Kategorie: Kurzgeschichten

Arkadij Awertschenko | Der Hungerkünstler

»Wer sind Sie?«
»Das ist nicht wichtig.«
»Wer hat Sie zu mir geschickt?«
»Ich bin von selbst gekommen. Draußen hängt doch Ihr Schild.«
»Was wollen Sie?«
»Arbeiten.«
»Was können Sie?«
»Nichts.«
»Was haben Sie früher gemacht?«
»Nichts.«
»Aber man muß doch leben!«
»Ich habe gelebt.«
»Und man muß doch essen.«
»Essen? Das hab‘ ich nicht getan. Ich habe gehungert. Wenn Sie mich anschauen, müssen Sie das ja selbst sehen.«
Der diese Worte sprach, war ein junger, abgehärmter Bursche mit eingefallener Brust und einem unrasierten, schmalen Gesicht. Der ihn gefragt hatte, war jedoch klein, dick, mit kleinen, dummen Äuglein und abstehenden Ohren.
Das Gespräch fand um elf Uhr vormittags im Gebäude des Panoptikums statt, das dem kleinen, dicken Herrn Charles, einem Bauchredner und Zauberkünstler, gehörte. Herr Charles stützte sich in diesem Augenblick auf den Glasschrank, in dem ein schwer atmender, sterbender Türke lag. Der Gast lehnte sich an die Büste des Mädchenmörders Hugo Schenk und fragte interessiert:
»Wozu atmet der Türke? Es ist doch kein Publikum da. Stellen Sie nicht den Mechanismus ab?«
»Sie haben recht!«
Und der Besitzer des Panoptikums neigte sich zum Türken und stellte mit sicherem Griff die Leiden des Sterbenden ein.
»So! Und jetzt kehren wir zu unserem Gespräch zurück.« Er sah den Burschen an, dachte einen Augenblick lang nach und sagte: »Wenn Sie wollen, werde ich Sie nach Art der indischen Fakire schneiden oder durch Ihre Zunge Nadeln stechen. Das ist überaus spannend und wird zweifellos einige volle Häuser machen.«
»Hm, das hätte keinen Zweck. Ich suche eine leichtere Arbeit. Ich habe doch schließlich zwei Klassen Volksschule hinter mir.«
»Ich weiß nichts Leichteres. Erinnern Sie sich doch – irgendwas müssen Sie in Ihrem Leben doch getan haben?«
»Nur eines: gehungert!«
»Dann hungern Sie weiter!« rief voll Wut der Besitzer des Panoptikums. »Hungern Sie nur weiter!«
»Das werde ich auch«, erwiderte gleichmütig der Bursche. »Ich pfeif auf Ihre Arbeit. Mit mir werden Sie nicht schreien. Das kann ich auch. Lieber hungere ich vierzig Tage, als daß ich mir so was gefallen lasse!«
»Gestatten Sie«, sagte plötzlich Herr Charles. »Können Sie wirklich vierzig Tage hungern?«
»Ich glaub‘ schon!«
»Lieber Freund, wir können ein Geschäft machen. Ich zahle Ihnen, wenn Sie vierzig Tage hungern, tausend Rubel. Außerdem erhalten Sie von jeder verkauften Karte fünf Kopeken.«
»Bloß fünf Kopeken?« rief der Bursche. »Unter zehn Kopeken ist die Sache nicht zu machen!«
»Hm, ja. Aber ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, daß Sie bloß ein Glas Wasser täglich erhalten. Sonst nichts. Meine Bedingungen sind: Sie werden in einen Kasten gesteckt, dessen Wände aus Glas sind. Der Kasten wird von der Polizei amtlich versiegelt und Sie bleiben vierzig Tage drin.«
»Lassen Sie mich wenigstens in der Nacht aus dem Kasten.«
»Sind Sie wahnsinnig geworden? Wenn ich Sie nachts aus dem Kasten lasse, wo bleibt da die Kontrolle? Dann ist es ja uninteressant.«
»Nur eine Bedingung – bevor ich mich in den Kasten lege, muß ein anständiges Abendessen her.«
»Was denken Sie? Im Gegenteil. Gleich jetzt müssen Sie zu hungern anfangen, sonst gewöhnen Sie sich nicht daran. Das Publikum muß außerdem auf den ersten Blick sehen, daß Sie ein Hungerkünstler sind.«
»Was verstehen Sie vom Hungern?« schrie wild der Bursche.
»Beruhigen Sie sich. Ich bin nicht so. Wenn essen, dann essen. Wenn hungern, dann hungern. Sie werden mit mir zufrieden sein.«
»Schön. Machen wir den Vertrag. Und jetzt noch ein Plakat, daß die Leute den Mund aufreißen, wenn sie es zu sehen kriegen.«

****

Das Publikum blieb neugierig stehen.
Vor dem Panoptikum hingen bunte Riesenplakate, auf den geschrieben stand:

Mit Erlaubnis der Behörde

wird in dem bekannten Panoptikum des Zauberkünstlers Herrn Charles eine Reihe von sensationellen Vorstellungen unter der Devise stattfinden:

»Das Wunder des Organismus«
oder:
»Ich esse gar nichts«

Eine wissenschaftlich interessante Vorführung des Nichtessens, das durch den berühmten assyrischen Hungerkünstler MacTschanbok produziert wird.
Mr. MacTschanbok interessiert gegenwärtig alle wissenschaftlichen Kreise Europas. Er ist das größte Geheimnis der Welt.
Vierzig Tage und vierzig Nächte wird er in einem Glaskasten hungern. In Gegenwart des verehrlichen Publikums wird die Polizei den Kasten versiegeln. Das Publikum übernimmt selbst die Kontrolle.
Die Direktion des Panoptikums ersucht, da Mr. MacTschanbok nur Assyrisch spricht, keine Anfragen an den Künstler zu stellen, denn erstens versteht er sie nicht, und zweitens haben Lärm und jegliche Belästigung einen gewissen Einfluß auf die Nerven des Hungerkünstlers, unter dem seine Produktion leiden könnte.
Kinder und Militär bis zum Feldwebel zahlen die Hälfte.
Heute abend acht Uhr wird Mr. Tschanbok versiegelt!
Um zahlreichen Besuch bittet die Direktion.

****

Eine dichte, erregte Menge umringte den Glaskasten, in dem sich Mr. Tschanbok langsam niederließ. Er spannte seine hagere Brust im rosa Trikot, das ihm Herr Charles angezogen hatte, und winkte.
»Schließt den Deckel«, sagte Herr Charles. »Der wissenschaftliche Akt hat begonnen!«
Das Orchester, bestehend aus einer Geige, einem Pianino und einer Jazztrommel, spielte einen bravourösen Marsch. Das Publikum klatschte Beifall.
Der Assyrer zog die Brauen zusammen und überlegte, wie er sich setzen sollte. Bald stützte er sein unrasiertes Kinn auf die Hände, bald legte er sich an die Wand und umfaßte die Knöchel mit seinen Fingern. Das Publikum schaute ihn wie einen seltsamen Fisch im Aquarium an.
»Hm, er atmet!« sagte ein Gymnasiast.
»Dummkopf, warum soll er nicht atmen?« erwiderte ein Mann.
»Wie lange sitzt er schon?«
»Achtzehn Minuten.«
»Tatsächlich – ißt er nichts?«
»Großartig! So kann auch ich nichts essen.«
Eine junge Dame machte ein unzufriedenes Gesicht:
»Er sitzt bloß? Sonst macht er nichts?«
»Was heißt das: macht nichts? Er hungert ja!«
»Aber er könnte dabei singen und tanzen!«
»Im Glaskasten, Fräulein? Er hungert. Wie kann da ein Mensch singen?«
»Sie haben recht. Wann bekommt er Wasser, Herr Charles?«
»Morgen um dieselbe Zeit. Bitte, uns durch Ihren Besuch zu beehren.«
Das Publikum schaute noch eine Weile den Assyrer an, der indes eingeschlummert war. Dann verließ es nach und nach den Schauplatz. Bald war das Panoptikum leer. Nur der verwundete Türke, dessen Mechanismus in der Eile nicht abgestellt worden war, atmete schwer, und die grüne Schlange in der Hand der Kleopatra bewegte ihr Köpfchen nach rechts.

****

Mitten in der Nacht öffnete Herr Charles die Tür des Panoptikums und schaute sich seinen Assyrer, der ihm einen Goldregen bringen sollte, noch einmal an.
Das Licht der Lampe fiel auf den Hungerkünstler. Er zuckte mit den Wimpern und öffnete dann langsam die Augen.
»Wer ist das? Ach Sie, Herr Charles!«
»Mein Lieber, ich bin nur gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Schlaf ruhig weiter. Gute Nacht.«
Der Assyrer streckte sich und sagte dann:
»Eigentlich ist nicht alles in Ordnung.«
»Was denn?«
»Ich will essen.«
»Nun, dazu hast du noch Zeit. Nur noch neununddreißig Tage. Gedulde dich ein wenig.«
»Sie können leicht reden – gedulde dich ein wenig. Sie haben sicher ein gutes Nachtmahl gegessen, und ich hab‘ seit dem Morgen nichts im Magen. Wie spät ist es eigentlich?«
»Drei Uhr nachts. Schlaf, mein Lieber. Ich gehe.«
Er verdeckte die Laterne und wollte die Tür hinter sich schließen, als er ein Pochen am Glaskasten hörte. Die Stimme des Assyrers rief energisch:
»Herr Charles!«
»Was gibt es?«
»Ich will essen. Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Lassen Sie mich aus dieser Mausefalle. Ich will was anderes unternehmen.«
Der Panoptikumbesitzer sah im Geist den Goldregen entschwinden. Er griff sich verzweifelt an den Kopf und rief:
»Du Lump! Du willst mich zugrunde richten! Ich hab‘ bereits Plakate für die ganze Stadt drucken lassen – alles spricht von dir. Nein. Du bleibst im Kasten.«
»Ich will essen«, sagte der Hungerkünstler.
»Weshalb hast du mich dann zum besten gehalten? Warum hast du gesagt, daß du hungern kannst.«
»Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Ich hab‘ doch das Recht dazu, nicht wahr? Es gibt keine Sklaven mehr. Gegen seinen Willen kann man niemanden in einen Glaskasten sperren. Wenn Sie mich nicht freiwillig hinauslassen, mache ich morgen, wenn das Panoptikum voll ist, einen derartigen Krach, daß Sie an mich denken werden . . .! Nun?«
Charles ging wütend zum Glaskasten, riß die Siegel herunter, nahm den Holzdeckel ab und rief:
»Kriech heraus, du Lump!«
Der Hungerkünstler kroch schweigend aus dem Kasten und sagte nach einer Weile: »Hab‘ ich gewußt, daß es so enden wird? Ich hab‘ eben gedacht, daß ich es aushalte! Also rechnen wir ab. Für einen Tag hungern fünf Rubel und für die Eintrittsgelder zehn Kopeken pro Person – sagen wir zusammen, da ich nicht die ganze Nacht gehungert habe, fünfzig Rubel!«
»Hinaus!« rief der Panoptikumbesitzer wild.
»Herr Charles«, sagte der Hungerkünstler. »Ich liebe solche Scherze nicht. Haben Sie nichts zu essen? Mein Magen ist leer, wie Sie wissen.«
Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens, das Herr Charles mit dem Polizeioffizier verzehrt hatte. Ein Schinken, eine halbe Gans und fünfzehn Eier . . . Der Hungerkünstler packte die Gans, zerriß sie in Stücke, und in fünf Minuten war sie in seinem Schlund verschwunden.
Herr Charles stand da und schaute voll Staunen und Schrecken zu.
Dann griff der Hungerkünstler nach dem Schinken, und mit einigen Bissen war auch der verschwunden. Ebenso ging es den Eiern.
Der Panoptikumbesitzer ließ sich vor Schrecken auf den Sessel nieder und fragte:
»Essen Sie immer so viel?«
»Hm – immer, wenn ich hungrig bin.«
»Und wann sind Sie hungrig?«
»Immer.«
»Mein Lieber«, rief Herr Charles strahlend, »wir werden unseren Kontrakt nicht zerreißen, wir werden ihn nur abändern. Ich werde Sie als berühmten Freßsack demonstrieren.«
»Und die Plakate?« fragte der Hungerkünstler kauend.
»Ich werde sagen, daß ich mich in Unkenntnis der assyrischen Sprache geirrt habe und daß Sie in Wahrheit ein Freßkünstler sind. Können Sie an einem Abend fünfundzwanzig Semmeln und eine gebratene Gans aufessen?«
»Hm«, meinte der Hungerkünstler, »Sie könnten noch einige Würste und zehn Eier dazugeben . . .«
»Mein Retter!« rief Herr Charles und stürzte an seinen Hals. »Das wird noch viel mehr Aufsehen erregen als das Hungern!«
»Schade nur, daß es so spät ist«, murmelte der Bursche.
»Warum?«
»Man hätte sonst gleich mit der Demonstration beginnen können, nicht wahr? Wenn man schon einmal seinen richtigen Beruf gefunden hat . . .«

Hans Christian Andersen | Was die Distel erlebte

Foto: Hella Kiss

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gut gehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

Silberdistel – geschlossen

Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: »Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!« Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.

Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.

Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.

»Das ist Schottlands Blume!« sagte sie. »Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!«

Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorf daran.

Foto: Hans Braxmeier

Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.

»Ich bin mehr, als ich glaube!« sagte sie im stillen. »Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!«

Nickende Distel, Bisamistel – Foto: Thomas B.

Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offenstehen, dass der junge Her, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

»Die habe ich zusammengebracht!« meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.

»Ich werden gewiss in den Garten gepflanzt«, dachte die Distel, »vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!«

Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: »Ich komme in einen Topf!«

Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. »Das Räubergesindel!« sagte der Distelbusch. »Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!«

Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. »Ihr kommt wie gerufen!« sagte der Distelbusch. »Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!«

Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.

Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.

Distel, Samenstand – Foto: Brockenhexe via pixabay

Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.

»Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!« sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu ‚Nesseltuch‘ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.

Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft.

Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.

» Hier stehe ich noch!« sage die Distel. »Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!«

Distel, Mannstreu – Foto: Alexas Fotos via pixabay

Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empogesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.

Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.

»Da steht die große Distel noch!« sagte sie. »Jetzt hat sie keine Blüte mehr!« »Ja, da ist das Gespenst von der letzten!« sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.

»Wie schön die ist!« sagte sie. »So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!«

Und der junge Mann mußte abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja ‚Gespenst‘ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Diestelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.

»Was man doch alles erleben kann!« sagte der Distelbusch. »Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?«

Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.

»Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!«

Silberdistel – Foto: Hermann via pixabay

Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.

»Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!«

»Das ist ehrenwert gedacht!« sagte der Sonnenstrahl. »Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!«

Im Topf oder im Rahmen?« fragte die Distel.

»In einem Märchen!« sagte der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!

HeaderFoto: Hella Kiss

Die Nullnummer | Dialog mit Leidensdruck beim Fantasyfilm

„Der ist ja Französisch mit englischen Untertiteln. Oh, und der zweite Film Spanisch mit englischen Untertiteln.“
„Und?“
„ Mein Französisch ist schlecht, mein Englisch auch und Spanisch ist gleich Null bei mir.“
„Und?“
„Wie und?“

Ich überlege, ob ich Freddy mit der Erklärung provozieren soll, dass das Festival ja schließlich Fantasy Film Festival heißt und ein wenig Fantasie durchaus angebracht wäre. Werfe den Gedanken über Bord und versuche es mit „Schau auf die Gesichter, die Mimik, achte auf die Körper, die Bewegungen, die Haltung, die Gestik, hör auf die Geräusche, die Musik. Du wirst beide Filme verstehen, auch ohne ein Wort zu verstehen.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Hm. Ich weiß nicht.“
„Um zu verstehen und sich verständlich zu machen, braucht man nicht immer Worte“, sage ich, inzwischen angenervt, weil ich mich sehr auf ‚Vidocq’ und ‚The devil´s backbone’ gefreut habe, und ich denke ‚bei dir brauche ich dafür, dass wir uns eigentlich ganz gut verstehen, heute außergewöhnlich viele Worte.’
„Okay, wenn du meinst.“

Sechs Stunden und zwei Espressi später fragt Freddy:
„Hat der Professor Carmen eigentlich geliebt?“
„Ja.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
„Wie kannst du sicher sein, er hat doch mitbekommen wie sie mit Jacinto in der Kiste war.“
„Na und? Hast du gesehen, wie er und Carmen sich angesehen haben?“
„Oh ja!“
„Sie liebten sich.“
„Aber er hat es ihr nicht gesagt.“
„Sie liebten sich.“
„Er hätte es ihr sagen können, als sie in seinen Armen starb.“
„Sie hat es gewusst.“
„Ich hätte es trotzdem schön gefunden, wenn er es ihr gesagt hätte.“

Ich bestelle mir wortlos bei der maskulinen Kellnerin mit den hübschen Augenbrauen noch einen Espresso (na bitte, wortlos geht doch, selbst unter Fremden) und beschließe, zwecks Verständnis in Zukunft mit Geraldine nur noch in Stummfilme zu gehen.

Kurzgeschichte | Maik friert. Er friert immer.

Maik friert. Er friert immer. Maik zieht sich die üppige Daunendecke bis ans Kinn heran, um gleich wieder seine Arme unter der Decke dicht neben seinen Körper zu legen. Maiks Kinn ist borstig, kleine rotblonde Bartstoppel sprießen überall aus seinem Kinn, seinen Backen, seinen Wangen und auf den wenigen Zentimetern Haut zwischen Nase und Oberlippe.

Zufrieden, weil er die Wärme spürt, die seinen Körper entlang krabbelt, schließt Maik seine Augen.

Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ohne seine Zähne auch nur einen Millimeter zu entblößen, zieht er seine Mundwinkel bis fast zu seinen Ohren hinauf. Einen Augenblick lang wirkt es, als würde er seine Lippen zusammen pressen. Sie sind voll, fast perfekt, ja, fast zu schön für den Mund eines Mannes.

Noch mehr als Maiks Mund grinsen seine Augen. Können Augen grinsen? Können geschlossene Augen grinsen? Sieben Falten, jeweils links und rechts von Maiks grünblauen Augen, sind Beweis, dass Augen grinsen können. Maiks Augen können schmunzeln.

Er öffnet sie. Schaut an die Zimmerdecke. Dann dreht er seinen Kopf langsam nach links. Da liegt sie. Sie, Grund für Maiks Lächeln. Grund für seine Zufriedenheit.

Nichts wärmt sie, kein Nachthemd, keine Unterwäsche, keine Decke. Nackt liegt sie im Bett neben Maik, dicht neben ihm, einzig die Decke trennt Körper von Körper. Sie friert nicht. Sie friert nie. Sie liegt auf dem Bauch, den Kopf zu Maik gewandt, ein Bein angewinkelt. Die Augen geschlossen, das Haar zerzaust. Ihre Haut ist weiß. Weiß wie das Laken in Maiks Bett.

Maik lächelt sie an. Er beugt sich über ihr Gesicht und setzt seine Lippen sanft auf ihre Wangen. Seine Nase berührt dabei ihre Lider, der Duft ihrer Haut entlockt ihm ein leises „Hmm.“ Er legt sich zurück und schließt seine Augen.

Sie öffnet die Augen. Sie lächelt. Sie sieht Maik unter der üppigen Decke, sieht sein Grinsen.

„Lass uns frühstücken“, sagt sie.

„Frühstücken, duschen, wieder ins Bett“, antwortet er.

„Duschen, frühstücken, wieder ins Bett“, sagt sie.

„Egal“, sagt er.

Maik, der bis eben noch nahezu unbewegt unter seiner dicken Decke lag, ertastet mit seinen Händen ihren Körper. Über ihren Po den Rücken hinauf bis zu ihrem Kopf lässt er sie gleiten, packt sie an den Haaren, fast grob ist sein Griff. Er zieht ihren Kopf ein wenig weg von seinem, schaut ihr mit weit geöffneten Augen ins Gesicht, so als könne er nicht glauben, was mit ihm geschieht. Als wolle er Distanz zu ihrem Körper, ihrem Kopf, ihrem Wesen schaffen, um begreifen zu können, dass Nähe wirklich ist.

Die Nullnummer | „Ich denke jedes Mal: ‚Die ist’s, für immer!‘ Und dann?

Sie: „Sie hat sich von dir getrennt?“
Er: „Ja, letzte Woche.“
Sie: „Wieso?“
Er: „Es passte offenbar doch nicht.“
Sie: „Hm. Die Welt ist voller schöner, schlauer Frauen.“
Er: „Vielleicht, aber langsam gebe ich den Glauben auf, etwas für immer zu finden.“
Sie: „Oh. Wieso das denn?“
Er: „Ich denke jedes Mal: ‚Die ist’s, für immer!‘ Und dann? Irgendwann, nach Monaten oder Jahren, war’s das dann wieder mit dem für immer.“
Sie: „Was ändert das an deiner Einstellung, bei jeder von neuem zu denken ‚Die ist’s, für immer!’?“
Er: „Nach ein paar gescheiterten für-immer-Beziehungen wirkt das doch irgendwie unglaubwürdig.“
Sie: „Unglaubwürdig? Wieso?“
Er: „Hmmmm …“
Sie: „Ich glaube, wir definieren ‚für immer’ völlig unterschiedlich.“
Er: „Wie kann man denn ‚für immer’ überhaupt definieren? Das ist doch ein völlig logischer Zeitbegriff.“
Sie: „Genau das ist es nicht für mich. ‚Für immer’ ist keine Zeitangabe, kein Haltbarkeitsdatum.“
Er: „Sondern?“
Sie: „Ein Glaubensbekenntnis an die Liebe.“

Er (glaubt wieder an die Liebe und an ein oder mehrere ‚für immer’) und Sie (glaubt schon immer und für immer an die Liebe) sind sehr gute Freunde, seit fast 20 Jahren. Vielleicht für immer.

Parabel | Franz Kafka | Auf der Galerie

Auf der Galerie

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Foto: jacqueline macou
Foto: jacqueline macou

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Erstveröffentlichung 1935

Franz Kafka (jüdischer Name: אנשיל, Anschel; * 3. Juli 1883 in Prag, Österreich-Ungarn; † 3. Juni 1924 in Kierling, Österreich) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Sein Hauptwerk bilden neben drei Romanfragmenten (Der Process, Das Schloss und Der Verschollene) zahlreiche Erzählungen.

Erzählung | Maria Konopnicka | Ebbe an der Küste der Normandie.

Normandie - Mont St Michel
Normandie – Mont St Michel

Das Meer ist zurückgegangen. Ein stiller, nebliger Morgen. Es ist zurückgelaufen, eilig, wie verwirrt, mit hastigem Getöse seine mächtigen Wogenberge einziehend, um dann nur mit feiner, ungleich zurückgebogener Welle über die sandige Uferdecke hinweg zu sprühen, einem schäumenden Weine ähnlich, dessen helle Perlen zischend bersten und verlöschen.
Schon ist es weit weg und noch einmal dehnt es sich heran, noch stöhnt es auf, rafft eine Handvoll Sand zusammen, läuft fort, kehrt wieder, flüstert, enteilt abermals, noch einmal – – – und wieder, einmal – – – Sand aber wird immer mehr. – – Jedes Heranklatschen der Woge deckt ihn mit kürzerem Wurf, jedes Zurücktreten fügt seinen Ufern etwas hinzu.
Da liegt er nun – hier zusammengeschoben, dort ausgebreitet, in schmalen Schichten trocknend, gekerbt, in krumme Linien gebogen, einem auseinandergeworfenen Ballen grauer Moireseide ähnlich, dessen dunkleren Rand eine dahinlaufende Spule mit Silberfransen säumt.
Das Meer aber ist immer ferner, immer stiller, meldet sich mit immer kürzerem Rauschen; es sammelt sich, schwillt an, wird immer mächtiger, zieht die auseinanderstiebenden Wogen in sich ein und, hat es sie endlich alle in seine kompakte Wellenburg zusammengezogen, so schaukelt es sich langsam, schwer auf seiner in dunkler Tiefe ruhenden Achse, vollstrahlig wie ein Auge, abgrundtief, fast regungslos.
Über seinen zusammengehaltenen Wellentiefen tauchen, gleichsam auch unbeweglich, zu dreien, vieren, große Fischerboote, mit ausgebreiteten Segeln auf, wie sie der Morgenwind auf die hohe See getragen.
Am Ufer aber beginnt ein Winden und Rauchen bläulicher Dünste, welche eine ganze Scala zarter lilafarbiger Töne in die Perlenhelle des Maimorgens träufeln. Der Himmel sinkt tief herab, am Rande etwas heller, dämmert eine Weile im blassen Licht, das er aus den Dünsten eingeathmet, dann verstummt ringsum die Welt, umschleiert sich, erlischt und taucht endlich in neblige Versunkenheit.
Die tiefen, leicht von Kies überglitzerten Sandbänke treten hervor, dehnen sich aus, blühen, plötzlich dunkler geworden, auf, wie lange, lange Hyacintenbeete, die sich gegen Villers, gegen Berezival, gegen Houlgate, Cabourg und weiter hinziehen, bis über die Felshänge hinaus, die den Ocean einkerben.
Rechts die verschlungenen Bänder und Arkaden des großen Dammes, wie eine zarte Spitze über den veilchenblauen Luft-Hintergrund geworfen links die schweren Dünsten schwankende Rhede, deren Masten, Raaen und gereffte Segel eine Vision gigantischer, über dem Abgrund sich wiegender Irisblumen hervorrufen.
Dort aber weit, weit hinaus, so weit das Auge reicht, dunkelt hinter den Nebeln das Meer wie ein ungeheures, in flüssigem Dunkel erzitterndes Etwas. – – –
Es ist was musikalisches in diesem Augenblick, etwas symphonisches – wie ein ungeheurer eintöniger Untergrund vibrierender Harmonie, durch welche kaum wahrnehmbar, eine gedämpfte, süße Melodie fließender Linien, dunkelnder Farben und halb verwischter Umrisse hervorleuchtet.
Eine unendlich weiche, wiegende, bald anschwellende, bald sinkende Melodie unfaßbarer, ungreifbarer geradezu gespenstischer Formen.

Foto: Thomas Ulrich
Foto: Thomas Ulrich

Eine Scala subtilster zerstäubter Töne und Halbtöne, von den Silberblitzen der Mövenflügel, die im Lila der Lüfte aufleuchten, bis zum tiefen Violett der wildbewachsenen zerklüfteten Zinnen der »Roches Noires« , die hoch oben dämmern wie ein Nest von Amethysten.
Und plötzlich ein Lied. Ein einfaches, stilles, mehr gesprochenes, als gesungenes Lied, das in unvergleichlicher Harmonie mit der Musik des Augenblicks zusammenfließt.

– – – Ils ont choisi la mer
Ils ne reviendront plus – – –
Et puis, s’ils vous reviennent,
Les reconnaitrez vous?

Or ils n’ont plus leur àme
Elle est restèe en mer – – –
Ils ne vous reviendront plus
Ils ont choisi la mer …

Ich kenne das Lied und ich kenne die Stimme. Es ist eine junge Stimme, eine Frauenstimme; die blasse schlanke Yvette ist’s, die da in ihrem vom dunkelgrünen Buxbaum beschatteten Gärtchen singt, wo auf den großen vom Sturm durcheinandergewirrten Lavendelstauden die kleinen Blüthen von den kahlen Ruthen hervorleuchten, wie bei uns die Frühlingstriebe der geköpften Weiden.
Yvette ist zart, elend; sie hat keine Kinder, ich sehe sie oft, wie sie an der grünen Hecke ihres Gärtchens steht, auf das Meer hinausschaut und singt, und je weher sie singt, desto weiter schweift ihr Blick über die Linie der Fischerflotte hinaus – weit, weit hinaus – diese Augen sind ganz erfüllt von tiefer, grenzenloser Sehnsucht.
Anfangs hatte ich gedacht, daß Yvette sich so sehr nach ihrem Gatten sehne. Allein, der Mann kam zurück, war zuhause, rauchte, auf der kleinen Haustreppe sitzend, aus seiner kurzen Tabakspfeife und das Weib stand, nachdem sie ihn bedient, ebenso an ihrer grünen Hecke und sang ebenso, auf das Meer hinausschauend, ihre Lieder. Im Gegenteil, ihre Stimme wurde dann tiefer, voller, durchdringender schmerzlich und der hoffnungslose Blick ihrer eingesunkenen, umränderten Augen schweifte noch weiter hinaus.
»Vielleicht hat sie einen Liebsten und nach ihm also …« Aber unsere Wirtin läßt mich nicht einmal ausreden und schüttelt abwehrend Kopf und Hände.
»Non, non, non! Oh que non! C’est seuletment, vous savez, qu’elle a le mal du lointain – – – –«
Da enthüllte sich plötzlich vor meinen Augen ein seltsamer Winkel in der Menschenseele, die der zitternde grünliche Reflex der ewig zurück weichenden Meereswellen mir beleuchtete.
Das junge, kinderlose Fischerweib fühlt Sehnsucht. Anfangs sehnt sie sich nach dem Gatten, nach dem Gatten wie sie ihn besitzt und wie sie ihn einmal der Woche, einmal in mehreren Wochen und, in der Zeit der großen Winter-Fischzüge noch weit seltener sieht.
Das ist ein einfaches, natürliches, unmittelbares und in seinem ersten Stadium durchaus uncompliciertes Gefühl.
Allein die Sehnsucht erlangt, in dem Masse als sie andauert und sich im Herzen einnistet, die Zaubergewalt, ihrem Gegenstande wunderbare Reize zu leihen, so sehr, daß der Ersehnte der Sehnenden endlich als ein ganz anderer, wie verwandelt und vergeistert vor der Seele steht. Denn, was auch ein sehnendes Herz an Gefühl, an Blütenpracht und Glanz in sich trägen möge, das überträgt es alles auf den Entfernten und betrachtet ihn so im Lichte des eigenen Reichtums. Bis endlich jener Entfernte nicht nur ein unendlich Ersehnter und Geliebter, sondern zugleich auch etwas ganz andres, von der Wirklichkeit ungeheuer Verschiedenes und ihr Fernstehendes wird; so verschieden und so entfernt, daß, wenn die Barken an’s Land stoßen und der Mann in eigener Person die Schwelle des Hauses betritt, er der Sehnenden als ein Fremder erscheint, als sei es nicht der, nach dem sie sich gesehnt.

– »Et puis s’ils vous reviennent
Les reconnaîtrez – vous?«

Und in der That: wie ist sein Gesicht mit der vom Seewind rissig gewordenen Haut, wie sind seine geröteten Augen, seine von der salzigen Feuchtigkeit verklebten Haare, seine schwarzen Zähne mit der immer darin steckenden Pfeife, sein unaufhörliches Spucken, seine nach Schlamm und Thran riechenden Kleider, sein schwerer, klappernder Gang, seine Gefräßigkeit und jene Festlands-Dummheit, welcher die Seeleute im Hause unterworfen sind; wie ist, dies alles so ungeheuer verschieden von dem Bilde, das der Sehnenden vor der Seele stand, als sie ihr Sehnsuchtslied sang.
Da wendet sie den Blick von der Wirklichkeit ab und läßt ihn weit, weit hinaus schweifen, um die Vision ihrer Sehnsucht zu erschauen.
Wiederholt sich dies nun im Lauf der Zeit, nicht nur als eine passive Erscheinung, sondern im Gegenteil, wächst es gleichsam mit den Quadraten der Entfernung als ein actives, sich entwickelndes psychisches Element, das notwendige Folgen hervorruft, so gehen Wirklichkeit und idealer Gegenstand der Sehnsucht immer weiter, immer wesentlicher und vollständiger auseinander, so daß das Weib sich endlich nicht nach dem Fischer, der ihr Mann ist, auch nicht in seiner Abwesenheit nach ihm, sondern an seiner Seite nach der Vision ihrer Seele sehnt. Und so fluthet zwischen ihnen – das Meer.
Allein die Zeit vergeht und jene, von der Sehnsucht hervorgerufene Vision, die Anfangs so farbig war, daß sie die Wirklichkeit verdeckte, verblaßt. Es ist gerade so, als ob sie mit dem Meere dort immer ferner und ferner zurückträte. Im Herzen der einfachen Fischersfrau mehrt sich weder Glanz noch Farbenspiel, womit sie die Ausgeprägtheit des idealen Bildes nähren könnte. Das Bild selbst also verblaßt und verwischt sich, aber das Gefühl des Abstandes zwischen ihm und der Wirklichkeit bleibt zurück. Es bleibt als Eindruck einer ungeheuren, nebligen Weite, einer unermeßlichen Ferne, nach welcher die Seele hinstrebt, immer weiter und weiter, ohne sie jemals zu, erreichen. Was es ist, dem sie zustrebt, das sie in jenen Fernen sieht, das sie, von ihm umfangen, zu umfangen sich sehnt – sie weiß es nicht. Sie fühlt nur, daß sie etwas hinzieht, etwas ruft, etwas zu sich heranzaubert, daß etwas ihren Blick, ihre Seele, ihre Lieder an sich reißt. – – –
So entsteht die allergefährlichste Sehnsucht, die gegenstandslose Sehnsucht, die nichts beschwichtigen kann und die bei der geringen Complicirtheit einer solchen einfachen Seele bald nicht nur deren mächtigster und hervorragendster, sondern deren einziger Ausdruck wird.
Da strömt in jedem Atemzug des Weibes Sehnsucht aus – nur um der Sehnsucht willen. Sie ist davon verzaubert, besessen, verhext, sie wird elend, blaß, krank.
Krank ist sie nach der Ferne, wie das Mere Poutaint in ihrer knappen, treffenden, aber tief psychologischen Diagnose bezeichnet. Das Meer aber tritt immer mehr und mehr zurück, der düstere, bebende Abgrund wird immer größer, immer ungeheurer und sein Donnern und Tosen braust aus immer ferneren, uferlosen Unendlichkeiten heran.
Dort aber, am fernsten Horizont, taucht immer und ewig ein nebelhaftes Segel, die Vision eines Segels auf, das immer dahintreibt, aber niemals an irgend einem Ufer landen wird.
Diesem Segel nach, ihm zu, schweift durch die öden, geheimnisvollen Weiten Yvette’s Auge und ihr Lied.

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Maria_Konopnicka001Maria Konopnicka – geb. Wasiłowska (* 23. Mai 1842 in Suwałki, damals Russland; † 8. Oktober 1910 in Lemberg, damals Österreich-Ungarn – war eine polnische Schriftstellerin. Ihr Pseudonym als Poetin war Jan Sawa.

***

Quelle: Ebbe an der Küste der Normandie
Maria Konopnicka
Übersetzung: Nina Hoffmann-Matscheko (Pseud.: Norbert Hoffmann)
Zeitschrift: Neues Frauenleben, hrsg. von Auguste Fickert, Wien – 1903

Johann Peter Hebel ¦ Die Arche Noah und der Esel

Johann Peter Hebel ¦ Die Arche Noah

Einmal saß eine Gesellschaft beieinander, Alte und Halberwachsene. Unter den letzteren war einer, ein Herr von Osten, der das goldene Sprüchlein, das im Buche Sirachs steht, nicht beherzigte: »Ein Jüngling mag reden, einmal oder zweimal, so man ihn fragt. Und wenn er redet, soll er’s kurz machen«, sondern er sprach viel und fuhr einem alten Herrn mit seiner grünen Weisheit über den Mund.
So kamen sie von ungefähr auf die Sintflut und Noahs Arche zu sprechen. Da meinte der junge Herr: das sei kurios, dass in einen solchen Kasten, der nur dreihundert Ellen lang, fünfzig breit und dreißig hoch gewesen sei, so viel Tiere hinein gekonnt hätten. Und nun gar das Futter für sie alle! Er sei auf Schulen gewesen und glaube so was nicht, und was dergleichen Reden mehr waren.
Die Gesellschaft hörte eine Weile zu, da erhob sich ein alter Herr, tat einige Züge aus seiner Pfeife und sagte: »Junger Herr von Osten, ich will Euch was erzählen. Als Noah die Arche auf Gottes Befehl gebaut, da versammelte er die Tiere, Männlein und Fräulein. Er rief dem Kamel vom Süden: ‚Kamel, komm!‘ und es kam und wanderte hinein. Er rief dem Bär von Norden: ‚Bär, komm!‘ und ohne Brummen ging er hinein. Und dem Tiger vom Westen: ‚Tiger, komm!‘ und ohne Widerstand ging er hinein. Da rief er auch dem Esel vom Osten, aus der Tartarei: ‚Esel, komm!‘ aber der Esel war stutzig und sagte: ‚Das ist mir eine kuriose Sache mit diesem Kasten. Nur dreihundert Ellen lang und fünfzig breit und dreißig hoch – dazu all das Futter für uns alle. Ja, das Kamel, der Bär, der Tiger – das sind dumme Tiere, aber für unsereinen, der studiert hat, ist das unglaublich.‘
Da stand Noah auf (und der alte Herr auch) und ging hin zum Esel (und der alte Herr zum Junker) und nahm ihn an seinem schönsten Ohr und zupfte ihn dreimal (und so tat der alte Herr auch) und sagte: ‚Esel, räsoniere Er nicht, sondern marschiere Er nur hinein.‘ So kam’s, dass alle Tiere Platz fanden – und die Esel sind nicht mit ersoffen, sondern sie leben heute noch und fressen Disteln.«

Darauf wurde der Junker still und er war bald im Stillen fortgeschlichen.

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Die Arche Noah | Aus: Schwank und Scherz für Haus und Herz – Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel (1760 – 1826) war ein deutscher Schriftsteller, Theologe und Pädagoge. Aufgrund seines Gedichtbands Allemannische Gedichte gilt er gemeinhin als Pionier der alemannischen Mundartliteratur. Sein zweites bekanntes Werk sind zahlreiche, auf Hochdeutsch verfasste.

