Kategorie: Novelle

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Amalie Skram • Knud Tandberg • Eine Novelle

„Knud Tandberg“ ist eine bezaubernde und aufrichtige Novelle über die Beziehung zweier Eheleute, die sich fremd geworden sind und nach einem Weg suchen, ihr Glück wiederzufinden. 

Amalie Skram (1846-1905) – norwegisch-dänische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – beschäftigte sich in ihren Werken mit der traditionellen Sicht auf die Rolle der Frau, Generationenkonflikten und sozialen Missständen.

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Amalie Skram
Knud Tandberg

Amalie_Skram_SignaturKnud Tandberg lag auf dem Sofa im Musikzimmer. Er streckte seine Glieder, so daß es krachte, ballte die Hände und machte gymnastische Bewegungen mit den Armen, wobei er vor sich hinsummte: »Tralala, fertig für heute; tralala, hinaus, um sie zu sehen!« Bei den letzten Worten, die er mehrmals wiederholte, dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern, zwinkerte mit den Augen und bewegte die Lippen so, wie man mit einem Taubstummen zu sprechen pflegt.
Das Zimmer war geräumig, aber reich möbliert, es hatte ein breites Fenster, das nach der Christian-August-Straße hinausging. Bücher und Musikalien lagen rings umher auf den Möbeln. Ein Notenständer von messingbeschlagenem Ebenholz mit einem aufgeschlagenen Notenheft stand in der Nähe des Fensters. Auf der Chaiselongue lag eine Violine, und auf dem Fußboden, gegen einen Stuhl gelehnt, standen mehrere Bogen. An den Wänden hingen Brustbilder von Grieg und Kjerulf und einigen deutschen Komponisten. Eine mächtige Porträtbüste in Elfenbeinmasse von Richard Wagner auf einer schwarzen Säule füllte die Ecke hinter dem Flügel aus. Der Schreibtisch war mit einem bunten Durcheinander von wunderlichen Kleinigkeiten bedeckt. Im ersten Augenblick konnte man sich nicht so recht klarmachen, was es eigentlich alles war, sah man aber genauer hin, so unterschied man Damenfächer, Pfauenfedern, japanische Pappsachen, kleine, geschliffene Flakons mit Überresten von verschiedenen Essenzen, bunte Bandenden und seidene Schleifen mit vergoldeten Kokarden, die auf Samtkissen befestigt waren, chinesische Dosen und eine Unmenge kleinerer Schnurrpfeifereien. Und inmitten dieses Chaos standen dann urplötzlich ganz vernünftige Dinge, wie Büsten von Björnson und Sverdrup, ein paar antike Kandelaber und ein hübsches Schreibzeug aus Bronze, mit einer Minervafigur verziert.
Tandberg richtete sich halb auf und schob einen Lehnstuhl fort, der dicht neben seinem Kopf stand, dann zog er einen mit drapfarbenem Peluche und golddurchwirkten Fransen montierten Rauchtisch an dessen Platz, nahm eine Zigarre aus einem auf der unteren Platte stehenden Kasten, zündete sie an, rückte sich den Aschbecher bequem zur Hand, lehnte sich in die Polster zurück und begann zu rauchen, gemächlich und qualmend.
Er sah mit einem träumerischen, halb schalkhaften Blick gerade vor sich hin. Die äußeren Augenwinkel waren dicht zusammengekniffen, und um den kleinen, runden Mund mit der stark nach oben geschweiften Oberlippe lag ein Lächeln, das dem eines Seligberauschten glich.
Er lag da und dachte an Margrete von Falsen und an das Verhältnis, das sich zwischen ihnen entwickelt hatte.
»Tod und Teufel!« rief er plötzlich aus und ließ seine geballte Hand auf die überpolsterte Rücklehne des Sofas fallen.
Zuweilen konnte es ihn überkommen wie eine schwindelnde Angst, wenn er darüber nachdachte, wie wahnsinnig das Ganze im Grunde war. Er, ein verheirateter Mann, und sie, das junge, sorgfältig erzogene Mädchen mit ihrer altadligen, vornehmen Familie und dem strengen, kleinen Staatsrat von Vater!
Aber auf der anderen Seite – welch ein Mädchen! Es war ja nicht zum Aushalten – so wie sie ihn im Sturm genommen hatte – diesmal war er wirklich schuldlos – wenigstens beinahe. – Schön war sie eigentlich nicht, mit der kleinen, lustigen, rundlichen Nase und den schiefliegenden blaugrauen Augen, die übrigens glänzen und strahlen und sich festbohren konnten, so daß es einem durch alle Nerven ging. Und dann besaß sie die bezaubernde Frische der ersten Jugend in ihrer gelbbleichen, schimmernden Haut, in der geschmeidigen Festigkeit ihrer Figur, in ihrem dichten, schwarzglänzenden Haar, in ihren roten, feingezeichneten, ein wenig schmalen Lippen, in den schönen, strahlenden Zähnen, in ihrer weichen, verführerischen Stimme, in ihren tadellosen Händen und Füßen, in ihrem heißen, unbändigen Blut – ja, in jeder Pore ihres herrlichen Körpers.
Er hatte sie zum erstenmal vor ein paar Monaten getroffen, als die Künstler im Saal des Studentenvereins lebende Bilder zum Besten der Hinterbliebenen eines verstorbenen Malers veranstalteten.
Mit genauer Not und nur durch verschiedene Intrigen von seiten ihrer Freunde und Freundinnen war es gelungen, dem Staatsrat die Einwilligung zu ihrer Mitwirkung abzuringen. Tandberg war im Komitee gewesen, er hatte die Kostüme arrangiert und die Damen geschminkt, und bei der Gelegenheit hatte er mit ihr gescherzt und ihr den Hof gemacht, wie das seine Art war, ohne daß er sich weiter etwas dabei dachte.
Alle, die ihn kannten, nahmen es nicht für Ernst. Es kursierten so viele Geschichten, wie er an einem Abend so völlig von einer Dame hingerissen sein konnte, daß er außer ihr nichts sah und hörte und beim Abschied erklärte, das Leben habe keinen Wert für ihn, wenn er sie nicht bald wiedersehen könne – und wie er sie dann bei der nächsten Begegnung oft kaum wiedererkannte. Man erzählte sich sogar, er habe zu verschiedenen Malen ein Stelldichein verabredet und sei dann ausgeblieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er es vergessen hatte.
Aber noch immer gab es junge Damen, die sich in ihn verliebten und ihm das auf verschiedene Weise zeigten; anfänglich amüsierte es ihn, gar bald aber fing es an, ihn zu ermüden und zu langweilen.
Dann pflegte er zu seiner Frau zu kommen und zu sagen: »Der kleine, dumme Backfisch hat sich in mich verliebt; hilf mir, befreie mich von ihr, Liebste!« Oder: »Die alte, verrückte Person hat sich etwas in den Kopf gesetzt; wenn wir nun mit ihr zusammentreffen, mußt du mir beistehen.«
Birgit, seine Gattin, schüttelte dann wohl den Kopf und erwiderte: »Du solltest doch endlich einmal aufhören mit der Courmacherei, Knud. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.«
Und jetzt war Birgits scherzende Prophezeiung in Erfüllung gegangen.
Daß ihm das wirklich passieren mußte! Du großer Gott, wer hatte das gedacht! Obgleich – ja – im Grunde hatte sie ihn vom ersten Augenblick an interessiert.
Die Art und Weise, wie sie seinen Worten gelauscht hatte, und der Blick, mit dem sie ihn ansehen konnte, wenn er sagte, ihr Organ wirke wie »Lieder ohne Worte« – oder, ihr Lachen sei ganz »Wagnerisch«, – so weitoffen, fragend mit einem flüchtigen Schimmer von Angst oder Jubel, der dann plötzlich erlosch, während die Farbe aus ihrem ausdrucksvollen Gesicht schnell wechselte.
Und so wie ihre Augen ihn suchten und fanden, wie weit von ihr entfernt er auch stehen mochte, diese Augen, die flehten und forschten und ihn magnetisch an sich zogen! Wenn er aus der Entfernung unvermutet ihrem Blick begegnete, hatte er die lebhafte Empfindung, als rufe sie ihn.
Und wenn er sie zum Tanz aufgefordert hatte – diese zitternde, elastische Bewegung, mit der sie ihren Arm in den seinen legte! Niemals hatte er eine so strahlende Freude in den Mienen eines Menschen gesehen, und nicht Freude allein – es lag etwas in ihrem Ausdruck, als könne sie plötzlich anfangen zu weinen.
Und dann damals, als er ins Ankleidezimmer kam und sagte, daß der Vorhang für das nächste Tableau in drei Minuten aufgehen würde, und alle auf die Bühne hinausstürzten und sie allein stehen blieb und mit zitternden Fingern an ihrer Tirolerjacke zupfte! Dann hatte er etwas gesagt, daß ihr Haar nicht ganz richtig aufgesteckt sei, und sie hatte ihm den Kopf zugewendet und ihn mit einem Blick angesehen, daß es ihm eiskalt den Rücken hinablief. Er war so wunderbar bewegt, fast verlegen geworden, und um ganz unbefangen zu erscheinen, war er an sie herangetreten und hatte etwas an ihrer Frisur geändert, eine lange Flechte gelöst, so daß sie ihr über den Rücken hinabgefallen war. Dann war er ein wenig zurückgetreten, um sie zu betrachten und hatte zu ihr gesagt: »Sehen Sie in den Spiegel und sagen Sie mir, wie Sie es finden.« Sie aber hatte den Kopf geschüttelt, hatte schwach gelächelt und erwidert: »Es wird wohl gut sein, da Sie es getan haben.« Dann hatte sie sich ihm zögernden Schrittes und mit gesenktem Blick genähert, seine Hand ergriffen und sie an ihre Wange gepreßt; im selben Augenblick aber hatte die Glocke geschellt und pfeilschnell war sie durch die Tür gehuscht, ohne sich umzusehen.
An jenem Abend aber hatte er sich dabei ertappt, daß er, nachdem er nach Hause gekommen war, an sie dachte.
Und dann am Abend der Vorstellung. Was da geschehen war, hatte den Ausschlag gegeben. Zum Schluß hatte man bis spät in die Nacht hinein getanzt. Mehrmals hatte sie zu ihm gesagt, jetzt müsse sie nach Hause, der Wagen habe schon so lange gewartet, er aber hatte sie überredet, noch zu bleiben. Endlich war sie jedoch in die Garderobe gegangen, um sich anzukleiden. Er hatte ihr nicht sogleich folgen können, weil ihn im selben Augenblick einige Damen anredeten, wenige Minuten später aber stand er in der Tür und sah sie auf dem Sofa sitzen, die Hände auf den Knien, das Haupt tief über die Brust gesenkt. Sie machte keine Bewegung, als er sich näherte; es war, als höre sie nicht, daß er kam. Er setzte sich neben sie und sagte in traurigem Ton: »So hat es also heute abend ein Ende?« Sie erwiderte nichts. »Ich will Sie begleiten,« fuhr er nach einer Weile fort, »Sie sollen nicht allein fahren.« – »Meine Jungfer ist da,« antwortete sie tonlos, »sie sitzt im Wagen und wartet auf mich.« – »Ach,« seufzte er, »das ist ja ärgerlich,« – Sie saß noch immer unbeweglich da, mit gesenktem Haupt wie eine geknickte Blume.
»Wollen Sie mir nicht ordentlich Lebewohl sagen?« begann er dann. Sie vergrub ihre Finger krampfhaft in den Falten ihres seidenen Kleides, rührte sich im übrigen aber nicht.
»Es waren schöne Tage,« fuhr er fort, indem er tief aufatmete, – »das Schlimmste ist nur, daß ich Sie so entsetzlich entbehren werde.«
Sie richtete sich hastig auf. »Ist das wahr?« Ihre Stimme klang so wunderlich; sie bebte vor Lachen und Weinen. »Ist das wahr? Ah! Sagen Sie, ob es wahr ist«, wiederholte sie, ihn mit einem Blick ansehend, als hinge Tod und Leben von der Antwort ab.
»Leider ist es nur allzuwahr«, erwiderte er murrend. »Es ist verteufelt dumm, sich so zu verlieben«, fügte er ärgerlich hinzu.
Sie starrte ihn mit großen Augen und leichenblassem Gesicht an. Dann griff sie sich nach dem Herzen und atmete tief auf, gleichsam schluchzend, worauf sie sich erhob, schwankenden Schrittes nach dem Garderobehalter ging und tastend zwischen den Mänteln suchte.
Er erhob sich ebenfalls. »Wollen Sie mir nicht ordentlich Lebewohl sagen?« fragte er. Sie wandte sich mit einer plötzlichen Bewegung um und stand einige Sekunden unschlüssig, kämpfend da. Dann breitete sie schnell die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und warf sich ihm an den Hals, indem sie in ein heftiges Weinen ausbrach. Er preßte sie an sich und küßte sie weich und lautlos auf Hals und Nacken. Dann gab er sie frei, sie nahm ihren Mantel, und er half ihr ihn anziehen: sie drückte ihm die Hand und sah ihn mit dem Blick einer Nachtwandlerin an. Er flüsterte: »Treffen Sie mich morgen abend um sieben Uhr bei Skarpsno.« Sie nickte, er führte sie an den Wagen und wußte selber nicht, wie er die Treppe wieder hinaufgekommen war, und wo er sich eigentlich befand, bis seine Frau an ihn herantrat und sagte: »Was hast du nur, Knud? Du siehst ja aus. als seiest du in einem verzauberten Berg gewesen und könntest dich noch gar nicht recht besinnen, daß du jetzt deine Freiheit wiedererlangt hast.«
Und er hatte so herzlich über ihre Worte gelacht und hatte ihr den Arm gereicht und mit ihr getanzt, und sie hatte nicht geahnt, daß er lachte, weil er glücklich war, ganz außer sich vor Glück und so ausgelassen, voll mutwilliger Freude darüber, daß sie, ohne es zu wissen, eine so treffende Bezeichnung für seinen Zustand gefunden hatte.
Denn genau so, wie seine Frau sagte, verhielt sich die Sache. Alle diese Jahre, die er gelebt hatte, ohne verliebt zu sein, war er in einem verzauberten Berge gefangen gewesen. Es war, als habe er eingeschlossen zwischen Unholden und Erdgeistern gesessen, bis er selber fast zum Geist geworden war. In der Verliebtheit, in der rücksichtslosen, sinnlosen Verliebtheit allein war Leben, ein Leben in Freiheit und im Sonnenlicht, mit einem weiten Himmel über sich und einem endlosen Raum um sich, ein Leben mit pochender Freude in jedem Pulsschlag, mit unerschöpflichen Kräften zu arbeiten, sich zu entwickeln, zu geben und zu genießen.
So war er einstmals in seine Frau verliebt gewesen, aber das war lange her. Die peinliche Leere, die über ihn gekommen war, als er gefühlt hatte, daß es vorbei war! Und wie er sich abgemüht hatte, um den alten Zustand wieder zu erzwingen! Denn er wußte nur zu gut, daß, wenn er Birgit nicht mehr liebte, auch nichts Gemeinsames mehr zwischen ihnen war. Dem einzigen, was Bedeutung für ihn hatte, der Musik, stand sie ganz kalt und verständnislos gegenüber. Nie war ihm ein so unmusikalischer Mensch begegnet. Und dann hatte sie eine fast verletzende Art, darüber zu reden, als wolle sie allen, die möglicherweise diesen Mangel bei ihr berühren konnten, ein für allemal den Mund schließen.
Er war melancholisch und mißmutig geworden, war oft ungereimt, mürrisch und lebensüberdrüssig gewesen, Pessimist mit lichten Momenten, wie Birgit ihn nannte.
In dieser Periode hatte er ein spanisches Lied in Musik gesetzt, das er während des Winters, den er vor seiner Verheiratung im Auslande zugebracht, in Madrid erlernt hatte:
»Porgué volveis à la memo ia mia
Tristes reduerdos del placer perdido?
Porgué la anciedad y agonia
De esta desierta corayon heriodo?«

Was kehrt ihr denn zu mir zurück.
Traurige Erinn’rungen an ein verloren Glück?
Was soll die Angst in dem verlass’nen, wunden Herzen
Was soll’n der Kampf, die bittern Todesschmerzen?

