Kategorie: Kolumnen

Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt

Diesen Satz schrieb ich in mein Notizbuch; irgendwo hatte ich ihn aufgeschnappt.

Was ist überhaupt dem Prozess der Abnutzung ausgesetzt?
Abgenutzte Kleider? Autoreifen? – Soweit klar. Und sonst?
Abgenutzte Geschichten? Herzen? Seelen? 

Beim Herumstöbern zum Wort Abnutzung habe ich nachfolgendes bei Friedrich Maximilian Klinger in seinem Schauspiel Die neue Arria gefunden. Donna SOLINA sagt hier:

… Ich wollte einem abgenutzten, philosophischen Herzen mehr Vertrauen, Unternehmen und Stärke eingehaucht haben, als dir fieberhaften, eingebildeten Schwärmer. Ich seh’s Solina, es ist keiner für dich, du pflanzest es keinem ein. Alle Männer einem falschen Instrument gleich. Zieh Saiten auf, wie du willst, sie antworten dem angeschlagenen Ton nicht. Im Innern liegt’s. Schnarr! Schnarr! da fällt’s zusammen, was vor so harmonisch klang. Ha! der Junge spielte eine Komödie mit mir! Er hat den Plutarch im Fieber gelesen, nun glaubt er sich inspiriert. O du großer Mensch! Komm! leg die Maske ab! Verleugne dich nicht weiter! Wo ist der Julio, der mich sonst so gut verstund?

Friedrich Maximilian Klinger | Jugendfreund Goethes. | 1775 Kreidezeichnung von Goethe.

Friedrich Maximilian von Klinger (* 17. Februar 1752 in Frankfurt am Main; † 25. Februarjul./ 9. März 1831greg.in Dorpat, Estland), war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Drama Sturm und Drang wurde namensgebend für eine ganze literarische Strömung. | Die neue Arria (Ein Schauspiel) – Erstdruck: Berlin 1776 (August Mylius). Zitat aus: [3. Akt | 2. Szene]

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Ein anderes Beispiel:

Manche Männer gehören der Liebe, manche waren der Soundtrack einer Romanze, und ja, sie alle werden dosiert, damit sie sich nicht abnutzen, gerade die süffigen. [AutorIn unbekannt]

Und dann wieder der Satz: Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt. 
Wie mag diese Abnutzung ausgesehen haben?

Pauls Tagebuch | komplex einfach

lichtes, sonnenlicht
eis laufen
nie verlerntes
die postbotin, meine nase
aus der übung heraus: kopf abschalten
quer lesen, drüber lesen, lesen
die komplexität des einfachen
zähne, knirschend
märchenstunde
grün, sommersprossen
„ausgeprägte kulinarische zone“
xploding plastix: amateur girlfriends go proskirt agents
gedanken entrümpeln
licht

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

LICHT TON BEWEGUNG unserer Zeit

Tanzt die Zeit, tut sie es zu einer Musik, wie wenn ein Kran einen Stapel Wellblech von einem Lager aufs andere hinüber wirft. Der Rhythmus ihrer Ausgelassenheit ist knarrend, stampfend, kubistisch, wie farbig rieselnde Lichtreklamen, Glieder verrenkend, aufreibend Scham an Scham. Ein  sich Bauch an Bauch pressender, geiler, morbider Tanz.

Die Nüstern dieser Zeit stehen weit offen, als röchen sie amor & indifférence aus dem Flakon, den Schweiß, das saure Aufstoßen in den Bars, das  fatale prickelnde Odeur der sich rasch ausbreitenden absynthfarbigen Wolke. Mechanisch & polternd schiebt sich diese, unsere Zeit voran.

Die Basis zu diesem Tagebucheintrag bildet ein Text von Arthur Holitscher in seinem Narrenbaedeker.

Vom Lesen | Was uns selbstverständlich erscheint

Lesen und schreiben können — das ist für uns etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wir haben ja längst vergessen, dass wir alle auch einmal Lernende waren, mit unserem ersten Lesebuch, mit der „Fibel“, die freilich mehr Bilder als Buchstaben enthielt. Die ersten Bücher unserer Kindheit — lange noch vor der Schulzeit — waren Bilderbücher, herrlich bunt und aus guten Gründen möglichst unzerreißbar, und mit diesen Bilderbüchern ist jeder von uns den jahrtausendealten Menschheitsweg noch einmal gegangen: vom Bild zum Schriftzeichen oder Buchstaben, vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Satz, zur Buchseite, zum Buch. Wunderbar, all die Bücher, aus denen man uns bisher nur vorgelesen hatte, nun selber lesen zu können — den Struwwelpeter und Max und Moritz, die Sagen und Legenden, und natürlich vor allem die Märchen, die immer so verheißungsvoll anfingen: Es war einmal…

Ja, und nun können wir also lesen und schreiben — und wir sollten froh und dankbar sein, dass wir die Möglichkeit hatten, es zu lernen! In der indischen Hauptstadt New Delhi zum Beispiel — ebenso wie in Damaskus, Istanbul, Teheran und anderen Städten des Orients — sitzen noch heute auf dem Markte die „Schriftgelehrten“, dicht umlagert von den „Analphabeten“, den des Lesens und Schreibens Unkundigen, die sich hier gegen klingende Münze ihre Briefe vorlesen und auch beantworten lassen. Und als vor wenigen Jahren in Ägypten die ersten allgemeinen politischen Wahlen stattfanden, da waren die Stimmzettel mit verschiedenen Bildsymbolen bedruckt, deren Bedeutung von Mund zu Mund verbreitet wurde; denn mit einem Stimmzettel, der nur Schrift aufwies, hätte die ägyptische Landbevölkerung wenig anfangen können. Nicht viel anders ist es im Süden Italiens, auf Sizilien etwa, wo bei der Volkszählung immernoch ein Drittel aller Erwachsenen sich als „Analphabeten“ bekennt. Kein Wunder also, dass man in den Wohnstätten der Sizilianer mehr Rundfunk- und Fernsehgeräte findet als Bücher und dass eine Unterschrift oft nur aus drei mühevoll hingemalten Kreuzchen besteht . . . Und aus den USA, deren Bevölkerung noch 3 % Analphabeten aufweist, berichtete der große deutsche Physiker Albert Einstein ein hübsches Erlebnis: Auf einer Eisenbahnfahrt bemerkte er mit Schrecken, dass er seine Brille zu Hause vergessen hatte, und bat deshalb den farbigen Zugschaffner, ihm eine Stelle aus dem Fahrplan vorzulesen. Der antwortete sehr höflich: „Tut mir schrecklich leid, mein Herr — aber ich kann a u c h nicht lesen . . .“

In Deutschland ist das Analphabetentum schon seit Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig ausgemerzt. Das erste deutsche „ABCBuch“ erschien 1544, also kaum ein Jahrhundert nach Erfindung der Buchdruckerkunst, und hundert Jahre später, nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, gab der Nürnberger Drucker und Verleger Comenius „zum Gebrauch der kleinsten studierenden Jugend“ ein reich illustriertes Jugendlehrbuch heraus: „Die Welt in Bildern“, dessen Titelblatt einen „aufgeweckten“ Hahn zeigte, mit dem Leitspruch : Studiere fleißig spät und früh — sei munter wie der Kikeriki… Im Wandel der Jahrhunderte haben freilich auch die Lehrmethoden des Leseunterrichts mancherlei bedeutsame Entwidmungen erfahren. Während man früher das sogenannte „synthetische“, das vom Einzelbuchstaben her aufbauende Verfahren anwandte, hat sich inzwischen das „analytische“, das ganze Wort auflösende Lehrverfahren durchgesetzt. Diese „Ganzheitsmethode“ geht nicht vom Einzelbuchstaben, sondern vom Wortganzen aus, ja eigentlich vom gesamten kindlichen Lebenskreis; sie entspricht dem — unbewussten — System, mit dem jede junge Mutter ihr Kind sprechen lehrt.

Mit dem Erkennen von Buchstaben und Wortbildern ist es allerdings noch längst nicht getan. „Die guten Leutchen wissen ja nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre.. .“, bekannte Goethe auf dem Gipfel seines Ruhms, und wollte damit sagen, dass „Lesen“ eben eine Kunst ist. Zur Beherrschung dieser Kunst hilft uns Goethes Wort, dass ein Blick ins Buch und zwei Blicke ins Leben erst die rechte Mischung ergeben.

Mir träumte letzte Nacht…

Mir träumte letzte Nacht, wir konnten fliegen.

Beim Erwachen verschafft sich der Gedanke Raum: Lebe Deinen (diesen) Traum.

Fest steht: Schön war er, der Traum.

Foto: Ryan McGuire

Und dann fällt mir das nachfolgende Gedicht von Christian Morgenstern ein – auch wenn es so gar nichts mit dem Traum zutun hat:

Der Vogel Strauß steckt, wie bekannt,
den Kopf gern in den Wüstensand.
Zumal, wenn ihm Freund Burrmann naht
mit seinem Knipsknaps-Apparat.
Doch Klaus, gewitzigt und gewandt,
erbaut sich unterm Wüstensand
ein Zimmer, ganz mit Glas gedeckt,
worin er sich voll List versteckt.
Auf dessen Decke türmt er drauf
aus Sand ein künstlich Berglein auf
und höhlt es innen aus, daß man
von unten her hineinschaun kann.
Gerannt kommt nun der Straußenvogel
und sieht von fern den Diener Mogel,
den er für Burrmann selber hält.
„Ha!“ denkt der Strauß, „du wirst geprellt!“
Und macht sich unsichtbar wie immer –
grad über Onkel Burrmanns Zimmer.
Doch eh er sich noch sagt: „Wie dumm!“ –
da blitzt schon das Magnesium.
Er sperrt nur noch den Schnabel weit …
da ist er auch schon konterfeit.
Klaus Burrmann und sein Diener Mogel,
sie haben nun den ganzen Vogel.
Den Kopf im Sande hat der eine,
der andere hat Hals, Rumpf und Beine.

 

Was zur Wahl steht oder auch nicht

Wie stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder fläzte sich in seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den Andern fern und jedenfalls anders als die Andern.

Eduard Graf von Keyserling, | Gemälde von Lovis Corinth | Neue Pinakothek, München | 1900

Wir schlossen uns voneinander ab. Was wusste der Handwerker von dem Akademiker, der Landwirt vom Beamten, der Künstler vom Bundeswehrsoldaten? Sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale Brücken zu den Inseln der Andern führten. Dass wir eine Gemeinschaft waren, wussten wir, zuweilen war der eine oder der andere stolz darauf. Den Meisten jedoch war die Bundesrepublik Deutschland ein politischer Begriff oder lediglich Ordnungsmaschine für all die Individualinteressen der deutschen Allgemeinheit.

Und jetzt in diesem Augenblick, jetzt plötzlich denken viele von uns einen Gedanken, fühlen eine Leidenschaft, haben einen Willen. In dem differenziertesten wie in dem einfachsten Menschen erwacht etwas, das sie einander gleich macht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen sie einander, als hätten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen und fänden sie nun wieder.
Wir fühlen uns als ein Volk. Und der Deutsche entdeckt, dass dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische Kraft ist, etwas ganz Heißes und Lebendiges, etwas, das stark und einfach macht.

Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Unruhe geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzelnen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Mitmenschen. | Was zur Wahl steht oder Traum bleibt.

Gedanken, inspiriert durch Eduard Graf Keyserling

Geld ist auch nur bemaltes Papier

Der Satz, den der Liebhaber einer guten Freundin beiläufig aussprach, und bei dem ich natürlich an das Falsche dachte, als er sagte:

Geld ist auch nur eine Art Papier, wenn auch eine andere: Banknoten sind wie jenes Papier, auf das man male oder schreibe.

Diese Behauptung hätte mich gewiss nicht so lange irritiert, wenn ich gewusst hätte, dass der Mann Maler ist. Was mich zusätzlich irritiert: was soll ich daran jetzt ernst nehmen: die Beschreibung oder meine eigene Vorstellung von Geld?!

***

William Michael Harnett (1848 – 1892) war ein Irisch-Amerikanischer Maler. Bekannt wurde er für seine illusionistische Malerei von gewöhnlichen Objekten.

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen

Wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen; dieses Phänomen von Licht, Herzenswärme und Kraft. Tragendes Element wie die Luft für den Drachenflieger, das Wasser für den Schwimmer.
Ein abstrakter Zweifel, der Beweis und Logik verlangt, hindert mich zu glauben – selbst dies. Hindert mich, dies in Fachtermini zu einer Interpretation des Realen auszubauen. Doch mich treibt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Hier und Jetzt, in Wort und Taten Meditierenden, im unantastbaren Willen Lebenden.

Die Welt ist für uns unmessbar | das Leben unfassbar

Karl Blossfeldt -Zylinder
Karl Blossfeldt -Zylinder

Unübersehbar liegt die Unendlichkeit des Raumes und die Ewigkeit der Zeit vor unseren Sinnen. Aus nächtigem Dunkel taucht der Anfang und die Vorzeit, in nächtiges Dunkel verliert sich die Zukunft und das Ende. Aber die kurze, uns übersichtliche Strecke dazwischen teilt, misst und schätzt der Mensch genau nach Maßen, die er selbst geschaffen, aus dem Ungemessenen gerissen hat, nach Metern, Kilometern, Meilen, Erdbahnhalbmessern, Sternweiten; nach Sekunden, Stunden, Tagen, Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden, Äonen, bis er den Atem verliert und zu messen aufhört, und die Unermesslichkeit beginnt.

Und genau so unübersehbar wie die Bahn zwischen woher und wohin liegt vor dem Menschen die zwischen warum und wozu. Das selbstgemachte Maß aber, womit er hier die seinen Maulwurfsaugen übersichtliche Strecke misst, das ist der Zweck! Bis er den Atem verliert, der Zweck! Er kann nicht anders, er muss messen und den Atem darüber verlieren. Und wie er vor dem Begriff der Unermesslichkeit und Unendlichkeit stehen bleibt, wenn seine Äonen und Sternweiten ausgegeben und verbraucht sind, so steht er am Ende auch hier vor dem schauerlichen Begriff des Unbezweckten und Zwecklosen, wenn er mit seinen Zwecken und Aberzwecken ausgemessen hat.

Die Welt ist eben für uns unmessbar und das Leben unfassbar. Sie zu messen und zu fassen geht der junge Mensch aus, und mit dieser Erkenntnis steigt der greise Denker ins Grab.

Karl Blossfeldt | Büschelkraut; aus: „Wundergarten der Natur“ (published 1932)

Und um sein Grab stehen Toren und fragen: wozu also die ganze Mühe dieses Lebens? Was der Zweck und wo das Ziel? Das tote Gehirn da drunten aber würde antworten: Menschenkinder, wozu die Frage nach Zweck und Ziel? Ich habe meine Arbeit getan und – damit genug! Ich ging aus gen Osten, und kehrte von Abend zurück; ich stieg senkrecht in die Höhe durch die Unendlichkeit und kam lotrecht von unten wieder herauf; ich warf mich in den Strom der Zeit und floss und floss mit ihm, seine Mündung ins Meer zu ergründen, und kam nach einer kleinen Ewigkeit wieder zur Uferstelle geflossen, von der ich hinein gesprungen; und scharfsinnig und unerbittlich wahrhaftig klomm ich am Faden der Logik dem verborgenen Zweck, dem unbekannten Ziel nach, und wie es vor meinen Augen hell wurde, stand ich wieder vor der Türe des Labyrinthes, durch die ich eingetreten war, und konnte des Fadens Ende an den Anfang knüpfen. Von jedem Ding wusste ich den Zweck und von jedem Schritt das Ziel – aber das Ganze war ohne Zweck und ohne Ziel: wenn ich’s mit meinen Sinnen und meinem Verstande messen wollte. Lasst mich nun von der Wanderung ausschlafen – vielleicht kommt mir’s im Traum.

Kalr Blossfeldt – Collage

Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

Zustände sind das | Von Durstfrei, Jägersoße & Hühnerstil

Der Tag, an dem meine Welt zu einer anderen wurde, begann damit, dass meine Frau und ich ausgiebig frühstückten. Mit Croissants und Lachs und so. Nach dem opulenten Mahl bemerkte ich beiläufig, dass ich satt sei und keinen Bissen mehr herunter kriege. Ich wollte nach der Zeitung greifen, um mich in der Welt zu orientieren – am Abend hatte ich das Spiel des FC Bayern München verpasst -, als meine Frau erklärte, sie habe genug getrunken und sei nun nicht mehr durstig. «Welches Wort beschreibt diesen Zustand?» fragte sie und sah mich prüfend an. «Nun», sagte ich geistesabwesend (ich wusste immer noch nicht, wie die Bayern gespielt hatten!), «wahrscheinlich spricht man in diesem Zusammenhang am besten von <durstfrei> oder <durstlos>; auch die Kreation <odu> könnte ich mir gut vorstellen.»
Ich war zufrieden mit mir und wollte mich endgültig den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Meine Frau aber widersprach: «Nein! Die deutsche Sprache kennt kein Wort für das Gegenteil von <durstig> analog zu <hungrig-satt>.» Meine Frau bevorzuge die Worte «quell» und «losch», wenn auch die indogermanische Wurzel «leuk» durchaus in Betracht zu ziehen sei. «Du also bist <satt>, erklärte sie abschließend, «und ich bin <quell>.»
Verwirrt, aber noch ungebrochen machte ich mich auf einzukaufen. Ich sagte der Dame im Lebensmittelgeschäft, dass ich eine Hühnersuppe brauche, eine, die wirklich nach Huhn schmecke. Die Verkäuferin schien beleidigt: «Selbstverständlich schmecken unsere Hühnersuppen nach Huhn, der Name sagt es ja schon aus!», erklärte sie. Während sie sprach, bemerkte ich in der Auslage Jägersoßen. Es sollten doch nicht etwa…!? Die Verkäuferin sah mein Befremden und beruhigte mich. Der Name «Jägersoße» meine «im Jägerstil», so wie es Jäger eben gerne mögen würden. Ich war unsicher: Wer garantierte mir, dass nicht auch die Hühnersuppe nur im Hühnerstil schmeckte, so wie es Hühner eben gerne mögen?
Gedanken versunken verließ ich das Geschäft. Ein Konfirmand hatte unsere Diskussion im Laden gehört und sprach mich an: Er habe mich fragen wollen, weshalb es eigentlich «Katholikentag» heiße und «Bischofskonferenz». In beiden Fällen seien doch mehrere Personen gemeint; ihm leuchte nicht ein, weshalb im einen Fall die Mehrzahl und im anderen die Einzahl verwendet wurde: «Das, ähm, hat mit Dogma zu tun», stotterte ich, «und mit dem Papst.» Ich war konsterniert. Was ist das für eine Welt, in der nicht einmal mehr auf die Sprache Verlass ist?
Während ich verzweifelt um mich blickte und in dieser, unserer, wahnwitzigen Welt irgendwo Halt suchte, klangen  mir noch die Worte in den Ohren, die mir jener Schüler zum Abschied zurief: «Don’t worry! See you!» – «Vielleicht», flüsterte ich ergriffen, «ist das die Lösung für die Unzulänglichkeiten der Sprache: Die Ergänzung des Deutschen durch Englisch.»
Für einige Sekunden schien die Zeit stillzustehen. Doch dann hob ich an und sprach: «Manchmal, du tust nicht verstehen, auch nicht. Aber wenn die Probleme von der Sprache sind machen einsam dich, tue nicht hängen herum. Vielleicht du kennst ein Ort zu gehen zu wo sie verstehen dich. Das ist tröstlich, ist es nicht?»

Pauls Tagebuch | Mein Verhältnis Kirche/Gott/Staat/Ich

Diesen Eintrag fand ich bei der Durchsicht, auf der Suche nach dem Titel eines Kunstwerkes. Obwohl ich die Notizen in den 1980er Jahren niederschrieb, haben die Gedanken nicht an Aktualität verloren, wie sich den beigefügten, aktuellen, Fragen erkennen lässt. Sie betreffen sowohl die Kirche als auch meine damalige politische Aktivität in der SPD; auch von letzterer habe ich mich inzwischen enttäuscht abgewendet. Und oft kommt mir es so vor, als sei die Kirche und ihr Einfluss auf mein Leben, nur noch am Erkennen des Glockengeläuts messbar.

Paul Klee – Der Mensch ist der Mund des Herrn – 1918

Niederschrift eines Gesprächs mit Rudolf P. [Historiker] — aus der Erinnerung & vervollständigt. Unsere Rhetorik war im Nachhinein interessant:
Sie standen wohl sehr unter dem Einfluss Ihrer Mutter, die Sie katholisch erzog, oder? Wie kam es, dass Sie sich später, wie Ihr Vater, politisch links orientierten? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?
Ja, es gibt eine Schlüsselepisode. Wie wohl fast immer, hatte bei mir die Mutter in der Erziehung den größeren Einfluss. Aus einer alten katholischen Bürgerfamilie stammend – in der Nazizeit als Geisel inhaftiert, hatte sie unter den meist kommunistischen mitgefangenen Frauen den Namen die „heilige Johanna“ – wollte sie, dass ich eine Konfessionsschule besuchte, während mein Vater mich in die konfessionsfreie schicken wollte. Meine Mutter weigerte sich. Als mein Vater mit dem Lehrer der konfessionell nicht gebundenen Schule mich morgens auf den Schulweg bringen Wollte, trafen sie mich, im Nachthemd mit der Waschschüssel als Wurfgeschoss im Bett stehend, assistiert von meiner Mutter, bereit zum ersten großen Kulturkampf meines Lebens.

Es war also nicht nur ein Sclılüssel~, sondern auch ein Schüsselerlebnis. Wie ist es ausgegangen?
Meine Mutter und ich gewannen, und ich ging in die katholische Gymnasiastenbewegung „Neudeutschland“, der ich eine gute Erinnerung bewahre.
Mein Elternhaus war eine typisch rheinische Arbeiterfamilie jener Zeit. Meine Mutter sehr konservativ-traditionell erzogen und zeit ihres Lebens politisch nicht interessiert, in der Hitlerzeit aber außerordentlich tapfer; mein Vater, sehr aktiver
Sozialdemokrat und Gewerkschafter, wohl Mitglied der katholischen Kirche, aber so wie das Max Weber einmal von sich gesagt hat: „religiös unmusikalisch“.
Bei uns zu Hause wurde die „Rheinische Zeitung“ gelesen, die von Karl Marx gegründete älteste sozialdemokratische Zeitung, in der Weimarer Republik von Wilhelm Sollmann im Sinne einer reformerischen Sozialdemokratie redigiert.

Darf ich Sie in diesem Zusammenhang fragen, warum es zum Bruch mit der Kirche kam?
Dafür gibt es kein Datum, denn dem liegt nicht ein Ereignis zugrunde, sondern ein Prozess. Es war ein Prozess des Nachdenkens über dogmatische Glaubensinhalte, die ich nicht mehr zu glauben vermochte; des kritischen Beobachtens der Stellungsnahmen der Kirche in sozialen Auseinandersetzungen jener Zeit und des Bemühens so vieler gewichtiger Kräfte der Amtskirche, sich mit den Nazis in einem modus vivendi zu arrangieren. Sicher versucht die Kirche das kleinere Übel zu wählen, um kirchliches Leben weiterhin möglich zu machen. Mich haben diese politischen Fehlentscheidungen, die ja auch von vielen kirchentreuen Geistlichen und Laien genauso empfunden wurden, als jungen idealistischen und kompromisslosen Menschen sehr beeinflusst. Zudem haben mich die Erzählungen meiner Mutter geprägt, die von den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, auf Grund ihres Engagements für die Kirche und der fehlenden Unterstützung durch die Würdenträger der Kirche.
Heute, wo ich sehr viel klarer zu unterscheiden vermag zwischen dem Doppelcharakter der Kirche als einer Institution, die einerseits ewige Heilswahrheiten zu verkünden beansprucht, andererseits in weltlichen Entscheidungen der Fehlbarkeit aller menschlichen Einrichtungen unterliegt, würde ich sagen, dass die Konsequenz meiner persönlichen Entwicklung mich aus meiner Kirche hinausgeführt hat.

Wie stehen Sie heute zu den Kirchen?
Man muss die Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft unabhängig davon sehen, was sie einem für das eigene persönliche Leben bedeutet. Ich habe nie jemandem, der ratsuchend zu mir kam, den Ratschlag erteilt, sich von seiner Kirche zu trennen, auch wenn er sich wegen einer gesellschaftlichen oder politischen Entscheidung der Amtskirche mit ihr überworfen fühlte. Auch nicht wegen des parteiischsten Hirtenbriefs zu einer Wahl! Für einen solchen Schritt kann allein das Verhältnis des Einzelnen zu den Glaubensinhalten entscheidend sein. Und dies
ist eine Gewissensentscheidung in der tiefsten Bedeutung dieses Begriffs.
Ich habe immer wieder deutlich zu machen versucht, dass keine weltliche Einrichtung dem gläubigen Menschen das zu ersetzen vermag, was ihm die Kirche sein kann. Keine Partei oder sonst irgendeine Institution kann dem nach letzten Begründungen seines Lebens suchenden Menschen ein Ersatz für die Kirche sein. Außer, er findet diese letzten Antworten in nichtkirchlichen weltanschaulichen oder philosophischen Begründungen. Eine Partei z.B. entscheidet aus vorletzten Werten, in denen sich die weltanschaulich offene und Weite, zu Tolerierung und Respektierung unterschiedlicher Weltanschauungen verpflichtete, politische Partei einig ist: Freiheit, Demokratie, Solidarität zum Beispiel. Aber darunter liegen, tiefer schürfend, letzte Fragen nach Sinn und Auftrag unseres Lebens, auf die eine Partei keine Antwort geben kann, Fragen, die sich jeder Mehrheitsentscheidung entziehen.

Wie sehen Sie das Verhältnis Kirche/Staat?
W e n n die Kirche für viele Menschen das Fundament ihres Haltes in den Herausforderungen und Problemen des Lebens ist, so ergibt sich daraus eine Partnerschaft zwischen Kirche und Staat, bei gegenseitiger Unabhängigkeit und Unterschiedlichkeit ihres Selbstverständnisses und ihrer Aufgaben um der
Menschen Willen, für die beide verantwortlich sind. Wenn beide die Mündigkeit des Menschen respektieren, nicht Herrschaft über den Menschen beanspruchen, sondern Dienst am Menschen leisten, werden sie überwinden können, was sie aus der Vergangenheit gegeneinander misstrauisch gemacht hat. Ein Weg, der sicherlich noch über manches Geröll führen wird.

Zypern | Ayia Napa | Orthodoxe Kirche | Foto: Dimitris Vetsikas

Dazu ein paar Fragen auf denen ich immer wieder „herumkaue“; diese sind wie so oft inspiriert durch Max Frischs Fragebogen:

Was gefällt mir am Neuen Testament? Und was am Vorgänger?

Wem gehört Gott? Erlebe ich Gott als Eigentum jemandes?

Weiß ich, was ich brauche in diesem Kontext?

Wogegen bin ich nicht versichert? Und würde ich mich diesbezüglich vertrauensvoll an die Kirche wenden wollen?

Hoffe ich auf ein Jenseits? Jetzt? Nach meinem Ableben?

Würde Gott seine Stellvertreter auf Erden gutheißen, wenn er von ihnen wüsste? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Welchen Stellenwert hat DIE Macht emotional für mich?  Und in Bedrängnis?

Herr Bürger im „Silbernen Krug“ – Postfaktische Gedanken

Herr Spieß, Herr Bürger, Herr Wutmann und Frau Hassen gehen im „Silbernen Krug“ Bier trinken. Eine Kneipenszene, wie man sie überall antreffen könnte.

„Millionen Ausländer reinlassen, aber das eigene Volk vergessen“,
schimpft Herr Spieß am Stammtisch und setzt den Bierkrug an.
Ein Schaumbart bildet sich um sein ansonsten glatt rasiertes Kinn.
„Recht hast du. Und Terroristen kommen gleich mit“,
klagt Herr Bürger, der an der Theke neben ihm sitzt.
Er hat seine karierten Hemdsärmel hochgekrempelt,
zeigt stolz sein neues Tattoo auf dem Unterarm. Eine Deutschlandflagge.

