Kategorie: Welt im Wort Entdecken

Wenn Bücher zum Schicksal werden

Ein einziges Buch wurde entscheidend für den Lebensweg der Pfarrerssohnes Heinrich Schliemann; eine Lektüre, die er als Achtjähriger von seinem Vater zu Weihnachten erhielt. Es war eine illustrierte Weltgeschichte mit vielen Bildern, von denen eines den Knaben so fesselte, dass es sein Schicksal entschied: das erregende Bild des brennenden Troja. Schliemanns abenteuerlichen Aufstieg zu Reichtum, Macht und Forscherruhm als treffendes Beispiel für die Erkenntnis, dass Bücher nicht nur ihre Schicksale haben, sondern auch zum Schicksal werden können.

Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874
Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874

Viele Bücher der großen Religionen: die Bibel, der Koran und der Talmud sowie die Schriften der griechischen Philosophen, die Bücher des heiligen Augustinus und des Thomas von Aquin haben den Gang der Menschheitsgeschichte bestimmt. Am Beginn des Marxismus und Leninismus stand das Buch von Karl Marx „Das Kapital“. Die Bücher Einsteins leiteten das Atomzeitalter ein, und die Schriften von Darwin und Freud führten in neue Reiche wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das Buch des vierundzwanzigjährigen Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“ wurde für eine ganze Generation das Ideal Heilender Empfindsamkeit, aber auch des Weltschmerzes. Werthers Selbstmord löste eine wahre Selbstmordepidemie aus, Werthers Kleidung, Haartracht und Gebärden wurden für die Jugend so vorbildlich wie für unsere Jugend das Gehabe mancher Filmhelden, und viele Leser — darunter Napoleon — zitierten ganze Teile des Buches auswendig, so dass Goethe selbst mit Recht von der Wirkung seines Buches sagen konnte: „Jeder Jüngling sehnt sich, so zu lieben — jedes dt, Mädchen, so geliebt zu sein …“

Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston - John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston – John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Das Rassenproblem, das auch in unseren Tagen in den USA um entscheidende Lösungen ringt, wurde zum ersten Mal erkennbar durch ein Buch: „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches — in diesem Zeitraum wurden davon über eine Million Exemplare verkauft — proklamierte Präsident Abraham Lincoln die Freiheit der Negersklaven in ganz Nordamerika; das war der Auftakt zum amerikanischen Bürgerkrieg, nach dessen für die Nordstaaten siegreichem Ende Lincoln die Verfasserin im Weißen Hause empfing und mit den Worten begrüßte: „Sie sind also die kleine Frau, die den großen Krieg gemacht hat…“

Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von  Alfred Thayer Mahan.
Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von Alfred Thayer Mahan.

Vor dem Ersten Weltkrieg erschien ein Buch des Admirals T. Mahans mit dem Titel „Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte“. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bekannte, dass er dieses Buch nicht „lese, sondern verschlinge“, und fügte hinzu: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ Das Werk, das kaum in die breitere Öffentlichkeit gedrungen ist, wurde auch von Engländern, Amerikanern und Japanern fleißig studiert und bewirkte schließlich ein allgemeines Wettrüsten zur See, eine Zusammenballung riesiger Kriegsflotten, die im Atlantik und im Pazifik bedeutsame militärische Entscheidungen herbeigeführt haben.

In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen erschien in Paris eine kleine Schrift über die „Tanks“, wie man damals noch die Panzerwaffe nannte. Geschrieben von einem völlig unbekannten französischen Offizier, fand das Büchlein in Frankreich wenig Beachtung, aber dafür studierten es die Generalstäbler der neuen deutschen Wehrmacht umso gründlicher: Es wurde — so bekannten führende Generäle wie Heinz-Wilhelm Guderian und Erich von Manstein später — zur Grundlage der deutschen „Blitzsiege“ von 1939 und 1940. Der Verfasser gelangte später — allerdings nicht wegen seines Buches — zu Weltruhm. Er hieß Charles de Gaulle und wurde Staatsoberhaupt Frankreichs.

Briefmarke Stalin Mao 1950
Briefmarke Stalin Mao 1950

Politische Bücher teilen meist das Schicksal der von ihnen vertretenen Ideenwelt: Stalins Werke zum Beispiel, die in der Zeit seiner Diktatur eine Auflage von über fünfzig Millionen erreichten, und jetzt schon zum großen Teil wieder eingestampft. Hitlers Buch „Mein Kampf“, das bis 1943 eine Auflage von acht Millionen hatte — es wurde jedem Brautpaar auf dem Standesamt überreicht — hat heute eher Bedeutung als Schlüssel zur Erkenntnis einer der dunkelsten Epochen deutscher Geschichte. Immer noch gilt das weise Wort des Philosophen Lichtenberg:

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert — und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten der Buchdrucker.“

Und in den letzten Jahrzehnten? Gibt es Bücher mit vergleichbarer Wirkung?

Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

Arkadij Awertschenko | Der Hungerkünstler

»Wer sind Sie?«
»Das ist nicht wichtig.«
»Wer hat Sie zu mir geschickt?«
»Ich bin von selbst gekommen. Draußen hängt doch Ihr Schild.«
»Was wollen Sie?«
»Arbeiten.«
»Was können Sie?«
»Nichts.«
»Was haben Sie früher gemacht?«
»Nichts.«
»Aber man muß doch leben!«
»Ich habe gelebt.«
»Und man muß doch essen.«
»Essen? Das hab‘ ich nicht getan. Ich habe gehungert. Wenn Sie mich anschauen, müssen Sie das ja selbst sehen.«
Der diese Worte sprach, war ein junger, abgehärmter Bursche mit eingefallener Brust und einem unrasierten, schmalen Gesicht. Der ihn gefragt hatte, war jedoch klein, dick, mit kleinen, dummen Äuglein und abstehenden Ohren.
Das Gespräch fand um elf Uhr vormittags im Gebäude des Panoptikums statt, das dem kleinen, dicken Herrn Charles, einem Bauchredner und Zauberkünstler, gehörte. Herr Charles stützte sich in diesem Augenblick auf den Glasschrank, in dem ein schwer atmender, sterbender Türke lag. Der Gast lehnte sich an die Büste des Mädchenmörders Hugo Schenk und fragte interessiert:
»Wozu atmet der Türke? Es ist doch kein Publikum da. Stellen Sie nicht den Mechanismus ab?«
»Sie haben recht!«
Und der Besitzer des Panoptikums neigte sich zum Türken und stellte mit sicherem Griff die Leiden des Sterbenden ein.
»So! Und jetzt kehren wir zu unserem Gespräch zurück.« Er sah den Burschen an, dachte einen Augenblick lang nach und sagte: »Wenn Sie wollen, werde ich Sie nach Art der indischen Fakire schneiden oder durch Ihre Zunge Nadeln stechen. Das ist überaus spannend und wird zweifellos einige volle Häuser machen.«
»Hm, das hätte keinen Zweck. Ich suche eine leichtere Arbeit. Ich habe doch schließlich zwei Klassen Volksschule hinter mir.«
»Ich weiß nichts Leichteres. Erinnern Sie sich doch – irgendwas müssen Sie in Ihrem Leben doch getan haben?«
»Nur eines: gehungert!«
»Dann hungern Sie weiter!« rief voll Wut der Besitzer des Panoptikums. »Hungern Sie nur weiter!«
»Das werde ich auch«, erwiderte gleichmütig der Bursche. »Ich pfeif auf Ihre Arbeit. Mit mir werden Sie nicht schreien. Das kann ich auch. Lieber hungere ich vierzig Tage, als daß ich mir so was gefallen lasse!«
»Gestatten Sie«, sagte plötzlich Herr Charles. »Können Sie wirklich vierzig Tage hungern?«
»Ich glaub‘ schon!«
»Lieber Freund, wir können ein Geschäft machen. Ich zahle Ihnen, wenn Sie vierzig Tage hungern, tausend Rubel. Außerdem erhalten Sie von jeder verkauften Karte fünf Kopeken.«
»Bloß fünf Kopeken?« rief der Bursche. »Unter zehn Kopeken ist die Sache nicht zu machen!«
»Hm, ja. Aber ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, daß Sie bloß ein Glas Wasser täglich erhalten. Sonst nichts. Meine Bedingungen sind: Sie werden in einen Kasten gesteckt, dessen Wände aus Glas sind. Der Kasten wird von der Polizei amtlich versiegelt und Sie bleiben vierzig Tage drin.«
»Lassen Sie mich wenigstens in der Nacht aus dem Kasten.«
»Sind Sie wahnsinnig geworden? Wenn ich Sie nachts aus dem Kasten lasse, wo bleibt da die Kontrolle? Dann ist es ja uninteressant.«
»Nur eine Bedingung – bevor ich mich in den Kasten lege, muß ein anständiges Abendessen her.«
»Was denken Sie? Im Gegenteil. Gleich jetzt müssen Sie zu hungern anfangen, sonst gewöhnen Sie sich nicht daran. Das Publikum muß außerdem auf den ersten Blick sehen, daß Sie ein Hungerkünstler sind.«
»Was verstehen Sie vom Hungern?« schrie wild der Bursche.
»Beruhigen Sie sich. Ich bin nicht so. Wenn essen, dann essen. Wenn hungern, dann hungern. Sie werden mit mir zufrieden sein.«
»Schön. Machen wir den Vertrag. Und jetzt noch ein Plakat, daß die Leute den Mund aufreißen, wenn sie es zu sehen kriegen.«

****

Das Publikum blieb neugierig stehen.
Vor dem Panoptikum hingen bunte Riesenplakate, auf den geschrieben stand:

Mit Erlaubnis der Behörde

wird in dem bekannten Panoptikum des Zauberkünstlers Herrn Charles eine Reihe von sensationellen Vorstellungen unter der Devise stattfinden:

»Das Wunder des Organismus«
oder:
»Ich esse gar nichts«

Eine wissenschaftlich interessante Vorführung des Nichtessens, das durch den berühmten assyrischen Hungerkünstler MacTschanbok produziert wird.
Mr. MacTschanbok interessiert gegenwärtig alle wissenschaftlichen Kreise Europas. Er ist das größte Geheimnis der Welt.
Vierzig Tage und vierzig Nächte wird er in einem Glaskasten hungern. In Gegenwart des verehrlichen Publikums wird die Polizei den Kasten versiegeln. Das Publikum übernimmt selbst die Kontrolle.
Die Direktion des Panoptikums ersucht, da Mr. MacTschanbok nur Assyrisch spricht, keine Anfragen an den Künstler zu stellen, denn erstens versteht er sie nicht, und zweitens haben Lärm und jegliche Belästigung einen gewissen Einfluß auf die Nerven des Hungerkünstlers, unter dem seine Produktion leiden könnte.
Kinder und Militär bis zum Feldwebel zahlen die Hälfte.
Heute abend acht Uhr wird Mr. Tschanbok versiegelt!
Um zahlreichen Besuch bittet die Direktion.

****

Eine dichte, erregte Menge umringte den Glaskasten, in dem sich Mr. Tschanbok langsam niederließ. Er spannte seine hagere Brust im rosa Trikot, das ihm Herr Charles angezogen hatte, und winkte.
»Schließt den Deckel«, sagte Herr Charles. »Der wissenschaftliche Akt hat begonnen!«
Das Orchester, bestehend aus einer Geige, einem Pianino und einer Jazztrommel, spielte einen bravourösen Marsch. Das Publikum klatschte Beifall.
Der Assyrer zog die Brauen zusammen und überlegte, wie er sich setzen sollte. Bald stützte er sein unrasiertes Kinn auf die Hände, bald legte er sich an die Wand und umfaßte die Knöchel mit seinen Fingern. Das Publikum schaute ihn wie einen seltsamen Fisch im Aquarium an.
»Hm, er atmet!« sagte ein Gymnasiast.
»Dummkopf, warum soll er nicht atmen?« erwiderte ein Mann.
»Wie lange sitzt er schon?«
»Achtzehn Minuten.«
»Tatsächlich – ißt er nichts?«
»Großartig! So kann auch ich nichts essen.«
Eine junge Dame machte ein unzufriedenes Gesicht:
»Er sitzt bloß? Sonst macht er nichts?«
»Was heißt das: macht nichts? Er hungert ja!«
»Aber er könnte dabei singen und tanzen!«
»Im Glaskasten, Fräulein? Er hungert. Wie kann da ein Mensch singen?«
»Sie haben recht. Wann bekommt er Wasser, Herr Charles?«
»Morgen um dieselbe Zeit. Bitte, uns durch Ihren Besuch zu beehren.«
Das Publikum schaute noch eine Weile den Assyrer an, der indes eingeschlummert war. Dann verließ es nach und nach den Schauplatz. Bald war das Panoptikum leer. Nur der verwundete Türke, dessen Mechanismus in der Eile nicht abgestellt worden war, atmete schwer, und die grüne Schlange in der Hand der Kleopatra bewegte ihr Köpfchen nach rechts.

