Kategorie: Maria Aronov

Kolumne | Über die innere Schönheit – Das Schicksal Quasimodos

Über die innere Schönheit

Quasimodo - Antoine Wiertz - 1839
Quasimodo – Antoine Wiertz – 1839

„Die weiblichen Instinkte können sich viel schneller verständigen als die männlichen Intelligenzen. […] das Auftreten einer schönen Frau genügt, um eine ganze Versammlung hübscher Frauen in eine gewisse Missstimmung zu tauchen, besonders wenn nur ein einziger Mann zur Stelle ist.“
Aus: Der Glöckner von Notre Dame von Victor Marie Hugo

Ich könnte mit dem banalen Spruch beginnen, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen seien. Ein Spruch aus dem Poesie-Album, der gern zitiert wird und doch so allgemein gehalten ist, dass er nicht greifbar scheint. In der Literatur gibt es eher selten ein gutes Ende für Protagonisten mit einem eher bescheidenen Aussehen. Diese Romanfiguren scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei spielt ihr meist guter Charakter keine zentrale Rolle. Der Leser erwartet ihr tragisches Ende.

Wenn ich die Entwicklung in den sozialen Medien beobachte, erscheint es mir wichtig, sich so wenig wie möglich vom Rest zu unterscheiden. Das zeigt sich in den immer gleichen Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen zu strittigen Themen. Die Boulevardpresse gibt uns Jahr um Jahr die selben Tipps für Aussehen und Weltbild. Vielleicht hatten Sie auch schon den Eindruck, dass sie bestimmte Artikel bereits ums ein oder andere Mal gelesen zu haben. Es fühlt sich an, als wäre man ein Ding, das bestimmten Normen entsprechen sollte. Wo bleibt die echte Vielfältigkeit, die Akzeptanz anders zu sein und anders zu sehen?

Wir Menschen tragen zu oft Scheuklappen, verstecken uns vor der Wahrheit. Zu oft bilden wir uns Meinungen über Menschen und Dinge, die uns in ihrem Inneren unbekannt und verborgen bleiben. Nur: was ist schon Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mensch im Grunde nicht weiß, was er will und wo er hingehört. Sei es durch die scheinbar unendliche Auswahl, fehlende Vorbilder. Statt die Freiheiten zu nutzen, wird jedes von der Norm abweichende Wesen kritisch betrachtet.

Sehen wir uns als Beispiel für die Tragik des menschlichen Seins den buckligen Quasimodo an. Er starb an unverhofftem Liebeskummer.

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Das höchste Glück des Lebens besteht in der Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Marie Hugo

Quasimodos schwere Last

Mit einem entstellten Gesicht und großem Buckel geboren, gelang es Quasimodo das zu erleben, was vielen Menschen nur ein Traum zu sein scheint.

Der Körper des kleinen buckligen Mannes war keineswegs eine reine Missbildung. Gerade er war es, der ihm zu innerem Glück durch gute Taten verhalf.

Doch bis es soweit kam, galt für Quaismodo: Ein Wesen mit einem Buckel? Alle lachten ihn aus und wählten ihn sogar zum Narrenpapst auf einem Volksfest. Was in hiesigen Zeiten einen „shitstorm“ bei facebook ähnelt. Ein anderes Leben als sein eigenes leidvolles, kannte Quasimodo nicht.

Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert
Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert

Eines Tages – wie aus dem Nichts – erschien ihm die Zigeunerin Esmeralda, ihm den wahren Sinn des Lebens offenbarend. Geblendet von ihrer Schönheit verliebt sich dieser „unvollständige“ Mann in sie. Quasimodo wird klar, dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich nicht nur gegen Behinderte, sondern allgemein gegen vermeintlich Schwache wendet. Diese Schwäche, die von einer Mehrheit abgelehnt wird, enthält ein breites Spektrum menschlicher Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Treue und Liebe. Sie verrät Arme, erniedrigt Kranke, beseitigt Andersdenkende.

In diesem, wie auch in anderen seiner Werke beschäftigt sich Victor Hugo mit dem Verhältnis von stark und schwach in einer Gesellschaft. Seine These: Es sind nicht diejenigen stark, die aufrichtig und nicht diejenigen schwach, denen es an Geist fehlt. Es sei genau umgekehrt.

Der selbstlos liebende Quasimodo trug in seinem Herzen einen Edelstein, als unsichtbare Verbundenheit und Treue gegenüber der schönen Zigeunerin. Nur: dieses Juwel konnte er ihr nicht zeigen. Für ihn war es unvorstellbar, geliebt zu werden. Die Magie der Reinheit, für die der Edelstein steht, erreichte jedoch Esmeraldas Herz.
Doch es war zu spät. Zu spät für die Offenbarung der Gefühle. Es war zu spät für sanfte Liebkosungen und den Trost für den kleinen Mann. Es war zu spät für die Erkenntnis, dass die Liebe ein unsichtbarer seidener Faden ist, der die beiden miteinander verband. Er kam ihm nicht in den Sinn, dass vor allem er es war, der Liebe verdiente, zu dem sie wie ein Bumerang zurückflog und sein Inneres so zum Glänzen brachte, dass sein Äußeres in den Hintergrund träte.

Aber es war zu spät: seine Esmeralda wurde in Intrigen verwickelt. Betrug und Verrat wurden schließlich zu ihrem Henker. Den Tod „seiner“ geliebten Zigeunerin hielt der Glöckner von Notre Dame nicht aus. Das Juwel in seinem Herzen zerbrach in Tausend kleine Scherben, die wie ein Dolch sein leidendes Herz durchbohrten.

Schließlich verendete er vor Gram und Liebeskummer an ihrem Grab.

Christian Wind -  L’amour de Quasimodo Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo -  La faucheuse ne peut rien y changer. - 2015 - Lizenz: CC-BY-SA-4.0
Christian Wind – L’amour de Quasimodo – Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo – La faucheuse ne peut rien y changer. – 2015 – Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Auch wenn das Leben für den kleinen „unvollständigen“ Menschen nicht lebenswert schien, gab er einem anderen Leben Halt und Wertschätzung. Hinter der „hässlichen“ Fassade und der scheinbaren physischen Schwäche befanden sich die Stärke und der Mut dazu, jemanden in einer Todeslage zu beschützen.

Fehlende Akzeptanz und keinerlei Erwartungen seitens der Gesellschaft brachten Quasimodo vermutlich die innere Freiheit, selbstlos zu handeln. Seine Liebe gehörte nicht ihm selbst, er schenkte sie Esmaralda und machte sie so für kleine Zeit glücklich. Er lebte und handelte lediglich mit seiner ganzen Seele, dem Herzen und seinen entfachten Willen. Dabei begleiteten ihn stets Hoffnungen und Wünsche nach dem Sieg des Guten. Erst als er sich und die ihm aufgezwungene gesellschaftliche Rolle des Narrenpapstes vergaß, fand er zu sich selbst. Leider nicht lang genug, um sich und sein Leben neu zu (er)finden.

Alles nur Schein

Die wahre Stärke zeigt sich nur durch Taten. Keine Person sollte in erster Linie nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Gefühlswelt, Gedanken und ihre tiefsten Sehnsüchte bleiben uns zunächst verborgen und sind doch das eigentlich Spannende am Menschen.

Die äußere Schale täuscht also, sie lässt uns Dinge, Situationen und unsere Mitmenschen anders wahrnehmen als sie in Wirklichkeit sind.

Jedem von uns ist sein Schicksal auferlegt. Quasimodos Schicksal war gerade in der Schwere seines Seins, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen erfüllenden Sinn im Lebens zu finden.

Maria Aronov | Eine göttliche Tragöde ¦ Über Gut und Böse

Eine göttliche Tragödie
Über Gut und Böse, Himmel und Hölle 

Oftmals stellt sich die Frage, wie das Leben nach dem Tod wohl aussähe. Wir sprechen dann von Orten wie der Hölle und dem Paradies; zudem haben sich bereits abertausende Schriften über die Vorstellung des Lebens im Jenseits ausgelassen.

Dante und Vergil

Auch Dante Alighieri (* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) beschäftigte sich in der „Göttlichen Komödie“, seinem theologisch-philosophischen Hauptwerk, mit der Frage nach dem Dasein im Jenseits. Sein Weltbild baute dabei auf dem geozentrischen Ptolemäischen System auf.

[Das geozentrische Weltbild ist eine historisch überaus bedeutsame Auffassung vom Aufbau des Weltalls, die von dem griechischen Philosophen CLAUDIUS PTOLEMÄUS (ca. 100 – ca. 170) begründet wurde. Es wurde angenommen, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Weltalls befindet und alle Planeten sowie die Sonne sich auf kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen.
Mit diesem Weltbild konnten viele astronomische Erscheinungen erklärt werden. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das geozentrische Weltbild allmählich vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.]

An der Seite des römischen Dichters Vergil wandert Dante durch verschiedene Reiche des Jenseits. Ihre Wanderung beginnt zunächst in der Hölle (L´Inferno): der Gang des Menschen durch Sünde, Pein und Verzweiflung. Die Hölle ist unterteilt in Jenseitsbezirke,  die im Text  als  neun Kreise beschrieben werden. Je tiefer man gelangt, umso mehr verstärken sich die Qualen. Ängste und Verzweiflung wachsen, die Seele verliert ihre innere Ruhe. Der angsteinflößende Cerberus und das Unwetter erwarten sehnsüchtig die verdammten Seelen. Sie dursten regelrecht nach ihnen.

Nach dem Besuch des letzten Höllenkreises, wo sich auch Luzifer befindet, gelangt der Dichter schließlich – allerdings ohne seinen Begleiter Vergil – zum Fegefeuer. Dort reinigt sich Dante an der Seite büßender Seelen von seinen Sünden. Er trifft dort auf seine ehemalige Geliebte Beatrice, die ihn durch das nächste Reich, das Paradies, begleitet. Dabei offenbart sie ihm den Himmel: das Gefühl, Gott nahe sein zu können und dem damit verbundenen Glück.

Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)
Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)

Das Jenseits im mittelalterlichen Glauben

Geht man von dem christlichen Glauben im Mittelalter aus, ist die Struktur des Jenseits eindeutig gegliedert. Zwischen Hölle und Paradies liegt das Fegefeuer; Ein Ort, an dem reuenden Seelen Hoffnung auf eine weitere Existenz im Himmel schöpfen.

Im Fegefeuer verweilen die Seelen der milden Sünden: dort landen Geizhälse, die Neidischen und die Zornigen. Alle verbindet die durch Reue in Aussicht gestellte Existenz im Himmel.

Die Hölle ist somit der schlimmste Ort, an den man nach seinem Tod gelangen kann. Dante spricht, wie bereits oben erwähnt, von quälenden, die Seele durchbohrenden Ängsten und Verzweiflung. Im Inferno befindet sich neben Judas, dem Verräter auch Satan.

Sowohl in Dantes Weltbild, in seiner Interpretation des Jenseits als auch im dunklen Mittelalter:  Hierarchien waren ein fixer Wert.  „Das Leben danach“ wurde in Stufen unterteilt und es herrschen Stereotype wie „Gut“ und „Böse“.

Das „Gut und Böse“ seit Nietzsche

Der Begriff des Guten wird seit der Moderne neu interpretiert. Altertümliche Tugendlehren verloren mit der Zeit immer mehr an Bedeutung. Seit Nietzsche werden Fragen nach dem Guten kritisch unter die Lupe genommen. Für den Dichter und Philosoph war die Differenzierung zwischen Gut und Böse eine christliche Erfindung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

Wie bereits in meinem Essay über Meister und Margarita „Ein teuflisch guter Pakt“ erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass  die Begriffe „Gut“ und „Böse“ relativ sind. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Abwesenheit der Hölle würde das Paradies sonst mit all seiner Schönheit entbehrlich machen.

Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien
Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien

Das  Paradies gilt als wundervoller, sorgloser Ort. Alles interpretiert jede(r) den Himmel anders – für den einen ist er bereits auf der Erde, für Anderen stellt die Hölle selbst den Himmel dar. Nehmen wir mal als Beispiel einen Melancholiker: Würde er sich in seiner seelischen Sehnsucht nach Trauer im Paradies, wie man es aus den Büchern kennt, glücklich fühlen? Vermutlich nicht.

Würde ein Philosoph oder Dichter nicht lieber die Hölle erkunden, durch die ewige Dunkelheit spazieren und seine Erkenntnisse der Welt kundtun?
Als ein Gefangener der ewigen Verdammnis erleidet man in der Unterwelt unerträgliche Qualen. Doch was soll das Ganze überhaupt? Ein Todesurteil ist das Leid an sich nicht, denn es gibt keine sterblichen Seelen. Und ewige Qualen könnten wir auch im Paradies erleiden, würde es nicht unserer inneren Welt, unserer Vorstellung entsprechen.

„All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten“ Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an. – aus info.kopp – verlag.de

(M)ein Herz für die Unterwelt

Hätte ich die Wahl, ich nähme die Unterwelt. Voller Mut würde ich Hades und Cerberus begegnen, ich spazierte durch brennende Feuer, Gewitter und heißen Sand, redete mit gefangenen Seelen über ihre Qualen und beseitigte ihre größten Ängste. Ich erzählte ihnen, dass die Höllenqualen nichts als eine Art Gefühl der Selbstverschuldung wären, dass die Angst vor dem dreiköpfigen Hund unbegründet sei, da die Hölle kein Ort des Todes sei, sondern auch des ewigen Lebens. Seelen sind eine Quelle nie erlöschender Energie. Das, was uns eine große Furcht einjagt, sind wir selbst, unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unsere unverarbeiteten Erfahrungen.

Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)
Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)

In der Hölle begegnete ich dem kleinen Prinzen, der in ihr auf der Suche nach sich selbst landete. Ich begegnete in ihren kalt ermordeten Poeten wie Jessenin, Lermontov und Puschkin. Auch sie gingen diesen Weg und sie hätten keinen anderen wählen wollen. Ja, die Hölle begegnet uns bereits auf der Erde und macht uns zu geistig höheren Wesen. Durch sie wachsen wir, streben nach oben und bleiben unvergessen.

Mit den Poeten redete ich dort über Ungerechtigkeit und der Suche nach der einzigen Wahrheit. Wir setzten uns um das brennende Feuer herum und genössen die Mystik der unaufhörlichen Blitze und des lauten Donners. Dies motivierte uns zum Philosophieren, zum Nachdenken über die Schwere und die gleichzeitige Leichtigkeit des Seins.

Zu uns, den Dichtern, käme Platon und erzählte uns vom Höhlengleichnis. Darin spricht er davon, dass das Licht der Erde die Höhlenbewohner blenden würde, denn sie wären nicht daran gewöhnt. Wie kann dann ein Philosoph, der in seinen Gedanken ständig durch die Dunkelheit wandert, zum Paradies hinaufsehen?

Wären sie meine Gesellschaft, würde ich die Hölle dem Himmel stets vorziehen.

Jede Existenz ohne Entwicklung des Geistes ist sinnlos, denn der Geist kann nur durch Herausforderungen wachsen. Auch im Leben durchlaufen wir verschiedene Stadien – gute und schlechte Phasen. Durch sie entwickeln wir uns, werden weiser. Würde stets „das Gute“ existieren, gäbe es keine Möglichkeit für die Philosophie und ihre Umsetzung. Das Sein verlöre seinen besonderen Charme und seine Anziehung.

Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer - 1922
Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer – 1922

Wer auf der Erde in der Hölle war, wird sie später nicht missen wollen.