„Haste ein neues Tattoo? Eigentlich mag ich das nicht, aber in dem Fall …“,
Herr Spieß schielt, ein wenig bierselig, auf Herrn Bürgers Handgelenk.
Er ist beeindruckt – so ein Tattoo, das würde er sich nicht trauen.
Das tut doch viel zu weh, und überhaupt, im Büro …
„Jepp. Wollte ein Zeichen setzen. Als Deutscher für unser Land“,
brummelt Herr Bürger. Er muss nun wahrscheinlich immer Langarm tragen.
Sonst bekommt er in der Werkstatt bald Ärger mit seinem Boss.
Sowas vertreibt die Kundschaft, heißt es. Als ob er diese Leute noch  bedienen wolle.

„Richtig so. Bald ist wieder Silvester. Hoffentlich nicht so ein Mist wie letztes Jahr“,
bemerkt Herr Bürger mit einem Blick auf den großen Kalender an der Wand.
„Aber erst Weihnachten. Noch … Wer weiß. Bald müssen wir Ramadan feiern.“
Herr Spieß schaut geradezu angeekelt drein. Nee, mit ihm nicht.
Deutschland ist immerhin ein christliches Land, findet er.
Wer unbedingt Moscheen bauen und zu Allah beten will, bitte schön.
Aber dann bitte auch nicht auf Kosten des üblichen Brauchtums. Nicht hier.

„Wenn irgendein dreister Islamist sich an meiner Frau vergreifen würde, dann …“,
Herr Bürger macht eine Handbewegung, als würde er etwas zerquetschen wollen.
Ihn wundert das Drama vergangenes Silvester nicht. Das sind Muslime.
Man hört ja oft  genug, dass bei denen eine Frau nichts wert ist, denkt er.
„Sofort abschieben sollte man diese Kriminellen von draußen. Aber es ist ja auf keinen mehr Verlass. Nicht mal auf die Polizei“, grummelt Herr Spieß.
„Und auf die Presse sowieso nicht. Reden alle Frau Merkel nach dem Mund, anstatt die Wahrheit zu sagen“, ergänzt Herr Bürger geradezu übereifrig.
„Aber wir schaffen das, ja ja!“, Herr Bürger verdreht die Augen.

Inzwischen drehen sich mehrere weitere Kneipenbesucher zu den beiden um.
Auch die Damen hinter der Theke schauen hin, unangenehm berührt.
Vom Nebentisch mischt sich Frau Hassen ein, die Herrn Spieß aus dem Büro kennt.
Frau Hassen hat ihren Job verloren – und seitdem einen Hass auf Asylbewerber.
Auf die Asylbewerberin, die eingestellt wurde, als ihr Vertrag auslief.
„Einen Scheiß müssen wir schaffen“, kreischt sie in Richtung Herrn Bürger,
„Die kommen mit Smartphones hierher und nehmen anständigen Leuten ihre Jobs weg.“

Frau Liebreich, die Wirtin des „Silbernen Krugs“, räuspert sich einmal hörbar.
Sie wendet sich peinlich berührt an die drei Gäste, die immer lauter geworden sind.
„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Worte manche Gäste vergraulen“,
erklärt Frau Liebreich, bemüht, sich jeden weiteren Kommentar zu sparen.
„Das ist schlecht für’s Geschäft. Also hör’n Se bitte damit auf.“
Offensichtlich hat eine Gruppe südländischer Gäste, die einen Junggesellenabschied feiern wollte, genug von „Stammtischweisheiten“. Sie verlassen wortlos das Lokal.

Frau Liebreich schüttelt empört den Kopf. „Na seh’n Se, da haben wir den Salat!“
„Aber man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“, tönt Herr Wutmann.
Er ist mit Frau Hassen hier und ebenso alkoholisiert. „Noch zwei Bier, aber flott!“
„Für uns auch, zack zack!“, motzt Herr Bürger in undeutlicher Aussprache.
„Wir sind ja schließlich Stammgäste! Nicht diese Schmarotzer da!“
Nun platzt Frau Liebreich der Kragen. Sie schaut auf die Uhr – gleich Sperrstunde.
Frau Liebreich greift nach der Glocke und lässt sie klingen.

„Freunde der Nacht, Schicht im Schacht. Wir schließen gleich“, ruft sie.
„Aber ich will’n Bier“, lallt Herr Spieß. „Ich auch“, quietscht Frau Hassen.
„Sie haben alle genug. Wir machen zu“, bestimmt die Wirtin mit Nachdruck.
Murrend fügen sich die Stammgäste. Sie trinken ihr Bier aus und verlassen das Lokal.
Draußen stolpert Frau Hassen über ihre eigenen Füße. Herr Wutmann hilft ihr auf.
Ein auffallend blasser Dieb schnappt sich die Handtasche vom Boden, rennt fort.

„Mein Geld, meine Papiere“, schreit Frau Hassen und fuchtelt hysterisch mit den Armen.
„Bestimmt so ein Zigeuner … Lumpenpack … Ich ruf die Polizei“, wettert Herr Wutmann.
Auch Herr Bürger und Herr Spieß haben den Raub mitbekommen.
Sie bleiben schwankend stehen. Herr Spieß lacht schallend.
„Ahwas… die Pollizei… die machen do eh nix …“
Er und Herr Bürger bekommen sich nicht mehr ein.

Man hört Lärm ein wenig entfernt. Wenig später sieht man die Gruppe südländischer Immigranten. Sie halten den Dieb fest. Einer der Männer übergibt Frau Hassen ihre Tasche.
Frau Hassen schaut, als hätte sie einen Geist gesehen. „Ahwas … eh danke“, lallt sie.
Der Mann lächelt, nickt und geht mit seinen Freunden wieder.
Herr Bürger schüttelt verwirrt den Kopf. „Na sowas …“, murmelt er.
Herr Wutmann bleibt erst einmal stocksteif stehen.
„Das ha’m se bestimmt extra gemacht. Um besser dazustehen“, brüstet er sich.
Herr Spieß kratzt sich verlegen am Kopf.
„Vielleicht … oder auch nich … Egal Freunde, wir geh’n woanders einen trinken!“

Anna Katherina Ibeling

Mein Lebensentwurf zum Rentenalter | Und Ihrer?

«Ich bin nun bald 60 Jahre alt, aber trotzdem gibt es noch viel, das ich kennenlernen möchte, solange ich noch munter und — töricht bin. So gedenke ich, meine nächsten 20 Jahre mit Dingen auszufüllen, die zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu wissen ich mir immer wünschte. Hier sind die wichtigsten Daten meiner Agenda für diese Zeit:

   Ich möchte in einer Hütte aus unzerbrechlichem Glas auf irgendeiner Bergspitze Westindiens sitzen und zuschauen, wie die Welt in einem grauen, nassen, wütenden Hurrikan zugrunde geht. Und möchte auf den wilden Klippen von Aran, abseits Irlands Westküste, stehen, während eine Riesenwelle von Grönland her an die erbebenden Felsen donnert, mit Wellen, die beim Aufschlagen und Niederbrechen 300 Fuß hoch in die Luft aufspritzen und aufsprühen. Und dann möchte ich eine Woche tief unter Wind und Sturm auf dem Grund des Meeres verbringen und mir die seltsamen Kreaturen der Tiefe betrachten.

   Ich möchte weitere 100 Sonnenuntergänge im einsamen Wattenmeer erleben, wo stets zur gleichen Stunde die Sonne langsam in vielfarbigem F’euer untergeht und Gewitterwolken über dem halben Himmel leuchten und blitzen, und schüchtern Sterne im ungetrübten Blau des Himmels funkeln.

   Meine Ohren können wenig mehr verlangen, als sie schon hörten. Ich hatte der Welt schönste Musik genossen; ich hörte die Lieder der Bantus und der Samoaner; ich hörte in den Alpen eine Lawine grollen, während sie sich ihren schneeigen Weg 2000 Fuß bergabwärts in den Abgrund brach; mein Rückgrat hat ein Frösteln durchlaufen, als ich das unterirdische Rascheln des Nordlichtes hörte, während es seine raumweiten Säume durch die fernen flimmernden Sterne hinter sich herschleppte. Ich hörte einen Waldbrand menschliche Rede zu Boden dröhnen — und wünsche das nicht nochmals zu erleben. Aber bevor ich 80 bin, möchte ich noch einen großen Vulkan bei einer Eruption hören und nicht zuletzt das Trommelkonzert von 500 Pavianen.

   Lasst mich noch viele Male zwischen dem Ende und heute den Duft spanischen Flieders eines Frühlings in Neu-England verspüren und schenkt mir noch eine stille Blütennacht in einem Orangenhain von Florida. Lasst mich wieder und wieder die erfrischende Sauberkeit salziger Meerluft einatmen. Für meine Zunge schenkt mir noch einige Tausend weiterer Dessertmelonen, die aufgelesen wurden, wie sie von den Stämmen fielen und vor Sonnenaufgang gegessen werden, so dass sich in ihnen noch die Kühle der Nacht verbirgt.

   Und für den Durst und Hunger meines Geistes schenkt mir das Erleben, wie es einem zukünftigen Astronomen beschieden sein wird, der den Mond mit einem 200zölligen Teleskop wird betrachten können. Gebt mir Zeit, die Geheimnisse von Ameise und Biene zu erforschen; und mit Hilfe besonderer Apparate lasst mich zu einem Zuhörer ihrer Unterhaltung werden.

   Aber alle diese Dinge würde ich mit Freuden hergeben, wenn ich vor meinem 80. Altersjahr einen neuen Einblick in die menschliche Natur gewinnen, Zeuge Tausender von Experimenten mit den Chemikalien sein könnte, mit denen wir den Charakter erforschen und die die Substanzen finden helfen, die verwirrte Geister wieder klären, den Sorglosen und Unbekümmerten Vorsicht bringen, den Trägen und Gleichgültigen Lebensatem einblasen, Fleiß den Drückebergern bescheren und Ehrlichkeit den Falschen und lügnerischen Seelen schenken. Für mich birgt das Leben kein größeres Abenteuer mehr, als zu sehen, wie der Mensch seine eigene Natur zu beherrschen lernt, gleich wie er heute die Atome beherrscht.

Menschenbilder | Karl Kraus über die Frau und August Strindberg

Karl Kraus über die Frau, die Bedrohung der Weltordnung und August Strindberg.

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Schrift im Herzen Strindbergs hat Bibellettern. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und nahm seiner Rippen eine. Und baute ein Weib aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm. Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von meinem Beine, und Fleisch von meinem Fleische! Sie heiße Männin; denn vom Manne ist sie genommen … Und sie sah, dass von dem Baume gut zu essen wäre … Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß … Dieses ist das Buch von des Menschen Geschlecht.

Wieder ist alles einfach wie am siebenten Tag. Es ist der Schrei Adams, der mit dem Rücken zur Menschheit das Gleichnis Gottes sucht. Er erkennt, dass er nackt sei. Dort bewahrt der Cherub den Weg zu dem Baum des Lebens. Hier draußen aber ist dem Menschen das Weib zugesellt, geschaffen aus etwas, das ihm fehlt, geschaffen aus dem Mangel. Das Weib ist die Rippe, ohne die er leben muss; also kann er ohne das Weib nicht leben. Denn sie sind Ein Fleisch: so sollen sie zwei Seelen sein! Strindberg fordert von Gott die Rippe des Mannes zurück, denn Gott ist ihm die Seele des Weibes schuldig geblieben. Die Schöpfung ist ihm im Manne beschlossen, alles Weitere ist Minderung. Strindberg glaubte schon, ehe er seinen Frieden mit Gott machte: er glaubte an zuviel Gott. Die wahren Gläubigen sind es, welche das Göttliche vermissen. Er wollte nicht wissen, dass es Tag und Nacht gibt, Mann und Weib. Er forderte von Gott eine Hälfte ein. Er war ein Gläubiger Gottes: des Schuldners. Er musste der Nacht verfallen und dem Weib, um auch dort Gott zu erleben. Und Gott rief: Adam, wo bist du? … Er war am Weibe zum Chaos geworden, das Welt wurde im Dichter. Das Weib unterbricht in Strindberg die Schöpfung, weil es aus dem Glauben erschaffen ist, dass es zerstören könne. Aber das Weib zerstört nicht den Mann. Ihr Dasein kann hindern oder unnütz sein: so wird ihr Fernsein hilfreich wie Gottes linker Arm. Der mehr als ein Mann war und mehr als den Gott wollte, brauchte den Teufel, um zur Schöpfung zu kommen. Aber er war nicht wie Gott imstande, aus dem Mangel das Weib zu erschaffen. Er hat ihn nur wie Weininger tragisch erlebt, tragischer, weil er nicht den Ausweg Weiningers fand. Immer ist dort das Geschlecht des Mannes mit sich nicht fertig geworden, wo es die Seele des Weibes beruft. Aber der Geist kann nur am Gegenteil erstarken und nur, wenn er durch alle erkannten Missformen der Weibkultur zum Ursprung strebt.

August Strindberg | Selbstporträt | 1891
August Strindberg | Selbstporträt | 1891

Denn das Geschlecht des Weibes werde Geist, und Paulus schreibt an die Korinther: »Wie das von dem Manne ist, also ist der Mann durch das Weib da; Alles aber ist von Gott.« So hat auch Strindbergs Geist von dem Ursprung gelebt, den seine Erkenntnis floh, und im Pathos dieses Widerspruchs lebte er zwischen Himmel und Erde. Hebbels bürgerlichste Bürgschaft: Darüber kommt kein Mann weg, verwandelt sich in Strindberg zum Erdbeben: Über das Weib selbst kommt kein Mann weg. Denn »darüber« nicht wegzukommen, bringt jedermann zustande. Aber nur einer trägt für sie alle, ein christlicher Titan, den Himmel auf seinen Schultern … Strindberg war immer, den Rücken zur Menschheit, auf dem Wege zu Gott, in Leidenschaft und Wissenschaft. Adam oder Faust, er sucht ihn im Laboratorium und in der Hölle der erotischen Verdammnis. Er sendet die letzte christliche Botschaft aus. Da er stirbt, geschehen am Himmel keine Zeichen, aber die Wunder der Erde wirtschaften ab. Die titanische Technik sinkt, und singt: Näher, mein Gott, zu Dir! Strindberg, sterbend, horcht auf und versucht eine Melodie. Bernhard Shaw, überlebend, zuckt die Achseln. Er glaubt nicht, dass näher zu Gott männlicher ist.

Strindbergs Wahrheit: Die Weltordnung ist vom Weiblichen bedroht. Strindbergs Irrtum: Die Weltordnung ist vom Weibe bedroht.

Es ist das Zeichen der Verwirrung, dass ein Irrender die Wahrheit sagt. Strindbergs Staunen über das Weib ist die Eisblume der christlichen Moral. Ein Nordwind blies, und es wird Winter werden.

Aus | Karl Kraus: Grimassen – Aufsätze 1902-1914 | Kapitel 2

Pauls Tagebuch | Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick erinnert

Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick seiner Existenz feststellen kann, da in ihm zum ersten Mal eine bestimmte Vorstellung von seinem eigenen Ich – der erste Schimmer des bewussten Lebens entstand?

Ich kann es nicht. Wenn ich meine ersten Erinnerungen im Geiste zu sichten und ordnen beginne, wiederholt sich stets dasselbe: sie weichen gleichsam vor mir zurück. Da glaube ich schon, jenen ersten Eindruck gefunden zu haben, der in meinem Gedächtnis eine deutliche Spur hinterließ, ich brauche aber nur meine Gedanken eine Zeit lang auf ihn zu konzentrieren, so beginnen auch schon andere, einer früheren Epoche angehörende Eindrücke aufzusteigen.
Das Gefährliche liegt hauptsächlich darin, dass ich selbst gar nicht bestimmen kann, an welche dieser Eindrücke ich mich tatsächlich erinnere, das heißt, welche ich tatsächlich erlebt oder von welchen ich bloß später über meine Kindheit gehört und mir eingebildet habe, dass ich mich deren entsinne, während mir bloß das im Gedächtnis geblieben ist, was mir mitgeteilt wurde. Was noch schlimmer ist – es gelingt mir niemals, auch nur eine dieser ersten Erinnerungen in ihrer ganzen Klarheit hervorzurufen, ohne ihr während des Prozesses des Erinnerns selbst unwillkürlich etwas Fremdes beizumischen.

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

p1070286
Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Cats Medienkommentar | Zehn Jahre Google | Alles Gute, „Big G“!

Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu
Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu

Happy Birthday, „Big G“! In diesem Jahr feiert der Medienkonzern Google sein zehnjähriges Jubiläum in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Services von Datenhosting bis hin zur Navigation und zur Streetview-„Vogelperspektive“ hat sich Google von einem einfachen Suchmaschinenanbieter zum größten Internetkonzern der Welt gemausert. Dieser Beitrag dreht sich um Daten, Maps, Keywords und die Frage: Wie war eigentlich die Welt vor Google?

Ich google das mal“, „Moment, ich schau mal auf Google Maps“, „Kann man unser Haus auf Google Streetview sehen?“. Seit zehn Jahren begleitet uns das Googlen – und inzwischen können die meisten von uns gar nicht mehr „ohne“. Wir googlen alles und jeden: Wege, Theaterkritiken, Zitate, Kochrezepte, ehemalige Schulfreunde und den Standort des nächsten Friseursalons.Das „große G“ ist wohl neben dem „großen M“ (McDonalds) weltweit inzwischen der erfolgreichste Import „made in the USA“. Und, man möchte im Vergleich hinzufügen, auch der gesündere. Aber stimmt das wirklich? Oder macht Google uns am Ende genau so abhängig, wie manche es von Burgern und Chicken McNuggets werden können?

Im Keyword-Dschungel

Google - zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt
Google – zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt

Ich bin ja persönlich kein Fan des „großen M“.  Seit einem Skandal, in dem herauskam, dass in Chicken McNuggets geschredderte männliche Küken enthalten sein sollen, empfinde ich oft regelrecht Ekel vor Nuggets und der Fleischindustrie an sich. Die Artikel zu diesem Thema habe ich mir übrigens auch ergoogelt, natürlich. Was denn auch sonst? Es gibt kaum einen schnelleren Weg, um an genau die Infos zu kommen, die man haben will. Zumindest, wenn man sich einfach nur kurz ein wenig Alltagsweisheit aneignen möchte, um bei den neuesten Bestsellern, Filmen und weltgeschichtlichen Diskussionen unter Freunden mitreden zu können. Für wissenschaftliche Arbeiten, so hat man mir damals an der Uni beigebracht, seien Google und vor allem Wikipedia allerdings keinesfalls eine ausreichende Recherche. Und auch in der journalistischen Arbeit ist die Eingabe eines Keywords in einen x-beliebigen Browser keinesfalls das einzige Mittel der Wahl. Nachvollziehbar – schließlich ist ein Keyword, oder etwas „retro auf Deutsch“, ein Schlagwort, auch nur eine ziemlich dem Zufall überlassene Dateneingabe. Die Quantität der Suchergebnisse erscheint zunächst als Eldorado gebündelten Wissens. An der (wissenschaftlichen) Qualität des angezeigten Contents (nochmal in „Retro-Form“: Webseiteninhalt) darf man in vielen Fällen zu Recht zweifeln. Um mal ein drastisches, gar zynisches Beispiel zu nennen: Auf der Webseite einer Flüchtlingshilfsorganisation wird einer Schlagwortsuche nach dem Begriff „Migranten“ sicherlich andere Ergebnisse bringen als auf der Parteiwebseite der AfD. Genauer hinschauen, was man sich da eigentlich gerade ergoogelt hat, lohnt sich also schon.

Der gläserne Surfer

Google macht sich sein eigenes Bild vom User - aus Daten generiert
Google macht sich sein eigenes Bild vom User – aus Daten generiert

Ich erinnere mich an ein Exponat in einem Museum, den „gläsernen Menschen“. Stand die Skulptur in der dazugehörigen Ausstellung symbolisch vor allem für die Verletzlichkeit unserer menschlichen Spezies, denke ich im Fall des Internets und speziell in Sachen Google eher an totale Transparenz. Der „gläserne Mensch“ als „durchschaubarer Mensch“, der durch seine Routenplanungen, Suchanfragen und „Gefällt mir“-Klicks mehr über sich preisgibt, als er je erahnen könnte. Nur – an wen eigentlich? Die Werbeindustrie? Den (potenziellen) Arbeitgeber)? Die NSA? Oder interessiert es manchmal vielleicht doch gar keinen, ob man gerade die gesündeste Babynahrung oder Barfen „für die Katz’“ in seine Browser-Suchleiste eingetippt hat? Eines steht fest: Durch das, was wir suchen, bekommen wir zusätzlich gezeigt, wonach wir (nach Meinung betroffener Industriezweige) suchen sollten. Denn Google zeigt einem neben informativen Beiträgen oft automatisch die passende Werbeanzeige an. Praktisch für diejenigen, die eh gerade etwas kaufen wollten – ein kurzer Irritationsmoment für alle, die eigentlich nur eine Sach- und keine Produktinformation haben wollten. Wir fühlen uns auf unseren täglichen Onlinesuchen wohl zurecht beobachtet – „Big G is watching you!“. Einmal, als ich mein Amazon-Passwort vergessen hatte, kam mir kurz der Gedanke, bei den freundlichen Damen und Herren bei der NSA nachzufragen. Denn die wissen ja anscheinend sonst auch immer alles. Ich habe es dann doch gelassen. Zu langwierig, und irgendwie doch ein wenig zu skurril. Manchmal google ich sogar meinen eigenen Namen, um nachzusehen, was wohl andere Internetnutzer auf den ersten Blick über mich erfahren.

Unendliche Datenmengen

Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert ... Ach ja, richtig!
Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert … Ach ja, richtig!

Google weiß wirklich fast alles – zumindest alles, was Surfer auf der digitalen Welle in die grenzenlose Online-Umlaufbahn bringen. Und das ist ein ganzer Wust an Daten, die teilweise beliebig bei jeder Suchanfrage auf uns einströmen. Je nachdem, wie präzise wir den Auftrag an sich stellen. Google weiß zum Beispiel, wo ich hinfahre, wenn ich mal wieder den Weg nach Schildern nicht finde; oder, dass ich mir in den trüben Herbst- und Wintermonaten gerne zur Aufmunterung Bilder von sonnigen Stränden auf meinem Bildschirm anschaue. Da all dies nichts Verwerfliches ist, denke ich mir nichts dabei und schaffe es auch mit viel Selbstdisziplin, die Werbung für Fernreisen zu ignorieren, die daraufhin bei jedem Einloggen ins Internet auf meiner Startseite aufploppt. Manchmal kann es einem schon etwas Unbehagen bereiten, wenn der unberechenbare, unsichtbare „Big G“ mehr über eigens eingespeiste Datenmengen und deren Verwendung weiß als der Internetuser selbst. Schließlich mischt er inzwischen überall mit – auf dem Laptop, aber auch auf dem Android-Smartphone in Form entscheidender, zentraler Apps, allen voran des „Google Play Store“. Eine gesunde Skepsis in puncto Datenschutz darf man da schon entwickeln – und sich erinnern, wie die (digitale) Welt vor dem Aufstieg der beliebtesten Suchmaschine der Welt ausgesehen hat.

War die Welt „vor Google“ wirklich besser?

Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!
Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!

Natürlich gab es auch schon vor Google das Internet – oftmals noch eines mit Minutentarifen und ohne Flatrates oder zusätzliche Telekommunikationspakete für Handys, Filmdownloads und Co. Warum auch – das iPhone und das Android-Smartphone waren ja noch Zukunftsmusik! Auch gab es schon Suchmaschinen, die heute immer noch zum Teil auf dem Markt sind. Zum Beispiel Yahoo, AltaVista, web.de – und natürlich proprietäre Softwareformate von Microsoft und AOL. Was haben wir aber sonst gemacht, wenn wir etwas herausfinden wollten? Wir haben einfach unsere Omas nach Haushaltstipps gefragt (und tun es manchmal noch heute). Wir haben die Schreibung oder die Bedeutung eines Fremdwortes im „analogen“ oder auf CD gebannten Duden nachgeschlagen. Und wenn wir wissen wollten, was die beste Freundin aus dem Kindergarten inzwischen macht, haben wir uns nach dem neuesten Klatsch und Tratsch erkundigt. Oder wir haben es eben gar nicht erfahren – und es als „nicht so wichtig“ abgetan und uns hin und wieder mit dem Nicht-Wissen abgefunden. Fest steht: Google hat das Archivieren und Sammeln von Daten, die Einbindung von individuellen Werbeinhalten und die schnelle Beschaffung von Informationen über andere im digitalen Sektor definitiv revolutioniert und zu einem Höhepunkt geführt. Haben der Onlineriese und sein Servicenetzwerk innerhalb unserer „Informationsgesellschaft“ deshalb die reale Welt, die wir täglich mit den Sinnen begreifen, besser oder schlechter gemacht? Sicherlich nicht. Möglicherweise nehmen wir dies hin und wieder nur anders wahr. Im Endeffekt ist es doch so: Wir sind nach wie vor Menschen mit der Fähigkeit, abstrakt zu denken und selbst zu entscheiden, zu welchem Anteil wir an der digitalen Welt nehmen wollen. Wie genau eine Gesellschaft sich verändert hat, lässt sich schließlich mittlerweile auch perfekt googlen.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Cats Couch | Die unsichtbaren Väter – ein Papa-Plädoyer

Engagierte Väter haben es schwer: Auch im 21. Jahrhundert hält sich der Fortschritt in Sachen Familienplanung und Vereinbarkeit im Grenzen. Jeder beklagt die familiär-berufliche Doppelbelastung von Müttern; aber wie sieht es da eigentlich mit den Männern aus? Zeitgeist, Geschlechterrollen und Stillstand – betrachtet aus einer seltenen Perspektive.

Väter von heute - Vorbilder von morgen!
Väter von heute – Vorbilder von morgen!

Ein Kind braucht seine Mutter“ – da sind wir uns sicherlich alle einig. Mütter sind derzeit eine omnipräsente Mehrheit in der Social-Media-Gemeinde und sogenannte Mama-Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden. Auch in beliebten Eltern-Communitys und im gesamten Werbezirkus rund um Baby- und Kinderprodukte sind wir Mütter neben unseren Kindern die Stars in der Manege. „Wir Mütter“ sage ich deshalb, weil ich mich seit einigen Monaten auch zu dieser Clique zählen darf. Allerdings vermisse ich sowohl in der Werbung und in Artikeln über Erziehung als auch in Eltern- und Babytreffs schmerzlich die männliche Hauptrolle. Was mich zu der Ausgangsfrage dieser Ausgabe von „Cats Couch“ führt: Wollen die Männer auf dieser Ebene nicht präsent sein, oder können sie es schlicht und einfach nicht, weil der „aktive Vater“ immer noch schlecht dasteht?

Männer können alles – außer stillen!

Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt
Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt

Väter sind mehr als Erzeuger und dieser Konsens setzt sich inzwischen auch zunehmend durch. Endlich, möchte man angesichts der Tatsache einwenden, dass wir inzwischen das Jahr 2016 schreiben. Auf dem Papier und de jure existiert Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen also. Doch wie sieht die Lage de facto aus? Noch immer nimmt nur ein ganz geringer Prozentsatz der frisch gebackenen Väter mehr als die „üblichen“ zwei Monate Elternzeit, im Elterntreff sind männliche Gesprächspartner, die eine solche Runde um interessante Perspektiven erweitern könnten, nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Das alles finde ich sehr schade; denn so gerne ich mich als „junge“ Mutter (ist 30 Jahre wirklich noch jung?) mit anderen Müttern austausche und auch fast mehr Gesprächspartnerinnen finde, als ich wirklich würdigen kann, fühlt sich mein Mann wie manch anderer „junger“ Vater doch zeitweise auf dem Abstellgleis. Wir gehören nämlich zu den Paaren, die es anders machen wollen als die Mehrheit: Ich bewerbe mich zurzeit wieder, er nimmt Elternteilzeit in Anspruch. Als ich während der Schwangerschaft Freunden und Familie von unserem geplanten Familienmodell erzählte, bekam ich von verständnislosen Einwänden („Also, ICH könnte das ja nicht, das Kind so früh abgeben …“) bis hin zu Beschwichtigungen mit Augenzwinkern („Ja ja, das sagst du jetzt. Warte erst einmal ab, wenn das Baby da ist!“) Gegenwind aus (fast) allen Himmelsrichtungen. Wobei, faktisch betrachtet hat es wenig mit „abgeben“ zu tun, ein Kind beim eigenen Vater zu lassen. Aber wie heißt es so schön: Errare humanum est. Ich ließ den Zweiflerinnen (in der Tat fast nur Frauen) ihre Zweifel und wartete einfach ab. Das Kind kam, der Wunsch, im Job nicht den Anschluss zu verlieren, blieb. Und überhaupt – der Elterngeldantrag für meinen Mann war sowieso längst eingereicht. Bis jetzt kann ich sagen: Unsere Tochter hat einen tollen Vater. Die Sorte Mann, mit der ich mein eigenes Kind gerne einige Stunden allein lasse. Denn auch wenn wir Mütter es manchmal kaum wahrhaben wollen: In Sachen Babypflege und Kinderbespaßung können Männer im Prinzip alles. Außer stillen; andersherum stillt ja längst nicht jede Mutter voll oder so lange, dass sie wirklich allein deshalb Jahre daheim verbringen müsste. Es zu wollen, ist natürlich legitim und steht auf einem anderen Blatt.