****

Mitten in der Nacht öffnete Herr Charles die Tür des Panoptikums und schaute sich seinen Assyrer, der ihm einen Goldregen bringen sollte, noch einmal an.
Das Licht der Lampe fiel auf den Hungerkünstler. Er zuckte mit den Wimpern und öffnete dann langsam die Augen.
»Wer ist das? Ach Sie, Herr Charles!«
»Mein Lieber, ich bin nur gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Schlaf ruhig weiter. Gute Nacht.«
Der Assyrer streckte sich und sagte dann:
»Eigentlich ist nicht alles in Ordnung.«
»Was denn?«
»Ich will essen.«
»Nun, dazu hast du noch Zeit. Nur noch neununddreißig Tage. Gedulde dich ein wenig.«
»Sie können leicht reden – gedulde dich ein wenig. Sie haben sicher ein gutes Nachtmahl gegessen, und ich hab‘ seit dem Morgen nichts im Magen. Wie spät ist es eigentlich?«
»Drei Uhr nachts. Schlaf, mein Lieber. Ich gehe.«
Er verdeckte die Laterne und wollte die Tür hinter sich schließen, als er ein Pochen am Glaskasten hörte. Die Stimme des Assyrers rief energisch:
»Herr Charles!«
»Was gibt es?«
»Ich will essen. Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Lassen Sie mich aus dieser Mausefalle. Ich will was anderes unternehmen.«
Der Panoptikumbesitzer sah im Geist den Goldregen entschwinden. Er griff sich verzweifelt an den Kopf und rief:
»Du Lump! Du willst mich zugrunde richten! Ich hab‘ bereits Plakate für die ganze Stadt drucken lassen – alles spricht von dir. Nein. Du bleibst im Kasten.«
»Ich will essen«, sagte der Hungerkünstler.
»Weshalb hast du mich dann zum besten gehalten? Warum hast du gesagt, daß du hungern kannst.«
»Ich hab‘ mir die Sache überlegt. Ich hab‘ doch das Recht dazu, nicht wahr? Es gibt keine Sklaven mehr. Gegen seinen Willen kann man niemanden in einen Glaskasten sperren. Wenn Sie mich nicht freiwillig hinauslassen, mache ich morgen, wenn das Panoptikum voll ist, einen derartigen Krach, daß Sie an mich denken werden . . .! Nun?«
Charles ging wütend zum Glaskasten, riß die Siegel herunter, nahm den Holzdeckel ab und rief:
»Kriech heraus, du Lump!«
Der Hungerkünstler kroch schweigend aus dem Kasten und sagte nach einer Weile: »Hab‘ ich gewußt, daß es so enden wird? Ich hab‘ eben gedacht, daß ich es aushalte! Also rechnen wir ab. Für einen Tag hungern fünf Rubel und für die Eintrittsgelder zehn Kopeken pro Person – sagen wir zusammen, da ich nicht die ganze Nacht gehungert habe, fünfzig Rubel!«
»Hinaus!« rief der Panoptikumbesitzer wild.
»Herr Charles«, sagte der Hungerkünstler. »Ich liebe solche Scherze nicht. Haben Sie nichts zu essen? Mein Magen ist leer, wie Sie wissen.«
Auf dem Tisch standen die Reste des Abendessens, das Herr Charles mit dem Polizeioffizier verzehrt hatte. Ein Schinken, eine halbe Gans und fünfzehn Eier . . . Der Hungerkünstler packte die Gans, zerriß sie in Stücke, und in fünf Minuten war sie in seinem Schlund verschwunden.
Herr Charles stand da und schaute voll Staunen und Schrecken zu.
Dann griff der Hungerkünstler nach dem Schinken, und mit einigen Bissen war auch der verschwunden. Ebenso ging es den Eiern.
Der Panoptikumbesitzer ließ sich vor Schrecken auf den Sessel nieder und fragte:
»Essen Sie immer so viel?«
»Hm – immer, wenn ich hungrig bin.«
»Und wann sind Sie hungrig?«
»Immer.«
»Mein Lieber«, rief Herr Charles strahlend, »wir werden unseren Kontrakt nicht zerreißen, wir werden ihn nur abändern. Ich werde Sie als berühmten Freßsack demonstrieren.«
»Und die Plakate?« fragte der Hungerkünstler kauend.
»Ich werde sagen, daß ich mich in Unkenntnis der assyrischen Sprache geirrt habe und daß Sie in Wahrheit ein Freßkünstler sind. Können Sie an einem Abend fünfundzwanzig Semmeln und eine gebratene Gans aufessen?«
»Hm«, meinte der Hungerkünstler, »Sie könnten noch einige Würste und zehn Eier dazugeben . . .«
»Mein Retter!« rief Herr Charles und stürzte an seinen Hals. »Das wird noch viel mehr Aufsehen erregen als das Hungern!«
»Schade nur, daß es so spät ist«, murmelte der Bursche.
»Warum?«
»Man hätte sonst gleich mit der Demonstration beginnen können, nicht wahr? Wenn man schon einmal seinen richtigen Beruf gefunden hat . . .«

Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt

Diesen Satz schrieb ich in mein Notizbuch; irgendwo hatte ich ihn aufgeschnappt.

Was ist überhaupt dem Prozess der Abnutzung ausgesetzt?
Abgenutzte Kleider? Autoreifen? – Soweit klar. Und sonst?
Abgenutzte Geschichten? Herzen? Seelen? 

Beim Herumstöbern zum Wort Abnutzung habe ich nachfolgendes bei Friedrich Maximilian Klinger in seinem Schauspiel Die neue Arria gefunden. Donna SOLINA sagt hier:

… Ich wollte einem abgenutzten, philosophischen Herzen mehr Vertrauen, Unternehmen und Stärke eingehaucht haben, als dir fieberhaften, eingebildeten Schwärmer. Ich seh’s Solina, es ist keiner für dich, du pflanzest es keinem ein. Alle Männer einem falschen Instrument gleich. Zieh Saiten auf, wie du willst, sie antworten dem angeschlagenen Ton nicht. Im Innern liegt’s. Schnarr! Schnarr! da fällt’s zusammen, was vor so harmonisch klang. Ha! der Junge spielte eine Komödie mit mir! Er hat den Plutarch im Fieber gelesen, nun glaubt er sich inspiriert. O du großer Mensch! Komm! leg die Maske ab! Verleugne dich nicht weiter! Wo ist der Julio, der mich sonst so gut verstund?

Friedrich Maximilian Klinger | Jugendfreund Goethes. | 1775 Kreidezeichnung von Goethe.

Friedrich Maximilian von Klinger (* 17. Februar 1752 in Frankfurt am Main; † 25. Februarjul./ 9. März 1831greg.in Dorpat, Estland), war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Drama Sturm und Drang wurde namensgebend für eine ganze literarische Strömung. | Die neue Arria (Ein Schauspiel) – Erstdruck: Berlin 1776 (August Mylius). Zitat aus: [3. Akt | 2. Szene]

****

Ein anderes Beispiel:

Manche Männer gehören der Liebe, manche waren der Soundtrack einer Romanze, und ja, sie alle werden dosiert, damit sie sich nicht abnutzen, gerade die süffigen. [AutorIn unbekannt]

Und dann wieder der Satz: Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt. 
Wie mag diese Abnutzung ausgesehen haben?

Eduard Mörike | Besuch in der Kartause

Als Junggesell, du weisst ja, lag ich lang einmal
In jenem luftigen Doerflein an der Kindelsteig
Gesundheitshalber muessig auf der Baerenhaut.
Der dicke Foerster, stets auf mein Plaesier bedacht,
Wies mir die Gegend kreuz und quer und fuehrte mich
Bei den Kartaeusern gleich die ersten Tage ein.
Nun haett ich dir von Seiner Dignitaet zunaechst,
Dem Prior, manches zu erzaehlen: wie wir uns
In Scherz und Ernst, trotz meines schwaebischen Ketzertums,
Gar bald verstanden; von dem kleinen Gartenhaus,
Wo ein bescheidnes Buecherbrett die Lieblinge
Des wuerdigen Herrn, die edlen alten Schwarten trug,
Aus denen uns bei einem Glase Wein, wie oft!
Praenestes Haine, Tiburs Wasser zugerauscht.
Hievon jedoch ein andermal. Er schlaeft nun auch
In seiner Ecke dort im Chor. Die Moenche sind,
Ein kleiner Rest der Bruederschaft, in die Welt zerstreut;
Im Kreuzgang laermt der Kuefer, aus der Kirche dampft
Das Malz, den Garten aber deckt ein Hopfenwald,
Kaum dass das Haeuschen in der Mitte frei noch blieb,
Von dessen Dach, verwittert und entfaerbt, der Storch
Auf einem Beine traurig in die Ranken schaut.

So, als ich juengst, nach vierzehn Jahren, wiederkam,
Fand ich die ganze Herrlichkeit dahin. Sei’s drum!
Ein jedes Ding waehrt seine Zeit. Der alte Herr
Sah alles lang so kommen, und ganz andres noch,
Darueber er sich eben nicht zu Tod gegraemt.
Bei duennem Weissbier und versalzenem Poekelfleisch
Sass ich im Gasthaus der gewesnen Praelatur,
Im gleichen Saelchen, wo ich jenes erstemal
Mit andern Fremden mich am ausgesuchten Tisch
Des Priors freute kloesterlicher Gastfreiheit.
Ein grosser Aal ward aufgetragen, Laberdan,
Und Artischocken aus dem Treibhaus »fleischiger«,
So schwur, die Lippen haeufig wischend, ein Kaplan,
»Sieht sie Fuerst Taxis selber auf der Tafel nicht!«
Des hoechsten Preises wuerdig aber deuchte mir
Ein gelber, weihrauchblumiger Vierunddreissiger,
Den sich das Kloster auf der sonnigsten Halde zog.
Nach dem Kaffee schloss unser wohlgelaunter Wirt
Sein Raritaetenkaestchen auf, Bildschnitzereien
Enthaltend, alte Muenzen, Gemmen und so fort,
Geweihtes und Profanes ohne Unterschied;
Ein heiliger Sebastian in Elfenbein,
Desgleichen Sankt Laurentius mit seinem Rost,
Verschmaehten nicht als Nachbarin Andromeda,
Nackt an den Fels geschmiedet, trefflich schoen in Buchs.
Naechst alledem zog eine altertuemliche
Stutzuhr, die oben auf dem Schranke ging, mich an;
Das Zifferblatt von grauem Zinn, vor welchem sich
Das Pendelchen nur in allzu peinlicher Eile schwang,
Und bei den Ziffern, gross genug, in schwarzer Schrift
Las man das Wort: Una ex illis ultima.
»Derselben eine ist die letzt« – verdeutschte flugs
Der Pater Schaffner, der bei Tisch mich unterhielt
Und gern von seinem Schulsack einen Zipfel wies;
Ein Mann wie Stahl und Eisen; die Gelehrsamkeit
Schien ihn nicht schwer zu druecken und der Kuerass stand
Ihm ohne Zweifel besser als die Kutte an.

Dem dacht ich nun so nach fuer mich, da streift mein Aug
Von ungefaehr die Wand entlang und stutzt mit eins:
Denn dort, was seh ich? Waere das die alte Uhr?
Wahrhaftig ja, sie war es! – Und vergnuegt wie sonst,
Laufst nicht, so gilts nicht, schwang ihr Scheibchen sich auf und ab.

Betrachtend stand ich eine Weile still vor ihr
Und seufzte wohl dazwischen leichthin einmal auf.
Darueber ploetzlich wandte sich ein stummer Gast,
Der einzige, der ausser mir im Zimmer war,
Ein aelterer Herr, mit freundlichem Gesicht zu mir:
»Wir sollten uns fast kennen, mein ich – haetten wir
Nicht schon vorlaengst in diesen Waenden uns gesehn?«
Und alsbald auch erkannt ich ihn: der Doktor wars
Vom Nachbarstaedtchen und weiland der Klosterarzt,
Ein Erzschelm damals, wie ich mich noch wohl entsann,
Vor dessen derben Neckerein die Moenche sich
Mehr als vor seinem schlimmsten Tranke fuerchteten.
Nun hatt ich hundert Fragen an den Mann, und kam
Beiher auch auf das Uehrchen: »Ei, jawohl, das ist«,
Erwidert‘ er, »vom seligen Herrn ein Erbstueck noch,
Im Testament dem Pater Schaffner zugeteilt,
Der es zuletzt dem Brauer, seinem Wirt, vermacht.«
– So starb der Pater hier am Ort? – »Es litt ihn nicht
Auswaerts; ein Jahr, da stellte sich unser Enaksohn,
Unkenntlich fast in Rock und Stiefeln, wieder ein:
Hier bleib ich, rief er, bis man mich mit Pruegeln jagt!
Fuer Geld und gute Worte gab man ihm denn auch
Ein Zimmer auf der Sommerseite, Hausmannskost
Und einen Streifen Gartenland. An Beschaeftigung
Fehlt‘ es ihm nicht; er brannte seinen Kartaeusergeist
Wie ehedem, die vielbeliebte Panazee,
Die sonst dem Kloster manches Tausend eingebracht.
Am Abend, wo es unten schwarz mit Bauern sitzt,
Behagt‘ er sich beim Deckelglas, die Dose und
Das blaue Sacktuch neben sich, im Dunst und Schwul
Der Zechgesellschaft, plauderte, las die Zeitung vor,
Sprach Politik und Landwirtschaft – mit einem Wort,
Es war ihm wohl, wie in den schoensten Tagen kaum.
Man sagt, er sei bisweilen mit verwegenen
Heiratsgedanken umgegangen – es war damals
So ein lachendes Pumpelchen hier, fuer den Stalldienst, wie mir deucht –
Doch das sind Possen. Eines Morgens rief man mich
In Eile zum Herrn Pater: er sei schwer erkrankt.
Ein Schlaeglein hatte hoeflich bei ihm angeklopft
Und ihn in groessern Schrecken als Gefahr gesetzt.
Auch fand ich ihn am fuenften oder sechsten Tag
Schon wieder auf den Struempfen und getrosten Muts.
Doch fiel mir auf, die kleine Stutzuhr, welche sonst
Dem Bette gegenueber stand und allezeit
Sehr viel bei ihm gegolten, nirgend mehr zu sehn.
Verlegen, als ich darnach frage, fackelt‘ er:
Sie sei kaputt gegangen, leider, so und so.
Der Fuchs! dacht ich, in seinem Kasten hat er sie
Zu unterst, voellig wohlbehalten, eingesperrt,
Wenn er ihr nicht den Garaus etwa selbst gemacht.
Das unliebsame Spruechelchen! Mein Pater fand,
Die alte Hexe fange nachgerade an
Zu sticheln, und das war verdriesslich.« – Exzellent!
Doch setzten Sie den armen Narren hoffentlich
Nicht noch auf Kohlen durch ein grausames Verhoer?
– »Je nun, ein wenig stak er allerdings am Spiess,
Was er mir auch im Leben, glaub ich, nicht vergab.«
– So hielt er sich noch eine Zeit? – »Gesund und rot
Wie eine Rose sah man Seine Reverenz
Vier Jahre noch und drueber, da denn endlich doch
Das leidige Stuendlein ganz unangemeldet kam.
Wenn Sie im Tal die Strasse gehn dem Flecken zu,
Liegt rechts ein kleiner Kirchhof, wo der Edle ruht.
Ein weisser Stein, mit seinem Klosternamen nur,
Spricht Sie bescheiden um ein Vaterunser an.
Das Uehrchen aber – um zum Schlusse kurz zu sein –
War rein verschwunden. Wie das kam, begriff kein Mensch.
Doch frug ihm weiter niemand nach, und laengst war es
Vergessen, als von ungefaehr die Wirtin einst
In einer abgelegnen Kammer hinterm Schlot
Eine alte Schachtel, wohl verschnuert und zehenfach
Versiegelt, fand, aus der man den gefaehrlichen
Zeitweisel an das Tageslicht zog mit Eklat.
Die Zuschrift aber lautete: Meinem werten Freund
Braeumeister Ignaz Raussenberger auf Kartaus.«

