graust. Ist dir das nicht ganz klar, Seele, daß es nur der Körper ist, dem die zeitweilige Vernichtung nicht gefällt? Er hat ja sein eigenes, starkes Leben und will nicht in den Tod, bei dir nicht und bei keinem einzigen Tiere, du aber, Seele, weißt sehr wohl, daß du dir den Tod wünschest, um aus der engen Behausung herauszukommen, und den unendlichen Raum zu kennen, der dich so nahe umgibt, und der dir so fremd bleiben muß, bis du frei wirst. Dein Körper hat Angst vor Hunger und Kälte, nicht du, Seele; du fühlst weder Hunger noch Kälte, es genügt hierfür, daß ein Gedanke dich ganz befangen hält.

Angst macht dich oftmals töricht, so töricht, daß du das Verkehrte, ja das Unerhörte tust, nur weil du Angst gehabt und dein Urteil hast trüben lassen. Angst vor Menschen, ist das nicht ein nichtswürdiges Gefühl? Und doch treibt es in alle denkbaren Handlungen hinein, in Reden die man gedacht, in einem Gesichtsausdruck, der dem wahren Gefühl widerspricht. Angst entwürdigt dich so sehr, daß sie dich sogar zum allerelendesten Menschen, zum Lügner machen kann. Seele! Unwahr brauchst du doch nicht zu sein! Ein Christ, der sich von wilden Tieren zerreißen ließ, machte Hunderte zu Christen: ein beherztes Wort von dir würde vielen helfen, Mut zu haben, und sich zur Wahrheit, oder zu dem, was sie dafür halten, zu bekennen, Wir müssen uns oftmals mit dem Spiegelbild der Wahrheit begnügen, und dieses verteidigen wie ein heiliges Symbol, da uns die wirkliche Wahrheit verhüllt bleibt, bis wir sie ertragen können. Wenn wir die Erde gegen einen Angriff von außen verteidigen müßten, würden wir plötzlich alle Brüder sein, da gäbe es keine Grenze mehr und keinen Erbfeind, und keinen Hader, ja man würde vergessen, worüber man eben noch Krieg führte, und es ganz unbegreiflich finden, daß man entzweit sein konnte; so notwendig würden alle allen sein, in dem Kampf um die Erde gegen einen auswärtigen Feind. Es brauchte nur ein Stern sehr bedrohlich nahe zu kommen, und in der Angst vor Vernichtung wären alle Menschen Brüder. Einsam getragene Angst macht zum Einsiedler vielleicht für alle Zeit. Gemeinsam getragene Angst schließt alle Herzen zusammen mit einem oft unzerreißbaren Bande.

Da Märchen und Legenden meistens so sehr viel wahrer sind als sogenannte Geschichte, so ist vielleicht die Bibellegende von einem Paradiese viel wahrer als wir in unserer dunklen Schulweisheit es jetzt noch glauben wollen.

Vielleicht hat es in einer Zeit solch ein seliges Erdenland gegeben, und nur als die Angst erschien, da war es vorbei, da wurde eine Art von Hölle daraus. Aber das Bewußtsein einer Himmelsmöglichkeit blieb in den Menschen zurück, und nun suchen sie auf jede Weile diesem seligen Zustande nahe zu kommen, gar mit Mord und Totschlag, da sie meinen, einer steh dem andern im Wege zu dieser Glückseligkeit. Die unten stehen, haben Angst vor den Großen und Reichen und meinen, die nehmen ihnen den Himmel weg, und die oben stehen, haben Angst, ermordet zu werden, und so fürchten sich die einen vor den andern, anstatt sich gegenseitig zu helfen soviel es in aller Kräfte steht. Wenn man einsehen würde, daß der eine mehr Hände-, der andre mehr Gehirnarbeit verrichten soll, so würde man nicht so gierig einer auf den andern blicken, sondern mit dem zufrieden sein, was das Los bestimmt hat.

Wissen wir denn, ob wir in einem früheren Dasein nicht das alles schon gewesen sind, oder in einem kommenden wieder werden, was die andern sind? Wie mancher muß schon in diesem Leben Steine Klopfen, weil er sein Gut vertan hat, und zu nichts zu brauchen ist, was andre leisten können. Vielleicht geht es so mit den verschiedenen Existenzen, die wir durchlaufen. In der einen müssen wir hungern, in der andern müssen wir Erfinder sein, in der dritten auf des Gebens Höhen stehen, wenn wir reif genug sind, um den andern so zu dienen.

Angst! Aber wenn wir wüßten, was wir schon alles gewesen sind, und noch werden müssen, wie würde die Angst steigen! Vielleicht waren wir einmal Verbrecher! Vielleicht würde sich die Menschheit entsetzt von uns abkehren, wenn sie sehen könnte, was dieselbe Seele schon alles getan hat! Vielleicht ist die Angst, die unsere stete Begleiterin ist, die erste von früheren Fehlern, die wir noch immer sühnen müssen. Viele wollen es sich nicht eingestehen, daß sie schon auf der Erde alles sühnen müssen, jedes unbedachte Wort, jede selbstsüchtige Handlung, jede Tat, die der Menschheit in ihrem Fortschritt Schaden bringt. Oder ist es das dunkle Gefühl, daß die Sühne unser harrt, die uns die Angst ins Herz jagt?

Sie ist heilbar, diese Angst, durch einfältigen Kinderglauben. Aber heutzutage ist der Kinderglaube außer Kurs gesetzt, und man hat die Wissenschaft dafür herbeigeholt, und merkt nicht, daß die Wissenschaft in einem Jahrhundert solche Schwankungen erleidet, daß heute falsch ist, was gestern wahr war. Wie soll man aus der Wissenschaft eine Religion machen? Das Christentum gilt für verbraucht. Aber so lange noch kein einziger Mensch der Bergpredigt nachgelebt hat, ist das Christentum noch nicht einmal erreicht, geschweige denn veraltet.

Wenn nicht in der ganzen Natur die Angst wohnte, so würden wir berechtigt sein, uns für etwas außergewöhnlich Schlechtes und Nichtswürdiges zu halten, aber nun sehen wir die Unschuldigen ebenso davon heimgesucht, wie wir es sind, und das mitten in der herrlichsten Natur, die ihre Gaben ausschüttet, und alle Augen erfreuen will. Eine Hölle brauchte dennoch die Erde nicht zu sein und ist es für so sehr viele, ja vielleicht für die meisten. Denn selbst, wenn die Angst vorüber ist, läßt Sie unverlöschbare Spuren zurück, in der Seele wie am Leibe: sie geht wie ein verheerendes Feuer über die Menschen und verbrennt sie bis ins Mark. Die Narben davon schmerzen immer wieder, und eine Kleinigkeit reiht sie auf, als wären sie nie geheilt.

Ein Gethsemane wartet auf jeden, nur erzählt er es nicht, wenn er es durchlitten hat. Manchmal kann man es an seinem Mitleid mit jedem andern erkennen, daß es über einen Menschen hingegangen ist, manchmal auch am scheuen und scheinbar harten Abschließen gegen die ganze Welt. Angst wirkt so verschieden auf jede Natur. Du aber, Seele, wenn du in dem Fegefeuer der Angst stehst, so halte still, und wolle nicht der Qual ein Ende machen. Sie hat ein Ende, sei nur vertrauensvoll! Angst ist ebensowenig ewig, wie alle andern Erdenerlebnisse. Sie erscheint uns nur ewig, gleichwie Körperschmerzen, auch wie Not jeder Art. Die Freude ist kurz, wie lange sie auch gedauert hat.

Ludwig Hevesi • Eine schöne Bescherung • Weihnachtserzählung

Eine schöne Bescherung  [1889]

In der Weihnachtsstube bei Haberers war alles bereits in schönster Ordnung. Der Baum zwar grünte vorderhand nur so still vor sich hin und hatte noch nicht ausgeschlagen, in Flämmchen nämlich, nicht in Knospen; aber an den Bescherungen für die ganze Familie fehlte kaum etwas. Ungezählte Merkwürdigkeiten lagen da, offen und verhüllt, in so appetitlicher Anordnung, daß man in Dinge, die im Grunde gar nicht eßbar waren, hätte hineinbeißen mögen. Deutlich verriet sich an jeglichem die warme Hand der Hausmutter, und an einigem auch das feine Händchen des Haustöchterleins, Liese geheißen, was die Untergebenen wie Lisbeth aussprachen. Den Schlüssel hatte Mama in der Tasche, denn so fertig alles war, jede Stunde wenigstens mußte sie doch hineingehen, um irgendetwas geschwind noch fertiger zu machen.

Eben jetzt zum Beispiel, als ein Amtsdiener ihr ein ziemlich großes Paket eingehändigt hatte. Ein Paket mit einem ziemlich großen Siegel. Einem Siegel mit ziemlich großen Buchstaben, so daß sie sogar ohne Brille lesen konnte: »K. k. Akademie der Wissenschaften, Wien« . . . Welch einen Ruck ihr das gab im Herzen, und wie rot sie wurde. Da war es ja endlich, das Langerwartete, das Wohlverdiente, das ihren lieben Florian seit Wochen nicht schlafen ließ. Der Bescheid der Akademie auf die antonologische . . . nein, ontemologische . . . nein, entomologische Abhandlung ihres Gatten. Und welch ein dickes Paket. Offenbar war die Abhandlung schon in Druck gelegt, ja vielleicht sogar schon das Diplom eines außerordentlichen Mitgliedes der Akademie hinzugefügt, denn das konnte ihm doch nicht entgehen für eine so geniale anti . . ., ante . . ., kurz eine so bahnbrechende Arbeit.

O, das durfte er jetzt noch nicht sehen, das mußte mit unter den Christbaum; es war ihm ja auch offenbar als Weihnachtsgeschenk zugedacht von dieser guten, lieben Akademie der Wissenschaften. Und wieder einmal huschte sie in das Festzimmer hinein, nicht ohne hinter sich den Riegel vorzuschieben, der eigens zu solchem Zweck an dieser einzigen Thüre angebracht war. Und sie legte das großgesiegelte Paket ganz obenauf, damit er es gleich erblicke. Nur die Pulswärmer lagen doch auf dem Paket, die Pulswärmer, die sie ihm seit dreißig Jahren, seit ihrem Brautjahr, zu jedem Weihnachtsfest gestrickt hatte, weil er sie damals als junger Tischlermeister gebraucht, . . . später als reicher Thüren- und Fensterfabrikant freilich nicht mehr . . . und jetzt als gelehrter Naturforscher schon gar nicht. Wie er sich trotzdem jedes Jahr damit freute, der gute Alte. Stets zog er sie sofort an und gab dann der Spenderin einen tüchtigen Kuß auf den Mund, einen von jenen alten Küssen.

In diesem lieblichen Vorgefühl verging ihr die Zeit bis zu dem Augenblick, da der volle Glanz des Festes entzündet wurde und die Weihnachtsstube vom Jubel der Beschenkten widerhallte. Wie altherkömmlich das alles, und doch jedesmal wie funkelnagelneu!

Am größten aber war diesmal allerdings die Überraschung des Hausvaters. Herr Florian Haberer stand unter dem Christbaum, der seine gemütliche Glatze festlich beleuchtete, ganz starr vor freudigem Schreck. Nichts von allem, was ihm beschert worden, sah er; selbst die Pulswärmer, dieses Symbol seiner glücklichen Ehe, schob er achtlos zur Seite, so daß Frau Brigitta sich mit den Zähnen, die sie erst vorigen Sommer einsetzen lassen, betroffen auf die Lippen biß und bei sich dachte: »Es geschieht mir ganz recht.« Er aber ergriff nun ganz sachte das bedeutsame Paket, setzte sein Glas auf und las laut die Adresse, noch lauter die Schrift auf dem Siegel. Dann sagte er »Hüh,« denn es war ihm sehr warm, und trocknete sich mit dem roten Seidentuch das Antlitz und das schimmernde Haupt. Erwartungsvoll umstand ihn die Familie, denn feierlich sah er sich in dem Kreise um und sein Wuchs schien um ein Beträchtliches höher geworden, auch ging ein merkliches Zittern durch sein oberstes Knopfloch links.

»Seht ihr, Kinder,« sagte er im tiefsten Tone seiner Kehle, etwas stolz und etwas gerührt, »hier ist die Frucht eines jahrelangen, redlichen, wissenschaftlichen Strebens. Hier ist der Beweis, daß ich recht hatte, meine Fabrik glänzend zu verkaufen und mich gänzlich der Entomologie, d. h. Insektenkunde zu widmen.«

»Wie du nur das fatale Wort so auf einmal ohne Fehler aussprechen kannst,« sagte seine Frau unwillkürlich, aus reiner Bewunderung.

Aber er winkte ihr ab und fuhr fort: »Was ich einst als Dilettant in Mußestunden betrieben, das angenehme Fangen der Schmetterlinge, das unterhaltende Sammeln der Käfer, das thue ich jetzt planmäßig als Mann der Wissenschaft, und der liebe Gott hat mein Streben durch eine schöne Entdeckung belohnt, welche unter den gelehrten Herren der Akademie Aufsehen gemacht haben muß. Doch sehen wir, was die Akademie schreibt.«

Ehrfurchtsvoll öffnete er den Umschlag, wobei er das große Siegel sorgfältig schonte. Aber wie ward ihm, als er den Inhalt erblickte! Ganz oben befand sich eine längliche Schachtel, die er gar wohl kannte; sie hatte einen Glasdeckel und enthielt drei Schmetterlinge, die ihm nicht minder geläufig waren. Dann kam ein blaues Heft, dessen weißes Papierschild in seiner eigenen Handschrift die Worte trug: »Buchstabenlilie (lilium scripturatum),« und ein zweites ganz ähnliches mit der Aufschrift: »Buchstabentulpe (tulipa scripturata),« welche beiden Blumen die blauen Hefte zierlich gepreßt enthielten. Dann kam ein fingerdicker Quartband, seine Abhandlung über jene Schmetterlinge und Blumen; zwei Jahre hatte er daran gearbeitet und sie war geradezu kalligraphisch abgeschrieben. Und ganz unten lag das Schreiben der Akademie, worin ihm mit jener gewissen kühlen Sachlichkeit mitgeteilt wurde, daß seine Abhandlung von der naturwissenschaftlichen Klasse geprüft worden und zum Abdruck in den »Mitteilungen« nicht geeignet befunden sei.

Herr Haberer sank in einen Lehnstuhl und saß lange wie bewußtlos da. Er war aus zu hohen Himmeln herabgestürzt, um sich nicht zerschmettert zu fühlen. Aber seine gutbürgerliche Tischlernatur ermannte sich wieder, er trank ein Glas Wasser, das ihm Liese mit bekümmerter Miene reichte, und gab seiner Frau plötzlich einen lautschallenden Kuß auf den Mund, den Pulswärmerkuß, an den er sich nur zu spät erinnerte. Frau Brigitta war wieder ganz glücklich und hielt ihren alten Florian in den Armen, wie ein pflegebedürftiges Kind. Er ermannte sich nun ganz und hatte sogar den Unternehmungsgeist, das Paket näher zu untersuchen, wobei er ganz unten noch einen kleineren Brief entdeckte. Es war ein Privatbrief des Sekretärs der Klasse, den er persönlich kannte, und dies war der Wortlaut:

»Geehrter Herr Haberer. Machen Sie sich nichts daraus, tragen Sie es als Mann. Sie sind offenbar von einem Spaßvogel getäuscht worden. Die mikroskopische Untersuchung hat ergeben, daß die goldgelben Buchstaben überall mit Ölfarbe, sogenanntem jaune brillant, aufgemalt sind. Daß die Natur dies gethan habe, davon kann weder bei den Blumen, noch bei den Schmetterlingen die Rede sein. Die Herren von der Klasse glaubten anfangs, Sie hätten sie mystifizieren wollen; da ich Sie aber als ernsten Mann kenne, trat ich dieser Auffassung erfolgreich entgegen und befürwortete eine ordnungsgemäße Erledigung Ihrer Einsendung. Also nochmals, lassen Sie sich die Stimmung nicht verderben und – fröhliche Weihnachten! Ihr ergebener . . .«

Herrn Haberer schwindelte. Die Lichter des Christbaumes tanzten toll um ihn her, wie Irrwische auf einem Friedhof voll begrabener Hoffnungen. Auch Weib und Kind schienen an diesem tollen Reigen teilzunehmen, und standen doch eigentlich ganz mäuschenstill und sehr bekümmert da.

Aber da es immer ein Weib ist, das sich zuerst ermannt, so war es diesmal Frau Brigitta. »Ha!« rief sie und griff nach dem Briefe, den sie erregt zu durchforschen begann. Dann ließ sie ihn kraftlos aus der Hand fallen und sagte dumpf: »Er ist’s.«

»Wer ist’s?« wiederholte ein dumpfes Echo aus dem Lehnstuhl, in dem ihr Gatte saß.

»Oskar Merz,« stieß sie hervor.

»Oskar Merz,« wiederholte Liese halblaut, wie unwillkürlich; es klang wie das Flöten eines Vogels. Und sie wurde rot und preßte beide Hände auf ihr Herz, denn ihr war, als müßten die Eltern jetzt »Herein!« rufen, so laut hörte sie es klopfen.

»Oskar Merz, wer ist das?« fragte der Vater weiter.

»Ach,« rief die Mutter unwillig, »das war ein junger Maler, der vor zwei Jahren in Henningsdorf die große Erkerstube über unserer Sommerwohnung hatte. So ein Milch- und Blutgesicht, mit goldblondem Spitzbärtchen, so die rechte Künstlerballfigur; ich verbot der Liesel eigens mit ihm zu sprechen.«

»Aber er hat mit mir gesprochen, Mama,« platzte die Kleine heraus, noch röter als vorher. Und als die Mutter darüber ganz entsetzt war, fügte sie kleinlauter hinzu: »Ihm hattest du’s ja nicht verboten.«

Diese zartere Seite der Angelegenheit nun kümmerte Herrn Haberer jetzt gar nicht. Zornig fuhr er auf: »Was? Jener Mensch sollte sich unterstanden haben, mit mir ein frivoles Spiel zu treiben? Meiner Wissenschaft einen gemeinen Schabernack zu spielen? O . . . o . . . hätt‘ ich ihn da zwischen meinen Fäusten, nicht lebendig sollte er . . . Doch nein, nein, das ist unmöglich, undenkbar, unglaublich. So schlau konnte er nicht sein! Und ich so dumm nicht. Nein, nein, Brigitta, du irrst.«

»O Papa,« sagte Liese, »Oskar Merz ist ein frischer, heiterer Geist, ein . . .«

»Was kannst du davon wissen?« unterbrach sie Herr Haberer; »wenn man den Mann da hätte und befragen könnte, bin ich sicher, sein Erstaunen würde sogleich verraten, daß er nichts von der Sache weiß.«

»Nichts leichter als das, lieber Papa,« rief Liese, »er wohnt ja im Hause gegenüber, er hat da sein Atelier, im vierten Stock . . .«

»Was? Davon weiß ich ja gar nichts,« sagte die Mutter zwischen Staunen und Entrüstung.

»Er ist sogar noch zu Hause!« rief Liese, die ans Fenster geeilt war, »seine Atelierfenster sind noch beleuchtet. Es wäre ja so einfach, hinüberzuschicken und ihn bitten zu lassen . . . auf einen Augenblick . . . wegen einer Frage . . .«

Mama lehnte aufgeregt ab, Papa aber war Feuer und Flamme für diesen Plan. Da konnte ja sogleich jeder Verdacht beseitigt werden. Und schleunigst gab er seinem Sohne Konrad den Auftrag, eine Zeile, die er mit fliegender Hand auf eine Visitenkarte warf, hinüberzutragen.

Der Jüngling ging . . . und eine Viertelstunde später trat Oskar Merz mit ihm ein. Ein liebenswürdiger junger Mann, der der Hausfrau so anmutig die Hand küßte und die dargebotene Hand des Hausherrn so muskelstark drückte, daß er »Au« rief, was Liese keineswegs that, obgleich er auch ihr die Hand drückte.

Oskar Merz war natürlich überrascht und Herr Haberer entschuldigte sich umständlich wegen der Störung, berief sich jedoch auf ehemalige Nachbarschaft im Grünen u. s. f., um endlich auf seine Angelegenheit zu kommen.

»Haben Sie jemals solche Schmetterlinge gesehen, Herr Merz?« fragte er, indem er ihm die Schachtel mit der Glasplatte hinschob.

Oskar Merz warf einen Blick auf die merkwürdigen Exemplare und sagte dann, sichtlich mit einem raschen Entschluß: »Ja, Herr Haberer, ich habe sogar welche gemacht.«

Versteinert starrte ihn Herr Haberer an, während Frau Brigitta mit einem schweren Seufzer die Hände faltete.

»Ja wohl,« fuhr Oskar Merz fort, »ich will und muß beichten, da ich ohne böse Absicht ein solches Unglück angerichtet habe. Die Sache kam so. An einem warmen Sommernachmittag saß ich in meinem Zimmer und wollte malen, aber es ging nicht. Mich störte eine Stimme, die unter mir ein Lied sang.«

»Ja, ich pflege manchmal zu singen,« sagte Herr Haberer.

»Eine helle, süße Stimme,« fuhr Oskar Merz fort, »die liebste von allen, die ich je gehört.«

Liese hatte in diesem Augenblicke alle Hände voll zu thun, die herabgebrannten Wachslichte zu löschen.