Und dann war er auf einmal vergnügungssüchtig geworden, hatte alle Lust Zur Arbeit verloren. Er hatte während der letzten vier Jahre nicht das geringste komponiert, ausgenommen einige kleine Lieder, die keinen weiteren Wert hatten. Er war nicht dazu imstande, es war ihm ganz unmöglich. Er war vollständig zu einer Maschine geworden, die den Zuschuß an Einnahmen einbrachte, der notwendig war, wenn die Zinsen des Vermögens ausreichen sollten.
Und dann ging er umher und machte den Damen die Cour – Pfui! Er konnte dem Ganzen die Zunge ausstrecken! – Wie er sich anstellte und gebärdete, um einer pikanten Stunde, um eines flüchtigen Zeitvertreibes willen mit diesen übrigens oft ganz unbeschreiblich süßen, amüsanten, kleinen Vögeln, die gleichsam auf der Wippe saßen; man brauchte nur mit dem Finger daran zu rühren, so hüpften sie schon herab und ließen sich fangen.
Und diese dreißigjährigen Frauen, die ein übermäßiges Entgegenkommen bewiesen, wenn man sie nur ansah und die ganz voll waren von Vertrauensdrang und Lüsternheit, etwas von dem zu erleben, was sie in den französischen Romanen lasen.
Er mußte bei dem Gedanken lachen. Was hatte er doch alles erlebt! Es war doch immer etwas dabei, was sich des Mitnehmens verlohnte.
Jetzt aber –
Eine Woge von Glückseligkeit durchströmte ihn, wenn er an den Unterschied dachte. Die Genien des Glückes, der Freude, der Liebe hatten alle ihr Füllhorn über ihn ausgeschüttet. Auf der ganzen Welt gab es keinen Sterblichen, der ein so großes Glück sein eigen nannte wie er.
Großer Gott! Wie vernichtend süß es doch war!
Zum Beispiel das erste Stelldichein da draußen bei Skarpsno: Wie ängstlich hatte sie sich an ihn geschmiegt, ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können. Er hatte versucht, sie zu beruhigen, und hatte sie gefragt, ob sie den Schritt bereue, auf den sie sich eingelassen hatte. Da aber hatte sie energisch den Kopf geschüttelt und erwidert, sie habe sich nur geängstigt, daß er möglicherweise ausbleiben könne. Und wie sie ihn unter den Bäumen geküßt und ihm versichert hatte, daß sie, selbst wenn ihre Eltern und ihre Geschwister und die ganze Stadt mit den Fingern auf sie zeigen würden, ihn dennoch lieben und ihm angehören wolle für alle Zeit und Ewigkeit! Und alles, was sie ihm erzählt von den Kämpfen, die sie durchgemacht, ehe sie sich klar darüber geworden, daß das, was so urplötzlich über sie gekommen war, die Liebe sei. Dann aber habe sie zu sich selber gesagt: Wenn er dich nur ein einzigesmal in seine Arme schließen, dich an sein Herz pressen und dich küssen will, so willst du mit deinem Leben dafür büßen. – Und – er mußte lachen – wie sie ihn bei der Schulter gepackt, ihn geschüttelt und gerufen hatte: »Glaubst du das nicht? Glaubst du das nicht? Ah! Du sollst es sehen.« Ja, da war kein Anfang und kein Ende, kein Ziel und keine Grenzen – Margrete war zu entzückend!
Und als er sie so geschickt bei seiner Mutter und seinen Geschwistern und natürlich auch bei sich selber eingeführt hatte – ihre bezaubernde Keckheit, ihr Talent, sich in die Situationen hineinzufinden und sie zu beherrschen, und zwar so, daß er aus tausenderlei Kleinigkeiten doch immer herausfühlte, daß ein unsichtbarer Feuerstrom von ihr zu ihm herüberging!
Es war eine herrliche Zeit gewesen, diese verflossenen Monate. Und das beste war, daß er mit jedem Tag, der verging, immer verliebter wurde. Es war doch das beste auf der Welt, so völlig von einem weiblichen Wesen erfüllt zu sein. Zu welch einem Jubel gestaltete sich das Leben, wenn es eine solche Liebe enthielt!
Wenn er nur frei gewesen wäre, so daß er nicht nötig gehabt hätte, eine andere um ihretwillen zu hintergehen! Das war so peinlich und unschön. Er litt unter dem Gedanken an den Verrat, den er gegen seine Gattin übte. Und dann war Margrete auch viel zu gut, um dem verdächtigen Klatsch ausgesetzt zu werden, den ein geheimes Liebesverhältnis, und noch obendrein mit einem verheirateten Manne, im Gefolge haben mußte. Wie viele Demütigungen und Unannehmlichkeiten hatte sie nicht schon erdulden müssen! All dies Gerede und diese Gerüchte, die über sie im Umlauf waren, und die bis an das Ohr der Eltern gedrungen waren! Bis dahin hatte sie sich herauszureden gewußt, hatte sie es verstanden, den Verdacht ihrer nächsten Angehörigen zu beschwichtigen; aber das hatte Mühe gekostet. Dies Gewebe von Lügen und Vorwänden, in das sie sich hatte einspinnen müssen, um die Stelldichein zu ermöglichen, und das bei der geringsten Gelegenheit, der leisesten Unvorsichtigkeit zerreißen mußte! Sie hatte den Diener bestechen müssen, der sie zu holen pflegte, wenn sie allein aus war.
Und wenn ihre Eltern nun durch irgendeinen Zufall das Verhältnis entdeckten? – Ihr Vater würde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit aus dem Hause jagen, und was sollte dann aus ihr werden? Sie bewegte sich fortwährend, wie sie sich selber zuweilen mit einer komisch bedenklichen Miene ausdrückte, auf einer unsicheren Planke, die über einem Abgrund lag und jeden Augenblick in die Tiefe hinabstürzen konnte. Aber das war ihr einerlei. Stürzte sie, so stürzte sie.
Ja, sie war wirklich ein Mädchen, das lieben konnte, so daß es eine Art hatte. Und er stand ihr nicht nach darin. Gott weiß, er konnte in Wahrheit sagen, daß seine Gefühle ebenso echt waren wie die ihren. Er glaubte ja – ach Unsinn! Er wußte es ja, daß – – nun, er war eigentlich zu alt, um eine Redensart wie »fürs ganze Leben« in den Mund zu nehmen, aber er tat es trotzdem. Das war ja das bezaubernd Herrliche bei der Sache, daß er wieder ganz jung geworden war, so ganz ausgelassen, wahnsinnig jung, daß er, der Himmel war sein Zeuge, gern eine neue Ehe eingegangen wäre, wenn es kein Hindernis gegeben hätte – er, der sooft behauptet hatte, die Ehe sei ein übertünchtes Grab, in dem selbst die innigste Liebe welken und verdorren müsse! Er hatte ja Beispiele genug, denn wenn es nur mit ihm allein der Fall gewesen wäre, so hätte er schweigen müssen, – er war nun einmal so ein unersättlicher Künstlerleib, der sich an der alltäglichen Kost nicht konnte genügen lassen – aber es ging ja überall so. Was wurde denn in den besten Fällen aus den Ehen? Ein mattes Gefühl für einander, ein gewohnheitsmäßiges Auswechseln von lauen Liebkosungen. Ja, ja, und dann natürlich die Rücksichten, welche die Kinder und die gemeinsamen ökonomischen Interessen erheischten! Und trotzdem, obwohl er dies alles wußte und keinen Augenblick daran zweifelte, daß es so war – was hätte er nicht dafür gegeben, wenn er sie zu seiner Gattin hätte machen können! Aber das war ja, wenn auch nicht völlig, so doch fast unmöglich. Sie auf dem Wege einer Scheidung erringen? Er fürchtete, daß er weder den Mut haben würde, anzufangen, noch die Energie, es durchzusetzen. Und dann die Auflösung des ganzen heimischen Nestes. Das war gerade kein verlockender Gedanke für ihn. Er hatte sich dort ja während all dieser Jahre so warm und gemütlich gefühlt; er hatte sich daran gewöhnt, sich sein Heim in dieser Gestalt vorzustellen.
Und dann alles das, was eine Scheidung unvermeidlich im Gefolge hat, der Skandal, der Pranger, das Spießrutenlaufen durch Klatsch und Verleumdungen, und der Schrecken und die Spaltung in der Familie, die ein solcher Schritt mit sich führen mußte, und alle die Beschwerden, bis die Sache endgültig geordnet war! Nein, er brachte es nicht fertig.
Und dann konnte er sich auch der Kinder und Birgittes wegen nicht dazu entschließen.
Aber es war eine verteufelte Feigheit. Wenn es nur nicht schließlich so kam, daß Margrete – ja, sie war ein Prachtmädel, diese Margrete, so kernig und urkräftig.
Wenn er an ihren Blick und ihre Miene dachte, als einmal darüber gesprochen wurde, wie unwürdig es von einer jungen Frau ihrer gemeinsamen Bekanntschaft sei, ihre Ehe fortzusetzen, obwohl sie sich nicht das Geringste aus ihrem Manne machte und sogar einen Liebhaber hatte, dann wurde ihm ganz ungemütlich zu Sinne; und wenn er sich die Stimme zurückrief mit der sie schließlich gesagt hatte: »Ja, ist es denn aber nicht ebenso unwürdig, wenn ein Mann das tut?« so empfand er das Bedürfnis, sich die Ohren zuzuhalten.
Und dann ein andermal, als sie wissen wollte, was für ein Verhältnis eigentlich zwischen ihm und Birgit bestehe. Ach, wie deutlich er die forschenden, furchtsamen Augen sah und die ein wenig zaghafte, flehentlich einschmeichelnde Stimme hörte, die so gar nicht ihrer gewöhnlichen glich, diese kurzen, nervösen Sätze, mit denen sie wohl zum zwanzigstenmal einen Anlauf genommen hatte: »Du, da ist etwas, was du mir sagen mußt, Knud«, – und wenn er dann geantwortet hatte: »Alles, was du willst, Geliebte«, dann hatte sie geschwiegen, mit seinen Fingern gespielt und seine Nägel betrachtet, und wenn er es dann aus ihr hatte heraus haben wollen, war sie zurückgewichen und hatte gesagt, es habe Zeit bis zu einem andernmal, bis er sie zuletzt fast hatte zwingen müssen, mit der Sprache herauszukommen.
Wie bitterlich hatte sie nicht an jenem Abend geweint, als die Antwort nicht ganz so ausgefallen war, wie sie erwartet hatte. Sie barg den Kopf an seiner Brust, schlang die Arme um seinen Hals, während ihre Brust stürmisch auf und nieder wogte. Weswegen behaupteten denn alle Menschen, daß er sich nicht das geringste aus seiner Frau mache, daß sie gar nicht miteinander lebten, und sie ihm gestatte, den Hof zu machen, wem er wolle. Ob er denn glaube, daß sie jemals dazu gekommen wäre, sich in ihn zu verlieben, wenn sie das nicht angenommen hätte? Wie konnte er ihr nur zutrauen, daß sie einen Mann lieben und sich von ihm lieben lassen könne, der eine Frau habe? – Ach, sie möchte sich totweinen! Aber logen die Gerüchte nicht, von denen sie lange, ehe sie ihn gekannt hatte und auch nachher noch gehört, und die ihn als schrecklichen Don Juan bezeichneten.
Und dann hatte sie seinen Kopf zwischen beide Hände genommen und ihn geschüttelt und gesagt, das solle, das dürfe nicht wahr sein, wobei ihr die Tränen unablässig die Wangen hinabgelaufen waren.
Es hatte Mühe gekostet, bis er sie an jenem Abend beruhigt und ihr Vernunft eingeredet hatte; schließlich aber war es ihm gelungen. Sie hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt und gesagt: »Knud«, mein Geliebter, es ist alles gut und schön.«
Und das war es ja auch, aber es hätte besser sein können, wenn – wenn – wenn – Ihm graute vor ihrer Zukunft. In rein bürgerlichem Sinne wäre sie tausendmal glücklicher gewesen, wenn sie ihn nie kennen gelernt hätte, denn was konnte nicht alles geschehen – du großer Gott, ihm wurde ganz heiß und kalt bei dem Gedanken. Aber sie entbehren – sie und das neue Leben, das sie ihm geschaffen, – nicht um eine Kaiserkrone – nicht um Ruhm und Künstlerehre, nicht um alles Gute oder Schlechte dieser Welt!
Ein Geräusch an der Tür, und eine zarte Kinderstimme, die ihn rief, störten ihn in seinen Betrachtungen.
»Bist du es, Ejnarmann? Nun komme ich und mach‘ dir auf.« Er erhob sich und ging durch das Zimmer, vorsichtig die Hände vor sich ausstreckend, um nichts umzustoßen in der unsicheren Mondbeleuchtung, die auf den Fußboden fiel und an den merkwürdigsten Stellen die verwirrendsten Schalten zeichnete.
»Hier ist ein Brief für dich, Papa!« sagte ein dreijähriger, blondgelockter, kleiner Bursche.
Der Kleine führte die Hand an die Stirn und ahmte den Gruß und die Bewegung eines Postboten nach.
Tandberg brach in ein herzliches Gelächter aus. Dann ergriff er den Knaben, hob ihm auf, hielt ihn von sich ab und schüttelte ihn, daß Arme und Beine zappelten.
»Ich will dich schon kriegen, du kleiner Schelm! Also du kannst Postbote sein, du! Wie war es doch noch? Zeig es mir noch einmal!« bat er und setzte ihn nieder.
Der Kleine wiederholte sein Kunststück gleich noch einmal mit einer so drolligen Armbewegung und einem so köstlichen Tonfall, daß Tandberg laut auflachte.
Dann öffnete er den Brief und las ihn beim Schein der Hängelampe, die im Eßzimmer brannte.
Er war von einer Schönheit, welche die erste Jugend bereits hinter sich hatte, einer Witwe, der er vor einigen Tagen in einer Gesellschaft infolge einer Verabredung mit Margrete den Hof gemacht hatte, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Jetzt schrieb sie, daß sie Lust habe, ihre frühere Fertigkeit im Klavierspiel ein wenig aufzufrischen, wenn er ihr die Ehre erweisen und ihr allwöchentlich eine Musikstunde geben wolle.
»Pfui Teufel!« murmelte er mit einer Grimasse.
»Obwohl, schließlich« – er flötete ein wenig – »es mag im Grunde ganz zweckmäßig sein.«
»Papa, Eja Bilder zeigen«, hatte das Kind mehrmals wiederholt, während Tandberg den Brief las, indem es ihn mit den kleinen, rundlichen Fingern am Rockschoß zerrte.
»Hab‘ keine Zeit, Ejnarmann«, sagte Tandberg in einem tief beklagenden Tone, dann kehrte er in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an.
Aber Ejnar folgte ihm und ließ nicht nach, zu betteln.
»Geh zur Mama, mein Junge!« erwiderte Tandberg und strich ihm liebkosend mit der einen Hand über den Lockenkopf, während er mit der andern den Schirm über die Lampe setzte.
»Mama scheibt Bief«, sagte das Kind, hoffnungslos den Kopf schüttelnd.
»Ja, dann mußt du ins Kinderzimmer, hier kannst du nicht bleiben.«
»Nein, nich in Kinderzimmer«, weinte er und stampfte mit den kleinen Füßen. »Estid is häßlich und Dadda schilt, wenn wir Brüderchen necken. Papa soll Eja Bilder zeigen.« Er ergriff die eine Hand des Vaters, küßte und streichelte sie, unablässig seine Bitte wiederholend.
»Nein, Junge, jetzt darfst du mich nicht länger quälen«, fügte Tandberg und zog die Hand so plötzlich zurück, daß der Kleine hintenüber fiel und sich mit einem Knall auf den Fußboden setzte.
Ein erschreckter Seufzer entrang sich seiner Brust, und er schaute den Vater mit einem so rührenden, vorwurfsvollen Blick an, während er sich nicht vom Fleck rührte und die Handflächen gegen den Fußboden stemmte, daß diesem ganz weich ums Herz wurde. »Auf mit dir, Junge!« rief er und hob ihn mit einem Schwunge auf seinen Nacken, so daß ihm die beiden Beine des Kleinen über die Brust herunterhingen.
»Braver Bursche, der Ejnar! Er schreit nicht, wenn er fällt. Hopp, hopp, Reiter! Fall nur nicht herunter!« Und er galoppierte im Zimmer auf und ab, während Ejnar mit den beiden Fäusten in sein Haar griff und lachte, daß es nur so in ihm gluckste.
»So«, sagte er dann, ihn vorsichtig auf einen Stuhl niedersetzend, während er kurzluftig nach dem Ritt keuchte. »Nun sollst du das Buch haben, dann kannst du dir selber die Bilder zeigen, während Papa schreibt, aber sobald Papa damit fertig ist, muß Ejnarmann gehen.«
Er holte einen eingebundenen Jahrgang der Illustrierten Zeitung und schlug mitten darin auf.
»Da sind Soldaten, und da ist der General, und da sind alle Truppen«, – Tandberg zeigte schnell mit dem Finger hier und dort auf das Bild – »und hier steht Ejnar und hilft dem armen, alten Mann, der vom Pferd gefallen ist, und da kommt Estrid mit einem Kuchen gelaufen, und da oben im Fenster steht Mama und winkt, und dann trägt Ejnar den Mann nach Hause und legt ihn ins Bett, und dann wird der arme, alte Mann wieder gesund, und dann kommt seine Mama und sein kleiner Junge und sagen: ›Hab Dank, du lieber, kleiner Ejnar!‹ So, nun setz dich hierher, nun kannst du selbst weiterblättern.«
Und das Gesicht dicht über das Buch gebeugt und mit emsig geschäftigen Fingern begann nun Ejnar ein langsames Selbstgespräch in singendem Ton, zwischen jedem Wort nach Luft schnappend: »Da sind die Soldaten, und da is der Deneral, und da sind die Tuppen« und so weiter, die Worte des Vaters einmal über das andere wiederholend. Indessen zündete Tandberg die Lichter auf dem Schreibtisch an und setzte sich hin, um den Brief der Witwe zu beantworten.
Plötzlich erklangen im Nebenzimmer hastige, trippelnde Schritte, die Tür wurde aufgerissen, und ein kleines Mädchen mit fliegendem Haar und Strümpfen, die ihr bis auf die Knöchel herabgeglitten waren, lief über die Schwelle.
»Darf ich nicht auch bei Papa sein, wenn Ejnar hier ist?« rief sie. »Nicht wahr, Papa, das darf ich doch?«
Behende und leicht wie ein Vogel war sie auf sein Knie gehüpft und hatte ihren einen Arm um seinen Nacken geschlungen, während sie mit der andern Hand die Strümpfe in die Höhe zog und am Beinchen kratzte.
»Na, na, na, nicht so gewaltsam, Estrid!« fügte Tandberg. »Sieh, was für einen Klecks du mir da aufs Papier gemacht hast. – Was tust du da, Herzchen? Pfui! Wer wird sich wohl so kratzen!«
»Es juckt so schrecklich, Papa!« rief sie mit ihrer unglaublich schnellen Stimme aus und kniff die Zähne und die Augen voller Wohlbehagen zusammen, während sie in ihrer Beschäftigung fortfuhr.
»Und so naß und unsauber, wie deine Schürze ist! Du machst mich ja ganz schmutzig, Kind! Hast du wieder im Wasser geplantscht?«
»Nur ein ganz klein wenig, Papa!« Sie legte den Kopf auf die Seite, zog ihn am Bart, um ihm in die Augen zu sehen, und lachte leise und einschmeichelnd.
»Du weißt, daß ich dich nur sehen will, wenn du rein und ordentlich bist«, sagte Tandberg, sie auf die Erde setzend. »Du siehst ja aus wie der ärgste Straßenjunge!«
»Ich wollte mich waschen, weil ich so schwarze Hände hatte«, erklärte sie. »Darf ich mich nicht waschen, wenn ich schmutzige Hände habe?« Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn verschmitzt an.
Er fuhr sich mit der Hand über den Mund, um ein Lächeln zu verbergen, und sagte, daß sie augenblicklich ins Kinderzimmer gehen solle.
»Estid unatig!« sagte jetzt Ejnar, einen Augenblick von seinen Bildern aufschauend. »Pfui, säm dich!«
»Hi, hi, hi!« greinte Estrid, indem sie ihm die Zunge ausstreckte und ihren Vater ins Haar zauste.
Da erhielt sie einen Schlag auf die Finger, und als sie merkte, daß es ernst war, wurde sie dunkelrot vor Scham und Kränkung: einen Augenblick stand sie ganz ratlos da. Plötzlich sprang sie auf Ejnar zu, entriß ihm die Illustrierte Zeitung, obgleich er schrie und sie mit beiden Händen festhielt, warf sie an die Erde und fuhr wie ein Pfeil zum Zimmer hinaus, alles in so blitzschneller Fahrt, daß Tandberg kaum Zeit hatte, sich zu erheben.
»Sie ist verrückt, die Estrid!« rief Tandderg aus, indem er Ejnar das Buch wieder hinlegte. Der Kleine hörte sofort auf zu schreien, schluchzte noch ein paarmal nach dem Weinen und fing wieder an, sich mit seinen Bildern zu beschäftigen.
Gleich darauf trat Frau Tandberg ins Zimmer.
»Was hast du Estrid getan, Knud? Sie heult und weint, als sei sie durchgepeitscht.«
»Frage lieber, was sie getan hat«, erwiderte Tandberg. »Es ist ganz entsetzlich, wie unartig das Kind wird. Und wie abscheulich sie mit Ejnar umgeht!« Und dann erzählte er ihr, was sich zugetragen hatte.
»Hm, ja, das sieht ihr ähnlich«, meinte Frau Tandberg. »Aber ein so nervöses, kleines Ding kann nicht so hart genommen werden wie andere Kinder, du bist zu unduldsam gegen sie, Knud.«
»Das bin ich, weiß Gott, nicht, Birgit«, erwiderte Tandberg mit müder Stimme.
»Ja, das bist du, Knud! Und soll ich dir sagen, weshalb sie dich stets reizt! Aus dem einfachen Grunde, weil ihr Temperament dem deinen, oder vielmehr dem aller Tandbergs, gleicht.«
»Nein, aber du erziehst sie ganz verkehrt, wenigstens meiner Ansicht nach«, sagte Tandberg gleichsam vor sich hin, während er mit dem Radiermesser den Tintenklecks von dem unvollendeten Brief zu entfernen suchte. »Darüber wollen wir uns aber nicht streiten, Birgit, denn es kommt doch nichts dabei heraus.«
»Ich würde dir gern ihre Erziehung überlassen, Knud, wahrhaftig, das wollte ich!«
Frau Tandberg ging im Zimmer auf und nieder, die Hände in die Seite gestemmt, die Brust stark vorgestreckt. Ihre Taille war so schlank, daß die langen, dünnen Finger sie fast umspannen konnten. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, dessen enganschließender Schnitt im Verein mit den cremefarbenen Spitzen an Hals und Händen ihre elegante Hebeerscheinung vorzüglich kleidete. Das Kleid war schick und modern, aber ein wenig blank getragen, und der untere Plissé war am Rande durchgestoßen. Der Rock war ziemlich kurz, und das konnte die schöne Dame sehr wohl vertragen, denn sie hatte feine Knöchel und hübsche Füße mit hohem Spann; auch waren ihre Schuhe und Strümpfe tadellos und fein.
»Ja, wenn ich ebensoviel Zeit hätte wie du«, entgegnete Tandberg gleichgültig, die Feder eintauchend und weiterschreibend.
»Du hast stets Zeit zu allem, wozu du Zeit haben willst, mein Freund«, bemerkte Birgit in gereiztem Ton.
»Nun, du kannst doch wohl nicht von mir verlangen, daß ich sie heil und rein halten soll«, fuhr Tandberg halb mürrisch, halb begütigend fort. »Denn das Schlimmste bei ihr ist eigentlich, daß sie immer aussieht wie ein Straßenkind.«
»Darüber kannst du dich ja mit deiner geliebten Rille verständigen«, sagte Birgit abwehrend. »Wenn du nicht so eifrig dagegen protestiert hättest, würde ich der alten Trödelliese längst ihren Laufpaß gegeben haben.«
»Ja, es ist mir nun einmal zuwider, stets neue Gesichter um mich zu sehen«, entschuldigte sich Tandberg. »Übrigens, wenn du dich nur ein wenig mehr um diese Sachen bekümmern wolltest, Birgit –«
»Ich sage gerade so wie du: ›Dazu habe ich keine Zeit!’« erwiderte sie, einige wiegende Tanzschritte machend, worauf sie in ihre frühere Stellung zurückfiel.
»Um dieser elenden Malerei willen? Nimm mir’s nicht übel, Birgit, aber das ist ja nichts als die allerschwächste Dilettantenarbeit!« Er wandte sich nach ihr um, die Feder in der Hand haltend und mit einer Miene, als gewähre es ihm einen wahren Hochgenuß, ihr das zu sagen.
»Nun ja«, erwiderte sie, »den Kopf in den Nacken werfend, so daß sich die dichten Stirnlocken bewegten. »Es ist auch ein Grund mehr, weil mir der Unterricht bei Jamborg Vergnügen macht, übrigens verdiene ich auch Geld damit, und ich kann nicht einsehen, weshalb ich das nicht mitnehmen soll.«
»Du verdienst Geld? Das ist das erste, was ich höre«, sagte er in spöttischem Tone.
»Du glaubst wohl, daß nur Klaviergeklimper und Violingekratze etwas einbringt?« entgegnete sie spitz. »Übrigens, selbst wenn ich nicht malte, würde ich trotzdem keine Zeit haben, mich meines Hauswesens anzunehmen.«
»Dazu würdest du keine Zeit haben?« fragte er trocken.
»Es geht mir in diesem Punkte genau so wie dir«, fuhr sie in immer herausfordernderem Tone fort. »Du lebst ausschließlich für deine Musikgeschichten und dein Amüsement. Daß du Frau und Kinder hast, das ahnst du kaum.«
»Ich glaubte, die Musik sei meine Arbeit«, bemerkte er in demselben ruhigen Tone.
»Ja, ebenso wie mein Malen.«
»Nein, Birgit, wie kannst du nur …« rief er lachend aus. »Dazwischen ist denn doch ein ganz verteufelter Unterschied.«
»Du weißt ja, daß ich niemals imstande gewesen bin, etwas Besonderes und Erhabenes in deiner Hantierung zu sehen«, erwiderte sie, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Und deswegen mußt du Nachsicht mit mir haben, wenn ich den Unterschied nicht einsehen kann.«
»Hab die Güte und schweig jetzt nur einen Moment still. Es ist mir nicht möglich, einen Schluß zu dieser Schmiererei fertigzubringen.«
Sie tat, wie er wünschte, marschierte aber im Zimmer auf und ab.
»Da is der Deneral, und da is Mama am Fenster, und da tommt Eja und trägt den alten, armen Mann«, ertönte es aus der Ecke, wo Ejnar saß, der unverdrossen damit beschäftigt war, den Text zu seinen Bildern herzusagen.
»So, endlich«, rief Tandberg aus, die Feder hinlegend. »Ach, schau einmal hierher, Birgit, schadet es wohl etwas mit dem Klecks da? Ich mag den Brief wirklich nicht noch einmal abschreiben.«
»Das kommt darauf an, an wen der Brief gerichtet ist«, antwortete Birgit, nähertretend.
»Liebe Frau Guve!« las Birgit. »Es wird mir eine Ehre sein, Ihnen den gewünschten Unterricht zu erteilen. Ich muß Ihnen doch gestehen, daß ich meine Bedenken gehabt habe; denn nach allem, was man sich erzählt, soll es ja mit Gefahren verknüpft sein, Ihren schönen Augen zu nahe zu kommen. Ich erhielt neulich abends eine Ahnung, was es heißt, zu tief in diese Augen zu sehen, aber wenn ich nun trotzdem mit Todesverachtung darauf losgehe – Nein, Knud!« unterbrach Birgit ihre Lektüre mit einem kurzen, trockenen Lachen, »ein Tintenklecks in einem Brief mit so viel schönen Redensarten! Das stört den ganzen Eindruck. Den mußt du natürlich abschreiben.«
»Ach was, ich tu’s nicht«, rief Tandberg aus, ebenfalls lachend. »Der ist gut genug für die Alte, so wie er ist.«
Und damit steckte er den Brief in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
»Pfui, Knud, daß du dich nicht schämst, in deinem Alter noch solche Abgeschmacktheiten in den Mund zu nehmen!« Sie stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken und sah ihn unwillig an. »Wann wirst du dir denn endlich einmal die Hörner abgelaufen haben?«
»Es ist ja nur Scherz«, sagte er in mürrischem Ton.
»Aber du kannst überzeugt sein, daß sie es für bare Münze nimmt.«
»Freilich, denn sonst wäre ja kein Spaß bei der Sache«, entgegnete er, schelmisch mit den Augen zwinkernd.
»Es ist deiner unwürdig, Knud«, rief sie aus, ihm energisch zunickend. »Du weißt, ich bin nicht eifersüchtig, dazu bin ich zu wenig in dich verliebt, aber ich finde, es ist so – – ja, offen gestanden, so widerwärtig, daß du Vergnügen daran findest, mit jeder Dame anzubinden, genau so wie eine leichte Dirne!« Sie drehte sich auf den Absätzen herum und fing wieder an, mit in die Seite gestemmten Händen im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Großer Gott, ein klein wenig Amüsement muß der Mensch doch haben. Das kann doch nicht schaden.«
»Dir kann es vielleicht nicht schaden, obwohl du meiner Ansicht nach genug Unannehmlichkeiten gehabt hast, – mit den Damen ist es aber eine andere Sache. Kannst du wissen, welchen Schaden sie davon haben? Ich denke dabei nicht an Frau Guve und ihresgleichen, – aber zum Beispiel ein junges Mädchen wie Margret von Falsen! Ich bin fest überzeugt, du änderst dich nicht, bevor du ein Unglück angerichtet hast.«
»Unsinn!« erwiderte er, indem er sich über den Brief beugte, um die Freimarke aufzukleben.
»Laß uns einmal den Fall setzen, daß sie sich allen Ernstes in dich verliebte – es wäre unrecht um so ein Kind, denn du könntest ihr ja nichts zum Ersatz bieten, womit ihr gedient wäre!«
»Ach, was«, sagte er und wühlte in der Schreibtischschublade, um sein Gesicht ihren Blicken zu entziehen. »Ja, ja, Knud! Du sollst nicht so leichtsinnig sein, mein Freund! Es kann dir gar nicht so schwer werden, es zu lassen, denn es ist nur eine schlechte Angewohnheit bei dir. Und,« fügte sie mit einer nachdrücklicheren Betonung hinzu, »ich würde überhaupt nicht davon reden, wenn es sich um eine wahre Liebe handelte, die du für irgendeine Bestimmte hegtest, aber diese widerwärtigen Liebeleien –«
»Und doch würdest du das wohl – hm«, er räusperte sich stark und fuhr dann mit seiner immer etwas belegten Stimme noch unklarer als sonst fort: »Doch würdest du das wohl, wenn es schließlich so weit wäre, noch weniger verzeihen können.«
»Mein Gott, ja, freuen würde ich mich nicht gerade darüber! Aber welchen Zweck würde es wohl haben, wenn ich mich wie eine Rasende gebärden wollte?« erwiderte sie, ganz eifrig werdend. »Sei du nur immer ehrlich gegen mich«, fügte sie ruhiger hinzu. »Ich hasse den Gedanken, betrogen zu werden.«
Tandberg sah nach der Uhr und erhob sich schnell.
»Das war eine tüchtige Dosis Schelte«, sagte er mit einer Miene, als amüsiere er sich darüber, dann ging er zur Tür.
»Willst du ausgehen?« fragte sie.
»Ja«, erwiderte er kurz.
»Du bist wohl zum Tee zurück! Du weißt, deine Mutter kommt heute abend.«
»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen«, lautete seine Antwort. »Aber wenn du nur zu Hause bist, hat es wohl keine Not.«
»Wohin gehst du denn?« fragte sie.
Er verzog den Mund ein klein wenig, als wenn ihn die Frage ärgere, und antwortete dann kurz: »Zur Konzertprobe.« Damit ging er zur Tür hinaus.
Birgit machte eine Bewegung, als wolle sie ihm folgen, dann gab sie den Plan aber auf und ging statt dessen zu Ejnar, den sie auf den Schoß nahm und mit dem sie zu plaudern begann.
Bald darauf kam Tandberg aus dem Schlafzimmer zurück, wo er Toilette gemacht hatte. Er trat an den Schreibtisch, nahm ein Flakon und goß einige Tropfen der darin enthaltenen Essenz auf seinen Rockaufschlag. Dann löschte er die Lichter, ließ Ejnar artig »Gute Nacht« sagen, nickte Birgit zu und ging.
Birgit nahm Ejnar auf den Arm und trug ihn in das Kinderzimmer, wo das Mädchen gerade im Begriff war, den Kleinsten zu baden, während Estrid vor der Badewanne auf den Knien lag und im Wasser plätscherte, um zu helfen.
»Willst du den Hexentanz tanzen, Mama?« rief Estrid, als sie ihre Mutter erblickte und sprang ihr entgegen, in die nassen Hände klatschend.
»Nein, heute abend nicht, Mama hat Kopfschmerzen«, erwiderte sie, indem sie Ejnar niedersetzte.
»Ach ja, Mama! Kannst du nicht? Nicht den ganzen Tanz, nur so ein ganz, ganz kleines bißchen.« Sie legte den Kopf auf die Seite und zeigte mit den Fingern, wie wenig es nur sein brauche, dabei machte sie ihre Stimme so einschmeichelnd wie möglich. »Ach, tu es doch, Mama, süße Mama, es ist so lange her.«
»Und Eja auch tanzen!« rief Ejnar und strahlte vor Freude bei dem Gedanken.
»Wir haben ja aber gar keine Hexe!« sagte Birgit in einem Ton, als bäte sie um Gnade.
»Ich kann ihn ja gut einwickeln und so lange still mit ihm sitzen«, schlug das Mädchen vor.
»Ja, ja!« riefen die Kinder, und Estrid lief zum Ofen, wo das Badetuch hing.
»Nein, laß das, Estrid«, wehrte Birgit. »Wir können lieber deine größte Puppe nehmen und ihr eine von den ganz kleinen auf den Schoß geben als Königskind; das geht sehr gut.«
»Ja, das geht sehr gut«, wiederholte Estrid mit Nachdruck.
»Wie dumm von Dadda, das Brüderchen nehmen zu wollen; er hätte sich ja dabei erkälten können! Nicht wahr, Mama?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte sie fort, um die Puppen zu holen, schleppte einen alten, wackeligen, hochlehnigen Polsterstuhl in eine Ecke, setzte eine als Dame ausstaffierte Puppe hinein und gab ihr ein Windelkind aus Porzellan in den Arm.
Inzwischen hatte sich der kleine Ejnar platt auf die Erde geworfen und wühlte unter einem Schrank. Estrid sprang zu ihm hin, schob ihn beiseite, entriß ihm ein Paar schwarze Holzpantoffeln, die er gerade erfaßt hatte, und lief damit zu Birgit. Ejnar aber stimmte ein klägliches Geheul an, strampelte, um wieder auf die Beine zu kommen, trippelte hinter Estrid her und schrie: »Eja sie Mama geben.«
»Bringe sie sofort wieder zurück,« befahl Birgit, »Ejnar soll sie mir geben.«
Estrid reichte ihm den einen und meinte, sie könnten jedes einen haben. Ejnar aber protestierte so heftig, daß sie ihm beide Pantoffeln überlassen mußte, sie tat es nur widerstrebend, puffte ihn in den Rücken und nannte ihn einen Eischejungen.
Birgit steckte die Füße in die Pantoffeln, hüllte den Kopf in ein buntseidenes Tuch und begann einen phantastischen Tanz aufzuführen mit wilden Gebärden und einem Getrampel auf dem Fußboden, das einen ohrenzerreißenden Lärm machte. Beide Kinder standen in einiger Entfernung und sahen ihr mit gespannten Mienen und unter lauten Jubelrufen zu.
Das Kindermädchen, das dasaß und das Brüderchen abtrocknete, lachte so, daß sie bebte; sie richtete den Kleinen in eine sitzende Stellung auf, damit auch er das Schauspiel genießen könne, was er augenscheinlich auch tat.
Birgits Bewegungen wurden immer heftiger. Sie beugte sich vorwärts und nach den Seiten, schlug mit den Armen aus und tat, als biete sie alle Kräfte auf, um sich dem Stuhl mit der Puppe zu nähern, als werde sie aber jedesmal von einer unsichtbaren Macht zurückgetrieben. Mehrmals verlor sie einen der Pantoffel, zog ihn aber immer schnell wieder an. Schließlich machte sie einen Sturmlauf auf den Stuhl mit ausgebreiteten Armen und vorgebeugtem Oberkörper, tanzte rückwärts, zurückweichend, fuhr dann aufs neue mit einem Schrei, der ein Kriegsgeheul vorstellen sollte, vorwärts, und brach darauf plötzlich zusammen, indem sie erklärte, daß sie nicht imstande sei, die böse Hexe zu überwinden, daß jetzt Estrid und Ejnar ihr Heil versuchen müßten.
Mit einem Jubelgeheul sprangen beide Kinder herbei und fingen an, den Tanz und die Gebärde der Mutter nachzuahmen.
Besonders Estrid gelang dies vorzüglich. Energisch ging sie darauflos und wiederholte die ganze Szene von Anfang bis zu Ende. Ejnar war langsamer in seinen Bewegungen und stand unsicherer auf den Füßen, er taumelte oft zu Boden, erhob sich aber immer wieder. Unverwandt hielt er seine Augen auf die Schwester gerichtet und versuchte, es ebenso zu machen wie diese, da sie aber so geschwind war, brachte er nur die Hälfte fertig.
Schließlich sprang Estrid auf den Stuhl los, schüttelte die Hexe und riß das Königskind aus ihren Armen. Ejnar kam herzu und stand ihr bei und unter Lachen und Jubelgeschrei trugen sie im Verein die Puppe zu Birgit, die vornübergebeugt auf einem Stuhle saß, die Arme auf den Knien, die Hände herabhängend, ganz außer Atem nach der vorhergegangenen Anstrengung.
Nun wünschten sie natürlich, daß Birgit noch einmal anfange. Es hieß immer, daß sie versuchen solle, ob sie nicht auch einmal Siegerin werden könne, was natürlich niemals geschah. Birgit erklärte aber, sie sei müde. Sie waren jedoch so hartnäckig in ihrem Bitten und Drängen, daß sie schließlich doch wohl hätte nachgeben müssen, wenn sich die Tür nicht im selben Augenblick geöffnet hätte und die alte Frau Tandberg auf der Schwelle erschienen wäre. Denn nun flogen ihr die beiden Kinder entgegen und fragten, was sie ihnen mitgebracht habe.
»Guten Abend, Großmama«, sagte Birgit. »Wie schön, daß du kommst! Da werde ich die kleinen Quälgeister los – sonst hätten sie mich am Ende noch ums Leben gebracht.«
»Du hast wohl heute abend wieder den Hexentanz aufgeführt?« fragte Frau Tandberg lachend, indem sie ihre Schwiegertochter küßte. »Gott sei Lob und Dank, daß ich nicht hier war, denn den Lärm kann man nicht unbeschadet zweimal im Leben mit anhören.«
»Da hast du wirklich recht«, sagte Birgit, ihre Toilette in Ordnung bringend. »Aber was soll man gegen diese kleinen Tyrannen machen?«
»So süß und lieb und rein und lecker, mein kleiner Herzensschatz!« Frau Tandberg machte Kußhände, winkte, nickte und lachte mit allerlei wunderlichen Lauten und Gebärden, indem sie sich dem Kleinsten näherte, der strampelnd auf dem Schoß des Kindermädchens saß und durchaus zur Großmutter wollte.
»Gute Nacht! Ihr Herzenskinder!« sagte Birgit, eins nach dem andern küssend. »Und noch eins, Nille, ehe ich’s vergesse,« – sie wandte sich an das Kindermädchen – »du mußt wirklich Estrids Anzug besser in Ordnung halten; sie hat große Löcher in den Strümpfen und an den Schuhen fehlen mehrere Knöpfe. Auch ihr Kleid ist in den Nähten aufgeplatzt.«
»Mir deucht, ich tue den lieben, langen Tag nichts weiter als flicken und stopfen«, erwiderte Nille, ihren breiten Rücken beugend, um das Wasser aus der Badewanne zu gießen.
»Dann mußt du den Abend mit zu Hilfe nehmen, Nille«, sagte Birgit in sehr bestimmtem Ton. »Du weißt ja, daß es beim Mieten zwischen uns abgemacht ist.«
»Bei Konsuls hatten wir zweimal die Woche eine Nähterin, die das Kinderzeug ausbesserte.« Nille warf den Kopf in den Nacken und hob die gefüllte Wasserbütte auf, »und dann bekamen sie noch so oft neue Sachen und hatten ihre bestimmten Sonntags- und Alltagskleider.« Sie ging auf die Tür zu.
»Es hat dich niemand danach gefragt, wie es bei Konsuls hergeht«, entgegnete Birgit kurz.
»Da hast du’s«, sagte Frau Tandberg, als Nille zur Tür hinaus war.
Birgit lächelte, biß sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: »Ja, ist es nicht zu arg!«
»Jetzt gehe ich und zünde die Lampe an, Großmama, und wenn du hier fertig bist, kommst du mir nach«, sagte sie, das Kinderzimmer verlassend.
»Die naseweise, alle Trine«, murmelte Birgit vor sich hin, als sie eine Weile später im Wohnzimmer saß, in den Schaukelstuhl zurückgelehnt, die Hände unter dem Nacken, sich leise hin und her wiegend. »Natürlich hat die Person recht,« dachte sie weiter, »aber was geht es sie an? Im Grunde ist Knud schuld daran, daß sie sich so etwas herausnimmt, denn er ist nicht vorsichtig genug mit dem, was er in Gegenwart der Mädchen sagt, und Nille weiß sehr wohl, daß sie Rückhalt an ihm hat.« – Aber wenn sie keine bessere Mutter und Hausfrau war, so trug er auch daran die Schuld, denn warum machte er sie nicht glücklich? Wie konnte man wohl irgend etwas mit Lust und Liebe tun, wenn man sich so unglücklich fühlte? – Nein, nicht einmal unglücklich, sondern nur so bodenlos gelangweilt und lebensüberdrüssig.
»Ob Knud mit einer anderen Frau wohl glücklich geworden wäre?« Jedenfalls hätte es eine sein müssen, die ihn besser zu fesseln gewußt hätte. Ja, wie hätte sie wohl sein müssen? So leicht war diese Frage nicht zu beantworten. – Zurückhaltender, unberechenbarer, koketter, vielleicht auch anspruchsvoller. – Eine mit Launen und feurigem Blut – die ihn stets gereizt und in Atem gehalten hätte – so daß er nie gewußt hätte, was sie morgen, ja in der nächsten Stunde schon angeben würde. Sie selber war viel zu dumm und gutmütig gewesen. Sie hatte ihm ihre ganze, grenzenlose, ja geradezu anbetende Liebe auf einmal geschenkt. Sie hatte nicht daran gedacht, zu sparen, hatte von der ersten Stunde an ihn vergeudet, sich selbst ihm so offen hingegeben, daß er sie gleich aus und ein kannte. Dadurch hatte er das Interesse für sie verloren.
Es war ihr niemals in den Sinn gekommen, daß eine solche Verschwendung unpraktisch sein könne. Sie glaubte, daß ihr Schatz an Liebe groß genug sei, um für alle Ewigkeit vorzuhalten, und daß seine Liebe nicht ausreichen würde, daran hatte sie niemals gedacht. So hübsch, wie sie war, und so viel Anziehendes, wie sie besaß – er war ihrer doch geradezu überdrüssig geworden. Sie wußte ganz genau, wann dieser Umschwung eingetreten war. Damals, als er anfing, des Abends immer so lange aufzubleiben, als er sie allein zu Bett gehen ließ und sich dann, wenn er kam, selber ganz leise zur Ruhe begab, um sie nicht zu wecken. Als wenn sie geschlafen hätte! Nein, sie lag oft da und weinte über den großen Unterschied zwischen einst und jetzt! Früher hatte es ihm immer so viel Freude gemacht, zuzusehen, wie sie sich entkleidete – er hatte ihr eigenhändig jedes einzelne Stück ausgezogen. – Und wie sie dabei gelacht und sich geküßt hatten!
Was war das Kalte, das sich da über ihre Wange schlich? Sie bekam doch wohl nicht gar Tränen in die Augen? Ja, es war wirklich eine große, kalte Träne, die dort herabgeglitten kam, und es kamen mehrere; sie mußte ihr Taschentuch nehmen und sich ordentlich abtrocknen. Nun, es war ja keine Schande. Nutzlos war es, aber das war ja einerlei. Sie wollte schon darüber hinwegkommen, denn sie war ja vernünftig und blasiert. Plötzlich krümmte sie sich ganz zusammen und schluchzte. – Nein, nein, nein, sie konnte sich doch nicht darüber hinwegsetzen. Aber Knud sollte es niemals erfahren, nicht einmal ahnen durfte er es, daß sie darunter litt, geschweige denn, daß sie solche Anfälle hatte. Lieber sterben als die Demütigung! Sie sich verschmäht fühlen! Sie, Birgit Kjär, die einen jeden hätte bekommen können, nach dem sie nur die Hand ausgestreckt hätte; die von dem ersten Winter an, als sie aufgetreten war, ja, schon vorher, einen Kreis von Anbetern um sich gehabt hatte, und noch jetzt – ja, wie hatten ihr nicht die Freunde ihres Mannes den Hof gemacht! – Sie hatte sie alle zu ihren Füßen gesehen.
Und nun gar Jamborg, wie war er nicht in sie verliebt! Aber was konnte das nun helfen? Sie steckte das Taschentuch in die Hand und lehnte sich wieder hintenüber, ihre Stellung von vorhin einnehmend. Sie machte sich ja nichts aus ihm, sie waren ihr alle gleichgültig und waren es stets gewesen – nur ein einzigesmal hatte sich ihr Herz geregt – für Arbo hatte sie wirklich etwas gefühlt, obgleich, im Grunde hatte sie es sich wohl nur eingeredet, wenigstens im Anfang, sie hatte Knuds Eifersucht erwecken wollen, als sie merkte, daß er gleichgültig wurde. Aber wie war das ausgefallen? Knud und eifersüchtig! Die beiden Dinge ließen sich wohl nicht gut miteinander vereinen. Wenn sie daran dachte, wie er es aufgenommen hatte, als sie zu ihm gekommen war und ihm gestanden hatte, daß sie sich in Arbo verliebt habe, und daß es wohl das beste sei, wenn sie eine Zeitlang fortreisten! Das habe keine Gefahr, meinte er, wenn sie offen damit zu ihrem Manne käme, um der Sache ein Ende zu machen. Und als sie ihn gefragt hatte, was er denn dazu sagen würde, wenn ihre Gefühle nun wirklich derartig wären, daß sie nicht ohne Arbo leben könne, – es gab ja Augenblicke, in denen sie sich das einbildete – da hatte er geantwortet, daß er, falls sich die Sache so verhielte, ja nichts dagegen machen und ihr auch nicht deswegen zürnen könne. Und als sie weiter verlangt hatte, zu wissen, ob er in diesem Falle eine Scheidung wünsche, hatte er erwidert: »Aber, liebste Birgit, wie kannst du nur so eine Frage stellen? Freilich, wenn du willst, dann – aber nein, das tust du nicht.« Und der Blick, mit dem er sie angesehen hatte, so voller Güte und Wehmut und Hilflosigkeit – ja wirklicher Hilflosigkeit, denn er wußte, daß seine Liebe erloschen war und daß es da keine Hilfe gab. Das war ihr später klar geworden: damals verstand sie es nicht. Sie hatte geglaubt, sein Blick bedeute, daß er sich wieder zu ihr zurücksehne, daß es ihn schmerze, daß sie ihr Herz von ihm abgewandt hatte, und wie mit einem einzigen Wogenschlag war ihre ganze Zärtlichkeit und Verliebtheit wieder in ihr aufgebraust.
Und dann waren sie gekommen, diese Zeiten mit ihren endlosen Tagen voller Enttäuschungen. Sie hatte geglaubt, solange er keine andere liebte, und das tat er nicht, obwohl er fortwährend etwas mit seinen dummen Courmachereien vorhatte – so sei es keine Unmöglichkeit, daß er noch einmal wieder zu ihr zurückkommen könne. Und sie hatte gehofft und gewartet, und gewartet und gehofft und sich den Kopf so viel zerbrochen, aber alles war vergebens gewesen. Und dann war ja auch ihre Liebe allmählich arg mitgenommen worden, gleichsam verschlissen, flach getreten. Sie konnte nicht sagen, daß sie Knud noch liebte, denn dann würde sie nicht so oft einen Unwillen gegen ihn empfunden haben, einen brennenden, zornerfüllten Unwillen, und wenn sie deswegen saß und weinte, so geschah es nicht aus Kummer über seine verlorene Liebe, sondern weil das Leben so leer und armselig für sie geworben war. Sie war nun einmal so beschaffen, daß sie nur leben konnte, wenn sie liebte und geliebt wurde. Deswegen war es ihr auch nicht möglich, sich an den Kindern genügen zu lassen, wie das eine Mutter der Ansicht der Leute nach tun sollte. Es war ja ganz schön, Kinder zu haben, aber sie waren doch meistens mehr eine Last als eine Freude; und dann diese schreckliche Verantwortung, die damit verbunden war! Sie konnte es gar nicht fertig bringen, ihre Pflichten gegen sie zu erfüllen, denn dann durfte sie nicht eine Sekunde von ihnen fern sein. Sie mußte ihr ganzes Gefühlsleben bis in die kleinsten Regungen kennen, mußte ihre Gedanken lesen und ihre Entwicklung Schritt für Schritt verfolgen. Wie aber konnte sie das bei ihrem unbefriedigten Gemütszustand, der sie stets zwang, sich in ihren eigenen Kummer zu vertiefen und über sich selber nachzugrübeln? Damals, als Knud sie liebte, kamen ihr alle Freuden durch ihn. Da hätte sie auch die Fähigkeit gehabt, das Leben tatkräftig anzugreifen und das beste aus sich selber zu machen. Jetzt war sie zu nichts mehr imstande.
Ach ja! sie hatte Grund genug zum Weinen!
Und dann hatte sie diese merkwürdige Angewohnheit, daß ihre Phantasie, wenn sie so allein dasaß, ihr unablässig die wunderlichsten, erschütterndsten Bilder vorgaukelte, die in langen, verwirrten Reihen aufstiegen und das, woran sie eigentlich dachte, nämlich ihre Ehe, beiseite schoben. Sie redete sich ein, daß sie ihrem Manne entflohen sei, daß ihr Geliebter sie verlassen habe und sie nun die Nachricht erhielt, daß Estrid im Sterben läge, und sie sich, selbst halbtot, nach Hause schleppte und an die Tür käme und um die Erlaubnis flehte, Estrid sehen zu dürfen, daß sie aber von der Großmutter fortgewiesen würde. Oder auch sie wohnte im Geiste ihrem eigenen Begräbnis bei. Dann hörte sie den Pfarrer mit rührenden Worten von dieser jungen, blühenden Frau sprechen, die so plötzlich in ihrem schönsten Alter dahingerafft sei; sie sah Ejnar und Estrid schwarz gekleidet an der Bahre stehen und Knud schluchzend, das Taschentuch gegen die Augen gepreßt, unablässig ihren Namen rufend. Dann konnte sie weinen, bis schließlich ihre Tränen erschöpft waren und sie in einer traurig-süßen, gesättigten Stimmung hinsank. Zu Zeiten konnte sie auch ein überströmendes Gefühl mütterlicher Liebe für Knud überkommen. Er war ihr Kind, ihr lieber, teurer Junge, wie gerührt und glücklich würde sie sein, wenn er käme und ihr seine Braut vorstellte. Dann wollte sie alles so schön einrichten in seinem neuen Heim, wollte selber die Brautlichter anzünden und sich so mild bewegt und glücklich fühlen in dem Bewußtsein, ihn so strahlend glückselig zu wissen, wie er es einst, vor langer, langer Zeit, gewesen.
»Nein, Birgit, deine Kinder sind wirklich zu entzückend!« sagte Frau Tandberg, die jetzt ins Zimmer trat. »Etwas so Bezauberndes wie Ejnar! Und nun gar der Kleine!«
Frau Tandberg schüttelte ihren schönen, silbergrauen Kopf, so daß die schwarzen Spitzen in Bewegung gerieten, und nahm dann in einem Lehnstuhl Platz.
Birgit sprang auf. »Willst du nicht auf dem Sofa sitzen, Großmama? Da siehst du besser, denn du gehst natürlich sofort wieder an deine feine Stickerei.«
»Danke, Birgit! Das Sofa ist mir zu weich, fast beunruhigend. Man versinkt so tief in die Polster, daß man kaum weiß, wo das enden soll.«
Birgit nahm ihr Strickzeug, einen dunkelroten, seidenen Kinderstrumpf, und setzte sich ihrer Schwiegermutter gegenüber.
»Von Estrid will ich gar nicht reden,« fuhr Frau Tandberg fort, »denn sie ist ja ein wahres Engelsgesicht und dabei so urkomisch in ihrer Ungezogenheit.«
»Ja, das Kind ist nicht leicht zu erziehen, und besonders solange Nille im Hause ist, denn die macht sie geradezu aufsässig«, erwiderte Birgit.
»Wie diese Nille impertinent ist!« Frau Tandberg lachte so, daß ihre Augen ganz verschwanden und die gelbweißen, frischen Zahnreihen hervorschimmerten. Sie ließ die Hand mit dem Goldfaden auf den bronzegelben Seidenplüsch, an dem sie arbeitete, niedersinken. »Eine ganz abscheuliche Person!«
Birgit kniff die Lippen zusammen und blickte krampfhaft auf ihr Strickzeug nieder.
»Von Lilli soll ich übrigens grüßen und sagen, daß sie ein Kleid für Estrid näht.« Frau Tandberg nickte vergnügt. »Eine ganz reizende Fasson, und Thora will ihr einen kleinen Wintermantel schenken, das Entzückendste, was ich je gesehen habe.«
»Ich hab‘ ja ein paar sehr vorsorgliche Schwägerinnen, das muß man ihnen lassen.«
Birgit zog die feingeschwungenen Brauen ein wenig in die Höhe, während die Oberlippe kaum merkbar bebte.
»Und einen Hut und ein Paar kleine Pariser Stiefel bekommt sie von mir«, fuhr Frau Tandberg fort. – »Ich sage dir das alles, damit du nicht darauf verfällst, dasselbe zu kaufen.«
Birgit zog so heftig an ihrem Stickgarn, daß das Knäuel aus dem kleinen Becher hüpfte und auf den Fußboden fiel.
»Du hast doch wohl nichts dagegen, Birgit?« Frau Tandberg lachte munter, hielt aber plötzlich inne und setzte eine bedenkliche Miene auf, als sie den beinahe harten Ausdruck in dem Gesicht der Schwiegertochter gewahrte.
»Gott bewahre! Knud ist ja immer so entzückt und meint, daß es uns sehr gelegen kommt. Ich für meinen Teil muß freilich sagen, daß ich das Zeug für meine Kinder am liebsten selbst wähle.«
»Großer Gott, wenn sie nun auch hin und wieder einmal ein Stück von mir und den Tanten bekommen! Es macht uns ja Vergnügen!« begütigte Frau Tandberg.
»Und außerdem findet ihr es so notwendig, weil ich eine Trödelliese bin. Du kannst es gerne eingestehen, Großmutter, denn ich weiß sehr wohl, daß es deine Ansicht ist, und daß du sie auch äußerst.«
Ein Schatten huschte über Frau Tandbergs sonst so lächelnde Züge, verschwand aber gleich wieder, und mit einer Stimme, als spräche sie zu Estrid, erwiderte sie: »Nicht so bitter sein, Birgit!« Dabei sah sie mit einem schelmischen Blick zu ihr hinüber. Birgit, aber lächelte nicht, sondern saß nur da und strickte und machte ein ernsthaftes Gesicht.
»Du weißt ja nur zu gut, wie ich über Eure Ehe denke«, begann Frau Tandberg nach einer kleinen Pause. »Knud und du, ihr paßt vorzüglich zueinander und das ist doch die Hauptsache.«
»Es ist ja gut, daß du der Meinung bist, Großmutter.« Birgit fuhr sich mit der Stricknadel durch das gekrauste Stirnhaar.
»Nicht viele Frauen wären imstande, Knud so vernünftig zu nehmen. Wie ihn die meisten wohl mit Eifersüchteleien plagen würden!«
»Wenn Knud eine Frau hätte, die eifersüchtig wäre, oder eine, die ihn ordentlich im Zaum zu halten wüßte, so wäre es am Ende gar nicht so schlimm für ihn«, meinte Birgit.
»Nun ja, ich will gern einräumen, daß ihm das nicht schaden könnte«, sagte Frau Tandberg. »Obwohl, im Grunde hat es ja nichts zu sagen mit den Sprüngen, die er macht!«
»Aber er kann doch oft recht verletzend sein.«
»Freilich, ja. Wie nun zum Beispiel sein Techtelmechtel mit Margrete von Falsen. Das will mir gar nicht gefallen, denn man sagt, sie sei im Munde der Leute.«
»Das überrascht mich nicht«, erwiderte Birgit gleichgültig. »Ich habe es Knud auch schon gesagt, aber du weißt ja, wie er ist. Er tut nur, was ihm Vergnügen macht, weder mehr oder weniger.‘
»Die beste Manier, dem Gerede die Spitze abzubrechen, ist, daß wir, sowohl du als wir anderen, recht freundlich gegen Margrete sind, sie häufig einladen und uns öffentlich mit ihr zeigen. Bist du darin mit mir einig, Birgit?«
»Ja, das ist gewiß das vernünftigste, Großmutter.«
»Ich begegnete Knud vorhin, als ich hierherkam: und mit wem ging er? Mit Margrete von Falsen!« Abermals lachte Frau Tandberg mit ihrem wohlklingenden, herzlichen Lachen, das für Fremde stets etwas Ansteckendes hatte. »Das sollte er nun nicht tun, so an einem Abend und allein«, fügte sie in bedenklichem Ton hinzu.
»Wenn sie es tut, so kann es ihm wohl am Ende nicht schaden –« entgegnete Birgit.
»Sie ist natürlich in ihn verliebt – so eine Schwärmerei in aller Unschuld, wie diese kleinen Backfische sie so leicht für Knud haben. Wenn man ihr nur einen Bräutigam verschaffen könnt«!«
»Das wundert mich übrigens«, bemerkte Birgit nach einer Weile. »Knud sagte vorhin zu mir, er wolle in die Konzertprobe gehen.«
»Dann hat er sie wohl unterwegs getroffen!«
»Wo bist du ihnen begegnet?«
»Sie kamen aus dem Schloßpark und gingen den Drammensweg hinab. Ich glaube nicht, daß sie mich gesehen haben, denn ich ging quer über die Straße. Aber ich erkannte sie sehr wohl in dem verräterischen Mondschein.« Frau Tandberg blinzelte mit den Augen und lächelte verschmitzt, als finde sie die eben beschriebene Situation äußerst pikant.
»Das ist im Grunde ein« merkwürdige Manier, zur Probe zu gehen«, sagte Birgit trocken.
»Ja, dieser Knud, dieser Knud!« Frau Tandberg lachte abermals. »Er ist ein leichtsinniger Kavalier!«
»Das will ich ihm aber doch einreiben!« sagte Birgit. »Es war gut, daß du ihnen begegnetest.«
In diesem Augenblick wurde an der Entreeglocke geschellt.
»Glaubst du, daß es Knud ist?« fragte Frau Tandberg.
»Nein, er hat ja seinen Schlüssel. Es ist vielleicht Jamborg.«
»Herr Jamborg«, meldete das Mädchen.
»Bitten Sie ihn, einzutreten: wir sind zu Hause«, lautete Birgits Antwort.
»Es würde Ihnen auch nichts genützt haben, sich zu verleugnen«, sagte im selben Augenblick eine langsame, ein wenig lispelnde Stimme, und ein breitschulteriger, untersetzter Mann mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar, einem hübsch gewachsenen Vollbart und in elegantem englischen Anzug trat über die Schwelle und grüßte.
»Und warum denn nicht?« fragte Birgit, seinen Gruß mit einem nachlässigen »Guten Abend, Jamborg« beantwortend, während sie ruhig mit ihrer Strickarbeit fortfuhr.
»Erstens sah ich, daß hier Licht war,« erwiderte Jamborg, sich durch die vielen Möbel bis an den Tisch windend, »und zweitens bin ich von Knud eingeladen worden.«
»So? Davon weiß ich ja gar nichts!«
»Das ist auch ganz natürlich, Frau Birgit, sintemal es erst vor zehn Minuten auf der Straße geschah.« Jamborg hatte auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Rückenlehne, Birgit gerade gegenüber, Platz genommen. Er streckte die Beine von sich, lehnte sich hintenüber, faltete die Hände über dem Magen und sah sie an.
»Wo trafen Sie ihn denn?« fragte Birgit.
»Oben am Bogstadswege. Er bat mich, hierher zu gehen und den Damen Gesellschaft zu leisten.«
»Auf dem Bogstadswege! Hörst du es. Großmutter? War er allein?«
»Nein, Fräulein von Falsen war in seiner Gesellschaft – natürlich!«
»Ich mag nicht, daß Sie so etwas sagen, Friedrich«, bemerkte Frau Tandberg jetzt in vorwurfsvollem Ton. »Durch dergleichen Äußerungen von seiten seiner besten Freunde entstehen diese dummen Gerüchte.«
»Wohl nicht einzig und allein dadurch.«
»Sie sind ein unverbesserlicher Schelm, Sie!« Frau Tandberg drohte mit dem Zeigefinger. »Ich habe Knud immer vor Ihnen gewarnt.«
»Und es hat doch nichts genützt!« entgegnete Jamborg mit seiner einförmigen, wunderlich eigensinnigen Stimme.
»Ich sehe Sie übrigens in letzter Zeit so selten, Friedrich!« Frau Tandberg schlug ihren gewöhnlichen, gleichgültig munteren Ton an. »Woher mag das nur kommen?«
»Ich mache mir nichts daraus, anderswo hinzugehen als hierher«, erwiderte er beinahe ungezogen.
»Nun, aufrichtig ist er wenigstens, Birgit,« sagte sie lachend, »wenn ich aber mein Sohn Knud wäre, würde ich nicht sonderlich entzückt davon sein.«
»Das wäre mir völlig gleichgültig«, lautete seine schleppende Entgegnung.
»Aber wenn er Ihnen nun sein Haus verböte? Was würden Sie dann tun, Herr Friedrich?«
»Dann käme ich auch ohne seine Erlaubnis.«
»Nein, er ist nicht zum Aushalten!«
Frau Tandberg schüttelte den Kopf, setzte sich weiter in ihren Stuhl zurück und begann mit einer ergebenen Miene eifrig zu nähen.
»Gehen Sie hinein und rauchen Sie eine Zigarre, Jamborg«, sagte zuletzt Birgit. »Es ist wirklich nicht amüsant, Sie hier so schmachtend sitzen zu sehen.«
Jamborg hatte seine Augen keine Minute von Birgit abgewandt. »Ich will lieber hierbleiben«, erwiderte er, ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen und sie nach wie vor anstarrend.
»Dann zünden Sie sich nur hier eine Zigarette an, das will ich Ihnen gern erlauben. Etwas müssen Sie doch anfangen. Da drinnen in Knuds Zimmer steht eine Schachtel.«
Er erhob sich träge und ging abgemessenen Schrittes in das Musikzimmer, indem er die dazwischenliegenden Türen offen ließ.
»Wie unausstehlich er geworden ist!« sagte Frau Tandberg halblaut. »Sobald er ins Zimmer tritt, habe ich ein Gefühl, als würde die ganze Welt zu einer Wüste von Langerweile. Ich kann es nicht begreifen, daß du die Malstunden bei ihm aushalten kannst.«
»Ein wenig ledern ist er ja freilich,« räumte Birgit ein, »aber trotzdem mag ich ihn ganz gern.«
»Ja, in früheren Zeiten hatte ich ihn auch gern – aber jetzt – nein, das ist nicht zu verlangen. ›Ich will lieber hierbleiben!‹« Sie ahmte den schleppenden Tonfall seiner etwas belegten Stimme nach.
Birgit lachte schwach. »Auf alle Fälle macht er sich nicht besser, als er ist,« sagte sie, mit dem Kopfe nickend.
»Und wie er dasitzt und dich anstarrt! Ich habe nie einen Menschen gekannt, den seine Verliebtheit zu einem solchen Idioten machte!« Hier brach Frau Tandberg in ihr gewöhnliches, gemütliches Lachen aus.
Jetzt kehrte Jamborg zurück, eine brennende Zigarette im Munde. Er setzte sich ruhig an seinen früheren Platz und begann wieder Birgit zu betrachten.
»Sagte Knud nicht, daß er in die Konzertprobe wolle?« fragte Birgit.
»Ja, aber erst wolle er Fräulein von Falsen begleiten, die ihre Noten vergessen hatte.«
Es entstand eine Pause.
Plötzlich brach Frau Tandberg in ein schallendes Gelächter aus.
»Was hast du nur, Großmutter?« fragte Birgit, während Jamborg unbeweglich sitzen blieb.
»Ach, mir fiel nur gerade etwas ein.«
»Wie beneidenswert, so amüsante Gedanken zu haben!«
»Es war eine Bemerkung, die im vorigen Jahr nach einem Vereinskonzert über den Damenchor gemacht wurde, ha, ha, ha! Sie sähen alle aus wie Hühner, die Eier legen wollten, ha, ha, ha!« Frau Tandberg lehnte sich ganz in ihren Stuhl zurück, um sich gehörig auszulachen.
»Ob die Bemerkung amüsant ist oder nicht, kann man nicht recht beurteilen, ohne den Chor gesehen zu haben,« sagte Birgit, »und da ich bekanntlich dergleichen Vergnügungen nicht mitzumachen pflege –«
»Das ist amüsant!« sagte Jamborg.
»Hu! Diese Damenchöre!« begann Frau Tandberg, nachdem sie sich ein wenig vom Lachen erholt hatte. »Etwas so Gräßliches! Und so häßlich, wie sie sind, eine immer abschreckender als die andere! Nun ist ja Margrete von Falsen auch mit dabei, und das ist gerade keine Akquisition, denn die ist doch auch grundhäßlich.«
»Häßlich!« rief Birgit. »Ja, vielleicht ist sie das, aber sie hat doch ein gewisses Etwas an sich; ich würde sofort mein Äußeres mit dem ihren vertauschen. Habe ich nicht recht, Jamborg?«
Zum erstenmal sah Birgit zu ihm hinüber und begegnete seinem Blick.
»Sie Ihr Aussehen vertauschen! Sie – – Übrigens ahne ich gar nicht, wie Fräulein von Falsen im Grunde aussieht!« sagte er in einem Tone, als wenn ihn dies Thema sehr langweile.
»So –« bemerkte Frau Tandberg. »Sie sind doch oft genug mit ihr zusammen gewesen.«
»Und daher weiß ich auch stets, daß sie es ist, wenn ich mit ihr zusammenstoße, selbst wenn dies ganz unvermutet geschieht«, erwiderte Jamborg.
Jetzt wurde an die Tür geklopft, und auf Birgits »Herein!« trat eine große, schlanke Dame ins Zimmer. Sie trug einen fußfreien, enganschließenden Mantel mit vielen großen Metallknöpfen und einen breitkrämpigen Filzhut mit dunkelgrünen Federn und mehreren Büscheln roter Vogelbeeren.
»Nein, welche Überraschung!« rief Birgit aus, indem sie sich erhob. »Wir sprachen gerade von Ihnen. Margrete! Legen Sie doch ab!« Sie knöpfte ihr den Mantel auf und zog sie mit sich hinaus ins Entree, wo Margrete ihr etwas verwehtes Haar in Ordnung brachte.
»Sie sprachen von mir?« sagte Margrete lächelnd, als sie, von Birgit gefolgt, wieder ins Zimmer trat. »Guten Abend, Frau Tandberg, guten Abend, Herr Jamborg«, sie reichte beiden die Hand. »Darf ich dann vielleicht auch wissen, was Sie gesagt haben?«
»Mit Vergnügen«, erwiderte Birgit. »Zuerst erzählte Jamborg, er habe Sie in Knuds Begleitung getroffen, Sie hätten nach Hause gehen wollen, um Ihre Noten zu holen, und dann wurde erzählt, eine sehr hübsche Dame habe geäußert, sie möge Ihr Äußeres so gern, daß sie mit Freuden mit Ihnen tauschen würde.«
Margrete lächelte, und eine tiefe Röte bedeckte ihre Wangen bis über die etwas vorstehenden Backenknochen.
»Aber dagegen protestieren wir anderen«, bemerkte Jamborg.
»Das finde ich sehr natürlich«, sagte Margrete mit einer kleinen, anmutsvollen Bewegung des Oberkörpers.
»Ich nicht!« rief Birgit.
»Ich sollte Sie von Ihrem Manne grüßen, Frau Tandberg, und sagen, daß er bald kommen würde«, wandte sich Margrete an Birgit. »Er müsse nur noch eine Dame nach Hause begleiten.«
»Wer war denn das nur wieder?«
»Frau Guve!«
»Ja, dieser Knud, dieser Knud!« seufzte Frau Tandberg, »er ist flüchtig wie ein Schmetterling.«
Abermals stieg eine tiefe Röte in Margretes Wangen auf, und in ihre Augen trat ein Glanz, der ihr ganzes Gesicht förmlich überstrahlte.
»Und Sie ließ er allein gehen?« fragte Birgit. »Das war nicht gerade galant von ihm.«
»Ei was, das macht nichts.«
»Ein schneidiger Kerl, dieser Knud«, murmelte Jamborg.
»Was ist er?«
»Geschmeidig«, erwiderte Jamborg. »Nein, Sie sagten ›schneidig‹«, beharrte Frau Tandberg. »Wollen Sie sich, bitte, näher darüber erklären?«
»Aber ich meinte geschmeidig.«
Ein flüchtiger Ausdruck von Schreck huschte über Margretes Gesicht. Sie saß kerzengerade da, ohne sich gegen den Rücken des Stuhles zu lehnen. Die linke Hand ruhte mit ausgespreizten Fingern in ihrem Schoß. Unablässig strich sie mit der Rechten darüber hin und rieb alle Finger gegeneinander, langsam und liebkosend, wie man eine Katze streichelt. Sie wurde bald rot und bald blaß, ihre Augen sprühten Funken und schienen gleichsam die Farbe zu wechseln. Über ihrer ganzen Erscheinung lag eine beherrschte, fast unmerkliche Unruhe. Sie atmete vorsichtig, als fürchte sie sich, ihre eigenen Atemzüge zu hören, und die in Falten gelegten Spitzen, die im Zickzack an ihrem Kleide herunterliefen und bei der runden, schön geformten Taille endeten, bewegten sich zitternd, als seien sie an unsichtbaren Spiralfedern befestigt.
»Knud wußte wohl, daß Sie hierher gehen wollten?« fragte Birgit, die unablässig strickte und halb geistesabwesend aussah.
»Ja, ich sagte es ihm. Ich wollte Sie nämlich um etwas bitten, Frau Tandberg. Ich wollte vor der Probe hierher kommen, aber dann wurde es mir zu spät. – Sie versprachen mir doch neulich ein Muster – ich wollte es morgen gern gebrauchen, und deshalb –«
»Haben Sie wohl Fräulein von Falsens Organ beachtet, Friedrich?« unterbrach Frau Tandberg sie. »Nein, fahren Sie nur fort, liebe Margrete. Es ist etwas ganz Eigentümliches in Ihrer Stimme, etwas, das mich an Pauline Lucca erinnert, als sie damals in London den ›Erlkönig‹ sang. Ihre Stimme und Ihr Lachen, Margrete, ist etwas, das Sie ganz für sich allein haben.«
»Da haben wir Knud«, sagte Birgit.
Mit einer hastigen Bewegung flog Margretes Hand in die Höhe gegen die Brust. Die Finger hüpften zwischen den Spitzen, als sollten sie Klavier spielen. Schließlich glitten sie ganz in die Höhe bis an den Halsausschnitt und rückten die Brosche zurecht.
Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und Knud trat mit seiner nachlässigen, »klassisch-eleganten« Haltung, wie seine Freunde sagten, ein.
»Guten Abend, Mutter, guten Abend, gnädiges Fräulein, guten Abend, Jamborg, guten Abend, Birgit«, er begrüßte die Anwesenden freundlich lächelnd, indem er jedem einzelnen die Hand reichte. Als er vor Birgit stehen blieb, reichte sie ihm drei Finger, mit den anderen beiden hielt sie die Stricknadeln fest.
»Aber so nimm doch die verdammte Lampe fort,« rief er, »oder hänge doch wenigstens einen dunkleren Schirm über die Kuppel. Wie könnt ihr es nur aushalten, dies grelle Licht gerade in den Augen zu haben?«
»Uns geniert es nicht«, sagte Birgit.
Margrete lächelte im geheimen. Sie verstand, weshalb er so ärgerlich über die Lampe war. Wenn sie so stand, konnte er sie ja nicht sehen.
»Kannst du nicht ebensogut sehen, wenn wir sie hierher stellen, Mutter?« Er zeigte auf einen kleinen Nebentisch, und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er die Lampe dahin.
»Nein, dann will ich lieber aufhören zu arbeiten«, sagte Frau Tandberg resigniert und ließ die Hände in den Schoß sinken.
»Siehst du, Großmutter,« rief Birgit ganz empört aus, »das ist denn doch zu arg! So ist Knud immer; er läßt nicht nach, und wenn er sein Leben hergeben sollte. Aber diesmal soll er seinen Willen nicht haben.«
Sie erhob sich, ganz dunkelrot vor Zorn. »Wenn wir alle anderen nun darüber einig sind, daß die Lampe hier am besten steht, so soll sie hier auch stehen bleiben.« Und in einem Nu hatte sie die Lampe wieder auf den Tisch zurückgestellt. »Nicht so hitzig, Birgit!« sagte Knud ruhig. »Ich wußte ja nicht, daß euch anderen so sehr darum zu tun war.«
»Nein, so etwas weißt du niemals!« Birgits Stimme bebte. »Du ahnst überhaupt nicht, daß außer dir noch Menschen in dieser Welt existieren.«
»Zuweilen doch!« murmelte er vor sich hin und nickte Margrete heimlich zu.
Es entstand eine Pause.
»Du bist ja sehr redselig, Friedrich«, sagte Knud plötzlich. Frau Tandberg und Margrete lachten, Jamborg aber erwiderte ruhig: »Ja, das sagst du wohl!«
»Aber wie können Sie es nur aushalten, so dazusitzen und zu schweigen, Friedrich?«
»Ich komme ja nicht hierher, um zu reden«, lautete die Antwort.
»Nein, das merkt man«, lachte Knud.
»Was macht eigentlich Ihr Protegé?« fragte Frau Tandberg, als abermals einige Minuten in tiefem Schweigen verstrichen waren. »Etwas so Entsetzliches wie seine beiden letzten Bilder können Sie doch wohl nicht verteidigen, Friedrich?«
»Sie sollten nicht über Dinge sprechen, die Sie nicht verstehen, gnädige Frau!« Jamborgs Stimme war auf einmal wie umgewandelt. »Er ist unbedingt der tüchtigste von uns jüngeren Malern. Er ist geradezu genial.«
»So – ach«, erwiderte Frau Tandberg, ihre Augen der Decke zuwendend. »Freilich, man muß ja mancherlei hören, ehe einem die Ohren abfallen.«
»Etwas so Vorzügliches wie dieser alte, zerlumpte Kerl, der Mist auf seiner Schubkarre fährt, während er auf seinem Priem kaut und mit dem bösen Blick und den harten Zügen vor sich hinstarrt –« Jamborg hatte sich plötzlich aufgerichtet und sprach so eifrig, daß ihm die Stimme überschnappte – »und so gebeugt von der Last der Arbeit und der Sorge, wie diese Gestalt es ist, und gar die Beine, denen man den mühseligen Kampf eines ganzen Lebens ansieht, und die durch Schwielen und Hühneraugen entstellten Füße!«
»Pfui, Jamborg!« unterbrach ihn Frau Tandberg unwillig. »Wie kann man nur einen so unästhetischen Stoff wählen?«
»Ja, natürlich! Das ist immer die alle Leier!« rief Jamborg heftig aus, indem er sich erhob. »Bietet dem Publikum gute Kunst in neuen, originellen Formen, und es hat nichts als Schmähworte und Verhöhnung für euch!«
»Ereifern Sie sich nur nicht so«, ermahnte Frau Tandberg.
»Nun ja, es ist auch schließlich ganz einerlei,« sagte Jamborg und setzte sich wieder, »denn in fünfzig Jahren, ja wohl schon früher, wird nicht einmal eine so vermögende Witwe wie Sie, Frau Tandberg, imstande sein, ein Bild wie das eben besprochene zu kaufen.«
»Hau ihn, Lukas!« flüsterte Knud, der Mutter munter zunickend.
»Das reden Sie jemand anderem ein, Friedrich«, entgegnete sie ungläubig lächelnd.
»Freilich, man kann ja nichts anderes erwarten«, erwiderte Jamborg ärgerlich. »Wie sollten Sie auch Verständnis für das haben, was uns die Genies erzählen, diese hellsichtigen Wesen, die eine neue Zeit verkünden.« Seine Stimme zitterte, seine Augen glänzten.
»Nein, jetzt, glaube ich, geht die Welt unter!« rief Frau Tandberg aus.
Jamborg wollte antworten, wurde aber durch Birgit unterbrochen. »Sie haben recht, Jamborg, ich bin ganz Ihrer Ansicht, und wir wissen ja, daß Knud es ebenfalls ist. – Weshalb sagst du es eigentlich nicht?« Sie wandte sich mit zusammengezogenen Brauen ihrem Gatten zu.
»Dann hätte Friedrich ja gar keine Gelegenheit gehabt, seinen Mund aufzumachen! Es tut einem förmlich gut, einmal zu sehen, daß noch Leben in ihm ist.«
Jamborg zündete sich eine neue Zigarette an, lehnte sich behaglich zurück und sah aus, als wolle er sich für den Rest des Abends zur Ruhe begeben.
»Wie geht’s mit Ihrem Malen, Frau Tandberg?« fragte darauf Margrete.
»Danke für gütige Nachfrage,« antwortete Birgit, »es geht sehr gut und mir macht es Freude.«
»Nach Verlauf von wenigen Jahren sind wohl auch Birgits Bilder selbst für vermögende Witwen unerschwingbar«, spottete Knud.
Jamborg tat, als habe er nichts gehört.
»Wenn du so fortfährst, Knud, dann verlasse ich das Zimmer!« Birgits Stimme klang scharf und die Worte überstürzten sich fast, ihre Augen blitzten.
»Daß ich dir einen Platz unter den Unsterblichen prophezeie, Birgit, das kannst du doch im Grunde nicht –«
Er hatte seine Rede noch nicht beendet, als sich Birgit erhob und mit hastigen Schritten das Zimmer verließ.
»Unterlaß doch das ewige Necken, Knud«, sagte Frau Tandberg, indem sie mißbilligend den Kopf schüttelte. »Du weißt doch nachgerade, daß Birgit es nicht vertragen kann.«
»Mein Gott, wie kann man auch nur so empfindlich sein!« seufzte Knud und sah ganz unglücklich aus. »Geh zu ihr und bitte sie, daß sie wiederkommt, Friedrich.«
Jamborg erhob sich sofort.
»Soll ich sie in deinem Namen um Verzeihung bitten?« fragte er.
»Ach ja, tu das und versprich ihr, daß ich mich mäuschenstill verhalten will.«
Gleich darauf kam Birgit in Jamborgs Begleitung wieder ins Zimmer.
»Du mußt es entschuldigen, Großmutter, und Sie ebenfalls, Fräulein von Falsen, daß ich eine solche Szene aufführe, aber ich will mich nicht in Knuds Übergriffe – auch auf diesem Gebiet – finden, und das wollte ich ihm einmal zeigen.«
»Übergriffe!« wiederholte Knud und sah seine Gäste erstaunt an.
»Ja, Übergriffe! Das Wort ist dir unbequem, nicht wahr? Es beschränkt dich! Du kannst es nun einmal nicht leiden, daß ich male – aus welchem Grunde, das mögen die Götter wissen – und deswegen läßt du kein Mittel unversucht, um mich zu bewegen, diese Beschäftigung aufzugeben. Du willst mich so lange quälen und ärgern und verspotten und verhöhnen, bis du mir die Sache verleidet hast. Aber das soll dir nicht gelingen. Das Malen ist das einzige auf der Welt, wofür ich Interesse habe.«
»Was für Ausdrücke du gebrauchst, Birgit!« sagte Knud unwillig.
»Ich finde auch, daß du die Sache zu ernst nimmst!« ermahnte Frau Tandberg.
»Du mußt ihn wirklich nicht noch bestärken, Großmutter! Knuds Spottsucht ist tatsächlich nicht mehr zu ertragen.« »Denk doch an dich selber, Birgit, wie du seine Musik verhöhnt hast! Ich finde, ihr gebt einander nichts nach!«
»Verhöhnt? Niemals!« entgegnete sie energisch. »Aber ich interessiere mich nicht dafür und verstellen kann ich mich nun einmal nicht.«
»Waren Sie auch böse auf mich, gnädiges Fräulein, weil ich Sie vorhin allein gehen ließ?« fragte nun Knud Margrete mit einem Lächeln, das um Verzeihung bat, und mit einem übermütigen Augenzwinkern.
»Ach nein«, erwiderte sie schnell und beugte sich herab, um ihr Taschentuch aufzunehmen, das zur Erde gefallen war.
»Ich will meine Unhöflichkeit wieder gutmachen, indem ich Sie heute abend nach Hause begleite.«
»Aber Friedrich hat ja denselben Weg, Knud«, warf Frau Tandberg hin.
»Nein, da irren Sie, gnädige Frau«, sagte Jamborg.
»Ach – ich vermutete, Sie würden direkt nach Hause gehen. – Das wäre Ihnen auch sehr dienlich!« fügte sie in mütterlich ermahnendem Tone hinzu.
»Ja, da mögen Sie recht haben!« lachte Jamborg, »aber deswegen tue ich’s doch nicht.«
»Es ist angerichtet!« sagte ein Mädchen, das in der Tür zum Vorschein kam.
Alle erhoben sich.
»Du solltest wirklich Vernunft annehmen«, flüsterte Knud Jamborg im Vorübergehen ins Ohr. »Du ruinierst dich bei einem solchen Leben, Junge«, ein lautloses, glucksendes Lachen erstickte die letzten Worte.
Und dann begaben sie sich in das Eßzimmer. Knud und Margrete waren die letzten.
In dem Boudoir, das nur von dem Lichte der Wohnstube erhellt war, faßte Knud Margrete blitzschnell um die Taille und beugte ihren Oberkörper mit einer solchen Gewalt hintenüber, daß ihre Figur, während er sie küßte, förmlich einen Bogen beschrieb.
»Denk an den Spiegel!« brachte sie mit Mühe hervor.
»Siehst du wohl, daß es das richtigste war, daß du hierher gingest?« flüsterte er. »Das Klügste, was du tun konntest! Mutter hatte uns gesehen! Sagte ich’s nicht?«
»Ja, Knud – aber ich tue es nicht zum zweitenmal! Du ahnst nicht, wie entsetzlich es ist.« Sie entzog sich ihm lautlos und eilte ins Eßzimmer.
Die anderen waren gegangen, und Jamborg war mit Birgit allein geblieben. Er wolle noch eine Weile sitzen bleiben, hatte er zu Knud gesagt, als dieser sich erhob, um Margrete nach Hause zu begleiten.
Birgit nahm, ein wenig von Jamborg entfernt, in dem niedrigen Schaukelstuhl Platz, auf dem sie am Abend gesessen hatte, ehe die anderen gekommen waren. Ungeniert legte sie die Hände unter den Nacken, schaukelte langsam hin und her und blickte in die Luft.
Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Jamborg so hin, daß er ihr Gesicht sehen konnte. Darauf zog er einen gepolsterten Lehnstuhl heran, schob ihn zwischen seine Beine, legte beide Hände auf die Rücklehne und stützte das Kinn darauf. Es währte eine ganze Weile, ehe er eine bequeme Stellung gefunden hatte; als ihm das aber gelungen war, saß er ganz still da, mit den Augen unverwandt Birgits wiegender Bewegung folgend. So saßen sie eine ganze Weile schweigend da.
»Finden Sie nicht, daß Knud in der letzten Zeit anders geworden ist?« sagte Birgit endlich, ohne die Augen zu senken.
Jamborg erhob das Kinn genau so weit, daß er verständlich antworten konnte, und sagte: »Nein, das finde ich nicht«, dann ließ er es wieder fallen.
»Er ist so rastlos«, fuhr Birgit fort, »und, ich möchte sagen, in seiner ganzen Art und Weise gleichsam mehr wach. Er ist gar nicht mehr so phlegmatisch und bequem wie sonst.« Sie sprach in nachdenklichem Tone und mit kleinen Zwischenräumen. »Ja – er ist anders geworden«, fügte sie bestimmt hinzu. »Beachten Sie es nur, dann werden Sie es auch bemerken!«
Es entstand eine kleine Pause.
»Weshalb antworten Sie nicht?« fragte Birgit plötzlich, noch immer, ohne ihn anzusehen.
»Sie haben mich ja nach nichts gefragt.«
Die Worte kamen so träge heraus, abermals erhob er das Kinn ein wenig.
»Er neckt auch nicht mehr so viel wie sonst«, fuhr sie fort. »Er hat sich wirklich gebessert; aber ich will es ihm ganz abgewöhnen.«
»Sitzen Sie lieber still«, erwiderte Jamborg. »Meine Augen werden so müde von dem ewigen Hinundherschaukeln.«
»Dann können Sie Ihren Augen ja ein anderes Ziel geben«, entgegnete Birgit, ruhig weiterschaukelnd.
»Nein, das kann ich nicht.«
»Dann sollten Sie sich wenigstens nicht beklagen.«
»Ja, daran bin ich gewöhnt.«
»Betrachten Sie einmal diese Leinwand hier«, rief Birgit nach einer Weile lebhafter aus, indem sie sich erhob und auf die Staffelei zutrat. »Was soll ich mit dem Klecks von See dort machen? Ich bin nicht imstande, Ausdruck da hineinzubekommen.«
Jamborg war ihr gefolgt. Er betrachtete das kleine Stück bemalter Leinwand, indem er das eine Auge zukniff.
»Ich glaube, Sie haben zu viel Schwarz aufgeschmiert.«
»Aber die Bäume hier, die sind doch schön!« fragte Birgit und trat einen Schritt zurück, um besser sehen zu können.
»Ja, wenn ein wenig mehr Luft dazwischenkommt.«
»Ja, Luft – freilich, das ist leichter gesagt als getan.« Birgit drehte und wendete den Kopf nach allen Seiten, während sie das Bild betrachtete. »Es ist im Grunde ein fürchterlicher Kitsch«, rief sie plötzlich aus, indem sie sich umwandte und sich in einen Lehnstuhl warf, die Arme über der Brust gekreuzt.
»Ja, da haben Sie recht«, stimmte Jamborg ein und versank wieder in seine frühere Stellung.
»Ach ja! Es ist wohl schon spät«, sagte darauf Birgit mit lautem Gähnen.
Jamborg antwortete nicht. Er saß nur da und starrte mit den Augen vor sich hin. Sein Blick erinnerte an den eines Vogels, der sich im Bann einer Schlange befindet.
»Was malen Sie jetzt eigentlich, Jamborg?« fragte Birgit mit eine Miene, als wenn die Antwort sie nicht im geringsten interessiere.
»Ich male nichts von Bedeutung in dieser Zeit.« Seine Stimme hatte bei jeder Antwort, die er gab, einen verdrießlichen Klang, als irritierten ihn ihre Fragen.
Birgit gähnte abermals. »Ach, Jamborg, wissen Sie was, ich bin wirklich müde!« und sie fuhr mit der Hand über die Augen, die feucht vom Gähnen waren.
»Sie werfen mich aus der Tür?« Es kam etwas Finsteres, Schmerzliches in seinen Blick.
»Ja, wenn ich aufrichtig sein soll, Jamborg. – Sie sind auch so langweilig«, fügte sie in einem fast ärgerlichen Tone hinzu.
Er erhob sich und trat dicht an sie heran.
»Soll dies denn niemals anders werden?« Er war bleich, und seine Stimme zitterte. »Wollen Sie fortfahren, mich so zu peinigen, bis – ja, was weiß ich. Werden Sie niemals finden, daß es genug ist?«
»Ich denke, das haben wir ein für allemal erledigt, Jamborg.«
Birgit erhob sich, und ihr Ton und ihre Miene waren abweisend. »Ich habe Ihnen ja alles ganz ehrlich gesagt.«
»Als es zu spät war, ja. Hätte ich von Anfang an gewußt, daß Sie nur Ihr Spiel mit mir trieben –« er sprach leise, gleichsam kurzatmig und hatte beide Hände geballt.
»Ja, ich weiß, daß es unrecht war, Jamborg,« erwiderte sie hastig und gereizt, »und ich habe Sie deswegen ja schon um Verzeihung gebeten. Ich langweilte mich so entsetzlich, und Ihre Huldigungen füllten mich gewissermaßen aus. Verliebt bin ich niemals in Sie gewesen.«
»Aber Sie taten Ihr Bestes, um mich so verliebt wie möglich in Sie zu machen«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.
»Durchaus nicht, Jamborg! Für mich war es ein Spiel, wenn Sie wollen! Wie konnte ich nur ahnen, daß Sie die Sache so ernsthaft nehmen würden! Sie sind ja sooft verliebt gewesen, und es ist immer wieder vorübergegangen. – Und außerdem,« sie erhob ihre Stimme wie jemand, der sich immer mehr in Zorn hineinredet, »was wollen Sie mir eigentlich vorwerfen? Das Spiel war ja gleich gefährlich für uns beide. Ich war derselben Gefahr ausgesetzt wie Sie. Wenn nun die Rollen vertauscht wären, wenn ich mich nun in Sie verliebt hätte und Sie meine Neigung nicht erwiderten? Dann müßte ich doch wohl hübsch stillschweigen, ich dürfte doch sicher nicht so viel Wesens davon machen und Sie zur Verantwortung ziehen. Es ist doch wirklich zu arg, daß Sie mich nicht in Ruhe lassen können.«
Sie ging durch das Zimmer, die Absätze heftig aufsetzend und ihren Haarknoten mit der Hand befestigend.
»Sie reden gar zu überlegen«, sagte er hastig. »Wenn Sie mich geliebt hätten, so wäre ich Ihnen zu Füßen gefallen und hätte Sie angebetet. Das wissen Sie sehr wohl.«
Sie wandte sich um und kam schnell auf ihn zu.
»Aber weshalb soll ich es entgelten, daß Sie nicht imstande sind, mich zu fesseln?«
Er streckte die Hand aus, als wolle er sie auf ihren Mund legen und verzerrte das Antlitz wie im Schmerz.
»Und wenn Sie mich geliebt hätten, was dann?« murmelte er.
»Dann hätte ich mich offen und ehrlich mit Ihnen verheiratet«, erwiderte sie, sich auf die Zehen hebend und ihm in die Augen schauend.
Er sah sie mit einem Blicke an, als wolle er sie durchbohren, während seine Lippen bebten und seine Nasenlöcher sich bewegten.
»Gute Nacht!« sagte er dann ruhig und streckte die Hand aus. Sie nahm sie und fühlte, daß sie feucht und kalt war.
Er ließ ihre Hand sofort wieder sinken und ging auf die Türe zu.
»Noch eins, Jamborg!« fügte sie hinzu; »wollen wir es nicht ein für allemal ausmachen, daß wir einander als Kameraden betrachten? Dann können wir viele angenehme Stunden von unserem Verkehr haben.«
Er ging, ohne zu antworten; einen Augenblick später aber öffnete er die Türe ein klein wenig, steckte den Kopf hinein und sagte mit einer Stimme, als wolle er die Worte gleichsam ins Zimmer hineinschleudern: »Zum Teufel mit der Kameradschaft!« Dann verschwand er, die Türe geräuschvoll hinter sich zuschlagend.
Birgit, die bei diesem unerwarteten Abschluß heftig zusammengefahren war, hörte, wie er die Entreetüre öffnete und schloß, worauf der Laut seiner Schritte auf der Treppe verhallte. Sie blies die Lampen aus, öffnete ein paar Fenster und begab sich dann ins Schlafzimmer.
Während sie sich entkleidete, kam ihr der Gedanke, ob sie nicht im Grunde zu heftig gegen Knud gewesen sei, als er sie mit ihrem Malen geneckt hatte. Es war ja häßlich von ihm gewesen, aber doch – sie war gleich so gegen ihn aufgebraust, und er hatte ihr so freundlich und gutmütig geantwortet. Je mehr sie darüber nachdachte, desto größer erschien ihr ihr Unrecht gegen ihn. Wenn er jetzt dagewesen wäre, würde sie ihm gesagt haben, daß sie ihre Heftigkeit bereue. Wenn er nur nicht gegangen wäre! Aber wenn sie ihn nun erwartete? Er mußte ja bald kommen! Ja, das wollte sie tun.
Sie steckte die Füße in ein Paar weicher Filzpantoffel, band einen Schal über ihr Nachtgewand und schlich in das Musikzimmer, wo eine Lampe unter einem rosenroten Schirm brannte. Hier kroch sie auf dem Sofa zusammen, zog die Knie bis an die Brust hinauf und umschlang sie mit den Armen.
Aber vielleicht war es ein dummer Plan! Wenn Knud sich nur über ihr Aufbleiben wunderte, so würde sie verlegen werden, und dann war das Ganze höchst ärgerlich. Sie saß da und überlegte, ob es wohl nicht das richtigste sein würde, zurückzuschleichen, und wieder in ihr Bett zu kriechen. Aber trotzdem blieb sie sitzen; es war, als sei sie verzaubert, als gehöre eine kräftige Anstrengung dazu, um sich von diesem Zauberbann zu befreien.
Ja, aber jetzt wollte sie Ernst machen. Sie nahm sich zusammen und löste die Arme, die ihre Knie umklammert hielten. Still – kam da nicht jemand? – Ja, nun war es zu spät – das waren Knuds Schritte.
Gleich darauf öffnete sich die Tür und Knud trat ein. Birgit sprang vom Sofa, flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und sagte hastig: »Sei mir nicht böse, Knud, weil ich vorhin so häßlich war – ich war viel heftiger, als es sich schickt!«
Knud, der keine Ahnung davon hatte, daß sich jemand im Zimmer befand, erschrak so, daß er hintenüber taumelte.
»Bist du von Sinnen, Birgit?« rief er. »Du kannst einen ja um den Verstand bringen, so zu nächtlicher Zeit! Du großer Gott, wie ich mich erschrocken habe!«
»Ja, so geht’s, wenn man es so recht gut machen will«, sagte Birgit kleinlaut. »Ich konnte nicht schlafen, ehe ich dir gesagt hatte, daß ich dir gegenüber unrecht gehandelt habe, Knud.«
»Das ist wirklich nicht des Aufhebens wert«, antwortete Knud gleichgültig und schritt an ihr vorüber auf den Tisch zu, wo er einige Notenhefte ordnete. »Ich hatte es wirklich schon längst wieder vergessen.«
»Es ist ja sehr schön, wenn man so nachsichtig ist«, erwiderte Birgit kühl und tastete mit dem Fuß auf dem Boden, um ihren einen Pantoffel zu finden, den sie beim Laufen verloren hatte.
»Steh nicht da und erkälte dich, Birgit!« sagte Knud ungeduldig. »Geh hinein und leg dich schlafen.«
»Ja! Ich gehe schon!« rief sie heftig. »Ich darf doch wohl erst meinen Pantoffel suchen!«
Als sie im Bett lag, ballte sie die Hände so, daß ihre Gelenke förmlich krachten, und sagte ganz laut: »Ja, dieser Knud, dieser Knud! Er taugt auch in der Wurzel nichts! Oh, wie er mir zuwider ist!«
Knud blieb noch lange in seinem Zimmer. Er saß dort und rauchte eine feine Havannazigarre und durchlebte noch einmal die Begebenheiten des Abends.
Ein ruhiges Lächeln breitete sich über seine Züge aus. Hin und wieder machte er eine Bewegung mit der Hand und strich sich dann über Mund und Kinn.
»Was nur Friedrich gedacht haben mag?« Er lachte leise vor sich hin. »Gott weiß, ob er die ganze Sache nicht durchschaut.« Zweimal war er ihnen an diesem Abend auf entlegenen Wegen begegnet, und das eine Mal hatte er getan, als sähe er sie nicht. Freilich, er war der Ungefährlichste von allen, denn für ihn gab es ja nichts weiter in der Welt, als dazusitzen und Birgit anzustarren. – »Verrückter Kerl, dieser Friedrich, geradezu verrückt!« – Die Sache mit Birgit war im Grunde feige und schändlich, aber was half’s, es ließ sich ja nichts dagegen machen. Daß sie auch gerade heute abend darauf verfallen mußte, liebenswürdig zu sein! Und er hatte noch soeben auf dem Heimwege darüber nachgedacht, ob es nicht das beste sei, wenn er sich ein Herz faßte und ihr offen und ehrlich sagte, wie es um ihn stehe, und dann alles in ihre Hände legte. Aber im selben Augenblicke, als er sie mit ausgebreiteten Armen hatte vor sich stehen sehen, war es ihm klar gewesen, daß es ihm ganz unmöglich sein würde, ihr auch nur ein Wort davon zu sagen, ebensogut hätte er hingehen können, um ihr den Hals abzuschneiden.
Wie aber sollte dies nur einmal enden? Auf die Dauer konnte es so nicht weitergehen. Ei was! er war viel zu glückselig, um sich lange mit solchen Gedanken zu befassen.
Es waren mehrere Monate vergangen, und man befand sich jetzt zu Anfang Juli. Knud hatte Birgit gesagt, er wolle die Ferien dazu verwenden, um etwas zu komponieren, deswegen müsse er den ganzen Sommer in der Stadt bleiben. Seine Mutter, die eine Villa auf dem Lande besaß, hatte Birgit und die Kinder eingeladen, einen Monat bei ihr zuzubringen.
In der Tandbergschen Wohnung waren die Rouleaus sowohl im Salon wie im Boudoir herabgelassen. Alle Blumen waren ins Eßzimmer gesetzt, von dessen breitem Erkerfenster die Gardinen abgenommen waren.
Das Mädchen war damit beschäftigt, die gestickten Stühle und kleinen, feinen Peluchetische mit Zeitungspapier und Überzügen zu bedecken. Teppiche und Sofakissen waren fortgelegt, und einzelne Nippesgegenstände mit Flor verhüllt.
»So, Karen, jetzt ist es gut genug«, sagte Birgit, die gerade ins Zimmer trat. »Wir bleiben ja nicht so lange fort.«
»Ich muß nur noch dies über die Albums legen«, erwiderte Karen, ein Stück altes Gardinenzeug ergreifend.
»Nein, das will ich gebrauchen.« Birgit riß es ihr aus der Hand.
»Sie können eine Zeitung nehmen. Und dann gehen Sie hinein und helfen Sie Nille, das Kinderzeug einzupacken, sonst wird sie im Leben nicht fertig.«
Das Mädchen ging, und Birgit hüllte den Gardinenstoff um ihre halbfertigen Gemälde, die sie auf die Staffelei stellte.
Dann begab sie sich in das Schlafzimmer, um ihre eigenen Sachen zu packen.
Im Musikzimmer saß Knut und gab Frau Guve eine Klavierstunde. Jedesmal, wenn er sie korrigierte, beugte sie sich über die Tasten, stieß einen leisen Schrei aus, wandte den Kopf um und sah von der Seite zu ihm auf mit flehenden Augen, die Zungenspitze durch die Lippen schiebend.
»Wie entzückend unglücklich Sie aussehen, gnädige Frau, wenn Sie einen Fehler machen!« Knuds Stimme klang fröhlich und einschmeichelnd. »Sie machen ein Gesicht wie ein reizender kleiner Backfisch!«
»Ach, Sie!« erwiderte sie, verwirrt ihre Locken schüttelnd. »Es war Ihre Schuld, daß ich den Fehler machte, Herr Tandberg – Sie bringen mich aus der Fassung.« Sie hielt mit dem Spielen inne und warf ihm einen ihrer feurigsten Blicke zu.
»Fangen Sie, bitte, noch einmal wieder ganz von vorn an, gnädige Frau«, schlug Knud vor. »Sie müssen sich Mühe geben, mit loserem Handgelenk zu spielen. Ihre Stakkatos sind noch gar nicht gut.« Er stellte sich hinter sie, erfaßte ihre beiden Arme und zeigte ihr, wie sie die Hand im Gelenk heben und wie sie wieder herabfallen müsse.
»Ja, wenn ich nur immer Ihre Hilfe dabei hätte«, seufzte sie und lehnte sich gegen die Knöpfe seiner Weste, indem sie fast die Augen verdrehte, um seinem Blick zu begegnen.
»Ach, lassen Sie das! Glauben Sie, daß ich unterrichten kann, wenn Sie die Feuerstrahlen ihres Auges gerade auf mein Gesicht richten? Bitte, sehen Sie auf Ihre Hände herab, – so.« – Er faßte mit der einen Hand um ihren Kopf und beugte ihn vornüber. Dann machte er noch einige Übungen mit ihrem Handgelenk und setzte sich darauf neben sie, während sie das Stück durchspielte.
»Das war also die letzte Stunde vor den Ferien«, sagte Frau Guve mit einem Seufzer, indem sie sich erhob. »Ich werde meine Stunden sehr vermissen.«
Sie sah ihn verliebt an.
»Und ich gar, gnädige Frau! Was soll ich nur sagen!«
»Ach, Sie! Sie haben ja so viel anderes! Spielen Sie nicht auch mit Fräulein von Falsen?«
»Nein! Wie kommen Sie nur darauf?« fragte Knud, ohne sie anzusehen und auf dem Klavierstuhl hin und her rückend.
»Ach, ich meinte nur.« Sie sah zurückhaltend aus.
Knud klappte ihre Noten zusammen und legte sie in ihre Mappe. »Es nützt wohl nichts, daß ich Ihnen diesmal etwas zu üben aufgebe; Sie verreisen ja.«
»Ja, und wie wird es?« sie band ihre Hutschleife zu, »werden Sie einen kleinen Ausflug nach dem Sanatorium machen?«
»Das könnte doch nur sein, um Sie dort zu treffen, gnädige Frau.« Er sah aus, als habe er die schrecklichste Lust dazu.
»Ich kann mir schon ausmalen, wie gemütlich wir da oben zusammen leben könnten!« sie nickte und lachte ausgelassen. »An einem solchen Ort ist man viel ungenierter; – es ist ganz anders als hier – was hab‘ ich nicht alles über die paar Besuche hören müssen, die Sie mir gemacht haben.« Sie verzog den Mund prüde und sah gekränkt aus.
»Wenn nur der Weg nicht so entsetzlich lang wäre!«
»Ach was, der Weg! Es geht ja bis oben hinauf durch die entzückendste Gegend. Wenn nur das richtige Zugpflaster vorhanden wäre, dann –« Sie drohte mit einem schelmischen Lächeln.
»Das sind Sie ja, gnädige Frau!« Er trat dicht an sie heran und sah mit halbgeschlossenen Augen auf sie herab. »Und Sie wissen, daß das hinreichend ist.«
»Nein, wie kokett Sie sind!« lachte sie. »Wenn man sich nur auf Sie verlassen könnte!« Sie ging in einen ernsten Ton über und schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Das können Sie ruhig tun, gnädige Frau«, erwiderte er mit einem einschmeichelnden Lächeln.
»Ja, geben Sie mir einen Beweis davon! Kommen Sie nach Gausdal, während ich dort bin,« sie beugte sich zu ihm hinüber, »dann will ich Ihnen etwas erzählen.« Die letzten Worte sprach sie in flüsterndem Ton.
»Was kann das nur sein?« fragte er interessiert.
Sie betrachtete ihn mit einem zärtlichen Blick und blinzelte unruhig mit den Augenlidern.
»Daß Sie der unausstehlichste Mensch sind, den ich jemals gekannt habe.« Sie sagte das lächelnd, aber mit einer energischen Betonung, während eine flüchtige Röte über ihr Antlitz huschte. Dann wandte sie sich um und griff nach ihrer Musikmappe.
»Ich komme!« rief er übermütig aus.
Sie reichte ihm die Hand zum Lebewohl. Mit einer galanten Bewegung führte er sie an seine Lippen.
»Dann erwarte ich Sie also ganz bestimmt«, sagte sie mit einem nervösen Beben der Stimme, indem sie auf die Türe zuging.
»Die alte, abgetakelte Person«, murmelte Knud, als er wieder ins Zimmer trat, nachdem er sie bis an die Entreetüre begleitet hatte. Er runzelte die Nase und stieß einen knurrenden Laut aus. »Pfui Kuckuck! Wie aufdringlich sie ist! Nach dem Sanatorium kommen! Da schneiden Sie sich gewaltig, meine Gnädige!« Er lachte leise. »Dann müßte Margrete nicht hier in der Stadt sein! – Sie wird natürlich rasend, die Alte! Aber zum Teufel auch, was schert mich das! Ich will sie schon wieder besänftigen, wenn es sich der Mühe verlohnt. Genützt hat sie uns doch. – Jetzt reden sie wenigstens ebensoviel über sie und mich wie über mich und Margrete – ja mehr, denn ihr trauen alle eine Frivolität zu, während Margrete – ach, meine entzückende, jugendliche Margrete! Wenn ich nur deinen teuren Namen schützen könnte!«
»Du mußt mir ein wenig Geld geben, Knud, denn nun wollen wir fort«, sagte Birgit, indem sie die Eßstubentür öffnete und sich reisefertig auf der Schwelle zeigte.
Knud zog sein Portemonnaie heraus und reichte ihr einige Scheine.
»Danke, das genügt«, sagte Birgit, als er Miene machte, ihr mehr zu geben.
»Wenn ihr nur rechtzeitig kommt«, bemerkte Knud, nach seiner Uhr sehend.
»Das denke ich, wir haben eine Droschke. Fährst du nicht mit uns bis ans Dampfschiff? Nille kann auf dem Bock sitzen.«
»Das ist wohl überflüssig, Birgit«, sagte er in entschuldigendem Tone.
»Eine Notwendigkeit ist es nicht, ich dachte nur, es würde dir Vergnügen machen, die Kinder zu sehen. Sie sind ganz außer Rand und Band vor Freude.«
»Grüße auch die Mutter und die Schwestern, Birgit.«
»Kann ich sagen, daß du am Sonnabend kommst? Denn danach werden sie ja natürlich sofort fragen. Also auf Wiedersehen, Knud!« Sie reichte ihm die Hand und küßte ihn flüchtig auf die Wange. »Da höre ich die Kleinen in dem Entree!«
Knud ging hinaus und küßte die Kinder.
»Laßt es euch recht gut gehen, Birgit!« sagte er dann.
»Ja, und du gleichfalls«, erwiderte Birgit. »Richte dich nur so gut ein, wie du kannst. Des Mittags ißt du wohl außer dem Hause?«
»Ja, oder auch nicht. Die Köchin bleibt ja hier.«
Und dann ging er ins Musikzimmer zurück. Vergnügt rieb er sich die Hände, hüpfte durch das Zimmer und knipste mit den Fingern. Er konnte es nicht aushalten da drinnen, sondern riß alle Türen zum Eßzimmer, zum Boudoir und zum Salon auf. Dann tanzte er im Polkatakt durch die ganze Zimmerreihe, die Daumen in die Ärmellöcher der Weste steckend und vor sich hinsingend: »So herrlich allein – alle sind fort – heute abend, heute abend! Zum erstenmal – allein bei mir – im eigenen Haus! Hurra! Hurra!«
Margretens Eltern und ihre beiden unkonfirmierten Schwestern waren in ein Bad gereist. Die Brüder machten eine Fußtour ins Gebirge, und sie selber verbrachte die Sommermonate bei der alten Großmutter, die ein Landhaus in der Nähe der Stadt bewohnte. Schon als Kind war Margrete viel bei der Großmutter gewesen, sie pflegte ganze Wochen bei ihr zuzubringen.
In diesem Jahr hatte sie die Großmutter verstehen lassen, daß sie tausendmal lieber bei ihr bleiben als mit den Eltern ins Bad gehen wolle, wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen, und die alte Dame, deren Augapfel Margrete war, hatte es nicht viel Mühe gekostet, die Sache nach Wunsch zu ordnen.
Vierzehn Tage, nachdem Birgit zu ihrer Schwiegermutter aufs Land gezogen war, hatte sie eine Einladung zu einer großen Abendgesellschaft bei einigen alten Freunden des Tandbergschen Hauses erhalten, die eine Villa nicht weit von Frau Tandbergs Landhaus bewohnten. Knud war auch dort. Seine Mutter hatte gemeint, er solle sie des Abends nach Hause begleiten und bei ihnen übernachten; er aber hatte diese Aufforderung ausgeschlagen und war mit einem Extradampfer, den einige der Gäste gemietet hatten, wieder zur Stadt zurückgekehrt.
Auch Margrete von Falsen war unter den Gästen gewesen.
Auf dem Rückwege war Birgit ungewöhnlich schweigsam. Sie saß zurückgelehnt in der einen Wagenecke neben Frau Tandberg und sprach kein Wort. Als eine der Schwägerinnen sie anredete, ohne eine Antwort zu erhalten, rief Frau Tandberg aus: »Weiß Gott, Birgit ist eingeschlafen!«
Aber Birgit schlief nicht. Sie saß nur mit geschlossenen Augen da und litt unter einem Gefühl von Unruhe und Niedergeschlagenheit, das an ihrem Innern nagte und sie wie alte Gewissensbisse beschwerte.
Als der Wagen vor dem Landhause hielt, tat Birgit, als ob sie plötzlich erwache, sagte schnell »Gute Nacht«, sprang aus dem Wagen und lief die Treppe hinauf, in ihr Schlafzimmer, das sich in dem einen Giebel des Hauses befand.
Sie zündete Licht an, ließ das Rouleau herab, zog die Schuhe aus und begann, in Gesellschaftstoilette, wie sie war, im Zimmer auf und nieder zu gehen, den Kopf gesenkt, das Kinn in der rechten Hand, während sie den Ellbogen mit der Linken stützte.
An diesem Abend war es ihr plötzlich klar geworden, wie es um Knud stand.
Geschehen war im Grunde nichts, aber für sie war es hinreichend gewesen.
Sie hatte im Gartensaal gestanden und mit einigen Herren gesprochen. Es sollte Française getanzt werden, und sie hatte sich dazu engagieren lassen. Und dann war einer von Knuds Freunden gekommen, ein Arzt, der hatte sie gefragt, ob sie nicht wisse, wo ihr Mann sei, er wolle ihn gern zum Visavis haben. Sie hatte sich nach ihm umgesehen und schließlich die Portiere neben sich ein wenig zur Seite geschoben, hatte den Hals vorgestreckt und in das Boudoir hineingeguckt. Dort hatte Knud gestanden und mit Margrete gesprochen. Sie waren nicht allein im Zimmer. Im Sofa in einer Ecke saßen einige junge Herren und Damen und schwatzten und lachten, und es würde nichts Auffälliges bei dem ganzen gewesen sein, wenn nicht Knuds Gesicht – ah, wie ihr das Blut durch die Adern jagte, wenn sie dies Gesicht vor sich sah.
Sie hatte es nur einen einzigen Moment beobachtet, aber trotzdem stand es so lebendig vor ihm – unablässig – dieser strahlende, tief benommene und doch so ernste, nein, eher wehmütige, fast schmerzliche Blick, und dann das Entzücken, das darin lag – ja, was war es doch nur – in den Mundwinkeln? nein, überall, in jeder einzelnen Linie des Gesichts, in seiner ganzen Haltung, die von Kraft und Elastizität strotzte.
So sah Knud eine Frau nicht an, wenn er sie nicht liebte. Sie kannte diese Augen und diese Miene, so hatte er sie einstmals angeschaut, damals, als sie seine Liebe besaß. Dies alles hatte ihr gehört! – Dies beklemmende Gefühl in der Brust, wie es sie schmerzte! Jetzt wußte sie, weshalb es ihr hatte scheinen wollen, als wenn Knud sich nach Verlauf einiger Jahre so verändert hätte. Sie hatte es damals nicht glauben wollen, sondern sich damit getröstet, daß es wohl daher käme, weil sie ihn täglich sähe. Und ebenso wußte sie jetzt, weshalb in der letzten Zeit dieser wunderbare Glanz in seinen Augen gelegen hatte! – Die Liebe hatte ihn verschönert!
Margrete von Falsen also! – Also doch wirklich! – Was war denn eigentlich nur an ihr? Was hatte sie vor ihr voraus? Ja, was konnte es nützen, zu fragen; er liebte sie! Knud liebte sie!
»Ach, Knud, Knud!« flüsterte sie. »Ach, meine Jugend, mein entschwundenes Glück!«
Sie preßte einen Augenblick die Hand vor die Augen und stand still.
Aber, du lieber Gott, weshalb nahm sie sich die Sache eigentlich so zu Herzen? Sie hatte sich ja schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß Knud sie nicht mehr liebe. Ach ja! Aber es war trotzdem abscheulich, daß er eine andere liebte, und zwar mit einem solchen Ernst und einer solchen Kraft. – Sie wußte, welch eine Fülle, welch ein Glück in seiner völligen Hingebung lag, – es war gleichsam, als gönne sie der andern das nicht.
So besaß sein Inneres also doch die Fähigkeit, wiedergeboren zu werden, ebenso frisch und ganz zu empfinden wie damals. Das hatte sie wirklich nicht geglaubt!
Aber dann war es ja ein Unrecht, daß er nicht frei war. Wenn dies Gefühl sich bei ihm entfalten dürfte, so würde es ihn vielleicht viel weiter bringen, ihn zu einem tüchtigeren Menschen machen. Er würde wahrscheinlich etwas Gutes komponieren, wie damals, als er sie liebte.
Ja, er mußte frei sein. Sie sollte ein Hemmschuh für den Mann sein, der sie mit so viel Gutem überschüttet hatte, mit einem so großen Reichtum an süßen Stunden, an Glück und Liebe? Niemals! Er hatte ihr alles gegeben, solange er etwas zu geben hatte. Es war ja nicht seine Schuld, daß es ein Ende nahm. Die Liebe ließ sich ja nicht festhalten durch ein Machtgebot, ließ sich nicht durch eine Willensanstrengung erzwingen.
Obwohl – ihr war es doch gelungen, ihre Gefühle für Arbo zu bekämpfen. Aber das kam natürlich daher, daß ihre alte Liebe zu Knud nicht ganz erloschen war. Mit ihm war es freilich etwas anderes. Seine Liebe zu ihr war längst tot gewesen.
Sie wollte es ihm sagen, daß sie alles erraten habe, daß sie bereit sei, das Band zwischen ihnen zu lösen. Er sollte seine volle Freiheit wieder haben. Sie wollte ihm das Peinliche ersparen, mit einem Bekenntnis zu ihr zu kommen. Denn darüber grübelte er jetzt natürlich nach – davor schreckte er zurück. Sie war ganz sicher, daß er sich mit Margrete auf nichts einlassen würde, ehe er mit ihr gesprochen. Er hatte so viel Achtung vor ihr, daß er sie nicht betrügen würde – wenigstens nicht so handgreiflich.
Wie aber sollte die Sache zwischen ihnen geordnet werden? Sie stand eine Weile da und überlegte. Auf eine Scheidung kam es ja schließlich immer hinaus – offen und ehrlich sollte alles zwischen ihnen sein. Sie knöpfte ihr Kleid auf und fing an, sich zu entkleiden. Es war doch ein Unding, miteinander weiterzuleben, wenn keine Liebe mehr zwischen ihnen existierte. Das erniedrigte und machte das Leben zur Wüste, wie die Großmutter zu sagen pflegte. Wie hart und kalt war sie nicht geworden, sie war geradezu gesunken in diesen Jahren. Und nun gar Knud! Er war förmlich verbummelt, so schlaff und charakterlos! Dann aber hatte die Liebe ihn gerettet, während es noch Zeit war. Er war glücklich – sie aber! Sie verfiel in Grübeleien, während sie auf dem Rande des Bettes saß und ihr Strumpfband löste. Wie arm und elend war sie doch im Vergleich zu ihm!
Sie fuhr zusammen – in dem entgegengesetzten Giebel hörte sie die Schwiegermutter husten.
»Großmama!« dachte sie und nestelte ihr Korsett auf. »Es wird noch Kämpfe kosten, ihnen allen Widerstand zu leisten«, – leise schüttelte sie den Kopf. »Aber es ist nichts dabei zu machen«.
Gott weiß, ob sich Knud nicht widersetzen wird, wenn es schließlich so weit kommt. Jedenfalls wird es ihm schwer werden. Er umgeht so etwas am liebsten. Aber das ist nicht richtig. Gerade durch, das ist nun einmal meine Natur. Morgen fahre ich in die Stadt, gehe zu Knud und spreche frisch von der Leber weg mit ihm.«
Sie zog ihr Nachtgewand über den Kopf und knöpfte es langsam und bedächtig zu. Dann blies sie das Licht aus und ging zu Bett. Aber statt sich auf die Seite zu legen, das Gesicht ins Kissen gepreßt, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie schlafen wollte – statt dessen streckte sie sich auf dem Rücken aus, steckte die Hände unter den Nacken und setzte ihre trüben Betrachtungen fort.
Am nächsten Nachmittag gegen vier Uhr ging Knud rastlos in den öden Zimmern auf und nieder. Jeden Augenblick war er draußen in dem Vorsaal und horchte. Dann ordnete er sein Haar vor dem Spiegel, befeuchtete seine Hände mit Eßbouquet, schlug ein Buch auf, blätterte ein wenig darin und ordnete wohl zum zwanzigstenmal das beschriebene Notenpapier, das auf dem Tische lag.
Dann wollte es ihm scheinen, als höre er Tritte auf der Treppe, und diesmal war er endlich sicher, daß er sich nicht geirrt halte. Mit einem glückseligen Lächeln eilte er hinaus und öffnete.
»Endlich!« rief er aus, sie in den Vorsaal hineinziehend. »Du unartiges Kind! Warum hast du mich so lange warten lassen?« Er schloß die Tür, schlang die Arme mit stürmischer Heftigkeit um sie und küßte sie unzähligemal.
»Aber, Knud! Du erstickst mich ja!« sagte sie schließlich und suchte ihr Gesicht zu befreien, während sie sich doch fest an ihn schmiegte. »Wir wollen hier doch nicht stehenbleiben?«
Endlich gab er sie frei, behielt aber ihre Hand in der seinen, während sie den Hut ablegte.
»Willst du mir meine Hand einen Augenblick überlassen,« bat sie, »damit ich den Handschuh ausziehen kann?«
»Nein, das will ich nicht«, erwiderte er und fing an, die langen Handschuhe aufzuknöpfen. »Es ist meine Hand, damit du es weißt!« Er steckte ihre Fingerspitzen in seinen Mund und zog den Handschuh mit den Zähnen ab.
»Darf ich sie etwa nicht küssen?« Er sprach mit der Stimme eines verhätschelten Kindes, indem er sich über die Hand beugte, die er in seinen beiden Händen hielt, und sie mit unzähligen Küssen bedeckte.
»So, jetzt die andere!« lachte sie, ihm eine leichte Ohrfeige gebend.
Allmählich gingen sie, sich innig umschlungen haltend, ins Wohnzimmer.
»Wie ich mich in der letzten Stunde nach dir gesehnt habe!« sagte er, den Mund gegen ihren Hals pressend.
Sie sprang zur Seite und riß sich von ihm los. »Du kitzelst mich!« rief sie, laut auflachend und strich sich übers Ohr.
»Also, ich kitzle dich!« er ahmte ihre Stimme nach. »Wie bezaubernd dein Lachen ist, Margrete. Es klingt wie Perlen, die mit einem plätschernden Laut über Marmor ins Wasser rollen. Tratratra!« lachte er hinter ihr drein.
»Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß es Ähnlichkeit hat?« Sie zog den leichten Umhang aus und warf ihn über die Staffelei.
»Wie ist es dir denn seit gestern ergangen?« fragte sie, sich in vornübergebeugter Haltung hinter eine Stuhllehne stellend, die gekreuzten Arme darauf stützend.
»Komm her und küsse mich!« erwiderte er, indem er auf einem Puff Platz nahm.
»Liebst du mich noch ebensosehr wie gestern?« fuhr sie fort, ihn mit freudetrunkenem Lächeln ansehend.
»Komm her und küsse mich! Hörst du? Komm, komm, komm!« Er streckte die Hände aus und glich einem Knaben, der ungeduldig ist, weil er nicht gleich seinen Willen bekommt.
»Ja, dann antworte mir erst«, sie lachte neckisch.
»Ob ich dich liebe – du kleiner Dummbart! Komm nur her zu mir!«
Sie schob den Stuhl beiseite und war mit einem Sprung bei ihm.
»Laß uns lieber in dein Zimmer gehen«, sagte sie nach einer Weile, indem sie mit beiden Händen das Haar von den warmen Wangen zurückstrich. »Hier ist es so dunkel und rumpelkammermäßig.« Und ehe er noch antworten konnte, lief sie durch das Boudoir und den Salon ins Musikzimmer. Er folgte ihr sofort.
»Setz dich einmal hierher«, sagte sie munter und drehte seinen Stuhl so, daß er mit dem Rücken nach dem Licht stand. »Ich will dich frisieren.«
Er ließ sich sofort auf den Sitz nieder, streckte die Beine von sich, lehnte sich ganz hintenüber und übergab seinen Kopf ihrer Behandlung. Sie griff die Sachen mit beiden Händen an, strich die Finger langsam und liebkosend durch sein weiches, leichtgelocktes Haar. Hin und wieder durchfuhr ihn ein leichtes Schaudern, sonst verhielt er sich ganz unbeweglich, mit geschlossenen Augen und einem matten Lächeln saß er da. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich herab und küßte ihn leicht auf die Stirn, ohne die Hände ruhen zu lassen.
»So«, sagte er endlich und machte einen Versuch, sich aufzurichten, sie aber faßte ihn mit der einen Hand um den Hals und rief lachend: »Nein. Halt! Jetzt kommt der Kamm!«
Sie zog ein kleines Futteral aus der Tasche, und dann fing sie an, ihn zu frisieren, den Kamm in der einen, eine Bürste in der andern Hand haltend.
»Still!« unterbrach sie ihn plötzlich und horchte. »Hörtest du nicht etwas?«
»Nein«, antwortete er gleichgültig.
»Ich glaubte ganz deutlich zu hören, daß eine Tür geöffnet wurde«, – ihre Stimme klang ängstlich. »Da wieder! Hörtest du es denn eben auch nicht?«
»Nicht das geringste hörte ich!« entgegnete er träge. »Es wird wohl Karen sein, die im Schlafzimmer gewesen ist. Was geht uns das an?«
»Bist du sicher, daß ihr nicht einfällt, hier hereinzukommen?« Sie nahm das Haar abermals in Angriff und sah beruhigt aus.
»Höchstens, wenn uns das Haus über dem Kopf abbrennte; sie hat strenge Order, mich nicht zu stören.«
»So, nun bist du fertig, Knud.« Sie ging auf die andere Seite, um ihn zu betrachten. »Nein, wie es dich kleidet, mit den kleinen, krausen Locken bis in die Stirne hinein! Wirklich zu entzückend! Geh einmal hin und sieh in den Spiegel!«
»Mir ist so wirr im Kopf, und in den Gliedern hab‘ ich eine so wunderliche Mattigkeit«, sagte er mit einem schwachen Lächeln, indem er sich aufrichtete. »Mir ist, als könnte ich in bloßem Wohlsein und Wohlbehagen vergehen.«
Sie ergriff seine Hände und zog ihn von dem Stuhl in die Höhe.
»Aber was hast du nur? Laß mich einmal sehen«, rief er in ganz verändertem Tone aus. Er drehte sie dem Lichte zu, legte seine Hand auf ihre Stirn, beugte ihren Kopf hintenüber und betrachtete sie forschend. »Du hast rote Flecke auf den Wangen, und deine Augen sind blank und feucht. Du hast doch nicht gar geweint?«
Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick, ihren Mund umspielte ein Zug, der sowohl Lachen als Weinen verkünden konnte.
»Was hast du nur, mein Mädchen? Du mußt es mir sagen«, bat er mit seiner liebevollsten Stimme.
Sie kämpfte einen Augenblick mit sich selbst, dann preßte sie die Hände vor das Gesicht.
»Du mußt nicht weinen, Margrete! Erzähle mir lieber, was es ist.«
»Es ist – ein anonymer Brief«, sagte sie mit unsicherer Stimme, ihre Augen trocknend. »Darin steht, daß der Betreffende mein Verhältnis zu einem gewissen Musiker hier in der Stadt sehr wohl kennt, und dann schimpft er mich aus und gibt mir einen häßlichen Namen und sagt, daß, falls es nicht ein Ende hat, meine Eltern davon in Kenntnis gesetzt werden würden.« Sie sprach mit kleinen Pausen und biß auf die Spitze ihres Taschentuches. Ihre Augen waren zu Boden gesenkt.
»Weshalb sagst du, daß es ein ›Er‹ ist?« fragte Knud, der sehr bedenklich aussah. »Ich bin fest überzeugt, daß der Brief von einem Frauenzimmer herrührt.«
»Aber deswegen bleibt es doch ebenso schlimm«, sagte sie leise.
»Ja, Margrete, mein Herzenskind! Ich verstehe sehr wohl, daß du dich erschreckt hast.« Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich. »Aber du brauchst dich deswegen nicht zu beunruhigen. Anonyme Drohungen haben nichts zu sagen.«
»Aber wenn es nun dennoch geschähe?« flüsterte sie mit einem Schaudern.
»Wo ist mein mutiges kleines Mädchen geblieben?« Er legte den Kopf auf die Seite und sah ihr in die Augen.
»Ja, aber Knud!« sie zupfte an seinem Knopf. »Dies Ganze ist ja so unhaltbar! Eines Tages kommt es doch ans Licht, denn so etwas bleibt nie verborgen.«
»Darüber wollen wir uns jetzt noch nicht quälen«, sagte er und küßte sie.
»Ach ja, aber, Knud!« sie erhob den Blick und sah ihn flehentlich an, »du solltest dich doch lieber mit mir verheiraten.«
»Du weißt, daß es nichts auf der ganzen Welt gibt, was ich mehr wünschte, oder vielmehr, es ist das einzige, was ich ernstlich wünsche. Aber bedenke, wie schwer es für mich ist, mich loszumachen.«
»Es müßte sich aber doch machen lassen, Knud; es gibt ja so unzählige Menschen, die geschieden werden und sich dann wieder mit anderen verheiraten; und wenn du deine Frau nicht liebst und sie dich auch nicht – denn das tut sie doch nicht, wie, Knud?«
»Sie hat mich doch immerhin lieb, und dann sind da ja die Kinder, – und sich scheiden lassen – Wenn ich übrigens nur den Mut hätte, ihr die Wahrheit zu sagen und um meine Freiheit zu bitten! Ich glaube, Birgit würde sie mir sofort geben. Sie ist stolz genug dazu!«
»Dann sollst du es auch tun, Knud! Ja, du sollst! Es ist unrecht von dir, mich und mein Leben einer Schwäche zu opfern. Oder willst du etwa lieber, daß ich zu deiner Frau gehe und es ihr erzähle? Ich versichere dir, ich habe den Mut, es zu tun.«
»Ja, du hast recht«, sagte er in bestimmtem Ton. »Dies muß ein Ende haben. Aber nicht zu übereilt, meine Margrete. Ich verspreche dir, daß ich die allererste Gelegenheit benützen will.«
»Hab Dank, Geliebter«, rief sie herzlich aus. »Jetzt verlaß ich mich auf dich.«
»Aber dann mußt du auch ein heiteres Gesicht machen, Margrete! Lächle einmal! Dann will ich dir unsere Liebeshymne vorspielen – da, weißt du, entfliehen alle bösen Geister.«
»Wenn ich nur bei dir bin, ahne ich nicht mehr, daß es irgend etwas oder irgend jemand außer dir und mir auf der Welt gibt. Du sahest, wie glücklich ich war, als ich kam, obwohl ich gerade den anonymen Brief bekommen hatte. Erst als du anfingst, mich zu fragen, wurde ich wieder daran erinnert.« Sie warf sich ihm an den Hals und schmiegte sich fest an ihn, sein Antlitz mit langen, heißen Küssen bedeckend. Er legte seinen Arm in den ihren und fing an, mit ihr im Zimmer auf und nieder zu gehen, indem er Stühle und Tische mit dem Fuß beiseite schob und ihre Hand streichelte. So gingen sie schweigend einige Minuten.
»Wie süß ist es doch, zu leben!« sagte sie endlich und blickte träumend vor sich hin. »Ich bin das glücklichste Geschöpf, das jemals auf Gottes Erdboden gelebt hat.« »Mein Schatz!« flüsterte er mit einem Lächeln und preßte ihren Arm.
»Kannst du dir einen Zustand von Glückseligkeit denken,« sie sprach leise vor sich hin, gleichsam mit sich selber redend, »der so ganz und so vollkommen ist, daß er nicht das geringste ›Mehr‹ vertragen kann, keinen Platz dafür hat? Es ist, als müsse er zerspringen, verschwinden, in demselben Augenblick, in dem auch nur ein Atom hinzukommt. Es ist ein Jubel, der an Angst grenzt. Wer ihn aber einmal besessen hat, der muß sicher zugrunde gehen, falls er ein Ende nähme.«
»Du Herrliche,« sagte er, »du Auserwählte, die du Leidenschaft besitzest!«
»Ja, es muß Leidenschaft sein, wenigstens ist es ein alles verschlingendes Gefühl, das mich beherrscht. Zuweilen kann ich mich gleichsam entsetzen über seine vernichtende Macht, ja, denn es hat die Macht, mich zu vernichten, das weiß ich ganz sicher und bestimmt. Aber ich beuge mich dem Bewußtsein, daß es so ist, und wenn es mich einmal zermalmen will, so werde ich ohne Klage niedersinken, ohne jegliche Lust, mich zu retten!«
»Wie deine Worte mich beseligen, Margrete! Wenn du so redest, ist es mir, als würde ich hoch über mich selbst emporgehoben, an eine Stätte, wo es kühl ist und still und feierlich, und die Stimmung benimmt mich derartig, daß ich alles vergesse, selbst meine eigene Unwürdigkeit.«
»Wie kannst du nur von Unwürdigkeit reden! Glaubst du, daß ich über so etwas nachdenke? Du bist der Mann, den ich liebe!« Sie betonte jedes Wort und sah ihn mit einem strahlenden Blick an.
»Ja, Geliebte. Ich bin deiner unwürdig« – seine Stimme klang bewegt. – »Du bist so rein und zart, so frisch und unberührt, daß ich oft das Gefühl habe, es sei ein Verbrechen, mich dir zu nahen.« Er hielt inne, ergriff ihre beiden Hände und hielt sie vor sich. »Du bist zu mir gekommen mit deines jungen, unschuldigen Herzens großem, ursprünglichem Schatz an Liebe, während ich – ein Mann von vierunddreißig Jahren! Du hättest einen Halbgott haben müssen, der aus den Wolken herabgestiegen wäre und dir ein ätherreines Leben gegeben hätte. Und deshalb, Margrete, knie ich vor dir, wie ich es so oft getan. Ich will, daß du ein Gefühl haben sollst, als ließest du dich jedesmal herab aus deiner Herrlichkeit und höbest mich empor an deine göttergleiche Brust.«
Er war auf die Knie gesunken und streckte die Hände empor. Sie ergriff sie beide mit seligem Lächeln und preßte sie an ihren Mund, an ihre Augen. Dann schlang sie ihre Arme um ihn und versuchte, ihn zu sich emporzuziehen. Er stützte sich mit der Hand an ihrer Hüfte und richtete sich mit einer schnellen Bewegung auf.
»Heute gehörst du mir ganz?« fragte er dann.
Sie schloß die Augen und nickte, während ihr eine brennende Röte in die Wangen stieg und sich über ihren Hals ergoß …
Eine Stunde später kamen sie Hand in Hand aus dem Musikzimmer. Margrete wollte ihre Überkleider anziehen, konnte sie aber nicht sogleich finden. Knud ging in den Vorsaal hinaus und kehrte mit ihrem Hut und ihren Handschuhen zurück.
»Aber mein Umhang?« sagte sie und sah sich nach allen Seiten um. »Ah, da liegt er auf der Erde! Ich erinnere mich, daß ich ihn auf die Staffelei hängte, dann muß er herabgefallen sein.«
Knud nahm ihn auf und hing ihn ihr um die Schultern. Dann gingen sie zusammen die Treppe hinab. Knud blieb im Torweg stehen, während Margrete die Straße hinabeilte, um eine Droschke zu nehmen. Nach Verlauf von einigen Minuten kam er heraus. Er sah sich nach allen Seiten um und schlug dann den entgegengesetzten Weg ein, voll von einem Gefühl überschwenglichen Glückes.
Birgit hatte indessen ihren Beschluß zur Ausführung gebracht. Ihre Schwiegermutter hatte ein paar Gäste zu Tisch gehabt, mit denen sie Kaffee trinken mußte, deswegen war sie erst mit dem Vieruhrzuge in die Stadt gekommen und gegen halb fünf in ihrer Wohnung gewesen.
Sie befand sich in einer sehr gespannten, fieberhaften Stimmung. Als sie vor der Entreetür stand, pochte ihr Herz heftig. Sie hatte den Wunsch, still und behutsam zu Werke zu gehen. Wenn sie daran dachte, daß Knud sie im Vorsaal hören und herauskommen würde, um zu sehen, wer es sei, und sie ihm dann plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstände, dann bebte sie vor innerer Erregung. Sie wollte Zeit haben, sich zu sammeln und ihr Überzeug abzulegen. Wenn sie dann die Herrschaft über sich völlig gewonnen hatte, wollte sie hineingehen, ruhig und still, und sich niedersetzen und sagen: »Hör einmal, Knud, laß uns jetzt einmal ganz ernsthaft miteinander reden.«
Als sie in den Vorsaal gekommen war, stutzte sie bei dem Anblick eines Damenhutes, der auf dem Tisch lag. Sie nahm ihn auf und besah ihn. War das nicht Margrete von Falsetts Hut? Und da lagen auch ihre Handschuhe – diese langen, bronzegelben Handschuhe, die sie zu tragen pflegte. Also war sie jetzt da drinnen bei ihm.
Dann verhielt es sich doch so, wie man sagte: sie hatten geheime Zusammenkünfte! Das hatte sie doch nicht gedacht! Aber vielleicht wollte Margrete nur irgend etwas holen, was sie im Winter einmal hatte liegen lassen. Weshalb hätte sie dann aber Hut und Handschuhe abgenommen? Vorsichtig öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer und schaute im Halbdunkel um sich. Ein schwacher Duft von Ixora schlug ihr entgegen. Dies war das Parfüm, das Margrete stets benutzte. Und was hing denn dort auf der Staffelei? Sie ging hin und untersuchte es. Margretes Umhang! Also keine Spur von Zweifel! – Die Türen zum Boudoir und zum Eßzimmer standen weit offen. Also waren sie im Musikzimmer. Was sollte sie nun tun? Geradeswegs hineingehen und ganz unbefangen scheinen und dann, wenn Margrete gegangen war, ihre Unterredung mit Knud haben? Ja, vielleicht war dies das beste, aber es würde immerhin eine peinliche Situation für ihn sein, wenn sie die Schwelle überschritt. Sie dachte einen Augenblick daran, sich fortzuschleichen, dann aber überkam sie ein unwiderstehlicher Drang, zu erfahren, was sie zueinander sagten. Sie zog die Schuhe ab und schlich leise durch die Stuben bis an die Tür des Musikzimmers. »Wenn sie mich nun überraschen,« dachte sie, »so will ich die Sache ganz kaltblütig nehmen und sofort sagen, weswegen ich gekommen bin. Vielleicht hole ich mir auch die Schuhe und gehe ganz unbefangen auf die Türe zu, so daß sie es hören und öffnen, um zu sehen, wer es ist.« Sie beugte sich vornüber, schob die geballten Hände zwischen die Knie, legte das Ohr gegen die Tür und horchte. So stand sie lange. Ein paarmal löste sie die eine Hand, preßte sie gegen ihr Herz und atmete tief und lautlos.
Endlich richtete sie sich auf, reckte die Hände über ihren Kopf in die Höhe, wie um ihre Glieder zu strecken, und kehrte dann vorsichtig ins Wohnzimmer zurück: dort zog sie ihre Schuhe an und eilte von dannen, still und vorsichtig, wie sie gekommen.
»Heute gehörst du mir ganz«, flüsterte sie, indem sie die Treppe hinabging. Ihre Wangen waren weiß, und der Glanz der Augen war gleichsam erloschen.
Es war schändlich von Knud, sie so zu betrügen. Sie war erbittert gegen ihn. Er hätte Vertrauen zu ihr haben und ehrlich gegen sie sein können. Kannte er sie denn nicht genügend, um zu wissen, daß sie sich ihm um keinen Preis der Welt aufdrängen würde, wenn er sie selber los zu sein wünschte. Daß er eine andere liebte, das konnte sie ihm verzeihen, nie aber, daß er sie so betrogen hatte.
Nun ja, es konnte jetzt ja auch einerlei sein, sie trennten sich nun ja doch auf ewig. Was machte er sich wohl daraus, wie sie über ihn dachte? Sich auf ewig trennen – wie war es nur möglich, daß der Gedanke ihr das Herz so zusammenschnürte? Ach ja, da waren so viele Erinnerungen von dem Zusammenleben der ersten Jahre – so viele süße, strahlende Erinnerungen, die jetzt zu klaffenden Wunden wurden. Wenn sie sich jetzt von ihm losriß, so war das für sie, als begrabe sie einen heißgeliebten Verstorbenen, von dessen Leiche sie sich lange nicht hatte trennen können. Ja, denn ihre Liebe war schon lange tot gewesen, und sie hatte die Leiche alle die Jahre hindurch mit sich geschleppt, gleich der Tochter Ferdinands des Katholischen, die den entseelten Leichnam ihres Gatten nicht hatte beerdigen lassen wollen.
Bei einem Begräbnis flossen ja stets Tränen; folglich brauchte sie sich ihres Schmerzes nicht zu schämen. Aber es schnitt ihr ins Herz, daß sie so allein stand mit ihrer Trauer. Knud halte sich rechtzeitig geflüchtet, er stand jetzt siegesbewußt da, eine junge Liebe im Herzen. Er war der Klügste von ihnen.
Ach, weshalb konnte sie sich dies nicht sagen, ohne sich innerlich vor Schmerz zu krümmen? Wenn sie nun wirklich die Birgit war, die sie sein wollte, so daß sie das Gelöbnis einlöste, das in den großen Gedanken lag, die sie auf diesem Gebiet von sich selber hatte, so mußte sie sich ja nur freuen, sich vom rein menschlichen Standpunkt darüber freuen, daß Knud so frisch dastand, fähig, ein neues Leben zu beginnen. Ja, das wollte sie auch, wenn sie nur Zeit gehabt hätte, sich ein wenig zu sammeln. Wenn er sie nur nicht betrogen hatte, würde auch kein Vorwurf über ihre Lippen gekommen sein, sondern nur ein Dank für all die Freude, mit der ihre gemeinsame Liebe einige Jahre ihres Lebens ausgefüllt hatte.
Unter diesen Betrachtungen hatte sie das Landhaus wieder erreicht. Sie konnte nicht begreifen, wie es zugegangen war, aber sie mußte ja ein Billett gelöst haben und mit der Eisenbahn gekommen sein, denn dort, gerade vor ihr, lag ja das Haus. Sie stieg die vier Stufen hinan, die zu der Veranda mit der blaugestreiften Markise führten, und dort auf der Bank sah sie Jamborg ganz allein sitzen, eine Zigarre im Munde, auf die See hinausstarrend.
Er erhob sich, sobald er sie erblickte, und begrüßte sie.
»Ich habe mir die Freiheit genommen, die Familie zu besuchen«, sagte er. »Bis dahin habe ich aber kein lebendes Wesen erblickt mit Ausnahme eines Stubenmädchens, das mir erzählte, daß die Herrschaften eine Spazierfahrt machten.«
Sie sah ihn an, ohne seinen Gruß zu erwidern.
»Sind Sie krank, Frau Birgit?« fragte er und betrachtete sie genauer.
Sie ging gerade auf ihn zu, und ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte sie beide Arme um seinen Hals geschlungen und ihr Haupt an seine Schulter gelehnt. Ein krampfhaftes Weinen durchzuckte ihren ganzen Körper.
Er stand wie vom Blitz getroffen da und wagte es nicht, ein Glied zu rühren.
Mehrere Minuten lang weinte sie unaufhaltsam. Dann richtete sie sich auf, sah ihn mit tränengeblendetem Blick an und sagte: »Haben Sie Dank, mein Freund«, worauf sie sich abwandte und auf die Türe nach dem Gartenzimmer zuschritt.
Er eilte ihr nach und hielt sie am Kleide fest.
»Sie wünschen eine Erklärung«, sagte sie, stehen bleibend. »Ich kann Ihnen keine andere geben, als daß es mir ein Bedürfnis war, mich einen Augenblick an einen Mitmenschen anzuschmiegen, der mich lieb hat. Es war nichts weiter, und daß Sie die Sache so auffaßten, wie Sie es taten, das werde ich Ihnen nie im Leben vergessen.«
»Aber, so sagen Sie mir doch – ist Ihnen ein Unglück zugestoßen?«
»Nein«, sagte sie, den Kopf schüttelnd. »Es ist nichts weiter, als daß Knud und ich uns scheiden lassen. Mißverstehen Sie mich nicht, ich bin nicht verzweifelt deswegen, im Gegenteil, ich habe den Anstoß dazu gegeben. Aber trotzdem ist es eine große Veränderung im Leben eines Menschen. So etwas ist stets sehr angreifend.«
»Ach so«, sagte er ruhig. »Ich habe ja schon längst erwartet, daß es so kommen müsse.«
»Reden Sie vorläufig mit niemand darüber! Sie sind der erste, dem ich es gesagt habe.«
Er legte den Finger auf den Mund und sah sie mit einer Miene und einer Gebärde an, als wolle er sich ihr zu Füßen stürzen.
Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, lächelte lief traurig und ging hastigen Schrittes ins Haus.
Am Abend, als sie alle im Hause zur Ruhe gegangen waren, saß Birgit noch in ihrem Schlafzimmer und schrieb an Knud.
Als sie endlich zu Ende gekommen war, lautete das Schreiben folgendermaßen:
»Lieber Knud! Wenn ich mich heute abend hinsetze, um Dir zu schreiben, so geschieht es mit der lebhaften Überzeugung, daß es mir schwer werden wird, meinen Gedanken und Gefühlen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Dies hat seinen Grund darin, daß meine Stimmung so zusammengesetzt ist, und bald das eine, bald das andere die Oberhand bei mir hat.
Um meinen Worten den rechten Hintergrund zu verleihen, will ich damit anfangen, Dir für alle Deine Liebe zu danken. Du wirst vielleicht hierüber stutzen und Dich lange besinnen müssen, ehe es Dir klar wird, worauf ich hinaus will. Aber wenn Du Dir die Zeilen ins Gedächtnis zurückrufst, in denen es eine junge, neuvermählte Frau namens Birgit gab, die Ströme von Tränen vergoß, wenn ihr Gatte ausging, ohne ihr einen Abschiedskuß zu geben, und in denen dieser selbe Mann, der ein wenig zerstreut und von seiner Musik und seiner Arbeit stark in Anspruch genommen war, sich nicht davor scheute, weite Wege wieder zurückzulaufen, nur um seine dumme kleine Frau durch einen Kuß wieder froh zu machen, selbst wenn er sich dadurch oft recht unangenehme Verspätungen und Versäumnisse zuschulden kommen ließ, so wirst Du es sicher verstehen können, daß ich Grund habe, Dir für einen Schatz jahrelangen Liebesglückes zu danken.
Und dann kam die Zeit, in der Du mich nicht mehr liebtest. Es ist niemals offen zwischen uns ausgesprochen worden, aber sowohl Du als ich, aber insonderheit Du, wußten nichts besser und sicherer als das. Meine Liebe hielt länger vor als die Deine, aber sie hatte keinen großen Wert, denn sie war voller Eigenliebe. Sie glich einer Pflanze, die eitel Pflege und Düngung und Sonne und Wasser in reichen Mengen erforderte, und die, als ihr dies alles nicht wurde, zusammenschrumpfte und welkte und keine Blüten mehr trieb.
Du wunderst Dich vielleicht darüber, daß ich, Birgit, so an Dich schreibe. Aber ich habe über vieles gegrübelt und nachgesonnen in allen diesen Jahren, in denen Du und ich einander nichts anderes zu sagen hatten als ›Guten Tag‹ und ›Adieu‹.
Ich glaube, ich darf von mir sagen, daß ich mich mehr entwickelt habe, daß ich ausgewachsener bin, als ich es zu der Zeit war, als Du mich kanntest und Du mich liebtest. Und dann habe ich auch viel gelernt, damals, als ich das mit Arbo durchlebte. Du weißt, ich kam zu Dir und sagte, daß ich verliebt in ihn sei. Ich war nämlich der Anschauung, ich könnte nichts Schlimmeres, Unehrenhafteres tun, als Dich betrügen. Nachdem ich mich mit Dir ausgesprochen, hatte ich keinen unwiderstehlichen Zug mehr zu ihm. Ich hatte angefangen, daran zu zweifeln, ob denn meine Liebe auch wirklich derart sei, daß ich mich ihm notwendigerweise hingeben müsse. Und der Zweifel kurierte mich. Siehst Du, Knud, wenn ich mich nun auf ein Verhältnis mit ihm eingelassen hätte, ohne vorher Hilfe bei Dir zu suchen, so wäre ich sicher stromabwärts getrieben.
Das aber hast Du getan, Knud, und das werfe ich Dir vor. Wärest Du offen und ehrlich zu mir gekommen und hättest mir die Wahrheit gesagt, so würde ich Dir geantwortet haben: »Warte und sieh, ob es Dir ernst damit ist.« Und wenn dann einige Zeit vergangen wäre, und Du wärest wieder zu mir gekommen und hättest gesagt: »Ich habe gewartet, es ist mir ernst damit«, so würde ich Dir Deine Freiheit gegeben haben, und ich hätte Dir ohne alle Bitterkeit Lebewohl gesagt. Ich meine, so viel Rücksicht schulden zwei Menschen einander, die zusammen gelebt und durch die Pflichten gegen die Kinder eng miteinander verknüpft sind.
Du wirst jetzt verstehen, daß ich Dein Verhältnis zu Margrete von Falsen kenne. Du brauchst nicht zu denken, daß Dich jemand verklatscht oder angegeben hat. Ich entdeckte Deine Liebe zu ihr neulich abends in der Gesellschaft in Deinem Blick und in Deiner Miene. Wenn Du meine Gedanken in jener Nacht gesehen und meine Betrachtungen gekannt hättest, so glaube ich, daß Du mit mir zufrieden gewesen wärest. Ehe ich mich schlafen legte, faßte ich den Entschluß, am folgenden Tage in die Stadt zu fahren und Dir zu sagen, daß Du frei seiest. Ich tat es auch; als ich aber in unsere Wohnung kam, war Margrete bei Dir. Ich lauschte an der Tür und hörte alles. Verzeih mir, Knud! Es war vielleicht nicht fein von mir, aber es fügte sich ganz unwillkürlich so!
Und jetzt, Knud, wirst Du wohl begreifen, daß ich Dir diesen Brief schreibe, um Dir zu sagen, daß ich mich von Dir trennen will. Es wird viel Aufsehen und Skandal machen, aber wenn wir beide nur einig sind, so kann ja keine Macht der Welt uns daran hindern. Laß uns die nötigen Schritte in aller Stille vornehmen! Wenn es erst geschehen ist, finden Großmutter und alle die anderen sich leichter darein.
Ich nehme hiermit Abschied von Dir, Knud! Es ist leichter so. Wenn wir uns sehen, reden wir nur über die notwendigen geschäftlichen Fragen. Laß es so bald wie möglich geschehen!
Und so leb‘ denn wohl, Knud, Du, meine Jugendliebe! Du siehst, ich werde noch im letzten Augenblick sentimental. Und doch hatte ich mir so fest vorgenommen, es nicht zu sein. Es ist nur eine ganz unechte Rührung, die mich ergreift, ungefähr so wie die, welche Dich überkam, als Du Molbecks ›Ambrosius‹ sahest. Erinnerst Du Dich noch, Knud, wie ärgerlich Du warst, weil Du im letzten Akt beinahe Tränen vergossest?
Denn im Grunde, Knud, freue ich mich, daß unser Zusammenleben ein Ende hat. Es war keine Freude mehr dabei. Und was die Kinder betrifft, die Du mir wohl überläßt, so glaube ich, daß ihnen der Aufenthalt in einem Heim, wo der Mangel an Liebe zwischen den Eltern die Atmosphäre kalt und nebelig macht, mehr Schaden zufügt als der Druck, den ein Bruch und Getrenntsein der Eltern auf sie ausüben wird. – Noch einmal, hab‘ Dank, alles Gute, Knud! Und werde so glücklich, wie ich es Dir wünsche!
Birgit.«
Am nächsten Tage erhielt sie einen Brief von Knud, der folgendermaßen lautete:
»Liebe Birgit! Deine Worte haben mich tief ergriffen. Niemals ist es mir in dem Maße wie jetzt klar gewesen, welchen Schatz ich in Dir besessen habe! Ich wurde so tief bewegt. Die glücklichen Jahre unseres ersten Zusammenlebens standen so deutlich vor mir. Und dann stiegen in mir die Reue und der Zorn auf, daß ich etwas verspielt habe. Es war mir, als sähe ich etwas Wertvolles aus meinem Leben vor meinen Augen fortgleiten und unwiderruflich im Dunkel verschwinden.
Aber ich will Dir gegenüber ganz ehrlich sein, Birgit. Ich empfand auch eine Erleichterung, ja, eine jubelnde Freude, nicht darüber, daß ich von Dir befreit bin, Birgit, sondern darüber, daß ich in der Lage sein werde, einst Margrete von Falsen als mein Weib heimzuführen. Ja, denn ich liebe sie, wie ich es niemals für möglich gehalten, daß ich ein weibliches Wesen lieben könne, nachdem ich Dich geliebt!
Ich habe Dich wegen mancherlei um Verzeihung zu bitten, Birgit! Ich weiß sehr wohl, daß ich meine Pflichten als Gatte Dir gegenüber nicht erfüllt habe. Was Du von dem Boot ohne Steuer sagst, paßt leider in gewissem Grade auf mich. Doch glaube ich, daß sich in dieser Beziehung eine Veränderung mit mir vollziehen wird.
Wie edel und hochherzig hast Du mir gegenüber gehandelt, Birgit! Mein ganzes Leben werde ich Dir dafür danken.
Vor einigen Jahren grübelte ich viel darüber nach, ob es nicht das Unglück unserer Ehe gewesen, daß Du Dich gar nicht für meine arme Musik begeistern konntest. Ich empfand es oft als Mangel, daß ich diese Seite von dem Inhalt meines Lebens nicht mit Dir zu teilen vermochte. Ich sage dies nicht, um Dir Vorwürfe zu machen. Du warst nun einmal so, wie Du warst. Aber Du verletztest mich unzählige Male in der ersten Zeit, indem Du mir erzähltest, wie gleichgültig und wertlos es Dir vorkäme. Darunter habe ich gelitten, Birgit; aber das hast Du niemals verstanden oder gewußt.
Daß ich Dir die Wahrheit verheimlicht habe – freilich habe ich Deine Vorwürfe deswegen verdient, und ich beuge mich schweigend vor Deiner Anklage. Ich habe lange gefühlt, daß es meine Verpflichtung sei, Dir alles zu offenbaren, aber es wurde mir so schwer, Mut zu fassen. Hab‘ Dank, Birgit, daß Du mir das erspart hast!
Die Kinder sollst Du natürlich behalten, wenigstens vorläufig. Solltest Du Dich wieder verheiraten – aber darüber können wir ja morgen reden. Ich bin von dem Wunsche beseelt, Dir in jeder Beziehung entgegenzukommen, Birgit.
Ja, morgen erwarte ich Dich. Willst Du mit dem Vieruhrzuge kommen, so werde ich am Bahnhof sein. Und dann gehen wir gleich zum Pfarrer.
Wie Du mir, so sende ich Dir mein Lebewohl schriftlich. Habe Dank für Deine Liebe, Birgit, und für das Gute und Schöne, das wir zusammen durchlebt haben. Habe Dank für die hochherzige Weise, mit der Du das Band zwischen uns lösest! Knud.«

