Kategorie: Meinem Kind vorgelesen

Chih-Yuan Chen • Gui-Gui das kleine Entodil • Ein Blick ins Buch

gui-gui
Cover der Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg

Ein Ei kullert in ein Nest mit Enteneiern. Obwohl dieses „verirrte“ Ei nicht nur viel größer ist als ihre eigenen ist, sondern auch noch ganz anders aussieht, nimmt die Entenmutter es als eines der ihren auf und brütet es aus. Was Chen übrigens wunderbar darstellt mit einer vorlesenden Entenmutter, die mit dem Buch auf dem übergroßen Ei tront.

Als vier kleine Küken aus den Eiern schlüpfen, lässt uns Chih-Yuan Chen an der Vielfalt des Lebens teilhaben: Die Entschlüpften unterscheiden sich in ihrem Aussehen deutlich. Eines hat blaue Tupfen und bekommt den Namen Buntstift. Das zweite Küken hat Streifen und wird Zebra getauft. Dem dritten Ei entschlüpft ein gelbes Küken namens Mondschein. Und aus dem „KuckucksEi“ schlüpft ein kleines blaugraues Krokodil, das unaufhörlich „gui-gui“ spricht. Deshalb wird es auch einfach Gui-Gui gerufen.

Die Entenmama kümmert sich rührend um ihre Kleinen und macht keinen Unterschied im Hinblick auf Größe, Farbe oder sonstige Besonderheiten. Zusammen erkunden sie die Welt, haben Spaß und ergänzen sich wunderbar.

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Eines Tages wird diese Idylle dann doch empfindlich gestört; wie es sich für Gleichnisse gehört. Drei ausgewachsene Krokodile betreten die Bühne und reden auf Gui-Gui ein: er sei ein Krokodil und solle sich auch als solches verhalten. Daher verlangen sie von ihm, dass er ihnen hilft, die köstlich zarten, saftigen, fetten Enten zu ohne großen Aufwand fressen zu können. Die drei garstigen Krokodile schlagen also vor, dass Gui-Gui seine „Geschwister im Geiste“ am nächsten Tag zur Brück zu führen um dort „ins-Wasser-springen“ zu spielen. Nur dass die Enten statt des Wasser die offenen Mäuler der drei Garstigen erwartet.

Gui-Gui ist verwirrt und sehr traurig, er fühlt sich nicht wie ein garstiges Krokodil; er muss sich aber auch eingestehen, dass er keine Ente ist. Doch beim Anblick seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche eines kleinen Teiches findet Gui-Gui seinen Humor wieder: „;Ich bin gar kein Krokodil, aber ich bin auch keine Ente. Ich bin ein Entodil.“ Gui-Gui betrachtet laut lachend sein verzerrtes Spiegelbild und tatsächlich: Es sieht aus wie eine Mischung aus Krokodil und Ente.

Nach langem hin und her kommt ihm schließlich eine gute Idee, wie er seine Entenfamilie retten kann. Die drei garstigen Krokodile lauern bereits unter der Brücke und warten darauf, dass ihnen die Enten in den Schlund springen, aber sie warten vergebens. Stattdessen wirft Gui-Gui ihnen riesige Steine ins Maul, an denen sie sich ihre Zähne abbrechen. Die Krokodile suchen das Weite und sind seither spurlos verschwunden. Er hat seine Familie gerettet und Gui-Gui, das Entodil, lebt mit ihnen glücklich und zufrieden.

***

Chih-Yuan Chen - Foto: Privat
Chih-Yuan Chen – Foto: Privat

Der Autor und Illustrator Chih-Yuan Chen, geboren 1975, lebt und arbeitet in Taiwan. Er wurde mehrfach mit dem renommierten Hsin Yi Picture Book Award ausgezeichnet. Sein Bilderbuch über „;Gui-Gui, das kleine Entodil“ eroberte seit seinem Erscheinen 2003 die internationalen Bestsellerlisten.

Inspiriert wurde der Künstler durch die Adoptionsgeschichte eines asiatischen Freundes, der von einer amerikanischen Familie adoptiert wurde.

Chen’s Geschichte über Liebe, Akzeptanz und Selbstentdeckung hat alle Zutaten auch hier ein Lieblingsbuch zu werden.

Die schlichte, kluge Geschichte ist illustratorisch, aussergewöhnlich umgesetzt – mit einer MischTechnik aus Tinte und Wasserfarbe – und überzeugt durch seine Originalität. Chen hat ein wunderbares Gespür für Farben und Formen. Selbst für Erwachsene eignet sich diese Lektüre wunderbar, denn es macht Spaß die Feinheiten und „versteckten“ Andeutungen, Zeichen zu erkunden. Dabei büßen die Hauptfiguren von Chih-Yuan Chen ihren „Niedlichkeitsfaktor“ ganz und gar nicht ein. Im Gegenteil: Irgendwie schafft er es, sie gerade wegen ihrer fein herausgearbeiten Eigenheiten so liebenswert erscheinen zu lassen. Besonders fällt die lebendige Mimik von dem kleinen Gui-Gui auf; durch seine kindliche Körpersprache noch unterstützt. Seine kleine beräderte Holzente ist bei seinen Abenteuern immer dabei – niedlich. Als Gui-Guis Stimmung auf dem Tiefpunkt ist, wirkt auch die kleine Holzente mit ihrem abgefallenen Holzrädchen ein wenig derangiert. Eine stimmig dargestellte Atmosphäre.

Seine Farbwahl wirkt ruhig und vermittelt Ausgeglichenheit. Überwiegend benutzt Chen gedämpfte Farben wie grün, braun, und unterschiedliche Grautöne, die mit blauen, orangen und roten Details hervorgehoben werden. Die Hintergründe sind abwechselnd in weiß, schwarz und grau gehalten, was den wechselnden Rhythmus in der Geschichte fein widerspiegelt. Dabei fällt auf: wann immer die garstigen Krokodile auftauchen, wird der Hintergrund matt-dunkel und schwarze Vögel tauchen auf. So verdeutlicht Chen das bedrohliche Szenario so, dass die garstigen Krokodile über ihr Aussehen hinaus, den Stempel des Bösen bekommen.

Dass der Grundtenor der Geschichte jedoch so humorvoll ist, ist dem vordergründig so leichtgängigen,lebensklugen Erzählbogen zu verdanken, sowie den humorvollen, vielschichtigen Illustrationen.

Besonders schön ist auch die Illustration, wo die Mutter ihren Sprösslingen im Schwimmen, Tauchen und Watschelgang unterrichtet. Alle Enten halten ihre Schnäbel stolz in die Luft, während Gui-Gui größer und stärker als seine Geschwister, die ganze Entenfamilie mit dem Fahrrad heimfährt.

Mein Fazit

„;Gui-Gui“ das kleine Entodil ist ein wunderschönes Bilderbuch über das Anderssein, die Liebe und Toleranz. Es ist ausdrucksstark, mitreißend und funktioniert für Eltern und Kinder. Dieses Bildwerk kann man x mal zur Hand nehmen und entdeckt immer wieder neue Kleinigkeiten.

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Chih-Yuan Chen wurde 1975 geboren und ist freischaffender Kinderbuchillustrator. Er hat in seiner Heimat Taiwan zahlreiche Bilderbücher veröffentlicht und ist dreimaliger Gewinner des begehrten Hsin Yi Picture Book Award. Viele seiner Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Chih-Yuan Chen lebt mit seiner Frau und Zwillingskindern im Süden Taiwans. Er liebt es, spazieren zu gehen, mag keine Anzüge, ist groß und dünn.

