Kategorie: Der lyrische Bass

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
Brütet das Schweigen,
Ballt sich zusammen
Die schwangere Nacht –
Taub und tonlos
Kauert der Reigen,
Dumpf Verdammen
Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
Finstre Dämonen,
Nebelschleichend,
Tückisch und krumm –
Matte Monde
Aus Nebelzonen
Ziehn erbleichend,
Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
Regt sich ein Raunen,
Lichter aufzucken,
Riesen stehn nackt,
Schreien ihr Sehnen,
Stark wie Posaunen,
Zwerge sich ducken,
Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
Im Orgelorkane
Urwäldermeere,
Sonnengesäugt –
Lustschwärme jauchzen
Wilde Päane,
Isis zur Ehre,
Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
Orgien Tosen
Löst sich der zarter
Sich wiegende Bund –
Kinder der Anmut
Lagern auf Rosen,
Innig gepaarter
Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
Bilden sich leise,
Venus Urania
Wandelt die Welt –
Männer und Frauen, sie
Wählen sich weise,
Heilig Halleluja
Geister gesellt.

Milder erschallen die
Saiten des Lebens,
Rhythmen gestalten sich
Seligen Gedichts –
Völkerversöhnende
Musen durchschweben’s,
Fugen entfalten sich,
Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
Torheit und Trauer,
Aufschwung und Untergang
Tönen im Chor –
Kämpft das Orchesterheer,
Schütteln uns Schauer,
Heldentriumphgesang
Reißt uns empor.

Unergründlich
Quellende Laute
Locken die lauschend
Andächtige Schar –
Meisterhorchend,
Was Kühnheit baute,
Nimmt tiefaufrauschend
Die Menschheit wahr.

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Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Gertrud Kolmar | Das Götzenbild

Ich habe kein Gesicht.
Um meine Augen nur ist goldne Larve.
Sie wird voll Lächelns und ganz licht
Im Liede einer wilden, ungefügen Harfe.

Mein Haar ist blau und rot gebeizter Bast,
Er strähnt bestaubt, weil meine Diener nur die Zehen baden,
Die kranker Lippen Trost und Rast,
Mit Schmuckgeschenken grell und plump beladen.

Aus meinen Ohren gehen
Die erznen ungeheuren Ringe,
Zu denen große, aufgereckte Schreie flehn.
In ihren Kreisen schließen sich die Dinge.

Mit Milch ist meine Brust beschmiert;
Zwei weiße Bäche rinnen bis zur Hüfte.
Der Mondhund darf nicht sehn, was sie gebiert,
Drum streut die Schwangere mir Würzkrautdüfte.

Drum bringt sie bald das neue Kind,
Es meinen Armen hinzuheben,
Die starr und wie des Affen Arme sind.
Nun wächst es und wird lange leben.

Ich weiß doch nicht, wie das geschieht,
Was keimt und was gedeiht; ich tue keine Taten.
Die Sprüche, die ein Priester murmelnd um mich zieht,
Stehn stumpf und rauchig, ohne mir zu raten.

Ich mußte steigen in die Macht,
Ich mußte in ihr thronen wie in einem Hause;
Ich bin sie nicht: als Bild ihr eingedacht,
Füll‘ ich ihr Schweigen aus mit Menschenflüstern und
-gebrause.

Ich sandte nicht den Blitz.
Ich kann den Schmerz am Weg nicht irremachen.
Ich kenne nicht der Toten Sitz
Noch die verhüllten Drei, die ihn bewachen.

Das weinende Gebet, die Bitte ruht
Wie Spinnweb mir im bunten Haare.
Ich trage nicht mein Herz mehr – das ist gut;
Unförmig, tönern, liegt es braun auf dem Altare.

Max Slevogt | Geburt der Venus II | 1923

Der Maler und Graphiker Max Slevogt wurde 1868 in Landshut geboren; er starb 1932 in Neukastell. Neben Corinth und Liebermann war er der wichtigste deutsche Impressionist.
Bevor er sich 1901 in Berlin níederließ, hatte er an der Münchner Akademie und an der Pariser Académie Julian studiert und große Teile Europas und Ägypten kennengelernt.
1917 berief ihn die Berliner Akademie. Denkwürdiger als seine lichten, der Augenblickseingebung verhafteten Bilder sind seine zahlreichen Illustrationen („Lederstrumpf“, „Don Giovanni“, „Tausendundeine Nacht“), mit denen er nobel, treffsicher und immer von der Totalanschauung ausgehend die jeweilige Situation charakterisiert.

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Paul Scheerbart • Krebsrot • Ein Herren-Scherzo

Foto: Gerhard Gellinger

Foto: Gerhard Gellinger

Krebsrot
Ein Herren-Scherzo

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Auf der großen Freitreppe stand einer – der besann sich plötzlich auf sich selbst.
Er betrachtete sich und sah, daß Alles an ihm krebsrot war.
»Bin ich ein gekochter Krebs?«
Also kam’s dem Besonnenen über die schmunzelnden Lippen.
»Gut!« fuhr er aber fort, »dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden!«
Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde verwandeln.
Es gelang ihm aber nicht.

