Kategorie: Essays | DenkMal

Elisabeth Keuken | «Dies bist Du»

Die Hindu haben in ihren heiligen Büchern eine immer wiederkehrende Formel: tat-twam-asi, die sie das große Wort nennen, und die in unserer Sprache so viel bedeutet, wie: «Dies bist Du» — Unsere Zeit verlangt eindrücklich danach, dass diese Sanskrit-Formel auch zum großen Wort für unsern Erdteil würde. Uns ist mit dem Eintritt ins Leben der Selbsterhaltungstrieb mitgegeben worden, der uns auf unserem ganzen Erdenwege mit den Worten begleitet: Jeder ist sich selbst der Nächste. Viele Menschen kennen nichts anderes als diesen Selbsterhaltungstrieb, und er spricht nur zu deutlich aus den Zügen ihres Antlitzes. Es gibt aber Menschen, die Herz und Gemüt haben, und die keine Befriedigung darin finden, nur um ihretwillen zu leben. Sie schließen sich an andere Menschen an; die Freude anderer wird ihnen zu ihrer Freude, und das Leiden anderer wird ihnen zu ihrem Leiden. Damit beginnt für sie das Verständnis für das große Wort: «Dies bist Du.» — Der enge Kreis ihres Ichs weitet sich und geht um das «Du», und wenn er auch zuerst nur umschließt, was ihm Heb ist, so ist ihm dadurch doch der Weg geöffnet, auch das zu umschließen, was ihm zuwider ist.

Jeder wahrhaft nach Menschentum Verlangende, strebt danach, auch dem für ihn Abstoßenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er kommt so weit, dass er in den Fehlern anderer seine Fehler sieht, sich dadurch bessert und den andern vergibt. Er sagt sich immer und immer wieder: «Dies bist Du». In Gesellschaft, am „Stammtisch“, im Gespräch auf der Straße, höre ich immer wieder die Worte aussprechen: «Aber wie soll es nach diesem Jahr [2016] kommen, wenn soviel Hass und Rache – auch bei vielen Frauen – sich angesammelt haben? Es kommt noch schlimmer, als es vorher war.»
— Diese Worte verfehlen nie, mir weh zu tun. Ihre Wahrheit trifft mich. Und dennoch wird es nur so sein, wenn wir durch die Auseinandersetzungen nicht andere und bessere Menschen geworden sind. An uns liegt es, dass es nicht so wird, wenn das negative Kämpfen vorüber ist. Täglich wollen wir uns in die Leiden und Schrecken des Zankes einfühlen, täglich wollen wir uns sagen: «Wir sind auch schuld daran, dass es mit der Menschheit soweit hat kommen müssen.»
Durch unser Schuldbewusstsein werden die Worte des Hasses verstummen, und liebend werden wir aller Menschen gedenken, die leiden müssen, und in uns wächst das Streben, mitzuhelfen am Aufbau eines neuen menschenwürdigen Daseins für alle Völker. Und so darf vielleicht das Verständnis einzelner zum Verständnis aller werden und das große Wort: «Dies bist Du», von Land zu Land gehen, und es dämmert der Morgen für einen ewigen Frieden unter den Menschen. Wir wollen es glauben, und unser Glaube soll sich erweisen durch die ‚Tat.

Denis Diderot | Meine kleinen Ideen über die Farbe

Denis Diderot | Meine kleinen Ideen über die Farbe

Denis Diderot | Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Darunter die Unterschrift von Denis Diderot Signatur
Denis Diderot | Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Darunter die Unterschrift von Denis Diderot Signatur

Diderot, ein Mann von großem Geist und Verstand, geübt in allen Wendungen des Denkens, zeigt uns hier, daß er sich, bei dieser Materie, seiner Stärke und seiner Schwäche bewußt sei. Schon in der Überschrift gibt er uns einen Wink, daß wir nicht zu viel von ihm erwarten sollen.
Wenn er in dem ersten Kapitel uns mit bisarren Gedanken über Zeichnung drohte, so war er sich seiner Übersicht, seiner Kraft und Fertigkeit bewußt, und wirklich fanden wir an ihm einen gewandten und rüstigen Streiter, gegen den wir Ursache hatten alle unsere Kräfte aufzubieten; hier aber kündigt er selbst, mit einer bescheidnen Gebärde, nur kleine Ideen über die Farbe an; jedoch näher betrachtet tut er sich unrecht, sie sind nicht klein, sondern meistenteils richtig, den Gegenständen angemessen und seine Bemerkungen treffend; aber er steht in einem engen Kreise beschränkt, und diesen kennt er nicht vollkommen, er blickt nicht weit genug und selbst das nahe liegende ist ihm nicht alles deutlich.
Aus dieser Vergleichung der beiden Kapitel folgt nun von selbst daß ich, um auch dieses mit Anmerkungen zu begleiten, mich einer ganz andern Behandlungsart befleißigen muß. Dort hatte ich nur Sophismen zu entwickeln, das Scheinbare von dem Wahren zu sondern, ich konnte mich auf etwas anerkannt gesetzliches in der Natur berufen, ich fand manchen wissenschaftlichen Rückenhalt an den ich mich anlehnen konnte; hier aber wäre die Aufgabe: einen engen Kreis zu erweitern, seinen Umfang zu bezeichnen, Lücken auszufüllen und eine Arbeit selbst zu vollenden, deren Bedürfnis von wahren Künstlern, von wahren Freunden der Wissenschaften längst empfunden worden.
Da man aber, gesetzt auch man wäre fähig dazu, eine solche Darstellung, bei Gelegenheit eines fremden, unvollständigen Aufsatzes, wohl schwerlich bequem finden würde, so habe ich einen andern Weg eingeschlagen um meine Arbeit, bei diesem Kapitel, Freunden der Kunst nützlich zu machen.
Diderot wirft auch hier, nach seiner bekannten sophistischen Tücke, die verschiednen Teile seiner kurzen Abhandlung durch einander, er führt uns, wie in einem Irrgarten, herum, um uns auf einem kleinen Raum eine lange Promenade vorzuspiegeln. Ich habe daher seine Perioden getrennt und sie unter gewisse Rubriken, in eine andere Ordnung, zusammengestellt. Es war dieses um so mehr möglich, da sein ganzes Kapitel keinen innern Zusammenhang hat und vielmehr dessen aphoristische Unzulänglichkeit nur durch eine desultorische Bewegung versteckt wird.
Indem ich nun auch in dieser neuen Ordnung meine Anmerkungen hinzufüge, so mag eine gewisse Übersicht desjenigen, was geleistet ist, und desjenigen, was zu leisten übrig bleibt, möglich werden.

Einiges Allgemeine

   Hohe Wirkung des Kolorits. Die Zeichnung gibt den Dingen die Gestalt, die Farbe, das Leben; sie ist der göttliche Hauch der alles belebt.
Die erfreuliche Wirkung, welche die Farbe aufs Auge macht, ist die Folge einer Eigenschaft, die wir an körperlichen und unkörperlichen Erscheinungen, nur durch das Gesicht, gewahr werden. Man muß die Farbe gesehen haben, ja man muß sie sehen, um sich von der Herrlichkeit dieses kraftvollen Phänomens einen Begriff zu machen.
   Seltenheit guter Koloristen. Wenn es mehrere treffliche Zeichner gibt, so gibt es wenig große Koloristen. Eben so verhält sichs in der Literatur, hundert kalte Logiker gegen Einen großen Redner, zehen große Redner gegen Einen fürtrefflichen Poeten. Ein großes Interesse kann einen beredten Menschen schnell entwickeln und, Helvetius mag sagen was er will, man macht keine zehen gute Verse ohne Stimmung, und wenn der Kopf darauf stünde.
Hier spielt Diderot nach seiner Art, um das Mangelhafte seiner besondern Kenntnisse zu verbergen, die Frage, über die man unterrichtet werden möchte, ins allgemeine, und blendet mit einem falsch angewendeten Beispiel aus den redenden Künsten. Immer wird alles dem guten Genie zugeschoben, immer soll die Stimmung alles leisten. Freilich sind Genie und Stimmung zwei unerläßliche Bedingungen, wenn ein Kunstwerk hervor gebracht werden soll; aber beide sind, um nur von der Malerei zu reden, zur Erfindung und Anordnung, zur Beleuchtung, wie zur Färbung und zum Ausdruck, so wie zur letzten Ausführung nötig. Wenn die Farbe die Oberfläche des Bildes belebt, so muß man das genialische Leben in allen seinen Teilen gewahr werden.
Auch könnte man überhaupt jenen Satz gerade umwenden und sagen: Es gibt mehr gute Koloristen als Zeichner; oder, wenn wir anders billig sein wollen: es ist in einem Fall so schwer als in dem andern vortrefflich zu sein. Stelle man übrigens den Punkt, auf welchem einer für einen guten Zeichner oder Koloristen gelten soll, so hoch, oder so tief als man will, so wird man immer zum wenigsten gleiche Zahl der Meister finden, wenn man nicht etwa gar mehr Koloristen antrifft. Man darf nur an die niederländische Schule und überhaupt an alle diejenigen denken, welche Naturalisten genannt werden.
Hat es damit seine Richtigkeit und gibt es wirklich eben so viel gute Koloristen als Zeichner, so führt uns dies zu einer andern wichtigen Betrachtung. Bei der Zeichnung hat man in den Schulen, wenn auch keine vollkommene Theorie, doch wenigstens gewisse Grundsätze, gewisse Regeln und Maße die sich überliefern lassen; bei dem Kolorit hingegen weder Theorie noch Grundsätze, noch irgend etwas das sich überliefern läßt. Der Schüler wird auf Natur auf Beispiele, er wird auf seinen eignen Geschmack verwiesen. Und warum ist es denn doch eben so schwer gut zu zeichnen als gut zu kolorieren? Darum dünkt uns, weil die Zeichnung sehr viel Kenntnisse erfordert, viel Studium voraussetzt, weil die Ausübung derselben sehr verwickelt ist, ein anhaltendes Nachdenken und eine gewisse Strenge fordert; das Kolorit hingegen ist eine Erscheinung, die nur ans Gefühl Anspruch macht und also auch durchs Gefühl gleichsam instinktmäßig hervor gebracht werden kann.
Ein Glück daß es sich also verhält! Denn sonst würden wir, bei dem Mangel von Theorie und Grundsätzen, noch weniger gut kolorierte Bilder haben. Daß es ihrer nicht mehr gibt hat mancherlei Ursachen. Diderot bringt in der Folge verschiednes hierüber zur Sprache.
Wie traurig es aber mit dieser Rubrik in unsern Lehrbüchern aussehe, kann man sich überzeugen wenn man z. B. den Artikel Kolorit, in Sulzers allgemeiner Theorie der schönen Künste, mit den Augen eines Künstlers betrachtet, der etwas lernen, eine Anleitung finden, einem Fingerzeig folgen will! Wo ist da nur eine theoretische Spur? wo ist da nur eine Spur, daß der Verfasser auf das, worauf es eigentlich ankommt, wenigstens hindeute? Der Lernbegierige wird an die Natur zurück gewiesen, er wird aus einer Schule, zu der er ein Zutrauen setzt, hinaus auf die Berge und Ebenen, in die weite Welt gestoßen, dort soll er die Sonne, den Duft, die Wolken und wer weiß was alles betrachten, da soll er beobachten, da soll er lernen, da soll er, wie ein Kind das man aussetzt, sich in der Fremde durch eigne Kräfte forthelfen. Schlägt man deswegen das Buch eines Theoristen auf, um wieder in die Breite und Länge der Erfahrung, um in die Unsicherheit einzelner zerstreuter Beobachtungen, in die Verirrungen einer ungeübten Denkkraft zurück gewiesen zu werden? Freilich ist das Genie, im allgemeinen, zur Kunst, so wie im besondern, zu einem bestimmten Teile der Kunst unentbehrlich; wohl ist eine glückliche Disposition des Auges zur Empfänglichkeit für die Farben, ein gewisses Gefühl für die Harmonie derselben von Natur erforderlich, freilich muß das Genie sehen, beobachten, ausüben und durch sich selbst bestehen; dagegen hat es Stunden genug in denen es ein Bedürfnis fühlt, durch den Gedanken, über die Erfahrung, ja, wenn man will, über sich selbst erhoben zu werden. Dann nähert es sich gern dem Theoretiker, von dem es die Verkürzung seines Wegs, die Erleichterung der Behandlung in jedem Sinne erwarten darf.
Urteil über die Farbengebung. Nur die Meister der Kunst sind die wahren Richter der Zeichnung, die ganze Welt kann über die Farbe urteilen.
Hierein können wir keinesweges einstimmen. Zwar ist die Farbe in doppeltem Sinne, sowohl in Absicht auf Harmonie im Ganzen, als auf Wahrheit des Dargestellten im Einzelnen, leichter zu fühlen, in so fern sie unmittelbar an gesunde Sinne spricht; aber von dem Kolorit, als eigentlichem Kunstprodukte, kann doch nur der Meister, so wie von allen übrigen Rubriken urteilen. Ein buntes, ein heiteres, ein durch eine gewisse Allgemeinheit, oder ein im besondern harmonisches Bild, kann die Menge anlocken, den Liebhaber erfreuen, jedoch urteilen darüber kann nur der Meister, oder ein entschiedner Kenner. Entdecken doch auch ganz ungeübte Menschen Fehler in der Zeichnung, Kinder werden durch Ähnlichkeit eines Bildnisses frappiert, es gibt gar vieles das ein gesundes Auge im einzelnen richtig bemerkt, ohne im Ganzen zulänglich, in Hauptpunkten zuverlässig zu sein. Hat man nicht die Erfahrung, daß Ungeübte Tizians Kolorit selbst nicht natürlich finden? und vielleicht war Diderot auch in demselben Falle, da er nur immer Vernet und Chardin als Muster des Kolorits anführt.
Ein Halbkenner übersieht wohl in der Eile ein Meisterstück der Zeichnung, des Ausdrucks, der Zusammensetzung; das Auge hat niemals den Koloristen vernachlässigt.
Von Halbkennern sollte eigentlich gar die Rede nicht sein! Ja, wenn man es streng nimmt, gibt es gar keine Halbkenner. Die Menge, die von einem Kunstwerke angezogen oder abgestoßen wird, macht auf Kennerschaft keinen Anspruch, der echte Liebhaber wächst täglich und erhält sich immerfort bildsam. Es gibt halbe Töne, aber auch diese sind harmonisch im Ganzen; der Halbkenner ist eine falsche Saite, die nie einen richtigen Ton angibt, und grade beharrt er auf diesem falschen Ton, da selbst echte Meister und Kenner sich nie für vollendet halten.
Seltenheit guter Koloristen. Aber warum gibt es so wenig Künstler, die das hervor bringen könnten was jedermann begreift?
Hier liegt wieder der Irrtum in dem falschen Sinne, der dem Worte begreifen gegeben ist. Die Menge begreift die Harmonie und die Wahrheit der Farben eben so wenig als die Ordnung einer schönen Zusammensetzung. Freilich werden beide nur desto leichter gefaßt je vollkommner sie sind, und diese Faßlichkeit ist eine Eigenschaft alles Vollkommenen in der Natur und der Kunst, diese Faßlichkeit muß es mit dem Alltäglichen gemein haben; nur daß dieses reizlos, ja abgeschmackt sein kann, lange Weile und Verdruß erregt, jenes aber reizt, unterhält, den Menschen auf die höchsten Stufen seiner Existenz erhöht, ihn dort gleichsam schwebend erhält und um das Gefühl seines Daseins so wie um die verfließende Zeit betrügt.
Homers Gesänge werden schon seit Jahrtausenden gefaßt, ja mitunter begriffen und wer bringt etwas ähnliches hervor? Was ist faßlicher, was ist begreiflicher als die Erscheinung eines trefflichen Schauspielers ? Er wird von tausenden und aber tausenden gesehen und bewundert und wer vermag ihn nachzuahmen?

Eigenschaften eines echten Koloristen

Wahrheit und Harmonie. Wer ist denn für mich der wahre, der große Kolorist Derjenige, der den Ton der Natur und wohl erleuchteter Gegenstände gefaßt hat und der zugleich sein Gemälde in Harmonie zu bringen wußte.
Ich würde lieber sagen: Derjenige welcher die Farben der Gegenstände am richtigsten und reinsten, unter allen Umständen der Beleuchtung, der Entfernung u.s.w. lebhaft faßt und darstellt und sie in ein harmonisches Verhältnis zu setzen weiß.
An wenig Gegenständen erscheint die Farbe in ihrer ursprünglichen Reinheit, selbst im vollsten Lichte, sie wird mehr oder minder durch die Natur der Körper, an denen sie erscheint, schon modifiziert und überdies sehen wir sie noch, durch stärkeres oder schwächeres Licht, durch Beschattung, durch Entfernung, ja endlich sogar durch mancherlei Trug auf tausenderlei Weise, bestimmt und verändert. Alles das zusammen kann man Wahrheit der Farbe nennen, denn es ist diejenige Wahrheit, die einem gesunden, kräftigen, geübten Künstlerauge erscheint. Aber dieses Wahre wird in der Natur selten harmonisch angetroffen, die Harmonie ist in dem Auge des Menschen zu suchen, sie ruht auf einer inne(r)n Wirkung und Gegenwirkung des Organs, nach welchem eine gewisse Farbe eine andere fordert und man kann eben so gut sagen, wenn das Auge eine Farbe sieht, so fordert es die harmonische, als man sagen kann die Farbe welche das Auge neben einer andern fordert ist die harmonische. Diese Farben, auf welchen alle Harmonie und also der wichtigste Teil des Kolorits ruht, wurden bisher von den Physikern zufällige Farben genannt.
Leichte Vergleichung. Nichts in einem Bilde spricht uns mehr an, als die wahre Farbe, sie ist dem Unwissenden wie dem Unterrichteten verständlich.
Dieses ist in jedem Sinne wahr; doch ist es nötig zu untersuchen, was denn diese wenigen Worte eigentlich sagen wollen? Bei allem, was nicht menschlicher Körper ist bedeutet die Farbe fast mehr als die Gestalt, und die Farbe ist es also wodurch wir viele Gegenstände eigentlich erkennen, oder wodurch sie uns interessieren. Der einfarbige, der unfarbige Stein, will nichts sagen, das Holz wird durch die Mannigfaltigkeit seiner Farbe nur bedeutend, die Gestalt des Vogels ist uns durch ein Gewand verhüllt, das uns durch einen regelmäßigen Farbenwechsel vorzüglich anlockt. Alle Körper haben gewissermaßen eine individuelle Farbe, wenigstens eine Farbe der Geschlechter und Arten; selbst die Farben künstlicher Stoffe sind nach Verschiedenheit derselben verschieden, anders erscheint Cochenille auf Leinwand, anders auf Wolle, anders auf Seide. Taft, Atlas, Samt, obgleich alle von seidnem Ursprung, bezeichnen sich anders dem Auge und was kann uns mehr reizen, mehr ergötzen, mehr täuschen und bezaubern, als wenn wir auf einem Gemälde das bestimmte, lebhafte, individuelle eines Gegenstandes, wodurch er uns zeitlebens angesprochen, wodurch er uns allein bekannt ist, wieder erblicken? Alle Darstellung der Form ohne Farbe ist symbolisch, die Farbe allein macht das Kunstwerk wahr, nähert es der Wirklichkeit.

Farben der Gegenstände

Farbe des Fleisches. Man hat behauptet, die schönste Farbe in der Welt sei die liebenswürdige Röte womit Unschuld, Jugend, Gesundheit, Bescheidenheit und Scham die Wangen eines Mädchens zieren, und man hat nicht nur etwas feines, rührendes, zartes, sondern auch etwas wahres gesagt; denn das Fleisch ist schwer nachzubilden; dieses saftige Weiß, überein, ohne blaß, ohne matt zu sein; diese Mischung von rot und blau, die unmerklich durch (das gelbliche) dringt, das Blut, das Leben, bringen den Koloristen in Verzweiflung. Wer das Gefühl des Fleisches erreicht hat, ist schon weit gekommen, das übrige ist nichts dagegen. Tausend Maler sind gestorben, ohne das Fleisch gefühlt zu haben, tausend andere werden sterben, ohne es zu fühlen.
Diderot stellt sich mit Recht hier auf den Gipfel der Farbe die wir an Körpern erblicken. Die Elementarfarben, welche wir bei physiologischen, physischen und chemischen Phänomenen bemerken und abgesondert erblicken, werden, wie alle andere Stoffe der Natur, veredelt, indem sie organisch angewendet werden. Das höchste organisierte Wesen ist der Mensch, und man erlaube uns, die wir für Künstler schreiben, anzunehmen, daß es unter den Menschenrassen innerlich und äußerlich vollkommner organisierte gebe, deren Haut, als die Oberfläche der vollkommenen Organisation, die schönste Farbenharmonie zeigt, über die unsere Begriffe nicht hinaus gehen. Das Gefühl dieser Farbe des gesunden Fleisches, ein tätiges Anschauen derselben, wodurch der Künstler sich zum Hervorbringen von etwas ähnlichen geschickt zu machen strebt, erfordert so mannigfaltige und zarte Operationen, des Auges sowohl als des Geistes und der Hand, ein frisches jugendliches Naturgefühl und ein gereiftes Geistesvermögen, daß alles andere dagegen nur Scherz und Spielwerk, wenigstens alles andere in dieser höchsten Fähigkeit begriffen zu sein scheint. Eben so ist es mit der Form. Wer sich zu der Idee von der bedeutenden und schönen menschlichen Form empor gehoben hat, wird alles übrige bedeutend und schön hervor bringen. Was für herrliche Werke entstanden nicht wenn die großen, sogenannten Historienmaler sich herabließen Landschaften, Tiere und unorganische Beiwerke zu malen!
Da wir übrigens mit unserm Autor ganz in Einstimmung sind so lassen wir ihn selbst reden.
Ihr könntet glauben daß um sich im Kolorit zu bestärken ein wenig Studium der Vögel und der Blumen nicht schaden könnte. Nein, mein Freund! niemals wird euch diese Nachahmung das Gefühl des Fleisches geben. Was wird aus Bachelier wenn er seine Rose, seine Jonquille, seine Nelke aus den Augen verliert? Laßt Madame Vien ein Portrait malen und tragt es nachher zu Latour. Aber nein bringt es ihm nicht! Der Verräter ehrt keinen seiner Mitbrüder so sehr um ihm die Wahrheit zu sagen; aber bewegt ihn, der Fleisch zu malen versteht, ein Gewand, einen Himmel, eine Nelke, eine duftige Pflaume, eine zart wollige Pfirsiche zu malen ihr werdet sehen wie herrlich ersieh heraus zieht. Und Chardin! warum nimmt man seine Nachahmung unbelebter Wesen für die Natur selbst? eben deswegen weil er das Fleisch hervorbringt wann er will.
Man kann sich nicht muntrer, feiner, artiger ausdrucken; der Grundsatz ist auch wohl wahr. Nur steht Latour nicht als glückliches Beispiel eines großen Farbekünstlers, er ist ein bunt übertriebner oder vielmehr manierierter Maler aus Rigauds Schule, oder ein Nachahmer dieses Meisters.
In dem folgenden geht Diderot zu der neuen Schwierigkeit über, die der Maler findet indem das Fleisch an und für sich nicht allein so schwer nachzuahmen ist, sondern die Schwierigkeit noch dadurch vermehrt wird, daß diese Oberfläche einem denkenden, sinnenden, fühlenden Wesen angehört, dessen innerste, geheimste, leichteste Veränderungen sich blitzschnell über das Äußere verbreiten. Er übertreibt ein wenig die Schwierigkeit, doch mit besonderer Anmut und ohne sich von der Wahrheit zu entfernen.
Aber was dem großen Koloristen noch endlich ganz den Kopf verrückt das ist der Wechsel dieses Fleisches, das sich von einem Augenblick zum andern belebt und verfärbt. Indessen der Künstler sich an sein Tuch heftet, indem sein Pinsel mich darzustellen beschäftigt ist, habe ich mich verändert und er findet mich nicht wieder. Ist mir der Abbé Leblanc in die Gedanken gekommen, so mußte ich vor langer Weile gähnen, zeigte sich der Abbé Trublet meiner Einbildungskraft, so sehe ich ironisch aus. Erscheint mir mein Freund Grimm, oder meine Sophie, dann klopft mein Herz, die Zärtlichkeit und Heiterkeit verbreitet sich über mein Gesicht, die Freude scheint mir durch die Haut zu dringen, die kleinsten Blutgefäße wurden erschüttert und die unmerkliche Farbe des lebendigen Flüssigen hat über alle meine Züge die Farbe des Lebens verbreitet. Blumen und Früchte schon verändern sich vor dem aufmerksamen Blick des Latour und Bachelier. Welche Qual ist nicht für sie das Gesicht des Menschen! Diese Leinwand, die sich rührt, sich bewegt, sich ausdehnt und so bald erschlafft, sich färbt und mißfärbt, nach unendlichen Abwechslungen dieses leichten und beweglichen Hauchs den man die Seele nennt.
Wir sagten vorhin, daß Diderot die Schwierigkeit einigermaßen übertreibe, und gewiß, sie wäre unüberwindlich wenn der Maler nicht das besäße was ihn zum Künstler macht, wenn er von dem hin- und wiederblicken zwischen Körper und Leinwand allein abhinge, wenn er nichts zu machen verstünde als was er sieht. Aber das ist ja eben das Künstlergenie, das ist das Künstlertalent, daß es anzuschauen, festzuhalten, zu verallgemeinen, zu symbolisieren, zu charakterisieren weiß, und zwar in jedem Teile der Kunst, in Form sowohl als Farbe. Dadurch ist es eben ein Künstlertalent, daß es eine Methode besitzt, nach welcher es die Gegenstände behandelt, eine, sowohl geistige, als praktisch mechanische Methode, wodurch es den beweglichsten Gegenstand fest zu halten, zu determinieren und ihm eine Einheit und Wahrheit der künstlichen Existenz zu geben weiß.
Aber bald hätte ich vergessen euch von der Farbe der Leidenschaft zu reden und doch war ich ganz nahe dran. Hat nicht jede Leidenschaft ihre eigne Farbe? verändert sie sich nicht auf jeder Stufe der Leidenschaft? Die Farbe hat ihre Abstufungen im Zorn. Entflammt er das Gesicht, so brennen die Augen, ist er auf dem höchsten Grad, so verengt er das Herz, anstatt es auszudehnen. Dann verwirren sich die Augen, die Blässe verbreitet sich über die Stirn, über die Wangen, die Lippen zittern und verbleichen. Liebe und Verlangen, süßer Genuß, glückliche Befriedigung! färbt nicht jeder dieser Momente mit andern Farben eine geliebte Schönheit?
Von diesem Perioden gilt was von dem vorigen gesagt worden; auch hier ist Diderot zu loben, daß er dem Künstler die großen Forderungen zeigt, die man an ihn zu machen berechtigt ist; wenn er ihn auf die Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen aufmerksam macht und ihn dadurch vor dem Manierierten zu hüten sucht. Ein gleiches hat er im folgenden zur Absicht.
Die Mannigfaltigkeit unserer gewirkten Stoffe, unserer Gewänder hat nicht wenig beigetragen das Kolorit vollkommner zu machen.
Schon oben ist in einer Anmerkung hierüber etwas gesagt worden.
Der allgemeine Ton der Farbe kann schwach sein ohne falsch zu sein.
Daß die Lokalfarbe, sowohl in einem ganzen Bilde, als durch die verschiednen Gründe eines Bildes gemäßigt werden, und doch noch immer wahr und den Gegenständen gemäß bleiben kann, daran ist nicht der mindeste Zweifel.

Von der Harmonie der Farben

Wir kommen nunmehr an einen wichtigen Punkt, über den wir oben schon einiges geäußert, der aber nicht hier sondern in der Folge der ganzen Farbenlehre nur vorgetragen und erörtert werden kann.
Man sagt daß es freundliche und feindliche Farben gebe, und man hat recht wenn man darunter versteht: daß es solche gibt die sich schwer verbinden, die dergestalt neben einander absetzen daß Licht und Luft, diese beiden allgemeinen Harmonisten, uns kaum die unmittelbare Nachbarschaft erträglich machen können.
Da man auf den Grund der Farbenharmonie nicht gelangen konnte und doch harmonische und disharmonische Farben eingestehen mußte, zugleich aber bemerkte daß stärkeres oder schwächeres Licht den Farben etwas zu geben oder zu nehmen und dadurch eine gewisse Vermittlung zu machen schien, da man bemerkte daß die Luft, indem sie die Körper umgibt, gewisse mildernde und sogar harmonische Veränderungen hervorbringt, so sah man beide als die allgemeinen Harmonisten an, man vermischte das von dem Kolorit kaum getrennte Helldunkel, auf eine unzulässige Weise, wieder mit demselben, man brachte die Massen herbei, man redete von Luftperspektiv, nur um einer Erklärung über die Harmonie der Farben auszuweichen. Man sehe das Sulzerische Kapitel vom Kolorit und wie dort die Frage, was Harmonie der Farben sei? nicht heraus gehoben, sondern unter fremden und verwandten Dingen vergraben und verschüttet wird. Diese Arbeit ist also noch zu tun, und vielleicht zeigt es sich, daß eine solche Harmonie, wie sie unabhängig und ursprünglich im Auge, im Gefühl des Menschen existiert, auch durch Zusammenstellung von gefärbten Gegenständen äußerlich hervor gebracht werden kann.
Ich zweifle daß irgend ein Maler diese Partie(n) besser verstehe als eine Frau, die ein wenig eitel ist, oder ein Sträußermädchen die ihr Handwerk versteht.
Also ein reizbares Weib, ein lebhaftes Sträußermädchen, verstehen sich auf die Harmonie der Farben! die eine weiß was ihr wohl ansteht, die andere, wie sie ihre Ware gefällig machen soll. Und warum begibt sich der Philosoph, der Physiolog nicht in diese Schule? Warum nimmt er sich nicht die kleine Mühe zu beobachten wie ein liebenswürdiges Geschöpf verfährt um diesen Elementarkreis zu ihren Gunsten zu ordnen? Warum beobachtet er nicht was sie sich zueignet und was sie verschmäht? Die Harmonie und Disharmonie der Farben ist zugestanden, der Maler ist darauf hingewiesen, jeder fordert sie von ihm und niemand sagt ihm was sie sei. Was geschieht? Sein natürliches Gefühl führt ihn in manchen Fällen recht, in andern weiß er sich nicht zu helfen. Und wie benimmt er sich? Er weicht der Farbe selbst aus, er schwächt sie und glaubt sie dadurch zu harmonieren, indem er ihr die Kraft nimmt ihre Widerwärtigkeit gegen eine andere recht lebhaft an den Tag zu legen.
Der allgemeine Ton der Farbe kann schwach sein ohne daß die Harmonie zerstört werde, im Gegenteil läßt sich die Stärke des Kolorits mit der Harmonie schwer verbinden.
Man gibt keineswegs zu, daß es leichter sei ein schwaches Kolorit harmonischer zu machen als ein starkes; aber freilich wenn das Kolorit stark ist, wenn die Farben lebhaft erscheinen, dann empfindet auch das Auge Harmonie und Disharmonie viel lebhafter; wenn man aber die Farben schwächt, einige hell, andere gemischt, andere beschmutzt im Bilde braucht, dann weiß freilich niemand ob er ein harmonisches oder disharmonisches Bild sieht; das weiß man aber allenfalls zu sagen daß es unwirksam, daß es unbedeutend sei.
Weiß oder hell zu malen sind zwei sehr verschiedne Dinge. Wenn unter zwei verschiednen Kompositionen übrigens alles gleich ist, so wird euch die lichteste gewiß am besten gefallen; es ist wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Ein Gemälde kann allen Anforderungen ans Kolorit genugtun und doch vollkommen hell und licht sein. Die helle Farbe erfreut das Auge, und eben dieselben Farben in ihrer ganzen Stärke, in ihrem dunkelsten Zustande genommen, werden einen ernsten, ahndungsvollen Effekt hervor bringen; aber freilich ist es ein anderes hell malen als ein weißes, kreidenhaftes Bild darstellen.
Noch eins! Die Erfahrung lehrt daß helle, heitere Bilder nicht immer den starken, kraftvollen Effektbildern vorgezogen werden. Wie hätte sonst Spagnolett zu seiner Zeit den Guido überwiegen können?
Es gibt eine Zauberei vor der man sich schwer verwahren kann, es ist die, welche der Maler ausübt der seinem Bilde eine gewisse Stimmung zu geben versteht. Ich weiß nicht wie ich euch deutlich meine Gedanken ausdrücken soll! Hier auf dem Gemälde steht eine Frau, in weißen Atlas gekleidet! deckt das übrige Bild zu und seht das Kleid allein, vielleicht erscheint euch dieser Atlas schmutzig, matt und nicht sonderlich wahr. Aber seht diese Figur wieder in der Mitte der Gegenstände von denen sie umgeben ist und alsobald wird der Atlas und seine Farbe ihre Wirkung wieder leisten. Das macht daß das Ganze gemäßigt ist, und indem jeder Gegenstand verhältnismäßig verliert, so ist nicht zu bemerken was jedem einzelnen gebricht, die Übereinstimmung rettet das Werk. Es ist die Natur bei Sonnenuntergang gesehen.
Niemand wird zweifeln daß ein solches Bild Wahrheit und Übereinstimmung, besonders aber große Verdienste in der Behandlung haben könne.
Fundament der Harmonie. Ich werde mich wohl hüten in der Kunst die Ordnung des Regenbogens umzustoßen. Der Regenbogen ist in der Malerei was der Grundbaß in der Musik ist.
Endlich deutet Diderot auf ein Fundament der Harmonie, er will es im Regenbogen finden und beruhigt sich dabei was die französische Malerschule darüber ausgesprochen haben mag. Indem der Physiker die ganze Farbentheorie auf die prismatischen Erscheinungen und also gewissermaßen auf den Regenbogen gründete, so nahm man wohl hier und da diese Erscheinungen gleichfalls bei der Malerei als Fundament der harmonischen Gesetze an, die man bei der Farbengebung vor Augen haben müsse, um so mehr als man eine auffallende Harmonie in dieser Erscheinung nicht leugnen konnte. Allein der Fehler den der Physiker beging, verfolgte mit seinen schädlichen Einflüssen auch den Maler. Der Regenbogen, so wie die prismatischen Erscheinungen, sind nur einzelne Fälle der viel weiter ausgebreiteten, mehr umfassenden, tiefer zu begründenden harmonischen Farbenerscheinungen. Es gibt nicht eine Harmonie, weil der Regenbogen, weil das Prisma sie uns zeigen, sondern diese genannten Phänomene sind harmonisch, weil es eine höhere, allgemeine Harmonie gibt, unter deren Gesetzen auch sie stehen.
Der Regenbogen kann keineswegs dem Grundbaß in der Musik verglichen werden, jener umfaßt sogar nicht einmal alle Erscheinungen die wir bei der Refraktion gewahr werden, er ist so wenig der Generalbaß der Farben als ein Durakkord der Generalbaß der Musik ist; aber weil es eine Harmonie der Töne gibt, so ist ein Durakkord harmonisch. Forschen wir aber weiter so finden wir auch einen Mollakkord, der keineswegs in dem Durakkorde, wohl aber in dem ganzen Kreise musikalischer Harmonie begriffen ist.
So lange nun in der Farbenlehre nicht auch klar wird daß die Totalität der Phänomene nicht unter ein beschränktes Phänomen und dessen allenfallsige Erklärung gezwängt werden kann, sondern daß jedes Einzelne sich in den Kreis mit allen übrigen stellen, sich ordnen, sich unterordnen muß; so wird auch diese Unbestimmtheit, diese Verwirrung in der Kunst dauern, wo man im praktischen das Bedürfnis weit lebhafter fühlt, anstatt daß der Theoretiker die Frage nur stille bei Seite lehnen und eigensinnig behaupten darf: alles sei ja schon erklärt!
Aber ich fürchte daß kleinmütige Maler davon ausgegangen sind um auf eine armselige Weise die Grenzen der Kunst zu verengen und sich eine leichte und beschränkte (kleine) Manier zu bereiten, das was wir so unter uns ein Protokoll nennen.
Diderot rügt hier eine kleine Manier in welche verschiedene Maler verfallen sein mögen, welche sich an die beschränkte Lehre des Physikers zu nahe anschlössen. Sie stellten, so scheint es, auf ihrer Palette die Farben in der Ordnung, wie sie im Regenbogen vorkommen und es entstand daraus eine unleugbare harmonische Folge, sie nannten es ein Protokoll, weil hier nun gleichsam alles verzeichnet war was geschehen konnte und sollte. Allein da sie die Farben nur in der Folge des Regenbogens und des prismatischen Gespenstes kannten, so wagten sie es nicht bei der Arbeit diese Reihe zu zerstören, oder sie dergestalt zu behandeln daß man jenen Elementarbegriff dabei verloren hätte, sondern man konnte das Protokoll durchs ganze Bild wieder finden; die Farbe blieb auf dem Gemälde, wie auf der Palette, nur Stoff, Materie, Element und ward nicht durch eine wahre genialische Behandlung in ein harmonisches Ganze organisch verwebt. Diderot greift diese Künstler mit Heftigkeit an. Ich kenne ihre Namen nicht und habe keine solche Gemälde gesehen, aber ich glaube mir nach Diderots Worten wohl vorzustellen was er meint.
Fürwahr es gibt solche Protokollisten in der Malerei, solche untertänige Diener des Regenbogens, daß man beständig erraten kann, was sie machen werden. Wenn ein Gegenstand diese oder jene Farbe hat, so kann man gewiß sein diese oder jene Farbe ganz nahe daran zu finden. Ist nun die Farbe der einen Ecke auf ihrem Gemälde gegeben, so weiß man alles übrige. Ihr ganzes Lebenlang tun sie nichts weiter als diese Ecke zu versetzen; es ist ein beweglicher Punkt der auf einer Fläche herum spaziert, der sich aufhält und bleibt wo es ihm beliebt, der aber immer dasselbe Gefolge hat. Er gleicht einem großen Herrn, der mit seinem Hof immer in einerlei Kleidern erschiene.
Echtes Kolorit. So handelt nicht Vernet nicht Chardin. Ihr unerschrockner Pinsel weiß mit der größten Kühnheit die größte Mannigfaltigkeit und die vollkommenste Harmonie zu verbinden und so alle Farben der Natur mit allen ihren Abstufungen darzustellen.
Hier fängt Diderot an die Behandlung mit dem Kolorit zu vermengen. Durch eine solche Behandlung verliert sich freilich alles stoffartige, elementare, rohe, materielle, indem der Künstler die mannigfaltige Wahrheit des einzelnen, in einer schön verbundnen Harmonie des ganzen verborgen, vorzustellen weiß, und so wären wir zu denen Hauptpunkten von denen wir ausgingen, zu Wahrheit in Übereinstimmung zurückgekehrt.
Sehr wichtig ist der folgende Punkt, über den wir erst Diderot hören und dann unsere Gedanken gleichfalls eröffnen wollen.
Und demohngeachtet haben Vernet und Chardin eine eigne und beschränkte Art der Farbenbehandlung! Ich zweifle nicht daran und würde sie wohl entdecken wenn ich mir die Mühe geben wollte. Das macht, daß der Mensch kein Gott ist und daß die Werkstatt des Künstlers nicht die Natur ist.
Nachdem Diderot gegen die Manieristen lebhaft gestritten, ihre Mängel aufgedeckt und ihnen seine Lieblingskünstler, Vernet und Chardin entgegen gesetzt, so kommt er an den zarten Punkt daß denn doch auch diese mit einer gewissen bestimmten Behandlungsart zu Werke gehen, der man wohl etwas eignes, etwas beschränktes Schuld geben könnte, so daß er kaum sieht wie er sie von den Manieristen unterscheiden soll. Hätte er von den größten Künstlern gesprochen, so würde er doch in Versuchung geraten sein eben dasselbe zu sagen; aber er wird billig, er will den Künstler nicht mit Gott, das Kunstwerk nicht mit einem Naturprodukte vergleichen.
Wodurch unterscheidet sich denn also der Künstler, der auf dem rechten Wege geht von demjenigen, der den falschen eingeschlagen hat? Dadurch daß er einer Methode bedächtig folgt, anstatt daß jener leichtsinnig einer Manier nachhängt.
Der Künstler, der immer anschaut, empfindet, denkt, wird die Gegenstände in ihrer höchsten Würde, in ihrer lebhaftesten Wirkung, in ihren reinsten Verhältnissen erblicken, bei der Nachahmung wird ihm eine selbstgedachte, eine überlieferte, selbstdurchdachte Methode die Arbeit erleichtern, und wenn gleich bei Ausübung dieser Methode seine Individualität mit ins Spiel kommt, so wird er doch durch dieselbe, so wie durch die reinste Anwendung seiner höchsten Sinnes- und Geisteskräfte, immer wieder ins allgemeine gehoben, und kann so bis an die Grenzen der möglichen Produktion geführt werden. Auf diesem Wege erhüben sich die Griechen bis zu der Höhe auf der wir besonders ihre plastische Kunst kennen, und warum haben ihre Werke aus den verschiednen Zeiten und von verschiednem Werte einen gewissen gemeinsamen Eindruck? Doch wohl nur daher weil sie der Einen, wahren Methode im Vorschreiten folgten, welche sie selbst beim Rückschritt nicht ganz verlassen konnten.
Das Resultat einer echten Methode nennt man Styl, im Gegensatz der Manier. Der Styl erhebt das Individuum zum höchsten Punkt, den die Gattung zu erreichen fähig ist, deswegen nähern sich alle große Künstler einander in ihren besten Werken. So hat Rafael wie Tizian koloriert, da wo ihm die Arbeit am glücklichsten geriet. Die Manier hingegen individualisiert, wenn man so sagen darf, noch das Individuum. Der Mensch, der seinen Trieben und Neigungen unaufhaltsam nachhängt, entfernt sich immer mehr von der Einheit des Ganzen, ja sogar von denen die ihm allenfalls noch ähnlich sein könnten, er macht keine Ansprüche an die Menschheit und so trennt er sich von den Menschen. Dieses gilt so gut vom sittlichen als vom künstlichen, denn da alle Handlungen des Menschen aus Einer Quelle kommen so gleichen sie sich auch in allen ihren Ableitungen.
Und so edler Diderot wollen wir bei deinem Ausspruch beruhen, indem wir ihn verstärken.
Der Mensch verlange nicht Gott gleich zu sein, aber er strebe sich als Mensch zu vollenden. Der Künstler strebe nicht ein Naturwerk aber ein vollendetes Kunstwerk hervor zu bringen.

Irrtümer und Mängel

Karikatur. Es gibt Karikaturen der Farbe wie der Zeichnung und alle Karikatur ist im bösen Geschmack.
Wie eine solche Karikatur möglich sei, und worin sie sich von einer eigentlich disharmonischen Farbengebung unterscheide, läßt sich erst deutlich aus einander setzen, wenn wir über die Harmonie der Farben und den Grund, worauf sie beruht, einig geworden; denn es setzt voraus daß das Auge eine Übereinstimmung anerkenne, daß es eine Disharmonie fühle und daß man, woher die beiden entstehen, unterrichtet sei. Alsdann sieht man erst ein, daß es eine dritte Art geben könne, die sich zwischen beide hinein setzt. Man kann mit Verstand und Vorsatz von der Harmonie abweichen und dann bringt man das Charakteristische hervor, geht man aber weiter, übertreibt man diese Abweichung, oder wagt man sie ohne richtiges Gefühl und bedächtige Überlegung, so entsteht die Karikatur, die endlich Fratze und völlige Disharmonie wird und wofür sich jeder Künstler sorgfältig hüten sollte.
Individuelles Kolorit. Warum gibt es so vielerlei Koloristen? indessen es nur Eine Farbenmischung in der Natur gibt.
Man kann nicht eigentlich sagen daß es nur Ein Kolorit in der Natur gebe, denn beim Worte Kolorit denken wir uns immer zugleich den Menschen der die Farbe sieht, im Auge aufnimmt und zusammen hält. Aber das kann und muß man annehmen, um nicht in Ungewißheit des Raisonnements zu geraten, daß alle gesunde Augen alle Farben und ihr Verhältnis ohngefähr überein sehen. Denn auf diesem Glauben der Übereinstimmung solcher Apperzeptionen beruht ja alle Mitteilung der Erfahrung.
Daß aber auch in den Organen eine große Abweichung und Verschiedenheit in Absicht auf Farben sich befindet, kann man am besten bei dem Maler sehen, der etwas ähnliches mit dem was er sieht hervor bringen soll. Wir können aus dem Hervorgebrachten auf das Gesehene schließen und mit Diderot sagen:
Die Anlage des Organs trägt gewiß viel dazu bei. Ein zartes und schwaches Auge wird sich mit lebhaften und starken Farben nicht befreunden und ein Maler wird keine Wirkungen in sein Bild bringen wollen die ihn in der Natur verletzen; er wird das lebhafte Rot, das volle Weiß nicht lieben, er wird die Tapeten, mit denen er die Wände seines Zimmers bedeckt, er wird seine Leinwand mit schwachen, sanften und zarten Tönen färben und gewöhnlich durch eine gewisse Harmonie ersetzen was er euch an Kraft entzog.
Dieses schwache, sanfte Kolorit, diese Flucht vor lebhaften Farben, kann sich, wie Diderot hier angibt, von einer Schwäche der Nerven überhaupt herschreiben. Wir finden daß gesunde, starke Nationen, daß das Volk überhaupt, daß Kinder und junge Leute sich an lebhaften Farben erfreuen; aber eben so finden wir auch daß der gebildetere Teil die Farbe flieht, teils weil sein Organ geschwächt ist, teils weil er das auszeichnende, das charakteristische vermeidet.
Bei dem Künstler hingegen ist die Unsicherheit, der Mangel an Theorie oft Schuld wenn sein Kolorit unbedeutend ist. Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer starken Farbe und nur wer seiner Sache gewiß wäre wagte sie neben einander zu setzen. Wer sich dabei der Empfindung, dem Ohngefähr überläßt bringt leicht eine Karikatur hervor, die er, in so fern er Geschmack hat, vermeiden wird; daher also das Dämpfen, das Mischen, das Töten der Farben, daher der Schein von Harmonie die sich in ein Nichts auflöst, anstatt das Ganze zu umfassen.
Warum sollte der Charakter, ja selbst die Lage des Malers nicht auf sein Kolorit Einfluß haben? Wenn sein gewöhnlicher Gedanke traurig, düster und schwarz ist, wenn es in seinem melancholischen Kopf und in seiner düstern Werkstatt immer Nacht bleibt, wenn er den Tag aus seinem Zimmer vertreibt, wenn er Einsamkeit und Finsternis sucht, werdet ihr nicht eine Darstellung zu erwarten haben die wohl kräftig aber zugleich dunkel, mißfarbig und düster ist? Ein Gelbsüchtiger, der alles gelb sieht, wie soll der nicht über sein Bild denselben Schleier werfen den sein krankes Organ über die Gegenstände der Natur zieht und der ihm selbst verdrießlich ist, wenn er den grünen Baum, den eine frühere Erfahrung in die Einbildungskraft drückte, mit dem gelben vergleicht, den er vor Augen sieht?
Seid gewiß, daß ein Maler sich in seinem Werke eben so sehr, ja noch mehr, als ein Schriftsteller in dem seinigen zeige. Einmal tritt er wohl aus seinem Charakter, überwindet die Natur und den Hang seines Organs. Er ist wie ein verschloßner, schweigender Mann, der doch auch einmal seine Stimme erhebt; die Explosion ist vorüber, er fällt in seinen natürlichen Zustand in das Stillschweigen zurück. Der traurige Künstler, der mit einem schwachen Organ geboren ist, wird wohl Einmal ein Gemälde von lebhafter Farbe hervor bringen, aber bald wird er wieder zu seinem natürlichen Kolorit zurückkehren.
Unterdessen ist es schon äußerst erfreulich, wenn ein Künstler einen solchen Mangel bei sich gewahr wird und äußerst beifallswürdig wenn er sich bemüht ihm entgegen zu arbeiten. Sehr selten findet sich ein solcher und wo er sich findet, wird seine Bemühung gewiß belohnt und ich würde ihm nicht, wie Diderot tut, mit einem unvermeidlichen Rückfall drohen, vielmehr ihm, wo nicht einen völlig zu erreichenden Zweck, doch einen immerwährenden glücklichen Fortschritt versprechen.
Auf alle Fälle wenn das Organ krankhaft ist, auf welche Weise es wolle, so wird es einen Dunst über alle Körper verbreiten, wodurch die Natur und ihre Nachahmung äußerst leiden muß.
Nachdem also Diderot den Künstler aufmerksam gemacht hat was er an sich zu bekämpfen habe, so zeigt er ihm auch noch die Gefahren die ihm in der Schule bevorstehen.
Einfluß des Meisters. Was den wahren Koloristen selten macht ist daß der Künstler sich gewöhnlich Einem Meister ergibt. Eine undenkliche Zeit kopiert der Schüler die Gemälde des Einen Meisters, ohne die Natur anzublicken, er gewöhnt sich durch fremde Augen zu sehen und verliert den Gebrauch der seinigen. Nach und nach macht er sich eine gewisse Kunstfertigkeit die ihn fesselt und von der er sich weder befreien noch entfernen kann; die Kette ist ihm ums Auge gelegt, wie dem Sklaven um den Fuß, und das ist die Ursache daß sich so manches falsche Kolorit verbreitet. Einer der nach la Grenee kopiert wird sich ans glänzende und solide gewöhnen, wer sich an le Prince hält wird rot und ziegelfarbig werden, nach Greuze grau und violett, wer Chardin studiert ist wahr! Und daher kommt diese Verschiedenheit in den Urteilen über Zeichnung und Farbe selbst unter Künstlern; der eine sagt daß Poussin trocken, der andere daß Rubens übertrieben ist, und ich, der Liliputianer, klopfe ihnen sanft auf die Schulter und bemerke daß sie eine Albernheit gesagt haben.
Es ist keine Frage daß gewisse Fehler, gewisse falsche Richtungen sich leicht mitteilen, wenn Alter und Ansehen besonders den Jüngling auf bequeme, unrechte Wege leiten. Alle Schulen und Sekten beweisen daß man lernen könne mit andern Augen sehen; aber so gut ein falscher Unterricht böse Früchte bringt und das manierierte fortpflanzt, eben so gut wird auch durch diese Empfänglichkeit der jungen Naturen die Wirkung einer echten Methode begünstigt. Wir rufen dir also wackrer Diderot abermals, so wie beim vorigen Kapitel zu: indem du deinen Jüngling vor den Afterschulen warnst, so mache ihm die echte Schule nicht verdächtig.
Unsicherheit im Auftragen der Farben. Der Künstler, indem er seine Farbe von der Palette nimmt, weiß nicht immer welche Wirkung sie in dem Gemälde hervor bringen wird und freilich! womit vergleicht er diese Farbe, diese Tinte auf seiner Palette ? Mit andern einzelnen Tinten, mit ursprünglichen Farben! Er tut mehr, er betrachtet sie an dem Orte wo er sie bereitet hat und überträgt sie in Gedanken an den Platz wo sie angewendet werden soll. Wie oft begegnet es ihm nicht daß er sich bei dieser Schätzung betrügt! Indem er von der Palette auf die volle Szene seiner Zusammensetzung übergeht wird die Farbe modifiziert, geschwächt, erhöht, sie verändert völlig ihren Effekt. Dann tappt der Künstler herum, hantiert seine Farbe hin und wieder und quält sie auf alle Weise. Unter dieser Arbeit wird die Tinte eine Zusammensetzung verschiedner Substanzen welche mehr oder weniger (chemisch) auf einander wirken und früher oder später sich verstimmen.
Diese Unsicherheit kommt daher, wenn der Künstler nicht deutlich weiß was er machen soll und wie er es zu machen hat, beides, besonders aber das letzte, läßt sich auf einen hohen Grad überliefern. Die Farbenkörper, welche zu brauchen sind, die Folge, in welcher sie zu brauchen sind, von der ersten Anlage bis zur letzten Vollendung, kann man wissenschaftlich, ja beinahe handwerksmäßig überliefern. Wenn der Emaillemaler ganz falsche Tinten auftragen muß und nur im Geiste die Wirkung sieht, die erst durchs Feuer hervor gebracht wird, so sollte doch der Ölmaler, von dem hauptsächlich hier die Rede ist, wohl eher wissen was er vorzubereiten und wie er stufenweise sein Bild auszuführen habe.
Fratzenhafte Genialität. Diderot mag uns verzeihen daß wir unter dieser Rubrik das Betragen eines Künstlers den er lobt und begünstigt aufführen müssen.
Wer das lebhafte Gefühl der Farbe hat heftet seine Augen fest auf das Tuch, sein Mund ist halb geöffnet, er schnaubt, (ächzt, lechzt,) seine Palette ist ein Bild des Chaos. In dieses Chaos taucht er seinen Pinsel und zieht das Werk seiner Schöpfung hervor. Er steht auf, entfernt sich, wirft einen Blick auf sein Werk. Er setzt sich wieder und ihr werdet so die Gegenstände der Natur lebendig auf seiner Tafel entstehen sehen.
Vielleicht ist es nur der deutschen Gesetztheit lächerlich einen braven Künstler hinter seinem Gegenstande, gleichsam als einen erhitzten Jagdhund hinter einem Wilde her, mit offnem Munde schnauben zu sehen. Vergebens versuchte ich das französische Wort haleter in seiner ganzen Bedeutung auszudrücken, selbst die mehreren gebrauchten Worte fassen es nicht ganz in die Mitte; aber so viel scheint mir doch höchst wahrscheinlich daß weder Rafael bei der Messe von Bolsena, noch Coreggio vor dem heiligen Hieronymus, noch Tizian vor dem heiligen Peter, noch Paul Veronese vor einer Hochzeit zu Cana mit offnem Munde gesessen, geschnaubt, geächzt, gelechzt, gestöhnt, haletiert habe. Das mag denn wohl so ein französischer Fratzensprung sein, vor dem sich diese lebhafte Nation in den ernstesten Geschäften nicht immer hüten kann.
Nachfolgendes ist nicht viel besser.
Mein Freund! geht in eine Werkstatt und seht den Künstler arbeiten. Wenn er seine Tinten und Halbtinten recht symmetrisch, rings um die Palette, geordnet hat, oder wenn nicht wenigstens nach einer Viertelstunde Arbeit die ganze Ordnung durch einander gestrichen ist; so entscheidet kühn daß der Künstler kalt ist und daß er nichts bedeutendes hervor bringen wird. Er gleicht einem unbehülflichen schweren Gelehrten der eben die Stelle eines Autors nötig hat. Der steigt auf seine Leiter, nimmt und öffnet das Buch, kommt zum Schreibetisch, kopiert die Zeile die er braucht, steigt die Leiter wieder hinan und stellt das Buch an den Platz zurück. Das ist fürwahr nicht der Gang des Genies.
Wir selbst haben dem Künstler oben zur Pflicht gemacht die materielle Farbenerscheinung der abgesonderten Pigmente, durch wohlverstandene Mischung, zu tilgen, die Farbe, seinen Gegenständen gemäß, zu individualisieren und gleichsam zu organisieren; ob aber diese Operation so wild und tumultuarisch vorgenommen werden müsse, daran zweifelt wie billig ein bedächtiger Deutscher.

Rechte und reinliche Behandlung der Farben

Überhaupt wird die Harmonie eines Bildes desto dauerhafter sein je sichrer der Maler von der Wirkung seines Pinsels, je kühner, je freier sein Auftrag war, je weniger er die Farbe hin und wieder gehantiert und gequält, je einfacher und, kecker er sie angewendet hat. Man sieht moderne Gemälde in kurzer Zeit ihre Übereinstimmung verlieren, man sieht alte die sich, ohnerachtet der Zeit, frisch, kräftig und in Harmonie erhalten haben. Dieser Vorteil scheint mir nicht sowohl eine Wirkung der bessern Eigenschaft ihrer Farben, als eine Belohnung des guten Verfahrens bei der Arbeit zu sein.
Ein schönes und echtes Wort von einer wichtigen und schönen Sache. Warum stimmst du, alter Freund, nicht immer so mit dem Wahren und mit dir selbst überein? Warum nötigst du uns mit einer Halbwahrheit, mit einem paradoxen Perioden zu schließen?
O mein Freund, welche Kunst ist die Malerei! Ich vollende mit einer Zeile was der Künstler in einer Woche kaum entwirft und zu seinem Unglück weis er, sieht er, fühlt er, wie ich und kann sich durch seine Darstellung nicht genug tun. Die Empfindung, indem sie ihn vorwärts treibt, betrügt ihn über das was er vermag, er verdirbt ein Meisterstück, denn er war, ohne es gewahr zu werden, auf der letzten Grenze seiner Kunst.

Freilich ist die Malerei sehr weit von der Redekunst entfernt und wenn man auch annehmen könnte der bildende Künstler sehe die Gegenstände wie der Redner, so wird doch bei jenem ein ganz anderer Trieb erweckt als bei diesem. Der Redner eilt von Gegenstand zu Gegenstand, von Kunstwerk zu Kunstwerk, um darüber zu denken, sie zu fassen, sie zu übersehen, sie zu ordnen und ihre Eigenschaften auszusprechen. Der Künstler hingegen ruht auf dem Gegenstande, er vereinigt sich mit ihm in Liebe, er teilt ihm das Beste seines Geistes, seines Herzens mit, er bringt ihn wieder hervor. Bei der Handlung des Hervorbringens kommt die Zeit nicht in Anschlag, weil die Liebe das Werk verrichtet. Welcher Liebhaber fühlt die Zeit in der Nähe des geliebten Gegenstandes verfließen? Welcher echte Künstler weiß von Zeit indem er arbeitet? Das was dich den Redner ängstigt das macht des Künstlers Glück; da wo du ungeduldig eilen möchtest fühlt er das schönste Behagen.
Und deinem andern Freunde der, ohne es zu wissen, auf den Gipfel der Kunst gerät und durch Fortarbeiten sein treffliches Werk wieder verdirbt, dem ist am Ende wohl auch noch zu helfen. Wenn er wirklich so weit in der Kunst, wenn er wirklich so brav ist, so wird es nicht schwer halten ihm auch das Bewußtsein seiner Geschicklichkeit zu geben und ihn über die Methode aufzuklären, die er dunkel schon ausübt, die uns lehrt, wie das beste zu machen sei und uns zugleich warnt nicht mehr als das beste machen zu wollen.
Und so sei auch für diesmal diese Unterhaltung geschlossen. Einstweilen nehme der Leser das, was sich in dieser Form geben ließe, geneigt auf, bis wir ihm sowohl über die Farbenlehre überhaupt, als über das malerische Kolorit im besondern, das Beste was wir haben und vermögen, in gehöriger Form und Ordnung, mitteilen und überliefern können.

trennlinie2

Denis Diderot | Traktate | Diderots Versuch über die Malerei | 1799 | Übersetzung Johann Wolfgang von Goethe

***

Denis Diderot (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Übersetzer, Philosoph, Aufklärer, Literatur- und Kunsttheoretiker, Kunstagent für die russische Zarin Katharina II. und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie.

Rosa Mayreder | Von der Männlichkeit

„Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“

Rosa Mayreder | 1905

Von der Männlichkeit

I

rosa-mayreder-1905
Rosa Mayreder | 1905

Man wird die Wandlung, die sich in der Stellung des weiblichen Geschlechtes vollzieht, nicht in ihren tiefsten Ursachen begreifen, solange man die Wandlung in den Lebensbedingungen des männlichen Geschlechtes unbeachtet läßt. Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als daß Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten. Vielleicht ist eine der wichtigsten Entstehungsbedingungen der Frauenbewegung in Veränderungen innerhalb des männlichen Geschlechtes zu suchen. »Die Geschlechtslaster der Frauen sind nun die der Männer geworden,« hat schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein tieferblickender Mann geschrieben; »unsere Bildung ist eine vorwiegend lyrische, weibliche, die den Mann zum zarten Genossen des Weibes, nicht das Weib zur starken mannlichen Gesellin des Mannes erzieht. Das Männische, wo es nicht zu ersticken war, muß als unberechtigt und ausgeschlossen zu barer Roheit entarten; und da die Männer Frauen geworden sind, was sollen die Frauen, durch diese geschlechtliche Völkerwanderung aus ihrer natürlichen Sphäre verdrängt, tun –? .. Bleibt denjenigen Frauen, die keine Kinder werden wollen oder können, etwas anderes, als das Feld zu erobern, das die Männer verließen, um das Gebiet einzunehmen, welches ehedem das ihre war?« (Otto Ludwig, Shakespearestudien.)

Und Goethe ist von einer ähnlichen Auffassung ausgegangen, als er sagte: »Es ist keine Frage, daß bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen. Denn bei einem wechselseitigen Einfluß muß der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; denn sein Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft. Nimmt dagegen das Weib von dem Manne etwas an, so gewinnt es; denn wenn es seine übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken läßt.«
Die Bedeutsamkeit dieser Aussprüche liegt nicht so sehr in dem Urteil zugunsten der Frauen, als vielmehr in der Bestätigung, daß etwas an der Männlichkeit nicht in Ordnung ist. Im allgemeinen kommt das den Männern nicht zum Bewußtsein. Es widerstrebt dem naiven Geschlechtsdünkel des gewöhnlichen Mannes, einzuräumen, daß zwischen ihm und dem Manne anderer Epochen im Grade der Männlichkeit ein Abstand sein sollte. Was ihm von Kindesbeinen an als Maßstab seines männlichen Wertes suggeriert wird, daran hält er sich, ohne zu fragen, ob es sich mit den Bedingungen und Einflüssen verträgt, denen er sein ganzes Leben lang ausgesetzt ist.
Wie ein altes Götterbild, das noch öffentlich verehrt und mit den vorgeschriebenen Opfern bedient wird, obgleich es längst aufgehört hat, seine Wunder zu verrichten, regiert der Begriff der Männlichkeit in der modernen Kulturgesellschaft. Der Vorstellungsinhalt, der sich damit verbindet, ist erfüllt von Überbleibseln vergangener Zeiten, von Rückständen alter Verhältnisse. Ja man kann wohl behaupten, daß das Mißverhältnis zwischen den modernen Lebensbedingungen und den herrschenden Normen bei dem männlichen Geschlecht noch größer ist als bei dem weiblichen. Durch seine soziale Natur steht aber der einzelne Mann ebenso wie das Weib in einem Abhängigkeitsverhältnis; sofern er zum Durchschnitt gehört, ist er der Tyrannei der Norm ebenso unterworfen, empfindet die Bestimmungen der Sitte und Moral ebenso als Herren über sich. Nur die Bestimmungen selbst sind andere.
Betrachtet man den Begriff der Männlichkeit, wie er sich in allgemeinen Umrissen im gewöhnlichen Leben oder in jenen Schriften darstellt, die einer normativen Grundlage bedürfen, in pädagogischen, populär-medizinischen, didaktisch-moralischen, so findet man den primitiven teleologischen Geschlechtstypus, der sich von Generation zu Generation forterbt, ohne an den Zuständen der Wirklichkeit geprüft zu werden. Da ist Männlichkeit gleich Aktivität, Weiblichkeit gleich Passivität. Alles Männliche verhält sich der Außenwelt gegenüber aggressiv, alles Weibliche defensiv; der Mann hat expansive Impulse und starken Willen, er ist unternehmend, eroberungslustig, kriegerisch und verträgt keinen Zwang; das weibliche Geschlecht aber, durch seine Willensschwäche untergeordnet und unterordnungsbedürftig, ist zaghaft, friedfertig, geduldig u. dgl. m.

Wiewohl dieser Geschlechtstypus nicht einmal für alle sogenannten Naturvölker unbedingt zutrifft, läßt sich doch sagen, daß er sich desto deutlicher und reiner ausprägt, je tiefer die Lebensweise steht. Allein nur bei Völkern, deren Leben sich noch auf der Stufe unter der Kultur abspielt, ist die Arbeitsteilung dieser Sonderung der Geschlechter angemessen; die Aufgaben und Beschäftigungen des Mannes entsprechen da vollkommen den Tendenzen des primitiven Geschlechtscharakters. Man könnte sie nicht bündiger zusammenfassen, als es in dem Ausspruche jenes australischen Kurnai geschieht, den Ellis in seinem Buche über Mann und Weib zitiert: »Der Mann jagt, fischt, kämpft und sitzt herum; alles übrige ist Sache der Weiber.« Alles übrige – nämlich die Arbeit im eigentlichen Sinn, der Ackerbau, die Gewerbstätigkeit.
Die männlichsten Beschäftigungen sind die des Wilden, der männlichste Mann ist der Wilde, wie er ja auch der freieste ist, der unbeschränkteste. Erst wenn sich eine Modifikation in den Grundinstinkten seiner Geschlechtsnatur vollzogen hat, wird der Mann zur Kultur fähig; und schon mit den ersten Anfängen der Kultur, indem er einen Teil des weiblichen Arbeitsfeldes übernimmt, verzichtet er auf den vollen Gehalt seiner Männlichkeit. Er wird seßhaft, gebunden, abhängig. Kultur und Bildung nähern den Mann dem Weibe, verweiblichen ihn; sie sind antiviril. Und je mehr die Kultur wächst und sich verfeinert, desto stärker werden ihre antivirilen Einflüsse. »Wilde und barbarische Völker sind gewöhnlich vorwiegend kriegerisch, d. h. männlich in ihrem Charakter, während die moderne Zivilisation ihrem Wesen nach industriell, d. h. weiblich ist; denn die Gewerbe gehören eigentlich und ursprünglich dem Weibe und haben die Tendenz, den Mann dem Weibe gleich zu machen.« (Ellis, Mann und Weib.)

Das Kulturleben hat an der Männlichkeit langsam aber unaufhörlich eine Veränderung vollzogen, in der die femininen Einwirkungen immer mehr das Übergewicht erlangen, und die kriegerischen, also im engeren Sinne männlichen Tendenzen immer mehr zurücktreten.
Man muß in dieser Veränderung einen historischen Prozeß erkennen, der mit Notwendigkeit den Weg der Kultur begleitet – einen Niedergang, wenn man die primitive und ursprüngliche Art der Männlichkeit als die stärkste betrachtet, als diejenige, in welcher die Kraft der menschlichen Gattung ihren absoluten Ausdruck findet. Es ist leicht aus der Geschichte zu beweisen, wie oft die kriegerische Männlichkeit barbarischer und halbbarbarischer Völker den Sieg über Kulturvölker davongetragen hat, deren kriegerische Instinkte erloschen waren. Das scheint ein Einwand gegen die Differenzierung zu sein, welche die Kultur an der Männlichkeit bewirkt. Und so käme man zu dem paradoxen Schluß, daß durch die Zivilisation – die ja fast ausschließlich ein Werk der männlichen Intelligenz ist – der Mann selbst an der Zerstörung seiner Männlichkeit arbeitet.
Aber man würde den Inhalt dieses Begriffes zu einseitig begrenzen, wenn man nur seine primitive Seite berücksichtigen wollte. Schon in den Anfängen der Kultur macht sich eine andere Seite der männlichen Natur geltend und scheidet die einzelnen Individuen in verschiedene Gruppen. Es zeigt sich, daß innerhalb des männlichen Geschlechtes selbst zwei entgegengesetzte Grundtriebe herrschen. Der primitiven Männlichkeit, die in dem Ausleben des physischen Vermögens besteht, tritt eine differenzierte Männlichkeit gegenüber, die auf die Entfaltung und Steigerung des intellektuellen Vermögens gerichtet ist – der Macht aus körperlicher Überlegenheit die Macht aus geistiger Überlegenheit.
Dieser Gegensatz unter den Männern ist in seinen sozialen Wirkungen nicht weniger wichtig und belangreich, als der vermeintlich so tiefgehende Gegensatz zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Er äußert sich als ein beständiger Kampf der beiden Grundtriebe um die Vorherrschaft in der menschlichen Gesellschaft. Die Lebensideale, die sie in die Welt stellen, bewegen sich in entgegengesetzter Richtung, schließen sich in ihren Endkonsequenzen gegenseitig aus. Dennoch bestehen sie während der ganzen Kulturentwicklung nebeneinander fort, nehmen die verschiedensten Gestalten an, verwandeln sich, vermischen sich und erzeugen die seltsamsten Widersprüche.

Die ältesten Repräsentanten dieser Lebensideale sind der Krieger und der Priester. In ihnen tritt der Gegensatz der männlichen Grundtriebe am stärksten hervor. Auch der Kampf um die Vorherrschaft läßt sich an der Stellung erkennen, die sie in der Organisation der frühesten Gesellschaftsordnungen einnehmen. Während bei barbarischen Völkern der Krieger auf der obersten Stufe der sozialen Bewertung steht, erscheint schon bei sehr alten Kulturvölkern der Priester im Range dem Krieger übergeordnet. Unter der Form des Priestertums hat die differenzierte Männlichkeit zuerst den Sieg über die primitive davongetragen. Allerdings wird das Ideal eines Standes oder einer Kaste nicht durch jeden Einzelnen verwirklicht; gerade im Priestertum hat der Zwiespalt zwischen der äußeren Lebensstellung und der inneren Anlage des Individuums oft zu den schlimmsten Entartungserscheinungen geführt.
Für die abendländische Kulturgesellschaft bedeutet die christliche Epoche in der Theorie die Oberherrschaft des priesterlichen Lebensideales. In der Praxis hat aber die kriegerische Männlichkeit sich niemals – und auch nicht zur Zeit, als der christliche Gedanke als solcher die stärkste suggestive Gewalt besaß – von der Lebensführung abwendig machen lassen, die ihr entsprach. Das ganze Mittelalter hindurch tritt der Gegensatz dieser heterogenen Lebensideale deutlich hervor; und wenn die Männer des frühen Mittelalters Schreiben und Lesen als eine Beschäftigung für Geistliche und Weiber ablehnten, so hatten sie vom Gesichtspunkt der kriegerischen Männlichkeit alle Ursache dazu. Sie witterten hier mit Recht die Fallstricke, in denen die elementaren Impulse der Männlichkeit unvermerkt gefangen und gebrochen werden, die Verführung zu einer Lebensweise, die den Unterschied zwischen dem Manne und dem Weibe aufhebt.
Die Verwandtschaft zwischen dem geistigen Lebensideal und dem weiblichen hat immer in den Augen der kriegerischen Männlichkeit etwas Herabsetzendes gehabt. Für sie sind die Friedfertigen und Beschaulichen keine ganzen Männer. Jene hingegen, die aus dem tiefsten Bedürfnis ihrer Wesensart, von Kampf und Gewalttätigkeit verschont zu bleiben, ein Himmelreich schufen, wo das Leben in der Form der sublimiertesten Geistigkeit als ein ewiges entzücktes Schauen gedacht war, betrachteten die Kriegerischen mit der gleichen Geringschätzung als die schlechtere Gattung, die nicht für die Nähe des Göttlichen taugte. Die christliche Vorschrift hat die Konsequenz der Vergeistigung so weit getrieben, daß sie, streng genommen, jede Betätigung der primitiven Männlichkeit ausschließt. Daher ist die Gestalt des frommen Kriegers, der mit der Anwartschaft auf das Himmelreich dem Berufsmord nachgeht, eine christliche Absurdität; sie zeigt nur, wie sich Instinkte, die in den Untergründen des Bewußtseins wirken, mit theoretischen Anschauungen paaren, die von außen in das Seelenleben hineingetragen werden.
Etwas von dieser Absurdität haftet auch an den modernen Anschauungen über die Männlichkeit. Die Gegenwart wird ganz und gar durch die differenzierte Männlichkeit charakterisiert. Ihre Auszeichnung vor anderen Epochen liegt in der Entwicklung des Denkens und in der Tendenz, die Mittel der Bildung möglichst allgemein zu machen. Sie hat einen technisch-intellektuellen und einen ästhetisch-kontemplativen Charakter; außerhalb dieser Gebiete ist das Leben in vollem Verfall begriffen – am stärksten auf jenen, welche die Domäne der primitiven oder kriegerischen Männlichkeit sind.
Der Kampf mit den elementaren Gewalten der Natur, in dem die primitive Männlichkeit sich zu sittlicher Größe erhob, wird durch die technische Beherrschung der Naturkräfte beinahe ganz auf das intellektuelle Gebiet verlegt, wo er nicht eine Sache des Mutes und der Körperkraft, sondern des Scharfsinnes und der Erfindungsgabe ist. Auch die Arbeit des Mannes wird durch die Maschine ersetzt. Der Maschinenarbeiter ist bloß der Vollstrecker eines Handgriffes, der meistens durch Weiber oder Kinder ebensogut verrichtet werden kann. Es liegt ganz in der Natur der Sache, daß auf dem Gebiet der Maschinenarbeit die Männer von den Frauen verdrängt werden.
Nicht weniger verliert die ethische Seite der physischen Überlegenheit, durch die der Mann sich zum Herrn und Beschützer von Weib und Kind machte, unter den Voraussetzungen des modernen Rechtsstaates ihre Bedeutung. Die »starke Faust«, die in anderen sozialen Zuständen für den einzelnen Mann unentbehrlich und das rechtmäßige Fundament seiner Herrschaft war, ist vollkommen überflüssig geworden.
Aber wenn auch das moderne Leben den Wirkungskreis der primitiven Männlichkeit mit jedem Tage mehr einschränkt, wenn auch die Kultur selbst als der fortschreitende Sieg der differenzierten Männlichkeit zu betrachten ist – die barbarische Bewertung besteht doch in den Sitten und Normen noch immer fort. Noch immer genießt das Militär den Platz als erster Stand; noch immer steht der Krieg hoch in Ehren, und alles, was damit zusammenhängt, ist von einem Nimbus überragender Wichtigkeit und Auszeichnung umgeben.

II

Als Friedrich Nietzsche versuchte, den kommenden Generationen ein kanonisches Buch neuer Lebensbewertung zu geben, ließ er Zarathustra sagen: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers«. Er wollte die primitiven männlichen Instinkte rehabilitieren; in dem alten Gegensatz zwischen Krieger und Priester hat er für den Krieger Partei ergriffen und dem Priester die Schuld an der Vergiftung des Lebens zugeschrieben.
Aber gesetzt auch, jene Formel Zarathustras wäre der Beschaffenheit der großen Mehrzahl angemessen, eine Anweisung für die Groben, Gewöhnlichen, Ungeistigen, der Versumpfung zu entgehen, oder sogar für die Differenzierten ein Weg, sich vor den Übelständen der Feminisation zu retten – besteht denn irgend eine Möglichkeit, innerhalb des modernen Lebens die primitive Männlichkeit wieder aufzuzüchten und ihren Niedergang hintanzuhalten?
Man kann in dem Verlaufe dieses Niederganges drei Phasen unterscheiden. Die erste reicht in die Periode zurück, als der Ackerbau und die Gewerbe aus den Händen der Frau an den Mann übergehen; damit wird der Boden geschaffen, auf welchem der Gegensatz in den Grundtrieben der Männlichkeit heranwächst, indem die unkriegerischen Individuen, die vorher unnütz und verachtet waren, eine soziale Funktion erhalten und positive Werte schaffen. Die zweite Phase läßt sich für die europäische Kulturgesellschaft von der Zeit an rechnen, als das Schießpulver sowohl dem Kriege als der Jagd, diesen beiden bezeichnendsten Äußerungen der primitiven Männlichkeit, einen völlig veränderten Charakter verlieh; die dritte Phase, und zugleich diejenige, in welcher der Ruin der primitiven Männlichkeit offen zutage tritt, wird durch die Herrschaft der Maschine herbeigeführt und beginnt ungefähr in der Zeit, als der zivile Mann den Degen ablegte – ein äußeres Zeichen dafür, daß er das wichtigste Vorrecht der kriegerischen Männlichkeit, das Recht der Selbstverteidigung, endgültig an den Staat verloren hatte.
Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, daß sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?
Ein wahrhaft kriegerischer Mannessinn hätte diese Waffe nie angenommen. Das kriegerische Element der männlichen Natur hat seinen Ursprung in der neuromuskulären Beschaffenheit; im allgemeinen ist das männliche Geschlecht tapfer und aggressiv auf Grund seiner Muskelstärke, wie das weibliche furchtsam und passiv auf Grund seiner Muskelschwäche. Aus dem Bewußtsein der physischen Kraft und dem Bedürfnis, sie zu äußern, stammen alle jene Erscheinungen gesteigerter Vitalität, die den Mann antreiben, sich im Kampf auszuleben. Für den primitiven Mann ist der Krieg der Zustand, in dem er sich selbst am intensivsten genießt – weshalb in der Anschauung der meisten barbarischen Völker der Krieg als die dem Mann entsprechendste Lebensweise, als die normale gilt.
Aber dieser Krieg besteht eben in einer Auslösung aggressiver Impulse, und die Waffen, mit denen er geführt wird, sind dem Zustand angemessen, dem sie dienen. Sie ermöglichen eine individuelle Tapferkeit, die über den Vorrang der Tüchtigkeit entscheidet; und sie gestatten dem Kämpfenden eine Verteidigung durch persönliche Geschicklichkeit oder auch durch äußere Hilfsmittel, wie die Bewehrung durch den Schild und die Umpanzerung der wichtigsten Körperteile. Das Schwert, der Degen, die Lanze, der Speer, selbst auch Bogen und Armbrust sind ehrliche, mannhafte Waffen.
Nicht so die Feuerwaffe. Die Feuerwaffe ist feig; sie macht den Angriff zu einem meuchlerischen Überfall aus dem Hinterhalt, die Verteidigung zu einer fatalistisch-passiven Ergebung in das Unvermeidliche. Der Mut, der den mit Schild und Schwert bewaffneten Mann zum Kampfe antrieb, war eine natürliche Äußerung der Mannhaftigkeit; der Mut, den der moderne Mann zeigen will, wenn er seine bloße Brust der Pistole eines Gegners bietet, ist gar kein Mut im eigentlichen Sinne mehr – er ist ein krankhaftes Verfallsprodukt aus christlich asketischer Selbstüberwindung und atavistisch männlicher Prahlerei. Nicht umsonst läßt ein spanischer Dichter – Pedro de Alarcon in seinem Manuel Venegas –, als er den Inbegriff der stolzen, hochgesinnten, selbstherrlichen Männlichkeit darzustellen unternimmt, selbst im Kampfe gegen Bären seinen Helden die Schußwaffe verschmähen, weil sie ihm zu feige und heimtückisch erscheint.
Welches Unheil aber hat diese feige und heimtückische Waffe in die Welt gebracht, seit das Raffinement der modernen Technik sie zu einer grauenhaften Vollendung entwickelte! Die ungeheuerliche Entartung des Krieges, die durch die technische Vervollkommnung der Feuerwaffen in Verbindung mit der allgemeinen Wehrpflicht herbeigeführt worden ist, steht in der Weltgeschichte beispiellos da. Der Söldnerkrieg, der eine Ableitung für alle unbändigen, abenteuerlustigen, den friedlichen Beschäftigungen abgeneigten Individuen bildete, war immerhin, welche Plagen er auch mit sich brachte, nicht mehr als ein Exzeß der elementaren Männlichkeit, der eben wie ein Elementarereignis ertragen werden mußte. Aber der molochistische Wahnwitz, der die moderne Kriegführung beherrscht, hat mit den Instinkten der Männlichkeit nichts mehr gemein. Kann denn gegenüber diesen rasenden Mordmaschinen, diesen Sprenggeschossen, durch welche die menschlichen Leiber haufenweise niedergemetzelt werden, wehrlos und wahllos wie Gräser durch die Sense des Schnitters – kann da noch von Tapferkeit des einzelnen die Rede sein? Diese greuelvollen Waffen würdigen den Mann zu einem bloßen Fleischklumpen herab, der sich ohne Widerstand zerfetzen lassen muß, um Ordre zu parieren. »Vom Heldentum hat sich uns nichts als Blutvergießen und Schlächterei vererbt – ohne allen Heroismus, dagegen alles mit Disziplin.« (Richard Wagner) Es ist nicht mehr die höchste physische Steigerung der männlichen Aktivität, die sich im Kriege betätigt, es ist die äußerste Passivität, die Erduldung eines übermächtigen Zwanges – das heißt, der moderne Krieg hat den Typus der Männlichkeit verloren und einen weiblichen, also widernatürlichen, Charakter angenommen.
Man lese nur einmal eine der wenigen wahrhaften, von der Suggestion des militärischen Ehrbegriffes nicht umnebelten Schilderungen, wie es bei der in Schlachtreihe aufgestellten Mannschaft aussieht, und man wird begreifen, daß hier keine Spur von den ursprünglichen Empfindungen mehr vorhanden sein kann, die den primitiven Krieg zu einer Schule der Mannhaftigkeit machten. Emile Zola hat im »Débâcle« eine solche Darstellung gegeben; sie wird mit überzeugender Unmittelbarkeit durch die Worte eines preußischen Soldaten bestätigt, der an der Schlacht von Spichern am 6. August 1870 teilnahm: »Herzzerreißendes Weh, Verzweiflung, Angst, Entsetzen, verbissene Scheu, alles dies konnte man in den Blicken dieser dem Tod Geweihten lesen, nur keine glühende Begeisterung mehr, keine fanatische Lust zu morden oder sich morden zu lassen … Wie die Küchlein, wenn der Raubvogel eines der ihrigen geholt, sich zitternd und ängstlich aneinanderschmiegen, so drängten wir uns instinktiv zusammen, um einer hinter dem andern Schutz zu suchen … Bleich wie der Tod, schwer atmend, mit klopfendem Herzen und zitternden Gliedern harrten wir mit Bangen der Dinge, die da kommen würden. Fürwahr, der Selbsterhaltungstrieb ist oft stärker als alle guten Vorsätze – und nur eines Anstoßes hätte es in diesem Moment gebraucht, um die Bande der Disziplin zu lösen. Da, diesen kritischen Augenblick gewahrend, der sich in einer gewissen Unruhe im Bataillon bemerkbar machte, sehe ich unsern Kommandeur die Bataillonskolonne heruntersprengen, und ›die Herren Offiziere bitte die Revolver ziehen‹ höre ich seine befehlende, Gewehrsalven und Kanonendonner übertönende, scharfe Stimme erschallen « … (»Mehr Licht in unsere Welt« von Gustav Müller.)
So zwischen zwei Feuern, vor sich die Gewehrläufe des Feindes, hinter sich die Revolver der Vorgesetzten, wird der moderne »Krieger« in die Schlacht getrieben. Bei den ganz Rohen, durch Bildung nicht Verfeinerten, erzeugt der Anblick des Blutes allenfalls eine blinde Berserkerwut, in der sie besinnungslos ihre Munition verschießen. Ganz furchtbar aber ist die Situation für jene, die, durch alle Einflüsse des modernen Geisteslebens den Instinkten der primitiven Männlichkeit entfremdet, an eine geschützte Lebensweise gewöhnt, zu intellektuellen Berufen erzogen, trotz alledem für den Kriegsfall die gleichen Aufgaben erfüllen sollen, wie der Berufssoldat. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein Turm Babel an Instinktverwirrung. Was hat ein Künstler, ein Gelehrter, ein Beamter, ein Lehrer mit den Eigenschaften zu tun, die zum Kriege tauglich machen? In jeder Kultur war bisher der Krieg die Sache einer bestimmten Klasse, und die zu den Beschäftigungen des Friedens Erzogenen blieben davon verschont, wenn sie sich nicht freiwillig anwerben ließen. Aber die allgemeine Wehrpflicht, wie sie auf dem europäischen Festland besteht, ist die schlimmste Sklaverei, mit der je der freie Mann beladen wurde. Durch sie werden die Männer insgesamt zu Leibeigenen des Staates; sie müssen sich in regelmäßig wiederholten Abständen ihrer bürgerlichen Freiheit begeben, um sich der Disziplin und den Vorurteilen einer Klasse zu unterwerfen, an deren Vorrechten sie für gewöhnlich nicht teilnehmen. Da sie aber gezwungen sind, den Begriff der militärischen Ehre, der ganz auf den Instinkten der primitiven Männlichkeit basiert, in ihr bürgerliches Leben herüberzunehmen, erleiden sie einen wesentlichen Nachteil gegenüber den Berufssoldaten. Besäße die zivile Männerschaft noch mehr von den primitiven Impulsen des Geschlechtes, so wäre das Verbot des Waffentragens, dem sie trotz ihrer militärischen Dienstpflicht unterworfen ist, etwas Entehrendes für sie, und die Vorstellung, unbewaffnet dem Umgang mit bewaffneten Geschlechtsgenossen ausgesetzt zu sein, müßte ihr unerträglich sein.
Wenn aber das Militär in der modernen Gesellschaft alle Ehren genießt, die nach der primitiven Auffassung dem Krieger als der vollendetsten Verkörperung der Männlichkeit zukommen, so kann man das nur als Atavismus bezeichnen. Denn der Krieg ist so selten geworden, daß ihn im eigenen Lande kaum jede Generation wehrfähigen Alters erlebt; und die Beschäftigungen des Militärs in Friedenszeiten rechtfertigen diese Bevorzugung nach keiner Richtung.
Nicht weniger als bei dem modernen Kriege zeigt sich der Niedergang in den Instinkten der primitiven Männlichkeit bei der modernen Jagd. Zum mindesten die Treibjagd hat unter dem Gesichtspunkte der Gefahr, deren Überwindung neben dem Gewinn der Beute für den Mann früherer Zeiten den Wert der Jagd ausmachte, etwas Verkehrtes und Lächerliches; wenn es dabei noch Gefahr und Strapazen gibt, so fallen sie ganz in die Beschäftigung des Treibers und nicht des Jägers. Für den intakten Mannesinstinkt müßte es eher etwas Abstoßendes, ja Verächtliches haben, so aus sicherer Ferne wehrlos-unschädliche Geschöpfe, die da in Massen vorübergetrieben werden, niederzupfeffern; das Vergnügen an der eigenen Treffsicherheit könnte einen in diesem Punkte noch nicht abgestumpften Mann über das Unmännliche dieses Verfahrens nicht hinwegtäuschen. Aber ganz als ob es sich noch um Bären oder Wölfe, um die mannhaftunerschrockene Bekämpfung wilder und gemeingefährlicher Bestien handelte, gilt die Jagd als eine ausgezeichnet männliche Beschäftigung und wird immerzu das »edle Weidwerk« genannt.
Nicht viel besser in Ansehung der männlichen Qualität ist es um alle Arten von Sport bestellt, die durch heftige Leibesbewegungen und physische Anstrengungen als Remeduren der primitiven Männlichkeit gelten können. Als Remeduren wohl, sofern sie Abhärtung, Anspannung der Muskel- wie der Willenskraft bedingen – als Taten nicht. Der Sport ist stets nur ein Spiel; deshalb werden selbst die äußersten Leistungen auf seinem Gebiete – wenn sie auch in mancher anderen Hinsicht hoch anzuschlagen sind – nie einen heroischen Charakter haben, wie ihn die Tapferkeit gegenüber ernsten Gefahren verleiht. Was dabei herauskommt, ist im besten Fall eine Männlichkeit der Bravourstücke.
Als eine völlige Karikatur, in ihrer widersinnigsten und lächerlichsten Gestalt, erscheint die primitive Männlichkeit bei dem studentischen Kommentwesen. Denn hier tritt sie nur mehr als ein atavistischer Auswuchs im Leben solcher Individuen auf, die durch ihre Berufswahl Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit werden sollen. Das Mißverständnis, das hier obwaltet, könnte als eine Jugendeselei hingehen, wenn es sich bloß in den Paukereien äußerte, die der »unbändigen Mannesnatur« durch kleine unschädliche Aderlässe Luft machen; da es aber gleichzeitig einen unwürdigen Zwang zum Alkoholmißbrauch mit sich bringt, der oft die depravierendsten Folgen hat, stellt das ganze Kommentwesen in seiner heutigen Gestalt eines der schlimmsten Verfallssymptome der Männlichkeit dar.
Niedergang, unaufhaltsamer Niedergang! Verträgt sich denn die Lebensweise, welche die Männer der geistigen Berufe führen, überhaupt noch mit irgend einem der Instinkte, durch die sich die primitive Männlichkeit auszeichnet? Das Bureau, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier – lauter Särge der Männlichkeit. Ihre monumentale Grabstätte aber ist die Großstadt selbst. Hier sind die Gefahren des Lebens – das Element und die hohe Schule der Männlichkeit – ganz aus dem Wege geräumt; hingegen wirken alle Einflüsse des Großstadtlebens dahin, jenes Gebrechen zu fördern, das sich am wenigsten mit dem Charakter der Männlichkeit verträgt, die Nervenschwäche.
An dieser Wirkung läßt sich erkennen, wie labil im Grunde der angeblich ein- für allemal feststehende Geschlechtscharakter ist. Man pflegt das männliche Nervensystem für widerstandsfähiger zu halten als das weibliche und einen wichtigen Geschlechtsgegensatz darin zu erblicken, daß das weibliche größere Irritabilität zeigt, das heißt, die Neigung, auf Reize von außen rascher und ungehemmter zu reagieren. Was man als »männlichen Sinn« im allgemeinen bezeichnet, obgleich es sich keineswegs ausschließlich beim Manne findet, das Aufsichselbstberuhen, die Ruhe und Fassung gegenüber äußeren Eindrücken, ist hauptsächlich auf die Widerstandsfähigkeit des nervösen Apparates zurückzuführen. Die Schwächung und Überreizung des Nervensystems aber, die das moderne Großstadtleben erzeugt, steigert die Irritabilität auch beim Manne und verändert auf diese Weise das Bild des Geschlechtscharakters, das als das traditionelle der Männlichkeit gilt.
Deshalb ist der vehementeste Angriff auf sie die typische Großstadtkrankheit, die Neurasthenie. Man braucht nur die psychischen Erscheinungen, die zum Krankheitsbild der Neurasthenie gehören, daraufhin anzusehen, die Niedergeschlagenheit und Unsicherheit, das Angstgefühl, die Launenhaftigkeit, Willenlosigkeit und Entschlußunfähigkeit – lauter Symptome, die aus der reizbaren Schwäche entspringen – und man wird erkennen, daß der Neurastheniker einen nach der konventionellen Auffassung völlig weiblichen, ja weibischen Typus annimmt.
Für die Männer der geistigen Berufe bedeuten die Schädlichkeiten des Großstadtlebens keine so wesentliche Beeinträchtigung; die Bedingungen, unter denen sie ihren Beruf ausüben, vertragen sich auch mit den leichteren Graden der Neurasthenie. Denn diese Bedingungen selbst setzen vielfach eine wesentliche Herabminderung der aggressiven Impulse voraus, und der volle Gehalt männlicher Impetuosität wäre eher ein Hindernis dabei.
Ein Niedergang der differenzierten Männlichkeit wird also durch das Großstadtleben an sich nicht verursacht; nur mit den Idealen der primitiven Männlichkeit läßt es sich durchaus nicht vereinigen. Diese Ideale anerkennen, heißt den ganzen Entwicklungsgang der Kultur verneinen. In ihnen ist nichts Zukunftsmächtiges. Der Heroismus im Kampf gegen physische Gefahren, der die schönste Blüte der primitiven Männlichkeit ist, hat seine Wirkungssphäre zum größten Teil verloren; die Aufgaben, die ihm noch zufallen können, treten zurück, andere Ziele beherrschen das Leben und heben jene empor, die geschaffen sind, sie zu erfüllen.
Die Schattenseiten der primitiven Männlichkeit aber haben zu allen Zeiten ihre Vorzüge schwer verdunkelt. Sie ist es, die aus dem Menschen das bösartigste Raubtier unter allen Geschöpfen der Erde macht; sie ist es, die das Leben in einen Kriegsschauplatz verwandelt; sie ist es, die den Mord heiligt und das Blutvergießen zur Lust erhebt. Erst wenn die Konsequenzen ihres Niederganges sich im sozialen Bewußtsein vollzogen haben, wird ein neuer Tag für die Menschheit anbrechen.