Stefan Zweig • Brief einer Unbekannten • Eine Novelle über unendliche Liebe, Hoffnung, Verlust & Sehnsucht

Stefan Zweig • Brief einer Unbekannten

Als der bekannte Romanschriftsteller R. frühmorgens von dreitägigem erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zurückkehrte und am Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum daß er das Datum überflog, erinnernd gewahr, daß heute sein Geburtstag sei. Der einundvierzigste, besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und nicht weh. Flüchtig überblätterte er die knisternden Seiten der Zeitung und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung. Der Diener meldete aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telephonanrufe und überbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post. Lässig sah er den Einlauf an, riß ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender interessierten; einen Brief, der fremde Schriftzüge trug und zu umfangreich schien, schob er zunächst beiseite. Inzwischen war der Tee aufgetragen worden, bequem lehnte er sich in den Fauteuil, durchblätterte noch einmal die Zeitung und einige Drucksachen; dann zündete er sich eine Zigarre an und griff nun nach dem zurückgelegten Briefe.
Es waren etwa zwei Dutzend hastig beschriebene Seiten in fremder, unruhiger Frauenschrift, ein Manuskript eher als ein Brief. Unwillkürlich betastete er noch einmal das Kuvert, ob nicht darin ein Begleitschreiben vergessen geblieben wäre. Aber der Umschlag war leer und trug so wenig wie die Blätter selbst eine Absenderadresse oder eine Unterschrift. Seltsam, dachte er, und nahm das Schreiben wieder zur Hand. » Dir, der Du mich nie gekannt«, stand oben als Anruf, als Überschrift. Verwundert hielt er inne: galt das ihm, galt das einem erträumten Menschen? Seine Neugier war plötzlich wach. Und er begann zu lesen:

Mein Kind ist gestern gestorben – drei Tage und drei Nächte habe ich mit dem Tode um dies kleine, zarte Leben gerungen, vierzig Stunden bin ich, während die Grippe seinen armen, heißen Leib im Fieber schüttelte, an seinem Bette gesessen. Ich habe Kühles um seine glühende Stirn getan, ich habe seine unruhigen, kleinen Hände gehalten Tag und Nacht. Am dritten Abend bin ich zusammengebrochen. Meine Augen konnten nicht mehr, sie fielen zu, ohne daß ich es wußte. Drei Stunden oder vier war ich auf dem harten Sessel eingeschlafen, und indes hat der Tod ihn genommen. Nun liegt er dort, der süße, arme Knabe, in seinem schmalen Kinderbett, ganz so wie er starb; nur die Augen hat man ihm geschlossen, seine klugen, dunkeln Augen, die Hände über dem weißen Hemd hat man ihm gefaltet, und vier Kerzen brennen hoch an den vier Enden des Bettes. Ich wage nicht hinzusehen, ich wage nicht mich zu rühren, denn wenn sie flackern, die Kerzen, huschen Schatten über sein Gesicht und den verschlossenen Mund, und es ist dann so, als regten sich seine Züge, und ich könnte meinen, er sei nicht tot, er würde wieder erwachen und mit seiner hellen Stimme etwas Kindlich-Zärtliches zu mir sagen. Aber ich weiß es, er ist tot, ich will nicht hinsehen mehr, um nicht noch einmal zu hoffen, nicht noch einmal enttäuscht zu sein. Ich weiß es, ich weiß es, mein Kind ist gestern gestorben – jetzt habe ich nur Dich mehr auf der Welt, nur Dich, der Du von mir nichts weißt, der Du indes ahnungslos spielst oder mit Dingen und Menschen tändelst. Nur Dich, der Du mich nie gekannt und den ich immer geliebt.
Ich habe die fünfte Kerze genommen und hier zu dem Tisch gestellt, auf dem ich an Dich schreibe. Denn ich kann nicht allein sein mit meinem toten Kinde, ohne mir die Seele auszuschreien, und zu wem sollte ich sprechen in dieser entsetzlichen Stunde, wenn nicht zu Dir, der Du mir alles warst und alles bist! Vielleicht kann ich nicht ganz deutlich zu Dir sprechen, vielleicht verstehst Du mich nicht – mein Kopf ist ja ganz dumpf, es zuckt und hämmert mir an den Schläfen, meine Glieder tun so weh. Ich glaube, ich habe Fieber, vielleicht auch schon die Grippe, die jetzt von Tür zu Tür schleicht, und das wäre gut, denn dann ginge ich mit meinem Kinde und müßte nichts tun wider mich. Manchmal wirds mir ganz dunkel vor den Augen, vielleicht kann ich diesen Brief nicht einmal zu Ende schreiben – aber ich will alle Kraft zusammentun, um einmal, nur dieses eine Mal zu Dir zu sprechen. Du mein Geliebter, der Du mich nie erkannt.
Zu Dir allein will ich sprechen, Dir zum erstenmal alles sagen; mein ganzes Leben sollst Du wissen, das immer das Deine gewesen und um das Du nie gewußt. Aber Du sollst mein Geheimnis nur kennen, wenn ich tot bin, wenn Du mir nicht mehr Antwort geben mußt, wenn das, was mir die Glieder jetzt so kalt und heiß schüttelt, wirklich das Ende ist. Muß ich weiterleben, so zerreiße ich diesen Brief und werde weiter schweigen, wie ich immer schwieg. Hältst Du ihn aber in Händen, so weißt Du, daß hier eine Tote Dir ihr Leben erzählt, ihr Leben, das das Deine war von ihrer ersten bis zu ihrer letzten wachen Stunde. Fürchte Dich nicht vor meinen Worten; eine Tote will nichts mehr, sie will nicht Liebe und nicht Mitleid und nicht Tröstung. Nur dies eine will ich von Dir, daß Du mir alles glaubst, was mein zu Dir hinflüchtender Schmerz Dir verrät. Glaube mir alles, nur dies eine bitte ich Dich: man lügt nicht in der Sterbestunde eines einzigen Kindes.
Mein ganzes Leben will ich Dir verraten, dies Leben, das wahrhaft erst begann mit dem Tage, da ich Dich kannte. Vorher war bloß etwas Trübes und Verworrenes, in das mein Erinnern nie mehr hinabtauchte, irgendein Keller von verstaubten, spinnverwebten, dumpfen Dingen und Menschen, von denen mein Herz nichts mehr weiß. Als Du kamst, war ich dreizehn Jahre und wohnte im selben Hause, wo Du jetzt wohnst, in demselben Hause, wo Du diesen Brief, meinen letzten Hauch Leben, in Händen hältst, ich wohnte auf demselben Gange, gerade der Tür Deiner Wohnung gegenüber. Du erinnerst Dich gewiß nicht mehr an uns, an die ärmliche Rechnungsratswitwe (sie ging immer in Trauer) und das halbwüchsige, magere Kind – wir waren ja ganz still, gleichsam hinabgetaucht in unsere kleinbürgerliche Dürftigkeit – Du hast vielleicht nie unseren Namen gehört, denn wir hatten kein Schild auf unserer Wohnungstür, und niemand kam, niemand fragte nach uns. Es ist ja auch schon so lange her, fünfzehn, sechzehn Jahre, nein, Du weißt es gewiß nicht mehr, mein Geliebter, ich aber, oh, ich erinnere mich leidenschaftlich an jede Einzelheit, ich weiß noch wie heute den Tag, nein, die Stunde, da ich zum erstenmal von Dir hörte, Dich zum erstenmal sah, und wie sollte ichs auch nicht, denn damals begann ja die Welt für mich. Dulde, Geliebter, daß ich Dir alles, alles von Anfang erzähle, werde, ich bitte Dich, die eine Viertelstunde von mir zu hören nicht müde, die ich ein Leben lang Dich zu lieben nicht müde geworden bin.
Ehe Du in unser Haus einzogst, wohnten hinter Deiner Tür häßliche, böse, streitsüchtige Leute. Arm wie sie waren, haßten sie am meisten die nachbarliche Armut, die unsere, weil sie nichts gemein haben wollte mit ihrer herabgekommenen, proletarischen Roheit. Der Mann war ein Trunkenbold und schlug seine Frau: oft wachten wir auf in der Nacht vom Getöse fallender Stühle und zerklirrter Teller, einmal lief sie, blutig geschlagen, mit zerfetzten Haaren auf die Treppe, und hinter ihr grölte der Betrunkene, bis die Leute aus den Türen kamen und ihn mit der Polizei bedrohten. Meine Mutter hatte von Anfang an jeden Verkehr mit ihnen vermieden und verbot mir, zu den Kindern zu sprechen, die sich dafür bei jeder Gelegenheit an mir rächten. Wenn sie mich auf der Straße trafen, riefen sie schmutzige Worte hinter mir her und schlugen mich einmal so mit harten Schneeballen, daß mir das Blut von der Stirne lief. Das ganze Haus haßte mit einem gemeinsamen Instinkt diese Menschen, und als plötzlich einmal etwas geschehen war – ich glaube, der Mann wurde wegen eines Diebstahls eingesperrt – und sie mit ihrem Kram ausziehen mußten, atmeten wir alle auf. Ein paar Tage hing der Vermietungszettel am Haustore, dann wurde er heruntergenommen, und durch den Hausmeister verbreitete es sich rasch, ein Schriftsteller, ein einzelner, ruhiger Herr, habe die Wohnung genommen. Damals hörte ich zum erstenmal Deinen Namen.
Nach ein paar Tagen schon kamen Maler, Anstreicher, Zimmerputzer, Tapezierer, die Wohnung nach ihren schmierigen Vorbesitzern reinzufegen, es wurde gehämmert, geklopft, geputzt und gekratzt, aber die Mutter war nur zufrieden damit, sie sagte, jetzt werde endlich die unsaubere Wirtschaft drüben ein Ende haben. Dich selbst bekam ich, auch während der Übersiedlung, noch nicht zu Gesicht: alle diese Arbeiten überwachte Dein Diener, dieser kleine, ernste, grauhaarige Herrschaftsdiener, der alles mit einer leisen, sachlichen Art von oben herab dirigierte. Er imponierte uns allen sehr, erstens weil in unserem Vorstadthaus ein Herrschaftsdiener etwas ganz Neuartiges war, und dann, weil er zu allen so ungemein höflich war, ohne sich deshalb mit den Dienstboten auf eine Stufe zu stellen und in kameradschaftliche Gespräche einzulassen. Meine Mutter grüßte er vom ersten Tage an respektvoll als eine Dame, sogar zu mir Fratzen war er immer zutraulich und ernst. Wenn er Deinen Namen nannte, so geschah das immer mit einer gewissen Ehrfurcht, mit einem besonderen Respekt – man sah gleich, daß er Dir weit über das Maß des gewohnten Dienens anhing. Und wie habe ich ihn dafür geliebt, den guten, alten Johann, obwohl ich ihn beneidete, daß er immer um Dich sein durfte und Dir dienen.
Ich erzähle Dir all das, Du Geliebter, all diese kleinen, fast lächerlichen Dinge, damit Du verstehst, wie Du von Anfang an schon eine solche Macht gewinnen konntest über das scheue, verschüchterte Kind, das ich war. Noch ehe Du selbst in mein Leben getreten, war schon ein Nimbus um Dich, eine Sphäre von Reichtum, Sonderbarkeit und Geheimnis – wir alle in dem kleinen Vorstadthaus (Menschen, die ein enges Leben haben, sind ja immer neugierig auf alles Neue vor ihren Türen) warteten schon ungeduldig auf Deinen Einzug. Und diese Neugier nach Dir, wie steigerte sie sich erst bei mir, als ich eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam und der Möbelwagen vor dem Hause stand. Das meiste, die schweren Stücke, hatten die Träger schon hinaufbefördert, nun trug man einzeln kleinere Sachen hinauf; ich blieb an der Tür stehen, um alles bestaunen zu können, denn alle Deine Dinge waren so seltsam anders, wie ich sie nie gesehen; es gab da indische Götzen, italienische Skulpturen, ganz grelle, große Bilder, und dann zum Schluß kamen Bücher, so viele und so schöne, wie ich es nie für möglich gehalten. An der Tür wurden sie alle aufgeschichtet, dort übernahm sie der Diener und schlug mit Stock und Wedel sorgfältig den Staub aus jedem einzelnen. Ich schlich neugierig um den immer wachsenden Stoß herum, der Diener wies mich nicht weg, aber er ermutigte mich auch nicht; so wagte ich keines anzurühren, obwohl ich das weiche Leder von manchen gern befühlt hätte. Nur die Titel sah ich scheu von der Seite an: es waren französische, englische darunter und manche in Sprachen, die ich nicht verstand. Ich glaube, ich hätte sie stundenlang alle angesehen: da rief mich die Mutter hinein.
Den ganzen Abend dann mußte ich an Dich denken; noch ehe ich Dich kannte. Ich besaß selbst nur ein Dutzend billige, in zerschlissene Pappe gebundene Bücher, die ich über alles liebte und immer wieder las. Und nun bedrängte mich dies, wie der Mensch sein müßte, der all diese vielen herrlichen Bücher besaß und gelesen hatte, der alle diese Sprachen wußte, der so reich war und so gelehrt zugleich. Eine Art überirdischer Ehrfurcht verband sich mir mit der Idee dieser vielen Bücher. Ich suchte Dich mir im Bilde vorzustellen: Du warst ein alter Mann mit einer Brille und einem weißen langen Barte, ähnlich wie unser Geographieprofessor, nur viel gütiger, schöner und milder – ich weiß nicht, warum ich damals schon gewiß war, Du müßtest schön sein, wo ich noch an Dich wie einen alten Mann dachte. Damals in jener Nacht und noch ohne Dich zu kennen, habe ich das erstemal von Dir geträumt.
Am nächsten Tage zogst Du ein, aber trotz allen Spähens konnte ich Dich nicht zu Gesicht bekommen – das steigerte nur meine Neugier. Endlich, am dritten Tage, sah ich Dich, und wie erschütternd war die Überraschung für mich, daß Du so anders warst, so ganz ohne Beziehung zu dem kindlichen Gottvaterbilde. Einen bebrillten gütigen Greis hatte ich mir geträumt, und da kamst Du – Du, ganz so, wie Du noch heute bist, Du Unwandelbarer, an dem die Jahre lässig abgleiten! Du trugst eine hellbraune, entzückende Sportdreß und liefst in Deiner unvergleichlich leichten knabenhaften Art die Treppe hinaus, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Den Hut trugst Du in der Hand, so sah ich mit einem gar nicht zu schildernden Erstaunen Dein helles, lebendiges Gesicht mit dem jungen Haar: wirklich, ich erschrak vor Erstaunen, wie jung, wie hübsch, wie federnd-schlank und elegant Du warst. Und ist es nicht seltsam: in dieser ersten Sekunde empfand ich ganz deutlich das, was ich und alle anderen an Dir als so einzig mit einer Art Überraschung immer wieder empfinden: daß Du irgendein zwiefacher Mensch bist, ein heißer, leichtlebiger, ganz dem Spiel und dem Abenteuer hingegebener Junge, und gleichzeitig in Deiner Kunst ein unerbittlich ernster, pflichtbewußter, unendlich belesener und gebildeter Mann. Unbewußt empfand ich, was dann jeder bei Dir spürte, daß Du ein Doppelleben führst, ein Leben mit einer hellen, der Welt offen zugekehrten Fläche, und einer ganz dunkeln, die Du nur allein kennst – diese tiefste Zweiheit, das Geheimnis Deiner Existenz, sie fühlte ich, die Dreizehnjährige, magisch angezogen, mit meinem ersten Blick.
Verstehst Du nun schon, Geliebter, was für ein Wunder, was für eine verlockende Rätselhaftigkeit Du für mich, das Kind, sein mußtest! Einen Menschen, vor dem man Ehrfurcht hatte, weil er Bücher schrieb, weil er berühmt war in jener anderen großen Welt, plötzlich als einen jungen, eleganten, knabenhaft heiteren, fünfundzwanzigjährigen Mann zu entdecken! Muß ich Dir noch sagen, daß von diesem Tage an in unserem Hause, in meiner ganzen armen Kinderwelt mich nichts interessierte als Du, daß ich mit dem ganzen Starrsinn, der ganzen bohrenden Beharrlichkeit einer Dreizehnjährigen nur mehr um Dein Leben, um Deine Existenz herumging. Ich beobachtete Dich, ich beobachtete Deine Gewohnheiten, beobachtete die Menschen, die zu Dir kamen, und all das vermehrte nur, statt sie zu mindern, meine Neugier nach Dir selbst, denn die ganze Zwiefältigkeit Deines Wesens drückte sich in der Verschiedenheit dieser Besuche aus. Da kamen junge Menschen, Kameraden von Dir, mit denen Du lachtest und übermütig warst, abgerissene Studenten, und dann wieder Damen, die in Autos vorfuhren, einmal der Direktor der Oper, der große Dirigent, den ich ehrfürchtig nur am Pulte von fern gesehen, dann wieder kleine Mädel, die noch in die Handelsschule gingen und verlegen in die Tür hineinhuschten, überhaupt viel, sehr viel Frauen. Ich dachte mir nichts Besonderes dabei, auch nicht, als ich eines Morgens, wie ich zur Schule ging, eine Dame ganz verschleiert von Dir weggehen sah – ich war ja erst dreizehn Jahre alt, und die leidenschaftliche Neugier, mit der ich Dich umspähte und belauerte, wußte im Kinde noch nicht, daß sie schon Liebe war.
Aber ich weiß noch genau, mein Geliebter, den Tag und die Stunde, wann ich ganz und für immer an Dich verloren war. Ich hatte mit einer Schulfreundin einen Spaziergang gemacht, wir standen plaudernd vor dem Tor. Da kam ein Auto angefahren, hielt an, und schon sprangst Du mit Deiner ungeduldigen, elastischen Art, die mich noch heute an Dir immer hinreißt, vom Trittbrett und wolltest in die Tür. Unwillkürlich zwang es mich, Dir die Tür aufzumachen, und so trat ich Dir in den Weg, daß wir fast zusammengerieten. Du sahst mich an mit jenem warmen, weichen, einhüllenden Blick, der wie eine Zärtlichkeit war, lächeltest mir – ja, ich kann es nicht anders sagen, als: zärtlich zu und sagtest mit einer ganz leisen und fast vertraulichen Stimme: »Danke vielmals, Fräulein.«
Das war alles, Geliebter, aber von dieser Sekunde, seit ich diesen weichen, zärtlichen Blick gespürt, war ich Dir verfallen. Ich habe ja später, habe es bald erfahren, daß Du diesen umfangenden, an Dich ziehenden, diesen umhüllenden und doch zugleich entkleidenden Blick, diesen Blick des gebornen Verführers, jeder Frau hingibst, die an dich streift, jedem Ladenmädchen, das Dir verkauft, jedem Stubenmädchen, das Dir die Tür öffnet, daß dieser Blick bei Dir gar nicht bewußt ist als Wille und Neigung, sondern daß Deine Zärtlichkeit zu Frauen ganz unbewußt Deinen Blick weich und warm werden läßt, wenn er sich ihnen zuwendet. Aber ich, das dreizehnjährige Kind, ahnte das nicht: ich war wie in Feuer getaucht. Ich glaubte, die Zärtlichkeit gelte nur mir, nur mir allein, und in dieser einen Sekunde war die Frau in mir, der Halbwüchsigen, erwacht und war diese Frau Dir für immer verfallen.
»Wer war das?« fragte meine Freundin. Ich konnte ihr nicht gleich antworten. Es war mir unmöglich, Deinen Namen zu nennen: schon in dieser einen, dieser einzigen Sekunde war er mir heilig, war er mein Geheimnis geworden. »Ach, irgendein Herr, der hier im Hause wohnt«, stammelte ich dann ungeschickt heraus. »Aber warum bist Du denn so rot geworden, wie er Dich angeschaut hat«, spottete die Freundin mit der ganzen Bosheit eines neugierigen Kindes. Und eben weil ich fühlte, daß sie an mein Geheimnis spottend rühre, fuhr mir das Blut noch heißer in die Wangen. Ich wurde grob aus Verlegenheit. »Blöde Gans«, sagte ich wild: am liebsten hätte ich sie erdrosselt. Aber sie lachte nur noch lauter und höhnischer, bis ich fühlte, daß mir die Tränen in die Augen schossen vor ohnmächtigem Zorn. Ich ließ sie stehen und lief hinauf.
Von dieser Sekunde an habe ich Dich geliebt. Ich weiß, Frauen haben Dir, dem Verwöhnten, oft dieses Wort gesagt. Aber glaube mir, niemand hat Dich so sklavisch, so hündisch, so hingebungsvoll geliebt als dieses Wesen, das ich war und das ich für Dich immer geblieben bin, denn nichts auf Erden gleicht der unbemerkten Liebe eines Kindes aus dem Dunkel, weil sie so hoffnungslos, so dienend, so unterwürfig, so lauernd und leidenschaftlich ist, wie niemals die begehrende und unbewußt doch fordernde Liebe einer erwachsenen Frau. Nur einsame Kinder können ganz ihre Leidenschaft zusammenhalten: die anderen zerschwätzen ihr Gefühl in Geselligkeit, schleifen es ab in Vertraulichkeiten, sie haben von Liebe viel gehört und gelesen und wissen, daß sie ein gemeinsames Schicksal ist. Sie spielen damit, wie mit einem Spielzeug, sie prahlen damit, wie Knaben mit ihrer ersten Zigarette. Aber ich, ich hatte ja niemand, um mich anzuvertrauen, war von keinem belehrt und gewarnt, war unerfahren und ahnungslos: ich stürzte hinein in mein Schicksal wie in einen Abgrund. Alles, was in mir wuchs und aufbrach, wußte nur Dich, den Traum von Dir, als Vertrauten: mein Vater war längst gestorben, die Mutter mir fremd in ihrer ewig unheiteren Bedrücktheit und Pensionistenängstlichkeit, die halbverdorbenen Schulmädchen stießen mich ab, weil sie so leichtfertig mit dem spielten, was mir letzte Leidenschaft war – so warf ich alles, was sich sonst zersplittert und verteilt, warf ich mein ganzes zusammengepreßtes und immer wieder ungeduldig aufquellendes Wesen Dir entgegen. Du warst mir – wie soll ich es Dir sagen? jeder einzelne Vergleich ist zu gering, – Du warst eben alles, mein ganzes Leben. Alles existierte nur insofern, als es Bezug hatte auf Dich, alles in meiner Existenz hatte nur Sinn, wenn es mit Dir verbunden war. Du verwandeltest mein ganzes Leben. Bisher gleichgültig und mittelmäßig in der Schule, wurde ich plötzlich die Erste, ich las tausend Bücher bis tief in die Nacht, weil ich wußte, daß Du die Bücher liebtest, ich begann, zum Erstaunen meiner Mutter, plötzlich mit fast störrischer Beharrlichkeit Klavier zu üben, weil ich glaubte, Du liebtest Musik. Ich putzte und nähte an meinen Kleidern, nur um gefällig und proper vor Dir auszusehen, und daß ich an meiner alten Schulschürze (sie war ein zugeschnittenes Hauskleid meiner Mutter) links einen eingesetzten viereckigen Fleck hatte, war mir entsetzlich. Ich fürchtete, Du könntest ihn bemerken und mich verachten; darum drückte ich immer die Schultasche darauf, wenn ich die Treppen hinauflief, zitternd vor Angst, Du würdest ihn sehen. Aber wie töricht war das: Du hast mich ja nie, fast nie mehr angesehen.
Und doch: ich tat eigentlich den ganzen Tag nichts als auf Dich warten und Dich belauern. An unserer Tür war ein kleines messingenes Guckloch, durch dessen kreisrunden Ausschnitt man hinüber auf Deine Tür sehen konnte. Dieses Guckloch – nein, lächle nicht, Geliebter, noch heute, noch heute schäme ich mich jener Stunden nicht! – war mein Auge in die Welt hinaus, dort, im eiskalten Vorzimmer, scheu vor dem Argwohn der Mutter, saß ich in jenen Monaten und Jahren, ein Buch in der Hand, ganze Nachmittage auf der Lauer, gespannt wie eine Saite und klingend, wenn Deine Gegenwart sie berührte. Ich war immer um Dich, immer in Spannung und Bewegung; aber Du konntest es so wenig fühlen wie die Spannung der Uhrfeder, die Du in der Tasche trägst und die geduldig im Dunkel Deine Stunden zählt und mißt, Deine Wege mit unhörbarem Herzpochen begleitet und auf die nur einmal in Millionen tickender Sekunden Dein hastiger Blick fällt. Ich wußte alles von Dir, kannte jede Deiner Gewohnheiten, jede Deiner Krawatten, jeden Deiner Anzüge, ich kannte und unterschied bald Deine einzelnen Bekannten und teilte sie in solche, die mir lieb und solche, die mir widrig waren: von meinem dreizehnten bis zu meinem sechzehnten Jahre habe ich jede Stunde in Dir gelebt. Ach, was für Torheiten habe ich begangen! Ich küßte die Türklinke, die Deine Hand berührt hatte, ich stahl einen Zigarrenstummel, den Du vor dem Eintreten weggeworfen hattest, und er war mir heilig, weil Deine Lippen daran gerührt. Hundertmal lief ich abends unter irgendeinem Vorwand hinab auf die Gasse, um zu sehen, in welchem Deiner Zimmer Licht brenne und so Deine Gegenwart, Deine unsichtbare, wissender zu fühlen. Und in den Wochen, wo Du verreist warst – mir stockte immer das Herz vor Angst, wenn ich den guten Johann Deine gelbe Reisetasche hinabtragen sah –, in diesen Wochen war mein Leben tot und ohne Sinn. Mürrisch, gelangweilt, böse ging ich herum und mußte nur immer achtgeben, daß die Mutter an meinen verweinten Augen nicht meine Verzweiflung merke.
Ich weiß, das sind alles groteske Überschwänge, kindische Torheiten, die ich Dir da erzähle. Ich sollte mich ihrer schämen, aber ich schäme mich nicht, denn nie war meine Liebe zu Dir reiner und leidenschaftlicher als in diesen kindlichen Exzessen. Stundenlang, tagelang könnte ich Dir erzählen, wie ich damals mit Dir gelebt, der Du mich kaum von Angesicht kanntest, denn begegnete ich Dir auf der Treppe und gab es kein Ausweichen, so lief ich, aus Furcht vor Deinem brennenden Blick, mit gesenktem Kopf an Dir vorbei wie einer, der ins Wasser stürzt, nur daß mich das Feuer nicht versenge. Stundenlang, tagelang könnte ich Dir von jenen Dir längst entschwundenen Jahren erzählen, den ganzen Kalender Deines Lebens aufrollen; aber ich will Dich nicht langweilen, will Dich nicht quälen. Nur das schönste Erlebnis meiner Kindheit will ich Dir noch anvertrauen, und ich bitte Dich, nicht zu spotten, weil es ein so Geringes ist, denn mir, dem Kinde, war es eine Unendlichkeit. An einem Sonntag muß es gewesen sein, du warst verreist, und Dein Diener schleppte die schweren Teppiche, die er geklopft hatte, durch die offene Wohnungstür. Er trug schwer daran, der Gute, und in einem Anfall von Verwegenheit ging ich zu ihm und fragte, ob ich ihm nicht helfen könnte. Er war erstaunt, aber ließ mich gewähren, und so sah ich – vermöchte ich Dirs doch nur zu sagen, mit welcher ehrfürchtigen, ja frommen Verehrung! – Deine Wohnung von innen, Deine Welt, den Schreibtisch, an dem Du zu sitzen pflegtest und auf dem in einer blauen Kristallvase ein paar Blumen standen, Deine Schränke, Deine Bilder, Deine Bücher. Nur ein flüchtiger, diebischer Blick war es in Dein Leben, denn Johann, der Getreue, hätte mir gewiß genaue Betrachtung gewehrt, aber ich sog mit diesem einen Blick die ganze Atmosphäre ein und hatte Nahrung für meine unendlichen Träume von Dir im Wachen und Schlaf.
Dies, diese rasche Minute, sie war die glücklichste meiner Kindheit. Sie wollte ich Dir erzählen, damit Du, der Du mich nicht kennst, endlich zu ahnen beginnst, wie ein Leben an Dir hing und verging. Sie wollte ich Dir erzählen und jene andere noch, die fürchterlichste Stunde, die jener leider so nachbarlich war. Ich hatte – ich sagte es Dir ja schon – um Deinetwillen an alles vergessen, ich hatte auf meine Mutter nicht acht und kümmerte mich um niemanden. Ich merkte nicht, daß ein älterer Herr, ein Kaufmann aus Innsbruck, der mit meiner Mutter entfernt verschwägert war, öfter kam und länger blieb, ja, es war mir nur angenehm, denn er führte Mama manchmal in das Theater, und ich konnte allein bleiben, an Dich denken, auf Dich lauern, was ja meine höchste, meine einzige Seligkeit war. Eines Tages nun rief mich die Mutter mit einer gewissen Umständlichkeit in ihr Zimmer; sie hätte ernst mit mir zu sprechen. Ich wurde blaß und hörte mein Herz plötzlich hämmern: sollte sie etwas geahnt, etwas erraten haben? Mein erster Gedanke warst Du, das Geheimnis, das mich mit der Welt verband. Aber die Mutter war selbst verlegen, sie küßte mich (was sie sonst nie tat) zärtlich ein- und zweimal, zog mich auf das Sofa zu sich und begann dann zögernd und verschämt zu erzählen, ihr Verwandter, der Witwer sei, habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sie sei, hauptsächlich um meinetwillen, entschlossen, ihn anzunehmen. Heißer stieg mir das Blut zum Herzen: nur ein Gedanke antwortete von innen, der Gedanke an Dich. »Aber wir bleiben doch hier?« konnte ich gerade noch stammeln. »Nein, wir ziehen nach Innsbruck, dort hat Ferdinand eine schöne Villa.« Mehr hörte ich nicht. Mir ward schwarz vor den Augen. Später wußte ich, daß ich in Ohnmacht gefallen war; ich sei, hörte ich die Mutter dem Stiefvater leise erzählen, der hinter der Tür gewartet hatte, plötzlich mit aufgespreizten Händen zurückgefahren und dann hingestürzt wie ein Klumpen Blei. Was dann in den nächsten Tagen geschah, wie ich mich, ein machtloses Kind, wehrte gegen ihren übermächtigen Willen, das kann ich Dir nicht schildern: noch jetzt zittert mir, da ich daran denke, die Hand im Schreiben. Mein wirkliches Geheimnis konnte ich nicht verraten, so schien meine Gegenwehr bloß Starrsinn, Bosheit und Trotz. Niemand sprach mehr mit mir, alles geschah hinterrücks. Man nutzte die Stunden, da ich in der Schule war, um die Übersiedlung zu fördern: kam ich dann nach Hause, so war immer wieder ein anderes Stück verräumt oder verkauft. Ich sah, wie die Wohnung und damit mein Leben verfiel, und einmal, als ich zum Mittagessen kam, waren die Möbelpacker dagewesen und hatten alles weggeschleppt. In den leeren Zimmern standen die gepackten Koffer und zwei Feldbetten für die Mutter und mich: da sollten wir noch eine Nacht schlafen, die letzte, und morgen nach Innsbruck reisen.
An diesem letzten Tage fühlte ich mit plötzlicher Entschlossenheit, daß ich nicht leben konnte ohne Deine Nähe. Ich wußte keine andere Rettung als Dich. Wie ich mirs dachte und ob ich überhaupt klar in diesen Stunden der Verzweiflung zu denken vermochte, das werde ich nie sagen können, aber plötzlich – die Mutter war fort – stand ich auf im Schulkleid, wie ich war, und ging hinüber zu Dir. Nein, ich ging nicht: es stieß mich mit steifen Beinen, mit zitternden Gelenken magnetisch fort zu Deiner Tür. Ich sagte Dir schon, ich wußte nicht deutlich, was ich wollte: Dir zu Füßen fallen und dich bitten, mich zu behalten als Magd, als Sklavin, und ich fürchte, Du wirst lächeln über diesen unschuldigen Fanatismus einer Fünfzehnjährigen, aber, – Geliebter, du würdest nicht mehr lächeln, wüßtest Du, wie ich damals draußen im eiskalten Gange stand, starr vor Angst und doch vorwärts gestoßen von einer unfaßbaren Macht, und wie ich den Arm, den zitternden, mir gewissermaßen vom Leib losriß, daß er sich hob und – es war ein Kampf durch die Ewigkeit entsetzlicher Sekunden – den Finger auf den Knopf der Türklinke drückte. Noch heute gellts mir im Ohr, dies schrille Klingelzeichen, und dann die Stille danach, wo mir das Herz stillstand, wo mein ganzes Blut anhielt und nur lauschte, ob Du kämest.
Aber Du kamst nicht. Niemand kam. Du warst offenbar fort an jenem Nachmittage und Johann auf Besorgung; so tappte ich, den toten Ton der Klingel im dröhnenden Ohr, in unsere zerstörte, ausgeräumte Wohnung zurück und warf mich erschöpft auf einen Plaid, müde von den vier Schritten, als ob ich stundenlang durch tiefen Schnee gegangen sei. Aber unter dieser Erschöpfung glühte noch unverlöscht die Entschlossenheit, Dich zu sehen, Dich zu sprechen, ehe sie mich wegrissen. Es war, ich schwöre es Dir, kein sinnlicher Gedanke dabei, ich war noch unwissend, eben weil ich an nichts dachte als an Dich: nur sehen wollte ich Dich, einmal noch sehen, mich anklammern an Dich. Die ganze Nacht, die ganze lange, entsetzliche Nacht, habe ich dann, Geliebter, auf Dich gewartet. Kaum daß die Mutter sich in ihr Bett gelegt hatte und eingeschlafen war, schlich ich in das Vorzimmer hinaus, um zu horchen, wann Du nach Hause kämest. Die ganze Nacht habe ich gewartet, und es war eine eisige Januarnacht. Ich war müde, meine Glieder schmerzten mich, und es war kein Sessel mehr, mich hinzusetzen: so legte ich mich flach auf den kalten Boden, über den der Zug von der Tür hinstrich. Nur in meinem dünnen Kleide lag ich auf dem schmerzenden kalten Boden, denn ich nahm keine Decke; ich wollte es nicht warm haben, aus Furcht, einzuschlafen und Deinen Schritt zu überhören. Es tat weh, meine Füße preßte ich im Krampfe zusammen, meine Arme zitterten: ich mußte immer wieder aufstehen, so kalt war es im entsetzlichen Dunkel. Aber ich wartete, wartete, wartete auf Dich wie auf mein Schicksal.
Endlich – es muß schon zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein – hörte ich unten das Haustor aufsperren und dann Schritte die Treppe hinauf. Wie abgesprungen war die Kälte von mir, heiß überflogs mich, leise machte ich die Tür auf, um Dir entgegen zu stürzen, Dir zu Füßen zu fallen … Ach, ich weiß ja nicht, was ich törichtes Kind damals getan hätte. Die Schritte kamen näher, Kerzenlicht flackte herauf. Zitternd hielt ich die Klinke. Warst Du es, der da kam?
Ja, Du warst es, Geliebter – aber Du warst nicht allein. Ich hörte ein leises, kitzliches Lachen, irgendein streifendes seidenes Kleid und leise Deine Stimme – Du kamst mit einer Frau nach Hause …
Wie ich diese Nacht überleben konnte, weiß ich nicht. Am nächsten Morgen, um acht Uhr, schleppten sie mich nach Innsbruck; ich hatte keine Kraft mehr, mich zu wehren.

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Mein Kind ist gestern nacht gestorben – nun werde ich wieder allein sein, wenn ich wirklich weiterleben muß. Morgen werden sie kommen, fremde, schwarze ungeschlachte Männer, und einen Sarg bringen, werden es hineinlegen, mein armes, mein einziges Kind. Vielleicht kommen auch Freunde und bringen Kränze, aber was sind Blumen auf einem Sarg? Sie werden mich trösten und mir irgendwelche Worte sagen, Worte, Worte; aber was können sie mir helfen? Ich weiß, ich muß dann doch wieder allein sein. Und es gibt nichts Entsetzlicheres, als Alleinsein unter den Menschen. Damals habe ich es erfahren, damals in jenen unendlichen zwei Jahren in Innsbruck, jenen Jahren von meinem sechzehnten bis zu meinem achtzehnten, wo ich wie eine Gefangene, eine Verstoßene zwischen meiner Familie lebte. Der Stiefvater, ein sehr ruhiger, wortkarger Mann, war gut zu mir, meine Mutter schien, wie um ein unbewußtes Unrecht zu sühnen, allen meinen Wünschen bereit, junge Menschen bemühten sich um mich, aber ich stieß sie alle in einem leidenschaftlichen Trotz zurück. Ich wollte nicht glücklich, nicht zufrieden leben abseits von Dir, ich grub mich selbst in eine finstere Welt von Selbstqual und Einsamkeit. Die neuen, bunten Kleider, die sie mir kauften, zog ich nicht an, ich weigerte mich, in Konzerte, in Theater zu gehen oder Ausflüge in heiterer Gesellschaft mitzumachen. Kaum daß ich je die Gasse betrat: würdest Du es glauben, Geliebter, daß ich von dieser kleinen Stadt, in der ich zwei Jahre gelebt, keine zehn Straßen kenne? Ich trauerte und ich wollte trauern, ich berauschte mich an jeder Entbehrung, die ich mir zu der Deines Anblicks noch auferlegte. Und dann: ich wollte mich nicht ablenken lassen von meiner Leidenschaft, nur in Dir zu leben. Ich saß allein zu Hause, stundenlang, tagelang, und tat nichts, als an Dich zu denken, immer wieder, immer wieder die hundert kleinen Erinnerungen an Dich, jede Begegnung, jedes Warten, mir zu erneuern, mir diese kleinen Episoden vorzuspielen wie im Theater. Und darum, weil ich jede der Sekunden von einst mir unzähligemale wiederholte, ist auch meine ganze Kindheit mir in so brennender Erinnerung geblieben, daß ich jede Minute jener vergangenen Jahre so heiß und springend fühle, als wäre sie gestern durch mein Blut gefahren.
Nur in Dir habe ich damals gelebt. Ich kaufte mir alle Deine Bücher; wenn Dein Name in der Zeitung stand, war es ein festlicher Tag. Willst Du es glauben, daß ich jede Zeile aus Deinen Büchern auswendig kann, so oft habe ich sie gelesen? Würde mich einer nachts aus dem Schlaf aufwecken und eine losgerissene Zeile aus ihnen mir vorsprechen, ich könnte sie heute noch, heute noch nach dreizehn Jahren, weitersprechen wie im Traum: so war jedes Wort von Dir mir Evangelium und Gebet. Die ganze Welt, sie existierte nur in Beziehung auf Dich: ich las in den Wiener Zeitungen die Konzerte, die Premieren nach nur mit dem Gedanken, welche Dich davon interessieren möchte, und wenn es Abend wurde, begleitete ich Dich von ferne: jetzt tritt er in den Saal, jetzt setzt er sich nieder. Tausendmal träumte ich das, weil ich Dich ein einziges Mal in einem Konzert gesehen.
Aber wozu all dies erzählen, diesen rasenden, gegen sich selbst wütenden, diesen so tragischen hoffnungslosen Fanatismus eines verlassenen Kindes, wozu es einem erzählen, der es nie geahnt, der es nie gewußt? Doch war ich damals wirklich noch ein Kind? Ich wurde siebzehn, wurde achtzehn Jahre – die jungen Leute begannen sich auf der Straße nach mir umzublicken, doch sie erbitterten mich nur. Denn Liebe oder auch nur ein Spiel mit Liebe im Gedanken an jemanden andern als an Dich, das war mir so unerfindlich, so unausdenklich fremd, ja die Versuchung schon wäre mir als ein Verbrechen erschienen. Meine Leidenschaft zu Dir blieb dieselbe, nur daß sie anders ward mit meinem Körper, mit meinen wacheren Sinnen, glühender, körperlicher, frauenhafter. Und was das Kind in seinem dumpfen unbelehrten Willen, das Kind, das damals die Klingel Deiner Türe zog, nicht ahnen konnte, das war jetzt mein einziger Gedanke: mich Dir zu schenken, mich Dir hinzugeben.
Die Menschen um mich vermeinten mich scheu, nannten mich schüchtern (ich hatte mein Geheimnis verbissen hinter den Zähnen). Aber in mir wuchs ein eiserner Wille. Mein ganzes Denken und Trachten war in eine Richtung gespannt: zurück nach Wien, zurück zu Dir. Und ich erzwang meinen Willen, so unsinnig, so unbegreiflich er den andern scheinen mochte. Mein Stiefvater war vermögend, er betrachtete mich als sein eigenes Kind. Aber ich drang in erbittertem Starrsinn darauf, ich wolle mir mein Geld selbst verdienen und erreichte es endlich, daß ich in Wien zu einem Verwandten als Angestellte eines großen Konfektionsgeschäftes kam.
Muß ich Dir sagen, wohin mein erster Weg ging, als ich an einem nebligen Herbstabend – endlich! endlich! – in Wien ankam? Ich ließ die Koffer an der Bahn, stürzte mich in eine Straßenbahn – wie langsam schien sie mir zu fahren, jede Haltestelle erbitterte mich – und lief vor das Haus. Deine Fenster waren erleuchtet, mein ganzes Herz klang. Nun erst lebte die Stadt, die mich so fremd, so sinnlos umbraust hatte, nun erst lebte ich wieder, da ich Dich nahe ahnte, Dich, meinen ewigen Traum. Ich ahnte ja nicht, daß ich in Wirklichkeit Deinem Bewußtsein ebenso ferne war hinter Tälern, Bergen und Flüssen als nun, da nur die dünne leuchtende Glasscheibe Deines Fensters zwischen Dir war und meinem aufstrahlenden Blick. Ich sah nur empor und empor: da war Licht, da war das Haus, da warst Du, da war meine Welt. Zwei Jahre hatte ich von dieser Stunde geträumt, nun war sie mir geschenkt. Ich stand den langen, weichen, verhangenen Abend vor Deinen Fenstern, bis das Licht erlosch. Dann suchte ich erst mein Heim.
Jeden Abend stand ich dann so vor Deinem Haus. Bis sechs Uhr hatte ich Dienst im Geschäft, harten, anstrengenden Dienst, aber er war mir lieb, denn diese Unruhe ließ mich die eigene nicht so schmerzhaft fühlen. Und geradeswegs, sobald die eisernen Rollbalken hinter mir niederdröhnten, lief ich zu dem geliebten Ziel. Nur Dich einmal sehen, nur einmal Dir begegnen, das war mein einziger Wille, nur wieder einmal mit dem Blick Dein Gesicht umfassen dürfen von ferne. Etwa nach einer Woche geschahs dann endlich, daß ich Dir begegnete, und zwar gerade in einem Augenblick, wo ichs nicht vermutete: während ich eben hinauf zu Deinen Fenstern spähte; kamst Du quer über die Straße. Und plötzlich war ich wieder das Kind, das dreizehnjährige, ich fühlte, wie das Blut mir in die Wangen schoß; unwillkürlich, wider meinen innersten Drang, der sich sehnte, Deine Augen zu fühlen, senkte ich den Kopf und lief blitzschnell wie gehetzt an Dir vorbei. Nachher schämte ich mich dieser schulmädelhaften scheuen Flucht, denn jetzt war mein Wille mir doch klar: ich wollte Dir ja begegnen, ich suchte Dich, ich wollte von Dir erkannt sein nach all den sehnsüchtig verdämmerten Jahren, wollte von Dir beachtet, wollte von Dir geliebt sein.
Aber Du bemerktest mich lange nicht, obzwar ich jeden Abend, auch bei Schneegestöber und in dem scharfen, schneidenden Wiener Wind in Deiner Gasse stand. Oft wartete ich stundenlang vergebens, oft gingst Du dann endlich vom Hause in Begleitung von Bekannten fort, zweimal sah ich Dich auch mit Frauen, und nun empfand ich mein Erwachsensein, empfand das Neue, Andere meines Gefühls zu Dir an dem plötzlichen Herzzucken, das mir quer die Seele zerriß, als ich eine fremde Frau so sicher Arm in Arm mit Dir hingehen sah. Ich war nicht überrascht, ich kannte ja diese Deine ewigen Besucherinnen aus meinen Kindertagen schon, aber jetzt tat es mit einmal irgendwie körperlich weh, etwas spannte sich in mir, gleichzeitig feindlich und mitverlangend gegen diese offensichtliche, diese fleischliche Vertrautheit mit einer anderen. Einen Tag blieb ich, kindlich stolz wie ich war und vielleicht jetzt noch geblieben bin, von Deinem Hause weg: aber wie entsetzlich war dieser leere Abend des Trotzes und der Auflehnung. Am nächsten Abend stand ich schon wieder demütig vor Deinem Hause wartend, wartend, wie ich mein ganzes Schicksal lang vor Deinem verschlossenen Leben gestanden bin.
Und endlich, an einem Abend bemerktest Du mich. Ich hatte Dich schon von ferne kommen sehen und straffte meinen Willen zusammen, Dir nicht auszuweichen. Der Zufall wollte, daß durch einen abzuladenden Wagen die Straße verengert war und Du ganz an mir vorbei mußtest. Unwillkürlich streifte mich Dein zerstreuter Blick, um sofort, kaum daß er der Aufmerksamkeit des meinen begegnete – wie erschrak die Erinnerung in mir! – jener Dein Frauenblick, jener zärtliche, hüllende und gleichzeitig enthüllende, jener umfangende und schon fassende Blick zu werden, der mich, das Kind, zum erstenmal zur Frau, zur Liebenden erweckt. Ein, zwei Sekunden lang hielt dieser Blick so den meinen, der sich nicht wegreißen konnte und wollte, – dann warst Du an mir vorbei. Mir schlug das Herz: unwillkürlich mußte ich meinen Schritt verlangsamen, und wie ich aus einer nicht zu bezwingenden Neugier mich umwandte, sah ich, daß Du stehengeblieben warst und mir nachsahst. Und an der Art, wie Du neugierig interessiert mich beobachtetest, wußte ich sofort: Du erkanntest mich nicht.
Du erkanntest mich nicht, damals nicht, nie, nie hast Du mich erkannt. Wie soll ich Dir, Geliebter, die Enttäuschung jener Sekunde schildern – damals war es ja das erstemal, daß ichs erlitt, dies Schicksal, von Dir nicht erkannt zu sein, das ich ein Leben durchlebt habe, und mit dem ich sterbe; unerkannt, immer noch unerkannt von Dir. Wie soll ich sie Dir schildern, diese Enttäuschung! Denn sieh, in diesen zwei Jahren in Innsbruck, wo ich jede Stunde an Dich dachte und nichts tat, als mir unsere erste Wiederbegegnung in Wien auszudenken, da hatte ich die wildesten Möglichkeiten neben den seligsten, je nach dem Zustand meiner Laune, ausgeträumt. Alles war, wenn ich so sagen darf, durchgeträumt; ich hatte mir in finstern Momenten vorgestellt, Du würdest mich zurückstoßen, würdest mich verachten, weil ich zu gering, zu häßlich, zu aufdringlich sei. Alle Formen Deiner Mißgunst, Deiner Kälte, Deiner Gleichgültigkeit, sie alle hatte ich durchgewandelt in leidenschaftlichen Visionen – aber dies, dies eine hatte ich in keiner finstern Regung des Gemüts, nicht im äußersten Bewußtsein meiner Minderwertigkeit in Betracht zu ziehen gewagt, dies Entsetzlichste: daß Du überhaupt von meiner Existenz nichts bemerkt hattest. Heute verstehe ich es ja – ach, Du hast michs verstehen gelehrt! – daß das Gesicht eines Mädchens, einer Frau etwas ungemein Wandelhaftes sein muß für einen Mann, weil es meist nur Spiegel ist, bald einer Leidenschaft, bald einer Kindlichkeit, bald eines Müdeseins, und so leicht verfließt wie ein Bildnis im Spiegel, daß also ein Mann leichter das Antlitz einer Frau verlieren kann, weil das Alter dann durchwandelt mit Schatten und Licht, weil die Kleidung es von einemmal zum andern anders rahmt. Die Resignierten, sie sind ja erst die wahren Wissenden. Aber ich, das Mädchen von damals, ich konnte Deine Vergeßlichkeit noch nicht fassen, denn irgendwie war aus meiner maßlosen, unaufhörlichen Beschäftigung mit Dir der Wahn in mich gefahren, auch Du müßtest meiner oft gedenken und auf mich warten; wie hätte ich auch nur atmen können mit der Gewißheit, ich sei Dir nichts, nie rühre ein Erinnern an mich Dich leise an! Und dies Erwachen vor Deinem Blick, der mir zeigte, daß nichts in Dir mich mehr kannte, kein Spinnfaden Erinnerung von Deinem Leben hinreiche zu meinem, das war ein erster Sturz hinab in die Wirklichkeit, eine erste Ahnung meines Schicksals.
Du erkanntest mich nicht damals. Und als zwei Tage später Dein Blick mit einer gewissen Vertrautheit bei erneuter Begegnung mich umfing, da erkanntest Du mich wiederum nicht als die, die Dich geliebt und die Du erweckt, sondern bloß als das hübsche achtzehnjährige Mädchen, das Dir vor zwei Tagen an der gleichen Stelle entgegengetreten. Du sahst mich freundlich überrascht an, ein leichtes Lächeln umspielte Deinen Mund. Wieder gingst Du an mir vorbei und wieder den Schritt sofort verlangsamend: ich zitterte, ich jauchzte, ich betete, Du würdest mich ansprechen. Ich fühlte, daß ich zum erstenmal für Dich lebendig war: auch ich verlangsamte den Schritt, ich wich Dir nicht aus. Und plötzlich spürte ich Dich hinter mir, ohne mich umzuwenden, ich wußte, nun würde ich zum erstenmal Deine geliebte Stimme an mich gerichtet hören. Wie eine Lähmung war die Erwartung in mir, schon fürchtete ich stehenbleiben zu müssen, so hämmerte mir das Herz – da tratest Du an meine Seite. Du sprachst mich an mit Deiner leichten heitern Art, als wären wir lange befreundet – ach, Du ahntest mich ja nicht, nie hast Du etwas von meinem Leben geahnt! – so zauberhaft unbefangen sprachst Du mich an, daß ich Dir sogar zu antworten vermochte. Wir gingen zusammen die ganze Gasse entlang. Dann fragtest Du mich, ob wir gemeinsam speisen wollten. Ich sagte ja. Was hätte ich Dir gewagt zu verneinen?
Wir speisten zusammen in einem kleinen Restaurant – weißt Du noch, wo es war? Ach nein, Du unterscheidest es gewiß nicht mehr von andern solchen Abenden, denn wer war ich Dir? Eine unter Hunderten, ein Abenteuer in einer ewig fortgeknüpften Kette. Was sollte Dich auch an mich erinnern: ich sprach ja wenig, weil es mir so unendlich beglückend war, Dich nahe zu haben, Dich zu mir sprechen zu hören. Keinen Augenblick davon wollte ich durch eine Frage, durch ein törichtes Wort vergeuden. Nie werde ich Dir von dieser Stunde dankbar vergessen, wie voll Du meine leidenschaftliche Ehrfurcht erfülltest, wie zart, wie leicht, wie taktvoll Du warst, ganz ohne Zudringlichkeit, ganz ohne jene eiligen karessanten Zärtlichkeiten, und vom ersten Augenblick von einer so sicheren freundschaftlichen Vertrautheit, daß Du mich auch gewonnen hättest, wäre ich nicht schon längst mit meinem ganzen Willen und Wesen Dein gewesen. Ach, Du weißt ja nicht, ein wie Ungeheures Du erfülltest, indem Du mir fünf Jahre kindischer Erwartung nicht enttäuschtest! Es wurde spät, wir brachen auf. An der Tür des Restaurants fragtest Du mich, ob ich eilig wäre oder noch Zeit hätte. Wie hätte ichs verschweigen können, daß ich Dir bereit sei! Ich sagte, ich hätte noch Zeit. Dann fragtest Du, ein leises Zögern rasch überspringend, ob ich nicht noch ein wenig zu Dir kommen wollte, um zu plaudern. »Gerne«, sagte ich ganz aus der Selbstverständlichkeit meines Fühlens heraus und merkte sofort, daß Du von der Raschheit meiner Zusage irgendwie peinlich oder freudig berührt warst, jedenfalls aber sichtlich überrascht. Heute verstehe ich ja dies Dein Erstaunen; ich weiß, es ist bei Frauen üblich, auch wenn das Verlangen nach Hingabe in einer brennend ist, diese Bereitschaft zu verleugnen, ein Erschrecken vorzutäuschen oder eine Entrüstung, die durch eindringliche Bitte, durch Lügen, Schwüre und Versprechen erst beschwichtigt sein will. Ich weiß, daß vielleicht nur die professionellen der Liebe, die Dirnen, eine solche Einladung mit einer so vollen freudigen Zustimmung beantworten, oder ganz naive, ganz halbwüchsige Kinder. In mir aber war es – und wie konntest Du das ahnen – nur der wortgewordene Wille, die geballt vorbrechende Sehnsucht von tausend einzelnen Tagen. Jedenfalls aber: Du warst frappiert, ich begann Dich zu interessieren. Ich spürte, daß Du, während wir gingen, von der Seite her während des Gespräches mich irgendwie erstaunt mustertest. Dein Gefühl, Dein in allem Menschlichen so magisch sicheres Gefühl witterte hier sogleich ein Ungewöhnliches, ein Geheimnis in diesem hübschen zutunlichen Mädchen. Der Neugierige in Dir war wach, und ich merkte aus der umkreisenden, spürenden Art der Fragen, wie Du nach dem Geheimnis tasten wolltest. Aber ich wich Dir aus: ich wollte lieber töricht erscheinen als Dir mein Geheimnis verraten.
Wir gingen zu Dir hinauf. Verzeih, Geliebter, wenn ich Dir sage, daß Du es nicht verstehen kannst, was dieser Gang, diese Treppe für mich waren, welcher Taumel, welche Verwirrung, welch ein rasendes, quälendes, fast tödliches Glück. Jetzt noch kann ich kaum ohne Tränen daran denken, und ich habe keine mehr. Aber fühl es nur aus, daß jeder Gegenstand dort gleichsam durchdrungen war von meiner Leidenschaft, jeder ein Symbol meiner Kindheit, meiner Sehnsucht: das Tor, vor dem ich tausende Male auf Dich gewartet, die Treppe, von der ich immer Deinen Schritt erhorcht und wo ich Dich zum erstenmal gesehen, das Guckloch, aus dem ich mir die Seele gespäht, der Türvorleger vor Deiner Tür, auf dem ich einmal gekniet, das Knacken des Schlüssels, bei dem ich immer aufgesprungen von meiner Lauer. Die ganze Kindheit, meine ganze Leidenschaft, da nistete sie ja in diesen paar Metern Raum, hier war mein ganzes Leben, und jetzt fiel es nieder auf mich wie ein Sturm, da alles, alles sich erfüllte und ich mit Dir ging, ich mit Dir, in Deinem, in unserem Hause. Bedenke – es klingt ja banal, aber ich weiß es nicht anders zu sagen –, daß bis zu Deiner Tür alles Wirklichkeit, dumpfe tägliche Welt ein Leben lang gewesen war, und dort das Zauberreich des Kindes begann, Aladins Reich, bedenke, daß ich tausendmal mit brennenden Augen auf diese Tür gestarrt, die ich jetzt taumelnd durchschritt, und Du wirst ahnen – aber nur ahnen, niemals ganz wissen, mein Geliebter! – was diese stürzende Minute von meinem Leben wegtrug.
Ich blieb damals die ganze Nacht bei Dir. Du hast es nicht geahnt, daß vordem noch nie ein Mann mich berührt, noch keiner meinen Körper gefühlt oder gesehen. Aber wie konntest Du es auch ahnen, Geliebter, denn ich bot Dir ja keinen Widerstand, ich unterdrückte jedes Zögern der Scham, nur damit Du nicht das Geheimnis meiner Liebe zu Dir erraten könntest, das Dich gewiß erschreckt hätte –, denn Du liebst ja nur das Leichte, das Spielende, das Gewichtlose, Du hast Angst, in ein Schicksal einzugreifen. Verschwenden willst Du Dich, Du, an alle, an die Welt, und willst kein Opfer. Wenn ich Dir jetzt sage, Geliebter, daß ich mich jungfräulich Dir gab, so flehe ich Dich an: mißversteh mich nicht! Ich klage Dich ja nicht an, Du hast mich nicht gelockt, nicht belogen, nicht verführt – ich, ich selbst drängte zu Dir, warf mich an Deine Brust, warf mich in mein Schicksal. Nie, nie werde ich Dich anklagen, nein, nur immer Dir danken, denn wie reich, wie funkelnd von Lust, wie schwebend von Seligkeit war für mich diese Nacht. Wenn ich die Augen auftat im Dunkeln und Dich fühlte an meiner Seite, wunderte ich mich, daß nicht die Sterne über mir waren, so sehr fühlte ich Himmel – nein, ich habe niemals bereut, mein Geliebter, niemals um dieser Stunde willen. Ich weiß noch: als Du schliefst, als ich Deinen Atem hörte, Deinen Körper fühlte und mich selbst Dir so nah, da habe ich im Dunkeln geweint vor Glück.
Am Morgen drängte ich frühzeitig schon fort. Ich mußte in das Geschäft und wollte auch gehen, ehe der Diener käme: er sollte mich nicht sehen. Als ich angezogen vor Dir stand, nahmst Du mich in den Arm, sahst mich lange an; war es ein Erinnern, dunkel und fern, das in Dir wogte, oder schien ich Dir nur schön, beglückt, wie ich war? Dann küßtest Du mich auf den Mund. Ich machte mich leise los und wollte gehen. Da fragtest Du: »Willst Du nicht ein paar Blumen mitnehmen?« Ich sagte ja. Du nahmst vier weiße Rosen aus der blauen Kristallvase am Schreibtisch (ach, ich kannte sie von jenem einzigen diebischen Kindheitsblick) und gabst sie mir. Tagelang habe ich sie noch geküßt.
Wir hatten zuvor einen andern Abend verabredet. Ich kam, und wieder war es wunderbar. Noch eine dritte Nacht hast Du mir geschenkt. Dann sagtest Du, Du müßtest verreisen, – oh, wie haßte ich diese Reisen von meiner Kindheit Her! – und versprachst mir, mich sofort nach Deiner Rückkehr zu verständigen. Ich gab Dir eine Poste restante-Adresse – meinen Namen wollte ich Dir nicht sagen. Ich hütete mein Geheimnis. Wieder gabst Du mir ein paar Rosen zum Abschied – zum Abschied.
Jeden Tag während zweier Monate fragte ich … aber nein, wozu diese Höllenqual der Erwartung, der Verzweiflung Dir schildern. Ich klage Dich nicht an, ich liebe Dich als den, der Du bist, heiß und vergeßlich, hingebend und untreu, ich liebe Dich so, nur so, wie Du immer gewesen und wie Du jetzt noch bist. Du warst längst zurück, ich sah es an Deinen erleuchteten Fenstern, und hast mir nicht geschrieben. Keine Zeile habe ich von Dir in meinen letzten Stunden, keine Zeile von Dir, dem ich mein Leben gegeben. Ich habe gewartet, ich habe gewartet wie eine Verzweifelte. Aber Du hast mich nicht gerufen, keine Zeile hast Du mir geschrieben … keine Zeile …

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Mein Kind ist gestern gestorben – es war auch Dein Kind. Es war auch Dein Kind, Geliebter, das Kind einer jener drei Nächte, ich schwöre es Dir, und man lügt nicht im Schatten des Todes. Es war unser Kind, ich schwöre es Dir, denn kein Mann hat mich berührt von jenen Stunden, da ich mich Dir hingegeben, bis zu jenen andern, da es aus meinem Leib gerungen wurde. Ich war mir heilig durch Deine Berührung: wie hätte ich es vermocht, mich zu teilen an Dich, der mir alles gewesen, und an andere, die an meinem Leben nur leise anstreiften? Es war unser Kind, Geliebter, das Kind meiner wissenden Liebe und Deiner sorglosen, verschwenderischen, fast unbewußten Zärtlichkeit, unser Kind, unser Sohn, unser einziges Kind. Aber Du fragst nun – vielleicht erschreckt, vielleicht bloß erstaunt –, Du fragst nun, mein Geliebter, warum ich dies Kind Dir alle diese langen Jahre verschwiegen und erst heute von ihm spreche, da es hier im Dunkel schlafend, für immer schlafend, liegt, schon bereit fortzugehen und nie mehr wiederzukehren, nie mehr! Doch wie hätte ich es Dir sagen können? Nie hättest Du mir, der Fremden, der allzu Bereitwilligen dreier Nächte, die sich ohne Widerstand, ja begehrend, Dir aufgetan, nie hättest Du ihr, der Namenlosen einer flüchtigen Begegnung, geglaubt, daß sie Dir die Treue hielt. Dir, dem Untreuen, – nie ohne Mißtrauen dies Kind als das Deine erkannt! Nie hättest Du, selbst wenn mein Wort Dir Wahrscheinlichkeit geboten, den heimlichen Verdacht abtun können, ich versuchte, Dir, dem Begüterten, das Kind fremder Stunde unterzuschieben. Du hättest mich beargwöhnt, ein Schatten wäre geblieben, ein fliegender, scheuer Schatten von Mißtrauen zwischen Dir und mir. Das wollte ich nicht. Und dann, ich kenne Dich; ich kenne Dich so gut, wie Du kaum selber Dich kennst, ich weiß, es wäre Dir, der Du das Sorglose, das Leichte, das Spielende liebst in der Liebe, peinlich gewesen, plötzlich Vater, plötzlich verantwortlich zu sein für ein Schicksal. Du hättest Dich, Du, der Du nur in Freiheit atmen kannst, Dich irgendwie verbunden gefühlt mit mir. Du hättest mich – ja, ich weiß es, daß Du es getan hättest, wider Deinen eigenen wachen Willen –, Du hättest mich gehaßt für dieses Verbundensein. Vielleicht nur stundenlang, vielleicht nur flüchtige Minuten lang wäre ich Dir lästig gewesen, wäre ich Dir verhaßt worden – ich aber wollte in meinem Stolze, Du solltest an mich ein Leben lang ohne Sorge denken. Lieber wollte ich alles auf mich nehmen, als Dir eine Last werden, und einzig die sein unter allen Deinen Frauen, an die Du immer mit Liebe, mit Dankbarkeit denkst. Aber freilich, Du hast nie an mich gedacht, Du hast mich vergessen.
Ich klage Dich nicht an, mein Geliebter, nein, ich klage Dich nicht an. Verzeih mirs, wenn mir manchmal ein Tropfen Bitternis in die Feder fließt, verzeih mirs – mein Kind, unser Kind liegt ja da tot unter den flackernden Kerzen; ich habe zu Gott die Fäuste geballt und ihn Mörder genannt, meine Sinne sind trüb und verwirrt. Verzeih mir die Klage, verzeihe sie mir! Ich weiß ja, daß Du gut bist und hilfreich im tiefsten Herzen, Du hilfst jedem, hilfst auch dem Fremdesten, der Dich bittet. Aber Deine Güte ist so sonderbar, sie ist eine, die offen liegt für jeden, daß er nehmen kann soviel seine Hände fassen, sie ist groß, unendlich groß Deine Güte, aber sie ist – verzeih mir – sie ist träge. Sie will gemahnt, will genommen sein. Du hilfst, wenn man Dich ruft, Dich bittet, hilfst aus Scham, aus Schwäche und nicht aus Freudigkeit. Du hast – laß es Dir offen sagen – den Menschen in Notdurft und Qual nicht lieber, als den Bruder im Glück. Und Menschen, die so sind wie Du, selbst die Gütigsten unter ihnen, sie bittet man schwer. Einmal, ich war noch ein Kind, sah ich durch das Guckloch an der Tür, wie Du einem Bettler, der bei Dir geklingelt hatte, etwas gabst. Du gabst ihm rasch und sogar viel, noch ehe er Dich bat, aber Du reichtest es ihm mit einer gewissen Angst und Hast hin, er möchte nur bald wieder fortgehen, es war, als hättest Du Furcht, ihm ins Auge zu sehen. Diese Deine unruhige, scheue, vor der Dankbarkeit flüchtende Art des Helfens habe ich nie vergessen. Und deshalb habe ich mich nie an Dich gewandt. Gewiß, ich weiß, Du hättest mir damals zur Seite gestanden auch ohne die Gewißheit, es sei Dein Kind, Du hättest mich getröstet, mir Geld gegeben, reichlich Geld, aber immer nur mit der geheimen Ungeduld, das Unbequeme von Dir wegzuschieben, ja, ich glaube, Du hättest mich sogar beredet, das Kind vorzeitig abzutun. Und dies fürchtete ich vor allem – denn was hätte ich nicht getan, so Du es begehrtest, wie hätte ich Dir etwas zu verweigern vermocht! Aber dieses Kind war alles für mich, war es doch von Dir, nochmals Du, aber nun nicht mehr Du, der Glückliche, der Sorglose, den ich nicht zu halten vermochte, sondern Du für immer – so meinte ich – mir gegeben, verhaftet in meinem Leibe, verbunden in meinem Leben. Nun hatte ich Dich ja endlich gefangen, ich konnte Dich, Dein Leben wachsen spüren in meinen Adern, Dich nähren, Dich tränken, Dich liebkosen, Dich küssen, wenn mir die Seele danach brannte. Siehst Du, Geliebter, darum war ich so selig, als ich wußte, daß ich ein Kind von Dir hatte, darum verschwieg ich Dirs: denn nun konntest Du mir nicht mehr entfliehen.
Freilich, Geliebter, es waren nicht nur so selige Monate, wie ich sie voraus fühlte in meinen Gedanken, es waren auch Monate voll von Grauen und Qual, voll Ekel vor der Niedrigkeit der Menschen. Ich hatte es nicht leicht. In das Geschäft konnte ich während der letzten Monate nicht mehr gehen, damit es den Verwandten nicht auffällig werde und sie nicht nach Hause berichteten. Von der Mutter wollte ich kein Geld erbitten – so fristete ich mir mit dem Verkauf von dem bißchen Schmuck, den ich hatte, die Zeit bis zur Niederkunft. Eine Woche vorher wurden mir aus einem Schranke von einer Wäscherin die letzten paar Kronen gestohlen, so mußte ich in die Gebärklinik. Dort, wo nur die ganz Armen, die Ausgestoßenen und Vergessenen sich in ihrer Not hinschleppen, dort, mitten im Abhub des Elends, dort ist das Kind, Dein Kind geboren worden. Es war zum Sterben dort: fremd, fremd, fremd war alles, fremd wir einander, die wir da lagen, einsam und voll Haß eine auf die andere, nur vom Elend, von der gleichen Qual in diesen dumpfen, von Chloroform und Blut, von Schrei und Stöhnen vollgepreßten Saal gestoßen. Was die Armut an Erniedrigung, an seelischer und körperlicher Schande zu ertragen hat, ich habe es dort gelitten an dem Beisammensein mit Dirnen und mit Kranken, die aus der Gemeinsamkeit des Schicksals eine Gemeinheit machten, an der Zynik der jungen Ärzte, die mit einem ironischen Lächeln der Wehrlosen das Bettuch aufstreiften und sie mit falscher Wissenschaftlichkeit antasteten, an der Habsucht der Wärterinnen – oh, dort wird die Scham eines Menschen gekreuzigt mit Blicken und gegeißelt mit Worten. Die Tafel mit Deinem Namen, das allein bist dort noch Du, denn was im Bette liegt, ist bloß ein zuckendes Stück Fleisch, betastet von Neugierigen, ein Objekt der Schau und des Studierens – ah, sie wissen es nicht, die Frauen, die ihren Mann, dem zärtlich wartenden, in seinem Hause Kinder schenken, was es heißt, allein, wehrlos, gleichsam am Versuchstisch, ein Kind zu gebären! Und lese ich noch heute in einem Buche das Wort Hölle, so denke ich plötzlich wider meinen bewußten Willen an jenen vollgepfropften, dünstenden, von Seufzer, Gelächter und blutigem Schrei erfüllten Saal, in dem ich gelitten habe, an dieses Schlachthaus der Scham.
Verzeih, verzeih mirs, daß ich davon spreche. Aber nur dieses eine Mal rede ich davon, nie mehr, nie mehr wieder. Elf Jahre habe ich geschwiegen davon, und werde bald stumm sein in alle Ewigkeit: einmal mußte ichs ausschreien, einmal ausschreien, wie teuer ich es erkaufte, dies Kind, das meine Seligkeit war und das nun dort ohne Atem liegt. Ich hatte sie schon vergessen, diese Stunden, längst vergessen im Lächeln, in der Stimme des Kindes, in meiner Seligkeit; aber jetzt, da es tot ist, wird die Qual wieder lebendig, und ich mußte sie mir von der Seele schreien, dieses eine, dieses eine Mal. Aber nicht Dich klage ich an, nur Gott, nur Gott, der sie sinnlos machte, diese Qual. Nicht Dich klage ich an, ich schwöre es Dir, und nie habe ich mich im Zorn erhoben gegen Dich. Selbst in der Stunde, da mein Leib sich krümmte in den Wehen, da mein Körper vor Scham brannte unter den tastenden Blicken der Studenten, selbst in der Sekunde, da der Schmerz mir die Seele zerriß, habe ich Dich nicht angeklagt vor Gott; nie habe ich jene Nächte bereut, nie meine Liebe zu Dir gescholten, immer habe ich Dich geliebt, immer die Stunde gesegnet, da Du mir begegnet bist. Und müßte ich noch einmal durch die Hölle jener Stunden und wüßte vordem, was mich erwartet, ich täte es noch einmal, mein Geliebter, noch einmal und tausendmal!

