Kategorie: Kolumnen

Cats Kolumne: Götter der Geradlinigkeit • V01.16

Paul Klee - Ein Paar Götter - 1924
Paul Klee – Ein Paar Götter – 1924
Eigentlich glauben viele von uns gar nicht mehr an so etwas wie Religion, Götter oder gar einen Leitfaden, an dem wir uns festhalten, um nicht den Überblick zu verlieren. Oder? Eine Übersicht der „neuen Götter“, denen wir im Leben begegnen. 

Hora und Sekundos – die Götter der Zeit. Eigentlich tun sie nicht viel. Nur hin und wieder an uns vorbeiziehen und uns zu ermahnen, dass sie nicht immer für uns da sein werden, dass sie uns irgendwann unweigerlich verlassen müssen. Es gilt also, ihre Anwesenheit so erfüllend und gewinnbringend wie möglich zu nutzen!

Effizienza und Ratio – die allgegenwärtigen Götter der Wirtschaft, des Konsums und des Nutzens. Sie sind präsent, wo auch immer wir uns bewegen. Auf der Arbeit sprechen sie durch Vorgesetzte und Bilanzen; zu Hause zeigen sie sich in vollautomatischen Maschinen, Putzplänen, Einkaufslisten und in der Steuererklärung.

Curriculum und Vita: Geradlinigkeit ist gefragt, und die Frage: „Was bringt mir das im Leben? Was halten die anderen davon?“ Curriculum und Vita erinnern uns daran, dass all unsere Entscheidungen Konsequenzen haben. Konsequenzen, die zu unserem Vorteil oder Nachteil werden können.

Disciplina oder Minerva - es waren beiderlei Beschreibungen für dieses Bild zu finden.
Disciplina oder Minerva – es waren beiderlei Beschreibungen für dieses Bild zu finden.

Reputatio und Perfekta: Diese beiden Götter erinnern uns immer wieder daran, wie wichtig der Eindruck ist, den wir bei ihren anderen Jüngern hinterlassen. Sie lehren  und ermahnen uns, eine Fassade aufzubauen, die uns die meisten Vorteile bringt.

Disziplina und Stringento: Dieses Götterpaar verkörpert Zielstrebigkeit und harte Arbeit. Sie vermitteln uns: „Wenn du dich nur genug anstrengst und schnell genug dabei bist, erwarten dich Wohlstand und Anerkennung. Wenn du zu faul oder langsam bist, soll dir das eine Lehre sein.“

Kritika und Optimus: Diese beiden begegnen uns oftmals in Form anderer Mitmenschen. Zum Beispiel in denen, die uns sagen: „Du hast auch schon einmal besser ausgesehen“, oder: „Du bist auf dem besten Weg, noch mehr zu erreichen!“   Einfach zufriedenzustellen sind sie aber nicht- und sie verlangen viele schwere Opfer.

Betrachtet man diese Menge an versteckten Göttern und Glaubensrichtungen, glaube ich kaum noch daran, dass die meisten von uns wirklich Atheisten sind. Eher daran, dass die Religion der Geradlinigkeit vielleicht die ist, weswegen wir manchmal Atheisten werden sollten. Was meinen Sie?

Hochzeit der Hebe und des Herakles (apulisches Vasenbild) - 1870
Hochzeit der Hebe und des Herakles (apulisches Vasenbild) – 1870

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Die Poesie des Osmanischen Reichs  • Ibrahim Pascha • Der Kuss des Wassers an die Erde

Die Poesie des Osmanischen Reichs
– Der Kuss des Wassers an die Erde –

Foto: Emre Sevener
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Die Poesie der Osmanen war wohl eines der größten Reichtümer des Imperiums. Sie enthielt neben klaren Vorstellungen der Gefühlsausbrüche viele Weisheiten. Faszinierend sind die Metaphern, die das Leben und gar den Tod in ihrer ganzen Tiefe beschreiben und die Verhältnisse in der Natur mit der Existenz des Unsichtbaren, unserer Gefühle, vergleichen. Als Beispiel dessen möchte ich folgend eines der Gedichte des talentierten Pargali Ibrahim Paschas an seine geliebte Hatice Sultan vorstellen, dessen Leben und Herkunft dem unten aufgeführten Porträt zu entnehmen sind.

***

Hallo, geheimer Schatz, aufbewahrt in der Tiefe meiner Seele.

Eine Perle, sich auf dem Grund meines gebrochenen Herzens befindend, wie es sie kein zweites Mal gibt. Ein geheimer Flügel ohne den Flügel eines Vogels.

Hallo, meine Hoffnung und Stütze. Die Freude meiner Augen und meines Herzens. Der Sinn meines Lebens.

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, meine Liebe. Die Liebe erzählend, wünsche ich mir, mich aufzulösen, mit dir in ein Ganzes zusammenzufließen. Mein Herz ist gebrochen. Meine Flügel sind gebrochen, doch ich fliege mit der grenzenlosen Weite des Meeres.

Ich sehe nichts und höre nichts. Nur eines weiß ich – mein Weg geht der Liebe entgegen. Ist es nicht die Liebe, die den Regen herbeiruft? Sie verwandelt das Wasser in eine Wolke und die Wolke ins Wasser, gibt der Erde etwas zu trinken und hilft dem Leben aus dem Samen zu sprießen. Ist das irrsinnige Leuchten nicht vereinigt? Ist das Leuchten der Erde und des Wassers nicht das Leuchten zweier Liebender?

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, wie sehr ich Sie doch liebe und mich nach Ihnen sehne! Genauso liebt die Erde das Wasser und sehnt sich nach ihm. Sie erträgt nicht die Qualen der furchtbaren Hitze und durstet nach der leidenschaftlichen Vereinigung. Und wenn das Wasser verdunstet und zum Himmel emporsteigt, weiß es, dass die Zeit der Wiederkehr kommen wird. Es wartet ungeduldig. Es wird der Wind wehen und der Blitz funkeln. Es werden die Wolken weinen und das Wasser wird sich wieder mit seiner einzigen Geliebten vereinen und das Universum wird die Vereinigung der Liebenden begleiten.

(übersetzt von Maria Aronov)

***

Das Porträt des Paschas

Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha (Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)
Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha
(Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)

Ibrahim Pascha, geboren um 1493 im Dorf Epirus bei Parga, war der Sohn eines griechischen Fischers. Als Kind wurde Ibrahim versklavt und kam später an den Osmanischen Hof, an dem zu dem Zeitpunkt Selim I regierte und Süleyman erst der Thronfolger, Sehzade war. Der junge Sehzade und Ibrahim, der ihm nicht mehr von der Seite wich, verstanden sich gut. Sie wurden nicht nur zu Freunden, sondern zu Herzensbrüdern. Ibrahim war dazu bereit, seinem Herrn und Freund sein Leben zu Füßen zu legen. Dies stellte er unter Beweis, als er bei einem Attentat auf seinen Freund sein Leben riskierte, um das des Thronfolgers zu retten.

Nach dem Tod seines Vaters, bestieg Sehzade Süleyman den Thron und wurde zum Sultan. Seinen besten Freund und Vertrauten, Ibrahim, ernannte er zum Vorsteher seiner Kammer. In der Zeit seines Dienstes am Hof, verliebte sich Ibrahim in Hatice, die Schwester von Sultan. Sie erwiderte seine Liebe, sodass die beiden, trotz ihrer Angst aufgrund der Standesunterschiede heiraten konnten. In dem Palast, wo die Beiden mit ihren zwei Kindern wohnten, befindet sich heute das Museum für türkische und islamische Kunst.

Seiner Geliebten spielte Ibrahim oft etwas auf der Geige vor, die ihn an die Zeit zu Hause in Griechenland erinnerte, wo er und sein Zwillingsbruder ihrer Mutter, einer begnadeten Geigenspielerin, lauschten. Ibrahim war nicht nur musikalisch talentiert, er schrieb auch wunderschöne Gedichte und förderte einen weiteren Dichter, Hayali am Hof. Die finanzielle Möglichkeit dazu, gab ihm seine Beförderung zum Großwesir des Osmanischen Reiches. Aufgrund seiner Intelligenz, die dem Sultan viele Siege einbrachte und auch der Freundschaft zu ihm, genoss er eine besondere Stellung am Hof und erhielt außergewöhnliche Vollmachten. Leider stiegen ihm diese im Laufe der Zeit zu Kopf. Der bescheidene griechische Junge war in ihm gestorben. Er protzte vor Hochmut, worauf ihn der Sultan einige Male hinwies und ihm gar viele übermütige Äußerungen verziehen hat. Eines Tages jedoch bekam Süleyman einen Brief von Ibrahim Pascha zu Gesicht, der ihm die Augen vor der bitteren Wahrheit öffnete und zeigte, dass sein Busenfreund nicht mehr der war, den er kennengelernt hatte. In diesem Brief erklärte er nämlich, weit über dem Sultan zu stehen und ihn dressieren zu können.

Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518
Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518 – CC BY-SA 3.0 – Uploadalt – Eigenes Werk, photographed at Musee Ecouen

Süleyman sah in Ibrahim auf einmal eine ganz andere Person. Es war nicht mehr sein Bruder und Freund, der sich an seiner Seite befand. Nach langen Zweifeln und Überlegungen, was er nun tut sollte, wandte er sich an einen Kadi, einen angesehenen und weisen Richter. Er fragte ihn, wie er denjenigen hinrichten könnte, den er immer sehr geliebt hat und trotz seines Vergehens immer noch liebt. Der Kadi riet dem Sultan dazu, den Schlaf über den Tod seines Herzensbruders entscheiden zu lassen. Er bezog sich dabei auf den Koran, denn dort sei beschrieben, dass alles, was während des Schlafes geschieht, nichts mehr mit dem realen Leben zu tun habe. Der Schlaf sei der Tod und alles, was passiert, während wir uns im Zustand des Schlafes befinden, sei nicht auf unsere Verantwortung zurückzuführen. Süleyman lud daraufhin den Pascha zu sich ein, hörte ein letztes Mal seiner rührenden Geigenmelodie zu und bat ihn später, im Palast zu übernachten. In der Nacht kämpfte Süleyman gegen den Schlaf, doch dieser bezwang ihn. Ibrahim wurde währenddessen erdrosselt. Dies geschah am 15 März 1536 in Istanbul.

Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes
Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes

Cats Kolumne: Zerrbilder • Überlegungen zur Wahrheit

Zerrbilder • Überlegungen zur Wahrheit

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Bild dir nicht ein, dass es das Perfekte gibt.
Nichts auf dieser Welt ist perfekt,
Auch wenn manche Oberflächen keinen Kratzer zeigen.

Bild dir nicht ein, du seist ein Versager.
Manchmal dauert der Weg zum Ziel länger.
Steh wieder auf und geh in kleinen Schritten weiter.

Bild dir nicht ein, du kannst nicht scheitern.
Wer am höchsten fliegt, fällt am tiefsten.
Habe immer einen Plan, wie du schnell wieder aufstehst.

Bild dir nicht ein, du hast immer recht.
Was für dich stimmt, muss nicht auf alle passen.
Um alles zu wissen, müsstest du jedes andere Leben gelebt haben.

Bild dir nicht ein, andere wissen alles besser als du.
Du weißt am besten, was dir gut tut.
Du allein hast die Karte für deinen Weg in der Hand.

Bild dir nicht ein, du kannst nichts.
Jeder von uns kann irgendetwas besser als andere Dinge.
Versuche, das zu sehen, was dich einmalig macht.

Bild dir nicht ein, du kannst alles allein.
Menschen sind keine Einzelkämpfer.
Du musst nicht alles allein schaffen, arbeite mit anderen zusammen.

Bild dir nicht ein, du seist das Zentrum der Welt.
Aus der Distanz betrachtet, sind wir uns alle so ähnlich
und eine Lebenszeit dauert eigentlich nur einen Augenblick.

Bild dir nicht ein, du seist unwichtig.
Deine Schritte können erst einmal klein aussehen.
Doch du bist auf einem guten Weg, etwas zu bewegen.

Bild dir nicht ein, du musst dich verstecken.
Jeder Mensch hat etwas Besonderes an sich.
Du musst nur auch auf das achten, was nicht gleich sichtbar ist.

Bild dir nicht ein, dein Spiegelbild täusche dich nicht.
Jeder hat eine eigene Sicht auf sich und die Welt.
Vergiss nicht, die anderen so zu achten wie dich selbst.

Glaube nicht alles, was du siehst und hörst.
Die Welt ist voller Zerrbilder.
Manche glänzen übermäßig, manche sind in Schwarz-Weiß gemalt.

Verlasse dich nicht auf Zerrspiegel.
Tritt einen Schritt zurück und betrachte die Bilder neu.
Nimm neue Perspektiven ein; denn nur so findest du deine eigene Wahrheit.

Haydn – Über seine Vorbilder und wen er verehrte

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Joseph Haydn, Schwerpunkt des diesjährigen SHMF, galt als Genie und Musikerneuerer. In loser Folge veröffentlichen wir Beiträge zu diesem musikalischen Vorbild.

Franz Joseph Haydn (Rufname: Joseph, * 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Niederösterreich; † 31. Mai 1809 in Wien) war Komponist zur Zeit der Wiener Klassik. Er war Bruder des Komponisten Michael Haydn und des Tenors Johann Evangelist Haydn.

Den größeren Teil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Haydn als Hofmusiker auf dem Landsitz der wohlhabenden ungarischen Familie Esterházy, wo er deren Orchester und Oper leitete. Die Abgeschiedenheit von anderen Komponisten und musikalischen Strömungen beschrieb er mit dem bekannten Zitat: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“

1797 vertonte Haydn für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Franz II. das hierzu bei Lorenz Leopold Haschka ebenfalls vom Hof bestellte Gedicht Gott! erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!. Die Melodie war bis zum Ende der Habsburgermonarchie 1918 die der Österreichischen Kaiserhymnen und fand auch danach noch in der Ersten Republik Anwendung. Im Jahr 1841 wurde ihr das extra hierzu gedichtete Lied der Deutschen von Heinrich Hoffmann von Fallersleben unterlegt, das in dieser Form 1922 die Hymne des damaligen Deutschen Reiches wurde.

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Nicola Antonio Porpora - Maler unbekannt - 18. Jhrdt.
Nicola Antonio Porpora – Maler unbekannt – 18. Jhrdt.

Obgleich Haydn einmal scherzhaft äußerte, dass er von allen geliebt und geachtet werde, ausgenommen von Musikgelehrten , so waren doch gerade die größten Musiker stets bereit, der anderen Größe anzuerkennen. Haydn selbst scheint von Eifersucht gänzlich frei gewesen zu sein. Seine Bewunderung für den berühmten italienischen Komponisten und Gesangslehrer Nicola Antonio Porpora ging so weit, dass er sich entschloss, sich Zutritt zu seinem Hause zu verschaffen und sein Diener zu werden. Nachdem er die Bekanntschaft der Familie gemacht hatte, in der der „Virtuose der italienischen Arie“ lebte, betraute man ihn mit dieser Aufgabe. Jeden Morgen bürstete er jetzt den Rock des alten Herrn aus, putzte die Schuhe und brachte seine Perücke in Ordnung. Zuerst war Porpora über den Eindringling aufgebracht; aber sein Unwille besänftigte sich bald und ging in Zuneigung über. Er entdeckte das Genie seines Dieners und geleitete ihn durch entsprechenden Unterricht auf jene Bahn, auf welcher Haydn später solche Bedeutung erlangte.

Haydn selbst war ein begeisterter Bewunderer Händels. »Er ist unser aller Vater,« sagte er einst. Scarlatti folgte voll Bewunderung Händel durch ganz Italien und wenn sein Name genannt wurde, bekreuzigte er sich zum Zeichen der Verehrung. Mozart zollte dem großen Komponisten nicht weniger herzliche Bewunderung. »Wenn Händel will,« sagte er, »so fährt er drein wie der Donnerkeil.« Beethoven pries ihn als den »König im Reiche der Musik.«

Als Beethoven auf dem Sterbebett lag, sandte ihm einer seiner Freunde Händels Werke in vierzig Bänden als Geschenk. Sie wurden in sein Zimmer gebracht und sie mit wieder erstrahltem Glanz in den Augen in sich aufsog. Dann rief er aus, mit dem Finger auf sie zeigend: »Hier – hier ist die Wahrheit!«

Joseph Haydn - KompositionHaydn erkannte nicht nur das Genie derer an, die vor ihm lebten, sondern auch seiner jungen Zeitgenossen wie Mozart und Beethoven. Engstirnige Menschen mögen auf ihre Genossen neidisch sein, aber wahrhaft große Männer suchen und lieben einander. Über Mozart schrieb Haydn: »Ich wünschte nur, ich könnte jedem Freunde der Musik und besonders großen Männern dieselbe Tiefe musikalischer Sympathie und die Wertschätzung der unnachahmlichen Musik Mozarts mitteilen, die ich empfinde und genieße; dann würden Nationen miteinander ringen, um solch ein Juwel in ihren Grenzen zu besitzen. Prag sollte sich nicht nur bemühen, diesen köstlichen Mann festzuhalten, sondern ihn auch gebührend zu belohnen; denn ohne dies ist die Geschichte eines großen Genies wahrhaft traurig …. Es bringt mich auf, dass der unvergleichliche Mozart noch nicht von einem kaiserlichen oder königlichen Hof engagiert worden ist. Vergebt mir meinen Zorn; aber mir ist der Mann so teuer.«
Mozart erkannte ebenfalls die Verdienste Haydns hochherzig an. »Mein Herr,« sagte er zu einem Kritiker, als sie von jenem redeten, wenn Sie und ich verschmolzen würden, so würden wir noch nicht genug Material für einen Haydn liefern.« Und als Mozart zum ersten mal Beethoven hörte, bemerkte er: »Hören Sie diesem jungen Manne zu, und seien Sie versichert, dass er sich in der Welt einen großen Namen erringen wird.«

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus • Ein Gedankengang

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus

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Noch bevor ein Kind die gesprochene Sprache verstehen gelernt hat, beginnt es zu erzählen. Der zahnlose Greis, der nicht mehr fähig ist, neues zu lernen, neuen Sinn zu erfassen, kann dennoch vom Erzählen nicht lassen; mit schmal gewordenen, blassen Lippen murmelt er Undeutliches;. Wenn aber jemand diese Worte als zu verstehen vermag, dann kann er meisterhaft Erzähltes aus einem Munde aufnehmen, der sonst scheinbar von allem Leben, aller Liebe abgewandt ist. Denn einem Geiste, längst dem tätigen Dasein entfremdet, kann immer noch eine klare, reine Quelle entspringen; das Gedächtnis, dem die jüngsten, wirklichsten Ereignisse entgleiten, hält immer noch die ältesten Bilder in unzerstörbarer Treue und Liebe fest.
Überwiegend ursprünglich lebende Völker, wie Südseeinsulaner, Eskimos und Lappen, haben die Erzählkunst schlechthin vollendet. Dagegen sind viele gebildete, geistig hochstehende Menschen kaum in der Lage eine kleine, schlichte Erzählung zustande zu bringen. Können sie es aus dem Grund nicht, aus dem pubertierenden Jungen das Malen und Zeichnen verlernt haben, das ihnen mit vier Jahren, zum Staunen aller Erzieher, wie durch Gnade angeboren schien?

market-1154999_640Wir dürfen annehmen, dass ein jeder Mensch »von Natur« erzählen kann; schließlich machen es uns Babys bereits vor. Daher dürfen wir auch annehmen, das Erzählen nur verlernt wird. So wie der vierjährige Knabe das Malen „vergessen“ hat.
Hört man den Marktbeschickern unter dem Baldachin ihrer Schirme zu, wie sie sich die Zeit der Marktstunden mit Gesprächen vertreiben, oder lässt man vor Gericht dem Angeklagten, dem Zeugen, besonders aus den eher „bildungsfernen“ Schichten, freien Lauf mit ihren Berichten, ihren Ausbrüchen, Eindrücken und Abenteuern, da hört man oft das Leben selbst sprechen. Werden aber diese Menschen aufgefordert, das eben in voller Blüte Erzählte nieder zu schreiben, dann ergibt sich meist nichts anderes als ein flaches, gefühlsduseliges, ödes Seemannsgarn.
Es scheint, da
ss der Grad der Naivität entscheidet. Naiv, also absichtslos, ohne Rücksicht auf den Zuhörer und bisweilen ohne Rücksicht auf den Sinn, erzählt nur das Kind. Das Kind und der „Native“ haben reine Freude am Klang, am Lärm, an dem fragenden Zögern, an der aufreizenden Pause, am ruhig weitergezogenen, drei- und unendliche mal wiederholten Pendelschlag der Erzählung. Die Freude des Greises ist dagegen etwas wehmütig. Er empfindet den Durst, nochmals zu leben, in dem Augenblicke, da er nochmals sich reden hört. Er erzählt, solange er atmet. Solange er atmet, solange lebt er.

[avatar user=“JonasRehbaum“ size=“medium“ align=“right“]Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist „Die neun Pforten“ und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding.[/avatar]

Sollte man nicht annehmen, jeder Mensch könne wenigstens einen guten Bericht schreiben, nämlich den des eigenen Daseins und Dagewesenseins? Aber es sind autobiographische Bücher von Wert noch größere Seltenheiten als wertvolle Bücher überhaupt.
Es
muss also doch eine eigenartige Kunst des Erzählens geben. Oder es muss die angeborene, und wieder verlernte Kunst des Fabulierens aller Bildung, allem Schulwissen zu Trotz, wiedergefunden werden können. Man muss erzählen, naiv wie ein Kind, wissend und im Feuer geläutert wie ein Greis, aber das alles mit dem glühenden Glauben des Pubertierenden und der großen, ruhigen, tragenden Kraft des Mannes und der Frau. Die Vereinigung dieser Eigenschaften ist so selten wie die Vollendung überhaupt bei allen irdischen Kunstwerken. Regeln und Gesetze gibt es nicht.

Sich gerecht verteilen macht hier den Meister. Wer sich selbst zu sehr lauscht, der reißt wohl sein Werk von der Erde los, aber je höher er steigt, desto blendender, feuriger muss das Werk leuchten, sollen die Strahlen dann noch das Gewölk der Materie, den harten Kern des Wortes durchbrechen, um über Zeiten, über Zonen heraus zu wirken.
So sind Achill und Odysseus nicht einfach Figuren einer beliebigen Mythologie. Es sind Grundformen des menschlichen Wesens überhaupt, es ist
die Welt Heranwachsenden in Achill und die des Mannes in Odysseus. Ob nun ein einzelner oder ein Volk diese Gestalten mitentwickelt hat; sie sind nicht aus der Beobachtung einer fremden Welt entstanden, sondern dem Strom des eigenen Daseins entsprungen, dem Überfluss einer zweistromigen, einer umfassenden Seele.

 

Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert
Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert

Und sind die Buchstaben der homerischen Gedichte heute so weit verblasst, dass wir nicht mehr wissen, wie sie geklungen haben, hat sich der Sinn der homerischen Welt auch so weit verändert, dass uns die Worte Sieg, Tod, Kampf, Meer und Irrfahrt, Troja und Penelope ganz anderes bedeuten, als sie dem Schöpfer dieser Werke und ihren ersten Hörern bedeutet haben – so strahlt doch, eben über die Zone der griechischen Küste, über die Zeiten der heroischen Kämpfe, das Werk und mit ihm seine Helden, seine Meister. Denn was Homer gezeugt, getötet, lebendig gemacht, was er geschmäht und gerühmt hat, das geht tiefer als sein Gegenstand, es besteht länger als der Stein, aus dem seine Statue gebildet war.

Ganz dem Zuhörer hingegeben sein, nur mit dessen Zunge zu reden, mit dessen Vernunft zu denken, mit dessen Waage zu wägen, das macht ein Werk verständlich, eingängig und einheitlich. Solch ein Werk widerspricht sich nie. Aber so erzählen, wie der Durchschnitt der Menschen denkt und bewusst erlebt, das heißt: überhaupt nicht zu erzählen. Mit Rücksicht auf die Masse und deren Auffassung, Fassungskraft und schnell verflogener Liebe erzählen heißt, mit einem Pinsel in fließendes Wasser schreiben. Ganz ohne Sinn ist auch dies nicht. Es ist ein Geschäft, ein Beruf, und wenn man daran denkt, einer großen Anzahl von Menschen nach ihrer Arbeit und dem mühseligen Alltag ein wenig Unterhaltung zu gewähren, ist es sogar eine menschliche Berufung. In diesem Sinn soll man selbst den Kitsch nicht unterschätzen. Auch wenn es inzwischen schwerfällt, diesem zu entkommen.

iphone-926235_640Aber die Generation, aus deren Durchschnittsgefühl heraus dieser banale Erzähler erzählt, geht dahin. Schon die kommende Generation versteht die Existenz, geschweige den Erfolg solcher Werke nicht mehr, ja, man begreift nicht einmal, was die frühere Generation Schönes an diesen Werken gefunden haben mag.

Solche Werke sind so tot, dass man nie ermisst, wie sie je lebendig gewesen sein sollen. Es ist nur der mechanische Abdruck, der Restbestand der Massen darin, das Gestaltlose, künstlerisch Unerfassbare, das nie Organismus geworden ist und doch auch längst die Unschuld des rohen Stoffes eingebüßt hat. In diesem Sinne sind es traurige Momente der irdischen Vergeblichkeit, beschämend für den Sinn ihrer Zeit.

Cats KolumnenFotoalbum • Stand Februar 2016

Was wären Texte im Web ohne Bildwerk?! Unsere Kolumnistin fotografiert für ihre Beiträge selbst. Und da diese Aufnahmen eine schöne Ergänzung zum Menschen „Cat“ sind, gibt es diese Galerie rund um Cat, ihre Katzen & das Leben. Sie wird stetig erweitert.

Maria Aronov • Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/author/mariaaronov/“ target=“_blank“]Maria Aronov – Autorin, Lyriker, Dozentin[/avatar]

Platon (altgriechisch Πλάτων Plátōn, latinisiert Plato; * 427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 347 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Platon (altgriechisch = breit) war der Spitzname von Aristokles. Diesen bekam er wohl wegen seiner breiten Schultern.

Platon gehörte dem ältesten Adel von Athen an. Sein Vater Ariston soll ein Nachkomme der früheren Könige von Athen gewesen sein. Die Mutter von Platon, Periktione, war mit einem bekannten Athener Staatsmann des 6. Jahrhundert vor Christus verwandt. Nach dem Tod von Ariston heiratete sie zum zweiten Mal. Zu ihrem Mann wurde Pyrilampes. Er war ein Freund von Perikles, ein berühmter Staatsmann von Athen. Als junger Mann ähnelte Platons Verhalten den anderen Jungen seiner Zeit. Er bevorzugte eher die leichtfertige Lebensform mit Spaß und Spiel. Später dichtete er, aber den philosophischen Geist in ihm erweckte sein Lehrmeister Sokrates. Es interessierten ihn aber auch Ringkämpfe. Den Überlieferungen nach soll er zweimal die Isthmischen Spiele gewonnen haben. Diese stellten Wettkämpfe im antiken Griechenland dar, ähnlich den späteren olympischen Spielen. Den Namen erhielten sie nach dem Isthmos (einer Landenge) von Korinth.

Platon

Als Platon 20 wurde, wollte er sich der Politik widmen, bis er feststellte, dass die damalige Politik Athens überhaupt nicht dem entsprach, was er sich vorstellte. Er entschied sich also dazu, sich dem Kreis der Sokratiker anzuschließen. Platon studierte im griechischen Megara, wo er Logik bei Euklid studierte, dann begab er sich nach Ägypten und Nordafrika.

Auf seiner Reise nach Italien und Sizilien, wo er im Jahre 389vor Christus war, studierte er die Lehre von Pythagoros, dessen Grundgedanke war, dass das ganze Dasein einer genauen mathematischen Ordnung unterläge.

Maria Aronov - Platons Akademie4Als Platon 40 wurde, wurde er von Dionysios gerufen. Platon Aufenthalt bei ihm endete jedoch damit, dass er als Sklave verkauft wurde. Der Grund dafür war, dass Platon den Tyrannen Dionysios umerziehen wollte. Zum Glück konnte Platon von einem Freund freigekauft werden und nach Athen zurückkehren. Durch Unterstützung einiger Gönner, konnte Platon außerhalb der Stadt eine Schule eröffnen, die zur ersten Universität Europas wurde. Er nannte sie Akademia. Der Name beruhte auf dem örtlichen Halbgott Akademus.

Die Schule war sowohl für Frauen als auch Männer offen. Unter ihnen befand sich auch Aristoteles. Die Fächer waren politische Theorie, Gymnastik, Philosophie, Biologie, Mathematik und Astronomie. Der Unterricht war kostenlos.

Die Lehre Platons reichte von der abendländischen Philosophie über das Christentum und die islamische Weltvorstellung des Mittelalters, über die Renaissance bis hin zum 21. Jahrhundert. Die Akademia wurde jedoch im Jahr 529 nach Christus durch den byzantnischen Kaiser Justinian I geschlossen. Laut dem Werk des alexandrinischen Philosophen Philo Judaeus hatte Platon eine große Wirkung auf die jüdische Gedankenwelt des ersten Jahrhunderts. Im dritten Jahrhundert wurde durch Plotin der Neuplatonismus gegründet.

Bei Florenz wurde im 15. Jahrhundert Academica Platonica gegründet. Dort wurden den Akademie-Besuchern die Werke Platons im griechischen Original vermittelt.

Trotz seines Erfolgs, Talents und der Anerkennung musste Platon seinen Traum, mithilfe der Philosophie das Leben eines idealen Staates zu realisieren, aufgeben. Einen großen Einfluss darauf hatte seine Flucht aus dem Gefängnis, als er zum zweiten Mal versucht hat, den Herrscher Dionyses umzuerziehen.

Archäologische Fotos von Platons Akademie – Aufnahmen von Maria Aronov

In der Zeit des peloponnesischen Krieges (zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter seiner Führungsmacht Sparta dauerte, unterbrochen von einigen Waffenstillständen, von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner) träumte Platon davon, den Idealismus zu finden. Dieser sollte bruchfest sein und für alle Lebenslagen gelten. Platons Idealismus sollte auf dem Geist beruhen. Nur unsere Vorstellung davon, was wir sehen, macht seiner Ansicht nach die Erkenntnis möglich. Die einzig wahre Welt war für Platon die Welt der Ideen. In seiner Ideenlehre geht es um die Wichtigkeit der Wahrnehmung und des Wissens. Die Ideen selbst lassen sich nur durch ihre Wirkung erkennen. Um die Ideenwelt zu beschreiben, nimmt Platon die Sonne und vergleicht sie mit der Idee des Guten. So, wie die Sonne die Welt beleuchtet, bringt die Idee des Guten in das Unsichtbare die Wahrheit. Das Gute steht nach Platon über allem, wozu auch unser Sein gehört. In seinem Höllengleichnis kritisiert er die Bequemlichkeit des Menschen in einer Scheinwelt. Das bedeutet, dass die Wahrheit lieber verschwiegen wird. Dies war auch gegen die Vorstellung von Sokrates, der bis zu seiner Hinrichtung die Wahrheit so weit wie möglich verbreiten wollte.

