Kategorie: Der rote Faden

Wenn Bücher zum Schicksal werden

Ein einziges Buch wurde entscheidend für den Lebensweg der Pfarrerssohnes Heinrich Schliemann; eine Lektüre, die er als Achtjähriger von seinem Vater zu Weihnachten erhielt. Es war eine illustrierte Weltgeschichte mit vielen Bildern, von denen eines den Knaben so fesselte, dass es sein Schicksal entschied: das erregende Bild des brennenden Troja. Schliemanns abenteuerlichen Aufstieg zu Reichtum, Macht und Forscherruhm als treffendes Beispiel für die Erkenntnis, dass Bücher nicht nur ihre Schicksale haben, sondern auch zum Schicksal werden können.

Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874
Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer, Titelblatt der Erstausgabe von 1874

Viele Bücher der großen Religionen: die Bibel, der Koran und der Talmud sowie die Schriften der griechischen Philosophen, die Bücher des heiligen Augustinus und des Thomas von Aquin haben den Gang der Menschheitsgeschichte bestimmt. Am Beginn des Marxismus und Leninismus stand das Buch von Karl Marx „Das Kapital“. Die Bücher Einsteins leiteten das Atomzeitalter ein, und die Schriften von Darwin und Freud führten in neue Reiche wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das Buch des vierundzwanzigjährigen Goethe: „Die Leiden des jungen Werther“ wurde für eine ganze Generation das Ideal Heilender Empfindsamkeit, aber auch des Weltschmerzes. Werthers Selbstmord löste eine wahre Selbstmordepidemie aus, Werthers Kleidung, Haartracht und Gebärden wurden für die Jugend so vorbildlich wie für unsere Jugend das Gehabe mancher Filmhelden, und viele Leser — darunter Napoleon — zitierten ganze Teile des Buches auswendig, so dass Goethe selbst mit Recht von der Wirkung seines Buches sagen konnte: „Jeder Jüngling sehnt sich, so zu lieben — jedes dt, Mädchen, so geliebt zu sein …“

Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston - John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Illustration zur Originalausgabe Onkel Toms Hütte von Hammatt Billings [Erstausgabe: Boston – John P. Jewett and Company, 1852]. Es werden die Charaktere Chloe, Mose, Pete, Baby & Tom dargestellt.
Das Rassenproblem, das auch in unseren Tagen in den USA um entscheidende Lösungen ringt, wurde zum ersten Mal erkennbar durch ein Buch: „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Zehn Jahre nach dem Erscheinen des Buches — in diesem Zeitraum wurden davon über eine Million Exemplare verkauft — proklamierte Präsident Abraham Lincoln die Freiheit der Negersklaven in ganz Nordamerika; das war der Auftakt zum amerikanischen Bürgerkrieg, nach dessen für die Nordstaaten siegreichem Ende Lincoln die Verfasserin im Weißen Hause empfing und mit den Worten begrüßte: „Sie sind also die kleine Frau, die den großen Krieg gemacht hat…“

Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von  Alfred Thayer Mahan.
Titelblatt Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte von Alfred Thayer Mahan.

Vor dem Ersten Weltkrieg erschien ein Buch des Admirals T. Mahans mit dem Titel „Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte“. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bekannte, dass er dieses Buch nicht „lese, sondern verschlinge“, und fügte hinzu: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ Das Werk, das kaum in die breitere Öffentlichkeit gedrungen ist, wurde auch von Engländern, Amerikanern und Japanern fleißig studiert und bewirkte schließlich ein allgemeines Wettrüsten zur See, eine Zusammenballung riesiger Kriegsflotten, die im Atlantik und im Pazifik bedeutsame militärische Entscheidungen herbeigeführt haben.

In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen erschien in Paris eine kleine Schrift über die „Tanks“, wie man damals noch die Panzerwaffe nannte. Geschrieben von einem völlig unbekannten französischen Offizier, fand das Büchlein in Frankreich wenig Beachtung, aber dafür studierten es die Generalstäbler der neuen deutschen Wehrmacht umso gründlicher: Es wurde — so bekannten führende Generäle wie Heinz-Wilhelm Guderian und Erich von Manstein später — zur Grundlage der deutschen „Blitzsiege“ von 1939 und 1940. Der Verfasser gelangte später — allerdings nicht wegen seines Buches — zu Weltruhm. Er hieß Charles de Gaulle und wurde Staatsoberhaupt Frankreichs.

Briefmarke Stalin Mao 1950
Briefmarke Stalin Mao 1950

Politische Bücher teilen meist das Schicksal der von ihnen vertretenen Ideenwelt: Stalins Werke zum Beispiel, die in der Zeit seiner Diktatur eine Auflage von über fünfzig Millionen erreichten, und jetzt schon zum großen Teil wieder eingestampft. Hitlers Buch „Mein Kampf“, das bis 1943 eine Auflage von acht Millionen hatte — es wurde jedem Brautpaar auf dem Standesamt überreicht — hat heute eher Bedeutung als Schlüssel zur Erkenntnis einer der dunkelsten Epochen deutscher Geschichte. Immer noch gilt das weise Wort des Philosophen Lichtenberg:

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert — und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten der Buchdrucker.“

Und in den letzten Jahrzehnten? Gibt es Bücher mit vergleichbarer Wirkung?

Oskar Loerke | Der Silberdistelwald

[distelicht] Eine literarische Reise.
Oskar Loerke führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Der Silberdistelwald
Mein Haus, es steht nun mitten
Im Silberdistelwald.
Pan ist vorbeigeschritten.
Was stritt, hat ausgestritten
In seiner Nachtgestalt.

Die bleichen Disteln starren
Im Schwarz, ein wilder Putz.
Verborgne Wurzeln knarren:
Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
Nimmt niemand ihn in Schutz.

Vielleicht, dass eine Blüte
Zu tiefer Kommunion
Ihm nachfiel und verglühte:
Mein Vater du, ich hüte,
Ich hüte dich, mein Sohn.

Der Ort liegt waldinmitten,
Von stillstem Licht gefleckt.
Mein Herz – nichts kam geritten,
Kein Einhorn kam geschritten –
Mein Herz nur schlug erweckt.

***

Gedenktafel  für Oskar Loerke – Kreuzritterstr 8 | Urheber: OTFW, Berlin

Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck  in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild

Unsere ausgewählte Reiseetappe:
Berlin-Frohnau  |  Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke am Hubertussee, geschaffen  im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer] Vorschlag: Zeichnen Sie eine Silberdistel mit einem Porträt von Oskar Loerke im urban-sketching-stil. Wenn Sie uns Ihr Werk zusenden, veröffentlichen wir dieses gern im Magazin.
⇒ Świecie [Schwetz an der Weichsel]  an der Einmündung des Schwarzwassers in die Weichsel, etwa 40 km nördlich der Stadt Bromberg (Bydgoszcz) und 105 km südlich der Stadt Danzig. Sehenswürdigkeiten sind u.a.:
Ein Deutschordensschloss aus dem 14. Jahrhundert | Die Pfarrkirche | einige erhaltende Befestigungsanlagen | das ehemalige Bernhardiner-Kloster | die neogotische St.-Andrzej-Bobola-Kirche | das Rathaus von 1879 und diverse Bürgerhäuser. Das Schloss wird für zahlreiche kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Das Rathaus von Świeciu | Foto: Tomisław in der Wikipedia auf Polnisch


 Musik im Player | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

Mehr über die distelicht-Reise erfahren Sie hier.

Titelfoto: Der Hubertussee in Berlin-Frohnau, Jahr 2008. | Saxo – via wikipedia

distelicht | Nährende Stacheln in mir

Der Ausdruck distelicht ist vom  mittelhochdeutschen distelic abgeleitet und bedeutet: einer Distel ähnlich. Er wird heute nicht mehr benutzt. Eigentlich. Denn es ist der Titel dieses hypómnema.  Aufgefallen ist er mir durch das erlesene Wortspiel distel-licht.
Die Idee hinter diesem Sudelbuch: Wir lassen uns von literarischen Texten, Filmen, Musik, Kunst inspirieren und kreieren daraus eine Reiseroute. Eine Reiseroute für den Kopf und für die Beine, je nach Gelegenheit. Das Thema der jeweiligen Inspiration: einer Distel ähnlich.
Warum die Distel als Aufhänger dieser Reise? Es gibt keinen konkreten Anlass…es hat sich entwickelt. Das stachelige Gewächs gehört zu meinen Lieblingspflanzen und bei der Lektüre rundherum hat sich immer wieder gezeigt, wie vielseitig sie ist: nicht nur in ihren Eigenschaften, sondern auch in kultureller Hinsicht. (Man denke nur an das Wappen Schottlands.)

Teil 1 nimmt Text, Klänge & Bilder auf, die sich zu einer Reiseroute zusammenfügen. Hierbei geht es nicht nur darum die Orte festzuhalten, sondern auch Aktivitäten vorzuschlagen, die uns dazu eingefallen sind.
Teil II beschreibt dann die Reise selbst. Erlebt und aufgeschrieben von verschiedenen Autoren und AutorInnen, die den Ball aufgenommen haben und auf Reise gegangen sind.

Ein Lesehinweis: dieses hypómnema entwickelt sich. Nach und nach erscheinen neue Beiträge. Es lohnt sich also, dabei zu bleiben.

[Prolog]

Distel | Illustration
Distel | Illustration nach einer Fotografie

Gibt es noch wirkliche Abenteuer? Wenn es darauf ankäme auffallende, unerhörte, an den Nerven zerrende Begebenheiten zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wolle man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltentdecker noch neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen. Angefangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann wieder von den Fahrten der Marco Polo, Columbus, Vasco bis zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unübersehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu gestalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirklichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Abenteuer ist uferlos geworden, und man könnte sich fragen, ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat.
Ich müsste mich auf diesen Einwand gefasst machen und hätte mich insbesondere vor zwei großen Namen zu fürchten: vor François Rabelais und Jonathan Swift. Wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten Geschehnisse im Pantagruel und des Gulliver. Ich hoffe indes, nicht dieser Gefahr zu verfallen. Das Abenteuer, wie es mir vorschwebt, weist von Haus aus ein eigenes Kolorit auf. Es bestimmt sich wesentlich dadurch, dass in die hier zu schildernden Abenteuer Wagnisse hineinspielen, die darauf warten im Realen erprobt zu werden. Um es mit Rilke zu sagen: Das stetige, wagemutige Streben des dynamischen Menschen nach ethischer Wertschöpfung und daran wachsender Selbstvervollkommnung, die bis an die persönlichen Leistungsgrenzen vorangetrieben wird. 

Nicht als ob hier nun die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe und der Vordergrund nebelhaftem Schattenspiels überlassen werden solle. Ich möchte vielmehr versichern, dass diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem Leitziel der Wahrheit orientiert ist. Es wird sich, so denke ich, zeigen, dass die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier verwirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzunehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch an, dass schon im ersten Anlauf, ehe noch „hinausgesegelt“ wird in (von mir bis dato) unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt….

Die nachdenkliche Frau | Léon Spilliaert trifft Lou Andreas-Salomé

Des Nachts bisweilen, wenn der Sturm sich erhob, oder wenn oben im Giebelraum das Brustkind weinte und die Fischersfrau es in den Schlaf sang, vielleicht an den Mann denkend, dessen Boot im Sturm schaukelte – dann kam über Anneliese sehr stark das Gefühl von dieser sie umkreisenden, eigentlichen Wirklichkeit, und dann wollten ihr die beiden kleinen Stuben unten mit ihrem Muschelkram und den fremden Betten vorkommen wie ein bloß geliehenes Glück – Glücksobdach für kurze, ganz kurze Ferienwochen.

[Aus: Lou Andreas-Salomé: Das Haus von 1921 | Kapitel 15]

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Titelbild: Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

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Vissersvrouw nadenkend | Des Fischers Frau, nachdenkend | 1901 | Léon Spilliaert (1881-1946)

 

LICHT TON BEWEGUNG unserer Zeit

Tanzt die Zeit, tut sie es zu einer Musik, wie wenn ein Kran einen Stapel Wellblech von einem Lager aufs andere hinüber wirft. Der Rhythmus ihrer Ausgelassenheit ist knarrend, stampfend, kubistisch, wie farbig rieselnde Lichtreklamen, Glieder verrenkend, aufreibend Scham an Scham. Ein  sich Bauch an Bauch pressender, geiler, morbider Tanz.

Die Nüstern dieser Zeit stehen weit offen, als röchen sie amor & indifférence aus dem Flakon, den Schweiß, das saure Aufstoßen in den Bars, das  fatale prickelnde Odeur der sich rasch ausbreitenden absynthfarbigen Wolke. Mechanisch & polternd schiebt sich diese, unsere Zeit voran.

Die Basis zu diesem Tagebucheintrag bildet ein Text von Arthur Holitscher in seinem Narrenbaedeker.

Vom Schreiben | Ein Buch voller Fragen

Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem Büchlein „Steht noch dahin“ eine Idee aufgeworfen, die mir sympathisch ist. Sie schlägt vor, ein Buch herauszubringen, welches nur aus  Fragen besteht. Jede Frage um eine selbst definierte Anzahl Felder ergänzt, die für Antworten auf die jeweilige Frage reserviert sind. Nun geht es darum, in einer ebenfalls individuell festgelegten zeitlichen Spanne, die Frage neu zu beantworten. Interessant ist es zu sehen, wie die Replik jeweils ausfällt. Sind die Antworten gleich? Sind wir uns treu geblieben? Was ist mit uns geschehen?

Anregungen für Auswahl der Fragen gibt es genug: sei es aus den berühmten Fragebogen von Max Frisch oder Marcel Proust. Vielleicht wäre es gut, Fragen zu stellen, die in Print- und Webmedien nicht eh überall rauf und runter abgeschrieben werden.

Kaschnitz‘ Idee hat wohl eher den Charakter eines persönlichen Buches; einer Nabelschau. Spinnen wir den Faden weiter, lässt sich daraus etwas schaffen, das den Leser, die Leserin einlädt als Hauptfigur des Prosawerkes selbst aktiv zu werden. Jede neue Lektüre des eigenen Werks würde dann vermutlich eine neue Geschichte erschaffen.

Die Kunst des Autors liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die einen Spannungs- und Handlungsbogen bilden bzw. ermöglichen, Widersprüche „provozieren“. Eine Möglichkeit ist, den Text zeitlich zu gliedern, wie oben angedeutet, mit gleichbleibenden Sprüngen. Bei jedem Sprung lassen sich die Fragen neu zusammenwürfeln um andere Schwerpunkte zu setzen.

Foto: Pexels

Und sicher: es steht noch dahin, ob sich das lesbar umsetzen lässt. Wenn ja, wäre es sicher eine sehr ungewöhnliche Prosa-Idee. Wir würden diesen Entwurf gern ausprobieren. Wenn Sie Lust haben, daran teilzuhaben, melden Sie sich bei uns. Wenn wir mit der Umsetzung zufrieden sind, drucken wir dies als Buch.  ⇒ redaktion@derblaueritter.de

 

 

Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
Brütet das Schweigen,
Ballt sich zusammen
Die schwangere Nacht –
Taub und tonlos
Kauert der Reigen,
Dumpf Verdammen
Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
Finstre Dämonen,
Nebelschleichend,
Tückisch und krumm –
Matte Monde
Aus Nebelzonen
Ziehn erbleichend,
Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
Regt sich ein Raunen,
Lichter aufzucken,
Riesen stehn nackt,
Schreien ihr Sehnen,
Stark wie Posaunen,
Zwerge sich ducken,
Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
Im Orgelorkane
Urwäldermeere,
Sonnengesäugt –
Lustschwärme jauchzen
Wilde Päane,
Isis zur Ehre,
Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
Orgien Tosen
Löst sich der zarter
Sich wiegende Bund –
Kinder der Anmut
Lagern auf Rosen,
Innig gepaarter
Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
Bilden sich leise,
Venus Urania
Wandelt die Welt –
Männer und Frauen, sie
Wählen sich weise,
Heilig Halleluja
Geister gesellt.

