Kategorie: Janosz Rehbaum

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Zustände sind das | Von Durstfrei, Jägersoße & Hühnerstil

Der Tag, an dem meine Welt zu einer anderen wurde, begann damit, dass meine Frau und ich ausgiebig frühstückten. Mit Croissants und Lachs und so. Nach dem opulenten Mahl bemerkte ich beiläufig, dass ich satt sei und keinen Bissen mehr herunter kriege. Ich wollte nach der Zeitung greifen, um mich in der Welt zu orientieren – am Abend hatte ich das Spiel des FC Bayern München verpasst -, als meine Frau erklärte, sie habe genug getrunken und sei nun nicht mehr durstig. «Welches Wort beschreibt diesen Zustand?» fragte sie und sah mich prüfend an. «Nun», sagte ich geistesabwesend (ich wusste immer noch nicht, wie die Bayern gespielt hatten!), «wahrscheinlich spricht man in diesem Zusammenhang am besten von <durstfrei> oder <durstlos>; auch die Kreation <odu> könnte ich mir gut vorstellen.»
Ich war zufrieden mit mir und wollte mich endgültig den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Meine Frau aber widersprach: «Nein! Die deutsche Sprache kennt kein Wort für das Gegenteil von <durstig> analog zu <hungrig-satt>.» Meine Frau bevorzuge die Worte «quell» und «losch», wenn auch die indogermanische Wurzel «leuk» durchaus in Betracht zu ziehen sei. «Du also bist <satt>, erklärte sie abschließend, «und ich bin <quell>.»
Verwirrt, aber noch ungebrochen machte ich mich auf einzukaufen. Ich sagte der Dame im Lebensmittelgeschäft, dass ich eine Hühnersuppe brauche, eine, die wirklich nach Huhn schmecke. Die Verkäuferin schien beleidigt: «Selbstverständlich schmecken unsere Hühnersuppen nach Huhn, der Name sagt es ja schon aus!», erklärte sie. Während sie sprach, bemerkte ich in der Auslage Jägersoßen. Es sollten doch nicht etwa…!? Die Verkäuferin sah mein Befremden und beruhigte mich. Der Name «Jägersoße» meine «im Jägerstil», so wie es Jäger eben gerne mögen würden. Ich war unsicher: Wer garantierte mir, dass nicht auch die Hühnersuppe nur im Hühnerstil schmeckte, so wie es Hühner eben gerne mögen?
Gedanken versunken verließ ich das Geschäft. Ein Konfirmand hatte unsere Diskussion im Laden gehört und sprach mich an: Er habe mich fragen wollen, weshalb es eigentlich «Katholikentag» heiße und «Bischofskonferenz». In beiden Fällen seien doch mehrere Personen gemeint; ihm leuchte nicht ein, weshalb im einen Fall die Mehrzahl und im anderen die Einzahl verwendet wurde: «Das, ähm, hat mit Dogma zu tun», stotterte ich, «und mit dem Papst.» Ich war konsterniert. Was ist das für eine Welt, in der nicht einmal mehr auf die Sprache Verlass ist?
Während ich verzweifelt um mich blickte und in dieser, unserer, wahnwitzigen Welt irgendwo Halt suchte, klangen  mir noch die Worte in den Ohren, die mir jener Schüler zum Abschied zurief: «Don’t worry! See you!» – «Vielleicht», flüsterte ich ergriffen, «ist das die Lösung für die Unzulänglichkeiten der Sprache: Die Ergänzung des Deutschen durch Englisch.»
Für einige Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Doch dann hob ich an und sprach: «Manchmal, du tust nicht verstehen, auch nicht. Aber wenn die Probleme von der Sprache sind machen einsam dich, tue nicht hängen herum. Vielleicht du kennst ein Ort zu gehen zu wo sie verstehen dich. Das ist tröstlich, ist es nicht?»

Das Leben eines modernen Schriftstellers • Eine szenische Unterhaltung zwischen Schreiber und Macher

Das Leben eines modernen Schriftstellers 
Eine szenische Unterhaltung zwischen einem Schreiber und einem Macher

Auf einer Veranstaltung im lokalen Kulturverein.
Der Schreiber spricht mit einer Gruppe von Freunden über ein gesellschaftlichen Ereignis. Ebenfalls in der Gruppe steht Der Macher. Die beiden kennen sich nicht. Der Macher erfährt im Gespräch, dass Der Schreiber ein Schriftsteller ist.