III

Und so wäre denn die Möglichkeit für eine unendlich höhere Wirksamkeit der differenzierten Männlichkeit gegeben, als sie irgendeine frühere Kulturperiode bot. Die Umstände, die den Verfall der primitiven Männlichkeit bedingen, müßten den differenzierten Mann an die Spitze der Kultur stellen, auf jenen Rang, der ihm als ihrem Schöpfer zukommt.
Betrachtet man aber die differenzierte Männlichkeit, oder konkreter ausgedrückt, die Männer der geistigen Berufe im Spiegel der herrschenden Anschauungen und Zustände, so erfährt man eine große Enttäuschung. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturländern ist die Bestimmung des Mannes für ein Leben in der Region der Geistigkeit durch die soziale Tradition höher eingeschätzt worden als in der europäischen Kultur der Gegenwart. Sie steht in dieser Hinsicht, wiewohl sich vielleicht das menschliche Leben noch niemals weiter von seinen primitiven Formen entfernt hat, hinter den Kulturen des Altertums und des Orients beträchtlich zurück. Ob es nun wie in China der Literat ist, der in der Anschauung der Allgemeinheit den ersten Rang einnimmt, oder wie in Indien der Asket, oder wie im alten Ägypten der Priester – es ist die geistige, die differenzierte Art Mann, diejenige, deren Lebensinhalt die höchste Steigerung des geistigen Vermögens bildet, welcher die Krone des Lebens gehört. Selbst das Mittelalter erkannte den Geistlichen als den höheren Menschen an, wie selten der einzelne die Vorstellungen tatsächlich verwirklichen mochte, denen er seine Bevorzugung verdankte.
Vergeblich suchen wir in der sozialen Tradition der modernen europäischen Kultur nach dieser Bewertung. Es ist nicht mehr das priesterliche Lebensideal, in dessen Bereich die Männlichkeit ihre kulturschöpferische Macht entfaltet. Denn die Kluft, die zwischen dem modernen Denken und der überlieferten Religion gähnt, hat den Priester als Repräsentanten der Geistigkeit herabgesetzt. Seine Existenz ruht auf einer überlebten Weltinterpretation, die ihn von der Teilnahme an dem lebendigen Prozeß der geistigen Entwicklung ausschließt; und der Nimbus, der ihn als den Vermittler zwischen dem Reich Gottes und dem gemeinen Erdendasein umgab, ist zugleich mit dem Reich Gottes verblichen. Dennoch besitzt er immer noch eine ausgesprochene Überlegenheit in der Machtstellung gegenüber jenen, deren geistige Arbeit die alte Weltinterpretation überwunden hat: denn diese Machtstellung gründet sich auf die bewußte, sittlich-praktische Anerkennung eines höheren Menschentums, dessen Träger der Priester ist, auf den in seinem Lebensideale konsequent durchgebildeten Gegensatz zur primitiven Männlichkeit – was freilich nicht hindert, daß in einer mit Verfallsprodukten angefüllten Zeit, wie die Gegenwart, äußere Machtrücksichten eine paradoxe Interessengemeinschaft zwischen dem Militär und dem Klerus herstellen.
Den Männern der profanen Geistigkeit aber fehlt das Bewußtsein dieses Gegensatzes; daher sind sie unvermögend, aus ihren Lebenszielen heraus eine neue, mit normativer Gewalt ausgerüstete Rangordnung der Männlichkeit zu schaffen. So groß das männliche Denken in der Gestalt ist, die es als moderne Wissenschaft besitzt, so gering ist der sittlich-praktische Einfluß, den es unter den Mächten der Gegenwart hat. Der moderne Mann leidet an seiner Intellektualität wie an einer Krankheit. Entweder artet sie zur geistigen Ausschweifung aus, wie bei dem Typus des Gelehrten, der durch eine ins Extrem gesteigerte Einseitigkeit der geistigen Anspannung jedes Verhältnis zur Totalität des Lebens verliert, oder sie macht ihn, wie es bei dem gebildeten Mann des Durchschnitts so häufig geschieht, zu einer unvollkommenen und disharmonischen Erscheinung. Dieser Halb- und Halbe, der nirgends etwas Ganzes und Selbstgewisses vorstellt, nicht in der Region der Geistigkeit und nicht in der Region der primitiven Männlichkeit, der immer zwischen zwei Welten hängt, durch Neigung oder Nötigung bald hierhin, bald dorthin geschwenkt, er wird durch seine Zucht zur Verfeinerung, zur höheren Bildung, zur Überordnung des Denkens in einen unheilbaren Zwiespalt mit sich selbst gesetzt.
Ist es nicht auffallend, daß die Männer, durch ihre intellektuelle Entwicklung auf allen Gebieten zur Kritik geneigt, dem Begriffe der Männlichkeit gegenüber am längsten unkritisch bleiben? Sie nehmen die Übelstände, die sich für sie aus der Inkongruenz zwischen den herrschenden Normen und den tatsächlichen Verhältnissen ergeben, lieber stillschweigend hin, ehe sie sich dem Verdachte der Unmännlichkeit aussetzen. Männlich zu sein, männlich so sehr als möglich, unbedingt, ungemischt männlich, das gilt ihnen als Auszeichnung; sie sind unempfindlich für das Brutale oder Niedrige oder Verkehrte einer Handlung, wenn sie mit dem traditionellen Kanon der Männlichkeit übereinstimmt. Diese Furcht, unmännlich zu erscheinen, einen Mangel an den Tugenden des primitiven Geschlechtsideales zu zeigen, erhält alle atavistisch ungereimten Vorurteile, alle sinnlos unangemessenen Einrichtungen, an denen das Leben des modernen Mannes so reich ist.
Wie schwankend und unbestimmt sind aber die Vorstellungen, die diesem Ehrgeiz der Männlichkeit zugrunde liegen! Man braucht nur die Bewertung: je männlicher desto überlegener, einmal dort zu prüfen, wo sie sich nicht mit dem weiblichen Geschlechte mißt – am nationalen Eigendünkel beispielsweise. Es ist bekannt, daß die romanischen Nationen sich gegenüber den germanischen als die männlicheren fühlen; Mantegazza sagt den »blonden Deutschen« sogar eine mehr weibliche Art zu lieben nach. Die Deutschen hingegen erkennen diese mehr weibliche Art den slavischen Männern zu – eine nationale Überhebung, der Bismarck in seiner Anrede an die steirische Deputation im April 1895 Ausdruck gab, indem er sagte: »Ich glaube, wir Germanen sind durch Gott von Hause aus stärker, ich will sagen, männlicher ausgestattet; Gott hat den Dualismus in allen Erscheinungen der Schöpfung zwischen männlich und weiblich dargestellt, und so auch in den europäischen Konstellationen … Ich will keinen Slaven damit kränken, aber sie haben viele der weiblichen Vorzüge, sie haben die Grazie, die Klugheit, die Schlauheit, die Geschicklichkeit« – und deshalb riet er den Deutschen in Österreich, gegenüber den Slaven mit dem tiefinnerlichen Gefühl zu verfahren, daß sie die Überlegenen sind und das leitende Element bleiben werden, »wie es der Mann in der Ehe sein soll«.
Wer aber die slavische Literatur kennt, der weiß, welches minder schmeichelhafte Bild die Slaven von dem deutschen Mann haben; in ihren Augen ist seine nationale Eigenart nicht überlegene Männlichkeit, sondern kalte Berechnung, Habgier, Dünkelhaftigkeit, Empfindungsroheit. Und in der Tat – gemessen an den Äußerungen einer verfeinerten Menschlichkeit, einer über den Geschlechtsdünkel mit seinen Vorurteilen hinausgereiften Gemütskultur, wie sie etwa in Gontscharows »Absturz«, in Dostojewskys »Idiot«, in Tschernischewskys »Erzählungen von neuen Menschen« erscheint, hätten die Deutschen wenig Ursache, sich als die Überlegenen zu fühlen!
Sucht man nach einem positiven Inhalt für die Vorstellungen, die sich, im Gegensatze zur primitiven Männlichkeit, mit der differenzierten verbinden lassen, so könnte man allenfalls mit einer Übertragung aus dem Physischen und Materiellen ins Geistige das Auslangen finden. Vor allem der Krieg als der auszeichnendste Beruf des Mannes scheint eine solche Deutung im übertragenen Sinne zuzulassen. Der Kampf mit materiellen Waffen verwandelt sich in einen Kampf mit ideellen; der Kriegsschauplatz wird aus dem realen Leben in das Gebiet des Gedankens verlegt. Das männliche Element bleibt das streitbare auch in der geistigen Welt.
Allein das gilt nur mit großen Einschränkungen. Zu allen Zeiten haben sich an den Kämpfen um ideale Güter die Frauen, soweit es die jeweilige soziale Tradition gestattete, hervorgetan; und die Geschichte der religiösen Bewegungen nicht minder wie der revolutionären ist reich an Frauengestalten. Umgekehrt ist für gewisse Typen der Geistigkeit, für den Künstler wie für den Forscher, ein Leben abseits von allen Kämpfen das förderlichste; und nur ein banausisches Zeitalter, in dem jeder, der etwas bedeuten will, Partei ergreifen muß, kann den Respekt vor der kontemplativen Gemütsstimmung, aus der die edelsten Blüten der Geistigkeit hervorgehen, so weit vergessen, daß es auch dem Künstler und dem Gelehrten eine Kampfrolle zumutet.
Wie es aber mit der Politik, die am ehesten als ein Krieg im übertragenen Sinn angesprochen werden kann, in Ansehung der Männlichkeit bestellt ist, beleuchtet der Ausspruch Burdachs, daß die Frauen sich aller Wahrscheinlichkeit nach besser für die Politik eignen würden als die Männer – ein Ausspruch, den Havelock Ellis mit der Bemerkung kommentiert, daß das Spiel der Politik bei jenen, die es ausüben, spezifisch weibliche Eigenschaften zu entwickeln scheint. Damit wird den Frauen durchaus kein Kompliment gemacht – namentlich angesichts des modernen Repräsentativsystems, dessen Wahlmethode ganz darauf hinzielt, die Schwätzer und Maulhelden ans Ruder zu setzen und die Komödianten auszuzeichnen, die am besten den Masseninstinkten zu schmeicheln verstehen.
Ebensowenig wie der Krieg in Gestalt der Politik, ist der Krieg, der mit der Feder geführt wird, geeignet, spezifisch männliche Eigenschaften nach Analogie des primitiven Geschlechtsideales zu entwickeln. Das moderne Zeitungswesen, in dem der Angreifer gewöhnlich durch die Anonymität unsichtbar gemacht wird und ein bezahlter Strohmann für eventuelle Konflikte mit dem Gesetz aufzukommen hat, bildet nicht gerade eine Schule der Mannhaftigkeit und des persönlichen Mutes – außer, man wollte etwa die Leistungen der Kriegskorrespondenten und ähnliche mit Strapazen verbundene Aufgaben nach dieser Hinsicht anrechnen.
Näher vielleicht wird man dem Wesen der differenzierten Männlichkeit kommen, wenn man sie als die Kraft bezeichnet, das Leben nach dem eigenen Willen zu gestalten, als die Kraft, Herr über sich selbst zu sein und die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Zu führen, das ist männlich, sich führen zu lassen, weiblich. Nach der intellektuellen Seite läge das spezifisch Männliche in der größeren Helligkeit des Bewußtseins, vermöge welcher die Motive des eigenen Handelns klar erkannt und das Erkennen zum Leiter des Handelns gemacht wird.
In Wirklichkeit treffen freilich diese Kriterien nur als relative, nur bis zu einem gewissen Grade zu, sofern man ganz im allgemeinen die Mehrzahl der Männer der Mehrzahl der Frauen gegenüberstellt. An sich, ohne den weiblichen Vergleichstypus, würden sie auch die Mehrzahl der Männer von der Männlichkeit ausschließen. Das Verhältnis der Starken zu den Schwachen ist unter den Männern wie unter den Frauen das der Wenigen zu den Vielen. Soweit die Kultur reicht, ist das Herrentum – das innerliche wie das äußere – auch unter den Männern das Vorrecht einzelner; die große Mehrzahl, auch der Männer, lebt in der Unfreiheit und mit dem Bedürfnisse der Abhängigkeit.
In der sozialen Gemeinschaft sind weitaus die meisten Männer nichts weniger als freie Herren ihres Tuns und Lassens. Der Staat, dieses schauerliche, abstrakte Gespenst, das sie mit eiserner Faust von der Wiege bis zur Bahre umklammert, erhält seine Realität eben durch das männliche Abhängigkeitsbedürfnis. Ja die Form, die der Staat im Leben der modernen Völker als konstitutionelle Monarchie angenommen hat, schafft das oberste Prinzip der ideellen Männlichkeit, die Initiative und den Willen zur freien Verantwortung, einfach aus der Welt. Prinzipiell hat in einer Verfassung, in welcher der Monarch für jede öffentliche Handlung den Ministern, die Minister dem Parlamente, die Parlamentsmitglieder den Wählern verantwortlich sind, jede Selbständigkeit aufgehört; was sich kundgibt ist – zum mindesten angeblich – nie der eigene persönliche Wille, das eigene persönliche Urteil, sondern immer ein anderer Wille, eine übergeordnete Macht. Die Persönlichkeit muß sich hinter dem nebulosen und phrasenhaften Begriff eines »Willens der Gesamtheit« verstecken, um öffentlich wirksam zu werden.
Selbst die geistigen Schöpfungen, die der männliche Geist aus sich hervorgebracht und als objektive Gebilde in die Welt versetzt hat, sind vielfach Symptome dafür, daß es mit dem Willen zum Herrentum und zur freien Verantwortung bei ihm schlecht bestellt ist. Welch ein Bedürfnis der Anlehnung, der Unterordnung, der Unselbständigkeit spricht nicht aus dem Glauben an einen transzendenten Gott, der als zorniger oder gnädiger Gebieter, als strenger oder barmherziger Vater die menschlichen Angelegenheiten ordnet! Der Mann, der vermeintliche Herr der Welt, hat sich diesem Gotte so in die Gewalt gegeben, wie nach seiner Meinung das Weib sich in die Gewalt des Mannes gibt.
Und wenn es nicht der Gottesgedanke war, dem er sich unterwarf, so schuf er sich irgend einen anderen Begriff, den er als Herrn über sich setzte. Denn auch die Philosophie, diese reinste Ausstrahlung der männlichen Intellektualität, hat das Herrentum und die freie Verantwortung der Männlichkeit nicht immer auf das beste gewahrt. Durch den kategorischen Imperativ, den Kant lehrte, wurde der ideelle Mann unter die Zuchtrute einer dürren Abstraktion gestellt, um endlich, kraft der unumschränkten Herrschaft der Kausalität, wie Schopenhauer sie verstand, zu einem völlig nichtigen Hampelmann herabzusinken, den der Weltwille am Gängelbande des Wahnes zappeln läßt, je nachdem er es für seine Zwecke braucht. Friedrich Nietzsche selbst, der entschiedenste Anwalt des männlichen Herrentumes, hat den Gemütszustand des Übermenschen auf das Gefühl der Unverantwortlichkeit bauen wollen, das die Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit alles Geschehens begleitet.
Ganz im allgemeinen hätte also der Mann keinen Anlaß, sich im Punkte der Unfreiheit und des Abhängigkeitsbedürfnisses als ein vom Weibe grundverschiedenes Wesen zu betrachten. Immerhin könnte man einwenden, daß zwischen der Unterwerfung unter eine höhere ideelle Macht und der Unterwerfung unter eine endliche Person, wie auch der willensgewaltigste Mann es ist, ein wesentlicher Unterschied bestehe. Dann bliebe aber noch immer die große Schar der subalternen Männerschaft, deren freiwillige und unfreiwillige Abhängigkeit von sehr endlichen Personen nicht zu bezweifeln ist.
Der Mann als Herr und Gebieter ist eine Vorstellung, die ihren Ursprung vornehmlich in sexuellen Gründen hat. Dem Weibe gegenüber pflegt sich auch in dem abhängigsten Durchschnittsmann ein Herrschafts- und Überlegenheitsbedürfnis zu regen. Da die Stärke physisch wie intellektuell eine relative Größe ist, fällt es keinem Manne schwer, unter den Frauen das schwächere Wesen zu finden, an dem er seine Überlegenheit messen kann. Deshalb erscheint im Bewußtsein der großen Mehrzahl das weibliche Geschlecht als das inferiore, dessen Lebensweise und Arbeitsleistung von der des Mannes qualitativ weit geschieden ist – obwohl schwerlich jemand sagen könnte, was denn an der Tätigkeit eines Lehrers, eines Arztes, eines Beamten, eines Advokaten, unter modernen Lebensbedingungen so spezifisch männlich sei. Der große Unterschied zwischen Mann und Weib, und damit zugleich das soziale Herrentum des Mannes über das Weib, liegt in der Sphäre der primitiven Männlichkeit und hat innerhalb der differenzierten keine andere Berechtigung, als sie das sexuelle Verhältnis im engsten Sinne mit sich bringt.
Wenn sich also die Männer im allgemeinen einzuräumen scheuen, daß ihre Lebensweise innerhalb der modernen Kultur sich von derjenigen der Frauen nicht mehr durch das Wesentliche, sondern nur durch Äußerlichkeiten unterscheidet, wenn sie ihre Berufe so hartnäckig vor dem Eindringen der Frauen verteidigen, so ist das, was sich eingestanden oder uneingestanden dagegen sträubt, nicht zuletzt jenes Bedürfnis nach Abstand, das aus dem Bewußtsein der sexuellen Gewalt entspringt.
Mit seinen sexuellen Instinkten lebt der Mehrzahlsmann noch in einer anderen Welt, auf einer anderen Kulturstufe. Die geistige Kultur legt dem Manne Zumutungen auf, die seiner teleologischen Geschlechtsnatur widerstreiten. Zur Teleologie seiner primitiven Geschlechtsbestimmung gehört die Unbändigkeit des Triebes, der über alle Hemmungen hinweg sich in der Psyche des Individuums behauptet und die Persönlichkeit seinem Zwecke dienstbar macht. Die höhere Auffassung der Männlichkeit hingegen setzt ein ganz anderes Verhältnis von Triebleben und Persönlichkeit voraus, als es in den Untergründen der männlichen Psyche unbeschadet aller geistigen Differenzierung herrscht.
Und hier verbirgt sich vielleicht die tiefste Ursache, warum die differenzierte Männlichkeit nicht vermag, das Leben nach den Konsequenzen ihrer Wesenheit neu zu gestalten, hier die unterirdische Quelle des Zwiespaltes, den die Wenigsten überwinden, weil er ihnen nicht klar zum Bewußtsein kommt.
Es ist eine Erscheinung, die zu denken gibt, daß das männliche Geschlecht in demselben Grade, als es sich von seinen primitiven Zuständen entfernt, das natürliche und rechtschaffene Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität verliert. Gibt es etwas Verkehrteres, ja Unsinnigeres als die Stellung, welche die modernen Kulturvölker den geschlechtlichen Dingen gegenüber einnehmen? Die heillose Verlogenheit und Heuchelei, die da herrscht, deutet auf einen folgenschweren Mangel in der Anpassung der Individuen an die sozialen Lebensbedingungen. Daß die Unbefangenheit und Unschuld des sexuellen Lebens in dem Maße verloren gehen konnte, wie es während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von der Antike bis auf die Gegenwart geschehen ist, läßt sich nur aus einem abnormen Zustand der männlichen Psyche erklären – vorausgesetzt, daß sie es ist, welche bisher in der menschlichen Gesellschaft die führende und organisatorische Kraft bildete.
Wenn die männliche Geisteskultur, zu scholastisch-abstrakten Auswüchsen neigend und durch einseitige Spezialisierung aus dem Ebenmaß gebracht, die Gefahr in sich schließt, das Verhältnis des Einzelnen zur Totalität des Lebens zu stören, so wirkt die männliche Gemütskultur noch mehr als Gleichgewichtsstörung, indem sie das Individuum in ein Geistwesen, das zu einem gesteigerten Intellektualismus hinaufgezüchtet wird, und in ein Tierwesen spaltet, das mit seiner Sexualität auf der niedrigsten Stufe des Trieblebens zurückgehalten wird. Als unlösbare Dissonanz besteht in der männlichen Psyche die alte Feindschaft zwischen Geist und Geschlecht fort, der Krieg zwischen Gattung und Persönlichkeit, der die europäische Kulturmenschheit in ein so erstaunlich verschrobenes und unaufrichtiges Verhältnis zu den geschlechtlichen Dingen gesetzt hat.
Es gibt zwei Wege, auf denen die Freiheit der Persönlichkeit vor der Vergewaltigung des Geschlechtstriebes zu retten ist: die Askese, die »Ertötung des Fleisches«, zugleich eine Verneinung der Forderung, welche die Gattung an das Individuum stellt – wobei Abstinenz nur als ein anderer Ausdruck für Askese gelten kann – oder die Versöhnung jener beiden feindlichen Interessensphären, die Bejahung der Gattung im Geiste der Persönlichkeit, welche die Liebe bewirkt, indem sie die geschlechtlichen Beziehungen mit Persönlichkeitsgehalt erfüllt.
Weder der eine noch der andere dieser beiden Wege ist es, auf dem die Entwicklung des Jünglings zum Manne sich vollzieht. Für eine asketische Ordnung seines sexuellen Lebens vor der Ehe fehlen außerhalb der grundlegenden religiösen Vorstellungen irgendwelche sittliche Werte von suggestiver Gewalt, die allein den Mut der Selbstüberwindung so hoch entfachen können; eine Gesellschaftsordnung aber, die in der Ehe das einzige legitime Geschlechtsverhältnis anerkennt und die Erfüllung der Liebe an wirtschaftliche Bedingungen knüpft, gewährt das Anrecht auf Liebe nicht in jenem Alter, in dem es die Natur am gebieterischsten fordert. Somit verurteilt diese Gesellschaftsordnung den Mann in seiner blühendsten Lebensperiode, sich an die tiefststehenden und niedrigsten Wesen des weiblichen Geschlechtes zu halten, an jene, die durch die geschlechtliche Preisgebung ihren Lebensunterhalt erwerben. Daß ein solcher Erwerb nach der sozialen Bewertung als entehrend gilt, ist insofern berechtigt, als er ja einen atavistischen Rückfall des Weibes in die rohesten Zustände des Empfindens zur Voraussetzung hat; daß aber die soziale Verdammung dabei nur das Weib trifft und nicht den Mann, der gleicherweise an diesem atavistischen Rückfall beteiligt ist, gehört zu den Widersinnigkeiten, die nur aus der Vorherrschaft der primitiven Männlichkeit und der ihren Instinkten entsprechenden Anschauungen erklärbar sind.
Für den primitiven Mann liegt in der Promiskuität des geschlechtlichen Verkehres nichts Herabsetzendes. Einen so breiten Raum die Sexualität in seinem Leben einnimmt, so lose ist sie innerlich mit seiner Persönlichkeit verknüpft. Das Mißverhältnis zwischen seiner unentwickelten Erotik und der Gewalt eines ursprünglich polygamen Triebes ist so groß, daß keine Notwendigkeit, ja nicht einmal die Möglichkeit für ihn besteht, jedes Geschlechtsabenteuer mit einem persönlichen Empfindungsgehalt auszustatten, und seine grobschlächtige seelische Konstitution erleidet keine Erschütterung durch eine Art der Befriedigung, die erst auf einer höheren Stufe des Empfindens zu einem Zwiespalt zwischen den elementaren Forderungen des Geschlechtes und den Tendenzen einer verfeinerten Persönlichkeitskultur führt.
Bei denjenigen aber, an welchen sich diese Verfeinerung auch in der sexuellen Sphäre vollzogen hat, ist die Wirkung der seelenlosen Promiskuität eine ganz andere; denn bei ihnen entsteht ein verhängnisvoller Gegensatz zwischen den äußeren Lebensbedingungen, in die sie hineingebannt sind, und den inneren Bedingungen des Empfindens.
Nicht umsonst haben, soweit die Kultur zurückreicht, die Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit, die Priester, immer die Nötigung gefühlt, sich in ein besonderes Verhältnis zur Sexualität zu setzen. Was für seltsame Formen die religiösen Vorstellungen darüber auch annehmen mochten, »Reinheit« in dieser Hinsicht, oder mit anderen Worten: die Unterordnung unter eine strengere Lebensregel als die des gemeinen Mannes, bildet das erste Gebot für den Mann der Geistigkeit. Die hohe Bewertung der Keuschheit, die sich als religiöses Gebot auf die metaphysische Bestimmung des Menschen gründen will, scheint darauf zu deuten, daß sie eine Umsetzung materieller Kräfte in geistige bewirkt. Wenn die höhere Männlichkeit in der Entfaltung und Steigerung des geistigen Vermögens besteht, in der Macht aus geistiger Überlegenheit, so muß sie sich von dem gewöhnlichen, grobmateriellen Mannestum zu allererst hier unterscheiden; denn hier, in der Überwindung eines die Persönlichkeit unterjochenden Triebes, liegt der Ursprung und das Mittel aller Vergeistigung. Die gefährlichste Beeinträchtigung der Macht über sich selbst in der männlichen Psyche ist aber der Geschlechtstrieb. Indem er das Individuum verleitet, unter das Niveau seiner Persönlichkeit herabzusteigen, nimmt er die Gestalt eines unwiderstehlichen Zwanges an, und hebt das Bewußtsein der inneren Freiheit auf, das aus dem Widerstehenkönnen, aus der Überordnung der höheren Willensantriebe über die niedrigeren entspringt.
In einer sozialen Ordnung, die dem Manne nur die Wahl läßt zwischen einer unabsehbaren und daher unmöglichen Enthaltung oder einer unwürdigen Befriedigung, solange seine ökonomische Lage ihm eine Eheschließung verwehrt, werden gerade die edelsten und feinfühligsten Individuen am schwersten getroffen. Das Geschlechtliche ist ein wunder Punkt in der Seele des verfeinerten Mannes – darüber darf man sich durch die herrschenden Allüren der Männlichkeit nicht hinwegtäuschen lassen. Diese Allüren sind Außenseite und Oberfläche; sie gehören zur Konvenienz im Auftreten der Männlichkeit. Aber daß auch die Männer der Geistigkeit von allem Geschlechtlichen als Problem peinlich berührt werden, daß sie, die unter sich so freigebig mit Zoten und faunischen Grimassen sind, nichts so sehr scheuen, wie eine ernsthafte Erörterung der sexuellen Fragen und lieber vor den greuelvollen Zuständen nach dieser Richtung die Augen schließen – das deutet darauf, daß hier etwas faul ist an dem Empfindungsleben der Männlichkeit. Ziehen es denn nicht die meisten Väter vor, ihre jungen Söhne der Führung des Zufalls zu überlassen und sie den schlimmsten physischen und psychischen Gefahren preiszugeben, ehe sie den Entschluß fassen, an diesen Punkt zu rühren –?
Es gibt keine Worte, um das Verhalten der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den heranwachsenden Knaben zu brandmarken. Die Erziehung der Mädchen in sexueller Hinsicht mag eine Unzulänglichkeit sein, eine Verkehrtheit, ein Unrecht selbst – die der Knaben ist ein Verbrechen. In einem Alter, in dem ihr Organismus unter den Erschütterungen der beginnenden Mannbarkeit bebt, werden sie wie geschlechtslose Maschinen behandelt, zur Langweile eines verknöcherten Schulstudiums, zur Überreizung einer sitzenden Lebensweise verurteilt, die ganz danach angetan ist, ungesunde Regungen zu nähren, um endlich ihre ersten männlichen Erfahrungen in den Armen eines käuflichen Weibes zu machen. Und so stumpfen sie sich schon im eindrucksfähigsten Alter gegen die schmachvolle Entwürdigung ab, die in diesem Wegwerfen des eigenen Leibes liegt, und so werden sie taub gegen das Veto der Natur, die mit Donnerworten gegen die Promiskuität redet und sie mit ihrem furchtbarsten Fluch verfolgt – mit Krankheiten, denen das Individuum und seine Nachkommenschaft in unabsehbarem Siechtum erliegt.
Man kann es dahin gestellt sein lassen, ob in der Tat »die männliche Natur ohne Verirrungen nicht zur Vollendung gelangen« kann, wie es ein älterer Moralist schmeichelhaft formuliert; ebenso kann es unentschieden bleiben, ob die »gleiche Moral für beide Geschlechter«, die das Leitwort einer sittlichen Bewegung bildet, wirklich ein gerechtes Postulat darstellt. Nicht moralische Gesichtspunkte allein lassen die Bedingungen, unter welchen sich das sexuelle Leben fast aller Männer entwickelt, verwerflich erscheinen. Oft genug, und mit Recht, hat man eingewendet, daß die Ehe in manchen Fällen moralisch kaum höher steht als die käufliche Liebe. Aber ein psychologisches Moment fällt dabei schwer ins Gewicht. Das Bewußtsein der inneren Freiheit und zugleich das Selbstgefühl der Persönlichkeit wird eine zuverlässige Grundlage nur in jenen Menschen haben, die aus den Anfechtungen des Geschlechtes als Sieger im Sinne einer höheren Willensentscheidung hervorgegangen sind. Damit eine solche Willensentscheidung möglich werde, müssen die Lebensbedingungen dem Einzelnen zu Hilfe kommen. Wenn sie aber, wie im modernen Leben, nur danach angetan sind, ihn mit den Ansprüchen seiner Sexualität den unwürdigsten Zuständen auszuliefern, dann wird eine Depression unvermeidlich eintreten, sobald einmal Persönlichkeit und Triebleben entzweit sind. Wie sollte das Lichtscheue, Heimliche, Unlautere, das dem bezahlten Geschlechtsverkehr anhaftet, auf die freie Mannhaftigkeit des Empfindens ohne Einfluß bleiben? Unter diesem Einfluß wird der Mann durch seine Sexualität entweder frivol, oder verlogen, oder unselig. Ein Flecken liegt auf ihm, der um so zerstörender wirkt, je feiner seine Persönlichkeit organisiert ist.
Diese Anschauung könnte als eine einseitig weibliche erscheinen. Es fehlt zwar auch nicht an Männern, die ähnlich urteilen; aber die Rigoristen sind ihren eigenen Geschlechtsgenossen immer der Unmännlichkeit und Muckerei verdächtig. So sei dafür ein Gewährsmann zitiert, dem gewiß niemand moralistische Strenge der Lebensauffassung nachsagen kann. Guy de Maupassant läßt – in der Erzählung »Der Riegel« – einen alten Junggesellen über den bezahlten Geschlechtsverkehr sagen: »Man behält innerlich eine Empfindung moralischen und physischen Ekels zurück, wie wenn man zufällig mit pechbeschmutzten Dingen in Berührung gelangte und man kein Wasser bei der Hand hat, um sich zu waschen. Man mag noch so fest reiben, der Flecken bleibt zurück.«
Um sich diesen Flecken nicht eingestehen zu müssen, flüchtet sich auch der Mann der Geistigkeit mit seiner Geschlechtsmoral in die Sphäre der primitiven Männlichkeit, obgleich er im übrigen nichts mehr mit ihr gemein hat. Aber da er in diesem Punkte vor ihr kapituliert, gibt er auf der ganzen Linie das Feld verloren. Er, der Repräsentant der höchsten menschlichen Entwicklungsstufe, der prädestinierte Führer der Welt, unterliegt seinem eigenen Geschlechte – nicht Herr, sondern Opfer einer sozialen Ordnung, in der die primitive Männlichkeit triumphiert, das gemeine Elementare, das zu sublimieren und dienstbar zu machen das Ziel einer ungeheuren Arbeit ist, die Leistung der Jahrtausende, die der Mensch an die Kultur gewendet hat.
Aber noch mehr! Der Bevorzugte der Natur, dem sie die Pflichten der Gattung um soviel leichter als dem Weib machte, um auf ihn alle Möglichkeiten der geistigen Entfaltung zu häufen, er verliert durch seine Halbheit und Inkonsequenz auch den Vorrang vor dem weiblichen Geschlecht. Wie überlegen die differenzierte Männlichkeit – der Mehrheit nach – ist, soweit es sich um intellektuelle Vorzüge handelt, in ihrer sittlichen Kultur kann sie sich mit dem edlen Frauentume nicht messen.
Gleichviel, ob in der weiblichen Natur selbst die Sexualität ein anderes Verhältnis einnimmt als in der männlichen, oder ob die geschlechtliche Differenzierung nur unter dem Druck entstanden ist, den die Forderungen des Mannes auf das Weib ausübten – die strenge Zucht zur geschlechtlichen Reinheit, zur Ausschließlichkeit der Hingebung an eine auserwählte Person hat unter den Frauen eine Verfeinerung und Veredlung des sexuellen Gewissens bewirkt; und der Heroismus der Selbstüberwindung, den die Frauen einsetzen, um die geschlechtliche Integrität der Persönlichkeit zu behaupten, ist ein Vorzug, der sich mit Notwendigkeit geltend machen muß, sobald die konventionellen Einschränkungen ihrer sozialen Stellung fallen, ein Vorzug, der ihnen gegenüber der differenzierten Männlichkeit ein Übergewicht verleiht.
Nach einer hergebrachten Anschauung soll diese sittliche Überlegenheit der Frauen das Äquivalent für die geistige Überlegenheit des Mannes bilden, wodurch das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern hergestellt sei. Das aber ist nur eine Ausflucht, die Bemäntelung eines Notstandes, über den der Mann nicht Herr werden kann.
Vielleicht wird in dem Punkte, wo die einseitige Männerkultur versagt, das Eintreten der Frau als soziale Mitarbeiterin eine Wendung schaffen. Daß der Wille dazu unter den Frauen, die sich ihrer sozialen Aufgaben bewußt sind, besteht, haben sie bewiesen; ob sie die Macht dazu gewinnen können, muß die Zukunft lehren. Der Mann der Geistigkeit aber wird erst dann wieder eine harmonische und machtvolle Erscheinung werden, sobald die Konsequenzen der Verfeinerung sich auch an seiner sexuellen Persönlichkeit vollziehen. Freilich müßte er, um als Phönix einer neuen Menschlichkeit wiedergeboren zu werden, vorher in sich alle Vorurteile und alle Schwächen verbrennen, die der primitiven Männlichkeit angehören, um nur das von ihr zu behalten, was von seinem Manneswesen unzertrennlich ist.

Aus:  Rosa Mayreder | Zur Kritik der Weiblichkeit | 1922 | Verlag Eugen Diederichs

trennlinie2

Rosa Mayreder (geb. Obermayer, Pseud.: Franz Arnold) (* 30. November 1858 in Wien; † 19. Jänner 1938 ebenda) war eine österreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturphilosophin, Librettistin, Musikerin und Malerin.

In ihren Büchern, aber auch in Gesprächen, die sie in ihren Tagebüchern niederlegte, versuchte sie als Kulturschaffende, ein gleichwertiges Verhältnis der Geschlechter durchzusetzen, durch das weder der Mann die Frau noch diese den Mann nur körperlich begehrt. Mit ihrem Ansinnen stieß sie in literarischen Kreisen auf Anerkennung und Zustimmung. Ihre Gegner sah sie vor allem unter Vertretern der Medizin, die von Mayreder als ein Hort seelischer Willkür und der Herabwürdigung von Frauen zum Sexualobjekt empfunden wurde. Sie wandte sich gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts und die bestehende Doppelmoral. Ihre Werke fanden weite Verbreitung und wurden auch ins Englische übertragen. Auf der letzten herausgegebenen 500-Schilling-Banknote fand sich neben ihrem Abbild das Zitat „Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“ (1905). Allerdings liebte Rosa Mayreder selbst durchaus auch großbürgerliche Sitten, die sie mit ihren inneren Anliegen in eins zu verschmelzen suchte.

Maria Aronov | Eine göttliche Tragöde ¦ Über Gut und Böse

Eine göttliche Tragödie
Über Gut und Böse, Himmel und Hölle 

Oftmals stellt sich die Frage, wie das Leben nach dem Tod wohl aussähe. Wir sprechen dann von Orten wie der Hölle und dem Paradies; zudem haben sich bereits abertausende Schriften über die Vorstellung des Lebens im Jenseits ausgelassen.

Dante und Vergil

Auch Dante Alighieri (* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) beschäftigte sich in der „Göttlichen Komödie“, seinem theologisch-philosophischen Hauptwerk, mit der Frage nach dem Dasein im Jenseits. Sein Weltbild baute dabei auf dem geozentrischen Ptolemäischen System auf.

[Das geozentrische Weltbild ist eine historisch überaus bedeutsame Auffassung vom Aufbau des Weltalls, die von dem griechischen Philosophen CLAUDIUS PTOLEMÄUS (ca. 100 – ca. 170) begründet wurde. Es wurde angenommen, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Weltalls befindet und alle Planeten sowie die Sonne sich auf kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen.
Mit diesem Weltbild konnten viele astronomische Erscheinungen erklärt werden. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das geozentrische Weltbild allmählich vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.]

An der Seite des römischen Dichters Vergil wandert Dante durch verschiedene Reiche des Jenseits. Ihre Wanderung beginnt zunächst in der Hölle (L´Inferno): der Gang des Menschen durch Sünde, Pein und Verzweiflung. Die Hölle ist unterteilt in Jenseitsbezirke,  die im Text  als  neun Kreise beschrieben werden. Je tiefer man gelangt, umso mehr verstärken sich die Qualen. Ängste und Verzweiflung wachsen, die Seele verliert ihre innere Ruhe. Der angsteinflößende Cerberus und das Unwetter erwarten sehnsüchtig die verdammten Seelen. Sie dursten regelrecht nach ihnen.

Nach dem Besuch des letzten Höllenkreises, wo sich auch Luzifer befindet, gelangt der Dichter schließlich – allerdings ohne seinen Begleiter Vergil – zum Fegefeuer. Dort reinigt sich Dante an der Seite büßender Seelen von seinen Sünden. Er trifft dort auf seine ehemalige Geliebte Beatrice, die ihn durch das nächste Reich, das Paradies, begleitet. Dabei offenbart sie ihm den Himmel: das Gefühl, Gott nahe sein zu können und dem damit verbundenen Glück.

Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)
Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)

Das Jenseits im mittelalterlichen Glauben

Geht man von dem christlichen Glauben im Mittelalter aus, ist die Struktur des Jenseits eindeutig gegliedert. Zwischen Hölle und Paradies liegt das Fegefeuer; Ein Ort, an dem reuenden Seelen Hoffnung auf eine weitere Existenz im Himmel schöpfen.

Im Fegefeuer verweilen die Seelen der milden Sünden: dort landen Geizhälse, die Neidischen und die Zornigen. Alle verbindet die durch Reue in Aussicht gestellte Existenz im Himmel.

Die Hölle ist somit der schlimmste Ort, an den man nach seinem Tod gelangen kann. Dante spricht, wie bereits oben erwähnt, von quälenden, die Seele durchbohrenden Ängsten und Verzweiflung. Im Inferno befindet sich neben Judas, dem Verräter auch Satan.

Sowohl in Dantes Weltbild, in seiner Interpretation des Jenseits als auch im dunklen Mittelalter:  Hierarchien waren ein fixer Wert.  „Das Leben danach“ wurde in Stufen unterteilt und es herrschen Stereotype wie „Gut“ und „Böse“.

Das „Gut und Böse“ seit Nietzsche

Der Begriff des Guten wird seit der Moderne neu interpretiert. Altertümliche Tugendlehren verloren mit der Zeit immer mehr an Bedeutung. Seit Nietzsche werden Fragen nach dem Guten kritisch unter die Lupe genommen. Für den Dichter und Philosoph war die Differenzierung zwischen Gut und Böse eine christliche Erfindung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

Wie bereits in meinem Essay über Meister und Margarita „Ein teuflisch guter Pakt“ erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass  die Begriffe „Gut“ und „Böse“ relativ sind. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Abwesenheit der Hölle würde das Paradies sonst mit all seiner Schönheit entbehrlich machen.

Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien
Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien

Das  Paradies gilt als wundervoller, sorgloser Ort. Alles interpretiert jede(r) den Himmel anders – für den einen ist er bereits auf der Erde, für Anderen stellt die Hölle selbst den Himmel dar. Nehmen wir mal als Beispiel einen Melancholiker: Würde er sich in seiner seelischen Sehnsucht nach Trauer im Paradies, wie man es aus den Büchern kennt, glücklich fühlen? Vermutlich nicht.

Würde ein Philosoph oder Dichter nicht lieber die Hölle erkunden, durch die ewige Dunkelheit spazieren und seine Erkenntnisse der Welt kundtun?
Als ein Gefangener der ewigen Verdammnis erleidet man in der Unterwelt unerträgliche Qualen. Doch was soll das Ganze überhaupt? Ein Todesurteil ist das Leid an sich nicht, denn es gibt keine sterblichen Seelen. Und ewige Qualen könnten wir auch im Paradies erleiden, würde es nicht unserer inneren Welt, unserer Vorstellung entsprechen.

„All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten“ Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an. – aus info.kopp – verlag.de

(M)ein Herz für die Unterwelt

Hätte ich die Wahl, ich nähme die Unterwelt. Voller Mut würde ich Hades und Cerberus begegnen, ich spazierte durch brennende Feuer, Gewitter und heißen Sand, redete mit gefangenen Seelen über ihre Qualen und beseitigte ihre größten Ängste. Ich erzählte ihnen, dass die Höllenqualen nichts als eine Art Gefühl der Selbstverschuldung wären, dass die Angst vor dem dreiköpfigen Hund unbegründet sei, da die Hölle kein Ort des Todes sei, sondern auch des ewigen Lebens. Seelen sind eine Quelle nie erlöschender Energie. Das, was uns eine große Furcht einjagt, sind wir selbst, unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unsere unverarbeiteten Erfahrungen.

Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)
Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)

In der Hölle begegnete ich dem kleinen Prinzen, der in ihr auf der Suche nach sich selbst landete. Ich begegnete in ihren kalt ermordeten Poeten wie Jessenin, Lermontov und Puschkin. Auch sie gingen diesen Weg und sie hätten keinen anderen wählen wollen. Ja, die Hölle begegnet uns bereits auf der Erde und macht uns zu geistig höheren Wesen. Durch sie wachsen wir, streben nach oben und bleiben unvergessen.

Mit den Poeten redete ich dort über Ungerechtigkeit und der Suche nach der einzigen Wahrheit. Wir setzten uns um das brennende Feuer herum und genössen die Mystik der unaufhörlichen Blitze und des lauten Donners. Dies motivierte uns zum Philosophieren, zum Nachdenken über die Schwere und die gleichzeitige Leichtigkeit des Seins.

Zu uns, den Dichtern, käme Platon und erzählte uns vom Höhlengleichnis. Darin spricht er davon, dass das Licht der Erde die Höhlenbewohner blenden würde, denn sie wären nicht daran gewöhnt. Wie kann dann ein Philosoph, der in seinen Gedanken ständig durch die Dunkelheit wandert, zum Paradies hinaufsehen?

Wären sie meine Gesellschaft, würde ich die Hölle dem Himmel stets vorziehen.

Jede Existenz ohne Entwicklung des Geistes ist sinnlos, denn der Geist kann nur durch Herausforderungen wachsen. Auch im Leben durchlaufen wir verschiedene Stadien – gute und schlechte Phasen. Durch sie entwickeln wir uns, werden weiser. Würde stets „das Gute“ existieren, gäbe es keine Möglichkeit für die Philosophie und ihre Umsetzung. Das Sein verlöre seinen besonderen Charme und seine Anziehung.

Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer - 1922
Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer – 1922

Wer auf der Erde in der Hölle war, wird sie später nicht missen wollen.

Maria Aronov | Liebe ohne Seele ¦ Die Meerjungfrauen Puschkins & Andersens

Eine Liebe ohne Seele
Am Beispiel von Puschkins und Andersens „Meerjungfrauen“

Junger Fischer mit einer Meerjungfrau - Maler unbekannt - 1. Hälfte 19. Jrdt.
Junger Fischer mit einer Meerjungfrau – Maler unbekannt – 1. Hälfte 19. Jrdt.

Im Jahr 1836, dem letzten Jahr vor seinem Tod, verlor und erschuf Puschkin gleichzeitig etwas. Ein Stück seiner Seele verstarb, als der Dichter seine geliebte Mutter verlor und ein anderes hinterlegte er in seinem Poem „Rusalka“, was übersetzt „Die Meerjungfrau“ bedeutet.
Diese Dichtung enthält nicht nur eine wunderbare und sich leicht lesende Sprache, sondern auch viele tiefe Gefühle.
Es heißt, dass der Gesang der Sirenen die vorbeifahrenden Schiffer anlockt und sie tötet. Doch die mythologischen Wesen kennen die Schiffer nicht. Der Mensch dagegen ist in der Lage, die Seele anderer durch Verrat und Untreue zu zerstören. Genau das ist Natascha, der Hauptfigur des Poems, passiert.

Um einen Einblick in Puschkins großartiges Werk und die verletzten Gefühle der jungen Frau zu bekommen; eine Inhaltsangabe:

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Am Ufer des Flusses Dnjepr lebt ein alter Mann mit seiner Tochter Natascha. Seit einiger Zeit werden die beiden des Öfteren von einem Fürsten aufgesucht, der Natascha liebt. Sie erwidert seine Gefühle. In der letzten Zeit kommt der Fürst jedoch immer seltener zu Besuch. Natascha wartet sehnsüchtig auf ihren Geliebten. Ihr Vater belehrt sie währenddessen, wie sie aus ihrer Liebe mehr Vorteile für sich und die ganze Familie gewinnen kann. Natascha hört jedoch nicht auf ihren Vater.
Plötzlich hört die junge Frau ein Pferdegetrappel. Es kommt der Fürst. Natascha macht ihm vorsichtig Vorwürfe für seine lange Abwesenheit und ihr Vater erzählt ihm von der schweren Arbeit und seinen Schwierigkeiten. Um Natascha zu beruhigen, schenkt der Fürst ihr ein teures Collier.
Die veranstalteten Tänze und Spiele der Bauern ziehen den Fürsten nicht an. Er kam lediglich, um sich für immer von Natascha zu trennen. Der Grund für den Abschied war weder der Krieg noch der lange Weg zu ihr, sondern eine standesgemäße Heirat.
Weder Nataschas Kummer noch die Tatsache, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt, kann den Fürsten davon abhalten, sie zu verlassen. Vor Kummer den Verstand verlierend, reißt sie das Collier herunter und wirft es in den Fluss.
Der Fürst heiratet eine reiche bemerkenswerte Frau. Während der Belustigung der Gäste hört man jemanden ein trauriges Lied über eine gelogene Liebe singen. Der Fürst erschrickt sich, denn hört er Nataschas Stimme. Man versucht, die Stimmung auf der Feier wieder aufzulockern und möchte, dass das Ehepaar sich küsst. Als sich der Fürst für den Kuss zu seiner Frau neigt, hört er in der Stille plötzlich ein weibliches Stöhnen, das das Fest betrübt. Alle Anwesenden sind verwirrt.
Nun sind 12 Jahre seit der Hochzeit vergangen, doch die Ehe brachte dem Fürsten kein Glück. Die Fürstin verbringt ihre Tage in Einsamkeit. Man erzählt, dass der Fürst die ganze Dienerschaft fortgeschickt hat und allein auf dem Ufer des Dnjepr bleibt.
Es ist Nacht und unter dem kühlen Licht des Mondes spielen die Meerjungfrauen. Als sie den Fürsten bemerken, verschwinden sie.
Der Fürst erkennt die Orte, vor er vor vielen Jahren schon mal war – die auseinander fallende Mühle und die alte Eiche. Die Erinnerung an das vergangene Glück und die Reue tun seiner Seele gut.
Plötzlich erscheint vor ihm ein alter in Lumpen gekleideter Mann. Das ist der Müller. Der Tod seiner Tochter brachte ihn um den Verstand. Der Fürst bietet ihm an, in sein Schloss mitzukommen, doch der Alte lehnt es ab. Auf einmal fällt er über den Fürsten her und befiehlt ihm, ihm seine Tochter zurückzugeben. Herbeieilende Jäger retten den Fürsten vor dem alten Mann.
Viele Jahre sind seit dem Tag vergangen, als Natascha sich in den Fluss warf und zu einer drohenden Herrin des Dnjepr – Gewässers wurde. Ihrer kleinen Nixe-Tochter erzählt sie über deren Vater – den untreuen Geliebten. Sie befiehlt ihr, ans Ufer zu gehen und ihn in den Fluss zu locken.
Der Fürst besucht weiterhin den Dnjepr, der ihn an die glücklichen Tage erinnert. Aus dem Gewässer kommt die kleine Nixe und erzählt ihm, dass sie seine Tochter sei. Sie ruft ihn zu sich. Der Fürst ist bereit, ihr zu folgen. Man versucht, ihn davon abzuhalten, doch er hört die rufende Stimme Nataschas. Der Stimme gehorchend geht der Fürst gefolgt von der Nixe unter das Wasser.
Die wahre Liebe erkennend, sucht der Fürst sein Glück auf dem Grund des Gewässers.

Interessant ist, ob dieses Poem auch einige autobiographischen Züge Puschkins enthält. Vielleicht träumte auch er von Rache an seinem Schwippschwager, der seine Liebe und sein Leben zerstört hat. Nicht umsonst lässt der Dichter den verräterischen Fürsten unglücklich werden und ertrinken. Er suchte nach Gerechtigkeit.

Ferdinand Leeke (1859 - 1923) - Die Versuchung der Meerjungfrau - 1921
Ferdinand Leeke (1859 – 1923) – Die Versuchung der Meerjungfrau – 1921

Das Motiv der unglücklichen Liebe kennt man auch aus „Die kleine Meerjungfrau/Seejungfer“ von Hans Christian Andersen. Das Märchen schrieb er im Jahr 1837, im Jahr des Todes von Puschkin. Als Grundlage für seinen Text nahm er die Sage der Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, die der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak ähnelt.

Das Märchen von Andersen handelt von dem tragischen Ende der kleinen Nixe, die durch die wahre Liebe ihrerseits die ewige Seele findet:

Maler: Constantin Hansen - 1836
Maler: Constantin Hansen – 1836

Die kleine Nixe, die sich in den Prinzen verliebt, den sie selbst gerettet hat, nimmt viele Qualen auf sich, wird gar zu einem menschlichen Wesen, um in der Nähe ihres Geliebten sein zu können. Als ein seelenloses Wesen strebt sie danach, eine Seele zu erlangen, die nach dem Tod in die Luft aufsteigt. Diese bekommt eine Nixe aber nur dann, wenn sich ein Mensch in sie verliebt.
Für ihre Liebe und den Wunsch, eine Seele zu bekommen, erleidet sie höllische Qualen, als sie Gehen lernt. Sie verlässt ihren Vater und ihre Schwestern, gibt ihr Leben unter dem Wasser auf, doch der Prinz erkennt die wahre Liebe des Mädchens nicht und heiratet eine Prinzessin, die er für seine Retterin hält.
Der erste Strahl der Sonne nach der Hochzeitsnacht des Prinzenpaars soll gleichzeitig der letzte Atemzug des armen Mädchens werden. Die einzige Lösung, die ihr für die eigene Rettung bleibt, ist, den Prinzen zu töten. Dies bringt sie nicht übers Herz und löst sich auf dem Wasser in Schaum auf. Durch ihre guten Taten und ihr weiches Herz verwandelt sie sich aber in einen Luftgeist und kann ihren Traum, eine unsterbliche Seele zu bekommen, durch gute Handlungen und ihr weiches Herz, verwirklichen.

Hans Christian Andersen sieht die Rettung in er der Erlösung der Seele, was er mit dem „Ewigen Glück der Menschen“ bezeichnet. Die kleine Nixe verzichtet in ihrer Selbstlosigkeit auf die Rache und verendet in einem Meer voller Tränen der Trauer und gleichzeitig des seelischen Glücks.

Beide Autoren sowohl Puschkin als auch Andersen erschufen in ihren Texten einen Ozean von Gefühlen. Andersen zeigt, dass ein seelenloses Wesen mehr Liebe in sich trug als ein Mensch. Auch bei Puschkin setzt der Mensch nicht automatisch das Vorhandensein der Seele voraus.

Arthur Schopenhauer – Über die Weiber

Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer

Mit den Mädchen hat es die Natur auf Das, was man im dramaturgischen Sinne, einen Knalleffekt nennt, abgesehen, indem sie dieselben, auf wenige Jahre, mit überreichlicher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattet, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich, während jener Jahre, der Phantasie eines Mannes sich in dem Maße bemächtigen könnten, daß er hingerissen wird, die Sorge für sie auf Zeit Lebens, in irgend einer Form, ehrlich zu übernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermögen, die bloße vernünftige Ueberlegung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien. Sonach hat die Natur das Weib, eben wie jedes andere ihrer Geschöpfe, mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, deren es zur Sicherung seines Daseins bedarf, und auf die Zeit, da es ihrer bedarf; wobei sie denn auch mit ihrer gewöhnlichen Sparsamkeit verfahren ist. Wie nämlich die weibliche Ameise, nach der Begattung, die fortan überflüssigen, ja, für das Brutverhältniß gefährlichen Flügel verliert; so meistens nach einem oder zwei Kindbetten, das Weib seine Schönheit; wahrscheinlich sogar aus dem selben Grunde.

Dem entsprechend halten die jungen Mädchen ihre häuslichen, oder gewerblichen Geschäfte, in ihrem Herzen, für Nebensache, wohl gar für bloßen Spaß: als ihren allein ernstlichen Beruf betrachten sie die Liebe, die Eroberungen und was damit in Verbindung steht, wie Toilette, Tanz u. s. w.

Je edler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife. Der Mann erlangt die Reife seiner Vernunft und Geisteskräfte kaum vor dem acht und zwanzigsten Jahre; das Weib mit dem achtzehnten. Aber es ist auch eine Vernunft danach: eine gar knapp gemessene. Daher bleiben die Weiber ihr Leben lang Kinder, sehn immer nur das Nächste, kleben an der Gegenwart, nehmen den Schein der Dinge für die Sache und ziehn Kleinigkeiten den wichtigen Angelegenheiten vor. Die Vernunft nämlich ist es, vermöge deren der Mensch nicht, wie das Thier, bloß in der Gegenwart lebt, sondern Vergangenheit und Zukunft übersieht und bedenkt; woraus dann seine Vorsicht, seine Sorge und häufige Beklommenheit entspringt. Der Vortheile, wie der Nachtheile, die Dies bringt, ist das Weib, in Folge seiner schwächern Vernunft, weniger theilhaft; vielmehr ist derselbe ein geistiger Myops, indem sein intuitiver Verstand in der Nähe scharf sieht, hingegen einen engen Gesichtskreis hat, in welchen das Entfernte nicht fällt; daher eben alles Abwesende, Vergangene, Künftige, viel schwächer auf die Weiber wirkt, als auf uns, woraus denn auch der bei ihnen viel häufigere und bisweilen an Verrücktheit grenzende Hang zur Verschwendung entspringt. Die Weiber denken in ihrem Herzen, die Bestimmung der Männer sei, Geld zu verdienen, die ihre hingegen, es durchzubringen; wo möglich schon bei Lebzeiten des Mannes, wenigstens aber nach seinem Tode. Schon daß der Mann das Erworbene ihnen zur Haushaltung übergiebt, bestärkt sie in dem Glauben. – So viele Nachtheile Dies alles zwar mit sich führt, so hat es doch das Gute, daß das Weib mehr in der Gegenwart aufgeht, als wir, und daher diese, wenn sie nur erträglich ist, besser genießen, woraus die dem Weibe eigenthümliche Heiterkeit hervorgeht, welche sie zur Erholung, erforderlichen Falles zum Troste des sorgenbelasteten Mannes eignet.

In schwierigen Angelegenheiten, nach Weise der alten Germanen, auch die Weiber zu Rathe zu ziehn, ist keineswegs verwerflich: denn ihre Auffassungsweise der Dinge ist von der unsrigen ganz verschieden und zwar besonders dadurch, daß sie gern den kürzesten Weg zum Ziele und überhaupt das zunächst Liegende ins Auge faßt, über welches wir, eben weil es vor unserer Nase liegt, meistens weit hinwegsehn; wo es uns dann Noth thut, darauf zurückgeführt zu werden, um die nahe und einfache Ansicht wieder zu gewinnen. Hiezu kommt, daß die Weiber entschieden nüchterner sind, als wir; wodurch sie in den Dingen nicht mehr sehn, als wirklich da ist; während wir, wenn unsere Leidenschaften erregt sind, leicht das Vorhandene vergrößern, oder Imaginäres hinzufügen.

Aus der selben Quelle ist es abzuleiten, daß die Weiber mehr Mitleid und daher mehr Menschenliebe und Theilnahme an Unglücklichen zeigen, als die Männer: hingegen aber im Punkte der Gerechtigkeit, Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, diesen nachstehn. Denn in Folge ihrer schwachen Vernunft übt das Gegenwärtige, Anschauliche, unmittelbar Reale eine Gewalt über sie aus, gegen welche die abstrakten Gedanken, die stehenden Maximen, die festgefaßten Entschlüsse, überhaupt die Rücksicht auf Vergangenheit und Zukunft, auf Abwesendes und Entferntes, selten viel vermögen.

Demgemäß wird man als den Grundfehler des weiblichen Charakters Ungerechtigkeit finden. Er entsteht zunächst aus dem dargelegten Mangel an Vernünftigkeit und Ueberlegung, wird zudem aber noch dadurch unterstützt, daß sie, als die schwächeren, von der Natur nicht auf die Kraft, sondern auf die List angewiesen sind: daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen. Denn, wie den Löwen mit Klauen und Gebiß, den Elephanten mit Stoßzähnen, den Eber mit Hauern, den Stier mit Hörnern und die Sepia mit der wassertrübenden Tinte, so hat die Natur das Weib mit Verstellungskraft ausgerüstet, zu seinem Schutz und Wehr, und hat alle die Kraft, die sie dem Manne als körperliche Stärke und Vernunft verlieh, dem Weibe in Gestalt jener Gabe zugewendet. Die Verstellung ist ihm demnach angeboren, deshalb auch fast so sehr dem dummen, wie dem klugen Weibe eigen. Von derselben bei jeder Gelegenheit Gebrauch zu machen ist ihm daher so natürlich, wie jenen Thieren, bei Angriff, sogleich ihre Waffen anzuwenden, und empfindet es sich dabei gewissermaßen als seine Rechte gebrauchend. Darum ist ein ganz wahrhaftes, unverstelltes Weib vielleicht unmöglich. Eben deshalb durchschauen sie fremde Verstellung so leicht, daß es nicht rathsam ist, ihnen gegenüber, es damit zu versuchen. – Aus dem aufgestellten Grundfehler und seinen Beigaben entspringt aber Falschheit, Treulosigkeit, Verrath, Undank u. s. w. Der gerichtlichen Meineide machen Weiber sich viel öfter schuldig, als Männer. Es ließe sich überhaupt in Frage stellen, ob sie zum Eide zuzulassen sind. – Von Zeit zu Zeit wiederholt sich überall der Fall, daß Damen, denen nichts abgeht, in Kaufmannsläden etwas heimlich einstecken und entwenden.

Weil im Grunde die Weiber ganz allein zur Propagation des Geschlechts da sind und ihre Bestimmung hierin aufgeht; so leben sie durchweg mehr in der Gattung, als In den Individuen, nehmen es in ihrem Herzen ernstlicher mit den Angelegenheiten der Gattung, als mit den individuellen. Dies giebt ihrem ganzen Wesen und Treiben einen gewissen Leichtsinn und überhaupt eine von der des Mannes von Grund aus verschiedene Richtung, aus welcher die so häufige und fast normale Uneinigkeit in der Ehe erwächst.

Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzheinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit. Mit mehr Fug, als das schöne, könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen. Weder für Musik, noch Poesie, noch bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig Sinn und Empfänglichkeit; sondern bloße Aefferei, zum Behuf ihrer Gefallsucht, ist es, wenn sie solche affektiren und vorgeben. Das macht, sie sind keines rein objektiven Antheils an irgend etwas fähig, und der Grund hievon ist, denke ich, folgender. Der Mann strebt in Allem eine direkte Herrschaft über die Dinge an, entweder durch Verstehen oder durch Bezwingen derselben. Aber das Weib ist immer und überall auf eine bloße indirekte Herrschaft verwiesen, nämlich mittels des Mannes, als welchen allein es direkt zu beherrschen hat. Darum liegt es in der Weiber Natur, Alles nur als Mittel, den Mann zu gewinnen, anzusehn, und ihr Antheil an irgend etwas Anderem ist immer nur ein simulirter, ein bloßer Umweg, d. h. läuft auf Koketterie und Aefferei hinaus.

Sie sind sexus sequior [das geringere Geschlecht], das in jedem Betracht zurückstehende, zweite Geschlecht, dessen Schwäche man demnach schonen soll, aber welchem Ehrfurcht zu bezeugen über die Maßen lächerlich ist und uns in ihren eigenen Augen herabsetzt. Als die Natur das Menschengeschlecht in zwei Hälften spaltete, hat sie den Schnitt nicht gerade durch die Mitte geführt. Bei aller Polarität ist der Unterschied des positiven vom negativen Pol kein bloß qualitativer, sondern zugleich ein quantitativer. – So haben eben auch die Alten und die orientalischen Völker die Weiber angesehen und danach die ihnen angemessene Stellung viel richtiger erkannt als wir mit unsrer altfranzösischen Galanterie und abgeschmackter Weiberveneration, dieser höchsten Blüthe christlich-germanischer Dummheit, welche nur gedient hat, sie so arrogant und rücksichtslos zu machen, daß man bisweilen an die heiligen Affen in Benares erinnert wird, welche, im Bewußtsein ihrer Heiligkeit und Unverletzlichkeit, sich Alles und Jedes erlaubt halten.

Karl Kraus • Der Reim • Ein Essay über das Dichten

Er ist das Ufer, wo sie landen,
sind zwei Gedanken einverstanden. 

Illustration: Idearriba
Illustration: Idearriba

Die Paarung ist vollzogen.

Zwei werden eins im Verständnis, und die Bindung, welche Gedicht heißt, ist so für alles, was noch folgen kann, zu spüren wie für alles, was vorherging; im Reim ist sie beschlossen. Landen und einverstanden: aus der Wortumgebung strömt es den zwei Gedanken zu, sie ans gemeinsame Ufer treibend. Kräfte sind es, die zu einander wollen, und münden im Reim wie im Kuß. Aber er war ihnen vorbestimmt, aus seiner eigenen Natur zog er sie an und gab ihnen das Vermögen, zu einander zu wollen, zu ihm selbst zu können. Er ist der Einklang, sie zusammenzuschließen, er bringt die Sphären, denen sie zugehören, zur vollkommenen Deckung. So wird er in Wahrheit zu dem, als was ihn der Vers definiert: zum Ziel ihrer spracherotischen Richtung, zu dem Punkt, nach dem die Lustfahrt geht. Sohin gelte als Grundsatz, daß jener Reim der dichterisch stärkste sein wird, der als Klang zugleich der Zwang ist, zwei Empfindungs- oder Vorstellungswelten zur Angleichung zu bringen, sei es, daß sie kraft ihrer Naturen, gleichgestimmt oder antithetisch, zu einander streben, sei es, daß sie nun erst einander so angemessen, angedichtet scheinen, als wären sie es schon zuvor und immer gewesen.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Ist diese Möglichkeit einmal gesetzt, so wird der Weg sichtbar, wie es gelingen mag, dem Reim eine Macht der Bindung zu verleihen, die jenseits des bisher allein genehmigten Kriteriums der »Reinheit« waltet, ja vor der solche Ansprüche überhaupt nicht geltend gemacht werden könnten. Denn nicht das Richtmaß der Form, sondern das der Gestalt bestimmt seinen Wert. Den Zwang zum Reim bringt innerhalb der Bindung des Verses nicht jede dichterische Gestaltung, die diese auferlegt, er kann sich aber, wie am Ende einer Shakespeare-Schlegel’schen Tirade gleichsam als das Fazit einer Gedankenrechnung ergeben, worin die Angleichung der dargestellten Sphären ihren gültigen Ausdruck findet. Der ganzen Darstellung förmlich entwunden, dem gegenseitigen Zwang, der zwischen der Materie und dem Schöpfer wirksam ist, lebt er in einer wesentlich anderen Region des Ausdrucks als das äußerliche Spiel, das er etwa in einer dürftigen Calderon-Übersetzung oder gar in einem Grillparzerschen Original vorstellt. Die Notwendigkeit des Reimes muß sich in der Überwindung des Widerstands fühlbar machen, den ihm noch die nächste sprachliche Umgebung entgegensetzt. Der Reim muß geboren sein, er entspringt dem Gedankenschoß; er ist ein Geschöpf, aber er ist kein Instrument, bestimmt, einen Klang hervorzubringen, der dem Hörer etwas Gefühltes oder Gemeintes einprägsam mache. Die gesellschaftliche Auffassung freilich, nach der der Dichter so etwas wie ein Lebenstapezierer ist und der Reim ein akustischer Zierat, hat an ihn keine andere theoretische Forderung als die der »Reinheit«, wiewohl dem praktischen Bedürfnis auch das notdürftigste Geklingel schon genügt. Aber selbst eine Kritik, die über den niedrigen Anspruch des Geschmackes hinausgelangt, ist noch weit genug entfernt von jener wahren Erkenntnis des Reimwesens, für die solches Niveau überhaupt nicht in Betracht kommt. Wenn man den ganzen Tiefstand der Menschheit, über den sie sich mit ihrem technischen Hochflug betrügt, auf ihre dämonische Ahnungslosigkeit vor der eigenen Sprache zurückführen darf, so möchte man sich wohl von einer kulturellen Gesetzgebung einen Fortschritt erhoffen, die den Mut hätte, die Untaten der Wortmißbraucher unter Strafsanktion zu stellen und insbesondere das Spießervergnügen an Reimereien durch die Prügelstrafe für Täter wie für Genießer gleichermaßen gefahrvoll zu machen.

Franz Seraphicus Grillparzer (1791 - 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer Nationaldichter bezeichnet.
Franz Seraphicus Grillparzer (1791 – 1872) war ein österreichischer Schriftsteller, der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. Aufgrund der identitätsstiftenden Verwendung seiner Werke, vor allem nach 1945, wird er auch als österreichischer  Nationaldichter bezeichnet.

Entnehmen wir dem Reim »landen – einverstanden« das Reimwort »standen« als solches, wobei wir uns denken mögen, daß es als abgeschlossene Vorstellung den Sinn eines Verses erfülle. In dem Maß der Vollkommenheit, wie hier die äußere Paarung (landen – standen) in Erscheinung tritt, scheint die innere zu mangeln, die das tiefere Einverständnis der beiden Gedanken voraussetzt. Im Bereich der schöpferischen Möglichkeit – jenseits einer rationalen Aussage, die sich mit etwas Geklingel empfehlen läßt – wird kaum ein Punkt auftauchen, wo »landen« und »standen« Gemeinschaft schließen möchten. Doch nicht an der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten, welche in der äußeren Übereinstimmung umso stärker hervortritt, soll die Minderwertigkeit eines Reimes dargetan sein. Vielmehr sei fühlbar gemacht, wie durch die Verkürzung des zweiten Reimworts, gerade durch eine Präzision, die den reimführenden Konsonanten mit dem Wortbeginn zusammenfallen läßt, das psychische Erlebnis, an dem der Reim Anteil hat, verkümmert wird. Widerstandslos gelangt der Reim zum Ziel der äußeren Deckung, hier, wo jede Reimhälfte isoliert schon bereitsteht, sich der anderen anzuschmiegen. Wie lieblos jedoch vollzieht sich dieser Akt! Denn es ist ein erotisches Erfordernis, daß eine der beiden Hälften sich von ihrer sprachlichen Hülle erst löse oder gelöst werde, um die Paarung zu ermöglichen, hier die zweite, die von der reimwilligen ersten angegangen und genommen wird. Dieser, der auf die Wortenergie angewiesenen, obliegt es, das Hindernis zu überwinden, das ihr jene durch eine Verknüpfung mit ihrer sprachlichen Region entgegenstellt. Man könnte gleicherweise sagen, daß die Liebe keine Kunst ist und die Kunst keine Liebe, wo nichts als ein vorübergehendes Aneinander erzielt wird. Setzen wir den Reim »landen« und »sich fanden«, so wäre schon ein Widerstand eingeschaltet, dessen Überwindung dem Vorgang eine Lebendigkeit zuführt, die das Reimwort »fanden« als solches in der Berührung mit »landen« entbehrte. Nun ermesse man erst den Zuschuß, der erfolgt, wenn die eine Reimhälfte mit einer Vorsilbe, gar mit zweien behaftet oder mit einem zweiten Wort , verbunden ist. Welch einen Anlauf hat da die andere zu nehmen, um trotz der Hemmung solcher Vorsetzungen zum Reimkörper selbst zu gelangen! Welche »Kraft« stößt, ungeachtet der Leiden, an »Leidenschaft«! Nur dort, wo die gedankliche Deckung der Sphären schon im Gleichmaß der Reimwörter vollzogen ist, wie bei »landen – stranden«, muß aus der Wortumwelt nicht jene Fördernis erwartet werden, die der Reim dem Hindernis, dem Zwang zur Eroberung verdankt, wiewohl auch hier ein »landet – gestrandet« als der stärkere Reim empfunden werden mag und es sonst erst aller rhythmischen Möglichkeit und umgebenden Wortkraft bedürfen wird, um der gefälligen Glätte entgegenzuwirken, die das Ineinander der Reimpartner gefährdet. Wem es eine Enttäuschung bereiten sollte, zu erfahren, daß Angelegenheiten, von denen er bisher geglaubt hat, sie würden von einer »Inspiration« besorgt, dem nachwägenden Bewußtsein, ja der Willensbestimmung zugänglich sind, dem sei gesagt, daß ein Gedicht im höchsten Grade etwas ist, was »gemacht« werden muß, (es kommt von »poiein«); wenngleich es natürlich nur von dem gemacht werden kann, der »es in sich hat«, es zu machen. Man mag sich sogar dazu entschließen, man braucht keiner andern Anregung ein Gedicht zu verdanken als dem Wunsch, es zu machen, und innerhalb der Arbeit können dann jedes Wort hundert Erwägungen begleiten, zu deren jeder weit mehr Nachdenken erforderlich ist als zu sämtlichen Problemen der Handelspolitik. Sollte es wirklich vorkommen, daß ein Lyriker barhaupt in die Natur stürzen muß, um seinen Scheitel ihren Einwirkungen auszusetzen und eigenhändig erst den Falter zu fangen, den er besingen will, so hätte er diesen umgaukelt, er wäre ein Schwindler, und ich würde mich außerdem verpflichten, ihm auch den Trottel in jeder Zeile nachzuweisen, die durch solche Inspiration zustandegekommen ist.

Betrachten wir weiter den Fall, von dem als einem Beispiel und Motto diese Untersuchung ausgeht – wobei wir ganz und gar den Sinngehalt des einzelnen Reimworts ausschalten wollen –, so würde also das Höchstmaß der äußeren Deckung: landen – standen den den niedrigsten Grad der dichterischen Leistung vorstellen, den höheren: landen – verstanden, den höchsten: landen – einverstanden, weil eben hier mit einem durch den Silbenwall gehemmten und mithin gesteigerten Impetus das Ziel der Paarung erreicht wird; weil der Reim einen stärkeren Anlauf nehmen mußte, um stärker vorhanden zu sein. Er mußte sich sogar den Ton der Stamm- und eigentlichen Reimsilbe erobern, der auf die erste der beiden Vorsilben abgezogen war, und es bleibt eine geringe Diskrepanz zurück, dem Ohr den Einklang reizvoll vermittelnd: nicht unähnlich dem ästhetischen Minus, das dem erotischen Vollbild zugute kommt, ja von dem allein es sich ergänzen könnte. Das Merkmal des guten Reimes ist nebst oder auch jenseits der formalen Tauglichkeit zur Paarung die Möglichkeit der Werbung. Sie ist in der wesentlichen Bedingung verankert: vom Geistigen her zum Akt zu taugen. Denn die Deckung der Sphären muß mit der der Worte so im Reim vollzogen sein, daß er auch losgelöst von der Wortreihe, die er abschließt, das Gedicht zu enthalten scheint oder die aura vitalis des Gedichtes spüren läßt. Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als das Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen. Die zwei Gedanken müssen so in ihm einverstanden sein, daß sie aus ihm in den Vers zurückentwickelt werden könnten. Herz – Schmerz, Sonne – Wonne: dergleichen war ursprünglich ein großes Gedicht, als die verkürzteste Form, die noch den Gefühls- oder Anschauungsinhalt einschließen kann. Wie viel sprachliches Schwergewicht müßte nunmehr vorgesetzt sein, um dem Gedanken die Befriedigung an solchem Ziel zu gewähren! Doch eben an der Banalität des akustischen Ornaments, zu dem das ursprüngliche Gedicht herabgekommen ist, gerade am abgenützten Wort kann sich die Kraft des Künstlers bewähren: es so hinzustellen, als wäre es zum ersten Male gesagt, und so, daß der Genießer, der den Wert zum Klang erniedrigt hat, diesen nicht wiedererkennt. Die Vorstellung, daß der Reim in nichts als im Reim bestehe, ist die Grundlage aller Ansicht, die die lesende und insbesondere – trotz ihren tieferen Reimen – die deutschlesende Menschheit von der Lyrik hat. Er ist ihr in der Tat bloß das klingende Merkzeichen, das Signal, damit eine Anschauung oder Empfindung, eine Stimmung oder Meinung, die sie ohne Schwierigkeit als die ihr schon vertraute und geläufige agnosziert, wieder einmal durchs Ohr ins Gemüt eingehe oder in die Gegend, die sie an dessen Stelle besitzt. Da Kunst ihr überhaupt eine Übung bedeutet, die nicht nur nichts mit einer Notwendigkeit zu schaffen hat, sondern eine solche geradezu ausschließt – denn sie möchte dem Aufputz ihrer »freien« Stunden auch nur die Allotria seiner Herstellung glauben –, so vermag sie vor allem dort nicht über formale Ansprüche hinauszugelangen, wo hörbar und augenscheinlich die Form dargebracht ist, um ihr das, was sie ohnehin schon weiß, zu vermitteln: am Reim. Wie der Philister den letzten Lohn der erotischen Natur entehrt und entwertet hat, so hat er auch die Erfüllung des schöpferischen Aktes im Reim zu einem Zeitvertreib gemacht. Wie aber der wahrhaft Liebende immer zum ersten Male liebt, so dichtet der wahrhaft Dichtende immer zum ersten Mal, und reimte er nichts als Liebe und Triebe. Und wie der Philister in der Liebe ästhetischer wertet als der Liebende, so auch in der Dichtung ästhetischer als der Künstler, den er mit seinem Maße mißt und erledigt. Daraus ist die Forderung nach dem »reinen Reim« entstanden, die unerbittliche Vorstellung, daß das Gedicht umso besser sei, je mehr’s an den Zeilenenden klappt und klingt, und der Hofnarr des Pöbels umso tüchtiger, je mehr Schellen seine Kappe hat, bei noch so ärmlichem Inhalt dessen, was darunter ist.

Das erotische Prinzip

Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).
Illustration zu Lenore von Frank Kirchbach (1896).

In dieser Vorstellung hat das erotische Prinzip der Überwindung des Widerstandes zum Ziel der Gedankenpaarung keinen Raum. Da gilt nur das äußere Maß und eben diesem, welches fern aller Wesenheit bloß nach dem Schall gerichtet ist, wird auch der Mißreim genügen. Umgekehrt wird die Erfassung des Reims als des Gipfels der Gedankenlandschaft zwar auch dem verpönten »unreinen Reim« solche Eignung zuerkennen, aber umso hellhöriger alles abweisen, was nur so klingt wie ein Reim, oder klingen möchte, als wäre es einer. Und solche Sachlichkeit darf auch vor den Lakunen eines Dichtwerks, und wäre es das größte, nicht haltmachen. Wie wenige deutsche Ohren werden das Geräusch vernommen haben, womit der Mephistopheles seinen dramatisch so fragwürdigen Abgang vollzieht und worin die Torheit, die seiner sich am Schluß »bemächtigt« – mit einer Kläglichkeit des Ausdrucks, die fast der Situation gerecht wird – einer Erfahrenheit antwortet, die sich »beschäftigt« hat. Wenn das teuflische Mißlingen hier nur durch einen Mißreim veranschaulicht werden konnte, so wäre solches immerhin gelungen. Doch ließe sich das Kapitel der Beiläufigkeiten, mit denen dichterische Werte besät sind und deren jede ein Kapitel der Sprachlehre rechtfertig würde, in der deutschen Literatur gar nicht ausschöpfen. Beträchtlich in diesem Zusammenhange dünkt mir die Erscheinung eines Dichters wie Gottfried August Bürger, der außer starken Gedichten eine ungereimt philiströse Reimlehre geschrieben hat – welche als literarhistorisches Monstrum dem polemischen Unfug Grabbes gegen Shakespeare an die Seite gestellt werden kann –, nebst dieser Theorie aber auch wieder Reime, die es mit seinen abschreckendsten Beispielen aufzunehmen vermögen. Von irgendwelcher gedanklichen Erfassung des Problems weit entfernt und mit einer Beckmesserei wütend, die ziemlich konsequent das Falsche für richtig und das Richtige für falsch befindet, begnügt er sich, die »echt hochdeutsche Aussprache« als das Kriterium des Reimwertes aufzustellen. Somit dürfe sich nicht nur, nein, müsse sich Tag auf sprach, Zweig auf weich, Pflug auf Buch, zog auf hoch reimen. Welcher Toleranz jedoch sein Ohr fähig war, geht daraus hervor, daß er den Mißreim des gedehnten und des geschärften Vokals zwar tadelt, aber, wo es ihm darauf ankommt die Ungleichheit der Schlußkonsonanten zu verteidigen, das Beispiel »Harz und bewahrt’s« als tadellosen Reim gelten läßt (anstatt hier etwa »Harz und starrt’s« heranzuziehen). Nachdem er aber »drang und sank« in die Reihe de »angefochtenen Reime« gestellt hat, »deren Richtigkeit zu retten« sei, erklärt er kaum eine halbe Seite später, »am unrichtigsten und widerwärtigsten« seien die Reime g auf k und umgekehrt, und nimmt da als Beispiel: »singt und winkt«. Wozu wohl gesagt werden muß, daß, wenn der grundsätzliche Abscheu vor solchen Reimen schon eine unvermutete Ausnahme der Sympathie zuläßt, diese doch weit eher dem Präsens-Fall gebührt als dem andern, weil dort die Gleichheit der Schlußkonsonanten den Unterschied von g und k deckt, während er bei »drang« und »sank« offen und vernehmbar bleibt. Wird doch vorn feineren Gehör selbst der zwischen lang (räumlich, sprich lank) und lang‘ (zeitlich, sprich lang) empfunden und eben darum, wo die Form »lange« nicht vorgezogen wird, durch den Apostroph bezeichnet: die Bank, auf die ich etwas schiebe, reimt sich also auf lang, solang‘ sie die Metapher bleibt, der die räumliche Vorstellung zugrunde liegt; sie ließe sich jedoch, in die Zeitvorstellung aufgelöst, nicht so gut auf lang‘ reimen (höchstens im Couplet, wo die Musik die Dissonanz aufhebt, oder zu rein karikaturistischer Wirkung wie bei Liliencron: »Viere lang, zum Empfang«). Auf lang reimt sich Bank, auf lang‘ bang. Ist es also schon ein Mißgriff, den Reim »drang und sank« zu empfehlen, so ist es völlig unbegreiflich, daß er als die Ausnahme von einer Unmöglichkeit gelten soll, die ein paar Zeilen weiter mit dem durchaus möglichen »dringt und sinkt« belegt wird. Das Wirrsal wird noch dadurch bunter, daß der Reimtheoretiker neben solches Beispiel als gleichgearteten Fehler das Monstrum »Menge und Schenke« setzt und neben dieses wieder den zweifellos statthaften Reim »Berg und Werk«. Dafür ergeben ihm, in anderem Zusammenhang, »Molch und Erfolg« eine tadellose Paarung zweier Vorstellungswelten, deren Harmonie ihm offenbar so prästabiliert erscheint, daß er den Schritt vom Molch zum Erfolch vielleicht auch dann guthieße,wenn die Aussprache ihm ein besonderes Opfer auferlegte. (Wiewohl mit jenem ein Dolch oder ein Strolch, im Sinne des Strengen mit dem Zarten oder des Starken und des Milden, einen bessern Klang gäbe.) Doch während er eben für das »g« auf dem echt hochdeutschen »ch« besteht und solchen phonetischen Problemen zugewendet ist, macht er sich über eine innere Disposition des Worts zum Reim, also über das worauf es ankommt, nicht die geringsten Gedanken, und wenn ich mich bei einer Methode, der nur das entscheidend ist, worauf es nicht ankommt: das nebensächlich Selbstverständliche oder das ungewichtig Unrichtige, überhaupt aufhalte, so geschieht es, um an dem Exempel eines Dichters die allgemeine Unzuständigkeit des Denkens über den Reim anschaulich zu machen. Wie dieser Bürger, so denkt jeder Bürger über die Dichtkunst, ohne doch gleich ihm ein Dichter zu sein. Er hat natürlich ganz recht mit der Meinung, daß der Reim des gedehnten und des geschärften Vokals keiner sei. Wenn aber »Harz« und »bewahrt’s«, so unbequem sie es schon von der Natur ihrer Vorstellung aus haben, zu einander finden können, dann möchte man doch fragen, warum »so unrein und widerwärtig als möglich« Fälle wie »schwer und Herr«, »kam und Lamm« sein sollen. Und vor allem, wieso denn eine Widerwärtigkeit, die sich ergibt, »wenn man geschärfte Vokale vor verdoppelten Konsonanten und gedehnte vor einfachen aufeinander klappt«, unter anderen Beispielen durch solche darzustellen wäre wie: »siech und Stich«, »Fläche und bräche«, »Sprache und Sache«. Wo ist da bei aller Unterschiedenheit im Vokal die zwischen einem verdoppelten und einem einfachen Konsonanten? Aber von diesem Wirrwarr abgesehen und von unserm guten Recht, hier die Reimmöglichkeit zu verteidigen, beweist insbesondere der Versuch, »Sprache und Sache« als einen Fall von Unreinheit und Widerwärtigkeit hinzustellen, nichts anderes als die Weltenferne, in der sich solche Doktrin vom Wesentlichen einer Sphäre hält, die sich hier schon im Material des gewählten Beispiels beziehungsvoll erschließt. Denn man dürfte wohl nicht leugnen können, daß zwischen Sprache und Sache eine engere schöpferische Verbindung obwaltet als zwischen »Harz und bewahrt’s« (Reimpartner, denen nachgerühmt wird, daß sie für jedes deutsche Ohr »vollkommen gleichtönend« seien), ja als zwischen Molch und Erfolch. Und beinahe möchte ich vermuten, daß es im Kosmos überhaupt keinen ursächlicheren Zusammenhang gibt als diesen und auch keinen anderen Fall, wo gerade die leichte vokalische Unstimmigkeit den vollen Ausdruck dessen bedeutet, was als Zwist und Erdenrest einer tiefinnersten Beziehung, eines Gegeneinander und zugleich Ineinander vorhanden bleibt und einen Reim, der von Urbeginn da ist, noch im Widerstreit der Töne beglaubigt. Die strengste Verpönung des vokalischen Mißreims wird bei nur einigermaßen gedanklicher Anschauung eben diesen Ausnahmsfall zulassen und ihn nicht mit dem Schnelligkeitsmesser in der Hand in die Reihe der Mißbildungen wie »schämen und dämmen«, »treten und beten« verweisen. Aber Bürger, der das Gesetz, daß g wie ch auszusprechen sei, als Grundlage der Reimkunst statuiert ist im Vokalischen unerbittlich und will sogar naturhafte Verbindungen wie »Tränen und sehnen«, »sehnen und stöhnen«, »Blick und Glück« höchstens als »verzeihliche Reime« gelten lassen. Warum er jedoch in dieser Reihe auch an »Meer und Speer« Anstoß nimmt, ist wieder rätselhaft. »Ein Dichter von feinem Ohr«, sagt er, werde »zumal in denjenigen lyrischen Gedichten, worin es auf höchste Korrektheit angesehen ist, sich erst nach allen Seiten hin drehen und wenden, und nur dann nach solchen Reimen greifen, wenn gar kein Ausweg mehr vorhanden zu sein scheint«. Trotz allem Anteil, den ich dem Wollen und Erwägen an der Erschaffung des Verses einräume und wiewohl ich es für die eigentliche Aufgabe des Dichters halte, sich nach allen Seiten des Wortes hin zu drehen und zu wenden, so möchte ich mir den Prozeß doch weniger mechanisch, weniger als den einer Ansehung auf höchste Korrektheit vorstellen, vielmehr glauben, daß die Formgebundenheit zwar kein Mißlingen verzeihlich und keine Relativität begreiflich macht, daß aber der scheinbar und von außen gesehn minderwertige Reim dem Gesetz der gleichen Notwendigkeit folgt wie alles andere und daß sich eben Blick auf Glück und Tränen auf sehnen selbst dann reimen müßten, wenn sie es nicht dürften und nicht an und für sich unbedenkliche Reime wären. Aber Beispiele für mangelnden Wohlklang sind diesem Onomatopoieten, Wortmaler, Dichter des »Wilden Jägers« und Vortöner Liliencrons plötzlich wieder Reime wie »ächzen und krächzen« (wo doch der Mißklang der Reimwörter keinen Mißklang des Reimes ergibt), und in derselben Kategorie »horcht und borgt« (wiewohl man ja »borcht« sagen muß und es an anderer Stelle ausdrücklich verlangt wird), und dann ein Reim – einen bessern findst du nicht – wie »nichts und Gesichts«. »Die Gesetze wenigstens des feineren Wohlklangs« erscheinen ihm beleidigt durch männliche Reime wie »lieb und schrieb«, wenn sie allzunahe beieinander vorkommen, und in ebensolchem Falle durch weibliche wie »heben und geben«, »lieben und trieben«, »loben und toben«; denn ein wichtiges Erfordernis des Wohlklanges sei »Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten«. Da kann man nur die Inschrift auf dem Teller zitieren, den man in deutschen Hotelportierlogen häufig angebracht sieht: »Wie man’s macht, ist’s nicht recht«, ohne daß einem gesagt würde, wie man’s recht machen soll, insbesondere um die Mannigfaltigkeit der Schlußkonsonanten bei weiblichen Reimen herbeizuführen. Dagegen zeigt sich der Unerbittliche befriedigt von Reimen auf »bar, sam, haft, heit, keit, ung«: an ihnen – nämlich als männlichen Reimsilben, welche »voll betont sein müssen« – sei »in dieser Rücksicht nichts auszusetzen«, also wenn sich etwas auf Erfahrenheit reimt – aber nicht etwa Zerfahrenheit, was insbesondere in diesem Zusammenhang ein richtiger Reim wäre, sondern zum Beispiel: »Tapferkeit«. (Was schon fast an die französische Allreimbarkeit hinanreicht, und in Bürgers »Lenore« reimen sich sogar Verzweifelung und Vorsehung.) Weniger taugen ihm die Ableitungssilben »ig« und »ich«, noch weniger »en« (das wäre allzu französisch) : so sind ihm »Huldigen und Grazien für männliche Reime nicht tönend genug«. Eine Einsicht, die ihn freilich nicht gehindert hat, gerade diese beiden Wörter für tauglich zu halten, sich in der »Nachtfeier der Venus« auf einander männlich zu reimen.

Sie wird thronen; wir Geweihte
Werden tief ihr huldigen.
Amor thronet ihr zur Seite,
Samt den holden Grazien.

Georges Seurat - Sitzende Frau mit Regenschirm - 1884/85
Georges Seurat – Sitzende Frau mit Regenschirm – 1884/85

Wie man da überhaupt zu einem »männlichen Reim« kommen kann, ist unvorstellbar, aber Bürger hat sogar nichts dagegen, daß man »Tapferkeit und Heiterkeit« reime, und vielleicht hat er es irgendwo getan. Mit nicht geringem Selbstbewußtsein findet, er nach all dem: »es täte not, daß das meiste«, was er da vom Reim gesagt habe, »Tag für Tag durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin sowohl den deutschen Dichtern als auch den Dichter- und Reimerlingen zugerufen würde. Wie? Auch den Dichtern? Jawohl!« Denn es ärgere weit mehr, »wenn ein so guter Dichter, als z. B. Herr Blumauer, ein so nachlässiger Reimer ist«, als wenn es sich um einen ausgemachten Dichterling handle. Von der gleichen Empfindung für einen weit größeren Dichter beseelt, hätte diesem ein kritischer Zeitgenosse eine Reimtheorie vorhalten müssen, wenngleich nicht die von Gottfried August Bürger, an die er sich leider doch zuweilen gehalten hat. Nur zu begreiflich die Bescheidenheit, mit der er sie »Kurze Theorie der Reimkunst für Dilettanten« betitelt. Es dürfte der perverseste Fall in der Literaturgeschichte sein, daß ein wirklicher Dichter wie ein Schulfuchs, dem die Trauben des Geistes zu sauer sind, von diesen redet, völlig ahnungslos, in Aussprechschrullen verbohrt (vom »Achton« und »Ichton« des ch, den das g habe) und auf allen falschen Fährten pedantisch. Ernsthaft spricht er, wenngleich ablehnend, von einem »Vorschlag«, der gemacht worden sei, »wegen unserer Armut an Reimen bloß ähnlich klingende Reimwörter gutzuheißen«, und im Allerformalsten bleibt er mit der Erkenntnis befangen, daß »dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, auch das Kleinste keine Kleinigkeit ist«. Nur ein Schimmer einer naiven Ahnung vom Wesentlichen taucht auf, wenn er mahnt, abgebrauchte Reime wie Liebe, Triebe, Jugend, Tugend zwar zu meiden, »ohne jedoch hierin gar zu ängstlich zu sein. Die Schönheit des Gedankens muß man darüber nicht aufopfern«. Es könne »sehr oft mit sehr alten und abgedroschenen Reimen ein sehr neuer und schöner Gedanke bestehen, und wenn dies ist, so vergißt man des abgenutzten Reimes völlig«. Hie ist immerhin an das Geheimnis gerührt, dessen Enthüllung ergeben würde, daß es auf nichts von dem ankommt, was da durch ein Sprachrohr nach allen zweiunddreißig Winden hin den Dichtern hätte beigebracht werden sollen und was hoffentlich kein Radio nachholen wird: weil das Problem eben darin liegt, daß zwar noch immer Liebe und Triebe ein Gedicht machen können, aber nicht die Grazien, denen wir huldigen.

Grazienreime

Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts
Ferdinand Max Bredt: Im Baudoir. Entblößte Grazie vor einem Paravent posierend aus unserer Rubrik: Gemälde des 19. Jahrhunderts

Einen Verdruß wie über Herrn Blumauer kann man, wie gesagt, Bürger nachempfinden, und selbst über noch bessere Dichter. Derartige Grazienreime sind ja die Schillerlocke einer ganzen »ersten Periode«, geradezu die Geistestracht des Stadiums, wo sich »zitterten« auf »Liebenden« reimt und »Segnungen« auf »Wiedersehn«. Daneben ist es schon ein Ohrenschmaus, wenn sich »Blüten« zu »hienieden« findet und dergleichen mehr, was Bürger auf das mißachtete, von der »echt hochdeutschen Aussprache« abweichende Schwäbisch hätte zurückführen müssen, wenn er es sich nicht selbst geleistet hätte. Dort gehen »Werke« von geringer dichterischer Höhe und »Berge« von Pathos eine Paarung ein, an der der Theoretiker Bürger freilich sogar im SinguIar Anstoß nimmt. Aber noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philisterium seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«. Und gleich daneben finden sich doch, wieder zwischen Plattheiten, die herrlichen Verse von den dreimal dreißig Stufen, auf denen der Pilgrim nach der steilen Höhe steigt. (dessen Reim auf »erreicht« hier gar nicht stört und Bürgers Ansprüche befriedigt), und so etwas wie die Gestaltung des Drachenkampfes: »Nachbohrend bis ans Heft den Stahl«. Doch was reimt sich nicht alles im »Faust«, was sich nicht reimt! Nicht außen und, schlimmer, nicht innen. Um es darzutun, bedürfte es keineswegs einer so schwierigen Untersuchung wie der des »Faust-Zitats« (‚hohe Worte machen – Lachen‘), die ich einmal vorgenommen habe. Doch jene andere, durch die Zusammenziehung der Präposition fragwürdige Stelle, von der damals die Rede war, wird gern unvollständig zitiert, nämlich: »Vom Rechte, das mit uns geboren«. Und zwar mit dem Recht, das derjenige hat, der die Stelle nicht genau kennt und der wohl einen durchaus organischen Reim auf »verloren« angeben würde, wenn man ihn nach dem Wortlaut befragte. Der Vers lautet aber: »… das mit uns geboren ist«, und den Reim bildet nicht etwa ein voraufgehendes »verloren ist«, sondern die Vorzeile geht männlich aus:

Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.

Nun wäre hier zwar eine Deckung der Sphären »geboren« und »Enkel« gegeben, aber sie tragen zum Reime nichts bei, welcher vielmehr im völlig äußerlichen Einklang des Hilfszeitworts mit dem leeren Zeitwort besteht. Wohl wären in einer Antithese von Wesenheiten auch »bist«und »ist« reimkräftig, hier haben jedoch die Reimpartner überhaupt keine andere Funktion als die, ihren Vers grammatisch abzuschließen. »bist« enthält noch etwas, aber im »ist« hat kein Gedanke Raum. Dichterisch entsteht ein weit größerer Defekt als durch den Mißklang der Reimlosigkeit: wenn etwa »geboren ward« stünde. Es ist einer jener unzähligen, auch bei Klassikern nicht seltenen Fälle, wo die Überflüssigkeit des Reims durch die Erkenntnis handgreiflich wird, daß er keiner Notwendigkeit entspringt, ja der trügerische Klang bereitet dem Gehör, das die Vorstellung der Wortgestalt vermittelt, ein ärgeres Mißbehagen als wenn die Stelle bloß äußerlich leer geblieben wäre. Das Recht, das eine falsche Reimtheorie auch dem »guten Dichter« gegenüber betont, darf eine, die auf das Wesen dringt, vor dem besten nicht preisgeben, und Goethe selbst, der im »Faust« wie das All auch die eigene sprachliche Welt von der untersten bis zur höchsten Region umfaßt, hätte aus dieser in die Beiläufigkeiten nicht mehr zurückgefunden, worin ein Nebeneinander von Sinn und Klang etwa das Zitat, aber nicht die Gestalt sichert. Von solchen Beispielen hätte Helena in jener bedeutenden Szene, wo der Reim als ein Vor-Euphorion der Wortbuhlschaft entspringt, ihn nimmer gelernt. Wie erschließt sich dort – »die Wechselrede lockt es, ruft’s hervor« – sein innerstes Wesen!

Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen,
Und hat ein Wort zum Ohre sich gesellt,
Ein andres kommt, dem ersten liebzukosen.

Und diese Liebe macht den Vers, und dann ist auf die Frage der Helena

»So sage denn, wie sprech‘ ich auch so schön?«

auch gleich der Reim da:

»Das ist gar leicht, es muß vom Herzen gehen.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –«
»Wer mitgenießt.«

Und sie lernt es, bis sich an seine Frage, wer dem »Pfand« der Gegenwart Bestätigung gibt, der unvergleichliche Ton der Liebe schmiegt: »Meine Hand«. Aber ihr Ohr ist erfüllt von dem unerhörten Erbieten des Lynkeus, der mit den Worten davonstürmt.

Vor dem Reichtum des Gesichts
Alles leer und alles nichts

also mit eben dem großartigen Reim, den Bürger als ein Beispiel in der Reihe derer anführt, die »nicht für wohlklingend geachtet werden können«, weil sie »sich zu weit von dem reinen Metallton entfernen«, indem »der Vokal durch die Menge der über ihn her stürzenden Konsonanten erstickt wird«. Solche Laryngologenkritik hat jenes Beispiel ja nicht erlebt, wo die Erstickung des Vokals durch die über ihn her stürzenden Konsonanten die Gewalt des Reims bedingt, die in dem ganzen Lynkeus-Gedicht hörbar wird als der reine Metallton der Liebespfeile,von denen Faust sagt:

Allwärts ahn‘ ich überquer
Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum.