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Zum Buch:
Geeignet ab 3 Jahren
Übersetzung: Barbara Wang

Gebundene Ausgabe: 40 Seiten
Verlag: Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main; Auflage: 1., Aufl. (5. Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596852838
ISBN-13: 978-3596852833

Die zur Rezension genutzte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist beim Verlag leider vergriffen.

Richard von Volkmann-Leander ⊗ Der verrostete Ritter ⊗ Eine Vorlesegschichte

Richard von Volkmann-Leander ⊗ Der verrostete Ritter ⊗ Vorlesegschichte

Ringele, Engelbert, 1875 - 1940 Ritter zu Pferd im Wald, nach einer Vorlage von Hans Thoma - 1936.
Ringele, Engelbert, 1875 – 1940
Ritter zu Pferd im Wald, nach einer Vorlage von Hans Thoma – 1936.

Ein sehr reicher und vornehmer Ritter lebte in Saus und Braus und war stolz und hart gegen die Armen. Deshalb ließ ihn Gott zur Strafe auf der einen Seite verrosten. Der linke Arm verrostete und das linke Bein; ebenso der Leib bis zur Mitte. Nur das Gesicht blieb frei. Da zog der Ritter an die linke Hand einen Handschuh, ließ ihn sich am Handgelenk fest zunähen und legte ihn Tag und Nacht nicht ab, damit niemand sähe, wie sehr er verrostet sei. Darauf ging er in sich und versuchte einen neuen Lebenswandel anzufangen. Er entließ seine alten Freunde und Zechgenossen und nahm sich eine schöne und fromme Frau. Diesselbe hatte wohl manches Schlimme von dem Ritter gehört, aber weil sein Gesicht gut geblieben war, glaubte sie es, wenn sie allein war und darüber nachdachte, nur halb, und wenn er bei ihr war und freundlich mit ihr sprach, gar nicht. Darum nahm sie ihn doch. Nach der Hochzeit aber, in der ersten Nacht, merkte sie es, warum er niemals den Handschuh von der linken Hand abzog, und erschrak heftig. Sie ließ sich jedoch nichts merken, sondern sagte am andern Morgen zu ihrem Manne, sie wolle in den Wald gehen, um in einer kleinen Kapelle, die dort stand, zu beten. Neben der Kapelle aber befand sich eine Klause, in der lebte ein alter Eremit, der hatte früher lange in Jerusalem gelebt und war so heilig, daß die Leute von weit und breit zu ihm wallfahrteten. Den gedachte sie um Rat zu fragen.

Als sie nun dem Eremiten alles erzählt hatte, ging er in die Kapelle, betete dort lange zur Jungfrau Maria und sagte dann, als er wieder herauskam: »Du kannst deinen Mann noch erlösen, aber es ist schwer. Fängst du es an und bringst es nicht zu Ende, so mußt du selbst auch verrosten. Viel Unrecht hat dein Mann sein Lebtag getan, und stolz und hart gegen die Armen ist er gewesen: willst du für ihn betteln gehen, barfuß und in Lumpen wie das allerärmste Bettlerweib, so lange, bis du hundert Goldgulden erbettelt hast, so ist dein Mann erlöst. Dann nimm ihn an der Hand, gehe mit ihm in die Kirche und lege die hundert Goldgulden in das Kirchbecken für die Armen. Wenn du das tust, so wird Gott deinem Manne seine Sünden vergeben, der Rost wird abgehen, und er wird wieder so weiß werden wie zuvor.«

»Das will ich tun«, sagte die Ritterfrau, »und wenn es mir noch so schwer werden wird und es noch so lange dauert. Ich will meinen Mann erlösen, denn er ist nur auswendig verrostet, das glaube ich ganz sicher!«

Darauf ging sie fort, tief in den Wald hinein, und nicht lange, so begegnete ihr ein altes Mütterchen, welches Reisig suchte. Es hatte einen zerlumpten, schmutzigen Rock an und darüber einen Mantel, der war aus ebenso vielen Flecken zusammengesetzt wie weiland das Heilige Römische Reich; was aber die Flicken früher für eine Farbe gehabt, das konnte man kaum mehr sehen, denn Regen und Sonnenschein hatten schon viel Arbeit mit dem Mantel gehabt.

»Willst du mir deinen Rock und deinen Mantel geben, alte Mutter«, sagte die Ritterfrau, »so schenk ich dir alles Geld, was ich in der Tasche habe, und meine seidnen Kleider noch dazu; denn ich möchte gern arm sein.«

Da sah die alte Frau sie verwundert an und sprach: »Will’s schon tun, will’s schon tun, mein blankes Töchterchen, wenn’s dein Ernst ist. Hab‘ schon viel gesehen auf der Welt, auch viele Leute gefunden, die gern reich werden wollten, daß aber jemand gern arm werden will, das ist mir noch nicht vorgekommen. Wird dir schlecht schmecken mit deinen seidenen Händchen und deinem süßen Frätzchen!«

Aber die Ritterfrau hatte schon begonnen sich auszuziehen und sah dabei so ernst und so traurig aus, daß die Alte wohl merkte, daß sie keinen Scherz treibe. Sie reichte ihr also Rock und Mantel hin, half ihr sie anlegen und fragte dann:

»Was willst du nun tun, mein blankes Töchterchen?«

»Betteln, Mutter!« antwortete die Ritterfrau.

»Betteln? Nun, gräme dich nicht darum, das ist keine Schande. An der Himmelstür wird’s auch mancher tun müssen, der’s hier unten nicht gelernt hat. – Aber das Bettellied will ich dich erst noch lehren:

Betteln und lungern,
Dursten und hungern
Immerdar, allezeit
Müssen wir Bettelleut‘!

Habt ihr was, schenkt mir was,
Ach, nur ein Häppchen!
Brot in den Bettelsack,
Suppe ins Näpfchen! –

Lederne Ranzen,
Röcke mit Fransen
Tragen wir Bettelleut‘!
– Was man erbettelt hat,
Wird verjuchheit!

Nicht wahr, ein hübsches Lied?« sagte die Alte. Damit warf sie sich die seidnen Kleider um, sprang in den Busch und war bald verschwunden.

Die Ritterfrau aber wanderte durch den Wald, und nach einiger Zeit begegnete ihr ein Bauer, der war ausgegangen, eine Magd zu suchen, denn es war um die Ernte und Leutenot. Da blieb die Ritterfrau stehen, hielt die Hand hin und sagte: »Habt ihr was, schenkt mir was, ach, nur ein Häppchen!« Aber die anderen Verse sagte sie nicht, weil sie ihr nicht gefielen. Der Bauer sah sich die Frau an, und da er fand, daß sie trotz ihrer Lumpen schmuck und gesund war, fragte er sie, ob sie nicht bei ihm Magd werden wolle.

»Ich schenke dir zu Ostern einen Kuchen, zu Martini eine Gans und zu Weihnachten einen Taler und ein neues Kleid. Bist du damit zufrieden?«

»Nein«, erwiderte die Ritterfrau, »ich muß betteln gehen, der liebe Gott will es so haben.«

Darüber wurde der Bauer zornig, schimpfte und schmähte und sagte höhnisch:

»Der liebe Gott will’s so haben? He? Du hast wohl mit ihm zu Mittag gegessen? Was? Linsen mit Bratwürsten, nicht wahr? Oder bist du vielleicht seine Muhme, daß du so genau weißt, was er will? Eine faule Haut bist du. Gut für den Knüttel, zu schlecht für den Büttel!« Darauf ging er seiner Wege, ließ sie stehen und gab ihr nichts. Da merkte die Ritterfrau wohl, daß das Betteln schwer sei.

