Kategorie: Maria Aronov

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Schauspieler • Dichter • Sänger • Prosa-Schriftsteller

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki | Ein Porträt

Wladimir Semjonowitsch Wyssozki (am 25.01.1938 in Moskau geboren, am 25.07.1980 in Moskau verstorben) war ein sowjetischer Schauspieler, Dichter, Sänger, Prosa-Schriftsteller und Gewinner des „UdSSR – Staatspreises“.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – CC BY-SA 2.0 – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/

Seine Mutter, Nina, hat die Moskauer Universität der Fremdsprachen absolviert und arbeitete als  Übersetzerin / Dolmetscherin der deutschen Sprache in der Auslandsabteilung der „Zentralen Gewerkschaften“, später war sie als Reiseleiterin bei „Intourist“ tätig. In den frühen Jahren des Krieges arbeitete sie im Büro der Transkription von der Hauptabteilung für Geodäsie und Kartographie des Innenministeriums der UdSSR.Sie schloss ihre Karriere schließlich als Leiterin des Büros für Technische Dokumentation ab.

Sein Vater, Semjen Wyssozki, war Veteran, Inhaber von mehr als 20 Auszeichnungen und Medaillen, Ehrenbürger der Städte Kladno und Prag.

Der Großvater väterlicherseits, nach dem er benannt wurde (Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, geboren in Brest, später nach Kiew gezogen), wuchs in der Familie von Russischlehrern auf und bekam drei Universitätsabschlüsse. Er war Jurist, Betriebswirt und Chemiker.

Nach der Trennung der Eltern im Jahr 1947 zog Wyssozki zu seinem Vater und seiner zweiten Ehefrau Eugenia, die er sehr schätzte und sogar „Mutter“ nannte. 1949 lebte die Familie aufgrund vom Dienst des Vaters in Deutschland, Eberswalde, wo Wyssozki Klavier spielen lernte.

1949 kehrten sie nach Moskau zurück. Im Jahr 1953 fing Wyssozki an,  zu dichten. 1955 beendete er die Schule und begann daraufhin, in der Schauspielschule des Moskauer Kunsttheaters zu lernen, wo er seine erste Frau Isa Schukowa kennenlernte.

Bereits zu seiner Lehrzeit im Jahr 1959 fiel er durch sein Talent im theatralischen Schauspiel sowie einer Rolle in einem Kinofilm auf. 1960 absolvierte er die Schule und wurde gleichzeitig zum ersten Mal namentlich in einer Kulturzeitschrift erwähnt. Es erschienen seine ersten Lieder.

1961 führte er bereits ein Lied vor. In dieser Zeit lernte er seine zweite Frau Ljudmila Abramowa kennen. Er schrieb ebenfalls Lieder zu Filmen. Leider wurde die „Diebesthematik“ in der Schaffung des talentierten Dichters zu seinem Verhängnis.  Bereits 1968 entstand eine heftige Kritik in den Zeitungen  an seinen jungen Liedern, die ihn später sein Leben kosteten. Nichtsdestotrotz erschien im selben Jahr seine erste Platte mit den Liedern aus dem Film „Vertikal“.

Iris ‚Vladimir Vysotsky‘. From the collection of the Botanical Garden of Moscow State University (main area on the Sparrow Hills). – Foto: Andrey Korzun – CC BY-SA 3.0

Er arbeitete im Moskauer Dramen – Theater „Puschkin“, spielte in Märchen mit, später  in vielen weiteren Theaterstücken. Seine bekanntesten Rollen waren Shakespeares „Hamlet“, „Galilei“ im Stück „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „der ehemalige Leibeigene“ sowie „Kaufmann Lopachin“ aus dem „Kirschgarten“ von Tchechov. Doch man erinnert sich an ihn vor allem als Sänger seiner eigenen Lieder, die er begleitend von der Gitarre vorführte. Wyssozki gab mehr als 1000 Konzerte und das nicht nur in der UdSSR, sondern auch im Ausland. Auch in Deutschland genießt er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das DKP veröffentlichte in den 1980ern und 1990ern einige LPs mit seinen Liedern.

Das große Talent half ihm jedoch nicht wegen seiner kritischen Einstellung zur sowjetischen  Macht, am Leben zu bleiben. So erging es vielen Anderen talentierten Menschen auch, die ihre Meinung laut äußerten. Wyssozki fiel  immer weiter in Ungnade des Regimes. Man versuchte ihn, heimlich aus dem Weg zu räumen.

Am 18. Juli 1980 fand sein letzter öffentlicher Auftritt in der Rolle von Hamlet statt.  Einige Tage später, am 25. Juni, starb der Dichter (man sagt an Herzleiden) in seiner Moskauer Wohnung.  Seinen Tod erwähnten die sowjetischen Medien nicht. Die Nachricht verbreitete sich unter der Bevölkerung jedoch schnell, am Tag seiner Beerdigung brach die größte, nicht staatlich verordnete Demonstration aus, die es in Moskau jemals gegeben hat.  Zu sehr wurde er geliebt und geschätzt. Begraben wurde im Kostüm von Hamlet.

Als öffentlichen Todesursache nannte man später zu viel Alkohol und das Rauchen, welche die Gesundheit des Dichters nach und nach überbeanspruchten.

Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.
Stamp of Russia, Vladimir Vysotsky, 1999, 2 r.

In Vergessenheit wird Wyssozki nie geraten. Im Jahr 2010 belegte er nach einer Umfrage den zweiten Platz (nach Juri Alexejewitsch Gagarin)  in der Liste der Idole des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Name war 98% der russischen Bevölkerung bekannt. 70% der Russen hielten sein Schaffen für eine wichtige kulturelle Erscheinung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er war nicht nur ein Dichter, sondern ein fabelhafter Philosoph. Er schrieb Lieder über die einzig wahren menschlichen Qualitäten wie die Fähigkeit dazu, den wahren Freund zu erkennen, er schrieb und sang über das Lästern und die Liebe. Er kritisierte den Antisemitismus. Das Lied darüber, wie viele andere von ihm auch, enthält sehr viel Ironie, sodass man trotz der Melancholie, über die Parodie auf bestimmte Menschen nur lachen kann.

In seinem Lied und dem gleichnamigen Gedichtband „Ich mag nicht…“ öffnet Wyssozki seine Seele und zeigt, wie viele Arten der menschlichen Niederträchtigkeiten und damit charakterlichen Schwächen es gibt, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind.

Gern möchte ich das oben erwähnte Lied  “Ich mag nicht…“ mit einer sehr gelungenen Übersetzung, wie ich finde, von Frank Viehweg vorstellen. Einige Passagen wurden von mir etwas verändert.

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Ich mag nicht…
Wladimir Semjonowitsch Wyssozki
(übersetzt von Frank Viehweg)

Ich mag nicht dieses schicksalhafte Ende. Noch immer fängt das Leben gerade erst an.
Ich mag auch keine Jahreszeitenwende, wenn ich hier keine Lieder singen kann.
Ich mag nicht diese kalten Sticheleien. Glaub keinem, der im Lobgesang zerfließt.
Ich mag nicht dieses Drängeln in den Reihen und wenn ein Fremder meine Briefe liest.
Ich mag nicht diese ewig halben Seiten und wenn man plötzlich nicht mit mir spricht.
Ich mag auch keine Hinterhältigkeit und gleichfalls keine Schläge ins Gesicht.
Ich hasse die Gerüchte und Gewehre, die Ordensgrade nur vom falschen Spaß.
Dass immer nur gegen das Fell gestrichen wäre und das Geräusch vom Eisen überm Glas.
Ich mag nicht dieses satte Wohlbehagen, schon besser, wenn die Bremse mal nicht greift.
Ach, Ehre ist ein Wort aus fernen Tagen, worauf die Lüge unverhohlen pfeift.
Wenn sich verrückte Ehren  – Flügel brechen, scheint mir das alles höchst lächerlich.
Ich mag Gewalt nicht und auch keine Schwächen. Nur Jesus am Kreuz bedaure ich.
Ich mag mich selbst in meiner Angst nicht leiden. Es kränkt mich, wenn ein Unrecht keinen juckt.
Wenn andere sich an meinen Schmerzen weiden und wenn mir jemand in die Seele spuckt.
Ich mag den Zirkus nicht und die Arenen, wo ein Idiot dir sonst etwas verspricht.
Das immer nur nach besseren Zukunft Sehnen. Das mag ich heute und bis ans Ende nicht.

Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas - CC-BY-SA 4.0 - http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg
Portrait of Vladimir Vysotsky by Prince Papa Jan, oil on canvas – CC-BY-SA 4.0 – http://papa-jan.com/kartini-1/PapaJan-182.jpg

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 Mehr Informationen finden Sie hier:

Webseite des Moskauer Wyssozki-Museums

Viele Lieder in deutscher Übersetzung zum Anhören

Deutsche Website mit sehr guten Übersetzungen und Audiodateien

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Randbemerkungen

Wyssozkis Sohn ist der Drehbuchautor Nikita Wyssozki (* 8. August 1964)

Literatur: Wladimir Wyssotzkij: Wolfsjagd. Gedichte und Lieder / russisch und deutsch. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-8015-0210-4 (herausgegeben und eingeleitet von Brigitte van Kann)

Ein Zitat: 
„Hamlet hasst Rache und Gemeinheit, aber er kommt davon nicht los, er macht alles, wie die Menschen, gegen die er kämpft, obwohl er glücklich wäre, es nicht zu tun. Er möchte nicht töten, aber er wird töten und weiß das. Er kann diesen Kreis nicht verlassen, kommt nicht los von den Gesetzen und Konventionen, die seine Umgebung anbietet. Deshalb ist er verzweifelt, deshalb verliert er den Verstand!“

– Wladimir Semjonowitsch Wyssozki: Über Hamlet, Programmheft des Hamlet im Burgtheater, Wien 2013

„Unsere Gehirne sind aus Watte“. – Zur Lage der UdSSR

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Die Filmdoku:
Regisseur Pjotr Buslow entwickelte mit dem Nikita Wyssozki eine Filmbiografie: Wyssozki – Danke, für mein Leben. Die Doku kam im Winter 2011 in die deutschen Kinos. Zu sehen ist der Film in voller Länge dort: https://www.youtube.com/watch?v=XPu1lcHgkiI

Mein Beruf | Maria Aronov | Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.

Foto: Privat
Foto: Privat

Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“.i So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“

Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

Maria Aronov - Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.

Foto: wikiimages
Foto: wikiimages

Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.

Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.

Foto: fzofklenz via pixabay
Foto: fzofklenz via pixabay

Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.

Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.

Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.

illiteracy-593746_1280Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.

Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

study-921885_1280Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

i Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Gerüchte. Die Treue Nataljas ihrem Mann gegenüber wurde infrage gestellt. In St. Petersburg folgten Schmähschriften, in denen Puschkin als „Hornträger“ bezeichnet wurde.

Der Dichter sah keinen Ausweg aus der Misere und beschwerte sich letztlich über das Verhalten des Franzosen bei dessen Adoptivvater, woraufhin ihn Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès zum Duell aufforderte.

Diese Intrige führte Puschkin langsam, aber sicher in den Tod. Bei dem Duell wurde er nämlich mit einem Schuss in den Bauch stark verletzt. Zwei Tage später, am 10. Februar, verendete der Poet der Sonne mit nur 37 Jahren in seiner Wohnung.

Adrian Volkov - Das Duell Alexander Pushkin und Georges d'Anthès - 1869
Adrian Volkov – Das Duell Alexander Pushkin und Georges d’Anthès – 1869

Tausende Menschen trauerten dem Genie nach. Puschkins Leichnam wurde in eine Provinz überführt und im Swjatogorsky Kloster bei Pskow beerdigt.

„Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.
Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, „die Sonne der russischen Poesie“ Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu „vergessen“, seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 – 1830 zu spüren, als sein Poem „Poltawa“ und das 7. Kapitel von „Eugen Onegin“ erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich „erschöpft“. „Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren“, behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie „inhaltsleer“ und „gegenwartsfremd“ Puschkins Dichtung sei.

Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: „Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt.“

Gogol und Zhukovsky in Pushkin's Haus in Tsarskoe selo - P. Geller - 1910
Gogol und Zhukovsky in Pushkin’s Haus in Tsarskoe selo – P. Geller – 1910

Nikolai Gogol schrieb: „Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter…. In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt.“ Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin „nicht gegenwartsbezogen“, „nicht aktuell“ sei – und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina, Kommentatorin der RIA“Nowosti“ ).

Maria Aronov: Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I – Der trügerische Schein unserer Welt

Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I –
Der trügerische Schein unserer Welt

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“ target=“_blank“]Autorin, Lyrikerin, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache.[/avatar]

Der Osmanische Herrscher, Sultan Süleyman, schreibt im folgenden Gedicht über die sinnlose Hülle des Lebens. Der Sultan bevorzugte es, seine Gefühle, Zweifel und Ängste in Form von Gedichten auszudrücken. Dabei philosophierte er über das irdische Sein. Die Welt von ihrer bitteren Seite kennenlernend, verstand er, dass die einzige Wahrheit nicht auf der Erde zu finden ist und wir nur Gefangene unserer Wünsche sind, die uns erblinden lassen und taub machen. Dazu gehören auch vielfältige unumgängliche Entscheidungen, die mit sich einen großen Kummer bringen. Süleyman spricht über die Vergänglichkeit und gar Falschheit, die selbst in der Natur auffindbar ist. Auf das Gute folgt oft etwas Dunkles, sodass auf den Sommer der Herbst und auf den Morgen bald die Nacht folgt. Dem Menschen ist es quasi auferlegt, durch die Dunkelheit zu gehen und schon während der Glücksmomente zu wissen, dass diese bald Abschied nehmen werden und der herunterfallende Schleier, der an unseren Augen hing, uns Bitterkeit und Trauer bereithalten wird. Diese Erwartung vergleicht der Sultan mit den Schlägen einer Trommel, die immer stärker und lauter werden. Sie prophezeien Unruhe. Auch das Glück ist also nur eine gläserne Maske, die irgendwann in kleine Teile zerbricht. Man sollte jeden Moment auf die Dunkelheit gefasst sein, denn sie lauert hinter jedem Lichtblick auf uns. Ohne diese könnte man jedoch unsere Existenz nicht als sinnvoll bezeichnen, da wir das Glück nur im Vergleich mit der Bitterkeit erfahren können.

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Sultan Süleyman I über die Sinnlosigkeit des Lebens
(übersetzt von Maria Aronov)

Was sind das für Geräusche, Süleyman? Wach auf und hör ihnen zu! Hörst du sie?

Dieser Regen ist nicht s Anderes als die Tränen desjenigen, den man beweint. Das ist das dunkle Antlitz des leuchtenden Himmels.

Wem gehört er, dem Freund oder Feind? Sieh hin! Siehst du es? Erkennst du es?

Die grässlichen Geschäfte hallen mit tausenden Herzschlägen wie die einer Trommel wider.

Süleyman, es kommt ein schrecklicher Lärm auf. Morgen, wenn der Tod kommt, hören wir die Schläge der Trommeln, doch heute, macht wird die Unbekümmertheit zur Watte, die uns taub macht und an die Augen hängt sich ein Schleier, der uns dabei stört, die Wahrheit zu sehen. Deswegen stehen wir da, befangen von unseren Leidenschaften, die uns über die morgigen Trauer und Sorgen erzählen.

Oh, du Flamme, lösch die Kerze der Unbekümmertheit, die dich daran hindert, die Wahrheit der Welt zu erfahren. Rette dich vor der Taubheit, Süleyman! Diese Welt ist dein Kerker! Die Zerstörung des Kerkers ist eine Freude für seine Gefangenen!

Unser Körper ist ein ewiger Kerker für unsere unsterbliche Seele. Wenn der Tod den Körper zerstört, wenn du unter der Erde landest, wird sich die Seele aus dem Kerker befreien und sich auf den Weg zur höheren Macht begeben.

Komm zur Besinnung, suche keine Treue im irdischen Kerker. Das ist nur eine Gefangenschaft! Diese ganze Welt ist instabil.

Diese Welt ist kein Platz für das Leben, Süleyman. Sogar der Morgen in ihr ist lügnerisch, weil sich hinter ihm unmittelbar die Nacht verbirgt.

 

Maria Aronov • Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates

Ein Gift zum Wohle des Staates 

– Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates –

Sokrates (*469 vor Christus in Athen; † 399 vor Christus in Athen) wirkte in Athen als grundlegender Philosoph. Er befasste sich mit unterschiedlichen Themen wie der Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und dem Verständnis der Welt. Laut Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae; ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.) soll er die Menschen dazu gebracht haben, über das Gute und Schlechte nachzudenken. Sokrates entwickelte den philosophischen Dialog, die er als Mäeutik (Hebammenkunst) bezeichnete. Diese beruht darauf, seinem Gesprächspartner durch Fragen zu einer eigenständigen Erkenntnis zu verhelfen. Der Lernende soll selbst zur Lösung des Problems, zur Einsicht kommen, die er mithilfe der Hebamme, des Lehrenden, gebärt. Dies stellt einen Gegensatz zum normalen Schulsystem dar, wo dem Schüler der ganze Stoff vom Lehrer vermittelt wird und oft niemand zu seiner eigenen Einsicht kommt. Auf die Idee der Umsetzung von der Mäeutik brachte Sokrates der Beruf seiner Mutter, die Hebamme war.