»Oft hatte ich diese Stimme schon gehört, diesmal aber bewegte sie mich ganz eigentümlich. Die Luft war so lau, draußen schien die Sonne ganz sanft durch einen feinen Dunstschleier . . . Und ein Schmetterling gaukelte zur offenen Thüre herein und setzte sich auf meine Staffelei. Er war müde und ich haschte ihn. Gerade hatte ich einen dünnen Pinsel in der Hand, mit jaune brillant gefüllt . . .«

»Jaune brillant« rief Herr Haberer und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare.

»Ja wohl,« sagte Oskar Merz, »und da kam mir der Einfall, ich weiß nicht wie, und ich malte dem Schmetterling – ein ganz gemeiner Kohlweißling war es – ein kleines goldenes L auf jeden Flügel. Dann setzte ich ihn auf die Brüstung des Erkers und sagte ihm freundlich: Fliege, kleiner Vogel, fliege, und bring ihr meine Huldigung.«

Die höchste Kerze des Christbaumes wollte durchaus nicht erlöschen.

»Und er flog,« fuhr Oskar Merz fort, »und ich dachte mir. Jetzt fliegt er zu ihr und . . . und . . . Dann aber fiel mir ein: wie, wenn er die Adresse verfehlte? Und da wiederholte ich die kühne That. Wohl hundert Weißlinge habe ich nach und nach in dieser Weise gezeichnet und dann im Garten fliegen lassen. Aber wenn ich dann mit . . . jener Stimme zusammentraf und Anspielungen darauf machte, schien sie nicht zu verstehen; offenbar hatte sie jene Schmetterlinge nicht beachtet.«

»Aber ich!« rief Herr Haberer mit dem Stolze eines Naturforschers, dem nichts entgeht.

»Ja, Ihren Augen scheint nichts zu entgehen,« erwiderte Oskar Merz mit einem Anflug von Bewunderung. »Übrigens schrieb ich jenes L auch auf die Flügel von Käfern und sogar Fliegen, . . . man hat schon solche merkwürdige Anwandlungen, . . . das waren mir lauter kleine Botschafter, oder Briefträger . . . Lachen Sie nicht, gnädige Frau?«

Aber Frau Brigitten war es eigentümlich zu Mute. Nie war ihr das Lachen ferner gewesen. Es wurde ihr im Gegenteil ganz feucht in den Augenwinkeln und sie genierte sich nur, mit dem Taschentuch dahinzulangen, das doch an jeder Seite zwei Zipfel hat, offenbar für beide Augen.

»Und,« fuhr Oskar Merz fort, »eines Tages, als jenes Lied ganz besonders himmlisch klang, ganz engelhaft süß, da stand zufällig eine Lilie in einem Wasserglas an meinem Fenster. In blendender Reinheit entfaltete sie mir ihren Kelch und da . . . schrieb ich auch dort mit goldgelber Farbe jenes L hinein. Und dann, in der Abenddämmerung, stellte ich das Glas heimlich in . . . in das Fenster der Sängerin.

»Lilium scripturatum,« murmelte Herr Haberer tonlos.

»Und den anderen Tag that ich das nämliche mit etlichen Tulpen . . .«

»Die Buchstabentulpe (Tulipa scripturata),« murmelte Herr Haberer weiter.

Endlich war auch jene höchste Kerze des Christbaums erloschen.

»Aber,« fuhr Herr Haberer mit einer gewissen Anstrengung fort, ohne diese optische Erscheinung zu beachten, »ich erinnere mich, daß schon die alten Griechen von einem Jüngling erzählten, . . . sein Name steht in meiner Abhandlung, . . . aus dessen Blut eine Blume entsproß, welche . . . Warten Sie einmal, ich will doch nachsehen.« Und er schlug sofort die Stelle in seiner Handschrift auf. »Richtig, da steht’s; Hyacinthus hieß er, und so hieß auch jene Blume, auf der man noch jetzt die Buchstaben AI erblickt. Das ist doch unleugbar?«

»Gewiß,« sagte Oskar Merz, »aber . . .«

»Ich sage nun,« fuhr Herr Haberer fort, »könnte nicht auch auf jener Lilie und jenen Tulpen das L auf ähnliche Weise entstanden sein? Es wären eben neue Abarten, die ich entdeckt habe.«

»Aber . . .« wandte Oskar Merz ein, Herr Haberer jedoch ließ ihn nicht ausreden, sondern fuhr immer eifriger fort:

»Wenn ich nun annehme, daß gewisse Schmetterlinge sich vorzugsweise gerade auf diesen Blumen nähren, so ist es nach Darwin ganz zulässig, ja nicht einmal überraschend, wenn sie nach so und so vielen Generationen ebenfalls jenen Buchstaben auf ihren Flügeln zeigen. Tiere nehmen ja nach Darwin die Farben ihrer Umgebung an. Kurz und gut, was da in meiner Abhandlung steht, das ist noch keineswegs widerlegt, und wenn auch die hochwohlweisen Herren von der Akademie . . .«

»Aber Herr Haberer!« rief nun Oskar Merz, dem die Sache bedenklich zu werden begann, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es war, der jene Buchstaben mit jaune brillant auf jenen Blumen und Schmetterlingen anbrachte.«

Dieses Ehrenwort gebot dem Redner Halt. Er griff mit den Händen in der Luft umher nach einem neuen Argument und fand richtig noch eins. Ziemlich unsicher sagte er: »Wie kommt es denn aber, daß, als ginge es einem Naturgesetze nach, immer nur ein L und kein anderer Buchstabe zu finden ist? Warum tragen nicht die Blumen ein L und die Schmetterlinge ein O oder M? Offenbar doch, weil diese sich auf jenen nähren?«

»Nein, Herr Haberer,« sagte Oskar Merz, ganz unbefangen, »weil Liese mit L anfängt, und weil ich Fräulein Lisbeth geliebt habe und noch liebe, wie sie mich liebt, aus tiefstem Herzensgrund. Allerdings war ich damals noch ein Maler ohne Stellung und konnte nicht hoffen, bei pflichtbewußten Eltern Gehör zu finden, . . . Jetzt aber steht meine Ernennung zum Professor bevor und, wenn Sie meine innige Bitte erhören, auch die Ernennung Fräulein Lisbeths zur Frau Professorin.«

Diese kurze, aber sehr nachdrücklich gesprochene Rede machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck, der sich in ganz verschiedener Weise äußerte. Am passendsten jedenfalls bei Frau Brigitten, welche laut aufschluchzte und augenblicklich die Hände der jungen Leute in einander legte. Sie begleitete diese Handlung mit einer Anzahl von Küssen, welche, da ihre Augen von Thränen getrübt waren, mehr als eine Person trafen. Was Herrn Haberer betrifft, schien er eine Menge Einwendungen auf dem Herzen zu haben, aber das stürmische Vorgehen seiner Frau schüchterte ihn ein und riß ihn schließlich mit.

Er segnete das Paar und gab dem Maler, nicht ohne einen schweren Seufzer, seine Abhandlung nebst Zugehör als Weihnachtsgeschenk. »Es sind ja Ihre Werke,« sagte er.

Maria Aronov über das Lesen und Schreiben

Foto: Privat
Foto: Privat

Welches Buch hat Ihr Partner / Eltern besonders beeindruckt?
Den Medicus von Noah Gordon findet mein Ehemann faszinierend.

Meine Eltern haben mehr als ein Buch, von dem sie beeindruckt sind. Dazu gehören bei meinem Vater die Romantrilogie „Die Forsyte – Saga“ des britischen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy sowie Lob und Rum“ des polnischen Schriftstellers Jarosław Leon Iwaszkiewicz. Mein Vater mag nämlich Bücher, die einen erziehen und Tipps auf den Lebensweg mitgeben.

Meine Mutter findet historische Romane verschiedener Autoren gut, besonders mag sie Lion Feuchtwanger. Im Moment ist ihr Lieblingsbuch „Judas von Keriath“ von dem russischen Schriftsteller Leonid Nikolajewitsch Andrejew. An dem Werk gefällt ihr die neue Interpretation des Autors, die kein anderer bisher bot.

Wahr oder falsch: “Ich blogge verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Leider wahr. In meinem Umfeld habe ich Gott sei dank zumindest einige Menschen, dazu zählt meine Familie, mit der ich mich über bestimmte Themen in den Gebieten der Philosophie, Literatur und Kunst austauschen kann. Ich hätte aber äußerst gern um mich herum ein weiteres Spektrum an Hobby – Lesern, mit denen man intensive Gespräche über bestimmte Themen führen kann. Dazu muss ich leider folgendes sagen:
Früher gehörten zu einem gesellschaftlichen Abend Gespräche über Literatur und Philosophie. Heute findet man immer seltener Menschen, die sich für die oben genannten Gebiete interessieren. Das empfinde ich als sehr traurig. Da ich ein großer Fan der antiken Philosophie bin, tut es mir umso mehr weh, wenn ich Äußerungen wie „Philosophie? Damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die Philosophen waren doch alle bescheuert“ / „Wer braucht überhaupt Philosophie?“ höre. Dabei haben die Menschen keine Ahnung davon, dass es zwischen der abstrakten und theoretischen Philosophie riesen Unterschiede gibt. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, aber Stereotype gebildet. Um es einfacher auszudrücken: der Mensch interessiert sich immer weniger für geistige Werte. Die Kultur gerät in Vergessenheit. Man kann sich mit seinen Mitmenschen immer weniger über Kultur unterhalten.

Obwohl ich kein großer Fan der sich immer schneller verbreiteten technischen Entwicklungen bin, muss ich sagen, dass das Internet eine großartige Erfindung ist. Einer der Gründe sind eben Blogs, Foren und Online-Zeitschriften, die einem ermöglichen, mehr Kultur – Interessenten für gute Unterhaltungen zu finden, auch wenn es nur eine Elite ist.

Ihre Lieblingswörter / Ausdrücke
„In erster Linie“. Warum? Weil ich gern meine Ansichten beziehungsweise die eines anderen Autors akzentuieren möchte.
„Des Weiteren“, weil ich bei einigen Interpretationen ungern bei einer Begründung bleibe.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Ich mag wie auch mein Vater, Bücher, die einen zum Nachdenken bringen, die einen belehren und Ratschläge fürs Leben geben. Natürlich lese ich auch ab und zu illustrierte Zeitschriften, aber das sind Texte, die man schnell wieder vergisst, über die man nicht nachdenkt. Ich mag Texte, die in Erinnerung bleiben und bestimmte Gefühle hervorrufen.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Ich habe Lieblingsschriftsteller und auch Dichter. Das Wort „Vorbild“ bedeutet für mich, dass ich so sein will, wie jemand anderer es ist. Man kann durchaus vieles von seinen Lieblingsautoren lernen, aber das Schöne am Schreiben ist, dass jeder seine Individualität zum Vorschein bringen kann. Man kann und sollte sich für andere Autoren begeistern, muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Begeisterung auf der Individualität des Autors basiert. Denn sie ist es, die ihn von allen anderen Verfassern unterscheidet. Wenn diese verloren ginge, wäre auch der Reiz des Autos weg. Es ist wichtig, auch beim Schreiben immer man selbst zu sein, seinen Stil zu finden und ihm treu zu bleiben.

Wer soll mich lesen?
Lesen sollten mich Personen jeden Alters und Geschlechts, die sich für Philosophie, Kultur und Literatur interessieren und diese auch zu schätzen wissen. Ich mag es, wenn man über das Geschriebene nachdenkt und dazu seine Gefühle beziehungsweise Gedanken äußert. Für oberflächliche Menschen wären meine Texte eine unverständliche Quelle.

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Damit man ein Buch richtig aussucht, ist es erst einmal wichtig, das Genre / die Genres zu kennen, das / die man mag. Dazu gehört natürlich auch, Bücher zu lesen, die man vielleicht nicht so gut findet. Nur durch das Probieren kann man das Richtige für sich finden. Dann ist es natürlich wichtig, zwischen den Autoren zu unterscheiden – welchen Autor / welche Autoren mag ich / mag ich nicht. So kann man sich dem Ziel nähern, Bücher besser aussuchen zu können. Entdecken kann man ein gutes Buch durch Kritiken im Internet, durch Personen, die es einem empfohlen haben oder eben ganz zufällig in einer Buchhandlung durch einen anziehenden Buchtitel.

Damit man die Literatur genießen kann, braucht man ein spannendes Buch, ein leckeres Getränk und Ruhe, um sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren zu können und alles um sich herum zu vergessen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Dazu gehören wohl die Werke von Kafka, die gleichzeitig über ihn selbst geschrieben sind, da sie sehr viel seiner Autobiographie enthalten. Mich fasziniert zum Beispiel u.a. „Die Verwandlung“. Es gibt keinen andren Autor, der sich so sehr von mir unterscheidet und mich trotzdem mit der Tiefgründigkeit seiner Werke rührt.

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Mich beeindrucken Hard-Covers im alten klassischen Stil, wenn man eben das Gefühl hat, ein Buch in die Hand zu nehmen und etwas Vernünftiges zu lesen. Heute werden die Covers immer billiger, leider auch bei guten Büchern. Auf manchen ist zu viel gemalt für meinen Geschmack. Es fehlt die schlichte Eleganz, bei der der Titel und die gute Qualität im Vordergrund stehen.

Natürlich geht es bei einem Buch mehr um den Inhalt als um seine Aufmachung. Nichtsdestotrotz kann das Cover die Schönheit des Inhalts betonen. Ich mag die alte klassische Ausgabe der Werke von Goethe – ein schlichtes braunes Cover mit einer eleganten goldenen Umrandung.

Meine Lieblingskritiker:
Werner Keller, Albrecht Schöne, Hans Arens, Dorothea Lohmeyer und Ulrich Gaier.

„Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“
Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Welten versetzt zu fühlen, etwas zu erleben, was unvergessen bleibt: ich reiste mit Robert Cole im 11. Jahrhundert von England nach Isfahan, erkundete mit dem kleinen Prinzen andere Planeten, tanzte mit Natascha Rostowa auf ihrem ersten Ball und kämpfte in der königlichen Garde an der Seite von D’Artagnan.

Meinem Leben gibt die Literatur einen tieferen Sinn. Ich lerne interessante Autoren kennen sowie ihre Hauptfiguren, die lebendig erscheinen und mich durch das Leben begleiten. Manche dieser Figuren werden zu echten Freunden, deren Stimmen man hört, wenn man mal einen guten Rat brauchen sollte.

Guy de Maupassant • Der Morin – das Schwein

Guy de Maupassant • Der Morin – das Schwein

Hör mal, lieber Freund«, sagte ich zu Labarbe, »eben hast du wieder so bedeutsam die vier Worte ausgesprochen: ›der Morin-das Schwein!‹ Ja, zum Deibel noch mal, warum höre ich nie etwas anderes über den Mann als nur immer und immer wieder diese Redensart: ›der Morin – das Schwein, der Morin – das Schwein‹?«

Labarbe – heute ist er längst unter die würdevollen Volksvertreter und Parlamentarier gegangen – starrte mich groß an aus seinen Nachtkauzaugen: »Was? Aus La Rochelle willst du sein und kennst die Geschichte vom Morin noch nicht?!«

Ich mußte zugeben, daß ich die Geschichte wirklich noch nicht kannte. Da hob er händereibend an: »Aber die Firma Morin, die ist dir wohl noch ein Begriff, was? Du erinnerst dich doch – der große Galanteriewarenladen Morin am Kai?«

»Ja, natürlich!«

»Na also, dann laß dir erzählen: Anno zwoundsechzig, es kann auch dreiundsechzig gewesen sein, da machte unser Morin mal ’nen kleinen Rutsch nach der Hauptstadt, so für vierzehn Tage – Geschäftsreise, wie er sagte, um sich mit Novitäten einzudecken und so. Na, du kannst dir ja denken, was so ein Provinzkaufmann vierzehn Tage lang in der Weltstadt alles zu ›tun‹ hat…! Schon der Gedanke an Paris kann einem ja das Blut in Wallung bringen. Alle Abende etwas los: Theater, Amüsements, ständig in Fühlung mit der Damenwelt – mit einem Wort: Aus dem Nervenkitzel kommt man da nicht heraus. Geradezu verrückt, Mann, kann einen das machen! Tänzerinnen im hauchdünnsten Trikot, Bühnendivas mit dem prachtvollsten Busen, die strammsten Beinchen, die rundesten, marmornsten Schultern – alles zum Greifen und dann doch nicht zu erreichen. Kaum, daß man mal hie und da naschen kann; und wenn schon mal, dann auch nicht immer so Sachen erster Güte. Tja, und dann heißt es schon wieder adieu sagen – das Herz noch voller Schwung und die Seele voller Rausch und auf den Lippen noch das prickelnde Verlangen nach Küssen…

In dem Zustand fühlte sich unser Morin, als er wieder auf dem Orléans-Bahnhof stand und seine Fahrkarte für die Heimreise löste. In gereizter Abschiedsstimmung, nachkostender Erregung voll, wandelte er in der großen Halle auf und ab. Es war noch etwas Zeit bis zur Abfahrt mit dem Abendschnellzug zwanzig Uhr vierzig nach La Rochelle. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Vor ihm, gerade vor ihm schließt eine junge Dame ihre ältere Begleiterin in die Arme und küßt sie. Sie hatte ihren Schleier hochgestreift. Morin entfuhr der leise Ruf der Bewunderung: ›Donnerwetter – ist die hübsch!‹

Als die beiden mit ihren Umarmungen fertig waren, rauschte die junge Dame dem Wartesaal zu. Unser Morin hinterher. Nach einem Weilchen trat sie auf den Bahnsteig hinaus. Unser Morin ihr nach. Schließlich stieg sie ein, in einen leeren Wagen. Unser Morin immer hinter ihr drein.

Die wenigen Mitreisenden verteilten sich in die Abteile. Die Lokomotive pfiff. Der Zug setzte sich in Bewegung. Sie waren allein …

Er fraß sie förmlich auf mit den Augen. Sie war schätzungsweise neunzehn oder zwanzig, blond, groß, hatte etwas Selbstbewußtes in Blick und Haltung. Sie wickelte sich ihre Reisedecke um Hüften und Beine und streckte sich auf die Polster zur Ruhe aus.

Er fragte sich:›Was für eine mag die da sein?‹ Und tausend Vermutungen, tausend Pläne kreuzten sich in seinem Hirn. Er dachte: ›Es wird immer so viel erzählt von Reiseabenteuern. Vielleicht wartet hier schon mein ganz großes auf mich? Wer weiß – manchmal kommt das Glück über Nacht. Man müßte nur richtig zufassen. Hat nicht schon Danton gesagt: Mut, Mut und nochmals Mut!? Hm, und wenn’s nicht Danton gesagt hat, dann bestimmt Mirabeau! Ist ja auch schließlich egal. Aber ich trau‘ mich doch nicht recht, da liegt der Hase im Pfeffer! Ach, wenn man wüßte – wenn man in das Innere einer Weiberseele hineinschauen könnte! Ich möchte wetten, die fabelhaftesten Gelegenheiten läßt man tagtäglich an sich vorüberrauschen, glatt vorüberrauschen, ohne was zu ahnen. Wenn sie bloß die kleinste Andeutung machte, daß sie nicht abgeneigt wäre!‹

So überlegte er hin und her: Wie könnte man die Sache bloß am erfolgreichsten anpacken? Also – wie wird so was denn immer gedeichselt? Zunächst ritterlichen Annäherungsversuch unternehmen. Mit irgend so ein paar netten Aufmerksamkeiten kommen. Daraus müßte sich dann von selber eine lebhaftere, immer galantere Unterhaltung entwickeln. Schlußeffekt: offene Erklärung! Die würde dann ganz von selbst dazu führen, daß… Na, alles Weitere kannst du dir ja selbst ausmalen!

So verfloß die Nacht. Die Schöne schlummerte ruhig weiter auf ihren Polstern, und Morin überlegte hin und her, hin und her, wie ihr am besten beizukommen wäre. Es dämmerte, es wurde heller und heller. Schon fuhr der erste Sonnenstrahl, ein langer, blitzender, kecker Strahl neckisch über das hübsche Gesicht der Schläferin. Da erwachte sie, setzte sich auf, warf einen Blick hinaus in die Landschaft, sah dann Morin an und lächelte. Es war das Lächeln einer glücklichen Frau, bezaubernd und heiter. Morin durchrieselte es: Kein Zweifel, es war an ihn gerichtet! Dieses Lächeln galt ihm! Es war eine wortlose Aufforderung, das Zeichen, auf das er die ganze Zeit gewartet hatte! Dies vielsagende Mona-Lisa-Lächeln bedeutete: ›Sind Sie aber schwer von Begriff! Sind Sie ein keuscher Joseph! Ein Einfaltspinsel! Steif wie ein Besenstiel dazulehnen! Stundenlang! Seit gestern abend! Augen auf! Hergeschaut! Bin ich nicht bezaubernd? – Und du, du kannst mit solch einer entzückenden Frau eine ganze Nacht lang allein im Coupe sitzen und wagst nichts, du – Riesendummkopf ?!‹

Sie lächelte und sah ihn fortwährend dabei an. Jetzt begann sie auch noch, laut heraus zu lachen. Da verließ ihn sein letztes bißchen Verstand: Er suchte nach irgendeinem passenden Wort, irgendeinem netten Kompliment, ganz gleich was, das er ihr sagen könnte. Aber er fand nichts, absolut nichts wollte ihm einfallen. Da überkam ihn die Tollkühnheit. Er dachte: ›Ach was, jetzt geh‘ ich aufs Ganze!‹, und stürzte ohne weiteres mit weit ausgereckten Armen, mit gierig gespitzten Lippen auf sie los, packte sie und küßte sie…

Mit einem Sprung fuhr sie hoch und schrie: ›Hi-i-ilfe!‹ Sie kreischte vor Entsetzen. Mit einem Ruck riß sie die Wagentür auf, fuchtelte mit den Armen in die Luft hinaus, halb wahnsinnig vor Schreck, und machte Miene, hinauszuspringen. Morin sah schon alles verloren, hielt sie krampfhaft fest an ihrem Rock, vor Angst, sie könne sich wirklich hinausstürzen, zerrte sie zurück und stotterte in einem fort: ›Aber Madame… aber Madame… oh…!‹ Der Zug bremste und hielt. Zwei Beamte liefen auf die verzweifelt aus der Wagentür winkende junge Dame zu. Sie sank ihnen in die Arme und konnte nur noch hauchen: ›Dieser Mensch wollte… wollte mich … mich …‹ Damit fiel sie in Ohnmacht. Das ereignete sich auf dem Bahnhof in Mauzé. Zufällig war der Ortsgendarm auf der Station; er nahm Morin sofort fest.