Also erzaehlte mir der Schalk mit innigem
Vergnuegen, und wer haette nicht mit ihm gelacht?

***

Aus: Eduard Mörike | Besuch in der Kartause | Epistel an Paul Heyse

Schöne Wörter | lefargen

Dieses Wort habe ich bei Lektüre des Wochenblattes „Jüdische Allgemeine“ entdeckt. Adi Farjon [Diplomatin & Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin] nutze es in einem Beitrag zum Film Wonder Woman mit der Schauspielerin Gal Gadot. Sie schreibt dazu: „Es bedeutet, einer anderen Person ihren Erfolg zu gönnen.“

Im Hebräischen gibt es das Wort לפרגן le-fargen. Es ist aus dem Jiddischen übernommen worden und wenn man sich die Buchstaben genauer anschaut, erkennt man das deutsche Wort fergenen [Vergoennen] darin. Man weiß nicht genau, wo es ursprünglich herkommt, habe ich mir sagen lassen.

le-fargen wird entsprechend der hebräisches Grammatik benutzt, dh. durch unterschiedliche Aussprache und Zusatzbuchstaben lässt sich erkennen, ob ein Mann oder eine Frau das Wort benutzt , ob es in der Zukunft oder Vergangenheit benutzt wird zum Beispiel wir goennen – anachnu mefargenim.

Am Rande: jiddisch ist eine Mischsprache mit deutschen, slawischen und hebräischen Wurzeln und wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben.

Wilhelm Busch | Am Vorabend von Rosens Geburtstag

Lauschend am Fenster sitzt der Poet. –
Draußen die Blumen und Pflänzchen
Halten ihr Abendkränzchen
Auf dem Gartenbeet.
Der Mond in Silberlivree,
Leise geschäftig,
Kredenzt den Tau, den Blütentee,
Anregend und kräftig.
Und von Kelch zu Kelche
Geht ein Geflüster:
»Also morgen ist er!«

Frau Ehrenpreis (Veronika): Ja, morgen feiert sie
Ihren werten Entsprießungstag –

Taubnessel (mit dem Hörrohr): Hä was? Hä welche?

Frau Ehrenpreis (lauter): – Drüben im Garten die schöne Frau Rose –

Taubnessel: Ah! Mit den zwei Knospen die!

Frau Ehrenpreis: – die tadel- und dornenlose –

Distel (für sich): Wer’s glauben mag!

Frau Ehrenpreis: – Von Duft und Glanz umwoben.

Distel: Man weiß, man weiß!
Die gute Frau Ehrenpreis
Muß immer loben.
Und doch hat unser Röschen, das feine,
Allerlei kleine
Grillen und Räupchen
Unter dem zierlichen Häubchen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Distel: Bald steht sie da so mildiglich
Und senkt die Blätter,
Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich,
Je nach dem Wetter.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, das wollt‘ ich meinen!
Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn,
Den Rittersporn und den Baldrian
Dort wachsen und erscheinen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Ja reizend, ganz recht!
Und dann dieser Musenknecht,
Dieser Dichter –

Distel: Der Versetrichter –

Klatschrose: – mit langen Locken –

Distel: – mit dem Loch im Socken.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Klatschrose: Alltäglich kläglich mit Gefühl
In ihrer Nähe
Entlockt er seinem Saitenspiel
Lieblich Getön
Und singt so schön –

Distel: – wie n’e Mantelkrähe.

Klatschrose: Zum Beispiel, noch gestern –

Lilie (sanft): Geliebte Schwestern! –

Frau Ehrenpreis: Ihr Muster der Milde!
Ihr Tugendgebilde!

Lilie: Wen sollte der festliche Tag nicht rühren!
Ich denke doch –

Levkoje, Tulpe, Päonie, Phlox: Jaja, wir alle gratulieren!

Frau Ehrenpreis: Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte,
Ein hochgeschickter –
Fräulein Federnelke –

Federnelke: O bitte!

Distel (für sich): Blaustrumpf, verrückter!

Frau Ehrenpreis: – Federnelke, die wundersame,
So lautet ihr holder botanischer Name.
Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen
Und schreibt und dichtet ein Billett,
Duftend, geistvoll und nett.
Das möge dann die dienende Biene,
Unsere süße geflügelte Schleckerkathrine,
Hinschwebend im frühesten Morgenwind,
Dem hohen Geburtstagskind
Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen.

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke (schreibt und liest): »Veredelte Rose und Nachbarin!
Nehmet dies Brieflein gnädig hin,
Sintemalen dasselbe geschrieben
Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben.
Verleihe der Himmel Euer Gnaden
Beständig ein sanftes Sonnenlicht
Und frischen Tau und meinetwegen
Auch hie und da ein wenig Regen,
Nur Sturmwind nicht,
Denn dieser tut der Schönheit Schaden.
Ergebenst mit Herz und Honigmund
Das Blumenkränzchen: Tugendbund.«

Gänseblümchen: O wie reizend!

Federnelke: Ich denke, es macht sich so!

Alle: Bravo bravissimo!

Mond: Noch ’n Täßchen Tee gefällig?

Levkoje: Ich trank schon drei.

Phlox: Ich fünf.

Tulpe: Ich acht.

Päonie: Mein Mieder kracht!

Alle: Gute Nacht, gute Nacht!

(Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet,
nachdem er noch einen Blick in die Nacht hinaus gebohrt,
schließt leise das Fenster.)

Kurt Tucholsky | Was machen Menschen, wenn sie allein sind?

Was machen Menschen, wenn sie allein sind?
Peter Panther, Der Uhu,
Oktober 1926 [Rechtschreibung beibehalten]

Diese Frage hat Maxim Gorki einst gestellt, und er hat sie fast tragisch beantwortet. Vor allem: er hat sie für Russen beantwortet. Was aber tun brave Mitteleuropäer?
Zunächst ist festzustellen, daß in dem Augenblick, wo der Mann allein ist, etwas von ihm fällt, eine dünne Haut – eine zarte Maske … Einer der größten deutschen Denker, Lichtenberg, hat einmal die Beobachtung aufgezeichnet, wie Menschen in Nebenstraßen ein anderes Gesicht aufsetzen als in Hauptstraßen. Daran ist viel Wahres. Was also tut der Mann, wenn er allein ist?
Ist er ohne feste Beschäftigung, so wird fast jeder Mann um etliche Jahre jünger: er beginnt, wenn auch nicht zu spielen, so doch seinem Spieltrieb leise nachzugehen. Es ist viel Jungenhaftes, was sich da meldet. Ich glaube, daß kinematographierte Menschen, die allein sind und sich unbeobachtet glauben, zu dem Komischsten gehören müssen, was es gibt.
Die Tür ist zugefallen, du bist allen. Was nun?
Die Sache fängt für gewöhnlich damit an, daß man bei ganz vernünftigen Handgriffen mit etwas völlig Sinnlosem beginnt. (Ein kaum wahrnehmbarer Schleier von Irrsinn liegt auf Leuten, die allein sind.) Du nimmst die Bürste, das ist wahr – aber dabei hebst du einen Kamm auf, und wenn du auch nur eine Minute Zeit hast, balancierst du den ein bißchen, und wenn du nicht balancierst, dann fängst du an, irgend etwas in Reih und Glied zu legen, und wenn du nicht in Reih und Glied legst (was sehr beruhigt), dann trommelst du mit dem Nagelreiniger auf einer Seifenschale … Welcher Oberregierungsrat hätte noch nie im Bad mit dem Thermometer Schiffchen gespielt!
Auch ist sehr schön, Männer, die allein sind, singen zu hören. Daß die Majorität so schön singt wie Suzanne Lenglen, mag noch hingehen. Aber was sie so singen! Zunächst: fünfzigmal dasselbe Lied, nein, denselben Liedfetzen, dieselben paar Takte, immer sentimentaler, immer falscher – immer im Rhythmus dessen, was sie grade tun … auch verwandelt sich der Text leicht in einen völlig wahnsinnigen Indianergesang:

Valencia!
Laß mich wippen, wippen, wippen
auf den Klippen, Klippen, Klippen –
mit der ganzen Kompanie –!

Das klingt nach der einundsechzigsten Wiederholung ganz menschlich. Auch kann man es pfeifen.
Dann gibt es etliche, die sprechen sehr leise mit ihren Sachen. Es erhebt sehr, wenn man die Arbeit mit frommen Sprüchen begleitet. »Wo ist denn der Schuh? Wo ist den der Schuh?« (Jetzt kleiner Opernchor: Schuhschuh – Schuhschuh – Schuuhuuhuu –!) Dann: »Na da bist du ja! Vielleicht läßt du dich noch drei Stunden suchen. Hund!« (Rrrumms, an die Wand.) Großes Orchester: »Trararaaha –!« Gesprochen: »Das Zahnwasser ist alle.« Gejodelt: »Alléhallé –!« So an sonnigen Tagen.
Für alle Tage aber gilt eines, das bei allen Alleinseiern zu beachten ist, wenn die nicht gerade in acht Minuten sich anziehen müssen, um ins Geschäft zu stürzen: das sind die amüsanten kleinen Umwege, die ihre Betätigung vornimmt. Sie macht Kurven, schlägt bogen, spielt unterwegs, verbraucht den Kräfteüberschuß, den jeder gesunde Mensch inne hat … Und das ist bei der Arbeit nicht anders.
In Sinclair Lewis‘ herrlichem »Babbitt« steht zu lesen, wie der Held dieses amerikanischen Romans arbeitet, wie er Zettelchen vollschmiert, und ich bin überzeugt, daß wir alle so zu »malen« beginnen, wenn wir das tun, was wir mit Denken bezeichnen. (Es ist bekannt, daß die meisten Menschen keinem Redner zuhören können, ohne Männerchen zu zeichnen.) Es ist, als ob neben der eigentlichen Kraft des Arbeitsmotors noch ein Nebenstrom herliefe, der Schnitzel und Späne auf einer Säge produziert. Nutzen hat das keinen, aber ohne den Strom geht es auch nicht … Arbeitet einer mit andern zusammen im großen Büro, so läßt er seinen Eigenheiten im allgemeinen nicht so ungehinderten Lauf, hat er aber ein »Privatkontor», so schöpft er aus dem großen Reservebehältnis einer angeblichen Kraftverschwendung neue Kräfte. Dazu hat der mensch seine Nägel, die Ohren, die Krawatte – die Beschäftigung mit diesen Dingen stärkt sehr. Und aus der unergründlichen Tiefe eines Spiels mit dem Manschettenknopf und einem Blaustift steigen schwerwiegende Entschlüsse auf … Soweit die Männer, diese ewigen Jungen.
Kinder sind oft allein, auch wenn sie gar nicht allein sind. Sie spielen, in einer Hülle von Jugend und Unbekümmertheit, die nur selten zerreißt: wenn sie Hunger haben oder sonst etwas wichtiges wollen.
Was Frauen tun, wenn sie allein sind, ahne ich nicht. Ein Weiser hat behauptet, eine Frau sei überhaupt nie allein – sie stelle sich stets jemand vor, und sei es auch nur einen Spiegel. Ich denke, daß sich ein Mann da kein Urteil erlauben kann: denn ist er mit einer Frau allein, dann ist sie nicht mehr allein, er stört sehr, und so mag diese Frage eine Frau entscheiden.

