Kategorie: Der Mann

Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht.

So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

Kurt Tucholsky – Gedicht über den (deutschen) Mann – 1931

Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann.

Lamento

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.
Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.
Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.
Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt –
Er ist ein Mann., Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Der deutsche Mann
Mann
Mann
Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.
Die Frau ist dazu da, dass sie die Kragen zählt.
Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.
Und kommt es einmal vor, dass er die Frau betrügt:
Er ist ein Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.
und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.
Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.
Hauptsache ist, dass sie bequem und sich gehorsam fügt.
Denn er ist Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!
Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.
Ein kleines bisschen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.
Er ist ein Beamter der Liebe. Er lässt sich gehn.
Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?
Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt.
Er ist ein Mann. Und das 06
genügt.

Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

Herr Bürger im „Silbernen Krug“ – Postfaktische Gedanken

Herr Spieß, Herr Bürger, Herr Wutmann und Frau Hassen gehen im „Silbernen Krug“ Bier trinken. Eine Kneipenszene, wie man sie überall antreffen könnte.

„Millionen Ausländer reinlassen, aber das eigene Volk vergessen“,
schimpft Herr Spieß am Stammtisch und setzt den Bierkrug an.
Ein Schaumbart bildet sich um sein ansonsten glatt rasiertes Kinn.
„Recht hast du. Und Terroristen kommen gleich mit“,
klagt Herr Bürger, der an der Theke neben ihm sitzt.
Er hat seine karierten Hemdsärmel hochgekrempelt,
zeigt stolz sein neues Tattoo auf dem Unterarm. Eine Deutschlandflagge.

„Haste ein neues Tattoo? Eigentlich mag ich das nicht, aber in dem Fall …“,
Herr Spieß schielt, ein wenig bierselig, auf Herrn Bürgers Handgelenk.
Er ist beeindruckt – so ein Tattoo, das würde er sich nicht trauen.
Das tut doch viel zu weh, und überhaupt, im Büro …
„Jepp. Wollte ein Zeichen setzen. Als Deutscher für unser Land“,
brummelt Herr Bürger. Er muss nun wahrscheinlich immer Langarm tragen.
Sonst bekommt er in der Werkstatt bald Ärger mit seinem Boss.
Sowas vertreibt die Kundschaft, heißt es. Als ob er diese Leute noch  bedienen wolle.

„Richtig so. Bald ist wieder Silvester. Hoffentlich nicht so ein Mist wie letztes Jahr“,
bemerkt Herr Bürger mit einem Blick auf den großen Kalender an der Wand.
„Aber erst Weihnachten. Noch … Wer weiß. Bald müssen wir Ramadan feiern.“
Herr Spieß schaut geradezu angeekelt drein. Nee, mit ihm nicht.
Deutschland ist immerhin ein christliches Land, findet er.
Wer unbedingt Moscheen bauen und zu Allah beten will, bitte schön.
Aber dann bitte auch nicht auf Kosten des üblichen Brauchtums. Nicht hier.

„Wenn irgendein dreister Islamist sich an meiner Frau vergreifen würde, dann …“,
Herr Bürger macht eine Handbewegung, als würde er etwas zerquetschen wollen.
Ihn wundert das Drama vergangenes Silvester nicht. Das sind Muslime.
Man hört ja oft  genug, dass bei denen eine Frau nichts wert ist, denkt er.
„Sofort abschieben sollte man diese Kriminellen von draußen. Aber es ist ja auf keinen mehr Verlass. Nicht mal auf die Polizei“, grummelt Herr Spieß.
„Und auf die Presse sowieso nicht. Reden alle Frau Merkel nach dem Mund, anstatt die Wahrheit zu sagen“, ergänzt Herr Bürger geradezu übereifrig.
„Aber wir schaffen das, ja ja!“, Herr Bürger verdreht die Augen.

Inzwischen drehen sich mehrere weitere Kneipenbesucher zu den beiden um.
Auch die Damen hinter der Theke schauen hin, unangenehm berührt.
Vom Nebentisch mischt sich Frau Hassen ein, die Herrn Spieß aus dem Büro kennt.
Frau Hassen hat ihren Job verloren – und seitdem einen Hass auf Asylbewerber.
Auf die Asylbewerberin, die eingestellt wurde, als ihr Vertrag auslief.
„Einen Scheiß müssen wir schaffen“, kreischt sie in Richtung Herrn Bürger,
„Die kommen mit Smartphones hierher und nehmen anständigen Leuten ihre Jobs weg.“

Frau Liebreich, die Wirtin des „Silbernen Krugs“, räuspert sich einmal hörbar.
Sie wendet sich peinlich berührt an die drei Gäste, die immer lauter geworden sind.
„Ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Worte manche Gäste vergraulen“,
erklärt Frau Liebreich, bemüht, sich jeden weiteren Kommentar zu sparen.
„Das ist schlecht für’s Geschäft. Also hör’n Se bitte damit auf.“
Offensichtlich hat eine Gruppe südländischer Gäste, die einen Junggesellenabschied feiern wollte, genug von „Stammtischweisheiten“. Sie verlassen wortlos das Lokal.

Frau Liebreich schüttelt empört den Kopf. „Na seh’n Se, da haben wir den Salat!“
„Aber man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen!“, tönt Herr Wutmann.
Er ist mit Frau Hassen hier und ebenso alkoholisiert. „Noch zwei Bier, aber flott!“
„Für uns auch, zack zack!“, motzt Herr Bürger in undeutlicher Aussprache.
„Wir sind ja schließlich Stammgäste! Nicht diese Schmarotzer da!“
Nun platzt Frau Liebreich der Kragen. Sie schaut auf die Uhr – gleich Sperrstunde.
Frau Liebreich greift nach der Glocke und lässt sie klingen.

„Freunde der Nacht, Schicht im Schacht. Wir schließen gleich“, ruft sie.
„Aber ich will’n Bier“, lallt Herr Spieß. „Ich auch“, quietscht Frau Hassen.
„Sie haben alle genug. Wir machen zu“, bestimmt die Wirtin mit Nachdruck.
Murrend fügen sich die Stammgäste. Sie trinken ihr Bier aus und verlassen das Lokal.
Draußen stolpert Frau Hassen über ihre eigenen Füße. Herr Wutmann hilft ihr auf.
Ein auffallend blasser Dieb schnappt sich die Handtasche vom Boden, rennt fort.

„Mein Geld, meine Papiere“, schreit Frau Hassen und fuchtelt hysterisch mit den Armen.
„Bestimmt so ein Zigeuner … Lumpenpack … Ich ruf die Polizei“, wettert Herr Wutmann.
Auch Herr Bürger und Herr Spieß haben den Raub mitbekommen.
Sie bleiben schwankend stehen. Herr Spieß lacht schallend.
„Ahwas… die Pollizei… die machen do eh nix …“
Er und Herr Bürger bekommen sich nicht mehr ein.

Man hört Lärm ein wenig entfernt. Wenig später sieht man die Gruppe südländischer Immigranten. Sie halten den Dieb fest. Einer der Männer übergibt Frau Hassen ihre Tasche.
Frau Hassen schaut, als hätte sie einen Geist gesehen. „Ahwas … eh danke“, lallt sie.
Der Mann lächelt, nickt und geht mit seinen Freunden wieder.
Herr Bürger schüttelt verwirrt den Kopf. „Na sowas …“, murmelt er.
Herr Wutmann bleibt erst einmal stocksteif stehen.
„Das ha’m se bestimmt extra gemacht. Um besser dazustehen“, brüstet er sich.
Herr Spieß kratzt sich verlegen am Kopf.
„Vielleicht … oder auch nich … Egal Freunde, wir geh’n woanders einen trinken!“

Anna Katherina Ibeling

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

p1070286
Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Cats Medienkommentar | Zehn Jahre Google | Alles Gute, „Big G“!

Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu
Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu

Happy Birthday, „Big G“! In diesem Jahr feiert der Medienkonzern Google sein zehnjähriges Jubiläum in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Services von Datenhosting bis hin zur Navigation und zur Streetview-„Vogelperspektive“ hat sich Google von einem einfachen Suchmaschinenanbieter zum größten Internetkonzern der Welt gemausert. Dieser Beitrag dreht sich um Daten, Maps, Keywords und die Frage: Wie war eigentlich die Welt vor Google?

Ich google das mal“, „Moment, ich schau mal auf Google Maps“, „Kann man unser Haus auf Google Streetview sehen?“. Seit zehn Jahren begleitet uns das Googlen – und inzwischen können die meisten von uns gar nicht mehr „ohne“. Wir googlen alles und jeden: Wege, Theaterkritiken, Zitate, Kochrezepte, ehemalige Schulfreunde und den Standort des nächsten Friseursalons.Das „große G“ ist wohl neben dem „großen M“ (McDonalds) weltweit inzwischen der erfolgreichste Import „made in the USA“. Und, man möchte im Vergleich hinzufügen, auch der gesündere. Aber stimmt das wirklich? Oder macht Google uns am Ende genau so abhängig, wie manche es von Burgern und Chicken McNuggets werden können?

Im Keyword-Dschungel

Google - zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt
Google – zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt

Ich bin ja persönlich kein Fan des „großen M“.  Seit einem Skandal, in dem herauskam, dass in Chicken McNuggets geschredderte männliche Küken enthalten sein sollen, empfinde ich oft regelrecht Ekel vor Nuggets und der Fleischindustrie an sich. Die Artikel zu diesem Thema habe ich mir übrigens auch ergoogelt, natürlich. Was denn auch sonst? Es gibt kaum einen schnelleren Weg, um an genau die Infos zu kommen, die man haben will. Zumindest, wenn man sich einfach nur kurz ein wenig Alltagsweisheit aneignen möchte, um bei den neuesten Bestsellern, Filmen und weltgeschichtlichen Diskussionen unter Freunden mitreden zu können. Für wissenschaftliche Arbeiten, so hat man mir damals an der Uni beigebracht, seien Google und vor allem Wikipedia allerdings keinesfalls eine ausreichende Recherche. Und auch in der journalistischen Arbeit ist die Eingabe eines Keywords in einen x-beliebigen Browser keinesfalls das einzige Mittel der Wahl. Nachvollziehbar – schließlich ist ein Keyword, oder etwas „retro auf Deutsch“, ein Schlagwort, auch nur eine ziemlich dem Zufall überlassene Dateneingabe. Die Quantität der Suchergebnisse erscheint zunächst als Eldorado gebündelten Wissens. An der (wissenschaftlichen) Qualität des angezeigten Contents (nochmal in „Retro-Form“: Webseiteninhalt) darf man in vielen Fällen zu Recht zweifeln. Um mal ein drastisches, gar zynisches Beispiel zu nennen: Auf der Webseite einer Flüchtlingshilfsorganisation wird einer Schlagwortsuche nach dem Begriff „Migranten“ sicherlich andere Ergebnisse bringen als auf der Parteiwebseite der AfD. Genauer hinschauen, was man sich da eigentlich gerade ergoogelt hat, lohnt sich also schon.

Der gläserne Surfer

Google macht sich sein eigenes Bild vom User - aus Daten generiert
Google macht sich sein eigenes Bild vom User – aus Daten generiert

Ich erinnere mich an ein Exponat in einem Museum, den „gläsernen Menschen“. Stand die Skulptur in der dazugehörigen Ausstellung symbolisch vor allem für die Verletzlichkeit unserer menschlichen Spezies, denke ich im Fall des Internets und speziell in Sachen Google eher an totale Transparenz. Der „gläserne Mensch“ als „durchschaubarer Mensch“, der durch seine Routenplanungen, Suchanfragen und „Gefällt mir“-Klicks mehr über sich preisgibt, als er je erahnen könnte. Nur – an wen eigentlich? Die Werbeindustrie? Den (potenziellen) Arbeitgeber)? Die NSA? Oder interessiert es manchmal vielleicht doch gar keinen, ob man gerade die gesündeste Babynahrung oder Barfen „für die Katz’“ in seine Browser-Suchleiste eingetippt hat? Eines steht fest: Durch das, was wir suchen, bekommen wir zusätzlich gezeigt, wonach wir (nach Meinung betroffener Industriezweige) suchen sollten. Denn Google zeigt einem neben informativen Beiträgen oft automatisch die passende Werbeanzeige an. Praktisch für diejenigen, die eh gerade etwas kaufen wollten – ein kurzer Irritationsmoment für alle, die eigentlich nur eine Sach- und keine Produktinformation haben wollten. Wir fühlen uns auf unseren täglichen Onlinesuchen wohl zurecht beobachtet – „Big G is watching you!“. Einmal, als ich mein Amazon-Passwort vergessen hatte, kam mir kurz der Gedanke, bei den freundlichen Damen und Herren bei der NSA nachzufragen. Denn die wissen ja anscheinend sonst auch immer alles. Ich habe es dann doch gelassen. Zu langwierig, und irgendwie doch ein wenig zu skurril. Manchmal google ich sogar meinen eigenen Namen, um nachzusehen, was wohl andere Internetnutzer auf den ersten Blick über mich erfahren.

Unendliche Datenmengen

Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert ... Ach ja, richtig!
Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert … Ach ja, richtig!

Google weiß wirklich fast alles – zumindest alles, was Surfer auf der digitalen Welle in die grenzenlose Online-Umlaufbahn bringen. Und das ist ein ganzer Wust an Daten, die teilweise beliebig bei jeder Suchanfrage auf uns einströmen. Je nachdem, wie präzise wir den Auftrag an sich stellen. Google weiß zum Beispiel, wo ich hinfahre, wenn ich mal wieder den Weg nach Schildern nicht finde; oder, dass ich mir in den trüben Herbst- und Wintermonaten gerne zur Aufmunterung Bilder von sonnigen Stränden auf meinem Bildschirm anschaue. Da all dies nichts Verwerfliches ist, denke ich mir nichts dabei und schaffe es auch mit viel Selbstdisziplin, die Werbung für Fernreisen zu ignorieren, die daraufhin bei jedem Einloggen ins Internet auf meiner Startseite aufploppt. Manchmal kann es einem schon etwas Unbehagen bereiten, wenn der unberechenbare, unsichtbare „Big G“ mehr über eigens eingespeiste Datenmengen und deren Verwendung weiß als der Internetuser selbst. Schließlich mischt er inzwischen überall mit – auf dem Laptop, aber auch auf dem Android-Smartphone in Form entscheidender, zentraler Apps, allen voran des „Google Play Store“. Eine gesunde Skepsis in puncto Datenschutz darf man da schon entwickeln – und sich erinnern, wie die (digitale) Welt vor dem Aufstieg der beliebtesten Suchmaschine der Welt ausgesehen hat.

War die Welt „vor Google“ wirklich besser?

Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!
Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!

Natürlich gab es auch schon vor Google das Internet – oftmals noch eines mit Minutentarifen und ohne Flatrates oder zusätzliche Telekommunikationspakete für Handys, Filmdownloads und Co. Warum auch – das iPhone und das Android-Smartphone waren ja noch Zukunftsmusik! Auch gab es schon Suchmaschinen, die heute immer noch zum Teil auf dem Markt sind. Zum Beispiel Yahoo, AltaVista, web.de – und natürlich proprietäre Softwareformate von Microsoft und AOL. Was haben wir aber sonst gemacht, wenn wir etwas herausfinden wollten? Wir haben einfach unsere Omas nach Haushaltstipps gefragt (und tun es manchmal noch heute). Wir haben die Schreibung oder die Bedeutung eines Fremdwortes im „analogen“ oder auf CD gebannten Duden nachgeschlagen. Und wenn wir wissen wollten, was die beste Freundin aus dem Kindergarten inzwischen macht, haben wir uns nach dem neuesten Klatsch und Tratsch erkundigt. Oder wir haben es eben gar nicht erfahren – und es als „nicht so wichtig“ abgetan und uns hin und wieder mit dem Nicht-Wissen abgefunden. Fest steht: Google hat das Archivieren und Sammeln von Daten, die Einbindung von individuellen Werbeinhalten und die schnelle Beschaffung von Informationen über andere im digitalen Sektor definitiv revolutioniert und zu einem Höhepunkt geführt. Haben der Onlineriese und sein Servicenetzwerk innerhalb unserer „Informationsgesellschaft“ deshalb die reale Welt, die wir täglich mit den Sinnen begreifen, besser oder schlechter gemacht? Sicherlich nicht. Möglicherweise nehmen wir dies hin und wieder nur anders wahr. Im Endeffekt ist es doch so: Wir sind nach wie vor Menschen mit der Fähigkeit, abstrakt zu denken und selbst zu entscheiden, zu welchem Anteil wir an der digitalen Welt nehmen wollen. Wie genau eine Gesellschaft sich verändert hat, lässt sich schließlich mittlerweile auch perfekt googlen.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Cats Couch | Die unsichtbaren Väter – ein Papa-Plädoyer

Engagierte Väter haben es schwer: Auch im 21. Jahrhundert hält sich der Fortschritt in Sachen Familienplanung und Vereinbarkeit im Grenzen. Jeder beklagt die familiär-berufliche Doppelbelastung von Müttern; aber wie sieht es da eigentlich mit den Männern aus? Zeitgeist, Geschlechterrollen und Stillstand – betrachtet aus einer seltenen Perspektive.

Väter von heute - Vorbilder von morgen!
Väter von heute – Vorbilder von morgen!

Ein Kind braucht seine Mutter“ – da sind wir uns sicherlich alle einig. Mütter sind derzeit eine omnipräsente Mehrheit in der Social-Media-Gemeinde und sogenannte Mama-Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden. Auch in beliebten Eltern-Communitys und im gesamten Werbezirkus rund um Baby- und Kinderprodukte sind wir Mütter neben unseren Kindern die Stars in der Manege. „Wir Mütter“ sage ich deshalb, weil ich mich seit einigen Monaten auch zu dieser Clique zählen darf. Allerdings vermisse ich sowohl in der Werbung und in Artikeln über Erziehung als auch in Eltern- und Babytreffs schmerzlich die männliche Hauptrolle. Was mich zu der Ausgangsfrage dieser Ausgabe von „Cats Couch“ führt: Wollen die Männer auf dieser Ebene nicht präsent sein, oder können sie es schlicht und einfach nicht, weil der „aktive Vater“ immer noch schlecht dasteht?

Männer können alles – außer stillen!

Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt
Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt

Väter sind mehr als Erzeuger und dieser Konsens setzt sich inzwischen auch zunehmend durch. Endlich, möchte man angesichts der Tatsache einwenden, dass wir inzwischen das Jahr 2016 schreiben. Auf dem Papier und de jure existiert Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen also. Doch wie sieht die Lage de facto aus? Noch immer nimmt nur ein ganz geringer Prozentsatz der frisch gebackenen Väter mehr als die „üblichen“ zwei Monate Elternzeit, im Elterntreff sind männliche Gesprächspartner, die eine solche Runde um interessante Perspektiven erweitern könnten, nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Das alles finde ich sehr schade; denn so gerne ich mich als „junge“ Mutter (ist 30 Jahre wirklich noch jung?) mit anderen Müttern austausche und auch fast mehr Gesprächspartnerinnen finde, als ich wirklich würdigen kann, fühlt sich mein Mann wie manch anderer „junger“ Vater doch zeitweise auf dem Abstellgleis. Wir gehören nämlich zu den Paaren, die es anders machen wollen als die Mehrheit: Ich bewerbe mich zurzeit wieder, er nimmt Elternteilzeit in Anspruch. Als ich während der Schwangerschaft Freunden und Familie von unserem geplanten Familienmodell erzählte, bekam ich von verständnislosen Einwänden („Also, ICH könnte das ja nicht, das Kind so früh abgeben …“) bis hin zu Beschwichtigungen mit Augenzwinkern („Ja ja, das sagst du jetzt. Warte erst einmal ab, wenn das Baby da ist!“) Gegenwind aus (fast) allen Himmelsrichtungen. Wobei, faktisch betrachtet hat es wenig mit „abgeben“ zu tun, ein Kind beim eigenen Vater zu lassen. Aber wie heißt es so schön: Errare humanum est. Ich ließ den Zweiflerinnen (in der Tat fast nur Frauen) ihre Zweifel und wartete einfach ab. Das Kind kam, der Wunsch, im Job nicht den Anschluss zu verlieren, blieb. Und überhaupt – der Elterngeldantrag für meinen Mann war sowieso längst eingereicht. Bis jetzt kann ich sagen: Unsere Tochter hat einen tollen Vater. Die Sorte Mann, mit der ich mein eigenes Kind gerne einige Stunden allein lasse. Denn auch wenn wir Mütter es manchmal kaum wahrhaben wollen: In Sachen Babypflege und Kinderbespaßung können Männer im Prinzip alles. Außer stillen; andersherum stillt ja längst nicht jede Mutter voll oder so lange, dass sie wirklich allein deshalb Jahre daheim verbringen müsste. Es zu wollen, ist natürlich legitim und steht auf einem anderen Blatt.

Vater sein – ein Hürdenlauf!

Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!
Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!

Ich sollte hier fairerweise erwähnen, dass mein Mann selbstständig ist und nur wenige bürokratische Hürden überspringen musste, um die volle Elternteilzeit für sich und uns zu realisieren. Schwieriger haben es da oftmals (männliche) Angestellte, die sich nicht zufällig in sicheren Zweigen des Staatsdienstes tummeln. Sie ernten oft ebenso wenig Verständnis für ihre Familienauszeit wie ihre weiblichen Kollegen, die im Gegenzug dazu wieder schnell in ihren Job zurückkehren oder sich eine neue Position suchen wollen. Schnell kommt auch heute noch bei Personalern der Verdacht auf, ein Mann hätte somit „kein Interesse mehr am beruflichen Aufstieg“, „keine Lust mehr auf seinen Job“ oder eben eine Partnerin, die ihm „nicht den Rücken freihält“. Dass derartige Vorurteile sich nicht gerade motivierend auf die jüngeren Generationen von Eltern und Arbeitnehmern auswirken, erklärt sich von selbst. Auch im privaten Umfeld brauchen Väter, die sich bewusst eine Babyauszeit nehmen, oftmals nach wie vor ein dickes Fell und ernten statt Verständnis und Anerkennung für ihre Entscheidung eher Skepsis, Spott und Häme. Kein Wunder, denn Väter bleiben auch in den gefühlt omnipräsenten Medien- und Werbebeiträgen rund um „Kind und Windeleimer“ weitgehend unsichtbar. Wann immer eine Pampers-Werbung über unsere Bildschirme flimmert sehen wir: Mutter und Kind. Die Bloglandschaft im Internet, die sich mit den alltäglichen und kontroversen Themen rund ums Elterndasein beschäftigt: Mama-Blogs, wohin man schaut; ein männliches Äquivalent ist selten. Die Betreuungsmisere in den Nachrichten: Mütter mit Problemen bei der Jobsuche. Daran ist prinzipiell nichts Falsches; es fehlt nur etwas. Nämlich die Selbstverständlichkeit, dass Väter eben nicht nur Samenspender auf zwei Beinen sind oder idealerweise sein sollten.

Diskriminierung: nicht nur ein Mütterproblem!

Hart aber fair: Männer können alles genau so gut - außer stillen.
Hart aber fair: Männer können alles genau so gut – außer stillen.

Schließlich gibt es noch den finanziellen Aspekt. Dass das „Gender Pay Gap“ keine Erfindung durchgeknallter Radikalfeministinnen ist und speziell „Frauenberufe“ im sozialen oder geisteswissenschaftlichen Umfeld doch eher knapp bezahlt werden, merkt man auch daran, dass die männlichen „Besserverdiener“ dann eben doch in die klassische Versorgerrolle schlüpfen. „Finanzielle Notwendigkeit“, wird man es nicht ganz zu Unrecht begründen. Da hilft es leider auch wenig, dass unsere Politik sich derzeit beide Beine ausreißt, um eine echte Gleichberechtigung im Familienleben und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Ein Regelwerk ist sinnvoll . Aber was, wenn sich kaum ein Spieler am runden Tisch daran hält? De jure darf kein Arbeitgeber seine Angestellten dafür „bestrafen“, Kinder zu bekommen und sich gar um diese kümmern zu wollen. De facto werden gerade Männer, die Elternzeit, Krankentage und andere rechtliche Ansprüche geltend machen wollen, auf ihre vermeintliche Unverzichtbarkeit hingewiesen oder gleich gefragt, ob sie denn keine Frau hätten, die das machen kann. Umgekehrt wird bei Frauen quasi automatisch davon ausgegangen, dass sie nun eh keine Karriere mehr machen wollten oder andauernd wegen ihrer Kinder dem Arbeitsplatz fernbleiben werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde eine solche Einmischung in die Privatsphäre von Mitarbeitern schon ziemlich frech! Nicht nur am Arbeitsplatz haben engagierte Väter häufig einen schweren Stand; auch beim Umgangs- und Besuchsrecht im Falle einer Trennung ziehen sie aufgrund der momentanen Gesetzeslage häufig den Kürzeren. In manchen Fällen mag dies sinnvoll sein; oft handelt es sich dabei aber auch nur um eine Schikane im klassischen Rosenkrieg und schlicht um eine Diskriminierung.

Männerarbeit, Frauenarbeit?

Väter suchen sich eigene Wege - und das ist ihr gutes Recht
Väter suchen sich eigene Wege – und das ist ihr gutes Recht

Schaut man sich soziale und pflegerische Berufszweige an, so trifft man tendenziell auf eine große weibliche Überzahl. Ein Mann als Kita-Leiter? Als Kinderpfleger oder „männliche Hebamme“? Für viele Frauen – aber auch Männer – auch im Jahr 2016 schwer vorstellbar. Was allerdings auch auf dem Mythos beruht, Männern ginge es vor allem ums Geldverdienen. Ebenso wie auf der Tatsache, dass sich viele Männer (und übrigens manche Frau) aufgrund der eher unterdurchschnittlichen Bezahlung in Sozialberufen für andere Branchen entscheiden und Jungen viel zu früh eingeimpft wird, einen „männlichen“ Beruf zu ergreifen. Vorbehalte dagegen, dass Männer ebenso wie Frauen „irgendwas mit Kindern“ machen können, zeigen sich auch im Privaten – und daran sind wir Mütter selbst oft nicht ganz unschuldig. Manch übermotivierte Neu-Hausfrau und „Natural Born Super Mom“ hat nämlich wirklich an allem etwas zu meckern, was ihr hilfsbereiter Partner wie selbstverständlich einfach tun möchte. „Du machst das falsch! Das geht doch anders“; „Männer können das nicht“; „Typisch Mann. Ich zeig dir, wie es geht“… Wer solche Bannbotschaften jeden Tag zu hören bekommt, wird irgendwann resignieren. Und wer sollte es ihm da noch verdenken? Ich überspitze hier natürlich absichtlich ein wenig – aber wenn wir Mamas ehrlich zu uns selbst sind, juckt es vielen doch wirklich hin und wieder in den Fingern, den Mann mal wieder zu korrigieren. Einfach so, fast automatisch. Mein Tipp, den ich selbst übrigens auch befolge: Lasst es kribbeln, Ladys, und beißt euch hin und wieder einfach lieber auf die Zunge. Dann klappt’s auch mit der Gleichberechtigung. Papas haben ihren eigenen Weg, Probleme zu lösen. Und das ist auch gut so.

Rosa Mayreder | Von der Männlichkeit

„Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“

Rosa Mayreder | 1905

Von der Männlichkeit

I

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Rosa Mayreder | 1905

Man wird die Wandlung, die sich in der Stellung des weiblichen Geschlechtes vollzieht, nicht in ihren tiefsten Ursachen begreifen, solange man die Wandlung in den Lebensbedingungen des männlichen Geschlechtes unbeachtet läßt. Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als daß Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten. Vielleicht ist eine der wichtigsten Entstehungsbedingungen der Frauenbewegung in Veränderungen innerhalb des männlichen Geschlechtes zu suchen. »Die Geschlechtslaster der Frauen sind nun die der Männer geworden,« hat schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein tieferblickender Mann geschrieben; »unsere Bildung ist eine vorwiegend lyrische, weibliche, die den Mann zum zarten Genossen des Weibes, nicht das Weib zur starken mannlichen Gesellin des Mannes erzieht. Das Männische, wo es nicht zu ersticken war, muß als unberechtigt und ausgeschlossen zu barer Roheit entarten; und da die Männer Frauen geworden sind, was sollen die Frauen, durch diese geschlechtliche Völkerwanderung aus ihrer natürlichen Sphäre verdrängt, tun –? .. Bleibt denjenigen Frauen, die keine Kinder werden wollen oder können, etwas anderes, als das Feld zu erobern, das die Männer verließen, um das Gebiet einzunehmen, welches ehedem das ihre war?« (Otto Ludwig, Shakespearestudien.)