Maria Aronov ¦ Brief an Eugen Onegin ¦ Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle

Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle 

Tatjanas Brief an Onegin [A.S. Puschkin]

Kaum tratst Du ein, und ich erkannte,
Ich fühlte nichts mehr, ich entbrannte
Und sprach im Geiste: das ist Er!
Es stimmt doch, daß ich oft Dich hörte:

Sprachst Du mir nicht im stillen zu,
Wenn ich den Armen Brot bescherte
Und wenn ich im Gebet begehrte,
Daß meine Seele fände Ruh?

Und warst grad eben hier im Zimmer
Nicht Du das liebe Bild, der Schimmer,
Der, aus dem Dunkel auftaucht,
Zu meinem Kissen sanft sich neigte?

Warst Du’s nicht, der mir Trost erzeigte
Und Lieb und Hoffnung zugehaucht?
Wer bist Du? Engel, der mich hütet?
Versucher, der Verderben brütet?

Mach mich von meinem Zweifel frei.
Vielleicht ist gar nichts dran an allem,
Ist’s nur naive Schwärmerei,
Und anders ist das Los gefallen?

Wie dem auch sei! Mein Schicksal will
Ich Dir ab heute anvertrauen;
Vor Dir vergieß ich Tränen still,
Laß mich auf Deinen Schutz nur bauen….

Bedenke: Ich bin hier allein,
Kein Mensch ist da, der mich verstünde,
Und wenn ich keine Lösung finde,
Wird es mein stummes Ende sein.

Ich harre Dein: Mit einem Blicke
Laß Hoffnung neu ins Herz mir ziehn,
Wenn aber Vorwurf ich verdien,
Reiß meinen schweren Traum in Stücke!

Ich schließe! Schrecklich, was ich schrieb…
Ich sterbe fast vor Scham und Grauen…
Doch da mir Ihre Ehre blieb,
Will ich mich kühn ihr anvertrauen.

Eugen-Onegin-Lensky-und-Tatjana.Foto-gemeinfrei
Eugen Onegin Lensky und Tatjana

Tatjanas Entscheidung Eugen zu schreiben, entstammt einem unwillkürlichen Impuls. Heraus kam dabei ein naiver, jedoch edler Gefühlsausbruch. Nicht ihrem Verstand entsprungen, sondern vielmehr ihrer Ohnmacht. Tatjana wusste in jenem Moment nicht, was sie tat.

Der Brief Tatjanas ist Vorbild höchster Offenbarung eines Frauenherzens. Ihre Worte sind wahrhaft, aber simpel. Aus der Verbindung von Einfachheit und Wahrhaftigkeit erstrahlt die absolute Schönheit der Gefühle, der Handlungen und des Ausdrucks.

Wie Puschkin versucht, Tatjana für ihre Entschiedenheit den Brief zu schreiben und diesen an Eugen zu schicken rechtfertigt, ist beeindruckend. Der Dichter war ein feiner Beobachter der „Oberschicht“, über die er schrieb. Es gelang ihm immer wieder, diese perfekt in Worten festzuhalten.

Als Tatjana das verlassene Haus Eugens besucht (Kapitel 7), wird sie von ihren Gefühlen überwältigt. Alle sich dort befindenden Gegenstände verkörpern Geist und Charakter des Hausbesitzers. Diese Szene gehört zu den besten Stellen des Gedichts. Tatjana greift dieses Motiv mehr als nur ein einmal auf:

„…Schnell Abschied nahm danach Tatjana
Von Hausverwalterin, geht heim.
Am nächsten Tag, mit erstem Hahne,
Erschien sie wieder vor dem Heim,
In den verlassnen gestern Räumen,
Erneut hing nach sie ihren Träumen,
Verblieben endlich hier allein.
Und lange weinte sie dabei.
Erst dann nahm sie sich vor die Bücher.
Zunächst stand sie ganz neben sich,
Dann schien ihr etwas wunderlich
Die Wahl der Bücher. Erst nicht sicher,
Stand dann, beim Lesen, doch ihr Held
Vor ihr wie aus der andren Welt.“

Pusshkin - Eugen Onegin VI Boat - Auszug aus dem Manuskript
Pusshkin – Eugen Onegin VI Boat – Auszug aus dem Manuskript

Endlich kommt Tatjana wieder zur Besinnung. Ihr Verstand hat nun die Regie übernommen. Sie begreift, dass es für den Menschen Lebensmotive gibt: es gibt Leid und Schmerz, auch durch die Liebe verursacht. Aber hat sie auch verstanden, worin die Interessen, die Motive des anderen und „sein“ Leid bestehen? Und wenn sie es begriffen hat: hilft ihr das bei der Linderung des eigenen Leids? Natürlich hat sie es begriffen, allerdings nur mit ihrem Verstand. Es gibt nämlich Erfahrungen, die man mit eigenem Leib und seiner Seele durchleben muss, um diese gänzlich zu verstehen.
Solche Gefühle kann man nicht aus Büchern lernen. Tatjanas Kennenlernen dieser Gefühlswelt ausserhalb der Literatur; diese neue Welt bestehend aus Pein und Kummer, ist für sie eine schmerzliche und fruchtlose Offenbarung. Dies erschreckt sie, bereitet ihr Angst, denn die Leidenschaft erscheint ihr als eine Art Verderbnis und überzeugt sie davon, sich vor der Wirklichkeit niederbeugen zu müssen, sie so hinzunehmen, wie sie zu sein scheint. Wenn sie  sich also dazu entscheiden sollte, ein Leben des Herzens zu führen, dann nur in ihrem eigenen Inneren, in der Tiefe ihrer Seele. Mit sich allein.

Tatjanas Besuch in Onegins Hauses und die Lektüre seiner Bücher bereiteten ihr eine Art Wiedergeburt. Aus dem jungen, vom Lande kommenden Mädchen wurde eine Frau der Gesellschaft. Eugen drückt seine angenehme Überraschung  in seinen Briefen an sie aus, doch für seine Erweckung ist es nun zu spät.

Tatjana weist Onegin ab - Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya - vor 1908
Tatjana weist Onegin ab – Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya – vor 1908

Nun zu dem Gespräch zwischen Tatjana und Onegin:
Hier zeigt Tatjana all die Gefühle einer russischen Dame; ein durch die Gesellschaft geformter starker Charakter. Sie zeigt zudem die Einfachheit in ihren ehrlichen und offenen Gefühlen. Sie zeigt ihr verletztes Ego und gleichzeitig ihre Eitelkeit, die sie als Maske trägt, um sich vor der tratschenden „Upperclass“ zu verstecken. Sie zeigt ihre Wertmaßstäbe, die ihr Herz und ihre Seele lähmen. Tatjana wirft Eugen vor, dass er sich damals nicht in sie verliebte, weil er darin keinen Charme, keinen Reiz der Versuchung sah. Und jetzt führe ihn lediglich der Durst nach skandalösen Ruhm zu ihr.

Tatjana mag das Leben der Oberschicht nicht und würde es bevorzugen, für immer auf dem Land zu leben. Für sie ist in ihrem Inneren eins klar: sie als Frau möchte ein Leben des Herzens führen. Lieben bedeutet für sie „leben“ und Opfer bringen heißt zu „lieben“. Und dennoch hat sie das Leben in der gesellschaftlichen Oberschicht zunehmend und durchdringend verändert. Die Natur erschafft den Menschen, die Umwelt aber verändert ihn, zuweilen gänzlich. Ein innerer Konflikt und Reifeprozess, der nicht nur die Protagonistin lange beschäftigt.

Maria Aronov | Liebe ohne Seele ¦ Die Meerjungfrauen Puschkins & Andersens

Eine Liebe ohne Seele
Am Beispiel von Puschkins und Andersens „Meerjungfrauen“

Junger Fischer mit einer Meerjungfrau - Maler unbekannt - 1. Hälfte 19. Jrdt.
Junger Fischer mit einer Meerjungfrau – Maler unbekannt – 1. Hälfte 19. Jrdt.

Im Jahr 1836, dem letzten Jahr vor seinem Tod, verlor und erschuf Puschkin gleichzeitig etwas. Ein Stück seiner Seele verstarb, als der Dichter seine geliebte Mutter verlor und ein anderes hinterlegte er in seinem Poem „Rusalka“, was übersetzt „Die Meerjungfrau“ bedeutet.
Diese Dichtung enthält nicht nur eine wunderbare und sich leicht lesende Sprache, sondern auch viele tiefe Gefühle.
Es heißt, dass der Gesang der Sirenen die vorbeifahrenden Schiffer anlockt und sie tötet. Doch die mythologischen Wesen kennen die Schiffer nicht. Der Mensch dagegen ist in der Lage, die Seele anderer durch Verrat und Untreue zu zerstören. Genau das ist Natascha, der Hauptfigur des Poems, passiert.

Um einen Einblick in Puschkins großartiges Werk und die verletzten Gefühle der jungen Frau zu bekommen; eine Inhaltsangabe:

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Am Ufer des Flusses Dnjepr lebt ein alter Mann mit seiner Tochter Natascha. Seit einiger Zeit werden die beiden des Öfteren von einem Fürsten aufgesucht, der Natascha liebt. Sie erwidert seine Gefühle. In der letzten Zeit kommt der Fürst jedoch immer seltener zu Besuch. Natascha wartet sehnsüchtig auf ihren Geliebten. Ihr Vater belehrt sie währenddessen, wie sie aus ihrer Liebe mehr Vorteile für sich und die ganze Familie gewinnen kann. Natascha hört jedoch nicht auf ihren Vater.
Plötzlich hört die junge Frau ein Pferdegetrappel. Es kommt der Fürst. Natascha macht ihm vorsichtig Vorwürfe für seine lange Abwesenheit und ihr Vater erzählt ihm von der schweren Arbeit und seinen Schwierigkeiten. Um Natascha zu beruhigen, schenkt der Fürst ihr ein teures Collier.
Die veranstalteten Tänze und Spiele der Bauern ziehen den Fürsten nicht an. Er kam lediglich, um sich für immer von Natascha zu trennen. Der Grund für den Abschied war weder der Krieg noch der lange Weg zu ihr, sondern eine standesgemäße Heirat.
Weder Nataschas Kummer noch die Tatsache, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt, kann den Fürsten davon abhalten, sie zu verlassen. Vor Kummer den Verstand verlierend, reißt sie das Collier herunter und wirft es in den Fluss.
Der Fürst heiratet eine reiche bemerkenswerte Frau. Während der Belustigung der Gäste hört man jemanden ein trauriges Lied über eine gelogene Liebe singen. Der Fürst erschrickt sich, denn hört er Nataschas Stimme. Man versucht, die Stimmung auf der Feier wieder aufzulockern und möchte, dass das Ehepaar sich küsst. Als sich der Fürst für den Kuss zu seiner Frau neigt, hört er in der Stille plötzlich ein weibliches Stöhnen, das das Fest betrübt. Alle Anwesenden sind verwirrt.
Nun sind 12 Jahre seit der Hochzeit vergangen, doch die Ehe brachte dem Fürsten kein Glück. Die Fürstin verbringt ihre Tage in Einsamkeit. Man erzählt, dass der Fürst die ganze Dienerschaft fortgeschickt hat und allein auf dem Ufer des Dnjepr bleibt.
Es ist Nacht und unter dem kühlen Licht des Mondes spielen die Meerjungfrauen. Als sie den Fürsten bemerken, verschwinden sie.
Der Fürst erkennt die Orte, vor er vor vielen Jahren schon mal war – die auseinander fallende Mühle und die alte Eiche. Die Erinnerung an das vergangene Glück und die Reue tun seiner Seele gut.
Plötzlich erscheint vor ihm ein alter in Lumpen gekleideter Mann. Das ist der Müller. Der Tod seiner Tochter brachte ihn um den Verstand. Der Fürst bietet ihm an, in sein Schloss mitzukommen, doch der Alte lehnt es ab. Auf einmal fällt er über den Fürsten her und befiehlt ihm, ihm seine Tochter zurückzugeben. Herbeieilende Jäger retten den Fürsten vor dem alten Mann.
Viele Jahre sind seit dem Tag vergangen, als Natascha sich in den Fluss warf und zu einer drohenden Herrin des Dnjepr – Gewässers wurde. Ihrer kleinen Nixe-Tochter erzählt sie über deren Vater – den untreuen Geliebten. Sie befiehlt ihr, ans Ufer zu gehen und ihn in den Fluss zu locken.
Der Fürst besucht weiterhin den Dnjepr, der ihn an die glücklichen Tage erinnert. Aus dem Gewässer kommt die kleine Nixe und erzählt ihm, dass sie seine Tochter sei. Sie ruft ihn zu sich. Der Fürst ist bereit, ihr zu folgen. Man versucht, ihn davon abzuhalten, doch er hört die rufende Stimme Nataschas. Der Stimme gehorchend geht der Fürst gefolgt von der Nixe unter das Wasser.
Die wahre Liebe erkennend, sucht der Fürst sein Glück auf dem Grund des Gewässers.

Interessant ist, ob dieses Poem auch einige autobiographischen Züge Puschkins enthält. Vielleicht träumte auch er von Rache an seinem Schwippschwager, der seine Liebe und sein Leben zerstört hat. Nicht umsonst lässt der Dichter den verräterischen Fürsten unglücklich werden und ertrinken. Er suchte nach Gerechtigkeit.

Ferdinand Leeke (1859 - 1923) - Die Versuchung der Meerjungfrau - 1921
Ferdinand Leeke (1859 – 1923) – Die Versuchung der Meerjungfrau – 1921

Das Motiv der unglücklichen Liebe kennt man auch aus „Die kleine Meerjungfrau/Seejungfer“ von Hans Christian Andersen. Das Märchen schrieb er im Jahr 1837, im Jahr des Todes von Puschkin. Als Grundlage für seinen Text nahm er die Sage der Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, die der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak ähnelt.

Das Märchen von Andersen handelt von dem tragischen Ende der kleinen Nixe, die durch die wahre Liebe ihrerseits die ewige Seele findet:

Maler: Constantin Hansen - 1836
Maler: Constantin Hansen – 1836

Die kleine Nixe, die sich in den Prinzen verliebt, den sie selbst gerettet hat, nimmt viele Qualen auf sich, wird gar zu einem menschlichen Wesen, um in der Nähe ihres Geliebten sein zu können. Als ein seelenloses Wesen strebt sie danach, eine Seele zu erlangen, die nach dem Tod in die Luft aufsteigt. Diese bekommt eine Nixe aber nur dann, wenn sich ein Mensch in sie verliebt.
Für ihre Liebe und den Wunsch, eine Seele zu bekommen, erleidet sie höllische Qualen, als sie Gehen lernt. Sie verlässt ihren Vater und ihre Schwestern, gibt ihr Leben unter dem Wasser auf, doch der Prinz erkennt die wahre Liebe des Mädchens nicht und heiratet eine Prinzessin, die er für seine Retterin hält.
Der erste Strahl der Sonne nach der Hochzeitsnacht des Prinzenpaars soll gleichzeitig der letzte Atemzug des armen Mädchens werden. Die einzige Lösung, die ihr für die eigene Rettung bleibt, ist, den Prinzen zu töten. Dies bringt sie nicht übers Herz und löst sich auf dem Wasser in Schaum auf. Durch ihre guten Taten und ihr weiches Herz verwandelt sie sich aber in einen Luftgeist und kann ihren Traum, eine unsterbliche Seele zu bekommen, durch gute Handlungen und ihr weiches Herz, verwirklichen.

Hans Christian Andersen sieht die Rettung in er der Erlösung der Seele, was er mit dem „Ewigen Glück der Menschen“ bezeichnet. Die kleine Nixe verzichtet in ihrer Selbstlosigkeit auf die Rache und verendet in einem Meer voller Tränen der Trauer und gleichzeitig des seelischen Glücks.