****

Suzanne Lenglen

Suzanne Rachel Flore Lenglen (* 1899 in Paris; † 1938 ebenda) war eine französische Tennisspielerin. Sie dominierte in den frühen und mittleren 1920er Jahren das Damentennis. Ihre anmutige Spielweise und ihr außergewöhnliches Auftreten machten sie zu einem der ersten Weltstars im Sport. Zwischen 1919 und 1926 gewann sie 25 Grand-Slam-Titel.

 

Pauls Tagebuch | komplex einfach

lichtes, sonnenlicht
eis laufen
nie verlerntes
die postbotin, meine nase
aus der übung heraus: kopf abschalten
quer lesen, drüber lesen, lesen
die komplexität des einfachen
zähne, knirschend
märchenstunde
grün, sommersprossen
„ausgeprägte kulinarische zone“
xploding plastix: amateur girlfriends go proskirt agents
gedanken entrümpeln
licht

Umschlag zu Berlin-Alexanderplatz | Alfred Döblin

Alle Berlin-Romane verblassen immer noch vor dem Werk eines Ostberliner Nervenarztes , Sohn eines kleinen Stettiner Schneiders: Berlin-Alexanderplatz von Alfred Döblin. Es ist große, anspruchsvolle Literatur, in vielen seiner Mittel – dem inneren Monolog, der Allgegenwärtigkeit der Stadtheit in Gestalt ihrer Ladenschilder und Reklame-Inschriften – nicht ohne James Joyce und seien Ulysses denkbar, aber dann wieder urberlinerisch und in vieler Hinsicht menschlicher, herzbewegender als das mythologische Dublin-Panorama des Iren. Von den vielen anderen Büchern des aus der Emigration als französischer Kulturoffizier und Zeitschriftenherausgeber zurückkehrenden Döblin hat keines den Erfolg jener Geschichte von Franz Biberkopf erreicht, obgleich manche Kenner seine Ausflüge in ein mythisches China oder Babylon oder gar in das utopische dritte Jahrtausend von Berge, Meere und Giganten noch höher schätzen.

Umschlagzeichnung zu dem buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter
Umschlagzeichnung zu dem Buch Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, das 1925 erschien. Künstler: G. Salter

Elisabeth Bergner | Heilige Johanna

Elisabeth BERGNER [1897 – 1986] Schauspielerin, studierte 1915-
1919 am Wiener Konservatorium, begann 1919 am Stadttheater von Zürich und kam über Wien und München nach Berlin. Ihren Ruhm begründete sie am Lessingtheater, 1921 mit der Darstellung der Rosalinde in
Shakespeares „Wie es euch gefällt” und 1922 mit der Königin Christine in dem gleichnamigen Stück von Strindberg. Im Deutschen Theater spielte sie mit besonderem Erfolg 1923 in Strindbergs „Fräulein Iulie” und 1924 in der „Heiligen Iohanna” von Shaw. 1928 gastierte sie in Holland, Dänemark, Schweden und Österreich, 1931~32 in Paris. Als sie 1933 nicht mehr an den deutschen Bühnen spielen durfte, ging sie nach England, wo sie die britische Staatsbürgerschaft erhielt. Abwechselnd trat sie seither in London und New York auf, und eine Welttournee als Sally in „The Two Mrs. Carrols” führte sie bis Australien. Bei ihren Gastspielen hier nach dem Kriege erlebte auch wieder das deutsche Publikum ihre schauspielerische Gestaltungskraft und einzigartige Anmut. Die großen Filme, die ihr Mann Paul Czinner in den Iahren 1923-1939 mit ihr drehte, werden noch heute in aller Welt gezeigt.
Das Foto zeigt sie in der Rolle der Heiligen Johanna von George Bernard Shaw, die sie unter Max Reinhardts Regie in Deutschland erstaufführte.

Was die „Zivilisation“ als Abfall hinterlässt | Männlichkeitsrituale

Eine Dose Tomatensuppe: in Europa oder den USA hätte man diese wahrscheinlich fotografisch getreu abgemalt und das Kunstwerk dann der Pop-Art zugeordnet. Würde sich jemand eine Konservendose im Ohrläppchen tragen, würde er zumindest belächelt. In Kenia und Tansania, bei den Massai,  ist dies jedoch ein Zeichen der Männlichkeit und anerkannter Ausdruck der Persönlichkeit. Was haben wir hier als äquivalentes Symbol? Die künstlich geschaffene Glatze? Das Tattoo? Die Rolex?
Bei den Massai ist es Sitte, den Jungs im Alter zwischen 4 und 7 die Ohrläppchen zu durchbohren. An diesem festlichen Tag erhalten sie auch ihren eigentlichen Namen, denn bis dahin tragen alle Massais einen „falschen“ – um den Tod in die Irre zu führen. Durch diese Prozedur werden sie in den Stamm aufgenommen und mit blauen und roten Perlschnüren geschmückt, die zwei Eigenschaften des Gottes „enkAi“ symbolisieren: seinen Zorn und seine Güte.

Kunst aus Abfall[Die gezeigten Abbildungen stammen aus den 1970ern. Fotograf: Paolo Fisere]

Mit Steinen und schweren Gegenständen versuchen die Mütter und später die Jungen selbst, die Löcher in ihren Ohrläppchen offen zu halten und zu erweitern.
Am Tage ihrer Geschlechtsreife werden die jungen Männer beschnitten und gelten als vollwertige Krieger und Jäger des Stammes; sie dürfen sich dann auch „ihr“ Zeichen wählen, mit dem sie ein leben lang geschmückt bleiben.
Früher waren es Steine mit unterschiedlichen Maserungen, die man als Ohrschmuck wählte. Heute sind es die Gegenstände, die ihnen die | . Die Erklärung für diesen Bruch mit der Tradition ist einfach: Sicherheitsnadeln, Fassungen von Glühbirnen und Konservenbüchsen sind leichter, bunter, auffälliger als Steine.
Für ein kleines Modellgeld stellen sich die Massai mit dem Zeugnis ihrer Männlichkeit gern den Knippstouristen. Aber jeder, der versucht, ihren Schmück vom Müllplatz zu berühren wird augenblicklich zur persona non grata. Diese Geste gestatten sie nur sich selbst…oder dem Mädchen das sie lieben…

Wie könnte eine vergleichbare Tradition in unserer Heimat aussehen? Gabe es diese mal? Ist es nicht schade, dass heute so vieles bedeutungslos ist?

Rabbi Nilton Bonder |Tauschen Sie nie eine gute Frage gegen eine Antwort ein

Er wurde von schweren Zweifeln gepeinigt. Daher beschloss er den Rat des weisen Rabbis zu suchen, um eine Antwort zu erhalten. Endlich gelang es ihm zum Rabbi vorzudringen. Dieser lud ihn ein, eine Frage zu stellen. Der Ratsuchende glaubt sich am Ziel, endlich die Lösung für sein Problem zu bekommen. Jedoch staunte er nicht schlecht, als er statt der Antwort eine saftige Ohrfeige erntete. Verwirrt und enttäuscht ging er davon.  Als er einen Schüler des Rabbis traf, gab dieser ihm eine Erklärung: „Der Rabbi hat Dir eine Ohrfeige gegeben, damit Du lernst, dass man niemals eine gute Frage gegen eine Antwort eintauscht.“

Aus: Der Rabbi hat immer Recht. Die Kunst, Probleme zu lösen.
Autor: Rabbi Nilton Bonder

Johannes Pfeiffer | Über die Verantwortung dem literarischen Text gegenüber

Ein kleiner Denkanstoß, der den interpretierenden Leser zur höchsten Verantwortung dem Kunstwerk, dem Gedicht gegenüber animieren soll:

„Es ist eine weit verbreitete Unsitte: dass man sich nacherzählend im Dichterisch-Dargestellten wie in einem realen Erlebnis ergeht. An eine verwaschene Inhaltsangabe, die das vom Dichter Gesagte in pseudo-poetischer Umschreibung eben noch einmal sagt, schließen sich ein paar Wendungen von unbestimmter Allgemeinheit, in denen der Zauber des betreffenden Werkes (in „verschwommenem Gerede”) gefühlig gepriesen wird.
Solchem Nachdichten gegenüber ist die eigentliche Aufgabe gerade umgekehrt die: dass wir die dichterische Aussage in ihrer besonderen Geformtheit und damit in ihrem Zeichenwert erfassen, und dass wir unsere Ergriffenheit statt durch allgemeine Redensarten vielmehr beweisen in der Zucht einer liebevollen Versenkung und in der Hingabe an die gestalthaft-entäußerte Vision…
Wie man etwas Transrationales in begrifflich-disziplinierter Form erfassen und erhellen soll, ohne ohne es durch Rationalisierung zu verfälschen: das ist allerdings immer wieder das Problem.

Aus dem Vorwort „Wege zur Dichtung“ von Johannes Pfeiffer, Hamburg 1960.
Johannes Pfeiffer (1902 – 1970) hat als Schriftsteller über germanistische, dichterische und philosophische Fragen Bekanntheit erlangt, die er in wissenschaftlicher Weise bearbeitet hat. Seine Dissertation lautete „Das lyrische Gedicht als ästhetisches Gebilde, ein phänomenologischer Versuch“.

Romano Guardini | Über das Interpretieren von Texten

In seinem Buch „Gegenwart und Geheimnis – eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes” fasst Romano Guardini seine Bemerkungen über Sinn und Weise des Interpretierens dahin zusammen:

Wer interpretiert, sucht in eigener Weise zu klären, was ein Anderer in der seinen gestaltet hat… Das Gedicht ist Aussage und Ausdruck; so hat der Interpret zu zeigen, was da ausgesagt und ausgedrückt wird… In einer Dichtung aber ist das, was sie sagt, und die Weise, wie sie es sagt, ganz eins. Das Wie, die Form, gehört in das Was, den Inhalt mit hinein, und der Inhalt liegt schon in der Weise, wie er zum Ausdruck gelangt. Ja, die Form ist der Inhalt . . .
Wer interpretiert, holt etwas früher Geschaffenes in die eigene Gegenwart herein. Er stellt etwas, das sich aus sich selbst heraus gestaltet und so dem Wandel enthoben hat, wieder in die Zeit, indem er es – wie das gar nicht anders möglich ist – von den Voraussetzungen seiner eigenen Gegenwart heraus versteht . . .

Romano Guardini, Taufname Romano Michele Antonio Maria Guardini (1885 – 1968 ) war ein katholischer Priester, Jugendseelsorger, Förderer der Quickborn-Jugend, Religionsphilosoph und Theologe.

Fred Endrikat | Regeln mit Ausnahmen

Nicht jeder ist ein Dichter, der Gedichte macht,
nicht jeder ist ein Narr, den man belacht.
Nicht jeder ist ein Streber, der sich irrt,
nicht jeder, der sonst gar nichts wird, wird Wirt.
Nicht alles ist Gewissen, was uns mahnt,
nicht jeder ist ein Lohengrin, dem etwas schwant.
Nicht jeder Armleuchter ist auch ein großes Licht,
nicht alles, was zwei Wangen hat, ist ein Gesicht.

***

Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

***

 

Fred Endrikat trifft Ernst Ludwig Kirchner | Sinfonie des Lebens

Beherrscht man erst des Lebens große Sinfonie
und steht als anerkannter Virtuos und Meister da,
sucht man nach irgendeiner kleinen Melodie
und stümpert sie auf einer Kindermundharmonika.

***

Beitragsbild: Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen
entstanden 1935- überarbeitet 1937 | Öl auf Leinwand | 150 x 195 cm

***

Fred Endrikat (1890 in Nakel – 1942) war ein deutscher Schriftsteller, Dichter und Kabarettist. Seine humoristischen Kabaretttexte und -lieder waren seinerzeit sehr erfolgreich. Zu Endrikats Lebzeiten waren seine Verse besonders beim Kleinbürgertum sehr beliebt. Später wurden einige seiner Gedichtzeilen zu geflügelten Worten: so stammt zum Beispiel der bekannte Ausspruch „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“ ursprünglich aus einem Gedicht Endrikats. Heute ist der Kabarettist, der die Sünde einst mit rotem Mohn im Ährenfeld verglich („Man jätet ihn als Unkraut aus und windet ihn zum Blumenstrauß“) weit weniger bekannt als mancher seiner Aussprüche oder Kabarettsongs.

***

Ernst Ludwig Kirchner | Bogenschützen | entstanden 1935, & überarbeitet 1937

Kurt Tucholsky – Gedicht über den (deutschen) Mann – 1931

Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann.

Lamento

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.
Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.
Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.
Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt –
Er ist ein Mann., Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Der deutsche Mann
Mann
Mann
Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.
Die Frau ist dazu da, dass sie die Kragen zählt.
Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.
Und kommt es einmal vor, dass er die Frau betrügt:
Er ist ein Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.
und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.
Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.
Hauptsache ist, dass sie bequem und sich gehorsam fügt.
Denn er ist Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!
Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.
Ein kleines bisschen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.
Er ist ein Beamter der Liebe. Er lässt sich gehn.
Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?
Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt.
Er ist ein Mann. Und das 06
genügt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Zwei

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 
Schweigen Schweigen Schweigen

.Die Idee | Der Wunsch zu Schweigen. Sich einschleichende Gedanken werden mit der Erinnerung an das Vorhaben vertrieben. Bis der Gedankenverkehr obsiegt.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

Gomringers Schweigen | Konstellation Eins

Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen
Schweigen Schweigen Schweigen 

Die Idee | Zu Beginn das Schweigen, dann kommen die Gedanken, drängen sich hinein in die erwünschte Stille. Am Ende gewinnt ein Moment des Schweigens. Der sich in Meditation Übende.

