Kategorie: Liebesleben

Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht.

So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)robezeit

Schwer planbar: Ein Leben in ständigeer "Probezeit"
Schwer planbar: Ein Leben in ständiger „Probezeit“

Neuer Job, neue Partnerschaft, neuer Wohnort – natürlich steht am Anfang alles eine Weile auf dem Prüfstand. Wird das „Leben auf Probe“ jedoch zum Dauerzustand, kann dies durchaus zu einem problematischen Lebensgefühl führen. Oder auch nicht? Das hängt ganz maßgeblich von den bisherigen Erfahrungen jedes Einzelnen ab.

Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert
Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert

Seit wir Menschen diese Welt bevölkern, befinden wir uns in einem andauernden Konflikt zwischen Sicherheitsbedürfnis und Neugierde. So entwickelten wir uns von Nomaden zu Ackerbauern und Sesshaften – dennoch, der Drang zum Weiterreisen blieb. Ansonsten wäre so mancher Kontinent der Welt wohl unentdeckt geblieben. Die „großen Entdecker“ der Welt wurden weithin als Pioniere der Menschheit gefeiert, seien es die bekannten Seefahrer, Vorreiter in Medizin und Naturforschung oder eben Entwickler technischer Neuheiten, mit für ihre Zeit revolutionären Erkenntnissen. Würden wir heute ohne Galileo Galilei immer noch an eine „Scheibenwelt“ glauben? Oder hätte jemand anders die Erkenntnis hervorgebracht und durchgesetzt, dass die Erde rund ist? Vermutlich schon – womöglich hätte die Menschheit dazu nur etwas länger gebraucht. Ein wenig Entdecker und Pionier steckt schließlich in uns allen. Nur: Wann reicht es uns eigentlich mit dem Streben nach dem Neuen?

Von Nesthockern und Zugvögeln

Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend
Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend

Sicher, neue Ufer locken und Veränderung löst ein angenehmes Kribbeln bei den meisten von uns aus. Stehen die Koffer, Umzugskisten oder das Auto dann aber vollgepackt da, gesellt sich auch gerne ein mulmiges Bauchgefühl hinzu. Ob die neue Stelle, die neue Wohnung oder die spontane Reise „einfach mal weg“ wirklich das halten, was wir uns davon versprechen? Noch zwiespältiger kann man sich fühlen, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Manche Trennungen oder Neuanfänge können ungeheuer schmerzhaft sein und doch befreiend. Es ist zum Beispiel immer hart, einen Schlussstrich unter Freundschaften zu ziehen, die einem einfach nicht mehr gut tun oder einem sogar schaden. Ist irgendein für uns radikaler Schritt hin zu einer Veränderung erst einmal getan, beginnt wieder die Suche nach besseren, passenderen Alternativen – und damit eine typische „Probezeit“ im Leben. Schaffen wir es, nach einer Scheidung allein zurechtzukommen und woanders wieder einen Anker zu finden? Wie wird es, wenn die beste Freundin auf einmal Hunderte von Kilometern weit weg wohnt und man schlicht andere Menschen kennenlernt? Und stellt sich das Häuschen mit Garten, das wir immer wollten, wirklich als das Optimum heraus, das wir erwartet haben? Ebenso wie für unsere persönlichen und wohnlichen Verhältnisse gilt der Zwiespalt des Neuen natürlich auch auf einer beruflichen Ebene. Auch hier gibt es das, was ich als „Nesthocker“ und als „Zugvögel“ bezeichnen möchte, gleichermaßen.

Fest verankert oder auf dem Sprung?

Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung - ein ewiger Menschheitskonflikt
Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung – ein ewiger Menschheitskonflikt

Gehen wir eine oder zwei Generationen zurück, war der Lebensplan klar: Lehre, Ausbildung, vielleicht ein Studium. Dann der erste Arbeitgeber, der für viele Berufstätige auch der letzte bleiben sollte. Auch heute noch wählen manche Sicherheitsbedürftige diesen Weg, wenn er ihnen denn offen steht. Egal, ob auf Zeit „befristet“ oder auf Dauer – durch die Probezeit müssen alle durch. Eine Zeit, die je nach Arbeitgeber und Betriebsklima durchaus zu einer Zitterpartie werden kann. Doch nicht nur Unternehmer, sondern auch der Berufstätige selbst kann zu einem unsicheren Kandidaten werden – nämlich dann, wenn er freiwillig wieder abspringt. So weit, so alltäglich, doch was bedeutet eine zunehmende Befristung in vielen Branchen, eine „verlängerte Probezeit“, denn nun konkret für das Leben eines Menschen und was sagt dies über unseren Zeitgeist aus? Fest steht, dass immer weniger fest steht, und dass das unsere Lebensplanung als Arbeitnehmer, Selbstständiger, Familienmensch, Freund und (potenzieller) Liebespartner ziemlich beeinflussen kann. Wie stabil wir unsere Pläne privat und im Beruf gestalten (können), entscheidet letztendlich mit darüber, ob wir uns fest verankern oder ein abenteuerliches Leben auf dem Schleudersitz führen. Ein einfaches Beispiel dafür liegt in unserer aktuellen Demografie und der niedrigen Geburtenrate, die einer großen Zahl von alten Menschen entgegensteht. Denn: So alternativ und modern sich die „Generation Probezeit“, also die der jungen, ehrgeizigen Arbeitnehmer, auch sonst gibt – in Sachen Familiengründung setzen aktuellen Umfragen zufolge viele Menschen „in den besten Jahren“ nach wie vor auf ein dauerhaftes, sicheres Einkommen als Basis für eine langfristige Zukunft und auf eine erprobte Partnerschaft, die auch größere und kleinere Krisen überstehen kann. Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch auf anderen Wegen glücklich werden kann – schließlich sind die eigenen Kinder auch für Alleinerziehende oder Arbeitssuchende immer eine Lebensbereicherung!

Alles auf Probe

Jagen wir mit unserem Pferfektionismus nur Phantomen hinterher?
Jagen wir mit unserem Perfektionismus nur Phantomen hinterher?

Dass uns unsere Zeit zuweilen recht schnelllebig vorkommen kann, liegt einerseits an uns selbst – die Zahl derer, die als „Perhappies“ (vom englischen „perhaps“ und „happy“ = dt: „vielleicht“ und „glücklich“) Schwierigkeiten haben, endgültige Entscheidungen zu treffen, steigt gefühlt im Alltag an. Egal, ob es um etwas Banales wie das Restaurant für den Samstagabend oder um die Erhaltung der Partnerschaft nach einem Konflikt oder Anlaufschwierigkeiten geht. Kurz: Häufig steht der angestrebten Beständigkeit der Drang entgegen, immer noch etwas Passenderes, Besseres zu finden, anstatt einfach einmal zufrieden zu sein mit dem, was wir haben. Andererseits und zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass die Welt um uns herum es uns auch wirklich nicht leicht macht, sich über kleine Erfolge und die alltägliche Zufriedenheit zu freuen. Überall blinken uns verführerische Werbetafeln entgegen; Bilder in Magazinen und im Internet versprechen uns ein noch besseres, perfektes Leben; Partnerportale werben mit dem 100-Prozent-Match, Headhunter und Karriereportale mit dem idealen Job. Und so berechtigt es ist, hin und wieder seine Werte und Ziele zu hinterfragen und eine „Zufriedenheitsbilanz“ zu ziehen, müssen viele von uns sich doch am Ende eingestehen, dass ein „Leben auf Probe“ ihnen zwar kurzzeitig einen Kick gibt, sie aber auf Dauer nicht glücklich machen kann. Frust kommt vor allem dann auf, wenn die große Flexibilität, die gerade im Berufsleben heute gefordert wird (natürlich vor allem seitens des Arbeitnehmers, versteht sich), all diese eigentlich Sesshaften dazu zwingt, gegen ihren Willen ein Nomadenleben mit immer neuen Wohnorten, Jobs, Freunden und Partnern zu führen, weil bestehende Bindungen beizeiten der großen Entfernung nicht standhalten.

Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen
Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen

Zufriedenheit bedeutet eben auch, eine Wahl zu haben, wie man sein Leben gestalten möchte – denn ist man nicht religiös, hat man wirklich nur eines davon. Egal, ob man gerne jahrelang per Work&Travel durch die Welt zieht und Südamerika dabei als Rucksacktourist bereist oder doch lieber zu Hause bleibt, jeden Werktag in sein Büro geht und eine Familie gründet. Eigentlich sind wir jungen Leute gar nicht so anspruchsvoll, wie häufig von älteren Generationen beklagt wird. Wir wollen unsere Ziele auch nur aus eigener Kraft erreichen können und nicht ständig bei Null anfangen müssen. Schließlich ist das Leben kein Videospiel – ein Level überspringen oder wiederholen ist einfach nicht drin.

Cats Couch: Vater werden ist (doch) schwer!

Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer
Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“- ein bewährtes Sprichwort, das viele Männer aus dem Wortschatz ihrer eigenen Eltern und Großeltern kennen. Aber stimmt das in allen Fällen? Wohl kaum – werdende Väter müssen ebenso wie ihre Partnerinnen eine Menge mitmachen und ihr Anteil an der Schwangerschaftszeit und an den ersten Monaten mit Baby wird häufig unterschätzt.

Überall liest man in den sozialen Medien massenhaft über Schwangerschaft, Geburt und Stillen – als reine Frauenthemen. Das kann sehr praktisch sein, wenn man sich einfach über den derzeitigen Status Quo des Ungeborenen während der Schwangerschaft, eventuelle Schwierigkeiten und Lösungen und Erfahrungen anderer Mütter informieren möchte. Besonders, seit mein Mann und ich selbst ein Kind erwarten, bemerke ich immer wieder, wie sehr der Fokus meiner Umwelt sich auch auf die kleine Maus richtet, die da bisher unbehelligt in ihrer Fruchtblase heranwächst. Bis zu einem bestimmten Grad an Privatsphäre genieße ich das, denn es zeigt mir, dass ihnen allen etwas an „uns“ liegt. Manchmal fühle ich mich als werdende Mutter allerdings geradezu erschlagen von all den Ratschläge, Ideen und Fakten rund um diese Zeit voller neuer Herausforderungen und Überraschungen. Und ich vermisse gerade im medialen Kontext häufig eines: die Einbeziehung des Vaters, der ja in der Regel alles andere als unbeteiligt am „Projekt Kind“ ist.

Mehr als nur Erzeuger

Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft
Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft

Zugegeben, es gibt nicht wenige Fälle, in denen sich die Rolle des werdenden Vaters wirklich auf die eines Erzeugers und „Samenspenders“ beschränkt und wir Frauen für alles Weitere komplett allein verantwortlich sind. Zum Beispiel, wenn, abgesehen von finanzieller Unterstützung nach der Geburt, von Seiten des männlichen Partners absolut das Interesse am eigenen Kind fehlt. Oder wenn ein Kind „anonym“ durch eine Samenbank entsteht und „Mama in spe“ aus Prinzip keine Elternbeziehung mit dem Spender eingehen, sondern es allein erziehen möchte. Dennoch sollte den Männern, die sich vomn Beginn an als Väter einbringen, mehr Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht werden. Denn häufig wird bei aller Konzentration auf Mutter und Kind vergessen, was eigentlich ihr Partner bei Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit an Unterstützungsarbeit leistet. Ganz nach dem Motto: „An der Seite jeder entspannten Mutter steht ein engagierter Mann“ (oder in lesbischen Beziehungen eben eine zweite Frau – was ebenso viel Respekt verdient). Auch wenn die Verantwortung für ein neues Leben im Mutterleib, die Geburt und eventuell auch das erste Bonding nach wie vor weitgehend „Mamasache“ sind, tun unsere Partner dennoch eine ganze Menge, um uns all dies zu erleichtern!

Wofür wir dankbar sein können …

Mächtig unausstehlich: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden
Mächtig launisch: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden

Der Fels in der Brandung. Auch, wenn ich mich selbst eher zu den rationalen und „unkomplizierten“ Schwangeren zählen möchte, weiß ich, dass diese Zeit für andere Frauen eine sehr emotionsgeladene mit zahlreichen überschäumenden Gefühlen ist. Dabei wird oft und gerne vergessen, dass auch der Partner sicherlich seine ganz eigenen Unsicherheiten, Zweifel und Ängste hegt und die werdende Mutter damit nur nicht belasten will. Dabei sind diese sicherlich ebenso relevant und ernst zu nehmen wie die jeder hormonbelasteten Schwangeren – es lohnt sich also, über den eigenen Babybauch hinaus zu schauen und sich damit auseinanderzusetzen.

Wunder sind gratis und Unmögliches wird sofort erledigt. Während manche Zeitgenossin der Geburt und der ersten Zeit mit Baby eher gelassen und geplant entgegensieht, kann manch andere Schwangere, ohne es zu wollen, zu einem wahren Hausdrachen werden. Sie zufriedenstellen? Eine „Mission Impossible“, an der jeder Actionheld verzweifeln würde. Übrigens genießen die Partner jener Frauen, die unter dem Einfluss von Hormonen zu wahren „Mamamonstern“ mutieren, mein volles Mitgefühl und meinen Respekt für ihre Nervenstärle bei einem solchen Drahtseilakt. Es ist sicherlich nicht einfach, sich ständig mit Heulkrämpfen, „ich will aber Erdbeeren“-Trotzmomenten und Wutanfällen aus dem Nichts herumzuschlagen und dabei noch ein gelassener, liebevoller Freund oder Ehemann zu bleiben.

Auch mein Msnn und ich freuen uns schon auf unser "Kätzchen"
Auch mein Mann und ich freuen uns schon auf unser „Kätzchen“

Neue Aufgaben – höherer Einsatz. Je weiter Kind und Vorfreude wachsen, desto eingeschränkter werden wir werdenden Mütter in dem, was uns körperlich noch möglich ist. Dies bedeutet auch eine Menge mehr Einsatz für den Partner, denn zum Beispiel das Heben schwerer Gegenstände (auch Einkaufstüten) über fünf bis zehn Kilogramm, manche Haushaltstätigkeit, die mit Bücken oder Strecken verbunden ist oder längere Fußwege und Treppensteigen ohne Verschnaufpause sind irgendwann einfach nicht mehr drin. Außerdem übernimmt mancher Mann für seine Herzensdame, sollte sie wegen ihres Hormonspiegels etwas vergesslich geworden sein, auch gerne mal die „Managerrolle“. Auch in den ersten Wochen nach der Geburt winkt oft noch „Extraeinsatz“ in Form von Aufgaben, die in der Regenerationsphase einfach sonst ständig ebenso wie die frisch gebrackene Mutter liegen bleiben würden.

Teamwork ist gefragt

Etwas differenzierter betrachtet ist Vater werden also doch schwer, nicht erst, wenn der kleine Wirbelwind erst einmal auf der Welt ist. Dies soll die Verantwortung und Belastungen, die eine Frau buchstäblich „herumträgt“, keinesfalls schmälern oder herabsetzen. Im Endeffekt geht es darum, sich von einem funktionierenden Paar zu einem eingespielten Elternteam zu werden und das erfordert immer einen gemeinsamen Einsatz sowie eine Menge Zugeständnisse. Gerade in einer Zeit, wo Väter immer mehr und bereitwilliger Verantwortung im Familienalltag übernehmen und auch zum Teil ihre eigene berufliche Laufbahn für längere Erziehungszeiten unterbrechen – beides positive Signale dafür, dass sich etwas bewegt im morschen, konventionellen Rollengefüge. Ob als Versorger oder als ständig anwesender Ansprechpartner für seine Kinder: Väter sind wichtig. Damit „Papas in spe“ sich aber auch als gleichwertige Partner beim Abenteuer Familienplanung fühlen können, muss man auch einfach einmal sagen: Danke für alles!

Peter Jensen über Mann-Frau-Gespräche, Sex und dem Herz auf der Zunge

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:

[avatar user=“PeterJensen“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen[/avatar]

Ich trage, wie man so schön sagt, mein Herz auf der Zunge. Kürzlich habe ich einen Mann kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut; allerdings meint er, derzeit nicht bereit für eine Beziehung zu sein. Aber: den Sex mit mir möchte er nicht missen. Zudem betont er, wie sehr er meine Offenheit schätzt.
Nun zu meiner Frage: mache ich mich uninteressant bei ihm, wenn ich alles von mir preisgebe? Es fällt mir wirklich schwer, mein Seelenleben für mich zu behalten, das bin einfach nicht ich. Aber ich möchte es mir mit ihm auch nicht verscherzen. Er wäre genau mein Typ und so langsam kommen nicht nur lüsterne sondern auch tiefere Gefühle hinzu. Wie verhalte ich mich, wenn ich doch mehr als nur eine Bettgeschichte von ihm möchte?

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Zu dieser Thematik möchte ich zweierlei Antworten geben: Zunächst die geschätzte Offenheit. Wenn dieser Ausspruch in geschildertem Kontext fällt, dann heißt dies in der Übersetzung Mann-Frau // Frau-Mann:

Ich finde es wunderbar, dass wir Sex haben, ohne mich ernsthaft und verbindlich mit Dir auseinandersetzen zu müssen.