Alexander Moszkowski ¦ The Monstre-Sketch

Alexander Moszkowski ¦ The Monstre-Sketch

Szenarium:
Die Bühne zeigt in voller Ausdehnung das Innere eines Schädels. Es ist der Schädel des Sketch-Fabrikanten, der sich verpflichtet hat, dem Varieté eine Sensation zu liefern. Das Gehirn ist herausgenommen. Links und rechts Türen zu den Gehörgängen. vorn ein Sofa. Behagliche Einrichtung.
Auf dem Sofa liegt der Direktor eines Vergnügungsetablissements von St. Pauli, Hamburg. Ein Telegraphenbote radelt auf seinem dreieckigen Einrad herein und bringt eine Depesche: Die ganze Truppe wird eingeladen, in Berlin zu gastieren.
Der Direktor beruft das Personal. Die Künstler kommen auf Kugeln und Kürbissen herbeigerollt. Sofort fertig machen, mit dem nächsten Zuge fahren wir nach Berlin.
Der D-Zug ist schon so stark besetzt, daß nur die Tiroler Sänger usw. in den Kupees Platz finden. Die Uebrigen helfen sich anders, die Truppe Gaukolini benützt die Telegraphenleitungen am Bahndamm als gespannte Drahtseile mit und ohne Balanzierstange. Auf den Schlußpuffern des letzten Waggons hat sich das Aequilibristentrio Humsti-Bumsti angesiedelt und übt unterwegs seine Künste. Im Speisewagen debütieren die Faggesens mit amüsanten Tellerzerbrechungen.
In Wittenberge wird der Zug durch Maschinendefekt aufgehalten. Die Dompteuse Miß Mizzi Schnutepyx steigt ab, um dem Dampfroß Mores beizubringen. Sie zeigt ihm am Beispiel ihres Lieblingselefanten Jumbo I, wie es sich zu benehmen habe. Die Lokomotive lernt zwar das Männerchen-Machen, verweigert aber die weite Schlepparbeit. Der berühmte Muskelmensch Kolter-Koltrazzi spannt sich vor den Schnellzug und zieht ihn bis über Nauen.
Hier erfolgt eine Explosion, die das ganze Personal zersprengt und in einzelne Gruppen aufgelöst nach der Reichshauptstadt schleudert. Die ersten, die sich wieder zusammenfinden, sind die Mitglieder des Affentheaters Paviansky. Sie veranstalten auf dem Alexanderplatz eine Vorstellung des eigens für sie inszenierten »Reigen« von Schnitzler. Aus dem Polizeipräsidium stürzt der Zensor, um diesen Unfug zu verbieten, mit dem Erfolge, daß die Vorstellung dreihundertmal wiederholt wird.
Auf der Treppe vor dem Reichstag produzieren sich inzwischen the three Koalitioner 8 in ihrer Leistung. genannt, »Fractions-act of the world,« und die Passanten finden, daß die Stellung des Obermanns auffallend an die Position unserer Volksparteiler erinnert.
Berechtigtes Aufsehen erregt der Löwe Ibrahim, der in der Singakademie auftaucht, gerade als ein neuer Dirigent am Taktpult stümpert. Der Löwe frißt den Dirigenten auf, pflanzt sich vors Orchester und dirigiert die Symphonie erfolgreich zu Ende.
Das Schlußbild zeigt wieder das Innere des Schädels. Der Varieté-Direktor ist auf Grund des Sketche in eine Aktiengesellschaft, limited, verwandelt worden und notiert 1127. Sechs Möbelträger bringen das Gehirn herbei und setzen es wieder an Ort und Stelle. Bengalische Apotheose mit Gesang:

Als Sänger ist der Clown erschienen,
Das Publikum fällt ein im Nu:
»In manchem Schauspiel unserer großen Bühnen
Geht’s doch noch viel meschuggener zu!«

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Aus: Alexander Moszkowski – Von Genies und Kamelen – Eulenspiegel-Verlag G. m. b. H. – 1926

Arkadij Awertschenko • Gedächtniskunst

Arkadij Awertschenko • Gedächtniskunst

Arkadi Awertschenko (um 1920)In einer Kaffeehausecke saßen zwei Freunde und tranken Likör. Fedor Iwanow rauchte, kreuzte ein Bein übers andre und blickte ein hübsches Mädchen an, das unweit von ihnen saß. Dann sagte er gleichgültig zu Wladimir Pjotrew:
»Du bist also zum Vortrag gegangen?«
»Ja. Und es war einfach verblüffend.«
»Worüber wurde gesprochen?«
»Über Gedächtniskunst.«
»Gedächtniskunst? Was ist denn das für eine Wissenschaft?«
»Das ist die Kunst, sich alles zu merken. Der Professor hat Experimente gemacht – es ist einfach unglaublich, was der Mensch sich alles gemerkt hat.«
»Und was hat das mit dir zu tun?« rief Fedor.
»Du weißt doch«, sagte Wladimir, »daß ich unter meinem schlechten Gedächtnis leide.«
»Und diese neue Wissenschaft soll dir helfen?« lachte Fedor.
»Gewiß. Sie ist wirklich unglaublich. Ich werde dir gleich ein Beispiel geben. Du erinnerst dich doch, daß ich alle Zahlen vergesse – bis heute weiß ich deine Telephonnummer nicht.«
»Und jetzt?«
»Jetzt wird es anders.«
»Na, da bin ich neugierig«, erwiderte Fedor, nahm einen Schluck und blinzelte der Dame zu. »Wie machst du es also?«
»Ganz einfach«, sagte Wladimir. »Sag mir einmal langsam und deutlich die Nummer vor.«
»54-26.«
»54-26 . . . und jetzt gib acht: die erste Hälfte ist 54, die zweite 26. Wenn man also die zweite doppelt nimmt, hat man die erste.«
»Verzeih, aber das stimmt nicht. Zweimal 26 ist doch 52 und nicht 54.«
»Das ist richtig. Man muß also die zweite Hälfte doppelt nehmen und 2 dazugeben.«
»Schön«, rief Fedor. »Aber dann könnte die Nummer immer noch 26-12 sein.
»Das ist wahr«, rief Wladimir nachdenklich »Wie sagst du, war die Nummer?«
»54-26.«
»Augenblick, ich werd‘ es gleich haben. Versuchen wir es so: an Händen und Füßen hab‘ ich 20 Nägel, aber wie merkt man sich 6?«
»Hör einmal«, sagte Fedor, »vielleicht wär‘ es doch besser, wenn du die Nummer notiertest . . .«
»Wenn du mich immer unterbrichst«, rief Wladimir erregt, »werde ich es nie herausbekommen. Entweder interessierst du dich für Gedächtniskunst oder nicht.«
»Gewiß. Ich wollte es dir nur erleichtern.«
Wladimir saß in Gedanken versunken, dann sprach er:
»Vorhin war es doch besser. Man muß die zweite Hälfte verdoppeln und dazugeben, aber wie merkt man sich die zweite Hälfte? Vielleicht: ein 25 Rubel-Schein und 1 Silberrubel?«
»Das ist zu schwierig«, sagte Fedor. »Weißt du nichts Besseres? Wie alt bist du denn?«
»32.«
»Na also. Von deinem Alter 6 abgezogen, und du hast 26.«
»Gut«, erwiderte Wladimir. »Und wie merke ich mir 6?«
»Vielleicht 5 Finger und 1 Silberrubel?«
»Nein, das geht nicht«, rief Wladimir erregt. »5 Finger, 1 Rubel – du hast überhaupt kein Talent für Gedächtniskunst.«
»Dann hilf dir allein!« sagte Fedor geärgert und bestellte sich einen Benediktiner.
»Benediktiner?« sagte Wladimir. »Das Wort Benediktiner hat gerade so viel Buchstaben, daß sie mit 2 multipliziert die zweite Hälfte deiner Telephonnummer ergeben.«
»Das stimmt doch wieder nicht«, rief Fedor. »Benediktiner hat 12 Buchstaben und wir brauchen 13.«
»Dann schreiben wir Benediktiner eben mit ck.«
»Gut«, sagte Fedor. »Zwei Benediktiner mit ck, multipliziert mit 2 plus: – nein, das kann sich niemand merken. Es muß etwas Einfacheres geben.«
»Wie war eigentlich die Nummer?« fragte nach einer Weile Wladimir.
»54-26«, rief Fedor gereizt.
»Und was hältst du davon« – sagte Wladimir – »mein Vater war 57, als er starb. Meine Schwester ist mit 21 gestorben – wenn man also von 57 3 abzieht, ist mein Vater 3 Jahre vor der ersten Hälfte deiner Telephonnummer gestorben und meine Schwester 5 Jahre vor der zweiten.«
»Unmöglich!« sagte Fedor und schlug auf den Tisch. »Aber jetzt ist mir etwas Besseres eingefallen. Also die Nummer ist 54-26. Wenn man 5 und 4 addiert, ergibt das 9, und wenn man 2 und 6 addiert, ergibt das 8. Wenn man 9 und 8 zusammenzählt, erhält man 17, merk dir, 17 . . .«
Wladimir schüttelte den Kopf und murmelte verzweifelt: »Nein, das geht auch nicht. Sag einmal – wann war der Krimkrieg?«
»Der Krimkrieg war 54.«
»Wir haben es«, sagte strahlend Wladimir. »Die erste Hälfte der Nummer ist gefunden. Jetzt kommt die zweite. Nehmen wir einfach den Dreißigjährigen Krieg und ziehen 4 ab, dann haben wir 26.«
»Na also«, rief Fedor anerkennend. »Aber wie merkst du dir die 4?«
»Wie merk‘ ich mir die 4 . . . natürlich, die 4 Himmelsrichtungen. Dabei bleibt es. Also noch einmal: der Krimkrieg, der Dreißigjährige Krieg, die 4 Himmelsrichtungen – genial!«
»Und wie wirst du dir das merken?« fragte Fedor.
»Das ist doch ganz einfach!« rief Wladimir. »Jetzt schreib‘ ich mir die ganze Geschichte ins Notizbuch ein.«
Fedor starrte ihn an, stand auf und verließ ohne Gruß das Kaffeehaus.

Die stille Frau und ihre Wolfrute • Kurzgeschichte • Ein Gastbeitrag von Jeanette Rieling

Die stille Frau 

Foto: M. Boekhoff
Foto: M. Boekhoff

In unserer Straße hat eine Frau gewohnt, mit der hat keiner Freundschaft schließen wollen. Niemand hat ihr was Böses nachsagen können;sie ist immer still und fleißig gewesen. Nur manchmal, da hat sie eine Wut bekommen. So sehr, dass sie mit den Zähnen geknirscht hat. Und da haben alle doch Angst vor ihr bekommen. In den Wald ist sie dann gelaufen. Wenn sie wiederkam, hat sie geweint und für zwei geackert.

Einmal waren die Frauen unseres Dorfes zum Getreidebinden für das Erntedankfest aufs Feld gegangen. Eine hatte ihr kleines Kind mitgenommen und hinter eine schützende Hecke gelegt. Sie hat aber doch immer nach der stillen Frau sehen müssen. Kein Wort hatte diese bei der Arbeit geredet. Manchmal hatte sie nach dem Kind gesehen, und dann war wieder diese Wut in ihren Augen gewesen. In den Wald ist sie da wieder gelaufen. Die Mutter war froh gewesen, dass die stille Frau fort war; aber die Angst hatte ihr keine Ruhe mehr gelassen.

Und dann dies: ein Wolf kam aus dem Wald und lief zu dem schlafenden Kind hinter der Hecke. Einer der mitgekommenen Männer eilte herbei und traf den Isegrim mit der Sense. Dieser schrie wie ein Mensch während er sich zurück in den Wald rettete. Und wie sie dem Wolf allesamt nachgelaufen sind, da haben sie die stille Frau gefunden. Sie lag tot im Forst. Wie sie ihr die Kleider ausgezogen haben, haben sie gesehen, dass sie eine kleine Wolfsrute hatte.

Bis heute wird darüber gestritten, warum der stillen Frau eine Rute wuchs. Denn, wie konnte eine so bodenständige Frau etwas anderes sein, als eine der ihren?

©  2016 Jeanette Rieling

Frédéric Boutet • Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

Frédéric Boutet • Der wahre Sieg [1926]

»Und ich kämpfte verzweifelt mit dem schrecklichen Azraël – –«
Edgar Allan Poe: – Ligeia

Es war in der Nacht; auf dem einsamen Kai schritt ein tief von einem schwarzen Mantel umhüllter Wanderer den Fluß entlang.
Rechts am Fuße der das Ufer begleitenden Mauer entlang floß das Wasser tief und ruhig wie das eines Kanals dahin. Hier und dort stieg eine schräg herabführende Treppe zu dem Fluß hinunter. Von den verankerten Schiffen leuchteten Stocklaternen wie rote Sterne. Das gegenüberliegende Ufer war nur durch die entfernten Flecke gelblich brennender Laternen und einiger erleuchteter Fenster unsichtbarer Häuser erkennbar.
Links wurde der große Kai durch alte Herrenhäuser begrenzt. Ihre Fassade war grau, ihre Türen mit eisernen Riegeln versichert; die meisten der hohen, schmalen Fenster waren düster oder durch Läden geschlossen, nur selten drang ein Lichtschimmer durch die dichten Vorhänge oder die Spalten der Jalousien, hier und dort nur sah man in ein halberleuchtetes feierliches Zimmer mit ernsten Ahnenbildern und altmodisch geschweiften schweren Eichenmöbeln. Die Mehrzahl dieser alten Patrizierhäuser waren von sie untereinander trennenden Gärten umgeben, über deren zerfallende Mauern die Äste der Bäume neugierig auf den Vorübergehenden zu blicken schienen. Von eisernen Trägern herabhängende Laternen verbreiteten ein mattes Licht. Hier und da verriet das über der Tür angebrachte Wappenschild sowie die vornehm großen Verhältnisse eines Gebäudes, daß dies das Stammhaus einer der edelsten Familien der alten Stadt sei.
Die Nacht war herabgesunken; es war eine neblige, kalte Novembernacht, die bleifarbenen Wolken jagten wie eine vom Sturmwind getriebene phantastische Herde über den düsteren Himmel.
So lag dieser alte Stadtteil geheimnisvoll und in ungestörter tiefer Ruhe im Schatten der Nacht.
Dem schnell dahinschreitenden einsamen Wanderer schienen dies alles längst bekannte Dinge zu sein, er beschleunigte seinen Gang noch mehr. Jetzt überschritt er eine Brücke und blieb dann vor der Schwelle eines schmalen Hauses stehen, dessen mit Eisenzierat geschmückte Tür er mit einem Schlüssel öffnete. Er betrat einen geräumigen Flur, der durch eine von der Decke hängende rötlich schimmernde Lampe erhellt war. Im Hintergrund erhob sich eine breite Treppe mit bequemen Stufen. Er stieg hinauf und erreichte die dritte und letzte Etage des Hauses. Vor einer mit feinen Holzskulpturen geschmückten gewölbten Tür, über der eine Lampe brannte, angekommen, klopfte er dreimal. Ein Augenblick verstrich. Er klopfte noch einmal und nahm, als er aus dem Innern das Geräusch schlürfender Schritte vernahm, Hut und Mantel ab. Das matte Licht der Lampe fiel auf sein Gesicht, es war sehr bleich, während die Augen, die Augenbrauen, der Bart und das Haar tiefschwarz waren. Jetzt wurde in der Tür ein kleines Guckfensterchen geöffnet, und dann vernahm man das Geräusch zurückgezogener Riegel und Ketten.
Er trat ein; vor ihm stand eine alte Frau, die einen Beguinenmantel und ein Kleid aus grobem Wollstoff trug. Sie nahm dem Ankömmling Hut und Mantel ab; er war ganz schwarz gekleidet, und an seinen weißen Händen, von denen er die Handschuhe abzog, funkelten reich mit kostbaren Steinen gezierte Ringe.
Er strich das lange, über seine Stirn fallende schwarze Haar zurück und sah die Alte fragend an.
»Ja«, sagte die alte Frau, »ja, sie harrt Ihrer in ihrem Leichentuch. Aber warum soll ich Ihnen das jedesmal wiederholen? Ach, wissen Sie denn nicht, daß sie Ihrer immer in ihrem Leichentuch harrt? Daß sie immer bereit ist, und daß ich armes altes Weib sie immer dazu vorbereite, wofür ich ganz gewiß jahrhundertelang in der Hölle schmachten muß, in die Sie aber auch unbedingt kommen … Aber wer vermöchte Ihnen zu widerstehen … und warum sage ich Ihnen das? Sie hören ja kaum auf meine Worte … Nehmen Sie sich aber in acht – es könnte sich doch ereignen, daß dieses Spiel eines Tages zur vollen Wahrheit würde.«
Ohne ihrer Rede auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, ging der Gast an der Alten vorbei. Er begab sich in ein kleines Toilettenzimmer, dessen Spiegelwände durch hohe Wachskerzen erhellt wurden. Er entkleidete sich, legte ein langes Gewand von weicher, schwarzer Seide an, parfümierte sich und verließ das Gemach.
Er schien in großer Aufregung zu sein, denn er war noch bleicher als vorher; er preßte die Lippen fest aufeinander, und seine Hände zitterten. Das Opium, das er, ehe er hierher gekommen, genommen hatte, übte seine Wirkung aus, verwirrte sein Gehirn und erfüllte ihn mit glühend-phantastischer Begierde.
Jetzt befand er sich in einem viereckigen Zimmer, das mit großen Diwans und Möbeln von Ebenholz ausgestattet war. Mattlila, mit silbernen Blumen bestickte Seide bekleidete Wände und Decke, und auch die Fenster und Tür verhängenden Vorhänge bestanden aus demselben Stoff. Rechts stand ein großer Spiegel, links eine Standuhr, die jedoch nicht ging; große Bronzevasen waren mit Rosen gefüllt. Der den Fußboden bedeckende Teppich entsprach der Farbe und dem Muster der Draperien. Auf einer Konsole stand eine mit mattlila und rosa Schleiern verhangene Lampe, die ein dämmriges Licht verbreitete.
Der Mann ging dem Hintergrund des Zimmers zu, schob die Vorhänge auseinander und enthüllte einen tiefen, mit weißem Sammet ausgeschlagenen Alkoven, der beinahe ganz von einem Bett von Elfenbein eingenommen wurde, dessen Spitzenkissen, Seidendecke und Batistlaken von makelloser Weiße und Reinheit waren.
Auf diesem Bett lag eine junge Frau von überraschender Schönheit.
Die schneeweiße Seidensteppdecke war bis unter die Brust heraufgezogen, deren zarte Wölbung unter einer sie fest umschließenden Tunika von silberweißer Seide deutlich erkennbar war. Der schlanke Hals war von einer dreireihigen Perlenkette umgeben, ihr Haar von einer weißen Seidenbinde umhüllt, die auch das Gesicht umrahmte und dessen durchsichtige Blässe noch erhöhte. So lag sie starr, bewegungslos und mit gekreuzten Händen da; es schien, als ob kein Atemzug ihre Brust schwelle. Das Bett war mit weißen Rosen bestreut, auf ihrer Brust lag ein elfenbeinernes Kruzifix. Der milde Schein einer silbernen Nachtlampe fiel auf das schöne Weib. Die Luft des Alkovens war sehr warm und mit starken Wohlgerüchen erfüllt.
Der nächtliche Gast betrachtete die junge Frau, und ein ungeheurer Schmerz, der mit heißem sinnlichen Verlangen gepaart war, erfüllte seine Brust, denn seine Geliebte war über alle Begriffe begehrenswert, und sie bot das vollkommene Bild des Todes! Es schien, als ob diese langgeschnittenen Augen nie wieder ihre durchsichtigen Lider aufschlagen, als ob diese nicht ganz geschlossenen Lippen, hinter denen perlweiße Zähne schimmerten, sich nie mehr zum Kuß öffnen, die nackten von Perlen umwundenen Arme nie die gekreuzten Hände lösen könnten, um den zu umarmen, den sie liebte – den sie geliebt hatte.
Hatte sie nicht unter dem matten Schimmer dieser Lampe den letzten Seufzer ausgehaucht? Waren die über ihre Lager gestreuten Blumen nicht Todesblumen? Sollte sie nicht das auf ihrer Brust liegende Kruzifix mit in das Grab nehmen, hatte man sie nicht zu ihrer Vereinigung mit dem Todesengel geschmückt? Er warf sich vor dem Bett auf die Knie und ließ seine leidenschaftlichen Blicke auf der Geliebten ruhen. Die Wirkung des Opiums, die in dem Alkoven herrschende Hitze und der starke Duft erregten einen schwindelnden Taumel in ihm. Er verlor allmählich das Bewußtsein der Wirklichkeit. Eine tiefe Verzweiflung erfüllte sein Herz, während gleichzeitig ein glühendes sinnliches Verlangen in ihm erwachte, das mit jeder Sekunde wuchs. Er weinte. Er hatte eine der Hände des jungen Weibes erfaßt, er küßte und liebkoste ihren nackten Arm. Die Gefühle der Verzweiflung, der Liebe, der Wollust drängten auf ihn ein.
Jetzt hatte er die ihre Stirn und das Gesicht umgebende weiße, ihre schwarzen Locken verhüllende Seidenbinde gelöst. Er betrachtete dieses schöne Gesicht und eine plötzliche Hoffnung erfüllte sein Herz, eine Hoffnung, die zugleich sein sinnliches Verlangen erhöhte und in ihm den frevelhaften Wunsch erweckte, die Geliebte sofort zu besitzen. Er warf sich neben sie auf das Lager, er küßte ihre leicht geöffneten Lippen, er umschlang leidenschaftlich den holden zarten Körper. Ihre gelösten Locken fielen über die Spitzen ihres Kissens und die aufgerissene Tunika enthüllte ihre geheime Schönheit. Er dachte »Was kümmert mich das Morgen? In dieser Nacht noch ist sie schön, sie gehört mir ganz, und ich liebe sie so sehr, daß ich den Tod besiegen werde.«
Und in einem wollüstigen, durch die Wirkung des Opiums erhöhten Delirium besaß er sie. Da geschah es, daß sich ihre Lippen leise öffneten, um seine Küsse zu erwidern, daß sie ihre Arme ausstreckte, um ihn liebevoll zu umfangen, daß wollüstige Tränen sich durch ihre Wimpern stahlen und daß ihre großen klaren Augen sich weit öffneten! Und ihr ganzer göttlich schöner Leib hauchte einen berückenden Liebesduft aus.
Der Mann aber, als er das Leben unter seinen glühenden Küssen erwachen fühlte, gab sich einer schrankenlosen Wollust hin. Ein unerhörter Stolz machte seine Brust schwellen, er dachte:
»Meine Liebe ist es, die sie aus dem Grab gerettet hat. Noch einmal habe ich sie zum Leben erweckt! Noch einmal! – Ich bin Herr des Todes. –«

Und wie in dieser Nacht, so hatte dieser Mann es schon viele Nächte lang getrieben. Trunken von Opium, war er in diesen weißen Alkoven gedrungen, wo das arme junge Weib im ganzen Glanz ihrer Jugend und Schönheit wie eine Tote aufgebahrt lag und seinem Kuß entgegenharrte. Er wiederholte dieses seltsame Spiel noch mehrere Male, denn es war erst am letzten Abend dieses Jahres, daß er zum letzten Male kam.
Es schneite, und die Nacht war sehr dunkel. Die weichen Schneeflocken hüllten alles in jungfräuliches Weiß. Sie stürzten sich lautlos in das schwarze Wasser des Flusses, der still wie ein Kanal dahinglitt. Tiefe Ruhe lagerte über dem alten Stadtteil.
Er schritt durch das Schneegestöber hin; das Opium, das er heute besonders reichlich genossen hatte, ließ seltsame Visionen vor ihm erstehen.
Er überschritt die Brücke, drang in das Haus, ging die Treppe hinauf. Er klopfte und wurde wie gewöhnlich von der alten Frau eingelassen. Sie schien angsterfüllt und aufgeregter als gewöhnlich zu sein. Aber der nächtliche Gast war so von seinen Gedanken eingenommen, daß er dies nicht bemerkte.
Sie sagte: »Was, Sie sind es? … Ich hoffte, daß Sie heute nicht kommen würden … Ich weiß nicht, warum ich dies hoffte, denn ich weiß sehr wohl, daß sie Sie in dieser Nacht erwarten sollte, und ich weiß auch, daß Sie dann immer kommen.
Aber heute dürfen Sie nicht zu ihr gehen … Sie liegt wie sonst aufgebahrt und in ihr Leichentuch gehüllt, bereit, zum Grabe geführt zu werden nur – daß sie heute abend wirklich tot ist. Sie ist vor ganz kurzer Zeit gestorben, ach, mein Gott, vor ganz kurzer Zeit! Und ich armes altes Weib habe sie aufgebahrt wie sonst, aber ach, sie und ich werden der ewigen Verdammnis anheimfallen, wenn ich Ihnen heute den Eintritt zu ihr gewähre. Und doch, ich weiß es, meine Worte sind vergebens … Sie hören mich gar nicht an und werden zu ihr gehen, denn wer könnte Ihnen widerstehen? Aber verstehen Sie wohl, was ich Ihnen sage, an diesem Abend ist es Wahrheit! –«
Er hörte wirklich nicht auf das, was die Alte sagte, und schritt an ihr vorüber. Sie blieb klagend zurück. Er betrat das lila Zimmer und schob die Vorhänge des Alkovens zurück. Alles war genauso geordnet, wie es sonst zu sein pflegte.
Das junge Weib ruhte, vom matten Schein der Silberlampe bestrahlt, regungslos wie eine auf einem Grab liegende marmorne Statue. Sie war bleich wie eine solche und ebenso unbeweglich. Sie war so, wie er sie immer gefunden hatte. Wenn ihre Lippen weniger rosig, ihre Augenlider noch weißer, ihre nackten Arme, trotz der drückend heißen, mit Wohlgerüchen geschwängerten Luft, kälter waren als sonst, so bemerkte ihr Geliebter dies nicht. Und er tat, wie er immer getan, er suchte und fand zuerst eine tiefe Verzweiflung und dann wurde er von glühendem Verlangen erfaßt.
Sie lag in seinen Armen, er bedeckte sie mit glühenden Küssen. – Aber er versuchte vergebens, seine Lippen mit diesem bleichen Mund zu vermählen, sie wollten sich nicht öffnen. Vergebens bedeckte er ihren schönen Körper mit wollüstigen Liebkosungen, sie zitterte nicht, und ihre Arme wollten sich nicht um ihn schlingen. Die durchsichtigen Augenlider hafteten fest auf den großen blauen Augen, ihre kleinen Füße waren kalt wie Eis. Ihre Glieder wurden immer steifer, kälter und schwerer, und ihrer Schönheit blieb unwiderruflich der Stempel des Todes aufgedrückt, des Todes, den sie den perversen Gelüsten dieses seltsamen Mannes zuliebe so oft simuliert hatte.
Vielleicht war es, weil er in dieser Nacht trotz seiner wollüstigen Liebkosungen sie nicht stark genug zu lieben wußte? Vielleicht, weil sie, die so oft den Tod gespielt, endlich neugierig darauf geworden war, ihn wirklich kennenzulernen oder auch, weil sie, des schrecklichen Spieles müde, wirklich starb, um demselben ein Ende zu machen – gewiß ist, daß der unglückliche Mann bald genug zu der Erkenntnis kam, daß die Worte der Alten, die er verachtet hatte, keineswegs trügerisch, sondern volle Wahrheit gewesen waren. Er erwachte aus seinem Taumel und erkannte nun erst, was wahre Verzweiflung und Schmerz über einen unersetzlichen Verlust bedeuten! Alles sinnliche Begehren war verlöscht und erstorben …
So geschah es, daß die letzten Fäden, die diesen Mann noch an das Leben knüpften, zerschnitten wurden. Er schob den Stein eines seiner Ringe zurück und nahm das furchtbare, sofort tötende Gift heraus, das darin verborgen war. Noch einmal umarmte er sie, die jetzt nicht mehr den Tod log … Er küßte die Lippen, die er so sehr geliebt hatte. Und sein müdes Haupt sank im letzten Taumel, der letzten Trunkenheit auf ihre nackte Brust …

Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

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Eine Erzählung von Frédéric Boutet aus dem Sammelband „Die Dame in Grün“.
Verlag Albert Langen Georg Müller Verlags GmbH – Übersetzung: Hanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus’m Werth

Frederic-Boutet- PorträtFrédéric Boutet (* 5. November 1874 in Bourges, Département Cher, Frankreich; † 31. Januar 1941 in Arcachon, Département Gironde, Frankreich) ist ein französischer Autor.
Seine Mutter zog mit ihm, nachdem sie Witwe geworden war, in das Zentrum von Paris. Dort lernte der junge Mann in den literarischen Cafés der Stadt unter anderem Oscar Wilde kennen und machte Bekanntschaft mit dem Symbolisten und den Dekadenten.

Im Alter von 24 Jahren gab Boutet im okkultistischen Pariser Verlag Chamuel eine Sammlung fantastischer, dekadenter Erzählungen mit dem Titel Contes dans la nuit heraus. In den folgenden Jahren veröffentlichte er im gleichen Verlag weitere groteske und dekadente Geschichten, von denen einige bereits den kommenden Surrealismus vorwegnahmen. Es erschienen danach zwei Kurzromane, die 1902 in einem Band gedruckt wurden.

1903 trat Boutet in die Redaktion des Français, der Abendausgabe der Tageszeitung Le Matin, ein. In den Folgejahren veröffentlichte er in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen Erzählungen und mehrere Romane. 1908 erschienen achtzehn seiner Geschichten aus dem Français mit dem Titel Histoires vraisemblables.

Auszeichnung: 1929: Prix du Président de la République der Société des gens de lettres für sein Lebenswerk.

Flieder für die reife Schönheit • Eine kurze Romanze • Oliver Simon

In der Straßenbahn. Köln. 

Eine reife Frau, schön, ausstaffiert und aufgetakelt. Ihr gegenüber, grün und unschuldig, ein junger Mann, dessen Hände Fliederzweige sanft behüten. Sie sieht ihn an. Er lächelt traurig einfältig: – Mein Gott, wie wird das heute wieder öde beim Geburtstag meiner Mutter. –

Die Dame hat sich nunmehr ganz entschleiert. Er ist hingerissen, starrt eine Weile, und reicht ihr wortlos all seine Zweige. Nun hat er nichts, für Mutter. Kein Präsent . . . Er wundert sich – die schöne Frau lässt ihren Tränen freien Lauf: Und die blassen Tropfen auf den Flieder wie Gelübde niedertauen.

Oliver Simon 2016

Willy Seidel • Der Tod und das Trapez • Ein kurz erzählter Schauer

Der große Abend ist da.

Trommeltusch rollt. Der Scheinwerfer speit zischend seinen Lichtkegel auf die Bühne. Sie sind in Weiß, die »Fife Smashing Beauties«; nur die Athletin Barbara trägt ein grellrotes Brusttrikot zu kokett gebauschter Schoßhose. Ihre weißbepuderten nackten Beine enden in roten Sandalen.
Es ist eine ungeheure lebende Blume aus bebendem Fleisch, die dort entfaltet prangt. Es ist, als streiche ein flauer Wind über ihre gespreizten Blätter, die aus drei Schenkelpaaren bestehen. Fast unmerklich schwankt das Gebilde, doch es steht! – Es steht!!
Rasselnder Atem dringt aus ihm hervor, gewürgter, – das ist die knirschende Selbstvergewaltigung von fünf Körpern. Die Blume wird zitronengelb, dann tintenblau, dann purpurn. In diesem Purpur wirkt Barbara fast schwarz. Dann ergrünen sie alle in einem fahlen Seegrün – und es pfeift ganz unten. Pfeift kurz und schrill.
Ein flimmerndes Insekt pendelt herab; läßt sich langsam nieder auf dem höchsten Blatt der Blume . . .
Was tut es dort? Es tastet, regt sich. Will es vordringen in den Kelch?
Immer noch brodelt dies fahle Seegrün auf der Gruppe.
Niklas sitzt auf den Fußballen, auf den Schenkeln Barbaras.
Er sieht, umrahmt vom blaugeäderten Fleisch zweier gestreckter Kniekehlen, das Kinn der Athletin und ihre pralle Unterlippe. Sein Blick taucht an einer weißen Männerbrust herab mit pulsierenden Muskeln. Und ganz unten sieht er schwärzlich beflaumte, grobe Finger, verhakt wie Greifzangen auf einem angekitteten Scheitel, dessen widerlich weiße Rinne sich über einem kantigen Hinterkopf bis in den Nacken windet. Zwei Ohrmuscheln stehen von ihm ab wie rote Trichter.
Die Augen des kleinen Niklas verengen sich zu schwarzen Ritzen.

Und er erhebt sich in den Handstand. Seine Hände greifen in das elastisch emporschwellende Fleisch; fast gewichtslos schleudert er seine schlanken hellbraunen Beine empor und biegt das Kreuz ein, daß die Pailletten des flimmernden Panzers knirschen.
Da pfeift es unten ein zweites Mal; halberstickt.
Niklas weiß, nun soll er wieder von dannen »schweben«; zum Trapez zurück; naschhaftes Insekt soll er sein; flüchtiger Falter.
Aber er tut es nicht. Er hält sich weiter im Handstand; ja, er tastet einen Zoll nach vorn, den blaugeäderten Kniekehlen Barbaras zu.
Sein glühender Blick sticht hinunter, in Borromeos Hinterkopf. Nervosität, dann Angst beginnen durch dessen Stiernacken zu zittern. Vor seinen blutunterlaufenen Augen, in qualvoller Bemühung halb emporgedreht, zerfließt das Publikum zu einer einzigen bleichen, verstörten Maske. »Nun hab‘ ich euch in der Hand«, denkt Niklas und Wollust durchschüttelt ihn. »Nun seid ihr mir ausgeliefert . . . ihr plumpen Tiere . . .«
Und statt sich vorsichtig wie ein Hauch wieder auf die Füße zu stellen, springt er und stößt sich ab; tritt mit Kraft in diese Doppelrundung hinein, in dies aufreizend und brutal geballte Fleisch; hängt wieder am Trapez und schwingt sich . . . schwingt sich mit schrillem Schrei . . .
Im schaukelnden Gesichtsfeld sieht er die Gruppe auseinanderpurzeln. Und inmitten der Katastrophe, dumpfen Publikumsaufschrei im Gefolge, geschieht ein Krach; ein kurz prasselnder Ton.
Es klingt, als ob man eine Kokusnuß zerspellt.
Es ist die Athletin Barbara, die sich überschlagen hat und mit ihrem ganzen Gewicht aus fast drei Metern Höhe auf Borromeos Nacken landet . . .
In einem rotbespritzten Brautbett, die mächtigen Glieder seltsam ineinander verankert, – so liegen die beiden da.
Die Trapezschaukel knarrt in immer gewaltigerem Schwung, als wolle sie das flimmernde Wesen bis zu den Sternen schleudern. Wie ein Geierschrei dringt es herab. – Noch hinter dem Vorhang, der im Tumult herabschießt, hört man diesen hellen, triumphierenden Schrei.

Arkadij Awertschenko ♥ Zwei Frauen und ein Mann – Eine Dreiecksgeschichte

Als ich am Morgen die hübsche, blonde Natascha traf, sagte sie zu mir: »Sie haben mich ganz vergessen! Das ist nicht nett von Ihnen. Sicher haben Sie eine neue Liebe!«
»Ich Sie vergessen? Dich – Natascha!«
»Tss – lassen Sie diesen Ton! Also, was machen wir heute abend?«
»Was Sie wollen! Gehen wir ins Theater!«
»Was spielt man?«

»Ein neues Stück: ›Zwei Frauen und ein Mann‹. Ein packendes Sujet, direkt aus dem Leben gegriffen. Der junge Graf lebt glücklich mit seiner bildhübschen Frau. Aber auf seiner Seele lastet eine alte Sünde. Er hat einmal eine andere Frau geliebt und sie im Stich gelassen. Diese Frau kommt durch Zufall als Gesellschafterin in sein Haus. Der Graf erkennt sie, und der jungen Gräfin kommt die Sache nicht richtig vor. Seelenkonflikte, dramatische Momente. Viel Psychologie, packende Stellen!«
»Also, schön, dann gehen wir ins Theater!«
Ich versprach Natascha, sie um acht Uhr abzuholen, dann gingen wir auseinander.

Am selben Tag war ich zum Tee bei der schlanken Marusja geladen. Wir saßen einander gegenüber, schlürften den Tee und rauchten Zigaretten.
»Was glauben Sie«, sagte Marusja und lehnte sich in den Sessel zurück, »ist das Drama ›Zwei Frauen und ein Mann‹ gut?«
»Weshalb fragen Sie?«
»Ich wollte es mir heute anschauen.«
»Gehen wir lieber morgen!«
»Warum morgen? Ich will heute ins Theater gehen! Ich weiß nur nicht, ob das Stück interessant ist.«
»Ein fades, langweiliges Stück! Irgendein Idiot, ein Graf, hat geheiratet und bildet sich ein, sein Glück im Winkel gefunden zu haben. Da taucht plötzlich eine Freundin von einst auf, die in seinem Hause die Rolle einer Gesellschafterin spielt. Interessant, was? Na, und so weiter. Mit einem Wort: ein verlorener Abend!«
»Ich will aber heute ins Theater gehen!«
»Man erzählt, daß der Autor ein Quartalssäufer sei, der dieses Stück in einem Anfall von Delirium geschrieben habe. Sehen wir uns lieber die neue Operette an!«
»Nein, ich will ›Zwei Frauen und ein Mann‹ sehen!«
»Hm, was ich sagen wollte – fürchten Sie sich nicht vor Erkältungen? In diesem Theater – es ist ein Sommertheater – gibt es viele Ritzen. Es zieht von überall. Man kommt in einen Zug, und schon ist man erkältet.«
»Wollen Sie mit mir hingehen oder nicht?«
»Leider habe ich schon jemandem zugesagt. Aber ich werde gern eine Weile an Ihrer Seite verplaudern.«
»Wer ist dieser Jemand?«
»Mein Gott – eine flüchtige Bekannte! Sie bat mich, sie ins Theater zu begleiten, und da man nicht unhöflich sein kann, sagte ich zu.«
»Hm, ich begreife, eine neue Liebe!«
Ich lachte hellauf: »Sie machen sich über mich lustig! Halten Sie mich für einen Don Juan? Für mich gibt es nur eine Frau.«
»Schweigen Sie! Also, Sie kommen ins Theater. Ich hoffe, daß Sie mich nicht allein sitzen lassen werden?«

Ich ging auf ein anderes Thema über und verließ um sieben Uhr die schlanke, schwarze Marusja.

***

Der erste Akt hatte bereits begonnen, als wir ins Theater kamen. Wir traten in die Loge. Dem Stück folgte ich kaum, sondern warf ab und zu einen Blick in den Zuschauerraum und suchte Marusja. Da bemerkte ich sie in der dritten Reihe in einem Silberbrokatkleid. Sie sah entzückend aus. Ich nickte ihr zu.
»Wen grüßen Sie da?« fragte Natascha.
»Eine Bekannte.«
»Was ist das für eine Bekannte?«
»Hm, nur geschäftlich. Es ist gut, daß sie da ist. Ich muß ihr ein paar Worte sagen.«
»Was für ein Geschäft ist das?«
»Es handelt sich um den Verkauf einer Mühle. Ein Freund von mir will eine Mühle verkaufen, und sie weiß einen Käufer.«
»Seit wann befassen Sie sich mit dem Verkauf von Mühlen?«
»Natascha, Sie sind wohl eifersüchtig?«
Sie zuckte verächtlich mit den Achseln und schwieg. Als der erste Akt zu Ende war, stand ich auf und sagte:
»Sie gestatten, daß ich auf eine Minute verschwinde. Ich sage der Dame ein paar Worte und bin gleich wieder da.«
»Sie brauchen überhaupt nicht zurückzukommen!«
»Natascha!«
»Also, wenn Sie wirklich eine geschäftliche Besprechung haben, dann gehen Sie, aber kommen Sie sofort zurück. Es ist für eine Dame peinlich, allein zu sitzen. Die Männer gaffen einen so an!«
»Mein Gott, Sie sind doch in der Loge!«
»Gehen Sie. Es ist mir wirklich peinlich, daß ich Sie gebeten habe, mich zu begleiten.«
Mit schwerem Herzen ging ich in den Zuschauerraum. Marusja war sehr erfreut.
»Guten Abend! Das ist nett, daß Sie mich nicht ganz vergessen. Zufällig ist neben mir ein Platz frei. Wollen Sie mit mir diesen Akt durchplauschen?«
»Ich wäre glücklich, aber ich bin in Gesellschaft.«
»Ja, ich habe es bemerkt. Sie ist nicht übel, aber zu stark geschminkt. Hm, wenn ich gewußt hätte, daß Sie Ihre Dame nicht auf eine Sekunde verlassen dürfen, wäre ich nicht ins Theater gegangen. Ich habe Durst. Wollen Sie mich ins Foyer begleiten?«
»Gehen wir!« sagte ich energisch.
»Nein, ich habe es mir überlegt. Ich werde bis zur nächsten Pause warten.«

Ich nahm sie unter den Arm, führte sie ins Foyer und fühlte die Blicke, die uns Natascha nachsandte.
»Nun, wie steht die Sache mit der Mühle?« fragte sie mich ironisch, als ich wie ein geschlagener Hund in die Loge kroch.
»Wenn Sie wüßten, wie man über Sie gesprochen hat, würden Sie anders reden.«
»Was hat man gesagt?«
»Man fand Sie entzückend. Wenn man ein Mann wäre, würde man sich auf der Stelle in Sie verlieben. Man ist überzeugt, daß ich in Sie über den Kopf verschossen bin und gratulierte mir zu meinem guten Geschmack.«
»Ich, eine Schönheit? Lächerlich. Sicherlich ist alles Ihre Erfindung!«
»Wirklich nicht!«

Natascha lächelte glücklich vor sich hin. Ich saß da und dachte: Wie wäre es, wenn man sie heute bekannt machte? Die Idee ist nicht übel. Ich könnte Marusja in die Loge bringen und brauchte nicht in den Pausen hin und her zu pendeln. Die Damen würden mich in Ruhe lassen, miteinander über die neuesten Moden sprechen und alles würde glatt ablaufen. Nach dem Theater könnte ich Natascha nach Hause bringen und mit Marusja in ein Restaurant gehen. Oder ich könnte mit beiden Damen ein Restaurant aufsuchen! Warum sollen sie nicht Freundinnen werden? Beide sind jung, hübsch, elegant, und wenn sie zusammen sind, werden sie auch ihre spitzen Bemerkungen vergessen.
»Sie gefallen ihr so«, sagte ich nach einer Pause, »ernsthaft, sie würde glücklich sein, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Wirklich?« bemerkte Natascha. »Nun, wenn Sie eine Dame der Gesellschaft ist, so laden Sie sie in unsere Loge ein.«

Ich stand auf und eilte zu Marusja.
»Liebste Marusja«, sagte ich, »Sie haben auf meine Begleiterin einen so starken Eindruck gemacht, daß sie Sie gern kennenlernen würde. Sie ist ein wenig in Sie verliebt.«
»Ich werde mit Vergnügen die Bekanntschaft der Dame machen!«
»Ausgezeichnet. Gehen wir in unsere Loge!«
»Unsere Loge: Was bedeutet das? Ich dachte, daß sie zu mir kommen wird.«
»Wozu? Wir sitzen zu dritt in der Loge.«
»Später recht gern. Wenn sie mich kennenlernen will, muß sie zu mir kommen. Ich kann doch nicht als Dame zu einer Unbekannten in die Loge gehen!«
Ich dachte einen Moment nach, dann sagte ich frisch:
»Ich werde mit ihr zu Ihnen kommen.«

***

Ich hatte nicht vorausgesehen, daß der Fall so kompliziert sein würde. Natascha weigerte sich entschieden, in den Zuschauerraum zu gehen.
»Wenn die Dame mich kennenlernen will, muß sie zu mir kommen.«
»Sie sagt, daß Sie eine Dame von Welt sind und daß sie es nicht wagt.«
»Ich gehe nicht zu ihr!«
»Einen Moment. Ich ordne es gleich.«
Ich lief wieder in den Zuschauerraum. »Sie traut sich nicht, herunterzukommen. Sie ist so schüchtern. Gehen wir in die Loge!«
»Warum? Lassen Sie das. Bleiben Sie lieber bei mir sitzen, wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht gleichgültig ist!«

Ich schaute auf unsere Loge: eine Frauenhand machte mir ein Zeichen.
»Wissen Sie was? Ich habe eine Idee. Kommen Sie ins Foyer. Ich werde Sie auf neutralem Boden bekannt machen.«
»Das ist was anderes. Begleiten Sie mich ins Foyer.«
Ich setzte sie auf einen Diwan und wollte in die Loge eilen. Sie hielt mich zurück. »Sie werden mich doch nicht allein im Foyer lassen?«
»Ich muß doch die Dame hierher bringen!«
»Schicken Sie einen Diener in die Loge!«
»Das geht nicht, sie ist eine Dame der Gesellschaft!«
»Ich bin auch eine Dame der Gesellschaft. Machen Sie, was Sie wollen, der Abend ist sowieso verdorben.«

Eine Minute später war ich wieder in der Loge.
»Wollen wir nicht im Foyer promenieren?«
»Das hätten Sie mir längst vorschlagen sollen. Gehen wir!«
Ich brachte Natascha ins Foyer, und als wir beim Diwan vorbeischritten, wo Marusja saß, rief ich:
»Das ist entzückend. Darf ich die Damen bekannt machen: Natascha Pawlowa, Marusja Iwanow.«
Sie drückten einander die Hände, ich lehnte mich müde und abgespannt an eine Säule.
»Gefällt Ihnen das Stück?« fragte Marusja.
»Nicht besonders, und Ihnen?«
»Ich habe schon was Besseres gesehen!«
Gott sei Dank, dachte ich, die Mühle beginnt sich zu drehen!
Dann sagte ich laut: »Die Damen gestatten, daß ich ins Restaurant gehe und eine Zigarette rauche?«

»Bitte!«
Ich lief rasch davon.