Als das Opfer seines Gewaltaktes wieder zu sich kam, schritt man zur Zeugenvernehmung. Die Behörde nahm die Aussagen zu Protokoll. Der Herr Galanteriewarenhändler konnte erst abends die unterbrochene Heimreise wieder antreten. Ganz verdattert sah er aus. Jedenfalls hing eine Anklage drohend in der Luft: wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Ich war damals Chefredakteur am ›Charenter Fanal‹ und traf unsern Morin Abend für Abend im ›Café du Commerce‹.

Gleich am Abend nach seinem schiefgegangenen Abenteuer kam er ratlos zu mir. Was sollte er bloß machen?! Ich hielt nicht hinter dem Berge: ›Ein Schwein bist du! So benimmt man sich nicht!‹

Da kriegte er das heulende Elend. Seine Alte mache ihm die Hölle heiß! Er sehe schon alles kommen: sein schönes Geschäft in die Binsen, sein ehrlicher Name durch die Zeitung geschmiert! Seine besten Freunde grüßten ihn nicht mehr! – Da tat er mir schließlich doch ein bißchen leid, und ich zog meinen Mitarbeiter Rivet zu Rate, ein pfiffiges Bürschchen, das immer irgendwie einen Ausweg wußte.

Er riet, sich an den befreundeten Staatsanwalt X zu wenden. Ich schickte unsern Morin denn nach Hause und suchte den Rechtskundigen auf.

Dort erfuhr ich, daß die so schwer beleidigte junge Dame Mademoiselle Henriette Bonnel heiße; sie habe gerade glücklich in Paris ihr Lehrerinnenexamen bestanden und sei zur Erholung, da sie keine Eltern mehr habe, zu Onkel und Tante gereist. Die Verwandten seien ehrsame Rentnersleute und besäßen ein Landhäuschen in Mauzé. Was nun aber an der ganzen Geschichte so besonders erschwerend wäre, sei der Umstand, daß der Onkel inzwischen schon Klage gegen Morin eingereicht habe. Die Staatsanwaltschaft könne die Sache von sich aus noch fallenlassen, wenn der Kläger zur Zurücknahme seiner Klage zu bewegen sei.

Das mußte also erreicht werden, unter allen Umständen!

Ich suchte unsern Missetäter in seiner Wohnung auf. Er steckte im Bett; ganz krank war er vor Angst und Aufregung. Seine bärbeißige Alte, ein mächtig stachliger Drachen, schien ihm gewaltig zuzusetzen. Sie ließ mich ein und schnauzte gleich mordsmäßig los: ›Den Morin, das Schwein, wollen Sie sehn? Da, da ist er, der Saukerl!‹

Und mit eingestemmten Fäusten pflanzte sie sich auf vor seinem Bett. Ich machte ihm die Situation klar. Er flehte mich an, zu den Leuten hinzufahren, die Sache für ihn zu bereinigen! Es war eine etwas heikle Mission, aber ich übernahm sie schließlich. Der arme Teufel beteuerte mir in einem fort: ›Ich versichre dir, nicht mal richtig fest in den Armen hab‘ ich sie gehabt! Nicht mal richtig fest in den Armen hab‘ ich sie gehabt! Ehrenwort!‹

Ich sagte nur: ›Ganz egal! Ein Schwein bist du doch!‹, und steckte entschlossen die tausend Francs ein, die ich nach Gutdünken verwenden sollte.

Da ich es aber doch nicht für ganz angebracht hielt, in so einer Mission mich ohne Zeugen in das Haus der ehrsamen Leute zu begeben, schlug ich Rivet vor, mich hinzubegleiten. Er sagte zu, allerdings unter der Bedingung, daß wir sofort losführen, da er bis zum ändern Nachmittag wegen wichtiger Sachen wieder in La Rochelle sein müsse.

So klingelten wir denn schon zwei Stunden später an der Tür eines netten Landhäuschens in Mauzé. Eine hübsche junge Dame empfing uns, sicherlich ›sie‹. Ich flüsterte Rivet zu: ›Donnerwetter, Mensch, jetzt kann ich Morin verstehen!‹ Monsieur Tonnelet, der Onkel, war ausgerechnet Stammabonnent unseres ›Fanals‹, also überzeugter Gesinnungsgenosse. Er nahm uns mit offenen Armen auf, hieß uns willkommen, schüttelte uns die Hände und war überglücklich, gleich zwei Redakteure seines Leib- und Magenblattes bei sich zu begrüßen. Rivet tuschelte mir ins Ohr: ›Paß auf, die Sache mit dem Schwein Morin kriegen wir schon hin!‹

Die Nichte hatte uns allein gelassen. Ich brachte gleich die heikle Angelegenheit aufs Tapet und malte sie dem Herrn Onkel in den schwärzesten Farben. Mit allem Nachdruck wies ich darauf hin, welch unangenehmen Folgen doch für die junge Dame all das Gerede, das sich immer um solch eine Geschichte erhöbe, haben könne! Kein Mensch würde doch glauben, es sei bei einem harmlosen Kuß geblieben!

Der gute Mann war sich unschlüssig: Eigentlich könne er dazu nichts Endgültiges sagen, ohne seine Frau mit zu Rate gezogen zu haben. Und sie komme erst spät am Abend heim. Plötzlich stieß er einen kleinen Triumphschrei aus: ›Halt, ich habe eine famose Idee! So schnell kommen Sie überhaupt nicht los bei mir. Sie bleiben erst mal da, essen mit uns und übernachten hier. Und wenn meine Teure eingetrudelt ist, dann werden wir miteinander schon klarkommen!‹

Rivet sagte erst, nein, es ginge nicht. Aber als ich ihm durch Zeichen klarmachte, daß wir doch auf jeden Fall unsern Morin, das Schwein, aus der Patsche ziehen wollten, da gab er schließlich nach. Und so blieben wir denn. Der Onkel strahlte, erhob sich, rief seine Nichte, schlug uns einen Rundgang durch sein Besitztum vor und bekundete: ›Die ernstlichen Sachen wollen wir mal bis heut‘ abend zurückstellen.‹ Damit wandte er sich Rivet zu und erging sich mit ihm in politischen Gesprächen.

Ich wandelte an der Seite der jungen Nichte hinterher, ein paar Schritt hinter den beiden. Das Mädchen war wirklich bezaubernd!

Vorsichtig lenkte ich unsere Unterhaltung auf ihr Abenteuer, um mich zu vergewissern, wie sie darüber dächte, und sie womöglich günstig zu stimmen.

Es sah nicht aus, als wäre sie sehr verlegen; im Gegenteil, sie hörte mir zu, als amüsiere sie die Geschichte höchlichst.

Ich redete und redete: ›Bedenken Sie,Mademoiselle, was Ihnen sonst noch daraus für Unannehmlichkeiten erwachsen können! Sie müssen vor Gericht erscheinen, Sie müssen sich anstieren lassen von einer Masse schadenfroher Zuschauer und Zuhörer, in aller Öffentlichkeit Ihre Aussage wiederholen, coram publico haarklein den ganzen wenig schönen Auftritt berichten! Unter uns gesagt, sehen Sie mal, wäre es nicht doch noch klüger gewesen, Sie hätten den Fall auf sich beruhen lassen, Sie hätten den unverschämten Kerl energisch, aber ruhig in seine Schranken verwiesen, ohne erst das gesamte Bahnpersonal und die Gendarmerie zusammenzutrommeln? Wenn Sie ganz einfach das Abteil gewechselt hätten, dann …‹

Sie fing an zu lachen: ›Sie haben vollkommen recht! Aber was wollen Sie? Ich hatte eben Angst, und wenn man Angst hat, dann überlegt man doch nicht weiter! Hinterher, als mir klar wurde, was eigentlich los war, da dachte ich natürlich auch: Besser, du hättest nicht gleich laut geschrien und gerufen! Aber da war es eben zu spät. Stellen Sie sich doch mal vor: Mit einem Blick ist er auf mich losgestürzt, mit einem Blick, der alberne Mensch, wie ein Verrückter, ohne einen Ton zu sagen! So stur, als wollte er geradezu durch die Wand! Ich wußte ja gar nicht, was er überhaupt wollte!‹

Sie blickte mir, während sie das sagte, ohne die mindeste Verlegenheit ins Gesicht, und ich dachte: ›Deibel, muß das aber eine schlaue Katze sein! Nun ist mir klar, wieso der Morin, das Schwein, bei der an die falsche Adresse kam!‹

Nun ging ich zum Flirten über: ›Betrachten Sie, Mademoiselle, die Sache doch einmal von der anderen Seite! Dann werden Sie mir einräumen, daß so ein Vorgehen immerhin entschuldbar ist. Bei einer Schönheit wie der, die hier vor mir steht, muß man doch den sehr verständlichen Wunsch empfinden, zu küssen …!‹

Wieder lachte sie so hellauf, daß alle Zähne blitzten: ›Zwischen Wunsch und Tat, Monsieur, ist aber doch noch Raum für den Anstand!‹

Die Bemerkung war spritzig, wenn auch nicht ganz klar. Ich fragte rasch: ›Schön, und wenn zum Beispiel – wenn ich Sie jetzt, auf der Stelle, küßte? Was täten Sie dann?‹

Sie blieb stehen, sah mich von oben bis unten an und sagte ganz ruhig: ›Oh, Sie – das ist etwas anderes …!‹

Na und ob – das wußte ich natürlich, daß es mit mir etwas anderes ist! Ich hieß doch nicht umsonst in der ganzen Gegend ›der schöne Labarbe‹! Damals war ich dreißig. Ich fragte aber trotzdem: ›Wieso?‹

Sie zuckte die Achseln und sagte leichthin: ›Na ja, das liegt doch auf der Hand! Weil Sie nicht so ein langweiliger Peter sind wie der!‹ – dann mit einem Blick von unten herauf: ›Und auch nicht so ein widerlicher Kerl…!‹

Da, ehe sie es sich versah, hatte ich ihr auch schon einen heftigen Kuß auf die entzückende Wange gedrückt. Als sie sich blitzartig zur Seite bog, war es schon geschehen. Sie sagte: ›Na, Sie legen auch nicht gerade Zurückhaltung an den Tag! Bitte, lassen Sie jetzt das Geschäker.‹

Ich machte ein ganz ergebenes Gesicht und beteuerte innig: ›Oh, Mademoiselle! Wenn mein Herz einen Wunsch hegt, dann nur den einen – wegen derselben Anklage vor Gericht zu kommen wie Morin!‹

Nun war sie am Fragen: ›Wieso?‹

Ich sah ihr tief in die Augen: ›Weil Sie eins der schönsten Geschöpfe der Natur sind! Weil es für mich ein Ruhm und eine Ehre wäre, Ihnen zu nahe getreten zu sein! Weil jeder, der Sie sähe, Sie erblickte, sagen würde: Da habtjhr’s mal wieder! Der Labarbe, der..,! Nicht gerade einfacher Mundraub, was er begangen hat, aber Chancen, Chancen hat er…!‹

Da lachte sie wieder aus vollem Halse: ›Sind Sie immer so ein Spaßvo …?‹ Sie hatte das Wort ›Spaßvogel‹ noch nicht ganz ausgesprochen, da hielt ich sie schon in meinen Armen und drückte ihr stürmisch Kuß um Kuß auf, überallhin, wo ich konnte: auf Haar, Stirn, Augen, sogar auf den Mund, auf die Wangen – wo sie nur eine Stelle preisgab, um eine andere zu schützen.

Endlich machte sie sich los, entrüstet, dunkelrot im Gesicht: ›Das ist taktlos, Monsieur! Ich bedaure, Ihnen überhaupt Gehör geschenkt zu haben.‹

Ich zog ihre Hand an mich und stammelte etwas kleinlaut und gepreßt: ›Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir, liebste Mademoiselle! Ich habe Sie belästigt! Ich war verwegen! Es kam über mich! Bitte seien Sie mir nicht böse! Wenn Sie wüßten…!‹ Ich suchte nach einer Entschuldigung.

Sie wollte mir das Wort abschneiden: ›Ich will nichts wissen, Monsieur!‹

Doch ich hatte einen Einfall: ›Aber, liebste Mademoiselle! Ich liebe Sie – schon ein ganzes Jahr…‹ Sie stutzte und blickte auf.

Ich war nun in Fahrt und redete rasch weiter: ›Mademoiselle, liebste, teuerste Mademoiselle! Hören Sie mich an! Ich kenne diesen Morin nicht, und es kümmert mich nicht, was aus ihm wird. Mir völlig Nebensache, ob er vor Gericht zitiert und eingesperrt wird. Aber Sie, liebste Mademoiselle, Sie kann ich nicht vergessen, seit ich Sie zum erstenmal sah – vor einem Jahr. Dort, am Torgitter, standen Sie. Wie ein Blitz durchzuckte es mein Herz…! Seither habe ich immer Ihr Bild vor Augen. Sie mögen es glauben oder nicht – was ändert das an der Tatsache! Ich bete Sie an! Ich sehnte mich nach Ihnen – ich mußte Sie wiedersehen! Und darum habe ich diese Geschichte mit dem blöden Morin als Vorwand benutzt – und nun stehe ich hier und kann nicht anders. Gelegenheit macht – Diebe und Liebe! Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie auf den Knien meines Herzens, verzeihen Sie mir…!‹

Sie sah mich scharf von der Seite an, als suche sie in meinen Blicken zu lesen, und war nahe daran, wieder zu lächeln; dann warf sie leicht hin: ›Sie erzählen Märchen!‹

Ich hob die Hand und sagte im Brustton der Überzeugung – ich glaube, in dem Augenblick war ich wirklich ganz ehrlich –: ›Ich schwöre Ihnen, ich sage die reine Wahrheit!‹

Sie sagte einfach: ›Weiter!‹

Wir waren allein, ganz allein. Rivet war mit dem Onkel auf einem der vielgewundenen Heckenpfade verschwunden. Und da machte ich ihr eine richtige, lange, süße Liebeserklärung, nahm ihre Hände und drückte Küsse und Küsse auf ihre Fingerspitzen.

Sie hörte mich an, als vernehme sie, was ich ihr da offenbarte, nicht ungern, wie eine reizvolle Neuigkeit, ohne aber recht zu wissen, was sie davon halten sollte. Ich geriet immer mehr in Feuer und glaubte zuletzt selber, was ich sagte. Ich fühlte, wie ich die Farbe wechselte; Schauer rieselten mir prickelnd über den Rücken; meine Stimme verschleierte sich; sacht legte ich ihr meinen Arm um die Taille.

Flüsternd sprach ich auf sie ein, den Mund dicht am krausen Gelock, das ihr kleines Ohr umwehte. Sie war wie leblos, so träumerisch stand sie da.

Dann trafen sich unsere Hände; ich preßte sie fester an mich mit einem Zittern, das stärker und stärker wurde. Sie rührte sich nicht. Mein Mund streifte ihre Wange, und plötzlich fanden sich unsere Lippen, ohne zu suchen, in einem langen, langen Kuß. Er hätte noch länger gedauert, wenn nicht auf einmal Schritte hinter uns und ein deutliches ›Hm! Hm!‹ zu hören gewesen wären. Sie huschte durchs Gebüsch davon. Ich drehte mich um und sah Rivet auf mich zukommen.

Mitten auf dem Wege pflanzte er sich vor mich hin und sagte mißgelaunt: ›Aha, sieh mal an, so also willst du die Sache von unserm Schwein Morin ins reine bringen!‹

Ich entgegnete mit einigem Stolz: ›Man tut, was man kann, mein Lieber! – Und der Onkel? Was hast du erreicht?‹

›Hm, jedenfalls nicht ganz so viel wie du bei der holden Nichte!‹ brummte der weniger glückliche Rivet, während ich meinen Arm unter seinen schob.

Seite an Seite spazierte ich mit ihm wieder dem Hause zu.

Beim Diner verdrehte mir meine hübsche Nachbarin vollends den Kopf. Immer wieder berührten sich unsere Hände und Füße, immer wieder tauchten unsere Blicke tief ineinander.

Nach Tisch unternahmen wir noch einen Mondscheinbummel. Wieder hatte ich Gelegenheit, ihr alle erdenklichen Zärtlichkeiten zuzuflüstern, die mir in den Sinn kamen. Eng hielt ich sie umfangen und pflückte Kuß um Kuß von ihren Lippen, wie es immer so poetisch heißt. Vor uns diskutierten der Onkel und mein Mitarbeiter Rivet lebhaft weiter über alle möglichen Fragen der Tagespolitik, und hinter den Debattierenden gestikulierten ebenso gewichtig ihre beiden Schatten auf dem Sand des Weges. Dann gingen wir ins Haus zurück. Kaum waren wir wieder drin, da klingelte der Depeschenbote und brachte ein Telegramm. Es kam von der Tante und lautete: ›Eintreffe erst morgen früh mit Siebenuhrzug.‹

Die Nachricht veranlaßte den Onkel zu der einstweiligen Entscheidung: ›Na schön, Henriette, dann zeige den Herren ihre Zimmer!‹ Wir schüttelten unserem biederen Gastgeber die Hand, wünschten ›Gute Nacht‹ und folgten Henriette die Treppe nach oben. Erst brachte sie uns an das Zimmer, in dem Rivet schlafen sollte. Vor dem Eintreten zischelte er mir ins Ohr: ›Sonnenklar, erst mußte ich hier abgesetzt werden, eh‘ du sanft gebettet wirst – von ihr!‹ Dann geleitete sie mich in mein Schlafgemach. Kaum waren wir allein, da hatte ich wieder meine Arme um sie und suchte ihr den Verstand wegzuküssen und sie an mich zu ziehen. Aber als sie fühlte, daß sie schwach werden könnte, entwand sie sich mir doch und entschlüpfte.

Erregt und mißmutig schob ich mich unter die Decke; von Schlaf konnte natürlich nun nicht mehr die Rede sein. Immer wieder sann ich nach, womit ich danebengetappt haben könnte. Da hörte ich plötzlich ein leises Klopfen an der Tür.

Unterdrückt rief ich: ›Wer ist da?‹

Von draußen kam es leise: ›Ich!‹

Im Nu war ich wieder in meinen Sachen und machte auf. Sie schwebte herein: ›Ich vergaß ja ganz zu fragen, was Sie morgens am liebsten trinken: Schokolade, Tee oder Kaffee?‹

Stürmisch hatte ich sie schon an mich gerissen, überschüttete sie von neuem mit Küssen und stammelte nur: ›Ich will… ich will.. ich …!‹ Aber sie entwand sich mir, pustete rasch das Licht aus und war im Nu wieder davon.

Wütend stand ich wieder allein im Dunkeln, tastete herum nach Zündhölzern und fand sie nicht gleich. Als ich sie endlich hatte und Licht machen konnte, tappte ich auch schon – wie ich hinausgekommen war, wußte ich nicht – mit dem Leuchter in der Hand, halb verrückt vor Verlangen, den Gang entlang.

Was hatte ich überhaupt vor? Überlegen gab es nicht mehr: Finden mußte ich sie, zu ihr mußte ich! Ohne zu denken, strebte ich geradewegs los. Nach ein paar Schritten schoß es mir jäh durch den Kopf: ›Wenn ich nun aber – zum Onkel gerate? Was soll ich da angeben?‹ Mit einem Ruck blieb ich stehen; mein Hirn versagte, nur mein Herz hämmerte wild … Nach ein paar Sekunden kam mir doch noch ein brauchbarer Gedanke: Ganz einfach! Da sage ich, ich hätte noch etwas Dringendes mit Rivet besprechen wollen und mich nur in der Zimmertür geirrt!

Nun sah ich mir alle Türen auf dem Flur genauer an, welche wohl zu ihr führen könnte. Aber ich fand keinen rechten Anhaltspunkt. Da faßte ich auf gut Glück einen Türgriff, das Schloß schnappte auf, und ich stand drinnen. – Vor mir fuhr Henriette auf aus ihrem Bett und starrte mich verdutzt an.