SCHEINWERFER AN

Foto: 동철 이
Foto: 동철 이

Der Macher
Habe ich höre, dass Sie ein Schriftsteller sind? Wie ein Romancier? Kann ich Ihr Buch gelesen?

Der Schreiber
Nein, nein. Ich habe nicht ein Buch geschrieben. Ich meine, würde Ich mag an?

Der Macher

Also, was tun, schreiben Sie dann?

Der Schreiber

(Lacht nervös auf)
Alles, was die Rechnungen bezahlt!

Der Macher schaut  den den Schriftsteller mit leerem Blick an. Der Schreiber bekommt Schweißperlen auf seiner Oberlippe. Eine ungepflegte Oberlippe, wie die ganze Erscheinung des Schriftstellers, der sich aufgrund seiner engen Finanzen nicht in der Lage ist, sich in Gesellschaft heraus zu putzen.

Der Schreiber
Uh … Ich schreibe Magazin- und Zeitschriftenartikel, solche Dinge.

Der Macher
Sie sind ein Journalist?

Der Schreiber
Nein, nein. Ich schreibe „kreatives non-fiction“ Ich denke, so kann man das nennen.

Der Macher schaut den Schriftsteller weiter ausdruckslos an. Der Schreiber zupft an seinen Hemdkragen.

Der Schreiber
Ist es warm hier drin?
Der Macher reagiert nicht. Wenn der Schreiber jetzt ein Messer hätte, würde er damit die dicke Schicht aus Peinlichkeit zerschneiden um wieder Luft zu bekommen.
Der Schreiber
Uh … Ich habe ein paar Beiträge geschrieben, die sich sehr gut viral verbreitet haben!

Der Macher
Das ist großartig. Sie müssen eine Menge Geld damit gemacht haben.

Der Schreiber
Nicht wirklich.

Der Macher
Nein?

Der Schreiber
Nun, ich betreibe einen Blog.

Der Macher
Sie machen kein Geld mit Ihrem Blog?

Der Schreiber
Fünfzig Dollar pro Monat.

Der Macher
Woher kommen die?

Der Schreiber
Ich bin auch Texter.

Der Macher
Oh, Sie arbeiten für eine Werbeagentur?

Der Schreiber
Nein, ich mache freies Marketing für viele Marken.

Der Macher schaut weiter ausdruckslos. Der Schreiber schaut auf seine Handflächen. Sie sehen so winzig aus.

Der Schreiber
Aber ich habe auch das Drehbuch zu einen Film geschrieben! Es wurde auf dem ABS-Kanal gezeigt und auf einer Reihe von Festivals.

Der Macher
Das ist großartig. Wie kann ich ihn sehen? Gibt es ihn auf DVD?

Der Schreiber
Ja, so ähnlich. Ich glaube, er lässt sich auf Streaming-Seiten anschauen.

Der Macher
Sie müssen Geld daraus machen!

Der Schreiber
Nein, kein Geld.

Der Macher
Nichts?

Der Schreiber
Zero Euro.

Der Macher
Hey, ich habe eine Idee. Darf ich die Ihnen vorstellen?  Ich wollte schon immer meine Autobiographie zu Papier bringen und vielleicht können Sie die für mich schreiben. Ich habe zwar kein Geld für sie, aber ich denke, das Schreiben wird Ihnen gut tun und Ihre Reputation steigern ….

Der Schreiber nickt und lächelt. Ein toter, in die Ferne schweifender Blick erobert seine Augen.