Und Goethe ist von einer ähnlichen Auffassung ausgegangen, als er sagte: »Es ist keine Frage, daß bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen. Denn bei einem wechselseitigen Einfluß muß der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; denn sein Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft. Nimmt dagegen das Weib von dem Manne etwas an, so gewinnt es; denn wenn es seine übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken läßt.«
Die Bedeutsamkeit dieser Aussprüche liegt nicht so sehr in dem Urteil zugunsten der Frauen, als vielmehr in der Bestätigung, daß etwas an der Männlichkeit nicht in Ordnung ist. Im allgemeinen kommt das den Männern nicht zum Bewußtsein. Es widerstrebt dem naiven Geschlechtsdünkel des gewöhnlichen Mannes, einzuräumen, daß zwischen ihm und dem Manne anderer Epochen im Grade der Männlichkeit ein Abstand sein sollte. Was ihm von Kindesbeinen an als Maßstab seines männlichen Wertes suggeriert wird, daran hält er sich, ohne zu fragen, ob es sich mit den Bedingungen und Einflüssen verträgt, denen er sein ganzes Leben lang ausgesetzt ist.
Wie ein altes Götterbild, das noch öffentlich verehrt und mit den vorgeschriebenen Opfern bedient wird, obgleich es längst aufgehört hat, seine Wunder zu verrichten, regiert der Begriff der Männlichkeit in der modernen Kulturgesellschaft. Der Vorstellungsinhalt, der sich damit verbindet, ist erfüllt von Überbleibseln vergangener Zeiten, von Rückständen alter Verhältnisse. Ja man kann wohl behaupten, daß das Mißverhältnis zwischen den modernen Lebensbedingungen und den herrschenden Normen bei dem männlichen Geschlecht noch größer ist als bei dem weiblichen. Durch seine soziale Natur steht aber der einzelne Mann ebenso wie das Weib in einem Abhängigkeitsverhältnis; sofern er zum Durchschnitt gehört, ist er der Tyrannei der Norm ebenso unterworfen, empfindet die Bestimmungen der Sitte und Moral ebenso als Herren über sich. Nur die Bestimmungen selbst sind andere.
Betrachtet man den Begriff der Männlichkeit, wie er sich in allgemeinen Umrissen im gewöhnlichen Leben oder in jenen Schriften darstellt, die einer normativen Grundlage bedürfen, in pädagogischen, populär-medizinischen, didaktisch-moralischen, so findet man den primitiven teleologischen Geschlechtstypus, der sich von Generation zu Generation forterbt, ohne an den Zuständen der Wirklichkeit geprüft zu werden. Da ist Männlichkeit gleich Aktivität, Weiblichkeit gleich Passivität. Alles Männliche verhält sich der Außenwelt gegenüber aggressiv, alles Weibliche defensiv; der Mann hat expansive Impulse und starken Willen, er ist unternehmend, eroberungslustig, kriegerisch und verträgt keinen Zwang; das weibliche Geschlecht aber, durch seine Willensschwäche untergeordnet und unterordnungsbedürftig, ist zaghaft, friedfertig, geduldig u. dgl. m.

Wiewohl dieser Geschlechtstypus nicht einmal für alle sogenannten Naturvölker unbedingt zutrifft, läßt sich doch sagen, daß er sich desto deutlicher und reiner ausprägt, je tiefer die Lebensweise steht. Allein nur bei Völkern, deren Leben sich noch auf der Stufe unter der Kultur abspielt, ist die Arbeitsteilung dieser Sonderung der Geschlechter angemessen; die Aufgaben und Beschäftigungen des Mannes entsprechen da vollkommen den Tendenzen des primitiven Geschlechtscharakters. Man könnte sie nicht bündiger zusammenfassen, als es in dem Ausspruche jenes australischen Kurnai geschieht, den Ellis in seinem Buche über Mann und Weib zitiert: »Der Mann jagt, fischt, kämpft und sitzt herum; alles übrige ist Sache der Weiber.« Alles übrige – nämlich die Arbeit im eigentlichen Sinn, der Ackerbau, die Gewerbstätigkeit.
Die männlichsten Beschäftigungen sind die des Wilden, der männlichste Mann ist der Wilde, wie er ja auch der freieste ist, der unbeschränkteste. Erst wenn sich eine Modifikation in den Grundinstinkten seiner Geschlechtsnatur vollzogen hat, wird der Mann zur Kultur fähig; und schon mit den ersten Anfängen der Kultur, indem er einen Teil des weiblichen Arbeitsfeldes übernimmt, verzichtet er auf den vollen Gehalt seiner Männlichkeit. Er wird seßhaft, gebunden, abhängig. Kultur und Bildung nähern den Mann dem Weibe, verweiblichen ihn; sie sind antiviril. Und je mehr die Kultur wächst und sich verfeinert, desto stärker werden ihre antivirilen Einflüsse. »Wilde und barbarische Völker sind gewöhnlich vorwiegend kriegerisch, d. h. männlich in ihrem Charakter, während die moderne Zivilisation ihrem Wesen nach industriell, d. h. weiblich ist; denn die Gewerbe gehören eigentlich und ursprünglich dem Weibe und haben die Tendenz, den Mann dem Weibe gleich zu machen.« (Ellis, Mann und Weib.)

Das Kulturleben hat an der Männlichkeit langsam aber unaufhörlich eine Veränderung vollzogen, in der die femininen Einwirkungen immer mehr das Übergewicht erlangen, und die kriegerischen, also im engeren Sinne männlichen Tendenzen immer mehr zurücktreten.
Man muß in dieser Veränderung einen historischen Prozeß erkennen, der mit Notwendigkeit den Weg der Kultur begleitet – einen Niedergang, wenn man die primitive und ursprüngliche Art der Männlichkeit als die stärkste betrachtet, als diejenige, in welcher die Kraft der menschlichen Gattung ihren absoluten Ausdruck findet. Es ist leicht aus der Geschichte zu beweisen, wie oft die kriegerische Männlichkeit barbarischer und halbbarbarischer Völker den Sieg über Kulturvölker davongetragen hat, deren kriegerische Instinkte erloschen waren. Das scheint ein Einwand gegen die Differenzierung zu sein, welche die Kultur an der Männlichkeit bewirkt. Und so käme man zu dem paradoxen Schluß, daß durch die Zivilisation – die ja fast ausschließlich ein Werk der männlichen Intelligenz ist – der Mann selbst an der Zerstörung seiner Männlichkeit arbeitet.
Aber man würde den Inhalt dieses Begriffes zu einseitig begrenzen, wenn man nur seine primitive Seite berücksichtigen wollte. Schon in den Anfängen der Kultur macht sich eine andere Seite der männlichen Natur geltend und scheidet die einzelnen Individuen in verschiedene Gruppen. Es zeigt sich, daß innerhalb des männlichen Geschlechtes selbst zwei entgegengesetzte Grundtriebe herrschen. Der primitiven Männlichkeit, die in dem Ausleben des physischen Vermögens besteht, tritt eine differenzierte Männlichkeit gegenüber, die auf die Entfaltung und Steigerung des intellektuellen Vermögens gerichtet ist – der Macht aus körperlicher Überlegenheit die Macht aus geistiger Überlegenheit.
Dieser Gegensatz unter den Männern ist in seinen sozialen Wirkungen nicht weniger wichtig und belangreich, als der vermeintlich so tiefgehende Gegensatz zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Er äußert sich als ein beständiger Kampf der beiden Grundtriebe um die Vorherrschaft in der menschlichen Gesellschaft. Die Lebensideale, die sie in die Welt stellen, bewegen sich in entgegengesetzter Richtung, schließen sich in ihren Endkonsequenzen gegenseitig aus. Dennoch bestehen sie während der ganzen Kulturentwicklung nebeneinander fort, nehmen die verschiedensten Gestalten an, verwandeln sich, vermischen sich und erzeugen die seltsamsten Widersprüche.

Die ältesten Repräsentanten dieser Lebensideale sind der Krieger und der Priester. In ihnen tritt der Gegensatz der männlichen Grundtriebe am stärksten hervor. Auch der Kampf um die Vorherrschaft läßt sich an der Stellung erkennen, die sie in der Organisation der frühesten Gesellschaftsordnungen einnehmen. Während bei barbarischen Völkern der Krieger auf der obersten Stufe der sozialen Bewertung steht, erscheint schon bei sehr alten Kulturvölkern der Priester im Range dem Krieger übergeordnet. Unter der Form des Priestertums hat die differenzierte Männlichkeit zuerst den Sieg über die primitive davongetragen. Allerdings wird das Ideal eines Standes oder einer Kaste nicht durch jeden Einzelnen verwirklicht; gerade im Priestertum hat der Zwiespalt zwischen der äußeren Lebensstellung und der inneren Anlage des Individuums oft zu den schlimmsten Entartungserscheinungen geführt.
Für die abendländische Kulturgesellschaft bedeutet die christliche Epoche in der Theorie die Oberherrschaft des priesterlichen Lebensideales. In der Praxis hat aber die kriegerische Männlichkeit sich niemals – und auch nicht zur Zeit, als der christliche Gedanke als solcher die stärkste suggestive Gewalt besaß – von der Lebensführung abwendig machen lassen, die ihr entsprach. Das ganze Mittelalter hindurch tritt der Gegensatz dieser heterogenen Lebensideale deutlich hervor; und wenn die Männer des frühen Mittelalters Schreiben und Lesen als eine Beschäftigung für Geistliche und Weiber ablehnten, so hatten sie vom Gesichtspunkt der kriegerischen Männlichkeit alle Ursache dazu. Sie witterten hier mit Recht die Fallstricke, in denen die elementaren Impulse der Männlichkeit unvermerkt gefangen und gebrochen werden, die Verführung zu einer Lebensweise, die den Unterschied zwischen dem Manne und dem Weibe aufhebt.
Die Verwandtschaft zwischen dem geistigen Lebensideal und dem weiblichen hat immer in den Augen der kriegerischen Männlichkeit etwas Herabsetzendes gehabt. Für sie sind die Friedfertigen und Beschaulichen keine ganzen Männer. Jene hingegen, die aus dem tiefsten Bedürfnis ihrer Wesensart, von Kampf und Gewalttätigkeit verschont zu bleiben, ein Himmelreich schufen, wo das Leben in der Form der sublimiertesten Geistigkeit als ein ewiges entzücktes Schauen gedacht war, betrachteten die Kriegerischen mit der gleichen Geringschätzung als die schlechtere Gattung, die nicht für die Nähe des Göttlichen taugte. Die christliche Vorschrift hat die Konsequenz der Vergeistigung so weit getrieben, daß sie, streng genommen, jede Betätigung der primitiven Männlichkeit ausschließt. Daher ist die Gestalt des frommen Kriegers, der mit der Anwartschaft auf das Himmelreich dem Berufsmord nachgeht, eine christliche Absurdität; sie zeigt nur, wie sich Instinkte, die in den Untergründen des Bewußtseins wirken, mit theoretischen Anschauungen paaren, die von außen in das Seelenleben hineingetragen werden.
Etwas von dieser Absurdität haftet auch an den modernen Anschauungen über die Männlichkeit. Die Gegenwart wird ganz und gar durch die differenzierte Männlichkeit charakterisiert. Ihre Auszeichnung vor anderen Epochen liegt in der Entwicklung des Denkens und in der Tendenz, die Mittel der Bildung möglichst allgemein zu machen. Sie hat einen technisch-intellektuellen und einen ästhetisch-kontemplativen Charakter; außerhalb dieser Gebiete ist das Leben in vollem Verfall begriffen – am stärksten auf jenen, welche die Domäne der primitiven oder kriegerischen Männlichkeit sind.
Der Kampf mit den elementaren Gewalten der Natur, in dem die primitive Männlichkeit sich zu sittlicher Größe erhob, wird durch die technische Beherrschung der Naturkräfte beinahe ganz auf das intellektuelle Gebiet verlegt, wo er nicht eine Sache des Mutes und der Körperkraft, sondern des Scharfsinnes und der Erfindungsgabe ist. Auch die Arbeit des Mannes wird durch die Maschine ersetzt. Der Maschinenarbeiter ist bloß der Vollstrecker eines Handgriffes, der meistens durch Weiber oder Kinder ebensogut verrichtet werden kann. Es liegt ganz in der Natur der Sache, daß auf dem Gebiet der Maschinenarbeit die Männer von den Frauen verdrängt werden.
Nicht weniger verliert die ethische Seite der physischen Überlegenheit, durch die der Mann sich zum Herrn und Beschützer von Weib und Kind machte, unter den Voraussetzungen des modernen Rechtsstaates ihre Bedeutung. Die »starke Faust«, die in anderen sozialen Zuständen für den einzelnen Mann unentbehrlich und das rechtmäßige Fundament seiner Herrschaft war, ist vollkommen überflüssig geworden.
Aber wenn auch das moderne Leben den Wirkungskreis der primitiven Männlichkeit mit jedem Tage mehr einschränkt, wenn auch die Kultur selbst als der fortschreitende Sieg der differenzierten Männlichkeit zu betrachten ist – die barbarische Bewertung besteht doch in den Sitten und Normen noch immer fort. Noch immer genießt das Militär den Platz als erster Stand; noch immer steht der Krieg hoch in Ehren, und alles, was damit zusammenhängt, ist von einem Nimbus überragender Wichtigkeit und Auszeichnung umgeben.

II

Als Friedrich Nietzsche versuchte, den kommenden Generationen ein kanonisches Buch neuer Lebensbewertung zu geben, ließ er Zarathustra sagen: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers«. Er wollte die primitiven männlichen Instinkte rehabilitieren; in dem alten Gegensatz zwischen Krieger und Priester hat er für den Krieger Partei ergriffen und dem Priester die Schuld an der Vergiftung des Lebens zugeschrieben.
Aber gesetzt auch, jene Formel Zarathustras wäre der Beschaffenheit der großen Mehrzahl angemessen, eine Anweisung für die Groben, Gewöhnlichen, Ungeistigen, der Versumpfung zu entgehen, oder sogar für die Differenzierten ein Weg, sich vor den Übelständen der Feminisation zu retten – besteht denn irgend eine Möglichkeit, innerhalb des modernen Lebens die primitive Männlichkeit wieder aufzuzüchten und ihren Niedergang hintanzuhalten?
Man kann in dem Verlaufe dieses Niederganges drei Phasen unterscheiden. Die erste reicht in die Periode zurück, als der Ackerbau und die Gewerbe aus den Händen der Frau an den Mann übergehen; damit wird der Boden geschaffen, auf welchem der Gegensatz in den Grundtrieben der Männlichkeit heranwächst, indem die unkriegerischen Individuen, die vorher unnütz und verachtet waren, eine soziale Funktion erhalten und positive Werte schaffen. Die zweite Phase läßt sich für die europäische Kulturgesellschaft von der Zeit an rechnen, als das Schießpulver sowohl dem Kriege als der Jagd, diesen beiden bezeichnendsten Äußerungen der primitiven Männlichkeit, einen völlig veränderten Charakter verlieh; die dritte Phase, und zugleich diejenige, in welcher der Ruin der primitiven Männlichkeit offen zutage tritt, wird durch die Herrschaft der Maschine herbeigeführt und beginnt ungefähr in der Zeit, als der zivile Mann den Degen ablegte – ein äußeres Zeichen dafür, daß er das wichtigste Vorrecht der kriegerischen Männlichkeit, das Recht der Selbstverteidigung, endgültig an den Staat verloren hatte.
Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, daß sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen?
Ein wahrhaft kriegerischer Mannessinn hätte diese Waffe nie angenommen. Das kriegerische Element der männlichen Natur hat seinen Ursprung in der neuromuskulären Beschaffenheit; im allgemeinen ist das männliche Geschlecht tapfer und aggressiv auf Grund seiner Muskelstärke, wie das weibliche furchtsam und passiv auf Grund seiner Muskelschwäche. Aus dem Bewußtsein der physischen Kraft und dem Bedürfnis, sie zu äußern, stammen alle jene Erscheinungen gesteigerter Vitalität, die den Mann antreiben, sich im Kampf auszuleben. Für den primitiven Mann ist der Krieg der Zustand, in dem er sich selbst am intensivsten genießt – weshalb in der Anschauung der meisten barbarischen Völker der Krieg als die dem Mann entsprechendste Lebensweise, als die normale gilt.
Aber dieser Krieg besteht eben in einer Auslösung aggressiver Impulse, und die Waffen, mit denen er geführt wird, sind dem Zustand angemessen, dem sie dienen. Sie ermöglichen eine individuelle Tapferkeit, die über den Vorrang der Tüchtigkeit entscheidet; und sie gestatten dem Kämpfenden eine Verteidigung durch persönliche Geschicklichkeit oder auch durch äußere Hilfsmittel, wie die Bewehrung durch den Schild und die Umpanzerung der wichtigsten Körperteile. Das Schwert, der Degen, die Lanze, der Speer, selbst auch Bogen und Armbrust sind ehrliche, mannhafte Waffen.
Nicht so die Feuerwaffe. Die Feuerwaffe ist feig; sie macht den Angriff zu einem meuchlerischen Überfall aus dem Hinterhalt, die Verteidigung zu einer fatalistisch-passiven Ergebung in das Unvermeidliche. Der Mut, der den mit Schild und Schwert bewaffneten Mann zum Kampfe antrieb, war eine natürliche Äußerung der Mannhaftigkeit; der Mut, den der moderne Mann zeigen will, wenn er seine bloße Brust der Pistole eines Gegners bietet, ist gar kein Mut im eigentlichen Sinne mehr – er ist ein krankhaftes Verfallsprodukt aus christlich asketischer Selbstüberwindung und atavistisch männlicher Prahlerei. Nicht umsonst läßt ein spanischer Dichter – Pedro de Alarcon in seinem Manuel Venegas –, als er den Inbegriff der stolzen, hochgesinnten, selbstherrlichen Männlichkeit darzustellen unternimmt, selbst im Kampfe gegen Bären seinen Helden die Schußwaffe verschmähen, weil sie ihm zu feige und heimtückisch erscheint.
Welches Unheil aber hat diese feige und heimtückische Waffe in die Welt gebracht, seit das Raffinement der modernen Technik sie zu einer grauenhaften Vollendung entwickelte! Die ungeheuerliche Entartung des Krieges, die durch die technische Vervollkommnung der Feuerwaffen in Verbindung mit der allgemeinen Wehrpflicht herbeigeführt worden ist, steht in der Weltgeschichte beispiellos da. Der Söldnerkrieg, der eine Ableitung für alle unbändigen, abenteuerlustigen, den friedlichen Beschäftigungen abgeneigten Individuen bildete, war immerhin, welche Plagen er auch mit sich brachte, nicht mehr als ein Exzeß der elementaren Männlichkeit, der eben wie ein Elementarereignis ertragen werden mußte. Aber der molochistische Wahnwitz, der die moderne Kriegführung beherrscht, hat mit den Instinkten der Männlichkeit nichts mehr gemein. Kann denn gegenüber diesen rasenden Mordmaschinen, diesen Sprenggeschossen, durch welche die menschlichen Leiber haufenweise niedergemetzelt werden, wehrlos und wahllos wie Gräser durch die Sense des Schnitters – kann da noch von Tapferkeit des einzelnen die Rede sein? Diese greuelvollen Waffen würdigen den Mann zu einem bloßen Fleischklumpen herab, der sich ohne Widerstand zerfetzen lassen muß, um Ordre zu parieren. »Vom Heldentum hat sich uns nichts als Blutvergießen und Schlächterei vererbt – ohne allen Heroismus, dagegen alles mit Disziplin.« (Richard Wagner) Es ist nicht mehr die höchste physische Steigerung der männlichen Aktivität, die sich im Kriege betätigt, es ist die äußerste Passivität, die Erduldung eines übermächtigen Zwanges – das heißt, der moderne Krieg hat den Typus der Männlichkeit verloren und einen weiblichen, also widernatürlichen, Charakter angenommen.
Man lese nur einmal eine der wenigen wahrhaften, von der Suggestion des militärischen Ehrbegriffes nicht umnebelten Schilderungen, wie es bei der in Schlachtreihe aufgestellten Mannschaft aussieht, und man wird begreifen, daß hier keine Spur von den ursprünglichen Empfindungen mehr vorhanden sein kann, die den primitiven Krieg zu einer Schule der Mannhaftigkeit machten. Emile Zola hat im »Débâcle« eine solche Darstellung gegeben; sie wird mit überzeugender Unmittelbarkeit durch die Worte eines preußischen Soldaten bestätigt, der an der Schlacht von Spichern am 6. August 1870 teilnahm: »Herzzerreißendes Weh, Verzweiflung, Angst, Entsetzen, verbissene Scheu, alles dies konnte man in den Blicken dieser dem Tod Geweihten lesen, nur keine glühende Begeisterung mehr, keine fanatische Lust zu morden oder sich morden zu lassen … Wie die Küchlein, wenn der Raubvogel eines der ihrigen geholt, sich zitternd und ängstlich aneinanderschmiegen, so drängten wir uns instinktiv zusammen, um einer hinter dem andern Schutz zu suchen … Bleich wie der Tod, schwer atmend, mit klopfendem Herzen und zitternden Gliedern harrten wir mit Bangen der Dinge, die da kommen würden. Fürwahr, der Selbsterhaltungstrieb ist oft stärker als alle guten Vorsätze – und nur eines Anstoßes hätte es in diesem Moment gebraucht, um die Bande der Disziplin zu lösen. Da, diesen kritischen Augenblick gewahrend, der sich in einer gewissen Unruhe im Bataillon bemerkbar machte, sehe ich unsern Kommandeur die Bataillonskolonne heruntersprengen, und ›die Herren Offiziere bitte die Revolver ziehen‹ höre ich seine befehlende, Gewehrsalven und Kanonendonner übertönende, scharfe Stimme erschallen « … (»Mehr Licht in unsere Welt« von Gustav Müller.)
So zwischen zwei Feuern, vor sich die Gewehrläufe des Feindes, hinter sich die Revolver der Vorgesetzten, wird der moderne »Krieger« in die Schlacht getrieben. Bei den ganz Rohen, durch Bildung nicht Verfeinerten, erzeugt der Anblick des Blutes allenfalls eine blinde Berserkerwut, in der sie besinnungslos ihre Munition verschießen. Ganz furchtbar aber ist die Situation für jene, die, durch alle Einflüsse des modernen Geisteslebens den Instinkten der primitiven Männlichkeit entfremdet, an eine geschützte Lebensweise gewöhnt, zu intellektuellen Berufen erzogen, trotz alledem für den Kriegsfall die gleichen Aufgaben erfüllen sollen, wie der Berufssoldat. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein Turm Babel an Instinktverwirrung. Was hat ein Künstler, ein Gelehrter, ein Beamter, ein Lehrer mit den Eigenschaften zu tun, die zum Kriege tauglich machen? In jeder Kultur war bisher der Krieg die Sache einer bestimmten Klasse, und die zu den Beschäftigungen des Friedens Erzogenen blieben davon verschont, wenn sie sich nicht freiwillig anwerben ließen. Aber die allgemeine Wehrpflicht, wie sie auf dem europäischen Festland besteht, ist die schlimmste Sklaverei, mit der je der freie Mann beladen wurde. Durch sie werden die Männer insgesamt zu Leibeigenen des Staates; sie müssen sich in regelmäßig wiederholten Abständen ihrer bürgerlichen Freiheit begeben, um sich der Disziplin und den Vorurteilen einer Klasse zu unterwerfen, an deren Vorrechten sie für gewöhnlich nicht teilnehmen. Da sie aber gezwungen sind, den Begriff der militärischen Ehre, der ganz auf den Instinkten der primitiven Männlichkeit basiert, in ihr bürgerliches Leben herüberzunehmen, erleiden sie einen wesentlichen Nachteil gegenüber den Berufssoldaten. Besäße die zivile Männerschaft noch mehr von den primitiven Impulsen des Geschlechtes, so wäre das Verbot des Waffentragens, dem sie trotz ihrer militärischen Dienstpflicht unterworfen ist, etwas Entehrendes für sie, und die Vorstellung, unbewaffnet dem Umgang mit bewaffneten Geschlechtsgenossen ausgesetzt zu sein, müßte ihr unerträglich sein.
Wenn aber das Militär in der modernen Gesellschaft alle Ehren genießt, die nach der primitiven Auffassung dem Krieger als der vollendetsten Verkörperung der Männlichkeit zukommen, so kann man das nur als Atavismus bezeichnen. Denn der Krieg ist so selten geworden, daß ihn im eigenen Lande kaum jede Generation wehrfähigen Alters erlebt; und die Beschäftigungen des Militärs in Friedenszeiten rechtfertigen diese Bevorzugung nach keiner Richtung.
Nicht weniger als bei dem modernen Kriege zeigt sich der Niedergang in den Instinkten der primitiven Männlichkeit bei der modernen Jagd. Zum mindesten die Treibjagd hat unter dem Gesichtspunkte der Gefahr, deren Überwindung neben dem Gewinn der Beute für den Mann früherer Zeiten den Wert der Jagd ausmachte, etwas Verkehrtes und Lächerliches; wenn es dabei noch Gefahr und Strapazen gibt, so fallen sie ganz in die Beschäftigung des Treibers und nicht des Jägers. Für den intakten Mannesinstinkt müßte es eher etwas Abstoßendes, ja Verächtliches haben, so aus sicherer Ferne wehrlos-unschädliche Geschöpfe, die da in Massen vorübergetrieben werden, niederzupfeffern; das Vergnügen an der eigenen Treffsicherheit könnte einen in diesem Punkte noch nicht abgestumpften Mann über das Unmännliche dieses Verfahrens nicht hinwegtäuschen. Aber ganz als ob es sich noch um Bären oder Wölfe, um die mannhaftunerschrockene Bekämpfung wilder und gemeingefährlicher Bestien handelte, gilt die Jagd als eine ausgezeichnet männliche Beschäftigung und wird immerzu das »edle Weidwerk« genannt.
Nicht viel besser in Ansehung der männlichen Qualität ist es um alle Arten von Sport bestellt, die durch heftige Leibesbewegungen und physische Anstrengungen als Remeduren der primitiven Männlichkeit gelten können. Als Remeduren wohl, sofern sie Abhärtung, Anspannung der Muskel- wie der Willenskraft bedingen – als Taten nicht. Der Sport ist stets nur ein Spiel; deshalb werden selbst die äußersten Leistungen auf seinem Gebiete – wenn sie auch in mancher anderen Hinsicht hoch anzuschlagen sind – nie einen heroischen Charakter haben, wie ihn die Tapferkeit gegenüber ernsten Gefahren verleiht. Was dabei herauskommt, ist im besten Fall eine Männlichkeit der Bravourstücke.
Als eine völlige Karikatur, in ihrer widersinnigsten und lächerlichsten Gestalt, erscheint die primitive Männlichkeit bei dem studentischen Kommentwesen. Denn hier tritt sie nur mehr als ein atavistischer Auswuchs im Leben solcher Individuen auf, die durch ihre Berufswahl Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit werden sollen. Das Mißverständnis, das hier obwaltet, könnte als eine Jugendeselei hingehen, wenn es sich bloß in den Paukereien äußerte, die der »unbändigen Mannesnatur« durch kleine unschädliche Aderlässe Luft machen; da es aber gleichzeitig einen unwürdigen Zwang zum Alkoholmißbrauch mit sich bringt, der oft die depravierendsten Folgen hat, stellt das ganze Kommentwesen in seiner heutigen Gestalt eines der schlimmsten Verfallssymptome der Männlichkeit dar.
Niedergang, unaufhaltsamer Niedergang! Verträgt sich denn die Lebensweise, welche die Männer der geistigen Berufe führen, überhaupt noch mit irgend einem der Instinkte, durch die sich die primitive Männlichkeit auszeichnet? Das Bureau, das Kontor, die Kanzlei, das Atelier – lauter Särge der Männlichkeit. Ihre monumentale Grabstätte aber ist die Großstadt selbst. Hier sind die Gefahren des Lebens – das Element und die hohe Schule der Männlichkeit – ganz aus dem Wege geräumt; hingegen wirken alle Einflüsse des Großstadtlebens dahin, jenes Gebrechen zu fördern, das sich am wenigsten mit dem Charakter der Männlichkeit verträgt, die Nervenschwäche.
An dieser Wirkung läßt sich erkennen, wie labil im Grunde der angeblich ein- für allemal feststehende Geschlechtscharakter ist. Man pflegt das männliche Nervensystem für widerstandsfähiger zu halten als das weibliche und einen wichtigen Geschlechtsgegensatz darin zu erblicken, daß das weibliche größere Irritabilität zeigt, das heißt, die Neigung, auf Reize von außen rascher und ungehemmter zu reagieren. Was man als »männlichen Sinn« im allgemeinen bezeichnet, obgleich es sich keineswegs ausschließlich beim Manne findet, das Aufsichselbstberuhen, die Ruhe und Fassung gegenüber äußeren Eindrücken, ist hauptsächlich auf die Widerstandsfähigkeit des nervösen Apparates zurückzuführen. Die Schwächung und Überreizung des Nervensystems aber, die das moderne Großstadtleben erzeugt, steigert die Irritabilität auch beim Manne und verändert auf diese Weise das Bild des Geschlechtscharakters, das als das traditionelle der Männlichkeit gilt.
Deshalb ist der vehementeste Angriff auf sie die typische Großstadtkrankheit, die Neurasthenie. Man braucht nur die psychischen Erscheinungen, die zum Krankheitsbild der Neurasthenie gehören, daraufhin anzusehen, die Niedergeschlagenheit und Unsicherheit, das Angstgefühl, die Launenhaftigkeit, Willenlosigkeit und Entschlußunfähigkeit – lauter Symptome, die aus der reizbaren Schwäche entspringen – und man wird erkennen, daß der Neurastheniker einen nach der konventionellen Auffassung völlig weiblichen, ja weibischen Typus annimmt.
Für die Männer der geistigen Berufe bedeuten die Schädlichkeiten des Großstadtlebens keine so wesentliche Beeinträchtigung; die Bedingungen, unter denen sie ihren Beruf ausüben, vertragen sich auch mit den leichteren Graden der Neurasthenie. Denn diese Bedingungen selbst setzen vielfach eine wesentliche Herabminderung der aggressiven Impulse voraus, und der volle Gehalt männlicher Impetuosität wäre eher ein Hindernis dabei.
Ein Niedergang der differenzierten Männlichkeit wird also durch das Großstadtleben an sich nicht verursacht; nur mit den Idealen der primitiven Männlichkeit läßt es sich durchaus nicht vereinigen. Diese Ideale anerkennen, heißt den ganzen Entwicklungsgang der Kultur verneinen. In ihnen ist nichts Zukunftsmächtiges. Der Heroismus im Kampf gegen physische Gefahren, der die schönste Blüte der primitiven Männlichkeit ist, hat seine Wirkungssphäre zum größten Teil verloren; die Aufgaben, die ihm noch zufallen können, treten zurück, andere Ziele beherrschen das Leben und heben jene empor, die geschaffen sind, sie zu erfüllen.
Die Schattenseiten der primitiven Männlichkeit aber haben zu allen Zeiten ihre Vorzüge schwer verdunkelt. Sie ist es, die aus dem Menschen das bösartigste Raubtier unter allen Geschöpfen der Erde macht; sie ist es, die das Leben in einen Kriegsschauplatz verwandelt; sie ist es, die den Mord heiligt und das Blutvergießen zur Lust erhebt. Erst wenn die Konsequenzen ihres Niederganges sich im sozialen Bewußtsein vollzogen haben, wird ein neuer Tag für die Menschheit anbrechen.

