Kategorie: Erzählung

Franz Blei | Irene – fast erotisch

Keiner von ihren Freunden bestritt es bei sich, wenn Irene wiederholte, sie sei eine Frau wie irgendeine andere, weder hübsch noch hässlich, weder gescheit noch dumm, weder langweilig noch interessant. Jeder gab es bei sich zu, sie sei wie irgendeine der vielen, der meisten Frauen, die im Zufall ihres Geschlechtes eine Auszeichnung tragen, die sie, ganz ehrlich, als eine dumme Last empfinden. Und dennoch zog Irene die Männer durch etwas an, das zu definieren sie sich vergeblich bemühten. Ein Duft, meinte der eine. Etwas im Gang, sagte der andere. Und ein dritter traf es am richtigsten mit dem banalen Wort, sie habe das gewisse Etwas. Seit fünf Jahren verheiratet, gab die kinderlose Ehe mit einem älteren Mann ohne Tun und Titel — er nannte sich einen Privatgelehrten und schien sich mit Astrologie zu beschäftigen — hinreichend viel Liberalität in Verkehr und Situation, um es öfter als einmal geschehen zu lassen, dass einer der Männer des Kreises den Vorstoß auf Irene wagte und seine Liebe erklärte. Da sie durch keinerlei Koketterie dazu herausforderte und unter den ja immer blöden Liebesreden zu leiden schien, blieb sie beim zweiten, beim dritten und vierten Male bei der beim ersten Male erprobten Abwehr, die eine gut abkühlende Wirkung hervorgerufen hatte, von ihr gar nicht weder erwartet noch überlegt. Denn Irene besaß weder besonderen Geist noch gar die Geschicklichkeit einer selbstbewussten Frau. Sie wiederholte die Sätze des Verliebten, zweimal, dreimal: es war Hilflosigkeit gewesen und wirkte wie überlegte Parodie. Was nicht hinderte, dass die Abgeblitzten nach einiger Zeit wieder mehr als je dem gewissen Etwas verfielen und sich verliebt im Duftkreis dieser Frau bewegten, die war wie irgendeine andere.
Da kam ein Zwanzigjähriger in Irenes Nähe — nicht nötig, ihm einen Namen zu geben –, und diesem jungen Menschen müssen die Worte seiner Werbung wohl sparsamer, aber heißer aus dem Innern gebrochen sein als seinen abgeschlagenen Vorgängern, denn Irene vergaß es vollkommen, sie parodistisch zu wiederholen, ja, sie ließ ihm die Hand, die er gefasst hatte, und mehr noch, sie musste ihre Finger in diese fast noch knabenhaft derbe Hand eingraben, wie um sich im gefühlten Sturz und Flug zu halten. Aber es währte nur einen Augenblick. Ihre Augen sahen wieder das Umgebende, und Nächste, sich selber. Ob es nun die heftig andrängende Jugend des übungslosen Mannes war, die solche Poesie aus ihr lockte, oder ob es Erinnerung an einen gestern gelesenen Satz war, sie sagte anderes als sonst in solcher Situation. »Knaben«, sagte sie, »werfen flache Kiesel zum Spiel über das Wasser. Es bäumt sich nicht hoch. Es müsste mir ein Felsblock in die Seele …« Erschrocken selber hielt sie den Satz auf. Denn der junge Mensch wurde ganz Feuer. So kam die fatale Stunde.

Irene wehrte ihn ab, als er ihr helfen wollte, sich zu entkleiden. Und als sie nackt vor ihm stand, weder schön noch hässlich, sondern wie irgend jede Frau, die nichts anhat, da sagte sie es, was sie in seinem Blick zu lesen glaubte: »Nicht wahr? Eine Frau wie alle andern. Nun ist’s zu Ende mit der Liebe, nicht wahr?« Sie kam sich mit einem kleinen Mitleidgefühl zu sich selber vor wie ein armes Tier, dem ein Dämon für diesen einen Satz menschliche Stimme verliehen hat, diesen einen Satz: »Ich bin ein armes Tier.«

Was dann weiter geschah, mit Irene, dem jungen Mann oder mit beiden, das ist für dies Bildnis ohne Bedeutung. Aber um keine falsche Spannung zu erregen: es geschah nichts.

Aus: Die Frivolitäten des Herrn von D.

Erzählung | Kurd Laßwitz | Kurd La – Aus dem Tagebuch einer Ameise

Aus dem Tagebuch einer Ameise

Vorbemerkung
ameise_lasswitzWir verdanken die Entdeckung der Sprache und Schrift der Ameisen den Bemühungen des berühmten Entomologen Antenna. Bekanntlich leben in den Gemeinden dieser hochorganisierten Tiere nicht bloß Männchen, Weibchen, geschlechtslose Arbeiter und sogenannte Krieger oder Führer mit größeren Köpfen, sondern auch Haustiere, insbesondere ein kleiner Käfer (Claviger), von welchem man nicht wußte, welche Bedeutung er für die Ameisen besitzt. Antenna ist es gelungen, nachzuweisen, daß dieser Käfer die lebendige Bibliothek der Ameisen vorstellt. Die Sinneswahrnehmungen der Ameisen beruhen auf Ätherwellen von 800 bis 2000 Billionen Schwingungen in der Sekunde, deren Geschwindigkeit somit jenseits derjenigen liegt, welche für unser Auge als Licht wahrnehmbar sind. Antenna ermöglichte es, durch ein Fluoreszenz-Mikroskop jene Ätherschwingungen so zu verlangsamen, daß sie für unsere Sinneswerkzeuge bemerkbar werden. Dadurch zeigte er, daß die Ameisen gegenseitig in einer Fühlersprache verkehren, die er Chemisieren oder Übertasten nennt, und daß sie dieselbe, ähnlich wie wir Schallwellen auf den Phonographen, auf die Keulenkäferchen übertragen, welche sie ihrerseits jederzeit reproduzieren können. Die Ameisen haben also den Menschen in der Kultur insoweit überflügelt, daß ihre Haustiere nicht nur zur mechanischen, sondern auch zur intellektuellen Arbeit abgerichtet werden. Wir sind in der Lage, im nachfolgenden die Übersetzung eines Ameisentagebuches zu veröffentlichen, welches auf 82 Keulenkäferchen chemisiert war. Wir haben dabei häufig die umständlichen Umschreibungen der Ameisensprache durch die uns geläufigen Ausdrücke ersetzen müssen; selbstverständlich geschah dies überall dort, wo es sich um die Wiedergabe ursprünglich menschlicher Äußerungen handelt.
Über das Nähere des sehr schwierigen technischen Verfahrens, die Tastungen der Keulenkäferchen zu fixieren, müssen wir auf das Originalwerk Antennas verweisen, welches in lateinischer Sprache unter dem Titel »De formicarum lingua et litteris« bei Gebrüder Emswind in Flausenheim erschienen ist.

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Tagebuch

Eiersonne 10.
Große Frühjahrsräumerei. Die Arbeiter sind mit den Kleinsten draußen im ersten Sonnenschein, der Stock ist fast leer. Wir Führer sitzen noch in den Winterzellen und denken nach.
Es ist jetzt die schönste Zeit im Stock, ich will sie benutzen, um mich einmal gründlich in der neueren Literatur umzusehen. Ich habe angefangen, das vielgerühmte Buch von Ssrr zu studieren: »Leben und Treiben des Menschen«. Es ist zwar rotameisenisch geschrieben, aber ich verstehe es ganz gut. Etwas idealistisch, viel Hypothese – indes, die Roten sind einmal so. Weil sie keine Sklaven halten, bilden sie sich ein, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren.
Nun, wir sind schließlich doch alle Ameisen, und ein Boden ist unter uns allen!

Eiersonne 12.
Ssrr behauptet wahrhaftig, der Mensch besitze Intelligenz! Er soll allerdings Gehirn haben, aber dann müßten doch seine Fühler am Kopfe und nicht an den Brustringen sitzen.

Larvensonne 2.
Ich überzeuge mich mehr und mehr, daß Ssrr recht hat; der Mensch scheint in der Tat unter den ungeschlachten Bestien, die man Knochentiere nennt, den ersten Rang einzunehmen. Bisher hatte ich immer die Vögel für die bevorzugtere Klasse gehalten, nicht nur, weil sie uns am gefährlichsten sind, sondern weil sie sich in vielen Dingen den Ameisen wirklich auffallend nähern. Sie bauen Nester, haben eine äußere schützende Federhülle, besitzen Flügel und legen sogar Eier. In dieser Hinsicht steht der Mensch weit hinter ihnen zurück, mit Ausnahme des Nestbaues. Es scheint kein Zweifel, daß die Menschen sogar gleich uns gemeinsame Stöcke anlegen, welche zwar nicht geräumig genug sind, um einen ganzen Staat zu umfassen, aber doch immerhin für ein so großes Tier eine nennenswerte Leistung darstellen. Danach müßte man annehmen, daß sich die Menschen einigermaßen untereinander verständigen können; unzureichend genug mag das sein, da ihre Fühler so grob organisiert sind!
Eine Beobachtung, die ich früher einmal selbst gemacht habe, scheint dafür zu sprechen. Ich sah einen noch nicht ganz erwachsenen Menschen im benachbarten Felde auf einem Apfelbaum sitzen und fressen. Ein größerer schlich sich heran, hob den einen Fühler in die Höhe und ergriff jenen am Beine, so daß er herabfiel. Es schien mir dabei, als wenn der andere Fühler noch einen dünneren Fortsatz hätte, der sich in schwingender Bewegung befand. Beide Menschen betasteten sich hierauf lebhaft mit ihren Fühlern, worauf der kleinere plötzlich in großer Eile davonlief. Was mögen sie sich wohl zu sagen gehabt haben? Ob sie eine Sprache besitzen, oder ob alles nur auf Nachahmung beruht? Vielleicht hatte der kleinere Mensch schon in früheren Fällen die Erfahrung gemacht, daß das Davonlaufen mit irgendeinem Vorteil verbunden sei. Oder sollte es sich um einen ererbten Instinkt handeln? Ich bin neugierig, was Ssrr über diese Frage sagen wird. Vorläufig bin ich erst bei der Beschreibung des menschlichen Organismus.

Larvensonne 5.
Wie weise hat doch die Erde selbst für ihre plumpsten Geschöpfe gesorgt! Auch beim Menschen ist der edelste und ameisenähnlichste Teil, das Gehirn von einem schützenden Knochengerüst umgeben, während im übrigen Körper die festen Stützen im Innern liegen. Um wieviel höher steht somit die Organisation der Insekten, bei welchen der ganze Körper von der festen Chitinhülle umschirmt ist! Die Zoologen, welche nur den Körperbau in Betracht ziehen, wollen wirklich die Ameise zu den Tieren rechnen und ihr nur die höchste Entwicklungsstufe zusprechen. Aber ich lasse mir die Überzeugung von der ewigen Bestimmung des Ameisengeschlechts nicht rauben!
Ameise und Mensch sollen beide vom Regenwurm abstammen! Blödsinn!

Larvensonne 9.
Ob wohl die Menschen auch zu irgend etwas nutze sind? Sollte die unendliche Uremse bei der Schöpfung nicht auch ihnen eine Stelle im Weltall eingeräumt haben? Es scheint, daß sie wesentlich zur Vertilgung der so schädlichen Vögel beitragen. Und wenn sie auch keinen weiteren Zweck hätten, als uns zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien zu dienen, so würden sie schon darum nicht überflüssig in der Welt sein. Sicherlich besitzen sie Gefühl und freuen sich ihres Daseins so gut wie wir, obwohl ihnen die höheren Ideale des Gemeinsinns sowie der Puppen- und Larvenpflege abgehen und ihnen selbstverständlich das »Unbewußtsein der unvermeidlichen Handlungsweise« fehlt. Ich kann mich daher mit der Ansicht nicht befreunden, daß man eine Expedition zur Erforschung des Menschengehirns absende. Ssrr verlangt, man solle eine Kolonie im Schädel eines lebenden Menschen anlegen, um die geistigen Fähigkeiten desselben zu ergründen. Aber mir scheint darin eine gewisse Grausamkeit zu liegen. Wie leicht könnte der betreffende Mensch darunter leiden. Es ist freilich nur ein Mensch, und sein Wohlergehen darf gegenüber dem Fortschritt der ameisenlichen Erkenntnis nicht in Frage kommen. – Während ich diese Aufzeichnungen meinem Keulenkäferchen übertaste, wendet es das Köpfchen und streichelt mich mit seinen Fühlern. Gewiß will es zeigen, daß es auch Lust und Schmerz empfindet wie unsereins. Es ist allerdings ein Insekt und steht uns näher als der Mensch, aber trotzdem sage ich: Auch der Mensch ist ein Lebewesen, auch er hat ein Recht auf unsere Schonung!
Wer weiß, ob uns das Klima des Menschengehirns zusagen würde? Unsere Mitbürger sollen sich derartigen Gefahren nicht aussetzen; mögen die Rotameisen ihre Abenteuerpolitik allein treiben!

Arbeitersonne 8.
Ärgernis mit den Sklaven. Sie haben die Zuckerkühe schlecht gemolken. Nr. 18 und 24 haben fünf Lasten Saft allein aufgegessen; wurden gründlich abgezwackt! Wahrhaftig, man wünschte manchmal ein unvernünftiger Mensch zu sein und in, den Tag hinein zu leben. Was kennt so ein Mensch für Sorgen? Sie haben weder Eier noch Larven noch Puppen, und daß sie wirklich Haustiere und Sklaven halten sollten, wie Ssrr behauptet, kann ich nicht glauben. Wozu könnten sie die brauchen? Wenn sie auch ihre Jungen mit den Fühlern bearbeiten, was auf eine gewisse rudimentäre Erziehungskunst deutet, so hat doch jeder seine eigenen Kinder – Staatskinder kennen sie nicht. Welch niedriger Standpunkt!

Arbeitersonne 15.
Ich bin ganz erstaunt und betroffen! Was hat doch unser Geist schon entdeckt! Die Menschen können sich wirklich gegenseitig Mitteilungen machen. Eine Sprache im eigentlichen Sinne haben sie freilich wohl nicht, sie müßten denn auf so langsamen Schwingungen beruhen, daß unser feineres Organ sie nicht aufzufassen vermag. Ihre Sinne müssen überhaupt sehr grob gestaltet sein. Ssrr hat z. B. nachgewiesen, daß der Mensch in der Nacht absolut nicht sehen und seine Umgebung nicht unterscheiden kann. Es kommt vor, daß Menschen, die in der Nacht nach Hause kommen, den Eingang zu ihrem Stock nicht finden.

Puppensonne 1.
Es wird wirklich eine Expedition zur Erforschung der Menschen ausgerüstet, aber man ist davon abgekommen, sie ins Gehirn zu schicken, sie soll sich vielmehr mit der Entdeckung der menschlichen Sprache beschäftigen. Man hat nämlich folgende höchst interessante Beobachtung gemacht. Wenn ein Mensch für einen andern eine Mitteilung hinterlassen will, so überträgt er nicht, wie wir, seinen Gedankenprozeß durch Fühlerschwingungen chemigraphisch auf den lebendigen Organismus eines Keulenkäferchens, welches denselben jederzeit reproduzieren kann, sondern er verändert mit Hilfe eines Saftes die Oberfläche einer hellen, blattartigen Substanz an ganz bestimmten Stellen, so daß darauf mehr oder weniger regelmäßige Zeichen entstehen. Der andere Mensch hält dieselben vor seinen Augen und ist auf eine uns unbekannte Weise imstande, daraus die Meinung des ersten zu erkennen. Es muß wohl aber dieses Mitteilungsmittel ein ziemlich unvollkommenes sein, da man nach dieser Operation Menschen häufig den Kopf schütteln sieht, was man für ein Zeichen des Mißbehagens hält. Ssrr nennt enen Saft »Tinte«, er soll bei den Menschen sehr hochgeschätzt sein und in einer besonderen Drüse, dem Tintenfaß, abgesondert werden. Diejenigen Menschen, welche das größte Tintenfaß haben, sollen im höchsten Ansehen stehen und von den andern gefürchtet werden. Ich vermute, daß jener Saft ähnlich ätzende Eigenschaften wie unsere Säure hat und im Kampfe ausgespritzt wird. Ob er auch giftig wirkt?

Puppensonne 3.
Man merkt, daß es Sommer ist. Wir haben schon eine Menge Puppen im Stock, ich glaube, es wird ein gutes Jahr. Einige von unsern Müttern fangen an, recht alt zu werden. Die gute Xrr ist seit zwei Jahren nicht aus dem Stock gekommen, einen Menschen hat sie noch nie gesehen. Daß es solche Wesen gebe, hält sie für einen Aberglauben Als ich ihr sagte, daß ein Mensch mit einem Schritt über einen ganzen Baum hinübersteigen könne, schlug sie die Fühler über dem Kopfe zusammen, und nur, daß er auf bloß zwei Beinen geht, beruhigte sie einigermaßen. Sie fand dies sehr unschicklich und wollte nichts weiter hören. Dann aber fragte sie doch, ob bei den Menschen die Weibchen in der Jugend auch Flügel hätten und sie dieselben wie bei uns nach der Hochzeit ablegten. Ich erinnerte mich, bei Ssrr gelesen zu haben, daß es geflügelte Menschen gäbe, welche sie Engel nennen, und daß die jungen Weibchen von den Männchen öfter »mein Engel« genannt würden, wenn sie älter sind, aber nicht mehr. Daraus ist wohl zu schließen, daß auch die Menschen nach der Hochzeit die Flügel verlieren.

Puppensonne 7.
Daß die Menschen auch religiöse Vorstellungen besitzen, hätte ich nicht geglaubt. Dennoch ist nach den Forschungen von Ssrr kein Zweifel daran, wiewohl es sich nur um einen ziemlich rohen Fetischdienst handeln dürfte. Sie haben nämlich eine Art runder Platten von einem schweren, glänzenden Stoffe mit der Abbildung eines menschlichen Kopfes, die sie als ihre Götzen anbeten. Sie verehren dieselben über alles und tragen immer einige bei sich. Wer keine solche Götzenbilder besitzt und vorzeigen kann, wird als ein verworfener Mensch betrachtet und aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen. Er kann es zu keiner angesehenen Stellung bringen und erhält nicht einmal die nötigsten Nahrungsmittel. Wer dagegen von jenen Götzenbildern eine große Menge in seinem Bau aufgehäuft hat, wird als ein heiliger Mann verehrt, alle beugen sich vor ihm, und er kann sogar die so hochgeschätzten Tintendrüsen für einige Götzenbilder erhalten.

Puppensonne 11.
Ein bewegter Tag. Die Arbeiter waren damit beschäftigt, unsern diesjährigen Erstlingen beim Auskriechen behilflich zu sein. Während sie ihnen die Puppenhülsen aufbissen und abzogen, saß ich wieder über meinem Ssrr, dem großen Erforscher der Menschen, den ich mehr und mehr verehren lerne. Hat er uns doch eine neue Welt eröffnet, einen Blick in den ungeahnten Reichtum der Natur an merkwürdigen Gestalten, und in jeder zeigt sich die Weisheit der unendlichen Uremse. Der Mensch, dieses riesige, täppische Tier, wie gefährlich wäre er unseren Staaten, wenn er bei seiner zweifellosen Intelligenz zugleich die idealen Triebe der Ameise besäße! So aber begnügt er sich mit der Anbetung seiner blanken Götzen, und sein ganzes Streben ist darauf gerichtet, möglichst viele derselben anzuhäufen. Und dies nicht etwa für die Gemeinschaft, sondern ein jeder sorgt nur für sich; eben hier zeigt sich die Weisheit des Schöpfers, daß er die Kräfte dieser gefährlichen Riesen zersplittert und sie zu einem Kampfe des einzelnen gegen den einzelnen antreibt. Wie dankbar müssen wir sein, daß wir als Ameisen ausgekrochen sind!
Mit derartigen Gedanken war ich beschäftigt, als wir plötzlich eine gewaltige Erschütterung des ganzen Baus verspürten. An einer Stelle drang das Tageslicht ein. Die Arbeiter stürzten sich auf die Larven und Puppen, um sie in Sicherheit zu bringen, während wir Führer zur Abwehr des Angriffs hinauseilten. Wir bemerkten, daß ein Mensch mit einem Baume – sie nennen es einen Stock – in unseren Bau gestochen hatte. Er stand ganz ruhig und sah offenbar zu, was wir beginnen würden. Sofort ging eine Anzahl Arbeiter an die Ausbesserung, während ein Häufchen mutiger Führer sich auf die Füße des Menschen stürzte und an ihm hinaufkletterte. Wir drangen durch das dicke Gewebe seiner Oberhaut und zwickten, stachen und spritzten dermaßen, daß der Mensch bald die Flucht ergriff. Leider hatten wir dabei große Verluste, nur wenigen, darunter mir, gelang die rechtzeitige Rettung. Denn, höchst seltsam, sobald sich der Mensch einige Schritte in ein Gebüsch zurückgezogen hatte, begann er sich zu häuten, unsere Truppen abzuschütteln und zu zertreten. Alsdann aber schlüpfte er wieder in seine Haut hinein und ging von dannen. Bei der Untersuchung des Kampfplatzes erkannten wir, daß auch der Mensch Verluste erlitten hatte. Unter den welken Blättern des Bodens fanden wir neben den Leichen unserer Tapferen zwei der blanken Götzenbilder und eine aufgesprungene Kapsel, in welcher sich ein weicher, gelblicher Gegenstand befand, wie es schien, eine Locke menschlichen Haares. Wir beschlossen sofort, die erbeuteten Gegenstände in den Bau zu schaffen, sie waren jedoch zu schwer, und wir mußten daher erst nach Beihilfe schicken. Inzwischen schleppten wir wenigstens die Haarlocke ein Stück vorwärts. Während wir damit beschäftigt waren, kehrte der Mensch zurück, indem er offenbar am Boden etwas suchte, vermutlich seine Götzenbilder. Da wir zu schwach waren, um den Kampf wieder aufzunehmen, verbergen wir uns. Als der Mensch endlich mit seinen blöden Augen die Kapsel erkannte, stürzte er freudig darauf zu und hob sie auf; doch schien er äußerst enttäuscht, als er die Locke nicht darin fand. Die Götzenbilder beachtete er merkwürdigerweise gar nicht. Endlich entdeckte er die Locke, wo wir sie verlassen hatten. Er nahm sie auf und drückte sie wiederholt an seine Lippen, dann barg er sie samt der Kapsel sorgfältig in einer Falte seiner Haut. Diesen Vorgang kann ich mir nicht erklären. Was konnte dem Menschen an dem bißchen Haar liegen, da er selbst einen ganzen Schopf besaß? Es müssen im Menschen noch Vorgänge stattfinden, welche uns unerklärlich sind. Instinkt oder Überlegung?
Die Götzenbilder schafften wir später mit großer Mühe in unsern Bau, wo sie den Grundstock eines Menschenmuseums bilden sollen.

Puppensonne 14.
Nachrichten von der Expedition. Es sind ganz ungeahnte Entdeckungen gemacht worden. Die Menschen haben außer dem Verkehrsmittel der Tinte in der Tat noch eine andere Sprache mit Hilfe ihrer Kiefer. Dieselben sind bei den älteren Weibchen stärker entwickelt als bei den Männchen. Die beiden eigentümlichen Hervorragungen an den Seiten ihres Kopfes dienen dazu, die Sprache zu verstehen. Wir allerdings können diese nicht wahrnehmen, aber unsere berühmten Physiker Hlmz und Krch haben ein Instrument erfunden, welches die von den menschlichen Kiefern der Luft mitgeteilten Schwingungen in Tastenvibrationen umsetzt und uns dadurch verständlich macht.
Nun ist alle Aussicht vorhanden, daß wir mit Hilfe unserer bewaffneten Fühler bald die Menschensprache vollständig beherrschen werden. Auch ein Sehrohr ist konstruiert worden, wodurch wir selbst bei Tageslicht entfernte Gegenstände wahrnehmen können.

Flügelsonne 8.
Jetzt geht es lustig im Stock zu! Wir haben wieder eine geflügelte Jugend. Mädchen und Knaben tummeln sich draußen, es ist nicht leicht, sie zu hüten. Frei schweben sie in der Luft, wir alten Führer laufen unten herum und sind nicht imstande, sie zu tasteln.
Nun, das Vergnügen ist ein kurzes – wenige Sonnen, und die Flügel müssen fallen!

Flügelsonne 9.
Von der Expedition höre ich, daß die Menschen sogar Bücher über uns Ameisen geschrieben haben. Selbstverständlich lauter Unsinn! Von unsern Verkehrsmitteln haben sie keine Ahnung, unsere Organe deuten sie ganz falsch, weil sie sich nach ihren groben Sinnen richten. Sie wissen nicht, wie fein und modulationsfähig unsere Tasterschwingungen sind und daß die Keulenkäferchen die Fähigkeit haben, diese Tasterschwingungen aufzunehmen, festzuhalten und nach Belieben wiederzugeben. Daher zerbrachen sie sich den Kopf, wozu wir die Keulenkäferchen im Stock halten und füttern, denn sie können nicht begreifen, daß diese unsere lebendige Bibliothek sind. Da bilden sie sich wer weiß was auf ein neues Instrument ein, was einer von ihnen erfunden hat, um die Töne festzuhalten und wiederzugeben.
Wir haben einen solchen Apparat an unsern Keulenkäferchen schon seit Tausenden von Rundsonnen im Gebrauch. Und dabei wollen sich die Menschen zu den Kulturtieren rechnen!

Flügelsonne 12.
Heut hatte sich eine fremde Ameise in den Stock verirrt. Sie suchte sich zu verstecken, aber ein paar Sklaven erwischten sie gleich an den Fühlern. Ehe wir sie hinauszwacken ließen, forschten wir sie über die Verhältnisse ihres Baus aus. Er liegt am Straßengraben, wo alle Tage Menschen vorüberkommen, und es scheinen dort schöne Zustände zu herrschen. Wenn dies so fortgeht, werden sie geradezu entameist. So gehen sie damit um, den Knaben gleich nach dem Auskriechen die Flügel abzubeißen, damit sie nicht mehr frei in der Luft sich umhertummeln und austoben können. Sie sollen sämtlich zu großköpfigen Gelehrten und Führern erzogen werden und werden daher mit Galläpfeln gefüttert, um womöglich eine Tintendrüse wie die Menschen zu bekommen. Von früh bis abend übertastelt man sie mit den eingetrockneten Puppenhülsen früherer Generationen, von denen man annimmt, daß besonders begabte Gelehrte aus ihnen ausgekrochen seien. Die Namen derselben werden in Verse gebracht und müssen von den armen flügelberaubten Jungen auf Käfer übertastelt werden. Der eine lautet:
Als edle Puppengreifer merk:
Psr, Klks, Mgs, Schns, Prbs, Hms und Zrk.
Kks 25 Sklaven fing,
Grx 20, 22 Lng.

So geht es weiter. Von jedem alten Führer müssen sie wissen, wieviel Sklaven und Puppen er eingebracht und wieviel Feinde er getötet hat. Ich sagte, ich fände das nicht gut, die Knaben hätten von der Natur die Flügel bekommen und verlören sie schon von selbst, wenn sie sie nicht mehr brauchten. Man solle sie nicht vor der Zeit entflügeln. Das ginge vielleicht eine Zeitlang, aber im nächsten Jahr würden sie schon sehen, was sie damit anrichten. Da erwiderte das freche Ding, bei den Menschen wäre es ebenso. Sie wurde hinausgeworfen. Hüten wir uns vor dem Vermenschen!

Flügelsonne 13.
Die Expedition hat einige hundert Stück Käfer zurückgeschickt, denen sie ihre Erfahrungen über die Menschen übertastet hat. Da gibt es zu studieren. Einzelnes ist gar nicht zu verstehen. Bei uns weiß jeder Arbeiter im Augenblick, was für den Bau zu tun ist, und ohne Zögern legt er Kiefer ans gemeinsame Werk. Bei den Menschen – und dies bemerkte schon Ssrr – hat jeder eine andere Ansicht; viele wechseln ihre Ansicht alle Tage. Aus welchem Grunde, ist nicht ganz klar, der Wechsel scheint jedoch von der Windrichtung abzuhängen.
Unbegreiflich ist folgende Äußerung, die von einem Menschen berichtet wird: »Liebe Frau, ich habe 30 000 Mark in der Lotterie gewonnen, sage aber niemand etwas davon, wir werden sonst in der Steuer erhöht.« – »Mark« sind offenbar die bekannten Götzenbilder, und »Lotterie« soll ein Volksspiel sein, wobei die Veranstalter Belohnungen erhalten. Sonst aber ist alles unklar. Erstens: Liebe Frau! Was ist »liebe« und was ist »Frau«? Ein Weibchen ohne Flügel? Dann aber ist sie doch Mutter und Königin, wie kann sich ein Männchen erdreisten, sie als seine liebe Frau anzureden? Und Steuer – was ist Steuer? Es muß doch wohl ein Übel sein, da der Mensch es vermeiden will. Nach der Erklärung unserer Gelehrten soll aber die Steuer bei den Menschen ein Hauptlebenszweck sein – wie also kann sie ein Übel heißen? Was mich indessen am allermeisten stutzig macht, ist der Ausdruck: »Sage es niemand.« Wie kann man etwas, was ist, nicht sagen wollen? Etwas, was nicht ist, kann doch überhaupt nicht gesagt werden, und was ist, kann durch die Rede nicht anders gemacht werden. Oder sollte es bei den Menschen möglich sein, daß etwas, was für einige ist, für andere nicht sein könnte? Das scheint mir ein unlösbarer Widerspruch.

Flügelsonne 15.
Mit einigen Führern und 56 Arbeitern auf der Jagd. Da sahen wir denselben Menschen, der uns einmal angegriffen hatte, aber diesmal war noch ein Weibchen bei ihm. Sie schienen sich sehr angelegentlich zu unterhalten. Mehrmals näherte er seinen Fühler dem ihrigen, den sie aber immer wieder zurückzog. Ich bewaffnete mich mit einem Krchschen Sehrohr und einem Hlinzschen Schalltaster und wagte mich bis auf das Haar des Weibchens. Es schien mir von derselben Art zu sein wie die neulich gefundene Haarlocke. Mit Hilfe des Schalltasters hoffte ich ihr Gespräch zu verstehen, aber ich konnte nur so viel wahrnehmen, daß sie mehrmals sagte: »Nein, nein – wir dürfen uns nicht wiedersehen.« Der Mensch ging darauf sehr betrübt fort, gab ihr aber vorher ein Papier, das sie in die Haut steckte oder vielmehr, wie wir jetzt wissen, in die künstliche Haut, welche die Menschen über die Naturhaut ziehen. Als er fort war, fielen einige Tropfen aus ihren Augen, wobei ich in größere Lebensgefahr geriet, weil sie sich über Gesicht und Haar strich. Dann setzte sie sich unter einen Baum und hielt das Papier vor ihre Augen. Endlich ließ sie es in den Schoß sinken und saß lange unbeweglich davor. Nun zwackte ich sie in den Hals. Sie sprang auf, das Papier fiel herab, und der Wind trug es in ein Gebüsch, wo sie es nicht wieder erreichen konnte. Die Arbeiter, welche schon Verstärkung geholt hatten, waren bei der Hand, und 200 Mann schleppten das Papier in den Bau. Wir mußten das Menschenmuseum erweitern. Auf dem Papier stand ein Gedicht, das wir mit Hilfe einiger von der Expedition zurückgekehrter Gelehrter übersetzten. Es heißt darin:
Eine Herrin hab‘ ich mir erkoren,
Lieb‘ und Lieder sind ihr zugeschworen!

Es ist gewiß merkwürdig, daß ein so rohes Tier wie der Mensch überhaupt derartige Kunstleistungen zustande bringt. Aber einen Sinn kann man freilich nicht darin finden. Erstens ist es schon Unsinn, daß ein Führer – und ein solcher muß doch der Mensch sein, denn gewöhnliche Männchen und Arbeiter können nicht Verse machen – daß ein Führer von einem Weibchen sich etwas befehlen lassen sollte. Und dann, was ist überhaupt Liebe? Ein Wort, mit dem die Menschen gern umherwerfen, aber ich glaube nicht, daß sie sich selbst dabei etwas denken. Wir wenigstens verstehen es nicht. Man sorgt für Puppen und Larven und für das Wohl des Staates, aber das ist doch alles selbstverständlich – und Liebe? Das muß wohl einer von den menschlichen Instinkten sein, über die wir, dank unserer Ameisenwürde, erhaben sind.

Flügelsonne 25.
In der Beherrschung der Sprache und Schrift der Menschen habe ich gute Fortschritte gemacht. Ich versäumte keine Gelegenheit, den Menschen zu studieren, der sich oft in unserer Nähe einfindet.

Flügelsonne 26.
Je näher ich die Menschen kennenlerne, um so mehr muß ich diese unglücklichen Geschöpfe bedauern. Nur das nehmen sie wahr, worauf sie direkt ihre Sinne richten, und wie eng begrenzt sind diese! Der Erdboden, der Träger alles Weltlebens, verschließt ihnen seine unendlichen Feinheiten, bis zu denen ihre blöden Augen nicht hinabreichen. Und selbst wenn sie es täten, wie wenig könnten sie unterscheiden! Denn all die mannigfaltigen, die schnellsten Kräuselungen des Äthers gehen spurlos an ihren groben Nerven vorüber. Sie fühlen nicht den magnetischen Pulsschlag der Erde, nicht die Kristallisationskraft der Stoffe, nicht die Verwandtschaft der Säfte und die Spannungen der Pflanzenzellen, das Gras hören sie nicht wachsen, und die Musik der sich teilenden Spaltpilze ist ihnen versagt. Nur im betäubenden Tageslicht vermögen sie ihren Pfad zu finden, und achtlos stampft ihr breiter Fuß über die Wunder der Schöpfung. Ihr Kopf ragt hinein in die hohle, gestaltlose Luft, in welcher kein Unterschied und kein Gebilde zu erkennen ist. Welch feine Symbolik der Natur liegt schon hierin, daß der Mensch den Kopf aufgerichtet hält im leeren Nichts, die Ameise aber ihn gesenkt trägt zum lebensvollen Boden, dem Wohnplatze der Uremsenheit. Und während wir hier den Gesetzen des Lebens nach sicherer Leitung folgen, irrt der Mensch, ein beklagenswertes Einzelwesen, in ewiger Unbestimmtheit umher, von schwankenden Instinkten getrieben! Einer ihrer größten Führer hat gesagt: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.« – Wenn dies das Beste ist, was sie haben, so sind sie zu bedauern, denn ich weiß damit keinen Sinn zu verbinden. über mir, und wenn ich auf den höchsten Baum klettere, sehe ich nicht, was sie Sterne nennen; und in mir – ich weiß nur, daß alles so ist, wie es ist. Was bedeutet das Gebot: Es soll sein? Oder sollte es noch etwas geben, was selbst wir nicht zu begreifen vermögen?

Beutesonne 22.
Nach langer Pause kehre ich zu meinem Buche zurück.
Was ist Liebe? Die Frage ließ mir keine Ruhe. Immer kehrte sie mir wieder, und immer wieder zerbrach ich mir vergeblich den Kopf. Es schien mir eine Schande für das Ameisengeschlecht, daß es uns nicht gelingen sollte, die von uns abweichenden Eigentümlichkeiten des rohen Menschen kennenzulernen und zu erklären, und da das Problem der Liebe nicht zu den Aufgaben gehörte, welche unserer Expedition ausdrücklich gestellt waren, so trieb mich Wißbegier und – gesteh‘ ich’s nur, obwohl dies fast nach menschlicher Ansteckung aussieht – auch eine Art von Ehrgeiz, die Lösung der Frage auf eigene Gefahr zu versuchen. Es war ein Leichtsinn! Mit Schaudern denke ich an die Tage zurück, welche ich verleben mußte – ein Wunder, daß ich sie überleben konnte!
Ich begab mich so oft wie möglich an die Stelle, an welcher wir die Menschen beobachtet und das Gedicht erobert hatten. Fast jeden Tag sah ich den Menschen dort auf einem Baumstamm sitzen und über das Wasser des kleinen Teiches hinweg in die Ferne schauen, ohne daß ich irgendeinen Gegenstand entdecken konnte, welcher der Aufmerksamkeit eines Menschen mir wert schien. Endlich, es war an der zweiten Beutesonne, fast der ganze Stock war auf dem Kriegspfade, und ich saß wieder über dem Menschen an dem alten Platze – endlich bemerkte ich auf dem Menschenwege am andern Ufer des Wassers jenes Weibchen, aber nicht allein, sondern in Gesellschaft eines älteren, wie ich an dem langsamen Gange bemerkte. Der Mensch sprang auf, aber sogleich setzte er sich erschrocken wieder hin und verbarg sich hinter dem Laubwerk. Lange blieb er so, den Kopf in die Hand gestützt, traurig sitzen. Sonst war er so schnell und freudig dem Weibchen – ein Mädchen nennen es die Menschen – entgegengegangen, und jetzt versteckte er sich? Es war mir unerklärlich. Er zog seine Schreibtafel hervor. Ich näherte mich unbemerkt, und da ich jetzt die nötige Übung im Übertasten der Menschenschrift besitze, gelang es mir, was er sehr langsam und in Pausen niederschrieb, zu verstehen. Es lautete:
Nach dem Wege späh‘ ich am Weiher drüben,
Ob du kommst, Geliebte, herabzuwandeln –
Ach, zu tief herniedergebeugte Zweige
Hemmen den Blick mir!

Ewig scheidet neidisch die dunkle Fläche
Voneinander uns die ersehnten Wege,
Und herüber zittert nur deines schwanken
Bildes Erscheinung.

Ja, warum denn? Er brauchte doch nur um den Teich herumzugehen. – Wie dumm doch die Menschen sind! Ich beschloß, das Äußerste zu wagen, um dieses Warum zu ergründen. Der Mensch schickte sich an fortzugehen. Ich begab mich auf ihn, ich ließ mich von ihm tragen – ins Fremde, ins Ungewisse, wahrscheinlich in den Tod! Aber ich wollte es wissen: Was ist Liebe?
Der Weg war weit, wir hätten auf eigenen Füßen wohl eine Tageswanderung gebraucht. Da blieb der Mensch so plötzlich stehen, daß ich fast herabgefallen wäre. Und ebenso plötzlich setzte er seinen Weg fort. Die beiden Weibchen kamen ihm entgegen. Nun hatte er ja seinen Wunsch erreicht, jetzt konnte er wie früher mit ihr reden. Und ich erwartete, daß sie ihm entgegenspringen werde. Aber was geschah? Sie sah ihn gar nicht an, er hob schweigend den Arm nach dem Kopfe – ich verlor das Gleichgewicht und flog durch die Luft. Als ich wieder zur Besinnung kam, was eigentlich mit mir geschehen sei, waren beide, der Mensch und die beiden Weibchen, schon ein Stück voneinander entfernt, und bald verlor ich den Menschen aus dem Gesicht. Ich saß nämlich, wie ich jetzt bemerkte, in dem Gewande des Mädchens. Hier hielt ich mich verborgen, ich weiß nicht, wie lange.
Eine plötzliche starke Erschütterung des Kleides warf mich auf den Boden. Als ich imstande war, mich umzusehen, fand ich mich in einer Menschenwohnung. Das Weibchen war allein, aber sie hatte jetzt ein weißes Gewand an. Es war dunkel im Zimmer, nur auf dem Tische, an welchem das Weibchen saß, leuchtete eine helle Flamme. Ich sah mich in meinem Schrecken zunächst nach einem Zufluchtsort um, dann aber besann ich mich meiner Aufgabe und wanderte mutig dem Lichte entgegen. Auf dem Tische angelangt, verbarg ich mich in einem dort stehenden Blumenstrauße und konnte nun das Weibchen genau beobachten. Sie hielt ein Bild – die Menschen ahmen merkwürdig geschickt alles nach, was sie sehen – in ihrer Hand.
Mit Erstaunen sah ich, daß es den Menschen darstellte, an welchem sie heute so kalt vorübergegangen war. Und jetzt – unbegreiflich – erfaßte sie es und drückte ihre Lippen darauf, gerade wie es der Mensch mit jener Haarlocke gemacht. Ich weiß jetzt, daß dies das Zeichen der höchsten Billigung bei den Menschen ist, wie aber ist es erklärlich, daß sie dies bei dem Menschen tat, den sie eben so schlecht behandelt hatte? Dabei rannen Tropfen aus ihren Augen. jetzt begann sie selbst zu schreiben. Auch ihre Zeilen hatte ich Zeit genau zu studieren:

Lieber teurer Freund!
Freuen Sie sich nicht, daß Sie einen Brief von mir erhalten, er wird Ihnen eine Enttäuschung bringen, aber es muß sein. Es ist mir klargeworden, ich kann das Leben nicht mehr ertragen, das ich führe, es ist ein Leben der Lüge. Ich betrüge meine Eltern, ich betrüge die Ihrigen, und so lebe ich in einer ewigen Furcht vor Entdeckung. Schon ist meine Mutter mißtrauisch geworden, ich habe Sie deswegen gemieden – so schwer es mir wurde. Es muß noch Schwereres geschehen, ich darf Sie nicht wiedersehen. Ich weiß keinen andern Weg. Eine Entdeckung wäre mir entsetzlich, und wir würden dann unter Schimpf und Schande getrennt. Das wird Ihre Liebe mir nicht zumuten wollen. Darum trennen wir uns freiwillig. Denn der andere Weg, daß wir den Unsern unsere Liebe bekennen, daß wir alles auf uns nehmen und der Welt um unserer Liebe willen trotzen, der ist uns verschlossen. Nie wird mein Stolz gestatten, daß Sie um meinetwillen die glänzende Laufbahn aufgeben, zu der Sie bestimmt sind, daß Sie die Pflichten versäumen, welche Sie dem Leben schulden, daß Sie alle Schranken durchbrechen, uni im.Kampfe mit Not und Elend sich ein neues Dasein zu gründen – und anders wäre es nicht möglich, das wissen Sie. Und daß ich auch die Meinigen für immer verlieren würde, wenn ich Ihnen, dem Fremden, dem Andersgläubigen, folgte.
Nein, es kann nicht sein, und Sie selbst könnten es nicht, wenn Sie auch wollten. Ihre Liebe ist nicht für die Ewigkeit. Sie werden Lydia bald vergessen. Ich weiß, die Zeit ist nicht fern, in welcher ein anderes Bild das meinige aus Ihrem Herzen verdrängt. – Werden Sie glücklich, es ist besser so.
Ich weiß, wie schuldig ich bin, ich durfte Sie nicht anhören, wenn Sie so lieb sprachen – aber Gott weiß, in Ihrer Nähe hatte ich alles vergessen, was ich sagen wollte und mußte. Verzeihen Sie mir. Nie werde ich wieder gegen einen Mann freundlich sein, das sei meine Buße. Ich liebe Sie, ich will Sie lieben wie einen Freund und Bruder und Ihnen mein Leben lang danken für die glücklichen, unendlich glücklichen Stunden Ihrer Liebe. jetzt sind wir frei, eine Zentnerlast fällt mir vom Herzen, da ich es Ihnen gesagt habe.
Schreiben Sie mir nicht wieder, an meinem Entschlusse können Sie nichts ändern, es könnte nur zu einer Entdeckung führen.

Lydia

Ich dachte immer, Liebe sei der Instinkt, wodurch man etwas allem anderen vorzieht; nun sah ich, daß Liebe die Menschen voneinandertreibt. Das verstehe, wer kann! – In meinem Forschungseifer hatte ich mich auf den Tisch gewagt, während Lydia – das ist so ein Menschenname, den man gar nicht aussprechen kann – den Brief zusammenfaltete. In diesem Augenblicke ging die Tür auf. Lydia hatte kaum Zeit, die Papiere und das Bild zusammenzuraffen und in ein Schränkchen zu verschließen, das zu dem Tische gehörte. Das alte Weibchen war hereingekommen. Dies war, wie ich bald erfuhr, Lydias »Mutter«; bei den Menschen hat nämlich jeder seine eigene »Mutter« – ein mir nicht ganz klarer Begriff. Sie war ungehalten, daß Lydia noch schrieb, und fragte, was sie da so eilig verberge? Sie griff nach einem Blatte, das liegengeblieben war, aber jetzt erblickte sie mich, und mit dem Ausrufe: »Eine Ameise! Ich kann die Tiere in den Tod nicht leiden!« schlug sie nach mir. Ich entfloh unter das Schreibzeug, sie rückte es fort, sie jagte mich weiter, endlich aber gelang es mir, mich zu verbergen, und wie’ich aus meinem Versteck bemerkte, hatte Lydia inzwischen auch das letzte Blättchen gerettet. Wieder ein Beispiel von der Eigentümlichkeit der Menschen, sich gegenseitig manches zu verbergen!
Das Licht war verschwunden. Ich konnte mich nach kurzer Ruhe hervorwagen und meine Entdeckungsreise beginnen, denn im Finstern sehen die Menschen nichts. Mein Ziel war das Schränkchen, in das ich durch das Schlüsselloch eindrang. Ich fand Kästchen mit Schmucksachen, vertrocknete Blumen, Papiere und Briefe, und ich nahm mir vor, hier eingehende Studien zu treiben. Wenn irgendwo, so mußte hier zu entdecken sein, was Liebe ist, denn Lydia schien dies ja genau zu wissen.
Vergebens sah ich mich nach Lebensmitteln um. Mich hungerte, und ich verließ wieder das Schränkchen. Weite Wanderungen legte ich unter Entbehrungen und Gefahren zurück, ich fühlte mich einsam und beklagte meinen Fürwitz. Schon nahte der Tag, und ich mußte daran denken, mich zu verbergen. Da – ich atmete auf – spürte ich die Nähe von Honig. Ich drang durch die Ritze eines Schrankes, ich fand einen großen Vorrat – aber andere Ameisen waren bereits dabei! Sie stürzten auf mich zu – ich war verloren oder wenigstens zum Sklaven gemacht! Ich wollte tapfer sterben und rüstete mich zum Kampfe. Den ersten packte ich mit den Zangen, da berührten ihn meine Fühler, und – ich erkannte Rlf! Es war unser eigener Stamm, unsre Expedition, die hier ihr Vorratslager hatte. Im Triumphe führten sie mich in.ihr Versteck unter den Dielen. Sie erzählten von ihren Entdeckungen, sie zeigten mir die große Anzahl übertasteter Keulenkäferchen, eine glänzende Bibliothek, aber vor allem hatte ich das Bedürfnis, nach Nahrung und Ruhe. Beides wurde mir zuteil.
In der nächsten Nacht führte ich eine Abteilung unserer Expedition mit den nötigen Keulenkäferchen in Lydias Geheimfach, um die Akten der Liebe zu durchstöbern und aufzunehmen. Wir begannen zu übersetzen und zu übertasten. In unserm Eifer bemerkten wir nicht, daß draußen der Tag längst angebrochen war, als wir durch die laute Stimme der Mutter aufmerksam gemacht wurden. Noch hofften wir verborgen bleiben zu können. Wir lauschten mit unsern Ferntastern. Sie stritt mit Lydia und verlangte von ihr den Schlüssel des Schränkchens. Plötzlich wurden wir vom hellen Tageslicht geblendet, das durch die geöffnete Tür schien.
Die Mutter guckte herein, aber ehe wir uns retten konnten, schlug sie die Tür wieder zu und schrie: »Wieder Ameisen! Ein ganzes Nest! Und über den Honig sind sie auch gegangen. Wo ist der Spiritus? Wir wollen Sie hineintun, Ameisenspiritus ist so gut gegen Rheumatismus. Ich will nur ein Töpfchen holen.«
Ameisenspiritus! Entsetzlich! Was wollte man mit uns? Zerquetschen? Ertränken? Und nirgends eine Rettung? Wir kletterten zum Schlüsselloch; es war unzugänglich, der Schlüssel steckte darin – kaum ein Keulenkäferchen hätte sich durchdrängen können. Nirgends ein Spalt, eine Ritze, überall die glatte Politur – wir rannten ohne Überlegung umher. Da öffnet sich noch einmal die Tür auf einen Moment, Lydias Hand greift hinein und erfaßt das Päckchen Papier, das sie schnell in ihre Tasche gleiten läßt. Einige von den unsern werden dabei hinausgeschleudert und vernichtet. Die Tür ist wieder geschlossen. Wir hören die Alte zurückkommen, sie ruft nach dem Spiritus – da, beim Herausreißen der Papiere hat sich der Deckel eines Pappkästchens verschoben, wir kriechen durch den schmalen Spalt. Auf Watte lag ein großer gewundener Wurm von blankem Stoffe, wie ihn die Menschen am Arme tragen. Am Kopf hatte er zwei Augen, in dem einen saß ein roter Stein, das andere war leer. Inwendig war der Wurm oder die Schlange hohl – hier konnten wir uns verbergen! Führer, Arbeiter und Keulenkäferchen, alle brachten wir in den Windungen des Armbands unter. Wir hörten die Mutter schelten – weder die Ameisen noch die Papiere fand sie!
Es folgten die furchtbarsten Tage meines Lebens. Der Schrank blieb verschlossen, aber auch das Schlüsselloch. Es war uns unmöglich, zu entfliehen. Wenn Geräusch entstand, verbargen wir uns in dem Armband. Hier saßen wir zusammengedrängt, vom Hunger erschöpft. Nach einer solchen Flucht fanden wir die Papiere wieder im Schranke vor, wir studierten sie weiter trotz unseres erbarmungswürdigen Zustandes. Der Schlüssel war auch wieder abgezogen, aber es war ein anderer fester Gegenstand vorgeschoben, den wir nicht beseitigen konnten. Noch immer keine Aussicht auf Rettung! Wir versuchten das Papier zu verzehren. aber es bekam uns nicht.

Beutesonne 17 starben der Führer Mrs und fünf Arbeiter. Die Käfer sind noch wohlauf. Beutesonne 18 verloren wir einen Führer und zehn Arbeiter. Wir hatten beschlossen, einen Rettungsversuch zu unternehmen. Sich beim Öffnen der Tür hinauszuwagen wäre direktes Verderben gewesen. Wir hatten jedoch bemerkt, daß, wenn die Tür aufging, an der Seite, wo sie sich drehte, ein schmaler Spalt entstand. Ein Führer und zehn Arbeiter sollten bei der nächsten Öffnung des Schrankes den Versuch machen, sich hier hinauszuschleichen. Gelang das Wagnis, so sollten die übrigen es später ebenfalls versuchen. Sie warteten an der passenden Stelle, aber – als die Tür aufging, wurden sie zu unserm Entsetzen durch die einwärts tretende Kante grausam zermalmt! Wir waren in Verzweiflung. Hoffnungslos untersuchten wir, was in den Schrank gelegt worden – neue Papiere. Was nutzten sie uns jetzt? Aber da, ein Päckchen, süß duftend – wir zernagten das Papier –, eine dunkle, süße Masse – wir kannten sie nicht, aber sie schmeckte herrlich! Wir waren vorläufig vor dem Hungertode gerettet!

Beutesonne 19.
Der Schlüssel klirrte, wir flohen in das Armband. Aber, o Schrecken! Die Schachtel wird geöffnet – wir verbergen uns in der äußersten Windung –, das Armband wird emporgehoben, Lydia hat es angelegt! Wir halten uns fest zusammen. Langsam verrinnt die Zeit, schwer werden wir durcheinandergeschüttelt, aber frische Luft dringt durch das Schlangenauge – Waldluft! Die Erschütterungen hören endlich auf – alles ruhig. Ich wage mich als Kundschafter hinaus – wir sind am Weiher! Lydia sitzt ruhig da – vielleicht können wir entfliehen; ich winke den Genossen. Da nahen Schritte, es ist jener Mensch! Lydia erblickt ihn, sie springt auf und schreitet eilig nach der anderen Seite, sie flieht ihn, und er wendet sich mit finsterem Blicke zum Gehen.
Da – ein Schrei –, Lydia schleudert das Armband von sich – der unvorsichtige Rlf hat die Genossen hinausgeführt, sie wollten entfliehen, aber bei der ersten Berührung ihres Armes bemerkt Lydia, daß sie aus dem Armband hervorquellen –, das goldne Gefängnis mit der ganzen Expedition liegt im Grase. Ich sehe noch Lydia wie versteinert stehen und auf ihren Arm starren, ich sehe den Menschen umkehren und sich ihr nähern, er fragt, ob sie verletzt sei, er ergreift ihre Hand, er blickt auf den Arm, er drückt ihn an seine Lippen – nun endlich scheint sie sich zu besinnen, daß sie fliehen wollte. – Die Genossen sind schon auf der Wanderung nach dem Stock, ich allein hafte in Lydias Gewande, ich kann mich nicht entschließen zu fliehen, bis ich gehört habe –
»Vertrau mir«, sagte er. »Ich bin dein, werde dein fürs Leben. Ich habe es durchgesetzt, mich von allen Schranken zu lösen. Ein bescheidenes Los, aber ein freies. Was ist mir die Welt ohne dich? Du bist mein Glück, meine Hoffnung, nur in deiner Liebe finde ich meine Kraft. Ich werde dich erringen, fürchte nichts!« Sie schweigt, sie weint. »Ich kann ja nicht anders«, flüsterte sie endlich. »Ich habe gerungen gegen dich, gegen mich – ich war zu schwach. Nun komme, was da wolle. Ich kenne nichts mehr als deine Liebe!« Er sank zu ihren Füßen, ich fiel zu Boden. Ich mußte den Genossen folgen.
Aber was ist Liebe? Ich habe es nicht erfahren. Das höchste Glück und das höchste Elend der Menschen? Sie werfen es fort, und dann vergessen sie alles um der Liebe willen? Den ganzen Staat für einen Menschen, die Welt um ein Weibchen? Unglückseliges, bedauernswertes Geschlecht! Wie weise sind doch die Einrichtungen der Ameisen! Wie herrlich das »Unbewußtsein der unvermeidlichen Handlungsweise!« – Morgen ist die erste Hochzeitssonne. So ist es ein Jahr wie das andere, und das ist gut so.

Hochzeitssonne 3.
Wieder ordentlich im Stock eingerichtet. Mögen die Menschen machen, was sie wollen, ich habe höhere Pflichten, als mich um den Unsinn zu kümmern, den sie Liebe nennen. Bei uns läuft alles im Stock durcheinander. Es ist Zeit, daß die unnützen Esser, die Männchen, beseitigt werden.

Hochzeitssonne 5.
Am nächsten schönen Sonnentage, den wir haben, wird das Hochzeitsfest gefeiert. Es ist eigentlich schade, daß mein guter Freund Klx ein Männchen ist. in wenigen Tagen ist es mit ihm vorbei. Wäre er als Führer ausgekrochen, so hätte etwas aus ihm werden können; für ein Männchen macht er sich viel zuviel Gedanken. Es scheint wirklich, als wären wir alle schon ein wenig angesteckt von der Zerfahrenheit und Unbefriedigung der Menschen. So fragte mich Klx, warum er nach der Hochzeit sterben müsse. Dumme Frage! Weil er dann nichts mehr nutze ist. Gewiß hat er einmal etwas von dem sogenannten Selbstzweck gehört, auf den sich die Menschen etwas einbilden. Und was dann aus ihm würde? Ob es wahr wäre, daß er in die Erde komme, in den großen Ameisenstock, wo es nur Führer gibt und keinen Winter? Und ob im nächsten Jahr und dann wieder es Männchen geben würde? Und ob hinter dem Walde noch andere Wälder und darin Ameisen und immer wieder Ameisen wären? Und warum es so viele gebe, wenn sie doch nie miteinander Krieg führen und Puppen erbeuten könnten? Es sei oft ein seltsames Gefühl in ihm, wenn er daran denke, daß alles dies wäre und geschähe und vorwärtsginge, gleichviel, ob er davon wisse oder nicht, und daß es so gar nicht auf ihn ankäme und er doch seine Flügel und Fühler habe und seines Lebens sich freue. Ich sagte ihm, das fühle freilich, ein jeder, aber man dürfe davon nicht reden, weil sich durch keine Worte sagen lasse, was das Ameisenherz in sich erlebt, und wenn er es andern übertasten wolle, so werde es etwas ganz andres werden, als er in sich fühle, und es entstünde flaches Gered‘ und eitel Gezänk, und zuletzt zwackte man sich die Fühler ab. Dann wollte er gar wissen, ob bei den Menschen die Männchen auch nach der Hochzeit stürben – da hieß ich ihn die Taster halten, von den Menschen brauchte er überhaupt nichts zu wissen, denn das sei eine Sache der Bildung, die nur die Führer anginge. Und damit schickte ich ihn fort. Soviel ich weiß, bleiben übrigens bei den Menschen die Männchen leben, sie sollen nur etwas träger werden. Es müssen dort merkwürdige Verhältnisse herrschen. Große Volksfeste haben sie wohl auch, aber an unser Hochzeitsfest dürften sie nicht heranreichen. Gerade die wichtigste soziale Frage scheinen sie als Privatsache zu behandeln. Wunderbar!

Hochzeitssonne 15.
Gestern war der große Tag. Die Sonne schien mild und warm. Hochzeitsgetümmel in den Lüften! Selige Ameisenschaft, heute Leben und Wonnesein, und dann ist’s vorbei. Die Männchen sind heute fast alle schon dahin, auch unter den Weibchen haben die Vögel tüchtig aufgeräumt. Die übriggebliebenen haben wir zum größten Teile bereits in die Winterzellen gebracht. Für die Zukunft des Stockes ist gesorgt, und nun mag das Jahr zu Ende gehen.

Wintersonne 1.
Endlich ist der Rest der Expedition von den Menschen zurückgekehrt, Tausende von eingetasteten Käfern führen sie mit sich, wir müssen unsere Bibliotheksräume durch einen Anbau erweitern. Unsere Gelehrten haben mehrere Menschenbücher übersetzt, ich habe schon viel darin gelesen, aber wenig verstanden. Vielen Menschen soll es auch so gehen. Was sich die Menschen einbilden! Sie nennen sich die Herren der Schöpfung und wissen nicht, daß sie nur aus der Erde gewachsen sind, damit wir an ihnen unsern Verstand üben und unsern Geist unterhalten. Denn sonst wüßte ich nicht, was sie eigentlich nützten.

Wintersonne 5.
Die Abrechnung über unsere Eroberungszüge ist beendet. Das Jahr war ein mittelmäßiges, viel Verluste, aber auch reichliche Sklaveneinfuhr, dagegen wenig Puppen erbeutet. In mein Tagebuch schreibe ich nichts von den Kriegsgeschäften, es lohnt sich nicht. Die Menschen machen von ihren Kriegen furchtbar viel her, das kommt aber daher, weil sie dieselben gegen ihre Freunde und nicht gegen ihre Feinde führen. Denn von den Feinden heißt es ausdrücklich, daß sie sie lieben sollen. Aber da ist wieder das unverständliche Wort!

Wintersonne 8.
Heute noch einmal im Freien, vielleicht zum letzten Male. Das Laub fällt von den Bäumen, und die Herbstspinnen fahren durch die Luft. Wir sahen unsern Menschen wieder, und das Weibchen war bei ihm. Sie schienen sehr befreundet, denn sie streichelten und liebkosten sich – dabei sprachen sie in großer Furcht davon, daß andere Menschen sie sehen könnten.
Warum nur die andern Menschen davon nichts wissen sollten? Das Unaussprechliche verhandeln sie vor dem Volke in großen Versammlungen, und das, wovon doch das Gedeihen des Stockes abhängt, scheuen sie sich zu besprechen, und nur in der Einsamkeit wagen sie ihre Liebkosungen. Trotz aller Ameisenähnlichkeit – sie bleiben doch immer bloß Menschen!

Wintersonne 16.
Es ist kalt geworden. Die Eingänge zum Stock sind verschlossen und verstopft. Heut haben wir den letzten Weibchen die Flügel abgenommen und sie in ihre Zellen gesteckt. Nun haben wir Ruhe!
Ich las in der Bibliothek in einem Menschenbuche eine seltsame Geschichte, die ich nicht glauben kann. Es war ein Mensch, wahrscheinlich ein Führer, der mehr wußte als die andern,und ihnen das alles sagte, weil er glaubte, daß es gut sein würde für den Stock; und das finde ich ganz selbstverständlich. Den andern Führern aber gefiel es nicht, weil er auch zu den Sklaven sprach, daß sie nicht geringer seien als die Führer. Da nahmen sie ihn und sagten, wenn er nicht seine Taster still halte, so würden sie ihn totzwacken. Das ist ja auch ganz richtig, denn wer den Führern und damit dem Stock schadet, muß totgezwackt werden. Nun aber kommt das, was ich nicht verstehe. Der Mensch wurde nicht etwa still, sondern er fuhr fort, seine Meinung zu behalten und zu behaupten. Wie kann das sein, daß einer von der Meinung der Führer abweicht? Und wie sie ihn nun zwackten, so hörte er doch nicht auf zu reden, sondern er hob seine Taster vor allem Volke und rief: »Ihr könnt nicht richten über mein Gewissen, das mich heißt die Wahrheit zu künden. Höher als das Leben steht die Freiheit der Überzeugung. Totzwacken könnt ihr mich wohl, aber meine Worte werden bleiben, und ich sterbe gern für die Freiheit! «

Was soll das alles heißen? Freiheit? Dummes Zeug! Ich krieche in meine Winterzelle.

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Kurd Laßwitz: Kurd La – Aus dem Tagebuch einer Ameise
Aus: Bis zum Nullpunkt des Seins
Verlag Das Neue Leben | 1979

Illustration: Klaus Ensikat

Gustav Schwab | Nausikaa | Griechische Mythologie

Nausikaa

Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf überwältigt im Walde lag, war seine Beschützerin Athene liebreich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phaiaken, auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen Alkinoos, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach Nausikaas auf, der jungfräulichen Tochter des Königs, die an Schönheit und Anmut einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene nahte sich dem Lager der Jungfrau leise wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten, und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: „Ei, du träges Mädchen, wie wird doch die Mutter schelten! Hast du auch gar nicht für deine schönen Gewänder gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst und für die Jünglinge, die deine Brautführer sein werden! Wie soll es dann werden? Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröte, sie zu waschen; ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwinder fertig wirst. Du bleibst doch nicht lange mehr unvermählt, werben doch schon lange die Edelsten unter dem Volke um die schöne Königstochter!“

Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager und suchte die Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß am Herde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rat der angesehensten Phaiaken bestellt und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende Tochter bei der Hand und sprach schmeichelnd: „Väterchen, willst du mir nicht einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewänder zur Wäsche nach dem Flusse führen kann. Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt es, in reinen Kleidern im Rate dazusitzen! So wollen auch deine fünf Söhne, von welchen drei noch unvermählt sind, beständig in frisch gewaschener Kleidung umhergehen und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch, alles auf mir!“

So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke, das mochte sie sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es doch und sprach: „Geh, mein Kind, ein geräumiger Korbwagen und Maultiere sollen dir nicht versagt sein; befiehl den Knechten nur anzuspannen!“ Nun trug die Jungfrau die feinen Gewänder aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte Wein in einem Schlauche, Brot und Gemüse hinzu, und als sich Nausikaainden Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Ölflasche mit, sich zugleich mit den dienenden Jungfrauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Tiere mit den Dienerinnen dem anmutigen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann, ließen die Maultiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewänder am Waschplatz in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt, und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet, wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bildeten. Alsdann erfrischten sich die Mädchen selbst im Bade, und nachdem sie sich mit duftigem Öl gesalbt, verzehrten sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche an den Sonnenstrahlen getrocknet wäre.

Nach dem Frühstück belustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte abgelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt und edlem Angesicht vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen taten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte und das Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus, dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, erwachte. Horchend richtete er sich auf und sprach zu sich selber: „In welcher Menschen Gebiet bin ich gekommen? Bin ich unter wilde Räuberhorden geraten? Doch deucht mir, ich hörte lustige Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellnymphen! Da bin ich doch wohl in der Nähe von gesitteten Menschenkindern!“

So sprach er zu sich, und indem er mit der nervigen Rechten aus dem verwachsenen Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und seine Blöße damit bedeckte, tauchte er aus dem Dickicht hervor, und von der Not gedrängt, erschien er wie ein Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeresschlamm noch ganz entstellt; die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich, die einen da-, die anderen dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades. Nur die Tochter des Alkinoos blieb stehen; Athene hatte ihr Mut ins Herz eingeflößt, und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie der Jungfrau umfassen oder aus ehrerbietiger Ferne sie anflehen sollte, ihm ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt das letztere für ziemlicher und rief ihr daher von weitem zu: „Seiest du eine Göttin oder eine Jungfrau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin, so achte ich dich der Artemis gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche, so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf zum Reigentanz einherschreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich
von der Insel Ogygia abgefahren bin; vom Sturm ergriffen, wurde ich auf dem Meere umgeworfen und endlich als Schiffbrüchiger an die Küste geschleudert, die ich nicht kenne, wo mich niemand kennt! Erbarme dich mein; gib mir eine Bedeckung für meinen Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben, was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus und Frieden und Eintracht dazu!“

Nausikaa erwiderte auf diese Anrede: „Fremdling, du scheinst mir kein schlechter und kein törichter Mann zu sein. Da du dich an mich und mein Land gewendet hast, soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen und den Namen unseres Volkes sagen. Phaiaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst bin die Tochter des hohen Königs Alkinoos.“ So sprach sie und rief die dienenden Mädchen, indem sie ihnen Mut einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hinzuzutreten. Endlich gehorchten sie der Fürstin, und, nachdem sich Odysseus an einem versteckten Orte gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewändern hervorsuchten, zur Bedeckung in das Gebüsch. Als der Held sich den Schmutz vom Leibe gewaschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin Athene, daß er schöner und völliger von Gestalt anzuschauen war; von dem Scheitel goß sie ihm schön geringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmut. So in Schönheit strahlend, trat er aus dem Ufergebüsch und setzte sich seitwärts von den Jungfrauen.

Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Staunen und begann zu ihren Begleiterinnen: „Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen muß mit ihm sein und hat ihn jetzt in das Land der Phaiaken gebracht. Wie unansehnlich erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!“ Dies geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung.

Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewändern wieder bedeckt, die Maultiere vorgespannt, und Nausikaa nahm auf dem Wagensitz ihren Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem Wagen folgen. „Dies tue“, sprach sie freundlich zu ihm, „so lange es durch Wiesen und Äcker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer umschließt sie, ihre beiden Seiten – denn sie liegt ganz am Meere – schließt ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch der Marktplatz und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher, Ruder und andere Schiffsgeräte bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher und Bogen machen sich unsere Phaiaken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute, das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling, vermeide ich gern das lose Geschwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermütig; da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: ‚Was folgt doch der Nausikaa für ein schöner, großer Fremdling? Wo fand sie doch den auf? Er wird sicherlich ihr Gemahl!‘ Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor der öffentlichen Vermählung! Darum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der Athene heilig ist und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein wenig; nur so lange, bis du annehmen kannst, daß wir in der Stadt angekommen sind; dann folge uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht aus den anderen Häusern herauskennen. Dort umfasse die Knie meiner Mutter; denn wenn sie dir wohl will, so darfst du sicher sein, deiner Väter Heimat wieder zu schauen!“

So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen davon, doch langsam, daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hain Athenes blieb dann der Held zurück und betete flehend zu Athene, seiner Beschirmerin. Sie hörte ihn auch, nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon und erschien ihm deswegen nicht öffentlich in dem fremden Lande.

Beitragsbild: Pieter Lastman |  Odysseus und Nausikaa | Ölbildnis, 1619 | Alte Pinakothek, München

Textquelle: Sagen des klassischen Altertums >> Gustav Schwab | Dritter Teil

Erzählung | Friedrich Glauser | Nausikaa

Nausikaa

Frederick Leighton - Nausicaa | 1878
Frederick Leighton – Nausicaa | 1878

Wenden Sie bitte das Gesicht ein wenig von mir weg … so … jetzt ist es besser. Ihr Profil ist ein wenig hart, wie überhaupt Ihr Gesicht zwei verschiedene Ausdrücke hat … Und diese Zweiheit ist das Interessante an Ihnen … Nein, durchaus nicht, ich sage das nicht jedem Kunden, ich meine es wirklich ehrlich … Sie glauben mir nicht? … Ich weiss, ich weiss, Sie meinen, es sei eine erniedrigende Beschäftigung, sich den Kunden dieses Lokals allabendlich aufzudrängen und sie inständig zu bitten, sich abzeichnen zu lassen, der Lohn ist gering, und wenn Sie finden, dass meine Zeichnungen auch künstlerisch nichts taugen, so kann ich Ihnen nur Recht geben … Aber was wollen Sie, man muss leben, ich bekomme keine Arbeitskarte hier in Frankreich, ich muss sehen, wie ich mich durchschlagen kann … Und einen Vorteil hat ja diese Beschäftigung, ich habe die Nacht für mich, und am Tage kann ich schlafen; so vermeide ich es, gewisse Blicke zu sehen, Blicke … Ich bin nämlich verheiratet …
Wenn Sie tanzen wollen, mein Herr, bitte … Lassen Sie sich nicht abhalten, ich kann die Zeichnung auch später beenden. Und wenn ich Sie ein wenig beobachten kann, während Sie sich bewegen, so wird es dem Ausdruck, den ich Ihrer Physiognomie zu geben gedenke, nichts schaden. Es hängt doch alles zusammen. Der Gang und das rhythmische Schreiten übers Parkett, wenn Sie eine Frau im Arm halten – es sind gute Mädchen hier, geben Sie der Erwählten ein kleines Trinkgeld, und Sie werden mit Erstaunen feststellen, dass Sie plötzlich wunderbar tanzen können, auch wenn Sie in Ihrem Heimatland bei Hausbällen nie fähig gewesen sind, einen Tango zu tanzen. Es sind gute Mädchen, ich kann sie Ihnen warm empfehlen, sie werden Sie nicht ausplündern, im Gegenteil. Und wenn Sie sich ein wenig am Tanze erfreut haben, haben Sie vielleicht Zeit … Gegen drei Uhr leert sich das Lokal, und dann können wir plaudern … Ich plaudere gern … Der Patron des Lokals ist mir wohlgeneigt, und wir können dann einige Flaschen Vouvray trinken, und ich erzähle Ihnen … Lieben Sie Monologe? … Ich erzähle übrigens interessant, ohne mich rühmen zu wollen … Ich will Ihnen dann die Geschichte Nausikaas erzählen, Nausikaas, der Tochter des Phäakenkönigs, aber der Schluss wird anders sein als beim alten Homer … Mein Odysseus hatte keine Penelope daheim, die auf ihn wartete, und darum hat meine Geschichte auch eine andere »moralite«. Geschichten sind wie Fabeln, sie müssen einen belehrenden Schluss haben, finden Sie nicht? … Aber ich schwatze und schwatze, gehen Sie jetzt tanzen. Darf ich Ihnen Fräulein Berthe vorstellen? Berthe, du darfst dann mit uns eine Flasche Wein trinken, der Herr lädt dich ein. Tanze recht gut mit ihm, mein Kind, während ich an meiner Zeichnung herumstrichle und mir, mit Ihrer Erlaubnis, mein Herr, einen Cognac mit Selterswasser zu Gemüte führe. Mein Gemüt braucht derartige Stärkungen, es ist ein wenig abgestumpft und dennoch so zart, dass es leicht, sehr leicht umkippt, und dann gibt es Tränen … Das wollen wir verhüten …
Sie sehen, meine Prophezeiung war richtig. Die Musik packt ihre Instrumente zusammen, der Chasseur bringt den letzten Pärchen ihre Garderobe, manchmal, wenn die Tür sich öffnet, hören Sie das Surren eines Anlassers, müde, wie das Summen einer Hummel im Herbst … Wollen wir Wein trinken? Er ist nicht teuer … Ich will Ihnen gestehen, dass ich zehn Prozent vom Preis der Flasche bekomme, ich werde sie redlich mit Fräulein Berthe teilen; denn Berthe braucht Geld. Sie hat eine kranke Schwester daheim – früher war sie … Aber das interessiert Sie wohl nicht… Setz dich neben den Herrn, mein Kind, er wird nichts dagegen haben. Gib ihm die Geduld, die er nötig haben wird, um mir zuzuhören, und wenn du müde bist, mein Kind, leg deinen Kopf an seine Schulter, er wird nichts dagegen haben … Und er wird es auch nicht seiner Frau erzählen … Frauen brauchen nicht alles zu wissen … Übrigens, hier ist Ihr Bild. Gefällt es Ihnen? Ein wenig merkwürdig vielleicht, aber das schadet nichts. Ich kann Ihnen ein Geschäft empfehlen, dort werden Sie einen passenden Rahmen finden. Nein, haben Sie keine Angst, dort bekomme ich keine Prozente … Ein Freund von mir führt dieses Rahmengeschäft …
Nun will ich beginnen. Sie haben auch das Gymnasium besucht? Ja? … Desto besser. Ich bin in Genf in die Schule gegangen … Wir hatten einen Lehrer, sein Bart war lang und grau, er gab uns pedantische Noten und trug sie mit kleinen Ziffern in ein Büchlein ein, manche mit roter Tinte, manche mit schwarzer … »Gunumai se anassa« … »Ich knie vor dir, o Jungfrau …« Anassa! Ist das Wort nicht schön? Die drei »A«, sie klingen so weiss … Können Sie sich die Szene vorstellen? Odysseus, mit Schlamm bedeckt, nackt, sicher war sein Gesicht voll Schrammen und sein Bart verklebt und verwildert … Im Schilf hat er sich versteckt, als er den Gesang der Mädchen hörte, die zum kleinen Bach herniederstiegen, um Wäsche zu waschen. Und die Jüngste, sehr schlank war sie, und sicher trug sie einen weissen Chiton, an ein kleines, schmales Segelboot musste sie erinnern, Nausikaa, Anassa – die Jungfrau. Er hatte sie erkannt, sogleich, der göttliche Dulder Odysseus … Ja, wissen Sie, damals waren die Dulder noch göttlich. Es gab nicht viele, die das weinrote Meer befuhren und Schiffbruch erlitten, und darum …
Gewiss, auch ich trage einen Bart, einen kurzen schwarzen Bart, gelockt, und ich finde, er steht mir gut … Sie müssen mir meine Eitelkeit zugute halten … Ich besitze nur wenig, und auf etwas muss der Mensch doch stolz sein dürfen, ich bin stolz auf meinen kurzen, gelockten Bart. Gefällt er dir auch, Berthe, mein Kind? Trinken Sie, mein Herr, Sie sind heute zu Gast bei Odysseus, und Sie werden es erzählen dürfen in Ihrer Heimat, dass Sie ihn getroffen haben in einer Bar, angetan mit Smoking und Pumps, ihn, der einmal besungen worden ist in der Menschheit Jugend von einem blinden Sänger – aber der jetzt nicht einmal einen Reporter finden wird, der ihm einige Zeilen widmet in einer Tageszeitung …
Verlassen wir den pompösen Stil, er wird Sie ermüden … Ich habe nicht vor Troja gekämpft, ich bin nur vor Verdun verwundet worden. Sehr jung war ich damals. Kaum achtzehn Jahre. Aber ich war begeistert und habe mich anwerben lassen … Und dann habe ich mich nicht mehr zurechtgefunden. So liess ich mir von einem Freunde ein kleines Segelboot kaufen und beschloss, damit den Atlantik zu überqueren … Jawohl, ich war der erste, der diesen Gedanken hatte, Alain Gerbaut ist nur ein kleiner Nachahmer … Und an diesem, ich gestehe es, etwas verrückten Plan war jener Lehrer schuld, der mit uns den Homer gelesen hat, sein Bart war lang und grau – sicher hat er nie Sehnsucht gehabt nach dem weinfarbenen Meer … Der Atlantik ist nicht weinfarben, nicht einmal, wenn ihn die untergehende Sonne bescheint … Ich gebe zu, es war eine Verrücktheit, mich in einem einsamen Boot aufs Wasser hinauszuwagen, ich, der ich das Segeln auf dem Genfersee erlernt hatte. Gewiss, ein wenig hatte ich geübt, Proviant hatte ich mitgenommen für zwei Monate … Aber dann kam ein Sturm, er war schön, gewiss, er war sehr schön – aber ich wurde schwach, bekam Fieber … Ich will Ihnen nicht all meine Leiden aufzählen, ich war nach Süden abgetrieben worden, und halb bewusstlos wurde ich an eine Insel gespült. Graziosa hiess sie, wie ich später erfuhr, und sie gehört zu den Azoren. Dort traf ich Nausikaa zum ersten Male, aber ich war noch kein Odysseus … Ich war jung, sehr jung, obwohl ich älter aussah – der Bart war mir gewachsen auf meiner verrückten Reise. Ich wurde an Land gespült, mein kleines Segelboot ging in Brüche, ich lag im Sand und streckte sicher die Zunge heraus wie ein durstiger Hund. Durst hatte ich, das kann ich Ihnen restlos bestätigen, jawohl mein Herr, und der Durst war so stark, dass ich an nichts anderes denken konnte, als an Wasser und wieder Wasser …
Finden Sie diesen Vouvray nicht ausgezeichnet? Auf Ihr Wohl, mein Herr, auf dein Wohl Berthe, mein Kind … Und vergessen Sie nicht, mein Herr, dass ich zehn Prozent von jeder Flasche erhalte … Wir wollen noch eine bestellen. Es dauert noch zwei Stunden, bis die Putzfrau kommt, dann gehe ich am liebsten heim, jetzt steht der Nebel schon dick in den Strassen, ich werde das erste Métro nehmen und heimfahren und schlafen. Heimfahren zu Nausikaa, denn, um die Pointe vorwegzunehmen, später habe ich die zweite Nausikaa getroffen und sie geheiratet – eben, weil ich keine Penelope daheim hatte und keinen göttlichen Schweinehirten …
Graziosa hiess die Insel, und der mich fand, war ein kleiner Plantagenbesitzer. Er hatte Reben und Ananas, er exportierte brav und fleissig, er tyrannisierte die andern Bewohner der Insel – er hatte sich das Exportmonopol gesichert … Glauben Sie nicht auch, dass jener Vater der Nausikaa, der König der Phäaken, etwas Ähnliches gewesen ist? König? Was waren damals schon Könige? Grossbauern wahrscheinlich, schlau wie unsere Bauern … Und sie trieben Handel, verkauften ihre gemästeten Kälber, vielleicht exportierten sie Pferde und Wein nach Ithaka … Sie hatten Sklaven und Diener, sie hatten sicher auch Missernten, und ich bin überzeugt, es gab bei ihnen auch Krisenzeiten und eine soziale Frage … Aber Homer erzählt uns leider nichts davon …
Der Bauer, der mich fand, der ungekrönte König der Insel, hatte nur eine Tochter. Sie war sechzehn Jahre alt, trug lange schwarze Zöpfe, und dazu waren ihre Augen blau … Ich blieb auf der Insel zwei Monate, ich zeichnete Nausikaa, und Nausikaa liebte mich … Nein, das ist keine Eitelkeit. Zeigen Sie mir ein junges, naives Mädchen, das sich nicht in einen weitgereisten Mann verliebt … Viele sind nicht einmal so erpicht auf Tenöre, glauben Sie mir … Giganten der Landstrasse und des Meeres sind ihnen manchmal lieber … Mein Gott, eine alte Wahrheit! Junge Mädchen lieben die Liebe, und sie haben Sinn für Heldentum, auch wenn das Heldentum uns ein wenig abgeschmackt vorkommt. Schelten Sie sie darum nicht … Berthe, mein Kind, du bist müde, der Rauch brennt dir in den Augen, lass deine Lider darüber fallen und lehn den Kopf an die kräftige Schulter des Herrn, der uns diesen Abend schenkt … Aber bleib noch ein wenig bei uns. Ich brauche deine Gegenwart, und meine Worte klingen besser, wenn du auch flüchtig nur ihnen lauschest.
Ich hätte sie heiraten können, die kleine Nausikaa auf der Insel Graziosa, dann wäre ich der Nachfolger geworden des ungekrönten Königs, hätte das Exportmonopol geerbt … aber wahrscheinlich wäre ich schon lange vorher in der fruchtbaren Erde der Insel begraben worden. Am Ende der ersten Woche schon, kaum erholt, musste ich einige portugiesische Jünglinge verboxen, und ich war froh, dass ich oft die Schule geschwänzt hatte, um boxen zu lernen. Ich hatte einen guten Schlag mit der linken Hand – der ist mir oft zustatten gekommen. Aber diese Portugiesen kamen gleich mit dem Messer – das war ungemütlich. Mein rechter Unterarm war gewöhnlich verbunden. So war ich froh, dass ich mich einmal auf einem Schiff des Königs von Graziosa verstecken konnte, das nach Vigo fuhr. Nausikaa weinte nicht, als ich Abschied nahm. Übrigens, ich weiss gar nicht mehr, wie sie in Wirklichkeit hiess …
Trinken wir noch eine Flasche? Bleiben Sie ruhig sitzen, sonst stören Sie Berthe, das arme Kind. Wissen Sie, dass dieses kleine Mädchen sehr tapfer ist und dazu noch »honnete«, wie wir hier sagen? Unglaublich, aber wahr. Die Stammgäste haben sie lieb. Man kann sprechen mit ihr, sie ist klug, das Kind, und es gibt immer noch Männer, die solche Eigenschaften zu schätzen wissen. Wenn manchmal ein Mann, ein Betrunkener meistens, allzu zudringlich wird, flüchtet das Kind zu mir. Ich habe auch hier schon boxen müssen, der Patron war wütend, fast hätte er mir sein Lokal verboten, aber dann hat er es sein lassen. Ich bin so etwas wie eine Attraktion, eine bescheidene natürlich. Und manchmal kann ich Betrunkene sogar ohne Uppercut beruhigen … Das sind ganz wertvolle Kenntnisse, glauben Sie mir, in solch einer Umgebung …
Gunumai se anassa … Ich knie vor dir, o Jungfrau, seist göttlich du oder sterblich … Warum kann ich diese Hexameter nicht mehr vergessen? Neunundneunzig von Hundert lesen sie in der Griechischstunde, neunundneunzig vergessen sie, und beim Hundertsten klingen sie nach, ein Leben lang, bestimmen das Leben, biegen es ab. Mein Lehrer, sein Bart war lang und grau, nicht kurzgelockt wie der meinige, er trug kleine Ziffern in sein Büchlein ein, und mir gab er einmal eine sechs, das war die beste Note, weil ich die Stelle auswendig gelernt hatte, jene Stelle, die beginnt: Gunumai se anassa … Anassa! Wieviel schöner ist das Wort als unseres: Jungfrau! Vierge, Virgo, die Worte der anderen Sprachen, sie sind alle dumpf, sie haben nicht das Königliche, den weissschreitenden Gang wie das alte griechische »Anassa« …
Damals bin ich glücklich in Vigo angekommen. Den Magen hatte ich mir ein wenig verdorben … Zu viele Ananas, zuviel süsser Wein … Was wieder ein Beweis ist, dass sogenannte Delikatessen eigentlich verflucht langweilig und ungesund sind, so für den täglichen Gebrauch. Wie Ihnen auch dieser exzellente Vouvray verleiden würde, müssten Sie ihn jeden Tag zum Mittag- und Abendessen trinken … Wie Ihnen jede schöne Frau endgültig unerträglich wird, sobald Sie sie geheiratet haben … Eine Ehe … Wissen Sie, eine Ehe ist eine komplizierte Sache. Penelopen sind selten, aber Penelopen sind unersetzlich. Sie können stricken und nähen, sie können braten und einen Haushalt führen … Sicher war Penelope nicht schön, und wenn die Freier so zudringlich wurden, so war es wohl nur, weil sie die Frau des Odysseus für eine reiche Witwe hielten. Aber Penelope hatte ihren Mann gern, solche Frauen sind immer treu, von einer guten, warmen Treue, sie wissen zu schweigen, sie sind anspruchslos, sie wollen nicht immer Romantik und Heldentum, sie sind zufrieden mit wenigem, und vor allem, sie haben Sinn für Humor. Nausikaa, so sehr ich sie verehrt habe in meiner Phantasie, Nausikaa, mein Herr, ist Romantikerin. Und bekannt dürfte es sein, dass Romantiker weiblichen oder männlichen Geschlechts keinen Sinn für Humor haben. Sie wollen Steigerung, sie wollen das Absolute – mein Gott, das Absolute! Als ob es so etwas gäbe im menschlichen Leben! Ich habe Nausikaa geheiratet – und …
Nein, es ist keine Barphilosophie, die ich Ihnen hier auftische. Glauben Sie, ich hätte es einmal zustande gebracht, meine Frau zum Lachen zu bringen? Niemals. Und eine Frau, die nie lacht! … Sie hat damals gemeint, sie heirate ein Ideal, einen göttlichen Dulder, und ich bin nur ein einfacher Mensch, der durch den Krieg einen kleinen Knacks bekommen hat, eine gewisse Wandersucht … Ich bin ein harmloser Mensch, trotz all meinen scheinbar romantischen Erlebnissen … Ich konnte gut erzählen, und ich erzählte ihr mein Leben, so, wie sie es wünschte, dargestellt zu hören … Denn wir passen uns ja immer unwillkürlich unserem Zuhörer oder unserer Zuhörerin an. Und das ist ein Fehler, ein grosser Fehler …
Ich habe ihr vom Amazonenstrom erzählt und von einem Ameisenvolk, das alle Gesetze der Strategie kannte, besser als die Indianer – gegen die Indianer konnten wir uns wehren, aber die Ameisen haben uns gezwungen, den Rückmarsch anzutreten … Ich habe ihr erzählt von einem Flug über den Atlantik – natürlich misslang er, genau so wie meine Segelbootfahrt, ein anderer hat ihn dann ausgeführt – was wollen Sie, ich bin der Vorläufer, und Vorläufer sind die Sündenböcke der Erfolgreichen, sie nehmen das Pech auf sich, um es von den Erfolgreichen abzuwenden. Es gibt auf der Welt nur ein gewisses Quantum Pech, ist dieses verbraucht, so steht dem Erfolg nichts mehr im Wege. Zu bedauern sind die Pechvögel, aber sie sind notwendig. Gewöhnlich feiert man sie nach einigen hundert Jahren, aber was nützt es diesen armen Teufeln …
Vor diesem Flug über den Atlantik habe ich etliches unternommen, das dürfen Sie mir glauben. Ich kenne das Riff, ich kenne Borneo, ich habe versucht, die Wüste zu durchqueren, auf einem kleinen Auto, das ich selbst entworfen hatte – Citroen hat mir dann meine Erfindung gestohlen, und er ist mit einer Kolonne bis Timbuktu gekommen … Dann misslang mir der erste Flug, ich stürzte ins Wasser. Aber diesmal war keine Graziosa in der Nähe, ich war weit nach Norden abgetrieben worden, so nahm mich eine Fischerbarke auf. Wie ich das Geld aufgetrieben habe zu all diesen Unternehmungen? Ich weiss es heute selbst nicht mehr. Ich habe es immer gefunden. Freunde, die mir glaubten, Zeitungen, die Vertrauen hatten … So durfte ich den Flug zum zweiten Male wagen … Mit technischen Einzelheiten will ich Sie verschonen. Es kam wieder ein Sturm, der mich bedenklich an jenen Sturm erinnerte, der damals mein kleines Boot so schlecht behandelt und all mein Süsswasser ausgetrunken hatte … Ich fiel wieder ins Meer, und ich hatte Glück im Pech. Denn es war an einer Stelle, die auf der Route der grossen Luxusdampfer lag. Und solch ein »schwimmendes Hotel«, wie man diese Schiffe in der blumenreichen Sprache der Zeitungen nennt, fischte mich halbverhungert auf. Ich war natürlich ein Held und wurde als solcher behandelt. Wenn Sie wüssten, wie langweilig Heldenverehrung für die Helden selber ist! Ich bin ein einfacher Mensch, und ich trinke gern einen guten Tropfen Wein, ich esse mit Behagen Chateaubriand aux pommes oder Hommard á l’américaine, und wenn ich mein ganzes Leben lang versucht habe, verrückte Sachen auszuführen, so war es ganz sicher nicht um der Sensation oder des Heldentums willen, sondern einfach, weil ich keine andere Möglichkeit fand, mein Leben zu fristen. Ich fristete buchstäblich mein Leben, indem ich es aufs Spiel setzte. Und ich versichere Ihnen, dass fünfundneunzig Prozent – übrigens sehen Sie an meiner Vorliebe für Prozentrechnungen, dass ich eigentlich ein missratener Kaufmann bin –, dass fünfundneunzig Prozent aller sogenannten Helden, als da sind: Rennfahrer, Flugkünstler, Forschungsreisende, Rekordschinder – Menschen sind, die Angst vor der Arbeitslosigkeit haben – die restlichen fünf Prozent, die wirklichen Helden, die um des Ruhmes willen sich anstrengen – sind Idioten. Ich gebe zu, auch bei uns, den Arbeitsuchenden, sind Spuren dieser Renommiersucht vorhanden, dieser Romantik … Bei einem ist diese Sucht begründet in etwelchen Minderwertigkeitskomplexen, er will seinem Vater, der ihn verachtet hat, einmal zeigen, was er für ein Kerl ist, beim andern ist es etwas anderes … Bei mir war der alte Homer schuld, der alte Homer und jener Lehrer, dessen Bart lang und grau war und der mich mit »Gunumai se anassa« vergiftet hat …
Man träumt sich in eine Situation, man wünscht sich diese Situation herbei, mit allen Fasern, möchte ich sagen, wenn der Ausdruck nicht so verbraucht wäre. Aber er ist wirklich gut, insofern man ihn wörtlich nimmt: mit allen Fasern. Sie hören, ich schweife ab, nur um dem Zwang zu entfliehen, Ihnen meine traurige und groteske Geschichte zu erzählen. Traurig und grotesk ist sie nämlich, wie alles im Leben, und nur Dichter verstehen es, das Traurige und Groteske so zu komponieren, dass es schön wirkt und versöhnlich. Ich bin kein Dichter …
Ich wurde also als Held gefeiert auf jenem Schiff. Es war ein grosses deutsches Schiff, es gab viele Passagiere darauf, und ein reicher Herr zahlte meine Überfahrt. Ich erhielt eine Luxuskabine … Aber nicht das wollte ich Ihnen erzählen. Als ich aufgefischt wurde (ein Matrose war ins Wasser gesprungen, um einen Strick um mich zu schlingen, ich war so schwach, dass ich mich nicht hätte halten können – denken Sie, zwei Tage in einem Rettungsring, und das viele Salzwasser, das ich geschluckt hatte …), als ich endlich an Bord gezogen wurde, sah ich wohl nicht viel anders aus als der göttliche Dulder Odysseus. Ich war fast nackt, meine Unterhosen waren zerfetzt, mein Hemd hatte keine Ärmel mehr, ich hatte das Bewusstsein verloren … Als ich die Augen aufschlug, lag ich auf den harten Planken des Decks, und ein Matrose schien meine Arme für Brunnenschwengel zu halten. Er pumpte ununterbrochen. Es war heller Tag, eine ganz freundliche Sonne schien mir in die Augen, ich schloss sie halb, weil das Licht mich blendete. Da hörte ich Schritte, die näherkamen. Ganz deutlich das Klappern hoher Stöckelschuhe. Und als ich die Augen aufmachte, den Kopf zur Seite wandte, der Richtung zu, aus der die Schritte kamen – sah ich Nausikaa … Sie trug ein kurzes weisses Kleid, einen Chiton, ihr Haar war blond und bedeckte gerade den Nacken, ihre Beine waren sehr gerade, sie trug keine Strümpfe, nur weisse Stöckelschuhe … Diese Schuhe störten mich – Nausikaa hat sicher Sandalen getragen. Aber dies war auch das einzig Störende … »Gunumai se anassa« flüsterte ich, und ich war wieder ein Gymnasiast und ein Romantiker. Denn Romantik ist eine Pubertätserscheinung, und es gibt Menschen, die ihr Leben lang nicht aus der Pubertät herauskommen … Ich hatte gedacht, ich sei von dieser Kinderkrankheit endgültig kuriert, nach dem Erlebnis auf Graziosa … Aber wer von uns wird jemals vollständig immun sein gegen gewisse Krankheiten?
Sie hiess Dora, und schon der Name hätte mich stutzig machen sollen. Sie pflegte mich, wie sicher Nausikaa den göttlichen Dulder gepflegt hatte. Und sie hielt mich für einen Heros, für einen Übermenschen, für einen Mann, auf alle Fälle, der Übermenschliches geleistet hatte. Und ich hatte den Flug doch nur gewagt (um ganz ehrlich zu sein), weil er mir alles in allem wohl eine halbe Million Dollar eingebracht hätte, und damit hätte ich meine Schulden zahlen können … Aber versuchen Sie einmal zu widerstehen, wenn eine Frau Sie anbeten will … Sie lassen es sich gefallen, sie zitieren Homer, plötzlich sind Sie in eine ganz literarische Situation verstrickt, und wenn eine Situation einmal literarisch wird, dann sind Sie rettungslos verloren … Die Literatur macht es sich so einfach. Da gibt es wenig tägliche Sorgen, und wenn einer Schulden hat, gewinnt er das grosse Los oder begeht Selbstmord – zwei schöne, endgültige Lösungen, nach denen der Roman schliessen kann …
Mein Roman läuft weiter, und es ist kein Roman mehr. Es ist alltägliche Wirklichkeit, und die ist schwerer zu formen. Jawohl …
Und doch, beachten Sie einmal, wie klug das Leben im Grunde ist. Es hat mich gewarnt, es hat mir gezeigt, wie kitzlig im Grunde diese ganze Nausikaa-Situation war (entschuldigen Sie den Ausdruck). Das Leben, es hatte mich einmal an die Insel Graziosa gespült, hatte mir deutlich gesagt: Hier hast du das Glück, das du ersehnst, hier hast du die kleine Königstochter und den Vater, der König ist. Und zugleich hatte es mir eine Lektion erteilt – das Leben. Messerstiche, Eifersucht der Bevölkerung, so als wolle es sagen: Es ist aussichtslos, das Ganze, sobald man nicht eine Penelope daheim hat, die jede Nausikaaverführung neutralisiert. Ich hätte mich nach einer Penelope umtun sollen, aber ich war immer gehetzt. Das ist wohl meine Entschuldigung, bleibt wohl meine Entschuldigung … Ein gescheiter Kerl war Odysseus. Er beugte vor. »Nur keine Sentimentalitäten!« sagte er, und schlau wie er war, pries er den am glücklichsten – makartatos exochon allon –, der durch die Gabe reicher Brautgeschenke Nausikaa in sein Haus werde führen können … Mit reichen Brautgeschenken … Nausikaa war schon reich, aber ihr Zukünftiger musste auch Geld haben. Und Odysseus war ein Schiffbrüchiger, der nicht einmal ein Hemd hatte … Das konnte nicht gut enden …
Auch ich war ein Schiffbrüchiger, auch ich hatte kein Hemd … und Dora war reich. »Es wird für uns beide langen«, sagte sie, »mein Vater hat Geld …« Er war nicht gerade reich, er war wohlhabend, ein Weinhändler aus der Provence, der in Paris ein kleines Vermögen erworben hatte und eine Schwedin geheiratet hatte – darum waren Doras Haare blond …
Ich bin von Nausikaa geheiratet worden … Das ist ein trauriges Los. Ich werde nie mehr eine Penelope finden. Sie werden es mir ersparen, Ihnen unsere Verlobungszeit zu schildern … Ich spielte meine Rolle gut, nur allzugut. Der Vater war dagegen, die Mutter war dafür … In New York haben wir uns trauen lassen … Der Vater bezahlte meine Schulden. Dann sollte ich noch einmal versuchen, den Ozean zu überqueren. Aber ich hatte genug und drückte mich. Das war die erste Enttäuschung für Dora-Nausikaa …. Wir kehrten nach Frankreich zurück. Der Vater verlor sein Geld in einem Schwindelunternehmen. Ich sollte Arbeit suchen …
Wissen Sie, solange man allein ist und einem Traum nachjagt, ist man fähig, etliche Verrücktheiten zu begehen – um Geld zu verdienen? Um Nausikaa zu finden? … Aber wenn Sie einmal mit Nausikaa verheiratet sind, ist der Traum zu Ende. Sie kann nicht einmal ein Beefsteak ordentlich braten! Und Nausikaa konnte Wäsche waschen. Ich gebe meine Smokinghemden in eine Wäscherei. Der alte König säuft, die alte Königin ist recht lieb zu mir, sie braut mir jeden Abend einen starken Kaffee, das kann sie … Und Nausikaa? Nausikaa verwelkt und liest Alexandre Dumas, Victor Hugo und Musset. Den Grafen von Monte Christo hat sie schon dreimal gelesen … Und Blicke wirft sie mir zu! Verstehen Sie jetzt, dass ich lieber in einer Bar sitze und Fremde abkonterfeie? So geht die Nacht herum … Am Tage schlafe ich. Man kann mir daheim nicht viel vorwerfen … Ich bringe Geld, nicht viel, es langt gerade … Und dann hab‘ ich ein paar gute Kameraden, Flieger, die manchmal hierherkommen, und kleine Freundinnen, in allen Ehren natürlich, wie Berthe zum Beispiel – ich bin kein Schürzenjäger … Man arrangiert sich sein kleines Leben, es ist nicht mehr heroisch, es ist still geworden … Die Menschen sind interessant, besonders wenn sie sich zeichnen lassen oder wenn man beobachten kann, welche Mühe sie sich geben, lustig zu sein, wenn sie sich einmal vorgenommen haben, sich zu amüsieren …
Berthe, mein Kind, wach auf. Dein Kopf war sicher den starken Schultern des Herrn ein leichtes Gewicht. Aber nun will er heim … Ich werde dich bis zum Métro begleiten, und wir fahren zusammen bis Denfert-Rochereau. Dort muss ich umsteigen, und du fährst weiter.
Und Ihnen, mein Herr, danke ich für das freundliche Zuhören. Hier ist Ihr Porträt, es kostet hundert Franken, was in der Währung Ihres Landes nur wenig macht. Und morgen werde ich die zehn Prozent beim Wirt einziehen, die zehn Prozent, die ich von unseren geleerten Flaschen zugute habe … Die Putzfrau erscheint. Louis, der Herr will zahlen, er ist ein nobler Herr, du wirst zufrieden sein, Louis …
Und dann, mein Herr, vergessen Sie nicht, Berthe ein kleines Geschenk zu machen. Sie hat bei uns ausgeharrt – ein Mädchen hat an Ihrer Schulter geschlafen, diese Augenblicke werden eine schöne Erinnerung für Sie sein, Sie werden an Paris nicht als an einen Ort des Lasters denken … Glauben Sie mir, die zarten Erinnerungen sind die schönsten …
Und Sie werden zurückkehren zu Ihrer Penelope. Denn dies sehe ich Ihnen an, Sie haben eine Penelope gefunden. Halten Sie sie fest, auch wenn Sie sie manchmal langweilig finden, auch wenn Sie sich sehnen nach Abwechslung, nach einer … Nausikaa. Seien Sie dankbar, mein Herr, dankbar dem Schicksal, dankbar dem Leben. Sie haben die Sicherheit – auch wenn es Ihnen einmal schlecht geht – Jemand wird Ihnen zur Seite sein, der mit Ihnen steht und fällt … Das ist viel, mein Herr, glauben Sie mir das, und dies ist die »moralité« meiner Geschichte …
Denn, mein Herr, ich bin Moralist. Ich kenne mich ein wenig aus in den Menschen. Sie traten so unternehmungslustig in dies Lokal. Sie wollten sich eine vergnügte Nacht leisten, mein Herr, einen kleinen Seitensprung. Die Frau wird es nie erfahren, dachten Sie. Penelope sitzt daheim und hütet Telemachos. Ich bin noch jung, dachten Sie, Abwechslung muss sein. Und Sie suchten mit den Augen nach einem hübschen Gesicht …
Nun, mein Herr, ich habe mich an Sie herangemacht. Ich habe Sie gezwungen, mir zu einem Porträt zu sitzen, ich habe Sie mit Berthe, dem Kinde, tanzen lassen, denn ich kenne Berthe, sie ist lieb und gut, sie kann reden, aber sie ist ungefährlich, wie jedes Mädchen, das daheim Kummer hat … Und dann habe ich Sie festgehalten, die ganze lange Nacht … Danke, Paul. Geben Sie Paul, dem Chasseur, auch ein Trinkgeld, er ist sechzehn Jahre alt und müde; siehst du, Paul, das ist ein nobler Herr, schlaf wohl, mein Junge … Sagte ich Ihnen nicht, dass der Nebel dicht sein wird in den Strassen … Wünschen Sie ein Taxi? … Hole dem Herrn ein Taxi, Paul … die ganze lange Nacht habe ich Sie festgehalten, mit meiner Erzählung von Nausikaa, und Sie haben gut zugehört … Und glauben Sie, ich hätte dies getan, um hundert Franken für meine schlechte Zeichnung herauszuschinden? Weit gefehlt, mein Herr. Ich habe es getan, um Ihrer Penelope einen kleinen Dienst zu erweisen … Sie sind kein Odysseus, Sie sind ein seriöser Herr, Sie sollen seriös bleiben … Es klingt reichlich moralisch, ich weiss es. Aber glauben Sie, Ihre Frau hätte nichts gemerkt? Penelopen haben den Fehler, klug zu sein. Sie hätte es erraten, sie hätte nichts gesagt, aber sie hätte gelitten, mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln … Sie sass den ganzen Abend neben Ihnen, haben Sie das nicht bemerkt? Ich habe sie gesehen, Ihre Penelope, sie hat grosse Augen, sie ist nicht schön, ihre Freundinnen behaupten, sie hätte Kuhaugen, und vergessen, dass Juno, die grosse Göttin, bei Homer immer die Kuhäugige heisst, was sicher ein Kompliment war … Hier kommt Ihr Taxi, mein Herr, steigen Sie ein. Ich will dem Chauffeur noch sagen … Hören Sie, Jean, überfordern Sie den Herrn nicht, er ist ein Freund von mir … Wissen Sie, ich kenne alle Chauffeure hier in der Gegend …
Und nun schlafen Sie wohl, mein Herr, gehen Sie morgen Ihren Geschäften nach, bringen Sie Penelope das Bild, das ich von Ihnen gezeichnet habe … Und grüssen Sie Madame sehr ehrfürchtig von einem, der auf Nausikaa hereingefallen ist …

Friedrich Charles Glauser (* 4. Februar 1896 in Wien; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua) war ein Schweizer Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren und wurde vor allem durch seine fünf Wachtmeister-Studer-Romane bekannt.