***

Man spielte den letzten Akt.
»Wo wollen wir zu Abend essen?« fragte ich unschlüssig.
»Wenn die Dame nichts dagegen hat, so schlage ich ›Contant‹ vor. Dort ißt man gut«, sagte Marusja.
»Aber bei ›Donon‹ ist ein ausgezeichnetes Orchester, gehen wir lieber dorthin«, bemerkte Natascha.
»Zu ›Donon‹? Aber ich bin so gewöhnt ans ›Contant‹.«
»Schön, fahren wir dahin. Bei ›Donon‹ fühlt man sich wohler . . .«
Inzwischen war die Vorstellung zu Ende.
»Ich habe unten meine Garderobe abgelegt«, bemerkte Marusja, »begleiten Sie mich zur Garderobe.«
»Und ich«, sagte schnippisch Natascha, »kann doch nicht allein in der Loge bleiben. Bringen Sie die Garderobe der Dame in die Loge. Und dann ist es zu spät. Es lohnt sich nicht, ins Restaurant zu fahren. Ich hoffe, lieber Freund, daß Sie mich nach Hause begleiten. Sie haben mich heute zur Genüge verlassen.«

Ich sprach kein Wort und lief aus der Loge in die Garderobe. Dort ging ich zum ersten besten Diener und drückte ihm eine Banknote in die Hand.
»Geh sofort in die Loge Nummer drei. Dort sitzen zwei Damen. Bringe der einen die Garderobe und sage ihnen, daß, als ich durch den Korridor ging, sich zwei Geheimagenten auf mich stürzten. Sie schleppten mich trotz meines Widerstandes fort. Sage, daß es anscheinend ein Mißverständnis ist, daß der Fall sich morgen aufklären wird und eine Verwechslung vorliegt. Vergiß nicht, daß ich Widerstand geleistet habe!«
Dann zog ich meinen Mantel an und verließ das Theater . . .
Ein paar Minuten später saß ich in einem kleinen Restaurant, trank Wein und fühlte mich so wohl wie seit langem nicht.

Seit jener Zeit liebe ich die Einsamkeit.

Arkadij Awertschenko ζ Herzlose Begebenheit

Arkadij Awertschenko  ζ Herzlose Begebenheit

Am Flußufer standen erregte Leute.

Ich kam näher und sah, daß inmitten der Gruppe eine Frauengestalt auf dem Boden lag. Sie war in ein buntes Badetuch gehüllt.

»Was ist denn los?« fragte ich hastig.

»Sie hat gebadet, verlor den Boden unter den Füßen, begann zu sinken und hat Wasser geschluckt. Mit Mühe konnte man sie retten.«

»Man sollte ihren Körper fest abreiben«, meinte ich.

Auf einem Stein saß ein kleiner, dicker, asthmatischer Mann in einer Badehose. Er schaute mich an, machte eine abwehrende Bewegung und rief: »Lohnt sich nicht – wird ohnehin nicht helfen.«

»Vielleicht versuchen wir es mit künstlicher Atmung«, rief ich. »Sicher wacht sie dann aus der Ohnmacht auf.«

»Hm«, erwiderte der Mann in der Badehose. »Ich denke, es lohnt sich nicht, den Versuch zu machen.«

»Aber man kann doch die Frau nicht einfach so liegenlassen. Man muß doch etwas tun. Holen Sie den Arzt!«

»Zahlt sich nicht aus«, sagte ruhig der Dicke. »Hilft ja doch nichts. Außerdem wohnt der Arzt drei Kilometer von hier und wird wahrscheinlich nicht zu Hause sein.«

»Aber man kann es doch versuchen«, bemerkte ich zornig.

»Wirklich – es ist nicht der Mühe wert.«

»Ich staune . . .! Lassen Sie uns wenigstens Ihr Leintuch. Wir werden versuchen, die Frau hin und her zu schaukeln.«

»Wozu schaukeln?« sagte der Dicke. »Hat das einen Sinn? Betrachten wir die Frau als ertrunken. Warum wollen Sie sich bemühen?«

»Herr!« rief ich aufbrausend. »Sie sind aber ein Gemütsmensch! Wenn die Frau da am Boden keine Fremde, sondern Ihre eigene Frau wäre, würden Sie anders sprechen.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß es nicht meine Frau ist? Es ist meine Frau, verstehen Sie! Und darum muß ich es besser wissen . . .«

Süße Früchte ◊ Andreas Petz ◊ Eine Erzählung für Kinder

Es war einmal vor noch gar nicht langer Zeit, da geschah in dem kleinen, abgelegenen Dorf Großapfelweiler etwas, das allen Bewohnern einen gehörigen Schrecken versetzte.
Es fing damit an, dass die kleine Katrin, ein Mädchen im Alter von acht Jahren, an einem wunderschönen sonnigen Herbsttag ihre Freundin Leonie im knapp zwei Kilometer entfernten Nachbardorf namens Kleinapfelweiler besuchen wollte um den Tag mit ihr zu verbringen.
calf-374602_1280wjule    Ihre Mutter brachte sie mit dem Auto hin und sagte dann zu Katrin: „Nach Hause musst du heute Nachmittag laufen, denn ich bin in der Stadt und dein Vater ist auf dem Feld, aber du kennst ja den Weg und dein Bruder ist zu Hause und kann dir aufmachen.“Die beiden Mädchen spielten dann auch wunderschön zusammen. Zuerst spielten sie auf der Wiese hinter dem Haus mit ihren Puppen. Später gingen sie zu den Tieren, denn auch Katrins Freundin Leonie lebte auf einem Bauernhof. Hin und wieder schaute Leonies Mutter nach den beiden, ließ sie aber sonst in Ruhe alleine spielen, denn auf einem Bauernhof gibt es immer viel zu tun und so hatte Leonies Mutter gar nicht die Zeit sich mehr um die beiden zu kümmern. Die Kinder waren es auch nicht anders gewohnt.
Mit den Tieren auf dem Bauernhof kannten sie sich gut aus und so gingen sie furchtlos in den Kuhstall um die Kühe und Kälber zu streicheln und zu den kleinen Schweinchen mit ihren lustigen Ringelschwänzchen um ihnen zuzuschauen wie sie am Bauch ihrer Mutter ihren Hunger stillten. Auch vor den Hühnern hatten sie keine Angst. Nur vor dem Hahn, da nahmen sie sich in acht, denn der konnte manchmal ganz schön böse werden.
Schnell verging die Zeit und um halb fünf Uhr am Nachmittag machte sich Katrin auf den Weg nach Hause. Ihre Puppe trug sie sorgfältig zugedeckt mit einer rot-weiß karierten Decke in einem kleinen Körbchen.
Abends um Acht Uhr kam Katrins Mutter von der Stadt und zu gleicher Zeit kam ihr Vater vom Feld nach Hause. Draußen brach gerade die Dunkelheit an.
child-933267_640    Die Mutter fragte Kevin, Katrins Bruder: „Habt ihr beiden schon zu Abend gegessen, oder soll ich euch noch etwas richten?“ „Katrin ist noch gar nicht hier“, antwortete Kevin etwas ängstlich.
Die Mutter erschrak: „Das kann doch nicht sein!“ Sie rannte zum Telefon und rief bei Leonies Eltern an. Sie erfuhr, dass Katrin pünktlich um halb fünf losgelaufen war, also schon längst zu Hause sein müsste. „Wir machen uns hier vom Dorf aus auf den Weg und suchen nach ihr“, sagte Leonies Mutter sofort.
Nun wurde in beiden Dörfern Alarm geschlagen. Sofort machten sich fast alle Bewohner auf den Weg um Katrin zu suchen. Zu Hause blieben nur die kleinen Kinder und die Alten, die auf die Kinder aufpassten. Leonie machte sich große Sorgen um ihre Freundin.
Die Bewohner von Kleinapfelweiler gingen im Abstand von etwa 5 Metern mit Taschenlampen bewaffnet nebeneinander den Weg in Richtung Großapfelweiler und die Bewohner von Großapfelweiler gingen genauso in Richtung Kleinapfelweiler.
Als sich die Bewohner etwa in der Mitte zwischen den beiden Ortschaften trafen hatte niemand etwas von Katrin gesehen. Jedoch hatte einer aus Kleinapfelweiler die rot-weiße Decke gefunden mit der Katrin ihre Puppe zugedeckt hatte und ein anderer hatte in der Nähe des Waldes das Körbchen mit der Puppe entdeckt. Jedoch von Katrin fehlte jede Spur.
Katrins Eltern ließen sich die Stelle zeigen wo das Körbchen mit der Puppe gefunden wurde. Die Stelle lag nah am Waldrand und so machten sich alle Leute auf, um den Wald abzusuchen der abseits vom Weg lag.
Schon nach kurzer Zeit rief Leonies Mutter: „Hier ist sie!“ Schnell kamen alle zu der Stelle und sahen Katrin in einer Mulde neben einem Tannenbaum liegen.
Katrins Vater beugte sich über das unbewegt daliegende Mädchen und untersuchte sie. Ihre Mutter fragte mit entsetztem Blick: „Ist sie …!“, weiter kam sie nicht, denn ihre Stimme versagte.
„Ich glaube nicht!“, sagte der Vater mit aufgeregter Stimme. „Sie ist warm, obwohl ich keinen Puls spüren kann. Sie schläft ganz fest.“ Alle Versuche das Kind wach zu bekommen hatten keinen Erfolg, aber immerhin kam ein leichter Seufzer aus dem Kindermund.
Schnell trug Katrins Vater sie auf seinen Armen nach Hause. Schon von unterwegs wurde von einem klugen Nachbarn mit dem Handy ein Arzt angerufen.
Dieser erschien schon kurze Zeit später und untersuchte Katrin ausführlich. „Ja, sie lebt“, bestätigte er, „aber diesen ungeheuer tiefen Schlaf kann ich mir nicht erklären.“ Denn auch jetzt blieben alle Versuche Katrin aufzuwecken vergeblich. Da meinte der Arzt plötzlich: „Höchstens … ja, das wäre möglich!“
Kurzerhand steckte er dem kleinen Mädchen seinen Finger in den Hals, diese begann zu röcheln und erbrach sich, wachte aber immer noch nicht auf.
pumpkin-995416_1280   „Sehen Sie“, meinte der Arzt und zeigte auf das Erbrochene, „ich hatte Recht!“ „Womit denn?“, fragte Katrins verzweifelte Mutter. „Tollkirschen“, sagte der Arzt, „das Kind hat Tollkirschen gegessen.“
„Oh Gott“, schluchzte Katrins Mutter und dann rief sie, „man muss doch etwas tun!“
„Der Notarzt ist schon informiert, im Krankenhaus werden sie Katrin den Magen auspumpen und wenn sie nicht zu viele gegessen hat dann wird sie wieder aufwachen“, meinte der Arzt.
Da kam auch schon der Notarztwagen mit lautem Martinshorn in das Dorf gefahren und im selben Moment wachte Katrin von dem lauten Geräusch auf. „Mami“, stammelte sie als wäre ihre Zunge gelähmt, „ich habe Durst.“
„Katrin“, sagte der Arzt, „wie viele von den Früchten hast du denn gegessen?“ Katrin überlegte kurz und dann hob sie 2 Finger in die Höhe. „Was für ein Glück!“, sagte der Arzt zu Katrins Mutter, „dann wird alles wieder gut.“
Einige Zeit später als Katrin wieder in die Schule gehen konnte wurde dort ausführlich über Tollkirschen geredet, die einerseits zwar süß schmecken, aber selbst einen Erwachsenen in den ewigen Schlaf schicken, wenn er zu viele davon gegessen hat. Deshalb werden sie in manchen Gegenden auch Teufelskirschen genannt.
Wenn du also irgendwann einmal im Herbstwald Früchte siehst, die ähnlich ausschauen wie Kirschen oder die du nicht kennst, dann lass lieber die Finger davon, sie können sehr gefährlich sein.

© Andreas Petz
Süße Früchte (aus dem Buch „Schneeflöckchens Traum und andere Kurzgeschichten“ von Andreas Petz)

Das brennende Haus Ψ eine Irreführung – Oliver Simon

Tagelang haben die beiden in dem alten Haus zusammengesteckt, und wer dort vorbeigekommen ist, hat allerlei wunderliches Rumoren und Mauzen und näselnde Gesänge gehört. Zuweilen ist ein dünner veilchenfarbiger Rauch aus dem Schornstein gestiegen, und dann hat es in der ganzen Gegend nach Narzissen und Hyazinthen geduftet, als ob es mitten im Winter ist.
Und dann, eines Abends hat das ganze Haus von innen heraus in einem roten Schein gestanden, so dass man denken konnte, es brenne. Die Leute, die neugierig herbeigelaufen kamen, haben aber durch die Fenster mitten in dieser dunkelroten Glut Herrn Zuckerberg und die Fremde als zwei feurige Gestalten sitzen und brennenden Punsch trinken sehen.

Wie empört die Leute über diese Irreführung waren.

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Hermann Blumenthal Ψ Der Sängerknabe

Hermann Blumenthal Ψ Der Sängerknabe

Eine eisigkalte Winternacht.

Bleigrau hing der Himmel über dem Städtchen und Schnee wirbelte in großen dicken Flocken zur Erde.

Die eng aneinandergeschmiegten Häuschen standen einsam und traurig in der Schneelandschaft.

Im Vorhause zum Beth-ha-Midrasch war es warm und still. Ein prächtiges Feuer brannte im Ofen.

Zwei arme Juden schliefen auf rohgezimmerten Bänken und in einem Winkel saß David, der sechzehnjährige Sängerknabe, still vor sich dahinträumend.

Er konnte keinen Schlaf finden. Mannigfache Bilder umschwebten ihn und seine Phantasie schwang sich aus dem halbdunklen Räume weit hinaus.

David träumte; wie er als Kind auf dem Schoße seiner Mutter saß. Langsam dämmerte der Sabbat herüber. In der kleinen Stube wuchsen die Schatten ins Ungeheuerliche, während am Himmel der große, volle Mond aufstieg.

Von der Gasse drang Lachen und Lärmen in die Kammer und dem Knäblein ward es bange in der Dämmerstille.

Da sagte die Mutter: »Ich will dir die Geschichte von dem Hirten David erzählen, der später König der Juden wurde …«

Und die Mutter erzählte dem gespannt aufhorchenden Kleinen von dem lustigen Hirtenknaben, der den Riesen Goliath zu Boden warf. David war nur schwach und unansehnlich, aber der Allmächtige hat seinen Arm gestählt, wenn David sang, so konnte er die Zuhörer zu Tränen rühren, Er trieb die Herden vor sich her und sein Gesang erfüllte die klare Luft …

Die Mutter hielt plötzlich inne. Ihr Blick verlor sich in dem Silberschein des Mondes. Sie träumte von der Zukunft ihres Knaben und ihrer Träume Inhalt war ihm nicht fremd. wie oft hatte ihn die Mutter in Stunden der Einsamkeit mit ihren geheimsten Gedanken vertraut gemacht.

Auch seine Stimme hatte Klang und er sollte ein Sänger, ein Priester in Israel werden, wie ein Meer, erhaben und gewaltig, wird seine Stimme dahinbrausen und die Herzen mit unendlicher Seligkeit erfüllen.

Wie berauscht werden die Andächtigen dastehen, mit zitternden Lippen und heißen Zähren in den Augen …

Und vor ihren geistigen Blicken wird die alte Herrlichkeit Israels neu erstehen. Den Tempel Salomos, ganz aus purem Gold gezimmert, sollen sie vor sich sehen, und Jerusalem – Jerusalem im Morgenglanz … An das wundervolle Land ihrer Vorfahren werden sie wieder denken und von den blühenden Getreidefeldern Kanaans die fröhlichen Lieder der Schnitter hören … Und in ihnen wird die Frage erwachen, ob nicht Israel schon genug Leid und Elend durchgemacht …

Der Jüngling durchlebte in Gedanken noch einmal seine Kindheitstage. Bis zum zehnten Lebensjahre blieb er bei der Mutter.

Sie war arm, aber voll Zuversicht und Gottvertrauen; nie schlich sich Traurigkeit bei ihnen ein.

»Gott ist groß und seine Taten sind gerecht«, pflegte die Mutter zu sagen, »Er sieht die Leiden seines Volkes. Eines Tages wird er die Juden in das Land ihrer Väter zurückführen …«

Und David dachte daran, wie er sich von seiner Mutter verabschiedete, um zu dem berühmten Chasen Reb Jankel zu ziehen.

Es war ein klare Sommernacht. Alle Bäume standen in Blüte …

Ein Stück Weges gab ihm die Mutter das Geleite; dann stand sie noch lange unbeweglich da und blickte ihm nach …

Langsam und still weinend ging David über die Landstraße dahin … Er mußte an die einsam Zurückgebliebene denken…

Sechs Jahre waren es nun, daß David bei seinem Lehrer ein zweites Heim gefunden. Wie einen Sohn hielt man ihn im Hause, und Esther, die Tochter Reb Jankels, die um ein Jahr jünger war als David, ist ihm zur Schwester geworden.

Wie David an Esther dachte, ward ihm so warm und sein Herz schlug rascher. Er sah Esther vor sich, wie sie ihn am vergangenen Abend zum Schlitten geleitete.

Ihr Gesicht war weiß wie der Schnee, durch den sie wateten, wie Perlen schimmerten einzelne Schneeflocken in ihrem schwarzen Haar, und in ihren Augen lag ein überirdischer Glanz …

»Auf Wiedersehen, David,« flüsterte sie, ihm ihre kleine Hand reichend, als sie beim Gefährt anlangten. »Auf baldiges, recht fröhliches Wiedersehen …«

Er warf sich ins Heu und fand kein Wort des Abschieds; nur seine Lippen bebten … krampfhaft hielt er Esthers zarte Hand umschlungen, bis die Pferdchen anzogen …

Nun sollte David nach langen Jahren der Trennung seine Mutter wiedersehen. Die Mutter verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihm. Sie wollte ihn noch einmal umfangen, noch einmal seine süße Stimme vernehmen, bevor es vielleicht zu spät würde …

David war plötzlich voll banger Sorge um sie und hätte sich gern sogleich auf den Weg gemacht. Nun mußte er jedoch, kaum zwei Meilen von seinem Heimatsorte, wegen des Schneesturms hier übernachten.

Und die Zeit war ihm so lang. Er sehnte sich schon danach, der Mutter in die treuen, liebevollen Augen blicken und ihre müden, abgearbeiteten Hände küssen zu können.

Die beiden Schläfer waren erwacht. Der eine erzählte eine grausige Geschichte von Raub und Plünderung. Der andere hörte ihm schweigend zu; nur von Zeit zu Zeit entrang sich ein schmerzlicher Seufzer seiner Brust…

David schüttelte die Erinnerungen von sich und horchte auf. Er hörte wiederholt den Namen seiner Heimatstadt nennen und bald war ihm der Zusammenhang klar:

Am Nachmittag waren plötzlich, von Agitatoren aufgehetzte Bauern ins Städtchen gedrungen. Sie mißhandelten die Juden und plünderten deren Geschäfte. – Eine dunkle Unruhe erwachte in David. Er dachte an seine Mutter und heiße Tränen stürzten über seine Wangen.

Er mußte sofort zu ihr. Es duldete ihn nicht länger in dem schwülen Räume, vielleicht lag sie draußen irgendwo im Schnee und rief laut – laut nach ihm …

David konnte nicht bis zum Morgen warten. Zu Fuß wollte er sofort hin. Er war ja jung und stark und fürchtete sich nicht vor der Kälte …

David überlegte nicht, griff nach seinem Bündel und eilte auf die Gasse.

Wie ein Märchen rein und weiß, lag die Welt vor ihm. Immer noch schneite es. Die Wege waren ganz verweht.

David eilte aus dem Städtchen. Endlos zog sich die Schneefläche hin. Es war ein schrecklicher Frost. Die Schneeflocken tanzten um den Wanderer. Er konnte kaum vor sich sehen.

Davids Gedanken waren bei der Mutter: welche Freude wird ihr seine Ankunft bereiten! Ob sie ihn wohl wiedererkennt! Er kämpfte wacker gegen Frost und Schneesturm; doch gar bald verließen ihn die Kräfte und er konnte sich nur mühsam weiter schleppen.

Er setzte sich auf einen Baumstumpf, holte tief Atem und rieb sich die erfrorenen Hände.

Die glitzernde Schneefläche blendete ihn und die Landschaft begann vor seinen Augen einen Tanz aufzuführen … Nach wenigen Schritten schon fiel David leise stöhnend in den Schnee. Er wußte nur noch, daß er sehr müde war, streckte sich der Länge nach hin und schloß die Augen, – wundervolle Träume umgaukelten ihn …

David sah sich mit seiner Mutter auf dem Wege zu Reb Jankel. Esther stand am Fenster. Sie erkannte ihn schon in einiger Entfernung und eilte, trotz Schnee und Kälte, auf die Gasse hinaus.

»willkommen, David«, rief Esther freudig. »Ich habe mich schon so sehr nach dir gesehnt.«

Zusammen betraten sie das Haus. Lächelnd kam ihnen Reb Jankel entgegen und er sprach, zur Mutter gewendet: »Die Kinder haben sich so herzlich lieb. Geben wir ihnen unseren Segen.«

Die Mutter zog Esther an ihr Herz und rief glückstrahlend aus: »So sei es denn mit Gott. Sie sollen uns viel Freude machen.«

Und David sah sich vor einem mächtigen Palaste. Die Tore öffneten sich und er betrat einen weiten gewölbten Gang. Zu beiden Seiten standen Krieger in glänzenden Rüstungen und sie verbeugten sich tief, tief vor ihm …

David gelangte in einen prächtigen Saal. Auf einem Throne aus Elfenbein saß der König. Er war grau und alt an Jahren…

Und der König küßte David auf beide Wangen, Er setzte ihm seine Krone aufs Haupt und überreichte ihm die Armbrust. Sie gingen auf einen großen Platz, der voll von Kriegern war.

David bestieg ein Pferd und im Galopp ging es durch Wiesen und Wälder dahin, hinter ihm Tausende und aber Tausende. Sein Harnisch blinkte im Sonnenlicht… Hei, wie die Trompeten schmetterten. David war ganz berauscht vor Glück.

Über den kleinen Schläfer legte sich die Schneedecke weich und warm …


Hermann Blumenthal (urspr. Ber Hersch) (* 28. Oktober 1880 in Bolechów, Galizien, Österreich-Ungarn (heute Oblast Iwano-Frankiwsk, Ukraine); um 1942 deportiert, 1959 von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien für tot erklärt) war ein österreichischer Schriftsteller, Herausgeber, Journalist, Übersetzer und Theaterkritiker.

Oliver Simon Φ Das Sonett Φ Eine kleine Erzählung

Das Sonett

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Ich hatte das Sonett aus Italien zu Ende gelesen. Schaudernd schloss ich die Augen und lehnte mich in meinem Stuhl zurück.

Dann gab ich das Buch dem Professor mit den Worten zurück: »Das ist das keuschste und heiligste, was ich je las. Es ist wie der Gesang eines jungen Engels vor Gottes Thron; eines Engels, der zum ersten Mal über die goldenen Saiten der großen Harfe streichen darf. Zögernd und doch voller Zuversicht. Welcher Minnesänger hat dieses Lied auf die reinste aller Frauen geschrieben?«

Der Gelehrte antwortete mir: »Dieses Gedicht wurde von dem Hofpoeten der Medici geschrieben, als er wegen Wuchers im Gefängnis saß. Er schrieb es auf die venerische Mätresse seines Herren und hoffte dafür in Freiheit zu gelangen. Dieser innige Wunsch erfüllte sich zwar nicht, aber man schickte ihm als Dank einen kalten Kapphahnbraten in den Kerker. Und damit war er vorerst zufrieden.«

Peter Altenberg ‡ Ritterlichkeit

Peter Altenberg Ritterlichkeit

»Herr – – –« sagte der Häuptling Bôdjé zu P.A., »komme in meine Hütte.«

– – – – – – –.

»Sit down«.

– – – – – – –.

»Ich habe heute Nachmittags Nahbadû geschlagen. Ich schlug sie mit diesem Ochsenziemer. Verstehst du mich?!«

»I understand – – –.«

Black Hawk, Gemälde von Ch. B. King, um 1833
Black Hawk, Gemälde von Ch. B. King, um 1833

»I am the chief of my people« (Ich bin das Haupt meines Volkes). Ich liebe es nicht, Nahbadû zu schlagen. Of course. Wenn alle Mädchen zu dem Tam – Tam (Tanz und Gesang) jedoch sich begeben, sitzt sie in ihrer Hütte und macht gar nichts.[326] Sie ist weder krank noch müde. Ganz verrückt sitzt sie in ihrem Hause und macht gar nichts. I am the chief of my people! Ich fragte sie, warum sie täglich dasselbe thue, dazusitzen und gar nichts zu thun. Ich fragte und fragte. Dann schlug ich sie mit meinem Ochsenziemer. Wenn alle Mädchen in den Hütten sitzen würden und vor sich hin träumen, nicht?! Wofür zahlen die weissen Menschen?! Es ist unsere Pflicht. Ich liebe es nicht, Nahbadû zu schlagen. Ich wollte dir das nur sagen, damit du es wissest. Was hast du denn, Herr – –?!«

»Nichts, Bôdjé – – –.«

»Nun, Herr, ich werde sie von nun an träumen lassen in ihrer Hütte – – –.«

trennlinie640Peter Altenberg (* 9. März 1859 in Wien; † 8. Jänner 1919 ebenda; eigentlich Richard Engländer) war ein österreichischer Schriftsteller. Sein Pseudonym wählte er nach dem Rufnamen „Peter“ seiner Jugendliebe Berta Lecher, die in Altenberg an der Donau (heute Ortsteil der Gemeinde St. Andrä-Wördern) wohnte.

Der gestohlene Mord ∑ Karel Capek – Eine Kurzgeschichte

Jakub Schikaneder - Murder in the House - 1890

trennlinie2Der gestohlene Mord

»Das erinnert mich an einen Fall«, sagte Herr Houdek, »der auch großartig durchdacht und wunderbar vorbereitet gewesen ist. Ich fürchte nur, daß Ihnen die Geschichte nicht gefallen wird, weil sie eigentlich kein Ende und keine rechte Lösung hat. Wenn ich anfange Sie zu langweilen, dann sagen Sie es mir nur, und ich höre sofort auf.

Wie Sie vielleicht wissen, wohne ich in der Krucemburggasse in den Weinbergen. Das ist eine dieser kurzen Quergassen, in denen es nicht einmal ein Wirtshaus gibt, keine Wäscherei, nicht einmal einen Kohlenhändler; dort geht man um zehn Uhr schlafen, ausgenommen jene Genießer, die das Radio aufdrehen und erst um elf ins Bett kriechen. Die Bevölkerung der Gegend besteht aus stillen Steuerträgern, Beamten bis zur siebenten Rangklasse, einigen Aquarienliebhabern, einem Zitherspieler, zwei Briefmarkensammlern, einem Vegetarianer, einem Spiritisten und einem Geschäftsreisenden, der selbstverständlich Theosoph ist. Den Rest machen die Quartiergeberinnen aus, bei denen die Obgenannten in ›sauberen, elegant eingerichteten Zimmern mit Frühstück‹ wohnen – so heißt es wenigstens in den Inseraten. Einmal in der Woche, am Donnerstag, pflegte der Theosoph erst um Mitternacht nach Hause zu kommen, dieser Abend gehörte irgendwelchen geistigen Exerzitien. An den Dienstagen hatten die Aquarianer ihre Vereinsversammlungen, an diesem Tag kamen sie ebenfalls erst gegen Mitternacht heim und stritten sich gewöhnlich noch unter der Laterne über Schleierschwänze und Lebendgebärende herum. Vor drei Jahren geschah es sogar, daß ein Betrunkener durch die Gasse kam. Man nimmt an, daß er aus Koschirsch war und sich nur zu uns verirrt hatte. Täglich aber um Viertel zwölf kam da ein Russe nach Hause, ein gewisser Kovalenko oder Kopytenko, ein eher kleiner Mann mit einem dünnen Bärtchen; er wohnte auf Nummer sieben bei Frau Jansky. Wovon der Russe lebte, wußte man nicht. Bis gegen fünf Uhr faulenzte er zu Hause, dann sah man ihn mit einer Aktentasche zur nächsten Straßenbahnhaltestelle gehen und in die Stadt hineinfahren. Punkt Viertel zwölf stieg er ebendort aus der Straßenbahn und bog in die Krucemberggasse ein. Später behauptete jemand zu wissen, daß der Russe die Zeit zwischen fünf und elf Uhr in einem Kaffeehaus verbringe, wo er mit anderen Russen herumstreite. Es gab aber auch Leute, die behaupteten, der Mann könne überhaupt kein Russe gewesen sein, weil Russen niemals so zeitig nach Hause gehen.Weiterlesen

Ambrose Bierce † Die karmesinrote Kerze † Eine Kurzgeschichte

Georges de La Tour - Hiob mit Frau und KerzeEin Mann an der Schwelle des Todes ruft seine Frau an seiner Bettseite und sagt:
»Ich bin dran Dich für immer zu verlassen; gib mir deshalb einen letzten Beweis deiner Zuneigung und Treue, ganz im Einklang unserer heiligen Religion, von einem verheirateten Mann, am Himmelstor Einlass suchend, wird der Schwur gefordert, sich mit keiner unwürdigen Frau befleckt zu haben. In meinem Schreibtisch wirst Du eine karmesinrote Kerze finden, die vom Hohepriester geweiht worden ist und die eine einmalige mystische Bedeutung hat. Schwöre, nicht wieder zu heiraten, so lange diese Kerze existiert.«

Die Frau schwor und der Mann starb. Zur Beerdigung stand die Frau am Kopfende des Verstorbenen, eine brennende karmesinrote Kerze haltend, bis diese verbrannt und hinweg war.

Zwölf ungerechte Richter – Ostfriesische Erzählung

Zwölf ungerechte Richter

Westfaelischer Friede inMuenster - Gerard Terborch 1648
Westfaelischer Friede inMuenster – Gerard Terborch 1648
trennlinie2In einem ostfriesischen Dorf ging einst der Küster um Mitternacht beim Mondenschein über den Kirchhof. Da hörte er in der Kirche einen Lärm, als würde dort eifrigst gekegelt. Eilends lief er zum Pastor und meldete seine Wahrnehmung. Der Pastor aber lachte ihn aus und schickte ihn weg. In der folgenden Nacht hatte der Küster wieder vor der Kirche zu tun und hörte den gleichen Lärm. Er berichtete es wieder dem Pastor. Dieser konnte nicht mitgehen, weil er sich unpäßlich fühlte, beauftragte aber den Küster, in der kommenden Nacht wieder hinzuhören. Am dritten Abend aber war um Mitternacht der Mond noch nicht aufgegangen, es blieb alles ruhig.

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Der trojanische Esel von Fröschlach – Albin Zollinger

Zeigt die großartigen Anstalten, die getroffen wurden, das trojanische Pferd auslaufen zu lassen, diesmal in Diensten nicht der Hellenen, sondern derer von Fröschlach, nicht am Marmarameer, nur bei Schattensee, mit Kriegern weniger als mit Golddublonen im Holzbauch, und ebenso sinnreich erfunden.

Tattoo einer Kuckuckuhr n weiblicher Flanke
Tattoo einer Kuckuckuhr n weiblicher Flanke

Universitätsstadt ist Fröschlach nie gewesen, auch nicht, wie schon behauptet wurde, in seiner Glanzzeit, von der wir die allein glaubwürdige Chronik schreiben. Einmal besaßen die Fröschlacher in hohem Maß jene Tugend, welche es vermeidet, die Gelehrsamkeit zum Nachteil des Glaubens zu überschätzen; sie mißtrauten recht eigentlich jedem, der nicht von der Arbeit lebte – er vermochte es denn aus Renten, wo sie freilich den Hut umso tiefer zogen – und Arbeit war Adams Arbeit, im Schweiße des Angesichtes. Auch der Pfarrer besaß seinen Hasenstall und den Kirchenhügel voll Reben, dem Bürgermeister zinste die halbe Gemeinde, der Schatzkanzler züchtete Stuten, und zwar eines maurischen Stammbaums, der Ratsschreiber trieb eine weitläufige Liebhaberei mit Gänsekielen, für die er die Rassen großzog. Fröschlach beschäftigte aber Magister – alle auch Bauern, die Fröschlacher hielten sie schmal genug – unter ihnen den Mann vom Rate, der die Eichhörner schlecht gemacht hatte, Nasenspitz mit Namen, ein Gelehrter von Weltruf und maßgeblich für Geschichte; seiner Kenntnis war das trojanische Roß zu verdanken.Weiterlesen

Edgar Allan Poe – Der entwendete Brief

Der entwendete Brief - Frederic Lix
Der entwendete Brief – Frederic Lix

Es war in Paris an einem stürmischen Herbstabend des Jahres 18 .. Ich saß im dritten Stockwerk des Hauses Nr. 33 der Rue Donot, Faubourg St. Germain, in dem nach hinten gelegenen Bibliothekzimmerchen bei meinem Freund August Dupin und gab mich dem zwiefachen Genuß des Nachdenkens und einer Meerschaumpfeife hin. Seit mindestens einer Stunde hatten wir beide kein Wort gesprochen. Ein zufälliger Beobachter hätte sicherlich geglaubt, wir seien einzig und allein damit beschäftigt, die kräuselnden Rauchwolken zu verfolgen, die in dichten Schwaden das Zimmer füllten. Indessen, was mich betraf, so sann ich dem Gesprächsstoff nach, mit dem wir uns zu einer früheren Stunde desselben Abends eifrig befaßt hatten; ich meine die Affäre aus der Rue Morgue und den geheimnisvollen Mordfall der Marie Rogêt. Es erschien mir daher als ein wunderbares Zusammentreffen, daß sich die Tür unseres Zimmers plötzlich öffnete und unser alter Bekannter, Herr G., der Polizeipräfekt von Paris, eintrat.Weiterlesen

Hermann Essig – Novelle

Zwei Brüder, Fettle und Jäckle, hatten eine Katze und einen Vater. Alles übrige war ihnen Wurst.
Den Vater konnten sie nicht ignorieren, weil er beiden die Arschprügel verabsolvierte.
Die Katze – es war ein junges Frühlingswetter, die Schneeglöckchen blühten zum erstenmal – lag wohlig gesonnt im Gartenweg vor einer Hecke, weiß und grau mit Rosalippe.
Eule-Illu
Die zwei Brüder spielten um einen Baum herum »Specht« mit zwei handfesten, gespitzten Prügeln. Sie warfen sie kreuzweise mit den Spitzen in die Erde. Wer des anderen Prügel dabei umwarf, durfte ihn zum Teufel schmeißen.Weiterlesen

Bjørnstjerne Bjørnson – Eine hässliche Kindheitserinnerung

Foto: Erwin Raupp - Kristiania 1908
Foto: Erwin Raupp – Kristiania 1908

…Ich entsinne mich noch deutlich, wie die Nachricht kam; es war, wie gesagt, an demselben Sonntagnachmittag, als sie am Vormittag ermordet worden war, mitten im schönsten Sommer, in vollem Sonnenschein und in voller Freude auf dem Hofe….

Ich mochte so ungefähr sieben Jahre alt sein, als sich eines Sonntagsnachmittags im Pfarrhofe das Gerücht verbreitete, zwei Männer hätten am gleichen Tage, da sie am Buggestrand in Eridfjord vorübergerudert waren, dicht über dem Meeresspiegel, halb liegend, halb hängend, ein Weib gefunden, das über einen steilen Fels hinabgestürzt war. Sie hatten sie nicht angerührt, bevor sie aus ihr herausgebracht hatten, wer es getan habe.Weiterlesen

Edgar Allan Poe – Vier Tiere in einem – Der Homo-Kamelopard

Der Homo-Kamelopard
Chacun a ses vertus.
Crébillon’s Xerxes

 Der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus ist seit Jahrhunderten das Wahr- und Hoheitszeichen Venedigs (Ausschnitt aus einem Gemälde von Vittore Carpaccio, 1516)

Der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus ist seit Jahrhunderten das Wahr- und Hoheitszeichen Venedigs (Ausschnitt aus einem Gemälde von Vittore Carpaccio, 1516)

Antiochus Epiphanes wird im allgemeinen als der Gog des Propheten Ezechiel betrachtet. Eigentlich gebührt aber dem Kambyses, dem Sohne des Cyrus, diese Ehre. Und in der Tat hat das Charakterbild des syrischen Monarchen in keiner Hinsicht irgendwelche fremden Verschönerungen notwendig. Seine Thronbesteigung oder, besser gesagt, der Gewaltakt, mit dem er, hunderteinundsiebzig Jahre vor Christi Geburt, die Herrschaft an sich riß, sein Versuch, den Tempel der Diana in Ephesus zu plündern, seine unnachsichtige Feindschaft gegen die Juden, seine Entweihung des heiligsten Heiligtums, sein elender Tod zu Taba nach einer wildbewegten Herrschaft von elf Jahren: all das sind so stark in die Augen fallende Umstände, daß sie von den Geschichtsschreibern seiner Zeit mehr in Betracht gezogen wurden als die gottlosen, feigen, grausamen, albernen und phantastischen Taten, die bei einer klaren Darstellung seines Privatlebens und deines Rufes nicht fehlen dürfen.