In den zahlreich ideal verfassten Schriften Platons wird seine Suche nach der ewigen Wahrheit erläutert und berührt bis heute die Herzen und Seelen seiner Leser.

Weitere Texte zu Platon und seine Zeit finden Sie hier.

Dr. Peter Jensen: Darf ich bei der ganzen Scheiße die hier passiert, glücklich sein?

Jule hat mir geschrieben: In meinem Leben läuft alles rund. Ich, 23 Jahre jung, habe eine tolle Familie, sehr gute Freundinnen und Freunde auf die ich immer zählen kann und seit einem Jahr bin ich in einer glücklichen Beziehung. Im Sommer habe ich meine Lehre abgeschlossen und habe einen festen Job. Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben, habe alles was ich brauche und freue mich darüber; jeden Tag. Für die Zukunft habe ich tolle Ziele und viele Träume das gibt mir jeden Tag kraft und macht mich zufrieden, auch an Tagen an denen es nicht rund läuft (Job, Freunde, Stress etc.)! Sie sehen, ich schwärme geradezu von meinem Leben; was nicht nur daran liegt, dass ich ein Gefühlsdusel bin.
Jetzt zu meiner Frage: „Darf“ man überhaupt so glücklich sein? Es gibt auf der Welt so viele furchtbare und ungerechte Ereignisse, dass ich manchmal denke: Es ist angesichts des Grauens unangemessen und ungerecht, das ausgerechnet ich so glücklich bin und dies auch zeige.

Dr-Peter-JensenNun ja, das ist eine Frage, die sich ohne großen Aufwand mit ironischem Unterton beantworten lässt; insbesondere in Deutschland: Es ist in der Tat unangemessen, Sie leben in einem Land, in dem es en vogue ist, alles auf die gleiche Messlatte zu legen. Was bedeutet: wenn Sie ernst genommen werden wollen, müssen Sie im Gleichschritt gehen. Auch wenn heute so getan wird, als ob diese Zeiten lang vorbei sind; es ist eine „akzeptierte“ Lüge. Schauen Sie sich einfach mal die Diskussion um das „bedingungslose Grundeinkommen“ an. Aber das führt jetzt zu weit.

Mal im Ernst:
Es ist nicht nur Ihr gutes Recht, trotz allem was wir uns auf dieser Welt antun, glücklich zu sein. Es ist sogar Ihre „heilige Pflicht“! Sie leben in einem der sicheren und reichen Land. Sie haben die besten Startbedingungen für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Und sind es dann meistens doch nicht. Weil wir als Mensch immer mehr wollen. Von allem. Wir sehen und begreifen nicht, was wir eigentlich (an uns) haben. Das empfinde ich als viel schlimmer an, als wenn wir trotz stürmischer Zeiten glücklich sind. Unsere ewige Unzufriedenheit ist eine wahrhaftige Ohrfeige ins Gesicht aller Flüchtlinge dieser Erde und jedes hungernden oder unterdrückten Menschen wo auch immer.

Wenn wir nicht begreifen, dass wir die Welt zu einer besseren machen, wenn wir unserer eigenen privilegierten Ausgangslage bewusst werden und aufhören, uns über Kleinkram zu grämen und ständig mehr wollen, anstatt das Vorhandene zu lieben und zu schätzen, dann haben wir den Sinn des Lebens nicht begriffen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass wir es gut haben. Das heißt nicht, dass wir Schuldgefühle dafür hegen sollen, im Gegenteil. Aber es heißt, dass wir das beste daraus machen müssen und dafür sorgen, dass wir im Einklang mit uns selber und unseren Nächsten leben. Wenn Sie glücklich sind, liebe Jule, dann profitiert Ihr nächstes Umfeld direkt davon. Und davon wiederum das weitere Umfeld. “Nächstenliebe ist kein naives Konzept. Sie ist der erste Dominostein, der diese Welt zu einer besseren werden lässt.”

Genießen Sie Ihr Leben in vollen Zügen. Seien Sie so glücklich, wie Sie nur können. Und:teilen Sie dieses Gefühl mit möglichst vielen Menschen. Das ist Ihre Verpflichtung. Das ist Ihre Verantwortung.

Bringen Sie die Steine in Bewegung.

Ihr Peter Jensen

Tayyib Salih • Die Hochzeit des Zain • Eine Erzählung • Unionsverlag

Cover der Ausgabe des Unionsverlag
Cover der Ausgabe des Unionsverlag

Die Geschichte beginnt damit, dass verschiedene Leute im Dorf erfahren, dass ein Mann namens Zein verheiratet werden soll. Zein ist nicht, was die meisten als attraktiv bezeichnen würden, ist er dürr wie eine knorrige Ziege, haarlos und durch den Akt der Geister hat er bis auf zwei vordere Zähne alle anderen verloren. Trotz seiner skurrilen Art und seinen unersättlichen Appetit, ist Zein beliebt im Dorf. Immer wieder verliebt er sich in die schönsten Frauen des Dorfes; ist er dann mit dieser Liebe erfüllt, lässt er dies alle Welt wissen. Es vergeht dann kaum Zeit und die ersten „edlen Freier“ buhlen um diese Frauen.

Kein Wunder also, dass sich die Mütter sehr um Zains Gunst bemühen, um ihre Töchter durch diesen erfolgreichen Liebesboten an die besten Männer der Gegend zu vermitteln. Niemand scheint es aber wirklich wahr zu nehmen, dass Zain sich zwar ständig verliebt aber am Ende doch allein bleibt. Zu wichtig ist die „gute Partie“ für die Familien, denn die bringt reiche Mitgift.

Der Zain ist aber nicht nur ein erfolgreicher Kuppler, er ist Bindeglied für alle Gruppen im Dorf, welches in drei große Lager gespalten ist: den Anhängern des Imam und dessen Gegners, die zum größten Teil aus jungen Männern besteht.  Die einflussreichste Gruppe besaß alle Felder des Dorfes, die Männer waren alle verheiratet, hatten Kinder und trieben Handel. Sie kümmerten sich um alle offiziellen Feierlichkeiten und sorgten für den reibungslosen Ablauf. Der Zain stand ganz für sich; er schlichtet Streit, führt mit seiner fröhlichen Art immer wieder zusammen und spricht mit den Randgruppen des Ortes, denen eher aus dem Weg gegangen wird.  So hält er eine Gemeinschaft zusammen, die immer wieder auseinander zu brechen droht.

Eines Tages nun prophezeit im sein Freund Hanin, dass auch er sein Glück findet und das beste Mädchen im Dorfe heiraten wird. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Dorf und sorgt und scheucht alles Leben auf. Diese Hochzeit würde alle boshaften Stimmen verstummen lassen und Zain zum Manne werden lassen.

Die Hochzeit von Zain ist eine reizvolle, gut zu lesende Erzählung über eine bunte Gemeinschaft und den sehr liebenswerten Mann in ihrer Mitte. Es ist das Buch für Leser, die fernab des Mainstreams Literatur und fremde Kulturen entdecken wollen. Die Szenerie einer traditionellen, muslimischen Stadt im Sudan an der Schwelle zu Wachstum und Modernisierung, ist gelungen umgesetzt. Die Kultur wird mit Liebe, Zuneigung und Kenntnis porträtiert.
Die Hochzeitsfeier selbst ist so rührig und anschaulich beschrieben, dass ich meinen könnte unter den Feiernden zu sein. Und am Ende feiert man Zains Hochzeit mit, aus Freude, dass es dieser Zausel geschafft hat, das Glück zu finden.

Die Erzählung „Die Hochzeit des Zain“ gilt als die berühmteste des Sudan und wurde 1976 verfilmt. Die arabische Erstausgabe erschien 1966 unter den Titel „Urs-az-Zain“. Trivia zur Verfilmung: Der wurde in Kuweit produziert. 1978 wurde er zu den „Oscars“ für die Rubrik „Bester ausländischer Film“ eingereicht. Das Werk scheiterte bereits bei der Nominierung. Dies war der letzte Beitrag, den Kuweit seitdem eingereicht hat.

Die Übersetzung stammt von Stafan Reichmuth, aktuell Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum.

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Der Autor:

Foto: Unionsverlag
Foto: Unionsverlag

At-Tayyib Salih [arabisch الطيب صالح, DMG aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, auch Tayeb Salih, Tajjib Salich, Tajjeb Salech]wurde 1929 in der Nordprovinz des Sudan geboren und verstarb 2009 in London. Er war mit einer Engländerin verheiratet und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Er studierte in Khartoum und arbeitet eine Zeitlang als  Lehrer, bevor er seine Ausbildung in England fortsetzte. Er arbeitet für dei BBC und bekleidete verschiedene Posten bei der UNESCO.

Ein zentrales Thema seines Werkes ist die Überschreitung kultureller Grenzen zwischen traditioneller sudanesischer und westlicher Kultur.

Werke auf Deutsch:

Die Hochzeit des Zain. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992; Originalausgabe ʿUrs al-Zain. 1966
Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Zeit der Nordwanderung. Roman. Lenos, Basel 1998, ISBN 3-85787-267-5 (gebunden); ISBN 3-85787-662-X (Taschenbuch)

Eine Handvoll Datteln. Erzählungen. Lenos, Basel 2000, ISBN 3-85787-295-0

Taschenbuchausgabe, zusammen mit Zains Hochzeit, als: So, meine Herren. Sämtliche Erzählungen. Lenos, Basel 2009, ISBN 978-3-85787-725-4

Bandarschâh. Roman.Lenos, Basel 2001, ISBN 3-85787-322-1

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Das Buch erschien im Unionsverlag  Zürich:
Hardcover – gebunden
Vergriffen. Keine Neuausgabe
128 Seiten
ISBN 978-3-293-00180-0
€ [D] 12.00 / sFR 21.20
Unionsverlag

Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Johann Thieme: Aufschieberitis

Hallo Johann, folgendes Problem plagt mich: Ich schiebe alles solange auf wie es nur irgendwie geht (Masterarbeit, Wäsche waschen, Ferien buchen etc.), und bekomme dann gegen Schluss immer Mordsstress. Zusätzlich ärgere ich mich über mich selbst, da dieser Schlamassel vermeidbar gewesen wäre. Meistens kriege ich es noch hin, aber ich bin durch dieses Aufschieben schon mehrmals böse auf die Nase gefallen. Trotzdem geht das Spiel beim nächsten Mal wieder fröhlich aufs neue los! Ich verstehe mich nicht – wieso stresse ich mich selbst so, obwohl es auch anders gehen würde? Ich habe schon viel versucht, und Dutzende Sachbücher darüber gelesen. Dennoch falle ich immer wieder in das alte Muster zurück. Hast du einen Rat, wie ich das ändern kann? Herzlichen Dank und liebe Grüße, Patricia, 28

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Johann ThiemeHallo Patricia, Deine Frage hätte sie selber schreiben können. Ich mache es genau so. Alles auf den letzten Drücker. Ich kann für eine Aufgabe wochenlang Zeit haben, in der Regel nehme ich sie erst in Angriff, wenn ich wirklich nicht mehr anders kann. Das gilt für praktisch alles. Ich kann einfach nicht auf Vorrat arbeiten. Wenn ich mir morgen aus Versehen die Hände abhacken würde, dann wäre dies hier die letzte Kolumne gewesen, die ich jemals geschrieben habe, weil ich auch nicht nur eine einzige auf Vorrat habe.

Das hat mich früher auch furchtbar geärgert. Ich habe Menschen, welche ihre Planungen immer in bester Ordnung haben, weil sie ihre Aufträge in mundgerechten Stücken angehen, immer bewundert. Mir selbst liegt diese Herangehensweise aber einfach nicht. Es scheint, als bräuchte ich den Druck im Nacken bzw. das Wasser, das mir schon am Halse steht.

Ich habe versucht, es anzugehen. Die Klaviatur der Fachliteratur habe ich durch. Geholfen hat eigentlich nur eines: Die Vorstellung, wie befreiend es sich anfühlt, wenn man eine Aufgabe erledigt hat. Wenn Du dieses Gefühl schon einmal erlebt hast, dann kannst Du Dir das ja mal in Erinnerung rufen! Es ist wie eine Art Entschlackungskur, als würde man einen schweren Rucksack absetzen und einfach stehen lassen. Wunderbar!

Aktiviere dieses Gefühl und es wird Dir etwas leichter fallen, etwas anzugehen, wofür das Zeitfenster noch großzügig offen steht. Und ich schreibe mir voller Absicht “etwas leichter”, weil ich selbst weiß, dass es damit nicht getan ist. Die Art oder Unart, Dinge immer wieder aufzuschieben ist ein tief verankerter Charakterzug, wie Pünktlichkeit oder eben Unpünktlichkeit einer ist. Egal ob ich 10 Minuten oder 3 Stunden vor einem vereinbarten Termin aus dem Haus gehe, am Schluss muss ich mich immer sputen, um pünktlich zu sein.

Du kannst Dich darüber ärgern und Dir das Leben deswegen schwer machen. besser wird es dadurch nicht. Darum empfehle ich Dir vor allem einesakzeptiere auch Deine Macken und vermeintlichen Schwächen und sei bereit damit zu leben. Das ist die große Kunst, die es zu erlernen gilt. Ich musste das auch erst tun. Heute weiß ich, dass ich nur mit diesem selbstgemachten Druck funktioniere, dann aber dafür eine Arbeit abliefere, die stimmig ist und “funktioniert”. Inzwischen sehe ich es sogar als Stärke und erkenne, dass ich zu Ergebnissen fähig bin, welche die Kollegen niemals unter diesen Rahmenbedingungen schaffen würden. Meine extrem hohen Erwartungen an mich selber bewahren mich davor, etwas abzuliefern, was “geschlurft” oder ungenau ist. Ich bin sehr streng mit mir selbst und achte – gerade wegen meiner Arbeitstechnik – darauf, dass das Ergebnis meinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Wenn Du Dich auf diesen Punkt konzentrierst und Dir Techniken zulegst, welche diese Fähigkeiten unterstützen, anstatt dass Dich die ganze Zeit über Dein angebliches Manko definierst, dann wirst Du mit der Zeit die Vorteile Deiner Routine erkennen und anfangen, diese zu schätzen.

Einen herzlichen Gruß,

Johann Thieme.

Felix Pirner • Das aufgehende Sprachlicht • Ein Essay über das Bildhafte in unserer Sprache

SPRACHBILDER 

Felix Pirner - Foto: Privat
Felix Pirner – Foto: Privat

Es kommt uns nur selten zum Bewusstsein, wie bildhaft unsere Muttersprache arbeitet. Man könnte versucht sein zu sagen: Wenn wir uns ausdrücken, immer wieder kommen Bilder heraus. Es bedarf meist nur eines Winks, und wir erkennen diese Bildersprache. Wenn wir unter einem Einfluss stehen, fließen neue Erkenntnisse und Einsichten in uns ein. Auch Eindrücke drücken sich in unsere Seele ein und hinterlassen dort ihre Spuren. Wenn wir etwas begreifen, hat es unser Verstand in den Griff bekommen. Wenn wir das Wort Erziehung als Herausziehen ernst nehmen, wissen wir, dass man nur erziehen kann, was in einem Menschen angelegt und veranlagt ist. Ein Grübler versucht geistig in die Tiefe zu graben. Da er aber zu keinem Ergebnis kommt, setzt er immer von neuem an und bringt es nur zu kleinen Gruben, zu Grüblein. Wenn jemand entzückt ist, so zuckt gleichsam sein Körper vor ‚ Freude. Ist er entrüstet, so hat er seine Rüstung abgelegt und steht ohne diese Fassung, also fassungslos da. Der Beschränkte bleibt in den Schranken, die ihm gemäß sind. Der Einfältige ist nur einmal gefaltet und mit den vielfältigen Kniffen nicht vertraut. Der Gescheite hat einen scharfen Geist, mit dem er die Dinge und Begriffe gut zu sondern und zu scheiden weiß; er leistet geistig, was ein anderer tut, wenn er Holzscheite spaltet oder den Scheitel auf seinem Kopf genau abteilt. Wenn wir etwas entwickeln, so wickeln wir es aus, seien es Keime, Anlagen, Bilder oder Gedanken. Wer denkt noch daran, dass in dem Wort Geselle die Vorstellung eines Saales enthalten ist? Gesellen sind demnach Menschen, die in einem Saale zusammen sind, sich gesellen. Etwas Ähnliches meint das Lehnwort Kumpan, das nur der Lateiner versteht: Es bezeichnet einen Menschen, der mit mir Brot isst (cum = mit, panis = Brot). Der Kamerad befindet sich mit mir in der gleichen Kammer (lateinisch camera = Raum mit gewölbter Decke). Der Gefährte geht mit mir auf Fahrt, und der Genosse nutzt und genießt mit mir gemeinsamen Besitz. Das Wort Kumpan zeigte, dass sich bei den aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprache entlehnten Wörtern, den Lehnwörtern, der bildhafte Kern und die bildhafte Vorstellung verdunkeln und für den, der die jeweilige fremde Sprache nicht kennt, unverstanden bleiben. So sagt z. B. das Wort Fenster, das wir von den Römern übernommen haben (fenestra), nur dem etwas, der bis auf das von den Römern aus dem Griechischen übernommene Wort „phaino“ (sichtbar machen, scheinen) zurückgeht. Wir müssten Fenster also sinngemäß mit Scheiner übersetzen.
Der Hamburger Dichter und Fremdwortgegner Philipp von Zesen (1619—1689) empfand Fenster noch als lästiges Fremdwort und wollte es deshalb durch „Tagleuchter“ ersetzt wissen. Wenn der Engländer für unser Fenster „window“ sagt, so hat er bei diesem germanischen Wort eine bildhafte Vorstellung: Sein Fenster ist ein Windauge, sein Haus hat, wie es in ältesten Zeiten der Fall war, Luken, die ihm wie Augen erscheinen, durch die der Wind herein wehen kann. Ebenso bildhaft sprachen die alten Goten vom „Augentor“.

Auch das von den Römern mit dem Steinbau übernommene Wort Mauer (lateinisch: murus) vermittelt uns keine bildhafte Vorstellung, während das germanische Wort Wand uns an das Flechtwerk der Fachwerkbauten erinnert. In Wand ist noch das Flechten, das Hin- und Herwenden der Ruten und Zweige lebendig, durch das die Wände entstanden, die dann mit Lehm verschmiert und verputzt wurden. Der bildhafte Gehalt eines Lehn- und Fremdwortes wird nur dem deutlich, der die fremde Sprache beherrscht. Wenn er aber den ursprünglichen bildhaften Gehalt ernst nehmen wollte, bekäme das so leichthin gebrauchte Fremdwort einen anderen, meist tieferen und ernsthafteren Sinn, als er uns geläufig ist. Das vielgebrauchte Wort Materie z.B. müsste er mit Mutterstoff übersetzen (lateinisch: mater = Mutter), Urgrund alles Lebendigen. Nation würde demnach den Geburtszusammenhang bezeichnen (lateinisch: natus = geboren), -also nur Menschen gemeinsamer Abstammung meinen, könnte demnach mit dem Begriff Staat nicht verwechselt werden, der oft Angehörige verschiedener Nationalitäten in sich vereinigt. Die Natur würde zur Gebärerin und Mutter alles Lebens. So fasste sie ja auch Goethe im wahren Sinne des Wortes auf. Der schon genannte Philipp von Zesen wollte das Fremdwort Natur durch „Zeugemutter“ ersetzt wissen. Wer Griechisch kann, weiß, dass der Kosmos nichts anderes als die bildhafte Vorstellung des schön Geordneten ist. Das Wort ist in diesem griechischen Sinne für uns noch in Kosmetik (Schönheitspflege) lebendig. Ein Text ist eigentlich etwas Gewebtes (lateinisch: textilis = gewebt; vgl. Textilien). Ein guter Text wäre demnach ein Gewebe von Wörtern und Sätzen, was ja auch zutrifft.

VERWANDTSCHAFTEN

Oft genügt nur ein Wink, und uns geht bei der Betrachtung von Wörtern ein Sprachlicht auf. Wir entdecken geheime oder auch offenbare Verwandtschaften und Zusammenhänge. Sobald ich weiß, dass ausmerzen mit dem Monat März zu tun hat, kann ich den Zusammenhang leicht herstellen: Im März werden die untauglichen Schafe aus der Herde ausgemerzt. Wenn ich weiß, dass werben und wirbeln (sich drehen) einer gemeinsamen Wortwurzel entstammen, sehe ich gleich den werbenden Freier vor mir, wie er sich dreht und wendet, um die Gunst seiner Erwählten zu erringen. Aber auch wer ein Gewerbe treibt, muß sich tüchtig wenden und tätig sein, muß werben, wenn er etwas erwerben will. Die süddeutsche Hausfrau sagt heute noch für Staub wischen und rein machen stöbern. Da stiebt der Staub auf, wie wenn der Stöber (Hund) das Flugwild verbellt und aufjagt, aufstöbert. Im Schneegestöber, dem leichten, flockigen Stäuben, wird dann die diesen staubigen Wörtern gemeinsame Wurzel und Bedeutung abermals deutlich.

Ein Garten war ursprünglich ein eingefriedetes Stück Land. Das Schwergewicht der Bedeutung lag also nicht auf dem Land und seinem Wachstum, sondern auf dem Schutz und der Einfriedung. Von hier aus ergibt sich dann leicht der Zusammenhang mit Gürtel und Gurt: Auch sie umschließen, grenzen ab und sichern. Der Garten ist das umgürtete Land. Unser Kindergarten entpuppt sich bei dieser Betrachtung als ein umschlossener und umhegter Bereich, in dem Kinder ungestört spielen und wachsen können.

Das Wort umhegen erinnert an den Hag, an das dichte Gebüsch und Gesträuch, das als Gehege und Hecke diente, aber auch einen umfriedeten Wald bezeichnete. Die Hexe war ihrem Namen nach eine Hecken- und Wald-Dämonin. Dem Hag und Hege-Zaun verdanken nicht nur die Hagebutten, die Heckenbutzen, ihren Namen, sondern auch der Hagestolz, der ewige Junggeselle. Sein Name hat weder mit hager noch mit stolz etwas zu tun. Er war in früheren Zeiten ein armseliger Hag-Besitzer, ein „hage-stalt“. Er hatte nicht den Herrenhof geerbt, der dem ältesten Sohne zustand, und war nur auf ein eingefriedetes Grundstück verwiesen (gestellt), eine kleine Landstelle also, die ihm nicht erlaubte zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Es gibt Wortwurzeln, die der Ursprung besonders weitverzweigter Verwandtschaften geworden sind, denen nachzugehen den Betrachter der Sprache immer von neuem reizt. So entwickelt sich aus der indogermanischen Wurzel glei, die etwas Klebriges, teils Schmieriges, teils Schlüpfriges bedeutet, eine klebrige Wortfamilie. Wenn wir den Anteil von Eiweiß im Getreidekorn Kleber nennen, dann bezeichnen wir damit eben seine Fähigkeit, einen klebrigen Teig zu bilden. Die Kleberschicht des Korns ist uns als Kleie vertraut, die wir als Kraftfutter weniger den Menschen als den Schweinen angedeihen lassen. Auch der Klei, den ein angesehener Marschbauer unter den Füßen haben muss, wie es z. B. in Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ zu lesen ist, ist der lehmige, fruchtbare Erdboden, der sich unseren Schuhen nachhaltig anhängt. Kleister als umfassender Klebestoff ergibt sich aus den Eigenschaften von Kleie und Klei. Der Familienname Kleiber meint einen Maurer, wie ja auch unser Blauspecht und Baumrutscher, der Kleiber, diesen Namen trägt, weil er den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm verklebt und vermauert. Diese Übersicht wird noch reicher, wenn wir die wortgeschichtlich mögliche Verbindung zu klettern herstellen. Klebt sich doch der Bergsteiger mit Händen und Füßen gleichsam am Felsen fest, wenn er klettert. Und darin ist er wieder der Klette verwandt, die sich mit Widerhaken jedem Streifenden anklebt. Zuletzt hat auch das Kleid in dieser Sippe seinen Platz: Es wäre dann das unserem Körper Anhaftende, während wir mit Gewand, von seiner Grundbedeutung als Gewendetes und Gefaltetes her, die Vorstellung des Weiten und Faltigen verbinden.

Zu erstaunlichen Ergebnissen kommen wir auch, wenn wir von der indogermanischen Wurzel ble oder blä ausgehen. Unser blähen und blasen leitet sich davon ab. Beiden ist die Vorstellung des Schwellens gemeinsam. Aber auch Blatt hängt damit zusammen. Wir verbinden mit Blatt wohl die Vorstellung des Schmalen, Dünnen und Flächigen (vgl. Ruderblatt, Schulterblatt, Zeitungsblatt). Dennoch entspricht dem Blatt ursprünglich eine andere Vorstellung: Es ist das Geblähte, das Ergebnis eines Sich-Entfaltens und Ausdehnens aus der Knospe. Auch die Blattern bezeichnen etwas Geblähtes, die Pocken-Bläschen, die dann ihre Narben hinterlassen. Bei einiger Überlegung verstehen wir auch, warum wir blühen und Blut in diese sprachgeschichtliche Verwandtschaft einbeziehen dürfen. Auch das Entfalten einer Blüte und Blume ist ein Schwellen und Blähen, verwandt dem Wachstumsvorgang des Blattes. Bei Blut wiederum mag die Vorstellung des Quellens bestimmend sein. Blut wäre demnach das Gequollene und wie Blüte, Blume und Blatt dem Geheimnis allen Wachstum und seiner Entfaltung auch wortgeschichtlich verbunden.

Eine fruchtbare Sippe gruppiert sich um die Wurzelsilbe ber und bar. Die Grundbedeutung tragen haben wir noch im englischen „to bear“ (tragen) und dem plattdeutschen „boren“, aber auch in der zweiten Silbe von fruchtbar: fruchttragend. Gebären heißt demnach ein Kind tragen. Gebaren ist die Art, wie ich mich trage und gebe, und die Gebärde das Zeichen, in dem mein Gebaren sichtbar wird. Die Magdeburger Börde hat ihren Namen von ihrem reiche Frucht tragenden Boden. Die Bahre ist ein Gestell, mit dem wir eine Last tragen, und die Bürde ist das Getragene, diese Last selbst. Der Zuber lautet in der alten Form „zwi-bar“, d. h. ein Gefäß mit zwei Griffen oder Henkeln zum Tragen, während der Eimer ein „ein-ber“ ist; er hat nur einen Träger. Die ursprüngliche Wurzel von Bauch ist bhu oder bhou. Sie deutet die Linie des Schwellens und die ihr entsprechende Krümmung an. Aus dieser Ursilbe entwickelt sich auch der Bug des Schiffes sowohl (ursprünglich der vordere Oberschenkel bei Tieren, vor allem bei Pferden) als auch der Buckel, ja jedes Bücken und Beugen, samt dem Bügel sind nur sprachliche Erscheinungsformen dieser geschwungenen Urlinie, die sich dann am reinsten in Bogen darstellt. Der mit dem Bogen so gerne gekoppelte Bausch (in Bausch und Bogen) bezeichnet eine wulstige Schwellung, ähnlich der ebenfalls stammverwandten Beule, und ist wiederum verwandt mit Busch und Büschel, wie wir sie allenthalben in der Landschaft finden, vor allem an Böschungen. Wenn das Meer mit einer bauchigen Schwellung in die Strandlinie eingreift, nennen wir diese gebauchte Krümmung Bucht. Im poetischen Bild wird sie zum Meeres-Busen, der ebenfalls der Ursilbe „bhu“ entstammt. Auch Bett und Beet entspringen derselben Wurzel, ja sie wurden früher in der Schreibung nicht einmal unterschieden. Dennoch bedarf es einiger Besinnung, den verwandtschaftlichen Zusammenhang ihrer Bedeutung herzustellen. Das Bett ist ursprünglich eine in die Erde gegrabene Lagerstätte, wobei das Schwergewicht auf graben liegt. So verbinden wir auch mit dem Flussbett den in das Land eingegrabenen Lauf. Der Name des Harzflüsschens Bode meint nur dieses Flussbett. Auch bei dem stammverwandten Wort Boot haben wir es mit dieser eingegrabenen Vertiefung der Bode und des Bettes zu tun. War doch das Boot anfänglich ein ausgehöhlter Baumstamm, ein sog. Einbaum. Ein Beet aber stellen wir uns meist als etwas Erhöhtes vor und vergessen, daß es ein Ergebnis des Grabens und Umgrabens ist, wie es ja auch der Wortverwandtschaft entspricht. Offenkundig ist, daß die Granne an Bart und Ähre, der Grat des Felsens und die Gräte des Fisches etwas gemeinsam haben, nämlich das Stechende und Hervorstechende. Und genau diesen Zusammenhang bestätigt die Wortverwandtschaft. Einer Wortsippe gehören auch Schere, Schar, Schäre und Scharte an. Mit der Schere verbinden wir die Vorstellung des Trennens und Zerschneidens. So ist die Schar eine von den übrigen abgetrennte Gruppe. Die Pflugschar schneidet in die Erde ein und trennt die Schollen los. Ähnlich sind die Schären abgetrennte Felsenstücke im Meer. Auch Scharten sind Einschnitte und Spalten, die wir am schartigen Werkzeug finden. Kluft und klaffen verweisen auf eine gemeinsame Wurzel mit der Bedeutung des Spaltens. Ihr entwächst auch der Kloben, ein abgespaltenes Stück Holz. Aber auch das norddeutsche Weihnachtsgebäck der Kloben, gehört hierher. Er trägt den Namen, weil er in der Mitte einen Spalt aufweist und aufgerissen ist. Wenn wir etwas auseinander klauben und ordnen, trennen und spalten wir ebenfalls das eine vom andern. Selbst der wortgeschichtlich etwas rätselhafte Klee mit seinen dreifach (im Glücksfall auch vierfach) gespaltenen Blättern wird wohl noch dieser Verwandtschaft angehören. Am Müller, der in der Mühle das Korn zu Mehl mahlt, wird wohl jedem unmittelbar deutlich, was eine Wortfamilie ist. Aber auch das alte Kornmaß, der Malter, eine bestimmte Menge von. Gemahlenem, gehört zu dieser Sippe, die sich aus der gemeinsamen Wurzel „mel“ (zerreiben) entwickelt hat. Malmen und zermalmen bezeichnen für uns den gewaltsamen Prozeß des Zerreibens. Aber auch in Mull, der uns als Torfmull besonders vertraut ist, und in Müll (ursprünglich trockener Staub), den wir in den Mülleimer kehren, spüren wir die alles zerreibende Ursilbe. „mel“ am Werke. Unser Maulwurf (eigentlich Mulwerfer) beschäftigt sich emsig mit dem lockeren, zerriebenen Erdstaub und hat somit von ihm seinen Namen. Wenn der Boden unter unseren Füßen nachgibt, wenn wir keinen festen Stand mehr haben, dann wird uns mulmig zumute, und wir machen uns aus dem Staub. Daß in dieser staubigen und mehligen Wortfamilie auch die Milbe erscheint, wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, daß die Milben (man denke nur an die Käsemilbe) zu Mehl zerkauen, was ihnen anheimfällt. Die Melde, das allenthalben wuchernde Unkraut, trägt ihren Namen, weil ihre Blätter mehlig bestaubt erscheinen. Wer nun glaubt, daß auch Mahl und Gemahl in diese Familie einzubeziehen seien, etwa aus der Vorstellung, daß wir beim Mahl mit den Zähnen malmen und mahlen, daß Gemahl und Gemahlin ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen (sollten), dessen Phantasie würde.vom Wortforscher mit Recht als unwissenschaftlich belächelt. Beide Wörter gehen nämlich auf jeweils ganz andere Wurzeln zurück. Das Mehl ist dasselbe Wort wie „mal“ in ein-mal und geht auf eine indogermanische Wurzel „me“ (messen, abmessen zurück). Mahl bezeichnete also ursprünglich den Zeitpunkt, die feste Stunde, dann die Zeit, wann gegessen wurde. Gemahl und Gemahlin gehen trotz Gleichklang wieder auf ein anderes noch im Althochdeutschen lebendiges Wort zurück: „mahal“, das ursprünglich Versammlung bedeutete, dann den in dieser Versammlung geschlossenen Vertrag, vor allem den Ehevertrag. Gemahl ist dann der durch Vertrag dem andern Zugesprochene, der Vermählte, Verlobte. Das alte Wort Mahlschatz (Brautgabe) leitet sich ebenfalls von diesem mahal, der Vertragsversammlung, ab. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß Wortbetrachtungen ohne den Blick auf die Wortgeschichte leicht ins Blaue führen können, wobei jedem so unwissenschaftlich Ausfahrenden wenigstens der Trost bleibt: Eine Fahrt ins Blaue ist immer noch besser als überhaupt keine.