Nausikaa (Mythologie)

Nausikaa (griechisch Ναυσικάα) ist in der griechischen Mythologie die Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos und dessen Frau Arete.
Gemäß der Odyssee von Homer bricht Nausikaa, im Traum durch Athene dazu ermuntert, morgens mit ihren Dienerinnen zum Strand von Scheria auf und wäscht dort mit ihren Dienerinnen am Fluss in der Nähe des Strandes Wäsche. Danach essen sie und beginnen ein Ballspiel. Durch das Kreischen der Mädchen, als der Ball weit wegfliegt, wird ein Schiffbrüchiger geweckt, der in einem nahe gelegenen Gebüsch schlief. Die anderen Mädchen fürchten sich vor ihm, Nausikaa jedoch hat keine Angst. Sie gibt ihm zu essen und Kleidung. Danach weist Nausikaa ihm den Weg zum väterlichen Hof, wo der Fremde sich während des Gastmahls als Odysseus zu erkennen gibt und über seine Irrfahrten berichtet. Dichterisch nutzt Homer diese Geschehnisse auch dazu, subtil die aufkeimende Liebe eines jungen Mädchens darzustellen. Odysseus entscheidet sich jedoch dagegen, Nausikaa zu heiraten und ein sorgenfreies Leben bei den Phaiaken zu genießen, sondern lässt sich von den Phaiaken in seine Heimat Ithaka bringen.
Später unternimmt Odysseus’ Sohn Telemachos gemäß einiger Überlieferungen (z. B. Hellanikos von Lesbos) eine Reise zu den Phaiaken und verliebt sich in Nausikaa. Beide haben einen Sohn, der in einigen Quellen als Persepolis, in anderen als Ptoliporthos geführt wird. | Quelle: wikipedia

Erzählung | Franz Kafka | Ein Hungerkünstler

Franz Kafka | Ein Hungerkünstler

Nicht das Hungern ist das Problem, sondern die richtige Speise zu finden.

Franz Kafkas Zeichnungen, wie sie in Eugene Jolas' Avantgarde-Zeitschrift „transition“, Nr.27 (1938), veröffentlicht wurden: „Sketches by Franz Kafka, Courtesy Max Brod.“
Franz Kafkas Zeichnungen, wie sie in Eugene Jolas‘ Avantgarde-Zeitschrift „transition“, Nr.27 (1938), veröffentlicht wurden: „Sketches by Franz Kafka, Courtesy Max Brod.“

In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den späteren Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur, um sie wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er war aber wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode – dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen – hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm – die Musik machte das Reden unmöglich – die Arme über dem Hungerkünstler, so, als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn – nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte – den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem – so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt – zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.

Briefmarke Deutsche Post
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So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald – auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand – davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche – sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere – ihn bequem ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt war, stehenzubleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben – was war ihnen Hungern? –, aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Wege zu den Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehenblieb, sich über die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß«, sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungere.
»Nun macht aber Ordnung«, sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

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Aus: Franz Kafka – Das Urteil
Fischer Bücherei – Frankfurt am Main und Hamburg – 1964

Max Dauthendey ¦ Die Kurzsichtige und der Komet ¦ Tatort Berlin

Max Dauthendey ¦ Die Kurzsichtige und der Komet

Aus: Geschichten aus den vier Winden – 1915

Max Dauthendey
Max Dauthendey

Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte, später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten des Nachthimmels.
Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu können.
Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den Parkwegen hügelaufwärts, und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare, eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber, und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu beleuchten.
Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen. Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde. Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel, auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich im Lustwandeln am Nachtfirmament.
Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten, und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben ihre Weisheit dazu.
Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen schien.
Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der Ewigkeit in uns und um uns . . .
Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere schienen in Bäume zu verschwinden.
Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse, schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden unendliches Gefühl ohne Wissen . . .
Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen, und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen, in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der Hand hielt.
Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm anbinden.
An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe, und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen, die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib, von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den ewigen Teil.
Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen und wollte einige Schritte weitergehen.
Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten, sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem Kometen suchten.
Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus früheren Jahren kannte.
Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden geboten hatte, sich niederzulegen.
Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu, und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu. Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein, beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen wieder abgeholt wurden.
Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu suchen und unter den Sternen am Himmel.
Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. –
Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit. Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern. Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten, eilten und schlenderten vorüber.
Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen, ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand hielt, einer Blumenverkäuferin.
Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht, wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein. Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise nach meinem Tisch hin.
Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen, über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen aufmerksam verfolgt.
Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre Augen verlassen.
Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben mir meine Limonade aus meinem Glase.
Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte. Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich geärgert die Terrasse.
In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die Dame kenne, die eben da gesessen.
»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkästen vorübergehen. Sie muß hier in der Nähe wohnen.«
Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen sollte.
Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer Straßenecke.
Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame, immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging. Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten Rosenstrauß hatte stehen lassen.
Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor: wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres grünseidenen Sonnenschirms.
Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch verborgen war, umsahen.
Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie stand.
Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu sehen, fragte ich mich.
Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte, mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem Schaufenster getan hatte.
In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben, vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche zu sehen.
Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt zu werden, daß die Wand leer war.
Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde, ohne sie danach gefragt zu haben.
Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden. Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine Gondeln.
Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag, vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus, die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten, hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich im Café hatte liegen lassen.
»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher zerstreut.«
Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen, am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte. Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die mich an meiner Tür erschreckt hatte.
Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten, sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr in die Konditorei bringen.
Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll, scheinbar immer der Welt entrückt.
Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkästen in seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den Briefkasten gesteckt.
Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen. Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung sitzend.
Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch aufgehoben hatte.
»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen Augen hinzu.
»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst harmloses Gesicht zu machen.
Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt« sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe, der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik, von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte geworden.
Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die zum Kaffee gereicht wurden.
Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut, der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten Tage.
Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte sich zu Hause allein zu sein.
Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam – es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und Sommerabend voll Sterne und Klarheit –, da stand der Konditor unter der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte, von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich, daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.
Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen Schutz ich mich immer empfehle.«
»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines Lachen, das ihr sehr gut stand.
Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend, da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas ereignet hätte, was sie kopflos machte.
Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte, lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt zu haben.
Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren. Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen, der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn hinwegzusteigen.
Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken und fortzuweisen.
Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend stiegen wir zusammen hinauf.
In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen Menschen gehalten haben.
Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen, daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen, wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen Augenblick bei ihr einzutreten.
Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu und half ihr.
Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung sagte sie:
»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf gestohlen.«
Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte, sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott der Idioten ausgeliefert habe.
Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen konnte.
Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben, das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten. Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer, denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit erinnert wurde. –
Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den beiden Tieren: »Lauft!«
Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich niedersetzte.
Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst die Hunde an die Luft angebunden haben.«
Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht zum Lachen.
Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen. Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die Zweige der Tanne an.
Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich getäuscht haben müsse.
»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern wieder passiert ist!«
Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr Begleiter sich neben sie setzte.
»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben, und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche, Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen, denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor Schrecken und rannte davon.
In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein. Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand auf.
Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
»Ich habe den Kometen gefunden!«
Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so schnell, wie er einmal kam.«

E. T. A. Hoffmann • Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde

E. T. A. Hoffmann • Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde

Endlich war es doch so weit gekommen, daß Erasmus Spikher den Wunsch, den er sein Leben lang im Herzen genährt, erfüllen konnte. Mit frohem Herzen und wohlgefülltem Beutel setzte er sich in den Wagen, um die nördliche Heimat zu verlassen und nach dem schönen warmen Welschland zu reisen. Die liebe fromme Hausfrau vergoß tausend Tränen, sie hob den kleinen Rasmus, nachdem sie ihm Nase und Mund sorgfältig geputzt, in den Wagen hinein, damit der Vater zum Abschiede ihn noch sehr küsse. »Lebe wohl, mein lieber Erasmus Spikher«, sprach die Frau schluchzend, »das Haus will ich dir gut bewahren, denke fein fleißig an mich, bleibe mir treu und verliere nicht die schöne Reisemütze, wenn du, wie du wohl pflegst, schlafend zum Wagen herausnickst.« – Spikher versprach das. –

Hoffmanneske Szene. 1921. Farblithografie, Signiert, datiert und mit der Werknummer "123". 31,8 x 22,7 cm (Platte) - Ketterer Kunst
Hoffmanneske Szene. 1921. Farblithografie, Signiert, datiert und mit der Werknummer „123“. 31,8 x 22,7 cm (Platte) – Ketterer Kunst

In dem schönen Florenz fand Erasmus einige Landsleute, die voll Lebenslust und jugendlichen Muts in den üppigen Genüssen, wie sie das herrliche Land reichlich darbot, schwelgten. Er bewies sich ihnen als ein wackrer Kumpan, und es wurden allerlei ergötzliche Gelage veranstaltet, denen Spikhers besonders muntrer Geist und das Talent, dem tollen Ausgelassenen das Sinnige beizufügen, einen eignen Schwung gaben. So kam es denn, daß die jungen Leute (Erasmus, erst siebenundzwanzig Jahr alt, war wohl dazuzurechnen) einmal zur Nachtzeit in eines herrlichen, duftenden Gartens erleuchtetem Boskett ein gar fröhliches Fest begingen. Jeder, nur nicht Erasmus, hatte eine liebliche Donna mitgebracht. Die Männer gingen in zierlicher altteutscher Tracht, die Frauen waren in bunten leuchtenden Gewändern, jede auf andere Art, ganz phantastisch gekleidet, so daß sie erschienen wie liebliche wandelnde Blumen. Hatte diese oder jene zu dem Saitengelispel der Mandolinen ein italienisches Liebeslied gesungen, so stimmten die Männer unter dem lustigen Geklingel der mit Syrakuser gefüllten Gläser einen kräftigen deutschen Rundgesang an. – Ist ja doch Italien das Land der Liebe. Der Abendwind säuselte wie in sehnsüchtigen Seufzern, wie Liebeslaute durchwallten die Orange- und Jasmindüfte das Boskett, sich mischend in das lose neckhafte Spiel, das die holden Frauenbilder, all die kleinen zarten Buffonerien, wie sie nur den italienischen Weibern eigen, aufbietend, begonnen hatten. Immer reger und lauter wurde die Lust. Friedrich, der glühendste vor allen, stand auf, mit einem Arm hatte er seine Donna umschlungen, und das mit perlendem Syrakuser gefüllte Glas mit der andern Hand hoch schwingend, rief er: »Wo ist denn Himmelslust und Seligkeit zu finden als bei euch, ihr holden, herrlichen italienischen Frauen, ihr seid ja die Liebe selbst. – Aber du, Erasmus«, fuhr er fort, sich zu Spikher wendend, »scheinst das nicht sonderlich zu fühlen, denn nicht allein, daß du, aller Verabredung, Ordnung und Sitte entgegen, keine Donna zu unserm Feste geladen hast, so bist du auch heute so trübe und in dich gekehrt, daß, hättest du nicht wenigstens tapfer getrunken und gesungen, ich glauben würde, du seist mit einem Mal ein langweiliger Melancholikus geworden.« – »Ich muß dir gestehen, Friedrich«, erwiderte Erasmus, »daß ich mich auf die Weise nun einmal nicht freuen kann. Du weißt ja, daß ich eine liebe, fromme Hausfrau zurückgelassen habe, die ich recht aus tiefer Seele liebe und an der ich ja offenbar einen Verrat beginge, wenn ich im losen Spiel auch nur für einen Abend mir eine Donna wählte. Mit euch unbeweibten Jünglingen ist das ein andres, aber ich als Familienvater« – Die Jünglinge lachten hell auf, da Erasmus bei dem Worte »Familienvater« sich bemühte, das jugendliche gemütliche Gesicht in ernste Falten zu ziehen, welches denn eben sehr possierlich herauskam. Friedrichs Donna ließ sich das, was Erasmus teutsch gesprochen, in das Italienische übersetzen, dann wandte sie sich ernsten Blickes zum Erasmus und sprach, mit aufgehobenem Finger leise drohend: »Du kalter, kalter Teutscher! – verwahre dich wohl, noch hast du Giulietta nicht gesehen!«

In dem Augenblick rauschte es beim Eingange des Bosketts, und aus dunkler Nacht trat in den lichten Kerzenschimmer hinein ein wunderherrliches Frauenbild. Das weiße, Busen, Schultern und Nacken nur halb verhüllende Gewand, mit bauschigen, bis an die Ellbogen streifenden Ärmeln, floß in reichen breiten Falten herab, die Haare vorn an der Stirn gescheitelt, hinten in vielen Flechten heraufgenestelt. – Goldene Ketten um den Hals, reiche Armbänder, um die Handgelenke geschlungen, vollendeten den altertümlichen Putz der Jungfrau, die anzusehen war, als wandle ein Frauenbild von Rubens oder dem zierlichen Mieris daher. »Giulietta!« riefen die Mädchen voll Erstaunen. Giulietta, deren Engelsschönheit alle überstrahlte, sprach mit süßer lieblicher Stimme: »Laßt mich doch teilnehmen an euerm schönen Fest, ihr wackern teutschen Jünglinge. Ich will hin zu jenem dort, der unter euch ist so ohne Lust und ohne Liebe.« Damit wandelte sie in hoher Anmut zum Erasmus und setzte sich auf den Sessel, der neben ihm leer geblieben, da man vorausgesetzt hatte, daß auch er eine Donna mitbringen werde. Die Mädchen lispelten untereinander: »Seht, o seht, wie Giulietta heute wieder so schön ist!«, und die Jünglinge sprachen: »Was ist denn das mit dem Erasmus, er hat ja die Schönste gewonnen und uns nur wohl verhöhnt?«

Selbstportrait E.T.A. Hoffmanns als Frontispiz zu seinen Fantasiestücke in Callot’s Manier.
Selbstportrait E.T.A. Hoffmanns als Frontispiz zu seinen Fantasiestücke in Callot’s Manier.

Dem Erasmus war bei dem ersten Blick, den er auf Giulietta warf, so ganz besonders zumute geworden, daß er selbst nicht wußte, was sich denn so gewaltsam in seinem Innern rege. Als sie sich ihm näherte, faßte ihn eine fremde Gewalt und drückte seine Brust zusammen, daß sein Atem stockte. Das Auge fest geheftet auf Giulietta, mit erstarrten Lippen saß er da und konnte kein Wort hervorbringen, als die Jünglinge laut Giuliettas Anmut und Schönheit priesen. Giulietta nahm einen vollgeschenkten Pokal und stand auf, ihn dem Erasmus freundlich darreichend; der ergriff den Pokal, Giuliettas zarte Finger leise berührend. Er trank, Glut strömte durch seine Adern. Da fragte Giulietta scherzend: »Soll ich denn Eure Donna sein?« Aber Erasmus warf sich wie im Wahnsinn vor Giulietta nieder, drückte ihre beiden Hände an seine Brust und rief: »Ja, du bist es, dich habe ich geliebt immerdar, dich, du Engelsbild! – Dich habe ich geschaut in meinen Träumen, du bist mein Glück, meine Seligkeit, mein höheres Leben!« – Alle glaubten, der Wein sei dem Erasmus zu Kopf gestiegen, denn so hatten sie ihn nie gesehen, er schien ein anderer worden. »Ja, du – du bist mein Leben, du flammst in mir mit verzehrender Glut. Laß mich untergehen – untergehen, nur in dir, nur du will ich sein«, so schrie Erasmus, aber Giulietta nahm ihn sanft in die Arme; ruhiger geworden, setzte er sich an ihre Seite, und bald begann wieder das heitre Liebesspiel in munteren Scherzen und Liedern, das durch Giulietta und Erasmus unterbrochen worden. Wenn Giulietta sang, war es, als gingen aus tiefster Brust Himmelstöne hervor, nie gekannte, nur geahnte Lust in allen entzündend. Ihre volle wunderbare Kristallstimme trug eine geheimnisvolle Glut in sich, die jedes Gemüt ganz und gar befing. Fester hielt jeder Jüngling seine Donna umschlungen, und feuriger strahlte Aug‘ in Auge. Schon verkündete ein roter Schimmer den Anbruch der Morgenröte, da riet Giulietta das Fest zu enden. Es geschah. Erasmus schickte sich an, Giulietta zu begleiten, sie schlug das ab und bezeichnete ihm das Haus, wo er sie künftig finden könne. Während des teutschen Rundgesanges, den die Jünglinge noch zum Beschluß des Festes anstimmten, war Giulietta aus dem Boskett verschwunden; man sah sie hinter zwei Bedienten, die mit Fackeln voranschritten, durch einen fernen Laubgang wandeln. Erasmus wagte nicht, ihr zu folgen. Die Jünglinge nahmen nun jeder seine Donna unter den Arm und schritten in voller heller Lust von dannen. Ganz verstört und im Innern zerrissen von Sehnsucht und Liebesqual, folgte ihnen endlich Erasmus, dem sein kleiner Diener mit der Fackel vorleuchtete. So ging er, da die Freunde ihn verlassen, durch eine entlegene Straße, die nach seiner Wohnung führte. Die Morgenröte war hoch heraufgestiegen, der Diener stieß die Fackel auf dem Steinpflaster aus, aber in den aufsprühenden Funken stand plötzlich eine seltsame Figur vor Erasmus, ein langer dürrer Mann mit spitzer Habichtsnase, funkelnden Augen, hämisch verzogenem Munde, im feuerroten Rock mit strahlenden Stahlknöpfen. Der lachte und rief mit unangenehm gellender Stimme: »Hoho! – Ihr seid wohl aus einem alten Bilderbuch herausgestiegen mit Euerm Mantel, Euerm geschlitzten Wams und Euerm Federnbarett. – Ihr seht recht schnackisch aus, Herr Erasmus, aber wollt Ihr denn auf der Straße der Leute Spott werden? Kehrt doch nur ruhig zurück in Euern Pergamentband.« – »Was geht Euch meine Kleidung an«, sprach Erasmus verdrießlich und wollte, den roten Kerl beiseite schiebend, vorübergehen, der schrie ihm nach: »Nun, nun – eilt nur nicht so, zur Giulietta könnt Ihr doch jetzt gleich nicht hin.« Erasmus drehte sich rasch um. »Was sprecht Ihr von Giulietta«, rief er mit wilder Stimme, den roten Kerl bei der Brust packend. Der wandte sich aber pfeilschnell und war, ehe sich’s Erasmus versah, verschwunden. Erasmus blieb ganz verblüfft stehen mit dem Stahlknopf in der Hand, den er dem Roten abgerissen. »Das war der Wunderdoktor, Signor Dapertutto; was der nur von Euch wollte?« sprach der Diener, aber dem Erasmus wandelte ein Grauen an, er eilte sein Haus zu erreichen.

Giulietta empfing den Erasmus mit all der wunderbaren Anmut und Freundlichkeit, die ihr eigen. Der wahnsinnigen Leidenschaft, die den Erasmus entflammt, setzte sie ein mildes, gleichmütiges Betragen entgegen. Nur dann und wann funkelten ihre Augen höher auf, und Erasmus fühlte, wie leise Schauer aus dem Innersten heraus ihn durchbebten, wenn sie manchmal ihn mit einem recht seltsamen Blicke traf. Nie sagte sie ihm, daß sie ihn liebe, aber ihre ganze Art und Weise, mit ihm umzugehen, ließ es ihn deutlich ahnen, und so kam es, daß immer festere und festere Bande ihn umstrickten. Ein wahres Sonnenleben ging ihm auf; die Freunde sah er selten, da Giulietta ihn in andere fremde Gesellschaft eingeführt.

Einst begegnete ihm Friedrich, der ließ ihn nicht los, und als der Erasmus durch manche Erinnerung an sein Vaterland und an sein Haus recht mild und weich geworden, da sagte Friedrich: »Weißt du wohl, Spikher, daß du in recht gefährliche Bekanntschaft geraten bist? Du mußt es doch wohl schon gemerkt haben, daß die schöne Giulietta eine der schlauesten Kurtisanen ist, die es je gab. Man trägt sich dabei mit allerlei geheimnisvollen, seltsamen Geschichten, die sie in gar besonderm Lichte erscheinen lassen. Daß sie über die Menschen, wenn sie will, eine unwiderstehliche Macht übt und sie in unauflösliche Bande verstrickt, seh ich an dir, du bist ganz und gar verändert, du bist ganz der verführerischen Giulietta hingegeben, du denkst nicht mehr an deine liebe fromme Hausfrau.« – Da hielt Erasmus beide Hände vors Gesicht, er schluchzte laut, er rief den Namen seiner Frau. Friedrich merkte wohl, wie ein innerer harter Kampf begonnen. »Spikher«, fuhr er fort, »laß uns schnell abreisen.« – »Ja, Friedrich«, rief Spikher heftig, »du hast recht. Ich weiß nicht, wie mich so finstre gräßliche Ahnungen plötzlich ergreifen – ich muß fort, noch heute fort.« – Beide Freunde eilten über die Straße, quer vorüber schritt Signor Dapertutto, der lachte dem Erasmus ins Gesicht und rief: »Ach, eilt doch, eilt doch nur schnell, Giulietta wartet schon, das Herz voll Sehnsucht, die Augen voll Tränen. – Ach, eilt doch, eilt doch!« Erasmus wurde wie vom Blitz getroffen. »Dieser Kerl«, sprach Friedrich, »dieser Ciarlatano ist mir im Grunde der Seele zuwider, und daß der bei Giulietta aus und ein geht und ihr seine Wunderessenzen verkauft« – »Was!« rief Erasmus, »dieser abscheuliche Kerl bei Giulietta – bei Giulietta?« – »Wo bleibt Ihr aber auch so lange, alles wartet auf Euch, habt Ihr denn gar nicht an mich gedacht?«, so rief eine sanfte Stimme vom Balkon herab. Es war Giulietta, vor deren Hause die Freunde, ohne es bemerkt zu haben, standen. Mit einem Sprunge war Erasmus im Hause. »Der ist nun einmal hin und nicht mehr zu retten«, sprach Friedrich leise und schlich über die Straße fort. –

Nie war Giulietta liebenswürdiger gewesen, sie trug dieselbe Kleidung als damals in dem Garten, sie strahlte in voller Schönheit und jugendlicher Anmut. Erasmus hatte alles vergessen, was er mit Friedrich gesprochen, mehr als je riß ihn die höchste Wonne, das höchste Entzücken unwiderstehlich hin, aber auch noch niemals hatte Giulietta so ohne allen Rückhalt ihm ihre innigste Liebe merken lassen. Nur ihn schien sie zu beachten, nur für ihn zu sein. – Auf einer Villa, die Giulietta für den Sommer gemietet, sollte ein Fest gefeiert werden. Man begab sich dahin. In der Gesellschaft befand sich ein junger Italiener von recht häßlicher Gestalt und noch häßlicheren Sitten, der bemühte sich viel um Giulietta und erregte die Eifersucht des Erasmus, der voll Ingrimm sich von den andern entfernte und einsam in einer Seitenallee des Gartens auf und ab schlich. Giulietta suchte ihn auf. »Was ist dir? – bist du denn nicht ganz mein?« Damit umfing sie ihn mit den zarten Armen und drückte einen Kuß auf seine Lippen. Feuerstrahlen durchblitzten ihn, in rasender Liebeswut drückte er die Geliebte an sich und rief: »Nein, ich lasse dich nicht, und sollte ich untergehen im schmachvollsten Verderben!« Giulietta lächelte seltsam bei diesen Worten, und ihn traf jener sonderbare Blick, der ihm jederzeit innern Schauer erregte. Sie gingen wieder zur Gesellschaft. Der widrige junge Italiener trat jetzt in die Rolle des Erasmus; von Eifersucht getrieben, stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Teutsche und insbesondere gegen Spikher aus. Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf den Italiener los. »Haltet ein«, sprach er, »mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Teutsche und auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich, und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.« In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand, da packte Erasmus ihn wütend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab röchelnd seinen Geist auf. – Alles stürzte auf den Erasmus los, er war ohne Besinnung – er fühlte sich ergriffen, fortgerissen. Als er wie aus tiefer Betäubung erwachte, lag er in einem kleinen Kabinett zu Giuliettas Füßen, die, das Haupt über ihn herabgebeugt, ihn mit beiden Armen umfaßt hielt. »Du böser, böser Teutscher«, sprach sie unendlich sanft und mild, »welche Angst hast du mir verursacht! Aus der nächsten Gefahr habe ich dich errettet, aber nicht sicher bist du mehr in Florenz, in Italien. Du mußt fort, du mußt mich, die dich so sehr liebt, verlassen.« Der Gedanke der Trennung zerriß den Erasmus in namenlosem Schmerz und Jammer. »Laß mich bleiben«, schrie er, »ich will ja gern den Tod leiden, heißt denn sterben mehr als leben ohne dich?« Da war es ihm, als rufe eine leise ferne Stimme schmerzlich seinen Namen. Ach! es war die Stimme der frommen teutschen Hausfrau. Erasmus verstummte, und auf ganz seltsame Weise fragte Giulietta: »Du denkst wohl an dein Weib? – Ach, Erasmus, du wirst mich nur zu bald vergessen.« – »Könnte ich nur ewig und immerdar ganz dein sein«, sprach Erasmus. Sie standen gerade vor dem schönen breiten Spiegel, der in der Wand des Kabinetts angebracht war und an dessen beiden Seiten helle Kerzen brannten. Fester, inniger drückte Giulietta den Erasmus an sich, indem sie leise lispelte: »Laß mir dein Spiegelbild, du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar.« – »Giulietta«, rief Erasmus ganz verwundert, »was meinst du denn? – mein Spiegelbild?« – Er sah dabei in den Spiegel, der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurückwarf. »Wie kannst du denn mein Spiegelbild behalten«, fuhr er fort, »das mit mir wandelt überall und aus jedem klaren Wasser, aus jeder hellgeschliffenen Fläche mir entgegentritt?« – »Nicht einmal«, sprach Giulietta, »nicht einmal diesen Traum deines Ichs, wie er aus dem Spiegel hervorschimmert, gönnst du mir, der du sonst mein mit Leib und Leben sein wolltest? Nicht einmal dein unstetes Bild soll bei mir bleiben und mit mir wandeln durch das arme Leben, das nun wohl, da du fliehst, ohne Lust und Liebe bleiben wird?« Die heißen Tränen stürzten der Giulietta aus den schönen dunklen Augen. Da rief Erasmus, wahnsinnig vor tötendem Liebesschmerz: »Muß ich denn fort von dir? – muß ich fort, so soll mein Spiegelbild dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es dir nicht entreißen, bis du mich selbst hast mit Seele und Leib.« – Giuliettas Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen, dann ließ sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus nach dem Spiegel. Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giuliettas Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand. Allerlei häßliche Stimmen meckerten und lachten in teuflischem Hohn; erfaßt von dem Todeskrampf des tiefsten Entsetzens, sank er bewußtlos zu Boden, aber die fürchterliche Angst – das Grausen riß ihn auf aus der Betäubung, in dicker dichter Finsternis taumelte er zur Tür hinaus, die Treppe hinab. Vor dem Hause ergriff man ihn und hob ihn in einen Wagen, der schnell fortrollte. »Dieselben haben sich etwas alteriert, wie es scheint«, sprach der Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, in teutscher Sprache. »Dieselben haben sich etwas alteriert, indessen wird jetzt alles ganz vortrefflich gehen, wenn Sie sich nur mir ganz überlassen wollen. Giuliettchen hat schon das Ihrige getan und mir Sie empfohlen. Sie sind auch ein recht lieber junger Mann und inklinieren erstaunlich zu angenehmen Späßen, wie sie uns, mir und Giuliettchen, sehr behagen. Das war mir ein recht tüchtiger teutscher Tritt in den Nacken. Wie dem Amoroso die Zunge kirschblau zum Halse heraushing – es sah recht possierlich aus, und wie er so krächzte und ächzte und nicht gleich abfahren konnte – hahaha –« Die Stimme des Mannes war so widrig höhnend, sein Schnickschnack so gräßlich, daß die Worte Dolchstichen gleich in des Erasmus Brust fuhren. »Wer Ihr auch sein mögt«, sprach Erasmus, »schweigt, schweigt von der entsetzlichen Tat, die ich bereue!« – »Bereuen, bereuen!« erwiderte der Mann, »so bereut Ihr auch wohl, daß Ihr Giulietta kennengelernt und ihre süße Liebe erworben habt?« – »Ach, Giulietta, Giulietta!« seufzte Erasmus. »Nun ja«, fuhr der Mann fort, »so seid Ihr nun kindisch, Ihr wünscht und wollt, aber alles soll auf gleichem glatten Wege bleiben. Fatal ist es zwar, daß Ihr Giulietta habt verlassen müssen, aber doch könnte ich wohl, bliebet Ihr hier, Euch allen Dolchen Eurer Verfolger und auch der lieben Justiz entziehen.« Der Gedanke, bei Giulietta bleiben zu können, ergriff den Erasmus gar mächtig. »Wie wäre das möglich?« fragte er. – »Ich kenne«, fuhr der Mann fort, »ein sympathetisches Mittel, das Eure Verfolger mit Blindheit schlägt, kurz, welches bewirkt, daß Ihr ihnen immer mit einem andern Gesichte erscheint und sie Euch niemals wiedererkennen. Sowie es Tag ist, werdet Ihr so gut sein, recht lange und aufmerksam in irgendeinen Spiegel zu schauen, mit Euerm Spiegelbilde nehme ich dann, ohne es im mindesten zu versehren, gewisse Operationen vor, und Ihr seid geborgen, Ihr könnt dann leben mit Giulietta ohne alle Gefahr in aller Lust und Freudigkeit.« – »Fürchterlich, fürchterlich!« schrie Erasmus auf. »Was ist denn fürchterlich, mein Wertester?« fragte der Mann höhnisch. »Ach, ich – habe, ich – habe«, fing Erasmus an – »Euer Spiegelbild sitzenlassen«, fiel der Mann schnell ein, »sitzenlassen bei Giulietta? – hahaha! Bravissimo, mein Bester! Nun könnt Ihr durch Fluren und Wälder, Städte und Dörfer laufen, bis Ihr Euer Weib gefunden nebst dem kleinen Rasmus und wieder ein Familienvater seid, wiewohl ohne Spiegelbild, worauf es Eurer Frau auch weiter wohl nicht ankommen wird, da sie Euch leiblich hat, Giulietta aber immer nur Euer schimmerndes Traum-Ich.« – »Schweige, du entsetzlicher Mensch«, schrie Erasmus. In dem Augenblick nahte sich ein fröhlich singender Zug mit Fackeln, die ihren Glanz in den Wagen warfen. Erasmus sah seinem Begleiter ins Gesicht und erkannte den häßlichen Doktor Dapertutto. Mit einem Satz sprang er aus dem Wagen und lief dem Zuge entgegen, da er schon in der Ferne Friedrichs wohltönenden Baß erkannt hatte. Die Freunde kehrten von einem ländlichen Mahle zurück. Schnell unterrichtete Erasmus Friedrichen von allem, was geschehen, und verschwieg nur den Verlust seines Spiegelbildes. Friedrich eilte mit ihm voran nach der Stadt, und so schnell wurde alles Nötige veranstaltet, daß, als die Morgenröte aufgegangen, Erasmus auf einem raschen Pferde sich schon weit von Florenz entfernt hatte. – Spikher hat manches Abenteuer aufgeschrieben, das ihm auf seiner Reise begegnete. Am merkwürdigsten ist der Vorfall, welcher zuerst den Verlust seines Spiegelbildes ihm recht seltsam fühlen ließ. Er war nämlich gerade, weil sein müdes Pferd Erholung bedurfte, in einer großen Stadt geblieben und setzte sich ohne Arg an die stark besetzte Wirtstafel, nicht achtend, daß ihm gegenüber ein schöner klarer Spiegel hing. Ein Satan von Kellner, der hinter seinem Stuhle stand, wurde gewahr, daß drüben im Spiegel der Stuhl leer geblieben und sich nichts von der darauf sitzenden Person reflektiere. Er teilte seine Bemerkung dem Nachbar des Erasmus mit, der seinem Nebenmann, es lief durch die ganze Tischreihe ein Gemurmel und Geflüster, man sah den Erasmus an, dann in den Spiegel. Noch hatte Erasmus gar nicht bemerkt, daß ihm das alles galt, als ein ernsthafter Mann vom Tische aufstand, ihn vor den Spiegel führte, hineinsah und, dann sich zur Gesellschaft wendend, laut rief; »Wahrhaftig, er hat kein Spiegelbild!« – »Er hat kein Spiegelbild – er hat kein Spiegelbild!« schrie alles durcheinander; »ein mauvais sujet, ein homo nefas, werft ihn zur Tür hinaus!« – Voll Wut und Scham flüchtete Erasmus auf sein Zimmer; aber kaum war er dort, als ihm von Polizei wegen angekündigt wurde, daß er binnen einer Stunde mit seinem vollständigen, völlig ähnlichen Spiegelbilde vor der Obrigkeit erscheinen oder die Stadt verlassen müsse. Er eilte von dannen, vom müßigen Pöbel, von den Straßenjungen verfolgt, die ihm nachschrieen: »Da reitet er hin, der dem Teufel sein Spiegelbild verkauft hat, da reitet er hin!« – Endlich war er im Freien. Nun ließ er überall, wo er hinkam, unter dem Vorwande eines natürlichen Abscheus gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel schnell verhängen, und man nannte ihn daher spottweise den General Suwarow, der ein gleiches tat.

Freudig empfing ihn, als er seine Vaterstadt und sein Haus erreicht, die liebe Frau mit dem kleinen Rasmus, und bald schien es ihm, als sei in ruhiger, friedlicher Häuslichkeit der Verlust des Spiegelbildes wohl zu verschmerzen. Es begab sich eines Tages, daß Spikher, der die schöne Giulietta ganz aus Sinn und Gedanken verloren, mit dem kleinen Rasmus spielte; der hatte die Händchen voll Ofenruß und fuhr damit dem Papa ins Angesicht. »Ach, Vater, Vater, wie hab ich dich schwarz gemacht, schau mal her!« So rief der Kleine und holte, ehe Spikher es hindern konnte, einen Spiegel herbei, den er, ebenfalls hineinschauend, dem Vater vorhielt. – Aber gleich ließ er den Spiegel weinend fallen und lief schnell zum Zimmer hinaus. Bald darauf trat die Frau herein, Staunen und Schreck in den Mienen. »Was hat mir der Rasmus von dir erzählt«, sprach sie. »Daß ich kein Spiegelbild hätte, nicht wahr, mein Liebchen?« fiel Spikher mit erzwungenem Lächeln ein und bemühte sich zu beweisen, daß es zwar unsinnig sei zu glauben, man könne überhaupt sein Spiegelbild verlieren, im ganzen sei aber nicht viel daran verloren, da jedes Spiegelbild doch nur eine Illusion sei, Selbstbetrachtung zur Eitelkeit führe und noch dazu ein solches Bild das eigne Ich spalte in Wahrheit und Traum. Indem er so sprach, hatte die Frau von einem verhängten Spiegel, der sich in dem Wohnzimmer befand, schnell das Tuch herabgezogen. Sie schaute hinein, und als träfe sie ein Blitzstrahl, sank sie zu Boden. Spikher hob sie auf, aber kaum hatte die Frau das Bewußtsein wieder, als sie ihn mit Abscheu von sich stieß. »Verlasse mich«, schrie sie, »verlasse mich, fürchterlicher Mensch! Du bist es nicht, du bist nicht mein Mann, nein – ein höllischer Geist bist du, der mich um meine Seligkeit bringen, der mich verderben will. – Fort, verlasse mich, du hast keine Macht über mich, Verdammter!« Ihre Stimme gellte durch das Zimmer, durch den Saal, die Hausleute liefen entsetzt herbei, in voller Wut und Verzweiflung stürzte Erasmus zum Hause hinaus. Wie von wilder Raserei getrieben, rannte er durch die einsamen Gänge des Parks, der sich bei der Stadt befand. Giuliettas Gestalt stieg vor ihm auf in Engelsschönheit, da rief er laut: »Rächst du dich so, Giulietta, dafür, daß ich dich verließ und dir statt meines Selbst nur mein Spiegelbild gab? Ha, Giulietta, ich will ja dein sein mit Leib und Seele, sie hat mich verstoßen, sie, der ich dich opferte. Giulietta, Giulietta, ich will ja dein sein mit Leib und Leben und Seele.« – »Das können Sie ganz füglich, mein Wertester«, sprach Signor Dapertutto, der auf einmal in seinem scharlachroten Rocke mit den blitzenden Stahlknöpfen dicht neben ihm stand. Es waren Trostesworte für den unglücklichen Erasmus, deshalb achtete er nicht Dapertuttos hämisches, häßliches Gesicht, er blieb stehen und fragte mit recht kläglichem Ton: »Wie soll ich sie denn wiederfinden, sie, die wohl auf immer für mich verloren ist!« – »Mitnichten«, erwiderte Dapertutto, »sie ist gar nicht weit von hier und sehnt sich erstaunlich nach Ihrem werten Selbst, Verehrter, da doch, wie Sie einsehen, ein Spiegelbild nur eine schnöde Illusion ist. Übrigens gibt sie Ihnen, sobald sie sich Ihrer werten Person, nämlich mit Leib, Leben und Seele, sicher weiß, Ihr angenehmes Spiegelbild glatt und unversehrt dankbarlichst zurück.« – »Führe mich zu ihr – zu ihr hin!« rief Erasmus, »wo ist sie?« – »Noch einer Kleinigkeit bedarf es«, fiel Dapertutto ein, »bevor Sie Giulietta sehen und sich ihr gegen Erstattung des Spiegelbildes ganz ergeben können. Dieselben vermögen nicht so ganz über Dero werte Person zu disponieren, da Sie noch durch gewisse Bande gefesselt sind, die erst gelöset werden müssen. – Dero liebe Frau nebst dem hoffnungsvollen Söhnlein« – »Was soll das?« fuhr Erasmus wild auf. »Eine unmaßgebliche Trennung dieser Bande«, fuhr Dapertutto fort, »könnte auf ganz leicht menschliche Weise bewirkt werden. Sie wissen ja von Florenz aus, daß ich wundersame Medikamente geschickt zu bereiten weiß, da hab ich denn hier so ein Hausmittelchen in der Hand. Nur ein paar Tropfen dürfen die genießen, welche Ihnen und der lieben Giulietta im Wege sind, und sie sinken ohne schmerzliche Gebärde lautlos zusammen. Man nennt das zwar sterben, und der Tod soll bitter sein; aber ist denn der Geschmack bittrer Mandeln nicht lieblich, und nur diese Bitterkeit hat der Tod, den dieses Fläschchen verschließt. Sogleich nach dem fröhlichen Hinsinken wird die werte Familie einen angenehmen Geruch von bittern Mandeln verbreiten. – Nehmen Sie, Geehrtester.« – Er reichte dem Erasmus eine kleine Phiole hin.

»Entsetzlicher Mensch«, schrie dieser, »vergiften soll ich Weib und Kind?« – »Wer spricht denn von Gift«, fiel der Rote ein, »nur ein wohlschmeckendes Hausmittel ist in der Phiole enthalten. Mir stünden andere Mittel, Ihnen Freiheit zu schaffen, zu Gebote, aber durch Sie selbst möcht ich so ganz natürlich, so ganz menschlich wirken, das ist nun einmal meine Liebhaberei. Nehmen Sie getrost, mein Bester!« – Erasmus hatte die Phiole in der Hand, er wußte selbst nicht wie. Gedankenlos rannte er nach Hause in sein Zimmer. Die ganze Nacht hatte die Frau unter tausend Ängsten und Qualen zugebracht, sie behauptete fortwährend, der Zurückgekommene sei nicht ihr Mann, sondern ein höllischer Geist, der ihres Mannes Gestalt angenommen. Sowie Spikher ins Haus trat, floh alles scheu zurück, nur der kleine Rasmus wagte es, ihm nahe zu treten und kindisch zu fragen, warum er denn sein Spiegelbild nicht mitgebracht habe, die Mutter würde sich darüber zu Tode grämen. Erasmus starrte den Kleinen wild an, er hatte noch Dapertuttos Phiole in der Hand. Der Kleine trug seine Lieblingstaube auf dem Arm, und so kam es, daß diese mit dem Schnabel sich der Phiole näherte und an dem Pfropfe pickte; sogleich ließ sie den Kopf sinken, sie war tot. Entsetzt sprang Erasmus auf. »Verräter«, schrie er, »du sollst mich nicht verführen zur Höllentat!« – Er schleuderte die Phiole durch das offene Fenster, daß sie auf dem Steinpflaster des Hofes in tausend Stücke zersprang. Ein lieblicher Mandelgeruch stieg auf und verbreitete sich bis ins Zimmer. Der kleine Rasmus war erschrocken davongelaufen. Spikher brachte den ganzen Tag von tausend Qualen gefoltert zu, bis die Mitternacht eingebrochen. Da wurde immer reger und reger in seinem Innern Giuliettas Bild. Einst zersprang ihr in seiner Gegenwart eine Halsschnur, von jenen kleinen roten Beeren aufgezogen, die die Frauen wie Perlen tragen. Die Beeren auflesend, verbarg er schnell eine, weil sie an Giuliettas Halse gelegen, und bewahrte sie treulich. Die zog er jetzt hervor, und, sie anstarrend, richtete er Sinn und Gedanken auf die verlorne Geliebte. Da war es, als ginge aus der Perle der magische Duft hervor, der ihn sonst umfloß in Giuliettas Nähe. »Ach, Giulietta, dich nur noch ein einziges Mal sehen und dann untergehen in Verderben und Schmach.« – Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als es auf dem Gange vor der Tür leise zu rischeln und zu rascheln begann. Er vernahm Fußtritte – es klopfte an die Tür des Zimmers. Der Atem stockte dem Erasmus vor ahnender Angst und Hoffnung. Er öffnete. Giulietta trat herein in hoher Schönheit und Anmut. Wahnsinnig vor Liebe und Lust, schloß er sie in seine Arme. »Nun bin ich da, mein Geliebter«, sprach sie leise und sanft, »aber sieh, wie getreu ich dein Spiegelbild bewahrt!« Sie zog das Tuch vom Spiegel herab, Erasmus sah mit Entzücken sein Bild, der Giulietta sich anschmiegend; unabhängig von ihm selbst, warf es aber keine seiner Bewegungen zurück. Schauer durchbebten den Erasmus. »Giulietta«, rief er, »soll ich denn rasend werden in der Liebe zu dir? – Gib mir das Spiegelbild, nimm mich selbst mit Leib, Leben und Seele.« – »Es ist noch etwas zwischen uns, lieber Erasmus«, sprach Giulietta, »du weißt es – hat Dapertutto dir nicht gesagt« – »Um Gott, Giulietta«, fiel Erasmus ein, »kann ich nur auf diese Weise dein werden, so will ich lieber sterben.« – »Auch soll dich«, fuhr Giulietta fort, »Dapertutto keineswegs verleiten zu solcher Tat. Schlimm ist es freilich, daß ein Gelübde und ein Priestersegen nun einmal so viel vermag, aber lösen mußt du das Band, was dich bindet, denn sonst wirst du niemals gänzlich mein, und dazu gibt es ein anderes, besseres Mittel, als Dapertutto vorgeschlagen.« – »Worin besteht das?« fragte Erasmus heftig. Da schlang Giulietta den Arm um seinen Nacken, und, den Kopf an seine Brust gelehnt, lispelte sie leise: »Du schreibst auf ein kleines Blättchen deinen Namen Erasmus Spikher unter die wenigen Worte: ›Ich gebe meinem guten Freunde Dapertutto Macht über meine Frau und über mein Kind, daß er mit ihnen schalte und walte nach Willkür, und löse das Band, das mich bindet, weil ich fortan mit meinem Leibe und mit meiner unsterblichen Seele angehören will der Giulietta, die ich mir zum Weibe erkoren und der ich mich noch durch ein besonderes Gelübde auf immerdar verbinden werde‹.« Es rieselte und zuckte dem Erasmus durch alle Nerven. Feuerküsse brannten auf seinen Lippen, er hatte das Blättchen, das ihm Giulietta gegeben, in der Hand. Riesengroß stand plötzlich Dapertutto hinter Giulietta und reichte ihm eine metallene Feder. In dem Augenblick sprang dem Erasmus ein Äderchen an der linken Hand, und das Blut spritzte heraus. »Tunke ein, tunke ein – schreib, schreib«, krächzte der Rote. – »Schreib, schreib, mein ewig, einzig Geliebter«, lispelte Giulietta. Schon hatte er die Feder mit Blut gefüllt, er setzte zum Schreiben an – da ging die Tür auf, eine weiße Gestalt trat herein, die gespenstisch starren Augen auf Erasmus gerichtet, rief sie schmerzvoll und dumpf: »Erasmus, Erasmus, was beginnst du – um des Heilandes willen, laß ab von gräßlicher Tat!« – Erasmus, in der warnenden Gestalt sein Weib erkennend, warf Blatt und Feder weit von sich. – Funkelnde Blitze schossen aus Giuliettas Augen, gräßlich verzerrt war das Gesicht, brennende Glut ihr Körper. »Laß ab von mir, Höllengesindel, du sollst keinen Teil haben an meiner Seele. In des Heilandes Namen, hebe dich von mir hinweg, Schlange – die Hölle glüht aus dir.« – So schrie Erasmus und stieß mit kräftiger Faust Giulietta, die ihn noch immer umschlungen hielt, zurück. Da gellte und heulte es in schneidenden Mißtönen, und es rauschte wie mit schwarzen Rabenfittichen im Zimmer umher. – Giulietta – Dapertutto verschwanden im dicken stinkenden Dampf, der wie aus den Wänden quoll, die Lichter verlöschend. Endlich brachen die Strahlen des Morgenrots durch die Fenster. Erasmus begab sich gleich zu seiner Frau. Er fand sie ganz milde und sanftmütig. Der kleine Rasmus saß schon ganz munter auf ihrem Bette; sie reichte dem erschöpften Mann die Hand, sprechend: »Ich weiß nun alles, was dir in Italien Schlimmes begegnet, und bedaure dich von ganzem Herzen. Die Gewalt des Feindes ist sehr groß, und wie er denn nun allen möglichen Lastern ergeben ist, so stiehlt er auch sehr und hat dem Gelüst nicht widerstehen können, dir dein schönes, vollkommen ähnliches Spiegelbild auf recht hämische Weise zu entwenden. – Sieh doch einmal in jenen Spiegel dort, lieber, guter Mann!« – Spikher tat es, am ganzen Leibe zitternd, mit recht kläglicher Miene. Blank und klar blieb der Spiegel, kein Erasmus Spikher schaute heraus. »Diesmal«, fuhr die Frau fort, »ist es recht gut, daß der Spiegel dein Bild nicht zurückwirft, denn du siehst sehr albern aus, lieber Erasmus. Begreifen wirst du aber übrigens wohl selbst, daß du ohne Spiegelbild ein Spott der Leute bist und kein ordentlicher, vollständiger Familienvater sein kannst, der Respekt einflößt der Frau und den Kindern. Rasmuschen lacht dich auch schon aus und will dir nächstens einen Schnauzbart malen mit Kohle, weil du das nicht bemerken kannst. Wandre also nur noch ein bißchen in der Welt herum und suche gelegentlich dem Teufel dein Spiegelbild abzujagen. Hast du’s wieder, so sollst du mir recht herzlich willkommen sein. Küsse mich (Spikher tat es), und nun – glückliche Reise! Schicke dem Rasmus dann und wann ein Paar neue Höschen, denn er rutscht sehr auf den Knien und braucht dergleichen viel. Kommst du aber nach Nürnberg, so füge einen bunten Husaren hinzu und einen Pfefferkuchen als liebender Vater. Lebe recht wohl, lieber Erasmus!« – Die Frau drehte sich auf die andere Seite und schlief ein. Spikher hob den kleinen Rasmus in die Höhe und drückte ihn ans Herz; der schrie aber sehr, da setzte Spikher ihn wieder auf die Erde und ging in die weite Welt. Er traf einmal auf einen gewissen Peter Schlemihl, der hatte seine Schlagschatten verkauft; beide wollten Kompagnie gehen, so daß Erasmus Spikher den nötigen Schlagschatten werfen, Peter Schlemihl dagegen das gehörige Spiegelbild reflektieren sollte; es wurde aber nichts daraus.

Friedrich Glauser – Beichte in der Nacht & ein Holzpferd

Mongolischer Jäger - historische Fotografie um 1911
Mongolischer Jäger – historische Fotografie um 1911

Beichte in der Nacht

Nun, junger Mann? Was sagen Sie jetzt? Sie haben wohl nicht gedacht, dass ich mich an Ihren Tisch setzen würde? Sie waren tapferer, als Sie mit Ihrer Suite zusammensaßen, den aufgedonnerten Mädchen – obwohl aufgedonnert ein altmodisches Wort ist und abgedonnert für Ihre Begleiterinnen besser passen würde. Als Sie in Gesellschaft waren, da hatten Sie ein besseres Maul. Warum sind Sie auch zurückgeblieben, allein? Ein wenig Kater gehabt? Die Gesellschaft ist Ihnen auf die Nerven gegangen? Ja, Sie waren sehr lustig, und ich war die gegebene Zielscheibe Ihrer Witze. Mein altmodischer Smoking, meine Leibesfülle. Glauben Sie mir nur, die täuscht. Ich bin gar nicht so dick, wie Sie meinen, gepolstert könnte man eher sagen, und es gibt Frauen, die dies zu schätzen wissen. Natürlich spreche ich nicht von der Art Dämchen, die Sie da um sich versammelt hatten. Richtige Frauen, meine ich, die noch Gefühl haben für den Wert, den transzendentalen Wert eines Mannes. Und der liegt nicht in einer modischen Kleidung, liegt nicht in der Tatsache, dass einer gut tanzen kann – der Wert, von dem ich spreche, liegt tiefer, glauben Sie mir. Aber das versteht die Jugend nicht, das verstehen die Frauen nicht, solange sie noch jung sind, Ausnahmen gibt es natürlich; wissen Sie, was ein großer Dichter über uns Männer sagt, die der Schlankheit entbehren? Natürlich wissen Sie es nicht. Sie sind nur orientiert über den Demi-Final und den letzten Boxsieg, aber dass es einmal einen Dichter gegeben hat, der Shakespeare hieß – was? Sie haben den Namen auch gehört? Den Namen? Haha. Aber sonst wissen Sie nichts von dem Herrn? Oder? Wann er gelebt hat? … Schulweisheit, selbstverständlich, und Sie stehen im praktischen Leben. Da war doch Ihr Doppelgänger ein anderer Kerl …

Ja, glauben Sie vielleicht, ich hätte mich zu Ihnen gesetzt, weil Ihre Visage mich angezogen hat? Da trompieren Sie sich schwer. Der Grund liegt viel tiefer. Sie gleichen jemandem, Sie gleichen ihm dermaßen, dass ich einen Augenblick gedacht habe, er sei es. Darum habe ich auch versäumt, Sie zur Rede zu stellen, als Sie mich auslachten, ob meiner Dicke. Ich bin dick, junger Mann, gewiss bin ich dick, aber kann ich etwas dafür? Mein Vater war dick, meine Mutter war dick, ich selbst, mein Herr, habe zwei Abmagerungskuren durchgemacht. Mit welchem Erfolg? Nun, den Erfolg sehen Sie ja. Wir wollen etwas trinken … Lasst dicke Männer um mich sein, sagt Shakespeare, und die nachts gut schlafen – oder so ähnlich. Aber da macht der englische Dichter einen Fehler. Mein Schlaf ist nicht gut, meine Verdauung will nicht recht funktionieren, das wird es wohl sein. Ich habe übrigens letzthin einen Spezialisten konsultiert, er hat mir Diät verschrieben, gut und recht, er will eine neue Kur an mir probieren. Aber ich kann mich doch nicht einen Monat ins Bett legen. Was denkt er auch! Ich habe Pflichten gegen die Gesellschaft, ich stehe auf einem verantwortungsvollen Posten, wenn ich die Arbeit nicht tue, ist keiner da, der mich ersetzen könnte … der mich ersetzen kann. Aber wenn ich nun sterben sollte, wird man mir wohl einen Nachfolger geben. Nun, der soll dann sehen, wie er zurecht kommt. Glauben Sie mir, ohne mich ist der Finanzdirektor hilflos wie ein kleines Kind. Unsere Stadt würde schon lange mit einem Defizit arbeiten, wenn ich nicht wäre. Ich bin es, der immer alles ins Geleise bringt, der unmögliche Projekte einfach in den Papierkorb wirft oder sie in einem Aktenschrank verschwinden lässt – zur gelegentlichen Erledigung. Haha, hahaha, das ist ein Witz von mir, eine Trouvaille, wie der Franzose sagt. Zur gelegentlichen Erledigung! Gut gesagt, nicht?

Ah, hier kommt der Wein … Aber Emmy, ich habe Ihnen doch deutlich befohlen, den Wein zu temperieren, und er ist eiskalt … Nein, nein, liebes Kind, wo denken Sie hin, ihn wieder mitnehmen, wo er doch schon da ist? Nein, da wärme ich lieber mein Glas in den Händen … Hübsches Kind, nicht wahr? … Nicht Ihr Geschmack? Sie sind wählerisch, aber auf eine falsche Art. Im Grunde sind Sie ein Vielfrass, Sie nehmen jede, die sich Ihnen anbietet, hab‘ ich nicht recht? … Nein? … Aber ein Feinschmecker sind Sie nicht, ich sehe das an der Art, wie Sie diesen Wein hinunterschütten. Den Wein lässt man auf der Zunge zergehen, man kostet ihn aus. Und mit den Frauen? … Haha, lieber Herr, mit den Frauen dito, desgleichen. Wie heisst das schöne Lied? »Wenn man fünfzig ist, man noch gerne küsst, besonders wenn man spaaaarsam gewesen ist«, aber »wenn man sechzig ist, schmeckt allaaain nur der Waaaain.« Hehe. Sie hören, wir alten Herren sind auch noch auf der Höhe, wenn es sich um die neusten Schlager handelt. »Schmeckt allaaain nur der Waaain.«

Verzeihen Sie, ich singe nicht mehr gut, aber es gab eine Zeit, da hatte ich eine schöne Stimme, eine richtige Baritonstimme. Und ich habe sogar einmal in unserer Kirche gesungen, im Chor versteht sich, aber ich hatte ein Solo. Alle Leute haben mich nachher beglückwünscht. Sie waren ergriffen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich nicht hätte zur Oper gehen sollen, mich ausbilden lassen. Theater, Erfolg, das wäre etwas für mich gewesen. Aber ich habe eben die ernstere Seite des Lebens vorgezogen. Lassen Sie sich sagen, und beherzigen Sie meine Worte: Das Leben ist kein Kinderspiel! Ihr Doppelgänger, der Mann, dem Sie ähnlich sehen, er glaubte auch, das Leben sei da zum spielen, aber er hat sie bitter bereut, seine Einstellung. Er ist verdorben und vielleicht gestorben, das weiss ich nicht. Und ich hatte mir so Mühe gegeben, ihn vor dem Abgrund zu retten, aber er war undankbar, hat mich betrogen, bestohlen, seine Schulden habe ich zahlen müssen. Er war nur zwölf Jahre jünger als ich, ich war wie ein älterer Bruder zu ihm, ich habe ihn bei mir aufgenommen, ich habe ihn aus der peinlichsten Situation gerettet, und wie hat er mir gedankt? Haben Sie die Dame bemerkt, mit der ich getanzt habe? Es war meine Frau … Das täuscht, sie ist gar nicht soviel jünger als ich, obwohl sie so aussieht. Sie versteht es eben, sich zu schminken, herzurichten. Sie haben wohl bemerkt, wie begehrt sie war, nur einmal habe ich mit ihr tanzen können, sonst waren all ihre Tänze versprochen. Ja, es war meine Frau, sie heisst Emilie mit dem Vornamen, aber ich nenne sie immer Mowgli, das hat sich so gegeben mit der Zeit. Der Name stammt ja nicht von mir. So heisst ein Junge in einem Buch des englischen Dichters Kipling, von dem Sie wahrscheinlich auch nie etwas gehört haben …

Soll das Hohn sein, junger Mann? Sie spotten über meine Belesenheit … Gut, ich will Ihnen glauben, Sie haben das nicht gemeint, ich will es gerne glauben, ich glaube Ihnen alles, was Sie sagen. Sie werden einen Unglücklichen nicht anlügen. Wie habe ich gesagt? Einen Unglücklichen? Ich bin gar nicht unglücklich, Herr, es ist freundlich von Ihnen, dass Sie eine bedauernde Miene ziehen, ich brauche Ihr Bedauern nicht. Ich bin vollkommen glücklich, ich führe die harmonischste Ehe, die Sie sich denken können, wir sind ein Herz und eine Seele, meine Frau und ich … Ja, wenngleich sie heute nicht bei mir geblieben ist, sie ist heimgegangen, sie war müde und hatte Kopfweh, Freunde von uns, eine bekannte Familie, der Mann ist Sekundarlehrer, ich sage Ihnen, ein bedeutender Kopf … ja, mit diesem Sekundarlehrer und seiner Frau (die Frau ist ein wenig klatschsüchtig, aber das schadet nichts, eine ausgezeichnete Hausfrau ist sie und sparsam, sparsamer als …), also dieses Ehepaar hat sich anerboten, meine Frau heimzubegleiten. Ich wollte noch ein wenig bleiben. In Ruhe ein Glas Wein trinken, in angenehmer Gesellschaft. Und die habe ich ja gefunden. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen so sympathischen Kumpan finden würde, ich hätte nie gedacht, dass wir uns so gut verstehen würden, damals als ich bemerkte, dass Sie mich auslachten. Aber sehen Sie, das ist eben der springende Punkt. Ich schmeichle mir, ein Menschenkenner zu sein. Ich habe sofort gesehen, dass Sie tiefer veranlagt sind. Mich täuscht man nicht so leicht. Und ich habe Sie durchschaut, vom ersten Augenblick an, als Sie im Kreise Ihrer Dämchen … Nun, genug davon, ich will Sie nicht beleidigen. Sie gefallen mir, junger Mann, Sie sind ein aufmerksamer Zuhörer, ermüde ich Sie nicht mit meinem Geschwätz? Gut, ich danke Ihnen … Aber dann müssen Sie mir gestatten, mir, als dem Älteren … darf ich Ihnen das »Du« anbieten? Wollen wir Schmollis trinken? Nach alter Väter Sitte, haha. Wie heissen Sie mit dem Vornamen? … Waaas … Da hört doch alles auf. Wirklich Peter? … So hiess er nämlich auch, der Doppelgänger, wir nannten ihn Pit … So nennt man Sie auch? Zeichen und Wunder! … Nun, prost Pit, sollst leben! Aber Ex … Ich heisse Hans. So, Pit, das wäre erledigt, deine Hand …

Lass nur, Pit, lass nur. Es geht vorbei. Ich bin sonst nicht sentimental, aber manchmal überkommt es mich. Weisst du, was mir in diesem Moment, den wir wohl als erhebend qualifizieren können, weisst du, was mir in diesem Momente einfällt? Eine andere Szene, aber eine Szene gleicher Art. Und du hast genau das gleiche Gesicht gemacht wie dein Doppelgänger, als ich ihm das »Du« antrug. Jaja, Ihr gleicht Euch sogar in der Mimik. Ist das nicht merkwürdig? …

Es war am Weihnachtsabend, vor … wart einmal, … vor zehn? … nein vor zwölf Jahren … Jaja, man wird alt … Da hatte ich ihm das Du angetragen. Und er zog genau das gleiche verlegene Maul wie du. Aber wir tranken unsere Gläser aus, mit verschlungenen Armen, wie es sich gehört, und nachher war er sehr rot, dein Bruder Pit … Prost, junger Pit, sollst leben … Und dann wollte auch Mowgli mit ihm Schmollis trinken, natürlich, warum nicht. Da weigerte er sich zuerst. Der dumme Kerl! Als ob ich nicht gemerkt hätte, schon lange gemerkt hätte, dass sie sich duzten, meine Frau und Pit. Was ging das mich an? Nun, gewiss, es tat manchmal weh, wenn ich aus dem Büro heimkam, und die beiden hockten im Wohnzimmer, und wenn ich in der Türe erschien, da lastete plötzlich ein Schweigen über dem Zimmer … Ich machte gewöhnlich recht laut die Korridortüre auf, dass man nur ja nicht etwa meine, ich wolle sie überraschen, aber einmal, und es war lange vor jenem Weihnachtsabend, da bin ich fortgegangen, am Abend, und die beiden haben mich bis auf den Flur begleitet; ich war schon fast an der Haustür, da fiel mir ein, dass ich meine Handschuhe vergessen hatte, und ich stieg wieder in die Höhe, ich hatte Gummisohlen an meinen Halbschuhen, und die beiden standen noch auf dem Gang. Da hab‘ ich es gehört! »Du!« sagte Pit gerade, und es klang sehr zärtlich. Ich bin leise wieder die Treppen hinunter und habe auf die Handschuhe verzichtet … Ja, es war merkwürdig, solche Szenen liest man oft in Romanen, da schiesst der Ehemann oder er verprügelt den Nebenbuhler … Das Papier ist geduldig, in der Wirklichkeit sieht es eben anders aus. Warum Pathos? Und dann hatte ich Pit eigentlich ganz gern, so, wie man einen Menschen gern hat, der das gerade Gegenteil von einem selber ist. Dann kommen einem die Berührungspunkte, die man mit ihm hat, doppelt kostbar vor … Was rede ich da für einen Stuss zusammen: Berührungspunkte, die kostbar sind. Aber es ist nun doch einmal so. Siehst du, Pit – du Pit, der da vor mir sitzt –, dem andern, deinem Doppelgänger, habe ich ja die Sache nie erklären können, er hielt so verteufelt auf Distanz; nur ein Beispiel: Ich sang ihm einmal einen Vers vor aus dem schönen Liede »Die Wirtin an der Lahn«, du kennst es doch auch, im Militärdienst haben wir es gesungen, weisst du: »Frau Wirtin hatte auch einen Star, der war ein Vogel sonderbar … und sang die Marseilläääse!« Haha, hahahaha, den kanntest du nicht? Haha … »Und sang die Marseilläääse« … So lach doch, du bist gerade so steif wie der andere Pit, der hat nämlich auch nicht gelacht. Ganz kalt hat er mir gesagt: »Ich liebe unanständige Witze nur, wenn sie gut sind, für reine Schweinereien habe ich keine Sympathie« … Da stand ich da … und dabei küsste er meine Frau und sagte Du zu ihr … »Habe ich keine Sympathie!« … War doch ganze zwölf Jahre jünger als ich und erlaubte sich, mir … mir … Direktiven zu geben über mein Verhalten … Mir, der damals schon Bürochef war, rechte Hand des Bürgermeisters, ständiger Berater in Finanzdingen … »Und sang die Marseilläse« … Findest du es nicht auch komisch, Pit? Nun, schadet nichts.

Dabei, wenn du ihn gesehen hättest, den Pit, deinen sauberen Bruder, wie er zu uns gekommen ist. Sein Anzug war zu eng, zu kurz die Ärmel des Rockes, die Hosen liessen die Knöchel frei, er trug Halbschuhe. Was mich aber wunderte, war, dass er sich deswegen gar nicht zu genieren schien, er bewegte sich mit einer Sicherheit, die wundernahm bei einem eigentlich so jungen Menschen, er war erst sechsundzwanzig Jahre alt, zwölf Jahre jünger als ich … Er war Maler, behauptete er wenigstens, und ausserdem wurde er von der Polizei gesucht, war ausgeschrieben im Fahndungsanzeiger. Das gab er ohne weiteres zu, schämte sich nicht einmal. Es war wohl eigentlich nichts Wichtiges: Schulden, die man im Begriff war, als Unterschlagung und Betrug auszulegen, ein Herr, der ihm hundert Franken gepumpt hatte auf ein Bild, das schliesslich nicht gemalt wurde, so irgend etwas war es. Nun, ich brachte die Sache in Ordnung. Leistete sogar Bürgschaft. Ich kannte den Statthalter, der die Untersuchung zu leiten hatte, ich schrieb ihm, ich bürgte … Habe ich mich nicht etwa anständig benommen? Gewiss, Mowgli war daran schuld, dass ich mich so für ihn einsetzte. Sie kam mich mit ihm an einem schönen Abend vom Büro abholen, und dann sprach ich mit dem Menschen. »Mowgli«, sagte ich zu meiner Frau und fasste sie zärtlich um die Schulter, denn dies Recht hatte ich doch, auch auf der Gasse, als Ehemann, nicht wahr? »Mowgli«, sagte ich, »lass mich mit dem jungen Mann allein, wir Männer können solche Sachen besser ohne weibliche Mithilfe erledigen.« Aber sie schüttelte meinen Arm ab, das fiel ihr nicht schwer, Sie … du wollte ich sagen, du hast ja gesehen, dass sie viel grösser ist als ich. Hast du ihr Gesicht gesehen, Bruder Pit? Oder warst du anderweitig beschäftigt? Du hast es gesehen … So … Und was sagst du zu diesem Gesicht? Ja, das sagte er auch, dein Doppelgänger, ein anziehendes Gesicht, sagte er, erinnert an eine Vollblutstute, das macht der Mund, weisst du, der grosse Mund, der manchmal so zitternd und nervös lächeln kann … Bist du etwa auch Maler? Was treibst du eigentlich? Ich habe dich da apostrophiert und hab‘ dich für einen Ladenschwengel gehalten, der sich um die letzte Schönheitskonkurrenz und das Lächeln der Lilian Harvey mehr kümmert als um … So, so, auch du bist Maler … Brotlose Kunst, oder … Du verkaufst gut? Ja, dann … Natürlich, Plakate und Graphik, das geht noch, da lässt sich wohl ein wenig Geld damit verdienen … Glaub’s schon, dass du schwer hast unten durchmüssen … Ihr seid eben Idealisten, Ihr Maler und Künstler, aber wenn Ihr uns nicht hättet, uns Männer des praktischen Lebens, so würdet Ihr ja glatt vor die Hunde gehen … Ich will schauen, ob ich dir nicht … ich kann viel ausrichten … eine Bestellung verschaffen kann. Man fragt mich oft um Rat in Kunstdingen, ich gelte als Sachverständiger, weisst du, der Stadtpräsident hört auf mich, und damals hat er auch auf mich gehört, als ich mit ihm wegen Pit verhandelte … Gib nur acht, dass ich Euch beide nicht durcheinanderbringe.

Was wollte ich erzählen? Prost! Auf guten Erfolg … Weisst du, da war auch einmal so ein Abend, es war nach dem Weihnachtsabend, von dem ich dir erzählt habe. Er hatte uns damals ein Bild geschenkt, ich habe es auf den Estrich getan, weil ich es nicht mehr sehen konnte. Denk dir doch, ich hatte ihm bei uns daheim ein Atelier eingerichtet, nun, ein richtiges Atelier war es nicht, eine grosse Bodenkammer, aber Nordlicht hatte es. Mowgli hatte zu mir gesagt: »Siehst du denn nicht, dass der Junge Ordnung braucht, ein geregeltes Leben? Wir wollen ihn bei uns behalten, die Kammer oben ist frei, da kann er malen oder zeichnen, wenn er Lust hat. Und essen kann er bei uns.« – »Ja«, habe ich gesagt, »bong und schön, aber er muss schauen, dass er uns Miete zahlt, Pension, meine ich, so hundert Franken wird er schon aufbringen können. Ich will schauen, dass ich ihm Bestellungen verschaffe. Aber zuerst muss ich natürlich sehen, was er kann.« Seine Bilder waren irgendwo in der weiten Welt, das eine hier, das andere da, es schien, als sei es ihm ganz Wurst, was mit seinen Werken geschehe. Dann kamen endlich zwei, das eine sollst du sehen, es ist eben jenes, das ich auf den Estrich gestellt habe. Es war merkwürdig, es war sehr, sehr merkwürdig: Stell dir vor, ein Holzpferd, wie man es auf den Karussells sieht, im Vordergrund, und darauf, im Damensitz, ein Weibsbild mit einer ganz weißen, ausdruckslosen Fratze. Dieses Weibsbild trug einen blauseidenen Rock, aber die Seide war so durchscheinend, dass man den roten Unterrock erriet, den sie darunter trug. Und hinter diesem Weibsbild, steif aufgepflanzt, drei Männergestalten, eckig, verschlafen: ein Pierrot, ein Arbeiter, in braunem Anzug, und ein Gigolo im Frack. Und die Gesichter der drei waren sehr ähnlich, nur trug jedes einen verschiedenen Ausdruck, einen verschiedenen Ausdruck der Verschlafenheit. Ich hab‘ mir das Bild angesehen, hab‘ den Pit angesehen und gefragt: »Sind das nicht drei Selbstporträts?« – »Vielleicht«, hat er geantwortet. – »Und ist das symbolisch gemeint, diese drei Figuren mit Ihrem Gesicht?« – »Quatsch, symbolisch!« hat er gesagt. »Sehen Sie denn nicht, wie das gelöst ist? Ich meine in den Farben? Ich garantiere Ihnen, so ein verrücktes Violett, wie der Rock, der doch eigentlich blau ist, das hat nicht einmal der alte Renoir fertig gebracht, und der konnte doch allerhand …« Ja, siehst du, Pit, das ist es eben, wenn man diesen Leuten mit Höherem kommt, mit urtümlichen Bildern oder mit dem Kollektivunterbewusstsein, da versagen sie, da verstehen sie nichts mehr. Da reden sie von Handwerk … von Handwerk, spielen sich als solide Arbeiter auf, und in ihnen ist das Chaos, das Chaos, ich wiederhole es dir. Und du bist auch nicht anders, das seh‘ ich deinen Augen an; du bist ganz gleich, im Grunde, wie dein Namensvetter, wie dein Doppelgänger … Wenn du mich ansiehst, denkst du nicht an das, was hinter meiner Stirne vorgeht, sondern du siehst nur, wie das Rot meiner Wangen zur Farbe meiner Augen passt, und welche Farbe du für meine Glatze wählen musst, damit das Ganze eine Einheit gibt. Du schüttelst den Kopf, meinst, ich sei besoffen? Gar nicht, ich sehe unglaublich klar. Du hast dich schwer getäuscht in mir, Pit, ich bin nicht nur der kleine dicke Mann, der Verse aus dem Wirtinnenlied singt, vielleicht bin ich auch etwas anderes. Wir haben alle zwei Gesichter, wenn nicht mehr … Jetzt lachst du, das sei eine alte Weisheit, meinst du? Nun, ich bin nicht originell, ich kann es mir nicht leisten. Aber man wird wohl die Erkenntnisse aussprechen dürfen.

Ich habe begonnen, dir etwas zu erzählen … Was war es nur? Ja, von einem Abend wollte ich dir erzählen, einem Abend, der sehr merkwürdig war. An einem Sonntagnachmittag, im Februar muss es gewesen sein, lud ich Pit ein, mit mir spazieren zu gehen. Mowgli hatte Besuch von ihrer Mutter, außerdem war sie nicht wohl und lag im Bett. Da sagte ich, Pit, sagte ich, wir wollen einen Bummel machen. Er nickt, zieht seinen Mantel an und kommt mit (übrigens hatte er sich einen neuen Anzug gekauft, er hatte ganz gut verdient in der letzten Zeit, ein Plakat für unser Schützenfest hatte er gemacht, und ein paar Programmentwürfe für Liebhabervorstellungen, auch Zeichnungen hatte er verkauft, es ging ihm nicht schlecht, er hatte auch pünktlich seine Pension gezahlt, aber immer erst, wenn ich ihn daran mahnte). Anderthalb Kopf grösser als ich war er, der Pit – weißt du, wie meine Frau ihn nannte? – Teddybär … Ein merkwürdiger Name, der gar nicht zu ihm passte, höchstens im übertragenen Sinne. Er sah gar nicht wie ein Spielzeug aus, aber Frauen sehen da manchmal schärfer, vielleicht war er eben doch nur ein Spielzeug, seelenlos … Was hältst du von der Seele, Pit? Nein, schweig, ich will nichts wissen … Wir zogen los. Bummelten durch den Wald, der kahl war, und nur ein wenig Wind pfiff durch die Zweige. Wir schwiegen. Ich setzte ein paarmal zum Reden an, aber über den Menschen da neben mir war eine so schwere Traurigkeit hereingebrochen, … hereingebrochen, ich wiederhole das Wort, dass ich mich nicht getraute zu reden. Und ich bin sonst nicht scheu, das kannst du mir glauben. Wenn man mitten im Leben steht wie ich, täglich mit soundso vielen Leuten verhandeln muss, mit unzufriedenen Steuerzahlern, mit schlecht aufgelegten Vorgesetzten, da lernt man das Reden, da könnte man Reisender werden, so gut versteht man es, mit Menschen umzugehen. Aber mit diesem Schweiger da? Er war traurig, sag‘ ich dir, wie … ich habe einmal eine gefangene Giraffe im Zoologischen gesehen. Wie eine traurige Giraffe sah er aus, mit seinem langen Hals und der vorstehenden Mundpartie, kein Kinn, und auch über dem Mund floh das Profil in schiefer Linie nach hinten. Schön war er nicht, nein, gerade so wenig wie du, ohne dich beleidigen zu wollen … Warum hast du eigentlich nicht mit meiner Frau getanzt, Pit? War sie dir nicht schön genug … Nein, schweig, ich will dich ohnehin um etwas bitten, aber später. Jetzt lass mich fertig erzählen. Ich bin ja bald zu Ende.

Wie eine Giraffe habe ich gesagt, und ich begriff da zum ersten Mal, warum Mowgli ihn Teddybär nannte. Ich fühlte eine ganz merkwürdige Zärtlichkeit zu ihm, wie zu einem fremden Tier, das sich in ein unbekanntes Klima verirrt hat und mit dem Klima nicht zurechtkommt, krank wird … was Klima! Mit den Verhältnissen meine ich. Und gerade, wie ich ihn fragen will, ob er sich denn bei uns nicht wohlfühlt, ob er wieder in den Dreck zurück will, aus dem ich ihn gezogen habe, gerade in diesem Augenblick sagt er zu mir: »Du, Finanzminister«, so nannte er mich nämlich immer im Spaß, aber jetzt war kein Spaß in seiner Stimme, und das Wort war ihm nur herausgerutscht, so mehr aus Gewohnheit, »du, Finanzminister«, sagt er, »du solltest deine Frau anständiger behandeln«. Ja, Pit, das hat er gesagt. Ich war sprachlos, dann, als ich mich ein wenig gefasst hatte und ihm gehörig meine Meinung sagen wollte (obwohl es eigentlich schwer war; denn ich durfte ihm doch nicht sagen, dass ich gehört hatte, einmal vor der Tür, wie er mit meiner Frau stand), da spricht er weiter: »Denn du musst bedenken, Finanzminister, dass Ihr zwei beide nicht auseinander könnt, du kommst von ihr nicht los, und sie … ja, sie auch nicht von dir, obwohl …« Dann schweigt er wieder, und ich schaue ihn an, schaue ihn an … »Du darfst nie vergessen, dass sie es schwer gehabt hat, in ihrer ersten Ehe« (hab‘ ich dir gesagt, Bruder Pit, dass sie sich von ihrem ersten Mann hat scheiden lassen, es ging nicht mehr, er war ein Säufer und schlug sie, ist an Delirium tremens gestorben) »und nachher, wie sie sich hat ihr Brot verdienen müssen, als Ladenfräulein und dann als Empfangsdame bei einem Arzt. Sie hat’s nicht schön gehabt, weiß Gott nicht.« Dann schweigt er wieder. Ich will mit ein paar leichten Worten die Situation retten, das war doch peinlich, was er da sagte, mir, einem Ehemann Vorschriften zu machen, wie ich meine Frau zu behandeln habe; aber ich muss doch vorsichtig sein, dass ich mich nicht verschnappe, er darf ja nicht wissen, dass ich weiß, und vielleicht weiß er doch … Eine richtige Strindbergsituation, von einem schweizerischen Strindberg entworfen, aber gerade wie ich ansetze zur Rede, fährt er schon fort. »Schau, ich will ganz ehrlich sein mit dir, Finanzminister, ich hätte ja mit ihr durchbrennen können, mit Mowgli, ich hab‘ sie gern, aber das würd‘ nicht gehen. Wir sind einander zu ähnlich, verstehst du? Vorgeschlagen hat sie mir’s ja, denk dir, sie hat sogar ihren Schmuck verkaufen wollen. Aber ich hab‘ nein gesagt. Und dafür sollst du mir dankbar sein. Du musst ihr das aber nicht vorwerfen, sie kann ja nichts dafür, ich werd‘ schauen, dass ich mich so bald als möglich von hier drücken kann. Aber ich weiß nicht recht, was ich anfangen soll. Du verstehst solche Sachen wohl nicht, Finanzminister, nämlich, dass man eine Frau im Blut haben kann. Das ist unangenehm. Was will man da machen?« Ja, da bin ich stehen geblieben. Vorher haben unsere Schritte im Laube gerauscht, und die Zweige der Büsche am Wegrand haben geklirrt, es war elend kalt, und mein Unterkiefer hat angefangen zu zittern, ich musste die Zähne zusammenbeißen – aber ich brachte kein Wort heraus.

»Komm«, sagt da dein Doppelgänger, »komm, Finanzminister, wir wollen trinken gehen. Kennst du keine Beiz in der Stadt, wo man sich einmal ordentlich besaufen kann?«

Und packt mich unter dem Arm und schlagt einen Galopp an, dass ich mit meinen kleinen Beinen gar nicht mitkomme. Es ging bergab, die Wege waren glitschig, aber er hält mich fest, manchmal, wenn ich stolpere, lüpft er mich, so dass ich glaube, ich fliege. Dann waren wir in der Stadt. Und dann hockten wir in der Beiz. Cognac, dann Rotwein, dann Weißen, dann wieder Schnaps. Alles auf nüchternen Magen. »Prost, Finanzminister«, sagte er, aber er blickte mir nie in die Augen, starrte auf den Tisch. Das viele Trinken hat mir Courage gegeben, weißt du, ich kann sehr böse werden, ich bin jähzornig, das ist eine Erbschaft von meinem Vater … der hat mich manchmal geprügelt, im Jähzorn, dass die Mutter mich hat fortreißen müssen, sonst hätte er mich totgeschlagen … Und so eine Wut ist plötzlich über mich gekommen, ich hätte den Kerl da vor mir, der so stumpfsinnig trank und mich verhöhnte mit seinem Finanzminister, glatt erwürgen können. Aber … ja, aber … es stand zu viel auf dem Spiel. In der Stadt klatschten sie ohnehin schon über mich und fragten mich so spöttisch, ob meine Frau denn zufrieden sei mit dem neuen Zimmerherrn, und erzählten mir Witze über Hörner und solche Sachen, und ob ich es bald zu einem Sechzehnender bringen werde, man sehe das Geweih ja wachsen; – wie sie es in einer Kleinstadt eben tun … Aber ich hatte doch nur Verachtung für die Leute … Ich blieb still, aber ich wurde langsam rot, vielleicht habe ich auch mit den Zähnen geknirscht, es war eine aufregende Situation, das begreifst du doch, einem so gerade auf den Kopf zu sagen, dass die eigene Frau einen hat verlassen wollen, mit wem? Mit einem kleinen Kunstmaler? Während man doch selber immerhin ein nützliches Mitglied der Gesellschaft ist und die rechte Hand vom Finanzdirektor, man gilt etwas … ich gelte etwas, eine sichere Position … und alles nur, weil ich zu gutmütig war, weil ich einen Menschen aus purer Güte vor dem Abgrund gerettet hatte … Purer Güte? … Wir wollen ehrlich sein. Glaubst du, Bruder Pit, ich habe nicht gemerkt, dass meine Frau nicht zufrieden war mit mir? Und ich hab‘ sie doch lieb gehabt. Wie sie damals am Abend zu mir gekommen ist und gesagt hat, dass ich dem Menschen da, dem Kunstmaler, der traurigen Giraffe helfen soll, wie hat sie da ausgesehen? Weißt du das, du Stummer? Wie ein junges Mädchen hat sie ausgesehen, zehn Jahre jünger. Und ich hab‘ ihr doch eine Freude machen wollen, ein Spielzeug, nicht wahr? Ihr einen Teddybären schenken. Einen lebenden. Hat sie das nicht verstanden, hat sie nicht begriffen, dass ich gern bereit war, ein Auge zuzudrücken, wenn sie nur ihren Spaß hat. Aber Spaß, wohlverstanden, nur Spaß … Und da ist es ernst geworden? Kann sie von mir fort? Kann sie mich wirklich verlassen wollen, um mit solch einem Vaganten durchzugehen, und ich soll dem p.p. Vaganten noch dankbar sein, dass er … dass er nicht eingestiegen ist, sonst wären sie über alle Berge … Aber nicht lange wären sie über alle Berge gewesen, ich habe meine Connexionen, ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe in solchen Situationen, ich hätte die Bundespolizei hinter sie gehetzt, sie wären ins Gefängnis gekommen … nicht wahr, man kann immer so etwas inszenieren, Anklage auf Diebstahl, nicht wahr? Das wäre doch eine Haupt- und Staatsaktion geworden, ich hätte mich rächen können. Warum ist er nicht mit ihr fort? Sondern erzählt mir noch die Sache? Der soll aber seinen Finanzminister noch kennen lernen, ich will schweigen, sag‘ ich zu mir, aber dich Bürschlein, dich erwische ich noch in der Kurve. Wart du nur, denk‘ ich; und sage in aller Seelenruhe: »Prost, Pit, bist ein guter Kerl.« Er schaut auf, und jetzt zum ersten Mal lässt er seine Augäpfel langsam aufwärts rollen, bis wir uns in die Augen schauen. Dann lächelt er mit seinem breiten Mund, zeigt seine gelben Zähne und sagt langsam, während er mit mir anstößt: »Tu’s nicht, Finanzminister, ich hab‘ dir ja nicht weh tun wollen. Aber ein wenig Sauberkeit … Ihr habt alle so wenig Sauberkeit … Nur Kompromisse kennt ihr. Und dann bildet ihr euch soviel ein, auf eure Zivilisiertheit … Wir sind doch alle arme Hunde, du, Finanzminister, ich und das Mowgli.« Dann lässt er die Lider zuklappen, fuhrwerkt in seiner Tasche und zündet sich eine Zigarette an. Zieht den Rauch tief ein und sagt: »Wir wollen heimgehen. Aber dass du mir dem Mowgli nichts sagst, sonst …« Und droht mir mit seiner Spachtelhand.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Ob er Mowgli sagte, dass er mit mir gesprochen hat, weiß ich nicht. Aber meine Frau bekam Angst vor mir. Denk dir doch so etwas: Schickt sie mir den Vaganten weiß Gott eines Tages ins Büro, es war an einem fünfzehnten, glaub‘ ich, und lässt mich fragen, ob ich ihr nicht hundert Franken schicken könne, sie müsse Rechnungen bezahlen. Dabei gab ich die Hälfte meines Gehaltes als Haushaltungsgeld, vierhundert Franken, und die Wohnungsmiete hab‘ ich immer selbst bezahlt. Das hab‘ ich nicht verputzen können. Und dann kam’s noch ärger. Ich hab‘ natürlich dem Pit zu verstehen gegeben, es wäre mir lieber, er würd‘ nicht mehr bei uns essen, hab‘ ihm eine gute Pension angeraten und ihm ans Herz gelegt er soll sich ein anderes Zimmer suchen. Tat er dann auch, hat aber keins gefunden, so hockte er immer in seinem Dachzimmer, und ob die Frau ihn noch sah, weiß ich nicht, ging mich nichts an … Ihren Teddybär …

Und dann kam der große Krach. Wir waren alle drei eingeladen eben bei jenem Sekundarlehrer, es war ein fideler Abend, ich bin richtig aufgetaut, der Wein war gut, und die Frau vom Sekundarlehrer, die war nicht wie üblich, hatte Sympathie für mich, ich war wohl eine angenehme Abwechslung gegen ihren Mann, das Knochengerüst. Nur Mowgli ist den ganzen Abend abwesend herumgesessen; direkt unhöflich war sie diesen netten Leuten gegenüber, und ich brauchte doch den Mann, den Sekundarlehrer, er war Vorsitzender von irgendeiner Wahlkommission. Also, auf dem Nachhausewege sage ich ihr ganz nett und freundschaftlich, sie müsse sich ein wenig mehr zusammennehmen, ihre Launen etwas zügeln … Nun, was man bei diesen Gelegenheiten eben sagt. Sie antwortet spitz, sie werde wohl noch tun und lassen können, was ihr beliebe, und wenn sie Kopfschmerzen habe, so könne sie doch nicht lustig sein, und übrigens ginge ihr die Frau Sekundarlehrer auf die Nerven. – Worauf ich anmerkte, dass sie mir meine Stellung nicht noch mehr erschweren solle, ich hätte ohnehin zu kämpfen genug, und die Missstimmung in den bürgerlichen Kreisen der Stadt sei ohnehin groß gewesen bei meiner Heirat, und die Leute hätten viel geklatscht. – Gewiss, das hätte ich nicht sagen sollen, aber ich hatte ziemlich Rotwein genossen. Übrigens ging Mowgli zwischen uns, ich als Ehemann ging an ihrer linken Seite, Pit hatte sie rechts untergefasst. Darauf schweigt Mowgli, dann schluchzt sie einmal trocken auf und macht ihren Arm von mir frei. Aber den Pit lässt sie nicht los. Schwierige Situation, kannst du dir denken; warten wir, bis wir daheim sind, dort wird sich alles klären, sobald uns der Kunstmaler allein lässt. Aber der Pit, der drängt sich uns nach, in die Wohnung, statt in sein Bodenzimmer zu steigen, und nun stehen wir alle im Salon. Mowgli trug eine kurze Pelzjacke und einen kleinen, schwarzen Hut mit einem Schleier, der ihr Gesicht bis zur Nasenspitze bedeckte. Sie setzt sich auf die Ottomane, ich bleibe ihr zu Häupten stehen, Pit pflanzt sich am Fußende auf. Und da stehen wir. Ich rede vernünftig, ich rede ruhig, aber ich muss mich zur Ruhe zwingen, denn ich bin ein jähzorniger Mensch, mein Vater … ich habe das von meinem Vater … Ich ziehe den Mantel aus, Pit behält den seinen an, hat die Hände in den Taschen vergraben und beobachtet mich. Beobachtet mich. Er sieht mich nicht etwa an, er hat einen abwesenden Blick, sehr starr, so, als wären seine Augen die beiden Linsen eines Aufnahmeapparats für stereoskopische Bilder. Mowgli hält den Kopf gesenkt, und da sehe ich plötzlich, wie mein Gegenüber, der Pit, seine Linsen senkt, und ich blicke auch hin, und weiss Gott, Mowgli lässt stillschweigend Tränen in ihren Schoss tröpfeln. Eine Märtyrerin, ich bitte dich, eine Märtyrerin, als ob ich der grausamste Ehemann wäre. Da hat mich die Wut gepackt, der Jähzorn, du weisst, und ich brülle los, das sei eine verdammt niederträchtige Schweinerei, wie man mir mitspiele, mich zum Haustyrannen stempeln wolle. Mowgli schluchzt. Pit schweigt. Ich rede mich immer mehr in Wut, ich fühle, dass ich rot werde, und schon damals hatte mir der Arzt dringend geraten, mich nicht aufzuregen, es könne böse Folgen haben, wegen meiner Korpulenz, die Blutzirkulation sei auch nicht, wie sie sein sollte, wegen meiner sitzenden Lebensweise, aber wie soll unsereiner zu Bewegung kommen … Ich brülle also – »Finanzminister«, sagt der Pit und grinst unverschämt mit seinen Giraffenzähnen, »Sie sollten Ihre Frau anständiger behandeln«. »Sie«, sagt er, sonst sind es die gleichen Worte wie damals auf dem Spaziergang. Da packt mich erst recht die Wut, ich werfe ihm alles an den Kopf, was ich auf dem Herzen habe, er sei ein Vagant und so und störe das friedliche, harmonische Eheleben eines anständigen Menschen. Pit schweigt. Aber da muss ich Atem holen, ich habe starkes Herzklopfen, der Schweiß steht mir auf der Stirne, und da sagt Pit, während ich in allen Taschen nach meinem Nastuch suche, sagt Pit: »Jetzt sollte man Sie malen, Finanzminister!« Und Mowgli lacht, lacht unter Tränen, ein hohes, kreischendes Lachen, dass mir die Ohren weh tun und ich nur rufen möchte (nicht brüllen): »Hör auf! Hör auf!« Aber ich krieg‘ keinen Ton heraus. Dieser Hohn, wie ein Faustschlag in den Magen. Ich springe vor und haue dem Pit eine herunter. Ganz einfach eine Ohrfeige. Dazu gehörte Tapferkeit, weißt du, denn der Pit war anderthalb Kopf grösser als ich. Aber ich lange ihm eine, und dann weise ich ihm mit dem Finger die Tür, er soll meine Schwelle nicht mehr überschreiten, wir sind geschiedene Leute … Und er geht, sieht traurig auf Mowgli, zuckt die Achseln, als ob er sagen wolle, er könne doch nicht helfen. Geht. Und dann höre ich seine Schritte droben in der Bodenkammer.

Er ist dann noch eine Woche im Haus geblieben. Am nächsten Tag hat er sich bei mir entschuldigt, ist ins Büro zu mir gekommen. Ich war ganz kalt und ruhig, denn ich hatte die notwendigen Schritte schon unternommen. Vormundschaftsbehörde antelephoniert, Fall auseinandergesetzt, Kunstmaler, wissen Sie, verkommene Existenz, Talent, gewiss, aber haltloser Charakter, ja, nach meiner Meinung wäre eine zeitweilige Versorgung angebracht, das Gesuch an den Statthalter besorgen Sie? Danke. Werde mich erkenntlich zeigen. Adieu, Herr Doktor, hat mich sehr gefreut, – wie das bei uns so geht.

Und sie wären ihn wirklich abholen gekommen; nach acht Tagen war die Sache perfekt. Aber ich hatte nicht schweigen können, mit Mowgli hatte ich mich versöhnt; wie sagte der Teddybär? »Denn du musst bedenken, Finanzminister, dass ihr zwei beide zusammengehört.« Und zusammengeblieben sind wir auch. Mowgli hat den Pit gewarnt, und wie man ihn holen wollte, war er fort, über die Grenze. Ich habe nie wieder von ihm gehört.

Prost, junger Pit, Doppelgänger. Es kommt der Morgen. »Die bange Nacht ist nun herum«, haha, könnte man singen. Oder mit Heine: »Es ist eine alte Geschichte und bleibt doch ewig neu, und wem sie just passieret …« Nun, mir ist das Herze nicht entzweigebrochen, im Gegenteil, unsere Ehe ist die harmonischste Ehe, die man sich denken kann. Ja, traurig ist Mowgli manchmal. Aber ich habe meinen festen Platz im Leben, ich bin unentbehrlich im Getriebe der Stadt… Mowgli ist manchmal traurig.

Sag mal, Bruder Pit, wir müssen uns verabschieden, ich muss heim, obwohl morgen Sonntag ist und ich ausschlafen kann. Aber wie wär’s … Komm doch zum Mittagessen zu uns? Weißt du, ganz sans Facon, auf einen Bissen. Und dann lernst du das Mowgli kennen. Weißt du, ich bin nicht so. Man muss mit den Frauen Mitleid haben, es wird sie zerstreuen. Sicher … Sie hat so lange keinen Teddybären gehabt, hehe. Jaja, wenn man älter wird, ein wenig kälter wird, bleibt allein nur der Wein …

trennlinie2Friedrich Glauser: Erzählungen

René Schickele• Zitto war lange Zeit ein Religionsfeind • Eine Erzählung • Kunst: Maurice Denis

L'Enfant au tablier ou La Petite Fille a la robe rouge - Maurice Denis, 1899
L’Enfant au tablier ou La Petite Fille a la robe rouge – Maurice Denis, 1899

***

Zitto
I

Zitto war lange Zeit ein Religionsfeind. Ich merkte es zuerst bei der Geschichte mit dem Spitz.

Der Spitz gehört einem freundlichen Konsistorialrat, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Es war der erste andersrassige Hund, den Zitto, ein Airedaleterrier, zu Gesicht bekam, und er faßte gleich eine leidenschaftliche Zuneigung zu ihm. Wenn er ihm begegnete, trieb er ihn vor sich her in den Wald, um Gelegenheit zu finden, ihn vor Rehen und andern Raubtieren zu schützen. Er war so besorgt um ihn, daß er ganze Nächte in der Hütte des Kleinen verbrachte.

Sei es nun, daß er ihn auch gegen seinen Herrn verteidigen wollte, sei es, daß dieser Anstoß an der Hundefreundschaft nahm und dagegen einschritt – Zitto brauchte des Konsistorialrats nur ansichtig zu werden, um sofort den Schwanz einzuziehn und wie ein Löwe zu knurren.

Den Spitz selber beachtete er längst nicht mehr, seitdem er entdeckt hatte, daß es fast ebenso viel fremdartige Hunde gab wie Häuser.

Etwas später fiel mir auf, daß mein Hund ohne jeden Anlaß den schwarzen Kutten der katholischen Schwestern aus dem Wege ging. Ich predigte ihm Toleranz, und tatsächlich nahm Zitto sich zusammen, einmal beschnupperte er sogar eine kleine Schulschwester, unverkennbar in der Hoffnung, Geschmack an ihr zu finden.

Schon im nächsten Augenblick aber ließ er den Kopf sinken und schielte vorwurfsvoll zu mir hin. Er tat, als ob er niesen müßte, schnaufte mächtig durch die Nase, immer noch den Blick ernst und traurig auf mich gerichtet, ohne sich von der Stelle zu rühren . . . Auf einmal sauste er los, die Böschung hinab, in die Wiese. Dort wälzte er sich minutenlang im Heu.

Er kam wieder, von Frische duftend, mit dem zufriedenen, ein wenig trägen Gang der Kurgäste, wenn sie, das gerollte Frottiertuch unterm Arm, vom Markgrafenbad ins Hotel zurückkehren.

Damit man aber nicht meine, Zitto sei ein Unmensch, will ich ihn von einer besseren Seite zeigen.

Ich saß am Schreibtisch, als ich aus dem Garten ein klägliches Wimmern vernahm, das sich vom Wimmern eines Säuglings nur dadurch unterschied, daß mir beim ersten Laut Todesangst aufs Herz fiel.

Ich stürzte hinaus und fand Zitto, wie er mit einem jungen Hasen im Rachen herumgaloppierte. Das Häschen schrie um sein Leben, was Zitto natürlich nicht verstand.

Manchmal legte er das Tierchen ab, ließ es springen und versuchte, mit ihm zu spielen, als wäre es ein junger Hund. Wenn er sah, daß der Kerl sich noch immer nicht auf das Spiel einließ, schnappte er ihn wieder und zeigte ihm, wie man springt, indem er mit ihm durch die Rabatten jagte und verschiedentlich auch über den Gartenzaun setzte. Als es mir endlich gelang, ihm das Häschen abzunehmen, war es zwar ganz naß vom Speichel des Hundes, aber völlig unversehrt.

Es lebt heute noch, ist groß und gewitzigt und sehr schnell und fürchtet sich so wenig vor dem Hund, daß es mit seiner Familie im Dahlienbeet wohnt, zwanzig Schritte von der Hundehütte.

Da war ein weißer Pudel, der regelmäßig zu Besuch kam. Er war der Spielgefährte und intimste Freund Zittos. Der Airedaleterrier lehrte den Pudel, was Laufen heißt, und der Pudel lehrte Zitto, mit eingezogenen Vorderläufen auf dem Gesäß hocken und um ein Stück Zucker bitten (das Zitto, der nur kräftige Kost schätzt, nach Empfang dem Pudel überließ).

Eines Morgens wurde der Pudel, als er mit Zitto auf der Straße spielte, von einem Auto überfahren. Zuerst stellte Zitto lebhafte Wiederbelebungsversuche an, und als sie erfolglos blieben, wurde er nachdenklich. Es war das erstemal, daß er auf den Tod stieß. Er brauchte lange, bis er verstand. Er verstand mit der Nase. Die Art, wie seine Nase immer langsamer über den Pudel hinstrich und sein Schwanzstummel immer tiefer sank, drückte die ganze Erschütterung aus, die eine solche Entdeckung hervorruft.

Die nächste Zeit kam Zitto regelmäßig zur Dichterin Annette Kolb, der Herrin des Pudels und legte sich unter den Flügel. Das war der Lieblingsplatz seines weißen Spielkameraden gewesen.

Später suchte er einen Ersatz bei den Dahlienhasen. Aber durch ihre unredliche Art, beim Wettlauf Haken zu schlagen, verstimmten sie ihn derart, daß er sie ein für allemal aus seinem Leben strich.

II

Zitto hat eine Freundin, eine Wolfshündin, die er zur gegebenen Zeit besucht. Sie wohnt eine Stunde weit weg, und niemand weiß, wie er ihre Bekanntschaft gemacht hat. Da er der einzige Airedaleterrier in der Gegend ist, wurde er gleich erkannt und bei uns verklatscht.

Um Ostern brachte er einen jungen Fuchs aus dem Wald heim. Er zeigte ihn vor, ließ ihn unter seiner Aufsicht ein bißchen im Hof herumkriechen, worauf er ihn wieder ins Maul nahm und mit ihm verschwand.

Er brachte ihn, wie wir bald erfuhren, seiner Freundin, die gerade ihre Jungen stillte. Die Hündin nahm den Fuchs ohne weiteres an Kindesstatt an. Sie ließ ihn mittrinken und paßte auf, daß er nicht in das nahe Kellerloch fiel.

Nachts schliefen die Hunde im Freien, während der Fuchs es sich im frischen Stroh der Hütte bequem machte. Im geschlossenen Raum ertrugen die Hunde seinen Geruch nicht.

Wir wetteten, in welchem Hühnerhof er zuerst auftauchen werde. Leider starb er an einer Gehirnerschütterung, die er sich zuzog, als er, vom Höhlenhaften angezogen, dann doch ins Kellerloch stürzte.

III

Zitto stand in der Wiese, ermüdet oder vielmehr gelangweilt von der vergeblichen Anstrengung, einen Maulwurf auszugraben. Er schnupperte nach neuer Beschäftigung und sah, wie eine Heuschrecke ein Zittergras ansprang.

Das Zittergras geriet in furchtbare Aufregung.

»Gottogottogott! Ich tu‘ dir ja nichts!« sagte die Heuschrecke und sprang weiter.

»Aber, bitte, meine Nerven!« schrie das Zittergras zurück.

Hier beschloß Zitto, die beleidigte Unschuld zu rächen. Er machte einen Satz und zerbiß die Heuschrecke. Dabei schürzte er vorsichtig die Lippen, und als das Tier zu Boden fiel, brachte er mit dem verzwickten Tanzschritt, den die Hunde bei solcher Gelegenheit anwenden, nach den Lefzen auch noch seine Pfoten in Sicherheit. Vermutete er bei seinem Opfer einen Giftstachel wie bei Wespen und Hornissen? Oder tat er nur so, um sich vor dem Zittergras aufzuspielen?

IV

Die Stelle, wo er kürzlich von einem Auto angefahren wurde, nennen wir den Weg nach Damaskus. Der Unfall hat ihm körperlich nicht geschadet, er war nur zwei Tage marode.

Aber seine Jugend ist hin.

Er schielt so lange nach einem Eichhörnchen, bis es auf und davon ist. Er duldet die Vögel auf der Terrasse. Er verwandelt sich sogar in Bronze, um nicht zu stören, wenn wir sie füttern. Stundenlang weicht er mir nicht von der Seite. Er springt nicht mehr durch offne Fenster, um tagelang wegzubleiben. Die Vertreter der verschiedenen Konfessionen erfahren nicht mehr seine Verachtung. Statt mich auszulachen, wenn ich ihm etwas befehle, hört er mich geduldig an, und meistens gehorcht er. Er gehorcht, ohne mit den hübsch gerollten Brauen zu zucken, obwohl er sehr gut weiß, daß dies Zucken ihn unwiderstehlich macht.

Und oft kommt er mit blutender Schnauze heim, weil er in seiner Askese so weit geht, nur noch mit Igeln zu spielen.

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René Schickele – Himmlische Landschaft
Erstveröffentlichung: 1933
Oase Verlag – Badenweiler – 1995

Die Rechtschreibung wurde beibehalten.

Marie Luise Weissmann • Der Dichter • Eine Legende

Marie Luise Weissmann • Der Dichter 
Eine Legende

Es war einmal ein junger Mann, der fühlte in sich die Kraft, ein großer und göttlicher Dichter zu werden. Er war sehr glücklich über dieses Bewußtsein und pflegte und hütete es wie einen Schatz. Wie hat mich Gott gesegnet, dachte er; meine Eltern haben in Armut und Sorge für das Tägliche um meinetwillen ihr Leben verbracht. Wie will ich ihren Abend verschönern mit dem Glanz meiner Lieder und der tieferen Weisheit dessen, was Gott mir zu sagen gebieten wird, wenn es Zeit ist. – Aber die Zeit verging und Gott gebot nicht. Die Eltern starben in Armut und Dunkel, wie sie gelebt hatten.

Maria Luise Weissmann (* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München) war eine deutsche Lyrikerin. Foto: 1926 - Mary Hausner (1895–1941)
Maria Luise Weissmann (* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München) war eine deutsche Lyrikerin.
Foto: 1926 – Mary Hausner (1895–1941)

Der junge Mann, der Dichter, – aber eigentlich war er nun nicht mehr ganz jung und eigentlich noch kein Dichter – begegnete einem Mädchen, in das er sich verliebte. Er fand es schöner als alle andern Geschöpfe dieser Welt. Er liebte noch den Schatten, den ihre langen Wimpern über die Blässe ihrer Wange warfen, und küßte den Abdruck ihrer Zehen im Sande. Wie hat mich Gott gesegnet, dachte er, daß ich dem Mädchen sagen darf, was für ein Wunder an Schönheit die kleine Muschel seines Ohres ist. Ich werde reicher sein als alle Liebenden, wenn Gott mir nur erlauben wird, meine ganze Liebe zu sagen. – Aber Gott erlaubte es nicht. Das schöne Mädchen wurde seiner überdrüssig und nahm einen andern Freund, der viele Frauen hatte.

