Kategorie: Mann & Holz

Erotik – Was ist das schon?!

Veröffentlicht doch mal wirklich erotische Texte. Diese Mail kommen immer wieder rein. Im Grunde gern, nur, was ist eigentlich erotisch? Ist das eine skalierbare Größe wie des Mannes Glücksbärchie?

Mit 14/15 Jahren fand ich es wahnsinnig erotisch, wenn wir in der Sportstunde eine bestimmte Lehrerin – Frau Böttcher – als Vertretung hatten. Die trug damals selbst beim Sport keinen BH…und wenn es ihr warm wurde, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke…. sowas bringt wohl nur pubertierende in Wallung.

Erotik ist für mich einfach nicht zu fixieren. In meiner Karriere als mehrfacher Ehemann ist mir nie bewusst gewesen, wie erotisch ein Steak vom Grill sein kann. Jetzt, als Single, der sich überwiegend von TK-Gerichten ernährt, üben Speisenkarten auf mich einen erheblich größeren Reiz aus, als  Playboy- oder Hustler-Hefte.

Tja, Erotik ist wohl eine sehr persönliche Angelegenheit. Wie sonst könnte es bei gleichem Anlass zu so
unterschiedlichen Reaktionen kommen?
Beispiel gefällig?!  Ich schlafe seit ewigen Zeiten nackt. Ist das erotisch? Eindeutig nein, wenn ich an die Kommentare meiner letzten Exfrau denke: “Zieh Dir was an, wenn du in´s Bad gehst, damit du dich nicht erkältest!”
Eindeutig ja, wenn ich an die Reaktion ihrer besten Freundin denke, als meine Ex im Urlaub war: “Lass uns doch zusammen duschen…”

Und momentan? Wenn meine Gespielin mich anruft: “Deine Stimme ist so, wie andere Männer gerne küssen können würden, deine Gedichte bringen mich näher an einen Orgasmus, als der Körper eines anderen Mannes…” Dann weiss ich, Erotik ist etwas was in dir passiert. Eine Sache, die ohne Kontrolle stattfindet. Und das eigentliche Objekt deiner Begierde ist das Gefühl, das in dir entsteht. Liebe ist Erfüllung, Erotik ist die Lust an deiner Lust.

Gastbeitrag von Matthias Renner – Stammgast bei Marvin.

Michael Jurjewitsch Lermontow – Mädchen haben wir…

Mädchen haben wir, ich weiß,
Ihre Augen sind wie Sterne;
Lieben, ja, das will ich gerne,
Doch nicht um der Freiheit Preis.
Wer sich einmal nimmt ein Weib,
Geht der ganzen Welt verloren,
Ach, und bald hängt er die Ohren
Gibt’s wohl lust’gen Zeitvertreib?

 


Michael Jurjewitsch Lermontow (1814 – 1841 (im Duell)), russischer Offizier, Schriftsteller und Lyriker, wurde zweimal strafweise in den Kaukasus versetzt, war Hauptrepräsentant der russischen Romantik nach Puschkin

So sind Mann & Frau. Immer – Sagt Hermann Stehr

Alle Frauen wachsen und vergehen an der Stelle, der sie entsprossen, gleich Blumen, und würden sie von ihrem Sterne auch durch die halbe Welt geführt.

Die Männer aber werden von der Unruhe immer über die ganze Erde gejagt und fänden ihre Füße auch wenig weiter, als der Schatten des Kirchturmes ins Feld reicht. Dieser Strom der Unrast gleicht einem Winde, der ihre Seele fortwährend in Atem hält. Bald ist er bunt, bald heiß, bald trocken, je nach dem Lebensalter.