Wenn Sie also mehr als eine Bettgeschichte mit diesem Männlein haben möchten, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Das mit einer Beziehung über die Bettkante hinaus wird nichts. Wenn sie daran festhalten, werden Sie vielleicht noch einige schöne Schäferstündchen haben, aber auch ein Herz mit offener Wunde.

Männer sind in der Regel eher deutlich in ihrer Kommunikation. Wenn sie sich äußern. Hören Sie also, dass eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon, dann bedeutet es das: eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon.
Hören Sie auf, Dinge da hinein zu interpretieren, die nicht vorhanden sind! Das ist eine sehr dumme und für beide Seiten unangenehme Angewohnheit von Frauen.

Foto: nicholasrobb1989 / pixabay
Foto: nicholasrobb1989 / pixabay

Wenn Sie nun den Mund halten und eine Bettgeschichtenbeziehung pflegen, die sie eigentlich so nicht haben wollen, dann machen Sie es dem Manne sehr einfach. Denn alles was er im Moment haben möchte ist eine Frau, die im Bett mit ihm Geschichten schreibt und ansonsten den Mund hält. Zumindest solange, wie dieser fürs Reden gebraucht wird, wenn es um andere orale Praktiken geht wird mehr Interesse vorhanden sein, so könnte ich mir vorstellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Generell möchte ich noch anführen, dass ein Herz auf der Zunge oft sehr angenehm ist; geradezu erfrischend bei der ganzen Taktiererei im Beziehungswahn. Es überfordert allerdings auch schnell, wenn Sie an den falschen Partner geraten. Denn der Umgang damit, nämlich zu filtern, ist nicht ganz so einfach, wenn dabei Emotionen im Spiel sind. Bei der Partnerwahl ist der Blick auf die Filtertechnik des Wunsch-Lebensgefährten also ganz sinnvoll.

Cats Gedankenwelt: Kommen und Gehen

Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen
Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen

Das Leben ist eine Wundertüte, man weiß nie, was man bekommt“, lautet ein Sprichwort. Wir modernen Menschen wollen davon nie etwas wissen und möglichst immer die Kontrolle über alles behalten, was uns auf dem Weg widerfährt. Und so sehr wir es versuchen: So ganz kommen wir aus dem Kreislauf von Anfängen und Schlussstrichen, Abschieden und Wiedersehen nicht heraus.

Erinnern Sie sich an die allererste große Veränderung in Ihrem Leben? Oder vielleicht an einen Abschied, der Sie in frühen Jahren bereits beschäftigt hat? Ich erinnere mich genau daran. Es war der Tag, an dem ich im Alter von vier Jahren erfuhr, dass mein Großvater nach langer Krankheit verstorben war. Weg, einfach … tot. Zwar wusste ich als Vorschulkind noch nicht genau, was es mit diesem „tot sein“ eigentlich auf sich hat, doch man hatte mir erklärt, dass mein Opa nun endlich an einem Ort wäre, wo er seine Schmerzen vergessen kann. Weiterhin, dass er eben auf ewig verreist sei und sein Weg in unserer Mitte eben geendet habe – zumindest in dieser körperlichen, berührbaren Form, wie ich ihn kannte. Natürlich stirbt die Erinnerung nicht allein dadurch, dass uns ein uns nahestehender Mensch verlässt, sonst könnten wir uns nicht so lange an jemanden erinnern und ihn im Herzen bewahren. Der Tod meines Großvaters, der mich durch meine gesamte Zeit als Kleinkind begleitet hatte, war nur der Anfang einer langen Kette von Abschieden und Wiedersehen, Verlusten und Neuanfängen. Ich denke, jeder kennt so eine Geschichte, die ihm erstmalig klargemacht hat, dass Dinge sich eben von einem Tag auf den anderen ändern können.

Eine menschliche Grunderfahrung

Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann - es gibt kein Zurück
Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann – es gibt kein Zurück

Jemanden oder etwas zu verlieren, gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schmerzen, die aber jeder erlebt. Ebenso, wie etwas Neues zu beginnen oder bisher unbekannten Menschen zu begegnen, die von dann an unser Leben mit prägen. Es schmerzt am meisten, je näher einem jemand gestanden hat. So hatte ich zum Beispiel bis zum 17. Lebensjahr eine langjährige beste Freundin, die jedes noch so große Geheimnis von mir wusste – vielleicht die letzte „Allerbeste“, die ich in diesem Leben haben werden. Denn wenn ich eines aus diesem Verlust gelernt habe, dann, dass freundschaftliche „Monogamie“ sich unendlich gut anfühlen, aber auch sehr tiefe Wunden reißen kann, wenn die Beziehung zerbricht. Habe ich also meine erste „Scheidungserfahrung“ schon hinter mir? Vielleicht, nur auf einer anderen, platonischen Ebene. Doch nach dem Scheitern kommt meist das Aufstehen, eine Neuorientierung, und ehrlich gesagt lässt einem die Zeit auch keine andere Wahl. Diese kennt immerhin keine andere Richtung als vorwärts. Wir lernen, dass jede Stunde, die vergeht, uns etwas Neues bringen kann – ob wir das nun gerade als angenehm und freudig oder unerwünscht und kräftezehrend empfinden.

Überraschungsmomente nutzen

Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein
Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein

Leben ist das, was passiert, während wir Pläne schmieden“ – irgendwann bekommt dies jeder zu spüren. Bei mir konnte wohl nichts so viel durcheinanderwerfen wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Es war vielleicht das, womit ich am wenigsten gerechnet hätte – ein Kind, jetzt? Noch vor der Unterzeichnung eines festen Arbeitsvertrages nach dem Volontariat? Und überhaupt- schaffen wir das alles? Ob Kind, neuer Job mit mehr Verantwortung oder ein neuer Wohnort weit weg von zu Hause – nur ein paar Dinge auf einer langen Liste an Veränderungen, die erst einmal zwiespältige Gefühle auslösen können. Einerseits löst das Neue eine freudige Neugierde auf das aus, was kommt. Andererseits lässt es manchmal den Magen rumoren bei dem Gedanken, was alles schiefgehen könnte. Oder auch die Erkenntnis, dass man sein bekanntes Umfeld verlässt, um woanders andere Luft zu schnuppern. Manchmal suchen wir bewusst einen neuen Anfang, manchmal „überfallen“ uns die Veränderungen einfach und wir fühlen uns zunächst überrannt. Es gilt nun, sich nicht vom Überraschungsmoment einschüchtern zu lassen und ihn für sich zu nutzen – so schwer dies in der ersten Verwirrung fallen mag. Was soll man sagen: Wir Menschen, oder die meisten von uns, sind eben Gewohnheitstiere und befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Misstrauen und Neugierde.

Den Abgrund überbrücken

Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein
Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein

Bei besonders tiefgreifenden Brüchen, Trennungen und Veränderungen im Leben erscheint es zunächst schwierig, nach vorn zu schauen, denn alles, was man sieht, gleicht einem tiefen, unüberbrückbaren Abgrund. Manchmal mit einer kleinen oder instabilen Brücke, die unmöglich zu überqueren scheint. Zumindest nicht ohne das Risiko, zu fallen und ohne jemanden, der auf der anderen Seite wartet und eine Hand ausstreckt. Doch zum Gück kommt es in Wahrheit selten vor, dass man vollkommen allein dasteht und keinen Anreiz sieht, den Weg auf die andere Seite zu wagen. Denn manchmal ist ein Weggehen auch wieder ein Ankommen – dort, wo neue Perspektiven, Risiken aber auch Chancen warten. Egal, wie düster der Horizont im ersten Augenblick erscheinen mag, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Lichtstrahlen wieder durch die Wolkendecke brechen. Also: Nur Mut. Mein Mann und ich freuen uns jedenfalls inzwischen sehr auf die spannende Zeit, die uns bevorsteht.

Nachdenken über meine Beziehung • Ein paar Anregungen

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Welcher Einfall Ihrer Frau verdient das Prädikat >>echt genial<<?

Wie ist es Ihrer Frau immer wieder gelungen, Sie für Neues zu begeistern?

Mit was zaubert Ihnen Ihre Frau das feinste Lächeln auf Ihr Gesicht?

Was erleben Sie im Moment als sehr befriedigend in Ihrer Beziehung?

Was drückt Ihr Miteinander am besten aus?

Was sind die wichtigen Grundlagen Ihrer Partnerschaft?

In welchen Bereichen ergänzen Sie sich gut?

Wohin möchten Sie Ihre Beziehung gemeinsam entwickeln?

Womit können Sie Ihre Frau wirklich verwöhnen?

Wie machen Sie Zärtlichkeit alltagstauglich, so dass sie als solche wahr genommen wird?

Welches kleine Dankeschön verdient Ihre Frau für die bleibende Unterstützung im Alltag?

Auf welche ganz und gar eigene Leistung Ihrer Frau sind Sie besonders stolz? Haben Sie Ihr das auch schon gesagt?

Welche kleine Alltagsgeste Ihrer Liebe ist für Sie (beide) unverzichtbar?

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Was meinen Sie, wie Ihre Partner bzw. Ihre Partnerin reagiert, wenn sie gemeinsam über die Antworten sprechen?!

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Cats Couch: Ein Nein ist ein Nein (ist ein Nein) – Version 1.1

Erotik ist in dieser Kolumne gar kein Thema, das ich näher vertiefen wollte. Es gibt da jedoch diese eine Sache, die mich beim (zufälligen) Lesen diverser Onlineartikel und Foren immer wieder verblüfft – manche Menschen scheinen das einfache Wort „Nein“ gerade in Bezug auf die „schönste Nebensache der Welt“ einfach nicht zu verstehen oder auszusprechen. Dabei sollte das wirklich nicht so schwer sein; egal, ob es um einen Disco-Flirt oder um den langjährigen Ehepartner geht.

Bett_pillows-820149_640Eines vorweg: Ich möchte mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn es darum geht, Lesern „Ratschläge“ für so intime Lebensbereiche wie das eigene Sexualleben zu erteilen. Dies empfinde ich als anmaßend und überlasse es getrost den zahlreichen Sexologen mit oder ohne entsprechendes Fachdiplom, die für die Internetseiten renommierter Frauenzeitschriften schreiben. In dieser Kolumne wird es (auch weiterhin) keine intimen „Vaginamonologe“ und Einblicke geben. „Der Gentleman genießt und schweigt“, und manchmal kann das eben auch eine Lady. Was viele andere hinter ihrer Schlafzimmertür (oder auch woanders) treiben, möchte ich auch nicht beurteilen oder gar verteufeln. Gemäß dem Motto: Alles, was im Einvernehmen geschieht und keine absehbaren Gefahren mit sich bringt, ist gut – und erlaubt ist, was allen gefällt.

Wo ich bei dem Punkt angelangt bin, an dem ich ansetzen möchte. Jegliche Erotik ist freiwillig und von den eigenen Gelüsten geleitet. Doch warum fällt es manchen so schwer, zu dem, was sie nicht wollen, „Nein“ zu sagen und anderen, dieses „Nein“ auch als das zu akzeptieren, was es ist? Ein klares „Nein“ eben, ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung. Ein Extremfall wären hier sicherlich Sexualstraftäter, doch in dieses Extrem möchte ich hier nicht gehen. Es reicht schon, wenn in einer Beziehung oder nach einem heißen Flirt auf einer Party eine Person die andere (vielleicht unbewusst) bedrängt und aus einem klaren „Nein“ in seinem Kopf ein „Ja, aber …“ macht. Wie auch immer diese erstaunliche Falschwahrnehmung im Einzelfall zustande kommt.

sisters-984997_640Gerade (wir) Frauen scheinen häufig ein Problem mit dem „Nein-Sagen“ zu haben und es gibt auch heute durchaus noch Männer, die auf ein „Nein“ gekränkt oder sogar wütend reagieren. Zumindest, wenn man diverse Stränge aus den Internetforen bekannter „Frauenseiten“ liest. Gleiches kann natürlich auch umgekehrt der Fall sein, mit einer Frau, die auf jede sexuelle Zurückweisung vollkommen irrational und übertrieben reagiert. In gewissem Sinne sind solche Hemmnisse und Reaktionen ja auch nachvollziehbar. Schließlich müssen sich beide Partner ganz „intim“ und mit absolutem Vertrauen aufeinander einlassen, damit beide das gemeinsame kleine Bettabenteuer als lustvoll und bereichernd empfinden können. Ein zu grobes „Nein“, so fürchtet mancher zu Recht, könnte die ganze Stimmung ins Wanken bringen und für aufreibende Konflikte sorgen. Also schweigt manche(r) „Unlustige“ im schlimmsten Fall lieber, lässt manches eventuell „über sich ergehen“ und seine Lust auf weitere Experimente mit dem Partner schwindet schleichend dahin. Bis sie sich irgendwann um die Ecke ins Niemandsland geschlichen hat.

anonymous-973217_640Warum also der ganze Eiertanz rund um Wünsche, Vorlieben, Abneigungen und Tabus in einer Partnerschaft, die im Alltag in geradezu reibungslosen Bahnen läuft? Ist es möglicherweise gerade dieses Bemühen um ständige Harmonie, eine gewisse Konfliktscheue, die uns dazu führt, einen geliebten Menschen „einfach machen zu lassen“? Wie kann es in einer Zeit, wo wir dank Internet, einer großen Auswahl an Ratgeberliteratur, großen Kenntnissen in der Sexualanatomie und zum Teil auch Pornografie genau wissen, welche Praktiken, Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Herausforderungen es gibt? Möglicherweise sind einige dieser sexuellen „Befreier“ dabei selbst das Problem. Denn, sehen wir es, wie es ist: Sex im Porno ist nicht die Art, wie viele Paare ihn im „echten Leben“ erleben und genießen wollen. Sicherlich gibt es auch hier „Abweichungen“ von dem, was als üblich gilt und das ist vollkommen in Ordnung – solange ein Konsens und eine Rückzugsmöglichkeit für alle bestehen. Eben Spielregeln, die den Respekt voreinander verteidigen, wie es in einer funktionierenden Partnerschaft sein soll. Das Problem mit manchen Pornos sehe ich daher nicht in der Tatsache, dass sie existieren und in dem Großteil der Inhalte, die sie zeigen, sondern eher darin, dass irgendein Partner (meist die Frau), einfach nicht die Möglichkeit hat, innerhalb der „Handlung“ auch einmal etwas abzulehnen. Und wenn sie es tut, sieht es der „Spielplan“ vor, dass sie sich unter Zwang und teilweise auch Gewalt dann doch den teilweise extremen Wünschen ihres Partners unterordnet. Dies mag mit den Darstellerinnen und Darstellern zwar abgestimmt und vertraglich geregelt sein; dem unerfahrenen oder leichtgläubigen Konsumenten kann es aber einfach ein falsches Bild vermitteln. Nämlich das, dass es möglich und erlaubt sei, einen anderen Menschen im Bett oder wo auch immer zu etwas zu zwingen.

holding-hands-1031665_640Nicht, dass einen diese krassen Darstellungen gerade im Bereich der Pornoproduktion überraschen würden; mehr Kopfzerbrechen bereiten mir da die „Sextipps“ mancher Mainstream-Frauenzeitschriften. So schreibt eine bekannte Sexratgeberseite zum Thema Deep Throat: „Es wird Ihnen vielleicht bei den ersten Malen nicht gelingen, den Würgereflex zu ignorieren. Selbst nach intensivem Training ist es möglich, dass Ihnen anstatt des Würgereflexes, Tränen in die Augen steigen. Aber sehen Sie Ihren Partner dabei an! Das Machtgefühl, das er spürt, wird ihn wild machen und er wird sich gerne revanchieren.“ Also ehrlich gesagt: Ich kriege bei solchen Beschreibungen das kalte Kotzen, ohne einen Penis „bis zum Anschlag“ in den Mund zu nehmen und Gefahr zu laufen, beim Oralsex an Atemnot zu sterben. Die Bilder im Kopf reichen schon, danke liebe „Sexperten“. Andere, Frauen wie Männer, mögen Gefallen daran finden. Nein, nun mal ernsthaft ….Was mich stört: Auf den Onlineseiten gängiger „Frauen- und Männerlektüre“ werden die Fantasien einiger oft zum erotischen „Must-have“ für alle erklärt. Als etwas, das man „lernen“ kann und das es sich zu „können“ lohnt, auch wenn es die natürlichen, lebenserhaltenden Reflexe bei mancher Frau und auch beim homosexuellen Mann ganz oder teilweise außer Gefecht setzen soll.