Könnte es denn eine absolute Ästhetik des Reimes geben, abgezielt auf die Klangwürdigkeit dessen, was sich zwischen Rachen, Gaumen und Lippe begibt und was doch, möchte es an und für sich noch so »unrein« wirken, in die so ganz anders geartete Tonwelt des Kunstwerkes eingeht? Und ergibt sich nicht als das einzige Kriterium des Reims: daß der Gedanke in ihm seine Kraft bewährt bis zu dem Zauber, den an und für sich leeren Klang in einen vollen, den unreinen und in einen reinen zu verwandeln? So sehr, daß der Reim als die Blüte des Verses noch abgepflückt für das Element zeuge, dem er entstammt ist. In dem Sinne nämlich, daß das Gedicht auf seiner höchsten Stufe den Einklang der gedanklichen Sphären im Reim mindestens ahnen lassen wird. Ein Schulbeispiel für das Gegenteil bei vollster lautlicher Erfüllung bildet ein Reim Georges in einem auch sonst verunglückten Gedicht (»Der Stern des Bundes«):

Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen
Der boden wieder schwoll für frische saat
Mit kränzen heimwärts zogen mann und maat:
Hat schon im schönsten gau das fest begonnen

Philipp Veit - Germania - 1834-1836
Philipp Veit – Germania – 1834-1836

Von allem orthographischen und interpunktionellen Hindernis abgeschen: nur lesbar und syntaktisch zugänglich, wenn man sich die Imperfekta der Mittelverse – welche unmöglich von »nachdern« abhängen könnten – als eingeschaltete Aussage zwischen Gedankenstrichen denkt. Aber welch einen Mißreim bedeutet dieses »Maat« (Schiffsmaat, Gehilfe); welche Überraschung für die Saat, die doch von Natur höchstens auf Mahd gefaßt wäre. Wie wenig sind hier die zwei Gedanken einverstanden und wie anschaulich fügt sich das Beispiel in das Kapitel der Beiläufigkeiten, »mit denen dichterische Werte besät sind«. Und wie blinkt dieser Reim doch vor Reinheit! Ein ästhetisches Gesetz wäre dem Vorgang der Schöpfung, der im poetischen Leben kein anderer ist als im erotischen – und wundersam offenbart sich diese Identität eben in der Wortpaarung zwischen Faust und Helena –, eben nicht aufzuzwingen. Etwas anderes ist es, von den Kräften auszusagen, die da am Werke sind; und ganz und gar ohne den Anspruch, sie dort, wo sie nicht vorhanden, verleihen zu können. Der Nutzen einer solchen Untersuchung kann füglich nur darin bestehen, daß den Genießern des Dichtwerks der Weg zu einer besseren Erkenntnis und damit zu einem Genuß höherer Art gewiesen wird. Und der Einblick in das, was im Gedankenraum der gebundenen Sprache das Wort zu leisten vermag, wird sich gewiß einer Betrachtung des Reimes abgewinnen lassen als der Form, die in Wahrheit den Knoten des Bandes und nicht die aufgesetzte Masche bedeutet.

Die Dichtungsart

Wenn wir Lyrik nicht dem Herkommen gemäß als die Dichtungsart auffassen, die die Empfindung des Dichters zum Ausdruck bringt – was doch jeder literarischen Kategorie vorbehalten bleibt –, sondern als die unmittelbarste Übertragung eines geistigen Inhalts, eines Gefühlten oder Gedachten, Angeschauten oder Reflektierten, in das Leben der Sprache, als die Gabe, das Erlebnis in der andern Sphäre so zu verdichten, als wäre es ihr eingeboren, so wird sie alle Gestaltung aus rein sprachlichen Mitteln vom Liebesgedicht bis zur Glosse umfassen. Einmalig und aus dem Vor-Vorhandenen geschöpft ist jede echte Zeile, die in diesem Bereich zustande kommt, aber nicht dem Rausch (welcher vielleicht die Grundstimmung ist, die den Dichter von der Welt unterscheidet), sondern dem klarsten Bewußtsein verdankt sie die Einschöpfung ins Vorhandene. Und zwar in dem Grade der Bindung, die ihr Rhythmus und Versmaß auferlegen, deren eigenste Notwendigkeit zu ergreifen doch vorweg nur dem geistigen Plan gelingt. Andere Sprünge als den einen, den die Rhodus-Möglichkeit gewährt, versagt die gebundene Marschrichtung des Verses. Je stärker die Bindung, desto größer die sprachliche Leistung, die innerhalb der gegebenen Form – und die »neue« ist immer nur der Ausweg des Unvermögens – den psychischen Inhalt bewältigt. Der Verdacht einer rein technischen Meisterung auf Kosten des sprachlichen Erlebnisses wächst mit der Kompliziertheit der Form, während die Enge des Rahmens die wahre Bindung bedeuten wird, in der sich ein originaler Inhalt entfaltet. In dieser Hinsicht kann ein »Gstanzl« kunstvoller als eine Kanzone sein. Wenn eine meiner zahlreichen Zusatzstrophen zur Offenbach’schen Tirolienne lautet:

Ungleichheit beschlossen
hat die Vorsehung wohl.
Nicht alle Genossen
hab’n a Schloß in Tirol.

so ist in die Nußschale von 24 Silben mit dem Zwang zum Doppelreim die ihm entsprechende Gegensätzlichkeit einer ganzen Sphäre eingegangen, und die große Schwierigkeit solcher Gestaltung liegt noch in dem Erfordernis, daß sie von der Leichtigkeit der Form verdeckt sei. Eine Erleichterung, die von der Musik ohneweiters verantwortet würde, wäre jene hier wie sonst übliche Beschränkung der Reimkorrespondenz auf den zweiten und den vierten Vers, welche mir aber dermaßen widerstrebt, daß ich auch die Grundstrophe mit dem typischen Text, der doch nur den Anlaß zu lustigem Geblödel und Gejodel bietet:

Mein Vater is a Schneider
A Schneider is er,
Und wann er was schneidert,
So is’s mit der Scher‘

durch die so naheliegende Wendung verbessert habe:

Und macht er die Kleider.

Ohne die musikalische Unterstützung jedoch empfinde ich den Vierzeiler, der erst in der Schlußzeile die Vergewisserung der Harmonie bringt, förmlich als die Beglaubigung jenes Dilettantismus, der von Heine ins Ohr der deutschen Menschheit gesetzt wurde, und seine satirische Leier als ein Geräusch, weit unerträglicher als der Gassenhauer, der im Hof gespielt wird, während man Musik macht. Mithin ganz als die, die hier gemeint ist:

Mißtönend schauerlich war die Musik.
Die Musikanten starrten
Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich
Die Adler der Standarten.

Es wäre ja in den meisten dieser Fälle – besonders in »Deutschland, ein Wintermärchen« – auch kein Gedicht, wenn es durchgereimt wäre. Aber hin und wieder hinkt sogar der eine Reim, auf den diese ganze rhythmisch geförderte Witzigkeit gestellt ist, wie das von mir schon einmal hervorgehobene Beispiel dartut:

Von Köllen bis Hagen kostet die Post
Fünf Taler sechs Groschen preußisch.
Die Diligence war leider besetzt
Und ich kam in die offene Beichais‘.

Selbst wenn man also aus irgendeinem unerfindlichen dialektischen Grund »preußesch« sagen dürfte, hätte die Beischäs dermaßen geholpert, daß ihrem Passagier gar ein »preuscheß« nachklang. (Akustisch etwas plausibler wird der – nur in einer berühmten Satire mögliche – Reim: »Wohlfahrtsausschuß – Moschus«, zwar nicht durch einen Mauschus, aber immerhin durch einen Oschuß.) Wenn’s ebener geht und der Reim glückt, ist er in seiner Vereinzelung doch nur die Schelle, mit der die Post nach Deutschland läutet und zu der sich dem Reisenden, wie heute zum Geratter der Eisenbahn, eine Melodie einstellen mochte. Ich verbinde mit solchen Versen mehr noch als die akustische eine gymnastische Vorstellung, eine, die ich der Erfahrung verdanke, daß wenn man im Finstern eine Treppe hinuntergeht, die letzte Stufe immer erst die vorletzte ist. In der Heine-Strophe (deren Vorbild geschicktere Nachahmer entfesselt hat) glaubt man in der dritten Zeile auf festen Reim zu treten, tritt darum ins Leere und kann sich sehr leicht den Versfuß verstauchen. Wenn’s gut abgeht, ist man nach der vierten Zeile angenehm überrascht. Da sich jedoch immer von neuem diese Empfindung einstellt, so stellt sich auch die einer lästigen Monotonie ein, welche von der Durchreimung eines satirischen Kapitels keineswegs zu befürchten wäre, weil der Reim dann eher als Ausdrucksmittel wirkte, als Selbstverständlichkeit und nicht immer wieder als Draufgabe auf eine skandierte Prosa. So aber erweist er nicht nur seine Überflüssigkeit, sondern auch seinen Mangel. Denn was sich da vor jedem sonstigen Eindruck dem Leser aufdrängt, ist das Gefühl, daß der Verfasser sich’s noch leichter gemacht habe, als er’s ohnedies schon hatte. Ist das Reimen nur eine Handfertigkeit, dann zeigt sich dies vollends an der geringeren Leistung. Und umsomehr dann, wenn von Gnaden des Zufalls plötzlich doch ein Reim hineingerät, der das System verwirrt und den Leser erst recht auf das aufmerksam macht, was der Verfasser sonst nicht getroffen hat.

König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große, goldne Kron‘.

Mit aller Dürftigkeit im vorhandenen und im nichtvorhandenen Reim fast etwas Geschautes – das sich dann leider in die Schäkerei fortsetzt von den Kavalieren, die die Kälber sind und sich, da sie den dritten Vers füllen, nicht auf die Schafe reimen, welche bloß Schmeichler sind. Dann vollends niedlich, aber doch durchgereimt:

Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh‘,
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.

Warum geht’s denn jetzt? Gewiß, dieser Reim, der sich per Zufall gefunden hat, ist – im Gegensatz zu Küh‘ und Musici – nicht einmal unorganisch; umso organischer der Mangel, ihn nur ausnahmsweise eintreten zu lassen, da doch gerade in diesem Gedicht die Kontrastelemente des Landschaftlichen und des Höfischen, so billig die Erfindung sein mag, durchaus den Wechselreim erfordern würden und erlangen müßten. Abgesehen von der Ungerechtigkeit einer Weltordnung, in der die Kühe Kammermusiker, während die Kälber Kavaliere sind, und weggehört von einem Konzert, das die Vögel, deren Flöten doch nur eine Metapher sind, mit den Kühen aufführen müssen, die wirkliche Glöcklein haben, freut man sich, diese zu hören, denn sie sind ein unerwarteter Einklang mit den Böcklein, welche, ausgerechnet, Hofschauspieler sein dürfen. Im weiteren aber bleibt man wieder nur auf den Schlußreim angewiesen, den man umso lieber gleichfalls entbehren möchte. Ja, durch eine Entfernung dieses Aufputzes ließe sich die sprachdünne Strophe im Nu kräftigen. Man mache einmal den Versuch und setze statt des Endreims ein beliebiges Wort zur Ergänzung des Verses, selbst ohne Rücksicht darauf, ob es dem Sinn gemäß wäre, und die reimlose Strophe hat schon etwas von einem Gesicht und Gedicht. (Nur soll man es nicht gerade mit dem Kehrreim in »Deutschland« versuchen: ‚Sonne, du klagende Flamme!‘, der, wenngleich bloß »der Schlußreim des alten Lieds«, hier doch dichterisch empfunden und verbunden ist.) Wenn ich solchen Eingriff ohne Rücksicht auf den Inhalt empfehle, so spreche ich freilich als einer, der es vermag und gewohnt ist, die Sprachkraft und Echtbürtigkeit eines Verses jenseits der Erfassung des Sinns, den ich geflissentlich wegdenke, zu beurteilen, fast aus dem graphischen Bild heraus. Heines Reim schließt einen Sinn ab, kein Gedicht.

Worte in Versen

Man wird es vielleicht doch nicht als eitel auslegen, daß ich unweit von Beichais‘ und Moschus mich selbst zitiere, aber es kann sehr wohl eine Reimlosigkeit geben, die eben als solche Gestalt hat, und die drei einleitenden Gedichte des VII. Bandes der »Worte in Versen« sind Beispiele für die verschiedenartige, immer stark hervortretende Funktion einer ungereimten (letzten) Strophenzeile. In dem Gedicht »Die Nachtigall« betont und sichert sie, an den Wechsetreim anschließend, den Vorrang der Vögel vor den Menschen:

Ihr Menschenkinder, seid ihr nicht Laub,
verweht im Wald,
ihr Gebilde aus Staub,
und vergeht so bald!
Und wir sind immer.

Diese Gegenüberstellung ist durch zwei weitere Strophen (»Wir weben und wissen«, »Wir lieben Verliebte«) fortgeführt, bis, entscheidend, nur noch der Vorrang – schließlich auch vor den Göttern – zum Ausdruck gelangt, immer aber dank der Besonderheit des letzten, hinzutretenden Verses, der die Besonderheit, der Erscheinung zusammenfaßt. In »lmago« ist solche Absonderung durch den Nichtreim vom ersten zum vierten Vers bewirkt:

Bevor wir beide waren,
da haben wir uns gekannt,
es war in jenem Land,
dann schwand ich mit dem Wind.

Hier ist der Nichtreim die Gestalt dieses Schwindens: »und immer war ich fort«, »ich gab mich überall«, »die Welt hat meinen Blick«. Dann dient er dem Kontrast, die Bindung an eben diesen Verlust zu bezeichnen (welchem Wechsel auch die begleitende Melodie gerecht wird):

In einen Hund verliebt,
in jede Form vergafft,
mit jeder Leidenschaft
ist mir dein Herz verbunden.

Von da an bleibt die Isolation eben diesem Verbundensein vorbehalten: »und nennest meinen Namen«, »in deinem Dank dafür«, um endlich sein Beharren bis zur Verkündung der Schöpferkraft zu steigern:

Und reiner taucht mein Bild
aus jeglicher Verschlingung,
wie du aus der Durchdringung
der Erde steigst empor.

In »Nächtliche Stunde«, wieder absondernd, gehört die ungereimte letzte Zeile dreimal der Vogelstimme, die das Erlebnis der Arbeit über die Stufen der Nacht, des Winters und des Lebens begleitet:

Nächtliche Stunde, die mir vergeht,
da ich’s ersinne, bedenke und wende,
und diese Nacht geht schon zu Ende.
Draußen ein Vogel sagt: es ist Tag.

Seine Stimme ist die Eintönigkeit: widerstrebend dem Einklang. Der erlebten Monotonie ist die des Ausdrucks gemäß, die nur die bange Steigerung zuläßt: »Draußen ein Vogel sagt: es ist Frühling«, »Draußen ein Vogel sagt: es ist Tod«. Man ermesse aber die ungewollte Monotonie, den Greuel einer Ödigkeit, die entstünde,wenn in diesem Gedicht die Schlußzeile in einem Reim auf »vergeht« abwechselte. Doch vor der Möglichkeit solcher Abwechslung sichert es der durchwaltende Wille, hier nur wiederholen und nicht einklingen zu lassen; der einzige Reim, aus dem es besteht, dreimal gesetzt: »wende – Ende« gibt die ganze Trübnis des Gedankens, welcher die Dissonanz: Tag, Frühling, Tod – entspricht. Indem es dreimal dieselbe Strophe ist, an der sich nichts verändert als die einander entgegengestellten Zeitmaße von Nacht zu Tod, ist eine solche Einheit von Erlebnis und Sprache erreicht, eine solche Eintönigkeit aus dem Motiv heraus, daß nicht nur der Gedanke Form geworden scheint, sondern die Form den Gedanken selbst bedeutet.

Erlebte Eintönigkeit

Georg Trakl
Georg Trakl

Hat hier also die erlebte Eintönigkeit ihre Gestalt gefunden, so bewirkt die Reimlosigkeit innerhalb der epigrammatischen Strophe eine Monotonie, die der vorgestellten Gegensätzlichkeit alle Kraft des Eindrucks nimmt. Der Vers ist eine Welt, die ihre Gesetze hat, und die Willkür, die in ihr schaltet, hebt mit den Gesetzen die Welt auf. Mit der reimlosen dritten Zeile läßt sie sie in das Nichts vergehen. Der Dilettant ist des Zwanges ledig, dem sich der Künstler unterwirft, um ihn zu bezwingen: das Ergebnis wird hier freier und müheloser sein als dort. Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, schlechte Verse zu machen. Wenn ich für solche Vorstellung Heine anführe, den für seine Folgen verantwortlich gemacht zu haben, mir eben diese nicht verzeihen können, so beziehe ich mich auf sein Typisches, das die Ausnahme derjenigen (späten) Gedichte selbstverständlich macht, in denen nicht die klingende Begleitung eines Sentiments oder Ressentiments ins Gehör, sondern ein wortdichter Ausdruck des Erlebnisses ins Gefühl dringt. In der typischen und populären Heinestrophe, welche ich gegen eine Welt des journalistischen Geschmacks für die Pandorabüchse des Kunstmißverstandes und der Sprachverderbnis erkläre, ist der Reim so wenig gewachsen wie der Nichtreim, jener überflüssig und dieser nur notwendig aus Not. Er ließe sich verheimlichen durch die Zusammenlegung je zweier Verse zu einer Langzeile, in der die Cäsur den Nichtreim ersetzt: die geistige Gestalt würde sich durch solchen Eingriff, der an Organischem unmöglich wäre, kaum verändern, aber die Leier, die diese Form so geläufig macht, auch wenn’s bloß einmal dazu klingelt, ginge verloren. Wie zwischen Trochäus und Jambus, Daktylus und Anapäst nicht der Zufall entscheidet, so bestimmt er auch nicht die Vers-Einteilung. Man versuche die hier empfohlene Operation an meinen Versen »Traum«, die ich mit dem Selbstbewußtsein, das kunstkritische Untersuchungen sachlich fördert (so anstößig es, im sozialen Leben sein mag), nun der Heinestrophe entgegenstelle, weil sie das Beispiel sind für eine organische Möglichkeit, die dritte Zeile reimlos zu gestalten. Denn eben dieser Mangel ist hier Gestalt:

Stunden gibt es, wo
mich der eigne Schritt
übereilt und nimmt
meine Seele mit.

Dieser kurze Schritt übereilt den Läufer so, daß er den aufhaltenden Reim nicht brauchen könnte, er jagt jenen fiebrig in der Welt des Traums als eines vorlebendigen Lebens, durch alle Wirrsale und Seligkeiten von Kindheit und Liebe. Es ist alles jäh, unvermittelt, abgehackt, durch die Vereinigung je zweier Kurzzeilen wäre dieses Tempo aufgehoben und der Vers vernichtet; denn seine Wirksamkeit besteht darin, daß hinter ihm keine Cäsur steht, sondern ein Abgrund, über den er hinüberjagt. Dagegen wäre wieder das Gedicht »Jugend« mit einem reimlosen dritten Vers ein unvorstellbares Gerassel; eine der Schwingen wäre gebrochen, auf denen der Flug in das Erlebnis der Kindheit geht. Diese Funktion des Reims oder Nichtreims darf natürlich nicht so verstanden werden, daß sie an jeder Strophe nachweisbar sein muß. Eine Unterbrechung der Linie, ausdrucksmäßig schon gesichert, läßt nicht etwa einen plötzlichen Wechsel des Ausdrucks zu. Gerade die Hast, die im »Traum« tätig ist, gibt einem Innehalten die vollere Anschauung:

Staunend stand ich da
und ein Bergbach rinnt
und das ganze Tal
war mir wohlgesinnt.

In der langen Dehnung dieses Tals (mit allen umgebenden »a«) ist fast der Reim auf »da« bewirkt, der in anderer sprachlicher Landschaft wirklich eintreten müßte. Dann geht es wieder rapid:

Und der Wind befiehlt,
damit leichtbeschwingt
alles in der Luft
heute mir gelingt.

»Immer heißer wird’s« nun auf dieser Bahn, bis sie in den Ruhepunkt mündet:

Wär‘ mein Tag vorbei!
Wieder umgewandt
kehrt‘ ich aus der Zeit
in das lichte Land.

Noch in die Ruhe tönt es von dem eiligen Schritt.

Die Kraft des Reimes

rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw - 1906
rainer-maria-rilke-fotografiert von george bernard shaw – 1906

Und hier ist auch ein Beispiel für die Kraft des Reimes, zu dem zwei Partner von ungleicher Quantität gepaart sind: umgewandt – Land. (»Quantität« nicht als Lautmaß: der Silbenlänge oder -kürze, sondern als Maß der Größe des Reimwortes.) Nur daß es hier der erste Partner ist, der sich von der Fessel der Vorsilben lösen muß, um die Paarung zu ermöglichen. Aber können wir uns ihn als den aktiven Teil vorstellen und daß der andere sich dem schon geschwächten Partner ergebe? Aus dem Phänomen der Einheit, das der Reim bedeutet, wird die erotische Tendenz auch in umgekehrter Richtung vorstellbar; man erkennt, daß die Eroberung immer von dem Teil ausgeht, der begrifflich stärker erfüllt ist. In dem Beispiel also, mit dem die Untersuchung einsetzt, vom ersten Gedanken: »landen«, hier aber (wo es, in der Tat »umgewandt« ist) vom zweiten: »Land«. Hier ist es die Vorzeile, die die stärkere Belastung, die Nachzeile, die das größere Gewicht hat. Selbstherrlich wirkend, hat sie so viel Atem und Widerstand zwischen den Worten, daß sich das letzte nicht so leicht ergeben würde: darum kommt, anders als im ersten Beispiel, ihr die Eroberung zu. Wie immer sich nun die Kräfte messen, um sich in den Reim zu ergeben, so wird ersichtlich, daß entweder der äußeren Quantität eine innere gegenübersteht oder daß der Unterschied auch bloß innerhalb dieser zur Geltung kommen kann. Den Widerstand, dessen Überwindung die Reimkraft nährt, wird sie nicht bloß dem Unterschied der sichtbaren, sondern auch dem der wägbaren Quantitäten verdanken. Er kann auch dem isolierten Reimkörper anhaften, vermöge der gedanklichen Stellung, die das Wort im Vers behauptet, und gemäß dem schöpferischen Element der Sprache, das nicht allein im Wort, sondern auch zwischen den Worten lebendig ist und die »sprachliche Hülle« noch aus dem Ungesprochenen webt. Echte Wortkraft wird, jenseits der äußeren Quantität, die glückliche Reimpaarung auch dort erreichen, wo sonst nur Gleichartigkeit ins Gehör dränge. Am vollkommensten aber muß die Wirkung sein, wo innere und äußere Fülle ins Treffen geraten, mag man nun hier oder dort den Angriff erkennen. Die metrische Terminologie unterscheidet in einem äußerlichen Sinn und fern von jeder Ahnung einer Erotik der Sprachwelt zwischen männlichen und weiblichen Reimen. Angewendet auf die eigentlichen Geschlechtscharaktere, die die Gedankenpaarung ergeben, würde diese Einteilung jeweils die Norm eines gleichgeschlechtlichen Verkehrs bezeichnen. Natürlicher wäre die ganz andere Bedeutung, daß ein männlicher und ein weiblicher Vers das Reimpaar bilden, jener, dem die innere, und dieser, dem die äußere Fülle eignet. Ein anschauliches Beispiel für solches Treffen – von der rückwirkenden Art wie bei »umgewandt, Land« – bietet eine jener guten, manchmal leider nur beiläufig fortgesetzten Strophen Berthold Viertels (der mit Schaukal, später mit Trakl und Janowitz zu den heimischen Lyrikern gehört, die durch Zeilen wertvoller sind, als die beliebteren durch Bücher). Es war eine schöpferische Handlung, dem Gedicht »Einsam« drei Strophen zu nehmen und nur diese erste, die das Gedicht selbst ist, in der Sammlung »Die Bahn« stehen zu lassen:

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist,
Ist es schwer nachhause zu gehn,
Wo viermal die starre Wand ist
Und die leeren Stühle stehn.

Wie starr steht hier, innerhalb der ganzen aus dem geringsten Inventar bezogenen Vision, viermal endlos, diese Wand: dem zu Ende gebrannten Tag entgegen! Schließlich fügen sich die Welten in den Reim wie der Heimkehrende in den Raum, wo das Grauen wartet. Wie ist hier alles Schwere des Wegs bewältigt und alles Leere am Ziel erfüllt. Die Fälle in der neueren Lyrik sind selten, wo sich die Wirkung so an den eigentlichsten Mitteln der Sprache nachweisen läßt. Hätte Nietzsche die Anfangsstrophe seines Krähengedichts von den folgenden befreit und gar von dem Einfall, den Wert durch Wiederholung zu entwerten, es wäre ein großes Gedicht stehen geblieben.

Das von einer Nährung der Reimkraft durch den Widerstand, durch die Möglichkeit von Werbung und Eroberung Gesagte wird wohl vorzüglich für die unmittelbare Paarung zu gelten haben, welche durch das äußere Gleichmaß der Reimkörper leicht zu einer glatten und schalen Lustbarkeit wird. Im Wechselreim ist dank dem Dazwischentreten des fremden Verses, der wieder auf seinen Partner wartet, diese Gefahr verringert. Gleichwohl wird auch hier und immer die Deckung der verschiedenen Quantitäten (oder Intensitäten) das stärkere Erlebnis bewirken, und auch da wird etwa die vokalische Abwegigkeit, die der Umlaut bietet, zur Lustvermehrung des Gedankens dienen, welcher nun einmal »es in sich« hat, trotz allen Normen der Sitte und Ästhetik seine Natur zu behaupten; denn wie nur ein Erotiker formt er sich das Bild der Liebe nach der Vorstellung und weil er die Vorstellung selbst ist, so hat er noch näher zu ihr. Der »unreine Reim« – die Hände ihm zu reichen, schauert‘s den Reinen – wird für die Ächtung durch den Gewinn entschädigt sein und dem »Blick«, der ihn strafend trifft, stolz sein »Glück« entgegenhalten. Der Reimphilister (unerbittlicher als der Reim-Bürger, der in glücklichen Stunden seiner eigenen Strenge vergaß) stellt Forderungen, die in der Welt der Dichtung nicht einmal gehört werden können, obgleich sie nichts als Akustisches enthalten. »Menge – enge« darf gelten, doch »Menge – Gedränge«, an und für sich schon ein Gedicht, weniger. »Sehnen und wähnen« weniger als »sehnen und dehnen«, »Ehre und Leere« eher als »Ehre und Chimäre«. Der Reimbund »zwei und treu« wird erst in der Leierei anerkannt, die eine so volle begriffliche Deckung entstellt:

Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!

Frank Wedekind
Frank Wedekind

Von der Funktion der Widerstandssilbe weiß man vollends nichts: davon, daß sich der Reim in dem Maße der Verschiedenheit dessen verstärkt, was dem Reim angegliedert ist. Diesseits aller schöpferischen Unerschöpflichkeit, diesseits dessen, was nicht ermeßbar ist, ließe sich, soweit Geistiges sich der Quantität selbst entnehmen läßt, vielleicht ein Schema aufstellen. Da wäre der Reim am stärksten, wenn das isolierte Reimwort der einen Zeile dem komplizierten der andern entspricht: Halt und Gewalt. (Oder das komplizierte dem komplizierteren: Gewalt und Vorbehalt.) Schwächer im Gleichmaß der isolierten Reimwörter: Halt und alt. Noch schwächer im Gleichmaß der komplizierten: Gehalt und Gestalt (oder: Vollgehalt und Mißgestalt). Am schwächsten, wenn sich bereits die Vorsilben reimen: behalt und Gestalt. Denn je selbständiger sich beiderseits der Klang der Vorsilbe macht, umsomehr Kraft entzieht er dem Reim. Im stärksten Fall dient die Vorsilbe dem Reimwort, dem sie alle Kraft aufspart, da sie sich selbst an kein Gegenüber zu vergeben hat. Fehlt sie, so ist der Reim auf sich allein angewiesen. Ist sie da wie dort vorhanden, so wird ihm umsomehr entzogen, je reimhafter sie selbst zu ihrem Gegenüber steht. Ein Wortspiel, das in der Prosa noch ein Witz ist, erfährt im Vers eine klangliche Abstumpfung, die den Witz aufhebt. Erzählte etwa jemand, die menschlich saubere Persönlichkeit des österreichischen Bundespräsidenten sei irgendwo beim Händedruck mit einem Finanzpiraten beobachtet worden, und würde daraus ein Epigramm, so könnte der starke Kontrast der Sphären den Reim ergeben: »Hainisch – schweinisch«, also einen Einfall, der in der Prosa gewiß keine sonderliche Kraft hätte. Dagegen würde eine Gegenüberstellung: »Hainisch – Haifisch« einen Witz als dürftigen Reim zurücklassen. Gegen das Spiel der betonten Vorsilben kann sich der Reim nicht halten. Die Verödung tritt aber auch im sogenannten männlichen Reim ein, der als solcher die Tonkraft bewahrt. »Unternimmt – überstimmt«, »übernimmt – überstimmt«: je analoger der Vorspann, auch wenn er den Ton nicht völlig abzuziehen vermag, umsomehr entwertet er den Reim. Wird die Ähnlichkeit der Vorsilbe gar zum Vorreim, so tritt eine solche Schwächung des Reims ein, daß sie zur Lähmung führen kann, indem die Reime einander aufheben. Das wird anschaulicher werden an der Entwicklung bis zu dem peinlichen Reim der zusammengesetzten Wörter, der in der Witzpoesie eine so große Rolle spielt. Am stärksten: Gestalt – Hochgewalt; schwächer: Dichtgestalt – Hochgewalt; noch schwächer: Dichtgestalt – Dichtgewalt; am schwächsten: Dichtgestalt – Richtgewalt. Oder: Gast – Sorgenlast; schwächer: Gast – Last; noch schwächer: Erdengast – Sorgenlast; am schwächsten: Morgengast – Sorgenlast. Der Zwillingsreim ist von altersher, dem Ohr und Humor widerstrebend, Element der gereimten Satire; wohl auch seit Heine, bei dem es von Monstren wie »Dunstkreis – Kunstgreis«, »Walhall-Wisch – Walfisch« wimmelt. Leider hat Wedekind, dessen Sprache der leibhaftigste Feuerbrand ist, in den Papier aufgehen konnte, diesen Reimtypus, welchen ich den siamesischen nennen möchte, wenngleich doch nicht ohne plastischere Wirkung, übernommen:

Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Heinrich_Heine-Oppenheim
Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Und gar: »Viehmagd – nie plagt« (unmöglich, dem »plagt« den ihm zukommenden Ton zu retten), »niederprallt – widerhallt« (der männliche Reim macht es möglich), »weine und – Schweinehund«, »Tugendreiche – Jugendstreiche«. Besser wäre der einheitliche Viersilbenreim: Tugendreiche – Jugendreiche; nimmt man ihn als Doppelreim, so wirkt die Gefolgschaft, die jeder der zweiten Reimkörper erhält, fördernd wie sonst der Vortrab, der zu einem der beiden stößt: Reiche – Jugendstreiche. Schwächer wäre: Reiche – Streiche, noch schwächer. Tugendreiche – Mädchenstreiche, und am schwächsten ist eben die Form des Originals »Tugendreiche – Jugendstreiche«, wo der Doppelreim doppelt paralysierend wirkt. Die Teile heben einander aus den Angeln, ehe jeder zu seinem Gegenüber gelangt, und es ist in der Konkurrenz der Tonkräfte kaum möglich, auch nur einem der Paare zu seinem Recht zu verhelfen. Dieser Doppelmißreim ist nicht etwa die Zusammensetzung des Reims mit einem Binnenreim, der eine stärkende Funktion hat. Er gleicht vielmehr einer Vorstufe zu jenem »Schüttelreim«, der sein Spiel völlig außerhalb der dichterischen Zone treibt, aber als die sprachtechnische Möglichkeit, die er vorstellt, durch die deutliche Wechselbeziehung der Konsonanten den Reimklängen doch ein gewisses Gleichmaß der Wirkung sichert. Ein (nur von Musik noch tragbarer) Mißreim ist ferner der zweier Fremdwörter: kurieren – hofieren, weil sich auch in solchem Fall, der die leerste Harmonie darbietet, eine begriffliche Parallelleistung vollzieht, bevor der Reim eintritt, der dann nur in der Gleichartigkeit der Fremdwort-Endung beruht: der reimführende Konsonant hat nicht dieselbe Geltung wie im deutschen Wort. (Auch hier in abschreckendster, kneiphumoriger Ausprägung bei Heine, zumal im Namengereime wie »Horatius« auf »Lumpacius« – in einer Strophe, die sich über den Reim bei Freiligrath lustig macht – und »Maßmanus«, nämlich der lateinsprechende Maßmann, auf »Grobianus«. Anders und karikaturhafte Gestalt geworden, in der Nachbildung des Geschniegelten und Gebügelten, der Sphäre, die das Fremdwort als Schmuck trägt, bei Liliencron: »Vorne Jean, elegant«.) Umso stärker der Reim, wenn ein Fremdwort mit einem deutschen gepaart wird: führen – kurieren; in welchem Beispiel freilich noch das Mißverhältnis der Quantitäten fördernd hinzukommt wie bei regen – bewegen, eilen – verweilen. Ein Notausgang ist der sogenannte »reiche Reim«, von welchem Bürger im allgemeinen mit Recht meint, daß er eher der armselige heißen sollte, freilich nicht ohne selbst von ihm reichen Gebrauch zu machen:

Hilf Gott, hilf! Sich uns gnädig an!
Kind, bet‘ ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!

Oder schlimmer, weil benachbart:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach nein! – doch laß die Toten!«

Und wieder:

Graut Liebchen auch vor Toten?
»Ach! Laß sie ruhn, die Toten !«

»Wenn es die Umstände erfordern«, sagt Bürger, wohl im Bewußtsein solcher Lücken, »daß einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen komme, so ist nichts billiger, als daß er auch mit ebendemselben Worte bezeichnet werde«. Solches dürfen aber die Umstände nie erfordern, weil sie sonst auch alles andere erfordern könnten, wie daß etwa plötzlich anderes Versmaß oder Prosa eintrete. Was die Umstände erfordern, hat freilich zu geschehen und zu entstehen, aber innerhalb der künstlerischen Gesetzlichkeit, die die Umstände erfordert. Wenn einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, so ist dies eben die Schuld der zwei Verse, und dann gewiß »nichts billiger«, als ihn mit demselben Wort zu bezeichnen. Was aber an das Ende zu stehen kommen muß, ist nicht einerlei Begriff, sondern die Kongruenz der zweierlei Begriffe. Der »reiche Reim«, der keineswegs durch ein Versagen der Gestaltungskraft gerechtfertigt wird, den aber sie selbst erfordern könnte, vermag recht wohl auch die Kongruenz zum Ausdruck zu bringen. Der Ruf an Euphotion:

Bändige! bändige,
Eltern zu Liebe,
Überlebendige
Heftige Triebe!

offenbart nicht nur die Verjüngung des ältesten, sondern auch den Reichtum desjenigen Reims, der nur ein reicher ist. Dank Umlaut und Silbenvorspann, dank der unvergleichlichen Übereinstimmung der Sphären, in denen Gewalt und Kraft leben, wird hier die Gleichheit des reimführenden Konsonanten, wird die Reimlosigkeit gar nicht gespürt. Es ist durch dichterische Macht ein Ausnahmswert der Gattung: im Lebendigen erscheint das, was zu bändigen, förmlich enthalten und entdeckt. Der »reiche Reim« wird also gerade nur dort gut sein, wo nicht einerlei Begriff dasselbe Wort verlangt, sondern zweierlei sich zu ähnlichen Wörtern finden, deren gleicher Konsonant dem vokalischen Einklang nicht die Reimkraft nimmt. Vielleicht ist Bürgers Entschuldigung eine Verwechslung mit dem sehr erlaubten Fall, wo allerdings einerlei Begriff in zwei Versen an das Ende zu stehen kommt, aber aus dem Grunde, weil einerlei Begriff beide ganz und gar erfüllt – mit dem Fall, wo die gewollte Gleichheit des Gedankeninhalts die Verse selbst gleichlautend oder doch gleichartig macht. Das dürfen sie sein und reimen dann stärker als mit einem Reim. Ein solcher Fall kommt gleichfalls in der »Lenore« vor:

Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum‘ und Hecken!
Wie flogen links und rechts und links
Die Dörfer, Städt‘ und Flecken!

Das ist – da es so und nicht anders weitergeht – namentlich durch die Variation »und rechts« ungemein stark, stärker als es etwa ein Reim mit »ging’s« und stärker als es ein Nichtreim (etwa: »rechts und links und rechts«) wäre. Ein Vers könnte aber zu stärkster Wirkung auch völlig gleichlautend wiederholt sein, wie etwa bei Liliencron das alle Lebensstadien begleitende Gleichnis:

Es jagt die Schwalbe weglang auf und nieder.

Hier wäre kein Reim denkbar außer dem der Identität, dem innern Reim auf »immer wieder«, dem Kehrreim einer ewigen Wiederkehr.

Doch mehr noch als Identität, mehr selbst als der Übereinklang des echten Reimes kann der eingemischte Nichtreim dem dichterischen Wert zustatten kommen. Von allen Schönheiten, die zu dem Wunder vom »Tibetteppich« verwoben sind (welches allein EIse Lasker-Schüler als den bedeutendsten Lyriker der deutschen Gegenwart hervortreten ließe), ist die schönste der Schluß:

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916
Stanislaus Stückgold: Else Lasker-Schüler 1916

Der vorletzte Vers, dazwischentretend, hat nirgendwo in dem Gedicht, das sonst aus zweizeilig gereimten Strophen besteht, seine Entsprechung. Wie durch und durch voll Reim ist aber dieses »wohl«, angeschmiegt an das »schon«, süßes Küssen von Mund zu bunt, von lange zu Wange vermittelnd. Auf solche und andere Werte ist einst in einer verdienstvollen Analyse – von Richard Weiß in der Fackel Nr. 321/322 – hingewiesen worden, mit einer für jene Zeit (da zu neuem Aufschluß der Sprachprobleme wenig außer der Schrift »Heine und die Folgen« vorlag) gewiß ansehnlichen Erfassung der Einheit in Klang- und Bedeutungsmotiven, wenngleich vielleicht mit einer übertreibenden Ausführung der Lautbeziehungen, die im Erspüren einer Gesetzmäßigkeit wohl auch der Willkür des Betrachters Raum gab. Achtungswert aber als der Versuch, in jedem Teile den lebenden Organismus darzustellen und zu zeigen, wie »in jeder zufälligst herausgegriffenen Verbindung der mathematische Beweis höchster notwendiger Schönheit nur an der Unzulänglichkeit der Mathematik scheitern könnte«. Vielleicht auch an der Unzulänglichkeit des Kunstwerks, wenn der Autor diesen Versuch mit einem Gedicht von Rilke unternommen hätte, mit welchem er Else Lasker-Schüler verglich. Während bei ihr – in den männlichsten Augenblicken des Gelingens – zwischen Wesen und Sprache nichts unerfüllt und nichts einem irdischen Maß zugänglich bleibt, so dürfte die zeitliche Unnahbarkeit und Unantastbarkeit von Erscheinungen wie Rilke und dem größeren George – mit Niveaukünstlern und Zeitgängern wie Hofmannsthal und gar Werfel nicht zu verwechseln – doch keinem kosmischen Maß erreichbar sein. Else Lasker-Schüler, deren ganzes Dichten eigentlich in dem Reim bestand, den ein Herz aus Schmerz gesogen hatte, ist aber auch der wahre Expressionist aller in der Natur vorhandenen Formen, welche durch andere zu ersetzen jene falschen Expressionisten am Werk sind, die zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten. Trotz einer Stofflichkeit unter Sonne, Mond und Sternen (und mancher Beiläufigkeit, die solches Ausschwärmen begleitet), ist ihr Schaffen wahrhaft neue lyrische Schöpfung; als solche, trotz dem Sinnenfälligsten, völlig unwegsam dem Zeitverstand. Und wie sollte, wo ihm zwischen dem Kosmos und der Sprache keine Lücke als Unterschlupf bleibt, er anders als grinsend bestehen können? Selbst ein Publikum, das meine kunstrichterliche Weisung achtet und lyrischer Darbietung etwas abgewinnen kann, sitzt noch heute ratlos vor dieser Herrlichkeit wie eben vor dem Rätsel, das die Kunst aus der Lösung macht.

Im Wort die Welt erschaffen ist

Wie könnten aber solche Werte, wie könnte das Befassen mit ihnen den Leuten eingehen, die zu der Sprache keine andere Beziehung haben, als daß sie verunreinigt wird, weil sie in ihrem Mund ist! Sie in solchem Zustand als das höchste Gut aus einem zerstörten Leben zu retten – trotz allen greifbareren Notwendigkeiten, die es nicht mehr gäbe, hätte der Mensch zur Sprache, zum Sein zurückgefunden –, ist die schwierigste Pflicht: erleichtert durch die Hoffnung, daß der Kreis derer immer größer wird, die sich durch solche Betrachtungen angeregt, ja erregt und belebt fühlen. Es ist Segen und Fluch in einem, daß solchen Denkens, wenn es einmal begonnen, kein Ende ist, indem jedes Wort, das über die Sprache gesprochen wird, deren Unendlichkeit aufschließt, handle es nun von einem Komma oder von einem Reim. Und mehr als aus jedem anderen ihrer Gebiete wäre aus eben diesem zu schöpfen, wo die Fähigkeit der Sprache, gestaltbildend und -wandelnd, am Gedanken wirkt wie die Phantasie an der Erscheinung, bis, immer wieder zum ersten Mal, im Wort die Welt erschaffen ist. In solcher Region der Naturgewalten, denen wirkend oder betrachtend standzuhalten die höchste geistige Wachsamkeit erfordert, muß jeder Anspruch vor dem ästhetischen gelten; denn die formalen Erfordernisse, auf die es dieser absieht, betreffen beiweitem nicht den Klang, der dem Gedanken von Natur eignet und den ihm ein die Sphäre erfüllendes und noch in der Entrückung beherrschendes Gefühl zuweisen wird. Der Reim als die Übereinstimmung von Zwang und Klang ist ein Erlebnis, das sich weder der Technik einer zugänglichen Form noch dem Zufall einer vagen Inspiration erschließt. Er ist mehr »als eine Schallverstärkung des Gedächtnisses, als die phonetische Hilfe einer Äußerung, die sonst verloren wäre«; er ist »keine Zutat, ohne die noch immer die Hauptsache bliebe«. Denn »die Qualität des Reimes, der an und für sich nichts ist und als eben das den Wert der meisten Gedichte ausmacht, hängt nicht von ihm, sondern durchaus vom Gedanken ab, welcher erst wieder in ihm einer wird und ohne ihn etwas ganz anderes wäre«. Aber lebt er einmal im Gedicht, so ist es, als ob er noch losgelöst dafür zeugte. Ich könnte, was er alles vermag, was er alles ist und nicht ist, stets wieder nur mit jenen Reimen sagen, von denen man nun – um das Landen der Einverstandenen herum – alle behandelten Arten des Reims, sofern er einer ist, ablesen kann; und deren jeder man die begriffliche Deckung zugestehen wird: daß er nicht Ornament der Leere, des toten Wortes letzte Ehre, daß er so seicht ist und so tief wie jede Sehnsucht, die ihn rief, daß er so neu ist und so alt wie des Gedichtes Vollgestalt. Und daß dem Wortbekenner das Wort ein Wunder und ein Gnadenwort ist. Denn »reimen« – bekannte ich – »kann sich nur, was sich reimt; was von innen dazu angetan ist und was wie zum Siegel tieferen Einverständnisses nach jenem Einklang ruft, der sich aus der metaphysischen Notwendigkeit worthaltender Vorstellungen ergeben muß«.

trennlinie2

Quelle: Der Reim – Karl Kraus – Gesammelte Werke in drei Bänden – Band 3 – Verlag Volk und Welt 1971

Richard von Schaukal • Über das Wesen des Buches & die Buchkunst • Essay

Richard von Schaukal Ξ Das Buch Ξ Ein Essay

I. Wesen 

book-863418_1280_BonnYbbxHeut, in der Ära des »Buchschmuckes« – Gott verdamm ihn! – Klage zu erheben über das Äußere neuer Bücher, mag manchem einigermaßen paradox, wenn nicht gar ungerecht erscheinen. Dennoch ist es einem zärtlichen Liebhaber schöner Buchindividuen Bedürfnis. Man täusche sich nicht. Wir haben in den letzten Jahren allerhand kostbar und aufmerksam hergestellte Bücher zu Gesicht und in die Hand bekommen. Man hat sich apart, kapriziös gegeben. Aber mich dünkt, als sei da nicht so sehr der Handlichkeit, Lesbarkeit, Dauerhaftigkeit, Schärfe, Klarheit, Gediegenheit und ehrlichen Daseinsfröhlichkeit gedient worden, als vielmehr von vornherein Sonderbarkeit und Prunk beabsichtigt gewesen. Wenn auch die richtige Überzeugung zugrunde gelegen hatte, das Buch als technisches Produkt müsse Kunstwerk, dürfe nicht gedankenloser Massenartikel sein. Ein Heer von »dekorierenden« Künstlern hat sich auf das neue Arbeitsfeld geworfen. Wir haben denn auch manch eine wertvolle Gabe urständiger Künstlerschaft erhalten, freilich weit mehr an innerlich leerer Unverfrorenheit und im ganzen blutwenig wirklich Geschmackvolles. (Wo soll denn auch ein solcher deutscher »Künstler« Geschmack herhaben? Seht ihn euch doch nur an, er ist ja selbst ein Jammerbild vom Kopf bis zu den Zehen, unerzogen, ungeschickt, ungepflegt, unbequem, zu guter Letzt noch unnatürlich!) Eines ist fast ganz außer Bereich der treibenden Absichten geblieben: dem Wesen des Buches hingebungsvoll zu dienen.

Richard von Schaukal
Richard von Schaukal

Was ist das Wesen des Buches? Papier, Format und Druck, in zweiter Linie Umschlag, Einband sind die seinem Begriffe gemäßen notwendigen Bestandteile. Ein festes, dauerhaftes, klares Papier, tunlichst edlen Materials ( Handwerk, nicht Fabrikerzeugnis wünscht sich der Bibliophile, sieht aber verzichtend ein, dass das nicht Norm sein könne), scharfer, reiner, satter, klarer, großer Druck, breitrandiges, handliches Format sind die wichtigsten Anforderungen. Dann sei des Papiers nicht gerade genug, sondern mehr, will sagen, man spare nicht mit weißen Blättern (drucke nicht – scheußlicher Missbrauch – auf die letzte Seite Anzeigen!); sie sind Schmuck und Schutz zugleich. Damit sei der Verschwendung nicht das Wort gesprochen: alles über seinen Zweck Hinausstürmende vermag den Einsichtigen nur zu ärgern. Und: man verteile die Druckmasse, den Satz, mit Rücksicht auf die bequemere Arbeit des Zeilen durcheilenden Auges sowohl als das rein räumliche Gleichgewicht der Einzelseite. Man beachte die Typen! (Ein Kapitel, in dem der neue »Buchschmuck« barbarisch, grundsatz- und kenntnislos, wirtschaftet).

Man nehme die bessern Bücher vom Anfange des 19. Jahrhunderts heran. Wie leicht liest sich das! Wie angenehm ist ihre handliche Dicke, mit wie feinem Takt ist der Rand gemessen; blendend weiss und doch nicht glänzend, blättern sich die Seiten auf. Unverwischbar prangt in schlichter Vornehmheit (der einzig echten) der schön abgesetzte Druck. Der ästhetisch veranlagte Bücherfreund verzichtet freudig auf alle gedankenlosen Vignetten und Seitenumrahmungen. Mehr: dem Unfug sollte endlich durch ein Massenaufgebot blutigsten Hohns gesteuert werden. Die Seitenzahl zwischen zwei schmalen Strichen, in gehöriger Distanz vom Text, befriedigt und genügt als Kopf. Wie schön sind die übersichtlich eingeteilten Titelblätter! Man überzeuge sich an alten Ausgaben von Goethes, Thümels, Heinses, Hoffmanns Werken. Aber ein Titelblatt von heute! Man stellt sich gleichsam auf den Kopf. Es ist der reine Affenzirkus. Statt klarer Verhältnisse – darin liegt das ganze Geheimnis – gibt man aufdringliche Allotria zum besten.

Und der Einband! Der englische Verleger überlässt das Binden dem Käufer. Er kartoniert seine Bücher oder hängt sie unbeschnitten in anspruchslose Leinenwände. Dafür sorgt er, dass Papier und Druck tadellos sich präsentieren. Die deutschen Bücher seit dem Anfang der neueren Barbarei (1870 etwa) geben sich äußerlich protzig, überladen mit wohlfeiler Goldpressung und sparen dafür an Satz und Papier. Im Einband hat die kunstgewerbliche Bewegung seit den neunziger Jahren Wandel geschaffen, meinem Empfinden nach aber das Wesen nicht begriffen. Ein einzelner gefälliger Einband von geschmackvoller Künstlerhand wiegt den Mangel an edel-stiller Mittelware nicht auf. Der Leinenband der üblichen Klassiker-Ausgaben – mit dem hass- und verachtungswürdigen Ornament – ist ein beschämendes Zeugnis für den deutschen Leser.

Der Schnitt! Ein Kapitel endlosen Jammers des Bücherfreundes. Die Kunst der glatten Schnittfarbengebung (nicht abfärbend, nicht verrinnend, einheitlich und diskret getönt) scheint wirklich abhanden gekommen zu sein. Was erlebt man da beim handwerksmässigen Buchbinder! Das dick aufgetragene Gold tut es nicht. Jedes bessere englische oder französische Buch hat einen soliden Kopfschnitt. Und was für herrliche Nuancen erfreuen den Bibliothekenspürer an älteren deutschen Ausgaben. Ich erinnere nur an den zum moirierten Grau des ehrlichen Leinwanddeckels anheimelnd abgesetzten gelben Schnitt der Kleinoktavausgabe von Goethes Werken (»Vollständige Ausgabe letzter Hand. Unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien.« 1828-1833.)

Das Kapitalband. Dass es dem Gesamtcharakter des Bucheinbandes angemessen sein müsse, scheint man nicht mehr zu begreifen. Und wie schlecht sitzen die Bogen an dem innen mit Zeitungspapier nachlässig verklebten Rückenfalz!

Das Vorsatzpapier! Weites Feld empörender Fabriksmache. (Hier hat zumal der »Insel«-Verlag in Leipzig Treffliches gezeigt.)

Das Publikum ist an dem allen schuld. Das Bedürfnis nach guter Buchware fehlt. Das Buch ist nicht mehr der ehrliche Freund des stillen Lesers. Schreiende Titelbilder räkeln sich in den Auslagenfenstern. Um jeden Preis soll der erste beste gewonnen werden. Die teuern Luxusbände sind für die Menschen da, die schon so wie so um das Wesen der Buchschönheit wissen. Für die anderen arbeitet die Dampfpresse nach »bewährter« Schablone.

II. Buchkunst

old-books-436498_1280_jarmoluk_pixabayDie schauderhafte »Buchschmuck-Bewegung« der neunziger Jahre beginnt bei uns gottlob abzuflauen. Kompromittierendes ist zwar noch reichlich vorhanden, und weit verbreitete schnöde Typen gebären sich endlos fort, aber vielfach hat man die Langweiligkeit und Geschmacklosigkeit kitschiger Ornamente, wenn nicht eingesehen, doch gefühlt, und tüchtige Firmen haben gezeigt, dass man auch in Deutschland endlich wieder an die herrliche Tradition – unsre Bücher vom Anfang bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts – mit Verständnis anzuknüpfen bereit und seelisch wie technisch in der Lage sei. Im allgemeinen freilich stehts noch recht schlimm darum. Es fehlt der ruhige Blick für das edle stille Ziel, es fehlt am Sinn für das bessere Bedürfnis. Man experimentiert noch immer, weiß nicht, worauf es ankomme.

Soll ich meinen Eindruck von der Art, wie heute von unternehmenden deutschen Verlegern Bücher gemacht werden, in ein Wort zusammenfassen, so lautet mein Tadel: unharmonisch. Es fehlt den Druckwerken, die sich auf den ersten Blick oft recht gefällig präsentieren, an der Einheit. Und nur in dieser Einheit, die Notwendigkeit verkündet, beruht das Geheimnis der wunderbaren Wirkung aller älteren deutschen und der französischen und englischen guten Publikationen. Unsere Verleger schießen fast immer übers Ziel hinaus, oder sie haben keinen Sinn für das Wesentliche. Sie fahnden unruhig nach dem neuen und originellen »Buchkünstler« und gehen an trefflichen Mustern des Bücherlebens vorüber. So machen sie immer wieder leere, tote, meist fratzenhafte Bücher. Leider sind bei uns noch immer die künstlerischen Einfälle landesüblich und werden von den nur allzu rührigen Verlegern unentwegt mit Stil verwechselt. Dieses »Künstlerische« ist überhaupt der Krebsschaden unsrer um allen Stil betrogenen Zeit, eine richtige Krätze.

book-861750_1280_BonnybbxMöchten doch die Deutschen wieder einmal bei den Franzosen in die Schule gehen, nicht etwa nur den neuesten, auch nicht den »klassischen« Alten, sondern bei denen der gleichgültigen sechziger und siebziger Jahre zum Beispiel. Eine Luxusausgabe etwa von Jouaust. Was ist der Grund der unbeschreiblich vornehmen Wirkung der Textseite? Das Verhältnis, die Ruhe, die von aller »Absicht« entbürdete Sicherheit des Geratenen. Nichts als kostbares Papier und guter Druck. Nichts sonst – aber wie verschmolzen zum Eindruck des Verehrungswürdigen!

Bei uns ist man immer auf »Kultur« aus. Welch ein Irrtum! Man hat Erziehung, das ist alles. Und die Deutschen haben Erziehung Richard von Schaukal genossen – in verschollenen Zeiten … Geht in die Kinderstube eurer Tradition, fürwitzige Kulturförderer; vielleicht lernt ihr doch noch das Gruseln! …

Zum hundertsten Male: zu einem guten Buch braucht man keinen »Buchkünstler«, sondern »bloß« – Geschmack und solide Arbeit in solidem Material. Zum Teufel mit allen »rhythmisch abgewogenen Liniaturen«; seht und schaffet das richtige Verhältnis von Satzspiegel zur Seite, von Type zum Format.

trennlinie2Richard von Schaukal – Vom Geschmack
Verlag Georg Müller – 1910

Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter. Mit vielen Intellektuellen teilte Schaukal die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, die sich in seinen Ehernen Sonetten (1915) niederschlug. Ähnlich wie Hugo von Hofmannsthal, Alexander Lernet-Holenia oder Anton Wildgans konnte er sich mit dem Untergang der Donaumonarchie nicht abfinden und verfasste als überzeugter Österreicher und Monarchist kontemplative Texte mit katholisch-philosophischer Prägung sowie biographische Erzählungen.

Janosz Rehbaum: Über die Notwenigkeit des Vorwurfes in Kunst, Musik & Literatur

Der Vorwurf in der Kunst

Der Vorwurf (Welch doppelter Wortsinn!) eines Kunstwerkes kann einfach der Stoff sein, aus dem das Kunstwerk gearbeitet ist, die schwere Materie, an der sich die Kraft, das Können, die Leistung bewährt – Vorwurf kann aber auch das Ideal sein, das nie zu erreichende Vorbild, und ein solches ist oft das Leben selbst. Dieses ist aber schon deshalb nie mit reinen Mitteln der Kunst ganz erreichbar, weil das Leben sich auch in seinen kleinsten Teilen nie wiederholt und daher auch das banalste Geschöpf in gewissem Sinne durch das Leben monumentalisiert wird. Zu jedem literarischen Kunstwerk gehört aber notwendig das Element der Wiederholung, da die Sprache sich in den Worten notwendig wiederholt.

Strickliesel - Foto: Efraimstochter MW
Strickliesel – Foto: Efraimstochter MW

Vorwurf ist der Knäuel buntfarbiger Wolle, den das spielende Kind oder die tolle kleine Katze vor sich hinwirft und dem sie beide nachjagen, bestrebt, den rollenden Knäuel zu packen, den Faden zu spannen – ob er reißt oder nicht, ob die verwickelten Fäden sich entwirren, ob der Knoten sich löst in dem gleichen Maße, als die ermüdenden Spieler dem Ende näher kommen – das alles wird zu dem gleichen Problem, das alles sammelt sich zum gleichen Vorwurf für die darstellende, das heißt entwickelnde, für die lebende, das heißt: Leben spielende Kunst.

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel: weder das Thema in der Musik noch die Anekdote in der Novelle, der Gegenstand im Bilde oder die Welt im Romane – nichts von diesen Dingen macht als solches den Meister. Der Meister macht sie. Er bewährt sich gerade in der Überwindung des Themas. Sind wir einmal auf die Höhe geführt und so bezwungen, dass wir nicht mehr wissen, ob der Faden des rollenden Knäuels grob oder fein ist, ob er sich schnell oder langsam entwirrt, ob wir überhaupt ein Ende absehen können oder nicht, ob die Farbe verblasst, ob der Sinn entgleitet – ist das Thema selbstverständlich geworden, dann bleibt nur der Rhythmus, der dem großen Weltrhythmus ebenbürtig ist: als jüngerer, zarterer, menschlicherer Bruder. Man erlauscht das höhere Gesetz, angedeutet, wenn auch nicht erschöpft, im immerhin irdischen Gegenstande.

René François Xavier Prinet - 1901 - Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo
René François Xavier Prinet – 1901 – Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo

Die Themen großer Meister sind oft nicht ungewöhnlich. Beethoven hat in seinen herrlichsten Werken Tonfolgen, die, wenn man sie vom Rhythmus loszulösen versucht, an sich nichts sagen. Das Thema des Schlusssatzes der Kreutzersonate ist solch selbstverständliches, fast mechanisch hingehämmertes Quartenmotiv. Was sollte daran zu Tränen rühren, was könnte bis an den Urgrund der Seele ergreifen?
Aber der Rhythmus, angehalten, zitternd, beherrscht, und dann mit einem Male, ohne Kraft zum Widerstand gewaltig hinüber geschleudert in die weltliche Woge des Gefühls – das weckt uns, rüttelt und ruft, und hier beginnt der Meister. Hier endet er nicht. Mit der Unterscheidung zwischen banalem Thema und genialem Rhythmus ist nur ein Teil des Geheimnisses entschleiert. Das wahre, das letzte Geheimnis folgt zwar dem Gesetz, aber aussprechbar ist es nicht ganz. Wenn man diese Sonate hört, dann bleibt aus jedem Takte etwas zurück, aus jeder Tonfolge entsprießt auch eine Tonvoraussetzung, aus jeder Frage kommt eine Lösung, selbst die letzte Lösung ist nicht das Ende. Denn der Knäuel des vorgeworfenen Vorwurfes bleibt nicht, was er war, er wandelt sich, er fasst uns selbst, die wir lauschen, in sich, wir müssen folgen, er wächst an unserer Brust, wie sie sich weitet, er verengt sich mit der Angst unseres Herzens, wenn er näher, härter dringt an das innerste, zarteste, unverletzlichste Geheimnis unserer wahren Existenz.

Das Wesen des Vorwurfs in der Erzählung

Nicht weniger vielfältig ist das Wesen des Vorwurfes in der Erzählung. Dieser lässt sich hier zwar scheinbar leichter eingrenzen, weil die Erzählung in der Sprache wirkt, die unser gewöhnliches, um nicht zu sagen gemeines Kleid bildet, aber es ist nicht das Gemeine am Sprachgebrauch, woran die Erzählung zum Kunstwerk wird. Die Sprache muss erst erhaben werden, und jede Verehrung der Sprache ist Sache der Kunst. Was man national nennt, wird sich nie trennen lassen von dem, was man Literatur nennt.
Eine Nation lebt, blüht, stirbt und vergeht in der Sprache. Sie lebt nicht einen Augenblick länger, noch kürzer als die Sprache. Es hat keinen Sinn, von toten Völkern zu sprechen, solange ihre Sprache von lebenden Menschen verstanden wird. Es mag lebensfähige Stämme auf irgendwelchen Inseln geben, die somatisch, vital, sportlich genommen, alles in Schatten stellen, was unser angeranzter Kontinent heute erzeugt und erzieht, lebend sind diese Stämme deshalb doch nicht, nicht lebender jedenfalls als die großen alten Griechen, die geheimnisvollen, versunkenen Peruaner, die dämonisch deutenden Babylonier, die weisen toten Ägypter.

Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf

Das Wesen jeder lebenden Sprache ist eng verknüpft mit dem Wesen jeder Form und auch mit dem des Vorwurfes. Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf. Wer den Titel liest, sieht etwas vor sich, er sieht etwas dahinter, und Sache des Schöpfers ist es dann, dieses »Vor sich sehen«, dieses »dahinter blicken« dem Nachschöpfer (dem Interpreten), dem Leser klar und überwirklich zu machen.

Claude Lorrain (1604/1605–1682) - Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.
13(1604/1605–1682) – Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.

Wenn wir als Mitteleuropäer, als Menschen des Binnenlandes nicht gewohnt sind, angesichts des Meeres zu arbeiten und zu feiern, zu wachen, zu altern und zu sterben, und wenn wir dennoch die Leiden, die Fahrten und Glücksaugenblicke eines Odysseus begreifen, was bedeutet das anderes, als dass nun lange nicht mehr der Stoff, das Thematische, also auch nicht das im engen, körperlichen Sinn Nationale an der Odyssee ergreift, ängstigt und beglückt, sondern nur das »Hinter-den-Dingen«, das außer und unter dem Meere liegende.
Nicht das Offensichtliche, nicht die Materie, nicht der Vorwurf sind es, nicht das entwickelte Knäuel, das doch nur aus irdischen Fäden gewebt ist, sondern der Schicksalssinn, der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen den stolzen Geschicken vor Troja und der schmachvollen Verkleidung des heimkehrenden Dulders als Schweinehirt, zwischen der kühn eroberten Fremde und der langen Pilgerfahrt, der fast verlorenen Heimat. Auch hier ist der Schluss kein Ende. Zwar ist alles im Sinne des restlos aufgerollten Knäuels und des geordneten Fadens scheinbar zu Ende: der zum Manne gereifte Odysseus ist alternd heimgekehrt, hat seine Frau wiedergewonnen, den Sohn in die Arme geschlossen, dem uralten Vater zu Füßen gelegen; nun ist er im Begriffe, inmitten der älteren und der jüngeren Generation in Frieden zu enden.

Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus's return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio's De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). "Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n'y en a que trois, qui n'ont qu'un seul trait carré."--Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720
Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus’s return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio’s De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). „Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n’y en a que trois, qui n’ont qu’un seul trait carré.“– Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720

Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne

So aber dichtet vielleicht Goethe, nicht aber der überirdisch vor Leben strotzende Genius Homers. Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne, der Schicksalssinn von Ebbe und Flut, von Gebären und Sterben ist in der Welt nicht zu Ende, wie sollte er in dem Kunstwerk zu Ende sein? Odysseus macht sich von neuem auf. Eine neue, unabsehbare Lebensdichtung hat er vor Augen, nämlich so lange zu wandern auf der wandernden Erde, bis er Menschen erblickt, die sein auf der Schulter getragenes Ruder nicht kennen und als Schaufel ansehen. Jetzt erst ist der Vorwurf überwunden, die menschliche Welt, die menschliche Beziehung hat sich aufgelöst in einer übermenschlichen Wirklichkeit. Hier erst bewährt sich hohe Kunst.

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik • Essay

Ernst Weiß • Der Genius der Grammatik 

Der Erfinder der Grammatik ist nicht bekannt. Dabei ist von vornherein nicht an einen einzelnen gedacht, sondern an eine Kaste, ja vielleicht an ein Volk, das als erstes seine Sprache geordnet hat. Die größten Erfinder sind namenlos. Man kennt sie nicht, wie man die Dichter der Edda, der finnischen Kalewala, der homerischen Rhapsodien, der Shakespeare-Balladen nicht kennt. Doch blickt aus diesen hohen, unnennbaren Werken der ewig wirkende Geist, aus ihnen rauscht die Seele des Schöpfers, und alles ist gesagt, wenn man das Werk nennt. Niemand wird wissen, wer der erste war, der die Pflugschar, den Bogen, den Sattel erfand. Hier liegt das Geheimnis der tiefsten, weil natürlichsten Genialität des Menschen. Hier verliert sich sein unmeßbarer Gewinn in den auf immer umschatteten Urgründen des menschlichen Werdens. Werden muß nicht immer Entwicklung nach oben bedeuten. Es ist eine ungelöste Frage, ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der auf sein Telefon, den Aeroplan, das motorlose Fliegen, das elektrische Licht und das Radio so stolz ist, auch nur einen Rest jener Urwaldgenialität besitzt, der die Menschheit ihre zwei größten Güter verdankt, die sie auf immer über das Tier erheben: die Schöpfung des Gottesbegriffs im geistigen, die Erfindung des Feuers im weltlichen Leben.
Was dem Menschen aber das Dasein unter seinesgleichen erst möglich gemacht und damit ihm alles gegeben hat, was wir Gesittung nennen, was ihn zum Spiegel der beseelten und unbeseelten Welt auserwählt, zum Prinzen der Natur geadelt hat (einem manchmal etwas aussätzigen Prinzen, aber doch einem), das ist die Sprache. Und in der Sprache ist der Schöpfer der Grammatik das, was in der Welt des sittlichen Seins der Schöpfer des ersten Gesetzes, der Heiligsprecher des ersten Tabus ist, es ist der Gründer der ersten Beschränkung, aber einer Beschränkung von ungeheurem produktivem Wert.
Eine Kritik der Grammatik ist ein Lebenswerk. Hier mögen nur kleine Anmerkungen über Bezeichnungen aus der lateinischen Grammatik folgen. Diese darf heute besondere Beachtung deshalb beanspruchen, weil sie im Augenblick fast die einzige internationale Gemeinsamkeit darstellt. Lloyd George sprach einmal in Genua von den zwei klarsten Sprachen, die allen Beschlüssen zur Grundlage dienen sollen, der französischen und der englischen. Aber es gibt ein höheres, reineres, freudigeres, es gibt ein sicherlich unerreichbares Ideal und eine höchste Forderung: daß alle Lebenden in einem einzigen Idiom sich treffen sollten. Ein solcher Sammelplatz des Geistes war die lateinische Sprache.
Der Menschengeist hat eine so unendlich zart facettierte und doch aufs schärfste präzisierende Ausdrucksform nicht wieder gefunden. In diesem Sinne hat Luthers deutsche Bibelübersetzung den entscheidenden Grenzstrich auf der Landkarte menschlicher Entwicklung als Wasserscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit gezogen. Eine Tat, die dem bäurischen Genie Luthers nicht bewußt war, aber bedeutsamer wurde als die Thesen und Antithesen an der Schloßkirche von Wittenberg. In dem Gebrauch der lateinischen Sprache, die Bildung, Humanität im Geistigen und Kultur voraussetzte, bei diesem Regelwerk von höchster, fast architektonischer Logik, das allen Hofhaltungen, allen Gesandten, Dichtern, Ärzten, Notaren, Diplomaten, Geistlichen und Gebildeten überhaupt gemeinsam war, lag das Merkmal der erwählten Zehntausend, hier waltete eine europäische Gebundenheit, ein Adel des Ausdrucks, der sich in jeder Brieffloskel bewährte. Das Latein war das »humaniora«, das heißt, ein Diplom und Siegel des höheren Menschen, etwas von dem Gelehrtenadel des chinesischen Mandarinen. Und dieser erwerbbare Adel war stark genug, um die Titel der Ahnenprobe zu lähmen, die Macht des Geldes zu mildern, die Schärfe des Schwertes vielleicht zu hemmen.
Die lebenden Sprachen reichen an Genauigkeit, an innerer Gewißheit entfernt nicht an die lateinische heran. Ein Stil wie der des Tacitus oder auch nur des Sallust ist heute nicht mehr zu erreichen. Es gibt selbst bei dem soviel zarteren Horaz Stellen von einer so zusammengepreßten Sprachgewalt, von so zwingendem Zauber, daß sich keiner diesem Bann entzieht. Was Shakespeare in seiner flammenden, hart metallisch umrissenen Sprache aus den spätlateinischen Autoren übernommen hat, läßt sich gar nicht absehen. Vieles ist so lateinisch gedacht, der Monolog Hamlets zum Beispiel, daß er mir öfter als eine Übertragung aus dem Latein als aus dem Englischen erschien, wenn ich ihn in deutscher Sprache vor mir sah.
Die Sprache beginnt bei der Grammatik. Sie endet in ihr. In der lateinischen Sprache hat sich ein Volk über sein irdisches Reich hinaus unsterblich gemacht.
Etwas Gleiches ist nur den Juden des Alten Testamentes beschieden gewesen. In der lateinischen Sprache, in ihrer Grammatik, die in unerreichter Fülle aus den Gründen und Abgründen des Gedankens quillt – wenn irgendwo, sind hier in geheimnisvoll klarer Mystik Sinn und Wort, Logik und Ausdruck, Bild und Gegenstand eins geworden.
Dies beginnt schon bei dem Ausdruck casus, Fall. Man muß das Wesen der Sprache im eigentlichen Grunde als das einer Kategorie erfassen. Man muß es sehen als abgeschwächtes, aber immer noch echtes Leben; die Sprache muß über uns wandeln wie ein verarmter Gott. Dann wird man die Wandlungsfähigkeit des Seins und des Wortes einen Fall nennen; denn hier ist ein Niedergang, und nie mehr ist die Einheit des zu Nennenden mit dem Genannten zu erreichen. Alles wandelt sich, alles sinkt, in der Hand bleiben uns Schatten nur; glücklich, der die höhere Welt über diesen Schatten ahnt.
Der erste Fall heißt lateinisch nominativus. Wir nennen einen Menschen: Dich, den Menschen; wir richten also mit dem vierten Fall unser Wort an ihn. Der Schöpfer der lateinischen Grammatik aber sagt: Jedes Wort nennt sich selbst. Jeder drückt zuerst sich selbst, dann erst die Welt aus. Der Römer setzt die Welt ihrem Klange gleich. Dies ist ja die Voraussetzung jeder Sprache, aber nicht die Voraussetzung der Welt. Deshalb ist jeder Sprachsinn an sich Widersinn. Die Sprache lügt und wir in ihr. Daß nun Menschen Namen haben, die ihnen nicht gehören, sondern nur ererbt, erheiratet, verschenkt, verborgt und an der Bühne angeschminkt, ja, sogar verloren und gestohlen werden können, dies gehört zu den vielen Paradoxen, die selbstverständlich genannt werden, weil sie niemand versteht, jeder aber an sie gewöhnt ist.
Der zweite Fall heißt genitivus, der Zeugungsfall. Sein Sinn ist: in der ganzen Welt besteht kein so inniges Band zwischen Menschen, kein so zwingendes Eigentumsverhältnis, keine so enge Hörigkeit in geistigem Sinn, keine so warme Blutnähe, kein so reiner Herzenseinklang wie zwischen Vater und Sohn, Zeuger und Gezeugtem – hier das straffste und doch mildeste Band, tiefste Verbundenheit der Generation, Ahnenliebe, Altersverehrung, Pietät und Patriarchat.
Der dritte Fall dativus: der Schenkungsfall. Die große Seele des Menschen, seine grandeur ist die schenkende Tugend, alles ist Geben, alles ist Nehmen. Hier ist das Gnadenprinzip der Menschheit aufgetan, die Urquelle aller Gemeinschaft vom ich zum du.
Der vierte Fall accusativus: Anklage, misère des Menschen, schärfstes Erfassen des Nebenmenschen in der Hand »des Gendarmen an der Gurgel des Sünders«. Das Volk der genialsten Juristen, Finder und Künder der Pandekten: wie tief aus der Seele der Römer das Recht floß, das wird hier offenbar. Denn es gibt tausend menschliche Beziehungen, die dieser Akkusativ umfassen kann. Erobern, lieben, verachten, kaufen, verkaufen, verwunden, vernichten, töten, martern, gebären, küssen, zeugen, finden, fassen, belügen und betrügen, nennen, wissen. Nichts von alledem gab dem vierten Fall den Namen. Die Anklage ist ein Grundpfeiler des sprachlichen und daher des sittlichen Seins. Keine hohle Harmonie, keine billige Erlösung, kein Verzeihen. Dieser Fall ordnet, entscheidet, richtet.
Der fünfte Fall ist der ablativus, der Fall der Fälle. Er gibt alles, bezeichnet nichts. Er ist der Wandel der Dinge. Der Schleierfall des stürzenden Stromes, die gestaltlose Wolke. Das Werk, die Wirkung, das Geheimnis, die Hand Gottes.
Ergreifend ist, wenn die lateinische Grammatik den Mittelpunkt des Satzes subjectum nennt, das Unterworfene. Welche Einsicht in das Zwangsläufige jeglicher menschlicher Existenz! Das objectum, der Gegenstand, das andere: Das ist auch nur das Hingeworfene, die daliegende Beute, das verlassene Etwas. Die Hand des von Zauberschnüren gehaltenen Subjektes langt nach dem Objekt, aber sie erfaßt es nie. Welche Philosophie in diesen Ausdrücken, deren oberflächliche Ausdeutung schon solche Tiefe bekundet. Bewunderung dem Schöpfer dieser Bezeichnungen, Normen und Gesetze, Verehrung dem namenlosen Genius der Sprache, dem Eroberer der Welt durch das Wort!

trennlinie2

Ernst WeißErnst Weiß (* 28. August 1882 in Brünn; † 15. Juni 1940 in Paris) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller.

Der aus einer jüdischen Familie stammende Weiß war der Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Ehefrau Berta Weinberg. Am 24. November 1886 starb der Vater. Trotz finanzieller Probleme und mehrfacher Schulwechsel (unter anderem besuchte er Gymnasien in Leitmeritz und Arnau) bestand Weiß 1902 erfolgreich die Matura (Abitur). Anschließend begann er in Prag und Wien Medizin zu studieren. Dieses Studium beendete er 1908 mit der Promotion in Brünn und arbeitete danach als Chirurg in Bern bei Emil Theodor Kocher und in Berlin bei August Bier.

1911 kehrte Weiß nach Wien zurück und fand eine Anstellung im Wiedner Spital. Aus dieser Zeit stammt auch sein Briefwechsel mit Martin Buber. Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose hatte er in den Jahren 1912 und 1913 eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd und kam mit dem Dampfer Austria nach Indien, Japan und in die Karibik.

Im Juni 1913 machte Weiß die Bekanntschaft von Franz Kafka. Dieser bestätigte ihn in seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und Weiß debütierte noch im selben Jahr mit seinem Roman Die Galeere.

1914 wurde Weiß zum Militär einberufen und nahm im Ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien teil. Nach Kriegsende ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte dort in den Jahren 1919 und 1920 im Allgemeinen Krankenhaus.

Nach einem kurzen Aufenthalt in München ließ sich Weiß Anfang 1921 in Berlin nieder. Dort arbeitete er als freier Schriftsteller, u.a. als Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier. In den Jahren 1926 bis 1931 lebte und wirkte Weiß in Berlin-Schöneberg. Am Haus Luitpoldstraße 34 erinnert daran eine Gedenktafel. Im selben Haus wohnte zeitweise der Schriftsteller Ödön von Horváth, mit dem Weiß eng befreundet war.

1928 wurde Weiß vom Land Oberösterreich mit dem Adalbert-Stifter-Preis ausgezeichnet. Außerdem gewann er im selben Jahr bei den Olympischen Spielen in Amsterdam eine Silbermedaille im Kunst-Wettbewerb.

Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris. Da er dort als Arzt keine Arbeitserlaubnis bekam, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, u.a. für Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Maß und Wert. Da er mit diesen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig.

Ernst Weiß letzter Roman Der Augenzeuge wurde 1939 geschrieben. In Form einer fiktiven ärztlichen Autobiographie wird von der „Heilung“ des hysterischen Kriegsblinden A.H. nach der militärischen Niederlage in einem Reichswehrlazarett Ende 1918 berichtet. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wird der Arzt, weil Augenzeuge, in ein KZ verbracht: Sein Wissen um die Krankheit des A.H. könnte den Nazis gefährlich werden. Um den Preis der Dokumentenübergabe wird „der Augenzeuge“ freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. Nun will er nicht mehr nur Augenzeuge sein, sondern praktisch-organisiert kämpfen und entschließt sich, auf der Seite der Republikaner für die Befreiung Spaniens und gegen den mit Nazideutschland politisch verbündeten Franquismus zu kämpfen.

Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, beging er Suizid, indem er sich in der Badewanne seines Hotelzimmers die Pulsadern aufschnitt, nachdem er Gift genommen hatte. Im Alter von 57 Jahren starb Ernst Weiß am 15. Juni 1940 im nahegelegenen Krankenhaus.

Seine Selbsttötung wird literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seit seinem Tod ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Die Lage seines Grabes ist ungeklärt.

trennlinie2

Ernst Weiß – Die Ruhe in der Kunst – Essays
Verlag: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – 1928
1. Auflage
Hrsg.: Dieter Kliche – 1987

Maria Aronov • Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates

Ein Gift zum Wohle des Staates 

– Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates –

Sokrates (*469 vor Christus in Athen; † 399 vor Christus in Athen) wirkte in Athen als grundlegender Philosoph. Er befasste sich mit unterschiedlichen Themen wie der Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und dem Verständnis der Welt. Laut Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae; ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.) soll er die Menschen dazu gebracht haben, über das Gute und Schlechte nachzudenken. Sokrates entwickelte den philosophischen Dialog, die er als Mäeutik (Hebammenkunst) bezeichnete. Diese beruht darauf, seinem Gesprächspartner durch Fragen zu einer eigenständigen Erkenntnis zu verhelfen. Der Lernende soll selbst zur Lösung des Problems, zur Einsicht kommen, die er mithilfe der Hebamme, des Lehrenden, gebärt. Dies stellt einen Gegensatz zum normalen Schulsystem dar, wo dem Schüler der ganze Stoff vom Lehrer vermittelt wird und oft niemand zu seiner eigenen Einsicht kommt. Auf die Idee der Umsetzung von der Mäeutik brachte Sokrates der Beruf seiner Mutter, die Hebamme war.

Agora - Athen
Agora – Athen

Seine Schüler bezeichneten ihn als den, zu ihrer Zeit, weisesten und gerechtesten Philosophen. Er wurde sogar auf eine Stufe mit den Religionsgründern Jesus, Buddha und Konfuzius gestellt. Man wusste nicht nur seine Denkweise, sondern auch seine Persönlichkeit, sein Leben und gar seinen Tod zu schätzen. Philosophie war für Sokrates eine Lebensform. Er lebte Philosophie. Von seinem Vater erlernte er den Beruf Steinmetz, übte ihn aber nie aus. Täglich trat Sokrates auf dem Rednerplatz, der Agora von Athen, auf. Er konzentrierte sich auf die Gespräche mit seinen Mitbürgern. Dabei beschäftigte er sich mit der „Was ist… – Frage“, denn seiner Meinung nach konnte man nur entsprechend handeln, wenn man die Tugenden richtig verstünde. Was ist zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit? Jeder, der dies wüsste, würde ein guter und edler Mensch, was sich Sokrates als Ziel setzte. Dafür brauchte man aber eine tiefe Analyse der Begriffe, womit sich Sokrates ausgiebig beschäftigte.

Sokrates versuchte nicht zu dozieren, obwohl er als der Weiseste seiner Zeit galt. Er wollte nicht lehren, sondern selbst etwas Neues lernen. Dies war sein Verständnis von Philosophie. Laut Sokrates sollte der Philosoph nach der Weisheit suchen und streben. Er sollte versuchen, sie zu entdecken und zu gewinnen. Niemand ist seiner Meinung nach weise geboren. Nicht umsonst vergleicht er die Philosophie mit dem griechischen Gott der Liebe, Eros. Für Eros hat der Begriff der Liebe nichts mit dem Besitz dessen zu tun, was schön oder geliebt ist. Es geht in der Liebe vielmehr ums Streben und die Begierde danach. So sieht es auch mit dem Philosophen und seiner Liebe zur Weisheit aus. Er sieht oder spürt sie in der Ferne, verliebt sich und macht sich auf den Weg, um zu ihr zu gelangen, zum Beispiel auf dem Marktplatz von Athen. Aus diesem Grund stellte Sokrates immer viele Fragen. Er suchte auf diese Weise nach der Erkenntnis.

Delphi - Orakel - Zentralgriechenland
Delphi – Orakel – Zentralgriechenland

Meistens suchte sich Sokrates Experten für das jeweilige Thema aus – über die Frömmigkeit sprach er mit einem Priester, über Gerechtigkeit mit dem Staatsmann und über Tapferkeit mit einem Feldherrn. Seine Fragen förderten Nichtwissen über die jeweilige Tugend. Dadurch, dass Sokrates während der Gespräche immer sehr viel nachfragte, gerieten die Gesprächspartner in Argumentationsnöte. Schließlich mussten sie dazu stehen, doch keine Antwort auf die Fragen zu haben. Da Sokrates sich nicht für klüger als die Anderen hielt, endeten die Dialoge lösungslos. Seine Hebammenkunst scheiterte demnach. Sokrates akzeptierte dies jedoch. Er stand dazu, selbst keine Lösung zu haben. Auch die Nichtergebnisse betrachtete er als eine Art Gewinn. Dieser Hintergrund diente seinem berühmten Zitat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Genau aus diesem Grund bezeichnete das Orakel von Delphi Sokrates als den weisesten Mann Griechenlands. In seinen Augen war er nicht der Weiseste, weil er mehr als die Anderen wusste, sondern sagte, er wüsste, dass er nichts wüsste.

Durch Sokrates entstand auch der Begriff der Elenktik (Die Entlarvung des Scheinwissens), mit deren Hilfe er schaffte, das wahre Wissen zu sichern und den Weg für die Philosophen zu bereiten, die nach ihm kamen.

esel_santorini-673110_640Viele der Mitbürger Sokrates` empfanden ihn und die Philosophie als lästig. Viele fühlten sich durch die Entlarvung ihres Nichtwissens bloßgestellt und waren Sokrates keineswegs dankbar für die Erkenntnis. Sokrates wurde für seine vielen Fragen ausgelacht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen. Ihm machte es jedoch nichts aus. Er ließ sich vieles gefallen und als ihn jemand darauf ansprach, warum er sich nicht verteidigen würde, erwiderte Sokrates, er würde ja auch nicht zurückschlagen, falls ihn ein Esel angriffe.

In den führenden Kreisen von Athen entwickelte sich eine schlechte Stimmung. Man sah in Sokrates ein Problem und war gegen ihn. Er musste schließlich vors Gericht, denn er hätte nicht das Recht dazu gehabt, das gesicherte und überlieferte Wissen sowie einige traditionellen Überzeugungen infrage zu stellen. Der Grund für die Anklage war, die Erschaffung neuer göttlicher Wesen und die Ableugnung derer, die vom Staat anerkannt waren. Beim Prozess spielte auch die Verführung der Jugend eine große Rolle. Sokrates hätte angeblich einen schlechten Einfluss auf sie gehabt. Der Antrag ging letztendlich auf Todesstrafe.

In der Verteidigungsrede, die vom Platon überliefert wurde, widersprach Sokrates den Anklagepunkten. Darin äußerte er, er hätte die Götter nicht verleugnet und habe die Jugend lediglich auf einen besseren Lebensweg bringen wollen. Seine Rede verlief jedoch ohne Erfolg. Er sollte durch den Schierlingsbecher hingerichtet werden. Im antiken Athen war Gift nämlich eine gängige Hinrichtungsform.

Während seines ganzen Lebens soll sich Sokrates an alle Gesetze gehalten haben und obwohl es unrecht war, widersetzte er sich nicht der Todesstrafe. Seiner Meinung nach war Unrecht zu leiden besser, als Unrecht zu tun. Sokrates starb im Kreis seiner Freunde im Alter von 71 Jahren. Er verendete in großer Gelassenheit, denn die Philosophie war für ihn die Vorbereitung auf den Tod, in dem sich die Seele von dem Körper trennt. Sokrates fühlte sich also auf den Tod gerüstet. Sogar in seinen letzten Minuten des Lebens philosophierte er und verlor nicht den Sinn für Humor. Als seine Frau ihm kurz vor dem Tod sagte, er würde ungerechterweise sterben, fragte er sie: „Wäre es dir lieber, wenn ich gerechterweise stürbe?“

Auch die Schlussaussage in seinem Prozess war ironisch und voller Humor:“ Es ist nun Zeit, dass wir gehen. Ich, um zu sterben und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäfte hingehe, ist alles verborgen, außer nur Gott.“

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

Sokrates führte ein sehr bescheidenes Leben. Für seinen Lebensunterhalt sorgten gute Freunde durch ihre Gastfreundschaft und Geschenke. Alles nahm er aber nur in engen Grenzen an. Die Armut wählte er als Lebensweise selbst aus, distanzierte sich von den materiellen Dingen des Lebens. Seine Frau war damit jedoch nicht einverstanden war. Sie vertrat nämlich die Meinung, er hätte weniger auf der Agora auftreten, sondern stattdessen arbeiten gehen sollen. Einmal goss sie ihm, als er sich auf den Weg zum Rednerplatz machte, einen Eimer Wasser über den Kopf und beschimpfte ihn laut.

Von Sokrates sind leider keine Schriften überliefert worden. Von seinen Ideen und der Philosophie weiß man durch die Schriften seiner Freunde und Schüler. Dabei stellen Platons Dialoge die Hauptquelle dar. Auch von seinem Schüler Xenophon gibt es einige Überlieferungen, in denen er stets weiterleben wird.

 

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates

Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates
trennlinie2

Erstes Buch.
1. Kapitel.

Verteidigung des Sokrates gegen die Beschuldigung, dass er nicht die Götter des athenischen Staates verehrt und neue Gottheiten eingeführt habe.

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

1. Oft habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe in aller Welt die Ankläger des Sokrates den Athenern überzeugend nachgewiesen haben mögen, dass er den Tod um den Staat verdient habe. Die gegen ihn erhobene öffentliche Klage lautete nämlich ungefähr so:
Sokrates tut Unrecht, einmal dadurch, dass er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt und andere fremde Gottheiten einführt, sodann aber auch dadurch,  dass er die Jugend verführt.

2. Was nun das Erste anlangt, dass er die Götter nicht anerkenne, welche der Staat anerkennt, was für einen Beweis in aller Welt mögen sie da vorgebracht haben? Bekanntlich opferte er oft zu Hause, oft auch auf den öffentlichen Altären der Stadt; auch ganz offenkundig bediente er sich der Weissagungen. Es hat ja genug böses Blut gemacht, dass Sokrates sagte, die Gottheit gebe ihm Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube, ihn beschuldigt haben, dass er fremde Gottheiten einführe.

3. Aber er führte damit ebenso wenig etwas Neues ein, als all‘ die anderen, welche an die Weissagekunst glauben und sich des Fluges der Vögel, der Vorbedeutungen aus der menschlichen Stimme, des Schauens der Eingeweide der Opfertiere und sonstiger Zeichen bedienen. Denn wie diese annehmen, dass nicht die Vögel, noch die ihnen Begegnenden das den Fragenden Zuträgliche wüssten, sondern dass es die Götter durch diese offenbaren, so dachte auch jener hierüber.

4. Aber die Meisten sagen es, als wenn sie von den Vögeln und Begegnenden ermahnt oder gewarnt würden, Sokrates hingegen sagte so, wie er dachte; er sagte nämlich, die Gottheit gebe ihm Andeutungen. Und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu tun, jenes aber nicht zu tun, weil ihm die Gottheit eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, welche ihm nicht folgten, bereuten es.

5. Und wer wollte fürwahr nicht zugeben, dass er nicht gewünscht hätte, vor seinen Freunden als ein Narr oder Einfaltspinsel dazustehen? Beides aber würde er gewünscht zu haben scheinen, wenn er sich erst als einen Verkündiger göttlicher Offenbarungen und dann hinterher als einen Betrüger gezeigt hätte! Offenbar nun hätte er derartiges nicht vorhergesagt, wenn er nicht an die Erfüllung desselben fest geglaubt hätte. Wer möchte aber hierin wohl einem andern als einem Gotte Glauben schenken? Wenn er aber den Göttern glaubte, wie hätte er da glauben können, dass es überhaupt keine Götter gebe?

6. Aber wahrlich, außerdem tat er auch noch Folgendes für seine Freunde. Die notwendigen Dinge riet er so zu tun, wie er glaubte, dass sie am besten getan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften.

7. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter, oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden.

8. Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, das, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflussreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte.

9. Diejenigen aber, welche glaubten, dass nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z.B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, dass man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müsse; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsse man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen, denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien.

10. Aber er verkehrte ja immer vor aller Augen. Denn des Morgens in der Frühe besuchte er die Säulenhallen und die Turnplätze, und zur Mittagszeit konnte man ihn dort sehen, und auch zu andern Tageszeiten war er immer da zu finden, wo er mit den Meisten zusammentreffen konnte. Auch sprach er gewöhnlich, und wer wollte, konnte zuhören.

11. Aber keiner hatte jemals von Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges gesehen oder gehört. Auch redete er nicht, wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos (Weltall) für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für töricht.

12. Und zuerst fragte er dabei, ob sie etwa schon wähnten, in menschlichen Dingen genügend erfahren zu sein und deshalb solche Grübeleien vornämen, oder ob sie wähnten, das Geziemende zu tun, wenn sie die menschlichen Dinge bei Seite ließen und sich mit göttlichen beschäftigten.

13. Er wunderte sich aber, wenn es ihnen nicht klar war, dass es Menschen unmöglich sei, dieses ausfindig zu machen, da ja auch diejenigen, welche sich auf ihre Disputationen über solche Gegenstände sehr viel zu Gute täten, nicht dieselben Ansichten hätten, sondern wie Wahnsinnige einander gegenüber ständen.

14. Denn von den Wahnsinnigen fürchteten die einen nicht einmal das Furchtbare, andere hingegen fürchteten sich selbst vor dem nicht Furchtbaren; den einen scheine es gar nichts Schimpfliches zu sein, unter einem Pöbelhaufen beliebiges zu reden und zu tun, wieder andere scheuten sich, auch nur unter die Leute zu gehen; die einen hätten weder vor einem Heiligtum, noch vor einem Altar, noch vor sonst einem göttlichen Dinge ehrfurchtsvolle Scheu; die anderen aber verehrten sogar Steine, die ersten besten Holzblöcke und Tiere. Ebenso scheine nun auch unter denen, welche über die Natur des Weltalls sich den Kopf zerbrechen, den einen das Seiende nur ein einzelnes Ding, den anderen hingegen das Seiende etwas der Zahl nach Unendliches zu sein; die einen sagten, alles sei in fortwährender Bewegung, andere, es bewege sich gar nichts; die einen glaubten, dass alles entstehe und vergehe, die anderen, dass niemals irgend etwas entstanden oder vergangen sei.

15. Er fragte über sie auch das, ob sich etwa, wie die, welche menschliche Weisheit lernten, das Gelernte im eigenen Interesse oder im Interesse eines beliebigen anderen im Leben zu verwerten beabsichtigten, ebenso auch diejenigen, welche über göttliche Dinge nachdächten, der Hoffnung hingäben, einmal, wenn sie erkannt hätten, welche Naturgesetze alles beherrschten, nach eigenem Gutdünken Winde, Regen, Jahreszeiten und was sie sonst von derartigen Dingen bedürften, machen zu können? Oder ob sie derartiges nicht einmal erhofften, sondern damit zufrieden wären, darüber, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis habe, nur eine Meinung gewonnen zu haben.

16. Das war seine Ansicht von Leuten, welche sich mit solchen Dingen beschäftigten. Er selbst aber hätte sich immer über menschliche Dinge unterhalten, indem er betrachtete, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was recht, was unrecht sei; was Besonnenheit und Keckheit, Tapferkeit und Feigheit sei; wie ein Staat und ein Staatsmann, wie Regierte und Regent sein müssten und anderes dergleichen, das, wie er überzeugt war, einen jeden, der es weiß, zu einem guten und tüchtigen Menschen macht, den aber, welcher es nicht weiß, mit vollem Rechte zu einem Knechte herabwürdigt.

17. Es ist demnach nicht zu verwundern, dass seine Richter in diesen Dingen, über welche seine Ansichten unbekannt waren, verkehrt über ihn urteilten; aber sehr zu verwundern ist es, dass sie darauf nicht Rücksicht nahmen, was allen bekannt war.

18. Als er nämlich einmal Senator war und den verlangten Eid geschworen hatte, in welchem auch stand, nach den Gesetzen einen Rath geben zu wollen, da wollte das Volk gerade zu der Zeit, wo er Vorsteher im Demos war, gegen die Gesetze neun Feldherrn, zu welchen Thrasyllos und Erasinides gehörten, durch eine Gesamtabstimmung zum Tode verurteilen. Dieser Abstimmung widersetzte er sich, obwohl das Volk ihm zürnte und viele Mächtige ihm drohten; aber er hielt seinen Eid für höher, als gegen Gesetz und Recht dem Volke zu willfahren und sich vor den Drohenden in Acht zu nehmen.

19. Und er war überzeugt, dass die Götter für die Menschen sorgten, aber nicht in der Weise, wie der große Haufe glaubt; denn dieser glaubt, die Götter wüssten manches, manches aber wieder nicht. Sokrates aber glaubte, die Götter wüssten alles, sowohl Reden als Werke, als auch das, was heimlich ausgesonnen wird; ferner, dass sie allgegenwärtig seien und den Menschen in allen menschlichen Angelegenheiten Zeichen geben.

20. Ich wundere mich also, wie in aller Welt die Athener sich haben überreden lassen, dass Sokrates in Betreff der Götter verkehrte Ansichten gehabt habe, da er doch niemals gegen die Götter etwas Frevelhaftes gesagt oder getan hat, vielmehr nur so geredet und gehandelt hat, wie einer reden und handeln muss, welcher als der Gottesfürchtigste anerkannt wird.

trennlinie2

330px-XenophonXenophon’s Erinnerungen an Sokrates
Verlag von Philipp Reclam jun

Xenophon (griechisch Ξενοφῶν; * zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; † nach 355 v. Chr. in Korinth) war ein antiker griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller in den Bereichen Geschichte, Ökonomie und Philosophie. – Quelle: wikipedia

Ralph Waldo Emerson • In diesem strahlenden Sommer ist es eine Wollust gewesen, den Odem des Lebens einzuziehen.