Beide Autoren sowohl Puschkin als auch Andersen erschufen in ihren Texten einen Ozean von Gefühlen. Andersen zeigt, dass ein seelenloses Wesen mehr Liebe in sich trug als ein Mensch. Auch bei Puschkin setzt der Mensch nicht automatisch das Vorhandensein der Seele voraus.

Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦ Lermontovs und Puschkins Dichtung

¦Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦
Lermontovs und Puschkins Dichtung

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Auf der Beerdigung von Puschkin sagte Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (russischer Schriftsteller und Komponist) folgendes: „ Die Sonne der russischen Poesie ist untergangen. Lermontov kam, um Puschkin abzuwechseln, wie der Mond kommt, um die Sonne abzuwechseln.“
Puschkin und Lermontov hatten eins gemeinsam – das große Talent zu schreiben und zu dichten. Beide Schriftsteller und Dichter lernten die bitteren Seiten des Lebens kennen – Betrug, Verrat und Verfolgung. Während diese Erfahrungen, die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben und die tiefe Enttäuschung Lermontovs Gedichte dominieren, erstrahlen die von Puschkin, auch wenn sie ebenfalls die schmerzhafte Welt darstellen, voller Hoffnung, handeln von seiner Lebenslust. Genau das ist der Grund, weshalb Puschkin mit der Sonne und sein Nachfolger mit dem Mond verglichen werden.
Die Lyrik des „mystischen Dichters“ spiegelt seinen Seelenzustand in den Mondstrahlen wieder. Das sinnlose Sein auf der Erde und der tief sitzende Schmerz, nichts in dieser Welt ändern zu können, verleiten den Poeten zur finsteren Dichtung.

GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 - 93) - ILLUSTRATION ZUM GEDICHT "DER TRAUM" VON M. LERMONTOW - Staatliches Museum Moskau
GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 – 93) – ILLUSTRATION ZUM GEDICHT „DER TRAUM“ VON M. LERMONTOW – Staatliches Museum Moskau

Im Kaukasus, wohin Lermontov zum zweiten Mal verbannt wurde, diesmal nach der Widmung an Puschkin „Der Tod des Poeten“, erlebte der Poet eine besonders schwere Lebensphase. Zu dieser Zeit, als er auch seinen baldigen Tod verspürte, ist eines seiner letzten Gedichte „Der Traum“ entstanden.
Dieses Gedicht enthält keine autobiographischen Züge. Es ist vielmehr ein Einblick Lermontovs in sein eigenes Schicksal. Es lässt sich aber behaupten, dass die Grundidee für dieses Gedicht der wichtigste Traum des Poeten war – die Erkenntnis des Seelenfriedens und der wahren Liebe.
Das Gedicht lässt sich in zwei Teile zerlegen. Im ersten Teil sieht man das landschaftliche Bildnis des Südens von Daghestan:

„In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoss;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloss.
Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt ich ewigen Schlaf…“

Der Autor beschreibt eine raue und beschwerliche Landschaft. Diese tritt als eine Art feindliche und tödliche Macht auf. Die Felsen umringen ähnlich den Mauern eines Gefängnisses den sterbenden Dichter.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine große Feierlichkeit, die dem Poeten im Traum erscheint:

„Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir…“

Neben Lermontov und gleichzeitig der Hauptfigur seines Gedichts, der sich am Rande des Lebens und Todes befindet, taucht in der zweiten Hälfte seiner Dichtung ebenfalls sein Wunschbild einer geliebten Frau auf, die seinen Tod verspürte:

„Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum…“

Der Aufbau des Gedichts „Der Traum“ ist kompliziert, da es eine spiegelnde Komposition enthält. Boris Eikhenbaum (Gelehrter und Historiker der russischen Literatur) bezeichnete den Aufbau des Gedichts als „widerspiegelnd“; als wären es zwei Spiegel, die gleichzeitig die verschiedenen Schicksale der beiden Figuren zurückwerfen: zuerst sieht die Hauptfigur im Traum seine geliebte Frau, die später wiederum von ihm träumt:

„Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.“
(Übersetzt von Hans Gerschmann)

Somit zeigt uns der Autor das Gedicht auf zwei verschiedene Weisen – einmal wird der Standpunkt der Hauptfigur, des Dichters selbst präsentiert, dann wird die Sichtweise seiner Liebsten gezeigt.
In „Der Traum“ vollendet Lermontov die Gestalt einer idealen Liebe. Auch, wenn er diese Liebe nur in seinem Todestraum findet, hat er es trotzdem geschafft, sie zu entdecken. Diese gibt ihm die Möglichkeit dazu, dem Tod etwas mutiger und hoffnungsvoller zu begegnen.
Das Gedicht eröffnet den Lesern den Zustand Lermontovs Seelenwelt, die sich hinter keiner Maske versteckt. Er offenlegt seine Sehnsucht nach dem erlösenden Tod.
Erleuchtend wie die Strahlen der Sonne schreibt auch Puschkin in seinem Gedicht „Die längst verschollene Lust vergangener Tage“, wie schwer sein Herz von der Last des Schmerzes wurde. Im Gegensatz zu Lermontov will er sich jedoch von dem Band des Lebens nicht lösen.
Puschkins Gedicht lässt sich auch in zwei Teile splitten. Der erste Teil seines Gedichts erzählt vom Kummer der alten Tage und seiner tief im Herzen sitzenden Sorgen:

„Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt…“

Durch die qualvollen „vergangenen Tage“ weiß der Dichter, dass auch seine Zukunft nicht anders ausschauen wird:

„Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.“

Der zweite Teil seines Gedichts repräsentiert Puschkins lebensbejahende Natur. Darin zeigt er, wie sehr er das Leben zu schätzen weiß. Nach Puschkin gehören das Denken und das damit verbundene Leiden unausweichlich zur menschlichen Existenz:

„Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden…“

Puschkin schaut auch den schweren Zeiten des Lebens positiv entgegen, denn sie sind es, die das Leben interessant und farbenfroh gestalten. Ohne sie wüssten wir nicht, was Glück und Freude bedeuten. Er weiß, dass das Leben voller Dynamik ist und auch „der Sturm“ vergehen wird. Umso wertvoller werden für ihn die schönen Momente des Seins:

„Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen…“

Sogar die letzten zwei Zeilen des Gedichts offenbaren Puschkins Optimismus, der sich hin bis zum Tod erstreckt:

„Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.“
(Übersetzt von Friedrich Martin Bodenstedt)

Puschkin und Lermontov gingen zwei verschiedene Wege der Poesie. Beide Seelenwelten – die der Mond- und Sonnenstrahlen führen jedoch zu einem gemeinsamen Nenner, dem sich im Himmel befindenden Genie.

Maria Aronov: Die Spiele des Bösen & Lermontovs Widmung an Puschkin

Die Spiele des Bösen &
Lermontovs Widmung an Puschkin

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Puschkins Leben blühte in seinen Werken und verwelkte durch die Einflüsse von außen. Nach der Begnadigung durch den Zaren Nikolaus I stand Puschkin trotzdem unter permanenter Überwachung der Geheimpolizei. Er wurde seiner Freiheit beraubt, da für ihn ab diesem Moment sehr viele Einschränkungen galten. Puschkins Freundschaft mit den Teilnehmern des Dekabristenaufstands machten den Hof und die Regierung sehr misstrauisch.

Seine Werke wurden durch den Zaren persönlich zensiert, seine Briefe geöffnet und seine Reisen mussten bewilligt werden. So gibt es viele Mutmaßungen, was Puschkins Tod angeht. Einige Theoretiker sehen in dem Duell Puschkins gesuchte Erlösung von dem qualvollen Leben. Die Anderen gehen davon aus, dass es sich bei dem Duell um eine Hofintrige handelte, bei der d’Anthès als Gehilfe benutzt wurde, um den Dichter als politischen Gegner loszuwerden.

Mikhail Lermontov
Mikhail Lermontov

Bereits wenige Tage nach Puschkins Tod beim Duell am 10. Februar 1837 (nach gregorianischem Kalender), widmete ihm Lermontov ein Gedicht, das er „Der Tod des Dichters“ nannte. Nach der Verbreitung seiner Handschriften wurde er zu einem Militärregiment in den Kaukasus verbannt.

Die bitteren Seiten der Hof- Gesellschaft kennend, erzählt Lermontov in seinem Gedicht, wie falsch und grausam unsere Welt ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Hofgesellschaft, die nicht in den Schatten eines Poeten gestellt werden wollte. Nach und nach wurde die zarte und gerechte Seele Puschkins zerstört. Er wurde zum Opfer von grausamen Intrigen und Verleumdungen.

In Lermontovs Augen gibt es nur ein wahres Gericht, nämlich das des Gottes, denn nur Gott allein ist in der Lage, gerecht zu entscheiden. In unserer Welt ist dagegen alles lügnerisch, nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus den Zeilen des Gedichts wird auch sichtbar, dass Lermontov anti Monarchen war. Diese stellten nämlich eine Gefahr für die Freiheit und dem mit ihr unwiderruflich verbundenen Genie dar. Wie Geier warten sie auf das Aas, um auf den Thron zu fliegen, treiben heimtückische Machenschaften und erkaufen sich ein schönes Leben gar vor dem Gericht.

Puschkins Untergang schien unausweichlich. Auch wenn er aus dem Duell als Sieger hervorgegangen wäre, hätte man sich früher oder später seiner entledigt.

Für Lermontov bleibt jedoch der wahre Sieger des Duells der Poet. Schon in den ersten Zeilen des Gedichts schreibt er mit Stolz darüber, dass die Bösen und ihre Nachkommenschaft später sehen werden, wer der eigentliche Verlierer ist.

Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.
Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.

Hier einige Fragmente aus Lermontovs Widmung an Puschkin.

Der Tod des Dichters
von Michail Jurjewitsch Lermontov

Aus Rache, Fürst, aus Rache …

Sei gerecht und bestrafe den Mörder, damit seine Hinrichtung in den späten Jahrhunderten dein gerechtes Gericht und die Nachricht des Sieges den Nachkommen überbringt.

So können die Bösen in ihr ein Beispiel sehen.

Der Poet, der Sklave der Ehre, ist ums Leben gekommen. Er ist gefallen durch verleumderische Gerüchte. Mit Blei im Herzen, dem Durst nach Rache und dem sinkenden Haupt ist er zugrunde gegangen. Die Seele des Poeten hat die Schande der kleinlichen Vergehen nicht ertragen. Er trat alleine den Meinungen der Gesellschaft entgegen und ist auch alleine getötet worden.

Wozu jetzt das Heulen und des Lobs unnötiger Chor? Wozu noch das Geklapper der Rechtfertigung? Das Urteil des Schicksals hat sich erfüllt.

Ihr habt ihn und seine freie, tapfere Gabe gehetzt und habt zur Belustigung jedes erzählte Detail über ihn zu einer Flamme aufgeblasen.

Nun, erfreut euch! Er konnte die letzten Qualen nicht ertragen und das wunderbare Genie ist wie eine Lichtquelle erlischt. Verwelkt ist der feierliche Kranz. Sein Mörder hat den Todesschlag kaltblütig ausgeführt. Es gibt keine Rettung!

Lachend hat er der Erde fremde Sitten und Sprache verachtet. Er konnte unseren Ruhm nicht schonen. Er konnte in dem blutigen Augenblick nicht verstehen, wogegen er überhaupt die Hand erhob.

Wozu hat er seine Hand wertlosen Verleumdern gereicht? Warum hat er falschen Worten und Liebkosungen geglaubt? Er, der bereits in den jungen Jahren eine hervorragende Menschenkenntnis hatte.

Vergiftet sind seine letzten Augenblicke durch heimtückisches Flüstern der Unwissenden. Gestorben ist er mit vergeblichem Durst nach Rache und der Enttäuschung der heimlich betrogenen Hoffnungen.

Der Schall der wunderbaren Lieder wurde zum Schweigen gebracht. Nie wieder werden sie erklingen. Die Bequemlichkeit des Sängers ist düster und eng. Auf seinen Lippen ist ein Siegel. Und ihr, arrogante Nachkommen der durch Gemeinheiten bekannt gewordenen Väter, steht Schlange wartend auf den Thron, ihr seid nichts als Henker der Freiheit, des Rums und des Genies! Ihr beruft euch immer auf die Gesetze, doch vor euch schweigen das Gericht und die Wahrheit.

Aber eines habt ihr vergessen:

Es gibt noch das Gericht Gottes, das Ehrfurcht erregende Gericht. Gott kennt die Gedanken und die Taten schon im Voraus.

Ihr werdet es alle nicht schaffen, mit eurem schwarzen Blut das gerechte Blut des Poeten wegzuwischen.

Übersetzt von Maria Aronov

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Weitere Beiträge zu Mikhail Lermontov im Magazin.

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Gerüchte. Die Treue Nataljas ihrem Mann gegenüber wurde infrage gestellt. In St. Petersburg folgten Schmähschriften, in denen Puschkin als „Hornträger“ bezeichnet wurde.

Der Dichter sah keinen Ausweg aus der Misere und beschwerte sich letztlich über das Verhalten des Franzosen bei dessen Adoptivvater, woraufhin ihn Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès zum Duell aufforderte.

Diese Intrige führte Puschkin langsam, aber sicher in den Tod. Bei dem Duell wurde er nämlich mit einem Schuss in den Bauch stark verletzt. Zwei Tage später, am 10. Februar, verendete der Poet der Sonne mit nur 37 Jahren in seiner Wohnung.

Adrian Volkov - Das Duell Alexander Pushkin und Georges d'Anthès - 1869
Adrian Volkov – Das Duell Alexander Pushkin und Georges d’Anthès – 1869

Tausende Menschen trauerten dem Genie nach. Puschkins Leichnam wurde in eine Provinz überführt und im Swjatogorsky Kloster bei Pskow beerdigt.

„Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.
Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, „die Sonne der russischen Poesie“ Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu „vergessen“, seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 – 1830 zu spüren, als sein Poem „Poltawa“ und das 7. Kapitel von „Eugen Onegin“ erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich „erschöpft“. „Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren“, behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie „inhaltsleer“ und „gegenwartsfremd“ Puschkins Dichtung sei.

Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: „Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt.“

Gogol und Zhukovsky in Pushkin's Haus in Tsarskoe selo - P. Geller - 1910
Gogol und Zhukovsky in Pushkin’s Haus in Tsarskoe selo – P. Geller – 1910

Nikolai Gogol schrieb: „Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter…. In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt.“ Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin „nicht gegenwartsbezogen“, „nicht aktuell“ sei – und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina, Kommentatorin der RIA“Nowosti“ ).

Maria Aronov • Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire „Das Hundeherz“

Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire
„Das Hundeherz“

MichailBulgakowMichail Bulgakow, ein begnadeter Kritiker des sowjetischen Regimes, erschuf mit seiner Erzählung“ Das Hundeherz“ eine Karikatur des Sowjetmenschen. Interessant ist, dass sich seine im Jahr 1925 verfasste Erzählung im Laufe der Zeit nicht nur auf den Prototypen des ehemaligen Sowjetregimes übertragen lässt, sondern mittlerweile auf die gesamte menschliche Einstellung den Personen gegenüber, die anders erscheinen. Nie war es so wichtig wie heutzutage die Individualität des Menschen zu unterdrücken. Dem Menschen wird etwas aufgezwungen, was weder seine Persönlichkeit zur Geltung bringt noch was er braucht. Entspricht man nicht der vorgegebenen Norm, wird man oft zum Außenseiter, was bereits in der Grundschule beginnt. Der Mensch soll seine inneren Werte für ein Allgemeinbild aufgeben. Der Zweck der Manipulation ist, seinen Verstand auszuschalten und ihn damit auf eine Stufe mit dem Rest zu stellen. Dann gibt es nämlich keine Regime – Gegner.