Ein extremes Beispiel in der Onlinewelt fand ich auf einer Seite, wo ein Mann andere Männer darin schulen wollte, ihre Frau zu einem „filmreifen“ Deep-Throat-Blowjob zu überreden und sie darin zu trainieren wie einen Hund, der ein Stöckchen holen soll. Selbst dann, wenn sie es nicht will, Angst hat oder sich davor ekelt. Schließlich hätte jeder Mann sinngemäß das „Recht“ auf dieses besonders machtvolle Hochgefühl. Man müsse nur die Grenzen und Tabus überwinden. Meine Meinung dazu? Es gibt kein angestammtes, gesetzlich verankertes Recht auf irgendeine Sexualpraktik – aber durchaus das Menschenrecht, seine Würde und seinen freien Willen zu wahren. Dies waren nur extreme Beispiele „medialer Irrtümer“ – in der Praxis fängt es oft schon damit an, dass ein Partner mehr und öfter Lust hat als der andere. Das ist eine persönliche Entscheidung und absolut in Ordnung.

couple-731890_1280Oft ist es nur das Problem, wie man „nein“ sagt. Es gibt diese brutal ehrlichen Menschen, die dann einfach sagen: „Keine Lust!“, sich wieder umdrehen und weiterschlafen. Das ist zu respektieren, schließlich gibt es keine Pflicht, sich zu rechtfertigen. Schöner, weniger belastend und hilfreicher ist es meines Erachtens jedoch, wenn es möglich ist, seine oft recht banalen Gründe kurz zu nennen. So wie: „Ich hatte einfach einen zu harten Tag“, „Ich fühle mich krank“ oder „Ich muss erst etwas in den Magen bekommen“. Wichtig finde ich hier, dass Erklären nicht Entschuldigen ist; denn es gibt nichts, wofür es sich zu entschuldigen lohnt. Man hat eben keine Lust auf Sex oder auf irgendeine außergewöhnliche „Bettsportdisziplin“, doch so kann der Partner zumindest das nötige Verständnis aufbringen, ohne dass eine latente Unsicherheit sich breitmacht und er vollkommen im Unklaren gelassen wird. „Nein“ sagen ist also notwendig und gar nicht mal so schwer – vorausgesetzt, es wird nicht als eine verdrehte Form von „ja, aber …“ wahrgenommen. So wie es die aktuelle „50 Shades“-Bestsellerreihe propagiert, wo der männliche Protagonist mit Aussagen wie „Dein Arsch gehört mir!“ seine jüngere, sozial schwächer gestellte „Partnerin“ immer wieder nur seinem Willen zu unterwerfen sucht und das (leider) nicht nur im „Roten Zimmer“, wo so etwas in einer BDSM-Beziehung zumindest ansatzweise nachvollziehbar wäre. Mal unter uns: Auf eine Beziehung, in der Grenzen nicht respektiert und Freiheiten nicht beachtet werden, kann man zumindest im echten Leben jederzeit getrost verzichten. Man kann die ganzen Missverständnisse um ein klar gesagtes und gemeintes Nein übrigens gemäß dem sehr minimalistischen Leitspruch und hierfür abgewandelten Zitat der Semiologin und Sprachwissenschaflerin Gertrude Stein zusammenfassen: „Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.“

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Wir sehen immer wieder, daß hübsche, junge Leute kein Glück bei Frauen haben, während rothaarige, krumme und häßliche Männer die schönsten Damen für sich gewinnen.

Weshalb?

Weil die hübschen, jungen Leute nicht wissen, wie man mit Frauen umgehen muß, und weil die anderen das Geheimnis kennen.

Ich habe für ihr Unglück etwas übrig und will ihnen ein paar Ratschläge erteilen.

Vor allem: Wenn Sie verliebt sind, brauchen Sie nicht sofort Ihren Frack anzuziehen, die weiße Krawatte umzubinden, einen Blumenstrauß in die Hand zu nehmen und der geliebten Frau zu sagen:

»Mein Engel, ich kann nicht ohne Sie leben. Küssen Sie mich!«

Das ist einfältig und dumm.

Machen Sie es so:

Sie kommen eines Abends in der Dämmerung zu ihr. Vorher haben Sie einige Zitronen gegessen und sind sehr bleich. Die Augenränder haben Sie mit verkohlten Zündhölzern ein wenig dunkel gefärbt. Sie setzen sich in eine Ecke und seufzen.

»Warum sind Sie traurig?« fragt die Dame. »Haben Sie Pech in Ihrem Beruf?«

»Der Beruf! Ach, was kümmert mich heute der Beruf.«

»Aber Sie sind so blaß!«

»Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.«

»Weshalb, um Himmels willen?«

»Fragen Sie nicht! Sie sind schuld – ich habe von Ihnen geträumt . . .«

»Mein Gott! Aber ich. kann doch nichts dafür – es tut mir wirklich leid.«

Hören Sie? Es tut ihr leid. Sie tun ihr leid!

»Quälen Sie sich doch nicht!« sagt die Dame.

Sie stehen auf. Sie nähern sich ihr, als wollten Sie sich verabschieden. Sie küssen ihre Hand! Die Dame blickt sie an und lächelt. Das ist der Augenblick! Wenn Sie ihn versäumen, möchte ich für nichts einstehen !

Weitere Ratschläge kann ich Ihnen übrigens nicht geben. Oder haben Sie Weiteres von mir erwartet? . . . Später dürfen Sie nach Hause gehen . . .guy-579259_1280_Markgraf-Ave

***

Ich kannte einen Mann, der diesen Vorgang sehr vereinfachte. Wenn er mit einer Frau allein blieb, umarmte er sie ohne weitere Umstände.

Ich fragte ihn einmal:

»Wie kannst du so stürmisch vorgehen? Ist es dir immer geglückt?«

»Nicht immer. Aber Frauen sprechen nicht viel in solchen Fällen. Sie machen keinen Wirbel. Gelegentlich ohrfeigen sie dich. Aber von hundert Frauen tun das höchstens sechzig. Ich arbeite also mit vierzig Prozent Nutzen. Soviel verdient nicht einmal ein Bankdirektor.«

Nur nebenbei: es handelte sich um einen hübschen, großgewachsenen Mann. Wenn man klein und zart ist, verläßt man sich besser nicht auf diese Methode. In solchen Fällen wirkt es mehr, zu seufzen:

»Gnädige Frau: ich habe von Ihnen geträumt . . .«

***

Einer meiner Freunde arbeitete in Porzellan – das ist einfach und billig. Vor langer Zeit kaufte er auf einer Auktion eine Porzellankatze und einen Chinesen mit wackelndem Kopf. Seither pflegt er zu sagen:

»Lieben Sie altes Porzellan?«

Kennen Sie eine Frau, die den Mut hat, nein zu sagen?

»Ich habe eine hübsche Sammlung alter Porzellanfiguren. Wollen Sie meine Sammlung sehen?«

Wenn die Dame Ihre Wohnung verläßt und den Hut aufsetzt, fragt sie gewöhnlich:

»Ach ja, Sie wollten mir Ihr berühmtes Porzellan zeigen. Wo steht es denn?«

»Dort drüben!« Stoß den Chinesen! Er wird zu wackeln beginnen. Wenn sie dann die Tür hinter sich zuschlägt, schüttelt der Porzellanchinese immer noch nachdenklich seinen Kopf . . .

***

Zuletzt: die Frauen sind poetisch veranlagt. Und der Geiz ist eine prosaische Sache.

Mein Freund verlor die Liebe einer Frau, weil er ihr im Kaffeehaus gesagt hatte:

»Der Mokka kostet fünf Rubel. Du hast mit deinen reizenden Zähnen ein Stück von meinem Kuchen abgebissen – das macht zehn Kopeken. Außerdem habe ich zwanzig Kopeken Trinkgeld gegeben. Ich bekomme also fünf Rubel und dreißig Kopeken von dir.«

Ein Mann, der so spricht, ist im selben Augenblick erledigt.

***

Sie sehen also: ganz ohne Kleingeld geht es nicht!

Wie man sich beim Diner benimmt

Wenn Sie zu einem Diner eingeladen werden, müssen Sie nicht unbedingt alle Freunde, die keine Einladung erhalten haben, mit sich nehmen und ihnen sagen: »Das sind sehr liebe Menschen, die werden euch sicher auch bewirten!«

Es dürfen nur solche Gäste erscheinen, die ausdrücklich aufgefordert worden sind, und zwar frühestens eine Viertelstunde vor der Tageszeit, zu der man sie gebeten hat. Ich kannte einmal einen jungen Mann, der am Abend des vorhergehenden Tages bei einem Gastgeber anklingelte und sagte: »Ich habe mich entschlossen, schon heute zu kommen, meinen Schlafrock, die Hausschuhe und das Hemd hab‘ ich mit. Ich bleibe über Nacht, denn ich kenne Ihren Vater – wenn man fünf Minuten zu spät kommt, hat er das Mittagessen schon allein verzehrt.«

Zum Diner müssen Sie im dunklen Anzug erscheinen. Ein Pyjama, wenn er auch aus feinster Seide ist, wird auf die Gesellschaft keinen Eindruck machen. Sie müssen vornehm und ruhig ins Zimmer treten, auch wenn Sie im Vorzimmer bereits erregt gefragt haben: »Komme ich zu spät?«

Sie brauchen nicht zu erwähnen, daß Sie die Straßenbahn benützt haben; in der sogenannten guten Gesellschaft spricht man nicht von der Straßenbahn. Am vernünftigsten ist es, wenn Sie daheim Ihre Hose mit Benzin putzen und dann sagen: »Ich habe heute meinen neuen Wagen ausprobiert.«

Im Vorzimmer können Sie die hübsche Zofe in die Wange kneifen. Einen Diener, und wenn er noch so rosige Wänglein hat, brauchen Sie nicht zu zwicken.

Wenn Sie eintreten, müssen Sie nicht neugierig fragen: »Gnädige Frau, was bekommen wir denn heute?« Am besten ist es, ein mondänes Gespräch zu beginnen oder die Kinder der Hausfrau zu loben, die gewöhnlich auf dem Teppich im Salon herumkriechen.

Über Kinder soll man mit einer gewissen Vorsicht sprechen.

Seien Sie jedenfalls entzückt von ihnen. Das kostet nichts und macht der Mutter Freude. Man sagt einfach:

»Ihr Söhnchen? Entzückend – die ganze Mama! Spricht er schon?«

»Aber woher? Er ist doch noch zu klein.«

Dieses Gespräch ist zwar sinnlos, aber es entspricht dem guten Ton.

Wenn dann die hübsche Zofe auf der Schwelle erscheint und meldet, es sei serviert, brauchen Sie nicht über den Sessel zu springen und ins Speisezimmer zu eilen, sondern Sie müssen ein gleichgültiges Gesicht machen und der Hausfrau sagen: »Aber, Gnädigste, wozu diese Mühe?«

Dann reichen Sie Ihrer Nachbarin liebenswürdig die Hand und sagen, wenn sie auch noch so häßlich ist: »Darf ich heute das Glück haben, Ihr Tischnachbar zu sein?«

Während des Essens darf man die Hausfrau nicht mit merkantilen Fragen belästigen:

»Gnädigste, was kostet dieser Fisch?«

Und wenn die Hausfrau selbst erwidert: »Fünf Rubel«, darf man nicht sagen: »Bitte, schneiden Sie mir noch ein Stück für fünfzig Kopeken ab.«

Wenn das Dessert gereicht wird, soll man alles eher als enttäuscht sagen: »Was? Schon das Dessert? Das ist das ganze Diner? Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich lieber in ein Restaurant gegangen!«

Ich kannte einen zerstreuten Gast, der nach einem solchen Essen auf den Teller klopfte und rief: »Zahlen, bitte!«

Vielleicht wäre diese Lösung nicht einmal unangenehm für die Hausfrau, aber wie die Dinge liegen, wirkt es eben verletzend.

Nach dem Diner dürfen Sie nicht aufstehen und sich empfehlen. Für gewöhnlich sitzt man noch eine Weile und raucht, dann blickt man plötzlich auf die Uhr und ruft: »Was? Schon so spät? Ich muß doch in eine Versammlung.«

Wenn Sie gehen, vergessen Sie nicht der Hausfrau die Hand zu küssen und der schönen Zofe ein Trinkgeld zu geben. Irren Sie sich bitte nicht, und verwechseln Sie es nicht – es wäre der Hausfrau und der Zofe sehr peinlich . . .

Zuletzt noch ein Wink für die Gastgeberin: ihr wird empfohlen, den Gast ins Vorzimmer zu begleiten. Erstens ist es nun einmal so Sitte, und zweitens kann er dann keinen fremden Mantel mitnehmen . . .

Wie man Witze erzählt

Wenn man in Gesellschaft Erfolg haben will, muß man auch verstehen, gute Witze zu erzählen. Ein junger Mann, der das kann, wird gern überall eingeladen.

Jeder Witzerzähler muß drei Grundregeln kennen:

  1. Der Witz muß kurz sein.
  2. Die Wiedergabe muß glänzend sein.
  3. Die Pointe muß unerwartet kommen.

Ein bekannter Herr erzählte seine Witze immer in folgender Weise:

»Hm . . . Ich werde Ihnen einen guten Witz erzählen. Ja. Das war in einem kleinen Industrieort. Das Städtchen war nicht groß, aber sehr belebt. Es liegt an den Ufern der Wolga und ist eine Umladestation, deshalb leben dort viele Kaufleute. In dieser Stadt gibt es viele Restaurants. Die Kaufleute gehen den ganzen Tag in diesen Restaurants aus und ein, wickeln dort ihre Geschäfte ab, trinken Tee und Wodka. Da kommt eines Tages in solch ein Restaurant, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, ein betrunkener Kaufmann. Unweit von seinem Tisch steht auf dem Fenstersims ein Käfig mit einem Harzer Kanarienvogel. Das Vöglein singt, und der Kaufmann ist vom Gesang einfach entzückt. Sie wissen, daß die Kanarienvögel so schön singen, daß man ihnen zu Ehren sogar eine Gruppe von Inseln ›Kanarische Inseln‹ benannt hat. Der Kaufmann trinkt. Plötzlich ruft er den Kellner: ›Sie, Ober, was kostet der Vogel?‹ – ›dreihundert Rubel!‹ – ›Bringen Sie mir den Kanari in Butter gebacken!‹ Der Kellner weiß, daß der Kaufmann ein reicher Mann ist, er denkt, es sei eine Marotte von ihm. Er nimmt den Kanarienvogel, trägt ihn in die Küche, und nach einiger Zeit serviert er den Vogel, in Butter gebacken. Da sagt der Kaufmann: ›Den ganzen Vogel will ich nicht. Schneid mir ein Stück für drei Kopeken ab!‹ Es entsteht ein Skandal, der Kellner holt den Wachmann. Protokoll. Nach einiger Zeit wird der Kaufmann zum Richter vorgeladen und zu einer Geldstrafe verurteilt.«

So darf man es nicht machen. Man erzählt einen Witz ungefähr in der Art:

»Zederbaum, die ganze Stadt spricht, daß Kegelmann mit Ihrer Frau lebt.«

Der Mann: »Auch ein Glück . . . wenn ich wollte – könnt‘ ich genau so mit ihr leben.«

Oder:

Zwei Juden kommen in Paris auf den Flugplatz, gehen auf den Piloten zu und fragen ihn: »Fliegen Sie nach London? Nehmen Sie uns mit!« Der Pilot schaut sie an und fragte sie: »Wer seid ihr?« – »Wir sind zwei Juden.« – »Juden nehme ich nicht mit. Wenn mir ein Unfall passiert, werden Sie schreien, mich am Rücken packen und dann . . .« – »Herr Pilot«, antworten die Juden, »wir werden nicht schreien.« – »Ich nehme euch mit, aber nur unter einer Bedingung: Ihr dürft kein Wort reden. Für jedes gesprochene Wort zahlt ihr Strafe: ein Pfund.« Die Juden nehmen im Aeroplan Platz und der Pilot fliegt nach London. Wie sie glücklich in London landen, kommt ein Jude auf den Piloten zu und fragt: »Darf ich jetzt reden? – Abrascha ist ins Wasser gefallen!«

Es gibt nichts Traurigeres als zerstreute Witzerzähler.

»Hm . . . ich werde Ihnen einen Witz erzählen. Das war im Jahre 1989 . . . nein, im Jahre 1900. Warten Sie, in welchem Jahre war es denn?«

»Das ist nicht so wichtig. Erzählen Sie den Witz!«

»Da lebte in einer Stadt ein Engländer, es war kein Engländer, es war ein Armenier . . . Er hieß . . . na, wie hieß er . . . Pardon, ich habe diesen Witz mit einem anderen verwechselt.«

Wenn man so einen Erzähler tötet, so wird man sicherlich vom Richter freigesprochen.

Es gibt auch Witzerzähler, die einen Witz beginnen, dann plötzlich steckenbleiben, erröten und sagen: »Pardon, das ist ein unanständiger Witz, und es sind Damen da.«

Schrecklich sind Leute, die einem zurufen:

»Erzählen Sie doch den Witz, den Sie vorige Woche erzählt haben!«

»Welchen Witz?«

»Na, den da . . . Ein Schuljunge bittet den Lehrer, ihn für den nächsten Tag zu beurlauben. ›Weshalb?‹ fragt der Lehrer. – ›Mein Papa hat gesagt, daß es morgen bei uns brennen wird.‹«

Wie kann man da noch einen Witz erzählen?!

Wie man sich bei einer Hochzeit benimmt

Der Unterschied zwischen einer Hochzeit und einem Leichenbegängnis ist der, daß man bei einem Leichenbegängnis sofort weinen muß, während man bei einer Hochzeit manchmal erst am nächsten Tage weint.

In feinen Kreisen wird nur die Hochzeit gefeiert. Die Ehescheidung wird nicht festlich begangen, obwohl man sich bei einer Ehescheidung oft mehr als bei einer Hochzeit freut . . . Ich werde Ihnen einige Ratschläge geben, wie man sich bei einer Hochzeit verhalten muß.