Agora - Athen
Agora – Athen

Seine Schüler bezeichneten ihn als den, zu ihrer Zeit, weisesten und gerechtesten Philosophen. Er wurde sogar auf eine Stufe mit den Religionsgründern Jesus, Buddha und Konfuzius gestellt. Man wusste nicht nur seine Denkweise, sondern auch seine Persönlichkeit, sein Leben und gar seinen Tod zu schätzen. Philosophie war für Sokrates eine Lebensform. Er lebte Philosophie. Von seinem Vater erlernte er den Beruf Steinmetz, übte ihn aber nie aus. Täglich trat Sokrates auf dem Rednerplatz, der Agora von Athen, auf. Er konzentrierte sich auf die Gespräche mit seinen Mitbürgern. Dabei beschäftigte er sich mit der „Was ist… – Frage“, denn seiner Meinung nach konnte man nur entsprechend handeln, wenn man die Tugenden richtig verstünde. Was ist zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit? Jeder, der dies wüsste, würde ein guter und edler Mensch, was sich Sokrates als Ziel setzte. Dafür brauchte man aber eine tiefe Analyse der Begriffe, womit sich Sokrates ausgiebig beschäftigte.

Sokrates versuchte nicht zu dozieren, obwohl er als der Weiseste seiner Zeit galt. Er wollte nicht lehren, sondern selbst etwas Neues lernen. Dies war sein Verständnis von Philosophie. Laut Sokrates sollte der Philosoph nach der Weisheit suchen und streben. Er sollte versuchen, sie zu entdecken und zu gewinnen. Niemand ist seiner Meinung nach weise geboren. Nicht umsonst vergleicht er die Philosophie mit dem griechischen Gott der Liebe, Eros. Für Eros hat der Begriff der Liebe nichts mit dem Besitz dessen zu tun, was schön oder geliebt ist. Es geht in der Liebe vielmehr ums Streben und die Begierde danach. So sieht es auch mit dem Philosophen und seiner Liebe zur Weisheit aus. Er sieht oder spürt sie in der Ferne, verliebt sich und macht sich auf den Weg, um zu ihr zu gelangen, zum Beispiel auf dem Marktplatz von Athen. Aus diesem Grund stellte Sokrates immer viele Fragen. Er suchte auf diese Weise nach der Erkenntnis.

Delphi - Orakel - Zentralgriechenland
Delphi – Orakel – Zentralgriechenland

Meistens suchte sich Sokrates Experten für das jeweilige Thema aus – über die Frömmigkeit sprach er mit einem Priester, über Gerechtigkeit mit dem Staatsmann und über Tapferkeit mit einem Feldherrn. Seine Fragen förderten Nichtwissen über die jeweilige Tugend. Dadurch, dass Sokrates während der Gespräche immer sehr viel nachfragte, gerieten die Gesprächspartner in Argumentationsnöte. Schließlich mussten sie dazu stehen, doch keine Antwort auf die Fragen zu haben. Da Sokrates sich nicht für klüger als die Anderen hielt, endeten die Dialoge lösungslos. Seine Hebammenkunst scheiterte demnach. Sokrates akzeptierte dies jedoch. Er stand dazu, selbst keine Lösung zu haben. Auch die Nichtergebnisse betrachtete er als eine Art Gewinn. Dieser Hintergrund diente seinem berühmten Zitat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Genau aus diesem Grund bezeichnete das Orakel von Delphi Sokrates als den weisesten Mann Griechenlands. In seinen Augen war er nicht der Weiseste, weil er mehr als die Anderen wusste, sondern sagte, er wüsste, dass er nichts wüsste.

Durch Sokrates entstand auch der Begriff der Elenktik (Die Entlarvung des Scheinwissens), mit deren Hilfe er schaffte, das wahre Wissen zu sichern und den Weg für die Philosophen zu bereiten, die nach ihm kamen.

esel_santorini-673110_640Viele der Mitbürger Sokrates` empfanden ihn und die Philosophie als lästig. Viele fühlten sich durch die Entlarvung ihres Nichtwissens bloßgestellt und waren Sokrates keineswegs dankbar für die Erkenntnis. Sokrates wurde für seine vielen Fragen ausgelacht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen. Ihm machte es jedoch nichts aus. Er ließ sich vieles gefallen und als ihn jemand darauf ansprach, warum er sich nicht verteidigen würde, erwiderte Sokrates, er würde ja auch nicht zurückschlagen, falls ihn ein Esel angriffe.

In den führenden Kreisen von Athen entwickelte sich eine schlechte Stimmung. Man sah in Sokrates ein Problem und war gegen ihn. Er musste schließlich vors Gericht, denn er hätte nicht das Recht dazu gehabt, das gesicherte und überlieferte Wissen sowie einige traditionellen Überzeugungen infrage zu stellen. Der Grund für die Anklage war, die Erschaffung neuer göttlicher Wesen und die Ableugnung derer, die vom Staat anerkannt waren. Beim Prozess spielte auch die Verführung der Jugend eine große Rolle. Sokrates hätte angeblich einen schlechten Einfluss auf sie gehabt. Der Antrag ging letztendlich auf Todesstrafe.

In der Verteidigungsrede, die vom Platon überliefert wurde, widersprach Sokrates den Anklagepunkten. Darin äußerte er, er hätte die Götter nicht verleugnet und habe die Jugend lediglich auf einen besseren Lebensweg bringen wollen. Seine Rede verlief jedoch ohne Erfolg. Er sollte durch den Schierlingsbecher hingerichtet werden. Im antiken Athen war Gift nämlich eine gängige Hinrichtungsform.

Während seines ganzen Lebens soll sich Sokrates an alle Gesetze gehalten haben und obwohl es unrecht war, widersetzte er sich nicht der Todesstrafe. Seiner Meinung nach war Unrecht zu leiden besser, als Unrecht zu tun. Sokrates starb im Kreis seiner Freunde im Alter von 71 Jahren. Er verendete in großer Gelassenheit, denn die Philosophie war für ihn die Vorbereitung auf den Tod, in dem sich die Seele von dem Körper trennt. Sokrates fühlte sich also auf den Tod gerüstet. Sogar in seinen letzten Minuten des Lebens philosophierte er und verlor nicht den Sinn für Humor. Als seine Frau ihm kurz vor dem Tod sagte, er würde ungerechterweise sterben, fragte er sie: „Wäre es dir lieber, wenn ich gerechterweise stürbe?“

Auch die Schlussaussage in seinem Prozess war ironisch und voller Humor:“ Es ist nun Zeit, dass wir gehen. Ich, um zu sterben und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäfte hingehe, ist alles verborgen, außer nur Gott.“

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

Sokrates führte ein sehr bescheidenes Leben. Für seinen Lebensunterhalt sorgten gute Freunde durch ihre Gastfreundschaft und Geschenke. Alles nahm er aber nur in engen Grenzen an. Die Armut wählte er als Lebensweise selbst aus, distanzierte sich von den materiellen Dingen des Lebens. Seine Frau war damit jedoch nicht einverstanden war. Sie vertrat nämlich die Meinung, er hätte weniger auf der Agora auftreten, sondern stattdessen arbeiten gehen sollen. Einmal goss sie ihm, als er sich auf den Weg zum Rednerplatz machte, einen Eimer Wasser über den Kopf und beschimpfte ihn laut.

Von Sokrates sind leider keine Schriften überliefert worden. Von seinen Ideen und der Philosophie weiß man durch die Schriften seiner Freunde und Schüler. Dabei stellen Platons Dialoge die Hauptquelle dar. Auch von seinem Schüler Xenophon gibt es einige Überlieferungen, in denen er stets weiterleben wird.

 

Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

Eine Reise durch das Jenseits • Über den Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson

„Das Ende ist nur der Anfang“ heißt es im Roman „Hinter dem Horizont“ von Richard Matheson.

This is the front cover art for the book What Dreams May Come written by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam's Sons, or the cover artist.
This is the front cover art (1978) for the book „What Dreams May Come“ by Richard Matheson. The book cover art copyright is believed to belong to the publisher, G. P. Putnam’s Sons, or the cover artist.