Milder erschallen die
Saiten des Lebens,
Rhythmen gestalten sich
Seligen Gedichts –
Völkerversöhnende
Musen durchschweben’s,
Fugen entfalten sich,
Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
Torheit und Trauer,
Aufschwung und Untergang
Tönen im Chor –
Kämpft das Orchesterheer,
Schütteln uns Schauer,
Heldentriumphgesang
Reißt uns empor.

Unergründlich
Quellende Laute
Locken die lauschend
Andächtige Schar –
Meisterhorchend,
Was Kühnheit baute,
Nimmt tiefaufrauschend
Die Menschheit wahr.

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

Gertrud Kolmar | Das Götzenbild

Ich habe kein Gesicht.
Um meine Augen nur ist goldne Larve.
Sie wird voll Lächelns und ganz licht
Im Liede einer wilden, ungefügen Harfe.

Mein Haar ist blau und rot gebeizter Bast,
Er strähnt bestaubt, weil meine Diener nur die Zehen baden,
Die kranker Lippen Trost und Rast,
Mit Schmuckgeschenken grell und plump beladen.

Aus meinen Ohren gehen
Die erznen ungeheuren Ringe,
Zu denen große, aufgereckte Schreie flehn.
In ihren Kreisen schließen sich die Dinge.

Mit Milch ist meine Brust beschmiert;
Zwei weiße Bäche rinnen bis zur Hüfte.
Der Mondhund darf nicht sehn, was sie gebiert,
Drum streut die Schwangere mir Würzkrautdüfte.

Drum bringt sie bald das neue Kind,
Es meinen Armen hinzuheben,
Die starr und wie des Affen Arme sind.
Nun wächst es und wird lange leben.

Ich weiß doch nicht, wie das geschieht,
Was keimt und was gedeiht; ich tue keine Taten.
Die Sprüche, die ein Priester murmelnd um mich zieht,
Stehn stumpf und rauchig, ohne mir zu raten.

Ich mußte steigen in die Macht,
Ich mußte in ihr thronen wie in einem Hause;
Ich bin sie nicht: als Bild ihr eingedacht,
Füll‘ ich ihr Schweigen aus mit Menschenflüstern und
-gebrause.

Ich sandte nicht den Blitz.
Ich kann den Schmerz am Weg nicht irremachen.
Ich kenne nicht der Toten Sitz
Noch die verhüllten Drei, die ihn bewachen.

Das weinende Gebet, die Bitte ruht
Wie Spinnweb mir im bunten Haare.
Ich trage nicht mein Herz mehr – das ist gut;
Unförmig, tönern, liegt es braun auf dem Altare.

Max Slevogt | Geburt der Venus II | 1923

Der Maler und Graphiker Max Slevogt wurde 1868 in Landshut geboren; er starb 1932 in Neukastell. Neben Corinth und Liebermann war er der wichtigste deutsche Impressionist.
Bevor er sich 1901 in Berlin níederließ, hatte er an der Münchner Akademie und an der Pariser Académie Julian studiert und große Teile Europas und Ägypten kennengelernt.
1917 berief ihn die Berliner Akademie. Denkwürdiger als seine lichten, der Augenblickseingebung verhafteten Bilder sind seine zahlreichen Illustrationen („Lederstrumpf“, „Don Giovanni“, „Tausendundeine Nacht“), mit denen er nobel, treffsicher und immer von der Totalanschauung ausgehend die jeweilige Situation charakterisiert.

***

Hans Christian Andersen | Was die Distel erlebte

Foto: Hella Kiss

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gut gehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.

Silberdistel – geschlossen

Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: »Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!« Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.

Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.

Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.

»Das ist Schottlands Blume!« sagte sie. »Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!«

Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorf daran.

Foto: Hans Braxmeier

Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.

»Ich bin mehr, als ich glaube!« sagte sie im stillen. »Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!«

Nickende Distel, Bisamistel – Foto: Thomas B.

Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offenstehen, dass der junge Her, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.

»Die habe ich zusammengebracht!« meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.

»Ich werden gewiss in den Garten gepflanzt«, dachte die Distel, »vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!«

Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: »Ich komme in einen Topf!«

Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. »Das Räubergesindel!« sagte der Distelbusch. »Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!«

Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. »Ihr kommt wie gerufen!« sagte der Distelbusch. »Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!«

Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.

Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.

Distel, Samenstand – Foto: Brockenhexe via pixabay

Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.

»Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!« sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu ‚Nesseltuch‘ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.

Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft.

Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.

» Hier stehe ich noch!« sage die Distel. »Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!«

Distel, Mannstreu – Foto: Alexas Fotos via pixabay

Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empogesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.

Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.

»Da steht die große Distel noch!« sagte sie. »Jetzt hat sie keine Blüte mehr!« »Ja, da ist das Gespenst von der letzten!« sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.

»Wie schön die ist!« sagte sie. »So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!«

Und der junge Mann mußte abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja ‚Gespenst‘ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Diestelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.

»Was man doch alles erleben kann!« sagte der Distelbusch. »Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?«

Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.

»Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!«

Silberdistel – Foto: Hermann via pixabay

Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.

»Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!«

»Das ist ehrenwert gedacht!« sagte der Sonnenstrahl. »Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!«

Im Topf oder im Rahmen?« fragte die Distel.

»In einem Märchen!« sagte der Sonnenstrahl.

Und hier ist es!

HeaderFoto: Hella Kiss

Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)

Franziska zu Reventlow | Christus Interview

Franziska zu Reventlow | Christus
Ein Interview

Die Amerikaner sind bekanntlich sehr neugierig.
Seit Jahren schreibe ich für ein Kunstblatt jenseits des Ozeans Ausstellungsberichte, Kunstbriefe und alles, was sonst dazu gehört, die wissensdurstige Seele des »gebildeten Laien«, der sich für Kunst interessiert, einmal im Monat zu sättigen.
Jetzt ist das nicht mehr sensationell genug. Man will mehr – anderes.
Die Redaktion verlangte zuerst »Intimes aus dem Leben der großen Künstler« – modern Intimes natürlich – und neuerdings soll ich auch noch interessante Details aus dem Leben der Modelle und ihrem Verhältnis zur Künstlerwelt bringen.
Mir ist alles recht. Ich bin ein zufriedener Mensch und möchte auch andere zufrieden stellen. Nach längerem Bemühen ist es mir geglückt, das Notizbuch eines »vielversprechenden Genies« in die Hände zu bekommen. Die darin verzeichnete Modelliste sollte mir als Richtschnur meiner demnächstigen Recherchen dienen.
Aber nun die richtige Auswahl zu treffen:
1. Walburga Stümpfl, als Giftmischerin beliebt, sehr grün im Ton.
2. Crescenz – Nachname fehlt im Notizbuch – stilvoller Rokokoakt.
3. Anna Huber, sehnsüchtiges Profil, sehr geeignet zum Stilisieren.
4. Adalbert Apfelkammer, Athlet und Ringkämpfer, kolossaler Bizeps, unglaubliche Deltamuskeln.
5. Marie Mayr, famose Zierleiste für die »Jugend«.
6. Clemens Brückner, hinterlistiger Priester etc.

Du lieber Gott, die Auswahl ist einfach überwältigend reich, da kann’s nicht fehlen.
Tagelang stieg ich treppauf, treppab. Modelle interviewen ist keine Kleinigkeit, sie sind nie zu Hause. Ich begab mich also auf den Rat eines erfahrenen Freundes zu einer Vormittagsstunde an die Stufen der Akademie. Aber ich hatte wieder Pech. Die Stunde war entschieden unglücklich gewählt. Es war nur ein schwerhöriger alter Mann da und einige zerlumpte Italienerweiber. Den letzteren schien es sehr am Herzen zu liegen, von mir interviewt zu werden, aber da sich meine Kenntnisse der italienischen Sprache auf: »Si Signora« und »Non capisco« beschränken, konnten wir zu keinem befriedigenden Resultat gelangen.
Schon wollte ich verzagt und um eine Illusion ärmer dem Tempel der Kunst den Rücken wenden, als ich auf einen großen, hageren Mann aufmerksam wurde, der in einen flatternden Havelock eingehüllt mit majestätischem Schritt die Treppe herauf kam.
Ich hielt ihn erst für einen Königlichen Professor, so gebieterisch war sein Auftreten, so lang und wallend sein Haupthaar.
Als er sich aber schließlich neben den Italienerinnen auf die Balustrade niederließ, faßte ich Mut. »Sie stehen Modell?«
»Jawohl, jewiss, ich bin der Christus – braucht der Herr –«
»Wie heißen Sie?«
»Friedrich Wilhelm Köppke – wenn der Herr mit Kostüm wünscht« –
Er machte mich auf eine große Pappschachtel aufmerksam, die er unter dem Arm trug – »brauner Mantel, dunkelrotes Unterkleid« –
»Sie sind nicht von hier?«
»Ne, ich bin aus Berlin, mit Spreewasser jetauft, aber ich bin schon lange hier.«
Er zerrte wieder an der Schachtel.
»Lassen Sie nur, lassen Sie nur – wo haben Sie das Kostüm denn her?«
»Das hab‘ ich mir auf der Auer Dult jekauft, sechs Mark hat es jekostet, aber schön ist es auch.« –
Er riß die Schachtel auf und wollte den Havelock abwerfen.
»Warten Sie, warten Sie, es pressiert nicht. – Wie lange sind Sie schon Modell?«
»So an die sechs, sieben Jahre.« –
»Und was trieben Sie vordem?« –
»Da hab ich ’ne Jeschäft jehabt –«
»Was denn für ein Geschäft«, das Vorleben meines Christus war doch jedenfalls nicht ohne Interesse.
»Na, wissen Sie, ich bin so in die Wirtshäuser rumjegangen und hab‘ mit wollne Hemden hausiert, aber das bringt –«
»Und wie kam es, daß Sie Modell wurden?«
»Das Jeschäft ist nich mehr recht jejangen und dann mit die langen Haare hab‘ ich mir jedacht –«
»Trugen Sie denn das Haar früher schon so lang?« Mit Bewunderung betrachtete ich seine Mähne.
»Ja, wissen Sie, ich hab‘ das Reissen jekriegt von den vielen Zug und da hab‘ ich mir das Haar wachsen jelassen und dann haben mir die Freunde jesagt: laß dich doch malen, Fritze, du hast ja den schönsten Christuskopp, daß der Herrgott seine Freude dran haben könnte. So was suchen die Herrn Kunstmaler jrade.«
»Und da wurden Sie Christusmodell?«
»Ja, da hab‘ ich die wollnen Hemden Hemden sein jelassen und bin in die Ateliers rumjejangen und bin ein sehr beliebter Christuskopf jeworden.«
»Sind Sie denn hier das einzige Christusmodell?«
»O ne, jewiss nicht. Seit der Uhde anjefangen hat, seine biblischen Bilder zu malen, da haben se noch einen modernen Christus uffjeangelt, der hat so langes straffes Haar und so ein schlichtes Jesicht. Das ist der Aois Brüllmayr, der hat mir ne janz jefährliche Konkurrenz jemacht. Überall muß Konkurrenz sein heutzutage.«
»Das Modellstehen muß doch recht anstrengend sein, was?«
»Na, davon könnte ich Sie ein Lied singen. Anstrengend ist die Jeschichte, aber es rentiert sich. Da hab‘ ich zuweilen ans Kreuz müssen, mit so ’n Jerüst, wissen Sie. Mit ausjebreiteten Armen und die Ojen verdrehen, jehört allens dazu von wegen den schmerzlichen Ausdruck. Aber jetzt bin ich zu alt und zu steif dazu. Es jeht nich mehr so. Da steh ich nur Kopp und es wird ein anderer jekreuzigt.«
»Haben Sie denn immer Beschäftigung? Es wird doch nicht alle Tage ein Christus gemalt.«
»Na, da kennt sich der Herr aber schlecht aus, da sind Sie jewiss kein Kunstmaler. Heutzutage muß doch jeder ’n Christus jemalt haben. Das is jetzt jrade die neuste Mode, mit das Biblische. Ne Zeit lang, so vor ’n paar Jahren, da war’s schlimm, da hat niemand mehr ’nen Christus jemalt. Da haben sie alle Ölein-Air jemacht. Da war nischt zu haben für unsereinen. Lauter jrüne Wiesen und lila Bäume und die Menschen dadrin alle nackich. Das war ’ne schlimme Zeit, da hab‘ ich nur Kopp jestanden in die Schulen und mit ’n Christus war jarnischt.« »Na, und jetzt? Die moderne Richtung?« – »O jetzt is viel besser jeworden. Symbolistisch muß sin, sagen die Herren. Das is Mode. Und Mode is in der Kunst jrad‘ so gut wie sonst im Leben. Jetzt machen sie Ihnen ’nen altdeutschen Christus, wie ’n die alten Meister jemalt haben, denn das sind doch immer die jrößten jewesen, sagen sie. Da machen sie Ihnen die Haare janz lang und jrad‘ wie Schlangen und die Dornenkrone janz spitz und was die janz Neusten sind in der Malerei, die machen ’nen stilisierten Christus, da ziehen sie Ihnen det Jesicht in die Länge und die Dornenkrone kommt vom Kopp und auf beiden Seiten wird auch in die Länge jezogen und –«
Mich befiel eine stille Furcht, Christus möchte mich auch noch über das Wesen der Renaissance oder des Rokoko belehren, und ich unterbrach ihn:
»Sind Sie denn schon oft zu großen Bildern gestanden?«
»Na und ob – det will ich meinen. Ich häng‘ Ihnen schon in alle möglichen Jalerien und Pinakotheken. Einmal am Kreuz mit die beiden Schächer. Das is sehr schön jewesen. Was die beiden Schächer waren, das sind ein paar Athleten jewesen. Die haben Sie gehangen, det es eine Freude war. Und dann mit der Magdalene. ›Christus und die jroße Sünderin‹ hat’s geheißen.«
»Wer war denn die Magdalena?«
»Das is die Josephine Zimmerer jewesen, oder wie sie heißt. Das is ein Mädel jewesen. Immer hat sie ihre Jeschichten mit den Malern jehabt. So janz rotes Haar hat sie. Ich kann ’s nich so schön finden, aber den Herren hat ’s jefallen und über Jeschmack läßt sich nicht streiten. ›Der reine Tizian‹ haben sie immer jesagt.« Allen Respekt. Christus imponierte mir immer mehr.
»Sie verstehen wohl bald ebensoviel von der Kunst wie die Maler selbst, Christus?« »Ja, wenn ich die Kunst nich hätt‘. Ich schwärme für alles, was Kunst ist. Das is meine jrößte Freude. Und Jeld bringt’s auch ein.«
»Was verdienen Sie denn so im Durchschnitt am Tage?«
»Na, sehen Sie, das schwankt so hin und her. Was die jroßen Meister sind, die berühmten, die zahlen mehr. Und dann kommt’s auf die Stellung an, fürs Kreuzigen hat’s eine Mark jejeben die Stunde. Jott Strambach, das sind schöne Zeiten jewesen! Aber für jewöhnlich jiebt’s nur 50 Pfennige für die Stunde, wenn man bloß Kopp steht.« Du mein Gott, dacht‘ ich, während Christus sich noch des Näheren über seine Lohnverhältnisse verbreitete, viel, viel »Interessantes« ist aus dem Manne nicht herauszukriegen. Was soll ich nur in meinen Artikel hineinschreiben? Und dazu macht mich sein Dialekt nervös – ich hatt‘ auf irgendeinen biederen Bajuwaren gehofft, dafür interessiert man sich doch heutzutage viel mehr. Es klingt viel origineller. – Ich mußte entschieden noch etwas »Intimes« herausbringen.
»Christus«, sagte ich deshalb eindringlich, »Sie wissen wohl recht viel von dem Leben der Künstler, so von dem Privatleben. – Als Modell müssen Sie doch recht oft Gelegenheit haben, hinter die Kulisse zu schauen.«
»Na«, sagt Christus mit großem Nachdruck, »wir Modelle, wir sehen alles, wir hören alles, wir sind bei allem dabei, aber wissen tun wir jarnischt, wir sind diskret. Ich könnt‘ Ihnen da Jeschichten erzählen – aber wir Modelle müssen diskret sein, sonst is jarnischt mehr, sonst werden wir abjeschafft.«
»Na ja, aber wissen Sie, Christus, ich bin fremd hier. Ich gehe in ein paar Tagen wieder fort. Mir können Sie schon etwas erzählen. Ich bin Journalist, da muß man auch oft diskret sein. – – Es muß doch oft recht fidel hergehen unter den Künstlern, was?«
»Na ja, fidel, det will ich Sie jlauben. Da liebt man sich und wird jeliebt, det is die reine Wonne und Herrlichkeit.«
Mein Christus machte ein ganz pfiffiges Gesicht und zwinkert mit den Augen. Mich ärgerte nur, daß er so zugeknöpft war. Ich hätte so gerne etwas Pikantes erfahren.
Noch einen Versuch wollt‘ ich machen. So ein Liebesroman zwischen einem weltbekannten Genie und der rothaarigen Tizian- Magdalena – famoser Mittelpunkt für meinen Artikel: ›Modelle und Künstler, Interieurs aus der Münchner Moderne.‹ Das Herz wurde mir ganz groß.
»Na sagen Sie mal, Christus – Sie haben mir vorhin von der Magdalena erzählt, die den Malern so gefällt, die wird wohl viel geliebt haben, was?«
Ich schlug meinen jovialsten Ton an, aber Christus blieb ungerührt. –
»Det hab‘ ich Sie doch schon jesagt. Jetzt hab‘ ich sie schon lange nicht mehr jesehen, aber früher, als ich mal mit ihr jestanden bin. Da hab‘ ich alle ihre Jeheimnisse jewußt.« – Er zwinkerte wieder verständnisvoll – und fuhr fort:
»Ich hab‘ ihr damals noch sozusagen zum moralischen Halt jedient. Manchesmal hab‘ ich ihr ins Jewissen jeredt‘. Magdalena, hab‘ ich ihr jesagt, Jugend hat keine Tugend, des weess ich auch. Ich bin auch mal jung jewesen und habe keine Tugend jehabt, aber jetzt bin ich Familienvater und kenne die Welt. Mach’s nicht zu schlimm, Magdalena, sonst kommste noch unter den Leierkasten. Aber sie hat es immer sehr leicht jenommen. ›Schaugt’s den Christus an‹, hat sie jesagt und dann haben sie alle jelacht. Na, ich sage Ihnen.« –
»Mit wem hat sie denn?«
»Na, mit allen hat sie Jeschichten jemacht. Sie hat eben für ’ne Schönheit jejolten, aber was die Herren waren, ›Christus‹, haben sie jesagt, ›wir wissen, daß Sie diskret sind‹. – Na, diskret muß man sein.« –
Er lächelte bedeutungsvoll und zog seine Visitenkarte hervor, die er mir feierlich überreichte: »Friedrich Wilhelm Köppke, Katzmaierstraße 16, IV«, darunter stand geschrieben: »Im Besitz eines neuen Christus- Kostüms, dunkelrotes Unterkleid, brauner Mantel, Sandalen etc. empfehle mich den Herren Kunstmalern als Christusmodell.« »Eine schöne Handschrift haben Sie, Christus«, sagte ich bewundernd.
»Das hat meine Jette geschrieben, was meine Älteste is«, sagte er, »die steht auch schon Modell, aber ich laß sie nur Kopp stehen, ›wenn man Familienvater ist‹ –.«
Ich sah auf meine Uhr und verabschiedete mich von Christus, indem ich ihm einen Zwanziger in die Hand drückte. Er steckte denselben voll Würde dankend ein und hüllte sich fester in seinen Havelock, denn es war kalt.
Ich entfernte mich langsam und einigermaßen deprimiert. Mein Artikel war an der starren Moral und unbeugsamen Diskretion des Christus gescheitert.