III

Und so wäre denn die Möglichkeit für eine unendlich höhere Wirksamkeit der differenzierten Männlichkeit gegeben, als sie irgendeine frühere Kulturperiode bot. Die Umstände, die den Verfall der primitiven Männlichkeit bedingen, müßten den differenzierten Mann an die Spitze der Kultur stellen, auf jenen Rang, der ihm als ihrem Schöpfer zukommt.
Betrachtet man aber die differenzierte Männlichkeit, oder konkreter ausgedrückt, die Männer der geistigen Berufe im Spiegel der herrschenden Anschauungen und Zustände, so erfährt man eine große Enttäuschung. Fast zu allen Zeiten und in allen Kulturländern ist die Bestimmung des Mannes für ein Leben in der Region der Geistigkeit durch die soziale Tradition höher eingeschätzt worden als in der europäischen Kultur der Gegenwart. Sie steht in dieser Hinsicht, wiewohl sich vielleicht das menschliche Leben noch niemals weiter von seinen primitiven Formen entfernt hat, hinter den Kulturen des Altertums und des Orients beträchtlich zurück. Ob es nun wie in China der Literat ist, der in der Anschauung der Allgemeinheit den ersten Rang einnimmt, oder wie in Indien der Asket, oder wie im alten Ägypten der Priester – es ist die geistige, die differenzierte Art Mann, diejenige, deren Lebensinhalt die höchste Steigerung des geistigen Vermögens bildet, welcher die Krone des Lebens gehört. Selbst das Mittelalter erkannte den Geistlichen als den höheren Menschen an, wie selten der einzelne die Vorstellungen tatsächlich verwirklichen mochte, denen er seine Bevorzugung verdankte.
Vergeblich suchen wir in der sozialen Tradition der modernen europäischen Kultur nach dieser Bewertung. Es ist nicht mehr das priesterliche Lebensideal, in dessen Bereich die Männlichkeit ihre kulturschöpferische Macht entfaltet. Denn die Kluft, die zwischen dem modernen Denken und der überlieferten Religion gähnt, hat den Priester als Repräsentanten der Geistigkeit herabgesetzt. Seine Existenz ruht auf einer überlebten Weltinterpretation, die ihn von der Teilnahme an dem lebendigen Prozeß der geistigen Entwicklung ausschließt; und der Nimbus, der ihn als den Vermittler zwischen dem Reich Gottes und dem gemeinen Erdendasein umgab, ist zugleich mit dem Reich Gottes verblichen. Dennoch besitzt er immer noch eine ausgesprochene Überlegenheit in der Machtstellung gegenüber jenen, deren geistige Arbeit die alte Weltinterpretation überwunden hat: denn diese Machtstellung gründet sich auf die bewußte, sittlich-praktische Anerkennung eines höheren Menschentums, dessen Träger der Priester ist, auf den in seinem Lebensideale konsequent durchgebildeten Gegensatz zur primitiven Männlichkeit – was freilich nicht hindert, daß in einer mit Verfallsprodukten angefüllten Zeit, wie die Gegenwart, äußere Machtrücksichten eine paradoxe Interessengemeinschaft zwischen dem Militär und dem Klerus herstellen.
Den Männern der profanen Geistigkeit aber fehlt das Bewußtsein dieses Gegensatzes; daher sind sie unvermögend, aus ihren Lebenszielen heraus eine neue, mit normativer Gewalt ausgerüstete Rangordnung der Männlichkeit zu schaffen. So groß das männliche Denken in der Gestalt ist, die es als moderne Wissenschaft besitzt, so gering ist der sittlich-praktische Einfluß, den es unter den Mächten der Gegenwart hat. Der moderne Mann leidet an seiner Intellektualität wie an einer Krankheit. Entweder artet sie zur geistigen Ausschweifung aus, wie bei dem Typus des Gelehrten, der durch eine ins Extrem gesteigerte Einseitigkeit der geistigen Anspannung jedes Verhältnis zur Totalität des Lebens verliert, oder sie macht ihn, wie es bei dem gebildeten Mann des Durchschnitts so häufig geschieht, zu einer unvollkommenen und disharmonischen Erscheinung. Dieser Halb- und Halbe, der nirgends etwas Ganzes und Selbstgewisses vorstellt, nicht in der Region der Geistigkeit und nicht in der Region der primitiven Männlichkeit, der immer zwischen zwei Welten hängt, durch Neigung oder Nötigung bald hierhin, bald dorthin geschwenkt, er wird durch seine Zucht zur Verfeinerung, zur höheren Bildung, zur Überordnung des Denkens in einen unheilbaren Zwiespalt mit sich selbst gesetzt.
Ist es nicht auffallend, daß die Männer, durch ihre intellektuelle Entwicklung auf allen Gebieten zur Kritik geneigt, dem Begriffe der Männlichkeit gegenüber am längsten unkritisch bleiben? Sie nehmen die Übelstände, die sich für sie aus der Inkongruenz zwischen den herrschenden Normen und den tatsächlichen Verhältnissen ergeben, lieber stillschweigend hin, ehe sie sich dem Verdachte der Unmännlichkeit aussetzen. Männlich zu sein, männlich so sehr als möglich, unbedingt, ungemischt männlich, das gilt ihnen als Auszeichnung; sie sind unempfindlich für das Brutale oder Niedrige oder Verkehrte einer Handlung, wenn sie mit dem traditionellen Kanon der Männlichkeit übereinstimmt. Diese Furcht, unmännlich zu erscheinen, einen Mangel an den Tugenden des primitiven Geschlechtsideales zu zeigen, erhält alle atavistisch ungereimten Vorurteile, alle sinnlos unangemessenen Einrichtungen, an denen das Leben des modernen Mannes so reich ist.
Wie schwankend und unbestimmt sind aber die Vorstellungen, die diesem Ehrgeiz der Männlichkeit zugrunde liegen! Man braucht nur die Bewertung: je männlicher desto überlegener, einmal dort zu prüfen, wo sie sich nicht mit dem weiblichen Geschlechte mißt – am nationalen Eigendünkel beispielsweise. Es ist bekannt, daß die romanischen Nationen sich gegenüber den germanischen als die männlicheren fühlen; Mantegazza sagt den »blonden Deutschen« sogar eine mehr weibliche Art zu lieben nach. Die Deutschen hingegen erkennen diese mehr weibliche Art den slavischen Männern zu – eine nationale Überhebung, der Bismarck in seiner Anrede an die steirische Deputation im April 1895 Ausdruck gab, indem er sagte: »Ich glaube, wir Germanen sind durch Gott von Hause aus stärker, ich will sagen, männlicher ausgestattet; Gott hat den Dualismus in allen Erscheinungen der Schöpfung zwischen männlich und weiblich dargestellt, und so auch in den europäischen Konstellationen … Ich will keinen Slaven damit kränken, aber sie haben viele der weiblichen Vorzüge, sie haben die Grazie, die Klugheit, die Schlauheit, die Geschicklichkeit« – und deshalb riet er den Deutschen in Österreich, gegenüber den Slaven mit dem tiefinnerlichen Gefühl zu verfahren, daß sie die Überlegenen sind und das leitende Element bleiben werden, »wie es der Mann in der Ehe sein soll«.
Wer aber die slavische Literatur kennt, der weiß, welches minder schmeichelhafte Bild die Slaven von dem deutschen Mann haben; in ihren Augen ist seine nationale Eigenart nicht überlegene Männlichkeit, sondern kalte Berechnung, Habgier, Dünkelhaftigkeit, Empfindungsroheit. Und in der Tat – gemessen an den Äußerungen einer verfeinerten Menschlichkeit, einer über den Geschlechtsdünkel mit seinen Vorurteilen hinausgereiften Gemütskultur, wie sie etwa in Gontscharows »Absturz«, in Dostojewskys »Idiot«, in Tschernischewskys »Erzählungen von neuen Menschen« erscheint, hätten die Deutschen wenig Ursache, sich als die Überlegenen zu fühlen!
Sucht man nach einem positiven Inhalt für die Vorstellungen, die sich, im Gegensatze zur primitiven Männlichkeit, mit der differenzierten verbinden lassen, so könnte man allenfalls mit einer Übertragung aus dem Physischen und Materiellen ins Geistige das Auslangen finden. Vor allem der Krieg als der auszeichnendste Beruf des Mannes scheint eine solche Deutung im übertragenen Sinne zuzulassen. Der Kampf mit materiellen Waffen verwandelt sich in einen Kampf mit ideellen; der Kriegsschauplatz wird aus dem realen Leben in das Gebiet des Gedankens verlegt. Das männliche Element bleibt das streitbare auch in der geistigen Welt.
Allein das gilt nur mit großen Einschränkungen. Zu allen Zeiten haben sich an den Kämpfen um ideale Güter die Frauen, soweit es die jeweilige soziale Tradition gestattete, hervorgetan; und die Geschichte der religiösen Bewegungen nicht minder wie der revolutionären ist reich an Frauengestalten. Umgekehrt ist für gewisse Typen der Geistigkeit, für den Künstler wie für den Forscher, ein Leben abseits von allen Kämpfen das förderlichste; und nur ein banausisches Zeitalter, in dem jeder, der etwas bedeuten will, Partei ergreifen muß, kann den Respekt vor der kontemplativen Gemütsstimmung, aus der die edelsten Blüten der Geistigkeit hervorgehen, so weit vergessen, daß es auch dem Künstler und dem Gelehrten eine Kampfrolle zumutet.
Wie es aber mit der Politik, die am ehesten als ein Krieg im übertragenen Sinn angesprochen werden kann, in Ansehung der Männlichkeit bestellt ist, beleuchtet der Ausspruch Burdachs, daß die Frauen sich aller Wahrscheinlichkeit nach besser für die Politik eignen würden als die Männer – ein Ausspruch, den Havelock Ellis mit der Bemerkung kommentiert, daß das Spiel der Politik bei jenen, die es ausüben, spezifisch weibliche Eigenschaften zu entwickeln scheint. Damit wird den Frauen durchaus kein Kompliment gemacht – namentlich angesichts des modernen Repräsentativsystems, dessen Wahlmethode ganz darauf hinzielt, die Schwätzer und Maulhelden ans Ruder zu setzen und die Komödianten auszuzeichnen, die am besten den Masseninstinkten zu schmeicheln verstehen.
Ebensowenig wie der Krieg in Gestalt der Politik, ist der Krieg, der mit der Feder geführt wird, geeignet, spezifisch männliche Eigenschaften nach Analogie des primitiven Geschlechtsideales zu entwickeln. Das moderne Zeitungswesen, in dem der Angreifer gewöhnlich durch die Anonymität unsichtbar gemacht wird und ein bezahlter Strohmann für eventuelle Konflikte mit dem Gesetz aufzukommen hat, bildet nicht gerade eine Schule der Mannhaftigkeit und des persönlichen Mutes – außer, man wollte etwa die Leistungen der Kriegskorrespondenten und ähnliche mit Strapazen verbundene Aufgaben nach dieser Hinsicht anrechnen.
Näher vielleicht wird man dem Wesen der differenzierten Männlichkeit kommen, wenn man sie als die Kraft bezeichnet, das Leben nach dem eigenen Willen zu gestalten, als die Kraft, Herr über sich selbst zu sein und die Verantwortung für das eigene Handeln zu tragen. Zu führen, das ist männlich, sich führen zu lassen, weiblich. Nach der intellektuellen Seite läge das spezifisch Männliche in der größeren Helligkeit des Bewußtseins, vermöge welcher die Motive des eigenen Handelns klar erkannt und das Erkennen zum Leiter des Handelns gemacht wird.
In Wirklichkeit treffen freilich diese Kriterien nur als relative, nur bis zu einem gewissen Grade zu, sofern man ganz im allgemeinen die Mehrzahl der Männer der Mehrzahl der Frauen gegenüberstellt. An sich, ohne den weiblichen Vergleichstypus, würden sie auch die Mehrzahl der Männer von der Männlichkeit ausschließen. Das Verhältnis der Starken zu den Schwachen ist unter den Männern wie unter den Frauen das der Wenigen zu den Vielen. Soweit die Kultur reicht, ist das Herrentum – das innerliche wie das äußere – auch unter den Männern das Vorrecht einzelner; die große Mehrzahl, auch der Männer, lebt in der Unfreiheit und mit dem Bedürfnisse der Abhängigkeit.
In der sozialen Gemeinschaft sind weitaus die meisten Männer nichts weniger als freie Herren ihres Tuns und Lassens. Der Staat, dieses schauerliche, abstrakte Gespenst, das sie mit eiserner Faust von der Wiege bis zur Bahre umklammert, erhält seine Realität eben durch das männliche Abhängigkeitsbedürfnis. Ja die Form, die der Staat im Leben der modernen Völker als konstitutionelle Monarchie angenommen hat, schafft das oberste Prinzip der ideellen Männlichkeit, die Initiative und den Willen zur freien Verantwortung, einfach aus der Welt. Prinzipiell hat in einer Verfassung, in welcher der Monarch für jede öffentliche Handlung den Ministern, die Minister dem Parlamente, die Parlamentsmitglieder den Wählern verantwortlich sind, jede Selbständigkeit aufgehört; was sich kundgibt ist – zum mindesten angeblich – nie der eigene persönliche Wille, das eigene persönliche Urteil, sondern immer ein anderer Wille, eine übergeordnete Macht. Die Persönlichkeit muß sich hinter dem nebulosen und phrasenhaften Begriff eines »Willens der Gesamtheit« verstecken, um öffentlich wirksam zu werden.
Selbst die geistigen Schöpfungen, die der männliche Geist aus sich hervorgebracht und als objektive Gebilde in die Welt versetzt hat, sind vielfach Symptome dafür, daß es mit dem Willen zum Herrentum und zur freien Verantwortung bei ihm schlecht bestellt ist. Welch ein Bedürfnis der Anlehnung, der Unterordnung, der Unselbständigkeit spricht nicht aus dem Glauben an einen transzendenten Gott, der als zorniger oder gnädiger Gebieter, als strenger oder barmherziger Vater die menschlichen Angelegenheiten ordnet! Der Mann, der vermeintliche Herr der Welt, hat sich diesem Gotte so in die Gewalt gegeben, wie nach seiner Meinung das Weib sich in die Gewalt des Mannes gibt.
Und wenn es nicht der Gottesgedanke war, dem er sich unterwarf, so schuf er sich irgend einen anderen Begriff, den er als Herrn über sich setzte. Denn auch die Philosophie, diese reinste Ausstrahlung der männlichen Intellektualität, hat das Herrentum und die freie Verantwortung der Männlichkeit nicht immer auf das beste gewahrt. Durch den kategorischen Imperativ, den Kant lehrte, wurde der ideelle Mann unter die Zuchtrute einer dürren Abstraktion gestellt, um endlich, kraft der unumschränkten Herrschaft der Kausalität, wie Schopenhauer sie verstand, zu einem völlig nichtigen Hampelmann herabzusinken, den der Weltwille am Gängelbande des Wahnes zappeln läßt, je nachdem er es für seine Zwecke braucht. Friedrich Nietzsche selbst, der entschiedenste Anwalt des männlichen Herrentumes, hat den Gemütszustand des Übermenschen auf das Gefühl der Unverantwortlichkeit bauen wollen, das die Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit alles Geschehens begleitet.
Ganz im allgemeinen hätte also der Mann keinen Anlaß, sich im Punkte der Unfreiheit und des Abhängigkeitsbedürfnisses als ein vom Weibe grundverschiedenes Wesen zu betrachten. Immerhin könnte man einwenden, daß zwischen der Unterwerfung unter eine höhere ideelle Macht und der Unterwerfung unter eine endliche Person, wie auch der willensgewaltigste Mann es ist, ein wesentlicher Unterschied bestehe. Dann bliebe aber noch immer die große Schar der subalternen Männerschaft, deren freiwillige und unfreiwillige Abhängigkeit von sehr endlichen Personen nicht zu bezweifeln ist.
Der Mann als Herr und Gebieter ist eine Vorstellung, die ihren Ursprung vornehmlich in sexuellen Gründen hat. Dem Weibe gegenüber pflegt sich auch in dem abhängigsten Durchschnittsmann ein Herrschafts- und Überlegenheitsbedürfnis zu regen. Da die Stärke physisch wie intellektuell eine relative Größe ist, fällt es keinem Manne schwer, unter den Frauen das schwächere Wesen zu finden, an dem er seine Überlegenheit messen kann. Deshalb erscheint im Bewußtsein der großen Mehrzahl das weibliche Geschlecht als das inferiore, dessen Lebensweise und Arbeitsleistung von der des Mannes qualitativ weit geschieden ist – obwohl schwerlich jemand sagen könnte, was denn an der Tätigkeit eines Lehrers, eines Arztes, eines Beamten, eines Advokaten, unter modernen Lebensbedingungen so spezifisch männlich sei. Der große Unterschied zwischen Mann und Weib, und damit zugleich das soziale Herrentum des Mannes über das Weib, liegt in der Sphäre der primitiven Männlichkeit und hat innerhalb der differenzierten keine andere Berechtigung, als sie das sexuelle Verhältnis im engsten Sinne mit sich bringt.
Wenn sich also die Männer im allgemeinen einzuräumen scheuen, daß ihre Lebensweise innerhalb der modernen Kultur sich von derjenigen der Frauen nicht mehr durch das Wesentliche, sondern nur durch Äußerlichkeiten unterscheidet, wenn sie ihre Berufe so hartnäckig vor dem Eindringen der Frauen verteidigen, so ist das, was sich eingestanden oder uneingestanden dagegen sträubt, nicht zuletzt jenes Bedürfnis nach Abstand, das aus dem Bewußtsein der sexuellen Gewalt entspringt.
Mit seinen sexuellen Instinkten lebt der Mehrzahlsmann noch in einer anderen Welt, auf einer anderen Kulturstufe. Die geistige Kultur legt dem Manne Zumutungen auf, die seiner teleologischen Geschlechtsnatur widerstreiten. Zur Teleologie seiner primitiven Geschlechtsbestimmung gehört die Unbändigkeit des Triebes, der über alle Hemmungen hinweg sich in der Psyche des Individuums behauptet und die Persönlichkeit seinem Zwecke dienstbar macht. Die höhere Auffassung der Männlichkeit hingegen setzt ein ganz anderes Verhältnis von Triebleben und Persönlichkeit voraus, als es in den Untergründen der männlichen Psyche unbeschadet aller geistigen Differenzierung herrscht.
Und hier verbirgt sich vielleicht die tiefste Ursache, warum die differenzierte Männlichkeit nicht vermag, das Leben nach den Konsequenzen ihrer Wesenheit neu zu gestalten, hier die unterirdische Quelle des Zwiespaltes, den die Wenigsten überwinden, weil er ihnen nicht klar zum Bewußtsein kommt.
Es ist eine Erscheinung, die zu denken gibt, daß das männliche Geschlecht in demselben Grade, als es sich von seinen primitiven Zuständen entfernt, das natürliche und rechtschaffene Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität verliert. Gibt es etwas Verkehrteres, ja Unsinnigeres als die Stellung, welche die modernen Kulturvölker den geschlechtlichen Dingen gegenüber einnehmen? Die heillose Verlogenheit und Heuchelei, die da herrscht, deutet auf einen folgenschweren Mangel in der Anpassung der Individuen an die sozialen Lebensbedingungen. Daß die Unbefangenheit und Unschuld des sexuellen Lebens in dem Maße verloren gehen konnte, wie es während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von der Antike bis auf die Gegenwart geschehen ist, läßt sich nur aus einem abnormen Zustand der männlichen Psyche erklären – vorausgesetzt, daß sie es ist, welche bisher in der menschlichen Gesellschaft die führende und organisatorische Kraft bildete.
Wenn die männliche Geisteskultur, zu scholastisch-abstrakten Auswüchsen neigend und durch einseitige Spezialisierung aus dem Ebenmaß gebracht, die Gefahr in sich schließt, das Verhältnis des Einzelnen zur Totalität des Lebens zu stören, so wirkt die männliche Gemütskultur noch mehr als Gleichgewichtsstörung, indem sie das Individuum in ein Geistwesen, das zu einem gesteigerten Intellektualismus hinaufgezüchtet wird, und in ein Tierwesen spaltet, das mit seiner Sexualität auf der niedrigsten Stufe des Trieblebens zurückgehalten wird. Als unlösbare Dissonanz besteht in der männlichen Psyche die alte Feindschaft zwischen Geist und Geschlecht fort, der Krieg zwischen Gattung und Persönlichkeit, der die europäische Kulturmenschheit in ein so erstaunlich verschrobenes und unaufrichtiges Verhältnis zu den geschlechtlichen Dingen gesetzt hat.
Es gibt zwei Wege, auf denen die Freiheit der Persönlichkeit vor der Vergewaltigung des Geschlechtstriebes zu retten ist: die Askese, die »Ertötung des Fleisches«, zugleich eine Verneinung der Forderung, welche die Gattung an das Individuum stellt – wobei Abstinenz nur als ein anderer Ausdruck für Askese gelten kann – oder die Versöhnung jener beiden feindlichen Interessensphären, die Bejahung der Gattung im Geiste der Persönlichkeit, welche die Liebe bewirkt, indem sie die geschlechtlichen Beziehungen mit Persönlichkeitsgehalt erfüllt.
Weder der eine noch der andere dieser beiden Wege ist es, auf dem die Entwicklung des Jünglings zum Manne sich vollzieht. Für eine asketische Ordnung seines sexuellen Lebens vor der Ehe fehlen außerhalb der grundlegenden religiösen Vorstellungen irgendwelche sittliche Werte von suggestiver Gewalt, die allein den Mut der Selbstüberwindung so hoch entfachen können; eine Gesellschaftsordnung aber, die in der Ehe das einzige legitime Geschlechtsverhältnis anerkennt und die Erfüllung der Liebe an wirtschaftliche Bedingungen knüpft, gewährt das Anrecht auf Liebe nicht in jenem Alter, in dem es die Natur am gebieterischsten fordert. Somit verurteilt diese Gesellschaftsordnung den Mann in seiner blühendsten Lebensperiode, sich an die tiefststehenden und niedrigsten Wesen des weiblichen Geschlechtes zu halten, an jene, die durch die geschlechtliche Preisgebung ihren Lebensunterhalt erwerben. Daß ein solcher Erwerb nach der sozialen Bewertung als entehrend gilt, ist insofern berechtigt, als er ja einen atavistischen Rückfall des Weibes in die rohesten Zustände des Empfindens zur Voraussetzung hat; daß aber die soziale Verdammung dabei nur das Weib trifft und nicht den Mann, der gleicherweise an diesem atavistischen Rückfall beteiligt ist, gehört zu den Widersinnigkeiten, die nur aus der Vorherrschaft der primitiven Männlichkeit und der ihren Instinkten entsprechenden Anschauungen erklärbar sind.
Für den primitiven Mann liegt in der Promiskuität des geschlechtlichen Verkehres nichts Herabsetzendes. Einen so breiten Raum die Sexualität in seinem Leben einnimmt, so lose ist sie innerlich mit seiner Persönlichkeit verknüpft. Das Mißverhältnis zwischen seiner unentwickelten Erotik und der Gewalt eines ursprünglich polygamen Triebes ist so groß, daß keine Notwendigkeit, ja nicht einmal die Möglichkeit für ihn besteht, jedes Geschlechtsabenteuer mit einem persönlichen Empfindungsgehalt auszustatten, und seine grobschlächtige seelische Konstitution erleidet keine Erschütterung durch eine Art der Befriedigung, die erst auf einer höheren Stufe des Empfindens zu einem Zwiespalt zwischen den elementaren Forderungen des Geschlechtes und den Tendenzen einer verfeinerten Persönlichkeitskultur führt.
Bei denjenigen aber, an welchen sich diese Verfeinerung auch in der sexuellen Sphäre vollzogen hat, ist die Wirkung der seelenlosen Promiskuität eine ganz andere; denn bei ihnen entsteht ein verhängnisvoller Gegensatz zwischen den äußeren Lebensbedingungen, in die sie hineingebannt sind, und den inneren Bedingungen des Empfindens.
Nicht umsonst haben, soweit die Kultur zurückreicht, die Repräsentanten der differenzierten Männlichkeit, die Priester, immer die Nötigung gefühlt, sich in ein besonderes Verhältnis zur Sexualität zu setzen. Was für seltsame Formen die religiösen Vorstellungen darüber auch annehmen mochten, »Reinheit« in dieser Hinsicht, oder mit anderen Worten: die Unterordnung unter eine strengere Lebensregel als die des gemeinen Mannes, bildet das erste Gebot für den Mann der Geistigkeit. Die hohe Bewertung der Keuschheit, die sich als religiöses Gebot auf die metaphysische Bestimmung des Menschen gründen will, scheint darauf zu deuten, daß sie eine Umsetzung materieller Kräfte in geistige bewirkt. Wenn die höhere Männlichkeit in der Entfaltung und Steigerung des geistigen Vermögens besteht, in der Macht aus geistiger Überlegenheit, so muß sie sich von dem gewöhnlichen, grobmateriellen Mannestum zu allererst hier unterscheiden; denn hier, in der Überwindung eines die Persönlichkeit unterjochenden Triebes, liegt der Ursprung und das Mittel aller Vergeistigung. Die gefährlichste Beeinträchtigung der Macht über sich selbst in der männlichen Psyche ist aber der Geschlechtstrieb. Indem er das Individuum verleitet, unter das Niveau seiner Persönlichkeit herabzusteigen, nimmt er die Gestalt eines unwiderstehlichen Zwanges an, und hebt das Bewußtsein der inneren Freiheit auf, das aus dem Widerstehenkönnen, aus der Überordnung der höheren Willensantriebe über die niedrigeren entspringt.
In einer sozialen Ordnung, die dem Manne nur die Wahl läßt zwischen einer unabsehbaren und daher unmöglichen Enthaltung oder einer unwürdigen Befriedigung, solange seine ökonomische Lage ihm eine Eheschließung verwehrt, werden gerade die edelsten und feinfühligsten Individuen am schwersten getroffen. Das Geschlechtliche ist ein wunder Punkt in der Seele des verfeinerten Mannes – darüber darf man sich durch die herrschenden Allüren der Männlichkeit nicht hinwegtäuschen lassen. Diese Allüren sind Außenseite und Oberfläche; sie gehören zur Konvenienz im Auftreten der Männlichkeit. Aber daß auch die Männer der Geistigkeit von allem Geschlechtlichen als Problem peinlich berührt werden, daß sie, die unter sich so freigebig mit Zoten und faunischen Grimassen sind, nichts so sehr scheuen, wie eine ernsthafte Erörterung der sexuellen Fragen und lieber vor den greuelvollen Zuständen nach dieser Richtung die Augen schließen – das deutet darauf, daß hier etwas faul ist an dem Empfindungsleben der Männlichkeit. Ziehen es denn nicht die meisten Väter vor, ihre jungen Söhne der Führung des Zufalls zu überlassen und sie den schlimmsten physischen und psychischen Gefahren preiszugeben, ehe sie den Entschluß fassen, an diesen Punkt zu rühren –?
Es gibt keine Worte, um das Verhalten der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber den heranwachsenden Knaben zu brandmarken. Die Erziehung der Mädchen in sexueller Hinsicht mag eine Unzulänglichkeit sein, eine Verkehrtheit, ein Unrecht selbst – die der Knaben ist ein Verbrechen. In einem Alter, in dem ihr Organismus unter den Erschütterungen der beginnenden Mannbarkeit bebt, werden sie wie geschlechtslose Maschinen behandelt, zur Langweile eines verknöcherten Schulstudiums, zur Überreizung einer sitzenden Lebensweise verurteilt, die ganz danach angetan ist, ungesunde Regungen zu nähren, um endlich ihre ersten männlichen Erfahrungen in den Armen eines käuflichen Weibes zu machen. Und so stumpfen sie sich schon im eindrucksfähigsten Alter gegen die schmachvolle Entwürdigung ab, die in diesem Wegwerfen des eigenen Leibes liegt, und so werden sie taub gegen das Veto der Natur, die mit Donnerworten gegen die Promiskuität redet und sie mit ihrem furchtbarsten Fluch verfolgt – mit Krankheiten, denen das Individuum und seine Nachkommenschaft in unabsehbarem Siechtum erliegt.
Man kann es dahin gestellt sein lassen, ob in der Tat »die männliche Natur ohne Verirrungen nicht zur Vollendung gelangen« kann, wie es ein älterer Moralist schmeichelhaft formuliert; ebenso kann es unentschieden bleiben, ob die »gleiche Moral für beide Geschlechter«, die das Leitwort einer sittlichen Bewegung bildet, wirklich ein gerechtes Postulat darstellt. Nicht moralische Gesichtspunkte allein lassen die Bedingungen, unter welchen sich das sexuelle Leben fast aller Männer entwickelt, verwerflich erscheinen. Oft genug, und mit Recht, hat man eingewendet, daß die Ehe in manchen Fällen moralisch kaum höher steht als die käufliche Liebe. Aber ein psychologisches Moment fällt dabei schwer ins Gewicht. Das Bewußtsein der inneren Freiheit und zugleich das Selbstgefühl der Persönlichkeit wird eine zuverlässige Grundlage nur in jenen Menschen haben, die aus den Anfechtungen des Geschlechtes als Sieger im Sinne einer höheren Willensentscheidung hervorgegangen sind. Damit eine solche Willensentscheidung möglich werde, müssen die Lebensbedingungen dem Einzelnen zu Hilfe kommen. Wenn sie aber, wie im modernen Leben, nur danach angetan sind, ihn mit den Ansprüchen seiner Sexualität den unwürdigsten Zuständen auszuliefern, dann wird eine Depression unvermeidlich eintreten, sobald einmal Persönlichkeit und Triebleben entzweit sind. Wie sollte das Lichtscheue, Heimliche, Unlautere, das dem bezahlten Geschlechtsverkehr anhaftet, auf die freie Mannhaftigkeit des Empfindens ohne Einfluß bleiben? Unter diesem Einfluß wird der Mann durch seine Sexualität entweder frivol, oder verlogen, oder unselig. Ein Flecken liegt auf ihm, der um so zerstörender wirkt, je feiner seine Persönlichkeit organisiert ist.
Diese Anschauung könnte als eine einseitig weibliche erscheinen. Es fehlt zwar auch nicht an Männern, die ähnlich urteilen; aber die Rigoristen sind ihren eigenen Geschlechtsgenossen immer der Unmännlichkeit und Muckerei verdächtig. So sei dafür ein Gewährsmann zitiert, dem gewiß niemand moralistische Strenge der Lebensauffassung nachsagen kann. Guy de Maupassant läßt – in der Erzählung »Der Riegel« – einen alten Junggesellen über den bezahlten Geschlechtsverkehr sagen: »Man behält innerlich eine Empfindung moralischen und physischen Ekels zurück, wie wenn man zufällig mit pechbeschmutzten Dingen in Berührung gelangte und man kein Wasser bei der Hand hat, um sich zu waschen. Man mag noch so fest reiben, der Flecken bleibt zurück.«
Um sich diesen Flecken nicht eingestehen zu müssen, flüchtet sich auch der Mann der Geistigkeit mit seiner Geschlechtsmoral in die Sphäre der primitiven Männlichkeit, obgleich er im übrigen nichts mehr mit ihr gemein hat. Aber da er in diesem Punkte vor ihr kapituliert, gibt er auf der ganzen Linie das Feld verloren. Er, der Repräsentant der höchsten menschlichen Entwicklungsstufe, der prädestinierte Führer der Welt, unterliegt seinem eigenen Geschlechte – nicht Herr, sondern Opfer einer sozialen Ordnung, in der die primitive Männlichkeit triumphiert, das gemeine Elementare, das zu sublimieren und dienstbar zu machen das Ziel einer ungeheuren Arbeit ist, die Leistung der Jahrtausende, die der Mensch an die Kultur gewendet hat.
Aber noch mehr! Der Bevorzugte der Natur, dem sie die Pflichten der Gattung um soviel leichter als dem Weib machte, um auf ihn alle Möglichkeiten der geistigen Entfaltung zu häufen, er verliert durch seine Halbheit und Inkonsequenz auch den Vorrang vor dem weiblichen Geschlecht. Wie überlegen die differenzierte Männlichkeit – der Mehrheit nach – ist, soweit es sich um intellektuelle Vorzüge handelt, in ihrer sittlichen Kultur kann sie sich mit dem edlen Frauentume nicht messen.
Gleichviel, ob in der weiblichen Natur selbst die Sexualität ein anderes Verhältnis einnimmt als in der männlichen, oder ob die geschlechtliche Differenzierung nur unter dem Druck entstanden ist, den die Forderungen des Mannes auf das Weib ausübten – die strenge Zucht zur geschlechtlichen Reinheit, zur Ausschließlichkeit der Hingebung an eine auserwählte Person hat unter den Frauen eine Verfeinerung und Veredlung des sexuellen Gewissens bewirkt; und der Heroismus der Selbstüberwindung, den die Frauen einsetzen, um die geschlechtliche Integrität der Persönlichkeit zu behaupten, ist ein Vorzug, der sich mit Notwendigkeit geltend machen muß, sobald die konventionellen Einschränkungen ihrer sozialen Stellung fallen, ein Vorzug, der ihnen gegenüber der differenzierten Männlichkeit ein Übergewicht verleiht.
Nach einer hergebrachten Anschauung soll diese sittliche Überlegenheit der Frauen das Äquivalent für die geistige Überlegenheit des Mannes bilden, wodurch das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern hergestellt sei. Das aber ist nur eine Ausflucht, die Bemäntelung eines Notstandes, über den der Mann nicht Herr werden kann.
Vielleicht wird in dem Punkte, wo die einseitige Männerkultur versagt, das Eintreten der Frau als soziale Mitarbeiterin eine Wendung schaffen. Daß der Wille dazu unter den Frauen, die sich ihrer sozialen Aufgaben bewußt sind, besteht, haben sie bewiesen; ob sie die Macht dazu gewinnen können, muß die Zukunft lehren. Der Mann der Geistigkeit aber wird erst dann wieder eine harmonische und machtvolle Erscheinung werden, sobald die Konsequenzen der Verfeinerung sich auch an seiner sexuellen Persönlichkeit vollziehen. Freilich müßte er, um als Phönix einer neuen Menschlichkeit wiedergeboren zu werden, vorher in sich alle Vorurteile und alle Schwächen verbrennen, die der primitiven Männlichkeit angehören, um nur das von ihr zu behalten, was von seinem Manneswesen unzertrennlich ist.