SCHEINWERFER AUS

Janosz Rehbaum: Über die Notwenigkeit des Vorwurfes in Kunst, Musik & Literatur

Der Vorwurf in der Kunst

Der Vorwurf (Welch doppelter Wortsinn!) eines Kunstwerkes kann einfach der Stoff sein, aus dem das Kunstwerk gearbeitet ist, die schwere Materie, an der sich die Kraft, das Können, die Leistung bewährt – Vorwurf kann aber auch das Ideal sein, das nie zu erreichende Vorbild, und ein solches ist oft das Leben selbst. Dieses ist aber schon deshalb nie mit reinen Mitteln der Kunst ganz erreichbar, weil das Leben sich auch in seinen kleinsten Teilen nie wiederholt und daher auch das banalste Geschöpf in gewissem Sinne durch das Leben monumentalisiert wird. Zu jedem literarischen Kunstwerk gehört aber notwendig das Element der Wiederholung, da die Sprache sich in den Worten notwendig wiederholt.

Strickliesel - Foto: Efraimstochter MW
Strickliesel – Foto: Efraimstochter MW

Vorwurf ist der Knäuel buntfarbiger Wolle, den das spielende Kind oder die tolle kleine Katze vor sich hinwirft und dem sie beide nachjagen, bestrebt, den rollenden Knäuel zu packen, den Faden zu spannen – ob er reißt oder nicht, ob die verwickelten Fäden sich entwirren, ob der Knoten sich löst in dem gleichen Maße, als die ermüdenden Spieler dem Ende näher kommen – das alles wird zu dem gleichen Problem, das alles sammelt sich zum gleichen Vorwurf für die darstellende, das heißt entwickelnde, für die lebende, das heißt: Leben spielende Kunst.

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel: weder das Thema in der Musik noch die Anekdote in der Novelle, der Gegenstand im Bilde oder die Welt im Romane – nichts von diesen Dingen macht als solches den Meister. Der Meister macht sie. Er bewährt sich gerade in der Überwindung des Themas. Sind wir einmal auf die Höhe geführt und so bezwungen, dass wir nicht mehr wissen, ob der Faden des rollenden Knäuels grob oder fein ist, ob er sich schnell oder langsam entwirrt, ob wir überhaupt ein Ende absehen können oder nicht, ob die Farbe verblasst, ob der Sinn entgleitet – ist das Thema selbstverständlich geworden, dann bleibt nur der Rhythmus, der dem großen Weltrhythmus ebenbürtig ist: als jüngerer, zarterer, menschlicherer Bruder. Man erlauscht das höhere Gesetz, angedeutet, wenn auch nicht erschöpft, im immerhin irdischen Gegenstande.

René François Xavier Prinet - 1901 - Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo
René François Xavier Prinet – 1901 – Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo

Die Themen großer Meister sind oft nicht ungewöhnlich. Beethoven hat in seinen herrlichsten Werken Tonfolgen, die, wenn man sie vom Rhythmus loszulösen versucht, an sich nichts sagen. Das Thema des Schlusssatzes der Kreutzersonate ist solch selbstverständliches, fast mechanisch hingehämmertes Quartenmotiv. Was sollte daran zu Tränen rühren, was könnte bis an den Urgrund der Seele ergreifen?
Aber der Rhythmus, angehalten, zitternd, beherrscht, und dann mit einem Male, ohne Kraft zum Widerstand gewaltig hinüber geschleudert in die weltliche Woge des Gefühls – das weckt uns, rüttelt und ruft, und hier beginnt der Meister. Hier endet er nicht. Mit der Unterscheidung zwischen banalem Thema und genialem Rhythmus ist nur ein Teil des Geheimnisses entschleiert. Das wahre, das letzte Geheimnis folgt zwar dem Gesetz, aber aussprechbar ist es nicht ganz. Wenn man diese Sonate hört, dann bleibt aus jedem Takte etwas zurück, aus jeder Tonfolge entsprießt auch eine Tonvoraussetzung, aus jeder Frage kommt eine Lösung, selbst die letzte Lösung ist nicht das Ende. Denn der Knäuel des vorgeworfenen Vorwurfes bleibt nicht, was er war, er wandelt sich, er fasst uns selbst, die wir lauschen, in sich, wir müssen folgen, er wächst an unserer Brust, wie sie sich weitet, er verengt sich mit der Angst unseres Herzens, wenn er näher, härter dringt an das innerste, zarteste, unverletzlichste Geheimnis unserer wahren Existenz.