Quelle: Franziska zu Reventlow | Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel
Herausgeber | Else Reventlow

Titelbild:  Edward Okuń | Dornenkrone

Peter Hille | Nordost mit Karl Blossfeldt

[distelicht] Eine literarische Reise.
Peter Hille führt uns nach Berlin-Frohnau und Świecie [Schwetz an der Weichsel]


 

Peter Hille | Nordost
Ein Prosagedicht

Die Zeit ist vorüber. Die Wandervögel ziehen in hohen, langhin gewellten, schwarzen Geschwadern durch die grauen Lüfte. Und bisweilen tönt aus unsichtbaren Höhen die Stimme des Herbstes, des Bußpredigers da oben, des ernsten Himmels, wie ein Anruf von dannen, ein Sammeln und ein Ziehen, herb und verhallend. Auch die Fremden zogen von dannen. Nur die Sinnigen blieben, die es gerne haben, wenn es ernster und versunkener wird in ihrer Seele wie in der großen Natur.

Aber auch die Natur will allein gelassen sein, wie laut Detlev von Liliencron der Adel von Holstein. Und da ihr das zu lange dauert, eh alles geräumt ist, so greift sie selbst zu und bricht das Gerümpel ab, damit man es den Fremden in seiner unmittelbaren Nähe gemacht hat.

Da schwimmt hier eine Treppe, da ein Pfahl, nun bohrt sich eine Laufplanke, mit Leinwand bezogen zum Schutz der zarten Damenfüße, mit Stürmerwucht in den tannenglatten Strand.

Der rostentblätterte Anker ist fast ganz eingeschwemmt, an seinen noch freien herzförmigen Zacken hängen wie wilde, welke, vom Leben losgerissene Kränze gelber Verzweiflung, Büschel lohenden Tanges und bläulich angelaufene Stranddisteln. Das Wrack aber, das seit den Frühlingsstürmen hier festliegt, ist wieder lebendig geworden und führt den Vorgang seines Untergangs noch einmal auf: es schluckt eine Sturzsee nach der anderen und gibt sie durch die lecken Planken seines Rumpfes dem bis auf etwa zehn Minuten hinein sandgelben Strandmeer wieder. Sprühgebüsche stieben über Deck. Ganz in der Weite düstergrüne Schollen, wie aufgeworfener Kirchhofsrasen, tobende Höhen, rasender Schaum, stürmende Berge, stürzender Jubel, durcheinander geschüttelte Winde, ein wild durchäderter Grabstein von gelbem schluchzendem Marmor.

Karl Blossfeldt • Eryngium maritimum. Strand-Mannstreu, Stranddistel. Dolde mit Hochblättern

Peter Hille (* 11. September 1854 in Erwitzen bei Nieheim, Westfalen; † 7. Mai 1904 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller. Lasker-Schüler hat Hille in ihrem 1906 erschienenen Erstlingsprosawerk „Das Peter Hille-Buch“ postum enthusiastisch gewürdigt.

„Meine Pflanzenurkunden sollen dazu beitragen, die Verbindung mit der Natur wieder herzustellen. Sie sollten den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“ | Karl Blossfeldt im Vorwort zu seinem Buch Wundergarten der Natur

Reiseetappen: St. Peter Ording

 Der Ort ist noch zu bestimmen | Fotoarbeiten im Sinne und in der Ausführung Karl Blossfeldts. Experiment: statt Pflanzen Menschen fotografieren. Aufnahmen mit einer analogen Kamera/Plattenkamera – Druck auf Silbergelatinepapier.
 
St. Peter Ording | Am Strand tannenglatte Gebilde erschaffen; anschließend dauerhaft auf Leinwand bannen.
⇒ Ein Küstenort | Schiffsanker erstehen. Eigenhändig heimschaffen und zur Skulptur ausarbeiten – wie oben beschrieben.
⇒….

Hier kommen Sie zum Einstieg der Reise.

Weitere Quellen: Die Peter Hille Gesellschaft 

„Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird.“
Als der Autor diesen Satz festhielt, war er so arm und erfolglos wie sein nur ein Jahr älterer Zeitgenosse, der Maler Vincent van Gogh.

Albert Schweitzer | Die Ehrfurcht vor dem Leben

Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?

Zitate Albert Schweitzers zur Ehrfurcht:

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns? Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“

„Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vordem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

„Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, lässt sich im Denken begründen.“

„Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift also alles in sich, was als Liebe, Hingabe, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben, bezeichnet werden kann.“

***

Ludwig Philipp Albert Schweitzer (* 14. Januar 1875 in Kaysersberg/bei Colmar; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun) war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist und Pazifist.
Albert Schweitzer gründete ein Krankenhaus in Lambaréné im zentralafrikanischen Gabun. Er veröffentlichte theologische und philosophische Schriften, Arbeiten zur Musik, insbesondere zu Johann Sebastian Bach, sowie autobiographische Schriften in zahlreichen und vielbeachteten Werken. 1953 wurde ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 zuerkannt, den er 1954 entgegennahm.


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Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre

Charles Baudelaire | Jeder seine Chimäre • Gedichte in Prosa

Unter einem großen grauen Himmel, in einer großen staubigen Ebene ohne Wege, ohne Rasen, ohne eine Distel, ohne eine Brennnessel, traf ich eine Schar Menschen, die gebückt dahinschritten.
Ein jeder von ihnen trug eine riesige Chimäre auf dem Rücken, so schwer wie ein Sack Mehl oder Kohle, oder wie die Rüstung eines römischen Fußsoldaten.
Aber das entsetzliche Ungeheuer war nicht eine träge Last; im Gegenteil, es umklammerte und presste den Menschen mit seinen elastischen und mächtigen Muskeln; es hängte sich mit den langen Krallen an seine Brust, und sein fabelhaftes Haupt überragte die Stirn des Menschen wie einer jener furchtbaren Helme, mit denen die alten Krieger den Schrecken des Feindes zu vermehren hofften.
Ich fragte einen dieser Menschen, wohin sie also gingen. Er antwortete mir, dass er dies nicht wisse, weder er noch die andern; dass sie aber offenbar irgendwohin gingen, da sie von einem unwiderstehlichen Drange getrieben würden.
Etwas Seltsames ist zu bemerken: keiner dieser Wanderer schien dem wilden Scheusal, das sich ihm an den Nacken hängte und ihm am Rücken klebte, zu zürnen; es schien, dass er es als einen Teil seiner selbst ansah. Alle die müden und ernsten Gesichter zeugten von keinerlei Verzweiflung; unter der blendenden Himmelskuppel, die Füße in dem Staub der Erde begrabend, die ebenso trostlos wie der Himmel war, wanderten sie mit dem ergebenen Ausdruck jener dahin, die immer zu hoffen verurteilt sind.
Und der Zug schritt an mir vorüber und tauchte in die Atmosphäre des Horizontes, dort wo die gewölbte Oberfläche des Planeten sich der Neugierde des menschlichen Blickes entzieht.
Und einige Augenblicke lang wollte ich entschieden dies Geheimnis verstehen; aber bald überfiel mich die unwiderstehliche Gleichgültigkeit, die mich noch tiefer beugte, als selbst jene es waren, die von ihrer Chimäre erdrückt wurden.

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Der Autor | Charles-Pierre Baudelaire (* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker und als wichtiger Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa. Für die direkten Zeitgenossen, das heißt, für die nicht allzu vielen Leser, die seinen Namen kannten, war Baudelaire vor allem ein kompetenter Verfasser von Berichten über Kunstausstellungen, ein guter Literaturkritiker, ein fleißiger Übersetzer Poes sowie ein Wagner-Enthusiast und -Promotor. Doch schon der nachfolgenden Lyriker-Generation, den Symbolisten (z. B. Verlaine, Mallarmé oder Rimbaud), galt er als epochemachendes Vorbild. Diese Anerkennung hat Baudelaire selbst nicht mehr erlebt.
Seit längerem ist Baudelaire in Anthologien und Schullesebüchern der am besten vertretene französische Lyriker. Auch in andere Länder wirkte seine Dichtung hinüber. In Deutschland beeinflusste sie unter anderem Stefan George, von dem die erste deutsche Übertragung der Fleurs du Mal stammt.

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Der Künstler | Edward Okuń (* 1872 in Wólka Zerzeńska bei Warschau; † 1945 in Skierniewice) war ein polnischer Maler des Jugendstils, Mitglied von verschiedenen Freimaurerlogen.
Er entstammte einer Adelsfamilie, wurde früh Vollwaise. Er wurde von den Großeltern erzogen.
Edward Okuń blieb dem Jugendstil sein ganzes Leben treu. Er beschäftigte sich mit der Malerei, Buchgrafik, schuf auch Fresken auf der Fassade seines Wohnhauses auf dem Warschauer Altstadtmarkt. Er entwarf Umschläge für die Münchener Zeitschrift „Jugend“ und für die Warschauer „Chimera“.

 

Geplante Reiseroute START: dieser kleine Ort in der Elbtalaue ⇒ …..
 Altstadtmarkt | Warschau • urban sketching: die Fresken auf der Fassade des Wohnhauses Edward Okuńs
 Der Platz Chimaira bei Olympos im kleinasischen Lykien • Dort lebte die Chimaira aus der griechischen Mythologieeine Fackel mit dem „ewigen Feuer der feuerspeienden Chimaira“ entzünden und bei Nacht unter freiem Himmel aus Hesiods Theogonie lesen. [Das obere Feuerfeld erklimmen.] ⇒…..

Felix Pirner • Platon & Alkibiades • Aristoteles Stimmen für die Nachwelt

Sokrates und Alkibiades - 1911 - Kristian Zahrtmann (1843-1917) - Dänemark
Sokrates und Alkibiades – 1911 – Kristian Zahrtmann (1843-1917) – Dänemark

Alle großen Denker des Abendlandes haben ihre Erkenntnisse und Lehren durch Schriften der Nachwelt überliefert. Einzig Sokrates hat nicht ein Wort geschrieben. Er wirkte auf seine Mitmenschen allein durch die lebendige Rede und durch sein Vorbild. Erst seine Freunde und Schüler, allen voraus der geistgewaltige Platon, überlieferten dann der Nachwelt diesen Sokrates. Es ist, als habe Platon überlegt, wem er in seinen Schriften das Lob des Sokrates in den Mund legen solle, damit es auch überzeuge. Er wählte den Neffen des allmächtigen Perikles; Alkibiades. Wenn der einen Mitmenschen lobte, dann durfte man diesem Lob glauben. Alkibiades, von Kind auf gewöhnt, dass seine Launen Gesetze waren, reich, schön, klug, aber auch verdorben, ein Menschenverächter und spöttisch – eleganter Lebemann.

