Kategorie: Unruhe Zone

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Alfred Lichtenstein Ω Ich! Bekenntnisse einer schönen Seele

Alfred Lichtenstein
Ich!
Bekenntnisse einer schönen Seele

Ich habe Schuhe ganz aus Lack
Und eine Krone in dem Schlips
Und einen hochfeudalen Frack
Und manchmal einen – Schwips

Und hab ein Äuß’res voller Schneid
Und hab ein geistreiches Gesicht
Nur eine ganze Kleinigkeit –
Gedanken hab‘ ich nicht

Ich lese Klopstocks Oden noch
Und esse gerne grünen Aal
Und bin nicht Schuster, bin nicht Koch
Und bin auch nicht – normal

Ich hab‘ nie ein Gedicht gemacht
Nicht einmal einen winz’gen Vers,
Hab auch noch keinen umgebracht
Nun kurz: ich bin pervers.

Refrain: Das klingt zwar etwas komisch
Doch stimmt es ganz genau.
Und wenn Sie’s mir nicht glauben
Dann fragen Sie meine Frau.

Paris Ω Stadt der Liebe und der Denker – Mit einer Erzählung von Theodor Wolff: Frühlingsbilder

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 Theodor Wolff: Pariser Tagebuch Ω Frühlingsbilder

Zum ersten Male wieder seit Jahren haben wir einen richtigen Frühling, einen Frühling, der nicht zu heiß und nicht zu kalt ist, mit einem Wort: den berühmten Pariser Frühling. Im Bois und auf den Hügeln von Saint-Cloud und Mendon, in den Squares und den vielen öffentlichen Gärten, im Jardin du Luxembourg, im Parc Monceau, auf den Buttes Chaumont und in den Champs-Elysées leuchtet und schimmert in unerschöpflicher Fülle das helle, jugendfrische Grün, und auf den Quais an der Seine, auf den Boulevards und in all den breiten Avenuen spaziert man unter grünen, leicht im Winde bewegten Laubdächern. Es ist unbestreitbar ein sehr lieblicher Lenz.

Die Mütter, die auf dem linken Seineufer zu Hause sind, führen ihre Kinder in den großen Garten des Palais du Luxembourg. Unter den alten Bäumen, zwischen den geschwärzten Denkmälern längst vermoderter Königinnen und den noch säuberlich weißen Marmorbüsten Murgers, Baudelaires und anderer Poeten hopsen die kleinen Mädchen über das Springseil, bauen die kleinen Knaben aus den Gartenstühlen Eisenbahnzüge und Burgen. Die Damen dieses soliden Stadtviertels, die Gattinnen der Professoren von der nahen Sorbonne und die Frauen der Kaufleute aus der Umgegend, sitzen plaudernd in harmonischen Gruppen beieinander und sticken Deckchen mit schwierigen und kunstreichen Mustern. An einer Stelle des Gartens spielen zwanzig oder dreißig ältere Herren, zufriedene Handwerksmeister, die in heiterer französischer Sorglosigkeit ihre Kundschaft warten lassen, ernst, würdevoll und in Hemdsärmeln Croquet, und zweihundert Gaffer, die an diesem Frühlingstage auch keinen Arbeitsdrang verspüren, machen ihre lobenden oder tadelnden Bemerkungen. Dann und wann kommt ein Student mit seiner stupsnasigen Freundin, die ihm hilft, Ovids »Liebeskunst« praktisch anzuwenden.

Wie in fast allen öffentlichen Gärten und fast allen Parkanlagen von Paris gibt es im Jardin du Luxembourg für die Kinder Karussells, Schaukeln, Kuchenbuden und einen Guignol. Der Guignol, das Kasperletheater, ist ein wenig aus der Mode, und die ewig gleichen Späße des Repertoires und die ewig gleichen Bewegungen der Puppen locken kaum noch die Zaungäste heran. Aber wenn der Regisseur des Puppentheaters die Trommel rührt, machen die unzähligen Kinder ringsumher im Garten noch vergnügtere Gesichter. Die kleinen Mädchen hopsen noch schneller über das Seil, das eine gute Großmutter dreht, die kleinen Knaben reiten Galopp auf den Gartenstühlen, die Hosenmätze stolpern, turkeln und trudeln eifrig durcheinander, und selbst die Babys in den Kinderwagen strampeln ausgelassen und beglückt. Von der Musik verlangt man in diesen Kreisen weniger Abwechselung als von der dramatischen Kunst.