Aus:  Rosa Mayreder | Zur Kritik der Weiblichkeit | 1922 | Verlag Eugen Diederichs

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Rosa Mayreder (geb. Obermayer, Pseud.: Franz Arnold) (* 30. November 1858 in Wien; † 19. Jänner 1938 ebenda) war eine österreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturphilosophin, Librettistin, Musikerin und Malerin.

In ihren Büchern, aber auch in Gesprächen, die sie in ihren Tagebüchern niederlegte, versuchte sie als Kulturschaffende, ein gleichwertiges Verhältnis der Geschlechter durchzusetzen, durch das weder der Mann die Frau noch diese den Mann nur körperlich begehrt. Mit ihrem Ansinnen stieß sie in literarischen Kreisen auf Anerkennung und Zustimmung. Ihre Gegner sah sie vor allem unter Vertretern der Medizin, die von Mayreder als ein Hort seelischer Willkür und der Herabwürdigung von Frauen zum Sexualobjekt empfunden wurde. Sie wandte sich gegen die Diskriminierung ihres Geschlechts und die bestehende Doppelmoral. Ihre Werke fanden weite Verbreitung und wurden auch ins Englische übertragen. Auf der letzten herausgegebenen 500-Schilling-Banknote fand sich neben ihrem Abbild das Zitat „Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten“ (1905). Allerdings liebte Rosa Mayreder selbst durchaus auch großbürgerliche Sitten, die sie mit ihren inneren Anliegen in eins zu verschmelzen suchte.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)robezeit

Schwer planbar: Ein Leben in ständigeer "Probezeit"
Schwer planbar: Ein Leben in ständiger „Probezeit“

Neuer Job, neue Partnerschaft, neuer Wohnort – natürlich steht am Anfang alles eine Weile auf dem Prüfstand. Wird das „Leben auf Probe“ jedoch zum Dauerzustand, kann dies durchaus zu einem problematischen Lebensgefühl führen. Oder auch nicht? Das hängt ganz maßgeblich von den bisherigen Erfahrungen jedes Einzelnen ab.

Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert
Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert

Seit wir Menschen diese Welt bevölkern, befinden wir uns in einem andauernden Konflikt zwischen Sicherheitsbedürfnis und Neugierde. So entwickelten wir uns von Nomaden zu Ackerbauern und Sesshaften – dennoch, der Drang zum Weiterreisen blieb. Ansonsten wäre so mancher Kontinent der Welt wohl unentdeckt geblieben. Die „großen Entdecker“ der Welt wurden weithin als Pioniere der Menschheit gefeiert, seien es die bekannten Seefahrer, Vorreiter in Medizin und Naturforschung oder eben Entwickler technischer Neuheiten, mit für ihre Zeit revolutionären Erkenntnissen. Würden wir heute ohne Galileo Galilei immer noch an eine „Scheibenwelt“ glauben? Oder hätte jemand anders die Erkenntnis hervorgebracht und durchgesetzt, dass die Erde rund ist? Vermutlich schon – womöglich hätte die Menschheit dazu nur etwas länger gebraucht. Ein wenig Entdecker und Pionier steckt schließlich in uns allen. Nur: Wann reicht es uns eigentlich mit dem Streben nach dem Neuen?

Von Nesthockern und Zugvögeln

Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend
Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend

Sicher, neue Ufer locken und Veränderung löst ein angenehmes Kribbeln bei den meisten von uns aus. Stehen die Koffer, Umzugskisten oder das Auto dann aber vollgepackt da, gesellt sich auch gerne ein mulmiges Bauchgefühl hinzu. Ob die neue Stelle, die neue Wohnung oder die spontane Reise „einfach mal weg“ wirklich das halten, was wir uns davon versprechen? Noch zwiespältiger kann man sich fühlen, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Manche Trennungen oder Neuanfänge können ungeheuer schmerzhaft sein und doch befreiend. Es ist zum Beispiel immer hart, einen Schlussstrich unter Freundschaften zu ziehen, die einem einfach nicht mehr gut tun oder einem sogar schaden. Ist irgendein für uns radikaler Schritt hin zu einer Veränderung erst einmal getan, beginnt wieder die Suche nach besseren, passenderen Alternativen – und damit eine typische „Probezeit“ im Leben. Schaffen wir es, nach einer Scheidung allein zurechtzukommen und woanders wieder einen Anker zu finden? Wie wird es, wenn die beste Freundin auf einmal Hunderte von Kilometern weit weg wohnt und man schlicht andere Menschen kennenlernt? Und stellt sich das Häuschen mit Garten, das wir immer wollten, wirklich als das Optimum heraus, das wir erwartet haben? Ebenso wie für unsere persönlichen und wohnlichen Verhältnisse gilt der Zwiespalt des Neuen natürlich auch auf einer beruflichen Ebene. Auch hier gibt es das, was ich als „Nesthocker“ und als „Zugvögel“ bezeichnen möchte, gleichermaßen.

Fest verankert oder auf dem Sprung?

Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung - ein ewiger Menschheitskonflikt
Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung – ein ewiger Menschheitskonflikt

Gehen wir eine oder zwei Generationen zurück, war der Lebensplan klar: Lehre, Ausbildung, vielleicht ein Studium. Dann der erste Arbeitgeber, der für viele Berufstätige auch der letzte bleiben sollte. Auch heute noch wählen manche Sicherheitsbedürftige diesen Weg, wenn er ihnen denn offen steht. Egal, ob auf Zeit „befristet“ oder auf Dauer – durch die Probezeit müssen alle durch. Eine Zeit, die je nach Arbeitgeber und Betriebsklima durchaus zu einer Zitterpartie werden kann. Doch nicht nur Unternehmer, sondern auch der Berufstätige selbst kann zu einem unsicheren Kandidaten werden – nämlich dann, wenn er freiwillig wieder abspringt. So weit, so alltäglich, doch was bedeutet eine zunehmende Befristung in vielen Branchen, eine „verlängerte Probezeit“, denn nun konkret für das Leben eines Menschen und was sagt dies über unseren Zeitgeist aus? Fest steht, dass immer weniger fest steht, und dass das unsere Lebensplanung als Arbeitnehmer, Selbstständiger, Familienmensch, Freund und (potenzieller) Liebespartner ziemlich beeinflussen kann. Wie stabil wir unsere Pläne privat und im Beruf gestalten (können), entscheidet letztendlich mit darüber, ob wir uns fest verankern oder ein abenteuerliches Leben auf dem Schleudersitz führen. Ein einfaches Beispiel dafür liegt in unserer aktuellen Demografie und der niedrigen Geburtenrate, die einer großen Zahl von alten Menschen entgegensteht. Denn: So alternativ und modern sich die „Generation Probezeit“, also die der jungen, ehrgeizigen Arbeitnehmer, auch sonst gibt – in Sachen Familiengründung setzen aktuellen Umfragen zufolge viele Menschen „in den besten Jahren“ nach wie vor auf ein dauerhaftes, sicheres Einkommen als Basis für eine langfristige Zukunft und auf eine erprobte Partnerschaft, die auch größere und kleinere Krisen überstehen kann. Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch auf anderen Wegen glücklich werden kann – schließlich sind die eigenen Kinder auch für Alleinerziehende oder Arbeitssuchende immer eine Lebensbereicherung!

Alles auf Probe

Jagen wir mit unserem Pferfektionismus nur Phantomen hinterher?
Jagen wir mit unserem Perfektionismus nur Phantomen hinterher?

Dass uns unsere Zeit zuweilen recht schnelllebig vorkommen kann, liegt einerseits an uns selbst – die Zahl derer, die als „Perhappies“ (vom englischen „perhaps“ und „happy“ = dt: „vielleicht“ und „glücklich“) Schwierigkeiten haben, endgültige Entscheidungen zu treffen, steigt gefühlt im Alltag an. Egal, ob es um etwas Banales wie das Restaurant für den Samstagabend oder um die Erhaltung der Partnerschaft nach einem Konflikt oder Anlaufschwierigkeiten geht. Kurz: Häufig steht der angestrebten Beständigkeit der Drang entgegen, immer noch etwas Passenderes, Besseres zu finden, anstatt einfach einmal zufrieden zu sein mit dem, was wir haben. Andererseits und zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass die Welt um uns herum es uns auch wirklich nicht leicht macht, sich über kleine Erfolge und die alltägliche Zufriedenheit zu freuen. Überall blinken uns verführerische Werbetafeln entgegen; Bilder in Magazinen und im Internet versprechen uns ein noch besseres, perfektes Leben; Partnerportale werben mit dem 100-Prozent-Match, Headhunter und Karriereportale mit dem idealen Job. Und so berechtigt es ist, hin und wieder seine Werte und Ziele zu hinterfragen und eine „Zufriedenheitsbilanz“ zu ziehen, müssen viele von uns sich doch am Ende eingestehen, dass ein „Leben auf Probe“ ihnen zwar kurzzeitig einen Kick gibt, sie aber auf Dauer nicht glücklich machen kann. Frust kommt vor allem dann auf, wenn die große Flexibilität, die gerade im Berufsleben heute gefordert wird (natürlich vor allem seitens des Arbeitnehmers, versteht sich), all diese eigentlich Sesshaften dazu zwingt, gegen ihren Willen ein Nomadenleben mit immer neuen Wohnorten, Jobs, Freunden und Partnern zu führen, weil bestehende Bindungen beizeiten der großen Entfernung nicht standhalten.

Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen
Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen

Zufriedenheit bedeutet eben auch, eine Wahl zu haben, wie man sein Leben gestalten möchte – denn ist man nicht religiös, hat man wirklich nur eines davon. Egal, ob man gerne jahrelang per Work&Travel durch die Welt zieht und Südamerika dabei als Rucksacktourist bereist oder doch lieber zu Hause bleibt, jeden Werktag in sein Büro geht und eine Familie gründet. Eigentlich sind wir jungen Leute gar nicht so anspruchsvoll, wie häufig von älteren Generationen beklagt wird. Wir wollen unsere Ziele auch nur aus eigener Kraft erreichen können und nicht ständig bei Null anfangen müssen. Schließlich ist das Leben kein Videospiel – ein Level überspringen oder wiederholen ist einfach nicht drin.

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Was ich von Eurem Vater gelernt habe | Ein offener Brief an meine Söhne

Meine Jungs,

Ihr werdet nun langsam erwachsen und daher möchte ich Euch einige Dinge mit auf dem Weg geben, die ich von Eurem Vater gelernt habe. Damit möchte ich Euch aufzeigen, dass Euer Vater ein inspirierendes Vorbild für Euch sein kann. Übrigens: ich liebe ihn genau für diese Eigenschaften.

Ein Beitrag unserer Gastautorin Elisabeth Ferking - Foto: Privat
Ein Beitrag unserer Gastautorin Elisabeth Ferking / Antwerpen – Foto: Privat

Lernt nie aus – Essen, basteln oder atmen. Egal, womit Ihr Euch beschäftigt;  studiert es ausgiebig, übt es und seid ganz bei Euch.

Seid echte Männer – Habt einen echten Freund, nicht ein gelegentlicher Zechkumpan. Pflegt Eure Kollegen und schafft Euch Vertraute.

Scheut Euch nicht vor fraulichen Angelegenheiten – Manchmal ist es unumgänglich Eurer Frau oder Freundin kurzfristig Tampons zu besorgen. Keine Panik. Menstruation ist nicht ansteckend.

Lass Euch hin und wieder gehen – Umarmt die verrückten Seiten des Lebens.

Tanzt  – Nichts ist romantischer. Auch für einen Mann.

Liebesbeziehungen sind nicht immer 50/50 – Wie bei einer Wippe schwankt das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen.

Engagiert Euch – Ihr habt kein Recht zu kritisieren, wenn Ihr Euch nicht einbringt.

Lasst das Gejammer – Lasst nicht zu, dass Eure Sorgen Euch bestimmen.

Sittsamkeit ist überbewertet – Einige unserer besten Gespräche hatten wir morgens, während Ihr noch schliefet.

Seid Helden – Lasst  es zu, dass Menschen Euch bewundern. Erarbeitet Euch ihre Bewunderung.

Fühlt Euch verpflichtet – Schnallt Euch an und gebt Gas. Die Achterbahn des Lebens kann Spaß machen und der Stolz folgt im Ziel.

Lernt das Unvollkommene zu schätzen – Lasst die Fehler anderer (oder Eure eigenen) nicht zu einem Katalysator Eitelkeiten werden.

Seid ein Anführer – Schmiedet Euren eigenen, festen Charakter. Folgt nie wahllos.

Seid demütig – Prahlerei ist definitiv nicht männlich. Speichern Eure  Heißluft lieber für Ballons.

Tretet in Vorleistung – Ein Segen für die Gemeinschaft.

Familie zuerst – Lasst sie NIE, NIE daran zweifeln, die sie am wichtigsten ist.

Habt Glauben in Euch – Nicht (nur) Gott führt Euch.

Umarmt alle Generationen – 9-jährig oder Neunzig Jahre alt, hat jeder besitzt Lebensweisheit von der Ihr lernen könnt.

Erlaubt Euch selbst, verwundbar zu sein – Ihr werdet nie auf alles eine Antwort haben. Und das ist in Ordnung.

Seid integer – Das ist Euer bester Leumund.

Bleibt locker – Es läuft nie alles wie geplant.

Seid beherzt – Eure Familie und Freunde werden von Eurer Stärke profitieren.

Lacht – Selbst unter den widrigsten Situationen sollte Euch der Humor nicht verloren gehen. Er ist Euer Rettungsanker.

Liebt – Lasst die Liebe Euer Kompass sein.

Lebt intensiv – Es ist der beste Weg, um Euren Vater zu ehren.

In Liebe,

Eure Mama

 

Menschenbilder | Wie ich mal ein schrottreifes Motorrad ersteigerte und das Glück fand

Vor einger Zeit bekam  ich eine Email von einem Freund, mit nur einer einzigen Zeile Text. Es war ein Link zu einer eBay-Auktion. Der zum Verkauf angebotene Artikel war ein gammeliges Motorrad aus den 1960er Jahren. Es hatte einen verblassten roten Anstrich, ramponierte Kotflügel und nur einen halben Sitz. Es war zudem nicht ganz klar, ob der Motor lief. Ich verstand, was mir der Freund damit sagen wollte. Es war die Reaktion auf einen übereifrigen Kommentar, den ich über den Wunsch gemacht hatte, eine Reise aus der Stadt zu machen. Das Bike, sofern ich es nahm, war ein Anstoß, wie dieser Trip aussehen könnte. Ich mochte diese Idee, auch wenn sie mir völlig unpraktisch erschien – weder bis dato auf einem Motorrad gesessen, noch eine Ahnung hatte, wie die Maschine zum Laufen zu kriegen wäre. Dennoch: ich war fasziniert.

street-1284362_640Ich steigerte mit und bot 20 €. Die Auktion lief noch eine gefühlte Ewigkeit, und ich war sicher, dass ich schnell übertroffen werden würde. Daher verfolgte ich den aktuellen Status nicht und hatte mein Gebot schnell in die hinteren Hirnregionen verbannt. Vier Tage später bekam ich eine automatisierte E-Mail, die mir zu meinem Kauf gratulierte. Mein halbherziges Gebot war offensichtlich genug, und ich befand mich bald in der Garage eines unterbeschäftigten Schauspielers namens Martin, der mir half, das Bike auf einen gemieteten Hänger zu wuchten. Dank des Winks meines Freundes war ich nun der stolze Besitzer eines historischen Schrotthaufens. Seitdem fristete das Motorrad unter meinem Schlafzimmerfenster ein tristes Dasein; immerhin zog es die Blicke von Kindern auf dem Weg zur Schule auf sich. Weder habe ich gelernt, es zu fahren noch einen Motorrad-Führerschein gemacht. Aber ich bereue den Kauf nicht  für eine Sekunde. Es hat etwas tief Befriedigendes auf einem irrationalen Traum zu reagieren und zu handeln. Eines habe ich jedoch inzwischen geschafft: Das Motorrad ist restauriert. Schick ist es geworden. Und es fährt. Zuverlässig. Woher ich das weiß? Der  besagte Freund hat es getestet. Abkaufen wollte er mir das gute Stück. Aber nein. Es hängt mir am Herzen und bleibt bei mir. Wer weiß, vielleicht, eines Tages….

Cats Couch: Vater werden ist (doch) schwer!

Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer
Viele Änderungen, mehr Verantwortung: Vater werden ist ein Abenteuer

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“- ein bewährtes Sprichwort, das viele Männer aus dem Wortschatz ihrer eigenen Eltern und Großeltern kennen. Aber stimmt das in allen Fällen? Wohl kaum – werdende Väter müssen ebenso wie ihre Partnerinnen eine Menge mitmachen und ihr Anteil an der Schwangerschaftszeit und an den ersten Monaten mit Baby wird häufig unterschätzt.

Überall liest man in den sozialen Medien massenhaft über Schwangerschaft, Geburt und Stillen – als reine Frauenthemen. Das kann sehr praktisch sein, wenn man sich einfach über den derzeitigen Status Quo des Ungeborenen während der Schwangerschaft, eventuelle Schwierigkeiten und Lösungen und Erfahrungen anderer Mütter informieren möchte. Besonders, seit mein Mann und ich selbst ein Kind erwarten, bemerke ich immer wieder, wie sehr der Fokus meiner Umwelt sich auch auf die kleine Maus richtet, die da bisher unbehelligt in ihrer Fruchtblase heranwächst. Bis zu einem bestimmten Grad an Privatsphäre genieße ich das, denn es zeigt mir, dass ihnen allen etwas an „uns“ liegt. Manchmal fühle ich mich als werdende Mutter allerdings geradezu erschlagen von all den Ratschläge, Ideen und Fakten rund um diese Zeit voller neuer Herausforderungen und Überraschungen. Und ich vermisse gerade im medialen Kontext häufig eines: die Einbeziehung des Vaters, der ja in der Regel alles andere als unbeteiligt am „Projekt Kind“ ist.

Mehr als nur Erzeuger

Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft
Auch Väter machen sich ihre Gedanken um die Zukunft

Zugegeben, es gibt nicht wenige Fälle, in denen sich die Rolle des werdenden Vaters wirklich auf die eines Erzeugers und „Samenspenders“ beschränkt und wir Frauen für alles Weitere komplett allein verantwortlich sind. Zum Beispiel, wenn, abgesehen von finanzieller Unterstützung nach der Geburt, von Seiten des männlichen Partners absolut das Interesse am eigenen Kind fehlt. Oder wenn ein Kind „anonym“ durch eine Samenbank entsteht und „Mama in spe“ aus Prinzip keine Elternbeziehung mit dem Spender eingehen, sondern es allein erziehen möchte. Dennoch sollte den Männern, die sich vomn Beginn an als Väter einbringen, mehr Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht werden. Denn häufig wird bei aller Konzentration auf Mutter und Kind vergessen, was eigentlich ihr Partner bei Schwangerschaft, Geburt und in der Zeit an Unterstützungsarbeit leistet. Ganz nach dem Motto: „An der Seite jeder entspannten Mutter steht ein engagierter Mann“ (oder in lesbischen Beziehungen eben eine zweite Frau – was ebenso viel Respekt verdient). Auch wenn die Verantwortung für ein neues Leben im Mutterleib, die Geburt und eventuell auch das erste Bonding nach wie vor weitgehend „Mamasache“ sind, tun unsere Partner dennoch eine ganze Menge, um uns all dies zu erleichtern!

Wofür wir dankbar sein können …

Mächtig unausstehlich: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden
Mächtig launisch: In der Schwangerschaft können Frauen zu Diven werden

Der Fels in der Brandung. Auch, wenn ich mich selbst eher zu den rationalen und „unkomplizierten“ Schwangeren zählen möchte, weiß ich, dass diese Zeit für andere Frauen eine sehr emotionsgeladene mit zahlreichen überschäumenden Gefühlen ist. Dabei wird oft und gerne vergessen, dass auch der Partner sicherlich seine ganz eigenen Unsicherheiten, Zweifel und Ängste hegt und die werdende Mutter damit nur nicht belasten will. Dabei sind diese sicherlich ebenso relevant und ernst zu nehmen wie die jeder hormonbelasteten Schwangeren – es lohnt sich also, über den eigenen Babybauch hinaus zu schauen und sich damit auseinanderzusetzen.

Wunder sind gratis und Unmögliches wird sofort erledigt. Während manche Zeitgenossin der Geburt und der ersten Zeit mit Baby eher gelassen und geplant entgegensieht, kann manch andere Schwangere, ohne es zu wollen, zu einem wahren Hausdrachen werden. Sie zufriedenstellen? Eine „Mission Impossible“, an der jeder Actionheld verzweifeln würde. Übrigens genießen die Partner jener Frauen, die unter dem Einfluss von Hormonen zu wahren „Mamamonstern“ mutieren, mein volles Mitgefühl und meinen Respekt für ihre Nervenstärle bei einem solchen Drahtseilakt. Es ist sicherlich nicht einfach, sich ständig mit Heulkrämpfen, „ich will aber Erdbeeren“-Trotzmomenten und Wutanfällen aus dem Nichts herumzuschlagen und dabei noch ein gelassener, liebevoller Freund oder Ehemann zu bleiben.

Auch mein Msnn und ich freuen uns schon auf unser "Kätzchen"
Auch mein Mann und ich freuen uns schon auf unser „Kätzchen“

Neue Aufgaben – höherer Einsatz. Je weiter Kind und Vorfreude wachsen, desto eingeschränkter werden wir werdenden Mütter in dem, was uns körperlich noch möglich ist. Dies bedeutet auch eine Menge mehr Einsatz für den Partner, denn zum Beispiel das Heben schwerer Gegenstände (auch Einkaufstüten) über fünf bis zehn Kilogramm, manche Haushaltstätigkeit, die mit Bücken oder Strecken verbunden ist oder längere Fußwege und Treppensteigen ohne Verschnaufpause sind irgendwann einfach nicht mehr drin. Außerdem übernimmt mancher Mann für seine Herzensdame, sollte sie wegen ihres Hormonspiegels etwas vergesslich geworden sein, auch gerne mal die „Managerrolle“. Auch in den ersten Wochen nach der Geburt winkt oft noch „Extraeinsatz“ in Form von Aufgaben, die in der Regenerationsphase einfach sonst ständig ebenso wie die frisch gebrackene Mutter liegen bleiben würden.