AUS BAUM UND HOLZ GESCHAFFEN

Wenn wir es nicht auf Grund unserer Geschichtskenntnisse wüßten, daß unser Land ehemals, in germanischer Zeit und weit bis ins Mittelalter hinein, ein Wald- und Baumland war, dem ein hölzernes Zeitalter entsprach, so könnten wir es aus Wörtern und Wendungen ersehen, die wir, ohne ihren Sinn zu bedenken, alltäglich im Munde führen. Es scheint uns nicht weiter verwunderlich, wenn jemand sagt, er sei aus hartem oder weichem Holz geschnitzt. Diese Redewendung ist vermutlich ältesten Ursprungs und gründet in der germanischen Göttersage. Dort nämlich schaffen die Götter das erste Menschenpaar nicht aus Lehm und Erde, sondern aus zwei Baumstämmen, aus Ask und Embla (Esche und Ulme). Das Weib ist nach diesem Glauben nicht aus der Rippe des Mannes gebildet, sondern steht vom Ursprung her gleichberechtigt als eigene, selbständige Gestalt dem Mann zur Seite. Es ist verständlich, wenn der Baum als Sinnbild des Lebens erscheint und als Stammbaum weitverzweigte Geschlechterfolgen umfaßt.

Da Holz der Werkstoff der Götter für die menschliche Gestalt war (wir sprechen ja heute noch von einem stämmigen oder baumlangen Menschen), konnte man auch den Bengel (das Wort bezeichnet eigentlich grobes Knüppelholz) auf einen ebenso groben Menschen übertragen. Es ist keineswegs immer böswillig gemeint, wenn wir einen ungebärdigen jungen Menschen einen Bengel nennen. Auch wenn wir einen Halbwüchsigen als Stift bezeichnen, greifen wir zu einem Namen, der eigentlich ein staksiges, stangenartiges Gebilde aus Holz meint. Nicht anders verhält es sich mit dem Knaben, dessen Grundbedeutung ebenfalls auf ein Stück Holz, einen hölzernen Pflock verweist. Wir brauchen uns nur des Knebels zu erinnern, des Querholzes, das zum Knebeln dient, und der sprachliche Zusammenhang mit Knabe wird deutlich. Immer handelt es sich bei diesen Holz-Namen um junge, wachstumskräftige und stämmige menschliche Gestalten. Damit ließe sich auch vereinbaren, daß die Kegel, die unehelichen Kinder, die innerhalb der germanischen Familie mit heranwuchsen (deshalb „mit Kind und Kegel“), ursprünglich auch nur den Namen für einen hölzernen Pflock oder Pfahl tragen. Die Sprachwissenschaft nimmt an, daß auch der Knecht seinen Namen von einem knorrigen und knotigen Stück Holz übernommen habe.

Den höchsten Rang erreicht diese von der Sicht des Baumes her sich ergebende Namen-Reihe mit dem Stab, der wohl ursprünglich stellvertretend für den Baum und seine Lebenskraft galt. Er wird in mehrfacher Hinsicht zum Zeichen des Lebens, der Macht und damit auch des Rechtes. Vom Hirten- und Marschallstab bis zum Szepter des Herrschers reicht seine Macht und Würde stiftende Wirkung. Und wo sich Menschen zusammenfinden, in denen sich Macht und Bedeutung jeglicher Art verkörpert, so vereinen wir sie im Sinnbild des Stabes: sei es ein Generalstab oder der Mitarbeiterstab in den Unternehmungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Aber in noch umfassenderem und tiefgreifenderem Sinne wirkt sich der Vorgang der menschenschaffenden Tätigkeit der Götter in unserer Sprache aus: Das Wort schaffen selbst leitet sich von der schöpferischen Bearbeitung des Holzes ab. Ursprünglich ist dieses Schaffen ja nichts anderes als Schaben, d. h. aus Holz schneiden und schnitzen (vgl. englisch: shape =gestalten, formen). In dem geglätteten, blankgeschabten Speer-Schaft wird ein solches aus Holz geschaffenes Gebilde im Wort anschaulich. Auch das süddeutsche Schaff, der hölzerne Bottich, und der kleinere Scheffel (ein verschwundenes Hohlmaß) verraten deutlich ihre Herkunft und Be-schaffenheit. Die Holzbearbeitung als Urform allen Schaffens finden wir auch in dem Wort Ge-schäft wirksam. Ja, jede besondere Beschaffenheit (äußere und innere) von Menschen, Sachen, Gemeinschaften fasst unsere Sprache folgerichtig in der Endung schaft zusammen: Gemeinschaft, Brüderschaft, Herrschaft, Liebschaft usw. Da auch das Wort für jedes schöpferische Tun, für Schöpfer und Schöpfung, derselben Wortwurzel entwächst wie schaffen und schaben, darf man behaupten, daß der gesamte Wortbereich des Schaffens seine Heimat im Wald, seinen Bäumen und Hölzern hat. Daß dieses schöpferische Tun auch noch den Namen der Schöffen bestimmt, die einst das Recht schöpften und eine Rechtsordnung schufen, mag hier am Rande erwähnt sein. Man weiß, daß der Werkstoff Holz, ehe die steinerne Mauer von den Römern übernommen wurde, auch den Hausbau bestimmte. Selbst wenn wir uns heute in Bauten aus Beton und Glas aufhalten, so verraten doch die Zimmer, daß ihr Name aus dem hölzernen Zeitalter stammt: Zimmer bezeichnet ursprünglich nur das Bauholz, aus dem ein Raum gezimmert wurde (vgl. englisch: timber = Bauholz, Baumstamm) und dann erst diesen Raum selbst. Der Zimmermann ist für unser Gefühl auch heute noch diesem Holz werkend verbunden. Auch in dem Wort Diele erfassen wir heute noch unmittelbar den hölzernen Ursprung. Dielen sind Bretter, aus denen man nicht nur Wände fügte, man belegte mit ihnen vor allem Fußböden. Im Niederdeutschen entwickelte sich dann die Bedeutung der Diele als Hausflur. Auch wenn die Diele in unserem Neubau aus modernsten Werkstoffen bestehen sollte, ihr Name erinnert noch an Dielenbretter und Holztäfelung. Weniger offenkundig ist es, daß auch der perfekteste Selbstbedienungsladen mit seinem Namen noch an das hölzerne Zeitalter des Waldes in unserer Geschichte erinnert. Ursprünglich ist der Laden nur ein Brett oder eine Bohle (die Bettlade ist ein aus solchen Brettern gezimmerter Kasten), womit man dann auch Fenster sichern und abdichten konnte. So entstand unser Fensterladen und zuletzt der aus Brettern und Latten hergerichtete Verkaufsstand, der Verkaufsladen. Es ist tröstlich zu wissen, daß die Sprache beharrlicher ist als die Menschen, die sie „im Laufe der Zeit“ sprechen. Auch wenn wir aus Beton, Stahl und synthetischen Stoffen unsere Bauten und Werke „schaffen“: Die Sprache gibt uns allenthalben Erinnerungen und Winke, die uns veranlassen könnten, dem Holz die Ehre und den Ehrenplatz zu geben, die ihm und seinem Ursprung, dem Walde, in unserem Leben immer noch gebühren.

ALTDEUTSCHES RECHTSWESEN IN UNSERER SPRACHE

Nur wenigen wird es bekannt sein, daß eines unserer alltäglichsten und in der Bedeutung allgemeinsten Wörter in unserer Sprache sich vom germanischen Rechtswesen aus breit gemacht hat: das Ding. Ursprünglich der Termin, die bestimmte Zeit (von der indogermanischen Wurzel „ten“ her besteht ein Zusammenhang mit dem lateinischen „tempus“ Zeit), bezeichnet das Wort dann die Gerichtsverhandlung und auch den Gegenstand, der verhandelt wird. Im Laufe der Zeit meinte es jeden Gegenstand und wurde zum Allerweltswort für schlechterdings alles und nichts, für Dings und Dingsda. Nur in einigen Redewendungen wird die Grundbedeutung des Wortes für uns noch sichtbar: wenn wir jemanden verdingen, wenn wir Bedingungen stellen, uns etwas ausbedingen oder gar jemanden dingfest (für die Gerichtsverhandlung fest) machen. In der Redensart „aller guten Dinge sind drei“ wirkt die alte Rechtsgepflogenheit nach, den Angeklagten wenigstens dreimal vor die ordentliche Gerichtsversammlung zu laden. Auch in verteidigen finden wir die alte Bedeutung, wenn wir die alte Wortform „vertagedingen“ betrachten: Ich vertrete meine Sache vor dem Tageding (die Verhandlungen fanden nur am Tage statt), ich verteidige mich.

Ähnlich verhält es sich mit der Sache, die ursprünglich auch nur den Rechtshandel und Rechtsstreit bezeichnete. In unserem Sachwalter, aber auch in den Zivil- und Straf-Sachen ist noch die alte Bedeutung lebendig, wie auch im Wider-Sacher, der vor allem an den Streitcharakter des Wortes erinnert.

Neben den Richtern, Klägern und Angeklagten spielten die Schöffen eine entscheidende Rolle, die, wie ihr Namen verrät, je nach den „Umständen“ das Recht „schöpften“, gelegentlich wohl auch schufen, wobei der Umstand wörtlich als die Schar der den Gerichtsplatz Umstehenden, vor allem der Sippenangehörigen, zu verstehen ist. Jeder Mann aus diesem Umstand hatte die Befugnis, das Urteil zu Recht zu weisen, wovon sich unsere „Zurechtweisung“ herleitet. Diese Art der Urteilsiindung war eine wahrhaft umständliche Sache, und mancher mag sich gedacht haben: Warum so viele Umstände machen! — eine Redensart, die auch uns noch als Seufzer bei langwierigen Verhandlungen geläufig ist.

Haben wir es bei Ding, Sache und Umstand mit Wörtern zu tun, deren ursprüngliche Bedeutung sich im Laufe der Zeit sehr erweitert hat, so vollzog sich bei dem Worte Ehe schon sehr früh eine Verengung des Begriffs: „Ehe“ ist anfänglich das Gesetz schlechthin, wobei der Anklang an „ewig“ nicht nur lautlich, sondern auch sprachgeschichtlich zu Recht besteht. Die altdeutsche Form lautet „ewa, ewe“ und verweist auf die zeitlich unbeschränkte Dauer des Gesetzes. Die Beziehung zum lateinischen „aevum“ (Ewigkeit, Lebenszeit) besteht ebenso wie zum griechischen „aion“. Es ist verständlich, daß das Gesetz (ewa, ewe), das eine dauernde Ordnung gewährleisten sollte, in seiner Bedeutung vor allem auf das Grundgesetz der Gesellschaft, die Ehe, bezogen wurde.

Da den Menschen der germanischen Vorzeit sowohl wie denen des Mittelalters das Denken in reinen Begriffen nicht gemäß war, verlangten sie nicht nur das anschauliche Wort, sondern auch die Darstellung in sinnbildlichen Handlungen und Zeichen. Diese Art des Denkens und Anschauens schlug sich wiederum in Redewendungen und Redensarten nieder, die wir heute noch im Mund führen, selbst wenn ihr ursprünglicher Sinn uns nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Schon das Wort besitzen ist ein solcher sprachlicher Rest altdeutscher Rechtsbilder: Das Eigentumsrecht bekundete man, indem man wortwörtlich eine Sache in Besitz nahm. Nachdem z. B. die Grenze des Ackers abgesteckt war, stellte mancherorts der Käufer einen dreibeinigen Stuhl auf das Land und setzte sich darauf. So erst wurde er zum Be-Sitzer. Auch der Hammerschlag konnte den rechtsgültigen Übergang einer Sache an einen neuen Eigentümer bekräftigen, wie es heute noch bei Versteigerungen üblich ist, wenn etwas „unter den Hammer“ kommt und jemandem der „Zuschlag“ erteilt wird. Der Hammer als Symbol göttlicher Kraft und Weihe gründet im germanischen Donarkult. Dem Gotte war der Hammer als Sinnbild seiner zeugenden Kraft geweiht. In diesem Sinne diente er zur Bekräftigung von Rechtsakten. So sind uns z. B. Grenzsteine in Hammerform aus Island überliefert. Die älteste Bedeutung von Hammer ist „Fels, Stein“, woraus ja auch ursprünglich der Hammer sowohl wie der Donnerkeil des Gottes gebildet und geschliffen waren. Ein anderes uns noch geläufigeres Zeichen richterlicher Macht ist der Stab, von dessen sinnbildlicher Bedeutung wir schon im Kapitel „Aus Baum und Holz geschaffen“ hörten. Als Richterstab wird er zum Zeichen richterlicher Macht über Leben und Tod. Wenn der Richter in früheren Zeiten nach dem Todes- oder Achturteil „den Stab über jemanden brach“, so wird dieser Stab ursprünglich wohl auch das Leben des Verurteilten gemeint haben. Eine sinnbildlich weniger gefestigte, aber urkundlich besser begründete Deutung sieht darin die Beendigung des amtlichen Auftrags dem Verurteilten gegenüber. Ganz im Dienste sinnbildlicher Gebärdensprache stand im altdeutschen Rechtsleben die Hand. Der Handschlag gilt ja heute noch auf den Viehmärkten und anderswo als verbindlicher Abschluß eines „Handels“, und die Redensart „jemandem etwas in die Hand versprechen“ ist uns noch so vertraut wie jene sprachliche Gebärde feierlicher Beschwörung: Hand aufs Herz! Die Hand war aber auch das Zeichen des Schutzes, den man jemandem gewährte. Zumindest in der Sprache halten auch wir noch unsere Hand schützend über einen jungen Menschen. Das Wort für diese schützende Hand ist uns noch in Vormund und Mündel erhalten. Es lautete im Altdeutschen „die raunt“ und ist vom Indogermanischen her mit dem lateinischen „manus“ (Hand) verwandt. Diese „Mund“ ist auch in unserem meist falsch verstandenen Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ gemeint; d. h. wer seine Hand (munt = manus) schon in früher Stunde regt und fleißig arbeitet, wird reich werden. Die schützende Wirkungskraft dieser munt-Hand lebt auch noch in Eigennamen weiter: Siegmund (siegreicher Schützer), Edmund (Schützer des Erbgutes) und Egmont (Schwertschutz). Als „mundtot“ bezeichnete man früher einen Menschen, der des Rechts, als „Muntherr“ seine oder die Sache anderer zu vertreten, verlustig gegangen war. Wie die uns fremden Bräuche mittelalterlicher Gottesgerichte in der Sprache weiterleben, ist jedem so vertraut, daß hier nur einige Hinweise genügen mögen. Auch wenn wir nicht mehr glauben, daß Gott, um unsere Unschuld zu bezeugen, mit Wundertaten in ein Gerichtsverfahren eingreift, bestehen wir in der Sprache noch Feuerproben, sitzen wir wie auf glühenden Kohlen, gehen wir für jemanden durchs Feuer oder legen die Hand hinein. Selbst Gift nehmen wir noch „auf“ etwas, so sicher scheinen wir unserer gerechten Sache zu sein: Da kannst du Gift darauf nehmen! In der Erregung sind wir noch bereit, auf „Stein und Bein“ zu schwören, d. h. mit der Hand auf der steinernen Altarplatte und ihren Reliquien Eide zu leisten. Aus dem Brauchtum der Femgerichte stammt vermutlich noch unser Steckbrief. Die schriftliche Vorladung dieses geheimen Freigerichts wurde mit dem Dolch an das Tor oder den Gartenzaun des zu Ladenden festgesteckt. Unsere Redewendung „einem etwas stekken“ wird von diesem Rechtsbrauch stammen. Der Ausdruck „einem etwas anhängen“ entspricht der Gepflogenheit, dem am Pranger zur Schau gestellten Übeltäter einen Zettel oder eine Tafel anzuhängen, worauf die Schandtat zu lesen war. Wenn wir heute noch jemandem „aufs Dach steigen“, so wirkt in dieser Redensart eine symbolische Ehrenstrafe nach, die der Komik nicht entbehrte: Ehemännern, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen, stieg man in manchen Gegenden tatsächlich aufs Dach und deckte es ab. Solche Dachabdekkungen sind uns bis ins 18. Jahrhundert überliefert. Nach einem Mainzer Amtsbericht aus dem Jahre 1666 soll sich ein solcher Strafvollzug folgendermaßen abgespielt haben: Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen hatte, so nahmen sich sonderbarerweise die Bewohner des Nachbardorfes dieses Falles an. Mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen, so erzählt der Bericht, zogen sie vor des geschlagenen Mannes Haus, stiegen auf das Dach, hauten ihm den First ein und rissen ihm das Dach bis auf die vierte Latte von oben an ab. Nicht ohne Humor liest man die Deutung dieser -Strafe bei Jakob Grimm, wonach man „einen Mann, der sich dem häuslichen Unwetter so geduldig unterzogen, auch dem physischen preisgeben wollte.“ Wie tröstlich, daß dieser volksrechtliche Strafvollzug heute nur noch als ungefährliche bildliche Redensart umgeht!

RITTERLICHES SPRACHERBE

Wenn wir heute ein Ereignis ausführlich schildern, kommt es uns kaum in den Sinn, daß dieses Schildern sich von den Schilden der Ritterzeit herleitet. In germanischer Zeit waren die Schilde bunt bemalt, die Ritter trugen sie mit dem Bild ihres Wappens. Der „schiltaere“ war damals ein Wappenmaler, und erst später erweiterte sich die Tätigkeit des Schilderers auf die Wiedergabe jedes Geschehens. Am Wappen erkannte man Rang und Familie des Ritters. Darum war es wichtig zu wissen, was einer im Schilde führte, ob er Freund oder Feind war. Das galt vor allem, wenn er auf einer Reise war, wenn er als Reisiger, als Bewaffneter, zu Krieg und Fehde aufgebrochen war (vgl. englisch: to rise = sich erheben; es ist wahrscheinlich, daß der „Riese“ sich aus derselben Sprachwurzel erhob). Die Vorstellung, daß man irgendwohin aufbricht, hat sich wohl vom Zeltlager her ergeben. Deshalb brechen wir noch auf, auch wenn wir kein Zeltlager mehr auf- oder abzubrechen haben. Wenn die reisigen Ritter zur Herberge kamen, d. h. dorthin, wo das Heer Obdach und Geborgenheit fand, hängten sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit wohl ihre Schilde vor das Tor und an die Mauern. Mancher Wirt mag im Gefolge dieser ritterlichen Sitte später seiner Herberge das Schild seines Hauses und Gewerbes angehängt haben, das Wirtshausschild. Damit war aus dem ritterlichen Schild das gewerbliche geworden, das seine eigene Mehrzahl bildete: Die Schilde der ritterlichen Herren wurden ersetzt durch die Schilder der bürgerlichen Wirte, Handwerker und Kaufleute.

Sporen waren ein Zeichen ritterlicher Würde. Erst nach dem Ritterschlag durfte sie der Jungherr anlegen. Auch unsere jungen Männer verdienen sich noch die Sporen, wenn sie sich in Beruf und Amt bewähren. Ohne Kampf zu Pferde und mit der Lanze heben wir auch heute noch unsere Gegner aus dem Sattel, wenn sie nicht sattelfest und in ihrer Beweisführung stichfest sind. Einen Kameraden lassen wir ebensowenig im Stiche (liegen), wie der anständige Ritter es tat, d. h. wir helfen ihm, wenn er im hin und her des Turniers, im „Gestech“, zu Fall kommt. Das von der französischen Ritterschaft übernommene Wort Turnier ist übrigens mit unserem Turnen (wenden, drehen, vgl. englisch: to turn) sprachverwandt. Turnen (das Wort kam erst wieder durch Turnvater Jahn zu Ehren) und Turnier haben ihren gemeinsamen Ursprung in dem lateini- i sehen „tornare“ (drechseln). War während des ritterlichen Turniers einer in den Sand (Gries) gefallen, so hielt der Turnier- oder Grieswart eine Stange über den Gestürzten: eine Gebärde des Schutzes, die auch wir noch in ‚ der Sprache nachahmen, wenn wir jemandem die Stange halten. Ähnlich verhält es sich mit unserer Redensart nicht viel Aufhebens machen. Sie bezieht sich auf einen ritterlichen Brauch vor dem Zweikampf. Die Waffen lagen auf dem Boden und wurden mit bestimmten Gebärden aufgehoben, ehe man gegeneinander anging. Auch wenn wir „es“ (nämlich die Waffe) mit jemandem aufnehmen, erinnern wir uns sprachlich an diese Turniersitte. Die Ballzeremonie zu Beginn eines Fußballspieles könnten wir damit vergleichen, wie ja der Sport eine Zuflucht ritterlichen Geistes geblieben ist. Ohne viel Aufhebens aufeinander loszuschlagen, wäre auch heute noch unritterlich.

Von den zahlreichen Nachwirkungen ritterlicher Art und Lebensführung in unserer Sprache wollen wir nur noch drei Redensarten erklärend betrachten. Wenn wir heute noch eine Rede aus dem Stegreif, d. h. ohne Vorbereitung halten, so ist dieser Stegreif der Steigreif oder Steigbügel des Ritters. Wie es leidenschaftliche Autofahrer gibt, die möglichst alles vom Auto aus er- J leben und erledigen wollen (z. B. Einkauf und Kinobesuch), so konnte sich wohl auch mancher Ritter nicht entschließen, vom Pferde abzusteigen, wenn es angebracht gewesen wäre. Ohne Rücksicht auf Formen der Höflichkeit wird er Burg und Gut aus dem Steigreif verwaltet haben. Kann ein kleiner Geist dem genialen Meister das Wasser nicht reichen, dann finden wir die Erklärung solcher Rede in den Tischsitten der Ritterzeit, als man noch nicht mit der Gabel, sondern mit den Fingern aß und ein Knappe anschließend Wasser und Handtuch zum Händewaschen reichte. Wer nicht einmal diesen Dienst zu leisten berechtigt ist, wäre weniger als ein Knappe, der den Damen und Herren immerhin das Wasser reichen durfte. Daß heute noch die Frau dem Manne einen Korb geben kann (aber nicht der Mann einer Frau), diese Redensart erinnert an eine neckische Gepflogenheit des ritterlichen Minnedienstes: Burgfrouwen zogen ihren Verehrer, ihren „friedel“, wenn sich keine andere Gelegenheit zum Stelldichein bot, in einem Korbe hoch zu sich in die Kammer. Manchmal wird auch eine verschwiegene Kammerzofe nächtlicherweile mitgezogen haben, bis der kühne Raumfahrer die Zinne oder Brüstung ergreifen und sich mit eigener Kraft hinüberschwingen konnte. Ein Bild aus der berühmten Manessischen Handschrift zeigt uns einen Herrn Kristan von Hamle in solcher schwebenden Situation, während oben die Freundin eine Art Flaschenzug betätigt. Nun scheint es aber bösartige Damen gegeben zu haben, die dem nicht genehmen Bewerber einen Korb mit brüchigem Boden hinunterließen und in geeigneter Höhe den Durchfall und Absturz des Minnenden veranlaßten. Manche sollen den Herrn der Schöpfung auch in der Schwebe gelassen und nicht nur der nächtlichen Kühle, sondern auch dem nachfolgenden Spott ausgesetzt haben. Späterhin hat man einem unbequemen Verehrer wohl einen Korb ohne Boden zugehen lassen, damit er gleich wußte, was ihm blühte, wenn er es dennoch versuchen wollte. Man gab ihm also einen Korb zum Durchfallen. Deshalb ist heute jeder Korb, den man von einer Dame bekommt, nur eine bodenlose Angelegenheit.

Vermutlich hat sich diese symbolische Aktion des Durchfallen* in der folgenden Zeit auch auf andere Arten von Bewerbungen und Prüfungen übertragen, so dass wir heute bei verschiedenen Gelegenheiten durchfallen können.

MONATE UND TAGE

Der Zusammenstoß der germanischen Welt mit der römischen hat zu manchen Verwirrungen geführt, das zeigen noch unsere Monatsnamen. Sie alle nämlich sind römischer Herkunft. Soweit sie noch an römische Gottheiten erinnern, entbehren sie nicht ganz des Sinnes, wenn auch eines fremden: Der Januar gilt dem doppelköpfigen Tanus, dem Gott der Schwelle, des Aus- und Eingangs, und steht deshalb mit einigem Recht am Beginn des Jahres. Der März erinnert an den Kriegsgott Mars, für den die Germanen gewiß Verständnis hatten, der Mai an einen Jupiter Majus, einen für uns unbekannten Gott des Wachstums. Im Juni lebt der Name der jugendlich blühenden Juno, der Gemahlin Jupiters weiter. Juli und August sollten uns an Julius Cäsar und den ersten römischen Kaiser Augustus gemahnen, die Helden einer fremden Geschichte. Der Februar hat weder mit Göttern noch mit Kaisern etwas zu tun. Er ist der Fieber-Monat und war bei den Römern der Monat der Reinigung und Entsühnung. Sein Name ist die Erinnerung an diese feierlichen religiösen Übungen. April könnten wir als Monat des öffnens bezeichnen, wenn die Beziehung zum lateinischen aperire = eröffnen zutrifft. Er wäre dann der Frühlingsmonat, der die Zeit des Wachsens und Blühens eröffnet. September, Oktober, November und Dezember sind nichts als numerierte Monate und bezeichnen den siebten, achten, neunten und zehnten Monat. Sie wären für uns nur sinnvoll, wenn wir die Zählung der Römer hätten, für die das Jahr bis in die Zeit Cäsars mit dem März einsetzte. Für unsere Zählung stimmen die Nummern nicht mehr; denn wir müßten den September — den siebten Monat — November — den neunten — nennen und dann weiter für diese Monate bis zwölf zählen. Die römische Zählung ist für uns widersinnig. Aber es ist nun einmal so, daß sich in der Geschichte auch Wider- und Unsinniges durchzusetzen und zu bewahren weiß. Sinnvoller wären gewiß die alten deutschen Namen, die übrigens Karl der Große noch gebraucht wissen wollte. Sie nämlich entsprechen dem Ablauf des Jahres im Zusammenhang mit dem Naturgeschehen und der bäuerlichen Arbeit in unseren Landstrichen. Der Härtung, auch Wintermond und Eismond, erinnert an die harte Jahreszeit. Im Hornung werfen die Hirsche ihr Gehörn, ihr Geweih ab. (Ganz gesichert ist diese Erklärung freilich nicht.) Der Name des Monats Lenz leitet sich von „lang“ ab und weist darauf hin, daß sich jetzt die Tage „längen“. Der Ostermond erinnert an die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Sie gibt ja auch unserem Osterfest den Namen. Ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit und Erneuerung des Lebens sind bis auf unsere Tage der nachwuchsreiche Hase und das Ei. Wenn wir den Mai mit seinem deutschen Namen Wonnemond nennen, so dürfen wir nicht einfach an den herkömmlichen Begriff Wonne denken. Diese Wonne (oder richtiger Wünne) stand ursprünglich nur dem Vieh zu, das auf die Wünne, auf das frisch ergrünte Wiesenland getrieben wurde, um dort sein Weideglück zu genießen. Erst später erweiterte sich die Bedeutung zum gesteigerten Glück mancher Art. Der Brächet erinnert an die alte Dreifelderwirtschaft, als noch jeweils ein Drittel des bebauten Landes zur Erholung brach blieb und im Juni umgebrochen wurde.

Der Heuert ist der Heumond, in dem das Gras gemäht und getrocknet wurde, weshalb wir mit dem Wort Heu meist die Vorstellung des dürren, getrockneten Grases verbinden, was aber der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht entspricht: Heu ist das „gehauene“, also nur gemähte Gras. Der Ernting bezeichnet die Zeit der Getreideernte. Im Scheiding geht der Sommer seinem Ende entgegen. Nun heißt es Abschied nehmen von der schönen, warmen Zeit.

Ein geradezu poetischer Name ist der Gilbhard. Sein Name beschwört die Herbstfärbung des gilbenden, sich verfärbenden Waldes. Die zweite Silbe Hard (Hart) meint den Bergwald und ist uns noch in den Namen unserer Mittelgebirge erhalten: Haardt, Harz, Spessart (Spechtswald). Der Neblung verweist auf die grauen, regnerischen und nebeligen Novembertage. Der alte deutsche Name für den letzten Monat des Jahres ist, entsprechend dem Nebeneinander von heidnisch germanischer Überlieferung und jungem Christentum, doppelt überliefert. Karl der Große soll für ihn noch den Namen Christmond (auch Heiligmond) bestimmt haben. Der nordgermanische Name ist Julmond. Er lebt auch noch in Julklapp weiter. Das Wort Jul ist in seiner Bedeutung unklar. Es könnte die Zeit der Schneestürme meinen. Aber auch eine Beziehung zum Rad (vgl. englisch: wheel) ließe sich herstellen. Das Rad wäre dann ein Zeichen für die Wende des Jahres.