Vater sein – ein Hürdenlauf!

Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!
Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!

Ich sollte hier fairerweise erwähnen, dass mein Mann selbstständig ist und nur wenige bürokratische Hürden überspringen musste, um die volle Elternteilzeit für sich und uns zu realisieren. Schwieriger haben es da oftmals (männliche) Angestellte, die sich nicht zufällig in sicheren Zweigen des Staatsdienstes tummeln. Sie ernten oft ebenso wenig Verständnis für ihre Familienauszeit wie ihre weiblichen Kollegen, die im Gegenzug dazu wieder schnell in ihren Job zurückkehren oder sich eine neue Position suchen wollen. Schnell kommt auch heute noch bei Personalern der Verdacht auf, ein Mann hätte somit „kein Interesse mehr am beruflichen Aufstieg“, „keine Lust mehr auf seinen Job“ oder eben eine Partnerin, die ihm „nicht den Rücken freihält“. Dass derartige Vorurteile sich nicht gerade motivierend auf die jüngeren Generationen von Eltern und Arbeitnehmern auswirken, erklärt sich von selbst. Auch im privaten Umfeld brauchen Väter, die sich bewusst eine Babyauszeit nehmen, oftmals nach wie vor ein dickes Fell und ernten statt Verständnis und Anerkennung für ihre Entscheidung eher Skepsis, Spott und Häme. Kein Wunder, denn Väter bleiben auch in den gefühlt omnipräsenten Medien- und Werbebeiträgen rund um „Kind und Windeleimer“ weitgehend unsichtbar. Wann immer eine Pampers-Werbung über unsere Bildschirme flimmert sehen wir: Mutter und Kind. Die Bloglandschaft im Internet, die sich mit den alltäglichen und kontroversen Themen rund ums Elterndasein beschäftigt: Mama-Blogs, wohin man schaut; ein männliches Äquivalent ist selten. Die Betreuungsmisere in den Nachrichten: Mütter mit Problemen bei der Jobsuche. Daran ist prinzipiell nichts Falsches; es fehlt nur etwas. Nämlich die Selbstverständlichkeit, dass Väter eben nicht nur Samenspender auf zwei Beinen sind oder idealerweise sein sollten.

Diskriminierung: nicht nur ein Mütterproblem!

Hart aber fair: Männer können alles genau so gut - außer stillen.
Hart aber fair: Männer können alles genau so gut – außer stillen.

Schließlich gibt es noch den finanziellen Aspekt. Dass das „Gender Pay Gap“ keine Erfindung durchgeknallter Radikalfeministinnen ist und speziell „Frauenberufe“ im sozialen oder geisteswissenschaftlichen Umfeld doch eher knapp bezahlt werden, merkt man auch daran, dass die männlichen „Besserverdiener“ dann eben doch in die klassische Versorgerrolle schlüpfen. „Finanzielle Notwendigkeit“, wird man es nicht ganz zu Unrecht begründen. Da hilft es leider auch wenig, dass unsere Politik sich derzeit beide Beine ausreißt, um eine echte Gleichberechtigung im Familienleben und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Ein Regelwerk ist sinnvoll . Aber was, wenn sich kaum ein Spieler am runden Tisch daran hält? De jure darf kein Arbeitgeber seine Angestellten dafür „bestrafen“, Kinder zu bekommen und sich gar um diese kümmern zu wollen. De facto werden gerade Männer, die Elternzeit, Krankentage und andere rechtliche Ansprüche geltend machen wollen, auf ihre vermeintliche Unverzichtbarkeit hingewiesen oder gleich gefragt, ob sie denn keine Frau hätten, die das machen kann. Umgekehrt wird bei Frauen quasi automatisch davon ausgegangen, dass sie nun eh keine Karriere mehr machen wollten oder andauernd wegen ihrer Kinder dem Arbeitsplatz fernbleiben werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde eine solche Einmischung in die Privatsphäre von Mitarbeitern schon ziemlich frech! Nicht nur am Arbeitsplatz haben engagierte Väter häufig einen schweren Stand; auch beim Umgangs- und Besuchsrecht im Falle einer Trennung ziehen sie aufgrund der momentanen Gesetzeslage häufig den Kürzeren. In manchen Fällen mag dies sinnvoll sein; oft handelt es sich dabei aber auch nur um eine Schikane im klassischen Rosenkrieg und schlicht um eine Diskriminierung.

Männerarbeit, Frauenarbeit?

Väter suchen sich eigene Wege - und das ist ihr gutes Recht
Väter suchen sich eigene Wege – und das ist ihr gutes Recht

Schaut man sich soziale und pflegerische Berufszweige an, so trifft man tendenziell auf eine große weibliche Überzahl. Ein Mann als Kita-Leiter? Als Kinderpfleger oder „männliche Hebamme“? Für viele Frauen – aber auch Männer – auch im Jahr 2016 schwer vorstellbar. Was allerdings auch auf dem Mythos beruht, Männern ginge es vor allem ums Geldverdienen. Ebenso wie auf der Tatsache, dass sich viele Männer (und übrigens manche Frau) aufgrund der eher unterdurchschnittlichen Bezahlung in Sozialberufen für andere Branchen entscheiden und Jungen viel zu früh eingeimpft wird, einen „männlichen“ Beruf zu ergreifen. Vorbehalte dagegen, dass Männer ebenso wie Frauen „irgendwas mit Kindern“ machen können, zeigen sich auch im Privaten – und daran sind wir Mütter selbst oft nicht ganz unschuldig. Manch übermotivierte Neu-Hausfrau und „Natural Born Super Mom“ hat nämlich wirklich an allem etwas zu meckern, was ihr hilfsbereiter Partner wie selbstverständlich einfach tun möchte. „Du machst das falsch! Das geht doch anders“; „Männer können das nicht“; „Typisch Mann. Ich zeig dir, wie es geht“… Wer solche Bannbotschaften jeden Tag zu hören bekommt, wird irgendwann resignieren. Und wer sollte es ihm da noch verdenken? Ich überspitze hier natürlich absichtlich ein wenig – aber wenn wir Mamas ehrlich zu uns selbst sind, juckt es vielen doch wirklich hin und wieder in den Fingern, den Mann mal wieder zu korrigieren. Einfach so, fast automatisch. Mein Tipp, den ich selbst übrigens auch befolge: Lasst es kribbeln, Ladys, und beißt euch hin und wieder einfach lieber auf die Zunge. Dann klappt’s auch mit der Gleichberechtigung. Papas haben ihren eigenen Weg, Probleme zu lösen. Und das ist auch gut so.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)robezeit

Schwer planbar: Ein Leben in ständigeer "Probezeit"
Schwer planbar: Ein Leben in ständiger „Probezeit“

Neuer Job, neue Partnerschaft, neuer Wohnort – natürlich steht am Anfang alles eine Weile auf dem Prüfstand. Wird das „Leben auf Probe“ jedoch zum Dauerzustand, kann dies durchaus zu einem problematischen Lebensgefühl führen. Oder auch nicht? Das hängt ganz maßgeblich von den bisherigen Erfahrungen jedes Einzelnen ab.

Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert
Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert

Seit wir Menschen diese Welt bevölkern, befinden wir uns in einem andauernden Konflikt zwischen Sicherheitsbedürfnis und Neugierde. So entwickelten wir uns von Nomaden zu Ackerbauern und Sesshaften – dennoch, der Drang zum Weiterreisen blieb. Ansonsten wäre so mancher Kontinent der Welt wohl unentdeckt geblieben. Die „großen Entdecker“ der Welt wurden weithin als Pioniere der Menschheit gefeiert, seien es die bekannten Seefahrer, Vorreiter in Medizin und Naturforschung oder eben Entwickler technischer Neuheiten, mit für ihre Zeit revolutionären Erkenntnissen. Würden wir heute ohne Galileo Galilei immer noch an eine „Scheibenwelt“ glauben? Oder hätte jemand anders die Erkenntnis hervorgebracht und durchgesetzt, dass die Erde rund ist? Vermutlich schon – womöglich hätte die Menschheit dazu nur etwas länger gebraucht. Ein wenig Entdecker und Pionier steckt schließlich in uns allen. Nur: Wann reicht es uns eigentlich mit dem Streben nach dem Neuen?

Von Nesthockern und Zugvögeln

Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend
Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend

Sicher, neue Ufer locken und Veränderung löst ein angenehmes Kribbeln bei den meisten von uns aus. Stehen die Koffer, Umzugskisten oder das Auto dann aber vollgepackt da, gesellt sich auch gerne ein mulmiges Bauchgefühl hinzu. Ob die neue Stelle, die neue Wohnung oder die spontane Reise „einfach mal weg“ wirklich das halten, was wir uns davon versprechen? Noch zwiespältiger kann man sich fühlen, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Manche Trennungen oder Neuanfänge können ungeheuer schmerzhaft sein und doch befreiend. Es ist zum Beispiel immer hart, einen Schlussstrich unter Freundschaften zu ziehen, die einem einfach nicht mehr gut tun oder einem sogar schaden. Ist irgendein für uns radikaler Schritt hin zu einer Veränderung erst einmal getan, beginnt wieder die Suche nach besseren, passenderen Alternativen – und damit eine typische „Probezeit“ im Leben. Schaffen wir es, nach einer Scheidung allein zurechtzukommen und woanders wieder einen Anker zu finden? Wie wird es, wenn die beste Freundin auf einmal Hunderte von Kilometern weit weg wohnt und man schlicht andere Menschen kennenlernt? Und stellt sich das Häuschen mit Garten, das wir immer wollten, wirklich als das Optimum heraus, das wir erwartet haben? Ebenso wie für unsere persönlichen und wohnlichen Verhältnisse gilt der Zwiespalt des Neuen natürlich auch auf einer beruflichen Ebene. Auch hier gibt es das, was ich als „Nesthocker“ und als „Zugvögel“ bezeichnen möchte, gleichermaßen.

Fest verankert oder auf dem Sprung?

Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung - ein ewiger Menschheitskonflikt
Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung – ein ewiger Menschheitskonflikt

Gehen wir eine oder zwei Generationen zurück, war der Lebensplan klar: Lehre, Ausbildung, vielleicht ein Studium. Dann der erste Arbeitgeber, der für viele Berufstätige auch der letzte bleiben sollte. Auch heute noch wählen manche Sicherheitsbedürftige diesen Weg, wenn er ihnen denn offen steht. Egal, ob auf Zeit „befristet“ oder auf Dauer – durch die Probezeit müssen alle durch. Eine Zeit, die je nach Arbeitgeber und Betriebsklima durchaus zu einer Zitterpartie werden kann. Doch nicht nur Unternehmer, sondern auch der Berufstätige selbst kann zu einem unsicheren Kandidaten werden – nämlich dann, wenn er freiwillig wieder abspringt. So weit, so alltäglich, doch was bedeutet eine zunehmende Befristung in vielen Branchen, eine „verlängerte Probezeit“, denn nun konkret für das Leben eines Menschen und was sagt dies über unseren Zeitgeist aus? Fest steht, dass immer weniger fest steht, und dass das unsere Lebensplanung als Arbeitnehmer, Selbstständiger, Familienmensch, Freund und (potenzieller) Liebespartner ziemlich beeinflussen kann. Wie stabil wir unsere Pläne privat und im Beruf gestalten (können), entscheidet letztendlich mit darüber, ob wir uns fest verankern oder ein abenteuerliches Leben auf dem Schleudersitz führen. Ein einfaches Beispiel dafür liegt in unserer aktuellen Demografie und der niedrigen Geburtenrate, die einer großen Zahl von alten Menschen entgegensteht. Denn: So alternativ und modern sich die „Generation Probezeit“, also die der jungen, ehrgeizigen Arbeitnehmer, auch sonst gibt – in Sachen Familiengründung setzen aktuellen Umfragen zufolge viele Menschen „in den besten Jahren“ nach wie vor auf ein dauerhaftes, sicheres Einkommen als Basis für eine langfristige Zukunft und auf eine erprobte Partnerschaft, die auch größere und kleinere Krisen überstehen kann. Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch auf anderen Wegen glücklich werden kann – schließlich sind die eigenen Kinder auch für Alleinerziehende oder Arbeitssuchende immer eine Lebensbereicherung!

Alles auf Probe

Jagen wir mit unserem Pferfektionismus nur Phantomen hinterher?
Jagen wir mit unserem Perfektionismus nur Phantomen hinterher?

Dass uns unsere Zeit zuweilen recht schnelllebig vorkommen kann, liegt einerseits an uns selbst – die Zahl derer, die als „Perhappies“ (vom englischen „perhaps“ und „happy“ = dt: „vielleicht“ und „glücklich“) Schwierigkeiten haben, endgültige Entscheidungen zu treffen, steigt gefühlt im Alltag an. Egal, ob es um etwas Banales wie das Restaurant für den Samstagabend oder um die Erhaltung der Partnerschaft nach einem Konflikt oder Anlaufschwierigkeiten geht. Kurz: Häufig steht der angestrebten Beständigkeit der Drang entgegen, immer noch etwas Passenderes, Besseres zu finden, anstatt einfach einmal zufrieden zu sein mit dem, was wir haben. Andererseits und zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass die Welt um uns herum es uns auch wirklich nicht leicht macht, sich über kleine Erfolge und die alltägliche Zufriedenheit zu freuen. Überall blinken uns verführerische Werbetafeln entgegen; Bilder in Magazinen und im Internet versprechen uns ein noch besseres, perfektes Leben; Partnerportale werben mit dem 100-Prozent-Match, Headhunter und Karriereportale mit dem idealen Job. Und so berechtigt es ist, hin und wieder seine Werte und Ziele zu hinterfragen und eine „Zufriedenheitsbilanz“ zu ziehen, müssen viele von uns sich doch am Ende eingestehen, dass ein „Leben auf Probe“ ihnen zwar kurzzeitig einen Kick gibt, sie aber auf Dauer nicht glücklich machen kann. Frust kommt vor allem dann auf, wenn die große Flexibilität, die gerade im Berufsleben heute gefordert wird (natürlich vor allem seitens des Arbeitnehmers, versteht sich), all diese eigentlich Sesshaften dazu zwingt, gegen ihren Willen ein Nomadenleben mit immer neuen Wohnorten, Jobs, Freunden und Partnern zu führen, weil bestehende Bindungen beizeiten der großen Entfernung nicht standhalten.

Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen
Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen

Zufriedenheit bedeutet eben auch, eine Wahl zu haben, wie man sein Leben gestalten möchte – denn ist man nicht religiös, hat man wirklich nur eines davon. Egal, ob man gerne jahrelang per Work&Travel durch die Welt zieht und Südamerika dabei als Rucksacktourist bereist oder doch lieber zu Hause bleibt, jeden Werktag in sein Büro geht und eine Familie gründet. Eigentlich sind wir jungen Leute gar nicht so anspruchsvoll, wie häufig von älteren Generationen beklagt wird. Wir wollen unsere Ziele auch nur aus eigener Kraft erreichen können und nicht ständig bei Null anfangen müssen. Schließlich ist das Leben kein Videospiel – ein Level überspringen oder wiederholen ist einfach nicht drin.

Pauls Tagebuch | Wäre sie doch gefallen, die Wand

Mein Vater erwischte mich einmal im Garten dabei, dass ich mit einem großen Stock, der viel zu schwer für meine Kindehand war, wild, mit Tränen kämpfend, auf eine Ecke der Wand unseres Hauses einschlug und dabei immer wieder böse schrie: „Fall doch hin, du dumme Wand, fall doch hin!“

Meine Mutter war zu Boden gestürzt, und hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Wie konnte also etwas so Gleichgültiges, etwas Lebloses wie eine Mauer aus Stein fester und sicherer stehen als sie! das wollte mir nicht einleuchten. „Fall doch hin!“ schrie ich, und meine Welt wäre wieder in Ordnung geraten, , hätte die Wand, meinem dunklen Wunsche gehrochend, sich stürzend zu Erde gelegt…

Pauls Tagebuch #300 50 8

Kolumne | Über die innere Schönheit – Das Schicksal Quasimodos

Über die innere Schönheit

Quasimodo - Antoine Wiertz - 1839
Quasimodo – Antoine Wiertz – 1839

„Die weiblichen Instinkte können sich viel schneller verständigen als die männlichen Intelligenzen. […] das Auftreten einer schönen Frau genügt, um eine ganze Versammlung hübscher Frauen in eine gewisse Missstimmung zu tauchen, besonders wenn nur ein einziger Mann zur Stelle ist.“
Aus: Der Glöckner von Notre Dame von Victor Marie Hugo

Ich könnte mit dem banalen Spruch beginnen, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen seien. Ein Spruch aus dem Poesie-Album, der gern zitiert wird und doch so allgemein gehalten ist, dass er nicht greifbar scheint. In der Literatur gibt es eher selten ein gutes Ende für Protagonisten mit einem eher bescheidenen Aussehen. Diese Romanfiguren scheinen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Dabei spielt ihr meist guter Charakter keine zentrale Rolle. Der Leser erwartet ihr tragisches Ende.

Wenn ich die Entwicklung in den sozialen Medien beobachte, erscheint es mir wichtig, sich so wenig wie möglich vom Rest zu unterscheiden. Das zeigt sich in den immer gleichen Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen zu strittigen Themen. Die Boulevardpresse gibt uns Jahr um Jahr die selben Tipps für Aussehen und Weltbild. Vielleicht hatten Sie auch schon den Eindruck, dass sie bestimmte Artikel bereits ums ein oder andere Mal gelesen zu haben. Es fühlt sich an, als wäre man ein Ding, das bestimmten Normen entsprechen sollte. Wo bleibt die echte Vielfältigkeit, die Akzeptanz anders zu sein und anders zu sehen?

Wir Menschen tragen zu oft Scheuklappen, verstecken uns vor der Wahrheit. Zu oft bilden wir uns Meinungen über Menschen und Dinge, die uns in ihrem Inneren unbekannt und verborgen bleiben. Nur: was ist schon Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Ich wage sogar zu behaupten, dass der Mensch im Grunde nicht weiß, was er will und wo er hingehört. Sei es durch die scheinbar unendliche Auswahl, fehlende Vorbilder. Statt die Freiheiten zu nutzen, wird jedes von der Norm abweichende Wesen kritisch betrachtet.

Sehen wir uns als Beispiel für die Tragik des menschlichen Seins den buckligen Quasimodo an. Er starb an unverhofftem Liebeskummer.

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Das höchste Glück des Lebens besteht in der Überzeugung, geliebt zu werden.
Victor Marie Hugo

Quasimodos schwere Last

Mit einem entstellten Gesicht und großem Buckel geboren, gelang es Quasimodo das zu erleben, was vielen Menschen nur ein Traum zu sein scheint.

Der Körper des kleinen buckligen Mannes war keineswegs eine reine Missbildung. Gerade er war es, der ihm zu innerem Glück durch gute Taten verhalf.

Doch bis es soweit kam, galt für Quaismodo: Ein Wesen mit einem Buckel? Alle lachten ihn aus und wählten ihn sogar zum Narrenpapst auf einem Volksfest. Was in hiesigen Zeiten einen „shitstorm“ bei facebook ähnelt. Ein anderes Leben als sein eigenes leidvolles, kannte Quasimodo nicht.

Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert
Esmeralda, Gemälde von Antoine Wiertz, 19. Jahrhundert

Eines Tages – wie aus dem Nichts – erschien ihm die Zigeunerin Esmeralda, ihm den wahren Sinn des Lebens offenbarend. Geblendet von ihrer Schönheit verliebt sich dieser „unvollständige“ Mann in sie. Quasimodo wird klar, dass die Welt, in die er hineingeboren wurde, sich nicht nur gegen Behinderte, sondern allgemein gegen vermeintlich Schwache wendet. Diese Schwäche, die von einer Mehrheit abgelehnt wird, enthält ein breites Spektrum menschlicher Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Treue und Liebe. Sie verrät Arme, erniedrigt Kranke, beseitigt Andersdenkende.

In diesem, wie auch in anderen seiner Werke beschäftigt sich Victor Hugo mit dem Verhältnis von stark und schwach in einer Gesellschaft. Seine These: Es sind nicht diejenigen stark, die aufrichtig und nicht diejenigen schwach, denen es an Geist fehlt. Es sei genau umgekehrt.

Der selbstlos liebende Quasimodo trug in seinem Herzen einen Edelstein, als unsichtbare Verbundenheit und Treue gegenüber der schönen Zigeunerin. Nur: dieses Juwel konnte er ihr nicht zeigen. Für ihn war es unvorstellbar, geliebt zu werden. Die Magie der Reinheit, für die der Edelstein steht, erreichte jedoch Esmeraldas Herz.
Doch es war zu spät. Zu spät für die Offenbarung der Gefühle. Es war zu spät für sanfte Liebkosungen und den Trost für den kleinen Mann. Es war zu spät für die Erkenntnis, dass die Liebe ein unsichtbarer seidener Faden ist, der die beiden miteinander verband. Er kam ihm nicht in den Sinn, dass vor allem er es war, der Liebe verdiente, zu dem sie wie ein Bumerang zurückflog und sein Inneres so zum Glänzen brachte, dass sein Äußeres in den Hintergrund träte.

Aber es war zu spät: seine Esmeralda wurde in Intrigen verwickelt. Betrug und Verrat wurden schließlich zu ihrem Henker. Den Tod „seiner“ geliebten Zigeunerin hielt der Glöckner von Notre Dame nicht aus. Das Juwel in seinem Herzen zerbrach in Tausend kleine Scherben, die wie ein Dolch sein leidendes Herz durchbohrten.

Schließlich verendete er vor Gram und Liebeskummer an ihrem Grab.

Christian Wind -  L’amour de Quasimodo Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo -  La faucheuse ne peut rien y changer. - 2015 - Lizenz: CC-BY-SA-4.0
Christian Wind – L’amour de Quasimodo – Même morte dans ses oripeaux, Esméralda est Belle à croquer. Tel est l’amour de Quasimodo – La faucheuse ne peut rien y changer. – 2015 – Lizenz: CC-BY-SA-4.0

Auch wenn das Leben für den kleinen „unvollständigen“ Menschen nicht lebenswert schien, gab er einem anderen Leben Halt und Wertschätzung. Hinter der „hässlichen“ Fassade und der scheinbaren physischen Schwäche befanden sich die Stärke und der Mut dazu, jemanden in einer Todeslage zu beschützen.

Fehlende Akzeptanz und keinerlei Erwartungen seitens der Gesellschaft brachten Quasimodo vermutlich die innere Freiheit, selbstlos zu handeln. Seine Liebe gehörte nicht ihm selbst, er schenkte sie Esmaralda und machte sie so für kleine Zeit glücklich. Er lebte und handelte lediglich mit seiner ganzen Seele, dem Herzen und seinen entfachten Willen. Dabei begleiteten ihn stets Hoffnungen und Wünsche nach dem Sieg des Guten. Erst als er sich und die ihm aufgezwungene gesellschaftliche Rolle des Narrenpapstes vergaß, fand er zu sich selbst. Leider nicht lang genug, um sich und sein Leben neu zu (er)finden.

Alles nur Schein

Die wahre Stärke zeigt sich nur durch Taten. Keine Person sollte in erster Linie nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Gefühlswelt, Gedanken und ihre tiefsten Sehnsüchte bleiben uns zunächst verborgen und sind doch das eigentlich Spannende am Menschen.

Die äußere Schale täuscht also, sie lässt uns Dinge, Situationen und unsere Mitmenschen anders wahrnehmen als sie in Wirklichkeit sind.

Jedem von uns ist sein Schicksal auferlegt. Quasimodos Schicksal war gerade in der Schwere seines Seins, auch wenn nur für eine kurze Zeit, einen erfüllenden Sinn im Lebens zu finden.

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Cats Medienkommentar | Lesegenuss verzweifelt gesucht

Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden
Menschen, die konzentriert die Zeitung lesen, sind ein fast nostalgischer Anblick geworden

Menschen, die in einem Café bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Apfelkuchen die Zeitung oder ein Buch lesen – dieses Bild erscheint uns heute weit weg, beinah nostalgisch. Was um uns herum in der Nähe und Ferne geschieht, erfahren wir meist auf die „moderne“ Art: schnell, kurz und vor allem kostenlos, über Online-Nachrichtendienste und Smartphone-Apps. Warum dies eben der Lauf der Zeit ist und Leser sich dennoch hin und wieder die Zeit für mehr nehmen sollten.

Eines vorweg: Während ich diesen Artikel schreibe, fühle ich mich teilweise selbst ertappt. Denn auch ich gehöre zu den „Digital Natives“, die Zettel und Stift im Prinzip „total retro“ finden und selten die Zeit einräumen (können), um ein Buch oder nur eine ganze Printzeitung mit anspruchsvollen Inhalten wirklich gründlich zu lesen. Sicher, gerade in der Literaturwissenschaft habe ich gelernt, viel, schnell und effektiv zu lesen, die wichtigsten Inhalte schnell herauszufiltern und argumentativ in die richtige Form für eine Klausur oder Hausarbeit zu bringen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn jeder einzelne Kurs im Semester mindestens die Kenntnis von drei Romanen verlangt (nachgeprüft durch „Text quizzes“ und „Textkenntnistests“ als Voraussetzung für die Teilnahme an der Veranstaltung). Pro Woche ein Buch – das ist für jemanden wie mich also keine Seltenheit gewesen. „Bulimielesen“ war angesagt – Plot, Charakterkonstellationen, stilistischer und struktureller Aufbau und vielleicht noch eine „Handlungsmessage“, die hinter dem Werk steht. Das alles innerhalb von viereinhalb Zeitstunden, oder auch drei Kursstunden, für die Prüfung am Ende des Semesters zusammengefasst, systematisch mit den nötigsten Informationen aufgearbeitet, seziert, analysiert. Ich glaube, mein „Leserekord“ im Laufe des Sprachen- und Literaturstudiums waren etwas mehr als 20 anspruchsvolle Literaturstücke jeder Art in Mutter- und Fremdsprache innerhalb eines Jahres. „Professionell“ gelesen, versteht sich (schließlich ist das Hauptjob eines jeden Geisteswissenschaftlers), nicht „einfach nur so“. Oder auch: Für die nächste Kursstunde „vorbereitet“. Wissenschaftliche Textauszüge zum jeweiligen Thema nun nicht mit eingerechnet. Was meinen persönlichen Seitenrekord während des Studiums und der Abschlussarbeiten angeht, habe ich niemals nachgezählt – wann hätte man auch die Zeit dafür gehabt. Vermutlich ist es einem auch irgendwann nicht mehr aufgefallen, wie viele Informationen das Hirn tagtäglich aus der Studienlektüre gespeichert, geordnet und archiviert hat. Dies wird Absolventinnen und Absolventen anderer Fachrichtungen natürlich nicht anders ergangen sein – vielleicht nur über andere Mittel, Zugänge und Medien.

Schneller, kürzer, oberflächlicher

Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?
Im Über- und Blindflug: Wie viele Informationen entgehen uns dabei?