Diese Problematik nimmt Bulgakow in seiner Erzählung „Das Hundeherz“ unter die Lupe und erzählt in zugespitzter Form über die verrückten Seiten unserer Welt:
Ein wohlhabender Professor, namens Filipp Filippowitsch Preobrashenski ist Fachmann in Operationen der Verjüngung. Er betreibt in seiner Wohnung einige Experimente und entschließt sich bei einem seiner Versuche, dem streuenden Hund Bello die Hirnanhangdrüse sowie Hoden eines toten Kleinkriminellen und Alkoholikers zu implantieren. Die Operation führt er zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental durch.

Das Experiment verläuft erfolgreich, womit man eigentlich nicht rechnete. Nach und nach wird Bello immer mehr einem Menschen ähnlicher. Er wächst, geht auf den Hinterbeinen und auch von seinem Fell ist nichts mehr zu sehen. Letztendlich beginnt Bello zu sprechen.

Doch ganz einwandfrei ist der neue Mensch nicht. Wie es oft der Fall ist, wird so Manches genetisch übertragen. Dies war auch bei Bello der Fall, der leider nicht die besten Eigenschaften seines Spenders ererbte. Er wird nämlich aggressiv, drückt sich vulgär aus, fängt an Alkohol zu trinken und benimmt sich äußerst schlecht.

Eine aktuelle Ausgabe der "Büchergilde Gutenberg"
Eine aktuelle Ausgabe der „Büchergilde Gutenberg“

Polygraf Polygrafowitsch Bellow (auch ein neuer Name durfte bei Bello nicht fehlen) bekommt eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft und soll die Stadt von streuenden Tieren säubern. Dabei kommuniziert er immer mehr mit Kommunisten. Diese versuchen ihn ständig gegen den Professor auszuspielen, da dieser proletarierfeindlich ist. Bellow veranstaltet in der Wohnung seines Schöpfers ein großes Chaos, sodass das Leben für den Professor in seiner eigenen Wohnung unerträglich wird. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als Bellow zurück in seine ursprüngliche Gestalt, nämlich einen Hund zu verwandeln.

Nach der gelungenen Rückverwandlung vergisst Bello alles, was vorher passiert ist und führt ab sofort ein schönes Leben beim Professor.

Ein Hund führt also ein besseres Leben als ein Mensch? Ja, weil er sein Leben und kein fremdes führt. Er genießt das Leben, das ihm und seiner Natur zuteil wurde, worin sich niemand einmischt und ihm Ketten anlegt. Um die Misere der Manipulation zu verdeutlichen, beschäftigt sich Bulgakow in der Satire mit der Homunklus – Thematik, bei der es um die künstliche Erschaffung eines Menschen geht. Bulgakow kritisiert den neu erschaffenen proletarischen Menschen.

Einerseits spielt das „Das Hundeherz“ auf die Vernichtung und die „Verbesserung“ der menschlichen Natur seitens des sowjetischen Regimes an, andererseits wird in der Satire Kritik an der Wissenschaft geübt, die ständig versucht in die Natur einzugreifen.

Bellow mit der Intelligenz eines Hundes wird während seiner Arbeit für wichtige Aufgaben verantwortlich gemacht. Er steht als Proletarier seinem Erschaffer gegenüber, der als Bourgeoisie das Gegenteil seiner Existenz darstellt.

Für die Figur des Professors hatte Bulgakow ein Vorbild, Serge Voronoff. Dieser war ein russisch-französischer Chirurg, der Menschen Hoden und Schilddrüsen von Tieren implantierte.

Schließlich lässt sich sagen, dass alle Arten der Eingriffe in die Natur, deren Teil auch der Mensch ist, den Kern ihrer Existenz zerstören werden, denn nur in diesem befindet sich ihre Vollkommenheit.

Die Natur ist reich durch ihre Vielfalt und gleichzeitig ihre Individualität.

Der Mensch, der manipuliert wird, sich von der Menge sagen lässt, in welche Richtung er gehen soll, wird seine Intelligenz verlieren und als eine ziellose Existenz durchs Leben wandern. Er wird seine menschlichen Zügen verlieren, wird zu einem Monster, das die Natur erschaffen und der Mensch bearbeitet hat.

Eine Analogie zum „Hundeherz“ stellt Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ dar. Die Kreatur stirbt letztendlich wegen ihrer schrecklichen Taten und Abscheu vor sich selbst.

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

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Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Sultan Süleyman I und seine Hürrem • Ein Liebesbrief an den Sultan und seine Widmung an Roxelane

Süleyman I und seine Hürrem 
Ein Liebesbrief an den Sultan und seine Widmung an Roxelane

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Während seiner Feldzüge ließ Süleyman I keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht nach ihrem geliebten Sultan aus und stärkten ihn im Krieg. Gegenseitig bezeichneten sie sich als das Licht ihrer Augen und als Herrscher und Herrscherin ihrer Herzen.

Hürrem versuchte sich später ebenfalls in der Dichtkunst, was ihr gut gelang, denn schließlich hatte sie im Sultan einen talentierten Lehrmeister, der zahlreiche Gedichte schrieb. Dafür verwendete er allerdings einen Pseudonym, Muhibbi.

Die Liebe der beiden diente ihnen als Muse der Poesie.

Um die Gefühle von Süleyman I und seiner Hürrem zu verdeutlichen, ist hier ein Brief von Hürrem an den Sultan, als er im Feldzug gegen Ungarn war.

Du Seele meiner Seele, mein Gebieter! Ein Gruß an den, der den sanften Wind am Morgen zaubert. Ein Gebet an denjenigen, der den Lippen der Verliebten ihre Lieblichkeit verleiht. Ein Lob an denjenigen, der die Sprache der Verliebten mit einer Hitze erfüllt.

Sei derjenige geehrt, der mich verbrennt, genauso wie es die Worte der Leidenschaft tun. Endlose Treue demjenigen, der von der makellosen Helligkeit wie die Heiligen beleuchtet ist. Auch Treue demjenigen, der sich als Hyazinthe in der Gestalt einer Tulpe befindet und mit dem Duft der Treue parfümiert ist. Ruhm demjenigen, der vor seinem Heer die Fahne des Sieges hält und demjenigen, dessen Rufe nach Gott im Himmel erhört werden.

Mein erleuchtetes Gewissen schmückt mein Bewusstsein und ist der Schatz meines Glücks und meiner traurigen Augen.

Geehrt sei derjenige, der meine innersten Geheimnisse kennt und Ruhe meinem schmerzenden Herzen und der verletzten Brust gibt.

Geehrt sei derjenige, der als Sultan auf dem Thron meines Herzens sitzt und im Licht des Glücks meiner Augen.

Es verbeugt sich vor dem Sultan seine ewige Sklavin mit Tausenden von Verbrennungen in der Seele.

Wenn Ihr mein Gebieter seid, mein höchster Baum des Paradieses, so seid so gnädig und denkt zumindest einen Augenblick an mich oder fragt, wie es Eurer Waisen geht.

Obwohl der untreue Himmel meine Tränen sah, vergewaltigte er meine Seele und erstach mich mit zahlreichen Schwertern der Trennung. An diesem Tag des höchsten Gerichts, als mir der Duft der nach Paradies duftenden Blumen genommen wurde, verwandelte sich meine Welt in eine Art Nichtsein, meine Gesundheit in ein Leiden und mein Leben in eine ewige Verdammnis.

Wegen meiner unaufhörlichen Seufzer, des Schluchzens und der quälenden Schreie, die weder am Tag noch in der Nacht aufhören, wurden die Seelen der Menschen mit Flammen gefüllt.

Vielleicht kann der Schöpfer meiner Sehnsucht gegenüber Gnade zeigen und gibt mir Euch zurück, den Schatz meines Lebens, um mich vor der bevorstehenden Entfremdung und dem Vergessen zu retten.

Möge es sich erfüllen, mein Herr! Der Tag wurde mir zur Nacht. Mein Gebieter, das Licht meiner Augen, es gibt keine Nacht, die nicht wegen meiner heißen Seufzer verbrannte. Es gibt keinen Abend, an dem mein lautes Schluchzen und meine Sehnsucht nach Ihrem sonnenähnlichen Antlitz den Himmel nicht erreichten. Der Tag wurde mir zur Nacht, oh du sehnsüchtiger Mond!

Übersetzt von Maria Aronov

Sultan Süleiman mit seiner Hürrem - Collage
Sultan Süleyman mit seiner Hürrem – Collage

Letztlich ein Gedicht von Muhibbi, Süleyman I, an seine Hürrem:

Vor dir bin ich wie ein Nachtfalter

Und du wie eine Kerze, die mich lockt.

Du bist wie ein Angriff auf mich, ich bin vor Liebe verrückt geworden.

Du bist mein unvergleichlicher Kummer, meine schlimmste Qual,

meine helle Sonne und großzügigen Hände.

Ich bin nicht mehr ich selbst, ich diene dir blind.

Eine einzige Locke von dir lässt bereits mein Herz singen.

Meine Liebe, Muhibbi ist krank und mein heilendes Extrakt – das bist du!

Übersetzt von Maria Aronov

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

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Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Die Poesie des Osmanischen Reichs  • Ibrahim Pascha • Der Kuss des Wassers an die Erde

Die Poesie des Osmanischen Reichs
– Der Kuss des Wassers an die Erde –

Foto: Emre Sevener
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Die Poesie der Osmanen war wohl eines der größten Reichtümer des Imperiums. Sie enthielt neben klaren Vorstellungen der Gefühlsausbrüche viele Weisheiten. Faszinierend sind die Metaphern, die das Leben und gar den Tod in ihrer ganzen Tiefe beschreiben und die Verhältnisse in der Natur mit der Existenz des Unsichtbaren, unserer Gefühle, vergleichen. Als Beispiel dessen möchte ich folgend eines der Gedichte des talentierten Pargali Ibrahim Paschas an seine geliebte Hatice Sultan vorstellen, dessen Leben und Herkunft dem unten aufgeführten Porträt zu entnehmen sind.

***

Hallo, geheimer Schatz, aufbewahrt in der Tiefe meiner Seele.

Eine Perle, sich auf dem Grund meines gebrochenen Herzens befindend, wie es sie kein zweites Mal gibt. Ein geheimer Flügel ohne den Flügel eines Vogels.

Hallo, meine Hoffnung und Stütze. Die Freude meiner Augen und meines Herzens. Der Sinn meines Lebens.

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, meine Liebe. Die Liebe erzählend, wünsche ich mir, mich aufzulösen, mit dir in ein Ganzes zusammenzufließen. Mein Herz ist gebrochen. Meine Flügel sind gebrochen, doch ich fliege mit der grenzenlosen Weite des Meeres.

Ich sehe nichts und höre nichts. Nur eines weiß ich – mein Weg geht der Liebe entgegen. Ist es nicht die Liebe, die den Regen herbeiruft? Sie verwandelt das Wasser in eine Wolke und die Wolke ins Wasser, gibt der Erde etwas zu trinken und hilft dem Leben aus dem Samen zu sprießen. Ist das irrsinnige Leuchten nicht vereinigt? Ist das Leuchten der Erde und des Wassers nicht das Leuchten zweier Liebender?

Hallo, Geliebte, hallo, meine Dame, wie sehr ich Sie doch liebe und mich nach Ihnen sehne! Genauso liebt die Erde das Wasser und sehnt sich nach ihm. Sie erträgt nicht die Qualen der furchtbaren Hitze und durstet nach der leidenschaftlichen Vereinigung. Und wenn das Wasser verdunstet und zum Himmel emporsteigt, weiß es, dass die Zeit der Wiederkehr kommen wird. Es wartet ungeduldig. Es wird der Wind wehen und der Blitz funkeln. Es werden die Wolken weinen und das Wasser wird sich wieder mit seiner einzigen Geliebten vereinen und das Universum wird die Vereinigung der Liebenden begleiten.

(übersetzt von Maria Aronov)

***

Das Porträt des Paschas

Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha (Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)
Bildnis des Großwesirs Ibrahim Pascha
(Sebald Beham, gedruckt von Hans Guldenmund, Wien um 1530)

Ibrahim Pascha, geboren um 1493 im Dorf Epirus bei Parga, war der Sohn eines griechischen Fischers. Als Kind wurde Ibrahim versklavt und kam später an den Osmanischen Hof, an dem zu dem Zeitpunkt Selim I regierte und Süleyman erst der Thronfolger, Sehzade war. Der junge Sehzade und Ibrahim, der ihm nicht mehr von der Seite wich, verstanden sich gut. Sie wurden nicht nur zu Freunden, sondern zu Herzensbrüdern. Ibrahim war dazu bereit, seinem Herrn und Freund sein Leben zu Füßen zu legen. Dies stellte er unter Beweis, als er bei einem Attentat auf seinen Freund sein Leben riskierte, um das des Thronfolgers zu retten.

Nach dem Tod seines Vaters, bestieg Sehzade Süleyman den Thron und wurde zum Sultan. Seinen besten Freund und Vertrauten, Ibrahim, ernannte er zum Vorsteher seiner Kammer. In der Zeit seines Dienstes am Hof, verliebte sich Ibrahim in Hatice, die Schwester von Sultan. Sie erwiderte seine Liebe, sodass die beiden, trotz ihrer Angst aufgrund der Standesunterschiede heiraten konnten. In dem Palast, wo die Beiden mit ihren zwei Kindern wohnten, befindet sich heute das Museum für türkische und islamische Kunst.

Seiner Geliebten spielte Ibrahim oft etwas auf der Geige vor, die ihn an die Zeit zu Hause in Griechenland erinnerte, wo er und sein Zwillingsbruder ihrer Mutter, einer begnadeten Geigenspielerin, lauschten. Ibrahim war nicht nur musikalisch talentiert, er schrieb auch wunderschöne Gedichte und förderte einen weiteren Dichter, Hayali am Hof. Die finanzielle Möglichkeit dazu, gab ihm seine Beförderung zum Großwesir des Osmanischen Reiches. Aufgrund seiner Intelligenz, die dem Sultan viele Siege einbrachte und auch der Freundschaft zu ihm, genoss er eine besondere Stellung am Hof und erhielt außergewöhnliche Vollmachten. Leider stiegen ihm diese im Laufe der Zeit zu Kopf. Der bescheidene griechische Junge war in ihm gestorben. Er protzte vor Hochmut, worauf ihn der Sultan einige Male hinwies und ihm gar viele übermütige Äußerungen verziehen hat. Eines Tages jedoch bekam Süleyman einen Brief von Ibrahim Pascha zu Gesicht, der ihm die Augen vor der bitteren Wahrheit öffnete und zeigte, dass sein Busenfreund nicht mehr der war, den er kennengelernt hatte. In diesem Brief erklärte er nämlich, weit über dem Sultan zu stehen und ihn dressieren zu können.

Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518
Draft of the 1536 Treaty negotiated between Jean de La Forest and Ibrahim Pacha expanding to the whole Ottoman Empire the privileges received in Egypt from the Mamluks before 1518 – CC BY-SA 3.0 – Uploadalt – Eigenes Werk, photographed at Musee Ecouen

Süleyman sah in Ibrahim auf einmal eine ganz andere Person. Es war nicht mehr sein Bruder und Freund, der sich an seiner Seite befand. Nach langen Zweifeln und Überlegungen, was er nun tut sollte, wandte er sich an einen Kadi, einen angesehenen und weisen Richter. Er fragte ihn, wie er denjenigen hinrichten könnte, den er immer sehr geliebt hat und trotz seines Vergehens immer noch liebt. Der Kadi riet dem Sultan dazu, den Schlaf über den Tod seines Herzensbruders entscheiden zu lassen. Er bezog sich dabei auf den Koran, denn dort sei beschrieben, dass alles, was während des Schlafes geschieht, nichts mehr mit dem realen Leben zu tun habe. Der Schlaf sei der Tod und alles, was passiert, während wir uns im Zustand des Schlafes befinden, sei nicht auf unsere Verantwortung zurückzuführen. Süleyman lud daraufhin den Pascha zu sich ein, hörte ein letztes Mal seiner rührenden Geigenmelodie zu und bat ihn später, im Palast zu übernachten. In der Nacht kämpfte Süleyman gegen den Schlaf, doch dieser bezwang ihn. Ibrahim wurde währenddessen erdrosselt. Dies geschah am 15 März 1536 in Istanbul.

Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes
Miniaturmalerei des Nakkaş Osman aus dem Surname-i Hümayun, 16. Jh.: Parade auf dem Hippodrom mit berittenen Gazi (Veteranen aus Rumelien) vor Sultan Murad III., sitzend auf dem Balkon des Ibrahim-Pascha-Palastes

Maria Aronov • Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

Platon • Die kulturelle Macht des starken Ringkämpfers

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“left“ link=“http://derblaueritter.de/author/mariaaronov/“ target=“_blank“]Maria Aronov – Autorin, Lyriker, Dozentin[/avatar]

Platon (altgriechisch Πλάτων Plátōn, latinisiert Plato; * 427 v. Chr. in Athen oder Aigina; † 347 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Platon (altgriechisch = breit) war der Spitzname von Aristokles. Diesen bekam er wohl wegen seiner breiten Schultern.

Platon gehörte dem ältesten Adel von Athen an. Sein Vater Ariston soll ein Nachkomme der früheren Könige von Athen gewesen sein. Die Mutter von Platon, Periktione, war mit einem bekannten Athener Staatsmann des 6. Jahrhundert vor Christus verwandt. Nach dem Tod von Ariston heiratete sie zum zweiten Mal. Zu ihrem Mann wurde Pyrilampes. Er war ein Freund von Perikles, ein berühmter Staatsmann von Athen. Als junger Mann ähnelte Platons Verhalten den anderen Jungen seiner Zeit. Er bevorzugte eher die leichtfertige Lebensform mit Spaß und Spiel. Später dichtete er, aber den philosophischen Geist in ihm erweckte sein Lehrmeister Sokrates. Es interessierten ihn aber auch Ringkämpfe. Den Überlieferungen nach soll er zweimal die Isthmischen Spiele gewonnen haben. Diese stellten Wettkämpfe im antiken Griechenland dar, ähnlich den späteren olympischen Spielen. Den Namen erhielten sie nach dem Isthmos (einer Landenge) von Korinth.

Platon

Als Platon 20 wurde, wollte er sich der Politik widmen, bis er feststellte, dass die damalige Politik Athens überhaupt nicht dem entsprach, was er sich vorstellte. Er entschied sich also dazu, sich dem Kreis der Sokratiker anzuschließen. Platon studierte im griechischen Megara, wo er Logik bei Euklid studierte, dann begab er sich nach Ägypten und Nordafrika.

Auf seiner Reise nach Italien und Sizilien, wo er im Jahre 389vor Christus war, studierte er die Lehre von Pythagoros, dessen Grundgedanke war, dass das ganze Dasein einer genauen mathematischen Ordnung unterläge.

Maria Aronov - Platons Akademie4Als Platon 40 wurde, wurde er von Dionysios gerufen. Platon Aufenthalt bei ihm endete jedoch damit, dass er als Sklave verkauft wurde. Der Grund dafür war, dass Platon den Tyrannen Dionysios umerziehen wollte. Zum Glück konnte Platon von einem Freund freigekauft werden und nach Athen zurückkehren. Durch Unterstützung einiger Gönner, konnte Platon außerhalb der Stadt eine Schule eröffnen, die zur ersten Universität Europas wurde. Er nannte sie Akademia. Der Name beruhte auf dem örtlichen Halbgott Akademus.

Die Schule war sowohl für Frauen als auch Männer offen. Unter ihnen befand sich auch Aristoteles. Die Fächer waren politische Theorie, Gymnastik, Philosophie, Biologie, Mathematik und Astronomie. Der Unterricht war kostenlos.

Die Lehre Platons reichte von der abendländischen Philosophie über das Christentum und die islamische Weltvorstellung des Mittelalters, über die Renaissance bis hin zum 21. Jahrhundert. Die Akademia wurde jedoch im Jahr 529 nach Christus durch den byzantnischen Kaiser Justinian I geschlossen. Laut dem Werk des alexandrinischen Philosophen Philo Judaeus hatte Platon eine große Wirkung auf die jüdische Gedankenwelt des ersten Jahrhunderts. Im dritten Jahrhundert wurde durch Plotin der Neuplatonismus gegründet.

Bei Florenz wurde im 15. Jahrhundert Academica Platonica gegründet. Dort wurden den Akademie-Besuchern die Werke Platons im griechischen Original vermittelt.

Trotz seines Erfolgs, Talents und der Anerkennung musste Platon seinen Traum, mithilfe der Philosophie das Leben eines idealen Staates zu realisieren, aufgeben. Einen großen Einfluss darauf hatte seine Flucht aus dem Gefängnis, als er zum zweiten Mal versucht hat, den Herrscher Dionyses umzuerziehen.

Archäologische Fotos von Platons Akademie – Aufnahmen von Maria Aronov

In der Zeit des peloponnesischen Krieges (zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter seiner Führungsmacht Sparta dauerte, unterbrochen von einigen Waffenstillständen, von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. und endete mit dem Sieg der Spartaner) träumte Platon davon, den Idealismus zu finden. Dieser sollte bruchfest sein und für alle Lebenslagen gelten. Platons Idealismus sollte auf dem Geist beruhen. Nur unsere Vorstellung davon, was wir sehen, macht seiner Ansicht nach die Erkenntnis möglich. Die einzig wahre Welt war für Platon die Welt der Ideen. In seiner Ideenlehre geht es um die Wichtigkeit der Wahrnehmung und des Wissens. Die Ideen selbst lassen sich nur durch ihre Wirkung erkennen. Um die Ideenwelt zu beschreiben, nimmt Platon die Sonne und vergleicht sie mit der Idee des Guten. So, wie die Sonne die Welt beleuchtet, bringt die Idee des Guten in das Unsichtbare die Wahrheit. Das Gute steht nach Platon über allem, wozu auch unser Sein gehört. In seinem Höllengleichnis kritisiert er die Bequemlichkeit des Menschen in einer Scheinwelt. Das bedeutet, dass die Wahrheit lieber verschwiegen wird. Dies war auch gegen die Vorstellung von Sokrates, der bis zu seiner Hinrichtung die Wahrheit so weit wie möglich verbreiten wollte.

In den zahlreich ideal verfassten Schriften Platons wird seine Suche nach der ewigen Wahrheit erläutert und berührt bis heute die Herzen und Seelen seiner Leser.

Weitere Texte zu Platon und seine Zeit finden Sie hier.

Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Maria Aronov • Freund oder Feind? • Über die Freundschaft

Freund oder Feind? 

Wir unterliegen einem ständigen Wandel. Vieles verändert sich, doch manche Dinge werden im Kern ihres Wesens niemals eine Neuerung durchleben. Dazu gehört einer der ältesten Begriffe der Welt, nämlich der der Freundschaft. Diese besteht aus zwei Seiten, der  wahren und falschen Freundschaft. Die letztere  birgt in sich den Egoismus.  Dieser ist ihr Nährboden, aus ihm wächst sie. Der Mensch dreht sich zu oft um seine eigene Achse. Er sucht nach Gewinn und Vorteilen, verliert sich dabei in Nichtigkeiten. Er  verwechselt oft den Begriff der Zeit mit dem des Geldes. Er will in nichts investieren, was ihm selbst keinen Nutzen bringen würde.

In „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupery spricht der Fuchs davon, dass die Menschen für die Freundschaft zu wenig Zeit hätten. Sie wollen zwar Freunde haben, aber bemühen sich nicht um die Entwicklung der Freundschaft:

»Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich! «

Die wahre Freundschaft hat den Begriff der Zeit als Basis. Hierbei handelt es sich nicht um eine Art Investition. Vielmehr geht es darum, dass die Zeit uns die Möglichkeit gibt, jemanden kennenzulernen, zu sehen, ob der Mensch überhaupt zu einem als „Freund“ passt.

Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor. By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 - Foto: Igor Palmin - http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ - CC BY-SA 2.0
Russian Soviet poet, composer and performer, artist, actor.
By the 15 th anniversary of the Theater Taganka, 23-4-1979 – Foto: Igor Palmin – http://www.flickr.com/photos/igorpalmin/3272298032/ – CC BY-SA 2.0

George Washington verglich die wahre Freundschaft mit einer „sehr langsam wachsenden Pflanze“. Außerdem kann die wahre Freundschaft nur dann zustande kommen, wenn beide Seiten dazu bereit sind, in einem schweren Moment die eigenen Bedürfnisse zurückzuschrauben und für den anderen da zu sein. Die Zeit, die Bereitschaft dazu, die Bedürfnisse eines anderen Menschen vor seine eigenen zu stellen sowie das Teilen von Kummer und Freude sind die Grundvoraussetzungen der Freundschaft, wie man sie seit Anfängen der Menschheit kennt. Auf diese Aspekte geht Wladimir Wyssozki in seinem Lied „Vom Freunde“ ein:

Wenn du nicht genau weißt, ob neben dir ein Freund oder doch ein Feind ist,
zieh mit ihm in die Berge! Riskiere es!

In der Seilschaft wirst du erkennen, wie er wirklich ist.

Ist dein Kumpan am Berg nicht zäh, will er sofort aufgeben und wieder nach unten? Stolpert er unterwegs und schreit dabei? Dann läuft neben dir ein Fremder!

Ärgere dich nicht über ihn! Schick ihn fort!

Solche Menschen nimmt man nicht hier hinauf
und man singt erst gar nicht von ihnen!

War dein Kumpan mürrisch, lief aber mit dir weiter und hielt dich fest, auch wenn jammernd, als du vom Felsen fielst?

Zog er mit dir wie in die Schlacht und stand dann mit dir trunken auf dem Gipfel?

Dann kannst du dich auf ihn wie auf dich selbst verlassen.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Das Lied von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki [Hier gelangen Sie zum Porträt des Künstler – verfasst von Maria Aronov] verdeutlicht, dass der wahren Freundschaft jegliche Vorwürfe unbekannt sind. Entweder ist man füreinander da oder nicht. Fängt man an zu zweifeln und überlegt, ob der Freund zu einem steht oder doch etwas vorspielt, ist die Freundschaft nichts mehr wert.

Maria Aronov • Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug!

Eine konsumorientierte Welt – so ein Humbug! 

Es ist kein Geheimnis, dass wir in einer konsumorientierten Gesellschaft leben. Der Mensch entfremdet sich immer mehr sich selbst. Man wird von ständig erneuerten Waren überhäuft, der Verstand des Menschen wird ausgeschaltet. Er muss nämlich mit der neuesten Technik, Kleidung, Spielzeugen Schritt halten können. Andernfalls wird er zum Außenseiter. Man verliert dadurch die Fähigkeit, die Dinge zu erhalten. Die Sachen dienen einem so lange, wie sie brauchbar sind. Das Verhalten wird auch auf die Mitmenschen übertragen. Es zerfallen immer mehr Beziehungen und Freundschaften, weil der Mensch der Meinung ist, alles leicht ersetzen zu können. Man ist zu bequem geworden, will sich um den Anderen nicht kümmern. Vielmehr will man konsumieren. Der Mensch und die Sachen dienen einem solange sie intakt sind. Es entwickelt sich der Egoismus – die Fixierung auf sich selbst und seine Vorteile. Man will in nichts und niemanden investieren. Zum Beispiel in Personen, die krank sind oder Hilfe brauchen. Solche Menschen werden abgestoßen. Dieses Phänomen ist sicherlich nicht neu in der Welt, aber es prägt sich leider immer weiter aus.  Viele Werte wie Liebe, gegenseitiges Geben und Nehmen, Fürsorge gehen verloren. Aus dem Wunsch nach Konsum entsteht Geiz, alles haben und nichts geben zu wollen. Der Mensch wird geblendet. Wie in meinem Text „Das große Herz des kleinen Prinzen“ möchte ich auch hier betonen, dass der Mensch mehr hinter die Dinge schauen sollte. Die Größe des Menschen darf nicht an seinem Äußeren und Geldbeutel gemessen werden. Man würde sonst eines Tages merken, dass man nichts hat, was wirklich etwas wert wäre.

Am Beispiel von Charles Dickens` „A Cristmas Carol“ möchte ich auf die oben genannte Problematik tiefer eingehen und darüber diskutieren, ob der Konsum und der damit verbundene Geiz die menschliche Existenz wirklich lebenswert machen.

Ebenezer Scrooge visited by the ghost of Jacob Marley.
Ebenezer Scrooge bekommt Besuch vom Geist Jacob Marleys.

Die sozialkritische Geschichte Dickens` beginnt damit, dass der Tod von Jacob Marley, der vor sieben Jahren an Weihnachten verstarb, verkündet wird. Jacob war der ehemalige Geschäftskollege und der einzige Freund des habgierigen Protagonisten Ebenezer Scrooge.

Für Scrooge hat sich seit dieser Zeit nichts geändert. Er lehnt Weihnachten immer noch völlig ab, vertreibt seinen Neffen an dem Fest der Liebe, gibt den Armen keine Spenden, weil er der Meinung sei, ihnen mit seinen Steuern bereits genug geholfen zu haben.

Die Geschichte muss nun eine Wendung nehmen, damit der Leser erkennen kann, worauf es im Leben wirklich ankommt. So belehrt uns Dickens mit seiner Weihnachtsgeschichte auf folgende Weise:

unerwartet taucht bei Scrooge zu Hause am Weihnachtsabend der Geist des verstorbenen Jacob Marleys auf. Scrooge ist schockiert, denn der Geist ist mit einer Kette behangen, an der sich Geldkassetten und Brieftaschen befinden. Diese stellen die Laster seines ehemaligen Geschäftslebens dar. Der Geist sagt dazu, dass er sich die Kette im Laufe des Lebens selbst geschmiedet habe und dass die Kette von Scrooge noch viel länger würde. Die Kette sei die Strafe dafür, dass Jacob sich zu seinen Lebzeiten nicht unter die Menschen begab, sondern nur für Geld lebte, um seinen Geiz zu stillen. Da er im Leben das Wesentliche nicht erkannte, muss er nun jetzt unter die Menschen als Geist gehen.

Charles Dickens
Charles Dickens

Mitten in der Nacht erscheint Scrooge ein weiterer Geist. Es ist „Der Geist der vergangenen Weihnacht“. Dieser entführt ihn in die Vergangenheit und zeigt ihm, dass er Weihnachten schon als Kind ablehnte, keine Freunde hatte und immer allein war. Anschließend führt der Geist seinen Lehrling in seine Jugendzeit, wo Scrooge eine Weihnachtsfeier in einem Betrieb sieht und merkt, dass man auch mit sehr wenig Geld glücklich sein kann. Auf dem letzten Halt durch die Vergangenheit sieht Scrooge, wie er seine große Liebe gegen die Liebe fürs Geld eintauschte.

Nun besuchen Scrooge zwei weitere Geister. Einer zeigt ihm die Gegenwart, in der Scrooge von seiner Familie als immer Grunzender und Grummelnder  dargestellt wird, der andere zeigt ihm die „zukünftige Weihnacht“, in der Scrooge nicht mehr lebt und von niemandem vermisst und beweint wird. Dies öffnet ihm die Augen und er ist dazu bereit sein Leben von nun an zu ändern, sich seiner Familie zu nähern, zu spenden und sogar zu lachen.