Mancher bedauert, daß diese recht sinnvollen und im ganzen auch verständlichen Monatsnamen verschwunden sind und für uns nur noch historische Bedeutung haben. Es wäre vergeblich, sie entgegen dem internationalen Sieg der römischen Bezeichnungen wieder hervorholen zu wollen. Wer diese zum Teil sinnlos gewordenen Namen nicht gebrauchen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Monate von eins bis zwölf zu beziffern, wie es geschieht, wenn wir abkürzend schreiben: 21. IX. 1963, 17. XI. 1964, 25. XII. 1959. Günstiger und sinnvoller als die Monatsnamen haben sich die Namen für die Tage der Woche entwickelt. Hier setzten unsere Vorfahren an die Stelle der römischen Götternamen, welche die siebentägige Planetenwoche bezeichneten, germanische Namen ein, die sich fast alle erhalten haben. Für die römischen Namen Sol und Luna konnten sie einfach die entsprechenden germanischen wählen: Sonne und Mond, Sonntag und Montag; wobei wir bedenken müssen, daß diesen Gestirnen früher noch religiöse und kultische Bedeutung zukam. An die Stelle des römischen Kriegsgottes Mars trat der germanische Kriegs- und Glanzgott Ziu (Tiu). Ursprünglich war er ein indogermanischer Himmelsgott, und sein Name ist noch in Zeus, in Jiu-piter, auch in den lateinischen Wörtern „deus“ (Gott) und „divus“ (göttlich) erhalten. Im englischen Wort für unseren Dienstag erkennen wir ihn noch deutlich: Tuesday. An die Stelle des Merkur trat der germanische Wanderergott Wodan, dessen Name sich im englischen Wednesday erhalten hat. Wir haben für den Wodanstag den Mittwoch, der die Mitte der Woche bezeichnet. Für den römischen Jupiter trat der germanische Donar (Thor) ein und gab unserem Donnerstag den Namen. Die römische Venus hat ihr germanisches Gegenstück in der Liebesgöttin Freya, der demnach der Freitag geheiligt ist. Daß heute noch der Freitag eine für Hochzeiten bevorzugter Tag ist, ist vermutlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Der römische Saturn lebt noch im englischen Saturday weiter. Im Deutschen setzte sich durch gotisch-arianische Vermittlung im Süden der hebräische Sabbattag als Samstag durch, während der Norden diesen Tag am Vorabend des Sonntags zum Sonnabend machte, zum Feierabend vor dem Sonntag.

KLANGBILDER

Die lautmalende Fähigkeit der Sprache fällt auch dem oberflächlichen Betrachter auf. Schallnachahmende (die Wissenschaft nennt sie „onomatopoetische“) Selbst- und Mitlaute scheinen die Geräusche und Klänge der Natur und Menschenwelt zu wiederholen. Jedermann ist die Wirkung dieser Wörter vertraut: trillern, klingen, wispern, wiehern, klappern, klatschen, plappern, quaken, rattern, schnarchen, summen, schnurren, pusten, meckern, krächzen usw. Man kann einwenden: Wenn solche Wörter wirklich Naturlaute nachahmen, müßten sie sich in allen Sprachen gleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Hahn schreit kikeriki, der englische cock-a-doodle-doo, der griechische kokkü, der mongolische dschordschor und der chinesische kiao. Wenn sich diese Wörter auch nicht gleichen, so ist in allen doch ein Bestreben festzustellen, dem Ruf des Hahnes im Klangbild gerecht zu werden. Die Völker und ihre Sprachen nehmen die Naturlaute verschieden auf und finden darin jeweils besondere Kennzeichen, die sie in ihrer Sprache lautlich festzuhalten versuchen. Diese schallnachahmenden Wirkungen der Sprache sind nicht immer leicht abzugrenzen von den sinnbildlichen. Wenn wir aber feststellen, daß eine Fülle von Wörtern der Bewegung mit W beginnen, dann hat dieser Laut sinnbildlichen Wert: Weg, Wasser, Waage, Wind … Das W kennzeichnet die diesen Wörtern gemeinsame Bewegung: Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, schwanken, schwellen, wallen, wandern, wenden, weben, wehen, wechseln . .. Das bewegende W in einer fast unerschöpflichen Fülle von Wörtern der Bewegung dürfte nicht mehr als Zufall angesprochen werden. Hier bestehen Zusammenhänge zwischen Wortklang und Wortbedeutung, die sinnbildlicher Art sind. Es wäre verkehrt und würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, aus einer von Fall zu Fall möglichen Lautsymbolik ein allgemein gültiges Gesetz ableiten zu wollen. Dennoch ist eine klangbildliche Wirkung bestimmter Laute immer wieder festzustellen: Es kann nicht Zufall sein, daß fast alle Bezeichnungen für schlaffe, lässige und lasche Menschen ein L enthalten: Laffe, Lackel, Lorbaß, Lappe, Lump, Lotterbube. . . Dieses L, das hier eine abwertende Bedeutung hat, erscheint im Sinne des Milden und Gelinden in anderen Wörtern: Liebe, laue Luft, Klang, laben, gleiten, leise, lösen, stillen … Es entspricht der Wirklichkeit des Lebens, daß dieselbe Erscheinung verschiedene Bedeutungen haben kann. In der Endung el hat das L eine verkleinernde und verniedlichende Wirkung. So wird aus dem Tanzen ein Tänzeln, aus dem Lachen ein Lächeln, aus Trappen ein Trappeln und Trippeln, aus Äugen ein Äugeln. Aus der Eiche wird das Kind der Eiche, die Eichel, aus dem massigen Schinken der schlanke Schenkel. Mit der Verkleinerung geht oft eine Wertminderung Hand in Hand: Den Grübler, der mit seinem Graben in die Tiefe zu keinem rechten Erfolg kommt, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt. Auch wenn der Kluge zu klügeln anfängt, nehmen wir seine Klugheit nicht mehr ernst, und einem soliden Liebhaber steht es nicht zu, anderweitig zu liebeln. Gesindel ist ein verlottertes Gesinde. Wenn wir beobachten, daß sich die Lautverbindung KR überall dort einfindet, wo es sich um krumme Linien und Kurven handelt, dann sind wir wohl berechtigt, uns über diese klangbildliche Wirkung Gedanken zu machen. In jedem Fall widerspräche das KR den Vorstellungen des Glatten, Ebenen und Geraden: Krüppel, Krücke, kriechen, Krampf, Kropf, Krone, Krempe, Kragen, Krause, Kralle, Kringel, krumpeln, kritzeln.. . Auch die indogermanische Wurzel „glei“, aus der sich eine zahlreiche Wortfamilie vom Kleber bis zum Kleister nährt vermittelt schon als Klangbild die Vorstellung des Klebrigen und Schmierigen. Eine geradezu zaubrische Lautgebärde haben die indogermanischen Wortwurzeln „blä“ und „blä“, von denen sich blühen, Blatt, Blut usw. ableiten. Schon beim Sprechen dieser Konsonantenverbindung vollziehen wir mit den Lippen den Vorgang des Entfaltens und Blühens, der dann auch die Bedeutung der ganzen Wortfamilie bestimmt. Auf die sinnbildliche Wirkung und Bedeutung der Vokale verweist Ernst Jünger in seiner Abhandlung „Das Lob der Vokale“. Jünger meint z. B., das A sei „der eigentliche väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität“, der Vaterwürde. In ihm klinge zugleich die Höhe und umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. „Diese doppelte Ausdehnung“, so sagt Jünger, „tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor .. . Als Ausruf kündet das volle A den höchsten Grad der Bewunderung an, im Lachen die hohe, joviale Heiterkeit. In unseren Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkündet das A den Anruf der höchsten Macht, und je weiter wir in dieses Gebiet eindringen, desto mehr erstaunt uns der hohe Grad der Notwendigkeit, der unserer Sprache innewohnt. Die gewaltigste dieser Formeln lautet: ,1m Namen des Vaters‘.“ Dem väterlichen A ist das mütterliche U entgegengesetzt. Das U, sagt Jünger, ist der Laut des Ursprungs, der Wurzel und der feierlichen Dunkelheit. Bezeichnend ist, daß das U in einer großen Zahl von Wörtern erscheint, die etwas Abgeschlossenes und Verborgenes bezeichnen: Urne, Grube, Gruft, Grund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Hut, Glucke, rund, unten. Dem E ordnet sich nach Jünger die Ausdehnung der Ebene zu. „Die beiden Reiche, die sich in diesem Laute begegnen und überschneiden, sind die des Leeren und des Erhabenen.“ Er verweist auf Wörter wie Meer und Schnee, See und Seele. Aber auch das Langweilige und Eintönige erscheine in diesem Laut, besonders sinnfällig in einer Wendung wie „Der Regen regnete“. Die Bühnensprache vermeide deshalb die reine Aussprache dieses Vokals. Das E ist auch der Vokal des abstrakten Denkens. „Wir sehen es vornehmlich in Verben auftreten, die eine ganz allgemeine Tätigkeit ausdrücken, welche auf eine Unzahl von wechselnden Inhalten bezogen werden können. Sehen, reden, denken, nennen, messen, rechnen, begrenzen, leben, werden, weben, erkennen, entstehen, vergehen, verwerfen sind Tätigkeitswörter dieser Art, von denen unsere Sprache eine unerschöpfliche Fülle besitzt, und die sich im besonderen in jenen Sätzen einstellen, in denen wir uns mit den Formen des Denkens selbst, also mit der Logik beschäftigen.“

Wir wollen und können hier nicht im Sinne Jüngers alle Laute auf ihre klang- und sinnbildlichen Wirkungen untersuchen, zumal da wissenschaftlich zuverlässige Grundlagen wohl kaum zu gewinnen sind. Aber an der Tatsache klangbildlicher Wirkungen der Sprache kann niemand vorübergehen, dem Sprache mehr ist als nur ein notdürftiges Verständigungsmittel. Manche der Betrachtungen Jüngers mögen dichterische Auffassungen sein. Aber auch die Dichtung hat ihre Wahrheit. Weite Bereiche der Lyrik werden von der Wirkung der sprachlichen Klangbilder bestimmt. Das ist auch einer der Gründe, warum Gedichte nie lautgerecht zu übersetzen sind. Schon die Übertragung folgender altdeutschen Verse ins Neuhochdeutsche ergibt ein anderes Klangbild: „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin.“ Das in den Reimen wirksame I gibt den Versen einen innigen Minne-Ton, den die neuhochdeutsche Reimfolge mein-deinsein nicht mehr wiedergeben kann. Die Übersetzung mag begrifflich richtig sein, das veränderte Klangbild aber verändert auch den Charakter der Verse. Wie sehr das Klangbild lyrische Verse be-stimmt, d. h. die Stimmung schafft, möge noch der Vergleich von zwei Strophen zeigen, die wir Nacht-Gedichten von Eichendorff und Hebbel entnehmen:

Eichendorf: Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.

Hebbel: Quellende schwellende Nacht Voll von Lichtern und Sternen; In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!

Kein empfängliches Ohr wird überhören, daß hier ganz verschiedene Bilder und Stimmungen der Nacht schon im Klang der Verse deutlich werden (auch der unterschiedliche Rhythmus spielt dabei natürlich mit). Ohne auf die feinen Unterschiede einzugehen, kann man behaupten, daß das bei Eichendorff vorherrschende U (in Verbindung mit dem feierlichen A) auf die geheimnisvollen Schauer nächtlicher Versunkenheit deutet, während das bei Hebbel tonangebende E (ebenfalls in Verbindung mit dem feierlichen A) die sternenhafte Ferne erschließt.

Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Dr. Peter Jensen • Ein Bekannter wird betrogen. Soll ich mich einmischen?

Ich weiß absolut sicher, dass ein Bekannter von mir betrogen wird. Soll ich es ihr sagen? Es ist kein enger Freund, aber man kennt sich halt. Das ist nicht das erste Mal, dass ich in dieser Situation bin. Damals habe ich geschwiegen. War das feige? Frank, 39

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Lieber Frank,

ich ein großer Verfechter der Wahrheit. Selbst dann, wenn sie wehtut. Und das tut sie halt leider oft, die liebe, gute Wahrheit.

Dr-Peter-Jensen
Dr. Peter Jensen

Hier ist das Ganze allerdings so eine Sache, weil komplizierter.  In der Liebe ist es eben selten ganz einfach. Und Sie schreiben ja selbst, dass es sich um einen Bekannten, und keinen engen Freund handelt. Das macht das Ganze noch schwieriger. Schließlich haben Sie KEINE Ahnung, was bei den beiden daheim der aktuelle Stand ist. Kann schon sein, dass der Mann das hintergangene Opfer und die Frau die “böse Fremdgeherin“ ist. Aber es gibt ebenso X andere Versionen, die ebenfalls zutreffen können.

Was, wenn die beiden eine offene Beziehung führen? Oder sich in einem Prozess befinden, in der sie herausfinden wollen, wohin die Beziehung weiter führen soll? Vielleicht weiß er ja auch davon und hat sich damit arrangiert. Ein Zustand, den ich übrigens sehr oft beobachte. Viele PartnerInnen ahnen, dass da nebenher noch was läuft, wollen es aber nicht allzu genau wissen oder wahrhaben. Häufig genug aus Angst vor Konsequenzen, wie dem Verlust der Komfortzone. Sie ist schließlich eine gute Mutter und treu sorgende Ehefrau, will man das wirklich alles aufgeben und der Sache auf den Grund gehen?

Zudem: aus der Geschichte wissen wir nur zu gut, dass der Überbringer von schlechten Nachrichten meistens gehängt wird. Und trotzdem gibt es Situationen, in denen man nicht die Klappe halten sollte. Da ich selber auch schon in dieser wirklich unangenehmen Lage war (nur hier war es  in der Konstellation umgekehrt), habe ich für mich selber eine goldene Regel geschaffen. Und die lautet so:

Wenn mir die Person so nahe steht, dass ich sie nach der Trennung, die aus dieser Nachricht ja resultieren könnte, für 2 Wochen bei mir wohnen lassen würde, dann sage ich ihr, was ich weiß. Wenn nicht, halte ich einfach mal meine Klappe und kehre weiter vor meiner eigenen Haustür.

Sie können diese Faustregel jetzt vielleicht unsinnig finden. Aber für mich funktioniert es. Denn nur so bin ich davor gefeit, mich in Dinge einzumischen, die mich ganz schlicht und ergreifend nichts angehen. Die Liebe hat so viele Gesichter und ich Maße mir nicht an zu urteilen, wie diese auszusehen haben. Und überdies schützt sie zuverlässig vor Aktionen, die nicht nur von reinem Altruismus geprägt sind. Denn nicht selten werden solche Beobachtungen von Schadenfreude begleitet. Und es wäre wirklich sträflich, wenn aus solch zwar menschlichen, und doch niederen Motiven, eine Beziehung gesprengt würde.

Ich hoffe sehr, dass meine Antwort Sie etwas aus der Bredouille holt. Und grüße Sie!

Ihr Peter Jensen

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

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Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Dr. Peter Jensen: Wenn der Mensch-Köter sein Revier markiert

Vergangene Woche bin ich in einem etwas übervollen Einkaufszentrum von einem Mitmenschen ziemlich unsanft aus dem Weg geschoben worden. Ich war so erstaunt, dass ich darauf mit dem Mittelfinger reagiert habe. Wer von uns hat sich jetzt daneben benommen? – Michael, 35

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Lieber Michael,

je länger ich über Ihre Frage nachdenke, habe ich das Gefühl, sie seinen etwas auf den Hund zu kommen. Früher oder später lande ich bei einem Köter, der sein Revier mit dem Bepissen von Bäumen, Laternen, Autos, Hauswänden, Fahrrädern, Kinderwagen, Einkaufstaschen,… markiert.

Vielleicht ist der Zusammenhang für Sie nicht gleich ersichtlich, aber das Anrempeln im öffentlichen Raum ist in Tat und Wahrheit nichts anderes, als eine Ausweitung der eigenen Kampfzone, sprich des eigenen Territoriums.

Dr-Peter-JensenHunde tun dies vollkommen ungeniert und frei von jeglicher Scham ob dem eigenen „Egogewichse“. Menschen ebenso, wenn auch in etwas eleganterer Form. Da werden einem im Bus Rücksäcke um die Ohren gehauen, oder aber mit dem Designertäschchen freie Sitzplätze blockiert, als wäre die überteuerte Egoerweiterung in Leder ein eigenständiger, zahlender Fahrgast. (Entschuldigung, würden Sie vielleicht unter Umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht bitte Ihre Tasche vom Sitzplatz nehmen, damit ich mich hinsetzen kann, sie saublöde Schlampe mit den Kopfhörern in den Ohren, die vortäuschen sollen, dass sie mich nicht hören???) Wie auch immer es praktiziert wird, es geht eigentlich immer darum, den Raum um sich herum abzugrenzen gegen andere. Und obwohl uns hier in der Schweiz genügend Fläche zur Verfügung steht, sind wir immerfort damit beschäftigt, diese einzuzäunen und zu verteidigen. Sie dürfen dies gerne auch in einem größeren politischen Kontext verstehen, das ist sehr wohl auch meine Absicht.

Wenn man das große Glück hat, in einem Land voller Wohlstand aufzuwachsen und zu leben, dann kann es nämlich passieren, dass man plötzlich das Gefühl bekommt, man hätte diesen Ehrenplatz redlich verdient. Dass es großer Zufall ist, dass man in einem der reichen Länder das Licht der Welt erblickt hat und nicht die Arschkarte gezogen hat mit dem Land auf der anderen Seite der Statistik (nämlich Sierra Leone), blenden wir dabei großzügig aus. Anstatt zu teilen verstärken wir die Landesgrenzen und schotten uns und unseren Reichtum gegen Menschen mit weniger Dusel ab.

Die Verteidigung des eigenen Terrains findet demnach im Großen wie im Kleinen statt. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass Ihr Erlebnis geringfügig ist! Ich wurde selber einmal beim Einsteigen in den Zug von einem anderen Mann dermaßen grob zur Seite geschubst, dass ich nicht anders konnte, als eine Viertelstunde lang auf dem Bahnsteig stehen zu bleiben und die Abdrücke meiner Schuhsohlen stampfend im Beton zu verewigen. Der körperliche Angriff hatte mich so schockiert und in meiner persönlichen Integrität verletzt, dass ich leider nicht imstande war, den Mittelfinger zu mobilisieren. Wenn ich die Chance bekäme, die Zeit zurückzudrehen, dann würde ich dem Rüpel den Finger zeigen und gleichzeitig einen Tritt in Richtung des Gemächts verpassen. Weil dies leider nicht möglich sein wird, muss ich mich damit begnügen, etwas an Ihrer Reaktion zu partizipieren. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die Genugtuungsbemühung und grüße Sie freundlich

Ihr Peter Jensen

Cats Medienkommentar: Öl im Feuer

Seit der Silvesternacht regiert eine neue Macht unsere Gesellschaft – die Angst vor sexueller Gewalt in ihren schlimmsten Formen. Es scheint eine Art Flächenbrand in europäischen Großstädten zu toben und die Ereignisse in Köln und anderswo sorgen auch für genug Medienspektakel. Ohne Frage haben wir ein gewaltiges Problem, wenn diese Tendenz sexueller Gewalt sich fortsetzt – dennoch oder gerade deshalb ist es an der Zeit, statt Panikmache endlich wieder eine sachliche Debatte in Gang zu bringen.

KölnHBFcologne-1012001_1280Als die Silvesternacht für so viele Frauen in Deutschland zu einem wahrhaft traumatischen Erlebnis wurde, war ich nicht „im Lande“, nämlich genauer gesagt bei unseren polnischen Nachbarn auf Entdeckungstour. Und da man im Urlaub bekanntlich nicht allzu oft in seinen Facebook-Account oder in Newsfeeds schaut, sprangen mir die ersten Meldungen über den „Sex-Mob“ eben erst nach Silvester ins Auge. Ich muss sagen, ich war wahrscheinlich gleichermaßen schockiert über die Ereignisse wie die meisten Leute, die davon hörten. „Das gibt’s doch nicht“, murmelte ich und kam aus dem Kopfschütteln nicht wieder heraus. „Widerlich“, sagte mein Mann und verzog angeekelt das Gesicht. Kurz: Diese Nachrichten haben uns doch kalt erwischt und stark beunruhigt. Es gibt seitdem aber etwas, was mich  noch mehr beunruhigt, nämlich das Fehlen einer Diskussion, die wirkliche Lösungen und Ergebnisse verspricht.

Willkommen im Irrenhaus!

anarchist-41384_640Deutschland ist in Hysterie verfallen – zumindest, wenn es nach dem geht, was ich täglich in sozialen Netzwerken miterlebe. Die Schlagzeilen sind aber auch wirklich haarsträubend. „Der Sex-Mob hat wieder zugeschlagen“, „Nordafrikaner vergewaltigen deutsche Frauen“, „Schluss mit dem Asylantenstrom“, „Neuer Belästigungsfall bekannt“ … Auch zwei Wochen später scheint die Flut von Schockmeldungen nicht abzureißen. Ganz zu schweigen von den Kommentaren, die teilweise so vor Hass sprühen, dass man beinah einen Elektroschock über die Tastatur bekommen müsste.  Und ehrlich gesagt schüttelt es mich bei manchem Kommentar und Artikel nicht nur wegen der Taten, die von Begrabschen bis hin zu Vergewaltigungen reichen, sondern auch wegen des extrem fremden- und islamfeindlichen Untertons. Auch in der Politik gewinnen rechte und konservative Kräfte an Einfluss, warum sonst sollten Pegida und AfD gerade jetzt auf den Trichter kommen, sich für Gleichberechtigung und Frauenrechte einzusetzen? Ganz nach dem Motto: „Wir müssen die deutschen Frauen vor den bösen Ausländern beschützen.“ Auch Rockerbanden, Skinheads und andere Gruppen, denen ansonsten politisch ein Riegel vorgeschoben wird, verkünden plötzlich, für die hiesigen Frauen und ihre Rechte einstehen zu wollen – notfalls mit allen Mitteln. Die Konsequenzen einer Entwicklung, die ich mal „kollektive Hysterie“ nennen möchte, sind zweifelhaft. Bekannterweise ist die „Vendetta“, die Blutrache, nämlich eine typische Angewohnheit der Mafia und was dabei am Ende herumkommt, ist weitgehend bekannt. Im Klartext: Es bringt niemandem etwas, wenn wild gewordene Hooligan-Horden und ein mit modernen Mistgabeln ausgestatteter, wütender Mob nun den Spieß umdrehen und, wie in Köln geschehen, „Jagd“ auf den vermeintlichen Übeltäter machen. Gelungenes Krisenmanagement? Nun, ein gigantisches Irrenhaus trifft es wohl eher. Die Politik des Denunziantentums hat eben schon immer mehr Schaden als Nutzen gebracht – eigentlich wissen wir das schon seit dem Niedergang der Inquisition.

Wo bleiben die Fakten?

Reichstag-berlin-511979_640Glücklicherweise gibt es in dieser hochemotionalen und hochspekulativen Mediendiskussion auch genug Gegendarstellungen. Flüchtlinge, die Frauen symbolisch Rosen schenken; Nordafrikaner, die in Videos die Täter scharf verurteilen und Artikelschreiber, die ausdrücklich vor einem fremdenfeindlichen Einschlag der öffentlichen und politischen Debatte warnen. Eines fehlt mir bei dem Ganzen jedoch: Fakten und eine klare, sachliche Darstellung, was nun wirklich Sache ist. Zum Beispiel sind nach wie vor nicht alle Täter bekannt und identifiziert (kein Wunder bei diesem unübersichtlichen Debakel), es kann also nicht mal sichergestellt werden, welcher Herkunft diese Menschen waren und inwiefern sie in Banden organisiert sind. Selbst die Zahl der kürzlich begangenen sexuellen Übergriffe steht noch nicht endgültig fest. Vielleicht ist es mir deswegen bisher so schwer gefallen, mich im Blog zum Thema zu äußern – unhaltbare Spekulationen und reißerische Clickbait- Schlagzeilen stehen auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala nämlich nur knapp über Zahnarztbesuchen und dem täglichen Weckerklingeln.

Foto: Gerd Altmann
Foto: Gerd Altmann

Ein größerer Zusammenhang

Was in dem Umfang geschehen ist, ist fürchterlich – und im öffentlichen Raum zumindest in den letzten Jahrzehnten noch nie dagewesen. Kein Wunder, dass es die Massen verstört und bewegt. Doch anstatt zusätzlich Panik und Hysterie zu stiften, sollten Politik und Medien ihre Energie lieber darauf verwenden, echte Aufklärungsarbeit zu betreiben und gut überlegte Lösungsansätze vorzustellen. Allen, die gerade dabei sind, einen weiteren spontanen Post über den „bösen Migranten“ zu schreiben (oder aber alle Deutschen, die sich Sorgen machen, als rechte Säue hinzustellen), möchte ich nur sagen: Haltet einen Moment inne und atmet noch einmal tief durch. Seht auch einmal den größeren Zusammenhang. Natürlich ist das, was passiert ist, grauslich und darf so  nicht wieder vorkommen. Offenbar waren auch Migranten unter den Tätern, ja. Migranten, die ebenso wie jeder „weiße Mann“ für ihre Verbrechen Rechenschaft ablegen müssen – solange wir eben in einem Rechtsstaat leben. Es ist vollkommen okay, sich auch Sorgen und Gedanken zu machen, immerhin ist das Ganze ein ziemlicher Hammer. city-736807_640Nur: Es steht in einem größeren Zusammenhang. Die Empörungswelle über die neuerlichen Ereignisse übersieht nämlich gerne, dass es auch schon vorher und andernorts Gewalt gab, die ebenso traumatisch und schädlich ist. Sie passiert täglich in Mietwohnungen, Schulen, Büros, Discos und Fabrikhallen – oft sind die Täter keine Migranten, nicht einmal „Fremde“, sondern sie kennen ihre Opfer gut genug, um ihr Vertrauen zu missbrauchen. Nur ein niedriger Prozentsatz sexuell motivierter Verbrechen geschieht im öffentlichen Raum. Die Silvesternacht in Köln, Frankfurt und anderen Städten war sicherlich ein  Warnschrei und ein Symptom – doch die Ursache liegt ganz woanders. Ob in einem zu radikal und selektiv ausgelegten Islam (das Alte Testament der Bibel steht dem übrigens in nichts nach), einer erbarmungslosen Lebenswelt, in der zu viele Kinder aufwachsen müssen oder in einer latenten „Rape Culture“, ist wohl bei jedem Übergriff unterschiedlich. Es liegt nicht allein an der Flüchtlingspolitik unserer Regierung, „den Fremden“ (Verbrecher bleibt Verbrecher, egal, welcher Herkunft) und vor allem nicht an einer wieder häufig propagierten „Unterlegenheit der Frau“, dass diese Dinge passieren. Aber sie gehen uns alle an, und jeder ist mit dafür verantwortlich, ein Klima zu schaffen, dass weder Nährboden für Frauen- noch für Fremdenhass bietet und den Brand zu löschen, anstatt Öl ins Feuer zu gießen.

Maria Aronov • Freund oder Feind? • Über die Freundschaft

Freund oder Feind? 

Wir unterliegen einem ständigen Wandel. Vieles verändert sich, doch manche Dinge werden im Kern ihres Wesens niemals eine Neuerung durchleben. Dazu gehört einer der ältesten Begriffe der Welt, nämlich der der Freundschaft. Diese besteht aus zwei Seiten, der  wahren und falschen Freundschaft. Die letztere  birgt in sich den Egoismus.  Dieser ist ihr Nährboden, aus ihm wächst sie. Der Mensch dreht sich zu oft um seine eigene Achse. Er sucht nach Gewinn und Vorteilen, verliert sich dabei in Nichtigkeiten. Er  verwechselt oft den Begriff der Zeit mit dem des Geldes. Er will in nichts investieren, was ihm selbst keinen Nutzen bringen würde.

In „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupery spricht der Fuchs davon, dass die Menschen für die Freundschaft zu wenig Zeit hätten. Sie wollen zwar Freunde haben, aber bemühen sich nicht um die Entwicklung der Freundschaft:

»Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich! «

Die wahre Freundschaft hat den Begriff der Zeit als Basis. Hierbei handelt es sich nicht um eine Art Investition. Vielmehr geht es darum, dass die Zeit uns die Möglichkeit gibt, jemanden kennenzulernen, zu sehen, ob der Mensch überhaupt zu einem als „Freund“ passt.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor.
By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ – CC BY-SA 2.0

George Washington verglich die wahre Freundschaft mit einer „sehr langsam wachsenden Pflanze“. Außerdem kann die wahre Freundschaft nur dann zustande kommen, wenn beide Seiten dazu bereit sind, in einem schweren Moment die eigenen Bedürfnisse zurückzuschrauben und für den anderen da zu sein. Die Zeit, die Bereitschaft dazu, die Bedürfnisse eines anderen Menschen vor seine eigenen zu stellen sowie das Teilen von Kummer und Freude sind die Grundvoraussetzungen der Freundschaft, wie man sie seit Anfängen der Menschheit kennt. Auf diese Aspekte geht Wladimir Wyssozki in seinem Lied „Vom Freunde“ ein:

Wenn du nicht genau weißt, ob neben dir ein Freund oder doch ein Feind ist,
zieh mit ihm in die Berge! Riskiere es!

In der Seilschaft wirst du erkennen, wie er wirklich ist.

Ist dein Kumpan am Berg nicht zäh, will er sofort aufgeben und wieder nach unten? Stolpert er unterwegs und schreit dabei? Dann läuft neben dir ein Fremder!

Ärgere dich nicht über ihn! Schick ihn fort!

Solche Menschen nimmt man nicht hier hinauf
und man singt erst gar nicht von ihnen!

War dein Kumpan mürrisch, lief aber mit dir weiter und hielt dich fest, auch wenn jammernd, als du vom Felsen fielst?

Zog er mit dir wie in die Schlacht und stand dann mit dir trunken auf dem Gipfel?

Dann kannst du dich auf ihn wie auf dich selbst verlassen.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Das Lied von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki [Hier gelangen Sie zum Porträt des Künstler – verfasst von Maria Aronov] verdeutlicht, dass der wahren Freundschaft jegliche Vorwürfe unbekannt sind. Entweder ist man füreinander da oder nicht. Fängt man an zu zweifeln und überlegt, ob der Freund zu einem steht oder doch etwas vorspielt, ist die Freundschaft nichts mehr wert.

Johann Thieme: Fehlendes Selbstbewusstsein im Job – und das mit 30

Bald werde ich 30 und habe noch immer kein Selbstbewusstsein. Ich fühle mich immer klein und unwichtig und im Job nimmt mich niemand wirklich ernst. Was kann ich tun? Ich dachte immer, es kommt mit dem Alter von selbst. Aber das stimmt bei mir nicht. Wissen Sie was ich tun kann? – Matthias, 30

trennlinie2Hallo Matthias,

Selbstbewusstsein ist keine Frage des Alters. Gewisse Menschen scheinen damit zur Welt zu kommen, andere müssen es sich aneignen. Die meisten Menschen gehören zu der zweiten Sorte. Sie auch. Damit haben Sie schon mal den Beweis erbracht, dass Sie vollkommen ok sind.