Mit Efeu und Veilchen bekränzt, von bunten Bändern umflattert, kommt Alkibiades in das Haus des Dichters Agathon, wo Sokrates und seine Freunde zur Seite des Gastgebers eben von dem Schönen und Guten sprechen und wie man Menschen rechtschaffen macht, auf dass sie gerecht und gut seien gegen die anderen. Sokrates hat das Gespräch zu jener einsamen Höhe geleitet, wo der Mensch das Wesen des Guten selbst erkennt, von dem die Seele lebt wie der Leib von den Bedingungen seines Wachstums. „Man darf keinem der Menschen weder mit Unrecht noch mit Übel vergelten, was man auch von ihnen zu erdulden habe.“ Da also, als Sokrates mit großer Leidenschaft dieses ausspricht, stürmt Alkibiades herein, die Flötenspielerin tanzt ihm voraus, der Schwarm der Mitzecher lärmt ihm nach. Er wirft sich neben dem Gastgeber auf das Lager, reißt sich die Bänder vom Haupt und umwindet damit den Agathon. Der ist ja tags zuvor zum Dichterkönig Athens ausgerufen worden. Die große „Kühlschale“ lässt sich Alkibiades reichen, trunken will er sie alle sehen, kredenzt den Wein und … da erst bemerkt er neben sich den Sokrates. Er lässt die Schale sinken, wendet sich Sokrates zu und spricht fortan nur noch von ihm und zu ihm, dem einzigen Menschen, dem selbst ein Alkibiades die Ehrfurcht nicht versagen kann.

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Bronzestatue Platon

,Gib mir von deinen Bändern, Agathon“, ruft Alkibiades, „dass ich auch diesem Mann sein wunderbares Haupt umwinde. Er soll nicht glauben, dass ich dich bekränzte und ihn vergesse. Er hat ja nicht, wie du, bloß einmal gesiegt, er war immer und überall durch sein Reden und Dichten allen Menschen überlegen.“ Dann leert Alkibiades in einem Zug die volle Schale, ,,die ihre guten acht Manchen fasst“, lässt sie wieder füllen und dem Sokrates reichen, der sie bedachtsam leert. Und halb spöttisch, halb ernst auf Sokrates nieder blickend, fährt er fort: „Ist er nicht wie ein Flötenspieler, der die Menschen durch sein Spiel verlockt? Und er verlockt sogar ohne Instrument, nur mit seinen Lippen, durch sein bloßes Wort. Wild pocht mir das Herz, die Tränen rinnen mir, wenn ich ihn höre.“ Wegwerfend schnippt Alkibiades mit den Fingern: „Und das geschieht mir, der ich doch schon manchen Redner hörte, die besten des Landes. Lausche ich ihnen, dem großen Perikles etwa, so verspüre ich nichts von Unruhe und noch weniger von Unwillen darüber, dass ich in solch einem Zustand lebe. Dieser hier aber packt mir die Seele derart, dass ich manchmal meine, ich könnte nicht weiterleben, wenn ich der Nichtsnutz bliebe, der ich bin. Sokrates hat mich in seiner Gewalt, er zwingt mich, mir selber einzugestehen, es fehle mir noch fast alles von dem, was einer haben muss, der andern zu gebieten sich erdreisten will.“

PlatonEs kümmert ihn nicht im mindesten, ob etwas oder ob einer schön, reich, berühmt sei. Keinen Pfifferling ist ihm das wert. Wenn es anders scheint, verstellt er sich nur vor den Leuten und führt sie an der Nase herum sein Leben lang. Inwendig jedoch, ihr Männer und Zechgenossen, wenn er sich da einem öffnet, ist er voller Weisheit. Ich weiß nicht, ob sonst noch einer die Götterbilder schaute, die Sokrates in sich trägt. Ich schaute sie, so göttlich, golden, erhaben und wunderbar. Mir war, ich müsste auf der Stelle tun, was er nur immer wünschte.“ Die Miene des Sprechenden erhellt sich, die Stimme spöttelt wieder: ,,Wir waren auch zusammen Soldat im Feldzug gegen Potidaia. Waren wir dann einmal abgeschnitten, wie das im Feld so vorkommt, und mussten wir hungern, — er machte sich nichts daraus. Wenn es dann ein andermal hoch herging, verstand er zu genießen, besser als jeder andere. Trinkgelagen wich er zwar aus, wo er konnte. War er aber einmal dabei, so überrundete er uns alle, und doch hat ihn noch nie einer betrunken gesehen. Die Winter dort waren furchtbar. Umwickelten wir dann die Füße mit Filz und Pelz, so sprang er barfuß über das Eis und lief leichter einher als wir in Schuhen.“ Das Kinn auf die Hand stützend, ahmt Alkibiades einen vergrübelten Menschen nach. „Einmal, da draußen bei Potidaia, ist unserem Sokrates etwas eingefallen, des Morgens in aller Frühe schon. Er bleibt also stehen, wo er steht. Die Gedanken gehorchen ihm wohl nicht recht. Aber er gibt nicht nach und jagt hinter ihnen drein und steht doch immer noch auf demselben Fleck. Darüber steigt die Sonne in den Mittag, die Leute treten vor das Lager und glotzen zu dem merkwürdigen Manne hinüber. Er sieht es nicht und steht und sinnt. Wie es Abend wird und wir gegessen haben, tragen einige ihre Schlafdecken ins Freie und legen sich dort hin für die Nacht. Es ist da kühler, geben sie vor; doch wollen sie nur den Sokrates im Auge behalten und sind gespannt, ob er auch die Nacht über so stehen bleibe. Und er ist so geblieben bis zum anderen Morgen, bis die Sonne wieder aufging. Dann betete er noch zur Sonne und ging seiner Wege.“ „Und in der Schlacht hast du ihn auch einmal im Kampf gesehen, Alkibiades?“fragt einer der Männer.

Anselm Feuerbach (1829-1880) painted this scene from Plato's Symposium in 1869. It depicts the tragedian Agathon as he welcomes the drunken Alcibiades into his house.
Anselm Feuerbach (1829-1880) malte diese Szene aus Plato’s Symposium im Jahre 1869. Es zeigt Agathon wie er den betrunkenen Alcibiades in seinem Haus begrüßt.

Eine Weile sinnt er vor sich hin, wendet sich dann wieder Sokrates zu, mit dem Finger auf ihn weisend: „Dieser Mensch hat in mir vermocht, was noch kein anderer je zuvor fertig brachte und was man bei mir auch kaum vermutete: dass ich mich nämlich schämte und noch immer schäme. Ich kann ihm nie widersprechen. Ich spüre, das eben müsste ich tun, was er mir anrät. Freilich, wenn ich ihn dann nicht mehr höre, wenn mich das Volk wieder umschmeichelt, mir Ehre um Ehre zuträgt, so habe ich auch den Sokrates bald vergessen … Aber ich schäme mich desto mehr, wenn er mir wieder unter die Augen kommt. Manchmal bin ich so weit, dass ich heimlich wünsche, er lebte gar nicht mehr. Wäre das aber so, ich weiß gewiss, sein Tod schmerzte mich noch mehr als sein Leben.“ — Wieder schweigt er lange und nickt dann den andern zu und fährt leiser fort: „Ihr kennt ihn ja alle nicht. Ich kenne ihn und will ihn euch vollends schildern, da ich einmal damit begonnen. So bildet ihr euch ein, Sokrates sei vernarrt in schöne Dinge und Menschen, wolle derlei stets um sich haben; oder auch, er sei ein unwissender Tropf. Aber das ist bei ihm alles nur Verstellung und äußeres Gehabe. Es „In dem berühmten Gefecht, für das mir dann die Heerführer den Preis zuerkannten, da wäre ich verloren gewesen ohne ihn. Ich war verwundet, und er rettete mich, er trug meine Waffen und mich selbst aus dem Getümmel heraus zu den unsrigen. Ich verlangte, Sokrates solle den Ehrenpreis der Tapferkeit bekommen. Als aber die Heerführer auf meine vornehme Herkunft Rücksicht nahmen und mir den Preis zuschanzen wollten, hast du, Sokrates, noch eifriger für mich geredet als selbst die Heerführer. —- Auch auf einer Flucht sah ich ihn, wie wir uns nämlich von Delion absetzen mussten. Ich war zu Pferde, er dagegen in schwerer Rüstung zu Fuß, er und noch einer, und sonst weit und breit keiner mehr von den unsrigen. So schreitet er dahin, ruhig, stark, dann und wann um sich blickend. Jedermann merkt, wer den da anrührt, muss sich auf allerhand Gegenwehr gefasst machen. Es rührt ihn auch keiner an, der Feind hält sich lieber an andere, denen die Todesangst in den Knien zittert.“

Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 - Anagoria - CC BY 3.0
Dialog des Platon, Phaidros oder Philebos; 2. Jht. n. Chr.; Ägyptisches Museum Berlin, Germany; P 9809 – Anagoria – CC BY 3.0

Noch einmal blickt Alkibiades auf Sokrates nieder und fährt dann fort: „Andere Männer lassen sich mit dem und jenem Helden aus der Vorzeit vergleichen. Aber Leute wie ihn, Worte, wie er sie vorbringt, hat es noch niemals gegeben. Nicht als ob diese Worte und Zwiegespräche allen leicht aufgingen, den meisten kommen sie erst ganz unbedeutend vor, handeln sie doch von Schustern und Schmieden, von Köchen und Ackerbauern, faseln von Lasteseln und Pferden. Seine Sprache hat er in das Fell eines Fauns gehüllt, und dem Dummkopf bleibt sein Wort verschlossen. Wem es aber aufging, der findet darin Götterbilder der Tugend und was nur immer darauf zielt, den Menschen besser und edler zu machen …“ Während Alkibiades noch spricht, da stürmen noch mehr junge Zecher von der Straße her ins Haus des Agathon und füllen es mit gewaltigem Lärm. Und ein wildes Gelage hebt an. Dem Erzähler fallen die Augen zu. Gegen Morgen, als er erwacht, ist es still geworden. Die Zecher schlafen oder sind heimgegangen. Nur drei neigen sich noch zusammen und lassen den Becher umgehen: Der Hausherr nämlich, Aristophanes, der Komödiendichter, und Sokrates. Die beiden hören zu, was Sokrates ihnen beweisen will, dass nämlich ein Dichter sich ebenso gut auf Lustspiele wie auf Tragödien verstehen müsse. Erst nickt Aristophanes ein, schließlich bei Tagesgrauen auch Agathon. Sokrates steht auf und schreitet über die Schläfer weg hinaus, badet, geht dann auf den Markt und verbringt den Tag wie gewöhnlich. Erst des Abends kehrt er heim und geht zur Ruhe.

Paul Scheerbart • Krebsrot • Ein Herren-Scherzo

Foto: Gerhard Gellinger

Foto: Gerhard Gellinger

Krebsrot
Ein Herren-Scherzo

***

Auf der großen Freitreppe stand einer – der besann sich plötzlich auf sich selbst.
Er betrachtete sich und sah, daß Alles an ihm krebsrot war.
»Bin ich ein gekochter Krebs?«
Also kam’s dem Besonnenen über die schmunzelnden Lippen.
»Gut!« fuhr er aber fort, »dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden!«
Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde verwandeln.
Es gelang ihm aber nicht.

Daniel Barbiero • Die Anamnesis von Platon • musikalisch interpretiert

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 Lizenz: Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 3.0 United States – Quelle: http://freemusicarchive.org/music/Daniel_Barbiero/Solo_Double_Bass/

„Wie nun die Seele unsterblich ist und oftmals geboren, und, was hier ist und in der Unterwelt, alles erblickt hat, so ist auch nichts, was sie nicht hätte in Erfahrung gebracht, so daß nicht zu verwundern ist, wenn sie auch von der Tugend und allem andern vermag sich dessen zu erinnern was sie ja früher gewußt hat. Denn da die ganze Natur unter sich verwandt ist, und die Seele alles inne gehabt hat: so hindert nichts, daß wer nur an ein einziges erinnert wird, was bei den Menschen lernen heißt, alles übrige selbst auffinde, wenn er nur tapfer ist und nicht ermüdet im Suchen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Erinnerung.“ (Platon, Menon 81c f.)

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Anamnesis (auch Anamnese, griechisch ἀνάμνησις anámnēsis „Erinnerung“) ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie und Seelenlehre, dem zufolge alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden ist, aber bei der Geburt vergessen wird. Der menschliche Intellekt erschafft kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an das vergessene. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. Das Wissen steht der Seele zwar immer potentiell zur Verfügung, sie hat aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn das vergessene Wissen durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Lehrer gezielt gibt, erinnert sich die Seele des Lernenden an etwas, das ihr eigentlich bereits vertraut ist. Platon erörtert das Anamnesis-Konzept in den Dialogen Menon, Phaidon und Phaidros.

Den Ursprung des latenten Wissens verortete Platon gemäß seiner Ideenlehre im transzendenten Bereich der Ideen. Mit seinem Anamnesis-Konzept gab er den Anstoß zur philosophischen Auseinandersetzung mit dem Problem einer apriorischen – von der sinnlichen Erfahrung unabhängigen – Erkenntnis. – Quelle: wikipedia

HIer sehen Sie Bilder aus der Collage in angenehmer Größe:

Zitate und Sprüche rund um den KontraBass und seinen Spieler

Der lyrische Bass • Zitate & Sprüche
[Zum Lesebuch  Der lyrische Bass]

Der Bassist gilt als besondere Type. Meist eher unscheinbar als Musiker – abgesehen von Sting vielleicht – und in der Wahrnehmung der Hörer eher die Randerscheinung, noch hinter dem Drummer. Nachfolgend ein paar Zitate von (Bass)Musikern zur Einstimmung auf das am 18. März erscheinende Buch.  Die Bonmots entstammen verschiedenen Internetforen und aus dem Bekanntenkreis des Herausgebers.

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Bassen ist wie Einpinkeln, es macht ein warmes Gefühl und keiner merkts.

„fragen sie mal einen orchestermusiker, wann er zu schwimmen anfängt! fragen sie ihn! wenn er den kontrabass nichtmehr hört. ein fiasko. in einer jazzband ist das ja noch deutlicher. eine jazzband fliegt explosionsartig auseinander – bildlich jetzt – wenn der bass aussetzt. den anderen musikern erscheint dann mit einem schlag alles sinnlos.“ – Patrick Süsskind – Der Kontrabaß.

„Bass spielen ist wie zwischen den zeilen zu lesen.“

„Das ist kein Instrument; eine reine Zumutung ist das.“ 

„wir bassisten können besser fingern, haben längeres Holz und gehen tiefer“ – Ein Freund zu dem Vorurteil „Mädchen stehen eher auf Gitarristen und Sänger“.

Sting über den Bass:
„Ich denke, er zieht einfach eine bestimmte Person an – oder nicht. Es ist eine ruhige Stärke, die von einem Bassisten ausgeht, weil er das Gesamte untermauert. Ein Keyboarder kann C-Dur spielen, aber es ist nur so lange ein C-Dur-Akkord, wie der Bassist c spielt. Andernfalls wird es ein völlig anderer Akkord. Man verändert, die harmonische Struktur gleichzeitig kraftvoll und subtil. Für einen Bandleader wie mich, also einen Bassmann und Sänger, bedeutet es, dass die Band unter meiner Kontrolle ist. Alle anderen Frequenzen werden von mir kontrolliert. Und ich bin gerne in dieser Position. Es ist sehr erfüllend… „

„Der Mann ihrer Träume muss ein Bassmann sein. Das kitzeln im Bauch macht sie verrückt“
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us Herbert Grönemeyers „Musik nur wenn sie laut ist“.