Ralph Waldo Emerson
Ralph Waldo Emerson

In diesem strahlenden Sommer ist es eine Wollust gewesen, den Odem des Lebens einzuziehen. Das Gras wächst, die Knospe springt, die Wiesen sind mit Feuer und Gold in Blumenfarben besprengt. Die Luft ist erfüllt vom Gesange der Vögel und süß vom Dufte der Pinien, des Balsams von Gilead und des frischen Heus. Die Nacht bringt dem Herzen kein Düster mit ihrem willkommenen Schatten. Durch das flüssige Dunkel gießen die Sterne ihre beinahe geistigen Strahlen. Der Mensch unter ihnen erscheint wie ein junges Kind und sein gewaltiger Erdball wie ein Spielzeug. Die kühle Nacht badet die Welt wie in einem Strome und bereitet die Augen für die purpurne Dämmerung vor. Noch nie hat sich das Mysterium der Natur vor unseren Augen so glücklich entfaltet. Korn und Wein wurden allen Geschöpfen reichlich zugemessen, und das niemals gebrochene Schweigen, mit welchem die alte gütige Fülle sich immer aufs neue ergießt, hat uns noch immer kein Wort der Erklärung gegönnt. Wir sind unwillkürlich gezwungen, die Vollkommenheit dieser Welt, mit der unsere Sinne verkehren, anzuerkennen. Wie weit! Wie reich! Wie einladend! Welche Schätze bietet sie für jede Kraft des Menschen! In ihren fruchtbaren Feldern, in ihrer schiffbaren See, in ihren Bergen von Metall und Stein, in ihren holzreichen Wäldern, in ihren Tieren, in ihren chemischen Substanzen, in den Kräften und Pfaden des Lichtes, der Wärme, der Anziehungskraft und des Lebens, ist sie wohl wert, daß große Männer Herz und Mark daran setzen, sie zu unterjochen und zu genießen. Die Pflanzer, die Mechaniker, die Erfinder, die Astronomen, die Seefahrer und Städtegründer weiß die Weltgeschichte freudig zu ehren.
Sobald aber der Geist sich aufschließt und die Gesetze zu begreifen und zu enthüllen beginnt, die das Weltall durchströmen und die Dinge so gestalten, wie sie uns erscheinen, dann schrumpft diese gewaltige Welt mit einem Male zu einem bloßen Textbilde, ja zu einer Fabel unseres Geistes zusammen. »Was bin ich? Was ist überhaupt?« fragt der menschliche Geist mit einer stets neu entfachten, aber nie gestillten Wißbegierde. Denn jene Gesetze gleichen ungeheueren Linien, die unser unvollkommenes Fassungsvermögen nur hierhin und dorthin zielen, nie aber sich zum Kreise schließen sehen kann. Wir entdecken unendliche Beziehungen, alles ist so gleich und doch so ungleich, vieles und doch nur eins. Man möchte für immer lernen, für immer forschen, für immer bewundern! Diese Schöpfungen des Gedankens haben den menschlichen Geist in jedem Zeitalter beschäftigt.
Und doch offenbart sich uns eine noch geheimnisvollere, süßere und überwältigendere Schönheit, wenn Herz und Sinn sich sittlichen Gefühlen zu erschließen beginnen. Damit beginnt die Lehre von dem, was über uns ist. Hier lernen wir, daß unser Sein ohne Grenzen ist, daß wir zum Guten und Vollkommenen geboren sind, wie tief wir auch in Schwäche und Sünde daniederliegen mögen. Was der Mensch anbetet, das ist sein, wenn er es gleich noch nicht erreicht hätte. Er soll. Wir kennen den Sinn dieses großen Wortes, obgleich unsere Forschung es nicht erklären kann. Wenn einer, sei es in Unschuld, sei es in höchster geistiger Reife, dahin gelangt, zu sagen: »Ich liebe das Recht, die Wahrheit ist herrlich nach innen und außen, heute und immerdar – ewiger Geist des Guten, ich bin dein, bewahre du mich, beherrsche du mich, dir will ich dienen bei Tag und bei Nacht, im Großen und Kleinen, auf daß ich nicht tugendhaft sei, sondern selbst die Tugend!« dann ist das Endziel der Schöpfung erreicht, und Gott sieht es mit Wohlgefallen.
Das sittliche Gefühl ist nichts anderes als ein Gefühl der Ehrfurcht und des Entzückens bei der Wahrnehmung gewisser göttlicher Gesetze. Es beruht auf der Erkenntnis, daß das hausbackene Spiel des Lebens unter scheinbar lächerlichen Kleinigkeiten erstaunliche Principien verbirgt. Wie das Kind in seinen Spielen die Wirksamkeit des Lichtes, der Bewegung, der Gravitation und Muskelkraft kennen lernt, so schaffen in dem Spiel des Lebens Liebe und Furcht, Gerechtigkeit und Begierde, Mensch und Gottheit in Wechselwirkung. Es ist unmöglich, diese Gesetze in präcisen Worten aufzustellen. Sie lassen sich nicht niederschreiben, die menschliche Zunge vermag sie nicht auszusprechen. Sie spotten unserer ausdauerndsten Gedanken. Und doch lesen wir sie täglich und stündlich einer in des anderen Gesicht, einer in des anderen Thaten und jeder im eigenen Gewissen. So wie wir es aussprechen wollen, müssen wir die moralischen Züge, die in jeder sittlichen Handlung, in jedem sittlichen Gedanken gehäuft sind, zerfasern und durch eine mühsame Aufzählung von Einzelheiten darzustellen oder wenigstens zu suggerieren versuchen. Da aber in diesem Gefühl das Wesen aller Religion beruht, so will ich doch versuchen, euer Auge auf die wahren Objekte desselben hinzulenken, indem ich eine Reihe von Thatsachen, in welchen dieses Element erkennbar ist, aufzähle.
Die Intuition des sittlichen Gefühls ist die Erkenntnis der Vollkommenheit der geistigen Gesetze. Diese Gesetze sind zugleich ihre eigene Exekutive. Sie stehen außerhalb der Zeit, des Raumes, und sind keiner Wandlung unterworfen. Dies verhält sich so. Es giebt eine Gerechtigkeit, die in der Seele jedes Menschen wirksam ist und jede Regung, jede That sofort und unfehlbar vergilt. Wer eine gute That vollbringt, ist hierdurch sofort geadelt; wer eine gemeine Handlung begeht, sofort erniedrigt. Wer sich vom Unreinen loslöst, hüllt sich hierdurch in Reinheit. Ein Mensch, der reinen Herzens ist, ist soweit Gott: die Sicherheit Gottes, die Unsterblichkeit Gottes, die Majestät Gottes ziehen in sein Herz ein. Ein Mensch, der heuchelt und betrügt, betrügt sich selbst und verliert die klare Vorstellung von seinem eigenen Wesen. Ein Mensch, der die absolute Güte schaut, der betet in vollkommener Demut an. Jeder derartige Schritt hinab ist ein Schritt hinauf. Der Mensch, der sich selbst aufgiebt, kommt zu sich selbst.
Sehet, wie diese rasche innere Kraft überall thätig ist, überall Unrecht in Recht verwandelt, den Anschein zum Schein macht, und zwischen Thatsachen und Gedanken die Harmonie herstellt. Auch im Leben ist ihre Wirksamkeit, wenn auch für die Sinne langsam, eine ebenso sichere wie die im Geiste. Durch sie wird jeder Mensch seine eigene Vorsehung und schafft sich Gutes für seine Güte und Übles für seine Sünde. Charakter wird immer erkannt; Diebstähle bereichern nie; Almosen machen niemand arm; Mord spricht aus steinernen Mauern. Die kleinste Beimengung einer Lüge – zum Beispiel ein Fleckchen Eitelkeit, der geringste Versuch, einen guten Eindruck zu machen, in günstigem Lichte zu erscheinen, – verdirbt jede Wirkung. Aber sprich die Wahrheit, und die ganze Natur und alle Geister treten mit unerwarteter Förderung an deine Seite. Sprich die Wahrheit, und alles Lebende und Tote wird für dich bürgen, und die Wurzeln des Grases unter der Erde scheinen sich zu regen, um für dich Zeugenschaft abzulegen. Nicht minder vollkommen zeigt sich dieses Gesetz in seinem Einfluß auf die Neigungen der Menschen und als Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft. Die Guten gesellen sich aus Wahlverwandtschaft zu den Guten, die Schlechten aus Wahlverwandtschaft zu den Schlechten. So wandelt die Seele kraft eigenen Willens zum Himmel, zur Hölle.
Diese Thatsachen haben den Menschen stets zu dem erhabenen Glauben geführt, daß die Welt nicht das Produkt vielfacher Kräfte, sondern das eines Willens und eines Geistes ist; und daß ein Geist überall wirksam ist, in jedem Sternstrahl wie in jedem Wasserringlein im Teiche; und was immer diesem Willen sich entgegenstellt, ist überall geschlagen und verloren, weil die Dinge so und nicht anders geschaffen sind. Das Gute ist das Positive. Das Böse existiert nur als Negation, es hat kein absolutes Sein; es gleicht der Kälte, die nur die Verneinung der Wärme bedeutet. Alles Böse ist ebensoviel Tod und Nichtsein. Nur der »gute« Wille ist absolut und real. So viel »guten« Willen ein Mensch hat, so viel Leben hat er. Denn alle Dinge gehen aus demselben Geiste hervor, der verschiedentlich, bald Liebe, bald Mäßigkeit, bald Gerechtigkeit genannt wird, so wie derselbe Ocean an den verschiedenen Küsten, die er bespült, verschiedene Namen erhält. So lange ein Mensch gute Ziele verfolgt, ist er stark mit der ganzen Stärke der Natur. So weit er sich von diesen Zielen entfernt, so weit beraubt er sich selbst der Kraft und Mittel – sein Sein zieht sich wie ein Fluidum aus den entferntesten Kanälchen zurück, er wird weniger und weniger, ein Punkt, ein Nichts, bis absolute Schlechtheit absoluter Tod wird.
Die Erkenntnis dieses Gesetzes der Gesetze erweckt im Geiste ein Gefühl, das wir das religiöse Gefühl nennen und das unsere höchste Glückseligkeit ausmacht. Wunderbar ist seine Kraft, zu bezaubern und zu gebieten. Es ist wie Bergesluft, es ist der Balsam der Welt. Es ist Myrrhe und Storax, Weihrauch und Rosmarin. Es macht den Himmel und die Hügel erhaben, es tönt im schweigenden Gesang der Sterne. Nur ihm verdankt die Welt ihre Sicherheit und Bewohnbarkeit, nicht dem Wissen oder der Macht. Der Gedanke kann nur kalt und intransitiv auf die Dinge wirken, findet kein Ende und keine Einheit, aber das Dämmern des sittlichen Gefühls im Herzen giebt und ist die Gewißheit, daß ein Gesetz souverän über allen Naturen herrscht; und die Welten, Zeit, Raum und Ewigkeit scheinen in lauten Jubel auszubrechen.
Dieses Gefühl ist göttlich und es vergöttlicht. Es ist des Menschen höchste Seligkeit. Es macht ihn unbegrenzbar. Nun erst lernt die Seele sich selber kennen. Nun erst wird der Hauptfehler des unmündigen Menschen beseitigt, der da groß zu sein strebt, indem er den Großen nachfolgt, der da hofft von anderen Vorteile zu erlangen – denn dieses Gefühl zeigt, daß die Quelle alles Guten in ihm selbst ist, und daß er, so gut wie jeder andere Mensch eine Pforte zu den Tiefen der Vernunft ist. Wenn er spricht: »Ich soll,« wenn ihn Liebe erwärmt, wenn er, der Stimme der Höhe gehorchend, das Große und Gute erwählt, dann wandern tiefe Melodien der Höchsten Weisheit durch seine Seele. – Nun erst kann er anbeten und durch seine Andacht wachsen – denn über jenes Gefühl hinaus kann er nie gelangen. In seinen erhabensten Flügen schwingt sich der Geist nie über die Höhe der Sittlichkeit, nie über den Gipfel der Liebe empor.
Dieses Gefühl ruht im Grunde aller gesellschaftlichen Ordnung und schafft successive jede Art von Religion. Das religiöse Princip stirbt nie aus. Auch der in Aberglauben, in Sinnlichkeit versunkene Mensch verliert die Visionen des ethischen Gefühls niemals ganz. Und so sind alle Äußerungen dieses Gefühls heilig und dauernd, je nach dem Grade ihrer Reinheit. Die Äußerungen desselben ergreifen uns mehr als alles andere, was in Worten gesagt wird. Die Sprüche der ältesten Zeiten, die solche Frömmigkeit atmen, sind heute noch frisch und duftig.
Dieser Gedanke weilte immer am tiefsten in den Geistern der Menschen des andächtigen und beschaulichen Ostens, nicht nur in Palästina, wo er seinen reinsten Ausdruck fand, sondern auch in Ägypten, in Persien, in Indien und China. Europa hat all seine göttlichen Impulse orientalischem Geiste zu verdanken gehabt. Was diese heiligen Sänger sagten, das fanden alle gesunden Menschen wohlthuend und wahr. Und der einzig dastehende Eindruck, den Jesus auf die Menschheit gemacht hat, Jesus, dessen Name in die Weltgeschichte nicht geschrieben, sondern in tiefen Furchen durch sie gezogen ist, ist ein Beweis, welche geheime und durchdringende Kraft jene Infusion des Ostens besaß.
Aber obgleich die Thore des Tempels Tag und Nacht offen stehen und die Orakel dieser Wahrheit nie aufhören, wird sie von einer strengen Bedingung bewacht: sie ist eine Intuition. Sie kann nicht aus zweiter Hand empfangen werden. Überhaupt kann ich von fremdem Geiste keine Lehre, sondern nur Anregung empfangen. Was er verkündigt, muß ich in mir wahr finden oder verwerfen, aber auf sein Wort hin oder weil ich sein Anhänger bin, sei er wer er mag, kann ich nichts annehmen. Im Gegenteil, das Fehlen dieses primären Glaubens bedeutet den Anfang des Verfalles. Wie die Flut, so ist die Ebbe. Sobald dieser Glaube verloren geht, werden seine eigenen Worte und Schöpfungen falsch und schädlich. Dann fallt die Kirche, der Staat, die Kunst, die Wissenschaft und das Leben. So wie die Lehre von der göttlichen Natur vergessen wird, ergreift Krankheit den ganzen Bau und verkrüppelt ihn. Einst war der Mensch alles, nun ist er ein Anhängsel, ein Schädling. Und weil der ihm innewohnende höchste Geist nie ganz verloren gehen kann, so erleidet seine Lehre die Verkehrung, daß die göttliche Natur nunmehr einer oder zwei Personen zugeschrieben und allen übrigen abgesprochen und mit Wut abgesprochen wird. Hiermit ist die Lehre der Inspiration verloren, und die gemeine Lehre von der Majorität der Stimmen usurpiert den Platz der Lehre des Geistes. Wunder, Weissagungen und Poesie, das ideale, das heilige Leben existieren nur mehr als alte Geschichte, im Glauben und Streben der Gesellschaft spielen sie keine Rolle mehr, und wenn jemand sie ernsthaft nimmt, so scheint es lächerlich. Das Leben wird komisch und erbärmlich, sobald die hohen Ziele des Daseins aus dem Gesicht schwinden, und die Menschen werden kurzsichtig und sehen nur mehr das, was zu den Sinnen spricht.
Diese allgemeinen Erörterungen, die, so lange sie allgemein sind, niemand bestreiten wird, finden reiche Bestätigung in der Religionsgeschichte und vor allem in der Geschichte der christlichen Kirche. Wir alle sind in ihr geboren und haben Nahrung aus ihr gesogen. Die Wahrheit, die in ihr enthalten ist, schickt ihr, meine jungen Freunde, euch nun zu lehren an. Als der Kultus oder die bestehende Form der Gottesverehrung in der civilisierten Welt hat sie großes historisches Interesse für uns. Von ihren heiligen Worten, die der Trost der Menschheit gewesen sind, brauche ich euch nicht zu sprechen. Ich werde versuchen, meine Pflicht gegen euch bei dieser Gelegenheit zu erfüllen, indem ich euch auf zwei Irrtümer aufmerksam machen werde, die von dem Standpunkte, den wir soeben eingenommen haben, täglich gröber erscheinen.
Jesus Christus gehörte zu den wahren Propheten. Er sah das Mysterium der Seele mit offenem Auge. Angezogen von seiner strengen Harmonie, hingerissen von seiner Schönheit, lebte er darin, und sein ganzes Sein ward davon erfüllt. Der Einzige in der ganzen Weltgeschichte erkannte er die Größe des Menschen. Dieser eine Mann war dem treu, was in euch und in mir ist. Er sah, daß Gott in jedem Menschen zu Fleisch wird und immer aufs neue ausgeht, von der Welt Besitz zu ergreifen. Und in diesem Jubel erhabener Bewegung sagte er: »Ich bin göttlich. Durch mich spricht, durch mich handelt Gott. Wollt ihr Gott schauen, schauet mich – oder schaue dich selber, so du ebenso denkst, wie ich jetzt denke.« Aber welch eine Verzerrung mußte seine Lehre und sein Gedächtnis bereits in derselben, in den nächsten und den folgenden Generationen erleiden! – Es giebt keine Lehre der Vernunft, die es vertragen würde, vom Verstande gelehrt zu werden. Der Verstand fing jenes hohe Lied von den Lippen des Dichters auf und sagte im folgenden Zeitalter: »Dies war Jehova, der vom Himmel herabgekommen ist. Ich töte dich, wenn du sagst, er war nur ein Mensch.« Die Redensarten, die er liebte, die Bilder seiner Rhetorik haben die Stelle seiner Wahrheit eingenommen, und Kirchen werden nicht auf seinen Principien, sondern auf seinen Redefiguren gegründet! Das Christentum wurde zu einem Mythos, wie es vordem die poetische Lehre Griechenlands und Ägyptens geworden war. Er sprach von Wundern; denn er fühlte, daß das ganze menschliche Leben und alles, was ein Mensch thut, ein Wunder sei, und er wußte, daß dieses tägliche Wunder sichtbar leuchtet, sowie der Charakter des Menschen sich hebt. Aber das Wort »Wunder,« wie es die christlichen Kirchen gebrauchen, giebt eine falsche Vorstellung, es bedeutet: Monstrum. Es ist nicht eins mit dem blühenden Klee und dem fallenden Regen.
Er achtete Moses und die Propheten, aber keine ungehörige Zärtlichkeit hielt ihn davon ab, ihre alten Offenbarungen hinter dem Augenblick und dem Menschen der Gegenwart zurückzusetzen und ihnen die ewige Offenbarung des Herzens entgegenzustellen. So war er ein wahrer Mensch. Da er sah, daß ein Gesetz in uns gebietet, wollte er diesem Gesetz nicht von außen her gebieten lassen. Kühn mit Hand und Herz und Leben erklärte er, daß dieses Gesetz Gott sei. Und so ist er meiner Ansicht nach der einzige Mensch in der ganzen Weltgeschichte, der den Wert des Menschen zu schätzen wußte.

I. Von diesem Standpunkt aus erkennen wir den ersten Fehler des historischen Christentums. Das historische Christentum ist in jenen Irrtum verfallen, der alle Versuche, eine Religion auszubreiten, verdirbt. Wie es uns heute erscheint und wie es seit Jahrhunderten erscheinen mußte, ist es keine Lehre vom Geiste mehr, sondern nichts als eine Übertreibung des Persönlichen, des Positiven, des Rituellen. Es haftete immer und haftet noch heute mit schädlicher Übertreibung an der Person Jesu. Der Geist kennt keine Personen. Er fordert jeden Menschen auf, sich selbst zum vollen Kreise des Weltalls zu erweitern, und duldet keine andere Bevorzugung als die spontaner Liebe.
Unser historisches Christentum aber, das nichts als eine orientalische Monarchie ist, die Indolenz und Furcht aufgebaut haben, hat den Freund der Menschen zu ihrem Schädiger gemacht. Die Art, in der sein Name mit Ausdrücken umgeben wird, die einst Ausbrüche der Bewunderung und Liebe waren, die aber heute zu offiziellen Titeln versteinert sind, ertötet alle edelgeartete Sympathie und Liebe. Alle, die mich hören, fühlen, daß die Sprache, in der Christus in Europa und Amerika geschildert wird, nicht der Stil der Freundschaft oder des Enthusiasmus für ein gutes und großes Herz ist, sondern förmlich und eingelernt ist und einen Halbgott schildert, wie die Orientalen oder die Griechen Osiris oder Apollo schildern würden. Wenn wir gar die schimpflichen Behauptungen, die unser erster Unterricht im Katechismus uns aufdrängt, acceptieren, so werden Selbstverleugnung und Ehrlichkeit selbst nur glänzende Sünden, sobald sie nicht den christlichen Namen tragen. Wahrlich, man möchte lieber

»ein Heide sein,
Gesäugt in einem längst erstorbnen Glauben«

als sich so seines männlichen Rechtes, in die Natur einzutreten, berauben zu lassen und nicht nur Namen und Stellen, nicht nur das Land und alle Berufsarten, sondern selbst die Sittlichkeit und die Wahrheit abgeschlossen und monopolisiert finden zu müssen! Man darf ja nicht einmal ein Mann sein! Du sollst nicht die Welt dir zu eigen machen, du sollst nichts wagen und nicht nach dem unendlichen Gesetze in dir leben, umgeben von der unendlichen Schönheit, die Himmel und Erde dir in tausend lieblichen Formen zurückstrahlen, sondern du hast deine Natur der Natur Christi unterzuordnen und für die letztere hast du unsere Interpretation anzunehmen und sein Bild hinzunehmen, wie der Pöbel es zeichnet.
Immer ist das das Beste, was mich mir selbst giebt. Das Erhabenste in mir wird durch die große stoische Lehre: »Gehorche dir selbst« angeregt. Das, was Gott in mir zeigt, stärkt mich. Das, was Gott außerhalb meiner zeigt, das macht mich zu einer Warze, zu einem Auswuchs. Dann giebt es keinen notwendigen Grund für mein Dasein mehr. Schon kriechen die Schatten unzeitiger Vergessenheit über mich, und ich sterbe für immer.
Die göttlichen Seher sind die Freunde meiner Sittlichkeit, meines Intellekts, meiner Kraft. Sie erinnern mich daran, daß die Strahlen, die meinen Geist durchblitzen, nicht mein, sondern Gottes sind, daß sie die gleichen Strahlen schauten und der himmlischen Vision nicht ungehorsam waren. Und darum liebe ich sie, denn edle Anregungen gehen von ihnen aus, die mich heißen, dem Bösen zu widerstehen, die Welt mir zu unterwerfen und zu sein. Und auf dieselbe Weise, durch seine heiligen Gedanken, fördert mich auch Jesus – und nur dadurch. Jeder Versuch, einen Menschen durch Wunder zu bekehren, ist eine Profanation des Geistes. Eine wahre Bekehrung findet nur dort statt, ein wahrer Christ wird heute wie immer der, dessen Seele hohe Gefühle durchdringen. Allerdings mußte eine große und reiche Seele wie die seinige, da sie unter den Einfältigen erschien, einen so überwältigenden Eindruck machen, daß sie, wie es geschah, der Welt einen neuen Namen gab. Die Welt scheint ihnen nur für ihn zu existieren, und sie haben noch nicht tief genug vom Borne seines Geistes getrunken, um zu erkennen, daß nur dadurch, daß sie zu sich selber zurückkehren oder vielmehr zum Gott, der in ihnen wohnt, sie der Ewigkeit teilhaftig werden können. Es ist eine geringe Wohlthat, wenn einer mir etwas giebt; aber eine hohe, wenn einer mich fähig macht, selbst etwas zu schaffen. Die Zeit wird kommen, wo alle Menschen einsehen werden, daß die Gabe Gottes für unsere Seelen keine prahlerische, überwältigende, unduldsame Heiligkeit ist, sondern eine süße, natürliche Güte – eine Güte, die nicht anders als deine und meine Güte ist und deine und meine freundlich begrüßt und sie zu sein und zu wachsen einlädt.
Jesu selbst geschieht durch den gewöhnlichen Predigerton ein nicht minder großes Unrecht als den Seelen, die dadurch profaniert werden. Die Prediger sehen nicht, daß sie sein Evangelium unfroh machen und ihn selbst der Locken seiner Schönheit und der himmlischen Attribute berauben. Wenn ich einen majestätischen Epaminondas oder Washington erblicke, wenn ich unter meinen Zeitgenossen einen wahren Redner, einen gerechten Richter, einen lieben Freund sehe, wenn der Geist und die Melodie eines Gedichts in mir nachzittern, dann sehe ich wünschenswerteste Schönheit. Und ebenso lieblich, und mit noch vollerer Zustimmung meines menschlichen Wesens, tönt in meinem Ohr die strenge Musik der Sänger, die zu allen Zeiten vom wahren Gott gesungen haben. Darum entwürdiget nicht das Leben und die Worte Christi, indem ihr sie isoliert und aus dem Kreise dieses Zaubers herausreißt. Laßt sie, wie sie sich ereigneten, lebendig und warm, als ein Teil des menschlichen Lebens, der Landschaft und des heiteren Tages.

II. Der zweite Mangel des traditionellen und beschränkten Gebrauches, der vom Geiste Christi gemacht wird, ist eine Folge des ersten: daß nämlich die sittliche Natur, jenes Gesetz der Gesetze, mit dessen Offenbarungen die Hoheit Gottes – ja Gott selbst in die empfängliche Seele einzieht, nicht mehr als die Quelle der bestehenden Lehre betrachtet und erforscht wird. Man ist dahin gekommen, von der Offenbarung als von etwas, das vor langer, langer Zeit stattgefunden hätte, zu sprechen, als ob Gott tot wäre. Die Schmach, die hierdurch dem Glauben angethan wird, erstickt den Prediger, und die herrlichste aller Institutionen wird hierdurch zu einer unsicheren und unartikulierten Stimme.
Es ist ganz gewiß, daß jede tiefere Einsicht in die Schönheit des Geistes den Wunsch und das Bedürfnis erzeugt, dasselbe Wissen, dieselbe Liebe auch anderen mitzuteilen. Wenn die Äußerung versagt wird, dann lastet der Gedanke wie ein Gewicht auf der Seele. Immer ist der Seher auch ein Sager. Irgendwie muß er seinen Traum erzählen, irgendwie macht er ihn mit feierlicher Freude kund: bald mit dem Pinsel auf Leinwand, bald mit dem Meißel in Stein, bald verkörpert er die Andacht seiner Seele in Türmen und Hallen von Granit, bald in den geheimnisvollen Blüten der Musik; am klarsten und dauerndsten aber in Worten.
Der Mensch, der von dieser Herrlichkeit hingerissen wird, wird ihr Priester, ihr Prophet. Dieses Amt ist so alt wie die Welt. Aber zu ihm führt eine strenge Bedingung – eine geistige Schranke ist um dasselbe gezogen: Nur der Geist kann lehren. Kein profaner, kein sinnlicher Mensch, kein Lügner, kein Sklave kann lehren, sondern nur der kann geben, der hat; nur der kann schaffen, der ist. Nur der Mensch, der vom Geiste ergriffen wird, durch den der Geist spricht, kann lehren. Mut, Frommheit, Liebe, Weisheit können lehren; und diesen Engeln kann jeglicher Mensch seine Thür öffnen, und sie werden ihm die Gabe der Zungen bringen. Aber der Mensch, der da strebt, zu sprechen, wie er es aus Büchern gelernt hat, wie es bei Synoden Gebrauch ist, wie die Mode vorschreibt, oder sein Interesse es befiehlt, plappert. Heißet ihn schweigen!
Diesem heiligen Amte wollt auch ihr euch widmen. Ich wünschte, ihr fühltet den Beruf dazu mit in Sehnsucht und Hoffnung klopfendem Herzen. Das Amt ist das erste in der Welt. Es ist so furchtbar real, daß es den Abbruch, den die geringste Lüge ihm anthut, nicht verträgt. Und es ist meine Pflicht, euch zu sagen, daß das Bedürfnis nach neuer Offenbarung nie größer war als jetzt. Aus den Ansichten, die ich bereits ausgesprochen habe, werdet ihr die traurige Überzeugung entnehmen, die ich, wie ich glaube, mit vielen teile, daß der Glaube allgemein verfällt und nun beinahe erstorben ist. Der Geist wird nicht gepredigt. Die Kirche scheint ihrem Fall zuzuwanken, beinahe ihr ganzes Leben scheint erloschen.
Bei diesem Sachverhalt wäre jede Konzession ein Verbrechen, und ich darf und kann euch, deren Hoffnung und Ausgabe es ist, den Glauben Christi zu predigen, nicht sagen, daß der Glaube Christi schon gepredigt ist.
Es ist Zeit, daß dieses kaum mehr unterdrückte Murren aller denkenden Menschen gegen die Hungersnot unserer Kirchen, dieses Seufzen des Herzens, das des Trostes, der Hoffnung und jener Hoheit, die mir aus der Entwicklung des ethischen Gehaltes hervorgeht, beraubt ist, durch den Schlaf der Trägheit und den Lärm der Routine vernommen werde. Die große und ewige Aufgabe des Predigers wird nicht erfüllt. Eine Predigt soll der Ausdruck des sittlichen Gefühles in seiner Anwendung auf die Pflichten des Lebens sein. In wie vielen Kirchen, von wie viel Propheten, sagt mir, wird dem Menschen fühlbar gemacht, daß er ein unendlicher Geist ist, daß Erde und Himmel in seine Seele überströmen, daß er in aller Ewigkeit vom Geiste Gottes trinkt? Wo hören wir heute den Ton der Überzeugung, der durch seine bloße Melodie das Herz mit Paradieseslust erfüllt und hierdurch seinen himmlischen Ursprung erweist? Wo soll ich heute Worte hören wie jene, die in alten Zeiten die Menschen hinrissen, daß sie alles verließen – Vater und Mutter, Haus und Gut, Weib und Kind – und ihm nachfolgten? Wo kann ich jene erhabenen sittlichen Gesetze so ausgesprochen hören, daß sie in meinem Ohre hallen und ich mich geadelt fühle, wenn ich mein äußerstes Thun und Leiden als Opfer biete? Der einzige Prüfstein wahren Glaubens ist seine Macht, die Seelen zu bezaubern und zu beherrschen, wie die Gesetze der Natur das Thun unserer Hände regieren – und so zu beherrschen, daß das Gehorchen uns eine Ehre und eine Lust ist. Der Glaube muß eins werden mit dem Lichte der aufgehenden und sinkenden Sonne, mit dem Fliehen der Wolken, dem Vogelgesang und dem Dufte der Blumen. Aber heute hat der Sabbath des Priesters den Glanz der Natur verloren, er ist unlieblich geworden – wir sind froh, wenn der Gottesdienst zu Ende ist. Wir können, selbst wenn wir auf unseren Kirchenstühlen sitzen, allein mit uns selbst einen weit besseren, heiligeren und süßeren Sabbath feiern – und wir feiern ihn auch.
So oft ein Formelmensch die Kanzel betritt, wird der Andächtige betrogen und trostlos. Wir fahren zurück, sobald die Gebete beginnen, die uns nicht erheben, sondern niederschlagen und verletzen. Wir würden uns am liebsten in unsere Mäntel hüllen und uns, so gut es geht, eine Einsamkeit schaffen, in der wir nichts mehr hören. Ich habe einmal einen Prediger gehört, der mich stark in die Versuchung führte, nie wieder eine Kirche zu betreten. Die Leute, dachte ich, gehen eben dorthin, wohin sie zu gehen gewohnt sind, sonst wäre an jenem Abend kein Mensch in die Kirche gekommen. Draußen fiel der Schnee – und der Schnee war etwas Wirkliches, der Prediger aber nur eine künstliche, eine gespenstische Erscheinung – und jedes Auge mußte den traurigen Unterschied zwischen ihm und dem schönen Phänomen vor den Fenstern empfinden. Der Mann hatte umsonst gelebt. Keines seiner Worte verriet, daß er je gelacht oder geweint, geliebt oder gefreit hatte, keines, daß er je gelobt, betrogen oder gequält worden war. Wenn er wirklich je gelebt oder gefühlt hatte – wir merkten nichts davon. Das erste Geheimnis seines Amtes – Leben in Wahrheit umzusetzen – hatte er nie gelernt. Kein Körnlein seiner Erfahrung hatte er in seine Lehre zu bringen verstanden. Der Mann hatte gepflügt und gepflanzt, gesprochen, gekauft und verkauft, er hatte Bücher gelesen, er hatte gegessen und getrunken, sein Kopf schmerzt, sein Herz klopft, er lächelt und leidet – und doch verriet kein Wort, keine noch so leise Andeutung in seiner Rede, daß er überhaupt je gelebt hatte. Keine Zeile war dem wirklichen Leben entnommen. Den wahren Prediger erkennt man daran, daß er seiner Gemeinde sein eigenes Leben mitteilt – sein Leben, wie es durch das Feuer des Gedankens gegangen ist. Aber aus der Rede des schlechten Predigers ging nicht hervor, in welches Weltalter seine Geburt gefallen war, ob er einen Vater oder ein Kind hatte, ob er ein Freisasse oder ein Proletarier, ein Städter oder ein Landmann war, noch sonst irgend etwas aus der Geschichte seines Lebens. Es schien sonderbar, daß die Leute überhaupt in die Kirche kamen. Sie hatten es offenbar zu Hause sehr unbehaglich, da sie dieses gedankenlose Geschwätz vorzogen. Es beweist, welche gebietende Anziehung das sittliche Gefühl ausübt, da es selbst der Langeweile und Unwissenheit einen schwachen Lichtschimmer verleihen kann, wenn sie in seinem Namen und an seiner Stelle auftreten. Der empfängliche Hörer weiß, daß er sich doch hier und da getroffen fühlt, weiß, daß etwas in ihm ergriffen werden kann, und daß das eine oder das andere Wort dieses »Etwas« zu ergreifen vermag. Wenn er diesen leeren Worten lauscht, tröstet er sich damit, daß sie die Erinnerung an bessere Stunden erwecken, und so hallen und klappern sie fort, ohne daß jemand etwas dawider hätte.
Ich weiß wohl, daß auch dort, wo wir unwürdig predigen, es nicht immer vergebens geschieht. Manche Menschen haben ein gutes Ohr und wissen auch aus sehr mangelhafter Nahrung neue Stärke für ihr sittliches Wesen zu schöpfen.
In all den Gemeinplätzen des Gottesdienstes und der Gebete liegt poetische Wahrheit, und ob thöricht gesprochen, können sie weise gehört werden, denn jeder dieser Gemeinplätze war einst der ungewöhnlichste Ausdruck, der sich in einem Augenblick tiefer Frömmigkeit einer tief betrübten oder jauchzenden Seele entrang, und den seine Vorzüglichkeit vor dem Vergessen schützte. Die Gebete und selbst die Dogmen der Kirche sind, wie der Zodiacus von Dendera und die astronomischen Denkmäler der Hindus, von allem, was in der heutigen Generation lebt und sie beschäftigt, vollkommen losgelöst und ihr fremd geworden. Sie zeigen nur mehr den Wasserstand an, zu dem sich einst die Fluten erhoben haben.
Aber jene Empfänglichkeit vermindert das Unheil nur bei den Frommen und Guten. In dem größten Teil der Gemeinde ruft der Gottesdienst ganz andere Gedanken und Bewegungen hervor. Wir brauchen den nachlässigen Diener des Herrn nicht zu schelten. Die rasche Vergeltung, die seiner Jämmerlichkeit folgt, erregt eher unser Mitleid.
Wehe dem unseligen Mann, der da berufen ist, auf der Kanzel zu stehen und kein Brot des Lebens zu geben hat! Was immer vorfällt, wird zu einer Anklage gegen ihn! Wenn er Geld für die inneren oder ausländischen Missionen fordert, muß nicht Schamröte sein Antlitz färben? Kann er seiner Gemeinde vorschlagen, Geld in eine Entfernung von hundert oder tausend Meilen zu senden, um anderen dieselbe ärmliche Kost zu verschaffen, die sie zu Hause haben, der zu entfliehen, sie besser thäten, selbst Hunderte und Tausende von Meilen weit fortzuziehen? Kann er die Leute zu einem gottgefälligen Leben ermahnen? Kann er von seinen Mitmenschen fordern, am Sabbath zu frommen Versammlungen zu erscheinen, da doch er und sie alle wissen, wie unsäglich wenig sie dort im besten Falle erwarten können? Kann er sie einzeln zum heiligen Abendmahl einladen? Er wagt es nicht.
Wenn der Ritus nicht von lebendiger Herzensliebe erwärmt wird, der hohle, trockene, knarrende Formalismus ist viel zu leer, als daß der Prediger einem Mann von Geist und Energie ins Auge schauen und die Einladung unerschrocken aussprechen könnte. Was kann er dem frechen Lästerer auf der Straße erwidern? Der Lästerer sieht ja Furcht im Gesicht, in den Bewegungen, im Gange des Geistlichen!
Ich will hier aufrichtig sprechen und meine Aufrichtigkeit nicht durch irgend welche Ungerechtigkeit gegen brave Männer beflecken. Ich kenne und ehre die Reinheit und strenge Gewissenhaftigkeit zahlreicher Mitglieder des Klerus.
Das geringe Leben, das dem öffentlichen Gottesdienst überhaupt noch innewohnt, verdankt er der weit verstreuten Schar frommer Männer, die, wenn sie auch bisweilen mit allzugroßer Zärtlichkeit die Lehren der Vorfahren acceptieren, doch aus sich selbst das echte Feuer sittlicher Impulse geschöpft haben und uns so durch die Heiligkeit ihres Charakters noch immer zu Liebe und Ehrfurcht zwingen. Noch mehr, diese Ausnahmen sind nicht so sehr in wenigen hervorragenden Predigern zu suchen, als in den besseren Augenblicken, in der wahren Begeisterung eines jeden – ja in den aufrichtigen Stunden jedes einzelnen Menschen. Aber wie viel Ausnahmen es auch geben mag, es bleibt dennoch wahr, daß alles Predigen in diesem Lande ein traditionelles Gepräge zeigt, daß es aus dem Gedächtnis und nicht aus dem Herzen kommt; daß die Prediger nach dem Üblichen und nicht nach dem Notwendigen und Ewigen streben, und daß so das historische Christentum das Predigeramt seiner Macht beraubt, indem es ihm die Erforschung der sittlichen Natur des Menschen entzieht, in der allein das Erhabene gefunden werden kann, in der allein die Quellen der Verwunderung und der Macht liegen. Es läßt sich gar nicht sagen, welch grausames Unrecht hierdurch gegen jenes »Gesetz« begangen wird, das die Wonne der ganzen Erde ist, jeden Gedanken reich und wertvoll machen kann, jenes Gesetz, gegen dessen verhängnisvolle Sicherheit die astronomischen Kreise nur als schwächliche Nachahmungen erscheinen, und das auf diese Weise travestiert und entwertet, von anderen aber verschrien und angeheult wird – während kein Zug, kein Wort desselben klar verkündet wird. Die Kanzel, die dieses Gesetz aus dem Auge verloren, verliert ihren ganzen Sinn und hascht, sie weiß selbst nicht, wonach! Und weil dieser Geist fehlt, wird die Gemeinde der Sache müde und glaubenslos.
Das Volk verlangt nach nichts so sehr wie nach einer hohen, ernsten, stoischen, christlichen Lehre, damit es sich selber und die durch seine Seele redende Gottheit kennen lerne. Heute schämt der Mensch sich seiner selbst, er schleicht und kriecht durch die Welt, froh, wenn er geduldet oder bemitleidet wird, und kaum einmal in tausend Jahren wagt es ein Mensch, weise und gut zu sein und damit die Thränen und den Segen seines Geschlechtes nach sich zu ziehen.
Gewiß hat es Zeiten gegeben, in welchen der Geist auf dem Gebiete gewisser Wahrheiten keine Thätigkeit entfaltete und infolgedessen ein größerer Glaube an Namen und Personen möglich war. Die Puritaner in England und Amerika fanden in dem Christus der katholischen Kirche und in den von Rom ererbten Dogmen Spielraum für ihre strenge Frömmigkeit und ihre Sehnsucht nach politischer Freiheit – aber ihr Glaube schwindet täglich mehr dahin, und kein anderer erhebt sich an seiner Statt. Ich glaube, kein Mensch, der nicht ganz gedankenlos ist, kann in eine unserer Kirchen gehen, ohne zu fühlen, daß aller Einfluß, den der öffentliche Gottesdienst einst auf die Seelen der Menschen hatte, dahin ist oder dahin schwindet.
Er hat seine Macht über die Liebe der Guten und die Furcht der Schlechten verloren. Auf dem Lande fallen halbe Sprengel ab. Es scheint beinahe schon ein Zeichen von Charakter und wahrer Religiosität zu sein, wenn ein Mensch den gewöhnlichen religiösen Versammlungen fern bleibt. Ich habe einen wahrhaft frommen Menschen, der den Sabbath hielt, in der Bitterkeit seines Herzens ausrufen hören: »Es scheint schon Sünde zu sein, am Sonntag in die Kirche zu gehen!« Und das Motiv, das die Besten noch hinführt, ist heute nur mehr Hoffnung und Erwartung. Was einst nur zufällig war, daß die Besten und Schlechtesten der Gemeinde, Arme und Reiche, Bildung und Unwissenheit, Jung und Alt sich an einem Tage als Brüder in einem Hause trafen, zum Zeichen der Gleichberechtigung der Seelen, das ist heute ein hervorragendes Motiv geworden, überhaupt noch dahin zu gehen.
In diesen zwei Irrtümern, meine Freunde, glaube ich die Gründe des Verfalls der Kirche und eines verheerenden Unglaubens zu finden. Und welches größere Unheil kann eine Nation treffen als der Verlust des Glaubens? Dann verfällt alles. Der Genius verläßt den Tempel, um sich im Senat oder auf dem Markt niederzulassen. Die Litteratur wird frivol, die Wissenschaft kalt. Das Auge der Jugend wird nicht mehr von der Hoffnung auf eine andere Welt erleuchtet – und dem Alter wird keine Ehre mehr zu teil. Die menschliche Gesellschaft lebt nur mehr für jämmerliche Kleinigkeiten, und wenn die Menschen sterben, sind sie keiner Erwähnung wert.
Und nun, meine Brüder, werdet ihr fragen: Was können wir in diesen kleinmütigen Tagen thun? – In unserer Klage über die Kirche ist auch das Heilmittel schon ausgesprochen. Wir haben die Kirche dem Geiste entgegengesetzt. Nun denn, im Geiste liegt die Erlösung. Wo ein Mann auftritt, bringt er eine Revolution mit sich. Das Alte ist für Sklaven. Wenn ein Mann auftritt, werden alle Bücher lesbar, alle Dinge durchsichtig, alle Religionen zu Formen. Nur er ist religiös. Er ist es, der Wunder wirkt, der unter Wundern geschaut wird. Alle anderen Leute segnen und fluchen; er aber sagt nur: Ja, ja; nein, nein. Die Starrheit unserer Religionen; die Annahme, daß die Zeit der Inspiration vorüber und die Bibel abgeschlossen sei; die Furcht, Jesus herabzusetzen, wenn man ihn als Menschen auffaßt: alles dies zeigt klar genug, wie falsche Wege unsere Theologie wandelt.
Des wahren Predigers Aufgabe ist es, uns zu zeigen, daß Gott ist, nicht daß er war; daß er spricht, nicht daß er gesprochen hat. Das wahre Christentum – ein Glaube an die Unendlichkeit des Menschen, wie der Christi war – ist verloren gegangen. Kein Mensch glaubt an den Geist des Menschen, sondern an irgend einen alten längst erloschenen Stamm, irgend eine alte längst verstorbene Persönlichkeit. Weh‘ mir! Kein Mensch mehr geht allein. Alle strömen herdenweise zu diesem oder jenem Heiligen oder Poeten und meiden den Gott, der in das Verborgene schaut. Sie, die im Verborgenen nichts sehen können und lieber auf den Straßen blind sind: sie halten die Gesellschaft für klüger als ihre Seele und wissen nicht, daß eine Seele – ihre Seele weiser ist als alle Welt. Siehe, Nationen und Rassen fliehen vorüber und versinken im Meer der Zeit, und kein Wellenringlein zeigt die Stelle, auf der sie fluteten oder sanken, und eine große Menschenseele läßt die Namen Moses, Zeno oder Zarathustra für immer ehrwürdig erscheinen. Kein Mensch hat den ernsten Ehrgeiz, das Selbst der Nation und der Natur zu sein, sondern jeder möchte gern ein bequemer Nachtreter irgend eines christlichen Systems, irgend einer Sekte oder irgend eines hervorragenden Mannes sein. Laßt nur einmal eure eigene Gotteserkenntnis, euer eigenes Gefühl fahren und empfanget Lehre aus zweiter Hand, sei es vom Apostel Paulus, von George Fox oder Swedenborg – und ihr entfernt euch mit jedem Jahre, daß diese Religion aus zweiter Hand währet, weiter von Gott, und wenn dies, wie jetzt, durch Jahrhunderte andauert, dann gähnt der Abgrund zuletzt so weit, daß die Menschen kaum mehr glauben wollen, daß irgend etwas Göttliches in ihnen ist.
So ermahne ich euch denn vor allem anderen, allein zu gehen, alle guten Vorbilder zu verschmähen, selbst diejenigen, die den Menschen noch so geheiligt erscheinen, und Gott ohne Mittler, ohne Schleier zu verehren.
Ihr werdet Freunde genug finden, die euch Wesleys und Oberlins, Heilige und Propheten zur Nacheiferung empfehlen werden. Dankt Gott für diese guten Leute, aber sprecht: Auch ich bin ein Mensch. Kein Nachahmer kann sein Vorbild überflügeln, und so verdammt sich der Nachahmer selbst zu hoffnungsloser Mittelmäßigkeit. Der Erfinder durfte dies thun, weil es für ihn das Natürliche war und darum an ihm voll Reiz erschien. Dem Nachahmer wäre etwas anderes naturgemäß, und er beraubt sich seiner eigenen Schönheit, um die eines anderen nicht zu erreichen.
Du, der du ein neugeborener Sänger des heiligen Geistes bist, wirf alle Form und Konformität von dir und führe die Menschen gerade zu Gott. Sieh vor allem und einzig darauf, daß Mode, Sitte, Autorität, Genuß und Geld dir als nichts erscheinen – damit sie nicht Binden über deine Augen seien, die dich am Sehen hindern – sondern lebe mit dem Vorrecht des unendlichen Geistes! Seid nicht allzu erpicht darauf, daß ihr alle Familien und jede Familie in eurer Gemeinde regelmäßig besuchet, aber wenn ihr einem Manne oder einem Weibe aus derselben auf der Straße begegnet, dann seid für sie ein geistlicher Mensch! Seid für sie Gedanke und Sittlichkeit, möge ihr schüchternes Streben in euch einen Freund finden, wo ihre unterdrückten, verachteten Triebe durch euch in eure Atmosphäre geleitet werden, – lasset ihre Zweifel fühlen, daß auch ihr einst gezweifelt habt, laßt ihre Verwunderung merken, daß auch ihr euch verwundert habt. Vertrauet eurem eigenen Herzen, und ihr werdet auch zu anderen Vertrauen haben. Denn trotz all unserer Pfennigweisheit, trotz der geisttötenden Sklaverei, in der uns die Gewohnheit hält, ist es zweifellos, daß alle Menschen erhabener Gedanken fähig sind, daß alle die wenigen wirklichen Stunden ihres Lebens schätzen, daß alle gehört werden wollen, daß sie sich gerne zur Höhe, zur Erkenntnis des Gesetzes emporheben lassen. Wie leuchtende Punkte sind in unser Gedächtnis die wenigen Begegnungen eingeprägt, die wir auf dem öden Pfade der Gewohnheit und der Sünde mit Menschen hatten, die unsere Seele weiser und besser machten, die aussprachen, was wir dachten, die uns sagten, was wir wußten, die uns das zu sein gestatteten, was wir innerlich sind. Erfüllt den Menschen gegenüber wahrhaft eure priesterliche Pflicht, und ihre Liebe wird euch wie ein Engel auf allen euren Wegen folgen.
Und darum hüten wir uns, nach gemeinem Verdienst zu streben! Können wir nicht anderen, die sie lieben, die Tugend überlassen, die für das Lob der Menschen glitzert, und uns selbst in die tiefe Einsamkeit absoluten Könnens und Wertes zurückziehen? Was die Gesellschaft an Sittlichkeit von uns fordert, das können wir leichtlich leisten. Das Lob der Gesellschaft ist billig zu haben, und die meisten Menschen sind mit diesem leichten Verdienst zufrieden, aber die erste Folge des wirklichen Verkehrs mit Gott ist, diese Verdienste abzuthun.
Es giebt Menschen, die keine Schauspieler, keine Redner sind, sondern »Influenzen,« Menschen, die zu groß sind für den Ruhm, zu groß für irgend eine Schaustellung, die auf alle Beredsamkeit verzichten, denen alles, was wir Kunst und Künstler nennen, zu nahe mit Schein und Nebenzweck verbunden ist und allzusehr zur Überschätzung des Endlichen und Selbstsüchtigen auf Kosten des Allgemeinen zu führen scheint. Redner, Dichter und Feldherren imponieren uns wie schöne Frauen, nur wenn wir es ihnen gestatten und ihnen huldigen. Wenn euer Geist des Hohen voll ist, dann dürft ihr auch sie gering achten; wenn ihr nach großen, für die ganze Welt bedeutsamen Zielen strebet, dann fühlen sie sogleich, daß ihr das Recht dazu habt, und daß ihr Licht erst an zweiter Stelle leuchtet. Sie fühlen euer Recht, weil sie gleich euch vom Strome des allwissenden Geistes empfangen haben, vor dessen leuchtender Mittagshelle all die kleinen Nuancen und Grade des Intellekts der Weisen und Weisesten zunichte werden.
In solch hoher Gemeinschaft laßt uns die großen Züge und Zeichen des Rechten erlernen: eine mutige Menschenliebe, völlige Unabhängigkeit von unseren Freunden, sodaß auch nicht die ungerechtfertigten Wünsche derer, die uns lieben, unsere Freiheit einschränken, sondern wir um der Wahrheit willen der reichsten Güte widerstehen können und für uns eine vertrauende Sympathie im voraus fordern, die erst unsere Zukunft rechtfertigen wird, und vor allem anderen – und dies ist die höchste Form, in der wir dies schöne Element schauen können – eine gewisse Festigkeit in unserem Rechtthun, die mit der Meinung der Leute nichts zu thun hat – eine so essentielle, offenbare Sittlichkeit, daß sie unwiderstehlich das Richtigere, Mutigere, Hochherzigere erwählen muß und kein Mensch daran denkt, sie erst zu loben oder zu rechtfertigen. Einem Narren mag man Komplimente machen, wenn er einmal was Rechtes thut, aber niemand wird einen Engel darum loben. Das Schweigen, welches eine verdienstvolle Handlung als das Selbstverständlichste in der Welt hinnimmt, ist der höchste Beifall. Solche Seelen – wenn sie erscheinen – sind die kaiserliche Garde des Sittlichen, seine ewige Reserve und die Diktatoren des Schicksals. Man braucht ihren Mut nicht zu loben – sie sind Herz und Seele der Natur. O, meine Freunde, es giebt Quellen in uns, an denen wir noch nicht geschöpft haben! Es giebt Menschen, die sich neu gekräftigt erheben, wenn sie eine Drohung hören; Menschen, denen eine Lage, die alle anderen einschüchtert und lähmt, die nicht Klugheit und Erwerbsfähigkeit, sondern Verständnis, Unbeweglichkeit und Opferfähigkeit fordert, anmutig wie eine geliebte Braut erscheint. Napoleon sagte zu Massena, er sei erst dann ganz er selbst, wenn die Schlacht sich gegen ihn zu wenden anfinge; wenn die Toten in Reihen um ihn fielen, dann erwachte sein Geist, seine Kombinationen, dann zog er Schrecken und Sieg wie ein Feldherrnkleid an. Und so zeigt sich der Engel erst in den rauhesten Proben, in der unermüdlichsten Ausdauer, in Bestrebungen, bei denen menschliche Sympathie nicht mehr in Frage steht. Aber das sind Höhen, deren wir kaum gedenken, zu welchen wir kaum emporschauen können, ohne Scham und Zerknirschung zu empfinden. Laßt uns Gott danken, daß es solche Dinge giebt.
Und nun laßt uns thun, was wir können, um das erstickte, nahezu erloschene Feuer auf dem Altar zu neuen Flammen anzufachen. Die Übel, an denen die heutige Kirche krankt, liegen klar zu Tage; und wieder drängt sich die Frage auf: Was sollen wir thun? Ich gestehe, daß mir alle Versuche, einen neuen Kultus zu entwerfen und einzurichten, mit neuen Formen und neuem Ritus, eitel erscheinen. Der Glaube macht uns, nicht wir den Glauben, und jeder Glaube schafft sich seine eigenen Formen.
Alle Versuche, ein System zu schaffen, sind kalt wie der neue Dienst, den die Franzosen seinerzeit für die Göttin der Vernunft eingeführt haben – heute Pappendeckel und Filigran, morgen unter Wahnsinn und Mord zu Boden gestürzt. Eher wird es euch möglich sein, den schon bestehenden Formen den Atem neuen Lebens einzuhauchen. Wenn nur ihr erst lebendig seid, werden auch sie neu und plastisch werden. Das Heilmittel gegen ihre Entartung ist erstens Geist und zweitens Geist und immer wieder lebendiger Geist.
Ein ganzes Papsttum von Formen kann ein Pulsschlag sittlichen Ernstes vom Boden erheben und neu beleben. Das Christentum hat uns zwei unschätzbare Güter gebracht: erstens den Sabbath, den Jubeltag der ganzen Welt, dessen willkommenes Licht in gleicher Weise in die Zelle des Philosophen, in die Dachkammer der Arbeit und in die Kammern des Kerkers bricht und selbst die Niedrigsten an die Würde geistigen Seins erinnert. Er soll uns bleiben als ein Tempel, den neue Liebe, neuer Glaube, neue Anschauungen mit einem helleren Glanze denn vorher schmücken sollen. Und zweitens die Institution der Predigt – der Rede von Mensch zu Menschen, des biegsamsten, ausdrucksvollsten aller Werkzeuge. Was hindert euch, jetzt und überall auf der Kanzel, in Hörsälen, im Hause und auf den Feldern, wo immer die Aufforderung der Menschen oder die Gelegenheit euch hinführt, die volle Wahrheit zu sagen, die euer Leben und Gewissen euch gelehrt, und die erwartungsvollen verzagenden Menschenherzen mit neuer Hoffnung, neuer Offenbarung zu trösten?
Ich harre der Stunde, wo jene höchste Schönheit, die dereinst die Seelen jener Männer des Ostens, vornehmlich jener Hebräer entzückte und hinriß und durch ihren Mund Weisheitslehren für alle Zeiten verkündete, auch im Westen sprechen wird! Die hebräischen, die griechischen Schriften enthalten unsterbliche Aussprüche, die das Brot des Lebens für Millionen gewesen sind: aber sie haben keine epische Integrität; sie sind fragmentarisch; man vermißt die stetige Folge.
Ich harre des neuen Lehrers, der diesen leuchtenden Gesetzen so weit zu folgen imstande sein wird, daß er sieht, wie sie sich zum vollen Kreise schließen; der die vollkommene Anmut ihrer Kreise schauen wird, der da die Welt als Spiegel der Seele erkennen, die Identität des Gravitationsgesetzes mit der Reinheit des Herzens wahrnehmen wird, der da zeigen wird, daß das Soll, die Pflicht eins ist mit der Wissenschaft, mit der Schönheit, mit der Freude!

trennlinie2

Ralph Waldo Emerson: Essays
Eine Vorlesung gehalten vor den Studenten der Theologie des Divinity-College zu Cambridge.

Autor: Ralph Waldo Emerson
Titel: Essays. Erster Teil – 1930
Verlag: Otto Hendel Verlag
Übersetzer: Karl Federn

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Über die Seele • Essay

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Über die Seele

Warum sagt man: »In der Tiefe der Seele?« Ist die Seele denn tief? Ist die Seele ein Brunnen oder eine Quelle oder ein Abgrund oder ein Sumpf oder eine Nacht oder ein Himmel, in dessen Fernen man auch nicht hineinblicken kann. Was ist die Seele? Ist sie lichtgeboren? Ist sie nur das Ergebnis von dem Gehirn und seinen Kammern? Und vergeht sie in tausend neue Kombinationen wie das Gehirn nach dem Tode?

Die Seelentiefe? Was macht, daß in allen Religionen der Erde etwas angenommen wird, das man Seele nennen dürfte, je nach dem Grade der Zivilisation? Keine läßt dem Körper mehr Rechte, als die einer zeitweiligen Behausung. Hat es die Menschheit gefühlt, daß etwas ganz anderes in ihrem Inneren wohnt, als was zu Tage tritt, oder hat dieses Zutagetreten sie erschreckt oder auch erfreut?

Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890
Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890

Jeder Märtyrer und jeder hohe Denker hat den Beweis geliefert, daß die Seele vom Körper trennbar ist, und erhaben ist über die Leiden und Schmerzen desselben. Ja man kann sagen, daß oftmals, je mehr der Körper zerstört wurde, um so erhabener die Seele darüber zu stehen schien, als ob sie bereits keinen Teil mehr habe an dem zerfallenden Gehäuse. Also muß die Seele eine Kraft besitzen, die vom Körper unabhängig ist und des Körpers nur bedarf, um sich der sichtbaren, oder wenigstens unserm Auge sichtbaren Welt kund zu geben, von dem sie sich aber gern und freudig trennt, sobald es ihr möglich ist, um andere Gestalten zu begrüßen, und einem anderen Leben entgegenzueilen. Ist die Seele so vielemal vertieft, als sie Existenzen durchgemacht und den Tod überwunden hat? Ist die Seele je nach dem Zustand tiefer, in welchem sie sich vor ihrer Inkarnation befunden hat? Das entzieht sich unserer Beobachtungsmöglichkeit, und nur ahnend folgen wir den Entschlummernden, nur tastend fragen wir uns in das zu erziehende Kind hinein, und lassen uns fast von ihm leiten, in der Art, wie seine Seele behandelt sein will, diese Seele, die wir für jung halten, weil ihr die irdische Ausdrucksweise noch fremd und neu ist, bei der wir aber sehr bald ganz bestimmte Eigenschaften entdecken, welche den Menschen durch sein ganzes Leben in höchst charakteristischer Weise begleiten. Es hat sich noch nie ein scharf und liebevoll beobachteter Mensch verändert, wenigstens nicht insofern man ihn zu studieren die genügende Gelegenheit gehabt hat. Denn in anderen Lagen erscheint sein Leben in anderem Lichte, ohne deshalb sich verändert zu haben. Manchmal kommt in bewußtlosem Zustande, in schwerer Krankheit, etwas zum Vorschein das wieder verschwindet, sobald der Mensch wieder in die frühere Lage gebracht worden ist. Wenn man sich in seine früheste Kindheit zurückversetzt, und manche haben eine deutliche Erinnerung vom zweiten Jahre an, und manchmal noch früher, so wird man sich sagen, daß man stets derselbe war, mit denselben Empfindungen, und daß die äußere Welt in ähnlicher Weise dasselbe Gehirn oder dieselbe Seele beeinflußte. In einer Familie erscheinen Geschwister, die nicht den geringsten Zug miteinander gemein haben, die auch gar kein Verständnis für einander haben, als kämen sie wirklich aus verschiedenen Welten, und hätten einer des anderen Sprache nie vernommen.

Wenn die Seele nur aus Gehirnstoff erbaut wäre, so müßten Geschwister einander ähnlich sehen, da sie ihr Gehirn aus demselben Material gebaut haben, einer wie der andere. Man spricht dann von fernen Erbschaften verschiedener Gehirnzellen aus vergangenen Geschlechtern. Das wäre dann der einzige gültige Adelsbrief, den man mitbekommen, der aber schwer zu entziffern ist, zumal da die folgenden Geschlechter die früheren meist vergessen haben, und sich nur zufällig Züge ihres Wesens erhalten haben. Wer weiß, ob es der sich zu inkarnierenden Seele nicht gestattet ist, sich das Elternpaar und das Geschlecht auszusuchen, aus dessen Stoff sie glaubt, eine gute Behausung bauen zu können. Denn man sieht, daß Erziehung auch nur einen ganz äußerlichen Einfluß hat, die Seele aber in keiner Weise modelliert. Erziehung heißt, sich in der umgebenden Welt zurechtfinden, und die Freiheiten seiner Nebenmenschen in keiner Weise beeinträchtigen. Inwieweit dies aber gelingt, hängt lediglich von der Natur eines jeden ab, ob er egoistisch oder altruistisch angelegt ist.

Es ist auch möglich, daß frühere Existenzen eine Art von Selbstverurteilung herbeiführen, unter ungünstigen Umständen wiedergeboren zu werden, oder gar gezwungen zu sein, das Böse zu tun, ein Dämon zu sein auf der Erde, bis auf diese Weise ein anderes Dasein erfüllt oder gebüßt ist. Umgekehrt muß es auch vorkommen, daß die Seele die Verhältnisse, die sie versucht, ungünstig findet und den Körper wieder verläßt, um sich einen besseren zu suchen. Das heißt für die Menschen dann frühes Sterben. Vielleicht sind Sie selbst an dem frühen Sterben schuld, weil Sie der Seele nicht die körperliche und geistige Nahrung zugeführt haben, deren sie bedurfte. Wir tasten in Dunkelheiten, die wir vielleicht nicht einmal erhellen sollen. Darwin sagte bescheiden und demütig: »Vielleicht stammen wir aus demselben Uranfang?« und seine Schüler erhoben diese Anfrage zur Lehre und schworen dabei, bis sie sahen, daß sie nicht weiter führt. Fichte sprach vom Ich, Schopenhauer vom Willen, Kant von der Vernunft, Büchner von der Kraft, aber warum dachten Sie nicht an das Alte?

Warum unsere Identität fortbeweisen wollen, wenn die allergrößten Philosophen der Welt, die Inder, schon so lange den Weg gezeigt hatten, die unerklärlichen Verschiedenheiten von Seele und Leib zu erklären. Sie bewiesen in der vollkommenen Extase, auf ein wie geringes Maß von Existenz man den Körper reduzieren kann, ohne an Denkkraft einzubüßen, sondern im Gegenteil, die Denkkraft schien sich zu erhöhen, je weniger der Körper vorhanden war. Die Europäer verfielen auf den gegenteiligen Gedanken, sie wollten dem Körper alles zuschieben, was durch ihn hindurchzustrahlen bestimmt ist. Man dürfte aber sein bescheidenes Vielleicht wieder einmal in der Richtung der Inder entsenden und nachforschen, warum sie so große Gewalt über sich und über die ganze Natur erlangten. Vielleicht waren sie der Wahrheit näher gekommen und wußten, daß sie viele Wege bereits zurückgelegt. Vielleicht wacht die Erinnerung besser auf, wenn der Körper überwunden und als nebensächlich behandelt wird, vielleicht sehen wir in einem Spiegel, was früher wir gewesen sind. Ob in der vollkommenen Extase wir unsern jeweiligen Beruf erfüllen, das ist eine andere Frage.

Aber es muß auch solche geben, die sich zum Wohle der andern in sich selbst zu vertiefen suchen, und ihnen mitteilen, woraus sie entnommen sind. Wir wissen vielleicht gar nicht, wie wahr wir sind, wenn wir von Seelentiefen sprechen, denn wir haben oft Überraschungen von Eigenschaften, die uns verhüllt blieben, bis zu einem gewissen Augenblick. Daß die Seele sich den Leib bis zu einem gewissen Grade modelliert, das wird wohl auch richtig sein, denn der Gesichtsausdruck verändert sich je nach der einen oder andern Eigenschaft, die sich entwickelt, ja die ganze Kopfform verändert sich, der Schädel scheint eine Umbildung zu erleiden, die Bewegungen werden anders, die Form der Hände, der Gang, alles wird gröber, oder was wir vergeistigter nennen, je nach den Beschäftigungen oder Sitten, die zur stärkeren Entwicklung kommen. Wie oft wird der schwächlichste Körper zu unerhörten Leistungen förmlich durch das innewohnende Feuer der Seele gezwungen, und dieser beständige Kampf gegen die ungenügende Materie bringt eine immer steigende geistige Kraft zu Tage. Wer befiehlt denn dem Menschen, der ohne Arme und Beine geboren ist, ein gewaltiger Mathematiker zu werden, oder wenigstens ein Rechenkünstler, der alle in Erstaunen setzt? Wer befiehlt dem ohne Arme Lebenden, seine Füße zum Malen zu gebrauchen? Die Seele, die den Körper überwinden will, und in dieser Überwindung einen Triumph feiert, wie ihn kein Ringkampf und kein heldenhafter Sieg zur Empfindung bringt. Wie viele Menschen sehen ihren Körper wie einen Feind an, den man täglich bezwingen muß, und der dennoch gehorchen muß, ob er scheinbar kann oder nicht. Das ist doch wohl nicht Materie, welche die Materie beherrscht, oder jedenfalls eine andere Materie, die viel stärker ist, als die sichtbare, oder als diejenige, über die wir uns in unserer Beschränktheit Rechenschaft geben. Das, was wir überirdisch nennen, oder den Naturgesetzen zuwiderlaufend betrachten, ist doch nur das, was wir nicht verstehen. Aber ein Mensch, der noch nie einen Baum gesehen hätte, würde das Wachstum einer Eiche oder einer Buche, oder einer Tanne für ungeheuerlich und unmöglich, den Naturgesetzen zuwiderlaufend, erklären. Was wissen wir überhaupt von den uns umgebenden Gesetzen? Wir tasten umher, um sie zu erkennen, und unsere Entdeckungen weisen uns täglich auf den Grad unserer Blindheit hin.

Einige Menschen erhoben das sogenannte Böse zum Prinzip, weil sie in ihrem Glauben an einen gütigen Gott nicht erschüttert werden wollten, durch all das Unrecht, das sie sehen mußten und von dem sie nicht glauben konnten, daß ein gütiger oder nur ein gerechter Gott es dulden würde. Aber da steht man wiederum fragend da und kann nicht erklären, warum das sogenannte Böse besteht und geduldet wird, und ob es so böse ist, als es uns erscheint, oder das Gute so gut, als es uns erscheint.

So vieles ist nur durch Gestalt und Größe bestimmt, was uns in irgend einer Weise beeinflußt. Würde es Raupen geben, die größer wären als wir, wie entsetzlich müßten sie uns erscheinen, ja, wie die Drachen der Fabel oder der grauen Vorzeit.

Könnte eine Spinne uns das Blut aussaugen, wie gräßlich würde sie uns sein, und wir würden sie gar keinem Studium unterziehen können, sondern uns nur verbergen und entfliehen voller Entsetzen und Grausen. Ja, das heilige Grausen, das die meisten Menschen über allerhand Käfer, Spinnen, Tausendfüßler und Gewürm befällt, ist vielleicht nur der Instinkt des Körpers, der ahnt, daß er dieser Tiere sichre Beute ist, sobald der Geist sie nicht beherrscht. Ein sehr tiefer Schlaf ist sicher nur ein Abbild dessen, was Körper und Seele trennt. Der Körper kann in vollkommner Bewußtlosigkeit daliegen, während die Seele ganze Erlebnisse durchwandelt, und in so unglaublicher Schnelle, daß sie beim sogenannten Erwachen nicht begreift, so wenig geschlafen zu haben, und ein Buch mit ihren Erlebnissen füllen könnte. Der Graf Keyserling beschäftigte sich viel mit der Traumseele, aber er kam nicht auf den Gedanken, daß unsere Träume nur das Spiegelbild von dem sind, was die Seele im freien Zustande erlebt, und wovon das schlummernde Gehirn soviel erzählt, als ein Kind lallen würde, das ein wirklicheres Erdenerlebnis schildern wollte und dem dazu Worte und Bilder, ja Begriffe fehlen. Wissen wir, was die Seele tut, während wir schlafen?

Vielleicht ist sie viel beschäftigter als im wachenden Zustande des Körpers und hat Aufgaben, vor denen wir staunen würden, könnten wir sie anders erkennen als im undeutlichen Spiegelbild und manchmal gar nicht. Wir haben auch ganz gewiß viel größere Voraussicht als wir es uns zum Bewußtsein bringen, und im Traume erkennen wir vieles, das wir gern dem wachenden Menschen mitteilen möchten, um ihn zu warnen, das er aber nicht recht versteht, weil er die Bildersprache, zu der seine Seele gezwungen ist, um sich überhaupt verständlich zu machen, noch nicht zu entziffern gelernt hat. Wenn wir aufmerksamer schlafen würden, so würde uns manches zum Bewußtsein kommen, das uns jetzt wie ein Märchen oder Rätsel erscheint oder als leeres Hirngewebe. Kann man sich aber in einer Welt, in der alles in einander greift, und alles zweckmäßig ist, vorstellen, daß ein Wesen stundenlang jeden Tag vollkommen unnütz sein soll? Sogar die Tierseele scheint im Schlafe weiterzuarbeiten, denn wir sehen deutlich die Träume, die sie dem Tiergehirn vorspiegelt, geringste Träume haben oft nicht die geringste Verbindung mit dem bewußt Erlebten, mit unsern Gedanken, Wünschen und Erinnerungen. Wir durchwandern eine Welt, die uns vollkommen fremd ist, und die vielleicht mehr Erinnerungen enthält, als wir es ahnen.

Wer schickte Columbus nach Amerika? Er war nicht besonders gelehrt, er hätte schwer beweisen können, daß dort Welten sein müßten, wo die Welt aufhörte, und daß die Erde eine Kugel ist, und die Sterne singen in ihrem Laufe, was doch Pythagoras versicherte, gehört zu haben. Es ist eine üble Gewohnheit der Menschen, einander ihre verschiedenen Erfahrungen und Erlebnisse nicht zu glauben. Die Menschheit würde sicher viel schneller vorwärts kommen, da Vorwärtskommen ihr Bestreben ist, wenn sie von einander annehmen und lernen wollte, und nicht die Zeit mit Zweifeln an einander verlöre. Aber alle sind nur zu bereit, zu sagen: »Ich sah das nie, also ist es nicht vorbanden.« Aber welcher Mensch hätte Gehirn genug, um alle Erfahrungen der andern wieder zu erfahren? Dazu ist der Raum zu klein, in den er gesperrt ist. In einfacheren Zeiten verstanden die Menschen ihre Traumseele besser und folgten ihrem Rat, weil ihnen eine Ahnung sagte, daß die Traumseele weiter schaue, als die vom Körper befangene. Das Freisein vom Körper gab ihrem Gefühl nach größere Einsicht und besseres Erkennen, sie konnten ihre Träume selten Verdauungsbeschwerden zuschreiben, da sie der Schlemmerei nicht ergeben waren und oft nicht satt zu essen hatten. Das viele Essen macht die Seele sehr zur Sklavin, sie kann nicht so frei denken; daher die Idee des Fastens. Wie wären die Menschen aufs Fasten verfallen, wenn sie nicht entdeckt hätten, daß Enthaltsamkeit im Essen eine außerordentliche Klarheit und Denkkraft verleiht. Wenn aber das Gehirn allein denken würde, so könnte man es garnicht stark genug ernähren, um es besser denken zu machen. Ganz im Gegenteil gibt das Fasten eine leuchtende Kraft, die viel größere Dinge auf geistigem Gebiet leistet, als man berechnen kann. Es ist ein großes Unglück für die Menschheit, daß das Essen eine so große Rolle spielt. Erstens macht es viele unglücklich, die auch gern essen möchten und es nicht können, weil es zu teuer ist, und zweitens raubt das Essen vielen die hochgeistige Vollkommenheit, nach der sie streben dürften. Man sollte die Kinder von früh an gewöhnen, asketisch zu leben, so einfach, daß ihnen die Lust am Essen für später kein Hindernis ist, und sie gern so einfach weiter leben. Man sollte es ihnen als die größte Demütigung hinstellen, vom Gaumen beherrscht zu sein und des Gaumens halber krank zu werden. Eine Indigestion sollte mit der größten Härte und Verachtung bestraft werden, fast mitleidslos. Denn es ist verächtlich, seinen Gaumen nicht in der Gewalt zu haben. Jedes Tier ist uns dann überlegen. Ach! In wie vielem sind uns die Tiere oft überlegen. Wir wollen es oft nicht sehen und leugnen, daß sie eine Seele haben, und sie beschämen uns jeden Augenblick mit ihrer Seelengröße und Aufopferungsfähigkeit. Würden wir so einfach und unschuldig bleiben wie sie, so würden wir auch solcher edlen Züge teilhaftig werden, die wir mutwillig in den Wind schlagen, nur, weil es uns anders bequemer ist. Ja es ist sogar bequemer, an die Abwesenheit der Seele zu glauben, das vermindert die Verantwortung.

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Angst • Essay

Carmen Sylva: Geflüsterte Worte • Angst

Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890
Prinzessin Elisabeth zu Wied, spätere Königin von Rumänien, um 1890

Wenn es eine Hölle geben kann, so ist sie ganz gewiß nur eine Zeit namenloser Angst. Denn es gibt wohl nichts Furchtbareres als Angst. Die Schmerzen des Leibes und der Seele reichen nicht an das Gefühl wahnwitziger Angst hinan, welche die Glieder lähmt, das Wort in Eis verwandelt, das Herz in einen Krater, in dem es pocht und siedet Tag und Nacht. Die Höllengeborenen, welche die Angst erfanden, wußten, daß diese dem Menschen die Sinne und Gedanken raubt. Und dennoch haben Unzählige diesem Entsetzen widerstanden und sind für einen einzigen Gedanken, für eine einzige Überzeugung durch die Qual hindurchgegangen in den Tod, der wie ein Balsam ihre erlöschenden Kräfte umfing. Ein Gedanke trug diese Menschen dem Himmel zu, während ihre Henker in der Hölle verweilten, darum, wenn die Angst, o Seele, dich umnachtet, so ist es nur darum, weil du zweifelst, weil deine Überzeugung schwankt, weil du nicht den Glauben hast, daß höchste Weisheit dich erleuchtet, und wenn sich die ganze Welt wider dich kehrt. Du hast schon Angst vor der Leute Geschwätz, schon diese Kleinigkeit ist dir so unerträglich, daß du lieber dem Moloch dieser Leute opferst, als dich freudig zu deiner Überzeugung zu bekennen. Das macht, weil das Christentum die Throne bestiegen hat und in goldenen Gewändern einhergeht, anstatt verfolgt und verhöhnt und gemartert zu sein. Damals zweifelte keiner, und alle gingen in den Tod. Der Zweifel ist die Ausgeburt des Wohllebens und der Erschlaffung. Wer leidet, der zweifelt nicht, im Gegenteil, er wird nur immer bestärkt in seinem Glauben. Du aber bist in der Verweichlichung groß geworden, in dem bequemen Weihrauch der Kirche, der dich einhüllt und keinen Kampf mehr von dir fordert, und da trifft dich das Ungemach mit seiner Folter, Angst, wie etwas Unbekanntes, Entsetzliches.

Angst ist entsetzlich. Sie hat hundert Köpfe und tausend Krallen, sie hat gar kein Antlitz, und gar keine Gestalt, das macht sie so furchtbar. Die heilige Vehm nahm Masken vor, um furchtbarer zu sein. Dasselbe tut die Angst. Sie hat kein erkennbares Aussehen, sondern legt sich dir auf Herz und Glieder und raubt dir den Verstand. Das aber ist wiederum der Körper, der dich also schwach macht, denn du weißt, daß du dasselbe denkst wie zuvor. Die Angst an einem Totenbette ist schlimmer als der Tod, die Angst vor einem vernichtenden Gespräche schrecklicher als das Gespräch, das mit einem Menschen stattfindet, der nur eine kurze Zeit über dich Gewalt bekommen hat und dich nicht ewig foltern kann.

Die Angst, Unrecht getan zu haben, die Angst vor der Tat, die du für recht hältst, und von der du doch nicht gewiß weißt ob sie zum Guten führt, die Angst, ein Wort gesprochen zu haben, das einem andern Schaden bringt, – aber siehst du nicht, daß die ganze Natur Angst hat? Vor dir, dem Räuber, der alles Lebendige verzehrt, fürchten sich alle, und dein Entzücken ist grenzenlos, wenn eins dieser bangen, mißtrauischen Wesen sich an dich anschmiegt und glaubt, daß du es gut mit ihm meinst. Womit hast du denn dieses Vertrauen verdient? Was hast du getan, damit Vogel und Reh, Schmetterling und Eidechse dir vertrauen? Denn selbst die Haustiere sind alle dem Tode verfallen, du nährst sie nur für dich, nicht zu ihrem Wohl. Und dann willst du allein das Gefühl der Angst nicht kennen? Hast du das verdient? Du würdest nicht so arm sein, als du es bist, wenn du dich von dem ernähren wolltest, was dir entgegen wächst, und das nicht leidet, sondern reift und fällt, selbst ohne dein Zutun. Du aber mußt Leben abschneiden und gar noch unschuldige Wesen quälen und verfolgen, und trauerst nicht, daß alles Getier von dir flieht als vor seinem grausamsten Feinde?

Und du willst kein Auge haben? Du mußt es bezahlen, was du leiden machst. Du hast Angst vor dem Messer, das dich heilen will, und läßt Tiere die gesund sind, in Stücke schneiden, auf daß man dadurch dein elendes Leben verlängere? Die Angst vor dem Tode ist wiederum rein körperlich, denn die Seele wünscht sich oftmals die Befreiung, wenn der Körper sich oftmals vor dem Sterben graust. Ist dir das nicht ganz klar, Seele, daß es nur der Körper ist, dem die zeitweilige Vernichtung nicht gefällt? Er hat ja sein eigenes, starkes Leben und will nicht in den Tod, bei dir nicht und bei keinem einzigen Tiere, du aber, Seele, weißt sehr wohl, daß du dir den Tod wünschest, um aus der engen Behausung herauszukommen, und den unendlichen Raum zu kennen, der dich so nahe umgibt, und der dir so fremd bleiben muß, bis du frei wirst. Dein Körper hat Angst vor Hunger und Kälte, nicht du, Seele; du fühlst weder Hunger noch Kälte, es genügt hierfür, daß ein Gedanke dich ganz befangen hält.

Angst macht dich oftmals töricht, so töricht, daß du das Verkehrte, ja das Unerhörte tust, nur weil du Angst gehabt und dein Urteil hast trüben lassen. Angst vor Menschen, ist das nicht ein nichtswürdiges Gefühl? Und doch treibt es in alle denkbaren Handlungen hinein, in Reden die man gedacht, in einem Gesichtsausdruck, der dem wahren Gefühl widerspricht. Angst entwürdigt dich so sehr, daß sie dich sogar zum allerelendesten Menschen, zum Lügner machen kann. Seele! Unwahr brauchst du doch nicht zu sein! Ein Christ, der sich von wilden Tieren zerreißen ließ, machte Hunderte zu Christen: ein beherztes Wort von dir würde vielen helfen, Mut zu haben, und sich zur Wahrheit, oder zu dem, was sie dafür halten, zu bekennen, Wir müssen uns oftmals mit dem Spiegelbild der Wahrheit begnügen, und dieses verteidigen wie ein heiliges Symbol, da uns die wirkliche Wahrheit verhüllt bleibt, bis wir sie ertragen können. Wenn wir die Erde gegen einen Angriff von außen verteidigen müßten, würden wir plötzlich alle Brüder sein, da gäbe es keine Grenze mehr und keinen Erbfeind, und keinen Hader, ja man würde vergessen, worüber man eben noch Krieg führte, und es ganz unbegreiflich finden, daß man entzweit sein konnte; so notwendig würden alle allen sein, in dem Kampf um die Erde gegen einen auswärtigen Feind. Es brauchte nur ein Stern sehr bedrohlich nahe zu kommen, und in der Angst vor Vernichtung wären alle Menschen Brüder. Einsam getragene Angst macht zum Einsiedler vielleicht für alle Zeit. Gemeinsam getragene Angst schließt alle Herzen zusammen mit einem oft unzerreißbaren Bande.

Da Märchen und Legenden meistens so sehr viel wahrer sind als sogenannte Geschichte, so ist vielleicht die Bibellegende von einem Paradiese viel wahrer als wir in unserer dunklen Schulweisheit es jetzt noch glauben wollen.

Vielleicht hat es in einer Zeit solch ein seliges Erdenland gegeben, und nur als die Angst erschien, da war es vorbei, da wurde eine Art von Hölle daraus. Aber das Bewußtsein einer Himmelsmöglichkeit blieb in den Menschen zurück, und nun suchen sie auf jede Weile diesem seligen Zustande nahe zu kommen, gar mit Mord und Totschlag, da sie meinen, einer steh dem andern im Wege zu dieser Glückseligkeit. Die unten stehen, haben Angst vor den Großen und Reichen und meinen, die nehmen ihnen den Himmel weg, und die oben stehen, haben Angst, ermordet zu werden, und so fürchten sich die einen vor den andern, anstatt sich gegenseitig zu helfen soviel es in aller Kräfte steht. Wenn man einsehen würde, daß der eine mehr Hände-, der andre mehr Gehirnarbeit verrichten soll, so würde man nicht so gierig einer auf den andern blicken, sondern mit dem zufrieden sein, was das Los bestimmt hat.

Wissen wir denn, ob wir in einem früheren Dasein nicht das alles schon gewesen sind, oder in einem kommenden wieder werden, was die andern sind? Wie mancher muß schon in diesem Leben Steine Klopfen, weil er sein Gut vertan hat, und zu nichts zu brauchen ist, was andre leisten können. Vielleicht geht es so mit den verschiedenen Existenzen, die wir durchlaufen. In der einen müssen wir hungern, in der andern müssen wir Erfinder sein, in der dritten auf des Gebens Höhen stehen, wenn wir reif genug sind, um den andern so zu dienen.

Angst! Aber wenn wir wüßten, was wir schon alles gewesen sind, und noch werden müssen, wie würde die Angst steigen! Vielleicht waren wir einmal Verbrecher! Vielleicht würde sich die Menschheit entsetzt von uns abkehren, wenn sie sehen könnte, was dieselbe Seele schon alles getan hat! Vielleicht ist die Angst, die unsere stete Begleiterin ist, die erste von früheren Fehlern, die wir noch immer sühnen müssen. Viele wollen es sich nicht eingestehen, daß sie schon auf der Erde alles sühnen müssen, jedes unbedachte Wort, jede selbstsüchtige Handlung, jede Tat, die der Menschheit in ihrem Fortschritt Schaden bringt. Oder ist es das dunkle Gefühl, daß die Sühne unser harrt, die uns die Angst ins Herz jagt?

Sie ist heilbar, diese Angst, durch einfältigen Kinderglauben. Aber heutzutage ist der Kinderglaube außer Kurs gesetzt, und man hat die Wissenschaft dafür herbeigeholt, und merkt nicht, daß die Wissenschaft in einem Jahrhundert solche Schwankungen erleidet, daß heute falsch ist, was gestern wahr war. Wie soll man aus der Wissenschaft eine Religion machen? Das Christentum gilt für verbraucht. Aber so lange noch kein einziger Mensch der Bergpredigt nachgelebt hat, ist das Christentum noch nicht einmal erreicht, geschweige denn veraltet.

Wenn nicht in der ganzen Natur die Angst wohnte, so würden wir berechtigt sein, uns für etwas außergewöhnlich Schlechtes und Nichtswürdiges zu halten, aber nun sehen wir die Unschuldigen ebenso davon heimgesucht, wie wir es sind, und das mitten in der herrlichsten Natur, die ihre Gaben ausschüttet, und alle Augen erfreuen will. Eine Hölle brauchte dennoch die Erde nicht zu sein und ist es für so sehr viele, ja vielleicht für die meisten. Denn selbst, wenn die Angst vorüber ist, läßt Sie unverlöschbare Spuren zurück, in der Seele wie am Leibe: sie geht wie ein verheerendes Feuer über die Menschen und verbrennt sie bis ins Mark. Die Narben davon schmerzen immer wieder, und eine Kleinigkeit reiht sie auf, als wären sie nie geheilt.

Ein Gethsemane wartet auf jeden, nur erzählt er es nicht, wenn er es durchlitten hat. Manchmal kann man es an seinem Mitleid mit jedem andern erkennen, daß es über einen Menschen hingegangen ist, manchmal auch am scheuen und scheinbar harten Abschließen gegen die ganze Welt. Angst wirkt so verschieden auf jede Natur. Du aber, Seele, wenn du in dem Fegefeuer der Angst stehst, so halte still, und wolle nicht der Qual ein Ende machen. Sie hat ein Ende, sei nur vertrauensvoll! Angst ist ebensowenig ewig, wie alle andern Erdenerlebnisse. Sie erscheint uns nur ewig, gleichwie Körperschmerzen, auch wie Not jeder Art. Die Freude ist kurz, wie lange sie auch gedauert hat.

Klabund • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Klabund • Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Urzeit

Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen, volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer »völkisch« sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel ist allen Völkern gemeinsam.

Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Wind da- und dorthin getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben. Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken.

****

Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wotans niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.

Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand wie nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde, Mensch verschmolz in seinem Gedicht.

Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur Liebe führt durch Haß und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. Er singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und nur die Sonne ist ihre Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die Wolken, bis an Gottes Thron selbst.

Nibelungen- und Gudrunlied

Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das Wessobrunner Gebet, um 800 entstanden, voll von großer Anschauung und starker dichterischer Kraft. Karls des Großen Biograph Einhart († 840) erzählt, daß Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen. Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und Christusgeschichten aufgetischt.

Unter den Nachfolgern Karls des Großen blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen.

Das stolzeste Epos der Deutschen ist das Nibelungenlied (um 1210). Die sagenhafte deutsche Urzeit entsteht in den Rittern der Völkerwanderung noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. »Welch ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der Nibelungen auf«, schreibt A.W. von Schlegel . »Mit einer jugendlichen Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.« Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener Seele verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in Trümmer gebrochen.

Das Gudrunlied (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in eine rosenrote Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.

Der Minnesang

Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gern gepflegt und in Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romantischen Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Throne setzten, wie man ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde weihte. Von Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von Kürenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein Jahr gezähmt und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann, genannt der Spervogel (†1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche und Fabeln, z.B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich Leben führen wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hüten der Schafe an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe – und derartige Schafe sind leider heute verbreiteter denn je.

Walter von der Vogelweide

Von 1160 bis 1230 ritt Herr Walter von der Vogelweide durch die Welt. Er kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen, wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen mageren, schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnüsse an den tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker, der er war, daß die Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts, selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen, die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz, sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich, und sprach:

Nehmt, Fraue, diesen Kranz,
So zieret ihr den Tanz
Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.

Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend strich den Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein. Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester, Gottestochter all in eins.

Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den Kreuzzug. Er hasste die Pfaffen und den falschen Gott in Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie:

Jetzt erst bin ich beseligt,
da mein sündig Auge
die heilige Erde betrachten darf.
Dahin kam ich, wo den Pfad
Gott als Mensch betreten hat.

Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und Bitternis überall. Die Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er den Blick auf den fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu miniu jâr! Im Lusamgärtchen, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das Sterbliche von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke Körner zu kaufen seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner und Wasser vorfinden sollten.

Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte den Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden! Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide! Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein. ‚ Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez’, der taet mir leide’, rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab.

Die deutsche Mystik: Mechthild von Magdeburg, Meister Eckhard und Johannes von Saaz

Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester Mechthild v. Magdeburg (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling ( Schöner Jüngling, mich lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jede höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip.

»Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so stark, noch also vollkommen als die Minne«.

Mechthild von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist ihr zärtlicher Gespiel und sie seine Tänzerin.

Meister Eckhard (1260 bis 1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war ihm eine Station zum Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut fließe. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben leiden.

Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann von Böhmen« sein, den Johannes von Saaz 1400 in die Welt schickte. Der Dichter kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem Gottesgericht) sein Weib vor dem Räuber und Mörder Tod zurück.

»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott, der euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung treffe Euch; Unglück hause bei euch mit Macht; ganz entehret bleibt für immer!«

so beginnt der Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet:

»Du fragst, wer wir sind: wir sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune, rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen und Gras hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.«

In immer verzweifelteren Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu hausen scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die Stellung des Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht:

»Kläger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet.«

Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg

Mit den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt. Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die öffentliche Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das erste Recht der Beurteilung für sich in Anspruch nahmen.

Die Themen, die Hartmann von Aue († 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich seine eigene Mutter. Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu sühnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er wird von ihnen im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene Mutter ihrer Schuld ledig.

Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes. Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu retten: Das Blut einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm entbietet sich ein Mädchen für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen des Mädchens Gott der Liebenden; er macht den armen Heinrich gesund und zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten.

Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist Wolfram von Eschenbach (etwa 1170 bis 1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war eine armer Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen von Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt, vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich, in sich. Er hatte die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment entwickelte, dessen Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus unverzerrtem Frauenmund.

Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war. Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger Herr« tituliert wurde, sondern mit dem er reiten und spielen durfte wie mit sich selbst. Er hatte 1200 bis 1210 in 24 810 Versen im »Parzival« den Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten Willens einer Epoche, der er schon längst nicht mehr angehört. Der Stoff ist französischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der Erlösung christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind zum seiner Seele bewussten Mann ist ganz Wolframsche Prägung. Er ist den Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.

Gottfried von Straßburg (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse, war auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren, ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe und Schiller, zwei dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker. Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein, Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.

Die Volksdichtung

Während die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüdern Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner, Vagabunden und Gott weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen. Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der war voll von Träumen wie ein Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch…«, aber dann ließ er sich doch von seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!). Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand:

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die schönste im ganzen Land?
Und der Spiegel antwortete:
Ihr Königin, Ihr seid die schönste hier.
Aber Schneewittchen über den Bergen
Bei den sieben Zwergen
Ist noch tausendmal schöner als Ihr.

Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:
Kywitt, kywitt,
wat vörn schöön Vogel bün ick…

Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Er war ein Mensch, der sich nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele wandern. Vögel und Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber böse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln von Märchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm war der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tür fällt ins Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag. Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Sie waren eins. Die Märchen und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber (der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie zwei Königskinder, die zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«. Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die kommen mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll vollendeter Klassizität, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Männer schichteten. Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel in ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.

Zerfall der Ritterpoesie: Oswald von Wolkenstein, Hans Sachs

Die Entwicklung des Menschengeschlechts geht in Wellenbewegungen vor sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem Nibelungenlied hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht, von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde der Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16. Jahrhundert fällt die Blütezeit des Volksliedes. Zuweilen nahm sie ein Kloster auf. Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei braven Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie meinten, die Dichtung würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem Dunst satter Behäbigkeit recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie erbrach. Von der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie Gottfried und Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus fiel auseinander – was Hebung, was Senkung –, man zählte einfach die Silben zusammen. Aus dem Minnegesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler Oswald v. Wolkenstein († 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem verendenden Tier. Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich in allen größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der Vollender und Überwinder ist Hans Sachs, geboren 1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber Nunnenbeck die Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging wie ein rechter Schuster auf Wanderschaft, kehrte, nachdem er so viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend, da und dort überraschen sie durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000) Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein 82. Jahr hinübergerettet. Er hat es in seinen Schwänken auf moralische Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt und keinen Jäger, der sie beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur so nebenbei zu Hans Sachs.

Scherz, Ironie und Satire: Eulenspiegel, Die Rollwagenbücher

Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation kündeten eine neue Ära an. Sebastian Brant aus Straßburg (1458 bis 1521) hatte als Sohn eines Gastwirts früh offene Augen für die Lächerlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In Übergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines Kartenspielers durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite zu verzerren und zu vergröbern.

Sebastian Brant studierte Recht – ohne es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität Basel. 1494 erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den Rand. Auch du lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden.

– Zwanzig Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren nicht über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erscheinen achtzehn deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische, Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg? Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomödien war er ja schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück- oder Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust, titanischen Ringer um die letzten Probleme zeigt. Eulenspiegel tritt auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert und Möglichkeit dadurch ad absurdum geführt werden. Er ist zugleich leicht- und tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch heute sein Grabstein gezeigt wird.

Vorher waren schon Schwankbücher wie Jörg Wickrams »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders Johannes Pauli »Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder moralische Anekdoten erzählen, die sich nicht um einen einzelnen Narren gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen. Wobei zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest man nun folgendes:

»Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie es denn so Sitte ist; da stund ein Narr da und frage, was Lebens das wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot. Der Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Friede mache! Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich witziger als eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems »Eisernem Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten uns dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.

Luther

Die deutsche Bibel

Luther wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, störrisch, verprügelt, und richtete schon früh sein Auge von der Misere außen nach innen. Sein Vater hat ihn hart geschlagen: daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer Kern. Sein: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer sein. Sein Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bismarcks Werk schien auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten, es zu unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach zusammenstürzte. Auch über Luthers Reformation ist das letzte Urteil von der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige evangelische Kirche spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, gottlosen Nüchternheit nicht für eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein religiöser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur- und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige Christenheit, unterstützt von der humanistischen Vorrevolution des Geistes, von der römischen Knechtschaft befreit, aber er hat den Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen Partei für die Fürsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung der Bibel im monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist… es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr untertan sein…«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Fürsten brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm gezüchtete und herangeprügelte Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der »Untertan« den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns: Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther aber war ihr bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefügt. Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelübersetzung kann nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche Sprache überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart zimmerte er wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzückt und berauscht wir heute noch spielen dürfen.

Er aber war der Töne Meister wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der Esel lauschend den behaarten Kopf – dann verstummten selbst die Humanisten mit ihrem lateinischen Geplaudere, und Ulrich von Hutten konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. »Ich hab’s gewagt«. Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts mit dem Pöbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, dass man sie in der Menge nicht verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei über der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind in den Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und griechisches Lexikon in den Bücherschrank zurück und legte die Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straßen sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. Und sie, die tumben Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner mit dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott….« Luthers kernige und fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden, beweisen, was für ein großer Redner er war. Er steckte damit wohl alle heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, daß er selber kein Volks-, sondern ein Fürstentribun war.

Das Kirchenlied

Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schönsten geistlichen Lieder verdankt die evangelische Kirche Paul Gerhardt (1607 bis 1676, starb in Lübben als Prediger). Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl. Wir alle, die wir Evangelische (ach! Keine Evangelisten mehr…) sind, haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das kindliche Gemüt Gott wahrhaft nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich uns, wenn der lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein Erlöser lebt…

Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter und mit den Knechten und Mägden vor der Tür in der lauen Sommerluft saßen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und wir fielen alle leise ein:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt’ und Felder…

Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat Angelus Silesius (aus Breslau, 1624 bis 1677), der cherubinische Wandersmann, über. Er schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die »ägyptische Plage« des Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten, überaktuellen Ausdruck fand.

Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich über eine Menge seiner Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz keine Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.

Paul Fleming (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen, eigene Bahnen zu finden und sie zu überstrahlen. Seine zärtliche Liebe zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schönsten Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbüchern haben es sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und wenn im Liede Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in : »Jesus gibt sein Ja auch drein«.

Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein gegeben. Er wird im Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine Pfaffenheimer.

Die Schlesier
Der dreißigjährige Krieg

In der Lyrik der Schlesier Hofmann von Hofmannswaldau (1617 bis 1679) und Daniel Casper Lohenstein (1635 bis 1683) spielt Venus, prunkvoll aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes Geschmeide abtut und ein hübsches Breslauer Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig, rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr ins Grab und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen. Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht gerade günstig. Im großen und im kleinen wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Der Fürst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten des Vaterlandes und zur höheren Ehre Gottes wurden die abscheulichsten Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner Abraham a Sancta Clara (1644 bis 1709) wetterte in seinen Reden und Predigten mit Sentorstimme und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elsässer Moscheroch (1601 bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von Sittewald« die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische Formung in Christoph von Grimmelshausens (aus Hessen, 1625 bis 1676) »Abenteuerlichem Simplizissimus« fand.