Was bedeutet der Besuch der Geister? Warum suchen sie ausgerechnet Scrooge auf? Die Geister wollten dem grimmigen alten Mann mithilfe der Zeitreise zu verstehen geben, wie sich sein Leben aufgrund seiner Haltung entwickelt hat. Er hat in seinem Leben nichts erreicht und auch sein Reichtum macht ihn nicht glücklich. Im Gegenteil, er hat alles verloren, was wirklich wichtig war – seine Familie und sogar die große Liebe.

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Die Geschichte zeigt uns, wie wertvoll Dinge sind, die man nicht kaufen kann. Das Geld gibt die Möglichkeit, zu existieren, aber nicht zu leben. Das, was das wirkliche Leben ausmacht, muss geistig erarbeitet werden. Das Leben ist die Freiheit des Geistes, seine Entfaltung und die Erkenntnis des Unsichtbaren. Der Konsumwahn verhindert dies. Er legt uns Ketten an, macht uns zu seinem Sklaven. Warum? Weil wir unsere Identität verlieren, blind werden und nur seine Befehle befolgen. Die Habgier erniedrigt den Menschen, sie nimmt ihm seine Freiheit und übt Macht an ihm aus, indem sie ihn alles kostet, was das Leben wirklich lebenswert macht – das von Herzen kommende Lachen, die Familie, Freunde und das Dasein für die Anderen, die das eigene Herz erfreuen können. In etwas oder jemanden von Herzen zu investieren, verschafft eine geistige Bindung, die unbezahlbar ist. Wirklich arm dagegen ist jemand, der sich eigenhändig mit seinem Egoismus und auch Geiz, Laster schmiedet, die ihn in Form eines Buckels runterziehen.

Der Mensch ist auf der Erde bloß ein Gast, doch sein Aufenthalt, auch wie bei Menschen, die man besucht, sollte Freude und Glückseligkeit hinterlassen. Wer nur für Geld lebt, wird gehen und niemand wird nach einiger Zeit von seiner vergangenen Existenz etwas wissen. Er wird gehen, wie ein schlechter Tag es tut, den man schnellstmöglich vergessen möchte. Die Erinnerungen an das Gute werden jedoch niemals sterben. Sie leben weiter in den Herzen der geliebten Menschen sowie in vielen anderen Formen, die in sich, manchmal auch unsichtbar, das Gute bergen.

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Maria Aronov – Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

Der Dämon in Goethes und Bulgakows Augen

The first book edition of The Master and Margarita by Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) - CC-BY-SA 4.0
Die Erstausgabe von Der Meister und Margarita von Mikhail Bulgakov (Paris: YMCA Press, 1967) – CC-BY-SA 4.0

Bulgakows Roman weist einige Ähnlichkeiten mit Goethes Faust auf. Dazu gehören der Pakt mit dem Teufel, die Hexerei und dämonische Feierlichkeiten.

Goethes Faust und Bulgakows Margarita gehen beide einen Pakt mit dem Teufel ein, um darin eine Rettung zu finden. Während der Wissenschaftler danach sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält und sich als „Thor“ bezeichnet sucht Margarita nach einer Möglichkeit, ihren Meister wiedersehen zu können.

Mephisto entführt Faust in eine Welt voller Ekel, Bosheit und Schmerz. Der Teufel verkörpert das reine Böse.

Voland, der Teufel, aus „Der Meister und Margarita“ dient Bulgakow als der Schlüssel zur Philosophie des Lebens. Mit dieser Hauptfigur zeigt der Schriftsteller, dass die Bezeichnung „Teufel“ nichts weiter als ein Wort ist, dass auch in ihm, wie in jedem anderen Vernunftwesen das Gute und das Böse nebeneinander existieren. Erst mit der Hilfe von Voland wird dem Liebespaar überhaupt ermöglicht, ein ruhiges Leben zu führen, auch wenn erst nach dem Tod. Faust jedoch, der sich mit dem Bösen verbindet, zerstört das Leben Gretchens, weil der Pakt mit dem Teufel für etwas Destruktives steht.

ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: "Faust"-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des "Faust"-Stoffes von einem "Christlich-Meynenden". Das Buch gehört zu den Schätzen der "Faust"-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) - CC BY-SA 3.0 de
ADN-ZB Ludwig-28.7.89 Bez. Erfurt: „Faust“-Sammlung- Aus dem Jahre 1726 datiert die Bearbeitung des „Faust“-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch gehört zu den Schätzen der „Faust“-Sammlung in der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar. (siehe auch 6 und 7 N und ADN-Meldung) – CC BY-SA 3.0 de

Goethes Faust diente als Vorlage das Volksbuch von Dr. Faust aus dem Jahr 1587, das auf einer realen Persönlichkeit basiert: (Johann) Georg Faust  – * um 1480 † um 1541.
Dr. Faust war ein Wissenschaftler, der durch Luthers verbreiteten Aberglauben der Hexerei beschuldigt, folglich als „Teufelsbündler“ bezeichnet und schließlich hingerichtet wurde.

1991_CPA_PC_221_Stamp_1028Der Bund mit dem Teufel war gegen die kirchliche Lehre und wurde daher mit zerstörerischer Macht assoziiert. Bulgakows Werk geht dagegen über den religiösen Rahmen hinaus. Er kritisiert das Regime, das den Meister dazu getrieben hat, seinen Roman über Pontius Pilatus zu verbrennen, dabei stellt er Jesus als einen Philosophen dar und zeigt, dass der Teufel nicht von Gott verstoßen ist, sondern viel mehr Weise Entscheidungen trifft. Jeder soll Volands Aussage nach, das bekommen,  was er verdient und woran er glaubt.

Des Weiteren erinnert Bulgakows Teufels-Ball, an dem tote Verbrecher teilnehmen an Goethes Walpurgisnacht, die mit dem Obszönen assoziiert wird. Während Margarita sich aufopfert und Gastgeberin auf dem Ball präsentiert, ist für Faust die Nacht des Bösen eine Art Vergnügung. Fausts Wunsch nach Sinnlichkeit und deren Erleben ist das größte Abenteuer seiner Weltfahrt.

Mit der Walpurgisnacht hängt auch die Szene in der Hexenküche zusammen, denn schon dort verabredet sich Mephisto mit der Hexe auf die Walpurgisnacht.

In beiden Szenen stellen die Hexen das Milieu triebhafter Sinnlichkeit dar, die sie zusammen mit den Teufeln ausleben.

Die Walpurgisnacht steht für etwas Inhumanes, denn in ihr herrscht eine Sexualität, die durch Unverantwortlichkeit geprägt ist. Aus diesem Grund gehört diese Nacht Hexen und Teufeln. Sie besitzen nämlich weder einen Sinn für Verantwortung noch Scham.

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AuerbachsKeller – Leipzig – Skulptur: Goethe, Schiller

Auch die Handlung im Auerbachskeller weist auf die charakterliche Schwäche Fausts hin.  Wenn der Mensch nämlich tierisch ist, so ist es damit zu erklären. Wenn man das Übermaß an Alkohol und triebhafter Sinnlichkeit überschreitet, so wird einem Tier ähnlich, da man seine Triebhaftigkeit nicht mehr im Griff hat.

An dieser Stelle lässt sich auf die Aussage Kants zurückgreifen, dass im Fokus jeder Handlung das Ziel steht. Margarita, die das Böse auf sich nimmt, will den Meister erretten. Sie vergnügt sich nicht auf dem Ball. Obwohl sie zu einer Hexe, zu einem magischen Wesen wurde, handelt sie aus ihrem Verstand und der Seele heraus. Ihr eigentliches Ziel verliert sie nicht aus den Augen, während Faust sich dem teuflischen Vergnügen  ganz und gar hingibt.

Goethes Dichtung veranschaulicht an vielen Szenen, dass man durch die Verbindung mit dem Bösen, selbst zu einem Monster wird.

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Der Teufelspakt „Faust & Mephisto“, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)

Schaut man sich das Verhalten von Faust und den religiösen Aspekt Goethes an, der in dem Werk  nicht außer Acht gelassen wird, lässt sich sagen, dass Bulgakow mit seinen Hauptfiguren Goethes Faust in den Schatten stellen will: erstens verliert sich der Wissenschaftler selbst  auf der Suche nach der einzigen Wahrheit. Bulgakows Hauptfigur findet sich dagegen dank dem Teufel wieder. Der Meister wird von ihm aus der Irrenanstalt befreit und kann wieder zu dem werden, den ihm das Leben nahm, nämlich zu einem an sich selbst glaubenden Künstler. Zweitens geht Fausts Verhalten aus dem Pakt mit dem Teufel hervor und wirkt automatisch dem Guten entgegen. Er lässt sich von Mephisto verführen, verbindet sich mit dem Bösen, zerstört letztendlich das Leben von Gretchen, während Bulgakows Hauptfiguren gegen das Unheil (das Regime), die Ungerechtigkeit (die Faust übrigens selbst ausübt) kämpfen. Der Teufel stellt ihnen lediglich Mittel zur Verfügung und eröffnet ihnen als anständigen Personen den Weg in die Freiheit, die sie sich verdient und sehnlichst gewünscht haben. Ihre Liebe und Achtung voreinander sorgten für einen Anfang in einer neuen, romantischen ewigen Welt.

Franciszek Zmurko - Fausts's Vision - 1890
Franciszek Zmurko – Fausts Vision – 1890

Fausts Existenz und Freiheit sehen nach dem Teufelspakt anders aus. Er merkt, dass diese in der teuflischen Welt nichts als Verführung, Alkohol, Obszönität und Ekel bedeuten. In dieser Welt lässt sich nichts finden, was kostbar wäre und was nichts wert ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.

Maria Aronov Φ Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher

Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher
– am Beispiel von „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow

Was ist Wahrheit -Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge -1890 - Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18-38_1
Was ist Wahrheit? Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890: Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18,38

Nicht nur Bulgakow selbst wird wegen regimekritischer Literatur verhaftet, sondern auch die Hauptfigur seines Romans „Der Meister und Margarita“. Der Meister schreibt einen Roman über Pontius Pilatus, den Präfekten der römischen Provinz Judäa. In der ehemaligen Sowjetunion gab es ein Religionsverbot; es war weder möglich seine Religion frei auszuleben noch darüber zu schreiben. Für jegliche religiöse Reden und Schriften wurden die Urheber juristisch bestraft, weshalb auch Meisters Werk über Pontius Pilatus dazu führte, dass der Autor zunächst in Haft kam und anschließend in einer Irrenanstalt landete, um dort Versteck vor der Regierung zu suchen.
Auch im realen Leben wurden viele Gegner des sowjetischen Regimes quasi zu einem Aufenthalt in der Irrenanstalt verurteilt, um die Verbreitung ihrer Ansichten zu verhindern. Dort wurde ihnen sogar eingetrichtert, dass sie verrückt seien, woran viele letztendlich auch glaubten.
So erging es auch Bulgakows Meister, der nach einem längeren Aufenthalt in der Irrenanstalt an eine seelische Erkrankung glaubt, sich leer und hilflos fühlt, bis ihn der Teufel auf Wunsch Margaritas aus der Anstalt befreit und ihm seinen Roman wiedergibt, den er zuvor aus Angst in den Kaminofen zur Vernichtung warf.

Bevor ich die zentrale Handlung im Roman von Bulgakows Meisters veranschauliche, gibt es einen kurzen Überblick über die historische Persönlichkeit Pontius Pilatus:

Lucius Aelius Seianus, Prätorianerpräfekt im römischen Kaiserreich, der zeitweilig der einflussreichste Bürger Roms und Vertrauer von Tiberius (römischer Kaiser von 14 bis 37 n. Chr.) war, sorgte dafür, dass Pontius Pilatus – dieser gehörte einem Ritterstand an – zum Präfekt der römischen Provinz Judäa ernannt wurde.

Piltaus ging in die Geschichtsbücher mit seiner Brutalität ein, vor allem gegenüber der Bevölkerung aus Samaria. Gier, Bestechungen und viele gesetzwidrige Hinrichtungen gehörten zum Führungsstil von Pilatus. Der Statthalter ließ in Samaria seine Truppen einmarschieren und ging gegen das Volk vor, sodass ihn der syrische Statthalter Vitelius nach Rom zu Tiberius schicken musste. Dies führte zur Amtsniederlegung des Präfekten. Was aber daraufhin geschah, ist bis heute unbekannt. Den christlichen Überlieferungen nach soll Pilatus von Caligula zum Selbstmord getrieben worden sein. Andere Legenden besagen, dass Pilatus entweder von Nero hingerichtet oder von römischen Machthabern nach Südfrankreich (Vienne) verbannt wurde.

***

Der Meister, die Hauptfigur Bulgakows in „Der Meister und Margarita“ greift die biblische Thematik auf, er geht dabei speziell auf die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus (=Jeschua) ein, indem er nicht nur geschichtliche Fakten verwendet, sondern eine enge innere Beziehung der beiden Personen in Verbindung mit der Kritik an der Macht darstellt: ein Angeklagter aus Galiläa wird zu Pilatus geschickt, der die Aufgabe von Tetrarchen, der Regierung des Römischen Reiches erhält, das Todesurteil seitens Sanhedrin ( = der Hohe Rat, die oberste jüdische religiöse und politische Instanz sowie das oberste Gericht), zu bestätigen.

Der Präfekt von Judäa lernt nun Jesus kennen, der Pilatus als „Guter Mensch“ anspricht, was eine Prügel – Strafe zur Folge hat. Pilatus möchte Jesus auf diese Art zeigen, wie man den Präfekt von Judäa anzusprechen hat, nämlich mit „Hegemon“ ( = Führer).

MichailBulgakowJesus wird noch einmal zum Statthalter gebracht, der ihn verhört. Er stellt sich als der Sohn unbekannter Eltern vor, Jeschua Ho Nazri, der aus Gamla kommt, von Stadt zu Stadt zieht und nirgends Verwandte hat. Pilatus wirft ihm vor, das Volk dazu aufgewiegelt zu haben, den Tempel von Jerschalaim (Jerusalem) zu zerstören. Jesus widerspricht dieser Anschuldigung. Er hätte niemals vorgehabt, den Jerschalaim – Tempel zu zerstören und hätte auch niemanden dazu aufgewiegelt. Er bezeichnet dies als sinnlose Handlungen. Pilatus spricht von einigen besonderen Arten der Menschen– Hexern, Astrologen und Lügnern. Zum Letzteren zählt er Jesus, denn es gibt schriftliche Überlieferungen auf dem Pergament und auch Zeugen, dass Jesus den Tempel zerstören wollte. Jesus widerspricht dem und sagt, die guten Menschen hätten alles verwechselt, was er ihnen sagte und er hätte Angst davor, dass dieses Missverständnis noch lange andauern wird. All das soll das Resultat davon sein, dass seine Äußerungen falsch niedergeschrieben wurden.

Pilatus meint, dass allein das Niedergeschriebene dafür ausreichte, Jesus hinzurichten. Doch dieser antwortet darauf, er hätte gesehen, was der hinter ihm laufende Matthäus Levi notiert hat. Er war selbst erschrocken darüber, was auf dem Pergament stand, denn er hätte nichts davon gepredigt. Matthäus soll deswegen von Jesus gebeten worden sein, das Schriftstück zu verbrennen, woraufhin er das Pergament Jesus aus den Händen riss und davonlief. Dies überraschte Jesus sehr, denn trotz Anfangsschwierigkeiten und Beleidigungen seitens Matthäus wurde dieser zum treuen Begleiter von Jeschua. Er warf vor Jesus Augen sein ganzes Geld auf die Straße, weil er nichts mehr brauchen würde als nur derjenige sein zu dürfen, der Jeschua auf seinen Wegen begleitet.