Wer schon einmal einen Roman mit einem tiefgründigen Thema und einer etwas komplizierteren Sprache in der Hand gehabt hat, weiß, dass viele davon alleine durch ihren Umfang von mehreren 100 Seiten bis hin zu vierstelligen Seitenzahlen mehr Zeit erfordern würden, als der durchschnittliche „Berufsleser“ zur Verfügung hat. Doch weil die Situation es erfordert (Deadlines warten nicht), wird genau jener „professionelle Leser“ alle Register ziehen, um die Prozesse rund um das Lesen zu vereinfachen, effektiver zu machen, auf eine Quintessenz zu reduzieren. Das schult einerseits die schnelle Auffassungsgabe, das strategische Denken in einem Gesamtzusammenhang und die geistige Flexibilität. Eine Kehrseite der Medaille: Wo nur ein Teil der Informationen zum Tragen kommt, geht auch viel verloren. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt: Die Konzentration auf einen bestimmten, vorgefertigten Fokus und darauf, dass die Verarbeitung nur auf ein Ziel hinausläuft (zum Beispiel eine Prüfung) lassen selten zu, dass wirklich viel im Langzeitgedächtnis hängen bleibt. Rückblickend kann ich mich nach fast drei Jahren nach dem Masterabschluss kaum noch an die Lerninhalte erinnern. Zumindest nicht an die, die ich mir eher „nebenbei“ aneignen musste. Der dritte, ziemlich triviale Nachteil des „Lesens auf Abruf“ liegt ebenso auf der Hand: Es macht einem hinterher einfach keinen Spaß mehr! Doch nicht nur bei Büchern zeigt sich der Trend, dass einfach weniger und oberflächlicher gelesen wird – auch Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind rückläufig. Und wenn Zeitungen oder Zeitschriften von der „breiten Masse“ abonniert werden, so behandeln sie meist recht oberflächliche Themen, „leichte Kost“, die von einem anstrengenden Lebensalltag ablenkt. Überhaupt – warum noch Printausgaben kaufen, wenn man doch die kurzen, knackigen Artikel aus dem grenzenlosen World Wide Web sogar kostenlos haben kann? In Anbetracht allgemeiner Freizeitknappheit und dabei steigendem Informationsbedarf eine berechtigte Fragestellung. Aber eine wichtige – für den Leser wie für den Medienschaffenden.

Der innere Leseschweinehund

Apps liefern alle Infos in ihrer kürzesten Form und bestimmen den Alltag der „Digital Natives“

Immer wieder häufen sich Klagen und Schlagzeilen, die auf einen Tenor hinauslaufen: Kinder und Jugendliche lesen zu wenig! Zeitungs- und Zeitschriftenverlage ächzen unter Umsatzeinbußen und müssen sich entweder komplett einem Mainstream anpassen oder sich Marktnischen suchen. Auch der Buchhandel (vor allem der stationäre) klagt über Kundenschwund und Existenzschwierigkeiten. Aber sind wir hier wirklich so lesefaul, oder lesen viele, vor allem junge Menschen, einfach nur „anders“? Fest steht: Viele Kinder und Jugendliche haben keinen Spaß am Lesen ihrer Schullektüre, die meist aus umständlich geschriebenen „Klassikern“ wie Goethes „Werther“, Fontanes „Effi Briest“, Shakespeare oder Molière bestehen. Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass diese Werke ursprünglich für intellektuelle Erwachsene geschrieben wurden – nicht für den Durchschnitt der Jugendlichen. Ich erinnere mich noch an einen Schüler in der Nachhilfestunde, der sich mit Shakespeares Early Modern English herumquälte und mich ziemlich ratlos fragte: „Wie soll ich denn irgendetwas verstehen, wenn schon die Sprache so komisch ist?“ In einem musste ich ihm recht geben: Die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten – gerade noch in einer Fremdsprache – muss dem durchschnittlichen, jugendlichen Leser nicht nur nicht zeitgemäß vorkommen, sondern auch stinklangweilig. Zumindest, wenn sie in der Schule aus Lehrplan- und Zeitgründen nur routinemäßig heruntergerattert wird und allein der Prüfungsvorbereitung dient. Ich selbst war vom Grundschulalter an zwar die die Beste, wenn es um Zahlen ging, aber dafür eine ziemliche Leseratte. Schwierige Bücher fand ich spannend und traute mich auch früh an den „Erwachsenenbücherschrank“ meiner Eltern heran. Mit 16 las ich „Jane Eyre“ auf Englisch und war beinahe ein wenig überrascht, als es mir mehr als zehn Jahre später im Masterstudium wieder begegnete und ich den Inhalt noch auswendig kannte. Vielleicht, weil ich es damals mit Vergnügen gelesen hatte – nicht, weil ich es musste oder ein Referat darüber halten musste. Das mit dem „Müssen“ ist nämlich auch immer so eine Sache, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Ziele, die man vielleicht vorher noch als sportliche Herausforderung empfunden hat, werden auf einmal zu einer Art lästiger Pflicht. In meinem Fall möchte ich es mal „Analyseritis“ nennen – tatsächlich konnte ich bis nach Abgabe meiner Masterarbeit (und darüber hinaus) nur noch selten mit Genuss etwas lesen, ohne jede Seite im Kopf zu sezieren, sprachlich zu deuten und in irgendein erlerntes Schema einzuordnen. Mal „einfach so“ wieder einen Text zu lesen, ohne es mit einem Ziel zu verbinden – das musste ich nach dem Studium erst mühsam wieder lernen.

Z-Faktor: Was Zeit so wichtig macht

Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen
Genügend Zeit kann Lesen wieder zu einem Erlebnis machen

Egal ob Buch, Zeitschrift oder Zeitungsartikel, ob auf dem E-Reader, dem Tablet oder auf Papier, ob wissenschaftliche Aufsätze oder amüsante Satire: Texte brauchen vor allem Zeit, damit sie verstanden werden. Das ist manchmal schwer zu glauben oder auch einzusehen in einem digitalen Umfeld, das es uns erlaubt, bereits vorsortierte Nachrichtenmeldungen mithilfe einer Apps auf unseren Smartphones nur anhand von Überschrift und Textzusammenfassung durchzuscrollen. Und sicherlich haben sowohl analoge als auch digitale Formate, ob lang oder kurz, jeweils ihren ganz eigenen Wert und Charme. Für die schnelle Information zwischendurch mögen auch derartige Kurzmeldungen in Radio, Fernsehen oder auf Nachrichtenportalen ihren Zweck erfüllen. Dennoch kann dies nicht alles sein und die Neugierde auf Hintergründe, Überraschungen und spannende Details erfüllen. Denn manchmal lohnt es sich einfach, sich Zeit zu nehmen, um ein gutes Buch zu genießen oder sich wirklich über ein aktuelles Thema schlau zu machen. Mit dieser Kolumne möchte ich Sie – und auch mich selbst – dazu anregen, der Freude am Lesen wieder mehr Beachtung zu schenken. Immerhin: Wenn Sie diese Kolumne wirklich aufmerksam bis zum Ende gelesen haben, haben Sie schon einen ersten Schritt getan. Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben – und den Respekt, den Sie damit jedes Mal dem Autor erweisen.

Was ich von Eurem Vater gelernt habe | Ein offener Brief an meine Söhne

Meine Jungs,

Ihr werdet nun langsam erwachsen und daher möchte ich Euch einige Dinge mit auf dem Weg geben, die ich von Eurem Vater gelernt habe. Damit möchte ich Euch aufzeigen, dass Euer Vater ein inspirierendes Vorbild für Euch sein kann. Übrigens: ich liebe ihn genau für diese Eigenschaften.

Ein Beitrag unserer Gastautorin Elisabeth Ferking - Foto: Privat
Ein Beitrag unserer Gastautorin Elisabeth Ferking / Antwerpen – Foto: Privat

Lernt nie aus – Essen, basteln oder atmen. Egal, womit Ihr Euch beschäftigt;  studiert es ausgiebig, übt es und seid ganz bei Euch.

Seid echte Männer – Habt einen echten Freund, nicht ein gelegentlicher Zechkumpan. Pflegt Eure Kollegen und schafft Euch Vertraute.

Scheut Euch nicht vor fraulichen Angelegenheiten – Manchmal ist es unumgänglich Eurer Frau oder Freundin kurzfristig Tampons zu besorgen. Keine Panik. Menstruation ist nicht ansteckend.

Lass Euch hin und wieder gehen – Umarmt die verrückten Seiten des Lebens.

Tanzt  – Nichts ist romantischer. Auch für einen Mann.

Liebesbeziehungen sind nicht immer 50/50 – Wie bei einer Wippe schwankt das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen.

Engagiert Euch – Ihr habt kein Recht zu kritisieren, wenn Ihr Euch nicht einbringt.

Lasst das Gejammer – Lasst nicht zu, dass Eure Sorgen Euch bestimmen.

Sittsamkeit ist überbewertet – Einige unserer besten Gespräche hatten wir morgens, während Ihr noch schliefet.

Seid Helden – Lasst  es zu, dass Menschen Euch bewundern. Erarbeitet Euch ihre Bewunderung.

Fühlt Euch verpflichtet – Schnallt Euch an und gebt Gas. Die Achterbahn des Lebens kann Spaß machen und der Stolz folgt im Ziel.

Lernt das Unvollkommene zu schätzen – Lasst die Fehler anderer (oder Eure eigenen) nicht zu einem Katalysator Eitelkeiten werden.

Seid ein Anführer – Schmiedet Euren eigenen, festen Charakter. Folgt nie wahllos.

Seid demütig – Prahlerei ist definitiv nicht männlich. Speichern Eure  Heißluft lieber für Ballons.

Tretet in Vorleistung – Ein Segen für die Gemeinschaft.

Familie zuerst – Lasst sie NIE, NIE daran zweifeln, die sie am wichtigsten ist.

Habt Glauben in Euch – Nicht (nur) Gott führt Euch.

Umarmt alle Generationen – 9-jährig oder Neunzig Jahre alt, hat jeder besitzt Lebensweisheit von der Ihr lernen könnt.

Erlaubt Euch selbst, verwundbar zu sein – Ihr werdet nie auf alles eine Antwort haben. Und das ist in Ordnung.

Seid integer – Das ist Euer bester Leumund.

Bleibt locker – Es läuft nie alles wie geplant.

Seid beherzt – Eure Familie und Freunde werden von Eurer Stärke profitieren.

Lacht – Selbst unter den widrigsten Situationen sollte Euch der Humor nicht verloren gehen. Er ist Euer Rettungsanker.

Liebt – Lasst die Liebe Euer Kompass sein.

Lebt intensiv – Es ist der beste Weg, um Euren Vater zu ehren.

In Liebe,

Eure Mama

 

Menschenbilder | Wie ich mal ein schrottreifes Motorrad ersteigerte und das Glück fand

Vor einger Zeit bekam  ich eine Email von einem Freund, mit nur einer einzigen Zeile Text. Es war ein Link zu einer eBay-Auktion. Der zum Verkauf angebotene Artikel war ein gammeliges Motorrad aus den 1960er Jahren. Es hatte einen verblassten roten Anstrich, ramponierte Kotflügel und nur einen halben Sitz. Es war zudem nicht ganz klar, ob der Motor lief. Ich verstand, was mir der Freund damit sagen wollte. Es war die Reaktion auf einen übereifrigen Kommentar, den ich über den Wunsch gemacht hatte, eine Reise aus der Stadt zu machen. Das Bike, sofern ich es nahm, war ein Anstoß, wie dieser Trip aussehen könnte. Ich mochte diese Idee, auch wenn sie mir völlig unpraktisch erschien – weder bis dato auf einem Motorrad gesessen, noch eine Ahnung hatte, wie die Maschine zum Laufen zu kriegen wäre. Dennoch: ich war fasziniert.

street-1284362_640Ich steigerte mit und bot 20 €. Die Auktion lief noch eine gefühlte Ewigkeit, und ich war sicher, dass ich schnell übertroffen werden würde. Daher verfolgte ich den aktuellen Status nicht und hatte mein Gebot schnell in die hinteren Hirnregionen verbannt. Vier Tage später bekam ich eine automatisierte E-Mail, die mir zu meinem Kauf gratulierte. Mein halbherziges Gebot war offensichtlich genug, und ich befand mich bald in der Garage eines unterbeschäftigten Schauspielers namens Martin, der mir half, das Bike auf einen gemieteten Hänger zu wuchten. Dank des Winks meines Freundes war ich nun der stolze Besitzer eines historischen Schrotthaufens. Seitdem fristete das Motorrad unter meinem Schlafzimmerfenster ein tristes Dasein; immerhin zog es die Blicke von Kindern auf dem Weg zur Schule auf sich. Weder habe ich gelernt, es zu fahren noch einen Motorrad-Führerschein gemacht. Aber ich bereue den Kauf nicht  für eine Sekunde. Es hat etwas tief Befriedigendes auf einem irrationalen Traum zu reagieren und zu handeln. Eines habe ich jedoch inzwischen geschafft: Das Motorrad ist restauriert. Schick ist es geworden. Und es fährt. Zuverlässig. Woher ich das weiß? Der  besagte Freund hat es getestet. Abkaufen wollte er mir das gute Stück. Aber nein. Es hängt mir am Herzen und bleibt bei mir. Wer weiß, vielleicht, eines Tages….

Cats Gedankenwelt | Wir Klick-Krieger

Alles auf einen Klick? So einfach ist das nicht!
Alles auf einen Klick? So einfach ist das nun auch wieder nicht!

Es scheint, als funktioniere unsere Welt nur noch auf einer digitalen Ebene. Sich gegen qualvolle Pelztiertötung einsetzen? Einem Diktator die Meinung geigen, weil er Frauen und Homosexuelle in seinem Land unterdrückt? Für faire Bezahlung in Textilfabriken in Bangladesch kämpfen? Kein Problem – ein Klick genügt! So scheint es zumindest in der bunten, weiten Welt der Onlinepetitionen. Doch wo liegen die Grenzen des „grenzenlosen“ World Wide Web, wenn es um echte Hilfeleistung geht? Eine nachdenkliche Betrachtung.

Wann immer ich meinen Newsfeed bei Facebook oder mein E-Mail-Postfach öffne, springen mir Horrormeldungen über die unglaublichsten Dinge und Ereignisse entgegen – versehen mit dem Aufruf, in einer Onlinepetition dagegen meine Stimme zu erheben. Das Spektrum reicht dabei vom Schreddern männlicher Küken in Fleischverarbeitungsbetrieben bei lebendigem Leib (mir wird schon beim Gedanken daran ganz schlecht) über die Steinigung von ehebrechenden Frauen irgendwo in der afghanischen Wüste bis hin zu den fatalen Umweltfolgen des Frackings. Alle diese Dinge jagen mir zugegebenermaßen einen Schauer über den Rücken – vor allem Menschenrechtsverletzungen und Tierquälerei lassen mich keinesfalls kalt. Oftmals traue ich mich gar nicht mehr, die Infolinks zum Thema anzuklicken, wei es mich schon bei der Vorstellung schüttelt, dass es so etwas tatsächlich (noch) gibt. Glücklicherweise kommt man meist auch so zu der Onlinepetition – auf direktem Weg – und kann so direkt seine digitale „Unterschrift leisten“ gegen all dieses Unrecht, das um uns herum geschieht. Ab einer bestimmten Anzahl von „Unterschriften“ gelangt das Anliegen dann zu einer zuständigen Behörde oder einer karitativen Organisation. Zumindest versprechen dies die Aufrufe jedes Mal. Manches Mal frage ich mich jedoch: Wie viel bringt es, realem Unrecht mit Klicks auf einer Internetseite zu begegnen?

Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort
Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort

Protestkultur im digitalen Raum

Ich erinnere mich aus meinen Teenagerjahren noch gut an eine andere Form der Petition – die, die man „auf der Straße“ einholte. Meine beste Freundin und ich hatten in einer Zeitschrift über die Tötung von Straßenhunden in Osteuropa gelesen und wollten helfen. Im naiven Überschwang zweier jugendlicher Tierfreundinnen sind wir also losgezogen – mit ihrem eigenen Hund und meinem Nachbarshund, und haben Unterschriften für ein Protestschreiben an die Regierung an Haustüren gesammelt. Auch wenn es wahrscheinlich nicht viel gebracht hat – die meisten Menschen, die wir trafen, waren entweder beeindruckt oder zumindest stark gerührt von unserer Aktion. Auch heute gibt es noch Protestaktionen „im echten Leben“ – man erinnere sich an den „arabischen Frühling“, die Kundgebungen der Gewerkschaften für gerechte Löhne und diverse Kita-Srreiks, die so viele berufstätige Eltern in die Verzweiflung treiben und doch so notwendig sind, um auf den Wert sozialer Arbeit aufmerksam zu machen. Insgesamt jedoch – so scheint es mir zumindest – hat sich ein großer Teil der heutigen Widerstands auf den digitalen Raum verlegt. Wenn ich mir die Erzählungen meiner Eltern aus ihren „wilden Studentenzeiten“ anhöre, erzählen sie von Demos gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke und die Benachteiligung von Frauen. Im Film „We want Sex“, der kürzlich im Fernsehen lief, wird an die Streiks der Ford-Mitarbeiterinnen in England für gleichen Lohn erinnert und die Menschen der „prüden Sechzigerjahre“ erscheinen einem doch um einiges kämpferischer, als es heute, 50 Jahre später, oftmals erscheint. Es hat also ein Wandel in der Demonstrationsbereitschaft stattgefunden, aber woran liegt das und was sind die Auswirkungen?

Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise - Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung
Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise – Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung

Klicks allein reichen nicht

Es scheint im „digitalen Zeitalter“, wo alles Mögliche von einem Smartphone oder Laptop aus erledigt werden kann, nicht weiter verwunderlich, dass auch Petitionen und das Anbringen kritischer Stimmen via Internet Hochkonjunktur haben. Und ich möchte die derzeitige „Protestwelle per digitaler Unterschrift“ auch gar nicht schlecht reden. Ohne das World Wide Web als „Informationshighway“ wüssten viele von uns vermutlich nicht einmal, wozu Menschen (im negativen Sinne) fähig sein können. Vielleicht würden die zahlreichen Meldungen über die Verheiratung von minderjährigen Mädchen mit älteren Männern, über Massenvergewaltigungen, Lebensmittelskandale und all die anderen Dinge, gegen die Petitionsunterstützer online Sturm laufen, gar nicht so schnell bei uns ankommen. In der aktuellen Medien- und Infomationskultur müssen auch diejenigen unter uns, die bewusst die Nachrichten mit ihren Schreckensmeldungen über das Unrecht in der Welt vermeiden, sich damit beschäftigen – immerhin macht das Internet all diese „harten Fakten“ allgegenwärtig. Dennoch sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass Klicks und „Share“-Buttons auf einer Internetseite eben nicht alles sein können; dass man zwar irgendetwas zur Weitergabe wichtiger Informationen und zur Verbesserung gewisser Umstände beigetragen hat, aber dies eben für sich allein nicht ausreicht. Es braucht mehr, um wirklich etwas zu ändern und die Möglichkeiten, die der Einzelne hat, sind dabei umfangreicher, als mancher „auf den ersten Klick“ denkt. Wer online gegen die Misshandlung auf Pelztierfarmen protestiert, kann auf jegliche Art von Echt- und Kunstpelz verzichten, auch sein Umfeld auf diesen Missstand hinweisen und so ein Zeichen setzen. Wenn man die Massentierhaltung in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie veabscheut, kann man auf andere Bezugsquellen zurückgreifen oder versuchen, den Genuss dieser Produkte weitgehend einzuschränken. Kleinere oder größere Beträge an Organisationen wie die „SOS Kinderdörfer“ oder „Amnesty International“ zu spenden kann helfen, das Leben vieler anderer Menschen weltweit oder auch in der eigenen Stadt zu verbessern. Nicht zu vergessen: die Möglichkeiten, sich in der Flüchtlingshilfe oder für die örtliche „Tafel“ zu engagieren, um Armut und Not einzuschränken. Als Fazit möchte ich also vorschlagen: Onlineprotest ist der Teil eines großen Ganzen – doch mit Likes allein wurde noch kein Kampf gewonnen.

Maria Aronov | Eine göttliche Tragöde ¦ Über Gut und Böse

Eine göttliche Tragödie
Über Gut und Böse, Himmel und Hölle 

Oftmals stellt sich die Frage, wie das Leben nach dem Tod wohl aussähe. Wir sprechen dann von Orten wie der Hölle und dem Paradies; zudem haben sich bereits abertausende Schriften über die Vorstellung des Lebens im Jenseits ausgelassen.

Dante und Vergil

Auch Dante Alighieri (* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) beschäftigte sich in der „Göttlichen Komödie“, seinem theologisch-philosophischen Hauptwerk, mit der Frage nach dem Dasein im Jenseits. Sein Weltbild baute dabei auf dem geozentrischen Ptolemäischen System auf.

[Das geozentrische Weltbild ist eine historisch überaus bedeutsame Auffassung vom Aufbau des Weltalls, die von dem griechischen Philosophen CLAUDIUS PTOLEMÄUS (ca. 100 – ca. 170) begründet wurde. Es wurde angenommen, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Weltalls befindet und alle Planeten sowie die Sonne sich auf kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen.
Mit diesem Weltbild konnten viele astronomische Erscheinungen erklärt werden. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das geozentrische Weltbild allmählich vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.]

An der Seite des römischen Dichters Vergil wandert Dante durch verschiedene Reiche des Jenseits. Ihre Wanderung beginnt zunächst in der Hölle (L´Inferno): der Gang des Menschen durch Sünde, Pein und Verzweiflung. Die Hölle ist unterteilt in Jenseitsbezirke,  die im Text  als  neun Kreise beschrieben werden. Je tiefer man gelangt, umso mehr verstärken sich die Qualen. Ängste und Verzweiflung wachsen, die Seele verliert ihre innere Ruhe. Der angsteinflößende Cerberus und das Unwetter erwarten sehnsüchtig die verdammten Seelen. Sie dursten regelrecht nach ihnen.

Nach dem Besuch des letzten Höllenkreises, wo sich auch Luzifer befindet, gelangt der Dichter schließlich – allerdings ohne seinen Begleiter Vergil – zum Fegefeuer. Dort reinigt sich Dante an der Seite büßender Seelen von seinen Sünden. Er trifft dort auf seine ehemalige Geliebte Beatrice, die ihn durch das nächste Reich, das Paradies, begleitet. Dabei offenbart sie ihm den Himmel: das Gefühl, Gott nahe sein zu können und dem damit verbundenen Glück.

Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)
Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)

Das Jenseits im mittelalterlichen Glauben

Geht man von dem christlichen Glauben im Mittelalter aus, ist die Struktur des Jenseits eindeutig gegliedert. Zwischen Hölle und Paradies liegt das Fegefeuer; Ein Ort, an dem reuenden Seelen Hoffnung auf eine weitere Existenz im Himmel schöpfen.

Im Fegefeuer verweilen die Seelen der milden Sünden: dort landen Geizhälse, die Neidischen und die Zornigen. Alle verbindet die durch Reue in Aussicht gestellte Existenz im Himmel.

Die Hölle ist somit der schlimmste Ort, an den man nach seinem Tod gelangen kann. Dante spricht, wie bereits oben erwähnt, von quälenden, die Seele durchbohrenden Ängsten und Verzweiflung. Im Inferno befindet sich neben Judas, dem Verräter auch Satan.

Sowohl in Dantes Weltbild, in seiner Interpretation des Jenseits als auch im dunklen Mittelalter:  Hierarchien waren ein fixer Wert.  „Das Leben danach“ wurde in Stufen unterteilt und es herrschen Stereotype wie „Gut“ und „Böse“.

Das „Gut und Böse“ seit Nietzsche

Der Begriff des Guten wird seit der Moderne neu interpretiert. Altertümliche Tugendlehren verloren mit der Zeit immer mehr an Bedeutung. Seit Nietzsche werden Fragen nach dem Guten kritisch unter die Lupe genommen. Für den Dichter und Philosoph war die Differenzierung zwischen Gut und Böse eine christliche Erfindung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

Wie bereits in meinem Essay über Meister und Margarita „Ein teuflisch guter Pakt“ erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass  die Begriffe „Gut“ und „Böse“ relativ sind. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Abwesenheit der Hölle würde das Paradies sonst mit all seiner Schönheit entbehrlich machen.

Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien
Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien

Das  Paradies gilt als wundervoller, sorgloser Ort. Alles interpretiert jede(r) den Himmel anders – für den einen ist er bereits auf der Erde, für Anderen stellt die Hölle selbst den Himmel dar. Nehmen wir mal als Beispiel einen Melancholiker: Würde er sich in seiner seelischen Sehnsucht nach Trauer im Paradies, wie man es aus den Büchern kennt, glücklich fühlen? Vermutlich nicht.

Würde ein Philosoph oder Dichter nicht lieber die Hölle erkunden, durch die ewige Dunkelheit spazieren und seine Erkenntnisse der Welt kundtun?
Als ein Gefangener der ewigen Verdammnis erleidet man in der Unterwelt unerträgliche Qualen. Doch was soll das Ganze überhaupt? Ein Todesurteil ist das Leid an sich nicht, denn es gibt keine sterblichen Seelen. Und ewige Qualen könnten wir auch im Paradies erleiden, würde es nicht unserer inneren Welt, unserer Vorstellung entsprechen.

„All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten“ Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an. – aus info.kopp – verlag.de

(M)ein Herz für die Unterwelt

Hätte ich die Wahl, ich nähme die Unterwelt. Voller Mut würde ich Hades und Cerberus begegnen, ich spazierte durch brennende Feuer, Gewitter und heißen Sand, redete mit gefangenen Seelen über ihre Qualen und beseitigte ihre größten Ängste. Ich erzählte ihnen, dass die Höllenqualen nichts als eine Art Gefühl der Selbstverschuldung wären, dass die Angst vor dem dreiköpfigen Hund unbegründet sei, da die Hölle kein Ort des Todes sei, sondern auch des ewigen Lebens. Seelen sind eine Quelle nie erlöschender Energie. Das, was uns eine große Furcht einjagt, sind wir selbst, unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unsere unverarbeiteten Erfahrungen.

Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)
Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)

In der Hölle begegnete ich dem kleinen Prinzen, der in ihr auf der Suche nach sich selbst landete. Ich begegnete in ihren kalt ermordeten Poeten wie Jessenin, Lermontov und Puschkin. Auch sie gingen diesen Weg und sie hätten keinen anderen wählen wollen. Ja, die Hölle begegnet uns bereits auf der Erde und macht uns zu geistig höheren Wesen. Durch sie wachsen wir, streben nach oben und bleiben unvergessen.

Mit den Poeten redete ich dort über Ungerechtigkeit und der Suche nach der einzigen Wahrheit. Wir setzten uns um das brennende Feuer herum und genössen die Mystik der unaufhörlichen Blitze und des lauten Donners. Dies motivierte uns zum Philosophieren, zum Nachdenken über die Schwere und die gleichzeitige Leichtigkeit des Seins.

Zu uns, den Dichtern, käme Platon und erzählte uns vom Höhlengleichnis. Darin spricht er davon, dass das Licht der Erde die Höhlenbewohner blenden würde, denn sie wären nicht daran gewöhnt. Wie kann dann ein Philosoph, der in seinen Gedanken ständig durch die Dunkelheit wandert, zum Paradies hinaufsehen?

Wären sie meine Gesellschaft, würde ich die Hölle dem Himmel stets vorziehen.

Jede Existenz ohne Entwicklung des Geistes ist sinnlos, denn der Geist kann nur durch Herausforderungen wachsen. Auch im Leben durchlaufen wir verschiedene Stadien – gute und schlechte Phasen. Durch sie entwickeln wir uns, werden weiser. Würde stets „das Gute“ existieren, gäbe es keine Möglichkeit für die Philosophie und ihre Umsetzung. Das Sein verlöre seinen besonderen Charme und seine Anziehung.

Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer - 1922
Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer – 1922

Wer auf der Erde in der Hölle war, wird sie später nicht missen wollen.

Maria Aronov ¦ Brief an Eugen Onegin ¦ Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle

Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle 

Tatjanas Brief an Onegin [A.S. Puschkin]

Kaum tratst Du ein, und ich erkannte,
Ich fühlte nichts mehr, ich entbrannte
Und sprach im Geiste: das ist Er!
Es stimmt doch, daß ich oft Dich hörte:

Sprachst Du mir nicht im stillen zu,
Wenn ich den Armen Brot bescherte
Und wenn ich im Gebet begehrte,
Daß meine Seele fände Ruh?

Und warst grad eben hier im Zimmer
Nicht Du das liebe Bild, der Schimmer,
Der, aus dem Dunkel auftaucht,
Zu meinem Kissen sanft sich neigte?

Warst Du’s nicht, der mir Trost erzeigte
Und Lieb und Hoffnung zugehaucht?
Wer bist Du? Engel, der mich hütet?
Versucher, der Verderben brütet?

Mach mich von meinem Zweifel frei.
Vielleicht ist gar nichts dran an allem,
Ist’s nur naive Schwärmerei,
Und anders ist das Los gefallen?