Ich schob leise den Riegel vor, ging auf Zehenspitzen näher und flüsterte: ›Liebste Mademoiselle, auch ich vergaß ja ganz, um etwas zu bitten, etwas Nettes, in dem ich blättern könnte – bis zum Einschlafen …!‹ Sie zog ein Mäulchen, aber ich griff gleich zu und hatte im Nu in Händen, was ich suchte, etwas ganz Köstliches – den Titel möchte ich für mich behalten! Es war wirklich zugleich der wundervollste Roman und das göttlichste Gedicht! Nachdem ich es einmal aufgeschlagen hatte, ließ sie es mich auch zu Ende genießen. Und die herrliche Geschichte hatte so viele Kapitel, daß ich darin blätterte und schwelgte, bis unsere Kerzen heruntergebrannt waren und verglommen…

Dann dankte ich ihr und schlich so lautlos wie möglich wieder meinem Nachtgemach zu. Da umkrallte mich plötzlich eine rauhe Hand, hielt mich fest, und eine Stimme – Rivets Stimme – fauchte mich an: ›Du bist wohl immer noch nicht fertig mit der Geschichte von Morin dem Schwein, wie?‹

Früh um sieben erschien Henriette und kredenzte mir eigenhändig die gewünschte Tasse Schokolade… So eine wie die habe ich nie wieder genossen! Ein Göttertrank, bei dem man alles andere vergessen konnte, so samtweich, so duftend, so berauschend war diese Labe. Ich brachte meine Lippen nicht mehr fort von der köstlichen Schale…

Kaum war meine schöne Mundschenkin wieder entschwunden, da stellte sich Rivet ein. Er war höchst zapplig und gereizt wie einer, der nicht gut geschlafen hat, und raunzte mißvergnügt: ›Wenn du so weitermachst, Mensch, dann versaust du unserm Schwein, dem Morin, noch die ganze Geschichte!‹

Um acht kam die Tante angerauscht. Die Unterredung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die guten Leutchen zogen ihre Klage zurück, und ich stellte dafür fünfhundert Francs als Stiftung für die Armen der Gemeinde in Aussicht.

Man bot alle Überredungskunst auf, um uns wenigstens noch bis zum Abend dazubehalten. Wir sollten mindestens noch die berühmten Ruinen besichtigen! Henriette machte mir hinter dem Rücken von Onkel und Tante fortwährend Zeichen und nickte ermutigend: Ja! Und ich sagte ja, aber mein Mitarbeiter Rivet schüttelte ablehnend den Kopf und wollte unbedingt aufbrechen.

Ich nahm ihn beiseite, bat, flehte: ›Sieh doch mal, lieber Freund, bleib! Tu es mir zuliebe!‹ Er guckte mich bloß an, als wenn er mir ins Gesicht springen wollte, und fauchte: ›Das kann ich dir sagen! Ich hab‘ die Schnauze voll von dieser ganzen Geschichte mit dem Schwein Morin!‹

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich ihm anzuschließen und auch adieu zu sagen. Es war einer der schwersten Augenblicke meines Lebens… Mein Leben lang hätte ich diese Geschichte von dem Schwein Morin ins reine bringen mögen!

Als das kräftige Händeschütteln, das stumme, weiche Fingerdrücken vorüber war und wir wieder in unserem Zuge saßen, sagte ich zu Rivet: ›Du bist wirklich ein ganz gemeines Biest!‹, und er gab zurück: ›Ha, mein Junge, du hast mich aber auch verdeibelt wild gemacht!‹ Wie wir so vor unserm ›Charenter Fanal‹ wieder anlangten, da erblickte ich durch die Redaktionstür schon eine Menge Menschen. Es sah aus, als hätten sie nur auf uns gewartet. Bei unserm Eintritt schrien sie uns entgegen: ›Na, habt ihr sie glücklich bereinigt, die Affäre mit Morin, dem Schwein?‹

Ganz La Rochelle war darüber aus dem Häuschen. Rivet, dessen miese Stimmung wie weggeblasen war, konnte sich kaum das Lachen verbeißen, als er bekanntgab: ›Klar, ist erledigt, dank unserm tüchtigen Labarbe!‹

Dann machten wir uns auf zu Morin.

Der lag im Lehnstuhl, Senfpflaster auf den Beinen, einen kalten Umschlag um den Schädel, halb tot vor Angst. Er hüstelte ununterbrochen vor sich hin mit kurzen Krächzern wie ein Friedhofsrabe; weiß Gott, wie er sich dies Geräusper und Geröchel auf den Hals gezogen hatte. Seine Lebensgefährtin lauerte sprungbereit neben ihm und glühte ihn an mit den weit aufgerissenen Augen einer Tigerin, die sich jeden Augenblick auf ihr Opfer stürzen will.

Sowie er uns eintreten sah, überlief ihn ein Zittern, daß ihm Arme und Beine nur so schlotterten. Ich rief ihm entgegen: ›Alles in Ordnung, alter Schweinehund! Aber laß ein für allemal deine Pfoten von so etwas!‹

Nach Luft schnappend, rappelte er sich hoch aus seinem Sorgensessel, packte meine Hände, küßte sie wie ein reuiger Büßer die Finger des Heiligen Vaters; es sah aus, als wollte er den Verstand verlieren. Stürmisch umarmte er dann Rivet und fiel sogar Madame Morin um den Hals, die ihn aber sofort mit einem gewaltigen Stoß in seinen Stuhl zurückbeförderte.

Ganz hat er sich nie wieder erholt von seinem Erlebnis; die Aufregung war zu gewaltig gewesen.

In der ganzen Gegend nannte man ihn nur noch ›den Morin – das Schwein‹, und es fuhr ihm jedesmal wie ein Stich durch die Seele, wenn er das Wort hörte.

Brüllte irgendein Gassenjunge auf der Straße das Wort ›Schwein!‹, dann fuhr unser Morin mit dem Kopfe herum, als sei er gemeint. Seine Stammtischbrüder stichelten ihn bei jeder Gelegenheit damit und grunzten, wenn sie beim gemeinsamen Schinkenessen saßen: ›Nanu, du, nanu, du, hast du den dir so von hintenrum …?!‹

Zwei Jahre später hatte er sich gänzlich totgegrämt.

Ich durfte nur folgendes von der ganzen Geschichte miterleben: Als ich Anno fünfundsiebzig bei den Deputiertenwahlen kandidierte, machte ich auch den neuen Notar von Tousserre, Monsieur Belloncle, meinen ›Staatsbesuch‹. Seine Gattin, eine schöne, üppige Erscheinung, hieß mich willkommen.

›Sie erkennen mich wohl nicht mehr?‹ fragte sie bei der Begrüßung.

Ich zögerte: ›Aber… nein … nicht daß ich wüßte, Madame …!‹

›Henriette Bonnel!‹

›Ah …!‹ Ich fühlte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

Sie schien ganz und gar nicht verlegen und sah mich nur lächelnd an.

Als sie mich mit ihrem Gatten allein gelassen hatte, da ergriff der Herr Rechtsanwalt meine beiden Hände und drückte sie, als wolle er mir sämtliche Finger zerquetschen: ›Wie lange schon, mein lieber Monsieur Labarbe, wie lange schon wollte ich Sie einmal näher kennenlernen und unter vier Augen sprechen! Meine Frau hat mir so viel von Ihnen erzählt. Ich weiß … ja, ich weiß, in welch peinlicher Situation Sie ihr beigestanden haben! Ich weiß auch, wie großartig, wie taktvoll, wie zartfühlend, wie aufopfernd Sie sich der Sache angenommen haben –‹, er machte eine Pause, dann dämpfte er die Stimme, als wollte er ein wirklich nicht herpassendes Wort nicht zu laut aussprechen – ›… der Sache mit Morin – dem Schwein!‹«

Oscar Adolf Hermann Schmitz – Die Geliebte des Teufels

Die Geliebte des Teufels

Vor fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismäßig geringe Bosheit der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden. Ja, ich durfte mir erlauben, dorthin einen leichten Duft von draußen zu bringen und gewisse Vorrechte eines verwöhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in die bürgerlichste englische Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort respectability durchaus bezeichnet.

Stellen Sie sich eine Stadt vor, deren Häuser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige Fenster von kümmerlicher Gotik erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben hinaufgeschoben, so daß der sich herausbeugende Kopf gewissermaßen unter einer Guillotine liegt. Denken Sie sich Straßen von ungesunder, gleichsam desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie schweißabsondernder Häute erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung geschlossen sind.

In diesen Straßen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung. Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstraßen. Die Gesichter müssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehengeblieben sein.

Überall glaubt man Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben die Straßen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage spielten sich daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft spärlich blonder lymphatischer Mensch versammelte. Die roten Pusteln in den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmaßen, und besonders die wie von einer Maschine hervorgebrachten wärmelosen Stimmen erweckten in mir anfangs nur kaltes Starren.

Fast den ganzen Tag wurden durch die in ihrer Düsterkeit endlos scheinenden Gänge und Speiseräume von verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schüsseln und Platten mit riesigen, blutenden Braten getragen. Bereits um neun Uhr morgens hatte man dicke Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so daß ich mich schon früh in jenem dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt. Ein breidickes, schwarzes, bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt das Gehirn wie eine warme, schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein spitzes böses Ding fest steckt: der Spleen.

Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H. angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen.

Die hartnäckige Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden, fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske, oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen als die abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft.

Diese Schauspieler, zum Teil verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky.

Ich verbrachte mit ihnen, meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten, und nicht eher verließ ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre Lieblingsrollen durcheinanderschreien hörte.

Wenn ich dann, von Müdigkeit übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen ließen. Aber immer wieder floh ich zu den Schauspielern, denn wenn der Abend kam, jener feucht-neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität.

Wie oft hatte ich die Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt, und nun war ich für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt. Man begnügt sich, vor ihr wie über eine süße Torheit zu lächeln.

Ich aber behaupte, daß uns dieser hinterlistige Feind in den Rausch stößt, wenn wir gern nüchtern blieben, daß er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt. Wir wissen, daß er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der Tapeten Gestalten schaukeln läßt, die uns zurufen, und zwar mitleidig, daß wir das Leben versäumt haben.

Wir halten das nicht aus, wir rennen davon, und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann beleidigt, als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach Kräften.

Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben. Ich konnte mir nicht denken, daß diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie ich war, befriedigen würden.

Eines Morgens unterbrach ein außerordentliches Ereignis diesen Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:

»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was übrigens nicht viel heißen will. Seit voriger Woche bin ich von einer Reise zurück und beobachte überall, daß sich die Einbildungskraft dieser Stadt fast ausschließlich mit Ihnen befaßt. Ich habe Sie nicht gesehen, aber man sagt mir, daß Sie totenhaft häßlich sind. Ich möchte Sie kennenlernen. Da mich das Äußere eines Menschen – besonders der nicht angelsächsischen Rassen – sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit Ihnen unterhalten, ohne Sie zu sehen. Wie, das lassen Sie meine Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes verrät, als daß sie eine Dame ist.«

»Es scheint mir der Mühe wert«, schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.

»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine mißglückte Unterhaltung zu bedauern.«

Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der Kutscher auf die Parole Miramare öffnen wird.«

In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf Miramare sah ich ihn eine kurze Handbewegung machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus. Sofort schloß sich hinter mir die Tür, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, daß statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband mich mit der Außenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte es mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr, oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt. Doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irrezuleiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich draußen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht verschleiert war, daß ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort schloß sich der Schlag hinter ihr, der Wagen führ weiter. Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloß, sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere, ziemlich tiefe Frauenstimme: »Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.«

Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer vermutlich in ihrem Kleid.

»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt. »Ihren Revolver«, drängte sie.

Ich versicherte ihr, daß ich nie einen bei mir führe, da ich mir bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde.

»Außer heute«, bemerkte sie halb ironisch.

»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten«, erklärte ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt. Mit Vergnügen liefere ich ihn aus.«

»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.«

»Aber vor einem Revolver?«

»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.«

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen, und machte dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.

»Was tun Sie?« fragte sie.

»Ich suche meine Handschuhe.«

Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.

»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.

»Ich gestehe, mir eine Blöße gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es nicht auch eine Schwäche, daß Sie für nötig hielten, einen Revolver mitzubringen, während ich waffenlos kam?«

»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie, »als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, daß Sie waffenlos sind.«

»Darf ich Ihnen die Hand drücken?«

»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.«

Ich konnte bereits merken, daß ich es mit keiner Bovary zu tun hatte, sondern mit einer ganz bewußt handelnden Frau von abgefeimter Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang, das machte sie nervös.

»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie.

»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?«

»Ich langweile mich ein wenig.«

»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, daß Sie in diesem Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen empfindet. Aus Scheu vor Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten Worte auszusprechen. Ich weiß, Frauen amüsiert diese Angst der Männer sehr, denn sie merken, daß man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun auch einmal kritiklos wie eine Frau sein. Fragen Sie mich doch einfach, wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist …«

»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen«, erwiderte sie verblüfft, fast gekränkt.

»Mir kommt es ja gar nicht darauf an zu reden«, sagte ich lachend. »Es langweilt mich nicht im geringsten, mit einer Unbekannten, unter der ich mir nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die außerordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«

»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv.

»Da ich Sie selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.«

»Nun will ich Ihnen freiwillig meine Hand geben«, sagte sie plötzlich. »Ich glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.«

Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich fühlte eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets andere Formen hervorzubringen scheint.

»Glauben Sie, daß ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.

»Nein«, erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein überflüssig macht.«

»Ah«, rief sie entrüstet, überrascht und verlegen zugleich. Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte, begann sie wieder nervös: »Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?«

»Vermutlich aus Neugier?«

»Vermutlich? Halten Sie mich etwa für temperamentlos?«

Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie, während sie sich wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter einem Kuß, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas so naiv Anschmiegendes, daß ich den – vielleicht irrigen – Eindruck empfing, als entdeckte sie zum ersten Mal die Wonnen eines Kusses.

Plötzlich stieß sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt. »Sie gefallen mir nicht mehr.«

»Weil sich ihre Neugier nicht so schnell befriedigen läßt, als Sie glaubten?«

»Und Sie? Sind Sie zufrieden?«

»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl.

»Und das sagen Sie so ruhig?«

»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiß bin.«

»Das ist stark.«

»Finden Sie?« Ich preßte sie wieder in die Arme. Sie suchte sich loszumachen.

»Lassen Sie mich, oder ich schelle dem Kutscher.«

»Schellen Sie!«

Ohne daß ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen, und schloß sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich in schnelle Bewegung. Ich fand mich wieder als einsamer Gefangener in der duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an der bekannten Straßenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht wieder zurechtzufinden weiß.

Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten Abend um dieselbe Stunde erwarten.

Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen, rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich gewissermaßen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füße fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde.

»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen mußte. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.«

Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände in meinem Haar.

»Folgen Sie mir«, flüsterte sie.

Wieder umschloß ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage unter leichten Gewändern in ihren warmen, parfümierten Gemächern geblieben sind. Wir traten in ein anstoßendes, sehr heißes Zimmer, worin feuchte tropische Pflanzen leben mußten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel war so undurchdringlich, daß ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher Seite sich die Fenster befanden.

»Ich habe Sie nun gesehen«, begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.«

»Das ist ein Kompliment«, erwiderte ich.

»Wieso?«

»Daß Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.«

»Ich finde Sie in der Tat totenhaft häßlich. Aber das ist Ihre Chance bei mir.«

»Dann sind Sie ja lasterhaft.«

»Und das Laster, Sie zu lieben, heißt Satanismus«, sagte sie leise lachend.

»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich plötzlich skeptisch.

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu frönen.«

»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe gekommen. Ein Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris war ich nie, möchte auch gar nicht hin, ich stelle es mir zu albern vor. In London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was literarische Lasterhaftigkeit ist.«

»Um so besser«, erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus? Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?«

»Es macht mir Spaß, Ihnen das zu erzählen«, begann sie behaglich.

»Schon als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie mir, es ist nicht mehr als ein Sport für mich – ich gebe im Grund keinen Penny dafür –, ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung. Später kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, daß diese Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität von dem Pater Sinistrari d’Ameno in die Hände…«

»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht.

»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus. Niemals hatte ich etwas gehört, was meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo außerhalb der Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem menschlichen Maß zu messen ist, der darum auch keine menschlichen Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren kann – denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt ja nicht für uns Protestanten –, das schien eine so unerhört geniale Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses außerirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles Außergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine Chiromantin weissagte, das außerordentlichste Ereignis meines Lebens würde in diesem Jahr eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.«

»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben«, warf ich belustigt ein.

»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H. hinkam, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend. Ihr Name verfolgte mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müßten mit dem erhofften Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein, vielleicht redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man, um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die Augen zumacht. Meinen Sie nicht?«

Mir war überhaupt nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit konnte einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen. Dazu kam das unbehagliche Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermaßen herbefohlen zu sein. Um ein peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich: »Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.«

»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können«, rief sie verwundert, »ohne zu wissen, daß Sie ein Gentleman sind?«

Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.

»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?«

»Nicht nur die«, flüsterte sie plötzlich wieder erregt. Ich fühlte, wie sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiß nun auch, daß Sie wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen – nicht eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden. Diese Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir stehlen – ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich mir den Satan gedacht!«

Sie war atemlos.

Ich schlang heftig die Arme um sie und war plötzlich von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor mir gähnenden Abgrund zu stürzen. »Still … kein Wort mehr …«, stöhnte ich wie in dunkler Angst vor dem Erwachen. »Zerstöre das nicht!« und preßte ihr die Lippen zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastisch traumhafte Landschaften vermuten konnte. Zum ersten Mal hielt ich das Weib im Arm, dieses dunkle, große, ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren, geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich bisweilen laut fremdartige und barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewußtlosen heiligen Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregung der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet.

Sie hatte diese Laute vergessen. Sie müßten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, mißglückte Abenteuer gestalteten sich neu. Einst begehrte, unnahbare Königinnen sanken in meine Arme, und zum Schluß kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und glühender gehuldigt als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden Wünsche messen.

Ich weiß nicht, wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser Frau schlummerte, plötzlich erwachte ich, noch eben hatte ich heiße Wohlgerüche gespürt. Nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das Schieben einer Tür, um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich von allen Seiten scheußliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten Gesichter zwischen riesenhaften Schießbogen, bunten Federbüschen und anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war das Boudoir meiner Freundin.

Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte: »Madame ist leidend. Sie bedauert, heute nicht empfangen zu können.«

Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher brachte mich wieder an die Straßenecke zurück.

Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den verschiedenen Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei Menschen sagen sollen, die sich nur gegenseitig ihrer Körper bedienten zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren, wie in meine Seele. Und nichts war mir ferner als der Wunsch, sie selbst einmal zu besitzen.

Vor allem schaffte sie mir zum ersten Mal im Leben die Befriedigung meiner quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren als die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu beneiden, ich wußte sie neu zu leben.

»Warte bis heute abend«, sagte ich mir, wenn sich die Phantasie in müßigen Bildern verschwendete, und es kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre Glieder anzuschwellen schienen. Eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir und freute sich, daß ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe kosten kann.

Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends am Brunnen sangen. Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes abbetteln müssen, dann einmal alles vergessen können, sogar die heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, daß dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen werden, wenn er draußen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt.

Launenhafte Stunden kamen. Da rief das spitze kleine Gelächter meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das Gemach um uns hell und eng, eine Nuß, in der wir auf einem nicht ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. An solchen Tagen war meine Geliebte sehr kitzlig.

Diese Ereignisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes.

Das, was sie brauchte, fand sie – ohne mein Zutun. Etwas mußte mich aber doch verstimmen. Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich, war sie meiner müde, so entließ sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser Gleichmut ärgerte mich, ich beschloß, sie zu reizen, sie wütend zu machen, indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hageren Formen in nervöser Hast umkrampften, daß ich nicht wußte, ob sie höchste Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann vergaß ich allen Ärger, alle Absichten. Dann fühlte ich mich als der Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen muß und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will, was sie nur noch fassen kann. Die noch schnell so viel fremde Kraft aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. Mein Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand, wie eine Bajadere, die sich eines heißen Morgens im Schatten bizarrer Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüße Früchte verschlungen hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wußte seltsame Bauchbewegungen, so daß sie mir fast zu üppig vorkam. So vergaß ich gern, daß mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte rechtzeitig, das dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können.

Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder häßlicher dachte als die mir begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die Außerordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen Niveau zu messen.

Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese außerordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig – auf meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte herausbekommen, daß meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen, wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft genug, sie merken zu lassen, daß sie ohne ihre ›ladylike‹ Vorsicht und Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, daß sie dann heute einen delikaten George Brummels, morgen einen römischen Gladiator umarmt hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut.

»Sie sollen mich nun doch auch kennenlernen«, sagte sie einmal empört, »und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.«

Ich erriet, daß sie das Licht aufdrehen wollte. »Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.«

»Sie wollen mich nicht sehen?«

»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.«

»Das ist unerhört.«

»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.«

Nun hatte sie wohl doch Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden, verließ sie mich.

Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine große Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben, aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu große Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist.

Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir saßen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht da waren: zwei Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung. Einer hatte einen fast weißen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen saß eine blasse Frau von etwa fünfunddreißig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in regelmäßigen Löckchen die Stirn abschloß, ein mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine außerordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen schmalen Mund schmückten sehr weiße, auffallend kleine Zähne – ein Gesicht, von dem man meinen könnte, daß es einmal schön war; doch etwas fehlt, und das schreibt man den Jahren zu. Wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren groß, doch schlank und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei Nachbarn im Theater oder Table d’hôte gern hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, daß mich die Dame gleichfalls beobachtete. Vielleicht ist es die Unbekannte, dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so daß ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verließen das Restaurant.

Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus«, lautete der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken.

Helena war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verließ ich H. Ich habe die Dame nie wieder gesehen.

*

Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, daß nun etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne daß ich tot war. Die anderen schienen Ähnliches zu empfinden.

»Eine neue Geschichte«, rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!«

Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen Stimme.

Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft wachte und verlangte – selbst unfruchtbar –, daß ein anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.

Klabund • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Klabund • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Urzeit

Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen, volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer »völkisch« sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel ist allen Völkern gemeinsam.

Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Wind da- und dorthin getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben. Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken.

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Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wotans niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.

Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand wie nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde, Mensch verschmolz in seinem Gedicht.

Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur Liebe führt durch Haß und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. Er singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und nur die Sonne ist ihre Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die Wolken, bis an Gottes Thron selbst.

Nibelungen- und Gudrunlied

Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das Wessobrunner Gebet, um 800 entstanden, voll von großer Anschauung und starker dichterischer Kraft. Karls des Großen Biograph Einhart († 840) erzählt, daß Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen. Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und Christusgeschichten aufgetischt.

Unter den Nachfolgern Karls des Großen blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen.

Das stolzeste Epos der Deutschen ist das Nibelungenlied (um 1210). Die sagenhafte deutsche Urzeit entsteht in den Rittern der Völkerwanderung noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. »Welch ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der Nibelungen auf«, schreibt A.W. von Schlegel . »Mit einer jugendlichen Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.« Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener Seele verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in Trümmer gebrochen.

Das Gudrunlied (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in eine rosenrote Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.

Der Minnesang

Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gern gepflegt und in Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romantischen Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Throne setzten, wie man ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde weihte. Von Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von Kürenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein Jahr gezähmt und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann, genannt der Spervogel (†1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche und Fabeln, z.B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich Leben führen wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hüten der Schafe an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe – und derartige Schafe sind leider heute verbreiteter denn je.

Walter von der Vogelweide

Von 1160 bis 1230 ritt Herr Walter von der Vogelweide durch die Welt. Er kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen, wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen mageren, schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnüsse an den tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker, der er war, daß die Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts, selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen, die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz, sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich, und sprach:

Nehmt, Fraue, diesen Kranz,
So zieret ihr den Tanz
Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.

Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend strich den Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein. Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester, Gottestochter all in eins.

Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den Kreuzzug. Er hasste die Pfaffen und den falschen Gott in Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie:

Jetzt erst bin ich beseligt,
da mein sündig Auge
die heilige Erde betrachten darf.
Dahin kam ich, wo den Pfad
Gott als Mensch betreten hat.

Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und Bitternis überall. Die Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er den Blick auf den fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu miniu jâr! Im Lusamgärtchen, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das Sterbliche von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke Körner zu kaufen seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner und Wasser vorfinden sollten.

Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte den Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden! Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide! Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein. ‚ Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez’, der taet mir leide’, rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab.

Die deutsche Mystik: Mechthild von Magdeburg, Meister Eckhard und Johannes von Saaz

Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester Mechthild v. Magdeburg (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling ( Schöner Jüngling, mich lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jede höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip.

»Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so stark, noch also vollkommen als die Minne«.

Mechthild von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist ihr zärtlicher Gespiel und sie seine Tänzerin.

Meister Eckhard (1260 bis 1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war ihm eine Station zum Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut fließe. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben leiden.

Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann von Böhmen« sein, den Johannes von Saaz 1400 in die Welt schickte. Der Dichter kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem Gottesgericht) sein Weib vor dem Räuber und Mörder Tod zurück.

»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott, der euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung treffe Euch; Unglück hause bei euch mit Macht; ganz entehret bleibt für immer!«

so beginnt der Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet:

»Du fragst, wer wir sind: wir sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune, rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen und Gras hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.«

In immer verzweifelteren Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu hausen scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die Stellung des Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht:

»Kläger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet.«

Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg

Mit den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt. Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die öffentliche Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das erste Recht der Beurteilung für sich in Anspruch nahmen.

Die Themen, die Hartmann von Aue († 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich seine eigene Mutter. Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu sühnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er wird von ihnen im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene Mutter ihrer Schuld ledig.

Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes. Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu retten: Das Blut einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm entbietet sich ein Mädchen für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen des Mädchens Gott der Liebenden; er macht den armen Heinrich gesund und zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten.

Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist Wolfram von Eschenbach (etwa 1170 bis 1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war eine armer Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen von Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt, vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich, in sich. Er hatte die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment entwickelte, dessen Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus unverzerrtem Frauenmund.

Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war. Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger Herr« tituliert wurde, sondern mit dem er reiten und spielen durfte wie mit sich selbst. Er hatte 1200 bis 1210 in 24 810 Versen im »Parzival« den Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten Willens einer Epoche, der er schon längst nicht mehr angehört. Der Stoff ist französischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der Erlösung christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind zum seiner Seele bewussten Mann ist ganz Wolframsche Prägung. Er ist den Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.

Gottfried von Straßburg (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse, war auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren, ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe und Schiller, zwei dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker. Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein, Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.

Die Volksdichtung

Während die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüdern Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner, Vagabunden und Gott weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen. Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der war voll von Träumen wie ein Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch…«, aber dann ließ er sich doch von seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!). Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand:

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die schönste im ganzen Land?
Und der Spiegel antwortete:
Ihr Königin, Ihr seid die schönste hier.
Aber Schneewittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausendmal schöner als Ihr.

Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:
Kywitt, kywitt,
wat vörn schöön Vogel bün ick…

Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Er war ein Mensch, der sich nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele wandern. Vögel und Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber böse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln von Märchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm war der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tür fällt ins Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag. Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Sie waren eins. Die Märchen und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber (der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie zwei Königskinder, die zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«. Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die kommen mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll vollendeter Klassizität, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Männer schichteten. Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel in ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.

Zerfall der Ritterpoesie: Oswald von Wolkenstein, Hans Sachs

Die Entwicklung des Menschengeschlechts geht in Wellenbewegungen vor sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem Nibelungenlied hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht, von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde der Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16. Jahrhundert fällt die Blütezeit des Volksliedes. Zuweilen nahm sie ein Kloster auf. Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei braven Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie meinten, die Dichtung würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem Dunst satter Behäbigkeit recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie erbrach. Von der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie Gottfried und Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus fiel auseinander – was Hebung, was Senkung –, man zählte einfach die Silben zusammen. Aus dem Minnegesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler Oswald v. Wolkenstein († 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem verendenden Tier. Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich in allen größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der Vollender und Überwinder ist Hans Sachs, geboren 1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber Nunnenbeck die Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging wie ein rechter Schuster auf Wanderschaft, kehrte, nachdem er so viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend, da und dort überraschen sie durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000) Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein 82. Jahr hinübergerettet. Er hat es in seinen Schwänken auf moralische Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt und keinen Jäger, der sie beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur so nebenbei zu Hans Sachs.

Scherz, Ironie und Satire: Eulenspiegel, Die Rollwagenbücher

Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation kündeten eine neue Ära an. Sebastian Brant aus Straßburg (1458 bis 1521) hatte als Sohn eines Gastwirts früh offene Augen für die Lächerlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In Übergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines Kartenspielers durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite zu verzerren und zu vergröbern.

Sebastian Brant studierte Recht – ohne es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität Basel. 1494 erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den Rand. Auch du lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden.

– Zwanzig Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren nicht über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erscheinen achtzehn deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische, Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg? Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomödien war er ja schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück- oder Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust, titanischen Ringer um die letzten Probleme zeigt. Eulenspiegel tritt auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert und Möglichkeit dadurch ad absurdum geführt werden. Er ist zugleich leicht- und tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch heute sein Grabstein gezeigt wird.

Vorher waren schon Schwankbücher wie Jörg Wickrams »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders Johannes Pauli »Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder moralische Anekdoten erzählen, die sich nicht um einen einzelnen Narren gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen. Wobei zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest man nun folgendes:

»Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie es denn so Sitte ist; da stund ein Narr da und frage, was Lebens das wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot. Der Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Friede mache! Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich witziger als eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems »Eisernem Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten uns dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.

Luther

Die deutsche Bibel

Luther wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, störrisch, verprügelt, und richtete schon früh sein Auge von der Misere außen nach innen. Sein Vater hat ihn hart geschlagen: daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer Kern. Sein: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer sein. Sein Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bismarcks Werk schien auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten, es zu unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach zusammenstürzte. Auch über Luthers Reformation ist das letzte Urteil von der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige evangelische Kirche spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, gottlosen Nüchternheit nicht für eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein religiöser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur- und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige Christenheit, unterstützt von der humanistischen Vorrevolution des Geistes, von der römischen Knechtschaft befreit, aber er hat den Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen Partei für die Fürsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung der Bibel im monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist… es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr untertan sein…«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Fürsten brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm gezüchtete und herangeprügelte Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der »Untertan« den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns: Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther aber war ihr bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefügt. Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelübersetzung kann nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche Sprache überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart zimmerte er wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzückt und berauscht wir heute noch spielen dürfen.

Er aber war der Töne Meister wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der Esel lauschend den behaarten Kopf – dann verstummten selbst die Humanisten mit ihrem lateinischen Geplaudere, und Ulrich von Hutten konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. »Ich hab’s gewagt«. Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts mit dem Pöbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, dass man sie in der Menge nicht verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei über der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind in den Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und griechisches Lexikon in den Bücherschrank zurück und legte die Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straßen sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. Und sie, die tumben Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner mit dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott….« Luthers kernige und fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden, beweisen, was für ein großer Redner er war. Er steckte damit wohl alle heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, daß er selber kein Volks-, sondern ein Fürstentribun war.

Das Kirchenlied

Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schönsten geistlichen Lieder verdankt die evangelische Kirche Paul Gerhardt (1607 bis 1676, starb in Lübben als Prediger). Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl. Wir alle, die wir Evangelische (ach! Keine Evangelisten mehr…) sind, haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das kindliche Gemüt Gott wahrhaft nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich uns, wenn der lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein Erlöser lebt…

Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter und mit den Knechten und Mägden vor der Tür in der lauen Sommerluft saßen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und wir fielen alle leise ein:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt’ und Felder…

Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat Angelus Silesius (aus Breslau, 1624 bis 1677), der cherubinische Wandersmann, über. Er schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die »ägyptische Plage« des Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten, überaktuellen Ausdruck fand.

Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich über eine Menge seiner Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz keine Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.

Paul Fleming (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen, eigene Bahnen zu finden und sie zu überstrahlen. Seine zärtliche Liebe zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schönsten Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbüchern haben es sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und wenn im Liede Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in : »Jesus gibt sein Ja auch drein«.

Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein gegeben. Er wird im Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine Pfaffenheimer.

Die Schlesier
Der dreißigjährige Krieg

In der Lyrik der Schlesier Hofmann von Hofmannswaldau (1617 bis 1679) und Daniel Casper Lohenstein (1635 bis 1683) spielt Venus, prunkvoll aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes Geschmeide abtut und ein hübsches Breslauer Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig, rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr ins Grab und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen. Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht gerade günstig. Im großen und im kleinen wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Der Fürst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten des Vaterlandes und zur höheren Ehre Gottes wurden die abscheulichsten Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner Abraham a Sancta Clara (1644 bis 1709) wetterte in seinen Reden und Predigten mit Sentorstimme und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elsässer Moscheroch (1601 bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von Sittewald« die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische Formung in Christoph von Grimmelshausens (aus Hessen, 1625 bis 1676) »Abenteuerlichem Simplizissimus« fand.

Neben dem Grübler Faust, dem weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parzival als die dritte Verkörperung der deutschen Seele ansprechen. Parzival heißt beim Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß und einfach in sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreißigjährigen Krieges. Andreas Gryphius (aus Großglogau, 1616 bis 1664) erlebte das allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das Leitmotiv seiner Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden Resignation und eines erhabenen schmerzlichen Pessimismus. Die grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. Vanitas! Vanitatum vanitas! Es ist alles eitel. Daß auch der Seelen-Schatz so vielen abgezwungen – dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der große Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums goldne Kalb ganz frei davon geblieben? Stoßt das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weiße Marmorstatue der Göttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe an seiner statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren Zeit. – Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius’ Lustspiel »Horribilicribrifax« schwingt er spöttischen Mundes die Geißel über Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der Überschätzung alles Militärischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar macht. Der aufschneiderische Maulheld Horribilicribrifax ist eine köstliche Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. – Einen bürgerlichen Maulhelden nahm sich Christian Reuter, ein Leipziger Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und akkurateste er an den Tag gab. Diese lügenhafte Reisegeschichte, die Schelmuffski über Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie ist dem hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten König oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet…), ist einer der besten komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergötzlicher Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegeln die Zeit. Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Träne ins Lid.

Johann Christian Günther

Wie ein Sturmwind braust Johann Christian Günther (aus Striegau, 1695 bis 1732), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit und Unfreiheit, ihre schwebende Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig: das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. Der nie ein alter Günther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz. Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn und ging gekräftigt aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut verströmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht, von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich gegenüberstellte, und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn den Eltern und dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier wünschten Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. Wie ein von allen gemiedener räudiger Hund lief er durch Deutschlands Straßen. Da übermannte ihn die Verzweiflung, daß er zu sterben wünschte, weil Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reißt sich wieder empor, die Tränen versiegen, die Faust ballt sich:

Ich will hoffen, Hoffnung siegt.

Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und sang ihr zu:

Schönen Kindern Liebe singen
Ist das Amt der Poesie,

und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan.
Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen das schönste deutschen Studentenlied:

Brüder, laßt uns lustig sein,
Weil der Frühling währet…

Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.

Gottsched, Gellert, Hagedorn

Mit Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße Johann Christoph Gottsched (1700 bis 1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther gekannt hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische. Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte die Poesie zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst für die Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte Theorie auf und verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter – immer mal wieder – strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums wurde Christian Fürchtegott Gellert (aus Sachsen, 1715 bis 1769). Denn er vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds Steifheit, Bodmers »moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und eine milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der deutschen Literatur absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und Moral. Seine Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen, gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. Weh tun wollte diese personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur ein Fürchtegott, sondern auch eine Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust recht und wahrhaft leben zu können wie Friedrich von Hagedorn (aus Hamburg, 1708 bis 1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren, die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und die Anbetung der Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig vereinten.

Die Anakreontiker
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Die Idylliker

Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter Schürzenjäger, Horaz im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden, dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig. Anakreon und Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen Rokoko: die griechischen Götter nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen führten die trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen gaben, wie Damon und Bathyll, und ihre liebreizenden Schäferinnen: Phyllis und Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war von der Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider, die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß gewaschene, saubere Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, eine der sogenannten Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute Philipp Harsdörffer gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters« (mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich eintrichtern wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und Dränger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer Goethe gelang es noch einem Lyriker seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene Töne zu entlocken:

Johann Georg Jacobi (aus Düsseldorf, 1740 bis 1814). »Ihm war die Grazie (- übrigens das Lieblingswort der Epoche! -), die so mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte, angeboren«, heißt es im Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie von Goethe sein könnten.

Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Züricherische Dichter Salomon Geßner (1780 bis 1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen Dichtung. Geßner war einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht besser werden in der Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden erst dann ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er wahrhaft populär geworden sind.

Lessing

Ist Opitz der Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man Gotthold Ephraim Lessing (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen Professors und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmrige und nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte er besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volklied und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift »Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie« hat zu seiner Zeit alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare Unterscheidung von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt, von Haller, Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren Auswüchsen die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich (nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen!

Ruhe, Beharrung ist das Zeichen der bildenden Kunst. Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in die Bude bringen. En avant! Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät hier ins Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis 1769) zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den französischen Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus den Perücken fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen nachzuleben. In »Miß Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht bürgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine Prinzessin, sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie erleben kann. Die französischen Klassiker reservieren prinzipiell das Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Göttern. In »Minna von Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in der deutsche Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der Maske des Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt.

In »Nathan dem Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen: hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die allgemeine Toleranz, die große Liebe. Der christliche Tempelherr, der Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan 1781 vollendete sich Lessing selbst.

Klopstock

Das Größte an Klopstock (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon die Schulpforta mit neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner Abschiedsrede klingt das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! – Und er ist es geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, die Bardiete, singend, den deutschen Göttern opferte, war das Gotteshaus gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst, sahen. Er goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen »Oden«, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er ist spröder als Hölderlin und unserm Empfinden schwerer zugänglich – aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf. Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung gut tun. Die jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fühlte sich zeitlebens als »der Lehrling der Griechen«.

Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«, ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen. Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hölle zur Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen hymnischen und lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.

Der Hainbund

Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine rebellische. Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge: dem Hainbund (Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften empor, und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) betitelten Drama eines der ihren, des Maximilian Klinger: Stürmer und Dränger. Klinger war ein Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamen Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle überstürmen und zurückdrängen sollte: Goethe.

Wie die Bruderbünde der heutigen jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie die Stürmer und Dränger die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren Johann Heinrich Voß aus Mecklenburg (1751 bis 1826) und Ludwig Hölty, der 1776 im jugendlichen Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes: gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die Redaktion des Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm, darf eigenen dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste Geburtstag) beanspruchen.

Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war er angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so volkstümliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus und Hera in der Götterwelt Wotan und Freya den Rang streitig machen, so ist’s das Verdienst von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im olympischen Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen möge!

Wieland

Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und Herder, dagegen erscholl an die Adresse Wielands (1733 bis 1813, aus Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifaches kräftiges Pereat. Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien. Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser klingender Stil, spielend wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in Flammen auf.

Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie – aber er nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester bis zum Anbeter der mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein kann. Was seine vielen Wandlungen verklärt: er war alles mit der gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit.

Als Lyriker hatten die Hainbündler für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. Sein großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein, die auch durch den komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) den Lorbeer, und zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben Maler Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander über wie die wirkliche und die Geisterwelt.

Gottfried August Bürger

Unter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden, innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen.

Unter ihnen ist vor allem Gottfried August Bürger (1747 bis 1794 aus Ballenstedt) zu nennen, dessen titanisches Wollen (wie den meisten Stürmern und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis ihn die Erde gnädig in ihren Schoß zurücknahm.

Er war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine Lieder an Molly sind von rasender Leidenschaftlichkeit, der die Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste.

Vollkommen bewährte er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von »Münchhausens wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt werden, so wie wir dankbar bei dieser Gelegenheit des alten Musäus (1735 bis 1787) gedenken müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals gerade sammelte und nacherzählte.

Sturm und Drang

Waren die Hainbrüder mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das er über »Die Räuber« setzte: in tyrannos! Kann man über die ganze Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren die deutschen Vorläufer und Brüder der französischen Revolution von 1789. Wie Wilhelm II. dem Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch gegenüberstand – denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche der Tat auf dem Fuß zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem Ansturm der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging ums Gottgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es handelt sich darum, ob die deutschen Fürsten ihre Untertanen als Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten, oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche »Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, der nicht ein Hundsfott oder Lump sein wollte. In den »Räubern« und in »Kabale und Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder.

Und es ist nicht zu verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung gegenüber ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung paßt mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft« genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, weiterhin »Komödien« zu schreiben, machte Schiller dieser Komödie ein Ende und floh aus Württemberg ins Ausland.

Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe Christian Schubart (1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der »Fürstengruft« wie Pfeile entgegen.

Jakob Reinhold Lenz (aus Seßwegen, 1751 bis 1792) schrieb sein Drama »Die Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte. Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen. Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz geblieben, der er war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wäre! Aber er wollte ein Goethe werden.

Maximilian Klinger (aus Frankfurt 1752 bis 1831), dessen eines Drama der Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter resigniert er. In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker Georg Christoph Lichtenberg (aus Darmstadt, 1742 bis 1799) den Stürmern nahe, besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen.

Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß Wilhelm Heinse (1749 bis 1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und die glücklichen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit. Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht wird, bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht. Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und gefestigt durch sie hindurchgehen.

Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803, ein geborener Ostpreuße) ist einer der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der Deutschen alle geraten wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech; also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der sie in den Abgrund führt.

Über der festen Grundlage einer allgemeinen, philosophischen Bildung wölbte sich bei Herder in den Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines großen Geistes und eines hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der geistigen Urheber der Französischen Revolution, kennen.

In Straßburg geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: der schwärmerische Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung.

Herder war ein Denker des Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden.

Sein »Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schöpfer dieses Wortes: Volkslied.

1778 bis 79 durfte er in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei gegen die französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das Rousseausche »Zurück zur Natur« für die deutsche Dichtung formuliert: »Zurück zur Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, und laßt das freie Wetter über die Blüten eures Geistes brausen! Welche Blüte darin umkommt, die ist es nicht wert, daß sie geblüht hat.«

– 1777 kam Herder auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt, die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den ersten groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Ein Kapitelüberschrift wie diese: Die Erde als Stern – wieviel besagt und beleuchtet sie schon im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1380 bis 1450), der üblichen Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen Geschichtsschreibung.

– Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend überwunden. Als er die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!

Friedrich Schiller

Friedrich Schiller (1759 bis 1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein. In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution, der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die Realität weit hinter der Idee zurückblieb, – wie es in Revolutionen immer zu sein pflegt – angewidert wegwandte.)

Diese Räuber wollen die ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue bessere Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert.

Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« – aus dem freien Gedanken wird die freie Tat sprießen.

Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ, werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen geschrieben scheinen.

Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber faute de mieux. Er kann einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen von »Wallenstein« ist Schillers Werk gegipfelt.

Den vielen männlichen Rebellen in Schillers Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im »Tell«, seinem letzten Drama gestaltet Schiller die Idee der »Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung, vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier seine glänzendste Gloriole. – Tell scheint mir eine aus der Tiefe von Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig von ihm zu befreien.

Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllt.

Gegenüber solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.

Der Wandsbecker Bote und der Rheinische Hausfreund

Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: Matthias Claudius (1740 bis 1815), der »Wandsbecker Bote«, und Johann Peter Hebel (1760 bis 1826), der »Rheinische Hausfreund«.

In der Gesamtausgabe der Schriften des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten. Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied.

Schon in der Schule haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel, als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte.

Johann Peter Hebel, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder. Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel.

Gewiß, er predigt Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der Dämmerung den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen; die Venus oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater, was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« – dann wird er uns über die Haare streichen und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat…«
Ein solcher Dolmetscher ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.

