Cat fragt: Lebensmittel – was sind sie wert?

Supermarkt - Obst - Foto: Judith Herbst
Supermarkt – Obst – Foto: Judith Herbst

Jeder tut es. Jeden Tag, mehrmals. Auch mal zwischendurch, wenn es die Zeit erlaubt. Es ist eine Art Lebensmittelpunkt, ein grundlegendes Bedürfnis. Die Rede ist vom Essen, das aber häufig, zumindest finanziell gesehen, zur Marginalie verkommt. Hauptsache billig? Was es mit der Discounteritis auf sich hat und ob sie wirklich immer ein Vorteil ist … nun ja, eigentlich möchte ich das ja von euch wissen ….

Ein schön gedeckter Tisch, gedämpftes Kerzenlicht und ein paar Menschen, vielleicht eine Familie, um diesen Tisch herum. Im Hintergrund spielt leise Musik und alle verspeisen genüsslich eine Pizza, einen schön angerichteten Teller Pasta con Gamberetti al Aglio oder einfach nur eine Caprese. Vielleicht noch einen guten Wein dazu und hinterher ein Mandelparfait oder eine Panna Cotta della Casa. Sie lassen es sich was kosten, niemand erhebt auch nur eine Braue, als eine Rechnung über 100 Euro kommt.

Foto: Joan Green
Foto: Joan Green

Szenenwechsel. Ein Aldi-Markt an einem Samstagnachmittag. Der gleiche Vater, der am Abend zuvor 120 Euro im Restaurant inklusive Trinkgeld ohne einen Wimpernschlag einem Kellner im Anzug rübergereicht hat (und nein, speziell zu feiern gab es nichts …), spricht nun empört mit einer notorisch unterbezahlten und gestressten Verkäuferin. „Hören Sie, 2 Euro 80 für ein Kilo Tomaten sind Wucher. Da können die noch so aus biologischem Anbau sein! Und 60 Cent für einen Liter Milch … das ist doch nicht normal!“ Und so schimpft er weiter, die Verkäuferin müht sich derweil mit dem für sie viel zu schweren Wagen ab, in dem Waren zum Einräumen stehen. Schafft sie es nicht bis 17 Uhr, muss sie Überstunden machen – und bezahlt bekommt sie die nicht.

Das, woran unser Kunde leidet, würde ich auf den ersten Blick als Discounteritis diagnostizieren. Die ist weit verbreitet, nur denkt kaum einer darüber nach. Wussten Sie, dass im Durchschnitt nur knapp über 11 Prozent deutscher Haushaltseinkommen in Lebensmittel fließen? Wir Deutschen sind echte Sparfüchse und haben dafür mehr Geld für andere, „wichtige(re)“  Sachen – die Premiumwäsche des Firmenwagens zum Beispiel. Das mag man halten, wie man will. Ich, selbst kein Besserverdiener, stehe diesem Dauertrend eher skeptisch gegenüber. Denn alles hat seinen Preis, auch die Nachwehen der Discounteritis.

Ich denke daran, wie jedes Mal eine Massenhysterie losbricht, wenn mal wieder eine Viehseuche oder zu viele Antibiotika in der Tierzucht dazu führen, dass tierische Produkte zum Buhmann erklärt werden. Dabei sind nicht mal die Tiere daran schuld, sondern eine Haltung auf engstem Raum, die es wiederum braucht, um einen Liter Milch für 55 Cent oder ein Suppenhuhn für zwei Euro verkaufen zu können. Da frage ich mich – was erwartet man da? Persönlich esse ich recht selten Fleisch, bin aber kein militanter Vegetarier oder gar Veganer, der mit allen Mitteln versucht, jeden um sich herum zu „bekehren“. That’s not my damn business!