* * *

Stellen wir uns nun, teuerster Leser, vor, daß wir uns im Jahre Dreitausendachthundertdreißig befinden. Stellen wir uns für kurze Zeit weiter vor, daß wir uns in der allertollsten Stadt menschlichen Wohnens, im großen Antiochien befinden. Zwar gab es in Syrien und in andern Ländern sechzehn Städte desselben Namens, außer dem Antiochien, von dem wir hier sprechen. Aber unsrer Stadt ward allgemein der Name Antiochia Epidaphne beigelegt, da sie in der Nähe des kleinen Dorfes Daphne lag, wo der Tempel dieser Gottheit stand. Der Erbauer war Seleukus Nikator (obwohl allerdings darüber Meinungsverschiedenheiten bestehen), der erste König des Landes nach Alexander dem Großen; die Gründung wurde zum Gedächtnis seines Vaters Antiochus so genannt und wurde sogleich die Residenzstadt der syrischen Könige. In den blühenden Zeiten des römischen Kaiserreichs war sie gewohnheitsmäßig der Aufenthaltsort der Präfekten der orientalischen Provinzen. Viele von den Kaisern der weltbeherrschenden Stadt (unter denen wir ganz besonders Verus und Valens nennen wollen) verbrachten hier den größten Teil ihres Lebens. Aber siehe, wir sind ja schon in der Stadt selbst. Wir besteigen die Zinne dort und werfen einen Blick auf die Stadt und ihre Umgebung.

»Welch breiter und schnell dahinschießender Fluß bahnt sich vor unserm Auge in unzähligen Wasserfällen seinen Weg durch die Bergwildnis und zum Schluß durch das Chaos der Gebäudemassen?«

»Das ist der Orontes, außer dem Mittelmeer die einzige in Sicht liegende Wasserfläche, die gleich einem ungeheuren Spiegel sich etwa zwölf Meilen südwärts erstreckt. Jedermann hat wohl das Mittelmeer schon gesehen, aber wenige haben noch einen Blick auf Antiochia geworfen. Wenn ich von wenigen spreche, so meine ich, wenige von denen, die, gleich dir und mir, die Vorteile moderner Erziehung genossen haben. Höre also auf, nach jenem Meer hinzublicken, und wende deine ungeteilte Aufmerksamkeit dem Häusermeere zu, das sich uns zu Füßen ausbreitet. Aber vergiß bitte nicht, daß wir jetzt das Jahr Dreitausendachthundertdreißig schreiben. Wäre es später (ständen wir zum Beispiel im Jahre Achtzehnhundertfünfundvierzig), so würden wir auf den Genuß dieses außerordentlichen Anblickes verzichten müssen. Im neunzehnten Jahrhundert befindet sich Antiochia – das heißt, Antiochia wird sich befinden – in einem Zustand jammervollen Verfalles. Wir würden es durch drei, zu verschiedenen Zeiten stattgehabte Erdbeben vollständig zerstört finden. Das Wenige, was von der früheren Stadt noch übrig geblieben wäre, würde so zerstört und verwahrlost sein, daß der Patriarch seine Residenz nach Damaskus verlegt hätte. Also gut. Ich sehe, daß Sie meinen Rat befolgen und Ihre Zeit gut benützen, indem Sie sich gründlich umsehen und

… über die Reliquien

Und Ruhmeszeichen, die dort jene Stadt auszeichnen,

Die Augen schweifen lassen.

Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte vollkommen vergessen, daß Shakespeare erst in siebenhundert Jahren leben wird. Aber habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, daß Epidaphne grotesk sei?«

»Es ist wohl befestigt; Kunst und Natur wetteifern darin, es zu beschützen.«

»Das stimmt.«

»Eine überraschend große Anzahl stolzer Paläste zieren es.«

»Jawohl.«

»Und die zahlreichen prunkvollen und glänzenden Tempel können sich wohl mit den hervorragendsten des Altertums messen.«

»Auch dies muß ich zugeben. Immerhin gibt es hier eine Menge Lehmhütten und unsauberer Schuppen. In jedem Loch und in jeder Ecke bemerken wir Unrat, und wenn nicht die überall schwebenden Weihrauchwolken wären, so zweifle ich nicht, daß wir unter einem unausstehlichen Gestank zu leiden hätten. Haben sie jemals so unausstehlich enge Straßen, so unglaublich hohe Häuser gesehen? In welche Düsterkeit hüllen ihre Schatten alles! Man tut wohl daran, die Hängelampen in den endlosen Kolonnaden den ganzen Tag über brennen zu lassen, sonst würden wir hier die ägyptische Finsternis in ihrem schlimmsten Stadium haben.«

»Ein merkwürdiger Ort. Was soll jenes erstaunliche Gebäude dort drüben bedeuten? Sehen sie nur. Es überragt alle andern und liegt östlich jenes Bauwerks dort, das ich für den königlichen Palast halten möchte.«

»Das ist der neue Tempel der Sonne. Sie wird in Syrien unter dem Namen Elah Gabalah angebetet. Später wird ein sehr berühmter römischer Kaiser diesen Sonnendienst nach Rom bringen und daher seinen Beinamen Heliogabalus führen. Ich glaube, daß Sie gern einen Blick auf die in diesem Tempel herrschende Gottheit werfen würden. Sie brauchen Ihre Augen nicht zum Himmel zu erheben. Die Sonnenmajestät, wenigstens die von den Syriern verehrte, ist nicht dort. Diese Gottheit finden wir im Innern des Gebäudes. Sie wird in der Gestalt eines großen Steinpfeilers angebetet, der an seiner Spitze konisch oder als Pyramide endet, wodurch ›Feuer‹ angedeutet werden soll.«

»Hören Sie! – Sehen Sie! – Was können das für lächerliche Wesen sein, die dort halbnackt mit bemalten Gesichtern dem Pöbel zurufen und gestikulieren?«

»Einige von ihnen sind Charlatane, andre Philosophen. Die meisten jedoch und besonders diejenigen, die die Volksmenge mit Knüttelschlägen traktieren, sind die hervorragendsten Höflinge, die, wie es ihre Pflicht ist, irgendeinen lobenswerten Ulk, den sich der König ausgedacht hat, ausführen.«

»Aber was ist denn dort? Du lieber Gott! Die Stadt ist ja von wilden Tieren durchschwärmt. Welch fürchterliches Schauspiel. Welch eine gefährliche Sonderbarkeit.«

»Fürchterlich, wenn Sie so wollen, aber durchaus nicht gefährlich. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen, den Vorgang genau zu beobachten, so werden Sie bemerken, daß jedes Tier sehr ruhig unter der Aufsicht seines Herrn daherschreitet. Allerdings werden einige von den Tieren an der Leine geführt, aber das sind durchschnittlich die kleineren oder schüchternen Arten. Der Löwe, der Tiger und der Leopard sind vollkommen ungefesselt. Ohne Schwierigkeit sind sie zur Ausfüllung ihres gegenwärtigen Standes dressiert worden und dienen ihren Eigentümern sozusagen als Kammerdiener. Es ist wahr, mitunter bricht bei ihnen die unterdrückte Natur wieder durch – aber, du lieber Gott, das Verschlingen eines Kriegers, das Erwürgen eines geweihten Stieres sind Dinge von zu geringer Wichtigkeit, als daß man sich in Epidaphne besonders darum kümmern würde.«

»Aber was höre ich dort für einen unglaublichen Lärm? Das ist doch sogar für Antiochia ein überlautes Geräusch! Dort muß doch etwas Besonderes vorgehen.«

»Ja, sicherlich. Der König hat ein neues Schauspiel angeordnet, wohl irgendeinen Gladiatorenkampf im Hippodrom oder vielleicht die Abschlachtung der szythischen Gefangenen oder die Niederbrennung seines neuen Palastes oder die Niederreißung eines schönen Tempels oder schließlich ein mit einigen Judenleibern geschürtes Freudenfeuer. Immer größer wird der Lärm. Lachsalven steigen zum Himmel. Die Luft ertönt vom Schalle der Blasinstrumente und erschallt vom Geschrei aus hunderten von Kehlen. Wir wollen doch zu unserm Vergnügen ein wenig herabsteigen und sehen, was vorgeht. Hier hinüber bitte. Vorsicht. Wir sind hier in der Hauptstraße, die den Namen Timarchusstraße führt. Der Menschenstrom kommt von dieser Seite, und es würde uns schwer fallen, der Flut Widerstand zu leisten. Die Menge drängt sich durch die Heraklidenallee, die vom Palast hierher führt; daraus können wir schließen, daß der König wohl unter den Unruhestiftern ist. Freilich, ich höre die Rufe des Herolds, der sein Nahen in der blumenreichen Sprache des Orients verkündigt. Wir werden einen flüchtigen Blick auf ihn werfen können, wenn er am Ashi mahtempel vorüberkommt. Wir wollen die Vorhalle dieses Gebäudes betreten, um dort einen sicheren Platz zu haben. Der König wird gleich hier sein. Inzwischen betrachten wir diese Statue. Gott Ashimah ist es selbst. Sehen Sie, er ist weder als Lamm noch als Ziege noch als Satyr dargestellt. Und dem Pan der Arkadier gleicht er auch nicht. Trotzdem haben die Gelehrten späterer Zeiten sich den syrischen Ashimah in diesen Gestalten vorgestellt – das heißt: sie werden ihn sich so vorstellen. Augen auf! Wie stellt er sich Ihnen dar?«

»Hilf, Himmel! Das ist ein Affe!«

»Stimmt, ein Pavian; sein Name hängt mit dem lateinischen simia zusammen – was für Toren doch die Altertumsforscher sind. Doch sehen Sie, dort – dort eilt ein kleiner zerlumpter Schelm dahin. Wohin läuft er? Was ruft er aus? O! Er verkündet, daß der König festlich einherzieht, daß er sein Staatskleid angezogen hat, daß er eben mit eigener Hand tausend gefesselte israelitische Gefangene getötet hat. Für diese heroische Tat erhebt das Lumpenkerlchen ihn bis zum Himmel. Horch! Dort kommt eine Gruppe von Leuten derselben Sorte. Sie haben eine lateinische Hymne auf die Heldenhaftigkeit des Königs verfaßt und singen sie beim Dahinschreiten:

Mille, mille, mille,

Mille, mille, mille

Decollavimus, unus homo!

Mille, mille, mille, mille decollavimus!

Mille, mille, mille!

Vivat qui mille, mille occidit !

Tantum vini habet nemo,

Quantum fudit sanguinisi! [Fußnote]

Was etwa folgendermaßen zu übersehen ist:

Tausend, tausend, tausend,

Tausend, tausend, tausend

Von uns, durch einen Krieger, vernichtet!

Tausend, tausend, tausend, tausend,

Verkündet, daß tausend der Starke gerichtet!

Der König soll leben!

Die Feinde erbeben!

Ihm, der tausend kalt gemacht,

Ein Hoch dem Königssproß,

Der des Blutes mehr vergoß,

Als Syrien je an Wein gebracht!«

»Hören Sie die Trompetenfanfaren?«

»Ja, der König kommt. Sehen Sie! Das Volk ist außer sich vor Begeisterung, sie erheben ihre Augen verzückt gen Himmel. Er kommt, er naht! Da ist er!«

»Wer? Wo? Der König? Ich kann ihn nicht erblicken, – kann wirklich nicht behaupten, daß ich ihn sehe.«

»Dann müssen Sie blind sein.«

»Wohl möglich. Ich sehe aber wirklich nichts als eine tumultuarische Menge von Idioten und Irrsinnigen, die sich vor einer riesigen Giraffe in den Staub werfen und sich um eine Berührung ihrer Hufe bemühen. Sehen Sie. Eben hat die Bestie einen aus dem Schwarm niedergetreten – noch einen – und noch und noch einen. Ich muß das Tier tatsächlich wegen des geschickten Gebrauchs bewundern, den es von seinen Füßen macht.«

»Dieser Pöbelhaufe. Aber das sind ja die edlen, freien Bürger von Epidaphne! Bestie, sagten Sie? Nehmen Sie sich in acht, daß niemand dies Wort vernimmt. Sehen Sie nicht, daß das Tier ein Menschenantlitz trägt? Mein Lieber, dieser ›Kamelopard‹ ist niemand anders als Antiochus Epiphanes – Antiochus der Große, König von Syrien, der mächtigste aller orientalischen Autokraten. Es ist nicht zu leugnen, daß man ihn auch manchmal Antiochus Epimanes (Antiochus den Tollen) nennt, aber das liegt nur daran, daß nicht alle Menschen fähig sind, seinen Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man muß auch zugestehen, daß er sich augenblicklich in einer Tierhaut verbirgt und sich alle Mühe gibt, die Rolle eines Kameloparden zu spielen; aber das tut er nur, um seine Königswürde mehr zu betonen. Im übrigen ist der König von riesenhafter Gestalt, und darum ist für ihn diese Tracht weder zu groß noch unvorteilhaft. So können wir uns also darauf verlassen, daß er sie nur angenommen hat, um bei einer besonderen Gelegenheit außergewöhnlich prunkvoll aufzutreten. Sie werden doch zugeben, daß die Niedermetzelung von tausend Juden ein würdiger Anlaß dazu ist. Wie hoheitsvoll und würdig wandelt der Monarch auf allen vieren dahin! Sie bemerken, daß seine zwei Lieblingskonkubinen, Elline und Argelais, seinen Schwanz hoch halten. Seine ganze Erscheinung wäre unendlich einnehmend, wenn nicht die Augen so aus dem Kopfe hervorquellen würden und das Gesicht nicht eine so unbeschreiblich widerliche Farbe zeigte – eine Folge des im Übermaß genossenen Weines. Wir wollen ihm zum Hippodrom folgen und dem Triumphgesang lauschen, den er anstimmt:

Wer herrscht außer Epiphanes?

Sagt es mir doch.

Wer herrscht außer Epiphanes?

Hurra! Hoch!

Keiner außer Epiphanes

Im Weltenhaus!

So reißt die Tempel nieder,

Und löscht die Sonne aus!

Schön und wacker gesungen. Die Volksmenge ruft ihm ›Fürst der Dichter‹ ›Ruhm des Ostens‹, ›Wonne des Weltalls‹, ›wunderherrlichster Kamelopard‹ zu. Sie haben nach einer Wiederholung seines Gesanges verlangt, und – hören Sie? er singt ihn noch einmal. Sobald er am Hippodrom angelangt sein wird, wird man ihn mit dem Dichterkranz schmücken, dem Vorläufer des Kranzes, der ihn nach seinem Siege bei den nächsten olympischen Spielen schmücken wird.«

»Aber, beim Zeus, was ist denn in der Menge hinter uns für eine Bewegung?«

»Hinter uns, sagten Sie? O ja! Ich sehe. Es ist gut, mein Freund, daß Sie mich beizeiten darauf aufmerksam machten. Lassen Sie uns schnell ein Planchen gewinnen, wo wir uns in Sicherheit befinden. Verstecken wir uns hier im Bogen dieses Aquädukts, und ich will Sie dort gleich über die Ursache dieser Verwirrung aufklären. Es ist genau so gekommen, wie ich voraussah. Die seltsame Erscheinung der Giraffe mit dem Menschenkopf hat, wie es scheint, das Anstandsgefühl der in der Stadt gezähmten wilden Tiere beleidigt. Die Folge ist ein Aufruhr; und, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ist Menschenmacht nicht imstande, die aufständische Menge zu beruhigen. Schon sind mehrere Syrier zerrissen, aber die allgemeine Stimmung scheint bei den vierfüßigen Patrioten dahin zu gehen, die Giraffe aufzuspeisen. Der ›Fürst der Dichter‹ hat sich daher, um sein Leben zu retten, auf seine Hinterfüße erhoben. Seine Höflinge haben ihn im Stiche gelassen, seine Konkubinen sind diesem edlen Beispiele gefolgt. Dein Zustand ist traurig, ›Wonne des Weltalls‹. Du bist in Gefahr, zerfleischt zu werden, ›Ruhm des Ostens‹. Darum sieh nicht so jammervoll nach deinem Schwanze, er wird ja doch unzweifelhaft durch den Kot gezogen werden, dagegen gibt es nun kein Mittel. Sieh dich nicht um und bekümmere dich nicht um seine unvermeidbare Erniedrigung. Faß dir ein Herz, setze kräftig deine Beine in Bewegung, und fort zum Hippodrom. Vergiß nicht, daß du Antiochus Epiphanes – Antiochus der Große bist und außerdem ›Fürst der Dichter‹, ›Ruhm des Ostens‹, ›Wonne des Weltalls‹, ›der wunderherrlichste Kamelopard‹. Himmel, welche Schnelligkeit du entwickelst. Welche Vollendung in der Kunst des Ausreißens. Gib Fersengeld, Fürst! – Bravo, Epiphanes! – Herrlich hinausgeführt, Giraffe! – Ruhmvoller Antiochus. Er rennt, er springt, er fliegt! Gleich einem vom Katapult geschleuderten Pfeile saust er dem Hippodrom zu! Ein letzter Satz! Ein Schrei! Es ist erreicht! Ein Glück für dich,d^enn hättest du, o ›Ruhm des Ostens‹, auch nur eine halbe Sekunde später die Pforten des Amphitheaters erreicht, so wäre in ganz Epidaphne auch nicht ein Bärenbengel gewesen, der sich nicht ein Mäulchen voll von deinem Kadaver geleistet hätte. Nun aber vorwärts! Wir wollen das Feld räumen, denn unsere empfindlichen modernen Ohren sind außerstande, das lärmende Tosen zu ertragen, das sogleich die Jubelfeier der Königsbefreiung einleiten wird! Horch! Schon beginnt der Lärm. Sehen Sie, die ganze Stadt ist drüber und drunter.«

»Epidaphne scheint wahrlich die volksreichste Stadt des Ostens zu sein! Welch ein Menschengewimmel! Welch ein Wirrwarr von allen Ständen und Altersklassen! Welche unzähligen Völker und Sekten! Welche Verschiedenheit in den Trachten! Was für ein babylonisches Sprachgewirr! Und dies Tiergebrüll! Dies Durcheinanderklingen von Instrumenten! Welch ein Haufe von Philosophen!«

»Nun aber fort!«

»Noch einen kurzen Augenblick! Ich höre dort im Hippodrom wilden Lärm, was kann denn dies schon wieder bedeuten?«

»Nichts Besonderes! Die edlen und freien Bürger Epidaphnes, die, wie sie behaupten, so sehr mit der Treue, dem Mut, der Weisheit, der Göttlichkeit ihres Königs zufrieden sind und überdies soeben Augenzeugen seiner übermenschlichen Behendigkeit waren, halten es für ihre Pflicht, zum mindesten die königliche Stirn des Herrschers neben der Dichterkrone auch noch mit dem Siegeskranz, dem Preis im Wettlauf, zu schmücken. Diese Auszeichnung muß ihm ja doch bei den nächsten olympischen Spielen zufallen, und so wird sie ihm schon heute in sicherer Voraussicht zukünftigen Sieges überreicht.«

Ilse Frapan: Was der Alltag dichtet – Dort oben [Die Welt aus der Sicht des Kindes]

Gabriele Münter - Kind mit Katzen
Gabriele Münter – Kind mit Katzen

Ja, Kinder, das ist wohl so, das glaub‘ ich selbst – selten kommt das vor, und es ist vielleicht gut, daß es so selten vorkommt. Denn wonach wir doch meist alle trachten – häusliches Glück in Familie – das ist nicht damit vermacht, weit entfernt! Nein, wenn das so ist, denn ist das wie ein tiefes Wasser, was ganz aus dem alleruntersten Grund kommt, und das wühlt und gräbt an den Hausmauern und ruht nicht, bis das Haus einstürzt. Und ob das das Rechte ist, da läßt sich wohl sehr darüber streiten, denn was hilft mir das, wenn nachher alles vorbei und hin ist? Und ich komme auf den Trümmern zu sitzen und kann da wimmern?

»Bloß, daß so was vorkommt, sollt Ihr mir nicht abstreiten und gar so weit wegwerfen, Kinder, daß Ihr nicht mal mehr an Romeo und Julie glaubt. Ach, wie ist das doch traurig, daß Ihr nicht mehr an Romeo und Julie glaubt! Ist denn alles bloß Geld und wieder Geld, und sonst heißt es: guten Tag und guten Weg? Ach, Kinder, dann mag ich gar nicht mehr bei Euch sein. Dann packt man Eure alte Großmutter so schnell wie möglich unter die Erde. Da sind dann doch alle die, die aus meiner Zeit stammen, nicht so klug wie Ihr, Kinder, Ihr steckt uns ja wohl schon lange in die Tasche, aber ’n bißchen – na ich will Euch nichts Unangenehmes sagen. Eure alte Großmutter ist die letzte, die mit Spitzen um sich wirft, wie – aha, Martha ist auch da – na, dann habe ich nichts gesagt. Aber um ein Theil bitt‘ ich Euch – fangt nicht an mit ’sentimental‘. Das Wort gefällt mir nicht, denn das wird jetzt durch die Bank auf alle angewendet, die was anderes im Kopf haben als Geldverdienen. Ach ja, wenn ich mir so alles überlege, dann will ich man lieber meine Zunge sparen, als Euch etwas erzählen. Was kann Euch ’n alte Großmutter viel überzeugen, wenn Ihr so ‚m Mann wie Shakespeare nicht mehr glauben wollt. Meine kleine Geschichte, und was ich überhaupt erzählen kann – ja, nun sagt Ihr wieder, ich erzähl‘ hübsch! Kinder, Kinder, Ihr könnt einem wirklich Ohren ansetzen, Ihr seid lose Gäste, und herum- kriegen thut Ihr mich doch jedesmal. Gott ja, wenn ich so denke – Onkel Christian wollt‘ auch immer gern erzählen, aber er hatte ’n Stock- schnupfen, – den habe ich doch nu wenigstens nicht. – Ob ich selbst mitgespielt hab‘ in der Geschichte? Ja und nein. Die das am meisten anging, war ich nicht, natürlich, aber nahen Antheil hab‘ ich genommen, denn Lottchen Tormöhlen war meine Freundin von Kind auf. Meine Mutter und ich, wir haben manche Thräne darum vergossen, noch in der Erinnerung.

Nun ist das lange her, und ich muß sagen, ich wäre vielleicht auf die ganze Geschichte nicht gekommen, heute gerade, wenn ich nicht die zwei Fenster mit den holländischen Tulpen gesehen hätte im Vorbeigehen. Kinder, ich sag‘ Euch, so was von Tulpen ist mir seit fünfzig Jahren nicht unter die Augen gekommen. Kleine altmodische Fenster, wißt Ihr, und dahinter standen sie, roth gestreift und goldgelb und dunkellila, wie prachtvolle schwere große Glocken auf dünnen Stielen. Es war, als nickten sie mir zu, weit her aus alter alter Zeit, wie gute Bekannte. Tulpen, wie auf meinem echten Meißner Service, Kinder, nicht solche steife dumme kleine Kröten, wie sie Neujahr in den Blumenläden haben. Und wie ich das halboffene Fenster sah mit den kleinen Scheiben, und die Tulpen alle, so hoch, bis an das erste Querholz, und ein eckiges geblümtes Bleikissen, auch ganz altmodisch, zwischen den Töpfen, und darauf ein goldener Fingerhut und eine kleine Stickschere, – ich sag‘ Euch, ich blieb stehen und guckte und guckte. Denn dahinter sollte nu von Rechts wegen Lottchen sitzen, mit ihren langen rothlichblonden Locken um das zarte Gesicht, und den Faden aufziehen, wie ich das so oft gesehen habe. Und so benommen war ich den Augenblick, daß ich die Hand ausstreckte und ruf‘: »Lottchen!« Und merk‘ nicht, daß ich ja Wohl ’nem Eckensteher ins Gesicht gefahren bin, und miteins ei’t mich der Kerl über und sagt: ›goo’n Dag, min ole Seel!‹ So was kann man erleben am hellen Nachmittag in der Görttwiete um vier! Nun könnt Ihr sehen, was Erinnerungen sind. Sie thun einem ja oftmals weh, und doch – ohne sie – nee, da wär‘ ich ja nicht mal so viel wie Drolli, unterm Sopha! Komm, mein Drolli, und gib Fuß, und guck mich mal an mit Deinen schönen treuen Augen! Da stehen auch Bilder drin von welchen, die schon damit durch sind, nicht, mein Drolli?

Ilse Frapan, eigentlich Elise Therese Ilse Levien (ab 1901 auch Pseudonym Ilse Akunian) (* 3. Februar 1849 in Hamburg; † 2. Dezember 1908 in Genf)
Ilse Frapan, eigentlich Elise Therese Ilse Levien (ab 1901 auch Pseudonym Ilse Akunian) (* 3. Februar 1849 in Hamburg; † 2. Dezember 1908 in Genf)

Lottchen ist schon lange damit durch, mein Gott, wie lange! Und wie ich so jung war, wie sie, da meinte ich doch, ich könnt‘ nicht einen Tag ohne sie sein. Wir waren zusammen bei Line Henner in die Schule gegangen, und ich weiß noch ganz gut, wie wir bekannt geworden sind, so als Gören. ›Lottchen Tormöhlen, wie heißt die Waschfrau auf französisch?‹›Die Waschfrau? La vache!‹ ›Lottchen Tormöhlen, Du bist selbst eine vache! Und Deine Uebersetzung – wie die wieder geschrieben ist! In der Frühstücksstunde gehst Du zu Line Henner und fragst sie, was sie zu solchem Geschmier sagt.‹ In der Frühstücksstunde steckt sich miteins eine Hand in meine – ich hatte beinah nie mit Lottchen gesprochen – und neben mir schluchzt etwas in mein Ohr: ›Bitte, geh‘ mit mir zu Line Henner.‹ Also wir gehen zusammen, und ich klopf an die Thür und sag‘ zu Lottchen: ›Nu plör [Fußnote] doch nich immerlos,‹ da kommt uns Line Henner entgegen und brummt: ›Na, schon wieder eine Sünderin? Was hast Du mir zu sagen, kleine Tormöhlen?‹ Da stellt sich mein Lottchen hin und schlägt ihr Heft auf und spricht ganz klar und deutlich: ›Ich sollte Dich fragen, was Du zu solchem Geschmier sagst!‹ Und was thut da meine gute Line? Sie nimmt Lottchen in den Arm und küßt sie und sagt: ›Pluckus bist Du ja nun schon – tiefer kannst Du also nicht rutschen – dann geh‘ mit Gott!‹ – Ach Kinder, nein, ein großes Licht in den Schulfächern ist mein Lottchen grade nicht gewesen, aber glaubt nur ja und ja nicht, daß sie dumm war. Es gibt Mädchen und Frauen, die nie etwas Unzartes oder Taktloses oder Uebereiltes über die Lippen bringen können, und wenn sie Einem: Guten Morgen sagen und daß es nun bald Frühling wird, dann meint man wunder, was das für eine seine Bemerkung gewesen ist. Sie sagte wohl überhaupt nicht viel, nur ein einziges Mal erzählte sie, noch als Schulkind, eine lange Geschichte, von ihrer Mutter, wie die jeden Abend kommt und sie küßt und nicht duldet, daß Jemand sie schilt oder schlägt, und wie sie immer ein blauseidenes Kleid mit ’ner langen Schleppe anhätte. Und denkt mal an, das war alles nicht wahr; ihre Mutter war gestorben, eh‘ Lottchen sprechen konnte. Aber darum müßt ihr nun nicht denken, Lottchen hätt‘ es mit der Wahrheit nicht genau genommen. An dem ist es durchaus nicht; sie konnte auch später nie vertragen, daß man von der Geschichte anfing. Solchen rothen Kopf und Thränen – das regnete nur so, aber das hing wohl mit ihrem zarten Körper zusammen. Wenn man ihr barsch kam, zitterte sie wie ein Blatt am Baum. ›Du willst ’n Hamburger Deern sein?‹ sagte ihr, Vater manchmal, wenn er sie g’rade angepaut [Fußnote] hatte. Gott, Kinder, der Mann war auch nicht auf Rosen gebettet; vier Kinder und keine Frau, und dabei jeden Tag schlechter sehen und doch seinem Geschäft vorstehen müssen, was langsam dem Ruin entgegenging. Lottchen sollte dann manchesmal mitrechnen – aber nein, in dem Fach war sie nun wirklich ›dumm wie ’n Strumpf‹; so sagte nämlich immer unser Rechenlehrer, Herr Balske, zu ihr, – er hatte eine ganze Reihe von solchen Wörtern und war gerade mit Lauchen oft so ausdrücklich – das arme Gör! Ich weiß noch, wie sie einmal krank war und phantasirte und sagte immerlos: »Hast keine Augen? Setz‘ drei Brillen auf, und nimm unter jeden Arm ’ne Katze, daß Du sehen kannst! Hast wohl Tinte getrunken? Steck Deine Fahne ein! Ein Schaf und ein Schaf – wieviel Beine? Weißt es? Unglaublich! Na ja, ’n blindes Huhn findet auch mal ’n Korn! Ist das Deine Hausnummer?‹ Ich mußte lachen, wie ich an ihrem Bett saß, denn sie machte zu Herrn Balskes Redensarten auch seine quäkige Stimme nach; es ging ihr alles zu tief, so’n Lehrer weiß manchmal wenig, was ’n sogenanntes dummes Kind in seinem kleinen Herzen aussteht. Keine Minute sah Lottchen gleich aus, immer roth und blaß abwechselnd, nie wieder Hab‘ ich so etwas gesehen. Mein Bruder verglich sie mal mit einem Vergißmeinnicht, aber nein – das paßte nicht ganz. Ihre Augen waren geradezu veilchenblau und dabei tief und glanzlos, und ihre Locken knisterten, wenn man darüberstrich, wie von verborgenen Funken. Wenn sie Einem die Hand gab, das fühlte man ordentlich, und wenn sie Einen heftig umarmte, konnte sie Einen beinahe umwerfen. Sie war bei der Konfirmation einen Kopf größer als ich, und ich bin doch ganz nette Mittelgröße, nicht? Und die Taille so, und solchen Hals, wie ’n Lilienstengel. Aber sie hielt sich ’n bißchen hängig, weil sie so aufgeschossen war, und gewöhnlich lehnte sie sich wo gegen, an die Thür oder an ’n Baum im Garten, oder, wenn ich da war, an mich. Meine Mutter schüttelte oft den Kopf darüber: ›Gerade halten! ’n junges Mädchen, die muß immer sitzen, als hätte sie ’ne Elle übergeschluckt.‹ Mutter hatte wohl Recht, aber Lottchen stand doch alles, sie war so graziös bei ihrer Länge, und das ist gar nicht oft zu finden. Ich sehe sie immer noch, wie sie mit ihrem alten Großvater Arm in Arm ging, beide mit großen Bouquetten Zyreen, [Fußnote] die sie sich im botanischen Garten für gute Worte geholt hatten. Das war merkwürdig mit dem siebzigjährigen Mann; der hing wie ein Kind an dem Mädchen, er war nämlich nicht mehr ganz bei sich, und Lottchen sorgte für ihn wie eine Mutter, schnitt ihm das Fleisch, zog ihn an und aus und führte ihn an die Luft, so oft schön Wetter war. Gewöhnlich war er stillzufrieden und träumte so vor sich hin, aber mitunter hatte er Touren, wo er ganz eklig war und schimpfte, und das denn meistens auf der Straße, so daß es zwei- bis drei Mal ordentlich einen Auflauf gab.›Nein, Lottchen, das muß ich sagen, Du verdienst Dir ’n Gotteslohn an dem Alten; ich ging nicht mit ihm los!‹ meinte Tante Hannchen oft. Aber Lottchen sagte dann nur: ›Es macht nichts, ich thu‘ es gern,‹ und dabei wurde sie roth, als habe sie die größte Sünde gebeichtet. – Natürlich, zu Hause hatte sie auch nicht viel Freude. Ihr Vater wurde von Jahr zu Jahr grilliger, und es war beinahe kein Umkommen [Fußnote] mit ihm. Er war erst Kaufmann, dann Detaillist in Manufakturwaaren, dann Stadtreisender gewesen, zuletzt versuchte er sein Heil mit einem Holländischwaarengeschäft. So hatte mir Lottchen geschrieben. Ich war nämlich ein Paar Jahre weg, erst bei Tante Pastoren in Tondern und nachher auf dem Gut meiner Schwiegereltern, aber daran hatte ich damals noch keinen halben Gedanken, daß die mal meine Schwiegereltern würden. Allmächtiger Gott, den Schreck, als ich das erste Mal wieder zu Lottchen kam! ’ne kleine Bude, dunkel und niedrig und feucht – statt ‚en Ausbaues [Fußnote] nur so ’n kleiner Glaskasten mit Nadeln und Band und Zwirn – über der Toonbank ’n qualmiger Thrankrüsel [Fußnote] – das war der Holländischwaarenladen! Und da saß sie mitten in und stickte seine Battisttücher bei dem alten Thrankrüsel in dem Kröpelladen, und ihr Vater, was ’n großer, korpulenter Mann war, machte gerade Strickbaumwolle in Docken. [Fußnote] Und dabei stöhnte er, daß man es schon draußen hören konnte: ›Das geht ebensowenig gut! Damit werd‘ ich auch nichts! Du sollst das erleben, morgen sitzen wir auf der Straße. Mit ’n witten Rock un en witten Stock [Fußnote] war ick hier rut gahn. Aber das sag‘ ich Dir, denn mach‘ ich ’n Ende, was soll ich mich auf meine alten Tage noch so abmaracken und mit Gott und der Welt abkatzbalgen? Wozu denn? Bloß für Euch? Nee, das hab‘ ich dick!‹

Wie ich hineinkam, war er ganz freundlich, ging aber bald weg. Da sag‘ ich: ›Lottchen, Lottchen, das ist kein Mannsgeschäft, warum hat Vater sich auf so ‚was eingelassen?‹ ›Ja, erst wollt‘ Vater ’ne Bierwirthschaft anfangen –‹ ich schrie laut auf, sie guckte mich an und lächelte, aber ihre Augen waren sonderbar. Sie hatte oft so ’n bißchen was Abwesendes. ›Lottchen,‹ sag‘ ich und fass sie um, ›wo ist Dein Bruder Heinrich?‹ ›Wo die zwei andern sind, in Amerika‹, und wieder lächelt sie so merkwürdig. ›Ich denk recht, er wollt‘ Deinem Vater im Geschäft beistehen?‹ ›Ja, aber wie Vater nun ist – sie haben die letzten drei Monate kein Wort mehr miteinander getheilt.‹ ›Arme Seele! Und Du immer da mitten zwischen!‹ ›Es macht nichts!‹ flüsterte sie, und nun lächelte sie wirklich. Auf einmal – ich hatte sie so im Arm – fliegt sie zusammen und guckt nach dem Fenster und wird roth, aber ihr Gesicht sieht aus, als guckt sie in den offenen Himmel. ›Das war er,‹ und sie drückt sich fester in meinen Arm. ›Wer, Lottchen? Vater?‹ Natürlich wußt‘ ich recht gut, daß sie nicht von ihrem Vater sprach, so dumm war ich nicht, aber ich stellte mich so an. Lottchen gab keine Antwort. Ich wurde ein bißchen pikirt: ›Wer ist er?‹ ›Er geht hier immer vorbei.‹ ›Mein Gott, wie heißt er denn, Lottchen?‹ ›Das weiß ich nicht.‹ ›Lottchen, wie kann’s angehen? Lottchen, ist das freundschaftlich, mir kein Wort anzuvertrauen?‹ ›Ulrike, was ich Dir sage; es ist nichts anzuvertrauen.‹ ›Aber warum sagt er denn seinen Namen nicht, Lottchen?‹ ›Ich hab‘ ihn nicht danach gefragt.‹ ›Was habt ihr denn sonst miteinander gesprochen?‹ ›Nichts!‹ ›Wieso nichts? Ja, was ist das denn überhaupt für ’n verrückter Kram?‹ Darauf gab sie wieder keine Antwort, aber ich sah nun, daß in ihr Gesicht ein ganz schwärmerischer, verklärter Ausdruck gekommen war, den sie früher nicht gehabt hatte, und der es wunderbar verschönte, ›Lottchen, wie sieht er denn aus?‹ Ihr Lächeln antwortete: ›wie ein Engel,‹ ihr Mund blieb stumm, ›Lottchen, was soll denn daraus werden?« Da seufzte sie, daß es mir durch und durch ging: ›Ich weiß es nicht.‹ ›Lottchen, möchtest Du den nun wohl heirathen?‹ Ja, Kinder, ich bin immer auch mit für das Praktische gewesen, und darum mußt‘ ich danach fragen, es kam mir ganz von selbst in den Mund. Aber Lottchen fuhr zusammen und sah sich scheu um: ›Ulrike, ich weiß gar nicht, wie man überhaupt an so was denken kann.‹ ›O, das ist wohl keine Sünde, wenn man zwanzig Jahr alt ist; da denken schon jüngere daran! Was willst Du denn sonst von ihm?‹ Da fing sie nun bitterlich an zu weinen und sagte mir ins Ohr, nichts wollte sie von ihm, gar nichts, nur ihn jeden Tag vier Mal vorbeigehen sehen, und wenn sie das mal nicht mehr könnte, dann müßte sie sterben. ›Lottchen,‹ sag‘ ich, ›sei nicht so blümerant, von so was stirbt man nicht, das wird einem von selbst überdrüssig, paß‘ man auf.‹ – Kinder, ich sag‘ Euch bloß ein Theil: es ist nichts schwerer, als beurtheilen, wie einem anderen Menschen zu Sinn ist. Man kann da nicht reinkriechen, man kann keinem andern ins Herz sehen. Ich meinte neulich mal, als ich von dieser neuen Art von Strahlen hörte – von dem Professor – wie heißt er man noch? – das wäre so ‚was für Leute, die gern Menschenkenner werden wollen, daß man damit, sozusagen, die Gedanken photographiren könnte. Aber nun ist das wieder nichts; lacht man nicht, es wäre doch sehr angenehm gewesen! Na, mit der Zeit kriegte ich den Bewußten doch auch mal zu sehen. Nicht, daß Lottchen ihn mir gezeigt hätte, aber wie wir mal nach ‚m St. Georger Tivoli gingen, wurden wir von einem jungen Mann gegrüßt. ›Na, Lottchen, das war er, nicht? Brauchst nicht zu antworten, ich hab‘ es schon gesehen! Hör‘ mal, etwas ist mir aufgefallen – der sieht Dir ja sprechend ähnlich! Dieselben Augen, dieselbe Gesichtsfarbe, – ihr wurdet alle beide ganz gleich puterroth, – dieselbe Größe, und ebenso hängig geht er wie Du; das ist merkwürdig.‹ Lottchen wollt‘ es nicht wahr haben. ›Ach, wie kannst Du ihn mit mir vergleichen? Er ist ja so schön!‹ – Kinder, der Tivolibesuch, das war ’n denkwürdiger Tag, das war den 4. Mai 1842, und ahnungslos und voll von unseren Herzensgeschichten, – ich hatte nämlich auch eine, aber mit mehr Boden untern Füßen, wie ich damals meinte – zogen wir hinaus nach St. Georg, suchten uns erst mal ’n guten Platz, legten Vaters großen, grünen Regenschirm auf zwei andere Stühle neben uns, denn Vater und Mutter wollten nachkommen, und gingen dann noch ’n bißchen im Garten an das Eichhörnchenbauer, worin das arme kleine Vieh wie unklug über ’ne hölzerne Rolle hüpfte. Warum sie bei den Sommertheatern immer Eichhörnchen und Affen haben, weiß ich nicht, aber es ist so, bis auf den heutigen Tag. Das Wetter war ganz komisch das Frühjahr, es hatte ja wohl gute vier Wochen nicht geregnet; und doch – alles schon grün, und Goldlack und Narcissen in Blüthe, ein Duft! Ich weiß noch, wie wir uns über die großen Aurikeln freuten auf dem Steinberg neben dem Eichhörnchen, und wie wir die ganze Zeit den Sonnenschirm offen haben mußten, denn ein verrückter Kerl, den wir in kleinen Rollen auf der Bühne gesehen hatten, schwärmte immer um uns herum wie die Hummel um die Kirschblüthen; er hieß Buterweck und hatte eine schrecklich hohe Angströhre auf seinem großen Kopf. Ich kann es Herrn Buterweck heute nicht verdenken, daß Lottchen ihm in die Augen gestochen hatte, denn sie hatte wirklich etwas an sich, ich weiß nicht, was es war, aber bei ihr sah man, sozusagen, das Innerste durch das Aeußere durchschimmern, ihre Seele mein‘ ich und jede Stimmung; sie war nicht aus Holz oder Stein oder Pappe, wie die anderen Menschen, sondern so, wie aus feinem, dünnem Porzellan, halb durchsichtig. Dabei hatte sie noch die Gabe, sich niedlich zu machen, hatte auch großes Vergnügen daran. Sie konnte stundenlang verschiedene Kleider anprobiren und sich vor dem Spiegel herumdrehen, ganz ernsthaft, wie bei der wichtigsten Sache; das war so ihre schwache Seite. Na, Gott, wir haben ja alle unsere Fehler, und Lottchen war so bescheiden im Wesen, – das bißchen Eitelkeit stand ihr so gut, wie alles übrige. Den Tag war sie in hellblauem Barege mit weißen Tüllärmeln und zwanzig kleinen Volants, – da konnte sie die Nacht bei sitzen, wenn sie so was zu nähen vorhatte!