Der Statthalter fordert nun den Angeklagten dazu auf, ihm das zu erzählen, was er in Wirklichkeit über den Tempel gesagt hat. Jesus antwortet: „Der Tempel des alten Glaubens wird zusammenbrechen. Es wird ein neuer Tempel der Wahrheit entstehen.“Daraufhin erwidert Pilatus, dass Jesus nichts von der Wahrheit verstünde und nicht das Recht dazu hatte, unwissende Menschen mit seinen Worten in Angst zu versetzen.

Jesus beweist Mut und zeigt Hegemon, dass er von der Wahrheit viel versteht und spricht von dessen Todessehnsucht aufgrund seiner kaum erträglichen Kopfschmerzen. Er sagte, sie wären in diesem Moment der Henker von Pilatus, weil er vor seinen Kopfschmerzen weder an irgendwas denken noch Jesus richtig angucken kann. Auch erkennt er, an der Handbewegung von Pilatus, dass dieser seinen Hund vermisst, der sein einziger Freund, echter Vertrauter und das einzige Wesen sei, zu dem er eine Bindung hätte. Der Präfekt ist der Aussage Jesus nach ein einsamer Mensch. Außer seinen Hund würde er niemanden haben.

An dieser Stelle wird Jesus als ein guter Menschenkenner und Psychologe dargestellt, der Pilatus sogar von seinen Kopfschmerzen befreit. Dieser ist erstaunt über die Fähigkeiten des Predigers, der ihm dazu rät, sich etwas zu erholen, spazieren zu gehen, da das Gewitter erst später beginne würde. Jeschua wäre sogar dazu bereit, den Statthalter auf seinem Spaziergang zu begleiten und mit ihm ein paar seiner Gedanken zu teilen, die dieser vielleicht interessant fände. Jesus sagt, er hielte Pilatus für einen äußerst intelligenten Menschen, doch leider sei dieser zu verschlossen und habe den ganzen Glauben in die Menschen verloren. Daher seine Bindung zum Hund.

Pilatus will nun, dass Jesus bei seinem Leben, der am seidenen Faden hinge, schwört, dass er keine Zerstörung des Tempels wollte. Er betont, er könne den Faden sehr schnell durschneiden. Doch Jeschua bietet ihm die Stirn und sagt, den Faden könnte nur derjenige durchschneiden, der ihn aufgehängt hat.

Hierdurch wird deutlich, dass Jesus keine Macht über sich ergehen ließ: er trat Hegemon voller Tapferkeit entgegen. Am Beispiel des seidenen Fadens lässt sich erkennen, dass es für Jesus nur einen Allmächtigen gibt, dessen Philosophie auf der Wahrheit und Gerechtigkeit beruht.

Trotz Gewissensbisse und der Befreiung von seinen Kopfschmerzen seitens Jesus beschließt Pontius Pilatus, den Prediger zum Tode zu verurteilen.

Aus Feigheit als „Führer“ nicht mehr glaubwürdig zu sein und sein Ansehen zu verlieren, sieht Pontius keine andere Lösung des Problems.

Die Zerstörung des Tempels wird als Anklagegrund abgelehnt. Das Verbrechen wird anders formuliert. Pilatus ist strickt gegen die Predigten von Jesus und findet es unmöglich, dass er Unruhe unter dem Volk stiftet. Jesus wird nun aus Jerschalaim entfernt und soll seinen Tod in Caesarea am Mittelmeer finden, wo sich die Residenz des Prokurators befindet.

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Christus vor Pilatus, Gemälde von Mihály von Munkácsy, 1881

Nach der Verkündung des Todesurteils befragt der Statthalter Jesus über Judas, über den sich Jesus positiv äußert. Er beichtet voller Mut, ihm gesagt zu haben, dass jede Macht eine schreckliche Gewalt über die Menschen ist und die Zeit kommen wird, wo keine Macht mehr existiert. Der Mensch wird in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit übergehen, wo die Macht überhaupt nicht notwendig sein wird. Dies macht den Präfekt wütend, denn er kann sich kein Leben ohne Macht vorstellen. Er bezeichnet Jeschua als einen Verbrecher ohne Verstand. Seiner Meinung nach wird es nie eine größere und bessere Macht für die Menschen als die von Tiberius geben und Jesus hätte nicht die Macht dazu, darüber zu diskutieren.

Auch hier wird deutlich, dass Pilatus sich als „Führer“ über die Menschen stellt. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als Macht, die nur Herrschern zuteil wird.

Eine Sache gibt es noch, die Hegemon trotz seines Ärgernisses über Jesus beschäftigt. Er kann nicht aufhören, mit ihm über das Gute im Menschen zu sprechen. Jesus ist in seinen Augen ein Philosoph, zu dem er eine gewisse Bindung entwickelt, die ihm Angst macht. Vielleicht sieht er in ihm denjenigen, der er selbst nie sein konnte. Womöglich merkt er, dass man mit menschlichen Zügen kein Führer sein kann, denn die Herrschaft ist Macht, die unfreiwillig Gewalt über die Menschen bringt.

Bulgakow spielt hier durch die Figur des Meisters auf das sowjetische Regime an, das den Menschen in seiner Individualität zerstört und deutet darauf hin, dass ein Regent nicht gewissenhaft handeln kann, da er dadurch seinen Status verlöre.

Jesus wird in dem Roman vom Meister in erster Linie als ein mutiger Kämpfer für die Gerechtigkeit und Wahrheit dargestellt, der mit der Liebe, aber auch seiner großen Intelligenz versucht, gegen bestimmte politische Zwänge zu kämpfen. Auch als Angeklagter und zum Tode Verurteilter gibt er nicht nach und hat den Mut dazu, dem Statthalter gegenüber seine Meinung zu vertreten und ihm gar zu kontern.

Durch das Gespräch von Jesus, der ihn fasziniert, erkennt Pilatus, dass der Mut nicht nur darin besteht, über Andere zu herrschen, vielmehr besteht er darin, trotz allen Widrigkeiten gewissenhaft zu handeln, seine wirkliche Meinung zu vertreten, die dem Verstand und der Seele entspringt. Er kann aber seiner Feigheit, der Macht entgegenzuhandeln, nicht trotzen. Es entsteht bei Pilatus ein innerer Konflikt, der für unruhige Nächte sorgt:

jedes Mal, wenn er einschläft, sieht er sich mit seinem Hund auf einem Mondstrahl wandern. Am Ende des Strahls erwartet ihn Jeschua, mit dem er philosophische Gespräche über sein Urteil führt. Jesus deutet darauf hin, dass Pilatus` Entscheidung aus Feigheit fiel und bezeichnet die Feigheit als eine der größten Sünden. Dem widerspricht Pilatus und sagt, die Feigheit wäre die größte Sünde, die es gibt.

Er entschuldigt sich indirekt bei Jesus, dem Philosophen, für die Bestätigung des Todesurteils. Für die Erleichterung seines Gewissens braucht er von Jeschua einen Schwur. Er will von ihm hören, dass sein Tod nicht so qualvoll gewesen sei. Jeschua zögert nicht und beruhigt mit seinen Worten den leidenden Statthalter.

Auf dem Mondstrahl finden wohl Gespräche statt, die Jesus auf dem oben erwähnten Spaziergang mit dem Präfekt machen und auf diesem mit ihm seine Gedanken über die Wahrheit, Gerechtigkeit und den Mut teilen wollte. Als ein guter Menschenkenner und Psychologe wusste Jeschua, zumal er Pilatus als einen sehr intelligenten Mann bezeichnet hatte, dass Pilatus hin- und hergerissen war. Er wollte ihm den richtigen Weg zeigen. Doch leider hat das Gespräch zu Jeschuas Lebzeiten nicht stattgefunden.

Der fehlende Mut zu einer menschenwürdigen Entscheidung verdeutlicht, dass kein Herrscher mutig ist, wie es auch Jesus im Roman äußert. Der echte Mut basiert nicht auf der Herrschaft über die Anderen, in Erteilungen von Befehlen, Verurteilungen und Morden, sondern darin, nach seinem Gewissen zu handeln, unbeachtet dessen, wie schlimm das Ende für einen selbst ausfällt. Dazu gehört die Kraft zur Selbstlosigkeit des Menschen, zum Altruismus.

Warum erkennt Pilatus erst später die Feigheit als die größte Sünde überhaupt an? Er fühlte sich zu Jesus von Anfang an hingezogen, doch er hatte Angst vor dem Fall, vor dem Ruin seines Ansehens in Judäa. Und obwohl er der Richter über Jesus war, wurde ihm seine Feigheit zum Henker. Er richtete zwei Existenzen hin, die von Jeschua und seine eigene.

Er handelte gegen sein Gewissen und verschaffte sich damit qualvolle Tage. Nachts auf dem Spaziergang mit dem Philosophen verarbeitet er seine Handlungen, die er selbst als feige und furchterregend ansieht.

Am Ende des Romans von Bulgakow, als sich der Teufel mit Margarita und ihrem geliebten Meister auf den Weg zum „ewigen Haus“ begibt, zeigt er den Beiden einen dunklen, leeren Planeten, auf dem Pontius Pilatus seit über 2000 Jahren sitzt und schläft. Während des Schlafes träumt er täglich dasselbe: er will sein Urteil über Jesus ändern. Beim Vollmond quält ihn und seinen treuen Wächter, den Hund jedoch die Schlaflosigkeit.

Er wiederholt oft, dass er am meisten in der Welt seine Unsterblichkeit und seinen großen Ruhm hasst. Er wäre lieber Matthäus Levis gewesen, der sich doch nach seinem Gewissen richtete und Jesus während des Transports zum Hinrichtungsort durch einen Messerstich von den ihm bevorstehenden Qualen befreien wollte. Auch wenn es ihm misslang, fand er den Mut in sich, nach seinem Gewissen zu handeln.

Auf die Bitte Margaritas hin, Pilatus freizulassen, erwidert der Teufel, dass dafür bereits Jesus gesorgt hat.

Mit den Worten „Die Freiheit wartet auf dich!“ beendet der Meister seinen Roman.

Die Seele von Pontius Pilatus wandert den, ihm aus seinen Träumen bekannten Mondweg entlang, begleitet vom Philosophen Jeschua.

Das Ende der Geschichte zwischen Pontius Pilatus und Jesus macht deutlich, dass die Seele ihre Erlösung nur durch die Wahrheit und den Mut zu vergeben, findet.

Maria Aronov Φ Die Zeit Φ Lyrik

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Du verkleidest dich als Leben,

Freude, Liebe und als Lachen.

Strickend leise  deine  Pläne

lässt du Hoffnungen entfachen.

*
Mit Magie, du Geist des Seins,  hinterlässt du tiefe Spuren,

gut maskiert und doch erkennbar

an sich wandelnden Figuren.

*
Läufst mit uns durch Kindheitstage, schöne  Jugend und das Alter.

Wenn wir fort sind, gibst du weiter,

das von uns erzeugte  Glück.

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen – Maria Aronov

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen

– Am Beispiel von Lermontov und Jessenin – trennlinie2

Obwohl zwischen den Dichtungen von  Lermontov und Jessenin circa 80 Jahre dazwischenliegen weisen diese viele Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur die Machthaber des Landes als gemeinsamer Feind beider, sondern auch die Empfindung der Welt und des Lebens verbindet sie.
Ihre Dichtungen unterscheiden sich in der Wortwahl und Sprache. Beide Dichter schreiben sehr melodisch und drücken auf ihre Art und Weise ihre Gefühle und Beobachtungen aus. Der Reim in Verbindung mit einem tiefen Gefühl ist das, was einen unvergesslichen Dichter ausmacht. Diese Gabe war Jessenin und Lermontov eigen.
Der vom Land aus einer Bauernfamilie stammende Poet Jessenin schreibt nicht nur über die Natur, der er durch die dörfliche Landschaft hautnah begegnen konnte, es entwickelt sich in den Gedichten des jungen Genies eine sanfte Melancholie, die er durch eine relativ einfache Wortwahl so zum Schein bringt, dass sie die Herzen der Leser bis ins Innerste trifft.
Viele seiner Gedichte enthalten nicht nur präzise Beobachtungen der Außenwelt, sondern sind autobiografisch. Der Dichter öffnet sein Herz und erzählt weise über seine tiefe Einsamkeit, seine gescheiterten Beziehungen und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Er verwendet dabei oft die „ich-Form“ oder die direkte Anrede an die Person, der er seine Gefühle offenbart.
Eins seiner schönsten Gedichte „So erschöpft war ich noch nie“ befasst sich mit der Vergänglichkeit des Schönen und der damit verbundene Enttäuschung  im Leben. Er schreibt darüber, wie erschöpft er von seinem unglücklichen Sein ist. Seine Liebesgeschichten, die er als „die dunkle Macht“ bezeichnet, sollen ihn lediglich zum Wein verführt haben, doch seine wirklichen Sehnsüchte blieben ungestillt.
Er betont in diesem Gedicht, dass ihn in der Liebe die Leichtigkeit des Sieges nicht glücklich macht und auch der Betrug seitens seiner Partnerinnen nicht verletzt.
Auch in dem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, spricht er von der einen Begegnung, die niemals stattfinden wird.
Lermontov_JesseninIm  oben erwähnten Gedicht „So erschöpft war ich noch nie“ nutzt er als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit den Ausdruck „die goldenen Haare“, die sich nach und nach in Graue verwandeln. Obwohl die Zeit schnell verfliegt, bereut er die vergangenen Jahre nicht, er will nichts zurückholen, denn er ist müde von den Qualen des Lebens, das ihm beigebracht hat, nach Außen ein aufgesetztes Lächeln und im Inneren das stille Licht und die Ruhe eines Toten zu tragen.
Seinen Respekt erweist er der Natur und erinnert sich an die Landschaft in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist.
Der Mensch betoniert die Natur ein, es wird ihr Quasi eine Zwangsjacke angelegt, sodass sie sich nicht frei entfalten kann und als ihr Teil wandelt Jessenin auch hin und her, weil die Verfolgung ihn dazu zwingt.
Nicht nur die Veröffentlichung seines Werks „Das Land der Schurken“, sondern auch durch die Offenlegung seiner Seele vor der Welt in seinen Dichtungen stellt Jessenin seine große Courage unter den Beweis.
Doch nicht nur seine Gedichte enthalten eine melancholische Ader. Auch Lermontov, der mystische Dichter, erzählt in seinen Gedichten von der Einsamkeit und der Finsternis der Welt.
Im Gegensatz zu Jessenin benutzt er dabei nicht die Ich-Form, seine Ausdrucksweise ist gehoben und er spricht in Bildern, präsentiert oft Gestalten, drückt in seinen Gedichten aber ebenfalls nicht nur seine Wahrnehmung der Welt aus, sondern auch sein Inneres und die ihm widerfahrenen Erfahrungen.
Zwei seiner bekanntesten Gedichte sind „Der Engel“ und der „Dämon“.  Im ersteren spricht er darüber, wie ein Engel seine Seele in den Händen auf die Erde trägt, er singt dabei über Gott und das Gute, doch die Welt voller Tränen und Trauer sorgt dafür, dass der Engel am Ende zwar noch existiert, aber seine Seele zerstört ist, denn ihr wurden die Worte genommen. Sie soll schweigen.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass dem Menschen das Wort verboten wird, sodass er existiert, aber weder seinen Kummer noch seine Gedanken und Sorgen der Welt präsentieren kann, ohne dabei sein Leben zu verlieren. Doch ist eine solche Existenz überhaupt möglich?
Im letzteren wird erzählt, wie der aus dem Himmel vertriebene traurige Dämon über der sündigen Erde fliegt. Er fliegt durch den Nebel, überquert Wüsten, die ihm keine Gemütlichkeit bieten.
Über die Gemütlichkeit spricht Lermontov womöglich, weil diese dem Guten entspringt. Ein Heim kann nie gemütlich sein, wenn man darin nicht seine Seele hineinsteckt. Der Dämon als seelenloses Wesen kann sich also keine Gemütlichkeit schaffen und in der Wüste kann nur jemand ein Heim errichten, der in der Lage ist, dieser mit seiner Seele zu begegnen.
Auf seiner Reise als Herrscher über die Erde schafft der Dämon Böses und stößt nirgends auf Widerstand.
Über die Abwesenheit des Widerstandes gegen das Böse schreibt auch Jessenin in seinem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, indem er sich von seinem Freund, dem Fan, verabschiedet und gleichzeitig zeigt, wie einsam er in seiner Lage ist, da keiner mehr für ihn kämpft und den Mut dazu hat, gemeinsam mit ihm gegen das sowjetische Regime vorzugehen.
Lermontov stellt die Erde als eine Art Hölle dar, die dem Dämon dient. Die Offenheit und Reinheit der Seele werden zerstört, sobald man sie nach außen trägt. Die Welt, in der wir leben akzeptiert keine Melancholie und Güte, sie nimmt nichts an, was von der Seele kommt. Nur das Böse hat Macht über sie und gedeiht. Um ihm entgegentreten zu können, braucht man mehr Gutes in Form von wahrhaftigen Worten.
Beide Dichter wurden aufgrund ihrer Offenheit und ihres Mutes schon in ihren jungen Jahren dem Tode geweiht. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass in den dazwischenliegenden Jahren die Welt sich nicht verändert hat, sie hat es nicht gelernt, sich dem Guten zu widmen.
Vielleicht war das kurze Sein der beiden Genies auf der Erde ein Zweck, damit wir ihre Worte beherzigen und gemeinsam gegen den Dämon kämpfen.