Ihre Frage lässt sich in einer hier nicht umfassend beantworten. Jeder Mensch ist so einzigartig, dass es ein einfaches Rezept nicht gibt. Was aber mit Sicherheit funktioniert: das Pferde von hinten aufzäumen.

Johann ThiemeTun Sie doch einfach mal eine Woche so, als hätten Sie ein gesundes Selbstbewusstsein und als würden Sie von Ihren Arbeitskollegen total ernst genommen. – Sie müssen keine Angst haben, dass Sie dadurch zum arroganten Arschloch werden. Die meisten Arschlöcher besitzen zwar ein riesiges Ego, aber kein gesundes Selbstbewusstsein. – Als ersten Schritt setzen Sie sich also hin und überlegen sich, wie Sie sich selbst definieren als selbstbewusster, erfolgreicher Mensch. Dabei dürfen Sie auch gern Ihr Kopfkino einschalten. Achten Sie darauf, wie es sich anfühlen würde. Schauen Sie dabei auch auf Ihre Körperhaltung. Es gibt dazu übrigens wunderbare Übungen im Taiji. Ein stabiles Körpergefühl lässt sich kaum entwickeln, wenn man morgens schon mit vollkommen verknoteten Beinen aufsteht und sich mit gebeugtem Rücken ins Bad schleppt. Erlernen Sie den Sonnengruß (eine Yogaübung) – leicht zu erlernen. Sehr wichtig ist auch die Atmung – wenn Sie schlecht drauf sind, atmen sie meist auch zu flach. Beobachten Sie sich einmal dabei.Wenn ich sehr nervös bin oder sogar Angst habe, singe ich. Natürlich wenn ich allein bin. Dabei versuche ich so tief wie möglich zu klingen.

Wenn Sie diese simplen Ratschläge jeden Tag beherzt umsetzen, werden Sie stetig mehr Selbstbewusstsein erhalten. Um sich selber bewusst zu sein, muss man nämlich erst einmal in Kontakt zu seinem eigenen Körper kommen. Erst dann kann sich das innerliche Gefühl dazu einstellen.

Allerdings sollten Ihnen eines klar sein: mangelndes Selbstbewusstsein hat mit Ihrer negativen Selbstwahrnehmung zu tun. Damit, dass sie viel zu viele Dinge in Ihrem Leben bewerten. Wenn Sie also dauerhaft etwas daran ändern wollen, dann müssen Sie da ran. Sehr hilfreich ist dabei übrigens die Arbeit mit Pferden. Damit ist nicht zwangsläufig das Reiten gemeint. Die s.g. Bodenarbeit wirkt auch wunder.

Mit einem Schulterklopfen,

Johann Thieme

Dr. Peter Jensen über glückliche & unglückliche Menschen

Lieber Peter Jensen. Was unterscheidet glückliche von unglücklichen Menschen? Jonas, 39

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Hallo Jonas!

Im Prinzip die An- oder Abwesenheit von Glück. Aber für das Dasein oder Fehlen dieses Zustands ist man selber verantwortlich. Das Glück fällt einem nur dann in den Schoss, wenn man die Beine etwas dafür spreizt.

Dr-Peter-JensenIch denke, dass glückliche Menschen in erster Linie über mehr Ressourcen in ihrem Leben verfügen, als es unglückliche tun. Und dabei verstehe ich unter ‘Ressourcen’ keinesfalls Geld oder andere Besitztümer im monetären Sinne, sondern vielmehr einen imaginären Rucksack voller positiver Eindrücke, Erinnerungen und Erfahrungen, auf die jederzeit zugegriffen werden kann. Für diese These würde auch sprechen, dass im Wohlstand lebende Menschen keinesfalls automatisch zufriedener sind, als solche die um ihre Existenz kämpfen müssen. Es scheint mehr die Gabe zu sein, sich an einem zaghaften Lächeln, dass einem im vollen Bus geschenkt wird, zu erfreuen.

Lebt man sein Leben in Achtsamkeit und ist man empfänglich für die kleinen Geschenke, die einem der Alltag macht, oder erwartet man Glück in einer vorgestanzten Form und mit einem gut leserlichen Preisschild versehen? Kann das Lieblingslied, dass im frühmorgendlichen Stau im Autoradio gespielt wird, ein Lächeln entlocken, oder regt man sich lieber darüber auf, dass die Songs davor und danach nicht in die persönliche Playliste passen?

Ich bin in meinem Therapie-Alltag immer wieder erstaunt, wie wenig Augenmerk auf persönliche Ressourcen gelegt wird. Viele Menschen wissen zwar haargenau, was ihnen gut tun würde, belassen es aber beim theoretischen Wissen, anstatt es sich zu gönnen. Andere haben schlicht keinen Zugang zu diesem oben erwähnten Rucksack, oder sind sich noch nicht einmal bewusst darüber, dass ein solcher existiert. Dabei beherrscht es praktisch jeder Mensch, sich ob der Erinnerung an einen ärgerlichen Moment in seinem Leben innert kürzester Zeit erneut zu erzürnen. Dass diese Methode auch in Richtung Glück und Freude funktioniert, realisieren aber wenige. Dabei sind es oft ganz kleine und unspektakuläre Dinge, die einem das Herz zu erwärmen vermögen. Die Kunst ist nur, diese zu erkennen und in mentaler oder buchstäblicher Griffnähe bei sich zu haben.

Für mich sind es genau in diesem Moment, in der ich Ihnen diese Antwort schreibe, der frisch gebrühte Kaffee aus der blassrosa Kapsel, den ich aus einem uralten handbemalten Tässchen, an welchem bereits die Farbe abblättert, trinke. Vermutlich würde der Kaffee aus einer unansehnlichen Kapsel und aus einem Plastikbecher nicht viel anders schmecken. Aber Glücksgefühle würde er mir keine entlocken.

Glückliche Menschen hadern auch mit ihrem Schicksal und fluchen auch über eine zu hohe Steuerrechnung. Aber sie haben den Trumpf vieler kleiner Daseinsfreuden und damit ein Werkzeug in der Hand, sich jederzeit in einen gewünschten Zustand zu versetzen. Sie erfreuen sich auch am Glück von anderen, anstatt grün vor Neid Gift und Galle zu spucken.

Mit herzlichem Gruß. Ihr Peter Jensen

Cats Couch: Ein Nein ist ein Nein (ist ein Nein) – Version 1.1

Erotik ist in dieser Kolumne gar kein Thema, das ich näher vertiefen wollte. Es gibt da jedoch diese eine Sache, die mich beim (zufälligen) Lesen diverser Onlineartikel und Foren immer wieder verblüfft – manche Menschen scheinen das einfache Wort „Nein“ gerade in Bezug auf die „schönste Nebensache der Welt“ einfach nicht zu verstehen oder auszusprechen. Dabei sollte das wirklich nicht so schwer sein; egal, ob es um einen Disco-Flirt oder um den langjährigen Ehepartner geht.

Bett_pillows-820149_640Eines vorweg: Ich möchte mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn es darum geht, Lesern „Ratschläge“ für so intime Lebensbereiche wie das eigene Sexualleben zu erteilen. Dies empfinde ich als anmaßend und überlasse es getrost den zahlreichen Sexologen mit oder ohne entsprechendes Fachdiplom, die für die Internetseiten renommierter Frauenzeitschriften schreiben. In dieser Kolumne wird es (auch weiterhin) keine intimen „Vaginamonologe“ und Einblicke geben. „Der Gentleman genießt und schweigt“, und manchmal kann das eben auch eine Lady. Was viele andere hinter ihrer Schlafzimmertür (oder auch woanders) treiben, möchte ich auch nicht beurteilen oder gar verteufeln. Gemäß dem Motto: Alles, was im Einvernehmen geschieht und keine absehbaren Gefahren mit sich bringt, ist gut – und erlaubt ist, was allen gefällt.

Wo ich bei dem Punkt angelangt bin, an dem ich ansetzen möchte. Jegliche Erotik ist freiwillig und von den eigenen Gelüsten geleitet. Doch warum fällt es manchen so schwer, zu dem, was sie nicht wollen, „Nein“ zu sagen und anderen, dieses „Nein“ auch als das zu akzeptieren, was es ist? Ein klares „Nein“ eben, ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung. Ein Extremfall wären hier sicherlich Sexualstraftäter, doch in dieses Extrem möchte ich hier nicht gehen. Es reicht schon, wenn in einer Beziehung oder nach einem heißen Flirt auf einer Party eine Person die andere (vielleicht unbewusst) bedrängt und aus einem klaren „Nein“ in seinem Kopf ein „Ja, aber …“ macht. Wie auch immer diese erstaunliche Falschwahrnehmung im Einzelfall zustande kommt.

sisters-984997_640Gerade (wir) Frauen scheinen häufig ein Problem mit dem „Nein-Sagen“ zu haben und es gibt auch heute durchaus noch Männer, die auf ein „Nein“ gekränkt oder sogar wütend reagieren. Zumindest, wenn man diverse Stränge aus den Internetforen bekannter „Frauenseiten“ liest. Gleiches kann natürlich auch umgekehrt der Fall sein, mit einer Frau, die auf jede sexuelle Zurückweisung vollkommen irrational und übertrieben reagiert. In gewissem Sinne sind solche Hemmnisse und Reaktionen ja auch nachvollziehbar. Schließlich müssen sich beide Partner ganz „intim“ und mit absolutem Vertrauen aufeinander einlassen, damit beide das gemeinsame kleine Bettabenteuer als lustvoll und bereichernd empfinden können. Ein zu grobes „Nein“, so fürchtet mancher zu Recht, könnte die ganze Stimmung ins Wanken bringen und für aufreibende Konflikte sorgen. Also schweigt manche(r) „Unlustige“ im schlimmsten Fall lieber, lässt manches eventuell „über sich ergehen“ und seine Lust auf weitere Experimente mit dem Partner schwindet schleichend dahin. Bis sie sich irgendwann um die Ecke ins Niemandsland geschlichen hat.

anonymous-973217_640Warum also der ganze Eiertanz rund um Wünsche, Vorlieben, Abneigungen und Tabus in einer Partnerschaft, die im Alltag in geradezu reibungslosen Bahnen läuft? Ist es möglicherweise gerade dieses Bemühen um ständige Harmonie, eine gewisse Konfliktscheue, die uns dazu führt, einen geliebten Menschen „einfach machen zu lassen“? Wie kann es in einer Zeit, wo wir dank Internet, einer großen Auswahl an Ratgeberliteratur, großen Kenntnissen in der Sexualanatomie und zum Teil auch Pornografie genau wissen, welche Praktiken, Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Herausforderungen es gibt? Möglicherweise sind einige dieser sexuellen „Befreier“ dabei selbst das Problem. Denn, sehen wir es, wie es ist: Sex im Porno ist nicht die Art, wie viele Paare ihn im „echten Leben“ erleben und genießen wollen. Sicherlich gibt es auch hier „Abweichungen“ von dem, was als üblich gilt und das ist vollkommen in Ordnung – solange ein Konsens und eine Rückzugsmöglichkeit für alle bestehen. Eben Spielregeln, die den Respekt voreinander verteidigen, wie es in einer funktionierenden Partnerschaft sein soll. Das Problem mit manchen Pornos sehe ich daher nicht in der Tatsache, dass sie existieren und in dem Großteil der Inhalte, die sie zeigen, sondern eher darin, dass irgendein Partner (meist die Frau), einfach nicht die Möglichkeit hat, innerhalb der „Handlung“ auch einmal etwas abzulehnen. Und wenn sie es tut, sieht es der „Spielplan“ vor, dass sie sich unter Zwang und teilweise auch Gewalt dann doch den teilweise extremen Wünschen ihres Partners unterordnet. Dies mag mit den Darstellerinnen und Darstellern zwar abgestimmt und vertraglich geregelt sein; dem unerfahrenen oder leichtgläubigen Konsumenten kann es aber einfach ein falsches Bild vermitteln. Nämlich das, dass es möglich und erlaubt sei, einen anderen Menschen im Bett oder wo auch immer zu etwas zu zwingen.

holding-hands-1031665_640Nicht, dass einen diese krassen Darstellungen gerade im Bereich der Pornoproduktion überraschen würden; mehr Kopfzerbrechen bereiten mir da die „Sextipps“ mancher Mainstream-Frauenzeitschriften. So schreibt eine bekannte Sexratgeberseite zum Thema Deep Throat: „Es wird Ihnen vielleicht bei den ersten Malen nicht gelingen, den Würgereflex zu ignorieren. Selbst nach intensivem Training ist es möglich, dass Ihnen anstatt des Würgereflexes, Tränen in die Augen steigen. Aber sehen Sie Ihren Partner dabei an! Das Machtgefühl, das er spürt, wird ihn wild machen und er wird sich gerne revanchieren.“ Also ehrlich gesagt: Ich kriege bei solchen Beschreibungen das kalte Kotzen, ohne einen Penis „bis zum Anschlag“ in den Mund zu nehmen und Gefahr zu laufen, beim Oralsex an Atemnot zu sterben. Die Bilder im Kopf reichen schon, danke liebe „Sexperten“. Andere, Frauen wie Männer, mögen Gefallen daran finden. Nein, nun mal ernsthaft ….Was mich stört: Auf den Onlineseiten gängiger „Frauen- und Männerlektüre“ werden die Fantasien einiger oft zum erotischen „Must-have“ für alle erklärt. Als etwas, das man „lernen“ kann und das es sich zu „können“ lohnt, auch wenn es die natürlichen, lebenserhaltenden Reflexe bei mancher Frau und auch beim homosexuellen Mann ganz oder teilweise außer Gefecht setzen soll.

Ein extremes Beispiel in der Onlinewelt fand ich auf einer Seite, wo ein Mann andere Männer darin schulen wollte, ihre Frau zu einem „filmreifen“ Deep-Throat-Blowjob zu überreden und sie darin zu trainieren wie einen Hund, der ein Stöckchen holen soll. Selbst dann, wenn sie es nicht will, Angst hat oder sich davor ekelt. Schließlich hätte jeder Mann sinngemäß das „Recht“ auf dieses besonders machtvolle Hochgefühl. Man müsse nur die Grenzen und Tabus überwinden. Meine Meinung dazu? Es gibt kein angestammtes, gesetzlich verankertes Recht auf irgendeine Sexualpraktik – aber durchaus das Menschenrecht, seine Würde und seinen freien Willen zu wahren. Dies waren nur extreme Beispiele „medialer Irrtümer“ – in der Praxis fängt es oft schon damit an, dass ein Partner mehr und öfter Lust hat als der andere. Das ist eine persönliche Entscheidung und absolut in Ordnung.

couple-731890_1280Oft ist es nur das Problem, wie man „nein“ sagt. Es gibt diese brutal ehrlichen Menschen, die dann einfach sagen: „Keine Lust!“, sich wieder umdrehen und weiterschlafen. Das ist zu respektieren, schließlich gibt es keine Pflicht, sich zu rechtfertigen. Schöner, weniger belastend und hilfreicher ist es meines Erachtens jedoch, wenn es möglich ist, seine oft recht banalen Gründe kurz zu nennen. So wie: „Ich hatte einfach einen zu harten Tag“, „Ich fühle mich krank“ oder „Ich muss erst etwas in den Magen bekommen“. Wichtig finde ich hier, dass Erklären nicht Entschuldigen ist; denn es gibt nichts, wofür es sich zu entschuldigen lohnt. Man hat eben keine Lust auf Sex oder auf irgendeine außergewöhnliche „Bettsportdisziplin“, doch so kann der Partner zumindest das nötige Verständnis aufbringen, ohne dass eine latente Unsicherheit sich breitmacht und er vollkommen im Unklaren gelassen wird. „Nein“ sagen ist also notwendig und gar nicht mal so schwer – vorausgesetzt, es wird nicht als eine verdrehte Form von „ja, aber …“ wahrgenommen. So wie es die aktuelle „50 Shades“-Bestsellerreihe propagiert, wo der männliche Protagonist mit Aussagen wie „Dein Arsch gehört mir!“ seine jüngere, sozial schwächer gestellte „Partnerin“ immer wieder nur seinem Willen zu unterwerfen sucht und das (leider) nicht nur im „Roten Zimmer“, wo so etwas in einer BDSM-Beziehung zumindest ansatzweise nachvollziehbar wäre. Mal unter uns: Auf eine Beziehung, in der Grenzen nicht respektiert und Freiheiten nicht beachtet werden, kann man zumindest im echten Leben jederzeit getrost verzichten. Man kann die ganzen Missverständnisse um ein klar gesagtes und gemeintes Nein übrigens gemäß dem sehr minimalistischen Leitspruch und hierfür abgewandelten Zitat der Semiologin und Sprachwissenschaflerin Gertrude Stein zusammenfassen: „Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.“

Dr. Peter Jensen • Wir wünschen uns ein zweites Kind – bisher erfolglos

Hallo Herr Jensen! mein Mann und ich wünschen uns schon lange ein zweites Kind. es will einfach nicht klappen. meine Freundinnen sagen mir nun immer: es klappt nicht, weil ihr es euch zu sehr wünscht. meine Frage deshalb an sie: wie schafft man es, dass man sich etwas nicht mehr so wünscht? ist es wie mit dem Rauchen aufhören? ich wäre wirklich sehr dankbar für einen Rat.

Liebe Grüße. Alice, 35 trennlinie2

Liebe Alice,

mit dem lieben Nachwuchs ist es so eine Sache. Entweder kommt er unverhofft und unerwartet, oder aber er lässt einen vor der leeren Wiege schmoren.
Ihre Freundinnen mögen es ja gut meinen und darüber hinaus gar nicht so ganz unrecht haben, wenn Sie Ihnen sagen, dass Sie es sich einfach zu fest wünschen. Aber was bringt Ihnen dieser Rat? Es ist, als würde man Ihnen befehlen: “Du darfst auf gar keinen Fall an einen rosa Elefanten denken!” Es gelingt schlicht und ergreifend nicht.

Und es ist auch vollkommen ok, das sie daran denken. Schließlich führt Sie diese Stärke in anderen Bereichen genau dorthin, wo Sie wollen, nämlich zum Ziel. Sie können nichts dafür, dass es sich hier anders zu verhalten scheint.

Dr-Peter-JensenDie Analogie mit der Entwöhnung vom Rauchen ist nicht ganz falsch. Die meisten Bemühungen zielen darauf ab, es nicht mehr zu tun. Ich will jetzt nicht mehr rauchen! Aber auch das funktioniert in der Regel nicht, weil unser Hirn zwar extrem schlau, aber dennoch nicht fähig ist, Negationen zu verstehen. Und überhaupt! Stellen Sie sich einmal vor, wie ein verzweifelter Raucher aus der Wäsche guckt, wenn man ihm sagt, er solle doch einfach nicht mehr ans Rauchen denken und einfach damit aufhören…

Wie sehr Sie sich drum vornehmen, nicht mehr an das Baby zu denken, umso mehr denken Sie daran. Das ist nichts als logisch und funktioniert bei uns allen so. Das ist doppelt hinderlich, weil Sie damit genau das Gegenteil erzielen (also doppelt so oft an das Baby denken) und dabei vermutlich auch noch Schuldgefühle haben (weil Sie es einfach nicht schaffen, nicht an das Baby zu denken). Sie müssen selber zugeben, dass diese beiden Denkfallen recht viel Druck auf Sie und die ganze Situation ausüben.

Ich bin auch der Meinung, dass es nicht gerade förderlich ist, zwecks Vermehrung nach der inneren Eieruhr ins Bett zu steigen, aber das wissen Sie bestimmt selber und davon schreiben Sie ja auch nichts. Dennoch ist es äußerst schwierig, so einen starken Wunsch und Gedanken gänzlich beiseite zu schieben. Aber das müssen Sie auch gar nicht, keine Sorge.

Wenn Sie mit diesem Thema zu mir in die Praxis kommen würden, dann würde ich mit Ihnen gemeinsam versuchen herauszufinden, ob vielleicht noch etwas anderes, zusätzliches hinter dem Thema steht, als der nackte Kinderwunsch. Geht es vielleicht auch noch darum, dass man sich nur mit zwei Kindern als “richtige” Familie empfindet oder fühlt man sich dem vorhandenen Kind verpflichtet, weil man nicht möchte, dass es ein Einzelkind bleibt? Hinter jedem offensichtlichen Thema stecken meistens viele verborgene und es bringt schon sehr viel, wenn man diesen einmal etwas Raum gibt. Sobald hintergründige Aspekte ins Bewusstsein treten, kann man versuchen, für diese eine Lösung zu finden. Des Weiteren würde ich mit Ihnen nach einem Weg suchen, der Ihnen und Ihrem Mann etwas vom vorhandenen Druck wegnimmt. Es ist so unglaublich schwierig, sich von etwas weg zu bewegen, solange man nicht weiß, wohin man sich stattdessen bewegen könnte. Das “weg von” ist zwar ein starker Antrieb, reicht aber meistens nicht aus, solange kein attraktives “hin zu” vorhanden ist.

Überlegen Sie sich doch gemeinsam einmal, was es gibt, was Ihnen beiden grosse Freude macht. Geben Sie Ihrem Herzen und Ihrem Hirn neues Futter und locken Sie sie damit in eine andere Richtung. Das kann ein Tanzkurs sein, ein gemeinsames Projekt, oder was auch immer. Es geht dabei weniger darum, sich selber abzulenken (das funktioniert ja meistens eh nicht), sondern vielmehr darum, seine Aufmerksamkeit in eine neue Richtung zu lenken.

Vielleicht mag Ihnen dieser Rat nun allzu trivial erscheinen und die Wahrheit ist, er ist es auch! Aber oft sind es gerade die einfachen Sachen, die bestechend gut funktionieren. Man muss sich nur überwinden und ihnen eine Chance geben. Meistens sucht man viel zu weit und nach zu komplexen Antworten, weil man den naheliegenden nicht über den Weg traut. Aber ich bin der Meinung, dass man immer zuerst das simple ausprobieren sollte, bevor man es sich selber schwierig macht.

Kann gut sein, dass das gemeinsame Tango tanzen neue Leidenschaft für einander entfacht, die dem bestehenden Projekt in Schoss und Hände spielt. Und wenn nicht, haben Sie immerhin gemeinsame Zeit und Freude aneinander ver- und erlebt. Versuchen Sie so gut es geht, ziellos zu sein. Sobald Sie das gemeinsame Tanzen als Fruchtbarkeitsübung ansehen, können Sie es auch gleich wieder lassen.

Geben Sie allem Raum, was Leichtigkeit in die Liebe und die Beziehung bringt und wagen Sie gemeinsam Neues!

Mit ganz herzlichem Gruss! Ihr Peter Jensen

Pauls Tagebuch: Gedanken über Hitlers Büste von Arno Breker

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Arno Breker: Büste von Adolf Hitler. – Copyright Museum Arno Breker/MARCO-VG, Bonn Op 13.02.07 – CC BY-SA 2.5

Aus einer Diskussion mit meinem Vater: Ist dieser Kopf nun Ausdruck der Zeit? Ist er heroisch? Verzweifelt? Gar ängstlich? Oder einfach nur brutal? Es fehlt uns wohl an Klarheit – alles mal wieder in Nebel gehüllt?

Wir sprachen über den Geburtstag eines Kindes am 20. April. – Irgendwie kamen wir zu Hitler und seinem Geburtshaus in Braunau am Inn. Dort befindet sich auch eine „Informationstafel“ am Gebäude. Mein Vater sagt, dass sich darüber immer noch gestritten wird. Darf es ein Zeitzeugnis sein? Eine Einladung zum Gedenken?

Dann fällt mir eine Selbstverständlichkeit ein, die mich dennoch berührt. Es ist das Geburtshaus. Dort lebte ein Kind, es reifte heran. Als Kind haben es sicherlich viele niedlich gefunden, wie man Kinder halt so sieht, wenn sie freundlich sind. Sogar künstlerisch war es interessiert und aktiv. Ein Mensch, den man lieben könnte.

Dann: der Knacks (um es mit Willemsen zu sagen)

Er wurd zur Bestie aufgebaut. Von Menschen. Von vielen Menschen. Allein schafft man sowas nicht. Ich habe Bild und eine Schere im Kopf…die Klingen weit auseinander. Rechts das Kind…Links die Büste..in der Mitte Nebel. Das Blatt lässt sich nicht schneiden.

 

 

Dr. Peter Jensen • Der abgehauene Vater – suchen oder ziehen lassen?!

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:
Ich war 2 Monate alt, als mein Vater abgehauen ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt im Leben. Trotzdem habe ich plötzlich das Bedürfnis, ich müsse ihn treffen bevor es zu spät ist. Wieso er uns sitzen liess, weiss ich nicht. Meine Mutter sprach nie von ihm. Mit 12 habe ich ihm geschrieben, dass ich ihn treffen will. Es hiess, er wolle mich nicht sehen, weil er eine andere Familie hat. Mit anderen Kindern. Er wohnt nur eine halbe Stunde entfernt. Ich habe extrem Anst vor einem Treffen. Zwar habe ich keine Erwartungen, er ist ja einfach ein fremder Mann. Was aber, wenn er ein kompletter Arsch ist? Soll ich mein Besuch ankündigen oder ihn einfach zu Hause überrumpeln? Θ Nora, 28

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Ich stelle mir Ihre Situation sehr gespalten vor. Auf der einen Seite gibt es einen Part, den Sie bis anhin nicht gekannt und kaum vermisst haben, auf der anderen Seite fehlt er eben trotzdem und lässt nicht los.

Das geht vermutlich jedem Menschen so, der in einer ähnlichen Situation aufgewachsen ist. Dass Ihre Mutter nicht über Ihren Vater sprechen mag, macht das Ganze natürlich nicht einfacher und ist im Grunde genommen auch nicht richtig. Sie trägt eine gewisse Mitverantwortung für Ihre Lage und es wäre wünschenswert, wenn sie Sie etwas unterstützen würde, indem sie sich Ihren Fragen stellt. Das heißt natürlich nicht, dass Ihre Mutter eine Verantwortung dafür trägt, dass Ihr Vater nach 2 Monaten abgehauen ist, aber zumindest dafür, dass Sie mit Ihnen darüber spricht. Vermutlich ist es für sie noch immer dermaßen schmerzhaft, dass Sie dazu nicht im Stande ist und darum sollten Sie ihr deswegen nicht böse sein.

Dr-Peter-JensenAber lassen Sie uns nun über Ihrem Vater sprechen. Sie haben ihm als 12jähriges Mädchen einen Brief geschrieben, welchen er nicht beantwortet hat. Das hat vermutlich verdammt viel Mut gekostet und darum kann ich mir nur zu gut vorstellen, wie groß Ihre Enttäuschung sein musste, dass er diesen Mut so gar nicht belohnt hat. Dafür kann es viele Gründe geben. Vielleicht war es Unfähigkeit oder Unwillen. Es gibt Männer und auch Frauen, die von einem Tag zum andern ihr altes Leben verlassen, um dann ein neues zu beginnen. Dieses möchten sie dann nicht mit dem vorhergehenden Dasein vermischen und denken nicht über die Konsequenzen für alle Beteiligten nach. So furchtbar egoistisch das auch klingt, ein absoluter Schnitt scheint gewissen Menschen in der gegebenen Situation die einzige für sie machbare Option.

Sein nicht-reagieren kann aber auch ein Resultat äußerer Einflüsse sein. Gut möglich, dass seine neue Frau damit nicht einverstanden ist, dass er zu Ihnen den Kontakt aufnimmt. Es ist ein verbreitetes Problem, dass Menschen eine ungeheure Eifersucht auf Ex-PartnerInnen entwickeln können und diese Angst scheint noch grösser zu sein, wenn ein Kind im Spiel ist. Es gibt so viele (auch unterschwellige) Gründe, die weder Sie noch ich kennen.

Ich verstehe Ihr Bedürfnis, ihn zu treffen sehr gut! Sie sind nun eine junge erwachsene Frau und wollen diesen blinden Fleck lösen, damit Sie endlich zur Ruhe kommen können. Und dazu rate ich Ihnen auch. Es kann gut sein, dass die Begegnung furchtbar unschön und schmerzhaft für Sie wird, ich persönliche kenne genau so eine Geschichte, die mit einer frustrierenden Begegnung am Hauptbahnhof geendet hat. Und trotzdem ist es besser, als sich den Rest des Lebens den Kopf darüber zu zerbrechen, was wäre wenn. Eine Verletzung, die man erfahren hat, kann heilen. Ein Phantomschmerz, der einen wegen Ungewissheit quält, verschwindet dagegen nie.

Sprechen Sie mit Ihrer Mutter darüber. Wenn möglich an einem neutralen Ort. Vielleicht ist sie bereit, den Kontakt zu Ihrem Vater aufzunehmen und zu vermitteln. Falls dies nicht möglich ist, schreiben Sie ihm einen Brief, in dem Sie Ihre Gefühle schildern. Erheben Sie keine Vorwürfe und versuchen Sie, so wenige Erwartungen wie möglich zu haben. Natürlich wäre es besser, wenn Sie ihn vor der eigentlichen Begegnung per Brief informieren, damit er sich vorbereiten kann. Falls das nicht möglich ist, weil seine Frau den Brief verschwinden lässt oder er von sich aus nicht darauf reagiert, müssen Sie sich auf seine Ablehnung gefasst machen. Dann wird er Sie kaum mit offenen Armen empfangen, wenn Sie plötzlich vor seiner Türe stehen.

Bereiten Sie sich auch auf dieses Szenario vor. Hier lohnt es sich durchaus, sich mit dem „worst case“ auseinanderzusetzen um dann nicht emotional zusammen zu brechen, falls er Sie vor der Türe stehen lässt. Bereiten Sie ein Notfallszenario vor. Bitten Sie eine Freundin Sie zu begleiten oder zumindest in sicherem Abstand zu bleiben. Sie sollten auf keinen Fall alleine sein, falls Ihr Vorhaben misslingt.

Und dennoch glaube ich, dass es für Sie gesünder ist, Ihren Vater eventuell von dieser Seite kennen zu lernen, als gar nicht. Mit einem Arschloch kann man besser umgehen, als mit einem Phantombild. Aber selbst wenn er der Begegnung aus dem Wege gehen sollte, muss das nicht automatisch bedeuten, dass das obengenannte Schimpfwort auf ihn zutrifft. Vermutlich wird Ihr Vater genau so viel Angst haben, wie Sie. Wenn nicht mehr. Und darüber hinaus noch durchtränkt sein von seinem schlechten Gewissen, Sie und Ihre Mutter im Stich gelassen zu haben. Männer kehren Angst oft in angebliche Stärke oder Kälte um, um sich selber zu schützen. Lassen Sie sich davon nicht blenden.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Mut und grüße Sie herzlichst.