Neben dem Grübler Faust, dem weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parzival als die dritte Verkörperung der deutschen Seele ansprechen. Parzival heißt beim Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß und einfach in sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreißigjährigen Krieges. Andreas Gryphius (aus Großglogau, 1616 bis 1664) erlebte das allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das Leitmotiv seiner Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden Resignation und eines erhabenen schmerzlichen Pessimismus. Die grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. Vanitas! Vanitatum vanitas! Es ist alles eitel. Daß auch der Seelen-Schatz so vielen abgezwungen – dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der große Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums goldne Kalb ganz frei davon geblieben? Stoßt das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weiße Marmorstatue der Göttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe an seiner statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren Zeit. – Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius’ Lustspiel »Horribilicribrifax« schwingt er spöttischen Mundes die Geißel über Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der Überschätzung alles Militärischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar macht. Der aufschneiderische Maulheld Horribilicribrifax ist eine köstliche Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. – Einen bürgerlichen Maulhelden nahm sich Christian Reuter, ein Leipziger Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und akkurateste er an den Tag gab. Diese lügenhafte Reisegeschichte, die Schelmuffski über Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie ist dem hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten König oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet…), ist einer der besten komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergötzlicher Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegeln die Zeit. Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Träne ins Lid.

Johann Christian Günther

Wie ein Sturmwind braust Johann Christian Günther (aus Striegau, 1695 bis 1732), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit und Unfreiheit, ihre schwebende Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig: das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. Der nie ein alter Günther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz. Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn und ging gekräftigt aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut verströmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht, von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich gegenüberstellte, und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn den Eltern und dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier wünschten Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. Wie ein von allen gemiedener räudiger Hund lief er durch Deutschlands Straßen. Da übermannte ihn die Verzweiflung, daß er zu sterben wünschte, weil Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reißt sich wieder empor, die Tränen versiegen, die Faust ballt sich:

Ich will hoffen, Hoffnung siegt.

Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und sang ihr zu:

Schönen Kindern Liebe singen
Ist das Amt der Poesie,

und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan.
Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen das schönste deutschen Studentenlied:

Brüder, laßt uns lustig sein,
Weil der Frühling währet…

Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.

Gottsched, Gellert, Hagedorn

Mit Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße Johann Christoph Gottsched (1700 bis 1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther gekannt hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische. Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte die Poesie zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst für die Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte Theorie auf und verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter – immer mal wieder – strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums wurde Christian Fürchtegott Gellert (aus Sachsen, 1715 bis 1769). Denn er vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds Steifheit, Bodmers »moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und eine milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der deutschen Literatur absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und Moral. Seine Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen, gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. Weh tun wollte diese personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur ein Fürchtegott, sondern auch eine Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust recht und wahrhaft leben zu können wie Friedrich von Hagedorn (aus Hamburg, 1708 bis 1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren, die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und die Anbetung der Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig vereinten.

Die Anakreontiker
****
Die Idylliker

Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter Schürzenjäger, Horaz im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden, dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig. Anakreon und Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen Rokoko: die griechischen Götter nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen führten die trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen gaben, wie Damon und Bathyll, und ihre liebreizenden Schäferinnen: Phyllis und Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war von der Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider, die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß gewaschene, saubere Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, eine der sogenannten Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute Philipp Harsdörffer gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters« (mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich eintrichtern wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und Dränger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer Goethe gelang es noch einem Lyriker seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene Töne zu entlocken:

Johann Georg Jacobi (aus Düsseldorf, 1740 bis 1814). »Ihm war die Grazie (- übrigens das Lieblingswort der Epoche! -), die so mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte, angeboren«, heißt es im Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie von Goethe sein könnten.

Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Züricherische Dichter Salomon Geßner (1780 bis 1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen Dichtung. Geßner war einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht besser werden in der Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden erst dann ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er wahrhaft populär geworden sind.

Lessing

Ist Opitz der Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man Gotthold Ephraim Lessing (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen Professors und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmrige und nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte er besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volklied und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift »Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie« hat zu seiner Zeit alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare Unterscheidung von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt, von Haller, Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren Auswüchsen die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich (nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen!

Ruhe, Beharrung ist das Zeichen der bildenden Kunst. Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in die Bude bringen. En avant! Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät hier ins Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis 1769) zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den französischen Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus den Perücken fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen nachzuleben. In »Miß Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht bürgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine Prinzessin, sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie erleben kann. Die französischen Klassiker reservieren prinzipiell das Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Göttern. In »Minna von Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in der deutsche Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der Maske des Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt.

In »Nathan dem Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen: hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die allgemeine Toleranz, die große Liebe. Der christliche Tempelherr, der Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan 1781 vollendete sich Lessing selbst.

Klopstock

Das Größte an Klopstock (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon die Schulpforta mit neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner Abschiedsrede klingt das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! – Und er ist es geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, die Bardiete, singend, den deutschen Göttern opferte, war das Gotteshaus gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst, sahen. Er goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen »Oden«, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er ist spröder als Hölderlin und unserm Empfinden schwerer zugänglich – aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf. Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung gut tun. Die jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fühlte sich zeitlebens als »der Lehrling der Griechen«.

Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«, ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen. Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hölle zur Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen hymnischen und lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.

Der Hainbund

Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine rebellische. Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge: dem Hainbund (Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften empor, und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) betitelten Drama eines der ihren, des Maximilian Klinger: Stürmer und Dränger. Klinger war ein Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamen Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle überstürmen und zurückdrängen sollte: Goethe.

Wie die Bruderbünde der heutigen jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie die Stürmer und Dränger die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren Johann Heinrich Voß aus Mecklenburg (1751 bis 1826) und Ludwig Hölty, der 1776 im jugendlichen Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes: gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die Redaktion des Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm, darf eigenen dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste Geburtstag) beanspruchen.

Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war er angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so volkstümliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus und Hera in der Götterwelt Wotan und Freya den Rang streitig machen, so ist’s das Verdienst von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im olympischen Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen möge!

Wieland

Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und Herder, dagegen erscholl an die Adresse Wielands (1733 bis 1813, aus Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifaches kräftiges Pereat. Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien. Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser klingender Stil, spielend wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in Flammen auf.

Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie – aber er nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester bis zum Anbeter der mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein kann. Was seine vielen Wandlungen verklärt: er war alles mit der gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit.

Als Lyriker hatten die Hainbündler für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. Sein großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein, die auch durch den komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) den Lorbeer, und zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben Maler Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander über wie die wirkliche und die Geisterwelt.

Gottfried August Bürger

Unter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden, innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen.

Unter ihnen ist vor allem Gottfried August Bürger (1747 bis 1794 aus Ballenstedt) zu nennen, dessen titanisches Wollen (wie den meisten Stürmern und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis ihn die Erde gnädig in ihren Schoß zurücknahm.

Er war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine Lieder an Molly sind von rasender Leidenschaftlichkeit, der die Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste.

Vollkommen bewährte er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von »Münchhausens wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt werden, so wie wir dankbar bei dieser Gelegenheit des alten Musäus (1735 bis 1787) gedenken müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals gerade sammelte und nacherzählte.

Sturm und Drang

Waren die Hainbrüder mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das er über »Die Räuber« setzte: in tyrannos! Kann man über die ganze Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren die deutschen Vorläufer und Brüder der französischen Revolution von 1789. Wie Wilhelm II. dem Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch gegenüberstand – denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche der Tat auf dem Fuß zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem Ansturm der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging ums Gottgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es handelt sich darum, ob die deutschen Fürsten ihre Untertanen als Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten, oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche »Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, der nicht ein Hundsfott oder Lump sein wollte. In den »Räubern« und in »Kabale und Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder.

Und es ist nicht zu verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung gegenüber ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung paßt mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft« genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, weiterhin »Komödien« zu schreiben, machte Schiller dieser Komödie ein Ende und floh aus Württemberg ins Ausland.

Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe Christian Schubart (1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der »Fürstengruft« wie Pfeile entgegen.

Jakob Reinhold Lenz (aus Seßwegen, 1751 bis 1792) schrieb sein Drama »Die Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte. Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen. Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz geblieben, der er war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wäre! Aber er wollte ein Goethe werden.

Maximilian Klinger (aus Frankfurt 1752 bis 1831), dessen eines Drama der Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter resigniert er. In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker Georg Christoph Lichtenberg (aus Darmstadt, 1742 bis 1799) den Stürmern nahe, besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen.

Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß Wilhelm Heinse (1749 bis 1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und die glücklichen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit. Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht wird, bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht. Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und gefestigt durch sie hindurchgehen.

Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803, ein geborener Ostpreuße) ist einer der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der Deutschen alle geraten wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech; also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der sie in den Abgrund führt.

Über der festen Grundlage einer allgemeinen, philosophischen Bildung wölbte sich bei Herder in den Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines großen Geistes und eines hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der geistigen Urheber der Französischen Revolution, kennen.

In Straßburg geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: der schwärmerische Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung.

Herder war ein Denker des Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden.

Sein »Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schöpfer dieses Wortes: Volkslied.

1778 bis 79 durfte er in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei gegen die französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das Rousseausche »Zurück zur Natur« für die deutsche Dichtung formuliert: »Zurück zur Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, und laßt das freie Wetter über die Blüten eures Geistes brausen! Welche Blüte darin umkommt, die ist es nicht wert, daß sie geblüht hat.«

– 1777 kam Herder auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt, die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den ersten groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Ein Kapitelüberschrift wie diese: Die Erde als Stern – wieviel besagt und beleuchtet sie schon im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1380 bis 1450), der üblichen Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen Geschichtsschreibung.

– Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend überwunden. Als er die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!

Friedrich Schiller

Friedrich Schiller (1759 bis 1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein. In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution, der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die Realität weit hinter der Idee zurückblieb, – wie es in Revolutionen immer zu sein pflegt – angewidert wegwandte.)

Diese Räuber wollen die ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue bessere Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert.

Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« – aus dem freien Gedanken wird die freie Tat sprießen.

Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ, werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen geschrieben scheinen.

Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber faute de mieux. Er kann einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen von »Wallenstein« ist Schillers Werk gegipfelt.

Den vielen männlichen Rebellen in Schillers Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im »Tell«, seinem letzten Drama gestaltet Schiller die Idee der »Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung, vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier seine glänzendste Gloriole. – Tell scheint mir eine aus der Tiefe von Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig von ihm zu befreien.

Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllt.

Gegenüber solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.

Der Wandsbecker Bote und der Rheinische Hausfreund

Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: Matthias Claudius (1740 bis 1815), der »Wandsbecker Bote«, und Johann Peter Hebel (1760 bis 1826), der »Rheinische Hausfreund«.

In der Gesamtausgabe der Schriften des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten. Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied.

Schon in der Schule haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel, als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte.

Johann Peter Hebel, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder. Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel.

Gewiß, er predigt Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der Dämmerung den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen; die Venus oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater, was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« – dann wird er uns über die Haare streichen und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat…«
Ein solcher Dolmetscher ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.

Goethe

Wenn Goethe (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend in die Knie zu sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das Über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt.

Er war der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz der Welt gerichtet.

Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zur Hilfe, um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten. Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.

Goethe und die Frauen

In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw. waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens hinterlassen hat.

Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen.

Kätchen Schönkopf, seine Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer Pfarrerstocher; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er als Minister als Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Divans«, die den alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.

Goethes Lyrik

Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik durch »Ganymed«, »Wandrers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile. Sang wie ein Kind zu den Kindern:

Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!

Und aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen aus einem der tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen:

Sieh, die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich Greisen
ergreift im Moore Nebelduft,
entzahnte Kiefern schnattern
und das schlotternde Gebein –
Trunkener vom letzten Strahl,
reiß mich, ein Feuermeer
mir im schäumenden Aug’,
mich Geblendeten, Taumelnden,
in der Hölle nächtliches Tor.

Goethe und der Expressionismus

Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen: Pindar, Li-taipe – !) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters, der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein wird):

Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
Vergänglich ist des Druckes Bürde,
Doch ewig die Gerechtigkeit!

Deutsche, lest Eure Dichter

Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen Grundformen sie sich berührt. Dutzende ihrer Einzelerscheinungen sind läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen, der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden, vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eines das andere nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher, Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl die alternde Brust wärmt.

Faust

Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger Tor spaziert, und doch die Augen zu weit offen hat, die hübschen Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt, der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewissheit, daß er die Ernte bis zum letzen Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen, aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg – das ist das Ziel. Der Wille – das ist der Zweck.

Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen,
singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend.

Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust: den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch des Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. – In »Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788 erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Weg zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale: Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. – Neben dem Faust gebührt der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit. Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen. Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie und der Schrei des Dichters im Tasso:

Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse, sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon, begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zu Faust bilden, so die »Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das Seitenstück zur Iphigenie.
Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März 1832.

Jean Paul, Hölderlin

Mit Heinse und Geßner bildet Jean Paul (aus Wunsiedel, 1763 bis 1825) das Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit sie’s gebracht. Jean Paul ist der größte unter dem dreien, und einer der größten Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte, glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt, wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts, wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen, winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den Narzissen der Morgendämmerung.

Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste, geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs« vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei aller Empfindsamkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen.

Seinem lyrischen Bruder im Geiste: Friedrich Hölderlin (aus Lauffen am Neckar 1770 bis 1843), genannt der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er über die Wogen der Welt segeln.

Wünscht ich der Helden einer zu sein,
Und dürft es frei bekennen,
So wäre ich ein Seeheld.

Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte, wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch dichtete. Als er begann seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte in den Wolken und wußte von dieser Erde noch gerade soviel, wie ein verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnzeit gehören zum Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.

Die Romantik

Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach viel Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser neben die Hallen der Hehren; können wir’s nicht im Großen, so wollen wir’s ihnen im Kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein. Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gänge an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, die sie nicht gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie lernten das Leben der unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe, beobachten und kamen an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihren Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie brachten es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim Tod seiner Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der extremsten Fassung zum Paradoxen einerseits, zur Anbetung des Fragments anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff, jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und heiteren Geselligkeit führen, bei der die Frauen – wie sollte es anders sein? – das große und das kleine Wort führten.

Des Knaben Wunderhorn

Ohne Bettina von Arnim und Rahel Varnhagen von Ense ist die Romantik nicht zu Ende zu denken. Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben Arnim (aus Berlin, 1781 bis 1831) und Brentano (aus Ehrenbreitstein, 1778 bis 1842) jene wundervollen Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten. Sie selber freuten sich wie Kinder daran – und Kinder waren alle Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal) Spiegelfechterei. Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein typisches Produkt romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden, Dichtung und Wahrheit, tief echt – und dennoch da und dort, der Wahrheit zuliebe – verlogen. Arnim und Brentano machte es einen Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene Gedichte einzuschmuggeln. Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie sich von den Gebrüdern Grimm (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«) erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im kleinen Liede gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane rühmliche Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber sie hörten ihn längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. – Hatte man ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am Morgen in die Landschaft, speiste draußen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man disputierte über die Shakespeareübersetzungen August Wilhelm von Schlegels (aus Hannover, 1767 bis 1845) oder über Friedrich Schlegels (1772 bis 1829) »Sprache und Weisheit der Inder«. Friedrich Schlegel sprach mit Feuereifer über die östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz in der katholischen Welt ging Novalis (Friedrich von Hardenberg aus Wiederstedt, 1772 bis 1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit der Madonna.

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt.

In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik – die Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond – gab Novalis sein Tiefstes.

Eichendorff, Kleist, E.Th.A. Hoffmann

Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik. Goethe ist die Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten Verkündigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte Rose aufbrechend: durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff: das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen Menschen. Hölderlin: der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der schönsten deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt des ewigen Jünglings Eichendorff (1788 geboren auf Schloß Lubowitz in Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«, »Nachtgruß« – so sind sie überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt:

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.

Aus dem Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond: der schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus weiter Ferne der Ton eines Posthorns – zwei junge Gesellen wandeln schattenhaft vorbei. –

Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker Heinrich von Kleist (aus Frankfurt a.O., 1777 bis 1811), vom romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden. Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum verwirklichte. Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser – bis er bricht. (»Der zerbrochene Krug«) Den intellektuellen Frauen der Romantiker stellt er jene süße, kindliche, unwissende, reine Gestalt des Käthchen von Heilbronn gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch eine Gegensatz zwischen ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf dem Ossa türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich stürzen sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des Menschen, der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann. Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg« mit dem preußischen Gotte der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum äußersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas Unfassbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so braucht er nicht mehr zu sterben.

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie flüssiges Feuer durchbraust er das Drama. Es schäumt wie ein Wolf von den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit – und nichts ertrug Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen ( Germania und ihre Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkriegs an Blutdurst, Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch übertroffen. Dieser pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleists empörtem und verwundetem Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl zum Mörder.

Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der genialistische E.Th.A. Hoffmann (aus Königsberg, 1776 bis 1822) aus. In der Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu sich zu fürchten. Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer aus unserer eigenen Brust heraus.

Die österreichische Romantik

Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt’s auch in und um Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der Romantik. Geister und Zwerge mitten unter den Menschen, das ist noch was, das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und unterhält und belehrt gleichzeitig. Ferdinand Raimund (1790 bis 1865) schrieb den Wienern solch scharmantes Geistestheater: »Der Alpenkönig und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen Nestroy (1802 bis 1862) Volksstücke! Das ist Österreichertum, herzlich und ironisch, von der besten Seite. Franz Grillparzer (1791 bis 1872) nahm das österreichische Problem (in »König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer. Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen, teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas ( Sappho, eine Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig – Das goldene Vließ – Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie). Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zutiefst verspürt hätte.

Elegisch beschließt die österreichische Romantik Nikolaus Lenau (1802 bis 1850), ein Deutsch-Ungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn, nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche gesungen.

Die Dichter der Befreiungskriege

Die Dichter der Befreiungskriege Theodor Körner aus Dresden, (1791 bis 1813, »Leier und Schwert«), Max v. Schenkendorf (aus Tilsit, von 1783 bis 1817), Ernst Moritz Arndt (von Rügen, 1769 bis 1860) und viele andere standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten, lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nämlich dazu, die wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit jedoch für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und E.M. Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten das unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie, um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer wie Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Träger des revolutionären deutschen Gedankens geworden! Und was hat Deutschland zu gewärtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht?

Das junge Deutschland: Herwegh und Heine

Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend auf den Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das »junge Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie ein Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und setzte ihn hinter Festungsmauern.

Das »junge Deutschland« ist viel angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, Herwegh (aus Stuttgart, 1817 bis 1875) einzig schwingt sich über andere empor »wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei der Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der heutigen Zeit: des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher, Hasenclever, hat viele Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung wegen im Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren. Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, Dichter zu bleiben, d.h. mythischer Diener der Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist gewiß eine respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern. Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens von größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von Heinrich Heine (aus Düsseldorf, 1797 bis 1856):

Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch:
Wir weben, wir weben, wir weben!

Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in die tiefste Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schönsten Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und schlägt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren.

Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister überhaupt und den Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit Ludwig Börne (aus Frankfurt, 1788 bis 1837) und Karl Gutzkow (aus Berlin, 1811 bis 1877) bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten Pfeilen Deutschland in den Rücken schießt) hat man ihm besonders übel genommen, und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (»Französische Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutetia« die europäische Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den »gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und England-Frankreich-Rußland. »Doch das wäre nur der erste Akt des großen Spektakelstücks, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität, noch von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden…«

Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp des Zeitungskorrespondenten: der erste europäische Journalist und Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir’s ihm ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und anmaßenden Epigonen? Freilich auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten Polemiken (gegen Platen z.B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett fesselten und zum langsamen Tod verurteilten. Er nannte sich selber der »Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in ihnen bloß. Er war schon lange des Lebens müde geworden. Die vielen Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und seine kleine letzte Freundin: die Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war so sterbensmüde geworden:

Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich
Das Beste wäre nie geboren sein.
Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:
Der Tod, das ist die kühle Nacht,
Das Leben ist der schwüle Tag,
Es dunkelt schon, mich schläfert…
Uhland und die Schwaben

Über den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus. Wenn ihrer trefflichen wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder die Spätzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung. Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl über die Quasten und Bommeln ihres Schlafrocks. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte und Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu dichten. Ludwig Uhland (1787 bis 1862) ist in Tübingen geboren, und der Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine.

Ernste Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in den Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der Mensur für »das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde 1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion in das Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er schon 1833 seine Tübinger Professur für deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der württembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens.

Da sang er jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind: »Ich hatt’ einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«.

Als Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier Moritz Graf Strachwitz (1822 bis 1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die der schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden.

Die Ballade nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken der weinselige August Kopisch (1799 bis 1853), dessen »Heinzelmännchen« wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie vom Noah« wir als Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner roten Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit der einen Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger und sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,

dieweil darin ersäufet sind
all sündhaft Vieh und Menschenkind…«

Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des schwermütigen und schwerblütigen Grafen Platen (aus Ansbach, 1796 bis 1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen Kopisch nötig wie Kopisch – den Wein. Um sich in der Misere seines Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen Götterjünglings.

Hebbel, Grabbe, Büchner

Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft gut werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich bewußt wird.

Friedrich Hebbel, ein Bauernsohn aus dem Dithmarschen (1813 bis 1863) war vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt. Von Dämonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede Rippe einzeln zählen konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er schlug Eide in den Wind, verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne die er krepiert wäre – um der Idee zu dienen. Er war ein armer Schächer ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte Schuld auf Schuld – und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit, während wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren. Lieben können wir den Menschen Hebbel. Dem Dichter wollen wir ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er sich noch in seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, daß Hebbel selbst seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner wie ein Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem noch über die Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem das Problem zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik.

Sein Antipode, aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, Christian Dietrich Grabbe (1801 bis 1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold, wollte weniger – aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke, wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang an die frische Luft geführt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den grauen Himmel über sich, umschritten sie schweigend in Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllt ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal, haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres Gefängnisses rütteln: vergeblich.

Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern von Troja… Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer siegt Achilleus, grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI., Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich der durch Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. Dieser Hannibal ist ein ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde gehen muß. In »Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel »Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung auftritt, bietet in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein Gegenstück zu Georg Büchners zartem und schwankem Schwank »Leonce und Lena« mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen.

Georg Büchner (aus dem Darmstädtischen, 1813 bis 1837) konnte aber auch anders als sanft lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von sich. Auch in seiner von Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging verloren) gehört es zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist erstmalig wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern« ein ganzes Volk der Held.

St. Just, Robespierre, Danton sind seine Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden vermag, der Tod.

Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frisst, die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile… Er hat andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. – In Wozzek, der Fragment geblieben ist, knüpft Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle gewidmet hat). Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner mit seinem Wozzek. Von Wozzek läuft die Tradition zu Wedekind, der von niemand mehr gelernt hat als von diesem Büchnerschen Aphorismus. Auch als politischer Revolutionär ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine Botschaft »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« ist das flammendste deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre zu früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden. Er wurde nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter Trompeter war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig verdunkelt.

Laube, Alexis, Hauff, Chamisso, Stifter, Immermann

Heinrich Laube (aus Sprottau, 1806 bis 1884) schlug die dramatische Pauke, daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller zwölfmal die Stunde des Gerichts schlagen. Alle Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand.

Zu meinen erfreulichsten Jugenderinnerungen auf dem Gebiete der Literatur gehören auch Willibald Alexis (aus Breslau, 1798 bis 1871), in den Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen »der Vortreffliche« geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Der Roland von Berlin«, und Wilhelm Hauff (aus Stuttgart, 1802 bis 1827), in den Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben herab, »der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügte Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen beim Heiraten zu Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein großer Dichter, aber ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine Märchen und Novellen beweisen.

Ein Glanzstück unserer novellistischen Poesie gelang einem Franzosen: Adalbert v. Chamisso (aus der Champagne, 1781 bis 1831) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck für 300 Mark und mehr. Armer Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen können: du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es eben nicht verstanden, ein Geschäftsinteresse wahrzunehmen.

Dies verstand auch Adalbert Stifter nicht (aus dem Böhmerwald, 1805 bis 1868), der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare Namen wie: »Studien«. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald reist und läßt Stifters Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben.

Reist er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von Karl Immermann (aus Magdeburg, 1796 bis 1840) in den Rucksack stecken, oder, falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen »Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe »Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen sollte – was tut’s? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so verständlich sein wie ein Gespräch über die teueren Zeiten im Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den Gordischen Knoten derart gewalttätig mit dem Schwert zu lösen und manchmal tut’s nicht einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich, wie exempla docent.

Mörike, Freiligrath, Rückert

Abseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: Eduard Mörike (1804 bis 1875). Wie Büchner und Körner, so ist sein helles Gestirn von der Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts haben wenige gewußt, was hinter dem biederen Pfarrer in Kleversulzbach steckt.

Ferdinand Freiligrath (aus Detmold, 1810 bis 1876), und Friedrich Rückert (aus Schweinfurt, 1788 bis 1866), um noch die besten zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack des deutschen Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn Mörike kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze, bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wüstenkönig, der Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenkönig an der Kasse saß, wurde überlaufen.

Der Blumenstand, an dem die Muse selbst Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, wurde nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm Meister: dem Roman Maler Nolten begonnen, der nicht ohne Eindruck blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben Ohren. Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie die Heineschen, gelötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt, nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife Äpfel. Der Sonnenblume gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzählungen (Mozart auf der Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, daß die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen.

Die Schweizer: Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller, C.F. Meyer, Carl Spitteler

Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer, Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche Literatur eingeführt, als sie mit Jeremias Gotthelf (aus Murten, 1797 bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental. Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge. Die Schweizer können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch städtisch, à la mode oder historisch gekleidet daherstolziert kommen, wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.

Gottfried Keller (aus Zürich 1819 bis 1890) läßt seinen »Grünen Heinrich« in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. Das Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst führt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle fünf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrüpp, Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muss froh sein, wenn man schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte trifft, wenn man z.B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und schließlich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der lebendigen Anschauung der Dinge. Es kommt für den Dichter nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den Erscheinungen ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wäre der Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine so klare Anschauung vom Menschen hatte, deshalb gerieten sie in seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, »Züricher Novellen«, »Das Sinngedicht« – bedeuten einen Gipfel deutscher Erzählkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch und mühsam klettern – da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde geschrieben. Sein Landsmann Heinrich Leuthold deren drei oder vier, sein anderer Landsmann C.F. Meyer (aus Zürich, 1825 bis 1898) deren viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes (der Roman »Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er führte das Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahr war C.F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben, ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, der er mit heiliger Scheu hütete.

Daß sie brenne rein und ungekränkt.
Denn ich weiß, es wird der ungetreue
Wächter lebend in die Gruft gesenkt.
Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und Silen die liebsten.
In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,
Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde.
Lieblich lauschend.

Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C.F. Meyer in der Veltinertraube.

Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die deutsche Sprache in den achtziger Jahre nicht völlig unter die Räder der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. Carl Spitteler (aus Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, einem Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut er es den schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter, Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im »Olympischen Frühling«, dem großen griechischen Epos, hat Spitteler sein bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das nicht von dieser Welt ist«. – Von jüngeren Schweizern sind zu nennen: der früh (1919) verstorbene Karl Stamm, ein Lyriker von vielen Graden, der zarte Idylliker Robert Walser, der religiös vergrübelte Albert Steffen (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung.

1870/71: Otto Ludwig, Raabe, Storm, Fontane

Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist Otto Ludwig (aus Eisfeld, 1813 bis 1865). Er sah sich zeitlebens im Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur mit seinem biblischen Trauerspiel »Die Makkabäer« und in seinen Novellen über sich hinaus, in denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte nicht schaden, wenn – über Dostojewski – Otto Ludwigs Prosa nicht vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert.

Wird Gustav Freytag (aus Kreuzberg, 1816 bis 1895) aus der Gruft der Vergessenheit auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt ist. Des Mecklenburgers Fritz Reuters (1810 bis 1874) humoriges und herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen verständlich (»Ut mine Stromtid«). Wilhelm Raabes (aus Eschenhausen, 1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit, seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm Raabe gibt es keine bessere Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte: deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden bleiben wie des Friesen Theodor Storm (1817 bis 1888) rosenblättrige Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine Erzählung »Im Saal« – eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms, das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, wenn wir sie lesen, übermächtig in uns. Früher – ja, das war freilich eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch höflicher gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in Politik steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war’s ein Schuster, so ließ man die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande…. Aber was wollt ihr denn?« fuhr die Großmutter fort, »wollt ihr alle mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum sind wir auch alle so unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen zwischen Sturm und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich.

Paul Heyse ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken wie Geibel (aus Lübeck, 1815 bis 1884), der einst so hochgefeierte. Geibel wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber Krieg und Sieg von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur eine katastrophale Wirkung. Die Heroldrufe riefen einem Zeitalter, das in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei, Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern lyrisch, von Wildenbruch, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß, dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die große Vergangenheit projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große Zukunft abstrahierend (wie sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen….«), süßlich gesabberte Lyrik der Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzählkunst – das waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen Volkes. Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C.F. Meyer, Fontane spendeten, nicht recht munden wollte. Einzig Theodor Fontane (aus Neuruppin, 1819 bis 1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen seiner großen Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen Typus steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter geschlossenen Türen geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«. Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm einen brausenden Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiderbringlich dahin ist, zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit Mignon und Philine, Liane und Toni Häusler.

Viele Wege führen nach Rom: Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, Gerhart Hauptmann

Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel und Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer und Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da fängt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele, nicht die Massenpsyche oder –psychose erst den Dichter zum Dichter. Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er läuft, und wer in derselben Richtung geht, den begrüßt er als seinen Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege. Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Wege, den ein anderer geht, von vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter expressionistischer und umgekehrt – Was wollte der Naturalismus? Er entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur beherrschenden geworden war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab: wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhüllung der Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Wahrheit. Er wollte die Natur abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn der Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging er natürlich a priori einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit seinem subjektiven Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nämlich die Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille ist, ist schon ein persönlicher Stil.

So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine Spielart des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit die Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele, Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen äußert sich der Gegensatz der beiden Strömungen derart: beim Impressionismus: Analyse des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des Geistes, Analyse der Form. – Die Naturalisten waren für Deutschland die Entdecker des Proletariats als »Gegenstand« der dichterischen Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste Mensch, blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier identifizierten.

Die proletarische Lyrik der Henckell (geboren 1864), Mackay (geboren 1864) – Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der besten Prosaleistungen des Naturalismus – usw. wirkt denn auch ziemlich zahm bürgerlich. In Arno Holz’ (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch der Zeit« klingt sie kräftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand. Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind, manche noch lebendigen Leibes gestorben. Des romantischen Naturalismus Max Halbe bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben blieb der unverwüstliche, kräftige Detlev von Liliencron (aus Kiel, 1844 bis 1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der plattdeutschen Lyrik exzellierte Klaus Groth (aus Dithmarschen, 1819 bis 1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen österreichischen Bauerndramen Ludwig Anzengruber (aus Wien, 1839 bis 1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen Flügeln: Gerhart Hauptmann (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum zieht er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in den Himmel und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse durchwandern die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht, arme, elende Menschen, geprügelt wie Hunde von der Peitsche des Schicksals. Hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht, frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«, zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« herauftönt, Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen Weber, die ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte Frau auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu beneiden, die, wie Hannerle, so früh von dieser schmutzigen Erde zum Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären – wir furchtbar! Wer will den ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann Henschel«, zwischen Schuld und Unschuld schwankend sich erhängt? Alle Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer Emanuel Quinti, der im neu erwachenden religiösen und sektiererischen Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird.

Nietzsche und George, Hofmannsthal und Rilke, Dehmel und Morgenstern

Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der Seele: die Schönheit verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa seines »Zarathustra« der Lehrmeister der jungen und jüngsten Dichtung geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten deutschen Lyrikern. »Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft. Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel, der Schatten Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die ersten grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter naht.

Aus unbekannten Mündern bläst’s mich an,
– Die große Kühle kommt…

Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er schließlich nur noch sich selber zu »damit er seine letzte Einsamkeit ertrüge«.

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
Und sprech ich – niemand spricht zu mir.

War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder zwitscherte, – so ist Stefan George (geboren 1868 in Büdesheim) der strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den moralischen Forderungen eines Teils der jungen Generation ferner als fern.

»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten Gedichte versteigt er sich bis zur Apothese der Ausschweifung: im Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort in einer Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet, die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig« einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit gemachter Mache verwechselt. Sei’s. Die Weltgeschichte ist auch das Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan George gesungen.

Aus dem Kreise Georges sind als Dichter vom Rang Hugo von Hofmannsthal (geb. 1874 in Wien) und Rainer Maria Rilke (geb. in Prag 1875) hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist, im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der Welt nicht verachtet.

Die »ersten Hergereiften«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. Alfred Mompert (geboren 1872 in Karlsruhe) und Theodor Däubler (geboren 1876 in Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mompert schrieb metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos »Nordlicht«, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes und des Reimes. Richard Dehmel (aus dem Spreewald, 1863 –1920) hält sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied in ihr, deren Anfang Walter von Vogelweide, deren vorläufiges Ende Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich suchen – und sich finden.

Christian Morgenstern (aus München, 1871 bis 1915) schuf in seinen »Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter Kasernenhöfe der sagenhafte E.P.V. (auch Exerzierplatz genannt). Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und v. Korfs fundamentale Melancholie – immerhin – noch gibt. Schade, daß ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand,

deren Energien
ihm den Text zusammenziehn
Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst ein Fragezeichen!

Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind Wilhelm Buschs, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern’s Nachfahren.

Die deutsche Frauendichtung

Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechthild v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder aufzuleben mit der Westfälin Annette v. Droste-Hülshoff (1793 bis 1848), die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind. Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen.

Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt’ auf ein Grab…

Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die Judenbuche«. Marie v. Ebner-Eschenbach (aus Mähren, 1830 bis 1916) besitzt ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist. Ricarda Huch (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. Enrica von Handel-Mazetti (geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in Else Lasker-Schüler (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt? Emmy Hennings gab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiografie des weiblichen Vaganten. Eleonore Kalkowska ließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.

Das neue Drama: Wedekind

Man hat Franz Wedekind (1864 bis 1918) einen Bruder und Genossen der Lenz, Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhasst und widerwärtig. Vor einer schönen Landschaft erfasste ihn ein Brechreiz. Und er wurde erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in Umarmung drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß eine Erotomane, dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern konnten. Er war ein genialer Spießer – mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist, Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers…) fühlt er sich auch seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden, um sich dann an ihrem Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben, bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im »Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im »Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann) -. Dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust, Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige Gerechtigkeit. – Wilhelm Schmidtbonn (geboren 1876) behandelte im »Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der erste Akt gehört zu den besten Akten der deutschen Literatur. Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. Carl Sternheim zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber ohne Herz aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. Herbert Eulenberg (geboren 1876 in München) bemalt seine dramatischen Helden und Heldinnen blassrosa und blassblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine romantische Kulissenwelt. Eduard Stucken (geboren 1865 in Moskau) beschwört noch einmal Mottsalvatsch und die Gralsritter in klingenden mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen Götter« erheischt Respekt. Georg Kaiser (geboren 1878 in Magdeburg) pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt. Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, mit Ewigkeitsansprüchen.

Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in »Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form, Konjunkturkommunistik zu entschleiern.

Da ist mir R. John Gorslebens (aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer »Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich. Hanns Johsts ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift. Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die sich da abspielen. Walter Hasenclever (geboren 1890) im »Sohn« und René Schickele (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch« gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr! Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, Unruhs »Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik umkehrt, – den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen (Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) – , sich aber nach der anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.

Paul Kornfelds »Verführung« gehört zu den typisch monologischen Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige andere: Hanns Jobst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«, Klabund »Die Nachtwandler«). Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen Fridericus-Drama auch Joachim v.d. Goltz.
Die neue Prosa

Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb Friedrich Huch mit seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der schlechte, materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat.

Duckama Knoop malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. Hermann Löns jagte den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des Schwaben Emil Strauß (geb. 1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergesslich. Der Halkyonier O.E. Hartleben (1864- 1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen ironischen Impressionen.

Eine Abart des Impressionismus ist der Psychologismus, wie ihn Thomas Mann (aus Lübeck, geboren 1875) in seinen ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders Heinrich Mann (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die Armen«, »Der Untertan«. – »Die kleine Stadt«, ein italienischer Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichen Gewalt. Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.

Gustav Meyrink (geboren 1868 in Wien) schüttet ein Wunderhorn ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes und neuestes Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der mit einem leeren Hirn aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und »Muh« und »Bäh« sagt. Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem« nennenswert.

Peter Altenberg (1859 bis 1918 aus Wien) gewinnt seine amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl aus. Hermann Bahr (geboren 1863 in Linz) hat vom Naturalismus bis zum Expressionismus und Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte absolviert und ist überall mit der Note 2-3 versetzt worden.

Artur Schnitzler (geboren 1862), Dramatiker und Romancier, schrieb zwei vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas Heimkehr«.

Des Kurländer Grafen E. Keyserling (1858 bis 1918) Erzählungen beglücken schmerzlich wie im Frühherbst die bunten fallenden Blätter.

Über Hermann Hesses (geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten Periode könnte als Motto der Vers des Volksliedes stehen, mit dem er selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. Seine rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit vierzig Jahren überwand und übertraf er sich selbst in den farbigen und feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und Wagner«.

Wilhelm Schäfer (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen »Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche deutsche und italienische Meister. Sie gehören zu den besten Leistungen der deutschen Prosa der Gegenwart, die in Jakob Wassermanns (geboren 1873 in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar Hauser« einen ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendiger Gestalten, eine ganz große und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben.

Die Prosa der jüngsten Generation, mit Kasimir Edschmid (geboren 1890) und Alfred Döblin beginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, gekünstelt, voll wilder aromatischer, zuweilen peinlicher Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. Alfred Döblin beschwört den Schatten Wallensteins und in den »Drei Sprüngen des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der Landschaft eines erträumten China. Der schlesische Russe Arnold Ulitz türmt den »Ararat«. Klabund (geboren 1891 in Crossen a.O.) versuchte im »Moreau« den Roman eines Soldaten, im »Mohammed« den Roman eines Propheten, im »Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu gestalten. Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik.

Leonard Franks (geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« ist in Dichtung umgesetzte Freudsche Psychologie. Andreas Latzkos (geboren 1876 in Budapest) Bücher (»Menschen im Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch ist gut« haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, an welcher aber kritische Geister wie Karl Kraus (geboren 1874 in Gitschin) und Franz Pfemfert (geboren 1877 in Lötzen) seit Jahren schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und »Aktion«.

Jene sind zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog ihren Sohn Parzival in der Waldeinsamkeit, damit er von Welt- und Kriegsgetümmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heißt’s kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das sollen nur Synonyme sein. Epitheta ornatia des einen. Du mußt den Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu Fackel tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.

Die neue Lyrik

Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sind Otto zur Linde (geboren 1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon stellt die These von der ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber praktisch im Assoziativen stecken. Walter Calé (aus Berlin, 1881 bis 1904) starb allzu früh. Max Dauthendey (aus Würzburg 1867 bis 1918) sang inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein heißes Blut trieb ihn in die Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. Des Wilhelm von Scholz (aus Berlin, geboren 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in dunklen Teichen, vom Walde überwuchert. Alfred Kerr (geb. 1867 in Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht. Der dämonische Naturbursche Georg Heym (aus Hirschberg, 1887 bis 1912) machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte dazu die Hemdsärmel auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und zwischen den Straßen Berlins, und alles dies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk war ihm wie ein Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjährig im Müggelsee. Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener Lyriker«.

Als Georg Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frühling getauten Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, schreiend vor Lust ans Licht: Franz Werfel (geboren in Prag 1890). Er verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, jedem Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein religiöses Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein: des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar demütig und bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt er, nun hält er wie Christopherus die Erdkugel.

Erst sah er die Welt – und siehe, sie war schön –, da wurde er der Weltfreund. Dann sah er sich, und siehe, er war häßlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, das sie alle drei umfasst: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« halten. Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lösen. Er wird zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt und gespült ins Meer der Vollkommenheit und der Vollendung.

Erst wenn ein Mensch zerging
In jedem Tier und Ding
Zu lieben er anfing

Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzählige junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form angetönt (er ist reinste Musik, Oboe, Flöte: sie sind meist nur die Schellenträger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der Form wenden sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners Walt Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wellen des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado, dies ist kein Buch – wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses Motto sahen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre Dramen, Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allem Menschen sein. Und Menschen sein. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die Formen so zerrissen, zerhackt, im Wind flatternd. Oft opferten sie das Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis geworden. Sie dichten nicht mehr – sondern der Stil dichtet für sie.

Einen elegischen Nebensproß Werfels trieb Österreich in Georg Trakl aus Salzburg (1887 bis 1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen Verzichtes, des violetten Untergangs, dem Hölderlin unserer Zeit. Alle Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tönen leise im Rohr die dunklen Flügel des Herbstes. In Gottfried Benns (aus Mohrin, geboren 1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-, kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen Novellen.

Johannes R. Becher (geboren 1890) ruft in seinen Gedichten »An Europa« zur »Verbrüderung«. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen Büchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein vollendetes Gedicht. Der Wille zur These überschreitet den Willen zur Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue Kunstform.

Albert Ehrenstein (geboren in Wien 1886) schleudert seine Flüche gegen die »rote Zeit«. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form mit Haßgesängen. Sein Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll ironischer Melancholie.

Die Arbeiterdichter Barthel (geboren 1884) und Bröger machen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, der Jakob Kneip in seinen Legenden am nächsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dämmern empor.

Ganz in der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der Ostpreuße Albrecht Schaeffer (geboren 1885) – auf dessen Romanwerk »Helianth« auch hingewiesen sei – und der Schwabe Bruno Frank (geboren 1887 in Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter junger Hand hält. Friedrich Schnack steht mit flammendem Edelstahlsäbel als lyrischer Wächter am Eingang zum kommenden Reich.

Epilog

Der junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionär, Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionär und in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus der Ekstase in die Verzweiflung und umgekehrt. Er liebte allzu vage die Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig: aber aus der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er will alles – und erreicht nichts. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu schematisieren – ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja sagt. Er schlägt der herrschenden Klasse, wie der Zeichner George Grosz, in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch kein anderes Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehr, die Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von Marie ermordet und Ruths Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds »Verführung«) ist er nicht ein Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube nicht an die dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd verändert? Ein Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker Laotse sagte einmal: »Das Zarteste überwindet das Härteste«. Wir wollen, symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines Tages unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren Angriff, sondern die elastische Verteidigung.

Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel hinaus –, um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen Gemeinschaftsgefühl.

Ausklang: Glück ist das Ziel

Die Sehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden Generationen wild auf. Wir wollen erlöst werden – von der Lüge. Denn alle Erlösung ist nur ein plötzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgonenhaupt in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und mit Steinen behängt. Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen zeigen: ein Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen – aber hinten im offenen Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter. Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach – und unterlag.

Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser gram- und grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, könnte vorübergehend einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als sei es über alle Maßen edel und tapfer und weise und natürlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu leiden. Gerechtigkeit!

Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: blühen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein? Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schräg durch den schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straßen. Wilde Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und an florentinischer Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der Menschheit. Macht die Menschen glücklich, und ihr werdet sie besser machen. Öffnet ihnen die Augen über den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die Stunde, die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip. Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch die Inbrunst eurer Herzen.

Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen
Laßt euch von Waffenrausch nicht übertönen.
O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrt
Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!
Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,
Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,
Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,
Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,
Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,
Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,
Du Platen, im unsterblichsten Sonette,
Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,
Und du, o ewige Früh- und Abendröte:
Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: Goethe!

(Klabund)

Maria Aronov – Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

The first book edition of The Master and Margarita by Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) - CC-BY-SA 4.0
Die Erstausgabe von Der Meister und Margarita von Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) – CC-BY-SA 4.0

Bulgakows Roman weist einige Ähnlichkeiten mit Goethes Faust auf. Dazu gehören der Pakt mit dem Teufel, die Hexerei und dämonische Feierlichkeiten.

Goethes Faust und Bulgakows Margarita gehen beide einen Pakt mit dem Teufel ein, um darin eine Rettung zu finden. Während der Wissenschaftler danach sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält und sich als „Thor“ bezeichnet sucht Margarita nach einer Möglichkeit, ihren Meister wiedersehen zu können.

Mephisto entführt Faust in eine Welt voller Ekel, Bosheit und Schmerz. Der Teufel verkörpert das reine Böse.

Voland, der Teufel, aus „Der Meister und Margarita“ dient Bulgakow als der Schlüssel zur Philosophie des Lebens. Mit dieser Hauptfigur zeigt der Schriftsteller, dass die Bezeichnung „Teufel“ nichts weiter als ein Wort ist, dass auch in ihm, wie in jedem anderen Vernunftwesen das Gute und das Böse nebeneinander existieren. Erst mit der Hilfe von Voland wird dem Liebespaar überhaupt ermöglicht, ein ruhiges Leben zu führen, auch wenn erst nach dem Tod. Faust jedoch, der sich mit dem Bösen verbindet, zerstört das Leben Gretchens, weil der Pakt mit dem Teufel für etwas Destruktives steht.

ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: "Faust"-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des "Faust"-Stoffes von einem "Christlich-Meynenden". Das Buch gehört zu den Schätzen der "Faust"-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) - CC BY-SA 3.0 de
ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: „Faust“-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des „Faust“-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch gehört zu den Schätzen der „Faust“-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) – CC BY-SA 3.0 de

Goethes Faust diente als Vorlage das Volksbuch von Dr. Faust aus dem Jahr 1587, das auf einer realen Persönlichkeit basiert: (Johann) Georg Faust  – * um 1480 † um 1541.
Dr. Faust war ein Wissenschaftler, der durch Luthers verbreiteten Aberglauben der Hexerei beschuldigt, folglich als „Teufelsbündler“ bezeichnet und schließlich hingerichtet wurde.

1991_CPA_PC_221_Stamp_1028Der Bund mit dem Teufel war gegen die kirchliche Lehre und wurde daher mit zerstörerischer Macht assoziiert. Bulgakows Werk geht dagegen über den religiösen Rahmen hinaus. Er kritisiert das Regime, das den Meister dazu getrieben hat, seinen Roman über Pontius Pilatus zu verbrennen, dabei stellt er Jesus als einen Philosophen dar und zeigt, dass der Teufel nicht von Gott verstoßen ist, sondern viel mehr Weise Entscheidungen trifft. Jeder soll Volands Aussage nach, das bekommen,  was er verdient und woran er glaubt.

Des Weiteren erinnert Bulgakows Teufels-Ball, an dem tote Verbrecher teilnehmen an Goethes Walpurgisnacht, die mit dem Obszönen assoziiert wird. Während Margarita sich aufopfert und Gastgeberin auf dem Ball präsentiert, ist für Faust die Nacht des Bösen eine Art Vergnügung. Fausts Wunsch nach Sinnlichkeit und deren Erleben ist das größte Abenteuer seiner Weltfahrt.

Mit der Walpurgisnacht hängt auch die Szene in der Hexenküche zusammen, denn schon dort verabredet sich Mephisto mit der Hexe auf die Walpurgisnacht.

In beiden Szenen stellen die Hexen das Milieu triebhafter Sinnlichkeit dar, die sie zusammen mit den Teufeln ausleben.

Die Walpurgisnacht steht für etwas Inhumanes, denn in ihr herrscht eine Sexualität, die durch Unverantwortlichkeit geprägt ist. Aus diesem Grund gehört diese Nacht Hexen und Teufeln. Sie besitzen nämlich weder einen Sinn für Verantwortung noch Scham.

AuerbachsKeller_leipzig-798676_1280_Dreblow
AuerbachsKeller – Leipzig – Skulptur: Goethe, Schiller

Auch die Handlung im Auerbachskeller weist auf die charakterliche Schwäche Fausts hin.  Wenn der Mensch nämlich tierisch ist, so ist es damit zu erklären. Wenn man das Übermaß an Alkohol und triebhafter Sinnlichkeit überschreitet, so wird einem Tier ähnlich, da man seine Triebhaftigkeit nicht mehr im Griff hat.

An dieser Stelle lässt sich auf die Aussage Kants zurückgreifen, dass im Fokus jeder Handlung das Ziel steht. Margarita, die das Böse auf sich nimmt, will den Meister erretten. Sie vergnügt sich nicht auf dem Ball. Obwohl sie zu einer Hexe, zu einem magischen Wesen wurde, handelt sie aus ihrem Verstand und der Seele heraus. Ihr eigentliches Ziel verliert sie nicht aus den Augen, während Faust sich dem teuflischen Vergnügen  ganz und gar hingibt.

Goethes Dichtung veranschaulicht an vielen Szenen, dass man durch die Verbindung mit dem Bösen, selbst zu einem Monster wird.

Teufelspakt_Faust-Mephisto,_Julius_Nisle
Der Teufelspakt „Faust & Mephisto“, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Schaut man sich das Verhalten von Faust und den religiösen Aspekt Goethes an, der in dem Werk  nicht außer Acht gelassen wird, lässt sich sagen, dass Bulgakow mit seinen Hauptfiguren Goethes Faust in den Schatten stellen will: erstens verliert sich der Wissenschaftler selbst  auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Bulgakows Hauptfigur findet sich dagegen dank dem Teufel wieder. Der Meister wird von ihm aus der Irrenanstalt befreit und kann wieder zu dem werden, den ihm das Leben nahm, nämlich zu einem an sich selbst glaubenden Künstler. Zweitens geht Fausts Verhalten aus dem Pakt mit dem Teufel hervor und wirkt automatisch dem Guten entgegen. Er lässt sich von Mephisto verführen, verbindet sich mit dem Bösen, zerstört letztendlich das Leben von Gretchen, während Bulgakows Hauptfiguren gegen das Unheil (das Regime), die Ungerechtigkeit (die Faust übrigens selbst ausübt) kämpfen. Der Teufel stellt ihnen lediglich Mittel zur Verfügung und eröffnet ihnen als anständigen Personen den Weg in die Freiheit, die sie sich verdient und sehnlichst gewünscht haben. Ihre Liebe und Achtung voreinander sorgten für einen Anfang in einer neuen, romantischen ewigen Welt.

Franciszek Zmurko - Fausts's Vision - 1890
Franciszek Zmurko – Fausts Vision – 1890

Fausts Existenz und Freiheit sehen nach dem Teufelspakt anders aus. Er merkt, dass diese in der teuflischen Welt nichts als Verführung, Alkohol, Obszönität und Ekel bedeuten. In dieser Welt lässt sich nichts finden, was kostbar wäre und was nichts wert ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

Erich Mühsam – Selbstverantwortung

Edvard Munch - "Mädchen mit drei Männerköpfen"
Edvard Munch – „Mädchen mit drei Männerköpfen“

Zeitliche Ereignisse von umwälzender Kraft verlangen vom Einzelnen die strengste Reinigung des innern Wesens. Denn sie bewirken das Sichtbarwerden zahlreicher persönlicher Eigenschaften, die den Mitmenschen und oft einem selbst bisher verborgen waren. Solche Erschütterungen zwingen jeden, seinen Platz aufzusuchen, wo er allein stehen mag oder mit wenigen oder angelehnt an die dichte Masse. Zu finden ist jeder unausweichlich, sorge er, daß er bei der großen Seelenschau der Menschheit in Ehren bestehe.
Die Verführung, Halt zu suchen bei den Zufriedenen, die sich leiten lassen, auf eigenes Urteil verzichten und Verantwortung scheuen, ist groß, weil der Wille, der die Ereignisse treibt, stark ist, weil seine Stimme die des Zweifels und der Abwehr übertönt, weil der Rhythmus des Geschehens werbende Kraft hat und schwache Gemüter zwingt, mitzugehen mit den führenden Mächten.

Aber es ist schwer, den Schritt zu hemmen, der einmal in Marsch ist, jeden Augenblick das klare Bewußtsein zu behalten, daß alles Geschehen flüssig ist und erst, wenn es vorüber ist, als unabänderlicher Vorgang der Weltgeschichte der Prüfung der Nachfahren unterliegt. Vor dieser Prüfung mit seinem Verhalten zu bestehen, darauf kommt es für jeden Einzelnen an.

Es ist nicht wahr, daß der Mensch nur ein Rädchen sei in der Maschine, die einmal im Gange ist, nicht fähig und nicht berufen, ihren Lauf zu beeinflussen. Die Geschichte ist das Produkt menschlicher Willenskräfte. Niemand hat seinen Willen auszuschalten, jeder hat ihn anzustrengen nach der Richtung, die sein Gewissen anweist. Wer nur dies Bewußtsein hat, ist – sei es als Helfer, sei es als Eigenkraft – wirkender Faktor der Geschichte. Das gilt zu allen Zeiten, es gilt in erhöhtem Maße in Epochen katastrophaler Ereignisse. Diese Epochen scheiden die Geister. Einmal werden sie erkannt werden, diejenigen, die sich klein machten und zu verkriechen suchten im Gewirr der Massen, um ja nicht aufzufallen, ja sich nicht mißliebig zu machen; diejenigen, die alle überschrien, nur sie seien die wahren Begreifer der Zeit, was sie früher gesagt und getan hätten, gelte nicht mehr, jetzt erst sähen sie den rechten Weg und wollten ihn vorangehen – und diejenigen, die das furchtbare Gewicht der Verantwortung empfanden, das die Zeit auf alle Schultern legte, und die Tun und Lassen abwogen unter dem einzigen Trachten, lauter befunden zu werden vor dem Gericht der Nachwelt.

Die Pflichten des Einzelnen bei umwälzenden Geschehnissen sind nicht auf Paragraphenschienen gezogen. Vorschriften zum Denken und Handeln liegen in keinen Schubfächern aufgesammelt. Nichts, was noch im Flusse ist, läßt sich mit einem Schema, einem Prinzip ins Gleiche stellen. Aber jede Tat, jeder Entschluß, jede neue Wendung im großen Geschehen stellt an die Selbstverantwortung der Persönlichkeit den Ungeheuern Anspruch, ohne Nützlichkeiten zu besinnen und ohne auf ausgegebene Parolen zu horchen, das eigene Gewissen prüfend zu befragen, ob es vor Mit- und Nachwelt an all diesem teilhaben, ob es all dieses hinnehmen und rechtfertigen will.

Seine Antwort aber sei Ja! Ja! oder Nein! Nein! Und was darüber ist, das ist vom Übel.

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Wir sehen immer wieder, daß hübsche, junge Leute kein Glück bei Frauen haben, während rothaarige, krumme und häßliche Männer die schönsten Damen für sich gewinnen.

Weshalb?

Weil die hübschen, jungen Leute nicht wissen, wie man mit Frauen umgehen muß, und weil die anderen das Geheimnis kennen.

Ich habe für ihr Unglück etwas übrig und will ihnen ein paar Ratschläge erteilen.

Vor allem: Wenn Sie verliebt sind, brauchen Sie nicht sofort Ihren Frack anzuziehen, die weiße Krawatte umzubinden, einen Blumenstrauß in die Hand zu nehmen und der geliebten Frau zu sagen:

»Mein Engel, ich kann nicht ohne Sie leben. Küssen Sie mich!«

Das ist einfältig und dumm.

Machen Sie es so:

Sie kommen eines Abends in der Dämmerung zu ihr. Vorher haben Sie einige Zitronen gegessen und sind sehr bleich. Die Augenränder haben Sie mit verkohlten Zündhölzern ein wenig dunkel gefärbt. Sie setzen sich in eine Ecke und seufzen.

»Warum sind Sie traurig?« fragt die Dame. »Haben Sie Pech in Ihrem Beruf?«

»Der Beruf! Ach, was kümmert mich heute der Beruf.«

»Aber Sie sind so blaß!«

»Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.«

»Weshalb, um Himmels willen?«

»Fragen Sie nicht! Sie sind schuld – ich habe von Ihnen geträumt . . .«

»Mein Gott! Aber ich. kann doch nichts dafür – es tut mir wirklich leid.«

Hören Sie? Es tut ihr leid. Sie tun ihr leid!

»Quälen Sie sich doch nicht!« sagt die Dame.

Sie stehen auf. Sie nähern sich ihr, als wollten Sie sich verabschieden. Sie küssen ihre Hand! Die Dame blickt sie an und lächelt. Das ist der Augenblick! Wenn Sie ihn versäumen, möchte ich für nichts einstehen !

Weitere Ratschläge kann ich Ihnen übrigens nicht geben. Oder haben Sie Weiteres von mir erwartet? . . . Später dürfen Sie nach Hause gehen . . .guy-579259_1280_Markgraf-Ave

***

Ich kannte einen Mann, der diesen Vorgang sehr vereinfachte. Wenn er mit einer Frau allein blieb, umarmte er sie ohne weitere Umstände.

Ich fragte ihn einmal:

»Wie kannst du so stürmisch vorgehen? Ist es dir immer geglückt?«

»Nicht immer. Aber Frauen sprechen nicht viel in solchen Fällen. Sie machen keinen Wirbel. Gelegentlich ohrfeigen sie dich. Aber von hundert Frauen tun das höchstens sechzig. Ich arbeite also mit vierzig Prozent Nutzen. Soviel verdient nicht einmal ein Bankdirektor.«

Nur nebenbei: es handelte sich um einen hübschen, großgewachsenen Mann. Wenn man klein und zart ist, verläßt man sich besser nicht auf diese Methode. In solchen Fällen wirkt es mehr, zu seufzen:

»Gnädige Frau: ich habe von Ihnen geträumt . . .«

***

Einer meiner Freunde arbeitete in Porzellan – das ist einfach und billig. Vor langer Zeit kaufte er auf einer Auktion eine Porzellankatze und einen Chinesen mit wackelndem Kopf. Seither pflegt er zu sagen:

»Lieben Sie altes Porzellan?«

Kennen Sie eine Frau, die den Mut hat, nein zu sagen?

»Ich habe eine hübsche Sammlung alter Porzellanfiguren. Wollen Sie meine Sammlung sehen?«

Wenn die Dame Ihre Wohnung verläßt und den Hut aufsetzt, fragt sie gewöhnlich:

»Ach ja, Sie wollten mir Ihr berühmtes Porzellan zeigen. Wo steht es denn?«

»Dort drüben!« Stoß den Chinesen! Er wird zu wackeln beginnen. Wenn sie dann die Tür hinter sich zuschlägt, schüttelt der Porzellanchinese immer noch nachdenklich seinen Kopf . . .

***

Zuletzt: die Frauen sind poetisch veranlagt. Und der Geiz ist eine prosaische Sache.

Mein Freund verlor die Liebe einer Frau, weil er ihr im Kaffeehaus gesagt hatte:

»Der Mokka kostet fünf Rubel. Du hast mit deinen reizenden Zähnen ein Stück von meinem Kuchen abgebissen – das macht zehn Kopeken. Außerdem habe ich zwanzig Kopeken Trinkgeld gegeben. Ich bekomme also fünf Rubel und dreißig Kopeken von dir.«

Ein Mann, der so spricht, ist im selben Augenblick erledigt.

***

Sie sehen also: ganz ohne Kleingeld geht es nicht!

Wie man sich beim Diner benimmt

Wenn Sie zu einem Diner eingeladen werden, müssen Sie nicht unbedingt alle Freunde, die keine Einladung erhalten haben, mit sich nehmen und ihnen sagen: »Das sind sehr liebe Menschen, die werden euch sicher auch bewirten!«

Es dürfen nur solche Gäste erscheinen, die ausdrücklich aufgefordert worden sind, und zwar frühestens eine Viertelstunde vor der Tageszeit, zu der man sie gebeten hat. Ich kannte einmal einen jungen Mann, der am Abend des vorhergehenden Tages bei einem Gastgeber anklingelte und sagte: »Ich habe mich entschlossen, schon heute zu kommen, meinen Schlafrock, die Hausschuhe und das Hemd hab‘ ich mit. Ich bleibe über Nacht, denn ich kenne Ihren Vater – wenn man fünf Minuten zu spät kommt, hat er das Mittagessen schon allein verzehrt.«

Zum Diner müssen Sie im dunklen Anzug erscheinen. Ein Pyjama, wenn er auch aus feinster Seide ist, wird auf die Gesellschaft keinen Eindruck machen. Sie müssen vornehm und ruhig ins Zimmer treten, auch wenn Sie im Vorzimmer bereits erregt gefragt haben: »Komme ich zu spät?«

Sie brauchen nicht zu erwähnen, daß Sie die Straßenbahn benützt haben; in der sogenannten guten Gesellschaft spricht man nicht von der Straßenbahn. Am vernünftigsten ist es, wenn Sie daheim Ihre Hose mit Benzin putzen und dann sagen: »Ich habe heute meinen neuen Wagen ausprobiert.«

Im Vorzimmer können Sie die hübsche Zofe in die Wange kneifen. Einen Diener, und wenn er noch so rosige Wänglein hat, brauchen Sie nicht zu zwicken.

Wenn Sie eintreten, müssen Sie nicht neugierig fragen: »Gnädige Frau, was bekommen wir denn heute?« Am besten ist es, ein mondänes Gespräch zu beginnen oder die Kinder der Hausfrau zu loben, die gewöhnlich auf dem Teppich im Salon herumkriechen.

Über Kinder soll man mit einer gewissen Vorsicht sprechen.

Seien Sie jedenfalls entzückt von ihnen. Das kostet nichts und macht der Mutter Freude. Man sagt einfach:

»Ihr Söhnchen? Entzückend – die ganze Mama! Spricht er schon?«

»Aber woher? Er ist doch noch zu klein.«

Dieses Gespräch ist zwar sinnlos, aber es entspricht dem guten Ton.

Wenn dann die hübsche Zofe auf der Schwelle erscheint und meldet, es sei serviert, brauchen Sie nicht über den Sessel zu springen und ins Speisezimmer zu eilen, sondern Sie müssen ein gleichgültiges Gesicht machen und der Hausfrau sagen: »Aber, Gnädigste, wozu diese Mühe?«

Dann reichen Sie Ihrer Nachbarin liebenswürdig die Hand und sagen, wenn sie auch noch so häßlich ist: »Darf ich heute das Glück haben, Ihr Tischnachbar zu sein?«

Während des Essens darf man die Hausfrau nicht mit merkantilen Fragen belästigen:

»Gnädigste, was kostet dieser Fisch?«

Und wenn die Hausfrau selbst erwidert: »Fünf Rubel«, darf man nicht sagen: »Bitte, schneiden Sie mir noch ein Stück für fünfzig Kopeken ab.«

Wenn das Dessert gereicht wird, soll man alles eher als enttäuscht sagen: »Was? Schon das Dessert? Das ist das ganze Diner? Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich lieber in ein Restaurant gegangen!«

Ich kannte einen zerstreuten Gast, der nach einem solchen Essen auf den Teller klopfte und rief: »Zahlen, bitte!«

Vielleicht wäre diese Lösung nicht einmal unangenehm für die Hausfrau, aber wie die Dinge liegen, wirkt es eben verletzend.

Nach dem Diner dürfen Sie nicht aufstehen und sich empfehlen. Für gewöhnlich sitzt man noch eine Weile und raucht, dann blickt man plötzlich auf die Uhr und ruft: »Was? Schon so spät? Ich muß doch in eine Versammlung.«

Wenn Sie gehen, vergessen Sie nicht der Hausfrau die Hand zu küssen und der schönen Zofe ein Trinkgeld zu geben. Irren Sie sich bitte nicht, und verwechseln Sie es nicht – es wäre der Hausfrau und der Zofe sehr peinlich . . .

Zuletzt noch ein Wink für die Gastgeberin: ihr wird empfohlen, den Gast ins Vorzimmer zu begleiten. Erstens ist es nun einmal so Sitte, und zweitens kann er dann keinen fremden Mantel mitnehmen . . .

Wie man Witze erzählt

Wenn man in Gesellschaft Erfolg haben will, muß man auch verstehen, gute Witze zu erzählen. Ein junger Mann, der das kann, wird gern überall eingeladen.

Jeder Witzerzähler muß drei Grundregeln kennen:

  1. Der Witz muß kurz sein.
  2. Die Wiedergabe muß glänzend sein.
  3. Die Pointe muß unerwartet kommen.

Ein bekannter Herr erzählte seine Witze immer in folgender Weise:

»Hm . . . Ich werde Ihnen einen guten Witz erzählen. Ja. Das war in einem kleinen Industrieort. Das Städtchen war nicht groß, aber sehr belebt. Es liegt an den Ufern der Wolga und ist eine Umladestation, deshalb leben dort viele Kaufleute. In dieser Stadt gibt es viele Restaurants. Die Kaufleute gehen den ganzen Tag in diesen Restaurants aus und ein, wickeln dort ihre Geschäfte ab, trinken Tee und Wodka. Da kommt eines Tages in solch ein Restaurant, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, ein betrunkener Kaufmann. Unweit von seinem Tisch steht auf dem Fenstersims ein Käfig mit einem Harzer Kanarienvogel. Das Vöglein singt, und der Kaufmann ist vom Gesang einfach entzückt. Sie wissen, daß die Kanarienvögel so schön singen, daß man ihnen zu Ehren sogar eine Gruppe von Inseln ›Kanarische Inseln‹ benannt hat. Der Kaufmann trinkt. Plötzlich ruft er den Kellner: ›Sie, Ober, was kostet der Vogel?‹ – ›dreihundert Rubel!‹ – ›Bringen Sie mir den Kanari in Butter gebacken!‹ Der Kellner weiß, daß der Kaufmann ein reicher Mann ist, er denkt, es sei eine Marotte von ihm. Er nimmt den Kanarienvogel, trägt ihn in die Küche, und nach einiger Zeit serviert er den Vogel, in Butter gebacken. Da sagt der Kaufmann: ›Den ganzen Vogel will ich nicht. Schneid mir ein Stück für drei Kopeken ab!‹ Es entsteht ein Skandal, der Kellner holt den Wachmann. Protokoll. Nach einiger Zeit wird der Kaufmann zum Richter vorgeladen und zu einer Geldstrafe verurteilt.«

So darf man es nicht machen. Man erzählt einen Witz ungefähr in der Art:

»Zederbaum, die ganze Stadt spricht, daß Kegelmann mit Ihrer Frau lebt.«

Der Mann: »Auch ein Glück . . . wenn ich wollte – könnt‘ ich genau so mit ihr leben.«

Oder:

Zwei Juden kommen in Paris auf den Flugplatz, gehen auf den Piloten zu und fragen ihn: »Fliegen Sie nach London? Nehmen Sie uns mit!« Der Pilot schaut sie an und fragte sie: »Wer seid ihr?« – »Wir sind zwei Juden.« – »Juden nehme ich nicht mit. Wenn mir ein Unfall passiert, werden Sie schreien, mich am Rücken packen und dann . . .« – »Herr Pilot«, antworten die Juden, »wir werden nicht schreien.« – »Ich nehme euch mit, aber nur unter einer Bedingung: Ihr dürft kein Wort reden. Für jedes gesprochene Wort zahlt ihr Strafe: ein Pfund.« Die Juden nehmen im Aeroplan Platz und der Pilot fliegt nach London. Wie sie glücklich in London landen, kommt ein Jude auf den Piloten zu und fragt: »Darf ich jetzt reden? – Abrascha ist ins Wasser gefallen!«

Es gibt nichts Traurigeres als zerstreute Witzerzähler.

»Hm . . . ich werde Ihnen einen Witz erzählen. Das war im Jahre 1989 . . . nein, im Jahre 1900. Warten Sie, in welchem Jahre war es denn?«

»Das ist nicht so wichtig. Erzählen Sie den Witz!«

»Da lebte in einer Stadt ein Engländer, es war kein Engländer, es war ein Armenier . . . Er hieß . . . na, wie hieß er . . . Pardon, ich habe diesen Witz mit einem anderen verwechselt.«

Wenn man so einen Erzähler tötet, so wird man sicherlich vom Richter freigesprochen.

Es gibt auch Witzerzähler, die einen Witz beginnen, dann plötzlich steckenbleiben, erröten und sagen: »Pardon, das ist ein unanständiger Witz, und es sind Damen da.«

Schrecklich sind Leute, die einem zurufen:

»Erzählen Sie doch den Witz, den Sie vorige Woche erzählt haben!«

»Welchen Witz?«

»Na, den da . . . Ein Schuljunge bittet den Lehrer, ihn für den nächsten Tag zu beurlauben. ›Weshalb?‹ fragt der Lehrer. – ›Mein Papa hat gesagt, daß es morgen bei uns brennen wird.‹«

Wie kann man da noch einen Witz erzählen?!

Wie man sich bei einer Hochzeit benimmt

Der Unterschied zwischen einer Hochzeit und einem Leichenbegängnis ist der, daß man bei einem Leichenbegängnis sofort weinen muß, während man bei einer Hochzeit manchmal erst am nächsten Tage weint.

In feinen Kreisen wird nur die Hochzeit gefeiert. Die Ehescheidung wird nicht festlich begangen, obwohl man sich bei einer Ehescheidung oft mehr als bei einer Hochzeit freut . . . Ich werde Ihnen einige Ratschläge geben, wie man sich bei einer Hochzeit verhalten muß.

Der Bräutigam – hm . . . Seine Lage auf der Hochzeit ist zweifellos schwieriger, als die eines geladenen Gastes. Der Gast braucht nicht zur Hochzeit zu kommen, während die Abwesenheit des Bräutigams peinliches Aufsehen erregt. Und nun stellen Sie sich einen jungen Mann mit verzweifelt blassem Gesicht vor, der in einen Frack gepreßt ist und weiße Handschuhe und Lackschuhe trägt . . . Er muß Gratulationen anhören, scherzhafte Bemerkungen der Freunde, Ratschläge der Eltern in Kauf nehmen, muß sich von der Menge in der Kirche begaffen lassen und dabei noch freundlich lächeln . . .

Die Besucher in der Kirche nehmen ihn und die Braut unter Kreuzfeuer.

»Der Arme!« sagt seufzend die dicke Köchin. »So jung und muß schon hineinspringen . . .«

»Bei uns im Spezereiladen hat man erzählt«, bemerkt das Dienstmädchen, »daß seine Braut die Geliebte eines anderen ist. Der hat ihn gezwungen, sie zu heiraten.«

»Was findest du Fesches an ihm? Schau dir bloß seine Nase an!«

Vor diesem Publikum bleibt nichts verborgen, es bemerkt alles.

»Und die Braut? Sie hat ganz rote Augen!«

»Rotgeschminkte Wangen . . . Die Schminke ist so stark aufgetragen, daß sie von den Wangen herunterfällt! Und der Ausschnitt? Wie kann man so zu einer Hochzeit gehen?«

Der Hochzeitsgast muß gut aufgelegt und ein Redner sein. Zur Hochzeit muß er im Frack, im weißen Gilet, in einer Frackhose und frisch rasiert erscheinen . . . Sein Gesicht muß vor Freude glänzen, auch wenn er sich soeben mit seiner Freundin gestritten hat. In der Hand muß er einen Strauß weißer Rosen halten, er muß diesen Strauß der Braut überreichen und ihr lächelnd sagen:

»Diese reinen, unschuldigen Blumen sind das Symbol Ihres reinen, zukünftigen Glückes, das Symbol Ihrer Unschuld!«

Diese letzten Worte darf man auch dann sagen, wenn die Braut und der Bräutigam zehn Jahre in gemeinsamem Haushalt gelebt haben.

Wenn man sauren Wein und schlechtes Essen bekommt, darf man den Blumenstrauß nicht zurücknehmen. Man kann aber vor dem Abschied auf die Braut zutreten und ihr leise zuflüstern:

»Wie kann man Gästen so etwas zum Essen hinstellen? Der Wein war so sauer wie Essig! Und ich habe Ihnen so schöne Rosen gebracht – schicken Sie mir die Blumen zurück. Ich muß morgen zu einer anderen Hochzeit gehen.«

Hochzeitsreden bei der Tafel . . . Hm . . . das ist auch nicht so einfach.

Ich erinnere mich, welch peinlichen Eindruck die Rede eines meiner Freunde auf meiner Hochzeit gemacht hat. Er war Junggeselle und hielt folgende Ansprache:

»Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, der Braut und dem Bräutigam zu gratulieren. Ich könnte dem Bräutigam ein langes Leben wünschen, wenn ich nicht fürchtete, daß er das zügellose Leben, das er vor der Hochzeit führte, fortsetzen wird . . . Lieber Freund, jetzt mußt du von den Weibern lassen und mehr auf die Gesundheit aufpassen! . . . Der Braut könnte ich wünschen, daß sie ein paar hübsche pausbackige Kinder bekommt, aber sie hat bereits vor der Hochzeit ein Kind gehabt . . . Ich könnte den Eltern gratulieren, daß sie das Mädchen endlich vom Hals haben. Es ist wahr, die Braut bekommt eine Villa als Mitgift, aber diese Villa ist baufällig, und ich bin fest überzeugt, daß das junge Ehepaar sofort eine Hypothek aufnehmen wird . . . Also wozu davon reden? Ich wünsche auch der Mutter des verehrten Bräutigams Glück. Ich hoffe, daß ihr Sohn seine Mutter besser behandelt, als ihr Gatte es tat, denn er warf ihr alle Gegenstände, die ihm in die Hand kamen, an den Kopf . . . Ich fühle auch die Freude der beiden Tanten der Braut, sie werden sich einmal sattessen können! Ich will feststellen, daß die Löffel, welche die Tanten heimlich eingesteckt haben, nicht aus Silber sind, sondern aus Aluminium . . . Ich beende meine Rede, trinke auf das Wohl aller Gäste und bedaure, daß mir niemand antworten kann, da alle besoffen sind . . . Hurra!«

Eine derartige Rede hat keine Aussicht auf Erfolg – man kann höchstens durchgebleut werden. Daher empfehle ich – um Mißverständnissen aus dem Wege zu gehen – folgende Rede:

»Verehrte Damen und Herren! Ich sehe unter dem Dache dieses ehrwürdigen Hauses blühende Jugend, geistreiches Alter . . . Was hat sie heute vereinigt? Sie sagen einfach: Peter heiratet Werotschka! Er bekommt 45 Millionen, eine Villa, Silber und wer weiß, was noch. Oh, meine Herrschaften, wie oberflächlich beurteilen Sie, was hier vorgeht . . . Meine Herrschaften, hier wird heute der Grundstein zu jenem großen Geheimnis gelegt, aus dem sich der Staat zusammensetzt. Peter hat endlich seine Pflicht vor dem Staat, vor der Gesellschaft erfüllt. Und wenn Sie seine reizende Braut ansehen, so werden Sie sagen: eine angenehme Pflicht. Meine Herrschaften, ich wäre gern selbst an seiner Stelle. (Allgemeines Gelächter, Applaus.) Aber der Weg ist für mich versperrt, ich bin ein überzeugter Frauenhasser, denn ich bin bereits neunzehn Jahre verheiratet . . . (Bewegung auf der linken Seite, wo die Frau des Redners sitzt.)

Meine Herrschaften, ich erhebe das Glas auf das Wohl des Mannes, der heute ein Mädchen heiratet, das es verstanden hat, bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre seine Reinheit, seine Unschuld zu wahren . . . Ich trinke auf das Wohl ihrer zukünftigen Kinderchen, die sicher den edlen Charakter ihrer Eltern erben werden . . . Ich trinke auf das Wohl der Eltern, die mit freigebiger Hand (eine Villa, 45 Millionen) das junge Paar beglückt haben . . . Ich trinke auf das Wohl der alten Tante, deren Sohn aus lauter Bescheidenheit unter den Tisch gefallen ist . . . Und mein letzter Toast gilt jenem Herrn, der den Rotwein auf das weiße Tischtuch verschüttet hat, und nun Salz auf den Fleck schüttet – denn Salz und Brot bringen Glück!« (Applaus.)

Dann muß der Redner einen Schluck Wein trinken und nach russischer Sitte »Bitter!« rufen – dann müssen sich Braut und Bräutigam küssen. Diese Sitte wird nur bei Hochzeiten angewendet. Später küßt der Mann selten seine Frau – der Hausfreund küßt sie, und der Mann sagt: »Bitter!«

Wenn Sie eine solche Rede halten, werden Sie rasch beliebt, man wird Sie überall einladen und Sie werden zweifellos eines Tages an der Stelle des Bräutigams sein . . .

Mark Twain ♥ Die Schrecken der deutschen Sprache

Die Schrecken der deutschen Sprache

Ich war oft im Heidelberger Schloß, um die daselbst befindliche Kuriositätensammlung zu besichtigen und eines Tages überraschte ich den Besitzer derselben mit meinem Deutsch, das ziemlich seltsam lauten mochte. Er war sehr aufmerksam, und nachdem ich eine Zeit lang gesprochen hatte, äußerte er, mein Deutsch sei ganz seltener Art, vielleicht ein ›Unikum‹, er möchte es gerne seinem Museum einverleiben. Hätte er gewußt, was die Erwerbung meiner Fertigkeit mich gekostet hatte, so würde er auch gewußt haben, daß deren Anschaffung einen jeden Sammler zu Grunde richten müßte. Mein Freund Harris und ich hatten damals mehrere Wochen lang tüchtig an unserm Deutsch gearbeitet, und obwohl wir gute Fortschritte machten, hatten wir doch unser Ziel nur unter großen Schwierigkeiten und Plackereien erreicht, denn drei von unsern Lehrern waren darüber gestorben. Wer nicht selbst deutsch gelernt hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, was das für eine verzwickte Sprache ist.

Es giebt gewiß keine andere Sprache auf der Welt, die so systemlos ist, so schlüpfrig und aalglatt, um sie zu fassen. Man treibt darin umher wie in einem brandenden Meer, bald hierhin, bald dorthin, in der elendesten Hilflosigkeit, und wenn man einmal glaubt, eine Regel gefunden zu haben, welche festen Grund bietet, um einen Augenblick in dem allgemeinen Wirrwarr und Tumult der zehn Redeteile auszuruhen, so vernimmt man in der Grammatik: ›Der Schüler gebe acht auf folgende Ausnahmen.‹ Ein Blick auf diese zeigt ihm, daß deren mehr sind, als Beispiele für die Regel selbst. So wird er hoffnungslos wieder über Bord geschleudert, um nach einem neuen Berg Ararat zu jagen und statt dessen eine neue Sandbank zu finden. Dies sind die Erfahrungen, die ich gemacht habe und noch fortwährend mache. So oft ich glaube, ich habe einen von den vier vertrakten ›Kasus‹ richtig gepackt, schleicht sich eine anscheinend bedeutungslose Präposition in meinen Satz hinein, die mit einer furchtbaren ungeahnten Macht ausgerüstet ist, und zerbröckelt mir den Boden unter den Füßen. Z. B. fragt mein Lesebuch nach einem Vogel (es fragt immer nach Dingen, die für keinen Menschen irgend welchen Wert haben): » Where is the bird?« – Die Antwort auf die Frage lautet nach dem Buch: » The bird is waiting in the blacksmith shop on account of the rain.« Selbstverständlich würde das keinem Vogel einfallen, allein das mußt du mit dem Buch ausmachen. Also, ich mache mich daran, die deutsche Übersetzung dieser Antwort herauszuklauben. Ich muß dabei notwendig am verkehrten Ende anfangen, so will es der deutsche Gedankengang. Ich sage mir: Regen ist männlichen Geschlechts – oder vielleicht auch weiblich oder möglicherweise sächlich – darnach zu schauen, ist mir jetzt zu umständlich. Je nach dem Geschlecht nun, das sich schließlich herausstellt, heißt the rain entweder der Regen oder die Regen oder das Regen. Im Interesse der Wissenschaft will ich die Annahme zu Grunde legen, das Wort sei männlichen Geschlechts. Gut! Dann heißt the rain › der Regen‹, falls derselbe einfach in ruhendem Zustand erwähnt wird ohne nähere Erörterung, also Nominativ; ist jedoch dieser Regen überall rings auf dem Boden angelangt, dann ist er an eine bestimmte Örtlichkeit gebunden, er thut etwas, nämlich ruhen (in der deutschen Grammatik wird dies unter die Tätigkeiten gerechnet) und dies versetzt den Regen in den Dativ, so daß er zu › dem Regen‹ wird. Allein dieser Regen hat noch keine Ruhe, sondern entwickelt eine aktive Thätigkeit – er fällt nieder – vermutlich dem Vogel zum Ärger – dies zeigt Bewegung an und hat die Folge, daß das Wort in den Akkusativ geschoben und dadurch aus dem Regen › den Regen‹ wird.

Nachdem ich mit der Befragung des Schicksals über diesen Punkt zu Ende bin, antworte ich keck darauf los und sage auf deutsch: »Der Vogel wartet in der Hufschmiede wegen den Regen«. Der Lehrer dämpft darauf sanft meine Freude mit der Bemerkung, daß, wo das Wörtchen wegen in einem Satz vorkommt, es das abhängige Wort in den Genetiv versetze, möge daraus entstehen, was da wolle – und daß deshalb dieser Vogel in der Schmiede gewartet habe ›wegen des Regens‹.

NB. Später erfuhr ich von einer höheren Autorität, daß es eine ›Ausnahme‹ gebe, die einem unter gewissen besonderen verwickelten Umständen gestatte, zu sagen, wegen den Regen, es komme jedoch diese Ausnahme ganz allein bei diesem Wort vor.

Mark Twain in Middle Life - ID: 100708 - NYPL Digital GalleryVon der Schwierigkeit dieser Sprache kann die nächste beste Zeitung überzeugen. Ein Normalsatz in einer deutschen Zeitung ist eine überraschende Merkwürdigkeit; er nimmt eine Viertelseite ein und enthält sämtliche Redeteile dieser Sprache, nicht in einer geregelten Ordnung, sondern durcheinander. Er besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern, von dem Verfasser eigens für seinen Zweck gebaut und nirgends im Wörterbuch zu finden; oft sechs bis sieben Worte an einem Stücke ohne Nähte und Einschnitte; der Satz handelt von 14 bis 15 verschiedenen Gegenständen, von denen jeder einen Zwischensatz bildet, bisweilen schließt ein Hauptzwischensatz mehrere kleinere ein und damit sie nicht auseinander fallen, werden sie zum Teil mit Klammern zusammengehalten; – nach alledem kommt endlich das Zeitwort, woraus man erst klug wird, was der Verfasser eigentlich sagen wollte; nach dem Zeitwort schließt der Verfasser – wie mir scheint, lediglich aus dekorativer Spielerei – mit den Wörtern ›haben zu sein‹, ›gewesen sein dürften‹, oder ähnlich. Vermutlich ist dieser Schlußknalleffekt so etwas wie der Schnörkel, den man unter seine Unterschrift zu machen pflegt; was nicht gerade nötig ist, aber hübsch aussieht. Ich rate zum bessern Verständnis, deutsche Bücher so zu lesen, daß man sie vor den Spiegel hält oder auf den Kopf stellt, damit die Konstruktion umgekehrt erscheint; aber deutsche Zeitungen zu lesen, wird dem Fremden stets eine unerreichbare Kunst bleiben. Ich will mich zum Beweis des Gesagten auf ein Beispiel aus einem deutschen Buche, einer anerkannt guten Novelle, beschränken. ›Wenn er aber auf der Straße der in Sammt und Seide gehüllten, jetzt sehr ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten Regierungsrätin begegnete?‹ So steht es in Marlitts ›Geheimnis einer alten Mamsell‹. Man wird bemerkt haben, wie weit das Zeitwort von der Operationsbasis des Lesers entfernt ist. In den Zeitungen ist das noch weit schlimmer, da steht das Zeitwort immer erst auf der nächsten Spalte, und mir wurde gesagt, es käme oft vor, daß der Verfasser eines Artikels, der sich ein bis zwei Spalten lang mit Einreihungen und Zwischensätzen aufgehalten hat, sich am Ende so beeilen muß, daß der Satz ohne Zeitworte in die Druckpresse geht. Dann sind natürlich die Leser übel dran.

In unserer Litteratur spukt diese Einschachtelungsmanie ebenfalls und es lassen sich jeden Tag Beispiele dafür in unsern Büchern und Zeitungen finden; allein bei uns ist dieselbe ein Kennzeichen davon, daß es dem Schriftsteller an Gewandtheit oder an klarem Verstande fehlt, während sie bei den Deutschen schriftstellerische Übung und das Vorhandensein einer Art von lichtvollem Verstandsnebel verrät, der bei diesen Leuten für Klarheit gilt. Denn Klarheit ist dies ganz gewiß nicht, das kann schlechterdings nicht sein. Es muß vielmehr recht wirr, recht vertrakt und verkehrt in eines Schriftstellers Kopfe aussehen, wenn er einen Anlauf nimmt, um zu sagen, daß jemand einer Regierungsrätin auf der Straße begegnet, und dann gerade mitten in diesem so einfachen Unternehmen die beiden Begegnenden anhält und stehen läßt, bis er den Anzug der Dame bis ins Kleinste ausgemalt hat. Dies ist handgreiflicher Unsinn.

Man denkt dabei unwillkürlich an jene Zahnärzte, die, nachdem sie den Zahn mit der Zange gefaßt und einen dadurch in den höchsten Grad atemloser Spannung versetzt haben, sich hinstellen und einem in aller Behaglichkeit eine langweilige Geschichte vorkauen, ehe sie den gefürchteten Ruck thun. In der Litteratur und beim Zahnausziehen sind Einschaltungen gleich übel angebracht.

Die Deutschen haben in ihrer Sprache eine Art von Parenthese, welche sie durch das Auseinanderreißen eines Zeitworts in zwei Teile erzielen, wovon der eine am Anfang eines spannenden Kapitels steht, der andre am Schluß desselben. Kann man sich etwas Verwirrenderes denken? Die deutsche Sprache wimmelt von solchen trennbaren Zeitwörtern und je weiter die beiden Teile in einem Schriftstück auseinander kommen, desto mehr freut sich der Urheber eines solchen Verbrechens seiner That. Ein Lieblingsspiel dieser Art wird mit dem Wort ›reiste ab‹ getrieben. Hier ein Beispiel aus einer Novelle:

›Er reiste, als die Koffer fertig waren und nachdem er Mutter und Schwester geküßt und nochmals sein angebetetes, einfach in weißen Muslin gekleidetes, mit einer frischen Rose in den sanften Wellen ihres reichen braunen Haares geschmücktes Gretchen, das mit bebenden Gliedern die Treppe herabgewankt war, um noch einmal sein armes gequältes Haupt an die Brust desjenigen zu legen, den es mehr liebte, als das Leben selber, ans Herz gedrückt hatte, – ab.‹

Es ist jedoch nicht gut, sich zuviel mit den trennbaren Zeitwörtern abzugeben, sie bringen einen unfehlbar bald um die Gemütsruhe, und wenn man sich nicht warnen läßt und sich darein vertieft, so bekommt man entweder Gehirnerweichung oder Gehirnversteinerung davon.

Die persönlichen Fürwörter und Adjektiva dieser Sprache sind eine fruchtbare Quelle von Ärger aller Art. Das Wort ›Sie‹ bedeutet you und the zugleich, es heißt her und heißt it, es meint they und es meint them. Man stelle sich die klägliche Armut einer Sprache vor, die ein einziges Wort nötigt, den Dienst von sechs zu versehen, noch dazu solch ein armes kleines Würmchen mit nur drei Buchstaben am Leib. Aber erst die Verzweiflung, wenn man niemals weiß, in welchem Sinne der Sprechende das Wort gemeint hat! Grund genug für mich, um einer Person, welche ›Sie‹ zu mir sagt, wenn ich irgend kann, den Garaus zu machen.

Sodann fasse man einmal die Adjektivformen ins Auge. Wenn irgendwo, wäre hier Einfachheit am Platz gewesen. Grund genug für die Erfinder dieser Sprache, die Sache erst recht zu erschweren. Wenn wir in unserer deutlichen englischen Sprache von our good friend or friends sprechen, so gebrauchen wir eine und dieselbe Adjektivform und das genügt vollauf; nicht so in der deutschen Sprache. Kommt ein Adjektiv unter die Zunge eines Deutschen, so dekliniert er es und dekliniert es fort und fort, bis er endlich allen gesunden Sinn herausdekliniert hat. Er dekliniert z.B. ›mein guter Freund, meines guten Freundes, meinem guten Freunde u.s.w.‹ Diese beständigen Änderungen möge ein Irrenhausaspirant auswendig lernen! Man thut wahrhaftig in Deutschland besser daran, sich ohne Freunde zu behelfen, als diese Plackerei mit ihnen in den Kauf zu nehmen. Ich habe nun gezeigt, welche Mühsal es ist, einen guten Freund zu deklinieren, das ist aber nur ein kleiner Vorgeschmack von der Schwierigkeit, denn es giebt noch eine Menge neuer Adjektivverrenkungen, wenn es sich um einen weiblichen beziehungsweise um einen sächlichen Gegenstand handelt.

Sodann giebt es in dieser Sprache mehr Adjektive als schwarze Katzen und diese müssen alle nach obigem Beispiel sorgfältigst abgewandelt werden. Schwierig? – Mühselig? – Diese Ausdrücke sind viel zu schwach. Ein Heidelberger Student aus Kalifornien hat mir allen Ernstes versichert, er mache sich weniger daraus, zwei Kneipereien auszuschlagen, als ein deutsches Adjektivum zu deklinieren.

Der Erfinder dieser Sprache scheint ein besonderes Vergnügen daran gefunden zu haben, dieselbe so verwickelt zu machen, als nur irgend möglich. So heißen z. B. house, horse, dog für gewöhnlich Haus, Pferd, Hund, im Dativ aber hängt man ein ganz thörichtes überflüssiges e daran und schreibt Hause, Pferde, Hunde. Da nun ein e am Schluß häufig die Mehrzahl bezeichnet, so kann der Anfänger einen ganzen Monat lang aus einem Hund im Dativ ein Pärchen machen, ehe er seinen Irrtum gewahr wird; und wiederum hat mancher junge Musensohn, der kein Geld hinauszuwerfen hatte, zwei Hunde bezahlt und nur einen bekommen, weil er unwissentlich diesen Hund im Dativ Singularis kaufte, während er glaubte, im Plural zu sprechen. – Das Recht hatte natürlich unter solchen Umständen angesichts der strengen grammatischen Regeln der Verkäufer auf seiner Seite, und eine Ersatzklage mußte erfolglos bleiben.

Im Deutschen werden alle Hauptwörter mit einem großen Anfangsbuchstaben geschrieben. Das ist ein guter Einfall, weil man so auf den ersten Blick ein Hauptwort erkennt. Aber bisweilen giebt es zu Täuschungen Anlaß, indem man einen Personennamen für einen Sachnamen ansieht, und umgekehrt. Dann geht bei dem Versuch, Sinn in den Satz zu bringen, viel Zeit verloren; und man wird um so leichter in die Irre geführt, da die deutschen Personennamen meistens eine Bedeutung haben. Ich übersetzte einmal einen Text, welcher lautete: ›Die wütende Tigerin brach los und fraß den unglücklichen Tannenwald völlig auf.‹ Nach langem Besinnen kam ich endlich dahinter, daß Tannenwald in diesem Falle der Name eines Mannes war.

Jedes Hauptwort hat einen Artikel; aber da ist kein System und Sinn in der Anwendung desselben, so daß nichts übrig bleibt, als jeden Artikel zu jedem Wort besonders auswendig zu lernen. So hat z. B. in der deutschen Sprache ein junges Mädchen kein Geschlecht, während eine Steckrübe ein solches hat. Welche maßlose Hochachtung zeigt das einer Rübe gegenüber, welche Geringschätzung vor einem Mädchen! Man sehe sich einmal an, wie sich dies gedruckt ausnimmt. Ich übersetze aus meinem Lesebuch:

Gretchen. Wilhelm, wo ist die gelbe Rübe?

Wilhelm. Sie ist in der Küche.

Gretchen. Wo ist das hübsche und wohlerzogene Mädchen?

Wilhelm. Es ist in die Oper gegangen.

Aber weiter mit diesen Artikeln. Ein Baum ist männlich, seine Knospen sind weiblich, seine Blätter sind sächlich. Pferde sind geschlechtslos, Hunde sind männlich, Katzen sind weiblich; des Menschen Mund, Nacken, Busen, Ellbogen, Finger, Nägel, Füße und Leib sind männlichen Geschlechts; Kopf oder Haupt ist männlich oder sächlich, je nachdem man eines dieser Wörter gebraucht, nicht also je nachdem ein Mann oder eine Frau das Ding trägt; eines Menschen Nase, Lippe, Schulter, Brust, Hüfte und Zehe sind weiblich; seine Ohren, Augen, Kinn, Beine, Knie, Herz und Gewissen haben gar kein Geschlecht. (Der Erfinder dieser Sprache kannte vermutlich das Gewissen nur vom Hörensagen.) Aus dieser Zergliederung geht deutlich hervor, daß ein deutscher Mann sich zwar einbilden mag, er sei ein Mann, wenn er aber näher zusieht, muß er wohl daran zweifeln; er muß entdecken, daß er eine ganz lächerliche Zusammensetzung aller möglichen Geschlechter bildet.

Es giebt in dieser Sprache einige ungemein nützliche Wörter; z. B. Schlag und Zug. Im Wörterbuch nehmen diese Schlagwörter mehrere Spalten und die Zugwörter noch einmal so viel ein. Das Wort Schlag bedeutet so ziemlich alles; es bedeutet unser blow, stroke, dash, hit, shock clip, clap, time, bar, coin, stamp, kind, sort, manner, way, apoplexy, woodcutting, enclosure, field, forest-clearing. Das alles bedeutet Schlag im engern beschränkten Sinn; wenn aber das Wort einmal losgelassen wird, dann nimmt es Flügel der Morgenröte und fliegt, wohin es mag. An seinen Schwanz kann sich jedes beliebige Wort anhängen, wodurch der Sinn ins Unglaubliche vervielfältigt wird. Man kann anfangen mit Schlag-Ader, auf englisch artery, und so fort das ganze Wörterbuch daranhängen, Wort für Wort, ganz durch bis Schlag-Wasser, auf englisch Bilge-water und Schlag-Mutter, mother-in-law. Ebenso ist es mit dem Wort ›Zug‹. Nimmt man zu den Wörtern Schlag und Zug noch das Wörtchen ›Also!‹ hinzu, so verfügt man über einen hübschen Sprachschatz, mit dem man schon ziemlich gut durchkommt. ›Also‹ ist gleichbedeutend mit der englischen Redensart you know und besagt eigentlich gar nichts – wenigstens in der Unterhaltungssprache. So oft ein Deutscher seinen Mund aufthut, fällt ein ›Also‹ heraus, und so oft er ihn wieder zumacht, beißt er sicher ein ›Also‹, das gerade zwischen seinen Zähnen herauskommen wollte, entzwei. Diese häufige zwecklose Anwendung des Wortes ›Also‹ ist eine spezifisch süddeutsche, besonders weibliche schwäbische Untugend. Nichts verleiht einer deutschen oder englischen Unterhaltung so viel Anmut und Zwanglosigkeit, als wenn man sie voll mit Alsos und you knows spickt.

In meinem Tagebuch finde ich folgenden Eintrag: »Juli 1. Gestern wurde ein Kranker mit Erfolg von einem Wort mit 13 Silben Länge befreit; der Kranke war ein Norddeutscher von Hamburg. Da aber die Chirurgen den Kranken unglücklicherweise an der falschen Stelle aufschnitten, in der Meinung, er habe ein Panorama verschluckt, so starb er. Das Ergebnis hat die Stadt in Trauer versetzt.«

An diese Notiz möchte ich einige Bemerkungen über eine der sonderbarsten Erscheinungen unseres Gegenstandes knüpfen; nämlich über die Länge deutscher Wörter. Einige davon sind so lang, daß sie einen Schatten werfen und perspektivisch wirken, z. B.:

Freundschaftsbezeugungen,
Dilettantenaufdringlichkeiten,
Stadtverordnetenversammlungen.