***

Eugen Gomringer hat eine Ideogramm zum Thema Schweigen geschaffen. Lesbar durch das gedruckte Wort „schweigen“, welches vierzehn Mal wiederholt wird, sichtbar durch die ausgesparte Leerstelle in der Mitte des Wörterblocks, die den Vorgang des Schweigens bildlich darstellt. Nun ist dieses Bild offensichtlich und zeigt für mich nur einen sehr kleinen Aspekt der Stille. Wir greifen daher dieses Gedicht auf und spielen das Schweigen durch. Durchaus mit aktuellem Bezug.
Zu Eugen Gomringer: * 20. Januar 1925 in Cachuela Esperanza – Bolivien – ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er gilt als Begründer der Konkreten Poesie und hat bis heute überwiegend in Deutschland gewirkt.

B | Ein biographisches Wörterbuch

Wenn ich die Fähigkeit dazu besäße, würde ich ein biographisches Wörterbuch herausgeben, und etwa in alphabetischer Ordnung zunächst alle die zusammenstellen, welche keinen Bart tragen. Der Kürze wegen könnten die Lebensbeschreibungen der Gelehrten, Literaten, Künstler, ausgezeichneten Krieger und Staatsmänner, – überhaupt all der Menschen, welche vom allgemeinen Interesse in Anspruch genommen werden, wegfallen; ihr Leben ist einförmig, langweilig; Erfolge, Talente, Verfolgungen, Beifall, ein Leben im oder außer dem Hause, der Tod auf halbem Wege, Armut im Alter – das alles gehört nicht dem Betreffenden, sondern seiner Zeit. Darum vermeide ich keineswegs biographische Abschweifungen: sie offenbaren den ganzen Reichtum der Schöpfung.

Wer Lust hat, mag daher diese Episoden überschlagen, aber damit überschlägt er auch zugleich die Erzählung selbst. | Aus Alexander Herzens: Wer ist schuld?

***

Alexander Herzen porträtiert von Nikolai Nikolajewitsch Ge, ca. 1867

Alexander Iwanowitsch Herzen (Pseudonym Iskander; * 25. Märzjul./ 6. April 1812greg. in Moskau; † 9. Januarjul./ 21. Januar 1870greg. in Paris) war ein russischer Philosoph, Schriftsteller und Publizist.

Giuseppe Favas „Ehrenwerte Leute“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava

Die junge Lehrerin Elena Vizzini tritt ihre neue Stelle an, im kleinen sizilianischen Dorf Montenero Valdemone, fünftausend gemeldete Einwohner. Die Großstädterin hatte sich einen anderen Einsatzort gewünscht, hat aber keine Wahl, will sie doch endlich als Lehrerin arbeiten. Der Rechtsanwalt Bellocampo stellt ihr die Bleibe zur Verfügung, ein kaltes, unwohnliches Zimmer, das einst seiner Schwester gehört hatte.

Das Dorf reagiert auf den Fremdkörper Elena mit Distanz und Tuschelei. Nur ein Zugereister wagt es, sie überhaupt anzusprechen, äußerst dreist obendrein. Wer auf der Straße ist, erlebt, wie sich Elena gegen das aufdringliche Großmaul zur Wehr setzt, doch niemand hilft ihr. Wütend und aufgebracht über die stumpfen Dorfbewohner verkriecht sich Elena auf ihr Zimmer. Am nächsten Morgen sitzt eben jener junge Mann tot auf einem Stuhl auf der Piazza.

„So standen die Leute ordentlich und schweigend im Kreis herum. Die älteren Herren hatten sich aus dem Vereinslokal oder einer der Bars einen Stuhl geholt und saßen dicht an dicht.“

Doch das Schweigen geht weiter. Elena wird von der Polizei vernommen, die mit der Sache ebenso wenig anfangen kann wie Elena. Immerhin, ein alter Bauer erklärt sich bereit, der Polizei das Symbol der Blume im Mund des Toten zu erklären: Er habe eine Blume beleidigt, die Blume habe ihn daraufhin getötet. Mehr dazu gibt es nicht zu sagen.

„Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass von vierzig Personen, die wir dazu befragt haben, nicht eine einzige die von ihnen behaupteten Ereignisse bestätigt hat. Niemand hat bemerkt, dass Calògero Villarà Ihnen nachgelaufen ist und Sie belästigt hat. Genau gesagt, hat man auch Sie nicht gesehen und weiß nicht, wer Sie sind oder wie Sie heißen. Sie existieren nicht, und es hat nichts stattgefunden.“

Cover "Ehrenwerte Leute" von Giuseppe Fava
Cover | Unionsverlag

Ab diesem Zeitpunkt wird Elena zur Respektsperson; an ihrer machtvollen Aura spinnt derweil ein Unbekannter weiter, der Elenas Ansehen offenbar nach Belieben bei den Leuten verankern kann. Wegen ihr wird ein Reporter verprügelt, zwei weitere Menschen sterben, nachdem sie Elena angegriffen haben. Das Dorf wird gespenstisch, so wortlos und stumm, wie die Leute mit den Gewalttaten umgehen. Elena kann ihr mysteriöses Podest, das sie erhöht und gleichzeitig weiter isoliert, nicht fassen, nicht begreifen und niemand wird ihr dabei helfen. Nicht einmal mit ihrem Geliebten, dem Lehrer Michele Belcore, verbindet sie mehr als die nächtliche Leidenschaft. Belcore bleibt ebenso stumm wie der Rest der Stadt. Sein Lächeln wirkt, wie all das Lächeln im Dorf, wie „ein Schatten, ein mysteriöser Schimmer“. Kaum wechseln die Liebenden mehr Worte als für die nächste Verabredung nötig sind. Einzig für eine kurze Erklärung der stumpfen Stille sagt er mehr als sonst und Elena merkt bald, dass er sich selbst mittendrin sieht:

„Du kennst die Leute nicht, sie glauben an eine Art Plan und daran, dass Gott alles leitet, sie resignieren und auf diese Weise wird das Leben wieder erträglich, sie denken alles sei unausweichlich, das Elend und die Unwissenheit sind Teil diese Fatalismus.“

Giuseppe Favas Roman beunruhigt, weil er gezielt Angst und Unwissenheit einsetzt. Elena, die Frau aus der Großstadt, kann sich nicht erklären, warum sich ein ganzes Dorf in Schach halten lässt und ihre Angst überträgt sich auf den Leser, der die gewollte Stimmlosigkeit genauso wenig verstehen wird. Elena wird die Hilfe Stück für Stück entzogen. Ihr geheimnisvoller Beschützer ahnt, wer ihr zu nahe kommt und helfen könnte: Michele, der Ortsansässige, erklärt sich ohnehin nicht; ein Augenzeuge aus dem Elena treu ergebenen Armenviertel, der trotz seiner Angst mit ihr sprechen will, wird beseitigt; der schlaue Richter Occipinti, der ein denkbares Motiv entschlüsselt, wird schnell auf einen neuen Posten versetzt.

Vieles deutet auf den einen Menschen, der diese bedrückende Kontrolle ausübt, doch Fava lässt in diesem Mikorkosmos nicht einmal beispielhaft zu, was im Makrokosmos schon nicht funktioniert: Würde der Erste den Mund aufmachen, könnte der Bann gebrochen werden. Giuseppe Fava hat den Mund aufgemacht: Der Journalist und Schriftsteller setzte oft die Mafia ins Zentrum seiner Tätigkeit und zog hart mit ihr ins Gericht. Die Mafia tat, was sie auch in Montenero Valdemone getan hätte: 1984 ließ man ihn vor seinem Theater ermorden; der Prozess gegen die Täter verschleppte sich über zehn Jahre hinweg.

Mit derart offensichtlicher Gewalt brach die „ehrenwerte Gesellschaft“, nachdem die Proteste immer lauter wurden. Dennoch steckt Favas Roman nicht fest als Zeitzeugnis vergangener Tage. Montenero Valdemone, übersetzt etwa das Dorf mit dem schwarzen Berg und dem Tal des Teufels, kann überall sein. Fava fragt nach Courage, nach Mitdenken, nach Handeln. Und da der Leser mit Elena mitdenkt und fühlt, muss er sich am Ende auch mit Elena für eine von drei Lösungen entscheiden: Weggehen? Mitmachen? Unterordnen?

„Sie hatte noch zwanzig Sekunden Zeit, sich zu entscheiden …“

Der Autor

Giuseppe Fava wurde am 15. September 1925 geboren. Nach dem Abschluss seines Jurastudiums wandte er sich dem Schreiben zu und war ab 1952 hauptberuflich als Journalist tätig. Bekannt wurde er jedoch vor allem als Autor von Theaterstücken, Romanen und Sachbüchern.

Sowohl als Journalist wie auch als Schriftsteller setzte er sich vor allem mit der mafiosen Gesellschaft seiner Heimat auseinander; sein 1975 erschienener Roman Ehrenwerte Leute war sein größter, auch internationaler Erfolg. 1983 gründete er die Monatszeitschrift I Siciliani, die für die damals gerade entstehende italienische Anti-Mafia-Bewegung sehr einflussreich war.

Am 5. Januar 1984 wurde Giuseppe Fava vor dem von ihm gegründeten Theater in Catania, in dem sein Anti-Mafia-Stück L’ultima violenza aufgeführt wurde, ermordet.


ISBN 978-3-293-30368-3
Verlag: Unionsverlag
Erstveröffentlichung Original: 1975
Erstveröffentlichung Deutsch: 1990
Originaltitel: Gente di rispetto
Übersetzung: Peter O. Chotjewitz

Meine Homosexualität & der Schrei des Pfaus

Wenn ich mich richtig erinnere, begegnete ich ihr im Alter von etwa 14 Jahren zum ersten Mal. Bis heute ist sie meine Schlüsselerinnerung für den gefühlten Beginn meiner Homosexualität.

Sie lehnte träge aber lässig am Tor zum Garten Eden und trug einen prächtigen Pfau auf ihrer Schulter. Dieser spielte verliebt mit ihren langen schweren Haaren. Sie winkte mich heran. Näher, noch näher. Ich folgte und diese Frau legte sanft den Arm um mich und beugte sich zu mir herab. Das Rad des Pfaus schuf dabei ein leuchtendes Dach über uns.
Sein wilder Schrei gellte mir in den Ohren, so dass ich ihre Worte nicht verstehen konnte. Worte, die sie eindringlich und beschwörend auf mich einflüsterte, von denen ich nur wusste, dass sie für mich lebenswichtig waren. Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie mich lange verächtlich an, wandte sich dann ab und verschwand in das glühende Blumenfeld hinter dem Tor zum Paradies. Fast war sie nicht mehr zu sehen, als sie sich umdrehte, die Arme ausbreitete und mich mit süßer Stimme lockte: „Komm, komm doch her!“ Aber ich konnte ihr nicht folgen, da sie selbst die Pforte verschlossen hatte.

Lange Jahre dachte ich nicht an diesen Traum, bis ich sie eines Tages wieder traf. Kurz vor Ladenschluss betrat ich eine kleine, exklusive Boutique, die ich oft aufsuchte. Wie ich von den Verkäuferinnen wusste, war die Besitzerin meist auf Reisen, um in aller Herren Länder neue Modelle einzukaufen. An diesem Abend jedoch sah ich sie vor mir stehen und erkannte sie sofort.  „Wir sind allein hier“, begrüßte sie mich und bot mir eine Zigarette an. „Lassen Sie sich genügend Zeit. Die Mädchen habe ich bereits weggeschickt.“ Als sie meine Unsicherheit bemerkte, trat sie lächelnd neben mich und zog ein weiches schwarzes Samtkleid aus dem Schrank. „Das ist für Sie“, sagte sie. „Nehmen Sie es! – Sie müssen es nehmen! Es gibt nur zwei Modelle davon und das Gegenstück gehört mir selbst.“

Foto: Jessica

Es war das Kleid, das sie damals vor dem Garten Eden getragen hatte. Auf die linke Schulter war der Rad schlagender Pfau gestickt. „Sie brauchen es nicht zu probieren. Wir haben die gleiche Figur.“ Wie zum Beweis strich sie erst sich und dann über meine Brust und Hüften. Dabei flüsterte sie mir wieder ein paar Worte ins Ohr, die ich nicht verstand.
Als ich sie fragend ansah, maß sie mich mit abschätzendem Blick, drehte sich dann um und verschwand hinter einem Vorhang.

Weder habe ich das Kleid gekauft noch das Geschäft jemals wieder betreten. Etwa fünf Jahre später, ich hatte mich inzwischen verlobt und lebte in einer anderen Stadt, traf ich sie wieder. Nun zum dritten Mal. Ich war mit meinem fiancés auf einem Faschingsfest und hatte ihn kurz nach Mitternacht aus den Augen verloren. Inzwischen war es früher Morgen. Ermüdet vom langen erfolglosen Suchen stand ich an einer Balustrade. Die feiernde Menge unter mir verschwamm zu einem bunten Brei, auf dem sich riesige Blasen bildeten, die unter den Knüppeln des Schlagzeugs zerstoben und platzten. Fasziniert von diesem Bild verharrte ich eine Weile, bis ich bemerkte, dass die Pfauenfrau hinter mich getreten war. Ihr Haar tanzte an meinem Hals. Und wieder schien sie mir etwas ins Ohr zu flüstern, und wieder konnte ich sie nicht verstehen. Die Musik schluckte jedes Wort. Die Frau steckte mir eine Zigarette in den Mund und gab mir Feuer. Auf der Vorderseite ihres Feuerzeugs war ein Mosaik aus Edelsteinen eingearbeitet. Es stellte einen Rad schlagenden Pfau dar. Sie drehte mich zu sich herum. Hinter ihr, in einem dunklen Erker fast verborgen, sah ich den fiancés.