Der Bräutigam – hm . . . Seine Lage auf der Hochzeit ist zweifellos schwieriger, als die eines geladenen Gastes. Der Gast braucht nicht zur Hochzeit zu kommen, während die Abwesenheit des Bräutigams peinliches Aufsehen erregt. Und nun stellen Sie sich einen jungen Mann mit verzweifelt blassem Gesicht vor, der in einen Frack gepreßt ist und weiße Handschuhe und Lackschuhe trägt . . . Er muß Gratulationen anhören, scherzhafte Bemerkungen der Freunde, Ratschläge der Eltern in Kauf nehmen, muß sich von der Menge in der Kirche begaffen lassen und dabei noch freundlich lächeln . . .

Die Besucher in der Kirche nehmen ihn und die Braut unter Kreuzfeuer.

»Der Arme!« sagt seufzend die dicke Köchin. »So jung und muß schon hineinspringen . . .«

»Bei uns im Spezereiladen hat man erzählt«, bemerkt das Dienstmädchen, »daß seine Braut die Geliebte eines anderen ist. Der hat ihn gezwungen, sie zu heiraten.«

»Was findest du Fesches an ihm? Schau dir bloß seine Nase an!«

Vor diesem Publikum bleibt nichts verborgen, es bemerkt alles.

»Und die Braut? Sie hat ganz rote Augen!«

»Rotgeschminkte Wangen . . . Die Schminke ist so stark aufgetragen, daß sie von den Wangen herunterfällt! Und der Ausschnitt? Wie kann man so zu einer Hochzeit gehen?«

Der Hochzeitsgast muß gut aufgelegt und ein Redner sein. Zur Hochzeit muß er im Frack, im weißen Gilet, in einer Frackhose und frisch rasiert erscheinen . . . Sein Gesicht muß vor Freude glänzen, auch wenn er sich soeben mit seiner Freundin gestritten hat. In der Hand muß er einen Strauß weißer Rosen halten, er muß diesen Strauß der Braut überreichen und ihr lächelnd sagen:

»Diese reinen, unschuldigen Blumen sind das Symbol Ihres reinen, zukünftigen Glückes, das Symbol Ihrer Unschuld!«

Diese letzten Worte darf man auch dann sagen, wenn die Braut und der Bräutigam zehn Jahre in gemeinsamem Haushalt gelebt haben.

Wenn man sauren Wein und schlechtes Essen bekommt, darf man den Blumenstrauß nicht zurücknehmen. Man kann aber vor dem Abschied auf die Braut zutreten und ihr leise zuflüstern:

»Wie kann man Gästen so etwas zum Essen hinstellen? Der Wein war so sauer wie Essig! Und ich habe Ihnen so schöne Rosen gebracht – schicken Sie mir die Blumen zurück. Ich muß morgen zu einer anderen Hochzeit gehen.«

Hochzeitsreden bei der Tafel . . . Hm . . . das ist auch nicht so einfach.

Ich erinnere mich, welch peinlichen Eindruck die Rede eines meiner Freunde auf meiner Hochzeit gemacht hat. Er war Junggeselle und hielt folgende Ansprache:

»Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, der Braut und dem Bräutigam zu gratulieren. Ich könnte dem Bräutigam ein langes Leben wünschen, wenn ich nicht fürchtete, daß er das zügellose Leben, das er vor der Hochzeit führte, fortsetzen wird . . . Lieber Freund, jetzt mußt du von den Weibern lassen und mehr auf die Gesundheit aufpassen! . . . Der Braut könnte ich wünschen, daß sie ein paar hübsche pausbackige Kinder bekommt, aber sie hat bereits vor der Hochzeit ein Kind gehabt . . . Ich könnte den Eltern gratulieren, daß sie das Mädchen endlich vom Hals haben. Es ist wahr, die Braut bekommt eine Villa als Mitgift, aber diese Villa ist baufällig, und ich bin fest überzeugt, daß das junge Ehepaar sofort eine Hypothek aufnehmen wird . . . Also wozu davon reden? Ich wünsche auch der Mutter des verehrten Bräutigams Glück. Ich hoffe, daß ihr Sohn seine Mutter besser behandelt, als ihr Gatte es tat, denn er warf ihr alle Gegenstände, die ihm in die Hand kamen, an den Kopf . . . Ich fühle auch die Freude der beiden Tanten der Braut, sie werden sich einmal sattessen können! Ich will feststellen, daß die Löffel, welche die Tanten heimlich eingesteckt haben, nicht aus Silber sind, sondern aus Aluminium . . . Ich beende meine Rede, trinke auf das Wohl aller Gäste und bedaure, daß mir niemand antworten kann, da alle besoffen sind . . . Hurra!«

Eine derartige Rede hat keine Aussicht auf Erfolg – man kann höchstens durchgebleut werden. Daher empfehle ich – um Mißverständnissen aus dem Wege zu gehen – folgende Rede:

»Verehrte Damen und Herren! Ich sehe unter dem Dache dieses ehrwürdigen Hauses blühende Jugend, geistreiches Alter . . . Was hat sie heute vereinigt? Sie sagen einfach: Peter heiratet Werotschka! Er bekommt 45 Millionen, eine Villa, Silber und wer weiß, was noch. Oh, meine Herrschaften, wie oberflächlich beurteilen Sie, was hier vorgeht . . . Meine Herrschaften, hier wird heute der Grundstein zu jenem großen Geheimnis gelegt, aus dem sich der Staat zusammensetzt. Peter hat endlich seine Pflicht vor dem Staat, vor der Gesellschaft erfüllt. Und wenn Sie seine reizende Braut ansehen, so werden Sie sagen: eine angenehme Pflicht. Meine Herrschaften, ich wäre gern selbst an seiner Stelle. (Allgemeines Gelächter, Applaus.) Aber der Weg ist für mich versperrt, ich bin ein überzeugter Frauenhasser, denn ich bin bereits neunzehn Jahre verheiratet . . . (Bewegung auf der linken Seite, wo die Frau des Redners sitzt.)

Meine Herrschaften, ich erhebe das Glas auf das Wohl des Mannes, der heute ein Mädchen heiratet, das es verstanden hat, bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre seine Reinheit, seine Unschuld zu wahren . . . Ich trinke auf das Wohl ihrer zukünftigen Kinderchen, die sicher den edlen Charakter ihrer Eltern erben werden . . . Ich trinke auf das Wohl der Eltern, die mit freigebiger Hand (eine Villa, 45 Millionen) das junge Paar beglückt haben . . . Ich trinke auf das Wohl der alten Tante, deren Sohn aus lauter Bescheidenheit unter den Tisch gefallen ist . . . Und mein letzter Toast gilt jenem Herrn, der den Rotwein auf das weiße Tischtuch verschüttet hat, und nun Salz auf den Fleck schüttet – denn Salz und Brot bringen Glück!« (Applaus.)

Dann muß der Redner einen Schluck Wein trinken und nach russischer Sitte »Bitter!« rufen – dann müssen sich Braut und Bräutigam küssen. Diese Sitte wird nur bei Hochzeiten angewendet. Später küßt der Mann selten seine Frau – der Hausfreund küßt sie, und der Mann sagt: »Bitter!«

Wenn Sie eine solche Rede halten, werden Sie rasch beliebt, man wird Sie überall einladen und Sie werden zweifellos eines Tages an der Stelle des Bräutigams sein . . .

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Der Zweizeiler: Der Kuss Ξ Die Augen Ξ Die Abreise Ξ unvollendet

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Ariane legt eine Hand auf meine Schulter, und da, wo sie mich berührt, wird es warm. Und dann küsst sie mich unvermittelt auf den Mund. Sie schmeckt nach Wein, Salz und nach warmer Haut. Wir küssen uns, und dabei nehme ich ihre blaugefärbten Kontaktlinsen wahr. Welche Farbe haben ihre Augen?
Wir hören auf, uns zu küssen. Sie schaut mich an und sagt, wir sollten uns morgen Abend treffen. Das sagt sie wirklich. Dabei habe ich ihr erklärt, dass ich Morgen abreise.

© Oliver Simon 2015

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.

Erotik – Was ist das schon?!

Veröffentlicht doch mal wirklich erotische Texte. Diese Mail kommen immer wieder rein. Im Grunde gern, nur, was ist eigentlich erotisch? Ist das eine skalierbare Größe wie des Mannes Glücksbärchie?

Mit 14/15 Jahren fand ich es wahnsinnig erotisch, wenn wir in der Sportstunde eine bestimmte Lehrerin – Frau Böttcher – als Vertretung hatten. Die trug damals selbst beim Sport keinen BH…und wenn es ihr warm wurde, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke…. sowas bringt wohl nur pubertierende in Wallung.

Erotik ist für mich einfach nicht zu fixieren. In meiner Karriere als mehrfacher Ehemann ist mir nie bewusst gewesen, wie erotisch ein Steak vom Grill sein kann. Jetzt, als Single, der sich überwiegend von TK-Gerichten ernährt, üben Speisenkarten auf mich einen erheblich größeren Reiz aus, als  Playboy- oder Hustler-Hefte.

Tja, Erotik ist wohl eine sehr persönliche Angelegenheit. Wie sonst könnte es bei gleichem Anlass zu so
unterschiedlichen Reaktionen kommen?
Beispiel gefällig?!  Ich schlafe seit ewigen Zeiten nackt. Ist das erotisch? Eindeutig nein, wenn ich an die Kommentare meiner letzten Exfrau denke: “Zieh Dir was an, wenn du in´s Bad gehst, damit du dich nicht erkältest!”
Eindeutig ja, wenn ich an die Reaktion ihrer besten Freundin denke, als meine Ex im Urlaub war: “Lass uns doch zusammen duschen…”

Und momentan? Wenn meine Gespielin mich anruft: “Deine Stimme ist so, wie andere Männer gerne küssen können würden, deine Gedichte bringen mich näher an einen Orgasmus, als der Körper eines anderen Mannes…” Dann weiss ich, Erotik ist etwas was in dir passiert. Eine Sache, die ohne Kontrolle stattfindet. Und das eigentliche Objekt deiner Begierde ist das Gefühl, das in dir entsteht. Liebe ist Erfüllung, Erotik ist die Lust an deiner Lust.

Gastbeitrag von Matthias Renner – Stammgast bei Marvin.

Wie sich eine Escort-Dame auf ihr Date vorbereitet

„Ein perfektes Date beginnt für mich mit Zeit: Phantasien zu entwickeln, mir vorzustellen wie „ER“ sein wird, mich schön anzuziehen um Ihn „Herzlich Willkommen“ zu heißen und eine wunderbare Zeit miteinander verbringen zu können.

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***
Meine Herren, wann haben Sie sich das letzte Mal auf ein Date mit Ihrer Partnerin vergleichbare Gedanken gemacht?!

Chiara, 32 – Berlin

Der Mann als Witz – Warum ist es so schwer, einen lustigen, liebevollen, netten, sensiblen, intelligenten Mann aufzutreiben?

Warum ist es so schwer, einen lustigen, liebevollen, netten, sensiblen, intelligenten Mann aufzutreiben?
Die Antwort ist sehr einfach:
Wie alles auf dieser Welt ist dies eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage. Wenn Frauen wirklich lustige, liebevolle, nette, sensible, intelligente Männer mögen würden, wären auch genug da.
Aber in Wirklichkeit wollen sie reiche, muskulöse, beschränkte Männer. Das erklärt die Vielzahl von Bodybuildern und Politikern, die wir vorfinden.

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Michael Jurjewitsch Lermontow – Mädchen haben wir…

Mädchen haben wir, ich weiß,
Ihre Augen sind wie Sterne;
Lieben, ja, das will ich gerne,
Doch nicht um der Freiheit Preis.
Wer sich einmal nimmt ein Weib,
Geht der ganzen Welt verloren,
Ach, und bald hängt er die Ohren
Gibt’s wohl lust’gen Zeitvertreib?

 


Michael Jurjewitsch Lermontow (1814 – 1841 (im Duell)), russischer Offizier, Schriftsteller und Lyriker, wurde zweimal strafweise in den Kaukasus versetzt, war Hauptrepräsentant der russischen Romantik nach Puschkin

Ferdinand Kürnberger – Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt – Novelle 1858

Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt

Das war eine einfache, aber durch Ort und Umstände merkwürdige Reflexion, die in einem Zwischenakte der »Gezähmten Widerspenstigen« aus einer Parterreloge heraus mein Ohr traf. Eine sonore Männerstimme intonierte mit einem schönen, pathetischen Baß die Worte:

John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens
John William Waterhouse – Ulysses und die Sirenen – 1891 – National Gallery of Victoria, Melbourne

trennlinie2»Käthchen und Petrucchio werden immer dankbare Rollen bleiben, im übrigen gehört das Stück veralteten Sitten an. ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ müßte heute ein psychologisches Problem sein; nur in naiveren Zeiten durfte selbst Meister Shakespeare wie ein Menageriewärter es anfassen und die Widerspenstige durch Hunger zähmen.« Worauf ein bildschönes Kind an seiner Seite, indem es mit feingantierter Hand die von einer kostbaren Perlenschnur durchblitzten Locken aus dem Gesichte strich, ernst und bescheiden die Bemerkung zum besten gab:
»Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Ich hätte bald laut aufgelacht. Ei, du naseweises Frettchen, was weißt du von Hunger in deiner Theaterloge und deinem Perlenkranze? Hast dein reizendes Naschen etwas früh in die sentimentalen Poesien der »sozialen Not« gesteckt! Armes Fortschrittsfräulein! Die Mama durfte noch mit Geibel und Lenau schwärmen, das Töchterchen liest schon Freiligrath und Barbier und ist mit den »hohläugigen Gespenstern« der modernsten Hungerlyrik vertraut. Seltsame Mädchenpoesie!

Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.
Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.

Auf einmal dachte ich an jenen ehrenwerten, aber noch immer etwas fremdartigen Teil unserer Mitbürger, welchen der größte Überfluß aller Theaterlogen und Perlenschnüre nicht vor dem Hunger schützt, nämlich vor dem gottesfürchtigen Hunger des Jom Kipur. Einer, aber ein Löwe. Ein Fasttag im Jahre, aber ein scharfer! Schade, daß ich das reizende Näschen nicht auf die Ahnen- und Wappenprobe jenes gewissen orientalischen Schnittes angesehen. Es war schon zu spät, es war schon im Nachhausegehen, als zwei Herren hinter mir in den kühnsten Modulationen ihres Jargons ein Duett über ein Wollgeschäft sangen und meine Phantasie plötzlich die Lichtspuren des Morgenlandes wandelte.

Übrigens wären es doch falsche Spuren gewesen. Auf die rechte Spur führte mich erst der Zufall, der an jenen Augenblick wieder anknüpfte und ihn abschloß mit jenem kleinen Geschichtchen, womit ich selbst schließen will.

Ich wurde in der Stadt, die ich am Theaterabend der »Widerspenstigen« als Fremder betreten, bald genug heimisch – ich darf nicht sagen, dank meinem geringen Namen oder meiner vielen Empfehlungsbriefe. Mit den letzteren ging es wie immer. Hochtönend vielversprechende Adressen blieben unfruchtbar und zergingen in nichts; bescheidene, fast nur als Lückenbüßer mitgenommene, wurden Stützpunkte und gastliche Heimstätten.

So war die Frau Rat, die Gattin eines Kaufmannes, dem sich der Titel Kommerzienrat zugesellt, nur eine schlichte, arbeitsame Bürgersfrau, aber sie beseelte ein Haus, worin es jedem traulich und wohl wurde. Alles Schöne und Gute war da, aber so anspruchslos, daß man es Zug für Zug erst entdeckte, was die Freude daran nur vermehrte. Es war der einzige, aber der liebenswürdigste Mangel dieser Frau, der Mangel an Logik, daß sie bei ihren Büchern ihr Hauswesen und bei ihren Hausgeschäften ihre Bildung zu versäumen fürchtete: in Wahrheit pflügte sie dieses wie jenes Feld und auf beiden ging’s vorwärts. Sie konnte oft mit ernsthaftem Eifer fragen: »Sagen Sie, was ist jetzt das Beste unter den literarischen Neuigkeiten? Man wird ganz dumm bei den ewigen Küchen- und Wäschezetteln.« Aber das »beste Neue« mußte schon selten sein, denn gewöhnlich kannte sie es bereits, ohne es selbst zu wissen. Sie glaubte nämlich, es müsse viel mehr sein; sie stellte sich mit echt weiblichem Horizont das, was die Männer leisten, eigentlich als ein unbegrenztes Reich vor und war oft erstaunt (ich dann beschämt), daß sich unsere geistigen Männertaten, welche wirklich zählten, so leicht an den Fingern abzählen ließen. Sie begleitete uns daher fast mühelos auf unseren Bücherwegen und erfüllte noch ihren eigenen großartigen Pflichtenkreis mit unverwüstlicher Spannkraft und ewig gutem Humor. Ihr Haus war versorgt, ihre Familie blühte, sie erzog Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen der Söhne und Töchter, sie strahlte Mütterlichkeit aus, so weit sie reichte, oder auch, es flog ihr zu, was von ihrem tätigen Menschensinn mit reiner Empfänglichkeit angezogen wurde. An ihrem Vesperkaffeetisch zum Beispiel fand ich regelmäßig ein oder das andere fremde Mäulchen: bald einen schüchternen Jungen, bald ein quecksilbernes Backfischchen, kurz, Kinder, welche »das Kind im Hause« waren, wie ich selbst »der Onkel« geworden. Und halb Kuchen, halb Klassiker im Munde (sehr frei nach Goethe), war es für Mutter und Onkel immer ein dankbares, oft interessantes Publikum.