Hermann Stehr – Aus: Das Mandelhaus

Hermann_Stehr

Wörterbuch: B wie Bewegung [Hildegard von Bingen]

Von körperlicher Bewegung

Egon Schiele - Maennlicher Akt mit rotem Tuch
Egon Schiele – Maennlicher Akt mit rotem Tuch

Wenn ein körperlich gesunder Mann lange umhergeht oder aufrecht steht, schadet ihm das nicht viel, weil er sich körperlich bewegt, vorausgesetzt, dass er nicht zu viel geht oder steht. Wer aber schwach ist, muss sitzen, weil er davon Schaden nähme, wenn er ginge oder stände. Das Weib aber – denn es ist gebrechlicher als der Mann und hat einen andern Schädel – muss mehr sitzen als umhergehen, damit es keinen Schaden nimmt. Wer aber reitet, nimmt keinen grossen Schaden, wenn er auch davon müde wird, weil er sich in frischer Luft aufhält; aber er muss Füsse und Schenkel dadurch pflegen, dass er sie zuweilen bewegt und ausstreckt.

Anton Tschechow – Das schwedische Zündholz – Erzählung

Matchstick picture of Lenin - Anton Klepke
Streichholzgemälde Lenin – Anton Klepke – gemeinfrei lt. wikipedia

Am Morgen des 6. Oktober 1885 erschien in der Kanzlei des Amtshauptmanns des zweiten Distrikts des S–schen Kreises ein anständig gekleideter junger Mann und meldete, daß sein Prinzipal, der dim. Garde-Kornett Mark Iwanowitsch Kljausow ermordet sei. Der junge Mann war blaß und sehr aufgeregt. Seine Hände zitterten, und aus seinen Augen starrte der Schrecken.
»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fragte ihn derAmtshauptmann.
»Psekow, der Gutsinspektor Kljausows. Agronom und Mechaniker.«

Der Amtshauptmann und die zur Hilfsleistung requirierten Leute fanden, als sie mit Psekow am Orte der That anlangten, folgendes vor. Um das Nebengebäude, in welchem Kljausow lebte, drängte sich eine Menge Volk. Die Nachricht von dem Ereignis hatte schnell wie ein Blitz die ganze Umgegend durchflogen, und da der Tag ein Feiertag war, strömte das Volk aus allen umliegenden Dörfern zu dem Hause herbei. Lärm und lautes Gerede erfüllten die Luft. Hier und da sah man ein verweintes Gesicht. Die Thür zu Kljausows Schlafzimmer war verschlossen. Der Schlüssel steckte von innen.Weiterlesen

Arno Holz | Das Einleitungsgedicht zu Phantasus

Phantasustrennlinie2»Ihr Dach stiess fast bis an die Sterne,
Vom Hof her stampfte die Fabrik,
Es war die richtge Miethskaserne
Mit Flur- und Leiermannsmusik.
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab’s Branntwein, Grogk und Bier,
Und bis ins fünfte Stockwerk hatte
Das Vorstadtelend sein Quartier.

Dort sass er nachts vor seinem Lichte,
– Duck nieder, nieder, wilder Hohn! –
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn.
Sein Stübchen konnte grade fassen
Ein Tischchen und ein schmales Bett;
Er war so arm und so verlassen
Wie jener Gott aus Nazareth!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
Die Welt, ihn aus: »Er ist verrückt!«:
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
Der Genius seinen Kuss gedrückt.
Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
Er zitternd Vers an Vers gereiht,
Dann schien auf ewig ihm versunken
Die Welt und ihre Nüchternheit.

In Fetzen hing ihm seine Bluse,
Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod,
Er aber stammelte: »O Muse!«
Und wusste nichts von seiner Noth.
Er sass nur still vor seinem Lichte
Allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
Und fieberte und schrieb Gedichte,
Ein Träumer, ein verlorner Sohn!«

trennlinie2Phantasus ist ein Lyrikzyklus von Arno Holz und gilt als das Hauptwerk dieses Dichters.

Erstmals erschien Phantasus 1898/99 in zwei Heften zu jeweils 50 kurzen Gedichten. Nach Vollendung seines großen Dramas Ignorabimus (1913) begann Holz seinen Gedichtband umzuarbeiten und stark zu erweitern. Das vorläufige Ergebnis dieses Arbeitsprozesses kam 1916 in den Druck (336 Seiten). Bis zu seinem Tod 1929 schrieb Holz weiter am Phantasus. Die letzte noch von ihm selbst publizierte Fassung von 1924/25 ist 1345 Seiten, eine 1961/62 besorgte Nachlass-Ausgabe sogar 1584 Seiten stark.