Ach, Kinder, unser Tivoli, was war das doch für ’n Vergnügen! So was Gemüthliches, wie diese Sommernachmittage, wo man schon um zwei, halb drei nach St. Georg hinauszog, daß man auch ’n guten Platz kriegte, hab‘ ich nie wieder erlebt. Die Abonnenten, Direktor, Schauspieler, Garderobenfrauen, Kellner – alle kannte man bei Namen, und sogar die Kegeljungens – denn vor der Vorstellung wurde auch Kegel gespielt! Wir hatten ’n kleinen süßen Hund damals, chokoladenbraun, mit Beinen, nicht dicker als mein Finger, den nahm Mutter regelmäßig mit und hielt ihn auf dem Schoß hinter ‚m Fächer, – den Ami kannten auch alle und erkundigten sich jedes Mal nach seinem Befinden. Und manchmal, wenn Mutter recht viel rothe Grütze gekocht hatte, kriegten die Schauspieler ’n paar Kummen voll ab, die mußte Trina ihnen hintragen. Und sie spielten wirklich sehr gut. Ich hab‘ später ja große Künstler gesehen, die Wolter und Sonnenthal, aber so recht von Herzen amüsirt hab‘ ich mich nur im alten Steinstraßentheater und in dem bescheidenen Tivoli. Die Beleuchtung war ja mangelhaft, und wenn es regnete, dann mußte man mit ‚m Schirm sitzen, aber das sind wir, als Hamburger, ja gewohnt und denken uns da nicht viel bei. Dafür spielten sie aber auch den ›Verschwender‹, ›das Fest der Handwerker‹ und ›die Kunst, geliebt zu werden‹, und in den Zwischenakten konnte man Hechner [Fußnote] oder Mamsell A… im Garten begegnen und ihnen die Hand drücken für ihre schöne Leistung. Das waren alles seßhafte, bürgerliche Leute, und ihr Benefiz jedesmal ein großes familiäres Fest. So was laß ich mir gefallen!

Den Abend gaben sie: ›Eine Nacht auf Wache‹, von David; ich weiß nicht, warum sie das jetzt nie mehr geben, das war witzig und aus dem Leben und Vaters Lieblingsstück.

Im zweiten Aufzug seh‘ ich mich so zufällig um und – ›Lottchen‹, sag‘ ich, ›weißt‘, wer in der dritten Reihe hinter uns sitzt? Erschreck Dich doch nicht so; er guckt gar nicht her, er weiß wohl nicht mal, daß wir hier sind‹. Aber Lottchen war so aufgeregt, daß sie kaum athmen konnte, das keuchte nur so. ›Lottchen, sieh Dich mal um, er ist eben ganz roth geworden.‹ ›Ulrike, wie könnt ich wohl so was thun? Sitz doch still.‹ ›Meine Güte, Lottchen, wenn er eben so ’n schüchterner Jüngling ist wie Du, was soll denn einmal daraus werden?‹ Die Antwort gaben die nächsten Tage, Lottchen wußte keine. ›Lottchen, was hat er denn für ’n Geschäft?‹ ›Postbeamter.‹ ›Verdient er denn ordentlich was? Hat er sein Brot?‹ ›Wie kann ich das wissen!‹ Ach, Kinder, ich hätt‘ ihr nun so gern ’ne ordentliche Partie gegönnt, wenigstens mit gutem Auskommen, nach all dem Hunger und Kummer, dem sie bei ihrem Vater entgegenging. Sie hatte so was ›Unbedarwtes‹, immer, als wenn man sie in ’n Arm nehmen müßte. Und nun so ’n kleiner Postbeamter mit ‚m abgeschabten Rock! ’n süßer Jung‘ bist du wohl mit deinen dunklen Augen und deiner weißen Stirn, dacht‘ ich so bei mir, aber mein Lottchen laß man gern zufrieden. Es wär‘ vielleicht auch besser gewesen!

Nun kam das Feuer. Das heißt, im Tivoli natürlich nicht; warm und sternenklar und still war es, wie wir uns vor Lottchens Hausthür gute Nacht sagten. Aber nach Mitternacht fing es an. Kinder, davon macht Ihr Euch keinen Begriff, aber ich hab‘ die schrecklichen Tage mit durchgemacht, ich hab‘ den Nikolaithurm fallen sehen, – nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, kann ich ohne Thränen daran denken. Man vermuthete sich ja zuerst nichts Besonderes. Ich war so müde geworden von der beklommenen trockenen Frühjahrsluft, daß ich erst aufwachte, als es fünfundzwanzig anzog. Wir wohnten damals am Mönkedamm, das ist ja nicht weit von der Deichstraße. Nu fingen auch meine Brüder an zu sprechen: ›Siegmund, da ist Feuer, hörst Du? Es muß schlimm sein, ich hab‘ alle sechsundzwanzig gezählt! Ich werd wohl hin müssen, – da, nu läuten sie die Sturmglocke, das muß ’n schreckliches Feuer sein.‹ Mein Bruder zog seine Bürgergardistenuniform an, Karl ging auch mit hinunter. Mutter kam in meine Stube: ›Ulrike, hast Du verstanden, wo das Feuer ist? Der Karl sprach so durch die Nase.‹ ›Ich glaube in der Deichstraße, Mutter.‹ ›Ha, das sagt Vater auch, er macht sich fertig, das kann ja bei unserem Speicher sein.‹ Wir beide gingen dann nach dem Spitzboden und guckten durch die Luke. Der Himmel war ganz roth nach der Seite, und die Funken flogen über die Dächer. Die Glocken gingen in einem fort, und auf der Straße war ’n Gelauf, – wir konnten keinen Schlaf mehr kriegen. Alle Augenblick sagte Mutter: ›Das scheint noch immer nicht aus zu sein, wenn sie doch erst wieder da wären.‹ Aber das dauerte noch lange, bis Karl wiederkam und sagte, Vater wäre doch lieber im Speicher geblieben mit Siegmund, denn wenn das den Augenblick auch schwächer brennte, aus wäre es doch immer nicht, er wollt‘ auch bloß ’n Schluck Kaffee trinken und die Anderen dann ablösen. Wir saßen beim Kaffee und tranken nicht und guckten ewig nach der Thür und sahen uns an und wußten vor Unruhe nicht, was wir sagen sollten. Das wurde so bei kleinem Morgen, und endlich kam Vater und legte sich ein paar Stunden nieder, weil Mutter ihm so zuredete; aber Ruhe hatte er nicht, und als um zehn Siegmund unsere große schwarze Speicherkatze auf dem Arm brachte, da ließ Vater sich nicht halten, so wenig wie meine zwei Brüder. Wir sperrten die Katze ein, und ihr Miauen klang ordentlich schauerlich durch das stille Haus. ›Hör‘ mal, Mutter, nu steigt das wieder so schnell, ich hab‘ schon dreißig gezählt! Ich möcht‘ so gern zu Tormöhlens, sehen, wie es da zusteht, den ganzen Morgen denk‘ ich an Lottchen, und der alte Mann, Mutter, der Großvater!‹ ›Ja, geh‘ mit Gott, Kind, – wenn Du nur durchkommst!‹ ›Mutter, ich will wohl durchkommen!‹ Aber kaum bin ich die Treppe hinunter, da ruft Mutter: ›Ulrike, bleib hier, unser Herr Nachbar ruft mir eben herüber, der Rödingsmarkt brennt auch schon, sie brechen alle Dächer ab und reißen da Häuser nieder!‹ ›Mutter, ich bin vorsichtig, ich muß zu meinem Lottchen!‹

Kinder, ich war froh, als ich raus war, man ist doch auch neugierig, – daß es draußen so aussehen würde, konnte ja niemand im Traum einfallen! Das war schrecklich, da war nicht durchzukommen, der Rödingsmarkt abgesperrt; ich müßte hinten rum, Graskeller und Slamatjenbrücke, – ja, da stand ich wieder in dem schrecklichen Gewühl, eine rothe Gluth vor Augen und ein Rauch, und die Funken fielen wie Schneeflocken, manchmal sank ein großer Feuerklumpen nieder. Und die Menschen! Alles voll Geschrei, und Leute mit Betten auf ‚m Kopf und halb unter den Pferden, und die werden scheu und bäumen sich, und das kreischt, und da kommandiren die Spritzenleute, und das kracht und zischt und ist heiß zum Umkommen, und mir wurde so ängstlich – ich denke, die Welt geht unter! ›Zurück, Mamsell, wo wollen Sie denn hin!‹ schreit mich ein Bürgergardist an, – er sah aber aus, so schwarz wie ’n Räuber! Nein zurück, das wollte ich nicht, wo ich mal so weit war – das zog mich förmlich weiter, so schauerlich mir auch zu Muthe war. ›Lassen Sie mich durch!‹ bat ich und hob die Hände auf, ›Görttwiete Nummer fünfundzwanzig, da ist meine Mutter!‹ Der Mann guckte mich mitleidig an: ›Min gode Mamsel, de is all lang verbrennt, de ganse Görttwiet‘ is in Füer opgahn!‹ Es war aber gar nicht wahr! Wie ich mich schließlich hingefunden habe, das weiß ich noch heutigen Tages nicht, aber miteins stand ich vor Tormöhlens kleinem Kröpelladen und stürzte da rein: ›Lottchen, mein Lottchen, kommt alle zu uns!‹ Aber da ist kein Lottchen, da steht der junge Postbeamte und schlägt Bettstellen ab! Ich lauf‘ hin und schüttel‘ ihm die Hand: ›Das ist mal nett von Ihnen!‹ Miteins poltert der alte Tormöhlen da rein, faßt ihn an die Schulter und jammert: ›Rettet meine Frau! Rettet meine Frau!‹ ›Herr Tormöhlen, besinnen Sie sich doch! Ihre Frau ist da ja wohl an, aber Lottchen und Großvater, wo sind die?‹ Damit lauf‘ ich an ihm vorbei, aber er mir nach und reißt ein Bild von der Wand, nimmt das untern Arm und sagt: ›Meinen Sie, daß meine Frau hier verbrennen soll?‹ Und seine Augen waren wild und stier. Ich schrie in einem fort: ›Lottchen! Lottchen!‹ Da sehe ich sie endlich, und den Großvater hatte sie an der Hand; – in ihrem blauen Barège, und die Locken kreuz und quer über die Schultern hängend, kommt sie die Treppe herunter. Ich ihr entgegen: ›Lottchen, weißt Du, wer hier ist? Wer alles zusammenpackt?‹ Wie sie ihn sah, verschwand aller Schreck und alle Bestürzung aus ihrem weißen Gesicht; so was von Glück und Seligkeit hab‘ ich noch nie gesehen, als wo diese Beiden sich mitten in diesem gräßlichen Trubel plötzlich erblickten. Sie gaben sich nicht die Hand, sie sprachen kein Wort zusammen; er klopfte und hämmerte, daß ihm die Locken tanzten, als wäre das seine natürliche Beschäftigung. ›Wo wollen Sie damit hin?‹ fragte ich ihn. ›In die Nikolaikirche, dort ist es noch sicher.‹ ›Aber Sie haben kein Fuhrwerk!‹ ›Das muß ’ne schottische Karre thun, auf ‚m Hof steht sie.‹ ›Soll ich Ihnen mal was sagen? Sie sind ’n Segen für Tormöhlens!‹ Da lächelte er. Kinder, es war wirklich ’n ganz reizender Mensch. ›Kucken Sie mal den Alten an, der und sein Bild!‹ ›Rettet meine Frau! Rettet meine Frau!‹ brüllte Tormöhlen mit dem Bild unterm Arm; er war rein wie unklug. Amandus Roosen – ja, komisch, nicht? Aber mehrere von meinen Bekannten hießen damals Amandus, – begöschte [Fußnote] ihn: ›Herr Tormöhlen, ich rette das Bild und wenn ich es auf meinen Armen bis nach Altona tragen sollte.‹ ›Das soll ’n Wort sein!‹ rief der Alte, und das war ’n Wort – nicht bis nach Altona, nein, sogar bis nach Wandsbeck hat der junge Roosen das Porträt getragen, – es war wohl auch mit, weil es Lottchen so aus den Augen geschnitten war. Nu saß da der Großvater und wollt‘ nicht raus! ›Sind hier noch Menschen in dem Hause? Das soll gesprengt werden!‹ rief einer mit Grabesstimme. ›O Gott, halt, warten Sie noch ’n kleinen Augenblick!‹ Jawohl, da trugen sie all‘ die alten Pulverfässer herein: ›In ’n Keller damit! Kanonier Appelbohm, ist der Brenner in Bereitschaft?‹ Kinder, was sollten wir wohl machen? Hals über Kopf weglaufen, alles im Stich lassen, all‘ die schöngepackten Sachen – das war das einzige! Roosen mit dem Bild, Lottchen und ich mit dem Großvater, –- so ging das los. Wie wir rauskamen, rennt jemand auf Vater Tormöhlen zu, drückt ihm was in die Hand: ›Halten Sie ’n Augenblick! Es sind lauter werthvolle Steine darin, ich muß noch einmal zurück, um anderes zu holen.‹ Soll ich Euch was sagen, Kinder? Die Juwelen sind nie reklamirt worden, und der alte Tormöhlen hat da beinahe sein Leben darum gelassen, denn wie wir weggingen, wollte er nicht mit, weil der Mann gleich wiederkommen wollte. Er steht da eine Stunde, er steht da zwei Stunden – der Mann ist da nicht und kommt da nicht, aber miteins – stürzt da von dem brennenden Nachbarhaus der Giebel herunter, die Spritzen hatten da auch nicht drauf geachtet, kein Mensch war mehr so recht bei kaltem Blut, und todtmüde waren sie ja auch von der Nacht her – also zwei Spritzenleute todt, ein paar verletzt, kurz und gut knapp bei Vater Tormöhlen war der Tod vorbeigegangen! Hab ich schon erzählt, daß wir alle in einem Trab nach Wandsbeck liefen? Da wohnte nämlich Amandus‘ Tante, bei der sich auch seine Mutter aufhielt. Der Schreck saß dem Alten, dem Großvater, so in den Knochen, zu uns wollte er durchaus nicht, partout aus Hamburg weg, als er gehört hatte, daß auch der Hopfenmarkt schon brenne, und daß der Nikolaithurm in feuerfarbene Rauchwolken gehüllt sei. ›Sodom und Gomorrha!‹ murmelte er. ›Eine Stimme hat mir gesagt: hier ist Deines Bleibens nicht, loop, wat Du loopen kannst!‹ Das war ’ne Tour – die vergeß ich mein Lebtag nicht. Die Straßen nicht zu kennen vor Gewühl und Geschrei; Leute mit Fuhrwerken, hoch bepackt, mit Fuhrwerken, die umfielen, Leute mit ihren paar armen Sachen auf’m Kopf, ein allgemeiner Umzug, eine große Flucht. Ich hatte gerade Bulwers »Letzte Tage von Pompeji« gelesen und fühlte das durch, als ob ich es erlebte. Aber nein, kein Vesuv war hinter uns, das war unser armes theures Hamburg selbst, was da in Feuer aufging! Ach, Kinder, wie wir da beim Berlinerthor waren, wo es so’n bißchen hoch ist, dreh‘ ich mich um und schrei miteins: ›Ach, der Nikolaithurm fällt! Seht, seht, wie er wackelt,‹ – wir waren nicht die einzigen, die weinten, das kann ich Euch sagen! Mutter, die so viel näher war, hat es auch mit gehört, wie das wundervolle Glockenspiel, von der Hitze in Bewegung gesetzt, von selber zu klingen anfing, bis die Harmonie der Klänge sich in ein wildes, schrilles, schauerliches Durcheinanderheulen von Glockentönen verwandelte, wie die Uhr noch drei! abrief, zum letzten Mal, mitten in dem fürchterlichen bunten Flammenmeer, und wie endlich unter dem eignen Grabesliede der hohe schöne Thurm in sich zusammensank und verschwand. Mutter hatte sich schon halb todt geängstigt, wie ich endlich wieder ans Haus kam! Alle weg, die Jungens, und Vater, und sie allein mit dem schweren Herzen! ›Ulrike, denk Dir bloß an, – aber erschreck Dich nicht – die alte Fuhropen ist eben bei mir gewesen, der alte nette Louis, der heute Nacht noch so tüchtig mit gepumpt hat, hat heute Morgen todt vor seinem Bett gelegen! Sie ist ganz auseinander, die arme Alte, sechsundsiebzig und dann den schiefen Hals, und nu sagt sie immer vor sich hin: ›Ach min Louis! Ach min Louis!‹ Es war hart anzuhören, Fünfunddreißig Jahr hat er bei ihnen gewohnt und war ganz wie ihr Sohn; und nu todt, in diesem Moment! Und wie soll das werden mit der Beerdigung? Sie wissen sich keinen Rath, die beiden Alten! Und die Neueburg ist gesprengt, – wo mag die arme Line Henner abgeblieben sein? Die ganze Nacht standen wir vor der Hausthür, an Schlafen war ja doch nicht zu denken, Vater und meine Brüder gingen ab und zu, die Hiobsposten folgten eine auf die andere. Plötzlich hieß das: ›Wir können die Häuser hier nicht mehr halten, nehmt das Notwendigste mit, wir müssen weg.‹ ›Wie wird das mit der Versicherung werden, da kann sie ja nicht gegen an kommen!‹ jammerte die Mutter. Wir packten eine Fuhre, sie war zwanzigmal so theuer als sonst, und mit einem Schuh und einem Pantoffel an, so kam meine Mutter aus dem Hause! Wie wir schon draußen sind, fallen uns die alten Fuhrhops ein: keine Gelegenheit zum Wegkommen, alt und schwach und die Leiche im Haus. ›Je, denn helpt dat nich, denn möt wi man selbst anfaten.‹ Also Siegmund und Karl legten den guten alten Louis auf ’ne Matratze und trugen ihn bis aus ‚m Dammthor, In der Kapelle auf ‚m Kirchhof setzten sie ihn hin. Ihr sagt, das war viel von ihnen? Ja, Kinder, man konnte ihn doch nicht da verbrennen lassen? Man war ja froh, wenn man was helfen konnte! Die alten Fuhrhops nahmen Mutter und ich mit zu Freunden auf der Fuhlentwiete; wir gingen mit den Kleiderröcken über dem Kopf, weil die Luft voller Funken war. Auf ‚m Fleet am Altenwall brannten die Schuten lichterloh, mit Maaren und Hausgeräthen! Sogar die Pfähle im Wasser brannten wie Laternen, und das Elend und die Verzweiflung der vielen obdachlosen verstörten Menschen war schrecklich. Und das Schlimmste war noch, viele meinten, das könnte nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die Flammen manchmal ganze Straßen übersprängen, und daß es ganz plötzlich in einer entfernten Gegend wieder anfinge. ›Das muß Jemand anzünden, wir haben hier Mordbrenner!‹ Immer unheimlicher ward es einem zu Muthe, man konnte sich geradezu fragen, sind wir noch in unserem alten traulichen Hamburg? Oder ist man zurückversetzt in grauenhaft düstere Zeiten, unter fanatische Volkshaufen, die ihre verhängnißvolle Verdächtigung auf alle werfen, die ihnen fremd oder irgenwie auffällig sind? So drückten sich auch die Zeitungen aus, denn es wurden ja Menschen mißhandelt und beinah todtgeschlagen, weil man sie für Mordbrenner hielt. Ja, Kinder, was ein einzelner Mensch ist, das ist schon unberechenbar, wieviel mehr noch so ’ne Menge! Das sind oft nicht die schönsten menschlichen Seiten, die da obenauf kommen, ist es nicht wahr? Na, bis den 8. Mai morgens sich die Freudenbotschaft verbreitete: ›das Feuer ist aus‹, haben wir alle die furchtbarste Angst ausgestanden; man meinte nicht anders, als es würde ja wohl kein Haus stehen bleiben. ›Das Feuer ist aus!‹ Kinder, wildfremde Menschen fielen sich auf der Straße in die Arme, wie sie sich gegenseitig die Glücksworte zuriefen. Soviel man schon vor Trauer, Mitleid und Ohnmacht hatte weinen müssen, man hatte noch Thränen für die Freude übrig, als sie kam. Und mit Thränen las man die schöne Bekanntmachung, die ein Hochweiser Rath an den Straßenecken anschlagen ließ: ›Freunde, Mitbürger! Unser geliebtes schönes Hamburg ist nicht verloren, und unsere regsamen Hände werden, wenn auch allmählich und in Monaten und Jahren, das schon wieder aufzubauen wissen, was das furchtbare Element in Stunden und Tagen so hastig zerstört.‹ Je, ist es nicht nett, wenn einen ’n Senator als Mitbürger anredet? Das kam von Herzen, und das ging zu Herzen, und der gute Wille wurde wieder groß und stark. Nu ging das los mit dem Hülfsverein, nu baute man Nothwohnungen, nu hatte man alle Hände voll zu thun. Hab‘ ich gesagt, daß mein Bruder Siegmund zwei Tage und zwei Nächte weg war, und daß wir meinten, wir würden ihn nicht wiedersehen? Aber nachmittags am 8. Mai kam er plötzlich an, und wie sah er aus! Er trug ’n großen Vollbart, von dem stand nur noch hier und da ’n bißchen dunkle Wolle, – Haare vom Kopf gebrannt, Augenbrauen und Wimpern abgesengt, Hände und Gesicht pechschwarz von Rauch und Staub. Meine Mutter fiel vor Schreck aufs Sopha, als sie ihn sah, ich fing an zu weinen; aber er sagte ganz heiter: ›Was weint Ihr denn? Ich lebe ja noch und habe die neue Börse mit retten helfen, und das Feuer ist zu Ende!‹ Wenn man so was miterlebt hat – all‘ die kleinen täglichen Sorgen nachher sind dann furchtbar wenig dagegen, und man hat es nicht schwer, guten Muth zu behalten. Nu bin ich ganz von Lottchen abgekommen. Ja, Tormöhlens, die kriegten auch ’ne Freiwohnung vor’m Dammthor; das war ’n allerliebstes Häuschen mit einem Anbau, ganz von Holz und so recht sonnig und frei. ›Na, freuest Dich dazu, Lottchen?‹ ›Die alte Wohnung war mir lieber.‹ ›Das ist nicht Dein Ernst! Nu kommt der Sommer so recht, was kann man mehr verlangen? Lottchen, wann ist der junge Roosen hier gewesen?‹ ›Heute morgen,« und sie wurde roth. ›Heute schon? Es ist ja knapp zehn!‹ ›Ja, um sieben!‹ Mein Gott, der macht aber frühe Visiten!‹ ›O, er war nicht drinnen, er geht nur Morgens und Abends zum Milchtrinken beim Rothenbaum.‹ ›Sieh, sieh! Das ist wohl das nächste? Bloß ’n Stunde weit zu laufen. Kommt er denn nie herein?‹ ›N–ein.‹ ›So, dann gehst Du wohl hinaus?‹ ›N–ein.‹ ›Aber Ihr wart doch all‘ so schön im Gange? Hat er Dir denn nichts gesagt?‹ So ging das immer mit Lottchen, sie sprach nicht und brach nicht.

Sie sah auch blaß aus und bewegte sich so langsam, gar nicht wie ’n junges Mädchen. ›Guck mal, Lottchen, wie die Kastanienbäume blühn! Eine Lichterpracht.‹ ›Ja, das hab‘ ich noch nicht bemerkt.‹ ›Lottchen, ich bin bei Line Henner gewesen.‹ ›So?‹ ›Fragst nicht, wie es ihr geht nach dem Brand?‹ ›Ach ja, richtig, sie ist auch abgebrannt; ich hab‘ es ganz vergessen.‹ ›Du, sie verheirathet sich!‹ ›Wer?‹ ›Line Henner.‹ ›Warum nicht?‹ ›Mit Herrn Balske!‹ Jetzt lachte sie zum ersten Mal. ›Was Du auch schnacken kannst, Ulrike.‹ Aber wenn ich ihr die Geschichte auch hauptsächlich erzählte, um sie ein bißchen aufzumuntern – geflunkert hatte ich nicht. Ich hatte unsere ehemalige Schulmadam in großer Rührung getroffen. Sie hatte schrecklich viel durchmachen müssen bei dem Brand, auch ihr Haus war gesprengt worden. Als die Polizeisoldaten es ihr ansagten, war sie gerade ganz allein und wußte nicht, wo ihr der Kopf stand. Sie hatte ihre Schulbücher auf dem Bücherbort stehen, nahm sie da weg und packte sie wie den größten Schatz in einen großen Sack, in dem vorher Wäsche gelegen hatte, all die Wäsche warf sie hinaus. In ein paar Tagen sollte gerade ihr Geburtstag sein; ein neuer Sekretär, den ihr Schwager ihr schenkte, stand schon im Hause. Die Portugalöser, die jede abgehende Schülerin Ostern mitgebracht hatte, lagen im geheimen Schubfach. Auch eine neue Roßhaarmatratze hatte sie sich gerade angeschafft. Nun mußte sie also da heraus laufen. In eine Hand nahm sie einen blühenden Rosenstock vom Fenster, in die andere einen zerrissenen Flanellrock, so kam sie aus dem Hause. Herr Balske, der gerade die Treppe heraufkam, um zu sehen, wie es ihr ginge, nahm die neue Matratze auf den Rücken. Unten sagt ’n Mann zu ihm: ›Wenn Sie vielleicht noch mehr holen wollen – ich will Ihnen die Matratze so lange halten.‹ Als Balske wiederkam, war der Kerl weg samt Matratze. Von der Versicherung konnte sie natürlich so gut ’n Lied singen, wie wir alle. Biber konnt‘ das ja auch nicht halten, er machte Bankerott, wie ihr wißt, Line Henner hat einen einzigen preußischen Thaler rausgekriegt! Sie hatte aber noch fünfzehnhundert Mark auf der Sparkasse, und damit wollte sie nach Amerika gehen und Dienstmädchen werden. ›Die Leute werden wohl sehen, daß ich etwas mehr verstehe, und dann werd‘ ich mir vielleicht ’ne Stellung machen.‹ Aber der Kaufmann Büsching, dessen Kinder bei ihr zur Schule gegangen waren, bat sie, zu ihm nach dem Neuenwall zu kommen. ›Wir haben uns das überlegt, meine Frau und ich, Sie können bei uns unterrichten, wir geben Ihnen zwei Zimmer ab.‹ Das sprach sich ‚rum, und gleich bot ihr eine Dame in der Theaterstraße sogar drei Stuben an. Aber da sagte Herr Büsching: ›Gut, so geben wir Ihnen auch noch unser Wohnzimmer, wir haben uns nun so darauf gefreut, daß Sie hier bei uns Schule halten werden.‹ Und so sind Büschings in ihren Saal gezogen und haben ihre Zimmer hergegeben. Und die guten kleinen Gören haben ihren neuen schönen Glasschrank, den sie erst geschenkt bekommen hatten, ausgeräumt und ihrer Lehrerin geschenkt, weil die nun keinen Bücherschrank mehr hatte. Nun kam Herr Balske und sagte: »Sie können noch Unterstützung bekommen, es sind soviel Bücher von allerwegen her geschenkt worden, melden Sie sich doch.‹ Aber Line Henner wollte nicht: ›Die Kinder bezahlen ja, ich kann mir die Bücher je man selber kaufen.‹ Aber Herr Balske hat nicht geruht und ist selber darum gelaufen, und dabei hat sie denn so gehört, daß er acht Kinder hat und ’n Wittwer ist mit sechzehnhundert Mark Einkommen das Jahr. Da hat sie gedacht: ›Nu sind sie alle so großmüthig gegen mich gewesen, setzt muß ich das vergelten; wenn er mich fragt, denn sag‘ ich ja, er hat ja die Schwindsucht, und seine Kinder sind so wie so schon mutterlos.‹ Sie erzählte mir mit Thränen, wie sie die ganze Nacht die Verse im Ohr hätte klingen hören:

›Gott sollte rufen? Ich nicht hören?
Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?‹

Also ging sie den Weg, unsere brave Line, und sie ist gerade recht gekommen, um dem Mann unendlich viel Leid tragen zu helfen. Denn die Kinder sind bis auf drei alle nach und nach an der Schwindsucht gestorben! Er selbst aber hat sich wieder erholt, und da zeigte sich denn auch, wieviel seine Grimmigkeit und Spottsucht von der Krankheit hergekommen war. Er wurde noch ’n ganzer netter Mann durch die gute geduldige Frau, und mein armes kleines Lottchen hätte nachher keine Ursache mehr gehabt, vor ihm ins Bockshorn zu kriechen. Aber wie das so weit mit Herrn Balske war, ach du lieber Gott, wo war mein Lottchen da!

Wie ich den schönen Junitag von ihr kam, sagt‘ ich zu Mutter: ›Hör‘ mal, so und so, Lottchen hat mir heute gar nicht gefallen; ich fürchte, ich fürchte, sie hat was auf ‚m Herzen.‹ – ›Der junge Roosen steckt ihr im Kopf, soviel ich weiß,‹ sagt Mutter. Da ist es mir, als wenn mir miteins ’n Licht aufginge. ›Der junge Roosen hat bei Vater Tormühlen ausgebacken!‹ ruf ich. ›Der hat ja bei ihm den allergrößten Stein im Brett, denk‘ ich, Ulrike.‹ ›Hilft all‘ nicht; Vater Tormöhlen ist heute so und morgen so, wie man die Hand umkehrt.‹ Und ich hatte wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Zweimal, dreimal hatte er Roosens Besuch gern gesehen, dann schon ’n bißchen weniger gern, und eines Tages begrüßte er den armen jungen Menschen bei seinem Eintritt mit den Worten: ›Glauben Sie, daß ich ’n Wirthshaus habe?‹ Was das für ’n zartfühlenden Mann heißen will, wenn er so plötzlich, batsch, einen auf ’n Kopf kriegt, könnt ihr euch wohl leicht vorstellen. Was aber mein arm‘ Lottchen für Höllenqualen dabei ausstand, als ihr Vater ihrem heimlich Geliebten, für den sie eine an Anbetung grenzende Schwärmerei empfand, so kam, das kann mein Mund nicht beschreiben. Ich glaube aber, daß sich von diesem Augenblick an ein förmlicher Widerwillen gegen ihren Vater in ihr Herz schlich, der alles kindliche Pflichtgefühl auslöschte. Wär‘ sie damals mit Amandus schon einig gewesen, dann war‘ sie wohl noch leichter damit durchgekommen; dann hätt‘ sie ihm sagen können: ›Mein Vater hat es sich sauer werden lassen, und das ist ihm aufs Herz geschlagen, aber er meint das nicht halb so böse, wie sich das anhört.‹ Und ihr Amandus hätte geantwortet: ›Wenn Du mir gut bist und gut bleibst, dann will ich wohl Mittel und Wege finden, daß ich auch Deinen Vater rumkriege.‹ Aber so, wo noch alles im weiten Felde war, wo Roosen nichts hatte als seine kleine Anstellung und seine Mutter, die er miternährte, wo sie bestenfalls auf eine jahrelange Verlobung gefaßt sein mußten, und wo sie jetzt nicht mal mehr die Aussicht haben sollten, sich zu sehen, da blieb wirklich nichts als Schämen und Grämen übrig, und Lottchen und Amandus waren schrecklich zu bedauern. Wenn ich kam, immer fand ich Lottchen in Thränen, sie bildete sich fest ein, Amandus müßte sie verachten, weil ihr Vater ihm das bißchen Kaffee vorgeworfen hatten. ›Zweimal nur, Ulrike, und einmal ist er zum Abendbrot geblieben, und o – kaum ein Häppchen hat er gegessen! Und Vater selbst hatte ihn gedrängt zu bleiben, und sie haben Sechsundsechzig gespielt, und ich habe dabei gestickt. Es war der schönste Abend in meinem Leben; ich will ja gar nichts! Nur mal sehen und die Hand geben. Und er ist ebenso« – – Und darin hatte sie nu vollkommen recht; wenn das Feuer nicht gewesen wäre, nie hätte Amandus den Muth gefunden, in Tormöhlens Haus zu gehen.

Ich hatte ’nen Einfall ›Mutter,‹ sag ich, ›nächsten Sonntag werd‘ ich zweiundzwanzig, ich möchte dazu wohl ’n paar Leute einladen, meine besten Bekannten.‹ ›Lottchen, und wen noch?‹ fragt Mutter, und ich sehe ihr an, sie ahnt sich was. ›Mutter, ich möcht auch ’n paar Herren dazu bitten.‹ ›Deern, das paßt sich ja nicht, wie könntest Du wohl Herren einladen.« ›Wofür hab‘ ich Brüder?‹ ›Dann laß Siegmund und Karl das thun.‹ ›Das kann angehen, Ulrike, aber meines Wissens kennen die Jungens Roosen kaum mal vom Ansehen.‹ Ich stellte das Karl vor, und der gute alte Jung‘ war ganz einverstanden. Ich hab mich später oft selber gefragt: war das recht von mir, die beiden Menschen, die sich vielleicht nie wieder sonst getroffen hätten, so ohne ihr Vorwissen zusammenzubringen? Vielleicht hätte sich das still todtgeblutet, die Menschen sind doch meist so, daß sie den Stein liegen lassen, den sie nicht heben können. Dann aber wieder hab‘ ich mir gesagt: einmal waren sie doch zusammen, einmal konnten sie sich verständigen, einen glücklichen Tag haben die beiden erlebt, und dazu hatte ich geholfen. Ich erwartete mehr, das muß ich sagen. Ich stellte mir die Männer damals vor wie Wesen, die Himmel und Erde in Bewegung setzen für ihre Liebe. Man wird klüger, wenn man älter wird! Nu weiß ich recht gut, daß wir Frauen diejenigen sind, die alles anfangen und alles in die Schanze schlagen, und daß die Männer in dieser Beziehung nur so viel Muth haben, wie wir ihnen einblasen. Ich will Euch damit nicht heruntermachen, guck mich man nich so groß an, mein guter Wilhelm, – Ihr habt ja auch nachher die Verantwortung zu tragen, – so ’n Mann, so ’n Hamburger Bürger, der will doch mit Ehren gedient sein; ’ne Frau, was ’ne Frau thut, da kommt es immer viel weniger auf an, sie kann ja keine Hamburger Bürgerin sein, sie ist nicht von Rücksichten gebunden, wenn sie auch den ärmsten Mann von der Straße nimmt. Na, das paßt nu all‘ nicht auf Amandus. Das war ’n Mensch, der hatte es tief in sich, der wär‘ für Lottchen durchs Feuer gegangen, war es ja auch schon, aber er konnte es nicht von sich geben, besonders nicht in Worten, sogar nicht mal gegen das Mädchen, das ihm lieber war als sein Leben, und nu gar gegen Fremde – nich rühr‘ an! Mein Karl hatte ’n ordentlichen schweren Stand, bis der schüchterne Mensch die Einladung annahm. Er könnte gar nicht begreifen, wie er zu der Ehre käme, er könnte nicht einmal tanzen, das heißt, er könnte wohl, aber der Doktor hätte es ihm verboten, er könnte auch nicht spielen, nichts zur Unterhaltung beitragen. ›Je, dat helpt nu nich, meine Schwester hat mir gesagt, lebendig oder todt, bringen muß ich Sie.‹ ›Ihre Schwester? Nun, wenn es denn nicht anders sein kann –.‹ ›Hör‘ mal Du,‹ sagte mein Karl, ›so ’n Menschen, der da so wenig nach fragt, bei uns eingeladen zu werden, hab‘ ich auch noch nicht gesehen, beinah wär‘ ich eklig geworden. Na, ich nahm ihn denn in Empfang, so wie er kam und sagte: ›Lottchen ist hier, sehen Sie – da im Garten bei den Stockrosen; sie kennt hier Niemand, nehmen Sie sie ’n bißchen unter Ihre Flügel.‹ Kinder, das Gesicht, was er machte! Er wollte sich nichts merken lassen, und doch schlug ihm das wie rothe Flammen über die Backen, und dabei sah er so hülflos und unentschlossen aus – ich hätt‘ ihn am liebsten untern Arm genommen und zu den Stockrosen hingeführt. Na, das ging ja nicht gut; ich gab ihm aber das erste beste, was mir in die Hand fiel, ich glaube, es war ’ne Gießkanne, die er Lottchen bringen sollte. Der Garten war nicht groß, aber die Planke mit den Stockrosen lag ganz am Ende; nicht lange, so standen die Beiden da bei einander, ganz vertieft und mit dem Rücken zum Haus, und wie ich das sah, wurde mir so recht zufrieden zu Sinn, und ich dachte: na, das ist noch das allerbeste Geburtstagsgeschenk, und wenn sie sich heute verloben, dann soll über ’n Jahr die Hochzeit gefeiert sein, und Mutter und Vater thun mir das zu Gefallen, daß sie bei uns zu Hause gefeiert wird; willst mal gleich deinen Myrthenbaum darauf ansehen, ob er ’n schönen Brautkranz für Lottchen gibt. Ich guck‘ recht auf das Blumengestell an der Laube – mein Gott! Da liegt die krause runde Krone mit den vielen, vielen Knospen glatt abgeknickt auf der Erde, und wie so ’n Besenstiel steht der kahle Stamm. Kinder, ich bin nicht abergläubisch, auch nie gewesen, ich dachte nicht an ’n böses Vorzeichen, wie ich das sah, aber so ’n blühender Baum, und dann so abgebrochen, man weiß nicht wovon und wieso, es geht kein Wind, alle anderen Töpfe stehen unversehrt auf dem Brett – nein, es lag da doch was in; das war, als wenn mir das Jemand ins Ohr sagte: da wird nichts aus! Mir war die ganze Freude verdorben. Stillschweigend nahm ich das auf; die Blätter waren noch frisch, ’n paar Knospen schon halboffen, ’n Jammer. Ich pflückte die armen blühenden Zweige und hielt sie so in Gedanken gegen den blauen Himmel; da kamen ’n paar von den anderen Gästen und guckten mich groß an, ›Wollt Ihr Blumen anstecken? Hier!‹ ‹Nein, Du bist aber splendid, das sind ja Myrthen!‹ So ging Lottchens ungebundener Brautkranz Zweig bei Zweig in viele, viele Hände, die beiden bei den Stockrosen waren schließlich die einzigen, die nichts davon abgekriegt hatten. Ebenso wie nachher nichts von den Küssen. Wir spielten nämlich Pfand, vorher ›Lütt lewt noch‹; ja, das muß ’n altes Spiel sein, das kommt unter den ersten Gedichten von Goethe vor! ›Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg‹ heißt es da, aber unser Hamburger ›Lütt lewt noch‹ find‘ ich viel niedlicher und thutiger [Fußnote], nicht? Lottchen sollte den Ofen anbeten: ›Aben, Aben, ick bed‘ di an: verschaffst du mi keen gooden Mann, denn bed‘ ick di nich wedder an,‹ sie sagte aber dafür: ›in ’n Winter büst du ’n gooden Mann, in ’n Sommer kiek ick di nich an.‹ Die Herren schrieen: ›Das gilt nicht!‹ Aber so war sie nu, selbst im Spaß. ›Polnisch betteln gehen‹ wollt‘ sie auf keinen Fall, ›Erdbeeren unterm Schnee pflücken‹ erst recht nicht. Einmal, wie ich ein Theebrett mit Bischof heraus in den Garten holte, kam sie mir nach und beugte ihren heißen Mund zu meiner Backe: ›Meine gute Ulrike, daß Du das gethan hast!‹ ›Na, habt ihr Euch denn ausgesprochen, Lottchen?‹ Sie sah vor sich nieder und schüttelte langsam den Kopf. ›Er wird wohl von Hamburg weggehen müssen, sobald er etwas Besseres findet.‹ Ihre Stimme war beklommen; ich fühlte, ihr war das Herz groß zum Weinen, und sie hatte einen leidenden müden Zug im Gesicht. Ich machte, daß ich mein Getränk los wurde und setzte mich mit auf ihren Stuhl.