Das Wesen des Vorwurfs in der Erzählung

Nicht weniger vielfältig ist das Wesen des Vorwurfes in der Erzählung. Dieser lässt sich hier zwar scheinbar leichter eingrenzen, weil die Erzählung in der Sprache wirkt, die unser gewöhnliches, um nicht zu sagen gemeines Kleid bildet, aber es ist nicht das Gemeine am Sprachgebrauch, woran die Erzählung zum Kunstwerk wird. Die Sprache muss erst erhaben werden, und jede Verehrung der Sprache ist Sache der Kunst. Was man national nennt, wird sich nie trennen lassen von dem, was man Literatur nennt.
Eine Nation lebt, blüht, stirbt und vergeht in der Sprache. Sie lebt nicht einen Augenblick länger, noch kürzer als die Sprache. Es hat keinen Sinn, von toten Völkern zu sprechen, solange ihre Sprache von lebenden Menschen verstanden wird. Es mag lebensfähige Stämme auf irgendwelchen Inseln geben, die somatisch, vital, sportlich genommen, alles in Schatten stellen, was unser angeranzter Kontinent heute erzeugt und erzieht, lebend sind diese Stämme deshalb doch nicht, nicht lebender jedenfalls als die großen alten Griechen, die geheimnisvollen, versunkenen Peruaner, die dämonisch deutenden Babylonier, die weisen toten Ägypter.

Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf

Das Wesen jeder lebenden Sprache ist eng verknüpft mit dem Wesen jeder Form und auch mit dem des Vorwurfes. Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf. Wer den Titel liest, sieht etwas vor sich, er sieht etwas dahinter, und Sache des Schöpfers ist es dann, dieses »Vor sich sehen«, dieses »dahinter blicken« dem Nachschöpfer (dem Interpreten), dem Leser klar und überwirklich zu machen.

Claude Lorrain (1604/1605–1682) - Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.
13(1604/1605–1682) – Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.

Wenn wir als Mitteleuropäer, als Menschen des Binnenlandes nicht gewohnt sind, angesichts des Meeres zu arbeiten und zu feiern, zu wachen, zu altern und zu sterben, und wenn wir dennoch die Leiden, die Fahrten und Glücksaugenblicke eines Odysseus begreifen, was bedeutet das anderes, als dass nun lange nicht mehr der Stoff, das Thematische, also auch nicht das im engen, körperlichen Sinn Nationale an der Odyssee ergreift, ängstigt und beglückt, sondern nur das »Hinter-den-Dingen«, das außer und unter dem Meere liegende.
Nicht das Offensichtliche, nicht die Materie, nicht der Vorwurf sind es, nicht das entwickelte Knäuel, das doch nur aus irdischen Fäden gewebt ist, sondern der Schicksalssinn, der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen den stolzen Geschicken vor Troja und der schmachvollen Verkleidung des heimkehrenden Dulders als Schweinehirt, zwischen der kühn eroberten Fremde und der langen Pilgerfahrt, der fast verlorenen Heimat. Auch hier ist der Schluss kein Ende. Zwar ist alles im Sinne des restlos aufgerollten Knäuels und des geordneten Fadens scheinbar zu Ende: der zum Manne gereifte Odysseus ist alternd heimgekehrt, hat seine Frau wiedergewonnen, den Sohn in die Arme geschlossen, dem uralten Vater zu Füßen gelegen; nun ist er im Begriffe, inmitten der älteren und der jüngeren Generation in Frieden zu enden.

Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus's return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio's De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). "Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n'y en a que trois, qui n'ont qu'un seul trait carré."--Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720
Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus’s return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio’s De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). „Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n’y en a que trois, qui n’ont qu’un seul trait carré.“– Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720

Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne

So aber dichtet vielleicht Goethe, nicht aber der überirdisch vor Leben strotzende Genius Homers. Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne, der Schicksalssinn von Ebbe und Flut, von Gebären und Sterben ist in der Welt nicht zu Ende, wie sollte er in dem Kunstwerk zu Ende sein? Odysseus macht sich von neuem auf. Eine neue, unabsehbare Lebensdichtung hat er vor Augen, nämlich so lange zu wandern auf der wandernden Erde, bis er Menschen erblickt, die sein auf der Schulter getragenes Ruder nicht kennen und als Schaufel ansehen. Jetzt erst ist der Vorwurf überwunden, die menschliche Welt, die menschliche Beziehung hat sich aufgelöst in einer übermenschlichen Wirklichkeit. Hier erst bewährt sich hohe Kunst.