Maria Aronov – Lyrik, Gesellschaft & Geschichte

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria Aronov wurde 1983 geboren und studierte in Kassel Sprach- und Literaturwissenschaften,  sowie Deutsch als Fremdsprache  und Philosophie. Im Jahr 2008 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab und ist seitdem als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache tätig.
Ihr größtes Hobby ist Gedichte zu schreiben, und das bereits seit ihrer Kindheit.

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin – ein Genie in Gefangenschaft

Sergej Alexandrowitsch Jessenin, 1895 geboren, war der Sohn einer Bauernfamilie und wuchs auf dem Land bei seinen Großeltern auf. Schon als Kind fing er an Gedichte zu schreiben, in denen sich das dörfliche Leben wiederspiegelte. Mit siebzehn Jahren absolvierte er eine Lehrerschule und erwarb den Titel „Schullehrer der Grammatik.“

Esenin_Moscow_1922Daraufhin zog Jessenin nach Moskau, half dort in einer Metzgerei aus, die sein Vater leitete. Nach einem Konflikt mit seinem Vater, verließ er die Metzgerei, er fing zuerst an, in einem Buchverlag zu arbeiten und anschließend in der Typographie. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu revolutionsgesinnten Arbeitern und geriet dadurch ins Visier der Polizei. Gleichzeitig fing er an, Geschichte an einer philosophischen Fakultät einer Moskauer Universität zu studieren. Dort fand er in einer literarisch-musikalischen AG gleichgesinnte junge Leute, die ebenfalls wie er, schrieben. Zwei Jahre später wurde sein erstes Gedicht „Die Birke“ in einer Moskauer Kinderzeitschrift veröffentlicht. Im Jahr 1916 sollte Jessenin in die Armee, doch Dank der Bemühungen seiner Freunde, wurde er zum Sanitär der Soldaten im Dienst der Kaiserin Alexandra Fjodorovna berufen. Dadurch bekam er die Möglichkeit, literarische Salons zu besuchen und auf Konzerten aufzutreten. Seine Auftritte brachten ihm einen derartigen Erfolg, dass sogar die große Fürstin Elisabeth (die damalige Stadthalterin von Moskau) ihn an ihren Hof eingeladen hat.

1916 wird der erste Gedichtband Jessenins veröffentlicht, dem die Literaturkritiker mit Begeisterung begegnen. Er lernte nun weitere bekannte Dichter wie Marienhof kennen, der später einen „Roman ohne Lügen“ über Jessenins Leben verfasste, den er jedoch nicht zu Ende schrieb. Zusammen bildeten sie eine literarische Gruppe der Imaginisten. Der Imaginismus ist eine Richtung der russischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und basiert auf den Dichtungen des frühen Futurismus sowie der Behauptung, dass das Ziel der Dichtung darin bestünde, wertvolle und originelle Gebilde in seinem Inneren zu schaffen.

Er heiratete im Jahr 1922 eine amerikanische Tänzerin, Isadora Duncan. Auf gemeinsamen Reisen durch Europa und Amerika begleiteten das Ehepaar viele Skandale um Isadora, die zu Missverständnissen in ihrer Beziehung führten. Hinzu kamen auch noch ihre Sprachbarrieren, denn Jessenin beherrschte keine Fremdsprache und seine Ehefrau konnte nur wenige Begriffe auf Russisch. 1923 haben sie sich getrennt.

Seine Gedichte widmete Jessenin weiterhin seiner Heimat, doch diese wurden etwas düster. Er sprach von der Spaltung Russlands, die sich in ein sowjetisches und ein aussterbendes Russland teilte. Die herbstliche Landschaft wurde zum Hauptmotiv seiner Gedichte als die Jahreszeit der Melancholie und des Abschieds.

Für sein bitteres Ende sorgte sein Poem „Das Land der Schurken“, indem er die sowjetische Macht kritisierte. Daraufhin wurde Jessenin zum Zielobjekt der journalistischen Hetze, die ihm eine angebliche Alkoholsucht und Prügeleien zuschrieb.

1975_CPA_4505Briefmarke UdSSR
Russische Gedenkbriefmarke von 1975

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Jessenin nur auf der Flucht, um sich vor der Staatsgewalt zu verstecken. Er fuhr mehrere Male in den Kaukasus, nach Leningrad und andere Städte, dabei versuchte er wieder seine eigene Familie zu gründen und heiratete im Jahr 1925 Sofia, die Enkelin von Leo Tolstoi, doch auch für diese Ehe war kein Glück bestimmt.

Aus Angst vor der Drohung, in Haft zu kommen, landete Jessenin in einer psychisch-neurologischen Klinik. Seine Ehefrau konnte den Professor an der privaten Uniklinik von Moskau dazu überreden, für Jessenin ein eigenes Zimmer in der Klinik bereitzustellen, damit er sich doch ungestört seinen Werken widmen und seine Behandlung erhalten konnte. Von seinem klinischen Aufenthalt wussten nur wenige Personen. Doch leider hielt sein Versteck nicht lange an und die Polizei bat den Professor darum, ihnen Jessenin zu überlassen. Dieser weigerte sich, den Dichter ihnen auszuliefern, was zur Folge hatte, dass auch die Klinik unter polizeilicher Beobachtung stand. Jessenin brach letztendlich seine Behandlung ab und fuhr nach Leningrad.

Am 28 Dezember 1925 wurde Jessenin in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die offizielle Erklärung seines Todes lautete Suizid, doch es gibt genügend Annahmen, dass er keinen Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde. Das letzte Gedicht von ihm „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, das mit Blut geschrieben wurde, wurde in seinem Hotelzimmer entdeckt.

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Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen!
Mein Lieber, du bist in meinem Herzen.
Eine unvermeidbare Trennung verspricht ein baldiges Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen.
Mir macht es Angst, unter Menschen zu leben,
denn jeden meiner Schritte erwarten Qualen.
In diesem Leben gibt es nirgends Glück.

Auf Wiedersehen, die Kerzen brennen nieder.
Ich fürchte mich davor, in die Finsternis zu gehen.
Ich wartete das ganze Leben,
doch die eine Begegnung gab es nicht
und ich hatte niemanden zum Aufwachen in der Früh.

Auf Wiedersehen, mein Freund, mein Freund ohne Wort und Tat,
sei nicht traurig und auch nicht betrübt.
In diesem Leben ist zu sterben nicht neu
und zu leben, ist natürlich auch nicht neuer.

 

Das Gedicht ist übersetzt von Maria Aronov © 2015

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen? € Maria Aronov

Kann der Mensch über die Macht des Geldes siegen?

Seit Anfängen der Menschheit geht es um Besitz und Macht. Oft wird Macht mit Geld gleichgesetzt, sodass sich nicht der Weise an der Spitze einer Gesellschaft befindet, sondern derjenige, der es sich leisten kann oben zu sein. Nicht umsonst sagt man, das Geld regiere die Welt. Die Betonung in diesem Satz liegt auf dem Geld, denn der Mensch wird zu seinem Sklaven. Es hat die Macht, seine Gegner die Gerechtigkeit und Wahrheit zu zerstören. Es ist in der Lage, Böses und Unruhe zu stiften, sogar in Familien.
Es wurden bereits viele Denker und Dichter beseitigt, weil sie den Reichen trotzten. Sie bezeichneten sie als oberflächlich, als ahnungslose Richter und Wahrheitsleugner.

Leider erfuhr auch der große Dichter und Schriftsteller Michail Jurjewitsch Lermontov (1814-1841) die bittere Seite des Reichtums. Der Poet wuchs bei seiner wohlhabenden Großmutter auf, die eigenes Gut besaß. Dort hatte er die Möglichkeit, Bauern kennenzulernen. Durch sie und die eigene Beobachtung merkte er, dass das Geld wichtig für das Überleben, aber nicht das Wichtigste im Leben sei. Er sah, wie schwer es für sie war, für das Überleben zu schuften, während die Reichen nichts dafür tun mussten, im Gegenteil, sie vertrieben ihre Zeit mit sinnlosen und sündigen Dingen.

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In Lermontovs Familie stritt man sich oft über den Nachlass, sodass der junge Dichter endgültig verstand, dass die Macht des Geldes eine dreckige und zugleich traurige Wahrheit unserer Welt ist.
Leider hat die Welt nie die einzig Schöne Seite des Lebens erkannt, nämlich die der Wahrheit, stattdessen wurde diese in Form von Gedichten, die sich gegen die Hof-Gesellschaft richtete und verschiedener Äußerungen zerstört. Man brachte nicht die Welt durch Genies wie Lermontov oder auch Puschkin zum Blühen, sondern durch goldene Pracht des Hofs, die im Inneren leer und düster war.
Die beiden jungen Dichter und Denker Puschkin und Lermontov werden zu Opfern der grausamen Gesellschaft. Nach Puschkins Tod im Jahr 1837 bei einem Duell , als dieser gerade mal 38 Jahre alt war, widmete Lermontov ihm ein Gedicht „der Tod des Poeten“, in dem er offenlegt, dass der Mord an Puschkin nicht unumgänglich war. Die Hof-Gesellschaft hätte ihn hingerichtet:

…Ihr, die ihr am Thron steht als gierige Schar,
Henker von Freiheit, Genie und Ruhm!
Ihr verbergt euch hinter dem schützenden Gesetz,
vor euch müssen Gericht und Wahrheit, muß alles schweigen…
Otto Hauser: Weltgeschichte der Literatur. 1910, S. 419.

Da Lermontov mit seinen (wahrheitsgemäßen) Äußerungen der Gesellschaft unbequem wurde, wurde er in ein Militärregiment in den Kaukasus verbannt, das er jedoch überlebte. Den Tod fand er später ebenfalls bei einem Duell. Der Autor war nämlich eine zu große Last für die Hof-Gesellschaft, die er als „lasterhaft“ bezeichnet.
Lermontov schreibt in seinem Gedicht, das er Puschkin widmet ebenso darüber, dass der Reiche voller Angst davor sei, dass man ihn mit dem Talent und Wissen aus dem Fokus der Gesellschaft verdrängen könnte, was für ihn die höchste Priorität sei. Ein weiterer Grund also Puschkin und Lermontov loswerden zu wollen.

Der Dichter fiel – von Schurken wähnte
Er seiner Ehre sich beraubt.
Er traf ins Herz, der ihn verhöhnte,
Und sterbend sank sein stolzes Haupt!…

…Der ihn gemordet, kalten Blutes
Hat er’s getan…Er schoß gewandt;
Sein leeres Herz war rohen Mutes,
Und nicht gezittert hat die Hand…

…Aus fernen Reichen
Kam er als Abenteurer her,
Und hundert andre so wie er,
Sich Glück und Ämter zu erschleichen;
Er schätzte unser Land gering,
Sein Recht und Brauch, sein Wort und Wissen,
Hätt gern uns Ruhm und Ehr entrissen;
Wie konnte er bei Abschuß wissen,
An wem sich seine Hand verging…
Aus „Ausgewählte Werke“ Rütten & Löning. Berlin 1987

trennlinie2Michail Jurjewitsch Lermontow (russisch Михаи́л Ю́рьевич Ле́рмонтов; wissenschaftliche Transliteration Mihail Ûr’evič Lermontov; * 3. Oktoberjul./ 15. Oktober 1814greg., Moskau; † 15. Julijul./ 27. Juli 1841greg. im Duell in Pjatigorsk), war ein russischer Dichter. Neben Alexander Puschkin und Fjodor Tjuttschew ist er einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Literatur in Russland. – Quelle: wikipedia

Weitere Lyrik von Michail Jurjewitsch Lermontow finden Sie im Magazin hier.

Maria Aronov – Ein Gespräch über Lyrik

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria, Du schreibst Gedichte. Was machst Du außerdem?
Neben dem Schreiben unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache. Das ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.

Was bedeutet Dir Sprache? Warum ausgerechnet Lyrik?
Ohne Sprache könnte eine Zivilisation nicht existieren. Bereits in der Bibel wird erwähnt, dass am Anfang das Wort gewesen sei.  Die Sprache ist für mich der Anfang jeder einzelnen Wissenschaft, denn ohne sie könnten wir keine einzige Idee festhalten und verwirklichen.

Warum Lyrik?
Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem man seine Gefühle besser zur Geltung bringen kann und genau dasselbe tut auch die Musik. Die Lyrik ist für mich eine Verbindung zwischen Sprache und Musik und kann jede Laune,  Beobachtung und jeden Traum melodisch ausdrücken.

Was würdest Du einem Menschen, der bisher nichts mit Lyrik anfangen konnte, empfehlen damit er Lust bekommt sich das Dichtwerk zu erschließen?Weiterlesen

Maria Aronov ♣ Utopia ♣ Lyrik

Illustration: Mystic Art Design
Illustration: Mystic Art Design

Durch  das Fenster  der Zukunft zeigt sich sonnig grüne Wiese.

Luftig zart weht  quer  durchs Land eine leichte Meeresbrise.

Jeder Tag trägt  neue  Kleider  und  die Nacht…  – die gibt es nicht.

Poesie malt frohe Bilder, farbenfroh und  voller Licht.

Der Dichter  dichtet Farben,  der Maler setzt sie um

und  verdient sich ohne Zweifel  einen sagenhaften Ruhm.

In dem Wechsel  der Farben  scheint alles leicht und  frei.

Wie die Schmetterlinge fliegen! Und die Blumen  allerlei!

Es ist warm, es funkelt alles. Doch was ist das, das so strahlt?

Sind das uns bekannte Seelen, die der Maler dort  gemalt?

Über den des Dichters Block gleiten  geistige  Gestalten,

ihre Form ist unbeständig, doch verziert mit Diamanten.

Nie wird  hier das Böse weilen,  nur die Menschen, die man liebt.

Eine Welt, die es voller Huld irgendwo in der Ferne gibt.