Sie ging jedoch weiter, und nach abermals einiger Zeit kam sie an eine Stelle, wo die Straße sich teilte und zwei Steine standen. Auf dem einen saß ein Bettler mit einer Krücke. Da sie nun müde geworden war, gedachte sie sich eine kurze Zeit auf den leeren Stein zu setzen, um auszuruhen. Kaum hatte sie jedoch dies getan, als der Bettler mit der Krücke nach ihr schlug und ihr zurief:

»Mach, daß du fortkommst, du liederliche Liese! Willst du mir mit deinen Lumpen und deinem zuckersüßen Gesicht die Kundschaft abzwicken? Die Ecke hier habe ich gepachtet. Mach flink, sonst sollst du sehen, was mein Krückholz für ein schöner Fiedebogen ist und dein Rücken für eine närrische Geige!«

Da seufzte die Ritterfrau, stand auf und ging so weit, als sie die Füße tragen wollten. Endlich kam sie in eine große fremde Stadt. Hier blieb sie, setzte sich an den Kirchweg und bettelte; und nachts schlief sie auf den Kirchenstufen. So lebte sie tagaus, tagein, und es schenkte ihr der eine einen Pfennig und der andere einen Heller; manche aber auch gaben ihr nichts oder schimpften gar, wie es der Bauer getan hatte. Es ging aber sehr langsam mit den hundert Goldgulden. Denn als sie drei Vierteljahre gebettelt hatte, hatte sie erst einen Gulden erspart. Und genau wie der erste Gulden voll war, gebar sie einen wunderschönen Knaben, den nannte sie »Docherlöst«, weil sie hoffte, daß sie ihren Mann doch noch erlösen würde. Sie riß sich von ihrem Mantel unten einen Streifen ab, eine gute Elle breit, so daß der Mantel nur noch bis an die Knie reichte, wickelte das Kind hinein, nahm es auf den Schoß und bettelte weiter. Und wenn das Kind nicht schlafen wollte, wiegte sie es und sang:

»Schlaf ein auf meinem Schoße,
Du armes Bettelkind,
Dein Vater wohnt im Schlosse –
Und draußen weht der Wind.

Er geht in Samt und Seide,
Trinkt Wein, ißt weißes Brot,
Und säh er so uns beide,
So härmt er sich zu Tod.

Er braucht sich nicht zu härmen,
Du liegst ja weich und warm;
Er ist ja noch viel ärmer,
Daß Gott sich sein erbarm!«

Da blieben oft die Leute stehen und besahen sich die arme junge Bettelfrau mit dem wunder-schönen Kinde und schenkten ihr mehr als früher. Sie aber war getrost und weinte nicht mehr, denn sie wußte, daß sie ihren Mann gewiß erlösen würde, wenn sie nur ausharrte. –

Als aber die Frau nicht wieder zurückkehrte, ward der Ritter auf seinem Schlosse tief betrübt, denn er sagte sich: Sie hat alles gemerkt und dich deshalb verlassen. Er ging zuerst in den Wald zu dem Eremiten, um zu hören, ob sie in der Kapelle gewesen sei und dort gebetet habe. Aber der Eremit war sehr kurz angebunden und streng gegen ihn und sagte:

»Hast du nicht in Saus und Braus gelebt? Bist du nicht stolz und hart gegen die Armen gewesen? Hat dich nicht der liebe Gott zur Strafe verrosten lassen? Deine Frau hat ganz recht getan, wenn sie dich verließ. Man muß nicht einen guten und einen faulen Apfel in einen Kasten legen, sonst wird der gute auch faul!«

Da setzte sich der Ritter auf die Erde, nahm den Helm ab und weinte bitterlich.

Als der Eremit dies gewahr wurde, ward er freundlicher und sprach: »Da ich sehe, daß dein Herz noch nicht mitverrostet ist, so will ich dir raten: tue Gutes und gehe in alle Kirchen, so wirst du deine Frau wiederfinden.«

Da verließ der Ritter sein Schloß und ritt in alle Welt. Wo er Arme fand, schenkte er ihnen etwas, und wenn er eine Kirche sah, ging er hinein und betete. Aber seine Frau fand er nicht. So war fast ein Jahr vergangen, da kam er auch in die Stadt, wo seine Frau am Kirchweg saß und bettelte, und sein erster Weg war in die Kirche. Schon von weitem erkannte ihn die Frau, denn er war groß und stattlich und trug einen goldnen Helm mit einer Geierklaue auf dem Knauf, der weithin leuchtete. Da erschrak sie, denn sie hatte erst zwei Goldgulden zusammen, so daß sie ihn noch nicht erlösen konnte. Sie zog sich den Mantel tief über den Kopf, damit er sie nicht erkennen sollte, und kauerte sich so eng zusammen, als sie irgend konnte, damit er nicht ihre schneeweißen Füße sähe; denn der Mantel ging ihr nur bis an die Knie, seit sie den Streifen für das Kind abgerissen hatte. Als aber der Ritter an ihr vorbeischritt, hörte er sie leise schluchzen, und als er ihren zerlumpten und geflickten Mantel sah und das wunderschöne Kind auf ihrem Schoß, welches ebenfalls nur in Lumpen gewickelt war, tat es ihm in der Seele weh. Er trat an sie heran und fragte sie, was ihr fehle. Doch die Frau antwortete nicht und schluchzte nur noch mehr, so sehr sie sich auch Mühe gab, es zu verbeißen. Da zog der Ritter seine Geldtasche hervor, in der viel mehr waren als hundert Goldgulden, legte sie ihr auf den Schoß und sagte: »Ich gebe dir alles, was ich noch habe, und sollte ich mich nach Hause betteln.«

Da fiel der Frau, ohne daß sie es wollte, der Mantel vom Kopf herunter, und der Ritter sah, daß es sein eigenes, angetrautes Eheweib war, der er das Geld geschenkt hatte. Trotz der Lumpen fiel er ihr um den Hals und küßte sie, und als er vernahm, daß das Kind sein Sohn war, herzte und küßte er es auch. Doch die Frau nahm ihren Mann, den Ritter, an der Hand, führte ihn in die Kirche und legte das Geld auf das Kirchbecken. Dann sagte sie: »Ich wollte dich erlösen, aber du hast dich selbst erlöst.«

Und so war es auch; denn als der Ritter aus der Kirche trat, war der Fluch gehoben und der Rost, der seine ganze linke Seite bedeckte, verschwunden. Er hob seine Frau mit dem Kinde auf sein Pferd, ging selbst zu Fuß daneben und zog mit ihr zurück in sein Schloß, wo er lange Jahre glücklich mit ihr lebte und so viel Gutes tat, daß ihn alle Leute lobten.