So saß ich eines Tages am Kaffeetisch der Frau Rat, da kam ein junges, aufgeschossenes, aber sehr schönes Mädchen herein, das die Haustöchter sogleich mit den Worten anfielen:

»Das Gedicht! das Gedicht! Was hast du ihr Schönes und Spitziges ausstudiert?«

»Nichts.«

»Flausen! Keine Ziererei! Her mit dem Stammbuchvers! Wir sind neugierig. Was hast du geschrieben?«

»Auf Ehre, nichts.«

Die Töchter stoben wie Sturmvögel auf, aber das fremde Mädchen lächelte in den Sturm und hielt ihn mit heiterer Gelassenheit aus. Als sie wieder zum Worte kam, sagte sie:

»Im Ernste, Kinder, bedenkt doch, die Paula hat eine kleine Anlage zur Koketterie und ihr ganzes Stammbuch wimmelt von Versen, die darauf spekuliert und die ihr geschmeichelt haben. Was soll man da schreiben! Eine leichte satirische Anspielung, aber ohne zu verletzen, und mit Liebe und Freundschaft. Ihr habt es richtig genannt: Schönes und Spitziges. Nun, zum Schönen hätte ich vielleicht ein kleines, fades Talent, aber zum Spitzigen nicht die nötige Autorität. Seht ihr, daran scheiterte ich. Nach langem Hin- und Hersinnen gab ich’s auf und deckte mich hinter eine klassische Autorität. Ich tat zuletzt nichts, als daß ich ihr aus einem Trauerspiel des Seneca den trockenen Moralspruch abschrieb:

Wer wahre Liebe sucht Und wahres Lob, der strebe mehr Nach Huldigung der Herzen als der Zungen.«

»Bravo, bravo!« riefen die Töchter und selbst die Frau Rat sagte beifällig:

»Das hast du gut gemacht, Meta. Es klingt mild, fast galant und sie versteht es doch.«

Dieser Auftritt gefiel mir und animierte mich, daß ich, ohne noch vorgestellt zu sein, mich drein mischte. Ich sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Fräulein, daß auch ich Bravo rufe.« Aber das berühmte weibliche Postskriptum schien mir hier am Platze. »Wie sollen junge Mädchen es wissen, ob das Herz huldigt oder die Zunge? Was ist der Unterschied, mein Fräulein?«

Sie sah mich groß an und antwortete mit bündigster Naivität:

»Natürlich, ein Heiratsantrag.«

Ein großes Gelächter erscholl, aber obgleich ich mitlachen mußte, sagte ich nicht ohne ernstliche Hochachtung:

»Mein Fräulein, Sie besitzen eine bewunderungswürdige Gabe, die Klassiker noch klassischer zu machen. Sie sind die beste Textausgabe unseres Seneca. Ich habe den trockenen Moralisten nie weniger trocken und mehr anmutig gesehen.«

Und ich fühlte mich gedrungen, ich gestehe es, über den Vesperklatsch dem interessanten fremden Mädchen eine respektvolle Aufmerksamkeit zu widmen. Dafür lachte mich dann die Frau Rat wieder aus. Frauen lieben es, wenn sie einen Mann in seinem Geschäfte des Idealisierens betreten, mit den derbsten Duschen der Realität ihm zu Hilfe zu kommen.

»Mein Fräulein, mein Fräulein,« spottete sie hochtrabend; »Sie haben mir heute gefallen! Aber wenn Sie ›mein Fräulein‹ erobern wollen, so brauchen Sie ihr nicht so hoffähig den Hof zu machen. Bringen Sie ihr künftig nur eine Mundsemmel mit.«

»Eine Mundsemmel? Wie verstehen Sie das, Gnädigste?«

»Das verstehe ich so, mein Herr. ›Mein Fräulein‹ feierte jüngst ihren fünfzehnten Geburtstag und klagte mir bei dieser Gelegenheit: ›Da haben sie mir heute alle möglichen Glückwünsche und Blumen und Goldschnitte gewidmet, aber ich seufzte in meinem Herzen: Ach, wenn ich es zu meinem fünfzehnten Geburtstag lieber erreichen könnte, daß ich zu Hause die zweite Semmel zum Kaffee bekomme. Eine Semmel wird mir wirklich schon zu wenig, liebe Frau Rat.«

»Das ist gelungen, Frau Rat,« antwortete ich lachend. »Aber gesiegt haben Sie doch nicht. Auch wenn Sie es noch so gut verstehen, ›das Erhabene zu schwärzen‹, Sie haben mir das poetische Kind durch seine Liebe zum Bäckerladen höchstens menschlicher, nicht unpoetischer gemacht.« Noch redete ich, da durchhuschte plötzlich ein Bild meine Erinnerung. Ich sah das schöne, schmalgesichtige Mädchen am Theaterabend der »Widerspenstigen«, ich hörte den Ton jenes aufrichtigen Seufzers: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh.« Ich lachte nicht mehr. Ich wurde ernsthaft. Die Frau Rat bemerkte es und ich zauderte nicht, ihr den Grund davon zu erzählen. Ich sprach die Vermutung aus, daß ihre junge Hausfreundin Meta und jene Sprecherin in der Loge, deren Bild mir wieder aufdämmerte, wohl dieselbe Persönlichkeit sei. Die Frau Rat ließ sich die Loge, so gut ich konnte, beschreiben und bestätigte meine Vermutung. Es war die Loge eines berühmten Dichters. Er hatte sich in der Literatur jene schwer definierbare Stellung errungen, ein Schriftsteller zu sein, »der in den Händen aller Gebildeten ist«. Aller Gebildeten! Das ist eine Stärke und eine Schwäche. Darin lag der Glanz und – die Schwierigkeit seiner sozialen Position. Den Glanz mußte er repräsentieren – war er doch auch Ritter mehrerer Orden, hatte ihm doch auch sein Staat den Titel »Hofrat«, wenngleich sonst nichts, verliehen; kurz, er mußte ein Haus machen, einen Bedienten halten, Gäste bewirten, die seinem Ruhme den Hof machten, und das alles aus knappen Mitteln, aus Mitteln eines Dichters, dessen Werke mehr gelobt als gekauft, dessen Theaterstücke als »Ehrenpflicht« und »Ehrenschuld« aufgeführt werden; mit einem Worte eines Dichters, der »Kaviar fürs Volk« schreibt. Natürlich wurde die arme schöne Meta vom Kaviar nicht satt und wünschte die zweite Kaffeesemmel und seufzte: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Meine ganze Teilnahme war rege.

»Hören Sie, beste Frau Rat,« sagte ich, »geben Sie ja acht, daß mir dieses Mädchen nicht sitzen bleibt. Bei ihrer Armut hat sie leider Aussicht dazu, und doch wäre das liebenswürdige, gebildet Kind des schönsten Loses wert. Da ist eine Frau wie Sie so recht in ihrem Amte als glückliche Ehestifterin. Versprechen Sie mir, in diesem Punkte sie zu bemuttern, und wenn ich einst wieder komme, lassen Sie mich etwas recht Gelungenes hören.«

Mit diesem Vermächtnis verließ ich die Stadt, die ich erst nach drei Jahren wieder betrat. Ich brauche mich nicht zu rühmen, daß ich des Dichters Töchterlein nicht vergessen hatte. Eine Sympathie, deren Gegenstand so interessant, ist wahrlich kein Verdienst.

Ein wenig im Sturme überfiel ich daher meine liebe Frau Rat mit der Frage:

»Nun, meine gnadenreiche Gnädigste, lassen Sie hören: haben Sie unsere schöne Meta verheiratet?«

»Das hat sie schon selbst getan,« war die Antwort.

»Um so besser. Und wer ist der Glückliche?«

»Ein starker Esser.«

»Aber hören Sie auf! Was sind das wieder für Humoresken?«

»Daß ihr Herren immer nur Idealisches hören wollt.«

»Ernsthaftes wenigstens. Sprechen Sie im Ernste, Frau Rat.«

»Aber wenn mein Geschichtchen ein bißchen spaßhaft wäre?«

»Nennen Sie das einen Spaß, meine schöne Seele so zu erschrecken?«

»Ja, sehen Sie, dafür bin ich eine nüchterne, prosaische Kaufmannsfrau. Romantik habe ich nicht. Die finden Sie in den Leihbibliotheken. Ich habe nur eine Geschichte: wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt.«

»Als starker Esser?«

»Ganz recht, durch Essen und Trinken. Durch guten Appetit beim Souper.«

»Was will ich machen? Ich bin Ihr frommer Knecht und ertrage Ihrer Launen Übermut wie der Balladen-Fridolin. Wenn nur meine Meta gut versorgt ist.«

»Das ist sie. Gott sei Dank, ja! Glänzend versorgt, glücklich verheiratet, und das alles, weil ein prosaischer Mann, anstatt ihr Bild zu verschlingen, das ganze Souper ihrer Familie verschlang.«

»Dabei bleiben Sie also! Ich bin neugierig.«

»Nur nicht zu sehr, wenn ich bitten darf. Meine Geschichte ist ungeheuer einfach und hausbacken. Urteilen Sie selbst:

Der Hofrat und sein Verleger hatten jahrelang aus der Ferne verkehrt und ihre Geschäfte durch Korrespondenz besorgt. Ein größeres Unternehmen – ich glaube, eine Gesamtausgabe – machte die Brieflast drückender, zumal da ein strenger Winter die zarte Gesundheit des Dichters molestierte. Der Verleger, der seinen Mann, wenn nicht gewinneshalber, doch als ›Perle seines Verlages‹ außerordentlich hochschätzte, machte ihm die Avance einer weiten Reise und fand sich am Wohnort des Dichters zu einer persönlichen Zusammenkunft ein. Er war angekündet, zwar auf den Tag, aber nicht auf die Stunde und überfiel den Hofrat im Reisepelz, als die Familie sich just zum Souper setzte. Natürlich wurde dem Gast ein Kuvert aufgelegt und ebenso natürlich nahm er es an – womit der Knoten unseres Dramas geschürzt ist.

Der Verleger ist ein steinreicher Mann; seine Person müssen Sie sich rundlich, rotwangig, echt muskulös, aber gar nicht historisch vorstellen; seine Laune heiter, jovialisch, voll Lebenslust und Genußfähigkeit. Kurz, ein Typus voll Glück und Gesundheit. Ihr Poeten in eurem Neide nennt das: ›ein kleiner Vierschröter‹, wenn ich nicht irre. Und dem kleinen Vierschröter gegenüber sitzt Ihr Ideal, die feine, schmalgesichtige Meta. Was würdet ihr Dichter aus einem solchen Kontraste herausschlagen! Ich denke mit Schadenfreude daran, denn die Wirklichkeit machte gar nichts Effektvolles daraus, sondern bloß – ein Menschenglück. Im übrigen ist die Prosa dieses Soupers so schrecklich wie jedes Gesellschaftskauen, ja, noch ein wenig schrecklicher.

Denn wie der Bediente nun die Vorlegschüssel mit dem zerlegten Huhn herumreicht und sie dem Gaste zuerst hinhält, schaut ihn dieser großmächtig an und sagt mit vernichtender Ruhe: ›Stellen Sie nur nieder, mein Lieber, Sie könnten lange stehen und warten, bis ich aufgegessen habe. Ich kann ja das Huhn nicht auf einmal verschlucken, sondern nur bissenweise; setzen Sie ab, mein Bester.‹ Mit diesen Worten faßt er den Präsentierteller, wippt alles auf seinen herüber und fährt gemütlich fort: ›Einen Wolfshunger bringe ich den Herrschaften mit. Die Mittagsrestauration in Hundeshausen wird immer polizeiwidriger; ich versparte mir meinen besten Appetit aufs Souper. Und mein Appetit ist ein Altmärker; bei uns zu Hause haben wir das Sprichwort: »Dem Manne eine Ente!« Ich brauche vier. Ich fürchte, ich esse das ganze Haus auf. Aber wir arrangieren uns schon. Sie haben einen »Charcutier« da drunten, einen gar guten Nachbar. Im Vorbeifahren sah ich einen beachtenswerten Rehrücken im Schaufenster; ›den bringen Sie uns herauf, mein Guter!‹ wandte er sich an den Bedienten. Und da dieser, mit der Weinflasche andächtig trippelnd, einzuschenken begann und sein wie ein Likörgläschen schmächtiges Weinglas tropfenweise füllte, fiel ihm der Buchhändler rasch in den Arm und vergröberte die zarte Arbeit, indem er die ganze Weinflasche mit kurzem Prozeß in sein Wasserglas stürzte. ›Heute muß ich tiefere Züge machen,‹ sagte er freundlich. ›Was so ein Schnellzug Rauchmassen in die Gurgel wirft, ist nicht auszusprechen; ich werde tüchtig zu waschen haben, um meinen inneren Menschen zu säubern. Bringen Sie mit dem Rehrücken gleich vier Flaschen Laffite mit; ein Charcutier wird ja auch Wein haben. Aber machen Sie schnell, Sie verdienen sich eine Rettungsmedaille.‹ Sprach’s und schob dem Bedienten einen Fünfundzwanzigtalerschein in die Hand und ihn selbst zur Tür hinaus.

Die gute Meta war aus den Wolken gefallen. Bewandert in den Literaturen, kannte sie wohl jenes finnländische Epos, worin die Helden einen gebratenen Ochsen verzehrten, der so groß ist, daß ein Eichkätzchen drei Tage lang an ihm hinanläuft, aber sie hätte sich nimmermehr träumen lassen, von dieser Bratenpoesie ein Stück Wirklichkeit zu schauen. Da saß er, der Riese aus der Altmark, die von Finnland gar nicht so himmelweit entfernt ist. Dem Manne eine Ente, sagen sie dort. Welch ein Land! Und das verschweigt Ritters Erdkunde! In diesem Zauberlande würde man wohl auch sagen: Der Frau ein Huhn. Ach, nur ein halbes, ein Viertel! Aber bei ihr zu Hause wird das Viertel in Achtel und noch das Achtel in Sechzehntel zerlegt, und wenn sie beim zweiten Herumreichen ein zweites Sechzehntel nimmt, riskiert sie schon einen Rügeblick der Mama oder gar die laute Zurechtweisung: »Aber, Meta, was werden die Gäste denken, wenn du alles allein ißt!« Und dort fliegen die Sechzehntel ungezählt in den Mund – großartig anzusehen!

Ihr Gesichtskreis erweitert sich. Jetzt weiß sie, was essen heißt. Es heißt weder naschen noch fasten. Das Schauspiel ist ihr neu. Und es sieht sich ganz angenehm an. Mitzuspielen wäre freilich am besten, aber auch das Zusehen ist schon ein Genuß. Schon die Tatsache ist beglückend, daß man überhaupt essen darf. Von dieser Seite war ihre Weltanschauung immer nur lückenhaft.

Und sage man nicht, daß es unästhetisch ist und das gebildete Auge beleidigt. Der Mann dort macht seine Sache gar nicht so rüde, wie das starke Essen gewöhnlich den Ruf hat. Er ist wie ein lachender Sommertag, wo alles einerntet – poetischer mag der ahnungsvolle Frühling oder der elegische Herbst sein; aber – Sommer ist Sommer! Und der Sommer ist kein Egoist; er lebt nicht nur selbst, sondern von ihm lebt eigentlich eine jede Jahreszeit. Und ganz so dieser rotwangige Sommermann. Denn als nun der Rehrücken und die Bordeauxflaschen kommen, da schneidet er das köstliche Fleisch in Scheiben, dicker als man an diesem Tische sonst das Butterbrot schnitt, lanciert rings in die Teller die mächtigen Stücke und bedankt sich dabei fortwährend: »Wirklich, das ist zu liebenswürdig; daß Sie mir Ihr warmes Souper opfern und mit meinem kalten vorlieb nehmen. Gott lohne es Ihnen, was Sie an einem armen Reisenden tun; Sie erweisen mir eine unschätzbare Wohltat. Mein Magen war kalt wie ein Eiskeller, aber mit dem warmen Hühnchen im Leibe fühl ich’s wie einen Rosengarten, ich schäme mich, daß ich das Opfer annehme. Nun, einmal im Jahre schadet’s den Kindern wohl nicht, auch kalt zu essen. Nur ein Gläschen Bordeaux rate ich darauf zu setzen, Bordeaux wärmt auch!‹ Und als man ihm in den Arm fällt: ›Um Gottes willen, nicht so viel Wein, Sie töten die Kinder!‹ da lacht er nur und sagt: ›Ja nicht, Herr Hofrat! Ihr Verleger bringt Ihre Kinder nicht um, weder Ihre Geisteskinder noch Ihre leiblichen. Ein kleiner Schwips kostet den Kopf nicht.‹ Und unwiderstehlich muß alles essen und trinken, köstlich, reichlich, im Superlativ; der Sommermann macht den glänzendsten Wirt und bedankt sich dabei wie der dankbarste Gast.