Peter Jensen

Wenn Sie auch eine Frage haben, senden Sie diese gern an redaktion@derblaueritter.de

Cats Gedankenwelt: Eine Bahnsinnsgeschichte – Teil 2

Bahnreisende können viel erleben
Bahnreisende können viel erleben

Es ist eine Weile her, dass ich die skurrilsten Geschichten von meinen Bahnreisen hier zum Besten gegeben habe. Seitdem ist auf Schienen wieder einiges passiert; Erheiterndes, Nerviges, oder auch einfach nur Absurdes. Daher geht der „Bahnsinn“ hier in eine zweite Runde.

Vor allem Langstrecken- und Wochenendpendler kennen das zu gut – Bahnfahren gleicht manchmal einem Überraschungsei, man weiß nie, was man bekommt. Gäbe es eine soziologische Studie über Bahnfahrer, würde vermutlich folgendes herauskommen: Bahnfahrer und vor allem die Pendler unter ihnen sind oftmals (gezwungenermaßen) stressresistent, regen sich weniger über Kleinigkeiten wie kurze Verzögerungen auf und zeigen sich in unglücklichen Situationen äußerst gesellig und solidarisch. Kein Wunder, denn häufiges Reisen mit dem „Unternehmen Zukunft“ erfordert eben genau solche „Soft Skills“ – Geduld, Gelassenheit, kreative Lösungen und eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Mitreisenden. Nicht zu vergessen eine gute Prise Humor – wie ich letztens erst wieder feststellen durfte.

Total tote Hose: Manchmal geht es einfach nicht weiter!

Normalerweise beträgt meine Pendelstrecke, die ich an manchen Freitagen und den meisten Sonntagen zurücklege, nur rund 250 Kilometer und dauert dreieinhalb bis vier Stunden. Das ist gut aushaltbar und bietet einem einen gewissen Zeitpuffer, um zum Beispiel einen Blogbeitrag zu schreiben. Doch die Deutsche Bahn wäre ja nicht die Deutsche Bahn, wenn immer alles nach Plan liefe (bei wem tut es das schon). Manchmal kommt man gar nicht erst so los, wie man es sich vorstellt – so wie einmal vor ein paar Monaten, als der Zug gerade losgefahren war und nach einer Station bereits umkehren musste. Grund: eine erst einmal irreparable Weichenstörung. Uns blieb letztendlich nichts übrig, als uns doch noch zu später Stunde ins Auto zu setzen und nach Norddeutschland zu düsen, damit ich am nächsten Tag zur Arbeit erscheinen konnte.

Zugegeben, die Fälle, in denen man so gar nicht mit der Bahn oder dem entsprechenden Schienenersatzverkehr vom Fleck kommt, sind recht selten. In der Regel kommt man irgendwie an – trotz mancher Fahrplanänderung oder Verspätung. Wenn aber etwas beginnt, schief zu laufen, dann gilt meist Murphys Gesetz und eine Panne kommt selten allein. Hin und wieder landet man auch buchstäblich „am Arsch der Welt“ – so wie ich und 50 andere Fahrgäste letztens im Regionalzug in Richtung Oldenburg. Eigentlich hatte ich meine Route nach bestem Wissen und Gewissen geplant, sogar den etwas teureren ICE über Kassel ausgewählt, um zu viele Umstiege zu vermeiden. Bei einer halben Stunde Aufenthaltszeit kann je eigentlich kaum etwas, passieren, dachte ich. Außer, dass es statt 35 Minuten Wartezeit auf den ICE auf einmal zwei Stunden werden sollten. Wenn auf der Anzeigetafel am Bahnsteig geradezu hämisch die Leuchtschrift erscheint: „ICE XYZ – etwa 90 Minuten Verspätung“, wissen erfahrene Bahnreisende, was zu tun ist. Also sich entweder ärgern und sich ein Restaurant mit Sitzgelegenheit suchen, oder aber nach der schnellstmöglichen, „zweitklassigen“ Regionalverbindung schauen.

Wer keinen Humor hat, sollte das Bahnfahren seinlassen - sonst droht Bluthochdruck!
Wer keinen Humor hat, sollte das Bahnfahren seinlassen – sonst droht Bluthochdruck!

Ich hatte also (erst einmal Glück) – eine halbe Stunde später als eigentlich geplant fuhr doch noch eine Regionalbahn. Voll, eng und stickig, aber immerhin: Besser als gar nicht vorankommen. Dann kurz vor Ahlhorn die Durchsage, ein umgestürzter Baum versperre ab Ahlhorn die Strecke, „Bitte steigen Sie in Ahlhorn in die bereitgestellten Ersatzbusse“. Naja, denke ich mir dann immer, das kommt bei Sturm eben mal vor. Übrigens auch schon einmal so vorgekommen im letzten Winter, als die Züge von Bremen nach Oldenburg einen ganzen Tag lang wegen Sturmschäden auf der Strecke nicht fuhren. Ich freute mich insgeheim also schon auf einen komfortablen Bussitz – auch wenn mein Anschlusszug so oder so weg sein würde. Aber warum fährt man auch eine Stunde eher los, ein guter Bahnfahrer weiß: Pufferzeit muss sein.

Was danach passierte, hätte jedoch niemand der noch inzwischen rund 50 Mitreisenden erwartet. Anstatt uns bis nach Oldenburg zu fahren, hielt der zuständige Busfahrer nach einer ewig scheinenden Kurvenfahrt über Ortschaften, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte, an einem einsamen Ort namens Huntlosen. „Huntlosen“ klingt übrigens nicht nur so, als sei dort der Hund begraben – Dorf und Bahnhof sehen auch genau so aus. Es mag zweifellos ein schöner Ort für motorisierte Familien sein, die idyllisch wohnen wollen – als Knotenpunkt für wartende Zuggäste ist er aber schlicht ungeeignet, ohne Süßigkeiten- und Getränkeautomat und ohne Bahnhofstoilette. „Da kommt gleich ein Zug zur Weiterfahrt“, hat man uns versichert. Also warteten wir. Es war inzwischen fast Mitternacht und kein Zug in Sicht. Um Viertel nach zwölf, nachdem wir fast eine Stunde am zugigen Bahnsteig mitten in der Pampa gewartet hatten, machte sich die Karawane wieder zur Bushaltestelle auf, um dort wieder peitschendem Regen und Sturm zu trotzen. Die Ersten witzelten schon über eine „unerlaubte Demo am Arsch der Welt“, die Zweiten riefen nach Freibier und die Dritten riefen bereits ihre Kumpels, Mitbewohner und Familien an, damit diese wieder aus ihren Betten aufstanden und sie von diesem Bahnhof, wo einfach der versprochene Bus nicht kommen wollte, abholten.

Idiotensichere Toilettentüren sind die Regel - aber es gibt auch Ausnahmen
Idiotensichere Toilettentüren sind die Regel – aber es gibt auch Ausnahmen

Tatsächlich kam ein Bus vorbei – nur war dieser schon voll. Die Fahrerin versprach, „da kommt gleich noch einer“. Also wieder Warten – und zwar bis Viertel nach eins am Morgen. Inzwischen spielte ich mit dem Gedanken, mir ein Hotel in Oldenburg zu nehmen und einen Erstattungsantrag bei der Bahn einzureichen. Doch dann hatte ich in dem ganzen Schlamassel noch Glück. Irgendwann gegen halb eins sprach mich nämlich ein junger Mann an: „Entschuldigung, ich habe gerade gehört, Sie müssen auch nach Delmenhorst?“ Er wollte seinen Mitbewohner anrufen – leider hatte sein Handy keinen Akku mehr. Handy laden am Laptop gegen Mitfahrgelegenheit bis vor die Haustür, das hielt ich für einen fairen Deal. So kam es, dass ich mit zwei fremden Soldaten in ein Auto einstieg, etwas, das ich unter „normalen“ Umständen nicht tun würde. Aber ungewöhnliche Situationen erfordern besondere Mittel.

Wie entspannt man mit der Bahn reist, hängt von Strecke und Verkehrslage ab
Wie entspannt man mit der Bahn reist, hängt von Strecke und Verkehrslage ab

Dass der Bus nach Oldenburg doch noch kam, sahen wir, nachdem wir diverse Taxiunternehmen in Delmenhorst und Oldenburg für andere Mitfahrer angerufen hatten und diese wieder abbestellen mussten, als der Bus schließlich unverhofft in Sichtweite kam. Ende gut, alles gut – dennoch, als ich meinem besorgten Ehemann zu Hause meine sichere Ankunft vermelden konnte (etwa gegen zwei Uhr nachts), sagte er nur: „Na, das war ja mal wieder eine Bahnsinnsgeschichte!“ Manchmal passieren auch innerhalb des Zuges die seltsamsten Dinge; so kam es letztens, dass ein Betrunkener sich derart ungünstig in der Toilette eingeschlossen hatte, dass die Feuerwehr ihn am Zielort hinaus sägen musste. Und da sage noch einer, die Türen bei der Deutschen Bahn seien idiotensicher. Der erste basserstaunte Kommentar des Bahnangestellten: „Das habe ich ja in meinen letzten zehn Dienstjahren nicht erlebt!“ Hin und wieder erlebt man in der Bahn eben Dinge, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt. Habt ihr über die Feiertage auch kuriose, „bahnbrechende“ Erlebnisse gehabt? Dafür ist natürlich Platz in den Kommentaren. Egal, wohin die Reise euch also führt: Kommt gut an!

Maria Aronov • Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug!

Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug! 

Es ist kein Geheimnis, dass wir in einer konsumorientierten Gesellschaft leben. Der Mensch entfremdet sich immer mehr sich selbst. Man wird von ständig erneuerten Waren überhäuft, der Verstand des Menschen wird ausgeschaltet. Er muss nämlich mit der neuesten Technik, Kleidung, Spielzeugen Schritt halten können. Andernfalls wird er zum Außenseiter. Man verliert dadurch die Fähigkeit, die Dinge zu erhalten. Die Sachen dienen einem so lange, wie sie brauchbar sind. Das Verhalten wird auch auf die Mitmenschen übertragen. Es zerfallen immer mehr Beziehungen und Freundschaften, weil der Mensch der Meinung ist, alles leicht ersetzen zu können. Man ist zu bequem geworden, will sich um den Anderen nicht kümmern. Vielmehr will man konsumieren. Der Mensch und die Sachen dienen einem solange sie intakt sind. Es entwickelt sich der Egoismus – die Fixierung auf sich selbst und seine Vorteile. Man will in nichts und niemanden investieren. Zum Beispiel in Personen, die krank sind oder Hilfe brauchen. Solche Menschen werden abgestoßen. Dieses Phänomen ist sicherlich nicht neu in der Welt, aber es prägt sich leider immer weiter aus.  Viele Werte wie Liebe, gegenseitiges Geben und Nehmen, Fürsorge gehen verloren. Aus dem Wunsch nach Konsum entsteht Geiz, alles haben und nichts geben zu wollen. Der Mensch wird geblendet. Wie in meinem Text „Das große Herz des kleinen Prinzen“ möchte ich auch hier betonen, dass der Mensch mehr hinter die Dinge schauen sollte. Die Größe des Menschen darf nicht an seinem Äußeren und Geldbeutel gemessen werden. Man würde sonst eines Tages merken, dass man nichts hat, was wirklich etwas wert wäre.

Am Beispiel von Charles Dickens` „A Cristmas Carol“ möchte ich auf die oben genannte Problematik tiefer eingehen und darüber diskutieren, ob der Konsum und der damit verbundene Geiz die menschliche Existenz wirklich lebenswert machen.

Ebenezer Scrooge visited by the ghost of Jacob Marley.
Ebenezer Scrooge bekommt Besuch vom Geist Jacob Marleys.

Die sozialkritische Geschichte Dickens` beginnt damit, dass der Tod von Jacob Marley, der vor sieben Jahren an Weihnachten verstarb, verkündet wird. Jacob war der ehemalige Geschäftskollege und der einzige Freund des habgierigen Protagonisten Ebenezer Scrooge.

Für Scrooge hat sich seit dieser Zeit nichts geändert. Er lehnt Weihnachten immer noch völlig ab, vertreibt seinen Neffen an dem Fest der Liebe, gibt den Armen keine Spenden, weil er der Meinung sei, ihnen mit seinen Steuern bereits genug geholfen zu haben.

Die Geschichte muss nun eine Wendung nehmen, damit der Leser erkennen kann, worauf es im Leben wirklich ankommt. So belehrt uns Dickens mit seiner Weihnachtsgeschichte auf folgende Weise:

unerwartet taucht bei Scrooge zu Hause am Weihnachtsabend der Geist des verstorbenen Jacob Marleys auf. Scrooge ist schockiert, denn der Geist ist mit einer Kette behangen, an der sich Geldkassetten und Brieftaschen befinden. Diese stellen die Laster seines ehemaligen Geschäftslebens dar. Der Geist sagt dazu, dass er sich die Kette im Laufe des Lebens selbst geschmiedet habe und dass die Kette von Scrooge noch viel länger würde. Die Kette sei die Strafe dafür, dass Jacob sich zu seinen Lebzeiten nicht unter die Menschen begab, sondern nur für Geld lebte, um seinen Geiz zu stillen. Da er im Leben das Wesentliche nicht erkannte, muss er nun jetzt unter die Menschen als Geist gehen.

Charles Dickens
Charles Dickens

Mitten in der Nacht erscheint Scrooge ein weiterer Geist. Es ist „Der Geist der vergangenen Weihnacht“. Dieser entführt ihn in die Vergangenheit und zeigt ihm, dass er Weihnachten schon als Kind ablehnte, keine Freunde hatte und immer allein war. Anschließend führt der Geist seinen Lehrling in seine Jugendzeit, wo Scrooge eine Weihnachtsfeier in einem Betrieb sieht und merkt, dass man auch mit sehr wenig Geld glücklich sein kann. Auf dem letzten Halt durch die Vergangenheit sieht Scrooge, wie er seine große Liebe gegen die Liebe fürs Geld eintauschte.

Nun besuchen Scrooge zwei weitere Geister. Einer zeigt ihm die Gegenwart, in der Scrooge von seiner Familie als immer Grunzender und Grummelnder  dargestellt wird, der andere zeigt ihm die „zukünftige Weihnacht“, in der Scrooge nicht mehr lebt und von niemandem vermisst und beweint wird. Dies öffnet ihm die Augen und er ist dazu bereit sein Leben von nun an zu ändern, sich seiner Familie zu nähern, zu spenden und sogar zu lachen.

Was bedeutet der Besuch der Geister? Warum suchen sie ausgerechnet Scrooge auf? Die Geister wollten dem grimmigen alten Mann mithilfe der Zeitreise zu verstehen geben, wie sich sein Leben aufgrund seiner Haltung entwickelt hat. Er hat in seinem Leben nichts erreicht und auch sein Reichtum macht ihn nicht glücklich. Im Gegenteil, er hat alles verloren, was wirklich wichtig war – seine Familie und sogar die große Liebe.

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Die Geschichte zeigt uns, wie wertvoll Dinge sind, die man nicht kaufen kann. Das Geld gibt die Möglichkeit, zu existieren, aber nicht zu leben. Das, was das wirkliche Leben ausmacht, muss geistig erarbeitet werden. Das Leben ist die Freiheit des Geistes, seine Entfaltung und die Erkenntnis des Unsichtbaren. Der Konsumwahn verhindert dies. Er legt uns Ketten an, macht uns zu seinem Sklaven. Warum? Weil wir unsere Identität verlieren, blind werden und nur seine Befehle befolgen. Die Habgier erniedrigt den Menschen, sie nimmt ihm seine Freiheit und übt Macht an ihm aus, indem sie ihn alles kostet, was das Leben wirklich lebenswert macht – das von Herzen kommende Lachen, die Familie, Freunde und das Dasein für die Anderen, die das eigene Herz erfreuen können. In etwas oder jemanden von Herzen zu investieren, verschafft eine geistige Bindung, die unbezahlbar ist. Wirklich arm dagegen ist jemand, der sich eigenhändig mit seinem Egoismus und auch Geiz, Laster schmiedet, die ihn in Form eines Buckels runterziehen.

Der Mensch ist auf der Erde bloß ein Gast, doch sein Aufenthalt, auch wie bei Menschen, die man besucht, sollte Freude und Glückseligkeit hinterlassen. Wer nur für Geld lebt, wird gehen und niemand wird nach einiger Zeit von seiner vergangenen Existenz etwas wissen. Er wird gehen, wie ein schlechter Tag es tut, den man schnellstmöglich vergessen möchte. Die Erinnerungen an das Gute werden jedoch niemals sterben. Sie leben weiter in den Herzen der geliebten Menschen sowie in vielen anderen Formen, die in sich, manchmal auch unsichtbar, das Gute bergen.

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Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Cats Gedankenwelt: Sonntagsgedanken – update v1.2

Bus-435584_1280_MampuEin Blick aus dem Fenster des Busses.
Ich bewege mich fort, fort von allem, was mir gerade noch nah war, von unserer Wohnung, von vertrauten Gerüchen, dem wohligen Schnurren unserer Katzen, von dem Gefühl warmer Haut auf meiner, den Geräuschen in unserem Haus.Fort von dir und deiner Nähe.
Du nicht mehr allein sein, sagtest du zu mir.
Du brauchst jemanden zum Reden, zum Quatschmachen, Gesellschaft um dich herum.
Jemanden, der dein Leben teilt, anstatt immer wieder zu kommen und zu gehen. Fast hätten wir uns gestritten, und auch jetzt gehe ich mit einem schlechten Gefühl.
So, als würde ich dich im Stich lassen, uns nicht würdigen.
Ich kann nicht anders.
Jobs liegen nicht auf der Straße, habe ich dir gesagt, man muss Kompromisse machen.
Du weißt selbst, wie es war, mir eine Stelle zu erkämpfen.
Hoffnungen, Warten, nochmal Hoffnung, und immer wieder Absagen. Dann endlich gute Nachrichten, Umzug inklusive, neue Stadt, neues Umfeld.
Es gab keine Absagen mehr, keine besorgten Nachfragen, keine Suche. Dafür immer wieder Abschied.

employment-agency-771154_1280_succoWir schaffen das schon, hast du mir versichert, wir sind stark.
An den ersten Sonntagen bin ich durch die Hölle gegangen.
Ich musste mich beherrschen, beim Umsteigen im Zug nicht sofort umzukehren. Ich musste wegsehen, wenn ich glückliche Paare im Abteil gesehen habe. Fühlte mit denen, die ich bei ihrem Abschied beobachtete. Sie waren Geschwister im Geiste.
Inzwischen geben sich Abschied und Wiedersehen die Hand.
Mir ist klar, dass ich dir damit wehtun muss – so wie mir selbst.
Ich weiß, das ist nicht das, was wir uns einst gewünscht hatten.
Es wiegt schwer, nicht da sein zu können, wenn du einen schlechten Tag hast, jemand dich enttäuscht oder etwas dich wütend gemacht hat, oder um glückliche Momente mit dir zu teilen.
Selbst die beste Technik kann keine Berührung ersetzen.
Ich vermisse deine Wärme neben mir im Bett, ein sanftes Streicheln im Haar, das Treteln und Schnurren an unseren Fußenden.

alone-21279_1280Ich weiß, dass es dir genau so geht, dass das Alleinsein dich traurig macht.
Wir wussten, dass es irgendwann so sein würde, waren darauf vorbereitet – und doch ist es hart.
Es könnte schlimmer sein, noch weiter entfernt, quasi unerreichbar.
So steinig und ermüdend, dass wir den Weg nicht weitergehen könnten. Manchmal habe ich Angst, dass an irgendeinem Sonntag zu viel zerbricht.
Dass einer von uns einen weiteren Abschied nicht übersteht. Aber dann weiß ich: Es sind nur fünf Tage und fünf Nächte. Es ist immer bald wieder Freitag.
Wenn ich gleich aus dem Bus steige, beginnt ein weiterer Zyklus – ein Zyklus aus Abschied, Sehnsucht, Vorfreude und Wiedersehen.

Aus Arbeit und abendlichen Anrufen und Alltagspflichten, die nun jeder für sich erledigen muss. Bei all der knappen Zeit und den Stunden allein, vergiss eines nicht:

Jedes Wiedersehen ist ein Grund zur Freude.

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Pauls Tagebuch: Der Skandal

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Die große Schlagzeile der „Bild“-Titelseite  verkündet einen Skandal. Einen furchtbaren. Zwei Leser neben mir im Café „Zeitraum“, die den Bericht kommentieren: „Das ist wirklich nicht mehr normal.“

Bei dienem, meinem, Morgentrunk kommt mir die endgültige Überzeugung: es gibt keinen größeren Skandal als das Normale. Daher auch unsere stete, phantastische  Sehnsucht außergewöhnlich zu sein.

 

Maria Aronov – Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

The first book edition of The Master and Margarita by Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) - CC-BY-SA 4.0
Die Erstausgabe von Der Meister und Margarita von Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) – CC-BY-SA 4.0

Bulgakows Roman weist einige Ähnlichkeiten mit Goethes Faust auf. Dazu gehören der Pakt mit dem Teufel, die Hexerei und dämonische Feierlichkeiten.

Goethes Faust und Bulgakows Margarita gehen beide einen Pakt mit dem Teufel ein, um darin eine Rettung zu finden. Während der Wissenschaftler danach sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält und sich als „Thor“ bezeichnet sucht Margarita nach einer Möglichkeit, ihren Meister wiedersehen zu können.

Mephisto entführt Faust in eine Welt voller Ekel, Bosheit und Schmerz. Der Teufel verkörpert das reine Böse.

Voland, der Teufel, aus „Der Meister und Margarita“ dient Bulgakow als der Schlüssel zur Philosophie des Lebens. Mit dieser Hauptfigur zeigt der Schriftsteller, dass die Bezeichnung „Teufel“ nichts weiter als ein Wort ist, dass auch in ihm, wie in jedem anderen Vernunftwesen das Gute und das Böse nebeneinander existieren. Erst mit der Hilfe von Voland wird dem Liebespaar überhaupt ermöglicht, ein ruhiges Leben zu führen, auch wenn erst nach dem Tod. Faust jedoch, der sich mit dem Bösen verbindet, zerstört das Leben Gretchens, weil der Pakt mit dem Teufel für etwas Destruktives steht.

ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: "Faust"-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des "Faust"-Stoffes von einem "Christlich-Meynenden". Das Buch gehört zu den Schätzen der "Faust"-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) - CC BY-SA 3.0 de
ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: „Faust“-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des „Faust“-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch gehört zu den Schätzen der „Faust“-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) – CC BY-SA 3.0 de

Goethes Faust diente als Vorlage das Volksbuch von Dr. Faust aus dem Jahr 1587, das auf einer realen Persönlichkeit basiert: (Johann) Georg Faust  – * um 1480 † um 1541.
Dr. Faust war ein Wissenschaftler, der durch Luthers verbreiteten Aberglauben der Hexerei beschuldigt, folglich als „Teufelsbündler“ bezeichnet und schließlich hingerichtet wurde.

1991_CPA_PC_221_Stamp_1028Der Bund mit dem Teufel war gegen die kirchliche Lehre und wurde daher mit zerstörerischer Macht assoziiert. Bulgakows Werk geht dagegen über den religiösen Rahmen hinaus. Er kritisiert das Regime, das den Meister dazu getrieben hat, seinen Roman über Pontius Pilatus zu verbrennen, dabei stellt er Jesus als einen Philosophen dar und zeigt, dass der Teufel nicht von Gott verstoßen ist, sondern viel mehr Weise Entscheidungen trifft. Jeder soll Volands Aussage nach, das bekommen,  was er verdient und woran er glaubt.

Des Weiteren erinnert Bulgakows Teufels-Ball, an dem tote Verbrecher teilnehmen an Goethes Walpurgisnacht, die mit dem Obszönen assoziiert wird. Während Margarita sich aufopfert und Gastgeberin auf dem Ball präsentiert, ist für Faust die Nacht des Bösen eine Art Vergnügung. Fausts Wunsch nach Sinnlichkeit und deren Erleben ist das größte Abenteuer seiner Weltfahrt.

Mit der Walpurgisnacht hängt auch die Szene in der Hexenküche zusammen, denn schon dort verabredet sich Mephisto mit der Hexe auf die Walpurgisnacht.

In beiden Szenen stellen die Hexen das Milieu triebhafter Sinnlichkeit dar, die sie zusammen mit den Teufeln ausleben.

Die Walpurgisnacht steht für etwas Inhumanes, denn in ihr herrscht eine Sexualität, die durch Unverantwortlichkeit geprägt ist. Aus diesem Grund gehört diese Nacht Hexen und Teufeln. Sie besitzen nämlich weder einen Sinn für Verantwortung noch Scham.

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AuerbachsKeller – Leipzig – Skulptur: Goethe, Schiller

Auch die Handlung im Auerbachskeller weist auf die charakterliche Schwäche Fausts hin.  Wenn der Mensch nämlich tierisch ist, so ist es damit zu erklären. Wenn man das Übermaß an Alkohol und triebhafter Sinnlichkeit überschreitet, so wird einem Tier ähnlich, da man seine Triebhaftigkeit nicht mehr im Griff hat.

An dieser Stelle lässt sich auf die Aussage Kants zurückgreifen, dass im Fokus jeder Handlung das Ziel steht. Margarita, die das Böse auf sich nimmt, will den Meister erretten. Sie vergnügt sich nicht auf dem Ball. Obwohl sie zu einer Hexe, zu einem magischen Wesen wurde, handelt sie aus ihrem Verstand und der Seele heraus. Ihr eigentliches Ziel verliert sie nicht aus den Augen, während Faust sich dem teuflischen Vergnügen  ganz und gar hingibt.

Goethes Dichtung veranschaulicht an vielen Szenen, dass man durch die Verbindung mit dem Bösen, selbst zu einem Monster wird.

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Der Teufelspakt „Faust & Mephisto“, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Schaut man sich das Verhalten von Faust und den religiösen Aspekt Goethes an, der in dem Werk  nicht außer Acht gelassen wird, lässt sich sagen, dass Bulgakow mit seinen Hauptfiguren Goethes Faust in den Schatten stellen will: erstens verliert sich der Wissenschaftler selbst  auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Bulgakows Hauptfigur findet sich dagegen dank dem Teufel wieder. Der Meister wird von ihm aus der Irrenanstalt befreit und kann wieder zu dem werden, den ihm das Leben nahm, nämlich zu einem an sich selbst glaubenden Künstler. Zweitens geht Fausts Verhalten aus dem Pakt mit dem Teufel hervor und wirkt automatisch dem Guten entgegen. Er lässt sich von Mephisto verführen, verbindet sich mit dem Bösen, zerstört letztendlich das Leben von Gretchen, während Bulgakows Hauptfiguren gegen das Unheil (das Regime), die Ungerechtigkeit (die Faust übrigens selbst ausübt) kämpfen. Der Teufel stellt ihnen lediglich Mittel zur Verfügung und eröffnet ihnen als anständigen Personen den Weg in die Freiheit, die sie sich verdient und sehnlichst gewünscht haben. Ihre Liebe und Achtung voreinander sorgten für einen Anfang in einer neuen, romantischen ewigen Welt.

Franciszek Zmurko - Fausts's Vision - 1890
Franciszek Zmurko – Fausts Vision – 1890

Fausts Existenz und Freiheit sehen nach dem Teufelspakt anders aus. Er merkt, dass diese in der teuflischen Welt nichts als Verführung, Alkohol, Obszönität und Ekel bedeuten. In dieser Welt lässt sich nichts finden, was kostbar wäre und was nichts wert ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

Cats Medienkommentar: Panik in Ton und Bild

Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?
Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?

„Bad news is good news“, oder auch: „Nur eine schlechte Nachricht kommt an“ lautet ein ungeschriebenes (und oft verheimlichtes) Gesetz in der gängigen journalistischen Berichterstattung. Aber welche Auswirkungen hat das langfristig auf Medienschaffende und Konsumenten? Brauchen wir neben den gesammelten Katastrophenmeldungen nicht vielleicht doch einmal einen Funken Hoffnung?

Soziale Medien können depressiv machen“, gingen erst kürzlich Schlagzeilen in der Mainstream-Berichterstattung herum. Der Grund: Das allzu „perfekte“ Facebookprofil guter Freunde bis entfernter Bekannter könne Neid und Unzufriedenheit im sozialen Vergleich auslösen. Das mag bei manchen, sehr dafür anfälligen, Personen sogar halbwegs eintreten (auch wenn die Krankheit der Depression meines Erachtens hier extrem verharmlost wird). Doch ich sehe momentan und eigentlich schon seit Jahren einen vollkommen anderen Aspekt in allen Medienkanälen, der einem wirklich dauerhaft jede gute Laune verderben kann – diese ständigen Negativ- und Katastrophenmeldungen. Ganz ehrlich, wäre ich wirklich depressiv oder suizidgefährdet, ich würde mir an dieser Stelle sicherlich überlegen, ob es nicht besser wäre, von dieser „freudlosen“ Welt zu verschwinden.

Ob in der Politik oder an der Börse, die Frequenz schlechter Nachrichten lässt sich schlecht verarbeiten
Ob Krieg, Klimawandel oder Finanzkrise, die Menge an schlechten Nachrichten in kürzester Zeit lässt sich schlecht verarbeiten

Informative Horrorshow

Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt, ist die Tagesschau im Ersten, Zweiten und Dritten. Täglich um 20 Uhr, oder aber einige Stunden früher oder später, bekommt jeder Fernsehzuschauer den realistischsten Horror-, Kriegs- und Katastrophenfilm gezeigt, den er jemals sehen könnte. Manchmal auch einen Politkrimi reinster Sorte oder ein Drama mit echten Emotionen. War das alles? Richtig, da fehlen doch einige Genres – nämlich die, die einen zum Lachen bringen und nicht ohne ein Happy End auskommen. Finanzkrise, Schuldenkrise, Bürgerkrieg, Verfolgung, Flucht, Hunger, Epidemien, Existenzangst – mit einem Wort: Es herrscht Panikalarmstufe Rot. Denn all diese Dinge passieren eben und die Medien, seien es Zeitungen, Fernsehsender, Onlinemagazine oder Radiostationen, haben ja auch die Pflicht, uns als Leser, Zuschauer, Hörer und Internetnutzer zu informieren. Und zwar bis zur absoluten Schmerzgrenze. Das Schlimmste, was wir im Grunde alle wissen, ist: Die Dinge, die wir so im „Vorbeigehen“ erfahren, sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an Problemen, sich nun rächenden „Sünden der Vorväter“ und Konfliktherde. In ihrer Weltkatastrophenberichterstattung gleichen die öffentlich-rechtlichen Sender dabei übrigens noch einem Streichelzoo. Wer sich die unzensierte „informative Horrorshow“ geben will, ist mit manchem Privatsender besser beraten.