Einen großen Teil der Gedichte des ursprünglichen Phantasus-Zyklus hatte Holz bereits in verschiedenen repräsentativen Zeitschriften und Anthologien der Jahrhundertwende publiziert.

Der auf eine romantische Tradition zurückweisende Titel des Werkes ist der Name einer Gestalt der antiken Mythologie. Bei Holz wird Phantasus (griech. Phantasos), ein Sohn des Schlafes, der durch seine vielfältigen Verwandlungskünste die menschlichen Träume erzeugt, zur Allegorie der dichterischen Existenz stilisiert. Thema des Phantasus ist das phantasiegelenkte Bewusstsein des Dichters, das sich durch eine Fülle von Metamorphosen aller Erscheinungen bemächtigt. Zu dieser poetischen Selbstdarstellung erklärt Holz: „Das letzte ‚Geheimnis‘ der… Phantasuskomposition besteht im wesentlichen darin, daß ich mich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege.“

Der naturwissenschaftliche Hintergrund des Phantasus ist vor allem durch die biogenetischen Theorien Ernst Haeckels bestimmt; das lyrische Ich durchwandert alle Entwicklungsstadien der lebenden Substanz, indem es sie in Metamorphosen nachvollzieht. In einer Selbstinterpretation heißt es bei Holz: „Wie ich vor meiner Geburt die ganze physische Entwicklung meiner Spezies durchgemacht habe, wenigstens in ihren Hauptstadien, so seit meiner Geburt ihre psychische. Ich war ‚alles‘, und die Relikte davon liegen ebenso zahlreich wie kunderbunt in mir aufgespeichert.“

Der lyrische Stil des Phantasus ist ein Pendant zur Technik des von Arno Holz und Johannes Schlaf (1862–1941) gemeinsam für Drama (vgl. Die Familie Selicke) und Prosa (vgl. Papa Hamlet) entwickelten naturalistischen „Sekundenstils“.

Phantasus, 1898/99

Hans Christian Andersen – Das Glück kann in einem Holzstückchen liegen

Carl B. Lorck's Verlagshaus in Leipzig: Gesammelte Märchen. Mit 112 Illustrationen nach Originalzeichnungen von V. Pedersen. In Holz geschnitten von Ed. Kretzschmar, veröffentlicht Dezember 1848

trennlinie2Jetzt will ich eine Geschichte vom Glück erzählen. Wir alle kennen das Glück: einige sehen es jahraus, jahrein, andere nur in gewissen Jahren, an einem einzelnen Tage, ja, es gibt sogar Menschen, welche es nur ein einziges Mal im Leben sehen; aber sehen tun wir es alle.

Nun brauche ich nicht zu erzählen, denn jeder weiß es, daß unser Herrgott das kleine Kind bringt und es einer Mutter in den Schoß legt; das kann in dem reichen Schlosse und in der Wohnung des Wohlhabenden geschehen, aber auch auf freiem Felde, wo der kalte Wind weht – aber nicht jeder weiß, und dennoch ist es gewiß, daß unser Herrgott, wenn er das Kind bringt, auch eine Glücksgabe für dasselbe mitbringt; aber diese liegt nicht in die Augen fallend neben ihm, sie liegt irgendwo auf der Erde, wo man sie am wenigsten zu finden erwartet, und doch findet sie sich immer; das ist das Erfreuliche. Sie kann in einen Apfel gelegt sein, und sie war es für einen Gelehrten, welcher Newton hieß. Der Apfel fiel, und da fand er sein Glück. Kennst du die Geschichte nicht, so bitte den, der sie kennt, sie dir zu erzählen; ich habe eine andere Geschichte zu erzählen, und das ist eine Geschichte von einer Birne.Weiterlesen

Christian Morgenstern – Wir fanden einen Pfad – Das ist der Ast in deinem Holz

Foto: Oliver Simon
Foto: Oliver Simon

Das ist der Ast in deinem Holz,
an dem der Hobel hängt und hängt:
dein Stolz,
der immer wieder dich
in seine steifen Stiefel zwängt.

Du möchtest auf den Flügelschuhn
tiefinnerlichster Freiheit fliehn,
doch ihn
verdrießt so bitterlich
kein ander unabhängig Tun.

Er hält dich fest: da stehst du starr:
dürrknisternd-widerspenstig Holz:
ein Stolz –
verstotzter Stock, ein sich
selbst widriger Hanswurst und Narr.

Gaston Tarry & der Lösungsalgorithmus für Irrgärten

‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.
‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.

trennlinie2Der französische Finanzinspekteur Gaston Tarry (1843–1913) entdeckte 1895 folgenden Lösungsalgorithmus für Irrgärten:

Wenn du einen Gang betrittst, markiere den Eingang mit dem Wort Stopp. Betritt nie einen Gang, der mit Stopp markiert ist.

Betrittst du das erste Mal eine Kreuzung (daran erkennbar, dass an keinem Gang eine Markierung angebracht ist), markiere den eben verlassenen Gang mit dem Wort zuletzt.

Gibt es an einer Kreuzung Gänge, die keine Markierung besitzen, wähle einen beliebigen davon, um weiterzugehen.

Sollte es keine unmarkierten Gänge mehr geben, betritt den mit zuletzt markierten Gang.

Mit dieser Methode wird der Ausgang garantiert gefunden. Sollte der Irrgarten keinen Ausgang besitzen, wird jede Kreuzung besucht und jeder Gang genau zweimal beschritten (einmal in jede Richtung). Der Algorithmus hält dann wieder am Startpunkt. Die Methode von Tarry ist damit – anders als der Pledge-Algorithmus – auch geeignet, von außen in einen Irrgarten einzutreten und ein Ziel im Inneren zu finden. Der Algorithmus von Trémaux ist ein Spezialfall des Algorithmus von Tarry.

Theseus bei Minos – Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums

Ariadnefaden
Ariadnefaden

Theseus bei Minos

Die erste Tat, die Theseus verrichtete, seitdem er als Königssohn und Erbe des attischen Throns an seines Vaters Seite lebte, war die Aufreibung der fünfzig Söhne seines Oheims Pallas, welche früher gehofft hatten, den Thron zu erlangen, wenn Aigeus ohne Kinder stürbe, und welche ergrimmt waren, daß jetzt nicht bloß ein angenommener Sohn des Pandion, wie Aigeus war, König der Athener sei, sondern daß auch in Zukunft ein hergelaufener Fremdling die Herrschaft über sie und das Land führen sollte. Sie griffen daher zu den Waffen und legten dem Ankömmling einen Hinterhalt. Aber der Herold, den sie mit sich führten und der ein fremder Mann war, verriet diesen Plan dem Theseus, der nun plötzlich ihr Versteck überfiel und alle fünfzig niedermachte. Um durch diese blutige Notwehr die Gemüter des Volkes nicht von sich abzukehren, zog hierauf Theseus auf ein gemeinnütziges Wagestück aus, bezwang den marathonischen Stier, der den Bewohnern vier attischer Gemeinden nicht wenig Not verursacht hatte, führte ihn zur Schau durch Athen und opferte ihn endlich dem Apollo.Weiterlesen

Zwölf ungerechte Richter – Ostfriesische Erzählung

Zwölf ungerechte Richter

Westfaelischer Friede inMuenster - Gerard Terborch 1648
Westfaelischer Friede inMuenster – Gerard Terborch 1648
trennlinie2In einem ostfriesischen Dorf ging einst der Küster um Mitternacht beim Mondenschein über den Kirchhof. Da hörte er in der Kirche einen Lärm, als würde dort eifrigst gekegelt. Eilends lief er zum Pastor und meldete seine Wahrnehmung. Der Pastor aber lachte ihn aus und schickte ihn weg. In der folgenden Nacht hatte der Küster wieder vor der Kirche zu tun und hörte den gleichen Lärm. Er berichtete es wieder dem Pastor. Dieser konnte nicht mitgehen, weil er sich unpäßlich fühlte, beauftragte aber den Küster, in der kommenden Nacht wieder hinzuhören. Am dritten Abend aber war um Mitternacht der Mond noch nicht aufgegangen, es blieb alles ruhig.

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Hans Christian Andersen – Der Marionettenspieler

Lyonel Feiniger - Kin-der-Kids
Lyonel Feiniger – Kin-der-Kids

trennlinie2An Bord des Dampfschiffes befand sich ein ältlicher Mann mit einem so vergnügten Gesicht, daß, wenn es ihn nicht Lügen strafte, er der glücklichste Mensch von der Welt sein mußte. Das sei er auch, sagte er, und ich selber hörte es aus seinem eigenen Munde. Er war ein Däne, ein reisender Theaterdirektor. Er hatte das ganze Personal mit, es lag in einem großen Kasten; er war Marionettenspieler. Sein angeborener guter Humor, sagte er, sei von einem polytechnischen Kandidaten geläutert, und bei diesem Experimente sei er vollständig glücklich geworden. Ich begriff dies alles nicht sogleich, aber dann setzt er mir die ganze Geschichte klar auseinander, und hier ist sie:Weiterlesen

Heinrich von Kleist – Über das Marionettentheater

Erika Giovanna Klien - 1900-1957 - Kinetisches Marionettentheater - 1926 - Schwarze Kreide, Bleistift und Kohle auf Papier auf Karton
Erika Giovanna Klien – 1900-1957 – Kinetisches Marionettentheater – 1926 – Schwarze Kreide, Bleistift und Kohle auf Papier auf Karton

trennlinie2Als ich den Winter 1801 in M… zubrachte, traf ich daselbst eines Abends, in einem öffentlichen Garten, den Herrn C. an, der seit kurzem, in dieser Stadt, als erster Tänzer der Oper, angestellt war, und bei dem Publiko außerordentliches Glück machte.

Ich sagte ihm, daß ich erstaunt gewesen wäre, ihn schon mehrere Male in einem Marionettentheater zu finden, das auf dem Markte zusammengezimmert worden war, und den Pöbel, durch kleine dramatische Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte.

Er versicherte mir, daß ihm die Pantomimik dieser Puppen viel Vergnügen machte, und ließ nicht undeutlich merken, daß ein Tänzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen lernen könne.
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Max Dauthendey – Holzflöße

Flößer spielen Karten von dem amerikanischen Maler George Caleb Bingham (1811-1879). Bingham zeigt hier eine absolut typische  Alltagssituation. Die Flößer haben wenig zu tun und vertreiben sich die Zeit während der langsamen Fahrt mit einem Spiel.
Flößer spielen Karten von dem amerikanischen Maler George Caleb Bingham (1811-1879). Bingham zeigt hier eine absolut typische Alltagssituation. Die Flößer haben wenig zu tun und vertreiben sich die Zeit während der langsamen Fahrt mit einem Spiel.

Es sind Holzflöße den Fluß herabgekommen,
Die sind über die Spiegelbilder der Ufer geschwommen.
Es sind tote Wälder, die den Fluß hinabgleiten,
Schiffshölzer, die bald in die Salzmeere reiten,
Tote Leiber, um die einst grüne Kleider gehangen,
Über deren Falten die Sonne streicheln gegangen.

In ihren Brüsten sangen die Vogelscharen,
Und ihre Brüste voll singender Seufzer waren.
Stumm schwimmen sie weiter, die hölzernen Leichen,
Bald werden sie die bitteren Meere erreichen,
Wo sie wie Geister durch die Unendlichkeit jagen
Und die Sehnsucht rund um die Erde tragen.

Arno Holz – So einer war auch er! Lyrik

Matatma Ganditrennlinie2Liegt ein Dörflein mitten im Walde,
überdeckt vom Sonnenschein,
und vor dem letzten Haus an der Halde
sitzt ein steinalt Mütterlein.
        Sie läßt den Faden gleiten
        und Spinnrad Spinnrad sein
        und denkt an die alten Zeiten
        und nickt und schlummert ein.

Heimlich schleicht die Mittagsstille
durch das flimmernde grüne Revier.
Alles schläft; selbst Drossel und Grille
und vorm Pflug der müde Stier.
        Da plötzlich kommt es gezogen
        blitzend den Wald entlang
        und vor ihm hergeflogen
        Trommel- und Pfeifenklang.

Und in das Lied vom alten Blücher
jauchzen die Dörfler: »Sie sind da!«
Und die Mädels schwenken die Tücher
und die Jungens rufen:»Hurra!«
        Gott schütze die goldenen Saaten,
        dazu die weite Welt;
        des Kaisers junge Soldaten
        ziehn wieder ins grüne Feld!

Sieh, schon schwenken sie um die Halde,
wo das letzte der Häuschen lacht.
Schon verschwinden die ersten im Walde,
und das Mütterchen ist erwacht.
        Versunken in tiefes Sinnen,
        wird ihr das Herz so schwer,
        und ihre Tränen rinnen:
        »So einer war auch Er!«

Joachim Ringelnatz – War einmal ein Schwefelholz…

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

trennlinie2War einmal ein Schwefelholz,
Das sich mit erhabnem Stolz
Einen Anarchisten nannte
Und ein ganzes Haus verbrannte.
Dieses war schon ungewöhnlich,
Doch es kannte auch persönlich
Meyers Taschenlexika,
Ganz speziell das Bändchen „A“,
Weshalb es sich nach dem Brande
An besagtes Bändchen wandte
Mit den Worten: „Sag, was ist
Eigentlich ein Anarchist?“

Der trojanische Krieg & das hölzerne Pferd

Trojanisches_Pferd - Giovanni Domenico Tiepolo - Procession of the Trojan Horse
Trojanisches_Pferd – Giovanni Domenico Tiepolo – Procession of the Trojan Horse
Die Belagerung Trojas

Am Anfang des unglückseligen Krieges um Troja standen Zwietracht und weibliche Eitelkeit.

Drei Göttinnen, Hera, Aphrodite und Athene, stritten sich darum, welcher von ihnen der Preis der Schönheit gebühre. Eris, die Göttin der Zwietracht, hatte diesen Streit entfacht, weil man sie zur Hochzeit des phrygischen Königs Peleus und der Meernymphe Thetis nicht eingeladen hatte. Damals warf sie einen goldenen Apfel unter die fröhlich Feiernden mit den Worten: »Für die Schönste«!

Jede der drei Göttinnen hatte den Preis für sich beansprucht, und nach Zeus‘ Gebot sollte Paris, ein Sohn des Trojanerkönigs Priamos, den Streit schlichten. Der Jüngling sprach ihn der Liebesgöttin Aphrodite zu; denn sie verhieß ihm die schönste Frau der Welt als Belohnung. Hera und Athene aber hatte Paris sich durch seinen Schiedsspruch zu unerbittlichen Feindinnen gemacht.

Paris setzte zu Schiff nach Griechenland über und weilte dort lange als Gastfreund des Königs Menelaos in Sparta. Aber er vergalt die freundliche Aufnahme mit schändlichem Undank; denn er verführte des Königs Gattin Helena, die als die schönste Frau weit und breit galt, und floh mit ihr in seine troische Heimat.

Dieser Frevel gegen das heilige Recht der Gastfreundschaft empörte die Fürsten Griechenlands. Willig ließen sie sich von dem schwergekränkten Menelaos bestimmen, ihn auf einem Rachefeldzug gegen Troja zu begleiten.Weiterlesen

Der trojanische Esel von Fröschlach – Albin Zollinger

Zeigt die großartigen Anstalten, die getroffen wurden, das trojanische Pferd auslaufen zu lassen, diesmal in Diensten nicht der Hellenen, sondern derer von Fröschlach, nicht am Marmarameer, nur bei Schattensee, mit Kriegern weniger als mit Golddublonen im Holzbauch, und ebenso sinnreich erfunden.