Supermarkt Illustration: !so? Foto: Judith Herbst
Supermarkt Illustration: !so? Foto: Judith Herbst

Ich habe mich wegen meines eher geringen Einkommens lange nicht getraut, ernsthaft einen Biosupermarkt zu betreten. Vor einer Weile, als mein Verlobter mir von einer grausamen Dokumentation über Massentierhaltung erzählt hat, war ich dann doch mal neugierig, was eigentlich beim „Öko-Aldi“ anders ist als beim „normalen Aldi“. „Na komm, versuchen kann man es ja mal“, habe ich zu  meinem inneren Schweinehund gesagt und ihn an der Leine einfach mit hineingezogen. Ich war überrascht – positiv. Je nachdem, was man kaufte, war es nicht viel teurer. Milch kostete nun mal rund 30 Cent mehr, bei Pudding und Käse fiel die Differenz sogar moderater aus. Den Unterschied merkt man vor allem am Großpack, beispielsweise beim Joghurt. Bei den vegetarischen Fertiggerichten aus der Gefriertruhe schaute ich doch mal groß. Ja, die sind in der Tat teurer als die günstigste Lasagne bei Aldi oder Lidl, nämlich etwa doppelt so teuer.

„Na gut“, dachte ich, „Es ist ein Experiment. Im Alnatura einkaufen, viel vegetarisch und viel handelsüblichen Süßkram haben sie auch nicht.“ Was soll ich sagen, es schmeckte. Nach dem zweiten Einkauf vermisste ich das Zehnerpack abgepackte Blätterteigcroissants gar nicht mehr und die anderen Süßigkeiten auch nicht. Außerdem steht einem nicht sofort jemand auf den Füßen, wenn man an der Kasse mit zwei Einkaufstaschen jonglieren und gleichzeitig eine EC-Karte einstecken muss, die Leute sind einfach … gelassener. Vielleicht liegt das daran, dass nicht so ein Geschiebe zwischen mit Waren vollgestopften Regalen herrscht. Vielleicht aber auch daran, dass Meckerkunden mit fortgeschrittener Discounteritis einfach weiterhin woanders einkaufen gehen.

Vor allem lehrt es mich eines: Bescheidenheit, und auch ein wenig Demut vor all den Pflanzen und Tieren, aber auch den Landwirten aus aller Welt, die all diese Produkte herstellen. Wir alle wollen, dass unsere Arbeit gerecht bezahlt wird, auch wenn die Lohnstatistiken leider oft eine andere Sprache sprechen, oder? Und ja, ich verstehe jeden, der einfach sagt: „Ich kann mir bei einem Minijob keine Weidemilch leisten.“ No offence. Das ist  nur logisch. Allen anderen möchte ich aber einfach eine Frage mit auf den Weg geben: Was ist der wahre Wert von Lebensmitteln, die so im Mittelpunkt unseres täglichen Lebens stehen und doch oft so wenig wertgeschätzt werden?

  1. Ich glaube, es gibt allen Grund, insbesondere Massentierhaltung zu fürchten und abzulehnen. Im Endeffekt schadet man sich selbst dabei. Man kommt auch als Verbraucher aus dem Kreislauf Lebewesen –> Gift/Krankheiten/Antibiotika –> Nahrung –> eigene gesundheitliche Probleme nicht raus.

  2. Christian

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen: Was wir täglich an ‚Lebens-mittel‘ essen ist oftmals vorher nicht wie ‚Lebe-wesen‘ behandelt worden. Das gilt auch für Pflanzen, welche z.B. in riesigen genmanipulierten Monokulturen (s. Genmais von Nestle aus den USA) hochgezogen wurde oder die Tomaten, welche „am Tropf“ auf Substrat gezogen werden und somit nie ein Fleckchen Erde gesehen haben. Durch Industrialisierung und Automatisierung kann zwar das wirtschaftliche Wachstum – und damit der heutige Reichtum der Industriestaaten- gesichert werden, das Leben ansich bleibt jedoch auf der Strecke. Der Weg ist das Ziel- und leider laufen wir in vielen Bereichen viel zu schnell.

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