Chris Nielsen, ein angesehener Arzt, lernt seine Seelenverwandte, die Künstlerin Annie Collins kennen. Beide verlieben sich unsterblich ineinander, heiraten und gründen eine Familie. Nach einigen Jahren des wunderbaren Zusammenlebens steht ihrem Glück jedoch der Tod im Wege. Sowohl ihre beiden Kinder als auch Chris kommen ums Leben. Annie, die Künstlerin farbenfroher Bilder, sieht keinen Ausweg aus ihrem Kummer, als sich das Leben zu nehmen. Dafür landet sie in der Hölle. Interessant ist, dass Matheson die Hölle nicht als solche darstellt, wie man sie aus vielen Beschreibungen kennt. Die Hölle ist für ihn ein Ort, den man sich selbst mit eigenen Gedanken erschafft. Es ist ein Ort voller Finsternis und Kummer, aus dem man nicht herauskommen kann, solange man sich den Problemen nicht stellt und versucht gegen die eigenen Dämonen anzukämpfen. Man hält sich selbst in der Dunkelheit gefangen. Außer Annie existieren in der Hölle keine weiteren Gestalten. Das weist darauf hin, dass die Hölle dem eigenen Kopf entspricht, in dem sich das Unterweltszenarium abspielt. Tot ist man, wenn man für nichts mehr lebt.

In dem Roman wird häufig auf die eigene Gedankenwelt und Fantasie angespielt. Als Chris stirbt, erklärt ihm im Jenseits sein Sohn in Gestalt einer anderen Person, dass man sich sein Fortleben mit Fantasie selbst gestalten kann. So erschafft sich Chris das Paradies in den Farben, die Annie so gern für ihre Bilder benutzte, bunt und fröhlich. Damit ist er ihr auch nahe. Die Fantasie ermöglicht ihm auch zu fliegen und mit Annie, zu ihren Lebzeiten,  durch einen von ihr gezeichneten Baum zu kommunizieren. Auch seine Tochter trifft Chris im Himmel. Sie hat sich wie auch ihr Bruder einen anderen Körper für die weitere Existenz ausgesucht. An diese Stelle stellt der Autor ebenfalls dar, wie unsere Gedanken das Dasein steuern. Ihnen und auch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das Paradies und auch die Hölle schaffen wir uns selbst, sei es auf der Erde oder nach dem Tod.

Where is God in all of this? Foto: Raul - La busqueda del angel... Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.CC BY 2.0 - Quelle: https://en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)
Where is God in all of this? Foto: Raul – La busqueda del angel… – Buscando unos ojos de mujer, de mirada profunda como el mar.- CC BY 2.0 – Quelle: en.wikiquote.org/wiki/What_Dreams_May_Come_(film)

Als Chris erfährt, dass Annie nicht mehr lebt, steht er unter Schock. Er erfährt, dass sie aufgrund ihres Selbstmordes in die Hölle kam. Unter allen Umständen will er zu ihr. Dies ist jedoch alles Andere als einfach, denn Annie ist durch ihre tiefe Trauer dazu verdammt, das Gute nicht mehr erkennen zu können. Aus der Hölle käme außerdem niemand mehr heraus. Trotz allen Warnungen, beschließt Chris für seine Liebe in die Unterwelt zu reisen. Auf dem Weg dahin begleitet ihn sein Sohn, der zu seinem weisen Fremdenführer im Jenseits geworden ist. Auf dem Weg zur Hölle erlebt ihr Schiff einen Sturm im unruhigen Gewässer, wo viele Seelen gefangen sind. Sie heulen, suchen nach der einzigen Rettung, strecken ihre Arme aus, um aus dem Sumpf des Kummers herausgeholt zu werden. Sie ertrinken quasi in ihrem Schmerz. Doch es gibt keinen Ausweg aus der Gefangenschaft für sie. Um in die Welt von Annie zu gelangen, muss Chris über die ertrinkenden Seelen laufen, unter denen er seinen Vater findet. Trotz all den Schmerzen verliert Chris sein Ziel nicht aus den Augen und betritt letztendlich den düsteren Raum, in dem sich Annie befindet. Er setzt sich zu ihr, spricht ihr Mut zu, doch leider kann sie ihn nicht erkennen. Er ist ihr fremd geworden. Er beschließt Annie nie mehr zu verlassen und für immer in ihrer Nähe zu bleiben. Damit verschreibt er sich der Hölle. Als letzten Versuch, seine Liebste aus der Unterwelt zu befreien, setzt er jedoch auf die Seelenverwandtschaft und berührt mit ihren gemeinsamen Erinnerungen Annies Innere. Er dankt ihr dabei für ihre Güte, ihr Äußeres, sodass er sie immer berühren wollte. Er dankt ihr für ihre Kinder und die gemeinsame Zeit, für die Bücher, die sie gemeinsam gelesen haben und ihre Liebe. Dies zeigt, dass es keinen anderen Reichtum als den der seelischen Erinnerungen und der Liebe gibt. Uns bleibt nach dem Tod nichts als die Seele und die Erinnerung an uns als guten oder schlechten Menschen seitens Anderer. So verhilft Annie das Licht und die Liebe, die sie zu ihren Lebzeiten hinterlassen hat, zur Errettung ihrer Seele. Dank Chris schafft sie es, sich von ihrem Kummer zu lösen und weiter für ihn und die Kinder in einer anderen Welt zu existieren.

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Am Ende bekommen die beiden jedoch die Möglichkeit eines Neuanfangs auf der Erde – wahrscheinlich als Dank für ihren Mut und Kampfgeist. Schließlich lernen sie sich auf der Erde neu kennen.

Durch den Tod und das damit verbundene Ende des Lebens auf der Erde entsteht die Möglichkeit eines Neuanfangs. Die Reise durch die Zeit und das Jenseits bot dem Liebespaar sowie ihren Kindern die Möglichkeit der Erkenntnis. Dabei ging es vor allem darum, sich mithilfe der eigenen Gedanken und Fantasie eine schöne, bessere Realität zu verschaffen, die einem alles bieten kann, was man im Leben nicht hatte. Auf der Reise durch das eigene Paradies und die Hölle steht die freie Entfaltung der eigenen inneren Welt, der im Leben so oft viele Grenzen gesetzt werden. Auf der Erde und auch im Jenseits kann man jedoch ohne Liebe nichts Gutem begegnen. Dabei ist jede Form der geistigen Liebe gemeint. Sie ist der Schlüssel zu jeder Art des Glücks, Daseins und der Freiheit.

So wird die Erkenntnis dessen der Anfang für einen Neubeginn, für den es nie zu spät ist.

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Richard Matheson (2008) – Foto: JaSunni at PicasaWeb – Cropped from http://picasaweb.google.com/5chiaroscuro/JaSunni1#5286474707387070834 – CC BY-SA 3.0

Richard Burton Matheson (* 20. Februar 1926 in Allendale, New Jersey; † 23. Juni 2013 in Calabasas, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Drehbuchautor. Er veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Logan Swanson.

Matheson ist aus der Science-Fiction der fünfziger Jahre nicht wegzudenken. Obwohl aus Richtung Horror zum Genre stoßend entschloss er sich, den aufkommenden Science-Fiction-Boom zu nutzen und verstand es, sich abzeichnenden Trends anzuschließen und diese auch kommerziell für sich zu nutzen.

Seine andauernde Verbindung zum phantastischen Genre bewies er durch zahlreiche Drehbucharbeiten, vor allem mit seinen Edgar-Allan-Poe-Adaptionen für Roger Corman.

Sein Roman Das Ende ist nur der Anfang, Hinter dem Horizont. Matheson ist das Ergebnis intensiver Recherche über die Jenseitsvorstellungen verschiedener Religionen und Kulturen. Unter anderem beruft er sich hierbei auf den Theosophen Emanuel Swedenborg. Der Roman wurde 1998 mit Robin Williams verfilmt. Der Film Hinter dem Horizont bietet ausdrucksstarke Bilder, hat aber nur wenig von der Tiefe des Romans.

Für seinen Roman Bid Time Return (1975) erhielt den World Fantasy Award. Mathesons Roman Ich bin Legende wurde 2012 beim Bram Stoker Award mit dem Sonderpreis Vampire Novel of the Century Award ausgezeichnet.

Matheson starb 87-jährig im Juni 2013 in seinem Haus im kalifornischen Calabasas. – Quelle: wikipedia

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Randbemerkungen:

„I think Dreams May Come> is the most important (read effective) book I’ve written. It has caused a number of readers to lose their fear of death — the finest tribute any writer could receive. … Somewhere In Time is my favorite novel.“
„Ed Gorman Calling: We Talk to Richard Matheson“ (2004).