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Unser Kind ist gestern gestorben – Du hast es nie gekannt. Niemals, auch in der flüchtigen Begegnung des Zufalles hat dies blühende, kleine Wesen, Dein Wesen, im Vorübergehen Deinen Blick gestreift. Ich hielt mich lange verborgen vor Dir, sobald ich dies Kind hatte, meine Sehnsucht nach Dir war weniger schmerzhaft geworden, ja ich glaube, ich liebte Dich weniger leidenschaftlich, zumindest litt ich nicht so an meiner Liebe, seit es mir geschenkt war. Ich wollte mich nicht zerteilen zwischen Dir und ihm; so gab ich mich nicht an Dich, den Glücklichen, der an mir vorbeilebte, sondern an dies Kind, das mich brauchte, das ich nähren mußte, das ich küssen konnte und umfangen. Ich schien gerettet vor meiner Unruhe nach Dir, meinem Verhängnis, gerettet durch dies Dein anderes Du, das aber wahrhaft mein war – selten nur mehr, ganz selten drängte mein Gefühl sich demütig heran an Dein Haus. Nur eines tat ich: zu Deinem Geburtstag sandte ich Dir immer ein Bündel weiße Rosen, genau dieselben, wie Du sie mir damals geschenkt nach unserer ersten Liebesnacht. Hast Du je in diesen zehn, in diesen elf Jahren Dich gefragt, wer sie sandte? Hast Du Dich vielleicht an die erinnert, der Du einst solche Rosen geschenkt? Ich weiß es nicht und werde Deine Antwort nicht wissen. Nur aus dem Dunkel sie Dir hinzureichen, einmal im Jahre die Erinnerung aufblühen zu lassen an jene Stunde – das war mir genug.
Du hast es nie gekannt, unser armes Kind – heute klage ich mich an, daß ich es Dir verbarg, denn Du hättest es geliebt. Nie hast Du ihn gekannt, den armen Knaben, nie ihn lächeln gesehen, wenn er leise die Lider aufhob und dann mit seinen dunklen klugen Augen – Deinen Augen! – ein helles, frohes Licht warf über mich, über die ganze Welt. Ach, er war so heiter, so lieb: die ganze Leichtigkeit Deines Wesens war in ihm kindlich wiederholt, Deine rasche, bewegte Phantasie in ihm erneuert: stundenlang konnte er verliebt mit Dingen spielen, so wie Du mit dem Leben spielst, und dann wieder ernst mit hochgezogenen Brauen vor seinen Büchern sitzen. Er wurde immer mehr Du; schon begann sich auch in ihm jene Zwiespältigkeit von Ernst und Spiel, die Dir eigen ist, sichtbar zu entfalten, und je ähnlicher er Dir ward, desto mehr liebte ich ihn. Er hat gut gelernt, er plauderte Französisch wie eine kleine Elster, seine Hefte waren die saubersten der Klasse, und wie hübsch war er dabei, wie elegant in seinem schwarzen Samtkleid oder dem weißen Matrosenjäckchen. Immer war er der Eleganteste von allen, wohin er auch kam, in Grado am Strande, wenn ich mit ihm ging, blieben die Frauen stehen und streichelten sein langes blondes Haar, auf dem Semmering, wenn er im Schlitten fuhr, wandten sich bewundernd die Leute nach ihm um. Er war so hübsch, so zart, so zutunlich: als er im letzten Jahre ins Internat des Theresianums kam, trug er seine Uniform und den kleinen Degen wie ein Page aus dem achtzehnten Jahrhundert – nun hat er nichts als sein Hemdchen an, der Arme, der dort liegt mit blassen Lippen und eingefalteten Händen.
Aber Du fragst mich vielleicht, wie ich das Kind so im Luxus erziehen konnte, wie ich es vermochte, ihm dies helle, dies heitere Leben der oberen Welt zu vergönnen. Liebster, ich spreche aus dem Dunkel zu Dir; ich habe keine Scham, ich will es Dir sagen, aber erschrick nicht, Geliebter – ich habe mich verkauft. Ich wurde nicht gerade das, was man ein Mädchen von der Straße nennt, eine Dirne, aber ich habe mich verkauft. Ich hatte reiche Freunde, reiche Geliebte: zuerst suchte ich sie, dann suchten sie mich, denn ich war – hast Du es je bemerkt? – sehr schön. Jeder, dem ich mich gab, gewann mich lieb, alle haben mir gedankt, alle an mir gehangen, alle mich geliebt – nur Du nicht, nur Du nicht, mein Geliebter!
Verachtest Du mich nun, weil ich Dir es verriet, daß ich mich verkauft habe? Nein, ich weiß, Du verachtest mich nicht, ich weiß, Du verstehst alles und wirst auch verstehen, daß ich es nur für Dich getan, für Dein anderes Ich, für Dein Kind. Ich hatte einmal in jener Stube der Gebärklinik an das Entsetzliche der Armut gerührt, ich wußte, daß in dieser Welt der Arme immer der Getretene, der Erniedrigte, das Opfer ist, und ich wollte nicht, um keinen Preis, daß Dein Kind, Dein helles, schönes Kind da tief unten aufwachsen sollte im Abhub, im Dumpfen, im Gemeinen der Gasse, in der verpesteten Luft eines Hinterhausraumes. Sein zarter Mund sollte nicht die Sprache des Rinnsteins kennen, sein weißer Leib nicht die dumpfige, verkrümmte Wäsche der Armut – Dein Kind sollte alles haben, allen Reichtum, alle Leichtigkeit der Erde, es sollte wieder aufsteigen zu Dir, in Deine Sphäre des Lebens.
Darum, nur darum, mein Geliebter, habe ich mich verkauft. Es war kein Opfer für mich, denn was man gemeinhin Ehre und Schande nennt, das war mir wesenlos: Du liebtest mich nicht, Du, der Einzige, dem mein Leib gehörte, so fühlte ich es als gleichgültig, was sonst mit meinem Körper geschah. Die Liebkosungen der Männer, selbst ihre innerste Leidenschaft, sie rührten mich im Tiefsten nicht an, obzwar ich manche von ihnen sehr achten mußte und mein Mitleid mit ihrer unerwiderten Liebe in Erinnerung eigenen Schicksals mich oft erschütterte. Alle waren sie gut zu mir, die ich kannte, alle haben sie mich verwöhnt, alle achteten sie mich. Da war vor allem einer, ein älterer, verwitweter Reichsgraf, derselbe, der sich die Füße wundstand an den Türen, um die Aufnahme des vaterlosen Kindes, Deines Kindes, im Theresianum durchzudrücken – der liebte mich wie eine Tochter. Dreimal, viermal machte er mir den Antrag, mich zu heiraten – ich könnte heute Gräfin sein, Herrin auf einem zauberischen Schloß in Tirol, könnte sorglos sein, denn das Kind hätte einen zärtlichen Vater gehabt, der es vergötterte, und ich einen stillen, vornehmen, gütigen Mann an meiner Seite – ich habe es nicht getan, so sehr, sooft er auch drängte, so sehr ich ihm wehe tat mit meiner Weigerung. Vielleicht war es eine Torheit, denn sonst lebte ich jetzt irgendwo still und geborgen, und dies Kind, das geliebte, mit mir, aber – warum soll ich Dir es nicht gestehen – ich wollte mich nicht binden, ich wollte Dir frei sein in jeder Stunde. Innen im Tiefsten, im Unbewußten meines Wesens lebte noch immer der alte Kindertraum, Du würdest vielleicht noch einmal mich zu Dir rufen, sei es nur für eine Stunde lang. Und für diese eine mögliche Stunde habe ich alles weggestoßen, nur um Dir frei zu sein für Deinen ersten Ruf. Was war mein ganzes Leben seit dem Erwachen aus der Kindheit denn anders, als ein Warten, ein Warten auf Deinen Willen!
Und diese Stunde, sie ist wirklich gekommen. Aber Du weißt sie nicht, Du ahnst sie nicht, mein Geliebter! Auch in ihr hast Du mich nicht erkannt – nie, nie, nie hast Du mich erkannt! Ich war Dir ja schon früher oft begegnet, in den Theatern, in den Konzerten, im Prater, auf der Straße – jedesmal zuckte mir das Herz, aber Du sahst an mir vorbei: ich war ja äußerlich eine ganz andere, aus dem scheuen Kinde war eine Frau geworden, schön wie sie sagten, in kostbare Kleider gehüllt, umringt von Verehrern: wie konntest Du in mir jenes schüchterne Mädchen im dämmerigen Licht Deines Schlafraumes vermuten! Manchmal grüßte Dich einer der Herren, mit denen ich ging, Du danktest und sahst auf zu mir: aber Dein Blick war höfliche Fremdheit, anerkennend, aber nie erkennend, fremd, entsetzlich fremd. Einmal, ich erinnere mich noch, ward mir dieses Nichterkennen, an das ich fast schon gewohnt war, zur brennenden Qual: ich saß in einer Loge der Oper mit einem Freunde und Du in der Nachbarloge. Die Lichter erloschen bei der Ouvertüre, ich konnte Dein Antlitz nicht mehr sehen, nur Deinen Atem fühlte ich so nah neben mir, wie damals in jener Nacht, und auf der samtenen Brüstung der Abteilung unserer Logen lag Deine Hand aufgestützt, Deine feine, zarte Hand. Und unendlich überkam mich das Verlangen, mich niederzubeugen und diese fremde, diese so geliebte Hand demütig zu küssen, deren zärtliche Umfassung ich einst gefühlt. Um mich wogte aufwühlend die Musik, immer leidenschaftlicher wurde das Verlangen, ich mußte mich ankrampfen, mich gewaltsam aufreißen, so gewaltsam zog es meine Lippen hin zu Deiner geliebten Hand. Nach dem ersten Akt bat ich meinen Freund, mit mir fortzugehen. Ich ertrug es nicht mehr, Dich so fremd und so nah neben mir zu haben im Dunkel.
Aber die Stunde kam, sie kam noch einmal, ein letztes Mal in mein verschüttetes Leben. Fast genau vor einem Jahr ist es gewesen, am Tage nach Deinem Geburtstage. Seltsam: ich hatte alle die Stunden an Dich gedacht, denn Deinen Geburtstag, ihn feierte ich immer wie ein Fest. Ganz frühmorgens schon war ich ausgegangen und hatte die weißen Rosen gekauft, die ich Dir wie alljährlich senden ließ zur Erinnerung an eine Stunde, die Du vergessen hattest. Nachmittags fuhr ich mit dem Buben aus, führte ihn zu Demel in die Konditorei und abends ins Theater, ich wollte, auch er sollte diesen Tag, ohne seine Bedeutung zu wissen, irgendwie als einen mystischen Feiertag von Jugend her empfinden. Am nächsten Tage war ich dann mit meinem damaligen Freunde, einem jungen, reichen Brünner Fabrikanten, mit dem ich schon seit zwei Jahren zusammenlebte, der mich vergötterte, verwöhnte und mich ebenso heiraten wollte wie die andern und dem ich mich ebenso scheinbar grundlos verweigerte wie den andern, obwohl er mich und das Kind mit Geschenken überschüttete und selbst liebenswert war in seiner ein wenig dumpfen, knechtischen Güte. Wir gingen zusammen in ein Konzert, trafen dort heitere Gesellschaft, soupierten in einem Ringstraßenrestaurant, und dort, mitten im Lachen und Schwätzen, machte ich den Vorschlag, noch in ein Tanzlokal, in den Tabarin, zu gehen. Mir waren diese Art Lokale mit ihrer systematischen und alkoholischen Heiterkeit wie jede »Drahrerei« sonst immer widerlich, und ich wehrte mich sonst immer gegen derlei Vorschläge, diesmal aber – es war wie eine unergründliche magische Macht in mir, die mich plötzlich unbewußt den Vorschlag mitten in die freudig zustimmende Erregung der andern werfen ließ – hatte ich plötzlich ein unerklärliches Verlangen, als ob dort irgend etwas Besonderes mich erwarte. Gewohnt, mir gefällig zu sein, standen alle rasch auf, wir gingen hinüber, tranken Champagner, und in mich kam mit einemmal eine ganz rasende, ja fast schmerzhafte Lustigkeit, wie ich sie nie gekannt. Ich trank und trank, sang die kitschigen Lieder mit und hatte fast den Zwang, zu tanzen oder zu jubeln. Aber plötzlich – mir war, als hätte etwas Kaltes oder etwas Glühendheißes sich mir jäh aufs Herz gelegt – riß es mich auf: am Nachbartisch saßest Du mit einigen Freunden und sahst mich an mit einem bewundernden und begehrenden Blick, mit jenem Blicke, der mir immer den ganzen Leib von innen aufwühlte. Zum erstenmal seit zehn Jahren sahst Du mich wieder an mit der ganzen unbewußt-leidenschaftlichen Macht Deines Wesens. Ich zitterte. Fast wäre mir das erhobene Glas aus den Händen gefallen. Glücklicherweise merkten die Tischgenossen nicht meine Verwirrung: sie verlor sich in dem Dröhnen von Gelächter und Musik.
Immer brennender wurde Dein Blick und tauchte mich ganz in Feuer. Ich wußte nicht: hattest Du mich endlich, endlich erkannt, oder begehrtest Du mich neu, als eine andere, als eine Fremde? Das Blut flog mir in die Wangen, zerstreut antwortete ich den Tischgenossen: Du mußtest es merken, wie verwirrt ich war von Deinem Blick. Unmerklich für die übrigen machtest Du mit einer Bewegung des Kopfes ein Zeichen, ich möchte für einen Augenblick hinauskommen in den Vorraum. Dann zahltest Du ostentativ, nahmst Abschied von Deinen Kameraden und gingst hinaus, nicht ohne zuvor noch einmal angedeutet zu haben, daß Du draußen auf mich warten würdest. Ich zitterte wie im Frost, wie im Fieber, ich konnte nicht mehr Antwort geben, nicht mehr mein aufgejagtes Blut beherrschen. Zufälligerweise begann gerade in diesem Augenblick ein Negerpaar mit knatternden Absätzen und schrillen Schreien einen absonderlichen neuen Tanz: alles starrte ihnen zu, und diese Sekunde nützte ich. Ich stand auf, sagte meinem Freunde, daß ich gleich zurückkäme, und ging Dir nach.
Draußen im Vorraum vor der Garderobe standest Du, mich erwartend: Dein Blick ward hell, als ich kam. Lächelnd eiltest Du mir entgegen; ich sah sofort, Du erkanntest mich nicht, erkanntest nicht das Kind von einst und nicht das Mädchen, noch einmal griffest Du nach mir als einem Neuen, einem Unbekannten. »Haben Sie auch für mich einmal eine Stunde«, fragtest Du vertraulich – ich fühlte an der Sicherheit Deiner Art, Du nahmst mich für eine dieser Frauen, für die Käufliche eines Abends. »Ja«, sagte ich, dasselbe zitternde und doch selbstverständliche einwilligende Ja, das Dir das Mädchen vor mehr als einem Jahrzehnt auf der dämmernden Straße gesagt. »Und wann könnten wir uns sehen?« fragtest Du. »Wann immer Sie wollen«, antwortete ich – vor Dir hatte ich keine Scham. Du sahst mich ein wenig verwundert an, mit derselben mißtrauisch-neugierigen Verwunderung wie damals, als Dich gleichfalls die Raschheit meines Einverständnisses erstaunt hatte. »Könnten Sie jetzt?« fragtest Du, ein wenig zögernd. »Ja,« sagte ich, »gehen wir.«
Ich wollte zur Garderobe, meinen Mantel holen.
Da fiel mir ein, daß mein Freund den Garderobenzettel hatte für unsere gemeinsam abgegebenen Mäntel. Zurückzugehen und ihn verlangen, wäre ohne umständliche Begründung nicht möglich gewesen, anderseits die Stunde mit Dir preisgeben, die seit Jahren ersehnte, dies wollte ich nicht. So habe ich keine Sekunde gezögert: ich nahm nur den Schal über das Abendkleid und ging hinaus in die nebelfeuchte Nacht, ohne mich um den Mantel zu kümmern, ohne mich um den guten, zärtlichen Menschen zu kümmern, von dem ich seit Jahren lebte und den ich vor seinen Freunden zum lächerlichsten Narren erniedrigte, zu einem, dem seine Geliebte nach Jahren wegläuft auf den ersten Pfiff eines fremden Mannes. Oh, ich war mir ganz der Niedrigkeit, der Undankbarkeit, der Schändlichkeit, die ich gegen einen ehrlichen Freund beging, im Tiefsten bewußt, ich fühlte, daß ich lächerlich handelte und mit meinem Wahn einen gütigen Menschen für immer tödlich kränkte, fühlte, daß ich mein Leben mitten entzweiriß – aber was war mir Freundschaft, was meine Existenz gegen die Ungeduld, wieder einmal Deine Lippen zu fühlen, Dein Wort weich gegen mich gesprochen zu hören. So habe ich Dich geliebt, nun kann ich es Dir sagen, da alles vorbei ist und vergangen. Und ich glaube, riefest Du mich von meinem Sterbebette, so käme mir plötzlich die Kraft, aufzustehen und mit Dir zu gehen.
Ein Wagen stand vor dem Eingang, wir fuhren zu Dir. Ich hörte wieder Deine Stimme, ich fühlte Deine zärtliche Nähe und war genau so betäubt, so kindischselig verwirrt wie damals. Wie stieg ich, nach mehr als zehn Jahren, zum erstenmal wieder die Treppe empor – nein, nein, ich kann Dirs nicht schildern, wie ich alles immer doppelt fühlte in jenen Sekunden, vergangene Zeit und Gegenwart, und in allem und allem immer nur Dich. In Deinem Zimmer war weniges anders, ein paar Bilder mehr, und mehr Bücher, da und dort fremde Möbel, aber alles doch grüßte mich vertraut. Und am Schreibtisch stand die Vase mit den Rosen darin – mit meinen Rosen, die ich Dir tags vorher zu Deinem Geburtstag geschickt als Erinnerung an eine, an die Du Dich doch nicht erinnertest, die Du doch nicht erkanntest, selbst jetzt, da sie Dir nahe war, Hand in Hand und Lippe an Lippe. Aber doch: es tat mir wohl, daß Du die Blumen hegtest: so war doch ein Hauch meines Wesens, ein Atem meiner Liebe um Dich.
Du nahmst mich in Deine Arme. Wieder blieb ich bei Dir eine ganze herrliche Nacht. Aber auch im nackten Leibe erkanntest Du mich nicht. Selig erlitt ich Deine wissenden Zärtlichkeiten und sah, daß Deine Leidenschaft keinen Unterschied macht zwischen einer Geliebten und einer Käuflichen, daß Du Dich ganz gibst an Dein Begehren mit der unbedachten verschwenderischen Fülle Deines Wesens. Du warst so zärtlich und lind zu mir, der vom Nachtlokal Geholten, so vornehm und so herzlich-achtungsvoll und doch gleichzeitig so leidenschaftlich im Genießen der Frau; wieder fühlte ich, taumelig vom alten Glück, diese einzige Zweiheit Deines Wesens, die wissende, die geistige Leidenschaft in der sinnlichen, die schon das Kind Dir hörig gemacht. Nie habe ich bei einem Manne in der Zärtlichkeit solche Hingabe an den Augenblick gekannt, ein solches Ausbrechen und Entgegenleuchten des tiefsten Wesens – freilich um dann hinzulöschen in eine unendliche, fast unmenschliche Vergeßlichkeit. Aber auch ich vergaß mich selbst: wer war ich nun im Dunkel neben Dir? War ichs, das brennende Kind von einst, war ichs, die Mutter Deines Kindes, war ichs, die Fremde? Ach, es war so vertraut, so erlebt alles, und alles wieder so rauschend neu in dieser leidenschaftlichen Nacht. Und ich betete, sie möchte kein Ende nehmen.
Aber der Morgen kam, wir standen spät auf, Du ludest mich ein, noch mit Dir zu frühstücken. Wir tranken zusammen den Tee, den eine unsichtbar dienende Hand diskret in dem Speisezimmer bereitgestellt hatte, und plauderten. Wieder sprachst Du mit der ganzen offenen, herzlichen Vertraulichkeit Deines Wesens zu mir und wieder ohne alle indiskreten Fragen, ohne alle Neugier nach dem Wesen, das ich war. Du fragtest nicht nach meinem Namen, nicht nach meiner Wohnung: ich war Dir wiederum nur das Abenteuer, das Namenlose, die heiße Stunde, die im Rauch des Vergessens spurlos sich löst. Du erzähltest, daß Du jetzt weit weg reisen wolltest, nach Nordafrika für zwei oder drei Monate; ich zitterte mitten in meinem Glück, denn schon hämmerte es mir in den Ohren: vorbei, vorbei und vergessen! Am liebsten wäre ich hin zu Deinen Knieen gestürzt und hätte geschrieen: »Nimm mich mit, damit Du mich endlich erkennst, endlich, endlich nach so vielen Jahren!« Aber ich war ja so scheu, so feige, so sklavisch, so schwach vor Dir. Ich konnte nur sagen: »Wie schade.« Du sahst mich lächelnd an: »Ist es Dir wirklich leid?«
Da faßte es mich wie eine plötzliche Wildheit. Ich stand auf, sah Dich an, lange und fest. Dann sagte ich: »Der Mann, den ich liebte, ist auch immer weggereist.« Ich sah Dich an, mitten in den Stern Deines Auges. »Jetzt, jetzt wird er mich erkennen!« zitterte, drängte alles in mir. Aber Du lächeltest mir entgegen und sagtest tröstend: »Man kommt ja wieder zurück.« »Ja,« antwortete ich, »man kommt zurück, aber dann hat man vergessen.«
Es muß etwas Absonderliches, etwas Leidenschaftliches in der Art gewesen sein, wie ich Dir das sagte. Denn auch Du standest auf und sahst mich an, verwundert und sehr liebevoll. Du nahmst mich bei den Schultern: »Was gut ist, vergißt sich nicht, Dich werde ich nicht vergessen«, sagtest Du, und dabei senkte sich Dein Blick ganz in mich hinein, als wollte er dies Bild sich festprägen. Und wie ich diesen Blick in mich eindringen fühlte, suchend, spürend, mein ganzes Wesen an sich saugend, da glaubte ich endlich, endlich den Bann der Blindheit gebrochen. Er wird mich erkennen, er wird mich erkennen! Meine ganze Seele zitterte in dem Gedanken.
Aber Du erkanntest mich nicht. Nein, Du erkanntest mich nicht, nie war ich Dir fremder jemals als in dieser Sekunde, denn sonst – sonst hättest Du nie tun können, was Du wenige Minuten später tatest. Du hattest mich geküßt, noch einmal leidenschaftlich geküßt. Ich mußte mein Haar, das sich verwirrt hatte, wieder zurechtrichten, und während ich vor dem Spiegel stand, da sah ich durch den Spiegel – und ich glaubte hinsinken zu müssen vor Scham und Entsetzen – da sah ich, wie Du in diskreter Art ein paar größere Banknoten in meinen Muff schobst. Wie habe ichs vermocht, nicht aufzuschreien, Dir nicht ins Gesicht zu schlagen in dieser Sekunde – mich, die ich Dich liebte von Kindheit an, die Mutter Deines Kindes, mich zahltest Du für diese Nacht! Eine Dirne aus dem Tabarin war ich Dir, nicht mehr – bezahlt, bezahlt hattest Du mich! Es war nicht genug, von Dir vergessen, ich mußte noch erniedrigt sein.
Ich tastete rasch nach meinen Sachen. Ich wollte fort, rasch fort. Es tat mir zu weh. Ich griff nach meinem Hut, er lag auf dem Schreibtisch, neben der Vase mit den weißen Rosen, meinen Rosen. Da erfaßte es mich mächtig, unwiderstehlich: noch einmal wollte ich es versuchen, Dich zu erinnern. »Möchtest Du mir nicht von Deinen weißen Rosen eine geben?« »Gern«, sagtest Du und nahmst sie sofort. »Aber sie sind Dir vielleicht von einer Frau gegeben, von einer Frau, die Dich liebt?« sagte ich. »Vielleicht,« sagtest Du, ich weiß es nicht. Sie sind mir gegeben und ich weiß nicht von wem; darum liebe ich sie so.« Ich sah Dich an. »Vielleicht sind sie auch von einer, die Du vergessen hast!«
Du blicktest erstaunt. Ich sah Dich fest an. »Erkenne mich, erkenne mich endlich!« schrie mein Blick. Aber Dein Auge lächelte freundlich und unwissend. Du küßtest mich noch einmal. Aber Du erkanntest mich nicht.
Ich ging rasch zur Tür, denn ich spürte, daß mir Tränen in die Augen schossen, und das solltest Du nicht sehen. Im Vorzimmer – so hastig war ich hinausgeeilt – stieß ich mit Johann, Deinem Diener, fast zusammen. Scheu und eilfertig sprang er zur Seite, riß die Haustür auf, um mich hinauszulassen, und da – in dieser einen, hörst Du? in dieser einen Sekunde, da ich ihn ansah, mit tränenden Augen ansah, den gealterten Mann, da zuckte ihm plötzlich ein Licht in den Blick. In dieser einen Sekunde, hörst Du? in dieser einen Sekunde, hat der alte Mann mich erkannt, der mich seit meiner Kindheit nicht gesehen. Ich hätte hinknieen können vor ihm für dieses Erkennen und ihm die Hände küssen. So riß ich nur die Banknoten, mit denen Du mich gegeißelt, rasch aus dem Muff und steckte sie ihm zu. Er zitterte, sah erschreckt zu mir auf – in dieser Sekunde hat er vielleicht mehr geahnt von mir als Du in Deinem ganzen Leben. Alle, alle Menschen haben mich verwöhnt, alle waren zu mir gütig – nur Du, nur Du, Du hast mich vergessen, nur Du, nur Du hast mich nie erkannt!

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Mein Kind ist gestorben, unser Kind – jetzt habe ich niemanden mehr in der Welt, ihn zu lieben, als Dich. Aber wer bist Du mir, Du, der Du mich niemals, niemals erkennst, der an mir vorübergeht wie an einem Wasser, der auf mich tritt wie auf einen Stein, der immer geht und weiter geht und mich läßt in ewigem Warten? Einmal vermeinte ich Dich zu halten, Dich, den Flüchtigen, in dem Kinde. Aber es war Dein Kind: über Nacht ist es grausam von mir gegangen, eine Reise zu tun, es hat mich vergessen und kehrt nie zurück. Ich bin wieder allein, mehr allein als jemals, nichts habe ich, nichts von Dir – kein Kind mehr, kein Wort, keine Zeile, kein Erinnern, und wenn jemand meinen Namen nennen würde vor Dir, Du hörtest an ihm fremd vorbei. Warum soll ich nicht gerne sterben, da ich Dir tot bin, warum nicht weitergehen, da Du von mir gegangen bist? Nein, Geliebter, ich klage nicht wider Dich, ich will Dir nicht meinen Jammer hinwerfen in Dein heiteres Haus. Fürchte nicht, daß ich Dich weiter bedränge – verzeih mir, ich mußte mir einmal die Seele ausschreien in dieser Stunde, da das Kind dort tot und verlassen liegt. Nur dies eine Mal mußte ich sprechen zu Dir – dann gehe ich wieder stumm in mein Dunkel zurück, wie ich immer stumm neben Dir gewesen. Aber Du wirst diesen Schrei nicht hören, solange ich lebe – nur wenn ich tot bin, empfängst Du dies Vermächtnis von mir, von einer, die Dich mehr geliebt als alle, und die Du nie erkannt, von einer, die immer auf Dich gewartet und die Du nie gerufen. Vielleicht, vielleicht wirst Du mich dann rufen, und ich werde Dir ungetreu sein zum erstenmal, ich werde Dich nicht mehr hören aus meinem Tod: kein Bild lasse ich Dir und kein Zeichen, wie Du mir nichts gelassen; nie wirst Du mich erkennen, niemals. Es war mein Schicksal im Leben, es sei es auch in meinem Tod. Ich will Dich nicht rufen in meine letzte Stunde, ich gehe fort, ohne daß Du meinen Namen weißt und mein Antlitz. Ich sterbe leicht, denn Du fühlst es nicht von ferne. Täte es Dir weh, daß ich sterbe, so könnte ich nicht sterben.
Ich kann nicht mehr weiter schreiben … mir ist so dumpf im Kopfe … die Glieder tun mir weh, ich habe Fieber … ich glaube, ich werde mich gleich hinlegen müssen. Vielleicht ist es bald vorbei, vielleicht ist mir einmal das Schicksal gütig, und ich muß es nicht mehr sehen, wie sie das Kind wegtragen … Ich kann nicht mehr schreiben. Leb wohl, Geliebter, leb wohl, ich danke Dir … Es war gut, wie es war, trotz alledem … ich will Dirs danken bis zum letzten Atemzug. Mir ist wohl: ich habe Dir alles gesagt, Du weißt nun, nein, Du ahnst nur, wie sehr ich Dich geliebt, und hast doch von dieser Liebe keine Last. Ich werde Dir nicht fehlen – das tröstet mich. Nichts wird anders sein in Deinem schönen, hellen Leben … ich tue Dir nichts mit meinem Tod … das tröstet mich, Du Geliebter.
Aber wer … wer wird Dir jetzt immer die weißen Rosen senden zu Deinem Geburtstag? Ach, die Vase wird leer sein, der kleine Atem, der kleine Hauch von meinem Leben, der einmal im Jahre um Dich wehte, auch er wird verwehen! Geliebter, höre, ich bitte Dich … es ist meine erste und letzte Bitte an Dich … tu mirs zuliebe, nimm an jedem Geburtstag – es ist ja ein Tag, wo man an sich denkt – nimm da Rosen und tu sie in die Vase. Tu’s, Geliebter, tu es so, wie andere einmal im Jahre eine Messe lesen lassen für eine liebe Verstorbene. Ich aber glaube nicht an Gott mehr und will keine Messe, ich glaube nur an Dich, ich liebe nur Dich und will nur in Dir noch weiterleben … ach, nur einen Tag im Jahr, ganz, ganz still nur, wie ich neben Dir gelebt … Ich bitte Dich, tu es, Geliebter … es ist meine erste Bitte an Dich und die letzte … ich danke Dir … ich liebe Dich, ich liebe Dich … lebe wohl …

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Er legte den Brief aus den zitternden Händen. Dann sann er lange nach. Verworren tauchte irgendein Erinnern auf an ein nachbarliches Kind, an ein Mädchen, an eine Frau im Nachtlokal, aber ein Erinnern, undeutlich und verworren, so wie ein Stein flimmert und formlos zittert am Grunde fließenden Wassers. Schatten strömten zu und fort, aber es wurde kein Bild. Er fühlte Erinnerungen des Gefühls und erinnerte sich doch nicht. Ihm war, als ob er von all diesen Gestalten geträumt hätte, oft und tief geträumt, aber doch nur geträumt. Da fiel sein Blick auf die blaue Vase vor ihm auf dem Schreibtisch. Sie war leer, zum erstenmal leer seit Jahren an seinem Geburtstag. Er schrak zusammen: ihm war, als sei plötzlich eine Tür unsichtbar aufgesprungen, und kalte Zugluft ströme aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum. Er spürte einen Tod und spürte unsterbliche Liebe: innen brach etwas aus in seiner Seele, und er dachte an die Unsichtbare körperlos und leidenschaftlich wie an eine ferne Musik.

Stefan Zweig • 24 Stunden aus dem Leben einer Frau

Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau

In der kleinen Pension an der Riviera, wo ich damals, zehn Jahre vor dem Kriege, wohnte, war eine heftige Diskussion an unserem Tische ausgebrochen, die unvermutet zu rabiater Auseinandersetzung, ja sogar zu Gehässigkeit und Beleidigung auszuarten drohte. Die meisten Menschen sind von stumpfer Phantasie. Was sie nicht unmittelbar anrührt, nicht aufdringlich spitzen Keil bis hart an ihre Sinne treibt, vermag sie kaum zu entfachen; geschieht aber einmal knapp vor ihren Augen, in unmittelbarer Tastnähe des Gefühls auch nur ein Geringes, sogleich regt es in ihnen übermäßige Leidenschaft. Sie ersetzen dann gewissermaßen die Seltenheit ihrer Anteilnahme durch eine unangebrachte und übertriebene Vehemenz.

Stefan Zweig - Illustration: Stefan Otte
Stefan Zweig – Illustration: Stefan Otte

So auch diesmal in unserer durchaus bürgerlichen Tischgesellschaft, die sonst friedlich small talk und untiefe, kleine Späßchen untereinander übte und meist gleich nach aufgehobener Mahlzeit auseinanderbröckelte: das deutsche Ehepaar zu Ausflügen und Amateurphotographieren, der behäbige Däne zu langweiligem Fischfang, die vornehme englische Dame zu ihren Büchern, das italienische Ehepaar zu Eskapaden nach Monte Carlo und ich zu Faulenzerei im Gartenstuhl oder Arbeit. Diesmal aber blieben wir alle durch die erbitterte Diskussion vollkommen ineinander verhakt; und wenn einer von uns plötzlich aufsprang, so geschah es nicht, wie sonst, zu höflichem Abschied, sondern in hitzköpfiger Erbitterung, die, wie ich bereits vorwegerzählte, geradezu rabiate Formen annahm.

Das Begebnis nun, das dermaßen unsere kleine Tafelrunde aufgezäumt hatte, war allerdings sonderbar genug. Die Pension, in der wir sieben wohnten, bot sich nach außen hin zwar als abgesonderte Villa dar – ach, wie wunderbar ging der Blick von den Fenstern auf den felsenzerzackten Strand! –, aber eigentlich war sie nichts als die wohlfeilere Dependance des großen Palace Hotels und ihm durch den Garten unmittelbar verbunden, so daß wir Nebenbewohner doch mit seinen Gästen in ständigem Zusammenhang lebten. Dieses Hotel nun hatte am vorhergegangenen Tage einen tadellosen Skandal zu verzeichnen gehabt. Es war nämlich mit dem Mittagszuge um 12 Uhr 20 Minuten (ich kann nicht umhin, die Zeit so genau wiederzugeben, weil sie ebenso für diese Episode wie als Thema jener erregten Unterhaltung wichtig ist) ein junger Franzose angekommen und hatte ein Strandzimmer mit Ausblick nach dem Meer gemietet: das deutete an sich schon auf eine gewisse Behäbigkeit der Verhältnisse. Aber nicht nur seine diskrete Eleganz machte ihn angenehm auffällig, sondern vor allem seine außerordentliche und durchaus sympathische Schönheit: inmitten eines schmalen Mädchengesichtes umschmeichelte ein seidigblonder Schnurrbart sinnlich warme Lippen, über die weiße Stirn lockte sich weiches, braungewelltes Haar, weiche Augen liebkosten mit jedem Blick – alles war weich, schmeichlerisch, liebenswürdig in seinem Wesen, aber doch ohne alle Künstlichkeit und Geziertheit. Erinnert er auch von fern zuvörderst ein wenig an jene rosafarbenen, eitel hingelehnten Wachsfiguren, wie sie in den Auslagen großer Modegeschäfte mit dem Zierstock in der Hand das Ideal männlicher Schönheit darstellen, so schwand doch bei näherem Zusehen jeder geckige Eindruck, denn hier war (seltenster Fall!) die Liebenswürdigkeit eine natürlich angeborene, gleichsam aus der Haut gewachsene. Er grüßte vorübergehend jeden einzelnen in einer gleichzeitig bescheidenen und herzlichen Weise, und es war wirklich angenehm, zu beobachten, wie seine immer sprungbereite Grazie sich bei jedem Anlaß ungezwungen offenbarte. Er eilte auf, wenn eine Dame zur Garderobe ging, ihren Mantel zu holen, hatte für jedes Kind einen freundlichen Blick oder ein Scherzwort, erwies sich umgänglich und diskret zugleich – kurz, er schien einer jener gesegneten Menschen, die aus dem erprobten Gefühl heraus, andern Menschen durch ihr helles Gesicht und ihren jugendlichen Charme angenehm zu sein, diese Sicherheit neuerlich in Anmut verwandeln. Unter den meist älteren und kränklichen Gästen des Hotels wirkte seine Gegenwart wie eine Wohltat, und mit jenem sieghaften Schritt der Jugend, jenem Sturm von Leichtigkeit und Lebensfrische, wie sie Anmut so herrlich manchem Menschen zuteilt, war er unwiderstehlich in die Sympathie aller vorgedrungen. Zwei Stunden nach seiner Ankunft spielte er bereits Tennis mit den beiden Töchtern des breiten, behäbigen Fabrikanten aus Lyon, der zwölfjährigen Annette und der dreizehnjährigen Blanche, und ihre Mutter, die feine, zarte und ganz in sich zurückhaltende Madame Henriette, sah leise lächelnd zu, wie unbewußt kokett die beiden unflüggen Töchterchen mit dem jungen Fremden flirteten. Am Abend kiebitzte er uns eine Stunde am Schachtisch, erzählte zwischendurch in unaufdringlicher Weise ein paar nette Anekdoten, ging neuerdings mit Madame Henriette, während ihr Gatte wie immer mit einem Geschäftsfreunde Domino spielte, auf der Terrasse lange auf und ab; spät abends beobachtete ich ihn dann noch mit der Sekretärin des Hotels im Schatten des Bureaus in verdächtig vertrautem Gespräch. Am nächsten Morgen begleitete er meinen dänischen Partner zum Fischfang, zeigte dabei erstaunliche Kenntnis, unterhielt sich nachher lange mit dem Fabrikanten aus Lyon über Politik, wobei er gleichfalls als guter Unterhalter sich erwies, denn man hörte das breite Lachen des dicken Herrn über die Brandung herübertönen. Nach Tisch – es ist durchaus für das Verständnis der Situation nötig, daß ich alle diese Phasen seiner Zeiteinteilung so genau berichte – saß er nochmals mit Madame Henriette beim schwarzen Kaffee eine Stunde allein im Garten, spielte wiederum Tennis mit ihren Töchtern, konversierte mit dem deutschen Ehepaar in der Halle. Um sechs Uhr traf ich ihn dann, als ich einen Brief aufzugeben ging, an der Bahn. Er kam mir eilig entgegen und erzählte, als müsse er sich entschuldigen, man habe ihn plötzlich abberufen, aber er kehre in zwei Tagen zurück. Abends fehlte er tatsächlich im Speisesaale, aber nur mit seiner Person, denn an allen Tischen sprach man einzig von ihm und rühmte seine angenehme, heitere Lebensart.

Nachts, es mochte gegen elf Uhr sein, saß ich in meinem Zimmer, um ein Buch zu Ende zu lesen, als ich plötzlich durch das offene Fenster im Garten unruhiges Schreien und Rufen hörte und sich drüben im Hotel eine sichtliche Bewegung kundgab. Eher beunruhigt als neugierig, eilte ich sofort die fünfzig Schritte hinüber und fand Gäste und Personal in durcheinanderstürmender Erregung. Frau Henriette war, während ihr Mann in gewohnter Pünktlichkeit mit seinem Freunde aus Namur Domino spielte, von ihrem allabendlichen Spaziergang an der Strandterrasse nicht zurückgekehrt, so daß man einen Unglücksfall befürchtete. Wie ein Stier rannte der sonst so behäbige schwerfällige Mann immer wieder gegen den Strand, und wenn er mit seiner vor Erregung verzerrten Stimme »Henriette! Henriette!« in die Nacht hinausschrie, so hatte dieser Laut etwas von dem Schreckhaften und Urweltlichen eines zu Tode getroffenen riesigen Tieres. Kellner und Boys hetzten aufgeregt treppauf, treppab, man weckte alle Gäste und telephonierte an die Gendarmerie. Mitten hindurch aber stolperte und stapfte immer dieser dicke Mann mit offener Weste, ganz sinnlos den Namen »Henriette! Henriette!« in die Nacht hinaus schluchzend und schreiend. Inzwischen waren oben die Kinder wach geworden und riefen in ihren Nachtkleidern vom Fenster herunter nach der Mutter, der Vater eilte nun wieder zu ihnen hinauf, sie zu beruhigen.

Und dann geschah etwas so Furchtbares, daß es kaum wiederzuerzählen ist, weil die gewaltsam aufgespannte Natur in den Augenblicken des Übermaßes der Haltung des Menschen oft einen dermaßen tragischen Ausdruck gibt, daß ihn weder ein Bild noch ein Wort mit der gleichen blitzhaft einschlagenden Macht wiederzugeben vermag. Plötzlich kam der schwere, breite Mann die ächzenden Stufen herab mit einem veränderten, ganz müden und doch grimmigen Gesicht. Er hatte einen Brief in der Hand. »Rufen Sie alle zurück!« sagte er mit gerade noch verständlicher Stimme zu dem Chef des Personals: »Rufen Sie alle Leute zurück, es ist nicht nötig. Meine Frau hat mich verlassen.«

Es war Haltung in dem Wesen dieses tödlich getroffenen Mannes, eine übermenschlich gespannte Haltung vor all diesen Leuten ringsum, die neugierig gedrängt auf ihn sahen und jetzt plötzlich, jeder erschreckt, beschämt, verwirrt, sich von ihm abwandten. Gerade genug Kraft blieb ihm noch, an uns vorbeizuwanken, ohne einen einzigen anzusehen, und im Lesezimmer das Licht abzudrehen; dann hörte man, wie sein schwerer, massiger Körper dumpf in einen Fauteuil fiel, und hörte ein wildes, tierisches Schluchzen, wie nur ein Mann weinen kann, der noch nie geweint hat. Und dieser elementare Schmerz hatte über jeden von uns, auch den Geringsten, eine Art betäubender Gewalt. Keiner der Kellner, keiner der aus Neugierde herbeigeschlichenen Gäste wagte ein Lächeln oder anderseits ein Wort des Bedauerns. Wortlos, einer nach dem andern, wie beschämt von dieser zerschmetternden Explosion des Gefühls, schlichen wir in unsere Zimmer zurück, und nur drinnen in dem dunklen Räume zuckte und schluchzte dieses hingeschlagene Stück Mensch mit sich urallein in dem langsam auslöschenden, flüsternden, zischelnden, leise raunenden und wispernden Hause.

Man wird verstehen, daß ein solches blitzschlaghaftes, knapp vor unseren Augen und Sinnen niedergefahrenes Ereignis wohl geeignet war, die sonst nur an Langeweile und sorglosen Zeitvertreib gewöhnten Menschen mächtig zu erregen. Aber jene Diskussion, die dann so vehement an unserem Tische ausbrach und knapp bis an die Grenze der Tätlichkeiten emporstürmte, hatte zwar diesen erstaunlichen Zwischenfall zum Ausgangspunkt, war aber im Wesen eher eine grundsätzliche Erörterung, ein zorniges Gegeneinander feindlicher Lebensauffassungen. Durch die Indiskretion eines Dienstmädchens, die jenen Brief gelesen – der ganz in sich zusammengestürzte Gatte hatte ihn irgendwohin auf den Boden in ohnmächtigem Zorn hingeknüllt –, war nämlich rasch bekannt geworden, daß sich Frau Henriette nicht allein, sondern einverständlich mit dem jungen Franzosen entfernt hatte (für den die Sympathie der meisten nun rapid zu schwinden begann). Nun, das wäre auf den ersten Blick hin vollkommen verständlich gewesen, daß diese kleine Madame Bovary ihren behäbigen, provinzlerischen Gatten für einen eleganten, jungen Hübschling eintauschte. Aber was alle am Hause dermaßen erregte, war der Umstand, daß weder der Fabrikant noch seine Töchter, noch auch Frau Henriette jemals diesen Lovelace vordem gesehen, daß also jenes zweistündige abendliche Gespräch auf der Terrasse und jener einstündige schwarze Kaffee im Garten genügt haben sollten, um eine etwa dreiunddreißigjährige, untadelige Frau zu bewegen, ihren Mann und ihre zwei Kinder über Nacht zu verlassen und einem wildfremden jungen Elegant auf das Geratewohl zu folgen. Diesen scheinbar offenkundigen Tatbestand lehnte nun unsere Tischrunde einhellig als perfide Täuschung und listiges Mannöver des Liebespaares ab: selbstverständlich sei Frau Henriette längst mit dem jungen Mann in heimlichen Beziehungen gestanden und der Rattenfänger nur noch hierhergekommen, um die letzten Einzelheiten der Flucht zu bestimmen, denn – so folgerten sie – es sei vollkommen unmöglich, daß eine anständige Frau, nach bloß zweistündiger Bekanntschaft, einfach auf den ersten Pfiff davonlaufe. Nun machte es mir Spaß, anderer Ansicht zu sein, und ich verteidigte energisch derartige Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit bei einer Frau, die durch eine jahrelang enttäuschende, langweilige Ehe jedem energischen Zugriff innerlich zubereitet war. Durch meine unerwartete Opposition wurde die Diskussion rasch allgemein und vor allem dadurch erregt, daß die beiden Ehepaare, das deutsche sowohl als das italienische, die Existenz des coup de foudre als eine Narrheit und abgeschmackte Romanphantasie mit geradezu beleidigender Verächtlichkeit ablehnten.

Nun, es ist ja hier ohne Belang, den stürmischen Ablauf eines Streits zwischen Suppe und Pudding in allen Einzelheiten nachzukäuen: nur Professionals der Table d’hôte sind geistreich, und Argumente, zu denen man in der Hitzigkeit eines zufälligen Tischstreites greift, meist banal, weil bloß eilig mit der linken Hand aufgerafft. Schwer auch zu erklären, wieso unsere Diskussion dermaßen rasch beleidigende Formen annahm; die Gereiztheit, glaube ich, begann damit, daß unwillkürlich beide Ehemänner ihre eigenen Frauen von der Möglichkeit solcher Untiefen und Fährlichkeiten ausgenommen wissen wollten. Leider fanden sie dafür keine glücklichere Form, als mir entgegenzuhalten, so könne nur jemand reden, der die weibliche Psyche nach den zufälligen und allzubilligen Eroberungen von Junggesellen beurteile: das reizte mich schon einigermaßen, und als dann noch die deutsche Dame diese Lektion mit dem lehrhaften Senf bestrich, es gäbe einerseits wirkliche Frauen und andererseits »Dirnennaturen«, deren ihrer Ansicht nach Frau Henriette eine gewesen sein mußte, da riß mir die Geduld vollends, ich wurde meinerseits aggressiv. All dies Abwehren der offenbaren Tatsache, daß eine Frau in manchen Stunden ihres Lebens jenseits ihres Willens und Wissens geheimnisvollen Mächten ausgeliefert sei, verberge nur Furcht vor dem eigenen Instinkt, vor dem Dämonischen unserer Natur, und es scheine eben manchen Menschen Vergnügen zu machen, sich stärker, sittlicher und reinlicher zu empfinden als die »leicht Verführbaren«. Ich persönlich wieder fände es ehrlicher, wenn eine Frau ihrem Instinkt frei und leidenschaftlich folge, statt, wie allgemein üblich, ihren Mann in seinen eigenen Armen mit geschlossenen Augen zu betrügen. So sagte ich ungefähr, und je mehr in dem nun aufknisternden Gespräch die andern die arme Frau Henriette angriffen, um so leidenschaftlicher verteidigte ich sie (in Wahrheit weit über mein inneres Gefühl hinaus). Diese Begeisterung war nun – wie man in der Studentensprache sagt – Tusch für die beiden Ehepaare, und sie fuhren, ein wenig harmonisches Quartett, derart solidarisch erbittert auf mich los, daß der alte Däne, der mit jovialem Gesicht und gleichsam, die Stoppuhr in der Hand wie bei einem Fußballmatch, als Schiedsrichter dasaß, ab und zu mit dem Knöchel mahnend auf den Tisch klopfen mußte: »Gentlemen, please.« Aber das half immer nur für einen Augenblick. Dreimal bereits war der eine Herr vom Tisch mit rotem Kopf aufgesprungen und nur mühsam von seiner Frau beschwichtigt worden – kurz, ein Dutzend Minuten noch, und unsere Diskussion hätte in Tätlichkeiten geendet, wenn nicht plötzlich Mrs. C. wie ein mildes Öl die aufschäumenden Wogen des Gesprächs geglättet hätte.

Mrs. C., die weißhaarige, vornehme, alte englische Dame, war die ungewählte Ehrenpräsidentin unseres Tisches. Aufrecht sitzend an ihrem Platze, in immer gleichmäßiger Freundlichkeit jedem zugewandt, schweigsam und dabei von angenehmster Interessiertheit des Zuhörens, bot sie rein physisch schon einen wohltätigen Anblick: eine wunderbare Zusammengefaßtheit und Ruhe strahlte von ihrem aristokratisch verhaltenen Wesen. Sie hielt sich jedem einzelnen fern bis zu einem gewissen Grade, obwohl sie jedem mit feinem Takt eine besondere Freundlichkeit zu erweisen wußte: meist saß sie mit Büchern im Garten, manchmal spielte sie Klavier, selten nur sah man sie in Gesellschaft oder in intensivem Gespräch. Man bemerkte sie kaum, und doch hatte sie eine sonderbare Macht über uns alle. Denn kaum daß sie jetzt zum erstenmal in unser Gespräch eingriff, überkam uns einhellig das peinliche Gefühl, allzu laut und unbeherrscht gewesen zu sein.

Mrs. C. hatte die ärgerliche Pause benützt, die durch das brüske Aufspringen und wieder sachte an den Tisch Zurückgeführtsein des deutschen Herrn entstanden war. Unvermutet hob sie ihr klares, graues Auge, sah mich einen Augenblick unentschlossen an, um dann mit beinahe sachlicher Deutlichkeit das Thema in ihrem Sinne aufzunehmen.

»Sie glauben also, wenn ich Sie recht verstanden habe, daß Frau Henriette, daß eine Frau unschuldig in ein plötzliches Abenteuer geworfen werden kann, daß es Handlungen gibt, die eine solche Frau eine Stunde vorher selbst für unmöglich gehalten hätte und für die sie kaum verantwortlich gemacht werden kann?«

»Ich glaube unbedingt daran, gnädige Frau.«

»Damit wäre doch jedes moralische Urteil vollkommen sinnlos und jede Überschreitung im Sittlichen gerechtfertigt. Wenn Sie wirklich annehmen, daß das crime passionnel, wie es die Franzosen nennen, kein crime ist, wozu noch eine staatliche Justiz überhaupt? Es gehört ja nicht viel guter Wille dazu – und Sie haben erstaunlich viel guten Willen«, fügte sie leicht lächelnd hinzu –, »um dann in jedem Verbrechen eine Leidenschaft zu finden und dank dieser Leidenschaft zu entschuldigen.«

Der klare und zugleich fast heitere Ton ihrer Worte berührte mich ungemein wohltätig, und unwillkürlich ihre sachliche Art nachahmend, antwortete ich gleichfalls halb im Scherz und halb im Ernst: »Die staatliche Justiz entscheidet über diese Dinge sicherlich strenger als ich; ihr obliegt die Pflicht, mitleidlos die allgemeine Sitte und Konvention zu schützen: das nötigt sie, zu verurteilen, statt zu entschuldigen. Ich als Privatperson aber sehe nicht ein, warum ich freiwillig die Rolle des Staatsanwaltes übernehmen sollte: Ich ziehe es vor, Verteidiger von Beruf zu sein. Mir persönlich macht es mehr Freude, Menschen zu verstehen, als sie zu richten.«

Mrs. C. sah mich eine Zeitlang senkrecht mit ihren klaren, grauen Augen an und zögerte. Schon fürchtete ich, sie hätte mich nicht recht verstanden, und bereitete mich vor, ihr nun auf englisch das Gesagte zu wiederholen. Aber mit einem merkwürdigen Ernst, gleichsam wie bei einer Prüfung, stellte sie weiter ihre Fragen.

»Finden Sie es nicht doch verächtlich oder häßlich, daß eine Frau ihren Mann und ihre zwei Kinder verläßt, um irgendeinem Menschen zu folgen, von dem sie noch gar nicht wissen kann, ob er ihrer Liebe wert ist? Können Sie wirklich ein so fahrlässiges und leichtfertiges Verhalten bei einer Frau entschuldigen, die doch immerhin nicht zu den Jüngsten zählt und sich zur Selbstachtung schon um ihrer Kinder willen erzogen haben müßte?«

»Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau«, beharrte ich, »daß ich mich weigere, in diesem Falle zu urteilen oder zu verurteilen. Vor Ihnen kann ich es ruhig bekennen, daß ich vorhin ein wenig übertrieben habe – diese arme Frau Henriette ist gewiß keine Heldin, nicht einmal eine Abenteurernatur und am wenigsten eine grande amoureuse. Sie scheint mir, soweit ich sie kenne, nichts als eine mittelmäßige, schwache Frau, für die ich ein wenig Respekt habe, weil sie mutig ihrem Willen gefolgt ist, aber noch mehr Bedauern, weil sie gewiß morgen, wenn nicht schon heute, tief unglücklich sein wird. Dumm vielleicht, gewiß übereilt mag sie gehandelt haben, aber keineswegs niedrig und gemein, und nach wie vor bestreite ich jedermann das Recht, diese arme, unglückliche Frau zu verachten.«

»Und Sie selbst, haben Sie noch genau denselben Respekt und dieselbe Achtung für sie? Machen Sie gar keinen Unterschied zwischen der Frau, mit der Sie vorgestern als einer ehrbaren Frau beisammen waren, und jener andern, die gestern mit einem wildfremden Menschen davongelaufen ist?«

»Gar keinen. Nicht den geringsten, nicht den allergeringsten.«

»Is that so?« Unwillkürlich sprach sie englisch: das ganze Gespräch schien sie merkwürdig zu beschäftigen. Und nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens hob sich ihr klarer Blick mir nochmals fragend entgegen.

»Und wenn Sie morgen Madame Henriette, sagen wir in Nizza, begegnen würden, am Arme dieses jungen Mannes, würden Sie sie noch grüßen?«

»Selbstverständlich.«

»Und mit ihr sprechen?«

»Selbstverständlich.«

»Würden Sie – wenn Sie… wenn Sie verheiratet wären, eine solche Frau Ihrer Frau vorstellen, genau so, als ob nichts vorgefallen wäre?«

»Selbstverständlich.«

»Would you really?« sagte sie wiederum englisch, voll ungläubigen, verwunderten Erstaunens.

»Surely I would«, antwortete ich unbewußt gleichfalls englisch.

Mrs. C. schwieg. Sie schien noch immer angestrengt nachzudenken, und plötzlich sagte sie, während sie mich, gleichsam über ihren eigenen Mut erstaunt, ansah: »I don’t know, if I would. Perhaps I might do it also.« Und mit jener unbeschreiblichen Sicherheit, wie nur Engländer ein Gespräch endgültig und doch ohne grobe Brüskerie abzuschließen wissen, stand sie auf und bot mir freundlich die Hand. Durch ihre Einwirkung war die Ruhe wieder eingekehrt, und wir dankten ihr innerlich alle, daß wir, eben noch Gegner, nun mit leidlicher Höflichkeit einander grüßten und die schon gefährlich gespannte Atmosphäre sich an ein paar leichten Scherzworten wieder auflockerte.

Obwohl unsere Diskussion schließlich in ritterlicher Weise ausgetragen schien, blieb von jener aufgereizten Erbitterung dennoch eine leichte Entfremdung zwischen meinen Widerpartnern und mir zurück. Das deutsche Ehepaar verhielt sich reserviert, während sich das italienische darin gefiel, mich in den nächsten Tagen immer wieder spöttelnd zu fragen, ob ich etwas von der »cara signora Henrietta« gehört hätte. So urban unsere Formen auch schienen, irgend etwas von der loyalen und unbetonten Geselligkeit unseres Tisches war doch unwiderruflich zerstört.

Um so auffälliger wurde für mich aber die ironische Kühle meiner damaligen Gegner durch die ganz besondere Freundlichkeit, die mir seit jener Diskussion Mrs. C. erwies. Sonst doch von äußerster Zurückhaltung und kaum je außerhalb der Mahlzeiten zu einem Gespräch mit den Tischgenossen geneigt, fand sie nun mehreremal Gelegenheit, mich im Garten anzusprechen und – fast möchte ich sagen: auszuzeichnen, denn ihre vornehm zurückhaltende Art ließ ein privates Gespräch schon als besondere Gunst erscheinen. Ja, um aufrichtig zu sein, muß ich berichten, daß sie mich geradezu suchte und jeden Anlaß benützte, um mit mir ins Gespräch zu kommen, und dies in einer so unverkennbaren Weise, daß ich auf eitle und seltsame Gedanken hätte kommen können, wäre sie nicht eine alte weißhaarige Frau gewesen. Plauderten wir aber dann zusammen, so kehrte unsere Unterhaltung unvermeidlich und unablenkbar zu jenem Ausgangspunkt zurück, zu Madame Henriette: es schien ihr ein ganz geheimnisvolles Vergnügen zu bereiten, die Pflichtvergessene einer seelischen Haltlosigkeit und Unzuverlässigkeit zu beschuldigen. Aber gleichzeitig schien sie sich der Unerschütterlichkeit zu freuen, mit der meine Sympathien auf der Seite dieser zarten, feinen Frau verblieben, und daß nichts mich jemals bestimmen konnte, diese Sympathie zu verleugnen. Immer wieder lenkte sie unsere Gespräche in dieser Richtung, schließlich wußte ich nicht mehr, was ich von dieser sonderbaren, beinahe spleenigen Beharrlichkeit denken sollte.

Das ging so einige Tage, fünf oder sechs, ohne daß sie mit einem Wort verraten hätte, warum diese Art des Gesprächs für sie eine gewisse Wichtigkeit gewonnen hätte. Daß dem aber so war, wurde mir unverkennbar, als ich bei einem Spaziergang gelegentlich erwähnte, meine Zeit sei hier zu Ende und ich gedächte, übermorgen abzureisen. Da bekam ihr sonst so wellenloses Gesicht plötzlich einen merkwürdig gespannten Ausdruck, wie Wolkenschatten flog es über ihre meergrauen Augen hin: »Wie schade! Ich hätte noch so viel mit Ihnen zu besprechen.« Und von diesem Augenblick an verriet eine gewisse Fahrigkeit und Unruhe, daß sie während ihrer Worte an etwas anderes dachte, das sie gewaltsam beschäftigte und ablenkte. Schließlich schien diese Abgelenktheit sie selbst zu stören, denn quer über ein plötzlich eingetretenes Schweigen hinweg bot sie mir unvermutet die Hand:

»Ich sehe, ich kann nicht klar aussprechen, was ich Ihnen eigentlich sagen möchte. Ich will Ihnen lieber schreiben.« Und rascheren Schrittes, als ich es sonst an ihr gewöhnt war, ging sie gegen das Haus zu.

Tatsächlich fand ich am Abend, knapp vor dem Dinner, in meinem Zimmer einen Brief in ihrer energischen, offenen Handschrift. Nun bin ich leider mit den schriftlichen Dokumenten meiner Jugendjahre ziemlich leichtfertig umgegangen, so daß ich nicht den Wortlaut wiedergeben und nur das Tatsächliche ihrer Anfrage, ob sie mir aus ihrem Leben etwas erzählen dürfte, im ungefähren Inhalt andeuten kann. Jene Episode liege so weit zurück, schrieb sie, daß sie eigentlich kaum mehr zu ihrem gegenwärtigen Leben gehöre, und daß ich übermorgen schon abreise, mache ihr leichter, über etwas zu sprechen, was sie seit mehr als zwanzig Jahren innerlich quäle und beschäftige. Falls ich also ein solches Gespräch nicht als Zudringlichkeit empfände, so würde sie mich gern um diese Stunde bitten.

Der Brief, von dem ich hier nur das rein Inhaltliche aufzeichne, faszinierte mich ungemein: das Englische allein gab ihm einen hohen Grad von Klarheit und Entschlossenheit. Dennoch wurde mir die Antwort nicht ganz leicht, ich zerriß drei Entwürfe, ehe ich antwortete:

»Es ist mir eine Ehre, daß Sie mir so viel Vertrauen schenken, und ich verspreche Ihnen, ehrlich zu antworten, falls Sie dies von mir fordern. Ich darf Sie natürlich nicht bitten, mir mehr zu erzählen, als Sie innerlich wollen. Aber was Sie erzählen, erzählen Sie sich und mir ganz wahr. Bitte, glauben Sie mir, daß ich Ihr Vertrauen als eine besondere Ehre empfinde.«

Der Zettel wanderte abends in ihr Zimmer, am nächsten Morgen fand ich die Antwort:

»Sie haben vollkommen recht: die halbe Wahrheit ist nichts wert, immer nur die ganze. Ich werde alle Kraft zusammennehmen, um nichts gegen mich selbst oder gegen Sie zu verschweigen. Kommen Sie nach dem Dinner in mein Zimmer – mit siebenundsechzig Jahren habe ich keine Mißdeutung zu fürchten. Denn im Garten oder in der Nähe von Menschen kann ich nicht sprechen. Sie dürfen mir glauben, es war nicht leicht, mich überhaupt zu entschließen.«

Bei Tag trafen wir uns noch bei Tisch und konversierten artig über gleichgültige Dinge. Aber im Garten schon wich sie, mir begegnend, mit sichtlicher Verwirrung aus, und ich empfand es als peinlich und rührend zugleich, wie diese alte weißhaarige Dame mädchenscheu in eine Pinienallee vor mir flüchtete.

Am Abend, zur vereinbarten Stunde, klopfte ich an, mir wurde sofort aufgetan: das Zimmer lag in einem matten Zwielicht, nur die kleine Leselampe auf dem Tisch warf einen gelben Kegel in den sonst dämmerhaft dunklen Raum. Ganz ohne Befangen trat Mrs. C. auf mich zu, bot mir einen Fauteuil und setzte sich mir gegenüber: jede dieser Bewegungen, spürte ich, war innerlich bereitgestellt, aber doch kam eine Pause, offenbar wider ihren Willen, eine Pause des schweren Entschlusses, die lange und immer länger wurde, die ich aber nicht wagte mit einem Wort zu brechen, weil ich spürte, daß hier ein starker Wille gewaltsam mit einem starken Widerstand rang. Vom Konversationszimmer unten kreiselten manchmal matt die abgerissenen Töne eines Walzers herauf, ich hörte angespannt hin, gleichsam um dem Stillesein etwas von seinem lastenden Druck zu nehmen. Auch sie schien das unnatürlich Gespannte dieses Schweigens schon peinlich zu empfinden, denn plötzlich raffte sie sich zum Absprung und begann:

»Nur das erste Wort ist schwer. Ich habe mich seit zwei Tagen darauf vorbereitet, ganz klar und wahr zu sein: hoffentlich wird es mir gelingen. Vielleicht verstehen Sie jetzt noch nicht, daß ich Ihnen, einem Fremden, all dies erzähle, aber es vergeht kein Tag, kaum eine einzige Stunde, wo ich nicht an dieses bestimmte Geschehnis denke, und Sie können mir alten Frau glauben, daß es unerträglich ist, sein ganzes Leben lang auf einen einzigen Punkt seines Lebens zu starren, auf einen einzigen Tag. Denn alles, was ich Ihnen erzählen will, umspannt einen Zeitraum von bloß vierundzwanzig Stunden innerhalb von siebenundsechzig Jahren, und ich habe mir selbst bis zum Irrsinn oft gesagt, was bedeutets, wenn man einmal da einen Augenblick unsinnig gehandelt hätte. Aber man wird das nicht los, was wir mit einem sehr unsicheren Ausdruck Gewissen nennen, und ich habe mir damals, als ich Sie so sachlich über den Fall Henriette reden hörte, gedacht, vielleicht würde dieses sinnlose Zurückdenken und unablässige Sich-selbst-Anklagen ein Ende haben, könnte ich mich einmal entschließen, vor irgendeinem Menschen frei über diesen einen Tag meines Lebens zu sprechen. Wäre ich nicht anglikanischer Konfession, sondern Katholikin, so hätte mir längst die Beichte Gelegenheit geboten, dies Verschwiegene im Wort zu erlösen aber diese Tröstung ist uns versagt, und so mache ich heute diesen sonderbaren Versuch, mich selbst freizusprechen, indem ich zu Ihnen spreche. Ich weiß, das alles ist sehr sonderbar, aber Sie sind ohne Zögern auf meinen Vorschlag eingegangen, und ich danke Ihnen dafür.

Also, ich sagte ja schon, daß ich Ihnen nur einen einzigen Tag aus meinem Leben erzählen möchte – alles übrige scheint mir bedeutungslos und für jeden andern langweilig. Was bis zu meinem zweiundvierzigsten Jahre geschah, geht mit keinem Schritt über das Gewöhnliche hinaus. Meine Eltern waren reiche Landlords in Schottland, wir besaßen große Fabriken und Pachten und lebten nach landesüblicher Adelsart den größten Teil des Jahres auf unseren Gütern, während der Season in London. Mit achtzehn Jahren lernte ich in einer Gesellschaft meinen Mann kennen, er war ein zweiter Sohn aus der bekannten Familie der R… und hatte zehn Jahre in Indien bei der Armee gedient. Wir heirateten rasch und führten das sorglose Leben unserer Gesellschaftskreise, ein Vierteljahr in London, ein Vierteljahr auf unsern Gütern, die übrige Zeit hotelabstreifend in Italien, Spanien und Frankreich. Nie hat der leiseste Schatten unsere Ehe getrübt, die beiden Söhne, die uns geboren wurden, sind heute schon erwachsen. Als ich vierzig Jahre alt war, starb plötzlich mein Mann. Er hatte sich von seinen Tropenjahren ein Leberleiden mitgebracht: ich verlor ihn innerhalb zweier entsetzlicher Wochen. Mein älterer Sohn war damals schon im Dienst, der jüngere im College – so stand ich über Nacht vollkommen im Leeren, und dieses Alleinsein war mir, die ich zärtliche Gemeinschaft gewohnt war, fürchterliche Qual. In dem verlassenen Hause, das mit jedem Gegenstand mich an den tragischen Verlust meines geliebten Mannes erinnerte, auch nur noch einen Tag länger zu bleiben, schien mir unmöglich: so entschloß ich mich, die nächsten Jahre, solange meine Söhne nicht verheiratet waren, viel auf Reisen zu gehen.

Im Grunde betrachtete ich mein Leben von diesem Augenblick an als vollkommen sinnlos und unnütz. Der Mann, mit dem ich durch dreiundzwanzig Jahre jede Stunde und jeden Gedanken geteilt hatte, war tot, meine Kinder brauchten mich nicht, ich fürchtete, ihre Jugend zu verstören mit meiner Verdüsterung und Melancholie für mich selbst aber wollte ich und begehrte ich nichts mehr. Ich übersiedelte zunächst nach Paris, ging dort aus Langeweile in die Geschäfte und Museen; aber die Stadt und die Dinge standen fremd um mich herum, und Menschen wich ich aus, weil ich ihre höflich bedauernden Blicke auf meine Trauerkleider nicht vertrug. Wie diese Monate stumpfen blicklosen Zigeunerns vergangen sind, wüßte ich nicht mehr zu erzählen: ich weiß nur, ich hatte immer den Wunsch zu sterben, nur nicht die Kraft, selbst dies schmerzlich Ersehnte zu beschleunigen.

Im zweiten Trauerjahr, also im zweiundvierzigsten meines Lebens, war ich auf dieser uneingestandenen Flucht vor einer wertlos gewordenen und nicht zu erdrückenden Zeit im letzten Märzmonat nach Monte Carlo geraten. Aufrichtig gesagt: es geschah aus Langeweile, aus jener peinigenden, wie eine Übelkeit aufquellenden Leere des Innern, die sich wenigstens mit kleinen äußern Reizmitteln füttern will. Je weniger in mir selbst sich gefühlshaft regte, umso stärker drängte michs hin, wo der Lebenskreisel sich am geschwindesten dreht: für den Erlebnislosen ist ja leidenschaftliche Unruhe der andern noch ein Nervenerlebnis wie Schauspiel oder Musik.

Darum ging ich auch öfters ins Kasino. Es reizte mich, auf den Gesichtern anderer Menschen Beglückung oder Bestürzung unruhig hin und her wogen zu sehen, indes in mir selbst diese entsetzliche Ebbe lag. Zudem war mein Mann, ohne leichtfertig zu sein, gern gelegentlich Gast des Spielsaals gewesen, und ich lebte mit einer gewissen unabsichtlichen Pietät alle seine früheren Gewohnheiten getreulich weiter. Und dort begannen jene vierundzwanzig Stunden, die erregender waren als alles Spiel und mein Schicksal auf Jahre hinaus verstörten.

Zu Mittag hatte ich mit der Herzogin von M., einer Verwandten meiner Familie, diniert, nach dem Souper fühlte ich mich noch nicht müde genug, um schlafen zu gehen. So trat ich in den Spielsaal, schlenderte, ohne selbst zu spielen, zwischen den Tischen hin und her und sah mir die zusammengemengte Partnerschaft in besonderer Weise an. Ich sage: in besonderer Weise auf eine nämlich, die mich mein verstorbener Mann einmal gelehrt hatte, als ich, des Zuschauens müde, klagte, es sei mir langweilig, immer dieselben Gesichter anzugaffen, die alten, verhutzelten Frauen, die da stundenlang sitzen auf ihren Sesseln, ehe sie ein Jeton wagen, die abgefeimten Professionals und Kartenspielkokotten, jene ganze fragwürdige, zusammengeschneite Gesellschaft, die, Sie wissen ja, bedeutend weniger pittoresk und romantisch ist, als sie in den elenden Romanen immer gemalt wird, gleichsam als fleur d’élégance und Aristokratie Europas. Und dabei war ja das Kasino vor zwanzig Jahren, als noch bares sinnlich sichtbares Geld umrollte, die knisternden Noten, die goldenen Napoleons, die patzigen Fünffrankenstücke durcheinanderwirbelten, unendlich anziehender als heute, da in der modisch neugebauten pomphaften Spielburg ein verbürgertes Cook-Reisepublikum seine charakterlosen Spielmarken langweilig verpulvert. Doch schon damals fand ich zu wenig Reiz an diesem Einerlei gleichgültiger Gesichter, bis mir dann einmal mein Mann, dessen private Leidenschaft die Chiromantie, die Händedeutung, war, eine ganz besondere Art des Zusehens zeigte, in der Tat viel interessanter, viel aufregender und spannender als das lässige Herumstehen, nämlich: niemals auf ein Gesicht zu sehen, sondern einzig auf das Viereck des Tisches und dort wieder nur auf die Hände der Menschen, nur auf ihr besonderes Benehmen. Ich weiß nicht, ob Sie zufälligerweise einmal selbst bloß die grünen Tische ins Auge gefaßt haben, nur das grüne Karree allein, wo in der Mitte die Kugel wie ein Betrunkener von Zahl zu Zahl taumelt und innerhalb der viereckig abgegrenzten Felder wirbelnde Fetzen von Papier, runde Stücke Silber und Gold hinfallen wie eine Saat, die dann der Rechen des Croupiers sensenscharf mit einem Riß wegmäht oder als Garbe dem Gewinner zuschaufelt. Das einzig Wandelhafte werden bei einer solchen perspektivischen Einstellung dann die Hände – die vielen hellen, bewegten, wartenden Hände rings um den grünen Tisch, alle aus der immer andern Höhle eines Ärmels vorlugend, jede ein Raubtier, zum Sprung bereit, jede anders geformt und gefärbt, manche nackt, andere mit Ringen und klirrenden Ketten aufgezäumt, manche behaart wie wilde Tiere, manche feucht und aalhaft gekrümmt, alle aber angespannt und vibrierend von einer ungeheuren Ungeduld. Unwillkürlich mußte ich dann immer an einen Rennplatz denken, wo im Start die aufgeregten Pferde mit Mühe zurückgehalten werden, damit sie nicht vorzeitig losprellen: genau so zittern und heben und bäumen sie sich. Alles erkennt man an diesen Händen, an der Art, wie sie warten, wie sie greifen und stocken: den Habsüchtigen an der krallenden, den Verschwender an der lockeren Hand, den Berechnenden am ruhigen, den Verzweifelten am zitternden Gelenk; hundert Charaktere verraten sich blitzhaft schnell in der Geste des Geldanfassens, ob einer es knüllt oder nervös krümelt oder erschöpft, mit müden Handballen, während des Umlaufs liegen läßt. Der Mensch verrät sich im Spiele, ein Dutzendwort, ich weiß; ich aber sage: noch deutlicher verrät ihn während des Spiels seine eigene Hand. Denn alle oder fast alle Hasardeure haben bald gelernt, ihr Gesicht zu bezähmen – oben, über dem Hemdkragen, tragen sie die kalte Maske der impassibilité –, sie zwingen die Falten um den Mund herab und stoßen ihre Erregung unter die verbissenen Zähne, sie verweigern ihren eigenen Augen die sichtliche Unruhe, sie glätten die aufspringenden Muskeln des Gesichtes zu einer künstlichen, auf vornehm hin stilisierten Gleichgültigkeit. Aber gerade, weil alle ihre Aufmerksamkeit sich krampfig konzentriert, ihr Gesicht als das Sichtbarste ihres Wesens zu bemeistern, vergessen sie ihre Hände und vergessen, daß es Menschen gibt, die nur diese Hände beobachten und von ihnen alles erraten, was oben die lächelnd gekräuselte Lippe, die absichtlich indifferenten Blicke verschweigen wollen. Aber die Hand tut indes ihr Geheimstes ganz schamlos auf. Denn ein Augenblick kommt unweigerlich, der alle diese mühsam beherrschten, scheinbar schlafenden Finger aus ihrer vornehmen Nachlässigkeit aufreißt: in der prallen Sekunde, wo die Roulettekugel in ihr kleines Becken fällt und die Gewinstzahl aufgerufen wird, da, in dieser Sekunde macht jede dieser hundert oder fünfhundert Hände unwillkürlich eine ganz persönliche, ganz individuelle Bewegung urtümlichen Instinkts. Und wenn man, wie ich, durch jene Liebhaberei meines Gatten besonders belehrt, diese Arena der Hände zu beobachten gewohnt ist, wirkt der immer andre, immer unerwartete Ausbruch der immer andersartigen Temperamente aufregender als Theater oder Musik: ich kann es Ihnen gar nicht schildern, wieviel tausend Spielarten von Händen es gibt, wilde Bestien mit haarigen, gekrümmten Fingern, die spinnenhaft das Geld einkrallen, und nervöse, zittrige, mit blassen Nägeln, die es kaum anzufassen wagen, noble und niedrige, brutale und schüchterne, listige und gleichsam stammelnde – aber jede wirkt anders, denn jedes dieser Händepaare drückt ein besonderes Leben aus, mit Ausnahme jener vier oder fünf der Croupiers. Die sind ganz Maschinen, sie funktionieren mit ihrer sachlichen, geschäftlichen, völlig unbeteiligten Präzision gegenüber den gesteigert lebendigen wie die stählern klappernden Schließen eines Zählapparats. Aber selbst diese nüchternen Hände wirken wiederum erstaunlich durch ihren Gegensatz zwischen ihren jagdhaften und leidenschaftlichen Brüdern: sie stehen, möchte ich sagen, anders uniformiert, wie Polizisten inmitten eines wogenden und begeisterten Volksaufruhrs. Dazu kommt noch der persönliche Anreiz, nach einigen Tagen mit den vielen Gewohnheiten und Leidenschaften einzelner Hände bereits vertraut zu sein; nach ein paar Tagen hatte ich immer schon Bekannte unter ihnen und teilte sie ganz wie Menschen in sympathische und feindselige ein: manche waren mir so widerlich in ihrer Unart und Gier, daß ich immer den Blick von ihnen wegwandte wie von einer Unanständigkeit. Jede neue Hand am Tisch aber war mir Erlebnis und Neugier: oft vergaß ich, das Gesicht darüber anzusehen, das, hoch oben in einen Kragen geschnürt, als kalte gesellschaftliche Maske über einem Smokinghemd oder einem leuchtenden Busen unbewegt aufgepflanzt stand.