Die Bettlerlumpen aber, die seine Frau getragen hatte, hing er in einen kostbaren Schrein, und jeden Morgen, wenn er aufgestanden war, ging er an den Schrein, besah sich die Lumpen und sagte: »Das ist meine Morgenandacht, die nimmt mir der liebe Gott nicht übel, denn er weiß, wie ich’s meine, und ich gehe nachher doch noch in die Kirche.«

Süße Früchte ◊ Andreas Petz ◊ Eine Erzählung für Kinder

Es war einmal vor noch gar nicht langer Zeit, da geschah in dem kleinen, abgelegenen Dorf Großapfelweiler etwas, das allen Bewohnern einen gehörigen Schrecken versetzte.
Es fing damit an, dass die kleine Katrin, ein Mädchen im Alter von acht Jahren, an einem wunderschönen sonnigen Herbsttag ihre Freundin Leonie im knapp zwei Kilometer entfernten Nachbardorf namens Kleinapfelweiler besuchen wollte um den Tag mit ihr zu verbringen.
calf-374602_1280wjule    Ihre Mutter brachte sie mit dem Auto hin und sagte dann zu Katrin: „Nach Hause musst du heute Nachmittag laufen, denn ich bin in der Stadt und dein Vater ist auf dem Feld, aber du kennst ja den Weg und dein Bruder ist zu Hause und kann dir aufmachen.“Die beiden Mädchen spielten dann auch wunderschön zusammen. Zuerst spielten sie auf der Wiese hinter dem Haus mit ihren Puppen. Später gingen sie zu den Tieren, denn auch Katrins Freundin Leonie lebte auf einem Bauernhof. Hin und wieder schaute Leonies Mutter nach den beiden, ließ sie aber sonst in Ruhe alleine spielen, denn auf einem Bauernhof gibt es immer viel zu tun und so hatte Leonies Mutter gar nicht die Zeit sich mehr um die beiden zu kümmern. Die Kinder waren es auch nicht anders gewohnt.
Mit den Tieren auf dem Bauernhof kannten sie sich gut aus und so gingen sie furchtlos in den Kuhstall um die Kühe und Kälber zu streicheln und zu den kleinen Schweinchen mit ihren lustigen Ringelschwänzchen um ihnen zuzuschauen wie sie am Bauch ihrer Mutter ihren Hunger stillten. Auch vor den Hühnern hatten sie keine Angst. Nur vor dem Hahn, da nahmen sie sich in acht, denn der konnte manchmal ganz schön böse werden.
Schnell verging die Zeit und um halb fünf Uhr am Nachmittag machte sich Katrin auf den Weg nach Hause. Ihre Puppe trug sie sorgfältig zugedeckt mit einer rot-weiß karierten Decke in einem kleinen Körbchen.
Abends um Acht Uhr kam Katrins Mutter von der Stadt und zu gleicher Zeit kam ihr Vater vom Feld nach Hause. Draußen brach gerade die Dunkelheit an.
child-933267_640    Die Mutter fragte Kevin, Katrins Bruder: „Habt ihr beiden schon zu Abend gegessen, oder soll ich euch noch etwas richten?“ „Katrin ist noch gar nicht hier“, antwortete Kevin etwas ängstlich.
Die Mutter erschrak: „Das kann doch nicht sein!“ Sie rannte zum Telefon und rief bei Leonies Eltern an. Sie erfuhr, dass Katrin pünktlich um halb fünf losgelaufen war, also schon längst zu Hause sein müsste. „Wir machen uns hier vom Dorf aus auf den Weg und suchen nach ihr“, sagte Leonies Mutter sofort.
Nun wurde in beiden Dörfern Alarm geschlagen. Sofort machten sich fast alle Bewohner auf den Weg um Katrin zu suchen. Zu Hause blieben nur die kleinen Kinder und die Alten, die auf die Kinder aufpassten. Leonie machte sich große Sorgen um ihre Freundin.
Die Bewohner von Kleinapfelweiler gingen im Abstand von etwa 5 Metern mit Taschenlampen bewaffnet nebeneinander den Weg in Richtung Großapfelweiler und die Bewohner von Großapfelweiler gingen genauso in Richtung Kleinapfelweiler.
Als sich die Bewohner etwa in der Mitte zwischen den beiden Ortschaften trafen hatte niemand etwas von Katrin gesehen. Jedoch hatte einer aus Kleinapfelweiler die rot-weiße Decke gefunden mit der Katrin ihre Puppe zugedeckt hatte und ein anderer hatte in der Nähe des Waldes das Körbchen mit der Puppe entdeckt. Jedoch von Katrin fehlte jede Spur.
Katrins Eltern ließen sich die Stelle zeigen wo das Körbchen mit der Puppe gefunden wurde. Die Stelle lag nah am Waldrand und so machten sich alle Leute auf, um den Wald abzusuchen der abseits vom Weg lag.
Schon nach kurzer Zeit rief Leonies Mutter: „Hier ist sie!“ Schnell kamen alle zu der Stelle und sahen Katrin in einer Mulde neben einem Tannenbaum liegen.
Katrins Vater beugte sich über das unbewegt daliegende Mädchen und untersuchte sie. Ihre Mutter fragte mit entsetztem Blick: „Ist sie …!“, weiter kam sie nicht, denn ihre Stimme versagte.
„Ich glaube nicht!“, sagte der Vater mit aufgeregter Stimme. „Sie ist warm, obwohl ich keinen Puls spüren kann. Sie schläft ganz fest.“ Alle Versuche das Kind wach zu bekommen hatten keinen Erfolg, aber immerhin kam ein leichter Seufzer aus dem Kindermund.
Schnell trug Katrins Vater sie auf seinen Armen nach Hause. Schon von unterwegs wurde von einem klugen Nachbarn mit dem Handy ein Arzt angerufen.
Dieser erschien schon kurze Zeit später und untersuchte Katrin ausführlich. „Ja, sie lebt“, bestätigte er, „aber diesen ungeheuer tiefen Schlaf kann ich mir nicht erklären.“ Denn auch jetzt blieben alle Versuche Katrin aufzuwecken vergeblich. Da meinte der Arzt plötzlich: „Höchstens … ja, das wäre möglich!“
Kurzerhand steckte er dem kleinen Mädchen seinen Finger in den Hals, diese begann zu röcheln und erbrach sich, wachte aber immer noch nicht auf.
pumpkin-995416_1280   „Sehen Sie“, meinte der Arzt und zeigte auf das Erbrochene, „ich hatte Recht!“ „Womit denn?“, fragte Katrins verzweifelte Mutter. „Tollkirschen“, sagte der Arzt, „das Kind hat Tollkirschen gegessen.“
„Oh Gott“, schluchzte Katrins Mutter und dann rief sie, „man muss doch etwas tun!“
„Der Notarzt ist schon informiert, im Krankenhaus werden sie Katrin den Magen auspumpen und wenn sie nicht zu viele gegessen hat dann wird sie wieder aufwachen“, meinte der Arzt.
Da kam auch schon der Notarztwagen mit lautem Martinshorn in das Dorf gefahren und im selben Moment wachte Katrin von dem lauten Geräusch auf. „Mami“, stammelte sie als wäre ihre Zunge gelähmt, „ich habe Durst.“
„Katrin“, sagte der Arzt, „wie viele von den Früchten hast du denn gegessen?“ Katrin überlegte kurz und dann hob sie 2 Finger in die Höhe. „Was für ein Glück!“, sagte der Arzt zu Katrins Mutter, „dann wird alles wieder gut.“
Einige Zeit später als Katrin wieder in die Schule gehen konnte wurde dort ausführlich über Tollkirschen geredet, die einerseits zwar süß schmecken, aber selbst einen Erwachsenen in den ewigen Schlaf schicken, wenn er zu viele davon gegessen hat. Deshalb werden sie in manchen Gegenden auch Teufelskirschen genannt.
Wenn du also irgendwann einmal im Herbstwald Früchte siehst, die ähnlich ausschauen wie Kirschen oder die du nicht kennst, dann lass lieber die Finger davon, sie können sehr gefährlich sein.