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus • Ein Gedankengang

Janosz Rehbaum • Die Kunst des Erzählens über die Kurzweil hinaus

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Noch bevor ein Kind die gesprochene Sprache verstehen gelernt hat, beginnt es zu erzählen. Der zahnlose Greis, der nicht mehr fähig ist, neues zu lernen, neuen Sinn zu erfassen, kann dennoch vom Erzählen nicht lassen; mit schmal gewordenen, blassen Lippen murmelt er Undeutliches;. Wenn aber jemand diese Worte als zu verstehen vermag, dann kann er meisterhaft Erzähltes aus einem Munde aufnehmen, der sonst scheinbar von allem Leben, aller Liebe abgewandt ist. Denn einem Geiste, längst dem tätigen Dasein entfremdet, kann immer noch eine klare, reine Quelle entspringen; das Gedächtnis, dem die jüngsten, wirklichsten Ereignisse entgleiten, hält immer noch die ältesten Bilder in unzerstörbarer Treue und Liebe fest.
Überwiegend ursprünglich lebende Völker, wie Südseeinsulaner, Eskimos und Lappen, haben die Erzählkunst schlechthin vollendet. Dagegen sind viele gebildete, geistig hochstehende Menschen kaum in der Lage eine kleine, schlichte Erzählung zustande zu bringen. Können sie es aus dem Grund nicht, aus dem pubertierenden Jungen das Malen und Zeichnen verlernt haben, das ihnen mit vier Jahren, zum Staunen aller Erzieher, wie durch Gnade angeboren schien?

market-1154999_640Wir dürfen annehmen, dass ein jeder Mensch »von Natur« erzählen kann; schließlich machen es uns Babys bereits vor. Daher dürfen wir auch annehmen, das Erzählen nur verlernt wird. So wie der vierjährige Knabe das Malen „vergessen“ hat.
Hört man den Marktbeschickern unter dem Baldachin ihrer Schirme zu, wie sie sich die Zeit der Marktstunden mit Gesprächen vertreiben, oder lässt man vor Gericht dem Angeklagten, dem Zeugen, besonders aus den eher „bildungsfernen“ Schichten, freien Lauf mit ihren Berichten, ihren Ausbrüchen, Eindrücken und Abenteuern, da hört man oft das Leben selbst sprechen. Werden aber diese Menschen aufgefordert, das eben in voller Blüte Erzählte nieder zu schreiben, dann ergibt sich meist nichts anderes als ein flaches, gefühlsduseliges, ödes Seemannsgarn.
Es scheint, da
ss der Grad der Naivität entscheidet. Naiv, also absichtslos, ohne Rücksicht auf den Zuhörer und bisweilen ohne Rücksicht auf den Sinn, erzählt nur das Kind. Das Kind und der „Native“ haben reine Freude am Klang, am Lärm, an dem fragenden Zögern, an der aufreizenden Pause, am ruhig weitergezogenen, drei- und unendliche mal wiederholten Pendelschlag der Erzählung. Die Freude des Greises ist dagegen etwas wehmütig. Er empfindet den Durst, nochmals zu leben, in dem Augenblicke, da er nochmals sich reden hört. Er erzählt, solange er atmet. Solange er atmet, solange lebt er.

[avatar user=“JonasRehbaum“ size=“medium“ align=“right“]Janosz Rehbaum wurde in Breslau geboren, wuchs aber in München auf. Er studierte Germanistik & Philosophie in Heidelberg und Tel Aviv und war lange Jahre zu Forschungszwecken für das Goethe-Institut in diversen Ländern unterwegs. Seit 2009 lebt er in Bern, Schweiz. Janosz Rehbaum betreibt dort ein kleines Antiquariat und arbeitet als Sachverständiger. Einer seiner Lieblingsfilme ist „Die neun Pforten“ und wünscht sich immer mal wieder auch ein solches Leben zu führen. Allerdings ohne die Unmengen von Alkohol. In seiner Freizeit widmet er sich dem Paragliding.[/avatar]