Tattoo einer Kuckuckuhr n weiblicher Flanke
Tattoo einer Kuckuckuhr n weiblicher Flanke

Universitätsstadt ist Fröschlach nie gewesen, auch nicht, wie schon behauptet wurde, in seiner Glanzzeit, von der wir die allein glaubwürdige Chronik schreiben. Einmal besaßen die Fröschlacher in hohem Maß jene Tugend, welche es vermeidet, die Gelehrsamkeit zum Nachteil des Glaubens zu überschätzen; sie mißtrauten recht eigentlich jedem, der nicht von der Arbeit lebte – er vermochte es denn aus Renten, wo sie freilich den Hut umso tiefer zogen – und Arbeit war Adams Arbeit, im Schweiße des Angesichtes. Auch der Pfarrer besaß seinen Hasenstall und den Kirchenhügel voll Reben, dem Bürgermeister zinste die halbe Gemeinde, der Schatzkanzler züchtete Stuten, und zwar eines maurischen Stammbaums, der Ratsschreiber trieb eine weitläufige Liebhaberei mit Gänsekielen, für die er die Rassen großzog. Fröschlach beschäftigte aber Magister – alle auch Bauern, die Fröschlacher hielten sie schmal genug – unter ihnen den Mann vom Rate, der die Eichhörner schlecht gemacht hatte, Nasenspitz mit Namen, ein Gelehrter von Weltruf und maßgeblich für Geschichte; seiner Kenntnis war das trojanische Roß zu verdanken.Weiterlesen

Mit dem Drachenboot nach Amerika – Ein Gastbeitrag von Peter Rusalda

N. C. Wyeth ~ Queen Astrid ~ The World Of Music - Song Programs for Youth: Treasure ~ Ginn and Company, 1938
N. C. Wyeth ~ Queen Astrid ~ The World Of Music – Song Programs for Youth: Treasure ~ Ginn and Company, 1938
Die Nordmänner

Die Nordleute haben viele Namen, sie nennen sich nach ihren Wintersitzen Norweger; wenn sie nach Ostland fahren und tief nach Rußland vorstoßen, nennt man sie Waräger; an den Küsten des Westens fürchtet man sie als Wikinger oder Normannen; in England spricht man von ihnen als den Ostmannen oder Dänen. Ihre Zweige sitzen in Norwegen, im Lande Dänemark, in Schweden und auf den Inseln des nördlichen Meeres. Die Nordleute beherrschen von alters her die Kunst, Langschiffe zu bauen, die hochseetüchtig sind. Auf-den Helligen am Ufer der tiefeingeschnittenen Fjorde liegen die hochbordigen, kühngeschnittenen Schiffsrümpfe, die 30 oder 40 Meter lang sind, eine gedeckte Kajüte und mittschiffs den Laderaum haben. Der Bug zeigt kunstreiche Schnitzereien, Drachenköpfe, Seeschlangen, schnaubende Pferde und seltsames Fabelgetier. 60 oder auch 80 Menschen samt Rossen, Hausrat und Waffen finden Platz in den Meeresseglern. Wenn sie von Stapel rollen, wird der Großmast errichtet und das gestreifte Toppsegel gehißt. Bei Flaute greifen die Nordmänner zu den Rudern; wenn aber der graue Sturm über das Wasser reitet, dann werden die Ruder eingezogen und die Schilde außenbords über die Ruderöffnungen gesteckt. So fliegen die Schiffe mit gerefften Segeln wogenab und -auf, durch Gischt und Wasserschwall hinein in die unendliche Weite. Irgendwo im Nebel taucht eine Küste auf, Dörfer und Städte heben sich aus dem Wasser. Wo die Siedlungen schutzlos sind, da gehen die Wikinger an Land, und der Raubzug beginnt. Immer bleiben sie in Wassernähe. Es ist Wikingerregel, sich nicht mehr als einen Tagesmarsch von den Schiffen zu entfernen. Denn das Meer und die Ströme sind ihre Heimat. Weiterlesen