© Andreas Petz
Süße Früchte (aus dem Buch „Schneeflöckchens Traum und andere Kurzgeschichten“ von Andreas Petz)

Oskar Loerke Φ Die Kindermurmel Φ Lyrik

Die Kindermurmel

1
Sie ruht sich aus in einer Hand voll Narben.
Das Glas durchscheinen Güsse vieler Farben.

Der gelbe hier gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.

Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl führen wir? auf welchen Kähnen?

Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen

Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.

2
Der gelbe Strang gleicht einem Höhlenstollen,
Versteinter Schwefelqualm hat ihn verquollen.
Darunter schläft ein März mit seinem Weben,
Behorcht von einem Knaben, der mir ähnelt.
Ein Feuer singt in weißer Bretter Kiene,
Von Regenweite spricht der Mund der Röhren,
Und ihre Tropfen schlägt der Wind zu Schnee.
Und Hoffnung war. Das ist nun abgeschlossen,
Als wäre es im Spiegelglas geblieben,
Doch außen vor dem Spiegel ist nichts mehr.

3
Wie Ströme winden sich die blauen Strähnen.
Wohin wohl fahren wir? auf welchen Kähnen?
Am Quellenende träumt der Knabe wieder;
Umgeben von den schmalen Widerscheinen
Der lotrecht aufgeschoßnen Erlen, geht er
Im Honigduft Grausilbervlies der Raupen
Zum Wasserspiel vom roten Baste lösen.
Nun kühlt er seine Hand im Blütenbaume,
Des Schnee mitunter leise trauernd klang.

4
Die grauen Adern mögen hart beginnen
In diesem Tag, doch hängen sie nach innen
Und wenden sich vom Grübeln und Ergründen
Gleich Gletschern, die in süßem Süden münden.
Der blüht nun eine Ewigkeit entlegen.
In ihren Gärten sucht sich selbst der Knabe.
Der Junimond geht wie ein Wohlgefallen,
Dann fahren auch die letzten Vogelnester
Zum Bausch des Dunkels ein, doch er bleibt wachen,
Muß immer wiederkehren zu dem Takte,
Der immer wiederkehrt in einem Leben.


Oskar Loerke: Atem der Erde – Poesie – 1930

Hermann Menkes φ Das Wunderkind

Hermann Menkes φ Das Wunderkind

Im Souterrain eines der morschen Häuser in der »Schulgasse« einer russischen Stadt, in einem kleinen, feuchten und lichtlosen Raum, wohnte Löbl, der Apfelhändler. Er war ein kleines Männchen und sah, trotzdem er erst fünfundvierzig Jahre zählte, mit seinem dichten, etwas ergrauten Bart und seinen welken Zügen schon greisenhaft aus. Er hatte von frühester Jugend an Not und schwerste, endlose Arbeit gekannt, konnte nie trotz seiner Anstrengungen auf einen grünen Zweig kommen und wurde nach kurzen, kümmerlichen Glücksjahren seiner Ehe Witwer. Solange seine Frau lebte, bildete sie seinen einzigen Stolz. Sie besaß einige Schönheit, und Löbl schaute mit Glück auf sie, da sie so stattlich aussah wie die Frauen der Wohlhabenderen und Gesegneteren. Auch half sie wacker mit im Arbeiten und Verdienen, wußte draußen auf dem Markte die Kundschaft durch feinere Art an sich heranzulocken, und solange sie lebte, ging alles leidlich zu. Es bildete lange beider Schmerz und Traurigkeit, daß sich Kindersegen nicht einstellen wollte, weil ihnen das unerträglich war und sie sich vor den Leuten, die sie mit ihren Fragen bedrängten, schämten, hatten sie unter Tränen nahezu sich entschlossen, ihre Ehe aufzulösen und voneinander zu gehen. Doch gerade um diese Zeit stellte sich der Segen ein. Die Frau gebar einen Knaben, aber nach wenigen Tagen innigster Glückseligkeit starb sie an den Folgen der Geburt.

Von da ab ging es abwärts mit Löbl. Nicht nur, daß er seinen klaglosen, stillen Kummer nicht überwinden konnte, auch sein sonstiges Elend nahm zu. Er konnte nicht mehr »die Stell« mitten auf dem Marktplatz behalten, die bessere Kundschaft wandte sich ab, da die Frau mit ihren schmeichelnden Worten nicht mehr lockte, und Löbl wurde ein fliegender Händler mit zweifelhaften und schwer genießbaren Waren, mußte sich vom grauenden Morgen bis in späte Abendstunden bei Frost und Wetter noch mehr abrackern, und schlimmes, bitteres Leid fügte ihm das verlassene Kindlein zu, dessen sich nur die Nachbarn zuweilen annahmen und das ihm gar keine Freude bringen konnte. Oft saß er in später Nacht an der Wiege, mit geneigtem Haupt und geschlossenen Augen darüber nachsinnend, wie wenig Segen und Glück darin lag, was er so heiß ersteht. Mußte er bei grauendem Morgen an Wintertagen mit seinen Waren wieder hinaus und das Kind verlassen, da geschah es, daß sich der sonst resignierte Mann in Klagen erging und die Tote beneidete. War Löbl wieder unter den Leuten, da mußte all das vergessen werden, und aus einem versteckten Winkel seiner Seele holte er ein kleines Restchen von Humor hervor, das der arme Jude benötigte, um mit Welt und Menschen noch auszukommen. So lockte er mit Witzworten und humoristischen Zurufen die Leute, zumeist junges, dankbares Schulvolk, an sich heran und fand in dieser Weise kärglichen Verdienst.

Gott hilft über alles hinweg. So war denn das Kind immer größer geworden, behielt nach einigen Krankheiten, die es überstand, eine dürftige Gesundheit und konnte in die Talmud-Thora, in eine armselige, religiöse Schule, gesteckt werden, die sich von Spenden reicher Juden und der Unterstützung der jüdischen Gemeinde erhielt. Löbl sah, daß der Knabe etwas von der Schönheit der Mutter hatte. Ja, vielleicht, daß seine Augen noch schöner waren, große, schwarze, traurige Augen. Seit dieser Zeit klagte Löbl nicht und dankte Gott noch mehr, daß er seine Frau all das viele Leid nicht erleben ließ.