Wie dem auch sei! Mein Schicksal will
Ich Dir ab heute anvertrauen;
Vor Dir vergieß ich Tränen still,
Laß mich auf Deinen Schutz nur bauen….

Bedenke: Ich bin hier allein,
Kein Mensch ist da, der mich verstünde,
Und wenn ich keine Lösung finde,
Wird es mein stummes Ende sein.

Ich harre Dein: Mit einem Blicke
Laß Hoffnung neu ins Herz mir ziehn,
Wenn aber Vorwurf ich verdien,
Reiß meinen schweren Traum in Stücke!

Ich schließe! Schrecklich, was ich schrieb…
Ich sterbe fast vor Scham und Grauen…
Doch da mir Ihre Ehre blieb,
Will ich mich kühn ihr anvertrauen.

Eugen-Onegin-Lensky-und-Tatjana.Foto-gemeinfrei
Eugen Onegin Lensky und Tatjana

Tatjanas Entscheidung Eugen zu schreiben, entstammt einem unwillkürlichen Impuls. Heraus kam dabei ein naiver, jedoch edler Gefühlsausbruch. Nicht ihrem Verstand entsprungen, sondern vielmehr ihrer Ohnmacht. Tatjana wusste in jenem Moment nicht, was sie tat.

Der Brief Tatjanas ist Vorbild höchster Offenbarung eines Frauenherzens. Ihre Worte sind wahrhaft, aber simpel. Aus der Verbindung von Einfachheit und Wahrhaftigkeit erstrahlt die absolute Schönheit der Gefühle, der Handlungen und des Ausdrucks.

Wie Puschkin versucht, Tatjana für ihre Entschiedenheit den Brief zu schreiben und diesen an Eugen zu schicken rechtfertigt, ist beeindruckend. Der Dichter war ein feiner Beobachter der „Oberschicht“, über die er schrieb. Es gelang ihm immer wieder, diese perfekt in Worten festzuhalten.

Als Tatjana das verlassene Haus Eugens besucht (Kapitel 7), wird sie von ihren Gefühlen überwältigt. Alle sich dort befindenden Gegenstände verkörpern Geist und Charakter des Hausbesitzers. Diese Szene gehört zu den besten Stellen des Gedichts. Tatjana greift dieses Motiv mehr als nur ein einmal auf:

„…Schnell Abschied nahm danach Tatjana
Von Hausverwalterin, geht heim.
Am nächsten Tag, mit erstem Hahne,
Erschien sie wieder vor dem Heim,
In den verlassnen gestern Räumen,
Erneut hing nach sie ihren Träumen,
Verblieben endlich hier allein.
Und lange weinte sie dabei.
Erst dann nahm sie sich vor die Bücher.
Zunächst stand sie ganz neben sich,
Dann schien ihr etwas wunderlich
Die Wahl der Bücher. Erst nicht sicher,
Stand dann, beim Lesen, doch ihr Held
Vor ihr wie aus der andren Welt.“

Pusshkin - Eugen Onegin VI Boat - Auszug aus dem Manuskript
Pusshkin – Eugen Onegin VI Boat – Auszug aus dem Manuskript

Endlich kommt Tatjana wieder zur Besinnung. Ihr Verstand hat nun die Regie übernommen. Sie begreift, dass es für den Menschen Lebensmotive gibt: es gibt Leid und Schmerz, auch durch die Liebe verursacht. Aber hat sie auch verstanden, worin die Interessen, die Motive des anderen und „sein“ Leid bestehen? Und wenn sie es begriffen hat: hilft ihr das bei der Linderung des eigenen Leids? Natürlich hat sie es begriffen, allerdings nur mit ihrem Verstand. Es gibt nämlich Erfahrungen, die man mit eigenem Leib und seiner Seele durchleben muss, um diese gänzlich zu verstehen.
Solche Gefühle kann man nicht aus Büchern lernen. Tatjanas Kennenlernen dieser Gefühlswelt ausserhalb der Literatur; diese neue Welt bestehend aus Pein und Kummer, ist für sie eine schmerzliche und fruchtlose Offenbarung. Dies erschreckt sie, bereitet ihr Angst, denn die Leidenschaft erscheint ihr als eine Art Verderbnis und überzeugt sie davon, sich vor der Wirklichkeit niederbeugen zu müssen, sie so hinzunehmen, wie sie zu sein scheint. Wenn sie  sich also dazu entscheiden sollte, ein Leben des Herzens zu führen, dann nur in ihrem eigenen Inneren, in der Tiefe ihrer Seele. Mit sich allein.

Tatjanas Besuch in Onegins Hauses und die Lektüre seiner Bücher bereiteten ihr eine Art Wiedergeburt. Aus dem jungen, vom Lande kommenden Mädchen wurde eine Frau der Gesellschaft. Eugen drückt seine angenehme Überraschung  in seinen Briefen an sie aus, doch für seine Erweckung ist es nun zu spät.

Tatjana weist Onegin ab - Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya - vor 1908
Tatjana weist Onegin ab – Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya – vor 1908

Nun zu dem Gespräch zwischen Tatjana und Onegin:
Hier zeigt Tatjana all die Gefühle einer russischen Dame; ein durch die Gesellschaft geformter starker Charakter. Sie zeigt zudem die Einfachheit in ihren ehrlichen und offenen Gefühlen. Sie zeigt ihr verletztes Ego und gleichzeitig ihre Eitelkeit, die sie als Maske trägt, um sich vor der tratschenden „Upperclass“ zu verstecken. Sie zeigt ihre Wertmaßstäbe, die ihr Herz und ihre Seele lähmen. Tatjana wirft Eugen vor, dass er sich damals nicht in sie verliebte, weil er darin keinen Charme, keinen Reiz der Versuchung sah. Und jetzt führe ihn lediglich der Durst nach skandalösen Ruhm zu ihr.

Tatjana mag das Leben der Oberschicht nicht und würde es bevorzugen, für immer auf dem Land zu leben. Für sie ist in ihrem Inneren eins klar: sie als Frau möchte ein Leben des Herzens führen. Lieben bedeutet für sie „leben“ und Opfer bringen heißt zu „lieben“. Und dennoch hat sie das Leben in der gesellschaftlichen Oberschicht zunehmend und durchdringend verändert. Die Natur erschafft den Menschen, die Umwelt aber verändert ihn, zuweilen gänzlich. Ein innerer Konflikt und Reifeprozess, der nicht nur die Protagonistin lange beschäftigt.

Maria Aronov | Liebe ohne Seele ¦ Die Meerjungfrauen Puschkins & Andersens

Eine Liebe ohne Seele
Am Beispiel von Puschkins und Andersens „Meerjungfrauen“

Junger Fischer mit einer Meerjungfrau - Maler unbekannt - 1. Hälfte 19. Jrdt.
Junger Fischer mit einer Meerjungfrau – Maler unbekannt – 1. Hälfte 19. Jrdt.

Im Jahr 1836, dem letzten Jahr vor seinem Tod, verlor und erschuf Puschkin gleichzeitig etwas. Ein Stück seiner Seele verstarb, als der Dichter seine geliebte Mutter verlor und ein anderes hinterlegte er in seinem Poem „Rusalka“, was übersetzt „Die Meerjungfrau“ bedeutet.
Diese Dichtung enthält nicht nur eine wunderbare und sich leicht lesende Sprache, sondern auch viele tiefe Gefühle.
Es heißt, dass der Gesang der Sirenen die vorbeifahrenden Schiffer anlockt und sie tötet. Doch die mythologischen Wesen kennen die Schiffer nicht. Der Mensch dagegen ist in der Lage, die Seele anderer durch Verrat und Untreue zu zerstören. Genau das ist Natascha, der Hauptfigur des Poems, passiert.

Um einen Einblick in Puschkins großartiges Werk und die verletzten Gefühle der jungen Frau zu bekommen; eine Inhaltsangabe:

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Am Ufer des Flusses Dnjepr lebt ein alter Mann mit seiner Tochter Natascha. Seit einiger Zeit werden die beiden des Öfteren von einem Fürsten aufgesucht, der Natascha liebt. Sie erwidert seine Gefühle. In der letzten Zeit kommt der Fürst jedoch immer seltener zu Besuch. Natascha wartet sehnsüchtig auf ihren Geliebten. Ihr Vater belehrt sie währenddessen, wie sie aus ihrer Liebe mehr Vorteile für sich und die ganze Familie gewinnen kann. Natascha hört jedoch nicht auf ihren Vater.
Plötzlich hört die junge Frau ein Pferdegetrappel. Es kommt der Fürst. Natascha macht ihm vorsichtig Vorwürfe für seine lange Abwesenheit und ihr Vater erzählt ihm von der schweren Arbeit und seinen Schwierigkeiten. Um Natascha zu beruhigen, schenkt der Fürst ihr ein teures Collier.
Die veranstalteten Tänze und Spiele der Bauern ziehen den Fürsten nicht an. Er kam lediglich, um sich für immer von Natascha zu trennen. Der Grund für den Abschied war weder der Krieg noch der lange Weg zu ihr, sondern eine standesgemäße Heirat.
Weder Nataschas Kummer noch die Tatsache, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt, kann den Fürsten davon abhalten, sie zu verlassen. Vor Kummer den Verstand verlierend, reißt sie das Collier herunter und wirft es in den Fluss.
Der Fürst heiratet eine reiche bemerkenswerte Frau. Während der Belustigung der Gäste hört man jemanden ein trauriges Lied über eine gelogene Liebe singen. Der Fürst erschrickt sich, denn hört er Nataschas Stimme. Man versucht, die Stimmung auf der Feier wieder aufzulockern und möchte, dass das Ehepaar sich küsst. Als sich der Fürst für den Kuss zu seiner Frau neigt, hört er in der Stille plötzlich ein weibliches Stöhnen, das das Fest betrübt. Alle Anwesenden sind verwirrt.
Nun sind 12 Jahre seit der Hochzeit vergangen, doch die Ehe brachte dem Fürsten kein Glück. Die Fürstin verbringt ihre Tage in Einsamkeit. Man erzählt, dass der Fürst die ganze Dienerschaft fortgeschickt hat und allein auf dem Ufer des Dnjepr bleibt.
Es ist Nacht und unter dem kühlen Licht des Mondes spielen die Meerjungfrauen. Als sie den Fürsten bemerken, verschwinden sie.
Der Fürst erkennt die Orte, vor er vor vielen Jahren schon mal war – die auseinander fallende Mühle und die alte Eiche. Die Erinnerung an das vergangene Glück und die Reue tun seiner Seele gut.
Plötzlich erscheint vor ihm ein alter in Lumpen gekleideter Mann. Das ist der Müller. Der Tod seiner Tochter brachte ihn um den Verstand. Der Fürst bietet ihm an, in sein Schloss mitzukommen, doch der Alte lehnt es ab. Auf einmal fällt er über den Fürsten her und befiehlt ihm, ihm seine Tochter zurückzugeben. Herbeieilende Jäger retten den Fürsten vor dem alten Mann.
Viele Jahre sind seit dem Tag vergangen, als Natascha sich in den Fluss warf und zu einer drohenden Herrin des Dnjepr – Gewässers wurde. Ihrer kleinen Nixe-Tochter erzählt sie über deren Vater – den untreuen Geliebten. Sie befiehlt ihr, ans Ufer zu gehen und ihn in den Fluss zu locken.
Der Fürst besucht weiterhin den Dnjepr, der ihn an die glücklichen Tage erinnert. Aus dem Gewässer kommt die kleine Nixe und erzählt ihm, dass sie seine Tochter sei. Sie ruft ihn zu sich. Der Fürst ist bereit, ihr zu folgen. Man versucht, ihn davon abzuhalten, doch er hört die rufende Stimme Nataschas. Der Stimme gehorchend geht der Fürst gefolgt von der Nixe unter das Wasser.
Die wahre Liebe erkennend, sucht der Fürst sein Glück auf dem Grund des Gewässers.

Interessant ist, ob dieses Poem auch einige autobiographischen Züge Puschkins enthält. Vielleicht träumte auch er von Rache an seinem Schwippschwager, der seine Liebe und sein Leben zerstört hat. Nicht umsonst lässt der Dichter den verräterischen Fürsten unglücklich werden und ertrinken. Er suchte nach Gerechtigkeit.

Ferdinand Leeke (1859 - 1923) - Die Versuchung der Meerjungfrau - 1921
Ferdinand Leeke (1859 – 1923) – Die Versuchung der Meerjungfrau – 1921

Das Motiv der unglücklichen Liebe kennt man auch aus „Die kleine Meerjungfrau/Seejungfer“ von Hans Christian Andersen. Das Märchen schrieb er im Jahr 1837, im Jahr des Todes von Puschkin. Als Grundlage für seinen Text nahm er die Sage der Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, die der Oper „Rusalka“ von Antonin Dvorak ähnelt.

Das Märchen von Andersen handelt von dem tragischen Ende der kleinen Nixe, die durch die wahre Liebe ihrerseits die ewige Seele findet:

Maler: Constantin Hansen - 1836
Maler: Constantin Hansen – 1836

Die kleine Nixe, die sich in den Prinzen verliebt, den sie selbst gerettet hat, nimmt viele Qualen auf sich, wird gar zu einem menschlichen Wesen, um in der Nähe ihres Geliebten sein zu können. Als ein seelenloses Wesen strebt sie danach, eine Seele zu erlangen, die nach dem Tod in die Luft aufsteigt. Diese bekommt eine Nixe aber nur dann, wenn sich ein Mensch in sie verliebt.
Für ihre Liebe und den Wunsch, eine Seele zu bekommen, erleidet sie höllische Qualen, als sie Gehen lernt. Sie verlässt ihren Vater und ihre Schwestern, gibt ihr Leben unter dem Wasser auf, doch der Prinz erkennt die wahre Liebe des Mädchens nicht und heiratet eine Prinzessin, die er für seine Retterin hält.
Der erste Strahl der Sonne nach der Hochzeitsnacht des Prinzenpaars soll gleichzeitig der letzte Atemzug des armen Mädchens werden. Die einzige Lösung, die ihr für die eigene Rettung bleibt, ist, den Prinzen zu töten. Dies bringt sie nicht übers Herz und löst sich auf dem Wasser in Schaum auf. Durch ihre guten Taten und ihr weiches Herz verwandelt sie sich aber in einen Luftgeist und kann ihren Traum, eine unsterbliche Seele zu bekommen, durch gute Handlungen und ihr weiches Herz, verwirklichen.

Hans Christian Andersen sieht die Rettung in er der Erlösung der Seele, was er mit dem „Ewigen Glück der Menschen“ bezeichnet. Die kleine Nixe verzichtet in ihrer Selbstlosigkeit auf die Rache und verendet in einem Meer voller Tränen der Trauer und gleichzeitig des seelischen Glücks.

Beide Autoren sowohl Puschkin als auch Andersen erschufen in ihren Texten einen Ozean von Gefühlen. Andersen zeigt, dass ein seelenloses Wesen mehr Liebe in sich trug als ein Mensch. Auch bei Puschkin setzt der Mensch nicht automatisch das Vorhandensein der Seele voraus.

Cats Couch: Vater werden ist (doch) schwer!

Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer
Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“- ein bewährtes Sprichwort, das viele Männer aus dem Wortschatz ihrer eigenen Eltern und Großeltern kennen. Aber stimmt das in allen Fällen? Wohl kaum – werdende Väter müssen ebenso wie ihre Partnerinnen eine Menge mitmachen und ihr Anteil an der Schwangerschaftszeit und an den ersten Monaten mit Baby wird häufig unterschätzt.

Überall liest man in den sozialen Medien massenhaft über Schwangerschaft, Geburt und Stillen – als reine Frauenthemen. Das kann sehr praktisch sein, wenn man sich einfach über den derzeitigen Status Quo des Ungeborenen während der Schwangerschaft, eventuelle Schwierigkeiten und Lösungen und Erfahrungen anderer Mütter informieren möchte. Besonders, seit mein Mann und ich selbst ein Kind erwarten, bemerke ich immer wieder, wie sehr der Fokus meiner Umwelt sich auch auf die kleine Maus richtet, die da bisher unbehelligt in ihrer Fruchtblase heranwächst. Bis zu einem bestimmten Grad an Privatsphäre genieße ich das, denn es zeigt mir, dass ihnen allen etwas an „uns“ liegt. Manchmal fühle ich mich als werdende Mutter allerdings geradezu erschlagen von all den Ratschläge, Ideen und Fakten rund um diese Zeit voller neuer Herausforderungen und Überraschungen. Und ich vermisse gerade im medialen Kontext häufig eines: die Einbeziehung des Vaters, der ja in der Regel alles andere als unbeteiligt am „Projekt Kind“ ist.

Mehr als nur Erzeuger

Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft
Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft

Zugegeben, es gibt nicht wenige Fälle, in denen sich die Rolle des werdenden Vaters wirklich auf die eines Erzeugers und „Samenspenders“ beschränkt und wir Frauen für alles Weitere komplett allein verantwortlich sind. Zum Beispiel, wenn, abgesehen von finanzieller Unterstützung nach der Geburt, von Seiten des männlichen Partners absolut das Interesse am eigenen Kind fehlt. Oder wenn ein Kind „anonym“ durch eine Samenbank entsteht und „Mama in spe“ aus Prinzip keine Elternbeziehung mit dem Spender eingehen, sondern es allein erziehen möchte. Dennoch sollte den Männern, die sich vomn Beginn an als Väter einbringen, mehr Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht werden. Denn häufig wird bei aller Konzentration auf Mutter und Kind vergessen, was eigentlich ihr Partner bei Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit an Unterstützungsarbeit leistet. Ganz nach dem Motto: „An der Seite jeder entspannten Mutter steht ein engagierter Mann“ (oder in lesbischen Beziehungen eben eine zweite Frau – was ebenso viel Respekt verdient). Auch wenn die Verantwortung für ein neues Leben im Mutterleib, die Geburt und eventuell auch das erste Bonding nach wie vor weitgehend „Mamasache“ sind, tun unsere Partner dennoch eine ganze Menge, um uns all dies zu erleichtern!

Wofür wir dankbar sein können …

Mächtig unausstehlich: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden
Mächtig launisch: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden

Der Fels in der Brandung. Auch, wenn ich mich selbst eher zu den rationalen und „unkomplizierten“ Schwangeren zählen möchte, weiß ich, dass diese Zeit für andere Frauen eine sehr emotionsgeladene mit zahlreichen überschäumenden Gefühlen ist. Dabei wird oft und gerne vergessen, dass auch der Partner sicherlich seine ganz eigenen Unsicherheiten, Zweifel und Ängste hegt und die werdende Mutter damit nur nicht belasten will. Dabei sind diese sicherlich ebenso relevant und ernst zu nehmen wie die jeder hormonbelasteten Schwangeren – es lohnt sich also, über den eigenen Babybauch hinaus zu schauen und sich damit auseinanderzusetzen.

Wunder sind gratis und Unmögliches wird sofort erledigt. Während manche Zeitgenossin der Geburt und der ersten Zeit mit Baby eher gelassen und geplant entgegensieht, kann manch andere Schwangere, ohne es zu wollen, zu einem wahren Hausdrachen werden. Sie zufriedenstellen? Eine „Mission Impossible“, an der jeder Actionheld verzweifeln würde. Übrigens genießen die Partner jener Frauen, die unter dem Einfluss von Hormonen zu wahren „Mamamonstern“ mutieren, mein volles Mitgefühl und meinen Respekt für ihre Nervenstärle bei einem solchen Drahtseilakt. Es ist sicherlich nicht einfach, sich ständig mit Heulkrämpfen, „ich will aber Erdbeeren“-Trotzmomenten und Wutanfällen aus dem Nichts herumzuschlagen und dabei noch ein gelassener, liebevoller Freund oder Ehemann zu bleiben.

Auch mein Msnn und ich freuen uns schon auf unser "Kätzchen"
Auch mein Mann und ich freuen uns schon auf unser „Kätzchen“

Neue Aufgaben – höherer Einsatz. Je weiter Kind und Vorfreude wachsen, desto eingeschränkter werden wir werdenden Mütter in dem, was uns körperlich noch möglich ist. Dies bedeutet auch eine Menge mehr Einsatz für den Partner, denn zum Beispiel das Heben schwerer Gegenstände (auch Einkaufstüten) über fünf bis zehn Kilogramm, manche Haushaltstätigkeit, die mit Bücken oder Strecken verbunden ist oder längere Fußwege und Treppensteigen ohne Verschnaufpause sind irgendwann einfach nicht mehr drin. Außerdem übernimmt mancher Mann für seine Herzensdame, sollte sie wegen ihres Hormonspiegels etwas vergesslich geworden sein, auch gerne mal die „Managerrolle“. Auch in den ersten Wochen nach der Geburt winkt oft noch „Extraeinsatz“ in Form von Aufgaben, die in der Regenerationsphase einfach sonst ständig ebenso wie die frisch gebrackene Mutter liegen bleiben würden.

Teamwork ist gefragt

Etwas differenzierter betrachtet ist Vater werden also doch schwer, nicht erst, wenn der kleine Wirbelwind erst einmal auf der Welt ist. Dies soll die Verantwortung und Belastungen, die eine Frau buchstäblich „herumträgt“, keinesfalls schmälern oder herabsetzen. Im Endeffekt geht es darum, sich von einem funktionierenden Paar zu einem eingespielten Elternteam zu werden und das erfordert immer einen gemeinsamen Einsatz sowie eine Menge Zugeständnisse. Gerade in einer Zeit, wo Väter immer mehr und bereitwilliger Verantwortung im Familienalltag übernehmen und auch zum Teil ihre eigene berufliche Laufbahn für längere Erziehungszeiten unterbrechen – beides positive Signale dafür, dass sich etwas bewegt im morschen, konventionellen Rollengefüge. Ob als Versorger oder als ständig anwesender Ansprechpartner für seine Kinder: Väter sind wichtig. Damit „Papas in spe“ sich aber auch als gleichwertige Partner beim Abenteuer Familienplanung fühlen können, muss man auch einfach einmal sagen: Danke für alles!

Peter Jensen über Mann-Frau-Gespräche, Sex und dem Herz auf der Zunge

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:

[avatar user=“PeterJensen“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen[/avatar]

Ich trage, wie man so schön sagt, mein Herz auf der Zunge. Kürzlich habe ich einen Mann kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut; allerdings meint er, derzeit nicht bereit für eine Beziehung zu sein. Aber: den Sex mit mir möchte er nicht missen. Zudem betont er, wie sehr er meine Offenheit schätzt.
Nun zu meiner Frage: mache ich mich uninteressant bei ihm, wenn ich alles von mir preisgebe? Es fällt mir wirklich schwer, mein Seelenleben für mich zu behalten, das bin einfach nicht ich. Aber ich möchte es mir mit ihm auch nicht verscherzen. Er wäre genau mein Typ und so langsam kommen nicht nur lüsterne sondern auch tiefere Gefühle hinzu. Wie verhalte ich mich, wenn ich doch mehr als nur eine Bettgeschichte von ihm möchte?

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Zu dieser Thematik möchte ich zweierlei Antworten geben: Zunächst die geschätzte Offenheit. Wenn dieser Ausspruch in geschildertem Kontext fällt, dann heißt dies in der Übersetzung Mann-Frau // Frau-Mann:

Ich finde es wunderbar, dass wir Sex haben, ohne mich ernsthaft und verbindlich mit Dir auseinandersetzen zu müssen.

Wenn Sie also mehr als eine Bettgeschichte mit diesem Männlein haben möchten, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Das mit einer Beziehung über die Bettkante hinaus wird nichts. Wenn sie daran festhalten, werden Sie vielleicht noch einige schöne Schäferstündchen haben, aber auch ein Herz mit offener Wunde.

Männer sind in der Regel eher deutlich in ihrer Kommunikation. Wenn sie sich äußern. Hören Sie also, dass eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon, dann bedeutet es das: eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon.
Hören Sie auf, Dinge da hinein zu interpretieren, die nicht vorhanden sind! Das ist eine sehr dumme und für beide Seiten unangenehme Angewohnheit von Frauen.

Foto: nicholasrobb1989 / pixabay
Foto: nicholasrobb1989 / pixabay

Wenn Sie nun den Mund halten und eine Bettgeschichtenbeziehung pflegen, die sie eigentlich so nicht haben wollen, dann machen Sie es dem Manne sehr einfach. Denn alles was er im Moment haben möchte ist eine Frau, die im Bett mit ihm Geschichten schreibt und ansonsten den Mund hält. Zumindest solange, wie dieser fürs Reden gebraucht wird, wenn es um andere orale Praktiken geht wird mehr Interesse vorhanden sein, so könnte ich mir vorstellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Generell möchte ich noch anführen, dass ein Herz auf der Zunge oft sehr angenehm ist; geradezu erfrischend bei der ganzen Taktiererei im Beziehungswahn. Es überfordert allerdings auch schnell, wenn Sie an den falschen Partner geraten. Denn der Umgang damit, nämlich zu filtern, ist nicht ganz so einfach, wenn dabei Emotionen im Spiel sind. Bei der Partnerwahl ist der Blick auf die Filtertechnik des Wunsch-Lebensgefährten also ganz sinnvoll.

Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦ Lermontovs und Puschkins Dichtung

¦Auf den Mond- und Sonnenstrahlen bis hin zum Himmel ¦
Lermontovs und Puschkins Dichtung

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Auf der Beerdigung von Puschkin sagte Wladimir Fjodorowitsch Odojewski (russischer Schriftsteller und Komponist) folgendes: „ Die Sonne der russischen Poesie ist untergangen. Lermontov kam, um Puschkin abzuwechseln, wie der Mond kommt, um die Sonne abzuwechseln.“
Puschkin und Lermontov hatten eins gemeinsam – das große Talent zu schreiben und zu dichten. Beide Schriftsteller und Dichter lernten die bitteren Seiten des Lebens kennen – Betrug, Verrat und Verfolgung. Während diese Erfahrungen, die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben und die tiefe Enttäuschung Lermontovs Gedichte dominieren, erstrahlen die von Puschkin, auch wenn sie ebenfalls die schmerzhafte Welt darstellen, voller Hoffnung, handeln von seiner Lebenslust. Genau das ist der Grund, weshalb Puschkin mit der Sonne und sein Nachfolger mit dem Mond verglichen werden.
Die Lyrik des „mystischen Dichters“ spiegelt seinen Seelenzustand in den Mondstrahlen wieder. Das sinnlose Sein auf der Erde und der tief sitzende Schmerz, nichts in dieser Welt ändern zu können, verleiten den Poeten zur finsteren Dichtung.

GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 - 93) - ILLUSTRATION ZUM GEDICHT "DER TRAUM" VON M. LERMONTOW - Staatliches Museum Moskau
GRIGORI GRIGOREVICH GAGARIN (1810 – 93) – ILLUSTRATION ZUM GEDICHT „DER TRAUM“ VON M. LERMONTOW – Staatliches Museum Moskau

Im Kaukasus, wohin Lermontov zum zweiten Mal verbannt wurde, diesmal nach der Widmung an Puschkin „Der Tod des Poeten“, erlebte der Poet eine besonders schwere Lebensphase. Zu dieser Zeit, als er auch seinen baldigen Tod verspürte, ist eines seiner letzten Gedichte „Der Traum“ entstanden.
Dieses Gedicht enthält keine autobiographischen Züge. Es ist vielmehr ein Einblick Lermontovs in sein eigenes Schicksal. Es lässt sich aber behaupten, dass die Grundidee für dieses Gedicht der wichtigste Traum des Poeten war – die Erkenntnis des Seelenfriedens und der wahren Liebe.
Das Gedicht lässt sich in zwei Teile zerlegen. Im ersten Teil sieht man das landschaftliche Bildnis des Südens von Daghestan:

„In Daghestan, im Brand der Mittagsstunde
Lag still ich da, im Herzen das Geschoss;
Es rauchte noch die tiefe Todeswunde,
Draus sickernd tropfenweis mein Blut entfloss.
Still lag ich da im heißen, gelben Sande,
Und scheitelrecht der Strahl der Sonne traf
Die Felsen rings; doch ihre Glut verbrannte
Vergebens mich; ich träumt ich ewigen Schlaf…“

Der Autor beschreibt eine raue und beschwerliche Landschaft. Diese tritt als eine Art feindliche und tödliche Macht auf. Die Felsen umringen ähnlich den Mauern eines Gefängnisses den sterbenden Dichter.
Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine große Feierlichkeit, die dem Poeten im Traum erscheint:

„Es träumte mir: Von hellen Feuern glänzend,
Die Heimat nächtlich lag; im Festgewirr
Die Menge summte; festlich sich bekränzend
Die Mädchen schelmisch plauderten von mir…“

Neben Lermontov und gleichzeitig der Hauptfigur seines Gedichts, der sich am Rande des Lebens und Todes befindet, taucht in der zweiten Hälfte seiner Dichtung ebenfalls sein Wunschbild einer geliebten Frau auf, die seinen Tod verspürte:

„Nur eine will nicht plaudern, will nicht scherzen,
Sie sitzt allein und sinnt und atmet kaum,
Und quälend lastet auf dem jungen Herzen
Ein ahnungsvoller, wunderbarer Traum…“

Der Aufbau des Gedichts „Der Traum“ ist kompliziert, da es eine spiegelnde Komposition enthält. Boris Eikhenbaum (Gelehrter und Historiker der russischen Literatur) bezeichnete den Aufbau des Gedichts als „widerspiegelnd“; als wären es zwei Spiegel, die gleichzeitig die verschiedenen Schicksale der beiden Figuren zurückwerfen: zuerst sieht die Hauptfigur im Traum seine geliebte Frau, die später wiederum von ihm träumt:

„Es träumte ihr: Im fernen Talesgrunde
Ein wohlbekannter Körper einsam ruht;
Es klafft in seiner Brust die Todeswunde,
Und schon erkaltend sickert draus sein Blut.“
(Übersetzt von Hans Gerschmann)

Somit zeigt uns der Autor das Gedicht auf zwei verschiedene Weisen – einmal wird der Standpunkt der Hauptfigur, des Dichters selbst präsentiert, dann wird die Sichtweise seiner Liebsten gezeigt.
In „Der Traum“ vollendet Lermontov die Gestalt einer idealen Liebe. Auch, wenn er diese Liebe nur in seinem Todestraum findet, hat er es trotzdem geschafft, sie zu entdecken. Diese gibt ihm die Möglichkeit dazu, dem Tod etwas mutiger und hoffnungsvoller zu begegnen.
Das Gedicht eröffnet den Lesern den Zustand Lermontovs Seelenwelt, die sich hinter keiner Maske versteckt. Er offenlegt seine Sehnsucht nach dem erlösenden Tod.
Erleuchtend wie die Strahlen der Sonne schreibt auch Puschkin in seinem Gedicht „Die längst verschollene Lust vergangener Tage“, wie schwer sein Herz von der Last des Schmerzes wurde. Im Gegensatz zu Lermontov will er sich jedoch von dem Band des Lebens nicht lösen.
Puschkins Gedicht lässt sich auch in zwei Teile splitten. Der erste Teil seines Gedichts erzählt vom Kummer der alten Tage und seiner tief im Herzen sitzenden Sorgen:

„Die längst verschollne Lust vergangner Tage
Drückt wie ein Kopfweh mich nach einem Trinkgelage.
Doch meines Herzens Gram dem Weine gleicht,
Der, wie er altert, auch an Stärke steigt…“

Durch die qualvollen „vergangenen Tage“ weiß der Dichter, dass auch seine Zukunft nicht anders ausschauen wird:

„Mein Pfad ist trüb. Vom grauenvollen Meer
Der Zukunft dröhn Gefahr und Leiden her.“

Der zweite Teil seines Gedichts repräsentiert Puschkins lebensbejahende Natur. Darin zeigt er, wie sehr er das Leben zu schätzen weiß. Nach Puschkin gehören das Denken und das damit verbundene Leiden unausweichlich zur menschlichen Existenz:

„Doch ich will, Freunde, von der Welt nicht scheiden!
Will leben, um zu denken und zu leiden…“

Puschkin schaut auch den schweren Zeiten des Lebens positiv entgegen, denn sie sind es, die das Leben interessant und farbenfroh gestalten. Ohne sie wüssten wir nicht, was Glück und Freude bedeuten. Er weiß, dass das Leben voller Dynamik ist und auch „der Sturm“ vergehen wird. Umso wertvoller werden für ihn die schönen Momente des Seins:

„Ich weiß, daß zwischen Sorgen, Sturm und Wehen
Auch Lust und Freude mir noch auferstehen.
Ich werde Kunst und Leben neu genießen,
Noch Thränen der Begeisterung vergießen…“

Sogar die letzten zwei Zeilen des Gedichts offenbaren Puschkins Optimismus, der sich hin bis zum Tod erstreckt:

„Und einst auf meines Grabes trüber Nacht
Vielleicht der Liebe Lebewohl mir lacht.“
(Übersetzt von Friedrich Martin Bodenstedt)

Puschkin und Lermontov gingen zwei verschiedene Wege der Poesie. Beide Seelenwelten – die der Mond- und Sonnenstrahlen führen jedoch zu einem gemeinsamen Nenner, dem sich im Himmel befindenden Genie.

Maria Aronov: Die Spiele des Bösen & Lermontovs Widmung an Puschkin

Die Spiele des Bösen &
Lermontovs Widmung an Puschkin

[avatar user=“MariaAronov“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“]Maria Aronov[/avatar]

Puschkins Leben blühte in seinen Werken und verwelkte durch die Einflüsse von außen. Nach der Begnadigung durch den Zaren Nikolaus I stand Puschkin trotzdem unter permanenter Überwachung der Geheimpolizei. Er wurde seiner Freiheit beraubt, da für ihn ab diesem Moment sehr viele Einschränkungen galten. Puschkins Freundschaft mit den Teilnehmern des Dekabristenaufstands machten den Hof und die Regierung sehr misstrauisch.

Seine Werke wurden durch den Zaren persönlich zensiert, seine Briefe geöffnet und seine Reisen mussten bewilligt werden. So gibt es viele Mutmaßungen, was Puschkins Tod angeht. Einige Theoretiker sehen in dem Duell Puschkins gesuchte Erlösung von dem qualvollen Leben. Die Anderen gehen davon aus, dass es sich bei dem Duell um eine Hofintrige handelte, bei der d’Anthès als Gehilfe benutzt wurde, um den Dichter als politischen Gegner loszuwerden.

Mikhail Lermontov
Mikhail Lermontov

Bereits wenige Tage nach Puschkins Tod beim Duell am 10. Februar 1837 (nach gregorianischem Kalender), widmete ihm Lermontov ein Gedicht, das er „Der Tod des Dichters“ nannte. Nach der Verbreitung seiner Handschriften wurde er zu einem Militärregiment in den Kaukasus verbannt.

Die bitteren Seiten der Hof- Gesellschaft kennend, erzählt Lermontov in seinem Gedicht, wie falsch und grausam unsere Welt ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Hofgesellschaft, die nicht in den Schatten eines Poeten gestellt werden wollte. Nach und nach wurde die zarte und gerechte Seele Puschkins zerstört. Er wurde zum Opfer von grausamen Intrigen und Verleumdungen.

In Lermontovs Augen gibt es nur ein wahres Gericht, nämlich das des Gottes, denn nur Gott allein ist in der Lage, gerecht zu entscheiden. In unserer Welt ist dagegen alles lügnerisch, nichts ist so, wie es zu sein scheint. Aus den Zeilen des Gedichts wird auch sichtbar, dass Lermontov anti Monarchen war. Diese stellten nämlich eine Gefahr für die Freiheit und dem mit ihr unwiderruflich verbundenen Genie dar. Wie Geier warten sie auf das Aas, um auf den Thron zu fliegen, treiben heimtückische Machenschaften und erkaufen sich ein schönes Leben gar vor dem Gericht.

Puschkins Untergang schien unausweichlich. Auch wenn er aus dem Duell als Sieger hervorgegangen wäre, hätte man sich früher oder später seiner entledigt.

Für Lermontov bleibt jedoch der wahre Sieger des Duells der Poet. Schon in den ersten Zeilen des Gedichts schreibt er mit Stolz darüber, dass die Bösen und ihre Nachkommenschaft später sehen werden, wer der eigentliche Verlierer ist.

Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.
Handschrift Lermontovs zu einem Textentwurf.

Hier einige Fragmente aus Lermontovs Widmung an Puschkin.

Der Tod des Dichters
von Michail Jurjewitsch Lermontov

Aus Rache, Fürst, aus Rache …

Sei gerecht und bestrafe den Mörder, damit seine Hinrichtung in den späten Jahrhunderten dein gerechtes Gericht und die Nachricht des Sieges den Nachkommen überbringt.

So können die Bösen in ihr ein Beispiel sehen.

Der Poet, der Sklave der Ehre, ist ums Leben gekommen. Er ist gefallen durch verleumderische Gerüchte. Mit Blei im Herzen, dem Durst nach Rache und dem sinkenden Haupt ist er zugrunde gegangen. Die Seele des Poeten hat die Schande der kleinlichen Vergehen nicht ertragen. Er trat alleine den Meinungen der Gesellschaft entgegen und ist auch alleine getötet worden.

Wozu jetzt das Heulen und des Lobs unnötiger Chor? Wozu noch das Geklapper der Rechtfertigung? Das Urteil des Schicksals hat sich erfüllt.

Ihr habt ihn und seine freie, tapfere Gabe gehetzt und habt zur Belustigung jedes erzählte Detail über ihn zu einer Flamme aufgeblasen.

Nun, erfreut euch! Er konnte die letzten Qualen nicht ertragen und das wunderbare Genie ist wie eine Lichtquelle erlischt. Verwelkt ist der feierliche Kranz. Sein Mörder hat den Todesschlag kaltblütig ausgeführt. Es gibt keine Rettung!

Lachend hat er der Erde fremde Sitten und Sprache verachtet. Er konnte unseren Ruhm nicht schonen. Er konnte in dem blutigen Augenblick nicht verstehen, wogegen er überhaupt die Hand erhob.

Wozu hat er seine Hand wertlosen Verleumdern gereicht? Warum hat er falschen Worten und Liebkosungen geglaubt? Er, der bereits in den jungen Jahren eine hervorragende Menschenkenntnis hatte.

Vergiftet sind seine letzten Augenblicke durch heimtückisches Flüstern der Unwissenden. Gestorben ist er mit vergeblichem Durst nach Rache und der Enttäuschung der heimlich betrogenen Hoffnungen.

Der Schall der wunderbaren Lieder wurde zum Schweigen gebracht. Nie wieder werden sie erklingen. Die Bequemlichkeit des Sängers ist düster und eng. Auf seinen Lippen ist ein Siegel. Und ihr, arrogante Nachkommen der durch Gemeinheiten bekannt gewordenen Väter, steht Schlange wartend auf den Thron, ihr seid nichts als Henker der Freiheit, des Rums und des Genies! Ihr beruft euch immer auf die Gesetze, doch vor euch schweigen das Gericht und die Wahrheit.

Aber eines habt ihr vergessen:

Es gibt noch das Gericht Gottes, das Ehrfurcht erregende Gericht. Gott kennt die Gedanken und die Taten schon im Voraus.

Ihr werdet es alle nicht schaffen, mit eurem schwarzen Blut das gerechte Blut des Poeten wegzuwischen.

Übersetzt von Maria Aronov

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Weitere Beiträge zu Mikhail Lermontov im Magazin.

Maria Aronov über Alexander Puschkin & das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

Alexander Puschkin – Das tödliche Duell des Sonnengotts der Poesie

„Die Illusion, die uns verherrlicht, ist uns lieber
als zehntausend Wahrheiten.“ Puschkin

Alexander Pushkin on a Park Bench. 1899. Graphite, watercolor, whitewash on paper. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia
Alexander Pushkin auf einer Parkbank. 1899. Graphit, Wasserfarbe. The State Museum of Alexander Pushkin, St. Petersburg, Russia

Alexander Sergeewitsch Puschkin (* 26. Maijul./ 6. Juni 1799greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1837greg., Sankt Petersburg) zählt heute noch zu den größten Dichtern und Schriftstellern Russlands.

Unter seinem Einfluss entstand die moderne russische Sprache sowie der Begriff der modernen russischen Literatur, die einen großen Einfluss, auch auf bekannte Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Leo Tolstoi, Nikolai Gogol und Anton Tschechow hatte.

Puschkin war und bleibt der Sonnengott der russischen Sprache und Poesie für viele Schriftsteller. Es gibt unzählige Schriften und Zitate über den unvergesslichen talentierten jungen Mann. Folglich ein paar Beispiele aus einigen Artikeln der bekannten russischen Literaten:

Literaturkritiker und Dramatiker, Innokenti Fjodorowitsch Annenski (* 20. Augustjul./ 1. September 1855greg., † 30. Novemberjul./ 13. Dezember 1909greg.) über Puschkin:

„… alles, was bei uns vor Puschkin wuchs, strebte nach ihm. Es strebte nach der noch nicht zu sehenden, aber versprochenen Sonne. Puschkin vollendete das alte Russland…“.

-Aus dem Artikel „Die Ästhetik der toten Seelen und ihr Erbe“, 1911.

„… Die Humanität von Puschkin war eine Erscheinung der höchsten Ordnung… Sie befand sich im Verständnis und dem Gefühl der Gerechtigkeit…“

– Aus dem Artikel „Puschkin und das Dorf des Zaren“, 1899.

Ein Zitat der Dichterin Anna Achmatova, der „Seele des Silbernen Zeitalters“ in der russischen Literatur und der bedeutendsten russischen Dichterin (* 11.jul./ 23. Juni 1889greg., † 5. März 1966):

„Puschkin siegte über die Zeit und den Raum“.

Konstantin Balmont (* 3.jul./ 15. Juni 1867, † 23. Dezember 1942), ein russischer Lyriker des Symbolismus aus dem sogenannten silbernen Zeitalter der russischen Poesie:

„Puschkin war die Sonne der Russischen Poesie, die ihre Strahlen auf eine große Entfernung ausweiten konnte. Dabei erweckte sie sowohl kleine als auch große Weggefährten zum Leben…“

-Aus: „Über die russischen Dichter. Ausschnitte aus den Vorträgen 1897.

Die Werke Puschkins, einem talentierten Schreiber und Beobachter, handeln in erster Linie um das Leben der russischen Aristokratie sowie das der kleinen Leute. Seine Texte sind nicht nur leidenschaftlich, sondern auch spöttisch, philosophisch und voller Ironie. Genau das sind die Punkte, die ihn und seine Werke so einzigartig und beliebt bei den Lesern machen.

Das Bemerkenswerte an seiner Literatur ist die Zeitlosigkeit. Seine über 200 Jahre alten Texte sind bis heute aktuell, sodass sich viele Leute aus dem 21. Jahrhundert in ihnen wiederspiegeln.

Puschkin stammte aus einem alten Adelsgeschlecht seitens seines Vaters. Interessant ist die Tatsache, dass Puschkin afrikanisches Blut in sich hat, da sein Urgroßvater mütterlicherseits ein Sklave aus Äthiopien war. Dieser wurde seinerzeit dem Zaren Peter dem Großen übergeben und wurde zu seinem Patenkind.

Als Kind sprach und schrieb Puschkin größtenteils Französisch. Dies war für den russischen Adel zu der Zeit üblich.

Im Jahre 1811 fing Puschkin an, das neue Elite Lyzeum in Zarskoje Selo, das heute Puschkin heißt, zu besuchen. Einen großen Einfluss nahm auf Puschkin die Idee der Französischen Revolution, nämlich Freiheit und Gleichheit für alle. Diese Leitlinie machte sich oft in seinen Werken bemerkbar.

Nikolay Ge - Puschkin zezitierend - 19. Jhrdt.
Nikolay Ge – Puschkin zezitierend – 19. Jhrdt.

Nachdem Puschkin das Lyzeum 1817 absolviert hatte, arbeitete er in St. Petersburg als Beamter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten.

In seiner Freizeit besuchte er oft das Theater und als Mitglied der literarischen Gesellschaft Arsamas, wo er bereits zu seiner Schulzeit aktiv war, engagierte er sich für die Weiterentwicklung der russischen Hoch- und Schriftsprache.

Nebenbei schrieb Puschkin Gedichte, das Epos „Ruslan und Ljudmila“, Balladen und Märchen. Letzteres hat er wahrscheinlich seiner Amme – Arina Rodionowna – zu verdanken, die ihm im Kindesalter russische Altmärchen vorlas, denen er mit großem Interesse zuhörte.

Puschkins Talent hatte jedoch nicht nur schöne Seiten. Aufgrund seiner spöttischen Gedichte und Epigramme über den Zaren und auch einige Minister, wurde er 1820 nach Südrussland verbannt.

Der junge Dichter widmete sich weiter seiner Gaben und verfasste dort romantische Poeme „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Zigeuner“ und „Die Raubbrüder“. Diese Texte handeln von nach der großen Freiheit suchenden Menschen. Um sich von ihrer Enttäuschung zu lösen, fliehen sie von der Zivilisation in die Wildnis, wo jedoch neue Probleme und Enttäuschungen auf sie warten.

Natalia Goncharova - Selbstportrait - 1907
Natalia Goncharova – Selbstportrait – 1907

Puschkin nutzte seine Liebesgefühle für seine Werke aus, sodass er unter ihnen neben zahlreichen Liebesgedichten das berühmte Verseepos „Jewgeni Onegin“ schuf.

Im Jahr 1824 erfolgte Puschkins Entlassung aus dem Ministerium. Anschließend schickte man ihn auf das Gut seiner Eltern, wo er sich einsam fühlte.

Seinen Kontakt zu den jungen adeligen Rebellen, den Dekabristen, verlor er nicht. Diese hatten ebenfalls ein bitteres Schicksal, denn 1825 protestierten sie gegen das absolutistische Regime, verweigerten dem neuen Zaren den Eid, wofür sie später entweder nach Sibirien verbannt oder hingerichtet wurden.

Der Tod des Zaren Alexander I im Jahr 1825, ermöglichte Puschkin endlich wieder die Rückkehr nach Moskau und zwei Jahre später auch nach St. Petersburg.

Obwohl Puschkin von dem neuen Zaren, Nikolai I für „den klügsten Mann Russlands“ gehalten wurde, wurde er durch seine Verbindung zu den Dekabristen streng überwacht. Puschkin fühlte sich dadurch in seiner Freiheit eingeengt, was ihn sehr bedrückte.

1831 heiratete der Dichter Natalja Gontscharowa. Zusammen hatten sie 4 Kinder. Doch auch in der Liebe hatte Puschkin sein Glück nicht behalten können. Der Zar verfiel der Schönheit Nataljas und wollte sie immer mehr am Hof sehen. Puschkin wurde zum Kammerjunker am Hof und sollte auf Befehl des Zaren an allen Festlichkeiten des Hofs teilnehmen.

Der Hof quälte den Dichter mit seiner Leichtsinnigkeit und Intrigen. Zudem ging der Verkauf seiner Veröffentlichungen zurück. Das Leben in der Stadt wurde für das Paar damit zur Hölle. Zum Glück konnten einige Verwandte sie finanziell unterstützen.

Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer - 1886
Ivan Aivazovsky (1817–1900)-Puschkin am Meeresufer – 1886

In der Liebe fand Puschkin auch weiterhin kein Glück. Er und seine Ehefrau lernten den Franzosen Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès kennen. Der Gardeoffizier Baron Georges d`Anthes nahm Nataljas Schwester Katharina zur Frau. Die Heirat stand d`Anthes jedoch nicht im Wege, Natalja, sogar in Puschkins Gegenwart, den Hof zu machen. Durch das Verhalten vom Baron entstanden Gerüchte. Die Treue Nataljas ihrem Mann gegenüber wurde infrage gestellt. In St. Petersburg folgten Schmähschriften, in denen Puschkin als „Hornträger“ bezeichnet wurde.

Der Dichter sah keinen Ausweg aus der Misere und beschwerte sich letztlich über das Verhalten des Franzosen bei dessen Adoptivvater, woraufhin ihn Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès zum Duell aufforderte.

Diese Intrige führte Puschkin langsam, aber sicher in den Tod. Bei dem Duell wurde er nämlich mit einem Schuss in den Bauch stark verletzt. Zwei Tage später, am 10. Februar, verendete der Poet der Sonne mit nur 37 Jahren in seiner Wohnung.

Adrian Volkov - Das Duell Alexander Pushkin und Georges d'Anthès - 1869
Adrian Volkov – Das Duell Alexander Pushkin und Georges d’Anthès – 1869

Tausende Menschen trauerten dem Genie nach. Puschkins Leichnam wurde in eine Provinz überführt und im Swjatogorsky Kloster bei Pskow beerdigt.

„Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.
Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, „die Sonne der russischen Poesie“ Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu „vergessen“, seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 – 1830 zu spüren, als sein Poem „Poltawa“ und das 7. Kapitel von „Eugen Onegin“ erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich „erschöpft“. „Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren“, behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie „inhaltsleer“ und „gegenwartsfremd“ Puschkins Dichtung sei.

Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: „Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt.“

Gogol und Zhukovsky in Pushkin's Haus in Tsarskoe selo - P. Geller - 1910
Gogol und Zhukovsky in Pushkin’s Haus in Tsarskoe selo – P. Geller – 1910

Nikolai Gogol schrieb: „Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter…. In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt.“ Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin „nicht gegenwartsbezogen“, „nicht aktuell“ sei – und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina, Kommentatorin der RIA“Nowosti“ ).

Maria Aronov • Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire „Das Hundeherz“

Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire
„Das Hundeherz“

MichailBulgakowMichail Bulgakow, ein begnadeter Kritiker des sowjetischen Regimes, erschuf mit seiner Erzählung“ Das Hundeherz“ eine Karikatur des Sowjetmenschen. Interessant ist, dass sich seine im Jahr 1925 verfasste Erzählung im Laufe der Zeit nicht nur auf den Prototypen des ehemaligen Sowjetregimes übertragen lässt, sondern mittlerweile auf die gesamte menschliche Einstellung den Personen gegenüber, die anders erscheinen. Nie war es so wichtig wie heutzutage die Individualität des Menschen zu unterdrücken. Dem Menschen wird etwas aufgezwungen, was weder seine Persönlichkeit zur Geltung bringt noch was er braucht. Entspricht man nicht der vorgegebenen Norm, wird man oft zum Außenseiter, was bereits in der Grundschule beginnt. Der Mensch soll seine inneren Werte für ein Allgemeinbild aufgeben. Der Zweck der Manipulation ist, seinen Verstand auszuschalten und ihn damit auf eine Stufe mit dem Rest zu stellen. Dann gibt es nämlich keine Regime – Gegner.

Diese Problematik nimmt Bulgakow in seiner Erzählung „Das Hundeherz“ unter die Lupe und erzählt in zugespitzter Form über die verrückten Seiten unserer Welt:
Ein wohlhabender Professor, namens Filipp Filippowitsch Preobrashenski ist Fachmann in Operationen der Verjüngung. Er betreibt in seiner Wohnung einige Experimente und entschließt sich bei einem seiner Versuche, dem streuenden Hund Bello die Hirnanhangdrüse sowie Hoden eines toten Kleinkriminellen und Alkoholikers zu implantieren. Die Operation führt er zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental durch.

Das Experiment verläuft erfolgreich, womit man eigentlich nicht rechnete. Nach und nach wird Bello immer mehr einem Menschen ähnlicher. Er wächst, geht auf den Hinterbeinen und auch von seinem Fell ist nichts mehr zu sehen. Letztendlich beginnt Bello zu sprechen.

Doch ganz einwandfrei ist der neue Mensch nicht. Wie es oft der Fall ist, wird so Manches genetisch übertragen. Dies war auch bei Bello der Fall, der leider nicht die besten Eigenschaften seines Spenders ererbte. Er wird nämlich aggressiv, drückt sich vulgär aus, fängt an Alkohol zu trinken und benimmt sich äußerst schlecht.

Eine aktuelle Ausgabe der "Büchergilde Gutenberg"
Eine aktuelle Ausgabe der „Büchergilde Gutenberg“

Polygraf Polygrafowitsch Bellow (auch ein neuer Name durfte bei Bello nicht fehlen) bekommt eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft und soll die Stadt von streuenden Tieren säubern. Dabei kommuniziert er immer mehr mit Kommunisten. Diese versuchen ihn ständig gegen den Professor auszuspielen, da dieser proletarierfeindlich ist. Bellow veranstaltet in der Wohnung seines Schöpfers ein großes Chaos, sodass das Leben für den Professor in seiner eigenen Wohnung unerträglich wird. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als Bellow zurück in seine ursprüngliche Gestalt, nämlich einen Hund zu verwandeln.

Nach der gelungenen Rückverwandlung vergisst Bello alles, was vorher passiert ist und führt ab sofort ein schönes Leben beim Professor.

Ein Hund führt also ein besseres Leben als ein Mensch? Ja, weil er sein Leben und kein fremdes führt. Er genießt das Leben, das ihm und seiner Natur zuteil wurde, worin sich niemand einmischt und ihm Ketten anlegt. Um die Misere der Manipulation zu verdeutlichen, beschäftigt sich Bulgakow in der Satire mit der Homunklus – Thematik, bei der es um die künstliche Erschaffung eines Menschen geht. Bulgakow kritisiert den neu erschaffenen proletarischen Menschen.

Einerseits spielt das „Das Hundeherz“ auf die Vernichtung und die „Verbesserung“ der menschlichen Natur seitens des sowjetischen Regimes an, andererseits wird in der Satire Kritik an der Wissenschaft geübt, die ständig versucht in die Natur einzugreifen.

Bellow mit der Intelligenz eines Hundes wird während seiner Arbeit für wichtige Aufgaben verantwortlich gemacht. Er steht als Proletarier seinem Erschaffer gegenüber, der als Bourgeoisie das Gegenteil seiner Existenz darstellt.

Für die Figur des Professors hatte Bulgakow ein Vorbild, Serge Voronoff. Dieser war ein russisch-französischer Chirurg, der Menschen Hoden und Schilddrüsen von Tieren implantierte.

Schließlich lässt sich sagen, dass alle Arten der Eingriffe in die Natur, deren Teil auch der Mensch ist, den Kern ihrer Existenz zerstören werden, denn nur in diesem befindet sich ihre Vollkommenheit.

Die Natur ist reich durch ihre Vielfalt und gleichzeitig ihre Individualität.

Der Mensch, der manipuliert wird, sich von der Menge sagen lässt, in welche Richtung er gehen soll, wird seine Intelligenz verlieren und als eine ziellose Existenz durchs Leben wandern. Er wird seine menschlichen Zügen verlieren, wird zu einem Monster, das die Natur erschaffen und der Mensch bearbeitet hat.

Eine Analogie zum „Hundeherz“ stellt Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ dar. Die Kreatur stirbt letztendlich wegen ihrer schrecklichen Taten und Abscheu vor sich selbst.

Pauls Tagebuch: Lebensgeschichte durchbuchstabieren mit Wedekind und 愚木混株

Zeit der Rückblenden, in denen ich meine Lebensgeschichten immer wieder durchbuchstabiere; in der Hoffnung ein anderes Ende zu finden. Meine Zeichnungen spiegeln bis dato nur das Ende von Dingen wider.
Und dann das Gefühl des Abschieds, das durch meine Erinnerungen und Zeichnungen weht, dieser gelassene Abschied ohne Emotion, der vom Ende der Dinge provoziert wird; nur ein Ding ist dann zu Ende, wenn es aufgebraucht ist.

Illustration: cdd20 / 愚木混株
Illustration: cdd20 / 愚木混株

Frank Wedekind – Rückblick

Wie hab‘ ich nun mein Leben verbracht?
Hab‘ viel gesungen, hab‘ viel gelacht,
Unzähligen Menschen Freude beschert,
Doch den Fröhlichen stets lieber zugehört.
Denn mein Gedicht, wenn man’s nicht übel nimmt,
War immer zuerst nur für mich bestimmt.
Und ward’s mit den Jahren wesentlich stiller,
Mir selber pfeif‘ ich noch oft einen Triller
Im Genusse der höchsten Lebensgabe,
Daß ich nie einen Menschen verachtet habe.
Nur mit Einem lag ich in ewigem Streit,
Mit dem hohlen Götzen der Feierlichkeit.
Denn ein vornehmer Mensch ist selbstverständlich,
Macht nicht seine Vornehmheit extra kenntlich
Und wird sich mit größtem Gewinn bequemen,
Den eigenen Wert nicht ernst zu nehmen,
Weil ihm die, so er sich zu Gast gebeten,
Dann reicher und freier entgegentreten. –
Und wenn nun das Trugbild mählich entschwebt,
Dann sag‘ ich: Ich habe genug gelebt
Und verspüre wahrlich kein großes Verlangen,
Die Übung noch einmal von vorn anzufangen,
Denn für den Einzelnen der Ertrag
Ist plus minus null für jeglichen Tag.
Was aber irgend übrig bleibt,
Wird der Kraft der Lebendigen einverleibt.