Er tanzte mit ihr. Mit der Frau die hier vor mir stand. Er küsste er sie und sie küsste mich. Ich schlug ihr ins Gesicht.

Die Bässe bebten. Und doch konnte ich ihr wildes Gelächter hören. Ein Gelächter wie das Schreien eines Pfaus. Dann folgte ich ihr auf die andere Seite.

Auch wenn mir der Traum nicht schlüssig erscheint; er ist meine innere Festlegung für die Liebe zu meinem Geschlecht. Mit dieser Idee, ihr gefolgt zu sein, fühle ich mich bis heute wohl. Und die Frage nach dem Warum stelle ich mir schon lange nicht mehr. Der Pfau als Symbol von Schönheit, Reichtum, Königlichkeit, Liebe, Leidenschaft aber auch Unsterblichkeit, Arroganz und Eitelkeit ist mir in seinen Auswüchsen durchaus sympathisch.

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

***

Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Ich will nicht akzeptiert werden | Tagebucheintrag

Diesen Eintrag habe ich in einem meiner älteren Tagebücher gefunden. Damals war ich um die 16 Jahre alt.

Ich will nicht akzeptiert werden in einer Welt, in der Menschen wegen ihres Geschlechts Unterdrücker oder Unterdrückte sind… in der für gleiche Arbeit nicht gleicher Lohn „bezahlt wird… in der in Verstecken geliebt werden muss… in der ein bestimmtes Geschlecht geliebt werden muss… in der nicht gelacht, nicht geweint werden darf… in der Leben zum Tode verurteilt ist… in der nicht gestorben wird… in der Mann über Leichen geht… in der für Kinder und Frauen, Alte und Kranke kein Platz ist… in der gehungert wird, weil andere zu viel fressen… in der Lüge die Wahrheit ist… nein, von Euch will ich nicht akzeptiert (integriert) werden!

Auch wenn ich dies heute nicht mehr so formulieren würde; der Kerngedanke bleibt, mit einem Unterschied: ich würde nicht mehr die trotzige Konfrontation wählen.

Eduard Asadow | Ich werde dich lieben, darf ich?

(Übersetzt aus dem Russischen von Maria Aronov)

Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.
Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!
Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?
Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.
Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das?

Ich gehe auf eine steile Klippe,
ich werde fallen, fang mich! Schaffst du das?
Und wenn ich wegfahre, wirst du mir schreiben?
Mir fällt es schwer, ohne dich zu sein.
Ich will bei dir sein, hörst du?
Nicht nur eine Minute, nicht einen Monat, sondern lang,
sehr lang, das ganze Leben, verstehst du?
Das bedeutet das ganze Leben zusammen – willst du das?
Ich habe Angst vor deiner Antwort, weißt du das?
Antworte mir, doch bitte nur mit den Augen.
Antworte mir mit den Augen – liebst du mich?
Wenn ja, dann verspreche ich dir,
dass du die Allerglücklichste sein wirst.
Wenn nicht, dann flehe ich dich an,
mich nicht mit deinem Blick hinzurichten. Tue es bitte nicht!
Zieh mich nicht mit deinem Blick in die Untiefe!
Doch erinner dich bitte ein wenig an mich…
Ich werde dich lieben, darf ich?
Auch, wenn es nicht erlaubt ist…, werde ich es!
Und ich werde dir immer zu Hilfe eilen, wenn du in Schwierigkeiten sein solltest.

***

Eduard Arkadjewitsch Assadow (russisch Эдуард Аркадьевич Асадов; * 7. September 1923 in Mary, Turkmenistan; † 21. April 2004 in Odinzowo, Russland) war ein russischer Dichter und Prosaist. [Ein ausführliches Porträt des Lyrikers – verfasst von Maria Aronov – finden Sie ab dem 14.05. hier.]

Beitragsfoto: Gilbert Garcin | Nocturne (D’apres Paul Klee), 2004
Die Website des Künstlers: http://www.gilbert-garcin.com/

LICHT TON BEWEGUNG unserer Zeit

Tanzt die Zeit, tut sie es zu einer Musik, wie wenn ein Kran einen Stapel Wellblech von einem Lager aufs andere hinüber wirft. Der Rhythmus ihrer Ausgelassenheit ist knarrend, stampfend, kubistisch, wie farbig rieselnde Lichtreklamen, Glieder verrenkend, aufreibend Scham an Scham. Ein  sich Bauch an Bauch pressender, geiler, morbider Tanz.

Die Nüstern dieser Zeit stehen weit offen, als röchen sie amor & indifférence aus dem Flakon, den Schweiß, das saure Aufstoßen in den Bars, das  fatale prickelnde Odeur der sich rasch ausbreitenden absynthfarbigen Wolke. Mechanisch & polternd schiebt sich diese, unsere Zeit voran.

Die Basis zu diesem Tagebucheintrag bildet ein Text von Arthur Holitscher in seinem Narrenbaedeker.

Karl Henckell | Lebensbrandung

Wie das wilde Meer
über die Blöcke brandet!
Doch ich warf mich hierher,
atemlos bin ich gelandet.
Soll’s aufstrudelnd mich ziehn
abwärts mit gierigen Krallen?
Weltmeer, nicht will ich dich fliehn,
doch deiner Wut nicht verfallen.
Schlag mir die Krallen ins Bein,
Schicksal, erbarmungsloses!
Zäh umklammer‘ ich den Stein,
lache des tollen Getoses.
Hart granitener Grund,
du hast den Halt mir gegeben.
Rissen die Wirbel mich wund,
Jetzt sei Sieger, mein Leben!
Und Verzweiflung versinkt,
die mir das Herz schon zerrissen,
Hoffnung, die heilende, winkt,
Licht aus den Finsternissen.
Fest nun geschlossen den Bund
mit der gewaltigen Erde,
Daß dieser heulende Schlund
mir zum Triumphgesang werde!

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Vom Lesen | Was uns selbstverständlich erscheint

Lesen und schreiben können — das ist für uns etwas so Selbstverständliches, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Wir haben ja längst vergessen, dass wir alle auch einmal Lernende waren, mit unserem ersten Lesebuch, mit der „Fibel“, die freilich mehr Bilder als Buchstaben enthielt. Die ersten Bücher unserer Kindheit — lange noch vor der Schulzeit — waren Bilderbücher, herrlich bunt und aus guten Gründen möglichst unzerreißbar, und mit diesen Bilderbüchern ist jeder von uns den jahrtausendealten Menschheitsweg noch einmal gegangen: vom Bild zum Schriftzeichen oder Buchstaben, vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Satz, zur Buchseite, zum Buch. Wunderbar, all die Bücher, aus denen man uns bisher nur vorgelesen hatte, nun selber lesen zu können — den Struwwelpeter und Max und Moritz, die Sagen und Legenden, und natürlich vor allem die Märchen, die immer so verheißungsvoll anfingen: Es war einmal…

Ja, und nun können wir also lesen und schreiben — und wir sollten froh und dankbar sein, dass wir die Möglichkeit hatten, es zu lernen! In der indischen Hauptstadt New Delhi zum Beispiel — ebenso wie in Damaskus, Istanbul, Teheran und anderen Städten des Orients — sitzen noch heute auf dem Markte die „Schriftgelehrten“, dicht umlagert von den „Analphabeten“, den des Lesens und Schreibens Unkundigen, die sich hier gegen klingende Münze ihre Briefe vorlesen und auch beantworten lassen. Und als vor wenigen Jahren in Ägypten die ersten allgemeinen politischen Wahlen stattfanden, da waren die Stimmzettel mit verschiedenen Bildsymbolen bedruckt, deren Bedeutung von Mund zu Mund verbreitet wurde; denn mit einem Stimmzettel, der nur Schrift aufwies, hätte die ägyptische Landbevölkerung wenig anfangen können. Nicht viel anders ist es im Süden Italiens, auf Sizilien etwa, wo bei der Volkszählung immernoch ein Drittel aller Erwachsenen sich als „Analphabeten“ bekennt. Kein Wunder also, dass man in den Wohnstätten der Sizilianer mehr Rundfunk- und Fernsehgeräte findet als Bücher und dass eine Unterschrift oft nur aus drei mühevoll hingemalten Kreuzchen besteht . . . Und aus den USA, deren Bevölkerung noch 3 % Analphabeten aufweist, berichtete der große deutsche Physiker Albert Einstein ein hübsches Erlebnis: Auf einer Eisenbahnfahrt bemerkte er mit Schrecken, dass er seine Brille zu Hause vergessen hatte, und bat deshalb den farbigen Zugschaffner, ihm eine Stelle aus dem Fahrplan vorzulesen. Der antwortete sehr höflich: „Tut mir schrecklich leid, mein Herr — aber ich kann a u c h nicht lesen . . .“

In Deutschland ist das Analphabetentum schon seit Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig ausgemerzt. Das erste deutsche „ABCBuch“ erschien 1544, also kaum ein Jahrhundert nach Erfindung der Buchdruckerkunst, und hundert Jahre später, nach den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, gab der Nürnberger Drucker und Verleger Comenius „zum Gebrauch der kleinsten studierenden Jugend“ ein reich illustriertes Jugendlehrbuch heraus: „Die Welt in Bildern“, dessen Titelblatt einen „aufgeweckten“ Hahn zeigte, mit dem Leitspruch : Studiere fleißig spät und früh — sei munter wie der Kikeriki… Im Wandel der Jahrhunderte haben freilich auch die Lehrmethoden des Leseunterrichts mancherlei bedeutsame Entwidmungen erfahren. Während man früher das sogenannte „synthetische“, das vom Einzelbuchstaben her aufbauende Verfahren anwandte, hat sich inzwischen das „analytische“, das ganze Wort auflösende Lehrverfahren durchgesetzt. Diese „Ganzheitsmethode“ geht nicht vom Einzelbuchstaben, sondern vom Wortganzen aus, ja eigentlich vom gesamten kindlichen Lebenskreis; sie entspricht dem — unbewussten — System, mit dem jede junge Mutter ihr Kind sprechen lehrt.

Mit dem Erkennen von Buchstaben und Wortbildern ist es allerdings noch längst nicht getan. „Die guten Leutchen wissen ja nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre.. .“, bekannte Goethe auf dem Gipfel seines Ruhms, und wollte damit sagen, dass „Lesen“ eben eine Kunst ist. Zur Beherrschung dieser Kunst hilft uns Goethes Wort, dass ein Blick ins Buch und zwei Blicke ins Leben erst die rechte Mischung ergeben.

Vom Schreiben | Ein Buch voller Fragen

Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem Büchlein „Steht noch dahin“ eine Idee aufgeworfen, die mir sympathisch ist. Sie schlägt vor, ein Buch herauszubringen, welches nur aus  Fragen besteht. Jede Frage um eine selbst definierte Anzahl Felder ergänzt, die für Antworten auf die jeweilige Frage reserviert sind. Nun geht es darum, in einer ebenfalls individuell festgelegten zeitlichen Spanne, die Frage neu zu beantworten. Interessant ist es zu sehen, wie die Replik jeweils ausfällt. Sind die Antworten gleich? Sind wir uns treu geblieben? Was ist mit uns geschehen?

Anregungen für Auswahl der Fragen gibt es genug: sei es aus den berühmten Fragebogen von Max Frisch oder Marcel Proust. Vielleicht wäre es gut, Fragen zu stellen, die in Print- und Webmedien nicht eh überall rauf und runter abgeschrieben werden.

Kaschnitz‘ Idee hat wohl eher den Charakter eines persönlichen Buches; einer Nabelschau. Spinnen wir den Faden weiter, lässt sich daraus etwas schaffen, das den Leser, die Leserin einlädt als Hauptfigur des Prosawerkes selbst aktiv zu werden. Jede neue Lektüre des eigenen Werks würde dann vermutlich eine neue Geschichte erschaffen.

Die Kunst des Autors liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die einen Spannungs- und Handlungsbogen bilden bzw. ermöglichen, Widersprüche „provozieren“. Eine Möglichkeit ist, den Text zeitlich zu gliedern, wie oben angedeutet, mit gleichbleibenden Sprüngen. Bei jedem Sprung lassen sich die Fragen neu zusammenwürfeln um andere Schwerpunkte zu setzen.

Foto: Pexels

Und sicher: es steht noch dahin, ob sich das lesbar umsetzen lässt. Wenn ja, wäre es sicher eine sehr ungewöhnliche Prosa-Idee. Wir würden diesen Entwurf gern ausprobieren. Wenn Sie Lust haben, daran teilzuhaben, melden Sie sich bei uns. Wenn wir mit der Umsetzung zufrieden sind, drucken wir dies als Buch.  ⇒ redaktion@derblaueritter.de

 

 

Mir träumte letzte Nacht…

Mir träumte letzte Nacht, wir konnten fliegen.

Beim Erwachen verschafft sich der Gedanke Raum: Lebe Deinen (diesen) Traum.

Fest steht: Schön war er, der Traum.