Evil Jared: „Ein Bass ist so ne Art große Gitarre für Scheißkerle, wenn du absolut dumm bist, aber dennoch in einer Band spielen willst, spiel den Bass!!!“

Dazu fällt mir nur ein, unserer Bassist sagte mal: „Was, mein Bass ist verstimmt, hab ich gar nicht gemerkt.“  oder „Sorry hab nicht so auf das Lied gehört?“ (er hat da mitgespielt)

„The Bassplayer is the one who makes it all happen“

Du stimmst deinen Bass? – FEIGLING

 „Wenn Gitaristen und Sänger nur wüssten, was Bassisten und Schlagzeuger alles darauf verwenden, sie gut dastehen zu lassen…“

Mein Lehrer gab mir damals etwas  mit auf den Weg:
„Wenn du mal nicht weiter weißt oder dich verspielst, darfst du auf keinen Fall aufhören zu spielen, denn ein Paar falsche Töne sind bei weitem nicht so schlimm, als wenn du einfach aufhörst du spielen, weil dann das Grundgerüst des Liedes zusammenbricht. Der Bass fällt am meisten auf, wenn er nicht spielt.“
Und wie ich sagen muss, hat sich das bewahrheitet. Die meisten im Publikum kennen zwar den Unterschied zwischen Bass und Gitarre nicht, aber wenn der Bass mal ausfällt, dann fragen sich alle, warum das Lied auf einmal so scheiße klingt, keinen Druck mehr hat und nur noch lahm ist.

„bassplayers built the house, the other players live in“

….wir sind also quasi Maurer – Mhh, das ist sogar sehr nahe an der Wahrheit. Schlecht bezahlt, Kreutz wie ein Schrank vom vielen Boxenschleppen, immer ein Bier in der Hand, zuweilen grobmotorisch und als einziger in der Band die „was nicht passt wird passend gemacht“-Mentalität.

Irgendwie sind wir schon ein wenig die Arbeiter in der Band. Das macht aber nix, wenn der Gitarrist lästert, spiel ich einen Viertelton höher und dann soll er mal sehen, wie schief sich plötzlich sein Solo anhört.

Ray Brown - Illustration Stefan Otte
Ray Brown – Illustration Stefan Otte

Der Bass ist das geilste Instrument der Welt. Alle wissen das. Es traut sich nur niemand das offen zuzugeben. Und die, die das noch nicht wissen, ja, das sind unsere Kollegen an den Schlagzeugen. Gott habe sie selig, denn auch sie wissen nicht was sie tun… Aber immerhin mögen sie uns und wir sie, und das macht uns zu Brüdern. Zu Brüdern im Kampf gegen vollkommen überflüssige 8x12er-Türme von pseudo-coolen Gitarreros, die sich ja nie hören können, selbst wenn sie die einzigen im Probraum sind. Und im Kampf gegen die Verzweifeltheit der Keyboarder, die auch bevorzugt in den tiefen Registern spielen, weil sie genau wissen, dass sie dafür Applaus bekommen, weil die tiefen Töne, also eigentlich unsere Donäne, die Massen bewegen, und nicht ihre glaszerberstenden Hohes-C-Einlagen. Ja, die wollen halt auch ebenso cool sein wie wir, nur würden sie uns das nie ins Gesicht sagen, wie sehr sie uns in Wirklichkeit anbeten. Und wir befinden uns ebenso im Kampf gegen die Sänger, denen die Time mal wieder nicht passt, aber es war nicht die Gitarre! Und auch nicht das Keyboard! Dann können es ja nur noch die Bass&Drum-Sektion gewesen sein! Ja, genau! Dann schmeißt uns doch raus! Aber dann, ihr bösen Buben, wundert euch nicht, das auf einmal alles klappt, und zwar umklappt. Denn WIR sind es, die euch die Groupies beschaffen, weil sie alle geil und wild werden von unseren treibenden Grooves, denn WIR sind es, die auf unseren Anteil an Groupies zu eurem Gunsten verzichten denn wir haben schon vor langer langer Zeit die Schönsten abgeerntet und brauchen nicht dauernd neue, denn WIR sind es, die in jeder Beziehung konstant sind und bleiben und euch so das Halten des Tons ermöglichen, den zwar eigentlich sowieso keiner Hören will aber er gut klingt, weil er mit gutem Bass unterlegt ist, und WIR es sind, die euch unter den Tisch saufen, und allerspätestens dafür solltet ihr uns den nötigen Respekt zollen. Aber nein, ihr versucht es in eurem rebellischen Eifer in irgendwas dann doch noch ganz offensichtlich besser zu sein immer wieder… Und dann geht ihr in alle Winkel der Welt euer Pipi und Erbrochenes verteilen und beschönt diese verwerfliche und nichtnachahmenswerte und eigentlich ziemlich peinliche Aktion mit dem Vorwand, dass ihr damit doch nur die Bäume düngt und so der Natur helft, und dann geht ihr in den Tourbussen auf Klo kacken, und dann fresst ihr das ganze Catering weg wenn wir gerade in Verhalndlungen und organisatorischen Tätigkeiten stecken für die ihr ‚keine Zeit‘ habt (höhö, ihr Analphabeten) und springt vollkommen blöd durch die Gegend, behauptet das wäre cool und das Publikum würde euch genau dafür lieben und seid noch nicht einmal dankbar dafür, dass wir das nicht tun und euch somit die Show stehlen, weil wir das a) besser können und b) doch die Grooves produzieren müssen die den Applaus bringen, bei dem ihr denkt, dass das eurer wäre! Ach ja, aber wir Bassisten mögen euch trotzdem, ihr alten Säcke. Denn unsere Herzen sind groß…

Alain Caron in einem Interview mit Global Bass Online:
…Bei meinen Clinics sage ich immer als erstes „Wenn Ihr hierhergekommen seid um solieren zu lernen, kann ich Euch ein paar gute Tricks zeigen, aber zuerst müsst Ihr es geniessen, ein Bassist zu sein. Dies ist die erste Frage, die Ihr Euch stellen müsst: Will ich ein Bassist sein? Weil ein Bassist eine Rolle erfüllen muss. Um einer Band harmonisch und rhythmisch dienlich zu sein, musst Du der Vater der Band sein. Wenn Du diese Rolle nicht ausfüllen willst, bist Du kein Bassist…

Außerdem etwas Kurioses (man achte auf die Jahreszahl):Gibson-Gitarrenkatalog  /1928\
„Hören sie sich moderne Musik an, und Sie werden herausfinden, dass der Bass eines der wichtigsten Instrumente ist. Denn er fügt die tiefen, dunklen Pulsschläge hinzu, die Herz und Seele des wahren Rhythmus sind.“

„Ein Bass muss mindestens so hoch hängen, dass man sich drunter durchgreifen und am Sack kratzen kann.“

 

I’m a bassplayer, not a singer, not a talker, just a thinker“
Victor Wooten in seinem Song „Singing My Song“

Cats Medienkommentar: Panik in Ton und Bild

Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?
Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?

„Bad news is good news“, oder auch: „Nur eine schlechte Nachricht kommt an“ lautet ein ungeschriebenes (und oft verheimlichtes) Gesetz in der gängigen journalistischen Berichterstattung. Aber welche Auswirkungen hat das langfristig auf Medienschaffende und Konsumenten? Brauchen wir neben den gesammelten Katastrophenmeldungen nicht vielleicht doch einmal einen Funken Hoffnung?

Soziale Medien können depressiv machen“, gingen erst kürzlich Schlagzeilen in der Mainstream-Berichterstattung herum. Der Grund: Das allzu „perfekte“ Facebookprofil guter Freunde bis entfernter Bekannter könne Neid und Unzufriedenheit im sozialen Vergleich auslösen. Das mag bei manchen, sehr dafür anfälligen, Personen sogar halbwegs eintreten (auch wenn die Krankheit der Depression meines Erachtens hier extrem verharmlost wird). Doch ich sehe momentan und eigentlich schon seit Jahren einen vollkommen anderen Aspekt in allen Medienkanälen, der einem wirklich dauerhaft jede gute Laune verderben kann – diese ständigen Negativ- und Katastrophenmeldungen. Ganz ehrlich, wäre ich wirklich depressiv oder suizidgefährdet, ich würde mir an dieser Stelle sicherlich überlegen, ob es nicht besser wäre, von dieser „freudlosen“ Welt zu verschwinden.

Ob in der Politik oder an der Börse, die Frequenz schlechter Nachrichten lässt sich schlecht verarbeiten
Ob Krieg, Klimawandel oder Finanzkrise, die Menge an schlechten Nachrichten in kürzester Zeit lässt sich schlecht verarbeiten

Informative Horrorshow

Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt, ist die Tagesschau im Ersten, Zweiten und Dritten. Täglich um 20 Uhr, oder aber einige Stunden früher oder später, bekommt jeder Fernsehzuschauer den realistischsten Horror-, Kriegs- und Katastrophenfilm gezeigt, den er jemals sehen könnte. Manchmal auch einen Politkrimi reinster Sorte oder ein Drama mit echten Emotionen. War das alles? Richtig, da fehlen doch einige Genres – nämlich die, die einen zum Lachen bringen und nicht ohne ein Happy End auskommen. Finanzkrise, Schuldenkrise, Bürgerkrieg, Verfolgung, Flucht, Hunger, Epidemien, Existenzangst – mit einem Wort: Es herrscht Panikalarmstufe Rot. Denn all diese Dinge passieren eben und die Medien, seien es Zeitungen, Fernsehsender, Onlinemagazine oder Radiostationen, haben ja auch die Pflicht, uns als Leser, Zuschauer, Hörer und Internetnutzer zu informieren. Und zwar bis zur absoluten Schmerzgrenze. Das Schlimmste, was wir im Grunde alle wissen, ist: Die Dinge, die wir so im „Vorbeigehen“ erfahren, sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an Problemen, sich nun rächenden „Sünden der Vorväter“ und Konfliktherde. In ihrer Weltkatastrophenberichterstattung gleichen die öffentlich-rechtlichen Sender dabei übrigens noch einem Streichelzoo. Wer sich die unzensierte „informative Horrorshow“ geben will, ist mit manchem Privatsender besser beraten.

Eine ständige Negativbeschallung

Man kann also, wenn es um die zahllosen Übertragungen von aktuellen Nachrichtenmeldungen in jeglicher Form spricht, wirklich nicht von „Good Vibrations“ reden – wohl eher von einem total miesen Karma. Die unterschwellige Nachricht hinter all diesen Horrormeldungen lautet nämlich ausnahmslos: Seht her, wozu ihr Monster auf zwei Beinen fähig seid! Ab in die Ecke und schämen! Allein die Tatsache, zur Gattung „Mensch“ zu gehören, scheint dabei auszureichen, um ein fieses Schuldgefühl per Funk- oder Bildwelle zu übertragen. Rein statistisch nach dem Anteil der „schlechten Nachrichten“ betrachtet, liegen wir im ersten Augenblick mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch. Denn der Mensch kann, im Gegensatz zu vielen Tieren, wirklich zu ungeheuerlichen Dingen fähig sein und manchmal so boshaft oder unreflektiert in seinem Handeln, dass es einem vom Zuschauen schon wehtun muss.

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Allein fühlt man sich oft machtlos – ist jede gute Tat nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zum Scheitern verurteilt?

Um es kurz zu fassen: Informiert sein kann zu einem richtigen mentalen Terror werden. Nicht nur im aktuellen Sinne des Terrorismus, der weltweit die Gemüter in Panik versetzt, sondern einfach in seiner Wortbedeutung. Terror. Terreur- oder auf Deutsch übersetzt: Schrecken, Angst. „Terrorherrschaft“ hat übrigens in der Menschheitsgeschichte immer dann funktioniert, wenn es genügend skrupellose Machtmenschen an der Spitze und ausreichend verunsicherte, orientierungslose und vielleicht durch äußere Umstände verängstigte Massen an der Basis gab. Man betrachte nur einmal die Sklaverei, die Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution und den Holocaust als Beispiele. Mit einem ausgeglichenen Machtverhältnis und mehr echter Demokratie wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Das Schlimme ist: Geht man nach dem, was man sieht und hört, hat die Menschheit nichts dazu gelernt – also, rein gar nichts. Sind wir also alle nur „hoffnungslose Fälle“? Gibt es vielleicht gar keine „guten Menschen“, die nicht einfach nur offiziell auf „Gutmensch“ tun und im Grunde doch nur an sich selbst denken?

Haifischbecken soziale Netzwerke

Manchmal sieht die Welt "da draußen" schon ziemlich düster aus!
Manchmal sieht die Welt „da draußen“ schon ziemlich düster aus!

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an den Ausgangsgedanken dieses Beitrags anzuknüpfen – denn gerade in Zeiten des „Klickaktivismus“ tummelt sich so ziemlich alles an „besorgten Bürgern“, „Facebookphilosophen“ und selbsternannten Gutmenschen jeder Couleur (die dann doch zum Teil recht inaktiv werden, wenn es wirklich um Handlungen statt um Worte geht). In der ewigen Netzdemokratie, wo jeder jederzeit seine Stimme abgeben kann, treffen so die unterschiedlichsten Mentalitäten und Typen aufeinander, vertreten ihre Interessen, reiben sich aneinander und kriegen sich in die Haare. Im besten Fall tauchen wir digitalen Sinnsucher mit einer erweiterten Denkperspektive aus diesem Informationsmeer wieder auf, oder aber wir verbeißen uns an unserer eigenen Ideologie vom „besten Leben“, lassen keine anderen Meinungen oder Kompromisse zu und zerfleischen uns virtuell im multimedialen Haifischbecken. Das Entscheidendste – in Bezug auf den Nachrichtenfluss im Internet – ist jedoch die Frequenz der Informationen. Sprich: Alles verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, vor allem die schlechten Nachrichten. Nicht umsonst nutzen zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppen Facebook & Co als virtuelle Propagandamaschine; es war nie so bequem und einfach, Angstmeldungen zu verbreiten und sowieso schon verunsicherte Menschen zu „besorgten Bürgern“ zu machen. Das Netzwerk als Panikmaschine? Scheint bis zu einem gewissen Grad zu funktionieren – auch, weil die meisten von uns eben doch „Herdentiere“ sind und denken: „Was viele bestätigen, kann nicht falsch sein!“. Kann es eben doch – wie alle weiter oben genannten Beispiele belegen. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!
Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!

Nur eine Seite der Medaille

Doch das, was wir in den Medien sehen, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Um genau zu sein, zeigt es nur eine Seite der Medaille. Nur selten sehen wir Bilder von Menschen, die aktiv etwas verändern; von einem lachenden Kind, dem Forscher im Labor für erneuerbare Energien und dem freiwilligen Helfer im Krisengebiet. Und wenn doch, neigen wir dazu, diese „Bilder der Hoffnung“ zu verdrängen, weil wir zu sehr an das Leitmotto „Bad news is good news“ gewöhnt sind. Niemand wird als Einzelner für sich die Welt verändern, das wäre utopisch. Und es wäre auch naiv, so zu tun, als gäbe es diese ganzen Krisen und Katastrophen gar nicht. Doch wie das Kaninchen vor der Schlange zu zittern, bringt auf Dauer auch keine Lösung für all das, was uns (mehr oder minder entscheidendes) Problem präsentiert wird. Für mich selbst habe ich inzwischen einen realistischen Ansatzpunkt gefunden, um das „Gute“ im Menschen wieder zu finden. Ganz nach einem alten Pfadfindermotto halte ich mich an das Prinzip: Tue jeden Tag mindestens einmal etwas nur für andere, ohne an deinen Vorteil zu denken. Es mögen kleine Schritte sein – aber wenn sie jeder geht, können auch die eine Menge bewirken. Um zurück zu den Medien zu kommen: Hätte ich als Medienschaffende und auch Konsumentin einen Wunsch für die generelle Berichterstattung frei, wäre dieser: Zeigt nicht nur Probleme, sondern vor allem Lösungen!