***

Frank Wedekind [1864 – 1918] eigentlich Benjamin Franklin Wedekind –  war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Schauspieler. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken gehörte er zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche.

Cats Gedankenwelt: Kommen und Gehen

Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen
Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen

Das Leben ist eine Wundertüte, man weiß nie, was man bekommt“, lautet ein Sprichwort. Wir modernen Menschen wollen davon nie etwas wissen und möglichst immer die Kontrolle über alles behalten, was uns auf dem Weg widerfährt. Und so sehr wir es versuchen: So ganz kommen wir aus dem Kreislauf von Anfängen und Schlussstrichen, Abschieden und Wiedersehen nicht heraus.

Erinnern Sie sich an die allererste große Veränderung in Ihrem Leben? Oder vielleicht an einen Abschied, der Sie in frühen Jahren bereits beschäftigt hat? Ich erinnere mich genau daran. Es war der Tag, an dem ich im Alter von vier Jahren erfuhr, dass mein Großvater nach langer Krankheit verstorben war. Weg, einfach … tot. Zwar wusste ich als Vorschulkind noch nicht genau, was es mit diesem „tot sein“ eigentlich auf sich hat, doch man hatte mir erklärt, dass mein Opa nun endlich an einem Ort wäre, wo er seine Schmerzen vergessen kann. Weiterhin, dass er eben auf ewig verreist sei und sein Weg in unserer Mitte eben geendet habe – zumindest in dieser körperlichen, berührbaren Form, wie ich ihn kannte. Natürlich stirbt die Erinnerung nicht allein dadurch, dass uns ein uns nahestehender Mensch verlässt, sonst könnten wir uns nicht so lange an jemanden erinnern und ihn im Herzen bewahren. Der Tod meines Großvaters, der mich durch meine gesamte Zeit als Kleinkind begleitet hatte, war nur der Anfang einer langen Kette von Abschieden und Wiedersehen, Verlusten und Neuanfängen. Ich denke, jeder kennt so eine Geschichte, die ihm erstmalig klargemacht hat, dass Dinge sich eben von einem Tag auf den anderen ändern können.

Eine menschliche Grunderfahrung

Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann - es gibt kein Zurück
Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann – es gibt kein Zurück

Jemanden oder etwas zu verlieren, gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schmerzen, die aber jeder erlebt. Ebenso, wie etwas Neues zu beginnen oder bisher unbekannten Menschen zu begegnen, die von dann an unser Leben mit prägen. Es schmerzt am meisten, je näher einem jemand gestanden hat. So hatte ich zum Beispiel bis zum 17. Lebensjahr eine langjährige beste Freundin, die jedes noch so große Geheimnis von mir wusste – vielleicht die letzte „Allerbeste“, die ich in diesem Leben haben werden. Denn wenn ich eines aus diesem Verlust gelernt habe, dann, dass freundschaftliche „Monogamie“ sich unendlich gut anfühlen, aber auch sehr tiefe Wunden reißen kann, wenn die Beziehung zerbricht. Habe ich also meine erste „Scheidungserfahrung“ schon hinter mir? Vielleicht, nur auf einer anderen, platonischen Ebene. Doch nach dem Scheitern kommt meist das Aufstehen, eine Neuorientierung, und ehrlich gesagt lässt einem die Zeit auch keine andere Wahl. Diese kennt immerhin keine andere Richtung als vorwärts. Wir lernen, dass jede Stunde, die vergeht, uns etwas Neues bringen kann – ob wir das nun gerade als angenehm und freudig oder unerwünscht und kräftezehrend empfinden.

Überraschungsmomente nutzen

Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein
Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein

Leben ist das, was passiert, während wir Pläne schmieden“ – irgendwann bekommt dies jeder zu spüren. Bei mir konnte wohl nichts so viel durcheinanderwerfen wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Es war vielleicht das, womit ich am wenigsten gerechnet hätte – ein Kind, jetzt? Noch vor der Unterzeichnung eines festen Arbeitsvertrages nach dem Volontariat? Und überhaupt- schaffen wir das alles? Ob Kind, neuer Job mit mehr Verantwortung oder ein neuer Wohnort weit weg von zu Hause – nur ein paar Dinge auf einer langen Liste an Veränderungen, die erst einmal zwiespältige Gefühle auslösen können. Einerseits löst das Neue eine freudige Neugierde auf das aus, was kommt. Andererseits lässt es manchmal den Magen rumoren bei dem Gedanken, was alles schiefgehen könnte. Oder auch die Erkenntnis, dass man sein bekanntes Umfeld verlässt, um woanders andere Luft zu schnuppern. Manchmal suchen wir bewusst einen neuen Anfang, manchmal „überfallen“ uns die Veränderungen einfach und wir fühlen uns zunächst überrannt. Es gilt nun, sich nicht vom Überraschungsmoment einschüchtern zu lassen und ihn für sich zu nutzen – so schwer dies in der ersten Verwirrung fallen mag. Was soll man sagen: Wir Menschen, oder die meisten von uns, sind eben Gewohnheitstiere und befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Misstrauen und Neugierde.

Den Abgrund überbrücken

Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein
Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein

Bei besonders tiefgreifenden Brüchen, Trennungen und Veränderungen im Leben erscheint es zunächst schwierig, nach vorn zu schauen, denn alles, was man sieht, gleicht einem tiefen, unüberbrückbaren Abgrund. Manchmal mit einer kleinen oder instabilen Brücke, die unmöglich zu überqueren scheint. Zumindest nicht ohne das Risiko, zu fallen und ohne jemanden, der auf der anderen Seite wartet und eine Hand ausstreckt. Doch zum Gück kommt es in Wahrheit selten vor, dass man vollkommen allein dasteht und keinen Anreiz sieht, den Weg auf die andere Seite zu wagen. Denn manchmal ist ein Weggehen auch wieder ein Ankommen – dort, wo neue Perspektiven, Risiken aber auch Chancen warten. Egal, wie düster der Horizont im ersten Augenblick erscheinen mag, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Lichtstrahlen wieder durch die Wolkendecke brechen. Also: Nur Mut. Mein Mann und ich freuen uns jedenfalls inzwischen sehr auf die spannende Zeit, die uns bevorsteht.

Cats Medienkommentar: Brennpunkt Journalismus • Eine persönliche Bestandsaufnahme

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Medienarbeit hierzulande ist weniger glamourös, als Filme wie „Spotlight“ sie zeigen.

Mit „Spotlight“ eroberte in den letzten Wochen ein Film über die Macht des investigativen Journalismus die deutschen Kinos. Die amerikanische Produktion über Kirchenskandale, korrupte Machenschaften und die „Vierte Gewalt“ im Staat erregt die Gemüter und erweckt uralte Ideale des Zeitungswesens. Ein guter Anlass, um einen Blick auf den journalistischen Status Quo und die Kreativbranche in Deutschland zu werfen.

Als angehende Journalistin kam ich natürlich nicht umhin, mir den auf dem Filmfestival in Cannes vorgestellten Film „Spotlight“ anzusehen. Die Story: Ein Team von Journalisten in Boston, die mit leidenschaftlichem Eifer einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken und für ihre Recherchen den Pulitzer-Preis erhalten. Diese Geschichte stimmt nachdenklich; denn sie eröffnet nicht nur Einblicke in verborgene Abgründe lange etablierter Institutionen und Traditionen, sondern auch darin, wie investigativer Journalismus funktionieren kann und was er bewirkt, wenn man ihm Raum gibt.

Medienarbeit auf Sparflamme

Zeitungen und Zeitschriften - Medien auf dem absteigenden Ast?
Zeitungen und Zeitschriften – Medien auf dem absteigenden Ast?

Natürlich gilt auch bei „Spotlight“ trotz einer wahren Grundgeschichte das Motto: „This is Hollywood, Baby!“. Dennoch zeigt der Film, was für einen guten, gründlichen Journalismus nötig ist und die Realität, die viele von uns erleben, scheint davon doch Welten entfernt. Gerade an der aktuellen Berichterstattung, wo immer wieder das Gleiche zur Sprache kommt, sieht man das meiner Meinung nach recht deutlich. Dabei geht es mal mehr, mal weniger reißerisch zu. Während die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Redaktionen noch halbwegs nüchtern und „trocken“ auf einem informativen Niveau bleiben, geht es bei den selbsternannten Alleswissern, „kritischen“ Bloggern (ich möchte hier keine Namen der betreffenden Nachrichtenplattformen nennen) und sonstigen Vertreter der Sorte „sensationsgeil“ mitunter ziemlich reißerisch zu. Die Internetgemeinde liebt das Spiel der großen Emotionen und steigt sofort mit in den Taumel ein – auch bei eigentlich sehr informativ-sachlichen Beiträgen, die eindeutig die falsche Adresse für platte Parolen und Polemik sind. Warum sonst findet man unter fast jedem eigentlich seriös auszulegenden Beitrag beim Thema „Flüchtlingskrise“ (der absolute hysterische Hype zurzeit) patriotische Binsenweisheiten, massenhaft Klischees und irgendwelche abfälligen Kommentare über „Mutti Merkel“ in den Kommentaren. Mit Grüßen „vom Volk“ an „das Pack“ (also die „Schmarotzer, die alles in den A… geschoben bekommen“). So, als ob es diese spezielle Untergattung Mensch des „Asozialen“ und „dreckigen Schmarotzers“ hierzulande nicht auch gäbe. Wenn man überhaupt mit seinem Spiegelbild vereinbaren kann, einen anderen Menschen, den man nicht kennt, so zu betiteln. Aber manchen Personenkreisen, so scheint es, ist der Blick in den eigenen Spiegel zur gründlichen Überprüfung der eigenen Gesinnung wohl zu heikel. Neben der ständigen Hetze gegen „illegale Einwanderer“ (die Trump-Fraktion in den USA macht es vor), schreien viele Menschen vor allem eines: „Lügenpresse!“ Auch dies ist sicherlich ein hemmungsloses Klischee und nicht verhandelbar. Dennoch: Auch abseits der Stammtischparolen, die einem mitunter von diversen Clickbait-“Nachrichtenportalen“ entgegenschallen, gibt es ohne Zweifel einen Verbesserungsbedarf im Journalismus- und Mediensektor.

Eine Branche spart sich kaputt

Neue Medien: Wer bestehen will, muss crossmedial sein
Wer bestehen will, muss crossmedial auf allen Kanälen präsent sein – das muss auch die Redakteursausbildung leisten!

Im Wirtschaftsjargon nennt man die Verkleinerung oder Verschlankung eines Unternehmens, meist verbunden mit massiven Einsparungen bei den Personalkosten, „Gesundschrumpfen“. Manche Betriebe oder ganze Branchen, so scheint es, werden durch eine zu rigide Sparpolitik jedoch eher „krank“, geraten unter extremen Druck oder erleiden gar den schleichenden Tod des berühmten „Frosches im Kochtopf“. Nicht umsonst spricht man vom weltweiten „Zeitungssterben“, das nicht nur Tageszeitungen betrifft, sondern auch den Fachmagazin- und Entertainment-Sektor. Kurz: Die Medienbranche befindet sich auf dem absteigenden Ast und in einer immer schärferen Konkurrenzsituation. Ich möchte an dieser Stelle nicht abstreiten, dass das Internet als kostenlose Informationsquelle ein leichtes Spiel hat, kostenpflichtigen Angeboten, womöglich noch im Printformat, die Show zu stehlen. In manchen Regionen oder Fachgebieten ist es ohne Zweifel schwierig, seine Publikation mithilfe von Anzeigen zu finanzieren, wenn die Geldgeber fehlen oder keinen Sinn mehr in bisherigen Werbeformaten sehen. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich im Zeitalter der App kaum noch jemand in Ruhe an einen Tisch setzt und seine Zeitung liest – zumindest scheint dies rückläufig zu sein. Und natürlich, gerade für die junge und heranwachsende Generation ist es oft „uncool“, sich intensiv mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen, anstatt über das „Dschungelcamp“, Kim Kardashians Nackt-Selfie oder den „Bachelor“ zu diskutieren. Wie könnte es auch anders sein; oft machen wir jetzt Erwachsenen es ihnen ja nicht anders vor. Selbstverständlich betrifft dies längst nicht alle jungen Menschen, oder eher: zum Glück nicht. Auch hier wird anscheinend massiv gespart, und zwar an der Bedeutung des Contents und dessen inhaltlichem Niveau. Die Gründe, warum Gelder, Personalkosten, Aufwand und Recherchen in der Berichterstattung aller möglichen Formate eingespart werden, sind vielfältig und aus unternehmerischer Sicht mitunter sogar plausibel. Dennoch: Wohin führt das eine Branche, die einst dafür geschaffen wurde, Menschen zu informieren und zu kritischen Mitdenkern zu machen?

Verbesserungen erfordern ein Umdenken

Nur weißes Rauschen? Im Endeffekt leidet die Qualität der Inhalte unter massiven Einsparungen
Nur weißes Rauschen? Im Endeffekt leidet die Qualität der Inhalte unter massiven Einsparungen

Offensichtlich gibt es im Medienwesen eine Schieflage, die sich durch alle Bereiche zieht – Fernsehen, Radio, Zeitung, Buchvertrieb und Zeitschriften. Ein Ungleichgewicht, das im Kleinen beginnt und sich schließlich bis in die Berichterstattung der „großen“ Agenturen zieht. Zunächst: Ein Medienerzeugnis kann nur so gut sein wie seine Schöpferinnen und Schöpfer. Und diese können nur so gut und engagiert sein, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt haben – zumindest meistens. Doch die Tatsachen in der Branche sprechen eine leider oft eine andere Sprache. Zwar gibt es Tariflöhne für angehende Journalisten und Medienschaffende, dennoch sind diese längst nicht die Regel und werden schon gar nicht überprüft. Das ist eine bedenkenswerte Entwicklung, denn kaum etwas kann die Motivation hoffnungsvoller Berufsanfängern mehr dämpfen als die Aussicht, auch bei einem Vollzeitjob, vielleicht noch mit einem guten Überstundenpegel, zusätzlich auf Finanzspritzen von der Arbeitsagentur, von der Familie oder auf einen oder mehrere Nebenjobs angewiesen zu sein. Wirklich, es ist ein reales Problem, wenn in Großstädten das Geld nicht für Essen, Miete und Mobilität reicht. Existenzängste können in der Tat Motivationshemmer sein. Denn wer darum kämpft, jeden Monat seine Rechnungen bezahlen zu können oder gar noch etwas Geld für eigene Anschaffungen und etwas Spaß am Privatleben zu behalten, muss sich seine Kräfte besser einteilen als jemand, der sich sicher fühlt. Und wer zumindest das Mindeste erhält, was jedem Arbeitnehmer zusteht, hat mehr Platz für kreative Gedanken. Doch nicht nur finanzielle Anreize wecken die Motivation, sondern auch das Spektrum, das die Ausbildung bietet. Denn je mehr „Handwerkszeug“ ein Mensch an die Hand bekommt, desto eher ist er darauf vorbereitet, mehr zu können und mehr zu leisten. Weiterhin die Sicherheit, seiner Berufung nach einer kurzen Bewährungshase ohne existenzielle Ängste um das Familieneinkommen oder eines Teils davon nachgehen zu können – verlässlich und dauerhaft. Denn warum sollten für eine Branche, die die Verbreitung von Informationen und Wissen zum Ziel hat, andere Spielregeln gelten als für andere Geschäftsbereiche? Oder: Was ist eigentlich der Wert dieser Arbeit und verdient sie nicht auch Investitionen, die das einzelne Unternehmen und eine ganze Branche weiterbringen?

Medien brauchen Freiraum

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Ob Unterhaltungs- oder Fachmedien: Freiraum für Kreative schafft einen Mehrwert

Was braucht Journalismus, um den Schreibenden zu begeistern und die Leser zu fesseln, wie es der Kirchenskandal in „Spotllight“ tut? Auch wenn sicher nicht jede Geschichte so viel Potenzial bietet wie eine weitreichende Missbrauchs- und Korruptionsaffäre, so gibt es doch viele Möglichkeiten, interessante Inhalte aufzuspüren und weiterzugeben. Ob Buch, Zeitschrift, Live-Sendung, PR- oder Fachzeitschriften – gute Texte, Bilder und Kampagnen entstehen nicht zwischen den Stühlen oder einem spartanischen, leeren Raum. Um seiner Berufung mit Überzeugung und Leidenschaft nachzugehen, braucht es in der Kreativbranche Freiraum. Freiraum, den Gedanken kurzweilig ihren Lauf zu lassen, eigene Ideen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. „Gut Ding will Weile haben“, lautet ein altes Sprichwort und jedes Projekt, in dem Herzblut steckt, benötigt Ressourcen. Nicht umsonst wird der Chefredakteur in „Spotlight“ gefragt: „Hat Ihre Zeitung die Ressourcen, sich dieses Falles anzunehmen?“. Seien wir realistisch und fair gegenüber all den Unternehmen, die nicht mit den finanziellen und personellen Mitteln eines „Boston Globe“ gesegnet sind – natürlich kann jeder nur nach seinem eigenen Ermessen und Budget handeln. Doch schlussendlich, auch wenn nicht jedes Journalistenteam einen Pulitzer-Preis gewinnen kann, verdient kreative und redaktionelle Arbeit ihre Anerkennung. Das ist nur fair – für die Kreativen selbst, ihre Verleger und ihre Leser.

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Der offizielle Trailer zum Kinofilm  spotlight

Spotlight ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 2015. Die Regie führte Tom McCarthy, der zusammen mit Josh Singer auch das Drehbuch verfasste. Der Film basiert auf wahren Ereignissen und handelt von einem Team von Journalisten der Tageszeitung The Boston Globe, das den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston aufdeckt. Die Hauptrollen werden von Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, John Slattery, Stanley Tucci und Liev Schreiber gespielt.

Der Film feierte seine Premiere am 3. September 2015 bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Venedig (außer Konkurrenz) und lief in Deutschland am 25. Februar 2016 an. Spotlight gewann mehrere internationale Filmpreise, darunter 2016 den Oscar in der Kategorie Bester Film.

Literaturtipps:

Herbert Riehl-Heyse: Bestellte Wahrheiten
Gebundene Ausgabe
Verlag: Kindler (1. Januar 1989)
Sprache: Deutsch
ASIN: B001G62V7M

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Udo Ulfkotte – Gekaufte Journalisten
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Kopp Verlag; Auflage: 6. Auflage Februar 2015 (12. September 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3864451434
ISBN-13: 978-3864451430

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Siegfried Weischenberg / Maja Malik / Armin Scholl – Die Souffleure der Mediengesellschaft.
Report über die Journalisten in Deutschland,
Konstanz: UVK, 2006, 316 Seiten, br., Abb.: 120 sw., ISBN 978-3-89669-586-4

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Thomas Meyer – Die Unbelangbaren
Wie politische Journalisten mitregieren
Erschienen: 06.04.2015
edition suhrkamp 2692, Broschur, 186 Seiten
ISBN: 978-3-518-12692-9

Pauls Tagebuch: Mein Leben glich bis heute einer Schachpartie mit einem plumpen Gegner

John Lavery - The Chess Players -1929
John Lavery – The Chess Players -1929

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Mein Leben glich bis heute einer Schachpartie, die ich mit einem plumpen Gegner spielte. Keinen Zug konnte ich tun, ohne dass er mir wegnahm, was er nehmen konnte – ohne eigenen Plan und ohne einen solchen bei mir zu erkennen. Und mir, dem es nicht auf das Gewinnen, sondern auf den schwermütigen Reiz des feinen Spiels ankam, war es nicht möglich, auf seine Spielart einzugehen; ich ließ ihm seine Figuren, und nahm sie im selben Grade weniger, als ich sie bequem schlagen konnte. Er aber hüpfte raublustig in meinem Spiel umher, auf meine Art bauend, und sie für unbegreifliche Dummheit haltend. So konnte ich keine Partie gewinnen, und zornig stieß ich mehr als einmal das Brett um.

Diesen Text fand ich den Glossen von Emil Gött. Mensch ärgere Dich nicht. Aus dem NLP kenne ich den Ausspruch: Der Flexiblere führt.  Wie oft habe ich selbst mit diesen „plumpen“ Mitspielern gehadert. Irgendwann war ich mit einer Borderline-Frau zusammen. Ihre Wucht und Leidenschaft mit der sie lebte, liebte, verletzte, hasste und provozierte hatte mich von Anfang an überfordert. In dieser mit-dem-Rücken-zur-Wand Situation machte ich sogar einen Heiratsantrag. Die Polizei beendete diese Sommerliebe mit einem Großaufgebot.

Rückblickend betrachtet, war diese Beziehung für mich der Anlass Flexibilität zu erlernen. Plumpe Gegner gibt es nicht mehr.

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T and R Annan, Glasgow - Glasgow Boys, Roger Bilcliffe
T and R Annan – Glasgow Boys, Roger Bilcliffe

Das BeitragsBild stammt von dem irischen Maler John Lavery (1856-1941). Er nutzt das Schachspiel zur Illustration eines sorglosen bürgerlichen Lebensstils, doch für den psychologisch geschulten Betrachter dürfte vor allem die Körpersprache der beiden Spielerinnen interessant sein: „Schwarz befindet sich in großer Bedrängnis und wird bald mattgesetzt sein. Diese Situation findet sich auch in den Positionen der beiden Mädchen wieder. Die angezogenen Beine der scheinbar Jüngeren stehen im Kontrast zu den lässig ausgestreckten ihrer Schwester. Diese hat die Lektüre ihres Buches nur gerade unterbrochen, um eine Partie Schach zu spielen.

Wo ist der Mensch, der mit mir nackt sein möchte? Und ich mit ihm?

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Intimität und Liebe sind nicht schwer zu finden, viel schwieriger ist es, Leute zu finden, die bereit sind, mit Dir nackt zu sein. Nackt mit unseren Emotionen, Gedanken, Ängsten und Träumen. Jemanden zu finden, dem wir uns vertrauensvoll ausliefern wollen mit aller unserer Verletzlichkeit.

Wir schweifen nach links und rechts, um das beste Bild finden, damit unseren Augen es erfassen können. Aber versuchen, jemanden zu finden und sich tief emotional zu verlieben bevor die Zweisamkeit physisch wird – das ist eine Herausforderung.

Aber was kann ich erwarten, wenn wir in einer Welt leben, wo wir Sonnenuntergänge herausfiltern? Wir teilen unser Bett mit einem Körper, aber trauen uns nicht zu sagen, das wir Eiswürfel in Müsli mögen, weil wir gerne extra kalte Milch darin haben wollen. Und das nur, weil es uns freakig erscheinen lassen könnte. Wir geben viel uns von preis, aber sprechen nicht darüber, das die Zeit am Tag bevor Sonne und Mond aufgehen unsere liebste ist. Und das wir davon überzeugt sind, dass der Mond die Sonne in Ehrfurcht vor ihrer Schönheit anstarrt, bevor sie schlafen geht – eine verbotene Romanze. Einfach weil das keinen Sinn zu machen scheint, und warum sollte das überhaupt jemand kümmern? Wir liegen problemlos nackt neben einer Person, aber weigern uns, jemanden der uns wirklich interessiert zuerst anzusprechen, weil wir glauben die „Regeln“ befolgen zu müssen, um nicht als „anhänglich“ oder „verzweifelt“ angesehen zu werden. Wir enthüllen unseren Körper , aber unsere Gedanken, unsere Persönlichkeiten verbergen wir. Legen Filter über unsere Herzen.

Aber es ist in Ordnung, weil sich eh niemanden kümmert und zudem eine neue Generation dominiert, in der Gefühl und Verpflichtung keine Rolle spielen. Es geht um das Vergnügen, den Genuss: den Kuchen zu haben und ihn auch zu essen.

Wie wäre es damit, mein Gehirn zu stimulieren?

Aber was kann ich erwarten, wenn wir in einer Welt leben, wo wir die Sonnenuntergänge herausfiltern? Ich werde weiterhin meine mangelhaften Sonnenuntergänge, mein Herzblut, Eiswürfel in meinem Müsli, den Mond der in Ehrfurcht auf die Sonne starrt und all das nehmen –und den ersten Schritt auf Dich zu machen.

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

Süleyman I über die bitteren Seiten der Welt und der herzzerreißende Abschied von seiner Roxelane (Hürrem)

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Trotz seines Ruhms und des Titels „Weltherrscher“ blieb der Sultan stets bodenständig und versuchte nicht nur in seinen Kindern, sondern auch in sich selbst den Hochmut zu unterdrücken. Er war der Meinung, dass diese den Menschen erblinden ließe und im Gegensatz zur Weisheit stünde. Der Hochmut würde uns zu falschen und nicht gut überlegten Taten antreiben.
Zu einer richtigen Herrschaft und einem guten Charakter gehören seiner Meinung nach Bescheidenheit und Gerechtigkeit gegenüber Anderen. Nichtsdestotrotz erkannte Süleyman, wie bitter und heuchlerisch unsere Welt ist.
Im folgenden Gedicht philosophiert er über die unausweichliche Vergänglichkeit des Seins und die bittere Seite des Lebens. Zu bemerken ist ebenfalls, dass Süleyman äußerst selbstkritisch war, was ihm ermöglichte, eine Lebensweisheit in sich zu entfalten. Diese Selbstreflexion erkennt man auch in der Niederschrift seines Gedichts.

***

Oh Seele, erwarte vom vergänglichen Leben kein Gold.
Weder die Perlen noch die schöne Seide schaffen es, am Tag des Sonnenuntergangs gegen das Schicksal anzukämpfen.
Ich würde mich erniedrigen, wenn sich meine Brust mit Arroganz und Überheblichkeit füllen würde.
Fordere von den Menschen keinen Ruhm und auch keine Ehre!
Ich bin nicht gütiger als die Anderen und auch nicht tapferer als irgendjemand.
Die Zungen der Wahrheit wie die Rosenblätter abpflückend,
bleibe ich selbst stumm. Es soll die lebende Rede fließen.
Der Verstand soll klar und die Behauptungen mutig sein-
Ich werde senkrecht und auch waagerecht die Grenzen des Imperiums ausweiten.
Aber auch, wenn mir auf dem hohen Thron alle Sünden verziehen werden,
werde ich mich nicht auf den Armen des Schöpfers selbst täuschen.
Alle guten Tage werden wie ein Traum vergehen und die Not wird das Imperium und auch mein Herz befallen.
Oh Seele, lass den Hochmut fallen und vermeide die Heimtücke!
Gott hat uns Wasser und Erde gegeben, also sei auch du barmherzig. Und wenn du ins Paradies gelangen willst, dann weine nicht und schimpfe nicht dabei im Kummer sterbend.
Widersteh dem Bösen, du Seele, lass dich nicht von ihm verbrennen!
Es ist zu schade, dass man weder Stürme noch Unwetter vermeiden kann. Und egal, wie ich mich bemühe, wird mein Schicksal mich erreichen und der Tod wird meine Bemühungen zermalmen.
Der Weise reicht seine Hand weder Torheiten noch Versuchungen.
Weder die Ehre noch Pflicht können sich mit Betrug anfreunden. Auf den Betrug würden nur Scham und Qualen folgen.
Die Gabe des Himmels ist sehr zerbrechlich, man soll sie zu schätzen wissen.
Weder mit einem Versprechen noch mit Bemühungen kannst du das Leben verändern.
Die Worte der Menschen protzen vor Geilheit und Prahlerei und diese böse Welt hält sich nicht an ihr Wort.

(Übersetzt von Maria Aronov)

***

Sultan Süleyman I suchte sich seine Liebe nicht blind aus, sondern verfiel Roxelane (Hürrem) auch wegen ihres scharfen Verstands und ihrer Lebensweisheit. Ihr Tod hinterließ im Herzen des Sultans schmerzhafte Spuren. Um seine Gefühle zu ihr besser zur Geltung zu bringen, folgen nun ein Gedicht des Sultans an Roxelane (Hürrem) sowie eine Rede, in der er sich kurz nach ihrem Tod an sie erinnert.