Wohlan, da haben Sie nun einen Eindruck auf ein poetisches Mädchenherz! Machen Sie daraus, was Sie wollen – ich mache eine Hochzeit daraus.

Das Herz nämlich hat der vortrefflichste aller Buchhändler freilich nicht gesehen; aber im Nachhausegehen und droben in seinem Hotelzimmer klingt es ihm mehr und mehr nach, wie ihn das junge Mädchen mit ihren Blicken beachtet. In ihren Blicken war ein Erstauntsein – und zwar kein spöttisches; nein, ein Erstauntsein mit Wohlgefallen. In dieser Verbindung aber heißt es Bewunderung. Er ist bewundert worden! Was war das?! Koketterie war es nicht – er ist ein längst geschulter Kenner – es war noch das unschuldigste Gegenteil davon. Wenn ein Backfischchen das enfant terrible passiert hat, das mit dem Munde herausplatzt, so kommt noch ein Jahr oder zwei, wo es mit den Augen herausplatzt. In dieses Stadium versetzt der gewiegte Mann die kleine Meta. Sie hat ihn mit aufrichtigen Blicken bewundert. Wie das zugeht, weiß er selbst nicht. Er zündet alle Lichter seines Armleuchters an, er beschaut sich im großen Ankleidespiegel, ob irgend etwas geheim Bewunderungswürdiges, was man zu Hause noch nicht entdeckt hat, an ihm sei; denn kein Prophet gilt ja im Vaterlande …. ›Ah, bah, Einbildung oder Château Lafitte! du bist ein Narr, leg‘ dich schlafen!‹

Aber in seine Träume lacht noch das Auge hinein, das ihn angesehen – mit lachendem Herzen! Und so wacht er auf. Die Träume sind fort, Château Lafitte ist fort, aber die Einbildung ist da. Wahrlich, es muß doch mehr als Einbildung sein. Du Zaubermädchen, du! Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Sie ist gebildet, hochgebildet, hat Literaturkenntnisse weit über ihre Jahre hinaus, obwohl sie nur wenig und mit größter Bescheidenheit gesprochen. Aber« – erinnerte mich die Frau Rat – »vor drei Jahren hat Ihnen der Stammbuch-Seneca ja selbst imponiert. Oft genügt ein einziges Wort. Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Da haben Sie die Pointe meiner Geschichte: Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt! Der prosaische Mann nämlich ist noch an demselben Morgen beim Hofrat vorgefahren und hat mit einer Armensündermiene gestottert: »Herr Hofrat, sprechen wir heute noch nicht von unserem Geschäfte. Ich bin gekommen, um einen anderen Artikel von Ihnen zu verlangen. Ich muß leider fürchten, daß Sie damit höher hinaus wollen – und ich müßte Ihnen noch dazu recht geben – denn es wäre das Kostbarste, was ich aus diesem Hause mitnehmen könnte. Herr Hofrat, ick bitte um die Hand Ihrer Tochter Meta.«

Den bleichen, geistvollen Dichterkopf färbt plötzlich ein höheres Rot – der Mann wäre ihm schon recht – aber Meta! Sein poetisches Töchterlein erträumt sich gewiß einen Heldenliebhaber und der Buchhändler, alles in allem, ist doch nur ein recht gelungener, wohlkonditionierter Bonvivant. Welch eine Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit! Nicht minder verlegen stottert er den Bescheid: »Ihr Antrag ehrt mich, und wenn mein Kind von seiner großen Jugend schon so gut sich beraten findet, einen Mann wie Sie gebührend zu würdigen …«

Der Dichter der gewähltesten Worte weiß zum erstenmal nicht: hat er ein Kompliment oder eine Grobheit gesagt. Worauf der Verleger:

»Bitte, bitte. Versichern Sie mich wenigstens Ihrer väterlichen Unterstützung.«

»Von ganzem Herzen.«

Vorletzter Auftritt: Hofrat und Hofrätin – zwei lange Gesichter. Das Glück, das das Kind macht, ist enorm; aber das Kind! Das Kind ist in heller Romantik und eitel Poesie erzogen worden und nun schlägt einem doch das Gewissen. Hat man das Kind je gelehrt, daß das enorme Glück auch die Prosa sein kann?

Letzter Auftritt: Die vorigen, das Kind. Hofrat und Hofrätin stottern zusammen; kaum wagen sie, der jungen Direktrice einen Bonvivant als Heldenliebhaber zu offerieren. Aber die junge Direktrice stößt einen Freudenschrei aus, wirft sich in die Mutterarme und ruft: ›Mama, ich bin zu glücklich!‹ Die Eltern sehen sich an – staunend, lächelnd. Gott sei Dank! Aber wer hat das Kind so viel praktischen Sinn gelehrt?

Sie haben es nie erfahren. Nie hat ihnen Meta gesagt, wodurch ihr Mann sie erobert. Sie hat es diesem selbst nie gesagt. Nur mir sagte sie es. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir sagen die Leute alles.«

»Das kommt daher, Frau Rat, weil Sie selbst, offen und klar, ein Spiegel der Wahrheit sind, alles Menschliche anziehend und unzugänglich nur dem Monströsen.«

»Nun eine kleine Schmeichelei verdient mein Geschichtchen schon, aber ich schenke es Ihnen auch gratis. Ist es doch eine jener kleinen, unzähligen Lehren, wie Ideal und Wirklichkeit – sich in der Wirklichkeit verhalten, denn es gibt noch immer humorlose Selbstquäler, die das nicht wissen!


Clara Müller-Jahnke – Glut

Paul Klee - Daemonie der Glut - 1939
Paul Klee – Daemonie der Glut – 1939

Mit roten Kressen hatt‘ ich mich geschmückt –
du hast sie jäh an deiner Brust zerdrückt.

Mit bleichen Wangen bot ich dir den Gruß –
in Flammenwogen tauchte sie dein Kuß.

Mit ruhigem Herzschlag trat ich zu dir her, –
und nun, und nun: ich kenne mich nicht mehr….

Nun lachst du mich verstohlen an
mit dunklem Auge, du fremder Mann;
mit brennender Lippe streifst du mich –
heiß pocht mein Herz: ich kenne dich!

Aus schwüler Träume Zauberspuk,
aus Wüstenschemen voll Lug und Trug,
aus Frühlingsnächten voll Windeswehn
hab ich dein Bild mir winken sehn!

Aus düster flammendem Morgenrot,
das Hagelschauer den Saaten droht,
aus lohendem Blitz, wenn ein Wetter braut,
hat schon dein Auge mich angeschaut . . .Weiterlesen

Wörterbuch – C wie Chemie und das MINT-Problem

Illustration: Stefan Otte
Anna Karina – Illustration: Stefan Otte

…diese Faszination, die diese schöne, blonde, offene, frohe Frau im Gespräch auf mich ausübte.
Diese Faszination, die ganz plötzlich, und zwar genau in dem Moment, in dem sie sagte, sie studiere Chemie, erlosch, und dies bestimmt nur deshalb, weil Chemie ein Fach ist, das mich in der Schule immer fürchterlich frustriert hat.

Cats Gedankenwelt: Brautalarm

Foto: Privat
Foto: Privat

Heiraten ist aufregend, ohne Frage. Nicht nur für Braut und Bräutigam, sondern auch für alle drumherum. Eigentlich wollte ich die coolste Braut auf dem Planeten sein und mich nicht in Kleinigkeiten, Selbstzweifeln und nervigen Fragen verzetteln. Manche Fragen kommen trotzdem auf, seit ich „offiziell Braut“ bin. Ein Auszug aus meiner zurzeit etwas wirren Gedankenwelt.

Frage 1: Haben Bräute mit Traumhochzeiten eigentlich Dauerurlaub?

Früher, wenn ich romantische Komödien rund ums Heiraten gesehen habe, die tollen Kleider, die rührenden Reden und die makellosen Frisuren und Make-Ups, dachte ich: „Wow, wie schön!“. Heute, wo ich wenige Wochen vor meiner eigenen Hochzeit stehe, frage ich mich: „Woher zur Hölle nehmen die in den Filmen die ganze Freizeit?“ Freizeit, um sich tage- und wochenlang in Braut- und Dekoläden aufzuhalten und über jedes kleine Detail minutiös aufeinander abzustimmen. Das sieht immer so nach Spaß aus – dabei muss das in Wahrheit echt harte Arbeit sein. Ein Zweitjob, sozusagen. Es sei denn, man ist ein Meister im Delegieren – und selbst das erfordert eine Menge Einsatz und Geduld.

Frage 2: Haben die eigentlich alle im Lotto gewonnen? Weiterlesen

Cats Couch: Die allwissende Dritte

Die Hochzeit Henri Rousseau Gesellschaft Hund Braut Bräutigam
Die Hochzeit Henri Rousseau – Gesellschaft Hund Braut Bräutigam

Für viele Männer ist die (zukünftige) Schwiegermutter der „Angstgegner“ schlechthin. Ob sie mit der Person, die ihre Frau auf die Welt gebracht hat, zurechtkommen, kann im Konflikt zum Zünglein an der Beziehungswaage werden. Es gibt jedoch eine zweite weibliche Person im Leben der meisten Frauen, an die man(n) sich erst einmal gewöhnen muss – die beste Freundin, die oft mehr Wissen und Einfluss hat, als ihm lieb ist.

Die meisten Frauen gibt es nur im Doppel- oder Mehrfachpack auf dem „Heiratsmarkt“. Auch wenn wir natürlich alle Individuen sind, existieren diese wenigen Personen im Umkreis einer Frau, mit denen man(n) sich arrangieren sollte – das können die leiblichen Kinder, die engste Familie oder eben die beste Freundin sein. Ohne Letztere läuft nämlich für viele von uns nichts. Und ja, ich will an dieser Stelle nichts schönreden. Oft weiß sie einfach alles – von den typischen „Frauenleiden“ ihrer Allerbesten (von denen Männer sowieso meist nichts hören wollen) und den geheimsten Lebensträumen, über die mit dem Partner vielleicht noch nie gesprochen wurde bis hin zu intimen Bettgeschichten. Was dem Partner wie ein himmelschreiender Loyalitätsbruch vorkommen kann, sehen die besten Freundinnen häufig als total normal an. Schließlich kennen sie sich eine halbe Ewigkeit, können die Sätze der jeweils anderen quasi telepathisch vervollständigen und entwickeln geradezu hellseherische Fähigkeiten – zumindest, was diese eine Person in ihrem Leben angeht. Schwierig wird es, wenn ein Mann mit dieser Bindung, die bei manchen Frauen untereinander die Qualität eines Ehebundes ohne Sex einnehmen kann, nicht zurecht kommt. Deswegen gibt es hier von Frauenseite ein paar Tipps, um mit dieser „allwissenden Dritten“ in der Beziehung Frieden und Freundschaft zu schließen. Denn, eines vorweg: Lieber würden wohl einige Frauen wohl eher den Mann an ihrer Seite als ihre allerbeste Freundin in den Wind schießen!Weiterlesen

Begierlichkeit des Fleisches

Otto Mueller
Otto Mueller

Weil wir fleischlich sind und aus der Begierlichkeit des Fleisches geboren werden, muß unsere Begierde oder Liebe im Fleisch beginnen. Wird diese in die rechte Ordnung gelenkt, so wird sie unter Führung der Gnade voranschreiten und schließlich im Geist zur höchsten Vollendung gelangen.

Bernhard von Clairvaux (1091 – 1153), französischer Zisterzienser-Abt und Theologe

Erich Mühsam – An dem kleinen Himmel meiner Liebe

Zenzl und Erich Mühsam 1924
Zenzl und Erich Mühsam 1924


An dem kleinen Himmel meiner Liebe

will – mich dünkt – ein neuer Stern erscheinen.
Werden nun die andern Sterne weinen
an dem kleinen Himmel meiner Liebe?

Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller!
Strahlend steht am Himmel, unverrücklich
eures jeden Glanz und macht mich glücklich.
Freut euch, meine Sterne, leuchtet heller!

Kommt ein neuer Stern in eure Mitte,
sollt ihr ihn das rechte Leuchten lehren.
Junge Glut wird euer Licht vermehren,
kommt ein neuer Stern in eure Mitte.

An dem kleinen Himmel meiner Liebe
ist ein Funkeln, Glitzern, Leuchten, Sprühen.
Denn ein neuer Stern beginnt zu glühen
an dem kleinen Himmel meiner Liebe.

Cats Gedankenwelt: Über die Schwelle treten – Leben und Ängste

Cat KolEs gibt viele erste Male und gefühlt unzählige Gründe, warum sie Ängste in uns schüren. Manche Fachleute nennen es Neophobie („die Angst vor dem Neuen“), andere nennen es schlicht „Schwellenangst“ oder „Angst vor Veränderungen“. Das ist im Prinzip nichts Außergewöhnliches – dennoch lohnt es sich, hin und wieder seine Komfortzone zu verlassen und die Schwelle des Gewohnten zu übertreten. Weiterlesen

Julius Stettenheim – Der moderne Knigge – Über den Umgang mit der emanzipierten Frau

Die emanzipierten Damen
eines Besseren zu belehren und dem weiblichen Geschlecht zu erhalten, indem man sich auf ihren Standpunkt stellt und ihnen beisteht, da Frauen in anderer Weise überhaupt nicht zu überzeugen sind.

Julius Stettenheim - Porträtpostkarte
Julius Stettenheim – Porträtpostkarte  © Heinrich-Heine-Institut

Ist man in einer Gesellschaft mit einer oder mehreren Emanzipierten zusammengetroffen und werden diese von Verehrern des Ewig-Weiblichen hart bedrängt und von anderen Gegnern ihrer Unweiblichkeit bekämpft, so nehme man sich dieser Bedrängten und Bekämpften an. Man behaupte, die emanzipierten Damen gingen ihm noch lange nicht weit genug, und daß sie im Interesse ihrer endlichen Befreiung von den Ketten, mit denen die Männerwelt sie grausam belaste, vieles mehr zu erreichen suchen müßten. Die Universitäten besuchen, die Doktorwürde erlangen und an den Eisenbahnschaltern sitzen, ja selbst die Decken der elektrischen Straßenbahnwagen erklettern zu dürfen, damit sei noch nichts erreicht. Das sei alles nur halbe Agitation. Die Frauen und Mädchen müßten auch Soldaten und Matrosen werden können. Man sähe nicht ein, weshalb allein die Männer der Ehre teilhaftig sein sollten, von den Unteroffizieren geschuriegelt zu werden und als Matrosen fortwährend in Lebensgefahr zu schweben. Auch die Frauen und Mädchen müßten verlangen, als Soldaten von ihren Vorgesetzten mißhandelt und wegen der kleinsten Vergehen gegen die Disziplin mit den schwersten Strafen auf den Weg der Besserung zurückgeführt zu werden. Auch sie hätten ein Recht auf die Strapazen des Drills, des Wachdienstes und der Manöver, auch sie das Recht auf das Vergnügen, stundenlang auf Posten zu stehen, vor allem aber müßten sie nach der Ehre streben, mit Hilfe der neuen Waffen im Kriege zu Hunderten über den Haufen geschossen, oder verstümmelt zu werden, Festungen und Schanzen zu stürmen und gegen feuerspeiende Batterieen geführt zu werden.Weiterlesen

Kurt Tucholsky – Alle Welt sucht – An Walt Whitman 1925

Walt Whitman
Walt Whitman

Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus:
    Alle gehen um einander herum und suchen.

Fressen.

Der Bär tappt nachts durch den Wald und brummt, weil er hungrig ist – er sucht ein Bienenloch oder etwas Andres zur Aufplusterung seiner Speckhülle;

der Arbeitslose wickelt mit frostzitternden Händen ein zerfetztes Zeitungspapier auseinander – vielleicht ist ein angebissenes Brot darin?

der Japaner rülpst höflich und nimmt noch ein hochwohlgeborenes Schüsselchen Reis – mit den Augen sucht er das minder schöne, weil er wohlerzogen ist;

der Säugling stößt ungeduldig an der Mutter Brust.Weiterlesen

Das Kreuz mit der Lust – über meine Sexsucht

Die Fesseln der Sucht - Illustration: Stefan Otte
Die Fesseln der Sucht – Illustration: Stefan Otte

Jürgen*,  49, verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, in einem kaufmännischen Beruf tätig und wohnhaft in Norddeutschland. Hier erzählt er von seiner Last mit der Lust:

Ich bin sexsüchtig «und fühle mich meinem zwanghaften Begehren machtlos ausgeliefert». Vermutlich bin ich das schon seit meiner Jugend. Wirklich aufgefallen ist es mir erst vor etwa zehn Jahren. Vorher dachte ich einige Jahre lang, dass mein erhöhter Alkoholkonsum dafür verantwortlich sei, dass ich oft  Prostituierte aufsuchte oder schnellen Sex mit bekannten und unbekannten Frauen suchte. Ich ging zu den Anonymen Alkoholikern und lebte auch während einiger Jahre gänzlich ohne Alkohol. Doch dann merkte ich allmählich, dass «der übermäßige Drang» auch ohne Alkohol kam. Da wurde ich mir dann wirklich bewusst, dass ich kein Alkoholiker, sondern ein Sexsüchtiger bin.
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Cat’s Couch: Furien, Miesepetras und Gewitterhexen

Foto: Privat
Foto: Privat

Die meiste Zeit über gelten wir Frauen als das ausgeglichenere und weniger aggressive Geschlecht. Auch, wenn das im Einzelfall sicher unterschiedlich ist, bemühen sich die meisten von uns im Alltag um Selbstbeherrschung und Harmonie. Ziehen dann doch einmal dunkle Wolken auf und die Laune schlägt um, wissen Männer nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Hier ein paar Tipps, was (oft) funktioniert – und was man(n) gegenüber einer schlecht gelaunten Frau besser sein lässt …Weiterlesen

Kurt Tucholsky – Zeugung – 1927

Albin Egger-Lienz - Zeugung - Entwurf 1913/14 - Realismus, Symbolismus - Sammlung Luis Trenker
Albin Egger-Lienz – Zeugung – Entwurf 1913/14 – Realismus, Symbolismus – Sammlung Luis Trenker

 

Die biochemischen Vorgänge sind bekannt.