Herbert Arnold_KnabenchorVon einem tieferen Glück war das Kind erfüllt. Hatte es an Frühlings- oder Sommertagen einige freie Zeit, so tummelte es sich auf jenem umfriedeten Platz, den sie den »Friedhof« nannten. Er war da am liebsten allein, und wie viel Glück schuf ihm diese Einsamkeit! Da gab es Sträucher, lärmende Spatzen und bunte Schmetterlinge, da und dort einen Hügel oder ein kleines Regenbächlein. Die bildeten seine Märchenreiche. Hie und da drang mit sausendem und musizierendem Wind Gesang aus der Synagoge zu ihm, und der Knabe musizierte mit, still und scheu und doch ein wenig wie von feierlichem Glück erfüllt. Kehrte aber das Kind nach Hause in den düsteren, schmucklosen Keller zurück, so war jener Zauber und alles Glück gewichen. Früh kam ihm die Ahnung, wie hart und freudlos das Leben ist. Sein Vater hatte einen Freund, den er nach den Gebetstunden in der kleinen Synagoge stets mit sich nach Hause brachte. Ein gewisser Gram und Zorn gegen das Leben hatte zwei Menschen zusammenzubringen vermocht, die sonst nichts miteinander teilen konnten. Löbls Freund hieß Ruben. Er verfügte über ein kleines ärmliches Amt als Aushilfsvorbeter. Es war nichts von Gemüt und Freundlichkeit im Wesen dieses Mannes. Ihm war der karge Humor fremd, mit dem sich ein armer Jude über Not und Tücken des Lebens zu helfen weiß. Seine Stirn war hart geformt und in seinen Augen war nie ein sonniger Schein. Der alternde Mann, der nichts von Glück wußte und der gegen alle Schönheit blind war, setzte sein ganzes Wünschen darein, als Sänger seine Gemeinde in Ergriffenheit und Begeisterung zu bringen. Stand er vor der Gotteslade, so sammelte er all das, was in seiner Seele an Gottesfurcht, Ergebenheit und stillem Kummer aufgespart war, und da er selbst in diesen Momenten, trotz der Sprödigkeit seines Wesens, sich ergriffen fühlte, glaubte er, daß etwas von all dem auch in seinen Gesang fließe. Aber seine Stimme klang rauh und nahezu heiser, und er quälte sie immerzu durch vergebliche Anstrengungen, zwang sie zu einem Weinen, das nicht kam, zu einer Fröhlichkeit, die grotesk und komisch wirkte. Er hörte oft, wie hinter seinem Rücken gelacht wurde und mußte dann boshaften Spott entgegennehmen, ohne sich recht wehren zu können. An den Feiertagen nach den Gebetstunden fanden sich die Freunde zusammen. Voll Trotz und verfinstert saß Ruben in der dunkeln, unfreundlichen Stube da und klagte nicht. Niemals beachtete er den Knaben, der Angst vor dem schweigsamen, häßlichen und unfreundlichen Mann empfand.

Eines Tages geschah es, daß einer der berühmten Vorbeter aus der Fremde ins Städtchen kam und sich an einem Sabbattag in der Synagoge hören ließ. Das war allemal eine große künstlerische Begebenheit in der Judengemeinde. Ein Seelenlöser ist so ein Sänger, ein Glück- und Gnadenbringer.

Es war knapp vor Ostern und eine warme, milde Sonne schien durch die hohen, verstaubten Fenster der alten Synagoge mit ihren schon geschwärzten Wänden und ihrem verblichenen Schmuck. Knapp vor der Gotteslade stand ein kleines, schon ergrautes Männchen von einem kleinen Chor umgeben und sang. Es war Jerichem, der berühmte Vorbeter aus Odessa. Das Lied, das er anstimmte, schwang sich empor, feierlich und ergreifend, und verlor sich dann in den dumpfen Klängen des Chors, tauchte wieder empor und siegte über all die begleitenden Männerstimmen.

In eine Ecke gedrückt, lauschten Ruben und Löbl. Ruben fühlte sich von einem Mächtigen niedergeschlagen, überwunden, des letzten Glaubens beraubt. Noch nie hatte er diese Demut gefühlt, diese Scham über sich selbst, über seine Ohnmacht und Dürftigkeit. Er glaubte nicht länger leben zu können, da ihm eine bittere Erkenntnis durch einen Gottbegnadeten geworden. Ganz unbemerkt hatte er sich fortgeschlichen. In der Kellerstube Löbls war er auf eine Bank gesunken und stöhnte. Aber in der stillen Stube erhob sich zuerst scheu, leise und stockend, dann immer heller eine zarte Kinderstimme. Es war der Knabe, der sang. Das Lied klang rührend und ohne Kummer, und Ruben weinte und weinte, aber er fühlte, daß er glücklich wurde, weil, wie es ihm schien, ein Kind mit ihm Erbarmen empfand. Er sank hin vor dem Knaben und umfaßte ihn mit einer Zärtlichkeit, deren er bis dahin nie fähig gewesen.

»Singe, singe!« schluchzte er flehend.

Und so geschah es, daß der liebeleere und verbitterte Ruben etwas in der Welt gefunden hatte, das er mit aller Zärtlichkeit seines kargen Empfindens liebte: den zarten Knaben Löbls. Von ihm erhoffte er, daß er seine Seele erlösen werde. In die Einsamkeit des kleinen, alten und verlassenen Friedhofs führte er das Kind, und unbelauscht formte er hier dessen Stimme. Jubelte die Stimme des Kindes, so zitterte Vogelsang mit und die Schwalben erhoben sich und strebten durch die Lüfte der Sonne zu.

Jetzt ging Ruben mit strahlendem Gesicht und wie mit einem heimlichen Glück herum. Er wartete und sah einem großen Tag entgegen. Inzwischen neigte sich und versank still der Sommer mit der dürftigen Schönheit, die er für die Judengasse übrig hatte.

Der lag des Neujahrs war voll von strahlender Sonne und Köstlichkeit. Vor dem Almemor stand Ruben, von den wenigen Chorsängern umgeben, die er für sich werben konnte. Seine Stimme klang still und sanfter als sonst, als er die ersten Gebete hersagte. In Sterbekitteln, die Gebettücher tief über die harten oder gerunzelten Stirnen gezogen, die Arme bald stehend emporgestreckt, bald die Fäuste zu Schlägen gegen die eigene Brust geballt, standen die Beter. Es war das Schemonah-essra-Gebet, das sie still hersagten. Dasselbe Gebet griff dann der Vorbeter auf und kam zu dem strahlenden Lobgesang der Keduschah. Da erhob sich zuerst still und zart eine Knabenstimme. Die Greise neigten sich vor und lauschten, und es neigte sich manch zartes, trauriges Frauengesicht aus der Weiberschule durchs Fensterlein vor und folgte den Tönen, die süß und wie in einem innigen Erbarmen klangen. Wie Sonne kam es in die düstere Halle voll schwebender Kerzen und Seufzer.

Ganz hinten, in einer Armenecke, in abgetragenem Feiertagsgewand und geflicktem Gebetmantel, stand Löbl. Und während die Stimme seines Kindes immer strahlender und voll wunderbarster Innigkeit emporwuchs, flüsterte er mit einem glückselig-wehen Lächeln: »Chane, Chane, warum konntest du das nicht erleben!«

Kurd Laßwitz – Auf der Seifenblase – Ein Märchen

soap-bubbles-817094_Alexas_Fotos_PixabayOnkel Wendel, Onkel Wendel! Sieh nur die große Seifenblase, die wunderschönen Farben! Woher nur die Farben kommen!“

So rief mein Söhnchen vom Fenster herab in den Garten, wohin es seine bunten Schaumbälle flattern ließ.

Onkel Wendel saß neben mir im Schatten der hohen Bäume, und unsere Zigarren verbesserten die reine, würzige Luft eines schönen Sommernachmittags.

„Hm!“ brummte Onkel Wendel, zu mir gewendet.