What Dreams May Come ist ein Spielfilm aus dem Jahre 1998. Er handelt von einem Mann der stirbt und sich in einem Himmel wiederfindet, der beeindruckender ist, als er sich das jemals erträumt hatte. Allerdings ohne seine Frau, die nach seinem Tod Selbstmord beging. Er entscheidet sich, sie zu suchen um sie zu sich in den Himmel zu holen. Dabei riskiert er, für immer in der Hölle zu schmoren.
Regie führte Vincent Ward. Drehbuch: Ronald Bass, basierend auf dem Roman von Richard Matheson.

After life there is more. The end is just the beginning. Taglines

Maria Aronov • Die Seele • Lyrik

G. Caillebotte - oarsmen -  1877
G. Caillebotte – oarsmen – 1877

Maria Aronov • Die Seele 

Ohne dich wär` jeder Körper leblos. Jede Zelle ergäbe keinen Sinn.
Du bist da und schenkst uns Leben, du ermöglichst erst des Glücks Beginn.
Wärst du weg, so wären wir gefangen, in der Dunkelheit der bösen Residenz,
du bist unsichtbar, doch heilig, bist vom Gott gegeben, hohe Eminenz.

Du allein kennst das Gute, Freude, Liebe und die Welt.
Der Körper ist dein Diener, den du hast für dich gewählt.
Du bist ihm ein Gebieter, denn du weist ihm des Lebens Gänge.
Er folgt dir überallhin, durch die ganze Lebenslänge.
Unterwegs durch Raum und Zeit lässt du uns so viel erkennen,
welche Menschen uns nicht mögen, welche sich zu uns bekennen.
Du lässt spüren uns das Gute, weckst in uns die Energie,
hilfst uns leben, machst uns heiter und bezwingst die Lethargie.

Eines Tages wird dein Diener zu `nem echten Herzensbruder.
Ihr sitzt in einem Boot, der Körper hält das Ruder.
Hand in Hand geht ihr durchs Leben. Helft euch da, wo es nur geht,
um so trauriger ist das Ende, weil die Zeit zu schnell verweht.
Irgendwann wird der Körper müde, du erkennst, das eure Trennung naht,
langsam fährt das Boot zum Ufer. Drumherum wird alles matt.

Schwer wird der Abschied sein, doch dein Kumpane ist zu alt.
Er kann dich nicht begleiten, bis zum Tor, dem nächsten Halt.
Wie schmerzhaft dieser Abschied ist, wie süß die Freundschaft war, wie weise!
Doch dein Freund hat ausgedient, allein machst du die nächste Reise.

Maria Aronov @ 2016

Maria Aronov • Aufs Neue!

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Aufs Neue!

Wir sagen „Tschüß“ zum alten Jahr,

denken daran, was es brachte –

wie viel Gutes in ihm war

und wie man vor Freude lachte.

Wir erinnern uns an Glück und Schmerz,

doch sind auch schwere Zeiten wichtig.

Denn, was spürt unser Herz,

ist auf seine Weise richtig.

Lasst uns öffnen unsere Pforte, für das neue Lebensjahr.

Jeder Tag, den wir verleben, ist an sich doch wunderbar!

Jeder Schritt ist ein Ziel,

jedes Ziel birgt sehr viel Frohmut.

Und all das, was man erreicht,

tut der Seele einfach gut.

Wir sollten weiser werden,

für die Anderen mehr schaffen,

wie es Tiere tun in ihren Herden,

denn es ist das Jahr des Affen.

© Maria Aronov 2015

Maria Aronov über das Lesen und Schreiben

Foto: Privat
Foto: Privat

Welches Buch hat Ihr Partner / Eltern besonders beeindruckt?
Den Medicus von Noah Gordon findet mein Ehemann faszinierend.

Meine Eltern haben mehr als ein Buch, von dem sie beeindruckt sind. Dazu gehören bei meinem Vater die Romantrilogie „Die Forsyte – Saga“ des britischen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy sowie Lob und Rum“ des polnischen Schriftstellers Jarosław Leon Iwaszkiewicz. Mein Vater mag nämlich Bücher, die einen erziehen und Tipps auf den Lebensweg mitgeben.

Meine Mutter findet historische Romane verschiedener Autoren gut, besonders mag sie Lion Feuchtwanger. Im Moment ist ihr Lieblingsbuch „Judas von Keriath“ von dem russischen Schriftsteller Leonid Nikolajewitsch Andrejew. An dem Werk gefällt ihr die neue Interpretation des Autors, die kein anderer bisher bot.

Wahr oder falsch: “Ich blogge verfasse Texte fürs Internet vor allem, weil ich mich zu bestimmten Themen austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”
Leider wahr. In meinem Umfeld habe ich Gott sei dank zumindest einige Menschen, dazu zählt meine Familie, mit der ich mich über bestimmte Themen in den Gebieten der Philosophie, Literatur und Kunst austauschen kann. Ich hätte aber äußerst gern um mich herum ein weiteres Spektrum an Hobby – Lesern, mit denen man intensive Gespräche über bestimmte Themen führen kann. Dazu muss ich leider folgendes sagen:
Früher gehörten zu einem gesellschaftlichen Abend Gespräche über Literatur und Philosophie. Heute findet man immer seltener Menschen, die sich für die oben genannten Gebiete interessieren. Das empfinde ich als sehr traurig. Da ich ein großer Fan der antiken Philosophie bin, tut es mir umso mehr weh, wenn ich Äußerungen wie „Philosophie? Damit kann ich nichts anfangen“ oder „Die Philosophen waren doch alle bescheuert“ / „Wer braucht überhaupt Philosophie?“ höre. Dabei haben die Menschen keine Ahnung davon, dass es zwischen der abstrakten und theoretischen Philosophie riesen Unterschiede gibt. Sie haben sich nie damit auseinandergesetzt, aber Stereotype gebildet. Um es einfacher auszudrücken: der Mensch interessiert sich immer weniger für geistige Werte. Die Kultur gerät in Vergessenheit. Man kann sich mit seinen Mitmenschen immer weniger über Kultur unterhalten.

Obwohl ich kein großer Fan der sich immer schneller verbreiteten technischen Entwicklungen bin, muss ich sagen, dass das Internet eine großartige Erfindung ist. Einer der Gründe sind eben Blogs, Foren und Online-Zeitschriften, die einem ermöglichen, mehr Kultur – Interessenten für gute Unterhaltungen zu finden, auch wenn es nur eine Elite ist.

Ihre Lieblingswörter / Ausdrücke
„In erster Linie“. Warum? Weil ich gern meine Ansichten beziehungsweise die eines anderen Autors akzentuieren möchte.
„Des Weiteren“, weil ich bei einigen Interpretationen ungern bei einer Begründung bleibe.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen?
Ich mag wie auch mein Vater, Bücher, die einen zum Nachdenken bringen, die einen belehren und Ratschläge fürs Leben geben. Natürlich lese ich auch ab und zu illustrierte Zeitschriften, aber das sind Texte, die man schnell wieder vergisst, über die man nicht nachdenkt. Ich mag Texte, die in Erinnerung bleiben und bestimmte Gefühle hervorrufen.

Habe ich Vorbilder fürs Schreiben?
Ich habe Lieblingsschriftsteller und auch Dichter. Das Wort „Vorbild“ bedeutet für mich, dass ich so sein will, wie jemand anderer es ist. Man kann durchaus vieles von seinen Lieblingsautoren lernen, aber das Schöne am Schreiben ist, dass jeder seine Individualität zum Vorschein bringen kann. Man kann und sollte sich für andere Autoren begeistern, muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Begeisterung auf der Individualität des Autors basiert. Denn sie ist es, die ihn von allen anderen Verfassern unterscheidet. Wenn diese verloren ginge, wäre auch der Reiz des Autos weg. Es ist wichtig, auch beim Schreiben immer man selbst zu sein, seinen Stil zu finden und ihm treu zu bleiben.

Wer soll mich lesen?
Lesen sollten mich Personen jeden Alters und Geschlechts, die sich für Philosophie, Kultur und Literatur interessieren und diese auch zu schätzen wissen. Ich mag es, wenn man über das Geschriebene nachdenkt und dazu seine Gefühle beziehungsweise Gedanken äußert. Für oberflächliche Menschen wären meine Texte eine unverständliche Quelle.

Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?
Damit man ein Buch richtig aussucht, ist es erst einmal wichtig, das Genre / die Genres zu kennen, das / die man mag. Dazu gehört natürlich auch, Bücher zu lesen, die man vielleicht nicht so gut findet. Nur durch das Probieren kann man das Richtige für sich finden. Dann ist es natürlich wichtig, zwischen den Autoren zu unterscheiden – welchen Autor / welche Autoren mag ich / mag ich nicht. So kann man sich dem Ziel nähern, Bücher besser aussuchen zu können. Entdecken kann man ein gutes Buch durch Kritiken im Internet, durch Personen, die es einem empfohlen haben oder eben ganz zufällig in einer Buchhandlung durch einen anziehenden Buchtitel.