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Alfred Lichtenstein Ω Ich! Bekenntnisse einer schönen Seele

Alfred Lichtenstein
Ich!
Bekenntnisse einer schönen Seele

Ich habe Schuhe ganz aus Lack
Und eine Krone in dem Schlips
Und einen hochfeudalen Frack
Und manchmal einen – Schwips

Und hab ein Äuß’res voller Schneid
Und hab ein geistreiches Gesicht
Nur eine ganze Kleinigkeit –
Gedanken hab‘ ich nicht

Ich lese Klopstocks Oden noch
Und esse gerne grünen Aal
Und bin nicht Schuster, bin nicht Koch
Und bin auch nicht – normal

Ich hab‘ nie ein Gedicht gemacht
Nicht einmal einen winz’gen Vers,
Hab auch noch keinen umgebracht
Nun kurz: ich bin pervers.

Refrain: Das klingt zwar etwas komisch
Doch stimmt es ganz genau.
Und wenn Sie’s mir nicht glauben
Dann fragen Sie meine Frau.

Paris Ω Stadt der Liebe und der Denker – Mit einer Erzählung von Theodor Wolff: Frühlingsbilder

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 Theodor Wolff: Pariser Tagebuch Ω Frühlingsbilder

Zum ersten Male wieder seit Jahren haben wir einen richtigen Frühling, einen Frühling, der nicht zu heiß und nicht zu kalt ist, mit einem Wort: den berühmten Pariser Frühling. Im Bois und auf den Hügeln von Saint-Cloud und Mendon, in den Squares und den vielen öffentlichen Gärten, im Jardin du Luxembourg, im Parc Monceau, auf den Buttes Chaumont und in den Champs-Elysées leuchtet und schimmert in unerschöpflicher Fülle das helle, jugendfrische Grün, und auf den Quais an der Seine, auf den Boulevards und in all den breiten Avenuen spaziert man unter grünen, leicht im Winde bewegten Laubdächern. Es ist unbestreitbar ein sehr lieblicher Lenz.

Die Mütter, die auf dem linken Seineufer zu Hause sind, führen ihre Kinder in den großen Garten des Palais du Luxembourg. Unter den alten Bäumen, zwischen den geschwärzten Denkmälern längst vermoderter Königinnen und den noch säuberlich weißen Marmorbüsten Murgers, Baudelaires und anderer Poeten hopsen die kleinen Mädchen über das Springseil, bauen die kleinen Knaben aus den Gartenstühlen Eisenbahnzüge und Burgen. Die Damen dieses soliden Stadtviertels, die Gattinnen der Professoren von der nahen Sorbonne und die Frauen der Kaufleute aus der Umgegend, sitzen plaudernd in harmonischen Gruppen beieinander und sticken Deckchen mit schwierigen und kunstreichen Mustern. An einer Stelle des Gartens spielen zwanzig oder dreißig ältere Herren, zufriedene Handwerksmeister, die in heiterer französischer Sorglosigkeit ihre Kundschaft warten lassen, ernst, würdevoll und in Hemdsärmeln Croquet, und zweihundert Gaffer, die an diesem Frühlingstage auch keinen Arbeitsdrang verspüren, machen ihre lobenden oder tadelnden Bemerkungen. Dann und wann kommt ein Student mit seiner stupsnasigen Freundin, die ihm hilft, Ovids »Liebeskunst« praktisch anzuwenden.

Wie in fast allen öffentlichen Gärten und fast allen Parkanlagen von Paris gibt es im Jardin du Luxembourg für die Kinder Karussells, Schaukeln, Kuchenbuden und einen Guignol. Der Guignol, das Kasperletheater, ist ein wenig aus der Mode, und die ewig gleichen Späße des Repertoires und die ewig gleichen Bewegungen der Puppen locken kaum noch die Zaungäste heran. Aber wenn der Regisseur des Puppentheaters die Trommel rührt, machen die unzähligen Kinder ringsumher im Garten noch vergnügtere Gesichter. Die kleinen Mädchen hopsen noch schneller über das Seil, das eine gute Großmutter dreht, die kleinen Knaben reiten Galopp auf den Gartenstühlen, die Hosenmätze stolpern, turkeln und trudeln eifrig durcheinander, und selbst die Babys in den Kinderwagen strampeln ausgelassen und beglückt. Von der Musik verlangt man in diesen Kreisen weniger Abwechselung als von der dramatischen Kunst.

Der Jardin du Luxembourg ist der Garten der Kinder und der Philosophen. Sainte-Beuve und Michelet promenierten, Erholung suchend, in diesen Alleen, und der alte Sylvestre Bonnard, dessen Abenteuer Anatole France geschildert, sitzt unter der Statue Margaretens von Navarra und hört zu, was die pietätlosen jungen Studenten schwatzen. Der Jardin du Luxembourg ist eine Welt für sich, er ist eine der tausend Welten, die zusammen Paris bilden. »In den entlegenen Provinzen«, hat Rousseau gesagt, »muß man den Geist und die Sitten einer Nation studieren.« Aber Paris selber umschließt heute so viele »entlegene Provinzen«, daß jeder, der den Geist der Nation zu studieren wünscht, sich die weitere Reise sparen kann.

Man muß schon lange durch die Welt fahren, wenn man zwei Schauspiele finden will, die verschiedenartiger, einander fremder wären als ein Frühlingsnachmittag im Jardin du Luxembourg und ein Frühlingsmorgen im Bois. Um diese Morgen, oder besser gesagt um diese Vormittagsstunden ist das Bois, das seinen Charakter mit jeder Tageszeit wechselt, das Paradies jener zahllosen Leute, die durch keine anderweitige Tätigkeit an der Befriedigung ihrer eleganten Neigungen verhindert werden. Die Equipagen sind am Morgen weniger zahlreich als vor der Dinerstunde, und das ungeheuerliche Wagengewühl, das sich am Sonntag und an den großen Renntagen stundenlang durch alle Alleen ergießt, darf man am Morgen nicht suchen. Aber dafür tritt am Morgen jedes einzelne Gespann, jede einzelne Figur deutlicher heraus, die Pferde traben freier, die Automobile sausen schneller, und ganze Schwärme von Reitern und Reiterinnen galoppieren vorüber. Ein leichter Lufthauch kräuselt den langgedehnten See und schaukelt die Baumkronen auf den Ufern und die bunten Blumen auf der Insel; von den sauberen gelben Wegen und Fahrstraßen wirbelt noch kein Staub empor, und überall auf den grünen Blättern glitzern die Sonnenfünkchen wie die Silberpailetten auf einem Damenkleide.

In einer Allee des Bois, der sehr langen und breiten Allee de Longchamps, die gewöhnlich »Akazienallee« genannt wird, finden sich gegen elf Uhr die ehrenwerten Personen zusammen, die aus angeborener Neigung, oder aus praktischen Gründen Wert darauf legen, gesehen zu werden. Was um diese Stunde sich dort in Grazie produziert, ist weder die Pariser Gesellschaft noch selbst die höhere Pariser Demimonde, es sind zumeist nur Leute, die beweisen wollen, daß sie es nun auch so weit gebracht haben. In fürstlich bespannten Equipagen, in Automobilen, die jeden Kenner begeistern, sitzen zu schön frisierte Jünglinge mit parfümierten Schnurrbärten, Kollegen von Maupassants »Bel ami«. Kaum flügge gewordene Sprößlinge der Millionärsfamilien und fremdländische Debütanten, für die das alles noch den Reiz der Neuheit hat, paradieren blasiert oder strahlend vor der Damenwelt. Mit langwehenden grünen und grauen Schleiern oder mit flatternden rotgelben Federbüschen am Hut, perlenbehängt, steif, sorgfältig auf den Effekt bedacht, lenken die Vertreterinnen des galanten Großbetriebes ihre Pferde vorüber. Andere, unnatürlich rosig wie Wachsfiguren, genießen die Natur in geschlossenen Wagen, und alle, die Rosselenkerinnen und die Figuren im Glaskasten, haben zwei, drei oder vier Hunde bei sich, ausstellungsreife Musterexemplare von Hunden. Und hin und wieder kommt eine ganz Alte, die der Welt mitteilen will, daß sie auch noch da ist, die sich den Wagen und den Rest geborgt hat, und so arm ist, daß ihr nicht einmal ihre Zähne gehören.

Würden nicht vergnügte Reiter auftauchen, die aus anderen Teilen des Bois herantraben, würde nicht eine junge Dame mit einem kleinen Dreispitz auf dem Haupt, die nach Herrenart reitet, mit ihrem Diener vorübergaloppieren, würden nicht auf den Wegen zu beiden Seiten der Straße auch noch Leute promenieren, und würden nicht die Vögel singen, man könnte wahrhaftig glauben, in einem Marionettentheater zu sein, in dem alles mechanisch geregelt ist. Nur in Konstantinopel, an den süßen Wassern, wo die immer lächelnden Haremsdamen in ihren großen Kutschen herumfahren, hat man eine ähnliche Empfindung. Martial hat gesagt: »Zwei Drittel von Messalina liegen in Schachteln aufbewahrt.« Die Akazienallee im Bois ist am Morgen bevölkert von Messalinen, und alle Schachteln sind dem Frühling zu Ehren ausgepackt.

* * *

Gar nicht weit vom Bois, dort, wo der Weg an den alten Stadtwällen entlang nach Neuilly hinüberführt, befinden sich eng nebeneinander zwei umzäunte Sportplätze, die beide über dem Eingang die fremdartige Aufschrift tragen: »Ratodrom«. Es ist wirklich merkwürdig, welche Berufszweige sich in Paris herausbilden, und wovon die Leute mitunter leben. Die Besitzer der beiden »Ratodrome« verdienen ihr tägliches Brot, indem sie Ratten einfangen und dann für die herrschaftlichen Hunde, die sich das leisten können, genußreiche Rattenjagden veranstalten.

Zu diesem Zweck ist ein nicht allzu großes Terrain mit einem Drahtgitter umgeben, das hoch und dicht genug ist, um ein Ausbrechen des Wildes zu verhindern. Höhlengänge und Wassergraben sollen dazu dienen, die Jagd noch spannender und interessanter zu gestalten, und es muß in der Tat ein schöner Moment sein, wenn aus dem Inneren der Höhle das Todesquieken der Ratte heraufdringt. In einem erfreulicherweise dicht umgitterten Stall schlug, als ich den Ratodrom betrat, gerade die Gattin des Direktors mit einem Stock auf einen Haufen, der aus Mist, Lumpen und stinkenden Pferdedecken zu bestehen schien. Die Decken bewegten und wölbten sich unheimlich, und überall huschten und raschelten feiste, feuchte, graue und schwammige Lebewesen hervor, die Ratten der Frau Direktorin.

Es fand sich zum Glück ein Mann aus der Nachbarschaft, ein Stück Stallmeister oder Wagenverleiher, der seinem Hunde ein Jagdabenteuer gönnen wollte. Dieser Hund war ein struppiger Pudel, ein trauriger und häßlicher Pudel mit gutmütigen, sentimentalen Augen. Sofort war es klar, daß dieser Hund einen unsagbaren Widerwillen gegen Rattenjagden empfand, daß ihm das ganze Institut verhaßt und das Vergnügen durchaus kein Vergnügen war. Er versuchte wiederholt, zu entwischen, wedelte unruhig mit dem Schwanz, senkte das Haupt, und litt ersichtlich an absoluter Appetitlosigkeit oder gar an einem übrigens begreiflichen Übelbefinden.

Indessen, der Hund mußte wider seinen Willen das Vergnügen auskosten und wurde auf das Jagdterrain gesetzt, nachdem ein Angestellter vorher eine Ratte losgelassen hatte. Die Ratte, die betäubt und lichtscheu zu sein schien, und der Pudel, der immer unglücklicher aussah, blieben jeder auf seiner Seite und suchten verstört nach einem Ausweg. Aber der Hundebesitzer fühlte sich bei diesem Anblick in seiner Ehre gekränkt und trieb den Pudel vorwärts, der nun mit dem Mute der Verzweiflung auf die Ratte lossprang, sie beim Fell packte und mit schmerzlichem Gurgeln würgte. Der Kampf war nicht sehr lang gewesen und nicht sehr rühmlich, und der Pudel ließ die Ohren hängen wie jemand, der im tiefsten Inneren sich seiner Handlungsweise schämt.

Ich weiß nicht, warum mir bei diesem Schauspiel Tolstoi einfiel und eine Stelle aus »Krieg und Frieden«, in der dieser größte aller Russen auseinandersetzt, daß die Armen sich immer sozusagen bewußtlos in den Kampf stürzen. Man redet ihnen immer ein, daß es ihr Jagdvergnügen sei, und jeder muß sich bei klarem Bewußtsein sagen, daß es eingeredetes Vergnügen ist. Aber während ich noch an Tolstoi und an »Krieg und Frieden« dachte, kam ich zur Porte Maillot, am Rande des Bois, und sah an einer Straßenecke eine jener Menschenmengen, die sich in Paris überall sammeln, wo einer der redseligen und amüsanten Marktschreier und Verkäufer seinen Standort gewählt hat. Einen Augenblick lang glaubte ich, daß der geschätzte Zeitgenosse, der ein Zahnpulver feilbietet und den Pariser Straßenjungen auf seinem hohen Podium die Zähne putzt, diese Menge versammelt habe. Doch das war, wie sich bald ergab, ein Irrtum.

Der Mann, der mitten in dem aufhorchenden Kreise stand, verkaufte, wie ich ohne lange Umschweife sagen möchte, ein Mittel zur Entfernung von Hühneraugen. Er hielt die übliche Ansprache, in der er betonte, daß die Geburts- und Geldaristokratie sich eifrig seines Mittels bediente, und daß die höchsten Persönlichkeiten sich flehend um seinen Beistand bemühten. Er hatte mehrere Stühle, auf denen verheißungsvoll einige ziemlich saubere Servietten lagen, vor sich hingesetzt und, nachdem er eine Weile lang gesprochen, forderte er die Umstehenden, die der Schuh drückte, eindringlich auf, Platz zu nehmen und sich die Operation gefallen zu lassen.

Eine Weile lang blieb alles stumm, und ein jeder blickte nur zweifelnd und unschlüssig auf seine Füße nieder. Dann löste sich, halb freiwillig und halb von dem Verkäufer gezogen, ein altes Weiblein aus der Menge, eines von jenen verschrumpelten alten Weiblein, jenen »petites vieilles«, die Baudelaire besungen hat. Die Alte stellte das Körbchen, das sie am Arme trug, auf die Erde, setzte sich auf einen der Stühle und zog mit zittrigen Händen den armseligen Rock ein wenig hinauf. Und immer zaghaft, altersschwach und zittrig, streckte sie den Fuß vor sich hin, den dürren Ast, an dem in diesen warmen Frühlingstagen ein neues Knospen begonnen hatte.

Ich will nicht sagen, wie der Verkäufer den Fuß von jeder Hülle befreite, und was es dabei alles zu sehen gab. Vielleicht hatte dieser Fuß einmal in seidenen Schuhen getanzt, vielleicht war er auch einmal fein und graziös gewesen, aber es war nichts davon übrig geblieben. Nach der alten Frau nahm ein alter Mann auf dem Operationsstuhle Platz, und die Menge, die herumstand, blickte halb belustigt zu und halb neidisch. Dreihundert Schritte davon, im Bois, jagten die Equipagen und Automobile, gaben der Luxus, der Reichtum und die Eitelkeit eine glänzende Festvorstellung. Und die milde Frühlingssonne, die wie jede gute Regierung sich eines allgemeinen Wohlwollens befleißigt, streichelte unparteiisch die Pausbacken der Kinder, die Perücken der Messalinen und die großen Füße der kleinen Leute.