›Lottchen, er wird wohl wiederkommen! Glaubst nicht, daß er Dir treu bleibt?‹ Ja, das glaubte sie nun doch; und auch sie ihm? Darauf hatte sie nur ein ernstes Lächeln und einen Seitenblick gegen mich, als ob sie an meinem Verstände zweifelte. Der Abend war wunderschön gewesen, aber auf einmal wurde der Himmel schwarz, der Mond war wie übergeschluckt von Gewitterwolken, der Wind fuhr über die Elbe herüber, und aus der Linde, unter der wir saßen, regnete es gelbe Blätter. Lottchen fing eins auf und besah es. ›Ja, das ist so, um Johanni fallen die ersten!‹ Mutter strich ihr über das Haar. ›Bist recht vergnügt, mein Kind?‹ ›Ja, danke vielmal.‹ ›Wo ist denn der junge Roosen? Das ist mal ’n angenehmer Mensch, nur ’n bißchen tiefsinnig! Sieh Dich mal nach ihm um, mein Kind, Du bist hier ja zu Hause, und er ist fremd.‹ Ja, wir wollten ihnen alle helfen, das muß wahr sein, aber sie sollten doch immer selbst das Gute, Beste dazuthun, nicht? Was mußt ich mir Mühe geben, bis er sie mal zum Tanzen aufforderte. ›Herr Roosen, machen Sie sich nützlich, Fräulein Tormöhlen hat keinen Herrn.‹ ‹Wenn Sie wüßten, wie schlecht ich tanze! Einen solchen Tänzer kann ich wirklich Niemand zumuthen! Sie sind zu gütig –.‹ Als Antwort gab ich ihm einen Bonbonvers zu lesen, den ich gerade ausgewickelt hatte; ich weiß ihn noch: ›Wer war es, der aus Schilf die erste Flöt‘ erfand? Wer schnitt den ersten Vers in eines Baumes Rinde? Wer schuf das erste Bild aus Schatten an der Wand? Die Liebe! – Liebe wirkt geschwinde, und langsam der Verstand!‹ Er wurde natürlich feuerroth; aber er ließ es sich doch gesagt sein und machte Lottchen seinen verlegenen Diener. Sie sahen aber beide aus, als möchten sie sich lieber verkriechen, als so vor allen Leuten umfassen. Ich lootste sie denn auch glücklich in ’n kleines Kabuff [Fußnote], wo Hüte und Mäntel hingen, und flüsterte Lottchen noch so im Spaß zu: ›Verlobt euch, Kinder, ich gebe euch meinen Segen!‹ Na, das war nu ’n rechter dummer Görenstreich von mir, und ich erzähl‘ Euch das als Warnung, was man mit dem besten Willen für Malheur anrichten kann. Denn in demselbigen Augenblick steht Vater Tormühlen da mit ‚m nassen Regenschirm und sagt: ›Wo ist meine Tochter? Das wird nu wohl Zeit, daß sie mal wieder ans Haus kommt!‹ Den Schreck! Hätt‘ ich mir nu nichts merken lassen, wär‘ ja noch alles gut gegangen, aber man begrapst sich ja nicht so schnell, wenn man nicht gewohnt ist, mit Lügen umzugehen. Man is auch manchmal so verbiestert, ich ärger‘ mich noch heute über mich selbst, wenn ich daran denke. Stell‘ ich mich, Dummerjahn, noch recht mit ausgebreiteten Armen vor die Thür und schrei‘ wie unklug: ›Hier kommen Sie nicht hinein, Herr Tormöhlen, nur über meine Leiche!‹ Ja, nu lacht Ihr, Kinder, und es ist ja auch lächerlich, genau genommen, aber mir war es in diesem Augenblick heiliger Ernst, und ich kam mir vor wie der Schutzengel von den Beiden, im vollen Recht und höherem Auftrag, Vater Tormühlen nimmt mich an den Arm, ob er was gesagt hat, was er gesagt hat, das ist mir alles dunkel; ich weiß nur, daß plötzlich die Thür hinter mir aufging, und daß der junge Roosen, blaß wie der Tod, mit einem gewissen stieren Lächeln auf der Schwelle stand und murmelte: ›Sie ist in Ohnmacht gefallen.‹ Und plötzlich bin ich drinnen, und Amandus ist draußen, und Vater Tormühlen faßt sich mit beiden Händen an den Kopf und schreit: ›Was ist das? Was ist das?‹ und Lottchen liegt ohne Besinnung auf dem Fußboden.

»Es war schrecklich! Sie kam zwar bald wieder zu sich, aber die ganze Nacht hatte sie Weinkrämpfe, und Vater Tormühlen marschirte vor dem Sopha, wo sie lag, – sie war natürlich bei uns geblieben – auf und nieder wie ’n Wachtposten, und einen Augenblick wollt‘ er sie aus seinem Hause jagen, den anderen Augenblick wollt‘ er sie einsperren, er kam immer von neuem in Wuth, bis zuletzt meine Mutter ihn so weit beruhigte, daß er mit seinen drohenden Reden aufhörte. Und draußen im Garten in der Laube saß der arme Junge mit dem Kopf auf ‚m Tisch und wußte sich keinen Rath, denn Vater Tormöhlen hatte ihn Spitzbube und Ehrenräuber geschimpft, daß alle Leute es gehört hatten. Auf keine Frage gab er Antwort, horchte nur auf Lottchens Weinen, hat wohl auch selber geweint in der dunkelen stillen Sommernacht. Als es anfing zu dämmern, nahm Vater Tormöhlen seine Tochter unter den Arm und schob mit ihr ab. Vom Bleiben bei uns wollte Lottchen selbst nichts wissen. ›Laß mich nur, Ulrike, es ist ja alles ganz gleich.‹ Ihr Ton ging mir durch und durch, ich mocht‘ sie gar nicht aus den Armen lassen. Wie ich in die Gartenlaube guckte, war Roosen weg, – ohne Hut – mein erster Gedanke war: er wird sich doch nicht von Tagen gethan haben? Aber nein, es lag nichts Gewaltsames in seiner Natur, der war zum Dulden geschaffen, ganz wie Lottchen, Wie ich mit dem Hut zu seiner Mutter kam, fand ich die Frau ganz ohne Ahnung. Ihr Sohn wäre auf dem Postbureau wie gewöhnlich; daß er den Hut bei uns vergessen, bat sie zu entschuldigen, ›Er ist oft zerstreut, so recht ’n Traumbuch. Jetzt geht ihm das im Kopf herum, ob er nach Gera soll oder nicht; ich bin ja sein Ein und Alles; daß er sich von mir trennen muß, ist ihm schrecklich.‹ Sie war gedrückt und ärmlich, eine einfache Frau mit ’ner Küchenschürze und verarbeiteten Händen, der Sohn sah ihr nicht ähnlich. ’n paar Tage nachher sitzt Mutter auf ihrem Tritt am Fenster und näht. ›Ulrike!‹ ruft sie, ›der junge Roosen ist hier schon zweimal vorbeigegangen, er mag gewiß nicht hereinkommen und will das nu ablauern, ob nicht einer von uns in ’n Garten kommt.‹ Ich schnell ’n Hut vom Nagel und stülp mir den auf. ›Nimm Dich in acht und laß Dich auf nichts ein, Ulrike, Du kannst da bös bei ankommen, und Lottchen muß das nachher ausbaden.‹ Er wollt‘ aber auch gar nicht mehr, als sagen, daß er nun übermorgen nach Gera ginge. ›Mutter will mir so bald wie möglich nachkommen, wenn sie hier für ihre paar Sachen einen Käufer gefunden hat. Vielleicht habe ich Glück in meiner Stellung – bitte, sagen Sie Lottchen‹ – – Er schluckte und brachte nichts weiter heraus. Ich drückte ihm die Hand und war so traurig. ›Wollen Sie ihr nicht schreiben?‹ fragte ich. ›Sie könnte Unangenehmes dadurch haben, sie hat schon so viel gelitten meinetwegen.‹ – Auf einmal trat er dicht an mich heran, beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte: ›Sagen Sie ihr, wenn nicht in dieser, so in jener Welt!‹ – Damit drückte er mir noch einmal die Hand und ging mit wankenden Schritten die sonnige Straße hinunter. Seine Augen hatten sonderbar geleuchtet, seine Hände gezittert, als wenn er Fieber hätte. ›Ach, Mutter, ich will es gern lügen, aber ich fürchte, den sehen wir nicht wieder!‹Das war alles, was ich sagen konnte, wie ich hineinkam. Nu diese Hiobspost Lottchen hinbringen! Ich war wirklich nicht zu beneiden, Kinder. Wenn man selbst ’ne Art Natur hat, die tüchtig durchfährt, und dann auch noch Glück, daß einem die Hände nicht gebunden sind, dann ist das doppelt schwer, mitanzusehen, wenn liebe Menschen so hülflos ergeben sind, und man fühlt seine Ohnmacht so drückend, daß man gern aus der Haut springen möchte. Wie ich bei Lottchen saß und sie ohne Thräne meine Hände hielt und mir dankte, daß ich Amandus die Last vom Herzen genommen und seinen Abschiedsgruß überbracht, überkam mich das ’n paarmal, als müßte ich sie an die Hand nehmen und zu ihrem Vater führen: er war ja kein Unmensch, – aber dann dacht‘ ich wieder an die ärmliche Lage der Beiden, und daß ja auch platterdings hier und da nichts war, und die Arme sackten mir nur so am Leibe hinunter. Natürlich, wenn sie hätten warten wollen und warten können – ich hab‘ ein Paar gekannt, die sind zwanzig Jahre verlobt gewesen, und als sie sich verheirathen konnten, da war die Braut blind geworden; aber sie hielten noch immer gleich viel von’nander, und sie wurden ganz glücklich. Lottchen und Amandus waren nicht so deftig; [Fußnote] sie wollten nicht warten, oder sie konnten nicht, ihre Natur war zu zart und ihre Liebe zu brennend und ausschließlich – sie brannten zu Ende wie Lichter, die oben und unten zugleich angezündet sind. Das dauerte bis gegen Weihnachten, da kriegte ich ’n Brief von Gera. Die arme Mutter hatte ihn geschrieben, ihr Sohn wäre krank, ginge mit großer Mühe ins Bureau, der Urlaub, um den er gebeten, war‘ ihm nicht bewilligt worden. ›Wir haben eine kleine Wohnung, ein Fenster geht nach Norden, da steht mein Amandus wohl Tag für Tag und sagt: ›Könnte ich doch nach Hamburg.‹ Ich fühlte, daß die Angst um ihren Sohn die scheue Frau zu diesem Brief getrieben hatte; Mutter und ich machten ein kleines Weihnachtspacket für Gera; in meiner Antwort erzählte ich nichts von Lottchens langsamem Hinschwinden; die Frau hatte vielleicht keine Ahnung, woran ihr Sohn zu Grunde ging. Lottchen aber schien auf eine mir unerklärliche Weise genau zu wissen, wie es mit Amandus stand. ›Ulrike, sag mir einmal aufrichtig, glaubst Du, daß wir unsterblich sind, und daß wir uns in jener Welt wiedersehen dürfen?‹ fragte sie mich einmal in geheimnisvollem Ton. ›Wer denkt wohl an Sterben in unserem Alter?‹ sagte ich so leichthin, aber ihre Hand, mit der sie sich an mich klammerte, war so kalt, es lief mir ein Schauer über. ›Glaubst Du es? Glaubst Du es?‹ wiederholte sie aufgeregt und dringend. ›Glaubst Du nicht auch, daß wir uns seht entgegengehen, Amandus und ich? Er sitzt am Fenster und sagt: ›Dort liegt Hamburg, dort ist Lottchen!‹ Und wenn sie so etwas sprach, war sie so schön anzusehen, in ihrer Schwärmerei so selig, daß man die Gefahr vergaß.

Im Frühjahr dann, im März, ist Amandus gestorben. Seine Mutter schrieb, trotz aller Abmahnung des Arztes wollte er in dem nördlichen Kämmerchen gebettet sein. ›Sag Lottchen, wir sehen uns wieder!‹ damit verschied er. Als ich zu Lottchen kam, wußte sie es schon. In Thränen gebadet lag sie auf ihrem Bette. ›Ich weiß, was Du bringst. Das ist mein Tod! Und wir sind noch so jung! Einmal nur noch ihn küssen, Ulrike!‹ Dann faltete sie die Hände: ›Nein, es geht ja nicht, nein, es hat nicht sein sollen; aber dort oben, nicht wahr, Ulrike? Dort oben!‹

Je länger das dauerte, desto stärker wurde diese Zuversicht, und mit der festen Hoffnung auf das Wiederfinden ist sie aus dem Leben gegangen. Gegen ihre Umgebung war sie völlig gleichgültig geworden, ihren Vater fürchtete sie nur; den alten Großvater, der sie noch um fünf Jahre überlebte, vernachlässigte sie ganz. Als Amandus‘ Mutter nach Hamburg zurückkam, – sie war in Gera keine Stunde heimisch gewesen, – ging Lottchen eines Abends spät mit einem kleinen Bündel zu ihr und bat sie, sie zu behalten; sie wollte sticken und nähen für Geld, wenn sie nur bei ihr bleiben dürfte. Als Vater Tormöhlen dann kam und seine Tochter zurückforderte, erklärte ihm Frau Roosen, die das einsame Mädchen schnell ins Herz geschlossen hatte, Lottchen wäre zu leidend, sie brauchte weibliche Pflege; kurz, sie hielt ihn hin und wieder hin, bis er sich einigermaßen zufrieden gab. Fast ein Jahr hat Lottchen noch bei Amandus‘ Mutter gelebt, die pflegte sie, wie sie ihren Sohn gepflegt hatte, – ich war viel dort und suchte Lottchen zu zerstreuen; aber sie hatte nur einen Gedanken. Alle Einzelheiten aus Amandus‘ Kindheit, jeden kleinen Umstand aus seinem kurzen Leben hatte sie von seiner Mutter herausgefragt und sprach nur von ihm. Die arme Frau verlor an ihr eine hingebende Tochter, sie hat auch sehr viel Verständniß für Lottchen gehabt, mehr fast als ich in diesem letzten Lebensjahr. Als sie an ihrem Sarge stand, sagte sie in voller Ergebenheit: ›So hart es mir ankommt, Lottchen zu verlieren – jetzt sind sie zusammen! Auf Erden hat es nicht sein sollen.‹ Ich wollt‘ und mocht‘ ihr nicht Recht geben, ich dacht‘ an die vergeudete Kraft und Jugend und Liebenswürdigkeit von den beiden armen Menschen, und doch – ganz verkehrt war ihre Meinung nicht. Amandus und Lottchen als Ehepaar – nein, das kann ich mir ebensowenig vorstellen, dazu taugten sie nicht. Wie zwei blühende Bäume, Kinder, lauter Blüthen, aber nirgends ’n Fruchtansatz. Wie mein Myrthenbäumchen, abgeknickt in der Frühsommerzeit! Seht, hier sind sie, diese beiden Miniaturen, auf Porzellan, glaub‘ ich, das Bild von ihm ist eine feine Arbeit, weiß Gott, wer das gemacht hat. Aber haben sie nicht beide den gewissen Zug um die Augen? Den Zug von denen, die früh sterben müssen?

Valerij Brjussow – Rea Silvia – Eine Erzählung des Russischen Symbolismus

I

Francesco Salviati - Portrait vonTotila, von 1549
Francesco Salviati – Portrait vonTotila, von 1549

Maria war die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen. Sie war auch noch keine zehn Jahre alt, als Rom am 17. Dezember 546 vom König der Goten, Totila, erobert wurde. Der großmütige Sieger ließ die ganze Nacht Buccinen blasen, damit die Römer die Gefahr erkennen und aus ihrer Stadt fliehen konnten. Totila kannte die Wildheit seiner Krieger und wollte die Bevölkerung der ältesten Hauptstadt der Welt nicht den Schwertern der Goten überliefern. Auch Rufius floh mit seinem Weibe Florentia und seinem Töchterchen Maria. Große Scharen von Flüchtlingen zogen aus Rom die ganze Nacht hindurch die Appische Straße entlang; Hunderte von ihnen brachen unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der Mehrzahl, darunter auch Rufius und seiner Familie, gelang es dennoch, nach Bovillae zu kommen, wo aber viele kein Obdach fanden. Die Römer mußten ein Lager im freien Feld aufschlagen und verzogen sich später auf der Suche nach Unterkunft nach allen Seiten. Die einen gingen in die Campagna, wo sie von den Goten gefangengenommen wurden; die anderen erreichten das Meer und fanden sogar die Möglichkeit, nach Sizilien zu kommen; andere wieder schlugen sich als Bettler in der Umgebung von Bovillae durch oder zogen nach Samnium.

Waleri Jakowlewitsch Brjussow - * 1873 in Moskau; † 9. Oktober 1924 in Moskau - russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.
Waleri Jakowlewitsch Brjussow – * 1873 – † 1924 in Moskau – russischer Schriftsteller und Dichter des Symbolismus.

Rufius hatte einen Freund in der Nähe von Corbium. Zu diesem armen Menschen namens Anthimius, der auf seinem kleinen Grundstück die Schweinezucht betrieb, brachte Rufius seine Familie. Anthimius nahm die Flüchtlinge bei sich auf und teilte mit ihnen seine kargen Vorräte. Während seines Aufenthaltes in der ärmlichen Hütte des Schweinehirten erfuhr Rufius von allem Unheil, das Rom betroffen. Totila drohte eine Zeitlang, die Ewige Stadt bis auf die Grundfesten zu schleifen und in eine Viehweide zu verwandeln. Der König der Goten erbarmte sich aber schließlich der Stadt und begnügte sich mit der Verbrennung einiger Stadtviertel und der Plünderung dessen, was die Gier und Wut von Alarich, Geiserich und Ricimer übriggelassen hatten. Im Frühjahr 547 verließ Totila Rom, führte aber alle noch zurückgebliebenen Bewohner mit sich fort. Vierzig Tage war die Hauptstadt der Welt leer: kein einziger Mensch war geblieben, und in den Straßen irrten nur wilde Tiere und verwilderte Haustiere herum. Dann fingen aber die Römer an, schüchtern, einer nach dem anderen, in ihre Stadt zurückzukehren. Nach einigen Tagen wurde Rom von Belisar besetzt und mit den Gebieten des östlichen Reiches wieder vereinigt.

Nun kehrte auch Rufius mit den Seinen nach Rom zurück. Sie fanden auf dem Remurium ihr Häuschen wieder, das die Plünderer wegen seiner Kleinheit verschont hatten. Fast das ganze ärmliche Eigentum der Rufier war noch vorhanden, darunter auch die Bibliothek mit den für den Kalligraphen wertvollen Schriftrollen. Man glaubte schon, die durchgemachten Leiden als einen schweren Traum betrachten zu dürfen und das alte Leben wieder aufnehmen zu können. Alle diese Hoffnungen erwiesen sich aber bald als trügerisch. Der Krieg war noch lange nicht zu Ende. Die Römer mußten auch noch die zweite Belagerung durch Totila durchmachen, und die Bewohner starben wieder zu Hunderten vor Hunger und Mangel an Wasser. Nachdem die Goten die erfolglose Belagerung aufgegeben hatten, verließ auch Belisar die Stadt, und Rom kam unter die Herrschaft des raubgierigen Byzantiners Konon, den die Römer gleichfalls wie einen Feind flohen. Und dann gelang es den Goten, durch einen Verrat der Wachen, Rom zum zweitenmal zu besetzen. Totila ließ diesmal die Stadt nicht nur nicht plündern, sondern versuchte sogar, eine gewisse Ordnung einzuführen und auch die zerstörten Gebäude aufzurichten. Nach dem Tode Totilas wurde Rom schließlich von Narses erobert. Dies war im Jahre 552.

Wie die Rufier diese unglücklichen sechs Jahre überstanden haben, ist schwer festzustellen. In den Jahren des Krieges und der Belagerungen brauchte niemand die Kunst eines Kalligraphen. Niemand ließ sich von Rufius Werke der alten Dichter oder Kirchenväter abschreiben. In der Stadt waren auch keine Behörden mehr, an die man kalligraphisch geschriebene Gesuche hätte einreichen können. Es gab wenig Einwohner, noch weniger Geld und am wenigsten Lebensmittel. Man mußte sich seinen Lebensunterhalt durch allerlei Gelegenheitsarbeit im Dienste der Goten wie der Byzantiner erwerben und mitunter auch als Maurer bei der Instandsetzung der Stadtmauern und als Gepäckträger beim Heere arbeiten. Und trotzdem mußte die Familie nicht nur tage-, sondern auch wochenlang hungern. An Wein durfte man gar nicht denken: man trank das schlechte Wasser aus den Zisternen und aus dem Tiber, da alle Wasserleitungen von den Goten zerstört waren. Diese Entbehrungen ließen sich nur darum ertragen, weil sie alle ohne Ausnahme trafen. Die Nachkommen von Senatoren und Patriziern, die Angehörigen der reichsten und vornehmsten Geschlechter mußten auf den Straßen um ein Stück Brot betteln. Rusticiana, die Tochter des Symmachus und die Witwe des Boëtius, mußte ihre Hand nach Almosen ausstrecken.

Es ist nicht zu verwundern, daß die kleine Maria in diesen Jahren sich selbst überlassen blieb. Ihr Vater hatte sie in ihrer frühesten Kindheit Griechisch und Lateinisch lesen gelehrt. Aber nach der Rückkehr in die Stadt hatte er keine Zeit mehr, sich um ihre weitere Bildung zu kümmern. Tagelang machte sie alles, was ihr nur einfiel. Die Mutter zwang das Mädchen nicht, ihr in der Wirtschaft zu helfen, denn es gab fast keine Wirtschaft, die zu versehen gewesen wäre. Maria verkürzte sich die Zeit mit dem Lesen der Bücher, die im Hause geblieben waren, weil sich für sie keine Käufer fanden. Meistens trieb sie sich aber wie ein kleines wildes Tier in den verödeten Straßen, Foren und Plätzen umher, die für die zusammengeschmolzene Bevölkerung viel zu groß waren. Die wenigen Menschen, die durch die Straßen gingen, gewöhnten sich bald an das schmächtige, schwarzäugige, abgerissene Mädchen, das sich überall wie eine Maus herumtrieb, und schenkten ihr gar keine Beachtung. Rom war zu einem riesengroßen Hause für Maria geworden. Sie kannte es besser als alle Verfasser von Beschreibungen seiner Sehenswürdigkeiten der vergangenen Zeiten. Maria hatte in einer Reihe von Tagen die ganze unermeßliche Stadt, die einst über eine Million Einwohner beherbergt hatte, durchwandert und die einen Winkel lieben, die anderen aber hassen gelernt. Oft kehrte sie erst am späten Abend unter das traurige väterliche Obdach zurück, wo sie mehr als einmal ohne Abendessen zu Bett gehen mußte.

Maria kam auf ihren Wanderungen auch in die entferntesten Stadtteile diesseits und jenseits des Tibers, wo leere, zum Teil abgebrannte Häuser standen, und träumte dort von der vergangenen Größe Roms. Sie betrachtete die wenigen auf den Plätzen erhalten gebliebenen Statuen: den riesengroßen Stier auf dem Forum Boacium, die bronzenen Elefanten auf der Heiligen Straße, die Denkmäler Domitians, Marc Aurels und anderer berühmter Männer des Altertums, die Säulen, Obelisken und Reliefs und rief sich in Erinnerung, was sie über alle diese Dinge gelesen hatte; und wo ihre Kenntnisse nicht ausreichten, ergänzte sie das Gelesene durch Phantasie. Sie drang in die verlassenen Paläste der einstigen Reichen ein, bewunderte die kläglichen Überreste der prunkvollen Ausstattung, die Mosaikfußböden, die Wände aus farbigem Marmor und die hie und da erhalten gebliebenen prunkvollen Tische, Sessel und Leuchter. Maria besuchte auch die riesengroßen Thermen, die Städte für sich bildeten; nun waren sie zu jeder Zeit leer, da es kein Wasser gab, um ihre unersättlichen Röhren zu speisen; in einzelnen Thermen waren noch herrliche marmorne Wasserbehälter zu sehen, Mosaikböden, Badesessel und Wannen aus kostbarem Alabaster und Porphyr, hie und da auch halbzerschlagene Statuen, die weder die Goten noch die Byzantiner als Wurfgeschosse für ihre Ballisten verwendet hatten. In der Stille der großen Säle glaubte Maria den Widerhall eines sorglosen und reichen Lebens zu hören, das alltäglich Tausende und aber Tausende von Besuchern hierher lockte, die hier Freunde trafen, über Literatur und Philosophie disputierten oder die verzärtelten Körper vor einem Festgelage salben ließen. Im Großen Zirkus, der von Gras und Disteln überwuchert war und wie ein wilder Graben aussah, träumte Maria von den festlichen Wettkämpfen, denen Zehntausende von Zuschauern beiwohnten, die glücklichen Sieger mit betäubendem Beifall belohnend. Maria mußte von diesen Festen wissen, da das letzte von ihnen (o trauriger Schatten einstiger Größe!) zu ihrer Zeit von Totila bei seiner zweiten Anwesenheit in Rom veranstaltet worden war. Manchmal ging aber Maria einfach an das Ufer des Tibers, setzte sich an einem versteckten Plätzchen im Schutze einer halb eingefallenen Wand ins Gras, blickte auf das gelbe Wasser des von Dichtern und Künstlern verherrlichten Stromes und gab sich in der menschenleeren Stille ihren Träumen hin.

Maria gewöhnte sich, in ihren Träumen zu leben. Die halb zerstörte und halb verlassene Stadt gab ihrer Einbildungskraft reichliche Nahrung. Alles, was sie von den Erwachsenen gehört, was sie in den Büchern ihres Vaters gelesen, vermengte sich in ihrem Kopf zu einem seltsamen, chaotischen, aber unendlich reizvollen Bild der großen alten Stadt. Sie war fest davon überzeugt, daß das einstige Rom, wie es die Dichter behaupteten, der Mittelpunkt aller Schönheit, eine wunderbare Stadt voller Zauber gewesen, wo das Leben als ein ununterbrochenes Fest dahingeflossen sei. Das arme Kind brachte alle Jahrhunderte und Zeitalter durcheinander: die Zeit des Orestes erschien ihr ebenso fern wie die Regierung Trajans, und die Herrschaft des weisen Numa Pompilius ebenso nahe wie die des Odoaker. Alles, was vor den Goten gewesen, erschien ihr als Altertum; die Regierung Theodorichs des Großen – als ferne und noch glückliche Vergangenheit; die neue Zeit begann für Maria mit ihrer Geburt, mit der ersten Belagerung Roms durch Belisar. Im Altertum erschien ihr alles herrlich, schön und wunderbar; in der Vergangenheit alles anziehend und glücklich; in der neuen Zeit unheilvoll und schrecklich. Und Maria bemühte sich, die grausame Gegenwart: nicht zu sehen, und lebte in dem von ihr geliebten Altertum, zwischen ihren Lieblingshelden, dem Gott Bacchus, dem zweiten Begründer der Stadt Camillus, Cäsar, der nun als Stern am Himmel strahlte, dem Weisesten aller Menschen Diocletian und dem Unglücklichsten unter den Großen, Romulus Augustulus. Alle diese und auch viele andere, deren Namen Maria hörte, waren die Lieblinge ihrer Träume und die gewohnten Helden ihrer kindlichen Visionen.

Maria schuf in ihren Gedanken allmählich eine eigene Geschichte Roms, die mit der, die einst der beredsame Livius und nach ihm andere Historiker und Annalisten so schön geschildert, nicht das geringste zu tun hatte. Wenn Maria die erhalten gebliebenen Statuen bewunderte und die halb verwischten Inschriften entzifferte, gab sie allem ihre eigene Auslegung und fand überall eine Bestätigung für ihre schrankenlose Phantasie. Sie sagte sich, daß die eine oder andere Statue den jugendlichen Augustus darstelle, und niemand hätte das Kind zu überzeugen vermocht, daß es nur ein schlechtes Bildnis irgendeines Halbbarbaren war, der vor nur fünfzig Jahren gelebt und einen schlechten Steinmetzen beauftragt hatte, seine Züge in einem Stück billigen Marmors zu verewigen. Oder wenn sie ein Relief sah, das eine Szene aus der Odyssee darstellte, dichtete sie eine lange Geschichte, in der ihre Lieblingshelden – Mars, Brutus oder der Kaiser Honorius – mitwirkten, und war hinterher überzeugt, daß sie diese Geschichte in einem der Bücher ihres Vaters gelesen habe. So schuf sie Legende auf Legende, Mythos auf Mythos und lebte darin wie in einer Welt, die viel wirklicher war als die in den Büchern beschriebene, um so mehr aber als die elende Welt, die sie umgab.

Wenn Maria von ihren Träumen und vom Gehen ermüdet war und Hunger spürte, kehrte sie ins Elternhaus zurück. Hier empfing sie die mürrische Mutter, die nach allen Leiden, die sie zu ertragen gehabt, erbittert war; sie gab ihr lieblos ein Stück Brot mit Käse oder Knoblauch, wenn sie diese Sachen in der Küche hatte, und fügte manchmal dem kargen Mahl einige Scheltworte hinzu. Maria drückte sich so scheu wie ein gefangener Vogel in eine Ecke, verschlang hastig, was ihr die Mutter gegeben, und eilte in ihre Kammer auf das harte Lager, um in der Zeit vor dem Einschlafen und auch im Schlafe von den seligen, blendenden Zeiten des Altertums zu träumen. An besonders glücklichen Tagen, wenn der Vater zu Hause und gut aufgelegt war, unterhielt er sich manchmal mit Maria. Ihr Gespräch kam aber immer auf das Altertum, das die beiden so zärtlich liebten. Maria fragte ihren Vater nach der Vergangenheit Roms aus und lauschte mit verhaltenem Atem dem alten Kalligraphen, wenn er mit Begeisterung von der Größe des Reiches unter Theodosius sprach oder die Verse der alten Dichter Vergil, Ausonius und Claudianus rezitierte. Und das Chaos im armen Köpfchen Marias wurde noch verworrener, und zuweilen kam es ihr vor, daß das wirkliche Leben nur ein Traum sei und daß sie in Wirklichkeit in den seligen Zeiten des Äneas, Augustus und Gracianus lebe.

II

Nach der Besetzung Roms durch Narses kam das Leben in der Stadt einigermaßen ins alte Geleis. Der Regent ließ sich auf dem Palatin nieder; man setzte für ihn einen Teil der verwüsteten Gemächer des kaiserlichen Palastes instand, und abends waren die Fenster hell erleuchtet. Die Byzantiner hatten Geld mitgebracht, und der Handel lebte wieder auf. Der Verkehr auf den Landstraßen war fast gefahrlos, und die verarmten Bewohner der verwüsteten Campagna begannen ihre Vorräte nach Rom zum Verkauf zu bringen. Hie und da wurden Tabernen eröffnet. Es machte sich sogar eine Nachfrage nach Luxusgegenständen bemerkbar; diese wurden hauptsächlich von Frauen liederlichen Lebenswandels gekauft, die wie ein Schwarm von Raben dem aus vielen Völkern bunt zusammengewürfelten Heer des großen Eunuchen folgten. Durch alle Straßen huschten Mönche, an denen man gleichfalls etwas verdienen konnte. Die dreißig- oder vierzigtausend Einwohner, die Soldaten mit inbegriffen, die sich nun in Rom angesammelt hatten, verliehen der Stadt, besonders ihrem Zentrum, das Aussehen eines gutbevölkerten und selbst belebten Platzes.

Endlich fand sich auch geeignete Arbeit für Rufius. Narses und auch sein Nachfolger, der byzantinische Dux, nahmen allerlei Beschwerden und Gesuche entgegen, und man bedurfte eines geschickten Kalligraphen, um solche zu schreiben. Die Edikte Justinians, durch die Beschlüsse der gotischen Könige zum Teil bestätigt und zum Teil außer Kraft gesetzt wurden, führten zu unendlichen Gerichtsprozessen. Manchmal gab es auch Akten abzuschreiben, die unmittelbar an Seine Heiligkeit den Kaiser nach Byzanz gingen, und solche Arbeit wurde verhältnismäßig gut bezahlt. Es kamen auch bedeutende Aufträge vor. Ein neu gegründetes Kloster ließ sich ein kalligraphisches Exemplar der liturgischen Bücher anfertigen. Irgendein Sonderling bestellte sich eine Abschrift der Gedichte des trefflichen Rutilius. Im Hause der Rufier machte sich wieder einiger Wohlstand bemerkbar. Die Familie konnte jeden Tag zu Mittag essen und brauchte nicht für den nächsten Tag zu zittern.

Alles hätte gut werden können, wenn der Kalligraph, der in den letzten Jahren der Entbehrungen sehr gealtert war, nicht zu trinken angefangen hätte. Oft ließ er seinen ganzen Verdienst in einer Taberne oder Campona zurück. Für Florentia war das ein harter Schlag. Sie kämpfte auf jede Weise gegen die unglückliche Leidenschaft ihres Mannes, nahm ihm oft das verdiente Geld ab, aber Rufius fand immer noch die Möglichkeit, sich irgendwie zu betrinken. Maria liebte dagegen die Tage, an denen der Vater betrunken war. An solchen Tagen kam er in heiterster Stimmung nach Hause, achtete nicht auf die Tränen und Vorwürfe Florentias, rief aber gerne Maria, wenn sie zu Hause war, zu sich, erzählte ihr wieder ohne Ende von der vergangenen Größe der Ewigen Stadt und rezitierte Verse alter Dichter und auch solche, die er selbst verfaßt hatte. Das halbwahnsinnige Mädchen und der betrunkene Vater verstanden sich gut und blieben oft bis in die späte Nacht zusammen auf, nachdem die erzürnte Florencia sie verlassen und allein zu Bett gegangen war.

Maria selbst hatte aber ihre Lebensweise nicht geändert. Vergebens zwang sie der Vater, wenn er nüchtern war, ihm in seiner Arbeit zu helfen. Vergebens zürnte ihr die Mutter, daß sie ihr nicht in der Wirtschaft helfe. Wenn man Maria dazu zwang, schrieb sie ungern und verbissen einige Zeilen ab oder putzte einige Zwiebeln, lief aber bei der ersten Gelegenheit aus dem Hause, um wieder einen ganzen Tag in den von ihr geliebten Winkeln der Stadt zu verbringen. Wenn sie heimkam, überschüttete man sie mit Scheltworten, Maria hörte aber alle Vorwürfe schweigend an und entgegnete kein Wort. Was kümmerten sie die Scheltworte, wenn in ihren Gedanken alle die prächtigen Bilder noch glänzten, mit denen sie ihre Einbildungskraft nährte, vor einer Porphyrwanne in den Thermen Caracallas hockend oder im dichten Grase am Ufer des alten Tibers versteckt? Sie würde auch Schläge und jede Pein gerne ertragen, wenn man ihr nur nicht ihre Visionen nähme. In diesen Visionen war aber das ganze Leben Marias.

Im Herbst des Jahres 554 sah Maria in den Straßen Roms den Triumphzug des Narses, den letzten Triumph, der in der Ewigen Stadt gefeiert wurde. Das bunt zusammengewürfelte Heer des Eunuchen, alle die Griechen, Hunnen, Heruler, Gepiden und Perser zogen als unordentliche Horde durch die Heilige Straße mit der reichen Beute, die sie den Goten abgenommen hatten. Die Soldaten sangen lustige Lieder in allen möglichen Sprachen, und ihre Stimmen vermengten sich zu einem wilden, ohrenbetäubenden Geheul. Der lorbeerbekränzte Feldherr fuhr in einem mit weißen Rossen bespannten Wagen. Vor den Toren Roms wurde er von einigen Männern in weißen Togen empfangen, die sich für Senatoren ausgaben. Narses zog durch das halbzerstörte Rom, durch Straßen, wo zwischen mächtigen Steinplatten Gras wucherte, zum Kapitol. Hier legte er seinen Kranz vor der Statue Justinians nieder, die man zu diesem Zweck irgendwo aufgetrieben hatte, und begab sich von da zu Fuß durch ganz Rom zu der Basilika von St. Peter, wo ihn der Papst und die ganze Geistlichkeit in festlichen Ornaten empfingen. Die Römer, die sich in den Straßen drängten, sahen diesem Aufzug, dem die Mitwirkenden große Pracht zu verleihen bestrebt waren, ohne sonderliche Begeisterung zu. Der Triumph der Byzantiner war für die Römer eine fremde Angelegenheit, beinahe ein Triumph der Feinde ihrer Heimat.

Auch auf Maria hatte der Triumph gar keinen Eindruck gemacht. Gleichgültig blickte sie auf die bunten Gewänder der Soldaten, auf die Triumphtoga des Eunuchen, eines bartlosen Männchens mit lebhaften Augen, und auf die prunkvollen Ornate der Geistlichkeit. Die Lieder und das Kriegsgeschrei des Heeres machten ihr nur Angst. Das Ganze erschien ihr so unähnlich jenen Aufzügen, die sie so oft in ihren einsamen Träumen gesehen – den Triumphen Augustus‘, Vespasians und Valentinians! Hier erschien ihr alles entsetzlich und häßlich; dort war aber alles Prunk und Schönheit. Ohne das Ende des Triumphes abzuwarten, lief Maria von der Basilika von St. Peter auf die Appische Straße zu den Trümmern der Thermen Caracallas, die sie so liebte, um in der Stille der Marmorsäle nach Herzenslust über die unwiederbringliche Vergangenheit zu weinen und in ihren Träumen alles wieder so lebendig und so schön zu sehen, wie es in Wirklichkeit nur hatte sein können. An diesem Tage kam Maria spät nach Hause und gab keine Antwort auf die Frage, ob sie den Triumph gesehen hätte.

