Kategorie: Arkadij Awertschenko

Arkadij Awertschenko | Der Hungerkünstler

»Wer sind Sie?«
»Das ist nicht wichtig.«
»Wer hat Sie zu mir geschickt?«
»Ich bin von selbst gekommen. Draußen hängt doch Ihr Schild.«
»Was wollen Sie?«
»Arbeiten.«
»Was können Sie?«
»Nichts.«
»Was haben Sie früher gemacht?«
»Nichts.«
»Aber man muß doch leben!«
»Ich habe gelebt.«
»Und man muß doch essen.«
»Essen? Das hab‘ ich nicht getan. Ich habe gehungert. Wenn Sie mich anschauen, müssen Sie das ja selbst sehen.«
Der diese Worte sprach, war ein junger, abgehärmter Bursche mit eingefallener Brust und einem unrasierten, schmalen Gesicht. Der ihn gefragt hatte, war jedoch klein, dick, mit kleinen, dummen Äuglein und abstehenden Ohren.
Das Gespräch fand um elf Uhr vormittags im Gebäude des Panoptikums statt, das dem kleinen, dicken Herrn Charles, einem Bauchredner und Zauberkünstler, gehörte. Herr Charles stützte sich in diesem Augenblick auf den Glasschrank, in dem ein schwer atmender, sterbender Türke lag. Der Gast lehnte sich an die Büste des Mädchenmörders Hugo Schenk und fragte interessiert:
»Wozu atmet der Türke? Es ist doch kein Publikum da. Stellen Sie nicht den Mechanismus ab?«
»Sie haben recht!«
Und der Besitzer des Panoptikums neigte sich zum Türken und stellte mit sicherem Griff die Leiden des Sterbenden ein.
»So! Und jetzt kehren wir zu unserem Gespräch zurück.« Er sah den Burschen an, dachte einen Augenblick lang nach und sagte: »Wenn Sie wollen, werde ich Sie nach Art der indischen Fakire schneiden oder durch Ihre Zunge Nadeln stechen. Das ist überaus spannend und wird zweifellos einige volle Häuser machen.«
»Hm, das hätte keinen Zweck. Ich suche eine leichtere Arbeit. Ich habe doch schließlich zwei Klassen Volksschule hinter mir.«
»Ich weiß nichts Leichteres. Erinnern Sie sich doch – irgendwas müssen Sie in Ihrem Leben doch getan haben?«
»Nur eines: gehungert!«
»Dann hungern Sie weiter!« rief voll Wut der Besitzer des Panoptikums. »Hungern Sie nur weiter!«
»Das werde ich auch«, erwiderte gleichmütig der Bursche. »Ich pfeif auf Ihre Arbeit. Mit mir werden Sie nicht schreien. Das kann ich auch. Lieber hungere ich vierzig Tage, als daß ich mir so was gefallen lasse!«
»Gestatten Sie«, sagte plötzlich Herr Charles. »Können Sie wirklich vierzig Tage hungern?«
»Ich glaub‘ schon!«
»Lieber Freund, wir können ein Geschäft machen. Ich zahle Ihnen, wenn Sie vierzig Tage hungern, tausend Rubel. Außerdem erhalten Sie von jeder verkauften Karte fünf Kopeken.«
»Bloß fünf Kopeken?« rief der Bursche. »Unter zehn Kopeken ist die Sache nicht zu machen!«
»Hm, ja. Aber ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, daß Sie bloß ein Glas Wasser täglich erhalten. Sonst nichts. Meine Bedingungen sind: Sie werden in einen Kasten gesteckt, dessen Wände aus Glas sind. Der Kasten wird von der Polizei amtlich versiegelt und Sie bleiben vierzig Tage drin.«
»Lassen Sie mich wenigstens in der Nacht aus dem Kasten.«
»Sind Sie wahnsinnig geworden? Wenn ich Sie nachts aus dem Kasten lasse, wo bleibt da die Kontrolle? Dann ist es ja uninteressant.«
»Nur eine Bedingung – bevor ich mich in den Kasten lege, muß ein anständiges Abendessen her.«
»Was denken Sie? Im Gegenteil. Gleich jetzt müssen Sie zu hungern anfangen, sonst gewöhnen Sie sich nicht daran. Das Publikum muß außerdem auf den ersten Blick sehen, daß Sie ein Hungerkünstler sind.«
»Was verstehen Sie vom Hungern?« schrie wild der Bursche.
»Beruhigen Sie sich. Ich bin nicht so. Wenn essen, dann essen. Wenn hungern, dann hungern. Sie werden mit mir zufrieden sein.«
»Schön. Machen wir den Vertrag. Und jetzt noch ein Plakat, daß die Leute den Mund aufreißen, wenn sie es zu sehen kriegen.«