Goethe

Wenn Goethe (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend in die Knie zu sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das Über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt.

Er war der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz der Welt gerichtet.

Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zur Hilfe, um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten. Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.

Goethe und die Frauen

In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw. waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens hinterlassen hat.

Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen.

Kätchen Schönkopf, seine Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer Pfarrerstocher; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er als Minister als Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Divans«, die den alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.

Goethes Lyrik

Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik durch »Ganymed«, »Wandrers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile. Sang wie ein Kind zu den Kindern:

Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!

Und aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen aus einem der tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen:

Sieh, die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich Greisen
ergreift im Moore Nebelduft,
entzahnte Kiefern schnattern
und das schlotternde Gebein –
Trunkener vom letzten Strahl,
reiß mich, ein Feuermeer
mir im schäumenden Aug’,
mich Geblendeten, Taumelnden,
in der Hölle nächtliches Tor.

Goethe und der Expressionismus

Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen: Pindar, Li-taipe – !) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters, der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein wird):

Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
Vergänglich ist des Druckes Bürde,
Doch ewig die Gerechtigkeit!

Deutsche, lest Eure Dichter

Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen Grundformen sie sich berührt. Dutzende ihrer Einzelerscheinungen sind läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen, der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden, vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eines das andere nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher, Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl die alternde Brust wärmt.

Faust

Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger Tor spaziert, und doch die Augen zu weit offen hat, die hübschen Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt, der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewissheit, daß er die Ernte bis zum letzen Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen, aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg – das ist das Ziel. Der Wille – das ist der Zweck.

Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen,
singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend.

Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust: den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch des Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. – In »Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788 erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Weg zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale: Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. – Neben dem Faust gebührt der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit. Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen. Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie und der Schrei des Dichters im Tasso:

Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse, sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon, begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zu Faust bilden, so die »Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das Seitenstück zur Iphigenie.
Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März 1832.

Jean Paul, Hölderlin

Mit Heinse und Geßner bildet Jean Paul (aus Wunsiedel, 1763 bis 1825) das Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit sie’s gebracht. Jean Paul ist der größte unter dem dreien, und einer der größten Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte, glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt, wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts, wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen, winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den Narzissen der Morgendämmerung.

Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste, geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs« vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei aller Empfindsamkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen.

Seinem lyrischen Bruder im Geiste: Friedrich Hölderlin (aus Lauffen am Neckar 1770 bis 1843), genannt der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er über die Wogen der Welt segeln.

Wünscht ich der Helden einer zu sein,
Und dürft es frei bekennen,
So wäre ich ein Seeheld.

Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte, wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch dichtete. Als er begann seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte in den Wolken und wußte von dieser Erde noch gerade soviel, wie ein verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnzeit gehören zum Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.

Die Romantik

Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach viel Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser neben die Hallen der Hehren; können wir’s nicht im Großen, so wollen wir’s ihnen im Kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein. Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gänge an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, die sie nicht gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie lernten das Leben der unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe, beobachten und kamen an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihren Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie brachten es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim Tod seiner Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der extremsten Fassung zum Paradoxen einerseits, zur Anbetung des Fragments anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff, jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und heiteren Geselligkeit führen, bei der die Frauen – wie sollte es anders sein? – das große und das kleine Wort führten.

Des Knaben Wunderhorn

Ohne Bettina von Arnim und Rahel Varnhagen von Ense ist die Romantik nicht zu Ende zu denken. Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben Arnim (aus Berlin, 1781 bis 1831) und Brentano (aus Ehrenbreitstein, 1778 bis 1842) jene wundervollen Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten. Sie selber freuten sich wie Kinder daran – und Kinder waren alle Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal) Spiegelfechterei. Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein typisches Produkt romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden, Dichtung und Wahrheit, tief echt – und dennoch da und dort, der Wahrheit zuliebe – verlogen. Arnim und Brentano machte es einen Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene Gedichte einzuschmuggeln. Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie sich von den Gebrüdern Grimm (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«) erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im kleinen Liede gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane rühmliche Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber sie hörten ihn längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. – Hatte man ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am Morgen in die Landschaft, speiste draußen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man disputierte über die Shakespeareübersetzungen August Wilhelm von Schlegels (aus Hannover, 1767 bis 1845) oder über Friedrich Schlegels (1772 bis 1829) »Sprache und Weisheit der Inder«. Friedrich Schlegel sprach mit Feuereifer über die östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz in der katholischen Welt ging Novalis (Friedrich von Hardenberg aus Wiederstedt, 1772 bis 1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit der Madonna.

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt.

In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik – die Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond – gab Novalis sein Tiefstes.

Eichendorff, Kleist, E.Th.A. Hoffmann

Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik. Goethe ist die Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten Verkündigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte Rose aufbrechend: durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff: das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen Menschen. Hölderlin: der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der schönsten deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt des ewigen Jünglings Eichendorff (1788 geboren auf Schloß Lubowitz in Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«, »Nachtgruß« – so sind sie überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt:

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.

Aus dem Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond: der schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus weiter Ferne der Ton eines Posthorns – zwei junge Gesellen wandeln schattenhaft vorbei. –

Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker Heinrich von Kleist (aus Frankfurt a.O., 1777 bis 1811), vom romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden. Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum verwirklichte. Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser – bis er bricht. (»Der zerbrochene Krug«) Den intellektuellen Frauen der Romantiker stellt er jene süße, kindliche, unwissende, reine Gestalt des Käthchen von Heilbronn gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch eine Gegensatz zwischen ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf dem Ossa türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich stürzen sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des Menschen, der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann. Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg« mit dem preußischen Gotte der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum äußersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas Unfassbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so braucht er nicht mehr zu sterben.

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie flüssiges Feuer durchbraust er das Drama. Es schäumt wie ein Wolf von den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit – und nichts ertrug Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen ( Germania und ihre Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkriegs an Blutdurst, Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch übertroffen. Dieser pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleists empörtem und verwundetem Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl zum Mörder.

Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der genialistische E.Th.A. Hoffmann (aus Königsberg, 1776 bis 1822) aus. In der Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu sich zu fürchten. Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer aus unserer eigenen Brust heraus.

Die österreichische Romantik

Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt’s auch in und um Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der Romantik. Geister und Zwerge mitten unter den Menschen, das ist noch was, das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und unterhält und belehrt gleichzeitig. Ferdinand Raimund (1790 bis 1865) schrieb den Wienern solch scharmantes Geistestheater: »Der Alpenkönig und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen Nestroy (1802 bis 1862) Volksstücke! Das ist Österreichertum, herzlich und ironisch, von der besten Seite. Franz Grillparzer (1791 bis 1872) nahm das österreichische Problem (in »König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer. Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen, teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas ( Sappho, eine Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig – Das goldene Vließ – Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie). Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zutiefst verspürt hätte.

Elegisch beschließt die österreichische Romantik Nikolaus Lenau (1802 bis 1850), ein Deutsch-Ungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn, nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche gesungen.

Die Dichter der Befreiungskriege

Die Dichter der Befreiungskriege Theodor Körner aus Dresden, (1791 bis 1813, »Leier und Schwert«), Max v. Schenkendorf (aus Tilsit, von 1783 bis 1817), Ernst Moritz Arndt (von Rügen, 1769 bis 1860) und viele andere standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten, lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nämlich dazu, die wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit jedoch für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und E.M. Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten das unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie, um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer wie Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Träger des revolutionären deutschen Gedankens geworden! Und was hat Deutschland zu gewärtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht?

Das junge Deutschland: Herwegh und Heine

Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend auf den Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das »junge Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie ein Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und setzte ihn hinter Festungsmauern.

Das »junge Deutschland« ist viel angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, Herwegh (aus Stuttgart, 1817 bis 1875) einzig schwingt sich über andere empor »wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei der Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der heutigen Zeit: des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher, Hasenclever, hat viele Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung wegen im Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren. Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, Dichter zu bleiben, d.h. mythischer Diener der Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist gewiß eine respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern. Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens von größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von Heinrich Heine (aus Düsseldorf, 1797 bis 1856):

Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch:
Wir weben, wir weben, wir weben!

Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in die tiefste Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schönsten Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und schlägt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren.

Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister überhaupt und den Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit Ludwig Börne (aus Frankfurt, 1788 bis 1837) und Karl Gutzkow (aus Berlin, 1811 bis 1877) bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten Pfeilen Deutschland in den Rücken schießt) hat man ihm besonders übel genommen, und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (»Französische Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutetia« die europäische Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den »gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und England-Frankreich-Rußland. »Doch das wäre nur der erste Akt des großen Spektakelstücks, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität, noch von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden…«

Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp des Zeitungskorrespondenten: der erste europäische Journalist und Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir’s ihm ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und anmaßenden Epigonen? Freilich auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten Polemiken (gegen Platen z.B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett fesselten und zum langsamen Tod verurteilten. Er nannte sich selber der »Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in ihnen bloß. Er war schon lange des Lebens müde geworden. Die vielen Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und seine kleine letzte Freundin: die Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war so sterbensmüde geworden:

Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich
Das Beste wäre nie geboren sein.
Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:
Der Tod, das ist die kühle Nacht,
Das Leben ist der schwüle Tag,
Es dunkelt schon, mich schläfert…
Uhland und die Schwaben

Über den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus. Wenn ihrer trefflichen wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder die Spätzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung. Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl über die Quasten und Bommeln ihres Schlafrocks. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte und Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu dichten. Ludwig Uhland (1787 bis 1862) ist in Tübingen geboren, und der Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine.

Ernste Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in den Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der Mensur für »das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde 1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion in das Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er schon 1833 seine Tübinger Professur für deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der württembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens.

Da sang er jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind: »Ich hatt’ einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«.

Als Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier Moritz Graf Strachwitz (1822 bis 1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die der schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden.

Die Ballade nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken der weinselige August Kopisch (1799 bis 1853), dessen »Heinzelmännchen« wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie vom Noah« wir als Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner roten Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit der einen Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger und sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,

dieweil darin ersäufet sind
all sündhaft Vieh und Menschenkind…«

Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des schwermütigen und schwerblütigen Grafen Platen (aus Ansbach, 1796 bis 1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen Kopisch nötig wie Kopisch – den Wein. Um sich in der Misere seines Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen Götterjünglings.

Hebbel, Grabbe, Büchner

Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft gut werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich bewußt wird.

Friedrich Hebbel, ein Bauernsohn aus dem Dithmarschen (1813 bis 1863) war vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt. Von Dämonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede Rippe einzeln zählen konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er schlug Eide in den Wind, verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne die er krepiert wäre – um der Idee zu dienen. Er war ein armer Schächer ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte Schuld auf Schuld – und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit, während wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren. Lieben können wir den Menschen Hebbel. Dem Dichter wollen wir ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er sich noch in seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, daß Hebbel selbst seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner wie ein Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem noch über die Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem das Problem zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik.

Sein Antipode, aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, Christian Dietrich Grabbe (1801 bis 1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold, wollte weniger – aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke, wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang an die frische Luft geführt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den grauen Himmel über sich, umschritten sie schweigend in Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllt ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal, haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres Gefängnisses rütteln: vergeblich.

Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern von Troja… Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer siegt Achilleus, grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI., Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich der durch Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. Dieser Hannibal ist ein ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde gehen muß. In »Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel »Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung auftritt, bietet in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein Gegenstück zu Georg Büchners zartem und schwankem Schwank »Leonce und Lena« mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen.

Georg Büchner (aus dem Darmstädtischen, 1813 bis 1837) konnte aber auch anders als sanft lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von sich. Auch in seiner von Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging verloren) gehört es zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist erstmalig wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern« ein ganzes Volk der Held.

St. Just, Robespierre, Danton sind seine Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden vermag, der Tod.

Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frisst, die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile… Er hat andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. – In Wozzek, der Fragment geblieben ist, knüpft Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle gewidmet hat). Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner mit seinem Wozzek. Von Wozzek läuft die Tradition zu Wedekind, der von niemand mehr gelernt hat als von diesem Büchnerschen Aphorismus. Auch als politischer Revolutionär ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine Botschaft »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« ist das flammendste deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre zu früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden. Er wurde nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter Trompeter war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig verdunkelt.

Laube, Alexis, Hauff, Chamisso, Stifter, Immermann

Heinrich Laube (aus Sprottau, 1806 bis 1884) schlug die dramatische Pauke, daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller zwölfmal die Stunde des Gerichts schlagen. Alle Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand.

Zu meinen erfreulichsten Jugenderinnerungen auf dem Gebiete der Literatur gehören auch Willibald Alexis (aus Breslau, 1798 bis 1871), in den Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen »der Vortreffliche« geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Der Roland von Berlin«, und Wilhelm Hauff (aus Stuttgart, 1802 bis 1827), in den Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben herab, »der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügte Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen beim Heiraten zu Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein großer Dichter, aber ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine Märchen und Novellen beweisen.

Ein Glanzstück unserer novellistischen Poesie gelang einem Franzosen: Adalbert v. Chamisso (aus der Champagne, 1781 bis 1831) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck für 300 Mark und mehr. Armer Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen können: du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es eben nicht verstanden, ein Geschäftsinteresse wahrzunehmen.

Dies verstand auch Adalbert Stifter nicht (aus dem Böhmerwald, 1805 bis 1868), der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare Namen wie: »Studien«. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald reist und läßt Stifters Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben.

Reist er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von Karl Immermann (aus Magdeburg, 1796 bis 1840) in den Rucksack stecken, oder, falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen »Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe »Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen sollte – was tut’s? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so verständlich sein wie ein Gespräch über die teueren Zeiten im Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den Gordischen Knoten derart gewalttätig mit dem Schwert zu lösen und manchmal tut’s nicht einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich, wie exempla docent.

Mörike, Freiligrath, Rückert

Abseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: Eduard Mörike (1804 bis 1875). Wie Büchner und Körner, so ist sein helles Gestirn von der Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts haben wenige gewußt, was hinter dem biederen Pfarrer in Kleversulzbach steckt.

Ferdinand Freiligrath (aus Detmold, 1810 bis 1876), und Friedrich Rückert (aus Schweinfurt, 1788 bis 1866), um noch die besten zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack des deutschen Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn Mörike kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze, bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wüstenkönig, der Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenkönig an der Kasse saß, wurde überlaufen.

Der Blumenstand, an dem die Muse selbst Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, wurde nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm Meister: dem Roman Maler Nolten begonnen, der nicht ohne Eindruck blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben Ohren. Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie die Heineschen, gelötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt, nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife Äpfel. Der Sonnenblume gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzählungen (Mozart auf der Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, daß die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen.

Die Schweizer: Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller, C.F. Meyer, Carl Spitteler

Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer, Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche Literatur eingeführt, als sie mit Jeremias Gotthelf (aus Murten, 1797 bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental. Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge. Die Schweizer können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch städtisch, à la mode oder historisch gekleidet daherstolziert kommen, wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.

Gottfried Keller (aus Zürich 1819 bis 1890) läßt seinen »Grünen Heinrich« in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. Das Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst führt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle fünf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrüpp, Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muss froh sein, wenn man schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte trifft, wenn man z.B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und schließlich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der lebendigen Anschauung der Dinge. Es kommt für den Dichter nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den Erscheinungen ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wäre der Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine so klare Anschauung vom Menschen hatte, deshalb gerieten sie in seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, »Züricher Novellen«, »Das Sinngedicht« – bedeuten einen Gipfel deutscher Erzählkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch und mühsam klettern – da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde geschrieben. Sein Landsmann Heinrich Leuthold deren drei oder vier, sein anderer Landsmann C.F. Meyer (aus Zürich, 1825 bis 1898) deren viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes (der Roman »Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er führte das Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahr war C.F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben, ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, der er mit heiliger Scheu hütete.

Daß sie brenne rein und ungekränkt.
Denn ich weiß, es wird der ungetreue
Wächter lebend in die Gruft gesenkt.
Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und Silen die liebsten.
In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,
Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde.
Lieblich lauschend.

Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C.F. Meyer in der Veltinertraube.

Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die deutsche Sprache in den achtziger Jahre nicht völlig unter die Räder der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. Carl Spitteler (aus Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, einem Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut er es den schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter, Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im »Olympischen Frühling«, dem großen griechischen Epos, hat Spitteler sein bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das nicht von dieser Welt ist«. – Von jüngeren Schweizern sind zu nennen: der früh (1919) verstorbene Karl Stamm, ein Lyriker von vielen Graden, der zarte Idylliker Robert Walser, der religiös vergrübelte Albert Steffen (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung.

1870/71: Otto Ludwig, Raabe, Storm, Fontane

Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist Otto Ludwig (aus Eisfeld, 1813 bis 1865). Er sah sich zeitlebens im Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur mit seinem biblischen Trauerspiel »Die Makkabäer« und in seinen Novellen über sich hinaus, in denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte nicht schaden, wenn – über Dostojewski – Otto Ludwigs Prosa nicht vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert.

Wird Gustav Freytag (aus Kreuzberg, 1816 bis 1895) aus der Gruft der Vergessenheit auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt ist. Des Mecklenburgers Fritz Reuters (1810 bis 1874) humoriges und herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen verständlich (»Ut mine Stromtid«). Wilhelm Raabes (aus Eschenhausen, 1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit, seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm Raabe gibt es keine bessere Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte: deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden bleiben wie des Friesen Theodor Storm (1817 bis 1888) rosenblättrige Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine Erzählung »Im Saal« – eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms, das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, wenn wir sie lesen, übermächtig in uns. Früher – ja, das war freilich eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch höflicher gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in Politik steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war’s ein Schuster, so ließ man die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande…. Aber was wollt ihr denn?« fuhr die Großmutter fort, »wollt ihr alle mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum sind wir auch alle so unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen zwischen Sturm und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich.

Paul Heyse ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken wie Geibel (aus Lübeck, 1815 bis 1884), der einst so hochgefeierte. Geibel wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber Krieg und Sieg von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur eine katastrophale Wirkung. Die Heroldrufe riefen einem Zeitalter, das in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei, Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern lyrisch, von Wildenbruch, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß, dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die große Vergangenheit projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große Zukunft abstrahierend (wie sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen….«), süßlich gesabberte Lyrik der Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzählkunst – das waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen Volkes. Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C.F. Meyer, Fontane spendeten, nicht recht munden wollte. Einzig Theodor Fontane (aus Neuruppin, 1819 bis 1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen seiner großen Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen Typus steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter geschlossenen Türen geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«. Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm einen brausenden Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiderbringlich dahin ist, zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit Mignon und Philine, Liane und Toni Häusler.

Viele Wege führen nach Rom: Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, Gerhart Hauptmann

Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel und Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer und Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da fängt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele, nicht die Massenpsyche oder –psychose erst den Dichter zum Dichter. Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er läuft, und wer in derselben Richtung geht, den begrüßt er als seinen Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege. Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Wege, den ein anderer geht, von vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter expressionistischer und umgekehrt – Was wollte der Naturalismus? Er entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur beherrschenden geworden war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab: wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhüllung der Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Wahrheit. Er wollte die Natur abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn der Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging er natürlich a priori einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit seinem subjektiven Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nämlich die Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille ist, ist schon ein persönlicher Stil.

So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine Spielart des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit die Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele, Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen äußert sich der Gegensatz der beiden Strömungen derart: beim Impressionismus: Analyse des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des Geistes, Analyse der Form. – Die Naturalisten waren für Deutschland die Entdecker des Proletariats als »Gegenstand« der dichterischen Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste Mensch, blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier identifizierten.

Die proletarische Lyrik der Henckell (geboren 1864), Mackay (geboren 1864) – Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der besten Prosaleistungen des Naturalismus – usw. wirkt denn auch ziemlich zahm bürgerlich. In Arno Holz’ (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch der Zeit« klingt sie kräftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand. Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind, manche noch lebendigen Leibes gestorben. Des romantischen Naturalismus Max Halbe bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben blieb der unverwüstliche, kräftige Detlev von Liliencron (aus Kiel, 1844 bis 1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der plattdeutschen Lyrik exzellierte Klaus Groth (aus Dithmarschen, 1819 bis 1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen österreichischen Bauerndramen Ludwig Anzengruber (aus Wien, 1839 bis 1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen Flügeln: Gerhart Hauptmann (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum zieht er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in den Himmel und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse durchwandern die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht, arme, elende Menschen, geprügelt wie Hunde von der Peitsche des Schicksals. Hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht, frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«, zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« herauftönt, Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen Weber, die ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte Frau auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu beneiden, die, wie Hannerle, so früh von dieser schmutzigen Erde zum Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären – wir furchtbar! Wer will den ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann Henschel«, zwischen Schuld und Unschuld schwankend sich erhängt? Alle Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer Emanuel Quinti, der im neu erwachenden religiösen und sektiererischen Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird.

Nietzsche und George, Hofmannsthal und Rilke, Dehmel und Morgenstern

Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der Seele: die Schönheit verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa seines »Zarathustra« der Lehrmeister der jungen und jüngsten Dichtung geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten deutschen Lyrikern. »Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft. Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel, der Schatten Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die ersten grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter naht.

Aus unbekannten Mündern bläst’s mich an,
– Die große Kühle kommt…

Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er schließlich nur noch sich selber zu »damit er seine letzte Einsamkeit ertrüge«.

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
Und sprech ich – niemand spricht zu mir.

War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder zwitscherte, – so ist Stefan George (geboren 1868 in Büdesheim) der strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den moralischen Forderungen eines Teils der jungen Generation ferner als fern.