Teamwork ist gefragt

Etwas differenzierter betrachtet ist Vater werden also doch schwer, nicht erst, wenn der kleine Wirbelwind erst einmal auf der Welt ist. Dies soll die Verantwortung und Belastungen, die eine Frau buchstäblich „herumträgt“, keinesfalls schmälern oder herabsetzen. Im Endeffekt geht es darum, sich von einem funktionierenden Paar zu einem eingespielten Elternteam zu werden und das erfordert immer einen gemeinsamen Einsatz sowie eine Menge Zugeständnisse. Gerade in einer Zeit, wo Väter immer mehr und bereitwilliger Verantwortung im Familienalltag übernehmen und auch zum Teil ihre eigene berufliche Laufbahn für längere Erziehungszeiten unterbrechen – beides positive Signale dafür, dass sich etwas bewegt im morschen, konventionellen Rollengefüge. Ob als Versorger oder als ständig anwesender Ansprechpartner für seine Kinder: Väter sind wichtig. Damit „Papas in spe“ sich aber auch als gleichwertige Partner beim Abenteuer Familienplanung fühlen können, muss man auch einfach einmal sagen: Danke für alles!

Peter Jensen über Mann-Frau-Gespräche, Sex und dem Herz auf der Zunge

Eine Fragestellung aus meiner Praxis:

[avatar user=“PeterJensen“ size=“thumbnail“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen[/avatar]

Ich trage, wie man so schön sagt, mein Herz auf der Zunge. Kürzlich habe ich einen Mann kennengelernt. Wir verstehen uns sehr gut; allerdings meint er, derzeit nicht bereit für eine Beziehung zu sein. Aber: den Sex mit mir möchte er nicht missen. Zudem betont er, wie sehr er meine Offenheit schätzt.
Nun zu meiner Frage: mache ich mich uninteressant bei ihm, wenn ich alles von mir preisgebe? Es fällt mir wirklich schwer, mein Seelenleben für mich zu behalten, das bin einfach nicht ich. Aber ich möchte es mir mit ihm auch nicht verscherzen. Er wäre genau mein Typ und so langsam kommen nicht nur lüsterne sondern auch tiefere Gefühle hinzu. Wie verhalte ich mich, wenn ich doch mehr als nur eine Bettgeschichte von ihm möchte?

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Zu dieser Thematik möchte ich zweierlei Antworten geben: Zunächst die geschätzte Offenheit. Wenn dieser Ausspruch in geschildertem Kontext fällt, dann heißt dies in der Übersetzung Mann-Frau // Frau-Mann:

Ich finde es wunderbar, dass wir Sex haben, ohne mich ernsthaft und verbindlich mit Dir auseinandersetzen zu müssen.

Wenn Sie also mehr als eine Bettgeschichte mit diesem Männlein haben möchten, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Das mit einer Beziehung über die Bettkante hinaus wird nichts. Wenn sie daran festhalten, werden Sie vielleicht noch einige schöne Schäferstündchen haben, aber auch ein Herz mit offener Wunde.

Männer sind in der Regel eher deutlich in ihrer Kommunikation. Wenn sie sich äußern. Hören Sie also, dass eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon, dann bedeutet es das: eine Beziehung kein Thema ist, Sex aber schon.
Hören Sie auf, Dinge da hinein zu interpretieren, die nicht vorhanden sind! Das ist eine sehr dumme und für beide Seiten unangenehme Angewohnheit von Frauen.

Foto: nicholasrobb1989 / pixabay
Foto: nicholasrobb1989 / pixabay

Wenn Sie nun den Mund halten und eine Bettgeschichtenbeziehung pflegen, die sie eigentlich so nicht haben wollen, dann machen Sie es dem Manne sehr einfach. Denn alles was er im Moment haben möchte ist eine Frau, die im Bett mit ihm Geschichten schreibt und ansonsten den Mund hält. Zumindest solange, wie dieser fürs Reden gebraucht wird, wenn es um andere orale Praktiken geht wird mehr Interesse vorhanden sein, so könnte ich mir vorstellen. Aber das ist ein anderes Thema.

Generell möchte ich noch anführen, dass ein Herz auf der Zunge oft sehr angenehm ist; geradezu erfrischend bei der ganzen Taktiererei im Beziehungswahn. Es überfordert allerdings auch schnell, wenn Sie an den falschen Partner geraten. Denn der Umgang damit, nämlich zu filtern, ist nicht ganz so einfach, wenn dabei Emotionen im Spiel sind. Bei der Partnerwahl ist der Blick auf die Filtertechnik des Wunsch-Lebensgefährten also ganz sinnvoll.

Cats Gedankenwelt: Kommen und Gehen

Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen
Tapetenwechsel: Manchmal genau das, was wir brauchen

Das Leben ist eine Wundertüte, man weiß nie, was man bekommt“, lautet ein Sprichwort. Wir modernen Menschen wollen davon nie etwas wissen und möglichst immer die Kontrolle über alles behalten, was uns auf dem Weg widerfährt. Und so sehr wir es versuchen: So ganz kommen wir aus dem Kreislauf von Anfängen und Schlussstrichen, Abschieden und Wiedersehen nicht heraus.

Erinnern Sie sich an die allererste große Veränderung in Ihrem Leben? Oder vielleicht an einen Abschied, der Sie in frühen Jahren bereits beschäftigt hat? Ich erinnere mich genau daran. Es war der Tag, an dem ich im Alter von vier Jahren erfuhr, dass mein Großvater nach langer Krankheit verstorben war. Weg, einfach … tot. Zwar wusste ich als Vorschulkind noch nicht genau, was es mit diesem „tot sein“ eigentlich auf sich hat, doch man hatte mir erklärt, dass mein Opa nun endlich an einem Ort wäre, wo er seine Schmerzen vergessen kann. Weiterhin, dass er eben auf ewig verreist sei und sein Weg in unserer Mitte eben geendet habe – zumindest in dieser körperlichen, berührbaren Form, wie ich ihn kannte. Natürlich stirbt die Erinnerung nicht allein dadurch, dass uns ein uns nahestehender Mensch verlässt, sonst könnten wir uns nicht so lange an jemanden erinnern und ihn im Herzen bewahren. Der Tod meines Großvaters, der mich durch meine gesamte Zeit als Kleinkind begleitet hatte, war nur der Anfang einer langen Kette von Abschieden und Wiedersehen, Verlusten und Neuanfängen. Ich denke, jeder kennt so eine Geschichte, die ihm erstmalig klargemacht hat, dass Dinge sich eben von einem Tag auf den anderen ändern können.

Eine menschliche Grunderfahrung

Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann - es gibt kein Zurück
Vorwärts ist die einzige Richtung, in die Zeit laufen kann – es gibt kein Zurück

Jemanden oder etwas zu verlieren, gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schmerzen, die aber jeder erlebt. Ebenso, wie etwas Neues zu beginnen oder bisher unbekannten Menschen zu begegnen, die von dann an unser Leben mit prägen. Es schmerzt am meisten, je näher einem jemand gestanden hat. So hatte ich zum Beispiel bis zum 17. Lebensjahr eine langjährige beste Freundin, die jedes noch so große Geheimnis von mir wusste – vielleicht die letzte „Allerbeste“, die ich in diesem Leben haben werden. Denn wenn ich eines aus diesem Verlust gelernt habe, dann, dass freundschaftliche „Monogamie“ sich unendlich gut anfühlen, aber auch sehr tiefe Wunden reißen kann, wenn die Beziehung zerbricht. Habe ich also meine erste „Scheidungserfahrung“ schon hinter mir? Vielleicht, nur auf einer anderen, platonischen Ebene. Doch nach dem Scheitern kommt meist das Aufstehen, eine Neuorientierung, und ehrlich gesagt lässt einem die Zeit auch keine andere Wahl. Diese kennt immerhin keine andere Richtung als vorwärts. Wir lernen, dass jede Stunde, die vergeht, uns etwas Neues bringen kann – ob wir das nun gerade als angenehm und freudig oder unerwünscht und kräftezehrend empfinden.

Überraschungsmomente nutzen

Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein
Neue Aussichten können Angst machen oder ein Grund zur Vorfreude sein

Leben ist das, was passiert, während wir Pläne schmieden“ – irgendwann bekommt dies jeder zu spüren. Bei mir konnte wohl nichts so viel durcheinanderwerfen wie zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Es war vielleicht das, womit ich am wenigsten gerechnet hätte – ein Kind, jetzt? Noch vor der Unterzeichnung eines festen Arbeitsvertrages nach dem Volontariat? Und überhaupt- schaffen wir das alles? Ob Kind, neuer Job mit mehr Verantwortung oder ein neuer Wohnort weit weg von zu Hause – nur ein paar Dinge auf einer langen Liste an Veränderungen, die erst einmal zwiespältige Gefühle auslösen können. Einerseits löst das Neue eine freudige Neugierde auf das aus, was kommt. Andererseits lässt es manchmal den Magen rumoren bei dem Gedanken, was alles schiefgehen könnte. Oder auch die Erkenntnis, dass man sein bekanntes Umfeld verlässt, um woanders andere Luft zu schnuppern. Manchmal suchen wir bewusst einen neuen Anfang, manchmal „überfallen“ uns die Veränderungen einfach und wir fühlen uns zunächst überrannt. Es gilt nun, sich nicht vom Überraschungsmoment einschüchtern zu lassen und ihn für sich zu nutzen – so schwer dies in der ersten Verwirrung fallen mag. Was soll man sagen: Wir Menschen, oder die meisten von uns, sind eben Gewohnheitstiere und befinden uns in einem ständigen Zwiespalt zwischen Misstrauen und Neugierde.

Den Abgrund überbrücken

Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein
Grenzen überwinden kostet Mut, doch man ist selten ganz allein

Bei besonders tiefgreifenden Brüchen, Trennungen und Veränderungen im Leben erscheint es zunächst schwierig, nach vorn zu schauen, denn alles, was man sieht, gleicht einem tiefen, unüberbrückbaren Abgrund. Manchmal mit einer kleinen oder instabilen Brücke, die unmöglich zu überqueren scheint. Zumindest nicht ohne das Risiko, zu fallen und ohne jemanden, der auf der anderen Seite wartet und eine Hand ausstreckt. Doch zum Gück kommt es in Wahrheit selten vor, dass man vollkommen allein dasteht und keinen Anreiz sieht, den Weg auf die andere Seite zu wagen. Denn manchmal ist ein Weggehen auch wieder ein Ankommen – dort, wo neue Perspektiven, Risiken aber auch Chancen warten. Egal, wie düster der Horizont im ersten Augenblick erscheinen mag, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Lichtstrahlen wieder durch die Wolkendecke brechen. Also: Nur Mut. Mein Mann und ich freuen uns jedenfalls inzwischen sehr auf die spannende Zeit, die uns bevorsteht.

Nachdenken über meine Beziehung • Ein paar Anregungen

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Welcher Einfall Ihrer Frau verdient das Prädikat >>echt genial<<?

Wie ist es Ihrer Frau immer wieder gelungen, Sie für Neues zu begeistern?

Mit was zaubert Ihnen Ihre Frau das feinste Lächeln auf Ihr Gesicht?

Was erleben Sie im Moment als sehr befriedigend in Ihrer Beziehung?

Was drückt Ihr Miteinander am besten aus?

Was sind die wichtigen Grundlagen Ihrer Partnerschaft?

In welchen Bereichen ergänzen Sie sich gut?

Wohin möchten Sie Ihre Beziehung gemeinsam entwickeln?

Womit können Sie Ihre Frau wirklich verwöhnen?

Wie machen Sie Zärtlichkeit alltagstauglich, so dass sie als solche wahr genommen wird?

Welches kleine Dankeschön verdient Ihre Frau für die bleibende Unterstützung im Alltag?

Auf welche ganz und gar eigene Leistung Ihrer Frau sind Sie besonders stolz? Haben Sie Ihr das auch schon gesagt?

Welche kleine Alltagsgeste Ihrer Liebe ist für Sie (beide) unverzichtbar?

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Was meinen Sie, wie Ihre Partner bzw. Ihre Partnerin reagiert, wenn sie gemeinsam über die Antworten sprechen?!

Der Kampf des MännerHerzens mit seinem Frühling • Eine WechseljahrFantasie

Der arktischen Sommernacht Tagmahl: 

Ein Duft von Eis und berstenden Knospen
rostbraunes Blinken auf nackten Stämmen, Glitzern im harzigen Junglaub
krächzende Krähen, quellendes Wasser aus springendem Eis, Laubsänger trillern
des Eisblocks Todesglanz im Gegenlicht
die Purpurwoge der lappländischen Alpenrosen die Strandheide
hinauf, zwischen braunem, vetrockneten Reisig des Fettkrauts
die weißen Flecken des Sommerlichts wie
kühles Wasser –

Der Sieg

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Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Cats Couch: Ein Nein ist ein Nein (ist ein Nein) – Version 1.1

Erotik ist in dieser Kolumne gar kein Thema, das ich näher vertiefen wollte. Es gibt da jedoch diese eine Sache, die mich beim (zufälligen) Lesen diverser Onlineartikel und Foren immer wieder verblüfft – manche Menschen scheinen das einfache Wort „Nein“ gerade in Bezug auf die „schönste Nebensache der Welt“ einfach nicht zu verstehen oder auszusprechen. Dabei sollte das wirklich nicht so schwer sein; egal, ob es um einen Disco-Flirt oder um den langjährigen Ehepartner geht.

Bett_pillows-820149_640Eines vorweg: Ich möchte mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn es darum geht, Lesern „Ratschläge“ für so intime Lebensbereiche wie das eigene Sexualleben zu erteilen. Dies empfinde ich als anmaßend und überlasse es getrost den zahlreichen Sexologen mit oder ohne entsprechendes Fachdiplom, die für die Internetseiten renommierter Frauenzeitschriften schreiben. In dieser Kolumne wird es (auch weiterhin) keine intimen „Vaginamonologe“ und Einblicke geben. „Der Gentleman genießt und schweigt“, und manchmal kann das eben auch eine Lady. Was viele andere hinter ihrer Schlafzimmertür (oder auch woanders) treiben, möchte ich auch nicht beurteilen oder gar verteufeln. Gemäß dem Motto: Alles, was im Einvernehmen geschieht und keine absehbaren Gefahren mit sich bringt, ist gut – und erlaubt ist, was allen gefällt.

Wo ich bei dem Punkt angelangt bin, an dem ich ansetzen möchte. Jegliche Erotik ist freiwillig und von den eigenen Gelüsten geleitet. Doch warum fällt es manchen so schwer, zu dem, was sie nicht wollen, „Nein“ zu sagen und anderen, dieses „Nein“ auch als das zu akzeptieren, was es ist? Ein klares „Nein“ eben, ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung. Ein Extremfall wären hier sicherlich Sexualstraftäter, doch in dieses Extrem möchte ich hier nicht gehen. Es reicht schon, wenn in einer Beziehung oder nach einem heißen Flirt auf einer Party eine Person die andere (vielleicht unbewusst) bedrängt und aus einem klaren „Nein“ in seinem Kopf ein „Ja, aber …“ macht. Wie auch immer diese erstaunliche Falschwahrnehmung im Einzelfall zustande kommt.

sisters-984997_640Gerade (wir) Frauen scheinen häufig ein Problem mit dem „Nein-Sagen“ zu haben und es gibt auch heute durchaus noch Männer, die auf ein „Nein“ gekränkt oder sogar wütend reagieren. Zumindest, wenn man diverse Stränge aus den Internetforen bekannter „Frauenseiten“ liest. Gleiches kann natürlich auch umgekehrt der Fall sein, mit einer Frau, die auf jede sexuelle Zurückweisung vollkommen irrational und übertrieben reagiert. In gewissem Sinne sind solche Hemmnisse und Reaktionen ja auch nachvollziehbar. Schließlich müssen sich beide Partner ganz „intim“ und mit absolutem Vertrauen aufeinander einlassen, damit beide das gemeinsame kleine Bettabenteuer als lustvoll und bereichernd empfinden können. Ein zu grobes „Nein“, so fürchtet mancher zu Recht, könnte die ganze Stimmung ins Wanken bringen und für aufreibende Konflikte sorgen. Also schweigt manche(r) „Unlustige“ im schlimmsten Fall lieber, lässt manches eventuell „über sich ergehen“ und seine Lust auf weitere Experimente mit dem Partner schwindet schleichend dahin. Bis sie sich irgendwann um die Ecke ins Niemandsland geschlichen hat.

anonymous-973217_640Warum also der ganze Eiertanz rund um Wünsche, Vorlieben, Abneigungen und Tabus in einer Partnerschaft, die im Alltag in geradezu reibungslosen Bahnen läuft? Ist es möglicherweise gerade dieses Bemühen um ständige Harmonie, eine gewisse Konfliktscheue, die uns dazu führt, einen geliebten Menschen „einfach machen zu lassen“? Wie kann es in einer Zeit, wo wir dank Internet, einer großen Auswahl an Ratgeberliteratur, großen Kenntnissen in der Sexualanatomie und zum Teil auch Pornografie genau wissen, welche Praktiken, Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Herausforderungen es gibt? Möglicherweise sind einige dieser sexuellen „Befreier“ dabei selbst das Problem. Denn, sehen wir es, wie es ist: Sex im Porno ist nicht die Art, wie viele Paare ihn im „echten Leben“ erleben und genießen wollen. Sicherlich gibt es auch hier „Abweichungen“ von dem, was als üblich gilt und das ist vollkommen in Ordnung – solange ein Konsens und eine Rückzugsmöglichkeit für alle bestehen. Eben Spielregeln, die den Respekt voreinander verteidigen, wie es in einer funktionierenden Partnerschaft sein soll. Das Problem mit manchen Pornos sehe ich daher nicht in der Tatsache, dass sie existieren und in dem Großteil der Inhalte, die sie zeigen, sondern eher darin, dass irgendein Partner (meist die Frau), einfach nicht die Möglichkeit hat, innerhalb der „Handlung“ auch einmal etwas abzulehnen. Und wenn sie es tut, sieht es der „Spielplan“ vor, dass sie sich unter Zwang und teilweise auch Gewalt dann doch den teilweise extremen Wünschen ihres Partners unterordnet. Dies mag mit den Darstellerinnen und Darstellern zwar abgestimmt und vertraglich geregelt sein; dem unerfahrenen oder leichtgläubigen Konsumenten kann es aber einfach ein falsches Bild vermitteln. Nämlich das, dass es möglich und erlaubt sei, einen anderen Menschen im Bett oder wo auch immer zu etwas zu zwingen.

holding-hands-1031665_640Nicht, dass einen diese krassen Darstellungen gerade im Bereich der Pornoproduktion überraschen würden; mehr Kopfzerbrechen bereiten mir da die „Sextipps“ mancher Mainstream-Frauenzeitschriften. So schreibt eine bekannte Sexratgeberseite zum Thema Deep Throat: „Es wird Ihnen vielleicht bei den ersten Malen nicht gelingen, den Würgereflex zu ignorieren. Selbst nach intensivem Training ist es möglich, dass Ihnen anstatt des Würgereflexes, Tränen in die Augen steigen. Aber sehen Sie Ihren Partner dabei an! Das Machtgefühl, das er spürt, wird ihn wild machen und er wird sich gerne revanchieren.“ Also ehrlich gesagt: Ich kriege bei solchen Beschreibungen das kalte Kotzen, ohne einen Penis „bis zum Anschlag“ in den Mund zu nehmen und Gefahr zu laufen, beim Oralsex an Atemnot zu sterben. Die Bilder im Kopf reichen schon, danke liebe „Sexperten“. Andere, Frauen wie Männer, mögen Gefallen daran finden. Nein, nun mal ernsthaft ….Was mich stört: Auf den Onlineseiten gängiger „Frauen- und Männerlektüre“ werden die Fantasien einiger oft zum erotischen „Must-have“ für alle erklärt. Als etwas, das man „lernen“ kann und das es sich zu „können“ lohnt, auch wenn es die natürlichen, lebenserhaltenden Reflexe bei mancher Frau und auch beim homosexuellen Mann ganz oder teilweise außer Gefecht setzen soll.

Ein extremes Beispiel in der Onlinewelt fand ich auf einer Seite, wo ein Mann andere Männer darin schulen wollte, ihre Frau zu einem „filmreifen“ Deep-Throat-Blowjob zu überreden und sie darin zu trainieren wie einen Hund, der ein Stöckchen holen soll. Selbst dann, wenn sie es nicht will, Angst hat oder sich davor ekelt. Schließlich hätte jeder Mann sinngemäß das „Recht“ auf dieses besonders machtvolle Hochgefühl. Man müsse nur die Grenzen und Tabus überwinden. Meine Meinung dazu? Es gibt kein angestammtes, gesetzlich verankertes Recht auf irgendeine Sexualpraktik – aber durchaus das Menschenrecht, seine Würde und seinen freien Willen zu wahren. Dies waren nur extreme Beispiele „medialer Irrtümer“ – in der Praxis fängt es oft schon damit an, dass ein Partner mehr und öfter Lust hat als der andere. Das ist eine persönliche Entscheidung und absolut in Ordnung.

couple-731890_1280Oft ist es nur das Problem, wie man „nein“ sagt. Es gibt diese brutal ehrlichen Menschen, die dann einfach sagen: „Keine Lust!“, sich wieder umdrehen und weiterschlafen. Das ist zu respektieren, schließlich gibt es keine Pflicht, sich zu rechtfertigen. Schöner, weniger belastend und hilfreicher ist es meines Erachtens jedoch, wenn es möglich ist, seine oft recht banalen Gründe kurz zu nennen. So wie: „Ich hatte einfach einen zu harten Tag“, „Ich fühle mich krank“ oder „Ich muss erst etwas in den Magen bekommen“. Wichtig finde ich hier, dass Erklären nicht Entschuldigen ist; denn es gibt nichts, wofür es sich zu entschuldigen lohnt. Man hat eben keine Lust auf Sex oder auf irgendeine außergewöhnliche „Bettsportdisziplin“, doch so kann der Partner zumindest das nötige Verständnis aufbringen, ohne dass eine latente Unsicherheit sich breitmacht und er vollkommen im Unklaren gelassen wird. „Nein“ sagen ist also notwendig und gar nicht mal so schwer – vorausgesetzt, es wird nicht als eine verdrehte Form von „ja, aber …“ wahrgenommen. So wie es die aktuelle „50 Shades“-Bestsellerreihe propagiert, wo der männliche Protagonist mit Aussagen wie „Dein Arsch gehört mir!“ seine jüngere, sozial schwächer gestellte „Partnerin“ immer wieder nur seinem Willen zu unterwerfen sucht und das (leider) nicht nur im „Roten Zimmer“, wo so etwas in einer BDSM-Beziehung zumindest ansatzweise nachvollziehbar wäre. Mal unter uns: Auf eine Beziehung, in der Grenzen nicht respektiert und Freiheiten nicht beachtet werden, kann man zumindest im echten Leben jederzeit getrost verzichten. Man kann die ganzen Missverständnisse um ein klar gesagtes und gemeintes Nein übrigens gemäß dem sehr minimalistischen Leitspruch und hierfür abgewandelten Zitat der Semiologin und Sprachwissenschaflerin Gertrude Stein zusammenfassen: „Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.“

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Cats Medienkommentar: Panik in Ton und Bild

Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?
Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?

„Bad news is good news“, oder auch: „Nur eine schlechte Nachricht kommt an“ lautet ein ungeschriebenes (und oft verheimlichtes) Gesetz in der gängigen journalistischen Berichterstattung. Aber welche Auswirkungen hat das langfristig auf Medienschaffende und Konsumenten? Brauchen wir neben den gesammelten Katastrophenmeldungen nicht vielleicht doch einmal einen Funken Hoffnung?

Soziale Medien können depressiv machen“, gingen erst kürzlich Schlagzeilen in der Mainstream-Berichterstattung herum. Der Grund: Das allzu „perfekte“ Facebookprofil guter Freunde bis entfernter Bekannter könne Neid und Unzufriedenheit im sozialen Vergleich auslösen. Das mag bei manchen, sehr dafür anfälligen, Personen sogar halbwegs eintreten (auch wenn die Krankheit der Depression meines Erachtens hier extrem verharmlost wird). Doch ich sehe momentan und eigentlich schon seit Jahren einen vollkommen anderen Aspekt in allen Medienkanälen, der einem wirklich dauerhaft jede gute Laune verderben kann – diese ständigen Negativ- und Katastrophenmeldungen. Ganz ehrlich, wäre ich wirklich depressiv oder suizidgefährdet, ich würde mir an dieser Stelle sicherlich überlegen, ob es nicht besser wäre, von dieser „freudlosen“ Welt zu verschwinden.

Ob in der Politik oder an der Börse, die Frequenz schlechter Nachrichten lässt sich schlecht verarbeiten
Ob Krieg, Klimawandel oder Finanzkrise, die Menge an schlechten Nachrichten in kürzester Zeit lässt sich schlecht verarbeiten

Informative Horrorshow

Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt, ist die Tagesschau im Ersten, Zweiten und Dritten. Täglich um 20 Uhr, oder aber einige Stunden früher oder später, bekommt jeder Fernsehzuschauer den realistischsten Horror-, Kriegs- und Katastrophenfilm gezeigt, den er jemals sehen könnte. Manchmal auch einen Politkrimi reinster Sorte oder ein Drama mit echten Emotionen. War das alles? Richtig, da fehlen doch einige Genres – nämlich die, die einen zum Lachen bringen und nicht ohne ein Happy End auskommen. Finanzkrise, Schuldenkrise, Bürgerkrieg, Verfolgung, Flucht, Hunger, Epidemien, Existenzangst – mit einem Wort: Es herrscht Panikalarmstufe Rot. Denn all diese Dinge passieren eben und die Medien, seien es Zeitungen, Fernsehsender, Onlinemagazine oder Radiostationen, haben ja auch die Pflicht, uns als Leser, Zuschauer, Hörer und Internetnutzer zu informieren. Und zwar bis zur absoluten Schmerzgrenze. Das Schlimmste, was wir im Grunde alle wissen, ist: Die Dinge, die wir so im „Vorbeigehen“ erfahren, sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an Problemen, sich nun rächenden „Sünden der Vorväter“ und Konfliktherde. In ihrer Weltkatastrophenberichterstattung gleichen die öffentlich-rechtlichen Sender dabei übrigens noch einem Streichelzoo. Wer sich die unzensierte „informative Horrorshow“ geben will, ist mit manchem Privatsender besser beraten.

Eine ständige Negativbeschallung

Man kann also, wenn es um die zahllosen Übertragungen von aktuellen Nachrichtenmeldungen in jeglicher Form spricht, wirklich nicht von „Good Vibrations“ reden – wohl eher von einem total miesen Karma. Die unterschwellige Nachricht hinter all diesen Horrormeldungen lautet nämlich ausnahmslos: Seht her, wozu ihr Monster auf zwei Beinen fähig seid! Ab in die Ecke und schämen! Allein die Tatsache, zur Gattung „Mensch“ zu gehören, scheint dabei auszureichen, um ein fieses Schuldgefühl per Funk- oder Bildwelle zu übertragen. Rein statistisch nach dem Anteil der „schlechten Nachrichten“ betrachtet, liegen wir im ersten Augenblick mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch. Denn der Mensch kann, im Gegensatz zu vielen Tieren, wirklich zu ungeheuerlichen Dingen fähig sein und manchmal so boshaft oder unreflektiert in seinem Handeln, dass es einem vom Zuschauen schon wehtun muss.

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Allein fühlt man sich oft machtlos – ist jede gute Tat nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zum Scheitern verurteilt?

Um es kurz zu fassen: Informiert sein kann zu einem richtigen mentalen Terror werden. Nicht nur im aktuellen Sinne des Terrorismus, der weltweit die Gemüter in Panik versetzt, sondern einfach in seiner Wortbedeutung. Terror. Terreur- oder auf Deutsch übersetzt: Schrecken, Angst. „Terrorherrschaft“ hat übrigens in der Menschheitsgeschichte immer dann funktioniert, wenn es genügend skrupellose Machtmenschen an der Spitze und ausreichend verunsicherte, orientierungslose und vielleicht durch äußere Umstände verängstigte Massen an der Basis gab. Man betrachte nur einmal die Sklaverei, die Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution und den Holocaust als Beispiele. Mit einem ausgeglichenen Machtverhältnis und mehr echter Demokratie wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Das Schlimme ist: Geht man nach dem, was man sieht und hört, hat die Menschheit nichts dazu gelernt – also, rein gar nichts. Sind wir also alle nur „hoffnungslose Fälle“? Gibt es vielleicht gar keine „guten Menschen“, die nicht einfach nur offiziell auf „Gutmensch“ tun und im Grunde doch nur an sich selbst denken?

Haifischbecken soziale Netzwerke

Manchmal sieht die Welt "da draußen" schon ziemlich düster aus!
Manchmal sieht die Welt „da draußen“ schon ziemlich düster aus!