Als ich nun an jenem Abend eintrat, an zwei überfüllten Tischen vorbei zu dem dritten hin, und einige Goldstücke schon vorbereitete, hörte ich überrascht in jener ganz wortlosen, ganz gespannten, vom Schweigen gleichsam dröhnenden Pause, die immer eintritt, wenn die Kugel, schon selbst tödlich ermattet, nur noch zwischen zwei Nummern hintorkelt, da hörte ich also ein ganz sonderbares Geräusch gerade gegenüber, ein Krachen und Knacken, wie von brechenden Gelenken. Unwillkürlich staunte ich hinüber. Und da sah ich – wirklich, ich erschrak! – zwei Hände, wie ich sie noch nie gesehen, eine rechte und eine linke, die wie verbissene Tiere ineinandergekrampft waren und in so aufgebäumter Spannung sich ineinander und gegeneinander dehnten und krallten, daß die Fingergelenke krachten mit jenem trockenen Ton einer aufgeknackten Nuß. Es waren Hände von ganz seltener Schönheit, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich schmal, und doch von Muskeln straff durchspannt – sehr weiß und die Nägel an ihren Spitzen blaß, mit zart gerundeten perlmutternen Schaufeln. Ich habe sie den ganzen Abend dann noch angesehen – ja angestaunt, diese außerordentlichen, geradewegs einzigen Hände – was mich aber zunächst so schreckhaft überraschte, war ihre Leidenschaft, ihr irrwitzig passionierter Ausdruck, dies krampfige Ineinanderringen und Sichgegenseitighalten. Hier drängte ein ganzer übervoller Mensch, sofort wußte ichs, seine Leidenschaft in die Fingerspitzen zusammen, um nicht selbst von ihr auseinandergesprengt zu werden. Und jetzt … in der Sekunde, da die Kugel mit trockenem dürrem Ton in die Schüssel fiel und der Croupier die Zahl ausrief … in dieser Sekunde fielen plötzlich die beiden Hände auseinander wie zwei Tiere, die eine einzige Kugel durchschossen. Sie fielen nieder, alle beide, wirklich tot und nicht nur erschöpft, sie fielen nieder mit einem so plastischen Ausdruck von Schlaffheit, von Enttäuschung, von Blitzgetroffenheit, von Zuendesein, wie ich ihn nicht mit Worten ausdrücken kann. Denn noch nie und seitdem niemals mehr habe ich so sprechende Hände gesehen, wo jeder Muskel ein Mund war und die Leidenschaft fühlbar fast aus den Poren brach. Einen Augenblick lang lagen sie beide dann auf dem grünen Tisch wie ausgeworfene Quallen am Wasserrand, flach und tot. Dann begann die eine, die rechte, mühsam wieder sich von den Fingerspitzen her aufzurichten, sie zitterte, zog sich zurück, rotierte um sich selbst, schwankte, kreiselte und griff plötzlich nervös nach einem Jeton, das sie zwischen der Spitze des Daumens und des zweiten Fingers unschlüssig rollte wie ein kleines Rad. Und plötzlich beugte sie sich mit einem Katzenbuckel pantherhaft auf und schnellte, ja spie geradezu das Hundertfrancsjeton mitten auf das schwarze Feld. Sofort bemächtigte sich, wie auf ein Signal hin, Erregung auch der untätig schlafenden linken Hand; sie stand auf, schlich, ja kroch heran zu der zitternden, vom Wurfe gleichsam ermüdeten Bruderhand, und beide lagen jetzt schauernd beisammen, beide schlugen mit dem Gelenk, wie Zähne im Frostfieber leicht aneinanderklappern, lautlos an den Tisch – nein, nie, noch niemals hatte ich Hände mit so ungeheuerlich redendem Ausdruck gesehen, eine derart spasmatische Form von Erregung und Spannung. Alles andere in diesem wölbigen Raum, das Gesurr aus den Sälen, das marktschreierische Rufen der Croupiers, das Hin und Her der Menschen und jenes der Kugel selbst, die jetzt, aus der Höhe geschleudert, in ihrem runden, parkettglatten Käfig besessen sprang – alle diese grell über die Nerven flitzende Vielheit von flirrenden und schwirrenden Impressionen schien mir plötzlich tot und starr neben diesen beiden zitternden, atmenden, keuchenden, wartenden, frierenden, schauernden, neben diesen beiden unerhörten Händen, auf die hinzustarren, ich irgendwie verzaubert war.

Aber endlich hielt es mich nicht länger; ich mußte den Menschen, mußte das Gesicht sehen, dem diese magischen Hände zugehörten, und ängstlich – ja, wirklich ängstlich, denn ich fürchtete mich vor diesen Händen! schraubte mein Blick sich langsam die Ärmel, die schmalen Schultern empor. Und wieder schrak ich zusammen, denn dieses Gesicht sprach dieselbe zügellose, phantastisch überspannte Sprache wie die Hände, es teilte die gleiche entsetzliche Verbissenheit des Ausdrucks mit derselben zarten und fast weibischen Schönheit. Nie hatte ich ein solches Gesicht gesehen, ein dermaßen aus sich herausgebogenes, ganz von sich selbst weggerissenes Gesicht, und mir war volle Gelegenheit geboten, es wie eine Maske, wie eine augenlose Plastik gemächlich zu betrachten: nicht zur Rechten, nicht zur Linken hin wandte sich nur für eine Sekunde dies besessene Auge: starr, schwarz, eine tote Glaskugel, stand die Pupille unter den aufgerissenen Lidern, spiegelnder Widerschein jener andern mahagonifarbenen, die närrisch und übermütig im runden Roulettekästchen kollerte und sprang. Nie, ich muß es noch einmal sagen, hatte ich ein so gespanntes, ein dermaßen faszinierendes Gesicht gesehen. Es gehörte einem jungen, etwa vierundzwanzigjährigen Menschen, war schmal, zart, ein wenig länglich und dadurch so ausdrucksvoll. Genau wie die Hände, wirkte es nicht ganz männlich, sondern eher einem leidenschaftlich spielenden Knaben zugehörig – aber all das bemerkte ich erst später, denn jetzt verging dieses Gesicht vollkommen hinter einem vorbrechenden Ausdruck von Gier und Raserei. Der schmale Mund, lechzend aufgetan, entblößte halbwegs die Zähne: Im Abstand von zehn Schritten konnte man sehen, wie sie fieberhaft aneinanderschlugen, indes die Lippen starr offen blieben. Feucht klebte eine lichtblonde Haarsträhne sich an die Stirn, vornübergefallen wie bei einem Stürzenden, und um die Nasenflügel flackerte ununterbrochenes Zucken hin und her, als wogten dort kleine Wellen unsichtbar unter der Haut. Und dieser ganze vorgebeugte Kopf schob sich unbewußt immer mehr nach vorne, man hatte das Gefühl, er würde mitgerissen in den Wirbel der kleinen Kugel; und nun verstand ich erst das krampfige Drücken der Hände: nur durch dieses Gegendrücken, nur durch diesen Krampf hielt der aus dem Zentrum stürzende Körper sich noch im Gleichgewicht. Nie hatte ich – ich muß es immer wieder sagen – ein Gesicht gesehen, in dem Leidenschaft dermaßen offen, so tierisch, so schamlos nackt vorbrach, und ich starrte es an, dieses Gesicht… genauso fasziniert, so festgebannt von seiner Besessenheit, wie jene Blicke vom Sprung und Zucken der kreisenden Kugel. Von dieser Sekunde an merkte ich nichts anderes mehr im Saale, alles schien mir matt, dumpf und verschwommen, dunkel im Vergleich mit dem ausbrechenden Feuer dieses Gesichtes, und über alle Menschen hinweg beobachtete ich vielleicht eine Stunde lang nur diesen einen Menschen und jede seiner Gesten: wie grelles Licht seine Augen überfunkelte, der krampfige Knäuel der Hände jetzt gleichsam von einer Explosion aufgerissen ward und die Finger zitternd wegsprengte, als der Croupier ihrem gierigen Zugriff jetzt zwanzig Goldstücke zuschob. In dieser Sekunde wurde das Gesicht plötzlich lichthaft und ganz jung, die Falten fielen flach auseinander, die Augen begannen zu erglänzen, der vorgekrampfte Körper stieg hell und leicht empor – locker wie ein Reiter saß er mit einemmal da, getragen vom Gefühl des Triumphes, die Finger klimperten eitel und verliebt mit den runden Münzen, schnippten sie gegeneinander, ließen sie tanzen und spielartig klingeln. Dann wandte er wieder unruhig den Kopf, überflog den grünen Tisch gleichsam mit schnuppernden Nüstern eines jungen Jagdhundes, der die richtige Fährte sucht, um plötzlich mit einem raschen Ruck das ganze Büschel Goldstücke über eines der Vierecke hinzuschütten. Und sofort begann wieder dieses Lauern, dieses Gespanntsein. Wieder krochen von den Lippen jene elektrisch zuckenden Wellenschläge, wieder verkrampften sich die Hände, das Knabengesicht verschwand hinter lüsterner Erwartung, bis explosiv die zuckende Spannung in einer Enttäuschung auseinanderfiel: Das Gesicht, das eben noch knabenhaft erregte, welkte, wurde fahl und alt, die Augen stumpf und ausgebrannt, und alles dies innerhalb einer einzigen Sekunde, im Hinsturz der Kugel auf eine fehlgemeinte Zahl. Er hatte verloren: ein paar Sekunden starrte er hin, beinahe blöden Blickes, als ob er nicht verstanden hätte; sofort aber bei dem ersten aufpeitschenden Ruf des Croupiers krallten die Finger wieder ein paar Goldstücke heran. Aber die Sicherheit war verloren, erst postierte er die Münzen auf das eine Feld, dann, anders besonnen, auf ein zweites, und als die Kugel schon im Rollen war, schleuderte er mit zitternder Hand, einer plötzlichen Neigung folgend, noch zwei zerknüllte Banknoten rasch in das Karree nach.

Dieses zuckende Auf und Ab von Verlust und Gewinn dauerte pausenlos ungefähr eine Stunde, und während dieser Stunde wandte ich nicht einen Atemzug lang meinen faszinierten Blick von diesem fortwährend verwandelten Gesicht, über das alle Leidenschaften strömten und ebbten; ich ließ sie nicht los mit den Augen, diese magischen Hände, die mit jedem Muskel die ganze springbrunnenhaft steigende und stürzende Skala der Gefühle plastisch wiedergaben. Nie im Theater habe ich so angespannt auf das Gesicht eines Schauspielers gesehen, wie in dieses Antlitz hinein, über das, wie Licht und Schatten über eine Landschaft, unaufhörlicher Wechsel aller Farben und Empfindungen ruckhaft hinging. Nie war ich mit meinem ganzen Anteil so innen in einem Spiel gewesen als im Widerschein dieser fremden Erregung. Hätte mich jemand in diesem Moment beobachtet, so hätte er mein stählernes Hinstarren für eine Hypnose halten müssen, und irgendwie ähnlich war ja auch mein Zustand vollkommener Benommenheit – ich konnte einfach nicht wegsehen von diesem Mienenspiel, und alles andere, was im Raum an Lichtern, Lachen, Menschen und Blicken durcheinanderging, umschwebte mich nur formlos, ein gelber Rauch, inmitten dessen dieses Gesicht stand, Flamme zwischen Flammen. Ich hörte nichts, ich spürte nichts, ich merkte nicht Menschen neben mir vordrängen, andere Hände wie Fühler sich plötzlich vorstrecken, Geld hinwerfen oder einkarren; ich sah die Kugel nicht und nicht die Stimme des Croupiers und sah doch alles wie im Traum, was geschah, an diesen Händen hohlspiegelhaft übersteigert durch Erregung und Übermaß. Denn ob die Kugel auf Rot fiel oder auf Schwarz, rollte oder stockte, das zu wissen, mußte ich nicht auf das Roulette blicken: jede Phase ging, Verlust und Gewinn, Erwartung und Enttäuschung, feurigen Risses durch Nerv und Geste dieses von Leidenschaft überwogten Gesichts.

Aber dann kam ein furchtbarer Augenblick – ein Augenblick, den ich in mir die ganze Zeit hindurch dumpf schon gefürchtet hatte, der über meinen gespannten Nerven wie ein Gewitter hing und plötzlich sie mittendurch riß. Wieder war die Kugel mit jenem kleinen, klapprigen Knacks in ihre Rundung zurückgestürzt, wieder zuckte jene Sekunde, wo zweihundert Lippen den Atem verhielten, bis die Stimme des Croupiers – diesmal: Zero ankündigte, indes schon sein eilfertiger Rechen von allen Seiten die klirrenden Münzen und das knisternde Papier zusammenscharrte. In diesem Augenblick nun machten die beiden verkrampften Hände eine besonders schreckhafte Bewegung, sie sprangen gleichsam auf, um etwas zu haschen, was nicht da war, und fielen dann, nichts in sich als zurückflutende Schwerkraft, wie tödlich ermattet, nieder auf den Tisch. Dann aber wurden sie plötzlich noch einmal lebendig, fieberhaft liefen sie vom Tisch zurück auf den eigenen Leib, kletterten wie wilde Katzen den Stamm des Körpers entlang, oben, unten, rechts und links, nervös in alle Taschen fahrend, ob nicht irgendwo noch ein vergessenes Geldstück sich verkrümelt habe. Aber immer kamen sie wieder leer zurück, immer hitziger erneuerten sie dieses sinnlose, nutzlose Suchen, indes schon die Roulettescheibe wieder umkreiselte, das Spiel der andern weiterging, Münzen klirrten, Sessel rückten, und die kleinen hundertfältig zusammengesetzten Geräusche surrend den Saal füllten. Ich zitterte, von Grauen geschüttelt: so deutlich mußte ich all das mitfühlen, als wärens meine eigenen Finger, die da verzweifelt nach irgendeinem Stück Geld in den Taschen und Wülsten des zerknitterten Kleides wühlten. Und plötzlich, mit einem einzigen Ruck stand der Mensch mir gegenüber auf – ganz so wie jemand aufsteht, dem unvermutet unwohl geworden ist, und sich hochwirft, um nicht zu ersticken; hinter ihm polterte der Stuhl krachend zu Boden. Aber ohne es nur zu bemerken, ohne der Nachbarn zu achten, die scheu und erstaunt dem Schwankenden auswichen, tappte er weg von dem Tisch.

Ich war bei diesem Anblick wie versteinert. Denn ich verstand sofort, wohin dieser Mensch ging: in den Tod. Wer so aufstand, ging nicht in einen Gasthof zurück, in eine Weinstube, zu einer Frau, in ein Eisenbahncoupé, in irgendeine Form des Lebens, sondern stürzte geradeaus ins Bodenlose. Selbst der Abgebrühteste in diesem Höllensaale hätte erkennen müssen, daß dieser Mensch nicht noch irgendwo zu Hause oder in der Bank oder bei Verwandten einen Rückhalt hatte, sondern mit seinem letzten Geld, mit seinem Leben als Einsatz hier gesessen hatte und nun hinstolperte, irgendwo anders hin, aber unbedingt aus diesem Leben hinaus. Immer hatte ich gefürchtet, vom ersten Augenblick an magisch gefühlt, daß hier ein Höheres im Spiel sei als Gewinn und Verlust, und doch schlug es nun in mich hinein, ein schwarzer Blitz, als ich sah, wie das Leben aus seinen Augen plötzlich ausrann und der Tod dies eben noch überlebendige Gesicht fahl überstrich. Unwillkürlich – so ganz war ich durchdrungen von seinen plastischen Gesten – mußte ich mich mit der Hand ankrampfen, während dieser Mensch von seinem Platz sich losrang und taumelte, denn dieses Taumeln drang jetzt in meinen eigenen Körper aus seiner Gebärde hinüber, so wie vordem seine Spannung in Ader und Nerv. Aber dann riß es mich fort, ich mußte ihm nach: ohne daß ich es wollte, schob sich mein Fuß. Es geschah vollkommen unbewußt, ich tat es gar nicht selbst, sondern es geschah mit mir, daß ich, ohne auf irgend jemanden zu achten, ohne mich selbst zu fühlen, in den Korridor zum Ausgang hinlief.

Er stand bei der Garderobe, der Diener hatte ihm den Mantel gebracht. Aber die eigenen Arme gehorchten nicht mehr: so half ihm der Beflissene wie einem Gelähmten mühsam in die Ärmel. Ich sah, wie er mechanisch in die Westentasche griff, jenem ein Trinkgeld zu geben, aber die Finger tasteten leer wieder heraus. Da schien er sich plötzlich wieder an alles zu erinnern, stammelte verlegen irgendein Wort dem Diener zu und gab sich genau wie vordem einen plötzlichen Ruck nach vorwärts, ehe er ganz wie ein Trunkener die Stufen des Kasinos hinabstolperte, von dem der Diener mit einem erst verächtlichen und dann erst begreifenden Lächeln ihm noch einen Augenblick lang nachsah.

Diese Geste war so erschütternd, daß mich das Zusehen beschämte. Unwillkürlich wandte ich mich zur Seite, geniert, einer fremden Verzweiflung wie von der Rampe eines Theaters zugeschaut zu haben – dann aber stieß mich plötzlich wieder jene unverständliche Angst von mir fort. Rasch ließ ich mir meine Garderobe reichen, und ohne etwas Bestimmtes zu denken, ganz mechanisch, ganz triebhaft, hastete ich diesem fremden Menschen nach in das Dunkel.«

Mrs. C. unterbrach ihre Erzählung für einen Augenblick. Sie hatte mir unbewegt gegenüber gesessen und mit jener ihr eigenen Ruhe und Sachlichkeit fast pausenlos gesprochen, wie eben nur jemand spricht, der sich innerlich vorbereitet und die Geschehnisse sorgfältig geordnet hat. Nun stockte sie zum erstenmal, zögerte und wandte sich dann plötzlich aus ihrer Erzählung heraus direkt mir zu: »Ich habe Ihnen und mir selbst versprochen«, begann sie etwas unruhig, »alles Tatsächliche mit äußerster Aufrichtigkeit zu erzählen. Aber ich muß nun verlangen, daß Sie dieser meiner Aufrichtigkeit auch vollen Glauben schenken und nicht meiner Handlungsweise verschwiegene Motive unterlegen, deren ich mich vielleicht heute nicht schämen würde, die aber in diesem Falle vollkommen falsch vermutet wären. Ich muß also betonen, daß, wenn ich diesem zusammengebrochenen Spieler auf der Straße nacheilte, ich durchaus nicht etwa verliebt in diesen jungen Menschen war – ich dachte gar nicht an ihn als an einen Mann, und tatsächlich hat für mich, die damals mehr als vierzigjährige Frau, nach dem Tod meines Gemahls niemals mehr ein Blick irgendeinem Manne gegolten. Das war für mich endgültig vorbei: Ich sage Ihnen das ausdrücklich und muß es Ihnen sagen, weil alles Spätere Ihnen sonst nicht in seiner ganzen Furchtbarkeit verständlich würde. Freilich, es wäre mir anderseits schwer, das Gefühl deutlich zu benennen, das mich damals so zwanghaft jenem Unglücklichen nachzog: es war Neugier darin, vor allem aber eine entsetzliche Angst oder besser gesagt Angst vor etwas Entsetzlichem, das ich unsichtbar von der ersten Sekunde an um diesen jungen Menschen wie eine Wolke gefühlt hatte. Aber solche Empfindungen kann man ja nicht zergliedern und zerlegen, vor allem schon darum nicht, weil sie zu zwanghaft, zu rasch, zu spontan durcheinanderschießen – wahrscheinlich tat ich nichts anderes als die durchaus instinktive Geste der Hilfeleistung, mit der man ein Kind zurückreißt, das auf der Straße in ein Automobil hineinrennen will. Oder läßt es sich vielleicht erklären, daß Menschen, die selbst nicht schwimmen können, von einer Brücke her einem Ertrinkenden nachspringen? Es zieht sie einfach magisch nach, ein Wille stößt sie hinab, ehe sie Zeit haben, sich schlüssig zu werden über die sinnlose Kühnheit ihres Unterfangens; und genau so, ohne zu denken, ohne bewußt wache Überlegung, bin ich damals jenem Unglücklichen aus dem Spielsaal zum Ausgang und vom Ausgang auf die Terrasse nachgegangen.

Und ich bin gewiß, weder Sie noch irgendein mit wachen Augen fühlender Mensch hätte sich dieser angstvollen Neugier entziehen können, denn ein unheimlicherer Anblick war nicht zu denken als jener junge Mann von höchstens vierundzwanzig Jahren, der mühsam wie ein Greis, schlenkernd wie ein Betrunkener, mit abgelösten, zerbrochenen Gelenken von der Treppe zur Straßenterrasse sich weiterschleppte. Dort fiel er plumpig wie ein Sack mit dem Körper auf eine Bank. Wieder spürte ich schaudernd an dieser Bewegung: dieser Mensch war zu Ende. So fällt nur ein Toter hin oder einer, in dem kein Muskel mehr sich ans Leben hält. Der Kopf war, schief gelehnt, zurück über die Lehne gesunken, die Arme hingen schlaff und formlos zu Boden, im Halbdunkel der trübe flackernden Laternen hätte jeder Vorübergehende ihn für einen Erschossenen halten müssen. Und so – ich kann es nicht erklären, wieso diese Vision plötzlich in mir ward, aber plötzlich stand sie da, greifbar plastisch, schauervoll und entsetzlich wahr –, so, als Erschossenen, sah ich ihn vor mir in dieser Sekunde, und unweigerlich war in mir die Gewißheit, daß er einen Revolver in der Tasche trage und man morgen diese Gestalt auf dieser Bank oder irgendeiner andern hingestreckt finden würde, leblos und mit Blut überströmt. Denn sein Niederfallen war durchaus das eines Steines, der in eine Tiefe fällt und nicht früher haltmacht, ehe er seinen Abgrund erreicht hat: Nie habe ich einen ähnlichen Ausdruck von Müdigkeit und Verzweiflung in körperlicher Geste ausgedrückt gesehen.

Und nun denken Sie sich meine Situation: ich stand zwanzig oder dreißig Schritte hinter jener Bank mit dem reglosen, zusammengebrochenen Menschen, ahnungslos, was beginnen, vorgetrieben einerseits vom Willen, zu helfen, zurückgedrängt von der anerzogenen, angeerbten Scheu, einen fremden Mann auf der Straße anzusprechen. Die Gaslaternen flackerten trüb in den umwölkten Himmel, ganz selten nur hastete eine Gestalt vorbei, denn es war nahe an Mitternacht und ich fast ganz allein im Park mit dieser selbstmörderischen Gestalt. Fünfmal, zehnmal hatte ich mich schon zusammengerafft und war auf ihn zugegangen, immer riß mich Scham zurück oder vielleicht jener Instinkt tieferer Ahnung, daß Stürzende gern den Helfenden mit sich reißen – und mitten in diesem Hin und Wider fühlte ich selbst deutlich das Sinnlose, das Lächerliche der Situation. Dennoch vermochte ich weder zu sprechen noch wegzugehen, weder etwas zu tun noch ihn zu verlassen. Und ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen sage, daß ich vielleicht eine Stunde lang, eine unendliche Stunde, während tausend und tausend kleine Wellenschläge des unsichtbaren Meeres die Zeit zerrissen, auf dieser Terrasse unschlüssig umherwanderte; so sehr erschütterte und hielt mich dies Bild der vollkommenen Zernichtung eines Menschen.

Aber doch, ich fand nicht den Mut eines Worts, einer Tat, und ich hätte die halbe Nacht noch so wartend gestanden, oder vielleicht hätte mich schließlich klügere Selbstsucht bewogen, nach Hause zu gehen, ja ich glaube sogar, daß ich bereits entschlossen war, dieses Bündel Elend in seiner Ohnmacht liegen zu lassen – aber da entschied ein Übermächtiges gegen meine Unentschlossenheit. Es begann nämlich zu regnen. Den ganzen Abend schon hatte der Wind über dem Meer schwere, dampfende Frühlingswolken zusammengeschoben, man spürte mit der Lunge, mit dem Herzen, daß der Himmel ganz tief herabdrückte – plötzlich begann ein Tropfen niederzuklatschen, und schon prasselte in schweren, nassen, vom Wind gejagten Strähnen ein massiger Regen herab. Unwillkürlich flüchtete ich unter den Vorsprung eines Kioskes, und obwohl ich den Schirm aufspannte, schütteten die noch springenden Böen nasse Büschel Wassers an mein Kleid. Bis hinauf ins Gesicht und die Hände spürte ich sprühend den kalten Staub der am Boden knallend zerklatschenden Tropfen.

Aber – und das war ein so entsetzlicher Anblick, daß mir heute noch, nach zwei Jahrzehnten, die Erinnerung die Kehle klemmt – in diesem stürzenden Wolkenbruch blieb der Unglücksrabe reglos auf seiner Bank sitzen und rührte sich nicht. Von allen Traufen triefte und gluckerte das Wasser, aus der Stadt her hörte man Wagen donnern, rechts und links flüchteten Gestalten mit aufgestülpten Mänteln; was Leben in sich hatte, alles duckte sich scheu, flüchtete, floh, suchte Unterschlupf, überall bei Mensch und Tier spürte man die Angst vor dem stürzenden Element – nur dieses schwarze Knäuel Mensch dort auf der Bank rührte und regte sich nicht. Ich sagte Ihnen schon früher, daß es diesem Menschen magisch gegeben war, jedes seiner Gefühle durch Bewegung und Geste plastisch zu machen; aber nichts, nichts auf Erden konnte Verzweiflung, vollkommene Selbstaufgabe, lebendiges Gestorbensein dermaßen erschütternd ausdrücken, als diese Unbeweglichkeit, dieses reglose, fühllose Dasitzen im prasselnden Regen, dieses Zumüdesein, um sich aufzuheben und die paar Schritte zu gehen bis zum schützenden Dach, diese letzte Gleichgültigkeit gegen das eigene Sein. Kein Bildhauer, kein Dichter, nicht Michelangelo und Dante hat mir jemals die Geste der letzten Verzweiflung, das letzte Elend der Erde so hinreißend fühlsam gemacht wie dieser lebendige Mensch, der sich überschütten ließ vom Element, schon zu lässig, zu müde, durch eine einzige Bewegung sich zu schützen.

Das riß mich weg, ich konnte nicht anders. Mit einem Ruck durchlief ich die nasse Spießrutenreihe des Regens und rüttelte das triefende Bündel Mensch von der Bank. »Kommen Sie!« Ich packte seinen Arm. Irgend etwas starrte mühsam empor. Irgendeine Bewegung schien langsam aus ihm wachsen zu wollen, aber er verstand nicht. »Kommen Sie!« zerrte ich nochmals den nassen Ärmel, nun schon beinahe zornig. Da stand er langsam auf, willenlos und schwankend. »Was wollen Sie?« fragte er, und ich hatte darauf keine Antwort, denn ich wußte selbst nicht, wohin mit ihm: Nur weg aus dem kalten Guß, aus diesem sinnlosen, selbstmörderischen Dasitzen äußerster Verzweiflung. Ich ließ den Arm nicht los, sondern zog den ganz Willenlosen weiter, bis hin zu dem Verkaufskiosk, wo das schmale vorspringende Dach ihn wenigstens einigermaßen vor dem wütigen Überfall des vom Wind wild geschwenkten Elements schützte. Weiter wußte ich nichts, wollte ich nichts. Nur ins Trockene, nur unter ein Dach diesen Menschen ziehen: weiter hatte ich zunächst nicht gedacht.

Und so standen wir beide nebeneinander in dem schmalen Streifen Trockenheit, hinter uns die verschlossene Wand der Verkaufsbude, über uns einzig das zu kleine Schutzdach, unter dem heimtückisch durchgreifend der unersättliche Regen uns mit plötzlichen Böen immer wieder lose Fetzen nasser Kälte über die Kleider und ins Gesicht schlug. Die Situation wurde unerträglich. Ich konnte doch nicht länger stehenbleiben neben diesem triefenden fremden Menschen. Und anderseits, ich konnte ihn, nachdem ich ihn hierhergezogen, nicht ohne ein Wort einfach stehenlassen. Irgend etwas mußte geschehen; allmählich zwang ich mich zu geradem klaren Denken. Am besten, dachte ich, ihn in einem Wagen nach Hause bringen und dann selbst nach Hause: morgen wird er schon für sich Hilfe wissen. Und so fragte ich den reglos neben mir Stehenden, der starr hinaus in die jagende Nacht blickte: »Wo wohnen Sie?«

»Ich habe keine Wohnung… ich bin erst abends von Nizza gekommen… zu mir kann man nicht gehen.«

Den letzten Satz verstand ich nicht gleich. Erst später wurde mir klar, daß dieser Mensch mich für … für eine Kokotte hielt, für eines der Weiber, wie sie nachts hier massenhaft um das Kasino streichen, weil sie hoffen, glücklichen Spielern oder Betrunkenen noch etwas Geld abzujagen. Schließlich, was sollte er anderes auch denken, denn erst jetzt, da ich es Ihnen wiedererzähle, spüre ich das ganz Unwahrscheinliche, ja Phantastische meiner Situation – was sollte er anderes von mir meinen, war doch die Art, wie ich ihn von der Bank weggezogen und selbstverständlich mitgeschleppt, wahrhaftig nicht die einer Dame. Aber dieser Gedanke kam mir nicht gleich. Erst später, zu spät schon dämmerte mir das grauenvolle Mißverständnis auf, in dem er sich über meine Person befand. Denn sonst hätte ich niemals die nächsten Worte gesprochen, die seinen Irrtum nur bestärken mußten. Ich sagte nämlich: »So wird man eben ein Zimmer in einem Hotel nehmen. Hier dürfen Sie nicht bleiben. Sie müssen jetzt irgendwo unterkommen.«

Aber sofort wurde ich jetzt seines peinlichen Irrtums gewahr, denn er wandte sich gar nicht mir zu und wehrte nur mit einem gewissen höhnischen Ausdruck ab: »Nein, ich brauche kein Zimmer, ich brauche gar nichts mehr. Gib dir keine Mühe, aus mir ist nichts zu holen. Du hast dich an den Unrichtigen gewandt, ich habe kein Geld.«

Das war wieder so furchtbar gesagt, mit einer so erschütternden Gleichgültigkeit; und sein Dastehen, dies schlaffe An-der-Wand-Lehnen eines triefenden, nassen, von innen her erschöpften Menschen erschütterte mich derart, daß ich gar nicht Zeit hatte für ein kleines, dummes Beleidigtsein. Ich empfand nur, was ich vom ersten Augenblick an, da ich ihn aus dem Saal taumeln sah, und während dieser unwahrscheinlichen Stunde ununterbrochen empfunden: Daß hier ein Mensch, ein junger, lebendiger, atmender Mensch, knapp vor dem Tode stände und ich ihn retten mußte. Ich trat näher.

»Kümmern Sie sich nicht um Geld und kommen Sie! Hier dürfen Sie nicht bleiben, ich werde Sie schon unterbringen. Kümmern Sie sich um gar nichts, kommen Sie nur jetzt!«

Er wandte den Kopf, ich spürte, wie er, indes der Regen dumpf um uns trommelte und die Traufe klatschendes Wasser zu unseren Füßen hinwarf, wie er da mitten im Dunkel zum erstenmal sich bemühte, mein Gesicht zu sehen. Auch der Körper schien langsam aus seiner Lethargie zu erwachen.

»Nun, wie du willst«, sagte er nachgebend. »Mir ist alles einerlei… Schließlich warum nicht? Gehen wir.« Ich spannte den Schirm auf, er trat an meine Seite und faßte mich unter dem Arm. Diese plötzliche Vertraulichkeit war mir unangenehm, ja sie entsetzte mich, ich erschrak bis hinab in das Unterste meines Herzens. Aber ich hatte nicht den Mut, ihm etwas zu verbieten; denn stieß ich ihn jetzt zurück, so fiel er ins Bodenlose, und alles war vergeblich, was ich bisher versucht. Wir gingen die wenigen Schritte gegen das Kasino zurück. Jetzt fiel mir erst ein, daß ich nicht wußte, was mit ihm anfangen. Am besten, überlegte ich rasch, ihn zu einem Hotel führen, ihm dort Geld in die Hand drücken, daß er übernachten und morgen heimreisen kann: weiter dachte ich nicht. Und wie jetzt die Wagen hastig vor das Kasino vorfuhren, rief ich einen an, wir stiegen ein. Als der Kutscher fragte, wohin, wußte ich zunächst keine Antwort. Aber mich plötzlich erinnernd, daß der gänzlich durchnäßte, triefende Mensch neben mir in keinem der guten Hotels Aufnahme finden könnte anderseits aber auch als wahrhaft unerfahrene Frau an ein Zweideutiges gar nicht denkend, rief ich dem Kutscher nur zu: »In irgendein einfaches Hotel!«

Der Kutscher, gleichmütig, regenübergossen, trieb die Pferde an. Der fremde Mensch neben mir sprach kein Wort, die Räder rasselten, und der Regen klatschte in wuchtigem Niederschlag gegen die Scheiben: mir war in diesem dunklen, lichtlosen, sarghaften Viereck zumute, als ob ich mit einer Leiche führe. Ich versuchte nachzudenken, irgendein Wort zu finden, um das Sonderbare und Grauenvolle dieses stummen Beisammenseins abzuschwächen, aber mir fiel nichts ein. Nach einigen Minuten hielt der Wagen, ich stieg zuerst aus, entlohnte den Kutscher, indes jener gleichsam schlaftrunken den Schlag zuklinkte. Wir standen jetzt vor der Tür eines kleinen, fremden Hotels, über uns wölbte ein gläsernes Vordach sein winziges Stück geschützten Raumes gegen den Regen, der ringsum mit gräßlicher Monotonie die undurchdringliche Nacht zerfranste.

Der fremde Mensch, seiner Schwere nachgebend, hatte sich unwillkürlich an die Wand gelehnt, es tropfte und triefte von seinem nassen Hut, seinen zerdrückten Kleidern. Wie ein Ertrunkener, den man aus dem Fluß geholt mit noch benommenen Sinnen, so stand er da, und um den kleinen Fleck, wo er lehnte, bildete sich ein Rinnsal von niederrieselndem Wasser. Aber er machte nicht die geringste Anstrengung, sich abzuschütteln, den Hut wegzuschwenken, von dem Tropfen immer wieder über Stirn und Gesicht niederliefen. Er stand vollkommen teilnahmslos, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie diese Zerbrochenheit mich erschütterte.

Aber jetzt mußte etwas geschehen. Ich griff in meine Tasche: »Da haben Sie hundert Franken« sagte ich, »nehmen Sie sich damit ein Zimmer und fahren Sie morgen nach Nizza zurück.«

Er sah erstaunt auf.

»Ich habe Sie im Spielsaale beobachtet«, drängte ich, sein Zögern bemerkend. »Ich weiß, daß Sie alles verloren haben, und fürchte, Sie sind auf dem besten Wege, eine Dummheit zu machen. Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen… Da, nehmen Sie!«

Aber er schob meine Hand zurück mit einer Energie, die ich ihm nicht zugetraut hätte. »Du bist ein guter Kerl«, sagte er, »aber vertu dein Geld nicht. Mir ist nicht mehr zu helfen. Ob ich diese Nacht noch schlafe oder nicht, ist vollkommen gleichgültig. Morgen ist ohnehin alles zu Ende. Mir ist nicht zu helfen.«

»Nein, Sie müssen es nehmen«, drängte ich, »morgen werden Sie anders denken. Gehen Sie jetzt erst einmal hinauf, überschlafen Sie alles. Bei Tag haben die Dinge ein anderes Gesicht.«

Doch er stieß, da ich ihm neuerdings das Geld aufdrängte, beinahe heftig meine Hand weg. »Laß das«, wiederholte er nochmals dumpf, »es hat keinen Sinn. Besser, ich tue das draußen ab, als den Leuten hier ihr Zimmer mit Blut schmutzig zu machen. Mir ist mit hundert Franken nicht zu helfen und mit tausend auch nicht. Ich würde doch morgen wieder mit den letzten paar Franken in den Spielsaal gehen und nicht früher aufhören, als bis alles weg ist. Wozu nochmals anfangen, ich habe genug.«

Sie können nicht ermessen, wie mir dieser dumpfe Ton bis in die Seele drang; aber denken Sie sich das aus: zwei Zoll von Ihnen steht ein junger, heller, lebendiger, atmender Mensch, und man weiß, wenn man nicht alle Kräfte aufrafft, wird dieses denkende, sprechende, atmende Stück Jugend in zwei Stunden eine Leiche sein. Und nun wurde es für mich gleichsam eine Wut, ein Zorn, diesen sinnlosen Widerstand zu besiegen. Ich packte seinen Arm: »Schluß mit diesen Dummheiten! Sie werden jetzt hinaufgehen und sich ein Zimmer nehmen, und morgen früh komme ich und schaffe Sie an die Bahn. Sie müssen fort von hier, Sie müssen noch morgen nach Hause fahren, und ich werde nicht früher rasten, ehe ich Sie nicht selbst mit der Fahrkarte im Zuge sehe. Man wirft sein Leben nicht weg, wenn man jung ist, nur weil man gerade ein paar hundert oder tausend Franken verloren hat. Das ist Feigheit, eine dumme Hysterie von Zorn und Erbitterung. Morgen werden Sie mir selbst recht geben!«

»Morgen!« wiederholte er mit sonderbar düsterer und ironischer Betonung. »Morgen! Wenn du wüßtest, wo ich morgen bin! Wenn ich selbst es wüßte, ich bin eigentlich schon ein wenig neugierig darauf. Nein, geh nach Hause, mein Kind, gib dir keine Mühe und vertu nicht dein Geld.«

Aber ich ließ nicht mehr nach. Es war wie eine Manie, wie eine Raserei in mir. Gewaltsam packte ich seine Hand und preßte die Banknote hinein. »Sie werden das Geld nehmen und sofort hinaufgehen!« und dabei trat ich entschlossen zur Klingel und läutete an. »So, jetzt habe ich angeläutet, der Portier wird gleich kommen, Sie gehen hinauf und legen sich nieder. Morgen neun Uhr warte ich dann vor dem Haus und bringe Sie sofort an die Bahn. Machen Sie sich keine Sorge um alles Weitere, ich werde schon das Nötige veranlassen, daß Sie bis nach Hause kommen. Aber jetzt legen Sie sich nieder, schlafen Sie aus und denken Sie nicht weiter!«

In diesem Augenblick knackte der Schlüssel an der Tür von innen her, der Portier öffnete.

»Komm!« sagte er da plötzlich mit einer harten, festen erbitterten Stimme, und eisern fühlte ich mein Handgelenk von seinen Fingern umspannt. Ich erschrak… ich erschrak so durch und durch, so gelähmt, so blitzhaft getroffen, daß mir alle Besinnung schwand … Ich wollte mich wehren, mich losreißen… aber mein Wille war wie gelähmt… und ich … Sie werden es verstehen… ich … ich schämte mich, vor dem Portier, der da wartend und ungeduldig stand, mit einem fremden Menschen zu ringen. Und so… so stand ich mit einem Male innen im Hotel; ich wollte sprechen, etwas sagen, aber die Kehle stockte mir… an meinem Arm lag schwer und gebietend seine Hand … ich spürte dumpf, wie sie mich unbewußt eine Treppe hinaufzog … ein Schlüssel knackte… Und plötzlich war ich mit diesem fremden Menschen allein in einem fremden Zimmer, in irgendeinem Hotel, dessen Namen ich heute noch nicht weiß.«

Mrs. C. hielt wieder inne und stand plötzlich auf. Die Stimme schien ihr nicht mehr zu gehorchen. Sie ging zum Fenster, sah stumm einige Minuten hinaus oder lehnte vielleicht nur die Stirn an die kalte Scheibe: ich hatte nicht den Mut, genau hinzusehen, denn es war mir peinlich, die alte Dame in ihrer Erregung zu beobachten. So saß ich still, ohne Frage, ohne Laut, und wartete, bis sie wieder mit gebändigtem Schritt zurückkam und sich mir gegenübersetzte.

»So – jetzt ist das Schwerste gesagt. Und ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen nun nochmals versichere, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Ehre und bei meinen Kindern, schwöre, daß mir bis zu jener Sekunde kein Gedanke an eine… eine Verbindung mit diesem fremden Menschen in den Sinn gekommen war, daß ich wirklich ohne jeden wachen Willen, ja ganz ohne Bewußtsein wie durch eine Falltür vom ebenen Weg meiner Existenz plötzlich in diese Situation gestürzt war. Ich habe mir geschworen, zu Ihnen und zu mir wahr zu sein, so wiederhole ich Ihnen nochmals, daß ich nur durch einen fast überreizten Willen zur Hilfe durch kein anderes, kein persönliches Gefühl, also ganz ohne jeden Wunsch, ohne jede Ahnung in dieses tragische Abenteuer geriet.

Was in jenem Zimmer, was in jener Nacht geschah, ersparen Sie mir zu erzählen; ich selbst habe keine Sekunde dieser Nacht vergessen und will sie auch niemals vergessen. Denn in jener Nacht rang ich mit einem Menschen um sein Leben, denn ich wiederhole: um Leben und Sterben ging dieser Kampf. Zu unverkennbar spürte ichs mit jedem Nerv, daß dieser fremde Mensch, dieser halb schon Verlorene bereits mit aller Gier und Leidenschaft eines tödlich Bedrohten noch um das Letzte griff. Er klammerte sich an mich wie einer, der bereits den Abgrund unter sich fühlt. Ich aber raffte alles aus mir auf, um ihn zu retten mit allem, was mir gegeben war. Solche Stunde erlebt vielleicht ein Mensch nur einmal in seinem Leben, und von Millionen wieder nur einer – auch ich hätte nie geahnt ohne diesen fürchterlichen Zufall, wie glühend, wie verzweifelnd, mit welcher unbändigen Gier sich ein aufgegebener, ein verlorener Mensch noch einmal an jeden roten Tropfen Leben ansaugt, ich hätte, zwanzig Jahre lang fern von allen dämonischen Mächten des Daseins, nie begriffen, wie großartig und phantastisch die Natur manchmal ihr Heiß und Kalt, Tod und Leben, Entzückung und Verzweiflung in ein paar knappe Atemzüge zusammendrängt. Und diese Nacht war so angefüllt mit Kampf und Gespräch, mit Leidenschaft und Zorn und Haß, mit Tränen der Beschwörung und der Trunkenheit, daß sie mir tausend Jahre zu dauern schien und wir zwei Menschen, die verschlungen ihren Abgrund hinabtaumelten, todeswütig der eine, ahnungslos der andere, anders hervorgingen aus diesem tödlichen Tumult, anders, vollkommen verwandelt, mit andern Sinnen, anderem Gefühl.

Aber ich will davon nicht sprechen. Ich kann und will das nicht schildern. Nur diese eine unerhörte Minute meines Erwachens am Morgen muß ich Ihnen doch andeuten. Ich erwachte aus einem bleiernen Schlaf, aus einer Tiefe der Nacht, wie ich sie nie gekannt. Ich brauchte lange, ehe ich die Augen aufschlug, und das erste, was ich sah, war über mir eine fremde Zimmerdecke, und weiter tastend dann ein ganz fremder, unbekannter, häßlicher Raum, von dem ich nicht wußte, wie ich hineingeraten. Zuerst beredete ich mich, noch Traum sei dies, ein hellerer, durchsichtigerer Traum, in den ich aus jenem ganz dumpfen und verworrenen Schlaf emporgetaucht sei – aber vor den Fenstern stand schon schneidend klares, unverkennbar wirkliches Sonnenlicht, Morgenlicht, von unten her dröhnte die Straße mit Wagengerassel, Tramwayklingeln und Menschenlaut – und nun wußte ich, daß ich nicht mehr träume, sondern wach sei. Unwillkürlich richtete ich mich auf, um mich zu besinnen, und da … wie ich den Blick seitwärts wandte … da sah ich – und nie werde ich Ihnen meinen Schrecken schildern können – einen fremden Menschen im breiten Bette neben mir schlafen … aber fremd, fremd, fremd, ein halbnackter, unbekannter Mensch … Nein, dieses Entsetzen, ich weiß es, beschreibt sich nicht: es fiel so furchtbar über mich, daß ich zurücksank ohne Kraft. Aber es war nicht gute Ohnmacht, kein Nichtmehrwissen, im Gegenteil: mit blitzhafter Geschwindigkeit war mir alles ebenso bewußt wie unerklärbar, und ich hatte nur den einen Wunsch, zu sterben vor Ekel und Scham, mich plötzlich mit einem wildfremden Menschen in dem fremden Bett einer wohl verdächtigen Spelunke zu finden. Ich weiß noch deutlich, mein Herzschlag setzte aus, ich hielt den Atem an, als könnte ich mein Leben damit und vor allem das Bewußtsein auslöschen, dieses klare, grauenhaft klare Bewußtsein, das alles begriff und doch nichts verstand.

Ich werde niemals wissen, wie lange ich dann so gelegen habe, eiskalt an allen Gliedern: Tote müssen ähnlich starr im Sarge liegen. Ich weiß nur, ich hatte die Augen geschlossen und betete zu Gott, zu irgendeiner Macht des Himmels, es möge nicht wahr, es möge nicht wirklich sein. Aber meine geschärften Sinne erlaubten nun keinen Betrug mehr, ich hörte im Nachbarzimmer Menschen sprechen, Wasser rauschen, außen schlurften Schritte im Gang, und jedes dieser Zeichen bezeugte unerbittlich das grausam Wache meiner Sinne.

Wie lange dieser gräßliche Zustand gedauert hat, vermag ich nicht zu sagen: solche Sekunden haben andere Zeiten als die gemessenen des Lebens. Aber plötzlich überfiel mich eine andere Angst, die jagende, grauenhafte Angst: dieser fremde Mensch, dessen Namen ich gar nicht kannte, möchte jetzt aufwachen und zu mir sprechen. Und sofort wußte ich, daß es für mich nur eines gäbe: mich anziehen, flüchten, ehe er erwachte. Nicht mehr von ihm gesehen werden, nicht mehr zu ihm sprechen. Sich rechtzeitig retten, fort, fort, fort, zurück in irgendein eigenes Leben, in mein Hotel, und gleich mit dem nächsten Zuge fort von diesem verruchten Ort, aus diesem Land, ihm nie mehr begegnen, nie mehr ins Auge sehen, keinen Zeugen haben, keinen Ankläger und Mitwisser. Der Gedanke riß die Ohnmacht in mir auf: ganz vorsichtig, mit den schleicherischen Bewegungen eines Diebes rückte ich Zoll um Zoll (nur um keinen Lärm zu machen) aus dem Bette und tastete zu meinen Kleidern. Ganz vorsichtig zog ich mich an, jede Sekunde zitternd vor seinem Erwachen, und schon war ich fertig, schon war es gelungen. Nur mein Hut lag drüben auf der anderen Seite zu Füßen des Bettes, und jetzt, wie ich auf den Zehen hintastete, ihn aufzuheben – in dieser Sekunde konnte ich nicht anders: ich mußte noch einen Blick auf das Gesicht dieses fremden Menschen werfen, der in mein Leben wie ein Stein vom Gesims gestürzt war. Nur einen bloßen Blick wollte ich hinwerfen, aber… es war sonderbar, denn der fremde, junge Mann, der dort schlummernd lag – war wirklich ein fremder Mensch für mich: im ersten Augenblick erkannte ich gar nicht das Gesicht von gestern. Denn wie weggelöscht waren die von Leidenschaft vorgetriebenen, krampfig aufgewühlten, gespannten Züge des tödlich Aufgeregten – dieser da hatte ein anderes, ein ganz kindliches, ganz knabenhaftes Gesicht, das geradezu strahlte von Reinheit und Heiterkeit. Die Lippen, gestern verbissen und zwischen die Zähne geklemmt, träumten weich auseinander gefallen, und halb schon zu einem Lächeln gerundet; weich lockten sich die blonden Haare die faltenlose Stirn herab, und linden Wellenspiels ging ruhig der Atem von der Brust über den ruhenden Körper hin.

Sie können sich vielleicht entsinnen, daß ich Ihnen früher erzählte, ich hätte noch nie so stark, in einem so verbrecherisch starken Unmaß den Ausdruck von Gier und Leidenschaft an einem Menschen beobachtet wie bei diesem Fremden am Spieltisch. Und ich sage Ihnen, daß ich nie, selbst bei Kindern nicht, die doch im Säuglingsschlaf manchmal einen engelhaften Schimmer von Heiterkeit um sich haben, jemals einen solchen Ausdruck von reiner Helligkeit, von wahrhaft seligem Schlummer gesehen habe. In diesem Gesicht formten sich eben mit einziger Plastik alle Gefühle heraus, nun ein paradiesisches Entspanntsein von aller innerlichen Schwere, ein Gelöstsein, ein Gerettetsein. Bei diesem überraschenden Anblick fiel wie ein schwerer, schwarzer Mantel von mir alle Angst, alles Grauen ab – ich schämte mich nicht mehr, nein, ich war beinahe froh. Das Furchtbare, das Unfaßbare hatte plötzlich für mich Sinn bekommen, ich freute mich, ich war stolz bei dem Gedanken, daß dieser junge, zarte, schöne Mensch, der hier heiter und still wie eine Blume lag, ohne meine Hingabe zerschellt, blutig, mit einem zerschmetterten Gesicht, leblos, mit kraß aufgerissenen Augen irgendwo an einem Felsenhang aufgefunden worden wäre: ich hatte ihn gerettet, er war gerettet. Und ich sah nun – ich kann es nicht anders sagen – mit meinem mütterlichen Blick auf diesen Schlafenden hin, den ich noch einmal – schmerzvoller als meine eigenen Kinder – in das Leben zurückgeboren hatte. Und mitten in diesem verbrauchten, abgeschmutzten Zimmer, in diesem ekligen, schmierigen Gelegenheitshotel, überkam mich – mögen Sie es noch so lächerlich im Worte finden – ein Gefühl wie in einer Kirche, ein Beseligtsein von Wunder und Heiligung. Aus der furchtbarsten Sekunde eines ganzen Lebens wuchs mir schwesterhaft eine zweite, die erstaunlichste und überwältigendste zu.

Hatte ich mich zu laut bewegt? Hatte ich unwillkürlich etwas gesprochen? Ich weiß es nicht. Aber plötzlich schlug der Schlafende die Augen auf. Ich erschrak und fuhr zurück. Er sah erstaunt um sich – genau so wie früher ich selbst, so schien nun er aus ungeheurer Tiefe und Verworrenheit mühselig emporzusteigen. Sein Blick umwanderte angestrengt das fremde, unbekannte Zimmer, dann fiel er staunend auf mich. Aber ehe er noch sprach oder sich ganz besinnen konnte, hatte ich mich gefaßt. Nicht ihn zu Wort kommen lassen, keine Frage, keine Vertraulichkeit gestatten, es durfte nichts erneuert werden, nichts erläutert, nichts besprochen werden von gestern und von dieser Nacht.

»Ich muß jetzt weggehen«, bedeutete ich ihm rasch, »Sie bleiben hier zurück und ziehen sich an. Um zwölf Uhr treffe ich Sie dann am Eingang des Kasinos: dort werde ich für alles Weitere sorgen.«

Und ehe er ein Wort entgegnen konnte, flüchtete ich hinaus, nur um das Zimmer nicht mehr zu sehen, und lief ohne mich umzuwenden, aus dem Hause, dessen Namen ich ebensowenig wußte wie jenen des fremden Mannes, mit dem ich darin eine Nacht verbracht.«

Einen Atemzug lang unterbrach Mrs. C. ihre Erzählung. Aber alles Gespannte und Gequälte war weg aus ihrer Stimme: wie ein Wagen, der schwer den Berg sich hinaufgemüht, dann aber von erreichter Höhe leicht rollend und geschwind die Senke herabrollt, so flügelte jetzt in entlasteter Rede ihr Bericht:

»Also: Ich eilte in mein Hotel durch die morgendlich erhellten Straßen, denen der Wettersturz alles Dumpfe vom Himmel so weggerissen, wie mir jetzt das qualhafte Gefühl. Denn vergessen Sie nicht, was ich Ihnen früher sagte: Ich hatte nach dem Tode meines Mannes mein Leben vollkommen aufgegeben. Meine Kinder brauchten mich nicht, ich selber wollte mich nicht, und alles Leben ist Irrtum, das nicht zu einem bestimmten Zweck lebt. Nun war mir zum erstenmal unvermutet eine Aufgabe zugefallen: Ich hatte einen Menschen gerettet, ihn aus seiner Vernichtung aufgerissen mit allem Aufgebot meiner Kräfte. Nur ein Kurzes war noch zu überwinden, und diese Aufgabe mußte zu Ende getan sein. Ich lief also in mein Hotel: der erstaunte Blick des Portiers, daß ich erst jetzt um neun Uhr morgens nach Hause kam, glitt an mir ab – nichts mehr von Scham und Ärger über das Geschehnis drückte auf meine Sinne, sondern ein plötzliches Wiederaufgetansein meines Lebenswillens, ein unvermutet neues Gefühl von der Notwendigkeit meines Daseins durchblutete warm die erfüllten Adern. In meinem Zimmer kleidete ich mich rasch um, legte unbewußt (ich habe es erst später bemerkt) das Trauerkleid ab, um es mit einem helleren zu vertauschen, ging in die Bank, mir Geld zu beheben, hastete zum Bahnhof, mich nach der Abfahrt der Züge zu erkundigen; mit einer mir selber erstaunlichen Entschlossenheit bewältigte ich noch außerdem ein paar andere Besorgungen und Verabredungen. Nun war nichts mehr zu tun, als mit dem mir vom Schicksal zugeworfenen Menschen die Abreise und endgültige Rettung zu erledigen.

Freilich, dies erforderte Kraft, ihm nun persönlich gegenüberzutreten. Denn alles Gestrige war im Dunkel geschehen, in einem Wirbel, wie wenn zwei Steine, von einem Sturzbach gerissen, plötzlich zusammengeschlagen werden; wir kannten einander kaum von Angesicht zu Angesicht, ja ich war nicht einmal gewiß, ob jener Fremde mich überhaupt noch erkennen würde. Gestern – das war ein Zufall, ein Rausch, eine Besessenheit zweier verwirrter Menschen gewesen, heute aber tat es not, mich ihm offener preiszugeben als gestern, weil ich jetzt im unbarmherzig klaren Tageslicht mit meiner Person, mit meinem Gesicht, als lebendiger Mensch ihm gegenübertreten mußte.

Aber alles ergab sich leichter, als ich dachte. Kaum hatte ich zu vereinbarter Stunde mich dem Kasino genähert, als ein junger Mensch von einer Bank aufsprang und mir entgegeneilte. Es war etwas dermaßen Spontanes, etwas so Kindliches, Absichtsloses und Beglücktes in seinem Überraschtsein, wie in jeder seiner sprachmächtigen Bewegungen: er flog nur so her, den Strahl dankbarer und gleichzeitig ehrerbietiger Freude in den Augen, und schon senkten sie sich demütig, sobald sie die meinen vor seiner Gegenwart sich verwirren fühlten. Dankbarkeit, man spürt sie ja so selten bei Menschen, und gerade die Dankbarsten finden nicht den Ausdruck dafür, sie schweigen verwirrt, sie schämen sich und tun manchmal stockig, um ihr Gefühl zu verbergen. Hier aber in diesem Menschen, dem Gott wie ein geheimnisvoller Bildhauer alle Gesten der Gefühle sinnlich, schön und plastisch herauszwang, glühte auch die Geste der Dankbarkeit wie eine Leidenschaft strahlend durch den Kern des Körpers. Er beugte sich über meine Hand, und die schmale Linie seines Knabenkopfes devot niedergesenkt, verharrte er so eine Minute in respektvollem, die Finger nur anstreifendem Kusse, dann erst trat er wieder zurück, fragte nach meinem Befinden, sah mich rührend an, und so viel Anstand war in jedem seiner Worte, daß in wenigen Minuten die letzte Beängstigung von mir schwand. Und gleichsam spiegelhaft für die eigene Erhellung des Gefühles, leuchtete ringsum die Landschaft völlig entzaubert: das Meer, das gestern zornig erregte, lag so unbewegt still und hell, daß jeder Kiesel unter der kleinen Brandung weiß bis zu uns herüberglänzte, das Kasino, dieser Höllenpfuhl, blickte maurisch blank in den ausgefegten, damastenen Himmel, und jener Kiosk, unter dessen Schutzdach uns gestern der plätschernde Regen gedrängt, war aufgebrochen zu einem Blumenladen: hingeschüttet lagen dort weiß, rot, grün und bunt in gesprenkeltem Durcheinander breite Büsche von Blüten und Blumen, die ein junges Mädchen in buntbrennender Bluse feilbot. Ich lud ihn ein, zu Mittag in einem kleinen Restaurant zu speisen; dort erzählte mir der fremde, junge Mensch die Geschichte seines tragischen Abenteuers. Sie war ganz Bestätigung meiner ersten Ahnung, als ich seine zitternden, nervengeschüttelten Hände auf dem grünen Tisch gesehen. Er stammte aus einer alten Adelsfamilie des österreichischen Polens, war für die diplomatische Karriere bestimmt, hatte in Wien studiert und vor einem Monat das erste seiner Examina mit außerordentlichem Erfolge abgelegt. Um diesen Tag zu feiern, hatte ihn sein Onkel, ein höherer Offizier des Generalstabes, bei dem er wohnte, zur Belohnung mit einem Fiaker in den Prater geführt, und sie waren zusammen auf den Rennplatz gegangen. Der Onkel hatte Glück beim Spiel, gewann dreimal hintereinander: mit einem dicken Pack erbeuteter Banknoten soupierten sie dann in einem eleganten Restaurant. Am nächsten Tage nun empfing zur Belohnung für das erfolgreiche Examen der angehende Diplomat von seinem Vater einen Geldbetrag in der Höhe seines Monatsgeldes; zwei Tage vorher wäre ihm diese Summe noch groß erschienen, nun aber, nach der Leichtigkeit jenes Gewinnes, dünkte sie ihm gleichgültig und gering. So fuhr er gleich nach Tisch wieder zum Trabrennen, setzte wild und leidenschaftlich, und sein Glück oder vielmehr sein Unglück wollte, daß er mit dem Dreifachen jener Summe nach dem letzten Rennen den Prater verließ. Und nun war Raserei des Spieles bald beim Rennen, bald in Kaffeehäusern oder in Klubs über ihn gekommen, die ihm Zeit, Studium, Nerven und vor allem sein Geld aufzehrte. Er vermochte nicht mehr zu denken, nicht mehr ruhig zu schlafen und am wenigsten, sich zu beherrschen; einmal in der Nacht, nach Hause gekommen vom Klub, wo er alles verloren hatte, fand er beim Auskleiden noch eine vergessene Banknote zerknüllt in seiner Weste. Es hielt ihn nicht, er zog sich noch einmal an und irrte herum, bis er in irgendeinem Kaffeehause ein paar Dominospieler fand, mit denen er noch bis ins Morgengrauen saß. Einmal half ihm seine verheiratete Schwester aus und zahlte die Schulden an Wucherer, die dem Erben eines großen Adelsnamens voll Bereitschaft kreditierten. Eine Zeitlang deckte ihn wieder das Spielglück – dann aber ging es unaufhaltsam abwärts, und je mehr er verlor, um so gieriger forderten ungedeckte Verpflichtungen und befristete Ehrenworte entscheidend erlösenden Gewinn. Längst hatte er schon seine Uhr, seine Kleider versetzt, und schließlich geschah das Entsetzliche: er stahl der alten Tante zwei große Boutons, die sie selten trug, aus dem Schrank. Den einen versetzte er um einen hohen Betrag, den das Spiel noch am selben Abend vervierfachte. Aber statt ihn nun auszulösen, wagte er das Ganze und verlor. Zur Stunde seiner Abreise war der Diebstahl noch nicht entdeckt, so versetzte er den zweiten Bouton und reiste, einer plötzlichen Eingebung folgend, in einem Zuge nach Monte Carlo, um sich im Roulette das erträumte Vermögen zu holen. Bereits hatte er hier seinen Koffer verkauft, seine Kleider, seinen Schirm, nichts war ihm geblieben als der Revolver mit vier Patronen und ein kleines, mit Edelsteinen besetztes Kreuz seiner Patin, der Fürstin X., von dem er sich nicht trennen wollte. Aber auch dieses Kreuz hatte er um fünfzig Franken nachmittags verkauft, nur um abends noch ein letztes Mal die zuckende Lust des Spiels auf Tod und Leben versuchen zu können.