»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten Gedichte versteigt er sich bis zur Apothese der Ausschweifung: im Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort in einer Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet, die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig« einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit gemachter Mache verwechselt. Sei’s. Die Weltgeschichte ist auch das Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan George gesungen.

Aus dem Kreise Georges sind als Dichter vom Rang Hugo von Hofmannsthal (geb. 1874 in Wien) und Rainer Maria Rilke (geb. in Prag 1875) hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist, im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der Welt nicht verachtet.

Die »ersten Hergereiften«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. Alfred Mompert (geboren 1872 in Karlsruhe) und Theodor Däubler (geboren 1876 in Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mompert schrieb metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos »Nordlicht«, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes und des Reimes. Richard Dehmel (aus dem Spreewald, 1863 –1920) hält sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied in ihr, deren Anfang Walter von Vogelweide, deren vorläufiges Ende Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich suchen – und sich finden.

Christian Morgenstern (aus München, 1871 bis 1915) schuf in seinen »Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter Kasernenhöfe der sagenhafte E.P.V. (auch Exerzierplatz genannt). Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und v. Korfs fundamentale Melancholie – immerhin – noch gibt. Schade, daß ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand,

deren Energien
ihm den Text zusammenziehn
Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst ein Fragezeichen!

Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind Wilhelm Buschs, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern’s Nachfahren.

Die deutsche Frauendichtung

Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechthild v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder aufzuleben mit der Westfälin Annette v. Droste-Hülshoff (1793 bis 1848), die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind. Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen.

Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt’ auf ein Grab…

Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die Judenbuche«. Marie v. Ebner-Eschenbach (aus Mähren, 1830 bis 1916) besitzt ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist. Ricarda Huch (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. Enrica von Handel-Mazetti (geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in Else Lasker-Schüler (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt? Emmy Hennings gab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiografie des weiblichen Vaganten. Eleonore Kalkowska ließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.

Das neue Drama: Wedekind

Man hat Franz Wedekind (1864 bis 1918) einen Bruder und Genossen der Lenz, Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhasst und widerwärtig. Vor einer schönen Landschaft erfasste ihn ein Brechreiz. Und er wurde erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in Umarmung drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß eine Erotomane, dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern konnten. Er war ein genialer Spießer – mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist, Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers…) fühlt er sich auch seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden, um sich dann an ihrem Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben, bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im »Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im »Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann) -. Dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust, Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige Gerechtigkeit. – Wilhelm Schmidtbonn (geboren 1876) behandelte im »Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der erste Akt gehört zu den besten Akten der deutschen Literatur. Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. Carl Sternheim zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber ohne Herz aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. Herbert Eulenberg (geboren 1876 in München) bemalt seine dramatischen Helden und Heldinnen blassrosa und blassblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine romantische Kulissenwelt. Eduard Stucken (geboren 1865 in Moskau) beschwört noch einmal Mottsalvatsch und die Gralsritter in klingenden mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen Götter« erheischt Respekt. Georg Kaiser (geboren 1878 in Magdeburg) pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt. Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, mit Ewigkeitsansprüchen.

Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in »Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form, Konjunkturkommunistik zu entschleiern.

Da ist mir R. John Gorslebens (aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer »Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich. Hanns Johsts ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift. Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die sich da abspielen. Walter Hasenclever (geboren 1890) im »Sohn« und René Schickele (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch« gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr! Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, Unruhs »Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik umkehrt, – den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen (Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) – , sich aber nach der anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.

Paul Kornfelds »Verführung« gehört zu den typisch monologischen Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige andere: Hanns Jobst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«, Klabund »Die Nachtwandler«). Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen Fridericus-Drama auch Joachim v.d. Goltz.
Die neue Prosa

Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb Friedrich Huch mit seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der schlechte, materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat.

Duckama Knoop malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. Hermann Löns jagte den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des Schwaben Emil Strauß (geb. 1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergesslich. Der Halkyonier O.E. Hartleben (1864- 1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen ironischen Impressionen.

Eine Abart des Impressionismus ist der Psychologismus, wie ihn Thomas Mann (aus Lübeck, geboren 1875) in seinen ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders Heinrich Mann (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die Armen«, »Der Untertan«. – »Die kleine Stadt«, ein italienischer Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichen Gewalt. Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.

Gustav Meyrink (geboren 1868 in Wien) schüttet ein Wunderhorn ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes und neuestes Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der mit einem leeren Hirn aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und »Muh« und »Bäh« sagt. Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem« nennenswert.

Peter Altenberg (1859 bis 1918 aus Wien) gewinnt seine amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl aus. Hermann Bahr (geboren 1863 in Linz) hat vom Naturalismus bis zum Expressionismus und Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte absolviert und ist überall mit der Note 2-3 versetzt worden.

Artur Schnitzler (geboren 1862), Dramatiker und Romancier, schrieb zwei vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas Heimkehr«.

Des Kurländer Grafen E. Keyserling (1858 bis 1918) Erzählungen beglücken schmerzlich wie im Frühherbst die bunten fallenden Blätter.

Über Hermann Hesses (geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten Periode könnte als Motto der Vers des Volksliedes stehen, mit dem er selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. Seine rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit vierzig Jahren überwand und übertraf er sich selbst in den farbigen und feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und Wagner«.

Wilhelm Schäfer (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen »Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche deutsche und italienische Meister. Sie gehören zu den besten Leistungen der deutschen Prosa der Gegenwart, die in Jakob Wassermanns (geboren 1873 in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar Hauser« einen ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendiger Gestalten, eine ganz große und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben.

Die Prosa der jüngsten Generation, mit Kasimir Edschmid (geboren 1890) und Alfred Döblin beginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, gekünstelt, voll wilder aromatischer, zuweilen peinlicher Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. Alfred Döblin beschwört den Schatten Wallensteins und in den »Drei Sprüngen des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der Landschaft eines erträumten China. Der schlesische Russe Arnold Ulitz türmt den »Ararat«. Klabund (geboren 1891 in Crossen a.O.) versuchte im »Moreau« den Roman eines Soldaten, im »Mohammed« den Roman eines Propheten, im »Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu gestalten. Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik.

Leonard Franks (geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« ist in Dichtung umgesetzte Freudsche Psychologie. Andreas Latzkos (geboren 1876 in Budapest) Bücher (»Menschen im Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch ist gut« haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, an welcher aber kritische Geister wie Karl Kraus (geboren 1874 in Gitschin) und Franz Pfemfert (geboren 1877 in Lötzen) seit Jahren schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und »Aktion«.

Jene sind zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog ihren Sohn Parzival in der Waldeinsamkeit, damit er von Welt- und Kriegsgetümmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heißt’s kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das sollen nur Synonyme sein. Epitheta ornatia des einen. Du mußt den Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu Fackel tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.

Die neue Lyrik

Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sind Otto zur Linde (geboren 1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon stellt die These von der ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber praktisch im Assoziativen stecken. Walter Calé (aus Berlin, 1881 bis 1904) starb allzu früh. Max Dauthendey (aus Würzburg 1867 bis 1918) sang inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein heißes Blut trieb ihn in die Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. Des Wilhelm von Scholz (aus Berlin, geboren 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in dunklen Teichen, vom Walde überwuchert. Alfred Kerr (geb. 1867 in Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht. Der dämonische Naturbursche Georg Heym (aus Hirschberg, 1887 bis 1912) machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte dazu die Hemdsärmel auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und zwischen den Straßen Berlins, und alles dies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk war ihm wie ein Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjährig im Müggelsee. Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener Lyriker«.

Als Georg Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frühling getauten Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, schreiend vor Lust ans Licht: Franz Werfel (geboren in Prag 1890). Er verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, jedem Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein religiöses Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein: des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar demütig und bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt er, nun hält er wie Christopherus die Erdkugel.

Erst sah er die Welt – und siehe, sie war schön –, da wurde er der Weltfreund. Dann sah er sich, und siehe, er war häßlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, das sie alle drei umfasst: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« halten. Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lösen. Er wird zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt und gespült ins Meer der Vollkommenheit und der Vollendung.

Erst wenn ein Mensch zerging
In jedem Tier und Ding
Zu lieben er anfing

Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzählige junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form angetönt (er ist reinste Musik, Oboe, Flöte: sie sind meist nur die Schellenträger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der Form wenden sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners Walt Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wellen des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado, dies ist kein Buch – wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses Motto sahen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre Dramen, Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allem Menschen sein. Und Menschen sein. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die Formen so zerrissen, zerhackt, im Wind flatternd. Oft opferten sie das Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis geworden. Sie dichten nicht mehr – sondern der Stil dichtet für sie.

Einen elegischen Nebensproß Werfels trieb Österreich in Georg Trakl aus Salzburg (1887 bis 1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen Verzichtes, des violetten Untergangs, dem Hölderlin unserer Zeit. Alle Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tönen leise im Rohr die dunklen Flügel des Herbstes. In Gottfried Benns (aus Mohrin, geboren 1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-, kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen Novellen.

Johannes R. Becher (geboren 1890) ruft in seinen Gedichten »An Europa« zur »Verbrüderung«. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen Büchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein vollendetes Gedicht. Der Wille zur These überschreitet den Willen zur Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue Kunstform.

Albert Ehrenstein (geboren in Wien 1886) schleudert seine Flüche gegen die »rote Zeit«. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form mit Haßgesängen. Sein Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll ironischer Melancholie.

Die Arbeiterdichter Barthel (geboren 1884) und Bröger machen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, der Jakob Kneip in seinen Legenden am nächsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dämmern empor.

Ganz in der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der Ostpreuße Albrecht Schaeffer (geboren 1885) – auf dessen Romanwerk »Helianth« auch hingewiesen sei – und der Schwabe Bruno Frank (geboren 1887 in Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter junger Hand hält. Friedrich Schnack steht mit flammendem Edelstahlsäbel als lyrischer Wächter am Eingang zum kommenden Reich.

Epilog

Der junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionär, Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionär und in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus der Ekstase in die Verzweiflung und umgekehrt. Er liebte allzu vage die Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig: aber aus der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er will alles – und erreicht nichts. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu schematisieren – ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja sagt. Er schlägt der herrschenden Klasse, wie der Zeichner George Grosz, in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch kein anderes Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehr, die Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von Marie ermordet und Ruths Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds »Verführung«) ist er nicht ein Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube nicht an die dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd verändert? Ein Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker Laotse sagte einmal: »Das Zarteste überwindet das Härteste«. Wir wollen, symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines Tages unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren Angriff, sondern die elastische Verteidigung.

Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel hinaus –, um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen Gemeinschaftsgefühl.

Ausklang: Glück ist das Ziel

Die Sehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden Generationen wild auf. Wir wollen erlöst werden – von der Lüge. Denn alle Erlösung ist nur ein plötzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgonenhaupt in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und mit Steinen behängt. Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen zeigen: ein Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen – aber hinten im offenen Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter. Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach – und unterlag.

Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser gram- und grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, könnte vorübergehend einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als sei es über alle Maßen edel und tapfer und weise und natürlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu leiden. Gerechtigkeit!

Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: blühen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein? Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schräg durch den schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straßen. Wilde Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und an florentinischer Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der Menschheit. Macht die Menschen glücklich, und ihr werdet sie besser machen. Öffnet ihnen die Augen über den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die Stunde, die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip. Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch die Inbrunst eurer Herzen.

Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen
Laßt euch von Waffenrausch nicht übertönen.
O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrt
Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!
Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,
Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,
Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,
Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,
Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,
Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,
Du Platen, im unsterblichsten Sonette,
Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,
Und du, o ewige Früh- und Abendröte:
Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: Goethe!

(Klabund)

Hanns Heinz Ewers Ω Die Spinne Ω Eine schaurig lüsterne Erzählung

Hanns Heinz Ewers Ω Die Spinne

Als der Student der Medizin Richard Bracquemont sich entschloß, das Zimmer Nr. 7 des kleinen Hotel Stevens, Rue Alfred Stevens 6, zu beziehen, hatten sich in diesem Raume an drei aufeinanderfolgenden Freitagen drei Personen am Fensterkreuze erhängt.

Der erste war ein Schweizer Handlungsreisender. Man fand seine Leiche erst Samstag abend; der Arzt stellte fest, daß der Tod zwischen fünf und sechs Uhr Freitag nachmittags eingetreten sein müsse. Die Leiche hing an einem starken Haken, der in das Fensterkreuz eingeschlagen war und zum Aufhängen von Kleidungsstücken diente. Das Fenster war geschlossen, der Tote hatte als Strick die Gardinenschnur benutzt. Da das Fenster sehr niedrig war, lagen die Beine fast bis zu den Knien auf dem Boden; der Selbstmörder mußte also eine starke Energie in der Ausführung seiner Absicht betätigt haben. Es wurde weiter festgestellt, daß er verheiratet und Vater von vier Kindern war, sich in durchaus gesicherter und auskömmlicher Lebensstellung befand und von heiterem, fast stets vergnügtem Charakter war. Irgend etwas Schriftliches, das auf den Selbstmord Bezug hatte, fand man nicht vor, ebensowenig ein Testament; auch hatte er keinem seiner Bekannten gegenüber jemals eine dahingehende Aeußerung getan.

Nicht viel anders lag der zweite Fall. Der Artist Karl Krause, als Fahrradverwandlungskünstler in dem ganz nahe gelegenen Cirque Médrano engagiert, bezog das Zimmer Nr. 7 zwei Tage später. Als et am nächsten Freitag nicht zur Vorstellung erschien, schickte der Direktor den Theaterdiener in das Hotel; dieser fand den Künstler in dem nicht verschlossenen Zimmer am Fensterkreuz erhängt vor, und zwar unter den durchaus gleichen Umständen. Dieser Selbstmord schien nicht weniger rätselhaft; der beliebte Artist bezog recht hohe Gagen und pflegte, ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann, sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Auch hier nichts Schriftliches, keinerlei verfängliche Aeußerungen. Die einzige Hinterbliebene war eine alte Mutter, der ihr Sohn pünktlich an jedem Ersten 200 Mark für ihren Lebensunterhalt zu schicken pflegte.

Für Frau Dubonnet, die Besitzerin des billigen kleinen Hotels, dessen Kundschaft sich fast nur aus den Mitgliedern der nahegelegenen Montmartrevarietés zusammenzusetzen pflegte, war dieser zweite seltsame Todesfall in demselben Zimmer von sehr unangenehmen Folgen. Schon waren einige ihrer Gäste ausgezogen, andere regelmäßige Klienten nicht wiedergekommen. Sie wandte sich an den ihr persönlich befreundeten Kommissar des IX. Bezirkes, der ihr zusagte, alles für sie zu tun, was in seinen Kräften liege. So betrieb er denn nicht nur die Nachforschungen nach irgendwelchen Gründen für die Selbstmorde der beiden Hotelgäste mit besonderem Eifer, er stellte ihr auch einen Beamten zur Verfügung, der das geheimnisvolle Zimmer bezog.

Es war dies der Schutzmann Charles-Maria Chaumié, der sich freiwillig hierzu erboten hatte. Ein alter »Marsouin«, Marineinfanterist mit elfjähriger Dienstzeit, hatte dieser Sergeant in Tonkin und Annam so manche Nacht einsam auf Posten gelegen, so manchen unangemeldeten Besuch katzenschleichender gelber Flußpiraten mit einem erfrischenden Schuß aus der Lebelbüchse begrüßt, daß er wohl geeignet erschien, den »Gespenstern«, von denen sich die Rue Alfred Stevens erzählte, zu begegnen. Er bezog also bereits am Sonntag abend das Zimmer und legte sich befriedigt schlafen, nachdem er den Speisen und Getränken der würdigen Frau Dubonnet reichlich zugesprochen hatte.

Jeden Morgen und Abend machte Chaumié dem Polizeirevier einen kurzen Besuch, um Bericht zu erstatten. Diese beschränkten sich in den ersten Tagen darauf, daß er erklärte, auch nicht das allergeringste bemerkt zu haben. Dagegen sagte er am Mittwoch abend, er glaube eine Spur gefunden zu haben. Gedrängt, mehr zu sagen, bat er, einstweilen schweigen zu dürfen; er habe keine Ahnung, ob das, was er glaube entdeckt zu haben, wirklich mit dem Tode der beiden Leute in irgendeinem Zusammenhang stehe. Und er fürchte sehr, sich zu blamieren und dann ausgelacht zu werden. Am Donnerstag war sein Austreten ein wenig unsicherer, auch ernster; doch hatte er wieder nichts zu berichten. Am Freitag morgen war er ziemlich aufgeregt; er meinte, halb lachend, halb ernst, daß dieses Fenster jedenfalls eine seltsame Anziehungskraft habe. Jedoch blieb er dabei, daß das mit dem Selbstmorde in gar keiner Beziehung stehe und daß man ihn nur auslachen würde, wenn er mehr sage. An dem Abend dieses Tages kam er nicht mehr ins Polizeirevier: man fand ihn an dem Haken des Fensterkreuzes aufgehängt.

Auch hier waren die Indizien bis auf die kleinste Einzelheit dieselben wie in den anderen Fällen: die Beine baumelten auf den Fußboden, als Strick war die Gardinenschnur benutzt. Das Fenster war zu, die Türe nicht verschlossen; der Tod war in der sechsten Nachmittagsstunde eingetreten. Der Mund des Toten war weit offen und die Zunge hing heraus.

Dieser dritte Tod im Zimmer Nr. 7 hatte zur Folge, daß noch am selben Tage sämtliche Gäste aus dem Hotel Stevens auszogen, mit Ausnahme eines deutschen Gymnasialprofessors auf Nr. 16, der aber die Gelegenheit benutzte, den Mietpreis um ein Drittel zu kürzen. Es war ein geringer Trost für Frau Dubonnet, als am anderen Tage Mary Garden, der Star der Opéra-Comique, in ihrem Rénault vorfuhr und ihr die rote Gardinenschnur um zweihundert Franken abhandelte. Einmal weil das Glück brachte und dann – weil es in die Zeitungen kam.

Wenn diese Geschickte im Sommer passiert wäre, so im Juli oder August, so würde grau Dubonnet wohl das Dreifache für ihre Schnur erzielt haben; die Blätter hätten dann gewiß wochenlang ihre Spalten mit diesem Stoff gefüllt. So aber, mitten in der Saison, Wahlen, Marokko, Persien, Bankkrach in New-York, nicht weniger wie drei politische Affären – wirklich man wußte kaum, wo man den Platz hernehmen sollte. Die Folge war, daß die Affäre der Rue Alfred Stevens eigentlich weniger besprochen wurde, als sie es wohl verdiente, und weiter, daß die Berichte, knapp und kurz, meist sachlich den Polizeibericht wiedergaben und sich von Uebertreibungen ziemlich frei hielten.

Diese Berichte waren das einzige, was der Student der Medizin Richard Bracquemont von der Angelegenheit wußte. Eine weitere kleine Tatsache kannte er nicht; sie schien so unwesentlich, daß weder der Kommissar noch irgendein anderer der Augenzeugen sie den Reportern gegenüber erwähnt hatten. Erst später, nach dem Abenteuer des Mediziners, erinnerte man sich wieder daran. Als nämlich die Polizisten die Leiche des Sergeanten Charles-Maria Chaumié von dem Fensterkreuze abnahmen, kroch aus dem offenen Munde des Toten eine große schwarze Spinne heraus. Der Hausknecht knipste sie mit dem Finger fort, dabei rief er: »Pfui Teufel, wieder so ein Biest!« – Im Verlaufe der weiteren Untersuchung – der, die auf Bracquemont Bezug hatte – sagte er dann aus, daß er, als man die Leiche des Schweizer Handlungsreisenden abgenommen habe, auf seiner Schulter eine ganz ähnliche Spinne habe laufen sehen. – – Aber hiervon wußte Richard Bracquemont nichts.

Er bezog das Zimmer erst zwei Wochen nach dem letzten Selbstmorde, an einem Sonntage. Was er dort erlebte, hat er täglich gewissenhaft in einem Tagebuche vermerkt.

Das Tagebuch des Richard Bracquemoit, Studenten der Medizin.

Montag, den 28. Februar.

Ich bin gestern abend hier eingezogen. Ich habe meine zwei Körbe ausgepackt und mich ein wenig eingerichtet, dann bin ich zu Bett gegangen. Ich habe ausgezeichnet geschlafen; es schlug gerade neun Uhr, als mich ein Klopfen an der Türe weckte. Es war die Wirtin, die mir selbst das Frühstück brachte, sie ist wohl sehr besorgt um mich, das merkt man aus den Eiern, dem Schinken und dem ausgezeichneten Kaffee, den sie mir brachte. Ich habe mich gewaschen und angezogen, dann zugeschaut, wie der Hausknecht das Zimmer machte. Dabei habe ich meine Pfeife geraucht.

So, nun bin ich also hier. Ich weiß recht gut, daß die Sache gefährlich ist, aber ich weiß auch, daß ich gemacht bin, wenn es mir gelingt, ihr auf den Grund zu kommen. Und wenn Paris einst eine Messe wert war, – so billig gewinnt man es heute nicht mehr – so kann ich wohl mein bißchen Leben dafür aufs Spiel setzen. Hier ist eine Chance – nun gut, ich will sie versuchen.

Uebrigens waren andere auch so schlau, das herauszufinden. Nicht weniger wie siebenundzwanzig Leute haben sich bemüht, teils auf der Polizei, teils direkt bei der Wirtin, das Zimmer zu bekommen; es waren drei Damen darunter. Es war also genug Konkurrenz da; wahrscheinlich alles ebenso arme Teufel wie ich selbst.

Aber ich habe »die Stelle bekommen«. Warum? Ah, ich war wahrscheinlich der einzige, der der weisen Polizei mit einer – »Idee« aufwarten konnte. Eine nette Idee! Natürlich war es ein Bluff.