Das sind keine Wörter mehr; das sind alphabetische Prozessionen. Man sieht sie in jeder Nummer einer Zeitung majestätisch einherschreiten und mit einiger Einbildungskraft kann man die zur Prozession gehörigen Banner fliegen sehen und die Musik hören. Sie verleihen dem schmächtigsten Begriff etwas ungemein Großartiges. So oft ich ein gelungenes Exemplar von einem solchen Worte finde, verleibe ich es meinem Museum ein. Ich habe bereits eine Sammlung beieinander. Meine Duplikate tausche ich mit andern Sammlern aus. Anbei einige Prachtexemplare, welche ich neulich auf der Auktion erstand:

Generalstaatenverordnetenversammlung,
Altertumsforschungswissenschaften,
Kleinkinderbewahrungsanstalten,
Wiederherstellungsbestrebungen,
Waffenstillstandsverhandlungen.

Wenn solch eine Alpenkette sich stolz hinzieht über eine Druckseite, so muß dadurch die literarische Landschaft bedeutend verschönert werden; aber für den Anfänger in der Sprache sind diese Gebirge ein großes Hindernis; sie versperren ihm den Weg, er kann weder unten durch, noch darüber weg, höchstens per Tunnel, wo einer ist. Nimmt er seine Zuflucht zum Wörterbuch, so läßt ihn das im Stich. Mit solchen zusammengesetzten Wörtern befaßt es sich nicht. Man muß zuvor das Wort durch den Chemiker in seine Bestandteile auflösen lassen und dann die einzelnen Brocken im Wörterbuch aufsuchen.

Also jetzt habe ich gezeigt, wie schwierig die deutsche Sprache ist, oder zum wenigsten habe ich mich bemüht, es zu zeigen.

Ein Student aus Amerika soll auf die Frage, wie er mit seinem Deutsch zurechtkomme, ohne Zögern erwidert haben: »Ich komme gar nicht damit zurecht. Drei volle Monate habe ich es mir sauer werden lassen und kann nur den einen Satz aufweisen: ›Zwei Glas‹! ( two glasses of beer).« Nach einem Augenblick stummen Nachsinnens setzte er mit Emphase hinzu: »Aber das habe ich auch fest im Kopf!«

Die englische Sprache, will mir scheinen, verfügt in der Beschreibung lärmender erhaben-schrecklicher Dinge über kräftigere, klangvollere, bezeichnendere Worte als die deutsche Klänge wie: boom, burst, crash, roar, bellow, blow, thunder, explosion, howl, cry, shout, yell, battle, hell, sind von prächtiger Wirkung, voll Kraft und Großartigkeit. Die entsprechenden deutschen Worte kommen mir viel schwächer vor; einzelne klingen so sanft, daß man Kinder damit in Schlaf bringen könnte: wie zahm klingt z. B. Schlacht, Gewitter! Als stärksten Ausdruck für unser explosion hat man im Deutschen – Ausbruch! Da liegt in unserm toothbrush (Zahnbürste) etwas Fürchterliches im Vergleich.

Nach dieser Erörterung der Gebrechen der deutschen Sprache gehe ich jetzt an die kurze angenehme Aufgabe, deren Vorzüge hervorzuheben. Das Großschreiben der Hauptwörter habe ich bereits erwähnt. Aber noch weit über diesem steht ein anderer, – nämlich der, die Wörter zu schreiben, wie man sie ausspricht. Nach kurzer Unterweisung weiß der Anfänger von jedem deutschen Wort, wie es ausgesprochen wird, während in unserer Sprache der Schüler damit die größten Schwierigkeiten hat. Ferner ist die deutsche Sprache ungemein reich an Ausdrücken für das friedliche, heimelige, trauliche, häusliche Dasein; für alles, was mit Liebe, kindlichem Gefühl und Freundlichkeit gegen Fremde zusammenhängt; endlich für das mannigfaltige Leben und Weben in der Natur. Es giebt deutsche Lieder, welche selbst den der Sprache Fremden zu Thränen rühren; das beweist, wie treffend der Klang der Worte ist. Er bringt deren Bedeutung so treu und wahr zum Ausdruck, daß sie, auch unverstanden, dem Fremden durchs Ohr zu Herzen dringen.

Deutsche Frauen rufen häufig aus: Ach Gott, mein Gott, Gott im Himmel, Herr Gott. Sie scheinen zu glauben, die Amerikanerinnen haben dieselbe Gewohnheit; denn ich hörte einmal ein ältliches deutsches Fräulein zu einer jungen Landsmännin von mir sagen: »Die beiden Sprachen sind sich so ähnlich – wie hübsch das ist. Wir sagen ›ach Gott‹ und ihr sagt » Goddam!«

Aus Obigem geht hervor, daß die deutsche Sprache einer Reform bedarf. Ich erlaube mir einige Vorschläge zu diesem Zwecke zu machen.

1) Man gebe dem Zeitwort einen Platz weiter oben, so daß man es mit dem bloßen Auge deutlich erkennen kann.

2) Man organisiere den Artikel und verteile ihn nach den Geschlechtsverhältnissen, wie es Gottes Wille ist.

3) Man schaffe die endlos langen zusammengesetzten Wörter ab oder man schreibe vor, daß sie stückweise geschrieben werden, mit Erholungspausen dazwischen. Geistige Speise ist wie andere auch; man genießt sie angenehmer mit dem Löffel als mit der Schaufel.

4) Es soll darauf gehalten werden, daß der Schreiber aufhört, wenn er mit seinem Satz und Vortrag zu Ende ist und daß er nicht noch ein unnötiges ›gewesen zu sein haben würden‹ und dergleichen anhängt.

5) Auf die Anwendung von Parenthesen ist die Todesstrafe zu setzen.

6) Für die Beschreibung aller Arten von geräuschvollen Dingen müssen einige kraftvolle englische Wörter eingeführt werden.

Am besten wäre es vielleicht, von der ganzen Sprache nur die Wörter Schlag, Zug und Also, nebst den an die ersten beiden anzuhängenden Wörtern beizubehalten; das würde die Sprache wesentlich vereinfachen.

Nach meiner Erfahrung braucht man zum Erlernen des Englischen 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre. Entweder reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu erlernen.

Walt Whitman ϖ Gesang von mir selbst ϖ Philosophische Reflexion

Gesang von mir selbst

1.

Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
Und was ich mir herausnehme, sollst auch du dir herausnehmen,
Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört ebensogut auch dir.
Ich feiere und lade meine Seele zu Gast;
Liege auf dem Erdboden, behaglich halte ich Rast und betrachte einen Halm vom Sommergras.
Meine Zunge, jedes Atom meines Blutes ist aus diesem Boden gebildet und aus dieser Luft;
Ich bin geboren von Eltern, die hier von ähnlichen Eltern geboren sind, und auch diese von ähnlichen Eltern;
Und so beginne ich im Alter von 37 Jahren, in vollkommener Gesundheit,
Und hoffe bis zu meinem Tode nicht aufzuhören.
Glaubensbekenntnisse und Schulen stehen im Hintergrund
Und weichen für eine Weile zurück, nach ihrem Wert geschätzt, wenn auch nimmer vergessen;
Ich nehme auf, mags zum guten oder bösen ausschlagen, lasse auf jegliche Gefahr hin reden
Natur ohne Rückhalt mit ursprünglicher Kraft.

2.

Häuser und Räume sind erfüllt von Wohlgerüchen, die Büchergestelle sind voller Düfte;
Auch ich atme diesen süßen Wohlgeruch, kenne ihn und mag ihn gern;
Auch mich könnte diese Essenz berauschen, aber ich lasse es nicht zu.
Die Atmosphäre aber ist kein Parfüm, sie hat keinen Schmack von Essenz; sie ist geruchlos,
Doch für meinen Mund für immer ist sie ich bin in sie verliebt.
Zum Hügelhang am Wald will ich gehn, ohne Kleidung will ich sein, nackt;
Rasend bin ich danach, mit ihr in Berührung zu kommen.
Der Rauch meines eigenen Atems;
Echos, Geriesel, summendes Geflüster, Liebeswurzel, Seidenfaden, Gabelstock und Rebe,
Mein Ein- und Ausatmen, der Schlag meines Herzens, Blut und Luft, die durch meine Lungen strömen,
Der leise Geruch grüner und dürrer Blätter vom Meergestade und dunklen Seeklippen her und vom Heu in seiner Scheuer;
Der Schall der Worte, die meine Stimme ausstößt, den Windwellen hingegeben;
Einige leise Küsse, leise Umarmungen, ein Ausstrecken der Arme,
Das Spiel von Sonnenlicht und Schatten an den Bäumen, wo die schwanken Äste schaukeln,
Das Entzücken an der Einsamkeit oder an dem Brausen der Straßen, oder an Feldern und Hügelhängen hinzugehn,
Das Gefühl der Gesundheit, der trillernde Mittag und mein Gesang, wenn ich mich vom Lager erhebe und der Sonne begegne.
Hast du tausend Äcker für viel gehalten? Hast du die Erde für viel gehalten?
Hast du dir so lange Mühe gegeben, um lesen zu lernen?
Bist du so stolz darauf gewesen, den Sinn der Gedichte zu verstehen?
So bleibe diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen,
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne besitzen (Millionen von Sonnen bleiben noch übrig),
Du sollst Dinge fürder nicht aus zweiter oder dritter Hand nehmen, noch sollst du durch die Augen der Toten blicken, noch dich nähren von den Schemen in den Büchern,
Auch nicht durch meine Augen sollst du blicken, noch die Dinge aus meiner Hand nehmen;
Nach allen Seiten sollst du lauschen und sie durch dich selbst klären.

3.

Ich hörte, was die Redner redeten, die Rede vom Anfang und vom Ende,
Ich aber rede nicht vom Anfang und vom Ende.
Nie gab es mehr Anfang als jetzt,
Nie mehr Jugend oder Alter als jetzt,
Und nie je wird es mehr Vollkommenheit geben als jetzt,
Oder mehr Himmel oder Hölle als jetzt.
Trieb, Trieb und Trieb,
Immer der zeugende Trieb der Welt.
Immer treten aus dem Dunkel Gleiche einander entgegen, immer Stoff und Wachstum, immer Geschlecht,
Immer eine Verknüpfung der Identität, immer Unterscheidung, immer ein zeugendes Leben.
Weiteres Mühen nützt nichts; Gelehrte und Ungelehrte fühlen, daß es so ist.
Sicher, wie die sicherste Gewißheit, lotrecht in den Säulen, wohlgefügt, fest in den Balken,
Stämmig wie ein Roß, zärtlich, stolz, elektrisch,
Ich und dies Mysterium – hier stehen wir.
Klar und rein ist meine Seele, und klar und rein ist alles, was nicht meine Seele ist.
Fehlt eins, so fehlt beides; und das Unsichtbare wird durch das Sichtbare bewiesen,
Bis auch dieses unsichtbar wird und seinerseits Beweis empfängt,
Auf das Beste hinzuweisen und es vom Schlechten zu scheiden, plagt sich Zeitalter um Zeitalter,
Ich aber kenne die vollkommene Schicklichkeit und Gelassenheit der Dinge, schweige, während man diskutiert, gehe baden und bewundere mich selbst.
Willkommen ist mir jedes Organ und jede Eigenschaft und die eines jeden fröhlichen und reinen Mannes,
Nicht ein Zoll noch ein Teilchen eines Zolles ist gemein, keines soll weniger gekannt sein als die anderen.
Ich bin zufrieden – Ich schaue, tanze, lache, singe;
Wie die umarmende und liebevolle Lagergenossin die Nacht hindurch an meiner Seite schläft und bei Tagesanbruch verstohlenen Blickes sich entfernt,
Indem sie mir Körbe mit weißen Tüchern bedeckt zurückläßt und das Haus mit ihrer Fülle bereichert;
Soll ich Annahme und Genuß verachten und sollen meine Blicke sich entrüsten,
Daß sie sich vom Schauen hinaus auf die Straße zurückwenden?
Und soll ich sogleich nachrechnen und mir einen Cent vorzeigen,
Genau den Wert von einem und genau den Wert von zweien, und welcher mehr gilt?

4.

Beinsteller und Fragen umgeben mich,
Volk, dem ich begegne, die Nachwirkung von meinem früheren Leben her, oder von dem Bezirk und der Stadt, wo ich wohne, oder von der Nation,
Die neuesten Zeiten, Entdeckungen, Erfindungen, Gemeinschaften, Autoren, alte wie neue,
Mein Essen, Kleidung, Genossen, Aussehen, Komplimente, Pflichten,
Die wirkliche oder eingebildete Gleichgültigkeit eines Mannes oder eines Weibes, die ich liebe,
Die Erkrankung eines meiner Verwandten oder meiner selbst; Fehlschläge, oder Verlust oder Mangel an Geld, Niedergeschlagenheit oder Überschwang,
Schlachten, die Greuel des Bruderkrieges, die Aufregung über zweifelhafte Nachrichten, wechselnde Zufälle,
Die alle kommen zu mir bei Tag und Nacht und verlassen mich wieder,
Doch mein wahres Ich sind sie nicht.
Abseits von Zerren und Zausen steht, was ich bin;
Steht vergnügt, gefällig, teilnehmend, müßig, einig,
Schaut hinab, richtet sich wieder auf, oder stützt einen Arm an einem unsichtbaren, sichren Halt,
Und schaut mit zur Seite gewandtem Haupt, was da kommen will,
So zwischen wie außer der Hatz, betrachtet sie und hat sein Verwundern.
Hinter mir liegen die Tage, in denen ich mich durch Nebel hindurchschwitzte, mit Linguisten und Disputaxen.
Ich habe weder Spöttereien und Beweise, ich bin Zeuge und warte.

5.

Ich glaube an dich, meine Seele! Das was ich sonst bin, darf sich vor dir nicht erniedrigen,
Noch darfst du vor ihm erniedrigt sein.
Strecke dich mit mir ins Gras und löse den Verschluß deiner Kehle;
Nicht Worte noch Musik oder Reim brauch‘ ich, keine Konvention und keinen Vortrag, selbst den besten nicht,
Bloß das Lullen mag ich, das Summen deiner Stimmbänder.
Ich gedenke, wie wir einst an solch einem hellen Sommermorgen im Freien lagen,
Wie du dein Haupt quer über meine Hüfte legtest und dich leise auf mir umkehrtest,
Und mir das Hemd beim Brustknochen öffnetest, und die Zunge in mein bloßgelegtes Herz hineintauchtest
Und langtest herauf, bis du meinen Bart fühltest, und hinab, bis du meine Füße hieltest.
Alsbald erhob sich und breitete sich um mich aus der Friede und das Wissen, das über alle Beweise der Erde geht,
Und ich weiß, daß Gottes Hand Versicherung für die meine ist,
Und ich weiß, daß der Geist Gottes der Bruder des meinen ist,
Und daß alle Männer, je geboren, auch meine Brüder sind, und die Weiber meine Schwestern und Geliebten,
Und daß eine Kielschwinne Schöpfung der Liebe ist,
Und unermeßlich Blätter straff oder welk auf den Gefilden,
Und braune Ameisen in den kleinen Gruben darunter,
Und moosiger Schorf auf dem gewundenen Zaun, aufgehäufte Steine, Hollunder, Königskerzen und Kermesbeeren.

6.

Ein Kind sagte: Was ist das Gras? und brachte es mir mit vollen Händen;
Wie konnte ich dem Kinde Antwort geben? Ich weiß es ebensowenig.
Ich meine, es müßte die Fahne meines Herzens sein, ganz aus einem hoffnungsgrünen Stoff gewoben.
Oder ich meine, es ist des lieben Gottes Taschentuch,
Eine duftige Gabe und ein Andenken, das mit Absicht fallen gelassen wurde,
Und das in irgendeinem Zipfel den Namen seines Eigners trägt, damit wir sehen, bemerken und sagen können: Wessen?
Oder ich meine, das Gras ist selbst ein Kind, ein von der Vegetation erzeugtes Kindlein.
Oder ich meine, es ist ein gleichförmiger Hieroglyph,
Und er bedeutet: ich sprieße so in weiten wie in engen Zonen;
Wachse bei schwarzen Völkern wie bei weißen,
Kanuk, Tuckahoe, Kongreßmitglied, Boxer: alles beschenke ich, alle empfange ich aufs gleiche.
Und jetzt scheint mir das schöne unverschnittene Haar von Gräbern zu sein.
Zärtlich will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras;
Vielleicht dringst du aus den Brüsten junger Männer hervor,
Vielleicht, hätte ich sie gekannt, würde ich sie geliebt haben;
Vielleicht kommst du von alten Leuten oder von Säuglingen, die zu bald von dem Schoß ihrer Mütter genommen wurden;
Und nun bist du hier Mutterschoß.
Dies Gras ist sehr dunkel, wenn es von den weißen Häuptern alter Mütter kommt,
Dunkler auch als die farblosen Bärte alter Männer,
Dunkel, wenn es aus dem blaßroten Gaumen eines Mundes hervorsprießt.
Oh, endlich versteh‘ ich, daß es viele redende Zungen sind,
Und ich verstehe, daß sie nicht umsonst aus Gaumen hervorkommen!
Ich möchte, ich wäre imstande, diese Hinweise auf die toten jungen Männer und Frauen auszudeuten.
Und die Hinweise auf die alten Männer und Mütter und auf die Säuglinge, die zu früh von ihrem Schoß genommen wurden.
Was meinst du ist aus den jungen und alten Männern geworden?
Und was meinst du ist aus den Weibern und Kindern geworden?
Sie sind irgendwo am Leben und befinden sich wohl;
Der geringste Sproß zeigt, daß es in Wirklichkeit keinen Tod gibt.
Und wenn es dennoch einen gibt, so leitet er das Leben vorwärts, und lauert nicht am Ende, um ihm Einhalt zu tun,
Und würde in dem Augenblick aufhören, wo Leben erscheint.
Alles geht vorwärts und nach außen, nichts verfällt;
Und das Sterben ist etwas andres als je einer gedacht, und glückseliger.

7.

Hat jemand gemeint, es sei ein Glück, geboren zu werden?
Ich eile, ihm oder ihr zu zeigen, daß es ebenso ein Glück ist, zu sterben, und ich weiß das.
Ich gehe über den Tod hinaus mit den Sterbenden und über die Geburt mit dem eben gebadeten Säugling, und bin nicht zwischen meinem Hut und meinen Stiefeln beschlossen.
Ich gehe mannigfache Dinge durch: nicht zwei sind sich gleich und jedes einzige ist gut;
Erde gut und Gestirne gut, und alles was zu ihnen gehört, gut.
Ich bin nicht eine Erde und nicht ein Zubehör einer Erde,
Ich bin der Genosse und der Gefährte der Menschen, alle ebenso unsterblich und unermeßlich wie ich,
(Sie wissen nicht wie unsterblich, ich aber weiß es).
Jede Art besteht für sich und ist ihr Eigen; mir die meine: Mann und Weib.
Mir die, welche Knaben gewesen sind und Frauen lieben,
Mir der Mann, der stolz ist und fühlt, wie es schmerzt, geringgeschätzt zu werden.
Mir das Liebchen und die alte Jungfer; mir Mutter und die Mutter von Müttern;
Mir Lippen, die gelächelt haben, Augen, die Tränen vergossen haben,
Mir Kinder und Erzeuger von Kindern.
Fort mit den Hüllen! Vor mir seid ihr nicht schuldbehaftet, nicht alt und abgedankt;
Ich blicke durch feines Tuch und durch Gingham, ob ihr wollt oder nicht,
Bin zugegen: zaghaft, eroberungssüchtig, unermüdlich und nicht abzuschütteln.

8.

Das kleine Kind schläft in seiner Wiege;
Ich lüpfe das Flortuch und schaue lange, und behutsam scheuch‘ ich die Fliegen mit meiner Hand.
Der Knabe und das rotbäckige Mädchen wenden sich die Flanke des bebuschten Hügels hinauf,
Von seinem Gipfel aus nehme ich sie wahr.
Der Selbstmörder liegt auf dem blutbefleckten Boden der Schlafstube hingestreckt,
Ich nehme den Leichnam wahr mit seinen blutgetränkten Haaren, sehe, wo die Pistole hingefallen ist.
Das Geschwätz des Pflasters, die Radreifen der Wagen, Geschlürf der Stiefelsohlen, Gespräch der Promenierenden;
Der schwere Omnibus, der Kutscher mit seiner Daumenfrage; der Klang der Pferdehufe auf dem Granitboden;
Schneeschlitten, das Geklingel, Jauchzen und Scherze, Schneeballwürfe,
Die Hochrufe für die Lieblinge des Volkes, die Wut des erregten Pöbels,
Das Klappen der verhängten Sänfte, darin ein Kranker, der ins Hospital gebracht wird;
Das Zusammentreffen der Feinde, der plötzliche Fluch, Schläge und Sturz;
Die aufgeregte Menschenmenge, der Polizeimann mit seinen Abzeichen, der sich eilig einen Weg in die Mitte des Haufens bahnt;
Die empfindungslosen Steine, die so manch‘ ein Echo empfangen und zurückgeben;
Was für ein Stöhnen von Überfütterten oder Halbverhungerten, die von Sonnenstich oder von Ohnmächten betroffen hinfallen;
Welche Schreie von Weibern, die es unvermutet überkommen und die nach Hause eilen, um Kinder in die Welt zu setzen;
Welche lebendige und welche begrabene Sprache bebt hier unaufhörlich, welches Geheul, nur vom Anstand zurückgehalten?
Verhaftungen von Verbrechern, Beleidigungen, ehebrecherische Anträge, angenommen oder zurückgewiesen mit aufgeworfener Lippe;
Ich achte auf dies, auf seinen Anblick oder Widerhall – ich komme und gehe.

9.

Breit stehen die Tore der Dorfscheune offen und warten.
Das geerntete Heu belastet den langsam gezogenen Wagen.
Das klare Licht spielt über das Durcheinander von Braungrau und Grün,
Die Haufen sind aufgepackt, daß die Ladung sich überbiegt.
Ich bin zugegen, ich helfe; ich kam an, oben auf die Ladung hingestreckt.
Ich fühlte ihre sanften Stöße, ein Bein über das andere gelegt.
Ich springe vom Querbalken und fasse den Klee und das Thimoteusgras,
Und wälze mich kopfüber und verwirre mein Haar mit Hälmchen.

10.

Einsam jage ich in ferner Gebirgswildnis,
Wandere und staune über meine eigene Behendigkeit und Munterkeit.
Am späten Nachmittag suche ich mir eine sichere Stelle aus zum Übernachten,
Zünde ein Feuer und brate das frischerlegte Wild,
Und falle dann in Schlaf auf der Blätterstreu, meinen Hund und mein Gewehr zur Seite.
Das Yankee-Klipperschiff ist unter seinen Oberbramsegeln; es durchschneidet Gefunkel und Schaum,
Meinem Blick versinkt das Land, ich lehne über den Bug und jauchze fröhlich vom Verdeck herab.
Die Schiffer und Muschelgräber machten sich auf in der Frühe und warteten auf mich;
Ich steckte mir die Hosen in die Stiefel, ging mit ihnen und hatte einen vergnügten Tag;
Du hättest an diesem Tag bei uns sein sollen um den Fischkessel herum.
Ich sah die Hochzeit des Trappers unter freiem Himmel im fernen Westen, die Braut war eine Rote;
Ihr Vater und seine Freunde saßen in der Nähe mit untergeschlagenen Beinen und rauchten schweigend; sie hatten Mokassins an den Füßen und dicke weiße Wolldecken hingen von ihren Schultern herab;
Auf einem kleinen Bühel lag der Trapper hingestreckt; er war fast ganz in Pelz gekleidet; sein üppiger Bart und seine Locken schirmten seinen Hals; er hielt seine Braut bei der Hand;
Sie hatte lange Augenwimpern; barhäuptig war sie; ihr starkes und schlichtes Haar fiel auf ihre üppigen Glieder bis zu den Füßen hinab.
Der entlaufene Sklave kam an mein Haus und hielt draußen an.
Ich hörte seine Bewegungen an dem Krachen des Reisighaufens;
Durch die offene Tür gewahrte ich ihn, erschöpft und kraftlos;
Und ich ging zu ihm hin, wo er auf dem Holzklotz saß, führte ihn hinein und munterte ihn auf,
Brachte Wasser herbei und füllte eine Wanne für seinen schweißigen Leib und seine wunden Füße,
Gab ihm ein Gelaß, das sich nach dem meinen hin öffnete und gab ihm ein paar grobe saubere Kleidungsstücke;
Noch ganz deutlich erinnere ich mich an seine rollenden Augen und seine Unbeholfenheit;
Erinnere mich, wie ich Pflaster auf die Blasen an seinem Hals und seinen Fußknöcheln legte.
Eine Woche verweilte er bei mir, bis er wiederhergestellt war und nordwärts weiterzog.
Bei Tisch saß er neben mir – meine Flinte lehnte in der Ecke.

11.

Achtundzwanzig junge Männer baden am Gestade,
Achtundzwanzig junge Männer und alle so freundschaftlich.
Und achtundzwanzig Jahre weiblichen Lebens, alle so einsam.
Sie ist Eignerin des hübschen Hauses da, am Uferhang;
Schön und reich gekleidet lauert sie hinter den Fenstervorhängen.
Welcher von den jungen Männern gefällt ihr am besten?
Ach, ihrer der unansehnlichste ist für sie schön.
Wohin willst du, meine Dame? denn ich sehe dich.
Du plätscherst da im Wasser und stehst doch mäuschenstill in deinem Zimmer.
Tanzend und lachend lief die neunundzwanzigste Badende den Strand hinab;
Die andren sahen sie nicht; sie aber sah sie und war ihnen zugetan.
Die Bärte der jungen Männer glitzerten vor Naß, es rann von ihrem langen Haar herab,
Kleine Bächlein liefen über die Leiber.
Und auch eine unsichtbare Hand strich über ihre Leiber,
Bebend glitt sie an ihren Schläfen und Rippen herab.
Die jungen Männer schwimmen auf ihren Rücken; ihre weißen Leiber wölben sich in der Sonne; sie fragen nicht, wer sie da festhält;
Sie wissen nicht, wer da so keucht und sich in schwebend geneigten Bogen niederbeugt;
Sie ahnen nicht, wen sie mit Wasserstrahlen bespritzen.

12.

Der Fleischerjunge legt seine Arbeitskleider ab, oder wetzt sein Messer in seinem Stand am Markt;
Ich bummle in der Nähe herum, habe mein Vergnügen an seiner Schlagfertigkeit und an seinem Shuffle und Breakdown. [Fußnote] Grobschmiede mit rußigen behaarten Brüsten stehen um den Amboß herum;
Jeder hält seinen Stahlhammer, alle sind sie in Bereitschaft; das Feuer macht eine mächtige Hitze,
Von der mit Asche bestaubten Schwelle aus verfolge ich ihre Bewegungen.
Von oben herab schwingen die Hämmer, langsam, sicher;
Sie hasten nicht, jeder schlägt auf seine Stelle.

13.

Der Neger hält die Zügel seines Viergespanns, der Klotz schwenkt unten an der aufgeknüpften Kette;
Der Neger, der den langen Lastwagen des Steinbruchs fährt; fest und hochgewachsen steht er, auf das Bein gestützt, auf dem Holm;
Sein blaues Hemd läßt den vollen Hals und die Brust frei und hängt über seinen Gürtel;
Sein Blick ist gelassen und gebieterisch; er schlägt die Hutkrempe aus dem Gesicht zurück,
Das Sonnenlicht fällt auf sein krauses Haar und auf seinen Schnurrbart, fällt auf das glänzende Schwarz seiner schönen Glieder.
Ich betrachte den malerischen Riesen und liebe ihn; doch ich halte mich dabei nicht auf,
Ich gehe auch mit dem Gespann.
Ich liebe das Leben, wo immer es sich regt, ob ich mich rückwärts oder vorwärts wende,
Nach Nischen hin, die abseits liegen und erst neu errichtet sind; niemand und nichts lasse ich aus;
Alles nehme ich auf für mich und mein Lied.
Ochsen, die ihr mit Joch und Kette rasselt oder unter schattigem Laubdach haltet: was verrät dieser Ausdruck da in euren Augen?
Es erscheint mir bedeutungsvoller als alles Gedruckte, das ich je im Leben las.
Mein Schritt scheucht den Waldenterich und seine Ente auf meinen weiten, tagelangen Streifzügen;
Zusammen stiegen sie auf, kreisen mit langsamem Flug.
Ich glaube an diese beiden beflügelten Zweckmäßigkeiten da,
Anerkenne Rot, Gelb, Weiß, die in mir spielen,
Halte Grün, Violett und die Federbuschkrone für absichtlich;
Und ich nenne weiter etwa die Schildkröte nicht unnütz, weil sie nicht irgendetwas anderes ist.
Die Elster in den Wäldern hat die Tonleiter nicht gelernt, doch trillert sie hübsch genug für mich;
Und der Anblick der braunen Stute beschämt mich und treibt die Albernheiten aus mir aus.

14.

Der Waldenterich lenkt seinen Flug durch die kühle Nacht.
Ya-honk schreit er, und es klingt zu mir hernieder wie eine Einladung.
Die Neunmalklugen mögen es für bedeutungslos halten, ich aber, der ich aufmerksam hinlausche,
Finde, daß er da oben am winterlichen Himmel seinen Zweck und Platz hat.
Das spitzhufige Mustier des Nordens, die Katze auf der Hausschwelle, die Sumpfmeise, der Präriehund,
Die Jungen der grunzenden Sau, wenn sie an ihren Zitzen zerren,
Die Brut der Truthenne und sie selbst mit ihren halbausgebreiteten Flügeln,
In ihnen und in mir selbst erblicke ich das eine alte Gesetz.
Der Druck meines Fußes auf den Erdboden verursacht hundertfältige Wirkungen,
Sie spotten all meiner Mühe sie aufzuzählen.
Ich bin verliebt in das Leben im Freien.
In Männer, die zwischen dem Vieh leben, oder denen der Ruch von Meer und Wald anhaftet,
In Schiffsbauer und Steuerleute, in die, welche Äxte schwingen und Schlägel oder die Pferde treiben,
Woche für Woche kann ich mit ihnen essen und schlafen.
Was am gewöhnlichsten ist, am wohlfeilsten, nächsten, leichtesten, das bin ich;
Ich, der ich mein Glück versuche und meine Habe verschwende gegen ungeheuren Umsatz,
Der ich mich schmücke, um mich dem ersten, besten hinzugeben, der mich annehmen will,
Und der ich vom Himmel nicht fordere, daß er um meinetwillen herunterkommt,
Sondern, der ich ihn ewig ausstreue mit freier Hand.

15.

Die klare Altstimme ertönt im Orgelchor;
Der Zimmermann richtet seine Planke, die Stimme des Hobels pfeift ihr wildaufsteigendes Gelispel;
Die verheirateten und unverheirateten Kinder fahren nach Hause zum Danksagungsmahl;
Der Lotse ergreift die Königs-Spake und kielholt mit kräftigem Arm;
Der Maat steht auf Anstand im Walfischboot, Lanze und Harpune sind in Bereitschaft;
Der Entenjäger geht mit leisen, vorsichtigen Schritten;
Die Geistlichen empfangen, die Hände gekreuzt, am Altar die Weihe;
Die Spinnerin schreitet zurück und nach vorn beim Summen des großen Rades;
Der Farmer hält beim Barrierenzaun an, wenn er Feiertags umherschweift, und schaut nach Hafer und Roggen;
Der Irrsinnige – ein unheilbarer Fall – wird endlich ins Asyl gebracht,
(Nimmermehr wird er schlafen wie vordem in der Wiege in seiner Mutter Schlafstube),
Der Buchdrucker mit grauem Kopf und hageren Kinnbacken arbeitet an seinem Schriftkasten,
Er dreht sein Priemchen um, während die Schrift ihm vor den Augen schwimmt.
Die verunstalteten Glieder werden auf den Operationstisch gebunden,
Was abgenommen wird, fällt schrecklich in einen Eimer;
Der Quadrone wird auf dem Auktionspodium verkauft, der Säufer nickt beim Ofen in der Kneipe;
Der Maschinist streift sich die Hemdärmel auf; der Polizist macht seinen Rundgang; der Torwächter achtet auf die Passanten;
Der junge Mann lenkt den Paketwagen, (ich liebe ihn, wennschon ich ihn nicht kenne);
Der Mischling bindet sich die leichten Schuhe an, um sich in der Rennbahn zu messen;
Das Truthahnschießen im Westen lockt alt und jung herbei, diese stützen sich auf ihre Flinten, andre sitzen auf Holzklötzen.
Der Schütze tritt aus der Menge hervor, nimmt Stellung und legt an;
Die Gruppen der neuangekommenen Einwanderer bedecken Werft und Damm;
Die Wollköpfe hacken ein Zuckerfeld, und der Aufseher beobachtet sie vom Sattel aus;
Im Ballsaal tönt das Signalhorn, die Herren eilen zu ihren Damen, und die Tänzer verneigen sich voreinander;
Der Jüngling liegt wach auf dem Holzdachboden und horcht auf die Musik des Regens;
Der Vielfraßfänger setzt Fallen an dem Bach, der den Huron füllen hilft;
Die Indianerfrau, in ihren gelbgesäumten Mantel gehüllt, bietet Mokassins und Perlentaschen zum Kauf aus;
Der Kunstkenner streift durch die Ausstellungsgalerien mit gekniffenen Augen und biegt sich zur Seite;
Wenn die Deckarbeiter das Dampfboot festmachen, so wird das Brett für die aussteigenden Passagiere gelegt;
Die junge Schwester hält die Wolldecke, während die ältere Schwester sie in einen Knäuel zusammenwickelt und ab und zu eines Knotens halber Halt macht;
Die Ehefrau von einem Jahr erholt sich wieder und ist selig, daß sie vor einer Woche ihr erstes Kind geboren hat;
Das sauberhaarige Yankeemädchen arbeitet an seiner Nähmaschine oder in der Fabrik oder in der Mühle;
Der Pfiasterarbeiter lehnt auf seiner zweihenkligen Ramme; der Bleistift des Reporters fliegt eifrig über das Notizbuch hin; der Schildmaler malt Buchstaben in Blau und Gold;
Der Kanalknecht trabt auf dem Seilpfad; der Buchhalter rechnet an seinem Pult; der Schuhmacher wichst seinen Faden;
Der Dirigent gibt den Takt an für seine Kapelle und alle Spieler folgen ihm;
Das Kind wird getauft; der Konvertit legt sein erstes Bekenntnis ab;
Die Regatta breitet sich über die Bucht aus; die Wettfahrt hat begonnen (wie die weißen Segel blitzen!);
Der Viehtreiber, der seine Herde bewacht, ruft denen zu, die sich verlaufen wollen;
Der Hausierer schwitzt mit seinem bepackten Rücken, (der Käufer knausert um den ungeraden Cent);
Die Braut entfaltet ihr weißes Kleid, der Minutenzeiger auf der Uhr rückt langsam vor;
Der Opiumesser lehnt zurück mit starrem Haupt und halbgeöffnetem Mund;
Die Prostituierte schleppt ihren Shawl am Boden, ihr Hut baumelt auf ihrem betrunkenen, finnigen Nacken,
Die Menge lacht über ihre gemeinen Flüche, die Männer spotten ihrer und winken einander zu;
(Unglückliche! Ich lache nicht über deine Flüche und spotte deiner nicht),
Der Präsident hält Kabinettsrat und ist von seinen Ministern umgeben;
Auf der Piazza wandeln drei Matronen, würdig und freundschaftlich, Arm in Arm;
Die Mannschaft des Fischerbootes packt Schicht auf Schicht von Steinbutten in den Kielraum;
Der Missourier durchkreuzt die Ebenen und schafft Waren und Vieh fort;
Der Kondukteur macht die Runde durch den Zug und lenkt durch Klimpern mit dem Kleingeld die Aufmerksamkeit auf sich;
Die Zimmerleute legen Dielen; die Klempner verzinnen das Dach; die Maurer rufen nach Mörtel;
In Reihe hintereinander schreiten die Arbeiter voran und schultern ihre Tröge;
Die Jahreszeiten gehen in ihrer Reihe hin, und die zahllose Menschenmasse versammelt sich, es ist der vierte des 7. Monats, (was für ein Salutschießen von Kanonen und Kleingewehr!)
Die Jahreszeiten gehen hin in ihrer Reihe, und der Pflüger pflügt, der Mäher mäht, und das Winterkorn fällt in den Erdboden;
Auf den Seen lauert der Hechtfischer und wartet bei dem Loch auf der hartgefrorenen Fläche;
Die Baumstümpfe stehen dicht rund um die Lichtung, der Kolonist haut tief mit der Axt;
Flachbootleute legen sich zur Dämmerzeit beim Wollbaumgehölz fest und bei den Pekanbäumen;
Waschbärjäger streifen durch das Rotflußgebiet, oder durch das vom Tenessee bewässerte oder das von Arkansas;
Fackeln leuchten durch das Dunkel, das auf dem Chattahooche oder auf Altamahaw liegt;
Patriarchen sitzen beim Abendbrot von Söhnen, Enkeln und Urenkeln umgeben;
Hinter Lehmwänden, in Leinwandzelten rasten Jäger und Trapper nach des Tages Jagdwerk;
Stadt und Land, die schlafen;
Die Lebenden schlafen ihre Zeit und die Toten die ihre;
Der bejahrte Ehemann schläft bei seinem Weib und der junge bei dem seinen;
Diese alle drängen sich in mich hinein, und ich dränge mich hinaus zu ihnen.
Und was es besagt, einer von ihnen zu sein: mehr oder weniger bin ich es,
Und aus einem und allen von ihnen webe ich diesen Gesang von mir selbst.

16.

Ich bin so gut ein Greis wie ein Jüngling, ein Tor wie ein Weiser,
Ohne Rücksicht auf andere, stets voll Rücksicht auf andre;
Mütterlich so gut wie väterlich, Kind so gut wie Mann,
Angefüllt mit grobem Stoff, und angefüllt mit feinem Stoff,
Ein Angehöriger der Nation von vielen Nationen, die geringste gleich der größten;
Ein Sohn des Südens so gut wie des Nordens, ein Plantagenbesitzer nonchalant und gastfreundlich, wohne ich unten am Oconee;
Ein Yankee schlage ich meine eigenen Wege ein, gewandt im Handel, meine Glieder die behendesten auf der Erde und die sehnigsten;
Ein Bewohner von Kentucky durchstreife ich das Elkhorntal in Rehfellgamaschen, ein Louisianer oder Georgier,
Ein Bootsmann über Seen, Buchten und an Küsten entlang, ein Hoosier, Badger, Buckeye; [Fußnote] Zu Hause in kanadischen Schneeschuhen oder draußen im Busch, oder mit den Fischern von Newfoundland,
Zu Hause auf der Eisbootflotte segle und laviere ich mit den andern,
Zu Hause auf den Hügeln von Vermont oder in den Wäldern von Maine, oder in einer Feldhütte in Texas,
Gefährte von Kaliforniern, Gefährte der freien Nordwestleute (deren hohe Gestalt ich liebe),
Gefährte von Flößern und Kohlenträgern, Gefährte von allen, die die Hand reichen und zu Trank und Speise einladen,
Ein Schüler mit den Einfältigsten und ein Lehrer der Gedankenreichsten;
Ein Novize, der eben erst beginnt und doch erfahren in Myriaden von Jahren,
Von jeder Farbe bin ich und jedem Stand, von jedem Rang und jeder Religion,
Farmer, Handwerker, Künstler, Edelmann, Matrose, Quäker,
Gefangener, Zierbengel, Raufbold, Rechtsanwalt, Arzt, Priester.
Alles bestehe ich besser als meine eigene Vielfältigkeit;
Atme die Luft, doch lasse genug davon über,
Und bin nicht aufgeblasen und bin da, wohin ich gehöre.
(Motte und Fischlaich sind an ihrem Platz,
Die helle Sonne, die ich sehe und die dunklen, die ich nicht sehe, sind an ihrem Platz,
Das Betastbare ist an seinem Platz und das Unbetastbare an dem seinen.)

17.

Dies sind in Wahrheit die Gedanken aller Menschen in allen Zeitaltern und Ländern, sie rührten ursprünglich nicht von mir her.
Sind sie nicht die deinen ebensogut wie die meinen, so sind sie nichts oder so gut wie nichts;
Sind sie nicht das Rätsel oder die Lösung des Rätsels, so sind sie nichts;
Sind sie nicht ebenso nah wie fern, so sind sie nichts.
Das ist das Gras, das überall wächst, wo es Land und wo es Wasser gibt;
Dies ist die gemeinsame Atmosphäre, in der die Erdkugel sich badet.

18.

Mit gewaltiger Musik komme ich, mit Zinken und Trommeln;
Ich spiele nicht bloß Märsche für anerkannte Sieger, ich spiele auch Märsche für Besiegte und Erschlagene.
Hast du gehört, daß es gut sei, einen Sieg zu gewinnen?
Ich sage, es ist ebenso gut zu fallen; Schlachten werden in demselben Sinn verloren, wie sie gewonnen werden.
Ich trommle und trommle zu für die Toten;
Ich setze an und blase für sie ein Lautestes und Fröhlichstes.
Vivat für die, denen es fehlschlug!
Und für die, deren Schlachtschiffe auf der See sanken!
Und für die, die selber in der See ertranken!
Und alle Generale, die Schlachten verloren, und alle edlen, besiegten Helden!
Und den zahllosen unbekannten Helden gleich dem größten, die man kennt!

19.

Dies ist das für alle auf’s Gleiche gerichtete Mahl; dies ist das Fleisch für den natürlichen Hunger;
Für die Bösen ist es so gut wie für die Rechtschaffenen; ich treffe Vereinbarungen mit allen;
Ich dulde nicht, daß eine einzige Person geringgeschätzt oder übergangen werde.
Die Ausgehaltene, der Schmarotzer, der Dieb sind hiermit geladen;
Der dicklippige Sklave geladen, der Venerische geladen;
Es soll kein Unterschied zwischen ihnen und den übrigen sein.
Dies ist der Druck einer schüchternen Hand, dies das Wehen und Duften des Haares;
Dies ist die Berührung meiner Lippen mit den deinen, dies das Flüstern der Sehnsucht;
Dies die ferne Tiefe und Höhe, die mein eigenes Gefühl widerspiegelt,
Das gedankentiefe Einswerden und die Wiederablösung meiner selbst.
Meinst du, ich hätte irgendeinen tieferen Vorsatz?
Wohl, ich habe einen; die Regenschauer des vierten Monates haben einen und der Glimmer an der Seite des Felsens hat einen.
Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt das Tageslicht Erstaunen? Oder das früherwachte Rotschwänzchen, das durch den Wald zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als sie?
In dieser Stunde sage ich vertrauliche Dinge;
Ich möchte sie nicht jedermann sagen: aber dir will ich sie sagen.

20.

Wer geht da? Gierig, grob, mystisch, nackt?
Wie kommt es, daß ich Kraft ziehe aus dem Rindfleisch, das ich esse?
Was mag wohl ein Mann sein? Was bin ich? Was bist du?
Allem, was ich als das Meinige bezeichne, sollst du ein Deiniges gegenübersetzen,
Sonst wäre es verlorene Zeit, mir zuzuhören.
Ich winsle nicht mit dem Allerweltsgewinsel,
Daß die Monate leere Räume wären, und der Boden nichts als Schlamm und Kot.
Winseln und Zukreuzkriechen mischt in die Pulver für Kranke, laßt die Anpassung den Vettern vierten Grades;
Ich trage meinen Hut wie’s mir gefällt, drinnen oder draußen.
Weshalb muß ich beten? Weshalb muß ich verehren und zeremoniös sein?
Nachdem ich die Erdschichten durchforscht und analysiert habe auf ein Haar, Gelehrte zu Rate gezogen und genaue Berechnung angestellt habe,
Finde ich doch kein süßeres Fett als das, was auf meinen eigenen Knochen sitzt.
In allem Volk seh‘ ich mich selbst, keiner ist mehr und keiner um ein Gerstenkorn geringer als die anderen,
Und das Gute oder Schlimme, das ich von mir selbst sage, sage ich von ihnen.
Ich weiß, daß ich fest und gesund bin,
Nach mir hin streben und laufen zusammen beständig alle Dinge des Universums,
Alle sind an mich geschrieben und ich muß erforschen, was ihre Schrift bedeutet.
Ich weiß, daß ich unsterblich bin,
Ich weiß, dieser mein Kreislauf kann von eines Zimmermanns Zirkel nicht umspannt werden,
Ich weiß, daß ich nicht vergehen werde wie der Feuerkreis, den ein Kind mit einem Stück brennenden Holzes in die Nacht zeichnet.
Ich weiß, daß ich erhaben bin;
Ich bemühe meinen Geist nicht, sich selbst zu rechtfertigen, oder sich verständlich zu machen,
Ich sehe, daß sich die Urgesetze niemals entschuldigen,
(Ich meine, ich betrage mich am Ende nicht hochmütiger als die Wasserwaage, nach der ich den Grund meines Hauses lege.)
Ich existiere, wie ich bin, das genügt.
Wenn kein anderer in aller Welt mich gewahrt, so sitz‘ ich da in Zufriedenheit,
Und wenn jeder und alle mich gewahren, so sitz‘ ich da in Zufriedenheit.
Eine Welt ist meiner gewahr, und zwar die für mich bei weitem umfangreichste, und die bin ich selbst;
Und ob ich zu den Meinigen hingelange heute, oder in zehntausend oder in zehn Millionen Jahren,
So kann ich es mit Freuden jetzt hinnehmen, und mit gleicher Freude kann ich auch warten.
Die Stätte, wo ich stehe, ist gefügt und verzapft in Granit;
Ich lache über das, was ihr Auflösung nennt,
Und ich kenne die Fülle der Zeit.

21.

Ich bin der Dichter des Leibes und ich bin der Dichter der Seele;
Die Seligkeiten des Himmels sind bei mir, und bei mir sind die Qualen der Hölle.

Jene veredle und vermehre ich in mir, diese übertrage ich in neue Zungen.
Ich bin der Dichter des Weibes gleicherweise wie der des Mannes,
Und ich sage, es ist ebenso erhaben ein Weib wie ein Mann zu sein;
Und ich sage: daß es nichts Erhabeneres gibt als die Mutter des Menschen.
Ich singe den Sang der Aufgeblasenheit und des Stolzes;
Wir haben uns gedrückt und entschuldigt genug.
Ich zeige, daß Größe nur Entwicklungsstadium ist.
Hast du die andern überholt? Bist du Präsident?
Es ist ein Geringes; sie werden alle weiter gelangen als bis dahin und noch darüber hinaus.
Ich bin der, der mit der milden, heraufsteigenden Nacht wandelt;
Ich rufe der Erde zu und dem Meer, dem von der Nacht halbumfangenen:
Drücke dich fest an mich, o Nacht, mit bloßen Brüsten – drücke dich fest an mich, magnetische, nährende Nacht,
Nacht der Südwinde! – Nacht der wenigen großen Sterne!
Stille, nickende Nacht! – Wilde nackte Sommernacht!
Lächle, o üppige, kühl angehauchte Erde!
Erde der schlummernden, verschwimmenden Bäume!
Erde nach Sonnenuntergang! Erde der nebelverhüllten Berghäupter!
Erde mit dem gläsernen Guß des Vollmondes;, mit sanftem blauem Schimmer bedeckt!
Erde des Glanzes und Dunkels, die die Flut des Stromes flecken!
Erde der klaren grauen Wolken, breiter und klarer um meinetwillen!
Allumarmende Erde! Reiche, in Apfelblüten prangende Erde!
Lächle, denn dein Geliebter naht!,
Verschenkerin, du hast mir Liebe gegeben – so gebe auch ich dir Liebe!
O unaussprechliche, leidenschaftliche Liebe!

22.

Und du, Meer! Auch dir ergebe ich mich – ich ernte, was du meinst;
Vom Gestade gewahre ich deine einladend gekrümmten Finger.
Ich glaube, du willst dich nicht eher zurückziehen, als bis du mit mir in Berührung gekommen bist.
Laß uns einen Gang miteinander machen; ich entkleide mich; führe mich hurtig außer Sicht des Landes!
Bette mich sanft; wiege mich im wogigen Taumel;
Überschütte mich mit zärtlicher Feuchte – ich kann es dir entgelten.
Meer der langgedehnten Grundwogen;
Meer, das mit breiten, zuckenden Zügen atmet;
Meer, mit deiner lebendigen Salzflut, mit deinen ungeschaufelten, doch stets bereiten Gräbern;
Heulendes, sturmtosendes, wetterwendisches und liebliches Meer;
Du und ich, wir sind eins; auch ich habe eine Phase und alle Phasen.
Ein Teil ich von Ebb‘ und Flut; Lobpreiser von Haß und Versöhnung;
Lobpreiser von Freunden und solcher, die Arm in Arm schlafen.
Ich bin, der Sympathie verkündet,
(Sollte ich meine Inventarliste von den Gegenständen des Hauses aufstellen und das Haus, das sie trägt, auslassen?)
Ich bin nicht allein der Dichter der Rechtschaffenheit: ich weigere mich nicht, ebenso der Dichter der Gottlosigkeit zu sein.
Was für ein Geschwätz da von Tugend und Laster?
Übel regt mich an und Verbesserung des Übels regt mich an; gleichmütig steh‘ ich da.
Mein Gang ist nicht der eines Tadlers oder eines Verwerfenden;
Allem, was gewachsen ist, feuchte ich die Wurzeln.
Fürchtest du etwa Skropheln aus der nie erschlaffenden Fruchtbarkeit?
Meinst du, daß die himmlischen Gesetze noch zu überarbeiten oder zu berichtigen wären?
Ich halte die eine Seite für ein Gegengewicht und halte die entgegengesetzte Seite für ein Gegengewicht;
Und ich halte die sanfte Lehre für eine ebenso treue Hilfe als die starke Lehre;
Und finde in den Gedanken und Taten der Gegenwart unser Aufwachen und unsern ersten Anfang.
Die Minute, die in diesem Augenblick von den vergangenen Dezillionen her zu mir kommt:
Es gibt nichts Besseres als sie und als den Augenblick.
Was in der Vergangenheit Tüchtiges geleistet wurde oder in der Gegenwart Tüchtiges geleistet wird, ist nicht so sehr ein Wunder;
Ein Wunder ist nur und immer, wie es möglich ist, daß es einen gemeinen oder einen ungläubigen Menschen geben kann.

23.

Endlose Entfaltung von Worten der Zeitalter!
Mein aber ein Wort der Moderne: das Wort En Masse.
Ein Wort des Glaubens, der nimmer trügt;
Hier oder fortan: es ist mir völlig gleich; unbedingt glaube ich an Zeit.
Sie allein ist ohne Riß; sie allein rundet und vervollständigt alles;
Dies mystische, verwirrende Wunder allein vervollständigt alles.
Ich glaube an Wirklichkeit und wage nicht, sie zu beanstanden.
Und schärfe vor allem und nach allem Materialismus ein.
Hoch die positive Wissenschaft! Lang lebe die exakte Demonstration!
Man hole Mauerpfeffer gemischt mit Zeder- und Fliederzweigen;
Hier ist der Lexikograph, hier der Chemiker, hier, der eine Grammatik aus den alten Papyrusinschriften zusammenstellt;
Hier die Seeleute, die das Schiff durch gefahrvolle unbekannte Meere steuern;
Hier ist der Geolog; hier ist der mit dem Skalpell arbeitet; und hier ist der Mathematiker.
Meine Herren! Euch gebühren allzeit die höchsten Ehren!
Eure Tatsachen sind nützlich, doch sind sie noch nicht meine Wohnung.
Durch sie hindurch trete ich erst in eine Abteilung meiner Wohnung ein.
Meine Worte erinnern weniger an wägbare Eigenschaften:
Sie erinnern mehr an das unaussprechliche Leben, und an die Freiheit und die Erlösung,
Und sie machen wenig Umstände mit Zwittern und Kastraten, sondern begünstigen völlig ausgerüstete Männer und Weiber;
Sie schlagen die Trommel des Aufstandes, verweilen bei Flüchtlingen und solchen, die sich verschwören und konspirieren.

24.

Walt Whitman, ein Kosmos, Manhattans Sohn;
Stürmisch, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend;
Kein Empfindler, der sich über Männer und Weiber stellt oder sich von ihnen absondert,
Nicht mehr bescheiden als unbescheiden.
Schraubt die Schlösser von den Türen!
Löst die Türen selbst von ihren Pfosten!
Wer einen andern erniedrigt, der erniedrigt mich;
Und alles, was getan und gesagt wird, fällt schließlich auf mich zurück.
Endlos durchwogt mich der Hauch des Geistes, der Strom und Zeiger.
Uralte Losung sprech‘ ich aus; ich gebe das Zeichen der Demokratie.
Bei Gott! Ich werde nichts annehmen, woran nicht ein jeder andre auch sein Part haben kann unter den gleichen Bedingungen.
Manche lange verstummten Stimmen gehen durch mich durch;
Stimmen endloser Generationen von Gefangenen und Sklaven;
Stimmen von Kranken und Verzweifelnden, von Dieben und Krüppeln;
Stimmen von Kreisläuften der Vorbereitung und des Wachstums;
Stimmen der Fäden, die die Gestirne miteinander verknüpfen, von Mutterleib und Zeugungsstoff;
Und von den Rechten derer, die von andern unterdrückt wurden,
Der Mißgestalteten, der Albernen, Flachen, Närrischen, Verachteten,
Der Nebel in der Luft, der Käfer, die Kügelchen aus Dung rollen.
Durch mich gehen verbotene Stimmen;
Stimmen von Geschlechtern und Begierden; verschleierte Stimmen und ich, der den Schleier wegzieht;
Unzüchtige Stimmen, die durch mich erhellt und verklärt werden.
Ich presse mir nicht die Finger auf den Mund;
Ich halte die Eingeweide für ebenso kostbar wie Kopf und Herz;
Die Begattung halte ich für nicht anstößiger als den Tod,
Ich glaube an das Fleisch und die Begierden,
Gesicht, Gehör, Gefühl sind Wunder,
Und jeder Teil und Zipfel von mir ist ein Wunder.
Göttlich bin ich innen und außen und heilig mach‘ ich, was immer ich berühre oder was mich berührt.
Der Duft dieser Achselhöhlen ist ein Duft, feiner als Gebet,
Dieses Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und alle Glaubensbekenntnisse.
Wenn ich ein Ding mehr verehre als ein anderes, so soll es mein Körper sein von oben bis unten, oder irgendein Teil von ihm.
Lichte Gestalt, du, sollst es sein!
Stärke männlicher Jugend, du sollst es sein!
Was immer mir zum Wohl gereicht, das soll es sein!
Du mein kostbares Blut! Du milchweißer Strom, bleicher Ausfluß meines Lebens!
Brust, die sich an andre Brüste preßt, du sollst es sein!
Mein Hirn, deine geheimen Windungen sollen es sein!
Wurzel des wasserbespülten Kalmus! Scheue Teichschnepfe! Nest mit den geschützten Doppeleiern, ihr sollt es sein!
Saft, der vom Ahorn trieft; kräftige Weizenfaser: ihr sollt es sein!
Reichspendende Sonne, du sollst es sein!
Dünste, die ihr mein Gesicht beleuchtet und beschattet: ihr sollt es sein!
Ihr, feuchte Bäche und Tauniederschläge sollt es sein!
Ihr Winde, deren sanftkitzelnde Genitalien über mich hinstreicheln, ihr sollt es sein!
Breitwinklige Felder, Steineichenzweige, die meine gewundenen Pfade liebevoll beschatten: ihr sollt es sein!
Hände, die ich ergriffen; Lippen, die ich geküßt; Sterblicher, den je ich berührt: ihr sollt es sein!
Ich bin in mich selbst verliebt, – alles und jeder Teil ist da so köstlich.
Ein jeder Augenblick und alles was geschieht, macht mich beben vor Freude.
Ich kann nicht sagen, wie meine Fußknöchel sich drehen, noch was der Ursprung meines leisesten Wunsches;
Noch die Ursache der Freundschaft, die von mir ausströmt, noch die Ursache der Freundschaft, die ich empfange.
Wenn ich meine Treppe hinansteige, mach‘ ich halt und überlege, ob das Wirklichkeit ist.
Ein Morgenschimmer an meinem Fenster befriedigt mich mehr, als die Metaphysik der Bücher.
Den Tagesanbruch zu schauen!
Der erste Lichtstreifen macht die ungeheure, mondlichte Schattenwelt verbleichen;
Wie erquickt die Morgenluft meinen Gaumen!
Sprossen der erwachenden Welt – still erheben sie sich mit unschuldigem Frohlocken, frisch schießen sie hervor;
Schräg schnellen sie hin, in die Höhen und in die Tiefen.
Etwas Unsichtbares richtet lüsterne Zacken empor,
Meere von glänzendem Saft überfluten den Himmel.
Der Himmel, der bei der Erde verweilt, bei der täglich neugeschlossenen Vereinigung;
Die Herausforderung, die sich in diesem Augenblick vom Osten her erhebt,
Der höhnende Spott: Siehe denn, ob du dich behauptest!

25.

Mit seiner schrecklichen, blendenden Helle, wie schnell würde der Sonnenaufgang mich töten,
Könnte ich nicht jetzt und allezeit Sonnenaufgang aus mir selbst entsenden.
Auch wir steigen auf, blendend und furchtbar wie die Sonne;
Unser eigenes Ich fanden wir, o meine Seele, in der stillen Frische des Taganbruches.
Meine Stimme geht nach dem aus, was meine Augen nicht erreichen können;
Mit einer Wendung meiner Zunge umfasse ich Welten und Massen von Welten.
Die Sprache ist die Zwillingsschwester meines Gesichtes! sie ist außerstande sich selbst zu ermessen;
Unaufhörlich reizt sie mich, spottet und sagt:
Welt, du enthältst doch genug, warum gibst du es denn nicht von dir?
Komm nur! Ich lasse mich nicht necken, du hältst zu viel vom Ausdruck;
Weißt du nicht, Sprache, wie die Knospen unter dir gefaltet sind?
Sie harren im Dunkel, vor’m Frost geschützt;
Es weicht der Schmutz vor meinem prophetischen Geschrei;
Ich lege Ursachen unter, um sie schließlich im Gleichgewicht zu halten,
Mein Wissen, meine lebendigen Bestandteile, die mit der Bedeutung aller Dinge Schritt halten,
Glückseligkeit (wer immer mich hört, Mann oder Weib, mache sich unverzüglich auf, sie zu suchen).
Mein höchstes Verdienst verweigere ich euch; ich verweigere das, was ich wirklich bin, aus mir herauszusetzen;
Umfasse Welten, aber suche nicht, mich zu umfassen.
Ich bedränge dich schon gehörig, wenn ich bloß nach dir hinblicke.
Schrift und Rede beweist mich nicht;
Alle Beweisfülle und alles übrige trag‘ ich in meinem Antlitz,
Mit dem Schweigen meiner Lippen setze ich den Zweifler in völlige Verwirrung.

26.

Jetzt will ich nichts tun als lauschen,
Damit das, was ich höre, in diesem Lied erwachse, daß es sie durch diese Klänge bereichere.
Ich höre Jubellieder von Vögeln, Knistern des Weizens in seinem Wachstum, Schwatzen von Flammen, Knacken von Reisig, mit dem ich mein Mahl koche,
Ich höre den Ton, den ich liebe, den Ton der menschlichen Stimme;
Ich höre alle Töne ineinanderfließen, verbunden, verschmolzen oder in ihrer Aufeinanderfolge;
Laute der Stadt und Laute von außerhalb der Stadt, Laute von Tag und Nacht;
Das muntere Plaudern junger Liebender miteinander; das schallende Lachen der Handwerker bei ihren Mahlzeiten;
Den rauhen Zornlaut zerrissener Freundschaft; die schwachen Laute der Kranken;
Den Richter, der mit den Händen sein Pult preßt, während seine bleichen Lippen das Todesurteil verkünden;
Das Hoiho! der Packer, die auf den Werften die Schiffe ausladen; den Kehrreim derer, welche Anker lichten;
Das Läuten der Sturmglocken, den Feuerruf, das Klirren der heranstürmenden Feuerspritzen und Schlauchwagen mit warnendem Geläut und bunten Lichtern;
Die Dampfpfeife, das dumpfe Rollen des Zuges herannahender Waggons;
Den Trauermarsch an der Spitze des Vereins gespielt, der zu Zwei und Zwei marschiert,
(Sie gehen und geleiten eine Leiche, die Fahnenspitzen sind mit schwarzem Flor umwunden).
Ich höre das Cello (es ist des Jünglings Herzensklage);
Ich höre das Klapphorn; schnell dringen seine Töne an mein Ohr,
Mit wildsüßen Stößen erschüttern sie mir Bauch und Brust.
Ich höre den Chor, eine große Oper.
Ach! Das heiß‘ ich Musik! – Das stimmt zu mir!
Eine Tenorstimme, groß und frisch wie die Schöpfung, erfüllt mich;
Es strömt aus der bogenförmigen Mundwölbung und erfüllt mich ganz.
Ich höre die gut ausgebildete Sopranstimme (was für eine Wirkung geht von ihr aus!)
Das Orchester wirbelt mich weiter als Uranus fliegt,
Es entlockt mir solche Glut des Gefühls, ich ahnte nicht, daß ich sie vermöchte;
Es wiegt mich mit Wogen; ich plätschere mit bloßen Füßen; sie werden von den sanften Wellen bespült;
Ich werde von scharfem und zornigem Hagel geschnitten, der Atem geht mir aus;
In honigsüßes Morphin fühl‘ ich mich getaucht; meine Kehle wird geschnürt von Schlingen des Todes;
Schließlich tauch ich wieder empor, um das Rätsel der Rätsel zu fühlen,
Und das nennen wir: Sein.

27.

Sein in irgendeiner Gestalt: was ist es?
(Wir gehen, jeder von sich aus, in die Runde und wieder in die Runde, und immer wieder kommen wir darauf zurück);
Wenn weiter keine Stufe der Entwicklung vorläge, so wäre die Seemuschel in ihrer empfindungslosen Schale ausreichend;
Meine Schale ist nicht unempfindlich;
Ich bin bedeckt mit schnellen Leitern, ob ich gehe oder stehe;
Sie erfassen jeden Gegenstand, um ihn ohne Schaden durch mich hindurchzuleiten.
Ich brauche mich bloß zu bewegen, zu drücken, mit den Fingern zu tasten und ich bin glücklich;
Meinen Leib mit dem eines anderen in Berührung zu bringen, ist schon so viel, wie ich aushalten kann.

28.

Ist dies denn eine Berührung? die mich zu einer neuen Wesenheit bebend hinzieht?
Flammen und Äther, die auf meine Adern losstürmen;
Verräterische Spitze, die von mir sich ausstreckt und wächst, ihnen zu helfen;
Mein Fleisch und mein Blut, die Blitzstrahlen schießen, um das zu treffen, was kaum von mir besonders verschieden ist;
Von allen Seiten wollüstige Reize, die meine Glieder straffen;
Die aus meines Herzens Euter den letzten zurückgehaltenen Tropfen pressen;
Die sich gegen mich schamlos benehmen und meine Weigerung nicht beachten;
Und wie mit Vorsatz meines Besten mich berauben;
Die meine Kleider aufknöpfen und meinen bloßen Leib umfassen;
Die meine Verwirrung täuschen mit dem Frieden von Sonnenlicht und Wiesengrün,
Und meine andern Sinne unzüchtig von mir wegschleppen,
Bestechen sie, mit der Berührung einen Bund zu schließen, davonzulaufen und an meinen Rändern zu weiden,
Keine Rücksicht, keine Acht auf das Sinken meiner Kraft oder auf meinen Zorn,
Sondern sie holen die übrige Herde herbei, daß sie sich eine Weile ergötzen,
Dann alle miteinander auf einem Vorland stehen, um meiner zu spotten.
Die Wachen verlassen jeden andern Teil von mir,
Ohnmächtig haben sie mich einem roten Räuber preisgegeben,
Alle kommen sie zu dem Vorland, um gegen mich zu zeugen und sich gegen mich einander beizustehen.
Preisgegeben bin ich von Verrätern;
Ich rede Unsinn, habe meinen Verstand verloren; ich selbst und niemand anders ist der größte Verräter;
Ich selber zuerst ging auf das Vorland, meine eigenen Hände haben mich dorthin geführt.
Du schurkische Berührung! Was hast du vor? Der Atem stickt mir in der Kehle.
Schließ auf deine Fluttore! Du bist mir zu stark.

29.

Blinde, liebevolle, ringende Berührung! Verhüllte, verkappte, scharfzahnige Berührung!
Hat es dir so weh getan, mich zu lassen?
Der Trennung auf der Ferse folgt die Ankunft, beständige Bezahlung beständigen Darlehens.
Reichlich strömt der Regen, reichlicher ist nachher der Ersatz.
Sprossen schlagen Wurzeln und mehren sich, stehen am Zaun, fruchtbar und triebkräftig,
Landschaften werden entworfen, kräftige, volle, goldene.

30.

Alle Wahrheiten warten in allen Dingen;
Weder beschleunigen sie ihre eigene Befreiung, noch widerstehen sie ihr.
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtshelfers.
Das Unbedeutende ist mir ebenso wichtig wie irgend etwas andres,
(Was ist unbedeutender oder bedeutender als eine Berührung?)
Niemals überzeugen Logik und Predigten;
Der feuchte Nachttau dringt tiefer in meine Seele ein.
(Einzig, was einem jeden Mann und einem jeden Weibe sich bestätigt, ist so;
Einzig, was niemand leugnet, ist so.)
Eine Minute und ein Tropfen von mir beruhigen mein Gehirn.
Ich glaube, daß die feuchten Schollen zu Liebenden und Leuchten werden sollen;
Und ein Auszug der Auszüge ist das Fleisch eines Mannes oder Weibes,
Und ein Gipfel und eine Blume auf ihm ist die Empfindung, die sie füreinander hegen;
Und ohne Ende haben sie aus dieser Lehre Äste zu treiben, die allmächtig wird,
Und bis alle und jeder uns Wonne bereiten und wir ihnen.

31.

Ich glaube, daß ein Grashalm nicht geringer ist als ein Tageslauf der Gestirne;
Und die Ameise ist ebenso vollkommen, ein Sandkorn und des Zaunkönigs Ei.
Und die Baumkröte ist ein Meisterstück vor dem Auge des Allerhöchsten;
Und die Brombeerranken könnten die Hallen des Himmels schmücken;
Und das schmälste Gelenkband meiner Hand verspottet jede Maschinerie;
Und die mit gesenktem Haupt kauende Kuh übertrifft jedes Bildwerk;
Und eine Maus ist Wunders genug, um Sextillionen von Ungläubigen wanken zu machen.
Ich finde, mein Körper enthält Gneis, Kohlen, langfasriges Moos, Früchte, Ähren, eßbare Wurzeln.
Und ich bin über und über mit einer Stukkatur von Vierfüßlern und Vögeln bedeckt;
Und ich habe aus guten Gründen zurückgelassen, was hinter mir liegt,
Kann aber jegliches, wenn ich es wünsche, wieder zurückrufen.
Vergebens Eile und Scheu,
Vergebens sendet das Plutonische Gestirn seine alte Glut meinem Nahen entgegen;
Vergebens zieht sich das Mastodon hinter seine eigenen, staubgewordenen Knochen zurück,
Vergebens stehen die Gegenstände meilenweit voneinander ab und nehmen mannigfaltige Gestalten an,
Vergebens senkt der Ozean sich in Höhlen und lauern die großen Ungeheuer in der Tiefe,
Vergebens ist der Bussard im Firmament zu Hause,
Vergebens gleitet die Schlange zwischen Schlingpflanzen und Holzklötzen,
Vergebens strebt der Elch in die innersten Gründe der Wälder,
Vergebens segelt der Scheermesserschnäbler fern gegen Nord nach Labrador,
Schnell bin ich hinterher; ich steige nach, hinauf zum Nest in der Felsenritze.

32.

Ich meine, ich könnte mich zu den Tieren wenden und mit ihnen leben; sie sind so ruhig und selbständig;
Ich stehe und betrachte sie lange und lange.
Sie schwitzen und wimmern nicht über ihre Lage,
Sie liegen nicht im Dunkel und weinen über ihre Sünden,
Sie machen mich nicht elend durch Erörterungen über ihre Pflichten Gott gegenüber;
Kein einziges ist unzufrieden; kein einziges besessen von der Manie nach Besitz;
Kein einziges kniet vor einem andern, oder vor einem seinesgleichen, der vor Tausenden von Jahren lebte,
Kein einziges ist respektabel oder unglücklich auf der ganzen Erde.
So zeigen sie ihre Beziehungen zu mir, und ich erkenne sie;
Sie bringen mir Zeichen von mir selbst und beweisen klar und deutlich ihr Eigentumsrecht daran.
Ich staune, woher sie diese Zeichen haben!
Bin ich vor ungeheuren Zeiträumen dort vorbeigegangen und habe sie nachlässig fallen lassen?
Ich selber, der vorrückte, damals, und jetzt und ewig?
Um immer größeren Besitz zu sammeln und eilig zu erschauen?
Unendlich- und von mannigfacher Art, alledem gleich und mitten darunter?
Nicht zu hochmütig gegen« die, die mir ein Erinnerungszeichen darreichen.
Hier suche ich mir einen aus, den ich liebe und gehe nun brüderlich mit ihm gleichen Weg.
Einen schönen starken Hengst, lebhaft und empfänglich für meine Liebkosungen;
Das Haupt hoch in der Stirn, breit zwischen den Ohren,
Die Glieder glänzend und flink, der Schweif streift den Boden,
Die Augen voll funkelnder Bosheit, feingeschnitten die Ohren, geschmeidig in der Bewegung.
Seine Nüstern blähen sich, wenn meine Fersen ihn umschließen,
Seine wohlgebauten Glieder zittern vor Lust, wenn wir im Kreise herumstürmen.
Nur für eine Minute will ich dich benutzen, Hengst, und dich dann wieder freigeben.
Wozu brauche ich deine Sprünge, da ich dich doch selber im Galopp überholen kann?
Selbst wenn ich sitze oder stehe, komme ich ja doch schneller vorwärts als du.

33.

Raum und Zeit! Jetzt sehe ich, es ist wahr, was ich bereits erriet;
Was ich erriet, als ich da müßig im Gras lag,
Was ich erriet, als ich allein lag in meinem Bette,
Und noch einmal erriet, als ich am Meeresgestade wandelte unter den erblassenden Sternen der Frühe.
Meine Bande und mein Ballast fallen von mir ab, meine Ellbogen ruhen in Meerbuchten,
An Gebirgen streif ich hin, meine Handflächen bedecken Kontinente,
Ich gehe mit meinem Traum.
Unter den viereckigen Stadthäusern lagere ich, in Blockhäusern mit Holzhändlern;
Chausseegleise wandre ich hin, die trockene Schlucht entlang und dem Bette des Bächleins;
Ich jäte meinen Zwiebelacker, die Reihen der Karotten und Pastinaken, durchquere die Savannen, verfolge den Pfad in den Wäldern;
Messe Land, grabe nach Gold, umschneide die Bäume auf einem neuangekauften Gut;
Vom heißen Sand bis auf die Fußknöchel verbrannt, schleppe ich mein Boot den flachen Fluß hinab,
Wo auf dem Ast mir zu Häupten der Panther hin und her geht, wo der Rehbock wütend den Jäger angeht;
Wo die Klapperschlange ihre schlappe Länge auf einem Felsen sonnt, wo der Otter Fische frißt,
Wo der Alligator in seinem zähen Warzenpanzer am Abfluß des Sees schläft;
Wo der schwarze Bär nach Wurzeln und Honig sucht, wo der Biber den Schlamm patscht mit seinem ruderförmigen Schwanze;
Über sprossendes Zuckerrohr, über gelbblühende Baumwollstauden, über den Reis in seinem feuchten, tiefen Feld;
Über das spitzgieblige Farmerhaus mit seinem gezackten First und den schlanken Wassergüssen von der Rinne herab;
Über die Dattelpflaumen des Westens, über den langblättrigen Mais, über den zierlichen blaublumigen Flachs,
Über den weißen und braunen Buchweizen, ein Summer und Brummer da mit den anderen,
Über das grauliche Grün des Roggens, wie er da webt und wogt im Winde;
Berge ersteig‘ ich; ziehe mich vorsichtig hinauf, indem ich mich an niedrigen, rauhen Ästen festhalte;
Ich verfolge den im Grase ausgetretenen Pfad und schlage mich durch das Laubwerk des Dickichts,
Wo die Wachtel zwischen Wald und Weizenacker schlägt,
Wo an den Abenden des siebenten Monats die Fledermaus flattert, wo der große Goldkäfer durch das Dunkel hastet,
Wo das Bächlein unter den Wurzeln des alten Baumes hervorkommt und der Wiese zufließt,
Wo das Vieh steht und sich mit zuckender Bewegung der Haut die Fliegen abschüttelt;
Bin, wo das Käsetuch in der Küche hängt, wo die Feuerböcke sich über den Herdstein spreizen, wo die Spinngewebe wie Festons von den Balken hängen;
Wo die Hüttenhämmer krachen, wo die Druckerpresse ihre Zylinder wirbelt,
Überall, wo das Menschenherz mit furchtbaren Wehen unter den Rippen hämmert,
Wo der birnenförmige Ballon hoch oben in den Lüften schwebt, (ich selber schwebe in ihm und schaue ruhig hinab),
Wo der Rettungskarren an der Schleife gezogen wird; da wo die Hitze gelbgrüne Eier im Sande ausbrütet;
Wo das Walfischweibchen mit seinem Kalbe schwimmt, ohne es je zu verlassen;
Wo das Dampfschiff seine lange Rauchfahne hinter sich herzieht;
Wo des Haifischs Flosse wie ein schwarzer Span aus dem Wasser schneidet,
Wo die halbverbrannte Brigg auf unbekannten Strömungen fährt,
Wo Muscheln sich am schlüpfrigen Deck ansetzen; wo die Toten unten im Raum verfaulen;
Wo das Sternenbanner an der Spitze der Regimenter getragen wird;
Es nähert sich Manhattan auf seinem langgestreckten Eiland;
Unter dem Niagara, während mir der Wasserfall wie ein Schleier über das Gesicht fällt;
Auf einer Türtreppe draußen; auf dem Aufsteigeblock aus hartem Holz;
Auf der Rennbahn; oder ich ergötze mich bei einem Picknick, oder am Tanz oder an einem guten Ballspiel;
In Männergesellschaften mit groben Spässen, ironischer Ausgelassenheit, Bullentänzen, Saufen, Gelichter;
An der Apfelweinpresse, wo ich die Süße des braunen Breies koste, indem ich den Saft durch einen Strohhalm sauge;
Bei Musterungen, Strandpartien, Wohltätigkeitsvereinen, beim Maishülsefest, beim Richtefest,
Bin, wo die Spottdrossel ihre köstlichen Triller erschallen läßt, ihr Kichern, ihr Schreien, ihr Schluchzen;
Wo der Heustapel im Scheunenhof steht, wo die dürren Halme umherliegen, und wo die Zuchtkuh im Schuppen wartet;
Wo der Stier hervortritt, um sein männliches Werk zu verrichten, wo die Stute auf den Hengst wartet, wo der Hahn die Henne tritt,
Wo die Färse weidet, wo die Gänse mit kurzem Ruck ihr Futter abrupfen,
Wo die Abendschatten sich über die endlose, einsame Prärie breiten,
Wo die Büffelherden über die Quadratmeilen nah und fern eine kriechende Decke bilden;
Wo der Kolibri schimmert, bin ich, wo der Hals des langlebigen Schwanes sich biegt und windet,
Wo die Lachmöve über das Meergestade hinschießt, wo sie ihr fast menschliches Lachen lacht,
Wo auf einer grauen Holzbank im Garten die Bienenkörbe sich reihen, im hohen Unkraut halb verborgen;
Wo die Halsband-Rebhühner im Kreis schlafend auf dem Boden sitzen, die Köpfe nach außen gerichtet;
Und da, wo die Leichenwagen durch das Bogentor des Friedhofs fahren,
Wo zur Winterzeit die Wölfe in den Schneewüsten bellen und zwischen Bäumen mit Eiszapfen behangen;
Wo der gelbgekrönte Reiher nächtens zum Sumpfrand kommt und kleine Krebse fischt;
Bin, wo das Plätschern der Schwimmenden und Tauchenden die heiße Mittagsstunde kühlt,
Wo die Zikade ihre chromatische Pfeife auf dem Walnußbaum über dem Brunnen übt;
Ich wandere durch kleine Felder mit Zitronen und Gurken mit silbergeäderten Blättern,
Durch die Salzlecke oder das Orangental, oder unter spitzgipfligen Fichten;
Durch die Turnhalle, durch den mit Vorhängen geschmückten Saal, durch das Büro und die öffentliche Halle;
Habe meine Freude am Einheimischen und habe meine Freude am Fremdländischen, habe Freude an alt und neu,
Am schlichten Weib, wie an der Schönheit;
An der Quäkerin, wenn sie ihre Haube aufbindet und mit ihrer melodischen Stimme zu sprechen beginnt;
Am Chorlied in der weißgetünchten Kirche,
An den ernsten Worten des schwitzenden Methodisten-Predigers, tief ergriffen beim Feldgottesdienst;
Blicke in die Ladenfenster am Broadway den ganzen Vormittag und plätte meine Nase am dicken Spiegelglas
Und wandere an demselben Nachmittag, das Gesicht den Wolken zugewandt, oder einen Feldweg hin oder die Küste entlang;
Meine Arme schlingen sich rechts und links um ein paar Freunde, und ich in der Mitte;
Kehre heim mit dem schweigsamen, braunwangigen Waldknaben (hinter mir reitet er in der Abenddämmerung),
Weitab von den Ansiedlungen prüfe ich die Wildfährte, oder die Spur des Mokassins.
Reiche bei einem Hospitalbett einem Fieberkranken die Limonade;
Stehe, wenn alles still ist, bei einer eingesargten Leiche und betrachte sie forschend bei einer Kerze;
Bin auf der Fahrt nach jeglichen Häfen, zu tauschen und zu wagen,
Brause hin mit dem modernen Pöbel, ungestüm und wankelmütig wie nur einer;
Heftig gegen den, den ich hasse; in meiner Wut bereit ihn niederzustechen;
Einsam zur Mittnachtszeit in meinem Hinterhof; lange schweifen meine Gedanken fern von mir,
Wandeln über die alten Hügel von Judäa, der holde, gütige Gott an meiner Seite;
Schweifen durch den Raum, durch den Himmel und die Gestirne,
Schweifen zwischen den sieben Satelliten und der Milchstraße und dem Durchmesser von achtzigtausend Meilen;
Schweifen mit geschwänzten Meteoren, schleudern Feuerbälle wie sie;
Ich trage das wachsende Kind, das seine eigene schwangere Mutter in ihrem Bauch trägt;
Stürme, genieße, spinne Pläne, liebe, warne,
Verenge mich, erweitere mich, erscheine und verschwinde,
Betrete bei Tag und Nacht solche Pfade.
Ich betrete die Gärten der Sphären und betrachte ihre Früchte,
Betrachte Quintillionen, die reif und Quintillionen, die noch grün sind.
Ich fliege diese Flüge einer ausströmenden und einsaugenden Seele;
Meine Fahrt geht tief unter die Messungen des Bleilots.
Ich versorge mich von dem Körperlichen und dem Unkörperlichen,
Keine Wache vermag mich zurückzuweisen, kein Gesetz mich zu binden.
Nur eine kleine Weile laß ich mein Schiff vor Anker liegen,
Beständig kreuzen meine Boote oder kehren zu mir zurück mit ihren Berichten.
Ich gehe auf die Jagd nach Polarpelzen und Seehunden, mit einer eisenbeschlagenen Stange überspringe ich Eisspalten, oder klammere mich an die blauen, spröden Zacken.
Ich klettere auf den Topp;
Spät in der Nacht nehme ich meinen Platz im Krähenneste;
Wir segeln auf dem Polarmeer, es ist reichlich hell;
Durch die klare Atmosphäre erschaue ich ringsum wundersame Schönheit;
Ungeheure Eismassen treiben an mir vorbei und ich an ihnen, nach allen Seiten hin ist die Gegend frei zu überschauen;
Weißgipflige Berge zeigen sich in der Ferne, ich lasse meine Phantasie zu ihnen hinschweifen.
Wir nähern uns irgendeinem großen Schlachtfeld, wo wir bald eine Schlacht schlagen werden;
Behutsam, leise paschen wir uns durch die mächtige Vorpostenkette des Lagers,
Oder wir ziehen durch die Vorstädte in eine große verwüstete Stadt ein,
Die Blöcke und die verfallene Architektur ist mehr als alle lebenden Städte der Erdkugel.
Ich bin ein Freischärler, ich biwakiere bei den Wachtfeuern des hereinbrechenden Feindes;
Ich werfe den Bräutigam aus dem Bett und bleibe selber bei der Braut,
Die ganze Nacht hindurch presse ich sie an meine Schenkel und Lippen.
Meine Stimme ist eines Weibes Stimme, ist der Schrei an meinem Treppengeländer;
Sie bringen mir meines Mannes Körper herauf, triefend.
Ich verstehe die großen Herzen der Helden,
Die Tapferkeit der gegenwärtigen Zeiten und aller Zeiten;
Wie der Schiffskapitän das wimmelnde, steuerlose Wrack des Dampfschiffes sah, das der Tod auf und ab durch den Sturm jagte;
Wie er fest zugriff und nicht einen Zoll breit wich und treu war bei Tag und Nacht,
Und mit Kreide große Buchstaben auf ein Brett schrieb: »Seid guten Mutes, wir verlassen euch nicht!«
Wie er ihnen folgte und mit ihnen drei Tage lang lavierte und nicht abstand,
Wie er schließlich die umhertreibende Mannschaft rettete;
Der Anblick der verschmachteten Weiber in ihren schlaffhängenden Röcken; wie man sie auf Booten wegholte von dem Rand ihrer fertigen Gräber,
Die stummen Kinder mit gealterten Zügen und die krampfhaft sich aufrichtenden Kranken und die scharflippigen Männer mit bartverwilderten Gesichtern;
All das nehm‘ ich auf, es bekommt mir wohl; ich habe es gern, es wird mein.
Ich bin der Mann; ich litt; ich war dabei.
Die Weltverachtung und Ruhe der Märtyrer.
Die Mutter von vordem, als Hexe verdammt, verbrannt mit dürrem Holz, während die Kinder zuschauten;
Der gehetzte Sklave, der vom Laufen ermattet am Zaun lehnt, blutend, mit Schweiß bedeckt,
Die Stiche, die seine Beine und seinen Hals wie Nadeln stechen; die mörderischen Rehposten und Kugeln;
All das fühl‘ ich oder bin ich.
Ich bin der gehetzte Sklave; ich winde mich unter dem Biß der Hunde,
Hölle und Verzweiflung sind über mich hereingebrochen; es knallen und knallen die Schützen,
Ich klammere mich an die Zaunpfähle; mein Blut trieft, verdünnt durch den Schweiß meiner Haut;
Ich falle auf Unkraut und Steine nieder,
Die Reiter spornen ihre sträubenden Rosse an, holen sie dicht an mich heran,
Schreien Spott in meine schwindelnden Ohren und hauen mir mit ihren Reitpeitschen heftig über den Schädel.
Qualen sind einer meiner Kleiderwechsel;
Ich frage den Verwundeten nicht, wie er sich fühlt, ich werde selbst der Verwundete;
Meine Wunden werden brandig, während ich auf den Stock gelehnt, beobachte.
Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit zerbrochenem Brustbein,
Stürzende Mauern begruben mich unter ihren Trümmern;
Hitze und Qualm atme ich ein, ich hörte die gellenden Rufe meiner Kameraden,
Hörte das ferne Picken ihrer Radehacken und Schaufeln,
Sie haben die Balken weggeräumt, sanft ziehen sie mich hervor.
In meinem roten Hemd liege ich in der Nachtluft, tiefes Schweigen herrschte um meinetwillen,
Schmerzfrei lieg‘ ich nach allem da; erschöpft, aber nicht eben unglücklich,
Weiß und schön sind die Gesichter, die mich umgeben, die Häupter sind von den Feuerkappen entblößt.
Die knieende Schar schwindet mir langsam mit dem Licht der Fackeln.
Entfernte und Tote leben wieder auf;
Sie sind wie das Zifferblatt oder bewegen sich wie meine Zeiger; ich selbst bin die Uhr.
Ich bin ein alter Artillerist; ich erzähle von dem Bombardement einer Festung,
Noch einmal bin ich dort.
Noch einmal der lange Trommelwirbel,
Noch einmal die Kanonen und Mörser der Feinde,
Noch einmal dröhnen meine Ohren von der Antwort unsrer Kanonen.
Ich nehme teil; sehe und höre alles;
Die Schreie, Flüche, das Gebrüll, den Beifall für wohlgezielte Schüsse;
Den Ambulanzwagen, der langsam vorüberfährt und seine rote Traufe hinter sich herzieht;
Die Arbeiter, welche Beschädigungen untersuchen und unerläßliche Reparaturen machen,
Das Fallen der Granaten durch das zerschmetterte Dach, ihr fächerförmiges Platzen;
Das Sausen von Gliedern, Köpfen, Steinen, Holz, Eisen, hoch in der Luft.
Wieder gurgelt der Mund meines sterbenden Generals, wütend schwenkt er mit der Hand,
Durch geronnenes Blut keucht er: »Denkt nicht an mich – denkt – an die Schanzen!«

34.

Jetzt erzähl‘ ich, was ich von Texas wußte in meiner frühen Jugend,
(Nicht von dem Fall Alamos erzähl‘ ich,
Nicht ein einziger entkam, um von dem Fall Alamos zu berichten,
Die Hundertundfünfzig sind noch stumm in Alamo).
Es ist die Geschichte von der kaltblütigen Niedermetzelung von 412 jungen Leuten.
Auf dem Rückzug hatten sie ein Viereck gebildet mit ihrem Gepäckzeug als Brustwehr;
Draußen neunhundert Seelen umzingelnder Feinde, neunmal stärker als sie; das war der Preis, den sie im voraus nahmen.
Ihr Oberst war verwundet, ihre Munition war verschossen,
Sie verhandelten um eine ehrenvolle Kapitulation, empfingen Schrift und Siegel, legten ihre Waffen nieder und marschierten als Kriegsgefangene zurück.
Sie waren die Blüte des Jägervolkes,
Unvergleichlich im Reiten, Schießen, Singen, Schmausen und Werben;
Hochgewachsen, feurig, freigebig, schön, stolz und freundlich,
Bärtig, sonnengebräunt, in ihre freie Jägertracht gekleidet,
Nicht ein einziger über dreißig alt,
Am Morgen des zweiten Sonntags wurden sie in Rotten hinausgeführt und niedergemetzelt; es war ein lieblicher Frühsommer.
Das Werk begann um fünf Uhr und war zu Ende um acht Uhr.
Keiner gehorchte dem Befehl zu knieen;
Einige machten einen wilden und vergeblichen Anlauf, einige standen starr und aufrecht;
Wenige fielen sogleich, in die Schläfe oder ins Herz getroffen; Lebendige und Tote lagen durcheinander;
Die Verstümmelten und Verwundeten wühlten im Schmutz, die frisch Ankommenden sahen sie so;
Ein paar Halbgetötete suchten beiseite zu kriechen;
Sie wurden mit Bajonetten abgetan oder mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen;
Ein Jüngling, noch nicht siebzehn Jahre alt, packte seinen Mörder, bis zwei andere kamen, ihn zu befreien,
Allen dreien wurde die Kleidung herabgerissen und sie wurden befleckt mit des Jünglings Blut.
Um elf Uhr fing man an, die Leichen zu verbrennen.
Das ist die Geschichte von der Niedermetzelung der 412 Jünglinge.

35.

Möchtest du von einer Seeschlacht aus der alten Zeit hören?
Möchtest du erfahren, wer gewonnen hat beim Licht des Mondes und der Sterne?
Höre diese lange Geschichte, wie sie mir meiner Großmutter Vater, der Seemann, erzählt hat.
Unser Feind war keine Memme in seinem Schiff, kann ich dich versichern (erzählte er);
Sein war die rauhe englische Tapferkeit, und es gibt keine zähere und treuere, noch hat es eine gegeben oder wird es eine geben;
Als der Abend hereinbrach, kam er heran und gab uns eine mörderische Breitseite.
Wir legten uns dicht an ihn, die Rahen verwickelten sich ineinander, die Kanonen stießen zusammen,
Mein Kapitän band mit eigener Hand fest an.
Wir hatten einige achtzehnpfündige Kugeln unter Wasser bekommen,
Auf unserm untersten Kanonendeck waren beim ersten Feuern zwei große Geschütze geplatzt, die alles ringsherum töteten und nach oben zersprengten.
Kampf bei Sonnenuntergang, Kampf in der Dunkelheit.
Zehn Uhr nachts, bei Aufgang des Vollmondes; unsre Lecke nahmen zu, fünf Fuß Wasser berichtet;
Der Kommandant gibt die Gefangenen im Hinterraum frei, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich selbst zu retten.
Der Weg vom und zum Pulvermagazin ist jetzt durch Wachen gesperrt.
Man sieht so viele fremde Gesichter; man weiß nicht, wem zu trauen ist.
Unsre Fregatte fängt Feuer.
Die andern fragen, ob wir Quartier verlangen.
Ob unsre Flagge gestrichen und der Kampf zu Ende ist.
Nun lache ich zufrieden; denn ich höre die Stimme meines kleinen Kapitäns:
»Es ist nicht gestrichen,« ruft er gelassen, »wir fangen unsrerseits eben erst das Gefecht an!«
Bloß drei Geschütze sind brauchbar.
Eins wird vom Kapitän selbst gegen des Feindes Hauptmast gerichtet.
Zwei, gut bedient mit Kartätsche und Traubenschuß, bringen sein Musketenfeuer zum Schweigen und klären sein Deck.
Allein die Topps unterstützen das Feuer dieser kleinen Batterie, besonders der Großtopp;
Tapfer halten sie aus durch die ganze Aktion.
Nicht einen Moment lassen sie nach;
Die Lecke steigen schnell trotz des Pumpens, das Feuer frißt gegen die Pulvermagazine hin.
Eine der Pumpen ist weggeschossen worden; wir glauben alle, daß wir sinken.
Ruhig steht der kleine Kapitän.
Er ist nicht in Eile; seine Stimme ist weder laut noch schwach.
Seine Augen leuchten heller als unsre Schlachtlaternen.
Gegen 12 Uhr, dort im Mondschein, ergeben sie sich uns.

36.

Weit und still liegt die Mitternacht.
Zwei große Rümpfe liegen regungslos im Schoß der Finsternis.
Unser Schiff ist durchlöchert und sinkt langsam; man bereitet sich vor, um auf das eroberte hinüberzugehn.
Der Kapitän erteilt auf dem Hinterdeck, mit einem Gesicht weiß wie ein Laken, kalt seine Befehle.
Dicht bei ihm die Leiche eines Jungen, der in der Kajüte bediente.
Das tote Antlitz eines alten Matrosen mit langen weißen Haaren und sorgfältig gekräuseltem Backenbart.
Die Flammen, trotz allem, was getan wird, flackern oben und unten.
Die heiseren Stimmen der zwei oder drei Offiziere, die noch dienstfähig sind.
Unförmliche Leichenhaufen und einzelne Leichen; Fleischklümpchen an Masten und Rahen;
Zerschnittene Taue, baumelndes Takelwerk, leichte Stöße sanfter Wellen;
Schwarze, starre Geschütze; umherliegende Pulverpakete; scharfer Geruch,
Wenige große Sterne oben mit stillem, trübseligem Schimmer.
Zarte Düfte der Seeluft, Geruch nach Schilfgras und Ackerfeldern im Gestade; Aufträge Sterbender an die Überlebenden;
Gezisch von des Wundarztes Messer, die knirschenden Zähne seiner Säge;
Keuchen, Plätschern, Rieseln des Blutes; kurzer wilder Aufschrei und langes, dumpfes verhallendes Stöhnen,
So war es! So! – Unwiderruflich!

37.

Ihr Faulenzer dort oben auf der Wache! Seht nach euren Waffen!
Sie drängen sich durch die eroberten Tore herein! Ich bin besessen!
Verkörpere in mir alle Wesen, geächtete und leidende;
Sehe mich selbst im Gefängnis in der Gestalt eines andern,
Fühle den dumpfen, ununterbrochenen Schmerz.
Meinetwegen schultern die Aufseher der Sträflinge ihre Gewehre und halten Wache;
Ich bin es, den man des Morgens herausläßt und des Nachts wieder einsperrt.
Nicht ein Meuterer wandelt mit Handschellen gefesselt ins Gefängnis, daß ich nicht selbst mit Handschellen an ihn gefesselt ihm zur Seite schritte;
(Ich bin weniger der lustige Kerl dort als vielmehr der Schweigsame, mit Schaum auf meinen zuckenden Lippen).
Nicht ein Knabe ist wegen Diebstahls verhaftet, ohne daß ich mit ihm vor Gericht ginge, gerichtet und verurteilt würde.
Nicht ein Cholera-Patient liegt in den letzten Zügen, daß nicht auch ich in den letzten Zügen läge;
Aschengrau ist mein Gesicht; meine Sehnen krümmen sich: die Leute scheuen vor mir zurück.
Bittende verkörpern sich in mir und ich in ihnen;
Ich strecke meinen Hut hin, sitze verschämt und bettle.

38.

Genug! Genug! Genug!
Ich war in irgendeiner Betäubung. Tretet zurück!
Gebt meinem zerschlagenen Kopf ein wenig Zeit, daß ich schlummere, träume, gähne.
Ich ertappe mich auf der Grenze meines gewohnten Irrtums.
Daß ich doch die Spötter und die Beleidigungen vergessen könnte!
Daß ich doch die rinnenden Tränen vergessen könnte, und die Schläge der Keulen und Hämmer!
Daß ich doch wie ein Unbeteiligter meine eigene Kreuzigung und blutige Krönung anschauen könnte!
Ich besinne mich jetzt;
Bei der übriggebliebenen Lücke setze ich wieder ein.
Das Felsengrab vervielfältigt das, was ihm anvertraut wurde oder irgend welchem andern Grabe.
Leichen stehen auf, Wunden heilen, Fesseln gleiten von mir ab.
Ich ziehe weiter, wieder mit höchster Kraft erfüllt; ein Einzelner in einem allgemeinen, unendlichen Zug,
Im Binnenland wandern wir und am Seegestade und überschreiten alle Grenzen.
Unsre schnellen Verordnungen nehmen ihren Weg über die ganze Erde.
Blüten tragen wir auf unsern Hüten, das Wachstum von Jahrtausenden.
Meine Schüler, seid gegrüßt! Kommt herbei!
Fahrt fort mit euren Anmerkungen, euren Fragen!