Das alles erzählte er mir mit jener hinreißenden Anmut seines schöpferisch belebten Wesens. Und ich hörte zu, erschüttert, gepackt, erregt; aber nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, mich zu entrüsten, daß dieser Mensch an meinem Tisch doch eigentlich ein Dieb war. Hätte gestern jemand mir, einer Frau mit tadellos verbrachtem Leben, die in ihrer Gesellschaft strengste, konventionelle Würdigkeit forderte, auch nur angedeutet, ich würde mit einem wildfremden jungen Menschen, kaum älter als mein Sohn und der Perlenboutons gestohlen hatte, vertraulich beisammensitzen – ich hätte ihn für sinnberaubt gehalten. Aber nicht einen Augenblick lang empfand ich bei seiner Erzählung etwas wie Entsetzen, erzählte er doch all dies dermaßen natürlich und mit einer solchen Leidenschaft, daß seine Handlung eher als der Bericht eines Fiebers, einer Krankheit wirkte denn als ein Ärgernis. Und dann: wer selber gleich mir in der vergangenen Nacht etwas so kataraktisch Unerwartetes erfahren, dem hatte das Wort »unmöglich« mit einem Male seinen Sinn verloren. Ich hatte eben in jenen zehn Stunden unfaßbar mehr an Wirklichkeitswissen erlebt als vordem in vierzig bürgerlich verbrachten Jahren.

Ein anderes aber erschreckte mich dennoch an jener Beichte, und das war der fiebrige Glanz in seinen Augen, der alle Nerven seines Gesichtes elektrisch zucken ließ, wenn er von seiner Spielleidenschaft erzählte. Noch die Wiedergabe regte ihn auf, und mit furchtbarer Deutlichkeit zeichnete sein plastisches Gesicht jede Spannung lusthaft und qualvoll nach. Unwillkürlich begannen seine Hände, diese wundervollen, schmalgelenkigen, nervösen Hände, genau wie am Spieltisch, selbst wieder raubtierhafte, jagende und flüchtende Wesen zu werden: ich sah sie, indes er erzählte, plötzlich von den Gelenken herauf zittern, sich übermächtig krümmen und zusammenballen, dann wieder aufschnellen und neu sich ineinanderknäueln. Und wie er den Diebstahl der Boutons beichtete, da taten sie (ich zuckte unwillkürlich zusammen), blitzhaft vorspringend, den raschen, diebischen Griff: ich sah geradezu, wie die Finger toll auf den Schmuck lossprangen und ihn hastig einschluckten in die Höhlung der Faust. Und mit einem namenlosen Erschrecken erkannte ich, daß dieser Mensch vergiftet war von seiner Leidenschaft bis in den letzten Blutstropfen.

Nur das allein war es, was mich an seiner Erzählung so sehr erschütterte und entsetzte, diese erbärmliche Hörigkeit eines jungen, klaren, von eigentlicher Natur her sorglosen Menschen an eine irrwitzige Passion. So hielt ich es für meine erste Pflicht, meinem unvermuteten Schützling freundschaftlich zuzureden, er müsse sofort weg von Monte Carlo, wo die Versuchung am gefährlichsten sei, müsse noch heute zu seiner Familie zurück, ehe das Verschwinden der Boutons bemerkt und seine Zukunft für immer verschüttet sei. Ich versprach ihm Geld für die Reise und die Auslösung des Schmuckes, freilich nur unter der Bedingung, daß er noch heute abreise und mir bei seiner Ehre schwöre, nie mehr eine Karte anzurühren oder sonst Hasard zu spielen.

Nie werde ich vergessen, mit welcher erst demütigen, dann allmählich aufleuchtenden Leidenschaft der Dankbarkeit dieser fremde, verlorene Mensch mir zuhörte, wie er meine Worte trank, als ich ihm Hilfe versprach; und plötzlich streckte er beide Hände über den Tisch, die meinen zu fassen mit einer mir unauslöschlichen Gebärde gleichsam der Anbetung und heiligen Gelobens. In seinen hellen, sonst ein wenig wirren Augen standen Tränen, der ganze Körper zitterte nervös vor beglückter Erregung. Wie oft habe ich schon versucht, Ihnen die einzige Ausdrucksfähigkeit seiner Gebärden zu schildern, aber diese Geste vermag ich nicht darzustellen, denn es war eine so ekstatische, überirdische Beseligung, wie sie ein menschliches Antlitz uns sonst kaum zuwendet, sondern jenem weißen Schatten nur war sie vergleichbar, wenn man erwachend aus einem Traum das entschwindende Antlitz eines Engels vor sich zu erblicken vermeint.

Warum es verschweigen: ich hielt diesem Blicke nicht stand. Dankbarkeit beglückt, weil man sie so selten sichtbar erlebt, Zartgefühl tut wohl, und mir, dem gemessenen, kühlen Menschen, bedeutete solcher Überschwang ein wohltuendes, ja beglückendes Neues. Und dann: gleichzeitig mit diesem erschütterten, zertretenen Menschen war auch die Landschaft nach dem gestrigen Regen magisch aufgewacht. Herrlich glänzte, als wir aus dem Restaurant traten, das völlig beruhigte Meer, blau bis in den Himmel hinein und nur weiß überschwebt von Möwen dort in anderem, höherem Blau. Sie kennen ja die Rivieralandschaft. Sie wirkt immer schön, aber doch flach wie eine Ansichtskarte hält sie ihre immer satten Farben dem Auge gemächlich hin, eine schlafende, träge Schönheit, die sich gleichmütig von jedem Blicke betasten läßt, orientalisch fast in ihrer ewig üppigen Bereitschaft. Aber manchmal, ganz selten, gibt es hier Tage, da steht diese Schönheit auf, da bricht sie vor, da schreit sie einen gleichsam energisch an mit grellen, fanatisch funkelnden Farben, da schleudert sie einem ihre Blumenbuntheit sieghaft entgegen, da glüht, da brennt sie in Sinnlichkeit. Und ein solcher begeisterter Tag war auch damals aus dem stürmischen Chaos der Wetternacht vorgebrochen, weißgewaschen blinkte die Straße, türkisen der Himmel, und überall zündeten sich Büsche, farbige Fackeln, aus dem saftig durchfeuchteten Grün. Die Berge schienen plötzlich heller herangekommen in der entschwülten, vielsonnigen Luft: sie scharten sich neugierig näher an das blankpolierte glitzernde Städtchen, in jedem Blicke spürte man heraustretend das Fordernde und Aufmunternde der Natur und wie sie unwillkürlich das Herz an sich riß: »Nehmen wir einen Wagen«, sagte ich, »und fahren wir die Corniche entlang.«

Er nickte begeistert: zum erstenmal seit seiner Ankunft schien dieser junge Mensch die Landschaft überhaupt zu sehen und zu bemerken. Bisher hatte er nichts gekannt als den dumpfigen Kasinosaal mit seinem schwülen, schweißigen Geruch, dem Gedränge seiner häßlichen und verzerrten Menschen und ein unwirsches, graues, lärmendes Meer. Aber nun lag auseinandergefaltet der ungeheure Fächer des übersonnten Strandes vor uns, und das Auge taumelte beglückt von Ferne zu Ferne. Wir fuhren im langsamen Wagen (es gab damals noch keine Automobile) den herrlichen Weg, vorbei an vielen Villen und Blicken: hundertmal, an jedem Haus, an jeder in Piniengrün verschatteten Villa kam es einen an als geheimster Wunsch: hier könnte man leben, still, zufrieden, abseits von der Welt!

Bin ich jemals im Leben glücklicher gewesen als in jener Stunde? Ich weiß es nicht. Neben mir im Wagen saß dieser junge Mensch, gestern noch verkrallt in Tod und Verhängnis, und nun staunend vom weißen Sturz der Sonne übersprüht: ganze Jahre schienen von ihm gleichsam weggeglitten. Er schien ganz Knabe geworden, ein schönes, spielendes Kind mit übermütigen und gleichzeitig ehrfurchtsvollen Augen, an dem nichts mich mehr entzückte als sein wachsinniges Zartgefühl: Klomm der Wagen zu steil aufwärts und hatten die Pferde Mühe, so sprang er gelenkig ab, von rückwärts nachzuschieben. Nannte ich eine Blume oder deutete ich auf eine am Wege, so eilte er, sie abzupflücken. Eine kleine Kröte, die, vom gestrigen Regen verlockt, mühselig auf dem Wege kroch, hob er auf und trug sie sorgsam ins grüne Gras, damit sie nicht vom nachfahrenden Wagen zerdrückt werde; und zwischendurch erzählte er übermütig die lachendsten, anmutigsten Dinge: ich glaube, in diesem Lachen war eine Art Rettung für ihn, denn sonst hätte er singen müssen oder springen oder Tolles tun, so beglückt, so berauscht gebärdete sich sein plötzlicher Überschwang.

Als wir dann auf der Höhe ein winziges Dörfchen langsam durchfuhren, lüftete er plötzlich im Vorübergehen höflich den Hut. Ich staunte: wen grüßte er da, der Fremde unter Fremden? Er errötete leicht bei meiner Frage und erklärte, beinahe sich entschuldigend, wir seien an einer Kirche vorbeigefahren, und bei ihnen in Polen, wie in allen streng katholischen Ländern, werde es von Kindheit an geübt, vor jeder Kirche und jedem Gotteshaus den Hut zu senken. Diese schöne Ehrfurcht vor dem Religiösen ergriff mich tief, gleichzeitig erinnerte ich mich auch jenes Kreuzes, von dem er gesprochen, und fragte ihn, ob er gläubig sei. Und als er mit einer ein wenig verschämten Gebärde bescheiden zugab, er hoffe, der Gnade teilhaftig zu sein, überkam mich plötzlich ein Gedanke. »Halten Sie!« rief ich dem Kutscher zu und stieg eilig aus dem Wagen. Er folgte mir verwundert: »Wohin gehen wir?« Ich antwortete nur: »Kommen Sie mit.«

Ich ging, von ihm begleitet, zurück zur Kirche, einem kleinen Landgotteshaus aus Backstein. Kalkig, grau und leer dämmerten innere Wände, die Tür stand offen, so daß ein gelber Kegel von Licht scharf hinein ins Dunkel schnitt, darin Schatten einen kleinen Altar blau umbauschten. Zwei Kerzen blickten, verschleierten Auges, aus der weihrauchwarmen Dämmerung. Wir traten ein, er lüftete den Hut, tauchte die Hand in den Kessel der Entsündigung, bekreuzigte sich und beugte das Knie. Und kaum war er aufgestanden, so faßte ich ihn an. »Gehen Sie hin«, drängte ich, »zu einem Altar oder irgendeinem Bild hier, das Ihnen heilig ist, und leisten Sie dort das Gelöbnis, das ich Ihnen vorsprechen werde.« Er sah mich an, erstaunt, beinahe erschreckt. Aber schnell verstehend trat er hin zu einer Nische, schlug das Kreuz und kniete gehorsam nieder. »Sprechen Sie mir nach«, sagte ich, selbst zitternd vor Erregung, »sprechen Sie mir nach: Ich schwöre« – »Ich schwöre«, wiederholte er, und ich setzte fort: »daß ich niemals mehr an einem Spiel um Geld teilnehme, welcher Art es immer sei, daß ich nie mehr mein Leben und meine Ehre dieser Leidenschaft aussetzen werde.«

Er wiederholte zitternd die Worte: deutlich und laut hafteten sie in der vollkommenen Leere des Raumes. Dann ward es einen Augenblick still, so still, daß man von außen das leise Brausen der Bäume hören konnte, denen der Wind durch die Blätter griff. Und plötzlich warf er sich wie ein Büßender hin und sprach mit einer Ekstase, wie ich es nie gehört hatte, rasche und wirr hintereinandergejagte Worte polnischer Sprache, die ich nicht verstand. Aber es mußte ein ekstatisches Gebet sein, ein Gebet des Dankes und der Zerknirschung, denn immer wieder beugte die stürmische Beichte sein Haupt demütig zum Pulte herab, immer leidenschaftlicher wiederholten sich die fremden Laute, und immer heftiger ein und dasselbe mit unsäglicher Inbrunst herausgeschleuderte Wort. Nie vordem, nie nachdem habe ich in einer Kirche der Welt so beten gehört. Seine Hände umklammerten krampfig dabei das hölzerne Betpult, sein ganzer Körper war geschüttelt von einem inneren Orkan, der ihn manchmal aufriß, manchmal wieder niederwarf. Er sah, er fühlte nichts mehr: alles in ihm schien in einer andern Welt, in einem Fegefeuer der Verwandlung oder in einem Aufschwung zu einer heiligeren Sphäre. Endlich stand er langsam auf, schlug das Kreuz und wandte sich mühsam um. Seine Knie zitterten, sein Antlitz war blaß wie das eines schwer Erschöpften. Aber als er mich sah, strahlte sein Auge auf, ein reines, ein wahrhaft frommes Lächeln hellte sein fortgetragenes Gesicht; er trat näher heran, beugte sich russisch tief, faßte meine beiden Hände, sie ehrfürchtig mit den Lippen zu berühren: »Gott hat Sie mir gesandt. Ich habe ihm dafür gedankt.« Ich wußte nichts zu sagen. Aber ich hätte gewünscht, daß plötzlich über dem niederen Gestühl die Orgel anhebe zu brausen, denn ich fühlte, mir war alles gelungen: diesen Menschen hatte ich für immer gerettet.

Wir traten aus der Kirche in das strahlende, strömende Licht dieses maihaften Tages zurück: nie war mir die Welt schöner erschienen. Zwei Stunden fuhren wir noch im Wagen langsam den panoramenhaften, an jeder Kehre neuen Ausblick schenkenden Weg über die Hügel entlang. Aber wir sprachen nicht mehr. Nach diesem Aufwand des Gefühls schien jedes Wort Verminderung. Und wenn mein Blick zufällig den seinen traf, so mußte ich beschämt ihn wegwenden: es erschütterte mich zu sehr, mein eigenes Wunder zu sehen.

Gegen fünf Uhr nachmittags kehrten wir nach Monte Carlo zurück. Nun forderte mich noch eine Verabredung mit Verwandten, die abzusagen mir nicht mehr möglich war. Und eigentlich begehrte ich im Innersten eine Pause, ein Entspannen des zu gewaltsam aufgerissenen Gefühls. Denn es war zuviel des Glückes. Ich spürte, ich mußte ausruhen von diesem überheißen, diesem ekstatischen Zustand, wie ich ihn ähnlich nie in meinem Leben gekannt. So bat ich meinen Schützling, nur für einen Augenblick zu mir ins Hotel zu kommen; dort in meinem Zimmer übergab ich ihm das Geld für die Reise und die Auslösung des Schmuckes. Wir vereinbarten, daß er während meiner Verabredung sich die Fahrkarte besorge; dann wollten wir uns abends um sieben Uhr an der Eingangshalle des Bahnhofes treffen, eine halbe Stunde, ehe der Zug über Genua ihn nach Hause brachte. Als ich ihm die fünf Banknoten hinreichen wollte, wurden seine Lippen merkwürdig blaß: »Nein… kein… Geld… ich bitte Sie, kein Geld!« stieß er zwischen den Zähnen heraus, während seine Finger nervös und fahrig zurückzitterten. »Kein Geld… kein Geld… ich kann es nicht sehen«, wiederholte er noch einmal, gleichsam von Ekel oder Angst körperlich überwältigt. Aber ich beruhigte seine Scham, es sei doch bloß geliehen, und fühle er sich bedrückt, so möge er mir eine Quittung ausstellen. »Ja… ja… eine Quittung«, murmelte er abgewandten Blickes, knitterte die Banknoten, wie etwas, das klebrig an den Fingern schmutzt, unbesehen in die Tasche, und schrieb auf ein Blatt mit fliegenden hingejagten Zügen ein paar Worte. Als er aufsah, stand feuchter Schweiß auf seiner Stirne: etwas schien von innen empor stoßhaft in ihm aufzuwürgen, und kaum, daß er jenes lose Blatt mir zugeschoben, zuckte es ihn durch, und plötzlich – ich trat unwillkürlich erschrocken zurück – fiel er in die Knie und küßte mir den Saum des Kleides. Unbeschreibliche Geste: ich zitterte am ganzen Leib von ihrer übermächtigen Gewalt. Ein merkwürdiger Schauer kam über mich, ich wurde verwirrt und konnte nur stammeln: »Ich danke Ihnen, daß Sie so dankbar sind. Aber bitte, gehen Sie jetzt! Abends sieben Uhr an der Eingangshalle des Bahnhofes wollen wir dann Abschied nehmen.»

Er sah mich an, Glanz von Rührung durchfeuchtete seinen Blick; einen Augenblick meinte ich, er wolle etwas sagen, einen Augenblick schien es, als ob er mir entgegendrängte. Aber dann verbeugte er sich plötzlich noch einmal tief, ganz tief, und verließ das Zimmer.«

Wieder unterbrach Mrs. C. ihre Erzählung. Sie war aufgestanden und zum Fenster gegangen, blickte hinaus und stand lange unbewegt: an dem silhouettenhaft hingezeichneten Rücken sah ich ein leichtes, zitterndes Schwanken. Mit einem Male wandte sie sich entschlossen um, ihre Hände, bisher ruhig und unbeteiligt, machten plötzlich eine heftige, abteilende Bewegung, gleichsam als wollten sie etwas zerreißen. Dann sah sie mich hart, beinahe kühn an und begann wieder mit einem Ruck:

»Ich habe Ihnen versprochen, ganz aufrichtig zu sein. Und ich sehe jetzt, wie notwendig dies Gelöbnis gewesen ist. Denn erst nun, da ich mich zwinge, zum erstenmal im geregelten Zusammenhang den ganzen Ablauf jener Stunde zu schildern und klare Worte zu suchen für ein damals ganz ineinandergefaltetes und verworrenes Gefühl, jetzt erst verstehe ich vieles deutlich, was ich damals nicht wußte oder vielleicht nur nicht wissen wollte. Und deshalb will ich hart und entschlossen mir selbst und auch Ihnen die Wahrheit sagen: damals, in jener Sekunde, als der junge Mensch das Zimmer verließ und ich allein zurückblieb, hatte ich – wie eine Ohnmacht fiel es dumpf über mich – das Empfinden eines harten Stoßes gegen mein Herz: Irgend etwas hatte mir tödlich weh getan, aber ich wußte nicht – oder ich weigerte mich, zu wissen – , in welcher Art die doch rührend respektvolle Haltung meines Schützlings mich so schmerzhaft verwundete.

Aber jetzt, da ich mich zwinge, hart und ordnungshaft alles Vergangene aus mir heraus wie ein Fremdes zu holen, und Ihre Zeugenschaft kein Verbergen, keinen feigen Unterschlupf eines beschämenden Gefühls duldet, heute weiß ich klar: was damals so weh tat, war die Enttäuschung… die Enttäuschung, daß… daß dieser junge Mensch so fügsam gegangen war… so ohne jeden Versuch, mich zu halten, bei mir zu bleiben… daß er demütig und ehrfurchtsvoll meinem ersten Versuch, abzureisen, sich fügte, statt… statt einen Versuch zu machen, mich an sich zu reißen… daß er mich einzig als eine Heilige verehrte, die ihm auf seinem Wege erschienen… und nicht… nicht mich fühlte als eine Frau.

Das war jene Enttäuschung für mich… eine Enttäuschung, die ich mir nicht eingestand, damals nicht und später nicht, aber das Gefühl einer Frau weiß alles, ohne Worte und Bewußtsein. Denn… jetzt betrüge ich mich nicht länger – hätte dieser Mensch mich damals umfaßt, mich damals gefordert, ich wäre mit ihm gegangen bis ans Ende der Welt, ich hätte meinen Namen entehrt und den meiner Kinder… ich wäre, gleichgültig gegen das Gerede der Leute und die innere Vernunft, mit ihm fortgelaufen, wie jene Madame Henriette mit dem jungen Franzosen, den sie tags zuvor noch nicht kannte… ich hätte nicht gefragt, wohin und wie lange, nicht mich umgewandt mit einem Blick zurück in mein früheres Leben… ich hätte mein Geld, meinen Namen, mein Vermögen, meine Ehre diesem Menschen geopfert… ich wäre betteln gegangen, und wahrscheinlich gibt es keine Niedrigkeit dieser Welt, zu der er mich nicht hätte verleiten können. Alles, was man Scham nennt und Rücksicht unter den Menschen, hätte ich weggeworfen, wäre er nur mit einem Wort, mit einem Schritt auf mich zugetreten, hätte er versucht, mich zu fassen, so verloren war ich an ihn in dieser Sekunde. Aber… ich sagte es Ihnen ja… dieser sonderbar benommene Mensch sah mich und die Frau in mir mit keinem Blick mehr… und wie sehr, wie ganz hingegeben ich ihm entgegenbrannte, das fühlte ich erst, als ich allein mit mir war, als die Leidenschaft, die eben noch sein erhelltes, sein geradezu seraphisches Gesicht emporriß, dunkel in mich zurückfiel und nun im Leeren einer verlassenen Brust wogte. Mühsam raffte ich mich auf, doppelt widrig lastete jene Verabredung. Mir war, als sei meiner Stirne ein schwerer eiserner, drückender Helm überstülpt, unter dessen Gewicht ich schwankte: meine Gedanken fielen lose auseinander wie meine Schritte, als ich endlich hinüber in das andere Hotel zu meinen Verwandten ging. Dort saß ich dumpf inmitten regen Geplauders und erschrak immer wieder von neuem, blickte ich zufällig auf und sah in ihre unbewegten Gesichter, die, im Vergleich mit jenem wie von licht- und schattenwerfendem Wolkenspiel belebten, mir maskenhaft oder erfroren dünkten. Als ob ich zwischen lauter Gestorbenen säße, so grauenhaft unbelebt war diese gesellige Gegenwart; und während ich Zucker in die Tasse warf und abwesend mitkonversierte, stieg immer innen, wie vom Flackern des Blutes hochgetrieben, jenes eine Antlitz auf, das zu beobachten mir inbrünstig Freude geworden war und das ich entsetzlich zu denken! – in einer, in zwei Stunden zum letztenmal gesehen haben sollte. Unwillkürlich mußte ich leise geseufzt oder aufgestöhnt haben, denn plötzlich beugte die Cousine meines Mannes sich mir zu: was mir sei, ob ich mich denn nicht ganz wohl fühle, ich blicke so blaß und bedrängt. Diese unvermutete Frage half nun rasch und mühelos in eine rasche Ausrede, mich quäle in der Tat eine Migräne, sie möge mir darum erlauben, mich unauffällig zu entfernen.

So mir selbst zurückgegeben, eilte ich unverzüglich in mein Hotel. Und kaum dort allein, überkam mich neuerdings das Gefühl der Leere, des Verlassenseins und, hitzig damit verklammert, das Verlangen nach jenem jungen Menschen, den ich heute für immer verlassen sollte. Ich fuhr hin und her im Zimmer, riß unnütz Laden auf, wechselte Kleid und Band, um mich mit einmal vor dem Spiegel zu finden, prüfenden Blickes, ob ich, dermaßen geschmückt, nicht doch den seinen zu binden vermöchte. Und jählings verstand ich mich selbst: alles tun, nur ihn nicht lassen! Und innerhalb einer gewalttätigen Sekunde wurde dieser Wille zum Entschluß. Ich lief hinunter zum Portier, kündigte ihm an, daß ich heute mit dem Abendzug abreise. Und nun galt es, eilig zu sein: ich klingelte dem Mädchen, daß sie mir behilflich sei, meine Sachen zu packen – die Zeit drängte ja; und während wir gemeinsam in wetteifernder Hast Kleider und kleines Gebrauchsgerät in die Koffer verstauten, träumte ich mir die ganze Überraschung aus: wie ich ihn an den Zug begleiten würde, um dann im letzten, im allerletzten Moment, wenn er mir die Hand schon zum Abschied geboten, plötzlich zu dem Erstaunten in den Wagen zu steigen, mit ihm für diese Nacht, für die nächste – solange er mich wollte. Eine Art entzückter, begeisterter Taumel wirbelte mir im Blut, manchmal lachte ich, zur Befremdung des Mädchens, indes ich Kleider in die Koffer warf, unvermutet laut auf: meine Sinne waren, ich fühlte es zwischendurch, in Unordnung geraten. Und als der Lohndiener kam, die Koffer zu holen, starrte ich ihn erst fremd an: Es war zu schwer, an Sachliches zu denken, indes von innen her die Erregung mich so stark überwogte.

Die Zeit drängte, knapp an sieben mochte es sein, bestenfalls blieben da zwanzig Minuten bis zum Abgang des Zuges – freilich, tröstete ich mich, nun zählte mein Kommen ja nicht mehr als Abschied, seit ich entschlossen war, ihn auf seiner Fahrt zu begleiten, solange, soweit er es duldete. Der Diener trug die Koffer voraus, ich hastete zur Hotelkasse, meine Rechnung zu begleichen. Schon reichte mir der Manager das Geld zurück, schon wollte ich weiter, da rührte eine Hand zärtlich an meine Schulter. Ich zuckte auf. Es war meine Cousine, die, beunruhigt durch mein angebliches Unwohlsein, gekommen war, nach mir zu sehen. Mir dunkelte es vor den Augen. Ich konnte sie jetzt nicht brauchen, jede Sekunde Verzögerung bedeutete verhängnisvolles Versäumnis, aber doch verpflichtete mich Höflichkeit, ihr wenigstens eine Zeitlang Rede und Antwort zu stehen. »Du mußt zu Bett«, drängte sie, »du hast bestimmt Fieber.« Und so mochte es wohl auch sein, denn die Pulse trommelten mir hart auf die Schläfen, und manchmal spürte ich jene vorschwebenden blauen Schatten naher Ohnmacht über den Augen. Aber ich wehrte ab, bemühte mich, dankbar zu scheinen, indes jedes Wort mich brannte und ich am liebsten ihre unzeitgemäße Fürsorge mit dem Fuße weggestoßen hätte. Doch die unerwünscht Besorgte blieb, blieb, blieb, bot mir Eau de Cologne, ließ sichs nicht nehmen, mir selbst das kühle um die Schläfen zu streichen: ich aber zählte indes die Minuten, dachte gleichzeitig an ihn und wie ich einen Vorwand finden könnte, dieser quälenden Anteilnahme zu entkommen. Und je unruhiger ich ward, desto mehr erschien ich ihr verdächtig: beinahe mit Gewalt wollte sie mich schließlich veranlassen, auf mein Zimmer zu gehen und mich niederzulegen. Da – inmitten ihres Zuspruches – sah ich auf einmal in der Mitte der Halle die Uhr: zwei Minuten vor halb acht, und um 7 Uhr 35 ging der Zug. Und brüsk, schußhaft, mit der brutalen Gleichgültigkeit einer Verzweifelten stieß ich meiner Cousine die Hand geradewegs zu: »Adieu, ich muß fort!« und ohne mich um ihren erstarrten Blick zu kümmern, ohne mich umzusehen, stürmte ich an den verwunderten Hoteldienern vorbei und zur Türe hinaus, auf die Straße und dem Bahnhof zu. Bereits an der erregten Gestikulation des Lohndieners, er stand dort wartend mit dem Gepäck, nahm ich von ferne wahr, es müsse höchste Zeit sein. Blindwütig stürmte ich hin zur Schranke, aber da wehrte wieder der Schaffner: Ich hatte vergessen, ein Billett zu nehmen. Und während ich mit Gewalt beinahe ihn bereden wollte, mich dennoch auf den Perron zu lassen, setzte sich der Zug bereits in Bewegung: ich starrte hin, zitternd an allen Gliedern, wenigstens noch einen Blick von irgendeinem der Waggonfenster zu erhaschen, ein Winken, einen Gruß. Aber ich konnte inmitten des eilfertigen Geschiebes sein Antlitz nicht mehr wahrnehmen. Immer rascher rollten die Wagen vorbei, und nach einer Minute blieb nichts als qualmendes, schwarzes Gewölk vor meinen verdunkelten Augen.

Ich muß wie versteinert dort gestanden haben, Gott weiß wie lange, denn der Lohndiener hatte mich wohl vergeblich mehrmals angesprochen, ehe er wagte, meinen Arm zu berühren. Da erst schrak ich auf. Ob er das Gepäck wieder in das Hotel zurückbringen sollte. Ich brauchte ein paar Minuten Zeit, mich zu besinnen; nein, das war nicht möglich, ich konnte nach jener lächerlichen, überstürzten Abreise nicht wieder zurück und wollte auch nicht zurück, nie mehr; so befahl ich ihm, ungeduldig, schon allein zu sein, das Gepäck im Depot zu verstauen. Danach erst, mitten in dem unablässig erneuten Gequirl von Menschen, das sich in der Halle lärmend zusammenschob und wieder zerkleinerte, versuchte ich zu denken, klar zu denken, mich herauszuretten aus diesem verzweifelten, schmerzenden Gewürge von Zorn, Reue und Verzweiflung, denn – warum es nicht eingestehen? – der Gedanke, durch eigene Schuld die letzte Begegnung vertan zu haben, wühlte in mir mit glühender Schärfe unbarmherzig herum. Ich hätte aufschreien können, so weh tat diese immer erbarmungsloser vordringende, rotgehitzte Schneide. Nur ganz leidenschaftsfremde Menschen haben ja in ihren einzigen Augenblicken vielleicht solche lawinenhaft plötzliche, solche orkanische Ausbrüche der Leidenschaft: da stürzen ganze Jahre mit dem stürzenden Groll nichtgenützter Kräfte die eigene Brust hinab. Nie vordem, nie nachdem hatte ich ähnliches an Überraschung und wütender Machtlosigkeit erlebt als in dieser Sekunde, da ich, zum Verwegensten bereit – bereit; mein ganzes gespartes, gehäuftes, zusammengehaltenes Leben mit einem Ruck hinzuwerfen –, plötzlich vor mir eine Mauer von Sinnlosigkeit fand, gegen die meine Leidenschaft ohnmächtig mit der Stirne stieß.

Was ich dann tat, wie konnte es anders als gleichfalls ganz sinnlos sein, es war töricht, sogar dumm, fast schäme ich mich, es zu erzählen – aber ich habe mir, ich habe Ihnen versprochen, nichts zu verschweigen: nun, ich… ich suchte ihn mir wieder… das heißt, ich suchte mir jeden Augenblick zurück, den ich mit ihm verbracht… es zog mich gewaltsam hin zu allen Orten, wo wir gemeinsam gestern gewesen, zu der Bank im Garten, von der ich ihn weggerissen, in den Spielsaal, wo ich ihn zum erstenmal gesehen, ja in jene Spelunke sogar, nur um noch einmal, noch einmal das Vergangene wieder zu erleben. Und morgen wollte ich dann im Wagen die Corniche entlang den gleichen Weg, damit jedes Wort, jede Geste noch einmal in mir erneuert sei – ja so sinnlos, so kindisch war meine Verwirrung. Aber bedenken Sie, wie blitzhaft jene Geschehnisse mich überstürmten – ich hatte kaum anderes gefühlt als einen einzigen betäubenden Schlag. Nun aber, zu rauh aus jenem Tumult erweckt, wollte ich mich auf dies hinfliehend Erlebte noch einmal Zug um Zug nachgenießend besinnen, dank jenem magischen Selbstbetrug, den wir Erinnerung nennen – freilich: Das sind Dinge, die man begreift oder nicht begreift. Vielleicht braucht man ein brennendes Herz, um sie zu verstehen.

So ging ich zunächst in den Spielsaal, den Tisch zu suchen, wo er gesessen, und dort unter all den Händen die seinen mir zu erdenken. Ich trat ein: es war, ich wußte es noch, der linke Tisch gewesen im zweiten Zimmer, wo ich ihn zuerst erblickt. Noch deutlich stand jede seiner Gesten vor mir: traumwandlerisch, mit geschlossenen Augen und vorgestreckten Händen hätte ich seinen Platz gefunden. Ich trat also ein, ging gleich quer durch den Saal. Und da… wie ich von der Tür aus den Blick gegen das Gewühl wandte… da geschah mir etwas Sonderbares… da saß genau an der Stelle, an die ich mir ihn hingeträumt, da saß – Halluzinationen des Fiebers! – … er wirklich… Er… Er… genau so, wie ich ihn eben träumend gesehen… genau so wie gestern, stier die Augen auf die Kugel gerichtet, geisterhaft bleich… aber Er… Er… unverkennbar Er…

Mir war, als müßte ich aufschreien, so erschrak ich. Aber ich bezähmte meinen Schrecken vor dieser unsinnigen Vision und schloß die Augen. »Du bist wahnsinnig… du träumst… du fieberst«, sagte ich mir. »Es ist ja unmöglich, du halluzinierst… Er ist vor einer halben Stunde von hier weggefahren.« Dann erst tat ich die Augen wieder auf. Aber entsetzlich: genau so wie vordem saß er dort, leibhaft unverkennbar… unter Millionen hätte ich diese Hände erkannt… nein, ich träumte nicht, er war es wirklich. Er war nicht weggefahren, wie er mir geschworen, der Wahnwitzige saß da, er hatte das Geld, das ich ihm zur Heimreise gegeben, hierhergetragen an den grünen Tisch und vollkommen selbstvergessen in seiner Leidenschaft hier gespielt, indes ich verzweifelt mir das Herz nach ihm ausgerungen.

Ein Ruck stieß mich vorwärts: Wut überschwemmte mir die Augen, rasende rotblickende Wut, den Eidbrüchigen, der mein Vertrauen, mein Gefühl, meine Hingabe so schändlich betrogen hatte, an der Gurgel zu fassen. Aber ich bezwang mich noch. Mit gewollter Langsamkeit (wieviel Kraft kostete sie mich!) trat ich an den Tisch gerade ihm gegenüber, ein Herr machte mir höflich Platz. Zwei Meter grünes Tuch standen zwischen uns beiden, und ich konnte, wie von einem Balkon herab in ein Schauspiel, hinstarren in sein Gesicht, in eben dasselbe Gesicht, das ich vor zwei Stunden überstrahlt gesehen hatte von Dankbarkeit, erleuchtet von der Aura der göttlichen Gnade, und das nun ganz wieder in allen Höllenfeuern der Leidenschaft zuckend verging. Die Hände, dieselben Hände, die ich noch nachmittags im heiligsten Eid an das Holz des Kirchengestühls verklammert gesehen, sie krallten jetzt wieder gekrümmt im Geld herum wie wollüstige Vampire. Denn er hatte gewonnen, er mußte, viel, sehr viel gewonnen haben: vor ihm glitzerte ein wirrer Haufen von Jetons und Louisdors und Banknoten, ein schütteres, achtloses Durcheinander, in dem die Finger, seine zitternden, nervösen Finger sich wohlig streckten und badeten. Ich sah, wie sie streichelnd die einzelnen Noten festhielten und falteten, die Münzen drehten und liebkosten, um dann plötzlich mit einem Ruck eine Faustvoll zu fassen und mitten auf eines der Karrees zu werfen. Und sofort begannen die Nasenflügel jetzt wieder diese fliegenden Zuckungen, der Ruf des Croupiers riß ihm die Augen, die gierig flackernden, vom Gelde weg hin zu der splitternden Kugel, er strömte gleichsam von sich selber fort, indes die Ellenbogen dem grünen Tisch mit Nägeln angehämmert schienen. Noch furchtbarer, noch grauenhafter offenbarte sich sein vollkommenes Besessensein als am vergangenen Abend, denn jede seiner Bewegungen mordete in mir jenes andere, wie auf Goldgrund leuchtende Bild, das ich leichtgläubig nach innen genommen.

Zwei Meter weit voneinander atmeten wir so beide; ich starrte auf ihn, ohne daß er meiner gewahr wurde. Er sah nicht auf mich, er sah niemanden, sein Blick glitt nur hin zu dem Geld, flackerte unstet mit der zurückrollenden Kugel: in diesem einen rasenden grünen Kreise waren alle seine Sinne eingeschlossen und hetzten hin und zurück. Die ganze Welt, die ganze Menschheit war diesem Spielsüchtigen zusammengeschmolzen in diesen viereckigen Fleck gespannten Tuches. Und ich wußte, daß ich hier Stunden und Stunden stehen konnte, ohne daß er eine Ahnung meiner Gegenwart in seine Sinne nehmen würde.

Aber ich ertrug es nicht länger. Mit einem plötzlichen Entschluß ging ich um den Tisch, trat hinter ihn und faßte hart mit der Hand seine Schulter. Sein Blick taumelte auf – eine Sekunde starrte er mit glasigen Augäpfeln mich fremd an, genau einem Trunkenen gleich, den man mühsam aus dem Schlaf rüttelt und dessen Blicke noch grau und dösig vom inneren Qualme dämmern. Dann schien er mich zu erkennen, sein Mund tat sich zitternd auf, beglückt sah er zu mir empor und stammelte leise mit einer wirr-geheimnisvollen Vertraulichkeit: »Es geht gut… Ich habe es gleich gewußt, wie ich hereinkam und sah, daß Er hier ist… Ich habe es gleich gewußt…« Ich verstand ihn nicht. Ich merkte nur, daß er betrunken war vom Spiel, daß dieser Wahnwitzige alles vergessen hatte, sein Gelöbnis, seine Verabredung, mich und die Welt. Aber selbst in dieser Besessenheit war seine Ekstase für mich so hinreißend, daß ich unwillkürlich seiner Rede mich unterwarf und betroffen fragte, wer denn hier sei.

»Dort, der alte russische General mit dem einen Arm«, flüsterte er, ganz an mich gedrückt, damit niemand das magische Geheimnis erlausche. »Dort, der mit den weißen Kotelettes und dem Diener hinter sich. Er gewinnt immer, ich habe ihn schon gestern beobachtet, er muß ein System haben, und ich setze immer das gleiche… Auch gestern hat er immer gewonnen… nur habe ich den Fehler gemacht, weiterzuspielen, als er wegging… das war mein Fehler… er muß gestern zwanzigtausend Franken gewonnen haben… und auch heute gewinnt er mit jedem Zug… jetzt setze ich ihm immer nach… Jetzt…«

Mitten in der Rede brach er plötzlich ab, denn der Croupier rief sein schnarrendes »Faites votre jeu!« und schon taumelte sein Blick fort und gierte hin zu dem Platz, wo gravitätisch und gelassen der weißbärtige Russe saß und bedächtig erst ein Goldstück, dann zögernd ein zweites auf das vierte Feld hinlegte. Sofort griffen die hitzigen Hände vor mir in den Haufen und warfen eine Handvoll Goldstücke auf die gleiche Stelle. Und als nach einer Minute der Croupier »Zéro!« rief und sein Rechen mit einer einzigen Drehung den ganzen Tisch blankfegte, starrte er wie einem Wunder dem wegströmenden Gelde nach. Aber meinen Sie, er hätte sich nach mir umgewendet: Nein, er hatte mich vollkommen vergessen; ich war herausgesunken, verloren, vergangen aus seinem Leben, seine ganzen angespannten Sinne starrten nur hin zu dem russischen General, der, vollkommen gleichgültig, wieder zwei Goldstücke in der Hand wog, unschlüssig, auf welche Zahl er sie placieren sollte.

Ich kann Ihnen meine Erbitterung, meine Verzweiflung nicht schildern. Aber denken Sie sich mein Gefühl: für einen Menschen, dem man sein ganzes Leben hingeworfen hat, nicht mehr als eine Fliege zu sein, die man lässig mit der lockeren Hand wegscheucht. Wieder kam diese Welle von Wut über mich. Mit vollem Griff packte ich seinen Arm, daß er auffuhr.

»Sie werden sofort aufstehen!« flüsterte ich ihm leise, aber befehlend zu. »Erinnern Sie sich, was Sie heute in der Kirche geschworen, Sie eidbrüchiger, erbärmlicher Mensch.«

Er starrte mich an, betroffen und ganz blaß. Seine Augen bekamen plötzlich den Ausdruck eines geschlagenen Hundes, seine Lippen zitterten. Er schien sich mit einem Mal alles Vergangenen zu erinnern, und ein Grauen vor sich selbst ihn zu überkommen.

»Ja… ja…«, stammelte er. »O mein Gott, mein Gott… Ja… ich komme schon, verzeihen Sie…«

Und schon raffte seine Hand das ganze Geld zusammen, schnell zuerst, mit einem zusammenreißenden, vehementen Ruck, aber dann allmählich träger werdend und wie von einer Gegenkraft zurückgeströmt. Sein Blick war neuerdings auf den russischen General gefallen, der eben pointierte.

»Einen Augenblick noch…« er warf rasch fünf Goldstücke auf das gleiche Feld… »Nur noch dieses eine Spiel… Ich schwöre Ihnen, ich komme sofort… nur noch dieses eine Spiel… nur noch.. .«

Und wieder verlosch seine Stimme. Die Kugel hatte zu rollen begonnen und riß ihn mit sich. Wieder war der Besessene mir, war er sich selber entglitten, hinabgeschleudert mit dem Kreisel in die glatte Mulde, innerhalb derer die winzige Kugel kollerte und sprang. Wieder rief der Croupier, wieder scharrte der Rechen die fünf Goldstücke von ihm weg; er hatte verloren. Aber er wandte sich nicht um. Er hatte mich vergessen, wie den Eid, wie das Wort, das er mir vor einer Minute gegeben. Schon wieder zuckte seine gierige Hand nach dem eingeschmolzenen Gelde, und nur zu dem Magnet seines Willens, zu dem glückbringenden Gegenüber hin, flackerte sein betrunkener Blick.

Meine Geduld war zu Ende. Ich rüttelte ihn nochmals, aber jetzt gewaltsam. ›Auf der Stelle stehen Sie jetzt auf! Sofort!… Sie haben gesagt, dieses Spiel noch…‹

Aber da geschah etwas Unerwartetes. Er riß sich plötzlich herum, doch das Gesicht, das mich ansah, war nicht mehr das eines Demütigen und Verwirrten, sondern eines Rasenden, eines Bündels Zorn mit brennenden Augen und vor Wut zitternden Lippen. ›Lassen Sie mich in Ruhe!‹ fauchte er mich an. ›Gehen Sie weg! Sie bringen mir Unglück. Immer, wenn Sie da sind, verliere ich. So haben Sie es gestern gemacht und heute wieder. Gehen Sie fort!‹

Ich war einen Augenblick starr. Aber an seiner Tollheit wurde nun auch mein Zorn zügellos.

›Ich bringe Ihnen Unglück?‹ fuhr ich ihn an. ›Sie Lügner, Sie Dieb, der Sie mir geschworen haben.. .‹ Doch ich kam nicht weiter, denn der Besessene sprang von seinem Platze auf, stieß mich, gleichgültig um den sich regenden Tumult, zurück. ›Lassen Sie mich in Frieden‹, schrie er hemmungslos laut. ›Ich stehe nicht unter Ihrer Kuratel… da… da… da haben Sie Ihr Geld‹, und er warf mir ein paar Hundertfrankenscheine hin… ›Jetzt aber lassen Sie mich in Ruhe!‹

Ganz laut, wie ein Besessener hatte er das gerufen, gleichgültig gegen die hundert Menschen ringsum. Alles starrte, zischelte, deutete, lachte, ja vom Nachbarsaal selbst drängten neugierige Leute herein. Mir war, als würden mir die Kleider vom Leibe gerissen und ich stünde nackt vor allen diesen Neugierigen… ›Silence, Madame, s’il vous plaît!‹ sagte laut und herrisch der Croupier und klopfte mit dem Rechen auf den Tisch. Mir galt das, mir, das Wort dieses erbärmlichen Gesellen. Erniedrigt, von Scham Übergossen, stand ich vor der zischelnd aufflüsternden Neugier wie eine Dirne, der man Geld hingeschmissen hat. Zweihundert, dreihundert unverschämte Augen griffen mir ins Gesicht, und da … wie ich ausweichend, ganz geduckt von dieser Jauche von Erniedrigung und Scham mit dem Blick zur Seite bog, da stieß er gradwegs in zwei Augen, gleichsam schneidend vor Überraschung – es war meine Cousine, die mich entgeistert anblickte, aufgegangenen Mundes und mit einer wie im Schreck erhobenen Hand.

Das schlug in mich hinein: noch ehe sie sich regen konnte, sich erholen von ihrer Überraschung, stürmte ich aus dem Saale: es trug mich noch gerade hin bis zu der Bank, zu eben derselben Bank, auf die gestern jener Besessene hingestürzt war. Und ebenso kraftlos, ebenso ausgeschöpft und zerschmettert fiel ich hin auf das harte, unbarmherzige Holz. –

Das ist jetzt vierundzwanzig Jahre her, und doch, wenn ich an diesen Augenblick, wo ich dort, niedergepeitscht von seinem Hohn, vor tausend fremden Menschen stand, mich erinnere, wird mir das Blut kalt in den Adern. Und ich spüre wieder erschrocken, eine wie schwache, armselige und quallige Substanz das doch sein muß, was wir immer großspurig Seele, Geist, Gefühl, was wir Schmerzen nennen, da all dies selbst im äußersten Übermaß nicht vermag, den leidenden Leib, den zerquälten Körper völlig zu zersprengen – weil man ja doch solche Stunden mit weiterpochendem Blut überdauert, statt hinzusterben und hinzustürzen wie ein Baum unterm Blitz. Nur für einen Ruck, für einen Augenblick hatte dieser Schmerz mir die Gelenke durchgerissen, daß ich hinfiel auf jene Bank, atemlos, stumpf und mit meinem geradezu wollüstigen Vorgefühl des Absterbenmüssens. Aber ich sagte es eben, aller Schmerz ist feige, er zuckt zurück vor der übermächtigen Forderung nach Leben, die stärker in unserem Fleisch verhaftet scheint als alle Todesleidenschaft in unserem Geiste. Unerklärlich mir selbst nach solcher Zerschmetterung der Gefühle: aber doch, ich stand wieder auf, nicht wissend freilich, was zu tun. Und plötzlich fiel mir ein, daß ja meine Koffer am Bahnhof bereitstanden, und schon jagte es durch mich hin: fort, fort, fort, nur fort von hier, von diesem verfluchten Höllenhaus. Ich lief ohne auf jemand achtzugeben an die Bahn, fragte, wann der nächste Zug nach Paris ginge; um zehn Uhr sagte mir der Portier, und sofort ließ ich mein Gepäck aufgeben. Zehn Uhr – dann waren genau vierundzwanzig Stunden vorbei seit jener entsetzlichen Begegnung, vierundzwanzig Stunden, so gefüllt vom wechselnden Wetterschlag der widersinnigsten Gefühle, daß meine innere Welt für immer zerschmettert war. Aber zunächst spürte ich nichts als ein Wort in diesem ewig hämmernden, zuckenden Rhythmus: fort! fort! fort! Mein Puls hinter der Stirn schlug wie ein Keil es immer wieder in die Schläfen hinein: fort! fort! fort! Fort von dieser Stadt, fort von mir selbst, nach Hause, zu meinen Menschen, zu meinem früheren, zu meinem eigenen Leben! Ich fuhr die Nacht durch nach Paris, dort von einem Bahnhof zum andern und direkt nach Boulogne, von Boulogne nach Dover, von Dover nach London, von London zu meinem Sohn – alles in diesem einzigen jagenden Flug, ohne zu überlegen, ohne zu denken, achtundvierzig Stunden, ohne Schlaf, ohne Wort, ohne Essen, achtundvierzig Stunden, während derer alle Räder nur dieses eine Wort ratterten: fort! fort! fort! Als ich endlich, unerwartet für jeden einzelnen, bei meinem Sohn im Landhaus eintrat, schraken sie alle auf: irgend etwas muß in meinem Wesen, in meinem Blick gestanden haben, das mich verriet. Mein Sohn wollte mich umarmen und küssen. Ich bog mich zurück: der Gedanke war mir unerträglich, daß er Lippen berühren sollte, die ich als geschändet empfand. Ich wehrte jeder Frage, verlangte nur ein Bad, denn dies war mir Bedürfnis, mit dem Schmutz der Reise auch alles andere von meinem Körper wegzuwaschen, was noch von der Leidenschaft dieses Besessenen, dieses Unwürdigen ihm anzuhaften schien. Dann schleppte ich mich hinauf in mein Zimmer und schlief zwölf, vierzehn Stunden einen dumpfen, steinernen Schlaf, wie ich ihn nie zuvor und nie seitdem geschlafen habe, einen Schlaf, nach dem ich nun weiß, wie das sein muß, in einem Sarg zu liegen und tot zu sein. Meine Verwandten kümmerten sich um mich wie um eine Kranke, aber ihre Zärtlichkeit tat mir nur weh, ich schämte mich ihrer Ehrfurcht, ihres Respekts, und unablässig mußte ich mich hüten, nicht plötzlich herauszuschreien, wie sehr ich sie alle verraten, vergessen und schon verlassen hatte um einer tollen und wahnwitzigen Leidenschaft willen.

Ziellos fuhr ich dann wieder in eine kleine französische Stadt, wo ich niemanden kannte, denn mich verfolgte der Wahn, jeder Mensch könne mir von außen beim ersten Blick meine Schande, meine Veränderung ansehen, so sehr fühlte ich mich verraten und beschmutzt bis in die tiefste Seele. Manchmal, wenn ich morgens aufwachte in meinem Bett, hatte ich eine grauenhafte Angst, die Augen zu öffnen. Wieder überfiel mich das Erinnern an diese Nacht, wo ich plötzlich neben einem fremden, halbnackten Menschen erwachte, und dann hatte ich immer nur, ganz wie damals, den einen Wunsch, sofort zu sterben.

Aber schließlich, die Zeit hat doch tiefe Macht und das Alter eine sonderbare entwertende Gewalt über alle Gefühle. Man spürt den Tod näher herankommen, sein Schatten fällt schwarz über den Weg, da scheinen die Dinge weniger grell, sie fahren einem nicht mehr so in die inneren Sinne und verlieren viel von ihrer gefährlichen Gewalt. Allmählich kam ich über den Schock hinweg; und als ich nach langen Jahren einmal in einer Gesellschaft dem Attaché der österreichischen Gesandtschaft begegnete, einem jungen Polen, und er mir auf meine Erkundung nach jener Familie erzählte, daß ein Sohn dieses seines Vetters sich vor zehn Jahren in Monte Carlo erschossen habe – da zitterte ich nicht einmal mehr. Es tat kaum mehr weh: vielleicht – warum seinen Egoismus verleugnen? tat es mir sogar wohl, denn nun war die letzte Furcht vorbei, noch jemals ihm zu begegnen: ich hatte keinen Zeugen mehr wider mich als die eigene Erinnerung. Seitdem bin ich ruhiger geworden. Altwerden heißt ja nichts anderes, als keine Angst mehr haben vor der Vergangenheit.

Und jetzt werden Sie es auch verstehen, wie ich plötzlich dazu kam, mit Ihnen über mein eigenes Schicksal zu sprechen. Als Sie Madame Henriette verteidigten und leidenschaftlich sagten, vierundzwanzig Stunden könnten das Schicksal einer Frau vollkommen bestimmen, fühlte ich mich selbst damit gemeint: Ich war Ihnen dankbar, weil ich zum erstenmal mich gleichsam bestätigt fühlte. Und da dachte ich mir: einmal sichs wegsprechen von der Seele, vielleicht löst das den lastenden Bann und die ewig rückblickende Starre; dann kann ich morgen vielleicht hinübergehen und ebendenselben Saal betreten, in dem ich meinem Schicksal begegnet, und doch ohne Haß sein gegen ihn und gegen mich selbst. Dann ist der Stein von der Seele gewälzt, liegt mit seiner ganzen Wucht über aller Vergangenheit und verhütet, daß sie noch einmal aufersteht. Es war gut für mich, daß ich Ihnen all dies erzählen konnte: mir ist jetzt leichter und beinahe froh zumute… ich danke Ihnen dafür.«

Bei diesen Worten war sie plötzlich aufgestanden, ich fühlte, daß sie zu Ende war. Etwas verlegen suchte ich nach einem Wort. Aber sie mußte meine Berührung gefühlt haben und wehrte rasch ab.

»Nein, bitte, sprechen Sie nicht… ich möchte nicht, daß Sie mir etwas antworten oder sagen… Seien Sie bedankt, daß Sie mir zugehört haben, und reisen Sie wohl.«

Sie stand mir gegenüber und reichte mir die Hand zum Abschied. Unwillkürlich sah ich auf zu ihrem Gesicht, und es schien mir rührend wunderbar, das Antlitz dieser alten Frau, die gütig und gleichzeitig leicht beschämt vor mir stand. War es der Widerschein vergangener Leidenschaft, war es Verwirrung, die da plötzlich mit aufsteigendem Rot die Wangen bis zum weißen Haar empor unruhig überglühte – aber ganz wie ein Mädchen stand sie da, bräutlich verwirrt von Erinnerungen und beschämt von dem eigenen Geständnis. Unwillkürlich ergriffen, drängte es mich sehr, ihr durch ein Wort meine Ehrfurcht zu bezeugen. Doch die Kehle wurde mir eng. Und da beugte ich mich nieder und küßte respektvoll ihre welke, wie Herbstlaub leicht zitternde Hand.

Zuerst erschienen in ›Verwirrung der Gefühle‹, Leipzig: Insel-Verlag 1927.

Stefan Zweig Ω Vergessene Träume Ω Novelle

Stefan Zweig Ω Vergessene Träume Ω Novelle

Die Villa lag hart am Meer.

In den stillen, dämmerreichen Piniengängen atmete die satte Kraft der salzhaltigen Seeluft und eine leichte beständige Brise spielte um die Orangenbäume und streifte hie und da, wie mit vorsichtigen Fingern, eine farbenbunte Blüte herab. Die sonnenumglänzten Fernen, Hügel, aus denen zierliche Häuser wie weiße Perlen hervorblitzten, ein meilenweiter Leuchtturm, der einer Kerze gleich steil emporschoß, alles schimmerte in scharfen, abgegrenzten Konturen und war, ein leuchtendes Mosaik, in den tiefblauen Azur des Äthers eingesenkt. Das Meer, in das nur selten weit, weit in der Ferne, weiße Funken fielen, die schimmernden Segel von einsamen Schiffen, schmiegte sich mit der beweglichen Weise seiner Wogen an die Stufenterrasse an, von der sich die Villa erhob, um immer tiefer in das Grün eines weiten, schattendunklen Gartens zu steigen und sich dort in dem müden, märchenstillen Park zu verlieren.

Von dem schlafenden Hause, auf dem die Vormittagshitze lastete, lief ein schmaler, kiesbedeckter Weg wie eine weiße Linie zu dem kühlen Aussichtspunkte, unter dem die Wogen in wilden, unaufhörlichen Anstürmen grollten und hie und da schimmernde Wasseratome heraufstäubten, die beim grellen Sonnenlichte im regenbogenfunkelnden Glanz von Diamanten prahlten. Dort brachen sich die leuchtenden Sonnenpfeile teils an den Pinienwipfeln, die dicht beisammen wie im vertrauten Gespräche standen, teils hielt sie ein weitausgespannter japanischer Schirm ab, auf dem lustige Gestalten mit scharfen, unangenehmen Farben festgehalten waren.

Innerhalb des Schattenbereiches dieses Schirmes lehnte in einem weichen Strohfauteuil eine Frauengestalt, die ihre schönen Formen wohlig in das nachgiebige Geflecht schmiegte. Die eine schmale, unberingte Hand hing wie vergessen herab und spielte mit leisem, behaglichem Schmeicheln in dem glitzernden Seidenfelle eines Hundes, während die andere ein Buch hielt, auf das die dunkeln, schwarzbewimperten Augen, in denen es wie ein verhaltenes Lächeln lag, ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit konzentrierten. Es waren große, unruhige Augen, deren Schönheit noch ein matter verschleierter Glanz erhöhte. Überhaupt war die starke, anziehende Wirkung, die das ovale, scharfgeschnittene Gesicht ausübte, keine natürliche, einheitliche, sondern ein raffiniertes Hervorstechen einzelner Detailschönheiten, die mit besorgter, feinfühliger Koketterie gepflegt waren. Das anscheinend regellose Wirrnis der duftenden, schimmernden Locken war die mühevolle Konstruktion einer Künstlerin, und auch das leise Lächeln, das während des Lesens die Lippen umzitterte und dabei den weißen, blanken Schmelz der Zähne entblößte, war das Resultat einer mehrjährigen Spiegelprobe, aber jetzt schon zur festen, unablegbaren Gewohnheitskunst geworden.

Ein leises Knistern im Sande.

Sie sieht hin, ohne ihre Stellung zu ändern, wie eine Katze, die im blendenden warmflutenden Sonnenlichte gebadet liegt und nur träge mit den phosphorisierenden Augen dem Kommenden entgegenblinzelt.

Die Schritte kommen rasch näher und ein livrierter Diener steht vor ihr, um ihr eine schmale Visitkarte zu überreichen und dann ein wenig wartend zurückzutreten.

Sie liest den Namen mit dem Ausdrucke der Überraschung in den Zügen, den man hat, wenn man auf der Straße von einem Unbekannten in familiärster Weise begrüßt wird. Einen Augenblick graben sich kleine Falten oberhalb der scharfen, schwarzen Augenbrauen ein, die das angestrengte Nachdenken markieren, und dann plötzlich spielt ein fröhlicher Schimmer um das ganze Gesicht, die Augen blitzen in übermütiger Helligkeit, wie sie an längst verflogene, ganz und gar vergessene Jugendtage denkt, deren lichte Bilder der Name in ihr neu erweckt hat. Gestalten und Träume gewinnen wieder feste Formen und werden klar wie die Wirklichkeit.

»Ach so«, erinnerte sie sich plötzlich zum Diener gewandt, »der Herr möchte natürlich vorsprechen.«

Der Diener ging mit leisen devoten Schritten. Eine Minute war diese Stille, nur der nimmermüde Wind sang leise in den Gipfeln, die voll schweren Mittagsgoldes hingen.

Und dann plötzlich elastische Schritte, die energisch auf dem Kieswege hallten, ein langer Schatten, der bis zu ihren Füßen lief, und eine hohe Männergestalt stand vor ihr, die sich lebhaft von ihrem schwellenden Sitze erhoben hatte.

Zuerst begegneten sich ihre Augen. Er überflog mit einem raschen Blicke die Eleganz der Gestalt, während ihr leises ironisches Lächeln auch in den Augen aufleuchtete.

»Es ist wirklich lieb von Ihnen, daß Sie noch an mich gedacht haben«, begann sie, indem sie ihm die schmalschimmernde, feingepflegte Hand hinstreckte, die er ehrfürchtig mit den Lippen berührte.

»Gnädige Frau, ich will ehrlich mit Ihnen sein, weil dies ein Wiedersehen ist seit Jahren und auch, wie ich fürchte, – für lange Jahre. Es ist mehr ein Zufall, daß ich hierher gekommen bin, der Name des Besitzers dieses Schlosses, nach dem ich mich wegen seiner herrlichen Lage erkundigte, rief mir Ihre Anstalt wieder in den Sinn. Und so bin ich denn eigentlich als ein Schuldbewußter da.«

»Darum aber nicht minder willkommen, denn auch ich konnte mich nicht im ersten Moment an Ihre Existenz erinnern, obwohl sie einmal für mich ziemlich bedeutsam war.«

Jetzt lächelten beide. Der süße leichte Duft der ersten halbverschwiegenen Jugendliebe war mit seiner ganzen berauschenden Süßigkeit in ihnen erwacht wie ein Traum, über den man beim Erwachen verächtlich die Lippen verzieht, obwohl man wünscht, ihn noch einmal nur zu träumen, zu leben. Der schöne Traum der Halbheit, die nur wünscht und nicht zu fordern wagt, die nur verspricht und nicht gibt. –

Sie sprachen weiter. Aber es lag schon eine Herzlichkeit in den Stimmen, eine zärtliche Vertraulichkeit, wie sie nur ein so rosiges, schon halbverblaßtes Geheimnis gewähren kann. Mit leisen Worten, in die hie und da ein fröhliches Lachen seine rollenden Perlen warf, sprachen sie von vergangenen Dingen, von vergessenen Gedichten, verwelkten Blumen, verlorenen und vernichteten Schleifen, kleinen Liebeszeichen, die sie sich in der kleinen Stadt, in der sie damals ihre Jugend verbrachten, gegenseitig gegeben. Die alten Geschichten, die wie verschollene Sagen in ihren Herzen langverstummte, stauberstickte Glocken rührten, wurden langsam, ganz langsam von einer wehen, müden Feierlichkeit erfüllt, der Ausklang ihrer toten Jugendliebe legte in ihr Gespräch einen tiefen, fast traurigen Ernst. –

Und seine dunkelmelodisch klingende Stimme vibrierte leise, wie er erzählte: »In Amerika drüben bekam ich die Nachricht, daß Sie sich verlobt hätten, zu einer Zeit, wo die Heirat wohl schon vollzogen war.«

Sie antwortete nichts darauf. Ihre Gedanken waren zehn Jahre weiter zurück.