Diese Rapporte sind auch für die Polizei bestimmt. Und da macht es mir Spaß, den Herren gleich im Anfang zu sagen, daß ich ihnen hübsch was vorgemacht habe. Wenn der Kommissar vernünftig ist, wird er sagen: »Hm, gerade deshalb scheint der Bracquemont geeignet!« – Uebrigens ist es mit ganz gleichgültig, was er später sagt: jetzt sitze ich ja hier. Und mir scheint es ein gutes Omen, daß ich meine Tätigkeit damit begonnen habe, die Herren so gründlich zu bluffen.

Ich war auch zuerst bei Frau Dubonnet, die schickte mich zum Polizeirevier. Eine ganze Woche lang habe ich jeden Tag da herumgelungert, immer wurde mein Anerbieten »in Erwägung gezogen« und immer hieß es, ich solle morgen wiederkommen. Die meisten meiner Konkurrenten hatten die Flinte längst ins Korn geworfen, hatten auch wohl etwas Besseres zu tun, als in der muffigen Wachtstube stundenlang zu warten; der Kommissar war schon ganz ärgerlich über meine Hartnäckigkeit. Endlich sagte er mir kategorisch, daß mein Wiederkommen keinen Zweck habe. Er sei mir wie auch den anderen dankbar für meinen guten Willen, aber man habe absolut keine Verwendung für »dilettantische Laienkräfte«. Wenn ich nicht irgendeinen ausgearbeiteten Operationsplan habe –

Da sagte ich ihm, ich hätte einen solchen Operationsplan. Ich hatte natürlich gar nichts und hätte ihm kein Wörtchen erzählen können. Aber ich sagte ihm, daß ich ihm meinen Plan, der gut sei, aber recht gefährlich, und wohl auch denselben Schluß finden könne wie die Tätigkeit des Schutzmannes, nur dann mitteilen wolle, wenn er sich ehrenwörtlich bereit erkläre, ihn selbst auszuführen. Dafür bedankte er sich, er meinte, daß er durchaus keine Zeit für so etwas habe. Aber ich sah, daß ich Oberwasser bekam, als er mich fragte, ob ich ihm nicht wenigstens eine Andeutung geben wolle – –

Und das tat ich. Ich erzählte ihm einen blühenden Unsinn, von dem ich selbst eine Sekunde vorher noch gar keine Ahnung hatte; ich weiß gar nicht, woher mir plötzlich dieser seltsame Gedanke kam. Ich sagte ihm, daß unter allen Stunden der Woche es eine gäbe, die einen geheimnisvollen seltsamen Einfluß habe. Das sei die Stunde, in der Christus aus seinem Grabe verschwunden sei, um niederzufahren zur Hölle: die sechste Abendstunde des letzten Tages der jüdischen Woche. Und er möge sich erinnern, daß es diese Stunde gewesen sei, Freitag zwischen fünf und sechs Uhr, in der alle drei Selbstmorde begangen worden seien. Mehr könne ich ihm jetzt nicht sagen, verweise ihn aber auf die Offenbarung St. Johannis.

Der Kommissar machte ein Gesicht, als ob er davon etwas verstehe, bedankte sich und bestellte mich für den Abend wieder. Ich trat pünktlich in sein Bureau; vor ihm auf dem Tische sah ich das Neue Testament liegen. Ich hatte in der Zwischenzeit dieselben Studien gemacht wie er; ich hatte die Offenbarung durchgelesen und – nicht eine Silbe davon verstanden. Vielleicht war der Kommissar intelligenter wie ich, jedenfalls sagte er mir sehr verbindlich, daß er trotz meiner nur sehr vagen Andeutungen glaube, meinen Gedankengang zu verstehen. Und daß er bereit sei, auf meine Wünsche einzugehen und sie in jeder Weise zu fördern.

Ich muß anerkennen, daß er mir in der Tat sehr behilflich gewesen ist. Er hat das Arrangement mit der Wirtin getroffen, demzufolge ich während der Dauer meines Aufenthaltes im Hotel alles frei habe. Er hat mir einen ausgezeichneten Revolver gegeben und eine Polizeipfeife; die diensttuenden Schutzleute haben Befehl, möglichst oft durch die kleine Rue Alfred Stevens zu geben und auf ein kleinstes Zeichen von mir hinaufzukommen. Die Hauptsache ist aber, daß er mir in dem Zimmer ein Tischtelephon hat anbringen lassen, durch das ich mit dem Polizeirevier in direkter Verbindung stehe. Da dieses kaum vier Minuten entfernt ist, kann ich also jederzeit schnellste Hilfe haben. Bei alledem verstehe ich nicht recht, vor was ich Angst haben sollte.

***

Dienstag, 1. März.

Vorgefallen ist nichts, weder gestern noch heute. Frau Dubonnet hat eine neue Gardinenschnur gebracht aus einem anderen Zimmer – sie hat ja genug leer stehen. Sie benutzt überhaupt jede Gelegenheit, um zu mir zu kommen; jedesmal bringt sie etwas mit. Ich habe mir noch einmal in allen Einzelheiten die Vorkommnisse erzählen lassen, aber nichts Neues erfahren. Bezüglich der Todesursachen hat sie ihre eigene Meinung. Was den Artisten angehe, so glaube sie, daß es sich um eine unglückliche Liebschaft handele; als er im letzten Jahre bei ihr gewesen, sei häufig eine junge Dame zu ihm gekommen, die sich aber diesmal nicht habe blicken lassen. Was dem Schweizer Herrn seinen Entschluß eingegeben habe, wisse sie freilich nicht – – man könne ja aber auch nicht alles wissen. Aber der Sergeant habe ganz gewiß den Selbstmord nur begangen, um sie zu ärgern.

Ich muß sagen, daß diese Erklärungen der Frau Dubonnet etwas dürftig sind. Aber ich habe sie ruhig schwatzen lassen; immerhin unterbricht sie meine Langeweile.

Donnerstag, 2. März.

Noch immer gar nichts. Der Kommissar klingelt ein paarmal am Tage an, ich sage ihm dann, daß es mir ausgezeichnet gehe; offenbar befriedigt ihn diese Auskunft nicht ganz. Ich habe meine medizinischen Bücher herausgenommen und studiere; so hat meine freiwillige Haft doch einen Zweck auf alle Fälle.

Freitag, 4. März, 2 Uhr nachmittags.

Ich habe ausgezeichnet zu Mittag gespeist; dazu hat mir die Wirtin eine halbe Flasche Champagner gebracht; es war eine richtige Henkermahlzeit. Sie betrachtet mich als schon dreiviertel tot. Ehe sie ging, hat sie mich weinend gebeten mitzukommen; sie fürchtete wohl, daß ich mich auch noch aufhängen würde, »um sie zu ärgern«.

Ich habe mir eingehend die neue Gardinenschnur betrachtet. Daran also soll ich mich gleich aufhängen! Hm, ich verspüre wenig Lust dazu. Dabei ist die Schnur rauh und hart und zieht sich sehr schlecht in der Schlinge, man muß schon einen recht guten Willen haben, um das Beispiel der anderen nachzuahmen. Jetzt sitze ich an meinem Tisch, links steht das Telephon, rechts liegt der Revolver. Furcht habe ich gar nicht, aber neugierig bin ich.

6 Uhr abends.

Nichts ist passiert, beinahe hätte ich geschrieben – leider! Die verhängnisvolle Stunde kam und ging – und sie war wie alle anderen. Freilich kann ich nicht leugnen, daß ich manchmal einen gewissen Drangs verspürte, zum Fenster zu gehen – o ja, aber aus anderen Gründen! Der Kommissar klingelte zwischen 5 und 6 wenigstens zehnmal an, er war ebenso ungeduldig wie ich selbst. Aber Frau Dubonnet ist vergnügt: eine Woche hat jemand auf Nr. 7 gewohnt, ohne sich aufzuhängen. Fabelhaft!

Montag, 7. März.

Ich bin nun überzeugt, daß ich nichts entdecken werde und neige der Ansicht zu, daß es sich bei den Selbstmorden meiner Vorgänger nur um einen seltsamen Zufall gehandelt hat. Ich habe den Kommissar gebeten, nochmals in allen drei Fällen eingehende Nachforschungen veranlassen zu wollen, ich bin Überzeugt, daß man schließlich doch die Gründe finden wird. – Was mich anbetrifft, so werde ich so lange wie möglich hier bleiben. Paris werde ich freilich hier nicht erobern, aber ich lebe umsonst hier und mäste mich ordentlich an. Dazu studiere ich tüchtig, ich merke ordentlich, wie ich in Schuß komme. Und endlich habe ich noch einen Grund, der mich hier hält.

Mittwoch, 9. März.

Also ich bin einen Schritt weiter gekommen. Clarimonde –
Ach so, ich habe von Clarimonde noch nichts erzählt. Also sie ist – mein »dritter Grund«, hier zu bleiben, und sie ist es auch, wegen der ich in jener »verhängnisvollen« Stunde gerne zum Fenster gegangen wäre – aber gewiß nicht, um mich aufzuhängen. Clarimonde – warum nenne ich sie nur so? Ich habe keine Ahnung, wie sie heißt, aber es ist mir, als müsse ich sie Clarimonde nennen. Und ich mochte wetten, daß sie sich wirklich so nennt, wenn ich sie einmal nach ihrem Namen frage.

Ich habe Clarimonde gleich in den ersten Tagen bemerkt. Sie wohnt auf der anderen Seite der sehr schmalen Straße und ihr Fenster liegt dem meinen gerade gegenüber. Da sitzt sie hinter den Vorhängen. Uebrigens muß ich feststellen, daß sie mich früher beobachtete, wie ich sie, und sichtlich ein Interesse für mich bewies. Kein Wunder, die ganze Straße weiß ja, daß ich hier wohne und weshalb, dafür hat Frau Dubonnet schon gesorgt«

Ich bin wirklich keine sehr verliebte Natur und meine Beziehungen zur Frau sind immer sehr kärglich gewesen. Wenn man aus Verdun nach Paris kommt, um Medizin zu studieren, und dabei kaum so viel Geld hat, um sich alle drei Tage einmal satt zu essen, dann hat man an etwas anderes zu denken, als an die Liebe. Ich habe also nicht viel Erfahrungen und vielleicht habe ich diese Sache ziemlich dumm angefangen. Immerhin, mir gefällt sie, so wie sie ist.

Im Anfang ist mir gar nicht der Gedanke gekommen, mein Gegenüber in irgendwelche Beziehungen zu mir zu bringen. Ich habe mir nur gedacht, da ich nun doch einmal hier sei, um zu beobachten, und sonst mit dem besten Willen nichts zu erforschen habe, so könne ich geradesogut mein Gegenüber beobachten. Den ganzen Tag lang kann man ja doch nicht über den Büchern sitzen. So habe also festgestellt, daß Clarimonde die kleine Etage augenscheinlich allein bewohnt. Sie hat drei Fenster, aber sie sitzt nur an dem Fenster, das dem meinen gegenüber liegt; sie sitzt da und spinnt, an einem kleinen altmodischen Rocken. Ich habe so einen Spinnrocken einmal bei meiner Großmutter gesehen; aber die hatte ihn auch nie gebraucht, ihn nur geerbt von irgendeiner Urtante: ich wußte gar nicht, daß man heute noch damit arbeitet. Uebrigens ist der Spinnrocken von Clarimonde ein ganz kleines, feines Ding, weiß und scheinbar aus Elfenbein; es müssen ungeheuer zarte Fäden sein, die sie macht. Sie sitzt den ganzen Tag hinter den Vorhängen und arbeitet unaufhörlich, erst wenn es dunkel wird, hört sie auf. Freilich wird es sehr früh dunkel in diesen Nebeltagen in der engen Straße, um fünf Uhr schon haben wir die schönste Dämmerung. Licht habe ich nie gesehen in ihrem Zimmer.

Wie sie aussieht – Ja, das weiß ich nicht recht. Sie trägt die schwarzen Haare in Wellenlocken und ist ziemlich bleich. Die Nase ist schmal und klein und die Flügel bewegen sich. Auch ihre Lippen sind bleich, und es scheint mir, als ob die kleinen Zähne zugespitzt wären wie bei Raubtieren. Die Lider schatten tief, aber wenn sie sie aufschlägt, leuchten ihre großen, dunklen Augen. Doch fühle ich das alles viel mehr, als ich es wirklich weiß. Es ist schwer, etwas genau zu erkennen hinter den Vorhängen.

Noch etwas: sie trägt stets ein schwarzes geschlossenes Kleid; große lila Tupfen sind darauf. Und immer hat sie lange schwarze Handschuhe an, wohl um die Hände nicht bei der Arbeit zu verderben. Es sieht seltsam aus, wie die schmalen schwarzen Finger, schnell, scheinbar durcheinander, die Fäden nehmen und ziehen – wirklich, beinahe wie ein Gekrabbele von Insektenbeinen.

Unsere Beziehungen zueinander! Nun, eigentlich sind sie recht oberflächlich, und doch kommt es mir vor, als wenn sie viel tiefer wären. Es fing wohl so an, daß sie zu meinem Fenster hinübersah – und ich zu dem ihren. Sie beobachtete mich – und ich sie. Und dann muß ich ihr wohl ganz gut gefallen haben, denn eines Tages, als ich sie wieder so anschaute, lächelte sie, ich natürlich auch. Das ging so ein paar Tage lang, immer öfter und öfter lächelten wir uns zu. Dann habe ich mir fast stündlich vorgenommen, sie zu grüßen; ich weiß nicht recht, was mich immer wieder davon abhielt.

Endlich habe ich es doch getan, heute nachmittag. Und Clarimonde hat wieder gegrüßt. Nur ganz leise freilich, aber ich habe es wohl gesehen, wie sie genickt hat.

Donnerstag, 10, März.

Gestern bin ich lange aufgesessen über den Büchern. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich viel studiert habe: ich habe Luftschlösser gebaut und von Clarimonde geträumt. Ich habe unruhig geschlafen, bis tief in den Morgen hinein.

Als ich ans Fenster trat, saß Clarimonde da. Ich grüßte und sie nickte wieder. Sie lächelte und sah mich lange an.

Ich wollte arbeiten, aber ich fand die Ruhe nicht. Ich setzte mich ans Fenster und starrte sie an. Da sah ich, wie auch sie die Hände in den Schoß legte. Ich zog an der Schnur die weiße Gardine zurück und – im selben Augenblicke fast – tat sie das gleiche. Wir lächelten beide und sahen uns an.

Ich glaube, wir haben wohl eine Stunde so gesessen.

Dann spann sie wieder.

Samstag, 12. März.

Diese Tage gehen so hin. Ich esse und trinke, ich setze mich an den Arbeitstisch. Ich brenne dann meine Pfeife an und beuge mich über ein Buch. Aber ich lese keine Silbe. Ich versuche immer wieder, aber ich weiß zuvor, daß es gar nichts fruchten wird. Dann gehe ich ans Fenster. Ich grüße, Clarimonde dankt. Wir lächeln und starren uns an, stundenlang. –

Gestern nachmittag um die sechste Stunde war ich ein wenig unruhig. Die Dämmerung brach sehr früh herein und ich fühlte eine gewisse Angst. Ich saß an meinem Schreibtisch und wartete. Ich fühlte einen fast unbezwingbaren Drang zum Fenster – nicht um mich aufzuhängen freilich, sondern um Clarimonde anzusehen. Ich sprang auf und stellte mich hinter die Gardine. Nie, scheint es mir, habe ich sie so deutlich gesehen, trotzdem es schon recht dunkel war. Sie spann, aber ihre Augen schauten zu mir herüber. Ich fühlte ein seltsames Wohlbehagen und eine ganz leise Angst.

Das Telephon klingelte. Ich war wütend auf den albernen Kommissar, der mich mit seinen dummen Fragen aus meinen Träumen riß.

Heute morgen besuchte er mich, zusammen mit Frau Dubonnet. Sie ist zufrieden genug mit meiner Tätigkeit, es genügt ihr vollständig, daß ich nun schon zwei Wochen lang lebe im Zimmer Nr. 7. Der Kommissar aber will außerdem noch Resultate. Ich habe geheimnisvolle Andeutungen gemacht, daß ich einer höchst seltsamen Sache auf der Spur sei; der Esel hat mir alles geglaubt. Auf jeden Fall kann ich noch wochenlang hier bleiben – und das ist mein einziger Wunsch. Nicht wegen Frau Dubonnets Küche und Keller – Herrgott, wie rasch wird einem das gleichgültig, wenn man immer satt ist! – nur wegen ihres Fensters, das sie haßt und fürchtet, und das ich so liebe, dieses Fenster, das mir Clarimonde zeigt.

Wenn ich die Lampe angesteckt habe, sehe ich sie nicht mehr. Ich habe mir die Augen ausgeguckt, um zu sehen, ob sie ausgeht, aber ich habe sie nie einen Schritt auf die Straße setzen sehen. Ich habe einen großen bequemen Lehnstuhl und einen grünen Schirm über der Lampe, dessen Schein mich warm einhüllt. Der Kommissar hat mir ein großes Paket Tabak gebracht, ich habe nie so guten geraucht – – und trotzdem kann ich nicht arbeiten. Ich lese zwei, drei Seiten und wenn ich zu Ende bin, weiß ich, daß ich nicht ein Wort verstanden habe. Nur das Auge nimmt die Buchstaben auf, mein Hirn lehnt aber jeden Begriff ab. Komisch! Als ob es ein Schild trage: Eingang verboten. Als ob es keinen anderen Gedanken mehr zulasse als den einen: Clarimonde –

Endlich schiebe ich die Bücher weg, lehne mich tief zurück in meinen Sessel und träume.

Sonntag, 13. März.

Heute morgen habe ich ein kleines Schauspiel gesehen. Ich ging im Korridor auf und ab, während der Hausknecht mein Zimmer in Ordnung brachte. Vor dem kleinen Hoffenster hängt ein Spinnweb, eine dicke Kreuzspinne sitzt darin. Frau Dubonnet läßt sie nicht wegfangen: Spinnen bringen Glück, und sie hatte gerade genug Unglück in ihrem Hause. Da sah ich, wie eine andere, viel kleinere Spinne vorsichtig um das Netz herumlief, ein Männchen. Behutsam ging es ein wenig auf dem schwanken Faden der Mitte zu, aber sowie das Weibchen sich nur rührte, zog es sich schleunigst zurück. Lief an ein anderes Ende und versuchte von neuem sich zu nähern. Endlich schien das starke Weibchen in der Mitte seinen Werbungen Gehör zu schenken, es rührte sich nicht mehr. Das Männchen zupfte erst leise, dann stärker an einem Faden, so daß das ganze Netz zitterte; aber seine Angebetete blieb ruhig. Da kam es schnell, aber unendlich vorsichtig näher heran. Das Weibchen empfing es still und ließ sich ruhig, ganz hingebend, seine zärtliche Umarmung gefallen; unbeweglich hingen sie beide minutenlang mitten in dem großen Netz.

Dann sah ich, wie das Männchen langsam sich löste, ein Bein ums andere; es war, als wolle es sich still zurückziehen und die Gefährtin allein lassen in dem Liebestraum. Plötzlich ließ es ganz los und lief, so schnell es nur konnte, hinaus aus dem Netz. Aber in demselben Augenblicke kam ein wildes Leben in das Weibchen, rasch jagte es nach. Das schwache Männchen ließ sich an einem Faden herab, gleich machte die Geliebte das Kunststück nach. Beide fielen auf das Fensterbrett, mit dem Aufgebot all seiner Kräfte suchte das Männchen zu entkommen. Zu spät, schon faßte es mit starkem Griff die Gefährtin und trug es wieder hinauf in das Netz, gerade in die Mitte. Und dieser selbe Platz, der eben als Bett gedient hatte für wollüstige Begierde, sah nun ein ander Bild. Vergeblich zappelte der Liebhaber, streckte immer wieder die schwachen Beinchen aus, suchte sich zu entwinden aus dieser wilden Umarmung: die Geliebte gab ihn nicht mehr frei. In wenigen Minuten spann sie ihn ein, daß er kein Glied mehr rühren konnte. Dann schlug sie die scharfen Zangen in seinen Leib und sog in vollen Zügen das junge Blut des Geliebten. Ich sah noch, wie sie endlich das jämmerliche, unkenntliche Klümpchen – Beinchen, Haut und Fäden – loslöste und verächtlich hinauswarf aus dem Netz.

So also ist die Liebe bei diesen Tieren – nun, ich bin froh, daß ich kein Spinnenjüngling bin.

Montag, 14. März.

Ich werfe keinen Blick mehr in meine Bücher. Nur am Fenster verbringe ich meine Tage. Und wenn es dunkel ist, bleibe ich auch sitzen. Sie ist nicht mehr da, aber ich schließe die Augen und sehe sie doch –

Hm, dies Tagebuch ist wirklich ganz anders geworden, als ich es mir vorstellte. Es erzählt von Frau Dubonnet und dem Kommissar, von Spinnen und von Clarimonde. Aber nicht eine Silbe über die Entdeckungen. die ich machen wollte. – Kann ich dafür!

Dienstag, 15. März.

Wir haben ein seltsames Spiel gefunden, Clarimonde und ich, wir spielen es den ganzen Tag lang. Ich grüße sie, sogleich grüßt sie zurück. Dann trommle ich mit der Hand gegen die Scheiben, sie sieht es kaum und schon beginnt sie auch zu trommeln. Ich winke ihr zu, sie winkt wieder; ich bewege die Lippen, als ob ich zu ihr spreche und sie tut dasselbe. Dann streiche ich vo