Carl von Clausewitz: Kleine Schriften ⊗ Über den Begriff des körperlich Schönen

Über den Begriff des körperlich Schönen

Das Schöne in der Körperwelt besteht aus zwei Elementen, d. h. aus zwei Wirkungsarten, wenn auch am Ende ein und dasselbe Prinzip in beiden enthalten sein sollte.

Das erste dieser Elemente ist das Wohlgefallen, welches uns unbewußt oder vielmehr ganz unmittelbar trifft, ohne daß eine Vorstellungsreihe dazwischen liege: die Harmonie in der Musik, gewisse Formen im Räumlichen. Kein Mensch wird das je erklären können, eben weil der Eindruck von gar keiner Idee begleitet ist, Ein Oblongum ist gefälliger als ein Quadrat; unter den Winkeln ist der rechte der gefälligste, der spitze der wenigst angenehme. Von diesen Wirkungen kann sich unser Verstand durchaus keinen Grund angeben, sie scheinen unsere Seele zu treffen, ohne unsern Geist im mindesten zu brauchen.

Das zweite Element des Schönen ist die Wirkung durch das Bewußtsein, d. h, durch Anregung solcher Vorstellungen, die einen angenehmen Eindruck auf uns machen. Aber man muß hier nicht gleich an Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit usw. denken, denn es ist hier nicht bloß von klaren und bestimmten, sondern auch von halbklaren und dunklen Vorstellungen die Rede, deren Spiel uns angenehm trifft, ohne daß wir gleich Rechenschaft davon geben können, Grade die dunklen Vorstellungen sind oft die wirksamsten, weil dann der Effekt magischer ausfällt. Man schadet diesem Spiel, wenn man bei sich selbst fragt, wodurch uns ein schöner Gegenstand gefällt; oft sind es ganz dunkle Erinnerungen, wodurch gewisse Formen ihre Kraft haben. Der Spitzbogen gibt gleich einen Anklang christlichen Gottesdienstes, dies ist ziemlich allgemein, oft kann aber auch eine Form dadurch auf ein Individuum angenehm wirken, weil angenehme, übrigens ganz zufällige Erinnerungen damit verbunden sind.

Wir fassen diese beiden Beispiele auf, um dadurch zu zeigen, wie unendlich und regellos dieses Feld ist. Es wäre aber vergebens, daran etwas als unregelmäßig und zufällig von diesem Felde ausschließen zu wollen, denn alles, was eine Wirkung hat, gehört eo ipso hierher. Das erste Element scheint ziemlich beschränkt, dieses zweite ist sehr ausgedehnt und wächst mit dem Reichtum der Vorstellungen, die in uns sind. Ein gebildeter Mensch und ein gebildetes Volk wird durch das Schöne aus diesem Grunde stärker und mannigfaltiger angeregt. Dagegen ist das erste Prinzip als ein absolutes anzusehen und das zweite als ein relatives, welches sich nach Geschlechtern und Völkern richtet, aber auch nach Ständen und selbst nach Individuen. Schon hieraus sieht man, wie schwer es sein dürfte, hier mit Regeln etwas Erschöpfendes auszurichten. Wir fragen nun: Was hat das Kunstgesetz, die Regel, die Kritik, für Gewalt über diese beiden Elemente des Schönen? Über das erste gar keine. Sie kann nur zu erforschen suchen, unter welchen äußern Erscheinungen, z. B. Zahlenverhältnissen, sich das Wohlgefallen zeigt; diese werden dann Regel sein, sind aber nicht die Ursache der Wirkung, sondern nur ein äußeres Merkmal, gewissermaßen der Fußtapfe des Genius. Es wäre also verkehrt, wenn einmal eine Wirkung außer diesen Verhältnissen vorkommen sollte, sie darum verwerflich zu finden.

Über das zweite Element vermag das Kunstgesetz an und für sich auch nichts, denn sonst wäre es kein Element; aber nach und nach kann dasselbe auf das Reich der Ideen und Vorstellungen wirken, durch welche dieses Element läuft, und dadurch wird dasselbe verändert werden. Der Mohr, der Morgenländer, der Abendländer haben andere Begriffe von Schönheit, werden durch andere Formen angeregt, weil sie andere Vorstellungen in sich herumtragen. Daß hier die allgemeine Bildung wichtiger ist als die Kunstkritik, versteht sich, denn sie wirkt auf die Masse der Vorstellungen, die Kunstkritik nur auf einzelne, die freilich mehr den Kern der Sache treffen, auf die es hier ankommt, aber doch der übrigen großen Masse niemals Herr werden können. Aber auch bei diesem zweiten Element kann die Kritik zur Erkenntnis angewendet werden, um dem Ganzen der Vorstellungen auf die Spur zu kommen, welche zu dem Eindruck des Gefälligen und Schönen geführt haben.