Foto: Ryan McGuire

Und dann fällt mir das nachfolgende Gedicht von Christian Morgenstern ein – auch wenn es so gar nichts mit dem Traum zutun hat:

Der Vogel Strauß steckt, wie bekannt,
den Kopf gern in den Wüstensand.
Zumal, wenn ihm Freund Burrmann naht
mit seinem Knipsknaps-Apparat.
Doch Klaus, gewitzigt und gewandt,
erbaut sich unterm Wüstensand
ein Zimmer, ganz mit Glas gedeckt,
worin er sich voll List versteckt.
Auf dessen Decke türmt er drauf
aus Sand ein künstlich Berglein auf
und höhlt es innen aus, daß man
von unten her hineinschaun kann.
Gerannt kommt nun der Straußenvogel
und sieht von fern den Diener Mogel,
den er für Burrmann selber hält.
„Ha!“ denkt der Strauß, „du wirst geprellt!“
Und macht sich unsichtbar wie immer –
grad über Onkel Burrmanns Zimmer.
Doch eh er sich noch sagt: „Wie dumm!“ –
da blitzt schon das Magnesium.
Er sperrt nur noch den Schnabel weit …
da ist er auch schon konterfeit.
Klaus Burrmann und sein Diener Mogel,
sie haben nun den ganzen Vogel.
Den Kopf im Sande hat der eine,
der andere hat Hals, Rumpf und Beine.

 

Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
Brütet das Schweigen,
Ballt sich zusammen
Die schwangere Nacht –
Taub und tonlos
Kauert der Reigen,
Dumpf Verdammen
Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
Finstre Dämonen,
Nebelschleichend,
Tückisch und krumm –
Matte Monde
Aus Nebelzonen
Ziehn erbleichend,
Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
Regt sich ein Raunen,
Lichter aufzucken,
Riesen stehn nackt,
Schreien ihr Sehnen,
Stark wie Posaunen,
Zwerge sich ducken,
Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
Im Orgelorkane
Urwäldermeere,
Sonnengesäugt –
Lustschwärme jauchzen
Wilde Päane,
Isis zur Ehre,
Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
Orgien Tosen
Löst sich der zarter
Sich wiegende Bund –
Kinder der Anmut
Lagern auf Rosen,
Innig gepaarter
Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
Bilden sich leise,
Venus Urania
Wandelt die Welt –
Männer und Frauen, sie
Wählen sich weise,
Heilig Halleluja
Geister gesellt.

Milder erschallen die
Saiten des Lebens,
Rhythmen gestalten sich
Seligen Gedichts –
Völkerversöhnende
Musen durchschweben’s,
Fugen entfalten sich,
Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
Torheit und Trauer,
Aufschwung und Untergang
Tönen im Chor –
Kämpft das Orchesterheer,
Schütteln uns Schauer,
Heldentriumphgesang
Reißt uns empor.

Unergründlich
Quellende Laute
Locken die lauschend
Andächtige Schar –
Meisterhorchend,
Was Kühnheit baute,
Nimmt tiefaufrauschend
Die Menschheit wahr.

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Gertrud Kolmar | Die Dichterin

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust.Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau,
Mit Silberketten, Seiden, blaubestemt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. –

Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinem Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage: „Du…“ und immer: „Du und ich.“

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.

So steh ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.

Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?

***

Otto Müller | Liebespar um 1914

Otto Mueller (* 16. Oktober 1874 in Liebau, Landkreis Landeshut, Provinz Schlesien; † 24. September 1930 in Obernigk, Landkreis Trebnitz) war ein deutscher Maler und Lithograf des Expressionismus. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Expressionisten.

Alexander Moszkowski | Ooch ’ne Frühlingsahnung

»Wenn rechts und links die Spiegelscheiben knallen,
Und Ihnen uf’n Kopp Klamotten fallen,
Wenn sich die Schornsteinröhren mächtig biejen,
Und Dacharbeeter uf det Flaster fliejen,
Wenn alle Zäune wackeln mit Veh’menz –
Det is der Lenz!

Wenn Ihr Zylinder, oder wat Se tragen,
Hinieberkugelt untern Schlächterwagen,
Wenn Aeste, von de Beeme abjebrochen,
Im Schneesturm Ihnen priejeln Ihre Knochen,
Wenn Blitzableiter durch de Lifte huppen,
Wenn Ihn‘ de Oogen überjehn vor Schnuppen,
Vor Rachenbräune und vor Influenz –
Det is der Lenz!

Un wenn de Meechens, wo se immer singen,
Een Kilo Dreck mit von de Straße bringen,
Nachdem se von dem »Zephyr« rumjebullert
Verschiedene Mal uf den Asphalt jekullert,
Wobei se merschtens wie de Kälber schrien –
Det is de Frühlingsahnung in Berlin!

***

Aus: Die Freiheit der Musen

Gertrud Kolmar | Das Götzenbild

Ich habe kein Gesicht.
Um meine Augen nur ist goldne Larve.
Sie wird voll Lächelns und ganz licht
Im Liede einer wilden, ungefügen Harfe.

Mein Haar ist blau und rot gebeizter Bast,
Er strähnt bestaubt, weil meine Diener nur die Zehen baden,
Die kranker Lippen Trost und Rast,
Mit Schmuckgeschenken grell und plump beladen.

Aus meinen Ohren gehen
Die erznen ungeheuren Ringe,
Zu denen große, aufgereckte Schreie flehn.
In ihren Kreisen schließen sich die Dinge.

Mit Milch ist meine Brust beschmiert;
Zwei weiße Bäche rinnen bis zur Hüfte.
Der Mondhund darf nicht sehn, was sie gebiert,
Drum streut die Schwangere mir Würzkrautdüfte.

Drum bringt sie bald das neue Kind,
Es meinen Armen hinzuheben,
Die starr und wie des Affen Arme sind.
Nun wächst es und wird lange leben.

Ich weiß doch nicht, wie das geschieht,
Was keimt und was gedeiht; ich tue keine Taten.
Die Sprüche, die ein Priester murmelnd um mich zieht,
Stehn stumpf und rauchig, ohne mir zu raten.

Ich mußte steigen in die Macht,
Ich mußte in ihr thronen wie in einem Hause;
Ich bin sie nicht: als Bild ihr eingedacht,
Füll‘ ich ihr Schweigen aus mit Menschenflüstern und
-gebrause.

Ich sandte nicht den Blitz.
Ich kann den Schmerz am Weg nicht irremachen.
Ich kenne nicht der Toten Sitz
Noch die verhüllten Drei, die ihn bewachen.

Das weinende Gebet, die Bitte ruht
Wie Spinnweb mir im bunten Haare.
Ich trage nicht mein Herz mehr – das ist gut;
Unförmig, tönern, liegt es braun auf dem Altare.

Max Slevogt | Geburt der Venus II | 1923

Der Maler und Graphiker Max Slevogt wurde 1868 in Landshut geboren; er starb 1932 in Neukastell. Neben Corinth und Liebermann war er der wichtigste deutsche Impressionist.
Bevor er sich 1901 in Berlin níederließ, hatte er an der Münchner Akademie und an der Pariser Académie Julian studiert und große Teile Europas und Ägypten kennengelernt.
1917 berief ihn die Berliner Akademie. Denkwürdiger als seine lichten, der Augenblickseingebung verhafteten Bilder sind seine zahlreichen Illustrationen („Lederstrumpf“, „Don Giovanni“, „Tausendundeine Nacht“), mit denen er nobel, treffsicher und immer von der Totalanschauung ausgehend die jeweilige Situation charakterisiert.

***

Was zur Wahl steht oder auch nicht

Wie stolz waren wir auf unsere Individualität. Ein jeder fläzte sich in seine Ecke hinein und war eine Welt für sich, die nur von ihm selbst verstanden wurde, die eigensinnig ihre eigene Bahn ging, den Andern fern und jedenfalls anders als die Andern.

Eduard Graf von Keyserling, | Gemälde von Lovis Corinth | Neue Pinakothek, München | 1900

Wir schlossen uns voneinander ab. Was wusste der Handwerker von dem Akademiker, der Landwirt vom Beamten, der Künstler vom Bundeswehrsoldaten? Sie lebten alle auf ihrer eigenen Insel, von der nur schmale Brücken zu den Inseln der Andern führten. Dass wir eine Gemeinschaft waren, wussten wir, zuweilen war der eine oder der andere stolz darauf. Den Meisten jedoch war die Bundesrepublik Deutschland ein politischer Begriff oder lediglich Ordnungsmaschine für all die Individualinteressen der deutschen Allgemeinheit.

Und jetzt in diesem Augenblick, jetzt plötzlich denken viele von uns einen Gedanken, fühlen eine Leidenschaft, haben einen Willen. In dem differenziertesten wie in dem einfachsten Menschen erwacht etwas, das sie einander gleich macht, sie nah zueinander führt, mühelos verstehen sie einander, als hätten sie die gemeinsame Muttersprache vergessen und fänden sie nun wieder.
Wir fühlen uns als ein Volk. Und der Deutsche entdeckt, dass dieses Gefühl eine unwiderstehliche, mystische Kraft ist, etwas ganz Heißes und Lebendiges, etwas, das stark und einfach macht.

Dieses Gefühl, wie ein Wunder in großer Unruhe geboren, ist zwingend wie die Liebe, aber eine Liebe, die den Einzelnen über sich selbst erhebt, damit er sich Eins wisse mit seinem Mitmenschen. | Was zur Wahl steht oder Traum bleibt.

Gedanken, inspiriert durch Eduard Graf Keyserling

Joachim Ringelnatz & Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
phile?»Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: Viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.

Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.

Äußerlich? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.

Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.

Wie? – ich jemals auch in Büchern lese??
Oh, Sie unerhörter Ese – – –
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.

Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen! Laß dich doch belehren!
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hoch verehren.

Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren.

***

Hermann Fenner-Behmer war ein deutscher Maler. Lebensdaten: * 8. Juni 1866 in Berlin; † 3. Februar 1913 ebenda.
Fenner-Behmer studierte an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin und bildete sich während eines Studienaufenthaltes in Paris bei Gustave Boulanger und Jules-Joseph Lefebvre weiter. Nach seinem Studium reiste er durch Europa. 1908 erhielt er für sein Gemälde Dame in Braun die Goldene Medaille der Akademie der Künste. Ebenfalls 1908 erhielt er auf der Großen Berliner Kunstausstellung eine kleine Goldmedaille.

Fenner-Behmer spezialisierte sich – im Laufe der Jahre – auf elegante Bildnisse von Frauen sowie erotische Szenen. Viele seiner Werke wurden als Drucke reproduziert. Als Beispiel für die s.g. erotischen Szenen:

Hermann Fenner-Behmer |  Reclining Odalisque  | 1900.
Hermann Fenner-Behmer | Reclining Odalisque | 1900.

***

Das Poem ist erschienen in: Joachim Ringelnatz | Allerdings
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin | 1928

Zum Titelbild: Das Original wurde 1906 geschaffen. Die Abbildung entstammt einem Farbenlichtdruck um 1910.

Hermann Fenner-Behmer | Der Bücherwurm | 1906

Frank Adamik | Ich, der Voyeur

Mich interessiert kein Kontakt
mit anderen Menschen
vielleicht gar nackt.

Mich lockt keine Bar
kein gutes Essen
sowieso kein Altar.

Ich brauch kein Telefon
keine Frau
keinen Sohn.
Mich langweilt viel
fast jedes Gespräch
jedes Spiel.

Drogen nehmen
Geld verdienen
politische Themen
es summt im Kopf wie bei den Bienen.

Weil ich in meinem Glück – auf gewisse Art – bescheiden bin:

In der frühen Nacht
hab ich meine Lichter ausgemacht
dann nehm ich Dich mein Teleobjektiv
schauen wir uns an
ganz subversiv
was die Nachbarn tun.

Wir stehen dicht an der Wand
und hätte nie geglaubt
sehen dabei so allerhand
was mir Verstand und Atem raubt!
Es fixt mich an
und hole mir
ihr Leben ganz nah ran.

Frank Adamik
*1959 | lebt in Norderstedt bei Hamburg & übt sich seit einigen Jahren in der Lyrik.

Kassandra Lewicka über den „Tiger“ Dariusz Michalczewski | update

In der Flughafenhalle. Warten auf den Eintritt in luftige Höhen. Herumsitzen mit jener typisch konzentrierten Langeweile im Nacken, die uns Sätze aufschnappen lässt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet worden sind. Pink beschuhte Füße am Nebenplatz können auch kaum still halten. Endlich findet die kleine Inhaberin des unübersehbaren Schuhwerks ein nicht näher definiertes Stück Plastik auf dem Boden, erhebt sich vom Platz und beginnt, das Fundstück mit einer imposanten Wadenkraft durch die Gegend zu kicken. Flink wie ein Wiesel und mit atemberaubender Agilität, der man eine ordentliche Portion Verbissenheit nicht absprechen kann, fegt sie zwischen die Sitzen. Sehr zur Unmut ihrer daneben sitzenden Oma. “Lass das!“, zischt diese der Kleinen zu, „so was machen Mädchen nicht!“.
Was sie wohl bei ihrem Enkelsohn unangemessen findet, falls sie einen hat? Anno 2014? [Erstveröffentlichung dieses Beitrages.] Ich interessiere mich nicht für Sport. Zumindest nicht wirklich. Hat mich schon immer tendenziell gelangweilt. Ich hatte aber Freundinnen, die das wieder ganz anders sahen. Sie und ich gehören der Generation an, in der man über ein weibliches Kind sagte: „ein Mädchen, ABER interessiert sich für Sport“. Dennoch ist aus mir eine Frau geworden, die – Augen und Ohren offen haltend – als Erwachsene für das Normalste auf der Welt hält, zu sagen „ein Mädchen UND interessiert sich für Sport“. Obwohl ich selbst es nicht tue. Aber dennoch weiß, wer zum Beispiel Dariusz Michalczewski ist. Und ich erwähne ihn nun nicht, weil ich auf einmal seltsame Gelüste bekomme, mich über die Kunst des Aufwärtshaken auszulassen. Nein, ich erwähne ihn, weil ich mich aus aktuellen Anlass freue, der schnaubenden und zischenden Oma von nebenan ein Beispiel geben zu können, dass es Möglichkeiten gibt, flexibel und differenziert mit dem Problem der gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Rollenzuschreibung umzugehen.