39.

Dieser freundliche und ungebundene Wilde, wer ist er?
Wartet er auf die Zivilisation, oder hat er sie hinter sich und ist ihr Meister?
Ist er einer aus Südwesten, im Freien erzogen? Ist er ein Kanadier?
Stammt er aus dem Mississippi-Gebiet? Jowa? Oregon? Kalifornien?
Aus dem Gebirge? Aus der Prärie? Dem Buschleben? Oder ein Seefahrer?
Überall, wo er hinkommt, nehmen ihn Männer und Frauen auf und verlangen nach ihm.
Sie verlangen, daß er sie gern habe, sie berühre, mit ihnen rede, bei ihnen bleibe.
Betragen frei wie Schneeflocken; Worte schlicht wie Gras; ungekämmter Kopf; Lachen und Naivität.
Langsam schreitende Füße; schlichte Gesichtszüge, schlichte Art und Äußerung.
Sie gehen in neuen Formen von seinen Fingerspitzen aus.
Sie wehen aus dem Hauch seines Körpers und Atems; gehen von seinen Blicken aus.

40.

Prahlender Sonnenschein, ich brauche deine Beleuchtung nicht – höre auf!
Dein Licht erfaßt nur die Oberflächen; ich aber bemeistere Oberflächen und Tiefen in gleicher Weise.
Erde, du scheinst etwas von mir zu erwarten?
Sprich, alte Haube, wo fehlt’s?
Mann und Weib; gern möchte ich euch sagen, wie ich euch liebe; doch ich kann’s nicht.
Und ich möchte sagen, was in mir ist, und was in euch ist; doch ich kann’s nicht.
Und ich möchte mein Sehnen zum Ausdruck bringen, den Herzschlag meiner Tage und Nächte.
Sieh, ich gebe weder Vorlesungen noch Almosen.
Wenn ich gebe, gebe ich mich selbst.
Du da, kraftlos mit schlotternden Knien;
Tu‘ deine klapprigen Kinnladen auf, bis ich dir Kraft eingeblasen habe.
Breite deine Handflächen aus und lüfte die Klappen deiner Taschen.
Ich lasse mich nicht abweisen; ich bewältige dich; ich habe Vorrat genug und kann abgeben;
Und alles, was ich habe, verschenke ich.
Ich frage nicht, wer du bist, das ist mir unwichtig.
Du kannst nichts tun und nichts sein, so umfasse ich dich dennoch.
Zum Arbeiter im Baumwollfelde oder zum Abtrittausräumer zieht’s mich hin,
Ich drücke den Bruderkuß auf seine rechte Wange,
Und schwöre in meiner Seele, daß ich ihn niemals verleugnen werde.
Zeugungstüchtigen Frauen mache ich stärkere und flinkere Kinder,
(Heute vergieße ich den Stoff zu weit übermütigeren Freistaaten.)
Zu einem Sterbenden eile ich hin und drehe den Türknopf auf,
Schlage die Bettdecke gegen das Fußende des Bettes hin zurück,
Lasse den Arzt und Priester nach Haus gehn.
Ich packe den hinscheidenden Mann und reiße ihn mit unwiderstehlicher Willenskraft empor.
Oh Verzweifelnder! Hier ist mein Hals!
Bei Gott, du sollst nicht untergehn! Hänge dich an mich mit deiner ganzen Last.
Ich fülle dich mit mächtigem Odem, ich mache dich flott.
Jeden Raum des Hauses erfülle ich mit einer bewaffneten Macht,
Meinen Freunden, Besiegern des Grabes.
Schlafe – ich und sie halten Wache die ganze Nacht.
Nicht Zweifel, nicht Tod soll wagen, auch nur einen Finger an dich zu legen.
Ich habe dich umarmt und hinfort besitze ich dich für mich;
Und wenn du am Morgen dich erhebst, so wirst du finden, daß es sich so verhält, wie ich sage.

41.

Ich bin es, der den Kranken Hilfe bringt, wenn sie stöhnend auf dem Rücken liegen,
Und für stramme, starke Männer bringe ich eine noch nötigere Hilfe.
Ich hörte, was über das Weltall berichtet wurde,
Hörte es und hörte es von manchem Jahrtausend.
Es ist soweit leidlich gut – doch, ist es alles?
Ich komme, vergrößere und vergleiche;
Und schon beim Ansatz überbiete ich die alten vorsichtigen Feilscher,
Indem ich selber die genauen Umrisse von Jehova annehme,
Lithographien herstelle von Kronos, Zeus, seinem Sohn, und Herkules, seinem Enkel;
Mir Skizzen kaufe von Osiris, Isis, Belus, Brahma, Buddha;
Lose in meine Mappe Manito hineinlege, Allah auf einem Blatt und einen Kupferstich des Gekreuzigten;
Mit Odin und dem scheußlichen Mexitli und jedem Idol und Abbild,
Die ich alle abschätze nach ihrem Wert und nicht um einen Deut mehr;
Indem ich zugebe, daß sie am Leben waren und ihr Tagwerk taten.
(Sie trugen Kerfe für noch nicht flügge Vögel, die jetzt selbständig sich erheben, fliegen und singen müssen.)
Ich nehme die rohen Entwürfe von Göttern an, um in mir selber vollkommenere auszuarbeiten, die ich an Männer und Frauen verschenke, denen ich begegne;
Entdecke aber ebensoviel und mehr in einem Zimmerer, der das Gebälk eines Hauses richtet,
Und stelle höhere Anforderungen für die, welche mit aufgerollten Hemdsärmeln Schlägel und Meißel handhaben;
Verwerfe besondere Offenbarungen nicht und halte ein Rauchwirbelchen oder ein Härchen auf dem Rücken meiner Hand für ebenso merkwürdig wie irgendeine Offenbarung;
Burschen, die Feuerspritzen und Strickleitern bedienen, halte ich für nicht geringer als die Götter der alten Kriege,
Und lausche ihren Stimmen, die durch das Krachen der Verwüstung schallen,
Ihre sehnigen Glieder gehen unversehrt über verkohlte Latten hin, ihre weißen Stirnen bleiben unverletzt und heil von den Flammen,
Bei des Handwerkers Weib mit dem Kind an der Brust halte ich Fürbitte für jeden Geborenen;
Drei Sensen sausen in Reihe auf dem Erntefeld; sie sind geschwungen von drei rüstigen Engeln in Hemden, die sich auf den Hüften bauschen;
Der zahnlückige, rothaarige Stallknecht: er erlöst von begangenen und zukünftigen Sünden;
All seinen Besitz verkauft er, macht sich auf zum Advokaten, um für seinen Bruder zu bezahlen und neben ihm zu sitzen, während er wegen Fälschung gerichtet wird;
Was sonst auf das Breiteste gestreut war, ist jetzt auf die Quadratrute um mich her gestreut und vermag die Quadratrute noch nicht mal zu bedecken.
Der Stier und der Käfer sind noch nicht halbgenug verehrt;
Dung und Schmutz sind bewunderungswürdiger als man sich träumen läßt;
Das Übernatürliche bedeutet nichts – ich selbst warte bloß meine Zeit ab, um selbst einer der Allmächtigen zu werden;
Es naht der Tag, da ich ebensoviel Gutes wie die Besten erreichen werde, und ebenso wunderbar sein werde.
Bei meinem Lebensklumpen! Schon werd‘ ich Schöpfer
Und nähere mich, jetzt und hier, dem verborgenen Schoß der Schatten.

42.

Ein Ruf in der Mitte der Menge;
Meine eigene Stimme, volltönig, entschieden und abschließend.
Kommt, meine Kinder!
Kommt, meine Knaben und Mädchen! Meine Frauen, Hausleute und Bekannten!
Jetzt gebraucht der Spieler erst seine Kraft; sein Vorspiel auf der Rohrflöte hat er beendet.
Flottgeschriebene Akkorde, leichtgegriffene – ich fühle den Vollklang eurer Steigerung und eures Schlusses.
Der Kopf schließt sich dem Nacken an.
Es wogt Musik, doch nicht von der Orgel.
Leute umgeben mich; doch aus meinem Hause sind sie nicht.
Immer der feste, dauernde Grund;
Immer die Esser und Trinker; immer Auf- und Untergang der Sonne; immer die Atmosphäre und unaufhörliche Wellen;
Immer ich und meine Nachbarn, erquicklich, schlicht, wirklich;
Immer die alte unerklärliche Frage; immer dieser dornige Daumen, jener Hauch von Kitzel und Durst;
Immer des Plagegeistes Spottruf, bis wir entdecken, wo der Schalk sich verrät und ihn hervorholen;
Immer Liebe, immer die quellende Feuchte des Lebens;
Immer die Binde unterm Kinn und die Bahre des Todes!
Hier und dort wandelt man mit Groschen vor den Augen,
Des Bauches Gier zu stillen und schenkt rückhaltlos sein Hirn aus.
Man kauft Billette, nimmt, verkauft, doch nicht einmal geht man zum Festmahl hinein.
Viele schwitzen, pflügen, dreschen, um dann die Spreu zum Lohne zu erhalten,
Wenige Träge besitzen und sind die, welche immer den Weizen beanspruchen.
Hier ist die Stadt, und ich bin einer von ihren Bürgern;
Was immer die andern angeht, geht auch mich an; Politik, Krieg, Märkte, Zeitungen, Schulen;
Der Bürgermeister und die Räte, Banken, Tarife, Dampfschiffe, Fabriken, Aktien, Kaufläden, Grund- und persönliches Eigentum.
Die unzähligen Männchen, die da herumhüpfen in Kragen und Fräcken;
Ich weiß, wer sie sind (gewiß: sie sind weder Würmer noch Flöhe);
Ich erkenne meine Doppelgänger, der schwächste und seichteste ist ewig bei mir;
Was ich tue und sage, das erwartet auch sie;
Jeder Gedanke, der in mir zappelt, der zappelt auch in ihnen.
Ich kenne recht wohl meinen eigenen Egoismus,
Kenne meine alles verschlingenden Zeilen und darf nicht eine geringer schreiben;
Und möchte dich, wer immer du seist, an meine Seite holen.
Kein Wort der Routine ist dieser mein Sang,
Sondern jählings will er Fragen aufwerfen, will über sie hinausspringen und sie doch näher bringen;
Dies gedruckte und gebundene Buch: – doch der Buchdrucker und der Laufbursche der Druckerei?
Diese wohlgetroffenen Photographien: – aber dein Weib oder dein Freund, dicht und fest in deinem Arm?
Das schwarze, eisengepanzerte Schiff mit mächtigen Geschützen in seinen Türmen: – aber der Mut seines Kapitäns und seiner Maschinisten?
In den Häusern die Schüsseln, Eßwaren und Möbel: – doch der Wirt und die Wirtin und der Blick aus ihren Augen?
Der Himmel dort oben: – aber hier und nebenan oder über der Straße?
Die Heiligen und Weisen der Geschichte: – doch wir selbst?
Predigten, Glaubensbekenntnisse, Theologie: – doch das unerforschliche menschliche Gehirn?
Und was ist Vernunft? Was Liebe? Was Leben?

43.

Ich verachte euch nicht, Priester aller Zeiten und über alle Erde;
Mein Glaube ist der größte und der geringste von allen.
Er schließt in sich den alten und den neuen Kult und jeden zwischen dem alten und neuen;
Ich glaube, daß ich nach 5000 Jahren wieder auf der Erde erscheinen werde.
Ich warte auf die Antwort der Orakel, verehre die Götter, grüße die Sonne;
Mache einen Fetisch aus dem ersten besten Baumstumpf, tanze die Knüttelbeschwörung im Kreise der Obi,
Helfe dem Lhama oder Brahminen die Lampen der Götterbilder putzen;
Tanze durch die Straßen in der Phallus-Prozession, verzückt und streng weile ich in den Wäldern, ein Gymnosoph,
Trinke Met aus dem Hirnschädelbecher, bewundere die Shastas und Veden, achte den Koran;
Steige auf die Teokalli, die von Stein und Messer mit Blut befleckt sind und schlage die Schlangenhauttrommel;
Akzeptiere die Evangelien, akzeptiere den Gekreuzigten und weiß ganz gewiß, daß er göttlich ist;
Ich kniee bei der Messe, oder stehe beim Gebet der Puritaner, oder sitze geduldig in einem Kirchenstuhle;
Ich tobe und schäume in der Krisis meines Wahnsinns, oder warte todähnlich, bis der Geist mich erweckt;
Ich blicke hinaus auf das Pflaster oder in das Land, oder noch über Pflaster und Land hinaus,
Und gehöre zu denen, die den Kreis der Kreise runden.
Einer von der zentripetalen oder zentrifugalen Rotte, wende ich mich um und rede wie einer, der vor einer Abreise Aufträge erteilt.
Niedergeschlagene Zweifler, trübsinnig und ausgestoßen,
Frivol, mürrisch, verdrossen, zornig, gerührt, entmutigt, atheistisch:
Einen jeden von euch kenn‘ ich; ich kenne das Meer von Pein, Zweifel, Verzweiflung, Unglauben.
Wie die Flossen plätschern!
Wie sie sich krümmen, schnell und blitzend, mit Zuckungen und Strahlen von Blut!
Seid ruhig, blutige Flossen der Zweifler und der mürrischen Indolenten!
Ich nehme meinen Platz unter euch so gut als unter irgendwelchen von den andern:
Die Vergangenheit ist euer, mein, aller Streben, ganz das gleiche,
Und was noch unversucht und in der Zukunft ist, ist für euch, mich, alle genau das gleiche.
Ich weiß nicht, was dies Unversuchte und Zukünftige ist:
Doch ich weiß, es wird sich zu seiner Zeit als hinreichend erweisen, es kann nicht fehlen.
Alles, was vergeht, ist in Betracht gezogen, alles, was verharrt, ist in Betracht gezogen, kein einziges kann ausgenommen sein.
Unverloren ist der Jüngling, der starb und begraben ward;
Unverloren das junge Weib, das starb und ihm an die Seite gelegt wurde;
Unverloren das Kindchen, das zur Tür hereinblickte, sich dann zurückzog und nicht mehr gesehen wurde;
Und der Greis, der zwecklos lebte, und der dies mit einer Bitterkeit empfand, die schlimmer ist als Galle;
Und der Armenhäusler, der tuberkulös ist vom Schnaps und der schlechten Krankheit;
Und die zahllosen Niedergemetzelten und Gescheiterten, und der tierische Auswurf, der Abschaum der Menschheit genannt wird;
Und die Beutel, die nur so mit offnem Maul umherschwimmen, damit Speise hineinschlüpfe;
Noch ist irgend etwas verloren auf der Erde, oder unten in den ältesten Gräbern der Erde;
Noch irgend etwas in den Myriaden von Sphären, noch die Myriaden und Aber-Myriaden ihrer Bewohner;
Noch die Gegenwart, noch der geringste Wisch, den man kennt.

44.

Es ist Zeit, daß ich mich erkläre. – Erheben wir uns!
Das Bekannte streif ich ab,
Ich reiße alle Männer und Frauen mit mir vorwärts ins Unbekannte.
Die Uhr zeigt den Augenblick – was aber zeigt die Ewigkeit?
Bis hierher haben wir Trillionen von Wintern und Sommern erschöpft,
Es liegen noch Trillionen vor uns, und noch weitere Trillionen vor diesen.
Geburten haben uns Fülle gebracht und Mannigfaltigkeit,
Und andere Geburten werden uns Fülle bringen und Mannigfaltigkeit.
Ich nenne kein einziges größer oder kleiner;
Das, was seine Zeit und seine Stelle erfüllt, ist jedem anderen gleich.
Waren die Menschen mordgierig oder eifersüchtig gegen dich, mein Bruder, meine Schwester?
Es tut mir um dich leid; gegen mich sind sie nicht mordgierig oder eifersüchtig.
Mir gegenüber war alles sanft, ich führe keine Rechnung mit der Klage. (Was habe ich mit Klagen zu tun?)
Ich bin ein Gipfel vergangener Dinge und schließe werdende Dinge in mich ein.
Meine Füße betreten eine Höhe der Treppenhöhen,
Auf jeder Stufe Büschel von Zeitaltern, und größere Büschel zwischen den Stufen,
Alles unten richtig durchreist, und noch steig‘ ich und steige.
Aufstieg hinter Aufstieg verneigen sich die Phantome hinter mir;
Tief unten gewahre ich das ungeheure Urnichts; ich weiß, auch ich war da.
Ungesehen und beständig wartete ich und durchschlief die betäubenden Dünste,
Nahm mir Zeit und der stinkende Kohlenstoff tat mir keinen Schaden.
Lange ward ich in fester Umarmung gehalten – lange und lange.
Ungeheuer sind die Vorbereitungen für mich gewesen,
Treu und freundlich die Arme, die mir halfen.
Kreisläufte trugen meine Wiege, ruderten und ruderten wie muntere Bootsleute;
Um mir Platz zu machen, hielten die Sterne seitwärts in ihren Bahnen;
Sie entsandten Kräfte, um das zu bereiten, was mich tragen sollte.
Ehe ich von meiner Mutter geboren ward, leiteten mich die Zeitalter.
Mein Embryo ist niemals erstarrt gewesen, nichts vermochte ihn zu erdrücken.
Um seinetwillen zog sich der Sternennebel in eine Kugel fest zusammen.
Langsam türmte sich Schicht auf Schicht, ihm ein Ruhebett zu bereiten.
Ungeheure Pflanzen gaben ihm Nahrung.
Riesige Saurier trugen ihn in ihrem Rachen und setzten ihn sorgfältig nieder.
Alle Kräfte wurden beständig benutzt, um mich zu vervollständigen und zu entzücken;
Jetzt, auf dieser Stelle, steh‘ ich mit meiner rüstigen Seele.

45.

Oh Spanne der Jugend! Stets gespannte Elastizität!
Oh Mannesalter, harmonisch blühend und voll!
Meine Geliebten ersticken mich;
Sie bedrängen meine Lippen, wimmeln in den Poren meiner Haut.
Sie stoßen mich an in den Straßen und den öffentlichen Hallen, kommen nackt zu mir in der Nacht;
Sie rufen am Tage Hallo! Vom Felsen beim Fluß, schaukeln und zwitschern über meinem Haupte,
Rufen meinen Namen von Blumenbeeten her, aus Reben und Gewirr des Unterholzes;
Lassen sich nieder auf jeden Augenblick meines Lebens,
Küssen meinen Leib mit sanften, balsamischen Küssen,
Bringen mir leise mit vollen Händen ihr Herz und geben es mir zum Eigentum.
Oh Greisenalter, das herrlich aufsteigt! Oh willkommen, unaussprechliche Anmut hinschwindender Tage!
Ein jeder Zustand verkündet nicht bloß sich selbst: er verkündet auch das, was nach ihm und aus ihm ferner werden soll.
Und das stille Dunkel verkündet ebensoviel wie irgend etwas anderes.
Ich öffne nächtens meine Dachlucke und erblicke die weit ergossenen Systeme,
Und alle, die ich sehe, multipliziert, so hoch ich rechnen kann, grenzen bloß an den Rand der ferneren Systeme.
Weiter und weiter verbreiten sie sich; mit ewigem Wachstum,
Auswärts und auswärts und ewig auswärts.
Meine Sonne hat ihre Sonne und umkreist sie gehorsam.
Sie schließt sich mit ihren Gefährten an eine Gruppe von größerem Bahnkreis,
Und noch größere Scharen folgen, die die größten der inneren Scharen zu Tüpfelchen machen.
Da gibt es keinen Stillstand, noch kann es je einen Stillstand geben.
Wenn es, du und die Welten und alles, was unter uns oder auf ihrer Oberfläche ist, in diesem Augenblick in die bleiche Flut zurück- und hinabgebracht würde, so würde das doch auf die Dauer nichts ausmachen.
Sicher würden wir wieder da heraufkommen, wo wir jetzt stehen,
Und sicher noch um so viel weitergehen, und dann weiter und noch weiter.
Ein paar Quadrillionen von Zeitaltern, ein paar Oktillionen von Quadratmeilen – das gefährdet nicht die Spannweite, noch macht es sie ungeduldig.
Sie sind bloß Teile, jedwedes ist nur ein Teil.
Blicke so weit du kannst – darüber hinaus ist grenzenloser Raum,
Zähle so hoch du kannst – rundum ist unermeßliche Zeit.
Mein Stelldichein ist festgesetzt, das ist gewiß.
Der Herr wird dort sein und warten, bis ich komme unter den richtigen Bedingungen;
Der große Kamerad, der treue Liebende, nach dem ich mich sehne; er wird dort sein.

46.

Ich weiß, daß ich von Zeit und Raum das Beste habe, und daß ich nimmer gemessen wurde, noch je gemessen werde.
Ich wandere eine ewige Reise. (Kommt und hört alle!)
Meine Abzeichen sind ein regendichter Rock, feste Schuhe und ein Stab, im Walde geschnitten.
Keiner meiner Freunde sitzt bequem auf meinem Stuhl;
Ich habe weder Stuhl, noch Kirche, noch Philosophie.
Ich führe niemand zu Tisch, in die Bibliothek, in die Börse;
Aber einen jeden Mann und ein jedes Weib unter euch führe ich auf eine Höhe;
Meine linke Hand faßt dich rund um den Leib,
Meine rechte Hand zeigt auf Landschaften von Kontinenten und die offene Landstraße.
Nicht ich und kein einziger andrer kann die Straße für dich reisen;
Du mußt sie für dich selber reisen.
Sie ist nicht weit, sie hat keine Ausdehnung.
Vielleicht bist du auf ihr gewesen seit deiner Geburt, ohne es zu wissen.
Vielleicht ist sie überall, auf dem Wasser und auf dem Lande.
Nimm dein Pack auf den Rücken, lieber Sohn, wie ich das meine, und laß uns forteilen,
Wunderbare Städte und freie Völker werden wir unterwegs erreichen.
Wenn du müde wirst, so gib mir beide Bürden und stütze deine Hand fest auf meine Hüfte,
Und später sollst du mir den gleichen Dienst erweisen,
Denn wenn wir erst aufgebrochen sind, ruhen wir nie mehr aus.
Heute vor Sonnenaufgang bestieg ich einen Hügel und betrachtete das wimmelnde Himmelszelt,
Und ich sprach zu meiner Seele: wenn wir alle diese Welten umfassen werden, und die Freude und das Wissen jeglichen Dinges, das auf ihnen, werden wir dann gefüllt und befriedigt sein?
Und meine Seele sprach: Nein, wir ersteigen diese Höhe nur, um sie hinter uns zu lassen und darüber hinaus fortzufahren.
Du auch stellst mir Fragen, und ich höre sie;
Ich antworte, daß ich nicht antworten kann, du mußt dich selbst herausfinden.
Setze dich eine Weile, lieber Sohn;
Hier ist Zwieback zu essen und hier Milch zu trinken.
Doch sobald du schläfst und dich mit frischen Kleidern erquickst, so küß‘ ich dich mit einem Abschiedskuß und öffne die Tür für deinen Ausgang.
Lange genug hast du verächtliche Träume geträumt,
Nun wasch‘ ich dir den Schleim aus den Augen;
Du mußt dich an das Blenden des Lichtes und einen jeden Augenblick deines Lebens gewöhnen.
Lange bist du furchtsam gewatet, an eine Planke dich klammernd, dicht am Ufer hin;
Jetzt will ich, daß du ein mutiger Schwimmer werdest,
Abspringst mitten in die See, wieder auftauchst, mir zunickst, jauchzest und lachend das Wasser aus deinem Haar schüttelst.

47.

Ich bin der Lehrer der Athleten.
Der, der mir eine breitere Brust als die meine zeigen kann, beweist nur die Breite der meinen.
Der ehrt meinen Stil am meisten, der durch ihn lernt, den Lehrer abzutun.
Der Knabe, den ich liebe, der wird ein Mann nicht durch ererbte Macht, sondern durch sein eigenes Recht,
Gottlos lieber als tugendhaft aus Anbequemung oder Furcht;
Er liebt sein Schätzchen, genießt mit Appetit seinen Braten;
Unerwiderte Liebe oder Geringschätzung schmerzen ihn schärfer als harter Stahl schneidet,
Er ist ein Meister im Reiten, Fechten, im Schießen nach der Scheibe, im Segeln, Singen und Spielen,
Er zieht Narben, Barte und pockennarbige Gesichter allen Glattgesichtern vor,
Und die Sonngebräunten denen, die sich im Schatten halten.
Ich lehre euch, mich zu verlassen – doch wer ist imstande, mich zu verlassen?
Ich folge dir von diesem Augenblick an, wer immer du sein magst.
Meine Worte jucken dir das Ohr, bis du sie verstehst.
Ich sage diese Dinge nicht um eines Dollars willen oder um mir die Zeit zu vertreiben, während ich auf ein Boot warte,
(Du bist es, der spricht, ebensogut als ich; ich bin nur deine Zunge,
Gebunden in deinem Mund, beginnt sie in meinem sich zu lösen.)
Ich schwöre, ich werde nie wieder die Liebe oder den Tod in meinem Hause erwähnen,
Und ich schwöre, ich werde mich nie mehr verdolmetschen außer zu dem Manne oder dem Weibe, das mit mir allein im Freien weilt.
Wenn du mich verstehen willst, so begib dich mit mir auf die Höhen oder an das Seegestade,
Die erste beste Mücke ist eine Erklärung, und ein Tropfen oder eine Bewegung der Wellen ist ein Schlüssel,
Der Schlaghammer, das Ruder, die Handsäge, bekräftigen meine Worte.
Kein geschlossener Raum, keine Schule kann mit mir verkehren,
Doch gemeines Volk und kleine Kinder eher als sie.
Der junge Arbeiter steht mir am nächsten, er kennt mich wohl;
Der Hinterwäldler, der seine Axt und seinen Krug mit sich nimmt, wird auch mich für den ganzen Tag mitnehmen;
Der Ackerknecht, der im Felde pflügt, fühlt sich wohl beim Klange meiner Stimme;
In segelnden Schiffen segeln auch meine Worte; ich gehe mit Fischern und Seeleuten und liebe sie.
Mein ist der Soldat im Lager und auf dem Marsch,
In der Nacht vor Beginn der Schlacht suchen viele mich auf, und ich täusche sie nicht;
In solch feierlicher Nacht (es ist vielleicht ihre letzte) suchen mich die auf, die mich kennen.
Mein Gesicht reibt sich an des Jägers Gesicht, wenn er sich allein in seiner Decke niederlegt;
Der Fuhrmann, wenn er an mich denkt, achtet nicht auf das Rütteln seines Wagens;
Die junge wie die alte Mutter verstehen mich;
Das Mädchen und die Frau lassen einen Augenblick die Nadel ruhen und vergessen, wo sie sind.
Sie und alle möchten überdenken, was ich ihnen gesagt habe.

48.

Ich habe gesagt, die Seele sei nicht mehr als der Leib;
Und ich habe gesagt, der Leib sei nicht mehr als die Seele.
Und nichts, selbst Gott nicht, sei größer als man selbst ist.
Und wer immer eine Stunde ohne Mitgefühl wandert, der wandert zu seinem eigenen Begräbnis in sein Leichentuch gehüllt;
Und ich oder du können, ohne einen Groschen in der Tasche, das Köstlichste auf der Erde kaufen,
Um mit dem Auge aufzublicken oder eine Bohne zu zeigen in ihrer Schale, werfe ich die Gelehrsamkeit aller Zeiten über den Haufen,
Und daß es keinen Gegenstand gebe so weich, daß er nicht eine Radnabe für das kreisende Weltall abgeben könnte;
Und zu irgendeinem Manne oder einem Weibe sage ich: Laßt eure Seele ruhig und gelassen vor einer Million von Weltalls stehen.
Und ich sage den Menschen: Seid nicht neugierig nach Gott,
Denn ich, der ich doch neugierig nach allem bin, bin doch nicht neugierig nach Gott,
(Kein Wortschwall vermag den Frieden auszusprechen, in dem ich mit Gott und mit dem Tode stehe.)
Ich höre und sehe Gott in jeglichem Gegenstand, doch begreif ich Gott nicht im mindesten;
Noch begreif ich, wie es jemand geben könnte, der wunderbarer wäre als ich selbst.
Weshalb sollte ich Gott besser zu sehen wünschen als heute?
Ich sehe etwas von Gott jede Stunde von den vierundzwanzig des Tages und jeden Augenblick derselben;
Ich sehe Gott in dem Gesicht von Mann und Weib, und in meinem Antlitz im Spiegel;
Ich finde Briefe von Gott, die er auf die Straße fallen ließ, und ein jeder ist mit Gottes Namen gezeichnet;
Ich lasse sie liegen, wo sie sind, denn ich weiß, wohin ich auch gehe:
Andre werden ankommen, pünktlich, immer und ewig.

49.

Und was dich, o Tod, betrifft; und dich, bittere Umarmung der Sterblichkeit: vergeblich suchst du mich zu erschrecken.
Zu seiner Arbeit eilt entschlossen der Geburtshelfer;
Ich sehe seine Rechte, wie sie drückt, empfängt und unterstützt;
Ich biege mich auf die Schwellen der feinen, elastischen Türen nieder,
Und bemerke die Ausfahrt, die Erleichterung und das Entweichen.
Und Leiche, was dich betrifft, so denke ich, du gibst einen guten Dünger; doch ist mir das nicht anstößig.
Ich rieche die weißen Rosen, die süßduftenden, schwellenden,
Ich greife nach den Lippen des Laubes, ich greife nach der glatten Brust der Melonen.
Und Leben, was dich betrifft, so glaub‘ ich, du bist das Resultat von vielen Todesfällen.
(Ohne Zweifel bin ich selbst vordem schon zehntausendmal gestorben.)
Ich höre mich dort flüstern, o Sterne des Himmels!
Oh Sonne! – Oh Gras auf Gräbern! – Oh unablässiger Übergang und Beförderung!
Wenn ihr nichts sagt, wie könnte ich was sagen?
Von dem trüben Teich, der inmitten des herbstlichen Forstes liegt,
Von dem Monde, der niedersteigt in die Abgründe der sausenden Morgendämmerung, –
Sprüht, ihr Funken des Tages und des Dunkels! – Sprüht auf den morschen Stämmen, die im Schlamm verfaulen,
Hüpft beim ächzenden Knarren der trockenen Äste.
Ich steige vom Monde aufwärts, aufwärts von der Nacht;
Ich sehe, der geisterhafte Flimmer ist eines ewigen Mittags Abglanz,
Und er mündet ins Dauernde und Zentrale, vom Ursprung des Großen und des Kleinen her.

50.

Es gibt etwas in mir – ich weiß nicht, was es ist – aber ich weiß, es ist in mir;
Verrenkt und schweißig, – still und kühl wird dann mein Leib.
Ich schlafe. – Ich schlafe lange.
Ich kenne es nicht – es ist ohne Namen – es ist ein unausgesprochenes Wort,
Es findet sich in keinem Wörterbuch, keiner Äußerung, keinem Symbol.
Um irgend etwas dreht es sich, das mehr ist als meine Erde;
Sein Freund ist die Schöpfung, deren Umarmung mich erweckt.
Vielleicht könnte ich mehr sagen. Umrisse! Ich flehe für meine Brüder und Schwestern.
Seht ihr nicht meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod – es ist Gestalt, Einheit, Bestimmung; es ist ewiges Leben – Glückseligkeit.

51.

Vergangenheit und Gegenwart schwinden – ich habe sie gefüllt, habe sie geleert;
Und fahre fort, meine nächste Falte der Zukunft auszufüllen.
Lauscher dort oben, was hast du mir anzuvertrauen?
Schau‘ mir ins Gesicht, während ich die Abendkühle einatme,
(Sprich aufrichtig, es hört dich außer mir niemand, und nur eine Minute verweile ich länger.)
Wie? Ich widerspreche mir selbst?
Nun gut, so widerspreche ich mir selbst.
(Ich bin ja umfangreich, ich enthalte Massen.)
Es zieht mich zu denen, die in der Nähe sind, ich warte auf der Türschwelle.
Wer hat sein Tagewerk verrichtet? Wer wird am ersten mit seinem Abendessen fertig sein?
Wer möchte mit mir einen Gang machen?
Willst du sprechen, eh‘ ich fortgehe? Oder ist es bereits zu spät?

52.

Die Falkeneule schweift vorbei und klagt mich an; sie beschwert sich über mein Plaudern und Zögern.
Ich bin auch gar nicht zahm, bin auch unübersetzbar;
Ich lasse mein barbarisches Geschrei erschallen über die Dächer der Welt.
Des Tages letzter Schimmer verweilt noch um meinetwillen.
Er legt mein Ebenbild mit andern und treu wie irgendeins auf die schattendunkle Wildnis;
Es lockt mich in Nebel und Dunkel hinein.
Ich scheide wie die Luft; ich schüttle meine weißen Locken gegen die enteilende Sonne hin;
Ich ergieße mein Fleisch in Wirbeln und lasse es hintreiben in fadigen Streifen.
Ich vermache mich dem Schmutz, um aus dem Grase, das ich liebe, emporzutreiben;
Wenn du mich wieder brauchst, so suche mich unter deinen Stiefelsohlen.
Kaum wirst du wissen, wo ich bin, oder was ich meine;
Trotz allem aber werde ich dir gut bekommen,
Und klären und kräftigen dein Blut.
Wenn du mich nicht sogleich verstehst, bleibe dennoch guten Mutes.
Findest du mich nicht an einer Stelle, so suche mich an einer andern.
Irgendwo halte ich mich auf und warte auf dich.

Maria Aronov Φ Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows  „Der Meister und Margarita“

Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Das zur Lebenszeit Michail Bulgakows verbotene Werk „Der Meister und Margarita“ stellt auf eine ironische Weise das atheistische und bürokratische Moskau dar. Es enthält ebenfalls Züge aus Bulgakows Leben, denn die Werke des Meisters, dem Hauptdarsteller des Romans, werden ebenfalls verboten: Der Meister schreibt an einem Werk über die Religion, über Pontius Pilatus und Jesus (auf diese Thematik gehe ich im nächsten Text näher ein).
Nach der Beendigung des Romans findet sich kein Verleger, der das Werk veröffentlichen würde; es werden lediglich einzelne Passagen des Romans gedruckt, die dann zum Hass auf den Autor führen.

Zur gleichen Zeit lernt der Meister seine Geliebte – Margarita – kennen; eine verheiratete Frau, die sich jedoch unsterblich in den Meister verliebt und ihm aufgrund seines Talents zu schreiben, den Titel Meister gibt. Auch er verfällt ihr. Zwischen den Beiden entwickeln sich große Gefühle. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn der Meister wird verhaftet, da er „illegale Literatur“ besitzt. Nach seiner Freilassung geht er aus freien Stücken in die Psychiatrie, um am Leben bleiben zu können.

In der Stadt des Romans herrscht der Teufel Voland. Dieser bietet Margarita die Chance, ihren Meister wiederzusehen. Für ihren Geliebten tritt Margarita in den Dienst des Teufels.

Bulgakow teilt die Welt in zwei verschiedene Subwelten auf: das Gute und das Böse. Diese beiden Welten sind Bestandteile jeden menschlichen Lebens. Der Autor zeigt in seinem Werk, inwiefern beide voneinander abhängen. Er personifiziert das Gute und das Böse, maskiert sie als Leben und Tod, Gott und Teufel.

Der Schriftsteller stellt sich die Frage, ob das Gute und das Böse einen Einfluss aufeinander haben und ob sie ohne einander in ihrer Existenz gefährdet wären.

Mit der Thematik von Gute und Böse setzte sich ebenso Immanuel Kant auseinander. In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht er von dem radikal Bösen, zu dem jeder Mensch einen Hang hat. Kant will anhand seiner Philosophie deutlich machen, dass das Böse in uns verwurzelt ist. Aus diesem Grund wählt er den Begriff „radikal“ (lat. radix = Wurzel). Nach Kant ist dem Menschen die Vernunft gegeben, durch die er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ spricht Kant vom guten Willen und hält fest, dass dieser das höchste Gut sei. Demnach ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen der Vernunft. Einerseits hat er den Willen, der ihm ermöglicht, vernünftig zu handeln, anderseits wirkt der Hang zum Bösen auf den Willen ein, sodass eine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, dem die Vernunft zugrunde liegt, entsteht.

Doch ist die Neigung zum Bösen ein solch großer Feind des guten Willens?

Führt man sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vor Augen, kommt man zu dem Schluss, dass das Gute ohne das Böse nicht existieren kann: es gäbe kein Gleichgewicht in der Welt.

Wenn man die Aussage Kants betrachtet, der Wille sei das höchste Gut des Menschen, lässt sich behaupten, dass man durch die Neigung zum Bösen nicht schlecht wird, sofern man als Willen das Ziel des Guten verfolgt.

***

Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Die Hauptfigur, Margarita, geht mit dem Teufel einen Pakt ein. Sie soll für eine Nacht zur Ballkönigin werden, denn der Teufel braucht eine Gastgeberin auf dem von ihm veranstalteten Ball für tote Verbrecher. Als Gegenzug soll der Teufel ihr wieder ein Leben mit dem Meister ermöglichen, nach dem sie sich sehr sehnt. Margarita stellt sich also um der Liebe willen auf die Seite des Bösen, sie wünscht sich, ihrem Geliebten noch einmal begegnen zu können. Margarita bekommt eine Salbe, nach deren Auftragen sie sich in eine Hexe verwandelt. Nun steht der Herrin des Hauses nichts mehr im Wege, um die aus dem Sarg auferstandenen Ballgäste zu begrüßen.

Dort lernt sie die teuflische High-Society kennen, Verbrecher, Betrüger auf allen Ebenen und Mörder. Ein Fest der Unzüchtigen, Gewissenlosen und Kriminellen findet statt. Die vom Feuer umgebenen Paare tanzen und amüsieren sich auf diesem teuflischen Ball.

Unter anderem ist eine Tote dabei, für die ein Verbrechen unausweichlich war, sodass sie dieses begehen musste und dadurch psychisch krank wurde. Sie landete als Konsequenz in der Hölle. Von der Schuld des wahren Verbrechers wollte niemand etwas hören, da er die Frau quasi zum Mord zwang, ihn jedoch selbst nicht beging. Er wurde zu seinen Lebzeiten nicht bestraft und konnte damit so der Hölle entkommen – eine Anspielung darauf, dass das Gericht auch über die Existenz der Seele nach dem Tod des Menschen entscheiden kann.

An dieser Stelle kritisiert Bulgakow die Oberschicht des damaligen Russlands, indem er die Gäste des Balls namentlich und biographisch vorstellt. Er zeigt, mit welchen Mitteln man in dieser Gesellschaft hochsteigen und alles erreichen kann, sofern man seine Neigung zum Bösen auslebt und die materielle Seite des Lebens als Ziel hat. Dazu gehören Münzenfälscher, Fremdgeher, Mörder der Ehepartner und der Geliebten des Königs am königlichen Hofe sowie Hochstapler.

***

Der Gehilfe des Teufels warnte Margarita davor, niemandem auf dem Ball besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie den Leuten sonst zu Kopf stiege.

Das zeigt, dass der Teufel den Wert seiner Umgebung kennt. Margarita ist in seinen Augen eine Person, der er vertrauen kann.

Obwohl Voland das Böse verkörpert, bricht er seinen Pakt nicht. Margarita sieht schließlich den Meister wieder.

Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev / Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев - 1991
Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev /
Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев – 1991

An diesem Beispiel von Bulgakow lässt sich erkennen, dass man nur durch die Wechselwirkung von Gut und Böse existieren kann. Der Teufel braucht das Gute, er braucht Margarita, um eine Gastgeberin auf dem Ball zu haben. Margarita braucht wiederum das Böse, um ihren Geliebten wiedersehen zu können. Dies zeigt uns, dass durch den Pakt ein Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten hergestellt werden kann, sodass beide Seiten davon einen Nutzen tragen.
Daher lässt sich sagen, dass Kants These stimmt. Wir sind insofern unvollkommen, dass wir nicht ohne das Böse existieren können. Es ist uns weder als Neigung zum Bösen entbehrlich noch als dessen Personifikation in Form des Teufels. Warum können wir uns aber davon nicht trennen? Die Antwort auf die Frage ist ganz plausibel: Ohne das Böse würden wir das Gute nicht als Solches anerkennen. Es wäre für uns eine Selbstverständlichkeit. In unserer Unvollkommenheit steckt die Philosophie des Lebens. Erst, wenn man das Böse als solches anerkennt, kann man es als eine Art Instrument zur Erlangung des guten Ziels gebrauchen. Ist der Wille stark genug, kann man das Böse einerseits für einen guten Zweck einsetzen, wie Margarita es tut, indem sie auf den Ball des Teufels geht, um ihren Meister bald wiedersehen zu können. Andererseits um es zu verhindern, damit kein Schaden entsteht. An dieser Stelle widerspreche ich Kant, denn es gibt für mich keine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, den das Böse beeinflussen würde. Unser Wille, dem die Vernunft zugrunde liegt, kann stärker als die Neigung zum Bösen sein.

Am Ende von Bulgakows Werks befreit der Teufel den Meister und seine Margarita mit einem Gift von ihrem unglücklichen Dasein auf der Erde. Der Meister wird nämlich von der Regierung wegen seiner Schriften weiterhin verfolgt, sodass das Liebespaar keine Ruhe auf der Erde findet. Die einzige Erlösung ist der Tod.

Voland und seine Gehilfen, unter Anderem der Todesdämon Asasello, begleiten die Seelen von Meister und Margarita zu dem „ewigen Haus“, von dem die beiden träumten. Dort sollen sie Ruhe und ihr Glück finden. Margarita betonte vor ihrem Tod, wie glücklich sie darüber sei, mit dem Dämon den Pakt eingegangen zu sein, denn das war für sie der einzige Weg, ihrem Liebsten nah zu sein.

Auch der Meister bedankt sich nach seinem Tod bei dem dunklen Dämon für sein neues Leben und seine Befreiung. Er bezeichnet diese als Glück.

Als sie vor ihrem Ritt in den Himmel ihr Haus anzünden, damit des Meisters weitere verbotene Schriften nicht mehr aufzufinden sind, sagt Margarita, dass im Feuer ihr Kummer des irdischen Lebens verbrennen soll.

Als die Beiden im Himmel ankommen, spazieren sie durch einen wunderschönen idyllischen Park zu ihrem „ewigen Haus“. Margarita sagt dabei folgendes zu ihrem Seelenverwandten:

„Hör die Stille und genieß das, was du im Leben nie hattest. Dort vorne steht dein ewiges Haus, das du als Belohnung erhalten hast. Dort gibt es ein venezianisches Fenster und wellende Reben, die bis zum Dach wachsen.
Ich weiß, dass abends zu dir die kommen werden, die du liebst, für die du dich interessiert und die dich nicht beunruhigen werden. Sie werden dir vorspielen und vorsingen.
Du wirst sehen, was für Licht es im Zimmer gibt, wenn die Kerzen brennen.
Du wirst mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Der Schlaf wird dich stärken. Du wirst weise Überlegungen treffen, aber mich wirst du nicht fortjagen können. Ich werde auf deinen Schlaf aufpassen.“

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften ⊗ Über den Begriff des körperlich Schönen

Über den Begriff des körperlich Schönen

Das Schöne in der Körperwelt besteht aus zwei Elementen, d. h. aus zwei Wirkungsarten, wenn auch am Ende ein und dasselbe Prinzip in beiden enthalten sein sollte.

Das erste dieser Elemente ist das Wohlgefallen, welches uns unbewußt oder vielmehr ganz unmittelbar trifft, ohne daß eine Vorstellungsreihe dazwischen liege: die Harmonie in der Musik, gewisse Formen im Räumlichen. Kein Mensch wird das je erklären können, eben weil der Eindruck von gar keiner Idee begleitet ist, Ein Oblongum ist gefälliger als ein Quadrat; unter den Winkeln ist der rechte der gefälligste, der spitze der wenigst angenehme. Von diesen Wirkungen kann sich unser Verstand durchaus keinen Grund angeben, sie scheinen unsere Seele zu treffen, ohne unsern Geist im mindesten zu brauchen.

Das zweite Element des Schönen ist die Wirkung durch das Bewußtsein, d. h, durch Anregung solcher Vorstellungen, die einen angenehmen Eindruck auf uns machen. Aber man muß hier nicht gleich an Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit usw. denken, denn es ist hier nicht bloß von klaren und bestimmten, sondern auch von halbklaren und dunklen Vorstellungen die Rede, deren Spiel uns angenehm trifft, ohne daß wir gleich Rechenschaft davon geben können, Grade die dunklen Vorstellungen sind oft die wirksamsten, weil dann der Effekt magischer ausfällt. Man schadet diesem Spiel, wenn man bei sich selbst fragt, wodurch uns ein schöner Gegenstand gefällt; oft sind es ganz dunkle Erinnerungen, wodurch gewisse Formen ihre Kraft haben. Der Spitzbogen gibt gleich einen Anklang christlichen Gottesdienstes, dies ist ziemlich allgemein, oft kann aber auch eine Form dadurch auf ein Individuum angenehm wirken, weil angenehme, übrigens ganz zufällige Erinnerungen damit verbunden sind.

Wir fassen diese beiden Beispiele auf, um dadurch zu zeigen, wie unendlich und regellos dieses Feld ist. Es wäre aber vergebens, daran etwas als unregelmäßig und zufällig von diesem Felde ausschließen zu wollen, denn alles, was eine Wirkung hat, gehört eo ipso hierher. Das erste Element scheint ziemlich beschränkt, dieses zweite ist sehr ausgedehnt und wächst mit dem Reichtum der Vorstellungen, die in uns sind. Ein gebildeter Mensch und ein gebildetes Volk wird durch das Schöne aus diesem Grunde stärker und mannigfaltiger angeregt. Dagegen ist das erste Prinzip als ein absolutes anzusehen und das zweite als ein relatives, welches sich nach Geschlechtern und Völkern richtet, aber auch nach Ständen und selbst nach Individuen. Schon hieraus sieht man, wie schwer es sein dürfte, hier mit Regeln etwas Erschöpfendes auszurichten. Wir fragen nun: Was hat das Kunstgesetz, die Regel, die Kritik, für Gewalt über diese beiden Elemente des Schönen? Über das erste gar keine. Sie kann nur zu erforschen suchen, unter welchen äußern Erscheinungen, z. B. Zahlenverhältnissen, sich das Wohlgefallen zeigt; diese werden dann Regel sein, sind aber nicht die Ursache der Wirkung, sondern nur ein äußeres Merkmal, gewissermaßen der Fußtapfe des Genius. Es wäre also verkehrt, wenn einmal eine Wirkung außer diesen Verhältnissen vorkommen sollte, sie darum verwerflich zu finden.

Über das zweite Element vermag das Kunstgesetz an und für sich auch nichts, denn sonst wäre es kein Element; aber nach und nach kann dasselbe auf das Reich der Ideen und Vorstellungen wirken, durch welche dieses Element läuft, und dadurch wird dasselbe verändert werden. Der Mohr, der Morgenländer, der Abendländer haben andere Begriffe von Schönheit, werden durch andere Formen angeregt, weil sie andere Vorstellungen in sich herumtragen. Daß hier die allgemeine Bildung wichtiger ist als die Kunstkritik, versteht sich, denn sie wirkt auf die Masse der Vorstellungen, die Kunstkritik nur auf einzelne, die freilich mehr den Kern der Sache treffen, auf die es hier ankommt, aber doch der übrigen großen Masse niemals Herr werden können. Aber auch bei diesem zweiten Element kann die Kritik zur Erkenntnis angewendet werden, um dem Ganzen der Vorstellungen auf die Spur zu kommen, welche zu dem Eindruck des Gefälligen und Schönen geführt haben.

Bei beiden Elementen ist also die urteilende Kritik wenig, die erkennende aber alles. Hier kann also fast nur von Regeln die Rede sein, aber nicht von Gesetzen. Die Regel ist nämlich bloß eine Ratgeberin; sie hat bei der Wirkung gar keine Stimme, sie ist eine Verstandes-Maschine, von der nach gemachtem Gebrauch nicht mehr die Rede ist, so wenig wie von Lineal und Zirkel bei einer Zeichnung. Die Regel ist das Resultat der erkennenden Kritik. Ein Gesetz aber ist die Ursache der Wirkung, so daß die letztere ohne dasselbe, d. h. mit seiner Verletzung, gar nicht gedacht werden kann.

Wo ist nun das Gebiet eines solchen Gesetzes in der Kunst des körperlich Schönen? In der Verbindung der Elemente zum Ganzen. Nur in dem Elemente der ersten Art, in dem eigentlichen Atom, kann das Schöne für sich da sein; und, so sonderbar es scheint, so ist es doch gewiß wahr, daß alles übrige Schöne einen Träger braucht, an dem es sich findet, einen Zweck, der nichts mit dem Schönen selbst zu tun hat. Um ein schönes Bauwerk hinzustellen, muß man sich entschließen, ob es eine Kirche, ein Palast, ein Haus usw. sein soll. Ist es ein Gemälde, so muß man sagen, ob es ein Bildnis oder eine Handlung sein oder welche andere Idee damit ausgedrückt werden soll. Nun hat man wohl gesagt, dieser Zweck sei überhaupt die Darstellung einer Idee, und damit vornehmer und edler zu sein gemeint. Aber daß diese Definition falsch sei, zeigt das erste beste Beispiel. Man könnte eine Gruppe Säulen hinstellen und damit symbolisch einen Gedanken ausdrücken wollen, so wird jeder fühlen, daß dies ein abscheuliches Produkt werden müßte. Die Bilder, welche die meisten Ideen ausdrücken, die allegorischen, sind gerade die unwirksamsten. Hier ist von der ausgedrückten Idee an sich gar nicht die Rede, die kann immer noch gut oder schlecht sein, sondern nur davon, daß hier durch die bildende Kunst irgend eine Idee ausgedrückt wird. Uns scheint gradezu das Schöne sich an das Notwendige anschließen, sich ihm unterwerfen zu müssen; das ist das Bedürfnis unseres nach logischen Gesehen kristallisierten Verstandes. Nun verliert sich in unserm äußerst zusammengesetzten Leben die scharfe Linie der Notwendigkeit bald, und das Nützliche, durch Sitte und Gewohnheit Bedingte, vertritt die Stelle des Notwendigen. So können die Künste dazu dienen, das Nützliche zu werden, und es liegt in den Gesetzen unsers Denkens und nicht etwa in habsüchtiger Gewohnheit, in Bedürfnis und Not unserer dürftigen Natur, wenn wir von jedem Schönen verlangen, daß es einen, wenn auch nur scheinbar nützlichen Zweck habe. Dieser Zweck bildet uns die Einheit, wohin das Kunstwerk strebt, und ist das Band für alle Glieder. Dazu reicht der bloße Gedanke hin, die Realität tut nichts dazu. Es ist nur der Begriff einer Kirche nötig, um ein schönes Bauwerk hinzustellen, nicht daß sie wirklich gebraucht werde. Dieser Zweck des Nützlichen oder – wenn man sich dieser Herrschaft schämt – des Notwendigen kann nun an sich sehr verschieden sein, es kann einem höheren und einem gemeineren Leben angehören, einen größeren oder kleineren Ideenkreis brauchen und dadurch mehr oder weniger geeignet sein, durch die Kunst verherrlicht zu werden. Der Zweck einer Kirche, eines Palastes zieht mehr und größere Elemente des Schönen an als ein Privathaus oder gar ein Brau- und Brennhaus, eine Münze mehr als eine Wollspinnerei, ein historisches oder mythologisches Bild mehr als eine Tigergruppe.

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften – Journalismus

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften – Journalismus

Heut wird ein Staat aus seinen Fugen losgerissen und von seiner Höhe hinuntergeschleudert, und morgen erscheinen Betrachtungen an seinem Grabe; morgen wird in den Eingeweiden des Freundes geforscht, der heut gestorben ist. Dies ist der Geist der deutschen politischen Journale und Flugschriften. Sie scheinen auf den Untergang des Großen und Heiligen nur zu lauern, um alsobald (mit einer wahren Barbier- und Friseureilfertigkeit) die traurige Erbschaft einer Biographie, Abhandlung, Betrachtung, Prophezeiung, und was dergleichen auf Gräbern wachsendes Unkraut mehr ist, in Besitz zu nehmen.

Wenn ihr, die ihr zu dumm seid, um ohne Gefühl sein zu dürfen, nicht einem wohltätigen Vorurteil frönen wollt, wozu seid ihr dann da, Gesindel?

Nie hat es eine Nation gegeben, welche den unmittelbaren Druck, den eine andere gegen sie ausübt, anders erwidert hat als mit Haß und Feindschaft. Nur wir haben diese Afterweisheit, diesen Narrenstolz, der sich einbildet, eine Krone zu tragen, während er eine Sklavenkette schleppt.

Erich Mühsam – Kindliche Fragen zu Gewalt & Freiheit

Kindliche Fragen

Scharen von Männern, denen die Felle verwegen um die Schultern lagen, schritten vorbei, immer mehr, in endlosem Zuge, und die Keulen hingen ihnen schwer in den Händen.

»Wohin gehen die Männer?« fragte das Kind, aufgestützt auf die Knie der Urahne, die mit zitternden Fingern mürbes Laubwerk ins Feuer des Erdherdes streute.

Der Vater schnitt mit einem scharfen Stein ein Stück Baumrinde zur Sandale und maß die Breite an seiner Fußsohle ab. Er antwortete: »In den Krieg.«

Das Kind schaute zum Vater hinüber. »Was machen sie da?«

Der Vater lachte. »Sie schlagen die Feinde mit ihren Keulen tot.«

»Was haben ihnen die Feinde getan?«

»Sie wollen sie totschlagen.«

»Die bösen Feinde! Warum wollen sie unsre Männer totschlagen?«

»Weil die ihnen ihr Land wegnehmen wollen.«

»Warum wollen unsre Männer den Feinden das Land wegnehmen? Haben sie denn selber keins?«

»Doch. Aber je mehr Land einer hat, desto reicher ist er.«

»Ist es gut, reich zu sein?« fragte das Kind weiter.

»Das will ich meinen.«

»Bist du reich, Vater?«

»Nein, mein Kind, ich bin arm; aber für unser kleines Haus reicht es.«

»Wenn es doch für uns reicht, warum ist es dann gut, reich zu sein?«

»Wären wir reich, dann könnte ich Leibeigene für mich arbeiten lassen.«

»Was ist das – Leibeigene?«

»Das sind Menschen, die alles tun müssen, was ihr Herr ihnen aufträgt.«

»Warum gehst du nicht mit in den Krieg und schlägst die Feinde tot? Dann nimmst du ihnen ihr Land weg und bist reich und schenkst mir Leibeigene, daß ich nicht zu arbeiten brauche, wenn ich groß bin.«

»Du sollst aber arbeiten, wenn du groß bist. Faulheit ist ein Laster.«

»Aber dann brauche ich doch keine Leibeigenen, wenn ich selbst arbeiten soll. Dann ist es doch nicht gut, reich zu sein.«

»Kleiner Narr! Der Reiche hat so viel Land, daß er es nicht allein bebauen kann. Deshalb braucht er Leibeigene.«

»Wenn er doch genügend Land hat für sich und seine Kinder, warum muß er denn noch so viel dazu haben, daß er es nicht mehr allein bebauen kann?«

»Der Racker fragt mich tot«, rief der Vater. »Gib du ihm Antwort, Ahnfrau.«

Die Alte strich dem Kinde durch die Locken. Halb zu sich selbst sprach sie: »Mancher Weise hat schon ebenso gefragt und keine Antwort bekommen.«

Das Kind schwieg eine Weile und dachte nach. Dann wandte es sich hartnäckig an die Alte: »Warum schlägt Vater nicht auch die Feinde tot und nimmt ihnen ihr Land weg?«

»Er bekäme ja das Land gar nicht.«

»Wer kriegt es denn?«

»Der Herzog, der die Männer in den Krieg schickt.«

»Wer ist das – der Herzog?«

»Das ist der Anführer der Männer«, erwiderte jetzt wieder der Vater; »ihr Herr, dem sie dienen.«

»Also sind alle die Kriegsmänner Leibeigene des Herzogs?«

»O nein, es sind freie Männer; aber sie lieben ihren Herzog.«

»Und deshalb schlagen sie die Feinde tot, bloß damit der Herzog mehr Land bekommt?«

»Gewiß. Und sie lassen sich auch töten für ihren Herrn.«

»Welcher Mann wird denn immer der Herzog?«

»Der reichste natürlich.«

»Dann lieben die Männer den, der am reichsten ist, immer am meisten?«

»Nein. Sie lieben nicht den Reichsten, sondern den Herzog.«

»Aber du hast eben gesagt, der Herzog ist es deshalb, weil er der Reichste ist. Und weil sie ihn lieben, nehmen sie den Feinden das Land weg und geben es ihm. Da wird er ja immer noch reicher?«

Der Vater bastelte schweigend an seiner Sandale. Die Urgroßmutter nickte, die Lippen bewegend, vor sich hin. Das Kind hing weiter seinen Gedanken nach.

Nach einer Pause fragte es von neuem: »Wo nimmt denn der Herzog alle die Leibeigenen her, daß sie ihm das viele Land bebauen können?«

Der Vater wies auf die Männer, die immer noch schweren Schrittes vorbeizogen: »Sieh doch, wie viele Kriegsmänner es gibt!«

»Aber du sagtest doch, das sind keine Leibeigenen.«

»Gewiß nicht. Aber sie arbeiten für den Herzog. Sie zahlen ihm Abgaben, und dann dürfen sie sein Land bebauen.«

Das Kind steckte den Finger in den Mund und starrte die bewaffneten Männer so eindringlich an, daß mancher von ihnen lachen mußte. Dann wandte es sich zur Ahne und sagte ernsthaft: »Du, Ahnfrau, die Kriegsmänner sind aber dumm!«

Der Heereszug war vorübergegangen. In der Ferne war noch der Staub zu sehen, der den letzten nachwehte. Das Kind sah dem Vater bei der Arbeit zu. Plötzlich fragte es: »Vater, hat es schon immer Kriege gegeben?«

»Immer«, sagte der Vater.

»Und immer bloß, weil die Männer, die einen Herzog liebten, den Männern das Land wegnehmen wollten, die einen andern Herzog liebten?«

»Ich kann’s mir nicht anders denken.«

»Wird denn niemals eine Zeit kommen, wo immer Friede sein wird?«

Der Vater zog das Kind an sich. Lächelnd sprach er: »Wenn einmal die Wagen ohne Pferde fahren und die Menschen in der Luft herumfliegen, dann wird’s keine Kriege mehr geben.«

Die Alte wandte sich eifriger dem Herdfeuer zu. Sie schüttelte den Kopf und stocherte mit einem Scheit in der Glut. Ihre Lippen bewegten sich. »Dann erst recht!« flüsterte sie. »Dann erst recht!«

Das Kind gab noch nicht nach. »Sag doch, lieber Vater, es ist doch nicht gut, daß die Männer sich alleweil gegenseitig totschlagen. Wird das wirklich nie aufhören?«

»Vielleicht doch einmal«, erwiderte der Vater zweifelnd. »Vielleicht kommt einmal ein großer starker Herzog, der alle anderen Herzöge besiegt und sich zum Herrn über alles Land macht. Dann wird niemand mehr da sein, der Krieg gegen ihn beginnt, und wenn er mächtig und klug genug ist, werden die Menschen in Frieden leben.«

»Und wenn der große Herzog stirbt?« beharrte das Kind. »Und wenn dann der neue Herzog nicht mehr so mächtig und klug ist, wird es dann wieder Krieg geben?«

»Wahrscheinlich wohl. – Nun laß mich aber zufrieden, Kind. Willst du noch mehr wissen, dann frage die Urgroßmutter.«

Da fragte das Kind die Urgroßmutter, ob einmal ein Herzog kommen werde, der den Menschen den Frieden bringen könne.

»Nein«, sagte die Alte, »den Herzog wird es niemals geben.«

»Also wird immer Krieg sein?«

»Nein, mein Herz. Es wird einmal ein letzter Krieg sein. Den werden die Menschen aber keinen Krieg mehr nennen. Der wird anders sein als alle Kriege. Da werden die Männer nicht mehr für die Herzöge um Land kämpfen, sondern für sich selbst um das Land, das den Herzögen gehört. Und die Keulen werden sie nicht mehr gegeneinander schwingen und einander nicht mehr Feinde nennen. Sie werden sehn, daß sie Brüder sind, die Männer des einen und die Männer des andern Landes. Wenn sie das erkannt haben, dann werden sie auch nicht mehr wünschen, reich zu werden und Leibeigene zu haben. Sie werden begreifen, daß es gut ist, zu arbeiten, wenn man für sich selbst arbeitet und nicht für einen Herzog. Und wenn erst alle für sich selber arbeiten, dann wird es auch keine Leibeigenen mehr geben.«

»Aber was werden die Herren dann tun, wenn keiner mehr für sie arbeitet?«

»Sie werden selbst arbeiten wie alle andern und werden also keine Herren mehr sein.«

»Ja, Ahnfrau, das muß schön sein, wenn alle gleich sind und alle zufrieden. Wenn ich groß bin, will ich allen Männern sagen, daß sie nicht mehr für die Herzöge arbeiten und sich auch nicht für sie gegenseitig totschlagen sollen.«

»Präge dir ein Wort ein, mein Liebling. Wenn du das Wort tief im Herzen trägst und es ganz erfaßt hast, dann sollst du es weitergeben an die andern Menschen. Vielleicht wird in vielen, vielen hundert Jahren dieses Wort einmal in allen Menschenherzen Wurzel fassen. Wenn es dahin kommt, dann wird die Welt keine Kriege mehr kennen, keiner wird einen andern töten, um für einen dritten Land zu erobern. Die Menschen werden arbeiten, jeder für sich und jeder für alle andern. Und alle werden glücklich sein.«

»Wie heißt das Wort, Ahnfrau? Ich will es lernen und mir fürs ganze Leben merken.«

»Höre zu, Kind. Fange das Wort auf und fülle dein ganzes Herz damit an, und dann gib es weiter an die Menschen. Das Wort heißt: Freiheit!«

Ludwig Quidde – Die Geschichte des Pazifismus

800px-Ludwig_und_Margarethe_Quidde
Ludwig Quidde mit Ehefrau Margarethe, 1888 in Venedig

Eine Geschichte des Pazifismus auf dem knappen hier zugemessenen Raum kann nur dürftige Daten und unvollständige Gesichtspunkte geben. Wenn diese Skizze aber ein wenig dazu beiträgt, die Aufgaben, die heute der Pazifismus zu lösen hat, und die Fragen, die uns innerhalb der eigenen Reihen beschäftigen, in den richtigen geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, und wenn sie vor allem im Leser das Interesse weckt, sich mit den lehrreichen Tatsachen der Vergangenheit näher zu beschäftigen, so hat sie ihren Zweck erfüllt.

Die Geschichte der Ideen, die die Friedensbewegung beherrschen, ist so alt, wie die Geschichte menschlicher Gesittung; denn es gibt keine menschliche Gesittung ohne diese Ideen.

Von den Uranfängen überlieferter menschlicher Geschichte an regt sich selbst bei den kampffrohesten und krieggewöhntesten Völkern der Wunsch, einen Zustand friedlicher Gemeinschaft an die Stelle blutiger Gewalt und an die Stelle des männermordenden Krieges zu setzen. Die Sehnsucht nach einer solchen Welt des Friedens lebt in den großen Religionen des Ostens, wie in den Gedanken griechischer und römischer Philosophen. Den Propheten Jeremias so gut wie den Religionsstifter Buddha oder den Philosophen Plato (um nur drei der ganz Großen zu nennen) kann der Pazifismus zu seinen geistigen Ahnherren zählen.Weiterlesen

Das Kostüm ∂ Egon Friedell ∂ Gedankenfragmente

Das Kostüm

Egon Friedell (1878–1938) - österreichischer Schriftsteller, Kulturphilosoph, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Theaterkritiker
Egon Friedell (1878–1938) – österreichischer Schriftsteller, Kulturphilosoph, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Theaterkritiker

In der Damenkleidung machte sich das Penchant für das »Altdeutsche« darin geltend, daß Ende der siebziger Jahre die Rembrandthüte auftauchten, Anfang der achtziger Jahre die Puffärmel und die Gretchentaschen; männliche Personen trugen gern zuhause und, wenn sie sich als Künstler fühlten, auch auf der Straße ein Samtbarett. Nach dem Zusammenbruch des Empire verschwindet die Krinoline, um einem noch groteskeren Kleidungsstück Platz zu machen: dem cul de Paris, der, in den achtziger Jahren enorm, bis 1890 herrscht, obschon mit Intervallen, in denen das später allgemein akzeptierte philiströse Prinzeßkleid erscheint; der Rock ist während des ganzen Zeitraums sehr eng, oft so anschließend, daß er im Gehen hindert; denselben Effekt haben die extrem hohen Stiefelabsätze. Seit 1885 beginnen sich die Puffärmel zu den abscheulichen Schinken- oder Keulenärmeln zu erweitern; auch der Kapotthut fällt bereits in diesen Zeitraum. Die Haare werden an der Stirnwurzel abgeteilt und als »Ponylocken« in Fransen nach vorn gekämmt. Vortäuschung eines abnorm entwickelten Gesäßes und zu hoher Schultern, chinesischer Watschelgang, Großmutterhaube, Schafsfrisur: man muß sagen, daß die damalige Mode alles getan hat um das Exterieur der Frau zu verhäßlichen. Zugleich setzte eine Prüderie ein, wie sie vielleicht von keiner bisherigen Zeit erreicht worden ist: weder von der Brust noch von den Armen durfte das geringste Stück zu sehen sein; die Waden, ja auch nur die Knöchel zu zeigen, war der »anständigen Frau« aufs strengste untersagt; auch im Seebad stieg sie von Kopf bis Fuß bekleidet ins Wasser; mit einem Herrn allein im Zimmer zu bleiben oder ohne Gardedame die Straße zu betreten, war ihr unter keinen Umständen gestattet; Worte wie »Geschlecht« oder »Hose« durften sich in ihrem Vokabular nicht vorfinden.

Mode in Deutschland um 1815
Mode in Deutschland um 1815

Weiterlesen

Der Verleger Korfiz Holm über Lovis Korinth

Das Geheimnis des Erfolges

Lovis Corinth, der sich zwar damals noch nicht Lovis nannte, sondern nur von Freunden so gerufen wurde, weil er seinen Vornamen Louis gern in altrömischen Versalien (LOVIS) schrieb, erzählte mir einmal – es war in einem von den ersten Jahren unseres Jahrhunderts – eine Geschichte, so aufhellend für das Wesen des Erfolges, wie der Umstand, daß er dies wohl jedermann zum besten gab, bezeichnend für ihn selber war: für seine unverdorbne Klugheit, die das eigne Werk, auch wenn es ihm Erfolg errungen hatte, sachlich ansah, und für seine jedem geschwollenen Getu entschieden abgeneigte Ehrlichkeit.Weiterlesen

Thomas Wolfe ¶ Die Geschichte eines Romans

Faulkner-SchreibmaschineDie Geschichte eines Romans

Ein Verlagsleiter, ein Mann, der auch ein guter Freund von mir ist, sagte mir vor etwa einem Jahr, es täte ihm leid, dass er nicht Tagebuch geführt hätte über jene Arbeit, die wir gemeinsam getan haben, das Zurechtschlagen, Abdämmen, Fliessenlassen, Auffangen und Zuendebringen, die zehntausend Anproben, Änderungen, Siege und Übergaben beim Fertigmachen eines Buches. Manches, bemerkte dieser Mann, wäre phantastisch, vieles unglaublich und das Ganze erstaunlich gewesen, und obendrein hatte er die Liebenswürdigkeit, zu sagen, diese Arbeit stelle die interessanteste Erfahrung dar, die er in den fünfundzwanzig Jahren seiner literarisch-verlegerischen Herausgebertätigkeit gemacht hätte.

Von dieser Erfahrung möchte ich hier sprechen.

Ich kann keinem Menschen sagen, wie man Bücher schreibt; ich kann auch nicht versuchen, Regeln aufzustellen, nach denen jemand instand gesetzt sein würde, seine Bücher bei Verlagen, seine Geschichten bei gutzahlenden Zeitschriften unterzubringen. Ich bin kein Erwerbsschriftsteller, ich bin nicht einmal gelernter Schriftsteller, ich bin einfach ein Schriftsteller, der im Begriff steht, sein Handwerk zu lernen, der gerade dabei ist, auf den Gebieten der Linienführung und Baufügung und der sprachlichen Verdeutlichung jene Entdeckungen zu machen, die er notwendig machen muss, um die Arbeit leisten zu können, die er leisten will. Gerade aus diesem Grund, eben weil ich patze, weil noch meine gesamte Lebenskraft und meine ganze Begabung in diesen Entdeckungsvorgang einbezogen sind, aus diesem Grund spreche ich, wie ich hier spreche. Ich möchte erzählen, wie und auf welche Art und Weise ich ein Buch schrieb. Das wird äusserst persönlich werden. Die Arbeit an dem Buch nämlich hat mich mehrere Jahre lang aufs äusserste und heftigste in Anspruch genommen, ist für mich des Daseins eigenster und innigster Anteil gewesen. Es ist nichts sehr Literarisches an der Sache. Es ist vielmehr eine Geschichte von Schweiss und Qual und Verzweiflung und teilweisem Gelingen. Ich weiss noch gar nicht, wie man eine Geschichte schreibt, ich weiss noch gar nicht, wie man einen Roman schreibt. Aber ich habe etwas über mich selbst und über schriftstellerisches Arbeiten ausfindig gemacht, und wenn ich’s vermag, möchte ich sagen, was es ist.Weiterlesen

William Butler Yeats über Lyrik & Rhythmus

Essay

EINS

William_Butler_Yeats-1933
William Butler Yeats – 1933

Ich bin mir immer bewußt gewesen, daß es am Gesang etwas gab, was mir mißfiel, und ich hasse Druck und Papier von Natur aus; jetzt aber weiß ich endlich warum, denn ich habe etwas Besseres gefunden. Ich habe soeben ein Gedicht rezitieren hören, mit einem so feinen Gefühl für seinen Rhythmus und einer so vollkommenen Würdigung seines Sinnes, daß ich, wäre ich weise und könnte ich einige Leute überreden, diese Kunst zu erlernen, niemals wieder ein Buch mit Versen öffnen würde. Eine Freundin, die mich vor einigen Minuten verlassen war dagesessen, ein herrliches Saiteninstrument auf ihren Knien, ihre Finger glitten über die Saiten, und dazu rezitierte sie mir Verse aus Shelleys »Skylark«, Sir Ectors Klage über den toten Lancelot aus »Morte d’Arthur«, und einige meiner eigenen Dichtungen. Wo immer der Rhythmus am feinsten war oder die Erregung am meisten ekstatisch, da war auch die Schönheit ihrer Kunst am größten, und dennoch, obgleich sie manchmal ihre Stimme zu einer schwachen Melodie erhob, war es niemals Gesang, wie wir heutzutage singen, nie war es mehr als ein einfaches Sprechen. Eine einzige gesungene Note, ein Wort, gesungen wie in den Kirchen gesungen wird, würde alles verdorben haben. Es war auch nicht Deklamation, denn sie sprach zu einer Art Noten, die so bestimmt waren wie Gesangsnoten, und dabei gebrauchte sie das Instrument, das mit schwachem und süßem Ton zu den gesprochenen Lauten murmelte und ihr so die wechselnden Noten angab. Andere würden möglicherweise alle diese Wirkungen auch hervorgebracht haben, nur jene nicht, die von ihrer eigenen wundervollen Stimme ausgingen, die sie berühmt gemacht hätte, wenn die einzige Kunst, durch die der Sprechstimme Gelegenheit zu ihren vollkommenen Wirkungen geboten wird, unter uns so wohlbekannt wäre, wie es einst in einer fernen Vergangenheit der Fall gewesen.Weiterlesen

Robert Musil – Der mathematische Mensch

002-Piero_Proiezioni-mathematisch-anatomische-perspektive-14Der mathematische Mensch [1913]

Eine der vielen Unsinnigkeiten, die aus Unkenntnis ihres Wesens über die Mathematik umlaufen, ist, daß man bedeutende Feldherrn Mathematiker des Schlachtfelds nennt. In Wahrheit darf deren logisches Kalkül nicht über die sichere Einfachheit der vier Spezies hinausreichen, wenn es nicht eine Katastrophe verschulden soll. Die plötzliche Notwendigkeit eines Schlußprozesses, der auch nur so mäßig umständlich und uneinsichtig wäre wie das Auflösen einer einfachen Differentialgleichung, würde inzwischen Tausende hilflos ihrem Tod überlassen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Das spricht nicht gegen das Feldherrningenium, wohl aber für die eigentümliche Natur der Mathematik. Man sagt, sie sei eine äußerste Ökonomie des Denkens, und das ist auch richtig. Aber das Denken selbst ist eine weitläufige und unsichere Sache. Es ist – mag es auch als einfache biologische Sparsamkeit begonnen haben – längst eine komplizierte Leidenschaft des Sparens geworden, der es auf Verschleppung des Nutzens so wenig ankommt wie dem Geizhals auf seine bis zum Widerspruch wollüstig hingezögerte Armut.Weiterlesen

Graf Gisbert von Wolff-Metternich – Berlin – Interessante Kriminalfälle vor Gericht

Graf Gisbert von Wolff-Metternich.Ein Bild aus der Berliner Lebewelt Skandalprozeß in Berlin

Graf Gisbert von Wolff-Metternich mit seiner ersten Ehefrau - Scheidung 1915
Graf Gisbert von Wolff-Metternich mit seiner ersten Ehefrau – Scheidung 1915

Es gereicht unserem fortgeschrittenen Zeitalter keineswegs zur Ehre, daß selbst das Publikum, das auf Bildung Anspruch macht und sich zu den sogenannten besseren Gesellschaftskreisen rechnet, Leute, die die Befugnis haben, ihrem Namen das Wörtchen »von« vorzusetzen oder sich gar Baron bzw. Freiherr oder Graf zu nennen, als etwas Höheres betrachten. Das Wort »Bürgerstolz« wird wohl vielfach im Munde geführt, es ist aber in Wahrheit nur selten vorhanden. Früher konnte von den Gerichten auch auf Verlust des Adelsprädikats erkannt werden, diese Strafe ist im Interesse des Ansehens der Bürger seit sehr langer Zeit aufgehoben. In den verschiedenen Revolutionen ist der vergebliche Versuch unternommen worden, den erblichen Adel abzuschaffen. Wenn das Wort »noblesse oblige« (Adel verpflichtet) Wahrheit wäre, dann würde gewiß niemand gegen das Fortbestehen des Adels etwas einzuwenden haben. Allein eine Reihe Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre haben bewiesen, daß der Adel vor dem Bürgertum in sittlicher Beziehung nicht das mindeste voraus hat. Ich bin entfernt, den gesamten Adelsstand, der zweifellos im allgemeinen ebenso achtbar ist wie der Bürgerstand, für Ausschreitungen einzelner verantwortlich zu machen. Die dem Adel eingeräumten Vorrechte widersprechen aber jedenfalls den modernen Anschauungen. Ein Zeichen kultureller Rückständigkeit ist es jedenfalls, daß die, wenn auch nur fälschliche Bezeichnung mit dem Wörtchen »von«, Baron, Freiherr oder Graf auf weite Volkskreise wie ein Zauber wirkt und das geeignetste Mittel ist, Eingang in die Kreise der besten Gesellschaftsklassen zu finden sowie die ärgsten Betrügereien zu begehen. Was mit einem wirklichen Grafentitel, ganz besonders wenn er von gutem Klang ist, selbst in der Hauptstadt des Deutschen Reiches fertiggebracht werden kann, ist nicht nur durch den Prozeß wider den Grafen Gisbert v. Wolff-Metternich bewiesen worden. Es gibt eine ganze Anzahl Aktiengesellschaften, die in den Aufsichtsrat vollständig mittellose Grafen und Freiherren wählen, lediglich um durch diese hochtönenden Namen größeres Vertrauen im Publikum zu gewinnen und ihre Aktien besser an den Mann zu bringen. Graf Gisbert v. Wolff-Metternich, ein noch sehr junger Mann, der keineswegs in seinem Äußeren den Grafen verrät, kam vor einigen Jahren vollständig mittellos nach Berlin. Er hatte weder einen Beruf noch irgendwie Neigung zu ehrlicher Arbeit. Sein Vater, der in Holland ein prächtiges tiges Schloß bewohnte und umfangreiche Rittergüter sein eigen nannte, hatte ihn gewissermaßen aus dem Hause gejagt, da er dem Vater nur Verdruß bereitete. Schon als fünfzehnjähriger Gymnasiast hatte Graf Gisbert starken Verkehr mit der weiblichen Halbwelt unterhalten und erhebliche Schulden gemacht. Da er, wohl infolge seines ausschweifenden Lebens, auf dem Gymnasium nicht vorwärtskam, nahm ihn der Vater von der Schule und hielt ihn auf seinen Gütern zur Erlernung der Landwirtschaft an. Aber auch hier machte der junge Graf erhebliche Schulden und führte ein schwelgerisches Leben. Der Vater schickte ihn schließlich nach Argentinien. Dort machte er es nicht besser. Da er, aus Argentinien zurückgekehrt, sein schwelgerisches Leben in den heimatlichen Gefilden fortsetzte, wies ihn der Vater aus dem Hause. Der alte Graf erklärte sich bereit, dem Sohn eine monatliche Unterstützung von 30 Mark zu gewähren, das übrige sollte er sich durch ehrliche Arbeit verdienen. Der junge Graf empfand aber zur Arbeit wenig Lust; um so größer war seine Neigung, sich in den Strudel der weltstädtischen Vergnügungen zu stürzen. Sehr bald war er Stammgast in den Lokalen, wo die feine Berliner Lebewelt verkehrt, wo man bei perlendem Sekt auf schwellendem Polster mit der in Seide rauschenden Halbwelt soupiert, während ein lustiger Walzer durch den Saal wirbelt und junge »Damen« in seidenem nem Trikot die neuesten Tänze vorführen. Die väterliche Unterstützung von monatlich dreißig Mark reichte selbstverständlich zu einem solchen Leben bei weitem nicht aus. Aber einem Grafen Metternich, dessen Vater ein ungemein begüterter Schloßherr in Holland ist, dessen Oheim Botschafter des Deutschen Reiches in London und ein zweiter Oheim lebenslängliches Mitglied des preußischen Herrenhauses ist, öffnen sich nicht nur die Pforten zu den besten Gesellschaftskreisen, er hat auch überall Kredit. Als jedoch die zahlreichen Gläubiger die Wahrnehmung machten, daß der Vater des lebenslustigen jungen Grafen keineswegs willens war, die Berliner Schulden seines Sohnes zu bezahlen, da versiegte sein Kredit. Er borgte darauf Kokotten an und soll sich schließlich aufs Falschspiel verlegt haben. Er machte die Bekanntschaft mit dem »König der Falschspieler«, dem internationalen Hochstapler Stallmann, einem ehemaligen Handlungsgehilfen, der unter dem hochtönenden Namen »Baron v. Korff-König« in Offizierskreisen Eingang gefunden hatte. Mit diesem soll Graf Metternich eine ganze Anzahl Offiziere durch Falschspiel um Unsummen betrogen haben. Als diesen Falschspielern in Berlin die Polizei auf den Fersen war, verlegten sie eiligst ihre Tätigkeit nach London und von dort nach Paris. Sie wurden steckbrieflich verfolgt. Graf Metternich tauchte schließlich in der Hauptstadt Österreichs auf, während es Stallmann gelang, nach Kalkutta zu entkommen. Graf Metternich verheiratete sich in Wien mit einer Schauspielerin und soll in der Tat in Wien auch fleißig gearbeitet haben. Er wurde jedoch sehr bald (Mitte Dezember 1910) infolge des Steckbriefes in Wien verhaftet und nach Berlin ausgeliefert. Bezüglich des Falschspiels reichte jedoch zunächst das Belastungsmaterial nicht aus, um eine Anklage zu begründen, zumal Stallmann spurlos verschwunden war. Da man sich aber nicht, wie im Falle des Fürsten Eulenburg, den Vorwurf machen lassen wollte, daß man die Kleinen hängt und die Großen laufen läßt, und es auch wohl Aufsehen gemacht hätte, wenn Graf Metternich wegen Mangels an Belastungsmaterial wieder entlassen worden wäre, so wurden auf Grund der Zivilprozeßakten die zahlreichen Gläubiger des Grafen als Zeugen geladen. Die österreichische Regierung erklärte sich einverstanden, daß der von ihr wegen Verdachts des Falschspiels ausgelieferte Graf Gisbert v. Wolff-Metternich auch wegen anderer Betrugsfälle bestraft werden könne. Es wurde deshalb Anklage wegen Betruges der zahlreichen Gläubiger des Grafen erhoben. Am 13. Juli 1911 hatte sich Graf Metternich vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts Berlin I zu verantworten. Er bestritt, die Gläubiger betrogen zu haben. Er war der Überzeugung, daß es ihm möglich sein werde, die Schulden sämtlich zu bezahlen, da er zu der Annahme berechtigt war: er werde sehr bald der Schwiegersohn des großen Warenhausbesitzers Wolff Wertheim werden. Frau Wertheim versicherte jedoch als Zeugin: der Angeklagte habe wohl in ihrer Familie verkehrt und sollte auch als »Reisemarschall« nach Italien mitkommen. Er konnte aber nicht annehmen, daß ihm ihre Tochter die Hand zum Ehebunde reichen werde. Ihre Tochter hatte zum Oberleutnant v. Fetter bedeutend größere Zuneigung und habe oftmals gesagt: »Fetter ja, Metter nich.«Weiterlesen

Ein entmenschtes Weib: Die Engelmacherin Wiese – Interessante Kriminalfälle vor Gericht

Elisabeth Wiese - Engelmacherin
Elisabeth Wiese – Engelmacherin

»Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben«. Als Schiller diese Worte niederschrieb, hat er jedenfalls nicht geahnt, daß eine Person in Gestalt eines Weibes sich dereinst vor einem Schwurgerichtshof im Herzen Deutschlands wegen der grausigsten Verbrechen wird verantworten müssen. Das Fehlen von Findelhaüsern in Deutschland hat schon so manchem kleinen Wesen das Leben gekostet. Die folgende Gerichtsverhandlung ergab, daß die »Engelmacherei«, wenn sie gewerbsmäßig betrieben wird, sogar sehr gewinnbringend ist. Vor einigen Jahren erschienen in Hamburger Zeitungen Anzeigen, in denen Dienstmädchen, Kinderfräuleins usw. ihre unehelich geborenen Kinder gegen Zahlung von Kostgeld zur Pflege anboten. Auf solche Anzeigen meldete sich vielfach eine Frau Wiese. Sie erbot sich, die Kinder gegen Zahlung von Kostgeld in Pflege zu nehmen. Sobald sie aber vermutete, die Mädchen befinden sich im Besitz von größeren Geldbeträgen, machte sie ihnen den Vorschlag, ihr eine einmalige größere Abfindungssumme zu zahlen. Sie werde nach London, Manchester, Wien, Berlin oder anderen Orten fahren, da sie in Erfahrung gebracht habe, daß dort eine Grafen- oder Fürstenfamilie ein Kind zu adoptieren wünsche. In mehreren Fällen erklärten sich die Mädchen, wenn auch mit schwerem Herzen, bereit, sich von ihren Lieblingen für immer zu trennen, zumal sie ja dann von der Bezahlung des Kostgeldes befreit waren. Nach einiger Zeit gewann jedoch die Mutterliebe wieder die Oberhand. Sie verlangten von der Wiese den Aufenthalt ihrer Kinder zu erfahren. Die Wiese gab den Mädchen die Versicherung, die Kinder werden in Seide gebettet. Sie befinden sich in einem gräflichen oder fürstlichen Schloß, es fehle ihnen nichts weiter als das Himmelreich, eine weitere Auskunft könne sie ihnen nicht geben. Die Mädchen gaben sich aber damit nicht zufrieden, um so weniger, als sie die Wiese im Verdacht hatten, es sei ihr nur um Erlangung der Abfindungssumme zu tun gewesen, und der ihr übergebenen Kinder habe sie sich in verbrecherischer Weise entledigt. Die Mädchen machten schließlich der Polizei Anzeige. Letztere schritt sofort ein, zumal der Wiese, aus Anlaß ihrer vielen Vorstrafen, von der Polizei untersagt war, Kostkinder in Pflege zu nehmen. Benachbarte Hausbewohner hegten schon längst Verdacht, daß Frau Wiese die »Engelmacherei«, d.h. den Kindermord gewerbsmäßig betreibe, ja, verschiedene Vorkommnisse führten zu der Vermutung, daß Frau Wiese die kleinen Wesen verbrenne. Sie soll bisweilen so stark geheizt haben, daß die Herdplatten zersprangen. Außerdem soll ein fürchterlicher Geruch wahrgenommen worden sein. Es wurde auch behauptet, Frau Wiese sei beobachtet worden, als sie am Spätabend mit einem schweren Paket noch einen Spaziergang nach den Ufern der Elbe gemacht habe und ohne Paket zurückgekehrt war. Ferner wurde ermittelt, daß bei Frau Wiese einmal eine schwindsüchtige Tänzerin gewohnt habe. Diese hatte sich auf Grund eines ärztlichen Rezepts von Frau Wiese Morphium besorgen lassen. Die Tänzerin ist nach einiger Zeit von Hamburg nach Berlin übergesiedelt und dort gestorben. Das Rezept soll aber im Besitz der Wiese geblieben sein, und darauf soll sie sich Morphium beschafft haben. Endlich meldeten sich Zeugen, die beobachtet haben wollten, daß Frau Wiese das uneheliche Kind ihrer Tochter sofort nach der Geburt getötet habe. Aus diesem Anlaß schritt schließlich die Polizei zur Verhaftung der Wiese.Weiterlesen

Über Israel – Leopold Sacher-Masoch: Jüdisches Leben in Wort und Bild

Kaete Ephraim Marcus (1892 - 1970) -   Der Markt in Tiberias
Kaete Ephraim Marcus (1892 – 1970) – Der Markt in Tiberias

Goethe sagt: Das auserwählte unter den Völkern ist nicht das beste, sondern das andauerndste.
In diesem wunderbaren Ausspruch ist die ganze Geschichte des israelitischen Volkes enthalten, alle seine Schicksale, gute und böse, spiegeln sich in demselben. Ja, es war unter allen Völkern, die den Erdball bewohnen, das ausdauerndste und deshalb hat es viel grössere und wichtige, als es selbst war, überlebt und sah den Ruhm, die lärmenden Thaten, den Glanz der Jahrhunderte vorüberziehen, gleich Schemen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen und das Reich der Pharaonen und Rom, der Sturm der Völker brauste an ihm vorüber, Gothen, Vandalen und Hunnen, das römische Kaiserreich Karl’s des Grossen fiel in Trümmer, das geistliche Weltreich der Päpste, die Monarchie Karl’s V., in der die Sonne nicht unterging, Holland, Schweden, Polen, traten vom Schauplatz ab, Spanien erntete die traurigen Folgen seiner Verfolgungswuth, der Thron der Bourbonen wurde umgestürzt, und der neue Cäsar fand in den Eiswüsten Russlands sein Ende, doch Israel bestand noch immer. Es trotzte dem Mord, der Pest, dem Scheiterhaufen und ging durch den Wechsel der Zeiten, ergeben und geduldig, die heiligen Gesetzrollen im Arm.Weiterlesen

Hausse und Baisse – Joseph Roth

Walter Ruttmann - Cellist - 1913
Walter Ruttmann – Cellist – 1913

In einem Wiener Staatsgymnasium taten sich die Schüler einer Klasse zusammen und bildeten ein Konsortium. Ein Handelskonsortium. Sie spielten auf der Börse, gewannen, verloren. Sie sprachen von Aktien, gingen des Vormittags nicht in die Schule, sondern auf den Schottenring. Fünfzehnjährige Börsianer.
In einem Wiener Bureau machte der Chef eines Tages die Entdeckung, daß seine Tippmamsells vorzügliche Kenntnis und Gewandtheit in fachlichen Börseredewendungen hatten. Er forschte nach und es erwies sich, daß die Tippmamsells Effekten besaßen. Börsen-Effekten.
Zwischen elf und ein Uhr mittags ist das Vestibül der Börse voll von Mittelschülern aller Kategorien und Altersstufen. Sie haben die Beschäftigung mit antiken Versfüßen aufgegeben, Homer wird in Zinsfüßen skandiert. Die ganze höhere Mathematik schrumpft zusammen auf das Kapitel von Zinsen- und Prozentrechnung. Die Lehre von der Wärme wird am Sinken und Steigen der Kurse studiert. Es gibt keine Umsetzung der Energie mehr, sondern einen Umsatz der Papiere. Die Notenskala ist um neue Bezeichnungen bereichert. Kein Sehr gut, sondern »lebhaft«, kein Ungenügend, sondern »flau«. Der Papa ist ein Fixbesoldeter, ein Staatsbeamter, gewendet und zergrämt. Der Sohn Börsianer, Kapitalist, Grundspekulant.

So ist die Welt.Weiterlesen

Georg Weerth – Proklamation an die Frauen

……So fahrt denn heraus mit eurer flammenden Leidenschaft und ergreift eure zahmen Männer bei ihren liederlichen Zöpfen und hängt sie als Vogelscheuchen, wohin ihr wollt- nur fort mit ihnen!…..

BAL7029 Woman on a Rocking Horse by Rops, Felicien (1833-98) British Museum, London, UK Belgian, out of copyright
Woman on a Rocking Horse by Rops, Felicien (1833-98) – British Museum, London, UK


Seit dem 1. Juni 1848, wo die »Neue Rheinische Zeitung« wie ein fremder Wunderstern drohend und prächtig über Ländern und Meeren heraufstieg und wo das Feuilleton wie ein humoristischer Kometenschweif hinterdrein flackerte, hat dieser Kometenschweif so unbeschreiblich viel geleistet, daß meine freundlichen Leserinnen weinend ihre holden Gesichter verhüllen werden, wenn sie die schreckliche Kunde vernehmen, daß auch dieser Kometenschweif in der augenblicklichen Götterdämmerung der »Neuen Rheinischen Zeitung« dem Auge profaner Sterblicher entrückt wird, um vielleicht erst später wieder den Himmel mit seinem lustigen Zickzack zu durchschießen.