***

Mein treuer Freund,
die Hoffnung ist nun ganz vergeblich.
Die Liebe ist fort, man kann nicht mehr aufs Glücklichsein warten.
Für die Nachtigall ist die Gefangenschaft unerträglich,
denn singen kann sie nur in ihrem Garten.
Auf den Hügeln der Sehnsucht sterbe ich.
Die Nacht und auch den Tag verbringe ich mit Tränen, die mich quälen.
Der Tag der Trennung verwirrte mich.
Oh, welches Schicksal soll ich wählen?
Oh traue nicht des traurigen Liedes Klagen,
dich werden ihre Worte stark verbrennen.
Das Herz in der Brust hört auf zu schlagen,
wenn wir uns für immer trennen.
Oh welch Gefühle kann die Welt in mir ohne dich erwecken?
Ich brauche nichts! Nichts kann mich mehr erschrecken.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Eine Rede und Erinnerung von Süleyman I nach dem Tod seiner geliebten
Roxelane (Hürrem):

Sie war eine außergewöhnlich Frau, sodass ihre Augen in mein Herz durchdrangen und ihre Lippen in meinen Verstand. Sogar ihren einzigen Blick würde ich für nichts in dieser Welt eintauschen. Jedes Mal, wenn sie „Süleyman“ sagte, befand ich mich im Paradies.
Sie war nicht nur eine Frau, sie war Poesie, eine Blume, meine Geliebte und meine Sultanin. Sie war alles für mich! Nur für sie habe ich Mahidevran weggeschickt und kämpfte gegen meine Mutter an.

(Übersetzt von Maria Aronov)

Das Leben eines modernen Schriftstellers • Eine szenische Unterhaltung zwischen Schreiber und Macher

Das Leben eines modernen Schriftstellers 
Eine szenische Unterhaltung zwischen einem Schreiber und einem Macher

Auf einer Veranstaltung im lokalen Kulturverein.
Der Schreiber spricht mit einer Gruppe von Freunden über ein gesellschaftlichen Ereignis. Ebenfalls in der Gruppe steht Der Macher. Die beiden kennen sich nicht. Der Macher erfährt im Gespräch, dass Der Schreiber ein Schriftsteller ist.

SCHEINWERFER AN

Foto: 동철 이
Foto: 동철 이

Der Macher
Habe ich höre, dass Sie ein Schriftsteller sind? Wie ein Romancier? Kann ich Ihr Buch gelesen?

Der Schreiber
Nein, nein. Ich habe nicht ein Buch geschrieben. Ich meine, würde Ich mag an?

Der Macher

Also, was tun, schreiben Sie dann?

Der Schreiber

(Lacht nervös auf)
Alles, was die Rechnungen bezahlt!

Der Macher schaut  den den Schriftsteller mit leerem Blick an. Der Schreiber bekommt Schweißperlen auf seiner Oberlippe. Eine ungepflegte Oberlippe, wie die ganze Erscheinung des Schriftstellers, der sich aufgrund seiner engen Finanzen nicht in der Lage ist, sich in Gesellschaft heraus zu putzen.

Der Schreiber
Uh … Ich schreibe Magazin- und Zeitschriftenartikel, solche Dinge.

Der Macher
Sie sind ein Journalist?

Der Schreiber
Nein, nein. Ich schreibe „kreatives non-fiction“ Ich denke, so kann man das nennen.

Der Macher schaut den Schriftsteller weiter ausdruckslos an. Der Schreiber zupft an seinen Hemdkragen.

Der Schreiber
Ist es warm hier drin?
Der Macher reagiert nicht. Wenn der Schreiber jetzt ein Messer hätte, würde er damit die dicke Schicht aus Peinlichkeit zerschneiden um wieder Luft zu bekommen.
Der Schreiber
Uh … Ich habe ein paar Beiträge geschrieben, die sich sehr gut viral verbreitet haben!

Der Macher
Das ist großartig. Sie müssen eine Menge Geld damit gemacht haben.

Der Schreiber
Nicht wirklich.

Der Macher
Nein?

Der Schreiber
Nun, ich betreibe einen Blog.

Der Macher
Sie machen kein Geld mit Ihrem Blog?

Der Schreiber
Fünfzig Dollar pro Monat.

Der Macher
Woher kommen die?

Der Schreiber
Ich bin auch Texter.

Der Macher
Oh, Sie arbeiten für eine Werbeagentur?

Der Schreiber
Nein, ich mache freies Marketing für viele Marken.

Der Macher schaut weiter ausdruckslos. Der Schreiber schaut auf seine Handflächen. Sie sehen so winzig aus.

Der Schreiber
Aber ich habe auch das Drehbuch zu einen Film geschrieben! Es wurde auf dem ABS-Kanal gezeigt und auf einer Reihe von Festivals.

Der Macher
Das ist großartig. Wie kann ich ihn sehen? Gibt es ihn auf DVD?

Der Schreiber
Ja, so ähnlich. Ich glaube, er lässt sich auf Streaming-Seiten anschauen.

Der Macher
Sie müssen Geld daraus machen!

Der Schreiber
Nein, kein Geld.

Der Macher
Nichts?

Der Schreiber
Zero Euro.

Der Macher
Hey, ich habe eine Idee. Darf ich die Ihnen vorstellen?  Ich wollte schon immer meine Autobiographie zu Papier bringen und vielleicht können Sie die für mich schreiben. Ich habe zwar kein Geld für sie, aber ich denke, das Schreiben wird Ihnen gut tun und Ihre Reputation steigern ….

Der Schreiber nickt und lächelt. Ein toter, in die Ferne schweifender Blick erobert seine Augen.

SCHEINWERFER AUS

Pauls Tagebuch: Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen • Kolumne

Gedankengänge zu Friedrich Ani, den Duft der grünen Papaya und den Widerspruch zwischen Stille und Hoffnung. 

Illustration: Oberholster Venita
Illustration: Oberholster Venita

Mein Versuch, mir stille Dinge vorzustellen, endet unversehens in der Feststellung: es gibt nichts stilleres als die Hoffnung. Im Kopf, im Herzen und im Bauch. Wie laut muss es dann zugehen, wenn die Hoffnung stirbt?! Dies wird sie sicherlich nicht leise tun. Zum Glück ist mir die Hoffnung bisher nie abhanden gekommen. Auch in der Liebe nicht.

Zürich, September 1988

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Wie schmeckt Stille? Welche Farbe hat sie? Oder hat sie mehrere?
Es gibt von diesen schönen Roman von Friedrich Ani
: Wie Licht schmeckt. – Immerhin Stoff für ein große Geschichte. Wie sähe diese Geschichte rund um die Stille aus? Was mich an einen Film erinnert: Der Duft der grünen Papaya. Ich war nie wieder in einem Film, der eine so meditative Wirkung auf mich hatte. Beseelt und glücklich habe ich damals das Kino verlassen.

Eine Erkenntnis: Denken ist auditiv; sich ausdrückend in Selbstgesprächen und anderen Geräuschen. Stille entsteht also nur, wenn das Denken abgestellt ist. Wenn bei der Meditation gelernt wird, die Gedanken fließen zu lassen, ohne sie festzuhalten. Wie sähe die nächste Stufe aus?

Folgende Bedeutungen schreibt mein Wörterbuch der Stille zu:
[1] die 
Abwesenheit von akustischen Signalen wie Lärm, Musik, Geräusch
[2] die 
Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

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Es gibt diese Stille beim Laufen; etwa nach Kilometer 5, wenn das Grundrauschen von innen nach außen geflossen ist. Mit dem Schweiß.

Zur Hoffnung ein Gedicht vom Dehmel; wunderbarer Rhythmus – in Gedanken ein Sprung in den Jazz. Gedichte, die mit einer Frage enden bzw. diese aufwerfen. Viel zu selten.

Richard Dehmel • Erste Hoffnung

Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
Maria weint vor Wonne
und ist von lauter Sonne
überstrahlt.
Wer weiß die Melodie dazu?

Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
das klang so fern beglückend,
mir schlag das Herz so drückend,
so verzagt.
Wer weiß die Melodie dazu?

.Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
es ist ein Lied vom Leben,
ich fühl es in mir beben
Tag und Nacht.
Wer weiß die Melodie dazu?

Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht.

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Hoffnung = hüpfen, unruhige Bewegung // Stille = die Abwesenheit von Bewegung, Zustand des Stillseins

Stille Hoffnung – ein wortreiches Paradaxon?


Sultan Süleyman I und seine Hürrem • Ein Liebesbrief an den Sultan und seine Widmung an Roxelane

Süleyman I und seine Hürrem 
Ein Liebesbrief an den Sultan und seine Widmung an Roxelane

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Während seiner Feldzüge ließ Süleyman I keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht nach ihrem geliebten Sultan aus und stärkten ihn im Krieg. Gegenseitig bezeichneten sie sich als das Licht ihrer Augen und als Herrscher und Herrscherin ihrer Herzen.

Hürrem versuchte sich später ebenfalls in der Dichtkunst, was ihr gut gelang, denn schließlich hatte sie im Sultan einen talentierten Lehrmeister, der zahlreiche Gedichte schrieb. Dafür verwendete er allerdings einen Pseudonym, Muhibbi.

Die Liebe der beiden diente ihnen als Muse der Poesie.

Um die Gefühle von Süleyman I und seiner Hürrem zu verdeutlichen, ist hier ein Brief von Hürrem an den Sultan, als er im Feldzug gegen Ungarn war.

Du Seele meiner Seele, mein Gebieter! Ein Gruß an den, der den sanften Wind am Morgen zaubert. Ein Gebet an denjenigen, der den Lippen der Verliebten ihre Lieblichkeit verleiht. Ein Lob an denjenigen, der die Sprache der Verliebten mit einer Hitze erfüllt.

Sei derjenige geehrt, der mich verbrennt, genauso wie es die Worte der Leidenschaft tun. Endlose Treue demjenigen, der von der makellosen Helligkeit wie die Heiligen beleuchtet ist. Auch Treue demjenigen, der sich als Hyazinthe in der Gestalt einer Tulpe befindet und mit dem Duft der Treue parfümiert ist. Ruhm demjenigen, der vor seinem Heer die Fahne des Sieges hält und demjenigen, dessen Rufe nach Gott im Himmel erhört werden.

Mein erleuchtetes Gewissen schmückt mein Bewusstsein und ist der Schatz meines Glücks und meiner traurigen Augen.

Geehrt sei derjenige, der meine innersten Geheimnisse kennt und Ruhe meinem schmerzenden Herzen und der verletzten Brust gibt.

Geehrt sei derjenige, der als Sultan auf dem Thron meines Herzens sitzt und im Licht des Glücks meiner Augen.

Es verbeugt sich vor dem Sultan seine ewige Sklavin mit Tausenden von Verbrennungen in der Seele.

Wenn Ihr mein Gebieter seid, mein höchster Baum des Paradieses, so seid so gnädig und denkt zumindest einen Augenblick an mich oder fragt, wie es Eurer Waisen geht.

Obwohl der untreue Himmel meine Tränen sah, vergewaltigte er meine Seele und erstach mich mit zahlreichen Schwertern der Trennung. An diesem Tag des höchsten Gerichts, als mir der Duft der nach Paradies duftenden Blumen genommen wurde, verwandelte sich meine Welt in eine Art Nichtsein, meine Gesundheit in ein Leiden und mein Leben in eine ewige Verdammnis.

Wegen meiner unaufhörlichen Seufzer, des Schluchzens und der quälenden Schreie, die weder am Tag noch in der Nacht aufhören, wurden die Seelen der Menschen mit Flammen gefüllt.

Vielleicht kann der Schöpfer meiner Sehnsucht gegenüber Gnade zeigen und gibt mir Euch zurück, den Schatz meines Lebens, um mich vor der bevorstehenden Entfremdung und dem Vergessen zu retten.

Möge es sich erfüllen, mein Herr! Der Tag wurde mir zur Nacht. Mein Gebieter, das Licht meiner Augen, es gibt keine Nacht, die nicht wegen meiner heißen Seufzer verbrannte. Es gibt keinen Abend, an dem mein lautes Schluchzen und meine Sehnsucht nach Ihrem sonnenähnlichen Antlitz den Himmel nicht erreichten. Der Tag wurde mir zur Nacht, oh du sehnsüchtiger Mond!

Übersetzt von Maria Aronov

Sultan Süleiman mit seiner Hürrem - Collage
Sultan Süleyman mit seiner Hürrem – Collage

Letztlich ein Gedicht von Muhibbi, Süleyman I, an seine Hürrem:

Vor dir bin ich wie ein Nachtfalter

Und du wie eine Kerze, die mich lockt.

Du bist wie ein Angriff auf mich, ich bin vor Liebe verrückt geworden.

Du bist mein unvergleichlicher Kummer, meine schlimmste Qual,

meine helle Sonne und großzügigen Hände.

Ich bin nicht mehr ich selbst, ich diene dir blind.

Eine einzige Locke von dir lässt bereits mein Herz singen.

Meine Liebe, Muhibbi ist krank und mein heilendes Extrakt – das bist du!

Übersetzt von Maria Aronov

Nachdenken über meine Beziehung • Ein paar Anregungen

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Welcher Einfall Ihrer Frau verdient das Prädikat >>echt genial<<?

Wie ist es Ihrer Frau immer wieder gelungen, Sie für Neues zu begeistern?

Mit was zaubert Ihnen Ihre Frau das feinste Lächeln auf Ihr Gesicht?

Was erleben Sie im Moment als sehr befriedigend in Ihrer Beziehung?

Was drückt Ihr Miteinander am besten aus?

Was sind die wichtigen Grundlagen Ihrer Partnerschaft?

In welchen Bereichen ergänzen Sie sich gut?

Wohin möchten Sie Ihre Beziehung gemeinsam entwickeln?

Womit können Sie Ihre Frau wirklich verwöhnen?

Wie machen Sie Zärtlichkeit alltagstauglich, so dass sie als solche wahr genommen wird?

Welches kleine Dankeschön verdient Ihre Frau für die bleibende Unterstützung im Alltag?

Auf welche ganz und gar eigene Leistung Ihrer Frau sind Sie besonders stolz? Haben Sie Ihr das auch schon gesagt?

Welche kleine Alltagsgeste Ihrer Liebe ist für Sie (beide) unverzichtbar?

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Was meinen Sie, wie Ihre Partner bzw. Ihre Partnerin reagiert, wenn sie gemeinsam über die Antworten sprechen?!

Maria Aronov: Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

Über die Weiberherrschaft des Osmanischen Reichs

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Das Leben im herrschenden Osmanischen Reich unterschied sich in vielerlei Hinsicht von der Lebensart in Europa. Auch, wenn es nur den einen Gebieter gab, dem alle Untertan waren, existierte dennoch eine Frau, die als zweitmächtigste Person neben ihm stand. Die Königsmutter, Valide Sultan, war zu ihren Lebzeiten die höchste Herrscherin des Harems.

Hafsa (Hafize) Sultan
Hafsa (Hafize) Sultan

Die Mutter von Sultan Süleyman des Prächtigen war Hafsa (Hafize) Sultan. Sie war die Tochter von Krim Khan I Mengli Giray. Später heiratete sie Selim I (10. Oktober 1470 in Amasya; † 21. September 1520 bei Çorlu), einen rücksichtslosen, doch intelligenten Herrscher. Hafsa wurde zur mächtigsten Frau des Osmanischen Reichs. Durch ihre Weisheit und Liebe zum Sohn, gab sie ihm viele nützliche Ratschläge.

Die Zeit im Osmanischen Reich zwischen dem späten 16. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde aufgrund der indirekten Regentschaft der Frauen als Weiberherrschaft bezeichnet. Diesen Begriff führte der Historiker Ahmed Refik (1881–1937) ein und macht ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich. An erster Stelle stand bei den Frauen die Manipulierung der Sehzade, der männlichen Nachkommen des Sultans für die Umsetzung eigener Zwecke. Weitere Gründe dafür waren die Fortsetzung der Blutslinie durch eigene Kinder sowie eine höhere Position durch ihre Regentschaft.

Als erste mächtige politikinteressierte Haremsbewohnerin gilt Roxelane, später Hürrem (ca. 1506 – 1558), die nicht nur zur Favoritin, sondern auch zur Hauptfrau, Haseki, des Sultans wurde. Mit ihrer ausgesprochenen Intelligenz und ihrem Aussehen schaffte sie, den Sultan ihr gehörig zu machen. Er verfiel ihr voll und ganz, sodass es ihr gelang, neben Süleyman I das Osmanische Reich zu regieren. Letztlich brachte sie durch einen eiskalten Weg einen ihrer Söhne, Selim II, an die Macht, der in ihren Augen als einziger zum echten Nachfolger von Süleyman I werden konnte. Dabei schaltete sie nicht nur den ersten Thronfolger Mustafa, dem ältesten Sohn von Sultan Süleyman I mit Mahidevran, aus, sondern beseitigte gar zwei eigene Söhne. Insgesamt hatten Hürrem und Süleyman fünf Kinder. Am Leben blieben lediglich ihre Tochter Mihirmah sowie der kleinste Giangir, der aufgrund seiner Behinderung keinen Anspruch auf den Thron hatte.

Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)
Roxelana (1500-1558), wife of Suleiman the Magnificent (1500-1558)

Selim II wurde später wegen seiner Alkohol – Leidenschaft als der „Trunkene“ bezeichnet. Acht Jahre nach seiner Regenschaft soll er im betrunkenen Zustand im Bad auf dem Marmorboden ausgerutscht sein und sich den Schädel gebrochen haben.

Das Verhalten Süleymans und die Liebe zu Hürrem blieben dem Volk bis heute unerklärlich. Eine einmalige Geschichte, wie eine in den Harem gebrachte Sklavin es schaffte, an die Macht und die Regentschaft des Osmanischen Reichs zu kommen. Jeden Gegner räumte sie skrupellos aus dem Weg. Das Leben im Osmanischen Reich sowie das des Harems wurden durch sie nicht mehr das, was sie einmal unter der Herrschaft von Valide, der geliebten Mutter von Süleyman waren. Eine lange Zeit konnte der Sultan seine Valide nicht vergessen und widmete auch ihr neben vielen Gedichten und Briefen an Hürrem folgendes Abschiedsgedicht.

In Süleymans Gedichten, doch auch in vielen anderen der Osmanischen Poesie taucht oft das Motiv des Mondes auf, das in seiner Philosophie wohl auf die Zierlichkeit und Eleganz einer Person deutet. So vergleicht der Sultan nicht nur das Gesicht seiner Tochter mit dem Antlitz des Mondes, sondern auch das von Valide. Im Gedicht vergleicht er sogar ihr Sein mit dem Aufgang des Mondes.

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Du gehst nun, ganz ruhig ohne mich… Oh du Seele meiner Seele…

Du, die auch meinen Freunden die Seele gibt.

Geh bitte nicht in den Rosengarten, so ganz ohne mich. Ich will das nicht…

Ich will das nicht… Oh Himmel, bitte dreh dich nicht ohne mich.

Ich will das nicht… Oh Mond, geh ohne mich nicht auf…

Ich will das nicht… Oh Erde, sei nicht ohne mich.

Und du, Zeit, vergeh nicht ohne mich. Ich will das nicht…

Wenn du bei mir bist, ist diese Welt so wundervoll für mich.

Auch das Jenseits soll wunderbar sein. Ich will es aber nicht.

Bleib bitte nicht ohne mich in der anderen Welt und geh auch nicht hin. Ich will das nicht.

Ich will nicht, oh du Zaum, dass du das Pferd ohne mich geleitest.

Du Zunge, sprich nicht ohne mich. Ich will das nicht… Und auch ihr Augen, seht nicht ohne mich zu sehen.

Flieg nicht weg ohne mich, du Seele. Ich will das nicht.

Dein Licht erleuchtet mit dem Licht des Monds die Nacht.

Oh steige nicht in den Himmel ohne mich hinauf. Ich will das nicht…

(Übersetzt von Maria Aronov)

Janosz Rehbaum: Über die Notwenigkeit des Vorwurfes in Kunst, Musik & Literatur

Der Vorwurf in der Kunst

Der Vorwurf (Welch doppelter Wortsinn!) eines Kunstwerkes kann einfach der Stoff sein, aus dem das Kunstwerk gearbeitet ist, die schwere Materie, an der sich die Kraft, das Können, die Leistung bewährt – Vorwurf kann aber auch das Ideal sein, das nie zu erreichende Vorbild, und ein solches ist oft das Leben selbst. Dieses ist aber schon deshalb nie mit reinen Mitteln der Kunst ganz erreichbar, weil das Leben sich auch in seinen kleinsten Teilen nie wiederholt und daher auch das banalste Geschöpf in gewissem Sinne durch das Leben monumentalisiert wird. Zu jedem literarischen Kunstwerk gehört aber notwendig das Element der Wiederholung, da die Sprache sich in den Worten notwendig wiederholt.

Strickliesel - Foto: Efraimstochter MW
Strickliesel – Foto: Efraimstochter MW

Vorwurf ist der Knäuel buntfarbiger Wolle, den das spielende Kind oder die tolle kleine Katze vor sich hinwirft und dem sie beide nachjagen, bestrebt, den rollenden Knäuel zu packen, den Faden zu spannen – ob er reißt oder nicht, ob die verwickelten Fäden sich entwirren, ob der Knoten sich löst in dem gleichen Maße, als die ermüdenden Spieler dem Ende näher kommen – das alles wird zu dem gleichen Problem, das alles sammelt sich zum gleichen Vorwurf für die darstellende, das heißt entwickelnde, für die lebende, das heißt: Leben spielende Kunst.

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel: weder das Thema in der Musik noch die Anekdote in der Novelle, der Gegenstand im Bilde oder die Welt im Romane – nichts von diesen Dingen macht als solches den Meister. Der Meister macht sie. Er bewährt sich gerade in der Überwindung des Themas. Sind wir einmal auf die Höhe geführt und so bezwungen, dass wir nicht mehr wissen, ob der Faden des rollenden Knäuels grob oder fein ist, ob er sich schnell oder langsam entwirrt, ob wir überhaupt ein Ende absehen können oder nicht, ob die Farbe verblasst, ob der Sinn entgleitet – ist das Thema selbstverständlich geworden, dann bleibt nur der Rhythmus, der dem großen Weltrhythmus ebenbürtig ist: als jüngerer, zarterer, menschlicherer Bruder. Man erlauscht das höhere Gesetz, angedeutet, wenn auch nicht erschöpft, im immerhin irdischen Gegenstande.

René François Xavier Prinet - 1901 - Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo
René François Xavier Prinet – 1901 – Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo

Die Themen großer Meister sind oft nicht ungewöhnlich. Beethoven hat in seinen herrlichsten Werken Tonfolgen, die, wenn man sie vom Rhythmus loszulösen versucht, an sich nichts sagen. Das Thema des Schlusssatzes der Kreutzersonate ist solch selbstverständliches, fast mechanisch hingehämmertes Quartenmotiv. Was sollte daran zu Tränen rühren, was könnte bis an den Urgrund der Seele ergreifen?
Aber der Rhythmus, angehalten, zitternd, beherrscht, und dann mit einem Male, ohne Kraft zum Widerstand gewaltig hinüber geschleudert in die weltliche Woge des Gefühls – das weckt uns, rüttelt und ruft, und hier beginnt der Meister. Hier endet er nicht. Mit der Unterscheidung zwischen banalem Thema und genialem Rhythmus ist nur ein Teil des Geheimnisses entschleiert. Das wahre, das letzte Geheimnis folgt zwar dem Gesetz, aber aussprechbar ist es nicht ganz. Wenn man diese Sonate hört, dann bleibt aus jedem Takte etwas zurück, aus jeder Tonfolge entsprießt auch eine Tonvoraussetzung, aus jeder Frage kommt eine Lösung, selbst die letzte Lösung ist nicht das Ende. Denn der Knäuel des vorgeworfenen Vorwurfes bleibt nicht, was er war, er wandelt sich, er fasst uns selbst, die wir lauschen, in sich, wir müssen folgen, er wächst an unserer Brust, wie sie sich weitet, er verengt sich mit der Angst unseres Herzens, wenn er näher, härter dringt an das innerste, zarteste, unverletzlichste Geheimnis unserer wahren Existenz.

Das Wesen des Vorwurfs in der Erzählung

Nicht weniger vielfältig ist das Wesen des Vorwurfes in der Erzählung. Dieser lässt sich hier zwar scheinbar leichter eingrenzen, weil die Erzählung in der Sprache wirkt, die unser gewöhnliches, um nicht zu sagen gemeines Kleid bildet, aber es ist nicht das Gemeine am Sprachgebrauch, woran die Erzählung zum Kunstwerk wird. Die Sprache muss erst erhaben werden, und jede Verehrung der Sprache ist Sache der Kunst. Was man national nennt, wird sich nie trennen lassen von dem, was man Literatur nennt.
Eine Nation lebt, blüht, stirbt und vergeht in der Sprache. Sie lebt nicht einen Augenblick länger, noch kürzer als die Sprache. Es hat keinen Sinn, von toten Völkern zu sprechen, solange ihre Sprache von lebenden Menschen verstanden wird. Es mag lebensfähige Stämme auf irgendwelchen Inseln geben, die somatisch, vital, sportlich genommen, alles in Schatten stellen, was unser angeranzter Kontinent heute erzeugt und erzieht, lebend sind diese Stämme deshalb doch nicht, nicht lebender jedenfalls als die großen alten Griechen, die geheimnisvollen, versunkenen Peruaner, die dämonisch deutenden Babylonier, die weisen toten Ägypter.

Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf

Das Wesen jeder lebenden Sprache ist eng verknüpft mit dem Wesen jeder Form und auch mit dem des Vorwurfes. Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf. Wer den Titel liest, sieht etwas vor sich, er sieht etwas dahinter, und Sache des Schöpfers ist es dann, dieses »Vor sich sehen«, dieses »dahinter blicken« dem Nachschöpfer (dem Interpreten), dem Leser klar und überwirklich zu machen.

Claude Lorrain (1604/1605–1682) - Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.
13(1604/1605–1682) – Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.

Wenn wir als Mitteleuropäer, als Menschen des Binnenlandes nicht gewohnt sind, angesichts des Meeres zu arbeiten und zu feiern, zu wachen, zu altern und zu sterben, und wenn wir dennoch die Leiden, die Fahrten und Glücksaugenblicke eines Odysseus begreifen, was bedeutet das anderes, als dass nun lange nicht mehr der Stoff, das Thematische, also auch nicht das im engen, körperlichen Sinn Nationale an der Odyssee ergreift, ängstigt und beglückt, sondern nur das »Hinter-den-Dingen«, das außer und unter dem Meere liegende.
Nicht das Offensichtliche, nicht die Materie, nicht der Vorwurf sind es, nicht das entwickelte Knäuel, das doch nur aus irdischen Fäden gewebt ist, sondern der Schicksalssinn, der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen den stolzen Geschicken vor Troja und der schmachvollen Verkleidung des heimkehrenden Dulders als Schweinehirt, zwischen der kühn eroberten Fremde und der langen Pilgerfahrt, der fast verlorenen Heimat. Auch hier ist der Schluss kein Ende. Zwar ist alles im Sinne des restlos aufgerollten Knäuels und des geordneten Fadens scheinbar zu Ende: der zum Manne gereifte Odysseus ist alternd heimgekehrt, hat seine Frau wiedergewonnen, den Sohn in die Arme geschlossen, dem uralten Vater zu Füßen gelegen; nun ist er im Begriffe, inmitten der älteren und der jüngeren Generation in Frieden zu enden.

Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus's return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio's De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). "Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n'y en a que trois, qui n'ont qu'un seul trait carré."--Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720
Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus’s return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio’s De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). „Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n’y en a que trois, qui n’ont qu’un seul trait carré.“– Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720

Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne

So aber dichtet vielleicht Goethe, nicht aber der überirdisch vor Leben strotzende Genius Homers. Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne, der Schicksalssinn von Ebbe und Flut, von Gebären und Sterben ist in der Welt nicht zu Ende, wie sollte er in dem Kunstwerk zu Ende sein? Odysseus macht sich von neuem auf. Eine neue, unabsehbare Lebensdichtung hat er vor Augen, nämlich so lange zu wandern auf der wandernden Erde, bis er Menschen erblickt, die sein auf der Schulter getragenes Ruder nicht kennen und als Schaufel ansehen. Jetzt erst ist der Vorwurf überwunden, die menschliche Welt, die menschliche Beziehung hat sich aufgelöst in einer übermenschlichen Wirklichkeit. Hier erst bewährt sich hohe Kunst.