Maria war um diese Zeit beinahe achtzehn Jahre alt. Sie war nicht schön. Hager, mit unentwickeltem Busen, krankhaftem Rot der Wangen und wilden schwarzen Augen, wirkte sie eher abschreckend als anziehend. Sie hatte gar keine Freundinnen. Wenn die Mädchen aus der Nachbarschaft sie ansprachen, antwortete sie ihnen einsilbig und kurz und beeilte sich, jedes Gespräch so schnell als möglich abzubrechen. Was konnten auch alle die anderen Mädchen von ihren geheimen Gedanken, von ihren kostbaren Visionen verstehen! Worüber hätte Maria mit ihnen sprechen können! Man hielt sie halb für eine Närrin, halb für eine Wahnsinnige. Außerdem ging sie niemals zur Kirche. Es traf sich manchmal in einer menschenleeren Straße, daß irgendein Mann Maria nachsetzte und sie am Ellenbogen zu fassen oder zu umarmen versuchte. Maria wehrte sich wie eine Wildkatze, kratzte, biß und schlug mit den Fäusten um sich, so daß der Kecke sie in Ruhe lassen mußte. Und doch fand sich in der Nachbarschaft ein Jüngling, der Sohn eines Kupferschmiedes, der um Maria freite. Als die Mutter es ihr mitteilte, nahm Maria die Nachricht mit dem größten Entsetzen auf. Als aber die Mutter in sie drang und sagte, daß sie einen besseren Mann heutzutage unmöglich finden würde, fing Maria so verzweifelt zu weinen an, daß Florentia sie in Ruhe ließ und sich sagte, daß ihre Tochter entweder noch zu jung fürs Heiraten oder wirklich nicht bei vollem Verstand sei. So ließ man Maria ihre Freiheit, und sie durfte treiben, was sie wollte.

Es vergingen Tage, Wochen und Monate. Rufius arbeitete und trank. Florentia besorgte die Wirtschaft und fluchte. Beide hielten sich für unglücklich und verwünschten ihr Geschick. Nur Maria allein war glücklich in der Welt ihrer Träume. Immer weniger sah sie die verhaßte Wirklichkeit, die sie umgab. Immer tiefer und tiefer drang sie in das Reich ihrer Visionen ein. Sie sprach bereits mit den von ihrer Phantasie geschaffenen Gestalten wie mit lebendigen Menschen. Sie ging nach Hause, von der Überzeugung erfüllt, daß sie heute der Göttin Vesta oder dem Diktator Sulla begegnet wäre. Sie erinnerte sich der Dinge, die sie im Traume gesehen, wie wirklicher Erlebnisse. Bei den nächtlichen Gesprächen mit dem betrunkenen Vater tischte sie ihm oft ihre Erinnerungen auf, und der alte Rufius wunderte sich darüber nicht: für jede Erzählung hatte er schon irgendein Gedicht bereit, und so ergänzte er die wahnsinnigen Träume seiner Tochter und spann sie weiter aus. Wenn Florentia im Halbschlummer ihre Gespräche hörte, spuckte sie aus und fluchte oder bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet zu der heiligen Jungfrau.

III

Im Frühling des dem Triumph des Narses folgenden Jahres stieß Maria bei einem Rundgange um die einfallenden Mauern der Thermen Trajans, an einer Stelle, wo offenbar schon der Esquilinische Hügel begann, auf eine seltsame Öffnung im Boden, die wie ein Eingang aussah. Die Gegend war öde. Ringsherum standen nur unbewohnte, verlassene Häuser; das Pflaster war schadhaft und der steile Hügelabhang mit wildem Gras bewachsen. Nach einiger Mühe gelang es Maria, zu der Öffnung zu gelangen, die in einen dunklen, engen Gang führte. Maria drang ohne zu zögern ein. Sie mußte in völliger Dunkelheit, in stickiger Luft auf allen vieren kriechen. Der Gang brach plötzlich ab. Als Marias Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie beim schwachen Schein, der durch den Eingang hereindrang, erkennen, daß sie den großen Saal eines unbekannten Palastes vor sich hatte. Maria sagte sich nach einiger Überlegung, daß sie hier ohne Licht nichts sehen würde. Vorsichtig kam sie wieder heraus und irrte diesen ganzen Tag nachdenklich durch die Straßen. Sie hielt Rom für ihren Besitz, und der Gedanke, daß es in dieser Stadt etwas ihr Unbekanntes geben könne, war ihr unerträglich.

Am folgenden Tag begab sich Maria mit einer Fackel, die sie sich selbst gemacht hatte, wieder an diese Stelle. Nicht ohne Gefahr stieg sie in den von ihr entdeckten Saal hinab und entzündete die Fackel. Sie sah vor sich ein herrliches Gemach. Die Wände bestanden bis zur Mitte aus Marmor und waren darüber mit wunderbaren Malereien geschmückt. In den Nischen standen Bronzestatuen von wunderbarer Arbeit, die wie lebendige Menschen aussahen. Auf dem von Schutt und Erde bedeckten Fußboden konnte man die Mosaiken erkennen. Nachdem Maria all das Neue eine Weile bewundert hatte, ging sie tapfer weiter. Durch eine riesengroße Tür gelangte sie in ein ganzes Labyrinth von Gängen, das sie in einen neuen Saal, noch herrlicher als der erste, führte. Weiter folgte eine lange Reihe von Gemächern, die mit Marmor und Gold, Wandmalereien und Statuen geschmückt waren; an vielen Stellen standen noch kostbare Möbel und allerlei Hausrat feinster Arbeit. Überall liefen und krochen Eidechsen, Spinnen und Asseln umher und flatterten Fledermäuse; Maria war aber von dem einzigartigen Anblick so sehr hingerissen, daß sie sie nicht sah. Vor ihr lag das Leben des alten Roms, das echte und lebendige Leben, das sie nun endlich gefunden hatte!

Wie lange Maria sich an diesem Tage an ihrer Entdeckung berauschte, wußte sie selbst nicht. Vor großer Erregung oder von der stickigen Luft verlor sie plötzlich das Bewußtsein. Als sie auf dem steinernen feuchten Boden wieder zu sich kam, sah sie, daß ihre Fackel schon zu Ende gebrannt war. Maria begann nun in der völligen Dunkelheit tastend den Weg zum Ausgang zu suchen. Sie irrte lange, viele Stunden herum, konnte aber aus den zahllosen Gängen und Gemächern nicht herauskommen. In ihrem benebelten Bewußtsein tauchte schon der Gedanke auf, daß es ihr beschieden sei, in diesem unbekannten, unter der Erde begrabenen Palaste zu sterben. Maria erschrak vor diesem Gedanken nicht: es erschien ihr vielmehr schön und begehrenswert, ihr Leben inmitten des prunkvollen alten Lebens, in einem Marmorsaal, zu Füßen irgendeiner herrlichen Statue zu beschließen. Nur das eine tat ihr leid: daß ringsum Dunkelheit herrschte und daß es ihr nicht beschieden sei, die Schönheit zu sehen, in der sie sterben würde … Plötzlich leuchtete vor ihr ein Lichtschein auf. Maria nahm alle ihre Kräfte zusammen und ging auf das Licht zu. Es war Mondlicht, das durch eine Spalte hereindrang, die derjenigen glich, durch die Maria in den Palast gekommen war. Diese Spalte befand sich aber in einem ganz anderen Saale. Mit großer Mühe an den Mauervorsprüngen emporkletternd, erreichte Maria die Spalte und kam ins Freie, zu einer Stunde, wo die ganze Stadt schon schlief und der Mond allein über die Trümmerhaufen herrschte. An den Mauern entlangschleichend, um von niemand gesehen zu werden, kehrte sie erschöpft, kaum noch atmend, nach Hause zurück. Der Vater war nicht zu Hause – er war für die ganze Nacht verschwunden –, und die Mutter beschränkte sich auf einige Scheltworte.

Nun besuchte Maria alltäglich den von ihr entdeckten unterirdischen Palast. Allmählich lernte sie alle seine Gänge und Säle so gut kennen, daß sie in ihnen in völliger Dunkelheit herumirren konnte, ohne Gefahr zu laufen, den Weg zu verlieren. Übrigens hatte sie immer eine kleine Lampe oder eine Pechfackel bei sich, um die prunkvolle Ausstattung der Gemächer nach Herzenslust bewundern zu können. Maria kannte sie alle. Sie kannte die Zimmer, die ganz mit Rot geschmückt waren; andere, wo die gelbe Farbe vorherrschte; solche, die grün ausgemalt waren und an frische Wiesen und Gärten gemahnten; auch die ganz weißen Säle mit Verzierungen aus schwarzem Ebenholz; sie kannte alle Wandmalereien, die Szenen aus dem Leben der Götter und Heroen, berühmte Schlachten des Altertums, Bildnisse großer Männer und komische Abenteuer von Faunen und Liebesgöttern darstellten; sie kannte alle im Palaste erhalten gebliebenen Statuen aus Bronze und Marmor, die kleinen Büsten in den Nischen, die feierlichen lebensgroßen Bildwerke und die kolossale Gruppe, die drei Menschen – einen Mann und zwei Jünglinge – darstellte, welche von riesengroßen Schlangen umstrickt, sich vergebens aus dem todbringenden Ringen zu befreien mühten.

Von allen Schätzen des unterirdischen Palastes gefiel Maria ein Relief am besten. Es stellte ein hageres, schlankes Mädchen dar, das in tiefem Schlaf in irgendeiner Grotte ruhte; vor dem Mädchen stand ein Jüngling in Kriegsrüstung mit edlem Gesicht von wunderbarer Schönheit; über ihnen war wie in Wolken ein auf einem Flusse schwimmender Korb mit zwei Säuglingen dargestellt. Maria glaubte, daß die Züge des Mädchens den ihrigen ähnlich seien. In der schmächtigen schlafenden Prinzessin erkannte sie sich selbst und wurde nicht müde, sie stundenlang zu bewundern und sich an ihre Stelle zu denken. Zuweilen glaubte Maria beinahe, irgendein Künstler des Altertums hätte durch ein Wunder vorausgeahnt, daß einst das Mädchen Maria in die Welt kommen würde, und ihr Bildnis im Relief des geheimnisvollen, verzauberten Palastes festgebannt, damit es unter der Erde durch die Jahrhunderte unversehrt erhalten bleibe. Der Sinn der anderen Figuren des Reliefs blieb für Maria lange Zeit dunkel.

Eines Abends sprach Maria wieder mit ihrem Vater, der lustig und betrunken nach Hause gekommen war. Sie waren allein, denn Florentia hatte sie wie immer mit ihren närrischen Gesprächen allein gelassen und war schlafen gegangen. Maria erzählte dem Vater von dem unterirdischen Palast, den sie entdeckt, und von seinen Schätzen. Der alte Rufius nahm den Bericht der Tochter ebenso auf wie alle ihre anderen Hirngespinste. Wenn sie ihm berichtete, daß sie heute auf der Straße Konstantin dem Großen begegnet und daß er sich mit ihr gnädig unterhalten habe, so wunderte sich Rufius nicht, begann aber von Konstantin zu erzählen. Und als Maria ihm jetzt von den Schätzen des unbekannten Palastes erzählte, kam der alte Kalligraph sofort auf diesen Palast zu sprechen.

»Ja, ja, Tochter!« sagte er. »Zwischen dem Palatin und dem Esquilin muß es liegen. Es ist das Goldene Haus des Kaisers Nero, der Herrlichste der Paläste, die hier jemals standen! Dem Kaiser reichte der Raum dazu nicht aus, und er verbrannte die Stadt. Rom ging in Flammen auf, und Nero deklamierte Verse vom Brande Trojas. Auf dem so gewonnenen Platze errichtete er sein Goldenes Haus. Ja, ja, zwischen dem Palatin und dem Esquilin, du hast recht. In der Stadt hat es nichts Herrlicheres gegeben. Nach dem Tode Neros haben die anderen Kaiser diesen Palast aus Neid zerstört und mit Erde verschüttet: er ist nicht mehr. An seiner Stelle haben sie Häuser und Thermen erbaut. Er war aber der schönste aller Paläste!«

Maria wurde kühner und erzählte dem Vater vom Relief, das ihr so gut gefallen. Und der alte Kalligraph wunderte sich wieder nicht und erklärte der Tochter, was der Künstler hatte darstellen wollen.

»Töchterchen, es ist Rea Silvia, die Vestalin, die Tochter des Königs Numitor. Der Jüngling aber ist Gott Mars, der in Liebe zu dem Mädchen entbrannte und es in der heiligen Grotte fand. Sie gebar ihm die Zwillinge Romulus und Remus. Rea Silvia wurde im Tiber ertränkt, die Kinder aber wurden von einer Wölfin großgezogen und gründeten die Stadt. Ja, so war es, Tochter.«

Rufius erzählte Maria das rührende Märchen von der pflichtvergessenen Vestalin Ilia oder Rea Silvia und begann gleich darauf die Verse aus den Metamorphosen des alten Naso zu rezitieren:

Proximus Ausonias injusci miles Amuli
Rexit opes …

Maria hörte aber dem Vater nicht mehr zu; leise sprach sie vor sich hin: »Es ist Rea Silvia! Rea Silvia!«

IV

Von nun an verweilte Maria immer länger vor dem herrlichen Relief. Sie brachte immer außer der Fackel auch ihren kargen Imbiß mit, um möglichst lange im unterirdischen Palast bleiben zu können, in dem sie sich mehr zu Hause fühlte, als im Hause ihres Vaters. Maria legte sich auf den kalten, feuchten Fußboden vor dem Bild der Tochter des Königs Numitor hin und betrachtete beim schwachen Schein der Pechfackel stundenlang die Gesichtszüge des in der heiligen Grotte schlafenden schlanken Mädchens. Mit jedem neuen Tage glaubte Maria mehr daran, daß sie jener Vestalin ähnlich sähe, und bald konnte sie in ihren Gedanken die arme Maria, die Tochter Rufius‘, des Kalligraphen, von der unglücklichen Ilia, der Tochter des Königs von Alba Longa, nicht mehr auseinanderhalten. Sich selbst nannte Maria nicht anders als Rea Silvia. Vor dem Relief liegend, malte sie sich aus, daß auch zu ihr, in dieser neuen heiligen Grotte, Gott Mars kommen und daß sie aus diesen göttlichen Umarmungen die Zwillinge Romulus und Remus, die Begründer der Ewigen Stadt, gebären werde. Sie würde es allerdings mit dem Leben bezahlen und in den trüben Wellen des Tibers umkommen müssen; aber was kümmerte Maria der Tod?! Oft schlief Maria mit solchen Gedanken vor dem Relief ein und träumte von Gott Mars mit dem schönen edlen Gesicht und von seinen göttlichen, sengenden Umarmungen. Und wenn sie erwachte, wußte sie nicht, ob sie es im Traume oder im Wachen erlebt.

Es herrschte schon die sengende Julihitze, und die Straßen Roms lagen zur Mittagsstunde ebenso öde da wie nach dem grausamen Befehl des Königs Totila; im unterirdischen Palast war es aber kühl und feucht, und Maria kam alltäglich hierher, um vor dem Bild Ilias vom göttlichen Gemahl zu träumen. Und als sie sich wieder einmal im Halbschlummer den sengenden Umarmungen des Gottes hingab, wurde sie von einem Geräusch geweckt. Maria öffnete erstaunt die Augen und sah sich um. Beim Schein der kleinen Fackel, die sie in einen Spalt zwischen den Steinen gesteckt hatte, erblickte sie vor sich einen Jüngling. Er hatte keine Rüstung an, sondern eine Kleidung, wie sie damals die ärmeren Römer trugen; aber das Gesicht des Jünglings war voller Adel und schien Maria in wunderbarer Schönheit zu strahlen. Eine Weile blickte Maria erstaunt die unerwartete Erscheinung an, den Menschen, der in diesen verzauberten Palast eingedrungen war. In den Palast, von dem sie glaubte, daß er nur ihr allein bekannt sei. Dann setzte sie sich auf und fragte einfach:

»Bist du zu mir gekommen?«

Der Jüngling lächelte still und bezaubernd und antwortete mit einer Frage:

»Und wer bist du, Mädchen? Der Genius dieses Ortes?«

Maria erwiderte:

»Ich bin Rea Silvia, die Vestalin, Tochter des Königs Numitor. Bist du nicht Gott Mars, der mich sucht?«

Der Jüngling entgegnete darauf:

»Nein, ich bin kein Gott, ich bin ein Sterblicher und heiße Agapitus; auch suche ich dich nicht. Es ist aber ganz gleich, und ich bin froh, daß ich dich hier gefunden habe. Sei gegrüßt, Rea Silvia, Tochter des Königs Numitor!«

Maria forderte den Jüngling auf, sich an ihre Seite zu setzen, was er auch sofort tat. So saßen die beiden nebeneinander, das Mädchen und der Jüngling, auf dem feuchten Boden im Prunkgemach des verschütteten Goldenen Hauses Neros, blickten einander in die Augen und wußten anfangs nicht, was zu sagen. Dann zeigte Maria dem Jüngling das Relief und erzählte ihm die Legende von der unglücklichen Vestalin. Der Jüngling unterbrach sie aber:

»Ich kenne es, Rea«, sagte er, »aber wie seltsam: das Gesicht des Mädchens auf dem Relief gleicht tatsächlich dem deinigen.«

»Das bin ich!« entgegnete Maria.

In ihren Worten lag eine so tiefe Überzeugung, daß der Jüngling sie bestürzt ansah und gar nicht wußte, was er sich denken sollte. Maria aber legte ihm ihre Hand zärtlich auf die Schulter und begann einschmeichelnd, beinahe schüchtern:

»Leugne es nicht: du bist Gott Mars, der die Gestalt eines Sterblichen angenommen hat. Ich habe dich aber erkannt. Ich habe lange auf dich gewartet. Ich wußte, daß du kommen wirst. Und ich fürchte den Tod nicht. Sollen sie mich nur im Tiber ertränken.«

Lange hörte der Jüngling den verworrenen Worten des Mädchens zu. Alles ringsum war so seltsam. Dieser unterirdische, unbekannte Palast mit seinen herrlichen Räumen, in denen nur Eidechsen und Fledermäuse hausten. Das Halbdunkel des großen Saales, das nur vom schwachen Schein zweier Fackeln erhellt war. Dieses unbekannte Mädchen, das der Rea Silvia auf dem alten Relief so ähnlich sah und auf eine wunderbare Weise in das begrabene Goldene Haus Neros geraten war, und ihre unverständlichen Worte. Der Jüngling fühlte, wie die rohe Wirklichkeit, in der er eben erst, bevor er in die unterirdischen Räume eingedrungen war, gelebt hatte, verschwand und zerschmolz wie ein Traumgebilde beim Erwachen. Noch ein Augenblick, und der Jüngling hätte selbst geglaubt, daß er Gott Mars sei und hier die von ihm geliebte Tochter Numitors, die Vestalin Ilia, getroffen habe. Der Jüngling nahm alle seine Kräfte zusammen und unterbrach Maria.

»Liebes Mädchen«, sagte er, »hör mich an. Du täuschst dich in mir. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich will dir die Wahrheit eröffnen. Agapitus ist nicht mein echter Name. Ich bin ein Gote und heiße Theodatus. Ich muß aber meine Herkunft verheimlichen, denn sonst töten sie mich. Hörst du es denn auch meiner Aussprache nicht an, daß ich kein Römer bin? Als meine Stammesgenossen eure Stadt verließen, folgte ich ihnen nicht. Ich liebe Rom, ich liebe seine Geschichte und seine Überlieferungen und will in der Ewigen Stadt, die eine Zeitlang die unsrige war, leben und sterben. Unter dem Namen Agapitus bin ich nun bei einem Waffenschmied im Dienst; bei Tage arbeite ich, am Abend irre ich aber durch die Stadt und bewundere ihre erhalten gebliebenen Denkmäler. Ich wußte, daß an dieser Stelle das Goldene Haus Neros gestanden hat, und drang in die unterirdischen Gemächer ein, um die Überreste der einstigen Pracht zu sehen. Das ist alles. Ich habe dir die Wahrheit gesagt und vertraue dir, daß du mich nicht verraten wirst, denn ein Wort von dir würde genügen, um mich dem Tode zu überliefern.«

Maria hörte die Worte des Theodatus mißtrauisch und unzufrieden an. Sie dachte eine Weile nach und sagte:

»Warum betrügst du mich? Warum willst du die Gestalt eines Goten annehmen? Sehe ich denn nicht den Nimbus um dein Haupt? Mars Gradivus, für die anderen bist du ein Gott, für mich aber der Geliebte! Spotte nicht über deine arme Braut Rea Silvia!«

Theodatus sah das Mädchen, das die wahnsinnigen Worte sprach, lange an, und er begriff allmählich, daß sie nicht bei vollem Verstand war. Und als dem Jüngling dieser Gedanke kam, sagte er zu sich selbst: Armes Mädchen! Nein, ich werde deine Schutzlosigkeit nicht mißbrauchen! Dies wäre eines Goten unwürdig. – Und er umarmte Maria und begann mit ihr sanft wie mit einem kleinen Kind zu sprechen; er widersprach ihren Hirngespinsten nicht und gestand, Gott Mars zu sein. Und lange saßen sie im Halbdunkel Seite an Seite, ohne auch nur einen Kuß zu tauschen, und sprachen vom zukünftigen Rom, das dereinst von den Zwillingen Romulus und Remus, ihren Kindern, begründet werden wird. Als die Fackeln niedergebrannt waren, sagte Theodatus zu Maria:

»Liebe Rea Silvia, es ist schon spät. Wir müssen von hier fort.«

»Wirst du morgen wiederkommen?« fragte Maria.

Theodatus sah das Mädchen an. Es erschien ihm mit seinem schmächtigen, halb kindlichen Körper, dem krankhaften Rot auf den Wangen und den tiefen schwarzen Augen ungemein anziehend. Ein unbegreiflicher Reiz war für ihn auch in dieser Zusammenkunft im halbfinsteren Saal des begrabenen Palastes, vor dem herrlichen Relief eines unbekannten Künstlers. Theodatus wollte gerne noch einmal mit der armen Wahnsinnigen sprechen und antwortete:

»Ja, Mädchen, morgen um die gleiche Stunde will ich nach meinem Tagewerk wieder zu dir herkommen.«

Hand in Hand gingen sie zum Ausgang. Theodatus hatte eine Strickleiter bei sich. Er half Maria zur Spalte emporsteigen, die ihnen als Eingang in den Palast diente. In den Straßen dunkelte es schon.

Beim Abschied sagte Theodatus, Maria gerade in die Augen blickend, noch einmal:

»Merke es dir, Mädchen, du darfst niemand sagen, daß du mir begegnet bist. Dies würde mich das Leben kosten. Lebe wohl bis morgen.«

Er stieg als erster auf die Erde herab und verschwand schnell hinter einer Straßenbiegung. Maria ging langsam nach Hause. Wenn sie an diesem Abend mit ihrem Vater gesprochen hätte, so hätte sie ihm nichts von Mars Gradivus, der endlich zu ihr gekommen war, erzählt.

V

Der Jüngling betrog Maria nicht. Am nächsten Tage kam er wirklich ins Goldene Haus, vor das Relief, das Mars und Rea Silvia darstellte, wo ihn Maria schon erwartete. Der Jüngling brachte Brot, Käse und Wein mit. Sie aßen im prunkvollen Saale Kaiser Neros zusammen zu Abend. Maria sprach wieder von der Schönheit des einstigen Lebens, von den Göttern, Heroen und Kaisern und vermengte tatsächlich Erlebtes mit den Ausgeburten ihrer Phantasie. Theodatus hielt aber das Mädchen umschlungen, streichelte leise ihre Hände und Schultern und bewunderte die schwarze Tiefe ihrer Augen. Dann wanderten sie zu zweit durch die leeren unterirdischen Gemächer und bewunderten beim Schein ihrer Fackeln die großen Werke des hellenischen und römischen Genius. Beim Abschied versprachen sie einander, sich auch am folgenden Tage hier zu treffen.

Von nun ab begab sich Theodatus jeden Tag, sobald er mit der langweiligen Arbeit in der Waffenschmiede fertig war, wo Helme, Speere und Panzer für die byzantinischen Truppen, die Rom bewachten, ausgebessert und angefertigt wurden, zum Stelldichein mit dem seltsamen Mädchen, daß sich für die wiedererstandene Vestalin Ilia hielt. Eine unüberwindliche Anziehungskraft lag für den Jüngling im gebrechlichen Körper des Mädchens und in ihren wahnsinnigen Reden, denen er stundenlang zuhören konnte. Sie besahen sich alle Säle, Gänge und Kammern des Palastes, in die sie nur eindringen konnten, freuten sich zusammen über jede neu entdeckte Statue, über jedes Relief, und es gab keinen Tag, an dem nicht irgendeine neue Entdeckung ihre Seelen mit neuer Freude erfüllte. Tag für Tag lebten sie in unveränderlichem Glück dahin – im Genießen der Kunstwerke –, und Jüngling und Mädchen fielen sich in den Augenblicken der Rührung vor einem neuen Marmor, der vielleicht vom Meißel des Praxiteles herrührte, in die Arme und vereinigten sich in einem seligen und keuschen Kuß.

Das Goldene Haus Neros wurde auch für Theodatus, ehe er es merkte, zum Heimathaus und Maria zum verwandtesten und liebsten Geschöpf auf Erden. Wie das gekommen war, wußte Theodatus selber nicht. Aber alle die anderen Stunden, die er auf der Erdoberfläche verbrachte, erschienen ihm als eine schwere und verhaßte Pflicht; und nur die Zeit, die er mit Rea Silvia unter der Erde, im vergessenen Palast des alten Kaisers, verweilen durfte, als das wahre Leben. Der Jüngling wartete den ganzen Tag in qualvoller Ungeduld auf den Augenblick, wo er sich von den kupfernen Helmen, Zangen und Hämmern trennen konnte, um mit der im Gewand versteckten Strickleiter zum Abhang des Esquilinischen Hügels zum ersehnten Stelldichein zu laufen. Nach diesen Zusammenkünften rechnete Theodatus seine Tage. Wenn man ihn fragte, was ihm an Maria so gefiele, würde er wohl keine Antwort geben können. Doch ohne sie, ohne ihre wahnsinnigen Reden, ohne ihre seltsamen Augen würde ihm das ganze Leben leer und überflüssig erscheinen.

Oben auf der Erde, in der Waffenschmiede oder in seiner ärmlichen Kammer, die er bei einem Priester mietete, konnte Theodatus vernünftig urteilen. Er sagte sich da, daß seine Rea Silvia ein armes verrücktes Mädchen sei und daß er vielleicht sündige, wenn er ihre verderblichen Hirngespinste unterstütze. Sobald er aber in das kühle und feuchte Halbdunkel des Goldenen Hauses hinabstieg, wurde er ein neuer Mensch mit neuer Seele und neuen Gedanken. Er war nicht mehr derselbe, der er in der Glut des römischen Tages oder in der dumpfen Luft der Waffenschmiede gewesen war. Er fühlte sich in eine andere Welt versetzt, wo man tatsächlich der Vestalin Ilia, der Tochter des Königs Numitor, und dem Gotte Mars, der die Gestalt eines jungen Goten angenommen habe, begegnen könnte. In dieser Welt war alles möglich und jedes Wunder natürlich. In dieser Welt war das Vergangene lebendig, und die Erfindungen der Dichter wurden auf Schritt und Tritt zur Wirklichkeit.

Man kann nicht sagen, daß Theodatus ganz an die Hirngespinste Marias glaubte. Wenn sie ihm aber vor der Statue irgendeines alten Kaisers erzählte, daß sie diesem einst auf dem Forum begegnet wäre und mit ihm gesprochen hätte, so kam es Theodatus vor, als ob sich etwas Ähnliches wirklich ereignet hätte. Wenn Maria ihm von den Reichtümern ihres Vaters, des Königs Numitor, erzählte, glaubte Theodatus beinahe, daß sie die Wahrheit spreche. Und wenn Maria von der Pracht des zukünftigen Roms schwärmte, das von den neuen Romulus und Remus begründet werden würde, kam auch Theodatus ins Feuer: er spann die gleichen Gedanken aus und sprach von den neuen Siegen der neuen Ewigen Stadt, von der neuen Eroberung der Welt und vom neuen Ruhm … Und sie erfanden zusammen Namen für die zukünftigen Kaiser, die einst in der Stadt ihrer Kinder herrschen würden … Maria nannte sich selbst nicht anders als Rea Silvia und den Jüngling nicht anders als Mars, und er gewöhnte sich so sehr an diesen Namen, daß er sich selbst zuweilen in seinen Gedanken mit dem Namen des alten römischen Kriegsgottes nannte. Und wenn sie beide, der Jüngling und das Mädchen, von der Dunkelheit, von den herrlichen Kunstwerken, von der gegenseitigen Nähe und von den seltsamen, halb wahnsinnigen Träumen berauscht waren, fühlte Theodatus in seinen Adern beinahe den göttlichen Ichor des Olympiers.

Und so verging ein Tag nach dem anderen. Zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Maria hatte Theodatus sich das Versprechen gegeben, das wahnsinnige Mädchen zu schonen und ihre geistige Umnachtung und Wehrlosigkeit nicht zu mißbrauchen. Mit jeder neuen Begegnung fiel es ihm aber immer schwerer, Wort zu halten. Mit jedem neuen Tag, an dem er das Madchen sah, das er mit der ganzen Glut seiner jugendlichen Leidenschaft liebte, wenn er mit ihr lange Stunden in Einsamkeit und Halbdunkel verbrachte, ihre Arme und Schultern berührte, mußte Theodatus sich immer mehr zusammennehmen, um Maria nicht in seine starken Arme zu ziehen, wie es Gott Mars einst mit der ersten Vestalin getan. Maria wich aber solchen Liebkosungen nicht nur nicht aus, sondern schien sie zu suchen und zu erwarten, sich mit ihrem ganzen Wesen nach ihnen zu sehnen. Sie zögerte in den Armen des jungen Goten, wenn er sie küßte, schmiegte sich selbst an seine Brust, und wenn sie die Statuen und Bilder betrachteten, und ihre großen schwarzen Augen sagten gleichsam dem Jüngling: »Wann denn? Bald? Ich bin müde zu warten!« Und Theodatus fragte sich: »Ist es denn wahr, daß sie wahnsinnig ist? Dann bin auch ich wahnsinnig! Und ist unser Wahnsinn nicht besser als das vernünftige Leben der anderen Menschen? Warum entsagen wir dem vollen Genuß der Liebe?«

Und so kam es, was unvermeidlich hatte kommen müssen. Einer der herrlichsten Säle im Goldenen Hause Neros wurde zu ihrem Hochzeitsgemach. Harzige Äste, die sie in die alten Bronzeleuchter mit den Darstellungen von Liebesgöttern gesteckt und entzündet hatten, waren die Hochzeitsfackeln. Den Bund des jungen Paares segneten von Praxiteles gemeißelte Marmorgötter, die mit überirdischem Lächeln aus ihren Porphyrnischen blickten. Die große Stille des begrabenen Palastes nahm die ersten leidenschaftlichen Seufzer der Neuvermählten auf, und das geheimnisvolle Halbdunkel umhüllte ihre blaß gewordenen Gesichter. Es gab weder Hochzeitsgesänge noch ein festliches Mahl, aber lange Jahrhunderte des Ruhmes und der Macht beschatteten ihr Hochzeitsbett aus Staub und Erde, das den Verliebten weicher und ersehnter erschien als die Daunen der pontischen Schwäne in den byzantinischen Schlafgemächern.

Von diesem Abend an war jede Begegnung zwischen Maria und Theodatus ein Stelldichein von Liebenden. Endlose Liebkosungen traten an Stelle ihrer Gespräche, leidenschaftliche Geständnisse und leidenschaftliche Schwüre an Stelle der halb wahnsinnigen Worte. Sie irrten wieder durch die leeren Gemächer des Goldenen Hauses, es lockte sie aber weniger die Pracht der Bilder, Statuen, Marmorwände und Mosaiken, als die Möglichkeit, in jedem neuen Zimmer sich wieder in die Arme zu fallen. Sie träumten noch vom künftigen Rom, das von ihren Kindern gegründet werden sollte, aber diese strahlende Vision wurde schon von der Seligkeit der Küsse verdunkelt, in deren Flammenschein nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch jeder Wahn verschwand. Sie nannten sich Rea Silvia und Gott Mars, waren aber schon arme irdische Liebhaber, ein glückliches Paar, wie aber Tausende andere, die auf Erden vor tausend Jahrhunderten gelebt hatten …

 VI

Theodatus versuchte niemals, Maria irgendwo außerhalb des unterirdischen Palastes zu begegnen, ebenso Maria dem Jüngling. Sie existierten füreinander nur im Goldenen Hause Neros. Vielleicht würden sie sich auf Erden gar nicht erkannt haben. Theodatus würde aufhören, für Maria Gott Mars zu sein, und Maria würde ihm niemals so schön und wunderbar erscheinen. Der ehrliche Gote sagte sich zwar oft, daß er die wahren Eltern des Mädchens aufsuchen, daß er es heiraten und offen vor allen Menschen zu seinem Weibe erklären müsse. Theodatus schob aber diesen Entschluß von Tag zu Tag auf: es tat ihm leid, den märchenhaften Zauber, in dem er lebte, zu zerstören, er fürchtete, die unaussprechliche Wirklichkeit der unterirdischen Säle mit dem gewöhnlichen Alltag zu vertauschen. Vielleicht erklärte sich Theodatus seine Unschlüssigkeit gar nicht so; aber er beeilte sich nicht, das brennende Glück der geheimen Zusammenkünfte zu unterbrechen, und sooft er von Maria Abschied nahm, schwor er ihr wieder, auch am nächsten Tage zu kommen. Sie erwartete und verlangte nichts mehr: ihr genügte schon die vermeintliche Seligkeit, von einem Gott geliebt zu werden …

»Wirst du mich immer lieben?« fragte Theodatus, Marias zarten Körper in seinen starken Armen zusammenpressend.

Sie schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich werde dich bis in den Tod lieben. Du bist unsterblich, ich aber muß bald sterben. Man wird mich in den Tiber werfen.«

»Nein! Nein!« sagte Theodatus. »Das wird nicht sein! Wir werden zusammen leben und auch zusammen sterben. Ohne dich will ich keine Unsterblichkeit. Auch nach unserem Tode werden wir uns dort, auf unserem Olymp, ebenso lieben!«

Maria aber blickte ihn ungläubig an. Sie erwartete den Tod und war auf den Tod gefaßt. Sie hatte nur den einen Wunsch: das Glück so lange als möglich auszudehnen.

Der Jüngling sagte sich, daß er Maria einmal heimlich folgen müsse, um zu erfahren, wo sie wohne; er müsse zu ihr ins Haus, zu ihrem wahren Vater kommen und ihm sagen, daß er, Agapitus, dieses Mädchen liebe und es zum Weibe nehmen wolle. Sooft aber der Augenblick der Trennung kam und Maria, nachdem sie Theodatus den Eid abgenommen, auch morgen ins Goldene Haus zu kommen, als leichter Schatten in die dunkelnde Ferne entglitt, gab sich der Jüngling einen neuen Aufschub: »Mag es morgen geschehen! Wir wollen uns nur noch ein einziges Mal als Rea Silvia und Gott Mars treffen! Soll dieses Märchen noch eine Weile dauern!« Und Theodatus ging zu sich in seine Kammer, die er bei einem Priester hatte, um die ganze Nacht von seiner Geliebten zu träumen und das neue Glück – das der Erinnerungen – zu genießen. Und Theodatus erkundigte sich bei niemand nach dem seltsamen Mädchen mit den schwarzen Augen, obwohl fast alle Menschen in Rom Maria kannten. Theodatus wollte eigentlich von ihr auch nichts anderes wissen, als daß sie die Vestalin Ilia sei und ihn täglich im unterirdischen Saal des Palastes Neros in Liebe erwarte.

Einmal mußte Maria den ganzen Tag bis zum Abend auf Theodatus warten: der Jüngling kam nicht. Betrübt und erschrocken kehrte Maria heim. Das Dunkel, das ihren Kopf füllte, hatte sich seit dem Tage, an dem sie sich dem Jüngling hingegeben, ein wenig geklärt, und Maria tröstete sich mit dem Gedanken, daß ihr Geliebter durch irgend etwas aufgehalten worden sei. Der Jüngling kam aber auch am zweiten und dritten Tage nicht. Er war plötzlich verschwunden, und Maria wartete vergebens Stunde auf Stunde, Tag auf Tag, sie sehnte sich, verzweifelte, schluchzte, betete zu den alten Göttern und sprach auch solche Gebete, die sie die Mutter gelehrt hatte: aber sie bekam keine Antwort auf die Tränen und auf die Gebete. Die Marmorgötter lächelten in ihren Nischen unverändert ihr überirdisches Lächeln, noch immer prangten die Gemächer des alten Palastes in Mosaik und Malerei, aber das Goldene Haus war für Maria plötzlich leer und schrecklich geworden. Aus dem seligen Paradies, aus dem Lande der elysäischen Gefilde war es zu einer Hölle grausamer Leiden, zu einem schwarzen Tartarus geworden, wo nur Grauen, Einsamkeit, unerträgliches Leid und unerträglicher Schmerz wohnten. Von wahnsinniger Hoffnung beseelt, ging Maria jeden Tag in die unterirdischen Säle; sie wurden aber für sie zu einer Stätte der Folter. Bittere Stunden betrogener Erwartung, schreckliche Erinnerungen an das kurz genossene Glück und neue, endlose, untröstliche Tränen erwarteten sie dort.

Die größten Schmerzen litt aber Maria vor dem Relief, das die in der heiligen Grotte schlafende Vestalin Rea Silvia und den sich ihr nähernden Gott Mars darstellte. Alle Erinnerungen zogen sie zu diesem Relief hin, aber der unerträglichste Gram bemächtigte sich ihrer Seele, sobald sie davor stand. Maria fiel zu Boden und schlug mit dem Kopf gegen die Mosaikfliesen und schloß die Augen, um das strahlende Antlitz des Gottes nicht zu sehen. »Kehre wieder, kehre wieder!« wiederholte sie in ihrem Wahnsinn. »Komm noch einmal, nur noch einmal! Göttlicher, Unsterblicher, erbarme dich meiner! Laß mich dich nur noch einmal sehen! Ich habe dir noch nicht alles gesagt, ich habe dich noch nicht ganz mit meinen Küssen bedeckt! Ich muß, ich muß dich noch einmal in meinem Leben sehen! Dann mag der Tod kommen, dann mag man mich in den Tiber werfen, ich werde nicht widerstreben. Erbarme dich, Göttlicher!« Und Maria öffnete wieder ihre Augen, sah beim schwachen Schein der Fackel wieder das leidenschaftslose Gesicht des marmornen Gottes, und die Erinnerung an die plötzlich entschwundene Seligkeit ließ sie von neuem mit neuen Tränen und neuen Klagen zu Boden fallen. Und sie wußte selbst nicht mehr, ob Gott Mars zu ihr gekommen war, ob jene Tage des vollkommenen Glückes wirklich in ihrem Leben gewesen oder ihr nur unter den Tausenden anderer Visionen erschienen waren.

Die Erwartungen Marias wurden von Tag zu Tag hoffnungsloser. Mit jedem neuen Tag kehrte sie immer gequälter und erschütterter nach Hause zurück. In den Stunden, wo in ihr ein Schimmer des Bewußtseins flackerte, erinnerte sie sich dunkel an alles, was Theodatus ihr einst erzählt. Dann irrte sie durch die Straßen Roms und blickte unter allen möglichen Vorwänden in alle Waffenschmieden hinein, fand aber nirgends, den sie suchte. Von ihrem Kummer und vom entschwundenen Glück jemand auch nur ein Wort zu sagen, war für sie unmöglich; niemand würde auch der Erzählung des armen wahnsinnigen Mädchens Glauben schenken, ein jeder würde alles für die Ausgeburt ihrer kranken Phantasie halten. So lebte Maria allein mit ihrem Kummer, mit ihrer Verzweiflung, und die Mutter schüttelte nur traurig den Kopf, als sie sah, wie Maria von Tag zu Tag magerer wurde, wie ihr die Wangen einfielen und die Augen in seltsamem Feuer brannten.

Die Tage zogen aber gleich unermüdlich dahin wie über dem armen wahnsinnigen Mädchen, so auch über der entweihten Ewigen Stadt und der ganzen Welt, in der langsam ein neues Leben keimte. Die Tage zogen dahin, Justinian feierte seine letzten Siege über die letzten Reste der Goten, die Langobarden planten einen neuen Feldzug gegen Italien, die Päpste schmiedeten heimlich neue Glieder für die Kette, die in der Zukunft Rom und die ganze Welt fesseln sollte, die Römer lebten ihr ärmliches, bedrücktes Leben, und Maria begriff an einem dieser Tage, daß sie Mutter werden sollte. Die Vestalin Rea Silvia, zu der Gott Mars von seinem Olymp herabgestiegen war, fühlte, daß sich in ihr ein neues Leben regte: waren es nicht die Zwillinge, die neuen Romulus und Remus, die ein neues Rom gründen sollten?