Äußerlich sah es so aus, daß das nackte, gardinenlose Fenster erst hellgrau, dann graublau schien, schließlich wurde der Himmel weißlich. Die Frau wachte zuerst auf – in einem schmutzigen Hemd, mit zerzausten, ins Gesicht hängenden Haaren blickte sie trübe umher. Das Rumpeldurcheinander des Zimmers sah sie an. Durch die verklebten, zusammengekniffenen Augen erblickte sie: den Herd mit Töpfen und Papier, auf dem Tisch die leeren zwei Flaschen und eine halbvolle, ihren Unterrock auf einem Stuhl, seine Sachen über eine Stuhllehne geworfen, Stiefel, Körbe, Brocken, unabgewaschenes Geschirr, Zeitungsbogen, einen Hammer. Je weniger die Leute besitzen, desto voller sind ihre Stuben. Diese hatten nur eine: Küche, Eß- und Schlafzimmer zugleich. Darin hatten sie gestern das Kind gezeugt.Weiterlesen

Arkadij Awertschenko – Der Mann unter dem Bett – Kurzgeschichte

Der Mann unter meinem Bett - Illustration: Stefan Otte
Der Mann unter meinem Bett – Illustration: Stefan Otte

Kuroslepow ging ins Theater. Infolge einer Erkrankung der Primadonna wurde die Vorstellung abgesagt, und er kam statt um elf Uhr um acht nach Hause. Seine Frau begegnete ihm außergewöhnlich freundlich, das ließ ihn aber ganz kalt. Er schaute sich nach rechts und links um und sagte finster:
»Wessen Fuß ist dort unter dem Bett?«
»Das ist kein Fuß«, antwortete seine Frau lachend, »das sind deine Schuhe, die du unters Bett geworfen hast.«
»Du glaubst, daß es meine Schuhe sind? Schön. Ich werde gleich eine Kugel in den Absatz feuern.«Weiterlesen

Kurt Tucholsky | Die arme Frau

Mein Mann? Mein dicker Mann, der Dichter?
Du lieber Gott, da seid mir still!
Ein Don Juan? Ein braver, schlichter
Bourgeois – wie Gott ihn haben will.

Da steht in seinen schmalen Büchern,
wie viele Frauen er geküßt;
von seidenen Haaren, seidenen Tüchern,
Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst…

Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe,
den anonymen Veilchenstrauß!
Es könnt ihn stören, wenn er schliefe.
Denn meist ruht sich der Dicke aus.

Und faul und fett und so gefräßig
ist er und immer indigniert.
Und dabei gluckert er unmäßig
vom Rotwein, den er temperiert.

Ich sah euch wilder und erpichter
von Tag zu Tag – ach! laßt das sein!
Mein Mann? Mein dicker Mann, der Dichter?
In Büchern: ja.
Im Leben: nein.

Meine Frau kann machen was sie will – Über die Eifersucht

Nightclub
Illustration: Stefan Otte

Mein Frau wollte heute ausgehen. Mit einem alten Bekannten, und sie sagte, ich solle mir nichts dabei denken. Es wird später.
Ich finde es schön, dass meine Frau mit einem alten Bekannten ausgeht. Ich gehe ja selbst öfter aus, und man sollte ja nicht mehr so althergebracht denken.
Sie soll ausgehen und sich so richtig amüsieren. Jede Beziehung braucht solche Auflockerungen, ab und zu raus aus diesem Zweisamkeitstrott. Sie ruhig mal so richtig flirten und andere Männer anschauen und – das frischt unsere Beziehung wieder auf, gibt ihr neue Impulse….Weiterlesen

Der perfekte Liebhaber – Aus der Serie: Immer wieder gern bestaunt

Lord Byron als Don Juan mit Haidee, 1831 - Maler: Colin, Alexandre (1798-1873) - Privatsammlung -  The Bridgeman Art Library
Lord Byron als Don Juan mit Haidee, 1831 – Maler: Colin, Alexandre (1798-1873) – Privatsammlung – The Bridgeman Art Library

Ich habe (im Orgateam) an einer Studie teilgenommen, in der Frauen zwischen 18 und 50 Jahren  Fragen rund um den „perfekten Liebhaber“ beantworten sollten. Mehr als 2500 Frauen haben teilgenommen. Die Ergebnisse sollten der Anstoß zu einer Werbekampagne für Erotikspielzeug werden. Die Aktion wurde abgeblasen, da die Ergebnisse keinerlei neue Erkenntnis brachten und in ähnlicher Form hundertfach bereits zu lesen waren. Es hat mich dennoch erstaunt, dass dieses Thema für so zugkräftig gehalten wird, dass es seit Jahrzehnten stetig neu durchgekaut wird. 
In diesem Fall habe ich das unten aufgeführte Ergebnis einer ganzen Reihe von weiblichen Stammgästen (inkl. einem „Stammtisch“) präsentiert. Und, was soll ich sagen: er wurde immer und immer wieder heiß diskutiert. Weiterlesen

Meine Freundin sieht schon irgendwie Scheiße aus….was soll ich tun?

Marvin
Marvin

Neulich in der Bar. Kerl am Tresen, trinkt Cocktails (!) und textet mich zu:

„Ich habe eigentlich kein akutes Problem. Es ist mehr ein Gefühl, dass ich habe – im Grunde seit ich mit meiner Freundin zusammen bin. Und das ist mittlerweile über 4 Jahre her.

Wir haben uns im Ski-Urlaub kennengelernt und sind kurz danach zusammen gekommen. Ich würde nicht sagen, dass es (von meiner Seite aus) Liebe auf den ersten Blick war. Aber irgendwie sind wir dann halt doch zusammen gekommen und ich liebe sie. Ich fühle mich wohl in ihrer Gegenwart, vertraue ihr zu 100%. Ich möchte, dass sie glücklich ist und mir würde etwas fehlen ohne sie. Nebenbei haben wir einen weitgehend gemeinsamen Freundeskreis und mit ihren Eltern verstehe ich mich genauso gut wie sie mit meinen.

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Arndt Brummer • Warum Frauen keine netten Männer wollen • Eine Polemik

Warum Frauen keine netten Männer lieben wollen

Hand hoch! Wie viele verzweifelte Männer gibt es da draußen, die sich selbst als nett, verständnisvoll und zärtlich einstufen und trotzdem Sonntagabend alleine vor dem Fernseher sitzen und ihrem Vorbild Kai Pflaume (ein augenscheinlich netter, verständnisvoller aber auch ein Frauentyp) die Frage ihres Lebens stellen: “Warum will mich keine Frau?”

Bevor ich das beantworte, definieren wir mal die typischen Merkmale eines Mr. Nice Guy. Nur damit sich auch die Männer wieder erkennen, die sich morgens in grenzenloser Selbstleugnung mit einem Poster von Sylvester Stallone vor dem Badezimmerspiegel rasieren.

Du hast in Deinem Freundeskreis Unmengen von hübschen, intelligenten Frauen, von denen Du jede einzelne irgendwann einmal begehrt hast. Jede dieser Frauen hat Dein Geständnis – vorgetragen in einem edlen italienischen Restaurant, in der Hand ein Strauss mit 1.000 roten Rosen (mindestens!) – folgendermaßen quittiert: “Du bist echt ein netter Kerl und ich habe Dich wahnsinnig gern, aber nur als Freund”.

Und weil Du so ein echt netter Kerl bist… hast Du Dich der Bitte “Lass uns doch weiterhin Freunde bleiben, ja?” gebeugt, statt der Schlampe Dir gegenüber zu sagen, dass sie für das teure Essen wenigstens einmal die Beine breit machen könnte.

Zum Beispiel so, wie sie es für ihren monatlich wechselnden Idioten von Freund tut, der sie mindestens zweimal die Woche verprügelt und außerdem mit ihrer besten Freundin fremdgeht. Woher Du das weißt? Du bist schließlich ihre Telefonseelsorge. Deine Nummer ist bei Deiner Freundin ganz oben auf den Schnellwahltasten ihres Telefons gespeichert. Natürlich unter “Oma” oder “Tanja”, denn die südländischen Macker, mit denen sie derzeit herumhängt, sind rasend eifersüchtig. Meistens ruft sie nachts um 3 an, wenn das Veilchen gerade frisch blüht und sie ungeachtet dessen noch vor 5 Minuten Versöhnungs-Sex mit ihm hatte. In schöner Regelmäßigkeit stößt sie Dir mit “Wenn er doch nur ein bisschen so wäre wie Du!” die verrostete Nagelfeile tiefer ins Herz, während sie Dir Dein C-Hemd mit wasser- und waschmittelfester Wimperntusche verschmiert.

Ein bisschen so wie Du? Mädel, hier sitzen 100%, warum bekommst Du das nicht in Deinen dummen blonden Schädel? Trotzdem wartest Du, denn Du bist Dir ganz sicher, dass sie irgendwann dieses muskelbepackte Wanzenhirn abschießen und merken wird, dass DU der Richtige bist. Ja, und die Zeit gibt Dir in einem Punkt recht: eines Tages steht sie vor Deiner Tür und heult, bis sich Dein Laminatboden wellt. Er ist weg, durchgebrannt, ein Arsch der nur mit seinem Schwanz denken kann und Du hättest ja so recht gehabt und überhaupt. Du bist sozusagen seit Jahren bereit zur Übernahme und krempelst schon die Ärmel hoch, da sagt sie plötzlich “Du, Dein Freund, der Sebastian.. ist der eigentlich noch solo?”. Und in genau dem Moment wünscht Du dir die Hexenverbrennung zurück.

Aber weil Du ein echt netter Kerl bist….
…bist Du ihr Trauzeuge, wenn sie nächste Woche Sebastian heiratet.

Deine Exfreundinnen, die sich für kurze Zeit in einem Anfall von Mitleid (und weil barmherzige Hilfsorganisationen gerade “in” waren) in Dein Leben verirrt haben, reden ausnahmslos nur Gutes über Dich. Und zwar, dass Du zärtlich, verständnisvoll und ein guter Zuhörer bist und immer für sie da warst, wenn sie Dich brauchten. Und dass Du natürlich der beste Partner bist, den eine Frau sich wünschen kann. Doch den Satz “Du bist mein bester Kumpel und der einzige, der mich wirklich versteht!” hast Du so oft gehört, dass Du inzwischen das Copyright darauf haben müsstest. Auf die Frage, warum sie Dich dann verlassen haben, sagen sie, dass sie es selbst nicht wissen und es wahrscheinlich irgendwann bereuen werden… Alle Welt denkt jetzt, dass Du eine riesengroße Niete im Bett bist. Du bereust, dass Du in eurer Beziehung deine Sado-Maso-Fesselphantasien aus Rücksichtsnahme nicht ausgelebt hast.

Aber weil Du ein echt netter Kerl bist… bist Du auch nach der Trennung noch zärtlich, verständnisvoll, ein guter Zuhörer und immer für sie da (auch wenn Dir im Unterbewusstsein irgendwie klar ist, dass sie so nicht wirklich etwas verloren haben und Du einfach nur blöd bist).

In der Disco führst Du oft lange und ernste Gespräche mit Frauen. Du hast Ihnen nach einer hitzigen Tanzphase ein Glas Wasser gereicht und Ihnen Komplimente über ihre Ausstrahlung und ihre Ohrringe gemacht. Jede ist beeindruckt von Deiner Intelligenz, Deinem Wissen, Deinem Humor und Deiner zurückhaltenden Art. Sie freut sich über Dein Interesse an dem was sie tut und was sie bewegt. Alle anderen Männer, die sie sonst ansprechen würden, seien nämlich nur auf das Eine aus. Wenige Minuten später verlässt sie mit dem dubios aussehenden Typen, der eure Unterhaltung mit den Worten “Du hast einen geilen Arsch! Kommst Du noch mit zu mir?” unterbrochen hat, die Disco.

Aber weil Du ein echt netter Kerl bist… fährst Du ihr hinterher und wartest vor dem baufälligen Plattenbau in einer Gegend, in der Du nicht mal einer 80jährigen Nonne über den Weg trauen würdest, dass sie wieder heraus kommt. Im Morgengrauen verlässt sie mit verheultem Gesicht und zerrissenen Klamotten panikartig das Gebäude. Du fährst das zitternde Häufchen Elend nachhause und sie verspricht dankbar, sich bei Dir zu melden. Ca. 10 km Rückweg vergehen, bis Dir klar wird, dass ihr eure Telefonnummern gar nicht ausgetauscht habt.

Du hast Dich wieder erkannt? Du sitzt vor dem Bildschirm und rufst seit 10 Minuten “Ja, genau! Aber WARUM ist das so?”

Grund 1: Jemand, der einer Frau zu jeder Tages- und Nachtzeit so gut zuhören kann wie Du, ist selten. Und das ist Dein Todesurteil, denn um es mal mit den Worten einer Bulemikerin auszudrücken: “Ich esse nie dort wo ich kotze”. Das heißt für Dich, dass sie zwar gerne ihre Sorgen bei Dir ablädt, sich ihren Spaß aber woanders und nicht bei Dir – ihrer seelischen Müllhalde – holen wird.

Grund 2: Nette Männer sind langweilig. Sie verbreiten nicht dieses prickelnde Versprechen eines aufregenden Marlboro-Man-mit-Drei-Tage-Bart- Abenteuers. Frauen sind Pferdeflüsterinnen; sie wollen wilde Hengste zähmen und nicht auf dem Pony-Karussell reiten.

Grund 3: Frauen wissen nicht, was sie wollen und sind dankbar, wenn ihnen jemand die Entscheidung abnimmt. Männer wie Du, die Ihnen alle Wege offen lassen und ihnen signalisieren “Es wird so ausgehen, wie Du es magst, ich werde all das tun was Du sagst, ich werde da sein, wenn Du nach mir fragst” werden leider auch irgendwann fragen müssen “Äh…Wo willst Du hin?” wenn ihre Angebetete mit dem Kerl abzieht, der ihr sagt “Du willst mit mir ins Bett, gib es zu!”.

Grund 4: Wohl der entscheidende Faktor ist die Tatsache, dass irgendwo in dem großen Buch der menschlichen Geschichte verankert ist, dass nette Männer nicht mit netten Frauen zusammen kommen dürfen. Anscheinend ist das ein physikalisches und psychisches Polaritätsproblem, vergleichbar wie bei einem Magneten. (+) und (+) stoßen sich nun mal ab. Was bedeutet das also für Dich? Werde ein rücksichtsloses Arschloch, dem die Gefühle einer Frau völlig an den Sackhaaren vorbeigehen.

Aber weil Du ja ein echt netter Kerl bist… wirst Du weiterhin Deiner Linie treu bleiben und darauf hoffen, dass sich irgendwann die physikalischen Gesetze ändern

nett is’ nix für’s Bett

… oder warum nette Jungs bei Frauen nicht landen können

Ein Freund erzählte mir kürzlich, daß er sich mit einer wundervollen Frau verabredet hatte. Und Max, so ist sein Name, erwartete einen ebenso wundervollen Abend. Mit einer Frau, hinter der er schon eine halbe Ewigkeit her war. Deren Wagen er regelmäßig in die Waschstraße fuhr und für die er im letzten Frühjahr sogar die Wohnung gestrichen hatte. Eine Frau, die noch nie mehr zugelassen hatte als eine flüchtige Umarmung zur Begrüßung und zu der mein freundschaftlicher Rat “Laß die Finger von der, die macht dich nur unglücklich” paßte wie die Faust aufs Auge.