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an den Ausgangsgedanken dieses Beitrags anzuknüpfen – denn gerade in Zeiten des „Klickaktivismus“ tummelt sich so ziemlich alles an „besorgten Bürgern“, „Facebookphilosophen“ und selbsternannten Gutmenschen jeder Couleur (die dann doch zum Teil recht inaktiv werden, wenn es wirklich um Handlungen statt um Worte geht). In der ewigen Netzdemokratie, wo jeder jederzeit seine Stimme abgeben kann, treffen so die unterschiedlichsten Mentalitäten und Typen aufeinander, vertreten ihre Interessen, reiben sich aneinander und kriegen sich in die Haare. Im besten Fall tauchen wir digitalen Sinnsucher mit einer erweiterten Denkperspektive aus diesem Informationsmeer wieder auf, oder aber wir verbeißen uns an unserer eigenen Ideologie vom „besten Leben“, lassen keine anderen Meinungen oder Kompromisse zu und zerfleischen uns virtuell im multimedialen Haifischbecken. Das Entscheidendste – in Bezug auf den Nachrichtenfluss im Internet – ist jedoch die Frequenz der Informationen. Sprich: Alles verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, vor allem die schlechten Nachrichten. Nicht umsonst nutzen zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppen Facebook & Co als virtuelle Propagandamaschine; es war nie so bequem und einfach, Angstmeldungen zu verbreiten und sowieso schon verunsicherte Menschen zu „besorgten Bürgern“ zu machen. Das Netzwerk als Panikmaschine? Scheint bis zu einem gewissen Grad zu funktionieren – auch, weil die meisten von uns eben doch „Herdentiere“ sind und denken: „Was viele bestätigen, kann nicht falsch sein!“. Kann es eben doch – wie alle weiter oben genannten Beispiele belegen. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!
Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!

Nur eine Seite der Medaille

Doch das, was wir in den Medien sehen, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Um genau zu sein, zeigt es nur eine Seite der Medaille. Nur selten sehen wir Bilder von Menschen, die aktiv etwas verändern; von einem lachenden Kind, dem Forscher im Labor für erneuerbare Energien und dem freiwilligen Helfer im Krisengebiet. Und wenn doch, neigen wir dazu, diese „Bilder der Hoffnung“ zu verdrängen, weil wir zu sehr an das Leitmotto „Bad news is good news“ gewöhnt sind. Niemand wird als Einzelner für sich die Welt verändern, das wäre utopisch. Und es wäre auch naiv, so zu tun, als gäbe es diese ganzen Krisen und Katastrophen gar nicht. Doch wie das Kaninchen vor der Schlange zu zittern, bringt auf Dauer auch keine Lösung für all das, was uns (mehr oder minder entscheidendes) Problem präsentiert wird. Für mich selbst habe ich inzwischen einen realistischen Ansatzpunkt gefunden, um das „Gute“ im Menschen wieder zu finden. Ganz nach einem alten Pfadfindermotto halte ich mich an das Prinzip: Tue jeden Tag mindestens einmal etwas nur für andere, ohne an deinen Vorteil zu denken. Es mögen kleine Schritte sein – aber wenn sie jeder geht, können auch die eine Menge bewirken. Um zurück zu den Medien zu kommen: Hätte ich als Medienschaffende und auch Konsumentin einen Wunsch für die generelle Berichterstattung frei, wäre dieser: Zeigt nicht nur Probleme, sondern vor allem Lösungen!

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Arkadij Awertschenko ♥ Wie man Frauen gewinnt

Wir sehen immer wieder, daß hübsche, junge Leute kein Glück bei Frauen haben, während rothaarige, krumme und häßliche Männer die schönsten Damen für sich gewinnen.

Weshalb?

Weil die hübschen, jungen Leute nicht wissen, wie man mit Frauen umgehen muß, und weil die anderen das Geheimnis kennen.

Ich habe für ihr Unglück etwas übrig und will ihnen ein paar Ratschläge erteilen.

Vor allem: Wenn Sie verliebt sind, brauchen Sie nicht sofort Ihren Frack anzuziehen, die weiße Krawatte umzubinden, einen Blumenstrauß in die Hand zu nehmen und der geliebten Frau zu sagen:

»Mein Engel, ich kann nicht ohne Sie leben. Küssen Sie mich!«

Das ist einfältig und dumm.

Machen Sie es so:

Sie kommen eines Abends in der Dämmerung zu ihr. Vorher haben Sie einige Zitronen gegessen und sind sehr bleich. Die Augenränder haben Sie mit verkohlten Zündhölzern ein wenig dunkel gefärbt. Sie setzen sich in eine Ecke und seufzen.

»Warum sind Sie traurig?« fragt die Dame. »Haben Sie Pech in Ihrem Beruf?«

»Der Beruf! Ach, was kümmert mich heute der Beruf.«

»Aber Sie sind so blaß!«

»Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.«

»Weshalb, um Himmels willen?«

»Fragen Sie nicht! Sie sind schuld – ich habe von Ihnen geträumt . . .«

»Mein Gott! Aber ich. kann doch nichts dafür – es tut mir wirklich leid.«

Hören Sie? Es tut ihr leid. Sie tun ihr leid!

»Quälen Sie sich doch nicht!« sagt die Dame.

Sie stehen auf. Sie nähern sich ihr, als wollten Sie sich verabschieden. Sie küssen ihre Hand! Die Dame blickt sie an und lächelt. Das ist der Augenblick! Wenn Sie ihn versäumen, möchte ich für nichts einstehen !

Weitere Ratschläge kann ich Ihnen übrigens nicht geben. Oder haben Sie Weiteres von mir erwartet? . . . Später dürfen Sie nach Hause gehen . . .guy-579259_1280_Markgraf-Ave

***

Ich kannte einen Mann, der diesen Vorgang sehr vereinfachte. Wenn er mit einer Frau allein blieb, umarmte er sie ohne weitere Umstände.

Ich fragte ihn einmal:

»Wie kannst du so stürmisch vorgehen? Ist es dir immer geglückt?«

»Nicht immer. Aber Frauen sprechen nicht viel in solchen Fällen. Sie machen keinen Wirbel. Gelegentlich ohrfeigen sie dich. Aber von hundert Frauen tun das höchstens sechzig. Ich arbeite also mit vierzig Prozent Nutzen. Soviel verdient nicht einmal ein Bankdirektor.«

Nur nebenbei: es handelte sich um einen hübschen, großgewachsenen Mann. Wenn man klein und zart ist, verläßt man sich besser nicht auf diese Methode. In solchen Fällen wirkt es mehr, zu seufzen:

»Gnädige Frau: ich habe von Ihnen geträumt . . .«

***

Einer meiner Freunde arbeitete in Porzellan – das ist einfach und billig. Vor langer Zeit kaufte er auf einer Auktion eine Porzellankatze und einen Chinesen mit wackelndem Kopf. Seither pflegt er zu sagen:

»Lieben Sie altes Porzellan?«

Kennen Sie eine Frau, die den Mut hat, nein zu sagen?

»Ich habe eine hübsche Sammlung alter Porzellanfiguren. Wollen Sie meine Sammlung sehen?«

Wenn die Dame Ihre Wohnung verläßt und den Hut aufsetzt, fragt sie gewöhnlich:

»Ach ja, Sie wollten mir Ihr berühmtes Porzellan zeigen. Wo steht es denn?«

»Dort drüben!« Stoß den Chinesen! Er wird zu wackeln beginnen. Wenn sie dann die Tür hinter sich zuschlägt, schüttelt der Porzellanchinese immer noch nachdenklich seinen Kopf . . .

***

Zuletzt: die Frauen sind poetisch veranlagt. Und der Geiz ist eine prosaische Sache.

Mein Freund verlor die Liebe einer Frau, weil er ihr im Kaffeehaus gesagt hatte:

»Der Mokka kostet fünf Rubel. Du hast mit deinen reizenden Zähnen ein Stück von meinem Kuchen abgebissen – das macht zehn Kopeken. Außerdem habe ich zwanzig Kopeken Trinkgeld gegeben. Ich bekomme also fünf Rubel und dreißig Kopeken von dir.«

Ein Mann, der so spricht, ist im selben Augenblick erledigt.

***

Sie sehen also: ganz ohne Kleingeld geht es nicht!

Wie man sich beim Diner benimmt

Wenn Sie zu einem Diner eingeladen werden, müssen Sie nicht unbedingt alle Freunde, die keine Einladung erhalten haben, mit sich nehmen und ihnen sagen: »Das sind sehr liebe Menschen, die werden euch sicher auch bewirten!«

Es dürfen nur solche Gäste erscheinen, die ausdrücklich aufgefordert worden sind, und zwar frühestens eine Viertelstunde vor der Tageszeit, zu der man sie gebeten hat. Ich kannte einmal einen jungen Mann, der am Abend des vorhergehenden Tages bei einem Gastgeber anklingelte und sagte: »Ich habe mich entschlossen, schon heute zu kommen, meinen Schlafrock, die Hausschuhe und das Hemd hab‘ ich mit. Ich bleibe über Nacht, denn ich kenne Ihren Vater – wenn man fünf Minuten zu spät kommt, hat er das Mittagessen schon allein verzehrt.«

Zum Diner müssen Sie im dunklen Anzug erscheinen. Ein Pyjama, wenn er auch aus feinster Seide ist, wird auf die Gesellschaft keinen Eindruck machen. Sie müssen vornehm und ruhig ins Zimmer treten, auch wenn Sie im Vorzimmer bereits erregt gefragt haben: »Komme ich zu spät?«

Sie brauchen nicht zu erwähnen, daß Sie die Straßenbahn benützt haben; in der sogenannten guten Gesellschaft spricht man nicht von der Straßenbahn. Am vernünftigsten ist es, wenn Sie daheim Ihre Hose mit Benzin putzen und dann sagen: »Ich habe heute meinen neuen Wagen ausprobiert.«

Im Vorzimmer können Sie die hübsche Zofe in die Wange kneifen. Einen Diener, und wenn er noch so rosige Wänglein hat, brauchen Sie nicht zu zwicken.

Wenn Sie eintreten, müssen Sie nicht neugierig fragen: »Gnädige Frau, was bekommen wir denn heute?« Am besten ist es, ein mondänes Gespräch zu beginnen oder die Kinder der Hausfrau zu loben, die gewöhnlich auf dem Teppich im Salon herumkriechen.

Über Kinder soll man mit einer gewissen Vorsicht sprechen.

Seien Sie jedenfalls entzückt von ihnen. Das kostet nichts und macht der Mutter Freude. Man sagt einfach:

»Ihr Söhnchen? Entzückend – die ganze Mama! Spricht er schon?«

»Aber woher? Er ist doch noch zu klein.«

Dieses Gespräch ist zwar sinnlos, aber es entspricht dem guten Ton.

Wenn dann die hübsche Zofe auf der Schwelle erscheint und meldet, es sei serviert, brauchen Sie nicht über den Sessel zu springen und ins Speisezimmer zu eilen, sondern Sie müssen ein gleichgültiges Gesicht machen und der Hausfrau sagen: »Aber, Gnädigste, wozu diese Mühe?«

Dann reichen Sie Ihrer Nachbarin liebenswürdig die Hand und sagen, wenn sie auch noch so häßlich ist: »Darf ich heute das Glück haben, Ihr Tischnachbar zu sein?«

Während des Essens darf man die Hausfrau nicht mit merkantilen Fragen belästigen:

»Gnädigste, was kostet dieser Fisch?«

Und wenn die Hausfrau selbst erwidert: »Fünf Rubel«, darf man nicht sagen: »Bitte, schneiden Sie mir noch ein Stück für fünfzig Kopeken ab.«

Wenn das Dessert gereicht wird, soll man alles eher als enttäuscht sagen: »Was? Schon das Dessert? Das ist das ganze Diner? Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich lieber in ein Restaurant gegangen!«

Ich kannte einen zerstreuten Gast, der nach einem solchen Essen auf den Teller klopfte und rief: »Zahlen, bitte!«

Vielleicht wäre diese Lösung nicht einmal unangenehm für die Hausfrau, aber wie die Dinge liegen, wirkt es eben verletzend.

Nach dem Diner dürfen Sie nicht aufstehen und sich empfehlen. Für gewöhnlich sitzt man noch eine Weile und raucht, dann blickt man plötzlich auf die Uhr und ruft: »Was? Schon so spät? Ich muß doch in eine Versammlung.«

Wenn Sie gehen, vergessen Sie nicht der Hausfrau die Hand zu küssen und der schönen Zofe ein Trinkgeld zu geben. Irren Sie sich bitte nicht, und verwechseln Sie es nicht – es wäre der Hausfrau und der Zofe sehr peinlich . . .

Zuletzt noch ein Wink für die Gastgeberin: ihr wird empfohlen, den Gast ins Vorzimmer zu begleiten. Erstens ist es nun einmal so Sitte, und zweitens kann er dann keinen fremden Mantel mitnehmen . . .

Wie man Witze erzählt

Wenn man in Gesellschaft Erfolg haben will, muß man auch verstehen, gute Witze zu erzählen. Ein junger Mann, der das kann, wird gern überall eingeladen.

Jeder Witzerzähler muß drei Grundregeln kennen:

  1. Der Witz muß kurz sein.
  2. Die Wiedergabe muß glänzend sein.
  3. Die Pointe muß unerwartet kommen.

Ein bekannter Herr erzählte seine Witze immer in folgender Weise:

»Hm . . . Ich werde Ihnen einen guten Witz erzählen. Ja. Das war in einem kleinen Industrieort. Das Städtchen war nicht groß, aber sehr belebt. Es liegt an den Ufern der Wolga und ist eine Umladestation, deshalb leben dort viele Kaufleute. In dieser Stadt gibt es viele Restaurants. Die Kaufleute gehen den ganzen Tag in diesen Restaurants aus und ein, wickeln dort ihre Geschäfte ab, trinken Tee und Wodka. Da kommt eines Tages in solch ein Restaurant, ich weiß nicht mehr, wie es heißt, ein betrunkener Kaufmann. Unweit von seinem Tisch steht auf dem Fenstersims ein Käfig mit einem Harzer Kanarienvogel. Das Vöglein singt, und der Kaufmann ist vom Gesang einfach entzückt. Sie wissen, daß die Kanarienvögel so schön singen, daß man ihnen zu Ehren sogar eine Gruppe von Inseln ›Kanarische Inseln‹ benannt hat. Der Kaufmann trinkt. Plötzlich ruft er den Kellner: ›Sie, Ober, was kostet der Vogel?‹ – ›dreihundert Rubel!‹ – ›Bringen Sie mir den Kanari in Butter gebacken!‹ Der Kellner weiß, daß der Kaufmann ein reicher Mann ist, er denkt, es sei eine Marotte von ihm. Er nimmt den Kanarienvogel, trägt ihn in die Küche, und nach einiger Zeit serviert er den Vogel, in Butter gebacken. Da sagt der Kaufmann: ›Den ganzen Vogel will ich nicht. Schneid mir ein Stück für drei Kopeken ab!‹ Es entsteht ein Skandal, der Kellner holt den Wachmann. Protokoll. Nach einiger Zeit wird der Kaufmann zum Richter vorgeladen und zu einer Geldstrafe verurteilt.«

So darf man es nicht machen. Man erzählt einen Witz ungefähr in der Art:

»Zederbaum, die ganze Stadt spricht, daß Kegelmann mit Ihrer Frau lebt.«

Der Mann: »Auch ein Glück . . . wenn ich wollte – könnt‘ ich genau so mit ihr leben.«

Oder:

Zwei Juden kommen in Paris auf den Flugplatz, gehen auf den Piloten zu und fragen ihn: »Fliegen Sie nach London? Nehmen Sie uns mit!« Der Pilot schaut sie an und fragte sie: »Wer seid ihr?« – »Wir sind zwei Juden.« – »Juden nehme ich nicht mit. Wenn mir ein Unfall passiert, werden Sie schreien, mich am Rücken packen und dann . . .« – »Herr Pilot«, antworten die Juden, »wir werden nicht schreien.« – »Ich nehme euch mit, aber nur unter einer Bedingung: Ihr dürft kein Wort reden. Für jedes gesprochene Wort zahlt ihr Strafe: ein Pfund.« Die Juden nehmen im Aeroplan Platz und der Pilot fliegt nach London. Wie sie glücklich in London landen, kommt ein Jude auf den Piloten zu und fragt: »Darf ich jetzt reden? – Abrascha ist ins Wasser gefallen!«

Es gibt nichts Traurigeres als zerstreute Witzerzähler.

»Hm . . . ich werde Ihnen einen Witz erzählen. Das war im Jahre 1989 . . . nein, im Jahre 1900. Warten Sie, in welchem Jahre war es denn?«

»Das ist nicht so wichtig. Erzählen Sie den Witz!«

»Da lebte in einer Stadt ein Engländer, es war kein Engländer, es war ein Armenier . . . Er hieß . . . na, wie hieß er . . . Pardon, ich habe diesen Witz mit einem anderen verwechselt.«

Wenn man so einen Erzähler tötet, so wird man sicherlich vom Richter freigesprochen.

Es gibt auch Witzerzähler, die einen Witz beginnen, dann plötzlich steckenbleiben, erröten und sagen: »Pardon, das ist ein unanständiger Witz, und es sind Damen da.«

Schrecklich sind Leute, die einem zurufen:

»Erzählen Sie doch den Witz, den Sie vorige Woche erzählt haben!«

»Welchen Witz?«

»Na, den da . . . Ein Schuljunge bittet den Lehrer, ihn für den nächsten Tag zu beurlauben. ›Weshalb?‹ fragt der Lehrer. – ›Mein Papa hat gesagt, daß es morgen bei uns brennen wird.‹«

Wie kann man da noch einen Witz erzählen?!

Wie man sich bei einer Hochzeit benimmt

Der Unterschied zwischen einer Hochzeit und einem Leichenbegängnis ist der, daß man bei einem Leichenbegängnis sofort weinen muß, während man bei einer Hochzeit manchmal erst am nächsten Tage weint.

In feinen Kreisen wird nur die Hochzeit gefeiert. Die Ehescheidung wird nicht festlich begangen, obwohl man sich bei einer Ehescheidung oft mehr als bei einer Hochzeit freut . . . Ich werde Ihnen einige Ratschläge geben, wie man sich bei einer Hochzeit verhalten muß.

Der Bräutigam – hm . . . Seine Lage auf der Hochzeit ist zweifellos schwieriger, als die eines geladenen Gastes. Der Gast braucht nicht zur Hochzeit zu kommen, während die Abwesenheit des Bräutigams peinliches Aufsehen erregt. Und nun stellen Sie sich einen jungen Mann mit verzweifelt blassem Gesicht vor, der in einen Frack gepreßt ist und weiße Handschuhe und Lackschuhe trägt . . . Er muß Gratulationen anhören, scherzhafte Bemerkungen der Freunde, Ratschläge der Eltern in Kauf nehmen, muß sich von der Menge in der Kirche begaffen lassen und dabei noch freundlich lächeln . . .

Die Besucher in der Kirche nehmen ihn und die Braut unter Kreuzfeuer.

»Der Arme!« sagt seufzend die dicke Köchin. »So jung und muß schon hineinspringen . . .«

»Bei uns im Spezereiladen hat man erzählt«, bemerkt das Dienstmädchen, »daß seine Braut die Geliebte eines anderen ist. Der hat ihn gezwungen, sie zu heiraten.«

»Was findest du Fesches an ihm? Schau dir bloß seine Nase an!«

Vor diesem Publikum bleibt nichts verborgen, es bemerkt alles.

»Und die Braut? Sie hat ganz rote Augen!«

»Rotgeschminkte Wangen . . . Die Schminke ist so stark aufgetragen, daß sie von den Wangen herunterfällt! Und der Ausschnitt? Wie kann man so zu einer Hochzeit gehen?«

Der Hochzeitsgast muß gut aufgelegt und ein Redner sein. Zur Hochzeit muß er im Frack, im weißen Gilet, in einer Frackhose und frisch rasiert erscheinen . . . Sein Gesicht muß vor Freude glänzen, auch wenn er sich soeben mit seiner Freundin gestritten hat. In der Hand muß er einen Strauß weißer Rosen halten, er muß diesen Strauß der Braut überreichen und ihr lächelnd sagen:

»Diese reinen, unschuldigen Blumen sind das Symbol Ihres reinen, zukünftigen Glückes, das Symbol Ihrer Unschuld!«

Diese letzten Worte darf man auch dann sagen, wenn die Braut und der Bräutigam zehn Jahre in gemeinsamem Haushalt gelebt haben.

Wenn man sauren Wein und schlechtes Essen bekommt, darf man den Blumenstrauß nicht zurücknehmen. Man kann aber vor dem Abschied auf die Braut zutreten und ihr leise zuflüstern:

»Wie kann man Gästen so etwas zum Essen hinstellen? Der Wein war so sauer wie Essig! Und ich habe Ihnen so schöne Rosen gebracht – schicken Sie mir die Blumen zurück. Ich muß morgen zu einer anderen Hochzeit gehen.«

Hochzeitsreden bei der Tafel . . . Hm . . . das ist auch nicht so einfach.

Ich erinnere mich, welch peinlichen Eindruck die Rede eines meiner Freunde auf meiner Hochzeit gemacht hat. Er war Junggeselle und hielt folgende Ansprache:

»Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, der Braut und dem Bräutigam zu gratulieren. Ich könnte dem Bräutigam ein langes Leben wünschen, wenn ich nicht fürchtete, daß er das zügellose Leben, das er vor der Hochzeit führte, fortsetzen wird . . . Lieber Freund, jetzt mußt du von den Weibern lassen und mehr auf die Gesundheit aufpassen! . . . Der Braut könnte ich wünschen, daß sie ein paar hübsche pausbackige Kinder bekommt, aber sie hat bereits vor der Hochzeit ein Kind gehabt . . . Ich könnte den Eltern gratulieren, daß sie das Mädchen endlich vom Hals haben. Es ist wahr, die Braut bekommt eine Villa als Mitgift, aber diese Villa ist baufällig, und ich bin fest überzeugt, daß das junge Ehepaar sofort eine Hypothek aufnehmen wird . . . Also wozu davon reden? Ich wünsche auch der Mutter des verehrten Bräutigams Glück. Ich hoffe, daß ihr Sohn seine Mutter besser behandelt, als ihr Gatte es tat, denn er warf ihr alle Gegenstände, die ihm in die Hand kamen, an den Kopf . . . Ich fühle auch die Freude der beiden Tanten der Braut, sie werden sich einmal sattessen können! Ich will feststellen, daß die Löffel, welche die Tanten heimlich eingesteckt haben, nicht aus Silber sind, sondern aus Aluminium . . . Ich beende meine Rede, trinke auf das Wohl aller Gäste und bedaure, daß mir niemand antworten kann, da alle besoffen sind . . . Hurra!«

Eine derartige Rede hat keine Aussicht auf Erfolg – man kann höchstens durchgebleut werden. Daher empfehle ich – um Mißverständnissen aus dem Wege zu gehen – folgende Rede:

»Verehrte Damen und Herren! Ich sehe unter dem Dache dieses ehrwürdigen Hauses blühende Jugend, geistreiches Alter . . . Was hat sie heute vereinigt? Sie sagen einfach: Peter heiratet Werotschka! Er bekommt 45 Millionen, eine Villa, Silber und wer weiß, was noch. Oh, meine Herrschaften, wie oberflächlich beurteilen Sie, was hier vorgeht . . . Meine Herrschaften, hier wird heute der Grundstein zu jenem großen Geheimnis gelegt, aus dem sich der Staat zusammensetzt. Peter hat endlich seine Pflicht vor dem Staat, vor der Gesellschaft erfüllt. Und wenn Sie seine reizende Braut ansehen, so werden Sie sagen: eine angenehme Pflicht. Meine Herrschaften, ich wäre gern selbst an seiner Stelle. (Allgemeines Gelächter, Applaus.) Aber der Weg ist für mich versperrt, ich bin ein überzeugter Frauenhasser, denn ich bin bereits neunzehn Jahre verheiratet . . . (Bewegung auf der linken Seite, wo die Frau des Redners sitzt.)

Meine Herrschaften, ich erhebe das Glas auf das Wohl des Mannes, der heute ein Mädchen heiratet, das es verstanden hat, bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre seine Reinheit, seine Unschuld zu wahren . . . Ich trinke auf das Wohl ihrer zukünftigen Kinderchen, die sicher den edlen Charakter ihrer Eltern erben werden . . . Ich trinke auf das Wohl der Eltern, die mit freigebiger Hand (eine Villa, 45 Millionen) das junge Paar beglückt haben . . . Ich trinke auf das Wohl der alten Tante, deren Sohn aus lauter Bescheidenheit unter den Tisch gefallen ist . . . Und mein letzter Toast gilt jenem Herrn, der den Rotwein auf das weiße Tischtuch verschüttet hat, und nun Salz auf den Fleck schüttet – denn Salz und Brot bringen Glück!« (Applaus.)

Dann muß der Redner einen Schluck Wein trinken und nach russischer Sitte »Bitter!« rufen – dann müssen sich Braut und Bräutigam küssen. Diese Sitte wird nur bei Hochzeiten angewendet. Später küßt der Mann selten seine Frau – der Hausfreund küßt sie, und der Mann sagt: »Bitter!«

Wenn Sie eine solche Rede halten, werden Sie rasch beliebt, man wird Sie überall einladen und Sie werden zweifellos eines Tages an der Stelle des Bräutigams sein . . .

Was (m)ein Kind braucht – ein Anfang

Für diesen kleine Sammlung von Prioritätn habe ich mit zahlreichen Vätern in meiner Praxis gesprochen. Neben vielen guten Anregungen gab es – für meine Begriffe – zu viele Männer, die abgeblockt haben. Mit der Begründung niemand habe sich in die Familienangelegenheiten einzumischen. Schade fand ich, dass es eine Bitte um Erfahrungen und Anregungen scheinbar als persönlcihen Angriff gewertet wurde. Mein alter Philosophielehrer pflegte in solchen Fällen zu sagen: Nachtigall, ick hör Dir trappsen.

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Anwesenheit – physisch und mit allen Sinnen.  Ein Kind braucht Interaktion, da es aufs Lernen gepolt ist. Immer.  Lassen Sie auch nicht zu, dass Ihr Kind nur noch durch Schule lernt; bringen Sie täglich spielerische Aspekte mit ein. Wissen Sie noch, was Ihnen als Kind Spaß gemacht hat?  Woran Sie gern gebastelt haben, woraus Sie gern rumgebolzt sind. Bieten Sie dies doch ihrem Kind an und machen mit. Entdecken Sie wieder das Kind im Manne und zwar mit Ihrem Zögling. Und damit ist nun wirklich nicht das Herumbrettern mit dem Motorrad gemeint.

Beschützen – nach außen, nach innen. Schutz zeigt man, lebt man vor; darüber sprechen muss man nur bedingt. Es ist ja selbst für Erwachsene kaum greifbar, was damit konkret gemeint ist.

Ansprechbar sein – mein Kind ist wichtiger als die Zeitung, das tablet oder mein Hobby. Wie wäre es, sein Kind mit einzubinden? Selbstverständlich sollte jeder, egal ob Vater oder Mutter, Freiraum für sich haben und diesen auch nutzen. Denn nur wenn es den Eltern gut geht, haben diese die Energie, es ihren Kindern gut gehen zu lassen. Nur sollte halt das Kind nicht darunter leiden.

Respekt – auch wenn es in Ihren Mannesaugen um ein unreifes Kind geht. Denken Sie daran, es gibt immer alles was es kann. Ganz davon abgesehen, dass Sie sich als Kind selbst schlecht gefühlt haben, wenn Sie nicht ernst genommen wurden mit Ihren Bedürfnissen.

Vorbild sein – Kinder lernen in dem sie abschauen und nachahmen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, die eigenen Angewohnheiten zu überprüfen.

Finanziell Verantwortung übernehmen.

Verlässlichkeit – Kinder lernen sehr schnell, wenn Eltern und insbesondere Väter unter „Zeitmangel“ ihre Versprechungen nicht halten. Und wie können Sie von Ihrem Kind erwarten, dass es später anders mit Ihnen umspringt.  Ein gewichtiger Punkt ist dabei sicherlich, auch wenn es am Himmel eher dunkle Wolken hat, seinem Kinde deutlich zu zeigen, dass Sie trennen: zwischen dem Ärgernis und Ihrer bedingungslosen Liebe. Da braucht es keine großen Worte, sondern körperliche Nähe.

Das Kind wirklich annehmen – was bedeutet, die obigen Verhaltensweisen umzusetzen. Ein Kind, insbesondere das eigene sollte niemals als Störfaktor empfunden werden. Der Fehler liegt dann grundsätzlich beim Erwachsenen.  Denn es ist dessen Aufgabe klar zu kommunizieren, Strukturen zu leben und allumfassende Liebe zu geben.