Zitate und Sprüche rund um den KontraBass und seinen Spieler

Der lyrische Bass • Zitate & Sprüche
[Zum Lesebuch  Der lyrische Bass]

Der Bassist gilt als besondere Type. Meist eher unscheinbar als Musiker – abgesehen von Sting vielleicht – und in der Wahrnehmung der Hörer eher die Randerscheinung, noch hinter dem Drummer. Nachfolgend ein paar Zitate von (Bass)Musikern zur Einstimmung auf das am 18. März erscheinende Buch.  Die Bonmots entstammen verschiedenen Internetforen und aus dem Bekanntenkreis des Herausgebers.

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Bassen ist wie Einpinkeln, es macht ein warmes Gefühl und keiner merkts.

„fragen sie mal einen orchestermusiker, wann er zu schwimmen anfängt! fragen sie ihn! wenn er den kontrabass nichtmehr hört. ein fiasko. in einer jazzband ist das ja noch deutlicher. eine jazzband fliegt explosionsartig auseinander – bildlich jetzt – wenn der bass aussetzt. den anderen musikern erscheint dann mit einem schlag alles sinnlos.“ – Patrick Süsskind – Der Kontrabaß.

„Bass spielen ist wie zwischen den zeilen zu lesen.“

„Das ist kein Instrument; eine reine Zumutung ist das.“ 

„wir bassisten können besser fingern, haben längeres Holz und gehen tiefer“ – Ein Freund zu dem Vorurteil „Mädchen stehen eher auf Gitarristen und Sänger“.

Sting über den Bass:
„Ich denke, er zieht einfach eine bestimmte Person an – oder nicht. Es ist eine ruhige Stärke, die von einem Bassisten ausgeht, weil er das Gesamte untermauert. Ein Keyboarder kann C-Dur spielen, aber es ist nur so lange ein C-Dur-Akkord, wie der Bassist c spielt. Andernfalls wird es ein völlig anderer Akkord. Man verändert, die harmonische Struktur gleichzeitig kraftvoll und subtil. Für einen Bandleader wie mich, also einen Bassmann und Sänger, bedeutet es, dass die Band unter meiner Kontrolle ist. Alle anderen Frequenzen werden von mir kontrolliert. Und ich bin gerne in dieser Position. Es ist sehr erfüllend… „

„Der Mann ihrer Träume muss ein Bassmann sein. Das kitzeln im Bauch macht sie verrückt“
A
us Herbert Grönemeyers „Musik nur wenn sie laut ist“.

Evil Jared: „Ein Bass ist so ne Art große Gitarre für Scheißkerle, wenn du absolut dumm bist, aber dennoch in einer Band spielen willst, spiel den Bass!!!“

Dazu fällt mir nur ein, unserer Bassist sagte mal: „Was, mein Bass ist verstimmt, hab ich gar nicht gemerkt.“  oder „Sorry hab nicht so auf das Lied gehört?“ (er hat da mitgespielt)

„The Bassplayer is the one who makes it all happen“

Du stimmst deinen Bass? – FEIGLING

 „Wenn Gitaristen und Sänger nur wüssten, was Bassisten und Schlagzeuger alles darauf verwenden, sie gut dastehen zu lassen…“

Mein Lehrer gab mir damals etwas  mit auf den Weg:
„Wenn du mal nicht weiter weißt oder dich verspielst, darfst du auf keinen Fall aufhören zu spielen, denn ein Paar falsche Töne sind bei weitem nicht so schlimm, als wenn du einfach aufhörst du spielen, weil dann das Grundgerüst des Liedes zusammenbricht. Der Bass fällt am meisten auf, wenn er nicht spielt.“
Und wie ich sagen muss, hat sich das bewahrheitet. Die meisten im Publikum kennen zwar den Unterschied zwischen Bass und Gitarre nicht, aber wenn der Bass mal ausfällt, dann fragen sich alle, warum das Lied auf einmal so scheiße klingt, keinen Druck mehr hat und nur noch lahm ist.

„bassplayers built the house, the other players live in“

….wir sind also quasi Maurer – Mhh, das ist sogar sehr nahe an der Wahrheit. Schlecht bezahlt, Kreutz wie ein Schrank vom vielen Boxenschleppen, immer ein Bier in der Hand, zuweilen grobmotorisch und als einziger in der Band die „was nicht passt wird passend gemacht“-Mentalität.

Irgendwie sind wir schon ein wenig die Arbeiter in der Band. Das macht aber nix, wenn der Gitarrist lästert, spiel ich einen Viertelton höher und dann soll er mal sehen, wie schief sich plötzlich sein Solo anhört.