****

Das Publikum blieb neugierig stehen.
Vor dem Panoptikum hingen bunte Riesenplakate, auf den geschrieben stand:

Mit Erlaubnis der Behörde

wird in dem bekannten Panoptikum des Zauberkünstlers Herrn Charles eine Reihe von sensationellen Vorstellungen unter der Devise stattfinden:

»Das Wunder des Organismus«
oder:
»Ich esse gar nichts«

Eine wissenschaftlich interessante Vorführung des Nichtessens, das durch den berühmten assyrischen Hungerkünstler MacTschanbok produziert wird.
Mr. MacTschanbok interessiert gegenwärtig alle wissenschaftlichen Kreise Europas. Er ist das größte Geheimnis der Welt.
Vierzig Tage und vierzig Nächte wird er in einem Glaskasten hungern. In Gegenwart des verehrlichen Publikums wird die Polizei den Kasten versiegeln. Das Publikum übernimmt selbst die Kontrolle.
Die Direktion des Panoptikums ersucht, da Mr. MacTschanbok nur Assyrisch spricht, keine Anfragen an den Künstler zu stellen, denn erstens versteht er sie nicht, und zweitens haben Lärm und jegliche Belästigung einen gewissen Einfluß auf die Nerven des Hungerkünstlers, unter dem seine Produktion leiden könnte.
Kinder und Militär bis zum Feldwebel zahlen die Hälfte.
Heute abend acht Uhr wird Mr. Tschanbok versiegelt!
Um zahlreichen Besuch bittet die Direktion.

****

Eine dichte, erregte Menge umringte den Glaskasten, in dem sich Mr. Tschanbok langsam niederließ. Er spannte seine hagere Brust im rosa Trikot, das ihm Herr Charles angezogen hatte, und winkte.
»Schließt den Deckel«, sagte Herr Charles. »Der wissenschaftliche Akt hat begonnen!«
Das Orchester, bestehend aus einer Geige, einem Pianino und einer Jazztrommel, spielte einen bravourösen Marsch. Das Publikum klatschte Beifall.
Der Assyrer zog die Brauen zusammen und überlegte, wie er sich setzen sollte. Bald stützte er sein unrasiertes Kinn auf die Hände, bald legte er sich an die Wand und umfaßte die Knöchel mit seinen Fingern. Das Publikum schaute ihn wie einen seltsamen Fisch im Aquarium an.
»Hm, er atmet!« sagte ein Gymnasiast.
»Dummkopf, warum soll er nicht atmen?« erwiderte ein Mann.
»Wie lange sitzt er schon?«
»Achtzehn Minuten.«
»Tatsächlich – ißt er nichts?«
»Großartig! So kann auch ich nichts essen.«
Eine junge Dame machte ein unzufriedenes Gesicht:
»Er sitzt bloß? Sonst macht er nichts?«
»Was heißt das: macht nichts? Er hungert ja!«
»Aber er könnte dabei singen und tanzen!«
»Im Glaskasten, Fräulein? Er hungert. Wie kann da ein Mensch singen?«
»Sie haben recht. Wann bekommt er Wasser, Herr Charles?«
»Morgen um dieselbe Zeit. Bitte, uns durch Ihren Besuch zu beehren.«
Das Publikum schaute noch eine Weile den Assyrer an, der indes eingeschlummert war. Dann verließ es nach und nach den Schauplatz. Bald war das Panoptikum leer. Nur der verwundete Türke, dessen Mechanismus in der Eile nicht abgestellt worden war, atmete schwer, und die grüne Schlange in der Hand der Kleopatra bewegte ihr Köpfchen nach rechts.