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

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Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

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Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Alfred Lichtenstein Ω Ich! Bekenntnisse einer schönen Seele

Alfred Lichtenstein
Ich!
Bekenntnisse einer schönen Seele

Ich habe Schuhe ganz aus Lack
Und eine Krone in dem Schlips
Und einen hochfeudalen Frack
Und manchmal einen – Schwips

Und hab ein Äuß’res voller Schneid
Und hab ein geistreiches Gesicht
Nur eine ganze Kleinigkeit –
Gedanken hab‘ ich nicht

Ich lese Klopstocks Oden noch
Und esse gerne grünen Aal
Und bin nicht Schuster, bin nicht Koch
Und bin auch nicht – normal

Ich hab‘ nie ein Gedicht gemacht
Nicht einmal einen winz’gen Vers,
Hab auch noch keinen umgebracht
Nun kurz: ich bin pervers.

Refrain: Das klingt zwar etwas komisch
Doch stimmt es ganz genau.
Und wenn Sie’s mir nicht glauben
Dann fragen Sie meine Frau.

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Der Zweizeiler: Der Kuss Ξ Die Augen Ξ Die Abreise Ξ unvollendet

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Ariane legt eine Hand auf meine Schulter, und da, wo sie mich berührt, wird es warm. Und dann küsst sie mich unvermittelt auf den Mund. Sie schmeckt nach Wein, Salz und nach warmer Haut. Wir küssen uns, und dabei nehme ich ihre blaugefärbten Kontaktlinsen wahr. Welche Farbe haben ihre Augen?
Wir hören auf, uns zu küssen. Sie schaut mich an und sagt, wir sollten uns morgen Abend treffen. Das sagt sie wirklich. Dabei habe ich ihr erklärt, dass ich Morgen abreise.

© Oliver Simon 2015

Cats Gedankenwelt: Wir Unersättlichen

P1050639Zu den Grundrechten gehört nach amerikanischer und weitgehend weltweiter Auffassung auch das „Recht, sein Glück zu finden“. Aber wer oder was ist eigentlich dieses „Glück“ und wäre es nicht viel einfacher und sorgenfreier, mit dieser rasanten Jagd aufzuhören, wenn man zufrieden ist? Ein Plädoyer für die Durchschnittlichkeit und ein wenig mehr Bescheidenheit.

Wenn ich an meine ersten Kinderbücher im Kindergarten zurückdenke, fällt mir zuerst das Bilderbuch über die „Raupe Nimmersatt“ ein. Für alle, die dieses „Standardwerk für Kleinkinder“ nie kennengelernt haben: Grob zusammengefasst geht es um eine Raupe, die schlüpft und gleich wie eine Wilde zu fressen beginnt. Solange, bis sie beinah aus ihrer biegsamen Hülle platzt und sich in einen Kokon verkriecht, um ein Schmetterling zu werden. Was lernt ein kleines Kind daraus? Wachstum ist das A und O, um es in der Welt zu etwas zu bringen. Dabei muss man vor allem eines: konsumieren, konsumieren und nochmal konsumieren. Die niedliche, dicke Raupe, die sich selbst in etwas Neuem, Wunderschönen verwirklicht, demonstriert aber noch ein wichtiges Prinzip: Sie weiß, wann sie ihre Wachstumsgrenze erreicht hat und wann ihr kleiner Körper nicht mehr Blätter und Gras in sich aufnehmen kann. Kurz: Sie bemerkt einfach, wann es genug ist.

Natürliche Grenzen

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Oft übersehen wir alles, was schön ist, wenn wir das große Glück jagen

Das ist wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, wie ich es kürzlich im Chinarestaurant empfunden habe, oder wie wir es nach einer langen, fröhlichen Feier mit vielen Snacks und Getränken schon alle kennengelernt haben. Irgendwo liegt eine Art „natürliche Grenze“, dieser Impuls des Körpers: „Wenn du noch mehr isst/trinkst, bekomme ich ein Problem – und du gieriges Etwas gleich mit!“ Ich denke, jeder, der es beim Grillen schon einmal mit den Steaks oder bei der Geburtstagsfeier mit den Schnäpsen übertrieben hat, wird wissen, wie ätzend es sein kann, diese Grenzen trotz aller Warnungen zu übertreten. Ein dicker Kopf und Magenkrämpfe lassen grüßen. So ein Kater oder ein Fresskoma sind nichts Dramatisches und hin und wieder passiert das wahrscheinlich jedem von uns – aber sie erinnern uns an etwas, das wir kurzzeitig vergessen haben: das richtige Maß. So sind wir wieder um eine „Grenz-Erfahrung“ reicher und für die nächste Party ein wenig schlauer. Denn wer sitzt oder hängt schon gerne stundenlang auf der Toilette, bis sich der vollkommen überreizte Magen wieder einbekommen hat?

In Sachen Essen und Trinken scheint das bei den meisten Menschen also gut zu klappen mit der inneren Stimme. Aber wie sieht das eigentlich in anderen Lebensbereichen aus? Zugegeben, es erscheint einem als wahre „Mission Impossible“, aus dieser Unzahl von Angeboten in jedem Markt- und Verbraucherbereich einige wenige Optionen zu wählen. Doch auch aus der großen Vielfalt von Lebensentwürfen, die jedem von uns unvermeidlich auf dem „Weg zum Glück“ begegnen. Die USA rühmen sich zum Beispiel heute noch als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, als ein Zusammenschluss von Orten, an dem jeder Bürger seinen persönlichen „Pursuit of Happiness“, ähnlich einem leidenschaftlichen Goldrausch, für sich entdecken kann. Die Frage ist nur: Was fängt man als normalsterblicher Durchschnittsbürger mit diesem unüberschaubaren Angebot an Chancen, Möglichkeiten und Lockangeboten an?

Wir wollen zu viel

Jeder will hoch hinaus - aber wo ist die Grenze erreicht?
Jeder will hoch hinaus – aber wo ist die Grenze erreicht?

Während der menschliche Magen nach einer gewissen Anzahl Speisen von „All you can eat“-Buffet quasi automatisch zu rebellieren beginnt, muss jeder Mensch in allen anderen Lebensbereichen härtere Entscheidungen treffen. Das heißt im Klartext: In sich gehen und herausfinden, was man wirklich erreichen will. Oder auch, was einen glücklich macht. Da ist sie also wieder, diese schöne Unbekannte „Glück“, die wir nie so recht einzuordnen wissen und der so viele doch ähnlich einer Fata Morgana hinterherjagen. Rechts und links sehen wir lauter schöne, verlockende, glitzende Dinge und Türen, die den Weg in ein vermeintlichen Paradies freigeben und eigentlich abseits unserer eigens gesteckten Ziele liegen. Aber was soll’s – YOLO (Wer den Jugendslang nicht kennt: „You only live once“) und „läuft bei uns“. Nehmen wir, egal, wie alt oder erwachsen wir sind, eben alles mit, was irgendwo abseits des eingezeichneten Pfades liegt, Warum sich entscheiden, wenn man auch alles auf einmal haben kann? Quasi das „All inclusive“- Angebot für eine Luxusreise ins Glück, dairek oder über Umwege wirklich jedem winkt. Der einzige Nachteil dieser „Glückstour“: Wer sie voll auskostet, scheut Entscheidungen. Entscheidungen, die manchmal befreiend, aber manchmal auch unbequem sein können. Die Tore öffnen, aber andere dafür schließen. Eben definitive Entscheidungen, solche, die einen „roten Faden“ ins Leben bringen.

Und was ist daran schlecht?“, werden Sie mich wahrscheinlich nun ein wenig ratlos fragen, „Ist doch toll, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen.“ Dies möchte ich gerne beantworten: Ich glaube, auch wir Erwachsenen brauchen Grenzen, ähnlich wie die „lauten, unverschämten Kinder“, über die viele so unrechtmäßig hierzulande schimpfen. Denn wir geben ja lausige Vorbilder ab, wenn wir keine klaren Ziele mehr festlegen (und uns selbst schon lange nicht), nicht auch mal einer Versuchung widerstehen können, um diese zu erreichen, einfach immer zu viel wollen, und bockig wie Kleinkinder in der Trotzphase sind, wenn uns einmal etwas verwehrt bleibt? Oder auch: Wie sollen die Erwachsenen von morgen ausgerechnet von uns lernen, dass Verzicht und Misserfolge einfach dazugehören, wenn man sich auf den Weg macht, um sein Glück zu suchen?

Zufrieden statt glücklich

Mal ehrlich: Es gibt an jeder Ecke irgendeinen „Experten“, der uns seine Version des ultimativen, alles erfüllenden Glücks aufschwatzen will. Für einige mag dies Religion sein, für andere makellose Schönheit; andere wiederum schwören auf Reichtum und ein möglichst schnelles Fortkommen gegen alle Widerstände. Fest steht jedoch: Man kann nicht alles haben und das ist kein Grund, sich schlecht oder gar „unglücklicih“ zu fühlen. Meine Oma, deren weiser und weitgereister Rat mich immer wieder begleitet, hat einmal gesagt: „Keiner kann alles und keiner kann nichts.“ Ich vermute, was vielen von uns in Zeiten des weltweiten „Schwanzvergleichs“ über die Weltwirtschaft und soziale Medien fehlt, ist einfach eine gute Portion Gelassenheit, Geduld und Dankbarkeit für das, was wir schon erreicht haben.

Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick
Um zufrieden zu sein, braucht es erst einmal Überblick

Der Begriff des „großen Glücks“ klingt sehr verheißungsvoll, geradezu magisch – doch er setzt auch jeden, der danach sucht, unter einen immensen Druck. Gemäß dem Motto: „Wer sein Glück jetzt nicht findet, ist selber schuld.“ Sie kommen sich auch im Labyrinth der unzählbaren Möglichkeiten verloren vor? Da sind Sie sicher nicht allein. Das Leben ist ein Wettrennen und das Glück keine Ziellinie, wie uns mancher Marketingtrick glauben machen will – es lohnt sich also, hin und wieder einfach einen Gang zurückzuschalten, anzuhalten, durchzuatmen und zufrieden die Landschaft zu betrachten, die einen umgibt. Sich einfach ein paar Momente Zeit zu nehmen, um sich so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie: Brauche ich das alles – den perfekten Lebenslauf, den strahlenden Auftritt, die makellosen Beine, das große Auto und den atemberaubenden Orgasmus bei jedem Liebesspiel? Oder ist das alles gar nicht so unverzichtbar, wie ich immer dachte? Hin und wieder sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch einfach fragen, ob man nicht auch mal zufrieden mit dem sein kann, was eben schon da ist und ob man wirklich dem nächstbesten „großen Traum“ nachjagen muss, um am Ende vielleicht doch in einer Sackgasse zu landen. Zufrieden – ja, das klingt in der Tat nach Mittelmaß, Kompromiss und Durchschnittliichkeit, also wenig glamourös im Vergleich zu „glücklich“ oder „traumhaft“. Doch einmal unter uns gesprochen: Nicht alles zu wollen und wie die kleine Raupe Nimmersatt einfach geduldig seinen Kokon zu bauen wie alle anderen Raupen auch, kann Erholung pur sein in einer Welt, in der viel zu viele Menschen viel zu verbissen diffusen Träumen hinterher laufen und dabei nicht einmal mit den Füßen den Boden berühren. Da bin ich doch gerne einfach „nur“ zufrieden. Gut, manchmal bin ich auch unzufrieden. Dann muss ich halt etwas ändern – Schritt für Schritt.

Erotik – Was ist das schon?!

Veröffentlicht doch mal wirklich erotische Texte. Diese Mail kommen immer wieder rein. Im Grunde gern, nur, was ist eigentlich erotisch? Ist das eine skalierbare Größe wie des Mannes Glücksbärchie?

Mit 14/15 Jahren fand ich es wahnsinnig erotisch, wenn wir in der Sportstunde eine bestimmte Lehrerin – Frau Böttcher – als Vertretung hatten. Die trug damals selbst beim Sport keinen BH…und wenn es ihr warm wurde, öffnete sie den Reißverschluss ihrer Jacke…. sowas bringt wohl nur pubertierende in Wallung.

Erotik ist für mich einfach nicht zu fixieren. In meiner Karriere als mehrfacher Ehemann ist mir nie bewusst gewesen, wie erotisch ein Steak vom Grill sein kann. Jetzt, als Single, der sich überwiegend von TK-Gerichten ernährt, üben Speisenkarten auf mich einen erheblich größeren Reiz aus, als  Playboy- oder Hustler-Hefte.

Tja, Erotik ist wohl eine sehr persönliche Angelegenheit. Wie sonst könnte es bei gleichem Anlass zu so
unterschiedlichen Reaktionen kommen?
Beispiel gefällig?!  Ich schlafe seit ewigen Zeiten nackt. Ist das erotisch? Eindeutig nein, wenn ich an die Kommentare meiner letzten Exfrau denke: “Zieh Dir was an, wenn du in´s Bad gehst, damit du dich nicht erkältest!”
Eindeutig ja, wenn ich an die Reaktion ihrer besten Freundin denke, als meine Ex im Urlaub war: “Lass uns doch zusammen duschen…”

Und momentan? Wenn meine Gespielin mich anruft: “Deine Stimme ist so, wie andere Männer gerne küssen können würden, deine Gedichte bringen mich näher an einen Orgasmus, als der Körper eines anderen Mannes…” Dann weiss ich, Erotik ist etwas was in dir passiert. Eine Sache, die ohne Kontrolle stattfindet. Und das eigentliche Objekt deiner Begierde ist das Gefühl, das in dir entsteht. Liebe ist Erfüllung, Erotik ist die Lust an deiner Lust.

Gastbeitrag von Matthias Renner – Stammgast bei Marvin.

Wie sich eine Escort-Dame auf ihr Date vorbereitet

„Ein perfektes Date beginnt für mich mit Zeit: Phantasien zu entwickeln, mir vorzustellen wie „ER“ sein wird, mich schön anzuziehen um Ihn „Herzlich Willkommen“ zu heißen und eine wunderbare Zeit miteinander verbringen zu können.

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Meine Herren, wann haben Sie sich das letzte Mal auf ein Date mit Ihrer Partnerin vergleichbare Gedanken gemacht?!

Chiara, 32 – Berlin

Der Mann als Witz – Warum ist es so schwer, einen lustigen, liebevollen, netten, sensiblen, intelligenten Mann aufzutreiben?

Warum ist es so schwer, einen lustigen, liebevollen, netten, sensiblen, intelligenten Mann aufzutreiben?
Die Antwort ist sehr einfach:
Wie alles auf dieser Welt ist dies eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage. Wenn Frauen wirklich lustige, liebevolle, nette, sensible, intelligente Männer mögen würden, wären auch genug da.
Aber in Wirklichkeit wollen sie reiche, muskulöse, beschränkte Männer. Das erklärt die Vielzahl von Bodybuildern und Politikern, die wir vorfinden.

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Michael Jurjewitsch Lermontow – Mädchen haben wir…

Mädchen haben wir, ich weiß,
Ihre Augen sind wie Sterne;
Lieben, ja, das will ich gerne,
Doch nicht um der Freiheit Preis.
Wer sich einmal nimmt ein Weib,
Geht der ganzen Welt verloren,
Ach, und bald hängt er die Ohren
Gibt’s wohl lust’gen Zeitvertreib?

 


Michael Jurjewitsch Lermontow (1814 – 1841 (im Duell)), russischer Offizier, Schriftsteller und Lyriker, wurde zweimal strafweise in den Kaukasus versetzt, war Hauptrepräsentant der russischen Romantik nach Puschkin

Cats Gedankenwelt: All you can(‚t) eat!

P1050639Ob Low Carb, Paleo, Frutarier, Vegetarier, Veganer, Steakliebhaber oder Genuss aus der Region – jeder Mensch hat seinen eigenen Ernährungsstil, wie er seinen eigenen Modestil hat. Ärgerlich nur, wenn die Stimmen, die einem alles verbieten wollen, was Spaß macht und schmeckt, sich derzeit lauter denn je in unsere Köpfe bohren wollen. Das kann einem ganz schön den Appetit verderben.

Wir alle müssen essen. Es ist ein Grundbedürfnis aller Lebewesen, Energie zu sich zu nehmen und zu verwerten. Im besten Fall bringt uns das auch noch Genuss und eine gewisse Form von Zufriedenheit. Nun ja, zumindest sollte es das – gäbe es nicht diese vielen kleinen, zynischen Stimmen, die uns vergessen lassen wollen, dass Nahrung uns mehr als nur Sättigung gibt. Und Zeitgenossen, die sich das „richtige“ und „falsche“ Essen zum Lebensziel erklärt haben. Aber gibt es ein „Richtig“ und ein „Falsch“, wenn es um die schönste Hauptsache der Welt geht? Vor allem aber, worin liegt der missionarische Ehrgeiz mancher Menschen, anderen die Speisen auf ihrem Teller madig zu machen? Eine Typologie.

Immer nach Vorschrift essen? Wie langweilig ,,,
Immer nach Vorschrift essen? Wie langweilig ,,,

Immer diese Kalorienspalterei! Ich weiß nicht genau, wer wann damit begonnen hat, unsere Nahrung begrifflich in immer kleinere Elemente aufzuspalten und jedes davon mit detaillierten Mengenangaben zu listen. Inklusive Durchschnittstagesbedarf – und den „gesundheitlichen Vorteilen“ des Nahrungsmittels, ob nun wahr oder nur PR-geschönt. Jedenfalls kann es ganz schön nerven, ständig eine Welt „guter“ und „böser“ Nährstoffe vor Augen zu haben oder auch von anderen ungefragt dauernd daran erinnert zu werden.

Schreckgespenst Krebs und andere Panikmache. Es ist gut zu wissen, wenn eine reale Seuche das Fleisch im Supermarkt und auf den Wochenmärkten gefährlich macht. Oder wenn ein Spritzmittel auf Obst und Gemüse für uns oder die Umwelt tödliche Folgen hat. Eigentlich können wir für jede fundierte Studie dankbar sein, die über wirkliche große Gefahren aufklärt. Doch wie seriös können Meldungen um neue „krebserregende“, „gefährliche“ Stoffe in Nahrungsmittel noch sein, wenn gefühlt jeden Tag neue Schreckensnachrichten über das Internet über wenig fundierte Nachrichtenportale verbreitet werden?

Diäten, Diäten, Diäten. Der Verzicht auf alles, was schmeckt und Freude macht, scheint schon seit jeher eine Art der Selbstoptimierung zu sein; von der vor allem Frauen seit Cleopatras Zeiten Gebrauch gemacht haben. Doch auch bei Männern im Sport haben schon immer bereitwillig Einschränkungen in Kauf genommen, um ihrer athletischen Form auch weiterhin Rechnung zu tragen. Sei es bei den frühen Olympischen Spielen oder im heutigen Profiradsport. Das ist gerechtfertigt und passt in den Sport – dennoch sollten Sportler und auf Aussehen bedachte Menschen nicht alle anderen „missionieren“ wollen, die diese Leidenschaft für das „richtige“ Essen nicht uneingeschränkt teilen.

Sein Essen zu publizieren, liegt im Trend - deshalb haben wir es zur Anschauung auch mal gemacht!
Sein Essen zu publizieren, liegt im Trend – deshalb haben wir es zur Anschauung auch mal gemacht!

Das ewige schlechte Gewissen. In Ordnung, die ethischen Gründe gegen Fleisch, Milch, Eier und gegebenenfalls nicht fair gehandelte Lebensmittel gehören noch zu denen, die mich am ehesten berühren. Im Grunde will niemand viel über Massentierhaltung, ausgebeutete Landwirte und unmenschliche Produktionsbedingungen etwas hören und lesen – dennoch muss ein Bewusstsein entstehen. Dies lässt sich jedoch nicht mit der Holzhammermethode erzwingen, denn Erkenntnisse müssen immer freiwillig kommen und akzeptiert werden.

Das Verteufeln von Alltagsritualen. Wir haben oft schon von Kindheit an bestimmte Ernährungsmuster, die uns prägen. Bei mir war es zum Beispiel zu Hause seit jeher üblich, dass es morgens Toast mit süßem Aufstrich oder bestimmte Arten von Cerealien zu essen gab. Was soll ich sagen, ich bin fast dreißig – und habe diese „Tradition“ immer noch so verinnerlicht, dass ich sie gar nicht hinterfrage. Ebenso gab es bei uns zu Hause über Jahre hinweg samstags fast immer Pasta mit unterschiedlichen Soßen und sonntags Kartoffeln mit Fisch oder Gemüse. Und ja, mir gibt es immer noch ein Gefühl von Zufriedenheit, von „Heimat“. Menschen, die diese Art von Lebensritual verspotten oder schlecht machen wollen, sorgen nicht selten für Unmut und wirken respektlos.

Essen gehört in jede Kultur hinein - und ist ein soziales Ritual
Essen gehört in jede Kultur hinein – und ist ein soziales Ritual

Genussverächter auf Missionskurs. Wer sich nicht hin und wieder selbst etwas gönnen möchte und anderen gar missbilligend auf den Teller schielt, macht sich gerne unbeliebt. Bei manchen ist es ein sehr harmloser Anfang, zum Beispiel Diät- und Kaloriendiskussionen am Tisch in größerer Runde. Während jeder dabei mit viel Mühe noch weghören kann oder das Thema umlenken, gibt es allerdings auch besonders unangenehme Situation, wo selbsternannte „Ernährungspäpste“ ungefragt den Schüsselinhalt ihrer Mitmenschen kommentieren oder ihnen ein schlechtes Gewissen einreden wollen.

Um es kurz zu machen: Ich weiß nicht genau, warum viele Menschen mit #foodporn, Belehrungen (online auf Facebook sowie „offline“ am Mittagstisch) und geradezu fiebrigem Eifer Essen zu einer Art neuen Religion erklären. Ist es eine der weniger verbliebenen Arten, sich hervorzuheben und zu profilieren? Eines steht jedenfalls fest … Das Prinzip „All you can’t eat!“ nervt gewaltig und die Devise sollte wieder lauten: „Essen und essen lassen“. In diesem Sinne – guten Appetit!

Ferdinand Kürnberger – Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt – Novelle 1858

Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt

Das war eine einfache, aber durch Ort und Umstände merkwürdige Reflexion, die in einem Zwischenakte der »Gezähmten Widerspenstigen« aus einer Parterreloge heraus mein Ohr traf. Eine sonore Männerstimme intonierte mit einem schönen, pathetischen Baß die Worte:

John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens
John William Waterhouse – Ulysses und die Sirenen – 1891 – National Gallery of Victoria, Melbourne

trennlinie2»Käthchen und Petrucchio werden immer dankbare Rollen bleiben, im übrigen gehört das Stück veralteten Sitten an. ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ müßte heute ein psychologisches Problem sein; nur in naiveren Zeiten durfte selbst Meister Shakespeare wie ein Menageriewärter es anfassen und die Widerspenstige durch Hunger zähmen.« Worauf ein bildschönes Kind an seiner Seite, indem es mit feingantierter Hand die von einer kostbaren Perlenschnur durchblitzten Locken aus dem Gesichte strich, ernst und bescheiden die Bemerkung zum besten gab:
»Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Ich hätte bald laut aufgelacht. Ei, du naseweises Frettchen, was weißt du von Hunger in deiner Theaterloge und deinem Perlenkranze? Hast dein reizendes Naschen etwas früh in die sentimentalen Poesien der »sozialen Not« gesteckt! Armes Fortschrittsfräulein! Die Mama durfte noch mit Geibel und Lenau schwärmen, das Töchterchen liest schon Freiligrath und Barbier und ist mit den »hohläugigen Gespenstern« der modernsten Hungerlyrik vertraut. Seltsame Mädchenpoesie!

Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.
Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.

Auf einmal dachte ich an jenen ehrenwerten, aber noch immer etwas fremdartigen Teil unserer Mitbürger, welchen der größte Überfluß aller Theaterlogen und Perlenschnüre nicht vor dem Hunger schützt, nämlich vor dem gottesfürchtigen Hunger des Jom Kipur. Einer, aber ein Löwe. Ein Fasttag im Jahre, aber ein scharfer! Schade, daß ich das reizende Näschen nicht auf die Ahnen- und Wappenprobe jenes gewissen orientalischen Schnittes angesehen. Es war schon zu spät, es war schon im Nachhausegehen, als zwei Herren hinter mir in den kühnsten Modulationen ihres Jargons ein Duett über ein Wollgeschäft sangen und meine Phantasie plötzlich die Lichtspuren des Morgenlandes wandelte.

Übrigens wären es doch falsche Spuren gewesen. Auf die rechte Spur führte mich erst der Zufall, der an jenen Augenblick wieder anknüpfte und ihn abschloß mit jenem kleinen Geschichtchen, womit ich selbst schließen will.

Ich wurde in der Stadt, die ich am Theaterabend der »Widerspenstigen« als Fremder betreten, bald genug heimisch – ich darf nicht sagen, dank meinem geringen Namen oder meiner vielen Empfehlungsbriefe. Mit den letzteren ging es wie immer. Hochtönend vielversprechende Adressen blieben unfruchtbar und zergingen in nichts; bescheidene, fast nur als Lückenbüßer mitgenommene, wurden Stützpunkte und gastliche Heimstätten.

So war die Frau Rat, die Gattin eines Kaufmannes, dem sich der Titel Kommerzienrat zugesellt, nur eine schlichte, arbeitsame Bürgersfrau, aber sie beseelte ein Haus, worin es jedem traulich und wohl wurde. Alles Schöne und Gute war da, aber so anspruchslos, daß man es Zug für Zug erst entdeckte, was die Freude daran nur vermehrte. Es war der einzige, aber der liebenswürdigste Mangel dieser Frau, der Mangel an Logik, daß sie bei ihren Büchern ihr Hauswesen und bei ihren Hausgeschäften ihre Bildung zu versäumen fürchtete: in Wahrheit pflügte sie dieses wie jenes Feld und auf beiden ging’s vorwärts. Sie konnte oft mit ernsthaftem Eifer fragen: »Sagen Sie, was ist jetzt das Beste unter den literarischen Neuigkeiten? Man wird ganz dumm bei den ewigen Küchen- und Wäschezetteln.« Aber das »beste Neue« mußte schon selten sein, denn gewöhnlich kannte sie es bereits, ohne es selbst zu wissen. Sie glaubte nämlich, es müsse viel mehr sein; sie stellte sich mit echt weiblichem Horizont das, was die Männer leisten, eigentlich als ein unbegrenztes Reich vor und war oft erstaunt (ich dann beschämt), daß sich unsere geistigen Männertaten, welche wirklich zählten, so leicht an den Fingern abzählen ließen. Sie begleitete uns daher fast mühelos auf unseren Bücherwegen und erfüllte noch ihren eigenen großartigen Pflichtenkreis mit unverwüstlicher Spannkraft und ewig gutem Humor. Ihr Haus war versorgt, ihre Familie blühte, sie erzog Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen der Söhne und Töchter, sie strahlte Mütterlichkeit aus, so weit sie reichte, oder auch, es flog ihr zu, was von ihrem tätigen Menschensinn mit reiner Empfänglichkeit angezogen wurde. An ihrem Vesperkaffeetisch zum Beispiel fand ich regelmäßig ein oder das andere fremde Mäulchen: bald einen schüchternen Jungen, bald ein quecksilbernes Backfischchen, kurz, Kinder, welche »das Kind im Hause« waren, wie ich selbst »der Onkel« geworden. Und halb Kuchen, halb Klassiker im Munde (sehr frei nach Goethe), war es für Mutter und Onkel immer ein dankbares, oft interessantes Publikum.

So saß ich eines Tages am Kaffeetisch der Frau Rat, da kam ein junges, aufgeschossenes, aber sehr schönes Mädchen herein, das die Haustöchter sogleich mit den Worten anfielen:

»Das Gedicht! das Gedicht! Was hast du ihr Schönes und Spitziges ausstudiert?«

»Nichts.«

»Flausen! Keine Ziererei! Her mit dem Stammbuchvers! Wir sind neugierig. Was hast du geschrieben?«

»Auf Ehre, nichts.«

Die Töchter stoben wie Sturmvögel auf, aber das fremde Mädchen lächelte in den Sturm und hielt ihn mit heiterer Gelassenheit aus. Als sie wieder zum Worte kam, sagte sie:

»Im Ernste, Kinder, bedenkt doch, die Paula hat eine kleine Anlage zur Koketterie und ihr ganzes Stammbuch wimmelt von Versen, die darauf spekuliert und die ihr geschmeichelt haben. Was soll man da schreiben! Eine leichte satirische Anspielung, aber ohne zu verletzen, und mit Liebe und Freundschaft. Ihr habt es richtig genannt: Schönes und Spitziges. Nun, zum Schönen hätte ich vielleicht ein kleines, fades Talent, aber zum Spitzigen nicht die nötige Autorität. Seht ihr, daran scheiterte ich. Nach langem Hin- und Hersinnen gab ich’s auf und deckte mich hinter eine klassische Autorität. Ich tat zuletzt nichts, als daß ich ihr aus einem Trauerspiel des Seneca den trockenen Moralspruch abschrieb:

Wer wahre Liebe sucht Und wahres Lob, der strebe mehr Nach Huldigung der Herzen als der Zungen.«

»Bravo, bravo!« riefen die Töchter und selbst die Frau Rat sagte beifällig:

»Das hast du gut gemacht, Meta. Es klingt mild, fast galant und sie versteht es doch.«

Dieser Auftritt gefiel mir und animierte mich, daß ich, ohne noch vorgestellt zu sein, mich drein mischte. Ich sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Fräulein, daß auch ich Bravo rufe.« Aber das berühmte weibliche Postskriptum schien mir hier am Platze. »Wie sollen junge Mädchen es wissen, ob das Herz huldigt oder die Zunge? Was ist der Unterschied, mein Fräulein?«

Sie sah mich groß an und antwortete mit bündigster Naivität:

»Natürlich, ein Heiratsantrag.«

Ein großes Gelächter erscholl, aber obgleich ich mitlachen mußte, sagte ich nicht ohne ernstliche Hochachtung:

»Mein Fräulein, Sie besitzen eine bewunderungswürdige Gabe, die Klassiker noch klassischer zu machen. Sie sind die beste Textausgabe unseres Seneca. Ich habe den trockenen Moralisten nie weniger trocken und mehr anmutig gesehen.«

Und ich fühlte mich gedrungen, ich gestehe es, über den Vesperklatsch dem interessanten fremden Mädchen eine respektvolle Aufmerksamkeit zu widmen. Dafür lachte mich dann die Frau Rat wieder aus. Frauen lieben es, wenn sie einen Mann in seinem Geschäfte des Idealisierens betreten, mit den derbsten Duschen der Realität ihm zu Hilfe zu kommen.