Eine ständige Negativbeschallung

Man kann also, wenn es um die zahllosen Übertragungen von aktuellen Nachrichtenmeldungen in jeglicher Form spricht, wirklich nicht von „Good Vibrations“ reden – wohl eher von einem total miesen Karma. Die unterschwellige Nachricht hinter all diesen Horrormeldungen lautet nämlich ausnahmslos: Seht her, wozu ihr Monster auf zwei Beinen fähig seid! Ab in die Ecke und schämen! Allein die Tatsache, zur Gattung „Mensch“ zu gehören, scheint dabei auszureichen, um ein fieses Schuldgefühl per Funk- oder Bildwelle zu übertragen. Rein statistisch nach dem Anteil der „schlechten Nachrichten“ betrachtet, liegen wir im ersten Augenblick mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch. Denn der Mensch kann, im Gegensatz zu vielen Tieren, wirklich zu ungeheuerlichen Dingen fähig sein und manchmal so boshaft oder unreflektiert in seinem Handeln, dass es einem vom Zuschauen schon wehtun muss.

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Allein fühlt man sich oft machtlos – ist jede gute Tat nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zum Scheitern verurteilt?

Um es kurz zu fassen: Informiert sein kann zu einem richtigen mentalen Terror werden. Nicht nur im aktuellen Sinne des Terrorismus, der weltweit die Gemüter in Panik versetzt, sondern einfach in seiner Wortbedeutung. Terror. Terreur- oder auf Deutsch übersetzt: Schrecken, Angst. „Terrorherrschaft“ hat übrigens in der Menschheitsgeschichte immer dann funktioniert, wenn es genügend skrupellose Machtmenschen an der Spitze und ausreichend verunsicherte, orientierungslose und vielleicht durch äußere Umstände verängstigte Massen an der Basis gab. Man betrachte nur einmal die Sklaverei, die Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution und den Holocaust als Beispiele. Mit einem ausgeglichenen Machtverhältnis und mehr echter Demokratie wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Das Schlimme ist: Geht man nach dem, was man sieht und hört, hat die Menschheit nichts dazu gelernt – also, rein gar nichts. Sind wir also alle nur „hoffnungslose Fälle“? Gibt es vielleicht gar keine „guten Menschen“, die nicht einfach nur offiziell auf „Gutmensch“ tun und im Grunde doch nur an sich selbst denken?

Haifischbecken soziale Netzwerke

Manchmal sieht die Welt "da draußen" schon ziemlich düster aus!
Manchmal sieht die Welt „da draußen“ schon ziemlich düster aus!

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an den Ausgangsgedanken dieses Beitrags anzuknüpfen – denn gerade in Zeiten des „Klickaktivismus“ tummelt sich so ziemlich alles an „besorgten Bürgern“, „Facebookphilosophen“ und selbsternannten Gutmenschen jeder Couleur (die dann doch zum Teil recht inaktiv werden, wenn es wirklich um Handlungen statt um Worte geht). In der ewigen Netzdemokratie, wo jeder jederzeit seine Stimme abgeben kann, treffen so die unterschiedlichsten Mentalitäten und Typen aufeinander, vertreten ihre Interessen, reiben sich aneinander und kriegen sich in die Haare. Im besten Fall tauchen wir digitalen Sinnsucher mit einer erweiterten Denkperspektive aus diesem Informationsmeer wieder auf, oder aber wir verbeißen uns an unserer eigenen Ideologie vom „besten Leben“, lassen keine anderen Meinungen oder Kompromisse zu und zerfleischen uns virtuell im multimedialen Haifischbecken. Das Entscheidendste – in Bezug auf den Nachrichtenfluss im Internet – ist jedoch die Frequenz der Informationen. Sprich: Alles verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, vor allem die schlechten Nachrichten. Nicht umsonst nutzen zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppen Facebook & Co als virtuelle Propagandamaschine; es war nie so bequem und einfach, Angstmeldungen zu verbreiten und sowieso schon verunsicherte Menschen zu „besorgten Bürgern“ zu machen. Das Netzwerk als Panikmaschine? Scheint bis zu einem gewissen Grad zu funktionieren – auch, weil die meisten von uns eben doch „Herdentiere“ sind und denken: „Was viele bestätigen, kann nicht falsch sein!“. Kann es eben doch – wie alle weiter oben genannten Beispiele belegen. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!
Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!

Nur eine Seite der Medaille

Doch das, was wir in den Medien sehen, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Um genau zu sein, zeigt es nur eine Seite der Medaille. Nur selten sehen wir Bilder von Menschen, die aktiv etwas verändern; von einem lachenden Kind, dem Forscher im Labor für erneuerbare Energien und dem freiwilligen Helfer im Krisengebiet. Und wenn doch, neigen wir dazu, diese „Bilder der Hoffnung“ zu verdrängen, weil wir zu sehr an das Leitmotto „Bad news is good news“ gewöhnt sind. Niemand wird als Einzelner für sich die Welt verändern, das wäre utopisch. Und es wäre auch naiv, so zu tun, als gäbe es diese ganzen Krisen und Katastrophen gar nicht. Doch wie das Kaninchen vor der Schlange zu zittern, bringt auf Dauer auch keine Lösung für all das, was uns (mehr oder minder entscheidendes) Problem präsentiert wird. Für mich selbst habe ich inzwischen einen realistischen Ansatzpunkt gefunden, um das „Gute“ im Menschen wieder zu finden. Ganz nach einem alten Pfadfindermotto halte ich mich an das Prinzip: Tue jeden Tag mindestens einmal etwas nur für andere, ohne an deinen Vorteil zu denken. Es mögen kleine Schritte sein – aber wenn sie jeder geht, können auch die eine Menge bewirken. Um zurück zu den Medien zu kommen: Hätte ich als Medienschaffende und auch Konsumentin einen Wunsch für die generelle Berichterstattung frei, wäre dieser: Zeigt nicht nur Probleme, sondern vor allem Lösungen!

Maria Aronov Φ Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher

Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher
– am Beispiel von „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow

Was ist Wahrheit -Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge -1890 - Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18-38_1
Was ist Wahrheit? Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890: Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18,38

Nicht nur Bulgakow selbst wird wegen regimekritischer Literatur verhaftet, sondern auch die Hauptfigur seines Romans „Der Meister und Margarita“. Der Meister schreibt einen Roman über Pontius Pilatus, den Präfekten der römischen Provinz Judäa. In der ehemaligen Sowjetunion gab es ein Religionsverbot; es war weder möglich seine Religion frei auszuleben noch darüber zu schreiben. Für jegliche religiöse Reden und Schriften wurden die Urheber juristisch bestraft, weshalb auch Meisters Werk über Pontius Pilatus dazu führte, dass der Autor zunächst in Haft kam und anschließend in einer Irrenanstalt landete, um dort Versteck vor der Regierung zu suchen.
Auch im realen Leben wurden viele Gegner des sowjetischen Regimes quasi zu einem Aufenthalt in der Irrenanstalt verurteilt, um die Verbreitung ihrer Ansichten zu verhindern. Dort wurde ihnen sogar eingetrichtert, dass sie verrückt seien, woran viele letztendlich auch glaubten.
So erging es auch Bulgakows Meister, der nach einem längeren Aufenthalt in der Irrenanstalt an eine seelische Erkrankung glaubt, sich leer und hilflos fühlt, bis ihn der Teufel auf Wunsch Margaritas aus der Anstalt befreit und ihm seinen Roman wiedergibt, den er zuvor aus Angst in den Kaminofen zur Vernichtung warf.

Bevor ich die zentrale Handlung im Roman von Bulgakows Meisters veranschauliche, gibt es einen kurzen Überblick über die historische Persönlichkeit Pontius Pilatus:

Lucius Aelius Seianus, Prätorianerpräfekt im römischen Kaiserreich, der zeitweilig der einflussreichste Bürger Roms und Vertrauer von Tiberius (römischer Kaiser von 14 bis 37 n. Chr.) war, sorgte dafür, dass Pontius Pilatus – dieser gehörte einem Ritterstand an – zum Präfekt der römischen Provinz Judäa ernannt wurde.

Piltaus ging in die Geschichtsbücher mit seiner Brutalität ein, vor allem gegenüber der Bevölkerung aus Samaria. Gier, Bestechungen und viele gesetzwidrige Hinrichtungen gehörten zum Führungsstil von Pilatus. Der Statthalter ließ in Samaria seine Truppen einmarschieren und ging gegen das Volk vor, sodass ihn der syrische Statthalter Vitelius nach Rom zu Tiberius schicken musste. Dies führte zur Amtsniederlegung des Präfekten. Was aber daraufhin geschah, ist bis heute unbekannt. Den christlichen Überlieferungen nach soll Pilatus von Caligula zum Selbstmord getrieben worden sein. Andere Legenden besagen, dass Pilatus entweder von Nero hingerichtet oder von römischen Machthabern nach Südfrankreich (Vienne) verbannt wurde.

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Der Meister, die Hauptfigur Bulgakows in „Der Meister und Margarita“ greift die biblische Thematik auf, er geht dabei speziell auf die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus (=Jeschua) ein, indem er nicht nur geschichtliche Fakten verwendet, sondern eine enge innere Beziehung der beiden Personen in Verbindung mit der Kritik an der Macht darstellt: ein Angeklagter aus Galiläa wird zu Pilatus geschickt, der die Aufgabe von Tetrarchen, der Regierung des Römischen Reiches erhält, das Todesurteil seitens Sanhedrin ( = der Hohe Rat, die oberste jüdische religiöse und politische Instanz sowie das oberste Gericht), zu bestätigen.

Der Präfekt von Judäa lernt nun Jesus kennen, der Pilatus als „Guter Mensch“ anspricht, was eine Prügel – Strafe zur Folge hat. Pilatus möchte Jesus auf diese Art zeigen, wie man den Präfekt von Judäa anzusprechen hat, nämlich mit „Hegemon“ ( = Führer).

MichailBulgakowJesus wird noch einmal zum Statthalter gebracht, der ihn verhört. Er stellt sich als der Sohn unbekannter Eltern vor, Jeschua Ho Nazri, der aus Gamla kommt, von Stadt zu Stadt zieht und nirgends Verwandte hat. Pilatus wirft ihm vor, das Volk dazu aufgewiegelt zu haben, den Tempel von Jerschalaim (Jerusalem) zu zerstören. Jesus widerspricht dieser Anschuldigung. Er hätte niemals vorgehabt, den Jerschalaim – Tempel zu zerstören und hätte auch niemanden dazu aufgewiegelt. Er bezeichnet dies als sinnlose Handlungen. Pilatus spricht von einigen besonderen Arten der Menschen– Hexern, Astrologen und Lügnern. Zum Letzteren zählt er Jesus, denn es gibt schriftliche Überlieferungen auf dem Pergament und auch Zeugen, dass Jesus den Tempel zerstören wollte. Jesus widerspricht dem und sagt, die guten Menschen hätten alles verwechselt, was er ihnen sagte und er hätte Angst davor, dass dieses Missverständnis noch lange andauern wird. All das soll das Resultat davon sein, dass seine Äußerungen falsch niedergeschrieben wurden.

Pilatus meint, dass allein das Niedergeschriebene dafür ausreichte, Jesus hinzurichten. Doch dieser antwortet darauf, er hätte gesehen, was der hinter ihm laufende Matthäus Levi notiert hat. Er war selbst erschrocken darüber, was auf dem Pergament stand, denn er hätte nichts davon gepredigt. Matthäus soll deswegen von Jesus gebeten worden sein, das Schriftstück zu verbrennen, woraufhin er das Pergament Jesus aus den Händen riss und davonlief. Dies überraschte Jesus sehr, denn trotz Anfangsschwierigkeiten und Beleidigungen seitens Matthäus wurde dieser zum treuen Begleiter von Jeschua. Er warf vor Jesus Augen sein ganzes Geld auf die Straße, weil er nichts mehr brauchen würde als nur derjenige sein zu dürfen, der Jeschua auf seinen Wegen begleitet.

Der Statthalter fordert nun den Angeklagten dazu auf, ihm das zu erzählen, was er in Wirklichkeit über den Tempel gesagt hat. Jesus antwortet: „Der Tempel des alten Glaubens wird zusammenbrechen. Es wird ein neuer Tempel der Wahrheit entstehen.“Daraufhin erwidert Pilatus, dass Jesus nichts von der Wahrheit verstünde und nicht das Recht dazu hatte, unwissende Menschen mit seinen Worten in Angst zu versetzen.

Jesus beweist Mut und zeigt Hegemon, dass er von der Wahrheit viel versteht und spricht von dessen Todessehnsucht aufgrund seiner kaum erträglichen Kopfschmerzen. Er sagte, sie wären in diesem Moment der Henker von Pilatus, weil er vor seinen Kopfschmerzen weder an irgendwas denken noch Jesus richtig angucken kann. Auch erkennt er, an der Handbewegung von Pilatus, dass dieser seinen Hund vermisst, der sein einziger Freund, echter Vertrauter und das einzige Wesen sei, zu dem er eine Bindung hätte. Der Präfekt ist der Aussage Jesus nach ein einsamer Mensch. Außer seinen Hund würde er niemanden haben.

An dieser Stelle wird Jesus als ein guter Menschenkenner und Psychologe dargestellt, der Pilatus sogar von seinen Kopfschmerzen befreit. Dieser ist erstaunt über die Fähigkeiten des Predigers, der ihm dazu rät, sich etwas zu erholen, spazieren zu gehen, da das Gewitter erst später beginne würde. Jeschua wäre sogar dazu bereit, den Statthalter auf seinem Spaziergang zu begleiten und mit ihm ein paar seiner Gedanken zu teilen, die dieser vielleicht interessant fände. Jesus sagt, er hielte Pilatus für einen äußerst intelligenten Menschen, doch leider sei dieser zu verschlossen und habe den ganzen Glauben in die Menschen verloren. Daher seine Bindung zum Hund.

Pilatus will nun, dass Jesus bei seinem Leben, der am seidenen Faden hinge, schwört, dass er keine Zerstörung des Tempels wollte. Er betont, er könne den Faden sehr schnell durschneiden. Doch Jeschua bietet ihm die Stirn und sagt, den Faden könnte nur derjenige durchschneiden, der ihn aufgehängt hat.

Hierdurch wird deutlich, dass Jesus keine Macht über sich ergehen ließ: er trat Hegemon voller Tapferkeit entgegen. Am Beispiel des seidenen Fadens lässt sich erkennen, dass es für Jesus nur einen Allmächtigen gibt, dessen Philosophie auf der Wahrheit und Gerechtigkeit beruht.

Trotz Gewissensbisse und der Befreiung von seinen Kopfschmerzen seitens Jesus beschließt Pontius Pilatus, den Prediger zum Tode zu verurteilen.

Aus Feigheit als „Führer“ nicht mehr glaubwürdig zu sein und sein Ansehen zu verlieren, sieht Pontius keine andere Lösung des Problems.

Die Zerstörung des Tempels wird als Anklagegrund abgelehnt. Das Verbrechen wird anders formuliert. Pilatus ist strickt gegen die Predigten von Jesus und findet es unmöglich, dass er Unruhe unter dem Volk stiftet. Jesus wird nun aus Jerschalaim entfernt und soll seinen Tod in Caesarea am Mittelmeer finden, wo sich die Residenz des Prokurators befindet.

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Christus vor Pilatus, Gemälde von Mihály von Munkácsy, 1881

Nach der Verkündung des Todesurteils befragt der Statthalter Jesus über Judas, über den sich Jesus positiv äußert. Er beichtet voller Mut, ihm gesagt zu haben, dass jede Macht eine schreckliche Gewalt über die Menschen ist und die Zeit kommen wird, wo keine Macht mehr existiert. Der Mensch wird in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit übergehen, wo die Macht überhaupt nicht notwendig sein wird. Dies macht den Präfekt wütend, denn er kann sich kein Leben ohne Macht vorstellen. Er bezeichnet Jeschua als einen Verbrecher ohne Verstand. Seiner Meinung nach wird es nie eine größere und bessere Macht für die Menschen als die von Tiberius geben und Jesus hätte nicht die Macht dazu, darüber zu diskutieren.

Auch hier wird deutlich, dass Pilatus sich als „Führer“ über die Menschen stellt. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als Macht, die nur Herrschern zuteil wird.

Eine Sache gibt es noch, die Hegemon trotz seines Ärgernisses über Jesus beschäftigt. Er kann nicht aufhören, mit ihm über das Gute im Menschen zu sprechen. Jesus ist in seinen Augen ein Philosoph, zu dem er eine gewisse Bindung entwickelt, die ihm Angst macht. Vielleicht sieht er in ihm denjenigen, der er selbst nie sein konnte. Womöglich merkt er, dass man mit menschlichen Zügen kein Führer sein kann, denn die Herrschaft ist Macht, die unfreiwillig Gewalt über die Menschen bringt.

Bulgakow spielt hier durch die Figur des Meisters auf das sowjetische Regime an, das den Menschen in seiner Individualität zerstört und deutet darauf hin, dass ein Regent nicht gewissenhaft handeln kann, da er dadurch seinen Status verlöre.

Jesus wird in dem Roman vom Meister in erster Linie als ein mutiger Kämpfer für die Gerechtigkeit und Wahrheit dargestellt, der mit der Liebe, aber auch seiner großen Intelligenz versucht, gegen bestimmte politische Zwänge zu kämpfen. Auch als Angeklagter und zum Tode Verurteilter gibt er nicht nach und hat den Mut dazu, dem Statthalter gegenüber seine Meinung zu vertreten und ihm gar zu kontern.

Durch das Gespräch von Jesus, der ihn fasziniert, erkennt Pilatus, dass der Mut nicht nur darin besteht, über Andere zu herrschen, vielmehr besteht er darin, trotz allen Widrigkeiten gewissenhaft zu handeln, seine wirkliche Meinung zu vertreten, die dem Verstand und der Seele entspringt. Er kann aber seiner Feigheit, der Macht entgegenzuhandeln, nicht trotzen. Es entsteht bei Pilatus ein innerer Konflikt, der für unruhige Nächte sorgt:

jedes Mal, wenn er einschläft, sieht er sich mit seinem Hund auf einem Mondstrahl wandern. Am Ende des Strahls erwartet ihn Jeschua, mit dem er philosophische Gespräche über sein Urteil führt. Jesus deutet darauf hin, dass Pilatus` Entscheidung aus Feigheit fiel und bezeichnet die Feigheit als eine der größten Sünden. Dem widerspricht Pilatus und sagt, die Feigheit wäre die größte Sünde, die es gibt.

Er entschuldigt sich indirekt bei Jesus, dem Philosophen, für die Bestätigung des Todesurteils. Für die Erleichterung seines Gewissens braucht er von Jeschua einen Schwur. Er will von ihm hören, dass sein Tod nicht so qualvoll gewesen sei. Jeschua zögert nicht und beruhigt mit seinen Worten den leidenden Statthalter.

Auf dem Mondstrahl finden wohl Gespräche statt, die Jesus auf dem oben erwähnten Spaziergang mit dem Präfekt machen und auf diesem mit ihm seine Gedanken über die Wahrheit, Gerechtigkeit und den Mut teilen wollte. Als ein guter Menschenkenner und Psychologe wusste Jeschua, zumal er Pilatus als einen sehr intelligenten Mann bezeichnet hatte, dass Pilatus hin- und hergerissen war. Er wollte ihm den richtigen Weg zeigen. Doch leider hat das Gespräch zu Jeschuas Lebzeiten nicht stattgefunden.

Der fehlende Mut zu einer menschenwürdigen Entscheidung verdeutlicht, dass kein Herrscher mutig ist, wie es auch Jesus im Roman äußert. Der echte Mut basiert nicht auf der Herrschaft über die Anderen, in Erteilungen von Befehlen, Verurteilungen und Morden, sondern darin, nach seinem Gewissen zu handeln, unbeachtet dessen, wie schlimm das Ende für einen selbst ausfällt. Dazu gehört die Kraft zur Selbstlosigkeit des Menschen, zum Altruismus.

Warum erkennt Pilatus erst später die Feigheit als die größte Sünde überhaupt an? Er fühlte sich zu Jesus von Anfang an hingezogen, doch er hatte Angst vor dem Fall, vor dem Ruin seines Ansehens in Judäa. Und obwohl er der Richter über Jesus war, wurde ihm seine Feigheit zum Henker. Er richtete zwei Existenzen hin, die von Jeschua und seine eigene.

Er handelte gegen sein Gewissen und verschaffte sich damit qualvolle Tage. Nachts auf dem Spaziergang mit dem Philosophen verarbeitet er seine Handlungen, die er selbst als feige und furchterregend ansieht.

Am Ende des Romans von Bulgakow, als sich der Teufel mit Margarita und ihrem geliebten Meister auf den Weg zum „ewigen Haus“ begibt, zeigt er den Beiden einen dunklen, leeren Planeten, auf dem Pontius Pilatus seit über 2000 Jahren sitzt und schläft. Während des Schlafes träumt er täglich dasselbe: er will sein Urteil über Jesus ändern. Beim Vollmond quält ihn und seinen treuen Wächter, den Hund jedoch die Schlaflosigkeit.

Er wiederholt oft, dass er am meisten in der Welt seine Unsterblichkeit und seinen großen Ruhm hasst. Er wäre lieber Matthäus Levis gewesen, der sich doch nach seinem Gewissen richtete und Jesus während des Transports zum Hinrichtungsort durch einen Messerstich von den ihm bevorstehenden Qualen befreien wollte. Auch wenn es ihm misslang, fand er den Mut in sich, nach seinem Gewissen zu handeln.

Auf die Bitte Margaritas hin, Pilatus freizulassen, erwidert der Teufel, dass dafür bereits Jesus gesorgt hat.

Mit den Worten „Die Freiheit wartet auf dich!“ beendet der Meister seinen Roman.

Die Seele von Pontius Pilatus wandert den, ihm aus seinen Träumen bekannten Mondweg entlang, begleitet vom Philosophen Jeschua.

Das Ende der Geschichte zwischen Pontius Pilatus und Jesus macht deutlich, dass die Seele ihre Erlösung nur durch die Wahrheit und den Mut zu vergeben, findet.

Mili Alexejewitsch Balakirew – Mazurka No.1 – Klassik zum Hören

Mili Alexejewitsch Balakirew – Mazurka No.1

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Mili Alexejewitsch Balakirew – um 1900

Komponist: Mili Alexejewitsch Balakirew
Interpretation: Matthew Hughes – Gespielt auf zwei Klarinetten
Aufnahme vom 04.02.2015
Jahr der Erstveröffentlichung: 1864
Stil des Stückes: Romantik
Instrumentierung: Klavier
Urheberrecht: Creative Commons Attribution 4.0
Anmerkungen: arrangement by Matthew Hughes and dedicated to Louis Kaufman
Quelle: http://imslp.org/wiki/Mazurka_No.1_%28Balakirev,_Mily%29

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Mili Alexejewitsch Balakirew (russisch Ми́лий Алексе́евич Бала́кирев – * 21. Dezember 1836jul in Nischni Nowgorod; † 16. Maijul in Sankt Petersburg) war ein russischer Komponist, Pianist und Dirigent.
Balakirew hat eine große Bedeutung als Begründer einer ganzen Epoche. Der Komponist Balakirew ist heute kaum mehr in den Konzertsälen vertreten, obwohl seine Werke große Originalität und auch eine gute Technik aufweisen. Der Grund für diese Vernachlässigung ist historisch zu sehen: Balakirew wandte sich in den 1860er Jahren überwiegend der Förderung seiner Mitstreiter zu, komponierte aber selbst nur wenig und ließ seine Kompositionen meistens unvollendet liegen. In den folgenden Jahren geriet er in die o.g. Krise, und erst seit den 1880er Jahren komponierte er wieder. Nun befasste er sich wieder mit seinen unvollständigen Werken, doch sein Stil veränderte sich nicht. Von daher waren seine Werke, die nun erst vollendet und aufgeführt wurden, nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit. Hätte Balakirew sie bereits in den 1860er Jahren aufgeführt, wären sie als revolutionäre Pioniertaten in die Geschichte eingegangen. So aber blieb ihm nur das Los des zu spät Gekommenen. Leider sind daher die meisten seiner eigentlich bemerkenswerten Kompositionen bis heute kaum beachtet geblieben. – Quelle: wikipedia

Arndt: Auch Frauen lügen um Männer ins Bett zu bekommen. Wie das?

Auch Frauen lügen um Männer ins Bett zu bekommen. – ein Twittertweet von laura aus husum.

Junge, junge. Also was sich Männer so zusammelügen weiß ich…..denn da reicht in der Regel die Nummer mit dem Boot, dem Haus etc. oder Macht, die Anatomie.

Nur: was sollen sich Frauen zusammenlügen?

Erster Gedanke: Die operativ  vergrößerten Brüste. Kann nicht sein; denn das sind ja nun die ihren. Wenn ich dennoch ablehnen würde, schnallt sie diese ja nicht ab oder fummelt das Silikon raus.

Und sonst? Ob Frau Macht oder Geld hat ist nebensächlich.

Gähnende Leere. Nein, Frauen lügen nicht.

Cats Gedankenwelt: Alltägliche Störgeräusche

Wenn Geräusche uns den letzten Nerv rauben ...
Wenn Geräusche uns den letzten Nerv rauben …

Unsere Ohren sind 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche im Dauereinsatz. Während wir zum Schlafen unsere Augen schließen können, können wir die Ohren (leider) nicht einfach stumm schalten oder zuklappen. Dabei bekommt unser Hörorgan einiges mit – von Geräuschen, die angenehme Gefühle auslösen, bis hin zu absoluten Nervenkillern. Ein Alphabet der nervigsten Geräusche, gesammelt in meinem Facebook-Netzwerk.

Atem im Nacken – Ob im überfüllten Bus oder auf einer Großveranstaltung, ein bisschen Respektabstand muss sein. Zumindest so viel, dass man nicht jeden Atemzug seines Hintermanns hört.

Baulärm – Klar, Bauarbeiten müssen sein. Trotzdem gehört Baulärm, vor allem auf lange Dauer gesehen, zu den nervigsten Geräuschen. Vor allem, wenn man schlafen oder konzentriert arbeiten will.

Chipstüten und Co – Da gibt es dieses leicht knirschende Geräusch, das entsteht, wenn eine Chipstüte oder andere Aluverpackung mit zu viel Schwung aufgerissen und allzu energisch darin herumgewühlt wird. Kurzfristig erträglich, auf die Dauer Kopfschmerzalarm.

Durchdringendes Piepen – So wie bei meiner Waschmaschine, die solange piept, bis ich aufstehe und sie ausstelle. Oder bei McDonalds, wenn die Pommes und Burger fertig sind.

"Ich will ja nicht meckern, aber ... Geht das auch etwas leiser?"
„Ich will ja nicht meckern, aber … Geht das auch etwas leiser?“

Endlostelefonate in Hörweite – Das passiert mir vor allem auf meinen allwöchentlichen Bahnreisen. Danke, mich interessiert nicht, warum euer Prof euch nur eine 2,3 statt einer 1,7 gegeben hat und was genau die blonde, überschminkte Tussi auf der leizten Party verbockt hat. Übrigens, der Windelinhalt eurer Babys und euer Milchfluss sind mir auch herzlich egal. Also seid doch so gut und erspart wildfremden Mitreisenden die Details.

Fingernägel auf Tafel oder metallischen Flächen – Da muss nicht mehr zu gesagt werden, oder?

Gabeln, die über Teller kratzen – Essgeräusche sind eine Sache für sich und über vieles lässt sich streiten. Gabeln und Messer, die aggressiv über Teller kratzen, sind allerdings echte Strapazen für die Ohren anderer „Mitesser“,

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Gemeinsam essen ist etwas Tolles – solange der Geräuschpegel erträglich bleibt!

Handydisco – Ebenso ein typisches Zugphänomen: zumeist jüngere Mitfahrer, die irgendwelche aggressiven Rapperreime oder Technobeats in voller Dröhnung über das Handy laufen lassen, um die Kumpels mit zu unterhalten. Während Musikgeschmack, oder was jeder so nennen möchte, sicher etwas Individuelles ist, sind wir uns aber einig, dass Handysound ab einer bestimmten Lautstärke eher grottig und blechern klingt, oder?

Irreführende Navi-Anweisungen – Auch wenn die monotone Navigationsstimme im Normalfall eher beruhigend wirkt – gibt sie die falschen Informationen, verwirrt sie und fällt damit auch unter Ablenkungsmanöver.

Jingles – Manche Werbespots bleiben nur im Kopf, weil sie einfach so unendlich nervig sind. Meine aktuellen Spitzenreiter sind „Saitenbacher Müsli, Müsli von Saaaaitenbacher“ und „Hornbach- es gibt immer was zu tun! Ho, ho, ho, ho, ho!“. Ach ja, dicht gefolgt von „Media Markt – Hauptsache, ihr habt Spaß!“ Jingles entfalten ihr besonderers Nervpotenzial übrigens am effektivsten in Fernsehwerbepausen oder im Radio.

Brüllende Trotzkinder, Handy-Disco und betrunkene Mitfahrer: Vor allem Bahnfahrer brauchen starke Nerven
Brüllende Trotzkinder, Handy-Disco und betrunkene Mitfahrer: Vor allem Bahnfahrer brauchen starke Nerven

Knackende Gelenke und knirschende Zähne – Zugegeben, manchmal knirschen Zähne halt unbewusst oder es knackt mal im Knie. Fingerknacken als Freizeitbeschäftigung oder in Dauerschleife kann allerdings die Ohren jedes Gegenübers auch ganz gut strapazieren.

Lallen und Gröhlen – Man kennt es von jeder feuchtfröhlichen Party: Irgendwann sind die ersten Gäste so betrunken, dass sie kein gerades Wort mehr über die Lippen bekommen oder schief jeden bekloppten Liedtext mitbringen. Für sie selbst „voll normal“ – für jeden, der noch halbwegs ber Verstand ist, auf die Dauer aber ein Zeichen, dass diese Personen dringend eine kalte Dusche oder ein Bett gebrauchen könnten.

Mama, ich WILL aber!“ – Kinder schreien, weinen und kreischen manchmal, das ist normal. Strapaziös wird es für alle Beteiligten, inklusive der betroffenen Eltern jedoch, wenn kurzes Quengeln oder Geschrei in einen wahren Trotzanfall erster Güte ausartet. Nervig, aber kommt vor – wobei ich oft nicht weiß, ob es den Eltern selbst nicht noch viel mehr am Geduldsfaden reißt.

Nachtropfende Wasserhähne – Plopp, plopp, plopp … Wenn die Dusche oder der Wasserhahn in der Küche nur ein bisschen undicht sind und auch nach Zudrehen immer weitertropfen, kann das unter Umständen ganz schön auf die Ohren gehen.

Ohrwürmer – Manche Melodien und Rhythmen sind so eingängig, dass sie einfach im Gehörgang hängenbleiben

"Aber scheiß drauf, Malle ist nur enmal im Jaaaahr ...." Ohrwürmer sind eine echte Epidimie
„Aber scheiß drauf, Malle ist nur enmal im Jaaaahr ….“ Ohrwürmer sind eine echte Epidemie

und dort in Endlosschleife weiterlaufen. Und irgendwann wollen sie auch raus – gesummt, gepfiffen oder gesungen. Was sie so hinterhältig macht, ist ihre … „Einfachheit“ bis unendliche Flachheit. Und natürlich die Tatsache, dass man sich seines Ohrwurms manchmal nicht mehr bewusst ist und er anderen drumherum dafür tierisch auf die Nerven geht.