Niemandem, weder dem Vater noch der Mutter, sagte Maria, was sie fühlte. Dies war ihr Geheimnis. Aber sie wurde nach der Entdeckung seltsam ruhig. Ihr Traum ging in Erfüllung. Es galt, den Gründern der Stadt das Leben zu schenken und dann auf den Tod in den trüben Wellen des gelben Tibers zu warten.

VII

Im Hause des alten Rufius versammelten sich manchmal Gäste: ein Nachbar, der auf dem Forum Handel mit billigem Frauenschmuck trieb, der Sohn des Kupferschmiedes, der einst um Maria gefreit hatte, ein alter Rhetor, der für seine Kenntnisse keine Verwendung mehr fand, und einige andere verarmte Menschen, die ihre Tage in Trauer beschlossen und nur zum Zweck zusammenkamen, um über ihr unseliges Schicksal zu klagen. Sie tranken schlechten Wein, aßen Knoblauch dazu und ließen zwischen den gewohnten Klagen manches bittere Wort über die Herrschaft der Byzantiner fallen und über die grausamen Steuern des neuen Dux, der sich statt des fortgezogenen Eunuchen Narses auf dem Palatin niedergelassen hatte. Florentia bediente die Gäste, schenkte ihnen Wein ein und bekreuzigte sich heimlich, sooft der alte Rhetor im Gespräch die Namen der verdammten Götter erwähnte.

Bei einer solchen Versammlung saß in einer Ecke der Stube Maria, die an diesem Tage früher als sonst von ihren Wanderungen heimgekehrt war. Niemand beachtete sie. Alle waren schon gewohnt, das schweigsame Mädchen, das man schon längst für wahnsinnig hielt, in ihrem Kreise zu sehen. Sie mischte sich niemals in die Gespräche ein, und niemand sprach sie an. Traurig, mit gesenktem Kopf saß sie unbeweglich da und schien nichts von den Worten der angeheiterten Gäste zu hören.

An diesem Tage sprach man besonders viel vom strengen Regiment des neuen Dux. Der Sohn des Kupferschmiedes nahm ihn aber in Schutz.

»Man muß doch bedenken«, sagte er, »daß man heutzutage gar nicht streng genug sein kann. In der Stadt laufen überall Kundschafter herum. Jeden Tag können irgendwelche neue Barbaren einbrechen. Vielleicht winkt uns gar eine neue Belagerung. Und dann diese verdammten Goten! Als sie aus der Stadt fortzogen, versteckten sie an verschiedenen Stellen ihre Schätze. Und nun kommt bald der eine, bald der andere verkleidet nach Rom zurück, um das Versteckte auszugraben und fortzuschleppen. Solche Menschen muß man einfangen und schonungslos aburteilen: ihre Schätze haben sie doch bei uns Römern gestohlen.«

Die Worte des Sohnes des Kupferschmiedes erregten Aufmerksamkeit. Man begann ihn auszufragen. Er erzählte bereitwillig alles, was er von den Schätzen, die die Goten an verschiedenen Stellen von Rom vergraben hatten, wußte, und wie die Goten, die die Niederlage überlebt hatten, ihre Schätze wieder ausgruben und fortschafften. Er berichtete:

»Da hat man neulich wieder so einen gefangen. Er versuchte mit einer Strickleiter auf den Esquilin zu gelangen, wo es im Boden Sprünge gibt. Er wurde ergriffen und vor den Dux gebracht. Der Dux versprach ihm Begnadigung, wenn er angeben würde, wo die Schätze vergraben seien. Der Verdammte wollte aber nichts sagen, und man konnte aus ihm nichts herausbekommen. Man folterte ihn, er hielt aber jeder Folter stand. Schließlich starb er in der Folter.«

Jemand fragte:

»Ist er tot?«

»Gewiß«, antwortete der Sohn des Kupferschmiedes.

Der getrübte Verstand Marias wurde von einer plötzlichen Erkenntnis erleuchtet. Sie richtete sich auf. Ihre großen Augen wurden noch größer. Beide Hände an die Brust gepreßt, fragte sie mit bebender Stimme:

»Und wie hieß er, jener Gote?«

Der Sohn des Kupferschmiedes wußte es genau und gab sofort Antwort:

»Er nannte sich Agapitus und arbeitete hier in der Nähe in der Werkstatt eines Waffenschmiedes.«

Maria stieß einen Schrei aus und fiel zu Boden.

Maria lag viele Wochen lang krank. Gleich am ersten Tage ihrer Krankheit brachte sie eine Frühgeburt von drei Monaten zur Welt: ein elendes Klümpchen Fleisch, von dem man nicht einmal wußte, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Florentia war bei all ihrer Strenge der Tochter herzlich zugetan. Solange Maria bewußtlos darniederlag, pflegte sie sie und wich nicht von ihrem Lager. Man berief zu der Kranken Zauberer und auch einen Priester. Als Maria endlich zu sich kam, fand Florentia für sie kein Wort des Vorwurfs: sie weinte nur untröstlich an der Brust der Tochter. Das mütterliche Herz hatte wohl alles erraten. Und später, als Maria sich ein wenig erholte, erzählte ihr die Mutter ohne Vorwürfe alles, was mit ihr geschehen war.

Maria aber hörte den Bericht der Mutter mit seltsamem Mißtrauen an. Wie konnte auch Rea Silvia, die nach dem Willen der Götter die Zwillinge Romulus und Remus gebären sollte, daran glauben? Hatte sich der Verstand des armen Mädchens nun gänzlich verdunkelt, oder vertraute sie ihrem Wahn mehr als der Wirklichkeit – jedenfalls beantwortete sie die Worte der Mutter nur mit einem schwachen Kopfschütteln. Sie glaubte, daß die Mutter sie betrüge, daß sie während ihrer Krankheit die göttlichen Zwillinge geboren, daß man sie ihr genommen und in einem Korbe in den Tiber geworfen habe. Maria wußte aber, daß eine Wölfin sie finden und großziehen würde, weil sie ein neues Rom begründen müßten.

Solange Maria noch so schwach war, daß sie den Kopf nicht heben konnte, wunderte sich niemand, daß sie keine Frage beantwortete, daß sie tagelang schwieg, weder zu essen noch zu trinken verlangte und nur hie und da ein Wort hinwarf. Aber auch, als sie sich soweit erholt hatte, daß sie langsam durch das Haus gehen konnte, schwieg Maria noch immer, wie von einem einzigen geheimen Gedanken gefangengenommen. Selbst mit dem Vater wollte sie nicht mehr sprechen und freute sich nicht mehr, wenn er die Verse alter Dichter rezitierte.

Eines Morgens, als der Vater in Geschäften aus dem Hause gegangen und die Mutter auf dem Markt war, verschwand Maria unerwartet aus dem Hause. Niemand hatte gesehen, wie sie fortgegangen war. Und niemand sah sie lebend wieder. Nach einigen Tagen spülten aber die trüben Wellen des Tibers den leblosen Körper Marias auf den Ufersand.

Armes Mädchen! Arme Vestalin, die ihr Gelübde verletzte! Man möchte glauben, du wärest, als du dich in den kalten Schoß des Wassers stürztest, überzeugt gewesen, daß deine Kinder, die Zwillinge Romulus und Remus, im gleichen Augenblick die warme Milch der Wölfin einsogen, um später einmal den ersten Grund zu der künftigen Ewigen Stadt zu legen. Wenn du im Augenblick des Sterbens daran nicht zweifeltest, warst du vielleicht glücklicher als alle in diesem unglücklichen, halb zerstörten Rom, gegen das von den Alpen her schon die Horden der wilden Langobarden zogen.

Peter Altenberg: Prosaskizzen – Pleite

Das Delikatessen-Geschäft X.Y.Z. ist zugrund gegangen, obwohl es inmitten der Stadt war und obwohl Frau v. T. stets sagte: »Bei mir kommen nur Delikatessen von X.Y.Z. auf den Tisch, extra solide Ware!« Das Geschäft war »idealistisch«,

delicatessengeschäft wien
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also »lächerlich in unserem Sinne« geführt, das Beste ist für die Kundschaft gerade gut genug! Welche Prinzipien, bitte, in dieser heutigen Konstellation?! Das ist schön für Lehrbücher angehender Lehrlinge, aber doch nicht für das reale ernste Leben!? Die Sardinen waren wie kleine Haifische, aber soll das sein?! Der vertrocknete Käse wurde weggeworfen, und jedermann wurde ernstlich davor gewarnt, Datteln oder Malagatrauben zu kaufen! Wenigstens in diesem Monate, mit schlechter Ernte. Vielleicht, hoffentlich, käme es demnächst besser. Den geehrten Kundschaften könne man diesen Schund nicht anhängen, dazu habe man nicht das Herz trotz allem. Niemand wird sich wundern, daß diese Delikatessen-Handlung X.Y.Z., inmitten der Stadt gelegen, dennoch zugrunde gegangen ist.

So gehen nämlich auch alle wirklichen Dichter, Künstler, Menschen, Mädchen zugrunde! Wer prosperiert hienieden, Der weiß es wenigstens, wieso, wodurch er prosperiert!

Robert Musil – Ein Mensch ohne Charakter

Nadar - Selfie - 1909
Nadar – Selfie – 1909

Man muß heute Charaktere wohl mit der Laterne suchen gehn; und wahrscheinlich macht man sich noch dazu lächerlich, wenn man bei Tag mit einem brennenden Licht umhergeht. Ich will also die Geschichte eines Mannes erzählen, der immer Schwierigkeiten mit seinem Charakter gehabt hat, ja, einfach gesagt, der überhaupt nie einen Charakter hatte; doch bin ich in Sorge, daß ich vielleicht bloß seine Bedeutung nicht rechtzeitig erfaßt habe und ob er nicht am Ende so etwas wie ein Pionier oder Vorläufer ist.Weiterlesen

Robert Musil – Die Amsel

Die Amsel - Illustration: Stefan Otte
Die Amsel – Illustration: Stefan Otte

Die beiden Männer, deren ich erwähnen muß – um drei kleine Geschichten zu erzählen, bei denen es darauf ankommt, wer sie berichtet – waren Jugendfreunde; nennen wir sie Aeins und Azwei. Denn im Grunde ist Jugendfreundschaft um so sonderbarer, je älter man wird. Man ändert sich im Laufe solcher Jahre vom Scheitel bis zur Sohle und von den Härchen der Haut bis ins Herz, aber das Verhältnis zu einander bleibt merkwürdigerweise das gleiche und ändert sich sowenig wie die Beziehungen, die jeder einzelne Mensch zu den verschiedenen Herren pflegt, die er der Reihe nach mit Ich anspricht. Es kommt ja nicht darauf an, ob man so empfindet wie der kleine Knabe mit dickem Kopf und blondem Haar, der einst photographiert worden ist; nein, man kann im Grunde nicht einmal sagen, daß man dieses kleine, alberne, ichige Scheusal gern hat. Und so ist man auch mit seinen besten Freunden weder einverstanden noch zufrieden; ja, viele Freunde mögen sich nicht einmal leiden. In gewissem Sinn sind das sogar die tiefsten und besten Freundschaften und enthalten das unbegreifliche Element ohne alle Beimengungen.Weiterlesen

John Henry Mackay: Der kleine Finger – Kurzgeschichte

„Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot!“

Der kleine Finger

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Ich bemerkte, daß die Treppe fremdartig knarrte, so fremdartig, daß es mir auffiel, aber dennoch merkte ich nicht, daß ich Mittwoch abend in der zweiten Septemberwoche des Jahres 187.. aus Versehen eine Treppe höher gestiegen war, als mein neugemietetes Zimmer lag. Auch als ich die Korridortür aufschließen wollte und fand, daß der Schlüssel von innen stak und die Tür unverschlossen war – ein Umstand, der mich hätte zum Nachdenken bringen können –, ließ ich mich nicht abhalten, einzutreten und mich in der wohlbekannten Richtung nach meinem Zimmer hin auf den Fußspitzen, um meine schlafende Wirtin nicht zu stören, zu tasten.

Ich finde die Tür, klinke auf; trete ein – das Zimmer ist stockdunkel –; schließe die Tür von innen nach meiner Gewohnheit und gehe sicher auf meinen Tisch zu, wo ich wußte, daß Streichhölzer lagen. Bis dahin kam ich, ohne daß mir etwas Besonderes aufgefallen war. Als ich aber auf dem Tisch, der mir seltsam weit nach der Mitte des Zimmers zu vorgerückt schien, nach Streichhölzern herumfühlte, erfasse ich etwas Kaltes, Schwammiges, das auf einer weichen Unterlage zu liegen scheint. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und die Hand vorstrecke, glaube ich dieses eigentümliche Gefühl, welches damals in der Mittwochmitternachtstunde meine Fingerspitzen durchrieselte, wieder zu spüren.Weiterlesen

Peter Altenberg: Prosaskizzen – Die Mama

Sie war wunderbar schön und ganz schlank wie eine Gazelle.

Peter Altenberg
Peter Altenberg

Und eines Abends sagte man zu ihr: »Ein reicher Mann wünscht deine jüngere Schwester zu heiraten. Aber vorerst müssen wir die ältere anbringen – –.« Und man brachte sie an. Sie gebar ihm fünf Kinder. Eines Tages kam ein Mann ins Haus, für den sie sich interessierte. Es wurde ein Familienrat abgehalten und der Mann wurde herausgeschmissen. Nun hoffte sie, daß ihre begabten Söhne und ihre schönen Töchter reich werden würden. Aber es fand nicht statt, denn es waren Idealisten. Sie dachte: »Ich habe meinen Idealismus aufgeben müssen, um euch in Schmerzen zu gebären – – – und nun rächt ihr die beleidigte Natur durch euren Idealismus an mir?!«

Dann fuhr sie mit ihren herrlichen Töchtern nach Österreich, um jemanden einzufangen. Und es verfing sich wirklich einer in den Maschen. Aber im letzten Augenblicke entschlüpfte er. Da wurde sie fett und mißmutig.

Aber eines Tages sagte der Arzt: »Das Herz ist hin – – –«.

Da sagte sie zu ihrer jüngeren Schwester, die nun schon genug mitzumachen gehabt hatte im Leben: »Weil dir eine gute Partie in Aussicht stand, mußte ich verheiratet werden. Stand es wenigstens dafür?«

»Nein«, erwiderte die Schwester.

Arkadij Awertschenko – Wie ich ein Lügner wurde

Pinocchio - Enrico Mazzanti (1852-1910)
Pinocchio – Enrico Mazzanti (1852-1910)

Jeder, der mich von Kindheit kennt, kann bestätigen, daß kein Knabe die Wahrheit mehr liebte als ich. Alles, was sie wollen – pflegte ich zu sagen –, nur nicht lügen!
Ein Scherz, ein Schabernack – das vielleicht! Aber Lügen riefen in mir Gefühle hervor wie die Seekrankheit in einem Passagier, der zum erstenmal eine Schiffsreise unternimmt.

****

Eines Tages fuhr ich in einer Droschke auf dem Liteyniprospekt. Von der Liteynaja kamen wir auf den Newski und wollten von da auf die Wladimirskaja. Plötzlich hört mein Pferd das Signal einer Autohupe. Das Pferd bleibt stehen, ein Auto fährt in die Droschke, die Droschke stürzt, das Pferd fällt, die Deichsel bricht. Ich falle auf das Pflaster, der Kutscher stürzt vom Bock auf das Pferd.
»Kutscher!« rief ich, als ich vom Boden aufstand, »kriechen Sie vom Pferd herunter, Sie sind kein Reiter. Fahren Sie nach Hause.«
Etwa zwanzig Personen liefen auf mich zu. Ich sagte zu dem Polizeioffizier, der unter der Menge war:
»Könnte man nicht eine andere Droschke holen? Ich muß dringend weiterfahren.«
»Haben Sie sich weh getan?«
»Danke, die Hand ist ein wenig verrenkt. Das ist meine eigene Schuld, weil ich so unglücklich gefallen bin.«
»Darf ich um Ihre Visitenkarte bitten.«
»Ich kann nichts dafür. Ich saß in der Equipage und . . .«
»Sie sind nicht schuld. Die Schuld trägt der Kutscher.«
»Dann verlangen Sie seine Visitenkarte. Übrigens ist auch er nicht schuld. Als er sah, daß das Pferd ins Auto lief, schrie er laut auf. Er glaubte, daß das Pferd erschrecken würde. Sie wissen, wenn ein Pferd erschrickt, so nimmt es Reißaus. Mein Pferd kennt diese Regel nicht und blieb stehen. So fuhr das Auto in die Droschke hinein.«
»Erzählen Sie von Anfang an.«
»Bitte. Gestern abend bekomme ich ein Radiotelegramm: Komme dringend zu mir. Dein Täubchen.«
»Das interessiert mich nicht – erzählen Sie, wie Sie gefahren sind.«
»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski. Plötzlich tönt von der Seite her eine Autohupe. Das Pferd erschrickt, bleibt stehen. Der Chauffeur kann den Motor nicht abstellen, fährt in die Droschke hinein . . .«
»So. Und jetzt bitte um Angabe Ihres Namens, Ihres Berufes und Ihrer Adresse.«

Als ich diese Formalitäten erledigt hatte, konnte ich nach Hause gehen.

****

Nach diesem Vorfall verbrachte ich ruhig fünfzehn Stunden.
Am anderen Morgen, gegen sieben Uhr, läutete das Telephon.
»Hallo! Bist du es?«
»Ja, ich bin’s. Ah, das bist du, Pelikanow? Was läutest du Sturm in so früher Stunde?«
»Mein Lieber, wie steht es mit deiner Gesundheit? Ich bin so beunruhigt! Diese Autos!«
»Woher weißt du es?«
»Ich hab‘ es in der Zeitung gelesen. Erzähle, wie das passiert ist!«
»Du hast es ja in der Zeitung gelesen.«
»Nein, erzähle selbst. Die Zeitungen schreiben nie die Wahrheit.«

Ich erzählte: »Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski und wollten auf die Wladimirskaja. Plötzlich ertönt ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibe stehen, das Auto fährt in die Droschke, der Wagen wird umgeschmissen, das Pferd stürzt zu Boden, der Kutscher fällt auf das Pferd, ich fliege zu Boden, verletze ein wenig meinen Arm. Die Schmerzen sind schon vorüber, aber die Deichsel ist hin.«
»Furchtbar! Auf Wiedersehen!«
Ich ging vom Apparat, mußte aber gleich dahin zurückkehren.
»Hallo, sind Sie das?« rief die süße Stimme meines Täubchens.
»Ja, guten Morgen! Wie geht’s?«
»Danke. Sie sind nicht im Bett? Dann ist das Unglück nicht so gefährlich. Ich war besorgt, so beunruhigt! Wie ist das passiert?«
»Es steht in den Zeitungen . . .«
»Erzählen Sie selbst.«

Ich unterdrückte einen Seufzer und sagte:»Wir fuhren durch die Liteynaja auf den Newski, dann auf die Wladimirskaja, plötzlich von der Seite ein Autohupensignal, das Pferd erschrickt, bleibt stehen, das Auto fährt in die Droschke hinein – wir liegen am Boden. Die eine Rippe tut weh, aber die Deichsel ist schon gesund.«
»Sie fiebern, armer Freund! Ich werde heute zu Ihnen kommen. Auf Wiedersehen!«
Auf die dritte telephonische Anfrage antwortete ich kurz:
»Fahrtroute: Liteyni, Newski, Wladimirskaja. Autohupe. Zusammenstoß. Equipage und Pferd fallen um. Ich auf die Seite. Schmerzen. Die Deichsel hin. Jetzt alles in Ordnung. Schluß!«
Nach dem vierten Läuten – lakonische Erklärung des Unfalles:
»Geh zum Teufel!«
Ich legte mich auf den Diwan und begann nachzudenken:
Eigentlich sind die armen Leute gar nicht schuld. Sie wollen mir ihre Teilnahme beweisen. Man muß gerecht sein. Es ist langweilig, ein und dieselbe Geschichte zehnmal zu erzählen, aber jeder hört sie zum erstenmal. Man kann auch nicht jeden, der sich nach meinem Befinden erkundigt, zum Teufel schicken! Ich werde vielleicht hundert illustrierte Broschüren mit einer detaillierten Beschreibung des Falles drucken lassen und sie unter meine Freunde verteilen. Nein, das hat keinen Sinn; bis ich die Broschüre aus dem Druck erhalte, werden alle meine Freunde angerufen haben. Ich werde sie lieber zum Tee einladen und ihnen die Geschichte erzählen. Aber das geht auch nicht! Sie werden nicht auf einmal kommen und ich werde jedem einzeln die Geschichte erzählen müssen . . .

Ich war in einer verzweifelten Lage und wußte nicht ein noch aus . . .

Das Läuten des Telephons zwang mich, den Diwan zu verlassen.
»Hallo! Sind Sie das?«
»Ja! Sie wollen über den Zusammenstoß mit dem Auto nähere Details erfahren? Lesen Sie die Zeitung!«
»Die Blätter verdrehen alles!«
»Ja«, sagte ich plötzlich mit Wut, »Sie haben recht. Die Zeitungen lügen. Hören Sie die Wahrheit: Ich fahre auf der Liteynaja, neben mir sitzt ein alter Freund, der englische Gesandte. Er schaut sich um und sagt: ›Wir werden verfolgt‹. – ›Von wem?‹ – ›Von einer Sekte indischer Würger . . . Als ich Oberst im zehnten indischen Regiment war, habe ich viele dieser Würger hängen lassen, und jetzt . . .‹ Er beendet die Phrase nicht – plötzlich ein wildes Geschrei – aus einem Auto springen fünf Inder, packen die Räder unserer Droschke, der Wagen fällt. Der Oberst reißt von der Brust ein Amulett, zeigt es den Indern, ruft ihnen auf indisch ein paar Worte zu – sie laufen davon.«
»Schrecklich! Die Zeitungen haben es anders beschrieben!«
»Das glaube ich!«

****

»Hallo! Ja, ich! Gewiß. Furchtbarer Fall. Sie wollen es von mir hören? Gut. Wir fahren an der Ecke der Liteynaja, sehen auf dem Trottoir einen Schatten, der steht, brummt . . .«
»Ein Auto auf dem Trottoir!«
»Woher? Das war ein Königstiger!«
»Hören Sie? Was erzählen Sie da? Wie kommt ein Tiger auf den Newski?«
»Er ist aus dem Zirkus durchgegangen! Was ist denn dabei: Kommt alle Tage vor! Mit einem gigantischen Sprung stürzt der Tiger auf die Droschke, wirft den Wagen um – wir schweben in Lebensgefahr. Zu unserem Glück geht ein Schütze vorbei. Er packt sein Gewehr, schießt und trifft den Tiger. Wir waren gerettet . . .«
»Mein Gott, woher kam der Mann?«
»Aus dem Zirkus! Ein Schütze, der dort auftritt und jeden Gegenstand trifft.«
»Aber in den Zeitungen . . .«
»Ach was, in den Zeitungen – die Zeitungen lügen!«

****

»Danke, daß Sie mich persönlich aufsuchen. Zu nett! Ich kann bis jetzt kaum zu mir kommen . . .«
»Erzählen Sie ausführlich! Die Zeitung hat sicher den Fall nicht detailliert gebracht. Ich möchte es von Ihnen hören!«
»Ja, die Zeitungen lügen. Erstens spielte sich der Fall nicht auf dem Newski, sondern in meiner Wohnung ab.«
»Bei Ihnen? In der Wohnung? Eine Droschke mit Pferd – ein Auto?«
»Ja, stellen Sie sich vor!«
»Hören Sie . . .«
»Ich behaupte ja nicht, daß das Auto groß war. Es war ganz klein – ich habe meinem Buben ein Spielauto gekauft.«
»Und das Pferd?«
»War ein Holzpferd. Mein Bub legte auf das Auto verschiedene Sachen, darunter fünf Kilo Pulver, die ich für die Jagd besorgt hatte. Der Bub saust im Zimmer herum, stößt mit dem Pferd zusammen. Das Pulver explodiert – alles fliegt in die Luft – der Knabe, das Auto, das Pferd, die Bonne, die ins Zimmer tritt – alles war in Stücke zerrissen. Man wußte nicht, wo die Bonne aufhörte und der Bub anfing . . .«
»Furchtbar. Wo ist das alles?«
»Man hat es hinausgetragen . . .«

Ich erzählte bis zum späten Abend. So bin ich ein Lügner geworden! Und wer hat mich dazu gemacht? Die Menschen, die mir die Wahrheit nicht glauben wollten . . .

Der Unglücklichste – John Henry Mackay – Aus: Zwischen den Zielen

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Drei Unglückliche trafen zusammen.
Ich suche das Glück und kann es nicht finden! – klagte der erste.
Ich fliehe das Unglück und kann ihm nicht entgehen! – keuchte der zweite.
Das Leben ist das Unglück! – sagte der dritte.
Ich kann nicht mehr! – schrie der erste. Und der zweite wiederholte das Wort.
Ich will nicht mehr! – sagte der dritte.

Der erste war gesund; aber er war arm und entmutigt.
Der zweite war reich; aber er war müde und krank. Der dritte war weder reich, noch gerade arm; weder besonders gesund, noch krank.

Ich bin unglücklich, jeden Morgen erwachen zu müssen, begann der erste wieder.
Und ich bin selten so glücklich, am Abend entschlummern zu dürfen, darauf der zweite.

Der dritte schwieg.

Wenn ich nur reich wäre, wie glücklich wäre ich – sagte der erste zu sich.
Oh, gesund zu sein – welch einziges Glück! – flüsterte unhörbar der zweite.

Der dritte war verschwunden.

Da lächelten die beiden Zurückbleibenden zum letztenmal in ihrem Leben. Aber indem auch sie grußlos voneinandergingen, maßen sie sich mit neidischen Augen: »Wie glücklich der doch ist!«

 

Mihu Dragomir – PLANET IM RAUM – eine phantastische Erzählung

Sternenhimmel_Guillaume_unsplash            Als wir uns nach dem Vorbeiflug am Jupiter zum Verlassen unseres Sonnensystems und zur Fortsetzung unserer Fahrt nach dem Tau Ceti anschickten, begann zwischen mir und Magda wieder der alte Streit. Wie gewöhnlich sprang sie, während ich las, plötzlich aus ihrem Lehnsessel auf und verließ, die Tür heftig zuschlagend, den Raum, so wie sie es auch zu Hause, auf der Erde, tat. In solchen Augenblicken vermied ich auch die kleinste Frage, und vielleicht verletzte ich Magda gerade durch mein Schweigen am meisten. Ich wußte im vorhinein alles, was sie mir auf eine solche Frage vorgeworfen hätte: Ich beschäftige mich nicht mit ihr, sondern verliere meine ganze Zeit über den Büchern, ich sei mürrisch und sonderbar. Vielleicht hatte sie auch recht, aber die Art und Weise, wie sie ihr Recht durchsetzen wollte, brachte mich aus der Fassung.

            Wenige Minuten später kam sie zurück und sagte scharf  „Diesmal, glaube ich, hast du verstanden: Ich kann es nicht mehr aushalten. Habe ich mich mit dir in diesem Raumschiff eingesperrt, um dich lesen zu sehen? Ich habe es satt.“

            Ich versuchte ihr so ruhig wie möglich zu antworten, sprach betont sachlich und ohne die Stimme zu heben, obwohl ich wie bei allen ähnlichen Vorfällen überzeugt war, daß mir unrecht geschehen sei. Ich lächelte, aber ich empfand mein Lächeln als falsch, und die Unmöglichkeit, sie durch ein Lächeln zu überzeugen, brachte mich noch mehr auf.Weiterlesen

Das glücklichste Mädchen der Welt – Eine Kurzgeschichte zum Vorlesen

Marias Vater war ein Fischer und arm. Darum half Maria so gut wie sie konnte, ein wenig Geld hinzu zu verdienen.  Sie hatte selbst ein kleines Boot, in dem sie Feriengäste zu einer malerisch schönen Insel dicht vor der Küste ruderte.
Täglich ging Maria zu ihrem Boot hinunter und jedesmal blieb sie unterwegs am Juweliergeschäft stehen und starrte sehnsüchtig durch die Schreiben. Seit vielen Wochen bewunderte sie eine schöne Halskette im Schaufenster. Und Maria dachte, dass sie das glücklichste Mädchen der Welt wäre, wenn ihr diese Kette gehöre.“Aber, was soll das Träumen?“ sagte sie sich. „Die Kette kostet mehr Geld, als unsere Familie in zehn Jahren verdient.“
Eines Tages war die Kette nicht mehr im Schaufenster. Sie war verkauft worden,
Maria seufzte. Es war, als sei etwas Kostbares aus ihrem Leben gegangen. Doch das Mädchen zwang sich zu einem Lächeln und lief weiter, zu ihrem Boot  hinunter.
Am Boot wartete  schon ein Fahrgast. Ein älterer Herr mit lustigen grauen Augen. „Hallo“, begrüßte er Maria. „Würdest Du mich bitte zur Insel rübersetzen?“

boat-358295_1280_mcconnmamaMaria sah, dass er eine Staffelei, Pinsel und Farben dabei hatte. Sie half ihm an Bord, und schon bald darauf erreichten sie die Insel.
„Soll ich später wiederkommen und sie zurückrudern, mein Herr?“
„Nein, mein Kind, ich möchte, dass Du hierbleibst, damit ich ein Porträt malen kann“, lächelte der Maler.
Maria war erstaunt. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum jemand die Tochter eines armen Fischer malen wollte.
Dennoch setzte sie sich bereitwillig so, wie der ältere Herr es wollte, und versprach stillzuhalten und sich nicht zu bewegen.
Dann geschah etwas ganz wunderliches. Maria fühlte plötzlich, wie der Maler ihr sanft etwas um den Hals legte. Und als sie an sich hinunter blickte, sah sie, dass es die gelbe Halskette aus dem Schaufenster war.
Wie in einem Traum vernahm Maria die Worte des Malers: „Mein liebes Kind, ich habe oft beobachtet, wie du die Kette beim Juwelier angeschaut hast. Ganz sehnsuchtsvoll warst du jedesmal. Da verspürte ich den Wunsch, dich zu malen. Und ich dache mir, die gelbe Kette würde dir gut stehen und dem Bild jenen letzten Zauber geben, der es zu einem Kunstwerk macht.“
„Und…und darum haben sie die Kette gekauft?“ flüsterte Maria.
„Ja, mein Kind“, antwortete der Maler. „Und wenn das Bild fertig ist, gehört sie Dir.“
Die Zeit verging wie im Flug und seit dem ist Maria das glücklichste Mädchen der Welt.

Autorin: Josephine Bach, Bamberg 2014

Wer hat denn da geklingelt? – Kurzgeschichte von Jakob Schuller

Agapornis canus - Foto: Piet Marsfeld - Madagaskar
Agapornis canus – Foto: Piet Marsfeld – Madagaskar

Burgsmüller sitzt in seinem Zimmer, Johanniterstraße Nr. 18, erster Stock. Er liest seine Zeitung. Nervös ist der Burgsmüller und die Buchstaben tanzen vor seinen Augen. Von vorne nach hinten, von links nach rechts.
Es läutet an der Tür. „Mhm, der Briefträger?“ überlegt er, eilt zur Türe und öffnet. Aber nein, es ist nur Herr Schuricke.
„Herr Burgsmüller“ ruft der, „mein Papagei ist weg, können Sie sich das vorstellen?! Aus den Käfig ist er geklettert und dann zum Fenster raus. Und jetzt sitzt er bei Ihnen auf dem Sims!“Weiterlesen

Joachim Ringelnatz – Rotkäppchen

Joachim Ringelnatz
Joachim Ringelnatz

Also Kinners, wenn ihr mal fünf Minuten lang das Maul halten könnt, dann will ich euch die Geschichte vom Rotkäppchen erzählen, wenn ich mir das noch zusammenreimen kann. Der alte Kapitän Muckelmann hat mir das vorerzählt, als ich noch so klein und so dumm war, wie ihr jetzt seid. Und Kapitän Muckelmann hat nie gelogen. Also lissen tu mi.

Da war mal ein kleines Mädchen. Das wurde Rotkäppchen angetitelt – genannt heißt das. Weil es Tag und Nacht eine rote Kappe auf dem Kopfe hatte. Das war ein schönes Mädchen, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz. Mit Rotkäppchen so große runde Augen und hinten so ganz dicke Beine und vorn – na, kurz eine verflucht schöne, wunderbare, saubere Dirn.Weiterlesen

Das Interview mit mir selbst – eine Kurzgeschichte von Andreas Langhorst

Eugenio-Viti - Das weiße Buch
eugenio-viti – Das weiße Buch

Ein Journalist rief mich an, ob ich nicht Interview für sein Magazin führen möge. Eine kurze, harmlose Unterredung mit irgendwem aus der C-Promiliga. Ich antwortete, Interviews gäbe es wie Sand am mehr, die gäben nichts mehr her.
Man widersprach mir und bat mich erneut darum.
Ich antwortete wieder: Nein. Niemand wolle doch wirklich wissen, ob der Mime aus der vorabendlichen Schmonzette zum Frühstück esse und mit wem. Oder ob die Mimin aus der gleichen Seifenblase Schnee liebt oder lieber Plätzchen. 
Oh, das habe ich dann wohl nicht richtig verstanden, meinte der Journalist. Otto Normalverbraucher solle ich befragen, keine Promis. Dafür hätten sie genug Fachpersonal. Es geht um den Schlosser oder die Tischlerin, den Buchhalter oder die Köchin, den Architekten oder die Schriftstellerin. Ob ich damit einverstanden sei?!Weiterlesen

Miniatur-Geschichte – Und sie ist weg

Das Mobiltelefon vibriert in ihrer Tasche. Mit der rechten Hand hält sie sich ein Ohr zu, mit der linken das Telefon ans andere Ohr.

Fantaflasche 1970er
Fantaflasche 1970er

„Ja?“
„Wann kommst du?“
„Morgen.“
„Ich brauch dich, jetzt. Bitte komm zurück.“
„Ich bin auf einem Konzert, 300 Kilometer von dir.“
„Bitte, komm. Ich brauche dich.“
„Ich bin zu müde, um jetzt in der Nacht noch zu fahren. Ich komme morgen.“
„Ich hole dich, jetzt, wo bist du?“
„Weit weg. Erinnerst du dich, als du sagtest: ‚Geh! Geh, mach was alleine, unternimm was. Geh aus, geh weg, was du willst. Geh – das wird dir gut tun!’?“
„Ja, aber jetzt brauche ich dich! Ich hole dich!“
„Erinnerst du dich, als ich antwortete: ‚Aber ich bin glücklich, so wie es ist.’?“
„Ja.“
„Jetzt, jetzt bin ich glücklich so wie es jetzt ist. Ich komme nicht, ich lasse mich nicht holen von dir. Erinnere dich an deinen eigenen Rat: Geh, unternimm was, geh aus, geh weg – geh: Das wird dir gut tun.“
„Aber ich, ich brauche dich doch, jetzt. Bitte, bitte komm zurück.“
„Nein.“
Klick.
Knack.

Und sie ist weg.Text:

Marie Heuler , 21 J., Stuttgart

Dann war der Arm ab – Ich bin jetzt behindert

Kriegsverletzter_by_Edward Stauch (1830 - ?)
Kriegsverletzter by Edward Stauch (1830 – ?)

Die nie abgeschickte Mail – von Markus Becher (Gastautor)

Meine liebe Paula,

ich bin’s. Du hast es sicher schon an der Mailadresse erkannt. Na, wie geht es Dir? Ich hoffe, besser als mir. Bevor ich mich an meinen Schreibtisch setzte, um Dir zu schreiben, war ich in den Weinbergen, auf meinem Lieblingshügel, und hoffte Vergessen, etwas Freude und inneren Frieden zu finden.
Ich war allein dort, ein Alleinsein, das mir diktiert wurde. Aus der Flucht in die Natur wurde aber nichts. Meine Hoffnung, dass sie sich so schnell besänftigt, wie sie aufgewallt war, erwies sich als Trugschluss.
Möchtest Du wissen, was ich von mir behaupte zu sein? Ein Rehabilitand mit Attest, ein einarmiger Kerl mit Spleen, ein Behinderter, ein Krüppel — wie manche auch sagen würden. Weiterlesen

Warm und kalt aus einem Mund – Märchen aus dem Unterinntal

Es war einmal ein Mann, der schlug tief im Wald Holz. Zu diesem kam ein Waldmännlein, das gar freundlich zu ihm sprach. Es war aber sehr kalt, denn es war mitten im Winter, und den Mann, der Holz hackte, fror es sehr an seinen Händen. Oft legte er die Axt beiseite und hauchte in die hohlen Hände, um sie dadurch zu erwärmen. 
Das Waldmännlein sah dies und fragte ihn, was das zu bedeuten habe. Der Holzschläger erklärte ihm, dass er durch den Hauch seines Mundes seine erfrorenen Hände erwärmen wolle; das Männlein glaubte es und war mit der Antwort zufrieden.Weiterlesen

Die Münze im Brunnen – Ein absurdes Märchen – Menschen mit Handicap

…und in seiner Verzweiflung warf er seine letzte Münze in den Brunnen. Das Wasser kam in Bewegung, verfärbte sich und formte sich zu einem Wesen, welches ihn mit seinen kleinen und mit langen Wimpern umrahmten Augen fragend ansah.
Nun war er nicht nur verzweifelt, sondern auch hilflos. Hatte er nicht um eine milde Gabe gebeten, damit er seiner Angebeteten den erwünschten Diamantring schenken konnte?! 

Münze im Brunnen
Münze im Brunnen

Seine Mutter schwor auf die Macht der „Münze im Brunnen“. Ihr hatte diese damals seinen „Vater“ beschert. Welcher zwar nicht sein richtiger war aber immerhin blieb Mutters Bettseite nicht vom Sohnemann belegt. ER konnte nun wirklich nicht ewig neben ihr liegen. Zumindest nicht, nachdem er regelmäßig sein „Morgengewächs“ bekam. Das war ihm peinlich.Weiterlesen

KEINER IST MIT SEINEM LOS ZUFRIEDEN – Bulgarisches Volksmärchen

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Esel, mit denen er sich sein Brot verdiente. Doch in einem harten Winter, als es kein Futter für die Tiere gab, musste er die Esel verkaufen. Den einen erstand ein Reicher und der andere kam zu einem Steinbrecher. So trennte das Schicksal die beiden Gefährten, die bis dahin unter einem Dach gelebt und alle Not miteinander geteilt hatten.
Eines Tages begegneten die Esel einander auf dem Markt und begrüßten sich lauthals. „I-a, i-a!“ schrie der Esel des Steinbrechers. „Wie geht es dir? Was hast du getrieben, seit uns der Bauer verkauft hat?“ Weiterlesen

Das Bild des Meisters – Kurzgeschichte

Ein chinesischer Kaiser hatte die Maler seines Reiches aufgefordert, das Bild eines Hahnes zu malen. Nur eines Hahnes. Als jedoch die gesetzte Frist verstrichen war, hatte gerade der beste, wenn auch schon ergraute Meister der Schule Ti dem kaiserlichen Preisgericht kein Bild eingereicht. Er sei noch nicht fertig geworden, antwortete der Meister, und bitte um eine Verlängerung der Frist.
Die anderen Maler lachten ob dieser Antwort. Was sollte an dem Bild eines Hahnes so schwierig sein, dass einer in einem ganzen Jahr nicht fertig wurde?
Die allzu hochmütigen Maler lachten allerdings nicht mehr, als nach Jahr und Tag gerade da Bild des Meisters den ersten Preis erhielt. Und sie erstaunten, als sie näher hinzu traten und statt des erwarteten farbenprächtigen Bildes – so hatten sie alle den Hahn gemalt – eine Tuschezeichnung sahen, die an Einfachheit, ja sogar vielleicht Ärmlichkeit nicht zu überbieten war. Mit einer einzigen Linie hatte Ti-Ling lediglich die Umrisse des Hahnes nachgezeichnet, diese allerdings, das musste man zugegeben, sagte alles, was von einem Hahn gesagt werden konnte. Weiterlesen