»Mein Fräulein, mein Fräulein,« spottete sie hochtrabend; »Sie haben mir heute gefallen! Aber wenn Sie ›mein Fräulein‹ erobern wollen, so brauchen Sie ihr nicht so hoffähig den Hof zu machen. Bringen Sie ihr künftig nur eine Mundsemmel mit.«

»Eine Mundsemmel? Wie verstehen Sie das, Gnädigste?«

»Das verstehe ich so, mein Herr. ›Mein Fräulein‹ feierte jüngst ihren fünfzehnten Geburtstag und klagte mir bei dieser Gelegenheit: ›Da haben sie mir heute alle möglichen Glückwünsche und Blumen und Goldschnitte gewidmet, aber ich seufzte in meinem Herzen: Ach, wenn ich es zu meinem fünfzehnten Geburtstag lieber erreichen könnte, daß ich zu Hause die zweite Semmel zum Kaffee bekomme. Eine Semmel wird mir wirklich schon zu wenig, liebe Frau Rat.«

»Das ist gelungen, Frau Rat,« antwortete ich lachend. »Aber gesiegt haben Sie doch nicht. Auch wenn Sie es noch so gut verstehen, ›das Erhabene zu schwärzen‹, Sie haben mir das poetische Kind durch seine Liebe zum Bäckerladen höchstens menschlicher, nicht unpoetischer gemacht.« Noch redete ich, da durchhuschte plötzlich ein Bild meine Erinnerung. Ich sah das schöne, schmalgesichtige Mädchen am Theaterabend der »Widerspenstigen«, ich hörte den Ton jenes aufrichtigen Seufzers: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh.« Ich lachte nicht mehr. Ich wurde ernsthaft. Die Frau Rat bemerkte es und ich zauderte nicht, ihr den Grund davon zu erzählen. Ich sprach die Vermutung aus, daß ihre junge Hausfreundin Meta und jene Sprecherin in der Loge, deren Bild mir wieder aufdämmerte, wohl dieselbe Persönlichkeit sei. Die Frau Rat ließ sich die Loge, so gut ich konnte, beschreiben und bestätigte meine Vermutung. Es war die Loge eines berühmten Dichters. Er hatte sich in der Literatur jene schwer definierbare Stellung errungen, ein Schriftsteller zu sein, »der in den Händen aller Gebildeten ist«. Aller Gebildeten! Das ist eine Stärke und eine Schwäche. Darin lag der Glanz und – die Schwierigkeit seiner sozialen Position. Den Glanz mußte er repräsentieren – war er doch auch Ritter mehrerer Orden, hatte ihm doch auch sein Staat den Titel »Hofrat«, wenngleich sonst nichts, verliehen; kurz, er mußte ein Haus machen, einen Bedienten halten, Gäste bewirten, die seinem Ruhme den Hof machten, und das alles aus knappen Mitteln, aus Mitteln eines Dichters, dessen Werke mehr gelobt als gekauft, dessen Theaterstücke als »Ehrenpflicht« und »Ehrenschuld« aufgeführt werden; mit einem Worte eines Dichters, der »Kaviar fürs Volk« schreibt. Natürlich wurde die arme schöne Meta vom Kaviar nicht satt und wünschte die zweite Kaffeesemmel und seufzte: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Meine ganze Teilnahme war rege.

»Hören Sie, beste Frau Rat,« sagte ich, »geben Sie ja acht, daß mir dieses Mädchen nicht sitzen bleibt. Bei ihrer Armut hat sie leider Aussicht dazu, und doch wäre das liebenswürdige, gebildet Kind des schönsten Loses wert. Da ist eine Frau wie Sie so recht in ihrem Amte als glückliche Ehestifterin. Versprechen Sie mir, in diesem Punkte sie zu bemuttern, und wenn ich einst wieder komme, lassen Sie mich etwas recht Gelungenes hören.«

Mit diesem Vermächtnis verließ ich die Stadt, die ich erst nach drei Jahren wieder betrat. Ich brauche mich nicht zu rühmen, daß ich des Dichters Töchterlein nicht vergessen hatte. Eine Sympathie, deren Gegenstand so interessant, ist wahrlich kein Verdienst.

Ein wenig im Sturme überfiel ich daher meine liebe Frau Rat mit der Frage:

»Nun, meine gnadenreiche Gnädigste, lassen Sie hören: haben Sie unsere schöne Meta verheiratet?«

»Das hat sie schon selbst getan,« war die Antwort.

»Um so besser. Und wer ist der Glückliche?«

»Ein starker Esser.«

»Aber hören Sie auf! Was sind das wieder für Humoresken?«

»Daß ihr Herren immer nur Idealisches hören wollt.«

»Ernsthaftes wenigstens. Sprechen Sie im Ernste, Frau Rat.«

»Aber wenn mein Geschichtchen ein bißchen spaßhaft wäre?«

»Nennen Sie das einen Spaß, meine schöne Seele so zu erschrecken?«

»Ja, sehen Sie, dafür bin ich eine nüchterne, prosaische Kaufmannsfrau. Romantik habe ich nicht. Die finden Sie in den Leihbibliotheken. Ich habe nur eine Geschichte: wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt.«

»Als starker Esser?«

»Ganz recht, durch Essen und Trinken. Durch guten Appetit beim Souper.«

»Was will ich machen? Ich bin Ihr frommer Knecht und ertrage Ihrer Launen Übermut wie der Balladen-Fridolin. Wenn nur meine Meta gut versorgt ist.«

»Das ist sie. Gott sei Dank, ja! Glänzend versorgt, glücklich verheiratet, und das alles, weil ein prosaischer Mann, anstatt ihr Bild zu verschlingen, das ganze Souper ihrer Familie verschlang.«

»Dabei bleiben Sie also! Ich bin neugierig.«

»Nur nicht zu sehr, wenn ich bitten darf. Meine Geschichte ist ungeheuer einfach und hausbacken. Urteilen Sie selbst:

Der Hofrat und sein Verleger hatten jahrelang aus der Ferne verkehrt und ihre Geschäfte durch Korrespondenz besorgt. Ein größeres Unternehmen – ich glaube, eine Gesamtausgabe – machte die Brieflast drückender, zumal da ein strenger Winter die zarte Gesundheit des Dichters molestierte. Der Verleger, der seinen Mann, wenn nicht gewinneshalber, doch als ›Perle seines Verlages‹ außerordentlich hochschätzte, machte ihm die Avance einer weiten Reise und fand sich am Wohnort des Dichters zu einer persönlichen Zusammenkunft ein. Er war angekündet, zwar auf den Tag, aber nicht auf die Stunde und überfiel den Hofrat im Reisepelz, als die Familie sich just zum Souper setzte. Natürlich wurde dem Gast ein Kuvert aufgelegt und ebenso natürlich nahm er es an – womit der Knoten unseres Dramas geschürzt ist.

Der Verleger ist ein steinreicher Mann; seine Person müssen Sie sich rundlich, rotwangig, echt muskulös, aber gar nicht historisch vorstellen; seine Laune heiter, jovialisch, voll Lebenslust und Genußfähigkeit. Kurz, ein Typus voll Glück und Gesundheit. Ihr Poeten in eurem Neide nennt das: ›ein kleiner Vierschröter‹, wenn ich nicht irre. Und dem kleinen Vierschröter gegenüber sitzt Ihr Ideal, die feine, schmalgesichtige Meta. Was würdet ihr Dichter aus einem solchen Kontraste herausschlagen! Ich denke mit Schadenfreude daran, denn die Wirklichkeit machte gar nichts Effektvolles daraus, sondern bloß – ein Menschenglück. Im übrigen ist die Prosa dieses Soupers so schrecklich wie jedes Gesellschaftskauen, ja, noch ein wenig schrecklicher.

Denn wie der Bediente nun die Vorlegschüssel mit dem zerlegten Huhn herumreicht und sie dem Gaste zuerst hinhält, schaut ihn dieser großmächtig an und sagt mit vernichtender Ruhe: ›Stellen Sie nur nieder, mein Lieber, Sie könnten lange stehen und warten, bis ich aufgegessen habe. Ich kann ja das Huhn nicht auf einmal verschlucken, sondern nur bissenweise; setzen Sie ab, mein Bester.‹ Mit diesen Worten faßt er den Präsentierteller, wippt alles auf seinen herüber und fährt gemütlich fort: ›Einen Wolfshunger bringe ich den Herrschaften mit. Die Mittagsrestauration in Hundeshausen wird immer polizeiwidriger; ich versparte mir meinen besten Appetit aufs Souper. Und mein Appetit ist ein Altmärker; bei uns zu Hause haben wir das Sprichwort: »Dem Manne eine Ente!« Ich brauche vier. Ich fürchte, ich esse das ganze Haus auf. Aber wir arrangieren uns schon. Sie haben einen »Charcutier« da drunten, einen gar guten Nachbar. Im Vorbeifahren sah ich einen beachtenswerten Rehrücken im Schaufenster; ›den bringen Sie uns herauf, mein Guter!‹ wandte er sich an den Bedienten. Und da dieser, mit der Weinflasche andächtig trippelnd, einzuschenken begann und sein wie ein Likörgläschen schmächtiges Weinglas tropfenweise füllte, fiel ihm der Buchhändler rasch in den Arm und vergröberte die zarte Arbeit, indem er die ganze Weinflasche mit kurzem Prozeß in sein Wasserglas stürzte. ›Heute muß ich tiefere Züge machen,‹ sagte er freundlich. ›Was so ein Schnellzug Rauchmassen in die Gurgel wirft, ist nicht auszusprechen; ich werde tüchtig zu waschen haben, um meinen inneren Menschen zu säubern. Bringen Sie mit dem Rehrücken gleich vier Flaschen Laffite mit; ein Charcutier wird ja auch Wein haben. Aber machen Sie schnell, Sie verdienen sich eine Rettungsmedaille.‹ Sprach’s und schob dem Bedienten einen Fünfundzwanzigtalerschein in die Hand und ihn selbst zur Tür hinaus.

Die gute Meta war aus den Wolken gefallen. Bewandert in den Literaturen, kannte sie wohl jenes finnländische Epos, worin die Helden einen gebratenen Ochsen verzehrten, der so groß ist, daß ein Eichkätzchen drei Tage lang an ihm hinanläuft, aber sie hätte sich nimmermehr träumen lassen, von dieser Bratenpoesie ein Stück Wirklichkeit zu schauen. Da saß er, der Riese aus der Altmark, die von Finnland gar nicht so himmelweit entfernt ist. Dem Manne eine Ente, sagen sie dort. Welch ein Land! Und das verschweigt Ritters Erdkunde! In diesem Zauberlande würde man wohl auch sagen: Der Frau ein Huhn. Ach, nur ein halbes, ein Viertel! Aber bei ihr zu Hause wird das Viertel in Achtel und noch das Achtel in Sechzehntel zerlegt, und wenn sie beim zweiten Herumreichen ein zweites Sechzehntel nimmt, riskiert sie schon einen Rügeblick der Mama oder gar die laute Zurechtweisung: »Aber, Meta, was werden die Gäste denken, wenn du alles allein ißt!« Und dort fliegen die Sechzehntel ungezählt in den Mund – großartig anzusehen!

Ihr Gesichtskreis erweitert sich. Jetzt weiß sie, was essen heißt. Es heißt weder naschen noch fasten. Das Schauspiel ist ihr neu. Und es sieht sich ganz angenehm an. Mitzuspielen wäre freilich am besten, aber auch das Zusehen ist schon ein Genuß. Schon die Tatsache ist beglückend, daß man überhaupt essen darf. Von dieser Seite war ihre Weltanschauung immer nur lückenhaft.

Und sage man nicht, daß es unästhetisch ist und das gebildete Auge beleidigt. Der Mann dort macht seine Sache gar nicht so rüde, wie das starke Essen gewöhnlich den Ruf hat. Er ist wie ein lachender Sommertag, wo alles einerntet – poetischer mag der ahnungsvolle Frühling oder der elegische Herbst sein; aber – Sommer ist Sommer! Und der Sommer ist kein Egoist; er lebt nicht nur selbst, sondern von ihm lebt eigentlich eine jede Jahreszeit. Und ganz so dieser rotwangige Sommermann. Denn als nun der Rehrücken und die Bordeauxflaschen kommen, da schneidet er das köstliche Fleisch in Scheiben, dicker als man an diesem Tische sonst das Butterbrot schnitt, lanciert rings in die Teller die mächtigen Stücke und bedankt sich dabei fortwährend: »Wirklich, das ist zu liebenswürdig; daß Sie mir Ihr warmes Souper opfern und mit meinem kalten vorlieb nehmen. Gott lohne es Ihnen, was Sie an einem armen Reisenden tun; Sie erweisen mir eine unschätzbare Wohltat. Mein Magen war kalt wie ein Eiskeller, aber mit dem warmen Hühnchen im Leibe fühl ich’s wie einen Rosengarten, ich schäme mich, daß ich das Opfer annehme. Nun, einmal im Jahre schadet’s den Kindern wohl nicht, auch kalt zu essen. Nur ein Gläschen Bordeaux rate ich darauf zu setzen, Bordeaux wärmt auch!‹ Und als man ihm in den Arm fällt: ›Um Gottes willen, nicht so viel Wein, Sie töten die Kinder!‹ da lacht er nur und sagt: ›Ja nicht, Herr Hofrat! Ihr Verleger bringt Ihre Kinder nicht um, weder Ihre Geisteskinder noch Ihre leiblichen. Ein kleiner Schwips kostet den Kopf nicht.‹ Und unwiderstehlich muß alles essen und trinken, köstlich, reichlich, im Superlativ; der Sommermann macht den glänzendsten Wirt und bedankt sich dabei wie der dankbarste Gast.

Wohlan, da haben Sie nun einen Eindruck auf ein poetisches Mädchenherz! Machen Sie daraus, was Sie wollen – ich mache eine Hochzeit daraus.

Das Herz nämlich hat der vortrefflichste aller Buchhändler freilich nicht gesehen; aber im Nachhausegehen und droben in seinem Hotelzimmer klingt es ihm mehr und mehr nach, wie ihn das junge Mädchen mit ihren Blicken beachtet. In ihren Blicken war ein Erstauntsein – und zwar kein spöttisches; nein, ein Erstauntsein mit Wohlgefallen. In dieser Verbindung aber heißt es Bewunderung. Er ist bewundert worden! Was war das?! Koketterie war es nicht – er ist ein längst geschulter Kenner – es war noch das unschuldigste Gegenteil davon. Wenn ein Backfischchen das enfant terrible passiert hat, das mit dem Munde herausplatzt, so kommt noch ein Jahr oder zwei, wo es mit den Augen herausplatzt. In dieses Stadium versetzt der gewiegte Mann die kleine Meta. Sie hat ihn mit aufrichtigen Blicken bewundert. Wie das zugeht, weiß er selbst nicht. Er zündet alle Lichter seines Armleuchters an, er beschaut sich im großen Ankleidespiegel, ob irgend etwas geheim Bewunderungswürdiges, was man zu Hause noch nicht entdeckt hat, an ihm sei; denn kein Prophet gilt ja im Vaterlande …. ›Ah, bah, Einbildung oder Château Lafitte! du bist ein Narr, leg‘ dich schlafen!‹

Aber in seine Träume lacht noch das Auge hinein, das ihn angesehen – mit lachendem Herzen! Und so wacht er auf. Die Träume sind fort, Château Lafitte ist fort, aber die Einbildung ist da. Wahrlich, es muß doch mehr als Einbildung sein. Du Zaubermädchen, du! Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Sie ist gebildet, hochgebildet, hat Literaturkenntnisse weit über ihre Jahre hinaus, obwohl sie nur wenig und mit größter Bescheidenheit gesprochen. Aber« – erinnerte mich die Frau Rat – »vor drei Jahren hat Ihnen der Stammbuch-Seneca ja selbst imponiert. Oft genügt ein einziges Wort. Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Da haben Sie die Pointe meiner Geschichte: Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt! Der prosaische Mann nämlich ist noch an demselben Morgen beim Hofrat vorgefahren und hat mit einer Armensündermiene gestottert: »Herr Hofrat, sprechen wir heute noch nicht von unserem Geschäfte. Ich bin gekommen, um einen anderen Artikel von Ihnen zu verlangen. Ich muß leider fürchten, daß Sie damit höher hinaus wollen – und ich müßte Ihnen noch dazu recht geben – denn es wäre das Kostbarste, was ich aus diesem Hause mitnehmen könnte. Herr Hofrat, ick bitte um die Hand Ihrer Tochter Meta.«

Den bleichen, geistvollen Dichterkopf färbt plötzlich ein höheres Rot – der Mann wäre ihm schon recht – aber Meta! Sein poetisches Töchterlein erträumt sich gewiß einen Heldenliebhaber und der Buchhändler, alles in allem, ist doch nur ein recht gelungener, wohlkonditionierter Bonvivant. Welch eine Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit! Nicht minder verlegen stottert er den Bescheid: »Ihr Antrag ehrt mich, und wenn mein Kind von seiner großen Jugend schon so gut sich beraten findet, einen Mann wie Sie gebührend zu würdigen …«

Der Dichter der gewähltesten Worte weiß zum erstenmal nicht: hat er ein Kompliment oder eine Grobheit gesagt. Worauf der Verleger:

»Bitte, bitte. Versichern Sie mich wenigstens Ihrer väterlichen Unterstützung.«

»Von ganzem Herzen.«

Vorletzter Auftritt: Hofrat und Hofrätin – zwei lange Gesichter. Das Glück, das das Kind macht, ist enorm; aber das Kind! Das Kind ist in heller Romantik und eitel Poesie erzogen worden und nun schlägt einem doch das Gewissen. Hat man das Kind je gelehrt, daß das enorme Glück auch die Prosa sein kann?

Letzter Auftritt: Die vorigen, das Kind. Hofrat und Hofrätin stottern zusammen; kaum wagen sie, der jungen Direktrice einen Bonvivant als Heldenliebhaber zu offerieren. Aber die junge Direktrice stößt einen Freudenschrei aus, wirft sich in die Mutterarme und ruft: ›Mama, ich bin zu glücklich!‹ Die Eltern sehen sich an – staunend, lächelnd. Gott sei Dank! Aber wer hat das Kind so viel praktischen Sinn gelehrt?

Sie haben es nie erfahren. Nie hat ihnen Meta gesagt, wodurch ihr Mann sie erobert. Sie hat es diesem selbst nie gesagt. Nur mir sagte sie es. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir sagen die Leute alles.«

»Das kommt daher, Frau Rat, weil Sie selbst, offen und klar, ein Spiegel der Wahrheit sind, alles Menschliche anziehend und unzugänglich nur dem Monströsen.«

»Nun eine kleine Schmeichelei verdient mein Geschichtchen schon, aber ich schenke es Ihnen auch gratis. Ist es doch eine jener kleinen, unzähligen Lehren, wie Ideal und Wirklichkeit – sich in der Wirklichkeit verhalten, denn es gibt noch immer humorlose Selbstquäler, die das nicht wissen!


Das Kostüm ∂ Egon Friedell ∂ Gedankenfragmente

Das Kostüm

Egon Friedell (1878–1938) - österreichischer Schriftsteller, Kulturphilosoph, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Theaterkritiker
Egon Friedell (1878–1938) – österreichischer Schriftsteller, Kulturphilosoph, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Theaterkritiker

In der Damenkleidung machte sich das Penchant für das »Altdeutsche« darin geltend, daß Ende der siebziger Jahre die Rembrandthüte auftauchten, Anfang der achtziger Jahre die Puffärmel und die Gretchentaschen; männliche Personen trugen gern zuhause und, wenn sie sich als Künstler fühlten, auch auf der Straße ein Samtbarett. Nach dem Zusammenbruch des Empire verschwindet die Krinoline, um einem noch groteskeren Kleidungsstück Platz zu machen: dem cul de Paris, der, in den achtziger Jahren enorm, bis 1890 herrscht, obschon mit Intervallen, in denen das später allgemein akzeptierte philiströse Prinzeßkleid erscheint; der Rock ist während des ganzen Zeitraums sehr eng, oft so anschließend, daß er im Gehen hindert; denselben Effekt haben die extrem hohen Stiefelabsätze. Seit 1885 beginnen sich die Puffärmel zu den abscheulichen Schinken- oder Keulenärmeln zu erweitern; auch der Kapotthut fällt bereits in diesen Zeitraum. Die Haare werden an der Stirnwurzel abgeteilt und als »Ponylocken« in Fransen nach vorn gekämmt. Vortäuschung eines abnorm entwickelten Gesäßes und zu hoher Schultern, chinesischer Watschelgang, Großmutterhaube, Schafsfrisur: man muß sagen, daß die damalige Mode alles getan hat um das Exterieur der Frau zu verhäßlichen. Zugleich setzte eine Prüderie ein, wie sie vielleicht von keiner bisherigen Zeit erreicht worden ist: weder von der Brust noch von den Armen durfte das geringste Stück zu sehen sein; die Waden, ja auch nur die Knöchel zu zeigen, war der »anständigen Frau« aufs strengste untersagt; auch im Seebad stieg sie von Kopf bis Fuß bekleidet ins Wasser; mit einem Herrn allein im Zimmer zu bleiben oder ohne Gardedame die Straße zu betreten, war ihr unter keinen Umständen gestattet; Worte wie »Geschlecht« oder »Hose« durften sich in ihrem Vokabular nicht vorfinden.

Mode in Deutschland um 1815
Mode in Deutschland um 1815

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Cats Gedankenwelt: Kampfplatz Kind

„Eltern oder nicht Eltern- das ist hier die Frage!“ Oder, um die ganze Fragestellung noch ein wenig kniffliger zu gestalten: Wie wird man eigentlich „der perfekte Elternteil“? Wer heute Kinder bekommt, bekommt die Spannung eines Arenakampfes gleich mitgeliefert. Nicht nur, wie man es denken könnte, im Kinderzimmer zur Schlafenszeit, sondern auch auf dem virtuellen Kampfplatz, der sich „soziale Medien“oder auch „Gemeinschaft“ nennt. Doch auch die, denen nicht allzu viel an der Verbreitung der eigenen Gene liegt, bekommen oft einen rauen Gegenwind zu spüren.

Mir scheint, je weniger Kinder man auf den Straßen und Spielplätzen unseres Landes, desto präsenter sind sie auf Facebook, Twitter und in diversen (Online-)Zeitungen. Das Schlimme ist, dass diese armen kleinen Menschen nicht einmal etwas dafür können. Sie wurden eben in eine Welt hineingeboren, oder eher, in eine Region, wo sie fast schon wie ein exotisches Accessoire betrachtet werden – oder wie ein Projekt, das es zu optimieren gilt. Am besten schon im Mutterleib und vor dem ersten Kita-Besuch. Eines vorweg: Ich habe noch keine Kinder und weiß auch noch nicht, ab wann die Vorbedingungen für mich erfüllt sind, welche zu bekommen. Zum Beispiel ein unbefristeter Arbeitsplatz, ohne den für mich nichts geht in der Zukunftsplanung. Eine Einstellung, für die manche mich im virtuellen Raum beglückwünschen und andere bemitleiden oder verurteilen würden. Wie überall gibt es eben auch im Netz eine „Mehrheitsmeinung“, „Außenseiter“ und „Protestmeinungen“.Weiterlesen

Moderne Nomaden ϖ Katherina Ibeling

Moderne Nomaden

Viktor Michajlovič Vasnecov - Fliegender Teppich - 1880

trennlinie640Jeder spricht von ihnen, den „Heimatlosen“. Sie sind überall. Ob unter Brücke oder im Flüchtlingsheim.
Trotzdem haben viele nur wenig Mitgefühl mit ihnen.
So, als hätten sie es sich ausgesucht – einfach so!
Ihre Geschichten gehen durch die Medien und unter die Haut.
Sie sind Vertriebene, ewig Getriebene, geflohen aus unhaltbaren Zuständen.
Ohne Not verlässt keiner seine Heimat – oder doch? Manche tun es auch freiwillig und suchen sich eine neue.

„Wo bist du zu Hause?“ – eine einzige, simple Frage. Die eine Frage, die uns im Zweifel verrät, wo unsere Heimat ist.
Ein Zuhause ist nicht zwingend der Ort, wo wir herkommen.
Aber immer der, zu dem wir zurückkehren.
Einfach so, ohne groß nachzudenken oder sich zu entscheiden.
Unserer sicherer Hafen im Strom des Lebens.
Es ist der Ort, wo unser Körper und unser Geist hin will.
Die Grundeinstellung unseres inneren Kompasses.
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Cats Medienkommentar: Voll auf Klischee

Eigentlich bin ich gar kein Serienjunkie. Doch als ich letztens bei einem faulen Fernsehabend auf eine Kultserie meiner Jugend gestoßen bin, versank ich für ein paar Stunden tief in der weiblichen Klischeekiste. Dabei blieb ich bei vier Freundinnen hängen, die mit der ewig Wartenden, der Naiven, der Sexhungrigen und dem Kontrollfreak, der beim „Richtigen“ doch weich wird, ein berühmtes Quartett abgeben. Ein kurzer Nostalgierückfall in die Glitzerwelt.

P1080670trennlinie2Es gibt viele Drogen auf der Welt – manche mehr, manche weniger gefährlich und manche wirken eher unterschwellig auf einen langen Zeitraum hin gesehen. Unter letztere Kategorie ordnen manche Psychologen und Experten auch gerne die Fernseh- oder Mediensucht ein. Normalerweise bin ich gegenüber der Fernsehversuchung recht immun; ich habe sogar jahrelang ohne Flimmerkiste gelebt. Was bei mir und vielen meiner Geschlechtsgenossinnen quasi ewig nachwirken wird, sind die vielen Klischees von Weiblichkeit, Romantik und Glitzer. Es sind Bilder, die nach und nach in unser Denken und Fühlen einsickern, unsere Gedankengänge heimlich beeinflussen und auf einmal nicht mehr „wegzudenken“ sind – sind Klischees also auch eine Art Droge? Es scheint fast so.Weiterlesen

So sind Mann & Frau. Immer – Sagt Hermann Stehr

Alle Frauen wachsen und vergehen an der Stelle, der sie entsprossen, gleich Blumen, und würden sie von ihrem Sterne auch durch die halbe Welt geführt.

Die Männer aber werden von der Unruhe immer über die ganze Erde gejagt und fänden ihre Füße auch wenig weiter, als der Schatten des Kirchturmes ins Feld reicht. Dieser Strom der Unrast gleicht einem Winde, der ihre Seele fortwährend in Atem hält. Bald ist er bunt, bald heiß, bald trocken, je nach dem Lebensalter.

Hermann Stehr – Aus: Das Mandelhaus

Hermann_Stehr

Cats Medienkommentar: Der Wert des Worts

Als Gutenberg vor einigen Jahrhunderten die Kunst des Buchdrucks erfand, besaß das geschriebene Wort, das plötzlich für jeden zugänglich war, einen unermesslichen Wert und löste eine echte Faszinationswelle aus. Alle wollten lesen, lernen, Neues wissen. Das Paradoxon: Je „älter“ das freie Wort wird, desto mehr scheint es an monetärem Wert zu verlieren. Warum es sich dennoch lohnt, zu schreiben.

Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!
Aus dem Nichts einen Bestseller landen? Nicht wirklich realistisch!

Wer heute als Autor ohne „Bestseller-Bonus“, freier oder angestellter Journalist, PR-Texter oder in einem anderen Mediensektor des „geschriebenen Wortes“ arbeitet, muss mitunter im Vergleich zu anderen Branchen einen niedrigeren Lohn hinnehmen. Das ist eine Tatsache, die nur die größten und naivsten Idealisten unter uns „Wortkünstlern“ erst sehen, wenn es zu spät ist – die meisten Schreiber sind sich ihres steinigen Karrierewegs durchaus bewusst. Und selbst die abgeklärtesten Realisten unter uns fragen sich hin und wieder, ob unserer Arbeit überhaupt ein Wert zugemessen wird – sowohl finanziell als auch durch unsere Leser. Weiterlesen