Damit man die Literatur genießen kann, braucht man ein spannendes Buch, ein leckeres Getränk und Ruhe, um sich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren zu können und alles um sich herum zu vergessen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:
Dazu gehören wohl die Werke von Kafka, die gleichzeitig über ihn selbst geschrieben sind, da sie sehr viel seiner Autobiographie enthalten. Mich fasziniert zum Beispiel u.a. „Die Verwandlung“. Es gibt keinen andren Autor, der sich so sehr von mir unterscheidet und mich trotzdem mit der Tiefgründigkeit seiner Werke rührt.

Ein Buch, dessen Gestaltung/Cover/Design Sie besonders beeindruckt hat:
Mich beeindrucken Hard-Covers im alten klassischen Stil, wenn man eben das Gefühl hat, ein Buch in die Hand zu nehmen und etwas Vernünftiges zu lesen. Heute werden die Covers immer billiger, leider auch bei guten Büchern. Auf manchen ist zu viel gemalt für meinen Geschmack. Es fehlt die schlichte Eleganz, bei der der Titel und die gute Qualität im Vordergrund stehen.

Natürlich geht es bei einem Buch mehr um den Inhalt als um seine Aufmachung. Nichtsdestotrotz kann das Cover die Schönheit des Inhalts betonen. Ich mag die alte klassische Ausgabe der Werke von Goethe – ein schlichtes braunes Cover mit einer eleganten goldenen Umrandung.

Meine Lieblingskritiker:
Werner Keller, Albrecht Schöne, Hans Arens, Dorothea Lohmeyer und Ulrich Gaier.

„Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“
Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich in andere Welten versetzt zu fühlen, etwas zu erleben, was unvergessen bleibt: ich reiste mit Robert Cole im 11. Jahrhundert von England nach Isfahan, erkundete mit dem kleinen Prinzen andere Planeten, tanzte mit Natascha Rostowa auf ihrem ersten Ball und kämpfte in der königlichen Garde an der Seite von D’Artagnan.

Meinem Leben gibt die Literatur einen tieferen Sinn. Ich lerne interessante Autoren kennen sowie ihre Hauptfiguren, die lebendig erscheinen und mich durch das Leben begleiten. Manche dieser Figuren werden zu echten Freunden, deren Stimmen man hört, wenn man mal einen guten Rat brauchen sollte.

Maria Aronov – Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

The first book edition of The Master and Margarita by Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) - CC-BY-SA 4.0
Die Erstausgabe von Der Meister und Margarita von Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) – CC-BY-SA 4.0

Bulgakows Roman weist einige Ähnlichkeiten mit Goethes Faust auf. Dazu gehören der Pakt mit dem Teufel, die Hexerei und dämonische Feierlichkeiten.

Goethes Faust und Bulgakows Margarita gehen beide einen Pakt mit dem Teufel ein, um darin eine Rettung zu finden. Während der Wissenschaftler danach sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält und sich als „Thor“ bezeichnet sucht Margarita nach einer Möglichkeit, ihren Meister wiedersehen zu können.

Mephisto entführt Faust in eine Welt voller Ekel, Bosheit und Schmerz. Der Teufel verkörpert das reine Böse.

Voland, der Teufel, aus „Der Meister und Margarita“ dient Bulgakow als der Schlüssel zur Philosophie des Lebens. Mit dieser Hauptfigur zeigt der Schriftsteller, dass die Bezeichnung „Teufel“ nichts weiter als ein Wort ist, dass auch in ihm, wie in jedem anderen Vernunftwesen das Gute und das Böse nebeneinander existieren. Erst mit der Hilfe von Voland wird dem Liebespaar überhaupt ermöglicht, ein ruhiges Leben zu führen, auch wenn erst nach dem Tod. Faust jedoch, der sich mit dem Bösen verbindet, zerstört das Leben Gretchens, weil der Pakt mit dem Teufel für etwas Destruktives steht.

ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: "Faust"-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des "Faust"-Stoffes von einem "Christlich-Meynenden". Das Buch gehört zu den Schätzen der "Faust"-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) - CC BY-SA 3.0 de
ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: „Faust“-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des „Faust“-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch gehört zu den Schätzen der „Faust“-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) – CC BY-SA 3.0 de

Goethes Faust diente als Vorlage das Volksbuch von Dr. Faust aus dem Jahr 1587, das auf einer realen Persönlichkeit basiert: (Johann) Georg Faust  – * um 1480 † um 1541.
Dr. Faust war ein Wissenschaftler, der durch Luthers verbreiteten Aberglauben der Hexerei beschuldigt, folglich als „Teufelsbündler“ bezeichnet und schließlich hingerichtet wurde.

1991_CPA_PC_221_Stamp_1028Der Bund mit dem Teufel war gegen die kirchliche Lehre und wurde daher mit zerstörerischer Macht assoziiert. Bulgakows Werk geht dagegen über den religiösen Rahmen hinaus. Er kritisiert das Regime, das den Meister dazu getrieben hat, seinen Roman über Pontius Pilatus zu verbrennen, dabei stellt er Jesus als einen Philosophen dar und zeigt, dass der Teufel nicht von Gott verstoßen ist, sondern viel mehr Weise Entscheidungen trifft. Jeder soll Volands Aussage nach, das bekommen,  was er verdient und woran er glaubt.

Des Weiteren erinnert Bulgakows Teufels-Ball, an dem tote Verbrecher teilnehmen an Goethes Walpurgisnacht, die mit dem Obszönen assoziiert wird. Während Margarita sich aufopfert und Gastgeberin auf dem Ball präsentiert, ist für Faust die Nacht des Bösen eine Art Vergnügung. Fausts Wunsch nach Sinnlichkeit und deren Erleben ist das größte Abenteuer seiner Weltfahrt.

Mit der Walpurgisnacht hängt auch die Szene in der Hexenküche zusammen, denn schon dort verabredet sich Mephisto mit der Hexe auf die Walpurgisnacht.

In beiden Szenen stellen die Hexen das Milieu triebhafter Sinnlichkeit dar, die sie zusammen mit den Teufeln ausleben.

Die Walpurgisnacht steht für etwas Inhumanes, denn in ihr herrscht eine Sexualität, die durch Unverantwortlichkeit geprägt ist. Aus diesem Grund gehört diese Nacht Hexen und Teufeln. Sie besitzen nämlich weder einen Sinn für Verantwortung noch Scham.

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AuerbachsKeller – Leipzig – Skulptur: Goethe, Schiller

Auch die Handlung im Auerbachskeller weist auf die charakterliche Schwäche Fausts hin.  Wenn der Mensch nämlich tierisch ist, so ist es damit zu erklären. Wenn man das Übermaß an Alkohol und triebhafter Sinnlichkeit überschreitet, so wird einem Tier ähnlich, da man seine Triebhaftigkeit nicht mehr im Griff hat.

An dieser Stelle lässt sich auf die Aussage Kants zurückgreifen, dass im Fokus jeder Handlung das Ziel steht. Margarita, die das Böse auf sich nimmt, will den Meister erretten. Sie vergnügt sich nicht auf dem Ball. Obwohl sie zu einer Hexe, zu einem magischen Wesen wurde, handelt sie aus ihrem Verstand und der Seele heraus. Ihr eigentliches Ziel verliert sie nicht aus den Augen, während Faust sich dem teuflischen Vergnügen  ganz und gar hingibt.

Goethes Dichtung veranschaulicht an vielen Szenen, dass man durch die Verbindung mit dem Bösen, selbst zu einem Monster wird.

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Der Teufelspakt „Faust & Mephisto“, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Schaut man sich das Verhalten von Faust und den religiösen Aspekt Goethes an, der in dem Werk  nicht außer Acht gelassen wird, lässt sich sagen, dass Bulgakow mit seinen Hauptfiguren Goethes Faust in den Schatten stellen will: erstens verliert sich der Wissenschaftler selbst  auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Bulgakows Hauptfigur findet sich dagegen dank dem Teufel wieder. Der Meister wird von ihm aus der Irrenanstalt befreit und kann wieder zu dem werden, den ihm das Leben nahm, nämlich zu einem an sich selbst glaubenden Künstler. Zweitens geht Fausts Verhalten aus dem Pakt mit dem Teufel hervor und wirkt automatisch dem Guten entgegen. Er lässt sich von Mephisto verführen, verbindet sich mit dem Bösen, zerstört letztendlich das Leben von Gretchen, während Bulgakows Hauptfiguren gegen das Unheil (das Regime), die Ungerechtigkeit (die Faust übrigens selbst ausübt) kämpfen. Der Teufel stellt ihnen lediglich Mittel zur Verfügung und eröffnet ihnen als anständigen Personen den Weg in die Freiheit, die sie sich verdient und sehnlichst gewünscht haben. Ihre Liebe und Achtung voreinander sorgten für einen Anfang in einer neuen, romantischen ewigen Welt.