Einige lange Minuten lastete ein schwüles Schweigen auf beiden.

Und dann fragte sie leise, fast lautlos:

»Was haben Sie damals von mir gedacht?«

Er blickte überrascht auf.

»Ich kann es Ihnen ja offen sagen, denn morgen fahre ich wieder meiner neuen Heimat zu. – Ich habe Ihnen nicht gezürnt, nicht Augenblicke voll wirrer, feindlicher Entschlüsse gehabt, denn das Leben hatte schon damals die farbige Lohe der Liebe zu einer glimmenden Flamme der Sympathie erkaltet. Ich habe Sie nicht verstanden, nur – bedauert.«

Eine leichte dunkelrote Stelle flog über ihre Wangen und der Glanz ihrer Augen wurde intensiv, wie sie erregt ausrief:

»Mich bedauert! Ich wüßte nicht warum.«

»Weil ich an Ihren zukünftigen Gemahl dachte, den indolenten, immer erwerben wollenden Geldmenschen – widersprechen Sie mir nicht, ich will Ihren Mann, den ich immer geachtet habe, durchaus nicht beleidigen – und weil ich an Sie dachte, das Mädchen, wie ich es verlassen habe. Weil ich mir nicht das Bild denken konnte, wie Sie, die Einsame, Ideale, die für das Alltagsleben nur eine verächtliche Ironie gehabt, die ehrsame Frau eines gewöhnlichen Menschen werden konnten.«

»Und warum hätte ich ihn denn doch geheiratet, wenn dies alles sich so verhielte?«

»Ich wußte es nicht so genau. Vielleicht besaß er verborgene Vorzüge, die dem oberflächlichen Blicke entgehen und erst im intimen Verkehr zu leuchten beginnen. Und dies war mir dann des Rätsels leichte Lösung, denn eines konnte und wollte ich nicht glauben.«

»Das ist?«

»Daß sie ihn um seiner Grafenkrone und seiner Millionen genommen hätten. Das war mir die einzige Unmöglichkeit.«

Es war, als hätte sie das letzte überhört, denn sie blickte mit vorgehaltenen Fingern, die im Sonnenlichte in blutdunkelm Rosa wie eine Purpurmuschel erstrahlten, weit hinaus, weithin zum schleierumzogenen Horizonte, wo der Himmel sein blaßblaues Kleid in die dunkle Pracht der Wogen tauchte.

Auch er war in tiefen Gedanken verloren und hatte beinahe die letzten Worte vergessen, als sie plötzlich kaum vernehmlich, von ihm abgewendet, sagte:

»Und doch ist es so gewesen.«

Er sah überrascht, fast erschreckt zu ihr hin, die in langsamer, offenbar künstlicher Ruhe sich wieder in ihren Sessel niedergelassen hatte und mit einer stillen Wehmut monoton und die Lippen kaum bewegend weitersprach:

»Ihr habt mich damals keiner verstanden, als ich noch das kleine Mädchen mit den verschüchterten Kinderworten war, auch Sie nicht, der Sie mir so nah standen. Ich selbst vielleicht auch nicht. Ich denke jetzt noch oft daran und begreife mich nicht, denn was wissen noch Frauen von ihren wundergläubigen Mädchenseelen, deren Träume wie zarte, schmale, weiße Blüten sind, die der erste Hauch der Wirklichkeit verweht? Und ich war nicht wie alle die andern Mädchen, die von mannesmutigen, jugendkräftigen Helden träumten, die ihre suchende Sehnsucht zu leuchtendem Glücke, ihr stilles Ahnen zum beseligenden Wissen machen sollten und ihnen die Erlösung bringen von dem ungewissen, unklaren, nicht zu fassenden und doch fühlbaren Leid, das seinen Schatten über ihre Mädchentage wirft, und immer dunkler und drohender und lastender wird. Das habe ich nie gekannt, auf anderen Traumeskähnen steuerte meine Seele dem verborgenen Hain der Zukunft zu, der hinter den hüllenden Nebeln der kommenden Tage lag. Meine Träume waren eigen. Ich träumte mich immer als ein Königskind. wie sie in den alten Märchenbüchern stehen, die mit funkelnden, strahlenschillernden Edelsteinen spielen, deren Hände sich im goldigen Glanz von Märchenschätzen versenken und deren wallende Kleider von unnennbaren Werten sind. – Ich träumte von Luxus und Pracht, weil ich beides liebte. Die Lust, wenn meine Hände über zitternde, leise singende Seide streifen durften, wenn meine Finger in den weichen, dunkelträumenden Daunen eines schweren Sammetstoffes wie im Schlafe liegen konnten! Ich war glücklich, wenn ich Schmuck an den schmalen Gliedern meiner von Freude zitternden Finger wie eine Kette tragen konnte, wenn weiße Steine aus der dichten Flut meines Haares wie Schaumperlen schimmerten, mein höchstes Ziel war es, in den weichen Sitzen eines eleganten Wagens zu ruhen. Ich war damals in einem Rausche von Kunstschönheit befangen, der mich mein wirkliches Leben verachten ließ. Ich haßte mich, wenn ich in meinen Alltagskleidern war, bescheiden und einfach wie eine Nonne und blieb oft tagelang zu Hause, weil ich mich vor mir selbst in meiner Gewöhnlichkeit schämte, ich versteckte mich in meinem engen, häßlichen Zimmer, ich, deren schönster Traum es war, allein am weiten Meere zu leben, in einem Eigentum, das prächtig ist und kunstvoll zugleich, in schattigen, grünen Laubgängen, wo nicht die Niedrigkeit des Werkeltags seine schmutzigen Krallen hinreckt, wo reicher Friede ist – fast so wie hier. Denn was meine Träume gewollt, hat mir mein Mann erfüllt, und eben weil er dies vermochte, ist er mein Gemahl geworden.«

Sie ist verstummt und ihr Gesicht ist von bacchantischer Schönheit umloht. Der Glanz in ihren Augen ist tief und drohend geworden, und das Rot der Wangen flammt immer heißer auf.

Es ist tiefe Stille.

Nur drunten der eintönige Rhythmensang der glitzernden Wellen, die sich an die Stufen der Terrasse werfen, wie an eine geliebte Brust.

Da sagt er leise, wie zu sich selbst:

»Aber die Liebe?«

Sie hat es gehört. Ein leichtes Lächeln zieht über ihre Lippen.

»Haben Sie heute noch alle Ihre Ideale, alle, die Sie damals in die ferne Welt trugen? Sind Ihnen alle geblieben, unverletzt, oder sind Ihnen einige gestorben, dahingewelkt? Oder hat man sie Ihnen nicht am Ende gewaltsam aus der Brust gerissen und in den Kot geschleudert, wo die Tausende von Rädern, deren Wagen zum Lebensziele strebten, sie zermalmt haben? Oder haben Sie keine verloren?«

Er nickt trübe und schweigt.

Und plötzlich führt er ihre Hand zu den Lippen, küßt sie stumm. Dann sagt er mit herzlicher Stimme:

»Leben Sie wohl!«

Sie erwidert es ihm kräftig und ehrlich. Sie fühlt keine Scham, daß sie einem Menschen, dem sie durch Jahre fremd war, ihr tiefstes Geheimnis entschleiert und ihre Seele gezeigt. Lächelnd sieht sie ihm nach und denkt an die Worte, die er von der Liebe gesprochen, und die Vergangenheit stellt sich wieder mit leisen, unhörbaren Schritten zwischen sie und die Gegenwart. Und plötzlich denkt sie, daß jener ihr Leben hätte leiten können, und die Gedanken malen in Farben diesen bizarren Einfall aus.

Und langsam, langsam, ganz unmerklich, stirbt das Lächeln auf ihren träumenden Lippen …

Paul Scheerbart: Flora Mohr – Eine Glasblumen-Novelle

Paul Scheerbart: Flora Mohr – Eine Glasblumen-Novelle

ERSTES KAPITEL

Der Minister Mikamura warf seinen Zahnstocher in seinen großen Garten und rief alle seine Diener zusammen. Und während sie zusammenkamen, ging im Osten über dem Stillen Ozean die Sonne auf, und gleich danach fuhr das Automobil des Barons von Münchhausen in Mikamuras großen Garten hinein.

Es war der 18.November des Jahres 1905 p.Chr. – Mikamura hatte alle Damen und Herren der Umgegend eingeladen, Vorträgen des Barons von Münchhausen zuzuhören. Die Gäste warteten auf der großen Dachterrasse, auf der man im Osten den Stillen Ozean mit Sonne sehen konnte. Die Japanerinnen hatten alle seidene bunte Gewänder an, die Japaner trugen Frack und Zylinder.

»Warum sind nur die Damen in Nationaltracht?« fragte der Baron, aber die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, die den Baron begleitete, sagte gleich:

»Münch! Rede nichts Überflüssiges! Du wolltest von Mr. Weller in Melbourne erzählen!«

Die ganze Dachterrasse war mit gelben Segeltüchern überspannt, die Gäste des Ministers begrüßten den Baron und bewunderten sein frisches Aussehen, daß er trotz seiner hundertundachtzig Jahre zur Schau trug.

»Wie kann man nur so schrecklich alt werden?« fragte die Gattin des Ministers.

Und die Gräfin Clarissa vom Rabenstein erwiderte:

»Man muß nur immer sich Mühe geben, bei guter Laune zu bleiben, dann wird man täglich älter.«

Der Baron setzte sich auf einen amerikanischen Mahagonisessel, die japanischen Damen setzten sich ringsum im Halbkreis auf den mit japanischen Matten bedeckten Fußboden, und die Herren im Frack setzten sich im Hintergrunde ringsum auch im Halbkreis auf weißlackierte Stühle; Alle, die zuhörten, konnten das Meer sehen, der Baron saß mit dem Rücken zum Meere; die Gräfin Clarissa trug japanische Kleider und saß mit den Japanerinnen zusammen in japanischer Manier.

Und der Baron erzählte:

»Als ich im vorigen Jahre in Melbourne war, der großen Ausstellung wegen, besuchte ich auch meinen alten Freund Mr. William Weller, der allerdings mehr als hundert Jahre jünger ist als ich – aber doch nicht mehr zu den Jüngsten zählt. Weller hatte in der Nähe von Melbourne palastartige Gebäude, in denen er Glasblumen fabrizierte und in köstlichen Sälen ausstellte. Äußerlich wirkten die Gebäude wie die Anlagen eines großen Botanischen Gartens, und im Freien sah man auch viele natürliche Blumen. Doch im Innern dieser Paläste gabs nur Blumen aus Glas – und Früchte aus Glas. Ich hatte viel davon gehört und war sehr neugierig.

In der Vorhalle – einer Rotunde – herrschte eine schwermütige feierliche Dämmerung wie in einer uralten Kirche. Man hörte keinen Laut von der Außenwelt und mußte Filzpantoffeln anziehen und ging auf einem dunkelvioletten, sehr dicken und weichen Bodenbelag, der keine Musterung zeigte. In der Mitte der Rotunde wuchsen drei riesige Glaslilien aus dem Boden heraus.

Wenn ich aber von Lilien spreche, so bediene ich mich da nur eines Wortes, das ungefähr der Phantasie eine Richtung geben soll; Weller wollte keineswegs mit seinen Glasblumen eine Nachahmung der natürlichen bieten – nichts lag ihm ferner als dieses.

Diese Lilien hatten schneeweiße Stengel, und diese Stengeln ähnelten ein wenig den Eisblumen, die wir im Winter an Fensterscheiben sehen. Die Stengel hatten faustdicke und viele knollige Auswüchse und armbreite Äste, an denen sich citronengelbe dütenförmige Blüten befanden; und aus diesen ragten lange perlmutterartig schillernde Staubfäden heraus in Spiralformen und in ganz unregelmäßig gedrehten und gewundenen Formen. Die citronengelben Blüten waren meterlang, und es waren mehr als drei Blüten – es gingen aber nur drei faustdicke Stengel aus dem Boden heraus, der in der Mitte höher war als im übrigen Saalraum, sodaß man diesen Blüten nicht näherkommen konnte.

Jetzt aber, meine Damen und Herren, müssen Sie sich die Seitenwände der Rotunde vorstellen – da waren Rankengewächse vor schwarzen, straff gespannten Sammetwänden – das Astwerk der Ranken weiß und undurchsichtig – die Blüten blau, rot und grün und vielfach durchsichtig. Diese Wandblüten waren alle klein – nur wenige hatten Handgröße. Und natürlichen Blüten ähnten diese Glasblüten fast garnicht.

Als ich mich da zum ersten Male in dieser Rotunde befand, staunte ich wohl eine gute halbe Stunde alles an – das Licht kam von der Kuppel herunter, die auf weißem undurchsichtigem Grunde schwarzes Linienornament zeigte. Und dann kam Mr. William und begrüßte mich.

›Aber Münch‹, rief William gleich, ›benimm Dich nur nicht so feierlich; an so was muß man sich schnell gewöhnen. Komm nur gleich hier in diesen Experimentiersaal – da will ich Dir einen künstlichen Eissee zeigen – der ist viel interessanter als diese uralte Rotunde.‹

Und danach führte mich William in seinen Experimentiersaal. Ich dachte natürlich, daß da vieles durcheinanderliegen würde, dachte an Atelierstimmung und Ähnliches – doch es war da nur ganz finster.

Aber dann wurde der ganze Fußboden ganz hell – und ich sah, daß ich auf einem großen Glasboden stand, der durchsichtig eine phantastische Glasblumenwelt in der Tiefe unter uns sichtbar machte.

›Künstliches Eis!‹ sagte William.

Wände und Decke bestanden aus Tropfsteingrotten, und mein alter Freund schob mir zwei dicke Stricke unter die Arme; die Stricke wurden an den Wänden von Dienern gehalten, und ich ging nun gestützt von den Stricken neben meinem Freunde, der sich auch so stützen ließ, auf dem durchsichtigen Glasboden weiter. Und dabei sahen wir in die Tiefe.

Ach ja, meine Herrschaften, was ich da mit zwei Stricken unter den Armen zu sehen bekam, läßt sich leider nicht so leicht beschreiben. Ich sah in eine bunte, ganz fabelhafte Blumen- und Fruchtwelt hinein, und mit jedem langsamen Schritt, auf Filzschuhen rutschend, veränderte sich das bunte Bild unter uns.

Mr. Weller sprach dabei in einem fort:

›Du darfst nicht glauben‹, sagte er, ›daß da unten immer alles am selben Platze bleibt. Da unten laß ich täglich alles anders zusammenstellen. Und so hab ich täglich immer etwas Anderes da unten zu sehen. Jede Blume sieht ganz anders aus, wenn sie dem Eisboden nahe ist – und anders, wenn sie sich tiefer befindet. Nun kommt noch hinzu, daß der künstliche Eisboden an vielen Stellen Vergrößerungslinsen hat – und auch Stellen, an denen das Glas nicht so dick ist – und auch Stellen, die große Höhlen und Vertiefungen haben. So wird die Glasblumenwelt da unten gar köstlich variiert. Und wenn ich nun Befehl gebe, unten die Blumen ein bischen herumzufahren, so hast Du einen Kaleidoskopeffekt erster Güte. Paß mal auf!‹

Und dann kams, wie er sagte.

Und das müssen Sie sich nun mal vorstellen; Sie können Ihre Phantasie anstrengen, wie Sie wollen, die Wirklichkeit werden Sie nicht übertrumpfen.

Lange hielt ich natürlich diesen Farben-, Formen- und Funkenzauber nicht aus.

Als mein Freund merkte, daß es mich angriff, ließ er plötzlich unten alles dunkel machen – und da atmete ich auf, Sie können mirs glauben.

Dann frühstückten wir in einem großen Fruchtzimmer. Das erinnerte so an die Märchen von Tausend und Einer Nacht. Die Früchte bestanden aber nicht einfach aus Rubinen und Smaragden – diese Weller-Früchte sahen noch köstlicher aus, obschon die Farben nicht so brannten wie bei den Brillanten.

Weller wollte die Kugelform in seinen Früchten überwinden und gab nun alle möglichen Formen, die anders als Kugeln sind – gleichzeitig vermied er das Kristallinische, sodaß man auch nicht an Brillanten erinnert wurde.

Das Innere dieser Kunstfrüchte wirkte zumeist noch interessanter als die äußere Form.

Ganz unbeschreiblich leuchteten aber die Farben. Die Farben, die im Glase hervorgebracht werden, sind ja viel herrlicher als alle anderen Farben; ein Farbenfreund muß eigentlich ganz naturgemäß zum Glasfanatiker werden.

Und so wars dem lieben William Weller auch gegangen; die Glasmalerei hatte ihn zu den Glasblumen und Glasfrüchten geführt.

Jedoch wir frühstückten nicht allein zusammen; eine junge Dame leistete uns Gesellschaft.

Wenn Sie sich aber denken, daß diese Dame sehr freundlich zu uns gewesen wäre – so täuschen Sie sich gewaltig.

Weller stellte die Dame folgendermaßen vor:

›Hier, Herr Baron, haben Sie das Vergnügen, meine Großnichte, Fräulein Flora Mohr aus Graudenz kennen zu lernen. Wenn Sie glauben, daß diesem Fräulein meine Paläste sehr großen Spaß machen, so sind Sie auf dem Holzwege.‹

›Lieber Großonkel‹, sagte darauf Fräulein Flora, ›ich kann mich nicht anders geben, als ich bin. Mich erfreuen die natürlichen Blumen mehr als Deine künstlichen.‹

›Sehen Sie‹, rief nun lachend mein alter Freund, ›hab ich nicht Recht? Das ist doch mal eine ehrliche Natur. Die paßt hierher, sag ich Dir, mein lieber Münch! Die paßt hierher – so wie die Faust aufs Auge. Oh – wie ich die Kontraste zu schätzen weiß!‹

Genau so waren die Worte meines Freundes gesetzt ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, sonst könnte ich ja gar nicht so viele Geschichten erzählen; William sagte immer, wenn er erregt wurde, mal Sie und mal Du zu mir.

Ich aber bekam von seiner Erregung nichts ab, ich wurde nur neugierig und wollte wissen, wie denn diese Großnichte in diese Glasblumenpaläste hineingeraten wäre, und ich fragte danach, und sie sagte:

›Ich bin ja die Großnichte meines Großonkels.‹

Diese Antwort machte mich natürlich nicht klüger.

Fräulein Flora Mohr kam mir nicht sehr interessant vor, und ich fragte nach dem Frühstück den lieben William, als ich ihm wieder allein gegenübersaß, weswegen diese Dame bei ihm sei.

›Mensch‹, rief er da lachend, ›sie will Geld von mir haben.‹

So gibs ihr doch, erwiderte ich, dann bist Du sie los. Wenn sie die Glasblumen nicht leiden kann, so ist ihr hier doch nicht zu helfen.

Da sagte William:

›Liebster Münch, so gutmütig, wie Du denkst, bin ich leider nicht, ich werde doch nicht einer Großnichte Geld geben, die mir in Gegenwart aller anderen Leute immer wieder versichert, daß sie die Naturblumen lieber hat als meine Kunstblumen.‹

Darauf konnte ich natürlich nichts erwidern, ich glaubte jedoch, daß hier noch ein andrer Haken dahinter sein müsse, und beschloß, mich mal mit dieser merkwürdigen Angelegenheit näher zu befassen.

Ich sehe jedoch, daß wir den Morgenkaffee bekommen sollen. Und so werde ich Ihnen das Weitere nach dem Kaffee erzählen.«

Nach diesen Worten hörte der Baron zu erzählen auf; die Herren schmunzelten, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie jetzt auch sehr neugierig seien.

Und dann tranken alle ihren Morgenkaffee und blickten dabei in die blauen Fluten des Stillen Ozeans. Die Sonne stieg derweil langsam höher.

ZWEITES KAPITEL

Nach dem Morgenkaffee fuhr der Baron Münchhausen in seiner Erzählung fort:

»Mr. Weller«, sagte der Baron, »gab nun seiner Großnichte den Auftrag, mir die köstlichen Glasblumenbeete zu zeigen. Nun müssen Sie sich, meine Damen und Herren, diese Beete vorstellen. Denken Sie an venetianische Ziergläser- an die allerfeinsten! Den Goldstaub in den Gläsern müssen Sie aber fortlassen – denn Weller liebte das Gold nicht. Er erklärte alles Gold für ein nutzloses, ästhetisch unsympathisch berührendes Metall. Und ich finde auch, daß man ein Metall, mit dem man Käse kauft, nicht an Kunstwerken verwenden dürfte. Es wirkt überall klecksig, und es läßt sich doch nicht leugnen, daß eine einfache Butterblume ein köstlicheres Gelb besitzt – als dieses Tausch- und Trödelobjekt. Sie werden ja meiner Meinung sein.

Indessen – an die Seepferdchen der Venetianer dürfen Sie auch nicht denken – dafür müssen Sie an alle Farben denken, die Sie im Glase gesehen haben. Natürlich – sehr viel Email verwendete Weller auch – besonders in den Blüten.

Und dann eins: vergessen Sie nie, daß Weller niemals die natürlichen Blumen nachahmte – er machte alles immer anders als das Natürliche. Entzückend waren besonders die Glockenblumen mit ganz hohen spiralförmigen Staubgefäßen. In den Glocken sah man alle Topfformen, die es gibt – und das Äußere der Glocken war oft von durchbrochener Arbeit umhüllt – und oft von Rubin-, Filigran und Eisglas.

Weller setzte seine Beete, von denen viele einen Durchmesser von zwei bis drei Metern besaßen, nicht immer auf den Fußboden – oft setzte er die Beete einfach an die Wände und an die Decken.

Es wurden auch schräge Fußböden für die Beete hergestellt.

Da man im Naturgarten die Beete mit kurzgeschnittenen Rasen zu umgeben pflegt, so hatte Weller auch an einen Ersatz dieses Rasens gedacht.

Zumeist verwertete er weiße oder farbige Watte, die zum Glase einen gut kontrastierenden Rahmen schuf. An den Wänden wurde außer Sammet vielfach Brokat verwandt. Doch auch im Brokat vermied Weller das Gold.

Fahrende Beete gabs ebenfalls – und auch Guirlanden an straft gespannten Drahtseilen – natürlich auch hängende Beete – solche, die an Ketten hingen.

In einigen Sälen gabs auch Terrassen mit Überkragungen – und viele Terrassen waren ganz und gar mit Glasblumen angefüllt.

In einem Saale fand ich an Stelle des kurz geschnittenen Rasens – feinsten Seesand.

Auch Pilze und Schwämme wirkten als Umrahmung der Beete sehr gut.

Alle diese Herrlichkeiten zeigte mir Fräulein Flora Mohr mit einer Miene, die mir wirklich unvergeßlich bleiben wird.

Es machte ihr offenbar die größte Pein, mir all diesen Farben- und Formenprunk zu zeigen.

Und ich wußte ja schon so ungefähr – warum. Aber ich dachte, da stecke ein Roman dahinter.

Und so fragte ich höflich:

Gnädiges Fräulein, Sie sind also eine große Freundin der natürlichen Blumen, nicht wahr?

›Ja, das bin ich!‹ erwiderte sie.

Und ich fuhr fort:

Da haben Sie also eine Abneigung gegen diese künstlichen Glasblumen, nicht wahr?

Da bekam ichs.

›Wie‹, rief sie aus, ›Abneigung nennen Sie das Gefühl, das ich diesem Glas quark entgegenbringe? Nein, das ist nicht das richtige Wort für meinen Haß. Herr Baron, ich bin eine gebildete Person; ich hab in Graudenz das Seminar besucht und spreche fast alle modernen Sprachen. Wenn Sie glauben, daß mir diese Spielerei irgendwie imponieren könnte, so irren Sie sich gründlich. Wo ist denn hier das Leben? Sind diese Spielereien nicht einfach tot? Können Sie leugnen, daß sie tot sind? Und – ist es nicht immer wieder dasselbe, was man hier sieht? Immer wieder nur Farben! Und immer wieder nur Formen! Mit solchen Kindereien kann man ja den wilden Negern im warmen Afrika eine Freude bereiten – aber nicht einer gebildeten Person, die das Seminar in Graudenz besucht hat und fast alle modernen Sprachen spricht.‹

Ich sehe, meine Damen, Sie machen große Augen – aber so hat Fräulein Flora Mohr wörtlich gesprochen, ich behalte alles, was man mir sagt, wörtlich; mein Gedächtnis ist tatsächlich noch bewunderungswürdiger als mein Alter.

Mich verblüffte natürlich diese offene Ausdrucksart der jungen Dame, und ich sagte ganz schüchtern:

Gnädiges Fräulein, sind Sie nicht der Meinung, daß diese Abneigung, die Sie all diesen Glasblumen entgegenbringen, Ihren verehrten Großonkel sehr kränken könnte?

›Oh‹, rief sie heftig, ›Sie glauben wohl, hier steckt ein Roman dahinter! Sie glauben wohl, daß ich meinen Großonkel liebe! Da irren Sie sich: ich liebe meinen Bräutigam, der in Graudenz Kunstschlosser ist – und keinen andern Menschen liebe ich. Das gehört sich doch so. Und – ehrlich sein ist für mich die Hauptsache. Ich muß grade und frei meine Meinung heraussagen, wo ich auch bin. Und wenn meine Meinung andre Leute kränkt, so kann ich nicht dafür. Das Natürliche und das Ehrliche geht mir über Alles.‹

Nach dieser Rede sagte ich mir im Stillen, sodaß es Niemand hörte:

Jetzt bin ich also endlich hinter den Roman gekommen. Wie glücklich bin ich nur, daß diese Dame nicht mich liebt.

Wohl uns, daß dieser Kunstschlosser in Graudenz existiert! Auch der Weller kann von Glück sagen, daß er von diesem ehrlichen Mädchen nicht geliebt wird. Man weiß immer noch garnicht, wie gut mans eigentlich hat. Jedenfalls hat man vor der Natürlichkeit und vor der Ehrlichkeit immer noch nicht den genügenden Respekt. Und laut fuhr ich fort:

Gnädiges Fräulein, ich verstehe nur nicht, warum Sie da immer noch in Melbourne und nicht in Graudenz sind. Verzeihen Sie gütigst, daß ich das sage; mich gehts ja eigentlich nichts an.

›Oh‹, erwiderte nun das Fräulein, während es vor einem smaragdgrünen Tulpenbeet stehenblieb, ›Sie brauchen nicht um Verzeihung zu bitten; ich halte mit nichts hinterm Berge, ich nehme niemals ein Blatt vor den Mund. Mein Bräutigam will sich, wenn wir heiraten, etablieren. Und da braucht er etwas Geld. Und deswegen bin ich hie, bei meinem Großonkel und hab ihn gebeten, mir zehntausend Taler für Erwin zu geben – Erwin Krug heißt mein Bräutigam.‹

Und, fragte ich nun, eine so geringfügige Summe will Ihnen Ihr Großonkel nicht geben?

›Nein‹, versetzte sie, ›das ist es ja eben! Ich bin nicht für seine Glasblumen begeistert, und deswegen hält er mich hin. Und er verschwendet Unsummen für diese Albernheiten – jedes Beet hier kostet viele Tausende, und mir will er nicht einmal so viel geben, daß Erwin sich etablieren kann. Als ich ihm die maßlose Verschwendung, die hier herrscht, in scharfen Worten vorwarf, nannte er mich ein naseweises Frauenzimmer. Ich wäre längst fort von hier, wenn Erwin das Geld nicht so nötig gebrauchen würde.‹

Sagen Sie mal, meine Gnädigste, warf ich da ein, bitten Sie doch Ihren Großonkel um solch ein Glasblumenbeet – und verkaufen Sie es dann. Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie sich für dieses Glasblumenbeet mit den Smaragdtulpen interessieren – dann würde sich Ihr Onkel sehr freuen über Ihr Interesse und Ihnen die Kleinigkeit schenken. Zehntausend Taler bekommen Sie schon dafür.

Da sah mich die Dame sehr groß an und sagte mit unnachahmlichem Stolze:

›Ich sagte schon, daß ich eine ehrliche Natur bin. Ich lüge nie! Verstehen Sie mich jetzt?‹

Ich, versetzte ich stotternd, verstehe – Sie – jetzt! Ich lüge ja ebenfalls nie.

Danach hörte unsre interessante Unterhaltung auf; Diener kamen und baten uns wieder, in ein großes Speisezimmer zu kommen.

Wenn ich jetzt ehrlich sein darf wie Fräulein Flora Mohr, so möchte ich auch wünschen, daß jetzt gleichfalls Diener kämen und etwas zu essen mitbrächten.«

Die ganze Gesellschaft mußte nach diesen Worten sehr laut lachen; die Frau Minister Mikamura winkte – und die Diener brachten ein kleines Frühstück herbei, wofür der Baron Münchhausen mit den verbindlichsten Worten seinen Dank sagte.

DRITTES KAPITEL

Nach dem Frühstück sprach der Baron das Folgende:

»Mein Freund William lud mich danach zu einer Kahnfahrt ein, und ich war natürlich gern bereit, bat nur Fränlein Flora mal zu Hause zu lassen.

›Zu Hause‹, sagte William, ›bleiben wir ja. Meinst Du, ich hätte keinen Saal, in dem ich Kahn fahren kann? So arm bin ich doch nicht. Die Flora kann selbstredend draußen im Park die Rosen und Lilien bewundern; immerzu braucht sie ja nicht dabei zu sein.‹

Wir kamen dann gleich in einen domgroßen Saal, dessen Wände – ja, das ist wirklich schwer zu beschreiben… An den Wänden waren Taue und Stricke von verschiedener Dicke ausgespannt – alle ganz straff – aber nach allen Richtungen kreuz und quer, sodaß das Ganze etwas von alten Spinngewebenetzen bekam. An Spinngewebe mußte man schon denken, weil alle Taue und Stricke grau waren. Das gab wundervoll durchbrochene Muster – die eigentlichen Wände dahinter konnte man nicht sehen; überall sah man nur Taue und Stricke straff gespannt durcheinander gehen. Und oben die Decke des eirunden Saales zeigte auch nur graue Taue und Stricke. Es ging in Eischalenform nach oben – Ecken gabs nicht. Fenster gabs da auch nicht, die Luft wurde durch Windräder eingeführt. Auf dem Wasser schwammen zwölf Seerosen – ganz buntfarbige Seerosen. Und die begannen plötzlich bunt zu leuchten, sodaß das Tauwerk auch ganz bunt wurde.

Sie werden natürlich fragen, wie vordem Licht gemacht wurde. Doch das ging sehr einfach zu; mehrere Diener trugen an vier Meter hohen Stangen große weiße Kugellampen – die erlöschten, als die Seerosen zu leuchten begannen.

Wir setzten uns in einen Kahn. Die Diener verschwanden. Und es wurde ganz unheimlich still auf dem Wasser. Die Seerosen streuten bunte Farbenbüschel aus – wie bunte Scheinwerfer wirkten die Büschel.

Meine Damen und Herren, Sie werden natürlich denken, daß ich in dieser träumerischen Seestille an die Flora dachte. Doch Sie irren sich: ich hatte die Flora vollkommen vergessen – trotz meines guten Gedächtnisses.

Und was ich jetzt erlebte, drangte die Erinnerung an jene glasfeindliche Dame immer tiefer in den Hintergrund.

William bat mich, in die Tiefe des Sees zu blicken – und da sah ich, wie bunte Blumen langsam emporwuchsen. Und die Blumen wuchsen aus den Wassern heraus und leuchteten. Sie leuchteten auch in der Tiefe des Wassers.

Und Mr. Weller sprach dazu erregt:

›Siehst Du, da hast Du wachsende Blumen – wie wachsen so, daß Du siehst, wie sie wachsen. Und da sagt diese Flora immer noch, daß alle meine Glasblumen tot sind – immerzu tot sind. Es ist empörend. Für mich sind meine Blumen nicht tot. Siehst Du, wie sich langsam die köstlichen Kelche öffnen? Siehst Du, wie die Staubgefäße größer werden? Siehst Du, wie die saphirblauen großen Blätter langsam sich aufklappen? Eine feine Mechanik steckt da überall drin. Und sieh nur, wie die Glasblätter alle naß sind – und wie die Tropfen im bunten Licht aufleuchten! Oh – und da sagt diese Flora, daß das alles blutlose Schemen sind – bloß weil sie heiraten will. Dies hier soll nach ihrer Meinung ein Schattenreich sein – für den Orkus reif! Ein schöner Orkus! Und sie sagt immer, daß das alles so leer wirkt! Sie meint, da fehlt überall das Fleisch und Blut. Als wenn die Rosen und Veilchen auch Fleisch und Blut haben!‹

Danach wurde mein Freund ganz weich und sprach sehr viel davon, wie seine Glasträume entstanden. Wenn ich Ihnen das alles erzählen würde, käme ich heute nicht zu Ende.

Und die Glasblumen wuchsen ganz hoch aus dem stillen Wasser heraus. Und es wuchsen immer mehr. Und wir fuhren ganz vorsichtig zwischen diesen leuchtenden Wunderblumen dahin.

Als aber der liebe William wieder von seiner lieben Flora anfing, sagte ich ihm ziemlich ärgerlich:

Liebster William, laß die Flora in Ruh und zerstöre mir hier nicht die Stimmung. Gib ihr doch die zehntausend Taler, damit sie endlich ihren Kunstschlosser heiraten und uns in Ruhe lassen kann.

›Fällt mir garnicht ein‹, versetzte dazu der William ›sie macht mit ihren Schimpfereien unbewußt die schönste Reklame. Ich erwarte einen indischen Nabob, und dem muß sie Geschmack und Begeisterung für meine Blumenwelt beibringen, damit er für zwei Millionen Ankäufe macht.‹

Ach so! rief ich nun lachend. Du willst also durch die Flora nur zum Widerspruch reizen. Beinahe kommt es mir so vor, als wenn Du die zehntausend Taler garnicht mehr hast.

›Scherze nicht!‹ sagte William leise, ›so schlimm steht es nicht. Aber Du kannst mir glauben, daß meine Paläste Geld kosten.‹

Das glaube ich! erwiderte ich.«

Der Baron wandte sich danach an die Dame des Hauses und sagte schmunzelnd:

»Gnädige Frau, könnten wir nicht auf Ihrem neuen Karussell fahren? Es ist so heiß, und das Fahren in der Luft kühlt so fein ab.«

»Einverstanden!« rief da gleich der Minister Mikamura, ließ Cigarren und Cigaretten herumreichen – und dann bestiegen alle rauchend das neue Karussell.

Dieses war nicht so wie andre; ein fünfzig Meter langer Eisenarm hob eine Plattform empor, auf der die ganze Gesellschaft Platz fand.

Und da fuhr denn die ganze Plattform in zierlichen Kurven durch die Luß, und der Tabaksrauch markierte die Kurven. Solche Fahrt in der Luft, in der heißen Sommerluft erfrischte, und man sah dabei ins blaue Wasser des Stillen Ozeans.

VIERTES KAPITEL

Als alle wieder ruhig auf der großen Dachterrasse saßen, fuhr der Baron abermals in seiner Erzählung fort:

»Am nächsten Tage kam denn auch der große Nabob aus Indien; er hatte große schwarze Augen, denen man die Begeisterungsfähigkeit gleich anmerkte. Natürlich richtete es mein Freund William so ein, daß er bald mit Fräulein Flora zusammenkam.

William bestieg mit den beiden und mir sein großes Turmpanorama. Da drehte sich ein Turm mit fünf Stockwerken ganz langsam um sich selbst. Und im kleinen Turmzimmer des ersten Stockwerkes saßen wir Vier an einem runden Tisch in bequemen Sesseln und blickten hinaus. Und vor uns zog eine Art Winterlandschaft mit Blumen vorüber, die den Eisblumen nicht unähnlich sahen. Es waren aber ganz große Eisblumen. Das Starre des Glases wirkte hier ganz natürlich.

Die Flora gab ruhig zu, daß diese phantastischen Eisblumen, die natürlich ganz seltsame Formen zeigten, alles nur in Weiß und Grau – wirklich ganz natürlich wirkten. Weller sah mich an, und ich merkte, daß er unruhig wurde. Der Nabob saß ganz schweigsam da und starrte die weißen und grauen Astgewächse mit seinen großen Augen aufmerksam an.

›Du pflegst doch sonst nicht‹, sagte Weller zu seiner Großnichte, ›mit Deiner Meinung so zurückzuhalten.‹

›Ich habe aber auch nicht nötig‹, erwiderte sie, ›mich immerfort zu wiederholen.‹

›Finden Sie‹, fragte der Nabob, ›diese seltsame Eiswelt nicht wundervoll?‹

›Das schon‹, versetzte sie, ›aber wenn ich die Kosten bedenke, die eine derartige Anlage verursacht hat, so kann ich mir doch nicht verhehlen, daß hier recht viel Zeit und Geld verschwendet wurde. Bei uns in Deutschland hat man im Winter solche Landschaften billiger.‹

› Solche aber‹, rief nun der Nabob mit flammenden Augen, ›in keinem Falle. Sehen Sie denn nicht die wundervolle Struktur der grauen Stämme und Äste? Sehen Sie nicht, daß alles Weiße blütenartig ist? Und wie mannigfaltig die vielen Stengelgebilde sind – dort das ganz Straffe – hier das Strahlenartige! Oh – das gibts doch nicht in der Natur. Sie müssen so was geträumt haben, wenn Sie behaupten, so was schon in Deutschland gesehen zu haben.‹

›Ich bin für das Praktische und träume sehr selten!‹ sagte Flora.

Und Weller rieb sich vergnügt die Hände und führte uns auf steiler Wendeltreppe zum zweiten Stockwerk empor.

Da saßen wir denn ebenso wie im ersten und sahen Schattenspiele – eine Glasblumenwelt, in der alle Effekte auf die Schattenwirkung hinarbeiteten; das Licht kam mal von oben und mal von unten und dann wieder von einer Seite oder von hinten.

Alles Farbige war gedämpft – nichts Grelles. Nur die Schatten waren oft grell. Der Nabob fragte die Flora, ob sie so was auch schon in Deutschland gesehen habe.

›Ich habe‹, sagte sie da, ›oft die Schatten im Walde des Abends gesehen und finde diese Schatten nicht so mannigfaltig wie jene.‹

Da wurde der Nabob ärgerlich und schwieg, bewunderte dafür die vorüberziehenden Blumen mit allen ihren Schatten immer aufmerksamer.

Im dritten Stockwerk wars zuerst ganz finster – und dann sahen wir phosphorescierende Blumen in dieser Finsternis. Und das erregte – so wie Geistererscheinungen – es war ein bißchen unheimlich.

Fräulein Flora hüllte sich in Schweigen, der Nabob rauchte eine Cigarette.

›Ich wollte mal‹, sagte William, ›die Seelen der Blumen zur Darstellung bringen – ich wollte Geisterblumen bieten. Ich bin ja auch ein großer Freund der natürlichen Blumen.‹

›Dann verstehe ich nicht‹, rief nun die Flora, ›warum Du Dich derartig in Unkosten stürzest; man kann doch das Geistige nicht mit stofflichen Mitteln herstellen.‹

Es kamen nun Blumen, die nur aus Geißlerschen Röhren bestanden, und die entzückten den Nabob so, daß er sich plötzlich die Ohren zuhielt und deswegen um Entschuldigung bat.

›Aber‹, sagte er, ›ich kann nicht gut sehen, wenn ich auch hören muß.‹

Wir waren lange mäuschenstill und ließen die Geisterblumen langsam an uns vorüberziehen.

Im vierten Stockwerk wurden uns welke verblühte Blumen in Glas vorgeführt.

›Oh‹, rief da der Nabob, ›hier haben wir die Poesie des Sterbens.‹

Es sieht aber, sagte ich, nur so aus, als wäre da was gestorben. All die Formenpracht gibts garnicht in der absterbenden Natur.

›Jedenfalls‹, meinte die Flora, ›ist es sehr gut, wenn der Großonkel die tote Natur in seinen Glasblumen zur Darstellung bringt; den Eindruck des Lebendigen wird er ja doch nie mit seinen Glasgeschichten erzeugen.‹

›Da können Sie‹, sagte nun langsam der Nabob, ›auch die ganze Kunst verdammen; Ölfarben und Marmor sind auch nie zum Leben zu bringen.‹

Fräulein Flora Mohr wurde verlegen und redete etwas unzusammenhängend.

Weller stieß mich bedeutungsvoll an, und wir stiegen dann ganz nach oben in das fünfte Stockwerk und sahen dort eine ganz frische Frühlingspracht mit unsäglich vielen bunten Knospen.

Und dann drückte Weller auf einen Knopf, und es waren wieder andre Knospen da – in anderen Formen und Farben.

›Nun‹, rief William lachend, ›lebt diese Frühlingspracht – oder lebt sie nicht?‹

Und er drückte immer noch mal auf seinen Knopf – und wir sahen die Blumenfelder immer wieder anders.

Die Flora sagte:

›Da sind immer wieder nur Farben und Formen – weiter nichts. Es fehlt doch die Seele!‹

›Hm!‹ sagte William, ›Du wolltest Dich doch nicht wiederholen.‹

›Das fragt sich, ob hier die Seele fehlt!‹ sagte der Nabob.

Mein Freund ließ jetzt noch eine größere Anzahl von durchsichtigen Vergrößerungslinsen als Blüten vortreten – und dadurch veränderte sich das Bild so plötzlich, daß der Nabob ganz erregt aufsprang. Als ich nachher mit William allein war, sagte der:

›Die Flora hat ja gewissermaßen Recht; ich gebe zu, daß immer nur Farben und Formen kommen. Aber – ist es nicht ein bißchen anspruchsvoll, wenn man immer gleich den Kern der Natur entdecken will?‹

Ich mußte das bejahen und sagte tröstend:

Vergiß auch nicht, daß wir den Kern der Natur eigentlich garnicht kennen.

›Und‹, rief nun mein Freund vergnügt, ›ich weiß ja doch, daß Floras Seele stets in ihrem Kunstschlosser steckt.‹«

Danach begab man sich zum Diner, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie die Flora für ein unglaubliches Geschöpf hielten.

»Aber solche Geschöpfe«, sagte der Baron, »gibts eben in Europa.«

»Ein merkwürdiges Land!« riefen da die japanischen Damen – beinahe im Chor.

FÜNFTES KAPITEL

Nach dem Diner sagte der Baron:

»Es ging nun wohl eine ganze Woche dahin, ohne daß die Geschichte mit dem Nabob so recht vorwärtsgehen wollte.

Fräulein Flora kämpfte mit Energie für das Recht auf Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Der Nabob war immer andrer Meinung als die Flora, aber es kam zu keinen Knalleffekten, wenn auch manchmal die Meinungen recht drastisch gegenüberstanden. Weller freute sich dann über die Köstlichkeit der Kontraste, und der Nabob ging hin und studierte die einzelnen Beete und Blumen mit immer größerem Eifer; er konnte stundenlang vor einzelnen Kompositionen sitzen. Doch er kaufte nichts.

Er sagte nur immer wieder:

›Mr. Weller! Ich schwärme eigentlich nur für das Beste! Nur das Beste möchte ich haben! Entschuldigen Sie, daß ich mich noch nicht entschließen kann. Ich muß über alles sehr lange nachdenken. Ich will immer nur das Beste haben – nur das Beste.‹

Weller wurde dabei ein bißchen nervös, und ich hatte große Mühe, ihn zu beruhigen:

›Diese Flora‹, sagte er, ›kam mir sonst viel krasser in ihren Urteilen vor; sie ist jetzt so matt. Lieber Münch, könntest Du ihr nicht zu verstehen geben, daß ich ihr wahrscheinlich demnächst das gewünschte Geld geben werde?‹

Nein, erwiderte ich, das halte ich für Unfug; sie muß den Nabob immer wieder zum Widerspruch reizen. Sag ich ihr, daß sie bekommen wird, was sie haben will, so wird sie so sanft wie eine Taube. Und das reizt den Nabob nicht mehr.

›Wenn die wüßte, wozu wir sie gebrauchen!‹ sagte Weller.

Und da mußten wir Beide herzlich lachen.

Wenn ich mit William allein war, gingen wir gewöhnlich in eines seiner intimen Kabinette, in denen sich nur einzelne ganz hervorragend schöne Glasblumen befanden.

›Du glaubst nicht‹, sagte William mal, ›welche Mühe ich mir gegeben habe, meinen Glasblumen eine sogenannte Seele einzuhauchen. Sieh nur, ein Blumenmaler wie Makart, der nur natürliche Blumen malte, wird immer den Triumph genießen, daß er andern Leuten als Blumenbeseeler vorkommt. Aber ich, der ich neue Formen und Farben in ganz neuen Blumen geben will, werde so behandelt, als wenn ich alles Seelenleben dadurch vernichte. Rede nicht! Es ist so! Das macht die Gewohnheit! Als wenn ich nicht die genügende Begeisterung für die lebendigen Blumen der großen Natur habe! Ich will doch nur Andere geben! Ob dieses Andere besser ist als das Bekannte – das ist mir ganz egal; wenns nur anders ist!‹

Ich mußte nun den armen William immer trösten.

Sei still, sagte ich, der Nabob und ich sind nicht so wie Deine liebe Flora; wir sehen schon, welche Fülle von Stimmungsgeschichten Du in Deine Beete hineingepflanzt hast- diese Stimmungsgeschichten leben und kommen in uns hinein – wie Musik in uns hineinkommt.

›Du mußt mit dem Nabob‹, sagte da der William, ›und mit meiner Flora in meinen großen Irrgarten gehen – den kennst Du noch nicht. Das ist ein Urwald in Glas – das Beste, was ich habe – das ist ein Urwald und ein Irrgarten zu gleicher Zeit.‹

Ich war natürlich sofort bereit, in diesen Irrgarten hineinzugehen.

Aber, meine Damen und Herren, ich muß gestehen, daß ich nach dem Diner immer etwas müde bin, und so schlage ich vor, daß wir uns alle ein wenig zerstreuen und uns eine Siesta gönnen.«

Alle waren sofort einverstanden, und die Japaner mit ihren Damen erklärten feierlich:

»Diese Flora Mohr ist uns ganz unverständlich. Wir nehmen Mr. Wellers Paläste als höchste Verherrlichung der Blumenwelt hin. Wir können garnicht anders. So ist es doch auch. Daß das diese Flora nicht einsieht!«

Nun redeten Alle darüber Längeres und Breiteres, und währenddem wurde Münchhausen mit seiner Clarissa in ein abgelegenes Orchideenzimmer geführt, allwo sie sich auf weichen Polstern ungestört der Ruhe hingeben konnten.

Münch steckte sich eine starke Cigarre an und trank ein Glas Wasser und fragte die Clarissa:

»Was sagst Du zu dieser japanischen Gesellschaft?«

»Ich finde sie reizend«, erwiderte die Gräfin, »furchtbar liebenswürdig und nett. Die Hauptsache hat natürlich Niemand begriffen. Ich habs ihnen nach Kräften klargemacht. Immer wieder hab ich ihnen gesagt, daß die Glasblumen Wellers gar keine gewöhnlichen Blumen sind – daß sie anders sind als alles, was wir bisher kannten – daß sie noch mehr bieten wollen als alle Orchideen. Nun fanden das die Damen und Herren einfach wundervoll. Aber sie priesen doch immer wieder hauptsächlich ihre Orchideen, sodaß ich vermute, sie haben uns mit Absicht in dieses Orchideenzimmer geschickt, damit wir einsehen, wie köstlich die Orchideen trotz aller Weller-Blumen sind. Eben – wie gesagt – Alles sehr liebenswürdig, sehr sympathisch und angenehm. Aber die Hauptsache wird wieder mal nicht begriffen. Und da muß man immer noch sehr dankbar sein, daß sie Dir so aufmerksam zuhören. Ach, ich fürchte, wir werden auch hier genauso viele Erfolge zu verzeichnen haben – wie in Europa. Das Neue ist den Leuten eben noch zu neu – und es strengt auch etwas an, sich das Neue vorzustellen. Es ist beklagenswert, daß Mr. Weller nicht Photographieen von seinen Blumen herstellen ließ. Warum hat er das eigentlich verboten?«

»Aber liebe Clarissa«, rief lachend der Baron, »dieser Weller will doch seine Glasblumen auch mal verkaufen. Und darum sollen alle Interessenten nach Melbourne kommen.«

»Sag mal, Münch«, sagte darauf die Gräfin, »so ganz sympathisch ist mir dieser Geschäftsfaktor eigentlich nicht.«

»Mir«, erwiderte Münch, »eigentlich auch nicht. Aber die meisten Menschen schätzen doch nur, was sie kaufen und bezahlen können.«

Hierauf ward es ganz still im Orchideenzimmer; der Baron legte seine Cigarre fort.

SECHSTES KAPITEL

Als wieder alle auf der großen Dachterrasse zusammen waren, sprach der alte Baron weiter:

»Am nächsten Tage ging ich also schon in früher Morgenstunde mit dem Nabob und Fräulein Flora in Wellers großes Labyrinth. Das kannte Fräulein Flora bereits; ich aber kannte es noch nicht und mußte trotzdem den Führer spielen. Vom Morgenlicht sahen wir nicht viel; es kam nur zuweilen von oben herein. Das meiste war elektrisch erleuchtet.

Stellen Sie sich, meine Damen und Herren, riesige Palmenhäuser vor – und da alle Palmen aus Glasmassen. Natürlich bestanden diese Palmen, die selbstverständlich den Palmen nur so ungefähr ähnlich sahen, aus kräftigsten Eisenkonstruktionen, die auf allen Seiten so vom Glase bedeckt wurden, daß das Eisen nicht mehr bemerkt werden konnte.

Wir gingen überall auf einem grauen einfarbigen Fußbodenbelag; aber ganz lange Pole hatten diese Teppiche, sodaß es uns so vorkam, als gingen wir auf grauem, nicht zu kurz beschnittenem Rasen. Das ging sich sehr weich; Filzpantoffeln brauchten wir nicht.

Unten – gabs viele moosartige Glasblumen und große Traubenmassen – in Kürbisgröße jede Beere.

Und ringsum bewegliche Spiegelwände, die sich immer langsam und allmählich anders stellten, sodaß man die Gegend nicht wiedererkannte, wenn man zurückkam.

Ein Labyrinth wars, in dem Führer zu spielen – nicht grade leicht wurde, denn ich konnte dem Nabob niemals sagen, ob wir in einer Gegend schon mal gewesen.

Und dann gings immer treppauf und treppab und auch unten durch lange Tunnelgänge, in denen sich plötzlich große Abgründe auftaten. Und auch diese Abgründe mit ihren korallenartigen Gewächsen veränderten sich durch Spiegelwirkungen immer wieder so, daß man alles nicht wiedererkannte, wenn man wieder vorbeikam.

Der Nabob fand diesen künstlichen Urwald entzückend und die liebe Flora sagte tief unten in einer großen Grotte, die mit unvergänglichen Glasblumenkränzen geschmückt war:

›Ich finde den wirklichen Urwald doch hunderttausendmal schöner.‹

Da meinte der Nabob lächelnd:

›Urwälder glaube ich besser zu kennen als Sie, mein gnädiges Fräulein. Die Urwälder mögen sehr herrlich sein. Wer wird denn das bestreiten? Aber warum soll ich denn die wirklichen Urwälder mit diesem Irrgarten vergleichen? Zum Vergleiche zwingt mich ja garnichts. Dies ist doch noch was Anderes als ein Urwald. Und da dieser Irrgarten noch was Anderes, Neues bietet – so bereichert er uns. Und! ich kann die Bereicherung sehr gut vertragen, wenn ich auch mit Glücksgütern vollauf gesegnet bin. Fühlen Sie sich, meine Gnädige, wirklich innerlich so reich, daß Ihnen Zusätze unsympathisch sind?‹

Da sagte die Flora wieder ihre alte Melodie wie ein alter Leierkasten:

›Ich bin für das Natürliche – für das, was Herz und Gemüt erfreut. Aber ich bin nicht für kalte leere Glasstücke, in denen kein Leben ist.‹

›Meine Gnädige‹, meinte nun lächelnd der Nabob wieder, ›ich suche hier nur das Beste! Nur das Beste möchte ich hier kaufen. Wenn ich aber an all die Köstlichkeiten hier denke und daneben Ihr Bild stelle, so will mir vorkommen, als wären Sie, meine Gnädigste, das Beste in diesem Irrgarten des Mr. Weller. Sie sind die unberührte Naivetät.‹

›Ich bin verlobt, mein Herr!‹ rief Miß Flora schnell.

›Sie verstehen mich nicht!‹ rief der Nabob.

Und dann bewunderten wir weiter den großen Irrgarten, und der Nabob sagte zu mir heimlich:

›Die Dame macht wirklich durch ihr Geschimpfe alle diese Blumen noch interessanter, als sie sind.‹

Ich gab dem reichen Herrn Recht.

Und dann bewunderten wir die kolossalen blauen Palmenblätter auf einer kleinen Anhöhe, und wir sahen ringsum, wie die anderen Riesengewächse, die zumeist in Spiegeln zu sehen waren, immer wieder bald größer und bald kleiner wurden.

›So was sollte man mal im Urwalde sehen!‹ rief der Nabob in heller Begeisterung.

Flora jedoch sagte abermals:

›Ich kann mir nicht helfen- das Natürliche…‹

Aber, meine Damen und Herren, Sie wissen ja schon, daß Fräulein Flora konsequent bei ihrer Meinung blieb; sie blieb eine ehrliche Natur – mochte auch die Welt untergehen.

Und Weller, der uns belauscht hatte, teilte mir nachher mit, daß ihn seine Großnichte einfach berauscht habe.

›Wenn sie‹, flüsterte er mir zu, ›nicht schon verlobt wäre, so würde ich selbst mich mit ihr verloben. Die macht den Käufern Appetit. Es geht nichts über eine ehrliche Natur. Es lebe die Natur! Es lebe die ehrliche Natur! Wenn ich alle meine Glassachen verkauft habe, mach ich neue – noch zehnmal soviel neue. Ich baue dann Hochlandschaften aus Glas! Ja, Münch, das bekomme ich auch noch fertig!‹

Ich war schließlich nur neugierig, wie diese Geschichte enden würde.

Doch ich sehe, Herr Minister, daß Sie Bier haben, und ich fühle, daß ich Durst habe.«

Da mußten alle Gäste des Ministers Mikamura abermals herzlich lachen.

Münchner Bier wurde herumgereicht.

Es war Spatenbräu.

SIEBENTES KAPITEL

Während nun die ganze Gesellschaft gemütlich jenes Getränk trank, das schon den alten Ägyptern so trefflich mundete, fuhr der Baron also in seiner Erzählung fort:

»Nachdem wir den Irrgarten verlassen und gut diniert hatten, bat uns Mr. Weller, ihm in seinen neuesten Saal zu folgen.

Und da mußten wir in Liegestühlen auf dem Rücken liegen, denn das, was gesehen werden sollte, ließ sich oben in der Kuppeldecke sehen.

Da sahen wir plötzlich eine kolossale Sonne, die sich drehte, und die drehende Sonne wurde umkreist von Blumen, die kometarische Ausstrahlungen zeigten.

Schwebende Blumen unter einer Sonne! Kometenblumen!

Weller sagte zur Erklärung dieses:

›Ich befand mich im Jahre 1882 auf der Kapsternwarte, als der zweite Komet jenes Jahres der Sonne so nahe kam, daß er plötzlich verschwand, als er vor den Sonnenbrand trat. Wir dachten damals, er ginge hinter der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Aber das war ja ein Irrtum; er ging vor der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Die Helligkeit des Kometen war eben genauso groß wie die der Sonne selbst. Das war ein Ereignis in meinem Leben. Und ich stellte mir das kolossale Leben in diesem Kometen vor. Und – ich weiß nicht, wie es kam – es muß wohl meine ganze Ideenrichtung, dabei ausschlaggebend gewesen sein – kurzum: ich glaubte, daß die Kometen Kolossalblumen sein könnten. Und das veranlaßte mich, dieses Blumenstück zu schaffen, das Sie da oben sehen. Da bewegt sich Alles. Da ist garnichts tot. Die Sonne ist auch aus Glas. Sie sehen, wie sie sich immerzu in der Farbe verändert. Und die Blumen ringsum bekommen immer wieder andere Schweife – bei jeder kleinen Bewegung verändern sich die Schweife. Zwanzig Jahre habe ich an der Geschichte gearbeitet. Aber mir tut es nicht leid, daß ich der Sache so viel Zeit gewidmet habe. Ich halte dieses Blumenstück für mein Bestes.‹

Da rief der Nabob:

›Ich auch! Ich auch!‹

Na, dann haben Sie ja, sagte ich, was Sie immer gesucht haben, endlich gefunden.

Mr. Weller machte noch darauf aufmerksam, daß auch auf der Oberfläche seiner Sonne Blumengebilde sichtbar würden. Seine Sonne war selbstredend auch eine andre Sonne als die uns bekannte.

Flora sagte ärgerlich:

›Lieber Großonkel, ich glaube, Du wirst demnächst auch die Elephanten in Blumen umwandeln. Vor Dir ist nichts sicher.‹

›Jedenfalls‹, sagte Weller, ›ist es mir nicht unwahrscheinlich, daß die Protuberanzen der Sonne einen gewissen blumenartigen Charakter besitzen; man spricht ja schon so oft von Protuberanzenwäldern.‹

Wenn Sie aber, meine Herrschaften, verlangen, daß ich Ihnen das Aussehen der schwebenden Kometenblumen genauer schildern soll, so verlangen Sie von mir, was ich Ihnen nicht geben kann.

Würde mein Freund William gestattet haben, daß man Photographieen von seinen Sachen herstellte, so wäre ja Alles sehr einfach anschaulich in meinem Vortrage geworden. Die Photographien aber wollte Herr Weller erst dann machen lassen, wenn ihn sämtliche Millionäre des Erdballs besucht hätten – so sagte er mir öfters. Alle sind aber noch nicht dagewesen – das weiß ich ganz genau. Mr. William ist eben auch ein Geschäftsmann. Das nimmt man ihm in Europa übel; da denkt man immer, daß alle Künstler Geld nicht gebrauchen können. Mr. William braucht aber trotzdem sehr viel Geld. Und somit kann ich Ihnen Photographieen von den Glasblumen noch nicht vorlegen.

Ich würde nun nichts dagegen haben, wenn wir jetzt etwas Abendbrot äßen, da wir sonst zu viel Bier zu früh trinken.«

Die Gesellschaft umringte den Baron und dankte ihm für seinen Vortrag, und die Damen wollten den Schluß wissen; sie interessierten sich alle so lebhaft für Fräulein Flora Mohr – für ihre sonderbare Natürlichkeit und für ihre sonderbare Ehrlichkeit.

Der Baron aber sagte lachend:

»Den Schluß erzähle ich erst nach dem Abendbrot, sonst hören Sie mir nicht mehr zu.«

Und so mußte man sich gedulden.

Man aß erst Abendbrot.

ACHTES KAPITEL

Nach dem Abendbrot ging der Mond über dem Stillen Ozean auf, und da wurden im Park des Ministers Mikamura alle Papierlampions angesteckt – und da sagte Münchhausen:

»So wie jetzt hier, so sahs auch bei Weller an jenem Abend im Weller-Park aus, als der Nabob die Kometenblumen für das Beste erklärte.

Wir saßen damals mit Flora und dem Nabob auch mitten in einem Park wie hier, und Papierlampions leuchteten ringsum so wie hier in den Bäumen und Gebüschen.

Der Nabob hatte die Kuppel mit der Sonne und den Kometenblumen für vier Millionen Dollars angekauft; Weller rieb sich vergnügt die Hände und sagte nach den Austern:

›Liebe Flora, Dir will ich nachher noch etwas erzählen, was Du gerne hören wirst.‹

Da verzog sich das ernste Gesicht der jungen Dame zu einem schmerzlichen Lächeln, aber es leuchtete etwas in ihren Augen auf – und das sah so wie ein großes Glück aus.

Und ich mußte während dieses Abendbrotes immer wieder Floras Augen bewundern, in denen ein großes Glück aufzuleuchten begann.

Ich sehe diese Glücksaugen immer noch.

Weller sagte dann zu seiner Großnichte:

›Dreimal so viel,wie Du verlangt hast,will ich Dir heute geben, damit Du endlich heiraten kannst. Bleibe so natürlich, wie Du bist. Ehrlich währt am längsten.‹

Da fiel die Flora ihrem Großonkel weinend um den Hals, der Nabob verstand die Scene nicht.

Ich aber mußte herzlich lachen über die große Ehrlichkeitsliebe dieses Großonkels.

Die Dame fuhr nach Europa, ohne eine Ahnung davon zu haben, wieviel ihr Geschimpfe dem alten Mr. Weller genützt hatte.

Möge jedes Geschimpfe so nützlich sein.

Aber – Floras glückliche Augen werde ich niemals vergessen.

Hier sehen Sie eine Photographie von Fräulein Flora Mohr.«

Der Baron zeigte den Damen und Herren die Photographie von Fräulein Flora Mohr.

Und dann trank man wieder echtes Münchner Spatenbräu.

Und als der Baron mit der Gräfin Clarissa zusammen beim Morgengrauen auf dem festen Sande des Seestrandes dahinfuhr, rief der Baron der Gräfin ins Ohr, da die Wellen des Meeres so heftig rauschten:

»Clarissa! Sieh nur den Mondschein auf den Wellen! Der Große Ozean ist doch herrlich!«

Nach diesen Worten jedoch rief die Gräfin Clarissa dem alten Münchhausen ins Ohr:

»Münch! Du hast ja ganz vergessen, etwas vom russisch-japanischen Kriege zu reden; das wird man Dir übelgenommen haben.«

»Das hab ich«, schrie Münchhausen, »tatsächlich ganz und gar vergessen. Ich werde mich gleich schriftlich entschuldigen, wenn wir ins Hotel gekommen sind. Fahren Sie schneller, Chauffeur!«

Der fuhr nun sehr schnell, daß die Wogen des Großen Ozeans hoch aufspritzten unter den Gummirädern des freiherrlichen Automobils.

Und viele weiße Möven flogen vorüber.