Der Mann, der nicht mehr jung und auch kein Dichter war, geriet im Kampf in Gefangenschaft und ihn erwartete ein qualvoller Tod. Ein Mitgefangener, ein Spielgefährte seiner frühsten Jugend, war entronnen. Er kehrte nachts zurück, ermordete die Wächter und floh mit ihm. Der Mann war seines Lebens müde und vor den Anstrengungen des Weges graute ihn. Aber der Freund nahm ihn auf seine Schultern und schleppte ihn. Er pflegte ihn, als er erkrankte, und schließlich, als kurz vor der Heimkehr ein Überfall auf sie geschah, starb er für ihn. Der Mann verfiel in lange Schwermut und tiefe Trauer; als er sie überwunden hatte, dachte er: wie glücklich bin ich doch trotz alledem, daß ich das Opfer, das mein Freund mit seinem Leben für mich brachte, unvergänglich machen darf. Ich werde ihm einen Bruchteil seiner Güte vergelten können, wenn Gott es mir gestatten wird, den Edelmut und die Treue seines Lebens zu besingen. – Aber Gott gestattete es nicht und die Menschen vergaßen die Tat des Freundes.

Der Mann besaß auch einen Sohn, den er liebte. Bei seiner Rückkehr fand er von ihm sein Gut verschleudert und seinen Namen entehrt. Ihn selbst traf er im Kreise von Verbrechern und Dirnen, als er gegangen war, um ihn zur Rede zu stellen. Der Sohn verhöhnte ihn vor den Augen seiner Kumpane und als der Vater ihm fluchte, schlug er mit einem Schemel ihn zu Boden. Der Mann, der nun ein Krüppel war, denn der Schlag hatte ihn eines Armes beraubt, dachte, als er vom langen Lager mühsam sich erhob: wie glücklich bin ich doch trotz alledem, daß mir gegeben sein wird, diese ruchlose Tat vor aller Menschen Angesicht zu stellen. Ich werde sie zum ewigen Abscheu erhöhen, daß sie ein Gleichnis werde für alle Sünden und allen Undank, die an Vätern geschehen; wenn Gott mir nur die Stimme geben will, die Stimme um diese Tat zu sagen. – Aber Gott gab sie ihm nicht. Der Sohn hatte Glück im Spiel, gewann eine reiche Frau; er kaufte sich ein Haus, trieb Handel; er wurde reich und geehrt und man vergaß seine Verbrechen.

Der Mann geriet in die Gefahr, seiner unsterblichen Seele verlustig zu gehen. Er stand im Begriff, sich von dem Pfade der Wanderung in den ewigen Abgrund des Ungestalteten zu stürzen, da ließ Gott ein Wunder geschehen um ihn zu retten. Er stand und sprach ein Dankgebet: wie glücklich bin ich, daß ich Gott werde danken können für dieses Wunder, das er an mir getan hat. Ich werde seine unendliche Güte preisen mit Worten, daß die Menschen voll Reue zu ihm zurückkehren. Mit der Dankbarkeit meiner geretteten Seele will ich, solang ich lebe, sein Verkünder sein, wenn Gott mir nur zu sagen erlaubt, welch großes Wunder er an mir getan hat. – Aber Gott erlaubte es nicht.

Der Mann war ein alter Mann geworden, der keinen mehr und den keiner mehr kannte; stumm wohnte ihm der Mund hinter dem weißen Bart. Er dachte nicht mehr an die Hoffnung seiner frühern Jahre; er wußte nicht, warum er noch ein Lied hätte dichten sollen, da niemand mehr war, dem zu Lust oder Leid es hätte geschehen können. An einem Abend aber überkam ihn die Erinnerung: er dachte an seine Eltern, das harte Leben, von dem sie ausruhten in ihrem Grab. Er dachte an das Mädchen, wie zart das Blut die kleine Muschel seines Ohrs durchschimmert hatte. Er dachte auch an seinen Freund, wie er in einem Kampf voll Heldentum für ihn gefallen war. Er dachte noch an seinen Sohn, der lebte, irgendwo, reich war und Handel trieb; er dachte auch an Gott, der seine Seele gerettet hatte. Doch es erschien ihm alles seltsam fremd, nicht wie sein eignes Leben, wie vieler Fern-Gekannter Leben erschien es ihm. Wie vieler Fern-Gekannter stummes Leben, das nach ihm griff, das ihn erfüllte, dunkel aus ihm brach:
Er sang. Sang sinnlos namenloses Schicksal, seines einst, doch nun verloren, abgelegt wie ein vertragnes Kleid. Menschen hörten ihn singen, blieben stehen, erschraken: »Unser Schicksal,« flüsterten sie; »unser Schicksal, von dem er singt…«

Er sang. Und die ihn hörten, bewahrten sein Lied, trugen hin in die Weite sein Lied, sein unsterbliches Lied. Er wußte es nicht. Er kannte es nicht einmal mehr, als es ihm wiederkehrte, gesungen irgendwo. Er saß, den Kopf in seine Hand gestützt, erschüttert, der Wünsche seiner Jugend einmal noch demütig und entsagend eingedenk.

Nikolai Ljesskow • Interessante Männer • Eine Kriminalgeschichte à la E.A.Poe

Nikolai Ljesskow • Interessante Männer
Eine spannende Kriminalgeschichte, die an Edgar Allan Poe erinnert; über Mann & Frau – falsches Ehrgefühl und den Verlust der Liebe durch männliche Langeweile.

I

Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast täglich zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres großen Dichters gleich nach Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war aber darin nicht enthalten: Ein kleiner rosa Zettel teilte den Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht werden könne. Alle waren enttäuscht und betrübt, und ein jeder zeigte es je nach seinem Charakter und Temperament: Der eine runzelte die Stirne und schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber blätterte schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten »Richtungen« zu Liebe lügen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und oft sogar nützlich.
Uspenskij schrieb diesmal über ein Gespräch mit einer älteren Dame, die ihm von der jüngsten Vergangenheit erzählt und die Meinung geäußert hatte, daß die Männer einst viel interessanter gewesen seien. In ihren engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten Eindruck gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer übten heute zwar freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, hätten zuweilen auch große Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant.
Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich machte den Vorschlag, nicht länger über die Erzählung Tolstois, die wir nicht lesen könnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij geäußerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rückte ein jeder mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es einige, die den jüngst verstorbenen dicken General Rostislaw Fadejew gekannt hatten; man erzählte sich, wie ungewöhnlich interessant dieser Mann trotz seines gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden Äußeren gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klügsten und nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blühendsten jungen Gecken aus dem Felde zu schlagen wußte.
»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, der älter als alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. »Ist es denn für einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Fadejew war, schwer, das Interesse einer klugen Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige, und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch größeres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen wirklich klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: ›Simile simili curatur‹ oder ›gaudet‹ – ich weiß nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch die Dame, deren Worte unser Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter den Männern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, daß man einst auch auf weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persönlichkeiten, die man ›interessante Männer‹ zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten nicht zu den Auserwählten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden Geistesgaben zu vergöttern; selbst unter den allergewöhnlichsten Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme enthalten. Solche Durchschnittsmenschen halte ich für viel bemerkenswerter als die Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverständlich jeder verlieben mußte.«
»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten Wärme der tiefen Wasser gekannt?«
»Gewiß.«
»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie uns auf diese Weise für die Unmöglichkeit, die Erzählung Tolstois zu lesen.«
»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich nicht gelten, aber einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem allergewöhnlichsten Offiziersmilieu zum besten geben.«

II

Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Dörfern des T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab hielten sich natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater, einen Adelsklub und ein riesengroßes, übrigens recht unsinnig angelegtes Hotel, dessen größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer waren sowohl von den Offizieren bewohnt, die sich ständig in der Stadt aufhielten, als auch für die Offiziere reserviert, die periodisch aus ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an gewöhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« waren immer besetzt.
Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel und im Dienste des Bacchus, sowie auch der Göttin der Herzensfreuden.
Man spielte zuweilen – besonders im Winter, während der Wahlen zur Adelsversammlung – sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den Hotelzimmern, wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nächte. Es gibt wohl keinen sinnloseren und öderen Zeitvertreib, und Sie können daraus wohl selbst schließen, was für Menschen wir damals waren und was für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch weniger; letzteres nur nach großen Verlusten, wenn es galt, unsere Eltern anzulügen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster waren als wir. In den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit den Beamten herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen, die wir gleich darauf wieder laufen ließen.
Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jüngeren eiferten den Älteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts Gescheites und Beachtenswertes.
Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal eingeführten Sitte – man bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es auch in unserem seichten Sumpfe die »latente Wärme«, die sonst nur tiefen Wassern eigen ist.

III

Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder rosigen Wange – mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu nennen pflegt.
Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben Bruders um ihre Hand an.
Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm: »Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich verletzen. Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut. Wenn sie mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ….«
Jener erwiderte ebenso einfach: »Gut, ich werde mich erkundigen.«
»Danke.«
»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier Tagen bekommen?«
»Bitte sehr, auch für eine Woche.«
»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?«
Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst. Wir nannten ihn »Sascha die Rose«. Beide junge Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung.
Der Kommandeur fragte den Kornett: »Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?«
Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese Familienangelegenheit brauche.
»Während ich mit den Eltern verhandeln werde«, sagt der Kornett, »wird der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.«
Der Kommandeur antwortet: »Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem Vetter einen Urlaub geben.«
Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt nach einigen Tagen zurück und meldet: »Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu gewärtigen.«
»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?«
»Auch die Schwester ist einverstanden.«
»Nun, freut sie sich oder nicht?«
»Ich weiß wirklich nicht.«
»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?«
»Um die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.«
»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!«
Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber nichts Bestimmtes sagen.
»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?«
»Nein«, antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: Ich wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu melden: Er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern benachrichtigt.«
»So! Was hat er denn?«
»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.«
»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu Mittag zu essen.«
Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: Was der für ein Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich wohl sicher verschnappt hätte, hätte er etwas gewußt. Glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken Bier und Wein. Die beiden Kornette – der Bruder und der Vetter – waren Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich, alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute – der Bruder und der Vetter – suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen waren: Bald verlangte sie nach Suhan-Datteln, bald nach griechischer Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen. Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz Unerwartetes.

IV

Wenn Sie bei Bret-Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir, verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse erwarteten. Diesem Ereignis maßen wir große Bedeutung bei und faßten den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an Sekt bereitzuhalten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen, setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische.
Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen Langeweile. Das Spiel begann an diesem Abend auf die gleiche Weise wie an den vorhergegangenen. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzen sich an die Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die Kirchen zogen, um zu beichten, und zu kommunizieren: Das Ereignis, von dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.
Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an und setzten sich an die Arbeit.
Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen, wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien, als es schon ganz dunkel war, im selben Hotelzimmer.
Ich kann mich gut an diesen Abend, und wie er diesseits und jenseits der grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen waren halb beleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemandem zu sprechen, gingen sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Weg zu gehen und den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren.
In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden.
Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel, ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.
Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel zurückkehrten.
Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete; »Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es Ihnen passen wird.«
»Was ist denn damit?« fragte der Gast. »Ist es schmutzig oder voller Wanzen?«
»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.«
»Machen die solchen Lärm?«
»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: Es sind lauter Junggesellen, die immer auf und ab rennen und pfeifen … Ich muß es Ihnen sagen, damit Sie uns später keine Vorwürfe machen … Wir können ja die jungen Leute nicht bändigen.«
»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben? … Ich bin müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen werde.«
»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug hinauftragen?«
»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm wecken wird.«
Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: Er klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer den Korridor auf und ab.
Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt, Sascha aber blickte nur einmal in das Spielzimmer herein und begann dann wieder im Korridor auf und ab zu gehen.
Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!«, legten aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: Er hatte in der letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren. Er hatte aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit solchen Dingen zu kommen.
Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten Korridor auf und ab gehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen, stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde noch an das freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte.

V

Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht einschlafen und langweile sich.
»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier.
»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.)
»Ist er Pole?«
»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und war einmal selbst Offizier.«
Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatorte eine Kirchenglocke zu stiften.
Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten, berichtete er uns noch mehr: »Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.«
Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten: »Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere Gesellschaft bringen!«
»Garantierst du uns auch dafür«, fragten wir den Zimmerkellner, »daß er das Geld bei sich hat?«
»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.«
»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Gelde kommen. Nicht wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle.
Alle erklärten sich einverstanden.
»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.«
»Zu Befehl.«
»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei uns weder Kreide noch Kredit.«
»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: Er hat immer Geld.«
»Gut, wir lassen bitten.«
Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier, das heißt kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt sich darin so abgemessen wie die Zeiger auf einer solchen Uhr. Er ist auch so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt wie ein Grahamsches Schlagwerk.
»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen, und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes Kriegsroß von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.«
Man antwortet ihm: »Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz ungezwungen.«
»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke an, und hier ist es doch so heiß?«
»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem Erscheinen angezogen.«
»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft eine große Freude machen, wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen fühlen, wie vor meinem Erscheinen.«
Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdsärmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen.
Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging.
»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen. Wir müssen ihn holen!«
Awgust Matwejitsch fragte: »Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?«
»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!«
»Er will nicht kommen.«
»Was für Dummheiten …! Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!«
Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha vielleicht tatsächlich krank sei.
»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.«
»Hat der Kornett viel verloren?«
»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie aufgeregt und verlor jeden Einsatz.«
»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus, wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.«
»Haben Sie ihn denn gesehen?«
»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen. Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette gar nicht liegen sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.«
»Seltsam!«
»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im ersten Augenblick gar nicht, was man von ihm wolle. Und als er seinen Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen … Ich gedachte der alten Zeiten und sagte mir gleich: Der muß eine Herzensaffaire haben!«
»Ach was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zuviel Bedeutung bei; wir Moskowiter sind aber ein rohes Volk.«
»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.«
»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen möchten hinausgehen und Sascha herbringen: Soll er sich nur gegen die Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.«
Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln miteinander kämpften.
Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl und es rege ihn auf, daß man von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der »fremde Herr« der Ansicht sei, es handle sich wohl um eine Liebesaffaire, wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus: »Unsinn!«
Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu legen. Wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte, erbleichte er wieder.
Man sagte ihm: »Du darfst nicht fortgehen; trinke deinen Schnaps, und wenn du nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier hören und dich wecken.«
Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen.
Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemanden wartete oder ob ihn irgend etwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald in die Tiefe des Sessels zurück und machte dann wieder den Eindruck, wie wenn er aufspringen und davonrennen wollte.
Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde: »Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?«
Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem schnellen Blick.
»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend, die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte.
Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: Die Uhr zeigt alles, merkt sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich. Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck; dann fuhr er fort: »Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: Ich will von Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein …«
»Wie meinen Sie das?«
»Sein Zustand erscheint mir – wie soll ich es Ihnen sagen? – irgendwie verhängnisvoll. Er rührt und beunruhigt mich.«
»So, er beunruhigt Sie?«
»Ja, er beunruhigt mich.«
»Nun, ich kann Ihnen versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.«
»Zerreißen!« wiederholte er. »C’est le mot! Das ist das richtige Wort: den Lebensfaden zerreißen!«
Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich festklammern konnte.
Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert weiter. Alles, was der Mann anhat, ist von erster Qualität: Sein Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor. Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe hätte. Am Handgelenk tragt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald nach unten rutscht und bald im Ärmel verschwindet. Ich lese darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen Frauennamen »Olga«.
Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei – seine Verwandte oder seine Geliebte –, ich muß mich über sie ärgern.
Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten, die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des Sterblichen zu verwirren«.
Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage: »Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner Eltern und der Liebling aller …«
»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Er ist doch sterblich.«
»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.«
»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.«
»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?«
Ich lachte ziemlich unerzogen auf.
»Warum lachen Sie darüber?«
»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: Wir betrachten beide das gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer gesehen habe.«
»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.«
»Ich versichere es Ihnen.«
»Das hypokratische Gesicht!«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen ›agent psychique‹!«
»Ich verstehe es nicht«, sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses Wort irgendeine dumme Angst einjagte.
»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches, seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff sind, den großen Schritt in das Land zu machen, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt ist … Die Schotten und die Hindus der Blauen Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.«
»Waren Sie denn je in Schottland?«
»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien gewesen.«
»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht unseres guten Sascha sehen?«
»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl bald anders heißen.«
Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte:
»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?«
Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles, worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte.
Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick auf Sascha und sagte: »Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch: »Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?«
Jener antwortete: »Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.«
»Sondern weiß der Teufel was?«
»Ich bin auch nicht ›weiß der Teufel was‹!« erwiderte jener ruhig.
»Was sind Sie dann: ein Zauberer?«
»Auch kein Zauberer.«
»Was denn?«
»Mystiker.«
»Ach so, Mystiker – Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche Mystiker kenne ich gut«, sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er ohnehin schon betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken zu.
Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich hinmurmelnd: »Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel …«
Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole schon die Bank.
Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter, und man befürchtete ernste Unannehmlichkeiten.
Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Zwischenfall ablaufen könnte: Ein böses Ende schien vom Schicksal beschieden.

VI

Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand wie nebenbei zu Awgust Matwejitsch, daß ihm das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und herrutschte, beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte dem noch hinzu: »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.«
Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete: »Es wäre freilich besser, wenn ich ihn ablegen könnte, ich kann aber Ihrem guten Rat nicht folgen: Das Armband ist festgenietet.«
»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!«
»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen gar nicht schlecht.«
»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!«
»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir die Begriffe des Guten, Wahren und Schönen verständlich geworden sind, anerkannt, daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den Willen des Menschen zu herrschen.«
»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?«
»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes – im Weibe.«
»Das den Namen Olga trägt«, scherzte jemand, nachdem er die Inschrift auf dem Armband gelesen.
»Ja, Sie haben es erraten: Meine Frau heißt Olga. Es ist doch ein schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, daß die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.«
»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?«
»Ich bin Witwer. Das große Glück, dessen ich würdig befunden war, war zu groß und zu vollständig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch mein höchstes Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits ihr Glück an meiner Seite gefunden hat.«
Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie doppelsinnig und verletzend.
»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser Fremde damit vielleicht sagen, daß die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so daß jede Russin sich in sie verlieben muß?«
Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte auch schweigend auf denjenigen, der es gesagt hatte, lächelte und fuhr fort, mit Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der größten Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdächtiges wahrnehmen. Jeder Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon über zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er:
»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender ein.«
Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für unschicklich, seinen Vorschlag zurückzuweisen, und erklärten sich bereit, weiter zu pointieren.
Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust Matwejitsch erhalten hatten, genauer an.
Alles stimmte: Die Banknoten waren zweifellos echt.
»Ich muß aber bemerken, meine Herren«, sagte er, »daß ich keine kleineren Noten einsetzen kann: Ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe aber Scheine zu fünfhundert und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten, mir einige davon zu wechseln.«
»Das läßt sich wohl machen«, antwortete man ihm.
»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei größere Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu wechseln.«
Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel beinahe um.
Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungekünstelt, daß Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder drei Herren, die in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen.
Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich sah zum erstenmal im Leben, wie ein starker, beherrschter Mann – und für einen solchen mußte ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten wohl halten – vor großem und unerwartetem Kummer plötzlich alt und ganz verändert wird. Das plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen und bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen so lange mit dem Waschbläuel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben, erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem Ernst der Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich mich mit den andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein Zifferblatt, und zwar in einem höchst komischen Zusammenhange.
Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer auf der Suche nach solchen Kunstwerken, die er regelmäßig verdarb, indem er die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack überzog. Oft bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige dunkle Fläche darstellt, in der alle Farbtöne friedlich ineinander geflossen sind, so daß man nichts erkennen kann. Da fährt er mit einem in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack wirft sich, schmutzige Ströme fließen über das ganze Bild hin, und alle Farbtöne kommen in Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert aus; eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen wir, wie der auf dem Zifferblatt dargestellte schwarze Mann mit dem Korb, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine Umrisse verlor und wie sein vorher so tapferes Gesicht plötzlich einen zweideutigen und lächerlichen Ausdruck bekam.
Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, sogar beherrschten und oft stolzen Menschen. Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und plötzlich kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum Vorschein.
Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er beherrschte sich bald wieder und sagte: »Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts … Schenken Sie dem bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir … mir ist plötzlich schlecht: Entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiterspielen.«
Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte sich aber, verbindlich zu lächeln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein Glas zuviel getrunken hatte: »War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?«
Der Pole erbleichte.
»Nein«, sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so schlecht war mir noch nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum … Ich habe eine unerwartete Entdeckung gemacht … ich habe einen triftigen Grund, nicht weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!«
Nun begannen alle durcheinander zu reden: »Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wäre aber immerhin interessant, zu erfahren, was für eine Entdeckung Sie in unserem Kreise gemacht haben!«
»Gar keine«, antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den Offizieren, die ihn im Augenblick des Schwächeanfalls gestützt hatten, und fügte hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja nicht, die Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen nicht genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses Gespräch fortzusetzen, und möchte mich von Ihnen verabschieden.«
Man hielt ihn aber zurück: »Erlauben Sie einmal«, sagte man ihm, »das geht doch nicht!«
»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiterspielen und bitte Sie, mir zu gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu dürfen.«
»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!«
»Ja, nicht von der Bezahlung!«
»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, daß Sie von mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurückziehen, und Sie sind auch damit unzufrieden … Hol’s der Teufel, was ist eigentlich los?«
Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein ›in Schlachten ergrauter Kamerad‹, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen Zusammenstoß am Kartentische erlebt hatte, und sagte: »Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen im Namen aller auseinandersetze.«
»Sehr gern, obwohl ich gar nicht weiß, worüber wir uns auseinanderzusetzen haben.«
»Ich will Ihnen gleich alles erklären.«
»Bitte sehr.«
»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatsächlich nicht; wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise. Sie haben vorhin den Ausdruck ›Reputation‹ gebraucht. Auch wir haben unsere Reputation, hol’s der Teufel – Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.«
»Sehr gern«, unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« Und er streckte ihm seine Hand entgegen.
Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und fuhr fort: »Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, daß Sie hier nicht die geringsten Unannehmlichkeiten zu gewärtigen haben und daß jeder, der es wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen aber die Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu beruhigen und uns ernsthaft zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl fühlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie, uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.«
Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« Die Bewegung war eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: Er verharrte nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit, erhob sich aber von seinem Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem Gesicht zum Fenster.
Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine Selbstbeherrschung nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte:
»Meine Herren, in diesem Fall muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, so muß ich als Ehrenmann und Adliger …«
Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen: »Er redet mir zu viel von Ehre!«
Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort: »Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine Herren, sagen, daß ich außer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche noch zwölf tausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert Rubel gehabt habe.«
»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister.
»Ja, bei mir.«
»Sie können sich daran genau erinnern?«
»Ja, ganz genau.«
»Und jetzt ist das Geld fort?«
»Ja, Sie haben es erraten: Es ist fort.«
Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen: »War denn das Geld auch wirklich da?«
Der Rittmeister sagte aber noch strenger:
»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich nicht unterstehen, uns anzulügen. Er weiß, daß man mit solchen Dingen in anständiger Gesellschaft nicht scherzt: Solche Späße können einem leicht das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen sind, müssen wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rührt sich von seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie (er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen abzuschließen und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der erste, der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben büßen. Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen wird. Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem Verlust, von dem der fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das muß erst bewiesen werden.«
»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere.
»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu unterziehen.«
»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere.
»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister.
»Ja, bis aufs Hemd!«
»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollständig entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden eigenhändig durchsuchen. Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für einen Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas zurückzutreten und sich in einer Reihe aufzustellen. Und nun entkleide ich mich.«
Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von sich zu werfen und zog selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem fürstlichen Generalbevollmächtigten vor die Füße, hob die Arme und sagte: »So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie mich durchsuchen.«
Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese Untersuchung nicht verlangt habe.
»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen. Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet! Ich bitte Sie, meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!« Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang ihn über dem Kopf des Polen.

VII

Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, als ob er sie durchsuchte.
Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine erstickte Stimme: »Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!«
Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte.
Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen und sagte:
»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.«
»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann und bestehe darauf, daß Sie mich wie einen Dieb durchsuchen!«
Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts.
»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein«, sagte der Rittmeister. »Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.«
Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe, und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft.
Wir alle fuhren zusammen.
»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber noch heftiger.
»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn zum Teufel!«
Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte Stimme: »Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.«
Es war die Stimme unseres Obersten.
Die Offiziere wechselten Blicke.
»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst.
Die Tür wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein freundliches Lächeln, was man nur sehr selten bei ihm sah.
»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte. »Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken, die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin ich hierher gekommen, um Ihnen persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein Töchterchen geschenkt hat.«
Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber nicht so lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den Fremden.
»Wer ist der Herr?« fragte er leise.
Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze unangenehme Geschichte.
»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen, oder ist sie noch immer nicht zu Ende?«
»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.«
»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers setzend.
»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister.
Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand, antwortete nichts und rührte sich nicht.
»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn.
Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete: »Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich das Geld nicht gestohlen habe.«
»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier über jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen, und dann beginnt der zweite Akt.«
»Ich kann es nicht.«
»Was … Was können Sie nicht?«
»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen lassen!«
Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in Bewegung.
»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm … Warum wollen Sie sich nicht durchsuchen lassen?«
»Ich kann es nicht.«
»Sie müssen! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle erniedrigenden Verdacht verstärkt. Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen lassen. Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden können … Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden?«
»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen … Ich schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe … Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!«
»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments und der Uniform? Wessen Ehre ist es?«
»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!«
Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot. Er keuchte und sah mit irren Blicken auf die Tür; sein einziger Wunsch war, sich von hier loszureißen. Man hörte, wie er in der Tasche seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte.
Mit einem Wort, Sascha war ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich.
Der Pole zeigte als erster große und fast rührende Teilnahme. Seine isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreis gänzlich außer acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam ansteckend wirkte: »Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und niemandem von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei allem, was Ihnen wert und teuer ist, lassen Sie von diesem Knaben ab!«
Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme hinzu: »Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht! Sehen Sie denn nicht, wohin er geht …?«
Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei auf die Türe zu.
Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte: »Soll er nur gehen …«
Dann fügte er leise hinzu: »Ich glaube, ich fange an, etwas zu verstehen.«
Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und sagte: »Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie niedrig Ihnen meine Handlung erscheinen muß. Verzeihen Sie mir …! Ich konnte nicht anders … Es ist mein Geheimnis … Verzeihen Sie … So verlangt es die Ehre.«
Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer, bedeckte die Augen mit der Hand, rief »Lebt wohl!« und stürzte hinaus.

VIII

Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah, fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.
Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der »geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert es trefflich am Beispiel des Schattens, den der Baum in der Richtung des auf ihn fallenden Lichtes wirft: Bei einer allgemeinen Panik verlieren alle den Kopf und halten das – Nebensächlichste für das Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem Moment das einzig Wichtige: Da haben Sie einen Fall der »psychischen Kraft«.
Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick, als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: Er war nicht einfach weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf Nimmerwiedersehen entschwebt … Wir hörten keine Schritte mehr, es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor.
Der Pole stürzte ihm augenblicklich nach. Wir glaubten, daß er ihn einholen und des Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn zu richten. Übrigens waren alle davon überzeugt, daß der Pole das Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu: »Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«
Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück, antwortete dem Obersten: »Der Teufel soll das Geld holen!« und lief Sascha nach.
Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte, verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick – es ging viel schneller, als ich es Ihnen erzähle – erklang im Korridor so etwas wie ein Händeklatschen …
Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen hätte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber unnötig …
In der Tür vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt, dessen Zeiger nach unten wiesen …
»Es ist zu spät …« keuchte er. »Er hat sich erschossen.«

IX

Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes Bild: Mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen, während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos herab, aber die eingeknickten Knie zuckten noch, als ob man ihn kitzelte.
Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der »hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine Begründung zu geben, war nun vergessen. Auch die Angst vor einem Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen. Wir versuchten das Blut, das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.
Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut. Der Zimmerkellner Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen Stimmung getreu: »Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas zur Seite und stellte einen Teller mit reinem Wasser auf den Tisch.
»Was ist das?« fragten wir ihn.
»Wasser«, antwortete er.
»Wozu?«
»Damit seine Seele sich darin wäscht.«
Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die Augenlider zu.
Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel auf die Knie und schlug mit der Stirn gegen den Fußboden, daß man es hörte.
Zwei Ärzte – unser Regimentsarzt und einer von der Polizei kamen gelaufen und konstatierten die »Tatsache des Todes«.
Sascha war tot.
Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?
Allen war es ganz wirr im Kopf. Die Leiche hatte aber doch die Kraft, alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster Linie mit ihr zu befassen.
In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich nicht gefunden.
Unter dem Tisch fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel, auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.«
Um das zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden gebraucht.
Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt habe und sterbend in seine Arme gefallen sei.
Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen Fassung allen, die ihn fragten. Dann stand er schweigend da und zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte: »Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: An meinen Händen ist Christenblut.«
Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt war, was einen schrecklichen Anblick bot.
Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich, schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.
In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel verflüchtigt, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Alle Gesichter drückten Verzweiflung und Trauer aus ….
Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, den blühenden und lebensvollen Jüngling, zu überleben!
Auf ihm lastete aber ein Verdacht – ein schrecklicher, schändlicher Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen rollten?
»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe lassen? Hast du ihnen gesagt, daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? Er ist natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei … Fluch über den, der ihn in den Tod getrieben hat!«
Wer aber hat es getan?

X

Awgust Matwejitschs Tür stand ebenso offen wie die Türen aller Offizierszimmer; aber es brannte kein Licht darin, und im blassen Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden. In einer Ecke sah man das leicht aufgewühlte Bett.
Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehenzubleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher und warum ist dieses Unglück über uns gekommen?
Mich zog es, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in diesem Zimmer war: Hat nicht der Pole selbst das Geld hier vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden gebracht hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen; glücklicherweise aber wurde ich rechtzeitig gestört.
Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu: »Wohin? Wohin? – Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«
Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich dabei in den Verdacht kommen könnte, in diese Sache verwickelt zu sein.
Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.
Vor dem noch finsteren, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.
Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die Pfeife von rechts und auch von links gereicht; so hatte er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise vergrößerte, daß er sich nach jedem Zug aus der Pfeife das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen eigenartigen Respirator hinausließ.
Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank, nahe beim Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort verstehen.
Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks – Awgust Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zu Hilfe eilen zu können, wenn sich die Auseinandersetzung zuspitzen sollte.
Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: Das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren sich der Tür näherten.
Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.
Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch jedenfalls friedfertig.
Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte: »Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen vertraue.«
Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den Worten: »Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«
Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters.

XI

Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt militärisch: Er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu erzählen und seine Gedanken darzulegen.
So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und warf uns allen wütende Blicke zu.
»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den Pfarrer.
Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.
»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!«
Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«
»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«
»Was denn?«
»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen …«
»Ja.«
»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«
»Unsinn!«
»Es ist kein Unsinn. Wozu sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen liest.«
»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine Szene … Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? … Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?«
»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« antwortete der Rittmeister.
»Aber dieser Pole …«
»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben.«
»Wer hat Ihnen das eröffnet?«
»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen haben … Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, daß er auf die zwölftausend Rubel verzichtete, die der Oberst ihm in meiner Gegenwart anbot.«
»Er verzichtete?«
»Ja, und noch mehr als das: Er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen kann.«
»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.
»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen …«
»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort.
»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, daß sich das Geld finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung, daß seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß, wenn der Glaube wahrhaftig Berge versetzen kann. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft … Er hat mit seinem Glauben auch mich und den Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir verzichteten aber darauf. Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: Alles muß unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.«
Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand.

XII

Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde indessen die Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.«
Wir waren alle in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische mußte erlöschen! … So wenig hatte er vom Honig gekostet und mußte schon sterben!
Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine Abreise: Er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen sollte.
Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man kaufen müsse, und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.
»Alles geht nach dem Willen Gottes«, pflegte er zu sagen. »Wir sind wie Gras.«
Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört, ob ihm der Selbstmörder vor dem Tode nichts übergeben hätte.
Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber: »Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«
»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«
»Jawohl.«
Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann.
Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.

XIII

Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und bemerkten gar nicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn erst, als er wieder herauskam.
Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die stille Majestät in seinen Zügen staunen.
»Meine Herren«, sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich Ihnen vor: Ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses Unglück gestürzt … Aber er konnte nicht anders, meine Herren … Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen. Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger Trost.«
Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort gefangengenommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen.
Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.
Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«
Dann fuhr er sich mit dem Tuch übers Gesicht und sagte: »Das ist noch nicht das Schwerste … Was bin ich? Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«
Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum Oberst, um sich ihm vorzustellen.
Auch zum Oberst sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht habe handeln können.
Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte schließlich: »Sie wissen doch, daß dem Selbstmord ein gewisser unglücklicher Umstand vorangegangen war. Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des Kornetts war immerhin etwas sonderbar …«
»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«
»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten …«
»Ich kann es nicht, Herr Oberst …«
Der Oberst zuckte die Achseln.
»Was soll man machen?« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«
»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Das ist mein trauriges Vorrecht.«
»Ich wage nicht zu widersprechen.«
Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel.
Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber und fingen beide an zu weinen. »Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.«
»Man wird ihn schon finden.«
»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«

XIV

Worin bestand nun das Geheimnis?
Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun verraten: Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.
Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.
Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.
Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis seinem Burschen ein und sagte ihm: »Ich beschwöre dich bei Gott: Übergib es dem Vater.«
Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.
Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen gestorben sei.
Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.«
Und kein Wort mehr …
Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will nur von den Mahnern sprechen, die den Frauen interessant erschienen.
Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null oder sehr wenig – ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform. Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau … Sie werden wohl sagen: Ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt? Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!
Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff es vollkommen. Außerdem kam ein neuer Umstand hinzu, der die Sache noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: Der Zimmerkellner Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas eingehändigt habe. Was mochte es wohl sein, das der eine so geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt hatte? … Das weiß Gott allein!
Marko bekreuzigte sich und sagte: »Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen – ich konnte nicht sehen, was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.«
War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen, die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch an eine solche Möglichkeit denken? … Ist denn nicht ein jeder, der ein Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den Dieb ausfindig zu machen – das ist die wichtigste Aufgabe; und die Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand außer acht zu lassen.
Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als das lichte Auge eines rührseligen Herzens. Die Menschheit ist aber zu ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.
Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte. Alle wußten, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein weibliches Bildnis übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang davon, wenn sie in den Himmel stieg.
Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle« Beerdigungen gesehen. Ich meine gar nicht die Beerdigungen mit großer Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols, Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen … Sie können mich auslachen, wenn Sie wollen, ich muß aber sage, daß Saschas Beerdigung auf mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere … Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben versetzt.

XV

Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen Weg vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um das junge Leben, das sich aus »adliger Gesinnung« selbst vernichtet hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war: »Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!«
»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!«
Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert: »Der Liebe, Herzige … hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben …«
Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme, herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich, möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen: »Mein lieber Kleiner! … Du Junger, Edler! … Du mein gefühlvoller Engel! …Wie sollte man dich nicht lieben?!«
Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter, Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen – diese letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der Liebe in erster Linie –, alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und liebkosten.
Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie kannten Sascha auch gar nicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und hätten ihn vielleicht auch nicht liebgewonnen, wenn sie ihn, so wie er im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: Sie konnten nur weinen und klagen … Jede Seele verging vor Wehmut.
Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij, rührte einmal alle Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte: »Er liegt im Sarge – laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und bei allen flossen die Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich. Sie sagten: »In diesem Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!«
Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen sahen, und das genügte.
Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle sind gerührt und alle sprechen zu ihm: »Schlaf, schlaf, du Märtyrer!«
In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen zugleich die Wunde.
Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn niederwarfen! … Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen«, daß ich gar nicht weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.
Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht es freilich nicht besonders gut zu predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, wo es die Sitte verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen, wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So kommt und laßt uns miteinander rechten …« Wie soll man aber mit Ihm rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast den Menschen berufen … Vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er sich vor Dir nicht rechtfertigen kann …
Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt.
Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör schenken …?
Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: Man nannte sie so, nicht weil sie böse war – nein, sie tat niemand etwas zu Leide! –, sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts Russisches: weder die Sprache noch die Religion, noch die Sitten. Sie verachtete das alles, und zwar nicht aus Leichtsinn oder Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles Russische nicht die geringste Beachtung verdiene. Sie wunderte sich sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten, der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die Doppeltür ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich noch gut an sie erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.
Unser jugendlich schöner Sascha aber schwimmt wie ein vom Winde abgebrochener Zweig über dem Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken vorbei.
Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die Engländerin, die neben ihr steht: »Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem Heldentum, und das Heldentum gefällt der Menge.«
Die Engländerin erwidert:
»O yes!« Dann sagt sie noch, daß sie das allgemeine Gefühl interessiere, von dem diese ganze Menge ergriffen sei. Der Ausländerin zu Gefallen läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte setzen wird.

XVI

Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der Erzählung habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des Gastes nicht.«
Sie sah ihn an und versprach ihm: »Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«
Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetisch, hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum allgemeinen Wohle ordne … Er sprach und sprach und verschnappte sich zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem Augenblick ein und bestätigte: »Voilà ça c’est vrai!«
Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr die Hand und sagte ihrem Gemahl: »Es ist genug: Ich will annehmen, daß tout ça est vrai!«
Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer Bücher.
Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde, erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke, die den Verstorbenen am nächsten angingen.
Im selben Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst. Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die Menge ertönte das Wort: »Die Mutter!«
Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei.
Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn mit beiden Armen und erstarrte …
Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die Knie, und es wurde so still, daß wir alle ihr Flüstern hörten, als die Mutter sich erhob und den toten Sohn bekreuzigte: »Schlaf, mein armer Junge … Du bist als Ehrenmann gestorben …«
Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir alle ihre Kinder gewesen wären.
Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur Ausgangstür; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren. Sie wußte wohl, woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie merkte gar nicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und ihr wie einer Heiligen die Hände küßten.
Auf dem Weg vom Grabe bis zum Friedhofstor gab es wieder das gleiche Gedränge, die gleiche Bewegung.
Vor dem Tor, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!« zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr stand, stützte sie und küßte ihr die Hand.
So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangengenommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten«, belohnt und geehrt.
Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie »Vater und Mütter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege. Sie ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist. Er hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses Fetzens wegen … Das ist ja ganz gleich! Er ist schön, er ist allen interessant! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen. Mit einem Worte: Hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent, wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst inszeniert!
Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am fernsten. Sie mußte Saschas Tat ja mit ganz anderen Augen betrachten als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen, daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse zurückziehen würde. Aber nein: Auch sie mußte ihren Pinselstrich dem allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von anderen gemachten Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen Gefühle verdankten?
Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht habe, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen worden sei.
Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« aber gab ihr die Aufklärung: »Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«
Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den Priesterseminaren komme.

XVII

Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen. Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde, wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.
Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner, und zwar einen sehr hartnäckigen – ich meine Saschas Vater. Den Polen kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte, zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch nicht das geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches Erlebnis natürlich nicht geheimhalten konnten, war der gleichen Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und gab uns damit eine harte Nuß zu knacken.
Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einige Male erwähnte Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: Obwohl wir unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten, stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst gestand.
»Ich bin bereit«, sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige Sympathie für ihn beruht nur darauf – nehmen Sie es mir nicht übel! –, daß er nicht russischer Abstammung ist. Er aber hat es verschuldet, daß unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach dem Gelde forscht … Es ist nur Sünde und nichts als Sünde …« schloß Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem immer ein ewiges Lämpchen brannte.
Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den Heiligenbildern und dachte über etwas nach.
»Was denkst du immer, Marko?«
Er zuckt die Achseln und antwortet: »Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine Schande … eine Christenseele ist zugrunde gegangen!«
Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen Gedanken, in den sie nach und nach auch die anderen einweihten.
»Marko ist ein einfacher Mensch«, pflegten sie zu sagen, »aus dem Bauernstande, ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines einfachen russischen Bauern.«
»Und ist obendrein ehrlich.«
»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft gar nicht anvertraut. Er ist eben ein sehr zuverlässiger Mensch.«
»Ja, ja, ja«, bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten Bart blasend.
»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir nicht merken. Er beurteilt die Sache so: Wozu hat der die ganze Sache eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld gar nicht …«
»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.«
»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt …«
»Wozu denn sonst?«
»Fragen Sie Marko danach und nicht mich.«
Auch der Pfarrer sagte: »Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«
»Und was sagt Marko?«
»Marko sagt: Traue dem Polen nicht.«
»Warum denn?«
»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«
»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.«
»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte Kamerad: »Sie sagen: Man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber gar nicht, was für ein Denken ich meine … Von einem Diebstahl ist nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.«
»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein soll?«
»Was für ein Interesse er daran hat?«
»Jawohl!«
»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«
Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?
»Nein, uns fällt nichts ein.
»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.«
»Nun, was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!«
»Ja, es geht uns alle an … Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns diese Schande anzutun.«
»Mein Gott!«
»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist.«
»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen …«
»Natürlich verhält es sich so!«
»Hol ihn der Teufel!«
»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«
Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte: »Ja, ja, ja!«
Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen.
»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt …«
»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie doch auf der Stelle verhaften müssen!«
»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«
»Was denn?«
Hier half uns der Pfarrer: »Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbad gehört haben.«
Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: Das Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? – Geh einer hin und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbad sind alle Menschen nackt und gleich.
Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch auszuführen.
Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm.
Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte: »Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede geworden ist. Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.«
Der Pfarrer fiel ein: »Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bad gehört.«
»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?«,
»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«
»Das ist sehr schade.«
»Ja … Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht, weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.«
»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.«
»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.«
»Na ja – wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu machen … Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich beruhen zu lassen … Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen … Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir bitte folgendes: Was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die Träume Unsinn oder nicht?«
Der Pfarrer antwortete:
»Das hängt von den Überzeugungen ab …«
»Von was für Überzeugungen?«
»Nein, ich wollte etwas anderes sagen … Es gibt Träume, die von Gott kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese sind vom Bösen.«
»So ist es eben«, antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber einen Traum.«
»Was Sie nicht sagen!«
»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen offenbar vom Magen.«
»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los.
»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen Traum, sondern eine Vision gehabt hat …«
»Was, eine Vision?«
»Ja, eine Vision: Sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit geschlossenen Äugen, sondern im Wachen …«
»Das ist seltsam.«
»Sehr seltsam – um so mehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!«
»Ja, ja, ja … Wen hat sie nicht gesehen?«
»Den Polen natürlich!«
»Ach so! … Ja, ja, ja! Ich verstehe.«
»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen – wir verheimlichten vor ihr seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«
»Behüte Gott!«
»Gewiß … Natürlich wäre schon der Tod besser als das … Es ist wohl Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: Er verfolgt sie auf Schritt und Tritt!«
»Der Verstorbene?«
»Aber nein – der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann. Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas sagen.«
Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe. Sie schildere unseren Awgust Matwejitsch, wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine altmodische englische Standuhr vor …
Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.
»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus. »Alle Offiziere nennen ihn ja ›die Standuhr‹!«
»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr, obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine Frau hat sie jetzt auch selbst liebgewonnen.«
»Warum eigentlich?«
»Sie sinnt gerne … sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören … Sie hört darin immer die Worte: ›Ich – such! – Ich – such!‹ Jawohl! Sie fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche Angst … Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.«
»Ja, ja … das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich … Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem Dampfbad käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber, alles geheimzuhalten.
Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in Verbindung gebracht habe.
Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung.
»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.«
Die anderen fragten ihn: »Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.« Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre.
Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiel zu lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld anzunehmen; falls er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn ins Gesicht schlagen.
Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders.

XVIII

An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief: »He, Marko!«
Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern betete, kam sofort herausgesprungen.
»Awgust Matwejitsch«, ruft er, »nun sind Sie endlich wieder einmal hier!«
Jener aber antwortet: »Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige Gerüchte über anständige Menschen?«
Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht.
Marko fällt um und schreit: »Was ist denn das? … Wofür? …«
Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht, Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich!
Awgust Matwejitsch aber sagt: »Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: Mir folgen auf dem Fuße noch andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen Augenblick aus den Augen verliere.«
Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die Polizei. Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte: »Wollen Sie ihn verhaften: Ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig überführten Dieb, und hier sind die Beweise.«
Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl ausgezahlt bekam, übereinstimmte.
Marko fiel auf die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten bezahlte.
Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem Heiligenschreine.
Und nun begannen bei uns die eigenen »Glocken von Corneville« zu läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern.
Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete, um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die bereits erwähnte Veronika – sie war schon in den Siebzigern – kam zu dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen. Der Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man sie für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt.
Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: Sie stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände. Er bat sie, ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe … Obwohl es nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in dem Kind seine Seele.«
Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe.
»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen, zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser Mystiker!
Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: Wir zechten gerade draußen, als er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen, tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten.
»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn.
Er sagte: »Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von selbst so gekommen …«
»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das verstorbene Kind der Kommandeuse?«
Der Pole lachte: »Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?«
»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch auskennt!«
»Glauben Sie mir: Ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.« Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher zu: »Los!«
Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: Eine Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr schließlich nichts mehr zurückbleibt … Gar mancher fängt zu lieben an und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man persönliche Ehre nennt?

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Nikolai Ljesskow – Lady Macbeth und andere Geschichten
– Interessante Männer – 1885
Wilhelm Goldmann Verlag – 1961
Übersetzung: Alexander Eliasberg

Friedrich Glauser • Der alte Zauberer • Ein Fall für Wachtmeister Studer

Friedrich Glauser • Der alte Zauberer

Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse noch asphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Ausser dem Wetter störte den Wachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im Emmental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter.

Da war die Abzweigung, sie war gerade breit genug, dass ein Güllenwagen durchfahren konnte, rechts ging es steil bergab in ein Bachbett, links stieg ein triefender Wald in die Höhe. Der Wachtmeister dachte an Dinge, an die man eben so denkt, wenn es schüttet und wenn man friert: an einen Jassabend, an seine Amtsstube, an seinen Sohn, der als Setzer bald ausgelernt hatte. Studer hatte ein dickes, rotes Gesicht, das jetzt ein wenig bläulich angelaufen war, und einen vertrauenerweckenden Schnurrbart. Zwischen den vom Rauchen braungewordenen Schneidezähnen spuckte er kunstgerecht, wie ein Achtjähriger, in weitem geradem Strahl, und der Regen war machtlos gegen diese Kunst, und der Wind auch: Das freute Studer. Dass ihm hingegen der Regen die Ärmel herab in die Taschen lief, das ärgerte ihn wieder, so dass er nicht recht wusste, welches Gesicht er schneiden sollte. Es war überhaupt schwer, bei diesem Wetter seinen eigenen Willen durchzusetzen, besonders was das Gesichterschneiden betraf, denn der Regen fuhr ihm manchmal mit seinen nassen Fingern in die Augen, und die breite Krempe des Hutes war ein ungenügender Schutz gegen derartig böswillige Attacken.

Die Strasse wurde steil, Studer fluchte ein wenig, schüttelte den Kopf, dass die Tropfen von seinem Hutrand tangential abflogen. Es war ja schliesslich, dachte er, nicht die Schuld des kantonalen Polizeidirektors, dass er hier in der Nässe herumvagieren musste. Sonst gab man ja dort oben auf anonyme Briefe nicht viel, aber hier schien der Fall doch etwas anders zu liegen, und das Ganze war eine etwas kohlige Geschichte. Wo man da anpacken sollte, war nicht ganz klar, entweder war das Ganze ein Versuch, die Behörde zu blamieren, und da musste man doppelt vorsichtig sein, oder es war etwas ganz Grosses dahinter, ein Sensationsprozess vielleicht, und dann kamen die Reporter von den ausländischen Zeitungen, und man bekam ein wenig internationalen Ruhm weg. Das war nicht zu verachten. Mein Gott, man hatte es ja nicht nötig, man war ja sonst schon in den Fachkreisen bekannt, in Wien besonders, in Paris auch; es hatten sich da ein- oder zweimal ziemlich schwierige Internationale (halb Spione, halb Einbrecher) in der Schweiz wie in einer Mausefalle gefangen. Das sollte doch genügen, besonders wenn die Pensionierung in erreichbarer Nähe stand – noch fünf Jahre … fünf Jahre wird man doch noch aushalten? Aber – seinen Namen zu lesen, im »Journal« zum Beispiel, mit schmeichelhaften Beiwörtern, das war nicht zu verachten. Etwa so: »Le distingué inspecteur de la sûreté Studer, dont le talent remarquable est bien connu dans les milieux policiers …« und vielleicht noch seine Photographie dazu. Ja, die Franzosen hatten es los, in der Schweizer Presse war man sparsamer mit lobenden Beiwörtern.

Da kam rechts vom Wege ein Heuschober in Sicht. Ein wenig unterstehen kann man, dachte Studer und fühlte dabei nach seiner Brusttasche. Gut, dass ihm die Frau noch Kognak gerüstet hatte, der würde jetzt gerade lau sein von der Körperwärme, und in der zerfliessenden Sintflut ringsum wäre eine Stärkung doch nicht zu verachten. Studer ging in den Heuschober, das Heu war trocken, er nahm einen Büschel, wischte sich die nassen Schuhe ab, trocknete die Hände an einem sauberen Taschentuch und zog den Brief aus der Tasche, der den Polizeidirektor so aufgeregt hatte. Es stand wenig darin:
»Der Bauer Berthold Leuenberger in Waiblikon begräbt seine vierte Frau. Er ist sechzig Jahre alt, die drei letzten Frauen sind innerhalb von drei Jahren gestorben. Es waren immer junge. Er sagt, das Wasser bei ihm auf dem Hof ist schlecht. Viele meinen etwas anderes. Wann wird das Gericht endlich einschreiten? Wenn das Wasser schlecht ist auf seinem Hof, warum ist er nie krank geworden, noch sein Vieh, Knecht und Gesinde? Jetzt gehet er wieder um, der Bauer, wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verzehren könne. Aber Gottes Gericht ist über ihm, wenn ihn das Gericht der Menschen vergisst.«

Die Schrift war verstellt, das Papier grob, längliche Rechtecke überspannten es wie ein feines Netz. Nach dem Schluss des Briefes musste ihn ein »Stündeler« geschrieben haben, ein Bibelkundiger. In drei Jahren drei Frauen, das war merkwürdig. Aber die Totenscheine mussten doch in Ordnung sein, Studer hatte mit dem Polizeidirektor im Telephonbuch nachgesehen und den Namen eines Arztes gefunden, der als gewissenhaft bekannt war. Dieser Arzt war früher am Spital gewesen, die Polizei hatte bei Unfällen viel mit ihm zu tun gehabt, der Mann war untadelig. Aber man weiss ja, wie es in einer Landpraxis zugeht, man hat nicht viel Zeit, wenn man weit herum Besuche machen muss… und irren ist ja bekanntlich menschlich.

Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heisst der Regen hörte auf zu fliessen, dafür senkte sich ein dicker, weisser Nebel über das Land. So dicht war dieser Nebel, dass Studer die Häuser zuerst gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikon bestand. Ein Junge mit halblangen Hosen, die bis zur Mitte der nackten Waden reichten, die Füsse in Holzschuhen, stapfte an ihm vorbei. »Wo ist die Wirtschaft?« fragte Studer. Der Junge glotzte zuerst, dann deutete er mit einer schmutzigen Knabenhand geradeaus und wies nach links, hob dann fünf gespreizte Finger. »Bist du stumm?« Der Junge nickte – also das fünfte Haus links, dachte Studer und stapfte weiter. Das Gastzimmer, das an den kleinen Laden stiess, war klein, nieder und finster. Es musste doch bald Mittag sein. Studer zog den triefenden Mantel aus, zog die Weste straff über seinen Bauch, zog noch den Rock aus, dessen Ärmelenden durchweicht waren, und setzte sich. Dann zog er die Uhr aus der Tasche, eine flache, goldene Uhr, die er an seinem zwanzigjährigen Dienstjubiläum geschenkt erhalten hatte; sie zeigte zehn Uhr. Es war früh. Er hatte Zeit. Lange blieb die Stube leer, kein Mensch zeigte sich, es herrschte in ihr jener ein wenig ekelerregende Geruch (auf nüchternen Magen ist er noch schwerer zu ertragen) von abgestandenem Bier und kaltem Pfeifenrauch. Endlich erschien ein gähnendes Mädchen, das unwillig die Absätze seiner Finken auf dem Boden nachschleifte. Studer bestellte einen Dreier Roten und eine Portion Hammen. Das Fleisch war gut, er bestrich es dick mit Senf, auch der Wein war nicht schlecht. Die Stube war gut geheizt, die nasse Luft von draussen vermochte nicht durch die Doppelfenster zu dringen. Dem Kommissar wurde wohl, seine Augen bekamen einen trockenen und klaren Glanz, und er überlegte, wie er sich am besten an das Mädchen heranmachen könne. Diese Serviertochter musste einmal in der Stadt gedient haben, sie hatte verraufte Dauerwellen und trug ein kunstseidenes, schon ein wenig brüchiges Kleid. Studer hätte es als einen psychologischen Fehler empfunden, eine Dorfmaid zu einer »Consommation«, wie sie in Genf sagten, einzuladen, hier konnte man es riskieren. Das Mädchen bügelte in der Nähe des grossen steinernen Ofens, der von der Küche her geheizt wurde, gestärkte Schürzen. Studer klopfte auf den Tisch. Er war der biedere alte Handlungsreisende, der sich gern eine kleine Zerstreuung gönnt, obwohl die Zerstreuung hier etwas Überwindung kostete. Als das Mädchen mürrisch näher kam, fragte er verlockend, ob sie nicht auch etwas nehmen wolle, es sei so kalt draussen. Das Mädchen schwärmte für Wermut, es holte die staubige Flasche vom Wandbord, sagte: »Excusez« und »wenn’s erlaubt ist« und drängte seine Magerkeit ziemlich dicht an den Wachtmeister. Und das Gespräch entspann sich. Studer liess sich Zeit (man muss sich immer Zeit lassen); er reise in Düngemitteln, besonders Thomasschlacke sei jetzt sehr preiswert zu kaufen, ein ausgezeichnetes Phosphordüngemittel, aber er wolle zuerst ein wenig Bescheid wissen über die Leute in der Gegend, sein Auto habe er am Bahnhof gelassen, denn der Weg sei doch gar zu schlecht. Und er plätscherte und plätscherte, und das Mädchen langweilte sich und gähnte. Das war das Richtige, wenn sie gähnte, so ehrlich gähnte, dann glaubte sie ihm seine Geschichte. Und vorsichtig begann er, von den Bauern der Gegend zu reden und zu fragen, wer wohl den grössten Hof habe und welche die besten Abnehmer seien, aber er wolle nur von solchen wissen, die Geld hätten im Haus. Und man habe ihm besonders den Berthold Leuenberger gerühmt, der habe so einen grossen Hof, aber grosse Höfe seien meist verschuldet – ob man etwa bei diesem anklopfen könne? Und was das für ein schönes Kleid sei, das die Jungfer da anhabe, man sehe doch gleich, dass sie nicht von hier stamme, und gute Manieren habe sie, nur wie sie das Glas halte. Das kam alles in einem leise einschläfernden Redestrom, besonders die Komplimente, denn Studer hatte bemerkt, wie ein leises Erschrecken durch den mageren Körper neben ihm ging, als er den Namen Leuenberger nannte. Er säbelte an seinem Schinken herum. Ja, also, dieser Leuenberger, ob es sich wohl empfehle, ihn zuerst zu besuchen? Komme er öfters in die Wirtschaft? In die bleichen Augen des Mädchens neben ihm kam ein seltsames Flimmern. Der Leuenberger habe den Leichenschmaus gestern bei ihnen gehabt.
»Leichenschmaus?« fragte der Wachtmeister, wer denn da gestorben sei.
»Seine Frau.«
Dann sei es wohl nicht günstig, ihn heute zu besuchen. Das Mädchen stiess ein pfeifendes Lachen aus, leerte das Glas, fragte zutraulich, ob es ihr erlaubt sei, noch eins zu trinken; der Wachtmeister nickte, das kam sicher gut, wenn diese Trucke halb betrunken war.

Und bohrte weiter. Also, der Leuenberger habe den Leichenschmaus hier gehabt, wie alt er denn sei, ob er wohl wieder heiraten wolle? Das Mädchen zierte sich. Oh, es werde sich schon eine finden, die nicht alles glaube, eine Couragierte. Es stellte sich heraus, dass der Leuenberger schon zu Lebzeiten seiner Frau oft in der Gaststube seine Abende verbracht hatte, und dass eine Frau noch glücklich bei ihm werden könne. Was ist das für ein Mensch, dachte der Wachtmeister, dieser Bauer, hat nicht genug an vier Frauen, die er unter den Boden gebracht hat, nein, er schafft auf Vorrat, während die letzte noch am Leben ist, sorgt er schon für die folgende. Fast wäre ihm die Frage herausgefahren, ob sie denn nicht Angst hätte, über den Frauen des Leuenberger walte doch kein guter Stern, aber er schluckte die Bemerkung noch rechtzeitig hinunter, untersuchte aufmerksam das Deckblatt seines Stumpens (er hasste es, diese Rauchware am falschen Ende anzuzünden) und schwieg. Denn jetzt war Schweigen am Platz. Der Redestrom rann von selbst, wie aus einem angestochenen Fass, der Wermut hatte seine Wirkung getan. Nur nicht unterbrechen. Er erinnerte sich dunkel, dass ihm ein alter Untersuchungsrichter zu Beginn seiner Laufbahn diesen Rat gegeben hatte: sich unbemerkbar zu machen, wenn der andere einmal loslegt. Aber den Rat brauchte er nicht mehr, er wusste, bei Zeugenverhören, bei fälligen Geständnissen war Schweigen ein so starkes Druckmittel, dass die mittelalterlichen Foltermethoden dagegen zu einem einfachen Kinderschreck zusammenschrumpften.
Und er erfuhr genug, der Wachtmeister, er erfuhr genug, um sich ein ziemlich gelungenes Bild von diesem Leuenberger zu machen. Das Mädchen schilderte ihn ganz gut, als einen grossen, mageren Mann, mit noch dunkelbraunen Haaren trotz seinem Alter. Glattrasiert. Mit seiner ersten Frau hatte er vierzig Jahre zusammengelebt. Das Ehepaar hatte keine Kinder gehabt. Dann war die Frau an einer Lungenentzündung gestorben, vor zehn Jahren. Sie war fromm gewesen, den Bauer aber hatte man nie in der Kirche gesehen, auch nicht in der »Stunde«. Nach dem Tode der Frau war er allein geblieben und hatte den Hof bewirtschaftet mit einer Magd und drei Knechten. Übrigens habe er einen schlechten Ruf, als stehe er mit dem Teufel im Bunde. Das Mädchen lachte und liess Goldplomben sehen; sie glaubte nicht daran, aber Tatsache sei, der Leuenberger habe viel Zulauf, von weit herum kämen Leute, um ihn zu befragen, wenn Krankheit im Stall sei, auch bei Menschen, wenn der Doktor nicht mehr zu helfen wisse. Er stünde sonst gut mit dem Doktor, der Leuenberger, sagte das Mädchen; bei den Krankheiten seiner Frauen habe er immer den Arzt beigezogen, den Doktor Pfister, der sei jedesmal ein-, zweimal hier heraufgekommen, der Leuenberger habe ihn gerufen, aber der Arzt habe nichts Rechtes finden können. Darmkatarrh, bei allen dreien, einmal habe er sogar an Typhus geglaubt, bei der zweiten Frau, aber er habe es dann doch nicht kontrollieren können, denn da sei die Frau schon gestorben gewesen. Ja, der Leuenberger sei arg verhasst, besonders bei den Frommen, und von diesen gehe die Sage aus, er stünde mit dem Teufel im Bunde; als ob es so etwas gebe, einen Teufel. Das Mädchen stiess wieder ihr pfeifendes Lachen aus, sie sei aufgeklärt, sagte sie; bevor sie in dies Kaff gekommen sei, habe sie eine gute Stelle gehabt in der Stadt, und jetzt müsse sie hier unter dem Mond leben, bei den »Ruechen«. Aber der Leuenberger, das sei so der Beste hier herum, immer manierlich, immer »Fräulein Rosa« sagte er, und einmal habe er sogar gefragt, ob sie nicht seine Frau sein wolle, wenn er wieder Witwer sei. Warum nicht? Sie glaube doch nicht alles, was die andern da erzählen, und Angst habe sie keine. Als Frau vom Leuenberger hätte sie dann keine Sorgen mehr, es ginge ihr gut, und der Leuenberger habe ihr versprochen, sie dürfe nach Bern fahren, wann sie wolle, er habe schon lange daran gedacht, sich ein Auto anzuschaffen. Und wenn sie dann so ihre ehemaligen Freundinnen besuchen könne und triumphieren über sie, da nehme sie es noch gern mit dem Teufel auf. Aber jetzt müsse sie in der Küche helfen, es wundere sie überhaupt, dass die Wirtin noch nicht gekommen sei, sie zu holen, sie müsse das Mittagessen kochen, ob der Herr auch hier essen wolle? Ja, sagte Studer, gegen halb eins werde er zum Essen kommen, er wolle jetzt zuerst ein wenig bei den Leuten anklopfen, wegen den Düngemitteln.
Der Mantel war trocken, draussen bemühte sich eine schwindsüchtige Sonne, den milchigen Nebel zu trinken, es gelang ihr schlecht, es war zuviel da; sie gab es auf, von der Anstrengung war sie ein wenig rot geworden. Wachtmeister Studer schritt durch die wenigen Häuser, die rechts und links von der Dorfstrasse lagen, er trat hier ein, trat dort ein, zeigte eine biedere Miene und pries Thomasmehl an. Manchmal, wenn die Frau allein daheim war und der Mann fort, im Wald beim Holzen, wurde er in die Küche gebeten, es war nicht schwer, die Frau auf das gewünschte Thema zu bringen. Aber aus allen Gesprächen, die Studer an diesem Morgen führte, konnte er nur zwei ganz unwägbare Gefühle herausdestillieren: die Furcht, die alle Frauen vor dem Leuenberger hatten, und die Überzeugung, dass der Leuenberger drei Frauen umgebracht hatte. Der anonyme Brief war somit erklärt, aber einen Menschen auf Gerüchte hin zu verhaften, das ging nicht. Studer wurde unsicher. Weibergetratsch, dachte er und sah seinen schönen Sensationsprozess zerfliessen, wie den Nebel vor ihm, der gerade jetzt zwei glänzendrote, zierliche Bäumchen freigab. Sie glühten in der Sonne wie flüssiges Erz, und durch eine sonderbare Gedankenverbindung musste Studer an die Hölle denken, so, wie er sie sich als kleiner Bube vorgestellt hatte.

Sie hatten ihm genug vom Teufel vorgeschwatzt, die Weiber, den ganzen Morgen lang. Schon als Bub sei der Leuenberger ein gar merkwürdiger gewesen und habe mehr gesehen als andere Leute. Eine uralte Grossmutter hatte sich erinnert, dass der Berthel, damals erst elfjährig, am Tag der zehntausend Ritter gegen Abend atemlos heimgekommen war, auf der Schwelle sei er zusammengebrochen, und in der Nacht habe er dann gefiebert. Im Fieber habe er immer von einem schwarzen Mann erzählt, der sei auf einem schwarzen Ross über den Galgenhubel geritten. Und der Ritter, der Mann auf dem Ross, der habe keinen Kopf gehabt, aber er habe dem Jungen immer mit der Hand gewinkt. Seit diesem Tage sei der Leuenberger verändert gewesen. Er habe immer viel gelesen, die dicken Bücher, die sein Vater gehabt habe, sein Vater sei auch ein Kluger gewesen, der habe das Vieh besprechen können, und der Grossvater Leuenberger auch. Sie seien vor Generationen hier eingewandert, die Leuenberger, niemand habe gewusst, woher sie gekommen seien.

Kein Sektionsprotokoll, keine richtiggehende Anzeige. Studer nannte sich einen Idioten. Er hätte doch wenigstens, bevor er hier heraufkam, sich an den Arzt wenden können, der die Frauen behandelt hatte, und diesen fragen, ob ihm nichts aufgefallen sei. Es war dem Wachtmeister ungemütlich zumute, er fröstelte (ob er sich wohl diesen Morgen bei dem Sauwetter erkältet hatte?), fühlte sich hin und her gerissen: Sollte er einfach ins Wirtshaus zurückgehen, dort zu Mittag essen und dann sang- und klanglos wieder nach Bern zurückkehren? Aber es hielt ihn etwas zurück. Man blamiert sich nicht gern, wenn man einmal so lange Dienst getan hat. Und sollte er vor diesem Leuenberger einfach ausreissen? Ganz dunkel, und ohne dass er es hätte formulieren können, kam ihm die Überzeugung, dass das Frösteln einfach ein Zeichen der Angst sei. Was Erkältung! Er hatte schon oft, in noch ärgerem Wetter, stundenlang auf der Strasse irgendeinem aufpassen müssen. Furcht vor dem Leuenberger! Er stampfte wütend vorwärts, aber so blindlings, dass die Sohle in eine Wasserlache klatschte und das Wasser an seinen Hosen in die Höhe spritzte. Den Leuenberger wollte er doch noch sehen. Was Teufelsvisionen, das war Mittelalter, und jetzt gehörte es ins Gebiet der Irrenärzte und der psychiatrischen Gutachten. Den Leuenberger wollte er noch kennenlernen!

Da war sein Hof. Studer stellte fest, dass er geträumt haben müsse, denn die roten Bäumchen waren jetzt gerade neben ihm, also war er kaum zehn Schritte vorwärts gekommen. Er nahm einen Anlauf, die nassen Hosen scheuerten an seinem Knie. Rechts von ihm breitete sich ein riesiger Obstgarten aus, alte Bäume, stellte Studer fest, aber vor noch nicht langer Zeit frisch gepfropft. Und dieser Obstgarten liess eine dunkle Erinnerung in ihm auftauchen. Obstbäume – Schädlinge – Schädlingsbekämpfung.
Was brauchte man zur Schädlingsbekämpfung? Arsenite? … Vor der Tür des Hauses blieb Studer einen Augenblick stehen. Ein Giftprozess, bei dem er Zeuge gewesen war, ging ihm durch den Kopf. Was waren doch die Symptome von Arsenvergiftung? Durchfall? Ja, was hatte nur der Experte gesagt? Es sei manchmal schwer, eine Arsenikvergiftung festzustellen; die Ähnlichkeit mit anderen Darmkrankheiten sei gross. Nur die chemische Analyse der inneren Organe könne Sicherheit geben. War da der Angriffspunkt? Aber warum hatte dieser Leuenberger (wenn er ein Giftmörder war, und das war doch nicht bewiesen), warum hatte er dann seine Frauen ermordet? Es waren doch alle arme Meitschi gewesen, hatten sie ihm erzählt. Er hatte doch nichts davon. Warum? Er stiess die Tür auf, der Wachtmeister Studer, legte sein Gesicht in biedere Falten und trat in die Küche. Sie war leer. Im Zimmer nebenan hustete jemand, Studer tappte laut auf den Fliesen, nebenan stand jemand auf, die Verbindungstür wurde aufgerissen, in ihr stand ein grosser, alter Mann und blickte auf den Eindringling.

»Was wollt Ihr?« fragte der alte Mann. Studer war in seiner Rolle, er redete ölig von Thomasschlacke und Düngemitteln, und ob er den Bauern vor sich habe. Und während er redete, hatte er Mühe, dem andern in die Augen zu sehen. Es war schwierig, sehr schwierig, die Lider nicht niederklappen zu lassen, dem Blick des andern standzuhalten. Eine alte Redensart ging dem Wachtmeister durch den Kopf: »Der kann auch mehr als Brot essen.« Und während Studer weiterplauderte, kroch ihm eine feuchte Angst den Rücken hinauf, nistete sich im Nacken ein, füllte den Kopf aus, brachte ihn fast zum Platzen, die Augen tränten, er musste den Blick niederschlagen, und dann schwieg Studer.

Der andere wartete, wartete eine geraume Weile. Dann kam von der Tür eine merkwürdig durchdringende Stimme, einen Ton hatte diese Stimme, der Erschütterungen im Körper auslöste, nicht unangenehme, so wie ein leichter elektrischer Strom. »Tretet näher«, sagte die Stimme. »Ihr seid willkommen. Habt kein freundliches Wetter gehabt, um auf den Berg zu kommen.« Pause. »Und zu mir zu kommen, um Eure Düngemittel anzupreisen. Es wird wohl nicht so sehr pressieren. Ihr bleibet zum Essen bei mir, hab‘ gern einen Gast von Zeit zu Zeit, man hört etwas von der Welt, und gerade jetzt seid Ihr willkommen, jetzt wo ich im Leid bin.«

Wachtmeister Studers Verstand hatte plötzlich jegliches exakte Arbeiten vergessen. Ich mache mich lächerlich, dachte er, während er seinen rundlichen Körper an dem sehnigen des andern vorbeidrückte. Ein helles, warmes Zimmer, die Sonne spritzte viel flüssiges Gelb durch die kleinen Scheiben der Fenster. Es ging wirr zu im Kopf des Wachtmeisters, so einen habe ich noch nicht getroffen, so einen habe ich noch nicht getroffen, dachte er ununterbrochen und fühlte sich als blutiger Anfänger, ohne Überlegenheit, winzig klein, wie ein Büblein in der Schule vor dem Lehrer. Der macht mit mir, was er will, dachte er noch. Studer, Studer, sagte er zu sich selbst, wärst du ins Wirtshaus gegangen, hättest dort gegessen und wärst dann heimgefahren. Studer, was ist mit dir los! Du hast doch schon andere Leute gebodigt, wirst du Angst haben vor so einem Bauer? Du wirst alt, Studer, lass dich pensionieren.
Der Leuenberger war gemütlich; er schien sich glänzend zu unterhalten bei diesem stummen Spiel. »Natürlich«, dachte Studer, »der ist nicht auf meinen vorgeschützten Beruf hereingefallen. Der hat mich gleich erkannt als der, der ich bin. Und so sicher ist er… eine unerschütterliche Sicherheit.« Der alte Leuenberger benahm sich untadlig, machte nicht zuviel Worte, nötigte den Gast auf die Bank am Fenster, setzte sich ihm gegenüber, schwieg. Schwieg lange.

Studer nahm einen Anlauf. »Ihr seid also im Leid?« fragte er, so harmlos als möglich, und auf einen kurzen Augenblick hob er die Augen. Unerträglich, was dieser alte Bauer für einen Blick hatte. Es sah aus, als seien seine Augen aus einem matten Stein, nur dort, wo die Pupillen sassen, drangen zwei spitze Strahlen hervor, anders konnte man das wohl nicht nennen, die trieben einem das Wasser in die Augen. Und Studer klappte wieder mit den Lidern.

»Ja«, sagte Leuenberger, »meine Frau ist gestern begraben worden. Sie ist zu Verwandten gefahren, hat wohl etwas Unrechtes gegessen, sterbend haben sie mir die Leute ins Haus gebracht. Der Doktor hat sie kurz vorher gesehen, kurz vor ihrem Tode. Ein Darmfieber. Ja.« Und Leuenberger schwieg wieder. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, langfingrige Hände, stellte Studer fest, mit gekrümmten Nägeln daran, gelblichen Nägeln, gewölbt.

In der Küche lief jemand herum. »Rösi«, rief Leuenberger, ganz sanft, es klang wie das Mauzen eines Katers; ein junges Mädchen erschien. »Lauf in die Wirtschaft und sag dort, sie sollen nicht auf den Herrn warten, der Herr isst hier.« Schweigend ging das Mädchen. Auch sie hatte den Blick nicht gehoben.

»Also«, sagte Leuenberger und blickte auf die alte Tischplatte, »Ihr wollt mir Kunstdünger verkaufen … oder?« Wenn er die Augen gesenkt hielt, war sicher nichts Besonderes an diesem Bauer, er war ein alter Bauer, wie andere auch, mit einem runden, samtenen Käppchen auf dem Kopf, das mit bunten Seidenblumen bestickt war. »Welche von seinen Frauen hat ihm jetzt das Käppchen gestickt?« dachte der Wachtmeister, und zugleich sollte er antworten, und wieder war dies unangenehme Gefühl im Nacken da, am ehesten erinnerte es noch, dies Gefühl, an den Eindruck, den man in einer Schlägerei hat: Man hat sich nach vorn zu wehren, und plötzlich bekommt man die Warnung, so als ob man Augen hinten im Kopf hätte, hinter dir steht einer mit aufgezogenem Gummiknüppel … und jetzt schlägt er. Furchtsam sah sich der Wachtmeister um. Hinter ihm war ein unschuldiges, niederes Fenster, niemand blickte durch die Scheiben, vor ihm sass ein alter Mann mit gefalteten Händen. Von nirgends her drohte Gefahr. Und doch war es unheimlich in diesem sauberen Bauernzimmer – und ganz schnell schickte der Wachtmeister einen Blick ringsum. Ein alter Schrank, in einer Ecke der breite Ofensitz, ein Bord an der Wand, alte Bücher darauf. Studers Blick blieb an den Büchern haften. Leuenberger sah auf, folgte der Richtung, nickte, sagte, als müsse er eine Frage beantworten: »Alte Bücher, ja, vom Urgrossätti, Bücher, die man nicht mehr findet, mit handschriftlichen Bemerkungen. Ich zeig‘ sie nur nicht gern.« Und wieder das Schweigen. Draussen, in der Küche, das scheue Klappern von Holzböden, das Mädchen musste zurück sein. Pfannen rasselten. Wasser lief. Ein Hahn krähte vor dem Fenster. »Und nicht einmal ein Sektionsprotokoll«, dachte der Wachtmeister, »wie kann man an diesen Menschen herankommen, das Spiel beginnen.« Es kam ihm ein dummer Vergleich in den Sinn, aber er wurde ihn nicht los: Wie beim Jassen, musste er denken, der Gegner hat die Hände voll Trümpfe, er trumpft, trumpft, er hofft, den Match zu machen, nur eine falsche Karte hat er, und beim vorletzten Stich hat man noch zwei Asse in der Hand, welches soll man verwerfen? Verwirft man das falsche, ist man der Lackierte. Auch hier: Der andere hatte alle Trümpfe, aber eine falsche Karte hatte er, das Gefühl hatte Studer deutlich, und er musste verwerfen, verwerfen. Wenn er nicht die richtige Karte behielt, dann war alles verspielt, sein ganzes Leben war nichts wert, hier war ein Kampf, auf seinem Boden eigentlich, er war doch auch ein Bauernsohn! Gott, die Internationalen! So klug waren sie nicht, und die grossen Kanonen kamen ja nie in die Schweiz. Aber dieser Bauer, dieser Leuenberger, der reizte ihn, dem musste er es zeigen. Und dabei hatte das Spiel doch kaum begonnen, und wo war der Einsatz? Diesmal war es nicht ein halber Liter Fendant, es ging um mehr. Ganz geistesabwesend zog Studer sein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn. Er schwitzte.

Dieses Schweigen in dem kleinen Zimmer! Es war nicht zum Aushalten. Und dann wurde es auch noch dunkel draussen, der Nebel hatte sich wohl wieder eingefunden, nein, es regnete, ganz leise plätscherte es gegen die Scheiben. Ihm gegenüber der sanfte alte Mann mit dem Samtkäppli und den gestickten Blumen. Und da spielte der Bauer den ersten Trumpf aus:
»Ihr habt Euch gar viel um mich interessiert, Herr«, sagte er, mit einer so stillen, unbeteiligten Stimme, und ganz ruhig blieb er dabei, einen Moment nur blitzten die Strahlen aus den versteinten Augen. »Was meint Ihr?« fragte Studer unbedacht und hätte das Wort so gerne wieder eingefangen, er hätte schweigen sollen, Schweigen war das Beste, was hatte der alte Untersuchungsrichter gesagt? Und er seufzte, denn er dachte: »Untersuchungsrichter haben gut reden, die sitzen in ihrem Büro, wir haben die Vorarbeiten getan, sie thronen hoch oben, sie haben Autorität. Ich möcht‘ einen Untersuchungsrichter an meiner Stelle sehen.« Aber der andere schien das Spiel auch zu kennen, denn auf die Frage des Wachtmeisters schwieg auch er und blickte nur still und ruhig auf seine gefalteten Hände. Dann sagte der Leuenberger mit seiner tönenden Stimme: »Ja, drei Frauen hab‘ ich verloren in den letzten Jahren, es muss ein Fluch sein auf meinem Hof«, und schielte lauernd zu seinem Gast, wie das Wort »Fluch« wirken werde. Aber nun hatte der Wachtmeister etwas gelernt, das Taschentuch behielt er zwar in Händen, aber er verschränkte die Finger darüber und nickte scheinheilig.

Das Mädchen brachte das Essen, es war Speck, Sauerkraut, Erdäpfel. Die Männer assen schweigend. In der Küche trampten die Knechte, der Wachtmeister hörte, wie sie absassen, hörte das Klappern der Löffel in den Tellern, spitzte die Ohren, ob er nicht ein Wort erhaschen könne, durch die angelehnte Tür. Die Knechte assen schweigend, Stühlerücken, sie klapperten hinaus, das Mädchen kam ins Zimmer, räumte den Tisch ab, stellte eine Flasche »Brönnts« auf den Tisch, zwei Gläser, verliess wieder das Zimmer. Das waren keine Schnapsgläser, das waren Weingläser. Der Leuenberger füllte die Gläser, trank das seine mit einem Ruck leer, der Wachtmeister folgte dem Beispiel, er hätte am liebsten einen langen Fluch hinausgeschmettert, aber mitten drin wäre ihm der Atem ausgegangen. Das war ja Salpetersäure! Der Leuenberger verzog keinen Muskel im starren Gesicht. »Ein gutes Schnäpslein«, sagte er, und es schien dem Wachtmeister, als grinse er auf den Stockzähnen. Und dann spielte er den zweiten Trumpf aus: »Was hat sich die Polizei in Bern um meine Angelegenheiten zu kümmern, dass sie einen Wachtmeister zu mir heraufschickt? Hab‘ ich etwas verbrochen?« War es der Schnaps, der zu wirken begann, war es der offenkundige Hohn, plötzlich war Studer ganz klar »im Grind«, wie er sagte. Die Ängstlichkeit war plötzlich fort, er fühlte plötzlich ganz deutlich, der da gegenüber ist reif, jetzt ihm nur Zeit lassen, jetzt mit ihm saufen den ganzen Nachmittag lang. Noch einmal verwirrten sich seine Gedanken, ganz kurz, er dachte an seine Gesundheit: Bei deinem Herzen, dachte er, kann es dich einen Schlag kosten. In Gottes Namen, dachte er weiter, die Kinder sind fast erwachsen, die Alte hat die Pension, war wieder klar, zog das Schnupftuch, tat verlegen, schneuzte sich, bevor er antwortete, und liess seine Antwort ganz kläglich klingen: »Oh, gegen Euch hat man apartig nichts, aber es sind natürlich immer böse Mäuler um den Weg, und wir haben da einen Brief empfangen, der …« Er zögerte scheinbar, dann zog er den Brief aus der Tasche und legte ihn vor den Bauer hin.

Jetzt zog der Bauer das Schnupftuch, hielt es einen Augenblick wie zögernd in der Hand, dann kam die Brille zum Vorschein, er putzte die Gläser, mitten in diesem Geschäft störte ihn der Wachtmeister: »Rauchet Ihr?« und hielt ihm eine längliche Tasche voll brandschwarzer Toscani hin. Leuenberger sagte: »Ich danke auch …«, wählte eine, legte sie neben sich, putzte die Brille fertig, setzte sie umständlich auf; da hatte Studer schon ein Streichholz angebrannt, bot dem Bauern Feuer, das Zündholz verbrannte dem Wachtmeister schon die Finger, er hielt aus (dunkel fühlte er, hier kam es auf solche Kleinigkeiten an, auf Unbeteiligttun, auch wenn man sich die Finger verbrennt), endlich brannte die Zigarre, Leuenberger spie sittsam Rauchschwaden aus, wie eine wohlerzogene Lokomotive, goss die Gläser voll, schluckte die Salpetersäure und beobachtete dabei den Wachtmeister. »Un homme averti en vaut deux«, dachte Studer und ärgerte sich, dass ihm heute soviel Welsches im Kopf herumspukte. Aber er trank das Zeug gelassen aus, schnalzte dann sogar mit der Zunge, und jetzt war er es, der sagte: »Ein gutes Schnäpslein.« Der Leuenberger beugte sich über den Brief. Er studierte ihn lange und aufmerksam, schob ihn dann zurück. »Ja«, sagte er, »es gibt böse Leute auf dieser Welt.« Wieder das Schweigen. Der Regen pritschelte an die Scheiben, es war ein schmutziges Dämmerlicht im Zimmer. Die Männer rauchten. Wenn nur nicht diese Stille über dem Hof gewesen wäre. Studer fühlte, wie ihn die Gefahr wieder im Rücken bedrohte, darum sagte er, und es klang mehr wie eine nebensächliche Feststellung: »Den Frauen wird’s nicht wohl sein in der nassen Erde auf dem Friedhof, bei dem Wetter.«
»Was gehen mich die Frauen an, mein Grossätti hat sechse begraben.«

»Die richtige Blaubartfamilie«, sagte der Wachtmeister, und kaum waren die Worte heraus, hätte er sich mit den Fäusten an den Kopf kläpfen können. Solche Dummheiten zu sagen. Aber die Antwort war scheinbar doch richtig gewesen, denn der andere bekam einen sonderbaren Tick in die Mundwinkel, man konnte es gerade noch sehen, die Mundwinkel zitterten. Jetzt nahm Studer die Flasche vom Tisch und goss die Gläser voll, es war gegen die Etikette, er wusste es, aber jetzt scherte er sich den Teufel um die Etikette, er musste den andern teig machen, teig wie eine Birne, die man in der Hand zerquetscht. »Zum Wohl«, sagte er, der Bauer zögerte, dann trank er, und wieder war es Studer, der sich zu bemerken erlaubte: »Ein gutes Schnäpschen.«

Da stand der Leuenberger auf, drehte das Licht an. Fast hätte der Wachtmeister durch die Zähne gepfiffen, die Augen des andern waren gar nicht mehr steinern, sie schwammen, die Augen, sie waren feucht! Dass er jetzt das Schweigen bewahrte, rechnete sich der Wachtmeister später hoch an, obwohl … Der Leuenberger setzte sich nicht wieder, mit einer merkwürdig brüchigen Stimme sagte er, er habe draussen noch einen besonders guten Tropfen, ob er den noch holen dürfe? Sonderbar untertänig fragte er dies. Der Wachtmeister nickte. Er tat gut gelaunt, obwohl es ihm plötzlich kotzübel wurde und schwarz vor den Augen. Er biss die Zähne zusammen, schneuzte sich, dass ihm schier der Kopf platzte, »nur jetzt nicht abgehen«, dachte er, »sonst hat das Ganze keinen Sinn gehabt, aufpassen jetzt!« Er schrie es sich innerlich zu. Und es half. Der Leuenberger ging hinaus, er blieb lange fort, der Wachtmeister wäre gern hinausgegangen, um sich zu erleichtern, er hielt aus, wie ein Soldat auf verlorenem Posten.

Endlich kam der Bauer wieder ins Zimmer. Er hielt eine kleine Flasche in der Hand, sie war verstaubt. Aber sie war schon entkorkt; der Bauer hielt sogar noch den Pfropfenzieher mit dem Korken daran in der Hand. War es dieser Umstand, der dem Wachtmeister verdächtig vorkam? Er hätte es später nicht sagen können. Aber der Leuenberger machte eine zweite Dummheit, er sagte nämlich: »Ich hab‘ genug getrunken, probiert ihn allein, Herr.« Jetzt hat er die Farbe verraten, die Farbe der falschen Karte, fast hätte es der Wachtmeister hinausgebrüllt, aber so nahm er nur dem andern die Flasche aus der Hand und den Pfropfenzieher, drehte sorgfältig und langsam den Korken ab, verschloss die Flasche, steckte sie in die Tasche, in dieselbe Tasche, in der er die Toscani trug, und sagte mit ganz neutraler Stimme (jetzt war er wieder der Fahnder-Wachtmeister Studer von Bern, eine Amtsperson): »Die Flasche will ich lieber dem Gerichtschemiker mitbringen.« Einen Augenblick stand der Leuenberger noch kerzengerade, dann hockte er ab, stützte den Kopf auf eine Faust und stierte auf den Tisch.
»Es war doch nur wegen dem Fliegen können«, sagte er, wie aus einem Traum heraus.
Der Wachtmeister schwieg. Wollte der da Komödie spielen? Der sollte jetzt ausspucken, und wenn auch keine Zeugen für das Geständnis da waren, jetzt konnte man doch die Exhumation beantragen, jetzt hatte er, der Wachtmeister Studer, doch das richtige As behalten – aber um Gottes willen kein Wort reden! Ein wenig Mitleid hatte er mit dem Mann, vielleicht war er doch ein wenig verrückt gewesen? Aber gerade in das Mitleid hinein stachen ihm wieder die seidengestickten Blümlein auf des Bauern Samtkappe in die Augen. Die Finger, die das gestickt hatten, die waren verfault, die hatten sich vielleicht im Todeskampf gebogen, und niemand hatte ihnen geholfen, den Fingern. Er war wohl auch beschwipst, der Wachtmeister, dass ihm solche Gedanken kamen. Jetzt sprach der andere wieder: »Ja, wegen dem Fliegen. Der Grossätti hat es doch in seinem Buch geschrieben gehabt, nach der siebenten toten Ehefrau da bekommt man die Gewalt, da kann man fliegen. Ihm ist’s fast gelungen, aber die siebente hat ihn überlebt. Sonst… sonst hätte er fliegen können.«
»Aber Mensch«, brüllte ihn der Wachtmeister an (er brüllte wirklich, so etwas Verrücktes, und der viele Schnaps den ganzen Nachmittag). »Aber Mensch, und die Alpenflüge? Auf jedem Flugplatz kannst du doch fliegen.«
Da blickte ihn der Leuenberger unendlich überlegen an, seine Augen versteinten wieder, das alte Leuchten durchstach die Pupillen, und ganz leise, mit seiner alten, tönenden Stimme sagte er: »Und die Unsterblichkeit? Kann ich die mir auch auf dem Flugplatz kaufen? Es heisst: Und wirst fliegen können bis ans Ende der Tage der Welt, und nichts wird dir verborgen sein.« Er sprang auf, holte eins der alten Bücher vom Wandbord, schlug es auf. Mühsam entzifferte der Wachtmeister die altertümliche Handschrift. Ja, da stand es. »Bis ans Ende der Tage.«
Er nahm das Buch unter den Arm. »Komm jetzt mit, Leuenberger«, sagte er sanft. »Das andere wird sich finden.«

Sie zogen den Berg hinab, durch das stille Dorf. Der Leuenberger wehrte sich nicht. Im kleinen Städtchen lieferte ihn der Wachtmeister ins Bezirksgefängnis ein, nach einer telephonischen Unterredung mit Bern.
Aber der Wachtmeister Studer kam um seinen wohlverdienten internationalen Ruhm, das »Journal« brachte weder sein Bild noch eines jener schmeichelhaften Beiwörter, die von den Franzosen so gut beherrscht werden; denn der Leuenberger erhängte sich in der gleichen Nacht in seiner Zelle. Und niemand weiss, ob seine Seele nicht doch das Fliegen gelernt hat.

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Friedrich Charles Glauser (* 4. Februar 1896 in Wien; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua) war ein Schweizer Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren und wurde vor allem durch seine fünf Wachtmeister-Studer-Romane bekannt.

Quelle: Das erzählerische Werk. 4 Bände, hrsg. v. Bernhard Echte. Limmat Verlag, Zürich 1992/1993
Band 2: Der alte Zauberer, ISBN 3-293-20186-5

Amalie Skram • Knud Tandberg • Eine Novelle

„Knud Tandberg“ ist eine bezaubernde und aufrichtige Novelle über die Beziehung zweier Eheleute, die sich fremd geworden sind und nach einem Weg suchen, ihr Glück wiederzufinden. 

Amalie Skram (1846-1905) – norwegisch-dänische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – beschäftigte sich in ihren Werken mit der traditionellen Sicht auf die Rolle der Frau, Generationenkonflikten und sozialen Missständen.

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Amalie Skram
Knud Tandberg

Amalie_Skram_SignaturKnud Tandberg lag auf dem Sofa im Musikzimmer. Er streckte seine Glieder, so daß es krachte, ballte die Hände und machte gymnastische Bewegungen mit den Armen, wobei er vor sich hinsummte: »Tralala, fertig für heute; tralala, hinaus, um sie zu sehen!« Bei den letzten Worten, die er mehrmals wiederholte, dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern, zwinkerte mit den Augen und bewegte die Lippen so, wie man mit einem Taubstummen zu sprechen pflegt.
Das Zimmer war geräumig, aber reich möbliert, es hatte ein breites Fenster, das nach der Christian-August-Straße hinausging. Bücher und Musikalien lagen rings umher auf den Möbeln. Ein Notenständer von messingbeschlagenem Ebenholz mit einem aufgeschlagenen Notenheft stand in der Nähe des Fensters. Auf der Chaiselongue lag eine Violine, und auf dem Fußboden, gegen einen Stuhl gelehnt, standen mehrere Bogen. An den Wänden hingen Brustbilder von Grieg und Kjerulf und einigen deutschen Komponisten. Eine mächtige Porträtbüste in Elfenbeinmasse von Richard Wagner auf einer schwarzen Säule füllte die Ecke hinter dem Flügel aus. Der Schreibtisch war mit einem bunten Durcheinander von wunderlichen Kleinigkeiten bedeckt. Im ersten Augenblick konnte man sich nicht so recht klarmachen, was es eigentlich alles war, sah man aber genauer hin, so unterschied man Damenfächer, Pfauenfedern, japanische Pappsachen, kleine, geschliffene Flakons mit Überresten von verschiedenen Essenzen, bunte Bandenden und seidene Schleifen mit vergoldeten Kokarden, die auf Samtkissen befestigt waren, chinesische Dosen und eine Unmenge kleinerer Schnurrpfeifereien. Und inmitten dieses Chaos standen dann urplötzlich ganz vernünftige Dinge, wie Büsten von Björnson und Sverdrup, ein paar antike Kandelaber und ein hübsches Schreibzeug aus Bronze, mit einer Minervafigur verziert.
Tandberg richtete sich halb auf und schob einen Lehnstuhl fort, der dicht neben seinem Kopf stand, dann zog er einen mit drapfarbenem Peluche und golddurchwirkten Fransen montierten Rauchtisch an dessen Platz, nahm eine Zigarre aus einem auf der unteren Platte stehenden Kasten, zündete sie an, rückte sich den Aschbecher bequem zur Hand, lehnte sich in die Polster zurück und begann zu rauchen, gemächlich und qualmend.
Er sah mit einem träumerischen, halb schalkhaften Blick gerade vor sich hin. Die äußeren Augenwinkel waren dicht zusammengekniffen, und um den kleinen, runden Mund mit der stark nach oben geschweiften Oberlippe lag ein Lächeln, das dem eines Seligberauschten glich.
Er lag da und dachte an Margrete von Falsen und an das Verhältnis, das sich zwischen ihnen entwickelt hatte.
»Tod und Teufel!« rief er plötzlich aus und ließ seine geballte Hand auf die überpolsterte Rücklehne des Sofas fallen.
Zuweilen konnte es ihn überkommen wie eine schwindelnde Angst, wenn er darüber nachdachte, wie wahnsinnig das Ganze im Grunde war. Er, ein verheirateter Mann, und sie, das junge, sorgfältig erzogene Mädchen mit ihrer altadligen, vornehmen Familie und dem strengen, kleinen Staatsrat von Vater!
Aber auf der anderen Seite – welch ein Mädchen! Es war ja nicht zum Aushalten – so wie sie ihn im Sturm genommen hatte – diesmal war er wirklich schuldlos – wenigstens beinahe. – Schön war sie eigentlich nicht, mit der kleinen, lustigen, rundlichen Nase und den schiefliegenden blaugrauen Augen, die übrigens glänzen und strahlen und sich festbohren konnten, so daß es einem durch alle Nerven ging. Und dann besaß sie die bezaubernde Frische der ersten Jugend in ihrer gelbbleichen, schimmernden Haut, in der geschmeidigen Festigkeit ihrer Figur, in ihrem dichten, schwarzglänzenden Haar, in ihren roten, feingezeichneten, ein wenig schmalen Lippen, in den schönen, strahlenden Zähnen, in ihrer weichen, verführerischen Stimme, in ihren tadellosen Händen und Füßen, in ihrem heißen, unbändigen Blut – ja, in jeder Pore ihres herrlichen Körpers.
Er hatte sie zum erstenmal vor ein paar Monaten getroffen, als die Künstler im Saal des Studentenvereins lebende Bilder zum Besten der Hinterbliebenen eines verstorbenen Malers veranstalteten.
Mit genauer Not und nur durch verschiedene Intrigen von seiten ihrer Freunde und Freundinnen war es gelungen, dem Staatsrat die Einwilligung zu ihrer Mitwirkung abzuringen. Tandberg war im Komitee gewesen, er hatte die Kostüme arrangiert und die Damen geschminkt, und bei der Gelegenheit hatte er mit ihr gescherzt und ihr den Hof gemacht, wie das seine Art war, ohne daß er sich weiter etwas dabei dachte.
Alle, die ihn kannten, nahmen es nicht für Ernst. Es kursierten so viele Geschichten, wie er an einem Abend so völlig von einer Dame hingerissen sein konnte, daß er außer ihr nichts sah und hörte und beim Abschied erklärte, das Leben habe keinen Wert für ihn, wenn er sie nicht bald wiedersehen könne – und wie er sie dann bei der nächsten Begegnung oft kaum wiedererkannte. Man erzählte sich sogar, er habe zu verschiedenen Malen ein Stelldichein verabredet und sei dann ausgeblieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er es vergessen hatte.
Aber noch immer gab es junge Damen, die sich in ihn verliebten und ihm das auf verschiedene Weise zeigten; anfänglich amüsierte es ihn, gar bald aber fing es an, ihn zu ermüden und zu langweilen.
Dann pflegte er zu seiner Frau zu kommen und zu sagen: »Der kleine, dumme Backfisch hat sich in mich verliebt; hilf mir, befreie mich von ihr, Liebste!« Oder: »Die alte, verrückte Person hat sich etwas in den Kopf gesetzt; wenn wir nun mit ihr zusammentreffen, mußt du mir beistehen.«
Birgit, seine Gattin, schüttelte dann wohl den Kopf und erwiderte: »Du solltest doch endlich einmal aufhören mit der Courmacherei, Knud. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.«
Und jetzt war Birgits scherzende Prophezeiung in Erfüllung gegangen.
Daß ihm das wirklich passieren mußte! Du großer Gott, wer hatte das gedacht! Obgleich – ja – im Grunde hatte sie ihn vom ersten Augenblick an interessiert.
Die Art und Weise, wie sie seinen Worten gelauscht hatte, und der Blick, mit dem sie ihn ansehen konnte, wenn er sagte, ihr Organ wirke wie »Lieder ohne Worte« – oder, ihr Lachen sei ganz »Wagnerisch«, – so weitoffen, fragend mit einem flüchtigen Schimmer von Angst oder Jubel, der dann plötzlich erlosch, während die Farbe aus ihrem ausdrucksvollen Gesicht schnell wechselte.
Und so wie ihre Augen ihn suchten und fanden, wie weit von ihr entfernt er auch stehen mochte, diese Augen, die flehten und forschten und ihn magnetisch an sich zogen! Wenn er aus der Entfernung unvermutet ihrem Blick begegnete, hatte er die lebhafte Empfindung, als rufe sie ihn.
Und wenn er sie zum Tanz aufgefordert hatte – diese zitternde, elastische Bewegung, mit der sie ihren Arm in den seinen legte! Niemals hatte er eine so strahlende Freude in den Mienen eines Menschen gesehen, und nicht Freude allein – es lag etwas in ihrem Ausdruck, als könne sie plötzlich anfangen zu weinen.
Und dann damals, als er ins Ankleidezimmer kam und sagte, daß der Vorhang für das nächste Tableau in drei Minuten aufgehen würde, und alle auf die Bühne hinausstürzten und sie allein stehen blieb und mit zitternden Fingern an ihrer Tirolerjacke zupfte! Dann hatte er etwas gesagt, daß ihr Haar nicht ganz richtig aufgesteckt sei, und sie hatte ihm den Kopf zugewendet und ihn mit einem Blick angesehen, daß es ihm eiskalt den Rücken hinablief. Er war so wunderbar bewegt, fast verlegen geworden, und um ganz unbefangen zu erscheinen, war er an sie herangetreten und hatte etwas an ihrer Frisur geändert, eine lange Flechte gelöst, so daß sie ihr über den Rücken hinabgefallen war. Dann war er ein wenig zurückgetreten, um sie zu betrachten und hatte zu ihr gesagt: »Sehen Sie in den Spiegel und sagen Sie mir, wie Sie es finden.« Sie aber hatte den Kopf geschüttelt, hatte schwach gelächelt und erwidert: »Es wird wohl gut sein, da Sie es getan haben.« Dann hatte sie sich ihm zögernden Schrittes und mit gesenktem Blick genähert, seine Hand ergriffen und sie an ihre Wange gepreßt; im selben Augenblick aber hatte die Glocke geschellt und pfeilschnell war sie durch die Tür gehuscht, ohne sich umzusehen.
An jenem Abend aber hatte er sich dabei ertappt, daß er, nachdem er nach Hause gekommen war, an sie dachte.
Und dann am Abend der Vorstellung. Was da geschehen war, hatte den Ausschlag gegeben. Zum Schluß hatte man bis spät in die Nacht hinein getanzt. Mehrmals hatte sie zu ihm gesagt, jetzt müsse sie nach Hause, der Wagen habe schon so lange gewartet, er aber hatte sie überredet, noch zu bleiben. Endlich war sie jedoch in die Garderobe gegangen, um sich anzukleiden. Er hatte ihr nicht sogleich folgen können, weil ihn im selben Augenblick einige Damen anredeten, wenige Minuten später aber stand er in der Tür und sah sie auf dem Sofa sitzen, die Hände auf den Knien, das Haupt tief über die Brust gesenkt. Sie machte keine Bewegung, als er sich näherte; es war, als höre sie nicht, daß er kam. Er setzte sich neben sie und sagte in traurigem Ton: »So hat es also heute abend ein Ende?« Sie erwiderte nichts. »Ich will Sie begleiten,« fuhr er nach einer Weile fort, »Sie sollen nicht allein fahren.« – »Meine Jungfer ist da,« antwortete sie tonlos, »sie sitzt im Wagen und wartet auf mich.« – »Ach,« seufzte er, »das ist ja ärgerlich,« – Sie saß noch immer unbeweglich da, mit gesenktem Haupt wie eine geknickte Blume.
»Wollen Sie mir nicht ordentlich Lebewohl sagen?« begann er dann. Sie vergrub ihre Finger krampfhaft in den Falten ihres seidenen Kleides, rührte sich im übrigen aber nicht.
»Es waren schöne Tage,« fuhr er fort, indem er tief aufatmete, – »das Schlimmste ist nur, daß ich Sie so entsetzlich entbehren werde.«
Sie richtete sich hastig auf. »Ist das wahr?« Ihre Stimme klang so wunderlich; sie bebte vor Lachen und Weinen. »Ist das wahr? Ah! Sagen Sie, ob es wahr ist«, wiederholte sie, ihn mit einem Blick ansehend, als hinge Tod und Leben von der Antwort ab.
»Leider ist es nur allzuwahr«, erwiderte er murrend. »Es ist verteufelt dumm, sich so zu verlieben«, fügte er ärgerlich hinzu.
Sie starrte ihn mit großen Augen und leichenblassem Gesicht an. Dann griff sie sich nach dem Herzen und atmete tief auf, gleichsam schluchzend, worauf sie sich erhob, schwankenden Schrittes nach dem Garderobehalter ging und tastend zwischen den Mänteln suchte.
Er erhob sich ebenfalls. »Wollen Sie mir nicht ordentlich Lebewohl sagen?« fragte er. Sie wandte sich mit einer plötzlichen Bewegung um und stand einige Sekunden unschlüssig, kämpfend da. Dann breitete sie schnell die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und warf sich ihm an den Hals, indem sie in ein heftiges Weinen ausbrach. Er preßte sie an sich und küßte sie weich und lautlos auf Hals und Nacken. Dann gab er sie frei, sie nahm ihren Mantel, und er half ihr ihn anziehen: sie drückte ihm die Hand und sah ihn mit dem Blick einer Nachtwandlerin an. Er flüsterte: »Treffen Sie mich morgen abend um sieben Uhr bei Skarpsno.« Sie nickte, er führte sie an den Wagen und wußte selber nicht, wie er die Treppe wieder hinaufgekommen war, und wo er sich eigentlich befand, bis seine Frau an ihn herantrat und sagte: »Was hast du nur, Knud? Du siehst ja aus. als seiest du in einem verzauberten Berg gewesen und könntest dich noch gar nicht recht besinnen, daß du jetzt deine Freiheit wiedererlangt hast.«
Und er hatte so herzlich über ihre Worte gelacht und hatte ihr den Arm gereicht und mit ihr getanzt, und sie hatte nicht geahnt, daß er lachte, weil er glücklich war, ganz außer sich vor Glück und so ausgelassen, voll mutwilliger Freude darüber, daß sie, ohne es zu wissen, eine so treffende Bezeichnung für seinen Zustand gefunden hatte.
Denn genau so, wie seine Frau sagte, verhielt sich die Sache. Alle diese Jahre, die er gelebt hatte, ohne verliebt zu sein, war er in einem verzauberten Berge gefangen gewesen. Es war, als habe er eingeschlossen zwischen Unholden und Erdgeistern gesessen, bis er selber fast zum Geist geworden war. In der Verliebtheit, in der rücksichtslosen, sinnlosen Verliebtheit allein war Leben, ein Leben in Freiheit und im Sonnenlicht, mit einem weiten Himmel über sich und einem endlosen Raum um sich, ein Leben mit pochender Freude in jedem Pulsschlag, mit unerschöpflichen Kräften zu arbeiten, sich zu entwickeln, zu geben und zu genießen.
So war er einstmals in seine Frau verliebt gewesen, aber das war lange her. Die peinliche Leere, die über ihn gekommen war, als er gefühlt hatte, daß es vorbei war! Und wie er sich abgemüht hatte, um den alten Zustand wieder zu erzwingen! Denn er wußte nur zu gut, daß, wenn er Birgit nicht mehr liebte, auch nichts Gemeinsames mehr zwischen ihnen war. Dem einzigen, was Bedeutung für ihn hatte, der Musik, stand sie ganz kalt und verständnislos gegenüber. Nie war ihm ein so unmusikalischer Mensch begegnet. Und dann hatte sie eine fast verletzende Art, darüber zu reden, als wolle sie allen, die möglicherweise diesen Mangel bei ihr berühren konnten, ein für allemal den Mund schließen.
Er war melancholisch und mißmutig geworden, war oft ungereimt, mürrisch und lebensüberdrüssig gewesen, Pessimist mit lichten Momenten, wie Birgit ihn nannte.
In dieser Periode hatte er ein spanisches Lied in Musik gesetzt, das er während des Winters, den er vor seiner Verheiratung im Auslande zugebracht, in Madrid erlernt hatte:
»Porgué volveis à la memo ia mia
Tristes reduerdos del placer perdido?
Porgué la anciedad y agonia
De esta desierta corayon heriodo?«

Was kehrt ihr denn zu mir zurück.
Traurige Erinn’rungen an ein verloren Glück?
Was soll die Angst in dem verlass’nen, wunden Herzen
Was soll’n der Kampf, die bittern Todesschmerzen?