„Erklär’s ihm doch! Hm! Bin neugierig, wie du’s machen willst. Interferenzfarben an dünnen Blättchen, nicht wahr? Kenn ich schon. Verschiedene Wellenlängen, Streifen decken sich nicht und so weiter. Wird der Junge verstehen – hm?“Weiterlesen

Walter Flex: Wolf Eschenlohr – Die Wunschbüblein – Ein Märchen

Fee auf einem Gemälde von John BauerDie Wunschbüblein
Ein Märchen

Eine Witwe hatte zwei schöne Knaben, ungleich an Art und Alter. Der ältere war zwölfjährig, hatte schwarzes Haar, graue Augen und eine schöne klare Stirn. Der jüngere aber zählte kaum sieben Jährlein, hatte weiches, lockiges Blondhaar und blaue Augen und lachte den ganzen Tag wie ein zwitscherndes Vöglein.

Eines Morgens, als die Frau in ihr Gärtlein trat, sah sie in Tau und Blüten ein Nestlein aus wilden Rosenblüten, ein zartes, rosa Vogelbettlein. Darin lagen zwei Eier, kaum größer als Dohleneier, eins blau wie der Himmel, eins grau wie eine Wolke.

Während die Frau noch auf ihren Knien kauerte und das holde kleine Wunder bestaunte, hörte sie ein klares, helles, singendes Tönen in den Lüften. Sie sah auf und gewahrte einen großen Vogel, der schön wie ein leuchtender Traum durch das feuchte Blau des Maimorgens zog. Er rührte seine regenbogenfarbenen Schwingen kaum sondern hielt sie ausgebreitet, und die reine, klare Sonnenluft sang in ihnen wie in den Saiten einer Windharfe.

Da erinnerte sich die Frau einer Ammenweisheit aus Kindertagen: Wer die Eier des Vogels mit den Regenbogenschwingen in seinem Garten auf einem Nest von frischen Rosenblättern finde, könne leicht sein Glück machen. Die Eier seien Wunscheier, und was einer träume, während der Vogel brüte, das schlüpfe aus den zarten Schalen, sobald sie brächen.Weiterlesen

Hans Christian Andersen – Das Glück kann in einem Holzstückchen liegen

Carl B. Lorck's Verlagshaus in Leipzig: Gesammelte Märchen. Mit 112 Illustrationen nach Originalzeichnungen von V. Pedersen. In Holz geschnitten von Ed. Kretzschmar, veröffentlicht Dezember 1848

trennlinie2Jetzt will ich eine Geschichte vom Glück erzählen. Wir alle kennen das Glück: einige sehen es jahraus, jahrein, andere nur in gewissen Jahren, an einem einzelnen Tage, ja, es gibt sogar Menschen, welche es nur ein einziges Mal im Leben sehen; aber sehen tun wir es alle.

Nun brauche ich nicht zu erzählen, denn jeder weiß es, daß unser Herrgott das kleine Kind bringt und es einer Mutter in den Schoß legt; das kann in dem reichen Schlosse und in der Wohnung des Wohlhabenden geschehen, aber auch auf freiem Felde, wo der kalte Wind weht – aber nicht jeder weiß, und dennoch ist es gewiß, daß unser Herrgott, wenn er das Kind bringt, auch eine Glücksgabe für dasselbe mitbringt; aber diese liegt nicht in die Augen fallend neben ihm, sie liegt irgendwo auf der Erde, wo man sie am wenigsten zu finden erwartet, und doch findet sie sich immer; das ist das Erfreuliche. Sie kann in einen Apfel gelegt sein, und sie war es für einen Gelehrten, welcher Newton hieß. Der Apfel fiel, und da fand er sein Glück. Kennst du die Geschichte nicht, so bitte den, der sie kennt, sie dir zu erzählen; ich habe eine andere Geschichte zu erzählen, und das ist eine Geschichte von einer Birne.Weiterlesen

Hermann Essig – Novelle

Zwei Brüder, Fettle und Jäckle, hatten eine Katze und einen Vater. Alles übrige war ihnen Wurst.
Den Vater konnten sie nicht ignorieren, weil er beiden die Arschprügel verabsolvierte.
Die Katze – es war ein junges Frühlingswetter, die Schneeglöckchen blühten zum erstenmal – lag wohlig gesonnt im Gartenweg vor einer Hecke, weiß und grau mit Rosalippe.
Eule-Illu
Die zwei Brüder spielten um einen Baum herum »Specht« mit zwei handfesten, gespitzten Prügeln. Sie warfen sie kreuzweise mit den Spitzen in die Erde. Wer des anderen Prügel dabei umwarf, durfte ihn zum Teufel schmeißen.Weiterlesen

Daumesdick – Ein Märchen aufgezeichnet von den Brüdern Grimm

Daumesdick - Otto Ubbelohde
Daumesdick – Otto Ubbelohde

Es war ein armer Bauersmann, der saß abends beim Herd, und schürte das Feuer und die Frau saß und spann. Da sprach er: »Wie ist’s so traurig, daß wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns und in den anderen Häusern ist’s so laut und lustig.« »Ja,« antwortete die Frau und seufzte, »wenn’s nur ein einziges wäre und wenn’s auch ganz klein wäre, nur Daumens groß, so wollt ich schon zufrieden sein; wir hätten’s doch von Herzen lieb.« Nun geschah es, daß die Frau kränklich ward und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie: »Es ist wie wir es gewünscht haben und es soll unser liebes Kind sein,« und nannten es nach seiner Gestalt Daumesdick. Sie ließen’s nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind ward nicht größer, sondern blieb wie es in der ersten Stunde gewesen war; doch schaute es verständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles glückte was es anfing.Weiterlesen

Erich Ruhl / Dagmar Finger ♦ Die Müllprinzessin ♦ Audio-Auszug

Foto: Erich Ruhl
Foto: Erich Ruhl

Audio-Auszug aus „Die Müllprinzessin“ von Dagmar Finger.
Einfühlsam, nachdenklich wird die Annäherung eines Kuschelbären und einer Puppe gezeigt, die nach dem Ausscheiden aus dem geordneten Leben im Kinderzimmer, ausgesondert auf einer Müllkippe ein neues Leben beginnen.
Audio-Auszug mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin. Sprecher: Erich Ruhl.

http://www.audiyou.de/beitrag/….


Eine weitere Kindergeschichte von Barbara Finger lesen Sie hier im Magazin: Max fiel vom Himmel.

Die Müllprinzessin – Eine Kindergeschichte von Dagmar Finger

Die Müllprinzessin

Müllprinzessin nach einem Motiv von Zinaida SerebriakovaEs waren noch vier Wochen bis Weihnachten, als man sie nicht mehr wollte.
Da sie für niemanden mehr von Nutzen war und keiner sie mehr lieb hatte, warf man sie auf den Müll.
Ihre schönen langen blonden Haare, sonst zu Zöpfen geflochten, verfilzten. Das blaue Kleid mit den roten Rosen wurde schmutzig und stellenweise zerriss es. Ein Schuh fehlte, und das rechte Bein hing verdreht an ihrem Körper. So sah sie sich, als sie erwachte.Weiterlesen

Robert Musil – Eine Kindergeschichte – Herr Piff, Herr Paff und Herr Puff sind miteinander auf die Jagd gegangen….

Vision des hl. Hubertus. - Wilhelm Carl Räuber - 1892
Vision des hl. Hubertus. – Wilhelm Carl Räuber – 1892


Herr Piff, Herr Paff und Herr Puff sind miteinander auf die Jagd gegangen. Und weil es Herbst war, wuchs nichts auf den Äckern; außer Erde, die der Pflug so aufgelockert hatte, daß die Stiefel hoch über die Schäfte davon braun wurden. Es war sehr viel Erde da, und so weit das Auge reichte, sah man stille braune Wellen; manchmal trug eine davon ein Steinkreuz auf ihrem Rücken oder einen Heiligen oder einen leeren Weg; es war sehr einsam.