Franciszek Zmurko - Fausts's Vision - 1890
Franciszek Zmurko – Fausts Vision – 1890

Fausts Existenz und Freiheit sehen nach dem Teufelspakt anders aus. Er merkt, dass diese in der teuflischen Welt nichts als Verführung, Alkohol, Obszönität und Ekel bedeuten. In dieser Welt lässt sich nichts finden, was kostbar wäre und was nichts wert ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

Maria Aronov Φ Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows  „Der Meister und Margarita“

Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Das zur Lebenszeit Michail Bulgakows verbotene Werk „Der Meister und Margarita“ stellt auf eine ironische Weise das atheistische und bürokratische Moskau dar. Es enthält ebenfalls Züge aus Bulgakows Leben, denn die Werke des Meisters, dem Hauptdarsteller des Romans, werden ebenfalls verboten: Der Meister schreibt an einem Werk über die Religion, über Pontius Pilatus und Jesus (auf diese Thematik gehe ich im nächsten Text näher ein).
Nach der Beendigung des Romans findet sich kein Verleger, der das Werk veröffentlichen würde; es werden lediglich einzelne Passagen des Romans gedruckt, die dann zum Hass auf den Autor führen.

Zur gleichen Zeit lernt der Meister seine Geliebte – Margarita – kennen; eine verheiratete Frau, die sich jedoch unsterblich in den Meister verliebt und ihm aufgrund seines Talents zu schreiben, den Titel Meister gibt. Auch er verfällt ihr. Zwischen den Beiden entwickeln sich große Gefühle. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn der Meister wird verhaftet, da er „illegale Literatur“ besitzt. Nach seiner Freilassung geht er aus freien Stücken in die Psychiatrie, um am Leben bleiben zu können.

In der Stadt des Romans herrscht der Teufel Voland. Dieser bietet Margarita die Chance, ihren Meister wiederzusehen. Für ihren Geliebten tritt Margarita in den Dienst des Teufels.

Bulgakow teilt die Welt in zwei verschiedene Subwelten auf: das Gute und das Böse. Diese beiden Welten sind Bestandteile jeden menschlichen Lebens. Der Autor zeigt in seinem Werk, inwiefern beide voneinander abhängen. Er personifiziert das Gute und das Böse, maskiert sie als Leben und Tod, Gott und Teufel.

Der Schriftsteller stellt sich die Frage, ob das Gute und das Böse einen Einfluss aufeinander haben und ob sie ohne einander in ihrer Existenz gefährdet wären.

Mit der Thematik von Gute und Böse setzte sich ebenso Immanuel Kant auseinander. In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht er von dem radikal Bösen, zu dem jeder Mensch einen Hang hat. Kant will anhand seiner Philosophie deutlich machen, dass das Böse in uns verwurzelt ist. Aus diesem Grund wählt er den Begriff „radikal“ (lat. radix = Wurzel). Nach Kant ist dem Menschen die Vernunft gegeben, durch die er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ spricht Kant vom guten Willen und hält fest, dass dieser das höchste Gut sei. Demnach ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen der Vernunft. Einerseits hat er den Willen, der ihm ermöglicht, vernünftig zu handeln, anderseits wirkt der Hang zum Bösen auf den Willen ein, sodass eine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, dem die Vernunft zugrunde liegt, entsteht.

Doch ist die Neigung zum Bösen ein solch großer Feind des guten Willens?

Führt man sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vor Augen, kommt man zu dem Schluss, dass das Gute ohne das Böse nicht existieren kann: es gäbe kein Gleichgewicht in der Welt.

Wenn man die Aussage Kants betrachtet, der Wille sei das höchste Gut des Menschen, lässt sich behaupten, dass man durch die Neigung zum Bösen nicht schlecht wird, sofern man als Willen das Ziel des Guten verfolgt.

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Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Die Hauptfigur, Margarita, geht mit dem Teufel einen Pakt ein. Sie soll für eine Nacht zur Ballkönigin werden, denn der Teufel braucht eine Gastgeberin auf dem von ihm veranstalteten Ball für tote Verbrecher. Als Gegenzug soll der Teufel ihr wieder ein Leben mit dem Meister ermöglichen, nach dem sie sich sehr sehnt. Margarita stellt sich also um der Liebe willen auf die Seite des Bösen, sie wünscht sich, ihrem Geliebten noch einmal begegnen zu können. Margarita bekommt eine Salbe, nach deren Auftragen sie sich in eine Hexe verwandelt. Nun steht der Herrin des Hauses nichts mehr im Wege, um die aus dem Sarg auferstandenen Ballgäste zu begrüßen.

Dort lernt sie die teuflische High-Society kennen, Verbrecher, Betrüger auf allen Ebenen und Mörder. Ein Fest der Unzüchtigen, Gewissenlosen und Kriminellen findet statt. Die vom Feuer umgebenen Paare tanzen und amüsieren sich auf diesem teuflischen Ball.

Unter anderem ist eine Tote dabei, für die ein Verbrechen unausweichlich war, sodass sie dieses begehen musste und dadurch psychisch krank wurde. Sie landete als Konsequenz in der Hölle. Von der Schuld des wahren Verbrechers wollte niemand etwas hören, da er die Frau quasi zum Mord zwang, ihn jedoch selbst nicht beging. Er wurde zu seinen Lebzeiten nicht bestraft und konnte damit so der Hölle entkommen – eine Anspielung darauf, dass das Gericht auch über die Existenz der Seele nach dem Tod des Menschen entscheiden kann.

An dieser Stelle kritisiert Bulgakow die Oberschicht des damaligen Russlands, indem er die Gäste des Balls namentlich und biographisch vorstellt. Er zeigt, mit welchen Mitteln man in dieser Gesellschaft hochsteigen und alles erreichen kann, sofern man seine Neigung zum Bösen auslebt und die materielle Seite des Lebens als Ziel hat. Dazu gehören Münzenfälscher, Fremdgeher, Mörder der Ehepartner und der Geliebten des Königs am königlichen Hofe sowie Hochstapler.

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Der Gehilfe des Teufels warnte Margarita davor, niemandem auf dem Ball besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie den Leuten sonst zu Kopf stiege.

Das zeigt, dass der Teufel den Wert seiner Umgebung kennt. Margarita ist in seinen Augen eine Person, der er vertrauen kann.

Obwohl Voland das Böse verkörpert, bricht er seinen Pakt nicht. Margarita sieht schließlich den Meister wieder.

Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev / Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев - 1991
Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev /
Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев – 1991

An diesem Beispiel von Bulgakow lässt sich erkennen, dass man nur durch die Wechselwirkung von Gut und Böse existieren kann. Der Teufel braucht das Gute, er braucht Margarita, um eine Gastgeberin auf dem Ball zu haben. Margarita braucht wiederum das Böse, um ihren Geliebten wiedersehen zu können. Dies zeigt uns, dass durch den Pakt ein Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten hergestellt werden kann, sodass beide Seiten davon einen Nutzen tragen.
Daher lässt sich sagen, dass Kants These stimmt. Wir sind insofern unvollkommen, dass wir nicht ohne das Böse existieren können. Es ist uns weder als Neigung zum Bösen entbehrlich noch als dessen Personifikation in Form des Teufels. Warum können wir uns aber davon nicht trennen? Die Antwort auf die Frage ist ganz plausibel: Ohne das Böse würden wir das Gute nicht als Solches anerkennen. Es wäre für uns eine Selbstverständlichkeit. In unserer Unvollkommenheit steckt die Philosophie des Lebens. Erst, wenn man das Böse als solches anerkennt, kann man es als eine Art Instrument zur Erlangung des guten Ziels gebrauchen. Ist der Wille stark genug, kann man das Böse einerseits für einen guten Zweck einsetzen, wie Margarita es tut, indem sie auf den Ball des Teufels geht, um ihren Meister bald wiedersehen zu können. Andererseits um es zu verhindern, damit kein Schaden entsteht. An dieser Stelle widerspreche ich Kant, denn es gibt für mich keine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, den das Böse beeinflussen würde. Unser Wille, dem die Vernunft zugrunde liegt, kann stärker als die Neigung zum Bösen sein.