Und dann war er auf einmal vergnügungssüchtig geworden, hatte alle Lust Zur Arbeit verloren. Er hatte während der letzten vier Jahre nicht das geringste komponiert, ausgenommen einige kleine Lieder, die keinen weiteren Wert hatten. Er war nicht dazu imstande, es war ihm ganz unmöglich. Er war vollständig zu einer Maschine geworden, die den Zuschuß an Einnahmen einbrachte, der notwendig war, wenn die Zinsen des Vermögens ausreichen sollten.
Und dann ging er umher und machte den Damen die Cour – Pfui! Er konnte dem Ganzen die Zunge ausstrecken! – Wie er sich anstellte und gebärdete, um einer pikanten Stunde, um eines flüchtigen Zeitvertreibes willen mit diesen übrigens oft ganz unbeschreiblich süßen, amüsanten, kleinen Vögeln, die gleichsam auf der Wippe saßen; man brauchte nur mit dem Finger daran zu rühren, so hüpften sie schon herab und ließen sich fangen.
Und diese dreißigjährigen Frauen, die ein übermäßiges Entgegenkommen bewiesen, wenn man sie nur ansah und die ganz voll waren von Vertrauensdrang und Lüsternheit, etwas von dem zu erleben, was sie in den französischen Romanen lasen.
Er mußte bei dem Gedanken lachen. Was hatte er doch alles erlebt! Es war doch immer etwas dabei, was sich des Mitnehmens verlohnte.
Jetzt aber –
Eine Woge von Glückseligkeit durchströmte ihn, wenn er an den Unterschied dachte. Die Genien des Glückes, der Freude, der Liebe hatten alle ihr Füllhorn über ihn ausgeschüttet. Auf der ganzen Welt gab es keinen Sterblichen, der ein so großes Glück sein eigen nannte wie er.
Großer Gott! Wie vernichtend süß es doch war!
Zum Beispiel das erste Stelldichein da draußen bei Skarpsno: Wie ängstlich hatte sie sich an ihn geschmiegt, ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können. Er hatte versucht, sie zu beruhigen, und hatte sie gefragt, ob sie den Schritt bereue, auf den sie sich eingelassen hatte. Da aber hatte sie energisch den Kopf geschüttelt und erwidert, sie habe sich nur geängstigt, daß er möglicherweise ausbleiben könne. Und wie sie ihn unter den Bäumen geküßt und ihm versichert hatte, daß sie, selbst wenn ihre Eltern und ihre Geschwister und die ganze Stadt mit den Fingern auf sie zeigen würden, ihn dennoch lieben und ihm angehören wolle für alle Zeit und Ewigkeit! Und alles, was sie ihm erzählt von den Kämpfen, die sie durchgemacht, ehe sie sich klar darüber geworden, daß das, was so urplötzlich über sie gekommen war, die Liebe sei. Dann aber habe sie zu sich selber gesagt: Wenn er dich nur ein einzigesmal in seine Arme schließen, dich an sein Herz pressen und dich küssen will, so willst du mit deinem Leben dafür büßen. – Und – er mußte lachen – wie sie ihn bei der Schulter gepackt, ihn geschüttelt und gerufen hatte: »Glaubst du das nicht? Glaubst du das nicht? Ah! Du sollst es sehen.« Ja, da war kein Anfang und kein Ende, kein Ziel und keine Grenzen – Margrete war zu entzückend!
Und als er sie so geschickt bei seiner Mutter und seinen Geschwistern und natürlich auch bei sich selber eingeführt hatte – ihre bezaubernde Keckheit, ihr Talent, sich in die Situationen hineinzufinden und sie zu beherrschen, und zwar so, daß er aus tausenderlei Kleinigkeiten doch immer herausfühlte, daß ein unsichtbarer Feuerstrom von ihr zu ihm herüberging!
Es war eine herrliche Zeit gewesen, diese verflossenen Monate. Und das beste war, daß er mit jedem Tag, der verging, immer verliebter wurde. Es war doch das beste auf der Welt, so völlig von einem weiblichen Wesen erfüllt zu sein. Zu welch einem Jubel gestaltete sich das Leben, wenn es eine solche Liebe enthielt!
Wenn er nur frei gewesen wäre, so daß er nicht nötig gehabt hätte, eine andere um ihretwillen zu hintergehen! Das war so peinlich und unschön. Er litt unter dem Gedanken an den Verrat, den er gegen seine Gattin übte. Und dann war Margrete auch viel zu gut, um dem verdächtigen Klatsch ausgesetzt zu werden, den ein geheimes Liebesverhältnis, und noch obendrein mit einem verheirateten Manne, im Gefolge haben mußte. Wie viele Demütigungen und Unannehmlichkeiten hatte sie nicht schon erdulden müssen! All dies Gerede und diese Gerüchte, die über sie im Umlauf waren, und die bis an das Ohr der Eltern gedrungen waren! Bis dahin hatte sie sich herauszureden gewußt, hatte sie es verstanden, den Verdacht ihrer nächsten Angehörigen zu beschwichtigen; aber das hatte Mühe gekostet. Dies Gewebe von Lügen und Vorwänden, in das sie sich hatte einspinnen müssen, um die Stelldichein zu ermöglichen, und das bei der geringsten Gelegenheit, der leisesten Unvorsichtigkeit zerreißen mußte! Sie hatte den Diener bestechen müssen, der sie zu holen pflegte, wenn sie allein aus war.
Und wenn ihre Eltern nun durch irgendeinen Zufall das Verhältnis entdeckten? – Ihr Vater würde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit aus dem Hause jagen, und was sollte dann aus ihr werden? Sie bewegte sich fortwährend, wie sie sich selber zuweilen mit einer komisch bedenklichen Miene ausdrückte, auf einer unsicheren Planke, die über einem Abgrund lag und jeden Augenblick in die Tiefe hinabstürzen konnte. Aber das war ihr einerlei. Stürzte sie, so stürzte sie.
Ja, sie war wirklich ein Mädchen, das lieben konnte, so daß es eine Art hatte. Und er stand ihr nicht nach darin. Gott weiß, er konnte in Wahrheit sagen, daß seine Gefühle ebenso echt waren wie die ihren. Er glaubte ja – ach Unsinn! Er wußte es ja, daß – – nun, er war eigentlich zu alt, um eine Redensart wie »fürs ganze Leben« in den Mund zu nehmen, aber er tat es trotzdem. Das war ja das bezaubernd Herrliche bei der Sache, daß er wieder ganz jung geworden war, so ganz ausgelassen, wahnsinnig jung, daß er, der Himmel war sein Zeuge, gern eine neue Ehe eingegangen wäre, wenn es kein Hindernis gegeben hätte – er, der sooft behauptet hatte, die Ehe sei ein übertünchtes Grab, in dem selbst die innigste Liebe welken und verdorren müsse! Er hatte ja Beispiele genug, denn wenn es nur mit ihm allein der Fall gewesen wäre, so hätte er schweigen müssen, – er war nun einmal so ein unersättlicher Künstlerleib, der sich an der alltäglichen Kost nicht konnte genügen lassen – aber es ging ja überall so. Was wurde denn in den besten Fällen aus den Ehen? Ein mattes Gefühl für einander, ein gewohnheitsmäßiges Auswechseln von lauen Liebkosungen. Ja, ja, und dann natürlich die Rücksichten, welche die Kinder und die gemeinsamen ökonomischen Interessen erheischten! Und trotzdem, obwohl er dies alles wußte und keinen Augenblick daran zweifelte, daß es so war – was hätte er nicht dafür gegeben, wenn er sie zu seiner Gattin hätte machen können! Aber das war ja, wenn auch nicht völlig, so doch fast unmöglich. Sie auf dem Wege einer Scheidung erringen? Er fürchtete, daß er weder den Mut haben würde, anzufangen, noch die Energie, es durchzusetzen. Und dann die Auflösung des ganzen heimischen Nestes. Das war gerade kein verlockender Gedanke für ihn. Er hatte sich dort ja während all dieser Jahre so warm und gemütlich gefühlt; er hatte sich daran gewöhnt, sich sein Heim in dieser Gestalt vorzustellen.
Und dann alles das, was eine Scheidung unvermeidlich im Gefolge hat, der Skandal, der Pranger, das Spießrutenlaufen durch Klatsch und Verleumdungen, und der Schrecken und die Spaltung in der Familie, die ein solcher Schritt mit sich führen mußte, und alle die Beschwerden, bis die Sache endgültig geordnet war! Nein, er brachte es nicht fertig.
Und dann konnte er sich auch der Kinder und Birgittes wegen nicht dazu entschließen.
Aber es war eine verteufelte Feigheit. Wenn es nur nicht schließlich so kam, daß Margrete – ja, sie war ein Prachtmädel, diese Margrete, so kernig und urkräftig.
Wenn er an ihren Blick und ihre Miene dachte, als einmal darüber gesprochen wurde, wie unwürdig es von einer jungen Frau ihrer gemeinsamen Bekanntschaft sei, ihre Ehe fortzusetzen, obwohl sie sich nicht das Geringste aus ihrem Manne machte und sogar einen Liebhaber hatte, dann wurde ihm ganz ungemütlich zu Sinne; und wenn er sich die Stimme zurückrief mit der sie schließlich gesagt hatte: »Ja, ist es denn aber nicht ebenso unwürdig, wenn ein Mann das tut?« so empfand er das Bedürfnis, sich die Ohren zuzuhalten.
Und dann ein andermal, als sie wissen wollte, was für ein Verhältnis eigentlich zwischen ihm und Birgit bestehe. Ach, wie deutlich er die forschenden, furchtsamen Augen sah und die ein wenig zaghafte, flehentlich einschmeichelnde Stimme hörte, die so gar nicht ihrer gewöhnlichen glich, diese kurzen, nervösen Sätze, mit denen sie wohl zum zwanzigstenmal einen Anlauf genommen hatte: »Du, da ist etwas, was du mir sagen mußt, Knud«, – und wenn er dann geantwortet hatte: »Alles, was du willst, Geliebte«, dann hatte sie geschwiegen, mit seinen Fingern gespielt und seine Nägel betrachtet, und wenn er es dann aus ihr hatte heraus haben wollen, war sie zurückgewichen und hatte gesagt, es habe Zeit bis zu einem andernmal, bis er sie zuletzt fast hatte zwingen müssen, mit der Sprache herauszukommen.
Wie bitterlich hatte sie nicht an jenem Abend geweint, als die Antwort nicht ganz so ausgefallen war, wie sie erwartet hatte. Sie barg den Kopf an seiner Brust, schlang die Arme um seinen Hals, während ihre Brust stürmisch auf und nieder wogte. Weswegen behaupteten denn alle Menschen, daß er sich nicht das geringste aus seiner Frau mache, daß sie gar nicht miteinander lebten, und sie ihm gestatte, den Hof zu machen, wem er wolle. Ob er denn glaube, daß sie jemals dazu gekommen wäre, sich in ihn zu verlieben, wenn sie das nicht angenommen hätte? Wie konnte er ihr nur zutrauen, daß sie einen Mann lieben und sich von ihm lieben lassen könne, der eine Frau habe? – Ach, sie möchte sich totweinen! Aber logen die Gerüchte nicht, von denen sie lange, ehe sie ihn gekannt hatte und auch nachher noch gehört, und die ihn als schrecklichen Don Juan bezeichneten.
Und dann hatte sie seinen Kopf zwischen beide Hände genommen und ihn geschüttelt und gesagt, das solle, das dürfe nicht wahr sein, wobei ihr die Tränen unablässig die Wangen hinabgelaufen waren.
Es hatte Mühe gekostet, bis er sie an jenem Abend beruhigt und ihr Vernunft eingeredet hatte; schließlich aber war es ihm gelungen. Sie hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt und gesagt: »Knud«, mein Geliebter, es ist alles gut und schön.«
Und das war es ja auch, aber es hätte besser sein können, wenn – wenn – wenn – Ihm graute vor ihrer Zukunft. In rein bürgerlichem Sinne wäre sie tausendmal glücklicher gewesen, wenn sie ihn nie kennen gelernt hätte, denn was konnte nicht alles geschehen – du großer Gott, ihm wurde ganz heiß und kalt bei dem Gedanken. Aber sie entbehren – sie und das neue Leben, das sie ihm geschaffen, – nicht um eine Kaiserkrone – nicht um Ruhm und Künstlerehre, nicht um alles Gute oder Schlechte dieser Welt!
Ein Geräusch an der Tür, und eine zarte Kinderstimme, die ihn rief, störten ihn in seinen Betrachtungen.
»Bist du es, Ejnarmann? Nun komme ich und mach‘ dir auf.« Er erhob sich und ging durch das Zimmer, vorsichtig die Hände vor sich ausstreckend, um nichts umzustoßen in der unsicheren Mondbeleuchtung, die auf den Fußboden fiel und an den merkwürdigsten Stellen die verwirrendsten Schalten zeichnete.
»Hier ist ein Brief für dich, Papa!« sagte ein dreijähriger, blondgelockter, kleiner Bursche.
Der Kleine führte die Hand an die Stirn und ahmte den Gruß und die Bewegung eines Postboten nach.
Tandberg brach in ein herzliches Gelächter aus. Dann ergriff er den Knaben, hob ihm auf, hielt ihn von sich ab und schüttelte ihn, daß Arme und Beine zappelten.
»Ich will dich schon kriegen, du kleiner Schelm! Also du kannst Postbote sein, du! Wie war es doch noch? Zeig es mir noch einmal!« bat er und setzte ihn nieder.
Der Kleine wiederholte sein Kunststück gleich noch einmal mit einer so drolligen Armbewegung und einem so köstlichen Tonfall, daß Tandberg laut auflachte.
Dann öffnete er den Brief und las ihn beim Schein der Hängelampe, die im Eßzimmer brannte.
Er war von einer Schönheit, welche die erste Jugend bereits hinter sich hatte, einer Witwe, der er vor einigen Tagen in einer Gesellschaft infolge einer Verabredung mit Margrete den Hof gemacht hatte, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Jetzt schrieb sie, daß sie Lust habe, ihre frühere Fertigkeit im Klavierspiel ein wenig aufzufrischen, wenn er ihr die Ehre erweisen und ihr allwöchentlich eine Musikstunde geben wolle.
»Pfui Teufel!« murmelte er mit einer Grimasse.
»Obwohl, schließlich« – er flötete ein wenig – »es mag im Grunde ganz zweckmäßig sein.«
»Papa, Eja Bilder zeigen«, hatte das Kind mehrmals wiederholt, während Tandberg den Brief las, indem es ihn mit den kleinen, rundlichen Fingern am Rockschoß zerrte.
»Hab‘ keine Zeit, Ejnarmann«, sagte Tandberg in einem tief beklagenden Tone, dann kehrte er in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an.
Aber Ejnar folgte ihm und ließ nicht nach, zu betteln.
»Geh zur Mama, mein Junge!« erwiderte Tandberg und strich ihm liebkosend mit der einen Hand über den Lockenkopf, während er mit der andern den Schirm über die Lampe setzte.
»Mama scheibt Bief«, sagte das Kind, hoffnungslos den Kopf schüttelnd.
»Ja, dann mußt du ins Kinderzimmer, hier kannst du nicht bleiben.«
»Nein, nich in Kinderzimmer«, weinte er und stampfte mit den kleinen Füßen. »Estid is häßlich und Dadda schilt, wenn wir Brüderchen necken. Papa soll Eja Bilder zeigen.« Er ergriff die eine Hand des Vaters, küßte und streichelte sie, unablässig seine Bitte wiederholend.
»Nein, Junge, jetzt darfst du mich nicht länger quälen«, fügte Tandberg und zog die Hand so plötzlich zurück, daß der Kleine hintenüber fiel und sich mit einem Knall auf den Fußboden setzte.
Ein erschreckter Seufzer entrang sich seiner Brust, und er schaute den Vater mit einem so rührenden, vorwurfsvollen Blick an, während er sich nicht vom Fleck rührte und die Handflächen gegen den Fußboden stemmte, daß diesem ganz weich ums Herz wurde. »Auf mit dir, Junge!« rief er und hob ihn mit einem Schwunge auf seinen Nacken, so daß ihm die beiden Beine des Kleinen über die Brust herunterhingen.
»Braver Bursche, der Ejnar! Er schreit nicht, wenn er fällt. Hopp, hopp, Reiter! Fall nur nicht herunter!« Und er galoppierte im Zimmer auf und ab, während Ejnar mit den beiden Fäusten in sein Haar griff und lachte, daß es nur so in ihm gluckste.
»So«, sagte er dann, ihn vorsichtig auf einen Stuhl niedersetzend, während er kurzluftig nach dem Ritt keuchte. »Nun sollst du das Buch haben, dann kannst du dir selber die Bilder zeigen, während Papa schreibt, aber sobald Papa damit fertig ist, muß Ejnarmann gehen.«
Er holte einen eingebundenen Jahrgang der Illustrierten Zeitung und schlug mitten darin auf.
»Da sind Soldaten, und da ist der General, und da sind alle Truppen«, – Tandberg zeigte schnell mit dem Finger hier und dort auf das Bild – »und hier steht Ejnar und hilft dem armen, alten Mann, der vom Pferd gefallen ist, und da kommt Estrid mit einem Kuchen gelaufen, und da oben im Fenster steht Mama und winkt, und dann trägt Ejnar den Mann nach Hause und legt ihn ins Bett, und dann wird der arme, alte Mann wieder gesund, und dann kommt seine Mama und sein kleiner Junge und sagen: ›Hab Dank, du lieber, kleiner Ejnar!‹ So, nun setz dich hierher, nun kannst du selbst weiterblättern.«
Und das Gesicht dicht über das Buch gebeugt und mit emsig geschäftigen Fingern begann nun Ejnar ein langsames Selbstgespräch in singendem Ton, zwischen jedem Wort nach Luft schnappend: »Da sind die Soldaten, und da is der Deneral, und da sind die Tuppen« und so weiter, die Worte des Vaters einmal über das andere wiederholend. Indessen zündete Tandberg die Lichter auf dem Schreibtisch an und setzte sich hin, um den Brief der Witwe zu beantworten.
Plötzlich erklangen im Nebenzimmer hastige, trippelnde Schritte, die Tür wurde aufgerissen, und ein kleines Mädchen mit fliegendem Haar und Strümpfen, die ihr bis auf die Knöchel herabgeglitten waren, lief über die Schwelle.
»Darf ich nicht auch bei Papa sein, wenn Ejnar hier ist?« rief sie. »Nicht wahr, Papa, das darf ich doch?«
Behende und leicht wie ein Vogel war sie auf sein Knie gehüpft und hatte ihren einen Arm um seinen Nacken geschlungen, während sie mit der andern Hand die Strümpfe in die Höhe zog und am Beinchen kratzte.
»Na, na, na, nicht so gewaltsam, Estrid!« fügte Tandberg. »Sieh, was für einen Klecks du mir da aufs Papier gemacht hast. – Was tust du da, Herzchen? Pfui! Wer wird sich wohl so kratzen!«
»Es juckt so schrecklich, Papa!« rief sie mit ihrer unglaublich schnellen Stimme aus und kniff die Zähne und die Augen voller Wohlbehagen zusammen, während sie in ihrer Beschäftigung fortfuhr.
»Und so naß und unsauber, wie deine Schürze ist! Du machst mich ja ganz schmutzig, Kind! Hast du wieder im Wasser geplantscht?«
»Nur ein ganz klein wenig, Papa!« Sie legte den Kopf auf die Seite, zog ihn am Bart, um ihm in die Augen zu sehen, und lachte leise und einschmeichelnd.
»Du weißt, daß ich dich nur sehen will, wenn du rein und ordentlich bist«, sagte Tandberg, sie auf die Erde setzend. »Du siehst ja aus wie der ärgste Straßenjunge!«
»Ich wollte mich waschen, weil ich so schwarze Hände hatte«, erklärte sie. »Darf ich mich nicht waschen, wenn ich schmutzige Hände habe?« Sie zog die Augenbrauen hoch und sah ihn verschmitzt an.
Er fuhr sich mit der Hand über den Mund, um ein Lächeln zu verbergen, und sagte, daß sie augenblicklich ins Kinderzimmer gehen solle.
»Estid unatig!« sagte jetzt Ejnar, einen Augenblick von seinen Bildern aufschauend. »Pfui, säm dich!«
»Hi, hi, hi!« greinte Estrid, indem sie ihm die Zunge ausstreckte und ihren Vater ins Haar zauste.
Da erhielt sie einen Schlag auf die Finger, und als sie merkte, daß es ernst war, wurde sie dunkelrot vor Scham und Kränkung: einen Augenblick stand sie ganz ratlos da. Plötzlich sprang sie auf Ejnar zu, entriß ihm die Illustrierte Zeitung, obgleich er schrie und sie mit beiden Händen festhielt, warf sie an die Erde und fuhr wie ein Pfeil zum Zimmer hinaus, alles in so blitzschneller Fahrt, daß Tandberg kaum Zeit hatte, sich zu erheben.
»Sie ist verrückt, die Estrid!« rief Tandderg aus, indem er Ejnar das Buch wieder hinlegte. Der Kleine hörte sofort auf zu schreien, schluchzte noch ein paarmal nach dem Weinen und fing wieder an, sich mit seinen Bildern zu beschäftigen.
Gleich darauf trat Frau Tandberg ins Zimmer.
»Was hast du Estrid getan, Knud? Sie heult und weint, als sei sie durchgepeitscht.«
»Frage lieber, was sie getan hat«, erwiderte Tandberg. »Es ist ganz entsetzlich, wie unartig das Kind wird. Und wie abscheulich sie mit Ejnar umgeht!« Und dann erzählte er ihr, was sich zugetragen hatte.
»Hm, ja, das sieht ihr ähnlich«, meinte Frau Tandberg. »Aber ein so nervöses, kleines Ding kann nicht so hart genommen werden wie andere Kinder, du bist zu unduldsam gegen sie, Knud.«
»Das bin ich, weiß Gott, nicht, Birgit«, erwiderte Tandberg mit müder Stimme.
»Ja, das bist du, Knud! Und soll ich dir sagen, weshalb sie dich stets reizt! Aus dem einfachen Grunde, weil ihr Temperament dem deinen, oder vielmehr dem aller Tandbergs, gleicht.«
»Nein, aber du erziehst sie ganz verkehrt, wenigstens meiner Ansicht nach«, sagte Tandberg gleichsam vor sich hin, während er mit dem Radiermesser den Tintenklecks von dem unvollendeten Brief zu entfernen suchte. »Darüber wollen wir uns aber nicht streiten, Birgit, denn es kommt doch nichts dabei heraus.«
»Ich würde dir gern ihre Erziehung überlassen, Knud, wahrhaftig, das wollte ich!«
Frau Tandberg ging im Zimmer auf und nieder, die Hände in die Seite gestemmt, die Brust stark vorgestreckt. Ihre Taille war so schlank, daß die langen, dünnen Finger sie fast umspannen konnten. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, dessen enganschließender Schnitt im Verein mit den cremefarbenen Spitzen an Hals und Händen ihre elegante Hebeerscheinung vorzüglich kleidete. Das Kleid war schick und modern, aber ein wenig blank getragen, und der untere Plissé war am Rande durchgestoßen. Der Rock war ziemlich kurz, und das konnte die schöne Dame sehr wohl vertragen, denn sie hatte feine Knöchel und hübsche Füße mit hohem Spann; auch waren ihre Schuhe und Strümpfe tadellos und fein.
»Ja, wenn ich ebensoviel Zeit hätte wie du«, entgegnete Tandberg gleichgültig, die Feder eintauchend und weiterschreibend.
»Du hast stets Zeit zu allem, wozu du Zeit haben willst, mein Freund«, bemerkte Birgit in gereiztem Ton.
»Nun, du kannst doch wohl nicht von mir verlangen, daß ich sie heil und rein halten soll«, fuhr Tandberg halb mürrisch, halb begütigend fort. »Denn das Schlimmste bei ihr ist eigentlich, daß sie immer aussieht wie ein Straßenkind.«
»Darüber kannst du dich ja mit deiner geliebten Rille verständigen«, sagte Birgit abwehrend. »Wenn du nicht so eifrig dagegen protestiert hättest, würde ich der alten Trödelliese längst ihren Laufpaß gegeben haben.«
»Ja, es ist mir nun einmal zuwider, stets neue Gesichter um mich zu sehen«, entschuldigte sich Tandberg. »Übrigens, wenn du dich nur ein wenig mehr um diese Sachen bekümmern wolltest, Birgit –«
»Ich sage gerade so wie du: ›Dazu habe ich keine Zeit!’« erwiderte sie, einige wiegende Tanzschritte machend, worauf sie in ihre frühere Stellung zurückfiel.
»Um dieser elenden Malerei willen? Nimm mir’s nicht übel, Birgit, aber das ist ja nichts als die allerschwächste Dilettantenarbeit!« Er wandte sich nach ihr um, die Feder in der Hand haltend und mit einer Miene, als gewähre es ihm einen wahren Hochgenuß, ihr das zu sagen.
»Nun ja«, erwiderte sie, »den Kopf in den Nacken werfend, so daß sich die dichten Stirnlocken bewegten. »Es ist auch ein Grund mehr, weil mir der Unterricht bei Jamborg Vergnügen macht, übrigens verdiene ich auch Geld damit, und ich kann nicht einsehen, weshalb ich das nicht mitnehmen soll.«
»Du verdienst Geld? Das ist das erste, was ich höre«, sagte er in spöttischem Tone.
»Du glaubst wohl, daß nur Klaviergeklimper und Violingekratze etwas einbringt?« entgegnete sie spitz. »Übrigens, selbst wenn ich nicht malte, würde ich trotzdem keine Zeit haben, mich meines Hauswesens anzunehmen.«
»Dazu würdest du keine Zeit haben?« fragte er trocken.
»Es geht mir in diesem Punkte genau so wie dir«, fuhr sie in immer herausfordernderem Tone fort. »Du lebst ausschließlich für deine Musikgeschichten und dein Amüsement. Daß du Frau und Kinder hast, das ahnst du kaum.«
»Ich glaubte, die Musik sei meine Arbeit«, bemerkte er in demselben ruhigen Tone.
»Ja, ebenso wie mein Malen.«
»Nein, Birgit, wie kannst du nur …« rief er lachend aus. »Dazwischen ist denn doch ein ganz verteufelter Unterschied.«
»Du weißt ja, daß ich niemals imstande gewesen bin, etwas Besonderes und Erhabenes in deiner Hantierung zu sehen«, erwiderte sie, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Und deswegen mußt du Nachsicht mit mir haben, wenn ich den Unterschied nicht einsehen kann.«
»Hab die Güte und schweig jetzt nur einen Moment still. Es ist mir nicht möglich, einen Schluß zu dieser Schmiererei fertigzubringen.«
Sie tat, wie er wünschte, marschierte aber im Zimmer auf und ab.
»Da is der Deneral, und da is Mama am Fenster, und da tommt Eja und trägt den alten, armen Mann«, ertönte es aus der Ecke, wo Ejnar saß, der unverdrossen damit beschäftigt war, den Text zu seinen Bildern herzusagen.
»So, endlich«, rief Tandberg aus, die Feder hinlegend. »Ach, schau einmal hierher, Birgit, schadet es wohl etwas mit dem Klecks da? Ich mag den Brief wirklich nicht noch einmal abschreiben.«
»Das kommt darauf an, an wen der Brief gerichtet ist«, antwortete Birgit, nähertretend.
»Liebe Frau Guve!« las Birgit. »Es wird mir eine Ehre sein, Ihnen den gewünschten Unterricht zu erteilen. Ich muß Ihnen doch gestehen, daß ich meine Bedenken gehabt habe; denn nach allem, was man sich erzählt, soll es ja mit Gefahren verknüpft sein, Ihren schönen Augen zu nahe zu kommen. Ich erhielt neulich abends eine Ahnung, was es heißt, zu tief in diese Augen zu sehen, aber wenn ich nun trotzdem mit Todesverachtung darauf losgehe – Nein, Knud!« unterbrach Birgit ihre Lektüre mit einem kurzen, trockenen Lachen, »ein Tintenklecks in einem Brief mit so viel schönen Redensarten! Das stört den ganzen Eindruck. Den mußt du natürlich abschreiben.«
»Ach was, ich tu’s nicht«, rief Tandberg aus, ebenfalls lachend. »Der ist gut genug für die Alte, so wie er ist.«
Und damit steckte er den Brief in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
»Pfui, Knud, daß du dich nicht schämst, in deinem Alter noch solche Abgeschmacktheiten in den Mund zu nehmen!« Sie stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken und sah ihn unwillig an. »Wann wirst du dir denn endlich einmal die Hörner abgelaufen haben?«
»Es ist ja nur Scherz«, sagte er in mürrischem Ton.
»Aber du kannst überzeugt sein, daß sie es für bare Münze nimmt.«
»Freilich, denn sonst wäre ja kein Spaß bei der Sache«, entgegnete er, schelmisch mit den Augen zwinkernd.
»Es ist deiner unwürdig, Knud«, rief sie aus, ihm energisch zunickend. »Du weißt, ich bin nicht eifersüchtig, dazu bin ich zu wenig in dich verliebt, aber ich finde, es ist so – – ja, offen gestanden, so widerwärtig, daß du Vergnügen daran findest, mit jeder Dame anzubinden, genau so wie eine leichte Dirne!« Sie drehte sich auf den Absätzen herum und fing wieder an, mit in die Seite gestemmten Händen im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Großer Gott, ein klein wenig Amüsement muß der Mensch doch haben. Das kann doch nicht schaden.«
»Dir kann es vielleicht nicht schaden, obwohl du meiner Ansicht nach genug Unannehmlichkeiten gehabt hast, – mit den Damen ist es aber eine andere Sache. Kannst du wissen, welchen Schaden sie davon haben? Ich denke dabei nicht an Frau Guve und ihresgleichen, – aber zum Beispiel ein junges Mädchen wie Margret von Falsen! Ich bin fest überzeugt, du änderst dich nicht, bevor du ein Unglück angerichtet hast.«
»Unsinn!« erwiderte er, indem er sich über den Brief beugte, um die Freimarke aufzukleben.
»Laß uns einmal den Fall setzen, daß sie sich allen Ernstes in dich verliebte – es wäre unrecht um so ein Kind, denn du könntest ihr ja nichts zum Ersatz bieten, womit ihr gedient wäre!«
»Ach, was«, sagte er und wühlte in der Schreibtischschublade, um sein Gesicht ihren Blicken zu entziehen. »Ja, ja, Knud! Du sollst nicht so leichtsinnig sein, mein Freund! Es kann dir gar nicht so schwer werden, es zu lassen, denn es ist nur eine schlechte Angewohnheit bei dir. Und,« fügte sie mit einer nachdrücklicheren Betonung hinzu, »ich würde überhaupt nicht davon reden, wenn es sich um eine wahre Liebe handelte, die du für irgendeine Bestimmte hegtest, aber diese widerwärtigen Liebeleien –«
»Und doch würdest du das wohl – hm«, er räusperte sich stark und fuhr dann mit seiner immer etwas belegten Stimme noch unklarer als sonst fort: »Doch würdest du das wohl, wenn es schließlich so weit wäre, noch weniger verzeihen können.«
»Mein Gott, ja, freuen würde ich mich nicht gerade darüber! Aber welchen Zweck würde es wohl haben, wenn ich mich wie eine Rasende gebärden wollte?« erwiderte sie, ganz eifrig werdend. »Sei du nur immer ehrlich gegen mich«, fügte sie ruhiger hinzu. »Ich hasse den Gedanken, betrogen zu werden.«
Tandberg sah nach der Uhr und erhob sich schnell.
»Das war eine tüchtige Dosis Schelte«, sagte er mit einer Miene, als amüsiere er sich darüber, dann ging er zur Tür.
»Willst du ausgehen?« fragte sie.
»Ja«, erwiderte er kurz.
»Du bist wohl zum Tee zurück! Du weißt, deine Mutter kommt heute abend.«
»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen«, lautete seine Antwort. »Aber wenn du nur zu Hause bist, hat es wohl keine Not.«
»Wohin gehst du denn?« fragte sie.
Er verzog den Mund ein klein wenig, als wenn ihn die Frage ärgere, und antwortete dann kurz: »Zur Konzertprobe.« Damit ging er zur Tür hinaus.
Birgit machte eine Bewegung, als wolle sie ihm folgen, dann gab sie den Plan aber auf und ging statt dessen zu Ejnar, den sie auf den Schoß nahm und mit dem sie zu plaudern begann.
Bald darauf kam Tandberg aus dem Schlafzimmer zurück, wo er Toilette gemacht hatte. Er trat an den Schreibtisch, nahm ein Flakon und goß einige Tropfen der darin enthaltenen Essenz auf seinen Rockaufschlag. Dann löschte er die Lichter, ließ Ejnar artig »Gute Nacht« sagen, nickte Birgit zu und ging.
Birgit nahm Ejnar auf den Arm und trug ihn in das Kinderzimmer, wo das Mädchen gerade im Begriff war, den Kleinsten zu baden, während Estrid vor der Badewanne auf den Knien lag und im Wasser plätscherte, um zu helfen.
»Willst du den Hexentanz tanzen, Mama?« rief Estrid, als sie ihre Mutter erblickte und sprang ihr entgegen, in die nassen Hände klatschend.
»Nein, heute abend nicht, Mama hat Kopfschmerzen«, erwiderte sie, indem sie Ejnar niedersetzte.
»Ach ja, Mama! Kannst du nicht? Nicht den ganzen Tanz, nur so ein ganz, ganz kleines bißchen.« Sie legte den Kopf auf die Seite und zeigte mit den Fingern, wie wenig es nur sein brauche, dabei machte sie ihre Stimme so einschmeichelnd wie möglich. »Ach, tu es doch, Mama, süße Mama, es ist so lange her.«
»Und Eja auch tanzen!« rief Ejnar und strahlte vor Freude bei dem Gedanken.
»Wir haben ja aber gar keine Hexe!« sagte Birgit in einem Ton, als bäte sie um Gnade.
»Ich kann ihn ja gut einwickeln und so lange still mit ihm sitzen«, schlug das Mädchen vor.
»Ja, ja!« riefen die Kinder, und Estrid lief zum Ofen, wo das Badetuch hing.
»Nein, laß das, Estrid«, wehrte Birgit. »Wir können lieber deine größte Puppe nehmen und ihr eine von den ganz kleinen auf den Schoß geben als Königskind; das geht sehr gut.«
»Ja, das geht sehr gut«, wiederholte Estrid mit Nachdruck.
»Wie dumm von Dadda, das Brüderchen nehmen zu wollen; er hätte sich ja dabei erkälten können! Nicht wahr, Mama?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte sie fort, um die Puppen zu holen, schleppte einen alten, wackeligen, hochlehnigen Polsterstuhl in eine Ecke, setzte eine als Dame ausstaffierte Puppe hinein und gab ihr ein Windelkind aus Porzellan in den Arm.
Inzwischen hatte sich der kleine Ejnar platt auf die Erde geworfen und wühlte unter einem Schrank. Estrid sprang zu ihm hin, schob ihn beiseite, entriß ihm ein Paar schwarze Holzpantoffeln, die er gerade erfaßt hatte, und lief damit zu Birgit. Ejnar aber stimmte ein klägliches Geheul an, strampelte, um wieder auf die Beine zu kommen, trippelte hinter Estrid her und schrie: »Eja sie Mama geben.«
»Bringe sie sofort wieder zurück,« befahl Birgit, »Ejnar soll sie mir geben.«
Estrid reichte ihm den einen und meinte, sie könnten jedes einen haben. Ejnar aber protestierte so heftig, daß sie ihm beide Pantoffeln überlassen mußte, sie tat es nur widerstrebend, puffte ihn in den Rücken und nannte ihn einen Eischejungen.
Birgit steckte die Füße in die Pantoffeln, hüllte den Kopf in ein buntseidenes Tuch und begann einen phantastischen Tanz aufzuführen mit wilden Gebärden und einem Getrampel auf dem Fußboden, das einen ohrenzerreißenden Lärm machte. Beide Kinder standen in einiger Entfernung und sahen ihr mit gespannten Mienen und unter lauten Jubelrufen zu.
Das Kindermädchen, das dasaß und das Brüderchen abtrocknete, lachte so, daß sie bebte; sie richtete den Kleinen in eine sitzende Stellung auf, damit auch er das Schauspiel genießen könne, was er augenscheinlich auch tat.
Birgits Bewegungen wurden immer heftiger. Sie beugte sich vorwärts und nach den Seiten, schlug mit den Armen aus und tat, als biete sie alle Kräfte auf, um sich dem Stuhl mit der Puppe zu nähern, als werde sie aber jedesmal von einer unsichtbaren Macht zurückgetrieben. Mehrmals verlor sie einen der Pantoffel, zog ihn aber immer schnell wieder an. Schließlich machte sie einen Sturmlauf auf den Stuhl mit ausgebreiteten Armen und vorgebeugtem Oberkörper, tanzte rückwärts, zurückweichend, fuhr dann aufs neue mit einem Schrei, der ein Kriegsgeheul vorstellen sollte, vorwärts, und brach darauf plötzlich zusammen, indem sie erklärte, daß sie nicht imstande sei, die böse Hexe zu überwinden, daß jetzt Estrid und Ejnar ihr Heil versuchen müßten.
Mit einem Jubelgeheul sprangen beide Kinder herbei und fingen an, den Tanz und die Gebärde der Mutter nachzuahmen.
Besonders Estrid gelang dies vorzüglich. Energisch ging sie darauflos und wiederholte die ganze Szene von Anfang bis zu Ende. Ejnar war langsamer in seinen Bewegungen und stand unsicherer auf den Füßen, er taumelte oft zu Boden, erhob sich aber immer wieder. Unverwandt hielt er seine Augen auf die Schwester gerichtet und versuchte, es ebenso zu machen wie diese, da sie aber so geschwind war, brachte er nur die Hälfte fertig.
Schließlich sprang Estrid auf den Stuhl los, schüttelte die Hexe und riß das Königskind aus ihren Armen. Ejnar kam herzu und stand ihr bei und unter Lachen und Jubelgeschrei trugen sie im Verein die Puppe zu Birgit, die vornübergebeugt auf einem Stuhle saß, die Arme auf den Knien, die Hände herabhängend, ganz außer Atem nach der vorhergegangenen Anstrengung.
Nun wünschten sie natürlich, daß Birgit noch einmal anfange. Es hieß immer, daß sie versuchen solle, ob sie nicht auch einmal Siegerin werden könne, was natürlich niemals geschah. Birgit erklärte aber, sie sei müde. Sie waren jedoch so hartnäckig in ihrem Bitten und Drängen, daß sie schließlich doch wohl hätte nachgeben müssen, wenn sich die Tür nicht im selben Augenblick geöffnet hätte und die alte Frau Tandberg auf der Schwelle erschienen wäre. Denn nun flogen ihr die beiden Kinder entgegen und fragten, was sie ihnen mitgebracht habe.
»Guten Abend, Großmama«, sagte Birgit. »Wie schön, daß du kommst! Da werde ich die kleinen Quälgeister los – sonst hätten sie mich am Ende noch ums Leben gebracht.«
»Du hast wohl heute abend wieder den Hexentanz aufgeführt?« fragte Frau Tandberg lachend, indem sie ihre Schwiegertochter küßte. »Gott sei Lob und Dank, daß ich nicht hier war, denn den Lärm kann man nicht unbeschadet zweimal im Leben mit anhören.«
»Da hast du wirklich recht«, sagte Birgit, ihre Toilette in Ordnung bringend. »Aber was soll man gegen diese kleinen Tyrannen machen?«
»So süß und lieb und rein und lecker, mein kleiner Herzensschatz!« Frau Tandberg machte Kußhände, winkte, nickte und lachte mit allerlei wunderlichen Lauten und Gebärden, indem sie sich dem Kleinsten näherte, der strampelnd auf dem Schoß des Kindermädchens saß und durchaus zur Großmutter wollte.
»Gute Nacht! Ihr Herzenskinder!« sagte Birgit, eins nach dem andern küssend. »Und noch eins, Nille, ehe ich’s vergesse,« – sie wandte sich an das Kindermädchen – »du mußt wirklich Estrids Anzug besser in Ordnung halten; sie hat große Löcher in den Strümpfen und an den Schuhen fehlen mehrere Knöpfe. Auch ihr Kleid ist in den Nähten aufgeplatzt.«
»Mir deucht, ich tue den lieben, langen Tag nichts weiter als flicken und stopfen«, erwiderte Nille, ihren breiten Rücken beugend, um das Wasser aus der Badewanne zu gießen.
»Dann mußt du den Abend mit zu Hilfe nehmen, Nille«, sagte Birgit in sehr bestimmtem Ton. »Du weißt ja, daß es beim Mieten zwischen uns abgemacht ist.«
»Bei Konsuls hatten wir zweimal die Woche eine Nähterin, die das Kinderzeug ausbesserte.« Nille warf den Kopf in den Nacken und hob die gefüllte Wasserbütte auf, »und dann bekamen sie noch so oft neue Sachen und hatten ihre bestimmten Sonntags- und Alltagskleider.« Sie ging auf die Tür zu.
»Es hat dich niemand danach gefragt, wie es bei Konsuls hergeht«, entgegnete Birgit kurz.
»Da hast du’s«, sagte Frau Tandberg, als Nille zur Tür hinaus war.
Birgit lächelte, biß sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: »Ja, ist es nicht zu arg!«
»Jetzt gehe ich und zünde die Lampe an, Großmama, und wenn du hier fertig bist, kommst du mir nach«, sagte sie, das Kinderzimmer verlassend.
»Die naseweise, alle Trine«, murmelte Birgit vor sich hin, als sie eine Weile später im Wohnzimmer saß, in den Schaukelstuhl zurückgelehnt, die Hände unter dem Nacken, sich leise hin und her wiegend. »Natürlich hat die Person recht,« dachte sie weiter, »aber was geht es sie an? Im Grunde ist Knud schuld daran, daß sie sich so etwas herausnimmt, denn er ist nicht vorsichtig genug mit dem, was er in Gegenwart der Mädchen sagt, und Nille weiß sehr wohl, daß sie Rückhalt an ihm hat.« – Aber wenn sie keine bessere Mutter und Hausfrau war, so trug er auch daran die Schuld, denn warum machte er sie nicht glücklich? Wie konnte man wohl irgend etwas mit Lust und Liebe tun, wenn man sich so unglücklich fühlte? – Nein, nicht einmal unglücklich, sondern nur so bodenlos gelangweilt und lebensüberdrüssig.
»Ob Knud mit einer anderen Frau wohl glücklich geworden wäre?« Jedenfalls hätte es eine sein müssen, die ihn besser zu fesseln gewußt hätte. Ja, wie hätte sie wohl sein müssen? So leicht war diese Frage nicht zu beantworten. – Zurückhaltender, unberechenbarer, koketter, vielleicht auch anspruchsvoller. – Eine mit Launen und feurigem Blut – die ihn stets gereizt und in Atem gehalten hätte – so daß er nie gewußt hätte, was sie morgen, ja in der nächsten Stunde schon angeben würde. Sie selber war viel zu dumm und gutmütig gewesen. Sie hatte ihm ihre ganze, grenzenlose, ja geradezu anbetende Liebe auf einmal geschenkt. Sie hatte nicht daran gedacht, zu sparen, hatte von der ersten Stunde an ihn vergeudet, sich selbst ihm so offen hingegeben, daß er sie gleich aus und ein kannte. Dadurch hatte er das Interesse für sie verloren.
Es war ihr niemals in den Sinn gekommen, daß eine solche Verschwendung unpraktisch sein könne. Sie glaubte, daß ihr Schatz an Liebe groß genug sei, um für alle Ewigkeit vorzuhalten, und daß seine Liebe nicht ausreichen würde, daran hatte sie niemals gedacht. So hübsch, wie sie war, und so viel Anziehendes, wie sie besaß – er war ihrer doch geradezu überdrüssig geworden. Sie wußte ganz genau, wann dieser Umschwung eingetreten war. Damals, als er anfing, des Abends immer so lange aufzubleiben, als er sie allein zu Bett gehen ließ und sich dann, wenn er kam, selber ganz leise zur Ruhe begab, um sie nicht zu wecken. Als wenn sie geschlafen hätte! Nein, sie lag oft da und weinte über den großen Unterschied zwischen einst und jetzt! Früher hatte es ihm immer so viel Freude gemacht, zuzusehen, wie sie sich entkleidete – er hatte ihr eigenhändig jedes einzelne Stück ausgezogen. – Und wie sie dabei gelacht und sich geküßt hatten!
Was war das Kalte, das sich da über ihre Wange schlich? Sie bekam doch wohl nicht gar Tränen in die Augen? Ja, es war wirklich eine große, kalte Träne, die dort herabgeglitten kam, und es kamen mehrere; sie mußte ihr Taschentuch nehmen und sich ordentlich abtrocknen. Nun, es war ja keine Schande. Nutzlos war es, aber das war ja einerlei. Sie wollte schon darüber hinwegkommen, denn sie war ja vernünftig und blasiert. Plötzlich krümmte sie sich ganz zusammen und schluchzte. – Nein, nein, nein, sie konnte sich doch nicht darüber hinwegsetzen. Aber Knud sollte es niemals erfahren, nicht einmal ahnen durfte er es, daß sie darunter litt, geschweige denn, daß sie solche Anfälle hatte. Lieber sterben als die Demütigung! Sie sich verschmäht fühlen! Sie, Birgit Kjär, die einen jeden hätte bekommen können, nach dem sie nur die Hand ausgestreckt hätte; die von dem ersten Winter an, als sie aufgetreten war, ja, schon vorher, einen Kreis von Anbetern um sich gehabt hatte, und noch jetzt – ja, wie hatten ihr nicht die Freunde ihres Mannes den Hof gemacht! – Sie hatte sie alle zu ihren Füßen gesehen.
Und nun gar Jamborg, wie war er nicht in sie verliebt! Aber was konnte das nun helfen? Sie steckte das Taschentuch in die Hand und lehnte sich wieder hintenüber, ihre Stellung von vorhin einnehmend. Sie machte sich ja nichts aus ihm, sie waren ihr alle gleichgültig und waren es stets gewesen – nur ein einzigesmal hatte sich ihr Herz geregt – für Arbo hatte sie wirklich etwas gefühlt, obgleich, im Grunde hatte sie es sich wohl nur eingeredet, wenigstens im Anfang, sie hatte Knuds Eifersucht erwecken wollen, als sie merkte, daß er gleichgültig wurde. Aber wie war das ausgefallen? Knud und eifersüchtig! Die beiden Dinge ließen sich wohl nicht gut miteinander vereinen. Wenn sie daran dachte, wie er es aufgenommen hatte, als sie zu ihm gekommen war und ihm gestanden hatte, daß sie sich in Arbo verliebt habe, und daß es wohl das beste sei, wenn sie eine Zeitlang fortreisten! Das habe keine Gefahr, meinte er, wenn sie offen damit zu ihrem Manne käme, um der Sache ein Ende zu machen. Und als sie ihn gefragt hatte, was er denn dazu sagen würde, wenn ihre Gefühle nun wirklich derartig wären, daß sie nicht ohne Arbo leben könne, – es gab ja Augenblicke, in denen sie sich das einbildete – da hatte er geantwortet, daß er, falls sich die Sache so verhielte, ja nichts dagegen machen und ihr auch nicht deswegen zürnen könne. Und als sie weiter verlangt hatte, zu wissen, ob er in diesem Falle eine Scheidung wünsche, hatte er erwidert: »Aber, liebste Birgit, wie kannst du nur so eine Frage stellen? Freilich, wenn du willst, dann – aber nein, das tust du nicht.« Und der Blick, mit dem er sie angesehen hatte, so voller Güte und Wehmut und Hilflosigkeit – ja wirklicher Hilflosigkeit, denn er wußte, daß seine Liebe erloschen war und daß es da keine Hilfe gab. Das war ihr später klar geworden: damals verstand sie es nicht. Sie hatte geglaubt, sein Blick bedeute, daß er sich wieder zu ihr zurücksehne, daß es ihn schmerze, daß sie ihr Herz von ihm abgewandt hatte, und wie mit einem einzigen Wogenschlag war ihre ganze Zärtlichkeit und Verliebtheit wieder in ihr aufgebraust.
Und dann waren sie gekommen, diese Zeiten mit ihren endlosen Tagen voller Enttäuschungen. Sie hatte geglaubt, solange er keine andere liebte, und das tat er nicht, obwohl er fortwährend etwas mit seinen dummen Courmachereien vorhatte – so sei es keine Unmöglichkeit, daß er noch einmal wieder zu ihr zurückkommen könne. Und sie hatte gehofft und gewartet, und gewartet und gehofft und sich den Kopf so viel zerbrochen, aber alles war vergebens gewesen. Und dann war ja auch ihre Liebe allmählich arg mitgenommen worden, gleichsam verschlissen, flach getreten. Sie konnte nicht sagen, daß sie Knud noch liebte, denn dann würde sie nicht so oft einen Unwillen gegen ihn empfunden haben, einen brennenden, zornerfüllten Unwillen, und wenn sie deswegen saß und weinte, so geschah es nicht aus Kummer über seine verlorene Liebe, sondern weil das Leben so leer und armselig für sie geworben war. Sie war nun einmal so beschaffen, daß sie nur leben konnte, wenn sie liebte und geliebt wurde. Deswegen war es ihr auch nicht möglich, sich an den Kindern genügen zu lassen, wie das eine Mutter der Ansicht der Leute nach tun sollte. Es war ja ganz schön, Kinder zu haben, aber sie waren doch meistens mehr eine Last als eine Freude; und dann diese schreckliche Verantwortung, die damit verbunden war! Sie konnte es gar nicht fertig bringen, ihre Pflichten gegen sie zu erfüllen, denn dann durfte sie nicht eine Sekunde von ihnen fern sein. Sie mußte ihr ganzes Gefühlsleben bis in die kleinsten Regungen kennen, mußte ihre Gedanken lesen und ihre Entwicklung Schritt für Schritt verfolgen. Wie aber konnte sie das bei ihrem unbefriedigten Gemütszustand, der sie stets zwang, sich in ihren eigenen Kummer zu vertiefen und über sich selber nachzugrübeln? Damals, als Knud sie liebte, kamen ihr alle Freuden durch ihn. Da hätte sie auch die Fähigkeit gehabt, das Leben tatkräftig anzugreifen und das beste aus sich selber zu machen. Jetzt war sie zu nichts mehr imstande.
Ach ja! sie hatte Grund genug zum Weinen!
Und dann hatte sie diese merkwürdige Angewohnheit, daß ihre Phantasie, wenn sie so allein dasaß, ihr unablässig die wunderlichsten, erschütterndsten Bilder vorgaukelte, die in langen, verwirrten Reihen aufstiegen und das, woran sie eigentlich dachte, nämlich ihre Ehe, beiseite schoben. Sie redete sich ein, daß sie ihrem Manne entflohen sei, daß ihr Geliebter sie verlassen habe und sie nun die Nachricht erhielt, daß Estrid im Sterben läge, und sie sich, selbst halbtot, nach Hause schleppte und an die Tür käme und um die Erlaubnis flehte, Estrid sehen zu dürfen, daß sie aber von der Großmutter fortgewiesen würde. Oder auch sie wohnte im Geiste ihrem eigenen Begräbnis bei. Dann hörte sie den Pfarrer mit rührenden Worten von dieser jungen, blühenden Frau sprechen, die so plötzlich in ihrem schönsten Alter dahingerafft sei; sie sah Ejnar und Estrid schwarz gekleidet an der Bahre stehen und Knud schluchzend, das Taschentuch gegen die Augen gepreßt, unablässig ihren Namen rufend. Dann konnte sie weinen, bis schließlich ihre Tränen erschöpft waren und sie in einer traurig-süßen, gesättigten Stimmung hinsank. Zu Zeiten konnte sie auch ein überströmendes Gefühl mütterlicher Liebe für Knud überkommen. Er war ihr Kind, ihr lieber, teurer Junge, wie gerührt und glücklich würde sie sein, wenn er käme und ihr seine Braut vorstellte. Dann wollte sie alles so schön einrichten in seinem neuen Heim, wollte selber die Brautlichter anzünden und sich so mild bewegt und glücklich fühlen in dem Bewußtsein, ihn so strahlend glückselig zu wissen, wie er es einst, vor langer, langer Zeit, gewesen.
»Nein, Birgit, deine Kinder sind wirklich zu entzückend!« sagte Frau Tandberg, die jetzt ins Zimmer trat. »Etwas so Bezauberndes wie Ejnar! Und nun gar der Kleine!«
Frau Tandberg schüttelte ihren schönen, silbergrauen Kopf, so daß die schwarzen Spitzen in Bewegung gerieten, und nahm dann in einem Lehnstuhl Platz.
Birgit sprang auf. »Willst du nicht auf dem Sofa sitzen, Großmama? Da siehst du besser, denn du gehst natürlich sofort wieder an deine feine Stickerei.«
»Danke, Birgit! Das Sofa ist mir zu weich, fast beunruhigend. Man versinkt so tief in die Polster, daß man kaum weiß, wo das enden soll.«
Birgit nahm ihr Strickzeug, einen dunkelroten, seidenen Kinderstrumpf, und setzte sich ihrer Schwiegermutter gegenüber.
»Von Estrid will ich gar nicht reden,« fuhr Frau Tandberg fort, »denn sie ist ja ein wahres Engelsgesicht und dabei so urkomisch in ihrer Ungezogenheit.«
»Ja, das Kind ist nicht leicht zu erziehen, und besonders solange Nille im Hause ist, denn die macht sie geradezu aufsässig«, erwiderte Birgit.
»Wie diese Nille impertinent ist!« Frau Tandberg lachte so, daß ihre Augen ganz verschwanden und die gelbweißen, frischen Zahnreihen hervorschimmerten. Sie ließ die Hand mit dem Goldfaden auf den bronzegelben Seidenplüsch, an dem sie arbeitete, niedersinken. »Eine ganz abscheuliche Person!«
Birgit kniff die Lippen zusammen und blickte krampfhaft auf ihr Strickzeug nieder.
»Von Lilli soll ich übrigens grüßen und sagen, daß sie ein Kleid für Estrid näht.« Frau Tandberg nickte vergnügt. »Eine ganz reizende Fasson, und Thora will ihr einen kleinen Wintermantel schenken, das Entzückendste, was ich je gesehen habe.«
»Ich hab‘ ja ein paar sehr vorsorgliche Schwägerinnen, das muß man ihnen lassen.«
Birgit zog die feingeschwungenen Brauen ein wenig in die Höhe, während die Oberlippe kaum merkbar bebte.
»Und einen Hut und ein Paar kleine Pariser Stiefel bekommt sie von mir«, fuhr Frau Tandberg fort. – »Ich sage dir das alles, damit du nicht darauf verfällst, dasselbe zu kaufen.«
Birgit zog so heftig an ihrem Stickgarn, daß das Knäuel aus dem kleinen Becher hüpfte und auf den Fußboden fiel.
»Du hast doch wohl nichts dagegen, Birgit?« Frau Tandberg lachte munter, hielt aber plötzlich inne und setzte eine bedenkliche Miene auf, als sie den beinahe harten Ausdruck in dem Gesicht der Schwiegertochter gewahrte.
»Gott bewahre! Knud ist ja immer so entzückt und meint, daß es uns sehr gelegen kommt. Ich für meinen Teil muß freilich sagen, daß ich das Zeug für meine Kinder am liebsten selbst wähle.«
»Großer Gott, wenn sie nun auch hin und wieder einmal ein Stück von mir und den Tanten bekommen! Es macht uns ja Vergnügen!« begütigte Frau Tandberg.
»Und außerdem findet ihr es so notwendig, weil ich eine Trödelliese bin. Du kannst es gerne eingestehen, Großmutter, denn ich weiß sehr wohl, daß es deine Ansicht ist, und daß du sie auch äußerst.«
Ein Schatten huschte über Frau Tandbergs sonst so lächelnde Züge, verschwand aber gleich wieder, und mit einer Stimme, als spräche sie zu Estrid, erwiderte sie: »Nicht so bitter sein, Birgit!« Dabei sah sie mit einem schelmischen Blick zu ihr hinüber. Birgit, aber lächelte nicht, sondern saß nur da und strickte und machte ein ernsthaftes Gesicht.
»Du weißt ja nur zu gut, wie ich über Eure Ehe denke«, begann Frau Tandberg nach einer kleinen Pause. »Knud und du, ihr paßt vorzüglich zueinander und das ist doch die Hauptsache.«
»Es ist ja gut, daß du der Meinung bist, Großmutter.« Birgit fuhr sich mit der Stricknadel durch das gekrauste Stirnhaar.
»Nicht viele Frauen wären imstande, Knud so vernünftig zu nehmen. Wie ihn die meisten wohl mit Eifersüchteleien plagen würden!«
»Wenn Knud eine Frau hätte, die eifersüchtig wäre, oder eine, die ihn ordentlich im Zaum zu halten wüßte, so wäre es am Ende gar nicht so schlimm für ihn«, meinte Birgit.
»Nun ja, ich will gern einräumen, daß ihm das nicht schaden könnte«, sagte Frau Tandberg. »Obwohl, im Grunde hat es ja nichts zu sagen mit den Sprüngen, die er macht!«
»Aber er kann doch oft recht verletzend sein.«
»Freilich, ja. Wie nun zum Beispiel sein Techtelmechtel mit Margrete von Falsen. Das will mir gar nicht gefallen, denn man sagt, sie sei im Munde der Leute.«
»Das überrascht mich nicht«, erwiderte Birgit gleichgültig. »Ich habe es Knud auch schon gesagt, aber du weißt ja, wie er ist. Er tut nur, was ihm Vergnügen macht, weder mehr oder weniger.‘
»Die beste Manier, dem Gerede die Spitze abzubrechen, ist, daß wir, sowohl du als wir anderen, recht freundlich gegen Margrete sind, sie häufig einladen und uns öffentlich mit ihr zeigen. Bist du darin mit mir einig, Birgit?«
»Ja, das ist gewiß das vernünftigste, Großmutter.«
»Ich begegnete Knud vorhin, als ich hierherkam: und mit wem ging er? Mit Margrete von Falsen!« Abermals lachte Frau Tandberg mit ihrem wohlklingenden, herzlichen Lachen, das für Fremde stets etwas Ansteckendes hatte. »Das sollte er nun nicht tun, so an einem Abend und allein«, fügte sie in bedenklichem Ton hinzu.
»Wenn sie es tut, so kann es ihm wohl am Ende nicht schaden –« entgegnete Birgit.
»Sie ist natürlich in ihn verliebt – so eine Schwärmerei in aller Unschuld, wie diese kleinen Backfische sie so leicht für Knud haben. Wenn man ihr nur einen Bräutigam verschaffen könnt«!«
»Das wundert mich übrigens«, bemerkte Birgit nach einer Weile. »Knud sagte vorhin zu mir, er wolle in die Konzertprobe gehen.«
»Dann hat er sie wohl unterwegs getroffen!«
»Wo bist du ihnen begegnet?«
»Sie kamen aus dem Schloßpark und gingen den Drammensweg hinab. Ich glaube nicht, daß sie mich gesehen haben, denn ich ging quer über die Straße. Aber ich erkannte sie sehr wohl in dem verräterischen Mondschein.« Frau Tandberg blinzelte mit den Augen und lächelte verschmitzt, als finde sie die eben beschriebene Situation äußerst pikant.
»Das ist im Grunde ein« merkwürdige Manier, zur Probe zu gehen«, sagte Birgit trocken.
»Ja, dieser Knud, dieser Knud!« Frau Tandberg lachte abermals. »Er ist ein leichtsinniger Kavalier!«
»Das will ich ihm aber doch einreiben!« sagte Birgit. »Es war gut, daß du ihnen begegnetest.«
In diesem Augenblick wurde an der Entreeglocke geschellt.
»Glaubst du, daß es Knud ist?« fragte Frau Tandberg.
»Nein, er hat ja seinen Schlüssel. Es ist vielleicht Jamborg.«
»Herr Jamborg«, meldete das Mädchen.
»Bitten Sie ihn, einzutreten: wir sind zu Hause«, lautete Birgits Antwort.
»Es würde Ihnen auch nichts genützt haben, sich zu verleugnen«, sagte im selben Augenblick eine langsame, ein wenig lispelnde Stimme, und ein breitschulteriger, untersetzter Mann mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar, einem hübsch gewachsenen Vollbart und in elegantem englischen Anzug trat über die Schwelle und grüßte.
»Und warum denn nicht?« fragte Birgit, seinen Gruß mit einem nachlässigen »Guten Abend, Jamborg« beantwortend, während sie ruhig mit ihrer Strickarbeit fortfuhr.
»Erstens sah ich, daß hier Licht war,« erwiderte Jamborg, sich durch die vielen Möbel bis an den Tisch windend, »und zweitens bin ich von Knud eingeladen worden.«
»So? Davon weiß ich ja gar nichts!«
»Das ist auch ganz natürlich, Frau Birgit, sintemal es erst vor zehn Minuten auf der Straße geschah.« Jamborg hatte auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Rückenlehne, Birgit gerade gegenüber, Platz genommen. Er streckte die Beine von sich, lehnte sich hintenüber, faltete die Hände über dem Magen und sah sie an.
»Wo trafen Sie ihn denn?« fragte Birgit.
»Oben am Bogstadswege. Er bat mich, hierher zu gehen und den Damen Gesellschaft zu leisten.«
»Auf dem Bogstadswege! Hörst du es. Großmutter? War er allein?«
»Nein, Fräulein von Falsen war in seiner Gesellschaft – natürlich!«
»Ich mag nicht, daß Sie so etwas sagen, Friedrich«, bemerkte Frau Tandberg jetzt in vorwurfsvollem Ton. »Durch dergleichen Äußerungen von seiten seiner besten Freunde entstehen diese dummen Gerüchte.«
»Wohl nicht einzig und allein dadurch.«
»Sie sind ein unverbesserlicher Schelm, Sie!« Frau Tandberg drohte mit dem Zeigefinger. »Ich habe Knud immer vor Ihnen gewarnt.«
»Und es hat doch nichts genützt!« entgegnete Jamborg mit seiner einförmigen, wunderlich eigensinnigen Stimme.
»Ich sehe Sie übrigens in letzter Zeit so selten, Friedrich!« Frau Tandberg schlug ihren gewöhnlichen, gleichgültig munteren Ton an. »Woher mag das nur kommen?«
»Ich mache mir nichts daraus, anderswo hinzugehen als hierher«, erwiderte er beinahe ungezogen.
»Nun, aufrichtig ist er wenigstens, Birgit,« sagte sie lachend, »wenn ich aber mein Sohn Knud wäre, würde ich nicht sonderlich entzückt davon sein.«
»Das wäre mir völlig gleichgültig«, lautete seine schleppende Entgegnung.
»Aber wenn er Ihnen nun sein Haus verböte? Was würden Sie dann tun, Herr Friedrich?«
»Dann käme ich auch ohne seine Erlaubnis.«
»Nein, er ist nicht zum Aushalten!«
Frau Tandberg schüttelte den Kopf, setzte sich weiter in ihren Stuhl zurück und begann mit einer ergebenen Miene eifrig zu nähen.
»Gehen Sie hinein und rauchen Sie eine Zigarre, Jamborg«, sagte zuletzt Birgit. »Es ist wirklich nicht amüsant, Sie hier so schmachtend sitzen zu sehen.«
Jamborg hatte seine Augen keine Minute von Birgit abgewandt. »Ich will lieber hierbleiben«, erwiderte er, ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen und sie nach wie vor anstarrend.
»Dann zünden Sie sich nur hier eine Zigarette an, das will ich Ihnen gern erlauben. Etwas müssen Sie doch anfangen. Da drinnen in Knuds Zimmer steht eine Schachtel.«
Er erhob sich träge und ging abgemessenen Schrittes in das Musikzimmer, indem er die dazwischenliegenden Türen offen ließ.
»Wie unausstehlich er geworden ist!« sagte Frau Tandberg halblaut. »Sobald er ins Zimmer tritt, habe ich ein Gefühl, als würde die ganze Welt zu einer Wüste von Langerweile. Ich kann es nicht begreifen, daß du die Malstunden bei ihm aushalten kannst.«
»Ein wenig ledern ist er ja freilich,« räumte Birgit ein, »aber trotzdem mag ich ihn ganz gern.«
»Ja, in früheren Zeiten hatte ich ihn auch gern – aber jetzt – nein, das ist nicht zu verlangen. ›Ich will lieber hierbleiben!‹« Sie ahmte den schleppenden Tonfall seiner etwas belegten Stimme nach.
Birgit lachte schwach. »Auf alle Fälle macht er sich nicht besser, als er ist,« sagte sie, mit dem Kopfe nickend.
»Und wie er dasitzt und dich anstarrt! Ich habe nie einen Menschen gekannt, den seine Verliebtheit zu einem solchen Idioten machte!« Hier brach Frau Tandberg in ihr gewöhnliches, gemütliches Lachen aus.
Jetzt kehrte Jamborg zurück, eine brennende Zigarette im Munde. Er setzte sich ruhig an seinen früheren Platz und begann wieder Birgit zu betrachten.
»Sagte Knud nicht, daß er in die Konzertprobe wolle?« fragte Birgit.
»Ja, aber erst wolle er Fräulein von Falsen begleiten, die ihre Noten vergessen hatte.«
Es entstand eine Pause.
Plötzlich brach Frau Tandberg in ein schallendes Gelächter aus.
»Was hast du nur, Großmutter?« fragte Birgit, während Jamborg unbeweglich sitzen blieb.
»Ach, mir fiel nur gerade etwas ein.«
»Wie beneidenswert, so amüsante Gedanken zu haben!«
»Es war eine Bemerkung, die im vorigen Jahr nach einem Vereinskonzert über den Damenchor gemacht wurde, ha, ha, ha! Sie sähen alle aus wie Hühner, die Eier legen wollten, ha, ha, ha!« Frau Tandberg lehnte sich ganz in ihren Stuhl zurück, um sich gehörig auszulachen.
»Ob die Bemerkung amüsant ist oder nicht, kann man nicht recht beurteilen, ohne den Chor gesehen zu haben,« sagte Birgit, »und da ich bekanntlich dergleichen Vergnügungen nicht mitzumachen pflege –«
»Das ist amüsant!« sagte Jamborg.
»Hu! Diese Damenchöre!« begann Frau Tandberg, nachdem sie sich ein wenig vom Lachen erholt hatte. »Etwas so Gräßliches! Und so häßlich, wie sie sind, eine immer abschreckender als die andere! Nun ist ja Margrete von Falsen auch mit dabei, und das ist gerade keine Akquisition, denn die ist doch auch grundhäßlich.«
»Häßlich!« rief Birgit. »Ja, vielleicht ist sie das, aber sie hat doch ein gewisses Etwas an sich; ich würde sofort mein Äußeres mit dem ihren vertauschen. Habe ich nicht recht, Jamborg?«
Zum erstenmal sah Birgit zu ihm hinüber und begegnete seinem Blick.
»Sie Ihr Aussehen vertauschen! Sie – – Übrigens ahne ich gar nicht, wie Fräulein von Falsen im Grunde aussieht!« sagte er in einem Tone, als wenn ihn dies Thema sehr langweile.
»So –« bemerkte Frau Tandberg. »Sie sind doch oft genug mit ihr zusammen gewesen.«
»Und daher weiß ich auch stets, daß sie es ist, wenn ich mit ihr zusammenstoße, selbst wenn dies ganz unvermutet geschieht«, erwiderte Jamborg.
Jetzt wurde an die Tür geklopft, und auf Birgits »Herein!« trat eine große, schlanke Dame ins Zimmer. Sie trug einen fußfreien, enganschließenden Mantel mit vielen großen Metallknöpfen und einen breitkrämpigen Filzhut mit dunkelgrünen Federn und mehreren Büscheln roter Vogelbeeren.
»Nein, welche Überraschung!« rief Birgit aus, indem sie sich erhob. »Wir sprachen gerade von Ihnen. Margrete! Legen Sie doch ab!« Sie knöpfte ihr den Mantel auf und zog sie mit sich hinaus ins Entree, wo Margrete ihr etwas verwehtes Haar in Ordnung brachte.
»Sie sprachen von mir?« sagte Margrete lächelnd, als sie, von Birgit gefolgt, wieder ins Zimmer trat. »Guten Abend, Frau Tandberg, guten Abend, Herr Jamborg«, sie reichte beiden die Hand. »Darf ich dann vielleicht auch wissen, was Sie gesagt haben?«
»Mit Vergnügen«, erwiderte Birgit. »Zuerst erzählte Jamborg, er habe Sie in Knuds Begleitung getroffen, Sie hätten nach Hause gehen wollen, um Ihre Noten zu holen, und dann wurde erzählt, eine sehr hübsche Dame habe geäußert, sie möge Ihr Äußeres so gern, daß sie mit Freuden mit Ihnen tauschen würde.«
Margrete lächelte, und eine tiefe Röte bedeckte ihre Wangen bis über die etwas vorstehenden Backenknochen.
»Aber dagegen protestieren wir anderen«, bemerkte Jamborg.
»Das finde ich sehr natürlich«, sagte Margrete mit einer kleinen, anmutsvollen Bewegung des Oberkörpers.
»Ich nicht!« rief Birgit.
»Ich sollte Sie von Ihrem Manne grüßen, Frau Tandberg, und sagen, daß er bald kommen würde«, wandte sich Margrete an Birgit. »Er müsse nur noch eine Dame nach Hause begleiten.«
»Wer war denn das nur wieder?«
»Frau Guve!«
»Ja, dieser Knud, dieser Knud!« seufzte Frau Tandberg, »er ist flüchtig wie ein Schmetterling.«
Abermals stieg eine tiefe Röte in Margretes Wangen auf, und in ihre Augen trat ein Glanz, der ihr ganzes Gesicht förmlich überstrahlte.
»Und Sie ließ er allein gehen?« fragte Birgit. »Das war nicht gerade galant von ihm.«
»Ei was, das macht nichts.«
»Ein schneidiger Kerl, dieser Knud«, murmelte Jamborg.
»Was ist er?«
»Geschmeidig«, erwiderte Jamborg. »Nein, Sie sagten ›schneidig‹«, beharrte Frau Tandberg. »Wollen Sie sich, bitte, näher darüber erklären?«
»Aber ich meinte geschmeidig.«
Ein flüchtiger Ausdruck von Schreck huschte über Margretes Gesicht. Sie saß kerzengerade da, ohne sich gegen den Rücken des Stuhles zu lehnen. Die linke Hand ruhte mit ausgespreizten Fingern in ihrem Schoß. Unablässig strich sie mit der Rechten darüber hin und rieb alle Finger gegeneinander, langsam und liebkosend, wie man eine Katze streichelt. Sie wurde bald rot und bald blaß, ihre Augen sprühten Funken und schienen gleichsam die Farbe zu wechseln. Über ihrer ganzen Erscheinung lag eine beherrschte, fast unmerkliche Unruhe. Sie atmete vorsichtig, als fürchte sie sich, ihre eigenen Atemzüge zu hören, und die in Falten gelegten Spitzen, die im Zickzack an ihrem Kleide herunterliefen und bei der runden, schön geformten Taille endeten, bewegten sich zitternd, als seien sie an unsichtbaren Spiralfedern befestigt.
»Knud wußte wohl, daß Sie hierher gehen wollten?« fragte Birgit, die unablässig strickte und halb geistesabwesend aussah.
»Ja, ich sagte es ihm. Ich wollte Sie nämlich um etwas bitten, Frau Tandberg. Ich wollte vor der Probe hierher kommen, aber dann wurde es mir zu spät. – Sie versprachen mir doch neulich ein Muster – ich wollte es morgen gern gebrauchen, und deshalb –«
»Haben Sie wohl Fräulein von Falsens Organ beachtet, Friedrich?« unterbrach Frau Tandberg sie. »Nein, fahren Sie nur fort, liebe Margrete. Es ist etwas ganz Eigentümliches in Ihrer Stimme, etwas, das mich an Pauline Lucca erinnert, als sie damals in London den ›Erlkönig‹ sang. Ihre Stimme und Ihr Lachen, Margrete, ist etwas, das Sie ganz für sich allein haben.«
»Da haben wir Knud«, sagte Birgit.
Mit einer hastigen Bewegung flog Margretes Hand in die Höhe gegen die Brust. Die Finger hüpften zwischen den Spitzen, als sollten sie Klavier spielen. Schließlich glitten sie ganz in die Höhe bis an den Halsausschnitt und rückten die Brosche zurecht.
Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und Knud trat mit seiner nachlässigen, »klassisch-eleganten« Haltung, wie seine Freunde sagten, ein.
»Guten Abend, Mutter, guten Abend, gnädiges Fräulein, guten Abend, Jamborg, guten Abend, Birgit«, er begrüßte die Anwesenden freundlich lächelnd, indem er jedem einzelnen die Hand reichte. Als er vor Birgit stehen blieb, reichte sie ihm drei Finger, mit den anderen beiden hielt sie die Stricknadeln fest.
»Aber so nimm doch die verdammte Lampe fort,« rief er, »oder hänge doch wenigstens einen dunkleren Schirm über die Kuppel. Wie könnt ihr es nur aushalten, dies grelle Licht gerade in den Augen zu haben?«
»Uns geniert es nicht«, sagte Birgit.
Margrete lächelte im geheimen. Sie verstand, weshalb er so ärgerlich über die Lampe war. Wenn sie so stand, konnte er sie ja nicht sehen.
»Kannst du nicht ebensogut sehen, wenn wir sie hierher stellen, Mutter?« Er zeigte auf einen kleinen Nebentisch, und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er die Lampe dahin.
»Nein, dann will ich lieber aufhören zu arbeiten«, sagte Frau Tandberg resigniert und ließ die Hände in den Schoß sinken.
»Siehst du, Großmutter,« rief Birgit ganz empört aus, »das ist denn doch zu arg! So ist Knud immer; er läßt nicht nach, und wenn er sein Leben hergeben sollte. Aber diesmal soll er seinen Willen nicht haben.«
Sie erhob sich, ganz dunkelrot vor Zorn. »Wenn wir alle anderen nun darüber einig sind, daß die Lampe hier am besten steht, so soll sie hier auch stehen bleiben.« Und in einem Nu hatte sie die Lampe wieder auf den Tisch zurückgestellt. »Nicht so hitzig, Birgit!« sagte Knud ruhig. »Ich wußte ja nicht, daß euch anderen so sehr darum zu tun war.«
»Nein, so etwas weißt du niemals!« Birgits Stimme bebte. »Du ahnst überhaupt nicht, daß außer dir noch Menschen in dieser Welt existieren.«
»Zuweilen doch!« murmelte er vor sich hin und nickte Margrete heimlich zu.
Es entstand eine Pause.
»Du bist ja sehr redselig, Friedrich«, sagte Knud plötzlich. Frau Tandberg und Margrete lachten, Jamborg aber erwiderte ruhig: »Ja, das sagst du wohl!«
»Aber wie können Sie es nur aushalten, so dazusitzen und zu schweigen, Friedrich?«
»Ich komme ja nicht hierher, um zu reden«, lautete die Antwort.
»Nein, das merkt man«, lachte Knud.
»Was macht eigentlich Ihr Protegé?« fragte Frau Tandberg, als abermals einige Minuten in tiefem Schweigen verstrichen waren. »Etwas so Entsetzliches wie seine beiden letzten Bilder können Sie doch wohl nicht verteidigen, Friedrich?«
»Sie sollten nicht über Dinge sprechen, die Sie nicht verstehen, gnädige Frau!« Jamborgs Stimme war auf einmal wie umgewandelt. »Er ist unbedingt der tüchtigste von uns jüngeren Malern. Er ist geradezu genial.«
»So – ach«, erwiderte Frau Tandberg, ihre Augen der Decke zuwendend. »Freilich, man muß ja mancherlei hören, ehe einem die Ohren abfallen.«
»Etwas so Vorzügliches wie dieser alte, zerlumpte Kerl, der Mist auf seiner Schubkarre fährt, während er auf seinem Priem kaut und mit dem bösen Blick und den harten Zügen vor sich hinstarrt –« Jamborg hatte sich plötzlich aufgerichtet und sprach so eifrig, daß ihm die Stimme überschnappte – »und so gebeugt von der Last der Arbeit und der Sorge, wie diese Gestalt es ist, und gar die Beine, denen man den mühseligen Kampf eines ganzen Lebens ansieht, und die durch Schwielen und Hühneraugen entstellten Füße!«
»Pfui, Jamborg!« unterbrach ihn Frau Tandberg unwillig. »Wie kann man nur einen so unästhetischen Stoff wählen?«
»Ja, natürlich! Das ist immer die alle Leier!« rief Jamborg heftig aus, indem er sich erhob. »Bietet dem Publikum gute Kunst in neuen, originellen Formen, und es hat nichts als Schmähworte und Verhöhnung für euch!«
»Ereifern Sie sich nur nicht so«, ermahnte Frau Tandberg.
»Nun ja, es ist auch schließlich ganz einerlei,« sagte Jamborg und setzte sich wieder, »denn in fünfzig Jahren, ja wohl schon früher, wird nicht einmal eine so vermögende Witwe wie Sie, Frau Tandberg, imstande sein, ein Bild wie das eben besprochene zu kaufen.«
»Hau ihn, Lukas!« flüsterte Knud, der Mutter munter zunickend.
»Das reden Sie jemand anderem ein, Friedrich«, entgegnete sie ungläubig lächelnd.
»Freilich, man kann ja nichts anderes erwarten«, erwiderte Jamborg ärgerlich. »Wie sollten Sie auch Verständnis für das haben, was uns die Genies erzählen, diese hellsichtigen Wesen, die eine neue Zeit verkünden.« Seine Stimme zitterte, seine Augen glänzten.
»Nein, jetzt, glaube ich, geht die Welt unter!« rief Frau Tandberg aus.
Jamborg wollte antworten, wurde aber durch Birgit unterbrochen. »Sie haben recht, Jamborg, ich bin ganz Ihrer Ansicht, und wir wissen ja, daß Knud es ebenfalls ist. – Weshalb sagst du es eigentlich nicht?« Sie wandte sich mit zusammengezogenen Brauen ihrem Gatten zu.
»Dann hätte Friedrich ja gar keine Gelegenheit gehabt, seinen Mund aufzumachen! Es tut einem förmlich gut, einmal zu sehen, daß noch Leben in ihm ist.«
Jamborg zündete sich eine neue Zigarette an, lehnte sich behaglich zurück und sah aus, als wolle er sich für den Rest des Abends zur Ruhe begeben.
»Wie geht’s mit Ihrem Malen, Frau Tandberg?« fragte darauf Margrete.
»Danke für gütige Nachfrage,« antwortete Birgit, »es geht sehr gut und mir macht es Freude.«
»Nach Verlauf von wenigen Jahren sind wohl auch Birgits Bilder selbst für vermögende Witwen unerschwingbar«, spottete Knud.
Jamborg tat, als habe er nichts gehört.
»Wenn du so fortfährst, Knud, dann verlasse ich das Zimmer!« Birgits Stimme klang scharf und die Worte überstürzten sich fast, ihre Augen blitzten.
»Daß ich dir einen Platz unter den Unsterblichen prophezeie, Birgit, das kannst du doch im Grunde nicht –«
Er hatte seine Rede noch nicht beendet, als sich Birgit erhob und mit hastigen Schritten das Zimmer verließ.
»Unterlaß doch das ewige Necken, Knud«, sagte Frau Tandberg, indem sie mißbilligend den Kopf schüttelte. »Du weißt doch nachgerade, daß Birgit es nicht vertragen kann.«
»Mein Gott, wie kann man auch nur so empfindlich sein!« seufzte Knud und sah ganz unglücklich aus. »Geh zu ihr und bitte sie, daß sie wiederkommt, Friedrich.«
Jamborg erhob sich sofort.
»Soll ich sie in deinem Namen um Verzeihung bitten?« fragte er.
»Ach ja, tu das und versprich ihr, daß ich mich mäuschenstill verhalten will.«
Gleich darauf kam Birgit in Jamborgs Begleitung wieder ins Zimmer.
»Du mußt es entschuldigen, Großmutter, und Sie ebenfalls, Fräulein von Falsen, daß ich eine solche Szene aufführe, aber ich will mich nicht in Knuds Übergriffe – auch auf diesem Gebiet – finden, und das wollte ich ihm einmal zeigen.«
»Übergriffe!« wiederholte Knud und sah seine Gäste erstaunt an.
»Ja, Übergriffe! Das Wort ist dir unbequem, nicht wahr? Es beschränkt dich! Du kannst es nun einmal nicht leiden, daß ich male – aus welchem Grunde, das mögen die Götter wissen – und deswegen läßt du kein Mittel unversucht, um mich zu bewegen, diese Beschäftigung aufzugeben. Du willst mich so lange quälen und ärgern und verspotten und verhöhnen, bis du mir die Sache verleidet hast. Aber das soll dir nicht gelingen. Das Malen ist das einzige auf der Welt, wofür ich Interesse habe.«
»Was für Ausdrücke du gebrauchst, Birgit!« sagte Knud unwillig.
»Ich finde auch, daß du die Sache zu ernst nimmst!« ermahnte Frau Tandberg.
»Du mußt ihn wirklich nicht noch bestärken, Großmutter! Knuds Spottsucht ist tatsächlich nicht mehr zu ertragen.« »Denk doch an dich selber, Birgit, wie du seine Musik verhöhnt hast! Ich finde, ihr gebt einander nichts nach!«
»Verhöhnt? Niemals!« entgegnete sie energisch. »Aber ich interessiere mich nicht dafür und verstellen kann ich mich nun einmal nicht.«
»Waren Sie auch böse auf mich, gnädiges Fräulein, weil ich Sie vorhin allein gehen ließ?« fragte nun Knud Margrete mit einem Lächeln, das um Verzeihung bat, und mit einem übermütigen Augenzwinkern.
»Ach nein«, erwiderte sie schnell und beugte sich herab, um ihr Taschentuch aufzunehmen, das zur Erde gefallen war.
»Ich will meine Unhöflichkeit wieder gutmachen, indem ich Sie heute abend nach Hause begleite.«
»Aber Friedrich hat ja denselben Weg, Knud«, warf Frau Tandberg hin.
»Nein, da irren Sie, gnädige Frau«, sagte Jamborg.
»Ach – ich vermutete, Sie würden direkt nach Hause gehen. – Das wäre Ihnen auch sehr dienlich!« fügte sie in mütterlich ermahnendem Tone hinzu.
»Ja, da mögen Sie recht haben!« lachte Jamborg, »aber deswegen tue ich’s doch nicht.«
»Es ist angerichtet!« sagte ein Mädchen, das in der Tür zum Vorschein kam.
Alle erhoben sich.
»Du solltest wirklich Vernunft annehmen«, flüsterte Knud Jamborg im Vorübergehen ins Ohr. »Du ruinierst dich bei einem solchen Leben, Junge«, ein lautloses, glucksendes Lachen erstickte die letzten Worte.
Und dann begaben sie sich in das Eßzimmer. Knud und Margrete waren die letzten.
In dem Boudoir, das nur von dem Lichte der Wohnstube erhellt war, faßte Knud Margrete blitzschnell um die Taille und beugte ihren Oberkörper mit einer solchen Gewalt hintenüber, daß ihre Figur, während er sie küßte, förmlich einen Bogen beschrieb.
»Denk an den Spiegel!« brachte sie mit Mühe hervor.
»Siehst du wohl, daß es das richtigste war, daß du hierher gingest?« flüsterte er. »Das Klügste, was du tun konntest! Mutter hatte uns gesehen! Sagte ich’s nicht?«
»Ja, Knud – aber ich tue es nicht zum zweitenmal! Du ahnst nicht, wie entsetzlich es ist.« Sie entzog sich ihm lautlos und eilte ins Eßzimmer.
Die anderen waren gegangen, und Jamborg war mit Birgit allein geblieben. Er wolle noch eine Weile sitzen bleiben, hatte er zu Knud gesagt, als dieser sich erhob, um Margrete nach Hause zu begleiten.
Birgit nahm, ein wenig von Jamborg entfernt, in dem niedrigen Schaukelstuhl Platz, auf dem sie am Abend gesessen hatte, ehe die anderen gekommen waren. Ungeniert legte sie die Hände unter den Nacken, schaukelte langsam hin und her und blickte in die Luft.
Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Jamborg so hin, daß er ihr Gesicht sehen konnte. Darauf zog er einen gepolsterten Lehnstuhl heran, schob ihn zwischen seine Beine, legte beide Hände auf die Rücklehne und stützte das Kinn darauf. Es währte eine ganze Weile, ehe er eine bequeme Stellung gefunden hatte; als ihm das aber gelungen war, saß er ganz still da, mit den Augen unverwandt Birgits wiegender Bewegung folgend. So saßen sie eine ganze Weile schweigend da.
»Finden Sie nicht, daß Knud in der letzten Zeit anders geworden ist?« sagte Birgit endlich, ohne die Augen zu senken.
Jamborg erhob das Kinn genau so weit, daß er verständlich antworten konnte, und sagte: »Nein, das finde ich nicht«, dann ließ er es wieder fallen.
»Er ist so rastlos«, fuhr Birgit fort, »und, ich möchte sagen, in seiner ganzen Art und Weise gleichsam mehr wach. Er ist gar nicht mehr so phlegmatisch und bequem wie sonst.« Sie sprach in nachdenklichem Tone und mit kleinen Zwischenräumen. »Ja – er ist anders geworden«, fügte sie bestimmt hinzu. »Beachten Sie es nur, dann werden Sie es auch bemerken!«
Es entstand eine kleine Pause.
»Weshalb antworten Sie nicht?« fragte Birgit plötzlich, noch immer, ohne ihn anzusehen.
»Sie haben mich ja nach nichts gefragt.«
Die Worte kamen so träge heraus, abermals erhob er das Kinn ein wenig.
»Er neckt auch nicht mehr so viel wie sonst«, fuhr sie fort. »Er hat sich wirklich gebessert; aber ich will es ihm ganz abgewöhnen.«
»Sitzen Sie lieber still«, erwiderte Jamborg. »Meine Augen werden so müde von dem ewigen Hinundherschaukeln.«
»Dann können Sie Ihren Augen ja ein anderes Ziel geben«, entgegnete Birgit, ruhig weiterschaukelnd.
»Nein, das kann ich nicht.«
»Dann sollten Sie sich wenigstens nicht beklagen.«
»Ja, daran bin ich gewöhnt.«
»Betrachten Sie einmal diese Leinwand hier«, rief Birgit nach einer Weile lebhafter aus, indem sie sich erhob und auf die Staffelei zutrat. »Was soll ich mit dem Klecks von See dort machen? Ich bin nicht imstande, Ausdruck da hineinzubekommen.«
Jamborg war ihr gefolgt. Er betrachtete das kleine Stück bemalter Leinwand, indem er das eine Auge zukniff.
»Ich glaube, Sie haben zu viel Schwarz aufgeschmiert.«
»Aber die Bäume hier, die sind doch schön!« fragte Birgit und trat einen Schritt zurück, um besser sehen zu können.
»Ja, wenn ein wenig mehr Luft dazwischenkommt.«
»Ja, Luft – freilich, das ist leichter gesagt als getan.« Birgit drehte und wendete den Kopf nach allen Seiten, während sie das Bild betrachtete. »Es ist im Grunde ein fürchterlicher Kitsch«, rief sie plötzlich aus, indem sie sich umwandte und sich in einen Lehnstuhl warf, die Arme über der Brust gekreuzt.
»Ja, da haben Sie recht«, stimmte Jamborg ein und versank wieder in seine frühere Stellung.
»Ach ja! Es ist wohl schon spät«, sagte darauf Birgit mit lautem Gähnen.
Jamborg antwortete nicht. Er saß nur da und starrte mit den Augen vor sich hin. Sein Blick erinnerte an den eines Vogels, der sich im Bann einer Schlange befindet.
»Was malen Sie jetzt eigentlich, Jamborg?« fragte Birgit mit eine Miene, als wenn die Antwort sie nicht im geringsten interessiere.
»Ich male nichts von Bedeutung in dieser Zeit.« Seine Stimme hatte bei jeder Antwort, die er gab, einen verdrießlichen Klang, als irritierten ihn ihre Fragen.
Birgit gähnte abermals. »Ach, Jamborg, wissen Sie was, ich bin wirklich müde!« und sie fuhr mit der Hand über die Augen, die feucht vom Gähnen waren.
»Sie werfen mich aus der Tür?« Es kam etwas Finsteres, Schmerzliches in seinen Blick.
»Ja, wenn ich aufrichtig sein soll, Jamborg. – Sie sind auch so langweilig«, fügte sie in einem fast ärgerlichen Tone hinzu.
Er erhob sich und trat dicht an sie heran.
»Soll dies denn niemals anders werden?« Er war bleich, und seine Stimme zitterte. »Wollen Sie fortfahren, mich so zu peinigen, bis – ja, was weiß ich. Werden Sie niemals finden, daß es genug ist?«
»Ich denke, das haben wir ein für allemal erledigt, Jamborg.«
Birgit erhob sich, und ihr Ton und ihre Miene waren abweisend. »Ich habe Ihnen ja alles ganz ehrlich gesagt.«
»Als es zu spät war, ja. Hätte ich von Anfang an gewußt, daß Sie nur Ihr Spiel mit mir trieben –« er sprach leise, gleichsam kurzatmig und hatte beide Hände geballt.
»Ja, ich weiß, daß es unrecht war, Jamborg,« erwiderte sie hastig und gereizt, »und ich habe Sie deswegen ja schon um Verzeihung gebeten. Ich langweilte mich so entsetzlich, und Ihre Huldigungen füllten mich gewissermaßen aus. Verliebt bin ich niemals in Sie gewesen.«
»Aber Sie taten Ihr Bestes, um mich so verliebt wie möglich in Sie zu machen«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.
»Durchaus nicht, Jamborg! Für mich war es ein Spiel, wenn Sie wollen! Wie konnte ich nur ahnen, daß Sie die Sache so ernsthaft nehmen würden! Sie sind ja sooft verliebt gewesen, und es ist immer wieder vorübergegangen. – Und außerdem,« sie erhob ihre Stimme wie jemand, der sich immer mehr in Zorn hineinredet, »was wollen Sie mir eigentlich vorwerfen? Das Spiel war ja gleich gefährlich für uns beide. Ich war derselben Gefahr ausgesetzt wie Sie. Wenn nun die Rollen vertauscht wären, wenn ich mich nun in Sie verliebt hätte und Sie meine Neigung nicht erwiderten? Dann müßte ich doch wohl hübsch stillschweigen, ich dürfte doch sicher nicht so viel Wesens davon machen und Sie zur Verantwortung ziehen. Es ist doch wirklich zu arg, daß Sie mich nicht in Ruhe lassen können.«
Sie ging durch das Zimmer, die Absätze heftig aufsetzend und ihren Haarknoten mit der Hand befestigend.
»Sie reden gar zu überlegen«, sagte er hastig. »Wenn Sie mich geliebt hätten, so wäre ich Ihnen zu Füßen gefallen und hätte Sie angebetet. Das wissen Sie sehr wohl.«
Sie wandte sich um und kam schnell auf ihn zu.
»Aber weshalb soll ich es entgelten, daß Sie nicht imstande sind, mich zu fesseln?«
Er streckte die Hand aus, als wolle er sie auf ihren Mund legen und verzerrte das Antlitz wie im Schmerz.
»Und wenn Sie mich geliebt hätten, was dann?« murmelte er.
»Dann hätte ich mich offen und ehrlich mit Ihnen verheiratet«, erwiderte sie, sich auf die Zehen hebend und ihm in die Augen schauend.
Er sah sie mit einem Blicke an, als wolle er sie durchbohren, während seine Lippen bebten und seine Nasenlöcher sich bewegten.
»Gute Nacht!« sagte er dann ruhig und streckte die Hand aus. Sie nahm sie und fühlte, daß sie feucht und kalt war.
Er ließ ihre Hand sofort wieder sinken und ging auf die Türe zu.
»Noch eins, Jamborg!« fügte sie hinzu; »wollen wir es nicht ein für allemal ausmachen, daß wir einander als Kameraden betrachten? Dann können wir viele angenehme Stunden von unserem Verkehr haben.«
Er ging, ohne zu antworten; einen Augenblick später aber öffnete er die Türe ein klein wenig, steckte den Kopf hinein und sagte mit einer Stimme, als wolle er die Worte gleichsam ins Zimmer hineinschleudern: »Zum Teufel mit der Kameradschaft!« Dann verschwand er, die Türe geräuschvoll hinter sich zuschlagend.
Birgit, die bei diesem unerwarteten Abschluß heftig zusammengefahren war, hörte, wie er die Entreetüre öffnete und schloß, worauf der Laut seiner Schritte auf der Treppe verhallte. Sie blies die Lampen aus, öffnete ein paar Fenster und begab sich dann ins Schlafzimmer.
Während sie sich entkleidete, kam ihr der Gedanke, ob sie nicht im Grunde zu heftig gegen Knud gewesen sei, als er sie mit ihrem Malen geneckt hatte. Es war ja häßlich von ihm gewesen, aber doch – sie war gleich so gegen ihn aufgebraust, und er hatte ihr so freundlich und gutmütig geantwortet. Je mehr sie darüber nachdachte, desto größer erschien ihr ihr Unrecht gegen ihn. Wenn er jetzt dagewesen wäre, würde sie ihm gesagt haben, daß sie ihre Heftigkeit bereue. Wenn er nur nicht gegangen wäre! Aber wenn sie ihn nun erwartete? Er mußte ja bald kommen! Ja, das wollte sie tun.
Sie steckte die Füße in ein Paar weicher Filzpantoffel, band einen Schal über ihr Nachtgewand und schlich in das Musikzimmer, wo eine Lampe unter einem rosenroten Schirm brannte. Hier kroch sie auf dem Sofa zusammen, zog die Knie bis an die Brust hinauf und umschlang sie mit den Armen.
Aber vielleicht war es ein dummer Plan! Wenn Knud sich nur über ihr Aufbleiben wunderte, so würde sie verlegen werden, und dann war das Ganze höchst ärgerlich. Sie saß da und überlegte, ob es wohl nicht das richtigste sein würde, zurückzuschleichen, und wieder in ihr Bett zu kriechen. Aber trotzdem blieb sie sitzen; es war, als sei sie verzaubert, als gehöre eine kräftige Anstrengung dazu, um sich von diesem Zauberbann zu befreien.
Ja, aber jetzt wollte sie Ernst machen. Sie nahm sich zusammen und löste die Arme, die ihre Knie umklammert hielten. Still – kam da nicht jemand? – Ja, nun war es zu spät – das waren Knuds Schritte.
Gleich darauf öffnete sich die Tür und Knud trat ein. Birgit sprang vom Sofa, flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und sagte hastig: »Sei mir nicht böse, Knud, weil ich vorhin so häßlich war – ich war viel heftiger, als es sich schickt!«
Knud, der keine Ahnung davon hatte, daß sich jemand im Zimmer befand, erschrak so, daß er hintenüber taumelte.
»Bist du von Sinnen, Birgit?« rief er. »Du kannst einen ja um den Verstand bringen, so zu nächtlicher Zeit! Du großer Gott, wie ich mich erschrocken habe!«
»Ja, so geht’s, wenn man es so recht gut machen will«, sagte Birgit kleinlaut. »Ich konnte nicht schlafen, ehe ich dir gesagt hatte, daß ich dir gegenüber unrecht gehandelt habe, Knud.«
»Das ist wirklich nicht des Aufhebens wert«, antwortete Knud gleichgültig und schritt an ihr vorüber auf den Tisch zu, wo er einige Notenhefte ordnete. »Ich hatte es wirklich schon längst wieder vergessen.«
»Es ist ja sehr schön, wenn man so nachsichtig ist«, erwiderte Birgit kühl und tastete mit dem Fuß auf dem Boden, um ihren einen Pantoffel zu finden, den sie beim Laufen verloren hatte.
»Steh nicht da und erkälte dich, Birgit!« sagte Knud ungeduldig. »Geh hinein und leg dich schlafen.«
»Ja! Ich gehe schon!« rief sie heftig. »Ich darf doch wohl erst meinen Pantoffel suchen!«
Als sie im Bett lag, ballte sie die Hände so, daß ihre Gelenke förmlich krachten, und sagte ganz laut: »Ja, dieser Knud, dieser Knud! Er taugt auch in der Wurzel nichts! Oh, wie er mir zuwider ist!«
Knud blieb noch lange in seinem Zimmer. Er saß dort und rauchte eine feine Havannazigarre und durchlebte noch einmal die Begebenheiten des Abends.
Ein ruhiges Lächeln breitete sich über seine Züge aus. Hin und wieder machte er eine Bewegung mit der Hand und strich sich dann über Mund und Kinn.
»Was nur Friedrich gedacht haben mag?« Er lachte leise vor sich hin. »Gott weiß, ob er die ganze Sache nicht durchschaut.« Zweimal war er ihnen an diesem Abend auf entlegenen Wegen begegnet, und das eine Mal hatte er getan, als sähe er sie nicht. Freilich, er war der Ungefährlichste von allen, denn für ihn gab es ja nichts weiter in der Welt, als dazusitzen und Birgit anzustarren. – »Verrückter Kerl, dieser Friedrich, geradezu verrückt!« – Die Sache mit Birgit war im Grunde feige und schändlich, aber was half’s, es ließ sich ja nichts dagegen machen. Daß sie auch gerade heute abend darauf verfallen mußte, liebenswürdig zu sein! Und er hatte noch soeben auf dem Heimwege darüber nachgedacht, ob es nicht das beste sei, wenn er sich ein Herz faßte und ihr offen und ehrlich sagte, wie es um ihn stehe, und dann alles in ihre Hände legte. Aber im selben Augenblicke, als er sie mit ausgebreiteten Armen hatte vor sich stehen sehen, war es ihm klar gewesen, daß es ihm ganz unmöglich sein würde, ihr auch nur ein Wort davon zu sagen, ebensogut hätte er hingehen können, um ihr den Hals abzuschneiden.
Wie aber sollte dies nur einmal enden? Auf die Dauer konnte es so nicht weitergehen. Ei was! er war viel zu glückselig, um sich lange mit solchen Gedanken zu befassen.
Es waren mehrere Monate vergangen, und man befand sich jetzt zu Anfang Juli. Knud hatte Birgit gesagt, er wolle die Ferien dazu verwenden, um etwas zu komponieren, deswegen müsse er den ganzen Sommer in der Stadt bleiben. Seine Mutter, die eine Villa auf dem Lande besaß, hatte Birgit und die Kinder eingeladen, einen Monat bei ihr zuzubringen.
In der Tandbergschen Wohnung waren die Rouleaus sowohl im Salon wie im Boudoir herabgelassen. Alle Blumen waren ins Eßzimmer gesetzt, von dessen breitem Erkerfenster die Gardinen abgenommen waren.
Das Mädchen war damit beschäftigt, die gestickten Stühle und kleinen, feinen Peluchetische mit Zeitungspapier und Überzügen zu bedecken. Teppiche und Sofakissen waren fortgelegt, und einzelne Nippesgegenstände mit Flor verhüllt.
»So, Karen, jetzt ist es gut genug«, sagte Birgit, die gerade ins Zimmer trat. »Wir bleiben ja nicht so lange fort.«
»Ich muß nur noch dies über die Albums legen«, erwiderte Karen, ein Stück altes Gardinenzeug ergreifend.
»Nein, das will ich gebrauchen.« Birgit riß es ihr aus der Hand.
»Sie können eine Zeitung nehmen. Und dann gehen Sie hinein und helfen Sie Nille, das Kinderzeug einzupacken, sonst wird sie im Leben nicht fertig.«
Das Mädchen ging, und Birgit hüllte den Gardinenstoff um ihre halbfertigen Gemälde, die sie auf die Staffelei stellte.
Dann begab sie sich in das Schlafzimmer, um ihre eigenen Sachen zu packen.
Im Musikzimmer saß Knut und gab Frau Guve eine Klavierstunde. Jedesmal, wenn er sie korrigierte, beugte sie sich über die Tasten, stieß einen leisen Schrei aus, wandte den Kopf um und sah von der Seite zu ihm auf mit flehenden Augen, die Zungenspitze durch die Lippen schiebend.
»Wie entzückend unglücklich Sie aussehen, gnädige Frau, wenn Sie einen Fehler machen!« Knuds Stimme klang fröhlich und einschmeichelnd. »Sie machen ein Gesicht wie ein reizender kleiner Backfisch!«
»Ach, Sie!« erwiderte sie, verwirrt ihre Locken schüttelnd. »Es war Ihre Schuld, daß ich den Fehler machte, Herr Tandberg – Sie bringen mich aus der Fassung.« Sie hielt mit dem Spielen inne und warf ihm einen ihrer feurigsten Blicke zu.
»Fangen Sie, bitte, noch einmal wieder ganz von vorn an, gnädige Frau«, schlug Knud vor. »Sie müssen sich Mühe geben, mit loserem Handgelenk zu spielen. Ihre Stakkatos sind noch gar nicht gut.« Er stellte sich hinter sie, erfaßte ihre beiden Arme und zeigte ihr, wie sie die Hand im Gelenk heben und wie sie wieder herabfallen müsse.
»Ja, wenn ich nur immer Ihre Hilfe dabei hätte«, seufzte sie und lehnte sich gegen die Knöpfe seiner Weste, indem sie fast die Augen verdrehte, um seinem Blick zu begegnen.
»Ach, lassen Sie das! Glauben Sie, daß ich unterrichten kann, wenn Sie die Feuerstrahlen ihres Auges gerade auf mein Gesicht richten? Bitte, sehen Sie auf Ihre Hände herab, – so.« – Er faßte mit der einen Hand um ihren Kopf und beugte ihn vornüber. Dann machte er noch einige Übungen mit ihrem Handgelenk und setzte sich darauf neben sie, während sie das Stück durchspielte.
»Das war also die letzte Stunde vor den Ferien«, sagte Frau Guve mit einem Seufzer, indem sie sich erhob. »Ich werde meine Stunden sehr vermissen.«
Sie sah ihn verliebt an.
»Und ich gar, gnädige Frau! Was soll ich nur sagen!«
»Ach, Sie! Sie haben ja so viel anderes! Spielen Sie nicht auch mit Fräulein von Falsen?«
»Nein! Wie kommen Sie nur darauf?« fragte Knud, ohne sie anzusehen und auf dem Klavierstuhl hin und her rückend.
»Ach, ich meinte nur.« Sie sah zurückhaltend aus.
Knud klappte ihre Noten zusammen und legte sie in ihre Mappe. »Es nützt wohl nichts, daß ich Ihnen diesmal etwas zu üben aufgebe; Sie verreisen ja.«
»Ja, und wie wird es?« sie band ihre Hutschleife zu, »werden Sie einen kleinen Ausflug nach dem Sanatorium machen?«
»Das könnte doch nur sein, um Sie dort zu treffen, gnädige Frau.« Er sah aus, als habe er die schrecklichste Lust dazu.
»Ich kann mir schon ausmalen, wie gemütlich wir da oben zusammen leben könnten!« sie nickte und lachte ausgelassen. »An einem solchen Ort ist man viel ungenierter; – es ist ganz anders als hier – was hab‘ ich nicht alles über die paar Besuche hören müssen, die Sie mir gemacht haben.« Sie verzog den Mund prüde und sah gekränkt aus.
»Wenn nur der Weg nicht so entsetzlich lang wäre!«
»Ach was, der Weg! Es geht ja bis oben hinauf durch die entzückendste Gegend. Wenn nur das richtige Zugpflaster vorhanden wäre, dann –« Sie drohte mit einem schelmischen Lächeln.
»Das sind Sie ja, gnädige Frau!« Er trat dicht an sie heran und sah mit halbgeschlossenen Augen auf sie herab. »Und Sie wissen, daß das hinreichend ist.«
»Nein, wie kokett Sie sind!« lachte sie. »Wenn man sich nur auf Sie verlassen könnte!« Sie ging in einen ernsten Ton über und schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Das können Sie ruhig tun, gnädige Frau«, erwiderte er mit einem einschmeichelnden Lächeln.
»Ja, geben Sie mir einen Beweis davon! Kommen Sie nach Gausdal, während ich dort bin,« sie beugte sich zu ihm hinüber, »dann will ich Ihnen etwas erzählen.« Die letzten Worte sprach sie in flüsterndem Ton.
»Was kann das nur sein?« fragte er interessiert.
Sie betrachtete ihn mit einem zärtlichen Blick und blinzelte unruhig mit den Augenlidern.
»Daß Sie der unausstehlichste Mensch sind, den ich jemals gekannt habe.« Sie sagte das lächelnd, aber mit einer energischen Betonung, während eine flüchtige Röte über ihr Antlitz huschte. Dann wandte sie sich um und griff nach ihrer Musikmappe.
»Ich komme!« rief er übermütig aus.
Sie reichte ihm die Hand zum Lebewohl. Mit einer galanten Bewegung führte er sie an seine Lippen.
»Dann erwarte ich Sie also ganz bestimmt«, sagte sie mit einem nervösen Beben der Stimme, indem sie auf die Türe zuging.
»Die alte, abgetakelte Person«, murmelte Knud, als er wieder ins Zimmer trat, nachdem er sie bis an die Entreetüre begleitet hatte. Er runzelte die Nase und stieß einen knurrenden Laut aus. »Pfui Kuckuck! Wie aufdringlich sie ist! Nach dem Sanatorium kommen! Da schneiden Sie sich gewaltig, meine Gnädige!« Er lachte leise. »Dann müßte Margrete nicht hier in der Stadt sein! – Sie wird natürlich rasend, die Alte! Aber zum Teufel auch, was schert mich das! Ich will sie schon wieder besänftigen, wenn es sich der Mühe verlohnt. Genützt hat sie uns doch. – Jetzt reden sie wenigstens ebensoviel über sie und mich wie über mich und Margrete – ja mehr, denn ihr trauen alle eine Frivolität zu, während Margrete – ach, meine entzückende, jugendliche Margrete! Wenn ich nur deinen teuren Namen schützen könnte!«
»Du mußt mir ein wenig Geld geben, Knud, denn nun wollen wir fort«, sagte Birgit, indem sie die Eßstubentür öffnete und sich reisefertig auf der Schwelle zeigte.
Knud zog sein Portemonnaie heraus und reichte ihr einige Scheine.
»Danke, das genügt«, sagte Birgit, als er Miene machte, ihr mehr zu geben.
»Wenn ihr nur rechtzeitig kommt«, bemerkte Knud, nach seiner Uhr sehend.
»Das denke ich, wir haben eine Droschke. Fährst du nicht mit uns bis ans Dampfschiff? Nille kann auf dem Bock sitzen.«
»Das ist wohl überflüssig, Birgit«, sagte er in entschuldigendem Tone.
»Eine Notwendigkeit ist es nicht, ich dachte nur, es würde dir Vergnügen machen, die Kinder zu sehen. Sie sind ganz außer Rand und Band vor Freude.«
»Grüße auch die Mutter und die Schwestern, Birgit.«
»Kann ich sagen, daß du am Sonnabend kommst? Denn danach werden sie ja natürlich sofort fragen. Also auf Wiedersehen, Knud!« Sie reichte ihm die Hand und küßte ihn flüchtig auf die Wange. »Da höre ich die Kleinen in dem Entree!«
Knud ging hinaus und küßte die Kinder.
»Laßt es euch recht gut gehen, Birgit!« sagte er dann.
»Ja, und du gleichfalls«, erwiderte Birgit. »Richte dich nur so gut ein, wie du kannst. Des Mittags ißt du wohl außer dem Hause?«
»Ja, oder auch nicht. Die Köchin bleibt ja hier.«
Und dann ging er ins Musikzimmer zurück. Vergnügt rieb er sich die Hände, hüpfte durch das Zimmer und knipste mit den Fingern. Er konnte es nicht aushalten da drinnen, sondern riß alle Türen zum Eßzimmer, zum Boudoir und zum Salon auf. Dann tanzte er im Polkatakt durch die ganze Zimmerreihe, die Daumen in die Ärmellöcher der Weste steckend und vor sich hinsingend: »So herrlich allein – alle sind fort – heute abend, heute abend! Zum erstenmal – allein bei mir – im eigenen Haus! Hurra! Hurra!«
Margretens Eltern und ihre beiden unkonfirmierten Schwestern waren in ein Bad gereist. Die Brüder machten eine Fußtour ins Gebirge, und sie selber verbrachte die Sommermonate bei der alten Großmutter, die ein Landhaus in der Nähe der Stadt bewohnte. Schon als Kind war Margrete viel bei der Großmutter gewesen, sie pflegte ganze Wochen bei ihr zuzubringen.
In diesem Jahr hatte sie die Großmutter verstehen lassen, daß sie tausendmal lieber bei ihr bleiben als mit den Eltern ins Bad gehen wolle, wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen, und die alte Dame, deren Augapfel Margrete war, hatte es nicht viel Mühe gekostet, die Sache nach Wunsch zu ordnen.
Vierzehn Tage, nachdem Birgit zu ihrer Schwiegermutter aufs Land gezogen war, hatte sie eine Einladung zu einer großen Abendgesellschaft bei einigen alten Freunden des Tandbergschen Hauses erhalten, die eine Villa nicht weit von Frau Tandbergs Landhaus bewohnten. Knud war auch dort. Seine Mutter hatte gemeint, er solle sie des Abends nach Hause begleiten und bei ihnen übernachten; er aber hatte diese Aufforderung ausgeschlagen und war mit einem Extradampfer, den einige der Gäste gemietet hatten, wieder zur Stadt zurückgekehrt.
Auch Margrete von Falsen war unter den Gästen gewesen.
Auf dem Rückwege war Birgit ungewöhnlich schweigsam. Sie saß zurückgelehnt in der einen Wagenecke neben Frau Tandberg und sprach kein Wort. Als eine der Schwägerinnen sie anredete, ohne eine Antwort zu erhalten, rief Frau Tandberg aus: »Weiß Gott, Birgit ist eingeschlafen!«
Aber Birgit schlief nicht. Sie saß nur mit geschlossenen Augen da und litt unter einem Gefühl von Unruhe und Niedergeschlagenheit, das an ihrem Innern nagte und sie wie alte Gewissensbisse beschwerte.
Als der Wagen vor dem Landhause hielt, tat Birgit, als ob sie plötzlich erwache, sagte schnell »Gute Nacht«, sprang aus dem Wagen und lief die Treppe hinauf, in ihr Schlafzimmer, das sich in dem einen Giebel des Hauses befand.
Sie zündete Licht an, ließ das Rouleau herab, zog die Schuhe aus und begann, in Gesellschaftstoilette, wie sie war, im Zimmer auf und nieder zu gehen, den Kopf gesenkt, das Kinn in der rechten Hand, während sie den Ellbogen mit der Linken stützte.
An diesem Abend war es ihr plötzlich klar geworden, wie es um Knud stand.
Geschehen war im Grunde nichts, aber für sie war es hinreichend gewesen.
Sie hatte im Gartensaal gestanden und mit einigen Herren gesprochen. Es sollte Française getanzt werden, und sie hatte sich dazu engagieren lassen. Und dann war einer von Knuds Freunden gekommen, ein Arzt, der hatte sie gefragt, ob sie nicht wisse, wo ihr Mann sei, er wolle ihn gern zum Visavis haben. Sie hatte sich nach ihm umgesehen und schließlich die Portiere neben sich ein wenig zur Seite geschoben, hatte den Hals vorgestreckt und in das Boudoir hineingeguckt. Dort hatte Knud gestanden und mit Margrete gesprochen. Sie waren nicht allein im Zimmer. Im Sofa in einer Ecke saßen einige junge Herren und Damen und schwatzten und lachten, und es würde nichts Auffälliges bei dem ganzen gewesen sein, wenn nicht Knuds Gesicht – ah, wie ihr das Blut durch die Adern jagte, wenn sie dies Gesicht vor sich sah.
Sie hatte es nur einen einzigen Moment beobachtet, aber trotzdem stand es so lebendig vor ihm – unablässig – dieser strahlende, tief benommene und doch so ernste, nein, eher wehmütige, fast schmerzliche Blick, und dann das Entzücken, das darin lag – ja, was war es doch nur – in den Mundwinkeln? nein, überall, in jeder einzelnen Linie des Gesichts, in seiner ganzen Haltung, die von Kraft und Elastizität strotzte.
So sah Knud eine Frau nicht an, wenn er sie nicht liebte. Sie kannte diese Augen und diese Miene, so hatte er sie einstmals angeschaut, damals, als sie seine Liebe besaß. Dies alles hatte ihr gehört! – Dies beklemmende Gefühl in der Brust, wie es sie schmerzte! Jetzt wußte sie, weshalb es ihr hatte scheinen wollen, als wenn Knud sich nach Verlauf einiger Jahre so verändert hätte. Sie hatte es damals nicht glauben wollen, sondern sich damit getröstet, daß es wohl daher käme, weil sie ihn täglich sähe. Und ebenso wußte sie jetzt, weshalb in der letzten Zeit dieser wunderbare Glanz in seinen Augen gelegen hatte! – Die Liebe hatte ihn verschönert!
Margrete von Falsen also! – Also doch wirklich! – Was war denn eigentlich nur an ihr? Was hatte sie vor ihr voraus? Ja, was konnte es nützen, zu fragen; er liebte sie! Knud liebte sie!
»Ach, Knud, Knud!« flüsterte sie. »Ach, meine Jugend, mein entschwundenes Glück!«
Sie preßte einen Augenblick die Hand vor die Augen und stand still.
Aber, du lieber Gott, weshalb nahm sie sich die Sache eigentlich so zu Herzen? Sie hatte sich ja schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß Knud sie nicht mehr liebe. Ach ja! Aber es war trotzdem abscheulich, daß er eine andere liebte, und zwar mit einem solchen Ernst und einer solchen Kraft. – Sie wußte, welch eine Fülle, welch ein Glück in seiner völligen Hingebung lag, – es war gleichsam, als gönne sie der andern das nicht.
So besaß sein Inneres also doch die Fähigkeit, wiedergeboren zu werden, ebenso frisch und ganz zu empfinden wie damals. Das hatte sie wirklich nicht geglaubt!
Aber dann war es ja ein Unrecht, daß er nicht frei war. Wenn dies Gefühl sich bei ihm entfalten dürfte, so würde es ihn vielleicht viel weiter bringen, ihn zu einem tüchtigeren Menschen machen. Er würde wahrscheinlich etwas Gutes komponieren, wie damals, als er sie liebte.
Ja, er mußte frei sein. Sie sollte ein Hemmschuh für den Mann sein, der sie mit so viel Gutem überschüttet hatte, mit einem so großen Reichtum an süßen Stunden, an Glück und Liebe? Niemals! Er hatte ihr alles gegeben, solange er etwas zu geben hatte. Es war ja nicht seine Schuld, daß es ein Ende nahm. Die Liebe ließ sich ja nicht festhalten durch ein Machtgebot, ließ sich nicht durch eine Willensanstrengung erzwingen.
Obwohl – ihr war es doch gelungen, ihre Gefühle für Arbo zu bekämpfen. Aber das kam natürlich daher, daß ihre alte Liebe zu Knud nicht ganz erloschen war. Mit ihm war es freilich etwas anderes. Seine Liebe zu ihr war längst tot gewesen.
Sie wollte es ihm sagen, daß sie alles erraten habe, daß sie bereit sei, das Band zwischen ihnen zu lösen. Er sollte seine volle Freiheit wieder haben. Sie wollte ihm das Peinliche ersparen, mit einem Bekenntnis zu ihr zu kommen. Denn darüber grübelte er jetzt natürlich nach – davor schreckte er zurück. Sie war ganz sicher, daß er sich mit Margrete auf nichts einlassen würde, ehe er mit ihr gesprochen. Er hatte so viel Achtung vor ihr, daß er sie nicht betrügen würde – wenigstens nicht so handgreiflich.
Wie aber sollte die Sache zwischen ihnen geordnet werden? Sie stand eine Weile da und überlegte. Auf eine Scheidung kam es ja schließlich immer hinaus – offen und ehrlich sollte alles zwischen ihnen sein. Sie knöpfte ihr Kleid auf und fing an, sich zu entkleiden. Es war doch ein Unding, miteinander weiterzuleben, wenn keine Liebe mehr zwischen ihnen existierte. Das erniedrigte und machte das Leben zur Wüste, wie die Großmutter zu sagen pflegte. Wie hart und kalt war sie nicht geworden, sie war geradezu gesunken in diesen Jahren. Und nun gar Knud! Er war förmlich verbummelt, so schlaff und charakterlos! Dann aber hatte die Liebe ihn gerettet, während es noch Zeit war. Er war glücklich – sie aber! Sie verfiel in Grübeleien, während sie auf dem Rande des Bettes saß und ihr Strumpfband löste. Wie arm und elend war sie doch im Vergleich zu ihm!
Sie fuhr zusammen – in dem entgegengesetzten Giebel hörte sie die Schwiegermutter husten.
»Großmama!« dachte sie und nestelte ihr Korsett auf. »Es wird noch Kämpfe kosten, ihnen allen Widerstand zu leisten«, – leise schüttelte sie den Kopf. »Aber es ist nichts dabei zu machen«.
Gott weiß, ob sich Knud nicht widersetzen wird, wenn es schließlich so weit kommt. Jedenfalls wird es ihm schwer werden. Er umgeht so etwas am liebsten. Aber das ist nicht richtig. Gerade durch, das ist nun einmal meine Natur. Morgen fahre ich in die Stadt, gehe zu Knud und spreche frisch von der Leber weg mit ihm.«
Sie zog ihr Nachtgewand über den Kopf und knöpfte es langsam und bedächtig zu. Dann blies sie das Licht aus und ging zu Bett. Aber statt sich auf die Seite zu legen, das Gesicht ins Kissen gepreßt, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie schlafen wollte – statt dessen streckte sie sich auf dem Rücken aus, steckte die Hände unter den Nacken und setzte ihre trüben Betrachtungen fort.
Am nächsten Nachmittag gegen vier Uhr ging Knud rastlos in den öden Zimmern auf und nieder. Jeden Augenblick war er draußen in dem Vorsaal und horchte. Dann ordnete er sein Haar vor dem Spiegel, befeuchtete seine Hände mit Eßbouquet, schlug ein Buch auf, blätterte ein wenig darin und ordnete wohl zum zwanzigstenmal das beschriebene Notenpapier, das auf dem Tische lag.
Dann wollte es ihm scheinen, als höre er Tritte auf der Treppe, und diesmal war er endlich sicher, daß er sich nicht geirrt halte. Mit einem glückseligen Lächeln eilte er hinaus und öffnete.
»Endlich!« rief er aus, sie in den Vorsaal hineinziehend. »Du unartiges Kind! Warum hast du mich so lange warten lassen?« Er schloß die Tür, schlang die Arme mit stürmischer Heftigkeit um sie und küßte sie unzähligemal.
»Aber, Knud! Du erstickst mich ja!« sagte sie schließlich und suchte ihr Gesicht zu befreien, während sie sich doch fest an ihn schmiegte. »Wir wollen hier doch nicht stehenbleiben?«
Endlich gab er sie frei, behielt aber ihre Hand in der seinen, während sie den Hut ablegte.
»Willst du mir meine Hand einen Augenblick überlassen,« bat sie, »damit ich den Handschuh ausziehen kann?«
»Nein, das will ich nicht«, erwiderte er und fing an, die langen Handschuhe aufzuknöpfen. »Es ist meine Hand, damit du es weißt!« Er steckte ihre Fingerspitzen in seinen Mund und zog den Handschuh mit den Zähnen ab.
»Darf ich sie etwa nicht küssen?« Er sprach mit der Stimme eines verhätschelten Kindes, indem er sich über die Hand beugte, die er in seinen beiden Händen hielt, und sie mit unzähligen Küssen bedeckte.
»So, jetzt die andere!« lachte sie, ihm eine leichte Ohrfeige gebend.
Allmählich gingen sie, sich innig umschlungen haltend, ins Wohnzimmer.
»Wie ich mich in der letzten Stunde nach dir gesehnt habe!« sagte er, den Mund gegen ihren Hals pressend.
Sie sprang zur Seite und riß sich von ihm los. »Du kitzelst mich!« rief sie, laut auflachend und strich sich übers Ohr.
»Also, ich kitzle dich!« er ahmte ihre Stimme nach. »Wie bezaubernd dein Lachen ist, Margrete. Es klingt wie Perlen, die mit einem plätschernden Laut über Marmor ins Wasser rollen. Tratratra!« lachte er hinter ihr drein.
»Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß es Ähnlichkeit hat?« Sie zog den leichten Umhang aus und warf ihn über die Staffelei.
»Wie ist es dir denn seit gestern ergangen?« fragte sie, sich in vornübergebeugter Haltung hinter eine Stuhllehne stellend, die gekreuzten Arme darauf stützend.
»Komm her und küsse mich!« erwiderte er, indem er auf einem Puff Platz nahm.
»Liebst du mich noch ebensosehr wie gestern?« fuhr sie fort, ihn mit freudetrunkenem Lächeln ansehend.
»Komm her und küsse mich! Hörst du? Komm, komm, komm!« Er streckte die Hände aus und glich einem Knaben, der ungeduldig ist, weil er nicht gleich seinen Willen bekommt.
»Ja, dann antworte mir erst«, sie lachte neckisch.
»Ob ich dich liebe – du kleiner Dummbart! Komm nur her zu mir!«
Sie schob den Stuhl beiseite und war mit einem Sprung bei ihm.
»Laß uns lieber in dein Zimmer gehen«, sagte sie nach einer Weile, indem sie mit beiden Händen das Haar von den warmen Wangen zurückstrich. »Hier ist es so dunkel und rumpelkammermäßig.« Und ehe er noch antworten konnte, lief sie durch das Boudoir und den Salon ins Musikzimmer. Er folgte ihr sofort.
»Setz dich einmal hierher«, sagte sie munter und drehte seinen Stuhl so, daß er mit dem Rücken nach dem Licht stand. »Ich will dich frisieren.«
Er ließ sich sofort auf den Sitz nieder, streckte die Beine von sich, lehnte sich ganz hintenüber und übergab seinen Kopf ihrer Behandlung. Sie griff die Sachen mit beiden Händen an, strich die Finger langsam und liebkosend durch sein weiches, leichtgelocktes Haar. Hin und wieder durchfuhr ihn ein leichtes Schaudern, sonst verhielt er sich ganz unbeweglich, mit geschlossenen Augen und einem matten Lächeln saß er da. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich herab und küßte ihn leicht auf die Stirn, ohne die Hände ruhen zu lassen.
»So«, sagte er endlich und machte einen Versuch, sich aufzurichten, sie aber faßte ihn mit der einen Hand um den Hals und rief lachend: »Nein. Halt! Jetzt kommt der Kamm!«
Sie zog ein kleines Futteral aus der Tasche, und dann fing sie an, ihn zu frisieren, den Kamm in der einen, eine Bürste in der andern Hand haltend.
»Still!« unterbrach sie ihn plötzlich und horchte. »Hörtest du nicht etwas?«
»Nein«, antwortete er gleichgültig.
»Ich glaubte ganz deutlich zu hören, daß eine Tür geöffnet wurde«, – ihre Stimme klang ängstlich. »Da wieder! Hörtest du es denn eben auch nicht?«
»Nicht das geringste hörte ich!« entgegnete er träge. »Es wird wohl Karen sein, die im Schlafzimmer gewesen ist. Was geht uns das an?«
»Bist du sicher, daß ihr nicht einfällt, hier hereinzukommen?« Sie nahm das Haar abermals in Angriff und sah beruhigt aus.
»Höchstens, wenn uns das Haus über dem Kopf abbrennte; sie hat strenge Order, mich nicht zu stören.«
»So, nun bist du fertig, Knud.« Sie ging auf die andere Seite, um ihn zu betrachten. »Nein, wie es dich kleidet, mit den kleinen, krausen Locken bis in die Stirne hinein! Wirklich zu entzückend! Geh einmal hin und sieh in den Spiegel!«
»Mir ist so wirr im Kopf, und in den Gliedern hab‘ ich eine so wunderliche Mattigkeit«, sagte er mit einem schwachen Lächeln, indem er sich aufrichtete. »Mir ist, als könnte ich in bloßem Wohlsein und Wohlbehagen vergehen.«
Sie ergriff seine Hände und zog ihn von dem Stuhl in die Höhe.
»Aber was hast du nur? Laß mich einmal sehen«, rief er in ganz verändertem Tone aus. Er drehte sie dem Lichte zu, legte seine Hand auf ihre Stirn, beugte ihren Kopf hintenüber und betrachtete sie forschend. »Du hast rote Flecke auf den Wangen, und deine Augen sind blank und feucht. Du hast doch nicht gar geweint?«
Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick, ihren Mund umspielte ein Zug, der sowohl Lachen als Weinen verkünden konnte.
»Was hast du nur, mein Mädchen? Du mußt es mir sagen«, bat er mit seiner liebevollsten Stimme.
Sie kämpfte einen Augenblick mit sich selbst, dann preßte sie die Hände vor das Gesicht.
»Du mußt nicht weinen, Margrete! Erzähle mir lieber, was es ist.«
»Es ist – ein anonymer Brief«, sagte sie mit unsicherer Stimme, ihre Augen trocknend. »Darin steht, daß der Betreffende mein Verhältnis zu einem gewissen Musiker hier in der Stadt sehr wohl kennt, und dann schimpft er mich aus und gibt mir einen häßlichen Namen und sagt, daß, falls es nicht ein Ende hat, meine Eltern davon in Kenntnis gesetzt werden würden.« Sie sprach mit kleinen Pausen und biß auf die Spitze ihres Taschentuches. Ihre Augen waren zu Boden gesenkt.
»Weshalb sagst du, daß es ein ›Er‹ ist?« fragte Knud, der sehr bedenklich aussah. »Ich bin fest überzeugt, daß der Brief von einem Frauenzimmer herrührt.«
»Aber deswegen bleibt es doch ebenso schlimm«, sagte sie leise.
»Ja, Margrete, mein Herzenskind! Ich verstehe sehr wohl, daß du dich erschreckt hast.« Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich. »Aber du brauchst dich deswegen nicht zu beunruhigen. Anonyme Drohungen haben nichts zu sagen.«
»Aber wenn es nun dennoch geschähe?« flüsterte sie mit einem Schaudern.
»Wo ist mein mutiges kleines Mädchen geblieben?« Er legte den Kopf auf die Seite und sah ihr in die Augen.
»Ja, aber Knud!« sie zupfte an seinem Knopf. »Dies Ganze ist ja so unhaltbar! Eines Tages kommt es doch ans Licht, denn so etwas bleibt nie verborgen.«
»Darüber wollen wir uns jetzt noch nicht quälen«, sagte er und küßte sie.
»Ach ja, aber, Knud!« sie erhob den Blick und sah ihn flehentlich an, »du solltest dich doch lieber mit mir verheiraten.«
»Du weißt, daß es nichts auf der ganzen Welt gibt, was ich mehr wünschte, oder vielmehr, es ist das einzige, was ich ernstlich wünsche. Aber bedenke, wie schwer es für mich ist, mich loszumachen.«
»Es müßte sich aber doch machen lassen, Knud; es gibt ja so unzählige Menschen, die geschieden werden und sich dann wieder mit anderen verheiraten; und wenn du deine Frau nicht liebst und sie dich auch nicht – denn das tut sie doch nicht, wie, Knud?«
»Sie hat mich doch immerhin lieb, und dann sind da ja die Kinder, – und sich scheiden lassen – Wenn ich übrigens nur den Mut hätte, ihr die Wahrheit zu sagen und um meine Freiheit zu bitten! Ich glaube, Birgit würde sie mir sofort geben. Sie ist stolz genug dazu!«
»Dann sollst du es auch tun, Knud! Ja, du sollst! Es ist unrecht von dir, mich und mein Leben einer Schwäche zu opfern. Oder willst du etwa lieber, daß ich zu deiner Frau gehe und es ihr erzähle? Ich versichere dir, ich habe den Mut, es zu tun.«
»Ja, du hast recht«, sagte er in bestimmtem Ton. »Dies muß ein Ende haben. Aber nicht zu übereilt, meine Margrete. Ich verspreche dir, daß ich die allererste Gelegenheit benützen will.«
»Hab Dank, Geliebter«, rief sie herzlich aus. »Jetzt verlaß ich mich auf dich.«
»Aber dann mußt du auch ein heiteres Gesicht machen, Margrete! Lächle einmal! Dann will ich dir unsere Liebeshymne vorspielen – da, weißt du, entfliehen alle bösen Geister.«
»Wenn ich nur bei dir bin, ahne ich nicht mehr, daß es irgend etwas oder irgend jemand außer dir und mir auf der Welt gibt. Du sahest, wie glücklich ich war, als ich kam, obwohl ich gerade den anonymen Brief bekommen hatte. Erst als du anfingst, mich zu fragen, wurde ich wieder daran erinnert.« Sie warf sich ihm an den Hals und schmiegte sich fest an ihn, sein Antlitz mit langen, heißen Küssen bedeckend. Er legte seinen Arm in den ihren und fing an, mit ihr im Zimmer auf und nieder zu gehen, indem er Stühle und Tische mit dem Fuß beiseite schob und ihre Hand streichelte. So gingen sie schweigend einige Minuten.
»Wie süß ist es doch, zu leben!« sagte sie endlich und blickte träumend vor sich hin. »Ich bin das glücklichste Geschöpf, das jemals auf Gottes Erdboden gelebt hat.« »Mein Schatz!« flüsterte er mit einem Lächeln und preßte ihren Arm.
»Kannst du dir einen Zustand von Glückseligkeit denken,« sie sprach leise vor sich hin, gleichsam mit sich selber redend, »der so ganz und so vollkommen ist, daß er nicht das geringste ›Mehr‹ vertragen kann, keinen Platz dafür hat? Es ist, als müsse er zerspringen, verschwinden, in demselben Augenblick, in dem auch nur ein Atom hinzukommt. Es ist ein Jubel, der an Angst grenzt. Wer ihn aber einmal besessen hat, der muß sicher zugrunde gehen, falls er ein Ende nähme.«
»Du Herrliche,« sagte er, »du Auserwählte, die du Leidenschaft besitzest!«
»Ja, es muß Leidenschaft sein, wenigstens ist es ein alles verschlingendes Gefühl, das mich beherrscht. Zuweilen kann ich mich gleichsam entsetzen über seine vernichtende Macht, ja, denn es hat die Macht, mich zu vernichten, das weiß ich ganz sicher und bestimmt. Aber ich beuge mich dem Bewußtsein, daß es so ist, und wenn es mich einmal zermalmen will, so werde ich ohne Klage niedersinken, ohne jegliche Lust, mich zu retten!«
»Wie deine Worte mich beseligen, Margrete! Wenn du so redest, ist es mir, als würde ich hoch über mich selbst emporgehoben, an eine Stätte, wo es kühl ist und still und feierlich, und die Stimmung benimmt mich derartig, daß ich alles vergesse, selbst meine eigene Unwürdigkeit.«
»Wie kannst du nur von Unwürdigkeit reden! Glaubst du, daß ich über so etwas nachdenke? Du bist der Mann, den ich liebe!« Sie betonte jedes Wort und sah ihn mit einem strahlenden Blick an.
»Ja, Geliebte. Ich bin deiner unwürdig« – seine Stimme klang bewegt. – »Du bist so rein und zart, so frisch und unberührt, daß ich oft das Gefühl habe, es sei ein Verbrechen, mich dir zu nahen.« Er hielt inne, ergriff ihre beiden Hände und hielt sie vor sich. »Du bist zu mir gekommen mit deines jungen, unschuldigen Herzens großem, ursprünglichem Schatz an Liebe, während ich – ein Mann von vierunddreißig Jahren! Du hättest einen Halbgott haben müssen, der aus den Wolken herabgestiegen wäre und dir ein ätherreines Leben gegeben hätte. Und deshalb, Margrete, knie ich vor dir, wie ich es so oft getan. Ich will, daß du ein Gefühl haben sollst, als ließest du dich jedesmal herab aus deiner Herrlichkeit und höbest mich empor an deine göttergleiche Brust.«
Er war auf die Knie gesunken und streckte die Hände empor. Sie ergriff sie beide mit seligem Lächeln und preßte sie an ihren Mund, an ihre Augen. Dann schlang sie ihre Arme um ihn und versuchte, ihn zu sich emporzuziehen. Er stützte sich mit der Hand an ihrer Hüfte und richtete sich mit einer schnellen Bewegung auf.
»Heute gehörst du mir ganz?« fragte er dann.
Sie schloß die Augen und nickte, während ihr eine brennende Röte in die Wangen stieg und sich über ihren Hals ergoß …
Eine Stunde später kamen sie Hand in Hand aus dem Musikzimmer. Margrete wollte ihre Überkleider anziehen, konnte sie aber nicht sogleich finden. Knud ging in den Vorsaal hinaus und kehrte mit ihrem Hut und ihren Handschuhen zurück.
»Aber mein Umhang?« sagte sie und sah sich nach allen Seiten um. »Ah, da liegt er auf der Erde! Ich erinnere mich, daß ich ihn auf die Staffelei hängte, dann muß er herabgefallen sein.«
Knud nahm ihn auf und hing ihn ihr um die Schultern. Dann gingen sie zusammen die Treppe hinab. Knud blieb im Torweg stehen, während Margrete die Straße hinabeilte, um eine Droschke zu nehmen. Nach Verlauf von einigen Minuten kam er heraus. Er sah sich nach allen Seiten um und schlug dann den entgegengesetzten Weg ein, voll von einem Gefühl überschwenglichen Glückes.
Birgit hatte indessen ihren Beschluß zur Ausführung gebracht. Ihre Schwiegermutter hatte ein paar Gäste zu Tisch gehabt, mit denen sie Kaffee trinken mußte, deswegen war sie erst mit dem Vieruhrzuge in die Stadt gekommen und gegen halb fünf in ihrer Wohnung gewesen.
Sie befand sich in einer sehr gespannten, fieberhaften Stimmung. Als sie vor der Entreetür stand, pochte ihr Herz heftig. Sie hatte den Wunsch, still und behutsam zu Werke zu gehen. Wenn sie daran dachte, daß Knud sie im Vorsaal hören und herauskommen würde, um zu sehen, wer es sei, und sie ihm dann plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstände, dann bebte sie vor innerer Erregung. Sie wollte Zeit haben, sich zu sammeln und ihr Überzeug abzulegen. Wenn sie dann die Herrschaft über sich völlig gewonnen hatte, wollte sie hineingehen, ruhig und still, und sich niedersetzen und sagen: »Hör einmal, Knud, laß uns jetzt einmal ganz ernsthaft miteinander reden.«
Als sie in den Vorsaal gekommen war, stutzte sie bei dem Anblick eines Damenhutes, der auf dem Tisch lag. Sie nahm ihn auf und besah ihn. War das nicht Margrete von Falsetts Hut? Und da lagen auch ihre Handschuhe – diese langen, bronzegelben Handschuhe, die sie zu tragen pflegte. Also war sie jetzt da drinnen bei ihm.
Dann verhielt es sich doch so, wie man sagte: sie hatten geheime Zusammenkünfte! Das hatte sie doch nicht gedacht! Aber vielleicht wollte Margrete nur irgend etwas holen, was sie im Winter einmal hatte liegen lassen. Weshalb hätte sie dann aber Hut und Handschuhe abgenommen? Vorsichtig öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer und schaute im Halbdunkel um sich. Ein schwacher Duft von Ixora schlug ihr entgegen. Dies war das Parfüm, das Margrete stets benutzte. Und was hing denn dort auf der Staffelei? Sie ging hin und untersuchte es. Margretes Umhang! Also keine Spur von Zweifel! – Die Türen zum Boudoir und zum Eßzimmer standen weit offen. Also waren sie im Musikzimmer. Was sollte sie nun tun? Geradeswegs hineingehen und ganz unbefangen scheinen und dann, wenn Margrete gegangen war, ihre Unterredung mit Knud haben? Ja, vielleicht war dies das beste, aber es würde immerhin eine peinliche Situation für ihn sein, wenn sie die Schwelle überschritt. Sie dachte einen Augenblick daran, sich fortzuschleichen, dann aber überkam sie ein unwiderstehlicher Drang, zu erfahren, was sie zueinander sagten. Sie zog die Schuhe ab und schlich leise durch die Stuben bis an die Tür des Musikzimmers. »Wenn sie mich nun überraschen,« dachte sie, »so will ich die Sache ganz kaltblütig nehmen und sofort sagen, weswegen ich gekommen bin. Vielleicht hole ich mir auch die Schuhe und gehe ganz unbefangen auf die Türe zu, so daß sie es hören und öffnen, um zu sehen, wer es ist.« Sie beugte sich vornüber, schob die geballten Hände zwischen die Knie, legte das Ohr gegen die Tür und horchte. So stand sie lange. Ein paarmal löste sie die eine Hand, preßte sie gegen ihr Herz und atmete tief und lautlos.
Endlich richtete sie sich auf, reckte die Hände über ihren Kopf in die Höhe, wie um ihre Glieder zu strecken, und kehrte dann vorsichtig ins Wohnzimmer zurück: dort zog sie ihre Schuhe an und eilte von dannen, still und vorsichtig, wie sie gekommen.
»Heute gehörst du mir ganz«, flüsterte sie, indem sie die Treppe hinabging. Ihre Wangen waren weiß, und der Glanz der Augen war gleichsam erloschen.
Es war schändlich von Knud, sie so zu betrügen. Sie war erbittert gegen ihn. Er hätte Vertrauen zu ihr haben und ehrlich gegen sie sein können. Kannte er sie denn nicht genügend, um zu wissen, daß sie sich ihm um keinen Preis der Welt aufdrängen würde, wenn er sie selber los zu sein wünschte. Daß er eine andere liebte, das konnte sie ihm verzeihen, nie aber, daß er sie so betrogen hatte.
Nun ja, es konnte jetzt ja auch einerlei sein, sie trennten sich nun ja doch auf ewig. Was machte er sich wohl daraus, wie sie über ihn dachte? Sich auf ewig trennen – wie war es nur möglich, daß der Gedanke ihr das Herz so zusammenschnürte? Ach ja, da waren so viele Erinnerungen von dem Zusammenleben der ersten Jahre – so viele süße, strahlende Erinnerungen, die jetzt zu klaffenden Wunden wurden. Wenn sie sich jetzt von ihm losriß, so war das für sie, als begrabe sie einen heißgeliebten Verstorbenen, von dessen Leiche sie sich lange nicht hatte trennen können. Ja, denn ihre Liebe war schon lange tot gewesen, und sie hatte die Leiche alle die Jahre hindurch mit sich geschleppt, gleich der Tochter Ferdinands des Katholischen, die den entseelten Leichnam ihres Gatten nicht hatte beerdigen lassen wollen.
Bei einem Begräbnis flossen ja stets Tränen; folglich brauchte sie sich ihres Schmerzes nicht zu schämen. Aber es schnitt ihr ins Herz, daß sie so allein stand mit ihrer Trauer. Knud halte sich rechtzeitig geflüchtet, er stand jetzt siegesbewußt da, eine junge Liebe im Herzen. Er war der Klügste von ihnen.
Ach, weshalb konnte sie sich dies nicht sagen, ohne sich innerlich vor Schmerz zu krümmen? Wenn sie nun wirklich die Birgit war, die sie sein wollte, so daß sie das Gelöbnis einlöste, das in den großen Gedanken lag, die sie auf diesem Gebiet von sich selber hatte, so mußte sie sich ja nur freuen, sich vom rein menschlichen Standpunkt darüber freuen, daß Knud so frisch dastand, fähig, ein neues Leben zu beginnen. Ja, das wollte sie auch, wenn sie nur Zeit gehabt hätte, sich ein wenig zu sammeln. Wenn er sie nur nicht betrogen hatte, würde auch kein Vorwurf über ihre Lippen gekommen sein, sondern nur ein Dank für all die Freude, mit der ihre gemeinsame Liebe einige Jahre ihres Lebens ausgefüllt hatte.
Unter diesen Betrachtungen hatte sie das Landhaus wieder erreicht. Sie konnte nicht begreifen, wie es zugegangen war, aber sie mußte ja ein Billett gelöst haben und mit der Eisenbahn gekommen sein, denn dort, gerade vor ihr, lag ja das Haus. Sie stieg die vier Stufen hinan, die zu der Veranda mit der blaugestreiften Markise führten, und dort auf der Bank sah sie Jamborg ganz allein sitzen, eine Zigarre im Munde, auf die See hinausstarrend.
Er erhob sich, sobald er sie erblickte, und begrüßte sie.
»Ich habe mir die Freiheit genommen, die Familie zu besuchen«, sagte er. »Bis dahin habe ich aber kein lebendes Wesen erblickt mit Ausnahme eines Stubenmädchens, das mir erzählte, daß die Herrschaften eine Spazierfahrt machten.«
Sie sah ihn an, ohne seinen Gruß zu erwidern.
»Sind Sie krank, Frau Birgit?« fragte er und betrachtete sie genauer.
Sie ging gerade auf ihn zu, und ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte sie beide Arme um seinen Hals geschlungen und ihr Haupt an seine Schulter gelehnt. Ein krampfhaftes Weinen durchzuckte ihren ganzen Körper.
Er stand wie vom Blitz getroffen da und wagte es nicht, ein Glied zu rühren.
Mehrere Minuten lang weinte sie unaufhaltsam. Dann richtete sie sich auf, sah ihn mit tränengeblendetem Blick an und sagte: »Haben Sie Dank, mein Freund«, worauf sie sich abwandte und auf die Türe nach dem Gartenzimmer zuschritt.
Er eilte ihr nach und hielt sie am Kleide fest.
»Sie wünschen eine Erklärung«, sagte sie, stehen bleibend. »Ich kann Ihnen keine andere geben, als daß es mir ein Bedürfnis war, mich einen Augenblick an einen Mitmenschen anzuschmiegen, der mich lieb hat. Es war nichts weiter, und daß Sie die Sache so auffaßten, wie Sie es taten, das werde ich Ihnen nie im Leben vergessen.«
»Aber, so sagen Sie mir doch – ist Ihnen ein Unglück zugestoßen?«
»Nein«, sagte sie, den Kopf schüttelnd. »Es ist nichts weiter, als daß Knud und ich uns scheiden lassen. Mißverstehen Sie mich nicht, ich bin nicht verzweifelt deswegen, im Gegenteil, ich habe den Anstoß dazu gegeben. Aber trotzdem ist es eine große Veränderung im Leben eines Menschen. So etwas ist stets sehr angreifend.«
»Ach so«, sagte er ruhig. »Ich habe ja schon längst erwartet, daß es so kommen müsse.«
»Reden Sie vorläufig mit niemand darüber! Sie sind der erste, dem ich es gesagt habe.«
Er legte den Finger auf den Mund und sah sie mit einer Miene und einer Gebärde an, als wolle er sich ihr zu Füßen stürzen.
Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, lächelte lief traurig und ging hastigen Schrittes ins Haus.
Am Abend, als sie alle im Hause zur Ruhe gegangen waren, saß Birgit noch in ihrem Schlafzimmer und schrieb an Knud.
Als sie endlich zu Ende gekommen war, lautete das Schreiben folgendermaßen:
»Lieber Knud! Wenn ich mich heute abend hinsetze, um Dir zu schreiben, so geschieht es mit der lebhaften Überzeugung, daß es mir schwer werden wird, meinen Gedanken und Gefühlen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Dies hat seinen Grund darin, daß meine Stimmung so zusammengesetzt ist, und bald das eine, bald das andere die Oberhand bei mir hat.
Um meinen Worten den rechten Hintergrund zu verleihen, will ich damit anfangen, Dir für alle Deine Liebe zu danken. Du wirst vielleicht hierüber stutzen und Dich lange besinnen müssen, ehe es Dir klar wird, worauf ich hinaus will. Aber wenn Du Dir die Zeilen ins Gedächtnis zurückrufst, in denen es eine junge, neuvermählte Frau namens Birgit gab, die Ströme von Tränen vergoß, wenn ihr Gatte ausging, ohne ihr einen Abschiedskuß zu geben, und in denen dieser selbe Mann, der ein wenig zerstreut und von seiner Musik und seiner Arbeit stark in Anspruch genommen war, sich nicht davor scheute, weite Wege wieder zurückzulaufen, nur um seine dumme kleine Frau durch einen Kuß wieder froh zu machen, selbst wenn er sich dadurch oft recht unangenehme Verspätungen und Versäumnisse zuschulden kommen ließ, so wirst Du es sicher verstehen können, daß ich Grund habe, Dir für einen Schatz jahrelangen Liebesglückes zu danken.
Und dann kam die Zeit, in der Du mich nicht mehr liebtest. Es ist niemals offen zwischen uns ausgesprochen worden, aber sowohl Du als ich, aber insonderheit Du, wußten nichts besser und sicherer als das. Meine Liebe hielt länger vor als die Deine, aber sie hatte keinen großen Wert, denn sie war voller Eigenliebe. Sie glich einer Pflanze, die eitel Pflege und Düngung und Sonne und Wasser in reichen Mengen erforderte, und die, als ihr dies alles nicht wurde, zusammenschrumpfte und welkte und keine Blüten mehr trieb.
Du wunderst Dich vielleicht darüber, daß ich, Birgit, so an Dich schreibe. Aber ich habe über vieles gegrübelt und nachgesonnen in allen diesen Jahren, in denen Du und ich einander nichts anderes zu sagen hatten als ›Guten Tag‹ und ›Adieu‹.
Ich glaube, ich darf von mir sagen, daß ich mich mehr entwickelt habe, daß ich ausgewachsener bin, als ich es zu der Zeit war, als Du mich kanntest und Du mich liebtest. Und dann habe ich auch viel gelernt, damals, als ich das mit Arbo durchlebte. Du weißt, ich kam zu Dir und sagte, daß ich verliebt in ihn sei. Ich war nämlich der Anschauung, ich könnte nichts Schlimmeres, Unehrenhafteres tun, als Dich betrügen. Nachdem ich mich mit Dir ausgesprochen, hatte ich keinen unwiderstehlichen Zug mehr zu ihm. Ich hatte angefangen, daran zu zweifeln, ob denn meine Liebe auch wirklich derart sei, daß ich mich ihm notwendigerweise hingeben müsse. Und der Zweifel kurierte mich. Siehst Du, Knud, wenn ich mich nun auf ein Verhältnis mit ihm eingelassen hätte, ohne vorher Hilfe bei Dir zu suchen, so wäre ich sicher stromabwärts getrieben.
Das aber hast Du getan, Knud, und das werfe ich Dir vor. Wärest Du offen und ehrlich zu mir gekommen und hättest mir die Wahrheit gesagt, so würde ich Dir geantwortet haben: »Warte und sieh, ob es Dir ernst damit ist.« Und wenn dann einige Zeit vergangen wäre, und Du wärest wieder zu mir gekommen und hättest gesagt: »Ich habe gewartet, es ist mir ernst damit«, so würde ich Dir Deine Freiheit gegeben haben, und ich hätte Dir ohne alle Bitterkeit Lebewohl gesagt. Ich meine, so viel Rücksicht schulden zwei Menschen einander, die zusammen gelebt und durch die Pflichten gegen die Kinder eng miteinander verknüpft sind.
Du wirst jetzt verstehen, daß ich Dein Verhältnis zu Margrete von Falsen kenne. Du brauchst nicht zu denken, daß Dich jemand verklatscht oder angegeben hat. Ich entdeckte Deine Liebe zu ihr neulich abends in der Gesellschaft in Deinem Blick und in Deiner Miene. Wenn Du meine Gedanken in jener Nacht gesehen und meine Betrachtungen gekannt hättest, so glaube ich, daß Du mit mir zufrieden gewesen wärest. Ehe ich mich schlafen legte, faßte ich den Entschluß, am folgenden Tage in die Stadt zu fahren und Dir zu sagen, daß Du frei seiest. Ich tat es auch; als ich aber in unsere Wohnung kam, war Margrete bei Dir. Ich lauschte an der Tür und hörte alles. Verzeih mir, Knud! Es war vielleicht nicht fein von mir, aber es fügte sich ganz unwillkürlich so!
Und jetzt, Knud, wirst Du wohl begreifen, daß ich Dir diesen Brief schreibe, um Dir zu sagen, daß ich mich von Dir trennen will. Es wird viel Aufsehen und Skandal machen, aber wenn wir beide nur einig sind, so kann ja keine Macht der Welt uns daran hindern. Laß uns die nötigen Schritte in aller Stille vornehmen! Wenn es erst geschehen ist, finden Großmutter und alle die anderen sich leichter darein.
Ich nehme hiermit Abschied von Dir, Knud! Es ist leichter so. Wenn wir uns sehen, reden wir nur über die notwendigen geschäftlichen Fragen. Laß es so bald wie möglich geschehen!
Und so leb‘ denn wohl, Knud, Du, meine Jugendliebe! Du siehst, ich werde noch im letzten Augenblick sentimental. Und doch hatte ich mir so fest vorgenommen, es nicht zu sein. Es ist nur eine ganz unechte Rührung, die mich ergreift, ungefähr so wie die, welche Dich überkam, als Du Molbecks ›Ambrosius‹ sahest. Erinnerst Du Dich noch, Knud, wie ärgerlich Du warst, weil Du im letzten Akt beinahe Tränen vergossest?
Denn im Grunde, Knud, freue ich mich, daß unser Zusammenleben ein Ende hat. Es war keine Freude mehr dabei. Und was die Kinder betrifft, die Du mir wohl überläßt, so glaube ich, daß ihnen der Aufenthalt in einem Heim, wo der Mangel an Liebe zwischen den Eltern die Atmosphäre kalt und nebelig macht, mehr Schaden zufügt als der Druck, den ein Bruch und Getrenntsein der Eltern auf sie ausüben wird. – Noch einmal, hab‘ Dank, alles Gute, Knud! Und werde so glücklich, wie ich es Dir wünsche!
Birgit.«
Am nächsten Tage erhielt sie einen Brief von Knud, der folgendermaßen lautete:
»Liebe Birgit! Deine Worte haben mich tief ergriffen. Niemals ist es mir in dem Maße wie jetzt klar gewesen, welchen Schatz ich in Dir besessen habe! Ich wurde so tief bewegt. Die glücklichen Jahre unseres ersten Zusammenlebens standen so deutlich vor mir. Und dann stiegen in mir die Reue und der Zorn auf, daß ich etwas verspielt habe. Es war mir, als sähe ich etwas Wertvolles aus meinem Leben vor meinen Augen fortgleiten und unwiderruflich im Dunkel verschwinden.
Aber ich will Dir gegenüber ganz ehrlich sein, Birgit. Ich empfand auch eine Erleichterung, ja, eine jubelnde Freude, nicht darüber, daß ich von Dir befreit bin, Birgit, sondern darüber, daß ich in der Lage sein werde, einst Margrete von Falsen als mein Weib heimzuführen. Ja, denn ich liebe sie, wie ich es niemals für möglich gehalten, daß ich ein weibliches Wesen lieben könne, nachdem ich Dich geliebt!
Ich habe Dich wegen mancherlei um Verzeihung zu bitten, Birgit! Ich weiß sehr wohl, daß ich meine Pflichten als Gatte Dir gegenüber nicht erfüllt habe. Was Du von dem Boot ohne Steuer sagst, paßt leider in gewissem Grade auf mich. Doch glaube ich, daß sich in dieser Beziehung eine Veränderung mit mir vollziehen wird.
Wie edel und hochherzig hast Du mir gegenüber gehandelt, Birgit! Mein ganzes Leben werde ich Dir dafür danken.
Vor einigen Jahren grübelte ich viel darüber nach, ob es nicht das Unglück unserer Ehe gewesen, daß Du Dich gar nicht für meine arme Musik begeistern konntest. Ich empfand es oft als Mangel, daß ich diese Seite von dem Inhalt meines Lebens nicht mit Dir zu teilen vermochte. Ich sage dies nicht, um Dir Vorwürfe zu machen. Du warst nun einmal so, wie Du warst. Aber Du verletztest mich unzählige Male in der ersten Zeit, indem Du mir erzähltest, wie gleichgültig und wertlos es Dir vorkäme. Darunter habe ich gelitten, Birgit; aber das hast Du niemals verstanden oder gewußt.
Daß ich Dir die Wahrheit verheimlicht habe – freilich habe ich Deine Vorwürfe deswegen verdient, und ich beuge mich schweigend vor Deiner Anklage. Ich habe lange gefühlt, daß es meine Verpflichtung sei, Dir alles zu offenbaren, aber es wurde mir so schwer, Mut zu fassen. Hab‘ Dank, Birgit, daß Du mir das erspart hast!
Die Kinder sollst Du natürlich behalten, wenigstens vorläufig. Solltest Du Dich wieder verheiraten – aber darüber können wir ja morgen reden. Ich bin von dem Wunsche beseelt, Dir in jeder Beziehung entgegenzukommen, Birgit.
Ja, morgen erwarte ich Dich. Willst Du mit dem Vieruhrzuge kommen, so werde ich am Bahnhof sein. Und dann gehen wir gleich zum Pfarrer.
Wie Du mir, so sende ich Dir mein Lebewohl schriftlich. Habe Dank für Deine Liebe, Birgit, und für das Gute und Schöne, das wir zusammen durchlebt haben. Habe Dank für die hochherzige Weise, mit der Du das Band zwischen uns lösest! Knud.«

Ilse Frapan – Lütten – Eine Hamburger Erzählung

Lütten

Auf der wüsten Koppel, wo kein Mensch etwas davon hat, kommen drei Wege zusammen; zwei führen durch einen tiefen, feuchten Knick mit breit hineinhängenden Büschen, der dritte kommt über die kahle Höhe daher, durch den blanken Sand, wo nichts fortkann als graue Melde und fuchsrothe Wolfsmilch. Und wo die Wege sich treffen, da ist ein breites, tiefes, gelbes Loch. Einige sagen, der Blitz hat da hineingeschlagen; das Loch hat keinen Grund, sagen sie; andre nennen es »Jürs sein Sood,« obwohl kein Wasser darin steht; sie zeigen dann auch ein paar geschwärzte Mauersteine und sagen, das wär‘ das Haus zu dem Brunnen gewesen; wieder andre wissen, daß da nie ein Haus gestanden hat. »Der Boden trug das nicht; der letzte, der sich da anbauen wollte, war ein gewisser Jürs, aber er wurde nichts dabei,«
Wie es auch sein mag, gewiß ist, daß Jürs »nichts dabei geworden.« Die Krähen haben da oben frei Tanzen, die krächzen da herum im Sommer wie im Winter und gucken mit ihren scharfen gelben Augen über die breite Elbe und über den Fischerstrand, ob da nichts für sie abfällt.
Das ist da eine stille Gegend, wo die großen, flachen Wellen einförmig auf den Sand schlagen und das Gras auf den endlosen Wiesen den Kühen bis an den Bauch geht und auch Wellen macht – wenn der Südwind weht – wie das Korn. Im Frühling wachsen da die bunten Schachblumen, braune und weiße, wie Tulpenglocken an dünnen Stielen; dann kommen manchmal Leute aus der Stadt dorthin, mit langschößigen Röcken und grünen Blechtrommeln auf der Hüfte, die steigen dann im Gras herum, daß es lange Straßen hinter ihnen gibt, und machen sich da die Stiefel naß. Und der eine und der andre kriegt wohl auch Durst, und dann steigt er hinauf bis auf die wüste Koppel und sieht sich um, nach rechts und links, nach vor- und rückwärts, ob er kein rothes Ziegeldach finden kann.
Und kopfschüttelnd geht er wieder hinunter durch den Knick, denn da ist nichts, aber auch rein nichts von Häusern zu sehen, und die Krähen, wenn sie auch noch so dummdreist um den Blumensucher herumkrächzen – Antwort geben sie doch nicht, wenigstens keine, die ein ordentlicher Christenmensch verstehen kann. – –
Früher stand ein einzelnes altes Bauernhaus, kahl und mürrisch, mit schwarzgetünchtem Fachwerk und kleinen Fenstern, mitten zwischen den Wiesen, neben einem großen, flachen Tümpel. Es hatte weder Zaun noch Garten, nichts als ein paar Hollunderbüsche neben dem Tümpel, aus dem hohes Ried aufwuchs, das, im Sommer grün, im Winter braun, das ganze Jahr schwankte und rauschte.
Bei gutem Wetter sah das Haus nur aus wie ein dunkler Fleck im gelblichen Grasgrün; aber wenn der Himmel voll grauer, schwerer Wolken hing, von denen die spitzen Euter schon bis in die Elbe hinunterreichten, dann sagte das Haus viel, was es bis dahin verschwiegen hatte.
Einer, der zu solcher Zeit vorüberkam, wunderte sich dann nicht oder doch nicht so sehr, wenn er plötzlich Lütten erblickte, wie er auf der bloßen Erde saß und seinen kürbisartigen, blaßgelben Kopf mühsam zu balanciren versuchte. Mancher nickte sogar und murmelte: »Ja! na ja!« obgleich auch, er lieber schnell vorüberging.
Denn hübsch anzusehen war ja Lütten nicht.
Aber er sah doch noch schlimmer aus, wenn die Sonne auf den großen Schädel schien, wo die Haare so einzeln standen wie die Halme auf einem Geestacker; oder wenn sie in das kleine, breitgedrückte Gesicht mit der platten Nase und den bleichen Lippenwülsten fiel. Und wenn ihm ganz warm und wohlig wurde im trockenen Sand, in den er sich eingewühlt wie die Hühner rundum, dann warf er seinen blauen Kittel mit den nackten Beinen in die Höhe, die welk und runzelig, greisenhaft und kindlich zugleich waren und durch ihre unerwartete Enthüllung alles verscheuchten, was da etwa vorüberkam.
Auch seine Stimme war nicht angenehm zu hören, wenn er sie vor Behagen in lautem, winselndem Schreien erhob; ward er zu ungebärdig, dann kam oft mit eiligen Schritten eine schwere alte Frau gekeucht, aus dem Kartoffelland, dem Kuhstall oder dem Hause, die ihm von weitem schon beruhigende, zärtliche Worte zurief: »Lütten, wat hest Du! Wes still, min söten Jung! Moder kummt, Moder!« Dann streckte Lütten seine gespreizten Finger aus, lallte: »Moder!« und der schwache Anschein eines Lächelns erschien auf seinen blöden, verzerrten Zügen, Mutter Thies aber bückte sich, putzte Lüttens Plattnase, drückte seinen Wasserkopf an ihre Kniee und fragte: »Wat will min Jung hebben? Will he denn woll Speck hebben? will he ’n Pannkooken hebben? Vertell mal, Lütten, vertell all, wat Du hebben wullt.« –
Oft aber gab es auch böse Worte bei Mutter Thies. Da war im Hause ein langsamer Mensch mit schleppendem Gang und hölzernen Gesichtszügen, das war Jochen, Mutter Thies‘ zweiter Sohn. Der schlug auf Lütten los, wenn er laut schrie oder ein Wort fünfzigmal wiederholte, wie er das so gern mochte. Besonders solche Worte, die Jochen nicht gefielen, und ihm gefiel das wenigste, was aus einem menschlichen Munde kam. Vielleicht hätte er es gern gesehen, wenn Mutter Thies ihn auch einmal gefragt hätte, ob er Speck wolle oder Pfannkuchen, aber da sie das nicht that, mochte er lieber gar nichts hören. Mürrisch ging er seiner Arbeit nach, brummte vor sich hin und blickte mit schelen, eifersüchtigen Augen auf seinen Bruder Jürs, der doch so wenig wie er selbst von Mutter Thies Gutes erfuhr. Nein, Jürs war von früh auf der Sündenbock gewesen. Aber man konnte ihn trotzdem beneiden, denn er hatte eine Frau, die große Pauline; ins Haus durfte sie zwar nicht, das litt Mutter Thies unter keinen Umständen, aber Jürs konnte ja zu ihr gehen, so oft er wollte, in den Tanzsalon in St. Pauli, wo sie Kellnerin spielte.
Ja, es war nicht so leicht, mit Mutter Thies auszukommen, wenn man keinen Wasserkopf hatte und einen eignen Willen!
»Ole Gnurrputt!« nannte sie Jochen, so oft er den Mund aufthat, um etwas zu verlangen; Jürs aber, der nicht umhin konnte, über Glück und Unglück zu lachen, weil ihm der Mund so gewachsen war, hieß bei ihr nur: »De dwalsche Grienaap,« mochte er auch noch so schlau zu Werke gehen, um Mutter Thies etwas abzuluchsen, Jochen und Jürs waren für sie wie fremde Leute, die sie eigentlich gar nichts angingen. Ihr Sohn, ihr Kind, ihre tägliche Sorge und Liebe, das war Lütten mit dem Wasserkopf.
Warum das eigentlich so war, wußte Mutter Thies wohl selbst nicht. Vielleicht, weil Lütten als Aeltester noch aus der guten Zeit stammte, wo Vater Thies selber, ein junger, forscher Kerl, mit krallen Augen, lebendig und thätig, immer mit Peitschenknallen und hallo! draußen und drinnen zu hören gewesen war. Und Lütten sein Ebenbild, der dicke, rothbäckige, fixe Wicht – an dem konnte man seine Freude haben! Aber das Gute währt nicht lang, das wird alles anders.
Auf einmal, unter ihren Augen, unter ihren Händen hatte sich der gesunde, stämmige Gast in den bleichen, welken, großköpfigen, lallenden Zwerg verwandelt, vor dem die Leute das Grausen ankam.
Von einem Fall sollte das hergekommen sein; Lütten war als dreijähriger Junge vom Heuboden gefallen. Mutter Thies mußte nur lachen, so sauer es ihr wurde, daß der Doktor solchen Unsinn sprechen konnte! Nee, dann war doch ihre alte Großmutter noch bedeutend klüger! Die sah das gleich: dem Jung‘ war was angethan, da war ’n »Glippauge« angekommen. Und Mutter Thies hatte das Glippauge selber aufgesucht, mit dem Kind an der Hand! »Wenn ick dat ahnen kunn! Gott vergew‘ mi all, wat Sünd‘ is, aber ick kenn‘ ehr good, de verdömte Hex, un dat is de ol‘ Wahrseggersch, de mi ook min fieden Platen wegbuxt hett! Harr‘ ick man nie ’n Foot in de ol‘ Kath‘ sett!«
Aber wenn ein Unglück kommen soll, dann macht man ihm selber die Thür auf! Thies konnte das nicht sehen, das mit Lütten, und so kriegte er denn sachte mehr und mehr mit dem Schnapsbuddel zu thun, bis nach Jahr und Tag auch die böse Prophezeihung der Wahrsagerin auskam und er im betrunkenen Zustande vom Stack in die Elbe fiel und ertrank. Jochen war damals ein Jahr alt, Jürs wurde nach seines Vaters Tode geboren. Schwächlich und häßlich waren sie zur Welt gekommen, und Mutter Thies hatte schon so viel mit Lütten zu thun! Und die ganze Wirtschaft lag auf ihr allein. Was wollten die beiden Jungens dazwischen? Ueberall waren sie unter den Füßen, überall steckten sie ihre dummen, gierigen kleinen Fäuste hinein. Mutter Thies prügelte nach rechts und links, aber immer wurden den Hennen die Eier noch warm unterm Leibe weg gestohlen, die sie für Lüttens Pfannkuchen so nothwendig hatte.
Wie sie heranwuchsen, wuchsen natürlich auch ihre Fangfinger. Speckseiten und Schinken verschwanden aus dem Schornstein, Mutter Thies fragte eben weder Jochen noch Jürs jemals, ob sie Speck haben wollten, und sie wollten doch so gern. Warum sollte Lütten alles allein haben, obgleich sein Kopf immer dicker wurde und er aus lauter Bequemlichkeit das Laufen ganz aufgab? Auf der Erde saß er und stützte sich auf die ausgespreizten Finger und schrie nur, wenn er etwas wollte.
Es kam die Zeit, wo Mutter Thies ihrer eignen jungen Ferkel im Koben nicht mehr sicher war. Der »dwalsche Grienaap«, der Jürs, hatte herausgefunden, daß mit Baargeld noch viel mehr anzufangen ist als mit Eiern und Speck. Jochen hatte sich niemals überführen lassen, aber er verschmähte nicht, des Bruders Gewinn zu theilen Doch war er Mutter Thies‘ bester Arbeiter, langsam, aber stetig, während mit Jürs, dem »Undöcht«, dem »Wippsteert«, auch in dieser Hinsicht nichts anzufangen war.
So eröffnete ihm denn Mutter Thies eines Tages – Jürs war inzwischen vierundzwanzig Jahr alt geworden –, daß er gehen und sich anderswo Arbeit und Unterkunft suchen solle.
Jürs grinste und nickte bereitwillig. »’n Deern heff ick all, Moder, dar denk‘ ick all länger an as Du.«
Mutter Thies erboste sich: »Wat wullt Du mit ’n Deern? ’n Steed schallst Di söken!«
Jürs kratzte sich hinterm Ohr. »Man schad – mit de Stedigkeit dar is dat nicks.«
»Dat magst noch seggen?« schrie die Mutter. »Gliek gahst hen und vermeedst Di!«
Jürs hielt sich die Hand ans Ohr: »Jewoll! verfreen ward ick mi.«
»Deenen schallst Du!«
»Jewoll! freen! freen!«
Mutter Thies starrte ihm in das dummschlaue Affengesicht. Wenn sie ihn nur erst einmal los wäre.
»Doh, wat Du wullt, de Döhr steiht apen«, sagte sie mit einer Handbewegung.
»Denn wölt wi ehr tomaaken,« sagte er lachend.
Aber vor Mutter Thies‘ hageldicht fallenden Schimpfworten duckte er sich doch und that begossen.
»Wenn ick freen – wull ick seggen deenen schall –, denn kann ick doch nich mit ’n witten Stock kamen.«
»Unnösel Du! Verwegne Utschott! kiek to, dat Du ’n gollenen kriegst!« schrie Mutter Thies.
Da lachte er wieder.
»Heft recht, Moder, ick will gau tosehn!« Damit verschwand er.
Eine Woche später erfuhr Mutter Thies, wie es gemeint gewesen; Jürs hatte ihr das Korn auf dem Halm und das Heu auf dem Diemen verkauft und sich mit dem Gelde davongemacht.
Später hörte sie, er sei irgendwo Stackarbeiter geworden.
Nach zwei Jahren erschien Jürs ganz unverfroren und kandidel bei Mutter Thies und bat um eine kleine Unterstützung: seine P’line hätte nun Zwillinge bekommen.
»Is dat Din Minsch, Du Grienaap? Heet dat Minsch P’line?« erkundigte sich Mutter Thies sorgfältig.
»Dat ’s ehr Nam‘, Moder, op P’line is se döfft,« erwiderte Jürs erwartungsvoll, händereibend.
Mutter Thies musterte ihn.
»Un mit de Snapsbuddel hest Du ock all Fründschop kreegen; dat Du Di wedder in min Stuw intruen deihst, Du Gaudeew!« sagte sie mit wuthzitternder Stimme. Jürs zuckte die Achseln.
»De Knüppel liggt bi’n Hund,« machte er kleinlaut.
»Büst Du de Hund?« grollte die Mutter, ihn scharf und widerwillig betrachtend; »Du slachtst Din Ohm Klaas na; wanneer kummt dat Tochthus?« Sie hob drohend die Faust auf »’n sittenden Steert mutt de Minsch hebben! ’n Minsch, de ’n sittenden Steert hett –«
Jürs wies höhnisch auf Lütten, der, unbekümmert um das Gezänk, an einer Wurst kaute.
»Wi könt nich all‘ sin, as Lütten is, Moder.«
»Laat Lütten in de Ruh!« schrie sie und legte schützend ihren Arm um seinen Wasserkopf.
Jürs stierte mit hungrigen Augen den schmatzenden Esser an.
»Du hest Eier un Fett, Moder, wi sitten mit drögen Mun’n! dat geiht uns klöterig! Dar is nich Füer nich Rook, nich Putt nich Pann. Machst uns nich to Hülp sin, Moder?«
Er grinste, was er konnte, indes in seinen rothunterlaufenen Augen das Wasser stand.
»Nee, mag ick nich!« Mutter Thies drehte ihm den Rücken zu. »Mit Pracherpack mutt man sick nich inlaaten.«
»Kummt dar nicks Beteres na?« fragte Jürs, nachdem er eine Weile vergeblich gewartet hatte; »ick heff dacht, hüt obend giwt se sick, hüt ward se sick geben.«
Als keine Antwort mehr kam, riß er blitzschnell Lütten die Wurst aus den Händen und steckte sie sich in die Tasche.
Lütten erhob ein Jammergeheul.
Da drehte sich Mutter Thies doch um und trieb Jürs mit erhobenen Fäusten aus der Thür.
»Gah hen, wo Du herkamen büst,« schrie sie in einem fort.
Jürs zog die Wurst hervor, biß gierig hinein vor ihren sichtlichen Augen und grinste: »Ick warr mi en Knütten in de Näs flahn, dat ick ‚t nich vergeeten doh! Adjüs so lang! un freet mi ock nich op, Moder, de Wust is good!«
Am andern Abend, zwischen Licht und Dunkel, kam Mutter Thies vom Viehfüttern in ihre Stube und dachte eben, daß es dieses Jahr früh anfinge, kalt zu werden – da hörte sie drinnen solch ein sonderbares, quiekendes Geschrei – nicht wie Lüttens Stimme! Hastig riß sie die Thür auf und prallte zurück: da saß die ganze Familie Jürs auf der Wandbank, und das junge Weib lachte sie mit unverschämter Freundlichkeit an: »Je, Mannsmoder, nu sünd wi dar.«
Und sie wies auf zwei bewegliche Bündel, als auf etwas Lobenswerthes und Gutes.
Mutter Thies übermannte der Schreck. Sie ging wortlos rückwärts zur Thür hinaus; ihre Beine zitterten. Dann kam sie wieder herein und sah, wie Jürs die Tischlade offen hatte und ein Brot herauszog. Sie packte das Brotmesser mit einem Griff und hielt es ihm vor die Augen: »Du Gaudeew, wullt mal liggen laaten? Sall ick nu dat Spöök dar«, sie zeigte auf P’line – »op ’n Hals behollen?«
»So heff ick dacht!« erwiderte Jürs zurückzuckend. »Moder, Din Bleusterigkeit, da verjag‘ ick mi vör!« Und das Brot fest an sich drückend nahm er einen Anlauf und entwischte aus der Thür. Draußen verschnaufte er einen Augenblick unterm Fenster und hörte zwei Frauenstimmen sich laut und gellend erheben.
»Se sünd all bi de Verstännigung,« kopfnickte er; »dat was ick mi nich vermoden, dat de Saak so drad‘ afgahn däh!«
Darauf verdingte sich Jürs auf einem Baggerschiff, das bei Finkenwärder zur Arbeit lag.
Aber Lütten war doch der Stärkere. Vielleicht hatte Mutter Thies sich »dat Minsch und ehren Anhang,« wie sie sich ausdrückte, noch eine Weile gefallen lassen, jetzt zum Spätherbst, wo man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte. Aber P’line wußte nicht mit Lütten umzugehen, neidete ihm die Nahrung und schlug ihn, wenn er nach ihren Röcken griff. Das konnte Mutter Thies nicht mit ansehen. Nach zwei Monaten war sie die Schwiegertochter sammt den Zwillingen los: P’line hatte einen unvermutheten Helfer gefunden. Der »Gnurrputt« Jochen war aufgewacht, hatte die Bruderkinder irgendwo in einem Dorf in Kost gethan und war mit der Schwägerin auf und davon gegangen, Mutter Thies wunderte sich gar zu sehr.
»So ’n schulsche Bürt! un de mutt so ’n Stückschen utäuwen! Weet de Düwel, bi mi geiht allens verkehrt! Mal sünd dar toveel in ‚t Huus un mal keen een!«
Sie tröstete sich mit Lütten. »Lütten, min Lütten, wenn Du man wörst, as Du nich büst, wo kunnen wi denn so woll lewen!«
Aber Jochens Abwesenheit dauerte nicht lange. Als die Elbe wieder offen war, fand er sich, mürrischer als je, eines Tages am Strande vor, unterhalb seiner Mutter Haus. Er pichte an einem alten Boot, das jahrelang unbenutzt gelegen, und ließ sich bitten und laden, ehe er wieder über die Schwelle kam. Immerhin, Mutter Thies gab gern ein paar Worte zu, sie hatte da einen Knecht statt Jochen gedungen, der alles verkehrt machte. Nun konnte er abgelohnt werden, Jochen hatte nie viel gesagt, aber jetzt knurrte er erst recht in sich hinein. Er hatte nämlich nichts weiter mit nach Hause gebracht als eine breite Zahnlücke vorn im Mund, die ihn sehr belästigte, wie es schien, denn er hielt, wenn er sprach, immer die Hand darauf gedrückt.
Allmählich kam er damit zu Platz, wie es hergegangen war. In einem Tanzsalon in Sankt Pauli, wo er sich mit der großen Pauline einen vergnügten Abend machen wollte, hatte er seinen Bruder Jürs wieder getroffen, und Pauline hatte sich den Spaß gemacht, die beiden so aufeinander zu hetzen, daß sie handgemein wurden. Dann war sie mit dem gegangen, der die älteren Rechte besaß. Auf dem Baggerschiff allerdings war kein Platz für sie, aber als Kellnerin in einer Hafenkneipe war sie gut versorgt und ganz an ihrem Platze. Jochen trauerte ihr nach, als ob sie die einzige Frauensperson am ganzen Elbstrand sei. Er besuchte sogar die Zwillinge ihretwegen.
Aber da fand es sich, daß die Kleinen sich aus dem naßkalten Winter und der schlechten Kost sachte fortgeschlichen hatten. Er kriegte auch zwei Nummern in die Hand gedrückt – wenn er wollte, konnte er sich beim Todtengräber befragen, wo sie begraben wären.
An dem Tag vergriff sich Jochen zum erstenmal wieder an Lütten, ganz ohne Ursache, es war ihm plötzlich in die Finger gefahren. – –
Der Frühling war gekommen, und die Schachblumen blühten auf den Elbwiesen wie alle Jahre. Es war ein schöner, warmer Apriltag. Lütten sonnte sich im Sand, und Mutter Thies hatte eine Leine gezogen und hängte Wäsche auf.
Da kam so ein Blumenpflücker mit langen Beinen vorübergestiegen; die Sonne spiegelte sich in seinen Brillengläsern, und die grüne Trommel klapperte bei jedem Schritt.
Als er das Haus sah, hielt er an und rief, die Hände an den Mund legend: »Heda, Frau!«
Langsam drehte Mutter Thies sich nach ihm um und ließ ihre geringschätzigen Blicke an dem Fremden auf und ab kriechen. Der kam arglos heran: »Haben Sie ’n Glas Milch, oder kann man ’n Schnaps bei Ihnen kriegen?«
»Nee,« sagte Mutter Thies und dehnte das Wort, so abwehrend sie konnte.
Aber der Fremde hatte erst in diesem Augenblick Lütten gesehen, der da unten saß und Schwefelhölzer auf einem Stein anrieb, eins nach dem andern; der Wind blies sie schnell wieder aus,
»Was ist denn das?« sagte der Fremde, neugierig nahertretend, wahrend er scharfe Blicke auf den haarlosen Riesenkopf und den verschrumpften Körper in dem blauen Kittel heftete.
Mutter Thies hielt in der Arbeit inne, der mißtrauische Zug um ihren eingesunkenen Mund vertiefte sich,
»Dat ’s Lütten, dat ’s min Oellst,« machte sie langsam.
»Kann es sich nicht brennen? Kann es nicht Feuer machen? Wie alt ist das?« fragte der Mann. Mutter Thies schüttelte gleichmüthig den Kopf. Sie kam von dem Grabenbord herunter – plötzlich erwachten ihre müden Augen, ihre bläuliche Unterlippe zitterte. »Na, sünd Se woll ’n Doktor? Tweeundörtig is he.«
Der Mann berührte den großen, haarlosen Kopf mit zwei Fingern und versuchte, das blöde, verzerrte Gesicht sich zuzudrehen.
»So geboren?«
Mutter Thies war ganz nah herangerückt: »Na, weeten Se da wat för? wat dar good for is? Hebbt Se vielleicht ’n Medezin?«
»Kann es geh’n?«
Eifrig faßte Mutter Thies das verkümmerte Wesen unter die Achseln und zog es empor: »Up! up! Lütten mutt upstahn!« rief sie ermunternd. Die kraftlosen Füße schlurrten über den Boden hin, aber die Hände machten rudernde Gleichgewichtsbewegungen, und endlich stand er, wenn auch mit wie abgeknickt hängendem Kopf.
»So groß wie ein etwa zehnjähriges Kind,« sagte der Mann, ihn aufmerksam betrachtend, »das ist interessant.«
»Wat seggen Se?« Mutter Thies freute sich an der Aufmerksamkeit, die ihr Lütten erregte; es war so gar nichts von Widerwillen in dem Gesicht des Fremden. Aber Lütten ward das Stehen zu sauer, und er ließ sich mit Hülfe der Mutter wieder auf die ausgespreizten Hände fallen,
»Na, könt Se mi nicht ’n Medizin geben?« drängte die Alte aufgeregt,
»Kann es sprechen« sagte der Mann,
»Versteiht sick! Allens un allens!«
Mutter Thies legte schmeichelnd Lüttens schweren Kopf gegen ihre zitternden Kniee, Ja, die Kniee zitterten ihr!
Der Mann da sah so klug aus, der wußte etwas, der konnte Lütten gesund machen, wenn er wollte.
»Weeten Se, dat is em andahn! De oll Wahrseggersch mit dat Glippoog, weeten Se woll –« sagte Mutter Thies und plinkte ihm vertrauensvoll zu.
»Aha!« Ja, Mutter Thies merkte, der Mann verstand alles, das war keiner von den neumodischen »neegenklooken« Doktoren, die über Bauersleute nur lachen können.
»Lassen Sie ihn sprechen,«
Bereitwillig streichelte sie Lütten. »Min söte Jung, hör mal to! Segg mal wat min Lütten! segg all, wat Du lehrt hest!«
Lütten versuchte, den Kopf aufzurichten, auf seinem formlosen Gesicht erschien ein Lächeln und machte es auf einmal menschlich.
»Moder,« lallte er, wie eben aus einem langen Schlaf erwacht. Die dicke Zunge schob sich zwischen die Lippen, als ob er sich einen Vorgeschmack von etwas Gutem gäbe.
Mutter Thies zupfte den Fremden. »Hebbt Se ‚t hört? jao, he is klook nog, min Lütten; he seggt nich veel, aber he hett dat in sin Kopp! De is klauker as mannicheen! Segg mehr, Lütten! segg noch wat!«
Lütten gerieth plötzlich in große Erregung. Die Nüstern der eingedrückten Nase weiteten sich, eine furchtbare Verzerrung des Gesichts folgte:
»Speck un Wurst!« schrie er; dann, als ob man eine Maschine in Bewegung gesetzt habe, erklang es wohl dreißig Mal hintereinander, immer im gleichen Ton: »Speck un Wurst! Speck un Wurst!« Es gab kein Anhalten, kein Athemschöpfen dazwischen.
»Aha!« sagte der Fremde, zurücktretend, als ob er setzt vollständig befriedigt wäre. Er nickte vor sich hin, ohne Mutter Thies weiter zu beachten.
Aber ihre Spannung war aufs höchste gestiegen; wieviel Geld der Mann wohl verlangen würde? Ob sie auch so viel hätte? »Kummt dat – kummt dat düer?« sagte sie ängstlich. »Ward he denn – ward Lütten denn ganz wedder good?« Sie schluckte, die Kehle war ihr zugedrückt.
Langsam schüttelte der Fremde den Kopf, während ein verwundertes Lächeln sein Gesicht überflog.
»Nein, Mutter, dabei ist nichts zu machen; der bleibt, wie er ist; aber –« Die Wirkung seiner Worte, das wirre Aufstöhnen der Alten überraschten ihn. »Lieber Gott,« sagte er, »das konnten Sie sich am Ende selber sagen; nein, aber, hören Sie, ’nen guten Rath kann ich Ihnen doch geben – so ’n armes Geschöpf – kosten thut es mehr als ein andres, verdienen kann es nichts. Hab‘ ich nicht recht?«
Mutter Thies nickte kummervoll, beide Hände auf den Mund gedrückt.
»Seh’n Sie,« fuhr der Mann fort, »da sollten Sie nu bei Zeiten aufpassen, daß Sie den Kopf an ’n Doktor verkaufen – das ist ’ne Rarität, wissen Sie, wenn er mal todt ist! Verstehen Sie?«
Nein, Mutter Thies verstand nicht; hülflos, mit weit offenem, zahnlosem Munde und zitterndem Unterkiefer starrte sie den Mann mit den großen Brillengläsern an, der mitleidig zu ihr herunterlächelte.
»Er versteht ja gewiß nichts davon,« sagte er mild beruhigend, »das wär‘ ja ’n Glück, se eher se lieber! Wenn Sie das mit ’nem Doktor abmachen, daß er Ihnen noch bei Lebzeiten etwas Gewisses für den Wasserkopf bezahlt. – Solche Mißgeburten sind immer gesucht, wissen Sie –«
Aber nun brach aus Mutter Thies‘ kleinen, altersgerötheten Augen ein irrer Wuthfunke.
»O du verdammte Swienegel!« schrie sie auf, und nach dem Escher langend, der an der Wand lehnte, drang sie wüthend auf den Verdutzten ein, der eilig, unter abwehrenden, erklärenden Worten, die Flucht ergriff. »Wullt Du? wullt Du rut?« brüllte Mutter Thies, unterstützt von Lütten, der in ein gellendes Gelächter ausgebrochen war und seinen blauen Kittel wie toll mit den nackten Beinen in die Höhe warf. Sie verfolgte den Mann, der sehr roth und gekränkt aussah, noch eine Strecke weit durch das lange Gras; er setzte über Gräben hinweg mit fliegenden Rockschößen, ängstlich den Hut festhaltend, den der scharfe Ostwind ihm entreißen wollte.
Als sie dann athemlos vom Laufen und fürchterlich keuchend zurückkam und, blauroth im Gesicht, ihren Hals von dem braunen Wollentuche zu befreien versuchte, das sie würgte, gewahrte sie auf einmal Jürs, der hinter Lütten stand und seinen Kopf mit den Fingern befühlte, wie es vorhin der Fremde gethan; ein ganz sonderbares Grinsen verzerrte dabei sein Gesicht. Mutter Thies fühlte ihre Beine schwach werden. Ein unbestimmtes, plötzliches Grausen kam sie an, das ihr kalt über den Leib lief, und ihr Kopf wurde schwer, so schwer, als müsse er sie auf die Erde hinunterziehen.
»Wat wullt Du hier? wonehm kummst Du her?« wollte sie sagen, aber die Worte kamen mit einem unverständlichen Gurgeln aus ihrem Mund, das sie noch mehr erschreckte.
Jürs trat von Lütten weg und stand in seiner ganzen Heruntergekommenheit, mit der blauen Nase und den weit abstehenden, blutlosen Henkelohren, mit der löcherigen Hose und dem schmutzigen Kittel, mitten in der hellen Sonne. Er kniff die Augen zusammen und nickte seiner Mutter frech und verschmitzt zu.
»Dag, Moder! De Mann is nich dumm. Lütten an ’n Doktor verkopen? Wat hett he seggt? Dat will ick dohn, Moder, de Mann hett recht! Djusti! djusti!« Er sprang mit klappernden Holzpantoffeln in die Höhe. Plötzlich dann umschlang sein Arm Lüttens unförmlichen Kopf.
»Baar Geld, Moder! De Kopp is baar Geld! djusti! djusti!«
Mutter Thies‘ Gesicht schwoll immer mehr an. Das Entsetzen machte sie sprachlos und lähmte ihr den Arm, den sie heben wollte, um Lütten zu befreien. Steif waren die Arme, gar nicht wie ihre eignen.
Jürs gerieth in einen Freudentaumel: »Is ’n Geschäft, dammi! Lütten verköpen! dammi! De Mann mutt wedder her! dammi! dammi!«
Lütten gab unter dem rauhen Druck unbehagliche Klagelaute von sich; mit gespreizten Fingern suchte er Jürs abzuwehren.
Da tauchte neben ihm auf der andern Seite Jochens hölzerne Gestalt auf.
»Laat na!« sagte er brummend und nahm Jürs‘ Arm von dem Kopf des Zwergs, »verköpen is good, aber ick frag‘ mi man, an wokeen?«
Mutter Thies strengte alle Kräfte an zum Schreien.
»Jochen! lied’t nich! Nich verköpen! min Fleesch un Blood!« lallte sie halb bewußtlos.
Jochen richtete sich auf, seine Augen blickten fragend und starr auf die Alte.
»Sünd wi nich ook Din Fleesch un Blood? Schult wi dorthungern? Wonehm sünd de Tweeschen bleewen? Wer hett dat starwen un verdarwen laten? Wonehm sünd de Tweeschen?«
»Wo – wo – wo – nehm sünd de Tweschen?« winselte Lütten, dann klatschte er in die kraftlosen Hände und kreischte wie ein Papagei: »De Tweeschen! de Tweeschen! de Tweeschen!«
Mutter Thies rührte sich nicht. Ihr Auge umfaßte noch einmal das verwahrloste Haus an dein trübgrauen Tümpel und das, was ihr ganzes Leben gewesen war: den kahlen, wasserköptfigen, gelben Zwerg, der sinnlos lachte und kreischte zu ihrer Angst, Jochen mit dem Anklageblick und der kalten Entschlossenheit in den eckigen Zügen, und den betrunkenen Jürs, der seine zerfetzte Mütze in die Luft warf und schrie:
»Baar Geld lacht, Moder! Djusti, bar Geld lacht!«
»Oach! oach! oach!« ächzte sie auf; ihre Augen verdrehten sich, ihr Kopf neigte sich vornüber, und schwer schlug sie der Länge nach auf den Boden. – –
Am zweiten Abend danach sah es in Mutter Thies‘ Stube ganz anders aus. Jochen und Jürs hatten die große Pauline in die Mitte genommen und viel Schnaps getrunken, schon den ganzen Tag, Mutter Thies konnte ihnen jetzt nichts mehr anhaben, Mutter Thies war todt. Sie hatte sich hinaus in die Scheune bequemen müssen, Jochen hatte den Sarg selber hergekarrt durch den tiefen Sand, Der Tischler in Wedel hatte ihn gerade vorräthig gehabt. Und nun lag sie da draußen, die Alte, schimpfte nicht mehr und regierte nicht mehr, und die Stube und das Haus und das Vieh und die Wiesen – alles gehörte Jochen und Jürs. Sie konnten es noch nicht begreifen; so lange sie nüchtern waren, wollte es ihnen nicht in ihre verwunderten Köpfe. Jürs ging auf den Zehen mehr als einmal an die Alte hinan und blickte ihr unruhig ins Gesicht, ob sie nicht wieder lebendig würde. Aber mit zufriedenem Kopfschütteln schlich er weg, nahm einen herzhaften Schluck aus den halben Schrecken, den er ausgestanden, und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, mit einer Hausbesitzermiene in den Wiesen herum.
Jochen that ganz allein, was nöthig war; er hatte auch den Doktor geholt, hatte das Begräbniß angesagt, hatte die schwere Leiche gewaschen und angekleidet. Als sie dann in den Sarg gelegt werden sollte, hatte er Jürs zum Anfassen gerufen, aber Jürs hatte nicht gemocht. Wie ein Unsinniger war er in hohen Sprüngen ausgerissen und hatte geschrieen: »Dat gräst mi! Dat gräst mi!« Und dann hatte er P’line geholt und zwei Flaschen Kümmel, denn es war ihm so schlecht geworden – das Gräsen wollte gar nicht weichen.
Seit P’line da war, ging alles besser, Jochen war auch aufgethaut. Wenn sie sich mit Jürs küßte, stieß er sie mit seinem harten Ellbogen in die Rippen und sagte: »Laat mi ook bibucken.« Und Jürs erwiderte zwar: »Maak Di nich too grün, Du!« Aber P’line blänkerte ihn mit ihren schwarzen Augen vertraulich an und spielte mit Jochens Hand hinter Jürs‘ Rücken. Unaufhörlich kreiste die Schnapsflasche zwischen den Dreien.
Draußen ging derselbe sägende, dörrende Ostwind, der schon seit Tagen wehte. Es knackte und knarrte in dem alten Haus, als ob die Balken Leben bekämen und auseinander wollten. Und in das Pfeifen und Mischen im dürren, winterbraunen Ried mischte sich oft eine schreiende Winselstimme: »Moder! Moder! Speck un Wust! Speck un Wust!«
»Is Lütten buten bi ehr?« fragte P’line, als sie das Gewimmer zum ersten Mal hörte.
Jochen blickte Jürs an: »Weet nich, wonehm dat he is; ick heff keen Tied halt.« Jürs pfiff gleichgültig.
»Hett he wat to eeten kreegen?« sagte das Weib kopfschüttelnd, »he will Speck un Wust hebben! Gah mal rut, Jürs, kiek mal to –«
Sie drückte verstohlen Jochens Hand, aber Jürs schien mit seinen zwinkernden Augen auch um die Ecke sehen zu können. »Mußt nich!« schrie er und hielt Jochen die schmutzige Faust unter die Nase.
»Kinners! Kinners!« lachte P’line geschmeichelt, »verdreegt si doch man.«
Draußen klapperte es am Thürgriff; war’s der Wind, oder war es der Wasserkopf, der seine Mutter suchte?
»P’line, ick gräs‘ mi! Achhott wat gräs‘ ick mi!« schrie Jürs und umfaßte das Weib, den struppigen Kopf an ihrem breiten Busen begrabend.
Pauline drängte ihn lachend von sich. »Wanneer kummt Lütten weg? Hett de Doktor em all köfft? Ward de Kopp affneden?« fragte sie neugierig.
»Moder! Moder! Speck un Wust!« jammerte es vor der Stubenthür.
»Nee, nu ward mi dat Gejaul öber!« knurrte Jochen, der vergebens versucht hatte, seinen Bruder wegzuschieben. »Täuw Du! Di will ick Speck un Wust opsnieden! täuw Du man.« Er langte, wackelig aufstehend, nach dem Rohrstock in der Ecke und riß die Thür auf. Ein gellendes Geschrei, halb Furcht, halb Gelächter, ertönte draußen. Dann ein hastiges Laufen, Katzenmiauen und plötzlich ein klirrendes, brechendes Gepolter, als ob eine ganze Küche in Scherben ginge.
»Jürs!« machte P’line und rüttelte den schnarchend an ihrem Halse Athmenden, »giw mi ’n Sluck, un denn will ick ook rut, dar is jewoll de Dübel los, dar buten.«
Jochen kam herein, ohne Stock, mit offenem Munde und wirrem Haar, von seiner Backe lief Blut. Stumm drückte er sich auf die starke Wandbank, die unter der halb scherzenden, halb ernstgemeinten Balgerei zwischen Jürs und seiner Frau ängstlich knarrte.
Er riß die Flasche an sich und trank einen tiefen Zug, dann fuhr er sich langsam über das blutende Gesicht, in der gleichen starren Verwunderung.
P’line stieß ihn an, »Uemmer fuchtig, Jochen! Bi’t Pegeln mutt dat anners hergahn! Büst Du ’n doofes Füer hüt obend?«
»He hett mi klei’t,« sagte Jochen verbast, als könne er’s noch immer nicht begreifen.
P’line lachte auf, aber gleich danach kreischte sie, denn Jürs war zwischen Schlafen und Wachen wieder eifersüchtig geworden und hatte nach Jochens Auge einen Faustschlag geführt.
»Uemschichtig, Kinners, umschichtig,« besänftigte sie den schwer Betrunkenen, »ick bün se groot nog, Jürs, ick warr‘ mi woll wehren, wenn Jochen too wehlig wurden deiht!« Sie stieß die Brüder mit den Köpfen zusammen: »Gewt ji ’n Säuten, Kinners! so ’n Jux belewt wi nich wedder wi vun ’n Obend!«
Aber Jochen hatte noch immer das hölzerne Gesicht und starrte die Thür an, wie heftig und zudringlich das Weib ihn schüttelte. Er schien zu horchen.
»Wat deiht he dar buten?« kicherte P’line, »woveel giwt de Doktor for em? verteil mi dat, Jochen? Slöppt he ümmer noch nich?«
»He hett mi klei’t,« murmelte Jochen wie abwesend.
Das Weib wischte ihm das blutende Gesicht mit der Schürze, als ob er ein kleiner Junge wäre.
»Si Du man still! De hett nu de längste Tied Speck un Wust freeten. Drink ’n Sluck, Jochen, dat Du warm wardst! Woveel kriegt wi? Woveel giwt de Doktor for em?«
Sie verstummte plötzlich und klammerte sich an Jochen, der wie sie von der Bank jäh in die Höhe gefahren war. Denn draußen war ein lautes, schrilles Gelächter erklungen, und nun schrie es in winselndem Ton:
»De Tweeschen! Och de Tweeschen! Och de Tweeschen! Lütten, kumm! Sallst wat hebben! Lütten – Tweeschen – kumm –« in thierischem Geheul erstarb die Stimme.
Die Beiden aber in der dunkeln, branntweindunstigen Stube flüsterten rauh, fast besinnungslos vor Angst:
»Wat is dat? Is dat de Ohlsch? scht‘, mal! is se nich dot? is se wedder opwakt? Wat heet dat? Wat schall dat sin? Wat seggt se?«
Pauline rüttelte Jürs an der Schulter, daß ihr ein Stück des Lumpenkittels in der Hand blieb. Sie war kaum ihrer Zunge mächtig, »Waak op, Du! Dar is wat los. Weet de Dübel! De Ohlsch –«
»Djusti, de Ohlsch!« lallte Jürs und fuhr mit dem Kopf in die Höhe, »de Ohlsch heff ick all lang nich sehn – wonehm is se woll vun‘ Obend?«
»Ick gah ut‘ Finster rut! ick gräs‘ mi!« heulte P’line, nun auch vor Jürs zurückschaudernd. Da ermannte sich Jochen gewaltsam. Er tastete sich auf.
»War dat heet? Dat heet gornichs,« sagte er mit klangloser Stimme, ging an die Thür und riß sie auf, um mit einem wilden Schrei zurückzutaumeln.
»Füer! Füer! Füer! de Schüer brennt! dat Hus öbern Kopp! Moder – Du? och lewst Du noch? – Füer –«
Pauline hatte die Flasche ergriffen, um Stärkung zu suchen. Als sie aber dicht vor sich das Sausen und Brausen vernahm und die offene Scheune in großen, gelben, hochaufschießenden Flackerflammen sah und mitten darin den schmalen Sarg und die zwei weißen Gestalten – den lachenden Wasserkopf im Hemde, der den starren Oberkörper seiner todten Mutter umklammert hielt, als ob er ihn emporreißen wollte –, da verging ihr der Rest von Besinnung, und wie die Motte ins Licht taumelte sie gerade hinein in die tödtliche Gluth, die ihr gierig entgegenzüngelte. – –
Als der Morgen kam, standen nur noch die nackten schwarzen Mauern. Die Hülfe aus Schulau war zu spät gekommen. Die Feuerspritze zog ab.
Die Dürre – der Wind – der baufällige Zustand des Hauses – man hätte doch wenig ausrichten können. Gerettet wurde nur einer – man überführte ihn sofort in eine Anstalt. Nicht sowohl seiner Brandwunden halber, als weil er einen unförmlichen Wasserkopf besaß und über sich selbst und seine Familie nichts zu sagen vermochte.
Später ist dann noch ein sonderbarer Mensch aufgetaucht, der in einer, Vollmondnacht vor Sanders‘ Wirthschaft in Blankenese auf dem Eckstein saß und mit dem Mond allerlei merkwürdige Gespräche führte. Er nannte ihn Lütten und wollte ihm den Kopf abschneiden, wie er sagte. Man holte ihn unter großem Freudengejauchze in die Wirthsstube, weil man sich einen rechten Jux von dem Kerl versprach, aber der Kerl weinte und wollte wieder hinaus zu dem Mond. Die Leute, die ihn früher gekannt hatten, behaupteten, er heiße Jochen Thies und sei Mutter Thies‘ Aeltester gewesen, aber er selber nannte sich Jürs und konnte sich auf keinen andern Namen besinnen, auf den Hausbrand anfangs auch nicht. Er ging aber doch auf die Brandstätte und nahm da Steine weg, die er oben auf der wüsten Koppel zusammenhäufte. Er wollte da ein Haus bauen, sagte er; er hätte nur immer noch nicht das Geld, »weeten Se woll, for den Kopp! for den affneeden Kopp – dat ’s de Hauptsaak.« Er »tüderte.«
Man wollte ihn irgendwie versorgen, aber es ging nicht – er wüßt‘ es vorher und verschwand aus der Gegend.
Solange Blankenese dänisch war, tauchte er immer wieder vor Sanders‘ Wirtschaft auf und wurde mit Schnaps und Brot versorgt; als es dann deutsch wurde, konnte er sich nicht mehr halten – die deutsche Polizei hatte einen Widerwillen gegen ihn. So ist er denn nach Jütland gewandert, sagen sie.
Als meine Mutter klein Kind war, hat sie ihn noch gesehen.

Henryk Sienkiewicz • Der Leuchtturmwächter • Eine Erzählung

Henryk Sienkiewicz 
Der Leuchtturmwächter

Der Leuchtturmwächter in Aspinwall, unweit Panama, war verschollen.
Man vermutete, daß der Unglückliche hart ans Ufer des felsigen Inselchens gegangen war, auf welchem der Leuchtturm steht, und von einer Woge weggeschwemmt wurde, und diese Vermutung war um so wahrscheinlicher, als man am nächsten Tage seinen in der Felsenbucht stehenden Kahn nicht fand. Der auf diese Weise frei gewordene Posten eines Leuchtturmwächters mußte sofort wieder besetzt werden, da der Leuchtturm sowohl für den lokalen Verkehr wie für die von New York nach Panama gehenden Schiffe von großer Bedeutung war.
Der Meerbusen ist reich an Sandbänken und Flugsand, und der Weg selbst am Tage ein schwieriger, und nachts, besonders durch den von der Tropensonne erhitzten Gewässern oft aufsteigenden Nebel beinahe unpassierbar. Dann ist der einzige Wegweiser für die zahlreichen Fahrzeuge das Licht der Meereslaterne. Die Sorge, einen neuen Leuchtturmwächter ausfindig zu machen, fiel dem in Panama residierenden Konsul der Vereinigten Staaten zu, und es war keine geringe Sorge, erstens schon deshalb, weil der Nachfolger innerhalb zwölf Stunden gefunden werden mußte, zweitens, weil nur ein überaus gewissenhafter Mensch den Posten bekleiden darf, und so konnte man nicht den ersten besten anstellen, und schließlich fehlte es überhaupt an Kandidaten für diese Stelle. Das Leben auf dem Turm ist ein überaus mühseliges und bietet für die an Müßiggang und freies Bummlerleben gewohnten Südländer gar keinen Reiz. Sonntag ausgenommen, kann er sein felsiges Eiland gar nicht verlassen. Aus Aspinwall bringt ein Boot ihm einmal des Tages Lebensmittel und frisches Wasser. Dann entfernen sich die Schiffer sofort, und auf dem ganzen Inselchen, das einen Morgen Ausdehnung hat, bleibt niemand. Der Wächter wohnt im Leuchtturm und hält ihn in Stand; am Tage gibt er Signale durch das Hissen verschiedenfarbiger Flaggen, laut den Weisungen des Barometers, und abends zündet er das Licht an. Das wäre keine große Arbeit, wenn nicht der Umstand da wäre, daß man, um zu den Feuerstätten auf der Turmzinne zu gelangen, über vierhundert gewundener und sehr hoher Stufen steigen müßte, welchen Weg der Wächter oft einigemal täglich zurücklegen muß. Überhaupt ist dies ein Kloster-, ja noch mehr ein Einsiedlerleben. Kein Wunder also, daß Mister Isaak Folcombridge in nicht geringer Verlegenheit war, um einen ständigen Nachfolger für den Verschollenen zu finden und man wird vielleicht seine Freude begreifen, als sich noch an demselben Tage ein Bewerber unverhofft meldete. Es war ein schon bejahrter Mann, vielleicht schon über siebzig, aber rüstig, stramm, Bewegung und Haltung die eines Soldaten. Er hatte ganz weißes Haar, die Gesichtsfarbe gebräunt wie bei den Kreolen, aber nach den blauen Augen zu schließen, war er kein Südländer. Sein Gesicht war vergrämt und traurig, aber ehrlich. Beim ersten Blick gefiel er Folcombridge, aber es war nötig, ihn zu examinieren, infolgedessen entspann sich folgendes Gespräch: »Woher seid Ihr?«
»Ich bin ein Pole.«
»Was habt Ihr bisher getan?«
»Ich habe mich herumgetrieben.«
»Ein Leuchtturmwächter muß auf einem Flecke sitzen können.«
»Ich brauche jetzt Ruhe.«
»Habt Ihr gedient? Habt Ihr Zeugnisse über einen ehrlichen Regierungsdienst?«
Der alte Mann zog einen einem Fahnenfetzen ähnlichen seidenen Lappen hervor, entfaltete ihn und sagte: »Hier sind Zeugnisse. Dieses Kreuz habe ich in den dreißiger Jahren bekommen. Dieses zweite ist ein spanisches aus dem Karlistenkriege. Dieses dritte ist das der französischen Ehrenlegion; das vierte erhielt ich in Ungarn. Dann habe ich mich an dem amerikanischen Kriege gegen die Südstaaten beteiligt, dort gibt es keine Kreuze, dafür habe ich dieses Papier.«
Folcombridge nahm das Schriftstück und begann zu lesen. »Hm, Skarmoki? Das ist Euer Name? Hm! – Zwei Fahnen im Bajonettangriffe eigenhändig erbeutet. Ihr wart ein tapferer Soldat!«
»Ich werde auch ein gewissenhafter Leuchtturmwächter sein können.«
»Ihr müßt dort mehrmals täglich auf den Turm steigen, habt Ihr gesunde Beine?«
»Ich habe die Prärien zu Fuß durchwandert.«
»All right. Seid Ihr mit der Schiffahrt vertraut?«
»Ich habe drei Jahre auf einem Walfischfangfahrer gedient.«
»Ihr habt verschiedene Berufe versucht?«
»Ja, nur Ruhe habe ich nicht gefunden.«
»Warum nicht?«
Der alte Mann zuckte die Achseln: »Das ist schon so mein Los …«
»Aber Ihr scheint mir zu alt für einen Leuchtturmwächter?«
»Sir,« ließ sich der Kandidat jäh mit gerührter Stimme vernehmen, »ich bin sehr abgehetzt und zerrüttet. Ich habe eben viel durchgemacht. Dieser Posten entspricht meinen sehnsüchtigsten Wünschen. Ich bin alt und bedarf der Ruhe. Ich möchte mir sagen können: hier ist dein Hafen. Zum zweiten Male wird sich mir eine solche Stelle vielleicht nicht bieten. Was für ein Glück, daß ich in Panama war. Ich flehe Euch an, so wahr mir Gott lieb ist, ich bin wie ein Schiff, welches untergeht, wenn es nicht in den Hafen einläuft. Gebt mir den Posten, wenn Ihr einen alten Mann beglücken wollt! Ich schwöre Euch, daß ich ehrlich bin, und ich bin dieses Herumtreibens müde.«
Die blauen Augen des Greises drückten solch eine innige Bitte aus, daß Folcombridge, der ein gutes, weiches Herz hatte, sich gerührt fühlte. »Well,« sagte er. »Ich nehme Euch an. Ihr seid der Leuchtturmwächter.«
Das Gesicht des Alten erstrahlte in einer unaussprechlichen Freude. »Ich danke Euch.«
»Könnt Ihr Euch noch heute nach dem Turme begeben?«
»Jawohl.«
»Also good bye! … Noch ein Wort: für jeden Verstoß im Dienst harrt Eurer Entlassung.«
»All right –«
Noch an demselben Tage abends, als die Sonne jenseits der Landenge unterging und nach einem strahlenden Tage die Nacht ohne Dämmerung hereinbrach, war der neue Leuchtturmwächter schon augenscheinlich auf seinem Posten, denn der Turm schleuderte wie gewöhnlich seine grellen Lichtgarben auf die Gewässer. Es war eine vollkommen ruhige, stille, echte Tropennacht, von einem lichten Nebel durchsättigt, der um die Mondscheibe einen regenbogenfarbenen Kreis mit sanften Rändern bildete. Nur das Meer brandete, da die Flut im Steigen begriffen war. Skarmoki stand auf dem Balkon, knapp bei dem riesigen Reflektor, von unten einem schwarzen, kleinen Punkte ähnlich. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und sich seine neue Lage zu vergegenwärtigen. Aber seine Gedanken waren zu sehr unter dem Drucke, als daß sie sich regelrecht hätten entspinnen können. Er empfand etwas wie das gehetzte Wild, wenn es sich schließlich vor der Verfolgung in eine unzugängliche Felsenschlucht flüchtet. Endlich war für ihn eine Ruhezeit gekommen. Ein Gefühl der Sicherheit erfüllte seine Seele mit einer unaussprechlichen Wonne. Hier auf diesem Felsen konnte er seine früheren Irrfahrten, Unglücksfälle und Mißerfolge einfach auslachen.
Er war wirklich wie ein Schiff, dem ein Sturm die Masten zerschmettert, Taue und Segel zerrissen, das von den Wellenkämmen in die Tiefe geschleudert, und nun in den Hafen eingelaufen war. Die Bilder dieses Sturmes zogen als Gegensatz zur stillen Zukunft an seinen Gedanken vorüber.
Einen Teil seiner seltsamen Erlebnisse hatte er Folcombridge erzählt, aber tausend andere Abenteuer hatte er nicht erwähnt. Er hatte das Unglück, daß, so oft er irgendwo sein Zelt aufschlug und ein Herdfeuer anfachte, um sich niederzulassen, ein Wind die Pflöcke seines Zeltes niederriß, das Feuer verwehte und ihn selbst dem Ungewissen entgegentrug. Von seinem Turmbalkon jetzt auf die beleuchteten Wellen niederschauend, erinnerte er sich an seine Erlebnisse.
Er war in allen vier Weltteilen gewesen und auf seinen Wanderungen hatte er sich beinahe in allen Berufen versucht. Arbeitsam und ehrlich, hatte er manchmal etwas Geld erspart, verlor es aber immer trotz der größten Vorsicht. Er war Goldgräber in Australien, Diamantensucher in Afrika, Landjäger in Ostindien. Als er seinerzeit in Kalifornien eine Farm anlegte, richtete die Dürre ihn zugrunde. Er versuchte einen Handel mit den das Innere Brasiliens bewohnenden wilden Volksstämmen. Sein Kahn scheiterte auf dem Amazonenflusse, und er, wehrlos und beinahe nackt, irrte wochenlang in den Wäldern umher, sich von wilden Früchten nährend, jeden Moment der Gefahr ausgesetzt, von wilden Tieren zerrissen zu werden. Er legte in Helena, in Arkansas, eine Schmiedewerkstätte an und brannte in der großen Feuerbrunst der Stadt ab. Dann geriet er im Felsengebirge in Indianerhände und wurde nur durch ein Wunder von kanadischen Jägern befreit. Er diente auf einem zwischen Bahia und Bordeaux verkehrenden Schiffe als Matrose, dann als Harpunier auf einem Walfischfangfahrer. Beide Fahrzeuge erlitten Schiffbruch. In Havanna hatte er eine Zigarrenfabrik und wurde, während er krank daniederlag, von seinem Kompagnon bestohlen. Schließlich kam er nach Aspinwall und hier sollten seine Mißgeschicke zu Ende sein. Denn was konnte ihm auf diesem Felseninselchen noch widerfahren? Weder Wasser, Feuer noch Menschen konnten ihn erreichen.
Von Menschen hat Skarmoki übrigens nicht viel Übles erfahren, er ist öfter guten als schlechten Menschen begegnet. Dafür aber schienen ihn alle vier Elemente zu verfolgen. Die ihn kannten, sagten, er habe kein Glück und damit erklärten sie alles. Er wurde schließlich ein Fatalist. Er glaubte, daß irgendeine mächtige, rachsüchtige Hand ihn überall zu Wasser und zu Land verfolge. Er redete aber nicht gern darüber; nur manchmal, wenn man ihn fragte, wessen Hand das sein möge, wies er geheimnisvoll auf den Polarstern und antwortete, das komme von dort. Und seine Mißerfolge waren tatsächlich so beständig, daß man an eine höhere Macht glauben mußte. Im übrigen besaß er die Geduld eines Indianers und die große Widerstandskraft eines rechtschaffenen Polen. Seinerzeit hatte er in Ungarn mehrere Bajonettstiche bekommen, weil er nicht um Pardon bitten wollte. Ebenso unterwarf er sich nicht dem Unglück. Er klomm wie eine arbeitssame Ameise den Berg hinan. Hundertmal herunterrollend, begann er seine Reise ruhig aufs neue. Er war in seiner Art ein Sonderling, abgehärtet und in allen Dingen erfahren, hatte er das Herz eines Kindes. Während einer Epidemie auf Kuba wurde er deshalb von ihr ergriffen, weil er sein ganzes Chinin, von welchem er einen bedeutenden Vorrat besaß, an Kranke verteilte und für sich selbst keinen Gran zurückließ.
Er besaß auch diese wunderliche Eigenschaft, daß er nach so viel Enttäuschungen stets wieder voll Zuversicht war und nicht die Hoffnung aufgab, alles werde noch gut werden.
Im Winter wurde er immer lebhaft und prophezeite stets große Ereignisse. Er harrte ihrer mit Ungeduld und lebte jahrelang mit dem Gedanken an Verwirklichung. Aber ein Winter nach dem anderen verstrich, und Skarmoki erlebte nur das, daß sein Haupthaar bleichte.
Schließlich alterte er und begann die Energie zu verlieren. Seine Geduld begann einer Resignation zu weichen. Die frühere Ruhe ging in Empfindsamkeit über und dieser abgehärtete Soldat begann sich in einen Greis zu verwandeln, der bei dem geringfügigsten Anlasse in Tränen ausbrach. Außerdem begann ihn ein furchtbares Heimweh zu plagen, das der erste beste Umstand anfachte: der Anblick von Schwalben, von grauen, Sperlingen ähnlichen Vögeln, Schnee und Gebirge oder irgendeine Melodie, die einer einst gehörten ähnlich war. Schließlich beherrschte ihn nur noch ein Gedanke: der Gedanke an Ruhe. Der ewige Irrfahrer konnte sich nichts Erwünschteres vorstellen, als einen ruhigen Winkel, in welchem er ausruhen und das Ende still erwarten könnte. Deshalb vielleicht, weil eine sonderbare Laune des Schicksals ihn nach allen Weltgegenden geschleudert hatte, kam es ihm als das größte menschliche Glück vor, nicht mehr umherirren zu müssen. Er hatte fürwahr Anspruch auf solch ein bescheidenes Glück, er war aber schon so an Enttäuschungen gewöhnt, daß er wie an etwas Unerreichbares dachte, und nun bekam er innerhalb zwölf Stunden unverhofft einen Posten, wie er ihn sich nicht hatte träumen lassen.
Als er abends seine Laterne anzündete, war er wie betäubt, daß er sich selbst fragte, ob dies wahr sei, und wagte kaum zu antworten: »Ja.« Unterdessen drang die Wirklichkeit mit unwiderlegbaren Beweisen auf ihn ein, und so verstrich ihm eine Stunde nach der anderen auf dem Turmbalkon. Es schien, als sähe er zum ersten Male in seinem Leben das Meer. Das Linsenglas des Leuchtturms warf einen riesigen kegelförmigen Lichtkreis in die Dunkelheit, während die Ferne schwarz und geheimnisvoll blieb. Aber diese Ferne schien dem Lichtschein entgegenzueilen. Kilometerlange Wellen kamen aus der Dunkelheit herangewälzt und brüllend brandeten sie an der Stufe des Inselchens und da sah man ihre schäumenden, im Leuchtturmscheine rosig glitzernden Kämme. Die Flut stieg immer mehr und überschwemmte die Sandbänke. Die geheimnisvolle Sprache des Ozeans wurde immer mächtiger und lauter, bald dem Kanonendonner, bald dem Rauschen riesiger Wälder, bald einem fernen Gewirr menschlicher Stimmen ähnlich. Manchmal wurde es ganz still. Dann drangen aus des Greises Brust schwere Seufzer oder Schluchzen und alte Erinnerungen quälten ihn.
Schließlich verwehte der Wind den Nebel und trieb schwarze, zerfetzte Wolken herbei, die den Mond verschleierten. Vom Westen begann es immer stärker zu wehen. Die Meeresbrandung schlug wütend an den Felsabhang des Leuchtturms, das Untergemäuer schon mit Schaum bedeckend. In der Ferne brauste ein Sturm. Auf dem dunklen, aufgewühlten Meeresspiegel blitzten einige an den Schiffsmasten aufgehängte grüne Laternchen auf. Diese grünen Pünktchen hoben und senkten sich, schwankten bald nach rechts, bald nach links.
Skarmoki stieg in seine Stube hinab. Der Sturm begann zu heulen. Draußen auf jenen Schiffen kämpften die Leute mit der Nacht, der Finsternis und den Wellen; in der Stube aber war es ruhig und still. Selbst der Schall des Orkans drang nur gedämpft durch die dicken Mauern, und nur das gemessene »Ticktack« der Uhr wiegte den müden Greis in den Schlaf.
II.
Die Stunden, Tage und Wochen begannen zu verstreichen. Die Matrosen behaupten, daß wenn das Meer sehr stürmisch ist, sie in der Nacht und der Dunkelheit von einer Stimme beim Namen gerufen würden. Wenn die Unendlichkeit des Meeres so rufen kann, so mag sein, daß, wenn der Mensch altert, eine dunkle, geheimnisvolle Unendlichkeit auch ihn gleichfalls ruft, und je mehr er vom Leben ermüdet ist, desto willkommener sind ihm diese Zurufe. Um sie aber zu hören, dazu bedarf es der Stille. Außerdem liebt es das Alter, sich im Vorgefühle des Todes zu isolieren.
Für Skarmoki war der Leuchtturm solch ein halbes Grab. Es gibt nichts Eintönigeres, als ein Leben auf dem Leuchtturm. Junge Leute, die einen solchen Posten annehmen, verlassen ihn bald wieder. Der Leuchtturmwächter pflegt auch gewöhnlich ein älterer, finsterer und verschlossener Mensch zu sein. Wenn er einmal seinen Turm verläßt und unter Menschen geht, wandelt er unter ihnen wie ein aus tiefem Schlafe Erwachter. Auf dem Turm fehlt es an jeglichen kleinen Eindrücken, die im gewöhnlichen Leben lehren, alles auf sich zu beziehen. Alles, womit der Leuchtturmwächter in Berührung kommt, ist riesig und groß und geschlossener Formen bar. Der Himmel, das ist die eine Gesamtheit, das Wasser die zweite, und inmitten dieser Unendlichkeiten die einsame Menschenseele!
Er führt dort eine Lebensweise, in welcher der Gedanke ein ununterbrochenes Hinbrüten wird, aus diesem Hinbrüten weckt den Leuchtturmwächter selbst seine Beschäftigung nicht. Ein Tag ist dem anderen so ähnlich, wie zwei Glasperlen in einem Rosenkranze sich gleichen, und höchstens das Wetter bietet eine Abwechselung.
Skarmoki aber fühlte sich so glücklich, wie noch nie in seinem Leben. Er stand mit Tagesanbruch auf, nahm Nahrung zu sich, putzte das Linsenglas der Laterne, ließ sich dann auf dem Balkon nieder und starrte in die Meeresferne. Seine Augen konnten sich an den Bildern, die er vor sich hatte, nie satt sehen. Gewöhnlich sah er auf dem türkisfarbenen Hintergrunde ein geblähtes Segel, das in den Sonnenstrahlen so leuchtete, daß die Augen davon geblendet wurden. Manchmal fuhren die Schiffe, die sogenannten Passatwinde benutzend, in einer langgestreckten Reihe hintereinander, einer Möwenkette ähnlich. Die roten, den Weg weisenden Tonnen schaukelten sich auf den Wellen. Zwischen den Segeln tauchte täglich gegen Mittag eine riesige grauschimmernde Rauchsäule auf, das war der Dampfer, der Passagiere und Waren von New York nach Aspinwall brachte, lange, schäumende Furchen hinter sich ziehend. Von der anderen Seite des Balkons sah Skarmoki deutlich Aspinwall und seinen ruhigen Hafen und einen Wald von Masten, Booten und Kähnen; etwas weiter die weißen Häuser und Türmchen der Stadt. Von der Höhe des Leuchtturms waren die Häuschen Möwennestern, die Boote kleinen Käfern ähnlich, und die Leute bewegten sich wie Punkte auf dem weißen, steingepflasterten Boulevard.
Des Morgens brachte eine leichte Ostbrise das menschliche Stimmengewirr, welches vom Pfeifen der Dampfer übertönt wurde, her, mittags war Siestazeit. Im Hafen hörte der Verkehr auf; die Möwen verkrochen sich in Felsspalten, der Wellengang wurde schwächer und träge, und dann entstand zu Land, zu Wasser und auf dem Leuchtturm ein Moment ungetrübter Stille. Der gelbe Sand, von welchem die Wellen zurückströmten, glitzerte wie goldige Flocken auf der Wasserfläche; der Turmkorpus hob sich im Äther scharf ab. Ströme von Sonnenstrahlen ergossen sich vom Himmel auf das Wasser, auf den Sand und auf die Felsabhänge. Da bemächtigte sich auch des Greises eine angenehme Schwäche. Er fühlte, daß ihm diese Ruhe wohltuend sei, und da er hoffte, daß sie dauernd sein würde, fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glück. Skarmoki schmachtete sein eigenes Glück an. Da der Mensch sich aber leicht an ein besseres Los gewöhnt, so gewann er allmählich Vertrauen und Zuversicht; denn er dachte, wenn die Menschen für Invaliden Häuser bauen, warum sollte Gott schließlich seinem Invaliden keine Zufluchtsstätte gewähren.
Die Zeit verfloß und bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Der Alte lebte sich mit dem Leuchtturm, den Felsabhängen, den Sandbänken und der Einsamkeit ein. Er machte auch mit den Möwen, die sich im Felsgeklüft niederließen und abends auf dem Turmdache geräuschvoll herumschwärmten, Bekanntschaft. Skarmoki warf ihnen die Reste seines Essens hin, und sie wurden bald so zahm, daß ihn dann ein Sturm weißer Fittiche umgab, und der Alte schritt zwischen dem Gevögel wie ein Schäfer zwischen seinen Schafen einher.
Zur Ebbezeit begab er sich auf die niederen Sandbänke, wo er schmackhafte Schnecken und schöne Perlmutter Molluskenmuscheln sammelte, die die zurücktretende Flut hinterließ. Des Nachts ging er beim Schein des Mondes und des Leuchtturms aus, um Fische zu fangen, von denen das Felsgeklüfte wimmelte. Schließlich gewann er seinen Felsen und sein baumloses Inselchen lieb, das nur von winzigen fetten Pflanzen und Strandhafer bewachsen war.
Eine Fernsicht entschädigte ihn übrigens für die Armut seines Eilandes. In den Mittagsstunden, wenn die Atmosphäre durchsichtiger wurde, sah man die ganze Landenge bis zum Pacific mit seiner üppigen Vegetation. Dann schien es Skarmoki, als ob er in einen Riesengarten sähe. Mächtige Kokosbündel bildeten knapp hinter den Häusern Aspinwalls prächtige buschige Sträuße. Weiter zwischen Aspinwall und Panama sah man einen ungeheuern Wald, über welchem jeden Morgen und Abend rötliche Dünste aufstiegen, ein echter Tropenwald, unten von einem stehenden Wasser bespült, von Lianen, rauschenden Orchideen, Palmen und Gummibäumen umrankt.
Durch sein Fernrohr konnte der Alte nicht nur Bäume, nicht nur weitverzweigte Bananenblätter, sondern auch Affen und Papageien beobachten, welche sich manchmal über dem Walde wie eine regenbogenfarbene Wolke erhoben. Skarmoki kannte derartige Wälder, wußte, was für Gefahren, was für ein Tod unter dieser herrlichen lachenden Oberfläche lauerte. Um so mehr verursachte es ihm Freude, von seiner Höhe zu schauen, ihre Schönheit zu bewundern und vor Verderben geschützt zu sein. Sein Turm schützte ihn vor jedem Unheil. Er verließ ihn auch meist nur Sonntags früh. Dann legte er seinen granatblauen Wächterrock mit Silberknöpfen an, heftete seine Kreuze an die Brust und sein milchweißes Haupt richtete sich mit einem gewissen Stolze in die Höhe, wenn er beim Kircheneingang hörte, wie die Kreolen untereinander sprachen: »Wir haben einen ordentlichen Leuchtturmwächter. Und sogar ein Jankee, kein Ketzer.« Aber sofort nach der Messe kehrte er nach seinem Inselchen zurück, glücklich ging er heim, denn er traute noch immer nicht dem Festlande.
Sonntags las er auch eine spanische Zeitung, die er in der Stadt kaufte oder den von Folcombridge geliehenen »New York Herald« und suchte darin gierig nach Nachrichten aus Europa. Armes, altes Herz. Auf diesem Wachtturm und auf der zweiten Halbkugel schlug es noch fürs Vaterland …
Manchmal, wenn das Boot, das ihm Mundvorrat und Wasser zuführte, anlegte, stieg er vom Turm, um mit dem Wächter Johnsen zu plaudern. Später aber verwilderte er augenscheinlich. Er hörte auf nach der Stadt zu kommen, Zeitungen zu lesen und mit Johnsen politische Debatten zu führen. Es verstrichen Wochen, in denen er niemand und niemand sah. Das einzige Zeichen, daß der Alte lebte, war nur das Verschwinden des am Ufer für ihn zurückgelassenen Proviants und das Turmlicht, welches jeden Abend mit solch einer Regelmäßigkeit angezündet wurde, mit welcher die Sonne morgens in fernen Zonen aus dem Wasser emporsteigt.
Der Alte war offenbar für die Welt gleichgültig geworden. Hierfür war nicht das Heimweh der Grund, sondern, daß er in Resignation übergegangen war. Für den Greis verkörperte sich jetzt die ganze Welt in seinem Inselchen. Er hatte sich in den Gedanken eingelebt, daß er den Turm bis zu seinem Tode nicht verlassen werde, und er vergaß, daß außer ihm noch anderes vorhanden war. Dazu wurde er Mystiker. Seine sanften blauen Augen wurden wie Kinderaugen und starrten in die Ferne.
In fortwährender Vereinsamung und angesichts der überaus einfachen und großen Umgebung begann der Alte die Empfindung der eigenen Individualität zu verlieren. Er hörte auf als Person zu existieren und verschmolz immer mehr mit seinem Milieu. Er stellte darüber keine Betrachtungen an, er fühlte nur unbewußt, schließlich aber kam es ihm vor, als sei der Himmel, das Meer, sein Felsen, der Turm, die Sandbänke, die geblähten Segel und Möwen, die Ebbe und Flut eine große Einheit und eine ungeheure, geheimnisvolle Seele. Er tauchte darin unter und lullte sich ein. – und in dieser Beschränkung seines eigenen Daseins, in diesem Halbwachen und Halbschlafe fand er eine große, dem Halbtode beinahe ähnliche Ruhe.
III
Aber das Erwachen stellte sich ein. Als das Boot wieder Wasser und Lebensmittel brachte und Skarmoki eine Stunde darauf vom Turm gestiegen war, bemerkte er, daß außer der gewöhnlichen Ladung noch ein Paket dabei sei. Auf dem Deckel des Pakets waren Postwertzeichen der Vereinigten Staaten und die deutliche Adresse: Skarmoki Esqr., auf dickem Segeltuch. Der neugierig gewordene Alte schnitt die Leinwand durch und erblickte Bücher; er nahm eins in die Hand, schaute es an und legte es zurück, wobei seine Hände heftig zu zittern begannen. Er bedeckte die Augen, als traute er ihnen nicht, es schien ihm, er träume, denn es war ein polnisches Buch. Was sollte das bedeuten? Wer hat ihm das Buch schicken können? Er hatte offenbar im ersten Augenblicke vergessen, daß er noch zu Beginn seiner Karriere als Leuchtturmwächter in dem vom Konsul ausgeliehenen »Herald« von der Gründung einer polnischen Gesellschaft in New York gelesen hatte, und daß er derselben gleich die Hälfte seines Monatsgehaltes, für das er auf dem Turme keine Verwendung wußte, geschickt hatte. Als Dank hatte die Gesellschaft ihm Bücher zugeschickt. Sie kamen also auf natürlichem Wege, im ersten Moment aber konnte der Greis diese Gedanken nicht erfassen.
Polnische Bücher in Aspinwall auf seinem Turm, inmitten seiner Einsamkeit, das war für ihn etwas Außergewöhnliches, ein Hauch aus alten Zeiten, ein Wunder. Jetzt kam es ihm wie jenem Seefahrer inmitten der Nacht vor, als ob ihn jemand mit einer geliebten und beinahe vergessenen Stimme beim Namen gerufen habe.
Eine Weile saß er mit geschlossenen Augen und er fürchtete, daß der Traum, sobald er die Augen öffnete, verschwinden würde. Nein, das aufgeschnittete Paket lag deutlich, von den Strahlen der Mittagssonne beschienen, vor ihm und das bereits aufgeschlagene Buch. Als der Alte die Hand wieder danach ausstreckte, vernahm er inmitten der Stille das Pochen seines eigenen Herzens.
Er betrachtete das Buch: es waren Verse. Oben stand mit großen Buchstaben der Titel, darunter der Name des Verfassers. Dieser Name war Skarmoki nicht fremd, er wußte, daß es der Name eines großen Dichters sei, dessen Erzeugnisse er sogar in Paris gelesen hatte. Auch als er in Algerien und Spanien Krieg führte, hörte er von seinen Landsleuten von dem immer mehr wachsenden Ruhm des großen Poeten. Er war damals aber so sehr an die Flinte gewöhnt, daß er Bücher nicht einmal in die Hand nahm. Im Jahre 49 reiste er nach Amerika, und in dem abenteuerlichen Leben, das er führte, hatte er niemals Polen und polnische Bücher gesehen. Mit größter Hast und Herzpochen schlug er das Titelblatt um.
Jetzt begann auf seinem einsamen Felsen etwas Feierliches vor sich zu gehen. Es herrschte große Ruhe und Stille. Die Uhren in Aspinwall hatten die fünfte Nachmittagsstunde geschlagen, der klare Himmel wurde von keinem Wölkchen getrübt, nur einige Möwen kreisten im Äther. Der Ozean war eingelullt. Die schwach brandenden Wellen säuselten leise, sich sanft über den Sand ergießend. Von weitem lachten Aspinwalls weiße Häuser und die wunderbaren Palmengruppen. Es war feierlich still und ernst. Inmitten dieses Naturfriedens erscholl jäh die zitternde Stimme des Alten, der laut die Verse las, um sie besser zu verstehen. Die schwungvollen Gedichte glühten von Heimweh und Vaterlandsliebe.
Skarmokis Stimme versagte. Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu tanzen, und in seinem Herzen stiegen alte Erinnerungen auf, die seine Stimme erstickten. Noch einen Moment beherrschte er sich und las weiter, und immer hinreißender, immer schmachtender und wehmutsvoller gestalteten sich die Dichtungen.
Die angeschwollene Flut durchbrach den Damm des Willens. Der Greis brüllte auf und warf sich zu Boden, seine milchweißen Haare vermengten sich mit dem Strandsande.
Vierzig Jahre beinahe sind dahingegangen, daß er sein Vaterland nicht gesehen und, Gott weiß, wie lange er schon seine Muttersprache nicht vernommen hatte, und da kam diese Sprache durch den Dichter zu ihm heran, hatte den Ozean durchschifft und fand ihn als Einsiedler auf der anderen Halbkugel.
In seinem Schluchzen, das ihn erschütterte, war kein Schmerz, sondern nur eine jäh erwachte unermeßliche Liebe, welcher gegenüber alles in nichts zerfloß. Mit seinem Weinen bat er die geliebte entfernte Heimat um Verzeihung, daß er schon so gealtert und daß er sich mit dem einsamen Felsen eingelebt und vergessen hatte, daß selbst jede Sehnsucht sich zu verwischen begann.
Die Stunden verstrichen und er lag ruhig am Boden. Die Möwen kamen kreischend herangeflogen, als waren sie um ihren alten Freund beunruhigt. Die Stunde, in welcher er sie mit seinen Speiseüberresten fütterte, war angebrochen, und so kamen einige von der Turmspitze bis zu ihm herangeflattert. Dann kamen immer mehr und sie begannen ihn zu beschnäbeln und mit ihren Schwingen über seinem Haupte zu schweben. Das Rauschen der Flügel erweckte ihn. Nachdem er sich ausgeweint hatte, war ein strahlender Friede über ihn gekommen und seine Augen waren wie neu belebt. Unbewußt gab er seine ganze Nahrung den Vögeln, die sich mit Geschrei darüber stürzten, und er selbst griff wieder nach dem Buche. Die Sonne hatte schon die Gärten und Panamas Urwald passiert und ging langsam hinter der Landenge unter, aber das Atlantische Meer war noch voll hellen Scheines, die Luft noch ganz licht, und so las er weiter–-
Die hereinbrechende Dämmerung verwischte die Buchstaben auf der weißen Buchseite, eine Dämmerung, kurz wie ein Augenblick. Der Greis lehnte das Haupt an den Felsen und schloß die Augen. Die Gedichte zitterten in seiner Seele nach, der Himmel glühte noch in Purpurtinten und in seinem Geiste tauchten die heimatlichen Gaue auf. In seinen Ohren rauschten Kiefernwälder, plätscherten heimatliche Flüsse. Er sah alles, wie es war und alles fragte ihn: denkst du der alten Zeiten? Er sah weitgestreckte Felder, Haine, Wiesen, Wälder und Dörfer. Es wurde Nacht. Um diese Zeit erhellte sein Leuchtturm längst schon das Meeresdunkel, er selbst aber ist jetzt in seinem Heimatsdorfe. Das alte Haupt senkte sich auf die Brust und er träumte. Die Bilder zogen an seinen Augen rasch und unzusammenhängend vorüber. Er sah nicht das Vaterhaus, denn der Krieg hat es zerstört, er sah weder Vater noch Mutter, denn als sie starben, war er noch ein Kind. Sonst war es ihm aber, als hätte er das Dorf gestern verlassen. Er sah eine Reihe Bauernhütten mit erleuchteten Fenstern, einen Deich, eine Mühle, zwei Teiche, in welchem die ganze Nacht ein Froschchor quakt. Einst stand er in diesem Dorfe nachts als Wachtposten; jetzt lebte die Vergangenheit jäh in seinen Gedanken auf. – Er ist wieder ein Soldat und steht Schildwache. Von weitem blickt der Dorfkrug und darin singt, spielt und tanzt man. Die Ulanen führen einen Reigen auf, und er langweilt sich auf seinem Rosse. Die Stunden schleppen sich träge dahin, schließlich verlöschen die Lichter, so weit das Auge reicht ist jetzt ein undurchdringlicher Nebel, die Nacht ist ruhig und kühl, eine echte polnische Nacht. In der Ferne säuselt der Kiefernforst ohne Wind, wie Seewogen. Bald beginnt es im Osten zu grauen, auch die Hähne krähen schon hinter den Zäunen. Kraniche lassen sich gleichfalls in der Höhe vernehmen. Dem Ulan wird es so frisch ums Herz. Der junge Morgen bricht an. Die Nacht verblaßt. Aus dem Schatten tauchen Wälder, Gebüsche, Bauernhäuschen, eine Mühle und Pappeln auf. Die Brunnenschwengel knarren wie Blechfähnchen auf einem Turm. O wie wunderschön ist dieses Land im rosigen Scheine des Morgenrotes! Stille! Die wachthabende Bedette hört, daß jemand herankommt, man kommt wahrscheinlich, die Wache abzulösen.
Plötzlich erschallt eine Stimme über Skarmoki: »He, Alter, steht auf! Was ist Euch?«
Der Alte macht die Augen auf und schaut einen neben ihm stehenden Mann verwundert an. Nächtliche Traumerscheinungen kämpfen in seinem Kopfe mit der Wirklichkeit. Schließlich verblassen und verschwinden die Traumgesichter und vor ihm steht der Hafenwächter Johnsen.
»Was ist das?« fragte Johnsen. »Seid Ihr krank?«
»Nein.«
»Ihr habt den Leuchtturm nicht angezündet. Ihr werdet aus dem Dienste gejagt werden. Ein Boot aus Gerono ist auf flachem Seegrunde gescheitert, zum Glück ist niemand ertrunken, sonst hätte man Euch vors Gericht gestellt. Steigt mit mir ein. Das übrige werdet Ihr im Konsulat hören.«
Der Alte erbleichte, er hatte tatsächlich diese Nacht den Leuchtturm nicht angezündet.
Einige Tage später sah man Skarmoki an Bord eines von Aspinwall nach New York gehenden Schiffes. Der arme Schlucker hatte den Posten verloren. Neue Wege von Irrfahrten taten sich vor ihm auf. Der Wind entführte wieder dieses Blatt, um es über Wasser und Land zu schleudern, um an ihm sein Mütchen zu kühlen.
In diesen Tagen wurde der Alte ganz gebeugt, nur seine Augen glänzten. Für seine neue Lebensbahn hatte er sein Buch auf der Brust, das er von Zeit zu Zeit mit der Hand betastete, als fürchtete er, auch dieses könne ihm verloren gehen.

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Henryk Sienkiewicz – Drei Erzählungen
Der Leuchtturmwächter – 1882
Verlag von Otto Janke

Ilse Frapan • Ameise • Erzählung über einen Hamburger Ameisenmenschen

Ameise

In ganz Hamburg gab es nur einen einzigen Menschen mit so langen, so hageren, so abenteuerlich nach innen geknickten Beinen. An den Hüften gingen sie auseinander, um an den Knieen vollständig zusammenzustoßen und sich dann nach abwärts gewaltsam zu spreizen. Es waren die unbequemsten Beine, die man sehen konnte, um darauf zu gehen; dennoch waren sie ihres Besitzers werthvolles Eigenthum, ja sozusagen die Stützen und Ernährer seiner alten Tage. Ohne diese Beine hätte er wahrscheinlich nie das Amt erhalten, das er nun bekleidete, das Amt, die Straßenübergänge zu säubern und mit einem Besen den eilig Heranschreitenden zwischen die Füße zu fahren, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Das gab dann manchmal ein kleines Trinkgeld, wenn man solch eine orthopädische Merkwürdigkeit war.
Es kam vor, daß Leute, besonders Aerzte, das Interesse so weit trieben, daß sie den Straßenfeger nach seinem Namen fragten. Dann erschien auf dem kreuz und quer durchfurchten grauen Gesicht ein geheimnisvolles Grinsen, gelbe Zahnstümpfe wurden entblößt, in den kleinen Angen glitzerte es, ein Klümpchen Tabak ward seitwärts über die Straße gespieen, und eine heisere Stimme murmelte: »Ida,« – »Ida? Sie können doch nicht Ida heißen?« verwunderte sich der antheilsvolle Frager. Aber das Grinsen wurde nur breiter, die Aeuglein glitzerten stärker, – er hieß Ida, hatte nie anders geheißen, konnte sich nicht erinnern, ob das ein Vor- oder Zuname sei, hatte übrigens auch ausreichend genug an einem Namen.
Es gab Leute, die nun recht antheilsvoll wurden, die wissen wollten, wo er wohne. Wohnen solche Geschöpfe überhaupt? das war die Frage. Ja, wenn der Straßenfeger seinen guten Tag hatte, bekamen sie beruhigende Antwort. »In ’n deepen Keller,« – »Ach so! na, hier haben Sie noch fünf Pfennig, Ida! hahaha, Ida! Das muß ich meiner Frau erzählen, daß Sie Ida heißen!«
Weiterhin konnte es dann vorkommen, daß ein Schutzmann mit höflich an den Helm gelegtem Handschuh auf den Frager zutrat: »Sie werr’n entschuldigen, Herr, sind Sie eben von die Ameise da angesprochen worden?« – »Ameise? was für ’ne Ameise?« – »Von den Kerl da drüben, der die X-Beine hat, das is ein‘ von unse Ameisen, aber ansprechen, das darf er nich.« – »Nein, nein. ich habe ihm freiwillig eine Kleinigkeit gegeben,. Aber warum nennen Sie den Ameise?« Dann lächelte der Schutzmann leutselig den unwissenden Herrn an. »Da sagen wir immer Ameisen zu, – diesen kenn‘ ich, das war mal ein Korrigend, sprach, die Leute auf die Straße an und bettelte auch woll mal mit in Häuser. Nu is er ’n büschen zugelernt, nu haben wir ihn als Ameise genommen; kriegt nu alle Woche seine fünf, sechs Mark auf die Baudeputation, aber ’n Auge, wissen Sie woll, das muß man immer noch auf ihn haben.« Der Schutzmann grüßte und trat zurück, der antheilsvolle Mann setzte seinen Weg fort, vielleicht nicht ohne noch einen Blick nach rückwärts zu werfen, wo die xbeinige menschliche Ameise sich bemühte, den klebrigen, zähen, von vielen Fußtritten in eine Art Gummi verwandelten Straßenschmutz von den runden Steinen abzukratzen und an dem Rinnstein entlang eine Reihe kleiner, länglicher Schlammbeete anzulegen.
Es war doch wie Hohn, daß dieses stolpernde,, verkrümmte, altersmüde Wesen mit dem torfkorbartigen, beuligen Hut im Nacken und der lumpigen, grüngrau schimmernden Jacke am dürren Leibe »Ameise« genannt wurde. Die flinke, saubere, kleine Kerfe hätte gewiß mit dem nicht getauscht. Wie gut ist sie daran! Rennt im warmen Sommersonnenschein über den harzduftenden, kiefernadelbestreuten Waldboden, wo nur Schmetterlinge und Liebespaare sich süße Dinge zusäuseln. Besitzt Sklaven, Milchkühe und Telegraphisten, erwirbt so mit Spazierengehen den Ruhm einer ungeheuren Geschäftigkeit und bekommt zu alledem in der Brautzeit Flügel, die sie bis zu den höchsten Wipfeln hinauftragen, – eine Verklärung des Erdenwallens, wie es sonst keinem Philister zu Theil wird.
Es ist eben manchmal kein Vorzug, mit zwei, statt mit sechs Beinen geboren zu werden.
Nicht, daß »Ida« selbst jemals derartige Betrachtungen angestellt hätte! Er hielt sich offenbar als menschliches Wesen für hochbedeutend gegenüber dem kleinen Geziefer, von dem er sicher annahm, daß es nur dazu da sei, um von schweren Holzpantoffeln todtgetreten zu werden. Das Gefühl dieser Bedeutsamkeit ward in ihm schon früh erweckt und fortwährend genährt durch die Fürsorge der Polizei, die den elternlosen, hinterm Zaun geborenen Landstreicher immer unter Augen behalten wollte. Sein Leben war ein beständiger Kampf gewesen mit dieser tausend äugigen, tausendarmigen Macht, die ihn nicht seiner Wege gehen lassen wollte. Er mochte sich verkriechen, den Namen wechseln, nichts half ihm, er wurde ausgespürt, gepackt und in die verhaßten vier Wände eingesperrt, um zu arbeiten. Zwei Jahre, drei Jahre, die ihn arbeiten lehren sollten. Aber er war auch darin der Ameise ungleich, er wollte nicht arbeiten, und er konnte auch nicht. Die Natur hatte ihn zum Rentier bestimmt und ihm dann grausam und höhnisch den Bettelsack über die Schulter gehängt. Nicht daß er anspruchsvoll gewesen wäre. Seinetwegen hätte es Häuser überhaupt nicht zu geben brauchen, wenigstens im Sommer nicht. Wozu standen all die Bänke in den Anlagen umher? Er traute seinen Ohren nicht, als der Polizist, der ihn das erste Mal dabei abfaßte, daß er auf dem Stintfang schlief, ihm mittheilte, er dürfe hier nicht schlafen. Also nicht? Und nicht einmal eine Erklärung des Verbots. Ach, die Leute wissen eben nicht, was gut ist, sie könnten es so bequem haben und machen sich das Leben so schwer. Kostgänger der lieben Sonne sein, was ist denn natürlicher? Im Winter freilich, wenn es naßkalt wurde, die Sonne sich verkroch, da brauchte man ein Obdach. Thorgänge und Vordielen genügten, aber das war dann wieder nicht nach dem Geschmack der Hausbewohner und der herumstreifenden Schutzleute. »Halloh! Du dar baben in de böbelste Ecke, kumm mal ’n beten rut, ick will Di ’ne betere Slapstell anwiesen.« Und sobald dann der Schein der unterm Rocke verborgenen Laterne auf sein verschlafenes Gesicht fiel, erkannten sie ihn. »Süh so, Du büst dat! Gu’n Abend, Ida, na, nu kumm man mit, min föte Jung, heft en beten inbreken wullt, nich? na vertell‘ ook mal.« Und sie nahmen ihn in die Mitte. Ida freute sich seiner Berühmtheit, und um Vertrauen mit Vertrauen zu erwidern, erzählte er, daß er nur hier habe übernachten wollen, nichts als schlafen. Da setzte es Püffe. Was? der Kerl wollte sie dumm machen? alle miteinander? Ida nahm die Püffe für Neckerei von guten Bekannten und gab sie mit Zinsen zurück. Die Schutzleute mußten Ernst machen, »So? der Kerl will renitent werden? Faat an, Jungens, nu man düchtig, de Halunk will wat hebben.« Der Gang bis zur Wache wurde warm für alle vier. Und einmal, bei solch einer Gelegenheit, hatten die Konstabler ihren Arrestanten so kräftig durch die Thür des Wachlokals hinein befördert, daß Ida den kleinen eisernen Ofen im Purzeln mitnahm und beide, der Landstreicher und der Ofen, auf den Unteroffizier fielen, der mit seiner langen Pfeife am Tische saß und eingenickt war. Der Feldwebel schrie auf: »Alle guten Geister! wat kummt denn da for ’n grootmächtigen Spitzbow?« Denn der Ofen kam voran und zerprallte auf dem Rücken des unsanft Geweckten. Ida blieb ganz, ein paar Schrammen machten ihm nichts aus. Nur daß er wieder sitzen mußte, die Vorbestraften werden doch immer strenger genommen. Dann, da man ihm nichts vorwerfen konnte, als die Unwilligkeit, in der allgemein gültigen bürgerlichen Weise sich selbst zu ernähren, hielt man ihn zwar fest, aber nicht als Strafgefangenen; er wurde betraut mit kleinen Diensten, mußte die Zellen und Korridore fegen und scheuern, mußte im Detentionshaus mit einer großen Naßbürste an der Badewanne stehen, in der die frisch eingebrachten Landstreicher und Strolche den Wanderstaub ihrer Irrgänge zurücklassen mußten. »Nu man mit de Naßbürst‘ her!« Ida gewann eine Leidenschaft für grüne Seife und schrubbte mit Begeisterung. Es war eine jedesmal neue Verwunderung und Ueberraschung für ihn, daß nicht er der Geschrubbte, sondern der Schrubbende war. Aber diese Momente der Erhebung gingen rasch vorüber, und der Rest war Mühsal und Entbehrung. Zu essen freilich bekam er wohl, aber seine gute Freundin, die Flasche, hatten sie ihm schon im Arrestlokal abgenommen und hatten sich wahrscheinlich eingebildet, er würde sie nun vergessen. Aber er war treuer als das. Er betrauerte sie aufrichtig und sehnte sich nach ihr, täglich, ja stündlich. Es kam vor, daß er nicht schlafen konnte, weil ihre runde volle Gestalt ihm vor den Blicken gaukelte; und zuweilen hörte er ganz deutlich das leise Glucken, das vertraulich, wie heimliches Lachen, aus seiner Brusttasche hervordrang. Die liebste Musik war ihm dieser Ton gewesen nur seinetwegen hatte er die Flasche so nahe seinem Ohre getragen. Er hätte sich vielleicht sogar an die Gefangenschaft gewöhnt, wenn nur auch ein bißchen Branntwein darin vorgekommen wäre. Eines Nachts rief ihm die alte Freundin ganz deutlich zu, daß sie im tiefen Keller auf ihn warte, und in der nächsten Nacht hatte er sie aufgesucht, und lag nun, überwältigt von der Begegnung, zwischen den slowakischen Mausfallenkrämern unter der untersten Kellertreppe, Bis er wieder gepackt wurde, was schon am nächsten Tage geschah. Seine Unverbesserlichkeit stand nun fest, aber der Grad seiner Schuld, der Umfang seiner verbrecherischen Handlungen hatte leider nicht zugenommen. Nachdem er wieder eine Zeit abgesessen, versuchte man den drolligen Uebelthäter, der nie gestohlen, nie eine Gewaltthat begangen, durch Güte zu binden, Ida sollte als Ameise angestellt werden, sollte ein wöchentliches Einkommen besitzen für eine leicht zu leistende nützliche Arbeit, – dafür aber verpflichtet sein, zu wohnen wie andere Menschen, ein Logis, eine Schlafstelle zu suchen und die Benützung der Anlagen und der Thorgänge feierlich abschwören.
Ida wurde sehr nachdenklich, als ihm diese Klausel mitgeteilt ward. Es war sonnenklar, daß Wohnen Geld kostete, gutes Geld, runde große schmierige Nickelstücke, für die man so viel Besseres einhandeln konnte. Geld verdienen, dem Polizeiherrn zulieb, der ihm so aufmunternd zuredete. Wirklich nur zuredete, Ida konnte sich nicht erinnern, jemals einen Puff von dem Herrn bekommen zu haben, – nein, der war nicht wie die Konstabler! Na ja, dem Polizeiherrn zulieb wollt‘ er das Amt annehmen. Aber dasselbe Geld wieder ausgeben, auch um den Polizeiherrn und in der Art, wie der es verlangte, – das war doch ein bißchen viel. Das brauchte Bedenkzeit, und wer weiß, wie lange der Korrigend sich bedacht hätte, wäre ihm nicht plötzlich der tiefe Keller [Fußnote] eingefallen. Ja, das war eine Ausficht, vor der er sich nicht fürchtete, im Gegentheil. Dort gab es nicht nur ein Dach überm Kopf, sondern Lärm, tolle Lustigkeit, komische Duette und Fidele Prügeleien, – dort immer sein zu dürfen, so recht mitten drin, als zahlender Stammgast, das wäre etwas Großes gewesen, ein Zukunftsbild, vor dem Ida entzückt und geblendet die kleinen Augen zukniff. Mit freundlichem Grinsen brachte er dann sein Anliegen vor: Ständiges Logis im tiefen Keller. »Der tiefe Keller ist seit einem Jahr aufgehoben, wissen Sie denn das nicht?« antwortete ihm der Polizeiherr, Idas ausdrucksvolles Gesicht wurde dumm und blöde, er begriff nicht. Es war ihm ebenso ungeheuerlich, als wenn ihm gesagt worden, ganz Hamburg sei zusammengefallen, während er im Gefängniß Schuhe putzte und Kessel scheuerte. Nein, es war mehr für ihn als Hamburgs Einsturz, Von der ganzen großen Stadt mit ihren Häusern und Speichern war ihm kein Stein bekannter und vertrauter als der andere, hatte sich ihm nie eine Thür aufgethan, kein Gesicht aus irgend einem Fenster ihm nachgesehen. Der tiefe Keller dagegen, das war seine Freistatt und sein Klubhaus, sein Theater und seine Concerthalle, der einzige Ort, wo er sich gemüthlich unter seinesgleichen und sogar über die Sorgen des Tages hinausgehoben gefühlt hatte. Und nun – aufgehoben! Was heißt das?
Er brachte es nicht zu der Frage, – er sagte überhaupt nichts weiter. Aber eine große Unruhe war über ihn gekommen zum ersten Mal in seinem Leben. Er konnte den Augenblick seines Freiwerdens nicht erwarten, und sobald er auf der Straße stand, lief er im Trott nach der Nikolaistraße, um zu sehn, was denn der Polizeiherr gemeint habe. Da sah er, was das Wort »aufgehoben« bedeutet hatte. Das alte, sonderbare, graue, spitzgiebelige Haus, zu dem man vierundzwanzig Stufen hinunterstieg, eine noch glitschiger, ausgetretener als die andere, – es war verschwunden, kein Haus mehr, keine Treppen, kein Schauer auf dem Hof, kein tiefer Keller mehr vorhanden. Und was das ärgste war, nicht einmal eine Lücke mehr in der Reihe, sondern zwei gleichgültige vierstückige neue Kasten, dicht herantretend bis zur Baulinie, noch mit Gerüsten davor, an deren Enden die vertrockneten Richtkränze hingen. Neben dem Rinnstein lag ein Haufen Ziegel. Ida setzte sich darauf, denn seine Beine trugen ihn nicht mehr; die alten schlotterigen 3-Beine hatten ja nie viel getaugt, aber so schwach waren sie noch nie gewesen. Wenn er nur irgend einen Schluck gehabt hätte! aber sie hatten ihm ja nicht einmal die leere Flasche wiedergegeben. Hilflos und durstig starrte er an den neuen Gebäuden empor. Die Maurer, die auf den Gerüsten herumstiegen, bemerkten ihn, riefen ihm zu, neckend und grob. Anfangs hörte er nicht, dann gab er die Angriffe zurück, aber ohne Vergnügen, grob und gröber, bis die Straße von ihrem Zungengefecht wiederhallte. Als Ida mit seinen noch immer scharfen Augen bemerkte, daß ein Konstabler den Venusberg heraufkam, erhob er sich vorsichtig, schlüpfte ohne langes Besinnen in den Bau, der bis auf Fenster und Thüren fertig war, Ueber ihm klopften und klapperten die Arbeiter, aber von abwärts herauf kam eine große Stille mit der halben Dunkelheit. Auf Leitern ging es hinunter – die Treppen waren noch nicht da –, ein Stockwerk, zwei Stockwerke unter dem Boden; es wurde völlig dunkel zuletzt, doch wagte er sich auf den schmalen Sprossen in den tiefsten Kellerschacht, wo er sich nur durch Tasten an den feuchten Mauern einigermaßen zurechtfinden konnte. Aber nichts erinnerte mehr an die Herberge von einst, nichts als dieses naßkalte Gefühl an den Fingern, wenn man die Wände anrührte. Das war im tiefen Keller ebenso gewesen. Sonst war es hier völlig anders. sauber, wenngleich noch Sandhaufen und Steine in den Ecken der regelmäßigen, rechteckigen Räume lagen, beinahe so nobel wie im Gefängniß, besonders in dem zweiten Stockwerk unterm Boden, zu dem er wieder aufgetaucht war. Ja, dieses zweite Gestock war nicht einmal ganz unter der Erde, die Hinterfenster ragten ein Stückchen über die Oberfläche hinaus; – plötzlich entdeckte Ida,, daß ein kleiner Zipfel des alten Hofes erhalten war, auf den diese Gucklöcher hinausgingen. Der Hof senkte sich steil abwärts zum Eichholz, in den er durch einen niederen schmalen Gang mündete. Der Mann erinnerte sich mancher lustigen aufregenden Nacht, da dieser Schleichweg den Verfolgten, von Offizianten in der Herberge Ueberfallenen, die Flucht ermöglicht hatte. Durchs Eichholz an die Vorsetzen in ein Schiff, und hinaus aufs freie Wasser, daß der Hafenpolizist mit dem Westwind um die Wette hinter dem Entflohenen herpfeifen konnte!
Aus alter Gewohnheit schlug auch Ida diesen Rückweg ein, nachdem er noch eine Treppe erstiegen, hatte, so daß er die Hofpforte benutzen konnte. Niemand beobachtete ihn, Niemand hatte seine Inspektionsreise in die Kellergeschosse bemerkt. Er wanderte nach dem Lokal der Bauverwaltung, das der Polizeiherr ihm bezeichnet hatte, und nahm, dort den ihm zuerkannten Besen und seine Arbeitsordnung in Empfang. Da er keinen Pfennig Geld besaß, erhielt er sogar einen Vorschuß für die erste Woche und die Weisung, alle acht Tage sein Geld abzuholen. Diese Wendung der Dinge bewirkte auch in seinem Kopfe eine Umwälzung. Er nickte den Leuten zu, die ihn ansahen, und als eine niedliche junge Dame an ihm vorbeikam, schulterte er in einer plötzlichen Eingebung den Besen und murmelte dabei: »Man jo nich stöten, Ida, man so nich stöten, denn kriegst Du to’m mind’sten ‚en por Johr [Fußnote].« Darauf ging er in den nächsten Käsehökerkeller und ließ sich ein Feinbrot geben, in der Mitte durchschneiden und mit Butter und Käse belegen. Auch dort fiel sein süßes Grinsen den Käufern auf, besonders die Dienstmädchen fingen an zu kichern und sich mit den Ellbogen zu stoßen. Als er dann auch noch eine Flasche Branntwein hinuntergegossen, die zweite gefüllt zu sich gesteckt hatte und wieder auf die Straße hinaustrat, fingen die Frauen und Mädchen an, ihm aus dem Wege zu gehen, so selig zwinkerten die rothunterlaufenen Aeuglein über den Runzeln. Treulich fegte und kratzte er auf dem Gänsemarkt, wohin er beordert worden; vom Fahrweg nach dem Rinnstein, von der Mitte nach den Seiten. Es war Oktober, hatte am Morgen geschneit, nun spiegelte sich der blaue Himmel in allen Pfützen zwischen den Steinen. Die Reihe der Droschken stand mit kothbespritzten Rädern, ein weißer Pudel, der vorüberlief, sah aus, als sei er mit seiner unteren Hälfte in einem Tintenfaß gewesen. Als der Straßenfeger sah, wie umfangreich und zugleich undankbar seine Arbeit war, wie der Schmutz unter den Fußtritten der Vorübergehenden gewissermaßen stets von Neuem nachwuchs, ließ er es sachte angehen und begaffte, auf seinen Besen gestützt, die eiligen Leute, um schnell einige Striche zu thun, wenn der in der Nähe aufgestellte Schutzmann den Blick zu ihm verwandte. Und als es Nacht geworden, verschwand er geräuschlos nach der Nikolaistraße und bezog, ohne einen Augenblick Besinnen, das oberste Kellergeschoß im Neubau, das den bequemen Ausgang nach dem Eichholz hatte. Natürlich nicht das ganze! Von den vier Räumen, die er vorfand, zwei nach der Straße gelegenen stockdunkeln und zwei nach hinten liegenden, in deren Fenster die trübe Hoflaterne hineinschien, wählte er eines der letzteren, das gleich neben der Hinterthüre lag. Hier waren schon Scheiben eingesetzt und Fußböden gelegt, es fehlte also nicht viel zur Gemüthlichkeit, wenn er sich nur nicht im Gefängniß das Imbettschlafen angewöhnt hätte! Der alte Sack voll »abgelegtem Zeug«, um das er in den Häusern so lange hatte betteln müssen, war ihm auch gleich von den Konstablern abgenommen worden, und an Wiedergeben dachten die Leute nicht. Jetzt hatte er nicht mal ein Kopfkissen, und platt auf dem Boden mochte er nicht mehr schlafen, das ging nicht mehr, seit er im Gefängnis das gute Leben der anderen Leute kennen gelernt hatte. Er zog zuletzt einen Stiefel aus, stopfte einen alten wollenen Shawl, den er statt der Weste auf der Brust trug, in den langen Schaft und schob die Rolle unter den Nacken. Dann that er einen langen Zug aus der Flasche und fühlte es warm und behaglich durch alle Glieder *rinnen. Jetzt wollte er schlafen. Wenn nur nicht gerade vor dem Fenster eine Katze so jämmerlich miaut hätte. Was wollte die? Wollte sie herein? Er humpelte ans Fenster, den Besen in der Hand. Aber sowie er den Flügel öffnete, sprang die Katze herein und in großem Bogen auf seinen Kopfpfühl, den langen Stiefel. Er duckte sich in der Ferne auf den Boden nieder, müde und verwundert über die Frechheit des Eindringlings. »Wullt Du mal gliek dar weg?« knurrte er. Aber die Katze öffnete gleichfalls den Mund, und ein kläglicher Zwischenton, eine Art von Entschuldigung kam zum Vorschein, während sie sich tiefer in sich zusammenkauerte. Der Straßenfeger sah die Katze an, »je denn mutt ick jewoll rein mit den Bessen (Besen) hauen«, und das wollte er nicht gern, denn Katzen sind manchmal Hexen und gehen einem zu Kopf, wenn man sie in die Enge treibt. Er fühlte in die Tasche, da waren noch ein paar Käserinden, die ihm nicht geschmeckt hatten, weil er satt gewesen war. »Komm, Mus! Mus!« lockte er und hielt diese Brocken ihr entgegen. Die Katze witterte, und dann stand sie auf und schlich näher und nahm die harten Stückchen ihm aus den Fingern mit ihrer warmen rauhen Zunge. Ida mußte lachen, wie die hungrig war. Sogar ein Stück trockenes Brot fraß sie auf und war dabei immer dichter an ihn herangekommen – eine große schöne, weiche, warme Katze –, plötzlich sprang sie ihm auf den Arm und schmiegte sich an seine Brust, es war wärmer als der Shawl, den er vorher abgebunden hatte. »Na, dat is ’n netten Besäuk! wullt Du denn hier blieben?« Er mußte fortwährend lachen, und die Katze war so angenehm an seiner Brust, sie ließ sich drücken und streckte keine Krallen aus, obgleich Ida seine harten kalten Finger in ihrem dichten Pelz vergrub. Als er sich mit dem Nacken auf den Stiefel niederlegte, kroch sie dicht an ihn hinan, zwischen Arm und Hals; das Zittern, das zuweilen über ihre Haut gelaufen war, hörte auf, und allmählich fing sie an, leise zu schnurren, halb im Traum, voll Zuversicht und Behaglichkeit. »Na, Du hest ’n gode Städ‘ (Stelle) fun’n« sagte Ida im Einschlafen und meinte damit sowohl sich wie die Katze, die ihm wie eine Wärmflasche auf den Magen gerutscht war. Dort blieb sie unbeweglich liegen bis gegen Morgen; kopfschüttelnd und ungern ließ sie der Straßenkehrer wieder zum Fenster hinaus, es schlug gerade Fünf auf dem nahen Michaelisthurm: »Dumm büst Du doch, kunnst dat hier so good hebben und geihst weg, dat is je noch stickendüster« (stockdunkel), sagte er.
Aber so war sie nun, und jede Nacht wiederholte sie ihre Streiche. Sowie er in seinem »Logis« erschien, war auch die Katze vor dem Fenster und miaute um Einlaß. Traurig schnupperte sie nach seinen Händen, wenn er ihr nichts mitbrachte. Er setzte ihr dann auseinander, wieso heute nichts da war. »Je, min goode Seel, ick heff hüt ook nix hatt als en lütten Grannen (grünen Bittern) und ’n Stück Swattbrot; dat sünd suere Tieden, min lüttjes Aas, alle Dag wat to eeten, dat kann keen Minsch verlangt sin« (verlangen). Dann gab das Thier sich seufzend zufrieden und begnügte sich damit, von ihm gewärmt zu werden und ihn zu erwärmen. Ein gutes Stück im Hausstand war schon wieder angeschafft: ein Sack mit abgelegten Kleidern, der als Kopfkissen diente. Den Sack hatte er für zwanzig Pfennig in der Elbstraße gekauft, um die alten Kleider hatte er die Vorübergehenden gebeten, nachdem er sie mit seinem Besen auf sein Dasein aufmerksam gemacht hatte. Jetzt träumte er von einem zweiten Sacke als Zudecke, denn der Frost begann, und seine Füße waren Morgens ganz verklamt (erstarrt), trotz der Stiefel, die er nun anbehalten konnte. In der Haft war er zu empfindlich geworden, das hatte er früher nicht gekannt. Aber zunächst gab es noch eine schreckliche Enttäuschung. Als er eines Abends in seine »Freiwohnung« eindringen wollte, fand er die Thür verschlossen, nicht die Hausthür, sondern die Flurthür, die sein »Logis« von der Treppe absperrte. Rathlos, und zitternd vor nasser Kälte stand er wohl eine Stunde in dem leeren tiefen Hause, und neben ihm, rathlos wie er, miaute die Katze, während sie sich auffordernd an seinen Knickbeinen rieb. Dann stieg er einfach eine Treppe tiefer und versuchte dort die Thür. Sie war offen. Und – mehr als das, sein Fuß berührte etwas Großes, Nachgiebiges. Ida hatte Augen an den Zehenspitzen: noch ehe er sich bückte, wußte er, daß es sein Sack war, sein nothwendiges, halb schon verloren geglaubtes Eigenthum, Vielleicht hatten sie gemeint, er gehöre einem der Arbeiter, hatten ihn deshalb hier heruntergeworfen. Nach fünf Minuten war Ida in dem neuen Logis heimisch. Da er Alles im Dunkeln besorgte, gingen ihn die kleineren Unterschiede in den Räumen nicht viel an. Nur daß die Hand naß wurde, wenn sie mit den Mauern in Berührung kam, und daß nur ganz, oben in einem schmalen Streifen das Licht der Hoflaterne hereinsickerte durch die tief im Kellerloch steckenden Fenster. Doch war es wärmer hier, waämer als oben. Sogar die Katze, die erst mißtrauisch und ängstlich gezaudert hatte, ihren Platz auf seiner Brust einzunehmen, schien das allmählich zu bemerken. Es gab eine allseitig zufriedenstellende Nacht. Einige Tage später aber bemerkte der Straßenfeger beim Durchkreuzen des Hofes vom Eichholz her, warum damals die Thür abgeschlossen worden: hinter den zwei Fenstern war Licht, eine Frau mit einem eingewickelten Kinde im Arm wiegte sich im Stehen auf und ab, ein Mann, der einen Tisch auf dem Kopf trug, blickte die Frau an, um Auskunft, wohin er mit dem Möbel solle. Das erste Stockwerk unterm Boden war also schon bezogen worden. Auf diese Wahrnehmung hin besann sich Ida wieder einige Zeit, bis er seine Wohnung betrat, und dann stakte er mit möglichst gedämpftem Schritt nach seinem Sack, lockte leise die Katze und verzog sich um ein Stockwerk tiefer, um Niemand im Wege zu sein. Eine Verbesserung war es gerade nicht, das Wasser sickerte hier an den Wänden herunter, und kein Lichtstrahl fiel von irgendwo herein. Aber noch feuchtwärmer war die Luft hier, und der Sandhaufen in der Ecke gab eine weichere Unterlage für sein Kopfkissen als der steingepftasterte Boden. Hereinkucken wenigstens konnte Niemand; wenn er ein Streichholz gehabt hätte, – sogar Licht hätte er ohne Sorge anzünden können. Aber er hatte keins, und für überflüssige Dinge Geld auszugeben, das kam ihm nicht in den Sinn. Es gefiel ihm ganz gut in dem unterirdischen Aufenthalt. Die Katze aber gewöhnte sich nicht so schnell. Sie vermißte das Fenster, als es Morgen wurde, und miaute, zaghaft um ihn herumstreichend. Es half nichts, er mußte hinaufsteigen und sie aus der Hofthür lassen, Schnee und Regen flog ihm klatschend wie eine nasse Ohrfeige ins Gesicht, da war er froh, noch auf ein paar Stunden in seinen warmen Keller zurückkriechen zu können.
Aber es trat besseres Wetter ein, und der Bau wurde allmählich fertig. In allen vier oberirdischen Stockwerken’hingen schon Gardinen vor den Scheiben, und auch zwei Treppen unterm Boden wohnten jetzt Leute. Vor der zunehmenden Uebervölkerung verzog sich Ida ins unterste Geschoß. Er ging freiwillig, aber die Katze war Anfangs nicht zu überreden, obgleich sie auf dem Hof auf sein Kommen und seine Brotbrocken gewartet hatte. Sowie er an die letzte Kellertreppe kam, streckte sie auf seinem Arm die Krallen gegen ihn und sperrte sich. Und unten dann legte sie sich nicht zur Ruhe, sondern strich lange Zeit umher und machte zuweilen plötzliche planlose Sprünge ins Kohlschwarze hinein, über die ihr Ida Strafpredigten hielt, bis er eines Nachts an einem verzweifelten Quieken und Piepen und nachfolgenden lauten Knirschen und Schmatzen gewahr wurde, was für Gründe die haarige Freundin zu solchem Betragen veranlaßten. Sie kam dann gesprungen und steckte ihm einen kalten klebrigen Mäuseschwanz in die Hand, »Den Dübel ook!« sagte Ida und schüttelte seine Hand, »wenn Du de Mus opfreeten kannst, denn kannst Du den ollen Steert (Schwanz) ook man behollen; ick heff all allerlei belewt (erlebt), aber ’n Mussteert, dat is mi ook noch nich bad’n worrn (geboten worden).«
Eines Tages, als er wieder auf seinem Posten auf dem Gänsemarkt fegte, rund um das Lessingdenkmal seine Schlammbeete anlegte, erschrak er nicht wenig, als ein Schutzmann auf ihn lossegelte und ihm mittheilte, er solle mal seinen Besen über die Schulter nehmen und mit auf die Wache kommen. Seine Beine knickten mehr als je auf dem Gange. Aber es war nichts Schlimmes; er sollte nur angeben, wo er in Schlafstelle sei, man hatte das nicht herausfinden können, und die statistischen Angaben wären unvollständig und unrichtig gewesen, wenn die Ameise nicht darin verzeichnet gestanden hätte. »Ach, weeten Se, ick bin dar ünnen«, sagte Ida, sich die Backe streichend, denn er wußte noch nicht, was für eine genaue Philistersfrau Dame Statistik ist. Ganz allmählich erst rückte er heraus: »Dar ünnen, in ’n deeven Keller.« Die Entrüstung über diese falsche Angabe war um so großer, als der »tiefe Keller« seit länger als einem Jahr statistisch nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Ein Konstabler wurde abgeordnet, den Straßenfeger, aus dem nichts weiter herauszubringen war, heim zu begleiten und an Ort und Stelle die nöthigen Erhebungen zu machen. Nun kam Alles heraus: Idas unbefugtes Uebernachten, der Sack mit den abgelegten Kleidern, eine volle Schnapsflasche und die Ueberreste eines früheren Besens; die Verwunderung der Leute in den verschiedenen Etagen über den stillen Mitbewohner, von dem Niemand gewußt hatte, war nicht klein, besonders da der Vizewirth, ein pensionirter Polizist, im Parterre wohnte. Ida wurde abermals vor den Polizeiherrn beschieden. Der theilte dem Unverbesserlichen nicht mehr väterlich, sondern strenge mit, seine Geduld sei erschöpft; sofern er nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden eine gemiethete Schlafstelle nachweisen könne, werde er ver Schub über die Grenze befördert. »Dat is man, – ick bün dar nu all so bekannt – – in ’n deepen Keller« – sagte Ida kläglich. »Nun, das Haus ist ja umgebaut, viel Platz darin, sehen Sie zu, daß Sie dort unterkommen, der Vizewirth heißt – – « Der Gestrenge schlug seine großen Bücher nach, er hatte sogar die Freundlichkeit, dem alten Stromer einen Konstabler mitzugeben, damit er den Vize nicht verfehle, und die lange Angelegenheit endlich zum Abschluß komme. Und sie kam zum Abschluß. Der Vize, dem Ida während seiner Dienstzeit auch oft genug über den Weg gelaufen war, vermietete ihm einen der Räume aus dem vierten Stock unterm Boden, denselben Raum, den der Straßenfeger bis jetzt unentgeltlich »bewohnt« hatte, für vier Mark monatlich, worauf eine Mark sogleich vorauszuzahlen war. Dafür erbot er sich aber, ihm eine Bettstelle mit einem Strohsack und eine Herdbank zu liefern, die sowohl als Tisch wie als Stuhl dienen konnte, Ida entschloß sich nicht leicht: eine Mark die Woche zu bezahlen für etwas, das man umsonst gehabt hatte, Zeit seines Lebens; das war ja sündhaft. Als aber das Geld weg war und der Konstabler gleichfalls, als er sich Herr dieses dunkeln Loches fühlte, das übrigens für die Beratschlagung mittels eines Petroleumlämpchens beleuchtet worden, da erschien ihm die Sache sehr neu und angenehm, und er lockte die Katze herein, um ihr zu zeigen, daß sie hier jetzt in Zukunft thun könnten, was sie wollten. Noch größer war die Befriedigung, als er in der Nacht darauf den Strohsack unter sich fühlte, statt des kalten Sandhaufens, auch die Katze schnurrte teilnehmend und angenehm überrascht von der Besserung seiner Verhältnisse; vor Wohlgefühl trank er seine Flasche völlig leer, und so tief war sein Schlaf, daß ihn nicht einmal das frühe Miauen der Katze erweckte. Seit diesem Tage erwachte in dem Heimathlosen eine zähe Anhänglichkeit an seine Behausung, Wenn er in Schmutz und Nässe mit halb erstorbenen Füßen draußen stand und mühselig den Besen handhabte in den geschwollenen Händen, während ihm von der Alster her der Wind ins Gesicht pfiff und seine Augenbrauen und Bartstoppeln voll Schnee starrten, dachte er an sein warmes Loch, das sicher am Abend auf ihn wartete, auf sein Bett, dem jetzt der Sack als Zudecke diente, an die wärmenden Züge aus der Flasche und an die weiche warme Katze, die ihn jeden Abend mit demselben fröhlichen Klageton begrüßte.
Diese angenehmen Bilder spiegelten sich in dem vergnügten Glitzern seiner Augen, über das die Vorübergehenden lächeln mußten, und wenn er vor einer jungen Dame so galant den Besen schulterte und sie angrinste, geschah es nicht, um ein Trinkgeld zu erlangen, das ihm übrigens ziemlich oft zu Theil wurde, sondern aus reiner angeborener Munterkeit, die jetzt, wo es ihm so gut ging, unverhofft zu Tage trat. Wenn nur das Miethebezahlen nicht gewesen wäre! Erstlich hätte er dann eine ganze Mark die Woche mehr gehabt, und das wäre sehr angenehm gewesen. Jetzt hatte er den Tag siebzig Pfennig, und sein neuer Stand als Staatsangestellter brachte allerlei Verpflichtungen mit. Er mußte seine Stiefel flicken lassen, wenn sie zerrissen waren, und wenn sein einziges Hemd ihm in Fetzen vom Körper fiel, so gab es nur eine Möglichkeit, ein anderes zu bekommen, – er mußte es kaufen! Das Betteln war ihm strenge untersagt. Man konnte wirklich in kein Haus hineingehen, ohne daß ein Konstabler hinterhertrabte und nachfragte, ob da gebettelt worden sei. Als in der vierten Woche seiner bürgerlichen Etablirung der Vize den Miethzins holen wollte, war kein Geld da. Ida behauptete, der Schuster habe ihm nichts übrig gelassen. Darauf wollte der Stellvertreter des Hauswirths die Schnapsflasche konfisziren, da er sie aber leer fand, schleuderte er sie wüthend auf den Steinboden, daß die Splitter umherflogen, einer davon ritzte ihn sogar an der Hand, was der Straßenfeger mit Wohlgefallen bemerkte. Dann sagte Ida mit unerschütterlicher Ruhe: »Dat Du Di gliek an min Buddel vergriepen mußt, wenn ick keen Geld in die Tasch heff, dat gefallt mi gor nich an Di, dat mußt Di afwenn ’n (abgewöhnen), – so, nu heff ick Di dat seggt, – sünnst kannst ook mal een mit ’n Bessen (Besen) kriegen.« Und bedächtig hinkte er auf die Ecke zu, wo sein Handwerkszeug stand. Der kurzbeinige asthmatische Vize ging, sprachlos vor Verwunderung über solche Frechheit, aus der Thür, Den nächsten Sonnabend aber schickte er seine Frau in die Kellerwohnung, und die brachte denn auch richtig eine Mark herauf, zu weiterem hatte sich Ida nicht herbeigelassen. Und die Frau nahm ihn noch in Schutz: »Wenn he dat nu nich hett, he kann dat je nich ut sin Fell snieden, dat ol‘ Lock dar ünnen is je eegentlich min Steenkahlenkeller, – harst (hättest) Du em man nich rinnahmen (hereinnehmen), aber he is nu mal dar.« Die Frau war auch bestochen durch Idas Grinsen. »Wahr is das, er wird man so mechanisch von die Polizei aus über Wasser gehalten«, sagte der Vize nachdenklich, »mich soll man verlangen, ob er nu die andre Woche bezahlt.«
Da erlebte er nun allerdings noch manche Enttäuschung. Ida bezahlte immer unwilliger und brachte so viele vernünftige und stichhaltige Gründe vor, daß die Frau sich immer wieder überreden ließ und froh war, wenn sie mit zwanzig Pfennigen vor ihrem Mann erscheinen konnte. Bei dem freilich stand es fest: der schlimme Zahler mußte hinaus, aber obgleich er dem Straßenfeger schon mündlich wie schriftlich gekündigt hatte, – er ging nicht und nahm überhaupt die Sache nicht als Ernst auf, sondern nickte und lachte: »Is all good, is all good, hier hefft Se fief Penn‘, dat annere bat kriegt Se wohl sachts (leicht), dar stah ick woll noch good vor, wi hefft je Tied, ick bün je alle Dag dar.« Wenn er aber gar nichts hatte, oder in zu eifriger Unterhaltung mit der Flasche begriffen war, so schloß er einfach seine Thür ab, und der Vize hätte mit seinem Klopfen eher Todte aus dem Grabe erweckt, als den Straßenfeger zum Aufmachen der Thür veranlaßt, wenn der nicht wollte. Inzwischen aber kamen Klagen über Klagen aus den drei anstoßenden Kellerräumen, die als Lagerplätze vermiethet waren. Nicht etwa über den Nachbar mit der Katze, die Beiden störten Niemand, sondern über die täglich zunehmende Nässe des Bodens und der Wände. Ein Lederhändler strengte gegen den Hausbesitzer wegen verdorbener Waare einen Prozeß an, und als er ihn gewann, weil ihm der Keller als angeblich trockener Raum vermiethet worden, reichte auch der Käsehöker im Nachbarhaus eine Beschwerde ein: seine Käse verschimmelten wegen der gefährlichen Nähe.
»Weißt, was nu kommt?« sagte der Vize zu seiner Frau, »nu kommt das so weit, daß wir den untersten Keller zuschütten müssen! Es is en Schandewerth, denn das is en großer Verlust für uns, weil wir das nu erst all‘ gebaut haben, aber was hilft das? Das Grundwasser, sag ich ümmer, das ist das Grundübel von den ganzen Haus, der Zimmermann hat mir heute man gesagt, wenn wir nich den Swamm (Schwamm) hier kriegen wollen, denn müssen wir das ganze unterste Stock zuschütten! Nu denk mal bloß, was das für’n Schaden für uns is!« Die Frau schüttelte den Kopf: »Du deihst ümmer, as hör‘ Di dat Hus to! Freu‘ Di, denn hest je glick ’n por Partien weniger! Denn lat mi ook min Drücker wedder maken, de de besapene (betrunkene) Muerklattje (Maurer) mi utdreiht hett! Du sparst ünnner for den Huswerth, dat wurr ick nu ganz gewiß nich dohn.«
Der Vize strich sich geschmeichelt über das runde Bäuchlein. »Kiek, Mutter, davor bin ick ook Viz worrn, und Du nich! He weet woll, warum, Mutter!« Und dann nach einer Weile: »Aber was Gutes kommt da doch bei rausgesauert (zum Vorschein), – nu werd ich endlich den Kerl los, da laur‘ ich nu all lang genug auf.« – »Denn hett dat ol‘ Lopen alle Sündag for mi ook en En’n, dat is mi ook all bet übern Hals,« sagte die Frau bereitwillig. »Ich weiß man gor nich, wie und auf welche Art und Weise ich den Kerl das zu wissen thun soll! Wenn er man auch geklagt hätte!« – »De is mit allens tofreeden, ick weet gor nich, wat dat for’n Menschenkind is,« die Frau rümpfte die Nase. »Dat Water mutt je all’n por Toll hoch in sin Keller stahn, de hüppt (hüpft) jewoll in ’n Water as ’n Pogg‘ (Frosch) und kriegt keen natte Fäut,« sagte der Vizewirth, »hest Du dat nich sehn?« – »Nee, min Lamp‘ is gliek utgahn, und ick heff op de Trepp mit ein spraaken, – he harr wedder ’n lütten sitten« (einen Rausch).
Am Abend, als Ida nach Hause gekommen war, stieg das Ehepaar zu ihm hinunter. Sie brachten eine Lampe mit, aber auch im Keller brannte ein Talglicht, das in einen Flaschenhals gesteckt war, auf der Herdbank. Die Katze saß auf dem Strohsack und blinzelte die Eintretenden an, die sich vergeblich nach dem Straßenfeger umsahen. Da kam er herein, im Arm einen Haufen Ziegel, der ihm bis ans Kinn reichte, »Na, was machen Sie denn hier?« empfing ihn der Vize, noch vor der Schwelle, denn er scheute sich, auf dem naßglänzenden Boden seine Sohlen zu benetzen, Ida zeigte mit der freien Hand in die Ecke neben dem Bett, auf eine solide Ansammlung von Ziegelsteinen, die der Vize noch nicht bemerkt hatte, »Dach, ick will hier man ’n beten min Keller drög macken, dat is je eklig natt hier.« Der Vize mußte lachen: »Kick em an! – aber, min goode Jung, de Steen, de hört Di je gor nich to, und helpen deiht dat ook nichs, – dat Water kommt doch hendör (hindurch), nee. Du mußt rut, de Keller fall toschütt warrn,« Ida grinste so breit er konnte, »Wat Du seggen deist! Vor de Dör liggt je Steen ’nog – ick warr doch nich wegen dat beten Water rut gahn?« Der ehemalige Konstabler räusperte sich und warf sich in die Brust: »Also, kurz und gut, Sie müssen raus; übermorgen sünd die Leute bestellt, denn fangen wir hier mit ’s Zuschütten an, – nu weetst Du Bescheed,« Der Straßenfeger machte ein schlaues Gesicht: »Du glüwst nu woll, ick fall dat glöwen, – aber weetst, wat ick glüw? ick glöw, dat ick hier blieben doh.« – »Denn möt‘ wie Di rein rutsetten!« – »Joa, aber dor bün ick denn ook noch bi.« – »Morgen kriegt wi Hochwater, ‚t steiht all in de Nachricht, denn lüppt hier allens vull,« sagte die Frau aus dem Hintergrunde. »Lat‘ loopen,« lachte Ida. »Denn kannst Du hier versupen,« murmelte der Vize. »Dat wör‘ das erste Mal in min Leben,« war die bereite Antwort. »Kumm, Olsch, mit den Kerl is nich to reden, he is all wedder duhn« (betrunken), sagte der Wirth ärgerlich. »Dat bün ick,« Ida strahlte übers ganze Gesicht. »Wahr‘ Di (hüte Dich), Du büst de letzte Nacht in düt Hus,« damit ging das Ehepaar, »Dat wurr kürig (kurios) togahn,« schallte es hinter ihnen her.
In der Sonntagnacht kam das Hochwasser. Der Westwind und die Springfluth trafen zusammen, und bei unstetem Mondschein und jagenden Wolken drängten sich auf den Straßen die aus ihren Wohnkellern Vertriebenen, nachdem sie ihre Habseligkeiten schon vor den letzten Warnungsschüssen aufs Trottoir herausgeschafft hatten. Die Betten und Tische, die Schränke und Kommoden standen freilich auch dort mit den Füßen im dunkel daherrauschenden Wasser; in der Mitte der Straße fuhren die Kinder in Waschbaljen, und ein schlanker Junge, der in einer Wassertürme dahintrieb, aus der er wie ein Kobold bald fratzenschneidend emportauchte, um gleich nach einem schlechten Witz, den er hinausgerufen, wieder unsichtbar zu werden, erregte Jubel und Lachen mitten in der Zerstörung.
In den Häusern, die an der Stelle der ehemaligen Bettlerherberge erbaut waren, gab es viel zu thun. Während von der Hinterseite her das Wasser in die Kellerfenster strömte und sich wie eine Kaskade über die Stufen ergoß, wurden unten vom steigenden Grundwasser die Steine losgedrängt, und in das Plätschern und Rauschen hinein ertönte das durchdringende Pfeifen der Ratten, die mit angstvoll gesträubtem Pelz aus ihren überschwemmten Verstecken hervor und den geschäftigen Männern blindlings unter die Füße sprangen. Die Frauen hielten sich die Ohren zu, die Männer schlugen nach den Thieren mit allem, was ihnen gerade zur Hand war. Der Vizewirth kugelte geschäftig hin und her, kommandirte und gab Nachschlage, beruhigte schreiende Kinder und tröstete rathlose Frauen mit der Nachricht, daß seine Alte einen großen Topf voll Kaffee oben auf dem Feuer habe, und daß sie nur hinaufgehen und sich in ihrer Küche erwärmen sollten.
Als der Morgen kam – und im März kommt er ja doch erträglich bald – war ein Sinken des Wassers zu verzeichnen, und wer eine Lagerstätte fand, legte sich schlafen. Es war so gegen Mittag, als der Vize plötzlich auffuhr: »Mutter, der Kerl unten, die Ameis, die hab‘ ich nich gesehen, die is nu gewiß ersoffen!« Die Frau ermunterte sich schnell, zunächst um ihren Mann zu schelten, daß er den untersten Bewohner so ganz vergessen hatte. Ja, du lieber Gott, warum hatte denn der Kerl auf kein vernünftiges Zureden hören wollen? Es graute ihnen beiden vor dem Gang in den Keller, auch war der Zugang für die Frau unmöglich, da sie keine bis an den Magen reichende Wasserstiefel hatte, wie der Mann. Der klopfte endlich mit geheimer Angst an die verschlossene unterste Thür. Dann, da kein Laut antwortete, nahm er den Dietrich, den er gleich mitgebracht, und brach das Schloß auf. Mit der hocherhobenen Lampe leuchtete er vorwärts. Er konnte sich kaum zurechtfinden, denn in der Mitte des Raumes war von Ziegeln eine Art hoher Estrade errichtet, und auf dieser, dicht unter der Decke, stand das Bett. Das Wasser plätscherte um die Mauersteine, und der Vize getraute sich nicht, weiterzugehen.
Auf einmal sagte eine grobe lustige Stimme: »Na, go’n Tag, Du!« – »Herrjes, lewt he noch?« schrie der Besucher und platschte so ängstlich, daß das Wasser aufspritzte, die Frau hörte den Ruf und wiederholte ihn oben mit gellender Stimme. Thüren öffneten sich, das ganze Haus lief zusammen, alle wollten den Menschen sehen, der diese Nacht, wie er behauptete, so gut geschlafen habe wie alle Nächte, »Wat is, dar denn los? Dat Water? Ach so; je ’n beten käuhl is mi dat Hut ook vorkamen. Nattkolt is dat hier! Wer giwt een ut? En lütten Grännen! Nee, ick wurr doch nich so dumm sin und hier versupen as en Rott‘? Kiek, dor swemmt en por. Schad‘, dat se dodt sünd, dat war‘ wat for min Katt west.«
Dem verantwortlichen Stellvertreter des Hausbesitzers war ein Stein vom Herzen gefallen, aber dem Straßenfeger helfen konnte er dennoch nicht, morgen sollte mit dem Zuschütten des Kellers begonnen werden, Ida lachte nur und schnitt Grimassen als Antwort. Als die Arbeiter kamen, fanden sie den Raum verbarrikadirt. Der Vize spie aufmunternd in die Hände, dann lief er auf die Straße hinaus, wo ein Haufen Jungen Marmel spielten.
»Nu mal ran, Jungens, wi wölt mal ’n beten ümtrecken.«
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, sie stürmten mit Hallo die Treppen hinunter. Aber ein jämmerliches Katzengeschrei begrüßte sie, als sie die Thür offen hatten, und wie sie näher traten und auf die künstliche Anhöhe stiegen, wurde ihnen allen beklommen zu Muth. »Ida! mein goode Jung! Nachtmütz!« rief der Vize und rüttelte den Schläfer auf dem Bett, dann fuhr er zurück, denn die Katze zischte und prustete gegen ihn. »Is he duhn?« sagte er halb zu sich selbst. Einer der Jungen aber wollte den Straßenfeger, den sie alle kannten, am Bart zupfen. Dabei berührte er seine Nase, dann sah er erschrocken und verwundert dem dicken kleinen Mann, der sie gerufen hatte, ins Gesicht. »Is he dodt?« sagte der Vize. Die Kinder wichen auf die Seite. »He is dodt,« flüsterten sie und verloren sich mit zögernden Schritten.
Der Polizeiarzt gab als Ursache des plötzlichen Todes übermäßigen Alkoholgenuß an. Die Frau Vize aber blieb bei ihrem geheimnißvollen Kopfschütteln: »Dat is nich von ungefähr! Rut gähn doh ick nich, säd he, un so is ‚t ook kamen! Nu möt wi em rut dreegen. Wenn de Minsch keen Städ mehr hett op düsse Welt, denn geiht he woll geern. Dat is trurig inricht‘ in‘ Leben, dat dat. Minschen giwt, de keen Städ hebbt. Nu is dat datsülbige mit de ol‘ Katt! Ick wurr se woll nehmen, aber dat is man, ick mag de Katten nich lieden! Nee, denn is dat ook dat beste, dat se starwt, – kumm Mann, giw du ehr man Musgift!

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Ilse Frapan – Was der Alltag dichtet -1899
Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin

Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Frédéric Boutet • Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

Frédéric Boutet • Der wahre Sieg [1926]

»Und ich kämpfte verzweifelt mit dem schrecklichen Azraël – –«
Edgar Allan Poe: – Ligeia

Es war in der Nacht; auf dem einsamen Kai schritt ein tief von einem schwarzen Mantel umhüllter Wanderer den Fluß entlang.
Rechts am Fuße der das Ufer begleitenden Mauer entlang floß das Wasser tief und ruhig wie das eines Kanals dahin. Hier und dort stieg eine schräg herabführende Treppe zu dem Fluß hinunter. Von den verankerten Schiffen leuchteten Stocklaternen wie rote Sterne. Das gegenüberliegende Ufer war nur durch die entfernten Flecke gelblich brennender Laternen und einiger erleuchteter Fenster unsichtbarer Häuser erkennbar.
Links wurde der große Kai durch alte Herrenhäuser begrenzt. Ihre Fassade war grau, ihre Türen mit eisernen Riegeln versichert; die meisten der hohen, schmalen Fenster waren düster oder durch Läden geschlossen, nur selten drang ein Lichtschimmer durch die dichten Vorhänge oder die Spalten der Jalousien, hier und dort nur sah man in ein halberleuchtetes feierliches Zimmer mit ernsten Ahnenbildern und altmodisch geschweiften schweren Eichenmöbeln. Die Mehrzahl dieser alten Patrizierhäuser waren von sie untereinander trennenden Gärten umgeben, über deren zerfallende Mauern die Äste der Bäume neugierig auf den Vorübergehenden zu blicken schienen. Von eisernen Trägern herabhängende Laternen verbreiteten ein mattes Licht. Hier und da verriet das über der Tür angebrachte Wappenschild sowie die vornehm großen Verhältnisse eines Gebäudes, daß dies das Stammhaus einer der edelsten Familien der alten Stadt sei.
Die Nacht war herabgesunken; es war eine neblige, kalte Novembernacht, die bleifarbenen Wolken jagten wie eine vom Sturmwind getriebene phantastische Herde über den düsteren Himmel.
So lag dieser alte Stadtteil geheimnisvoll und in ungestörter tiefer Ruhe im Schatten der Nacht.
Dem schnell dahinschreitenden einsamen Wanderer schienen dies alles längst bekannte Dinge zu sein, er beschleunigte seinen Gang noch mehr. Jetzt überschritt er eine Brücke und blieb dann vor der Schwelle eines schmalen Hauses stehen, dessen mit Eisenzierat geschmückte Tür er mit einem Schlüssel öffnete. Er betrat einen geräumigen Flur, der durch eine von der Decke hängende rötlich schimmernde Lampe erhellt war. Im Hintergrund erhob sich eine breite Treppe mit bequemen Stufen. Er stieg hinauf und erreichte die dritte und letzte Etage des Hauses. Vor einer mit feinen Holzskulpturen geschmückten gewölbten Tür, über der eine Lampe brannte, angekommen, klopfte er dreimal. Ein Augenblick verstrich. Er klopfte noch einmal und nahm, als er aus dem Innern das Geräusch schlürfender Schritte vernahm, Hut und Mantel ab. Das matte Licht der Lampe fiel auf sein Gesicht, es war sehr bleich, während die Augen, die Augenbrauen, der Bart und das Haar tiefschwarz waren. Jetzt wurde in der Tür ein kleines Guckfensterchen geöffnet, und dann vernahm man das Geräusch zurückgezogener Riegel und Ketten.
Er trat ein; vor ihm stand eine alte Frau, die einen Beguinenmantel und ein Kleid aus grobem Wollstoff trug. Sie nahm dem Ankömmling Hut und Mantel ab; er war ganz schwarz gekleidet, und an seinen weißen Händen, von denen er die Handschuhe abzog, funkelten reich mit kostbaren Steinen gezierte Ringe.
Er strich das lange, über seine Stirn fallende schwarze Haar zurück und sah die Alte fragend an.
»Ja«, sagte die alte Frau, »ja, sie harrt Ihrer in ihrem Leichentuch. Aber warum soll ich Ihnen das jedesmal wiederholen? Ach, wissen Sie denn nicht, daß sie Ihrer immer in ihrem Leichentuch harrt? Daß sie immer bereit ist, und daß ich armes altes Weib sie immer dazu vorbereite, wofür ich ganz gewiß jahrhundertelang in der Hölle schmachten muß, in die Sie aber auch unbedingt kommen … Aber wer vermöchte Ihnen zu widerstehen … und warum sage ich Ihnen das? Sie hören ja kaum auf meine Worte … Nehmen Sie sich aber in acht – es könnte sich doch ereignen, daß dieses Spiel eines Tages zur vollen Wahrheit würde.«
Ohne ihrer Rede auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, ging der Gast an der Alten vorbei. Er begab sich in ein kleines Toilettenzimmer, dessen Spiegelwände durch hohe Wachskerzen erhellt wurden. Er entkleidete sich, legte ein langes Gewand von weicher, schwarzer Seide an, parfümierte sich und verließ das Gemach.
Er schien in großer Aufregung zu sein, denn er war noch bleicher als vorher; er preßte die Lippen fest aufeinander, und seine Hände zitterten. Das Opium, das er, ehe er hierher gekommen, genommen hatte, übte seine Wirkung aus, verwirrte sein Gehirn und erfüllte ihn mit glühend-phantastischer Begierde.
Jetzt befand er sich in einem viereckigen Zimmer, das mit großen Diwans und Möbeln von Ebenholz ausgestattet war. Mattlila, mit silbernen Blumen bestickte Seide bekleidete Wände und Decke, und auch die Fenster und Tür verhängenden Vorhänge bestanden aus demselben Stoff. Rechts stand ein großer Spiegel, links eine Standuhr, die jedoch nicht ging; große Bronzevasen waren mit Rosen gefüllt. Der den Fußboden bedeckende Teppich entsprach der Farbe und dem Muster der Draperien. Auf einer Konsole stand eine mit mattlila und rosa Schleiern verhangene Lampe, die ein dämmriges Licht verbreitete.
Der Mann ging dem Hintergrund des Zimmers zu, schob die Vorhänge auseinander und enthüllte einen tiefen, mit weißem Sammet ausgeschlagenen Alkoven, der beinahe ganz von einem Bett von Elfenbein eingenommen wurde, dessen Spitzenkissen, Seidendecke und Batistlaken von makelloser Weiße und Reinheit waren.
Auf diesem Bett lag eine junge Frau von überraschender Schönheit.
Die schneeweiße Seidensteppdecke war bis unter die Brust heraufgezogen, deren zarte Wölbung unter einer sie fest umschließenden Tunika von silberweißer Seide deutlich erkennbar war. Der schlanke Hals war von einer dreireihigen Perlenkette umgeben, ihr Haar von einer weißen Seidenbinde umhüllt, die auch das Gesicht umrahmte und dessen durchsichtige Blässe noch erhöhte. So lag sie starr, bewegungslos und mit gekreuzten Händen da; es schien, als ob kein Atemzug ihre Brust schwelle. Das Bett war mit weißen Rosen bestreut, auf ihrer Brust lag ein elfenbeinernes Kruzifix. Der milde Schein einer silbernen Nachtlampe fiel auf das schöne Weib. Die Luft des Alkovens war sehr warm und mit starken Wohlgerüchen erfüllt.
Der nächtliche Gast betrachtete die junge Frau, und ein ungeheurer Schmerz, der mit heißem sinnlichen Verlangen gepaart war, erfüllte seine Brust, denn seine Geliebte war über alle Begriffe begehrenswert, und sie bot das vollkommene Bild des Todes! Es schien, als ob diese langgeschnittenen Augen nie wieder ihre durchsichtigen Lider aufschlagen, als ob diese nicht ganz geschlossenen Lippen, hinter denen perlweiße Zähne schimmerten, sich nie mehr zum Kuß öffnen, die nackten von Perlen umwundenen Arme nie die gekreuzten Hände lösen könnten, um den zu umarmen, den sie liebte – den sie geliebt hatte.
Hatte sie nicht unter dem matten Schimmer dieser Lampe den letzten Seufzer ausgehaucht? Waren die über ihre Lager gestreuten Blumen nicht Todesblumen? Sollte sie nicht das auf ihrer Brust liegende Kruzifix mit in das Grab nehmen, hatte man sie nicht zu ihrer Vereinigung mit dem Todesengel geschmückt? Er warf sich vor dem Bett auf die Knie und ließ seine leidenschaftlichen Blicke auf der Geliebten ruhen. Die Wirkung des Opiums, die in dem Alkoven herrschende Hitze und der starke Duft erregten einen schwindelnden Taumel in ihm. Er verlor allmählich das Bewußtsein der Wirklichkeit. Eine tiefe Verzweiflung erfüllte sein Herz, während gleichzeitig ein glühendes sinnliches Verlangen in ihm erwachte, das mit jeder Sekunde wuchs. Er weinte. Er hatte eine der Hände des jungen Weibes erfaßt, er küßte und liebkoste ihren nackten Arm. Die Gefühle der Verzweiflung, der Liebe, der Wollust drängten auf ihn ein.
Jetzt hatte er die ihre Stirn und das Gesicht umgebende weiße, ihre schwarzen Locken verhüllende Seidenbinde gelöst. Er betrachtete dieses schöne Gesicht und eine plötzliche Hoffnung erfüllte sein Herz, eine Hoffnung, die zugleich sein sinnliches Verlangen erhöhte und in ihm den frevelhaften Wunsch erweckte, die Geliebte sofort zu besitzen. Er warf sich neben sie auf das Lager, er küßte ihre leicht geöffneten Lippen, er umschlang leidenschaftlich den holden zarten Körper. Ihre gelösten Locken fielen über die Spitzen ihres Kissens und die aufgerissene Tunika enthüllte ihre geheime Schönheit. Er dachte »Was kümmert mich das Morgen? In dieser Nacht noch ist sie schön, sie gehört mir ganz, und ich liebe sie so sehr, daß ich den Tod besiegen werde.«
Und in einem wollüstigen, durch die Wirkung des Opiums erhöhten Delirium besaß er sie. Da geschah es, daß sich ihre Lippen leise öffneten, um seine Küsse zu erwidern, daß sie ihre Arme ausstreckte, um ihn liebevoll zu umfangen, daß wollüstige Tränen sich durch ihre Wimpern stahlen und daß ihre großen klaren Augen sich weit öffneten! Und ihr ganzer göttlich schöner Leib hauchte einen berückenden Liebesduft aus.
Der Mann aber, als er das Leben unter seinen glühenden Küssen erwachen fühlte, gab sich einer schrankenlosen Wollust hin. Ein unerhörter Stolz machte seine Brust schwellen, er dachte:
»Meine Liebe ist es, die sie aus dem Grab gerettet hat. Noch einmal habe ich sie zum Leben erweckt! Noch einmal! – Ich bin Herr des Todes. –«

Und wie in dieser Nacht, so hatte dieser Mann es schon viele Nächte lang getrieben. Trunken von Opium, war er in diesen weißen Alkoven gedrungen, wo das arme junge Weib im ganzen Glanz ihrer Jugend und Schönheit wie eine Tote aufgebahrt lag und seinem Kuß entgegenharrte. Er wiederholte dieses seltsame Spiel noch mehrere Male, denn es war erst am letzten Abend dieses Jahres, daß er zum letzten Male kam.
Es schneite, und die Nacht war sehr dunkel. Die weichen Schneeflocken hüllten alles in jungfräuliches Weiß. Sie stürzten sich lautlos in das schwarze Wasser des Flusses, der still wie ein Kanal dahinglitt. Tiefe Ruhe lagerte über dem alten Stadtteil.
Er schritt durch das Schneegestöber hin; das Opium, das er heute besonders reichlich genossen hatte, ließ seltsame Visionen vor ihm erstehen.
Er überschritt die Brücke, drang in das Haus, ging die Treppe hinauf. Er klopfte und wurde wie gewöhnlich von der alten Frau eingelassen. Sie schien angsterfüllt und aufgeregter als gewöhnlich zu sein. Aber der nächtliche Gast war so von seinen Gedanken eingenommen, daß er dies nicht bemerkte.
Sie sagte: »Was, Sie sind es? … Ich hoffte, daß Sie heute nicht kommen würden … Ich weiß nicht, warum ich dies hoffte, denn ich weiß sehr wohl, daß sie Sie in dieser Nacht erwarten sollte, und ich weiß auch, daß Sie dann immer kommen.
Aber heute dürfen Sie nicht zu ihr gehen … Sie liegt wie sonst aufgebahrt und in ihr Leichentuch gehüllt, bereit, zum Grabe geführt zu werden nur – daß sie heute abend wirklich tot ist. Sie ist vor ganz kurzer Zeit gestorben, ach, mein Gott, vor ganz kurzer Zeit! Und ich armes altes Weib habe sie aufgebahrt wie sonst, aber ach, sie und ich werden der ewigen Verdammnis anheimfallen, wenn ich Ihnen heute den Eintritt zu ihr gewähre. Und doch, ich weiß es, meine Worte sind vergebens … Sie hören mich gar nicht an und werden zu ihr gehen, denn wer könnte Ihnen widerstehen? Aber verstehen Sie wohl, was ich Ihnen sage, an diesem Abend ist es Wahrheit! –«
Er hörte wirklich nicht auf das, was die Alte sagte, und schritt an ihr vorüber. Sie blieb klagend zurück. Er betrat das lila Zimmer und schob die Vorhänge des Alkovens zurück. Alles war genauso geordnet, wie es sonst zu sein pflegte.
Das junge Weib ruhte, vom matten Schein der Silberlampe bestrahlt, regungslos wie eine auf einem Grab liegende marmorne Statue. Sie war bleich wie eine solche und ebenso unbeweglich. Sie war so, wie er sie immer gefunden hatte. Wenn ihre Lippen weniger rosig, ihre Augenlider noch weißer, ihre nackten Arme, trotz der drückend heißen, mit Wohlgerüchen geschwängerten Luft, kälter waren als sonst, so bemerkte ihr Geliebter dies nicht. Und er tat, wie er immer getan, er suchte und fand zuerst eine tiefe Verzweiflung und dann wurde er von glühendem Verlangen erfaßt.
Sie lag in seinen Armen, er bedeckte sie mit glühenden Küssen. – Aber er versuchte vergebens, seine Lippen mit diesem bleichen Mund zu vermählen, sie wollten sich nicht öffnen. Vergebens bedeckte er ihren schönen Körper mit wollüstigen Liebkosungen, sie zitterte nicht, und ihre Arme wollten sich nicht um ihn schlingen. Die durchsichtigen Augenlider hafteten fest auf den großen blauen Augen, ihre kleinen Füße waren kalt wie Eis. Ihre Glieder wurden immer steifer, kälter und schwerer, und ihrer Schönheit blieb unwiderruflich der Stempel des Todes aufgedrückt, des Todes, den sie den perversen Gelüsten dieses seltsamen Mannes zuliebe so oft simuliert hatte.
Vielleicht war es, weil er in dieser Nacht trotz seiner wollüstigen Liebkosungen sie nicht stark genug zu lieben wußte? Vielleicht, weil sie, die so oft den Tod gespielt, endlich neugierig darauf geworden war, ihn wirklich kennenzulernen oder auch, weil sie, des schrecklichen Spieles müde, wirklich starb, um demselben ein Ende zu machen – gewiß ist, daß der unglückliche Mann bald genug zu der Erkenntnis kam, daß die Worte der Alten, die er verachtet hatte, keineswegs trügerisch, sondern volle Wahrheit gewesen waren. Er erwachte aus seinem Taumel und erkannte nun erst, was wahre Verzweiflung und Schmerz über einen unersetzlichen Verlust bedeuten! Alles sinnliche Begehren war verlöscht und erstorben …
So geschah es, daß die letzten Fäden, die diesen Mann noch an das Leben knüpften, zerschnitten wurden. Er schob den Stein eines seiner Ringe zurück und nahm das furchtbare, sofort tötende Gift heraus, das darin verborgen war. Noch einmal umarmte er sie, die jetzt nicht mehr den Tod log … Er küßte die Lippen, die er so sehr geliebt hatte. Und sein müdes Haupt sank im letzten Taumel, der letzten Trunkenheit auf ihre nackte Brust …

Der Todesengel aber war es, der den letzten, den wahren Sieg davontrug …

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Eine Erzählung von Frédéric Boutet aus dem Sammelband „Die Dame in Grün“.
Verlag Albert Langen Georg Müller Verlags GmbH – Übersetzung: Hanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus’m Werth

Frederic-Boutet- PorträtFrédéric Boutet (* 5. November 1874 in Bourges, Département Cher, Frankreich; † 31. Januar 1941 in Arcachon, Département Gironde, Frankreich) ist ein französischer Autor.
Seine Mutter zog mit ihm, nachdem sie Witwe geworden war, in das Zentrum von Paris. Dort lernte der junge Mann in den literarischen Cafés der Stadt unter anderem Oscar Wilde kennen und machte Bekanntschaft mit dem Symbolisten und den Dekadenten.

Im Alter von 24 Jahren gab Boutet im okkultistischen Pariser Verlag Chamuel eine Sammlung fantastischer, dekadenter Erzählungen mit dem Titel Contes dans la nuit heraus. In den folgenden Jahren veröffentlichte er im gleichen Verlag weitere groteske und dekadente Geschichten, von denen einige bereits den kommenden Surrealismus vorwegnahmen. Es erschienen danach zwei Kurzromane, die 1902 in einem Band gedruckt wurden.

1903 trat Boutet in die Redaktion des Français, der Abendausgabe der Tageszeitung Le Matin, ein. In den Folgejahren veröffentlichte er in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen Erzählungen und mehrere Romane. 1908 erschienen achtzehn seiner Geschichten aus dem Français mit dem Titel Histoires vraisemblables.

Auszeichnung: 1929: Prix du Président de la République der Société des gens de lettres für sein Lebenswerk.

Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Arkadij Awertschenko • Was für Lumpen sind doch die Männer

Der Chef des Verkehrsdienstes, der alte Mischkin, rief das Schreibmaschinenfräulein Ninotschka in sein Kabinett. Er überreichte ihr zwei Bogen und bat sie, diese Abschrift auf der Maschine fertigzustellen.
Als Mischkin ihr die Papiere gab, schaute er Ninotschka aufmerksam an, und da die Sonnenstrahlen ihre Figur streiften, fiel sie ihm ganz besonders auf.
Vor ihm stand ein schlankes, reizendes Mädchen mit einem wunderschönen Gesichtchen, tiefen dunkelblauen Augen und entzückendem blonden Haar.
Er trat näher an sie heran und sagte:
»Hm, also Sie werden diese Akten abschreiben, ich bemühe Sie doch nicht zu sehr?«
Ninotschka schaute ihren Vorgesetzten an und erwiderte :
»Ich bekomme ja mein Gehalt dafür!«
»So, so, Gehalt, das ist richtig. Sagen Sie, Fräulein, schmerzt Sie nicht die Brust, wenn Sie sich lange über die Maschine beugen? Es wäre schade um so ein hübsches, junges Ding.«
»Nein, danke, mich schmerzt nichts.«
»Das freut mich. Und fröstelt es Sie nicht?«
»Weshalb soll mir denn kalt sein?«
»Sie haben eine so dünne Bluse, der Arm schimmert durch. Was für schöne Arme! Haben Sie auch Muskeln?«
»Bitte, lassen Sie meine Arme in Ruhe!«
»Einen Moment . . . warten Sie, warum reißen Sie sich los? Ich wollte ja nur Ihre Muskeln prüfen.«
»Lassen Sie meine Hand, Sie tun mir weh, Sie Lump!«
Ninotschka riß sich aus den zitternden Armen des alten Mischkin los und lief ins Arbeitszimmer. Der linke Arm tat ihr über dem Ellbogen weh.
»Na warte«, sagte sie zu sich, »das wirst du teuer bezahlen.«
Sie schloß die Maschine, kleidete sich an, verließ das Amt und ging zum Anwalt . . .

****

Der Anwalt empfing Ninotschka sofort und hörte sie aufmerksam an.
»So ein Lump! Dabei ein alter Herr! Was wollen Sie unternehmen?«
»Kann man ihn nicht nach Sibirien verbannen?« fragte Ninotschka.
»Das geht nicht, aber zur Verantwortung kann man ihn ziehen.«
»Dann ziehen Sie ihn zur Verantwortung!«
»Haben Sie Zeugen?«
»Ich bin die Zeugin«, erwiderte das Mädchen.
»Nein, Sie sind diejenige, auf die das Attentat verübt wurde. Wenn Sie keine Zeugen haben, ist nichts zu machen, sofern nicht Spuren des Attentates vorhanden sind.«
»Gewiß sind Spuren da. Er packte mich fest beim Ellbogen, da oben sieht man noch den blauen Fleck.«
Der Anwalt schaute nachdenklich das hübsche Mädchen an, zwinkerte mit den Augen und sagte:
»Zeigen Sie den Arm!«
»Es ist da, unter der Bluse!«
»Dann ziehen Sie die Bluse aus!«
»Aber Sie sind doch kein Arzt, sondern ein Anwalt!«
»Das hat nichts zu sagen, die Funktionen eines Arztes und eines Anwaltes sind beinahe identisch Wissen Sie, was ein Alibi ist?«
»Nein, das weiß ich nicht.«
»Na, sehen Sie, ich muß die Richtigkeit des Verbrechens feststellen, muß sozusagen Ihr Alibi konstatieren, also bitte, ziehen Sie Ihre Bluse aus!«
Das Mädchen seufzte und ließ seine Bluse von der einen Schulter herabsinken. Der Anwalt half ihr, berührte einen roten Fleck und sagte höflich:
»Verzeihen Sie, aber ich muß Sie untersuchen. Heben Sie Ihre Hand auf.«
»Rühren Sie mich nicht an«, schrie Ninotschka.
Sie zog rasch ihre Bluse an und lief hinaus.

****

Als sie auf der Straße stand, zitterte sie vor Empörung. Dann beschloß sie, einen Journalisten, der als ehrlicher Mensch bekannt war, aufzusuchen und ihm den Fall vorzutragen.
Der Journalist empfing sie zuerst unfreundlich, als sie ihm aber ihr Abenteuer erzählte, lachte er hellauf:
»Da haben Sie die besten Menschen, da haben Sie die Träger der Wahrheit! Sie benehmen sich wie Wilde, die kaum von der Kultur beleckt sind.«
»Soll ich die Bluse ausziehen?« fragte Nina verlegen.
»Die Bluse, wozu die Bluse? Übrigens können Sie die Bluse ausziehen, es ist interessant, diesen Fleck zu sehen.«
Als er den nackten Arm und die Schulter sah, schüttelte er den Kopf:
»Haben Sie aber Arme! Die wirken geradezu verführerisch – verstecken Sie sie, oder nein, warten Sie, was wäre, wenn ich Sie an dieser Stelle küssen wollte? Sie hätten dabei nichts verloren!«
Aber der Journalist kam übel an. Rasch lief das Mädchen von ihm fort.
Auf der Straße lächelte sie zwischen Tränen und sagte:
»Mein Gott, alle Männer sind Lumpen.«
Am Abend saß Ninotschka zu Hause und weinte, dann hatte sie das Bedürfnis, jemandem ihr Leid zu erzählen. Sie kleidete sich um und ging zu ihrem Nachbar, einem Studenten, der in derselben Pension wohnte.
Der Student stand vor dem Examen, saß den ganzen Tag bis in die späte Nacht und studierte.
Als Nina ins Zimmer trat, hob er den Kopf vom Buche und sagte:
»Guten Abend, Ninotschka! Wollen Sie Tee? Dort steht der Samowar. Ich werde inzwischen mein Kapitel zu Ende lesen.«
»Iwanow, man hat mich heute beleidigt«, bemerkte traurig das Mädchen.
»Wer hat Sie beleidigt?«
»Mein Chef, ein Anwalt und ein Journalist. Alle Männer sind Lumpen!«
»Wieso hat man Sie beleidigt?«
»Einer packte mich fest am Arm und alle anderen wollten den Fleck sehen.«
»So«, sagte der Student und las ruhig weiter.
»Aber mir tut der Arm so weh«, bemerkte Nina.
»Trinken Sie Tee!«
»Wahrscheinlich«, sagte Ninotschka, »werden auch Sie meinen Arm ansehen wollen?«
»Weshalb soll ich ihn anschauen?« bemerkte der Student. »Ich glaube Ihnen aufs Wort, daß dort ein Fleck ist.«
Ninotschka trank ihren Tee und der Student arbeitete weiter.
»Der Arm tut mir weh«, klagte das hübsche Mädchen, »soll ich vielleicht eine Kompresse machen ?«
»Ich weiß es nicht!«
»Soll ich Ihnen nicht den Arm zeigen? Ich weiß, Sie sind nicht wie die anderen, zu Ihnen habe ich Vertrauen.«
Der Student zuckte die Achseln:
»Wozu sich bemühen? Ich bin kein Mediziner, sondern Naturwissenschaftler!«
Nina biß die Lippen zusammen, stand auf und sagte trotzig:
»Sie sollen trotzdem meinen Arm anschauen!«
»Also, bitte, zeigen Sie. Tatsächlich, da ist ein blauer Fleck. Diese Männer! Na, es wird bald vorübergehen.«
Er schüttelte den Kopf und griff wieder nach seinem Buche.
Nina saß schweigend da, ihre Schulter war von der Lampe beleuchtet.
»Ziehen Sie die Bluse an«, bemerkte der Student, »im Zimmer ist es verflucht kalt!«
»Aber er hat mich auch am Fuß gezwickt«, sagte sie nach einer Pause und streifte ihren Rock ein wenig in die Höhe.
Der Student erwiderte kühl:
»Da müßten Sie den Strumpf ausziehen. Aber hier zieht es. Sie können sich erkälten, und ich verstehe nichts von Medizin. Das Vernünftigste ist, Sie trinken Ihren Tee weiter.«
Dann begann er von neuem zu büffeln.
Das Mädchen saß noch eine Weile da, endlich seufzte es und sagte:
»Ich fürchte, daß mein Gespräch von der Arbeit ablenkt«, drückte seine Hand und verließ das Zimmer.
Und als sie in ihrem Stübchen war, ließ sie sich auf ihrem Bett nieder, senkte den Blick, seufzte nochmals und sagte leise:
»Was für Lumpen sind doch die Männer!«

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Aus: Arkadij Timofejewitsch Awertschenko:Kurzgeschichten – Was für Lumpen sind doch die Männer – 1940

Ludwig Hevesi • Eine schöne Bescherung • Weihnachtserzählung

Eine schöne Bescherung  [1889]

In der Weihnachtsstube bei Haberers war alles bereits in schönster Ordnung. Der Baum zwar grünte vorderhand nur so still vor sich hin und hatte noch nicht ausgeschlagen, in Flämmchen nämlich, nicht in Knospen; aber an den Bescherungen für die ganze Familie fehlte kaum etwas. Ungezählte Merkwürdigkeiten lagen da, offen und verhüllt, in so appetitlicher Anordnung, daß man in Dinge, die im Grunde gar nicht eßbar waren, hätte hineinbeißen mögen. Deutlich verriet sich an jeglichem die warme Hand der Hausmutter, und an einigem auch das feine Händchen des Haustöchterleins, Liese geheißen, was die Untergebenen wie Lisbeth aussprachen. Den Schlüssel hatte Mama in der Tasche, denn so fertig alles war, jede Stunde wenigstens mußte sie doch hineingehen, um irgendetwas geschwind noch fertiger zu machen.

Eben jetzt zum Beispiel, als ein Amtsdiener ihr ein ziemlich großes Paket eingehändigt hatte. Ein Paket mit einem ziemlich großen Siegel. Einem Siegel mit ziemlich großen Buchstaben, so daß sie sogar ohne Brille lesen konnte: »K. k. Akademie der Wissenschaften, Wien« . . . Welch einen Ruck ihr das gab im Herzen, und wie rot sie wurde. Da war es ja endlich, das Langerwartete, das Wohlverdiente, das ihren lieben Florian seit Wochen nicht schlafen ließ. Der Bescheid der Akademie auf die antonologische . . . nein, ontemologische . . . nein, entomologische Abhandlung ihres Gatten. Und welch ein dickes Paket. Offenbar war die Abhandlung schon in Druck gelegt, ja vielleicht sogar schon das Diplom eines außerordentlichen Mitgliedes der Akademie hinzugefügt, denn das konnte ihm doch nicht entgehen für eine so geniale anti . . ., ante . . ., kurz eine so bahnbrechende Arbeit.

O, das durfte er jetzt noch nicht sehen, das mußte mit unter den Christbaum; es war ihm ja auch offenbar als Weihnachtsgeschenk zugedacht von dieser guten, lieben Akademie der Wissenschaften. Und wieder einmal huschte sie in das Festzimmer hinein, nicht ohne hinter sich den Riegel vorzuschieben, der eigens zu solchem Zweck an dieser einzigen Thüre angebracht war. Und sie legte das großgesiegelte Paket ganz obenauf, damit er es gleich erblicke. Nur die Pulswärmer lagen doch auf dem Paket, die Pulswärmer, die sie ihm seit dreißig Jahren, seit ihrem Brautjahr, zu jedem Weihnachtsfest gestrickt hatte, weil er sie damals als junger Tischlermeister gebraucht, . . . später als reicher Thüren- und Fensterfabrikant freilich nicht mehr . . . und jetzt als gelehrter Naturforscher schon gar nicht. Wie er sich trotzdem jedes Jahr damit freute, der gute Alte. Stets zog er sie sofort an und gab dann der Spenderin einen tüchtigen Kuß auf den Mund, einen von jenen alten Küssen.

In diesem lieblichen Vorgefühl verging ihr die Zeit bis zu dem Augenblick, da der volle Glanz des Festes entzündet wurde und die Weihnachtsstube vom Jubel der Beschenkten widerhallte. Wie altherkömmlich das alles, und doch jedesmal wie funkelnagelneu!

Am größten aber war diesmal allerdings die Überraschung des Hausvaters. Herr Florian Haberer stand unter dem Christbaum, der seine gemütliche Glatze festlich beleuchtete, ganz starr vor freudigem Schreck. Nichts von allem, was ihm beschert worden, sah er; selbst die Pulswärmer, dieses Symbol seiner glücklichen Ehe, schob er achtlos zur Seite, so daß Frau Brigitta sich mit den Zähnen, die sie erst vorigen Sommer einsetzen lassen, betroffen auf die Lippen biß und bei sich dachte: »Es geschieht mir ganz recht.« Er aber ergriff nun ganz sachte das bedeutsame Paket, setzte sein Glas auf und las laut die Adresse, noch lauter die Schrift auf dem Siegel. Dann sagte er »Hüh,« denn es war ihm sehr warm, und trocknete sich mit dem roten Seidentuch das Antlitz und das schimmernde Haupt. Erwartungsvoll umstand ihn die Familie, denn feierlich sah er sich in dem Kreise um und sein Wuchs schien um ein Beträchtliches höher geworden, auch ging ein merkliches Zittern durch sein oberstes Knopfloch links.

»Seht ihr, Kinder,« sagte er im tiefsten Tone seiner Kehle, etwas stolz und etwas gerührt, »hier ist die Frucht eines jahrelangen, redlichen, wissenschaftlichen Strebens. Hier ist der Beweis, daß ich recht hatte, meine Fabrik glänzend zu verkaufen und mich gänzlich der Entomologie, d. h. Insektenkunde zu widmen.«

»Wie du nur das fatale Wort so auf einmal ohne Fehler aussprechen kannst,« sagte seine Frau unwillkürlich, aus reiner Bewunderung.

Aber er winkte ihr ab und fuhr fort: »Was ich einst als Dilettant in Mußestunden betrieben, das angenehme Fangen der Schmetterlinge, das unterhaltende Sammeln der Käfer, das thue ich jetzt planmäßig als Mann der Wissenschaft, und der liebe Gott hat mein Streben durch eine schöne Entdeckung belohnt, welche unter den gelehrten Herren der Akademie Aufsehen gemacht haben muß. Doch sehen wir, was die Akademie schreibt.«

Ehrfurchtsvoll öffnete er den Umschlag, wobei er das große Siegel sorgfältig schonte. Aber wie ward ihm, als er den Inhalt erblickte! Ganz oben befand sich eine längliche Schachtel, die er gar wohl kannte; sie hatte einen Glasdeckel und enthielt drei Schmetterlinge, die ihm nicht minder geläufig waren. Dann kam ein blaues Heft, dessen weißes Papierschild in seiner eigenen Handschrift die Worte trug: »Buchstabenlilie (lilium scripturatum),« und ein zweites ganz ähnliches mit der Aufschrift: »Buchstabentulpe (tulipa scripturata),« welche beiden Blumen die blauen Hefte zierlich gepreßt enthielten. Dann kam ein fingerdicker Quartband, seine Abhandlung über jene Schmetterlinge und Blumen; zwei Jahre hatte er daran gearbeitet und sie war geradezu kalligraphisch abgeschrieben. Und ganz unten lag das Schreiben der Akademie, worin ihm mit jener gewissen kühlen Sachlichkeit mitgeteilt wurde, daß seine Abhandlung von der naturwissenschaftlichen Klasse geprüft worden und zum Abdruck in den »Mitteilungen« nicht geeignet befunden sei.

Herr Haberer sank in einen Lehnstuhl und saß lange wie bewußtlos da. Er war aus zu hohen Himmeln herabgestürzt, um sich nicht zerschmettert zu fühlen. Aber seine gutbürgerliche Tischlernatur ermannte sich wieder, er trank ein Glas Wasser, das ihm Liese mit bekümmerter Miene reichte, und gab seiner Frau plötzlich einen lautschallenden Kuß auf den Mund, den Pulswärmerkuß, an den er sich nur zu spät erinnerte. Frau Brigitta war wieder ganz glücklich und hielt ihren alten Florian in den Armen, wie ein pflegebedürftiges Kind. Er ermannte sich nun ganz und hatte sogar den Unternehmungsgeist, das Paket näher zu untersuchen, wobei er ganz unten noch einen kleineren Brief entdeckte. Es war ein Privatbrief des Sekretärs der Klasse, den er persönlich kannte, und dies war der Wortlaut:

»Geehrter Herr Haberer. Machen Sie sich nichts daraus, tragen Sie es als Mann. Sie sind offenbar von einem Spaßvogel getäuscht worden. Die mikroskopische Untersuchung hat ergeben, daß die goldgelben Buchstaben überall mit Ölfarbe, sogenanntem jaune brillant, aufgemalt sind. Daß die Natur dies gethan habe, davon kann weder bei den Blumen, noch bei den Schmetterlingen die Rede sein. Die Herren von der Klasse glaubten anfangs, Sie hätten sie mystifizieren wollen; da ich Sie aber als ernsten Mann kenne, trat ich dieser Auffassung erfolgreich entgegen und befürwortete eine ordnungsgemäße Erledigung Ihrer Einsendung. Also nochmals, lassen Sie sich die Stimmung nicht verderben und – fröhliche Weihnachten! Ihr ergebener . . .«

Herrn Haberer schwindelte. Die Lichter des Christbaumes tanzten toll um ihn her, wie Irrwische auf einem Friedhof voll begrabener Hoffnungen. Auch Weib und Kind schienen an diesem tollen Reigen teilzunehmen, und standen doch eigentlich ganz mäuschenstill und sehr bekümmert da.

Aber da es immer ein Weib ist, das sich zuerst ermannt, so war es diesmal Frau Brigitta. »Ha!« rief sie und griff nach dem Briefe, den sie erregt zu durchforschen begann. Dann ließ sie ihn kraftlos aus der Hand fallen und sagte dumpf: »Er ist’s.«

»Wer ist’s?« wiederholte ein dumpfes Echo aus dem Lehnstuhl, in dem ihr Gatte saß.

»Oskar Merz,« stieß sie hervor.

»Oskar Merz,« wiederholte Liese halblaut, wie unwillkürlich; es klang wie das Flöten eines Vogels. Und sie wurde rot und preßte beide Hände auf ihr Herz, denn ihr war, als müßten die Eltern jetzt »Herein!« rufen, so laut hörte sie es klopfen.

»Oskar Merz, wer ist das?« fragte der Vater weiter.

»Ach,« rief die Mutter unwillig, »das war ein junger Maler, der vor zwei Jahren in Henningsdorf die große Erkerstube über unserer Sommerwohnung hatte. So ein Milch- und Blutgesicht, mit goldblondem Spitzbärtchen, so die rechte Künstlerballfigur; ich verbot der Liesel eigens mit ihm zu sprechen.«

»Aber er hat mit mir gesprochen, Mama,« platzte die Kleine heraus, noch röter als vorher. Und als die Mutter darüber ganz entsetzt war, fügte sie kleinlauter hinzu: »Ihm hattest du’s ja nicht verboten.«

Diese zartere Seite der Angelegenheit nun kümmerte Herrn Haberer jetzt gar nicht. Zornig fuhr er auf: »Was? Jener Mensch sollte sich unterstanden haben, mit mir ein frivoles Spiel zu treiben? Meiner Wissenschaft einen gemeinen Schabernack zu spielen? O . . . o . . . hätt‘ ich ihn da zwischen meinen Fäusten, nicht lebendig sollte er . . . Doch nein, nein, das ist unmöglich, undenkbar, unglaublich. So schlau konnte er nicht sein! Und ich so dumm nicht. Nein, nein, Brigitta, du irrst.«

»O Papa,« sagte Liese, »Oskar Merz ist ein frischer, heiterer Geist, ein . . .«

»Was kannst du davon wissen?« unterbrach sie Herr Haberer; »wenn man den Mann da hätte und befragen könnte, bin ich sicher, sein Erstaunen würde sogleich verraten, daß er nichts von der Sache weiß.«

»Nichts leichter als das, lieber Papa,« rief Liese, »er wohnt ja im Hause gegenüber, er hat da sein Atelier, im vierten Stock . . .«

»Was? Davon weiß ich ja gar nichts,« sagte die Mutter zwischen Staunen und Entrüstung.

»Er ist sogar noch zu Hause!« rief Liese, die ans Fenster geeilt war, »seine Atelierfenster sind noch beleuchtet. Es wäre ja so einfach, hinüberzuschicken und ihn bitten zu lassen . . . auf einen Augenblick . . . wegen einer Frage . . .«

Mama lehnte aufgeregt ab, Papa aber war Feuer und Flamme für diesen Plan. Da konnte ja sogleich jeder Verdacht beseitigt werden. Und schleunigst gab er seinem Sohne Konrad den Auftrag, eine Zeile, die er mit fliegender Hand auf eine Visitenkarte warf, hinüberzutragen.

Der Jüngling ging . . . und eine Viertelstunde später trat Oskar Merz mit ihm ein. Ein liebenswürdiger junger Mann, der der Hausfrau so anmutig die Hand küßte und die dargebotene Hand des Hausherrn so muskelstark drückte, daß er »Au« rief, was Liese keineswegs that, obgleich er auch ihr die Hand drückte.

Oskar Merz war natürlich überrascht und Herr Haberer entschuldigte sich umständlich wegen der Störung, berief sich jedoch auf ehemalige Nachbarschaft im Grünen u. s. f., um endlich auf seine Angelegenheit zu kommen.

»Haben Sie jemals solche Schmetterlinge gesehen, Herr Merz?« fragte er, indem er ihm die Schachtel mit der Glasplatte hinschob.

Oskar Merz warf einen Blick auf die merkwürdigen Exemplare und sagte dann, sichtlich mit einem raschen Entschluß: »Ja, Herr Haberer, ich habe sogar welche gemacht.«

Versteinert starrte ihn Herr Haberer an, während Frau Brigitta mit einem schweren Seufzer die Hände faltete.

»Ja wohl,« fuhr Oskar Merz fort, »ich will und muß beichten, da ich ohne böse Absicht ein solches Unglück angerichtet habe. Die Sache kam so. An einem warmen Sommernachmittag saß ich in meinem Zimmer und wollte malen, aber es ging nicht. Mich störte eine Stimme, die unter mir ein Lied sang.«

»Ja, ich pflege manchmal zu singen,« sagte Herr Haberer.

»Eine helle, süße Stimme,« fuhr Oskar Merz fort, »die liebste von allen, die ich je gehört.«

Liese hatte in diesem Augenblicke alle Hände voll zu thun, die herabgebrannten Wachslichte zu löschen.

»Oft hatte ich diese Stimme schon gehört, diesmal aber bewegte sie mich ganz eigentümlich. Die Luft war so lau, draußen schien die Sonne ganz sanft durch einen feinen Dunstschleier . . . Und ein Schmetterling gaukelte zur offenen Thüre herein und setzte sich auf meine Staffelei. Er war müde und ich haschte ihn. Gerade hatte ich einen dünnen Pinsel in der Hand, mit jaune brillant gefüllt . . .«

»Jaune brillant« rief Herr Haberer und fuhr sich mit beiden Händen in die Haare.

»Ja wohl,« sagte Oskar Merz, »und da kam mir der Einfall, ich weiß nicht wie, und ich malte dem Schmetterling – ein ganz gemeiner Kohlweißling war es – ein kleines goldenes L auf jeden Flügel. Dann setzte ich ihn auf die Brüstung des Erkers und sagte ihm freundlich: Fliege, kleiner Vogel, fliege, und bring ihr meine Huldigung.«

Die höchste Kerze des Christbaumes wollte durchaus nicht erlöschen.

»Und er flog,« fuhr Oskar Merz fort, »und ich dachte mir. Jetzt fliegt er zu ihr und . . . und . . . Dann aber fiel mir ein: wie, wenn er die Adresse verfehlte? Und da wiederholte ich die kühne That. Wohl hundert Weißlinge habe ich nach und nach in dieser Weise gezeichnet und dann im Garten fliegen lassen. Aber wenn ich dann mit . . . jener Stimme zusammentraf und Anspielungen darauf machte, schien sie nicht zu verstehen; offenbar hatte sie jene Schmetterlinge nicht beachtet.«

»Aber ich!« rief Herr Haberer mit dem Stolze eines Naturforschers, dem nichts entgeht.

»Ja, Ihren Augen scheint nichts zu entgehen,« erwiderte Oskar Merz mit einem Anflug von Bewunderung. »Übrigens schrieb ich jenes L auch auf die Flügel von Käfern und sogar Fliegen, . . . man hat schon solche merkwürdige Anwandlungen, . . . das waren mir lauter kleine Botschafter, oder Briefträger . . . Lachen Sie nicht, gnädige Frau?«

Aber Frau Brigitten war es eigentümlich zu Mute. Nie war ihr das Lachen ferner gewesen. Es wurde ihr im Gegenteil ganz feucht in den Augenwinkeln und sie genierte sich nur, mit dem Taschentuch dahinzulangen, das doch an jeder Seite zwei Zipfel hat, offenbar für beide Augen.

»Und,« fuhr Oskar Merz fort, »eines Tages, als jenes Lied ganz besonders himmlisch klang, ganz engelhaft süß, da stand zufällig eine Lilie in einem Wasserglas an meinem Fenster. In blendender Reinheit entfaltete sie mir ihren Kelch und da . . . schrieb ich auch dort mit goldgelber Farbe jenes L hinein. Und dann, in der Abenddämmerung, stellte ich das Glas heimlich in . . . in das Fenster der Sängerin.

»Lilium scripturatum,« murmelte Herr Haberer tonlos.

»Und den anderen Tag that ich das nämliche mit etlichen Tulpen . . .«

»Die Buchstabentulpe (Tulipa scripturata),« murmelte Herr Haberer weiter.

Endlich war auch jene höchste Kerze des Christbaums erloschen.

»Aber,« fuhr Herr Haberer mit einer gewissen Anstrengung fort, ohne diese optische Erscheinung zu beachten, »ich erinnere mich, daß schon die alten Griechen von einem Jüngling erzählten, . . . sein Name steht in meiner Abhandlung, . . . aus dessen Blut eine Blume entsproß, welche . . . Warten Sie einmal, ich will doch nachsehen.« Und er schlug sofort die Stelle in seiner Handschrift auf. »Richtig, da steht’s; Hyacinthus hieß er, und so hieß auch jene Blume, auf der man noch jetzt die Buchstaben AI erblickt. Das ist doch unleugbar?«

»Gewiß,« sagte Oskar Merz, »aber . . .«

»Ich sage nun,« fuhr Herr Haberer fort, »könnte nicht auch auf jener Lilie und jenen Tulpen das L auf ähnliche Weise entstanden sein? Es wären eben neue Abarten, die ich entdeckt habe.«

»Aber . . .« wandte Oskar Merz ein, Herr Haberer jedoch ließ ihn nicht ausreden, sondern fuhr immer eifriger fort:

»Wenn ich nun annehme, daß gewisse Schmetterlinge sich vorzugsweise gerade auf diesen Blumen nähren, so ist es nach Darwin ganz zulässig, ja nicht einmal überraschend, wenn sie nach so und so vielen Generationen ebenfalls jenen Buchstaben auf ihren Flügeln zeigen. Tiere nehmen ja nach Darwin die Farben ihrer Umgebung an. Kurz und gut, was da in meiner Abhandlung steht, das ist noch keineswegs widerlegt, und wenn auch die hochwohlweisen Herren von der Akademie . . .«

»Aber Herr Haberer!« rief nun Oskar Merz, dem die Sache bedenklich zu werden begann, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es war, der jene Buchstaben mit jaune brillant auf jenen Blumen und Schmetterlingen anbrachte.«

Dieses Ehrenwort gebot dem Redner Halt. Er griff mit den Händen in der Luft umher nach einem neuen Argument und fand richtig noch eins. Ziemlich unsicher sagte er: »Wie kommt es denn aber, daß, als ginge es einem Naturgesetze nach, immer nur ein L und kein anderer Buchstabe zu finden ist? Warum tragen nicht die Blumen ein L und die Schmetterlinge ein O oder M? Offenbar doch, weil diese sich auf jenen nähren?«

»Nein, Herr Haberer,« sagte Oskar Merz, ganz unbefangen, »weil Liese mit L anfängt, und weil ich Fräulein Lisbeth geliebt habe und noch liebe, wie sie mich liebt, aus tiefstem Herzensgrund. Allerdings war ich damals noch ein Maler ohne Stellung und konnte nicht hoffen, bei pflichtbewußten Eltern Gehör zu finden, . . . Jetzt aber steht meine Ernennung zum Professor bevor und, wenn Sie meine innige Bitte erhören, auch die Ernennung Fräulein Lisbeths zur Frau Professorin.«

Diese kurze, aber sehr nachdrücklich gesprochene Rede machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck, der sich in ganz verschiedener Weise äußerte. Am passendsten jedenfalls bei Frau Brigitten, welche laut aufschluchzte und augenblicklich die Hände der jungen Leute in einander legte. Sie begleitete diese Handlung mit einer Anzahl von Küssen, welche, da ihre Augen von Thränen getrübt waren, mehr als eine Person trafen. Was Herrn Haberer betrifft, schien er eine Menge Einwendungen auf dem Herzen zu haben, aber das stürmische Vorgehen seiner Frau schüchterte ihn ein und riß ihn schließlich mit.

Er segnete das Paar und gab dem Maler, nicht ohne einen schweren Seufzer, seine Abhandlung nebst Zugehör als Weihnachtsgeschenk. »Es sind ja Ihre Werke,« sagte er.

Guy de Maupassant • Der Morin – das Schwein

Guy de Maupassant • Der Morin – das Schwein

Hör mal, lieber Freund«, sagte ich zu Labarbe, »eben hast du wieder so bedeutsam die vier Worte ausgesprochen: ›der Morin-das Schwein!‹ Ja, zum Deibel noch mal, warum höre ich nie etwas anderes über den Mann als nur immer und immer wieder diese Redensart: ›der Morin – das Schwein, der Morin – das Schwein‹?«

Labarbe – heute ist er längst unter die würdevollen Volksvertreter und Parlamentarier gegangen – starrte mich groß an aus seinen Nachtkauzaugen: »Was? Aus La Rochelle willst du sein und kennst die Geschichte vom Morin noch nicht?!«

Ich mußte zugeben, daß ich die Geschichte wirklich noch nicht kannte. Da hob er händereibend an: »Aber die Firma Morin, die ist dir wohl noch ein Begriff, was? Du erinnerst dich doch – der große Galanteriewarenladen Morin am Kai?«

»Ja, natürlich!«

»Na also, dann laß dir erzählen: Anno zwoundsechzig, es kann auch dreiundsechzig gewesen sein, da machte unser Morin mal ’nen kleinen Rutsch nach der Hauptstadt, so für vierzehn Tage – Geschäftsreise, wie er sagte, um sich mit Novitäten einzudecken und so. Na, du kannst dir ja denken, was so ein Provinzkaufmann vierzehn Tage lang in der Weltstadt alles zu ›tun‹ hat…! Schon der Gedanke an Paris kann einem ja das Blut in Wallung bringen. Alle Abende etwas los: Theater, Amüsements, ständig in Fühlung mit der Damenwelt – mit einem Wort: Aus dem Nervenkitzel kommt man da nicht heraus. Geradezu verrückt, Mann, kann einen das machen! Tänzerinnen im hauchdünnsten Trikot, Bühnendivas mit dem prachtvollsten Busen, die strammsten Beinchen, die rundesten, marmornsten Schultern – alles zum Greifen und dann doch nicht zu erreichen. Kaum, daß man mal hie und da naschen kann; und wenn schon mal, dann auch nicht immer so Sachen erster Güte. Tja, und dann heißt es schon wieder adieu sagen – das Herz noch voller Schwung und die Seele voller Rausch und auf den Lippen noch das prickelnde Verlangen nach Küssen…

In dem Zustand fühlte sich unser Morin, als er wieder auf dem Orléans-Bahnhof stand und seine Fahrkarte für die Heimreise löste. In gereizter Abschiedsstimmung, nachkostender Erregung voll, wandelte er in der großen Halle auf und ab. Es war noch etwas Zeit bis zur Abfahrt mit dem Abendschnellzug zwanzig Uhr vierzig nach La Rochelle. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Vor ihm, gerade vor ihm schließt eine junge Dame ihre ältere Begleiterin in die Arme und küßt sie. Sie hatte ihren Schleier hochgestreift. Morin entfuhr der leise Ruf der Bewunderung: ›Donnerwetter – ist die hübsch!‹

Als die beiden mit ihren Umarmungen fertig waren, rauschte die junge Dame dem Wartesaal zu. Unser Morin hinterher. Nach einem Weilchen trat sie auf den Bahnsteig hinaus. Unser Morin ihr nach. Schließlich stieg sie ein, in einen leeren Wagen. Unser Morin immer hinter ihr drein.

Die wenigen Mitreisenden verteilten sich in die Abteile. Die Lokomotive pfiff. Der Zug setzte sich in Bewegung. Sie waren allein …

Er fraß sie förmlich auf mit den Augen. Sie war schätzungsweise neunzehn oder zwanzig, blond, groß, hatte etwas Selbstbewußtes in Blick und Haltung. Sie wickelte sich ihre Reisedecke um Hüften und Beine und streckte sich auf die Polster zur Ruhe aus.

Er fragte sich:›Was für eine mag die da sein?‹ Und tausend Vermutungen, tausend Pläne kreuzten sich in seinem Hirn. Er dachte: ›Es wird immer so viel erzählt von Reiseabenteuern. Vielleicht wartet hier schon mein ganz großes auf mich? Wer weiß – manchmal kommt das Glück über Nacht. Man müßte nur richtig zufassen. Hat nicht schon Danton gesagt: Mut, Mut und nochmals Mut!? Hm, und wenn’s nicht Danton gesagt hat, dann bestimmt Mirabeau! Ist ja auch schließlich egal. Aber ich trau‘ mich doch nicht recht, da liegt der Hase im Pfeffer! Ach, wenn man wüßte – wenn man in das Innere einer Weiberseele hineinschauen könnte! Ich möchte wetten, die fabelhaftesten Gelegenheiten läßt man tagtäglich an sich vorüberrauschen, glatt vorüberrauschen, ohne was zu ahnen. Wenn sie bloß die kleinste Andeutung machte, daß sie nicht abgeneigt wäre!‹

So überlegte er hin und her: Wie könnte man die Sache bloß am erfolgreichsten anpacken? Also – wie wird so was denn immer gedeichselt? Zunächst ritterlichen Annäherungsversuch unternehmen. Mit irgend so ein paar netten Aufmerksamkeiten kommen. Daraus müßte sich dann von selber eine lebhaftere, immer galantere Unterhaltung entwickeln. Schlußeffekt: offene Erklärung! Die würde dann ganz von selbst dazu führen, daß… Na, alles Weitere kannst du dir ja selbst ausmalen!

So verfloß die Nacht. Die Schöne schlummerte ruhig weiter auf ihren Polstern, und Morin überlegte hin und her, hin und her, wie ihr am besten beizukommen wäre. Es dämmerte, es wurde heller und heller. Schon fuhr der erste Sonnenstrahl, ein langer, blitzender, kecker Strahl neckisch über das hübsche Gesicht der Schläferin. Da erwachte sie, setzte sich auf, warf einen Blick hinaus in die Landschaft, sah dann Morin an und lächelte. Es war das Lächeln einer glücklichen Frau, bezaubernd und heiter. Morin durchrieselte es: Kein Zweifel, es war an ihn gerichtet! Dieses Lächeln galt ihm! Es war eine wortlose Aufforderung, das Zeichen, auf das er die ganze Zeit gewartet hatte! Dies vielsagende Mona-Lisa-Lächeln bedeutete: ›Sind Sie aber schwer von Begriff! Sind Sie ein keuscher Joseph! Ein Einfaltspinsel! Steif wie ein Besenstiel dazulehnen! Stundenlang! Seit gestern abend! Augen auf! Hergeschaut! Bin ich nicht bezaubernd? – Und du, du kannst mit solch einer entzückenden Frau eine ganze Nacht lang allein im Coupe sitzen und wagst nichts, du – Riesendummkopf ?!‹

Sie lächelte und sah ihn fortwährend dabei an. Jetzt begann sie auch noch, laut heraus zu lachen. Da verließ ihn sein letztes bißchen Verstand: Er suchte nach irgendeinem passenden Wort, irgendeinem netten Kompliment, ganz gleich was, das er ihr sagen könnte. Aber er fand nichts, absolut nichts wollte ihm einfallen. Da überkam ihn die Tollkühnheit. Er dachte: ›Ach was, jetzt geh‘ ich aufs Ganze!‹, und stürzte ohne weiteres mit weit ausgereckten Armen, mit gierig gespitzten Lippen auf sie los, packte sie und küßte sie…

Mit einem Sprung fuhr sie hoch und schrie: ›Hi-i-ilfe!‹ Sie kreischte vor Entsetzen. Mit einem Ruck riß sie die Wagentür auf, fuchtelte mit den Armen in die Luft hinaus, halb wahnsinnig vor Schreck, und machte Miene, hinauszuspringen. Morin sah schon alles verloren, hielt sie krampfhaft fest an ihrem Rock, vor Angst, sie könne sich wirklich hinausstürzen, zerrte sie zurück und stotterte in einem fort: ›Aber Madame… aber Madame… oh…!‹ Der Zug bremste und hielt. Zwei Beamte liefen auf die verzweifelt aus der Wagentür winkende junge Dame zu. Sie sank ihnen in die Arme und konnte nur noch hauchen: ›Dieser Mensch wollte… wollte mich … mich …‹ Damit fiel sie in Ohnmacht. Das ereignete sich auf dem Bahnhof in Mauzé. Zufällig war der Ortsgendarm auf der Station; er nahm Morin sofort fest.

Als das Opfer seines Gewaltaktes wieder zu sich kam, schritt man zur Zeugenvernehmung. Die Behörde nahm die Aussagen zu Protokoll. Der Herr Galanteriewarenhändler konnte erst abends die unterbrochene Heimreise wieder antreten. Ganz verdattert sah er aus. Jedenfalls hing eine Anklage drohend in der Luft: wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Ich war damals Chefredakteur am ›Charenter Fanal‹ und traf unsern Morin Abend für Abend im ›Café du Commerce‹.

Gleich am Abend nach seinem schiefgegangenen Abenteuer kam er ratlos zu mir. Was sollte er bloß machen?! Ich hielt nicht hinter dem Berge: ›Ein Schwein bist du! So benimmt man sich nicht!‹

Da kriegte er das heulende Elend. Seine Alte mache ihm die Hölle heiß! Er sehe schon alles kommen: sein schönes Geschäft in die Binsen, sein ehrlicher Name durch die Zeitung geschmiert! Seine besten Freunde grüßten ihn nicht mehr! – Da tat er mir schließlich doch ein bißchen leid, und ich zog meinen Mitarbeiter Rivet zu Rate, ein pfiffiges Bürschchen, das immer irgendwie einen Ausweg wußte.

Er riet, sich an den befreundeten Staatsanwalt X zu wenden. Ich schickte unsern Morin denn nach Hause und suchte den Rechtskundigen auf.

Dort erfuhr ich, daß die so schwer beleidigte junge Dame Mademoiselle Henriette Bonnel heiße; sie habe gerade glücklich in Paris ihr Lehrerinnenexamen bestanden und sei zur Erholung, da sie keine Eltern mehr habe, zu Onkel und Tante gereist. Die Verwandten seien ehrsame Rentnersleute und besäßen ein Landhäuschen in Mauzé. Was nun aber an der ganzen Geschichte so besonders erschwerend wäre, sei der Umstand, daß der Onkel inzwischen schon Klage gegen Morin eingereicht habe. Die Staatsanwaltschaft könne die Sache von sich aus noch fallenlassen, wenn der Kläger zur Zurücknahme seiner Klage zu bewegen sei.

Das mußte also erreicht werden, unter allen Umständen!

Ich suchte unsern Missetäter in seiner Wohnung auf. Er steckte im Bett; ganz krank war er vor Angst und Aufregung. Seine bärbeißige Alte, ein mächtig stachliger Drachen, schien ihm gewaltig zuzusetzen. Sie ließ mich ein und schnauzte gleich mordsmäßig los: ›Den Morin, das Schwein, wollen Sie sehn? Da, da ist er, der Saukerl!‹

Und mit eingestemmten Fäusten pflanzte sie sich auf vor seinem Bett. Ich machte ihm die Situation klar. Er flehte mich an, zu den Leuten hinzufahren, die Sache für ihn zu bereinigen! Es war eine etwas heikle Mission, aber ich übernahm sie schließlich. Der arme Teufel beteuerte mir in einem fort: ›Ich versichre dir, nicht mal richtig fest in den Armen hab‘ ich sie gehabt! Nicht mal richtig fest in den Armen hab‘ ich sie gehabt! Ehrenwort!‹

Ich sagte nur: ›Ganz egal! Ein Schwein bist du doch!‹, und steckte entschlossen die tausend Francs ein, die ich nach Gutdünken verwenden sollte.

Da ich es aber doch nicht für ganz angebracht hielt, in so einer Mission mich ohne Zeugen in das Haus der ehrsamen Leute zu begeben, schlug ich Rivet vor, mich hinzubegleiten. Er sagte zu, allerdings unter der Bedingung, daß wir sofort losführen, da er bis zum ändern Nachmittag wegen wichtiger Sachen wieder in La Rochelle sein müsse.

So klingelten wir denn schon zwei Stunden später an der Tür eines netten Landhäuschens in Mauzé. Eine hübsche junge Dame empfing uns, sicherlich ›sie‹. Ich flüsterte Rivet zu: ›Donnerwetter, Mensch, jetzt kann ich Morin verstehen!‹ Monsieur Tonnelet, der Onkel, war ausgerechnet Stammabonnent unseres ›Fanals‹, also überzeugter Gesinnungsgenosse. Er nahm uns mit offenen Armen auf, hieß uns willkommen, schüttelte uns die Hände und war überglücklich, gleich zwei Redakteure seines Leib- und Magenblattes bei sich zu begrüßen. Rivet tuschelte mir ins Ohr: ›Paß auf, die Sache mit dem Schwein Morin kriegen wir schon hin!‹

Die Nichte hatte uns allein gelassen. Ich brachte gleich die heikle Angelegenheit aufs Tapet und malte sie dem Herrn Onkel in den schwärzesten Farben. Mit allem Nachdruck wies ich darauf hin, welch unangenehmen Folgen doch für die junge Dame all das Gerede, das sich immer um solch eine Geschichte erhöbe, haben könne! Kein Mensch würde doch glauben, es sei bei einem harmlosen Kuß geblieben!

Der gute Mann war sich unschlüssig: Eigentlich könne er dazu nichts Endgültiges sagen, ohne seine Frau mit zu Rate gezogen zu haben. Und sie komme erst spät am Abend heim. Plötzlich stieß er einen kleinen Triumphschrei aus: ›Halt, ich habe eine famose Idee! So schnell kommen Sie überhaupt nicht los bei mir. Sie bleiben erst mal da, essen mit uns und übernachten hier. Und wenn meine Teure eingetrudelt ist, dann werden wir miteinander schon klarkommen!‹

Rivet sagte erst, nein, es ginge nicht. Aber als ich ihm durch Zeichen klarmachte, daß wir doch auf jeden Fall unsern Morin, das Schwein, aus der Patsche ziehen wollten, da gab er schließlich nach. Und so blieben wir denn. Der Onkel strahlte, erhob sich, rief seine Nichte, schlug uns einen Rundgang durch sein Besitztum vor und bekundete: ›Die ernstlichen Sachen wollen wir mal bis heut‘ abend zurückstellen.‹ Damit wandte er sich Rivet zu und erging sich mit ihm in politischen Gesprächen.

Ich wandelte an der Seite der jungen Nichte hinterher, ein paar Schritt hinter den beiden. Das Mädchen war wirklich bezaubernd!

Vorsichtig lenkte ich unsere Unterhaltung auf ihr Abenteuer, um mich zu vergewissern, wie sie darüber dächte, und sie womöglich günstig zu stimmen.

Es sah nicht aus, als wäre sie sehr verlegen; im Gegenteil, sie hörte mir zu, als amüsiere sie die Geschichte höchlichst.

Ich redete und redete: ›Bedenken Sie,Mademoiselle, was Ihnen sonst noch daraus für Unannehmlichkeiten erwachsen können! Sie müssen vor Gericht erscheinen, Sie müssen sich anstieren lassen von einer Masse schadenfroher Zuschauer und Zuhörer, in aller Öffentlichkeit Ihre Aussage wiederholen, coram publico haarklein den ganzen wenig schönen Auftritt berichten! Unter uns gesagt, sehen Sie mal, wäre es nicht doch noch klüger gewesen, Sie hätten den Fall auf sich beruhen lassen, Sie hätten den unverschämten Kerl energisch, aber ruhig in seine Schranken verwiesen, ohne erst das gesamte Bahnpersonal und die Gendarmerie zusammenzutrommeln? Wenn Sie ganz einfach das Abteil gewechselt hätten, dann …‹

Sie fing an zu lachen: ›Sie haben vollkommen recht! Aber was wollen Sie? Ich hatte eben Angst, und wenn man Angst hat, dann überlegt man doch nicht weiter! Hinterher, als mir klar wurde, was eigentlich los war, da dachte ich natürlich auch: Besser, du hättest nicht gleich laut geschrien und gerufen! Aber da war es eben zu spät. Stellen Sie sich doch mal vor: Mit einem Blick ist er auf mich losgestürzt, mit einem Blick, der alberne Mensch, wie ein Verrückter, ohne einen Ton zu sagen! So stur, als wollte er geradezu durch die Wand! Ich wußte ja gar nicht, was er überhaupt wollte!‹

Sie blickte mir, während sie das sagte, ohne die mindeste Verlegenheit ins Gesicht, und ich dachte: ›Deibel, muß das aber eine schlaue Katze sein! Nun ist mir klar, wieso der Morin, das Schwein, bei der an die falsche Adresse kam!‹

Nun ging ich zum Flirten über: ›Betrachten Sie, Mademoiselle, die Sache doch einmal von der anderen Seite! Dann werden Sie mir einräumen, daß so ein Vorgehen immerhin entschuldbar ist. Bei einer Schönheit wie der, die hier vor mir steht, muß man doch den sehr verständlichen Wunsch empfinden, zu küssen …!‹

Wieder lachte sie so hellauf, daß alle Zähne blitzten: ›Zwischen Wunsch und Tat, Monsieur, ist aber doch noch Raum für den Anstand!‹

Die Bemerkung war spritzig, wenn auch nicht ganz klar. Ich fragte rasch: ›Schön, und wenn zum Beispiel – wenn ich Sie jetzt, auf der Stelle, küßte? Was täten Sie dann?‹

Sie blieb stehen, sah mich von oben bis unten an und sagte ganz ruhig: ›Oh, Sie – das ist etwas anderes …!‹

Na und ob – das wußte ich natürlich, daß es mit mir etwas anderes ist! Ich hieß doch nicht umsonst in der ganzen Gegend ›der schöne Labarbe‹! Damals war ich dreißig. Ich fragte aber trotzdem: ›Wieso?‹

Sie zuckte die Achseln und sagte leichthin: ›Na ja, das liegt doch auf der Hand! Weil Sie nicht so ein langweiliger Peter sind wie der!‹ – dann mit einem Blick von unten herauf: ›Und auch nicht so ein widerlicher Kerl…!‹

Da, ehe sie es sich versah, hatte ich ihr auch schon einen heftigen Kuß auf die entzückende Wange gedrückt. Als sie sich blitzartig zur Seite bog, war es schon geschehen. Sie sagte: ›Na, Sie legen auch nicht gerade Zurückhaltung an den Tag! Bitte, lassen Sie jetzt das Geschäker.‹

Ich machte ein ganz ergebenes Gesicht und beteuerte innig: ›Oh, Mademoiselle! Wenn mein Herz einen Wunsch hegt, dann nur den einen – wegen derselben Anklage vor Gericht zu kommen wie Morin!‹

Nun war sie am Fragen: ›Wieso?‹

Ich sah ihr tief in die Augen: ›Weil Sie eins der schönsten Geschöpfe der Natur sind! Weil es für mich ein Ruhm und eine Ehre wäre, Ihnen zu nahe getreten zu sein! Weil jeder, der Sie sähe, Sie erblickte, sagen würde: Da habtjhr’s mal wieder! Der Labarbe, der..,! Nicht gerade einfacher Mundraub, was er begangen hat, aber Chancen, Chancen hat er…!‹

Da lachte sie wieder aus vollem Halse: ›Sind Sie immer so ein Spaßvo …?‹ Sie hatte das Wort ›Spaßvogel‹ noch nicht ganz ausgesprochen, da hielt ich sie schon in meinen Armen und drückte ihr stürmisch Kuß um Kuß auf, überallhin, wo ich konnte: auf Haar, Stirn, Augen, sogar auf den Mund, auf die Wangen – wo sie nur eine Stelle preisgab, um eine andere zu schützen.

Endlich machte sie sich los, entrüstet, dunkelrot im Gesicht: ›Das ist taktlos, Monsieur! Ich bedaure, Ihnen überhaupt Gehör geschenkt zu haben.‹

Ich zog ihre Hand an mich und stammelte etwas kleinlaut und gepreßt: ›Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir, liebste Mademoiselle! Ich habe Sie belästigt! Ich war verwegen! Es kam über mich! Bitte seien Sie mir nicht böse! Wenn Sie wüßten…!‹ Ich suchte nach einer Entschuldigung.

Sie wollte mir das Wort abschneiden: ›Ich will nichts wissen, Monsieur!‹

Doch ich hatte einen Einfall: ›Aber, liebste Mademoiselle! Ich liebe Sie – schon ein ganzes Jahr…‹ Sie stutzte und blickte auf.

Ich war nun in Fahrt und redete rasch weiter: ›Mademoiselle, liebste, teuerste Mademoiselle! Hören Sie mich an! Ich kenne diesen Morin nicht, und es kümmert mich nicht, was aus ihm wird. Mir völlig Nebensache, ob er vor Gericht zitiert und eingesperrt wird. Aber Sie, liebste Mademoiselle, Sie kann ich nicht vergessen, seit ich Sie zum erstenmal sah – vor einem Jahr. Dort, am Torgitter, standen Sie. Wie ein Blitz durchzuckte es mein Herz…! Seither habe ich immer Ihr Bild vor Augen. Sie mögen es glauben oder nicht – was ändert das an der Tatsache! Ich bete Sie an! Ich sehnte mich nach Ihnen – ich mußte Sie wiedersehen! Und darum habe ich diese Geschichte mit dem blöden Morin als Vorwand benutzt – und nun stehe ich hier und kann nicht anders. Gelegenheit macht – Diebe und Liebe! Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie auf den Knien meines Herzens, verzeihen Sie mir…!‹

Sie sah mich scharf von der Seite an, als suche sie in meinen Blicken zu lesen, und war nahe daran, wieder zu lächeln; dann warf sie leicht hin: ›Sie erzählen Märchen!‹

Ich hob die Hand und sagte im Brustton der Überzeugung – ich glaube, in dem Augenblick war ich wirklich ganz ehrlich –: ›Ich schwöre Ihnen, ich sage die reine Wahrheit!‹

Sie sagte einfach: ›Weiter!‹

Wir waren allein, ganz allein. Rivet war mit dem Onkel auf einem der vielgewundenen Heckenpfade verschwunden. Und da machte ich ihr eine richtige, lange, süße Liebeserklärung, nahm ihre Hände und drückte Küsse und Küsse auf ihre Fingerspitzen.

Sie hörte mich an, als vernehme sie, was ich ihr da offenbarte, nicht ungern, wie eine reizvolle Neuigkeit, ohne aber recht zu wissen, was sie davon halten sollte. Ich geriet immer mehr in Feuer und glaubte zuletzt selber, was ich sagte. Ich fühlte, wie ich die Farbe wechselte; Schauer rieselten mir prickelnd über den Rücken; meine Stimme verschleierte sich; sacht legte ich ihr meinen Arm um die Taille.

Flüsternd sprach ich auf sie ein, den Mund dicht am krausen Gelock, das ihr kleines Ohr umwehte. Sie war wie leblos, so träumerisch stand sie da.

Dann trafen sich unsere Hände; ich preßte sie fester an mich mit einem Zittern, das stärker und stärker wurde. Sie rührte sich nicht. Mein Mund streifte ihre Wange, und plötzlich fanden sich unsere Lippen, ohne zu suchen, in einem langen, langen Kuß. Er hätte noch länger gedauert, wenn nicht auf einmal Schritte hinter uns und ein deutliches ›Hm! Hm!‹ zu hören gewesen wären. Sie huschte durchs Gebüsch davon. Ich drehte mich um und sah Rivet auf mich zukommen.

Mitten auf dem Wege pflanzte er sich vor mich hin und sagte mißgelaunt: ›Aha, sieh mal an, so also willst du die Sache von unserm Schwein Morin ins reine bringen!‹

Ich entgegnete mit einigem Stolz: ›Man tut, was man kann, mein Lieber! – Und der Onkel? Was hast du erreicht?‹

›Hm, jedenfalls nicht ganz so viel wie du bei der holden Nichte!‹ brummte der weniger glückliche Rivet, während ich meinen Arm unter seinen schob.

Seite an Seite spazierte ich mit ihm wieder dem Hause zu.

Beim Diner verdrehte mir meine hübsche Nachbarin vollends den Kopf. Immer wieder berührten sich unsere Hände und Füße, immer wieder tauchten unsere Blicke tief ineinander.

Nach Tisch unternahmen wir noch einen Mondscheinbummel. Wieder hatte ich Gelegenheit, ihr alle erdenklichen Zärtlichkeiten zuzuflüstern, die mir in den Sinn kamen. Eng hielt ich sie umfangen und pflückte Kuß um Kuß von ihren Lippen, wie es immer so poetisch heißt. Vor uns diskutierten der Onkel und mein Mitarbeiter Rivet lebhaft weiter über alle möglichen Fragen der Tagespolitik, und hinter den Debattierenden gestikulierten ebenso gewichtig ihre beiden Schatten auf dem Sand des Weges. Dann gingen wir ins Haus zurück. Kaum waren wir wieder drin, da klingelte der Depeschenbote und brachte ein Telegramm. Es kam von der Tante und lautete: ›Eintreffe erst morgen früh mit Siebenuhrzug.‹

Die Nachricht veranlaßte den Onkel zu der einstweiligen Entscheidung: ›Na schön, Henriette, dann zeige den Herren ihre Zimmer!‹ Wir schüttelten unserem biederen Gastgeber die Hand, wünschten ›Gute Nacht‹ und folgten Henriette die Treppe nach oben. Erst brachte sie uns an das Zimmer, in dem Rivet schlafen sollte. Vor dem Eintreten zischelte er mir ins Ohr: ›Sonnenklar, erst mußte ich hier abgesetzt werden, eh‘ du sanft gebettet wirst – von ihr!‹ Dann geleitete sie mich in mein Schlafgemach. Kaum waren wir allein, da hatte ich wieder meine Arme um sie und suchte ihr den Verstand wegzuküssen und sie an mich zu ziehen. Aber als sie fühlte, daß sie schwach werden könnte, entwand sie sich mir doch und entschlüpfte.

Erregt und mißmutig schob ich mich unter die Decke; von Schlaf konnte natürlich nun nicht mehr die Rede sein. Immer wieder sann ich nach, womit ich danebengetappt haben könnte. Da hörte ich plötzlich ein leises Klopfen an der Tür.

Unterdrückt rief ich: ›Wer ist da?‹

Von draußen kam es leise: ›Ich!‹

Im Nu war ich wieder in meinen Sachen und machte auf. Sie schwebte herein: ›Ich vergaß ja ganz zu fragen, was Sie morgens am liebsten trinken: Schokolade, Tee oder Kaffee?‹

Stürmisch hatte ich sie schon an mich gerissen, überschüttete sie von neuem mit Küssen und stammelte nur: ›Ich will… ich will.. ich …!‹ Aber sie entwand sich mir, pustete rasch das Licht aus und war im Nu wieder davon.

Wütend stand ich wieder allein im Dunkeln, tastete herum nach Zündhölzern und fand sie nicht gleich. Als ich sie endlich hatte und Licht machen konnte, tappte ich auch schon – wie ich hinausgekommen war, wußte ich nicht – mit dem Leuchter in der Hand, halb verrückt vor Verlangen, den Gang entlang.

Was hatte ich überhaupt vor? Überlegen gab es nicht mehr: Finden mußte ich sie, zu ihr mußte ich! Ohne zu denken, strebte ich geradewegs los. Nach ein paar Schritten schoß es mir jäh durch den Kopf: ›Wenn ich nun aber – zum Onkel gerate? Was soll ich da angeben?‹ Mit einem Ruck blieb ich stehen; mein Hirn versagte, nur mein Herz hämmerte wild … Nach ein paar Sekunden kam mir doch noch ein brauchbarer Gedanke: Ganz einfach! Da sage ich, ich hätte noch etwas Dringendes mit Rivet besprechen wollen und mich nur in der Zimmertür geirrt!

Nun sah ich mir alle Türen auf dem Flur genauer an, welche wohl zu ihr führen könnte. Aber ich fand keinen rechten Anhaltspunkt. Da faßte ich auf gut Glück einen Türgriff, das Schloß schnappte auf, und ich stand drinnen. – Vor mir fuhr Henriette auf aus ihrem Bett und starrte mich verdutzt an.

Ich schob leise den Riegel vor, ging auf Zehenspitzen näher und flüsterte: ›Liebste Mademoiselle, auch ich vergaß ja ganz, um etwas zu bitten, etwas Nettes, in dem ich blättern könnte – bis zum Einschlafen …!‹ Sie zog ein Mäulchen, aber ich griff gleich zu und hatte im Nu in Händen, was ich suchte, etwas ganz Köstliches – den Titel möchte ich für mich behalten! Es war wirklich zugleich der wundervollste Roman und das göttlichste Gedicht! Nachdem ich es einmal aufgeschlagen hatte, ließ sie es mich auch zu Ende genießen. Und die herrliche Geschichte hatte so viele Kapitel, daß ich darin blätterte und schwelgte, bis unsere Kerzen heruntergebrannt waren und verglommen…

Dann dankte ich ihr und schlich so lautlos wie möglich wieder meinem Nachtgemach zu. Da umkrallte mich plötzlich eine rauhe Hand, hielt mich fest, und eine Stimme – Rivets Stimme – fauchte mich an: ›Du bist wohl immer noch nicht fertig mit der Geschichte von Morin dem Schwein, wie?‹

Früh um sieben erschien Henriette und kredenzte mir eigenhändig die gewünschte Tasse Schokolade… So eine wie die habe ich nie wieder genossen! Ein Göttertrank, bei dem man alles andere vergessen konnte, so samtweich, so duftend, so berauschend war diese Labe. Ich brachte meine Lippen nicht mehr fort von der köstlichen Schale…

Kaum war meine schöne Mundschenkin wieder entschwunden, da stellte sich Rivet ein. Er war höchst zapplig und gereizt wie einer, der nicht gut geschlafen hat, und raunzte mißvergnügt: ›Wenn du so weitermachst, Mensch, dann versaust du unserm Schwein, dem Morin, noch die ganze Geschichte!‹

Um acht kam die Tante angerauscht. Die Unterredung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die guten Leutchen zogen ihre Klage zurück, und ich stellte dafür fünfhundert Francs als Stiftung für die Armen der Gemeinde in Aussicht.

Man bot alle Überredungskunst auf, um uns wenigstens noch bis zum Abend dazubehalten. Wir sollten mindestens noch die berühmten Ruinen besichtigen! Henriette machte mir hinter dem Rücken von Onkel und Tante fortwährend Zeichen und nickte ermutigend: Ja! Und ich sagte ja, aber mein Mitarbeiter Rivet schüttelte ablehnend den Kopf und wollte unbedingt aufbrechen.

Ich nahm ihn beiseite, bat, flehte: ›Sieh doch mal, lieber Freund, bleib! Tu es mir zuliebe!‹ Er guckte mich bloß an, als wenn er mir ins Gesicht springen wollte, und fauchte: ›Das kann ich dir sagen! Ich hab‘ die Schnauze voll von dieser ganzen Geschichte mit dem Schwein Morin!‹

So blieb mir nichts anderes übrig, als mich ihm anzuschließen und auch adieu zu sagen. Es war einer der schwersten Augenblicke meines Lebens… Mein Leben lang hätte ich diese Geschichte von dem Schwein Morin ins reine bringen mögen!

Als das kräftige Händeschütteln, das stumme, weiche Fingerdrücken vorüber war und wir wieder in unserem Zuge saßen, sagte ich zu Rivet: ›Du bist wirklich ein ganz gemeines Biest!‹, und er gab zurück: ›Ha, mein Junge, du hast mich aber auch verdeibelt wild gemacht!‹ Wie wir so vor unserm ›Charenter Fanal‹ wieder anlangten, da erblickte ich durch die Redaktionstür schon eine Menge Menschen. Es sah aus, als hätten sie nur auf uns gewartet. Bei unserm Eintritt schrien sie uns entgegen: ›Na, habt ihr sie glücklich bereinigt, die Affäre mit Morin, dem Schwein?‹

Ganz La Rochelle war darüber aus dem Häuschen. Rivet, dessen miese Stimmung wie weggeblasen war, konnte sich kaum das Lachen verbeißen, als er bekanntgab: ›Klar, ist erledigt, dank unserm tüchtigen Labarbe!‹

Dann machten wir uns auf zu Morin.

Der lag im Lehnstuhl, Senfpflaster auf den Beinen, einen kalten Umschlag um den Schädel, halb tot vor Angst. Er hüstelte ununterbrochen vor sich hin mit kurzen Krächzern wie ein Friedhofsrabe; weiß Gott, wie er sich dies Geräusper und Geröchel auf den Hals gezogen hatte. Seine Lebensgefährtin lauerte sprungbereit neben ihm und glühte ihn an mit den weit aufgerissenen Augen einer Tigerin, die sich jeden Augenblick auf ihr Opfer stürzen will.

Sowie er uns eintreten sah, überlief ihn ein Zittern, daß ihm Arme und Beine nur so schlotterten. Ich rief ihm entgegen: ›Alles in Ordnung, alter Schweinehund! Aber laß ein für allemal deine Pfoten von so etwas!‹

Nach Luft schnappend, rappelte er sich hoch aus seinem Sorgensessel, packte meine Hände, küßte sie wie ein reuiger Büßer die Finger des Heiligen Vaters; es sah aus, als wollte er den Verstand verlieren. Stürmisch umarmte er dann Rivet und fiel sogar Madame Morin um den Hals, die ihn aber sofort mit einem gewaltigen Stoß in seinen Stuhl zurückbeförderte.

Ganz hat er sich nie wieder erholt von seinem Erlebnis; die Aufregung war zu gewaltig gewesen.

In der ganzen Gegend nannte man ihn nur noch ›den Morin – das Schwein‹, und es fuhr ihm jedesmal wie ein Stich durch die Seele, wenn er das Wort hörte.

Brüllte irgendein Gassenjunge auf der Straße das Wort ›Schwein!‹, dann fuhr unser Morin mit dem Kopfe herum, als sei er gemeint. Seine Stammtischbrüder stichelten ihn bei jeder Gelegenheit damit und grunzten, wenn sie beim gemeinsamen Schinkenessen saßen: ›Nanu, du, nanu, du, hast du den dir so von hintenrum …?!‹

Zwei Jahre später hatte er sich gänzlich totgegrämt.

Ich durfte nur folgendes von der ganzen Geschichte miterleben: Als ich Anno fünfundsiebzig bei den Deputiertenwahlen kandidierte, machte ich auch den neuen Notar von Tousserre, Monsieur Belloncle, meinen ›Staatsbesuch‹. Seine Gattin, eine schöne, üppige Erscheinung, hieß mich willkommen.

›Sie erkennen mich wohl nicht mehr?‹ fragte sie bei der Begrüßung.

Ich zögerte: ›Aber… nein … nicht daß ich wüßte, Madame …!‹

›Henriette Bonnel!‹

›Ah …!‹ Ich fühlte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

Sie schien ganz und gar nicht verlegen und sah mich nur lächelnd an.

Als sie mich mit ihrem Gatten allein gelassen hatte, da ergriff der Herr Rechtsanwalt meine beiden Hände und drückte sie, als wolle er mir sämtliche Finger zerquetschen: ›Wie lange schon, mein lieber Monsieur Labarbe, wie lange schon wollte ich Sie einmal näher kennenlernen und unter vier Augen sprechen! Meine Frau hat mir so viel von Ihnen erzählt. Ich weiß … ja, ich weiß, in welch peinlicher Situation Sie ihr beigestanden haben! Ich weiß auch, wie großartig, wie taktvoll, wie zartfühlend, wie aufopfernd Sie sich der Sache angenommen haben –‹, er machte eine Pause, dann dämpfte er die Stimme, als wollte er ein wirklich nicht herpassendes Wort nicht zu laut aussprechen – ›… der Sache mit Morin – dem Schwein!‹«

Oscar Adolf Hermann Schmitz – Die Geliebte des Teufels

Die Geliebte des Teufels

Vor fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismäßig geringe Bosheit der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden. Ja, ich durfte mir erlauben, dorthin einen leichten Duft von draußen zu bringen und gewisse Vorrechte eines verwöhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in die bürgerlichste englische Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort respectability durchaus bezeichnet.

Stellen Sie sich eine Stadt vor, deren Häuser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige Fenster von kümmerlicher Gotik erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben hinaufgeschoben, so daß der sich herausbeugende Kopf gewissermaßen unter einer Guillotine liegt. Denken Sie sich Straßen von ungesunder, gleichsam desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie schweißabsondernder Häute erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung geschlossen sind.

In diesen Straßen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung. Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstraßen. Die Gesichter müssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehengeblieben sein.

Überall glaubt man Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben die Straßen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage spielten sich daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft spärlich blonder lymphatischer Mensch versammelte. Die roten Pusteln in den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmaßen, und besonders die wie von einer Maschine hervorgebrachten wärmelosen Stimmen erweckten in mir anfangs nur kaltes Starren.

Fast den ganzen Tag wurden durch die in ihrer Düsterkeit endlos scheinenden Gänge und Speiseräume von verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schüsseln und Platten mit riesigen, blutenden Braten getragen. Bereits um neun Uhr morgens hatte man dicke Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so daß ich mich schon früh in jenem dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt. Ein breidickes, schwarzes, bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt das Gehirn wie eine warme, schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein spitzes böses Ding fest steckt: der Spleen.

Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H. angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen.

Die hartnäckige Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden, fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske, oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen als die abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft.

Diese Schauspieler, zum Teil verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky.

Ich verbrachte mit ihnen, meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten, und nicht eher verließ ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre Lieblingsrollen durcheinanderschreien hörte.

Wenn ich dann, von Müdigkeit übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen ließen. Aber immer wieder floh ich zu den Schauspielern, denn wenn der Abend kam, jener feucht-neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität.

Wie oft hatte ich die Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt, und nun war ich für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt. Man begnügt sich, vor ihr wie über eine süße Torheit zu lächeln.

Ich aber behaupte, daß uns dieser hinterlistige Feind in den Rausch stößt, wenn wir gern nüchtern blieben, daß er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt. Wir wissen, daß er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der Tapeten Gestalten schaukeln läßt, die uns zurufen, und zwar mitleidig, daß wir das Leben versäumt haben.

Wir halten das nicht aus, wir rennen davon, und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann beleidigt, als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach Kräften.

Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben. Ich konnte mir nicht denken, daß diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie ich war, befriedigen würden.

Eines Morgens unterbrach ein außerordentliches Ereignis diesen Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:

»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was übrigens nicht viel heißen will. Seit voriger Woche bin ich von einer Reise zurück und beobachte überall, daß sich die Einbildungskraft dieser Stadt fast ausschließlich mit Ihnen befaßt. Ich habe Sie nicht gesehen, aber man sagt mir, daß Sie totenhaft häßlich sind. Ich möchte Sie kennenlernen. Da mich das Äußere eines Menschen – besonders der nicht angelsächsischen Rassen – sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit Ihnen unterhalten, ohne Sie zu sehen. Wie, das lassen Sie meine Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes verrät, als daß sie eine Dame ist.«

»Es scheint mir der Mühe wert«, schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.

»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine mißglückte Unterhaltung zu bedauern.«

Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der Kutscher auf die Parole Miramare öffnen wird.«

In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf Miramare sah ich ihn eine kurze Handbewegung machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus. Sofort schloß sich hinter mir die Tür, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, daß statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband mich mit der Außenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte es mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr, oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt. Doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irrezuleiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich draußen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht verschleiert war, daß ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort schloß sich der Schlag hinter ihr, der Wagen führ weiter. Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloß, sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere, ziemlich tiefe Frauenstimme: »Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.«

Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer vermutlich in ihrem Kleid.

»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt. »Ihren Revolver«, drängte sie.

Ich versicherte ihr, daß ich nie einen bei mir führe, da ich mir bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde.

»Außer heute«, bemerkte sie halb ironisch.

»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten«, erklärte ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt. Mit Vergnügen liefere ich ihn aus.«

»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.«

»Aber vor einem Revolver?«

»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.«

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen, und machte dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.

»Was tun Sie?« fragte sie.

»Ich suche meine Handschuhe.«

Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.

»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.

»Ich gestehe, mir eine Blöße gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es nicht auch eine Schwäche, daß Sie für nötig hielten, einen Revolver mitzubringen, während ich waffenlos kam?«

»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie, »als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, daß Sie waffenlos sind.«

»Darf ich Ihnen die Hand drücken?«

»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.«

Ich konnte bereits merken, daß ich es mit keiner Bovary zu tun hatte, sondern mit einer ganz bewußt handelnden Frau von abgefeimter Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang, das machte sie nervös.

»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie.

»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?«

»Ich langweile mich ein wenig.«

»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, daß Sie in diesem Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen empfindet. Aus Scheu vor Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten Worte auszusprechen. Ich weiß, Frauen amüsiert diese Angst der Männer sehr, denn sie merken, daß man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun auch einmal kritiklos wie eine Frau sein. Fragen Sie mich doch einfach, wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist …«

»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen«, erwiderte sie verblüfft, fast gekränkt.

»Mir kommt es ja gar nicht darauf an zu reden«, sagte ich lachend. »Es langweilt mich nicht im geringsten, mit einer Unbekannten, unter der ich mir nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die außerordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«

»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv.

»Da ich Sie selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.«

»Nun will ich Ihnen freiwillig meine Hand geben«, sagte sie plötzlich. »Ich glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.«

Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich fühlte eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets andere Formen hervorzubringen scheint.

»Glauben Sie, daß ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.

»Nein«, erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein überflüssig macht.«

»Ah«, rief sie entrüstet, überrascht und verlegen zugleich. Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte, begann sie wieder nervös: »Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?«

»Vermutlich aus Neugier?«

»Vermutlich? Halten Sie mich etwa für temperamentlos?«

Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie, während sie sich wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter einem Kuß, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas so naiv Anschmiegendes, daß ich den – vielleicht irrigen – Eindruck empfing, als entdeckte sie zum ersten Mal die Wonnen eines Kusses.

Plötzlich stieß sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt. »Sie gefallen mir nicht mehr.«

»Weil sich ihre Neugier nicht so schnell befriedigen läßt, als Sie glaubten?«

»Und Sie? Sind Sie zufrieden?«

»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl.

»Und das sagen Sie so ruhig?«

»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiß bin.«

»Das ist stark.«

»Finden Sie?« Ich preßte sie wieder in die Arme. Sie suchte sich loszumachen.

»Lassen Sie mich, oder ich schelle dem Kutscher.«

»Schellen Sie!«

Ohne daß ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen, und schloß sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich in schnelle Bewegung. Ich fand mich wieder als einsamer Gefangener in der duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an der bekannten Straßenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht wieder zurechtzufinden weiß.

Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten Abend um dieselbe Stunde erwarten.

Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen, rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich gewissermaßen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füße fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde.

»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen mußte. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.«

Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände in meinem Haar.

»Folgen Sie mir«, flüsterte sie.

Wieder umschloß ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage unter leichten Gewändern in ihren warmen, parfümierten Gemächern geblieben sind. Wir traten in ein anstoßendes, sehr heißes Zimmer, worin feuchte tropische Pflanzen leben mußten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel war so undurchdringlich, daß ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher Seite sich die Fenster befanden.

»Ich habe Sie nun gesehen«, begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.«

»Das ist ein Kompliment«, erwiderte ich.

»Wieso?«

»Daß Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.«

»Ich finde Sie in der Tat totenhaft häßlich. Aber das ist Ihre Chance bei mir.«

»Dann sind Sie ja lasterhaft.«

»Und das Laster, Sie zu lieben, heißt Satanismus«, sagte sie leise lachend.

»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich plötzlich skeptisch.

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu frönen.«

»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe gekommen. Ein Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris war ich nie, möchte auch gar nicht hin, ich stelle es mir zu albern vor. In London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was literarische Lasterhaftigkeit ist.«

»Um so besser«, erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus? Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?«

»Es macht mir Spaß, Ihnen das zu erzählen«, begann sie behaglich.

»Schon als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie mir, es ist nicht mehr als ein Sport für mich – ich gebe im Grund keinen Penny dafür –, ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung. Später kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, daß diese Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität von dem Pater Sinistrari d’Ameno in die Hände…«

»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht.

»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus. Niemals hatte ich etwas gehört, was meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo außerhalb der Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem menschlichen Maß zu messen ist, der darum auch keine menschlichen Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren kann – denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt ja nicht für uns Protestanten –, das schien eine so unerhört geniale Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses außerirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles Außergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine Chiromantin weissagte, das außerordentlichste Ereignis meines Lebens würde in diesem Jahr eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.«

»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben«, warf ich belustigt ein.

»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H. hinkam, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend. Ihr Name verfolgte mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müßten mit dem erhofften Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein, vielleicht redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man, um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die Augen zumacht. Meinen Sie nicht?«

Mir war überhaupt nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit konnte einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen. Dazu kam das unbehagliche Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermaßen herbefohlen zu sein. Um ein peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich: »Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.«

»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können«, rief sie verwundert, »ohne zu wissen, daß Sie ein Gentleman sind?«

Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.

»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?«

»Nicht nur die«, flüsterte sie plötzlich wieder erregt. Ich fühlte, wie sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiß nun auch, daß Sie wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen – nicht eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden. Diese Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir stehlen – ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich mir den Satan gedacht!«

Sie war atemlos.

Ich schlang heftig die Arme um sie und war plötzlich von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor mir gähnenden Abgrund zu stürzen. »Still … kein Wort mehr …«, stöhnte ich wie in dunkler Angst vor dem Erwachen. »Zerstöre das nicht!« und preßte ihr die Lippen zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastisch traumhafte Landschaften vermuten konnte. Zum ersten Mal hielt ich das Weib im Arm, dieses dunkle, große, ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren, geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich bisweilen laut fremdartige und barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewußtlosen heiligen Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregung der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet.

Sie hatte diese Laute vergessen. Sie müßten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, mißglückte Abenteuer gestalteten sich neu. Einst begehrte, unnahbare Königinnen sanken in meine Arme, und zum Schluß kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und glühender gehuldigt als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden Wünsche messen.

Ich weiß nicht, wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser Frau schlummerte, plötzlich erwachte ich, noch eben hatte ich heiße Wohlgerüche gespürt. Nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das Schieben einer Tür, um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich von allen Seiten scheußliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten Gesichter zwischen riesenhaften Schießbogen, bunten Federbüschen und anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war das Boudoir meiner Freundin.

Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte: »Madame ist leidend. Sie bedauert, heute nicht empfangen zu können.«

Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher brachte mich wieder an die Straßenecke zurück.

Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den verschiedenen Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei Menschen sagen sollen, die sich nur gegenseitig ihrer Körper bedienten zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren, wie in meine Seele. Und nichts war mir ferner als der Wunsch, sie selbst einmal zu besitzen.

Vor allem schaffte sie mir zum ersten Mal im Leben die Befriedigung meiner quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren als die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu beneiden, ich wußte sie neu zu leben.

»Warte bis heute abend«, sagte ich mir, wenn sich die Phantasie in müßigen Bildern verschwendete, und es kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre Glieder anzuschwellen schienen. Eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir und freute sich, daß ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe kosten kann.

Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends am Brunnen sangen. Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes abbetteln müssen, dann einmal alles vergessen können, sogar die heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, daß dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen werden, wenn er draußen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt.

Launenhafte Stunden kamen. Da rief das spitze kleine Gelächter meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das Gemach um uns hell und eng, eine Nuß, in der wir auf einem nicht ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. An solchen Tagen war meine Geliebte sehr kitzlig.

Diese Ereignisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes.

Das, was sie brauchte, fand sie – ohne mein Zutun. Etwas mußte mich aber doch verstimmen. Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich, war sie meiner müde, so entließ sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser Gleichmut ärgerte mich, ich beschloß, sie zu reizen, sie wütend zu machen, indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hageren Formen in nervöser Hast umkrampften, daß ich nicht wußte, ob sie höchste Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann vergaß ich allen Ärger, alle Absichten. Dann fühlte ich mich als der Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen muß und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will, was sie nur noch fassen kann. Die noch schnell so viel fremde Kraft aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. Mein Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand, wie eine Bajadere, die sich eines heißen Morgens im Schatten bizarrer Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüße Früchte verschlungen hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wußte seltsame Bauchbewegungen, so daß sie mir fast zu üppig vorkam. So vergaß ich gern, daß mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte rechtzeitig, das dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können.

Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder häßlicher dachte als die mir begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die Außerordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen Niveau zu messen.

Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese außerordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig – auf meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte herausbekommen, daß meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen, wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft genug, sie merken zu lassen, daß sie ohne ihre ›ladylike‹ Vorsicht und Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, daß sie dann heute einen delikaten George Brummels, morgen einen römischen Gladiator umarmt hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut.

»Sie sollen mich nun doch auch kennenlernen«, sagte sie einmal empört, »und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.«

Ich erriet, daß sie das Licht aufdrehen wollte. »Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.«

»Sie wollen mich nicht sehen?«

»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.«

»Das ist unerhört.«

»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.«

Nun hatte sie wohl doch Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden, verließ sie mich.

Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine große Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben, aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu große Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist.

Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir saßen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht da waren: zwei Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung. Einer hatte einen fast weißen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen saß eine blasse Frau von etwa fünfunddreißig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in regelmäßigen Löckchen die Stirn abschloß, ein mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine außerordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen schmalen Mund schmückten sehr weiße, auffallend kleine Zähne – ein Gesicht, von dem man meinen könnte, daß es einmal schön war; doch etwas fehlt, und das schreibt man den Jahren zu. Wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren groß, doch schlank und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei Nachbarn im Theater oder Table d’hôte gern hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, daß mich die Dame gleichfalls beobachtete. Vielleicht ist es die Unbekannte, dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so daß ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verließen das Restaurant.

Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus«, lautete der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken.

Helena war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verließ ich H. Ich habe die Dame nie wieder gesehen.

*

Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, daß nun etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne daß ich tot war. Die anderen schienen Ähnliches zu empfinden.

»Eine neue Geschichte«, rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!«

Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen Stimme.

Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft wachte und verlangte – selbst unfruchtbar –, daß ein anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.

Hanns Heinz Ewers Ω Die Spinne Ω Eine schaurig lüsterne Erzählung

Hanns Heinz Ewers Ω Die Spinne

Als der Student der Medizin Richard Bracquemont sich entschloß, das Zimmer Nr. 7 des kleinen Hotel Stevens, Rue Alfred Stevens 6, zu beziehen, hatten sich in diesem Raume an drei aufeinanderfolgenden Freitagen drei Personen am Fensterkreuze erhängt.

Der erste war ein Schweizer Handlungsreisender. Man fand seine Leiche erst Samstag abend; der Arzt stellte fest, daß der Tod zwischen fünf und sechs Uhr Freitag nachmittags eingetreten sein müsse. Die Leiche hing an einem starken Haken, der in das Fensterkreuz eingeschlagen war und zum Aufhängen von Kleidungsstücken diente. Das Fenster war geschlossen, der Tote hatte als Strick die Gardinenschnur benutzt. Da das Fenster sehr niedrig war, lagen die Beine fast bis zu den Knien auf dem Boden; der Selbstmörder mußte also eine starke Energie in der Ausführung seiner Absicht betätigt haben. Es wurde weiter festgestellt, daß er verheiratet und Vater von vier Kindern war, sich in durchaus gesicherter und auskömmlicher Lebensstellung befand und von heiterem, fast stets vergnügtem Charakter war. Irgend etwas Schriftliches, das auf den Selbstmord Bezug hatte, fand man nicht vor, ebensowenig ein Testament; auch hatte er keinem seiner Bekannten gegenüber jemals eine dahingehende Aeußerung getan.

Nicht viel anders lag der zweite Fall. Der Artist Karl Krause, als Fahrradverwandlungskünstler in dem ganz nahe gelegenen Cirque Médrano engagiert, bezog das Zimmer Nr. 7 zwei Tage später. Als et am nächsten Freitag nicht zur Vorstellung erschien, schickte der Direktor den Theaterdiener in das Hotel; dieser fand den Künstler in dem nicht verschlossenen Zimmer am Fensterkreuz erhängt vor, und zwar unter den durchaus gleichen Umständen. Dieser Selbstmord schien nicht weniger rätselhaft; der beliebte Artist bezog recht hohe Gagen und pflegte, ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann, sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Auch hier nichts Schriftliches, keinerlei verfängliche Aeußerungen. Die einzige Hinterbliebene war eine alte Mutter, der ihr Sohn pünktlich an jedem Ersten 200 Mark für ihren Lebensunterhalt zu schicken pflegte.

Für Frau Dubonnet, die Besitzerin des billigen kleinen Hotels, dessen Kundschaft sich fast nur aus den Mitgliedern der nahegelegenen Montmartrevarietés zusammenzusetzen pflegte, war dieser zweite seltsame Todesfall in demselben Zimmer von sehr unangenehmen Folgen. Schon waren einige ihrer Gäste ausgezogen, andere regelmäßige Klienten nicht wiedergekommen. Sie wandte sich an den ihr persönlich befreundeten Kommissar des IX. Bezirkes, der ihr zusagte, alles für sie zu tun, was in seinen Kräften liege. So betrieb er denn nicht nur die Nachforschungen nach irgendwelchen Gründen für die Selbstmorde der beiden Hotelgäste mit besonderem Eifer, er stellte ihr auch einen Beamten zur Verfügung, der das geheimnisvolle Zimmer bezog.

Es war dies der Schutzmann Charles-Maria Chaumié, der sich freiwillig hierzu erboten hatte. Ein alter »Marsouin«, Marineinfanterist mit elfjähriger Dienstzeit, hatte dieser Sergeant in Tonkin und Annam so manche Nacht einsam auf Posten gelegen, so manchen unangemeldeten Besuch katzenschleichender gelber Flußpiraten mit einem erfrischenden Schuß aus der Lebelbüchse begrüßt, daß er wohl geeignet erschien, den »Gespenstern«, von denen sich die Rue Alfred Stevens erzählte, zu begegnen. Er bezog also bereits am Sonntag abend das Zimmer und legte sich befriedigt schlafen, nachdem er den Speisen und Getränken der würdigen Frau Dubonnet reichlich zugesprochen hatte.

Jeden Morgen und Abend machte Chaumié dem Polizeirevier einen kurzen Besuch, um Bericht zu erstatten. Diese beschränkten sich in den ersten Tagen darauf, daß er erklärte, auch nicht das allergeringste bemerkt zu haben. Dagegen sagte er am Mittwoch abend, er glaube eine Spur gefunden zu haben. Gedrängt, mehr zu sagen, bat er, einstweilen schweigen zu dürfen; er habe keine Ahnung, ob das, was er glaube entdeckt zu haben, wirklich mit dem Tode der beiden Leute in irgendeinem Zusammenhang stehe. Und er fürchte sehr, sich zu blamieren und dann ausgelacht zu werden. Am Donnerstag war sein Austreten ein wenig unsicherer, auch ernster; doch hatte er wieder nichts zu berichten. Am Freitag morgen war er ziemlich aufgeregt; er meinte, halb lachend, halb ernst, daß dieses Fenster jedenfalls eine seltsame Anziehungskraft habe. Jedoch blieb er dabei, daß das mit dem Selbstmorde in gar keiner Beziehung stehe und daß man ihn nur auslachen würde, wenn er mehr sage. An dem Abend dieses Tages kam er nicht mehr ins Polizeirevier: man fand ihn an dem Haken des Fensterkreuzes aufgehängt.

Auch hier waren die Indizien bis auf die kleinste Einzelheit dieselben wie in den anderen Fällen: die Beine baumelten auf den Fußboden, als Strick war die Gardinenschnur benutzt. Das Fenster war zu, die Türe nicht verschlossen; der Tod war in der sechsten Nachmittagsstunde eingetreten. Der Mund des Toten war weit offen und die Zunge hing heraus.

Dieser dritte Tod im Zimmer Nr. 7 hatte zur Folge, daß noch am selben Tage sämtliche Gäste aus dem Hotel Stevens auszogen, mit Ausnahme eines deutschen Gymnasialprofessors auf Nr. 16, der aber die Gelegenheit benutzte, den Mietpreis um ein Drittel zu kürzen. Es war ein geringer Trost für Frau Dubonnet, als am anderen Tage Mary Garden, der Star der Opéra-Comique, in ihrem Rénault vorfuhr und ihr die rote Gardinenschnur um zweihundert Franken abhandelte. Einmal weil das Glück brachte und dann – weil es in die Zeitungen kam.

Wenn diese Geschickte im Sommer passiert wäre, so im Juli oder August, so würde grau Dubonnet wohl das Dreifache für ihre Schnur erzielt haben; die Blätter hätten dann gewiß wochenlang ihre Spalten mit diesem Stoff gefüllt. So aber, mitten in der Saison, Wahlen, Marokko, Persien, Bankkrach in New-York, nicht weniger wie drei politische Affären – wirklich man wußte kaum, wo man den Platz hernehmen sollte. Die Folge war, daß die Affäre der Rue Alfred Stevens eigentlich weniger besprochen wurde, als sie es wohl verdiente, und weiter, daß die Berichte, knapp und kurz, meist sachlich den Polizeibericht wiedergaben und sich von Uebertreibungen ziemlich frei hielten.

Diese Berichte waren das einzige, was der Student der Medizin Richard Bracquemont von der Angelegenheit wußte. Eine weitere kleine Tatsache kannte er nicht; sie schien so unwesentlich, daß weder der Kommissar noch irgendein anderer der Augenzeugen sie den Reportern gegenüber erwähnt hatten. Erst später, nach dem Abenteuer des Mediziners, erinnerte man sich wieder daran. Als nämlich die Polizisten die Leiche des Sergeanten Charles-Maria Chaumié von dem Fensterkreuze abnahmen, kroch aus dem offenen Munde des Toten eine große schwarze Spinne heraus. Der Hausknecht knipste sie mit dem Finger fort, dabei rief er: »Pfui Teufel, wieder so ein Biest!« – Im Verlaufe der weiteren Untersuchung – der, die auf Bracquemont Bezug hatte – sagte er dann aus, daß er, als man die Leiche des Schweizer Handlungsreisenden abgenommen habe, auf seiner Schulter eine ganz ähnliche Spinne habe laufen sehen. – – Aber hiervon wußte Richard Bracquemont nichts.

Er bezog das Zimmer erst zwei Wochen nach dem letzten Selbstmorde, an einem Sonntage. Was er dort erlebte, hat er täglich gewissenhaft in einem Tagebuche vermerkt.

Das Tagebuch des Richard Bracquemoit, Studenten der Medizin.

Montag, den 28. Februar.

Ich bin gestern abend hier eingezogen. Ich habe meine zwei Körbe ausgepackt und mich ein wenig eingerichtet, dann bin ich zu Bett gegangen. Ich habe ausgezeichnet geschlafen; es schlug gerade neun Uhr, als mich ein Klopfen an der Türe weckte. Es war die Wirtin, die mir selbst das Frühstück brachte, sie ist wohl sehr besorgt um mich, das merkt man aus den Eiern, dem Schinken und dem ausgezeichneten Kaffee, den sie mir brachte. Ich habe mich gewaschen und angezogen, dann zugeschaut, wie der Hausknecht das Zimmer machte. Dabei habe ich meine Pfeife geraucht.

So, nun bin ich also hier. Ich weiß recht gut, daß die Sache gefährlich ist, aber ich weiß auch, daß ich gemacht bin, wenn es mir gelingt, ihr auf den Grund zu kommen. Und wenn Paris einst eine Messe wert war, – so billig gewinnt man es heute nicht mehr – so kann ich wohl mein bißchen Leben dafür aufs Spiel setzen. Hier ist eine Chance – nun gut, ich will sie versuchen.

Uebrigens waren andere auch so schlau, das herauszufinden. Nicht weniger wie siebenundzwanzig Leute haben sich bemüht, teils auf der Polizei, teils direkt bei der Wirtin, das Zimmer zu bekommen; es waren drei Damen darunter. Es war also genug Konkurrenz da; wahrscheinlich alles ebenso arme Teufel wie ich selbst.

Aber ich habe »die Stelle bekommen«. Warum? Ah, ich war wahrscheinlich der einzige, der der weisen Polizei mit einer – »Idee« aufwarten konnte. Eine nette Idee! Natürlich war es ein Bluff.

Diese Rapporte sind auch für die Polizei bestimmt. Und da macht es mir Spaß, den Herren gleich im Anfang zu sagen, daß ich ihnen hübsch was vorgemacht habe. Wenn der Kommissar vernünftig ist, wird er sagen: »Hm, gerade deshalb scheint der Bracquemont geeignet!« – Uebrigens ist es mit ganz gleichgültig, was er später sagt: jetzt sitze ich ja hier. Und mir scheint es ein gutes Omen, daß ich meine Tätigkeit damit begonnen habe, die Herren so gründlich zu bluffen.

Ich war auch zuerst bei Frau Dubonnet, die schickte mich zum Polizeirevier. Eine ganze Woche lang habe ich jeden Tag da herumgelungert, immer wurde mein Anerbieten »in Erwägung gezogen« und immer hieß es, ich solle morgen wiederkommen. Die meisten meiner Konkurrenten hatten die Flinte längst ins Korn geworfen, hatten auch wohl etwas Besseres zu tun, als in der muffigen Wachtstube stundenlang zu warten; der Kommissar war schon ganz ärgerlich über meine Hartnäckigkeit. Endlich sagte er mir kategorisch, daß mein Wiederkommen keinen Zweck habe. Er sei mir wie auch den anderen dankbar für meinen guten Willen, aber man habe absolut keine Verwendung für »dilettantische Laienkräfte«. Wenn ich nicht irgendeinen ausgearbeiteten Operationsplan habe –

Da sagte ich ihm, ich hätte einen solchen Operationsplan. Ich hatte natürlich gar nichts und hätte ihm kein Wörtchen erzählen können. Aber ich sagte ihm, daß ich ihm meinen Plan, der gut sei, aber recht gefährlich, und wohl auch denselben Schluß finden könne wie die Tätigkeit des Schutzmannes, nur dann mitteilen wolle, wenn er sich ehrenwörtlich bereit erkläre, ihn selbst auszuführen. Dafür bedankte er sich, er meinte, daß er durchaus keine Zeit für so etwas habe. Aber ich sah, daß ich Oberwasser bekam, als er mich fragte, ob ich ihm nicht wenigstens eine Andeutung geben wolle – –

Und das tat ich. Ich erzählte ihm einen blühenden Unsinn, von dem ich selbst eine Sekunde vorher noch gar keine Ahnung hatte; ich weiß gar nicht, woher mir plötzlich dieser seltsame Gedanke kam. Ich sagte ihm, daß unter allen Stunden der Woche es eine gäbe, die einen geheimnisvollen seltsamen Einfluß habe. Das sei die Stunde, in der Christus aus seinem Grabe verschwunden sei, um niederzufahren zur Hölle: die sechste Abendstunde des letzten Tages der jüdischen Woche. Und er möge sich erinnern, daß es diese Stunde gewesen sei, Freitag zwischen fünf und sechs Uhr, in der alle drei Selbstmorde begangen worden seien. Mehr könne ich ihm jetzt nicht sagen, verweise ihn aber auf die Offenbarung St. Johannis.

Der Kommissar machte ein Gesicht, als ob er davon etwas verstehe, bedankte sich und bestellte mich für den Abend wieder. Ich trat pünktlich in sein Bureau; vor ihm auf dem Tische sah ich das Neue Testament liegen. Ich hatte in der Zwischenzeit dieselben Studien gemacht wie er; ich hatte die Offenbarung durchgelesen und – nicht eine Silbe davon verstanden. Vielleicht war der Kommissar intelligenter wie ich, jedenfalls sagte er mir sehr verbindlich, daß er trotz meiner nur sehr vagen Andeutungen glaube, meinen Gedankengang zu verstehen. Und daß er bereit sei, auf meine Wünsche einzugehen und sie in jeder Weise zu fördern.

Ich muß anerkennen, daß er mir in der Tat sehr behilflich gewesen ist. Er hat das Arrangement mit der Wirtin getroffen, demzufolge ich während der Dauer meines Aufenthaltes im Hotel alles frei habe. Er hat mir einen ausgezeichneten Revolver gegeben und eine Polizeipfeife; die diensttuenden Schutzleute haben Befehl, möglichst oft durch die kleine Rue Alfred Stevens zu geben und auf ein kleinstes Zeichen von mir hinaufzukommen. Die Hauptsache ist aber, daß er mir in dem Zimmer ein Tischtelephon hat anbringen lassen, durch das ich mit dem Polizeirevier in direkter Verbindung stehe. Da dieses kaum vier Minuten entfernt ist, kann ich also jederzeit schnellste Hilfe haben. Bei alledem verstehe ich nicht recht, vor was ich Angst haben sollte.

***

Dienstag, 1. März.

Vorgefallen ist nichts, weder gestern noch heute. Frau Dubonnet hat eine neue Gardinenschnur gebracht aus einem anderen Zimmer – sie hat ja genug leer stehen. Sie benutzt überhaupt jede Gelegenheit, um zu mir zu kommen; jedesmal bringt sie etwas mit. Ich habe mir noch einmal in allen Einzelheiten die Vorkommnisse erzählen lassen, aber nichts Neues erfahren. Bezüglich der Todesursachen hat sie ihre eigene Meinung. Was den Artisten angehe, so glaube sie, daß es sich um eine unglückliche Liebschaft handele; als er im letzten Jahre bei ihr gewesen, sei häufig eine junge Dame zu ihm gekommen, die sich aber diesmal nicht habe blicken lassen. Was dem Schweizer Herrn seinen Entschluß eingegeben habe, wisse sie freilich nicht – – man könne ja aber auch nicht alles wissen. Aber der Sergeant habe ganz gewiß den Selbstmord nur begangen, um sie zu ärgern.

Ich muß sagen, daß diese Erklärungen der Frau Dubonnet etwas dürftig sind. Aber ich habe sie ruhig schwatzen lassen; immerhin unterbricht sie meine Langeweile.

Donnerstag, 2. März.

Noch immer gar nichts. Der Kommissar klingelt ein paarmal am Tage an, ich sage ihm dann, daß es mir ausgezeichnet gehe; offenbar befriedigt ihn diese Auskunft nicht ganz. Ich habe meine medizinischen Bücher herausgenommen und studiere; so hat meine freiwillige Haft doch einen Zweck auf alle Fälle.

Freitag, 4. März, 2 Uhr nachmittags.

Ich habe ausgezeichnet zu Mittag gespeist; dazu hat mir die Wirtin eine halbe Flasche Champagner gebracht; es war eine richtige Henkermahlzeit. Sie betrachtet mich als schon dreiviertel tot. Ehe sie ging, hat sie mich weinend gebeten mitzukommen; sie fürchtete wohl, daß ich mich auch noch aufhängen würde, »um sie zu ärgern«.

Ich habe mir eingehend die neue Gardinenschnur betrachtet. Daran also soll ich mich gleich aufhängen! Hm, ich verspüre wenig Lust dazu. Dabei ist die Schnur rauh und hart und zieht sich sehr schlecht in der Schlinge, man muß schon einen recht guten Willen haben, um das Beispiel der anderen nachzuahmen. Jetzt sitze ich an meinem Tisch, links steht das Telephon, rechts liegt der Revolver. Furcht habe ich gar nicht, aber neugierig bin ich.

6 Uhr abends.

Nichts ist passiert, beinahe hätte ich geschrieben – leider! Die verhängnisvolle Stunde kam und ging – und sie war wie alle anderen. Freilich kann ich nicht leugnen, daß ich manchmal einen gewissen Drangs verspürte, zum Fenster zu gehen – o ja, aber aus anderen Gründen! Der Kommissar klingelte zwischen 5 und 6 wenigstens zehnmal an, er war ebenso ungeduldig wie ich selbst. Aber Frau Dubonnet ist vergnügt: eine Woche hat jemand auf Nr. 7 gewohnt, ohne sich aufzuhängen. Fabelhaft!

Montag, 7. März.

Ich bin nun überzeugt, daß ich nichts entdecken werde und neige der Ansicht zu, daß es sich bei den Selbstmorden meiner Vorgänger nur um einen seltsamen Zufall gehandelt hat. Ich habe den Kommissar gebeten, nochmals in allen drei Fällen eingehende Nachforschungen veranlassen zu wollen, ich bin Überzeugt, daß man schließlich doch die Gründe finden wird. – Was mich anbetrifft, so werde ich so lange wie möglich hier bleiben. Paris werde ich freilich hier nicht erobern, aber ich lebe umsonst hier und mäste mich ordentlich an. Dazu studiere ich tüchtig, ich merke ordentlich, wie ich in Schuß komme. Und endlich habe ich noch einen Grund, der mich hier hält.

Mittwoch, 9. März.

Also ich bin einen Schritt weiter gekommen. Clarimonde –
Ach so, ich habe von Clarimonde noch nichts erzählt. Also sie ist – mein »dritter Grund«, hier zu bleiben, und sie ist es auch, wegen der ich in jener »verhängnisvollen« Stunde gerne zum Fenster gegangen wäre – aber gewiß nicht, um mich aufzuhängen. Clarimonde – warum nenne ich sie nur so? Ich habe keine Ahnung, wie sie heißt, aber es ist mir, als müsse ich sie Clarimonde nennen. Und ich mochte wetten, daß sie sich wirklich so nennt, wenn ich sie einmal nach ihrem Namen frage.

Ich habe Clarimonde gleich in den ersten Tagen bemerkt. Sie wohnt auf der anderen Seite der sehr schmalen Straße und ihr Fenster liegt dem meinen gerade gegenüber. Da sitzt sie hinter den Vorhängen. Uebrigens muß ich feststellen, daß sie mich früher beobachtete, wie ich sie, und sichtlich ein Interesse für mich bewies. Kein Wunder, die ganze Straße weiß ja, daß ich hier wohne und weshalb, dafür hat Frau Dubonnet schon gesorgt«

Ich bin wirklich keine sehr verliebte Natur und meine Beziehungen zur Frau sind immer sehr kärglich gewesen. Wenn man aus Verdun nach Paris kommt, um Medizin zu studieren, und dabei kaum so viel Geld hat, um sich alle drei Tage einmal satt zu essen, dann hat man an etwas anderes zu denken, als an die Liebe. Ich habe also nicht viel Erfahrungen und vielleicht habe ich diese Sache ziemlich dumm angefangen. Immerhin, mir gefällt sie, so wie sie ist.

Im Anfang ist mir gar nicht der Gedanke gekommen, mein Gegenüber in irgendwelche Beziehungen zu mir zu bringen. Ich habe mir nur gedacht, da ich nun doch einmal hier sei, um zu beobachten, und sonst mit dem besten Willen nichts zu erforschen habe, so könne ich geradesogut mein Gegenüber beobachten. Den ganzen Tag lang kann man ja doch nicht über den Büchern sitzen. So habe also festgestellt, daß Clarimonde die kleine Etage augenscheinlich allein bewohnt. Sie hat drei Fenster, aber sie sitzt nur an dem Fenster, das dem meinen gegenüber liegt; sie sitzt da und spinnt, an einem kleinen altmodischen Rocken. Ich habe so einen Spinnrocken einmal bei meiner Großmutter gesehen; aber die hatte ihn auch nie gebraucht, ihn nur geerbt von irgendeiner Urtante: ich wußte gar nicht, daß man heute noch damit arbeitet. Uebrigens ist der Spinnrocken von Clarimonde ein ganz kleines, feines Ding, weiß und scheinbar aus Elfenbein; es müssen ungeheuer zarte Fäden sein, die sie macht. Sie sitzt den ganzen Tag hinter den Vorhängen und arbeitet unaufhörlich, erst wenn es dunkel wird, hört sie auf. Freilich wird es sehr früh dunkel in diesen Nebeltagen in der engen Straße, um fünf Uhr schon haben wir die schönste Dämmerung. Licht habe ich nie gesehen in ihrem Zimmer.

Wie sie aussieht – Ja, das weiß ich nicht recht. Sie trägt die schwarzen Haare in Wellenlocken und ist ziemlich bleich. Die Nase ist schmal und klein und die Flügel bewegen sich. Auch ihre Lippen sind bleich, und es scheint mir, als ob die kleinen Zähne zugespitzt wären wie bei Raubtieren. Die Lider schatten tief, aber wenn sie sie aufschlägt, leuchten ihre großen, dunklen Augen. Doch fühle ich das alles viel mehr, als ich es wirklich weiß. Es ist schwer, etwas genau zu erkennen hinter den Vorhängen.

Noch etwas: sie trägt stets ein schwarzes geschlossenes Kleid; große lila Tupfen sind darauf. Und immer hat sie lange schwarze Handschuhe an, wohl um die Hände nicht bei der Arbeit zu verderben. Es sieht seltsam aus, wie die schmalen schwarzen Finger, schnell, scheinbar durcheinander, die Fäden nehmen und ziehen – wirklich, beinahe wie ein Gekrabbele von Insektenbeinen.

Unsere Beziehungen zueinander! Nun, eigentlich sind sie recht oberflächlich, und doch kommt es mir vor, als wenn sie viel tiefer wären. Es fing wohl so an, daß sie zu meinem Fenster hinübersah – und ich zu dem ihren. Sie beobachtete mich – und ich sie. Und dann muß ich ihr wohl ganz gut gefallen haben, denn eines Tages, als ich sie wieder so anschaute, lächelte sie, ich natürlich auch. Das ging so ein paar Tage lang, immer öfter und öfter lächelten wir uns zu. Dann habe ich mir fast stündlich vorgenommen, sie zu grüßen; ich weiß nicht recht, was mich immer wieder davon abhielt.

Endlich habe ich es doch getan, heute nachmittag. Und Clarimonde hat wieder gegrüßt. Nur ganz leise freilich, aber ich habe es wohl gesehen, wie sie genickt hat.

Donnerstag, 10, März.

Gestern bin ich lange aufgesessen über den Büchern. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich viel studiert habe: ich habe Luftschlösser gebaut und von Clarimonde geträumt. Ich habe unruhig geschlafen, bis tief in den Morgen hinein.

Als ich ans Fenster trat, saß Clarimonde da. Ich grüßte und sie nickte wieder. Sie lächelte und sah mich lange an.

Ich wollte arbeiten, aber ich fand die Ruhe nicht. Ich setzte mich ans Fenster und starrte sie an. Da sah ich, wie auch sie die Hände in den Schoß legte. Ich zog an der Schnur die weiße Gardine zurück und – im selben Augenblicke fast – tat sie das gleiche. Wir lächelten beide und sahen uns an.

Ich glaube, wir haben wohl eine Stunde so gesessen.

Dann spann sie wieder.

Samstag, 12. März.

Diese Tage gehen so hin. Ich esse und trinke, ich setze mich an den Arbeitstisch. Ich brenne dann meine Pfeife an und beuge mich über ein Buch. Aber ich lese keine Silbe. Ich versuche immer wieder, aber ich weiß zuvor, daß es gar nichts fruchten wird. Dann gehe ich ans Fenster. Ich grüße, Clarimonde dankt. Wir lächeln und starren uns an, stundenlang. –

Gestern nachmittag um die sechste Stunde war ich ein wenig unruhig. Die Dämmerung brach sehr früh herein und ich fühlte eine gewisse Angst. Ich saß an meinem Schreibtisch und wartete. Ich fühlte einen fast unbezwingbaren Drang zum Fenster – nicht um mich aufzuhängen freilich, sondern um Clarimonde anzusehen. Ich sprang auf und stellte mich hinter die Gardine. Nie, scheint es mir, habe ich sie so deutlich gesehen, trotzdem es schon recht dunkel war. Sie spann, aber ihre Augen schauten zu mir herüber. Ich fühlte ein seltsames Wohlbehagen und eine ganz leise Angst.

Das Telephon klingelte. Ich war wütend auf den albernen Kommissar, der mich mit seinen dummen Fragen aus meinen Träumen riß.