Ray Brown - Illustration Stefan Otte
Ray Brown – Illustration Stefan Otte

Der Bass ist das geilste Instrument der Welt. Alle wissen das. Es traut sich nur niemand das offen zuzugeben. Und die, die das noch nicht wissen, ja, das sind unsere Kollegen an den Schlagzeugen. Gott habe sie selig, denn auch sie wissen nicht was sie tun… Aber immerhin mögen sie uns und wir sie, und das macht uns zu Brüdern. Zu Brüdern im Kampf gegen vollkommen überflüssige 8x12er-Türme von pseudo-coolen Gitarreros, die sich ja nie hören können, selbst wenn sie die einzigen im Probraum sind. Und im Kampf gegen die Verzweifeltheit der Keyboarder, die auch bevorzugt in den tiefen Registern spielen, weil sie genau wissen, dass sie dafür Applaus bekommen, weil die tiefen Töne, also eigentlich unsere Donäne, die Massen bewegen, und nicht ihre glaszerberstenden Hohes-C-Einlagen. Ja, die wollen halt auch ebenso cool sein wie wir, nur würden sie uns das nie ins Gesicht sagen, wie sehr sie uns in Wirklichkeit anbeten. Und wir befinden uns ebenso im Kampf gegen die Sänger, denen die Time mal wieder nicht passt, aber es war nicht die Gitarre! Und auch nicht das Keyboard! Dann können es ja nur noch die Bass&Drum-Sektion gewesen sein! Ja, genau! Dann schmeißt uns doch raus! Aber dann, ihr bösen Buben, wundert euch nicht, das auf einmal alles klappt, und zwar umklappt. Denn WIR sind es, die euch die Groupies beschaffen, weil sie alle geil und wild werden von unseren treibenden Grooves, denn WIR sind es, die auf unseren Anteil an Groupies zu eurem Gunsten verzichten denn wir haben schon vor langer langer Zeit die Schönsten abgeerntet und brauchen nicht dauernd neue, denn WIR sind es, die in jeder Beziehung konstant sind und bleiben und euch so das Halten des Tons ermöglichen, den zwar eigentlich sowieso keiner Hören will aber er gut klingt, weil er mit gutem Bass unterlegt ist, und WIR es sind, die euch unter den Tisch saufen, und allerspätestens dafür solltet ihr uns den nötigen Respekt zollen. Aber nein, ihr versucht es in eurem rebellischen Eifer in irgendwas dann doch noch ganz offensichtlich besser zu sein immer wieder… Und dann geht ihr in alle Winkel der Welt euer Pipi und Erbrochenes verteilen und beschönt diese verwerfliche und nichtnachahmenswerte und eigentlich ziemlich peinliche Aktion mit dem Vorwand, dass ihr damit doch nur die Bäume düngt und so der Natur helft, und dann geht ihr in den Tourbussen auf Klo kacken, und dann fresst ihr das ganze Catering weg wenn wir gerade in Verhalndlungen und organisatorischen Tätigkeiten stecken für die ihr ‚keine Zeit‘ habt (höhö, ihr Analphabeten) und springt vollkommen blöd durch die Gegend, behauptet das wäre cool und das Publikum würde euch genau dafür lieben und seid noch nicht einmal dankbar dafür, dass wir das nicht tun und euch somit die Show stehlen, weil wir das a) besser können und b) doch die Grooves produzieren müssen die den Applaus bringen, bei dem ihr denkt, dass das eurer wäre! Ach ja, aber wir Bassisten mögen euch trotzdem, ihr alten Säcke. Denn unsere Herzen sind groß…

Alain Caron in einem Interview mit Global Bass Online:
…Bei meinen Clinics sage ich immer als erstes „Wenn Ihr hierhergekommen seid um solieren zu lernen, kann ich Euch ein paar gute Tricks zeigen, aber zuerst müsst Ihr es geniessen, ein Bassist zu sein. Dies ist die erste Frage, die Ihr Euch stellen müsst: Will ich ein Bassist sein? Weil ein Bassist eine Rolle erfüllen muss. Um einer Band harmonisch und rhythmisch dienlich zu sein, musst Du der Vater der Band sein. Wenn Du diese Rolle nicht ausfüllen willst, bist Du kein Bassist…

Außerdem etwas Kurioses (man achte auf die Jahreszahl):Gibson-Gitarrenkatalog  /1928\
„Hören sie sich moderne Musik an, und Sie werden herausfinden, dass der Bass eines der wichtigsten Instrumente ist. Denn er fügt die tiefen, dunklen Pulsschläge hinzu, die Herz und Seele des wahren Rhythmus sind.“

„Ein Bass muss mindestens so hoch hängen, dass man sich drunter durchgreifen und am Sack kratzen kann.“

 

I’m a bassplayer, not a singer, not a talker, just a thinker“
Victor Wooten in seinem Song „Singing My Song“