****

Mitten in der Nacht öffnete Herr Charles die Tür des Panoptikums und schaute sich seinen Assyrer, der ihm einen Goldregen bringen sollte, noch einmal an.
Das Licht der Lampe fiel auf den Hungerkünstler. Er zuckte mit den Wimpern und öffnete dann langsam die Augen.
»Wer ist das? Ach Sie, Herr Charles!«
»Mein Lieber, ich bin nur gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Schlaf ruhig weiter. Gute Nacht.«
Der Assyrer streckte sich und sagte dann:
»Eigentlich ist nicht alles in Ordnung.«
»Was denn?«
»Ich will essen.«
»Nun, dazu hast du noch Zeit. Nur noch neununddreißig Tage. Gedulde dich ein wenig.«
»Sie können leicht reden – gedulde dich ein wenig. Sie haben sicher ein gutes Nachtmahl gegessen, und ich hab‘ seit dem Morgen nichts im Magen. Wie spät ist es eigentlich?«
»Drei Uhr nachts. Schlaf, mein Lieber. Ich gehe.«
Er verdeckte die Laterne und wollte die Tür hinter sich schließen, als er ein Pochen am Glaskasten hörte. Die Stimme des Assyrers rief energisch:
»Herr Charles!«
»Was gibt es?«
»Ich will essen. Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Lassen Sie mich aus dieser Mausefalle. Ich will was anderes unternehmen.«
Der Panoptikumbesitzer sah im Geist den Goldregen entschwinden. Er griff sich verzweifelt an den Kopf und rief:
»Du Lump! Du willst mich zugrunde richten! Ich hab‘ bereits Plakate für die ganze Stadt drucken lassen – alles spricht von dir. Nein. Du bleibst im Kasten.«
»Ich will essen«, sagte der Hungerkünstler.
»Weshalb hast du mich dann zum besten gehalten? Warum hast du gesagt, daß du hungern kannst.«
»Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Ich hab‘ doch das Recht dazu, nicht wahr? Es gibt keine Sklaven mehr. Gegen seinen Willen kann man niemanden in einen Glaskasten sperren. Wenn Sie mich nicht freiwillig hinauslassen, mache ich morgen, wenn das Panoptikum voll ist, einen derartigen Krach, daß Sie an mich denken werden . . .! Nun?«
Charles ging wütend zum Glaskasten, riß die Siegel herunter, nahm den Holzdeckel ab und rief:
»Kriech heraus, du Lump!«
Der Hungerkünstler kroch schweigend aus dem Kasten und sagte nach einer Weile: »Hab‘ ich gewußt, daß es so enden wird? Ich hab‘ eben gedacht, daß ich es aushalte! Also rechnen wir ab. Für einen Tag hungern fünf Rubel und für die Eintrittsgelder zehn Kopeken pro Person – sagen wir zusammen, da ich nicht die ganze Nacht gehungert habe, fünfzig Rubel!«
»Hinaus!« rief der Panoptikumbesitzer wild.
»Herr Charles«, sagte der Hungerkünstler. »Ich liebe solche Scherze nicht. Haben Sie nichts zu essen? Mein Magen ist leer, wie Sie wissen.«
Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens, das Herr Charles mit dem Polizeioffizier verzehrt hatte. Ein Schinken, eine halbe Gans und fünfzehn Eier . . . Der Hungerkünstler packte die Gans, zerriß sie in Stücke, und in fünf Minuten war sie in seinem Schlund verschwunden.
Herr Charles stand da und schaute voll Staunen und Schrecken zu.
Dann griff der Hungerkünstler nach dem Schinken, und mit einigen Bissen war auch der verschwunden. Ebenso ging es den Eiern.
Der Panoptikumbesitzer ließ sich vor Schrecken auf den Sessel nieder und fragte:
»Essen Sie immer so viel?«
»Hm – immer, wenn ich hungrig bin.«
»Und wann sind Sie hungrig?«
»Immer.«
»Mein Lieber«, rief Herr Charles strahlend, »wir werden unseren Kontrakt nicht zerreißen, wir werden ihn nur abändern. Ich werde Sie als berühmten Freßsack demonstrieren.«
»Und die Plakate?« fragte der Hungerkünstler kauend.
»Ich werde sagen, daß ich mich in Unkenntnis der assyrischen Sprache geirrt habe und daß Sie in Wahrheit ein Freßkünstler sind. Können Sie an einem Abend fünfundzwanzig Semmeln und eine gebratene Gans aufessen?«
»Hm«, meinte der Hungerkünstler, »Sie könnten noch einige Würste und zehn Eier dazugeben . . .«
»Mein Retter!« rief Herr Charles und stürzte an seinen Hals. »Das wird noch viel mehr Aufsehen erregen als das Hungern!«
»Schade nur, daß es so spät ist«, murmelte der Bursche.
»Warum?«
»Man hätte sonst gleich mit der Demonstration beginnen können, nicht wahr? Wenn man schon einmal seinen richtigen Beruf gefunden hat . . .«