Heute morgen besuchte er mich, zusammen mit Frau Dubonnet. Sie ist zufrieden genug mit meiner Tätigkeit, es genügt ihr vollständig, daß ich nun schon zwei Wochen lang lebe im Zimmer Nr. 7. Der Kommissar aber will außerdem noch Resultate. Ich habe geheimnisvolle Andeutungen gemacht, daß ich einer höchst seltsamen Sache auf der Spur sei; der Esel hat mir alles geglaubt. Auf jeden Fall kann ich noch wochenlang hier bleiben – und das ist mein einziger Wunsch. Nicht wegen Frau Dubonnets Küche und Keller – Herrgott, wie rasch wird einem das gleichgültig, wenn man immer satt ist! – nur wegen ihres Fensters, das sie haßt und fürchtet, und das ich so liebe, dieses Fenster, das mir Clarimonde zeigt.

Wenn ich die Lampe angesteckt habe, sehe ich sie nicht mehr. Ich habe mir die Augen ausgeguckt, um zu sehen, ob sie ausgeht, aber ich habe sie nie einen Schritt auf die Straße setzen sehen. Ich habe einen großen bequemen Lehnstuhl und einen grünen Schirm über der Lampe, dessen Schein mich warm einhüllt. Der Kommissar hat mir ein großes Paket Tabak gebracht, ich habe nie so guten geraucht – – und trotzdem kann ich nicht arbeiten. Ich lese zwei, drei Seiten und wenn ich zu Ende bin, weiß ich, daß ich nicht ein Wort verstanden habe. Nur das Auge nimmt die Buchstaben auf, mein Hirn lehnt aber jeden Begriff ab. Komisch! Als ob es ein Schild trage: Eingang verboten. Als ob es keinen anderen Gedanken mehr zulasse als den einen: Clarimonde –

Endlich schiebe ich die Bücher weg, lehne mich tief zurück in meinen Sessel und träume.

Sonntag, 13. März.

Heute morgen habe ich ein kleines Schauspiel gesehen. Ich ging im Korridor auf und ab, während der Hausknecht mein Zimmer in Ordnung brachte. Vor dem kleinen Hoffenster hängt ein Spinnweb, eine dicke Kreuzspinne sitzt darin. Frau Dubonnet läßt sie nicht wegfangen: Spinnen bringen Glück, und sie hatte gerade genug Unglück in ihrem Hause. Da sah ich, wie eine andere, viel kleinere Spinne vorsichtig um das Netz herumlief, ein Männchen. Behutsam ging es ein wenig auf dem schwanken Faden der Mitte zu, aber sowie das Weibchen sich nur rührte, zog es sich schleunigst zurück. Lief an ein anderes Ende und versuchte von neuem sich zu nähern. Endlich schien das starke Weibchen in der Mitte seinen Werbungen Gehör zu schenken, es rührte sich nicht mehr. Das Männchen zupfte erst leise, dann stärker an einem Faden, so daß das ganze Netz zitterte; aber seine Angebetete blieb ruhig. Da kam es schnell, aber unendlich vorsichtig näher heran. Das Weibchen empfing es still und ließ sich ruhig, ganz hingebend, seine zärtliche Umarmung gefallen; unbeweglich hingen sie beide minutenlang mitten in dem großen Netz.

Dann sah ich, wie das Männchen langsam sich löste, ein Bein ums andere; es war, als wolle es sich still zurückziehen und die Gefährtin allein lassen in dem Liebestraum. Plötzlich ließ es ganz los und lief, so schnell es nur konnte, hinaus aus dem Netz. Aber in demselben Augenblicke kam ein wildes Leben in das Weibchen, rasch jagte es nach. Das schwache Männchen ließ sich an einem Faden herab, gleich machte die Geliebte das Kunststück nach. Beide fielen auf das Fensterbrett, mit dem Aufgebot all seiner Kräfte suchte das Männchen zu entkommen. Zu spät, schon faßte es mit starkem Griff die Gefährtin und trug es wieder hinauf in das Netz, gerade in die Mitte. Und dieser selbe Platz, der eben als Bett gedient hatte für wollüstige Begierde, sah nun ein ander Bild. Vergeblich zappelte der Liebhaber, streckte immer wieder die schwachen Beinchen aus, suchte sich zu entwinden aus dieser wilden Umarmung: die Geliebte gab ihn nicht mehr frei. In wenigen Minuten spann sie ihn ein, daß er kein Glied mehr rühren konnte. Dann schlug sie die scharfen Zangen in seinen Leib und sog in vollen Zügen das junge Blut des Geliebten. Ich sah noch, wie sie endlich das jämmerliche, unkenntliche Klümpchen – Beinchen, Haut und Fäden – loslöste und verächtlich hinauswarf aus dem Netz.

So also ist die Liebe bei diesen Tieren – nun, ich bin froh, daß ich kein Spinnenjüngling bin.

Montag, 14. März.

Ich werfe keinen Blick mehr in meine Bücher. Nur am Fenster verbringe ich meine Tage. Und wenn es dunkel ist, bleibe ich auch sitzen. Sie ist nicht mehr da, aber ich schließe die Augen und sehe sie doch –

Hm, dies Tagebuch ist wirklich ganz anders geworden, als ich es mir vorstellte. Es erzählt von Frau Dubonnet und dem Kommissar, von Spinnen und von Clarimonde. Aber nicht eine Silbe über die Entdeckungen. die ich machen wollte. – Kann ich dafür!

Dienstag, 15. März.

Wir haben ein seltsames Spiel gefunden, Clarimonde und ich, wir spielen es den ganzen Tag lang. Ich grüße sie, sogleich grüßt sie zurück. Dann trommle ich mit der Hand gegen die Scheiben, sie sieht es kaum und schon beginnt sie auch zu trommeln. Ich winke ihr zu, sie winkt wieder; ich bewege die Lippen, als ob ich zu ihr spreche und sie tut dasselbe. Dann streiche ich von der Schläfe mein Haar zurück und schon ist auch ihre Hand an der Stirne. Ein richtiges Kinderspiel, und wir lachen beide darüber. Das heißt – eigentlich lacht sie nicht, es ist ein Lächeln, still, hingebend – genau so glaube ich selbst zu lächeln.

Uebrigens ist das alles nicht ganz so dumm, wie es den Anschein hat. Es ist nicht nur ein reines Nachmachen, ich glaube, das würden wir beide bald leid werden; es muß wohl eine gewisse Gedankenübertragung dabei eine Rolle spielen. Denn Clarimonde folgt meinen Bewegungen in dem kleinsten Bruchteil einer Sekunde, sie hat kaum Zeit, sie zu sehen und führt sie schon selbst aus; manchmal scheint es mir, als ob es gleichzeitig wäre. Das ist es, was mich reizt, immer etwas ganz Neues, Unvorgesehenes zu machen, es ist verblüffend, wie sie zugleich dasselbe tut. Manchmal versuche ich sie aufs Glatteis zu führen. Ich mache eine Menge von verschiedenen Bewegungen schnell hintereinander; dann dieselben noch einmal und wieder. Schließlich mache ich zum vierten Male dieselbe Reihe, aber wechsle die Folge der Bewegungen oder ich mache eine anders, oder lasse eine aus. So wie Kinder, die »Alle Vogel fliegen« spielen. Es ist ganz merkwürdig, daß Clarimonde auch nicht ein einziges Mal eine falsche Bewegung macht, obwohl ich so schnell wechsle, daß sie kaum Zeit hat, jede einzelne zu erkennen.

Damit verbringe ich meinen Tag. Aber ich habe keine Sekunde das Gefühl, daß ich unnütz die Zeit totschlage; es ist mir im Gegenteil so, als ob ich nie etwas Wichtigeres getrieben habe.

Mittwoch, 16. März.

Ist es nicht komisch, daß mir nie ernsthaft der Gedanke kommt, meine Beziehungen zu Clarimonde auf eine etwas vernünftigere Basis zu stellen, als diese stundenlangen Spielereien! Letzte Nacht dachte ich darüber nach. Ich kann doch einfach Hut und Mantel nehmen und hinunter gehen, zwei Treppen. Fünf Schritte über die Straße, dann wieder zwei Treppen. An der Türe ist ein kleines Schild, darauf steht »Clarimonde – –«. Clarimonde – was? Ich weiß nicht: was; aber Clarimonde steht da. Dann klopfe ich und dann – –

Soweit kann ich mir alles genau vorstellen, jede kleinste Bewegung, die ich mache, sehe ich vor mir. Aber ich kann mir durchaus kein Bild machen, was dann weiter kommen soll. Die Türe öffnet sich, das sehe ich noch. Aber ich bleibe davor stehen und blicke hinein in ein Dunkel, das nichts, aber auch gar nichts erkennen läßt. Sie kommt nicht – nichts kommt; es ist überhaupt gar nichts da. Nur dieses schwarze undurchdringliche Dunkel.

Mir ist manchmal, als ob es eine andere Clarimonde gar nicht gäbe, als die ich dort am Fenster sehe und die mit mir spielt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie diese Frau aussehen würde im Hute oder einem andern Kleide, als ihrem schwarzen mit den großen lila Tupfen; nicht einmal ohne ihre Handschuhe kann ich sie mir denken. Wenn ich sie auf der Straße sehen sollte, oder gar in einem Restaurant, essend, trinkend, plaudernd – – ich muß ordentlich lachen, so unmöglich erscheint mir das Bild.

Manchmal frage ich mich, ob ich sie liebe. Ich kann das nicht recht beantworten, da ich ja noch nie geliebt habe. Ist aber das Gefühl, das ich zu Clarimonde habe, wirklich – Liebe, so ist sie jedenfalls ganz, ganz anders, als ich sie bei meinen Kameraden gesehen oder aus Romanen kennen gelernt habe.

Es wird mir sehr schwer, meine Empfindungen festzustellen. Es wird mir überhaupt schwer, an etwas zu denken, das sich nicht auf Clarimonde bezieht, oder vielmehr – –auf unser Spiel. Denn es läßt sich nicht leugnen, es ist eigentlich dieses Spiel, das mich immer beschäftigt, nichts anderes. Und das ist es, was ich am wenigsten begreife.

Clarimonde – – ja, ich fühle mich zu ihr hingezogen. Aber da hinein mischt sich ein anderes Gefühl, so, als ob ich mich fürchte. Fürchte! Nein, das ist es auch nicht, es ist eher eine Scheu, eine leise Angst vor irgend etwas, das ich nicht weiß. Und gerade diese Angst ist es, die etwas seltsam Bezwingendes, merkwürdig Wollüstiges hat, die mich von ihr abhält und doch näher zu ihr hinzieht. Mir ist, als liefe ich in großem Kreise weit um sie herum, käme hier ein wenig näher, zöge mich wieder zurück, liefe weiter, ginge an einer anderen Stelle vor und dann schnell wieder zurück. Bis ich endlich – und das weiß ich ganz gewiß – doch einmal hin muß zu ihr.

Clarimonde sitzt am Fenster und spinnt. Fäden, lange, dünne, unendlich feine Fäden. Sie macht ein Gewebe daraus, ich weiß nicht, was es werden soll. Und ich kann nicht begreifen, wie sie dies Netz machen kann, ohne immer wieder die zarten Fäden zu verwirren und zu zerreißen. Es sind wunderliche Muster in ihrer feinen Arbeit, Fabeltiere und merkwürdige Fratzen.

Uebrigens – was schreibe ich da! Richtig ist, daß ich gar nicht sehen kann, was sie eigentlich spinnt; viel zu fein sind die Fäden. Und doch fühle ich, daß ihre Arbeit genau so ist, wie ich sie sehe – – wenn ich die Augen schließe. Genau so. Ein großes Netz und viele Geschöpfe darin, Fabeltiere und merkwürdige Fratzen –

Donnerstag, 17. März.

Ich bin in einer merkwürdigen Aufregung. Ich spreche mit keinem Menschen mehr; selbst Frau Dubonnet und dem Hausknecht sage ich kaum mehr guten Tag. Kaum lasse ich mir die Zeit, um zu essen; ich mag nur noch am Fenster sitzen, mit ihr zu spielen. Es ist ein aufregendes Spiel, wirklich, das ist es.
Und ich habe ein Gefühl, als müsse morgen etwas vorfallen.

Freitag, 18, März.

Ja, ja es muß etwas passieren heute – Ich sage mir vor – ganz laut spreche ich zu mir, um meine Stimme zu hören– daß ich ja deshalb hier sei. Aber das schlimme ist: ich habe Angst. Und diese Angst, daß mir etwas Aehnliches zustoßen könne, wie meinen Vorgängern in diesem Raume, mischt sich seltsam in die andere Angst: die vor Clarimonde. Ich kann sie kaum auseinanderhalten.

Ich habe Furcht, schreien möchte ich.

6 Uhr abends.

Rasch ein paar Worte, in Hut und Mantel.

Als es fünf Uhr war, war ich zu Ende mit meiner Kraft. Oh, ich weiß es jetzt gewiß, daß es irgendeine Bewandtnis haben muß mit dieser sechsten Stunde des vorletzten Wochentages – jetzt lache ich nicht mehr über den Schwindel, den ich dem Kommissar vormachte. Ich saß auf meinem Sessel, mit Gewalt hielt ich mich da fest. Aber es zog mich, riß mich fast zum Fenster. Ich mußte spielen mit Clarimonde – und dann wieder diese gräßliche Angst vor dem Fenster. Ich sah sie da hängen, den Schweizer Kommis, groß, mit dickem Halse und grauem Stoppelbart. Und den schlanken Artisten und den untersetzten kräftigen Sergeanten. Alle drei sah ich, einen nach dem anderen und dann zusammen alle drei, an demselben Haken, mit offenen Mündern und weit herausgestreckten Zungen. Und dann sah ich mich selbst, mitten unter ihnen.

O diese Angst! Ich fühlte wohl, daß ich sie ebenso sehr vor dem Fensterkreuz hatte und dem gräßlichen Haken da oben, wie vor Clarimonde. Sie mag mir verzeihen, aber es ist so: in meiner schmählichen Furcht mischte ich sie immer hinein in das Bild der drei, die da hingen, die Beine tief schleifend auf dem Boden.

Das ist wahr, ich fühlte keinen Augenblick in mir einen Wunsch, eine Sehnsucht, mich zu erhängen; ich hatte auch keine Furcht davor, daß ich das tun möchte. Nein – ich hatte nur Angst vor dem Fenster selbst – und vor Clarimonde – vor etwas Schrecklichem, Ungewissen, das jetzt kommen mußte. Ich hatte den leidenschaftlichen, unbezwingbaren Wunsch, aufzustehen und doch ans Fenster zu gehen. Und ich mußte es tun –

Da schellte das Telephon. Ich nahm die Muschel und ehe ich noch ein Wort hören konnte, schrie ich selbst hinein: »Kommen! Sofort kommen!«

Es war, als ob der Schrei meiner gellenden Stimme im Augenblicke alle Schatten in die letzten Ritzen des Fußbodens jagte. Ich war ruhig im Augenblick. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne und trank ein Glas Wasser; dann überlegte ich, was ich dem Kommissar sagen solle, wenn er komme. Endlich ging ich ans Fenster, grüßte und lächelte.

Und Clarimonde grüßte und lächelte.

Fünf Minuten später war der Kommissar da. Ich erzählte ihm, daß ich endlich der Geschichte auf den Grund komme; heute möge er, mich noch mit Fragen verschonen, aber ich würde ihm gewiß in kurzem merkwürdige Enthüllungen geben können. Das komische dabei war, daß, als ich ihm das vorlog, ich durchaus überzeugt war, daß ich die Wahrheit sage. Und daß ich es jetzt noch fast so fühle – – entgegen meinem besseren Wissen.

Er bemerkte wohl meinen etwas sonderbaren Gemütszustand, besonders als ich mich wegen meines ängstlichen Schreis ins Telephon zu entschuldigen und ihn möglichst natürlich zu erklären versuchte – – und doch nicht recht einen Grund dafür fand. Er meinte sehr liebenswürdig, ich solle durchaus keine Rücksicht auf ihn nehmen; er stände mir immer zur Verfügung, das sei seine Pflicht. Lieber komme er ein dutzend Mal vergebens, als daß er einmal auf sich warten lasse, wenn es nötig wäre. Dann lud er mich ein, heute abend mit ihm auszugehen, das würde mich zerstreuen; es sei nicht gut, wenn ich immer so ganz allein sei. Ich habe angenommen – obwohl es mir schwer fiel; ich mag mich nicht gerne trennen von diesem Zimmer.

Samstag, 19. März.

Wir waren in der Gaieté Rochechouart, in der Cigale und in der Lune Rousse. Der Kommissar hat recht gehabt: es war gut für mich, daß ich einmal hier heraus kam, andere Luft atmete. Anfangs hatte ich ein recht unangenehmes Gefühl, so als ob ich etwas Unrechtes tue, als ob ich ein Deserteur sei, der der Fahne den Rücken gekehrt habe. Dann aber legte sich das; wir tranken viel, lachten und schwatzten.

Als ich heute morgen ans Fenster trat, glaubte ich in Clarimondens Blick einen Vorwurf zu lesen. Vielleicht aber bilde ich mir das nur ein: woher soll sie denn überhaupt wissen, daß ich gestern nacht aus war! Uebrigens dauerte das nur einen Augenblick, dann lächelte sie wieder.

Den ganzen Tag haben wir gespielt.

Sonntag, 20. März.

Ich kann heute nur wieder schreiben: den ganzen Tag haben wir gespielt.

Montag, 21. März.

Den ganzen Tag haben wir gespielt.

Dienstag, 22. März.

Ja, und das haben wir auch heute getan. Nichts, gar nichts anderes. – Zuweilen frage ich mich – wozu eigentlich, warum? Oder: was will ich eigentlich, wohin soll das führen! Aber ich gebe mir nie eine Antwort darauf. Denn es ist gewiß, daß ich nichts anderes wünsche, als gerade das. Und das, was auch immer kommen mag, ist es – – wonach ich mich sehne.

Wir haben miteinander gesprochen in diesen Tagen, freilich kein lautes Wort. Manchmal haben wir die Lippen bewegt, öfter nur uns angesehen. Aber wir haben uns sehr gut verstanden.

Ich hatte recht gehabt: Clarimonde machte mir Vorwürfe, weil ich weglief am letzten Freitage. Dann habe ich sie um Verzeihung gebeten und gesagt, daß ich es einsähe, daß es dumm von mir gewesen sei und häßlich. Sie hat mir verziehen und ich habe ihr versprochen, daß ich nie mehr weggehen wolle von diesem Fenster. Und wir haben uns geküßt, haben die Lippen lange an die Scheiben gedrückt.

Mittwoch, 23. März.

Ich weiß jetzt, daß ich sie liebe. Es muß so sein, ich bin durchdrungen von ihr bis in die letzte Fiber. Mag sein, daß die Liebe anderer Menschen anders ist. Aber gibt es einen Kopf, ein Ohr nur, eine Hand, die irgendeiner anderen von tausend Millionen gleich wäre! Alle sind verschieden, so mag auch keine Liebe der anderen gleich sein. Absonderlich ist meine Liebe, das weiß ich wohl. Aber ist sie darum weniger schön! Beinahe bin ich glücklich in dieser Liebe.

Wenn nur nicht die Angst wäre! Manchmal schläft sie ein, dann vergesse ich sie. Aber nur auf Minuten, dann wacht sie wieder und läßt mich nicht los. Sie kommt mir vor wie ein armseliges Mäuslein, das gegen eine große schöne Schlange kämpft, sich entwinden will ihrer starken Umarmungen. Warte nur, du dumme kleine Angst, bald wird diese große Liebe dich fressen.

Donnerstag, 24. März.

Ich habe eine Entdeckung gemacht: ich spiele nicht mit Clarimonde – sie spielt mit mir.

So kam es.

Gestern abend dachte ich – wie immer – an unser Spiel. Da habe ich mir fünf neue verzwickte Folgen aufgeschrieben, mit denen ich sie am Morgen überraschen wollte, jede Bewegung trug eine Nummer. Ich übte sie mir ein, um sie möglichst schnell machen zu können, vorwärts und dann rückwärts. Dann nur die geraden Ziffern und dann nur die ungeraden, und alle ersten und letzten Bewegungen der fünf Folgen. Es war sehr mühselig, aber es machte mir viel Freude, brachte es mich doch Clarimonde näher, auch wenn ich sie nicht sah. Stundenlang übte ich so, aber endlich ging es wie am Schnürchen.

Heute morgen nun trat ich ans Fenster. Wir grüßten uns, dann begann das Spiel. Hinüber, herüber, es war unglaublich, wie schnell sie mich verstand, wie sie im selben Augenblicke fast alles tat, was ich machte.

Da klopfte es; es war der Hausknecht, der mir die Stiefel brachte. Ich nahm sie an; wie ich zum Fenster zurückging, fiel mein Blick auf das Blatt, auf dem ich meine Folgen notiert hatte. Und da sah ich, daß ich soeben nicht eine einzige all dieser Bewegungen ausgeführt hatte.

Ich taumelte beinahe, ich faßte die Lehne des Sessels und ließ mich hineinfallen. Ich glaubte es nicht, las das Blatt wieder und wieder – – Aber es war so: ich hatte soeben am Fenster eine Reihe von Folgen gespielt – und nicht eine von meinen.

Und ich hatte wieder das Gefühl: eine Türe öffnet sich weit – ihre Türe. Ich stehe davor und starre hinein – – nichts, nichts – nur dieses leere Dunkel. Dann wußte ich: wenn ich jetzt hinausgehe, bin ich gerettet; und ich empfand wohl, ich konnte jetzt gehen. Trotzdem ging ich nicht. Das war, weil ich das bestimmte Gefühl hatte: du hältst das Geheimnis. Fest in beiden Händen. – Paris – du wirst Paris erobern!

Einen Augenblick war Paris stärker als Clarimonde.

– – Ach, jetzt denke ich kaum mehr daran. Jetzt fühle ich nur meine Liebe und in ihr diese stille, wollüstige Angst.

Aber in dem Augenblicke gab es mir Kraft. Ich las mir noch einmal meine erste Folge durch und prägte mir jede Bewegung deutlich ein. Dann ging ich zurück ans Fenster.

Genau gab ich acht auf das, was ich tat: es war keine Bewegung darunter, die ich ausführen wollte.

Dann nahm ich mir vor, den Zeigefinger an der Nase zu reiben. Aber ich küßte die Scheibe. Ich wollte trommeln auf der Fensterbank, aber ich fuhr mit der Hand durch das Haar. Es war also gewiß, nicht Clarimonde machte das nach, was ich tat: ich tat vielmehr das, was sie mir vormachte. Und tat es so schnell, so blitzartig, daß es fast zur selben Sekunde geschah, daß ich mir auch jetzt noch manchmal einbildete, von mir aus wäre die Willensäußerung ausgegangen.

Ich also, der so stolz darauf war, ihre Gedanken zu beeinflussen, ich bin es, der so ganz und gar beeinflußt wird. Nur – dieser Einfluß ist so leicht, so weich, oh, es gibt nichts, das so wohltuend wäre.

Ich habe noch andere Versuche gemacht. Ich steckte beide Hände in die Taschen, nahm mir fest vor sie nicht zu rühren; starrte zu ihr hinüber. Ich sah, wie sie ihre Hand hob, wie sie lächelte und mir leicht drohte mit dem Zeigefinger. Ich bewegte mich nicht. Ich fühlte, wie meine Rechte sich heben wollte aus der Tasche, aber ich krallte die Finger tief in das Futter. Dann langsam, nach Minuten lösten sich doch die Finger – und die Hand kam heraus aus der Tasche und der Arm hob sich. Und ich drohte ihr mit dem Finger und lächelte. Es war, als ob gar nicht ich selbst das tue, sondern irgendein Fremder, den ich beobachtete. Nein, nein – so war es nicht. Ich, ich tat es wohl – – und irgendein Fremder beobachtete mich. Eben der Fremde, der so stark war und die große Entdeckung machen wollte. Aber das war ich nicht –

Ich – was geht mich irgendeine Entdeckung an! Ich bin da, um zu tun, was sie will, Clarimonde, die ich liebe in köstlicher Angst.

Freitag, 25. März.

Ich habe den Telephondraht zerschnitten. Ich habe keine Lust mehr, immer gestört zu werden von dem albernen Kommissar, gerade dann, wenn die seltsame Stunde anbricht –

Herrgott – warum schreibe ich das nur! Kein Wort ist wahr davon. Es ist, als ob mir jemand die Feder führe.

Aber ich will – will – will hier das hinschreiben, was ist. Es kostet mich eine ungeheuere Ueberwindung. Aber ich will es tun. Nur einmal noch – das – – was ich will.

Ich habe den Telephondraht zerschnitten – – ah –

Weil ich mußte. – Da steht es, endlich! Weil ich mußte, mußte.

Wir standen am Fenster heute morgen und spielten. Unser Spiel ist anders geworden seit gestern. Sie macht irgendeine Bewegung und ich wehre mich, solange es geht. Bis ich endlich nachgeben muß, willenlos das zu tun, was sie will. Und ich kann gar nicht sagen, welch wundervolle Lust es ist, dieses Besiegtwerden, dieses Hingeben in ihren Willen.

Wir spielten. Und dann, plötzlich, stand sie auf, ging zurück in das Zimmer. So dunkel war es, daß ich sie nicht mehr sehen konnte; sie schien verschwunden im Dunkel. Aber gleich kam sie wieder, trug in beiden Händen ein Tischtelephon, ganz wie meines. Sie setzte es lächelnd nieder auf das Fensterbrett, nahm ein Messer, schnitt die Schnur durch und trug es wieder zurück.

Wohl eine Viertelstunde lang habe ich mich gewehrt. Meine Angst war größer, wie je zuvor, aber um so köstlicher war dies Gefühl des langsamen Unterliegens. Und endlich brachte ich meinen Apparat, schnitt die Schnur durch und stellte ihn zurück auf den Tisch.

So ist es geschehen.

– Ich sitze an meinem Tisch; ich habe Tee getrunken, soeben hat der Hausknecht das Geschirr hinausgetragen. Ich habe ihn nach der Zeit gefragt, meine Uhr geht nicht recht. Fünf Uhr fünfzehn ist es, fünf Uhr fünfzehn –

Ich weiß, wenn ich jetzt aufsehe, wird Clarimonde irgend etwas tun. Sie wird irgend etwas tun, das ich auch tun muß.

Ich sehe doch auf. Sie steht da und lächelt. Nun – wenn ich doch den Blick wegwenden könnte! – nun geht sie zur Gardine. Sie nimmt die Schnur ab – rot ist sie, genau so wie die meines Fensters. Sie macht eine Schlinge. Sie hängt die Schnur oben an den Haken des Fensterkreuzes.

Sie setzt sich und lächelt.

– Nein, das kann man nicht mehr Angst nennen, was ich empfinde. Es ist eine entsetzliche, beklemmende Furcht, die ich doch nicht eintauschen möchte um nichts in der Welt. Es ist ein Zwang so unerhörter Art, und doch so seltsam wollüstig in seiner unentrinnbaren Grausamkeit.

Ich könnte gleich hinlaufen und das tun, was sie will. Aber ich warte, kämpfe, wehre mich. Ich fühle, wie es immer stärker wird mit jeder Minute –

* * *

So, ich sitze wieder hier. Ich bin rasch hingelaufen und habe getan, was sie wollte: die Schnur genommen, die Schlinge gemacht und an den Haken gehängt –

Und jetzt will ich nicht mehr aufsehen, ich will nur hierhin auf das Papier starren. Denn ich weiß, was sie tun wird, wenn ich jetzt wieder sie ansehe – – jetzt in der sechsten Stunde des vorletzten Wochentages. Sehe ich sie, so muß ich tun, was sie will, ich muß dann – –

Ich will sie nicht ansehen – –

Da lache ich – laut. Nein, ich lache nicht, irgend etwas lacht in mir. Ich weiß weshalb: über dieses »Ich will nicht – –«

Ich will nicht und weiß doch ganz sicher, daß ich muß. Ich muß sie ansehen, muß, muß es tun – – – und dann – – das übrige«

Ich warte nur, um diese Qualen noch länger auszudehnen, ja das ist es. Diese atemlosen Leiden, die höchste Wollust sind. Ich schreibe, schnell, schnell, um noch länger hier zu sitzen, um diese Sekunden der Schmerzen auszudehnen, die meiner Liebe Lüste ins Unendliche steigern –

Noch mehr, noch länger – –

Wieder die Angst, wieder! Ich weiß, ich werde sie ansehen, werde ausstehen, werde mich erhängen: nicht davor fürchte ich mich. O nein – das ist schön, das ist köstlich.

Aber etwas, irgend etwas anderes ist noch da – was hernach kommt. Ich weiß nicht, was es sein wird – aber es kommt, es kommt ganz sicher, ganz sicher. Denn das Glück meiner Qualen ist so ungeheuer groß – oh, ich fühle, fühle, daß ihm ein Entsetzliches folgen muß.

Nur nicht denken –

Irgend etwas schreiben, irgend etwas, gleichgültig was. Nur schnell, nur nicht besinnen – –

Meinen Namen – Richard Bracquemont, Richard Bracquemont, Richard – – oh, ich kann nicht mehr weiter, – Richard Bracquemont – Richard Bracquemont – – jetzt – jetzt – ich muß sie ansehen – – Richard Bracquemont – ich muß – nein, noch mehr – – Richard – Richard Bracque – –

* * *

– Der Kommissar des IX. Reviers, der auf wiederholtes telephonisches Anläuten keine Antwort erhalten hatte, betrat nun sechs Uhr fünf Minuten das Hotel Stevens. Er fand im Zimmer Nr. 7 die Leiche des Studenten Richard Bracquemont am Fensterkreuze hängen, genau in derselben Lage wie seine drei Vorgänger.

Nur das Gesicht hatte einen anderen Ausdruck; es war in gräßlicher Angst verzerrt, die Augen, weit geöffnet, drangen heraus aus den Höhlen. Die Lippen waren auseinandergezogen, die starken Zähne fest übereinandergebissen.

Und zwischen ihnen klebte, zerbissen und zerquetscht, eine große schwarze Spinne, mit merkwürdigen violetten Tupfen.

– Auf dem Tische lag das Tagebuch des Mediziners. Der Kommissar las es und begab sich sofort in das gegenüberliegende Haus. Er stellte dort fest, daß die zweite Etage seit Monaten leer stand und unbewohnt war – –

Peter Altenberg: Prosaskizzen – Flirt

Peter Altenberg – Flirt

Portrait_of_Peter_Altenberg_by_Gustav_Jagerspacher_1909„Ich sitze zum ersten Male mit einem Dichter“, sagte sie und erschauerte gleichsam innerlich.
Er sagte: „Wunderbare Hände haben Sie, Fräulein ––.“
Sie fühlte: „Ein wirklicher Dichter ––!“
Dann sagte er: „Sie sind bleich; wie ermüdet. Sie dürfen sich morgens nie, nie, nie aus dem Schlafe wecken lassen. Wer weckt Sie denn?!“
„Die Mama.“
„Der Schlaf ist das wirkliche, vielleicht das einzige Gnadengeschenk der sonst harten und unerbittlichen Natur!“
Sie fühlte: „Wie er sich ausdrückt! Ein wirklicher Dichter!“
Dann sagte er: „Ich möchte, wie Jesus Christus für die allgemeinen Dinge, wie der Herr von Egydi, Liebknecht und Tolstoi für anderes, ein Prediger sein nur für die Heiligkeit des Schlafes! Der exaltierte Verkündiger des heilgen Rechtes der menschlichen Organisation auf ausgiebigen, von selbst endenden Schlaf! Wehe dir, Verbrecher, Mörder, Vernichter, der du einen schlafenden Menschen, einen, den die Natur zu heilen, zu erlösen sich anschickt, weckest und dieselbe so in ihren heiligen Plänen störest, contrecarrierst!

Eine Mutter, die ihre Tochter aus dem Schlafe weckt, ist keine Mutter!

Eines soll euch heilig sein, die Natur an ihrer geheimnisvollen Arbeit, dem erschöpften Organismus das wieder zu spenden, was die unerbittliche Tages-Schlacht ihm entrissen! Amen.“

Die junge Dame fühlte: „Ein Prophet, ein Fanatiker –– schade!“

Später sagte er: „Frau!? Wer verdiente denn diesen Ehrentitel?!? Wenn ich ein Mädchen fragte, welche Sorte Reis die edelste wäre, sie verstummte, wüsste es nicht zu sagen! Eine Dame sagte zu mir einmal: ‚Sie, mein Herr, wir haben immer den feinsten Reis, nicht, Karl?! No, das wäre nicht übel, was glauben Sie denn eigentlich?!?‘ Aber sie hatte keine Ahnung, worin sich der ‚feinste Reis‘ unterschiede!“

Die junge Dame fühlte: „Ein Koch –– schade!“

Dann sagte sie: „Nun, worin unterscheidet er sich?!?“

Er: „Jedes Reis-Korn muss vollkommen durchscheinend sein, wie edler Alabaster, ohne matte Stellen oder trübe. Es muss beim Kochen ganz weich und dennoch in voller Form bleiben, als wäre es noch hart und ungekocht! Fest und zart zugleich. Wie edle Menschen.“

Sie sagte ganz traurig: „Muss denn wirklich eine ‚Frau‘ nur Reis verstehen können?!?“

„Nein“, sagte er. „Aber Reis, eines der edelsten, zartesten, leichtverdaulichsten Nahrungsmittel, Wärme-Quelle für Lebens-Kälte, repräsentiert gleichsam die heilige Welt der Ersatz-Mittel für die verlorenen Kräfte! Dem Manne zu seiner Kraft, zu seiner Größe, zu seinen Gluten, zu seinem Höchst-Funktionieren verhelfen, verhelfen wollen, verhelfen können, heißt „Frau“ sein! Eine wirkliche Frau!“

Die junge Dame fühlte: „Das verstehe ich gar nicht. Ein Narr –– schade!“

Dann sprachen sie noch über die Zitronen-Presse aus Glas, das „Ei des Columbus“, wie er es nannte. Das heißt, er sprach, und sie gähnte innerlich, verständnisvoll und teilnehmend. „Wenn man bedenke, in früheren Zeiten, schrecklich. Den Daumen-Krampf konnte man bekommen, und der halbe Saft blieb in der Zitrone sitzen, und die unnötigen Kerne waren im Glase. Jetzt aber, mit der gläsernen Zitronen-Presse für 50 Heller, der Saft rinnt dir wie ein klares Bächlein in die untere Rinne, während die unnötigen Kerne in der oberen Rinne liegen. Die Schale selbst aber ist innen trocken wie die Wüste Gobi. Jetzt erst könnte ein Wucherer und eine Kokotte sagen: ‚Ich habe ihn ausgepresst wie eine Zitrone!'“

Die Freundinnen beneideten das junge Mädchen schrecklich, dass der Dichter sich mit ihr so lange und so eindringlich abseits unterhielte.

Die eine sagte: „Worüber könnten sie sprechen?! Ich habe keine Ahnung.“

Die andere: „Nun, über Maeterlinck oder höchstens noch über Ibsen.“

Die dritte sagte: „Über die Liebe!“

Die vierte: „Über den Ehebruch natürlich.“

Die Jüngste aber dachte: „Ist es nicht einerlei, worüber man mit einem Dichter spräche –– man spricht mit einem Dichter!“

Grömitz. Ostsee. Strandpromenade. Verkaufsbuden. Musikkapelle. Er setzte sich gegenüber von einem kleinen Eisstand auf eine Mauer und sah dem Eisverkauf zu. Die Verkäuferin gefiel ihm. Er stellte sich vor, wie das ist, den ganzen Tag Kugeln zu formen, in Eistüten zu drücken. Eine jüngere Frau setzte sich neben ihn und stellte ihre Tasche zwischen sie. Ihr rechter Unterarm war verbunden. Er überlegte noch, wie er sie ansprechen könnte, als sie aufstand, zum Eisstand ging und sich mit der Verkäuferin unterhielt. Sie sah aus wie eine Tramperin, schien sich aber hier auszukennen. Ihre Tasche stand noch neben ihm. Frauen lassen nie ihre Taschen zurück. Dann setzte sie sich wieder auf die Mauer. „Kennst Du die Verkäuferin?“ – „Es ist meine Kollegin. Ich bin krankgeschrieben, da ich mir bei der Arbeit eine Sehnenscheidenentzündung geholt habe.“ Sie trug weite graue Hosen. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Würde so gerne nach Bremen fahren, aber das letzte Mal waren so viele Leute da, da habe ich gestört.“ „Ich könnte Dich bis Lübeck im Auto mitnehmen.“ „Können wir uns in zwei Stunden treffen? Ich muß noch packen.“ Sie kennt ihn doch gar nicht. Im Auto: „Warum bist Du aufgestanden und hast Deine Tasche neben mir stehengelassen?“ „Ich konnte das Schweigen nicht mehr ertragen.“

In Lübeck war noch Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Sie bummelten durch die Stadt. Eine Rosenverkäuferin verkaufte ihnen ihre letzten 60, etwas aufgeblühten Rosen für 6 Mark. Sie blieben bei einem Mann stehen, der auf einer Leier spielte. Sie warf ihm eine Rose in den Hut, ein anderer Passant daraufhin einen Apfel. Sie schien mit dem großen Rosenstrauch über den Bürgersteig zu schweben. Immer wieder sahen Passanten hinter ihnen her. Er nahm sie in den Arm und sie tanzten, kletterten am Holstentor über das Geländer und liefen über den Rasen. Hinunter. So tief war es gesunken. Ihm fiel ein Buchtitel ein, den er in einem Schaufenster gelesen hatte: „Versuch, das Holstentor im Geiste etwas anzuheben“.

Es wurde Zeit für den Zug nach Bremen. Als sie vor dem Zug standen, fing es an zu regnen. Vom Dach der Waggons platschte es auf den Bahnsteig. Er wollte sie küssen, sie drehte sich um und stieg ein.

Im Auto drehte er die Musik auf.

Hans Schliepmann: Zwei Träume – Leben

Leben

Auf hohem Ufer lag ich; Buchen rauschten über mir, Meeresrauschen, leise und gleichmäßig, tief unter mir, – und die ersten Schatten des Abends umhüllten mich ruhevoll, friedebringend.

Den Leib in welken Blättern und Farnkraut fast vergraben, den Kopf auf den Arm gestützt, tiefatmend blickte ich hinaus.

In weitem Bogen reckte sich der Strand bis drüben zum scharfgezackten Kreidevorgebirg, das grell von der untergehenden Sonne beleuchtet wurde. Zum hellen Dünensande warf in ewig gleichem, einschläferndem Takte die See ihre Schaumperlen hinauf. Um den Halbkreis des Ufers, zu den Höhen hinauf, flüsterten die Buchen wie über meinem Haupte, – eine unendliche Melodie, ruhevoll, friedebringend.

Kein Segel auf der weiten Wasserfläche, nur ein müdes, hellgraues Flimmern bis zur starren, stählernen Ferne.

Weiße Federwolken bogen sich wie Friedenspalmen über den Himmel, bewegungslos. Kein Wesen ringsum. Nur Welle und Wald atmeten im ersten milden Kusse des Abends, ruhevoll, friedebringend.

Und ruhevoll war meine Seele, gleich der Natur himmlischen Friedens voll. Weit offen standen der Sinne Thore, doch kein flüsternder Wunsch, kein verwirrendes Begehren zog ein, nur in heiligem Festzuge alle Schönheit der sonnigen Welt zu weihevollem Tempeldienste vor der Unendlichkeit. Weit offen standen der Sinne Thore, doch die einziehende Freude weckte nicht das Tier in meinem Innern. Die Leidenschaft schlief; hinter mir lagen die Kämpfe der Sinnlichkeit, das Sorgen um des Leibes gebrechlichen Bau, die, tausend üppige Wünsche durchzitternde Daseinsangst der todahnenden Kreatur. Über den Tod hinweg zur Unendlichkeit schlug mein erdentrückter Geist goldene Brücken, gleich wie der Himmel seine Federwolken herabbog bis hinter den endlosen Horizont, und ich meinte hinüberzuschreiten, fern von Menschen und Menschenverhängnis, losgelöst vom Irdischen, furchtlos vor der verschleierten Zukunft, ohne erst in die Abgründe des Todes hinabsteigen zu müssen. Aufwärts, aufwärts – ruhevoll, dem Frieden entgegen. –

Und ruhevoll, wie Odem der Gottheit, atmeten Wald und Meer – stolz und demutvoll, sehnsüchtig und beseeligt floß mein Hauch leise hinüber in den göttlichen. – –

Hundegebell!

Näher ertönt es, und ich höre glockenhelles Lachen.

Jetzt bricht es hervor, inmitten der Bucht aus dem Buchenschatten: ein junges Mädchen, fröhlich umtanzt von zottigem Pudel. Das weiße Gewand flieht zurück von ihrer jungfräulich herben Gestalt. Langes blondes Haar umflattert die Dahinjagende.

Inmitten des Dünensandes bleibt sie plötzlich stehen. Der Hund springt weiter voran und zerrt, lüstern auf wilderes Spiel, an dem seidenen Bande, daran das Mädchen ihn zurückhält. Sie aber bleibt im Anschauen des Meeres regungslos.

Lockend springt das Tier an ihr auf. Sie lacht; doch mit verwunderlicher Hoheit wehrt sie es gleich darauf ab: – Ich will, nicht du! klingt ihre Glockenstimme.

Gehorsam duckt sich der Pudel in den wärmehauchenden Sand. Sie aber breitet die Arme dem Meere entgegen; aufatmend lösen sich ihre Lippen wie zu seligem Beten und in selbstvergessenem Anschauen weitet sich ihr tiefes, fragendes Auge.

Nun kreuzt sie die Arme über der Brust, ihre klare Stirn senkt sich, das Auge sucht die rätselvollen Tiefen des dunklen Meeres. – –

Vom letzten Sonnenlicht ist alles umflutet; nur unter den Buchen ein tiefer, warmer Schatten; inmitten des Glanzes gleich einem lichten Marmorbilde das sinnende Mädchen; zu ihren Füßen der einzige dunkle Fleck in der schimmernden Fläche: das ruhende Tier. Kein Laut, nur das tiefe, gleichmäßige Atmen des Meeres und des Waldes, ruhevoll, friedebringend. Und jetzt der schwermütige Ruf einer Amsel: die Nacht verschlingt den frohen Sonnentag! – – –

Was aber fiel da in mein Auge? Ein Schreck faßt mich, daß ich auffahre. – Eine Änderung kam in das Bild, aber ich fühle es nur, ich sehe es nicht. Alles ruhig, leuchtend wie zuvor. – Doch! Das ist es! Dort! Hinter dem scharfen Grate des Vorgebirges schiebt sich etwas hervor! – – Nein, ich sehe nichts!

Doch, dort ist etwas! Ich weiß es, und es legt sich wie ein Alb auf meine Brust: Ich fühle nur: ein Etwas dringt herein, setzt sich mit mir in Verbindung, sieht – ja, das ist’s! Es sieht! Ich fühle es, wie kalte, bohrende Augen herüberstarren, riesenhaft, versteinernd.

Und jetzt biegt es herum um die Klippe, deutlich sagt es mir jeder fliegende Nerv. – Nein, jetzt sehe ich’s auch! Ich sehe es, doch nur – seinen Schatten. Einen ungeheuren bewegten Schatten, den die untergehende Sonne auf die bleiche, starre, senkrechte Kreidewand malt! Den Schatten eines riesigen verhüllten Wesens, langsam, langsam sich fortbewegend. Mein angststieres Auge versucht umsonst, den fürchterlichen Umriß zu entwirren. Ich raffe mich endlich auf, wende den Blick ab, scheu umherschauend, ob ein Segel, eine Menschengestalt drunten am Ufer mich äfft: Leblos ist alles, wie zuvor. – Langsam, lautlos schleicht der gespenstische Schatten weiter dahin am Rande des Ufers. Und ich fühle die Augen, versteinernde Augen!

Und das Mädchen? –

Sie hat sich aus ihrer Erstarrung gelöst. Ich sehe, wie sie sich zum Hunde niederbeugt, um ihn zu streicheln. Das Tier zittert. Seine Nüstern wittern angstvoll umher. Jetzt heult es markerschütternd auf.

Sie blickt um sich. Wieder tönt ihr glockenhelles Lachen:

Komm, armer Gefangener! Hier ist kein Wesen, keine Gefahr, und du bleibst unter meinem Blick: Sei frei! Genieße!

Sie löst das Seidenband und schreitet zum Strande, ruhig, hoheitvoll dorthin, wo ein schmaler Holzsteg weit in die Flut vorspringt. Doch winselnd gräbt sich das Tier in ihre Spuren. Sie wendet sich, und es scheint mir, als ob sie wüchse, voller und königlicher würde, da sie den Finger befehlend ausstreckt und tönend ruft:

Du kriechst winselnd zusammen vor dem Unendlichen? – Hinweg! Hier ist meine Freude! –

Sie schreitet auf den Steg. – Leuchtet sie selbst oder ist es der Widerschein aus dem Wasser zu ihren Füßen? – Wieder breitet sie wie betend die Arme und steht in Verzückung.

Das Tier springt angstvoll um den schmalen Steg, läuft zurück, sieht hinauf zu den Buchen, bellt, heult, zerrt endlich am Gewände der schönen, seligen Gestalt, blickt wieder zu ihr, dann zum hohen Ufer, als wolle es jene dorthin locken. Endlich umkreist es den Steg mit ersticktem Winseln in immer weiteren Bogen.

Wieder wendet sich mein Blick zu dem Gräßlichen dort hinten am Vorgebirge.

Langsam, langsam ist der Schatten dem Bogen des Ufers gefolgt. Wie eine königliche Schleppe wallt es ihm nach, breit und dunkel bis zu dem Kreidefelsen.

Doch diese Schleppe: nein, das ist kein Schatten! das ist kein Schatten; bläulich metallisch glänzt es auf, wallt und schwillt: – Fürchterlich! Es ist das Meer! – Eine große, massige Welle, eine düstere flüssige Wand, rollt lautlos, gischtlos dem Schatten nach über das Ufer! Langsam, langsam schwillt sie näher.

Und kein Lüftchen regt sich. Die Federwolken biegen sich rosig in der scheidenden Sonne über den Himmel; goldig glühen die Buchen über dem Vorgebirge.

Doch nein! Es ist kein Gold der Abendröte! Jetzt sehe ich es deutlicher! Wo die Schattengestalt entlang gleitet, immer riesiger wachsend, da scheidet sich das grüne Laub von dem goldigen. Nicht goldigen! Es ist welkes Laub! Das grüne verdorrt plötzlich unter der Berührung des schrecklichen Schattens!

Schon regnen die Blätter lautlos kreisend vom hohen Kreidegrat herab in die schleichende Welle. – Da schwindet die Sonne – und mit ihr der Schatten. Ich will aufatmen aus der Erstarrung des Entsetzens. Aber da fühle ich wieder das Näherkommen des Unergründlichen, Unnennbaren, Unentrinnbaren, fühle die bohrenden, kalten, suchenden, findenden Augen. Und ich verfolge ihr Nahen aus dem Anwalzen der Flutwelle, aus dem Welken des Buchenkranzes um die Höhe.

Und jetzt ein fürchterlicher Ton! Der Hund hat sich in wahnwitziger Angst dem Dräuenden entgegengereckt. Sein Fell ist struppig und klebrig; zwischen breitgestellte, flatternde Pfoten ist der triefende Schwanz zurückgebogen. Aus schaumigem Rachen hängt braun die Zunge, und mit zurückgeworfenem Kopfe heult er jammernd auf. Dann bricht er im Todeskrampf zusammen.

Und die nahende Welle hat ihn verschlungen! – –

Das Mädchen aber? – –

Sie sitzt an der Spitze des Steges; noch höher erscheint sie mir, als zuvor, als könne sie sich schon an Größe dem spukhaften Schatten vergleichen. Ihre Sohlen berühren die stille dunkle Flut und ihre Hände ruhen gefaltet im Schoße. Ihr Haar leuchtet wie ein Strahlenkranz um ihr reines Antlitz und die tiefen, wundersamen, sehnsuchtsvollen Augen haften am Himmel. Silbern blinkt aus seinem dunkelnden Blau der Abendstern.

Hat sie den Ton nicht gehört? – Oder wird sie die Welle emportragen? – –

Und sie singt. Ein Himmelston, der alle meine Furcht bannt, quillt von ihrem Munde zu mir herüber, ruhevoll, friedebringend:

Meiner Füße Schemel
Ist die Unendlichkeit
Und mein spähendes Haupt
Ragt in den ewigen Äther,
Mein sehnendes Auge
Hängt an dir,
Strahlender Stern der endlosen Liebe!

Hinter mir liegt
Der Triebsand der Erde,
Hinter mir weit
Ist das Tier geblieben;
Doch meine wachsende Seele
Schwingt sich entgegen dem ewigen Glück.

Siehe, du kommst,
Strahlender Liebesstern,
Kommst als Verheißung entgegen mir.
Aber zu dir, zu dir
Über Unendlichkeiten
Soll meiner Seele
Ewige, reine, unsterbliche Kraft …

Ein Entsetzensschrei! Ein dumpfer Schlag, als ob ein schwerer Hammer prangende Glieder zermalmte.

Hingestreckt lag die Vernichtete. Das Rätselvolle, Furchtbare hat sie erreicht. Und die dunkle Flutwelle rollt schweigend um sie herum; über ihr glänzt stumm und ernst das kalte, suchende, findende, überweltliche Auge. Da wankt die Flutwelle. Ein Wirbel kreist um die Hingesunkene und reißt sie hinab in die unergründliche Tiefe. –

Schwarz wurde es vor meinen Blicken. Noch einmal sah ich das schreckliche Auge, – sah es, wie es mich suchte. In meinem Ohre dröhnte es: morgen dir!

Dann sank ich zurück in tötlichem Schauer. – –

*

Und ich erwachte. Die Sonne leuchtete. Kinder spielten am trockenen Strande. Die Buchen der Höhen grünten bis zum fernen Kreidevorgebirge; die Vögel sangen. Ich – hatte Hunger! – – – Und doch! Und doch: morgen dir!

Walt Whitman ϖ Gesang von mir selbst ϖ Philosophische Reflexion

Gesang von mir selbst

1.

Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
Und was ich mir herausnehme, sollst auch du dir herausnehmen,
Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört ebensogut auch dir.
Ich feiere und lade meine Seele zu Gast;
Liege auf dem Erdboden, behaglich halte ich Rast und betrachte einen Halm vom Sommergras.
Meine Zunge, jedes Atom meines Blutes ist aus diesem Boden gebildet und aus dieser Luft;
Ich bin geboren von Eltern, die hier von ähnlichen Eltern geboren sind, und auch diese von ähnlichen Eltern;
Und so beginne ich im Alter von 37 Jahren, in vollkommener Gesundheit,
Und hoffe bis zu meinem Tode nicht aufzuhören.
Glaubensbekenntnisse und Schulen stehen im Hintergrund
Und weichen für eine Weile zurück, nach ihrem Wert geschätzt, wenn auch nimmer vergessen;
Ich nehme auf, mags zum guten oder bösen ausschlagen, lasse auf jegliche Gefahr hin reden
Natur ohne Rückhalt mit ursprünglicher Kraft.

2.

Häuser und Räume sind erfüllt von Wohlgerüchen, die Büchergestelle sind voller Düfte;
Auch ich atme diesen süßen Wohlgeruch, kenne ihn und mag ihn gern;
Auch mich könnte diese Essenz berauschen, aber ich lasse es nicht zu.
Die Atmosphäre aber ist kein Parfüm, sie hat keinen Schmack von Essenz; sie ist geruchlos,
Doch für meinen Mund für immer ist sie ich bin in sie verliebt.
Zum Hügelhang am Wald will ich gehn, ohne Kleidung will ich sein, nackt;
Rasend bin ich danach, mit ihr in Berührung zu kommen.
Der Rauch meines eigenen Atems;
Echos, Geriesel, summendes Geflüster, Liebeswurzel, Seidenfaden, Gabelstock und Rebe,
Mein Ein- und Ausatmen, der Schlag meines Herzens, Blut und Luft, die durch meine Lungen strömen,
Der leise Geruch grüner und dürrer Blätter vom Meergestade und dunklen Seeklippen her und vom Heu in seiner Scheuer;
Der Schall der Worte, die meine Stimme ausstößt, den Windwellen hingegeben;
Einige leise Küsse, leise Umarmungen, ein Ausstrecken der Arme,
Das Spiel von Sonnenlicht und Schatten an den Bäumen, wo die schwanken Äste schaukeln,
Das Entzücken an der Einsamkeit oder an dem Brausen der Straßen, oder an Feldern und Hügelhängen hinzugehn,
Das Gefühl der Gesundheit, der trillernde Mittag und mein Gesang, wenn ich mich vom Lager erhebe und der Sonne begegne.
Hast du tausend Äcker für viel gehalten? Hast du die Erde für viel gehalten?
Hast du dir so lange Mühe gegeben, um lesen zu lernen?
Bist du so stolz darauf gewesen, den Sinn der Gedichte zu verstehen?
So bleibe diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen,
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne besitzen (Millionen von Sonnen bleiben noch übrig),
Du sollst Dinge fürder nicht aus zweiter oder dritter Hand nehmen, noch sollst du durch die Augen der Toten blicken, noch dich nähren von den Schemen in den Büchern,
Auch nicht durch meine Augen sollst du blicken, noch die Dinge aus meiner Hand nehmen;
Nach allen Seiten sollst du lauschen und sie durch dich selbst klären.

3.

Ich hörte, was die Redner redeten, die Rede vom Anfang und vom Ende,
Ich aber rede nicht vom Anfang und vom Ende.
Nie gab es mehr Anfang als jetzt,
Nie mehr Jugend oder Alter als jetzt,
Und nie je wird es mehr Vollkommenheit geben als jetzt,
Oder mehr Himmel oder Hölle als jetzt.
Trieb, Trieb und Trieb,
Immer der zeugende Trieb der Welt.
Immer treten aus dem Dunkel Gleiche einander entgegen, immer Stoff und Wachstum, immer Geschlecht,
Immer eine Verknüpfung der Identität, immer Unterscheidung, immer ein zeugendes Leben.
Weiteres Mühen nützt nichts; Gelehrte und Ungelehrte fühlen, daß es so ist.
Sicher, wie die sicherste Gewißheit, lotrecht in den Säulen, wohlgefügt, fest in den Balken,
Stämmig wie ein Roß, zärtlich, stolz, elektrisch,
Ich und dies Mysterium – hier stehen wir.
Klar und rein ist meine Seele, und klar und rein ist alles, was nicht meine Seele ist.
Fehlt eins, so fehlt beides; und das Unsichtbare wird durch das Sichtbare bewiesen,
Bis auch dieses unsichtbar wird und seinerseits Beweis empfängt,
Auf das Beste hinzuweisen und es vom Schlechten zu scheiden, plagt sich Zeitalter um Zeitalter,
Ich aber kenne die vollkommene Schicklichkeit und Gelassenheit der Dinge, schweige, während man diskutiert, gehe baden und bewundere mich selbst.
Willkommen ist mir jedes Organ und jede Eigenschaft und die eines jeden fröhlichen und reinen Mannes,
Nicht ein Zoll noch ein Teilchen eines Zolles ist gemein, keines soll weniger gekannt sein als die anderen.
Ich bin zufrieden – Ich schaue, tanze, lache, singe;
Wie die umarmende und liebevolle Lagergenossin die Nacht hindurch an meiner Seite schläft und bei Tagesanbruch verstohlenen Blickes sich entfernt,
Indem sie mir Körbe mit weißen Tüchern bedeckt zurückläßt und das Haus mit ihrer Fülle bereichert;
Soll ich Annahme und Genuß verachten und sollen meine Blicke sich entrüsten,
Daß sie sich vom Schauen hinaus auf die Straße zurückwenden?
Und soll ich sogleich nachrechnen und mir einen Cent vorzeigen,
Genau den Wert von einem und genau den Wert von zweien, und welcher mehr gilt?

4.

Beinsteller und Fragen umgeben mich,
Volk, dem ich begegne, die Nachwirkung von meinem früheren Leben her, oder von dem Bezirk und der Stadt, wo ich wohne, oder von der Nation,
Die neuesten Zeiten, Entdeckungen, Erfindungen, Gemeinschaften, Autoren, alte wie neue,
Mein Essen, Kleidung, Genossen, Aussehen, Komplimente, Pflichten,
Die wirkliche oder eingebildete Gleichgültigkeit eines Mannes oder eines Weibes, die ich liebe,
Die Erkrankung eines meiner Verwandten oder meiner selbst; Fehlschläge, oder Verlust oder Mangel an Geld, Niedergeschlagenheit oder Überschwang,
Schlachten, die Greuel des Bruderkrieges, die Aufregung über zweifelhafte Nachrichten, wechselnde Zufälle,
Die alle kommen zu mir bei Tag und Nacht und verlassen mich wieder,
Doch mein wahres Ich sind sie nicht.
Abseits von Zerren und Zausen steht, was ich bin;
Steht vergnügt, gefällig, teilnehmend, müßig, einig,
Schaut hinab, richtet sich wieder auf, oder stützt einen Arm an einem unsichtbaren, sichren Halt,
Und schaut mit zur Seite gewandtem Haupt, was da kommen will,
So zwischen wie außer der Hatz, betrachtet sie und hat sein Verwundern.
Hinter mir liegen die Tage, in denen ich mich durch Nebel hindurchschwitzte, mit Linguisten und Disputaxen.
Ich habe weder Spöttereien und Beweise, ich bin Zeuge und warte.

5.

Ich glaube an dich, meine Seele! Das was ich sonst bin, darf sich vor dir nicht erniedrigen,
Noch darfst du vor ihm erniedrigt sein.
Strecke dich mit mir ins Gras und löse den Verschluß deiner Kehle;
Nicht Worte noch Musik oder Reim brauch‘ ich, keine Konvention und keinen Vortrag, selbst den besten nicht,
Bloß das Lullen mag ich, das Summen deiner Stimmbänder.
Ich gedenke, wie wir einst an solch einem hellen Sommermorgen im Freien lagen,
Wie du dein Haupt quer über meine Hüfte legtest und dich leise auf mir umkehrtest,
Und mir das Hemd beim Brustknochen öffnetest, und die Zunge in mein bloßgelegtes Herz hineintauchtest
Und langtest herauf, bis du meinen Bart fühltest, und hinab, bis du meine Füße hieltest.
Alsbald erhob sich und breitete sich um mich aus der Friede und das Wissen, das über alle Beweise der Erde geht,
Und ich weiß, daß Gottes Hand Versicherung für die meine ist,
Und ich weiß, daß der Geist Gottes der Bruder des meinen ist,
Und daß alle Männer, je geboren, auch meine Brüder sind, und die Weiber meine Schwestern und Geliebten,
Und daß eine Kielschwinne Schöpfung der Liebe ist,
Und unermeßlich Blätter straff oder welk auf den Gefilden,
Und braune Ameisen in den kleinen Gruben darunter,
Und moosiger Schorf auf dem gewundenen Zaun, aufgehäufte Steine, Hollunder, Königskerzen und Kermesbeeren.

6.

Ein Kind sagte: Was ist das Gras? und brachte es mir mit vollen Händen;
Wie konnte ich dem Kinde Antwort geben? Ich weiß es ebensowenig.
Ich meine, es müßte die Fahne meines Herzens sein, ganz aus einem hoffnungsgrünen Stoff gewoben.
Oder ich meine, es ist des lieben Gottes Taschentuch,
Eine duftige Gabe und ein Andenken, das mit Absicht fallen gelassen wurde,
Und das in irgendeinem Zipfel den Namen seines Eigners trägt, damit wir sehen, bemerken und sagen können: Wessen?
Oder ich meine, das Gras ist selbst ein Kind, ein von der Vegetation erzeugtes Kindlein.
Oder ich meine, es ist ein gleichförmiger Hieroglyph,
Und er bedeutet: ich sprieße so in weiten wie in engen Zonen;
Wachse bei schwarzen Völkern wie bei weißen,
Kanuk, Tuckahoe, Kongreßmitglied, Boxer: alles beschenke ich, alle empfange ich aufs gleiche.
Und jetzt scheint mir das schöne unverschnittene Haar von Gräbern zu sein.
Zärtlich will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras;
Vielleicht dringst du aus den Brüsten junger Männer hervor,
Vielleicht, hätte ich sie gekannt, würde ich sie geliebt haben;
Vielleicht kommst du von alten Leuten oder von Säuglingen, die zu bald von dem Schoß ihrer Mütter genommen wurden;
Und nun bist du hier Mutterschoß.
Dies Gras ist sehr dunkel, wenn es von den weißen Häuptern alter Mütter kommt,
Dunkler auch als die farblosen Bärte alter Männer,
Dunkel, wenn es aus dem blaßroten Gaumen eines Mundes hervorsprießt.
Oh, endlich versteh‘ ich, daß es viele redende Zungen sind,
Und ich verstehe, daß sie nicht umsonst aus Gaumen hervorkommen!
Ich möchte, ich wäre imstande, diese Hinweise auf die toten jungen Männer und Frauen auszudeuten.
Und die Hinweise auf die alten Männer und Mütter und auf die Säuglinge, die zu früh von ihrem Schoß genommen wurden.
Was meinst du ist aus den jungen und alten Männern geworden?
Und was meinst du ist aus den Weibern und Kindern geworden?
Sie sind irgendwo am Leben und befinden sich wohl;
Der geringste Sproß zeigt, daß es in Wirklichkeit keinen Tod gibt.
Und wenn es dennoch einen gibt, so leitet er das Leben vorwärts, und lauert nicht am Ende, um ihm Einhalt zu tun,
Und würde in dem Augenblick aufhören, wo Leben erscheint.
Alles geht vorwärts und nach außen, nichts verfällt;
Und das Sterben ist etwas andres als je einer gedacht, und glückseliger.

7.

Hat jemand gemeint, es sei ein Glück, geboren zu werden?
Ich eile, ihm oder ihr zu zeigen, daß es ebenso ein Glück ist, zu sterben, und ich weiß das.
Ich gehe über den Tod hinaus mit den Sterbenden und über die Geburt mit dem eben gebadeten Säugling, und bin nicht zwischen meinem Hut und meinen Stiefeln beschlossen.
Ich gehe mannigfache Dinge durch: nicht zwei sind sich gleich und jedes einzige ist gut;
Erde gut und Gestirne gut, und alles was zu ihnen gehört, gut.
Ich bin nicht eine Erde und nicht ein Zubehör einer Erde,
Ich bin der Genosse und der Gefährte der Menschen, alle ebenso unsterblich und unermeßlich wie ich,
(Sie wissen nicht wie unsterblich, ich aber weiß es).
Jede Art besteht für sich und ist ihr Eigen; mir die meine: Mann und Weib.
Mir die, welche Knaben gewesen sind und Frauen lieben,
Mir der Mann, der stolz ist und fühlt, wie es schmerzt, geringgeschätzt zu werden.
Mir das Liebchen und die alte Jungfer; mir Mutter und die Mutter von Müttern;
Mir Lippen, die gelächelt haben, Augen, die Tränen vergossen haben,
Mir Kinder und Erzeuger von Kindern.
Fort mit den Hüllen! Vor mir seid ihr nicht schuldbehaftet, nicht alt und abgedankt;
Ich blicke durch feines Tuch und durch Gingham, ob ihr wollt oder nicht,
Bin zugegen: zaghaft, eroberungssüchtig, unermüdlich und nicht abzuschütteln.

8.

Das kleine Kind schläft in seiner Wiege;
Ich lüpfe das Flortuch und schaue lange, und behutsam scheuch‘ ich die Fliegen mit meiner Hand.
Der Knabe und das rotbäckige Mädchen wenden sich die Flanke des bebuschten Hügels hinauf,
Von seinem Gipfel aus nehme ich sie wahr.
Der Selbstmörder liegt auf dem blutbefleckten Boden der Schlafstube hingestreckt,
Ich nehme den Leichnam wahr mit seinen blutgetränkten Haaren, sehe, wo die Pistole hingefallen ist.
Das Geschwätz des Pflasters, die Radreifen der Wagen, Geschlürf der Stiefelsohlen, Gespräch der Promenierenden;
Der schwere Omnibus, der Kutscher mit seiner Daumenfrage; der Klang der Pferdehufe auf dem Granitboden;
Schneeschlitten, das Geklingel, Jauchzen und Scherze, Schneeballwürfe,
Die Hochrufe für die Lieblinge des Volkes, die Wut des erregten Pöbels,
Das Klappen der verhängten Sänfte, darin ein Kranker, der ins Hospital gebracht wird;
Das Zusammentreffen der Feinde, der plötzliche Fluch, Schläge und Sturz;
Die aufgeregte Menschenmenge, der Polizeimann mit seinen Abzeichen, der sich eilig einen Weg in die Mitte des Haufens bahnt;
Die empfindungslosen Steine, die so manch‘ ein Echo empfangen und zurückgeben;
Was für ein Stöhnen von Überfütterten oder Halbverhungerten, die von Sonnenstich oder von Ohnmächten betroffen hinfallen;
Welche Schreie von Weibern, die es unvermutet überkommen und die nach Hause eilen, um Kinder in die Welt zu setzen;
Welche lebendige und welche begrabene Sprache bebt hier unaufhörlich, welches Geheul, nur vom Anstand zurückgehalten?
Verhaftungen von Verbrechern, Beleidigungen, ehebrecherische Anträge, angenommen oder zurückgewiesen mit aufgeworfener Lippe;
Ich achte auf dies, auf seinen Anblick oder Widerhall – ich komme und gehe.

9.

Breit stehen die Tore der Dorfscheune offen und warten.
Das geerntete Heu belastet den langsam gezogenen Wagen.
Das klare Licht spielt über das Durcheinander von Braungrau und Grün,
Die Haufen sind aufgepackt, daß die Ladung sich überbiegt.
Ich bin zugegen, ich helfe; ich kam an, oben auf die Ladung hingestreckt.
Ich fühlte ihre sanften Stöße, ein Bein über das andere gelegt.
Ich springe vom Querbalken und fasse den Klee und das Thimoteusgras,
Und wälze mich kopfüber und verwirre mein Haar mit Hälmchen.

10.

Einsam jage ich in ferner Gebirgswildnis,
Wandere und staune über meine eigene Behendigkeit und Munterkeit.
Am späten Nachmittag suche ich mir eine sichere Stelle aus zum Übernachten,
Zünde ein Feuer und brate das frischerlegte Wild,
Und falle dann in Schlaf auf der Blätterstreu, meinen Hund und mein Gewehr zur Seite.
Das Yankee-Klipperschiff ist unter seinen Oberbramsegeln; es durchschneidet Gefunkel und Schaum,
Meinem Blick versinkt das Land, ich lehne über den Bug und jauchze fröhlich vom Verdeck herab.
Die Schiffer und Muschelgräber machten sich auf in der Frühe und warteten auf mich;
Ich steckte mir die Hosen in die Stiefel, ging mit ihnen und hatte einen vergnügten Tag;
Du hättest an diesem Tag bei uns sein sollen um den Fischkessel herum.
Ich sah die Hochzeit des Trappers unter freiem Himmel im fernen Westen, die Braut war eine Rote;
Ihr Vater und seine Freunde saßen in der Nähe mit untergeschlagenen Beinen und rauchten schweigend; sie hatten Mokassins an den Füßen und dicke weiße Wolldecken hingen von ihren Schultern herab;
Auf einem kleinen Bühel lag der Trapper hingestreckt; er war fast ganz in Pelz gekleidet; sein üppiger Bart und seine Locken schirmten seinen Hals; er hielt seine Braut bei der Hand;
Sie hatte lange Augenwimpern; barhäuptig war sie; ihr starkes und schlichtes Haar fiel auf ihre üppigen Glieder bis zu den Füßen hinab.
Der entlaufene Sklave kam an mein Haus und hielt draußen an.
Ich hörte seine Bewegungen an dem Krachen des Reisighaufens;
Durch die offene Tür gewahrte ich ihn, erschöpft und kraftlos;
Und ich ging zu ihm hin, wo er auf dem Holzklotz saß, führte ihn hinein und munterte ihn auf,
Brachte Wasser herbei und füllte eine Wanne für seinen schweißigen Leib und seine wunden Füße,
Gab ihm ein Gelaß, das sich nach dem meinen hin öffnete und gab ihm ein paar grobe saubere Kleidungsstücke;
Noch ganz deutlich erinnere ich mich an seine rollenden Augen und seine Unbeholfenheit;
Erinnere mich, wie ich Pflaster auf die Blasen an seinem Hals und seinen Fußknöcheln legte.
Eine Woche verweilte er bei mir, bis er wiederhergestellt war und nordwärts weiterzog.
Bei Tisch saß er neben mir – meine Flinte lehnte in der Ecke.

11.

Achtundzwanzig junge Männer baden am Gestade,
Achtundzwanzig junge Männer und alle so freundschaftlich.
Und achtundzwanzig Jahre weiblichen Lebens, alle so einsam.
Sie ist Eignerin des hübschen Hauses da, am Uferhang;
Schön und reich gekleidet lauert sie hinter den Fenstervorhängen.
Welcher von den jungen Männern gefällt ihr am besten?
Ach, ihrer der unansehnlichste ist für sie schön.
Wohin willst du, meine Dame? denn ich sehe dich.
Du plätscherst da im Wasser und stehst doch mäuschenstill in deinem Zimmer.
Tanzend und lachend lief die neunundzwanzigste Badende den Strand hinab;
Die andren sahen sie nicht; sie aber sah sie und war ihnen zugetan.
Die Bärte der jungen Männer glitzerten vor Naß, es rann von ihrem langen Haar herab,
Kleine Bächlein liefen über die Leiber.
Und auch eine unsichtbare Hand strich über ihre Leiber,
Bebend glitt sie an ihren Schläfen und Rippen herab.
Die jungen Männer schwimmen auf ihren Rücken; ihre weißen Leiber wölben sich in der Sonne; sie fragen nicht, wer sie da festhält;
Sie wissen nicht, wer da so keucht und sich in schwebend geneigten Bogen niederbeugt;
Sie ahnen nicht, wen sie mit Wasserstrahlen bespritzen.

12.

Der Fleischerjunge legt seine Arbeitskleider ab, oder wetzt sein Messer in seinem Stand am Markt;
Ich bummle in der Nähe herum, habe mein Vergnügen an seiner Schlagfertigkeit und an seinem Shuffle und Breakdown. [Fußnote] Grobschmiede mit rußigen behaarten Brüsten stehen um den Amboß herum;
Jeder hält seinen Stahlhammer, alle sind sie in Bereitschaft; das Feuer macht eine mächtige Hitze,
Von der mit Asche bestaubten Schwelle aus verfolge ich ihre Bewegungen.
Von oben herab schwingen die Hämmer, langsam, sicher;
Sie hasten nicht, jeder schlägt auf seine Stelle.

13.

Der Neger hält die Zügel seines Viergespanns, der Klotz schwenkt unten an der aufgeknüpften Kette;
Der Neger, der den langen Lastwagen des Steinbruchs fährt; fest und hochgewachsen steht er, auf das Bein gestützt, auf dem Holm;
Sein blaues Hemd läßt den vollen Hals und die Brust frei und hängt über seinen Gürtel;
Sein Blick ist gelassen und gebieterisch; er schlägt die Hutkrempe aus dem Gesicht zurück,
Das Sonnenlicht fällt auf sein krauses Haar und auf seinen Schnurrbart, fällt auf das glänzende Schwarz seiner schönen Glieder.
Ich betrachte den malerischen Riesen und liebe ihn; doch ich halte mich dabei nicht auf,
Ich gehe auch mit dem Gespann.
Ich liebe das Leben, wo immer es sich regt, ob ich mich rückwärts oder vorwärts wende,
Nach Nischen hin, die abseits liegen und erst neu errichtet sind; niemand und nichts lasse ich aus;
Alles nehme ich auf für mich und mein Lied.
Ochsen, die ihr mit Joch und Kette rasselt oder unter schattigem Laubdach haltet: was verrät dieser Ausdruck da in euren Augen?
Es erscheint mir bedeutungsvoller als alles Gedruckte, das ich je im Leben las.
Mein Schritt scheucht den Waldenterich und seine Ente auf meinen weiten, tagelangen Streifzügen;
Zusammen stiegen sie auf, kreisen mit langsamem Flug.
Ich glaube an diese beiden beflügelten Zweckmäßigkeiten da,
Anerkenne Rot, Gelb, Weiß, die in mir spielen,
Halte Grün, Violett und die Federbuschkrone für absichtlich;
Und ich nenne weiter etwa die Schildkröte nicht unnütz, weil sie nicht irgendetwas anderes ist.
Die Elster in den Wäldern hat die Tonleiter nicht gelernt, doch trillert sie hübsch genug für mich;
Und der Anblick der braunen Stute beschämt mich und treibt die Albernheiten aus mir aus.

14.

Der Waldenterich lenkt seinen Flug durch die kühle Nacht.
Ya-honk schreit er, und es klingt zu mir hernieder wie eine Einladung.
Die Neunmalklugen mögen es für bedeutungslos halten, ich aber, der ich aufmerksam hinlausche,
Finde, daß er da oben am winterlichen Himmel seinen Zweck und Platz hat.
Das spitzhufige Mustier des Nordens, die Katze auf der Hausschwelle, die Sumpfmeise, der Präriehund,
Die Jungen der grunzenden Sau, wenn sie an ihren Zitzen zerren,
Die Brut der Truthenne und sie selbst mit ihren halbausgebreiteten Flügeln,
In ihnen und in mir selbst erblicke ich das eine alte Gesetz.
Der Druck meines Fußes auf den Erdboden verursacht hundertfältige Wirkungen,
Sie spotten all meiner Mühe sie aufzuzählen.
Ich bin verliebt in das Leben im Freien.
In Männer, die zwischen dem Vieh leben, oder denen der Ruch von Meer und Wald anhaftet,
In Schiffsbauer und Steuerleute, in die, welche Äxte schwingen und Schlägel oder die Pferde treiben,
Woche für Woche kann ich mit ihnen essen und schlafen.
Was am gewöhnlichsten ist, am wohlfeilsten, nächsten, leichtesten, das bin ich;
Ich, der ich mein Glück versuche und meine Habe verschwende gegen ungeheuren Umsatz,
Der ich mich schmücke, um mich dem ersten, besten hinzugeben, der mich annehmen will,
Und der ich vom Himmel nicht fordere, daß er um meinetwillen herunterkommt,
Sondern, der ich ihn ewig ausstreue mit freier Hand.

15.

Die klare Altstimme ertönt im Orgelchor;
Der Zimmermann richtet seine Planke, die Stimme des Hobels pfeift ihr wildaufsteigendes Gelispel;
Die verheirateten und unverheirateten Kinder fahren nach Hause zum Danksagungsmahl;
Der Lotse ergreift die Königs-Spake und kielholt mit kräftigem Arm;
Der Maat steht auf Anstand im Walfischboot, Lanze und Harpune sind in Bereitschaft;
Der Entenjäger geht mit leisen, vorsichtigen Schritten;
Die Geistlichen empfangen, die Hände gekreuzt, am Altar die Weihe;
Die Spinnerin schreitet zurück und nach vorn beim Summen des großen Rades;
Der Farmer hält beim Barrierenzaun an, wenn er Feiertags umherschweift, und schaut nach Hafer und Roggen;
Der Irrsinnige – ein unheilbarer Fall – wird endlich ins Asyl gebracht,
(Nimmermehr wird er schlafen wie vordem in der Wiege in seiner Mutter Schlafstube),
Der Buchdrucker mit grauem Kopf und hageren Kinnbacken arbeitet an seinem Schriftkasten,
Er dreht sein Priemchen um, während die Schrift ihm vor den Augen schwimmt.
Die verunstalteten Glieder werden auf den Operationstisch gebunden,
Was abgenommen wird, fällt schrecklich in einen Eimer;
Der Quadrone wird auf dem Auktionspodium verkauft, der Säufer nickt beim Ofen in der Kneipe;
Der Maschinist streift sich die Hemdärmel auf; der Polizist macht seinen Rundgang; der Torwächter achtet auf die Passanten;
Der junge Mann lenkt den Paketwagen, (ich liebe ihn, wennschon ich ihn nicht kenne);
Der Mischling bindet sich die leichten Schuhe an, um sich in der Rennbahn zu messen;
Das Truthahnschießen im Westen lockt alt und jung herbei, diese stützen sich auf ihre Flinten, andre sitzen auf Holzklötzen.
Der Schütze tritt aus der Menge hervor, nimmt Stellung und legt an;
Die Gruppen der neuangekommenen Einwanderer bedecken Werft und Damm;
Die Wollköpfe hacken ein Zuckerfeld, und der Aufseher beobachtet sie vom Sattel aus;
Im Ballsaal tönt das Signalhorn, die Herren eilen zu ihren Damen, und die Tänzer verneigen sich voreinander;
Der Jüngling liegt wach auf dem Holzdachboden und horcht auf die Musik des Regens;
Der Vielfraßfänger setzt Fallen an dem Bach, der den Huron füllen hilft;
Die Indianerfrau, in ihren gelbgesäumten Mantel gehüllt, bietet Mokassins und Perlentaschen zum Kauf aus;
Der Kunstkenner streift durch die Ausstellungsgalerien mit gekniffenen Augen und biegt sich zur Seite;
Wenn die Deckarbeiter das Dampfboot festmachen, so wird das Brett für die aussteigenden Passagiere gelegt;
Die junge Schwester hält die Wolldecke, während die ältere Schwester sie in einen Knäuel zusammenwickelt und ab und zu eines Knotens halber Halt macht;
Die Ehefrau von einem Jahr erholt sich wieder und ist selig, daß sie vor einer Woche ihr erstes Kind geboren hat;
Das sauberhaarige Yankeemädchen arbeitet an seiner Nähmaschine oder in der Fabrik oder in der Mühle;
Der Pfiasterarbeiter lehnt auf seiner zweihenkligen Ramme; der Bleistift des Reporters fliegt eifrig über das Notizbuch hin; der Schildmaler malt Buchstaben in Blau und Gold;
Der Kanalknecht trabt auf dem Seilpfad; der Buchhalter rechnet an seinem Pult; der Schuhmacher wichst seinen Faden;
Der Dirigent gibt den Takt an für seine Kapelle und alle Spieler folgen ihm;
Das Kind wird getauft; der Konvertit legt sein erstes Bekenntnis ab;
Die Regatta breitet sich über die Bucht aus; die Wettfahrt hat begonnen (wie die weißen Segel blitzen!);
Der Viehtreiber, der seine Herde bewacht, ruft denen zu, die sich verlaufen wollen;
Der Hausierer schwitzt mit seinem bepackten Rücken, (der Käufer knausert um den ungeraden Cent);
Die Braut entfaltet ihr weißes Kleid, der Minutenzeiger auf der Uhr rückt langsam vor;
Der Opiumesser lehnt zurück mit starrem Haupt und halbgeöffnetem Mund;
Die Prostituierte schleppt ihren Shawl am Boden, ihr Hut baumelt auf ihrem betrunkenen, finnigen Nacken,
Die Menge lacht über ihre gemeinen Flüche, die Männer spotten ihrer und winken einander zu;
(Unglückliche! Ich lache nicht über deine Flüche und spotte deiner nicht),
Der Präsident hält Kabinettsrat und ist von seinen Ministern umgeben;
Auf der Piazza wandeln drei Matronen, würdig und freundschaftlich, Arm in Arm;
Die Mannschaft des Fischerbootes packt Schicht auf Schicht von Steinbutten in den Kielraum;
Der Missourier durchkreuzt die Ebenen und schafft Waren und Vieh fort;
Der Kondukteur macht die Runde durch den Zug und lenkt durch Klimpern mit dem Kleingeld die Aufmerksamkeit auf sich;
Die Zimmerleute legen Dielen; die Klempner verzinnen das Dach; die Maurer rufen nach Mörtel;
In Reihe hintereinander schreiten die Arbeiter voran und schultern ihre Tröge;
Die Jahreszeiten gehen in ihrer Reihe hin, und die zahllose Menschenmasse versammelt sich, es ist der vierte des 7. Monats, (was für ein Salutschießen von Kanonen und Kleingewehr!)
Die Jahreszeiten gehen hin in ihrer Reihe, und der Pflüger pflügt, der Mäher mäht, und das Winterkorn fällt in den Erdboden;
Auf den Seen lauert der Hechtfischer und wartet bei dem Loch auf der hartgefrorenen Fläche;
Die Baumstümpfe stehen dicht rund um die Lichtung, der Kolonist haut tief mit der Axt;
Flachbootleute legen sich zur Dämmerzeit beim Wollbaumgehölz fest und bei den Pekanbäumen;
Waschbärjäger streifen durch das Rotflußgebiet, oder durch das vom Tenessee bewässerte oder das von Arkansas;
Fackeln leuchten durch das Dunkel, das auf dem Chattahooche oder auf Altamahaw liegt;
Patriarchen sitzen beim Abendbrot von Söhnen, Enkeln und Urenkeln umgeben;
Hinter Lehmwänden, in Leinwandzelten rasten Jäger und Trapper nach des Tages Jagdwerk;
Stadt und Land, die schlafen;
Die Lebenden schlafen ihre Zeit und die Toten die ihre;
Der bejahrte Ehemann schläft bei seinem Weib und der junge bei dem seinen;
Diese alle drängen sich in mich hinein, und ich dränge mich hinaus zu ihnen.
Und was es besagt, einer von ihnen zu sein: mehr oder weniger bin ich es,
Und aus einem und allen von ihnen webe ich diesen Gesang von mir selbst.

16.

Ich bin so gut ein Greis wie ein Jüngling, ein Tor wie ein Weiser,
Ohne Rücksicht auf andere, stets voll Rücksicht auf andre;
Mütterlich so gut wie väterlich, Kind so gut wie Mann,
Angefüllt mit grobem Stoff, und angefüllt mit feinem Stoff,
Ein Angehöriger der Nation von vielen Nationen, die geringste gleich der größten;
Ein Sohn des Südens so gut wie des Nordens, ein Plantagenbesitzer nonchalant und gastfreundlich, wohne ich unten am Oconee;
Ein Yankee schlage ich meine eigenen Wege ein, gewandt im Handel, meine Glieder die behendesten auf der Erde und die sehnigsten;
Ein Bewohner von Kentucky durchstreife ich das Elkhorntal in Rehfellgamaschen, ein Louisianer oder Georgier,
Ein Bootsmann über Seen, Buchten und an Küsten entlang, ein Hoosier, Badger, Buckeye; [Fußnote] Zu Hause in kanadischen Schneeschuhen oder draußen im Busch, oder mit den Fischern von Newfoundland,
Zu Hause auf der Eisbootflotte segle und laviere ich mit den andern,
Zu Hause auf den Hügeln von Vermont oder in den Wäldern von Maine, oder in einer Feldhütte in Texas,
Gefährte von Kaliforniern, Gefährte der freien Nordwestleute (deren hohe Gestalt ich liebe),
Gefährte von Flößern und Kohlenträgern, Gefährte von allen, die die Hand reichen und zu Trank und Speise einladen,
Ein Schüler mit den Einfältigsten und ein Lehrer der Gedankenreichsten;
Ein Novize, der eben erst beginnt und doch erfahren in Myriaden von Jahren,
Von jeder Farbe bin ich und jedem Stand, von jedem Rang und jeder Religion,
Farmer, Handwerker, Künstler, Edelmann, Matrose, Quäker,
Gefangener, Zierbengel, Raufbold, Rechtsanwalt, Arzt, Priester.
Alles bestehe ich besser als meine eigene Vielfältigkeit;
Atme die Luft, doch lasse genug davon über,
Und bin nicht aufgeblasen und bin da, wohin ich gehöre.
(Motte und Fischlaich sind an ihrem Platz,
Die helle Sonne, die ich sehe und die dunklen, die ich nicht sehe, sind an ihrem Platz,
Das Betastbare ist an seinem Platz und das Unbetastbare an dem seinen.)

17.

Dies sind in Wahrheit die Gedanken aller Menschen in allen Zeitaltern und Ländern, sie rührten ursprünglich nicht von mir her.
Sind sie nicht die deinen ebensogut wie die meinen, so sind sie nichts oder so gut wie nichts;
Sind sie nicht das Rätsel oder die Lösung des Rätsels, so sind sie nichts;
Sind sie nicht ebenso nah wie fern, so sind sie nichts.
Das ist das Gras, das überall wächst, wo es Land und wo es Wasser gibt;
Dies ist die gemeinsame Atmosphäre, in der die Erdkugel sich badet.

18.

Mit gewaltiger Musik komme ich, mit Zinken und Trommeln;
Ich spiele nicht bloß Märsche für anerkannte Sieger, ich spiele auch Märsche für Besiegte und Erschlagene.
Hast du gehört, daß es gut sei, einen Sieg zu gewinnen?
Ich sage, es ist ebenso gut zu fallen; Schlachten werden in demselben Sinn verloren, wie sie gewonnen werden.
Ich trommle und trommle zu für die Toten;
Ich setze an und blase für sie ein Lautestes und Fröhlichstes.
Vivat für die, denen es fehlschlug!
Und für die, deren Schlachtschiffe auf der See sanken!
Und für die, die selber in der See ertranken!
Und alle Generale, die Schlachten verloren, und alle edlen, besiegten Helden!
Und den zahllosen unbekannten Helden gleich dem größten, die man kennt!

19.

Dies ist das für alle auf’s Gleiche gerichtete Mahl; dies ist das Fleisch für den natürlichen Hunger;
Für die Bösen ist es so gut wie für die Rechtschaffenen; ich treffe Vereinbarungen mit allen;
Ich dulde nicht, daß eine einzige Person geringgeschätzt oder übergangen werde.
Die Ausgehaltene, der Schmarotzer, der Dieb sind hiermit geladen;
Der dicklippige Sklave geladen, der Venerische geladen;
Es soll kein Unterschied zwischen ihnen und den übrigen sein.
Dies ist der Druck einer schüchternen Hand, dies das Wehen und Duften des Haares;
Dies ist die Berührung meiner Lippen mit den deinen, dies das Flüstern der Sehnsucht;
Dies die ferne Tiefe und Höhe, die mein eigenes Gefühl widerspiegelt,
Das gedankentiefe Einswerden und die Wiederablösung meiner selbst.
Meinst du, ich hätte irgendeinen tieferen Vorsatz?
Wohl, ich habe einen; die Regenschauer des vierten Monates haben einen und der Glimmer an der Seite des Felsens hat einen.
Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt das Tageslicht Erstaunen? Oder das früherwachte Rotschwänzchen, das durch den Wald zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als sie?
In dieser Stunde sage ich vertrauliche Dinge;
Ich möchte sie nicht jedermann sagen: aber dir will ich sie sagen.

20.

Wer geht da? Gierig, grob, mystisch, nackt?
Wie kommt es, daß ich Kraft ziehe aus dem Rindfleisch, das ich esse?
Was mag wohl ein Mann sein? Was bin ich? Was bist du?
Allem, was ich als das Meinige bezeichne, sollst du ein Deiniges gegenübersetzen,
Sonst wäre es verlorene Zeit, mir zuzuhören.
Ich winsle nicht mit dem Allerweltsgewinsel,
Daß die Monate leere Räume wären, und der Boden nichts als Schlamm und Kot.
Winseln und Zukreuzkriechen mischt in die Pulver für Kranke, laßt die Anpassung den Vettern vierten Grades;
Ich trage meinen Hut wie’s mir gefällt, drinnen oder draußen.
Weshalb muß ich beten? Weshalb muß ich verehren und zeremoniös sein?
Nachdem ich die Erdschichten durchforscht und analysiert habe auf ein Haar, Gelehrte zu Rate gezogen und genaue Berechnung angestellt habe,
Finde ich doch kein süßeres Fett als das, was auf meinen eigenen Knochen sitzt.
In allem Volk seh‘ ich mich selbst, keiner ist mehr und keiner um ein Gerstenkorn geringer als die anderen,
Und das Gute oder Schlimme, das ich von mir selbst sage, sage ich von ihnen.
Ich weiß, daß ich fest und gesund bin,
Nach mir hin streben und laufen zusammen beständig alle Dinge des Universums,
Alle sind an mich geschrieben und ich muß erforschen, was ihre Schrift bedeutet.
Ich weiß, daß ich unsterblich bin,
Ich weiß, dieser mein Kreislauf kann von eines Zimmermanns Zirkel nicht umspannt werden,
Ich weiß, daß ich nicht vergehen werde wie der Feuerkreis, den ein Kind mit einem Stück brennenden Holzes in die Nacht zeichnet.
Ich weiß, daß ich erhaben bin;
Ich bemühe meinen Geist nicht, sich selbst zu rechtfertigen, oder sich verständlich zu machen,
Ich sehe, daß sich die Urgesetze niemals entschuldigen,
(Ich meine, ich betrage mich am Ende nicht hochmütiger als die Wasserwaage, nach der ich den Grund meines Hauses lege.)
Ich existiere, wie ich bin, das genügt.
Wenn kein anderer in aller Welt mich gewahrt, so sitz‘ ich da in Zufriedenheit,
Und wenn jeder und alle mich gewahren, so sitz‘ ich da in Zufriedenheit.
Eine Welt ist meiner gewahr, und zwar die für mich bei weitem umfangreichste, und die bin ich selbst;
Und ob ich zu den Meinigen hingelange heute, oder in zehntausend oder in zehn Millionen Jahren,
So kann ich es mit Freuden jetzt hinnehmen, und mit gleicher Freude kann ich auch warten.
Die Stätte, wo ich stehe, ist gefügt und verzapft in Granit;
Ich lache über das, was ihr Auflösung nennt,
Und ich kenne die Fülle der Zeit.

21.

Ich bin der Dichter des Leibes und ich bin der Dichter der Seele;
Die Seligkeiten des Himmels sind bei mir, und bei mir sind die Qualen der Hölle.

Jene veredle und vermehre ich in mir, diese übertrage ich in neue Zungen.
Ich bin der Dichter des Weibes gleicherweise wie der des Mannes,
Und ich sage, es ist ebenso erhaben ein Weib wie ein Mann zu sein;
Und ich sage: daß es nichts Erhabeneres gibt als die Mutter des Menschen.
Ich singe den Sang der Aufgeblasenheit und des Stolzes;
Wir haben uns gedrückt und entschuldigt genug.
Ich zeige, daß Größe nur Entwicklungsstadium ist.
Hast du die andern überholt? Bist du Präsident?
Es ist ein Geringes; sie werden alle weiter gelangen als bis dahin und noch darüber hinaus.
Ich bin der, der mit der milden, heraufsteigenden Nacht wandelt;
Ich rufe der Erde zu und dem Meer, dem von der Nacht halbumfangenen:
Drücke dich fest an mich, o Nacht, mit bloßen Brüsten – drücke dich fest an mich, magnetische, nährende Nacht,
Nacht der Südwinde! – Nacht der wenigen großen Sterne!
Stille, nickende Nacht! – Wilde nackte Sommernacht!
Lächle, o üppige, kühl angehauchte Erde!
Erde der schlummernden, verschwimmenden Bäume!
Erde nach Sonnenuntergang! Erde der nebelverhüllten Berghäupter!
Erde mit dem gläsernen Guß des Vollmondes;, mit sanftem blauem Schimmer bedeckt!
Erde des Glanzes und Dunkels, die die Flut des Stromes flecken!
Erde der klaren grauen Wolken, breiter und klarer um meinetwillen!
Allumarmende Erde! Reiche, in Apfelblüten prangende Erde!
Lächle, denn dein Geliebter naht!,
Verschenkerin, du hast mir Liebe gegeben – so gebe auch ich dir Liebe!
O unaussprechliche, leidenschaftliche Liebe!

22.

Und du, Meer! Auch dir ergebe ich mich – ich ernte, was du meinst;
Vom Gestade gewahre ich deine einladend gekrümmten Finger.
Ich glaube, du willst dich nicht eher zurückziehen, als bis du mit mir in Berührung gekommen bist.
Laß uns einen Gang miteinander machen; ich entkleide mich; führe mich hurtig außer Sicht des Landes!
Bette mich sanft; wiege mich im wogigen Taumel;
Überschütte mich mit zärtlicher Feuchte – ich kann es dir entgelten.
Meer der langgedehnten Grundwogen;
Meer, das mit breiten, zuckenden Zügen atmet;
Meer, mit deiner lebendigen Salzflut, mit deinen ungeschaufelten, doch stets bereiten Gräbern;
Heulendes, sturmtosendes, wetterwendisches und liebliches Meer;
Du und ich, wir sind eins; auch ich habe eine Phase und alle Phasen.
Ein Teil ich von Ebb‘ und Flut; Lobpreiser von Haß und Versöhnung;
Lobpreiser von Freunden und solcher, die Arm in Arm schlafen.
Ich bin, der Sympathie verkündet,
(Sollte ich meine Inventarliste von den Gegenständen des Hauses aufstellen und das Haus, das sie trägt, auslassen?)
Ich bin nicht allein der Dichter der Rechtschaffenheit: ich weigere mich nicht, ebenso der Dichter der Gottlosigkeit zu sein.
Was für ein Geschwätz da von Tugend und Laster?
Übel regt mich an und Verbesserung des Übels regt mich an; gleichmütig steh‘ ich da.
Mein Gang ist nicht der eines Tadlers oder eines Verwerfenden;
Allem, was gewachsen ist, feuchte ich die Wurzeln.
Fürchtest du etwa Skropheln aus der nie erschlaffenden Fruchtbarkeit?
Meinst du, daß die himmlischen Gesetze noch zu überarbeiten oder zu berichtigen wären?
Ich halte die eine Seite für ein Gegengewicht und halte die entgegengesetzte Seite für ein Gegengewicht;
Und ich halte die sanfte Lehre für eine ebenso treue Hilfe als die starke Lehre;
Und finde in den Gedanken und Taten der Gegenwart unser Aufwachen und unsern ersten Anfang.
Die Minute, die in diesem Augenblick von den vergangenen Dezillionen her zu mir kommt:
Es gibt nichts Besseres als sie und als den Augenblick.
Was in der Vergangenheit Tüchtiges geleistet wurde oder in der Gegenwart Tüchtiges geleistet wird, ist nicht so sehr ein Wunder;
Ein Wunder ist nur und immer, wie es möglich ist, daß es einen gemeinen oder einen ungläubigen Menschen geben kann.

23.

Endlose Entfaltung von Worten der Zeitalter!
Mein aber ein Wort der Moderne: das Wort En Masse.
Ein Wort des Glaubens, der nimmer trügt;
Hier oder fortan: es ist mir völlig gleich; unbedingt glaube ich an Zeit.
Sie allein ist ohne Riß; sie allein rundet und vervollständigt alles;
Dies mystische, verwirrende Wunder allein vervollständigt alles.
Ich glaube an Wirklichkeit und wage nicht, sie zu beanstanden.
Und schärfe vor allem und nach allem Materialismus ein.
Hoch die positive Wissenschaft! Lang lebe die exakte Demonstration!
Man hole Mauerpfeffer gemischt mit Zeder- und Fliederzweigen;
Hier ist der Lexikograph, hier der Chemiker, hier, der eine Grammatik aus den alten Papyrusinschriften zusammenstellt;
Hier die Seeleute, die das Schiff durch gefahrvolle unbekannte Meere steuern;
Hier ist der Geolog; hier ist der mit dem Skalpell arbeitet; und hier ist der Mathematiker.
Meine Herren! Euch gebühren allzeit die höchsten Ehren!
Eure Tatsachen sind nützlich, doch sind sie noch nicht meine Wohnung.
Durch sie hindurch trete ich erst in eine Abteilung meiner Wohnung ein.
Meine Worte erinnern weniger an wägbare Eigenschaften:
Sie erinnern mehr an das unaussprechliche Leben, und an die Freiheit und die Erlösung,
Und sie machen wenig Umstände mit Zwittern und Kastraten, sondern begünstigen völlig ausgerüstete Männer und Weiber;
Sie schlagen die Trommel des Aufstandes, verweilen bei Flüchtlingen und solchen, die sich verschwören und konspirieren.

24.

Walt Whitman, ein Kosmos, Manhattans Sohn;
Stürmisch, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend;
Kein Empfindler, der sich über Männer und Weiber stellt oder sich von ihnen absondert,
Nicht mehr bescheiden als unbescheiden.
Schraubt die Schlösser von den Türen!
Löst die Türen selbst von ihren Pfosten!
Wer einen andern erniedrigt, der erniedrigt mich;
Und alles, was getan und gesagt wird, fällt schließlich auf mich zurück.
Endlos durchwogt mich der Hauch des Geistes, der Strom und Zeiger.
Uralte Losung sprech‘ ich aus; ich gebe das Zeichen der Demokratie.
Bei Gott! Ich werde nichts annehmen, woran nicht ein jeder andre auch sein Part haben kann unter den gleichen Bedingungen.
Manche lange verstummten Stimmen gehen durch mich durch;
Stimmen endloser Generationen von Gefangenen und Sklaven;
Stimmen von Kranken und Verzweifelnden, von Dieben und Krüppeln;
Stimmen von Kreisläuften der Vorbereitung und des Wachstums;
Stimmen der Fäden, die die Gestirne miteinander verknüpfen, von Mutterleib und Zeugungsstoff;
Und von den Rechten derer, die von andern unterdrückt wurden,
Der Mißgestalteten, der Albernen, Flachen, Närrischen, Verachteten,
Der Nebel in der Luft, der Käfer, die Kügelchen aus Dung rollen.
Durch mich gehen verbotene Stimmen;
Stimmen von Geschlechtern und Begierden; verschleierte Stimmen und ich, der den Schleier wegzieht;
Unzüchtige Stimmen, die durch mich erhellt und verklärt werden.
Ich presse mir nicht die Finger auf den Mund;
Ich halte die Eingeweide für ebenso kostbar wie Kopf und Herz;
Die Begattung halte ich für nicht anstößiger als den Tod,
Ich glaube an das Fleisch und die Begierden,
Gesicht, Gehör, Gefühl sind Wunder,
Und jeder Teil und Zipfel von mir ist ein Wunder.
Göttlich bin ich innen und außen und heilig mach‘ ich, was immer ich berühre oder was mich berührt.
Der Duft dieser Achselhöhlen ist ein Duft, feiner als Gebet,
Dieses Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und alle Glaubensbekenntnisse.
Wenn ich ein Ding mehr verehre als ein anderes, so soll es mein Körper sein von oben bis unten, oder irgendein Teil von ihm.
Lichte Gestalt, du, sollst es sein!
Stärke männlicher Jugend, du sollst es sein!
Was immer mir zum Wohl gereicht, das soll es sein!
Du mein kostbares Blut! Du milchweißer Strom, bleicher Ausfluß meines Lebens!
Brust, die sich an andre Brüste preßt, du sollst es sein!
Mein Hirn, deine geheimen Windungen sollen es sein!
Wurzel des wasserbespülten Kalmus! Scheue Teichschnepfe! Nest mit den geschützten Doppeleiern, ihr sollt es sein!
Saft, der vom Ahorn trieft; kräftige Weizenfaser: ihr sollt es sein!
Reichspendende Sonne, du sollst es sein!
Dünste, die ihr mein Gesicht beleuchtet und beschattet: ihr sollt es sein!
Ihr, feuchte Bäche und Tauniederschläge sollt es sein!
Ihr Winde, deren sanftkitzelnde Genitalien über mich hinstreicheln, ihr sollt es sein!
Breitwinklige Felder, Steineichenzweige, die meine gewundenen Pfade liebevoll beschatten: ihr sollt es sein!
Hände, die ich ergriffen; Lippen, die ich geküßt; Sterblicher, den je ich berührt: ihr sollt es sein!
Ich bin in mich selbst verliebt, – alles und jeder Teil ist da so köstlich.
Ein jeder Augenblick und alles was geschieht, macht mich beben vor Freude.
Ich kann nicht sagen, wie meine Fußknöchel sich drehen, noch was der Ursprung meines leisesten Wunsches;
Noch die Ursache der Freundschaft, die von mir ausströmt, noch die Ursache der Freundschaft, die ich empfange.
Wenn ich meine Treppe hinansteige, mach‘ ich halt und überlege, ob das Wirklichkeit ist.
Ein Morgenschimmer an meinem Fenster befriedigt mich mehr, als die Metaphysik der Bücher.
Den Tagesanbruch zu schauen!
Der erste Lichtstreifen macht die ungeheure, mondlichte Schattenwelt verbleichen;
Wie erquickt die Morgenluft meinen Gaumen!
Sprossen der erwachenden Welt – still erheben sie sich mit unschuldigem Frohlocken, frisch schießen sie hervor;
Schräg schnellen sie hin, in die Höhen und in die Tiefen.
Etwas Unsichtbares richtet lüsterne Zacken empor,
Meere von glänzendem Saft überfluten den Himmel.
Der Himmel, der bei der Erde verweilt, bei der täglich neugeschlossenen Vereinigung;
Die Herausforderung, die sich in diesem Augenblick vom Osten her erhebt,
Der höhnende Spott: Siehe denn, ob du dich behauptest!

25.

Mit seiner schrecklichen, blendenden Helle, wie schnell würde der Sonnenaufgang mich töten,
Könnte ich nicht jetzt und allezeit Sonnenaufgang aus mir selbst entsenden.
Auch wir steigen auf, blendend und furchtbar wie die Sonne;
Unser eigenes Ich fanden wir, o meine Seele, in der stillen Frische des Taganbruches.
Meine Stimme geht nach dem aus, was meine Augen nicht erreichen können;
Mit einer Wendung meiner Zunge umfasse ich Welten und Massen von Welten.
Die Sprache ist die Zwillingsschwester meines Gesichtes! sie ist außerstande sich selbst zu ermessen;
Unaufhörlich reizt sie mich, spottet und sagt:
Welt, du enthältst doch genug, warum gibst du es denn nicht von dir?
Komm nur! Ich lasse mich nicht necken, du hältst zu viel vom Ausdruck;
Weißt du nicht, Sprache, wie die Knospen unter dir gefaltet sind?
Sie harren im Dunkel, vor’m Frost geschützt;
Es weicht der Schmutz vor meinem prophetischen Geschrei;
Ich lege Ursachen unter, um sie schließlich im Gleichgewicht zu halten,
Mein Wissen, meine lebendigen Bestandteile, die mit der Bedeutung aller Dinge Schritt halten,
Glückseligkeit (wer immer mich hört, Mann oder Weib, mache sich unverzüglich auf, sie zu suchen).
Mein höchstes Verdienst verweigere ich euch; ich verweigere das, was ich wirklich bin, aus mir herauszusetzen;
Umfasse Welten, aber suche nicht, mich zu umfassen.
Ich bedränge dich schon gehörig, wenn ich bloß nach dir hinblicke.
Schrift und Rede beweist mich nicht;
Alle Beweisfülle und alles übrige trag‘ ich in meinem Antlitz,
Mit dem Schweigen meiner Lippen setze