Der Jardin du Luxembourg ist der Garten der Kinder und der Philosophen. Sainte-Beuve und Michelet promenierten, Erholung suchend, in diesen Alleen, und der alte Sylvestre Bonnard, dessen Abenteuer Anatole France geschildert, sitzt unter der Statue Margaretens von Navarra und hört zu, was die pietätlosen jungen Studenten schwatzen. Der Jardin du Luxembourg ist eine Welt für sich, er ist eine der tausend Welten, die zusammen Paris bilden. »In den entlegenen Provinzen«, hat Rousseau gesagt, »muß man den Geist und die Sitten einer Nation studieren.« Aber Paris selber umschließt heute so viele »entlegene Provinzen«, daß jeder, der den Geist der Nation zu studieren wünscht, sich die weitere Reise sparen kann.

Man muß schon lange durch die Welt fahren, wenn man zwei Schauspiele finden will, die verschiedenartiger, einander fremder wären als ein Frühlingsnachmittag im Jardin du Luxembourg und ein Frühlingsmorgen im Bois. Um diese Morgen, oder besser gesagt um diese Vormittagsstunden ist das Bois, das seinen Charakter mit jeder Tageszeit wechselt, das Paradies jener zahllosen Leute, die durch keine anderweitige Tätigkeit an der Befriedigung ihrer eleganten Neigungen verhindert werden. Die Equipagen sind am Morgen weniger zahlreich als vor der Dinerstunde, und das ungeheuerliche Wagengewühl, das sich am Sonntag und an den großen Renntagen stundenlang durch alle Alleen ergießt, darf man am Morgen nicht suchen. Aber dafür tritt am Morgen jedes einzelne Gespann, jede einzelne Figur deutlicher heraus, die Pferde traben freier, die Automobile sausen schneller, und ganze Schwärme von Reitern und Reiterinnen galoppieren vorüber. Ein leichter Lufthauch kräuselt den langgedehnten See und schaukelt die Baumkronen auf den Ufern und die bunten Blumen auf der Insel; von den sauberen gelben Wegen und Fahrstraßen wirbelt noch kein Staub empor, und überall auf den grünen Blättern glitzern die Sonnenfünkchen wie die Silberpailetten auf einem Damenkleide.

In einer Allee des Bois, der sehr langen und breiten Allee de Longchamps, die gewöhnlich »Akazienallee« genannt wird, finden sich gegen elf Uhr die ehrenwerten Personen zusammen, die aus angeborener Neigung, oder aus praktischen Gründen Wert darauf legen, gesehen zu werden. Was um diese Stunde sich dort in Grazie produziert, ist weder die Pariser Gesellschaft noch selbst die höhere Pariser Demimonde, es sind zumeist nur Leute, die beweisen wollen, daß sie es nun auch so weit gebracht haben. In fürstlich bespannten Equipagen, in Automobilen, die jeden Kenner begeistern, sitzen zu schön frisierte Jünglinge mit parfümierten Schnurrbärten, Kollegen von Maupassants »Bel ami«. Kaum flügge gewordene Sprößlinge der Millionärsfamilien und fremdländische Debütanten, für die das alles noch den Reiz der Neuheit hat, paradieren blasiert oder strahlend vor der Damenwelt. Mit langwehenden grünen und grauen Schleiern oder mit flatternden rotgelben Federbüschen am Hut, perlenbehängt, steif, sorgfältig auf den Effekt bedacht, lenken die Vertreterinnen des galanten Großbetriebes ihre Pferde vorüber. Andere, unnatürlich rosig wie Wachsfiguren, genießen die Natur in geschlossenen Wagen, und alle, die Rosselenkerinnen und die Figuren im Glaskasten, haben zwei, drei oder vier Hunde bei sich, ausstellungsreife Musterexemplare von Hunden. Und hin und wieder kommt eine ganz Alte, die der Welt mitteilen will, daß sie auch noch da ist, die sich den Wagen und den Rest geborgt hat, und so arm ist, daß ihr nicht einmal ihre Zähne gehören.

Würden nicht vergnügte Reiter auftauchen, die aus anderen Teilen des Bois herantraben, würde nicht eine junge Dame mit einem kleinen Dreispitz auf dem Haupt, die nach Herrenart reitet, mit ihrem Diener vorübergaloppieren, würden nicht auf den Wegen zu beiden Seiten der Straße auch noch Leute promenieren, und würden nicht die Vögel singen, man könnte wahrhaftig glauben, in einem Marionettentheater zu sein, in dem alles mechanisch geregelt ist. Nur in Konstantinopel, an den süßen Wassern, wo die immer lächelnden Haremsdamen in ihren großen Kutschen herumfahren, hat man eine ähnliche Empfindung. Martial hat gesagt: »Zwei Drittel von Messalina liegen in Schachteln aufbewahrt.« Die Akazienallee im Bois ist am Morgen bevölkert von Messalinen, und alle Schachteln sind dem Frühling zu Ehren ausgepackt.

* * *

Gar nicht weit vom Bois, dort, wo der Weg an den alten Stadtwällen entlang nach Neuilly hinüberführt, befinden sich eng nebeneinander zwei umzäunte Sportplätze, die beide über dem Eingang die fremdartige Aufschrift tragen: »Ratodrom«. Es ist wirklich merkwürdig, welche Berufszweige sich in Paris herausbilden, und wovon die Leute mitunter leben. Die Besitzer der beiden »Ratodrome« verdienen ihr tägliches Brot, indem sie Ratten einfangen und dann für die herrschaftlichen Hunde, die sich das leisten können, genußreiche Rattenjagden veranstalten.

Zu diesem Zweck ist ein nicht allzu großes Terrain mit einem Drahtgitter umgeben, das hoch und dicht genug ist, um ein Ausbrechen des Wildes zu verhindern. Höhlengänge und Wassergraben sollen dazu dienen, die Jagd noch spannender und interessanter zu gestalten, und es muß in der Tat ein schöner Moment sein, wenn aus dem Inneren der Höhle das Todesquieken der Ratte heraufdringt. In einem erfreulicherweise dicht umgitterten Stall schlug, als ich den Ratodrom betrat, gerade die Gattin des Direktors mit einem Stock auf einen Haufen, der aus Mist, Lumpen und stinkenden Pferdedecken zu bestehen schien. Die Decken bewegten und wölbten sich unheimlich, und überall huschten und raschelten feiste, feuchte, graue und schwammige Lebewesen hervor, die Ratten der Frau Direktorin.

Es fand sich zum Glück ein Mann aus der Nachbarschaft, ein Stück Stallmeister oder Wagenverleiher, der seinem Hunde ein Jagdabenteuer gönnen wollte. Dieser Hund war ein struppiger Pudel, ein trauriger und häßlicher Pudel mit gutmütigen, sentimentalen Augen. Sofort war es klar, daß dieser Hund einen unsagbaren Widerwillen gegen Rattenjagden empfand, daß ihm das ganze Institut verhaßt und das Vergnügen durchaus kein Vergnügen war. Er versuchte wiederholt, zu entwischen, wedelte unruhig mit dem Schwanz, senkte das Haupt, und litt ersichtlich an absoluter Appetitlosigkeit oder gar an einem übrigens begreiflichen Übelbefinden.

Indessen, der Hund mußte wider seinen Willen das Vergnügen auskosten und wurde auf das Jagdterrain gesetzt, nachdem ein Angestellter vorher eine Ratte losgelassen hatte. Die Ratte, die betäubt und lichtscheu zu sein schien, und der Pudel, der immer unglücklicher aussah, blieben jeder auf seiner Seite und suchten verstört nach einem Ausweg. Aber der Hundebesitzer fühlte sich bei diesem Anblick in seiner Ehre gekränkt und trieb den Pudel vorwärts, der nun mit dem Mute der Verzweiflung auf die Ratte lossprang, sie beim Fell packte und mit schmerzlichem Gurgeln würgte. Der Kampf war nicht sehr lang gewesen und nicht sehr rühmlich, und der Pudel ließ die Ohren hängen wie jemand, der im tiefsten Inneren sich seiner Handlungsweise schämt.