Da gewahrten die Herren, als sie wieder in eine Mulde hinabstiegen, vor sich einen Hasen, und weil es das erste Tier war, das sie an diesem Tag antrafen, rissen alle drei ihre Schießrohre rasch an die Backe und drückten ab. Herr Piff zielte über seine rechte Stiefelspitze, Herr Puff über seine linke, und Herr Paff zwischen beiden Stiefeln geradeaus, denn der Hase saß ungefähr gleichweit von jedem und sah ihnen entgegen. Nun erhob sich ein fürchterlicher Donner von den drei Schüssen, die Schrotkörner prasselten in der Luft wie drei Hagelwolken gegeneinander, und der Boden staubte wild getroffen auf; aber als sich die Natur von diesem Schrecken erholt hatte, lag auch der Hase im Pfeffer und rührte sich nicht mehr. Bloß wußte jetzt keiner, wem er gehöre, weil alle drei geschossen hatten. Herr Piff hatte schon von weitem ausgerufen, wenn der Hase rechts getroffen sei, so gehöre er ihm, denn er habe von links geschossen; das Gleiche behauptete Herr Puff über die andere Hand; aber Herr Paff meinte, daß der Hase sich doch auch im letzten Augenblick umgedreht haben könne, was nur zu entscheiden wäre, wenn er den Schuß in der Brust oder im Rücken habe: dann aber, und somit unter allen Umständen, gehöre er ihm! Als sie nun hinkamen, zeigte sich jedoch, daß sie durchaus nicht herausfinden konnten, wo der Hase getroffen sei, und natürlich stritten sie jetzt erst recht um die Frage, wem er zukomme.Weiterlesen

Louise Anklam: Kindergeschichten – Der Mutter Geburtstag

Marc Louis Benjamin Vautier d. Ä.: "Kinder beim Mittagessen", 1857 Öl auf Leinwand. Galerie: Eremitage, St. Petersburg Stil: Realismus.
Marc Louis Benjamin Vautier d. Ä.: „Kinder beim Mittagessen“, 1857 – Öl auf Leinwand. Galerie: Eremitage, St. Petersburg -Stil: Realismus.

In dem Garten einer Villa saßen vier Schwestern einträchtig beisammen, um vertraulich etwas sehr Wichtiges miteinander zu beraten. –Es betraf den Geburtstag der Mutter, mit dessen Feier sie gar nicht recht zustande kommen konnten. Darin waren sie wohl alle einig, daß es etwas sehr Schönes, nie Dagewesenes sein sollte, womit sie die Mutter erfreuen und völlig überraschen wollten. Aber über das Wie und Was zerbrachen sie sich noch die Köpfe. –

»Wir wollen zu Tante Anna hinaufgehen,« sagte die Älteste, die dreizehnjährige Helene, »die weiß immer Rat und hilft uns gewiß das Beste zu finden.«
»Ja, das ist wahr, das wollen wir tun«, entgegnete sehr erfreut die zwölfjährige Olga. »Die Tante wollen wir bitten, das ist wirklich das Richtigste.« Und die beiden Kleinen, Erna und Hedwig, welche erst neun und zehn Jahre zählten, stimmten natürlich den beiden älteren Schwestern bei, und alle vier erhoben sich, um in das Zimmer der Tante zu eilen.Weiterlesen

Das glücklichste Mädchen der Welt – Eine Kurzgeschichte zum Vorlesen

Marias Vater war ein Fischer und arm. Darum half Maria so gut wie sie konnte, ein wenig Geld hinzu zu verdienen.  Sie hatte selbst ein kleines Boot, in dem sie Feriengäste zu einer malerisch schönen Insel dicht vor der Küste ruderte.
Täglich ging Maria zu ihrem Boot hinunter und jedesmal blieb sie unterwegs am Juweliergeschäft stehen und starrte sehnsüchtig durch die Schreiben. Seit vielen Wochen bewunderte sie eine schöne Halskette im Schaufenster. Und Maria dachte, dass sie das glücklichste Mädchen der Welt wäre, wenn ihr diese Kette gehöre.“Aber, was soll das Träumen?“ sagte sie sich. „Die Kette kostet mehr Geld, als unsere Familie in zehn Jahren verdient.“
Eines Tages war die Kette nicht mehr im Schaufenster. Sie war verkauft worden,
Maria seufzte. Es war, als sei etwas Kostbares aus ihrem Leben gegangen. Doch das Mädchen zwang sich zu einem Lächeln und lief weiter, zu ihrem Boot  hinunter.
Am Boot wartete  schon ein Fahrgast. Ein älterer Herr mit lustigen grauen Augen. „Hallo“, begrüßte er Maria. „Würdest Du mich bitte zur Insel rübersetzen?“

boat-358295_1280_mcconnmamaMaria sah, dass er eine Staffelei, Pinsel und Farben dabei hatte. Sie half ihm an Bord, und schon bald darauf erreichten sie die Insel.
„Soll ich später wiederkommen und sie zurückrudern, mein Herr?“
„Nein, mein Kind, ich möchte, dass Du hierbleibst, damit ich ein Porträt malen kann“, lächelte der Maler.
Maria war erstaunt. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum jemand die Tochter eines armen Fischer malen wollte.
Dennoch setzte sie sich bereitwillig so, wie der ältere Herr es wollte, und versprach stillzuhalten und sich nicht zu bewegen.
Dann geschah etwas ganz wunderliches. Maria fühlte plötzlich, wie der Maler ihr sanft etwas um den Hals legte. Und als sie an sich hinunter blickte, sah sie, dass es die gelbe Halskette aus dem Schaufenster war.
Wie in einem Traum vernahm Maria die Worte des Malers: „Mein liebes Kind, ich habe oft beobachtet, wie du die Kette beim Juwelier angeschaut hast. Ganz sehnsuchtsvoll warst du jedesmal. Da verspürte ich den Wunsch, dich zu malen. Und ich dache mir, die gelbe Kette würde dir gut stehen und dem Bild jenen letzten Zauber geben, der es zu einem Kunstwerk macht.“
„Und…und darum haben sie die Kette gekauft?“ flüsterte Maria.
„Ja, mein Kind“, antwortete der Maler. „Und wenn das Bild fertig ist, gehört sie Dir.“
Die Zeit verging wie im Flug und seit dem ist Maria das glücklichste Mädchen der Welt.

Autorin: Josephine Bach, Bamberg 2014

Weil Ibrahim nie mehr schlafen wollte…

In der Stadt Bagdad, im Lande des Kalifen, lebte vor langer Zeit ein junger Pantoffelflicker namens Ibrahim. Er war überaus geschickt in seinem Handwerk und hatte stets alle Hände voll zu tun. Aber wenn er so vor seinem Gewölbe im Bazar saß und der Berg zerrissener Pantoffeln an seiner Seite kleiner und kleiner wurde, schweiften seine Gedanken in die Ferne. „Da muss ich nun Tag für Tag alte Pantoffeln flicken,“ dachte er, „und ich würde doch so gern ein einziges Mal ein Paar neue sticken. Aber immer, wenn ich mit meiner Arbeit fertig werde, kommt der Abend, und ich vergeude viele Stunden mit dem Schlafen. Ach, brauchte ich doch nicht mehr zu schlafen!“Weiterlesen