»Und scheint die Sonne noch so schön,
Am Ende muß sie untergehn.«

Ich habe mich von jeher an die Frauen gehalten; für Männer interessiere ich mich selten.Weiterlesen

Interessante Kriminalfälle vor Gericht – Der Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner

Der Hochverratsprozeß gegen Karl Liebknecht, August Bebel und Adolf Hepner vom 11. bis 26. März 1872 vor dem Leipziger Bezirks-Schwurgericht – von Hugo Friedländer

Hugo-FriedländerIn meiner langen Berufstätigkeit habe ich keinem zweiten Prozeß als Berichterstatter beigewohnt, der auch nur entfernt an die politisch-historische Bedeutung herangereicht hat, wie dieser Hochverratsprozeß, der am 11. März 1872, also vor nunmehr … Jahren, vor dem Leipziger Bezirks-Schwurgericht begann.Weiterlesen

Interessante Kriminalfälle vor Gericht – Das spiritistische Medium Anna Rothe

Das spiritistische Medium Anna Rothe – Aufgezeichnet von Hugo Friedländer

Aenne Biermann - surreales Selfie - um 1902
Aenne Biermann – surreales Selfie – um 1902

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem die Naturwissenschaften ungeheure Fortschritte gemacht haben. Wenn man das Volksleben aber näher betrachtet, dann kommt man zu der Erkenntnis, daß wir noch immer stark im Mittelalter stecken. Der Aberglaube ist noch in einem Maße in weiten Volkskreisen verbreitet, wie man es nicht für möglich halten sollte. In der deutschen Reichshauptstadt, in der »Metropole der Intelligenz« herrscht selbst in gebildeten Kreisen ein Aberglaube, der lebhaft an das Mittelalter. erinnert. In fast allen größeren Gerichtsverhandlungen spielen »kluge Frauen«, die aus dem Eiweiß, dem Kaffeegrund, aus Spielkarten, Bilderkarten, Spiritusflammen und aus den Handlinien die Zukunft enthüllen, eine Rolle. Es gibt in Berlin eine Anzahl Kartenlegerinnen, die eine so große Kundschaft, selbst aus den besten Gesellschaftskreisen, haben, daß, wenn man überhaupt empfangen werden will, man sich am Tage vorher telephonisch oder schriftlich anmelden muß. In den elegantesten Equipagen und Automobilen kommen die feinsten Damen, zum Teil auch Herren bei diesen »Sybillen« vorgefahren, um sich gegen Bezahlung die Zukunft enthüllen zu lassen. Und nicht minder ist der Spiritismus verbreitet. Vor etwa 20 Jahren machte sich im Dorfe Resau bei Werder, Kreis Potsdam, ein siebzehnjähriger Bauernbursche den Scherz, in der Abenddämmerung mit Kartoffeln, Bratpfannen, Tellern, Gläsern usw. zu werfen. Da der junge Mann diesen Scherz allabendlich wiederholte und die Wurfgeschosse in einer Weise geflogen kamen, daß eine Erklärung der Ursache nicht zu erkennen war, bemächtigte sich der Dorfbewohner ein furchtbarer Schrecken. Es stand bei ihnen fest, daß es Spukgeister waren, die allabendlich ihr Wesen trieben. Am dritten Abend wurde die allgemeine Angst so groß, daß man beschloß, den Herrn Pfarrer zu ersuchen, sich in das Spukhaus zu bemühen. Der Pfarrer erschien mit einem Gebetbuch. Der erwähnte Bauernbursche, Karl Wolter war sein Name, ließ sich aber durch die Anwesenheit des Pfarrers nicht beirren. Er gefiel sich anscheinend in der Rolle, die Dorfbewohner und noch mehr die Dorfbewohnerinnen durch seine Fertigkeit im Bratpfannen- und Kartoffelwerfen in Angst zu versetzen. Als der Pfarrer im Spukhause erschien, da schliefen anscheinend die Spukgeister noch. Sehr bald begannen sie aber zu arbeiten. Teller, Gläser, Kartoffeln kamen geflogen; es blieb rätselhaft, woher alle diese Gegenstände kamen. Da plötzlich sauste eine Bratpfanne durch die Lüfte und traf den Herrn Pfarrer in ziemlich heftiger Weise in den Rücken. Der Pfarrer wurde selbst ein wenig ängstlich: »Liebe Gemeinde, sagte der Geistliche, solchen Mächten gegenüber bleibt uns nichts weiter übrig als zu beten.«Weiterlesen

Hier wird deutsch gespuckt – Karl Kraus – Ein Essay

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos. … Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.
Goethe

Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Persönlichkeit & »Character«

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882Ich hab‘ einst gelesen, daß alle, die Lord Chatham sprechen hörten, stets das Gefühl hatten, es müsse in dem Manne etwas Feineres, Höheres sein als alles, was er aussprach. Man hat wider unseren glänzenden englischen Historiker der französischen Revolution die Klage vorgebracht, daß alle Thaten, die er von Mirabeau zu berichten weiß, die Meinung, die er von seinem Genie hat, nicht rechtfertigen. Die Gracchen, Agis, Kleomenes und andere der plutarchischen Helden können mit dem Bericht dessen, was sie gethan, ihrem eigenen Ruhm nicht die Wage halten. Sir Philip Sidney, der Graf von Essex, Sir Walter Raleigh sind lauter Männer von großer Bedeutung und wenig Thaten. Wir können kaum den kleinsten Teil vom persönlichen Gewichte Washingtons in der Geschichte seiner Leistungen finden. Die Autorität, die der Name Schillers besitzt, ist zu groß für seine Schriften. Dieses Mißverhältnis zwischen dem Ruf und den Werken oder Anekdoten läßt sich nicht mit Phrasen beseitigen wie etwa: der Wiederhall dauere stets länger als der Donner; sondern es stak etwas in diesen Männern, das eine Erwartung erzeugte, die über jede mögliche Leistung hinausging. Der größte Teil ihrer Kraft war latent. Dies ist es, was wir »Persönlichkeit« nennen, – eine aufgespeicherte Kraft, die unmittelbar und durch ihre bloße Gegenwart wirkt. Dieselbe muß als eine nicht demonstrierbare Kraft aufgefaßt werden, gleich einem spiritus familiaris oder Dämon, durch dessen Impulse der Mann geleitet wird, dessen Ratschläge er jedoch nicht mitteilen kann; der ihm Gesellschaft leistet, sodaß solche Leute meist die Einsamkeit lieben, oder wenn sie zufällig geselliger Natur sein sollten, so brauchen sie doch die Gesellschaft nicht, sondern können sich recht gut allein unterhalten. Das reinste litterarische Talent erscheint manchmal größer und manchmal geringer, aber die Persönlichkeit, der Charakter, besitzt eine sternenhafte, unveränderliche Größe. Was andere durch Talent oder Überredung erzielen, das bewirkt sie durch eine Art Magnetisierung. »Die Hälfte seiner Kraft setzte er gar nicht in Thätigkeit.« Er erficht seine Siege durch die bloße Demonstration seiner Superiorität, nicht durch das Kreuzen der Bayonette. Er gewinnt, weil durch seine Ankunft die ganze Sachlage überhaupt eine andere wird. »O Jole woher wußtest du, daß Herakles ein Gott war?« »Weil,« antwortete Jole, »ich in dem Augenblick zufrieden war, in dem meine Augen auf ihn fielen. Als ich Theseus erblickte, da wünschte ich ihn zum Kampfe vortreten oder wenigstens seine Rosse beim Wagenrennen lenken zu sehen; aber Herakles wartete nicht auf den Kampf; er siegte, ob er stand oder ging oder saß, oder was er sonst thun mochte.« Der Mensch, der gewöhnlich den Ereignissen nachhinkt, der mit der Welt, in der er lebt, nur halb, und das ungeschickt genug, verknüpft ist, scheint in solchen Exemplaren seiner Gattung das Leben der Natur zu teilen und ein Ausdruck der Gesetze zu sein, die Ebbe und Flut, die Sonne, die Zahlen und Größen regieren.
Bei unseren politischen Wahlen, bei welchen dieses Element, wenn überhaupt, nur in seiner rohesten Form auftreten kann, wissen wir dennoch seinen unvergleichlichen Wert gar wohl zu schätzen. Die Leute wissen, daß ihr Vertreter viel mehr als bloßes Talent haben muß, nämlich die Kraft, sein Talent vertrauenswürdig zu machen. Sie erreichen ihre Zwecke nicht damit, daß sie einen gelehrten, scharfen und gewandten Redner in den Kongreß entsenden, wenn er nicht zugleich ein Mensch ist, der, bevor er vom Volke erwählt ward, es zu vertreten, vom allmächtigen Gott erwählt wurde, eine Sache zu vertreten – eine Sache, von der er innerlich aufs unerschütterlichste überzeugt ist – sodaß die dreistesten und die gewaltthätigsten Leute einsehen müssen, daß sie hier einem Widerstande begegnen, an dem Unverschämtheit und Einschüchterung gleich verschwendet sind, nämlich der Überzeugung, dem Glauben an die Sache. Die Leute, die ihren Standpunkt zu behaupten wissen, brauchen ihre Wähler nicht erst zu fragen, was sie sprechen sollen, sondern sind selbst das Land, das sie vertreten; nirgends spielen sich seine Erregungen und Meinungen so augenblicklich und wahrhaft ab, wie in ihnen; nirgends treten sie so frei von jedem selbstsüchtigen Nebeninteresse auf! Die Wählerschaft lauscht daheim auf ihre Worte, beobachtet die Farbe ihrer Wangen und richtet, wie nach einem Spiegel, ihre eigene danach. Unsere öffentlichen Versammlungen sind recht gute Probeplätze männlicher Kraft. Unsere freimütigen Landsleute im Westen und Süden haben einen Spürsinn für Persönlichkeiten und lieben es zu wissen, ob der Neu-Engländer ein substantieller Mensch ist, oder ob man die Hand durch ihn hindurchstecken kann.

Dieselbe bewegende Kraft zeigt sich im Handel. Es giebt kaufmännische Genies, so gut wie kriegerische, staatsmännische oder wissenschaftliche; und der Grund, warum der eine Glück hat und der andere nicht, läßt sich nicht sagen. Es liegt im Menschen; das ist alles, was man davon sagen kann. Seht ihn an und ihr werdet seinen Erfolg begreiflich finden, wie ihr das Glück Napoleons begreifen würdet, wenn ihr ihn sähet. Auf dem neuen Gebiet bleibt es das alte Spiel, die Gewohnheit, den Dingen ins Angesicht zu schauen, und nicht aus zweiter Hand, nicht nach den Vorstellungen anderer mit ihnen zu verfahren. Von der Natur selbst scheint der Handel autorisiert, sobald wir den natürlichen Kaufmann erblicken, der kaum mehr wie ein privater Geschäftsmann, sondern als ihr Agent und Handelsminister erscheint. Seine natürliche Rechtschaffenheit, verbunden mit seiner Einsicht in den Bau der Gesellschaft, erhebt ihn über alle Kniffe, und wer mit ihm zu thun hat, dem teilt er seine Überzeugung mit, daß Verträge sich nicht zu beliebigem Vorteil auslegen lassen. Sein Geist hat die natürliche Billigkeit und den allgemeinen Nutzen zur beständigen Richtschnur; er flößt zugleich Respekt und den Wunsch, mit ihm in Verbindung zu treten, ein, und dies sowohl durch die stille Atmosphäre von Ehrenhaftigkeit, die ihn umgiebt, als auch wegen des geistigen Vergnügens, das das Schauspiel solcher vielverwendbarer Fähigkeiten gewährt. Dieser ins Ungeheuere ausgedehnte Handel, der die Vorgebirge der Südsee zu seinen Werften und den Atlantischen Ocean zum Hafen seines Hauses macht, hat sein Centrum in diesem einen Hirn, und kein Mensch in der Welt kann seinen Platz ausfüllen. Schon in seinem Sprechzimmer erkenn‘ ich, daß er heute morgen schon hart gearbeitet hat, an den Falten seiner Stirn und an seiner bestimmten Art, die all sein Wunsch, höflich zu sein, nicht abschütteln kann. Ich sehe klar, wie viel feste, sichere Akte heute schon vollzogen worden sind, wie viel tapfere »Nein« an diesem Tage ausgesprochen worden, wo andere ein verderbliches »Ja« gesprochen hätten. Ich sehe neben dem Stolz der Kunst, der Gewandtheit meisterlicher Arithmetik und der ausgedehntesten Kombinationsgabe, sein Bewußtsein, ein Diener und Spielgefährte der ursprünglichsten Weltgesetze zu sein. Auch er ist überzeugt, daß niemand ihn ersetzen kann, und daß ein Mann für den kaufmännischen Beruf geboren sein muß, oder ihn nie erlernen kann.

Diese Kraft zieht den Geist mächtiger an, wenn sie sich in Handlungen, die nicht so gemischte Ziele verfolgen, offenbart. Mit höchster Energie tritt ihre Wirkung in den kleinsten Cirkeln und in privaten Beziehungen zu Tage. In allen Fällen bildet sie ein außerordentliches und unberechenbares Agens. Die größte physische Kraft wird durch sie paralysiert. Höhere Naturen überwältigen niedrigere, indem sie sie in einen gewissen Schlaf versetzen. Die Fähigkeiten werden gleichsam abgesperrt und leisten keinen Widerstand mehr. Vielleicht ist das das allgemeine Gesetz der Welt. Wenn das Hohe das Niedrige nicht zu sich emporheben kann, dann betäubt es das Objekt, wie der Mensch den Widerstand der niedereren Tiere niederzaubert. Die Menschen üben auch aufeinander dieselbe geheime Macht aus. Wie oft hat der Einfluß eines wahren Meisters alle Geschichten, die man von Zauberei erzählt, wahr gemacht! Ein Strom der Herrschaft schien sich aus seinen Augen auf alle, die ihn schauten, zu ergießen, ein unwiderstehlicher Strom starken, ernsten Lichtes, gleich einem Ohio oder den Wassern der Donau, der die anderen mit seinen Gedanken durchtränkte und allen Ereignissen die Farbe seines Geistes verlieh. »Welche Mittel habt Ihr angewendet?« fragte man die Frau Concini’s, als man herausbringen wollte, wie sie Maria von Medici behandelt hatte, und die Antwort war: »Nur die Mittel, die jeder starke Geist über einen schwachen hat.« Kann nicht Cäsar in Ketten die Ketten abschütteln und sie Hippo oder Thraso, dem Schließer, aufzwingen? Ist eine eiserne Handschelle eine so unzerreißbare Fessel? Nehmt einmal an, ein Sklavenhändler an der Küste von Guinea nähme einen Trupp Neger an Bord, der Personen vom Schlage Toussaint L’Ouverture’s enthielte, oder stellen wir uns vor, er hätte unter diesen schwärzlichen Masken einen Trupp Washingtons in Ketten. Wird, wenn sie in Cuba eintreffen, die Ordnung und das Verhältnis der Schiffsgesellschaft noch dasselbe sein? Giebt es denn nichts als Stricke und Eisen? Giebt es keine Liebe, keine Ehrfurcht? Giebt es denn nie einen Funken von Rechtsgefühl in dem Haupt eines armen Sklavenschiffshauptmanns, und sollten diese wirklich nicht imstande sein, die Spannung von ein oder zwei Zoll eiserner Ringe zu brechen, zu lösen oder sonst wie zu überwältigen?

Persönlichkeit ist eine Naturkraft wie Licht und Wärme, und die ganze Natur arbeitet mit ihr. Der Grund weshalb wir die Gegenwart eines Menschen empfinden und die eines anderen nicht, ist so einfach wie die Schwerkraft. Wahrheit ist der Gipfel des Seins: Gerechtigkeit ist ihre Anwendung auf die Lebensverhältnisse. Alle individuellen Naturen stehen in einer Stufenleiter, geordnet nach der Reinheit, in der dieses Element sich in ihnen findet. Der Wille reiner Menschen strömt von ihnen auf Geringere herab, wie Wasser aus einem höheren Gefäß in ein tieferes hinabfließt. Dieser Naturkraft läßt sich so wenig Widerstand entgegensetzen wie irgend einer anderen. Wir können wohl einen Stein für einen Augenblick aufwärts in die Luft treiben; es bleibt dennoch wahr, daß alle Steine zuletzt zur Erde fallen, und wie viel Beispiele von unbestraftem Diebstahl, von Lügen, die Glauben gefunden, sich auch aufzählen lassen, der Gerechtigkeit muß der Sieg bleiben, und es ist das Vorrecht der Wahrheit, sich selbst Glauben zu verschaffen. Nun, Persönlichkeit ist dieses selbe moralische Gesetz, durch das Medium individueller Naturen gesehen. Jedes Individuum ist ein Gefäß. Zeit und Raum, Freiheit und Notwendigkeit, Wahrheit und Ideen sind nun nicht mehr im Freien. Die Welt wird ein Gehege, ein Pfandhaus. Das Universum steckt in dem Menschen, individuell gefärbt je nach der eigentümlichen Art seiner Seele. Mit den Qualitäten, die er besitzt, imprägniert er alles, was er erreichen kann; hat aber nicht das Bestreben, sich in die Weite zu verlieren, sondern seine Blicke kehren, wie lang die Kurve auch sein mag, die sie beschreiben, zuletzt immer wieder zu seinem eigenen Gut zurück. Er belebt alles, was er beleben kann, und sieht auch nur das, was er belebt. Er schließt die Welt ein, wie der Patriot sein Vaterland, als die materielle Basis seines Charakters, als den Schauplatz seines Thuns. Eine gesunde Seele verbindet sich mit dem Gerechten und Wahren, wie der Magnet sich nach dem Pole richtet, sodaß er für alle Beschauer gleich einem transparenten Gegenstand zwischen ihnen und der Sonne steht, und wer immer sich auf die Sonne zu bewegt, sich auch ihm zu bewegen muß. So wird er das Medium des höchsten Einflusses für alle, die nicht auf derselben Höhe stehen. Und so sind Menschen von Charakter das Gewissen der Gesellschaft, der sie angehören.

Das natürliche Maß dieser Kraft ist der Widerstand, den sie den Verhältnissen entgegensetzt. Unreine Menschen sehen das Leben nur so, wie es sich in Meinungen, Ereignissen und Personen spiegelt. Sie können eine Handlung nicht sehen, so lange sie nicht vollzogen ist. Und doch existierte das geistige Element der Handlung längst schon im Thäter, und die Qualität derselben als recht oder unrecht war leicht vorauszusagen. Alles in der Natur ist zweipolig, alles hat einen positiven und einen negativen Pol. Überall giebt es ein Männliches und ein Weibliches, die Thatsache und den ihr entsprechenden Geist, einen Norden und Süden. Der Geist ist das positive, das Ereignis das negative Bild. Der Wille stellt den Nordpol, die Handlung den Südpol dar. Vom Charakter kann man sagen, daß er seine natürliche Stelle im Norden habe. Er nimmt an den magnetischen Strömungen des ganzen Systems teil. Die schwachen Seelen werden vom südlichen, negativen Pol angezogen. Sie fragen nach dem Nutzen oder Schaden, den eine Handlung gebracht. Sie können ein Princip nicht wahrnehmen, so lang es nicht in einer Person verkörpert ist. Sie wünschen nicht, liebenswürdig zu sein, sondern geliebt zu werden. Die eine Klasse von Charakteren liebt es, von ihren Fehlern zu hören, die andere will von den eigenen Fehlern nichts wissen und betet den Erfolg an; wenn man sie einer Thatsache, einer Kette und Folge von Umständen versichert, so verlangen sie nichts weiter. Der Held erkennt, daß der Erfolg etwas Knechtisches ist und ihm folgen muß. Eine gegebene Reihenfolge von Ereignissen kann ihm nicht jene Befriedigung gewähren, welche die Phantasie damit verbindet, denn aus jeder scheinbar noch so glücklichen Lage kann der Geist des Guten fliehen; aber an manche Geister heftet sich das Glück und bringt Macht und Sieg als ihre natürlichen Früchte, welchen Lauf die Dinge auch nehmen mögen. Kein Wechsel der Verhältnisse kann einen Mangel in der Persönlichkeit ersetzen. Wir rühmen uns unserer Emancipation von manchem Aberglauben, aber wenn wir unsere Götzenbilder wirklich zerbrochen haben, so war es nur, um einen neuen Götzendienst einzuführen. Was hab‘ ich damit gewonnen, daß ich Jupiter oder Neptun keinen Stier, der Hekate keine Maus mehr opfere, daß ich nicht mehr vor den Rachegöttinnen zittere noch auch vor dem Fegefeuer der Katholiken oder dem Jüngsten Gericht der Calviner – wenn ich vor der Meinung zittere, der sogenannten »öffentlichen Meinung«, oder vor der Gefahr eines Einbruchs, eines Schimpfes, vor bösen Nachbarn oder vor der Armut, vor Verstümmlung, oder vor dem Lärm von Revolution und Mord? Wenn ich zittere, ist es nicht ganz gleichgiltig, wovor ich zittere? Unser eigenes Laster nimmt je nach dem Geschlecht, Alter oder Temperament die eine oder die andere Form an, und wenn wir für Furcht zugänglich sind, werden wir unsere Schreckgespenster leicht finden. Die Habgier und Bosheit, die mich verstimmt, und die ich der menschlichen Gesellschaft zuschreibe, ist meine eigene. Ich bin immer von mir selbst umgeben. Auf der anderen Seite ist die Gradheit ein beständiger Sieg, der nicht mit Freudengeschrei gefeiert wird, sondern durch Heiterkeit, die gleichsam fixierte, zur Gewohnheit gewordene Freude ist. Es ist unvornehm, stets nach dem Erfolg als der Bestätigung unseres Wertes und unserer Wahrheit zu fragen. Der Kapitalist läuft nicht allstündlich zum Banquier, um seinen Gewinn in gangbare Münze umzusetzen; es genügt ihm, aus den Marktberichten die Vergrößerung seiner Fonds zu entnehmen. Dasselbe Entzücken, welches das Eintreffen der glücklichsten Ereignisse in der glücklichsten Aufeinanderfolge mir bereiten würde, kann ich in einer reineren Weise durch die Erkenntnis genießen, daß meine Lage allstündlich eine bessere wird, und daß ich bereits Herr über die Ereignisse bin, welche ich wünsche. Dieses Triumphgefühl kann nur noch durch die Voraussicht eines so herrlichen Zustandes gebändigt werden, daß all unser Glück und Erfolg durch ihn in den tiefsten Schatten gestellt werden.

Das Gesicht, das die Persönlichkeit in meinen Augen annimmt, ist Selbstgenügsamkeit. Ich verehre den Menschen, der Reichtum ist, den ich mir allein oder arm oder verbannt oder unglücklich oder als Klienten gar nicht vorstellen kann, den ich mir stets nur als Patron, Wohlthäter und glückseligen Menschen denken muß. Persönlichkeit bedeutet Centralität, die Unmöglichkeit aus seiner Stelle gerückt oder gestürzt zu werden. Ein Mann muß uns den Eindruck einer Masse machen. Die Gesellschaft ist frivol und verschnitzelt ihren Tag zu Läppereien, ihre Konversation zu Ceremonien und Ausflüchten. Wenn ich aber einen genialen Menschen zu sehen bekomme, werd‘ ich mich nur ärmlich bewirtet glauben, wenn er mir nur ein flüchtiges Wohlwollen und Etiquettestückchen vorsetzt; lieber wär‘ mir, er stünde stämmig auf seinem Platz und ließe mich wenigstens seinen Widerstand fühlen und erkennen, daß ich hier einer neuen und positiven Eigenschaft gegenüberstehe – eine große Erfrischung für uns beide. Es ist schon viel wert, wenn er nur die konventionellen Ansichten und Bräuche nicht acceptiert. Seine Nonkonformität wird ein Stachel und ein Memento bleiben, und jeder neue Ankömmling wird vor allem zu ihm Stellung nehmen müssen. Es giebt nichts reales und fruchtbares, was nicht zugleich ein Kriegsschauplatz wäre. Unsere Häuser hallen von Gelächter, von persönlichem und kritischem Klatsche, aber das hilft wenig. Der ungefügige, widerspenstige Mann, der ein Problem und eine Gefahr für die Gesellschaft ist, den sie nicht mit Schweigen übergehen kann, sondern entweder hassen oder vergöttern muß – mit dem alle Parteien sich verwandt fühlen, sowohl die Führer des Tages als die Unbekannten und Originalitätssüchtigen – der hilft; er bringt Amerika und Europa ins Unrecht und zerstört den Skepticismus, der da behauptet: »der Mensch ist eine Puppe, laßt uns essen und trinken, es ist noch das beste, was wir thun können«, denn er lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf Unbekanntes und Nieversuchtes hin. Ergebenheit in den gegenwärtigen Zustand und steter Appell ans Publikum beweisen einen schwachen Glauben und einen unklaren Kopf, der ein Haus gebaut sehen muß, wenn er den Plan begreifen soll. Der Weise läßt bei seinen Gedanken nicht allein die Menge unberücksichtigt, sondern auch die Wenigen. Die Menschen, welche Quellen sind, die aus sich selbst Bewegten, in sich Versunkenen, welche gebieren, weil ihnen geboten ward, die Sicheren, die Ursprünglichen – die sind gut; denn sie verkünden die unmittelbare Gegenwart der höchsten Macht.

Unser Thun muß mit mathematischer Genauigkeit auf unserem Wesen beruhen. In der Natur giebt es keine falschen Schätzungen. Ein Pfund Wasser im Meeressturm ist nicht schwerer als im Sommerteich. Alle Dinge in der Welt wirken in genauem Verhältnis zu ihrer Qualität und Quantität; keines versucht etwas, was es nicht leisten kann, ausgenommen der Mensch: er allein in der Welt ist anmaßend, nur er wünscht und versucht Dinge, die über seine Kräfte sind. Ich las einmal in einem englischen Memoirenwerke: »Mr. Fox (nachmals Lord Holland) sagte, er müsse Schatzminister werden, er habe zu diesem Portefeuille hinauf gedient, und er werde es auch bekommen.« – Xenophon und seine Zehntausend waren dem, was sie unternahmen, völlig gewachsen und führten es auch durch; so gewachsen, daß sie gar nicht ahnten, daß sie da eine großartige und unnachahmliche Leistung vollbrachten. Und ihre That steht da, unwiederholt, ein Hochwasserzeichen in der Kriegsgeschichte. Viele haben seither das Gleiche versucht und sind der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Nur auf Realität läßt thatkräftiges Thun sich basieren. Keine Institution kann besser sein als der, der sie geschaffen. Ich kannte einen liebenswürdigen und gebildeten Herrn, der es unternahm, eine praktische Reform durchzuführen, aber nie konnte ich das Liebeswerk, das er in seine Hände nahm, in ihm selbst entdecken. Es kam ihm durchs Ohr, er nahm’s mit dem Verstande auf, aus den Büchern, die er gelesen hatte. All sein Thun war ein Experimentieren, ein Stück Stadt ins Feld hinausgetragen, und blieb ein Stück Stadt, es war kein Novum und konnte keinen Enthusiasmus hervorrufen. Hätte in dem Manne etwas gesteckt, ein furchtbarer verborgener Geist, der sein Benehmen aufgeregt und verwirrt hätte, wir hätten seines Advents geharrt. Es genügt nicht, daß der Verstand die Übel und ihre Heilmittel erkenne. Wir werden unsere Existenz stets hinausschieben müssen und den Boden, auf den wir ein Anrecht haben, nicht betreten, so lange es nur ein Gedanke ist, der uns treibt, und nicht der Geist. Wir haben »noch nicht so weit hinaufgedient.«

Dies sind Eigentümlichkeiten des Lebens; ein anderer Zug ist ein unaufhörliches Wachstum. Die Menschen sollen klug und ernst sein, aber sie müssen auch in uns das Gefühl erwecken, daß sie eine glückliche Zukunft als eine Kontrolle ihres Wertes vor sich haben, die ihren Glanz bereits auf die fliehende Stunde wirft. Der Held wird stets mißverstanden, und immer cirkulieren falsche Gerüchte über ihn; er aber kann sich nicht damit aufhalten, die Mißgriffe der Leute zu entwirren; er ist schon wieder unterwegs und erwirbt neue Macht und neue Ehren und neue Rechte auf euer Herz, die euch bankrott machen werden, wenn ihr an den alten Geschichten herumhaspelt, und nicht durch die Vermehrung eures eigenen Reichtums mit ihm Schritt gehalten habt. Neue Thaten sind die einzigen Entschuldigungen und Erklärungen, die ein vornehmer Geist geben und annehmen kann. Wenn dein Freund dein Mißfallen erregt hat, dann setze dich nicht nieder, um darüber nachzudenken, denn er hat es schon längst völlig vergessen, hat seine Mittel, dir zu dienen, verdoppelt und wird dich, ehe du dich wieder erhebst, mit Wohlthaten überhäufen.

Ein Wohlwollen, das nur nach seinen Werken gemessen werden kann, macht uns wenig Freude. Die Liebe ist unerschöpflich und vermag noch zu trösten und zu bereichern, wenn ihr Gut verzehrt und ihre Speicher geleert sind; wenn der Mann schläft, scheint noch die Luft um ihn reiner zu werden und sein Haus die Landschaft zu schmücken und die Gesetze zu kräftigen. Das Volk erkennt diesen Unterschied immer. Wir wissen, wer wohlthätig ist, auf ganz anderem Weg als aus den Subskriptionsbeträgen der Suppengesellschaften. Es sind geringe Verdienste, die sich aufzählen lassen. Fürchte dich, wenn deine Freunde dir sagen, was du gut gemacht hast, und es dir aufzählen können! Aber wenn sie dir mit einem gewissen unsicheren Blick aus dem Wege gehen, der halb Respekt und halb Mißfallen bedeutet, wenn sie ihr endgiltiges Urteil auf Jahre hinausschieben müssen, dann magst du Hoffnung schöpfen! Diejenigen, die für die Zukunft leben, müssen denen, die für die Gegenwart leben, immer selbstsüchtig erscheinen. Es war komisch von dem guten Riemer, der Erinnerungen an Goethe herausgegeben hat, daß er ein Verzeichnis der Schenkungen und guten Werke Goethes verfaßte, wie »so viel hundert Thaler an Stilling, an Hegel, an Tischbein gegeben; ein einträglicher Posten dem Professor Voß verschafft, ein anderer beim Großherzog für Herder, eine Pension für Meyer, zwei Professoren an ausländische Universitäten empfohlen u. s. w.« Die längste Liste specificierter Wohlthaten würde sich da sehr kurz ausnehmen. Ein Mensch ist ein armes Geschöpf, wenn er sich so abmessen lassen muß. Denn das sind lauter Ausnahmshandlungen, Wohlthun aber ist für den guten Menschen Regel und tägliches Leben. Die wahre Wohlthätigkeit Goethes ist aus dem zu entnehmen, was er selbst dem Doktor Eckermann über die Verwendung seines Vermögens sagte: »Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes litterarisches Einkommen seit mehr als fünfzig Jahren. Außerdem habe ich etc.«

Es ist nur armseliges Geschwätz und Klatsch, Züge dieser einfachen, rapid wirkenden Kraft aufzuzählen, es ist als wollten wir den Blitz mit einer Kohle zeichnen; aber in diesen langen Nächten und öden Zeitläuften lieben wir, uns mit solchen Anekdoten zu trösten. Aber sie kann nur durch sich selbst dargestellt werden. Ein Wort, das warm vom Herzen kommt, bereichert mich. Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade. Wie totenkalt erscheint alles schriftstellerische Genie vor diesem Feuer des Lebens! Das sind Berührungen, die meine erschlaffte Seele neu beleben und ihr Augen verleihen, bis ins Dunkel der Natur zu schauen. Ich erkenne, daß ich dort, wo ich mich arm glaubte, am reichsten war. Und daraus entspringt eine neue geistige Erhebung, die ihrerseits wieder von einer neuen Offenbarung der Persönlichkeit verdrängt wird. Seltsamer Wechsel von Anziehung und Abstoßung! Die Persönlichkeit lehnt die geistige Begabung ab und regt sie doch an; und so setzt sich alle Persönlichkeit in Gedanken um, tritt als solche in die Öffentlichkeit, um dann wieder vor neuen Strahlen sittlichen Wertes beschämt den Platz zu räumen.

Persönlichkeit ist Natur in ihrer höchsten Form. Es ist ganz nutzlos, sie nachzuäffen oder gegen sie anzukämpfen. Es ist ihr ein Maß von Widerstandskraft, Ausdauer und schöpferischer Kraft eigen, die jeden Wettstreit unmöglich macht.

Und dieses Meisterstück ist dort am vollkommensten, wo keine anderen Hände als die der Natur daran gelegt wurden. Es ist dafür Sorge getragen, daß die zu Großem Bestimmten im Schatten ins Leben gleiten, ohne daß ein tausendäugiges Athen jeden neuen Gedanken, jede errötende Bewegung des jungen Genies bewache und ausposaune. Zwei Personen – ganz junge Kinder des höchsten Gottes – haben mir jüngst manches zu denken gegeben. Als ich der Quelle ihrer Heiligkeit und des Zaubers, den sie auf die Phantasie ausübten, nachforschte, da schien es, als ob jeder von beiden antwortete: »Das verdanke ich meiner Nonkonformität; ich habe nie auf das Gesetz der Leute, noch auf das, was sie ihr Evangelium nennen, geachtet; ich begnügte mich mit der einfachen ländlichen Armut, die mir eigen war: daher meine Anmut; mein Werk erinnert dich nicht an das eine und ist rein vom anderen.« Durch solche Menschen beweist mir die Natur, daß sie sich selbst in unserem demokratischen Amerika nicht demokratisieren läßt. Wie in einem Kloster, ängstlich behütet vor dem Markt und seinem schamlosen Treiben, zieht sie ihre Lieblinge auf! Erst heute morgen sendete ich einige Schriften fort, die wie wilde Blumen dieser Waldgötter waren. Wie trostreich erhoben sie sich aus unserer Litteratur, – diese frischen Züge aus den Quellen des Gedankens und des Gefühls, wie wenn wir in der Zeit des Schliffes und der Kritik die ersten ältesten Zeilen lesen, die in einer Nation in Vers oder Prosa niedergeschrieben werden. Wie anziehend ist ihre Verehrung für ihre Lieblingsbücher, sei es nun Aeschylus, Dante, Shakespeare oder Scott, gerade als ob sie selbst Anteil an dem Buche hätten, und wer es angreift, sie mit angreifen würde; – und vor allem ihre völlige Abgeschlossenheit von aller Kritik, das Patmos der Gedanken, von dem aus sie schreiben, in völliger Unbewußtheit und Unabhängigkeit von den Augen, die jemals ihre Bücher lesen werden. Könnten sie so weiter träumen wie Engel, ohne je zu Vergleichungen und zur Schmeichelei zu erwachen! Und doch, einige Naturen sind zu gut, als daß Lob sie verderben könnte; und wo die Ader des Gedankens bis ins Tiefe reicht, da ist von der Eitelkeit keine Gefahr zu befürchten. Feierliche Freunde werden sie vor der Gefahr warnen, sich ihre Köpfe durch die Posaunenstöße verdrehen zu lassen, aber sie können dazu lächeln. Ich erinnere mich der Empörung eines beredten Methodisten, als ein Doktor der Gottesgelehrtheit ihn gütig mahnte: »Mein Freund, ein Mann kann weder gelobt noch beschimpft werden.« Aber vergebt denen, die euch gute Ratschläge erteilen, sie sind ja so natürlich. Ich erinnere mich, daß der erste Gedanke, der mich erfaßte, als einige bedeutende ausländische Geistliche nach Amerika kamen, war: »Seid ihr wohl als Opfer hierher gebracht worden?« oder antwortet mir vielmehr erst auf die Frage: »Laßt ihr euch überhaupt als Opferlämmer behandeln?«

Wie ich es bereits gesagt, hält die Natur diese Souveränitäten in ihrer eigenen Hand, und wie gewandt und dreist unsere Predigten und Erziehungsmethoden sich einen Anteil daran zuschreiben möchten, wie oft sie auch lehren mögen, daß die Gesetze es sind, die den Bürger heranbilden, – sie geht ihren eigenen Gang und spottet der Weisesten und ihrer Lehren. Sie legt auf alle Evangelien und Propheten einen geringen Wert, wie jemand, der noch eine ganze Menge solcher vorrätig hat und auf keinen zuviel Zeit verwenden kann. Es giebt eine Klasse von Menschen, Individuen, die in langen Zeitabschnitten erscheinen und in so eminenter Weise mit Einsicht und Tugend begabt sind, daß sie einstimmig als göttlich begrüßt worden sind, und die uns gleichsam als eine Quintessenz der Kraft, von der wir sprechen, erscheinen müssen. Göttliche Personen sind geborene Persönlichkeit, oder um einen Ausdruck Napoleons zu gebrauchen, organisierter Sieg. Sie werden gewöhnlich mit Übelwollen empfangen, weil sie neu sind und weil sie der Übertreibung ein Ende machen, welche mit der Persönlichkeit der letzten göttlichen Person ins Werk gesetzt wird. Die Natur reimt ihre Kinder niemals, noch schafft sie je zwei völlig gleiche Menschen. Wenn wir einen großen Mann sehen, bilden wir uns ein, eine Ähnlichkeit mit irgend einer historischen Person zu entdecken, und prophezeien die Zukunft, die seinem Charakter und seinem Schicksal beschieden ist – eine Prophezeiung, die niemals eintrifft. Kein solcher wird je das Problem seiner Persönlichkeit nach unseren Vorurteilen lösen, sondern nur auf seinem eigenen hohen, unbetretenen Pfade. Persönlichkeit braucht Spielraum; läßt sich nicht von den Leuten umdrängen, noch nach flüchtigen im Drange der Geschäfte oder bei wenigen Gelegenheiten erhaschten Blicken beurteilen. Wie ein großes Gebäude, bedarf auch jede Persönlichkeit der Perspektive. Vielleicht, ja wahrscheinlich, bildet sie ihre Beziehungen nicht so rasch; und wir dürfen daher auch keine rasche Erklärung ihres Wirkens weder nach den Maßen der volkstümlichen Ethik noch nach unserer eigenen verlangen.

Ich betrachte die Skulptur nicht anders als die Geschichte. Ich glaube nicht, daß Zeus und Apollo in Fleisch und Blut unmöglich sind. Jeden Zug, den der Künstler im Steine überliefert, hat er im Leben gesehen und besser als auf seinem Bilde. Wir haben viel Nachahmungen gesehen, aber der Glaube an große Männer ist uns angeboren. Wie freudig lesen wir in alten Büchern, aus der Zeit, da die Menschen noch wenige waren, von den unbedeutendsten Handlungen der Patriarchen. Es freut uns, wenn ein Mensch eine so mächtige und säulenhafte Erscheinung in der Landschaft bildet, daß es der Mühe wert scheint, zu berichten, wie er sich erhob und sich die Lenden gürtete und nach diesem oder jenem Orte ausbrach. Die glaubwürdigsten Bilder sind für uns jene majestätischer Menschen, die schon bei ihrem Eintritt siegten und die Sinne überwältigten, wie es dem Magier des Ostens geschah, der ausgesandt wurde, die Verdienste Zertuschts oder Zoroasters zu prüfen. Als der Yunani-Weise in Balkh anlangte, erzählen die Perser, da bestimmte Gushtasp einen Tag, an welchem die Mobeds aus jedem Lande sich versammeln sollten, und ein goldener Stuhl wurde für den Weisen der Yunani aufgestellt. Und nun trat der geliebte Yezdam, der Prophet Zertuscht, in die Mitte der Versammlung. Als der Yunani-Weise diesen Häuptling erblickte, sagte er: »Diese Gestalt und dieser Gang können nicht lügen, und nichts als Wahrheit kann von ihnen ausgehen.« Plato sagte, es sei unmöglich, an die Kinder der Götter nicht zu glauben, »und wenn sie auch ohne wahrscheinliche oder zwingende Beweisgründe sprechen sollten.« Ich würde mich sehr unglücklich unter meinen Gefährten fühlen, wenn ich das Beste in der Weltgeschichte nicht glauben dürfte. »John Bradshaw,« sagt Milton, »gleicht einem Konsul, der die Fasces nicht am Ende des einen Jahres abgeben muß; und nicht nur auf dem Tribunal, sondern sein ganzes Leben hindurch scheint er über Königen zu Gericht zu sitzen.« Ich finde es glaublicher, insbesondere da es sich hier um ein aphoristisches Wissen handelt, daß ein Mensch, wie die Chinesen sagen, den Himmel kenne, als daß so viele die Welt kennen sollen. »Der tugendhafte Fürst tritt selbst vor die Götter ohne Bedenken. Er wartet hundert Jahre auf die Ankunft eines Weisen und zweifelt nicht. Wer aber den Göttern ohne Furcht entgegentritt, der kennt den Himmel, und wer hundert Jahre der Ankunft eines Weisen harrt, ohne zu zweifeln, der kennt die Menschen. So handelt der tugendhafte Fürst und weist der Herrschaft auf Jahrhunderte den Weg.« Aber wir brauchen nicht nach so fern liegenden Beispielen zu greifen. Der ist ein schlechter Beobachter, den seine Erfahrung noch nicht die Wirklichkeit und Gewalt dieses Zaubers so gut wie die der Chemie gelehrt hat. Der kälteste Rechner kann nicht ausgehen, ohne unerklärlichen Einflüssen zu begegnen. Es kommt ein Mensch und heftet sein Auge auf ihn, und die Gräber der Erinnerung öffnen sich und senden ihre Toten herauf; Geheimnisse, die ihn elend machen, mag er sie bewahren oder verraten, muß er kund thun; es kommt ein anderer, und er kann nicht sprechen, die Gebeine seines Körpers scheinen aus den Gelenken zu weichen; der Eintritt eines Freundes giebt ihm Grazie, Beredsamkeit und Mut; und es giebt Leute, an die er sich erinnern muß, die seinen Gedanken eine überwältigende Weite gaben und ein neues Leben in seiner Brust entfachten.

Was ist so herrlich wie eine enge Freundschaft, wenn sie aus solch tiefer Wurzel entspringt? Keine Antwort, die den Skeptiker so völlig schlägt, der die Kräfte und Begabung der Menschen in Zweifel zieht, wie die Möglichkeit dieses frohen Verkehrs mit anderen Menschen, der das Fundament des Glaubens und die glücklichste Zeitverwendung aller vernünftigen Menschen ist. Ich weiß nichts Befriedigenderes, was das Leben zu bieten hätte, als das tiefe freundliche Verständnis, das nach dem Austausch vieler guter Dienste zwischen zwei tüchtigen Menschen bestehen kann, deren jeder seiner selbst und seines Freundes sicher ist. Es ist das eine Seligkeit, hinter welcher jeder andere Genuß zurücktreten muß, neben der Politik, Handel und Kirche billig und unbedeutend erscheinen. Denn wenn Menschen einander begegnen, wie sie es sollen, jeder ein Wohlthäter, jeder ein Sternenschauer, in Gedanken, Thaten, Vorzüge wie in ein Kleid gehüllt, da sollte die ganze Natur einen Festtag feiern und allen Dingen das freudige Ereignis laut verkünden. Von solcher Freundschaft ist die Liebe der Geschlechter das höchste Symbol, sowie alle anderen Dinge Symbole der Liebe sind. Diese Beziehungen zu den besten Menschen, die wir einst für romantische Jugendschwärmereien hielten, werden für entwickelte Persönlichkeiten der ernsteste Genuß.

Wenn es doch möglich wäre, in den richtigen Beziehungen mit den Menschen zu leben! – wenn wir uns nur jeder Forderung an sie enthalten könnten, wenn wir aufhören könnten, ihr Lob, ihre Hilfe, ihr Mitleid zu verlangen, sondern uns damit begnügen würden, durch die Kraft der ältesten Gesetze auf sie zu wirken! Könnten wir nicht wenigstens mit einigen wenigen Personen, mit einer einzigen, nach den ungeschriebenen Statuten verkehren und die Wirksamkeit derselben versuchen? Könnten wir unserem Freunde nicht das Kompliment der Wahrhaftigkeit, des Schweigens und der Geduld machen? Müssen wir ihm denn so eifrig nachgehen? Wenn wir verwandt sind, werden wir einander begegnen. Es war ein Glaube der Alten, daß keine Metamorphose einen Gott vor einem Gott verbergen könne; und es giebt einen griechischen Vers, der folgenden Wortlaut hat:

»Die Götter sind einander nicht verborgen.«

Die Freundschaft folgt gleichfalls den Gesetzen göttlicher Notwendigkeit, zwei Menschen gravitieren gegeneinander, weil sie nicht anders können:

»Und, wenn sie einander meiden,
Mehren sie der Liebe Freuden.«

Ihr Verhältnis ist kein gemachtes, sondern ein gestattetes. Die Götter werden sich ohne Ceremonienmeister in unserem Olymp niederlassen und sich nach ihrer eigenen göttlichen Rangordnung einzurichten wissen. Alle Geselligkeit wird verdorben, wenn man sich um sie Mühe giebt, wenn man die Leute eine Meile weit zusammentreibt. Und wenn sich keine Geselligkeit ergiebt, dann entsteht ein ärgerliches, niedriges, entwürdigendes Geklapper, und wenn die besten zusammengekommen wären. Alle Größe eines jeden wird zurückgedrängt, und jede Schwäche der Einzelnen zur peinlichsten Aktivität gereizt, als ob die Olympier zusammengekommen wären, um einander Schnupftabak anzubieten.

Hals über Kopf geht das Leben dahin. Entweder wir jagen irgend einem fliehenden Schemen nach, oder wir werden von einer Furcht oder einem Befehle hinter uns gejagt. Aber wenn wir plötzlich einem Freunde begegnen, halten wir inne; unsere Hast und Hitze sieht nun thöricht genug aus; Ruhe und Besitz sind es jetzt, die wir uns wünschen, und die Kraft, dem Augenblick aus den Tiefen unseres Herzens Dauer zu verleihen. In allen edleren Verhältnissen ist der Augenblick alles.

Ein göttlicher Mensch ist die Prophezeiung des Geistes, ein Freund die Hoffnung des Herzens. Unsere Seligkeit wartet auf den Augenblick, wo die Erfüllung beider in ein und derselben Person eintreten wird. Und die Jahrhunderte bilden nur die Eröffnungsfeier für diese erwartete Kraft. Alle Kraft, die wir kennen, ist der Schatten oder das Symbol jener, die kommen soll. Alle Poesie hat Fröhlichkeit und Wirkung, soweit sie von daher ihre Inspiration erhält. Die Menschen schreiben ihre Namen in die Welt, nachdem sie mit ihr erfüllt sind. Die Weltgeschichte ist bisher ärmlich gewesen; unsere Nationen waren Pöbel, einen Mann haben wir noch nicht gesehen: Wir kennen diese göttliche Gestalt noch nicht, wir kennen nur Träume von ihr und Prophezeiungen; wir kennen seine majestätische Weise nicht, die jeden Beschauer beschwichtigen und erheben wird. Wir werden eines Tages sehen, daß die eigenste, intimste Energie die allgemeinste ist, daß Qualität die Quantität ersetzt, und daß Charaktergröße im Dunkeln schafft und jenen zu Hilfe kommt, die sie nie geschaut haben. Alle Größe, die uns bis jetzt erschienen, bedeutete nur Anfänge und Ermutigungen auf dem Wege dahin. Die Geschichte der Götter und Heiligen, die die Welt geschrieben und dann angebetet hat, besteht aus Dokumenten der Persönlichkeit. Die Jahrhunderte jubeln in der Erinnerung an die Weise eines Jünglings, der nichts dem Glücke verdankte, der auf dem Richtplatz seiner Nation ans Kreuz geschlagen wurde und der durch die Reinheit seines Wesens die Ereignisse, die seinen Tod begleiteten, mit einem epischen Glanze übergoß, sodaß jede Einzelheit in den Augen der Menschheit zu einem weltbedeutenden Symbol transfiguriert wurde. Aber der Geist verlangt einen Sieg über die Sinne, eine Macht der Persönlichkeit, die Richter, Geschworene, Krieger und König überwältigt, die die Kraft des Tier- und Mineralreiches beherrscht und mit dem Lauf der Pflanzensäfte, der Ströme, der Winde, der Sterne und der sittlichen Kräfte eins wird.

Wenn wir uns zu diesen Hoheiten nicht mit einemmal erheben können, so laßt uns wenigstens ihnen huldigen. In der Gesellschaft bringen sie dem, der sie besitzt, hohe Vorteile, aber auch Nachteile. Um so vorsichtiger müssen wir in unseren Urteilen sein. Ich kann es meinem Freunde nicht vergeben, wenn er eine herrliche Persönlichkeit kennt, ohne ihr mit dankbarer Gastlichkeit zu begegnen. Wenn endlich das, wonach wir uns so lange sehnten, erscheint und uns mit seinen frohen Strahlen Licht aus jenen fernen Himmeln bringt – da roh zu sein, da zu kritteln und solchem Gast mit dem Klatsche und Argwohn der Straße zu begegnen, verrät eine Gemeinheit, die die Pforten des Himmels zu verschließen scheint. Das ist Wirrnis, das ist der wahre Wahnsinn, wenn die Geister ihr Eigenstes nicht mehr erkennen und nicht wissen, wo sie ihre Huldigung, ihre Andacht darzubringen haben. Giebt es denn noch eine andere Religion als die, zu wissen, daß, wo immer in der weiten Wüste des Daseins, das heilige Gefühl, daß wir lieben, eine Blüte getrieben hat, sie für mich blüht? Wenn niemand das erkennt, ich erkenne es, ich erfasse, und wenn ich der einzige wäre, die Größe des Ereignisses. So lang‘ die Blume blüht, will ich den Sabbath feiern und die Zeit für eine heilige halten und meinen Unmut sowie meine Narrheit und meine Scherze unterbrechen. Die Natur ist befriedigt, wenn dieser Gast erscheint. Es giebt viele Augen, die die klugen und nützlichen Eigenschaften zu entdecken und zu ehren wissen, es giebt viele, die das Genie auf seiner Sternenbahn zu erkennen vermögen, obgleich der Pöbel auch dies nicht imstande ist; aber wenn jene Liebe, die alles duldet, allem entsagt und alles hofft, und die eher ein Thor und Bettler in dieser Welt sein will, als ihre weißen Hände durch die geringsten Konzessionen beflecken, in unsere Straßen und Häuser kommt, – da können nur die Hochstrebenden und Reinen ihr Antlitz erkennen, und die einzige Huldigung, die sie ihr anzubieten haben, ist, sie sich zu eigen zu machen.   – Auswahl: Peter Jensen.

Ralph Waldo Emerson über die Selbständigkeit – Essay

Ralph Waldo Emerson - 1803 bis 1882Ich las jüngst einige Verse von der Hand eines berühmten Malers; dieselben waren ungewöhnlich und nichts an ihnen war konventionell. In solchen Zeilen vernimmt die Seele stets eine mächtige Mahnung, der Inhalt mag sein, welcher er will. Das Gefühl, das sie einflößen, ist wertvoller als die tiefsten Gedanken, die sie enthalten könnten. An den eigenen Gedanken zu glauben, – zu glauben, daß, was für uns im Innersten unserer Seele wahr ist, wahr sein muß für alle Welt, – das ist Genius. Sprich deine geheimste Überzeugung aus, und sie wird bald die allgemeine sein. Denn das Geheimste wird seiner Zeit das Offenbarste und unsere ersten Gedanken sind es, die uns in den Posaunen des jüngsten Gerichts entgegentönen. Jedem klingt die Stimme des Geistes vertraut, und das höchste Verdienst, das wir Plato, Moses und Milton zuschreiben, ist, daß sie Bücher und Traditionen hintansetzten und aussprachen, nicht was die Leute, sondern was sie selbst dachten. Der Mensch sollte sich mehr bemühen, den Lichtstrahl, der aus seinem eigenen Innern durch seine Seele flammt, zu entdecken und zu beachten, als allen Sternenglanz am Firmament der Sänger und Weisen. Und doch läßt er gewöhnlich seinen eigenen Gedanken unbeachtet – weil es der seine ist. In jedem Werk des Genies finden wir unsere eigenen Gedanken wiedergespiegelt, sie kommen mit einer fremden Majestät bekleidet zu uns zurück. Die größten Werke der Kunst geben uns keine ergreifendere Lehre als die, an unserem spontanen Eindruck mit fröhlicher Unbeugsamkeit festzuhalten, und gerade dann am meisten, wenn das ganze Stimmengezeter für die Gegenseite ertönt. Sonst wird morgen ein Fremder mit meisterhaftem Verständnis gerade das aussprechen, was wir die ganze Zeit über gedacht und gefühlt haben, und wir sehen uns mit Beschämung gezwungen, unsere Meinung von einem anderen zu entlehnen.

In der Entwicklung jedes Menschen kommt der Augenblick, in dem er erkennt, daß Neid, Unwissenheit, Nachahmung Selbstmord ist; daß er sich selbst schlecht und recht als seinen Anteil am Leben hinnehmen muß, daß, obgleich das weite Weltall des Guten voll ist, kein Körnchen Nahrung ihm zukommen kann, außer durch seine eigene Mühe auf dem Ackerfeld, das gerade ihm zum Bebauen gegeben ward. Die Kraft, die in ihm ruht, ist neu in der Natur, und nur er weiß, was er leisten kann, und auch er nicht eher, als bis er es versucht hat. Nicht umsonst macht ein Gesicht, ein Charakter, ein Ereignis mächtigen Eindruck auf ihn und andere nicht. Diese Empfänglichkeit des Gedächtnisses beruht in einer prästabilierten Harmonie. Das Auge ward dort angebracht, wohin ein bestimmter Strahl fallen sollte, um eben diesen Strahl aufzunehmen. Wir sprechen uns immer nur halb aus und schämen uns der göttlichen Idee, die jeder von uns darstellt. Wir könnten uns ruhig auf sie verlassen, sie ist schon gut und führt zu glücklichen Zielen, wenn wir sie nur getreulich mitteilen wollten; aber durch Feiglinge will Gott seine Werke nicht offenbar machen. Der Mensch fühlt sich gehoben und fröhlich, wenn er sein Herz in ein Werk gethan und sein Bestes gegeben hat; aber was er anders gesagt und gethan, gewährt ihm keinen Frieden. Es ist eine Befreiung, die nicht befreit. Im Versuche selbst läßt sein Genius ihn im Stich, die Muse weicht von ihm, kein Einfall, keine Hoffnung kommt ihm zu Hilfe.

Vertraue dir selbst! Jedes Herz vibriert mit dieser eisernen Saite. Nimm den Platz hin, den die göttliche Vorsehung für dich ausgesucht hat, die Gesellschaft deiner Zeitgenossen, die Kette der Ereignisse. Große Männer haben immer so gethan und sich wie Kinder dem Genius ihrer Zeit überlassen, hierdurch verratend, daß das, was ein so unsägliches Vertrauen verdiente, in ihren eigenen Herzen thronte, durch ihre Hände schuf, ihr ganzes Sein beherrschte. Und wir sind nun Männer und müssen uns im höchsten Sinne demselben transscendentalen Schicksal überlassen, nicht wie Unmündige und Invaliden im warmen Ofenwinkel, nicht wie Feiglinge, die vor Revolutionen flüchten, sondern als Führer, Wohlthäter und Erlöser, die dem allmächtigen Triebe gehorchen und durch Chaos und Dunkel vorwärtsschreiten.

Welch zierliche Erläuterungen zu diesem Text giebt uns die Natur im Angesichte und Betragen der Kinder und selbst der Tiere! Ihr Geist ist noch nicht rebellisch und in sich zerrissen; sie kennen das Mißtrauen gegen das Gefühl nicht, das uns lähmt, weil unsere Rechenkunst die Kräfte und Hindernisse, die sich unseren Zwecken entgegenstellen, abgemessen hat. Ihr Geist ist noch ein Ganzes, ihr Auge unbezwungen, und wenn wir ihnen ins Antlitz schauen, werden wir verlegen. Das Kind paßt sich niemandem an, alle fügen sich in seine Art, sodaß ein Baby gewöhnlich vier oder fünf aus den Erwachsenen macht, die mit ihm schwätzen und spielen. So hat Gott Kindheit, Jugend und Mannheit, jede mit ihrem eigenen Reize ausgestattet, und beneidenswert und anmutig gemacht, sodaß ihre Ansprüche nicht zurückgewiesen werden können, wenn sie sich auf sich selbst stützen. Glaubt nur nicht, daß der Junge machtlos ist, weil er mit unsereinem nicht reden kann. Hört nur, im nächsten Zimmer ist seine Stimme klar und sicher genug. Mit seinen Altersgenossen weiß er offenbar zu reden. Schüchtern oder keck wird er uns Erwachsene dort höchst überflüssig machen.

Die Gleichmütigkeit von Knaben, die ihres Mittagessens gewiß sind, und die es ebensosehr, wie ein Fürst, verschmähen würden, auch nur das geringste zu thun oder zu sagen, um sich eins zu verschaffen, – das ist die gesunde Haltung der menschlichen Natur. Ein Bub im Salon ist wie der Olymp im Theater, unabhängig und unverantwortlich schaut er die Leute und Dinge, die ihm vor die Augen kommen, untersucht und beurteilt sie in der raschen summarischen Art der Kinder als gut oder schlecht, interessant oder dumm, unterhaltend oder lästig. Er kümmert sich nicht um Folgen und Interessen und fällt ein unabhängiges und wahrhaftes Urteil. Ihr müßt euch um ihn bemühen, er bemüht sich nicht um euch. Der erwachsene Mensch aber liegt in den Banden des Bewußtseins und der Reflexion. Sobald er einmal etwas gethan oder gesprochen, was die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn zieht, ist er gleichsam ein Arrestant, die Sympathie oder der Haß von Hunderten begleiten seinen Weg, und er muß mit ihren Gefühlen rechnen. Dafür giebt es keine Lethe. Ja wenn man sich wieder in seine Neutralität zurückziehen könnte! Wer alle Verpflichtungen vermeiden könnte, und nachdem er einmal beobachtet, weiter beobachten könnte, mit derselben unbefangenen, freien, unbestechlichen und unerschrockenen Unschuld, müßte immer furchtbar sein. Er könnte Meinungen äußern über alles, was da geschieht; jeder würde fühlen, daß sie von keinem Interesse beeinflußt, keine Privatmeinungen, sondern allgemeine notwendige Wahrheit sind; seine Aussprüche würden wie Pfeile in die Ohren der Menschen dringen und sie mit Furcht erfüllen.

Dies sind die Stimmen, die wir in der Einsamkeit hören, aber sie werden schwach und unhörbar, sobald wir in das Weltgewühl treten. Die Gesellschaft ist überall gegen die Mannheit jedes ihrer Mitglieder verschworen. Die Gesellschaft gleicht einer Aktiengesellschaft, deren Mitglieder, um jedem Aktionär sein tägliches Brot zu sichern, übereingekommen sind, die Freiheit und selbständige Ausbildung jedes Brotessers zu opfern. Ihre gesuchteste Tugend ist Konformität. Selbständigkeit ist ihr verhaßt. Sie liebt nicht Wirklichkeiten und Schöpfer, sondern Gebräuche und Namen.

Wer da ein Mann sein will, muß ein Dissident sein. Wer Unsterbliches erringen will, der darf sich durch das Wort »gut« nicht beeinflussen lassen, sondern muß prüfen, was wirklich gut ist. Zuletzt ist nichts heilig als die Integrität des eigenen Geistes. Sprich dich selber los, und du wirst die Stimme der Welt haben. Ich erinnere mich einer Antwort, die ich als junger Bursch beinahe unwillkürlich einem geschätzten Ratgeber gab, der mich mit den lieben alten Lehren der Kirche zu quälen pflegte. Als ich nämlich sagte: »Was hab‘ ich mit der Heiligkeit der Tradition zu thun, wenn ich ganz nach den Geboten meines Innern lebe?« meinte mein Freund: »Aber diese Impulse können leicht vom Bösen und nicht von oben kommen!« und ich erwiderte: »Es scheint mir nicht, daß dies der Fall ist, aber wenn ich des Teufels Kind bin, dann will ich auch nach des Teufels Geboten leben!« Kein Gesetz kann mir heilig sein, als das meiner eigenen Natur. »Gut« und »schlecht« sind nur Namen, die man leicht auf dies und jenes übertragen kann. Recht ist einzig und allein, was meinem Wesen entspricht, unrecht nur, was ihm widerspricht. Ein Mann muß sich selbst aller Opposition zum Trotz durchsetzen; als ob alles außer ihm nur ein Schein- und Eintagsleben führen würde. Es ist eine Schande, wie leicht wir vor Namen und Ordenszeichen, vor Gesellschaften und toten Institutionen kapitulieren. Jedes anständige und gutbeleumundete Individuum bestimmt und beeinflußt mich mehr als recht ist. Ich sollte aufrecht und lebenskräftig einhergehen und die rauhe Wahrheit auf allen Wegen sprechen. Wenn Bosheit und Eitelkeit das Gewand der Philanthropie anlegen – soll ihnen das durchgehen? Wenn ein ärgerlicher Mucker die schöne Sache der Sklavenbefreiung in die Hand nimmt und mir mit den letzten Nachrichten von Barbados daherkommt, warum soll ich ihm nicht sagen: »Geh und liebe deine Kinder, liebe die Leute, die das Holz für dich hacken, sei freundlich und bescheiden und sei froh, wenn diese Gnade dir zu teil wird, und verbräme deinen harten lieblosen Ehrgeiz nicht mit dieser unglaublichen Liebe für schwarze Menschen, die tausend Meilen von dir entfernt sind!« Rauh und unlieblich würde ein solcher Gruß allerdings klingen, aber die Wahrheit ist besser, als diese Liebesheuchelei. Auch die Güte muß eine gewisse Schärfe haben, sonst ist sie keine. Wenn die Lehre der Liebe jammert und winselt, dann muß die des Hasses als Gegengift gepredigt werden. – Ich fliehe Vater und Mutter, Weib und Kind, wenn mein Genius ruft – »Laune!« möchte ich über meine Thür schreiben. Innerlich hoffe ich wohl, es ist etwas Besseres wie Laune, aber ich kann meine Zeit nicht mit Erklärungen verlieren. Verlangt nur nicht, daß ich euch meine Gründe sage, warum ich Gesellschaft suche oder fliehe. Und erzählt mir nicht, wie heute ein guter Mann gethan, daß ich verpflichtet sei, die Lage aller armen Leute zu verbessern. Sind sie meine Armen? Ich sage dir, du thörichter Philanthrop, daß ich mit dem Thaler, dem Groschen, dem Pfennig geize, wenn ich ihn Leuten geben soll, die so wenig zu mir gehören wie ich zu ihnen. Es giebt eine Klasse von Menschen, denen ich durch alle geistige Wahlverwandtschaft verkauft und zu eigen bin – für sie will ich im Zuchthaus sterben, wenn es sein muß; aber eure verschiedentlichen Wohlthätigkeitsvereine, eure Schulen für Cretins; eure Vereinsbauten für den eiteln Zweck, dem so viele jetzt nachjagen; Almosen für Säufer und die tausendfachen Unterstützungsvereine – ob ich gleich zu meiner Schande gestehen muß, daß ich manchmal unterliege und den Thaler hergebe – es ist ein übelverwendeter Thaler, und ich werde mit der Zeit Manns genug werden, ihn zu verweigern.

Tugenden sind – nach der gewöhnlichen Meinung – eher die Ausnahme als die Regel. Man kennt den Menschen und seine Tugenden. Die Menschen vollbringen eine sogenannte gute That wie irgend ein Kraftstück oder ein Almosen, ungefähr wie sie ein Pönale für das Ausbleiben von der Parade zahlen würden. Sie thun ihre Werke gleichsam als eine Entschuldigung und Sühne ihres gewöhnlichen Lebens, sowie Kranke und Irrsinnige ein hohes Kostgeld zahlen. Ihre Tugenden sind Strafgelder. Ich aber will nicht sühnen, ich will leben. Und ich lebe fürs Leben und nicht für den Schein. Und ich will lieber ein Leben in bescheidener Niedrigkeit, aber echt und gleichmäßig als ein glänzendes und haltloses Leben führen. Ich will es gesund und wohlig, – und nicht Diät halten und jeden Augenblick Aderlassen müssen. Ich will auf den ersten Blick erkennen, daß einer ein Mann ist und verweigere die Berufung vom Menschen an seine Thaten. Ich für meine Person weiß, daß es ganz gleichgiltig ist, ob ich die Handlungen, die man für vortrefflich hält, ausführe oder unterlasse. Ich kann mich nicht dazu verstehen, für ein Privilegium zu zahlen, auf das ich ein natürliches Recht habe. Gering und ärmlich mögen meine Gaben sein, aber ich bin, wie ich bin, und brauche kein Amtszeugnis zu meiner und meiner Mitmenschen Gewißheit.

Mich kümmert einzig, was ich zu thun habe, nicht was die Leute denken. Diese Regel, gleich schwer zu befolgen im wirklichen wie im geistigen Leben, macht den ganzen Unterschied zwischen Größe und Gemeinheit aus. Sie ist um so schwerer, weil sich immer Leute finden, die da besser zu wissen meinen, was deine Pflicht ist, als du selbst. Es ist leicht, in der Welt nach der Meinung der Welt zu leben, es ist in der Einsamkeit leicht, nach seiner eigenen zu leben, – aber der große Mensch ist der, welcher inmitten der Menge, ohne zu streiten, die Unabhängigkeit der Einsamkeit zu bewahren weiß.

Der Grund, weshalb wir uns Gebräuchen, die für uns tot sind, nicht fügen dürfen, liegt darin, daß wir unsere Kräfte damit vergeuden. Wir verlieren mit ihnen unsere Zeit und sie verwischen das Bild unseres Charakters. Wenn du eine tote Kirche aufrecht erhältst, einer toten Bibelgesellschaft beisteuerst, mit einer großen Partei für oder gegen die Regierung stimmst, offene Tafel hältst, wie so viel niederträchtiges Volk, – wie soll ich unter all diesen Schalen den Kern deines Wesens entdecken? All die Kraft, die du auf diese Erbärmlichkeiten verwendest, wird dem wirklichen Leben entzogen. Aber thu dein Werk, und man wird dich kennen. – Thu dein Werk und neue Kräfte werden dich durchströmen. Jede männliche Seele sollte bedenken, was für ein Blindekuh-Spiel die gesellschaftliche Gleichförmigkeit ist. Wenn ich die Sekte kenne, der einer angehört, weiß ich auch schon, was er denkt. Ein Prediger kündigt an, er werde heute über die Zweckmäßigkeit einer Institution seiner Kirche sprechen. Weiß ich nicht voraus, daß er unmöglich ein neues und ursprüngliches Wort sagen kann? Weiß ich nicht voraus, daß, so sehr er sich den Anschein giebt, die Gründe der betreffenden Institution zu prüfen, er das durchaus nicht thun wird? Weiß ich nicht voraus, daß er vor sich selbst gebunden ist, die Sache nur von einer Seite anzuschauen, von der ihm erlaubten Seite, nicht als Mensch, sondern als Geistlicher? Er ist ein bestellter Anwalt, und das Pathos der Advokaten ist die leerste Heuchelei. Nun wohl, die meisten Menschen haben ihre Augen mit dem einen oder anderen Tuche verbunden und sich einer der landläufigen Meinungen angeschlossen. Diese gesellschaftliche Orthodoxie hat zur Folge, daß sie nicht etwa in einigen Einzelheiten falsch werden, einige wenige Lügen mitmachen, sondern sie werden durch und durch verfälscht. Keine Wahrheit, die von ihnen ausgeht, ist ganz wahr. Ihr Zwei ist nicht das richtige Zwei, ihr Vier nicht das richtige Vier, sodaß jedes Wort, das sie sprechen, uns verstimmt, und wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen, sie zu berichtigen. Und die Natur säumt nicht, uns die Sträflingsuniform der Partei, der wir angehören, anzumessen, wir kommen mit der Zeit dahin, alle ein und dasselbe Gesicht zu schneiden und gewinnen allmählich einen sanften eselhaften Ausdruck. Eine ärgerliche Erfahrung dieser Art, die sich sogar in die Weltgeschichte eingeschlichen hat, macht jeder, ich meine das »blöde Beifallslächeln« das gezwungene Lächeln, das wir in einer Gesellschaft aufstecken, in der wir uns nicht wohl fühlen, mit dem wir ein Gespräch beantworten, das uns nicht interessiert. Die Gesichtsmuskeln, nicht willkürlich, sondern von einer die Herrschaft an sich reißenden Unterströmung des Willens bewegt, verzerren sich mit dem unangenehmsten Gefühle.

Den Dissidenten geißelt die Welt mit ihrem Mißfallen. Und darum muß ein Mann wissen, wie hoch er ein saures Gesicht anzuschlagen hat. Die Umstehenden sehen ihn scheel an auf den Straßen und im Salon des Freundes. Wenn diese Abneigung einer Verachtung und einem Widerstande entspringen würde die seinem eigenen gleichen, dann hätte er allerdings Grund, mit traurigem Gesichte nach Hause zu gehen; aber die scheelen Gesichter der Menge haben so wenig als die freundlichen einen tieferen Grund, sondern werden angenommen und abgelegt, je nachdem der Wind bläst oder die Zeitung befiehlt. Und doch ist die Unzufriedenheit der Menge fürchterlicher als die des Parlaments und der Fakultäten. Für einen festen Mann, der die Welt kennt, ist es gar nicht so schwer, der Wut der gebildeten Stände zu trotzen. Ihre Wut ist anständig und behutsam, sie sind sehr vorsichtig, denn sie wissen zu gut, wie leicht verwundbar sie selbst sind. Aber wenn zu ihrer ohnmächtigen weiblichen Wut die Empörung des Volkes hinzutritt, wenn die Armen und Unwissenden aufgereizt werden, wenn die sinnlose brutale Kraft, die im Grunde der menschlichen Gesellschaft ruht, zu knurren und das Maul zu verzerren beginnt, dann bedarf es sicherer Gewöhnung in Hochherzigkeit und Religion, um es wie ein Gott als unbedeutende Kleinigkeit zu betrachten.

Ein anderer Popanz, der uns von selbständigem Handeln abschreckt, ist die Konsequenz; eine sonderbare Ehrfurcht vor unseren vergangenen Worten und Thaten, weil die Augen der anderen keine anderen Daten haben, um unsere Bahn zu berechnen, als diese, und wir sie nicht gern enttäuschen mögen.

Aber warum sollen wir denn ewig den Kopf über die Schulter zurückdrehen? Warum diesen Leichnam im Gedächtnis mit dir schleppen, damit du nur ja nie dem widersprichst, was du einmal da oder dort an öffentlichem Orte gesagt hast. Und wenn du dir einmal widersprichst, was ist denn dran? Es ist eine alte Weisheitsregel, sich nie auf sein Gedächtnis allein zu verlassen, selbst dort nicht, wo es bloß aufs Gedächtnis ankommt – sondern immer die Vergangenheit vor den Richterstuhl der tausendäugigen Gegenwart zu bringen und stets in neuen Tagen zu leben. – In deiner Metaphysik hast du der Gottheit die Persönlichkeit abgesprochen; – wenn aber eines Tages eine inbrünstige Frömmigkeit deine Seele ergreift und erfüllt – gieb ihr mit ganzer Seele nach und laß sie deinen Gott immerhin mit Gestalt und Farbe bekleiden. Laß deine Theorie, wie Josef seinen Mantel in den Händen der Hure, und fliehe! –

Eine unvernünftige Konsequenz ist der Plagegeist und das Schreckgespenst aller kleinen Geister, angebetet von den kleinen Staatsmännern, Philosophen und Geistlichen. Mit Konsequenz hat eine große Seele einfach nichts zu thun. Ebenso wichtig wäre es, sich um seinen Schatten an der Wand zu kümmern. Sprich, was du heute denkst, in harten Worten, und morgen sprich, was du morgen denkst, wieder in harten Worten, und wenn du jedes Wort des heut Gesprochenen widerrufen müßtest. – »Ja, aber dann wirst du sicherlich mißverstanden werden.« – Ist es denn so schlimm, mißverstanden zu werden? Pythagoras wurde mißverstanden und Sokrates und Jesus und Luther und Copernicus und Galileo und Newton und jeder reine und weise Geist, der hienieden jemals zu Fleisch ward. Groß sein heißt mißverstanden werden.

Ich meine, kein Mensch kann seiner Natur Gewalt anthun. Alle Seitensprünge seines Willens sind vom Gesetz seines Wesens eingerundet, wie die Ungleichheiten der Anden und des Himalaya an der Erdkurve verschwinden. Auch ist es gleichgiltig, wie du ihn aichen und erproben magst. Ein Charakter ist wie ein Akrostichon oder eine Alexandrinische Strophe: vorwärts, rückwärts, über quer gelesen, giebt sie immer denselben Wortlaut. In diesem lieblichen bescheidenen Waldleben, das Gott mir gewährt, will ich Tag für Tag meine ehrlichen Gedanken aufzeichnen ohne vorwärts noch rückwärts zu schauen; und ich zweifle nicht, sie werden harmonisch erscheinen, ohne daß ich’s will noch weiß. Mein Buch muß vom Dufte der Pinien erfüllt sein und vom Summen der Insekten wiedertönen. Die Schwalbe über meinem Fenster soll den Strohhalm in ihrem Schnabel in das Gewebe meines Geistes schlingen. Wir gelten für das, was wir sind. Über den Kopf unseres Wollens hin offenbart sich unser Charakter. Die Menschen bilden sich ein, daß sie ihre Tugenden und Fehler nur durch offene Handlungen zur Kenntnis bringen, – und merken nicht, daß Tugend und Fehler mit jedem Atemzuge sich verraten.

In den denkbar verschiedensten Handlungen muß Übereinstimmung herrschen, wenn nur jede zu ihrer Stunde ehrlich und natürlich ist, denn die Handlungen eines Willens müssen harmonisch sein, wie ungleich sie auch scheinen. In einer kleinen Entfernung, bei einer gewissen Höhe des Gedankens verliert man die Verschiedenheiten aus dem Gesichte. Eine Richtung vereint alle, die Fahrt des besten Schiffes ist eine Zickzacklinie mit hundert Zacken. Betrachtet man die Linie aus einer genügenden Entfernung, so streckt sie sich zu einer geraden, welche der Durchschnittsrichtung entspricht. Jede aufrichtige That erklärt sich selbst und wird auch all deine anderen aufrichtigen Thaten erklären. Damit daß du so thust, wie die anderen thun, erklärst du nichts. Handle selbständig und was du bereits selbständig gethan, wird dich heute rechtfertigen. Größe appelliert an die Zukunft. Wenn ich heute fest genug bin, recht zu thun und den Augen zu trotzen, so muß ich schon so viel recht gethan haben als genug ist, mich heute zu verteidigen. Sei dem übrigens wie immer, – thu heute recht! Trotze immer dem Schein und du darfst ihm immer trotzen! Die Kraft des Charakters ist eine kumulative. Alle rechtschaffenen Tage der Vergangenheit teilen dem heutigen ihre Gesundheit mit. Woher kommt die Majestät der Helden des Senats und des Schlachtfeldes, die unsere Einbildungskraft gefangen nimmt? Von dem Bewußtsein, daß ein ganzer Zug großer Tage und Siege ihren Schritten folgt. Wie eine Aureole leuchten ihre vereinigten Strahlen um das Haupt des vorschreitenden Helden. Sie geben ihm wie eine sichtbare Schar von Engeln das Geleit. Das ist es, was Chathams Stimme dem Donner gleich macht, was Washingtons Betragen mit Würde erfüllt, und Amerika aus Adams‘ Auge leuchten macht. Ehre flößt uns Ehrfurcht ein, weil sie keine Eintagserscheinung ist. Sie ist immer altbewährte Tüchtigkeit. Wir ehren sie heute, weil sie nicht von heute ist. Wir lieben sie und huldigen ihr, weil sie unserer Liebe und Huldigung keine Fallen stellt, sondern nur von sich selbst abhängig, sich selbst entsprossen ist, und darum, auch wo sie dem Jüngsten zu teil wird, einen alten unbefleckten Stammbaum hat.

Ich hoffe, wir haben in diesen Tagen von Konformität und Konsequenz zum letzten mal reden gehört. Die Worte sollen von nun an an den Pranger gestellt und lächerlich gemacht werden. Anstatt des Gongs, das uns zum Mittagessen ruft, müssen wir den Ton der spartanischen Kriegspfeife vernehmen. Wir müssen damit aufhören, uns zu verbeugen und zu entschuldigen. – Ein großer Mann kommt heute, um in meinem Hause zu speisen. Ich begehre nicht ihm zu gefallen, ich begehre, daß er mir zu gefallen wünsche. Ich will die Menschheit vor ihm vertreten, und ob ich es gleich gütig thun möchte, vor allem will ich es wahr thun. Wir müssen die glatte Mittelmäßigkeit und schäbige Zufriedenheit der Zeit beleidigen und zurückweisen – und der guten Sitte, dem Handel, dem Comptoir die Thatsache ins Gesicht schleudern, die das Resultat der ganzen Weltgeschichte ist: daß ein großer Verantwortlicher Denker und Thuer schafft, wo immer ein Mensch schafft, daß ein wahrer Mensch keiner anderen Zeit und Raum angehört, sondern das Centrum aller Dinge ist. Wo er ist, da ist die Natur. Er mißt dich und alle Menschen und alle Ereignisse. Gewöhnlich erinnert uns jede Person in der Gesellschaft an irgend etwas anderes oder an irgend eine andere Person. Nur Charakter und Realität erinnern an nichts anderes, sie nehmen die ganze Schöpfung ein. Der Mensch muß so viel sein, daß er Lage, Umstände und Umgebung gleichgiltig macht. Jeder wahre Mensch ist eine Kausalität, ein Land, ein Zeitalter; braucht unendlich viel Raum und Zeit und Zahlen um seine Pläne ganz zu realisieren; – und die Nachwelt scheint seinen Schritten wie ein Klientenzug zu folgen. Der Mensch Cäsar wird geboren und durch Jahrhunderte nachher haben wir ein römisches Kaiserreich. Christus wird geboren und Millionen von Seelen klammern und heften sich so an seinen Geist, daß er mit dem Guten und Menschenmöglichen selbst verwechselt wird. Jede Institution ist der verlängerte Schatten eines einzigen Menschen: das Mönchstum der des Eremiten Antonius; die Reformation der Luthers; des Quäkertum Foxs; der Methodismus Wesleys, die Sklavenbefreiung der Clarksons. Milton nannte Scipio den »Gipfel Roms«; und die ganze Weltgeschichte löst sich mit Leichtigkeit in die Biographien einiger weniger kraftvoller und ernster Gestalten auf.

Darum soll der Mensch seinen Wert kennen und die Welt zu seinen Füßen niederhalten; und in dieser Welt, die für ihn da ist, nicht ängstlich gucken, und sich herumstehlen und schleichen wie ein Bettelknab‘, oder ein Schleichhändler, oder ein Findelkind. Leider fühlt sich der Mensch in der Straße, wenn er zu Türmen und marmornen Götterbildern emporblickt, gedemütigt, weil er in sich keinen Wert fühlt, welcher der Kraft, die diese geschaffen, entspräche. Paläste, Bildsäulen und kostbare Bücher sehen ihn fremd und gebieterisch an, ungefähr wie eine prunkvolle Einrichtung und scheinen ihn wie diese zu fragen: Wer sind Sie eigentlich mein Herr? Und doch sind sie alle sein, bitten ihn, sie zu bemerken, wenden sich an seine Fähigkeiten, sich hervorzubemühen und von ihnen Besitz zu ergreifen. Jedes Bild wartet auf mein Urteil; es hat mir nichts vorzuschreiben, ich bin es, der seinen Anspruch auf Lob oder Tadel festzustellen hat. Das beliebte Märchen von dem betrunkenen Bettler, der vollgesoffen in der Straße aufgepackt, in das Haus des Herzogs gebracht, daselbst gewaschen und gekleidet, in des Herzogs eigenes Bett gelegt und beim Erwachen mit all der unterthänigen Feierlichkeit wie der Herzog selbst behandelt, und dem versichert wurde, daß er bisher wahnsinnig gewesen, verdankt seine Volkstümlichkeit dem Umstand, daß es den Zustand des Menschen so wunderbar symbolisiert, der in der Welt wie ein Trunkener wandelt und hier und da aufwacht, zu klarer Besinnung kommt und erkennt, daß er ein Fürst im vollsten Sinne des Wortes ist.

Unsere Lektüre ist bettelhaft und schmarotzend. In der Geschichte sind wir die Narren unserer Phantasie. Königtum und Lordschaft, Macht und Staat sind freilich pomphaftere Worte als die einfachen Namen Hans und Eduard in bescheidenen Häusern und bei gewöhnlicher Tagesarbeit. Aber das Leben ist für beide dasselbe – die Gesamtsumme beider ist die gleiche. Wozu all diese Rücksicht für Alfred und Gustav und Skanderbeg? Angenommen, sie waren brave Leute, ist alle Bravheit mit ihnen heimgegangen? Bei dem unbeachteten Schritt, den du heute thun sollst, steht ein ebenso großer Einsatz auf dem Spiele, als ihrem öffentlichen und berühmten Schritte folgte. – Wenn Privatleute erst mit selbständigen Zielen handeln werden, dann wird der Glanz, der heute die Handlungen der Könige umgiebt, auf die des einfachen Gentleman übertragen werden.

Die Welt ist durch ihre Könige, die die Augen der Nationen so magnetisiert haben, belehrt worden. An diesem kolossalen Symbol lernte sie die gegenseitige Ehrfurcht, die der Mensch dem Menschen schuldig ist. Die fröhliche Loyalität, mit der die Menschen es überall gelitten haben, daß der König, der Edle, der Reiche nach seinen eigenen Gesetzen unter ihnen wandelte, sein eigenes Maß an Menschen und Dinge legte und das ihre umstieß, für Vorteil und Dienste nicht mit Gold, sondern mit Ehren zahlte und das Gesetz in seiner eigenen Person verkörperte, war das hieroglyphische Zeichen, mit welchem sie das Bewußtsein ihres eigenen Adels und Rechtes, das Recht jedes einzelnen Menschen, dunkel andeuteten.

Die magnetische Wirkung, die alles selbständige Handeln auf uns ausübt, erklärt sich, sobald wir nach dem Grunde des Selbstvertrauens forschen. Wem traut man eigentlich, wenn man sich selbst vertraut? Was ist jenes Ur-selbst, auf das ein allgemeines Vertrauen und Weltberuhen gegründet werden kann? Welche Natur, welche Kraft besitzt jener Stern ohne Parallaxe, ohne berechenbare Elemente, der aller Wissenschaft spottet, und doch mit einem Strahl von Schönheit selbst ganz gewöhnliche, ja unreine Handlungen verklärt, sobald sich nur die geringste Spur von Unabhängigkeit darin offenbart? Die Forschung führt uns zu jener Quelle, die zugleich die Quintessenz des Genies, der Sittlichkeit und des Lebens ist, die wir Ursprünglichkeit oder Instinkt nennen. Wir bezeichnen dieses primäre Wissen als Intuition, während alle spätere Erkenntnis auf Beobachtung und Belehrung beruht. Aus dieser geheimnisvollen Kraft, dieser letzten Thatsache, hinter die unsere Forschung nie gelangen kann, nehmen alle Dinge ihren gemeinsamen Ursprung. Denn das Gefühl des Seins, das in unserer Seele, wir wissen nicht wie, in stillen Stunden auftaucht, ist nicht unterschieden von Raum und Zeit, vom Licht, vom Menschen und von den Dingen, sondern eins mit ihnen und strömt offenbar aus derselben Quelle, aus der auch ihr Leben und Dasein quillt. Erst teilen wir das Leben, durch das die Dinge existieren, später sehen wir sie als Erscheinungen der Natur und vergessen, daß wir teil an ihrem Grunde haben. Hier liegt die Quelle alles Thun und Denkens. Von hier strömt jene Inspiration, die dem Menschen Weisheit verleiht und die zu leugnen (die wahre) Irreligiosität und Atheismus ist. Wir ruhen im Schoße eines unendlichen Geistes, der uns zu Gefäßen seiner Wahrheit und Werkzeugen seiner Thätigkeit macht. Wenn wir etwas als recht, als wahr erkennen, dann handeln nicht wir, sondern wir gewähren nur seinen Strahlen den Durchgang. Wenn wir fragen, woher dies kommt, wenn wir nach der Ur-Seele, die der letzte Grund der Dinge ist, spähen, erweist alle Philosophie sich ohnmächtig. Ihr Dasein oder Nichtdasein ist alles, was wir bestätigen können. Jeder Mann unterscheidet zwischen den willkürlichen Handlungen seines Geistes und seinen unwillkürlichen Wahrnehmungen, und weiß, daß die letzteren den vollkommensten Glauben verdienen. Man kann in der Wiedergabe derselben irren, aber jeder weiß, daß sie unbestreitbar sind wie Tag und Nacht. Meine willkürlichen Handlungen und Erlernungen sind höchst unsicher; – aber die müßigste Träumerei, die leiseste ursprüngliche Regung macht mich aufmerksam und neugierig. Gedankenlose Leute sind ebenso geneigt, Wahrnehmungen zu widersprechen wie Meinungen, ja noch viel geneigter, denn sie unterscheiden nicht zwischen Wahrnehmungen und Ideen. Sie meinen, daß ich dies oder jenes sehen will. Aber Wahrnehmungen sind unvermeidlich und hängen nicht von Wunsch oder Laune ab. Wenn ich eine Sache sehe, so werden meine Kinder sie nach mir sehen, und im Laufe der Zeit alle Welt – obgleich vielleicht keiner sie vor mir gesehen. Denn daß ich sie wahrgenommen, ist eine so feststehende Thatsache wie die Sonne.

Die Beziehungen der Seele zum göttlichen Geiste sind so rein, daß jeder Versuch, Vermittler einzuschieben, wie eine Profanation erscheint. Wenn Gott spricht, kann er nicht eins mitteilen, sondern alles; muß die Welt mit seiner Stimme erfüllen; Licht, Natur, Zeit und Seelen aus dem Mittelpunkte des gegenwärtigen Gedankens ausstreuen; neu die Schöpfung schaffen und einen neuen ersten Tag. Wenn die einfältige Seele göttliche Weisheit empfängt, dann schwindet alles Alte, – Mittel, Lehrer, Bücher, Tempel fallen; der Augenblick ist Leben; Zukunft und Vergangenheit schließt die gegenwärtige Stunde ein. Alles heiligt die Beziehung. Alle Dinge lösen sich auf zu ihrem Centrum in dem Dinge, das sie schuf, und in dem allumfassenden Wunder verschwinden all die kleinen Einzelwunder. Wenn daher ein Mensch vorgiebt, von Gott zu wissen und zu sprechen und euch zu den Redensarten einer alten vermoderten Nation, in eine andere Zeit, eine andere Welt zurückführt, glaubet ihm nicht! Ist die Eichel besser als die Eiche, die ihre Erfüllung und Vollendung ist? Ist der Erzeuger besser als das Kind, in das er sein gereiftes Wesen übertragen? Woher also dieser Kultus des Vergangenen? Die Jahrhunderte sind Verschwörer gegen die Gesundheit und Autorität des Geistes. Raum und Zeit sind nur physiologische Farben, die das Auge schafft; der Geist ist Licht; wo er ist, ist Tag; wo er war, ist Nacht; und die Geschichte ist eine anmaßende Beleidigung, wenn sie mehr als eine heitere Apologie oder Parabel meines Seins und Werdens ist.

Der Mensch ist furchtsam und bittet beständig um Verzeihung. Er geht nicht mehr aufrecht einher und getraut sich nicht zu sagen: »Ich denke,« »Ich bin,« sondern citiert irgend einen Heiligen oder Weisen. Der Grashalm und die blühende Rose beschämen ihn. Die Rosen unter meinem Fenster berufen sich nicht auf frühere Rosen oder bessere; sie geben sich als das, was sie sind; sie leben heute mit Gott. Sie kennen keine Zeit, sie sind Rosen, vollkommen in jedem Augenblick ihres Daseins. Ehe die Blattknospe sprang, war ein volles Leben thätig; in der reichen Blüte ist nicht mehr, im entblätterten Strauch nicht weniger. Sie ist befriedigt und befriedigt die Natur in jedem Augenblick ihres Daseins. Aber der Mensch verschiebt oder gedenkt; er lebt nicht in der Gegenwart, sondern klagt zurückgewendeten Auges um die Vergangenheit, oder stellt sich, unbekümmert um die Schätze, die ihn umgeben, auf die Fußspitzen, um die Zukunft zu erspähen. Und er kann nicht eher stark und glücklich sein, als bis auch er im Bunde mit der Natur im Augenblick ein zeitloses Dasein führt.

Das sollte klar genug sein. Und dennoch, es ist zum Staunen, welch starke Geister noch immer nicht Gott selbst zu hören wagen, wenn er nicht die Sprache irgend eines David, Jeremias oder Paulus spricht. Die Zeit wird kommen, wo wir diesen wenigen Texten und Personen keinen so großen Wert mehr beilegen werden. Wir gleichen Kindern, die die Weisheitssprüchlein ihrer Großmütter und Lehrer nachleiern; wenn sie älter werden, diejenigen bedeutender Menschen, die sie zufällig gelernt haben, – immer ängstlich bemüht, den genauen Wortlaut im Kopfe zu behalten. Spät erst, wenn sie zu den Gesichtspunkten jener gelangen, welche diese Maximen aufstellten, geht ihnen der Sinn auf und sie lassen die Worte fahren, denn nun können sie die entsprechenden Worte ebensogut allein finden. Wenn wir richtig leben, werden wir richtig schauen. Es ist für den Starken ebenso leicht, stark zu sein, wie für den Schwachen, schwach. Wer selbst stets Neues aufnimmt, kann sein Gedächtnis leicht der angehäuften Schätze wie von ebensoviel angehäuftem Plunder entlasten. Wenn ein Mensch mit Gott lebt, wird seine Stimme süß klingen wie das Murmeln des Baches und das Rauschen des Korns.

Und nun bleibt die höchste Wahrheit über dieses Thema zuletzt ungesagt und kann wohl gar nicht gesagt werden; denn alles, was wir sagen, ist nur entfernte Erinnerung an die Intuition. Der Gedanke, mit dem ich ihr am nächsten kommen kann, ist folgender: Wenn das Hohe dir nahe ist, wenn du Leben in dir hast, dann kommt es auf keinem bekannten oder gewohnten Wege: du wirst keine fremde Fußspur auf deinem Pfade finden, du wirst keines Menschen Antlitz sehen, du wirst keinen Namen hören: der Pfad, der Gedanke, das Hohe wird völlig fremd und neu sein. Es wird Beispielen und Erfahrungen widersprechen. Du mußt deinen Weg von den Menschen fort, nicht zu ihnen nehmen. Alle Personen, die je existierten, sind seine vergessenen Diener. Furcht und Hoffnung reichen nicht zu ihm hinauf. Selbst in der Hoffnung liegt etwas Niedriges. In der Stunde der Vision empfinden wir nichts, was Dankbarkeit, ja nichts, was eigentlich Freude genannt werden könnte. Die über alle Leidenschaften erhobene Seele schaut die Identität und ewigen Kausalzusammenhang, erfaßt und begreift die Selbstexistenz der Wahrheit und des Rechts, und wird immer ruhevoller in der Erkenntnis, daß alles wohl geordnet ist. Die weiten Räume der Natur, der Atlantische Ocean und die Südsee. die ungeheueren Zeiträume, Jahre und Jahrhunderte schwinden. Dies, was ich denke und fühle, lag jedem früheren Leben und Sein zu Grunde, wie es meinem jetzigen zu Grunde liegt, – so dem, was Leben genannt wird, wie dem, was Tod genannt wird.

Nur das Leben hat Wert, nicht das Gelebthaben. Im Augenblick der Ruhe hört alle Kraft auf. Sie existiert nur im Augenblick des Überganges aus einem Zustand in einen neuen, im Wirbel der Strömung, im Pfeile, der nach seinem Ziele fährt. Dies ist es, was die Welt haßt: das Werden des Geistes; denn es raubt der Vergangenheit allen Schimmer, wandelt Reichtum in Armut, Ehre in Schande, verwechselt den Heiligen mit dem Schurken, stellt Jesus und Judas Seite an Seite. Was schwatzen wir nur von Selbstvertrauen? So lange der Geist in uns ist, ist Kraft in uns, nicht vertrauend, sondern treibend und führend. Von Vertrauen sprechen ist nur eine arme, äußerliche Redensart. Besser wär’s, von dem zu sprechen, was sicher ruht, weil es wirkt und schafft. Wer besser gehorchen kann als ich, übermeistert mich, und wenn er gleich keinen Finger rührte. Um ihn muß ich kreisen nach dem Gravitationsgesetz der Geister. Noch halten wir es für eine Redefigur, wenn wir von hervorragender Tugend sprechen. Wir haben noch nicht eingesehen, daß Tugend wirklich Höhe ist, und daß ein Mensch oder eine Schar von Menschen, die plastisch und für die ewigen Principien empfänglich sind, nach dem Naturgesetz alle Städte, Nationen, Könige, Reiche und Dichter niederreiten und überwältigen müssen, die es nicht sind.

Dies ist der letzte Schritt, zu dem wir hier wie überall so schnell gelangen: die Auflösung aller Dinge in das ewigheilige Eine. Selbst-Existenz ist das Attribut des Höchsten Grundes. Nach dem Grade, in dem sie niedrigeren Formen eigen ist, bildet sie das Maß alles Guten. Alle Dinge haben so viel reales Dasein, als sie sittliche Kraft besitzen: Handel, Hausführung, Jagd, Walfischfang, Krieg, Beredsamkeit, die Macht der Persönlichkeit – sind alle etwas und zwingen mir als Beweise der Gegenwart und wenn auch unreinen Wirkung dieser Kraft eine gewisse Achtung ab. Das gleiche Gesetz schafft in der Natur Erhaltung und Wachstum. In der Natur ist Kraft das wesentliche Maß des Rechts. Sie duldet nichts in ihren Reichen, was sich nicht selbst erhalten kann. Die Entstehung und das Reifen des Planeten, seines Gewichts und seiner Bahn, die Widerstandskraft des gebeugten Baumes, der sich vom Stoße des Sturmes erholt, die lebendigen Hilfsquellen jeder Pflanze und jedes Tieres sind ebensoviel Beweise und Äußerungen des sich selbst genügenden und darum selbstvertrauenden Geistes.

So strebt alles dem Mittelpunkt zu – laßt uns nicht umherirren! Laßt uns daheim beim Ur-Grunde bleiben! Laßt uns den eindringenden Schwarm von Menschen und Büchern und Institutionen durch die einfache Erklärung der göttlichen Wirklichkeit betäuben und mit Staunen füllen! Heißet die Eindringlinge die Schuhe von den Füßen ziehen, denn hier ist Gott! Unsere Einfalt soll sie richten und unsere Fügsamkeit in unser eigenes Gesetz sie lehren, wie arm Natur und Glück vor unseren angeborenen Schätzen sind.

Aber jetzt sind wir Pöbel. Der Mensch hat vor dem Menschen keine Ehrfurcht, noch fühlt sein Genius die Mahnung, daheim zu bleiben und aus dem inneren Ocean zu schöpfen, sondern geht umher und bettelt um einen Trunk Wassers aus den Krügen der anderen. Wir müssen allein gehen. Mir ist die schweigende Kirche vor dem Beginn der Messe lieber als die beste Predigt. Wie entfernt, wie kühl, wie keusch erscheinen die Menschen, wenn jeden ein Vorhof, ein Heiligtum umgiebt! So wollen wir immer bleiben. Müssen wir denn die Fehler unseres Freundes, unseres Weibes, Vaters oder Kindes annehmen, weil sie um denselben Herd mit uns sitzen oder vom selben Blute sein sollen? Alle Menschen sind von meinem Blut, und ich von dem aller Menschen. Dennoch will ich ihre Begehrlichkeit oder Narrheit nicht einmal so weit anerkennen, daß ich mich ihrer schäme. Aber deine Absonderung darf nicht nur mechanisch, sondern muß geistig sein – das heißt sie muß Erhebung sein. Zu Zeiten scheint die ganze Welt sich verschworen zu haben, dich mit gewichtigen Kleinigkeiten zu belästigen. Ein Freund, ein Klient, ein Kind, Furcht, Krankheit, Not und Mildthätigkeit, alle klopfen zugleich an die Thür deines Gemaches und rufen: »Komm zu uns!« – Aber du bleibe für dich und lasse dich nicht in ihre Verwirrung zerren. Nur durch schwächliche Neugier mache ich es den Menschen möglich, mich zu verstimmen. Kein Mensch kann mir nahe kommen, außer durch mein eigenes Thun. »Was wir lieben ist unser; aber durch Begierde berauben wir uns der Liebe.«

Und wenn wir uns nicht sogleich zum Heiligtum des Glaubens und Gehorsams emporschwingen können, so wollen wir wenigstens der Versuchung widerstehen, wollen uns in Kriegsrüstung werfen und wollen Thor und Wodan, Mut und Standhaftigkeit in unserer Sachsenbrust erwecken. In unseren glatten Zeiten heißt es da vor allem die Wahrheit sprechen. Diese erlogene Gastfreundlichkeit und erlogene Sympathie muß ein Ende haben. Du kannst nun nicht mehr so leben, wie es diese betrogenen Betrüger, die unseren Verkehr bilden, erwarten. Sprich zu ihnen: O Vater, o Mutter, o Weib, o Bruder, o Freund, ich habe mit euch bisher nach dem Scheine gelebt. Von nun an ist die Wahrheit mein Weg. Wisset, daß ich von nun an keinem Gesetz mehr gehorche, außer dem ewigen Gesetz. Ich will von keinem Bunde mehr wissen, ich will nur mehr euer Nachbar sein. Ich werde mich bemühen, meine Eltern zu erhalten, meine Familie zu ernähren, der keusche Gatte eines Weibes zu sein – aber all diese Pflichten muß ich auf einem neuen, ungewohnten Wege erfüllen. Ich kümmere mich um eure Sitte nicht. Ich muß ich selbst sein. Ich kann mich nicht länger für dich, oder für dich, opfern. Wenn ihr mich lieben könnt, wie ich bin, um so besser, wir werden beide um so glücklicher sein; wenn ihr mich nicht lieben könnt, so will ich mich dennoch bemühen, eure Liebe zu verdienen. Ich will meine Neigungen und Abneigungen nicht verbergen. Ich bin so fest überzeugt, daß alles Tiefe heilig ist, daß ich kühn vor Sonne und Mond das thun will, was immer mich innerlich erfreut und wozu mein Herz mich antreibt. Wenn du edel bist, will ich dich lieben; wenn du es nicht bist, will ich weder dich