Arkadij Awertschenko Θ Russischer Schriftsteller & Satiriker

Arkadi Awertschenko (um 1920)
Arkadij Awertschenko – um 1920

Arkadij Awertschenko (*1880 in Sewastopol, †1925 in Prag ) war ein russischer Schriftsteller und Satiriker. Er arbeitete zuerst als Buchhalter, versuchte sich aber schon bald mit Erzählungen und Satiren. Die erste erschien unter dem Titel Как мне пришлось застраховать жизнь (dt. Wie kann ich mein Leben versichern) in der Zeitschrift Южный край (Südliches Land) im Oktober 1903 in Charkow, wohin er Anfang der 1900er Jahren übersiedelt war; er selbst jedoch erachtete als sein literarisches Debüt die Erzählung Праведник (1905, dt. Die Gerechten). Zwischen 1905 und 1907 arbeitete er redaktionell für die satirischen Zeitschriften Штык (Bajonett) und Меч (Schwert) und veröffentlichte teilweise unter verschiedenen Pseudonymen. Als er mit den dortigen Zensurbehörden Schwierigkeiten bekam, ging er 1908 nach Sankt Petersburg. In der Hauptstadt wurde er Mitarbeiter kleinerer Publikationen, darunter der Zeitschrift Стрекоза (Drachenfliege). Als die Zeitschrift viele Abonnenten verlor, gründete er mit einer Gruppe von jungen Mitarbeitern der Zeitschrift ein neues Magazin mit dem Namen Сатирикон (Satyrikon, 1913 das Новый сатирикон, (Neues Satyrikon), dessen Herausgeber er bald wurde und das rasch populär wurde. Viele seiner dort erschienenen Kurzgeschichten kamen auch in Theatern zur Aufführung.
In den Jahren 1911 und 1912 reiste er zweimal in das westliche Europa und sammelte auf diesen Reisen Material für seine satirischen Erzählungen. In dieser Zeit entwickelte sich Awertschenko zum führenden Satiriker der ausklingenden Zarenzeit. Es gelang ihm für seine Zeitschrift die Mitarbeit bedeutender Illustratoren wie Iwan Bilibin und Autoren wie Wladimir Majakowskij zu gewinnen. Als sich nach der Oktoberrevolution die Situation dramatisch veränderte und das gesamte Personal der Zeitschrift eine ablehnende Haltung gegenüber des sowjetischen Regime einnahme, verboten im Juli 1918 die Bolschewiki das Новый сатирикон. Awertschenko ging daraufhin in seine Geburtsstadt Sewastopol, das zu dieser Zeit in der Hand dern “Weißen” war, und arbeitete dort ab Juli 1919 als Journalist für die Zeitung Юг (Süden) (später Юг России, Südrußland). Nachdem am 15.11.1920 auch Sewastopol in die Hände der “Roten” geraten war, gelang es Awetschenko mit einem der letzten Schiffe die Heimat in Richtung Konstantinopel zu verlassen, wohin sich viele russische Flüchtlinge gerettet hatten. 1921 veröffentliche er in Paris zahlreiche Pamphlete unter dem Titel Дюжина ножей в спину революции (dt. Ein Dutzend Messer im Rücken der Revoluton), in denen die Charaktere seiner Geschichten ihre nostalgischen Gefühle in Bezug auf die vergangenen Zeiten zum Ausdruck brachten. Im April 1922 ging er zunächst nach Sofia, dann nach Belgrad und ließ sich schließlich im Juni 1922 in Prag nieder, wo er sich im Hotel Goldene Gans am Wenzelsplatz ein Zimmer mietete. Auch in der Emigration gelang es ihm, sich erfolgreich zu behaupten .Im Jahr 1923 kam im Berliner Verlag Nord seine Sammlung von Immigrantengeschichten unter dem Titel Записки Простодушного (dt. Naive Bemerkungen) heraus. Über die Schwierigkeiten im Umgang mit der Sprache veröffentlichte er das Werk Трагедия русского писателя (dt. Tragödie eines russischen Autoren). In der Tschechoslowakei aber erlangte er bald großen Erfolg; er arbeitete für die bekannte Prager Presse, und viele seiner Werke wurde ins Tschechische übertragen. Nach einer Operation im Jahr 1925, bei der ihm eine Auge entfernt werden mußte, erkrankte er schwer und wurde bewußtlos in das Prager Städtischen Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte eine „Schwächung des Herzmuskels, die Erweiterung der Aorta und eine Nierensklerose“ diagnostizierten, konnte er nicht mehr gerettet werden.

***

Awertschenko karikierte sowohl das Leben in der Zarenzeit als auch unter den Bolschewiken und in der Emigration, es ging ihm aber nicht um Kritik an politischen Verhältnissen. Sein Humor ist menschenfreundlich, oft melancholisch. Er setzt überraschende Pointen und erzielt Situationskomik. Von den Kommunisten wurde er angefeindet. Lenin bezeichnete seine Erzählungen aus der Emigrationszeit als „Verleumdungen eines bis zum Wahnsinn erbitterten Weißgardisten“.

Erzählungen, Essay und weitere Texte von Arkadij Awertschenko finden Sie in unserem Magazin hier.