Sollte man nicht annehmen, jeder Mensch könne wenigstens einen guten Bericht schreiben, nämlich den des eigenen Daseins und Dagewesenseins? Aber es sind autobiographische Bücher von Wert noch größere Seltenheiten als wertvolle Bücher überhaupt.
Es
muss also doch eine eigenartige Kunst des Erzählens geben. Oder es muss die angeborene, und wieder verlernte Kunst des Fabulierens aller Bildung, allem Schulwissen zu Trotz, wiedergefunden werden können. Man muss erzählen, naiv wie ein Kind, wissend und im Feuer geläutert wie ein Greis, aber das alles mit dem glühenden Glauben des Pubertierenden und der großen, ruhigen, tragenden Kraft des Mannes und der Frau. Die Vereinigung dieser Eigenschaften ist so selten wie die Vollendung überhaupt bei allen irdischen Kunstwerken. Regeln und Gesetze gibt es nicht.

Sich gerecht verteilen macht hier den Meister. Wer sich selbst zu sehr lauscht, der reißt wohl sein Werk von der Erde los, aber je höher er steigt, desto blendender, feuriger muss das Werk leuchten, sollen die Strahlen dann noch das Gewölk der Materie, den harten Kern des Wortes durchbrechen, um über Zeiten, über Zonen heraus zu wirken.
So sind Achill und Odysseus nicht einfach Figuren einer beliebigen Mythologie. Es sind Grundformen des menschlichen Wesens überhaupt, es ist
die Welt Heranwachsenden in Achill und die des Mannes in Odysseus. Ob nun ein einzelner oder ein Volk diese Gestalten mitentwickelt hat; sie sind nicht aus der Beobachtung einer fremden Welt entstanden, sondern dem Strom des eigenen Daseins entsprungen, dem Überfluss einer zweistromigen, einer umfassenden Seele.

 

Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert
Handschrift F 205 der Biblioteca Ambrosiana in Mailand (Ilias Ambrosiana) mit Text und Illustration der Verse 245–253 des achten Buches der Ilias aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert

Und sind die Buchstaben der homerischen Gedichte heute so weit verblasst, dass wir nicht mehr wissen, wie sie geklungen haben, hat sich der Sinn der homerischen Welt auch so weit verändert, dass uns die Worte Sieg, Tod, Kampf, Meer und Irrfahrt, Troja und Penelope ganz anderes bedeuten, als sie dem Schöpfer dieser Werke und ihren ersten Hörern bedeutet haben – so strahlt doch, eben über die Zone der griechischen Küste, über die Zeiten der heroischen Kämpfe, das Werk und mit ihm seine Helden, seine Meister. Denn was Homer gezeugt, getötet, lebendig gemacht, was er geschmäht und gerühmt hat, das geht tiefer als sein Gegenstand, es besteht länger als der Stein, aus dem seine Statue gebildet war.

Ganz dem Zuhörer hingegeben sein, nur mit dessen Zunge zu reden, mit dessen Vernunft zu denken, mit dessen Waage zu wägen, das macht ein Werk verständlich, eingängig und einheitlich. Solch ein Werk widerspricht sich nie. Aber so erzählen, wie der Durchschnitt der Menschen denkt und bewusst erlebt, das heißt: überhaupt nicht zu erzählen. Mit Rücksicht auf die Masse und deren Auffassung, Fassungskraft und schnell verflogener Liebe erzählen heißt, mit einem Pinsel in fließendes Wasser schreiben. Ganz ohne Sinn ist auch dies nicht. Es ist ein Geschäft, ein Beruf, und wenn man daran denkt, einer großen Anzahl von Menschen nach ihrer Arbeit und dem mühseligen Alltag ein wenig Unterhaltung zu gewähren, ist es sogar eine menschliche Berufung. In diesem Sinn soll man selbst den Kitsch nicht unterschätzen. Auch wenn es inzwischen schwerfällt, diesem zu entkommen.

iphone-926235_640Aber die Generation, aus deren Durchschnittsgefühl heraus dieser banale Erzähler erzählt, geht dahin. Schon die kommende Generation versteht die Existenz, geschweige den Erfolg solcher Werke nicht mehr, ja, man begreift nicht einmal, was die frühere Generation Schönes an diesen Werken gefunden haben mag.