Am Ende von Bulgakows Werks befreit der Teufel den Meister und seine Margarita mit einem Gift von ihrem unglücklichen Dasein auf der Erde. Der Meister wird nämlich von der Regierung wegen seiner Schriften weiterhin verfolgt, sodass das Liebespaar keine Ruhe auf der Erde findet. Die einzige Erlösung ist der Tod.

Voland und seine Gehilfen, unter Anderem der Todesdämon Asasello, begleiten die Seelen von Meister und Margarita zu dem „ewigen Haus“, von dem die beiden träumten. Dort sollen sie Ruhe und ihr Glück finden. Margarita betonte vor ihrem Tod, wie glücklich sie darüber sei, mit dem Dämon den Pakt eingegangen zu sein, denn das war für sie der einzige Weg, ihrem Liebsten nah zu sein.

Auch der Meister bedankt sich nach seinem Tod bei dem dunklen Dämon für sein neues Leben und seine Befreiung. Er bezeichnet diese als Glück.

Als sie vor ihrem Ritt in den Himmel ihr Haus anzünden, damit des Meisters weitere verbotene Schriften nicht mehr aufzufinden sind, sagt Margarita, dass im Feuer ihr Kummer des irdischen Lebens verbrennen soll.

Als die Beiden im Himmel ankommen, spazieren sie durch einen wunderschönen idyllischen Park zu ihrem „ewigen Haus“. Margarita sagt dabei folgendes zu ihrem Seelenverwandten:

„Hör die Stille und genieß das, was du im Leben nie hattest. Dort vorne steht dein ewiges Haus, das du als Belohnung erhalten hast. Dort gibt es ein venezianisches Fenster und wellende Reben, die bis zum Dach wachsen.
Ich weiß, dass abends zu dir die kommen werden, die du liebst, für die du dich interessiert und die dich nicht beunruhigen werden. Sie werden dir vorspielen und vorsingen.
Du wirst sehen, was für Licht es im Zimmer gibt, wenn die Kerzen brennen.
Du wirst mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Der Schlaf wird dich stärken. Du wirst weise Überlegungen treffen, aber mich wirst du nicht fortjagen können. Ich werde auf deinen Schlaf aufpassen.“

Maria Aronov ♣ Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen? ♣ Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Lässt sich das Schicksal eines Menschen von der Epoche beeinflussen?
Über Michail Afanassjewitsch Bulgakow

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Schriftsteller sowie gesellschaftliche und politische Bewegungen haben einen großen Einfluss auf die Begründung neuer Epochen, doch ist die Wirkung nicht auch gegenseitig? Lässt sich das Schicksal eines Menschen durch die Epoche bestimmen?

Das Leben eines der größten Satiriker der russischen Literatur ist Michail Afanassjewitsch Bulgakow veranschaulicht, inwieweit der Mensch durch die Epoche geprägt werden kann.

Geboren wurde der Schriftsteller 1891 in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Er war der Sohn eines Dozenten an der Geistlichen Akademie Kiews, Afanassij Iwanowitsch Bulgakows sowie Warwara Michajlownas.

Nach dem Abitur studierte Michail Bulgakow an einer medizinischen Universität, die er erfolgreich abschloss. Zunächst arbeitete er als Landarzt und heiratete während seiner medizinischen Tätigkeit im Jahr 1913 Tatjana Nikolajewna Lappa.

In der Zeit des russischen Bürgerkriegs wurde Bulgakow 1919 als Arzt in die Republikanische Armee der Ukraine einberufen. Nach seiner Dissertation kam er in die südrussische Weiße Garde.

1921 zog Bulgakow nach Moskau. Er beendete seine Arbeit als Arzt und widmete sich ausschließlich dem schöpferischen Leben, fing an für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Er publizierte auch einzelne Prosastücke. Man druckte seine Reportagen, Essays und Kolumnen.

Bulgakow soll gesagt haben, dass das Schreiben für ihn, trotz späterer Probleme aufgrund der Zensur wegen der seine Werke nicht mehr veröffentlicht werden konnten, weniger gefährlich als die Medizin sei. Als Arzt müsste man nämlich stets einsatzbereit und unterwegs sein. Diese Parallelen finden sich auch im Roman von Boris Pasternak „Doktor Schiwago“ wieder, der der Roten Garde als Feldarzt dienen muss und durch seine Tätigkeit als Arzt zum permanenten Lebensortwechsel verdammt ist.

Nach der Scheidung heiratete Bulgakow 1924 Ljubow Jewgenjewna Beloserskaja. Zu seiner dritten Ehefrau im Jahr 1932 wurde Elena Schilowskaja. Dem Scheidungsgrund für die zweite Ehe diente der Vergleich mit Dostojewski, dem er der Aussage seiner Frau nach nicht gewachsen gewesen sei. Das hat ihn ziemlich verletzt, sodass die Ehe nicht hätte weitergeführt werden können.

Er arbeitete als Assistent des Regisseurs und auch als Librettist im Moskauer Bolschoj Theater.

MichailBulgakow Für seine Berühmtheit im Ausland, die ihm leider zum Verhängnis wurde, sorgte der Roman „Die weiße Garde“. Bulgakow träumte lange davon, auszureisen, doch sein Plan im Ausland zu leben, scheiterte kläglich. Durch seine Berühmtheit machte er die kommunistische Regierung auf sich aufmerksam. Man weigerte sich eine solch talentierte Person herzugeben, sodass dem Schriftsteller der Weg in eine andere Welt versperrt wurde.

Bulgakows spätere Darstellungen des Alltagslebens in den frühen Jahren der Sowjetunion unter Stalin waren grotesk, er übte viel Kritik an der Gesellschaft und wurde dem Regime ein Dorn im Auge. Viele seiner Werke wurden verboten und erst nach seinem Tod publiziert, darunter seine Erzählung “Das Hundeherz“ sowie der Roman “Der Meister und Margarita“, der viele Motive aus seiner Biographie enthält.

Trotz des Verbots seiner Werke, wich er nicht von seinen Thematiken ab und ließ das Regime nicht über sich siegen. Er blieb bei seiner Überzeugung und schrieb weitere Satiren, ließ sich nicht verändern.

Finanziell war Bulgakow abgesichert und hätte ein schönes Leben führen können, doch er litt unter dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, dem Volk, nichts mehr geben zu können.

Der talentierte Autor blieb trotz seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein guter Arzt und war sogar in der Lage, sich selbst eine Diagnose aufzustellen, als er erkrankte. Er hatte die Fortschritte seiner Krankheit mit dem jeweiligen Datum notiert und seine Prognosen stimmten mit dem Verlauf der Krankheit, der Nephrosklerose, überein.

Seine furchtbare Erkrankung war nicht nur die Folge jahrelanger Drogensucht, wegen der er in einer Klinik war, sondern auch die Unterdrückung seiner Entfaltung durch die Zensur Stalins.

Obwohl er sich seines Talents bewusst war, gab er zu, in seinem Leben weder glücklich noch erfolgreich gewesen zu sein.

1940 ist der Schriftsteller verendet.

Michail_BulhakowDas Leben von Michail Bulgakow sowie das vieler anderer Schriftsteller, Dichter und Denker zeigt, dass die Epoche mit der in ihr wirkenden Gesellschaft das Schicksal eines Menschen insofern bestimmen kann, dass sie ihm seinen körperlichen Tod bereitet, sie kann die Psyche beeinträchtigen, innere Leere und Einsamkeit hervorrufen, aus der physische Erkrankungen resultieren. Möglich wird es für die Epoche jedoch nicht sein, die Denkweise eines geistig starken Menschen zu manipulieren, ihn so weit zu bringen, dass er aufgibt, sein geistiges Schicksal der Epoche anpasst, indem er sein Ich, seinen Standpunkt um des Überlebens willen verleugnet. Was bliebe dann dem Menschen am Ende?

Folgend lässt sich das Schicksal in zwei Stufen aufteilen, in das Körperliche und Geistige, sofern der Geist stark ist. Die höhere Stufe nimmt der Geist ein, da dieser mit dem Tod nicht endet.

Der Geist kann zwar verletzt sein, wird sich jedoch einer gesellschaftlichen Vorschrift nicht fügen. Ein durch die Epoche geprägtes Schicksal des Geistes bescherte uns ein Leben ohne jegliche Werte, Prinzipien, man verlöre sich selbst und existierte als eine Art geistlose Hülle. In diesem Fall gäbe es nur ein Schicksal, keine Trennung vom Körper und Geist. Diese Art von Schicksal wäre von vornherein bestimmt als eine Art sinnlose Existenz, die von der Epoche geprägt und beherrscht würde.