Ping“ und „Plopp“ – Oder auch: Messengertöne von WhatsApp, Skype, Facebook und Konsorten. Einzeln auftretend sind sie nicht weiter nervig, aber im „Rudel“ und auf Dauerfrequenz in öffentlichen Verkehrsmitteln eine echte Ohrenplage. Die „revolutionäre“ Erfindung des Kopfhörers scheint vielen scheinbar noch gänzlich unbekannt zu sein.

Quietschende Fahrräder und Autos – Wenn Metall auf Metall schabt und ein schrilles Quietschen hinterlässt, ist da eindeutig was nicht in Ordnung. Einmal bitte Bremsen checken, Ketten einfetten und den Keilriemen beim Auto kontrollieren!

Rauschen – Ob unklares Bild und undeutlicher Ton, oder die Störung im Lieblingsradiosender, Rauschen nervt. Schließlich sind klare Tatsachen immer besser als undeutliche Zwischentöne.

Das Rauschen eines Baches wirkt beruhigend - nachtropfende Wasserhähne nerven einfach nur
Das Rauschen eines Baches wirkt beruhigend – nachtropfende Wasserhähne nerven einfach nur

Summen von Mücken – Bssssssss … Bsssssss… Manchmal hat man einfach eines dieser kleinen, summenden Stechbiester im Schlafzimmer, die sich einfach nicht fangen lassen. Mal abgesehen von den juckenden Stellen, die sie hinterlassen.

Türenknallen – Warum zum Geier gibt es eigentlich Menschen, die nie gelernt haben, was der Zweck einer Türklinke ist? Manchen Nachbarn und anderen Zeitgenossen möchte man da ja gerne einen (Lärm-)Dämpfer verpassen – oder eine Sprungfeder in der Tür, nur für den pädagogischen Effekt natürlich.

Na - auch wieder vom nervigen Wecker geweckt worden?
Na – auch wieder vom nervigen Wecker geweckt worden?

Uhrenticken und Weckerklingeln – So manche Wanduhr kann einen mit lautem, monotonem Ticken schon ziemlich auf den Zeiger gehen. Gleiches gilt übrigens für Uhren „mit erweiterter Funktion“, unsere Wecker, die uns mit lautem Klingeln, Piepen oder Radiomusik aus dem Schlaf reißen. Dennoch, kein Grund, undankbar zu sein. So ein Wecker macht schließlich auch nur seinen Job.

Verkehrslärm – Es gibt einfach Menschen, denen man die Hupen aus dem Auto ausbauen sollte. Einfach wegen des inflationären Gebrauchs in eigentlich ungefährlichen Situationen. Warum manche Autofahrer grundsätzlich mit quietschenden Reifen anfahren müssen, habe ich übrigens bis heute nicht verstanden. Ist das so eine Art Imponiergehabe?

Weihnachtsmusik außerhalb der Adventszeit – Reicht es nicht, dass im September schon die Lebkuchen im Regal stehen und „Last Christmas“ spätestens zum ersten Advent in Dauerschleife durchs Radio dudelt? Selbst dann kann die Dauerschleife übrigens zur Ohrenfolter werden …

Merry Christmas? Ja bitte - aber nur zur Weihnachtszeit!
Merry Christmas? Ja bitte – aber nur zur Weihnachtszeit!

Xylophon & Co – „Übung macht den Meister“ gilt auch beim Erlernen eines Instruments. Dennoch – wenn der in einer Rockband spielende Nachbar stundenlang nonstop „auf die Pauke haut“ oder das Nachbarskind schon seit einer gefühlten Ewigkeit die immergleiche Passage auf der Posaune „spielt“, kann es einem schon mal in den Ohren klingeln.

Zahnarztgeräte – Niemand geht gerne zum Zahnarzt, um genau zu sein, ist der Zahnarzt für viele die Person, vor der sie im Leben am meisten Angst haben. Kein Wunder also, dass Geräusch von Bohrer, Schleifgerät und Luftsonden ebenso vielen kalte Schauer über den ganzen Körper jagt!

Ihr habt auch ein persönliches „Horrorgeräusch?“ Lasst es mich wissen – hier im Blog oder über Facebook oder Twitter!

Pauls Tagebuch: diese unglaublich lange Zeit….

…die unglaublich lange Zeit, während welcher über der  fast nackten roten Erde die Staubwolke steht, die eine Schafherde auf angstvoller Flucht vor unserem zug aufgewirbelt hat.

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…und die Hartnäckigkeit, mit der sich in meinem Gehirn die zwar schöne, aber idiotische Idee hält, solange die Staubwolke nicht vergeht, werde auch die Zeit nicht vergehen. Sie bleibt stehen und alles mit ihr.

Maria Aronov Φ Die Zeit Φ Lyrik

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Du verkleidest dich als Leben,

Freude, Liebe und als Lachen.

Strickend leise  deine  Pläne

lässt du Hoffnungen entfachen.

*
Mit Magie, du Geist des Seins,  hinterlässt du tiefe Spuren,

gut maskiert und doch erkennbar

an sich wandelnden Figuren.

*
Läufst mit uns durch Kindheitstage, schöne  Jugend und das Alter.

Wenn wir fort sind, gibst du weiter,

das von uns erzeugte  Glück.

Pauls Tagebuch – Liebe geschah nicht, sie fiel

Aus einem postumen Brief an meine Mutter:

… Ein Jahr vor Deinem Tode, besuchtest Du mich und erzähltest – zum ersten und einzigen Mal – non Deiner Ehe mit meinem Vater. Eine nie enden wollende, sich stetig verdickende Kette aus Demütigungen, Verletzungen, Zurücksetzungen. Liebe geschah nicht, sie fiel. – Sie fiel….

Kontrabass_VektorAls ich diese Zeilen – nach vielen Jahren – wieder las, kam mir die Erinnerung an einen Traum:
Ich bekomme als Kind einen Kontrabass geschenkt – er sei von meinem Erzeuger, hieß es. Ich erkundete dieses für mich riesige Instrument und verliere mich in einem der Schalllöcher. Meine Rufe nach Rettung verhallten ohne Erlösung. In diesem Traum fiel ich dann in einem tiefen Schlaf und erwachte in einem Varieté. Ein angsteinflößender Mann redet auf mich ein; in einer mir völlig fremden Sprache. Meine erneuten Rufe nach Rettung wurden offenbar als Gesang interpretiert und so wurde ich im Laufe der Zeit die musikalische Sensation:

Der kleine Mann im Kontrabass, der herzzerreißend singen kann.

Johann Thieme: Das alljährliche Personalgespräch – Von Belohnung, Bestrafung und einem gelben Pullover

Ich hatte letzte Woche das alljährliche Personalgespräch welches sehr gut verlaufen ist. Fast zu gut. Ich werde nun von meinem Arbeitgeber belohnt: mit einer Weiterbildung. Ich will aber keine! Ich brauche auch keine, denn ich mache den Job immerhin schon 12 Jahr. Ich habe keine Lust darauf, am Abend noch „die Schulbank zu drücken“. Immerhin: Das Angebot ist sehr breit… es muss nicht unbedingt etwas mit meinem Bereich zu tun haben. Möglich sind auch Kurse unter “Allgemeines” wie Stressmanagement und ähnlichen Laberfächern. Wie gesagt: Ich habe keine Lust dazu. Wozu soll das gut sein? Wie komme ich um den ganzen Mist herum ohne den Chefs vor den Kopf zu stoßen? Hermann, 49

people-312122_1280_Personal_ (2)Lieber Hermann,

Johann Thiemeich kann verdammt gut verstehen, dass Sie das furchtbar nervt. Natürlich weiss ich schon, dass Sie und ich mit dieser Meinung ziemlich allein auf weiter Flur stehen, weil die meisten Menschen sehr gerne ab und an die Schulbank am Abend drücken. Ob der Vorteil darin besteht, dass man dann mal wieder einen Abend für sich alleine und einen guten Grund, Zuhause abzuhauen hat, oder ob es wirklich ums Lernen geht, sei mal dahingestellt. Aber auch ich lerne nicht gerne auf Vorrat und auch ich finde diesen Trend vom ewigen Weiterbilden ohne Sinn und Verstand bescheuert. Weil es oft genug einfach übers Ziel hinaus schiesst, wenn man etwas lernt, was man danach nie anwenden kann. Und mal ganz ehrlich; die meisten Kurse, die ich je besucht habe waren grottenschlecht. Da hätte mir das Fachbuch locker gereicht. Wohin dieses sinnlose Pauken führen kann, habe ich kürzlich im ICE von Köln nach FFM erfahren und nachhaltig eingeprägt.

Da saß ich also am frühen Abend in einem unerwartet leeren Zug. Kaum hatten wir die Domstadt verlassen, da kamen die Kontrolleure durch den Gänge. Die  Gunst der Stunde des praktischen leeren Zuges stellte eine Frage, die ich mir insgeheim schon lange stelle. Die Frage war schlicht und trotzdem nicht einfach: “Wie machen Sie es, dass sie auch auf langen Strecken mit vielen Stopps genau wissen, wen Sie noch kontrollieren müssen und wen Sie bereits kontrolliert haben? Warum wird man höchst selten doppelt kontrolliert und praktisch gar nie gar nie?”

Die beiden Zugbegleiter – ein Mann und eine Frau – waren gern bereit, mich aufzuklären. Die Frau erklärte mir kurz und bündig, dass sie sich jeweils die leeren Plätze merkt. Es fällt ihr dann leicht auf, wenn jemand Neues dasitzt, der noch kontrolliert werden muss. Sie beendete ihre Ausführung, wünschte mir eine gute Weiterfahrt und verschwand in den nächsten Wagen. Ihr männlicher Begleiter blieb stehen, zupfte seine Uniformjacke zurecht, lehnte sich etwas lässig-steif an die Lehne und setzte zu seiner Antwort an, die erst kurz vor Frankfurt/Main endete und die ich hier gerne in Form des direkten Gespräches wiedergeben will, der Dramatik wegen.

Zugbegleiter: Wir arbeiten ganz eng mit Psychologen zusammen und mit eigenen Profilern.

Ich: Ach wirklich? Krass. Mit echten Profilern, wie man Sie vom Fernsehn kennt?

Zugbegleiter: Ja, genau.

Ich: Das überrascht mich jetzt. Ich hatte ja eher damit gerechnet, dass auch die Interaktion zwischen dem Fahrgast und dem Schaffner eine Rolle spielt. Ob er wegschaut, oder in seiner Tasche kramt oder so.

Zugbegleiter: Nein, das spielt keine Rolle. Darauf dürfen wir uns hier nicht verlassen, wo denken sie hin! Jeder von uns hat sein eigenes System, dass er selber entwickelt über die Jahre. Schauen Sie, ich bin ja auch nur ein Mann! Und was denken sie, was fällt mir bei ihnen auf?

Ich: Ähm, ja… mhmm… keine Ahnung. Was fällt ihnen denn auf an mir?

Zugbegleiter: Sie sind attraktiv und ja auch auffällig, müssen sie wissen! So einen rosa Pulli mit einem lila Polo darunter, das sieht man hier höchst selten! Diese Farbkombination! Sehr gelungen, aber auch sehr ausgefallen! Aber, Sie können das mit ihren hellen Augen wirklich gut tragen. Das kann ja nicht jeder. Das steht den allermeisten gar nicht gut. Macht schnell käsig im Gesicht. Aber sie tragen das wirklich gut, diese hellen und fröhlichen Farben. Ich bin überzeugt, sie sind ein Frühlingstyp!

Ich: Was bin ich?

Zugbegleiter: Sie sind ein Frühlingstyp!

Ich: Aber es ist doch Herbst.

Zugbegleiter: Aber das hat doch damit nichts zu tun! In der Farbtypenlehre unterscheidet man zwischen 4 Typen beim Mann und 4 plus 2 Typen bei der Frau. Beim Mann spricht man von Frühling – Sommer – Herbst – Winter, während es bei der Frau noch weitere Unterkategorien gibt, wissen sie. Die Frauen brauchen es halt mal wieder etwas komplizierter, nicht wahr, hehe. Aber Sie sind mit Sicherheit ein Frühlingstyp, so wie ich selber auch. Kein anderer kann diese Pastellfarben so gut tragen, ohne dabei bleich zu wirken. Gut, die Hose, die ist eigentlich zu düster. Die gehört zu einer anderen Typ-Palette, aber es passt ja trotzdem irgendwie.

Ich: Sie sind ja aber auch ganz düster angezogen!

Zugbegleiter: Aber das ist doch meine Uniform, ich habe doch gar keine Wahl! Ich wäre ja eigentlich auch ein Frühlingstyp, aber in meinem Job kann man halt nicht tragen, was man will… Privat kann ich da schon mehr darauf achten, aber bei der Arbeit muss ich mich unterordnen, leider.

Ich: (mitleidiges Nicken, allgemeine Sprachlosigkeit)

Zugbegleiter: Wir haben ja einen Chinesen im Team, der ist sowas von geschult auf Gesichter, der erkennt sogar Brüder!

Ich: Ja aber ist das denn wichtig um zu wissen, wen man schon kontrolliert hat? Ich verstehe den Zusammenhang jetzt nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin.

Zugbegleiter: Aber sicher ist das wichtig! Wie wollen Sie sonst herausfinden, ob es sein Abo ist, mit dem er fährt? Was meinen sie, wie oft fährt der jüngere Bruder mit dem Abo des Grösseren und meint, wir merken es nicht!?!

Ich: AHA! Sie reden vom Schwarzfahren, jetzt kann ich folgen. (Endlich)

Zugbegleiter: Ja aber sicher! Dafür muss man eine Auge haben! Wir Europäer können die Asiaten ja kaum unterscheiden, für uns sehen ja alle gleich aus. Klar haben die einen etwas rundere (formt mit den Händen einen Kreis und sucht nach einem Wort)…

Ich: Köpfe?

Zugbegleiter: Nein, Augen! Die einen haben ja eher rundere Augen und die anderen eher Schlitze, aber eigentlich sind die doch alle sehr ähnlich für uns. Aber der Chinese bei mir im Team, dem macht keiner was vor, das kann ich ihnen sagen! Also ich hatte ja auch eine Beziehung zu einer Chinesin, 8 Monate lang, jetzt sind wir getrennt, hat dann doch nicht gepasst. Aber ich habe viel gelernt! Ich kann inzwischen auch gut unterscheiden zwischen Japanern, Chinesen und anderen Asiaten! Aber ich sage ihnen: sobald ein Chinese längere Zeit in Thailand lebt, können sie den nicht mehr von den Thais unterscheiden, ehrlich! Die gleichen sich an, unglaublich. Und dann kommt ja noch was anderes dazu: Sie entwickeln mit den Jahren ja auch Intuition, wissen sie. Also ich mache den Job ja schon ewig und ich kann ihnen sagen, ich weiss schon früh am morgen, noch bevor ich den Zug übernehme, ob es Ärger geben wird mit dem Zug, oder nicht. Noch bevor ich den Zug betrete, weiss ich haargenau, ob ich es mit Schwarzfahrern zu tun haben werde, oder nicht. Es gibt sogar Nächte, da schlafe ich nicht und dann ist es vollkommen klar, dass ein schwieriger Zug auf mich zukommt, am nächsten Morgen.

Ich: Aber dann wäre es doch das beste, gar nicht erst hinzugehen, zur Arbeit, nicht?

Zugbegleiter: Wo denken Sie hin! Das geht doch nicht. Ich kann nicht einfach Zuhause bleiben, nur weil ich weiss, dass ich einen schwierigen Zug übernehmen muss! Das geht in unserem Job nicht, da muss man antraben, egal was auf einen zukommt! Aber sagen Sie jetzt mal ehrlich: Sie haben Zuhause einen gelben Pullover!

Ich: Gelb, mhmm, nein. Na ja, also keinen knallgelben. Aber einen senfgelben habe ich schon.

Zugbegleiter: Sehen sie, habe ich es doch gewusst! Er ist ein Frühlingstyp! Sonst hätten Sie nie und nimmer einen gelben Pullover im Schrank! Das ist der Beweis!

Ich: Aha, ja, ok. Aber sagen Sie mal: lernen Sie das eigentlich alles bei der DB?

Zugbegleiter: Aber nein, wo denken Sie hin! Ich bilde mich weiter, auch neben dem Job. So, jetzt muss ich aber weiter, ich habe auch noch andere Fahrgäste, die ich kontrollieren muss. Auf Wiedersehen und eine gute Fahrt weiterhin!

Ich: Danke gleichfalls.
trennlinie2Lieber Hermann. Fragen Sie Ihren Vorgesetzten doch einfach bei der nächsten Kaffeepause, ob er Zuhause einen gelben Pullover besitzt und philosophieren Sie etwas über seine Augenfarbe. Und wenn er sich über Ihre Verhalten wundert, dann erzählen Sie ihm, dass Sie mit dem Gedanken spielen, einen Farb-Typ-Beratungskurs zu besuchen, der ja dem ganzen Team zugute käme. Ich vermute, dass das Thema Weiterbildung damit für die nächsten Jahre gegessen sein sollte.

Alles Gute und herzlichen Gruss. Ihr Johann Thieme

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen – Maria Aronov

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen

– Am Beispiel von Lermontov und Jessenin – trennlinie2

Obwohl zwischen den Dichtungen von  Lermontov und Jessenin circa 80 Jahre dazwischenliegen weisen diese viele Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur die Machthaber des Landes als gemeinsamer Feind beider, sondern auch die Empfindung der Welt und des Lebens verbindet sie.
Ihre Dichtungen unterscheiden sich in der Wortwahl und Sprache. Beide Dichter schreiben sehr melodisch und drücken auf ihre Art und Weise ihre Gefühle und Beobachtungen aus. Der Reim in Verbindung mit einem tiefen Gefühl ist das, was einen unvergesslichen Dichter ausmacht. Diese Gabe war Jessenin und Lermontov eigen.
Der vom Land aus einer Bauernfamilie stammende Poet Jessenin schreibt nicht nur über die Natur, der er durch die dörfliche Landschaft hautnah begegnen konnte, es entwickelt sich in den Gedichten des jungen Genies eine sanfte Melancholie, die er durch eine relativ einfache Wortwahl so zum Schein bringt, dass sie die Herzen der Leser bis ins Innerste trifft.
Viele seiner Gedichte enthalten nicht nur präzise Beobachtungen der Außenwelt, sondern sind autobiografisch. Der Dichter öffnet sein Herz und erzählt weise über seine tiefe Einsamkeit, seine gescheiterten Beziehungen und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Er verwendet dabei oft die „ich-Form“ oder die direkte Anrede an die Person, der er seine Gefühle offenbart.
Eins seiner schönsten Gedichte „So erschöpft war ich noch nie“ befasst sich mit der Vergänglichkeit des Schönen und der damit verbundene Enttäuschung  im Leben. Er schreibt darüber, wie erschöpft er von seinem unglücklichen Sein ist. Seine Liebesgeschichten, die er als „die dunkle Macht“ bezeichnet, sollen ihn lediglich zum Wein verführt haben, doch seine wirklichen Sehnsüchte blieben ungestillt.
Er betont in diesem Gedicht, dass ihn in der Liebe die Leichtigkeit des Sieges nicht glücklich macht und auch der Betrug seitens seiner Partnerinnen nicht verletzt.
Auch in dem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, spricht er von der einen Begegnung, die niemals stattfinden wird.
Lermontov_JesseninIm  oben erwähnten Gedicht „So erschöpft war ich noch nie“ nutzt er als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit den Ausdruck „die goldenen Haare“, die sich nach und nach in Graue verwandeln. Obwohl die Zeit schnell verfliegt, bereut er die vergangenen Jahre nicht, er will nichts zurückholen, denn er ist müde von den Qualen des Lebens, das ihm beigebracht hat, nach Außen ein aufgesetztes Lächeln und im Inneren das stille Licht und die Ruhe eines Toten zu tragen.
Seinen Respekt erweist er der Natur und erinnert sich an die Landschaft in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist.
Der Mensch betoniert die Natur ein, es wird ihr Quasi eine Zwangsjacke angelegt, sodass sie sich nicht frei entfalten kann und als ihr Teil wandelt Jessenin auch hin und her, weil die Verfolgung ihn dazu zwingt.
Nicht nur die Veröffentlichung seines Werks „Das Land der Schurken“, sondern auch durch die Offenlegung seiner Seele vor der Welt in seinen Dichtungen stellt Jessenin seine große Courage unter den Beweis.
Doch nicht nur seine Gedichte enthalten eine melancholische Ader. Auch Lermontov, der mystische Dichter, erzählt in seinen Gedichten von der Einsamkeit und der Finsternis der Welt.
Im Gegensatz zu Jessenin benutzt er dabei nicht die Ich-Form, seine Ausdrucksweise ist gehoben und er spricht in Bildern, präsentiert oft Gestalten, drückt in seinen Gedichten aber ebenfalls nicht nur seine Wahrnehmung der Welt aus, sondern auch sein Inneres und die ihm widerfahrenen Erfahrungen.
Zwei seiner bekanntesten Gedichte sind „Der Engel“ und der „Dämon“.  Im ersteren spricht er darüber, wie ein Engel seine Seele in den Händen auf die Erde trägt, er singt dabei über Gott und das Gute, doch die Welt voller Tränen und Trauer sorgt dafür, dass der Engel am Ende zwar noch existiert, aber seine Seele zerstört ist, denn ihr wurden die Worte genommen. Sie soll schweigen.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass dem Menschen das Wort verboten wird, sodass er existiert, aber weder seinen Kummer noch seine Gedanken und Sorgen der Welt präsentieren kann, ohne dabei sein Leben zu verlieren. Doch ist eine solche Existenz überhaupt möglich?
Im letzteren wird erzählt, wie der aus dem Himmel vertriebene traurige Dämon über der sündigen Erde fliegt. Er fliegt durch den Nebel, überquert Wüsten, die ihm keine Gemütlichkeit bieten.
Über die Gemütlichkeit spricht Lermontov womöglich, weil diese dem Guten entspringt. Ein Heim kann nie gemütlich sein, wenn man darin nicht seine Seele hineinsteckt. Der Dämon als seelenloses Wesen kann sich also keine Gemütlichkeit schaffen und in der Wüste kann nur jemand ein Heim errichten, der in der Lage ist, dieser mit seiner Seele zu begegnen.
Auf seiner Reise als Herrscher über die Erde schafft der Dämon Böses und stößt nirgends auf Widerstand.
Über die Abwesenheit des Widerstandes gegen das Böse schreibt auch Jessenin in seinem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, indem er sich von seinem Freund, dem Fan, verabschiedet und gleichzeitig zeigt, wie einsam er in seiner Lage ist, da keiner mehr für ihn kämpft und den Mut dazu hat, gemeinsam mit ihm gegen das sowjetische Regime vorzugehen.
Lermontov stellt die Erde als eine Art Hölle dar, die dem Dämon dient. Die Offenheit und Reinheit der Seele werden zerstört, sobald man sie nach außen trägt. Die Welt, in der wir leben akzeptiert keine Melancholie und Güte, sie nimmt nichts an, was von der Seele kommt. Nur das Böse hat Macht über sie und gedeiht. Um ihm entgegentreten zu können, braucht man mehr Gutes in Form von wahrhaftigen Worten.
Beide Dichter wurden aufgrund ihrer Offenheit und ihres Mutes schon in ihren jungen Jahren dem Tode geweiht. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass in den dazwischenliegenden Jahren die Welt sich nicht verändert hat, sie hat es nicht gelernt, sich dem Guten zu widmen.
Vielleicht war das kurze Sein der beiden Genies auf der Erde ein Zweck, damit wir ihre Worte beherzigen und gemeinsam gegen den Dämon kämpfen.

Pauls Tagebuch: Von Töchtern und Muschis

Ich lese im Buch „Das andere Geschlecht“ als meine Tochter ins Wohnzimmer kommt. Mit dem Blick auf meine Lektüre eröffnet sie mir: „Mein Freund war war völlig unfähig sich zu binden, wirklich krankhaft.“

„Ach ja?“

„Die ganzen vier Jahre, die er Medizin studiert hat, hatte Frank keine einzige Freundin.“

„Vielleicht hat er ja nur die ganze Zeit studiert“, erwidere ich.

„Klar doch“, haut sie mir um die Ohren, „MUSCHIS“.

„Karla“, ermahne ich meine Tochter und ziehe die Nase kraus.

„Im Grunde gibt Dein Ratgeber nur Tipps“, sagt Karla, „wie man krankhaft Beziehungsunfähige dazu bringt, bei der Stange zu bleiben.“

„Ich möchte lesen.“ …

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Es fühlt sich merkwürdig an, wenn das Kind, ob schon erwachsen, so mit ihrem Vater spricht. Ich gestehe, diese Nähe ist eine falsche.

 

 

Maria Aronov – Lyrik, Gesellschaft & Geschichte

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria Aronov wurde 1983 geboren und studierte in Kassel Sprach- und Literaturwissenschaften,  sowie Deutsch als Fremdsprache  und Philosophie. Im Jahr 2008 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab und ist seitdem als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache tätig.
Ihr größtes Hobby ist Gedichte zu schreiben, und das bereits seit ihrer Kindheit.

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin, 1895 geboren, war der Sohn einer Bauernfamilie und wuchs auf dem Land bei seinen Großeltern auf. Schon als Kind fing er an Gedichte zu schreiben, in denen sich das dörfliche Leben wiederspiegelte. Mit siebzehn Jahren absolvierte er eine Lehrerschule und erwarb den Titel „Schullehrer der Grammatik.“

Esenin_Moscow_1922Daraufhin zog Jessenin nach Moskau, half dort in einer Metzgerei aus, die sein Vater leitete. Nach einem Konflikt mit seinem Vater, verließ er die Metzgerei, er fing zuerst an, in einem Buchverlag zu arbeiten und anschließend in der Typographie. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu revolutionsgesinnten Arbeitern und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Gleichzeitig fing er an, Geschichte an einer philosophischen Fakultät einer Moskauer Universität zu studieren. Dort fand er in einer literarisch-musikalischen AG gleichgesinnte junge Leute, die ebenfalls wie er, schrieben. Zwei Jahre später wurde sein erstes Gedicht „Die Birke“ in einer Moskauer Kinderzeitschrift veröffentlicht. Im Jahr 1916 sollte Jessenin in die Armee, doch Dank der Bemühungen seiner Freunde, wurde er zum Sanitär der Soldaten im Dienst der Kaiserin Alexandra Fjodorovna berufen. Dadurch bekam er die Möglichkeit, literarische Salons zu besuchen und auf Konzerten aufzutreten. Seine Auftritte brachten ihm einen derartigen Erfolg, dass sogar die große Fürstin Elisabeth (die damalige Stadthalterin von Moskau) ihn an ihren Hof eingeladen hat.

1916 wird der erste Gedichtband Jessenins veröffentlicht, dem die Literaturkritiker mit Begeisterung begegnen. Er lernte nun weitere bekannte Dichter wie Marienhof kennen, der später einen „Roman ohne Lügen“ über Jessenins Leben verfasste, den er jedoch nicht zu Ende schrieb. Zusammen bildeten sie eine literarische Gruppe der Imaginisten. Der Imaginismus ist eine Richtung der russischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und basiert auf den Dichtungen des frühen Futurismus sowie der Behauptung, dass das Ziel der Dichtung darin bestünde, wertvolle und originelle Gebilde in seinem Inneren zu schaffen.

Er heiratete im Jahr 1922 eine amerikanische Tänzerin, Isadora Duncan. Auf gemeinsamen Reisen durch Europa und Amerika begleiteten das Ehepaar viele Skandale um Isadora, die zu Missverständnissen in ihrer Beziehung führten. Hinzu kamen auch noch ihre Sprachbarrieren, denn Jessenin beherrschte keine Fremdsprache und seine Ehefrau konnte nur wenige Begriffe auf Russisch. 1923 haben sie sich getrennt.

Seine Gedichte widmete Jessenin weiterhin seiner Heimat, doch diese wurden etwas düster. Er sprach von der Spaltung Russlands, die sich in ein sowjetisches und ein aussterbendes Russland teilte. Die herbstliche Landschaft wurde zum Hauptmotiv seiner Gedichte als die Jahreszeit der Melancholie und des Abschieds.

Für sein bitteres Ende sorgte sein Poem „Das Land der Schurken“, indem er die sowjetische Macht kritisierte. Daraufhin wurde Jessenin zum Zielobjekt der journalistischen Hetze, die ihm eine angebliche Alkoholsucht und Prügeleien zuschrieb.

1975_CPA_4505Briefmarke UdSSR
Russische Gedenkbriefmarke von 1975

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Jessenin nur auf der Flucht, um sich vor der Staatsgewalt zu verstecken. Er fuhr mehrere Male in den Kaukasus, nach Leningrad und andere Städte, dabei versuchte er wieder seine eigene Familie zu gründen und heiratete im Jahr 1925 Sofia, die Enkelin von Leo Tolstoi, doch auch für diese Ehe war kein Glück bestimmt.

Aus Angst vor der Drohung, in Haft zu kommen, landete Jessenin in einer psychisch-neurologischen Klinik. Seine Ehefrau konnte den Professor an der privaten Uniklinik von Moskau dazu überreden, für Jessenin ein eigenes Zimmer in der Klinik bereitzustellen, damit er sich doch ungestört seinen Werken widmen und seine Behandlung erhalten konnte. Von seinem klinischen Aufenthalt wussten nur wenige Personen. Doch leider hielt sein Versteck nicht lange an und die Polizei bat den Professor darum, ihnen Jessenin zu überlassen. Dieser weigerte sich, den Dichter ihnen auszuliefern, was zur Folge hatte, dass auch die Klinik unter polizeilicher Beobachtung stand. Jessenin brach letztendlich seine Behandlung ab und fuhr nach Leningrad.

Am 28 Dezember 1925 wurde Jessenin in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die offizielle Erklärung seines Todes lautete Suizid, doch es gibt genügend Annahmen, dass er keinen Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde. Das letzte Gedicht von ihm „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, das mit Blut geschrieben wurde, wurde in seinem Hotelzimmer entdeckt.

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Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen!
Mein Lieber, du bist in meinem Herzen.
Eine unvermeidbare Trennung verspricht ein baldiges Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.
Mir macht es Angst, unter Menschen zu leben,
denn jeden meiner Schritte erwarten Qualen.
In diesem Leben gibt es nirgends Glück.

Auf Wiedersehen, die Kerzen brennen nieder.
Ich fürchte mich davor, in die Finsternis zu gehen.
Ich wartete das ganze Leben,
doch die eine Begegnung gab es nicht
und ich hatte niemanden zum Aufwachen in der Früh.

Auf Wiedersehen, mein Freund, mein Freund ohne Wort und Tat,
sei nicht traurig und auch nicht betrübt.
In diesem Leben ist zu sterben nicht neu
und zu leben, ist natürlich auch nicht neuer.

 

Das Gedicht ist übersetzt von Maria Aronov © 2015

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.