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen – Maria Aronov

Die Offenlegung der Seele und deren Folgen

– Am Beispiel von Lermontov und Jessenin – trennlinie2

Obwohl zwischen den Dichtungen von  Lermontov und Jessenin circa 80 Jahre dazwischenliegen weisen diese viele Gemeinsamkeiten auf. Nicht nur die Machthaber des Landes als gemeinsamer Feind beider, sondern auch die Empfindung der Welt und des Lebens verbindet sie.
Ihre Dichtungen unterscheiden sich in der Wortwahl und Sprache. Beide Dichter schreiben sehr melodisch und drücken auf ihre Art und Weise ihre Gefühle und Beobachtungen aus. Der Reim in Verbindung mit einem tiefen Gefühl ist das, was einen unvergesslichen Dichter ausmacht. Diese Gabe war Jessenin und Lermontov eigen.
Der vom Land aus einer Bauernfamilie stammende Poet Jessenin schreibt nicht nur über die Natur, der er durch die dörfliche Landschaft hautnah begegnen konnte, es entwickelt sich in den Gedichten des jungen Genies eine sanfte Melancholie, die er durch eine relativ einfache Wortwahl so zum Schein bringt, dass sie die Herzen der Leser bis ins Innerste trifft.
Viele seiner Gedichte enthalten nicht nur präzise Beobachtungen der Außenwelt, sondern sind autobiografisch. Der Dichter öffnet sein Herz und erzählt weise über seine tiefe Einsamkeit, seine gescheiterten Beziehungen und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Er verwendet dabei oft die „ich-Form“ oder die direkte Anrede an die Person, der er seine Gefühle offenbart.
Eins seiner schönsten Gedichte „So erschöpft war ich noch nie“ befasst sich mit der Vergänglichkeit des Schönen und der damit verbundene Enttäuschung  im Leben. Er schreibt darüber, wie erschöpft er von seinem unglücklichen Sein ist. Seine Liebesgeschichten, die er als „die dunkle Macht“ bezeichnet, sollen ihn lediglich zum Wein verführt haben, doch seine wirklichen Sehnsüchte blieben ungestillt.
Er betont in diesem Gedicht, dass ihn in der Liebe die Leichtigkeit des Sieges nicht glücklich macht und auch der Betrug seitens seiner Partnerinnen nicht verletzt.
Auch in dem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, spricht er von der einen Begegnung, die niemals stattfinden wird.
Lermontov_JesseninIm  oben erwähnten Gedicht „So erschöpft war ich noch nie“ nutzt er als Metapher für die Vergänglichkeit der Zeit den Ausdruck „die goldenen Haare“, die sich nach und nach in Graue verwandeln. Obwohl die Zeit schnell verfliegt, bereut er die vergangenen Jahre nicht, er will nichts zurückholen, denn er ist müde von den Qualen des Lebens, das ihm beigebracht hat, nach Außen ein aufgesetztes Lächeln und im Inneren das stille Licht und die Ruhe eines Toten zu tragen.
Seinen Respekt erweist er der Natur und erinnert sich an die Landschaft in dem Dorf, wo er aufgewachsen ist.
Der Mensch betoniert die Natur ein, es wird ihr Quasi eine Zwangsjacke angelegt, sodass sie sich nicht frei entfalten kann und als ihr Teil wandelt Jessenin auch hin und her, weil die Verfolgung ihn dazu zwingt.
Nicht nur die Veröffentlichung seines Werks „Das Land der Schurken“, sondern auch durch die Offenlegung seiner Seele vor der Welt in seinen Dichtungen stellt Jessenin seine große Courage unter den Beweis.
Doch nicht nur seine Gedichte enthalten eine melancholische Ader. Auch Lermontov, der mystische Dichter, erzählt in seinen Gedichten von der Einsamkeit und der Finsternis der Welt.
Im Gegensatz zu Jessenin benutzt er dabei nicht die Ich-Form, seine Ausdrucksweise ist gehoben und er spricht in Bildern, präsentiert oft Gestalten, drückt in seinen Gedichten aber ebenfalls nicht nur seine Wahrnehmung der Welt aus, sondern auch sein Inneres und die ihm widerfahrenen Erfahrungen.
Zwei seiner bekanntesten Gedichte sind „Der Engel“ und der „Dämon“.  Im ersteren spricht er darüber, wie ein Engel seine Seele in den Händen auf die Erde trägt, er singt dabei über Gott und das Gute, doch die Welt voller Tränen und Trauer sorgt dafür, dass der Engel am Ende zwar noch existiert, aber seine Seele zerstört ist, denn ihr wurden die Worte genommen. Sie soll schweigen.
Diese Aussage deutet darauf hin, dass dem Menschen das Wort verboten wird, sodass er existiert, aber weder seinen Kummer noch seine Gedanken und Sorgen der Welt präsentieren kann, ohne dabei sein Leben zu verlieren. Doch ist eine solche Existenz überhaupt möglich?
Im letzteren wird erzählt, wie der aus dem Himmel vertriebene traurige Dämon über der sündigen Erde fliegt. Er fliegt durch den Nebel, überquert Wüsten, die ihm keine Gemütlichkeit bieten.
Über die Gemütlichkeit spricht Lermontov womöglich, weil diese dem Guten entspringt. Ein Heim kann nie gemütlich sein, wenn man darin nicht seine Seele hineinsteckt. Der Dämon als seelenloses Wesen kann sich also keine Gemütlichkeit schaffen und in der Wüste kann nur jemand ein Heim errichten, der in der Lage ist, dieser mit seiner Seele zu begegnen.
Auf seiner Reise als Herrscher über die Erde schafft der Dämon Böses und stößt nirgends auf Widerstand.
Über die Abwesenheit des Widerstandes gegen das Böse schreibt auch Jessenin in seinem Gedicht „Auf Wiedersehen, mein Freund, auf Wiedersehen“, indem er sich von seinem Freund, dem Fan, verabschiedet und gleichzeitig zeigt, wie einsam er in seiner Lage ist, da keiner mehr für ihn kämpft und den Mut dazu hat, gemeinsam mit ihm gegen das sowjetische Regime vorzugehen.
Lermontov stellt die Erde als eine Art Hölle dar, die dem Dämon dient. Die Offenheit und Reinheit der Seele werden zerstört, sobald man sie nach außen trägt. Die Welt, in der wir leben akzeptiert keine Melancholie und Güte, sie nimmt nichts an, was von der Seele kommt. Nur das Böse hat Macht über sie und gedeiht. Um ihm entgegentreten zu können, braucht man mehr Gutes in Form von wahrhaftigen Worten.
Beide Dichter wurden aufgrund ihrer Offenheit und ihres Mutes schon in ihren jungen Jahren dem Tode geweiht. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass in den dazwischenliegenden Jahren die Welt sich nicht verändert hat, sie hat es nicht gelernt, sich dem Guten zu widmen.
Vielleicht war das kurze Sein der beiden Genies auf der Erde ein Zweck, damit wir ihre Worte beherzigen und gemeinsam gegen den Dämon kämpfen.

Franz Kafka über die Eigentümlichkeit des & der Menschen

Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigentümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Eigentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfahren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch zu Hause daraufhin, die Eigentümlichkeit zu verwischen. Man erleichterte dadurch die Arbeit der Erziehung, erleichterte aber auch dem Kinde das Leben, allerdings mußte es vorher den Schmerz durchkosten, den der Zwang hervorrief.
Man wird zum Beispiel einem Jungen, der abends mitten im Lesen einer aufregenden Geschichte ist, niemals durch eine bloß auf ihn eingeschränkte Beweisführung begreiflich machen können, daß er das Lesen unterbrechen und schlafen gehn muß. Wenn man mir in einem solchen Fall etwa sagte, es sei schon spät, ich verderbe mir die Augen, ich werde früh verschlafen sein und schwer aufstehn, die schlechte dumme Geschichte sei das nicht wert, so konnte ich das zwar ausdrücklich nicht widerlegen, aber eigentlich nur deshalb nicht, weil das alles nicht einmal an die Grenze des Nachdenkenswerten herankam. Denn alles war unendlich oder verlief so ins Unbestimmte, daß es dem Unendlichen gleichzusetzen war, die Zeit war unendlich, es konnte also nicht zu spät sein, mein Augenlicht war unendlich, ich konnte es also nicht verderben, sogar die Nacht war unendlich, es war also keine Sorge wegen des Frühaufstehns nötig, und Bücher unterschied ich nicht nach Dummheit und Klugheit, sondern danach, ob sie mich packten oder nicht, und dieses packte mich.

kafka_Leitern_inneres_und_äußeresDas alles konnte ich nicht so ausdrücken, aber es hatte doch das Ergebnis, daß ich mit meinen Bitten, mir das Weiterlesen zu erlauben, lästig wurde oder mich entschloß, auch ohne Erlaubnis weiterzulesen. Das war meine Eigentümlichkeit. Man unterdrückte sie dadurch, daß man das Gas abdrehte und mich ohne Licht ließ; zur Erklärung sagte man: Alle gehen schlafen, also mußt auch du schlafen gehn. Das sah ich und mußte es glauben, obwohl es unbegreiflich war. Niemand will so viel Reformen durchführen wie Kinder. Aber abgesehen von dieser in gewisser Hinsicht anerkennenswerten Unterdrückung blieb doch hier, wie fast überall, ein Stachel, den keine Berufung auf die Allgemeinheit auch nur abstumpfen konnte. Ich blieb nämlich in dem Glauben, daß gerade an diesem Abend niemand in der Welt so gern gelesen hätte wie ich. Das konnte mir vorläufig keine Berufung auf die Allgemeinheit widerlegen, um so weniger als ich sah, daß man mir die unbezwingbare Lust zum Lesen nicht glaubte.
Erst allmählich und viel später, vielleicht schon bei Abschwächung der Lust, ging mir eine Art Glaube daran auf, daß viele die gleiche Lust zum Lesen hatten und sich doch bezwangen. Damals aber fühlte ich nur das Unrecht, das mir angetan wurde, ich ging traurig schlafen und es entwickelten sich die Anfänge des Hasses, der mein Leben in der Familie und von da aus mein ganzes Leben in einer gewissen Hinsicht bestimmt. Das Verbot des Lesens ist zwar nur ein Beispiel, aber ein bezeichnendes, denn dieses Verbot wirkte tief. Man erkannte meine Eigentümlichkeit nicht an; da ich sie aber fühlte, mußte ich – darin sehr empfindlich und immer auf der Lauer – in diesem Verhalten mir gegenüber ein Aburteilen erkennen. Wenn man aber schon diese offen zur Schau gestellte Eigentümlichkeit verurteilte, um wieviel schlimmer mußten die Eigentümlichkeiten sein, die ich aus dem Grunde verborgen hielt, weil ich selbst ein kleines Unrecht in ihnen erkannte.

Kafka_Tisch_LiteraturIch hatte zum Beispiel abends gelesen, obwohl ich die Schulaufgabe für den nächsten Tag noch nicht gelernt hatte. Das war vielleicht an sich als Pflichtversäumnis etwas sehr Arges, aber um absolute Beurteilung handelte es sich mir nicht, mir kam es nur auf vergleichsweise Beurteilung an. Vor dieser Beurteilung aber war diese Nachlässigkeit wohl nicht schlimmer als das lange Lesen an sich, besonders da sie in ihren Folgen durch meine große Angst vor der Schule und Autoritäten sehr eingeschränkt war. Was ich durch Lesen hie und da versäumte, holte ich bei meinem damals sehr guten Gedächtnis am Morgen oder in der Schule leicht nach. Die Hauptsache aber war, daß ich die Verurteilung, die meine Eigentümlichkeit des langen Lesens erfahren hatte, nun mit eigenen Mitteln auf die verborgen gehaltene Eigentümlichkeit der Pflichtversäumnis weiterführte und dadurch zu dem niederdrückendsten Ergebnis kam. Es war so, wie wenn jemand mit einer Rute, die keinen Schmerz verursachen soll, nur zur Warnung berührt wird, er aber nimmt das Flechtwerk auseinander, zieht die einzelnen Rutenspitzen in sich und beginnt nach eigenem Plan sein Inneres zu stechen und zu kratzen, während die fremde Hand noch immer ruhig den Rutengriff hält. Wenn ich mich aber auch damals in solchen Fällen noch nicht schwer strafte, so ist doch jedenfalls sicher, daß ich von meinen Eigentümlichkeiten nie jenen wahren Gewinn zog, der sich schließlich in dauerndem Selbstvertrauen äußert. Vielmehr war die Folge des Vorzeigens einer Eigentümlichkeit die, daß ich entweder den Unterdrücker haßte oder die Eigentümlichkeit als nicht vorhanden erkannte, zwei Folgen, die in lügenhafter Weise sich auch verbinden konnten. Hielt ich aber eine Eigentümlichkeit verborgen, dann war die Folge die, daß ich mich oder mein Schicksal haßte, mich für schlecht oder verdammt ansah. Das Verhältnis dieser zwei Gruppen von Eigentümlichkeiten hat sich im Laufe der Jahre äußerlich sehr geändert.

Die vorgezeigten Eigentümlichkeiten nahmen immer mehr zu, je näher ich an das mir zugängliche Leben herankam. Eine Erlösung brachte mir das aber nicht, die Menge des Geheimgehaltenen nahm dadurch nicht ab, es fand sich bei verfeinerter Beobachtung, daß niemals alles gestanden werden konnte. Selbst von den scheinbar vollständigen Eingeständnissen der frühem Zeit zeigte sich später noch die Wurzel im Innern. Aber selbst wenn das nicht gewesen wäre, – bei der Lockerung der ganzen seelischen Organisation, die ich ohne entscheidende Unterbrechungen durchgemacht habe, genügte eine verborgene Eigentümlichkeit, um mich so zu erschüttern, daß ich mich mit aller sonstigen Anpassung doch nirgends festhalten konnte. Aber noch ärger. Selbst wenn ich kein Geheimnis bei mir behalten, sondern alles so weit von mir geworfen hätte, daß ich ganz rein dastand, im nächsten Augenblick wäre ich dann wieder von dem alten Durcheinander überfüllt gewesen, denn meiner Meinung nach wäre das Geheimnis nicht vollständig erkannt und eingeschätzt und infolgedessen durch die Allgemeinheit mir wieder zurückgegeben und neuerdings aufgelegt worden. Das war keine Täuschung, sondern nur eine besondere Form der Erkenntnis, daß, zumindest unter Lebenden, sich niemand seiner selbst entledigen kann. Wenn zum Beispiel jemand einem Freund das Geständnis macht, daß er geizig ist, so hat er sich für diesen Augenblick dem Freund, also einem maßgebenden Beurteiler gegenüber scheinbar vom Geiz erlöst.