Ich weiß nicht, warum mir bei diesem Schauspiel Tolstoi einfiel und eine Stelle aus »Krieg und Frieden«, in der dieser größte aller Russen auseinandersetzt, daß die Armen sich immer sozusagen bewußtlos in den Kampf stürzen. Man redet ihnen immer ein, daß es ihr Jagdvergnügen sei, und jeder muß sich bei klarem Bewußtsein sagen, daß es eingeredetes Vergnügen ist. Aber während ich noch an Tolstoi und an »Krieg und Frieden« dachte, kam ich zur Porte Maillot, am Rande des Bois, und sah an einer Straßenecke eine jener Menschenmengen, die sich in Paris überall sammeln, wo einer der redseligen und amüsanten Marktschreier und Verkäufer seinen Standort gewählt hat. Einen Augenblick lang glaubte ich, daß der geschätzte Zeitgenosse, der ein Zahnpulver feilbietet und den Pariser Straßenjungen auf seinem hohen Podium die Zähne putzt, diese Menge versammelt habe. Doch das war, wie sich bald ergab, ein Irrtum.

Der Mann, der mitten in dem aufhorchenden Kreise stand, verkaufte, wie ich ohne lange Umschweife sagen möchte, ein Mittel zur Entfernung von Hühneraugen. Er hielt die übliche Ansprache, in der er betonte, daß die Geburts- und Geldaristokratie sich eifrig seines Mittels bediente, und daß die höchsten Persönlichkeiten sich flehend um seinen Beistand bemühten. Er hatte mehrere Stühle, auf denen verheißungsvoll einige ziemlich saubere Servietten lagen, vor sich hingesetzt und, nachdem er eine Weile lang gesprochen, forderte er die Umstehenden, die der Schuh drückte, eindringlich auf, Platz zu nehmen und sich die Operation gefallen zu lassen.

Eine Weile lang blieb alles stumm, und ein jeder blickte nur zweifelnd und unschlüssig auf seine Füße nieder. Dann löste sich, halb freiwillig und halb von dem Verkäufer gezogen, ein altes Weiblein aus der Menge, eines von jenen verschrumpelten alten Weiblein, jenen »petites vieilles«, die Baudelaire besungen hat. Die Alte stellte das Körbchen, das sie am Arme trug, auf die Erde, setzte sich auf einen der Stühle und zog mit zittrigen Händen den armseligen Rock ein wenig hinauf. Und immer zaghaft, altersschwach und zittrig, streckte sie den Fuß vor sich hin, den dürren Ast, an dem in diesen warmen Frühlingstagen ein neues Knospen begonnen hatte.

Ich will nicht sagen, wie der Verkäufer den Fuß von jeder Hülle befreite, und was es dabei alles zu sehen gab. Vielleicht hatte dieser Fuß einmal in seidenen Schuhen getanzt, vielleicht war er auch einmal fein und graziös gewesen, aber es war nichts davon übrig geblieben. Nach der alten Frau nahm ein alter Mann auf dem Operationsstuhle Platz, und die Menge, die herumstand, blickte halb belustigt zu und halb neidisch. Dreihundert Schritte davon, im Bois, jagten die Equipagen und Automobile, gaben der Luxus, der Reichtum und die Eitelkeit eine glänzende Festvorstellung. Und die milde Frühlingssonne, die wie jede gute Regierung sich eines allgemeinen Wohlwollens befleißigt, streichelte unparteiisch die Pausbacken der Kinder, die Perücken der Messalinen und die großen Füße der kleinen Leute.

Franz Kafka über die Eigentümlichkeit des & der Menschen

Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch zu Hause daraufhin, die Eigentümlichkeit zu verwischen. Man erleichterte dadurch die Arbeit der Erziehung, erleichterte aber auch dem Kinde das Leben, allerdings mußte es vorher den Schmerz durchkosten, den der Zwang hervorrief.
Man wird zum Beispiel einem Jungen, der abends mitten im Lesen einer aufregenden Geschichte ist, niemals durch eine bloß auf ihn eingeschränkte Beweisführung begreiflich machen können, daß er das Lesen unterbrechen und schlafen gehn muß. Wenn man mir in einem solchen Fall etwa sagte, es sei schon spät, ich verderbe mir die Augen, ich werde früh verschlafen sein und schwer aufstehn, die schlechte dumme Geschichte sei das nicht wert, so konnte ich das zwar ausdrücklich nicht widerlegen, aber eigentlich nur deshalb nicht, weil das alles nicht einmal an die Grenze des Nachdenkenswerten herankam. Denn alles war unendlich oder verlief so ins Unbestimmte, daß es dem Unendlichen gleichzusetzen war, die Zeit war unendlich, es konnte also nicht zu spät sein, mein Augenlicht war unendlich, ich konnte es also nicht verderben, sogar die Nacht war unendlich, es war also keine Sorge wegen des Frühaufstehns nötig, und Bücher unterschied ich nicht nach Dummheit und Klugheit, sondern danach, ob sie mich packten oder nicht, und dieses packte mich.

kafka_Leitern_inneres_und_äußeresDas alles konnte ich nicht so ausdrücken, aber es hatte doch das Ergebnis, daß ich mit meinen Bitten, mir das Weiterlesen zu erlauben, lästig wurde oder mich entschloß, auch ohne Erlaubnis weiterzulesen. Das war meine Eigentümlichkeit. Man unterdrückte sie dadurch, daß man das Gas abdrehte und mich ohne Licht ließ; zur Erklärung sagte man: Alle gehen schlafen, also mußt auch du schlafen gehn. Das sah ich und mußte es glauben, obwohl es unbegreiflich war. Niemand will so viel Reformen durchführen wie Kinder. Aber abgesehen von dieser in gewisser Hinsicht anerkennenswerten Unterdrückung blieb doch hier, wie fast überall, ein Stachel, den keine Berufung auf die Allgemeinheit auch nur abstumpfen konnte. Ich blieb nämlich in dem Glauben, daß gerade an diesem Abend niemand in der Welt so gern gelesen hätte wie ich. Das konnte mir vorläufig keine Berufung auf die Allgemeinheit widerlegen, um so weniger als ich sah, daß man mir die unbezwingbare Lust zum Lesen nicht glaubte.
Erst allmählich und viel später, vielleicht schon bei Abschwächung der Lust, ging mir eine Art Glaube daran auf, daß viele die gleiche Lust zum Lesen hatten und sich doch bezwangen. Damals aber fühlte ich nur das Unrecht, das mir angetan wurde, ich ging traurig schlafen und es entwickelten sich die Anfänge des Hasses, der mein Leben in der Familie und von da aus mein ganzes Leben in einer gewissen Hinsicht bestimmt. Das Verbot des Lesens ist zwar nur ein Beispiel, aber ein bezeichnendes, denn dieses Verbot wirkte tief. Man erkannte meine Eigentümlichkeit nicht an; da ich sie aber fühlte, mußte ich – darin sehr empfindlich und immer auf der Lauer – in diesem Verhalten mir gegenüber ein Aburteilen erkennen. Wenn man aber schon diese offen zur Schau gestellte Eigentümlichkeit verurteilte, um wieviel schlimmer mußten die Eigentümlichkeiten sein, die ich aus dem Grunde verborgen hielt, weil ich selbst ein kleines Unrecht in ihnen erkannte.

Kafka_Tisch_LiteraturIch hatte zum Beispiel abends gelesen, obwohl ich die Schulaufgabe für den nächsten Tag noch nicht gelernt hatte. Das war vielleicht an sich als Pflichtversäumnis etwas sehr Arges, aber um absolute Beurteilung handelte es sich mir nicht, mir kam es nur auf vergleichsweise Beurteilung an. Vor dieser Beurteilung aber war diese Nachlässigkeit wohl nicht schlimmer als das lange Lesen an sich, besonders da sie in ihren Folgen durch meine große Angst vor der Schule und Autoritäten sehr eingeschränkt war. Was ich durch Lesen hie und da versäumte, holte ich bei meinem damals sehr guten Gedächtnis am Morgen oder in der Schule leicht nach. Die Hauptsache aber war, daß ich die Verurteilung, die meine Eigentümlichkeit des langen Lesens erfahren hatte, nun mit eigenen Mitteln auf die verborgen gehaltene Eigentümlichkeit der Pflichtversäumnis weiterführte und dadurch zu dem niederdrückendsten Ergebnis kam. Es war so, wie wenn jemand mit einer Rute, die keinen Schmerz verursachen soll, nur zur Warnung berührt wird, er aber nimmt das Flechtwerk auseinander, zieht die einzelnen Rutenspitzen in sich und beginnt nach eigenem Plan sein Inneres zu stechen und zu kratzen, während die fremde Hand noch immer ruhig den Rutengriff hält. Wenn ich mich aber auch damals in solchen Fällen noch nicht schwer strafte, so ist doch jedenfalls sicher, daß ich von meinen Eigentümlichkeiten nie jenen wahren Gewinn zog, der sich schließlich in dauerndem Selbstvertrauen äußert. Vielmehr war die Folge des Vorzeigens einer Eigentümlichkeit die, daß ich entweder den Unterdrücker haßte oder die Eigentümlichkeit als nicht vorhanden erkannte, zwei Folgen, die in lügenhafter Weise sich auch verbinden konnten. Hielt ich aber eine Eigentümlichkeit verborgen, dann war die Folge die, daß ich mich oder mein Schicksal haßte, mich für schlecht oder verdammt ansah. Das Verhältnis dieser zwei Gruppen von Eigentümlichkeiten hat sich im Laufe der Jahre äußerlich sehr geändert.

Die vorgezeigten Eigentümlichkeiten nahmen immer mehr zu, je näher ich an das mir zugängliche Leben herankam. Eine Erlösung brachte mir das aber nicht, die Menge des Geheimgehaltenen nahm dadurch nicht ab, es fand sich bei verfeinerter Beobachtung, daß niemals alles gestanden werden konnte. Selbst von den scheinbar vollständigen Eingeständnissen der frühem Zeit zeigte sich später noch die Wurzel im Innern. Aber selbst wenn das nicht gewesen wäre, – bei der Lockerung der ganzen seelischen Organisation, die ich ohne entscheidende Unterbrechungen durchgemacht habe, genügte eine verborgene Eigentümlichkeit, um mich so zu erschüttern, daß ich mich mit aller sonstigen Anpassung doch nirgends festhalten konnte. Aber noch ärger. Selbst wenn ich kein Geheimnis bei mir behalten, sondern alles so weit von mir geworfen hätte, daß ich ganz rein dastand, im nächsten Augenblick wäre ich dann wieder von dem alten Durcheinander überfüllt gewesen, denn meiner Meinung nach wäre das Geheimnis nicht vollständig erkannt und eingeschätzt und infolgedessen durch die Allgemeinheit mir wieder zurückgegeben und neuerdings aufgelegt worden. Das war keine Täuschung, sondern nur eine besondere Form der Erkenntnis, daß, zumindest unter Lebenden, sich niemand seiner selbst entledigen kann. Wenn zum Beispiel jemand einem Freund das Geständnis macht, daß er geizig ist, so hat er sich für diesen Augenblick dem Freund, also einem maßgebenden Beurteiler gegenüber scheinbar vom Geiz erlöst.

Es ist für diesen Augenblick auch gleichgültig, wie es der Freund aufnimmt, also ob er das Vorhandensein des Geizes leugnet oder Ratschläge gibt, wie man sich vom Geiz befreien könne, oder ob er gar den Geiz verteidigt. Es wäre vielleicht nicht einmal entscheidend, wenn der Freund infolge des Geständnisses die Freundschaft aufsagt. Entscheidend ist vielmehr, daß man vielleicht nicht als reuiger, aber als ehrlicher Sünder sein Geheimnis der Allgemeinheit anvertraut hat und hofft, dadurch wieder die gute und – das ist das Wichtigste – freie Kindheit wieder erobert zu haben. Man hat aber nur eine kurze Narrheit und viel spätere Bitterkeit erobert. Denn irgendwo liegt auf dem Tisch zwischen dem Geizigen und dem Freund das Geld, das der Geizige an sich bringen muß und zu dem er immer rascher die Hand hinbewegt.
Auf der Hälfte des Weges ist das Geständnis zwar immer schwächer wirkend, aber noch erlösend, darüber hinaus nicht mehr, im Gegenteil, es beleuchtet dann nur die sich vorwärtsbewegende Hand. Wirkende Geständnisse sind nur vor oder nach der Tat möglich. Die Tat läßt nichts neben sich bestehn, für die Hand, die das Geld zusammenscharrt, gibt es keine Erlösung durch Wort oder Reue. Entweder muß die Tat, also die Hand vernichtet werden oder man muß sich im Geiz …

Wörterbuch: P wie Phantasie – Die carta marina von 1539 – Ein Wunderwerk

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Carta marina, eine Landkarte Nordeuropas von Olaus Magnus. Die Überschrift lautet: Seekarte und Beschreibung der nördlichen Lande und der dort vorkommenden wunderlichen Dinge, höchst sorgfältig gezeichnet in Venedig im Jahre 1539 mit großzügiger Unterstützung des Patriarchen von Venedig, des höchst ehrenwerten Herrn Geronimo Querini.

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Die „Seekarte und Beschreibung der nordischen Länder und deren Wunder, sorgfältig ausgeführt im Jahr 1539″ – Im Original: Carta marina et descriptio septemtrionalium terrarum ac mirabilium rerum in eis contentarum diligentissime eleborata anno dni 1539 – ist die früheste (und nach heutigem Standard einigermaßen korrekte) Landkarte Nordeuropas, die zahlreiche Details und Ortsangaben enthält.
Die Karte hat die Maße 1,70 m Breite × 1,25 m Höhe und wurde von dem schwedischen Bischof Olaus Magnus in zwölf Jahren Arbeit angefertigt. Die ersten Kopien wurden 1539 in Venedig hergestellt. Es gab lediglich neun Kopien, und da Papst Paul III. die Karte mit einer Art frühem, zehn Jahre währenden Copyright belegte, das die Weiterverbreitung verhinderte, geriet sie in Vergessenheit, nachdem sie 1574 von Josias Simler letztmals erwähnt wurde.

Erst 1886 entdeckte der Historiker Oscar Brenner eine Ausgabe der Karte in der Münchner Hof- und Staatsbibliothek. Eine zweite Karte wurde 1961 in der Schweiz entdeckt und 1962 in die Sammlung Carolina Rediviva der schwedischen Universität Uppsala eingegliedert.

Die ebenfalls von Olaus Magnus verfasste Historia de gentibus septentrionalibus stellt eine Landesbeschreibung Skandinaviens dar und entstand als Kommentarwerk zur Karte. Die Karte ist hierzu in 9 Felder eingeteilt, die die Buchstaben A bis I tragen.

Es sind nur wenige Karten Skandinaviens früheren Datums bekannt, wie die des Claudius Claussön Swart um 1427, und die des Jacob Ziegler aus dem Jahre 1532.

Quelle: wikipedia

Kafka und die Séance – Fragmente

In einer spiritistischen Sitzung meldete sich einmal ein neuer Geist und es wickelte sich mit ihm folgendes Gespräch ab:

Der Geist: Verzeihung.

Der Wortführer: Wer bist du?

Geist: Verzeihung.

Wortführer: Was willst du?

Geist: Fort.

Wortführer: Du bist doch erst gekommen.

Geist: Es ist ein Irrtum.

Wortführer: Nein, es ist kein Irrtum. Du bist gekommen und bleibst.

Geist: Mir ist eben schlecht geworden.

Wortführer: Sehr?

Geist: Sehr.

Wortführer: Körperlich?

Geist: Körperlich?

Wortführer: Du antwortest mit Fragen, das ist ungehörig. Wir haben Mittel, dich zu strafen, antworte also lieber, denn dann werden wir dich bald entlassen.

Geist: Bald?

Wortführer: Bald.

Geist: In einer Minute?

Wortführer: Benimm dich nicht so kläglich. Wir werden dich entlassen, wenn es uns …

Thomas Henry Huxley über das Unbekannte & Unerklärliche

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Zeichnung des experimentellen U-Boots „Steinhuder Hecht“, spätes 18. Jahrhundert. – Variante 2 – Museum Bückeburg

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Das Bekannte ist endlich, das Unbekannte unendlich;
geistig stehen wir auf einem Inselchen inmitten eines grenzenlosen Ozeans von Unerklärlichem.
Unsere Aufgabe ist es,
von Generation zu Generation ein klein wenig mehr Land trockenzulegen.

Thomas Henry Huxley – 1887

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Der Zweizeiler: Der Kuss Ξ Die Augen Ξ Die Abreise Ξ unvollendet

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Ariane legt eine Hand auf meine Schulter, und da, wo sie mich berührt, wird es warm. Und dann küsst sie mich unvermittelt auf den Mund. Sie schmeckt nach Wein, Salz und nach warmer Haut. Wir küssen uns, und dabei nehme ich ihre blaugefärbten Kontaktlinsen wahr. Welche Farbe haben ihre Augen?
Wir hören auf, uns zu küssen. Sie schaut mich an und sagt, wir sollten uns morgen Abend treffen. Das sagt sie wirklich. Dabei habe ich ihr erklärt, dass ich Morgen abreise.

© Oliver Simon 2015

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.