Am Tag nach dem Date erzählte mir Max Einzelheiten: Schickes Restaurant, Kino und Discobesuch, danach fuhr er sie nach Hause, sie lud ihn noch zu einem Schlummertrunk ein. Und wie’s halt immer so ist: Sie erzählten die ganze Nacht hindurch, und schließlich hatte er soviel getrunken, daß es unverantwortlich gewesen wäre, sich noch ans Steuer zu setzen. So kam es, daß er bei ihr übernachtete. “Es war fast perfekt”, schwärmte er mir vor. Nur eine Kleinigkeit fehlte zu seinem Glück: Sie hatten keinen Sex. Er schlief nicht einmal im gleichen Bett mit ihr. Was war passiert ? Die Antwort habe ich schon gegen: Nichts !
Statt einer von Max langersehnten Liebesnacht erfuhr der arme Kerl die schlimmste Kränkung, die aus dem Munde einer Frau nur kommen kann. Sie besteht aus vier kleinen Worten: Du – bist – echt – nett. Den folgenden Satz beginnt frau dann immer mit “Aber”. Daran schließt sich ein Lobgesang auf den gerade abservierten Mann an.
Hört mann den Nett-Satz, kann er sich sämtliche sexuellen Phantasien mit ihr für immer abschminken, gar nicht zu sprechen von der Aussicht auf eine längere Beziehung. Schlimmer aber noch: Er wurde degradiert zu einem Mann zweiten Ranges, zu einem sogenannten “guten Freund”. Das gleicht einer Verbannung, weil jeder Mann nach diesem Satz genau weiß, daß er den ersehnten Status des Sexual- und Lebenspartners nie mehr erreichen wird.

Aber wie fängt das ganze Elend überhaupt an ? Im Vorfeld des “Du-bist-nett”-Satzes lernen Frau und Mann sich kennen. Er ist gerne mit ihr zusammen, und ihr geht’s genauso. Mann denkt:”Wow, was für eine tolle Frau.” Frau denkt:Man, der ist echt nett. Aufgepaßt ! Bis zu diesem Zeitpunkt ist das Attribut “nett” noch positiv zu werten. Ein gedachtes “nett” im Kopf einer Frau hat noch lange nicht den Stellenwert, den es bekommt, wenn das verdammte Wörtchen in der Gegenwart des betroffenen Mannes ausgesprochen wird. Noch gibt es also die Möglichkeit, daß ihre Meinung sich ändert und an die Stelle des “nett” starkes Herzklopfen tritt. Wenn das besagte Wörtchen aber seine Halbwertzeit verliert, hat der Mann verloren. Wie man daran sieht, ist es also wichtig, mehr als nur die letzten 24 Stunden einer Nicht-Beziehung zu betrachten, um das männliche Scheitern nachvollziehen zu können. Noch wichtiger ist aber die Charakteristik des verschmähten Mannes. Und dabei wird sich schnell herausstellen, daß es oft der gleiche Typ Mann ist, dem die “Nettigkeit” immer wieder an den Kopf geknallt wird.

Was sind diese armen Würstchen nun für Männer ? Max z.B. ist dunkelhaarig, über 1,85 Meter groß und wiegt mindestens 80 Kilo. Ergo: Am äußeren Erscheiningsbild kann’s nicht liegen. Es müssen also andere Eigenschaften sein, die einen netten Mann für immer verdammen. Eine kleine Umfrage in meinem weiblichen Freundeskreis gibt Aufschluß: Das Weichei (so nenn frau ihn gerne) gehört in das Leben einer jeden Frau. Und keine möchte auf ihr Weichei verzichten, denn frau kann nie wissen, wann wieder eine Selterskiste geschleppt oder die Wohnung renoviert werden muß. Ja, das sind die Weicheier: Hilfsbereit ! Natürlich ist jeder von uns mehr oder weniger hilfsbereit und höflich dem zarten Geschlecht gegenüber, aber man sollte es nicht übertreiben. Es ist eben schon ein kleiner Unterschied, ob man einer Frau in den Mantel hilft oder ihr drei Selterskisten in den den vierten Stock rauf schleppt. Und der Unterschied besteht nicht nur aus 54 Treppenstufen und einem Gewicht von 27 Kilo Flüssigkeit. Diese bedingungslose Hilfsbereitschaft ist wohl in der Kindheit verwurzelt. Ich kann mir gut vorstellen, wie Maxens Mutter ihrem Sohn immer wieder einbleute, im Bus älteren Damen seinen Sitzplatz anzubieten. Seitdem überkommt den armen Max beim Anblick einer Frau scheinbar sofort die Assoziation des hilflosen Wesens. Nur hat er dabei vergessen, daß er mit der alten Frau aus dem Bus wahrscheinlich nie ins Bett gehen würde. Jedenfalls hat der arme Max weder mit der alten Frau aus dem Bus noch mit seiner Angebeteten Sex. Statt dessen spielt er ihr das Hündchen. Und seine Flamme genießt das. Schließlich ist so ein zweibeiniges Hündchen sehr wohltuend. Zum Beispiel, wenn das weibliche Ego mal etwas angekratzt ist: Wer wird nicht gerne angebetet ? Eine Gegenleistung ist allerdings nicht zu erwarten. Und Sex mit Max kommt schon garnicht in Frage. Schließlich ist Sex mit Tieren in Deutschland verboten.

Dabei ist das Weichei grundsätzlich keine Vogelscheuche. Also durchaus einer, mit dem sich frau sehen lassen kann. Seine Geschlechtsgenossen mögen ihn, weil er für sie keine Konkurrenz ist. Die Frauen mögen ihn, weil er so verständnisvoll ist und sie stundenlang mit ihm quatschen könne. Über ihre Beziehungen zu anderen Männern. Oder weil er so witzig ist. Oder im schlimmsten Fall beides ! Vielleicht sehen sie ihn aus diesem Grund auch als asexuell an. Wer möchte schon mit seinem Psychotherapeuten schlafen ? Oder mit Typen wie Didi Hallervorden ins Bett gehen ? Der wichtigste Weichei-Charakterzug ist aber, daß er aus weiblicher Sicht nicht eigentlich männlich ist, und das macht ihn langweilig. Und langweilig ist in der Frauensprache das Synonym für nett.

Ein anderer Bekannter von mir, Kai, ist übrigens genau das gegenteil von Max. Mit ihm wollen die Frauen immer ihre Matratze teilen. Eigentlich kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der Kai mal alleine geschlafen hat. Mir völlig unverständlich, denn ich kann nicht sagen, daß er einen besonders netten Eindruck macht. Klar kann er charmant und witzig sein, aber nur, wenn’s dem Aufriß dient. Und faul ist er obendrein ! Alle seine ehemaligen Freundinnen haben Oberarme wie Arnold Schwarzenegger, weil sie nicht nur ihre eigenen Selterskisten in den vierten Stock schleppen mußten, sondern auch noch seine Bierpacks.

Tja, und der gute Max ? Im Grunde bleibt dem Mann nichts anderes übrig, als selbst Hand an sich zu legen. Sprich: Weg mit dem Weichei-Image. Nun ist es nicht leicht, sich zu ändern. Wenn man aber nur die Wahl zwischen einer Metamorphose und Askese hat, sollte einem die Entscheidung nicht schwer fallen. Da die Frauenwelt offenbar “unausstehlich” mit “männlich” gleichsetzt und auf die harten Kerle abfährt – sollen sie sie haben ! Zwei Punkte sind dabei ganz wichtig. Erstens: Man darf die Angebetete nie merken lassen, daß sie die einzige wirklich wichtige Frau ist. Deshalb umgibt sich der kluge Mann immer mit anderen, natürlich möglichst gutaussehenden Frauen. Nicht zuletzt um den Anschein zu erwecken auf dem Beziehungsmarkt heißbegehrt zu sein. Und zweitens muß unbedingt der Leitapruch verinnerlicht werden: “Willst du was gelten, mach dich selten.”

Sehr eindrucksvoll kann dieses Motto umgesetzt werden, wenn man sich verabredet und dann das Date kurzfristig unter einem fadenscheinigen Grundwieder absagt. Fatal wäre es, wenn die Frau den Termin cancelt, bevor es der Mann tun konnte. Auch wenn man anschließend den ganzen Abend vor dem Fernseher sitzt, sich die tausendste Wiederholung von “Enterprise” anschaut und immer an sie denken muß: Hart bleiben! Klingelt das Telefon und die Frau der Träume ist am anderen Ende, weiß man genau: Gewonnen !

Also, immer dran denken: Nie wieder verständnisvolle Gespräche, die sich über Stunden ziehen. Nie wieder Angebote, beim Umzug zu helfen oder die koplette Wohnung zu renovieren. Und speziell ein Ratschlag für Max: Fahr sie nach dem nächsten Date nicht mehr bis an die Haustür, sondern setzte sie an der nächsten Bushaltestelle ab. Und vor allem: Ruf sie nie wieder an ! – Webfundstück ohne Quelle…

Von der Empfängnis – Hildegard von Bingen

Walter Jenks Morgan (1847 - 1924) Titel: Orientale beim Ausbringen der Saat
Walter Jenks Morgan (1847 – 1924)
Titel: Orientale beim Ausbringen der Saat

Wenn das Blut eines Mannes in der Gluth der Wollust aufschäumt, giebt es Schaum von sich, den wir Samen nennen; so giebt ein Topf am Herdfeuer in Folge der Feuerhitze Schaum von sich. Wenn nun einer vom Samen eines Kranken empfangen wird oder von schwächlichem, ungekochtem Samen, der mit eitrigem Saft gemischt ist, der ist in seinem Leben meistens krank und voll Fäulniss, wie Holz, das, von Würmern durchbohrt, vermodert. So einer wird denn oft voll von Geschwüren und Eiterbeulen und zieht den eitrigen Krankheitsstoff aus den Speisen leichter an sich zu dem Eiter, den er schon hat. Wer davon frei ist, ist gesunder. Wenn der Same aber geil ist, wird der aus ihm empfangene Mensch unmässig und geil … . Wenn ein Mann unter Erguss kräftigen Samens und in treuer Liebe zur Frau zu ihr kommt und sie dann auch die rechte Liebe zum Manne hat, dann wird ein männliches Kind empfangen; denn so hat es Gott eingerichtet … Wenn der Mann seine Frau treu liebt, die Frau aber den Mann nicht, oder auch die Frau den Mann liebt, aber der Mann nicht die Frau, und der Mann dermalen nur dürftigen Samen hat, so entsteht ein weibliches Kind…. Die Wärme der Frauen von dicker Constitution ist stärker als der Samen des Mannes, so dass das Kind häufig ihnen ähnlich wird; die Frauen von magerer Constitution bekommen oft ein Kind, das dem Vater ähnelt….

Cats Gedankenwelt: Armer Valentin

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Kaum ist Weihnachten vorbei und es sind einige Wochen vergangen, da klingeln bei den Blumen- und Süßwarenhändlern wieder die Kassen. Genaugenommen in jeder Branche, die bereits im Januar verkündet: „Vergessen Sie nicht! Am 14. Februar ist Valentinstag“, oder: „Schenken Sie Liebe“. Aber kann man Liebe wirklich in Konsum ausdrücken? Und ist es vor allem nicht ein wenig makaber, den Tag der Liebe ausgerechnet auf ein Datum zu legen, wo der Namensgeber als Märtyrer hingerichtet wurde?Weiterlesen

Ich liebe Dich – Rasul Gamsatov

Paul Edouard Richard Sohn (1834 - 1912) Das Liebesgeständnis Öl/Holz, 32 x 23,5 cm, r. u. sign. u. dat. R. Sohn 79, verso alter Ausstellungsaufkleber des Düsseldorfer Künstlervereins mit Betitelung. - Bildnis- u. Genremaler, Schüler seines Vaters Carl Ferdinand Sohn, studierte an der Düsseldorfer Akademie bei Schadow u. R. Jordan, Studienreisen nach Paris. - Lit.: Boetticher, Thieme-Becker, Bénézit.
Paul Edouard Richard Sohn (1834 – 1912) Das Liebesgeständnis Öl/Holz, 32 x 23,5 cm, r. u. sign. u. dat. R. Sohn 79

Ein junger Mann verliebte sich einst in ein schönes Mädchen.

Die drei Worte „Ich liebe dich“ gedachte er ihr zu schreiben.

Doch nicht in einem Brief, sondern überall, wo des Mädchens Blick hinfiel auf eine Felswand, auf den Pfad, der zur Quelle führte, die Wand ihres Hauses, auf seinen Pandur.

Keine schlechte Idee. Doch dem Ärmsten fiel überdies ein, diese Worte in allen daghestanischen Sprachen zu schreiben.

Er machte sich also auf den Weg und glaubte, er würde bald wiederkommen.

Doch da irrte er sich. In jedem Aul lauteten die Worte anders:

Dije mun jokjula (awarisch)

Sas wun kjauda (lesgisch)

Ttun ina tschtschai bura (lakisch)

Chjunab rigulra (darginisch)

Men seni sjujeman (kumykisch)

Usus uwu kkundusus (täbassaranisch)

Me tjure chosdenjum (tatisch)Weiterlesen

Über die Knabenliebe

Anhänger der Knabenliebe konzentrieren sich auf Jungen zwischen dem Beginn der Pubertät und dem Einsetzen des Bartwuchses: werden darüber hinaus Männer zwischen 16 und 21 Jahren bevorzugt, spricht man eher von Jünglingsliebe.
Knabenliebe muss zudem von der Pädophilie unterschieden werden, dem (kranken) Drang zur Verführung von Kindern, den es sowohl in heterosexueller als auch homosexueller Form gibt. (Frage: werden diese zwei Aspekte „in der Gesellschaft“ unterschiedlich wahrgenommen, bezogen auf eine Akzeptanz? )

Päderastisches Paar: Erastes (links) und Eromenos beim Küssen; Tondo einer rotfigurigen Kylix mit einer Zeichnung des Briseis-Malers, um 480 v. Chr.Päderastisches Paar: Erastes (links) und Eromenos beim Küssen; Tondo einer rotfigurigen Kylix mit einer Zeichnung des Briseis-Malers, um 480 v. Chr.

Die Verteidiger der Knabenliebe berufen sich dabei auf die Blütezeit der griechischen Kultur, in der Knabenliebe zum männlichen Normalverhalten gehörte. Besonders in Sparta, wo die Männer erst mit 30 Jahren heiraten durften, erwartete der Staat von jedem Mann, dass er sich einen Knaben oder Jüngling als „Liebling“ erwählte, um ihm geistiger Erzieher, Führer zu männlichen Tugenden und Lehrmeister der Erotik zu sein.
(Frage: warum wird solch eine Kultur als Blütezeit einer solchen bezeichnet?)
Die sexuelle Beziehung des reifen Mannes zum Knaben beruhte auf der alten mythischen Vorstellungen, wonach der männliche Same die Essenz männlicher Kraft und Geistigkeit war. Siegmund Freud schrieb über die Liebe zu Knaben:
„Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer unter den Invertierten (Homosexuellen) erscheinen, ist es klar, dass nicht der männliche Charakter des Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib, sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften – Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und Hilfsbedürftigkeit – die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde selbst ein Knabenliebhaber.
Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, der Kompromiss etwa zwischen einer Regung, die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur.“   (Aus: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1904)

[Gedanke des Autors: wenn das so ist, warum existiert diese Kultur heute nicht mehr?! Sie wäre dann ja, im Sinne Freuds und der Spartaner, ein perfektes Training für sichereren/besseren Umgang des verunsicherten Mannes mit der heutigen Frau…..]

Achilleus erlernt das Lyraspiel von Cheiron
Achilleus erlernt das Lyraspiel von Cheiron

Im krassen Gegensatz zu dieser antiken Auffassung sieht das geltende Recht in der Knabenliebe ein strafwürdiges Verbrechen,nämlich Widernatürlichkeit, Verführung Minderjähriger und schwere Unzucht.
Die männliche Jugend muss nach Prof. Hans Heinrich Jescheck, Freiburg, „gegen ihre Einbeziehung in jeglicher Art von homosexueller Betätigung geschützt werden, weil in den frühen Jahren die hohe Gefahr der Fixierung der Triebrichtung auf widernatürliche Beziehungen besteht.“
[Warum haben das die Griechen nicht erkannt, nicht anerkannt?] Radikal entgegengesetzter Meinung ist Dr. Willhart Schlegel, Hamburg: „Es kommt offensichtlich nicht darauf an, eine Verführung Jugendlicher zur Homosexualität zu verhindern, weil nur diejenigen Jugendlichen auf homosexuelle Kontakte eingehen, die solche Kontakte benötigen und suchen. Der 15 -bis 25jährige ist auf sexuellem Gebiet nicht, wie irrtümlich immer angenommen wird, schutzbedürftig. Er ist auf charakterlich-seelischem Gebiet führungsbedürftig und benötigt im Gegenteil die Freiheit seiner Sexualbestätigung.
Manche Eltern sind aus dieser Einsicht bereits froh, wenn ihr Sohn in den kritischen Jahren einen älteren Freund findet, bei dem sie ihn in guten Händen wissen. Denn davon bleibt dieser nicht homosexuell, wenn das für ihn nicht ohnehin vorgezeichnet ist.“
Dieser extremen Meinung steht die Erfahrung entgegen, dass erfolgreiche Charaktererziehung möglich ist, ohne dass der pädagogische Eros die Grenze zum Sexuellen überschreitet.
[Anmerkung des Autors: warum muss überhaupt ein sexueller Aspekt hineingebracht werden? Die Freudsche Erklärung ist für mich nicht nachvollziehbar.]