Es ist für diesen Augenblick auch gleichgültig, wie es der Freund aufnimmt, also ob er das Vorhandensein des Geizes leugnet oder Ratschläge gibt, wie man sich vom Geiz befreien könne, oder ob er gar den Geiz verteidigt. Es wäre vielleicht nicht einmal entscheidend, wenn der Freund infolge des Geständnisses die Freundschaft aufsagt. Entscheidend ist vielmehr, daß man vielleicht nicht als reuiger, aber als ehrlicher Sünder sein Geheimnis der Allgemeinheit anvertraut hat und hofft, dadurch wieder die gute und – das ist das Wichtigste – freie Kindheit wieder erobert zu haben. Man hat aber nur eine kurze Narrheit und viel spätere Bitterkeit erobert. Denn irgendwo liegt auf dem Tisch zwischen dem Geizigen und dem Freund das Geld, das der Geizige an sich bringen muß und zu dem er immer rascher die Hand hinbewegt.
Auf der Hälfte des Weges ist das Geständnis zwar immer schwächer wirkend, aber noch erlösend, darüber hinaus nicht mehr, im Gegenteil, es beleuchtet dann nur die sich vorwärtsbewegende Hand. Wirkende Geständnisse sind nur vor oder nach der Tat möglich. Die Tat läßt nichts neben sich bestehn, für die Hand, die das Geld zusammenscharrt, gibt es keine Erlösung durch Wort oder Reue. Entweder muß die Tat, also die Hand vernichtet werden oder man muß sich im Geiz …

Wörterbuch: P wie Phantasie – Die carta marina von 1539 – Ein Wunderwerk

Carta_Marina_1539_Olaus Magnus

Carta marina, eine Landkarte Nordeuropas von Olaus Magnus. Die Überschrift lautet: Seekarte und Beschreibung der nördlichen Lande und der dort vorkommenden wunderlichen Dinge, höchst sorgfältig gezeichnet in Venedig im Jahre 1539 mit großzügiger Unterstützung des Patriarchen von Venedig, des höchst ehrenwerten Herrn Geronimo Querini.

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Die „Seekarte und Beschreibung der nordischen Länder und deren Wunder, sorgfältig ausgeführt im Jahr 1539″ – Im Original: Carta marina et descriptio septemtrionalium terrarum ac mirabilium rerum in eis contentarum diligentissime eleborata anno dni 1539 – ist die früheste (und nach heutigem Standard einigermaßen korrekte) Landkarte Nordeuropas, die zahlreiche Details und Ortsangaben enthält.
Die Karte hat die Maße 1,70 m Breite × 1,25 m Höhe und wurde von dem schwedischen Bischof Olaus Magnus in zwölf Jahren Arbeit angefertigt. Die ersten Kopien wurden 1539 in Venedig hergestellt. Es gab lediglich neun Kopien, und da Papst Paul III. die Karte mit einer Art frühem, zehn Jahre währenden Copyright belegte, das die Weiterverbreitung verhinderte, geriet sie in Vergessenheit, nachdem sie 1574 von Josias Simler letztmals erwähnt wurde.

Erst 1886 entdeckte der Historiker Oscar Brenner eine Ausgabe der Karte in der Münchner Hof- und Staatsbibliothek. Eine zweite Karte wurde 1961 in der Schweiz entdeckt und 1962 in die Sammlung Carolina Rediviva der schwedischen Universität Uppsala eingegliedert.

Die ebenfalls von Olaus Magnus verfasste Historia de gentibus septentrionalibus stellt eine Landesbeschreibung Skandinaviens dar und entstand als Kommentarwerk zur Karte. Die Karte ist hierzu in 9 Felder eingeteilt, die die Buchstaben A bis I tragen.

Es sind nur wenige Karten Skandinaviens früheren Datums bekannt, wie die des Claudius Claussön Swart um 1427, und die des Jacob Ziegler aus dem Jahre 1532.

Quelle: wikipedia

Kafka und die Séance – Fragmente

In einer spiritistischen Sitzung meldete sich einmal ein neuer Geist und es wickelte sich mit ihm folgendes Gespräch ab:

Der Geist: Verzeihung.

Der Wortführer: Wer bist du?

Geist: Verzeihung.

Wortführer: Was willst du?

Geist: Fort.

Wortführer: Du bist doch erst gekommen.

Geist: Es ist ein Irrtum.

Wortführer: Nein, es ist kein Irrtum. Du bist gekommen und bleibst.

Geist: Mir ist eben schlecht geworden.

Wortführer: Sehr?

Geist: Sehr.

Wortführer: Körperlich?

Geist: Körperlich?

Wortführer: Du antwortest mit Fragen, das ist ungehörig. Wir haben Mittel, dich zu strafen, antworte also lieber, denn dann werden wir dich bald entlassen.

Geist: Bald?

Wortführer: Bald.

Geist: In einer Minute?

Wortführer: Benimm dich nicht so kläglich. Wir werden dich entlassen, wenn es uns …

Thomas Henry Huxley über das Unbekannte & Unerklärliche

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Zeichnung des experimentellen U-Boots „Steinhuder Hecht“, spätes 18. Jahrhundert. – Variante 2 – Museum Bückeburg

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Das Bekannte ist endlich, das Unbekannte unendlich;
geistig stehen wir auf einem Inselchen inmitten eines grenzenlosen Ozeans von Unerklärlichem.
Unsere Aufgabe ist es,
von Generation zu Generation ein klein wenig mehr Land trockenzulegen.

Thomas Henry Huxley – 1887

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Der Zweizeiler: Der Kuss Ξ Die Augen Ξ Die Abreise Ξ unvollendet

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Ariane legt eine Hand auf meine Schulter, und da, wo sie mich berührt, wird es warm. Und dann küsst sie mich unvermittelt auf den Mund. Sie schmeckt nach Wein, Salz und nach warmer Haut. Wir küssen uns, und dabei nehme ich ihre blaugefärbten Kontaktlinsen wahr. Welche Farbe haben ihre Augen?
Wir hören auf, uns zu küssen. Sie schaut mich an und sagt, wir sollten uns morgen Abend treffen. Das sagt sie wirklich. Dabei habe ich ihr erklärt, dass ich Morgen abreise.

© Oliver Simon 2015

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.

Erotik – Was ist das schon?!

Veröffentlicht doch mal wirklich erotische Texte. Diese Mail kommen immer wieder rein. Im Grunde gern, nur, was ist eigentlich erotisch? Ist das eine skalierbare Größe wie des Mannes Glücksbärchie?

Mit 14/15 Jahren fand ich es wahnsinnig erotisch, wenn wir in der Sportstunde eine bestimmte Lehrerin – Frau Böttcher – als Vertretung hatten. Die trug damals selbst beim Sport keinen BH…und wenn es ihr warm wurde, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke…. sowas bringt wohl nur pubertierende in Wallung.

Erotik ist für mich einfach nicht zu fixieren. In meiner Karriere als mehrfacher Ehemann ist mir nie bewusst gewesen, wie erotisch ein Steak vom Grill sein kann. Jetzt, als Single, der sich überwiegend von TK-Gerichten ernährt, üben Speisenkarten auf mich einen erheblich größeren Reiz aus, als  Playboy- oder Hustler-Hefte.

Tja, Erotik ist wohl eine sehr persönliche Angelegenheit. Wie sonst könnte es bei gleichem Anlass zu so
unterschiedlichen Reaktionen kommen?
Beispiel gefällig?!  Ich schlafe seit ewigen Zeiten nackt. Ist das erotisch? Eindeutig nein, wenn ich an die Kommentare meiner letzten Exfrau denke: “Zieh Dir was an, wenn du in´s Bad gehst, damit du dich nicht erkältest!”
Eindeutig ja, wenn ich an die Reaktion ihrer besten Freundin denke, als meine Ex im Urlaub war: “Lass uns doch zusammen duschen…”

Und momentan? Wenn meine Gespielin mich anruft: “Deine Stimme ist so, wie andere Männer gerne küssen können würden, deine Gedichte bringen mich näher an einen Orgasmus, als der Körper eines anderen Mannes…” Dann weiss ich, Erotik ist etwas was in dir passiert. Eine Sache, die ohne Kontrolle stattfindet. Und das eigentliche Objekt deiner Begierde ist das Gefühl, das in dir entsteht. Liebe ist Erfüllung, Erotik ist die Lust an deiner Lust.

Gastbeitrag von Matthias Renner – Stammgast bei Marvin.

Michael Jurjewitsch Lermontow – Mädchen haben wir…

Mädchen haben wir, ich weiß,
Ihre Augen sind wie Sterne;
Lieben, ja, das will ich gerne,
Doch nicht um der Freiheit Preis.
Wer sich einmal nimmt ein Weib,
Geht der ganzen Welt verloren,
Ach, und bald hängt er die Ohren
Gibt’s wohl lust’gen Zeitvertreib?

 


Michael Jurjewitsch Lermontow (1814 – 1841 (im Duell)), russischer Offizier, Schriftsteller und Lyriker, wurde zweimal strafweise in den Kaukasus versetzt, war Hauptrepräsentant der russischen Romantik nach Puschkin

Pauls Tagebuch œ Verstörende Gedankenketten œ Wenn Napoleon zur Position beim Liebesspiel wird

Es gibt Ausgangspunkte, die führen in die Irre. Alles beginnt mit folgendem Satz:

Er scheiterte in der Rolle des Napoleon. 

Da es sich im Gesamtkontext um eine Mann & Frau-Angelegenheit handelt, versuche ich zu ergründen, wie sich die Rolle eines Napoleon in der Beziehung auswirken mag:

Gedanke 1: Napoleons Verbannung zur Insel Melba.

Gedanke 2: Da ist ein Buchstabe zuviel: M – Also Elba.

Auguste_EscoffierGedanke 3: Pfirsaich Melba. Wie ging das nochmal?!  wikipedia hilft hier weiter:
Pfirsich Melba ist ein Dessert, das Auguste Escoffier der Sängerin Nellie Melba widmete, die von 1892 bis 1893 am Londoner Royal Opera House gastierte. Angeblich wurde das Dessert zu diesem Anlass erfunden. Escoffier kreierte damals ein Dessert für Melba, indem er pochierte Pfirsiche auf Vanilleeis setzte, serviert in einem aus einem Eisblock geschnitzten Schwan. Der Schwan bezog sich auf Wagners Oper Lohengrin, in der Nellie Melba brillierte. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Dessert – auch von Escoffier – noch nicht Pfirsich Melba genannt.  Unter dem Namen Pfirsich Melba servierte er das Dessert erstmals zur Eröffnung des Hotels Carlton in London im Juli 1899.

Zur Zubereitung wird pro Portion ein halber geschälter Pfirsich in Läuterzucker gedünstet, in einer Sektschale auf Vanilleeis gesetzt und mit Himbeerpüree überzogen. Häufig wird es mit Schlagsahne dekoriert und mit Waffeln serviert.

Gedanke 4: Ob die Sex hatten? Woher sonst die Mühen des Meisterkochs?

Gedanke 5: Wer war denn nun die Sängerin? Weiterlesen

Hugo Distler – Kleine Orgelchoral-Bearbeitungen, Op.8 No.3 – 1938

Hugo-Distler-1941Hugo Distler (* 24. Juni 1908 in Nürnberg; † 1. November 1942 in Berlin) war ein deutscher Komponist und evangelischer Kirchenmusiker. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920.

Der deutsche Komponist gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten evangelischer Chor- und Orgelmusik im 20. Jahrhundert, die er aus ihrer barocken Fixierung löste. HIer können Sie vier Stück aus den kleinen Orgelchoral-Bearbeitungen, Op.8 No.3 lauschen:

  1. Wie schön leuchtet der Morgenstern.

2. Vorspiel „Das alte Jahr vergangen ist“ (Neujahr)

3. Drei Vorspiele „Christe, du Lamm Gottes“ (Passion)

4. Vorspiel „Mit Freuden zart“ (Ostern)

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Mykola Leontovych – Carol of the Bells – Komponist aus der Ukraine

Klassik, die es zu entdecken lohnt….

Mykola_leontovychMykola Dmytrowytsch Leontowytsch (* 1. Dezemberjul./ 13. Dezember 1877greg.; † 23. Januar 1921) war ein ukrainischer Komponist, Chorleiter und Lehrer. Seine internationale Bekanntheit geht heute vor allem auf sein Werk Schtschedryk zurück, das 1936 von Peter J. Wilhousky auf Englisch unter dem Titel Carol of the Bells adaptiert wurde. In dieser Version zählt es heute, vor allem im angloamerikanischen Raum, zu den bekanntesten Weihnachtsliedern.

Nach einem theologischen Studium arbeitete Mykola Leontowytsch zunächst als Lehrer in den Gouvernements Kiew, Jekaterinoslaw (heute Dnipropetrowsk) und Podolien. Bald entschloss er sich aber zu einem Musikstudium, für das er Kurse in Sankt Petersburg und Kiew besuchte. Dort erwarb er sich schnell den Ruf eines versierten Chorleiters. Ab 1918 lehrte er am Konservatorium von Kiew und am Lysenko Institut für Musik und Schauspiel.Weiterlesen

Georges Seurat – Die Zirkusparade – Rhythmus

Georges Seurat - Die Zirkusparade - Eine Studie

Künstler: Georges Seurat
Entstehungsjahr: 1887/88 – Studie
Maße: 16,8 × 24,8 cm
Technik: Öl auf Holz
Aufbewahrungsort: Zürich
Sammlung: Stiftung Sammlung E.G. Bührle
Epoche: Neoimpressionismus
Land: Frankreich

Georges Seurat - Die Zirkusparade

 

Künstler: Georges Seurat
Entstehungsjahr: 1888
Maße: 99,7 × 149,9 cm
Technik: Öl auf Leinwand
Aufbewahrungsort: New York
Sammlung: Metropolitan Museum of Art
Epoche: Neoimpressionismus
Land: Frankreich

 

Tor Aulin – Akvareller – Vier Stücke für Violine & Klavier – Audio

Tor Aulin 1914
Tor Aulin 1914

Tor Aulin (* 10. September 1866 in Stockholm; † 1. März 1914 in Saltsjöbaden) war ein schwedischer Komponist.

Aulin studierte von 1877 bis 1883 am Stockholmer Konservatorium und von 1884 bis 1886 in Berlin bei Émile Sauret und Philipp Scharwenka. Von 1889 bis 1902 war er Konzertmeister an der Königlichen Oper in Stockholm, danach Dirigent des Stockholmer Konzertvereins und ab 1909 der Göteborger Symphoniker. Großes Ansehen genoss das von ihm 1887 begründete Streichquartett Aulin.
Aulin komponierte neben zahlreichen kleinen Werken für die Violine eine Violinsonate, drei Violinkonzerte und eine Orchester-Suite.

Wir stellen Ihnen hier folgende 4 Stücke aus Akvareller vor. Erstveröffentlichung: 1899

Idyll:

Humoresk:

Vaggsång (Berceuse):

Polska:

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Wörterbuch: E wie Endlos

Ferdinand Hodler - Der Blick ins Unendliche - Version 3 - 1903/04

trennlinie2Manchmal müsste man einfach ein Ende setzen.

EndeOhne Punkt, Komma, Wenn und Aber.
Keine Zeitung lesen, keine Mails abfragen, keine Internet-Seiten aufrufen, nicht mehr ans Telefon gehen. Radio aus, Kopf aus.

Ende

Ein Köfferchen packen, ganz klein nur und unnötig. Weil: Ende ist kein Ziel, an dem man einen Pullover für kalte Nächte braucht oder gar eine Unterhose zum Wechseln.
Ein Köfferchen als Alibi, damit man auf dem Weg zum Ende nicht aufgehalten wird. „Jaja, ich verreise, ein Pullover, für kalte Nächte, Sie wissen schon.“ – „Na, dann bis demnächst.“

Demnächst. Ich glaube, das liegt auch so kurz vor Ende.

Also schnappe ich mein Köfferchen und will los laufen, Richtung Ende. Dann stelle ich fest, dass ich gar nicht weiß, wo Ende denn genau ist. Und weil diese blöde Hure Hoffnung an meinen Haaren zerrt und mich zurückzieht, bleibe ich wo ich bin.
Bis das Ende sich zu mir setzt. Oder bis das Leben die Hoffnung kaputt gefickt hat.

Ende