Solche Werke sind so tot, dass man nie ermisst, wie sie je lebendig gewesen sein sollen. Es ist nur der mechanische Abdruck, der Restbestand der Massen darin, das Gestaltlose, künstlerisch Unerfassbare, das nie Organismus geworden ist und doch auch längst die Unschuld des rohen Stoffes eingebüßt hat. In diesem Sinne sind es traurige Momente der irdischen Vergeblichkeit, beschämend für den Sinn ihrer Zeit.

Was wird aus der Literatur wenn der Wahnsinn fehlt? – Eine Kolumne von Jonas Rehbaum

Historische Fotografie - Künstler und Opfer unbekannt

Etwa 200 Jahre ist es her, da schimpfte Goethe auf die Romantiker und nannte ihre Werke „Lazarett-Poesie“. Sie sei kränklich, kraftlos und sie erschien ihm irgendwie irrsinnig.

Und in der Tat: Clemens Brentano schmuste mit seinem „Bruder“ Wahnsinn, Novalis ersann eine komplette Krankheitsphilosophie, Hölderlin schrieb im Wahn seine „Turmgedichte“, Friedrich Schiegel spielte mit seinem „Igel“ (also dem Fragment) und predigte die Ironie, und E.T.A Hoffmann stürzte sich in ein Doppelgängertum, auch „chronischer Dualismus“ genannt, und ließ die Narrheit als „wahre Geisterkönigin“ mit einem „glühenden Lockeneisen“ die Gedanken krümmen.

Was passierte da? Zu eng waren dem romantischen ICH die Konventionen des Spießbürgers, zu beschränkt die Ästhetik des Bürgerlichen, zu trocken die vernunftgesteuerte Aufklärung: und so ein phantastisches Sich-Sehnen, ein Weinen, ein Klagen, aber auch ein Lachen, der Suff, ein Tollen und Raufen ein, um Freiheit vom Korsett zu erlangen.

Der Wahnsinn
Die deutsche Romantik war zugleich die Wiege der literarischen Moderne: Charles Baudelaire verdanken wir die Ästhetik der Fäulnis; er liebte zudem die groteske Komik Hoffmanns. Der Lyriker Guillaume Apollinaire übersetzte Brentano. Auch die französischen Surrealisten beriefen sich auf die deutsche Romantik. Der romantische Wahnsinn als Statthalter der Phantasie und Improvisation war eine mächtige Kraft, die bis in dieses Jahrhundert hinein wirkte.

Dann erwachte in Deutschland ein ganz anderer, alles vernichtender Wahnsinn: der Nazi-Wahn. Nach dem Krieg war es vor allem für die Deutschen unmöglich, romantische Lieder anzustimmen. In den nachfolgenden Jahren, bis in die 1980er hinein, war Politik ein zentrales Thema der Literatur. Dann hat sich der romantische Wahnsinn zurückgemeldet. Man denke an Rainald Goetz mit deinem Werke „Irre“ oder die Werke des Österreichers Thomas Bernhard. Dort findet sich ein letztes Auflodern moderner Subjektivität; ein letzter Versuch zu schockieren und zu irritieren.

Und heute? Heute hat der Wahnsinn ausgedient und kommt wahrscheinlich auch nicht wieder. Die Perversionen, die sich im Internet finden, die Pornografie, der Horror, haben die literarischen Irritationen verschluckt. Der Irrsinn ist kein Provokateur mehr, sondern lediglich fruchtloser Bestandteil der Massenkultur.
Wo die Kunst des Wahnsinns sich noch einmal ereignet, da gehorcht sie – so scheint es zumindest – dem Gesetz des Marktes. Was auch für die stetig wachsende Zahl der Selfpublisher gilt. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der fortwährende Diskurs um Psychotherapien und die – empfundene – Normalität der Therapiebedürftigkeit der Provokation Wahnsinn das Wasser abgegraben hat.

Wenn nun mit dem Wahnsinn auch die Inspiration des modernen Subjekts ausstirbt, was wird dann überhaupt aus der Literatur? Wird sie nur noch aus „potentiellen“ Drehbuchvorlagen für die Masse und postmodernen Sprachspielen für einen kleinen Kreis bestehen? Es sieht danach aus. Leider.