Foto: Paweł Zienowicz Sp5uhe

Schon vor einigen Wochen sorgte Michalczewski, ein ehemaliger Europa- und Weltmeister im Boxen, in seinem Heimatland Polen für einige Aufruhr, als er im Rahmen einer Kampagne gegen die Homophobie und für das Recht für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, konstatierte, dass es für ein Kind besser sei, zwei es liebende Väter zu haben, als einen, der trinkt oder missbraucht. Dafür erntete er feindselige Reaktionen einerseits, hohe Anerkennung andererseits. Im Interview für „Wysokie obcasy“ („Hohe Absätze“, ein Wochenendanhänger der „Gazeta Wyborcza“) wurde er neulich gefragt, ob seine Meinung deshalb so polarisiere, weil er ein Boxer sei. „Ich denke schon, dass es so ist, weil das Boxen als eine extrem männliche Sportart gilt“, bestätigte er. Und so „kann das schockierend sein, dass jemand aus diesem Milieu nicht unbedingt homophob sein muss. Hinzu kommt das stereotype Denken über Männer. Eines Tages spielte ich mit meinen Söhnen im Sandkasten. Ein Typ ging an uns vorbei und srief mir zu: ‚So ein Kerl wie du und backt mit den Kindern Sandkuchen!‘. Was ist denn so seltsam daran? Ein Kerl kann nicht mit seinen Kindern spielen? Ein Boxer darf keinen Sandkuchen machen?“.

‚Between Rounds‘ – ALAN F WARD – Oil Painting on canvas – USA c 1950’s

Ich fragte mich, als ich dies las, wodurch dem unbekannten Spötter gelungen ist, seine archaischen Ansichten so gut zu konservieren. Offenbar war er noch damit beschäftigt, seine männliche Identität aufzubauen. Laut Élisabeth Badinter (s. ihr Buch „XY. Die Identität des Mannes“ von 1983) geschieht dies durch Ablehnung und Negation. Dreifach muss der heranwachsende Mann sich und der Welt beweisen: dass er keine Frau, kein Kind und dass er nicht homosexuell ist. Und sonst? Intensive Verinnerlichung der Filme mit John Wayne? Vielleicht sollte jemand den Zaunkommentator darauf aufmerksam machen, dass auch dort mit der Zeit die rigorose Schwarz-Weiß-Malerei ihr Ende hatte. In „Red River“ von 1948 wird der beinharte Rancher Tom Dunson (Wayne) von einem jungen Mann (der sein Pflegesohn ist) verprügelt, dessen Figur eine der allerersten Darstellungen eines sanften Männertypus ist. Der durch den Schlag wankende Rohling ist wie die Metapher des wankenden Männer(vor-)bildes, das bis dahin die Leinwand dominierte. Montgomery Clift wird dort zum Prototypen des sensiblen Kerls, der sich gegen den Beinharten auflehnt. Und das noch vor James Dean.

Der Sandkastenspötter huldigte offenbar noch der Härtefraktion. Alles andere hätte (und hat) sein Weltbild betrübt und seine eigene innere Ordnung durcheinander gewirbelt. Der italienische Soziologe und Anthropologe Franco La Cecla beobachtet in seinem Buch „Modi bruschi. Antropologia del maschi“ („Rau sein. Die Anthropologie des Mannes“) von 2010, wie diese männliche Härte sich herauskristallisiert. Die Anmut (grazia) wird als etwas ausschließlich weibliches wahrgenommen. Ein junger Mann muss also Strategien überlegen, um sie loszuwerden. Wenn er ein Mann sein will, muss er Rundungen und Schattierungen verlieren. Er greift zu rauen Manieren, arrangiert geräuschvolle Darstellungen (Motoraddröhnen, Stimmmodulation). Sonst bleibt sein Geschlecht unsichtbar, „gefährlich neutral“. Denn die Männlichkeit, so La Cecla, ist immer übermäßig, zu groß geraten, übertrieben hervorgehoben. Anmutig und weich bleiben, hieße, wie Peter Pan in seiner Kindheit und in mütterlichem Schoß gefangen zu bleiben. Ein Mann sein und als Mann erscheinen sei das selbe. Eine stetige, öffentliche Performance, um zu beweisen, eine Nicht-Frau zu sein. Eine Rauheit, die bei Robert Bly in „Eisenhans“, seinem berühmten „Buch über Männer“ von 1990, als die zur Mannwerdung nötige Wildheit betrachtet wird.

Helmut Kolle (1899–1931) | Selbstbildnis als Junger Boxer  | 1925

Michalczewskis Mut, sein raues Bild in der Öffentlichkeit zu „gefährden“, wirkt besonders erfreulich. Denn er impliziert eine Überzeugung, die nicht aus einer Verunsicherung heraus nach außen hin gelangt. Dieser Mann wurde seiner Stärke nicht beraubt. Er hat sie nicht gegen etwas eintauschen müssen. Keine Delila hat diesem mächtigen Samson heimlich die Haare geschnitten, ohne die er bedröpelt und geschwächt da steht. Die gängigen Merkmale der Stärke (maskulines Äußeres, körperliche Kraft, beruflicher Erfolg) wurden in seinem Fall lediglich um zusätzliche Attribute ergänzt, die üblich als weibliche Domäne gelten (Sensibilität, Friedfertigkeit, Empathie). Und er nimmt sie an. Hier ist jemand auf eine wohltuende Art und Weise mit sich im Reinen. Und kann es auch weitergeben. Was seine Söhne zu seinen Äußerungen sagen, in denen er beispielsweise die Homophobie anprangert, darauf ist er hörbar stolz: „’Sehr gut, Papa!‘ – sagen sie zu mir. Weil meine Söhne Jungs von Welt sind, offene und tolerante Menschen sind. Dazu wurden sie stets erzogen. In ihrer Welt homophob zu sein ist einfach peinlich. Das ist so, als sagte heute jemand, Frauen hätten kein Stimmrecht. Können Sie sich das vorstellen? Wenn jemand so was sagen würde, würde man ihn für unzurechnungsfähig erklären. Aber über Homosexuelle darf man sagen, was man will. Eine Schande ist das!“.

Paul Klee | Läufer (Haker-Boxer) 1920 | Aquarell auf Papier, Privatbesitz

Michalczewski, wegen seines offensiven Kampfstils „Tiger“ genannt, hat im Laufe seiner Karriere zwölf Jahre lang keinen Kampf verloren. Im professionellen Ring hat er 50 Kämpfe absolviert, davon hat er 48 gewonnen, 40 durch Knockout. Und was ist mit dem Kampf um die Geschlechterrollen? Ich habe den Eindruck, dass er selbst dies als gar keinen Kampf ansieht. Aber wer ihm die Freiheit, das so betrachten zu wollen, absprechen will, erlebt wieder einen Tiger. Allerdings einen, dessen Clinchtechnik auf Argumente und Engagement baut. Und ich applaudiere ihm dabei frenetisch. Obwohl ich mich für den Sport immer noch nicht interessiere. Aber zum ersten Mal hat mich ein Sportler nicht gelangweilt.

NACHTRAG: Im Dezember 2016 wurde der ehemalige Boxer wegen Drogenbesitzes und häuslicher Gewalt festgenommen in seinem Heimatland festgenommen.
Es kommt einem das Lied „Parole parole“ von Mina und Alberto Lupo in den Sinn.

Das Originalinterview in polnisch:

Wysokie Obcasy

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Helmut Kolle (* 24. Februar 1899 in Charlottenburg; † 17. November 1931 in Chantilly bei Paris) war ein deutscher Maler (Pseudonym Helmut vom Hügel). Er konnte sich als einer von wenigen deutschen Malern in den 1920er Jahren auf dem französischen Kunstmarkt durchsetzen.

Getragene Verschlossenheit

… Mit einer offen zur Schau getragenen Verschlossenheit, wartete er darauf angesprochen zu werden. Währenddessen beobachteten ihn Stichlinge. …

 Oliver Simon © 2016

Die Idee hinter dem Zweizeiler ist es, Sie & Euch einzuladen, den gelieferten Gedankenfaden weiter zu spinnen. Gern auch, indem Sie und Ihr uns am gesponnen Faden als Kommentar teilhaben lassen. Wenn Ihnen dazu eine gute Kurzgeschichte einfällt, würden wir diese hier auch gern veröffentlichen.

Alexander Moszkowski | Des Mathematikers Diophantos‘ Rätsel

Diophantos aus Alexandria lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. und war der Verfasser eines arithmetischen Werks, das für ein Jahrtausend die Summe des arithmetischen und algebraischen Wissens zog. Noch heute spricht man von diophantischen Gleichungen. Ihm wurde die folgende Grabschrift gesetzt.

Durch arithmetische Kunst lehret sein Alter der Stein.
Knabe zu bleiben verlieh ein Sechstel des Lebens ein Gott ihm;
Fügend das Zwölftel hinzu, ließ er ihm sprossen die Wang‘;
Steckte ihm drauf auch an in dem Siebtel die Fackel der Hochzeit,
Und fünf Jahre nachher teilt er ein Söhnlein ihm zu.
Weh! Unglückliches Kind, so geliebt! Halb hatt‘ es des Vaters
Alter erreicht, da nahm’s Hades, der schaurige, auf.
Noch vier Jahre den Schmerz durch Kunde der Zahlen besänft’gend,
Langte am Ziele des Seins endlich er selber auch an.

Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v
Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v

Die Auflösung der Gleichung ersten Grads ergibt, dass Diophantos 84 Jahre alt geworden ist. Er war bis zum 14. Jahr ein Kind, bis zum 21. Jüngling und heiratete mit 33 Jahren. Im 38. Jahr wurde ihm ein Sohn geboren, der im Alter von 42 (½ von 84) Jahren starb, als der Vater selbst 80 Jahre alt war.

Aus: Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder | Kapitel 125

Diophantos von Alexandria (altgriechisch Διόφαντος ὁ Ἀλεξανδρεύς Dióphantos ho Alexandreús) war ein antiker griechischer Mathematiker. Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike.
Es ist nicht genau bekannt, wann Diophantos lebte. Die Angaben schwanken zwischen 100 vor Chr. und 350 nach Chr. Da Diophant jedoch Hypsikles von Alexandria zitierte, muss er nach 150 v. Chr. gelebt haben, aber vor 364 n. Chr., da Theon von Alexandria Diophants Werk erwähnte. Es wird weiterhin vermutet, dass er um 250 nach Chr. lebte, da er seine Arithmetica einem Dionysios widmete, bei dem es sich um Dionysios den Großen handeln könnte, der 248 nach Chr. Bischof von Alexandria wurde.
Über das eigentliche Leben des Diophant weiß man so gut wie nichts. Bekannt sind lediglich seine Werke.
Diophant fand gebrochen rationale Zahlen als Lösungen algebraischer Gleichungen mit mehreren Unbekannten. Heute nennt man dagegen algebraische Gleichungen, für die ganzzahlige Lösungen gesucht werden, diophantische Gleichungen. Ebenfalls nach ihm benannt ist die Theorie der diophantischen Approximation. [Quelle: wikipedia]

Der Mondkrater Diophantus ist nach ihm benannt:

Diophantus ist ein Einschlagkrater auf der nordwestlichen Mondvorderseite, am westlichen Rand des Mare Imbrium. Er liegt südlich von Delisle und nordwestlich von Euler. Foto: Die Krater Diophantus & Delisle (Detail eines LRO – WAC MondMosaiks) | NASA / LRO LROC TEAM

Geld ist auch nur bemaltes Papier

Der Satz, den der Liebhaber einer guten Freundin beiläufig aussprach, und bei dem ich natürlich an das Falsche dachte, als er sagte:

Geld ist auch nur eine Art Papier, wenn auch eine andere: Banknoten sind wie jenes Papier, auf das man male oder schreibe.

Diese Behauptung hätte mich gewiss nicht so lange irritiert, wenn ich gewusst hätte, dass der Mann Maler ist. Was mich zusätzlich irritiert: was soll ich daran jetzt ernst nehmen: die Beschreibung oder meine eigene Vorstellung von Geld?!

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William Michael Harnett (1848 – 1892) war ein Irisch-Amerikanischer Maler. Bekannt wurde er für seine illusionistische Malerei von gewöhnlichen Objekten.

Jeremias Gotthelf | Die Menschen wissen nicht

Oh, die Menschen wissen nicht, wie schön es eigentlich in Kinderherzen aussieht,
in denen die Liebe aufblüht; sie wissen aber auch nicht, wie zart diese Pflanze ist in ihrem Frühling, und wie leicht ein Frost sie lähmt oder tötet. Mit eisiger Hand, frostig durch und durch, wühlen die meisten Menschen in den Kinderherzen, und unter ihren Händen erstarrt der schöne Frühling; die Pflänzchen der Liebe sterben, und kühle, kalte, selbstsüchtige Menschheit nistet
sich ein als tausendarmiges Unkraut in der Liebe verödetem Garten.

Jeremias Gotthelf
[1797 – 1854] war das Pseudonym des Schweizer Schriftstellers, Journalisten und Pfarrers Albert Bitzius.