Bei beiden Elementen ist also die urteilende Kritik wenig, die erkennende aber alles. Hier kann also fast nur von Regeln die Rede sein, aber nicht von Gesetzen. Die Regel ist nämlich bloß eine Ratgeberin; sie hat bei der Wirkung gar keine Stimme, sie ist eine Verstandes-Maschine, von der nach gemachtem Gebrauch nicht mehr die Rede ist, so wenig wie von Lineal und Zirkel bei einer Zeichnung. Die Regel ist das Resultat der erkennenden Kritik. Ein Gesetz aber ist die Ursache der Wirkung, so daß die letztere ohne dasselbe, d. h. mit seiner Verletzung, gar nicht gedacht werden kann.

Wo ist nun das Gebiet eines solchen Gesetzes in der Kunst des körperlich Schönen? In der Verbindung der Elemente zum Ganzen. Nur in dem Elemente der ersten Art, in dem eigentlichen Atom, kann das Schöne für sich da sein; und, so sonderbar es scheint, so ist es doch gewiß wahr, daß alles übrige Schöne einen Träger braucht, an dem es sich findet, einen Zweck, der nichts mit dem Schönen selbst zu tun hat. Um ein schönes Bauwerk hinzustellen, muß man sich entschließen, ob es eine Kirche, ein Palast, ein Haus usw. sein soll. Ist es ein Gemälde, so muß man sagen, ob es ein Bildnis oder eine Handlung sein oder welche andere Idee damit ausgedrückt werden soll. Nun hat man wohl gesagt, dieser Zweck sei überhaupt die Darstellung einer Idee, und damit vornehmer und edler zu sein gemeint. Aber daß diese Definition falsch sei, zeigt das erste beste Beispiel. Man könnte eine Gruppe Säulen hinstellen und damit symbolisch einen Gedanken ausdrücken wollen, so wird jeder fühlen, daß dies ein abscheuliches Produkt werden müßte. Die Bilder, welche die meisten Ideen ausdrücken, die allegorischen, sind gerade die unwirksamsten. Hier ist von der ausgedrückten Idee an sich gar nicht die Rede, die kann immer noch gut oder schlecht sein, sondern nur davon, daß hier durch die bildende Kunst irgend eine Idee ausgedrückt wird. Uns scheint gradezu das Schöne sich an das Notwendige anschließen, sich ihm unterwerfen zu müssen; das ist das Bedürfnis unseres nach logischen Gesehen kristallisierten Verstandes. Nun verliert sich in unserm äußerst zusammengesetzten Leben die scharfe Linie der Notwendigkeit bald, und das Nützliche, durch Sitte und Gewohnheit Bedingte, vertritt die Stelle des Notwendigen. So können die Künste dazu dienen, das Nützliche zu werden, und es liegt in den Gesetzen unsers Denkens und nicht etwa in habsüchtiger Gewohnheit, in Bedürfnis und Not unserer dürftigen Natur, wenn wir von jedem Schönen verlangen, daß es einen, wenn auch nur scheinbar nützlichen Zweck habe. Dieser Zweck bildet uns die Einheit, wohin das Kunstwerk strebt, und ist das Band für alle Glieder. Dazu reicht der bloße Gedanke hin, die Realität tut nichts dazu. Es ist nur der Begriff einer Kirche nötig, um ein schönes Bauwerk hinzustellen, nicht daß sie wirklich gebraucht werde. Dieser Zweck des Nützlichen oder – wenn man sich dieser Herrschaft schämt – des Notwendigen kann nun an sich sehr verschieden sein, es kann einem höheren und einem gemeineren Leben angehören, einen größeren oder kleineren Ideenkreis brauchen und dadurch mehr oder weniger geeignet sein, durch die Kunst verherrlicht zu werden. Der Zweck einer Kirche, eines Palastes zieht mehr und größere Elemente des Schönen an als ein Privathaus oder gar ein Brau- und Brennhaus, eine Münze mehr als eine Wollspinnerei, ein historisches oder mythologisches Bild mehr als eine Tigergruppe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: